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Fantastisches Mittelalter?

Geschichtswahrnehmung und -Vorstellung am Beispiel


mittelalterlicher Buchmalerei 1

CLA RA KAIJN / NJ C HO L AS ßJ :CK MANN

, J)on 't judge a book by its cover!< - so wird redewendend davor gewarnt, an-
hand des Äußeren voreilige SchlUsse über das Innere zu ziehen. Dass ein Buch
wö rtlich sehr wohl nach sei nem Einband beurteilt werden kann und manchmal
auch so llte, wird in der Filmadaption der fikti ven Za uberwelt J. K. Rowlings
1/any Potter deutlich : Das Monsterbook of Monsters (erstmal s in HARRY POT-
TLR: Ti JE PRJ SONER OF AZKABAN, 2004) verkörpert se inen Inhalt im wahrsten
Sinne des Wortes. 2 Ist erst einmal die GUrtelschn all e ge löst, die das bereits viel-
versprechend knurrend e, mit scharfem Gebi ss und neugierigen Augen au sgestat-
tete Buch zusammenhält, g ibt es Hir di e aul~ und zukl appenden Buchdeckel kein
Halten mehr. Di e eigenen Se iten (und di e Nasen unvorsichtiger Leser*innen)
fa ll en dem Buchdeckelgebiss zum Opfer. Gefahrlos handhaben lässt sich das
störri sche Buch, wie sich herausste llt, nur unter entsprechend en Vork ehrungen -
ihm den RUcken zu streicheln: ein lebendiges, ja aggress ives Buch, das se inem
Inh alt über Monster nicht nur in der äußeren Form entspricht, sondern ihn rege l-
recht verteidigt.

Vo rstellung eines Unterrichtskonzepts in der Faksimil esammlun g Dr. Detl e J' M.


Noack am Kunsthi stori schen Institut der Freien Uni versitiit Berlin. Präse ntation der
Sammlun g durch Pro!: Dr. Karin Gludovatz und Or. Tina llawden, Projekt gestaltun g
und -ausllihrung von Niebolas lleckmann, Lui se Römer. Yara Matea Schiil und Clara
Kahn.
2 Vgl. Ka th erin e A. 1-"owkes : The Fant asy 1-'ilm, Wes t Sussex 2010, S. 165.
4X I CLARA K AHN/N ICI-I OLAS BE CKMANN F ANTA ST ISC HES MITT ELALTER? j 49

/lhh. / : lhe Monsie I' /Jook oj'Monslers. I larrv !'oller: '111e Frisuner ojA::kaba11 dem Gebrauch entzieht, entziehen Prachteinbände den mittelalterli chen Codex
einer prakti schen, gewohnten Benutzung. 7

; I bb. 2 ..\'og. Krönllngse van?,eliar. ln v. -Nr. WS X I II I 8. I land~c hriji au/


Pergament. 236fj.' 32-/ x 2-/9 111111. vor 800. l·,' inband in Goldl·clulliedearheil 11111

I 500. Wien, Schal::kammer

Quell e: 'I ) Warne r 13ros., 2004 , http :// l ~maru. com /harry- pott e r/ im a ge/ l S7549/thc-nwnster-
book -< 1l ~mo n s te rs - wa II pa perl

Dass Buch und Einband eine Eigenständi gkeil erh alten, di e we it über den be-
kan nten Bu chgebrauch hin ausgeht und ein e sorg fa lti ge Handhabung erfordert, ist
ni cht nur in der Sphäre von Zauberschulen und Phantasiewe llen zu verOrt Qn.
N icht zu letzt im Z uge des spaliol 1111'11 gew innt der Z usamm enhang zwi sc hen
Inn erem und Ä ußerem , Bi ld, T ex t und Einbandgesta ltung mittelalter licher H atld-
schriften ein e neue Bedeutung in der Forschung\ die neben der Materia liliil auch
Handhabung und Bildrezeption mit einschließt:' Prachteinbände aus Go ld , Sil-
ber, El fenbein , Ede lsteinen und and eren wertvo ll en Materiali en tungeben das
mittelalterli che Buch »mit einer Ehrfu rcht gebi etenden /\ ura «, 5 die »j ede ß erlih-
Quell e: l'v1 ichal Maiias, https://commons.wik imedia. org/wiki/ Fik:ln lpcria i_ Biblcjpg (l'u -
run g als Sak ril eg« 6 erscheinen läss t. W ie sich ein Monsterbuch zä hnefletschend
bli c Donwin )

3 V gl. Susanne Wittck ind: >>Neue Linbiinde llir alt e llandschri llen<<. in : /.e itschri 11 llir
Dabei dient der Prachteinband des Ruches ni cht nur der materi ell en 1\ ufwertun g:
Ku nstgeschi cht e. SO (20 17). H. 2. S. 176-200. hi er S. 176.
Ä hnli ch w ie das Zauberbu ch in se in er äußeren Erscheinung das verkörpert, was
4 V g l. hier u.a. Publi ka ti onen wie Wo lfgan g Chri stian Sdm cid cr: »(icschl ossenc ll ii-
als Informat ion zw ischen den Buchdecke ln zu finden ist, kann der Einband ein es
cher - of'lc nc 13iicher. D<lS Ül'li1cn vo n Sirmriiumcn im Schli eßen der Cod ie.:s«. in:
mitte lalterli chen Buches zu einem Ze ichen seines Inhalts werden und so dem
llistori schc Zei tschrill 27 1 (2000). II. 3, S. 56 1-592. Step han Miiller/ l.iest: lottc E.
A nsinnen des Stift ers oder der Repräsentation einer bes timmt en Idee dienens
Sa urrn a-.le ltsch/ Pctra Stro hseimeid er ( 1-l g.): Codex und lt nrm . Wo llenbiitt c l 200 •).
Ein bekanntes Bei spiel , das als 1:ak simil e auch Teil der Präsentati on im Projekt
Forschun gs projekt des l'.xze ll cnzc lustcr TOPO I der 1:reicn lJ nivcrsi tii t lkrlin: »Buch
und Raum im (li"iihen) Mittei<Jitc r« (http://www.geschku lt.lll-bcrlin .ddc/khi/ lo rsch
ung/projek tc/sondcrl örschung/projek t_t<>poi /ind cx .html ). ln terd iszipl in iire Grad1 1icrt.:n-
tagung »Das Buch als Medium - MittelallcrlidH.: 1-landschrili en und ihre Funktionen «.
Institut lli r Kunstgeschi chte Universitiit Wien. 01.-02 .09. 20 17.
5 Dav id ( iam:: ßuch-Ciewii nd cr: Praclneinbiinde im Mitt el<lltcr, lkr lin 201 5. S.7. 7 Vg l. cbd.
6 ( iarv.: llueh-( icwä ncl<.:r. S. 7. S Ygl. Wittckind : Neue Einbiinde, S. I SO.
_.I

50 I CLARA KAHN/NI CHOLAS BECKM ANN FANTAST ISC HES MI TTE LALTER? I51

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war, stellt das Krönungsevange li ar aus Wien ') dar, dessen Buchblock, auf pur_ Wirkung«" zukommen. Das geschri ebene Wort w ird zu einem belebten Bild ,
purgefärbtem Pergament in Go ld- und Silberschrift beschrieben , von einet)1 indem es innerhalb von hi stori sierten oder bewohnten Initialen Raum flir fi gürli-
prachtvoll en Einband aus Goldschmiedearbeit umgeben wird. Die prunkvolle che A usstattun g bietet. Dieser performative Aspek t einer direkten A nsprache der
Hand schrift der Hofschul e Karls des Großen und der um 1500 geschaffene, nicl\t Le ser * innen in sbesondere durch szeni sche A usstattungen der Initi alen ist nach
minder prunkvoll e D eckel, der Gottvater im Kai sero rnat zeigt, weisen das Evan_ Jeffrey F. Hamburger konstitutiv für die A ussagekraft und in gew isser Weise
geliar eindeutig in sei ner herrschaftsstiftenden, aber auch performativen Rolle Subj ek tivi erung mittelalterli cher H andschriften - »Books th emselves could be
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aus - als Teil der Reichsinsigni en des Heili gen Römi schen Reiches wurde d()r construed as having a speakin g >voice <.«
Eid bei der Kaiserkrönung auf di eses Buch abgelegt. 10 D er Prachteinband eines N icht nur das Format Codex 18 und dessen kiin stl erische A usstattun g, sondern
wertvollen mittelalterli chen Buches lässt dieses nicht nur durch di e Materialität, auch der handwerkli che Herstellungsprozess ist in di e Metamorphose eines
sonelern auch di e Ikonographi e im geschlossenen Z ustand als ze ichenhaften unct mittelalterlichen Buch es vom Schriftträger zum körperlichen Objekt eingebun-
bedeutungsvo ll en Repräsentationsgegenstand erscheinen. 11
Und dass mittelaiteL den: Sowohl das organi sche Materi al Pergament 19 als Verweis auf di e Inkarnati-
li ehe Codices neben einer Funktion als Tex tträger ebenso Objekte waren , eleneil on Chri sti und die Farbe als Sinnbild der Wunden, als auch das geschriebene
20
K raft zugesprochen wurde, zeigt di e Ü berlieferun g kleinformati ger Bücher, die Wort als Chiffre der exeget isc hen D eutung Chri sti als inkarni erter >) Logos«,
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al s A mul ette getragen wurden. 12 Dabei verstärkt mitnichten nur das Ä ußere die li eßen das religi öse Buch im Mittelalter >F leisch werd en< - eine innere und
W irkung eines Buches. A uch Schrift wird zu einer selbstständi gen und bildli- äußere Körperhatligkeit, die zwar ni cht bedrohlich , aber flir Rezipient*innen
ehen Repräsentation, unabhängig davon, ob sie gelesen werden kann (oder soll- möglicherweise sogreitbar war, wie es das lebendige Monsterbook oflvfonsters
te).13 Ornament- oder Textteile und Initial en k önnen zu >zeichenhaften < Bildel)1 tlir Zauberschül er* innen (und Filmzuschauer* innen) heute ist. Wo der mittelal-
werd en. Eine Initialzierseite hebt den Textanfang durch eine großformati ge o d ~r terli che Codex al s eigenständiger Corpu s gesehen wird , dessen Wirkung auf dem
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seitenflill ende Initi ale oder Initialligatur hervor (insbesondere in der friihmittela\- Z usammenhang von Wort, Versprachlichung und Bild basiert, ist ein sich
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terlichen Buchmalerei) und lässt dem Buchstaben damit eine eigene »sakrale verselbstständi gendes Buch nur all zu bekannt als Stilmittel etli cher Fantasy -
Erzählungen: Leser* innen können buchstäblich in B ücher eintauchen, wie z.B.
in Michael Endes Die Unendliche Geschichte, und nicht immer (und erst recht
ni cht aus jedem Buch) so llte unbedingt laut vorgelesen werden. Man denke zum
9 Sog. Krönungsevan ge liar. ln v.-N r. WS X !II 18. 1-!andschri ll auf Pergament. 236 I'C
324 x 249 111111 , vor 800, Ei nband in Goldsch mi edearbeit um 1500. Wien. Schatzkan1-
mcr. 15 Mayr-ll artin g: Ottoni sche 13uchmalerei, S. 65.
10 Vgl. u.a. IIehnut Trnek: )) Das Krönungsevangeli ar«, in : Kunsthi stori sches Museutn 16 Vgl. Jcfli·cy F. ll amburger: Script as Image, Paris u.a. 20 14, S. 1-2.
Wien (llg.): Weltliche und Geistliche Schatzkammer, Bildllihrer. 2. durchg. Aull .. 17 Ebd. , S. 10. Der Autor bezieht sid1 an dieser Stelle auf Sandra Linden: )> Das spre-
Wien 1991. S. 166-168. Gcnaucr gesagt. so die Forsd111ng, wurde der Eid mit 13eriih- chende Buch. Fingiert e Mündlichkei t in der Schrill«, in : Andrcas Laubin ger/13run-
rcn der ersten Seite des .lohanncscvange liums abgelegt. Vgl. ebd. hildc Geddert/C iaudi a Dobrinski (ll g.): Tex t - Bild - Schrill. Vermittlun g von lnlor-
II Vgl. llenry Mayr-ll arting: Oltonischc Buchmalerei: I .iturgischc Kun st im Reich der mation im Mittelalter, Mönchen 2007, S. R3-IOO.
Kai ser, Bischöfe und Äbte, Stuttgart 1991 . S. 168. 18 Zu der perlonnativt:n J·: inbindung des Akts des Blüttcrns in die Bild- und Tcxtgestal-
12 Vgl. Michae l Curschmann : »Das Buch am Anlimg und am Ende des Lebens«. in : tung, die das Codcx lonnat erm ögli cht , vgl. Schneider: (jcschlossene Biichcr. S. 592.
Stephan Müller/Licsclottc E. Saunna-.l eltsch/Pctra Strohschneider (Hg.): Codex und I <) Vgl. ZU Pergament u.a. Keith llouston: The ßook - A Cover-to- Cover Ex ploration or
Raum , Wollcnbiittel2009, S. II-42. hicr S. I7. the Most Powcrful Obj cct ofüur Time, Ncw York 20 16. S. 31-33.
13 Vgl. Margaret Bridges: »Mehr als ei n Text. Das unge lesene Buch zwischen Symbol 20 llamburger: Script as Image, S. I 0. Zu der Di flen:nzicrung des Logos-13egri ffs vgl.
und Fetisch«. in: M ichael SLoldAdrian Metlauer (1-lg.): Buchkultur im Mittelalter. u.a . .lan Dochhorn: ))A lles und Neucs Testament«, in : Volker llcnning Dreco ll (1-lg.):
Schrill - llild - Komntunikat ion, 13erlin 2005. S. I 03- 12 1. hier S. 12 1. Trini!Ut. Themen der Th eologie, Ud. 2, Tiibin gen 20 11 , S. 11-79.
14 Vgl. Christin e .J akobi -M irwa lcl : lluchmalerc i. Terminologie in der Kunstgeschichte. ..J . 2 1 ll amburger: Scrip! as Image, S. I 0.
iibcrarb. Au ll ., l3crlin 20 15, S. 33 . 22 Vgl. cbd., S. 6.

L
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Beispi el an die Jugend- Fantasy T ril ogie J'inrenher:. von Cornelia Funke, in <:ler überzustellen. Gerade auf das mittelalterliche Buch bezogen, spi elt der As pekt
das Vo rlesen Fi guren aus Büchern heraustreten lässt, oder an 1-1 . P. Lovecralts des Medienunterschi edes in der (zumindest scheinbaren) Abl ös ung des Buchm e-
fikti ves Necronomicon, dessen Lektüre unangenehme Ge ister heraufbeschwö rt, diums durch digitale Mög li chkeiten eine verstärkte Ro ll e. Kerzen, Pergament,
Feder und Tinte gehören zum Moti vinventar der filmi schen In szeni erung von
Abb. 3.· Screensho! aus de m Videospiel Kindom Come: Deli verance Handschrift und stehen dem Medium Film oder dem di gitalen Bild di ametral
gegenüber. B ef~tssen sich Schü Ier* innen mi t mittelalter! ichen Handschriften,
kann es fiir sie durchaus vo n Interesse se in, genauer auf di e moderne Medi en-
landschan und die In szenierung des Buches in unterschiedli chen Filmgenres zu
ac hten. Der Bli ck auf mittelalterliche Bücher ist zum einen durch di ese In szeni e-
rungen in modernen Bildmedi en bereits geprägt; zum anderen bi eten di e digita-
len Bild er oder di e Filme, di e das Buch als wirkmächtigen Gegenstand inszenie-
ren, di e Mög lichkeit, es als eigenständiges und durchaus mächtiges Obj ekt so
(neu) zu ve rstehen und wahrzun ehm en.

WARUM MITTELALTERLICHE BüCHER?

Di e Wirkung der medi alen Repräsentati on vo n mittelalterli chen Kunstobj ekte n,


in sbesondere Codi ces, tritt vielfach in den Fantasy -Narrati ven zeitgenöss ischer
Quelle: Warh orsc Studi os, 20 17. https:l/prcss.wa rh orscstudi os .cz/press/proj ccts/kin gdot11 -
Pilme auf und wurde so zu den Grundfi·agen des Projekts gewähl t, das mi t Schü-
come-delivcrance/ga llcryllscrecnslwts
ler* innen im Geschi chtsleistungskurs ( II . Klasse) zum Thema Mittelalter statt-
fand . Die Idee eines hi stori schen Mittelalters2r, in de r visuellen Vo rstellung ba-
Gerade in Videospi elen und Filmen ze igt sich das wirkmächti ge Buch in A nl ~ h ­
siert besonders be i Schül er*innen auf (hi stori schen) Film en, digitalen Bild-
nung an den mittelalterli chen Codex augenfu lli g. Di e medi ale Di vergenz Zivi-
medi en oder Videospi elen 27 Dass - und wie - dabei oft die Grenzen zw ischen
sehen >a ltem< und >neuem< Bildm edium , di e innerhalb der filmi schen Inszenie-
run g von Buch und Schrift entsteht, erze ugt eine A lteritätserüthrung gegenü ber
dem Buch oder der (l-land)Schrift.2.l Di e im Film gezeigten Bücher, obwo hl im
26 Zu der (notwendigen) l'roblematisierung des Epochenbegriffs >Mittelalter< kann hi er
Alltag ve rtraut , werden al s außergewöhnli ch und neuarti g wa hrgenommen, Sie ke ine Analyse geboten werden; Im r:olgenden bleibt der 13egrill' Mittelalter bestehen,
»erscheinen oll als das Andere, kulturell Fremd e« 2' 1 und lasse n eine Di stanz
da auch di e Schül er*innen im Gcschi chtsunterri eht mit diese m Epochenbegriff arbei-
entstehen, wenn »das vertraute Medium wie durch einen ungewo hnten Schl eier«
ten. Eine ausllihrlidH:: Disku ssion des Mi!!elalterbegrifls nehmen unter vielen i() lgen-
wa hrgenommen wird 25 Diese Di vergenz der Medi en kann auch genutzt werden.
de Publi ka ti on vor: Thomas Martin Buck/N ico la Braueil (Hg.): Das Mi!!elalt.:: r z.w i-
um kontrasti erende Zeitfo rmen, alt und modern , Handarbeit und Technik gegen-
schen Vorstellung und Wirkli chkeit. Probleme, Perspekti ven und i\ nstül.lc llir die Un-
terri chtsprax is, Münster 20 II . Vo lkcr Mert ens/Cannen Stange (Hg.): Bilder vo m Mit-
23 Anncttc Simonis: Interm ed iales Spiel i1n l:i!Jn : Ästheti sche Erfahrung Z\Vischen te lalter. Eine Berlin er Rin gvorlesun g, GöUin ge n 2007. Valentin Groebner: Das Mit-
Schrill . Bild und Musik , Bielcfelcl, 20 I0. S. 16- 17. telalter hörtni cht auf'. Über hi stori sches Erzii hl en, München 2008.
24 Ebd., S. 16-1 7. Einen kurzen unterh altsamen (filmi schen) Übe rbli ck über d ie Präsenz 27 Vg l. Nicola Brauch/Gcrhil cl I.ö J'Il er: »Die Wirkli chke it des Mittelalters in der Schul -
vo n Büchern in 1-'ilmcn bietet das Filmmagazin /Jiow Up des Kultursendcrs ArteT praxis. Erü1 hrun gsberi cht und kompetenzdi dak ti sc he Überlegun gen«, in : 'l'lmmas
l:ilmrnagazin Hl ow Up : DIIS 13UCI II M I:ILM, Frankreich 201 7, IR min. : http ://cinc:ma. Mmt in ß uck/N icola Brauch (ll g.): Das Mi!!elalter zw ischen Vorstellung und Wirk-
artc.tv/de/arti ke l/das-buch-im- lilm vom 12.09.20 17. lichke it. Pro bleme, Perspek ti ve n und Anstöße llir di e Unterri chtspraxis, Mün ster
25 i\ nncttc Simonis: Interm ed iales Spiel im Film , S. 16-1 7. 20 II , S. 255-267, hi er S. 264. i\ llgc mcin ko nstati ert Christian Kicnin g: nKe in anderes
-
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empfundener hi stori scher Reali tät und Fantasy verschw immen2K und die medial() untersuchen konnten, war es ihn en möglich, ihre anfling lich geäußerte Skepsis
30

Inszenierung auf bestimmte hi stori sche Narrative der Gesch i c h tsschre ibun~ gegenüber mittelalterli chen Handschriften abzubauen. D ie Faksimiles boten den
verweist, so llten Schül er* inn en in di esem Proj ekt anhand eines direkten Ver, Schül er* innen ni cht nur einen Einbli ck in di e - wider Erwarten - sehr farbentl·o-
gleichs mittelalterli cher Buchmalerei mit modern en B ildm edi en erschli eßen . he We lt der mittelalterli chen Buchmalerei, sondern sprachen auch ihr eigenes
Der Kontakt mit mittelalterli chen Handschrillen w ird ni cht nur fiir SchO, ästheti sches Empfinden an.
ler* innen dadurch erschwert, dass über den Rücken streicheln , durchblättern, D ie zu Beginn wahrnehmbare H emm schwelle der Schül er* inn en und di e
31
überh aupt in die Hand nehmen alter Manuskripte in den meisten Fä llen au ~ Erwartungshaltung entsprachen dem Stereotyp ein es >düsteren M ittelalters<,
kon servatori schen Gründen unmöglich ist. Eine A usstellungss ituation wiederull\ das durchweg mit A bgrenzung besetzt ist - eine Vorstellung, der dieses Proj ekt
ist, dem Objek t Buch geschuldet, immer selek tiv. Bücher sind dafiir kon zipi ert, dezidi ert anband modern er Visuali sierun gen innerhalb der medi alen Inszenie-
durchgeblättert zu werden. Eine Mögl ichkeit, sich mit mittela lterlich en Blichen) rung von Geschi chtsb ildern nachgehen wo llte. Um sich diesen Them en anzunä-
auseinanderzusetzen, bieten daher Fak similes, die, je nach Qualität auch L uxus, hern , wurde das Proj ekt in zwei Sektionen erarbeitet, di e j ewei ls dem >alten < und
9
obj ekte/ bei weitem zugängli cher sind als Original e. Dem Wesen des mittel ak dem >neuen< B ildmed ium gewidmet waren. Im Mittelpunkt der ersten Sektion
terli chen Buches können Schül er* innen sehr viel näherk ommen, wenn sie selbst stand der Besuch der Fak similesammlung, das Kennenl ern en mittelalterli cher
den Eindruck von Format, Gewicht, Dick e der Seiten und Farbigke it an eine111 Handschriften, deren H erstellungsmethoden und Gebrauch und das anschli eßen-
tatsächli chen Buch erl eben. Indem sie im aktiven U mgang mit den Faksi miles de Erschließen ausgewähl ter H andschri ften in Eigenarbeit mit Foku s auf illumi-
Handschri ften unterschi edlicher Entstehungsze it und A usstattu ng kennenl erneil ni erten Handschriften vom 13. bis zum I 6. Jahrhundert. in der zweiten Sekti on
und sie in H in bl ick auf Form at, Gestaltung von Tex t und Bild und Material iei\ legten die Schüler* innen anh and von selbst ausgewähltem Bi ldmateri al aus
ak tu ellen Med ien, Filmen oder Büchern dar, inwiefern ihrem Empfinden nach
M ittelalter heute vi suell kon strui ert und inszeniert w ird . A usgehend davon ent-
Med ium bestimmt das all gemeine 8ild des M ittelaltcrs im 20. und 21. .l ahrhundef\ warfen die Schül er* innen se lbst ein Konzept fiir ein Videospiel, fli r das sie eine
mehr als der Film.« Chri stian Kicning: »Einl eitung I. M ittelaller im r'ihn , Teil 1«. in: A uswahl der betrachteten Man uskripte und Bildbeispiele als v isuell e Grundl age
Ocrs./llcinrich i\dolf (llg.): M ittelalter im Film . Berlin 2006. S. 3-53, hier S. 3. Vgl. heran zogen.
auch: Meri em Pagcs/Karol yn Kimme: »lntroducti on: Telev ision Mcd icvalisrn s«. in: in zwei Grupp en entstanden dabei unterschi ed li che Spi elideen: A ls Grundla-
Dies. (llg.): Th c Midd lc i\gcs on Telev ision : Criti ca l Lssays, North Caro lina 201 5, S. ge ein es Spielkonzepts wählten di e Schüler* inn en der ersten Gruppe se lbststän-
1- 11 . Carl l lcinzc: »S imuliert e Geschi chte. 7. ur Mittelallerd arstellung im Computer, dig ein hi stori sches Ereigni s, den Gang nach Canossa Hein ri chs I V. , aus. Eine
spiel«, in : Thomas Martin Buck/N icola Braueil (Hg. ): Das M ittelalter /.wischen Vor, Krön ungsszene in der Mi ni atur eines französ ischen Psa lters und das prominente
( stcll ung und Wirklich keit. Probleme. Perspektiven und Anstöße ll ir die Unterri clns, C hri stu sbildnis auf der Ebstorf'er Weltkarte wurden als Inspiration squel le fiir di e
pra xis. Mlinstcr 20 11 , S. 171-I RI . thematische A useinandersetzun g mit dem Konflikt zwi schen welt licher und
2R Stefani e von Schnurbein verweist auf die die populiire Im agination vom histori schen . d weiterer
k irchli cher H errschaft genannt. Dabei wurde die A uswa I1I d 1eser un
Mittelalter beeinflussende Rolle von Fantasyliteratu r wie bspw . .1 . R. R. Tolkicns l11e ß ildbeispiele an hand ihrer Informati on bezüglich K leidung, A rchitektu r und
l.ord of the Rings ( 1955): Stcfanie von Schnurbcin: »Neuheidentum und Famasyro, Farb igkeit begründ et. Die Schül er* inn en wähl ten die Bi lder, die sie in diesem
man«, in : Volk cr Mcrtcns/Canncn Stan ge (Hg.): Bi lder vom Mittelalter. Eine Berliner Fa ll als >Q uell en< nutzten, in H in bli ck auf ein bestimmtes (vi suelles) Z iel aus,
Rin gvorlcsung, Göttingen 2007, S. 137-1 53, hier S. 139. Siehe auch zu der Verbin-
dung von Mittelalter und l·antasy im Film , hier Gi\M I: 01- TltRON t:s (20 11 -) und TIIE
I.ORD or:Tllr: RI NGS (200 1-2003) : Pagcs/Kinane: lntrod uct ion. S. 1-6. 30 Nicola Braueil und Gerbild l .önler sprechen von einer »histori schelnl i\ lteritätserfah-
29 Der Preis fl.ir das bereits benannte Wiener Krönungsevan geliar (SC I-IK. XIII.I 8. run g« , der Sch üler* innen im Umgang mit Mittelalter in1 Unterri cht begegnen und die
Kunsthi stori sches Museum, Welt liche Schatzkammer, Wien) liegt. laut Verlag. bei hier als Begründun g einer Skepsis gegenüber mittelalterli cher Kunst gesehen werden
stolzen 23.900 € (Mindestgebot) - ist dallir aber auch mit dem ebc nl~1 ll s l'aksim ilierten ka nn . Brauch/ Lönler: Wirkli chke it des Mittelalters. S. 265.
Prachteinband in Goldschmiedearbeit ausgestattet. (A ngebote bei: Ziercis Faks imiles: 31 Zu dem Klischee des >düsteren Mittelalters< vgl. u.a. Valentin Grochncr: Ungestalten.
htt ps://www .zierc is-fak si 111 i lcs.de/) Die visuelle Kultur der Gewa lt im Mittelalter, Mün chen/Wien 2003, insbcs. S. 13-26.
56 I CLARA K AHN/NI CHOLAS BECKMANN

das ihrer Geschi chtswahrnehmun g entsprach. Im Spi elentwurf der zweiteh


Gruppe sollten Spi eler*innen in der Rolle von Ze itreisenden aufge lo rdert vvel·_
den, wertvo lle mittelalterli che Handschriften in ihrer Entstehungsze it zu bergeil
und fUr di e Zukunft, aus der sie gereist seien, aufzubewahren. Di e Schül er* inn e11
verfuhren hi er weniger se lekti v: Wunderwesen wi e Kynokephalc und der Kat11~\ f
mit einem (verzauberten) Bären in spiriert durch eine Mini atur des Codex ivf <\-
nesse sow ie die fi kti onale Zeitreise sollten in einer Sy nth ese aus Histori e llild
Fantasy einen Platz in dem Spiel erhalten. Trotz dieses l~mt as i evo ll e n Ex kurs\;)s
bevorzugten alle Schliler*innen im nachstehenden Gespräch eine Darstellut\g
von Vergangenheit, di e durch wörtliches Re-Konstrui eren von Geschi c hte i11
bestmöglicher Anlehnung an Quellen di e subjekti ve Wahrn ehmung nach Mo~-
1ichkeit redu ziere.32 Für das Videospi el bedeutet das, j e enger visuell ode r fot\)-
realistisch Animati on und Grafik mit einem al s hi stori sch gesehenen Gege nstal\d
verknlipft sind , desto >akkurater< wird auch das Spiel und das Erl ebte w a hrg~­
nommen und vice versa_n - eine Form der visuellen Darstellun g, di e auch di e
Schüler*innen ganz selbstverständli ch fiir ihre EntwUrfe wählten. Der Modus der
Visuali sierung stellte für sie eine wichtige Komponente der Wahrn ehmung, in
diesem Fall auch Glaubwlirdi gkeit, des Gesehenen dar. Di e Schlil er*inn en ätt-
gerten ihr Bewusstsein daft.ir, an ein bestimmtes Bildgedächtnis - das im Rah-
men moderner Bildmedi en gesehen wurde - anschli el3en zu wo ll en und di e
auch mit Rücksicht auf ein e Wiedererkennbarkeil durch potenziell e Konsu-
ment*innen zu müssen. Deutli ch wurde, dass sie sich durchaus bewu sst wa r<:n.
als Spi eleentwickler*innen di e Verantwortung für ein vi suell es hi sto risches
Narrativ zu tragen. Di e Umsetzung von Bildmateri al in das Medium Video spi el
erforderte von ihnen also, di e Roll e der Erzähl er*innen ein zu nehm en un d ~e i n
Narrati v zu generi eren - ein Narrati v, das, wie sie selbst feststellten, di e G renzen
zw ischen hi stori schem Empfinden und Fikti on durchaus aufbrechen konnte.-L1

32 Tara Jane Coppiestone beschrei bt di ese quellenaflin c und dami t (scheinbar) objektiv.:
histori ographischc llcrangchensweise al s reconstructiolli.,·t appmach: Tara .J ane Cop-
plestonc: >) But th at's not accuratc: The difTering pcrccptions ol' accuracy in cultu ral-
heritage vidcogames between crcators, consum ers and criti cs«, in : Rcthin kin g Hi slor)
21 (20 17), II. 3, S. 415-438, hier S. 418.
33 Vgl ebd., S. 418.
34 Damit, um bei Coppiestone zu bleiben, wäre gewisserma ßen die historiographisch.:
llerangehensweise des decom tructionist approach erreicht. ein- Aulbrechcn der nor-
mati ven Wahrnehmung von Geschi chtsschre ibung un d di e Darlegung di eser als Kon-
stru kti on einer 1\ utoritüt, eines bestimmten Ziels oder Publi kums und das damit ..:i n-