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DAS WAR DIE BRD

GEORG DIEZ (HRSG.)

GEORG DIEZ, ROGER WILLEMSEN, MICHAEL SCHINDHELM, CLAUDIUS SEIDL, ANDREAS BERNHARD, DIEDRICH DIEDERICHSEN, FERIDUN ZAIMOGLU, NIKLAS MAAK, DORRIES DÖRRIE, MATTHIAS ALTENBURG, ELENA LAPPIN, ANDRIAN KREYE, CHRISTOPH SCHLINGENSIEF, ANNE ZIELKE, STEFAN GABANYI, ANDREAS NEUMEISTER, SYBILLE BERG, WILLI WINKLER, DOMINIK GRAF, MAXIM BILER, GEORG M. OSWALD, STEFFEN KOPETZKY, ECKHART NICKEL, RALF BÖNT, CHRISTOPHER KEIL, GERHARD MATZIG, ALBERT OSTERMAIER, GOTTFRIED KNAPP, INGO NIERMANN, WOLFGANG HÖBEL, MICHAEL ALTHEN, ARNO MAKOWSKY,

GÜNTER GAUS, BARBARA KANZLER, JÖRG SCHRÖDER

60pages

Berlin, Zürich

Das war die BRD Copyright © 2014 von 60pages.

1. Der Aufkleber

Georg Diez

2. Der Alden-Schuh

Roger Willemsen

3. Onkel Otto Michael Schindhelm

4. Die Tür des P1 Claudius Seidl

5. Die Kicker-Stecktabelle Andreas Bernard

6. Der Reisebürosonderzug Diedrich Diederichsen

7. Der Nudelsalat

Feridun Zaimoglu

8. Die Capri-Sonne

Niklas Maak

9. Das Trockenshampoo Doris Dörrie

10. Die Juno-Zigarette

Matthias Altenburg

11. Der Maximantel

Elena Lappin

12. Die Kelle

Andrian Kreye

13. Die Fleischwurst

Christoph Schlingensief

14. Der Pass

Anne Zielke

15. Racke Rauchzart

Stefan Gabanyi

Inhalt

16. Der Dual-Plattenspieler Andreas Neumeister

17. Der Trainingsanzug Sibylle Berg

18. Das RAF-Fahndungsplakat Willi Winkler

19. Die Elastolin-Figur Dominik Graf

Maxim Biller

21. Die Pershing

Georg M. Oswald

22. Perry Rhodan

Steffen Kopetzky

23. Das Krabbenbrötchen von Gosch Eckhart Nickel

24. Die Wrangler

Ralf Bönt

25. Der Puma-Schuh

Christopher Keil

26. Die Carrera-Bahn Gerhard Matzig

27. Die Musik-Cassette Albert Ostermaier

28. Der Klodeckelschutzbezug Gottfried Knapp

29. Westberlin

Ingo Niermann

30. Das Trimm-dich-Männchen Wolfgang Höbel

31. Tri Top

Michael Althen

32. Der Käfer

Arno Makowsky

33. Die "DDR"

Günter Gaus

34. Der Jaguar

Barbara Kalender und Jörg Schröder

35. Nachwort

Georg Diez

Der Aufkleber

Es war an einem Samstagnachmittag, als ich lernte, dass auch die Freiheit dieser

Es war an einem Samstagnachmittag, als ich lernte, dass auch die Freiheit dieser

Demokratie ihre Grenzen hatte. Lag es tatsächlich nur an dem kanaldeckelgroßen Aufkleber mit der grinsenden roten Anti-Atomkraft-Sonne, dass jemand, zum dritten oder vierten Mal schon, die Antenne an unserem rostigen gelben VW-Bus abgeknickt hatte? Vielleicht, dachte ich damals, war es einer jener Frührentner, die immer gegen sechs Uhr morgens mit einem Dackel durch unser Neubauviertel zogen, im Herzen noch den letzten Krieg und im Kopf die fahle Gegenwart – vielleicht war es auch einer der Türkenjungen, vor denen ich schon auf dem Fußballplatz immer Angst hatte. So etwas hätte ich aber damals nie gedacht, schließlich war ich in der BRD groß geworden. Und da konnte man sich seine Feinde nicht einfach aussuchen. Eigentlich, und das war ja eine Art Auftrag der Deutschen nach dem Krieg, durfte dieses Land keine Feinde mehr haben. Da aber, so scheint es, kein Mensch ohne Feindbild leben kann, hatten sich die Deutschen etwas besonders Verqueres ausgedacht, um dies Feindverbot zu umgehen: Der Feind meines Feindes ist mein Freund – auf dieser Grundlage existierte ein Land, das gelähmt schien von einer Handlungsstarre, die bequem war und konsensfähig und ideologisch abgesichert. Ein Land, das vergessen wollte, wie verbrecherisch seine Vergangenheit war, und das diese Vergangenheit zugleich brauchte, um in der neuen Zeit seinen Platz zu finden. Ein Land, das moderner war, als es sich eingestehen wollte, und gerade deshalb sein neues Gesicht um so angestrengter verleugnete. Ein Land, das vor sich selbst davon rannte, ohne zu wissen, wohin. Ein Land, dessen Gestalt ein Politikum war und so hieß, wie eigentlich kein Land heißen konnte. Die “BRD”. Oder BR Deutschland. Oder Westdeutschland. Oder Schweinestaat. Oder Westbindung. Oder Kniefall. Oder Bundesliga. Oder Atomkraftneindanke. Oder Bohnenkaffee. Oder Capri-Sonne. Oder Nivea- Creme. Deutschland jedenfalls war ein Kampfbegriff, und die Abkürzung BRD stand für ein Land, das ganz in seinen Widersprüchen verfangen war. Ein verwirrtes Land, das auf Angst gebaut war und auch auf Optimismus und das sich im Strudel seiner widersinnigen Gefühle an den paar Dingen festhielt, die sicher waren und greifbar und die man kaufen konnte. Ein materialistisches Land, das sich im besten Sinne des Wortes über die verhängnisvolle Sphäre des

Idealismus und all seiner Sonderwege erhoben hatte. Ein Land wie ein Warenkorb. Dass sie diesen Materialismus zu einem Existenzgrund machte, war das Zeitgemäße an der BRD. Sie war ein Land wie ein Abziehbild, glänzend, lustig und flach. Eine bunte Behauptung. Und wie bei einem Aufkleber hatte man die andere Seite, das Papier, auf dem dieser Aufkleber gehaftet hatte, einfach weggeworfen, liegen gelassen, vergessen. Mehr als zehn Jahre ist es her, dass sich das letzte Politbüro dem Gang der Geschichte ergeben hat – es waren Jahre, in denen viel von dem die Rede war, wie das Leben in der DDR wirklich war, was von diesem Leben geblieben und was untergegangen ist. Jahre, in denen es darum ging, einem irgendwie gearteten neuen Selbstgefühl Ausdruck zu geben – und wie so oft war zuerst die Idee da, nach deren Muster dann die dazu passende Wirklichkeit gesucht wurde. Neue Symbole sollten her, die irgendwie auch die alten waren, nur größer, schöner, besser. Die Neue Wache in Berlin mit der aufgeblasenen Kollwitz-Pietà ist so ein Beispiel, wo man an die ungefähre Vorstellung einer Vergangenheit anknüpfte und damit die ungemütliche Zwischenzeit übersprang, die die BRD in dieser Interpretation immer geblieben war. Aber wie das so ist mit solchen Jahren in der historischen Wandelhalle: gerade in diesen transitorischen Zeiten entsteht mehr, als man in dem jeweiligen Moment erkennt. Und gerade weil vieles davon verschwunden ist, gerade weil das Zwischenland BRD mit dem Ende der DDR untergegangen ist, bleibt das widersprüchliche Fazit: Wie wir damals waren, sind wir noch heute. Die Autobiographie ist der Ort, an dem sich diese BRD finden lässt. In der Erinnerung an die eigene Jugend kristallisiert sich etwas heraus, das als Verhältnis zu diesem Land konstitutiv bleibt. Die Autobiographie ist der Versuch, sich in einer Geschichte den Platz zu suchen, den man gerne hätte. Sie ist eine lässliche Lüge, wie sie auch in jedem Satz steckt, der mit dem Wort “ich” beginnt. Die Jahre der BRD waren solche Jahre: Jahre des Ichs. Das Ich des Fünfziger-Jahre-Existenzialismus, das Ich der Sechziger-Jahre- Studentenproteste, das Ich der Siebziger-Jahre-Therapiecouch, das Ich des

Achtziger-Jahre-Hedonismus. Die BRD war die Zeit, als Deutschland lernte, “ich” zu sagen – und als man begann zu verstehen, was das bedeutet. Die Frage, wie ein Land von sich erzählt, ist eng verknüpft mit der Frage, wie ein Einzelner von sich erzählt. Der Ort dieser Selbstfindung allerdings war immer schwer fest zu machen: Was ist zum Beispiel mit den Stoßstangen, Rückfenstern oder Heckflächen der Autos – ein Ort also, wo sich das Private mit dem Politischen auf eine Art und Weise verband, der den Rost am Kotflügel eines Renault 4 schon wieder zu einem ideologischen Statement katapultierte. Irgendwann in den siebziger Jahren fing man jedenfalls an, sich Aufkleber auf sein Auto zu kleben als die Protestform einer mobilen Gesellschaft, die noch lernen musste, dass politische Botschaften durchaus im Gewand kommerzieller Heilsversprechungen daher kommen konnten. Diese Aufkleber funktionierten wie der Entwurf einer möglichen Autobiographie – und hielten dabei die Option offen, sich relativ rückstandsfrei davon zu trennen. Plötzlich waren Aufkleber überall. Plötzlich etwa war da in der Trambahn der Junge mit dem gelb-rot leuchtenden Aufkleber auf seinem schwarzen Aktenkoffer. “Steinzeit? Nein danke” stand dort – und ich war einigermaßen verwirrt. Es war die Zeit, als sich das bunte Einerlei an Scout-Schulranzen auffächerte und man sich langsam entscheiden musste, in welche Ecke man sich stellen wollte: Wollte man zu den langhaarigen Typen gehören, die mit Filzstiften Anarchy-Zeichen auf ihre grünen Bundeswehrtaschen malten? Wollte man die links-liberale Variante der Schultaschenkultur wählen, also eine jener braunen Ledermappen, die einen schon damals als jemanden auswiesen, der die eigene Langweile hinter gutem Geschmack zu verstecken versteht? Oder wollte man so werden wie jene Schrumpfform der mittleren Angestellten, die im Gymnasium mit Aktenkoffern auftauchten, in denen sie ihre Lineale verstauten und auch die Ideale, die sie nie gehabt hatten? Das waren so die ideologischen Alternativen in einer Zeit, als man damit begann, die Inhalte endgültig gegen Äußerlichkeiten einzutauschen. Was bin ich? Es war ein heiteres Biographienraten. Mir hatte es jedenfalls das Hirn vernebelt. Was sollte dieser Aufkleber bedeuten? Dort, wo auf unserem Autoaufkleber die Solarstromsonne lachte, da

glotzte jetzt blöd eine Art Neandertaler hervor. Sonst war alles gleich, die leicht gerundete Schrift, die rote Energieblase in der Mitte, nur das Gelb war vielleicht ein wenig dunkler. War das also, dachte ich, die weiter gedachte Form des Atomprotestes? Sollte das bedeuten, dass nach einem Atomunfall wir alle wieder in der Steinzeit anfangen müssten? Aber, und das war das wirklich Irritierende:

Wenn dem so war, was machte dann der Aufkleber auf dem Aktenkoffer, diesem Symbol für die falsche Gesinnung? Und schon war ich hineingerutscht in jenen Strudel, der dieses Land erfasst zu haben schien, das nicht wusste, was es wollte, sondern nur, was es nicht wollte. Ein Land, das zwischen zwei Extremen hin und her gerissen wurde und die Bipolarität als Entschuldigung für die eigene Unentschiedenheit benutzte. Ein Land, das zwischen Zweifel und Selbstvergessenheit schwankte. Ein Land, das auf ein Fundament von Angst gebaut war. Warum fiel es mir so schwer, den Sinn des Aufklebers zu verstehen? Der Feind meines Feindes ist mein Freund? Natürlich war diese Aufkleberaktion damals gesponsort von der Firma Siemens. Genau das war das Dilemma jener Jahre: Dass es schwer war, die Dinge einfach so zu sehen, wie sie waren. Hinter der glatten Formensprache jener Jahre verbargen sich alte, böse Sätze und neue, bunte Konflikte. Es war eine wohlige Zeit, keine Frage, aber doch eine Zeit, die sich darauf verlassen musste, dass keiner ihr Agreement störte. Und gerade darum war es schließlich so erlösend, als einer wie Rainald Goetz daher kam und einfach den Vorhang zerriss. Goetz, der Sänger dieser BRD-Jahre, hatte den Ausweg aus dem Dilemma formuliert:

“Der Feind meiner Feinde”, schrieb er, “ist auch mein Feind.”

Der Alden-Schuh

Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen. Wo der Bäcker die Brötchen in der Früh vor die Tür warf und die Mütter zur Kirmes mit dem Fahnenschwenker des Spielmannszuges auf der Straße tanzen mussten. Zum Haareschneiden besuchte man den Dorffriseur, einem schweigsamen Trinker, der nur am Fußballfeld manchmal die Fassung verlor und dann entfernt werden musste. Wie beschreibt man einem Friseur den gewünschten Haarschnitt? “Du sagst: Der übliche Facon- Schnitt”, assistierte meine Mutter. Weder ich noch der Friseur wussten, was ein “Facon-Schnitt” ist, aber das änderte nichts am Ergebnis: Er schor mir auf die immergleiche Weise den Schopf, und weil ich mich genierte, ließ ich den Kopf gesenkt und beobachtete, wie seine Schuhe durch meine Locken wateten. Schöne Schuhe, erwachsene Schuhe, Alden-Schuhe, wie ich heute weiß, voller edler Lochlitzen, Ösen und kleiner Punzierungen. Es war die Zeit, in der das Wort “Halbschuhe” noch am Leben war und so klang wie “Halbblut” oder “halbstark”. Deshalb blickte ich auf diese Schuhe zwar hinab, doch eigentlich blickte ich zu ihnen auf, gewissermaßen aus der Froschperspektive. Denn damals kamen meine Schuhe von Salamander, weil es dort “Lurchis Abenteuer” gab, das Heft zum Halbschuh, mit Piping, Olm und Unkerich, dem froschgewordenen Hoss Cartwright, und Versen wie: “Dass gesund ein jeder wander’, braucht ihr Schuh von Salamander. Lange schallt’s am Brunnen noch: Unser Lurchi lebe hoch!” Naja, jedenfalls blieben die Schuhe des Friseurs jahrzehntelang meine Blaue Blume der Fußbekleidung. In meiner Erinnerung saßen sie fremd und edel an seinen Füßen wie ein Adelsprädikat, und im Schaufenster des dörflichen Schusters suchte man sie natürlich vergeblich. Was hätten sie dort auch zu suchen gehabt, diese Meisterstücke angelsächsischer Tradition und Noblesse? Schon damals existierte eine Kultur der Schuhe. Bata Illic sang “Schuhe so schwer wie Stein” und “Ich hab noch Sand in den Schuhen von Hawai”, und als er später mit “Meine Schuhe, deine Schuhe” herauskam, glaubte ich kurzfristig an die innige Verbindung zwischen Showgeschäft und Schuhgeschäft. Vermutlich war er auch der Begründer der Kette “Bata”. Denn dort waren die Schuhe wie er: Zwischen “transsilvanisch schaurig” und “von zeitlosem

Design”. Jedenfalls waren damals die Ladenketten noch wichtiger als die Marken. Es sollten viele Jahre bis zur Alden-Reife vergehen, Jahre, die ich mit gesichtslosen Slippern von “Schuh Spath”, dem Bonner Fachgeschäft für Übergrößen, überbrückte: “Sie leben auf großem Fuße”, pflegte der Zwei-Meter- hohe Verkäufer jedes Mal zu sagen, zu jedem. Damals hatte ich Schuhgröße 46. Nach Tschernobyl sind meine Füße dann auf 45 geschrumpft. Trotzdem kann mein lieber Freund Hans heute immer noch mit seinen Schuhen komplett in meinen verschwinden wie in einem Futteral. Ein paar Jahre brachte ich mich dann noch durch mit leichtem, schnell zerschlissenem Schuhzeug aus Italien oder mit Wildledertretern, deren Brandsohle rutschfest und schweißfördernd wirkte. Sie erinnerte mich daran, dass in den galanten Romanen des Restif de la Bretonne aus dem 18. Jahrhundert immer wieder am Schuhzeug geschnüffelt wird, weshalb man in der Sexualwissenschaft diese Vorliebe “Restifismus” nennt. Alden-Schuhe sind nichts für Restifisten. Vor zehn Jahren war es dann endlich so weit. Vor meiner ersten Sendung auf Premiere kamen dem Sender Zweifel an meinem “Stil”. Dieser manifestiere sich zunächst in den Schuhen, hieß es, und auch wenn diese Schuhe in den kommenden Jahren unter dem Tisch blieben und nie das Licht der Fernsehkamera erblicken sollten, wurde mir eine Stylistin zur Seite gestellt mit dem Auftrag, das Dilemma an meinen Füßen zu lösen. Jacqueline wusste sofort, was sie wollte, strebte in ein Fachgeschäft für den englischen Landedelmann und öffnete einen grünen Hartpappekarton, in dem zwischen moosfarbenen Seidenblättern ein eierschalbeiger Flanellsack lag, das Futteral des Klassikers, “Alden’s Masterworks”, lieferbar als “Wing Tip Bal Oxford”, “Long Wing Blucher Oxford” oder “Plain Toe Blucher Oxford”, und zwar in den Farben Braun, Schwarz und Aubergine. Aubergine ist die Farbe für die Blaue Stunde, die Farbe, mit der man sich auch um 20 Uhr noch erwischen lassen darf. Diese Schuhe hatten die Füße meines Friseurs geziert, jetzt sollten sie meinen ersten Schritt ins Fernsehen begleiten. Facon Schnitt. Long Wing Blucher. Allwetter-Walker. Und unter dem

golden eingeprägten Wappen auf jedem Schuh die Inschrift: “Alden. New England”. Auch im fernen Massachusetts weiß man, dass ein Schuh nobler wird, wenn man ein “Oxford” hinzusetzt. “Rule Britannia”, sagt man sich dort, regiere unsere Herren-Schuhmode. Das tat sie viele Jahrzehnte lang. Als Oscar Wilde nach Amerika kam, nannte er sich “Professor für Ästhetik” und “Kleidungsreformer”, bedauerte, dass Luther immer so schlecht gekleidet gewesen war, und fand nur bei den Bergarbeitern der Rocky Mountains in ihren schwarz-roten Monturen echten Stil. Sie umarmte er, nachdem er ihnen das Versprechen abgenommen hatte, niemals ihre Arbeitskleidung zu wechseln. Und was für Schuhzeug werden diese Arbeiter getragen haben? Genau. “Custom Bootmakers since 1884″ sind Alden, kein “Appointment by Her Majesty the Queen”, sondern gute, reale Stiefel-Hersteller, die die Solidität ihrer Fabrikate mit der konservativen Eleganz britischer Snobs versöhnten und in der Fertigung doppelt genähte Ledersohlen, Kalbslederfutter, feinstes Wildleder oder Lederabsätze mit Gummi-Intarsien verarbeiteten. Zusammengehalten wird das Ganze von einem flexiblen Stahlrahmen, der jeden Detektor am Flughafen zum Ausschlag bringt, sich dem Fuß aber nach einiger Zeit so geschmeidig anpasst, dass er Individuum sein darf. Jeder Alden-Schuh ist ein Solitär, doch in jahrelanger Kohabitation formt er sich mit, so dass er schließlich nur noch an diesem einen Fuß seine volle Wirkung entfaltet. Erst trug ich mein Paar Alden-Schuhe nur im Studio. Aber das bekam ihnen nicht. Sie blieben steif und feierlich und ihre Oberfläche opak. Dann nahm ich sie mit in die Stadt, zerkratzte die Sohle auf dem Asphalt, ließ die Regenwolken über das Deckleder ziehen, schlurfte im Wald durch Pfützen und Laubhaufen und feierte diese ganze Rückreise in die Kindertage mit dem Sinnesorgan der Schuhe, die mir, vielleicht zehnjährig, damals auf dem Boden des Friseurs zuerst begegnet waren. Allmählich bekamen meine Aldens Falten, dann wurde eine Physiognomie daraus, am Ende hatten sie Charakter und heute, zehn Jahre nach ihrer Anschaffung, müssten sie eigentlich ihr Gnadenbrot bekommen und an Materialermüdung leiden. Statt dessen sahen sie nie besser aus als heute. Im Alter sind sie wie von innen errötet, ihr Aubergineton ist noch tiefer, ihre Patina

in mehreren Schichten so durchsichtig, als hätte Tizian eine Komposition in Rot mit hundert Lasuren überzogen, und man könnte durch die obersten Schichten hindurch irgendwo bis auf den Grund des Leders sehen. Und nicht genug von solcher archäologischen Sentimentalität. Im Innern des Schuhs hat der Hersteller – ein Arbeiter mit Kittelschürze? eine schweigsam arbeitende Directrice? – mit schwarzer Tinte eigenhändig ein paar Runen und Zahlen auf dem weichen Leder der Fütterung hinterlassen, eigentlich eine Höhlenmalerei, die an die Kreidenotate der Dreikönigssinger auf dem Balken über der Tür erinnert. Jedenfalls eine Signatur, eine persönliche Hinterlassenschaft der Handarbeiter, eine Geheimschrift, vermutlich geeignet, den Schuh auf der einen Seite bis zu mir, auf der anderen bis zum Kalb zurückzuverfolgen. Heute sind diese Schuhe keine Schuhe mehr, sondern die Manifestation der Jahre, die über sie dahingegangen sind. In Heideggers Aufsatz über das Wesen des Kunstwerks gibt es eine Passage über das Bild der Bauernschuhe von Van Gogh. Diese Schuhe, sagt Heidegger, sind nicht einfach die malerische Repräsentation eines “Zeugs” oder Arbeitsgeräts, sie sind ein Residuum der Geschichte. In ihnen malt Van Gogh nicht das Leder, das Schnürbändel, die Ösen, die Falten des Spanns, er malt den blinden Griff des Bauern in der Früh, wenn er noch schlaftrunken nach seinen Stiefeln greift, malt die stumme Wiederholung dieses Griffs, die Ewigkeit der Strapaze, die der Schuh für den Bauern und mit ihm erleidet. Jeder in Würde alt gewordene Gegenstand trägt diese Zeichnung und gibt so seine Geschichte preis. Aber heute werden die Gegenstände nicht mehr in Würde alt. Sie welken kaum und zerfallen abrupt. Wenn man aber einen Alden- Schuh besitzt, dann hat man etwas, das man täglich belasten kann, und das einem doch beim Altwerden Gesellschaft leistet, weil es selbst nicht spurlos älter wird. Alden-Schuhe kann man einschicken, dann werden sie in den Nähten erneuert und erhalten ein frisches Innenleben, aber der Schuh, der mit dem Fuß alternde Schuh, er bleibt, bis sein Besitzer mit den bloßen Füßen zuerst an ihm vorbeigetragen wird. So bleibt er zurück. Nicht umsonst findet sich auf alten Gemälden ein Paar Schuhe oft als Symbol für Treue: Aldens Ahnen, I suppose.

Onkel Otto

Deutschland, das war für mich, der ich kurz vor dem Mauerbau im Osten geboren wurde, Westdeutschland. In der Schule sagten sie und in der Zeitung schrieben sie BRD, für mich war das Deutschland, höchstens Westdeutschland. BRD war für uns “BRD”. Lange bevor dieser Begriff die Diskurse erreicht hatte, vielleicht sogar, bevor er überhaupt geprägt worden war, erfuhren wir so eine unbegriffliche Faszination: die der virtuellen Realität. Deutschland war eine virtuelle Gegenwart. Man konnte es nicht anfassen, man konnte nicht hineintreten, man konnte es nicht mit Steinen und Schneebällen bewerfen, es nicht beschimpfen, nicht mit ihm spielen, und doch, es war da. Eines Abends, ich mochte gerade in die Schule gekommen sein, stand die “BRD” auf meinem Abendbrotteller: etwa sieben Zentimeter groß, aus grauem Gummi, mit schwarzen Plattfüßen, die Arme vor dem tropfenförmigen Körper verschränkt, darüber ein üppiger Schnurrbart und darüber zwei große, tiefe ovale Augen. Für mich musste die “BRD” keine Figur machen, um in mir ein heißes Glück zu entzünden. Die Figur hier sah traurig zu mir hoch und meinte es bestimmt gut mit mir. Es war tatsächlich Onkel Otto, der Mann aus dem Westfernsehen, den ich bislang nur als Schwarz-Weiß-Zeichnung in kurzen Sequenzen zwischen Werbespots über den Bildschirm klettern gesehen hatte, und jetzt stand er stumm und rund vor mir. Was für eine Sensation! Mit zitternden Händen nahm ich ihn in die Hand und drehte ihn nach allen Seiten. Wie leicht er war! Innen hohl. Und nach Gummi roch er. In die Sohlen war ihm das Zeichen seines Herkunftssenders eingelassen: “hr”. Über den Rücken lief eine Gussnaht. Der Schnurrbart wölbte sich prächtig über den Körper, die Pupillen ruhten schwer in der blütenweißen Iris. Nur eines war ihm auf den Weg aus dem Bildschirm zu mir auf den Teller abhanden gekommen. Der Kopfschmuck, ein kleines Antennengestell, aus dem ich schon vor der Einschulung ein großes H herausgeziffert hatte. Diese Antenne ersetzte vermutlich die Ohren, die ebenso an Ottos Körper fehlten wie Rumpf und Beine. Onkel Otto, das war nichts als ein grauer tropfenförmiger Kopf mit Händen und Füßen. Ich stellte ihn wieder auf den Teller und ließ mich nur nach etlichen Ermahnungen dazu bringen, ein Brot mit Blutwurst zu essen. Dann eilte ich

hinüber ins Wohnzimmer. Der Vater schaltete den Tesla-Fernseher ein. Da die Plastikflügelschraube des Gerätes vom vielen Hin- und Herschalten ein Spiel bekommen hatte, sodass die Bildeinstellung rasch verrutschte, klemmte der Vater die Schraube mit zwei Streichhölzern fest. Endlich glühte der Bildschirm auf. Wir hatten uns rechtzeitig zugeschaltet. Ein gemalter Vorhang kam ins Bild, auf den jemand das Wort “Werbung” mit fast genau der Schrift gezeichnet hatte, die ich gerade in der Schule lernte. Dann erschien in derselben Schrift: “Gleich kommt Otto!” Die Aufregung war kaum auszuhalten. Ich kniete vor dem Apparat, die Gummifigur in den feuchten Händen. Das Jingle ertönte, Ottos Hymne, und schließlich tauchte der Star auf mitten im zitternden, grobkörnigen Bild. Gelassen tappte er mit seinen Plattfüßen von links nach rechts, elegant trug er eine Kochmütze, bevor er eine Sauce in dem Topf vor sich ausprobierte, er drehte mit einem Propellerflugzeug eine Runde durch die Elektrodenstrahlröhre und am Ende setzte er sich zu den Takten seiner Hymne auf eine Eisenbahn und fuhr aus dem Bild hinaus. Kurz bevor er verschwand, drehte er sich noch einmal zu mir und meinen Eltern herum, winkte und rief uns “Auf Wiedersehen” zu. Das war eine der wenigen Gelegenheiten, zu denen Otto preisgab, dass er sprechen konnte. Aber mit was für einer Stimme! Sie klang hoch und tief zugleich, wie übereinander langsam und schnell aufgezeichnet. Diese Stimme versetzte mir stets einen leichten Schauer. Ein bisschen gespenstisch war Otto eben doch. Und nun hielt ich ihn in der Hand. Den Star des Vorabend- Werbefernsehens. Ich trug ihn immer bei mir, in der Schule, in der Kirche, beim Fußball, heimlich. Denn Otto war der Herold des Klassenfeindes beim Hessischen Rundfunk, und so, wie ihn der Vater durchs Umschalten des Fernsehsenders vom Bildschirm vertrieb, sobald überraschend jemand am Abend an unserer Haustür klingelte, so verbarg ich den Gummibegleiter sorgfältig vor den Augen “anderer Leute”, wie zu Hause all jene Mitbürger genannt wurden, die nicht unsere Leute waren. Eines Wintermorgens in der Schule ordnete der Klassenlehrer eine Taschenkontrolle an. Vermutlich ging es wie sonst um Kaugummis, ich hatte

andere Sorgen. In der Not, meinen treuen Freund und Fernsehstar nicht anders verschwinden lassen zu können, bohrte ich ein Loch in meine Hosentasche und ließ Otto dadurch verschwinden. Der Gummikörper glitt zwischen der langen Unterhose und der Skihose an meinem rechten Bein hinab. Da das Hosenende in einem Winterschuh steckte, fand Otto auf meinem Fußknöchel in der Hose seine Ruhe. So ließ ich stehend die Taschenkontrolle über mich ergehen und wagte es erst, den Freund aus seiner Lage zu befreien, als ich Stunden später das Schulgelände verließ. Nun hatte ich ein reales Loch in der Tasche, aufgerissen für die Warenwelt, deren Zuschauer ich war. Otto, den wahrscheinlich nur ich aus Gründen damaliger Wohlerzogenheit Onkel Otto nannte, denn der Mann hatte einen Bart und keine Haare auf dem Kopf, Otto wurde mein konspirativer Gefährte. Mit ihm – der Animationsputte – teilte ich, mit ihm trug ich umher das Geheimnis, Abend für Abend mit den Eltern in jene faszinierende Welt einzutreten, die andere Leute die “BRD” nannten und die für uns ein virtuelles Paradies war. Man sang und dichtete aus unserem unzuverlässigen Tesla-Fernseher heraus von Aurora mit dem Sonnenstern, Sanso und Kinderschokolade. Dazwischen tanzte Otto vor einem Schallplattenspieler, schob sich eine Tafel Schokolade quer in den Mund, dass der Kopf einen Augenblick lang fast wie ein Kreuz aussah, oder der Kamerad putzte sich mit einer viel zu großen Bürste seine Zähne, die er in jener Szene zu diesem Zweck seinem bestürzten Zuschauer darbot. Auch das war jedoch von unwiderstehlichem Zauber. Alles, was das Auge begehrte, erreichte uns durch die feinen Elektronenstrahlen im schwarzen Kanal. Natürlich nicht alles, aber alles, was schön und unerreichbar war. Virtualität. Ich saß mit fieberglänzenden Augen im Wohnzimmer und sah hinüber in diese andere Welt, sah Dieter Thomas Heck durch seine Hitparade fuchteln, Daniel Gerard “Butterfly” singen, Flipper in den Pazifik eintauchen und Daktari im Dschungel verschwinden. Karl-Heinz Negerlein berichtete von den Skiabfahrtssiegen des Karl Schranz, über Chamonix der Fels, der Firn, das Firmament, nie gesehen und immer dabei gewesen. Otto, das war ein Meister des Blendwerks Deutschland. Für mich, der ich mit Selters und vorläufig ohne Sekt durch den dürftigen aber ordentlichen Alltag

schlenderte, tagsüber entlang der leeren Schaufenster von HO und Konsum, in deren Spiegelbild ich im Vorübergehen meine bescheidene Figur ausmachen konnte, abends den Blick ans Schaufenster des unerreichbaren Paradieses geheftet, Auge in Auge mit Onkel Otto, für mich entfaltete diese Figur den Eros der BRD. Otto war allgegenwärtige Verführung, ein Erote des Konsumreichs. Ich fühlte ihn in der Hosentasche, sah ihn vor mir, sobald ich auf einen Wrigley Spearmint Gum biss, das mir ein Mädchen aus der Nachbarschaft geschenkt hatte, später musste ich sogar bei der Entdeckung von Rolling Stones und Jimmy Hendrix an ihn denken, und selbst Peter Frankenfeld und Costa Cordalis probierte ich in meiner Fantasie Ottos Schnurrbart an und fand, dass sie das noch sympathischer machte, als sie schon waren. Doch die Verheißungen, die Otto machte, blieben in der Regel virtuelle Verheißungen. Das Glück, dessen Abglanz uns durch die schwarzen Kanäle erreichte, war tatsächlich ein Gegen-Glück. Je länger man hinschaute, je tiefer man begehrte, um so rascher kam auch die Einsicht, dass alles Schauen und Begehren eitel ist und schnöder Tand. Man sah die da drüben in ihren Hamburger beißen, in ihren Mercedes einsteigen, umspült von der Frische der Limonen, trank seinen Muckefuck mit Pfefferminzschnaps und hüllte sich ein in den stoischen Nebel von F 6 und Karo. Nein, an diesem Ende des schwarzen Kanals, im Osten Deutschlands, musste man sich nicht vor dem Glück in Acht nehmen. Hier gab es leichtes Unglück und bittere Zufriedenheit. Aurora hatte keinen Sonnenstern, der Pullover war nicht schäfchenweich und statt Asbach Uralt und dem Geist des Weines gab es 96-prozentigen Schachtschnaps und die Dokumente des VI. Parteitags der SED. Otto, der Mann auf der Schwelle, nährte die Verführung des Westens, und zugleich entzauberte er sie. Denn Erfüllungen waren unmöglich. Der Vorhang blieb unten, die Welten blieben getrennt, die BRD die “BRD”. Ein virtueller Supermarkt, aus dem wir ausgesperrt waren, aber durch die Gitterstäbe hindurch sahen wir die vollen Körbe. Der Eros aus dem Supermarkt weckte neues und immer neues Verlangen. Böses Verlangen. Lust auf reale Lust, Lust auf Konsum, Lust auf das andere, das reale Ende des schwarzen Kanals, auf die Heimat von Onkel Otto. Dann war das Verlangen nicht mehr aufzuhalten. Der Vorhang zerriss. Die Lust hechelte durch

die Regale, erst fiel man sich gegenseitig in die Arme, später in den Arm. Vorerst folgte auf die Befriedigung der Lust neues Verlangen. Die Zeit der Ernüchterung begann. Die gute Zeit nach dem Frieden im Konsumglück. Sie ist noch nicht vorbei. Den Gummigefährten habe ich irgendwann verloren. Doch Onkel Otto setzt sich immer noch auf die kleine Eisenbahn und ruft uns vergnügt und unbewegt zu: “Auf Wiedersehen!”

Die Tür des P1

Es muss so ums Jahr 1982 herum gewesen sein – und die Erinnerung sagt: Es war eine schöne Nacht -, als der Türsteher, stud. phil. Jan Klophaus, es mit vier Männern zu tun bekam, die lange Haare hatten, was schon mal sehr gegen sie sprach; und was sie so an den Füßen und um die Schultern trugen, entsprach erst recht nicht dem hier herrschenden Geschmack; ein bisschen zu alt waren sie außerdem. Der Türsteher jedenfalls signalisierte: Leider nein, Jungs. Einer der Abgewiesenen sagte: “Wir sind aber die Scorpions.” Die Antwort war denkbar knapp: “Eben!” Die beste Zeit von Deutschlands bester Diskothek: Das waren die Jahre von Brokdorf und der Startbahn West, die Zeit also, da junge Erwachsene, die noch studierten und deshalb über reichlich freie Zeit verfügten, von dem Drang gepackt wurden, sich in großen Mengen an jene Orte zu begeben, wo möglichst große Hindernisse standen, die es dann zu überwinden galt. Es waren in erster Linie die Absperrungen am Startbahnbauplatz, welche die Demonstranten reizten, und erst in zweiter Linie war es die Frage, wie viele Bäume fallen mussten – zumal ja jene, die eine Startbahn verhindern wollten, dieselben waren, die beim Studentenbilligreisebüro gern einen Flug nach Griechenland oder Richtung Gomera buchten und dabei auch nicht lange fragten, worauf, wenn nicht auf einer Startbahn, denn ihre Boeing in die Lüfte schoss. Das Öko-Pathos war nicht mehr als eine Pose – worauf die Titanic mit folgendem Sinnspruch völlig angemessen reagierte: “Erst wenn die letzte Mark verjubelt, der letzte Schein verprasst, der letzte Groschen gefallen ist, werdet ihr merken, dass man mit Bäumen nicht bezahlen kann.” Es scheint ein langer Weg zu sein, von der Startbahn West in die Münchner Prinzregentenstraße – und natürlich waren jene, die sich in den Wäldern südlich von Frankfurt mit Polizisten prügelten, nicht dieselben Leute, die in München in einer langen Schlange vor der Tür des P1 standen; sie gehörten aber derselben Generation an, und was sie antrieb, war ein sehr ähnlicher Impuls: Auch dieses Hindernis war kaum zu überwinden – wobei die Anfahrt bequemer war, jedenfalls wenn man in München lebte (und wo sonst konnte man leben in den frühen Achtzigern?). Das Spiel, das dann aber losging vor der Tür des P1, unterschied sich vom

großen, gefährlichen Startbahnspiel vor allem dadurch: Es folgte Regeln, die viel subtiler waren – weshalb mancher, der da mitspielte, diese Regeln gar nicht durchschaute. Es gab ja viele Leute, die einmal abgewiesen wurden und trotzdem wieder kamen, viele mehrmals, manche einen ganzen Sommer lang – und wer weiß, wenn sie, die angeblich da hinein-wollten, wirklich hineingelassen worden wären: Sie hätten die Enttäuschung ihres Lebens gehabt. “Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren!” So steht es am Portal der Hölle, wenn man Dante Alighieri glaubt – und so stand es auf der Stirn des Türstehers für jene, die die Zeichen lesen konnten. Wer durchgelassen wurde, ohne mit dem Schlimmsten zu rechnen, fand sich in einer ähnlichen Situation wie der Startbahngegner, der womöglich die Polizeisperren überwand: Was wollte er hier? Wo war er, wenn nicht auf der falschen Seite? Und vielleicht lag ja genau darin das Genie des Münchner Türstehers: Er ersparte vielen nicht nur den Schock, plötzlich drin zu sein. Er verschaffte ihnen auch Sinnstiftung und jene Differenzerfahrung, nach der sich fast jeder junge Mensch sehnte, der im sozialdemokratischen Deutschland aufgewachsen war. Die draußen blieben, formierten sich zu einer Demonstration; und ob sie das wollten oder nicht, formulierte ihre pure, massenhafte Anwesenheit vor dieser Tür genau die gleiche Botschaft, welche der kommunikative Kern jeder Demonstration ist: Wir sind da. Wird sind viele. Und im Prinzip sind wir dagegen. Gegen Türsteher! Gegen die herrschenden Verhältnisse, zumindest im Nachtleben! Gegen die Ungleichbehandlung der Geschlechter, welche sich darin zeigte, dass hübsche junge Frauen eigentlich immer eintreten durften (und dies, in besonders grausamen Momenten, auch taten, ohne Rücksicht auf ihre männlichen Begleiter). Wer also draußen stand und demonstrierte, hatte vielleicht Glück und bekam einen Überschuss an Differenz in Gestalt der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis geliefert. Wenn die abends anrauschte, mit Gerhard- Meir-Frisur, Gaultier-Kleid und großer Entourage: Dann wusste man gleich wieder, dass man draußen auf der richtigen Seite der Türe stand. Wenn einer aber doch hineinwollte, dann half es ihm wenig, wenn er mit seinem knappen Studentenetat so diszipliniert umging, dass er, nach einem Dreivierteljahr vielleicht, sich seine ersten pferdeledernen Alden-Schuhe leisten

konnte oder so einen silbrig-grauen Anzug von Katherine Hamnett, wie ihn die Männer von ABC auf dem Cover von “The Look of Love” trugen. Wer vor der Tür stand, konnte sehr schön sehen, wie einer in Turnschuhen hineindurfte und einer im Anzug leider nicht. Was da geschah, zwischen dem Türsteher und dem, der hindurchwollte durch diese Tür, sah wie das böse Spiel von Willkür und Unterwerfung aus und wurde wohl auch von vielen genau so empfunden. Und die Dimensionen der Tür und des ganzen Baus, den Hitlers Architekt Paul Troost in den dreißiger Jahren an den Rand des Englischen Gartens gestellt hatte; dieser ganze ebenso vulgäre wie einschüchternde Neoklassizismus: Das verstärkte den Verdacht, dass alles, was hier vor sich ging, diese Menschenauswahl, diese brutalen Zurückweisungen, die nur auf dem äußeren Schein beruhten, dass das alles eine gefährliche Nähe zur faschistischen Ästhetik habe. In Wirklichkeit fand sich der Schlüssel zum Verständnis dieser Tür viel eher in Kafkas Erzählungen: “Vor dem Gesetz” heißt die böse Parabel, in welcher ein Mann vom “Türhüter” (wie Klophaus’ Kollege bei Kafka heißt) zurückgewiesen wird. Es ist die Tür zum Gesetz, und sie steht offen, aber der Türhüter warnt den Mann davor, einfach hindurchzugehen – und am Ende, nachdem er sein Leben lang auf die Einlasserlaubnis gewartet hat, erfährt der Mann, dass diese Tür nur für ihn bestimmt war. Man durfte keine Angst vor dem Türsteher haben, dann war man auch schon drin im P1 – womit noch lange nichts gewonnen war; fast wie bei Kafka, wo es heißt, dass hinter dem ersten Türhüter noch ein viel schlimmerer zweiter komme, und den Anblick des dritten könne keiner mehr ertragen. Das Budget reichte höchstens für drei kleine Biere, die man aber möglichst nicht trinken durfte – weil sonst der Kellner gleich das nächste brachte. Das Bier war nichts als ein Zeichen dafür, dass man kein weiteres brauchte – und wenn einer vom Tanzen und der Hitze richtig durstig wurde, drückte er das wertvolle Glas seinem Nachbarn in die Hand, rannte in den Waschraum und trank Wasser aus der Leitung. Natürlich stimmten all die Gerüchte über Orgien und Exzesse – aber zunächst mal war die Mischung aus Tanzen, Schwitzen, Leitungswasser trinken (das Mineralwasser war noch teurer als das Bier; eine Flasche

Champagner nahezu unbezahlbar) eine besonders anspruchsvolle Übung in Askese. Dass es reicheren Leuten auch nicht viel besser ging, dass es hier immer einen Tanz um ein absolut leeres Zentrum gab, das hat ganz anschaulich Alexander von Schönburg beschrieben, der Bruder der Fürstin Gloria, der in dem Buch “Tristesse Royale” davon berichtet, wie es dem Superstar Prince damals ging im P1. Der Mann stand ganz oben auf der Empore, dem allerbesten Platz. Unten standen die Mädchen, die ihn kennen lernen wollten, und knöpften ihre Blusen auf. Und Prince stand da und langweilte sich und wollte nur noch in die Hotelbar gehen. Das war das P1 in seiner großen Zeit. Eine Tür, weiter nichts. Auf beiden Seiten war draußen.

Die Kicker-Stecktabelle

Am Sonderheft der Zeitschrift Kicker, das jeden Sommer zum Bundesligastart erschien, hatte sich jahrelang der Verlauf der eigenen Biographie zu messen. Schon beim ersten Überfliegen der Vereinsstatistiken galt unser Augenmerk der Spalte mit den Geburtsdaten der Spieler, um sicher zu stellen, dass noch ausreichend Zeit blieb, die eigene Karriere voranzutreiben. Es bestand kein Grund zur Sorge: Selbst die jüngsten Spieler im Kader der Mannschaften waren noch weitaus älter als wir, höchstens Jahrgang 1965 oder 66. Wir am Ende der sechziger Jahre Geborenen lagen also im Soll, und solange kein einziger Fußballer die Schallmauer des Jahres 1970 durchbrochen hatte, war ohnehin alles in Ordnung. In Ruhe konnten wir uns den Neuerungen der anstehenden Spielzeit widmen: den Informationen über die Zugänge und Abgänge der einzelnen Clubs; den ganzseitigen Mannschaftsfotos, in der Hoffnung, auf den Trikots mancher Teams einen neuen Werbeschriftzug zu finden; und schließlich, in der Mitte der Zeitschrift, der berühmten Karton-Stecktabelle zum Heraustrennen. Dieser Augenblick markierte vielleicht den eigentlichen Startschuss zur neuen Saison: Wenn wir in mühevoller Arbeit die Embleme der 18 Bundesliga- und 20 Zweitliga-Mannschaften von der Pappe lösten und sie in jener Reihenfolge, die wir für das kommende Jahr erwarteten, zum ersten Mal in die Ritzen der Tabelle steckten (wobei wir uns den Aufwand bei den unbekannten Wappen der Zweiten Liga sparten). Die Tabelle mit den Bundeligaclubs aber wurde noch am selben Tag mit ein paar Nägeln über dem Bett befestigt. In der Anziehungskraft der Vereinsembleme bewahrte sich das Wappen noch etwas von jener Autorität, die es als Erkennungszeichen von Familien oder Städten längst eingebüßt hatte. Die vergessene Bedeutung der Heraldik überlebte nur noch im Bereich des Fußballs – was sich etwa daran zeigte, dass ich nichts über das offizielle Wappen unseres Bundeslandes wusste, die Musterung des roten FC-Bayern-Emblems jedoch bis ins letzte Detail hätte beschreiben können. Für mich waren dieses und jenes ohnehin identisch. Die Vereinswappen verschafften uns auf diese Weise eine erste Vorstellung von der Gestalt des Landes, in dem wir lebten: eine Farbenlehre der Bundesrepublik. Bremen etwa war von Beginn an mit der Farbe Grün assoziert, und als ich Jahre später zum

ersten Mal tatsächlich dorthin fuhr, kamen mir die zahlreichen Parks wie Indizien vor, genauso wie in Dortmund jede Telefonzelle oder jedes Postamt das unwiderruflich Gelbe dieser Stadt bestätigte. Das Wissen über die Geographie des Landes nahm seinen Anfang über den Fußball – das erwies sich auch an jener großen Deutschland-Karte, die das Kicker-Sonderheft oder die Panini- Sammelalben jedes Jahr auf einer der ersten Seiten abbildete. Alle 18 Bundesliga-Vereine waren darin eingezeichnet, und Jahre vor der ersten Erdkundestunde lernte ich durch sie einiges über die regionalen Merkmale der Bunderepublik: über die dichte Besiedelung im Westen, mit so vielen Großstädten, dass auf der Karte fast kein Platz für alle Vereine blieb; über die Inselhaftigkeit Berlins, denn rund um das Emblem von Hertha BSC war bloßes Brachland; über die luftige Größe Bayerns, mit dem monolithischen FC Bayern München ganz im Süden. Dass den Vereinswappen eine solche Bedeutung zukam bei der Ausprägung unseres Fußballverstandes, lag vielleicht daran, dass sie schon zu einer Zeit über Vorlieben und Abneigungen entschieden, da wir noch nicht einmal zu lesen imstande waren. Ihr Wiedererkennungswert blieb dann über die Jahre hinweg von unterschiedlicher Größe. Vermutlich täuschten wir uns, und es war alles eine Sache der Gewöhnung: Dennoch schien von den Emblemen der traditionellen Bundesliga-Vereine eine größere Überzeugungskraft auszugehen als von denen der Aufsteiger und Zweitliga-Mannschaften – als würde sich das Format der sportlichen Leistung auch im Ästhetischen widerspiegeln. Das leuchtende Rot des 1. FC Kaiserslautern mit den mächtigen Buchstaben im Kreisinnern; die schwarz-weißen Rauten des Hamburger SV auf blauem Grund; das klassische blau-weiße Schild des VFL Bochum; die Runenschrift des VFB Stuttgart: Die beständigsten Vereine dieser Zeit waren auch im Besitz der einprägsamsten und am klarsten gestalteten Embleme. Wie anders dagegen die meisten Aufsteiger oder die Clubs aus der Zweiten Liga, Mannschaften wie Blau Weiß Berlin, SV Meppen oder Union Solingen. Schon im Bereich der Graphik brachten die Vereine nicht die Voraussetzung mit, um zu einem wiedererkennbaren Markenzeichen des deutschen Fußballs zu werden; zu kleinteilig und unübersichtlich waren die Embleme, so schnell vergessen wie die Namen der

Spieler nach dem raschen Wiederabstieg. Diese Wappen waren nicht mit einem Blick einzufangen, sondern setzten sich aus verschlungenen Linien und schwer leserlichen Schriftzügen zusammen. Sie mochten einen Club vielleicht bezeichnen, keineswegs aber verkörpern wie die Mönchengladbacher Raute oder das Bochumer Schild, die sosehr zum ikonographischen Bestand der Liga gehörten, dass ein Abstieg der Mannschaften allein aus diesem Grund unvorstellbar schien. (Als es dann später doch geschah und etwa der rote 1.FC Kaiserslautern-Kreis unter den Wappen der Zweiten Liga auftauchte, hatte das beinahe etwas Unglaubwürdiges: ein zu gewichtiges Zeichen unter dem restlichen Gemisch, merkwürdig deplaziert wie ein Fünfmarkstück im Gitarrenkoffer eines Straßenmusikanten.) Die Kicker-Stecktabelle hing die ganze Woche über wie ein Poster in meinem Kinderzimmer, doch jeden Samstag vor der Sportschau wurde sie heruntergenommen, um gleich nach den Spielberichten aktualisiert zu werden. An diesen Abenden, wenn ich mit meinem Vater vor dem Fernseher saß, lernte ich die Sprache des Bundesligafußballs kennen. Dass wir es mit einer Sprache zu tun hatten, war wörtlich zu verstehen, denn die Vermittlung der Spiele hing untrennbar zusammen mit den besonderen Redeweisen der Sportreporter. Sich im Fußball auskennen hieß: den Code der Berichterstattung in der Sportschau zu durchschauen, und so wurde ich an diesen Samstagabenden von meinem Vater in die Kunst der Textinterpretation eingeweiht. Alles hatte damit zu tun, dass die Sportreporter während der Aufzeichnung das Spielergebnis schon kannten, den Zuschauern aber nichts verraten durften. Mein Vater besaß allerdings ein feines Gespür für die Redeweisen der Reporter, und so geschah es im Verlauf einer Sportschau immer wieder, dass er schon nach wenigen Sätzen des Kommentators den Spielverlauf richtig vorhersagte. Vor allem bei den für uns so wichtigen Spielen des FC Bayern bestand die Gefahr, dass er kurz nach Beginn der Aufzeichnung, scheinbar aus heiterem Himmel, den Kopf schüttelte und sagte: “So wie der redet, verlieren sie.” Ich konnte diese Kunst des Vaters zuerst nicht nachvollziehen, hatte keine Vorstellung, womit er diesen Verdacht begründete, doch mit der Zeit verstand auch ich, die Zeichen richtig zu deuten. Wenn der FC Bayern etwa bei einem vermeintlich leichten Gegner anzutreten

hatte, kam es darauf an, wie stark der Reporter am Anfang die Übermacht des Teams herausstellte. Tat er das auffällig deutlich; wog er die Fans in Sicherheit und sprach von einer “lösbaren Aufgabe, die den Bayern nicht allzu viel Mühe abverlangen” würde, war Vorsicht geboten. Wenn dann, nach einem frühen Tor des Favoriten, sogar “alles nach Plan zu laufen schien”, rümpfte mein Vater die Stirn, und es dauerte nicht mehr lange, bis er den verhängnisvollen Satz sprach. Und genauso passierte es dann auch: Nach dem 1:0 zur Halbzeit kam der Gegner “wie verwandelt aus der Kabine”, schoss das 1:1 und kurz vor Schluss sogar noch den Siegtreffer. Eine solche Niederlage des FC Bayern hatte dann auch immer Auswirkungen auf meine Disziplin im Aktualiseren der Steckabelle. Ich hätte das Bayern-Emblem von der Spitzenposition entfernen und etwa mit dem unsympathischen Wappen von Werder Bremen vertauschen müssen, dessen blasses Grün schon alles aussagte über die Farblosigkeit dieser Mannschaft. Also brach ich mit meiner Gewohnheit, die notwendigen Veränderungen noch während der Sportschau vorzunehmen, und hing die Tabelle in unverändertem Zustand wieder auf. Abend für Abend, vor dem Zubettgehen, fiel mein Blick auf die veraltete Reihenfolge der Embleme, und mit immer schlechterem Gewissen nahm ich mir vor, mich gleich am nächsten Tag wieder um eine sorgfältige Führung zu kümmern. Natürlich geschah das dann nicht mehr. Die Stecktabelle blieb die ganzen nächsten Monate über auf dem eingefrorenen Stand jenes frühen Spieltages, erstes Sinnbild der Ungeduld und des Nicht-bei-der-Sache- Bleibens, die sich später in anderen Bereichen, beim Erlernen eines Instruments oder beim Führen eines Tagebuchs, wiederholen sollte. Nur an einem langweiligen Feriennachmittag im Winter, zwischen Weihnachten und Neujahr, nahm ich den Karton noch einmal von der Wand und verwandelte die reale in eine utopische Tabelle, mit Werder Bremen auf Platz 18 und Überraschungsteams wie Waldhof Mannheim, FC Homburg und Arminia Bielefeld auf den UEFA-Cup-Rängen, gleich hinter den Bayern. So blieb sie dann hängen, bis im Juli die nächste Ausgabe des Kicker-Sonderheftes erschien. Bald darauf kaufte ich mir die Zeitschrift nicht mehr. Andere Dinge wurden wichtiger als das möglichst vollständige Wissen über sämtliche Bundesliga-

Vereine, und das Ende des Sportschau-Monopols, das fast ins gleiche Jahr fiel wie das Ende der Bundesrepublik, bekam ich nur noch als zeitweiliger Zuschauer mit, genauso wie das Auftauchen jener neuen, bis dahin nur aus dem Europacup bekannten Embleme von Mannschaften wie Dynamo Dresden oder Carl Zeiss Jena. Es verging vielleicht ein knappes Jahrzehnt, bis ich wieder einmal einen Blick in das Heft warf. Der Reiz der Stecktabelle war vollständig erloschen – ich trennte den Karton noch nicht einmal aus der Mitte des Heftes heraus -, doch abgesehen davon hatte sich die Art und Weise, wie ich das Heft las, nicht geändert. Wie damals richtete sich das Interesse sofort auf die Geburtsdaten der Fußballer, und auch wenn ich es hätte besser wissen müssen, erschrak ich ein wenig: Die ehedem magische Grenze von 1970 war von nahezu allen Spielern überschritten worden; die Jahrgänge 1972 bis 1974 bildeten den Durchschnitt, und es gab sogar ein paar Namen, hinter denen das Geburtsjahr 1980 oder 1981 stand: Zahlen, die ich zunächst kaum glauben konnte. Mitte der sechziger Jahre war dagegen kaum mehr einer geboren, höchstens ein paar Recken wie Thomas Helmer oder Jürgen Kohler. Ich legte die Zeitschrift mit einem Gefühl weg, das ich bis dahin nicht gekant hatte: dass eine im Geheimen stets offen gehaltene Option des eigenen Lebensweges, so illusorisch sie auch sein mochte, tatsächlich nicht mehr einzulösen war.

Der Reisebürosonderzug

Wenn man sich an die BRD erinnert, dann muss man sich an das erinnern, was Restfaschismus und schon beginnender Konsumismus gemeinsam haben, wo sich fordistisch organisierte Disziplinarkultur und schon postfordistische Lockerungen und Zwangsflexibilisierungen begegnen. Der Restfaschismus läpperte langsam aus, und trotz Wirtschaftswunder kamen Hedonismus und Freizeitkultur nur schleppend und vor allem nicht als direkter Gegensatz in Gang. An die lange historische Koexistenz von Disziplinarkultur und eines sich langsam aus all dem historischen Dreck herausschälenden Willen zum Genießen erinnere ich mich als Rahmen einer glücklichen Kindheit, als historisch- spezifische Dialektik von Glück und Angst: diese langsame Rückkehr eines zwar noch furchtsamen, aber doch spürbaren Eigensinns des Genusses. Unabhängig von allen großen historischen grusligen Kontinuitäten, die ich nur ahnen konnte, war es die Kolonne der Sonderzüge, die sich mit diesem Aspekt von BRD verbindet. Diese Sonderzüge bildeten eine Kontinuität von westdeutscher Nachkriegs- zur Vorkriegszeit. Das Organsieren von Sonderzugeinheiten, sei es zu KdF- Reisen, sei es zu den Konzentrationslagern, war das Rückgrat des Nationalsozialismus, hier erkennt man das Gemeinsame von Faschismus und Fordismus. In Claude Lanzmans Film “Shoah” sieht man immer wieder überwucherte Bahngleise. Die Interviews, die man nie vergisst, spielen immer wieder vor der Kulisse dieses Eisenbahnwesens. Die Menschentransporte der Nazis rollten auf Schienen, die irgendwann auf den heute verlassenen Bahnhöfen im Osten endeten. Die Reisebürosonderzüge, die in den fünfziger und sechziger Jahren einen entscheidenden Teil des deutschen Massentourismus bewegten, bestanden in der Regel aus Liegewagen mit je sechs Personen pro Abteil. Durch einen Trick schaffte es unsere vierköpfige Familie meistens, allein in einem Sechser-Abteil zu bleiben. Hinter Harburg durften die Kinder ihre Rucksäcke öffnen und fanden dort ein kleines Geschenk. Um Ruhe und Entspannung einkehren zu lassen, gab es auch etwas zu lesen. Erst Pixi-Bücher, später Donald-Duck-Sonderhefte. Zuerst war es Donald-Duck-Sonderheft 8, “Familie Duck auf Nordpolfahrt”. Das ist die Geschichte mit der berühmten introspektiven Sequenz. Auf acht Bildern

wird die dynamische Entstehung von Donalds Gewissensbissen erzählt, nachdem er seinen verhassten Vetter Gustav mit einer gefälschten Schatzkarte an den Nordpol gelockt hat. Donald findet keinen Schlaf, geht nachts an den Kühlschrank, stellt sich allein am summenden Kühlschrank mit einem Sandwich in der Hand immer schrecklichere Gefahren vor, die Gustav drohen – während er es so gemütlich warm und versorgt hat. Viele Stunden später, irgendwo hinter Göttingen, wurde einem die Zonengrenze gezeigt: So nahe stehen diese beiden Höfe, und doch können die Menschen nie zueinander. Jedes Abteil hatte einen Lautsprecher, aus dem jahrmarktöses Orgeljazzgedudel drang. Dann wieder machte der Reiseleiter sonore Ansagen: die Hauptgerichte des heutigen Mittagessens. Legendär ist die mit besonderem Brio angepriesene Beilage “Butterkartoffeln”. Man hatte sich – wie es heute noch in den letzten schönen Speisewagen der Welt, nämlich in denen der Nachtzügen der spanischen RENFE üblich ist – eine Reservierung für die erste oder die zweite Serie besorgt und ging dann in den Speisewagen, wo es nur feste Menüs gab. Ein weiterer Höhepunkt. Es dämmerte meist so gegen Karlsruhe. Dieser Ort mit seinem aus meinem Lieblingsbuch “Giganten der Schiene” bekannten Hauptbahnhof war schon Süden. Die Schweiz, deren exotische Bahnhofsschilder wie “Biel / Bienne” man nur sah, wenn man nachts aufwachte, war dann schon richtig weit weg und vielversprechend fremd. Aufwachen in Avignon. Nun sollte noch ein ganzer langer Reisetag durch Südfrankreich und Nordspanien folgen. Man war auf diesen Reisen in einem anderen Universum, immer leicht euphorisiert, wackelte einen halben Meter über der Erde durch Europa. Kam man nach 36 Stunden am spanischen Urlaubsort an, schwankten noch tagelang die Koordinaten des Fussbodens, von den europäischen Schienen durchgeschüttelt. Der Gleiskörper hatte noch eine Körperlichkeit. Manchmal nahmen wir auch nicht den Sonderzug, sondern den Hispania- Express. Der verkehrte damals zwischen Kopenhagen und Port Bou / Barcelona. Die Vorstellung, dass die anderen Kinder schon eine Nacht hinter sich hatten und sich subjektiv schon im Süden fühlten, machte mich glücklich. Doch im Gegensatz zum Regelzug, zu dem jeder jederzeit zusteigen konnte, blieb der

Familienfriede im Sonderzug ungestört. Niemand würde irgendwelche Alltagsgeschäfte in die geschützte Welt hineintragen. Statt dessen konnte man, wenn es dunkel wurde, ausgucken und sich fragen, ob hinter erleuchteten Fenstern andere Kinder wohnen und nach den Zügen ausgucken, die an ihren Fenstern vorbeifahren. So wie wir das täten. Mit zwanzig hat man die Kinderträume noch nicht überwunden, und so kam es, dass ich bei der Sonderzugbetriebsgesellschaft in Hamburg-Stellingen anheuerte und mein Studium mit zwei Touren pro Woche finanzierte. Die langen Fahrten gingen am Nachmittag los, erreichten am Mittag Zielorte wie Rijeka, Koper, Venedig, Pesaro oder Port Bou und brachten einen am Morgen des dritten Tages nach Hause; die kürzeren führten nur nach Salzburg oder Zell am See, und wer echtes Pech hatte, musste nach Ruhpolding oder Oberuhldingen am Bodensee. Mir ersetzte dieser Job die Bundeswehr und das Arbeitszimmer. Im Betreuerabteil las ich auf einer einzigen Tour das zweibändige “Revolution und Krieg in Spanien” von Broué und Temime durch. Nachts, wenn die Rupis (Kurzwort für die schutzbefohlenen Touristen, angeblich von “Rucksack- Piraten” oder dem beliebten Zielort der Anfangstage, Ruhpolding, abgeleitet) schliefen, traf man sich in einem Dienstabteil und trank Personalbier. Dann ergingen sich die schüchternen Studenten und die gesetzten Fahrensleute in Sex- Anekdoten. Wilde Sachen. Ja, ficken in der kleinen Koje, wo die Decken gestapelt waren, mit willigen Weibern, die nach Süden fuhren. Das andere Thema war das Trinkgeld. Prinzipiell galt, bei Twen Tours gab es kein Trinkgeld aber Sex, bei Familienreisen wie Hummel keinen Sex aber Trinkgeld. In Wahrheit gab es natürlich nie Sex und immer Trinkgeld. Zentrale Aufgabe war es beim Einsteigen, den Reisenden ihre Koffer abzunehmen, auf der so genannten Plattform an der Wagentür zu stapeln und anschließend, wenn der Zug fuhr und die Rupis in ihren Abteilen Platz genommen hatten, ihnen ihre Koffer zu bringen und sie zu verstauen – jeder hatte einen Aufkleber mit Platz- und Wagennummer auf seinem Gepäckstück anzubringen. Nur durch diese Organisation war der Einstieg in den kleinen Badeorten wie Rovereto am Gardasee bei kurzem Aufenthalt zu schaffen, wo die

Hotelangestellten mit riesigen Karren an den Wagen standen, von denen sie die Koffer uns Betreuern zuwarfen, während die Rupis ohne Koffer einstiegen. Doch trotz aller generalstabsmäßiger Planung und Organisiertheit des Massentransportes kann es der Deutsche nicht haben, wenn man ihm den Koffer wegnimmt. Es mangelt ihm zwar nie an Einsicht in die höheren Notwendigkeiten der Massendisziplin, aber der Trieb zum privateigenen Koffer wurde in den siebziger Jahren immer stärker. Und so reckten sie verzweifelt ihre Hälse nach hinten, wo der teure Koffer ihrer Aufsichtspflicht harrte, und brüllten einem in Gesicht: “Der braune da unten ist meiner!” Wenn man sie dann schließlich untergebracht hatte und die ersten Bierbestellungen aufnahm, die Betten machte oder die Frühstücksbuchungen entgegennahm, dann konnte man auch 1977 noch zählen, wie viele häßliche Deutsche ihren tausendjährigen Spruch bringen würden: “Junger Mann – oder ist das gar kein junger Mann, sondern ein Mädchen, kann man bei den langen Haaren gar nicht so genau sagen, höhö.” Dieses Problem löste bald darauf die Punk-Bewegung, nicht aber das der einsamen oder unverstandenen Männer, die gegen zehn Uhr im Dienstabteil auftauchten, um sich therapieren zu lassen:

meine Frau versteht mich nicht, haben Sie Lust auf einen Bauernskat? Oder sie wollten von unserem Personalbier, das es in gemütlichen braunen Flaschen gab, deren Verschluss man an den Abteilfenstern öffnete, während im freien Verkauf nur Dosen zur Verfügung standen, die irgendwie nicht skatmäßig genug aussahen. Nach einer solchen Rovereto-Tour hatte ich jedenfalls einen Nervenzusammenbruch. Ich kam in Hamburg an, trank einen Kaffee in meiner Wohnung, legte eine Platte auf und bekam dann einen Heulkrampf, der nicht mehr aufhörte. Danach habe ich mich dann lieber von der Firma Elite Konstruktionen an Hamburger Baustellen und Dachfensterhersteller vermieten lassen, als deutsche Urlauber zu betreuen. Leute, die heute solche Jobs machen, müssen natürlich mit den spaßbefreiten Individualirren noch ganz andere Sachen durchstehen. Im Reisebürosonderzug erlebte aber die durchdisziplinierte, spätfaschistisch geprägte Generation die ersten Freuden des Wirtschaftswunders und der mediterranen Lockerungseffekte. Der Reisebürosonderzug gehörte zu

einer Kultur der Kern-BRD, der späten Fünfziger bis zu den frühen Achtzigern. Die Deregulierung des Luftverkehrs machte ihr endgültig den Garaus, der Typus des Twen-Tours-Reisenden passte aber schon damals nicht mehr ganz in ein Ritual, bei dem man seinen Koffer beim Einstieg einem livrierten Studenten überlässt, der ihn kurz darauf im Abteil verstaut. Am Abend dieser Tage wärmte sich der entnervte Student mit seinen Kollegen im Dienstabteil und tauschte die Legenden der Sonderzug-Pagen aus, während die Bischofststadt Fulda oder Eschwege-West in ihrer ganzen metaphysischen bundesrepublikanischen Banalität durchs Fensterbild rumpelten. Geschichten wie die von dem blutigen Kollegen, der im LSD-Rausch einen Rupi nach dem anderen unter einem Vorwand zur offenen Wagentür geführt und hysterisch kichernd aus dem Zug gestoßen haben soll. Oder von dem durchgeknallten Reiseleiter, der nachts um vier die Rupis mit einer Durchsage im sonoren Reiseleiterton weckte. “Meine Damen und Herren, achten Sie bitte darauf, dass Sie sich in den richtigen Kurswagen aufhalten. Beim nächsten Halt wird der Zug geteilt. Der vordere Zugteil fährt dann nach Auschwitz, der hintere nach Buchenwald.” Einige Älteren kannten noch den Namen dieses Mannes. Nach einer kurzen Beurlaubung und Verwarnung soll er in den Sechzigern noch einige Jahre im Dienst gewesen sein, hätte so auch mich und meine Familie erschreckt haben können.

Der Nudelsalat

An einem trüben Herbstspätnachmittag stieß Hikmet Bey die Tür der Teestube “Deli Gönül” (Wildes Herz)

An einem trüben Herbstspätnachmittag stieß Hikmet Bey die Tür der Teestube “Deli Gönül” (Wildes Herz) auf und stand für eine kurze Weile im vorderen

Tresenbereich, bis ihn seine Stammtischkollegen wiedererkannten. Er war über Nacht um mindestens zehn Jahre verjüngt, sein Schneuzer in steifem Wichs glänzte in der Farbe des Krähenfittichs. Sein Hang zur gelegentlichen Extravaganz und seine Neigung, beim Sprechen so dicht heranzutreten, dass er seinem Gegenüber an die Wimpern klimpern konnte, machten ihn zum Starkauz des Altmänner-Treffpunkts. Wenig später saß er neben mir, dem Küken der Runde, tunkte die Finger in eine Teelache auf der Resopaldecke und strich sich die krausen Schläfenlocken glatt. Sein Mintatem wehte mich an, als er anhob, die bestmögliche Haar- und Barttönung zum Besten zu geben. Man lasse granulierte Haselnüsse in der Pfanne ankokeln, gebe einen Flaschenschwenk Olivenöl bei, massiere den zähen Brei in den Schneuzer, man decke ihn mit einem Chirurgenschutz ab, und schlafe unbedingt auf dem Rücken. Ich nahm mir vor, es ihm bestimmt nicht gleichzutun, denn Hikmet Bey sah aus, als hätte er sich in einem Anfall von galoppierendem Irrsinn Topfbodenknoster um den Mund geschmiert. Fast jeden Tag nach Schulschluss schaute ich in dieses ehemalige Pornokino herein und trank zwei Tässchen schwarz gebrühten Mokka, um den Adrenalinspiegel anzuheben. Ich war siebzehn Jahre jung und illusionierte mir ein Leben als eine einzige Übung unter Einsatzbedingungen herbei. Hier saßen die Akkordmalocher i. R. und ergingen sich im Groschenblattlamento über unsichere Zeiten, in denen das Beil des Nachbarn Schädel spaltet. Ich war in ihren Augen ein Heißblütler, der sich den Bauch mit Luft voll geschlagen hatte. Also versuchten sie sich in Preisgesängen auf das hohe Alter, sie verglichen die Jugend mit einer zähen Viehzecke, die Gift in Blut- und Lymphgefäße spucke. Sie hatten Recht, ich war ein Metropolmaniac, und nur eine Querstraße und zehn Herzschläge weiter lag der Marktplatz mit dem Springbrunnen, an dessen Treppen sich die junge Brut der Glutaugen traf: deutsche Jungs mit eingewanderten Gastarbeitereltern, kühne Selbstvermarkter im Rüpelspiel um cash money, mit dem passenden Werbespruch zum Kleinleuteelend, in dem sie erst einmal festklemmten. Ich war glasklar Unterschicht, und also hatte ich mich standesgemäß einem Dutzend Fratzenklopper angeschlossen, die mit ihren Gebetsketten klackten und immer wieder einen Strahl Spucke durch die

zusammengebissenen Zähne schossen. Ich hielt es damals für eine tolle Idee, statt Gel Zuckerwasser in meine Hunnenmähne zu massieren. Man eiferte eben den Italojungs nach und entschied sich für die kostengünstige Variante. Der lange Hornkamm steckte in der rechten Hosentasche, der Saum der C&A-Fake- Lederjacke durfte aus Prestigegründen den Kammgriff nicht verdecken. In Sachen Ehrenkodex waren wir Internationalisten: Cosa Nostra, Testosteron-Ungestüm, Gangster-Rap, Rebellenmuckerei – aus diesen Quellen speiste sich auch unsere Verachtung für Ladendetektive. Wir kämpften gegen Memmen, Mücken, Mamelucken. Memmen erkannte man daran, dass sie an ihrem verwässerten Anisschnaps nippten wie an einem Longdrink. Richtige Kerle dagegen tranken ihr Glas “Löwenmilch” in drei oder vier Schlucken leer und orderten sofort nach. Mücken trugen eklig dünne Silberringe und schworen auf den Indianermarxismus. Mamelucken gingen aufs Gymnasium, hatten in Erdkunde eine Zwei und weigerten sich, die Rotze hochzuziehen. Man nannte sie auch Abitur-Türken, zu denen ich mich wohl oder übel zählen musste. Ich hatte also ein nicht unerhebliches Problem. In der Gang herrschte eine hohe Profilübereinstimmung, man war Prolet aus Überzeugung und las höchstens die Sportseiten der Gastarbeiterpostille Hürriyet. Ich dagegen setzte auf das Halbwissen, das eine Bildungsanstalt zu geben imstande ist, tunkte auch nicht, wie die anderen Kollegas, Weißbrot in Molke, um eine komische Toughness zu demonstrieren. Was uns aber über alle Flügelkämpfe hinweg verband, war der Hass auf die Popper, die wir auf Kanakenfurcht trimmen wollten. Unabhängig von der Tagestemperatur liefen sie in weinroten Kaschmirschals herum, ihre Collegeslipper mit Penny-Lasche gingen uns mächtig auf die Nerven. Die Poppas, die weibliche Version, steckten sich Glitzerhaarspangen in den V-Ausschnitt, am Taschensaum ihrer Karottenhosen glitzerten Fake-Diamanten. Als Poptortenstengel bezeichnete man die Cocktailzigaretten in Pink, Blau oder Grün und mit goldenem Filterstück. Darunter machten es die Ladys nicht, und besonders beliebt waren die Wildkirschtee-Sessions, auf denen man herumstand und gegen die laut aufgedrehten Zuckerbäckerballaden der Neuen Deutschen Welle und Spliff smalltalkte. Natürlich war auch ich einige Male eingeladen worden, denn in der

Schule bedeutete “die Party” so etwas wie das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit. “Fete” dagegen klang eher nach gehörigem Bockmist, nach zugedrogten Ärztetöchtern im von Vaterhand gewerkten Keller-Untergrund. Auch an jenem denkwürdigen Spätnachmittag saß ich in der Teestube

meine Zeit ab, um später, nach einem Zwischenstopp im Elternhaus, zu einer richtigen Party zu gehen. Hikmet Bey hatte sich mittlerweile in Rage geredet, er sprach sich für die Sitte aus, der künftigen Ehefrau bei der Hennafeier einen Tag vor der offiziellen Trauung eine Goldmünze in die rechte Handkuhle zu pressen und die Hennapaste aufzulegen. Dergestalt gezeichnet sei die Frau eines guten Mannes Segenswappen. Diese Ratschläge waren mir wohlvertraut, ich musste sie mir von meiner heißgelaufenen Mama anhören, wenn wir vor Hertie am Morgen des ersten Schlussverkaufstages die Beine in den Bauch standen. Wenige Stunden später stand ich vor der Tür von Philippas Zweizimmerwohnung. Auf dem Fußabtreter waren bunte Billardkugeln abgebildet. Im Flur standen, wegen der herabhängenden Poppertolle schiefhälsig, Jungs in Spaßfarbenpullundern herum. Von den halbgescheiten Beats bemerkenswerterweise mitgerissen, brüllten sie sich in Blödsinnsgesprächen fest. In den frühen Achtzigern tat man sich in der Disziplin Lässigkeit eben etwas schwer. Als Stil hatte zu gelten, was der Mix und der Mixer hergaben. Ich lief auf einem Großraumteppich, der sich anfühlte wie shampoonierte Veloursauslegeware. Ein semiyuppieskes Figurenensemble hatte sich vor dem kalten Buffet aufgebaut, es waren, wie nicht nur zu jener Zeit üblich, Minderjährige und auf Topkompetenz getrimmte New-Age- Gesinnungsprotze. Ein hochgradig debiler Bibelkreisadept stürzte sich auf

Philippa mit den Worten: “Ich habe dir eine Umarmung mitgebracht

Eigentlich wurden laut Popperknigge Hippieallüren nicht geduldet, man beschenkte sich beispielsweise nicht mit gefärbten Kichererbsen im Weckglas. Dafür klaute man die Luxusausgabe irgendeines bekloppten Lebensratgebers aus Papas Regal und schlug sie in Angeber-Geschenkpapier ein. Philippa war mit schwarzen Lichtfiltern angetan und ob der Umarmung konsterniert. Sie hoffte doch sehr, ich hätte Hunger mitgebracht, ich sollte mich wie zu Hause fühlen und das Buffet plündern gehen. Ein Blick in die größten

.”

Schüsseln, und mein Hunger wich einem gehörigen Magendruck. Was treibt eigentlich erwachsene Menschen dazu, stummelkurze Makkaroni al dente in Mayonnaise so lange umzurühren, bis beide Anteile zur Pampe verflocken? Und wofür bitteschön schüttet man Zartgemüse aus vier Dosen dazu? Die andere Salatschüssel war mit einer roten Masse gefüllt. Ein kreativer Knallgeist hatte es wohl mit Ketchup versucht, und weil sich Grundfarben so schön beißen, lieblos gerupfte Petersilie beigegeben. Der Nudelsalat ist kein Nudelsalat ist kein Nudelsalat. Er steht für eine Zeit, in der geföhnte Zerebralminimalisten auf ihrem Geschmack ausrutschten. Wie lässt sich ein gefühltes Vakuum plombieren? Man bewegt sich hinweg von der Ödnis der vorangegangenen und somit selbstverständlich öderen Generation. Man versucht sich in neuen Kreationen. Der Nudelsalat ist Symbolpolitik. Es hätte der tiefgründigen Achtzigerjahre-Analysen nicht bedurft, ein Löffel Nudelsalat zur Testprobe dargereicht, und jeder halbwegs vernünftige Mensch hätte eingesehen, dass das nicht seine Party war. Und dass die Party woanders und irgendwann später stattfände, vielleicht dann doch in den Neunzigern.

Die Capri-Sonne

An einem regnerischen Montag im Juli 1986 kaufte Anna ihre erste Capri- Sonne. Wie immer wurde Anna an diesem Tag von ihrer Mutter in einem hellblauen Volkswagen Passat Diesel zur Schule gebracht. Die Heckscheibe des Autos war mit Aufklebern voll gepfropft, deren diverse Aussagen insgesamt darauf hinausliefen, dass man Katzen, Christus und Ausländer lieb haben sowie den sauren Regen und Ernst Albrecht stoppen sollte. Annas Mutter hatte vor einigen Monaten begonnen, aus selber geschrotetem Mehl Frühstücksbrötchen für die Familie zu backen. Die Brötchen waren steinhart und so flach, dass man sie unmöglich hätte aufschneiden können, weswegen Annas Mutter als Pausenbrot zwei Flachbrötchen übereinander legte, die von einer öligen Schicht Rabenhorster Rübensaft zusammengehalten wurden. Vor dem 26. April hatte Annas Mutter noch Salatblätter zwischen die Brötchen gelegt, die sie beim Biobauern kaufte; nach Tschernobyl hatte der Biobauer allerdings keinen Salat mehr im Angebot; alles, was draußen wüchse, sei nun leider verstrahlt. An diesem Morgen allerdings hatte Annas Mutter das Pausenbrot vergessen und ihrer Tochter zehn Mark gegeben; sie möge sich beim Bäcker ein schönes Brötchen und eine Flasche Hohes C kaufen. Anna ging zum Kiosk gegenüber und kaufe zwei Negerkussbrötchen und eine Capri-Sonne: einen wabbeligen silbernen Glitzerbeutel, der wie ein letztes Relikt aus längst vergangenen, präökologisch glamourgeil weltraumfuturistischen Zeiten aussah. Annas Mutter hätte nie eine Capri-Sonne gekauft. Capri-Sonne war der fruchtsaftgewordene Antichrist der Ökobewegung: Nur sieben Prozent Orangensaft, dazu fünf Prozent Zitronensaft. Die restlichen 88 Prozent bestehen aus Wasser, Zucker, Glukosesirup, dem Anti-Oxidationsmittel L-Ascorbinsäure und Aromen. Die Verpackung: eine Hülle aus Aluminium, Polyester und Polyethylan, ein Strohhalm aus Plastik, eingeschweißt in eine Plastikfolie: Mehr Abfall geht für 0,2 Liter wässriger Flüssigkeit nicht. Dazu beflügelte der Name Capri die bürgerlichen Tourismusfantasien der fünfziger Jahre, auf die die Ökobewegung auch nicht gut zu sprechen war: Capri-Sonne, Fernwehbrühe des Kleinbürgertums. Das einzige Mädchen in unserer Klasse, das schon einmal die

Frühjahrsferien auf Capri verbracht hatte, hieß Kathinka-Marie und war früher auf einer Waldorf-Schule gewesen, wo sie eine Reihe eigenartiger Schlenkertänze gelernt hatte, bei denen man auf der Stelle hüpfen und mit den Armen herumfuchteln musste. Kathinka-Marie trank, genau wie Anna, in den Pausen ausschließlich Hohes C aus kleinen Tetra-Pak-Papierbehältern. Die Frage “Hohes C oder Capri-Sonne” war ähnlich bedeutsam wie “Scout- oder Amigo-Ranzen” und “Pelikan- oder Geha-Füller”. Eine ästhetische Grundhaltung machte sich an Capri-Sonne fest. Die Eltern, die ihren Kindern Hohes C gaben, fuhren Volvo oder Saab, kauften Sofas bei Roche Bobois, Regale und Hausschuhe aus Holz bei Ikea, spielten alte Eric-Burton-Lieder auf verkratzten Gitarren und verbrachten den Urlaub beim Waldbeerenpflücken in Skandinavien oder in Portugal. Caprisonneneltern flogen nach Teneriffa, hatten zuhause braune Velourssofa, gingen zum Kegeln oder in Diskos und trugen je nach sozialem Zugehörigkeitsgefühl karierte Pullunder oder türkisfarbene Sakkos mit enormen Schulterpolstern. Einer von einen fuhr einen Ford Capri. Seit 1970 gibt es Capri-Sonne, ein Jahr vorher kam der gleichnamige Kölner Wagen auf den Markt – etwas spät eigentlich, denn Ende der Sechziger gab es längst exquisitere Sehnsuchts-Ziele als ausgerechnet Capri; wer Geld hatte, flog nach Barbados oder nach Bali. Man hätte Auto und Getränk also eigentlich anders nennen müssen; Ford DomRep oder, wohlklingender, Ford Jamaica und Mallorca-Sonne. Und warum überhaupt Sonne? Die Sonne ist heiß, und im Sommer möchte man nichts trinken, das nach zusätzlicher Erhitzung klingt. Doch Capri war als bundesrepublikanischer Sehnsuchtsbegriff auch 1970 noch so mächtig, dass alles, was Capri hieß, ein bombastischer Erfolg wurde. Die hysterische kollektive Projektion sämtlicher erdenkbarer Wunschvorstellungen auf das zehn Quadratkilometer große Inselchen vor Neapel hat in Deutschland eine lange Tradition, die mit August Kopischs “Entdeckung der blauen Grotte” begann und bei Rudi Schuricke einen vorläufigen knödelnden Höhepunkt fand. Kopisch, der 1826 nach Capri reiste, formulierte den Traum vom einfachen, wahren Leben fern der verkommenen Gesellschaft in einer insularen Gegenwelt voller erotischer Genüsse. Kopisch zog eine Schar Deutscher nach Capri, die

dort eine Künstlerkneipe mit dem reichlich dämlichen Namen “Zum Kater Hiddigeigei” gründeten. Nur Bertolt Brecht konnte dem Caprifieber widerstehen; als hätte er die kapitalistische Vermarktung des Inselnamens geahnt, beschimpfte er das Meer bei Capri als “verfluchte blaue Limonade”. Trotzdem wurde Capri in den fünfziger Jahren zur kollektiven deutschen Glücksvision, befeuert von Schurickes “Capri-Fischern”, die eigentlich 1943 als Durchhaltelied komponiert worden waren: “Bella bella bella Marie, bleib mir treu, ich komm’ zurück, morgen früh”. Die melancholischen Unterströmungen eines Liedes für Menschen, die meistens nicht mehr zurückkamen, wurden aber nach dem Krieg schnell vergessen. Es war der verwegene Odem gesellschaftsferner Libertinage, der nach dem Krieg alle Capri-Produkte umwehte: Schon die Capri-Hosen schienen sich von unten her aufzulösen und gaben lange vor dem erotischen Overkill des Minirocks ein ungebührliches Stück der Fessel und des Beins frei, als hätte jemand die Hosen hochgekrempelt, um bequem im seichten Ufersaum dem Sonnenuntergang und anderen stadtfernen Genüssen entgegen zu waten; auch das orange Capri-Eis war im Langnese-Sortiment der Sechziger die frivole Alternative zu einem schwerfälligen Milcheis, das den an bundesrepublikanische Nachkriegsnöte erinnernden Namen “Happen” trug. Ähnlich funktionierte der marketingstrategische Schachzug der Ford- Manager: Während sich bei Opel die Aufstiegssehnsüchte des kleinen Angestellten im Crescendo der Fahrzeugnamen Kadett – Rekord – Admiral widerspiegelten, setzte Ford auf Urlaubsträume: Der Ford Capri war eine autogewordene Lustvision, ein Ford 12M im Kostüm fernsüchtiger Rebellion. In einem Werbefilm aus den frühen Siebzigern sieht man eine staubige Wüstenlandschaft im rotvioletten Abendlicht. Ein Mann wirft einen verwitterten Blick in die dunstige Ferne, steigt in einen orangefarbenen Capri mit Vinyldach und gibt Vollgas. Nach gefährlicher Fahrt über staubige Pisten kommt ihm schließlich eine blonde Frau entgegen geritten. Das war die Botschaft: Sei ein Mann, lebe gefährlich und schnell, bis man nur noch Staub und junge Frauen sieht. Man sieht es dem Spot noch an, dass das Auto eigentlich Ford Colt heißen

sollte. Aber die Marketingexperten kippten den Namen: zu aggressiv; außerdem hatte Mitsubishi “Colt” schon schützen lassen. Bei der Markteinführung moserte die Auto, Motor, Sport, dass “das süßliche Wort Capri in Verbindung mit einem Sportwagen nicht überzeugen kann”- aber die Ford-Presseerklärung von 1969 konnte auch diesen Einwand entkräften: “Capri heißt nicht nur blauer Himmel, süßes Nichtstun und schmelzende Tenöre, sondern auch Brandung, Herausforderung und heißes Blut.” Das leuchtete den Deutschen ein. Im Februar 1969 wurde der Capri zum meistverkauften Ford. Ein Utopie-Produkt wie Capri-Eis und Capri-Ford war auch die Capri- Sonne, in der die Zukunfts- und Glücksvisionen ihrer Zeit kulminierten. Schon die Packung: Keine ordinäre Flasche, sondern ein geheimnisvoll glitzerndes Paket, das aussah wie für die gerade vollzogene Mondlandung entwickelt. Capri- Sonne war flach und weich wie die futuristischen Möbel dieser Zeit und schimmerte verführerisch wie ein Trink-Ufo. In diesem Zusammenhang sah die Orange auf der Verpackungshülle vor dem tiefblauen Himmel aus wie ein fremder Pop-Planet oder eine ferne Südseeinsel. Das Gefühl des Exotischen wurde noch gesteigert durch die vielsprachigen Erklärungen auf dem Rücken der Hülle; in langweiligen Unterrichtsstunden konnte man seine Capritüte studieren und erfuhr, dass Fruchtsaftlimonade in Holland “Vruchtenlimonade Sinaasappel ten mindste 12 & vruchtensap”, in Finnland “Hiilihapoton appelsiinimehujuoma” heißen konnte. Man stellte sich vor, dass man nun, wenn man irgendwann einmal eine nette Finnin kennen lernen würde, immerhin schon mal “Hiilihapoton?” sagen und auf ein Café zeigen könnte. Ein Anfang wäre gemacht. Manchmal veränderte sich der Aufdruck und wurde über die Jahre zum Spiegel der veränderten politischen Lage: Seit einiger Zeit steht auch BIH auf der Packung und eine Telefonnummer in Zagreb. Dennoch hatten alle Capri-Produkte auch eine seltsame negative Aura, der das Scheitern der erweckten Sehnsüchte schon eingeschrieben war. Ein Ford Capri hatte in der einfachsten Version nur 50 PS und konnte von jedem 1500er Käfer stehen gelassen werden. Der eiweißfarbene Saft der Capri-Sonne konnte geschmacklich keineswegs die Begehrlichkeiten befriedigen, die seine Tüte

weckte, außerdem verklebten die Finger jedesmal, wenn man den Strohhalm ins Aluminium rammte. Capri-Sonne oder Hohes C, Hollandrad oder Ford Capri GT: Das war der produktgewordene Konflikt zwischen einer fortschritts- und konsumgläubigen, PS- und Plastikgeilen Bundesrepublik, der die glitzernden Oberflächen der Popkultur wichtiger war als die Political Correctness einer auf Ressourcenschonung und Qualität bedachten Ökobewegung. Capri-Sonne war das letzte Produkt einer Zeit, die noch an eine glamouröse, lautere, wildere Zukunft glaubte. Wenn sich Capri-Sonne heute wieder sehr gut verkauft, dann kann es auch der Ermüdung des ökologischen Bewusstseins liegen. Keiner fragt mehr nach Waldsterben und Vermüllung, und wenn kein BSE drin ist, dann ist auch der Fruchtsaftanteil egal. Außerdem passt die Capri-Tüte ins retrovisonäre Zeitgefühl: Sie ist so poporange und rundlich wie ein iBook, so silbermetallisch wie das Cockpit eines Audi TT, und wenn der Designer Marc Newson eine Flasche entwerfen müsste, dann sähe sie sicher aus wie eine Capri-Tüte. Newson hat vor kurzem ein knalloranges Auto für Ford entworfen, das einer Capri-Tüte ziemlich ähnlich sieht. Vielleicht bauen sie ihn ja bald in Serie und nennen ihn New Capri – und dann geht der ganze Wahnsinn wieder von vorne los.

Das Trockenshampoo

Ich erinnere mich, dass ich zusammen mit meinen Schwestern auf der Rückbank unserer Ente (auch Döschewo genannt, oder 2CV) saß, während mein Vater versuchte, in den Kurven die Ente auf die Seite zu legen. Sie galt als unumwerfbar, und wer es dennoch schaffen würde, sollte eine Million Mark gewinnen. Meine Schwestern kreischten vor Wonne, ich aber dachte an meine Haare. Bei Tante Hildchen durften wir sonntags fernsehen, wir hatten zuhause nämlich keinen, und ich dachte an meine Haare. Ich verliebte mich unsterblich in einen Hund, und während ich den Hund streichelte, dachte ich an meine Haare. Ich dachte nur noch an meine Haare. Wahrscheinlich war ich zwölf. Bei allen Mädchen setzt ungefähr um diese Zeit die Obsession mit ihren Haaren ein. Das muss einen biologischen Sinn haben, auch wenn ihn bisher noch niemand entschlüsselt hat. Ich fand, ich hatte wirklich Grund, nur noch an meine Haare zu denken, denn ich hatte plötzlich ein Haarproblem: Über Nacht hatte ich fettige Haare bekommen. Großes Unglück senkte sich über mich. Ich hörte auf, ein lustiges Kind zu sein. Nichts wollte mehr zu mir passen, meine Haare nicht, die blöde Märchentapete in meinem Zimmer nicht, und auch nicht die blauen und roten Wollstrumpfhosen oder das Dirndl. Stattdessen trug ich die nächsten sieben Jahre hautenge Cordhosen und einen grünen, viel zu großen Pullover. Besessen wusch ich mir jeden Morgen die Haare – bis der Winter kam. Haarewaschen am Morgen im Winter war einfach verboten, oder ich hätte eine Stunde früher aufstehen müssen, um zu garantieren, dass meine Haare wirklich wüstentrocken waren, und das brachte ich aufgrund einer tiefen Charakterschwäche nie fertig. Stattdessen quälte ich mich mit fettigen Haaren und von Selbsthass zerfressen durch die Schultage. Ich verabscheute alle Menschen, die sich nur alle paar Wochen die Haare waschen mussten, weil sie niemals strähnig herunterhingen. Noch schlimmer fand ich diejenigen, die zum Friseur gingen, um sich Haare herausschneiden zu lassen. Unvorstellbar! Widerlich! Beneidenswert! Meine Haare waren so dünn, dass Friseurinnen sie fasziniert streichelten, und wenn sie Kinder hatten, lächelten sie und sagten: Babyhaar, und wenn sie keine hatten, schnarrten sie kurz angebunden den ewig gleichen Satz:

Mit deinem Haar kann man ja nun gar nichts anfangen.

Diese Qual, jeden Morgen wieder mit verklebten Haaren aufzuwachen, und sie durch keine noch so geschickte Kämmmethode dazu überreden zu können, locker und duftig zu fallen! Diese Folter, mit fettigen Haaren durch die Welt gehen zu müssen! (Die Überlegung, dass die Welt sich vielleicht doch nicht so brennend dafür interessiert, ob man fettige Haare hat oder nicht, markiert, glaube ich, den Eintritt ins sogenannte “Erwachsenalter”). Ich erinnere mich an den verzweifelten Blick am Morgen in den Spiegel und die immer neu enttäuschte Hoffnung, ich möge mit dickem, flauschigen Haar erwachen. Es half nicht, sie abends so spät wie möglich zu waschen und mit Mütze ins Bett zu gehen, von allen Geschwistern verlacht, von der Mutter verständnislos begutachtet zu werden: Du spinnst, mein Kind! Deine Haare sind doch überhaupt nicht fettig! Und verbrauch’ nicht so viel Shampoo! Andere Menschen wollen sich vielleicht auch noch mal die Haare waschen! Andere Menschen interessierten mich nicht. Nur meine Haare. Jeden Morgen wieder hingen sie wie Spaghetti von meinem Kopf, und ich wollte sterben. Und dann kam eines Tages die Rettung. Unverhofft und wunderbar. Eine kleine hellblau-weiß geschwungene Dose mit einer silbernen Banderole:

“Frottee Trockenshampoo für Zwischendurch”. Von den Göttern für mich erfunden. Allein der Name. Frottee. Das war ziemlich neu, dieses Wort, es gab Frotteehandtücher und -bademäntel, Unterhosen zum Glück noch nicht. Frottee war Luxus, etwas Besonderes, nichts Alltägliches, etwas Dickes und Flauschiges. In der Gebrauchsanleitung stand: Durch die Trockenwäsche wird ein Problem gelöst, das so alt ist wie das Frisieren selbst: durch Nachfetten wird das Haar strähnig und nimmt der Frisur den Charme frischer, duftiger Perfektion. Entfetten durch Waschen aber hieße: die ganze Frisur neu aufbauen, mit der ganzen Sorgfalt und dem Zeitaufwand, der auch heute noch dazugehört. Mein Herz jubelte. Endlich verstand mich jemand: Der Charme frischer, duftiger Perfektion! Genau so wollte ich sein. Aus der kleinen hellblauen Dose schüttelte man sich weißes Zeug aufs Haupt, das aussah wie Mehl, aber ganz wunderbar pudrig roch. Innerhalb von Minuten verwandelte ich mich in eine Greisin mit schlohweißen Haaren, und allein dieser Vorgang war jedes Mal wieder faszinierend. Dann musste man kräftig durchbürsten, mit Fett

vollgesogene Partikel fielen ins Waschbecken wie dicke Läuse, und dann kam der schönste Moment: sich aufzurichten, den Kopf zurückzuwerfen und ganz plustrige, garantiert unfettige Haare zu haben! Jedes Mal wieder ein Wunder. Ich sang ein Halleluja auf den technischen Fortschritt. Für mich, nur für mich war dieses Zaubermittel erfunden worden. (In Wirklichkeit gab es das schon seit

1928!)

Ohne Trockenshampoo konnte ich nicht mehr leben. Mein gesamtes Taschengeld ging dafür drauf. Blankes Entsetzen, wenn man am Morgen zu der Dose griff und nur noch ein paar Krümel herauskamen. Oder noch schlimmer, wenn man die eine Hälfte des Kopfes schon gepudert hatte und einem dann der Stoff ausging! Die verzweifelten Versuche, das Zeug von der einen Seite auf die andere zu kämmen, fruchteten in der Regel nicht, und die amerikanische Bezeichnung “bad hair day” ist eine entsetzliche Verniedlichung für das, was dann vor einem lag. Eine gut gefüllte Dose Trockenshampoo verhieß dagegen jeden Morgen wieder das garantierte Glück auf Erden. Es gab ein paar winzige Nachteile, die nicht verschwiegen werden sollen:

Die Haare waren nach der Behandlung leicht graustichig. Außerdem musste man hinnehmen, dass einem das Mehl den ganzen Tag lang auf den Kragen rieselte und man unter Schuppenverdacht geriet. Mit der Zeit lernte ich, keine dunklen Kleider mehr anzuziehen. Darüber hinaus musste man unbedingt vermeiden, sich durch die Haare zu fahren, denn die Hand fühlte sich danach ganz stumpf und staubig an, und wenn man das auch noch über den Schultisch gebeugt machte, rieselte das Trockenshampoo wie Schnee herab. Das war schrecklich peinlich. Alle in der Klasse mit dünnen Haaren – und das waren unter norddeutsch blonden Mädchen die meisten – benutzten Trockenshampoo, aber man durfte es um Gottes willen nicht zugeben. Man trug die hellblaue Dose in der Schultasche mit sich herum – für alle Fälle, es hätte ja einen dramatischen Vorfall von Nachfetten geben können, aber keiner durfte sie entdecken. Trockenshampoo war luxuriös und irrsinnig modern, aber gleichzeitig eben schrecklich peinlich. Als Mädchen hatte man einfach keine fettigen Haare, das hatten nur Jungs, oder allenfalls Mädchen, die gut in Mathe waren. Als Mädchen war man einfach

duftig, frisch und charmant, von Natur aus – denn künstlich hergestellt war das politisch unkorrekt. Das wussten wir selbst mit zwölf. Fasziniert betrachteten wir Fotos von ungeschminkten Frauen mit langen, offenen Haaren, die ihre BHs verbrannten, und es war völlig klar, dass die auch niemals Trockenshampoo benutzen würden. Oder doch? Man durfte sich einfach nicht erwischen lassen. Mit Trockenshampoo in den Haaren durfte man deshalb auch nicht knutschen. Ein leidenschaftlicher Griff des Angebeteten in die flauschigen Frotteehaare und man wäre erledigt gewesen. Dafür konnte man ganz gut demonstrieren gehen, denn da wurde nicht viel geknutscht. Die Anarchisten, fanden wir schnell heraus, sahen am besten aus und hatten die längsten Haare, die Trotzkisten und Spartakisten hatten kurze, die Maoisten fettige. Manche Männer haben mir jetzt gestanden, sie hätten sich damals auch heimlich Trockenshampoo aufs Haupt geschüttet. Eine ganze Packung auf einmal, weil die Haare so lang waren. Das ging ins Geld (und dieses Geld fehlte dann am Ende der Revolution), aber mit frisch gewaschen aussehenden Haaren konnte man alle Frauen haben, behaupten sie. Am Wochenende brauchte man kein Frotteeshampoo, da konnte man sich ja die Haare stündlich waschen und trocknen, außer man fuhr auf ein Popkonzert auf irgendeine Kuhweide, wo es immer regnete, und man am Morgen zitternd vor Kälte aus dem Schlafsack kroch und sich an den drei Klos für zwanzigtausend ungewaschene Kinder anstellen musste. Hätte ich da nicht mein Trockenshampoo in der Tasche gehabt, hätte ich gar nicht mitfahren können, denn ganz gleich wie dreckig die Jeans, das Al-Fatah-Tuch und der Parka waren:

Mädchenhaare mussten duftig sein, ganz gleich in welcher Situation. Die konnte ich zwar selbst noch nach dreitägigen wahnsinnigen Schlagzeugsoli der Gruppe Colosseum vorweisen, aber ich musste hinnehmen, mehr und mehr als Zicke zu gelten, die partout allein im Schlafsack nächtigen wollte, weil ich das Geheimnis meiner ewig unfettigen Haare nicht auffliegen lassen konnte. Damit geriet ich in Verdacht, bourgeois zu sein. Und das war fast noch schlimmer als fettige Haare zu haben. Fast. Trockenshampoo gibt es zwar noch (wenngleich nicht mehr in der magischen Dose, sondern nur noch als Spray), aber es scheint keine Rolle mehr

zu spielen, obwohl Mädchen heute genauso von der Haarobsession überfallen werden wir früher. Und das anscheinend überall auf der Welt: Im Urlaub erzählte mir ein indonesischer Taxifahrer von seiner zwölfjährigen Tochter: all she do is wash hair, sagte er verzweifelt. Ich lachte und sagte, ich könne mich erinnern, und außerdem hätte ich eine Tochter in demselben Alter. Daraufhin nickte er mitfühlend und sagte: international problem.

Die Juno-Zigarette

Dass irgendwas mit ihr nicht stimmte, ahnten wir ziemlich bald. So ganz

genau wollte es allerdings niemand wissen. Jedenfalls nicht, solange sie mit uns ins Bett ging. Und mit wem wäre sie nicht dorthin gegangen? Warum sie das tat? Wer weiß, am Ende war es nichts als Mitleid. Mit uns, die wir glaubten, das Land umkrempeln zu können. Revolutionäre, wie wir uns nannten. Maulhelden, die wir waren. Nahmen wir uns eigentlich selber ernst? Mit unseren viel zu lauten Sprüchen, unseren viel zu großen Gesten und den viel zu feuchten Händen? Jedenfalls wurden wir ernst genommen, ernster, als uns lieb sein konnte. Göttingen, Groner Tor, “Kleine Kommende”. Sie hatte ihren Koffer am Eingang des Lokals stehen lassen und war neben mir auf den Barhocker gerutscht. Sie trug jene Wildlederstiefel, die wir Boots nannten und die auch damals schon längst aus der Mode waren. “Spendierst du mir’n Bier? Kriegst auch ‘ne Juno! Hab ich ‘ne ganze Stange von.” Mit dem Kopf zeigte sie rüber in Richtung ihres Gepäcks. Udo grinste über dem Zapfhahn. Sie war gerade erst mit dem Zug in die Stadt gekommen. Die Zigaretten hatte Opi ihr zum Abschied geschenkt. Sie trank mein Bier, ich rauchte ihre Juno. Sie schob einen Zettel über den Tresen, eine Adresse in Weende. “Da werde ich wohnen. Hast Du ein Auto?” Ich fuhr sie hin. Und wäre am liebsten für immer geblieben. Am zweiten Morgen meinte sie, ich solle jetzt aber doch erst mal wieder gehen, sie müsse sich ein wenig sortieren. Müsse ja nicht das letzte Mal gewesen sein. Sie sei ja jetzt da. Das heißt, wenn das für mich ok sei, dass man einfach ein wenig Spaß

miteinander

sicher, ganz klar. Ein halbes Jahr später konnten wir uns kaum noch vorstellen, dass sie jemals nicht dagewesen war. Sie machte alles mit, und bald machte sie uns alles vor. AStA-Zeitung, Infotisch, Transparente. Sie fand immer einen Dreh, es

., ohne sich gleich am Hals zu haben. Ich log und nickte. Ja

besser, schöner, effektiver zu machen. Sie machte es eben mit mehr

Liebe? Nein, das nun gerade nicht. Aber mit mehr Hinwendung. Sie organisierte und agitierte, sie trank und kiffte, sie tanzte und lachte. Und selbst unter den Frauen, die anfangs um ihre Freunde gebangt hatten, gab es kaum noch eine, die sich nicht schon mal bei ihr ausgeheult hatte. Oder eben auch auf ihrer Matratze gelandet war. So jung sie auch war, die Neue galt als erfahren. Sie war unser Kraftwerk, unser Mülleimer, unsere kleine geile Göttin. Seit jenem ersten Tag in der Kneipe nannte ich sie Juno. Sie selbst gab sich jede Woche einen anderen nom de guerre. Mal wollte sie “La Divina” genannt werden. Kurz darauf unterschrieb sie ihre Flugblätter mit “Die Zecke”, dann war sie “Bombshell” und schließlich: “Pipilotta”. Aber eigentlich hieß sie einfach nur: Ulrike. Tochter eines Zahnarztes aus Holzminden. Mein Papa mit der kalten Hand, hatte sie den mal genannt. Und wir hatten wieder nicht nachgefragt. Die Mutter im Rollstuhl und stumm. Ohne Opi, den Guten, hätte von Familie längst keine Rede mehr sein können. Ihr Vater überwies jeden Monat soviel-er-eben-musste, das war’s dann aber auch. Bei ihrem Vornamen hatte er seine Tochter schon seit Jahren nicht mehr genannt, seit die ersten Fahndungsplakate mit Ulrike Meinhofs Foto ausgehängt worden waren. Ihre Fransenboots trug sie immer. Immer noch. Sommers wie winters. Selbst am Badesee: Oben Bikini, unten die Boots. Und sich immer in den Schatten verkrochen, dass die bleiche Haut sich nicht röte oder am Ende gar braun werde wie bei den Mallorca-Tussen mit Goldkettchen und Aldi- Dauerwelle. Ich sah sie nie etwas essen. Sie rauchte, filterlos, Kette, selbstgedreht, Samson, halbschwarz, und eben, wenn ein Päckchen von Opi gekommen war:

Juno. Trank schwarzen Kaffee, soff. In Weende wohnte sie Souterrain. Ein Bad hatte sie nicht, nur eine Duschkabine, im Zimmer eingebaut. Obendrüber der Vermieter, ein Lehrer für evangelische Religion mit Solchenizyn-Bart und Familie. Hatte sie mal in der Garage betatscht. Sie ihn dann ebenfalls, warum auch nicht. Der hatte nur ein Ei, sagte sie. Und lachte ihr Kohlenkastenlachen. Und wir immer mitgelacht und

Ja was?

Hoch die Tassen und Willste noch ein Glas voll Moskovskaja. Nee, lieber den mit dem Büffelgras, Name vergessen, egal, mit was Baileys gemischt. Hauptsache, es knallt. Meine vagabundierende Sehnsucht war längst auf ein anderes Mädchen verfallen, trotzdem blieb ich immer mal wieder eine Nacht bei Juno. Es war ja auch so praktisch. Man konnte kommen und unbehelligt wieder gehen. Manchmal lagen wir nur auf der Matratze unter dem Foto von Allende, schauten an die Decke, redeten, kicherten, rauchten und tranken bis es wieder dämmerte. Manchmal stand Juno auf und schluckte ein paar Pillen. Wenn sie genug davon intus hatte, fing sie an zu spinnen. Sie schloss die Augen und erzählte, was sie sah. Es waren keine schönen Sachen. Finstere Männer, finstere Tiere, finstere Höhlen. Es muss raus, sagte sie. Wie es reingekommen war, erzählte sie nicht. Morgens waren unsere Nasenlöcher schwarz vom Ruß der Petroleumfunzel, und wir schauten uns an und kicherten wieder und legten rasch mal einen Joint nach, bevor wir womöglich zu Verstand gekommen wären. Einmal, Maier und ich hatten die Nacht im “Clochard” getanzt, fuhren wir gegen Morgen raus nach Weende, um sie abzuholen, Flugblätter an die Frühschicht verteilen, irgend sowas. Wir klingelten, aber sie öffnete nicht. Wir gingen um das Haus herum und drückten unsere Nasen ans Fenster. Es brannte Licht. Sie kletterte aus der Duschkabine, trocknete sich ab, zog die Boots an und steckte sich eine Zigarette in den Mund. Sie drehte uns den Rücken zu. Maier, neben mir, grunzte. “Hast du was gesagt?” fragte ich. “Nee, nix, ich hab mir nur gerade vorgestellt, wie sie sich nach der Seife bückt.” Wir lachten so laut, dass sie sich umdrehte, die Augen zusammenkniff und zum Fenster spähte. Halbnackt wie sie war, ließ sie uns rein. Sie hatte geweint. Opi war gestorben. “Jetzt hab’ ich gar keinen mehr”, sagte sie und gab uns ganz nebenbei zu verstehen, was wir, im Zweifel, für sie waren. Dann wurde es Herbst, das Wintersemester begann, in der Stadt fehlten vierhundert Zimmer. Die neuen Studenten kamen mit Zelten und Schlafsäcken. Anfangs ging das noch. Das Wetter war mild, die Sonne schien. Doch dann

sanken die Temperaturen, und unsere große Zeit begann. Endlich. Endlich nicht mehr bloß Talk und Debatten und Laberrhabarber. Eine Demonstration folgte der

anderen. Die riesige alte Augenklinik stand leer, also besetzten wir sie. Freilich, das Haus war marode. Jedesmal, wenn man einen Nagel in die Wand schlagen, einen Haken an der Decke befestigen wollte, brachen große Brocken Lehm heraus. Die Leitungen eingefroren, die Heizkörper herausgerissen. Die Polizei marschierte auf, Wasserwerfer, Gummiknüppel, Tränengas. Es wurde geräumt und wieder besetzt. Hin und her. Tag und Nacht. So ging das. Barrikaden, Straßenkampf. Die Luft brannte und wir brannten auch. Und Juno immer mittendrin, nein: vorneweg. Einmal, ein letztes Mal war ich in jenen Tagen noch mit ihr zusammen. Es war eine schöne, entspannte Nacht. Irgendwann tauchte ihr Kopf aus meiner Achselhöhle auf und sie sagte: “Ich würde mich gerne mal richtig verlieben. Ich weiß überhaupt nicht, wie das ist.” Dann erfuhr sie es. Der Typ war ein Zottel. Blonder Engel. Tadzio im Armyparka. Tauchte auf und wieder unter, unzuverlässig. Pumpte sich dauernd von allen Geld. Wohnte mal hier und mal dort. Nicht gerade das, was wir einen disziplinierten Genossen genannt hätten. Aber sooo süß, sagte sie. Und superradikal. Wollte, dass wir endlich ernst machten. Brachte uns bei, wie man Molotow-Cocktails baut. “Auge um Auge”, sagte er, und: “Die Gewalt kommt aus den Mündungen”. Sie lebte auf, sang, pfiff vor sich hin. Lachte. Wurde noch aufgedrehter. Trieb uns an. Tadzio und Juno. Juno und Tadzio. Die beiden schienen unzertrennlich. Dann, das neue Jahr hatte bereits begonnen, ließ sie die Bombe platzen: Sie würden heiraten, am 1. März, ihrem Tag, Göttin der Brautleute, Beschützerin der Frauen. Wir schluckten und staunten. Und sagten: Nein, du und heiraten, nie und nimmer. Und wir behielten recht. Denn kurz bevor es soweit sein sollte, waren sie verschwunden, Juno und ihr Zottel. Ok, sowas kam vor. Aber ohne uns Bescheid zu sagen? Einfach so? Wo doch das nächste Flugblatt, die nächste Demo, die

Besetzerversammlung

verkrümelte?

.? Dass sie sich so mir nichts, dir nichts

Wahrscheinlich machen die schon Flitterwochen, sagte Towje. Nee, das passt nicht, meinte Maier. Aber wer weiß. Zwei Tage später, es hatte geschneit, Maier und ich saßen am Küchentisch und sahen, wie Towje über den Hof gerannt kam. Er winkte uns zu. Und rutschte immer wieder aus. Die weiße Katze des Nachbarn hielt kurz inne, äugte, dann wischte sie davon. Towje war aufgeregt. Er stieß die Tür auf. Er zog seine Fäustlinge aus und trampelte den Schnee von den Schuhen. “Die Bullen ham’ sie hopsgenommen.” Was jetzt? Sie da rausholen! Ja, gut. Aber wie? Es wurde geredet, geplant, verworfen. Schließlich tauchte sie von selbst wieder auf. Sie blieb im Türrahmen stehen und schaute uns an. Stumm. Mit unbewegtem Gesicht. Dann legte sie sich auf die Couch, rollte sich zusammen und begann zu wimmen wie ein Baby. “War es so schlimm?” fragten wir. Sie schüttelte den Kopf. “Nein”, sagte sie, “es ist nur wegen Tadzio. Er hat mich verpfiffen. Er hat uns alle verpfiffen. Sie haben ihm Geld dafür gegeben.” Dann schlief sie ein. Irgendwann in derselben Nacht muss sie sich weggeschlichen haben. Zwei Tage hörten wir nichts von ihr. Dann machten Maier und ich uns auf die Suche. In der alten Klinik fanden wir sie. Auf dem Dachboden. Zuerst sahen wir ihre Fransenboots. In Augenhöhe. Darunter auf dem Boden eine kleine, umgekippte Trittleiter. Das Seil hatte sie an einem Deckenhaken befestigt. Und diesmal hatte der Haken gehalten.

Der Maximantel

Als ich noch ein tschechischer Teenager war, der in Prag lebte, und die BRD das große, freie Land westlich der Grenze, damals, im Jahr 1970 also, war dieses Land für mich auch frei von allen historischen Lasten. Ich dachte nicht an Nazis, an Hitler oder irgendwelche ähnlich dunklen Erscheinungen, die von unserer hellen, psychedelischen Ära mindestens ein paar Jahrhunderte entfernt schienen. Die BRD war, ganz einfach, die Quelle aller guten Dinge, die das Leben zu bieten hatte: die neuesten Kleider, Schuhe, Platten, weiches Klopapier. Der Prager Frühling war 1968 niedergeschlagen worden, und die Tschechoslowakei erwartete eine Art Dunkles Zeitalter. Ich merkte das und wollte trotzdem dort leben. Es war meine Heimat. Es war der Ort, an dem ich mich verlieben und meine Jungfräulichkeit verlieren wollte – wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Viele meiner Freunde waren kurz nach dem Einmarsch der Russen in den Westen emigriert, ich jedoch hatte nie daran gedacht, dass das auch mein Schicksal werden könnte. Wir führten ein fantastisches Leben in Prag, dank meines Vaters, der einen angesehenen Job als Übersetzer hatte. Mein Bruder und ich besuchten gute Schulen, meine hatte sogar ein Schwimmbad. Wir hatten zwei Autos (und keines davon war ein Skoda!) und lebten in einer Wohnung, die stilvoll und mit vielen Antiquitäten eingerichtet war. Meine Eltern führten ein aufregendes gesellschaftliches Leben, und sie selbst und auch wir Kinder glaubten fest daran, dass Prag der intellektuelle Mittelpunkt der Erde sei. Ich stellte mir vor, dass mein Leben irgendwann einmal von der gleichen mysteriösen Schönheit sein würde, die ich auch in der Stadt spürte: diese Mischung von Aufgeregtheit und Traurigkeit, Resignation und Euphorie. Ich merkte nicht, dass Prag eigentlich ein manisch-depressives Paradies war. Für eine 16-Jährige schien Prag perfekt. Es war ein Schock für mich, als auch unsere Familie sich dem Treck der Emigranten anschloss und in den Westen zog. Nicht sehr weit in den Westen, nur bis Hamburg, aber wer in den siebziger Jahren die Grenze zwischen Ost und West überquerte, der glaubte, er sei auf einem fremden Planeten. Wir waren jedenfalls fest davon überzeugt Warum gerade Hamburg? Warum nicht Paris, London, Tel Aviv, Montreal

oder New York? Wenn man schon sein Leben neu erfinden muss, warum nicht in einer Stadt, die wenigstens einen ästhetischen Ausgleich bietet für den Ortswechsel? Das graue, nasse, kalte, sterile Hamburg wirkte wie eine recht willkürliche Wahl, und genau das war es auch. Mein Vater hatte durch einen persönlichen Kontakt einen Job beim Otto Versand bekommen – und der Firmensitz war nun einmal in einem Vorort von Hamburg. Für ihn bedeutete es, dass er ein festes Einkommen hatte, wenn auch ein sehr bescheidenes. Für uns bedeutete es, dass sich unser Leben radikal veränderte. Viele Jahre später wurde mir klar, wie man eine solche Erfahrung nennt: ein Trauma. In jener Zeit fühlte es sich mehr wie ein Spiel an, wie ein kleines Abenteuer. Ich lebte nun nicht mehr inmitten wunderbarer Antiquitäten, sondern in einem Haus, das wie ein Würfel aussah und das wir dem Otto Versand verdankten. In dieses Haus stellten wir Möbel, die wir an Sperrmülltagen von der Straße holten – so wie man auch ein Puppenhaus möblieren würde. Mein Vater hatte einen Job, bei dem es darum ging, die Lagerbestände zu kontrollieren. Ich habe ihn neulich einmal gefragt, wie das war, erst Literatur zu übersetzen und dann nichts anderes zu tun als jeder unstudierte Arbeiter. Er lachte und sagte, er habe das amüsant gefunden. Ich glaubte ihm nicht. Vor allem als mir klar wurde, dass meine Eltern damals jünger waren, als ich es jetzt bin. Sie hatten beruflich und privat alles erreicht, sie waren glücklich gewesen und zufrieden; jetzt standen sie wieder – am Anfang. Keine Frage, meine Eltern lebten auf einmal in einer Art Vakuum, denn genau so fühlte sich auch mein Leben an. Hamburg war angenehm, aber eine Stadt, zu der ich keine Verbindung hatte. Im Gegensatz zu Prag hatte Hamburg nicht diese komplizierte, neurotische Schönheit. Aber je mehr ich die sentimentale Verklärung der Heimat, die ich für immer verlassen hatte, bekämpfte, desto mehr begann mir der geradlinige, kühle Charme Hamburgs zu gefallen. Dieser Charme hatte mit der entspannten, freundlichen Art meiner neuen Freunde zu tun. Ich musste ja wie ein Baby die Sprache neu lernen, und keiner gab mir das Gefühl, ich sei ein Idiot – außer ich tat es selbst. Im Gegenteil, sie bemühten sich, mir zu helfen, indem sie praktisch andauernd mit mir redeten.

Während ich mir früher zutiefst pubertäre, philosophische Gedanken über die Bedeutung des Lebens gemacht hatte, ging es nun darum, die Namen der Dinge zu lernen. Besonders begeistert war ich von zusammengesetzten Wörtern wie “Plastiktüte”, “Staubsauger” oder “Mahlzeit”. Auch das Wort “Bundesrepublik” hatte es mir angetan. Aber das magischste Wort von allen war “Maximantel”, und das nicht nur wegen seines Klanges. Der Maximantel, ein sehr langer, schwerer Wintermantel, der einem bis zu den Füßen reichte, war der letzte Schrei in jener Saison, in meinem ersten Winter in Deutschland. Dieser Mantel erinnerte einen an das 19. Jahrhundert, er war puritanisch – und gleichzeitig sehr provokativ. Wir, die 16-Jährigen jener Zeit, begriffen nicht, wie sexy diese Mäntel eigentlich waren. Denn es ging ja darum, dass man unter dem langen Mantel einen sehr, sehr kurzen Rock trug, den man eigentlich mit farbigen Strumpfhosen und hohen Stiefeln kombinierte; aber die Teenager Hamburgs wählten meistens Cordjeans und sportliche, hochgeschnürte Schuhe. Und natürlich imitierte ich sie, obwohl ich mich wie jedes osteuropäische Mädchen nach dem vorerotischen, miniberockten Nutten-Look sehnte. Ich besaß die Jeans und ich besaß die Schuhe, aber der Maximantel – der allgegenwärtige, essentielle Maximantel – blieb für mich ein unerreichbarer Traum. Plötzlich wurde mir mit einer schmerzhaften Klarheit bewusst, dass wir als Emigranten deutlich weniger Geld hatten als noch in Prag. Meine Eltern konnten es sich schlicht nicht leisten, mir einen Maximantel zu kaufen. Schließlich verdiente mein Vater beim Otto Versand nur 1 000 Mark im Monat. Warum hing mein Herz an diesem Mantel? Er war gerade in Mode, richtig, aber eigentlich musste ich nicht immer genau den Gegenstand besitzen, der gerade angesagt war. Manche Dinge war mir völlig egal; zum Beispiel machte ich mir nichts aus breiten Ledergürteln mit riesigen Schnallen und auch nichts aus all dem Zeug, das aus “Knautschlack” fabriziert wurde. Der Maximantel aber war für mich das Symbol der kühlen westlichen Eleganz, weiblich und doch entspannt, sehr erwachsen und dabei bedingungslos jugendlich. Und manchmal stellte ich mir vor, wie ich nach Prag zurückkehren und dabei einen übernatürlich schönen, schicken Maximantel tragen würde. Meine tschechischen

Freunde würden staunen! Trotzdem ging es in dieser Fantasievorstellung natürlich um mehr als nur darum, Eifersucht zu provozieren; es ging um den unmöglichen und verbotenen Wunsch, aus dem Exil in die Heimat zurückzukehren. Wenn ich in diesem Winter mit einem Maximantel nach Prag gefahren wäre, dann hätte das bedeutet, dass unser Aufenthalt in Hamburg nur vorübergehend gewesen wäre: ein Einkaufstrip, ein Kurzbesuch. Ich hasste die bedrückende Endgültigkeit der Emigration. Wenn man 1970 die Grenze zwischen der Tschechoslowakei und Westdeutschland überquert hatte, dann gab es keinen Weg mehr zurück. Man kündigte sein altes Leben und begann ein neues – mit den Konsequenzen musste man leben. In meinem Fall war es die grausame Tatsache, dass ich mir den Mantel meiner Träume nicht leisten konnte. Die Rettung war, wie sich herausstellte, mein kleiner Bruder Maxim, der so fotogen war, dass man ihn sofort engagierte, als mein Vater ihn als Model für die Kataloge des Otto Versandes vorschlug. Damals, als er zehn Jahre alt war, hatte er langes, gewelltes Haar, ein erwachsenes und vielsagendes Lächeln und die überraschende Fähigkeit, vor der Kamera mit der Selbstverständlichkeit eines erfahrenen, gehirntoten, mittelalten Models zu posieren. Ich weiß nicht genau, wie mein Bruder damit fertig wurde, dass man ihn aus seiner natürlichen Umgebung herausgerissen hatte. Er spielte Fußball mit Freunden, wie er es auch schon in Prag getan hatte, er klebte vor dem Fernseher (vor allem “Tarzan”) und las alle Bücher nur auf Tschechisch. Sein Deutsch war nicht perfekt, aber besser als meines. Auf den Katalogfotos schaut er inmitten der meist blonden deutschen Kindermodels aus wie ein Fremdkörper, dunkel und lässig. Er sieht auch älter aus, wie ein Erwachsener in Miniaturformat und nicht wie ein übergroßes Baby. Maxim erhielt ein anständiges Honorar dafür, dass er aussah wie eine Wachsfigur in lächerlichen Kostümen: ein karierter Anzug, eine Knautschlack- Jacke “im Rennfahr-Look”. Mit dem ersten Geld, das er bekam, kaufte mir mein kleiner Bruder meinen ersten, für immer unvergesslichen Maximantel. Er war von C&A, kostete 98 Mark und war wie ein Stück vom Himmel. Sehr dunkles Marineblau, mit einem kleinen Stehkragen und Metallknöpfen bis zum Boden. Er passte mir wie selbstverständlich, als wäre er immer meiner gewesen. Das Gefühl, endlich!, meinen allerersten Maximantel zu besitzen, war

so überwältigend süß, dass ich sofort vergaß, wie das Leben ohne ihn gewesen war. Als ich ihn am nächsten Tag anzog und in die Schule ging, fühlte ich mich endlich wie eine von ihnen: Ich hatte, was sie hatten, ich trug, was sie trugen. Ich gehörte dazu. Und jetzt, da ich meinen Maximantel hatte, war ich auch selbstbewusst genug, mit einer Gruppe meiner Freunde zum Pink-Floyd-Konzert zu gehen. Wir hatten dort übrigens alle einen Maximantel an und zogen ihn nie aus.

Was die Modelkarriere meines Bruders angeht, die dauerte nicht allzu lang. Als er eines Tages angerufen wurde, um für weitere Fotos zu posieren, da hatte er mehr Lust, mit seinen neuen deutschen Freunden Fußball zu spielen, und er sagte nein – und wurde nie wieder gefragt. Es ging ihm nicht wirklich um das Geld, denn es wurde eh nie dazu verwendet, seine Träume zu finanzieren. Was Maxim wirklich wollte und nie bekam, das war eine Carrera-Bahn. Eine Rennanlage aus Plastik mit kleinen Autos. Er sagt, dass er sie sich heute immer noch wünscht – und ich glaube, ich sollte ihm eine kaufen.

Die Kelle

Der Heinz war uns mächtig auf die Nerven gegangen. Zum Geburtstag hatte er ein Schaffnerset bekommen, mit einer roten Plastikschärpe, einer Schildmütze und einer Kelle dazu. So ausstaffiert stand er im Partykeller seiner Eltern auf einem Eimer, fuchtelte mit der Kelle durch die Luft und krähte: “Alle Mann hier herum, ich bin die Schaffnerpolizei”. Weil wir endlich Topfschlagen wollten, fügten wir uns einfach seinem Kommando. Als er dann allerdings auch den weiteren Nachmittag von seinem Eimer aus dirigieren wollte, beschlossen wir, ihn einfach zu ignorieren, und so schlug sein Versuch, die Gesellschaft neu zu ordnen, schon nach dem ersten Durchgang fehl. Heinz wusste um die Bedeutung seiner Insignien. Denn unser erster Schritt in die Freiheit war in diesem Sommer auch unsere erste Begegnung mit dem Staat gewesen, jenem abstrakten Gefüge aus Rechten und Pflichten und Ordnungsorganen. Zu Beginn des neuen Schuljahres durften wir endlich unbeaufsichtigt mit dem Bus nach Hause fahren. Heinz, Olli, der Hintermayer und ich hatten den selben Weg, also bildeten wir eine verschworene Gemeinschaft, die auch auf dem Schulhof hielt. Was waren wir erwachsen geworden mit unseren acht und neun Jahren. Mündige Bürger mit einem eigenen Fahrschein, einem eigenen Heimweg, einem eigenen Schlüssel. Unsere Freiheit endete jedoch nur wenig Meter hinter dem Schultor vor dem Zebrastreifen. Dort stand die Vertreterin der Staatsgewalt, eine ältere Dame, die bei jedem Wetter einen orangefarbenen Gummimantel und eine Schildmütze mit einem fluoreszierendem Band trug. Unter ihrem Arm klemmte ihre Kelle, ein polierter Holzstab, an dessen Ende eine runde Metallscheibe befestigt war, weiß lackiert mit orangenem Kern. Mit der konnte sie wahre Wunder vollbringen. Kelle runter ließ uns auf der Stelle verharren. Kein Ausbruch war möglich, sonst erklang ein gellender Pfiff auf der Trillerpfeife, die sie an einer Schnur um den Hals trug. Kelle hoch brachte den vierspurigen Ausfallsverkehr mit einem Schlag zum Stehen. An der Schülerlotsendame kam keiner vorbei, und das war auch gut so. Sie gab unseren Eltern dieses Gefühl von Sicherheit – und eigentlich auch uns. Denn mal ehrlich, der Weg vom Fußballplatz nach Hause führte über Erdhügel und Bürgersteige, einen nicht zu betretenden Rasen und ein Treppenhaus, das im

Wochentakt von den Mietparteien blank gefegt wurde. Zwischen der Schule und dem Mittagstisch lagen jedoch unzählige Gefahren. Ampeln, Kreuzungen und Fahrradwege, die Bushaltestelle mit den missmutig Erwachsenen, nicht zuletzt jene mythischen Figuren, die hier draußen die Funktion der Gespenster unterm Bett übernommen hatten – die unbekannten Männer mit der Schokolade, die nur darauf lauerten, uns zu verschleppen und Gräueltaten zu begehen. Die Frau mit der Kelle aber wachte wortlos und streng über den kurzen Weg zwischen der Schule und der Busstation. Wir kannten ihren Namen nicht, wir wussten auch nicht, was sie während der 22 Stunden tat, die sie nicht vor unserer Schule stand. Wir wusste nur – dieser Frau kann man vertrauen. Weil sie mit einem Zeichen ihrer Kelle die ganze Welt zum Stillstand brachte. Keine Frage, wo die Staatsgewalt auftritt, regt sich auch der Widerstand. Unser einziger Versuch zu rebellieren wurde allerdings schnell unterbunden. Der Olli hatte entdeckt, dass sich das große Tor des Schulhofes öffnen ließ. So konnten wir, anstatt den Zebrastreifen zu benutzen, einfach über die Straße laufen, vor allem aber vorbei am Kiosk, einem Pavillon aus Holz, vor dem sich schon am Mittag ältere Herren zum Bier trafen. Dort setzten wir unser Taschengeld in Superman-Hefte und Gummischlangen um. Wir legten unsere Münzen in die Schale aus buntem Plastik und verstauten die Beute zwischen Heften und Büchern in den Ranzen. Wir hatten uns ein Stück wirklicher Freiheit erobert. Einen Ort, an dem man uns wie Erwachsene behandelte. Als selbstständige Kunden. Dieses unerschütterliche Vertrauen in den funktionierenden Rechtsstaat übertrug sich natürlich auch auf uns Kinder. Ein paar Jahre später wussten wir zwar, dass Polizisten Bullen heißen. Doch dies war nur eine freche Floskel. Sollten wir die Herren in den grünen Uniformen nicht um Rat fragen, wenn wir uns einmal verlaufen hätten? Sie hatten uns sogar schon bewiesen, dass sie nur unser Bestes wollten. Auf der Ringstraße, als wir mit Heinzens Eltern vom Kino heimkehrten. Ein Streifenwagen überholte, ein Arm in Leder reckte sich aus dem Beifahrerfenster und winkte mit einer Kelle, in deren Mitte eine rote Lampe leuchtete. Heinzens Vater kontrollierte Tacho und Krawatte, fuhr auf den Pannenstreifen und kurbelte das Fenster herunter. Er überlegte kurz. War das

Rücklicht ausgefallen? Der Tankdeckel nicht zu? Schuld war er sich keiner bewusst. Der Beamte mit der Kelle stieg aus, trat höflich an den Wagen. Der Hinterreifen sei schon ganz platt, sagte er. Da könne schnell ein Unglück geschehen. Heinzens Vater bedankte sich, grüßte und machte sich sogleich mit Wagenheber und Schraubenschlüsseln daran, den Schaden zu beheben. Wie viel Staatsgläubigkeit verträgt ein Land? Selbst als sich die Kelle in den Händen der Polizei zum Instrument von Zucht und Ordnung wandelte, wurde das Sicherheitsgefühl nicht weiter gestört. Zur gleichen Zeit, als die Fahndungsplakate in den Postämtern auftauchten, erfand die Staatsmacht die Methode der Rasterfahndung. An den Straßensperren standen die Polizisten nun bewaffnet und bereit. Mit ihren Kellen selektierten die Beamten die Fahrzeuge für die Stichproben am Straßenrand. Die Freundlichkeit war verflogen. Sie fragten mit strengem Ton nach den Papieren, ließen uns den Kofferraum öffnen, manchmal sogar das Gepäck. Nach der Prozedur winkten sie einen wortlos weiter. Das sahen wir meist nur im Vorbeifahren. Es waren nie wir, die durchsucht wurden. Der Kampf zwischen Untergrund und Staat tobte in abstrakten Fernsehbildern und Zeitungsberichten. Nach wie vor waren es die anderen, die unter der Wirklichkeit zu leiden hatten, auch wenn sich diese Wirklichkeit mit einem Mal in nächster Nähe befand. Bis in die späte Jugend begleitet uns die Kelle als Szepter des öffentlichen Dienstes und gleichzeitig das Gefühl, in Sicherheit zu sein. Später gingen wir unsere eigenen Wege. Heinz schlug die mittlere Beamtenlaufbahn ein. Olli ging in die Werbung. Der Hintermayer zum Bund. Und weiterhin blieb alles klar und alles geregelt. Erst als die Mauer fiel und die Grenzposten auf beiden Seiten machtlos mit ansahen, wie die Bürger ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen, schien die Kelle an Bedeutung zu verlieren. Nutzlos hing sie an den Gürteln der Grenzer. Niemand wollte sich noch den Weg weisen lassen. Die Realität war nach Deutschland zurückgekehrt. Und der Lauf der Geschichte ließ sich nicht einfach so regeln wie der Straßenverkehr. Den Heinz habe ich vor kurzem nach Jahren mal wieder besucht. Die

Beamtenlaufbahn hat er abgebrochen. “Nix zu verdienen”, wie er meinte. Jetzt macht er in Papieren und hat sich in Krailling ein hübsches Einfamilienhaus gebaut. Es war ein recht langweiliger Abend. Wir saßen in der Küche, tranken Wein. Heinz erzählte von seinen Aktienpaketen, seinen Investitionen, versuchte mich dazu zu überreden, doch endlich meine Ersparnisse aggressiv anzulegen. Im Wohnzimmer spielten seine beiden Söhne auf der Polstergarnitur. Der Ältere trug einen Cowboyhut. Der Jüngere eine Feder. Dann standen sie plötzlich vor uns. Sie zogen ihre Plastikpistolen. “Geld oder Leben”, krähte der Ältere. Dann griffen sie sich jeder einen Keks und rannten wieder hinaus.

Die Fleischwurst

Wurst verbindet, das wusste schon meine Großtante zu berichten. Für ein Stück Wurst konnte man zu Kriegszeiten bei Familie Henscheid in der Nähe von Köln zwei Tage versteckt werden. Egal ob der Wursthändler auf der Flucht vor Nazis oder als Nazi auf der Flucht war. Die Wurst hing innen im Mantel oder wurde dezent aus der Tasche gezogen. Professionelle Herbergsunternehmen brauchten nur einen Blick, um Wurst in Nächte umzurechnen. Auch ich lernte bereits im Alter von vier Jahren, was es hieß, eine Wurst zu bekommen. Damals, 1964, wurde ich praktisch an die so genannte Wurstnadel gehängt. Der Gang zur Wurst von Metzgerei Schweißfurth machte mich und andere Kinder süchtig. Dort trafen wir uns und warteten auf jenen Moment, an dem sich die dickste Verkäuferin mit den vollgeschwitztesten Oberarmen direkt über die Wursttheke beugte und mit den Sätzen: “Na, mein Süßer? Was haben wir denn da? Willst du Wurst, mein Kleiner?” ein verhältnismäßig großes, braun-rot- saftiges Fleischwurststück im Echtdarm über die Theke hielt und darauf wartete, dass ich es mit meinen kleinen Patschehändchen annahm und dann mit stolzem Seitenblick zu meiner Mutter reinbiss. Für unseren Dackel Ilka war das eine Qual. Kann mich noch gut erinnern, wie er 1968 nach eben einem solchen Metzgerbesuch Selbstmord beging, indem er sich von einem Mercedes überrollen ließ. An diesem Abend hatte ich eigentlich zum ersten Mal die Nase voll von Fleischwurst und lernte, dass Fleischwurst nur dazu dient, Klassenunterschiede auf sehr unangenehme Art und Weise zu unterstreichen. Der Hund bekam Fleischwurst im Kunstdarm, den er dann erst Wochen nach Wurstverzehr mühsam aus dem Arschloch drückte. Mein Echtdarm war mittlerweile in alle Einzelteile zerlegt und alle Nährstoffe in die Kleinkindentwicklung eingebaut. Aber egal ob Echt- oder Kunstdarm, es kommt auf den Inhalt an, und ich vermute mal, dass ich als 8-Jähriger dieselbe Wurst bekommen habe wie etwa die 68er. Und genau darauf will ich hinaus. Die Wurst von damals ist einer der Zeugen, die es leider nicht mehr gibt und die eindeutig belegen könnten, dass die Fleischwurst eines Nazis von heute nichts, aber auch gar nichts mehr mit einer Fleischwurst der 68er zu tun hat. Die Zeiten haben sich geändert. Ich habe

dieselbe Fleischwurst bekommen wie Joschka Fischer, für mich sind dieselben – damals noch gesunden – Kühe und Schweine gestorben wie für Joschka, und wir wurden beide damit auf Klassenunterschiede aufmerksam gemacht. Die Wurst war ein Machtinstrument. Und genau deshalb musste sie 89 verschwinden. In der damaligen DDR gab es nur sehr wenige Vitamine und noch weniger Mineralien. Als meine Eltern mit mir mal in der DDR zu Gast waren – mein Vater spionierte damals für den BND -, haben wir in Leipzig DDR-Fleischwurst gegessen. Schon wenige Stunden später hatten wir weiße Flecken unter den Fingernägeln. Die DDR-Fleischwurst absorbierte die letzten Mineralien und Vitamine, die Haut wurde fahl, Calciummangel setzte ein. Warum, fragten wir uns in Helmstedt. Warum sammelt mein Vater im Lionsclub Brillen für Afrika, und warum nicht Fleischwurst für die DDR? Schon wenige Stunden nach unserer Rückkehr in den Westen, war meine Haut wieder gut durchblutet und die Flecken komplett verschwunden. Vitamine und Mineralien symbolisieren Reichtum, und Reichtum war dem Osten untersagt. Also aß ich meine Fleischwurst bis 1989 alleine weiter. Aus der Spenden- und Sammelaktion ist nichts geworden. Es ging um Wichtigeres wie etwa Mode und Verzweiflung, FSK, Holger Hiller, Sounds, um geniale Dilletanten, um die Bekämpfung der kommerzialisierten Neuen Deutschen Welle und um die Frage, ob alle Grünen noch alle Fleischwurst im Schrank haben. Sah damals nicht so aus. “Ab nach Indien” haben wir gerufen und die Fleischwurst zusammen mit “Vier Kaiserlein” einer Nürnberger Lebkuchenspezialität, in uns reingeschoben und an früher gedacht. An die Zeit als man uns abhängig gemacht hat und die Fleischtheke die Grenze zwischen Macht und Abhängigkeit war. “Die Mauer war eigentlich eine Fleischtheke”, hat mir mal ein kleiner Ostdeutscher Metzger erzählt, der 1989 auf Neulandfleischwurst umstellen wollte, was aber der Vereinigungsvertrag verboten hat. Selbst am Abend der Wiedervereinigung habe ich Fleischwurst gegessen und mich geärgert, dass es auf allen Kanälen nur um Bananen ging. Kurz darauf kam es zu ersten Engpässen. Die Fleischwurst verschwand aus den Kühltheken. Ab und zu bekam man mal einen Tipp. Da ist man dann regelrecht

hingerast, oft zu spät. Ich bekam damals Entzugserscheinungen, hörte von Fleischwurstdepots in der Ex-DDR und von Hamsterkäufen der Klassenfeinde. Das hat mich stark belastet. Jeder Verlust belastet mich. Mit Überfluss kann ich gut umgehen, aber Verlust macht mich traurig. Weil es so scheiße ist, wenn man mal etwas hatte, was einen glücklich gemacht hat. Die Fleischwurst im Westen hat einen glücklich gemacht. Die Fleischwurst im Osten sicher nicht. Erst jetzt wo ich sehe, dass Westerwelle, dem man den Entzug von Fleischwurst regelrecht ansieht, nur noch alles in einen Topf wirft und das Töten von Schwarzen gleichsetzt mit ein bisschen Popohauen bei Polizisten, die noch mit Filbinger zusammen im Lager waren, dann möchte ich ihm so eine Fleischwurst oben und unten, hinten und vorne reinstecken, damit das dumme Geschwätze endlich aufhört. Das Projekt 18 der FDP wird niemals funktionieren. Dafür werde ich Sorgen. So wahr ich Fleischwurst bin! PS: Eine neueste Untersuchung hat ergeben, dass das Verschwinden der Fleischwurst 1989 die Möglichkeit einer BSE-Erkrankung um circa 0,9 % Prozent verringert. Von daher hat mir die DDR vielleicht sogar das Leben gerettet. Danke!

Der Pass

Es war ein Sonntagnachmittag, als ich das Passbild von meiner Mutter fand, zwischen Zetteln und Fotos in einem Karton. Da lebten meine Eltern längst in der kleinen Stadt bei Hannover, die das neue Zuhause geworden ist vor vielen Jahren. Seit dem Faschingsdienstag 1984, um genau zu sein, und vielleicht fällt mir das so wieder ein, weil meine blonde Mutter auf jenem Passbild verkleidet aussieht, mit dunklem Rollkragenpullover, schwarzhaarig, bleich, Schatten unter den Wangenknochen, die ganze auffällige Unauffälligkeit einer untergetauchten Terroristin. Wahnsinnsbild, das war das erste, was ich dachte, perfekt der irre, entschlossene Blick. Der zweite Gedanke war, dass ich sie so noch nie gesehen hatte. An die schwarzen Haare hätte ich mich erinnern müssen. So etwas vergisst man nicht, auch wenn die Jahre wie Nebel zwischen heute und dem Entstehungsdatum der Aufnahme liegen. Das Foto selbst stammt aus der Zeit vor dem Faschingsdienstag 1984, aus einem auf groteske Weise exotischen, jetzt unerreichbaren Land. Weil es das Land, in dem wir wohnten, nicht mehr gibt. Die Uniformen unserer Soldaten waren grau wie die Augen meiner Mutter, und der Schnitt hatte verblüffende Ähnlichkeit mit den Uniformen der Wehrmacht. Unser Pass war wunderbar blau, und wir: Wir waren damals weder das Volk, noch waren wir Deutsche; wir waren Staatsbürger der Republik. Alles andere hörte sich fremd an. Nicht richtig jedenfalls. Es gab einiges, was wir Staatsbürger mit dem blauen Pass machen konnten. Er sorgte für Stimmung und milde Schadenfreude, wenn jemand der Sinn nach einem misslungenen Passfoto mit einem falschen Lächeln stand. Im Sommer konnte man mit ihm Insekten zerdrücken, die zu winzig waren, als dass sie Mitgefühl erregt hätten. Aber vor allem war unser blauer Pass in seinem Überhaupt-Vorhandensein eine Art Beweis: Uns und unser Land gibt es wirklich. Da wird es den Fortschritt schon auch noch geben. Man musste es ja immer und ständig allen beweisen. Den Staatsbürgern. Und denen draußen, außerhalb der Grenzen, die das Land, das es nicht mehr gibt, in Gänsefüßchen setzten. Was dumm war. Klüger wären jene Populisten gewesen, hätten sie das Land nicht in Frage gestellt und sich für die Anerkennung der DDR eingesetzt. Denn das wirklich Wichtige haben sie übersehen; vielleicht erschließt es sich auch nur im Rückblick: Erst wir gaben der Idee, die ein anderer, ein grüner Pass

verkörpern sollte, einen Sinn. Wir sorgten für Stabilität. Ohne den blauen Pass hätte es den grünen nie gegeben. Je deutlicher die Demokratische Republik von der Bundesrepublik getrennt war, umso klarer und lauter konnte diese Ich schreien, sich heimisch und sicher vor Nationalismus fühlen in einem paradoxen Verfassungspatriotismus, unschuldig werden, BRD werden. Keiner redete von Deutschland, von Geschichte. Kohls Wort von der Gnade der späten Geburt war kein Affront, sondern Konsens. Die Wurzeln und das Faule waren Drüben, die DDR das nationale Unterbewusstsein, Hüterin verbannter Phantasien. Wie eine Sondermüll-Kippe auf einem anderen Planeten, hier Musterland, dort Mördergrube, und nur ein paar paranoide Intellektuelle wie Enzensberger, die erwartungsgemäß das eine noch immer für das andere hielten. Tatsächlich, die Welt war in Ordnung. Am Faschingsdienstag 1984 ist nach zwei Jahren Wartezeit unser Ausreiseantrag genehmigt worden. Meine Eltern hatten die ungeheuerliche Idee gehabt, den blauen Pass gegen den grünen einzutauschen. Bevor wir der Grenze entgegenfuhren und mit dem abgelegten Faschingskostüm auch meine Kindheit in der DDR zurückblieb, hatte ich noch eine letzte sonderbare Begegnung in der Schule. Das Mädchen Grit, Tochter eines schwer atmenden Funktionärs, nahm mich zur Seite. Ihr vertrauter Schweißgeruch war beruhigend und abstoßend zugleich. Wir waren zwölf Jahre alt. Da ist Krieg, verstehst du? Ich verstand nicht. Da, wo ihr hinwollt, sagte Grit. Weil so der Kapitalismus ist. Du musst dich entscheiden – willst du Krieg, oder willst du Frieden. Als ich Jahre später im Karton das Terroristen-Passbild meiner Mutter, also ein Stück bis dahin verborgener Familiengeschichte fand, war mir erst recht klar, dass es in Wirklichkeit weitaus ernster war. Für den echten grünen Pass hätte meine Mutter auch ihr Leben aufs Spiel gesetzt, das gab ihm einen extremen Wert; einen falschen grünen Pass hatte sie sich schon besorgt. Es gab auch den Plan, im Schlauchboot über die Ostsee zu paddeln. Das haben sie tatsächlich so gemeint. Nur war die quälende Frage immer, wie man die Familie

zusammenbehalten sollte. Dann jedoch kam die Entwarnung, denn der Ausreiseantrag war genehmigt. Die naive Klarheit von Grit hat mich aber sehr beeindruckt. Es schien auch genügend Belege für ihre These zu geben, aus ihrer Sicht: Im DDR- Fernsehen der singende Amerikaner Dean Reed, der es vorgezogen hatte, aus den Südstaaten in den Oststaat zu ziehen. Weil Krieg war und der Ku-Klux-Klan die Schwarzen tötete. Karl Jaspers hatte seinen BRD-Pass abgegeben. Weil die Faschisten längst den Dritten Weltkrieg vorbereiteten. Manfred von Brauchitsch, der Silberpfeil-Pilot, war bei Nacht und Nebel in die DDR geflüchtet, und das sicherlich nicht, weil unsere Autos schneller gewesen wären. Erst später kam mir der Gedanke: dass es genau diese Logik war, Grits Logik, wieder bis zur Erkenntlichkeit umgedreht, die der alten BRD ihre Identität gab. Wenn da drüben das Böse war, musste die eigene Seite die gute sein. Nur in einem irrte Grit. Was sie auf Krieg und Frieden reduzierte, hatte in erster Linie nichts mit Kapitalismus zu tun. Der Konflikt war ein anderer: Es ging immer um nationale Identität. Dabei schienen beide deutsche Staaten das Problem gelöst zu haben, über eine Abgrenzung zum jeweils anderen. Als wir den BRD-Pass bekamen, hat man es ihm sofort angesehen, die einstige Idylle und die Abwesenheit des Zweifels. Die historische Farbe des wohlhabenden Bürgertums leuchtete da, neu interpretiert als Hoffnung, Zuverlässigkeit, Sicherheit: Alles im grünen, im westdeutschen Bereich. Ein unverdächtiges Terrain. Man war nur stolz auf das, was man geleistet hatte. Die grüne Farbe signalisierte nichts Nationales, sondern letztendlich eine materielle Haltung. Sie bedeutete Wohlstand für alle. Das war, bevor sich das Land nach rechts ausbreitete, auf der Landkarte und auch im Geist; bevor man wieder Deutschland sagte. Dieser Begriff kam schleichend auf, fast unbemerkt, wie jede Veränderung der Sprache. Zuvor hatte man immer nur von Bundesrepublik gesprochen. Ich verstand es sofort, es war das Gleiche wie in der DDR. Nur dass sie hier nicht Staatsbürger der Republik, sondern Bundesbürger sagten. Das lernte ich, kaum dass ich in der BRD war, von meinem niedersächsischen Onkel. Er saß auf seinem Sofa, das grün war wie der Pass und der Wohlstand, ließ seinen

Nachbarn schwarz bei sich im Garten arbeiten und setzte, weil er schlau war, seinen trägen Dackel als Jagdhund von der Steuer ab. Bis der von einem Schäferhund totgebissen wurde. Bei uns hier, sagte damals der Onkel auf dem Sofa, bei uns hier sagt man Bundesrepublik. Und innerhalb dieser Republik gab es Münchner, Hamburger, Bremer, eingeschworen auf ein Grundgesetz, verkörpert in der Unschuld des grünen Passes. Innerhalb der BRD gab es Deutschland nicht. Im Sommer nach der Ausreise fuhr ich mit einer Freundin und deren Eltern zum Zelten an die Adria, auf eine istrische Insel. Die Pinien dufteten. Janina und ich verglichen täglich unsere Bräune, kicherten, wenn Körper in den Nachbarzelten Rhythmen vorgaben, die wir nicht kannten. Auf einem Markt in der Nähe des Campingplatzes kaufte ich ein türkisfarbenes Strandkleid. Wir aßen CevapCici und waren glücklich. Eines Mittags fielen uns zwei Jungs am Strand auf. Wo die wohl her sind?, erkundigte ich mich bei Janina. Sie zuckte mit den Schultern: Aus Deutschland, glaube ich. Aus Deutschland. Wo sie doch aus Bremen waren. Denn während der grüne Pass im eigenen Land die Bundesbürger als Gemeinschaft schuf, hatte er noch seine andere Funktion, in der er sich vom DDR-Pass unterschied: Mit ihm konnte man auch Grenzen überschreiten. Und damit fand jene Deutschwerdung statt, die es innerhalb der alten BRD nicht gab. Sobald man sie verließ, waren wir keine Bundesbürger mehr. Auf einmal waren wir Deutsche unter Deutschen, deutsche Touristen allesamt. Sie haben uns das angesehen, und umgekehrt erkannte man sie schnell. Sie stopften sich CevapCici rein und waren glücklich in der Sonne. Und vielleicht haben die Bundesbürger genau deswegen so schnell mit dem Reisen angefangen: Weil sie so auch in aller Unschuld, zwischen Ein- und Ausreise, Deutsche sein konnten. Sie eroberten mit ihrem Pass die Welt. Heute gehört ihnen auch die BRD, seit mit dem Wegfallen der innerdeutschen Grenze die schöne Kollektivillusion geraubt ist, dass der Verfassungspatriotismus den Nationalgedanken ersetzt habe. Der grüne Pass ist durch einen anderen ersetzt worden. Statt öffentliche Wertvorstellungen an der

Normativität der Gesetze zu messen, geistern diffuse Kulturbegriffe umher. Die Idylle ist verschwunden, genau wie der grüne Pass. Und manchmal frage ich mich, was aus Grit geworden ist. Ob sie mir nochmal dieses Land erklären könnte. Wir sind jetzt neunundzwanzig Jahre alt und haben längst wieder den gleichen Pass.

Racke Rauchzart

Eigentlich fängt die Geschichte in den USA an, in den zwanziger Jahren: Die Prohibition hatte damals die dortige Whiskey-Industrie abgewürgt, und das Land wurde von geschmuggelten Scotch überschwemmt. Natürlich war das Zeug meist gepanscht, überteuert und nur auf kriminellem Wege zu erwerben, doch die Gier war stärker als jede Vernunft. So wurde schottischer Whisky zum Inbegriff der Selbstbestimmung, zum natürlichen Begleiter des großstädtischen Einzelkämpfers und nicht zuletzt zu einem Symbol wahrhaft freier Marktwirtschaft. Und so kam er dann auch zu uns, damals, als die Weltanschauung vom Way of life in die Schranken verwiesen wurde. Nicht dass Whisky früher in Deutschland gänzlich fremd gewesen wäre: Die Berliner Schickeria der zwanziger Jahre kannte ihn aus noblen Hotelbars, und die Nazis hatten sich in der Herstellung von “Deutschem Rauchkorn” versucht. Aber es bedurfte erst der Institutionalisierung westlicher Zivilisationsstandards durch die Siegermächte, um den Whisky hierzulande marktfähig zu machen. Nach dem Ende des deutschen Terrors waren es gerade die fremdländischen Vokabeln und Genüsse, die eine Identifikation mit den neuen Werten ermöglichten und neue Rollenvorbilder transportierten. Eines davon war der abgebrühte Kerl unter dessen rauer Schale sich ein sentimentaler Kern versteckte, und das kam vom Whisky, das sah man im Kino. Harte Männer tranken das Zeug pur, und wenn sie zu viel davon erwischt hatten, wurden sie redselig und bekamen diesen Hundeblick. Dann war da noch der weltgewandte Partylöwe, der Whisky-Soda trank und versuchte, wie David Niven rüberzukommen, es bestenfalls aber auf Heinz Drache brachte. Und schließlich noch die wilden Jungs mit Jeans und Moped, die ihre Cola gern mit Whisky aufgepeppt hätten, wenn sie es sich denn hätten leisten können. Das Problem waren die hohen Importzölle, die Whisky zu einem echten Luxusartikel machten. Zum Prestige-Getränk der frischgebackenen Wirtschaftswunderkapitäne, zum Glamour-Ausweis jener Filmstar-Generation, die die neue Moral verkörperte. Whisky war sündhaft und sexy und nur in der großen Welt zu haben. Die hielt sich bevorzugt an Orten auf wie dem Swimmingpool und dem Partykeller, den modernen Institutionen luxuriöser

Freizeitgestaltung. So ein Partykeller war undenkbar ohne Scotch und Crackers, “Negermusik” und schummrige Beleuchtung. Leere Whiskyflaschen, am liebsten solche der Marke Vat 69, wurden zu Kerzenhaltern umfunktioniert, denn zum Wegwerfen waren sie viel zu schade. Der Entwurf eines neuen Lebensstils war also da, nur an der massentauglichen Umsetzung fehlte es noch. Nun schlug die Stunde der Firma Racke, einem alten Bingener Weinhandelshaus in Familienbesitz. Die Rackes importieren schottischen Malt Whisky – die geschmacksgebende Basis jedes Blended Scotch -, verschnitten ihn mit deutschem Getreidebrand und boten das fertige Produkt als Red Fox Whisky an. Zum halben Preis dessen, was ein echter Scotch damals kostete. Das war im Jahre 1958 und bescherte der Firma sofort einen Riesenerfolg und einigen Ärger mit den schottischen Interessenverbänden, die wegen des englischen Namens eine Irreführung ihrer Kundschaft befürchteten. Racke lenkte ein und behielt nur das Logo mit dem roten Fuchs auf dem Etikett, nannte die Marke fortan aber Racke Rauchzart. Das war nun wirklich ziemlich clever. Der Name Rauchzart traf die aromatischen Eigentümlichkeiten von Scotch ziemlich genau, und der Fuchs bediente das Klischee von britischer Upper-class- Marotte ebenso gut wie das von anheimelnder deutscher Waldeslust. Racke Rauchzart kam 1961 heraus, und auch er war auf Anhieb ein Renner. Dass er milder schmeckte als die meisten der damals in Schottland üblichen Blends, war eher von Vorteil, und dass er nicht über den Sexappeal von echtem Scotch verfügte, hatte auch sein Gutes: So konnte sich jeder anständige Bürger sein tägliches Quantum Abenteuer genehmigen, ohne in den Ruch von Ausschweifung und Verschwendungssucht zu geraten (das hieß natürlich noch lange nicht, dass auch Frauen Whisky tranken – Hildegard Knef und Konsorten mal ausgenommen; die Damenwelt blieb doch bitte bei Likören, Bowlen und süßen Cocktails). Der deutsche Mann jedenfalls hatte es gut, denn mit einem Racke-Cola stand er auf der Seite der Freiheit, signalisierte aber gleichzeitig jene Bescheidenheit, die nach 12 Jahren großdeutschen Wahns plötzlich zur Tugend geworden war.

Im Laufe der sechziger Jahre wurde die Marke zum Selbstgänger. Die Zahl der Partykeller wuchs, und mit ihr die Erkenntnis, dass Racke Rauchzart und gesalzene Erdnüsse eine unschlagbare Mischung abgeben (jede Menge Bier zum Nachspülen inklusive selbstverständlich – das macht der Schotte auch nicht anders). Die Firma Racke legte nach und brachte “rauchzart mit” heraus, einen vorgemixten Whisky-Soda in Portionsfläschchen. Der floppte ebenso wie der wenig später lancierte Bourbon Old Red Fox, der eigens aus Kentucky importiert wurde. Racke Rauchzart hatte sich durchgesetzt, weil er außer Durst auch weitergehende Sehnsüchte zu stillen versprach, die beiden Nachfolgemarken dagegen waren bloß zwei neue Produkte auf einem zunehmend prosperierenden Markt. Immer mehr echte Scotchs drängten nun auf den Markt, und immer mehr Konsumenten waren bereit, dafür auch mehr Geld auszugeben. Mit der aufgeklärten Jugend der siebziger Jahre verabschiedete sich dann eine große Gruppe potenzieller Käufer von den alten Idealen. Sie stieg auf Metaxa und Persico um oder vergnügte sich gleich mit anderen Rauschmitteln. Whisky bekam einen etwas spießigen Hautgout – selbst die DDR stellte so etwas jetzt her: Zum Beispiel den Falckner von der VEB Edelbrände, den es hin und wieder gab, und den Smoky Springs aus Nordhausen, den es im mer gab, allerdings nur für die Nomenklatura – die Puhdys unter den Whiskeys. Den nächsten Schlag bekam Whisky von der Fitness-Welle versetzt. Wenn überhaupt Alkohol, dann leichter Weißwein oder Wodka, hieß es nun. Wodka wurde der große Renner, gleichermaßen beliebt bei Punks wie bei Yuppies (erstere waren allerdings nicht so zimperlich, was die Wahl der Dröhnung anging). Die Rackes reagierten darauf, indem sie die Bezeichnung Whisky auf dem Etikett immer kleiner werden ließen. Rauchzart war nur noch eine Marke von vielen, allerdings eine, die mit ihrem biederen Image so etwas wie Kontinuität in der Welt der Neuen Übersichtlichkeit verhieß. Wohl nur durch Zufall entging sie der kultischen Verehrung, die in den achtziger Jahren diversen Relikten der fünfziger entgegengebracht wurde, um der allgemeinen Hilflosigkeit einen irgendwie lustigen Anstrich zu geben.

Nach der Wende war auch damit mehr oder weniger Schluss. Deutschland war erwachsen geworden, und für Sentimentalitäten ist nun kein Platz mehr. Erfolg ist das Einzige, was zählt, und erfolgreiche Menschen haben wenig Zeit zum Trinken.Und wenn schon, dann muss es etwas Exklusives sein, schottischer Single Malt zum Beispiel. Auch diesmal reagierte Racke richtig und verbesserte die Qualität des Whiskeys. Racke Rauchzart wird heute ausschließlich aus schottischen Destillaten zusammengestellt und rangiert – ohne nennenswerten Werbeaufwand – noch immer unter den fünf meistverkauften Whiskeys der Republik. Noch in Zeiten, in denen jede Provinz-Bar ihren Malt-Whisky auf der Karte hat, erreicht Rauchzart sein Publikum. Man spricht nicht darüber, aber getrunken wird er trotzdem.

Der Dual-Plattenspieler

Nochmal: Wir sind ein Haushalt ohne Plattenspieler gewesen. Wir sind ein Haushalt ohne Plattenspieler oder Tonbandgerät gewesen. Wir sind ein Haushalt mit einem Radio im Wohnzimmer und einem Radio in der Küche gewesen. Mutter hat ein Leben ohne Plattenspieler gelebt. Auch Vater hat ein ganzes Leben ohne Plattenspieler, ohne einen einzigen Tonträger gelebt. Vater, das muss man sich mal vorstellen, hat keinen einzigen Tonträger hinterlassen. Vater hat im Auto Verkehrsfunk gehört. Mutter hat in der Küche Verkehrsfunk gehört. Was vor Einrichtung des Verkehrsfunks war, weiß kein Mensch. Wann war die Ölkrise? Wann war Sonntagsfahrverbot? Wann kam Kraftwerks “Autobahn” in Hitparaden und Charts? Am Anfang war der Strom. Am Anfang war das Leben in Höhlen: Annette hatte ihren batteriebetriebenen Plastikplattenspieler mitgebracht, Waldi einen Stoß zerschundener Platten. Trunkenheit am Feuer. Vier Glamrock-Tage in diesen Sandsteinhöhlen oberhalb vom Fluss. Wo alles angefangen hat. Music to MakeLove by. Womöglich die entscheidendsten Tage meines Lebens. Was war zuerst? Der Plattenspieler oder die Platte? Mein erster Plattenspieler war ein monophoner Kofferplattenspieler mit eingebautem Verstärker und einem Frontlautsprecher gewesen. Gleich der erste Plattenspieler war ein Einsteigermodell von Dual. Vater hatte ihn bei Elektro- Fröschl besorgt. Bei Elektro-Fröschl gab es über die Firma Prozente. Ich glaube, es war ein Geburtstagsgeschenk. Höchstwahrscheinlich war es ein Geburtstagsgeschenk. Schwarzes Gehäuse, abnehmbarer Deckel. Klein, aber Dual. Dual: der Mercedes unter den Plattenspielern. Dann eben ein kleiner Mercedes. Unverwüstlich. Ja, ein Geburtstagsgeschenk. Was war zuerst? Die Single oder die LP? Erste Platten: “Spider” von T. Rex und “Machine Head” von Deep Purple. Die ersten beiden Platten wurden zusammen mit zahlreichen anderen Haushaltswaren bei Cash & Carry in der Landeshauptstadt erworben. Erst die dritte Platte wurde in der Kreisstadt gekauft: “Electric Warrior”, wieder T. Rex. Single oder LP? Erste Single: “Black Dog” von Led Zeppelin. Singles fand ich immer reichlich teuer. Oft reichte es nur zu einer Single. Singles fand ich immer reichlich unpraktisch. Außer für

Feste. Für Feste waren Singles ideal. Seltsam: Immer, kein Mensch weiß warum, waren es die Buben, die sich auf Partys um den Platz am Plattenteller schlugen. Plattenauflegen war Bubensache. Viel zu viele der Mädchen, fand ich, kümmerten sich überhaupt nicht um die Auswahl der Stücke, was deutlich schlimmer war, als sich hartnäckig für Jim Croce und Neil Young einzusetzen. Schnell wurde klar, dass der eigentliche Plattenspieler des Koffersets gar nicht Mono war. Aus dem Tonkopf (Kristalltonabnehmer) kamen mehrere verschiedenfarbige Kabel. Schnell wurde klar: man brauchte meinen Plattenspieler nur aus seinem Koffer befreien, ihm eine Kiste bauen und ein paar Kabel umlöten, und schon hatte man einen akzeptablen Stereo-Plattenspieler. Music To Flirt By Music To Sleep By Music To Watch Cars By Music To Be Strangled By Musik für Kinderzimmer Musik für Jugendzimmer Den zweiten Plattenspieler kaufte ich mir selbst. Magnettonabnehmer. Mein zweiter Dual-Plattenspieler war schleiflackweiß. Schleiflackzeit. Schleiflackweiß setzte sich am deutlichsten von allen Holztönen ab. Das Gegenteil von Deutscher Eiche. Wahrscheinlich war es gar kein Schleiflack, womöglich war es bloß eine matte Klebefolie, die über rauhen Preßspan geklebt war. Egal, wirklich egal. Weiß. Klasse. Mittelklasse: Hatte so um die dreihundert Mark gekostet. Antanzen lassen. Vortanzen lassen. Abtanzen lassen. Beim Dagmars November-Party gab es erwartungsgemäß Streit, bei fast jedem Fest gab es Streit darüber, wer die nächste Platte auflegen durfte. Die Partytauglichkeit des neuen Plattenspielers war bemerkenswert, durch eingebaute Transportschrauben war er ausgesprochen mobil, sein rauchgläserner Deckel abnehmbar. Dazu meine selbstgebauten Boxen. Trotzdem: immer hatte irgendwer einen stärkeren Verstärker. Egal, vollkommen egal. Kopfhörermusik Lautsprechermusik Wenn der verstorbene Frank Sinatra der verstorbenen Marlene Dietrich als der

Mercedes unter den Männern galt, dann war der Dual-Plattenspieler der Mercedes unter den Plattenspielern. Deutsche, quatsch, badenwürttembergische Wertarbeit. Dual Gebrüder Steidinger. Dual-Plattenspieler aus St. Georgen im Schwarzwald. Baden oder Württemberg? Es gibt badische und unsymbadische, sagen die Badenser und kleben diese, ihre Erkenntnis mitten auf ihre badische Stirn. Der Plattenspieler als repräsentativer Einrichtungsgegenstand, der Plattenspieler als Designerwahnsinn, der Plattenspieler als audiophones Testlabor. Dual-Geräte galten als solide-modern. Sie waren nie hässlich, nie wirklich schön. Von ihnen durfte man keine futuristischen Designer- Höchstleistungen erwarten. Schade eigentlich. Dual klingt knapp und sachlich. Ich schere mich nicht allzu sehr um Marken, aber es gibt Dinge im Leben, die sollten absolut zuverlässig funktionieren. DAF singen: “die lustigen stiefel marschieren über polen. die lustigen stiefel marschieren über polen. die deutschen kinder marschieren ein in polen. die lustigen stiefel.” Ohne Punk wären die bevorstehenden Achtziger unerträglich geworden. Ohne Techno wären die beginnenden Neunziger unerträglich geworden. Ein Leben ohne Plattenspieler stelle ich mir trist und öde vor. Ohne Plattenspieler, behaupte ich mal, wäre das mörderische zwanzigste Jahrhundert nie zu Ende gegangen. Was hören Thorens-Käufer für Musik? Was hören Elac-Fans für Musik? Was hören Dual-Plattenspieler-Sammler für Musik und was berichten Sie auf Ihrer liebevoll eingerichteten Website? Die Firma Gebrüder Steidinger produzierte anfangs Federlaufwerke, was immer das sei (Schwarzwald – klingt fast automatisch nach Uhren), baute später Plattenspieler und holte 1937 für Nazi- Deutschland eine Auszeichnung auf der Weltausstellung in Paris. The hinterland:

Nach dem Krieg diversifizierte Dual, baute auch fast sämtliche andere Phonokomponenten, verleibte sich den lokalen Konkurrenten Perpetuum Ebner ein (schon der klasse Name war den Preis sicher wert), um nach einigen Umsatz- Rekorden selbst von der französischen Firma Thomson übernommen zu werden. Die verkaufte bald an die labilen Schneider Rundfunkwerke, die wiederum den Namen Dual an Karstadt abtraten. Die virtuellen Dualfans zu einem der aktuell

lieferbaren Karstadt-Plattenspieler unter dem heiligen Namen aus dem Schwarzwald: “Plastik-Schrott aus Fernost – lieber einen Gebrauchten kaufen.” Sister Sledge sagen: We’re lost in music … Sister Sledge sagen: … we’re caught in a trap … Sister Sledge sagen: … there’s no turning back. Musik als Waffe. Normalerweise, geht das Gerücht, wurden Dual-Spieler von ihren Besitzern zum Abspielen von ECM-Platten eingesetzt. Meine beiden Dual- Plattenspieler selbst aber waren scheißliberal. Es scherte sie einen Dreck, was ich auf ihnen abspielte. Saul Williams sagt: I was raised on Public Enemy and cornflakes. Roundings per day, roundings per hour, roundings per minute. 33 Umdrehungen oder 45 Umdrehungen? Kein Mensch weiß, mit wievielen Umdrehungen sich eigentlich der CD-Player dreht. Kein Mensch weiß, mit wieviel Umdrehungen sich der Mini-Disc-Player dreht. Kein Mensch weiß, ob sich in einem MP3-Player überhaupt etwas dreht. Warum auch? Hauptsache läuft. Hauptsache läuft gut. Hauptsache klingt gut und läuft. Roundings per decade: Irgendwann, nach zwanzig Jahren, war die Endabschaltung kaputt. Irgendwann steckte der Lifthebel nur mehr lose im schleiflackweißen Gehäuse, irgendwann ging der Deckel nicht mehr zu. Irgendwann wurden die Laufgeräusche endgültig unerträglich. Eines Tages wurde mir das alles zu blöd. Irgendwann kaufte ich mir einen CD-Player. Trotzdem brauchte ich weiterhin einen Plattenspieler. Es gab ja all diese großartigen Platten, die nicht einfach ausgemustert, die auch nicht einfach als CDs nachgekauft werden konnten. Es gab ja all diese geheimen Läden, die weiterhin so taten, als hätte Vinyl nie abgeschafft werden sollen. Und es standen dort aktuellere Tonträger als irgendwo sonst. Seltsam: noch nie habe ich so viele Vinyl-Tonträger gekauft wie seit dem Zeitpunkt, da es angeblich keine Schallplatten mehr gibt. Tatsächlich war mein Lieblingsplattenladen noch nie so randvoll mit pressfrischem Vinyl wie heute. Tatsächlich musste mein Lieblingsplattenladen vor drei Jahren ganz erheblich vergrößern. Tatsächlich ist mein Lieblingsplattenladen längst schon wieder zu klein. Gleichzeitig gibt es kaum mehr Plattenspieler zu kaufen. Nur mehr absolut indiskutables Klumpp, und das kommt für den Dauereinsatz nicht in Frage. Oder aber einige

unverschämt teure High-End-Geräte. Warum dann also nicht gleich DEN Plattenspieler kaufen? Den Plattenspieler den ich nie kaufen wollte, weil mich der Kult um ihn immer nervte. Den Unaussprechlichen. Das todfotografierteste Objekt des letzten Jahrtausendjahrzehnts. Ein Klasse-Gerät, ich habe seinen Kauf nie bereut: der Ferrari unter den Plattenspielern. (Kommt aus Japan.) Hat mit Deutschland nichts mehr zu tun. Es gibt Dinge im Leben, die müssen einfach reibungslos funktionieren. Daneben steht jetzt ein kleines Mischpult und gerade überlege ich, ob ich den dreckig-weißen Dual an seine Seite stellen soll. Ein wenig umräumen – fertig. So wie es aussieht, werde ich nichts als Tonträger hinterlassen.

Der Trainingsanzug

Und sie wissen doch nicht, wie es geht. Spaß haben, ist Dinge grillen, die aus Abfall gemacht werden, schmeckt nicht, gar nicht lustig, dann eben Bier trinken bis man Spaß hat. Der Rest ist arbeiten, wenn man was zum Arbeiten hat, die Frau verprügeln, den Mann verprügeln und fernsehn, fernsehn, fernsehn, fernsehn, Dreck essen, Dreck lesen, Dreck in die Köpfe, davon bekommt man noch mehr Langeweile doch auch das ist ihnen nicht klar. Schön sind sie nicht, warum auch, der Körper tut weh, das Herz, und keiner weiß warum. Und was ziehen wir nur an. Anziehen muss man doch irgendwas, aber modern soll es schon sein und dann kam Gott: Guten Abend, ich bin Gott und so weiter, und warf den Trainingsanzug über Deutschland ab. Oh, ein bunter Anzug aus tollem, geschmeidigem Material, dachten sie, und schlüpften hinein. Ein gutes Gefühl war das. Nichts drückte, nichts machte ihnen ihre Formen bewusst, nichts gemahnte sie an ihre Existenz, ne, nur nicht, lass mal lieber, und da war es. Ein Kleidungsstück wie sie. Nicht schön, aber irgendwie traurig. Und sie verschmolzen in der schönsten Liebesnacht ihres Lebens mit dem Textil, entdeckten das Gefühl, bekleidet zu sein, als sei man nackig, und irgendwie war das auch schön, mit dem Anzug, der nach ihnen roch, und den Schuhen, und alles wurde ein Brei der Unauffälligkeit, neonfarbene Kleckse, die sich seitlich bewegten, und er war geboren: der Deutsche im Trainingsanzug. Es war genug Sport getrieben, ist auch völlig richtig so, die Dekadenz des Körperkultes ist so öd, und zum in die Fresse hauen fehlt mir grad die Kraft. Nirgends auf der Welt hat es das, Menschen mit so blöden Anziehsachen. Der feiste Ami quetscht sich in Shorts, nun, ob das die Evolution vorantreibt, ist noch offen. Der Deutsche also im Trainingsanzug, stinkt vor sich hin, hat immer eine Flasche in der Hand oder Bacardi Cola im Glas, ist immer unzufrieden, und immer sind die anderen Schuld, sieht blöd aus, und ist doch eine arme Sau, und sieht fern und isst Mist, und am Fenster fahren Laster vorbei, und es stinkt nach dem Zeug, das sie gegessen haben, und keine Arbeit oder wenn dann eine Scheißarbeit, und sie haben so eine Wut, so eine große Wut, wenn sie nur wüssten worauf. Vielleicht auf die hässlichen Dinge, die sie tragen müssen, weil etwas anderes

nicht geht, vielleicht auf das Land, das Leben, ist doch egal, und so schreien sie und pöbeln und vielleicht sind sie auch mal still, wenn sie im Bett liegen, in ihrem Trainingsanzug, und draußen ist es wieder laut und morgen wieder ein dummer Tag in einem dummen Leben und so eine Wut und weinen wollen, aber das geht nicht, weil sie haben ja einen Sportleranzug an, und Sportler sind Deutsche, und ein Deutscher weint nicht, und dann schlafen sie ein und wachen wieder auf und Tatsache: Das Leben ist immer noch da und der Trainingsanzug, Gottlob, der auch.

Das RAF-Fahndungsplakat

Es musste vorher heftig geregnet haben, das Wasser stand noch neben den geteilten Gehsteigen, die hier, eine Hamburger Krankheit, bloß zur Hälfte mit Platten belegt sind. Die Bäume troffen von der Nässe, und die Luft war mitten im Sommer durch die Feuchtigkeit eiskalt geworden. Dunkel war es außerdem, eine Studioszene eigentlich: außen, Nacht. Ich hatte gerade Stefan Austs “Baader-Meinhof-Komplex” gelesen und fürchtete im nassen Dunkel um mein Leben. Ein solch literarischer Schrecken ist mir sonst nur noch von Ed Sanders’ Reportage über Charles Manson in Erinnerung, “The Family”, der reine Horror. Eine Schreckminute, eine Wiederholung. Natürlich war das meiste von dem, was Aust in Polizeiberichtsprosa referierte, ein nicht weiter elaboriertes Räuber-und-Schande-Spiel: Autojagden, die Polizei immer dicht auf den Fersen, ungeschickte Banküberfälle, falsche Haare, Pistolen, die nicht funktionieren, und dann, als Zuwaage für den Erwachsenen:

Staatsgewalt und staatliches Unrecht. Es waren in jener verregneten Sommernacht längst Geschichten aus alter Zeit, tolle Streiche der vorigen Generation, und vielleicht hat man in den Hamburger Partyrepubliken zwischen 1970 und 1972 ja wirklich öfter das Gedankenspiel exerziert, ob man sie aufnähme für eine Nacht, wenn sie draußen stünden: die Ulrike, die Gudrun und auch den finstren, leider gar nicht intellektuellen Baader. Die anderen, die nicht mit der Ulrike getrunken und diskutiert hatten, also alle, kannten sie doch vom Bild, vom Fahndungsplakat. Das gab es sonst nur im Western, dass jemand so theatralisch gesucht wurde, tot oder lebendig und mit Belohnung, 1000 oder später sogar 100000 Mark für “sachdienliche Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen”. In jenen fernen siebziger Jahren, von denen Stefan Aust in seiner Chronik erzählt, kam der Steckbrief wieder in Mode, von dem jemand grimmig herunterschaute, abgeschossen oder irgendwie zur Seite gedreht, wie’s früher strenge Vorschrift, damit ein Ohr bei der Identifizierung hülfe, keinerlei Ähnlichkeit mit lebenden Menschen. Es waren ja auch die Terroristen, die so gesucht wurden, zum Fürchten sollten sie sein, diese Verbrechervisagen, und wie im Wilden Westen drohte Schusswaffengebrauch.

Die Elastolin-Figur

Ich besaß zwischen sechs und 11 Jahren etwa 40 Elastolin- Figuren. Sie waren meine ganze Leidenschaft. Es gab aber eine denkwürdige Woche meines Lebens, da hatte ich etwa 150 Figuren. Nahezu die gesamte Kollektion. Eine ganze Woche lang. In einem Karton unter meinem Bett. Ein Freund aus der Schule hatte sie mir geliehen. Behauptete ich. Die eine Gruppe dieser Figuren stellte Indianer und Siedler dar. Die andere Gruppe waren Ritter, Knappen und ein paar Ritterfräuleins. Bei der dritten Gruppe handelte es sich um römische Legionäre. Die Figuren sind etwa sieben Zentimeter groß. Zu Pferd erreichen sie zehn bis zwölf Zentimeter Höhe. Das Material, das Elastolin, ist gehärtet und überraschend leicht. Die Gesichter der Figuren sind eindrucksvoll genau und schön geformt. Leicht transparent sind sie dort, wo Mantelsäume, Frisuren oder Kopfschmuck dünner werden. Sie sind sehr naturalistisch und liebevoll bemalt und stehen auf dünnen grünen Sockeln. Wenn man diese Sockel umdreht, so steht darauf “Elastolin”, in geschwungener Schrift. Und darunter, kleiner, in Druckschrift steht “Germany”. Neben den beiden Schriften ein kleiner eingestanzter Kreis. Den habe ich nie verstanden. Das geheime Firmenzeichen? Es gab auch deutsche Soldaten, aber die habe ich nie besessen und nie begehrt. Sie waren sehr viel hässlicher und zu Hause als “Landser” ohnehin strikt verboten. Mein Vater war in Russland gewesen. Die Elastolin-Indianer sind stets im Angriff, die Siedler wehren ab. Dementsprechend aggressiv verzerrt sind im allgemeinen die Gesichtszüge der Indianer. Ruhig dagegen die Gesichter der Siedler. In der Gruppe der Siedler gibt es keine Frauenfiguren. In der Gruppe der römischen Legionäre natürlich auch nicht. Die Ritter veranstalten ein Turnier oder sie sind im Kampf. Sie sitzen auf aufwändig gezäumten Pferden, schwingen von dort oder im Stehen das Schwert oder lassen den Morgenstern auf Häupter herunterrasseln. Sie bekommen von ihren Knappen das Rüstzeug gereicht – von sehr hübschen rosigen Jungs, die mein Schönheitsbild in der Früh-Pubertät geprägt haben.Oder die Knappen knien im Kampf – sich mit einem Schild schützend – auf dem Boden. Die Burgfräuleins, die auch sehr ebenmäßige, rosa-cremige Gesichtszüge haben und die mein frühes Schönheitsbild von Frauen ebenfalls stark beeinflussten – stehen

mit hohen Hüten an Fenstern, auf Wällen oder Burgzinnen und blicken in die Ferne. Wohl zu den Kämpfenden hinüber – oder gelangweilt von ihnen weg. Sie sind im allgemeinen blond. Eine war schwarzhaarig. Für die Ritter benötigte man eigentlich eine Ritterburg. Ich hatte keine. Für die Indianer und Siedler benötigte man ein Palisadenfort. Das hatte ich. Und in einiger Entfernung standen zwei Tipis. Mit einer einzigen Indianerin, die ein Kind auf den Knien wiegte. Wenn ich alleine spielte, dann warteten auch die Burgfräuleins vor den Tipis. Und die Stein- und Pechschleuder, das imposanteste Objekt der Rittergruppe, stand dann vor dem Palisadenfort. Manchmal, wenn alles andere gespielt war, dann bewarfen die Belagerer das Fort nicht mehr mit Steinen, auch nicht mehr mit kleinen Pechwürfeln aus Elastolin, sondern mit den kerzengeraden Burgfräuleins, deren Hüte eine spitze Waffe darstellen konnten. Vor allem an den Körpern der halb nackten Indianer. Die aber eigentlich als Verteidiger im Fort sowieso nichts zu suchen hatten. Die Indianer waren ja Angreifer. Selbstmordattentätern ähnlich.

Der Joint

Eine Zeitlang rauchte ich jeden Tag. Ein Piece kostete zehn Mark, und das konnte ich mir natürlich nicht leisten, aber es gab immer jemanden, der etwas dabei hatte. Meistens waren es die Älteren, die mit uns nach der Schule in den “Kaffeestuben” am Grindelberg herumsaßen, wo es damals, Mitte der 70er, schon genauso roch, wie es inzwischen in jedem Biomarkt riecht, und weil die 70er für mich keine guten Jahre waren, hasse ich diesen Geruch bis heute. Wirklich beschreiben kann ich ihn aber nicht, denn im Beschreiben von Gerüchen bin ich immer schlecht gewesen, ich kann nur etwas über die Zeit sagen, aus der er stammt. Es war eine dunkle, fanatische Zeit, in der die meisten Jugendlichen genauso hässlich dachten, wie sie aussahen, sie waren verklemmte, unaufrichtige Nazikinder, die mit ihren verklemmten, unaufrichtigen Nazieltern mehr gemeinsam hatten, als sie sich je hätten träumen lassen. Einmal rauchte ich etwas mit diesem Pockengesichttypen, der später bei den “Einstürzenden Neubauten” mitmachte. Wir kannten uns nicht, aber er hatte mich einfach mitgenommen, und nun saßen wir draußen in seinem alten schwarzen Mercedes und reichten uns stumm den Joint. Ich war 16, und wenn man 16 ist, gibt es Sachen, von denen man glaubt, dass sie so sein müssen, wie sie sind. Trotzdem fand ich das alles sehr merkwürdig. Was verband uns so sehr, dass wir schweigend zusammensitzen und am selben Joint ziehen konnten? Und warum redeten wir nicht lieber miteinander? Bei uns zu Hause wurde immer geredet, wenn zwei Leute oder mehr beisammen waren, aber bei uns zu Hause war sowieso alles anders, als da draußen in dieser für uns noch so neuen deutschen Welt. Wie dem auch sei, der Typ mit dem Pockengesicht hat mich kein einziges Mal angeschaut, während wir rauchten, und als wir fertig waren, sagte ich danke und ging zurück ins Lokal. Das alles war schon ziemlich seltsam, aber wie seltsam fand ich es erst, dass er später, wann immer ich ihn wiedertraf, so tat, als würden wir uns nicht kennen. Es dauerte lange, bis ich selbst den ersten Joint drehte – das war, nachdem ich mir endlich einmal ein eigenes Piece gekauft hatte. Ich saß zuhause auf dem Bett und hielt aufgeregt das Feuerzeug an den dunklen Haschischklumpen. Das heiße Haschisch verströmte einen Geruch, über den ich natürlich nicht viel sagen kann, außer vielleicht, dass ich ihn mochte, und nachdem ich die feinen Brocken in

den Tabak hineingemischt hatte, roch ich neugierig an meinen Fingern. Ich hatte zwei Blättchen längsseitig und leicht diagonal zusammengeklebt, dann kam noch eins quer oben drauf, aber als ich versuchte, das ganze halbwegs anständig zusammenzurollen, rutschten mir mal der Tabak, mal das Papier zwischen den Finger weg. Irgendwie funktionierte es trotzdem, ich schaffte es sogar, einen Filter aus dünner Pappe zu basteln, und endlich zündete ich mir dieses schiefe, riesige, zerfallene Ding an. Und wieder müsste ich jetzt den Geruch beschreiben, den Geruch des allerersten brennenden Joints in meinem Kinderzimmer, und wieder habe ich keine Worte dafür. Ich weiß nicht, ob ich gern rauchte, aber eher nicht. Ich mochte den Rausch nicht, der einen bloß nur müde machte, und wenn er einen nicht müde machte, dann machte er etwas mit einem, was ich nicht verstand. Manchmal grinste man ein bisschen blöd vor sich hin, manchmal bekam man Hunger auf Süßigkeiten – das war es auch schon. Ich hatte es jedenfalls nie erlebt, dass ein Mädchen, mit dem ich rauchte, plötzlich Sex wollte, oder dass eine Party durch ein paar Joints gut wurde. Die anderen rauchten alle wahnsinnig gern, sie fragten ständig den andern, ob er noch was habe, sie sagten, sie hätten gerade was geraucht oder sie müssten jetzt sofort was rauchen, und sie erzählten sich unentwegt dieselben Kiffergeschichten, in denen es entweder darum ging, wie sie einmal von der Polizei kontrolliert wurden und die Bullen das Piece nicht gesehen hatten, das vorne im Auto direkt auf der Ablage lag, oder wie sie einen wahnsinnigen Lachanfall gekriegt hatten, weil das Zeug nicht gestreckt war oder so. Am fremdesten waren mir meine Haschischfreunde aber, während sie rauchten. Sie schoben sich den Joint zwischen Zeige- und Mittelfinger, sie machten eine Faust, die pressten sie gegen ihren Mund, und dann zogen sie den Rauch mit einem solchen Ernst und einer solchen Wut ein, die mich jedesmal überraschten. Es war so, als gäbe es auf dieser Welt ein Gefühl, einen Traum, eine Sache, die ich nicht verstand. Vermutlich waren sie cool. Mitte der Siebziger gab es dieses Wort eigentlich nicht – die Beatniks, die es einst den Schwarzen gestohlen hatten, waren längst vergessen, und die neuen Kinder des Pop, die es zwei Jahrzehnte später den Beatniks stehlen sollten, beschmierten gerade erst mit Fingerfarben die Wände

ihrer antiautoritären Kindergärten. Trotzdem, heute bin ich mir sicher: Wer kiffte, war cool – so wie der, der nachts um drei reglos an der Tanzfläche des “Grünspan” stand und ins Leere stierte, cool war, und cool war auch der, der in der Schule in der hintersten Reihe saß, nie was sagte, aber eine weiße Lederjacke an hatte und seine glatten blonden Haare mit Mittelscheitel trug. Cool sein hieß, in anderen Worten, Show zu machen, allerdings mit den Mitteln unsicherer, deutscher Mittelstandskinder. Es hieß, sich in Positur zu werfen und etwas darzustellen, was man gar nicht war, es war der verzweifelte Versuch von Leuten, aufzufallen, die in einem Land aufgewachsen waren, das immer schon etwas gegen Leute hatte, die auffielen, weshalb es ganzen Generationen von Kindern jede Form von Exhibitionismus und Temperament austrieb. Was aber soll ein Eisbrocken machen, der nicht wie die anderen Eisbrocken sein will? Er wird noch kälter als Eis. Er wird eben – cool. Das alles habe ich damals natürlich nicht gewusst. Ich war gerade erst aus Prag nach Hamburg herübergekommen, und ich ging davon aus, dass alle Leute gleich sind. Ich dachte, wir alle lachen über dieselben Witze, wir finden dieselben Bücher gut, wir haben dieselben Tricks, mit denen wir um die Aufmerksamkeit der Mädchen kämpfen, und wir sind alle auf dieselbe Art direkt. Ich bin mir sicher, meine deutschen Freunde und Bekannten haben viel früher als ich gemerkt, dass sie und ich anders sind, aber sie haben es mir leider nicht gesagt. So versuchte ich meine halbe Jugend lang zu entschlüsseln, warum die anderen das taten,was sie taten, und erst nachdem ich – mit Hilfe von jemandem, von dem ich gleich erzählen will – begriffen hatte, dass dieser ganze langweilige deutsche Coolness-Mist einfach nur langweiliger deutscher Coolness-Mist war, konnte ich mich Dingen zuwenden, die ich verstand. Haschisch gehörte nicht dazu, es waren eher englische Rahmenschuhe und italienische Anzüge, die Bücher von Friedrich Torberg und Mordecai Richler und auch Mel Brooks’ extrem uncoole Holocaust-Witze, und als mich irgendwann einmal Anfang der Achtziger – ich lebte zum Glück inzwischen in München – diese wunderschöne junge Deutsche fragte, ob es stimme, dass die galizischen Juden die schlimmsten sind, lachte ich ganz uncool und schlief dann erst recht mit ihr.

Wenn ich heute an die dunklen Hamburger Jahre zurückdenke, kann ich mich an kaum ein Gesicht erinnern, geschweige denn an einen Namen. Der einzige Mensch aus der Zeit, den ich nicht vergessen habe, ist Mischa Grinberg aus Leningrad. Er war mit seinen Eltern ein paar Jahre nach uns nach Hamburg gekommen, und weil Emigranten, bevor sie sich bis auf’s Blut zerstreiten, einander erst einmal helfen, sollte ich mit ihm spielen. Mischa war ein ernster, hübscher Junge mit geraden schwarzen Haaren, einer ganz weißen, fast strahlenden Haut und einem Muttermal auf der linken Wange. Wir hörten zusammen Platten und erzählten uns in versautem Russisch irgendwelche angelesene Sexphantasien. Mischa durchschaute den Westen viel schneller als ich, es verging kein halbes Jahr, und schon wusste er, welche Musik man gerade hörte und in welche Lokale man ging, er sprach ein absolut klares, akzentfreies Deutsch, und dass er Hamburgs zweite Punkband gründete, war ebenfalls eine absolut grandiose Assimilationsleistung von ihm gewesen. Mischa und ich gingen natürlich manchmal auch in die “Kaffeestuben”, wir saßen mit den verklemmten Nazikindern an einem Tisch, und wir rauchten mit ihnen ab und zu einen Joint. Plötzlich aber passierte etwas. Ich weiß nicht, wer von uns beiden damit anfing, aber ziemlich sicher war er es gewesen, der große Durchblicker, der sagte, es sei genug. Jedenfalls war klar, dass wir mit diesem deutschen Jugendelend nichts mehr zu tun haben wollten. Ab sofort verachteten wir die eisige, fanatische Art, mit der unsere Kifferfreunde über ihre Eltern sprachen, wir verachteten ihren dämlichen Kommunistenfaschismus, ihren KBW-Maoismus, wir verachteten sie dafür, dass sie Andreas Baader und Holger Meins genauso großartig fanden, wie Supertramp oder Jethro Tull, wir verachteten ihre kindische Atom-Paranoia, ihre Palästinensertücher, ihren Israelhass, ihr albernes Rotwerden bei jeder Kleinigkeit, und vor allem verachteten wir sie dafür, dass sie selten das sagten, was sie gerade dachten. Von nun an rauchten wir nur noch unsere eigenen Joints, und wenn wir in die “Kaffeestuben” gingen, dann nur noch, um die lahme, kalte Bande dort als Hippiepack zu beschimpfen. Ich glaube, man nennt so was Paradigmenwechsel – und während ich mich schon bald an das tabulose, humoristische Erbe meines Volkes zu vertiefen

begann und mir den Vollbart abrasierte sowie die Haare ganz kurz schnitt, gründete Mischa die “Motherfuckers”. Sie waren eine Zeitlang sehr berühmt in Hamburg, vor allem nach diesem einen Konzert im Winterhuder Fährhaus, bei dem Mischa einem bekifften Langhaarigen, der auf die Bühne klettern wollte, die Zähne ausgetreten hat. So weit wäre ich natürlich niemals gegangen. Ich habe bloß einmal einen besonders schönen, riesigen Joint gedreht, in dem nur Tabak war. Den Joint legte ich in den “Kaffeestuben” unter einen Stuhl, und dann habe ich gewartet, was passiert. Die beiden hässlichen Jim-Morrison- Doppelgänger, die ihn fanden, weinten vor Glück. Sie machten ihn sofort an und ließen auch mich daran ziehen, und den Geruch dieses Joints kann ich ziemlich gut beschreiben: Er roch wie eine selbst gedrehte Zigarette. Trotzdem dauerte es keine drei Minuten, bis die beiden sagten, sie wären total stoned. Der Lachkrampf, den ich bekommen habe, hat mir bestimmt mehr Spaß gemacht, als Mischa der Fußtritt in ein wehrloses Hippiegesicht. Mischa habe ich, seit ich aus Hamburg weggegangen bin, nicht mehr wiedergesehen. Ich habe gehört, dass er eine Weile gefixt hat, gleichzeitig hat er Zahnmedizin studiert und große, wilde Bilder gemalt. Mit den Drogen soll er längst wieder aufgehört haben, er hat inzwischen eine sehr gut gehende Praxis, und eine Galerie, die seine Bilder ausstellt, gibt es auch. Mischa hat sich offenbar am Ende in Deutschland doch noch eingelebt, und ein bisschen klingt das alles so, als hätte er, der große Durchblicker, vom Genughaben nun wieder genug. Ich dagegen mache weiter, womit ich irgendwann in den dunklen Hamburger Jahren angefangen habe: Ich verachte noch immer die lächerliche Coolness der Deutschen, ich lache über sie, wann immer es geht. Wahrscheinlich sollte ich mal wieder etwas rauchen. Wenn man stoned ist, ist ja alles noch sehr viel lustiger.

Die Pershing

Vom militärischen Standpunkt aus betrachtet, taugte unsere Einheit zur Besetzung eines Trauerspiels. Über die Hälfte der fünfzehn Wehrpflichtigen waren nicht-anerkannte Verweigerer, die durch die so genannte Gewissensprüfung gefallen waren. Die übrigen trugen aus anderen Gründen das Prädikat “eingeschränkt tauglich”. Die Offiziere und Unteroffiziere waren hier, weil sie irgendeinen so schweren Fehler begangen hatten, dass ihre Karriere beendet war und sie unserer Einheit zugeteilt wurden. “Wenn die Russen wüssten, dass es uns gibt, wären sie in fünf Minuten hier”, sagte mein Stubenkamerad Kremers, dessen Haare bis zu den Schultern reichten. “Gehen Sie endlich zum Friseur”, sagte der Spieß jede Woche einmal zu ihm. “Ja, ja”, sagte Kremers, und nichts passierte. Unsere Einheit bezog zusammen mit anderen einen der größten Atombunker der Welt in der Nähe von Landsberg am Lech. Unterirdische Hallen, jeweils von der Größe mehrerer Fußballfelder, voll von hochsensiblem militärischen Gerät. Wir waren mit irgendwelchen anderen Truppen vernetzt und Teil eines Planspiels, bei dem es darum ging, einen atomaren Erstschlag des Warschauer Paktes zu verhindern. Nachrichten wurden über den Ticker versendet und empfangen, sonst geschah nichts. Hauptfeldwebel Buckl, ein schwerer Trinker, der überall Spielschulden hatte, leitete die Übung. Er teilte die Wehrpflichtigen zu halbstündigen Patrouillengängen durch den Bunker ein, bestimmte die Schafkopfteams und hatte ab zehn Uhr vormittags immer ein frisches Bier neben dem Ticker stehen. “Trink gutes Pils, trink Atompils”, witzelten wir. Das Kasernengelände schmorte in der Hochsommersonne. Vor der Hauptwache braute sich etwas zusammen. Seit im Stern veröffentlicht worden war, wo die amerikanischen Marschflugkörper stehen, versammelten sich dort immer wieder Demonstranten. “Hopp, hopp, hopp! Atomraketen stopp!” riefen sie, und “Petting statt Pershing”. An General John Joseph Pershing, Oberbefehlshaber der US-Truppen im Ersten Weltkrieg in Europa, dachte dabei niemand. Gemeint waren die nach ihm benannten Boden-Boden-Raketen zum Einsatz nuklearer Sprengköpfe. Wie war das noch gleich? “Im Bereich der atomaren Mittelstreckenwaffen mit Reichweiten von mehr als 1000 Kilometern besteht nach Ansicht der meisten

Beobachter, vor allem nach der Einführung der Westeuropa zusätzlich bedrohenden mobilen Mehrfachsprengkopfrakete SS20 und des Bombertyps Backfire in der Sowjetunion, ein nicht zu übersehendes – auch qualitatives – Übergewicht der WVO. Mit ihren Beschlüssen vom Dezember 1979 glaubt die Nato, im Mittelstreckenbereich das Gleichgewicht herstellen zu können, indem sie sich für die … Stationierung der Pershing II Rakete sowie der die herkömmlichen Ortungssysteme unterlaufenden präzisionsgesteuerten Marschflugkörper (Cruise Missiles) entschied.” So fasste die katholische Friedensorganisation Pax Christi die Lage zusammen. Als besonders infam wurde die Tatsache betrachtet, wie die Pershing nach Deutschland kam. Der Bundeswehr war nach internationalem Völkerrecht der Atomwaffenbesitz verboten, und an dieses Verbot sollte nicht gerührt werden. Also ersann man folgende Lösung des Problems: Die Marschflugkörper befanden sich in den Händen der Bundeswehr, die Atomsprengköpfe in den Händen der US Army. Beides wurde in unmittelbarer Nähe zueinander gelagert. Im Ernstfall mussten die Atomsprengköpfe möglichst schnell auf die Marschflugkörper gelangen, und zu diesem Zweck gab es bei der Bundeswehr Einheiten, die – de facto – direkt unter amerikanischer Befehlsgewalt standen. Der Zustimmungsbeschluss im Bundestag über die Stationierung wurde gefasst, als die Raketen einschließlich der nuklearen Sprengköpfe schon Wochen im Land waren. “Bündnistreue” nannte man diese freiwillige Aufgabe der staatlichen Souveränität. Zwei Häuser weiter in unserer Kaserne waren echte Soldaten untergebracht. Die, die es erwischt hatte. Sie waren beim FKG gelandet, was Flugkörpergeschwader hieß und bedeutete, dass sie die Pershing-Flugkörper zu bewachen und funktionsfähig zu halten hatten. Sie übten ständig zusammen mit den Amerikanern. Üben hieß, dass sie ausrücken mussten, Tag und Nacht, Woche für Woche. Wir erfuhren nie genau, was sie tun mussten, aber es hieß, das Geschwader habe eine besonders hohe Selbstmordrate. Wir fanden es schon unfassbar, dass sie überhaupt eine hatten. Das Wort “Pershing”, einst der Name eines Generals, später der einer atomaren Vernichtungswaffe, wurde um 1980 zu einem der Schlüsselbegriffe, wenn es darum ging, die größte Angst der Westdeutschen zu formulieren. Auf dem

Höhepunkt des atomaren Wettrüstens wurden sie sich darüber klar, an jenem Punkt der Erdoberfläche zu leben, den die Supermächte im Fall einer kriegerischen Auseinandersetzung für den atomaren Erstschlag ausgewählt hatten. Dieses Bewusstsein machte aus den Nachfahren jenes Volkes, das mit seiner Wehrmacht vierzig Jahre zuvor den halben Erdball in Brand gesetzt hatte, plötzlich überzeugte Pazifisten. Mittlerweile nehmen wir ja am globalen Kriegsgeschehen, Schulter an Schulter mit unseren Bündnispartnern, wieder aktiv teil, und so erscheint die Friedensbewegung im Rückblick eher wie ein kollektiver Schwächeanfall. Anfang der achtziger Jahre aber durfte man die phänotypische Verwandlung des deutschen Mannes durchaus als evolutionären Fortschritt betrachten. Vom kurzgeschorenen, scharfkantigen, muskulösen Landser ohne Gehirn hatte er sich zu einem nachdenklichen und sanftmütigen Prediger gegen den Krieg entwickelt. Palästinensertuchartige, Selbstgestrickte bestimmte das Bild. Der besorgte Familienvater, der sich mit seinen Lieben nach Bonn aufmachte, um “die Herrschenden” von seiner “Betroffenheit” zu unterrichten, dabei “Nie wieder Krieg”, “Schwerter zu Pflugscharen” und “We shall overcome” skandierte und sang, gilt heute als Klischeebild einer historisch bedingten Idiosynkrasie. Es war dieser schräge Antimilitarismus, der wegen seiner hysterischen Note selbst schon wieder verdächtig wirkte. Warum konnte man nicht einfach gegen Atomraketen sein? Warum musste man gleichzeitig für Wuselhaare, Vollbärte, selbstgedrehte Zigaretten, Nicaragua-Kaffee, Räucherstäbchen, rosa Latzhosen, Frauen- und Männergruppen, Friedenstage in der Schule, Stricksachen, lila Halstücher, Kirchentage, Betroffenheit und Singsang sein, musste Backen für den Frieden, Radeln für den Frieden, Singen für den Frieden, Tanzen für den Frieden, auch Atomkriegszenarien, pantomimisch nachgestellt von Schülerinnen und Schülern der 9b (geschminkt), und vieles mehr gut finden? Zwanzig Jahre später hat sich die Lage normalisiert. Die Vertreter jener untergegangenen “Alternativkultur”, die damals gegen den “Rüstungswahn” demonstriert haben, sitzen heute im Bundestag. Und wenn es sein muss, beschließen sie schon mal die Teilnahme der Bundeswehr an der Bombardierung

Belgrads über alle pazifistischen und völkerrechtlichen Bedenken hinweg. Im atomaren Ernstfall, so hieß es, wäre es nur eine Frage von wenigen Minuten, bis Deutschland, dann wieder in den Grenzen von 1937, einer unbelebten Steinwüste gliche. Für den durchschnittlichen BRD-Bewohner nahm sich die statistische Lebenserwartung für diesen Fall auch recht überschaubar aus. Zwei Minuten, hieß es. Also konnte einem nichts passieren, außer dem Schlimmsten. Das aber jederzeit. Wen wundert es da, dass die ersten Jahre der Achtziger eine hohe Zeit der Schlimmfinder war. Ob Atomraketen, kurze Haare, Penisse, Springerstiefel, Punkrock, amerikanische Spielfilme, Autos, Straßen oder was auch immer – sie fanden alles schlimm. Aber es gab eine andere Bewegung, die auf diese Endzeitstimmung nicht mit Weinerlichkeit und zur Schau gestellter Angst reagierte, sondern lieber zynisch sein wollte, dunkel, böse, hart. Ganz so, wie es Hendrik Bussiek in seinem Beitrag zu der Textsammlung “Zuviel Pazifismus?” ausführte: “Und wenn Sie auch vielleicht die Punk-Rock-Musik nicht ausstehen können, der Text eines Stücks der britischen Gruppe Sex Pistols sollte uns alle nachdenklich stimmen: ‘Es gibt keine Zukunft, / keine Zukunft für Dich. / Wenn es keine Zukunft mehr gibt, / kann es da Sünden geben? / Wir sind die Blumen im Abfalleimer, / wir sind das Gift in der Menschenmaschine, / wir sind die Zukunft.” Manch einen stimmten Texte wie diese tatsächlich nachdenklich. Auf die Situation in der Bundesrepublik bezogen, konnte man sie als Ausdruck des bösen Erwachens verstehen, in einer Welt zu leben, die das eigene Land lediglich als territoriale Verhandlungsmasse und Abschussrampe für Nuklearraketen betrachtete. Die eigene staatsbürgerliche Meinung, die man sich dazu gebildet hatte, war offensichtlich bedeutungslos, weil sie ohnehin übergangen wurde. Ob man dieser Erkenntnis nun als lamentierender Friedensdemonstrant oder als “Blume im Abfalleimer” Ausdruck zu verleihen suchte, war am Ende vielleicht nicht mehr als eine Frage des persönlichen Geschmacks. Aber es ist ja auch ein alter Hippie-Irrtum, den persönlichen Geschmack für unwichtig zu halten. Dass Demonstranten vor der Kaserne waren, als die Übung lief, hatten wir nicht

mitbekommen. Der atomare Overkill erwischte Hauptfeldwebel Buckl per Telex mitten in einem Wenz solo mit vier Haxen. Er nahm ihn – den Overkill, nicht den Wenz – eher beiläufig zur Kenntnis. Wir anderen grinsten. Es hatte geheißen, die Übung würde fünf Tage dauern und jetzt war nach zwei schon Schluss. Als wir an die Erdoberfläche zurückkehrten, hatte sich die Friedensdemonstration schon aufgelöst, andere Wehrpflichtige erzählten uns davon. “Ich hätte mich da mit raus gesetzt und mitgesungen”, sagte Kremers, “dann hätte ich auf beiden Seiten ein bisschen was für den Frieden getan.”

Perry Rhodan

“Das ist ein Haluter.” “Sieht ja schrecklich aus. Vierarmig!” “Trotz ihres für terranische Augen erschreckenden Aussehens sind die Haluter kein gewalttätiges Volk. Nur in ihrer so genannten Drangwäsche, einer Phase, in der sie dem Drang nachgeben, Abenteuer und Gefahren zu erleben.” “Ach tatsächlich. Wo kommen die nochmal her?” “Die Haluter stammen von den sogenannten Bestien ab, die wiederum von den Uleb abstammen. Vor rund 50000 Jahren zogen die Bestien mordend durch die Milchstraße, wurden dann aber unter dem Einfluss des lemurischen Formungsstrahlers plötzlich friedlich”, so mein ältester Bruder Bernd. Kleinere Brüder (vielleicht auch Schwestern?) haben oft die Angewohnheit die Zimmer ihrer großen Geschwister auf allzu nachhaltige Weise zu frequentieren – die Dinge, die sie dort finden und die Teile einer Pubertät sind, die zehn Jahre vor ihrer eigenen stattfindet, sind ihnen auf faszinierende Weise unverständlich, die Zusammenhänge, in denen sie stehen, sind nicht wirklich bekannt. Aber es sind, zumindest dort, wo man dennoch zähneknirschend oder freundlich von den Älteren geduldet wird, Imaginationsräume, Museen der Zukunft, in denen nicht die Fundstücke verschütteter, sondern Kultgegenstände und Rituale kommender Epochen ausgestellt sind. 1960 geboren, verschmolzen im Zimmer meines großen Bruders die überall herumliegenden Romanheftchen von “Perry Rhodan”, an der Wand hängende Bravo-Star-Plakate von Abba, die Musik von Alan-Parsons- Project und die Kataloge von Conrad-Elektronik. Das bestimmende Raumarom war das von Lötzinn: mein Bruder bastelte nämlich die ganze Zeit an irgendwelchen Elektronikbauteilen, an Verstärkern, Taktgebern, elektronisch gesteuerten Lichtanlagen und anderen Dingen – sie alle waren mir genauso selbstverständlich wie unbegreiflich und rundeten das Siebziger-Jahre-Disco- Universum ab, in dem meine Brüder ihre Pubertät verbrachten. Von all dem blieb auf den ersten Blick, als Inventar der Lebenswelt, nur Perry Rhodan übrig. Ich habe nie eine einzige Zeile gelesen – alles, was ich darüber weiß, hat mir mein großer Bruder erzählt. Und ich glaube, dass “Perry Rhodan – Die größte

Weltraumserie” genau deswegen nie ihren imaginativen Reiz für mich verloren hat.

Angefangen bei den Titelbildern: Fotorealistische Gemälde von Wüstenlandschaften, Grand Canyons und blauen, vielleicht norwegischen Fjorden, zwischen denen die merkwürdigsten Gestalten, Menschenähnliche, Mutanten oder Echsen in Raumanzügen herumturnen. Jedes dieser Bilder hatte (und hat) den Charakter eines Snapshots, waren keine ausbalancierten, komponierten Gemälde, sondern besaßen das Atemlos-Verblüffte von Fotos, die ein rasender Reporter auf großer Fahrt durchs Universum schließlich seinem terranischen Redakteur vorlegt, um die Reisespesenrechnung plausibel zu machen. Neben “Derrick” und Modern Talking ist “Perry Rhodan” die Dritte Macht unter den weltweit wirklich erfolgreichen Produkten deutscher Popkultur. Ihnen allen gemeinsam ist das serielle und universale – es sind Systeme, die sich jeder Sphäre nähern, die alles in sich aufnehmen und alles ihnen Fremde sich anverwandeln können. So wie Modern Talking immer absolut nach Modern Talking klingen wird, weil Bohlens Genie noch den kleinsten musikalischen Einfall in seinem Studio vollkommen zu neutralisieren und aufzuheben versteht; so wie Harry unter allen Umständen schon mal den Wagen holen wird (und ginge es um einen Mord in der besten Gegend des Planeten Swoofon, “dessen Bewohner nur 30 Zentimeter hoch sind und in ihrer Körperform an eine aufrecht stehende terranische Gurke erinnern”, würde mein Bruder ergänzen); so bietet das epische System “Perry Rhodan” jedem technischen Einfall, jeder Epoche der Menschheit, jedem literarischen Genre Platz und macht es zu einem Teil von sich.

“Perry Rhodans” Anfänge allerdings waren von jener typisch deutschen Bewusstseinslage nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt, die die Assimilation an die amerikanische Popkultur mit dem Unbehagen über den Verfall der Werte verband und überdies albtraumhaftes Unbehagen über die geographische und militärische Mittellage zwischen den Großmächten des Kalten Kriegs empfand. Die Editionsgeschichte von “Perry Rhodan” beginnt 1960. Zum Jahreswechsel 2000/2001 ging ein “erster”, 40 Erscheinungsjahre umfassender

Großzyklus zu Ende. Die Geschichte des Majors Perry Rhodan ließen seine Erfinder, K.H. Scheer und der unter, natürlich amerikanischem, Pseudonym arbeitende Clark Dalton 11 Jahre in der Zukunft beginnen: im Jahr 1971. Die Amerikaner schicken das erste bemannte Raumschiff zum Mond. Der Kommandant ist niemand anderes als Major Perry Rhodan. Auf dem Mond stößt die Besatzung der “Stardust” auf das havarierte Raumschiff eines außerirdischen Volkes: der Arkoniden. Dem Untergang geweiht, sind die Arkoniden auf der Suche nach dem Quell des ewigen Lebens. Alles, was sie noch tun können, ist fernsehen. Die Arkoniden sind krank, faul und sitzen den ganzen Tag vor den so genannten Fiktivschirmen. Ein dekadentes Volk, das allerdings immer noch über eine absolut überlegene Technologie verfügt. Major Rhodan bemächtigt sich des arkonidischen Raumschiffs, fliegt auf die Erde zurück, allerdings nicht, um das Raumschiff seinem Staat, den USA, zu übergeben. Nein, er gründet zusammen mit seiner Besatzung in der Wüste Gobi einen eigenen Staat, die so genannte “Dritte Macht” – der technologischen Überlegenheit der “Dritten Macht” beugen sich die zwei Großmächte des Kalten Kriegs in kurzer Zeit. Perry Rhodan verhindert einerseits den drohenden atomaren Weltkrieg – andererseits, und das ist in seiner pragmatischen Schlichtheit durchaus kurios, verdient die “Dritte Macht” unter dem Finanzgenie Homer Adams mit der weltweiten Vermarktung der arkonidischen Gebrauchstechnik so ungeheuer viel Geld, dass einem wirklichen Aufbruch ins All nichts mehr im Wege steht. Perry Rhodan bricht ins 27 Lichtjahre entfernte WegaSystem auf, seinerseits nun auf der Suche nach dem “Planet des ewigen Lebens”. Unter der Arbeit ist den Autoren das Projekt immer größer geraten, Zwiebelschale um Zwiebelschale zunehmend universaler kosmischer Strukturen legten sich um den Heimatplaneten Terra – bis am Ende, bei Roman 2000, endlich klar war: die Superintelligenz ES hatte vor 18 Millionen Jahren alles geplant und dabei schon auf den kommenden terranischen Gerechten Perry Rhodan gesetzt. Der durch einen kosmokratischen Zellaktivator im bleibenden Alter von 35 Jahren unsterblich gewordene Major und seine Gefährten wandelten sich in den 40 Jahren der Publikation. Zu Beginn waren sie Raubeine, deren psychologische Struktur ebenso gut zu Männern gepasst hätte, die die

Stadt Santa Fe von Schurken und Pferdedieben säubern wollen. Im Laufe der Jahrzehnte wurden sie zu so etwas wie Diplomaten im Auftrag ihrer Majestät ES – die Themen sind Selbstbestimmung für die Völker des Universums, Verständnis, Toleranz, Beilegung von Konflikten durch Verhandlungen. Willkommen in der Gegenwart, Sir. Die freie epische Struktur der Romane und der parallel laufenden Handlungsstränge wies auf die mediale Technik des Hyperlink voraus – so kann es nicht verwundern, dass die Homepage von “Perry Rhodan” (www.perryrhodan. net) altmodisch wirkt, weil sie im klassischen Design der Heftchenromane gehalten ist, sich andererseits aber durch fast ideale Benutzerfreundlichkeit auszeichnet und man auf ihr spielend und springend von einem Detail zum nächsten kommt. Ganz gleich, an welch vielleicht abseitiger Stelle man dort zu suchen beginnt, die Hyperlinks führen einen automatisch zu den übrigen Teilen des Universums – das große Epos ist in seiner Erzählstruktur weniger klassisch voranschreitend als vielmehr ausufernd und sich verästelnd. Es war vorher da, scheint aber wie gemacht fürs Internet. Obwohl die einzelnen Heftchen für sich genommen trivial bis flach sind, ist ihr Ganzes dann doch faszinierend und komplex, auch das teilt diese Serie mit der Internetgalaxis. Naheliegenderweise, präpariert durch das technische Universum seiner Lieblingslektüre, hatte mein Bruder am Ende der Realschule Mitte der Siebziger die Absicht gehabt, Elektriker zu lernen – das ergab sich aber nicht, er musste doch noch Abitur machen und studieren und wurde Ingenieur der Elektrotechnik. Er gehört heute zu den Leuten, die darüber stöhnen, dass man in München keine IT-Kräfte mehr finde, die man einstellen könne. Wenn ich, alles halbe Jahr mal, das Haus meines großen Bruders betrete, und, wie immer schon, die neueste “Perry Rhodan”-Ausgabe auf dem Wohnzimmertischchen liegen sehe, dann ist es, als wäre die Zeit durch irgendeine unbegreifliche Technologie aufgehoben. Ich nehme das Heftchen zur Hand, sehe mir den Titel an:

“Gefangene der Algioten. In der Hand der Voranesen – Arkoniden unter religiöser Gehirnwäsche” und das Titelbild – eine Wüstenlandschaft, links sieht man einige große Felsen, in deren Schatten eine kuppelüberwölbte Stadt aus Raketenhochhäusern und wasserturmartigen Gebäuden steht. Weiter im

Vordergrund schwebt ein merkwürdig geformtes Raumschiff, das aussieht, als wäre es ein Küchengerät zur Zubereitung kosmischer Milchshakes, und ganz im Vordergrund, auf einem schwarz körnigen Hügel, sieht man ein vierarmiges Monster in einem Raumanzug. Ich brauche trotz der Trivialität des Titelbildes zwei faszinierte Minuten. Dann lese ich erst den unbegreiflichen Titel, und gerade weil der Titel und das Titelbild zusammengenommen ebenso nichtssagend wie universal sein könnten, will ich wissen, worum es geht und was der Titel zu bedeuten hat und, Bernd, sag mal, was ist das bloß für ein Vieh da vorne, das mit seinen unzähligen Gliedmaßen nichts anderes tut – als Sternenstaub aufzuwirbeln…

Das Krabbenbrötchen von Gosch

Am Ende angekommen, bleibt nur Übelkeit zurück. Man hat sich so durchgebissen, die rosa Hummersauce

Am Ende angekommen, bleibt nur Übelkeit zurück. Man hat sich so durchgebissen, die rosa Hummersauce ist immer wieder an den Seiten des Brötchens hinabgetropft. Viele der kleinen gepulten Krabben sind noch extra

zwischen den Hälften herausgeglitscht und liegen nun, gleich einem durchbrochenen Halbkreis am Boden wie in einem Krankenhaus die Tagesration an wegoperierten Wurmfortsätzen. Wie bei allen widerwillig eingenommenen Mahlzeiten gibt es einen Moment Pause, Stillstand beim Rumoren, bevor es losgeht. Der Ekel aber kommt, so sicher wie das Gewitter an einem schwülen Sommerabend, hier bei Fisch-Gosch in Westerland auf Sylt. “Dick und satt, wie schön ist datt”, so stand es stets an einem Holzbrett der Abbruchskneipe “Kliffkieker” in Wenningstedt, ein paar Kilometer nördlich, wo es inzwischen auch einen Gosch im Angesicht des Untergangs gibt. Direkt an dem mit jeder herbstlichen Sturmflut schmaler werdenden Kliff steht die Kneipe, in der auch nordfriesische Gemütlichkeiten angeboten werden wie”Dans op de deel”, und liefert ungefragt Sinnsprüche für die Insel. Die Insel. Wer auf so einen Begriff gekommen ist wie auf den Nervköter am Strandkorb des Badenachbarn, verdient allergrößte Verachtung und den Dank aller Kurdirektoren des Eilands. Aber wer da sprach auf die Frage “Wohin im Sommer?” – “Auf die Insel”, der signalisierte bundesdeutsches Understatement vom Feinsten. Wohlstand satt hieß das, und satt ist man im Sommer schnell. Die Wärme lässt noch immer in den rar gesäten Hundstagen des Zollgrenzbezirks eigentlichen Heißhunger erst gar nicht aufkommen. Dafür bewirkt die von Thomas Mann bereits in den zwanziger Jahren so titulierte “Champagnerluft” enormen Appetit. So stand die Suche nach einem kulinarischen Moment des Angekommen-Seins wohl am Anfang des Objekts. Der Wunsch, den Urlaub auch im Gaumen beginnen zu lassen, indem man die feinsten Früchte des örtlichen Meeres verkostet. Da genügten aber die vor List gefischten Krabben nicht allein. Zum Pulen werden sie, so heißt es, der Ökonomie halber nach Afrika verschifft, wo solche Schweinearbeit eben billiger ist als bei den nörgeligen, faulen und überteuerten Saisonkräfte aus den Studentenstädten. Also nimmt die Wuselware einen enormen Kilometeranlauf, bevor sie sich im gierigen Schlund des Bundesbürgers wieder findet. Der Essende ist gerade angekommen, Urlaubsbeginn, also mild gestimmt, das Wetter passt, und er steht an einem dieser Stehtische aus den Bistro- süchtigen achtziger Jahren. Sein Blick schweift über rotgebrannte Feriengäste,

sein Mund hat kein Gesicht. Er beißt, als vom Körper losgelöstes Organ, zu, geht auf und schließt sich wieder. Die Zähne malmen. Die sämige Hummersauce, altrosa wie der Lachs im Bräter nebenan, schmiert sich durch die Zahnzwischenräume. Aus den Krabben mit ihrer leicht festen Konsistenz tritt etwas Wasser aus. Aufgetaut? “Iwo, alles frisch”, sagt Alex mit den schwarz gefärbten kurzen Haaren hinter dem Gosch-Tresen. Alex ist eine der mythischen Kräfte hinter der Sylt-Maschine, gut geölt wie alles hier. Er hat die Saison-Arbeit zum Lebensprinzip erhoben, jobbt im Winter auf den Kanarischen Inseln und im Sommer auf Sylt, seit Jahren, seit es Gosch in Westerland gibt. Er und sein Freund, Siggi, groß, blond und mit Tattoo, nehmen an Nachtleben alles mit, was geht. Den leichten Fischgeruch werden sie freilich auch abends nicht los, nach Schichtende, wenn der kleine Pavillon geputzt ist und die Kasse gemacht. Das stört hier keinen. Die Szene erlaubt, was gefällt, und so auch Fisch. Riecht ja auch irgendwie menschlich. Alex kann die Brötchen nicht mehr sehen. Wie alle aus der Gastronomie hat er neben seinem gesunden Widerwillen gegen die Ware seiner Wahl auch eine chronische Magenschleimhautentzündung entwickelt. Im Sommer steigt der Maaloxan- Bedarf der Insel-Apotheken ins Imposante. Kaum einer in der Branche lutscht die Tüten nicht, morgens, wenn die Abendkasse nicht stimmt, mittags, wenn der Neue am Grill die Scampi nicht genügend durchbrät und so für die Kundschaft zum Risikofaktor Fischvergiftung wird, oder abends, wenn die Gläserklauquote wieder unerwartete Rekorde feiert. Das Krabbenbrötchen, das Alex neben den Scampi in Knoblauchsoße am häufigsten über den Tresen reicht, ist das Schlüsselprodukt des Urlaubsversprechens. In ihm wurde der Traum des Spießbürgers vom Luxus auf “Der Insel” erreichbare Wirklichkeit, und das für lau. Das vermeintlich kostbare Butterfahrtsmedaillon der Geschmacklosigkeit für den Magen. Es ist alles, was zu Hause nicht ist. Roher Fisch in irgendwie sexueller Form. Sauce von Hummer, dem gefährlich aussehenden Kriegsspielzeug der Betuchten. Nur, dass man nicht noch lernen muss, wie das Ding auseinanderzunehmen ist, sondern dessen Essenz als Verheißung wartet. Wie viel Hummeranteil in der fettäugigen

Mayocreme tatsächlich für den Namen gerade stehen muss, dieses Geheimnis bleibt wohl nur den Auserwählten auf der anderen Seite des Tresens vorbehalten. Der Name Sylt, von vielen als Verkürzung von “Seeland” gedeutet, könnte denn auch von dem altnordischen “svelta” hergeleitet sein, was soviel heißt wie qualvoll sterben. Erinnern wir uns: Sylt als Long Island der Deutschen verdankte seinen Ruf vor allem dem so genannten Jet-Set der sechziger Jahre um Gunther Sachs, der just am legendären Kampener Nacktstrand der Buhne 16 all das erfand, was in den neunziger Jahren die Partys des wiedervereinigten Deutschland ausmachen sollte: Luxus, Sex, Drogen und Rock’n’Roll. Damals war Gosch allenfalls eine mäßig laufende Fischbude in List am äußersten Nordrand, dem Ende Deutschlands. Dort, wo es noch mehr weht als überall auf Sylt. Wo die Butterfahrten zu den Seehundbänken aufbrachen. Wo sonst nur die Bundeswehr ihre Marineversorgungsschule stationiert hatte und die Soldaten ihren Frust in der Diskothek “Insel” ertränkten. Eine der ältesten Insulanerprofessionen ist und bleibt aber die Piraterie. An die Stelle der Seefahrer, die mit ihren Schiffen im Sturm an den knapp 30 Kilometern Westküste strandeten und von der listigen Urbevölkerung ausgeraubt wurden, rückten im zwanzigsten Jahrhundert die Urlauber. Der Raub geschah nun subtiler. Selbst Göring trieb sein Unwesen als weißgewandeter Inselmarschall. Und der Sturm, zu dem die Wohlhabenden nach dem Zweiten Weltkrieg langsam, aber sicher auf die elegant ausgeformte Ansammlung an Sand, Dünen und kleinen Wäldern bliesen, schwemmte neben Jet-Set und gehobenem Bürgertum auch Künstler und Schriftsteller an Land. Ihnen gefiel vor allem der mondartige Formenkanon, die Nähe zu Elementarlandschaften wie der Wüste und die bizarre Ursprünglichkeit des Erlebens. Peter Suhrkamp soll für die erste Proust-Übersetzung der “Recherche” sein Kampener Landhaus gepfändet haben, was wirkliche Literaturbegeisterung beweist. Hatte doch die Schönheit Sylts unter den Urlaubslandschaften der Bundesrepublik nichts Ebenbürtiges. Bis das Krabbenbrötchen kam. Inzwischen muss man nicht mehr nach Sylt fahren, um es zu essen. Man bekommt es auch am Hamburger Hauptbahnhof und auf dem KuDamm in Berlin. Und Gosch gibt es bald sicher nicht nur dort, sondern auch in jeder

zweithässlichsten Fußgängerzone Großdeutschlands. Ein Beweis für die Demokratie, gewiss. Dann können alle in den Kanon einstimmen, der als verschlungener Spruch an den Lackmarkisen von Gosch wohlgelaunt posaunt: In guden wie in slechten Dagen, Fisch is gut für’n Magen. Guten Appetit? Nein danke, mir ist schon schlecht.

Die Wrangler

Wichtig war, dass man mit der neuen, tiefblauen Jeans, die nicht nur bei Plenzdorfs jungem,

Wichtig war, dass man mit der neuen, tiefblauen Jeans, die nicht nur bei Plenzdorfs jungem, leidenden W. hauteng sein musste, als erstes in die Badewanne gegangen war. Sie musste sich der Form des jeweiligen Beckens anpassen. Mit angehaltener Luft, auf Zehenspitzen und gegebenenfalls unter Mithilfe von Geschwistern bewältigte man den Reißverschluss und den Knopf,

bevor die Hose im Wasser etwas nachgab und die Ohnmacht gerade noch verhinderte. Im Alter, sich Weichteile zu quetschen, war man noch nicht. War die Badewanne die Pflicht, so trennten Fortgeschrittene in der Kür die äußeren Nähte ihrer Hose auf und fügten Dreiecke aus buntem Stoff ein. Hier konnte man sich blamieren, wenn der neue Stoff etwa zu weich war und von der schweren Jeans einfach weggefaltet wurde: Hosenbein und noch unsicheres, weil unbegründetes Lebensgefühl fielen gleichzeitig in sich zusammen. Wer aber soweit gekommen war, musste sich der todernsten Hose grundsätzlich stellen. Sie hatte, wie sich das für Devotionalien gehört, zwar ein Vermögen gekostet, dafür gab es aber nur wenige Maße und auf keinen Fall die richtige Länge. Die Transplantation schloss daher immer mit dem Kürzen ab. Es gab dabei viele Wege des Scheiterns: Ganz schlimm waren diejenigen, die ihre noch tiefblaue Wrangler an den Knöcheln einfach so oft handbreit umkrempelten, bis die Länge stimmte. Deren Mütter hatten wenig cool darauf bestanden, dass die Hose erst ein paar Mal getragen und gewaschen wurde, bevor man sie kürzte, denn sie lief ja vermutlich noch ein, der Webrichtung der Baumwolle nach vor allem in der Länge. Das Ergebnis waren mehrere Wochen voll Spott oder, schlimmer, Missachtung mit den sperrig abstehenden Hosenbeinen, wobei noch dazu kam, dass je kleiner man war, desto ungelenker das Hosenbein sich kaprizierte. In der Krempe sammelte sich zudem der Dreck, er stieß nur knapp unter Knöchelhöhe einen Rand in den Stoff. Oft blieb dieser Rand auch nach dem finalen Abschneiden und Umnähen noch sichtbar, und der oder die Unglückliche war auf die Lebenserwartung der Hose stigmatisiert:

Keine Spur von der Größe Amerikas, vielmehr erste Zweifel. Natürlich gab es damals noch Mütter, die ihre Liebe an der Nähmaschine bewiesen. Sie bezahlten in diesem Fall mit mindestens drei teuren Nadeln, denn immer, wenn man über die dicke Seitennaht musste, brach eine ab. Die Mütter hielten gewohnt klaglos durch, verwendeten aber meistens nicht den richtigen Oberfaden, den gab es offenbar nicht. Sie nahmen, als ob das komplett egal gewesen wäre, blau oder weiß, so dass jetzt billig und wie von Mutter aussah, was an sich aus Amerika hatte sein sollen. Und dass die nähende Mutter dieses Amerika nicht mal beim Kürzen der Wrangler imitieren konnte und wir mit

verpfuschten Hosen rumliefen, wenngleich mit liebevoll verpfuschten, spätestens das war der Beginn unseres gestörten Verhältnisses zu Deutschland. Aber es konnte noch heftiger kommen: Wenn die geliebte Wrangler aus dem gelobten Land mit der falschen Naht überm Schuh doch noch einlief, dann war mit dem Hochwasser die Katastrophe perfekt. Denn kein Elternpaar der Siebziger gab wegen zwei fehlender Zentimeter eine derart kostenintensive und amerikanische Hose auf, der Ruf des Kindes musste dran glauben. Schlimm traf es die Kinder der Reichen, denn die hatten die ersten Wäschetrockner angeschafft, was das Einlaufen auf schier unbegrenzte Zeit fortsetzte. Der Rufmord wurde in diesen Fällen schleichend gesteigert, viel zu spät trieb man den Geräten diese Kinderkrankheit aus. Richtig cool, kommen wir jetzt mal dazu, waren diejenigen, die ihre Jeansbeine einfach mit den Hacken durchliefen. Das überstehende Stück fiel dann zur Hälfte ab, der Rest wurde mit der Hand bei Gelegenheit weggerissen. Das Ende blieb auch mit den im Prinzip weißen Fransen, die den Dreck der Straße in Schulklasse und bürgerliches Heim trugen, auf ewig lässig. Von denen kriegte man Dope, dass wir hinter der Kirche rauchten, um sagen zu können:

Mann, bin ich breit. Dazu wurde nach sehr verhaltenem Beginn, kurz aber derbe geknutscht. Zu dieser Zeit wurde die Sache aber schon industrialisiert. Die Kaufhäuser begannen, die Kürzung als Dienst anzubieten. Es kamen die Jacken von Wrangler dazu, jetzt hatte man das W auch auf der Brust, wenn man wollte. Kurz darauf erfuhren wir dann, das eigentlich Levi’s die Marke wäre, welche, obwohl der Bayer Levi Strauss mit den Stoffen eigentlich etwas anderes vorhatte, und nur aus Ratlosigkeit Hosen nähen ließ. Irgendwo lasen wir, dass die Jeans ihren Namen aus Genua hatte, dem ehemaligen Handelszentrum für Hanf, was bis zur Ächtung der Pflanze den Hosenstoff abgab. Die Genueser, begriffen wir, war also viel weniger amerikanisch als eigentlich unecht. Wir begriffen aber auch stückweise, was die Herkunft bedeutete: Für die Schokoladenwelt dieses weit entfernten, beharrlich rätselhaften Landes wurden die Eltern noch, als sie Kinder waren, von den Großeltern durch mitteldeutsche, nächtliche Wälder gescheucht, mit einem Rucksack auf dem kleinen Rücken und

voll grausamer Angst vor der russischen Patroullie, erzählte der Opa. Später hatten sie mal auf einem amerikanischen Panzer mitfahren dürfen, erzählte die Oma. Sie kam von jenseits der Oder oder der Neiße, von der wir nicht ahnten, wo sie liegen könnte, abgesehen davon, dass irgendwie schon klar war, sie lag jenseits von Gut und Böse. Gemessen an dieser Neiße, komischer Name für einen Fluss auch, war Amerika nur ein Negerlächeln weit weg, nur das Amerika die Neger und manch andere nicht behandelte, wie die Eltern verlangten, dass wir Kameraden behandeln sollte. Die Zweifel nährten sich nun. Aus Protest gegen die vieldeutige Welt und die mittlerweile dreißigjährigen 68er nähten wir die Hosenbeine deshalb jetzt ab, sie mussten hauteng noch an der Wade sitzen, und wie man in die Hose noch rein kam: egal. Unsere Eltern kuckten sich Aufzeichnungen der Mondlandung an, wir fanden die Fahne da oben sei Umweltverschmutzung. Neuerdings lasen wir Che Guevara, den wir aus der Schulbibliothek geklaut hatten, und ziemlich schlagartig wurde uns klar, was für eine tote Materie wir waren. Wir wollten das Abitur noch schnell fertig machen, und dann Handwerker werden, nämlich Tischler. Neben der Ehrlichkeit dieser Arbeit freuten wir uns auf dieses natürliche Material und färbten schon mal die billig eingekauften Latzhosen bunt, die jetzt den Platz der in Ungnade gefallen Wrangler einnahmen. Es dauerte den ersten Lehrtag und wenige Blicke der neuen Kollegen lang, bis wir die gesteigerte Mutlosigkeit dieser Geschichte begriffen. Die Lehre brachen wir in der Probezeit ab. Es hatte keinen Sinn, jeden Morgen um sechs aufzustehen, um acht Stunden lang Kunststofffenster in Neubauten passen zu können. Wir schrieben uns für Psychologie ein. Nach drei Semestern wechselten wir zur Pädagogik, weil die ganze Statistik echt scheiße war in Psychologie, wir wollten ja was über den Menschen lernen. Wir wählten grün. Das Bootleg kehrte zurück in die Jeanswelt der halben Vernunft. Es dauerte einen Transatlantikflug nach dem endlich abgeschlossenen Grundstudium lang, bis wir die wieder akzeptablen Hosen erst Liehwaihs zu nennen anfingen und dann gar nichts mehr zu ihnen sagten, weil die Doktorarbeit derlei Probleme in den Hintergrund schob. Dass mit erhöhten Passagierzahlen zwischen der BRD und New York auch passende Längen in den

deutschen Läden erhältlich waren, nahmen wir so unauffällig zur Kenntnis, wie das Verschwinden der Levi’s mit Webfehlern, die immer noch viel mehr gekostet hatten, als wir längst am Broadway für unsere Jeans bezahlten. Wir fingen an, markenlose Jeans für 15 Dollars bei Wall Mart zu kaufen, wir sagten: for fifteen bucks. Wir hatten mittlerweile Ausdruck im mündlichen und schriftlichen, über den unsere Eltern staunten. Wir hatten die Grenzen der Träumerei erkannt. Wir schulten auf Computer um, denn Arbeit war knapp im Land von Helmut Kohl, den unsere Eltern gewählt hatten und alle Ossis. Mit einem Computerjob könnte man vielleicht das halbe Jahr auf Gomera verbringen, wo die ganzen alleinerziehenden Mütter den Winter abwarteten, und wo man beim Rumsitzen Benzin sparte. An den Wochenenden fuhren wir nach Berlin und diskutierten, dass es besser wäre, Bonn würde Haupstadt bleiben, dann bliebe Deutschland auch weiterhin Provinz und die Mieten in Berlin auch noch unten. Wir zogen in den Prenzlauer Berg und maulten über die skandalösen Berliner Winter. Nachdem wir für einen Augenblick die Jeans gegen Anzüge getauscht hatten, weil immer denselben Rebellen spielen ist konservativ, und die Bank, die einen mittelmäßig bezahlten Job anbot, aber immerhin, zog Anzug eh vor, danach also sahen wir, wie wir mit amerikanischen Freunden, die die besten Subkulturen der Welt haben, unzivilisiertere Teile Europas bombardierten. Flüchtlinge starben an Grenzen, die niemand kannte, und auch die BRD war jetzt tot. Noch immer hatten wir große Zweifel. Als die Jüngeren den Markenfetischismus als integratives Element der rückwirkenden Generationenbildung beanspruchten, überließen wir denen das neidlos. Dann sagten wir, leger gekleidet, der neuen Geliebten das vorübergehende Jawort. Die Wrangler tauchte in der Technoszene wieder auf, weil die ganze Mode der Blumenkinder schon durchzitiert war und zu langweilen begann. Jeder von uns lächelte im Vorbeigehen jetzt voller Verständnis.

Der Puma-Schuh

Als wir im Sommer 1969 nach Norderney zogen, erkannte ich sehr schnell, dass die Menschen auf dieser Nordseeinsel eine eigene Sprache hatten. Sie nannten es Platt, und weil ich kein Platt sprach, wollten mich die Kinder aus meiner Klasse verprügeln. Nach Schulschluss bekam ich zehn Meter Vorsprung und musste rennen. Sie haben mich natürlich nie geschnappt, bis der Kräftigste die sechste Stunde schwänzte und sich vor unserer Haustür postierte. Meine Mutter befreite mich. Sich von der Mutter befreien zu lassen, ist das Schlimmste, was einem Siebenjährigen passieren kann. Es reichte damals in Norderney schon, kein Platt zu sprechen, um als Außenseiter zu gelten. Ich war aber auch noch katholisch und rannte in Puma-Schuhen. Die meisten Kinder, mit denen ich mich zum Fußball traf, hatten Schuhe mit drei Streifen. Ich war der einzige mit einem. Formstreifen nannte ihn der Verkäufer. Für mich sah der Formstreifen aus wie der geschwungene Körper eines Pumas, und wie ein Puma zu rennen, fand ich, war etwas Besonderes. Außergewöhnlich war jedenfalls, dass Puma-Schuhe von Anfang an breitere Sohlen hatten als alle Konkurrenzmodelle, und weil ich an beiden Füßen Überbeine hatte, bewahrte mich der Puma-Schuh ganz nebenbei vor größeren orthopädischen Schäden. Dass ich katholisch war, hatte mit meiner Mutter zu tun und ihrer Liebe zu Gott. Dass ich wie ein Puma rannte, hatte mit Borussia Mönchengladbach zu tun und meiner Liebe zu einer Fußballmannschaft, die in Puma-Schuhen kickte, aber Fohlenelf hieß. Auf Norderney waren die Kinder entweder für Bayern München oder den Hamburger SV, und ihre Sympathie hatte durchsichtige Gründe. Die Bayern gewannen häufig, und der HSV war der erfolgreiche norddeutsche Klub. Ich bin der einzige gewesen, der ein Trikot von Borussia Mönchengladbach trug. Und auch das, fand ich, war etwas Besonderes. Denn das Mönchengladbacher Trikot war weiß und deshalb sofort von allen anderen zu unterscheiden. Niemand trug damals weiß, uns Messdiener, die deutsche Fußball- Nationalelf und den Schlagersänger Bata Illic einmal ausgenommen. Ein weißes Trikot ist wie eine Marke gewesen, obwohl es in den Siebzigern fast noch keine Marken gab. Stattdessen hatte man Farbfernsehen, deutsche Tugenden, und der

Quizmaster Dietmar Schönherr konnte die Nachbarin schockieren, weil er in seiner Show “Wünsch dir was” ein 17-jähriges Mädchen in durchsichtiger Bluse auftreten ließ. (Das Mädchen ist trotzdem Ärztin geworden.) Ich zog hässliche Nikkis an, grellbunte Hemden oder verwaschene Batik- Shirts. Niemand hatte die Wahl zwischen Prada und Paul Smith. Keiner war cool oder in oder out. Nur die Farben unserer Fußballteams trennten uns, und der Vereinsschriftzug war das einzige Logo, auf das wir fixiert waren. Deshalb hatte es natürlich auch Konsequenzen, sich für Borussia Mönchengladbach zu entscheiden. Der kleine Provinzklub führte das Establishment der Bundesliga vor, und das Establishment trug drei Streifen, trug Adidas. Eigentlich trug Deutschland Adidas. Mit Borussia Mönchengladbach war man also in der Opposition, und der Puma-Schuh war der zarte materialistische Ausdruck eines alternativen Lebensgefühls. Adidas hatte damals noch überwiegend deutsche Vorbilder. Die Kickstiefel hießen ganz linientreu Uwe Seeler oder Franz Beckenbauer. Der Puma- Style dagegen wurde von weltläufigen Männern wie Pelé oder Johan Cruyff bestimmt. Mit Pelé verband sich nicht weniger als Genialität und globale Exotik, mit Cruyff handfestes Rebellentum. Der Holländer hatte sich vor dem WM-Finale 1974 gegen die Deutschen einen der drei Trikotstreifen abgerissen, weil er geschworen hatte, nicht im Adidas-Hemd aufzulaufen. Cruyff war in grandioser Form, was nichts an seiner Niederlage änderte. Deutschland wurde Weltmeister, Cruyff hat das nie verziehen. Mir wurde klar: In besonderen Schuhen zu verlieren ist besonders schlimm. Mein Held aber hieß Günter Netzer. Netzer hatte alles, wovon ich zu träumen wagte: lange Haare, eine Frau, die in durchsichtigen Blusen ausging, einen Ferrari und eine Diskothek. Über Netzer wurde gesagt, dass er Raum und Gegner beherrsche. Mit Netzer entwickelte Borussia Mönchengladbach eine verschwenderische Angriffslust. Wenn er am Ball war, gab es keine Grenzen. Seine Pässe drangen in die dunklen Ecken des Spielfeldes vor und erreichten ferne Posten an den Seitenlinien. Netzer und Borussia Mönchengladbach erfanden das Flügelspiel.

Der Platz, haben Radioreporter entflammt behauptet, sei plötzlich breiter geworden. Was natürlich Unfug war und auch wieder nicht. Im Grunde war Borussia Mönchengladbach der sportliche Beitrag zur ersten sozialliberalen Regierung der erwachenden Bundesrepublik Deutschland. Wie Netzer inszenierte Willy Brandt seine Vorstöße über Außen. Die CDU hatte in den Nachkriegsjahren nur die korrekte Mitte oder die rechte Flanke mit den westlichen Bündnispartnern im Auge. Der erste SPD-Kanzler wagte sich auch über links nach vorne. Sein Kniefall in Warschau vor dem Ghetto- Denkmal, die Anstrengungen zur Normalisierung des deutsch-polnischen Verhältnisses, der Moskauer Vertrag über Gewaltverzicht und sein Treffen mit DDR-Ministerpräsident Stoph sind Fundamente deutscher Ostpolitik geworden. Europa wurde breiter. Obwohl die SPD 1972 ein Misstrauensvotum abwehren konnte und anschließend die Wahl gewann, erschien mir Willy Brandt stets als herausragende Persönlichkeit einer Minderheit. Das mag an meiner Mutter gelegen haben. Sie mochte Brandt vermutlich so wenig wie durchsichtige Blusen. Auch Brandt schien das Establishment zu ärgern wie Borussia Mönchengladbach. Wenn meine Mutter mit ihren Freunden über den roten Bundeskanzler diskutierte, war stets von Alkohol die Rede und vielen Frauen, die als Weiber bezeichnet wurden. Willy Brandt, davon war ich überzeugt, hätte Puma-Schuhe getragen. Sein Auf- und Abstieg waren dann auf schicksalhafte Weise mit dem von Günter Netzer verbunden. Netzer verließ Borussia Mönchengladbach 1973 und bekam sehr viel Geld dafür, dass er sich Real Madrid anschloss. Er hatte eine gute Saison in Spanien und danach viele Verletzungen. Die Puma-Schuhe hießen bald Klaus Allofs, Wilfried Hannes und Lothar Matthäus, und vom Klang der Namen hätte man den wirtschaftlichen Niedergang des Unternehmens ableiten können. Willy Brandt wurde 1974 vom DDR-Agenten Günther Guillaume gestoppt. Die SPD blieb noch bis 1982 an der Macht und kehrte erst 16 Jahre später an die Spitze zurück. Borussia Mönchengladbach wurde 1977 zum letzten Mal

deutscher Meister und Puma am Ende der Achtziger von der Modeoffensive amerikanischer Unternehmen bezwungen. Das hätte, als wir am Norderneyer Nordstrand im Windschatten der alten Wetterwarte den Uefa-Cup-Sieg der Borussia über Twente Enschede (5:1!) nachspielten, nicht einmal die Adidas-Fraktion für möglich gehalten.Ich glaube, unsere Enschede-Elf hatte durch entsetzlichen Körpereinsatz Vorteile, obwohl ich meinen King S.P.A. aus leichtem Känguruleder, mit Nylonschraubstollen, extra hohem Schaft für besseren Halt und zusätzlichem Sportabsatz vorführte. Dass ich auf dem korrekten Endergebnis bestand und als Jupp Henyckes drei der fünf Mönchengladbacher Tore schießen durfte, hat mir die Gruppe, die Enschede sein musste, übel genommen. Doch das war mir egal. Ich hatte gelernt, dass ein Puma Widerstände brechen musste.

Die Carrera-Bahn

Sie zieht den Schlüssel ab und steht in der Halle. In jener Nacht hatte natürlich niemand damit gerechnet, dass sie nach Hause kommen würde. Wmm. Wmm. Dieser Klang, irgendwie schleifend, dunkel und auch ein bisschen wattig, denkt sie. Wahrscheinlich denkt sie das – das denkt doch das ganze Kino. Man kann ja fast hören, wie das merkwürdige Geräusch durch die Ohren der Filmgucker hindurchrast, angesaugt von einem Gedächtnis, welches plötzlich wach ist und sich auflädt mit Signalen aus der Vergangenheit. Ich sitze also im Kino, in der Mitte, sehe die Frau in der Halle und höre die Klänge von gestern. Ich finde, dass jenes Wmm auf dunkelwattige Art surrt und zugleich elektrohaft-hell wimmert. Und das Schleifen, das ist vielleicht eher ein Schieben, ein Drängen, ein Ankommen, mehr noch: ein Abfahren- und Durchstarten-Wollen. Und dann klingt das alles auch sehr unentschieden, halberwachsen und kein bisschen nach einer dieser Reise- Weisheiten von Valéry. Denn: Wer will schon abfahren, wenn er einfach nur fahren kann in einem ewigen Kreis? Aber dann geht auch jener Film, der sich außerhalb des Kopfes und auf der Kinoleinwand befindet, weiter – und jetzt kommt offenbar der Loop, denn da geht auch der Ton in die Höhe: Wiieee. Und in der Steilkurve kommt noch ein ratterndes Rasen dazu: W-r-r-r-r. Die Frau in der Halle geht ein paar Schritte, lauscht in das Schwarz hinein und betrachtet müde ein zittriges Lampengelb, das aus dem Zimmer schlüpft. Ahh! Da war es – zwischen Wmmm und Wiieee. Dunkel, lustvoll und wattig wimmernd. Sie reißt die Tür auf, bleibt fassungslos stehen. Da ist ihr Mann. Vor drei Wochen haben sie geheiratet, vor zwei Wochen sind sie in die hübsche Villa gezogen, vor einer Minute war die Welt noch in Ordnung. Aber jetzt liegt ihr Mann nackt in der Hängematte und sieht aus wie jemand, der eine Menge Drogen genommen hat. Seine Blöße ist von einer schlafenden Katze bedeckt, die Augen starren in den Raum, seine rechte Hand birgt ein Geheimnis, das an einem Kabel hängt:

Das ist der Drücker, der Temporegler. Ihr Blick verfolgt das Kabel und führt sie zu der riesenhaften Carrera-Bahn, die fast das ganze Zimmer ausfüllt. Dort ist die lange Gerade, dann kommt der Loop, dann das W-r-r-r-r. Und in dem gigantischen Loop-Kringel hockt wie eine schwarze Witwe: die fremde Frau.

Das nackte Hausmädchen. Das Boxenluder. Obszön bewegt sie sich auf und ab – mit einem Ahh! immer dann, wenn das kleine Rennauto in den Loop einfährt, unter ihrer Scham hindurch. Und dann dreht die Kamera endlich ab – und was danach kommt, liegt glücklicherweise im Dunklen dieses idiotischen Films. Wobei sich diese Szene natürlich trotzdem in jene Gedächtnisse bohrt, welche auch die Zeit der dunklen Hobbykeller und hell surrenden Rennautos birgt. Obszönität ist vielleicht einfach nur eine Frage des Maßstabs. Natürlich war das, in den neunziger Jahren, ein deutscher Film, einer, der in dieser Szene mal so richtig was riskieren wollte: Filmen auf der Überholspur. Ein Film also mit Katja Riemann als Apothekerin Hella (nach dem Roman “Die Apothekerin”) und mit Jürgen Vogel als Levin. Mit Levin, dem Mörder. Mit Levin, dem Auto-Freak, der mal Rennstall-Besitzer werden möchte oder Formel- 1-Pilot, der Porsche fährt – und wenn nicht Porsche, dann Auto-Scooter. Und wenn er nicht auf dem Rummel oder auf den Autobahnen irgendwo im deutschen Süden seinen kleinen Verstand in den Fahrtwind hängen kann, dann baut er sich in seiner Villa eine große Carrera-Bahn auf, um damit seine autoperversen Sex- Phantasien zu inszenieren. Allerdings: Das tut Levin nur im Film – in der Krimi-Vorlage ist von der Carrera-Bahn keine Rennspur zu entdecken. Das wirklich Spannende an diesem Film ist also die Erfindung einer denkwürdigen Metapher: die Carrera-Bahn (die auch von jeder anderen Firma stammen kann, und dann trotzdem immer und überall eine "Carrera"-Bahn sein wird), die Carrera-Bahn als Ort des Bösen. Im Buch heißt es nämlich nur: “Margot bot sich Levin auf eine Weise dar, die ich für pervers und abscheulich hielt, und tat Dinge, für die ich mich nie im Leben hergeben würde.” Das ist alles. Man muss sich vorstellen: Die Drehbuch- Autoren lesen den Krimi, machen einen Film daraus – und übersetzen den Abgrund, das Abstoßende, das peinlich Perverse und geheimnisvoll Höllische – sie übersetzen das einfach mit einer Carrera-Bahn, als wäre dies das definitiv Schlimmste, was man unter Strom setzen kann in der deutschen Provinz. Der Witz daran ist: Wahrscheinlich haben das meine Eltern genauso gesehen. Ein ganzes Jahrzehnt lang, in den siebziger Jahren, die so dunkel und

so elend waren wie die Röhren einer braunen Cordhose, habe ich mir eine Carrera-Bahn gewünscht. Zu Weihnachten, zum Geburtstag, dann wieder zu Weihnachten. Ich bekam keine. Nicht von den Eltern, nicht von Oma, Tante, Onkel. Von dem bestimmt nicht. Der saß in Mödling in seiner großen Wohnung, und in das größte Zimmer hatte er eine Eisenbahnlandschaft eingebaut. Komplett. Um überhaupt ins Zimmer zu gelangen, musste man unter eine Holzplatte kriechen, und in der Mitte konnte man dann wie durch ein Eisloch wieder herausschauen. Dann durfte man all den Eisenbahnen zugucken, die durch eine Märchenlandschaft voller kleiner Häuser fuhren – und wenn ich nichts anrührte, dann bekam ich zehn Schilling geschenkt. Es gab damals vor allem glückliche Eisenbahn-Kinder, Märklin natürlich, und es gab glückliche Rennbahn-Kinder, natürlich Carrera. Es gab allerdings auch Kinder, die einfach so glücklich oder unglücklich waren. Ich jedenfalls war ein total unglückliches Eisenbahn-Kind. Ich hatte jede Eisenbahn, die es gab. Ich hatte eine Personenzuglokomotive mit Schlepptender, einen Ringlokschuppen, verschiedene Tunnel, einen See (mit Campingplatz) und jede Menge Felsen- Korkrinde plus Schneetannen. Aber ich hatte keine Carrera-Bahn. Ich war unglücklich – während Franz Josef Strauß in Niederbayern die Autobahn baute, damit BMW nach Dingolfing kam. Vermutlich waren aber meine Eltern glücklich, und zwar schon deshalb, weil sie sich mit ihrer unerbittlichen Carrera-nein-danke-Haltung auf der pädagogisch sicheren Seite fühlen durften. Das Leben sollte offenbar zu jenem langen ruhigen Fluss werden, der sich aufstaut, wenn man immer durch ein Eisloch ins onkelhafte Wohnzimmer guckt und nichts anrühren darf. An wohl behüteten Eisenbahnspielkindern sollte das Leben vorüberziehen wie die Bilder einer bizarren Nachkriegs-Märchen- Landschaft, über die nette Erwachsene gebieten. Dabei hatte Hitler ja gar nicht die Autobahn erfunden; die Amerikaner aber hatten das Slotracing erfunden, das “Schlitzrennen”. Nachkriegsdeutsche Carrera-Kinder waren jedenfalls anders als nachkriegsdeutsche Eisenbahn-Kinder: Carrera-Kinder wollten am Drücker sein

und Gas geben, nur sich selbst und keineswegs ein ganzes Land erfinden. Die wirklichen Carreristen wollten einfach schneller fahren, vorbei an unrentablen Bahnstrecken, wollten auf pechschwarzen Spuren unter Funkenflug die Steilkurven bezwingen und den Loop erzittern lassen. Sie wollten draufdrücken mit dem Daumen, mit dieser besonderen Geste einer Faust, die immer etwas größer sein möchte. Den Wiederaufbau muss man sich noch in den siebziger Jahren vorstellen, wie er gerade wütend aus einem Kellerfenster rast. “Carrera”: Das ist spanisch und fremd und heißt Rennen. Und in jenen späten sechziger Jahren, in denen eine kleine Fürther Firma, die sich eher an erwachsene Kinder statt an retardierte Erwachsene richtete, als die ihrer sensationellen Kinderspielzeug-Erfindung einen gefährlich klingenden Namen gab, da gab es ja auch noch eine Menge Platz im Land für jene Spuren, die Träume hinterlassen, wenn sie übers Land fahren wollen. Das war die Zeit, in welcher die Pisten “Avus” hießen oder “Monza”, die Zeit des “Lotus 49″ und des “Universal-Spaghetti-Ferrari”. Aber Mitte der achtziger Jahre waren die großen Tage vorbei, das Familienunternehmen brach ein, Huschke von Hanstein machte einem Jungen Platz, den später alle nur “Schumi” nannten – und der geniale Carrera-Erfinder Hermann Neuhierl nahm sich am 6. Februar 1985 das Leben. Da war der Laden aber eh schon verkauft – und ganz Deutschland fing an, sich im Stau zu langweilen. Das war, als man es sich in der angestauten Ortlosigkeit des allgemeinen Stillstandes gemütlich machte, vielleicht irgendwo an der A7 Richtung Kassel. Oder vielleicht zwischen Schweinfurt-Werneck und dem Gramschatzer Wald. Aber vielleicht ist das Land gar nicht so reich und so unbeweglich dumm, wie es immer tut mit seinen Schumi-Doppelerfolgen, mit all den Silberpfeil- Nachkommen und all den Lärmschutzwänden, den 11250 Autobahnstaukilometern (zu je 21 Millionen Mark), dem Volksautokanzler, dem Fahrertraining auf dem Nürburgring, den ADAC-Renn-Posten und den ADAC- Stau- Psychologen, mit all den billboardgroßen Gurt-Anlege-Botschaften, den Einfädelspuren und stillen Standstreifen, mit all den Leitplanken, Tankstellen, Autobahnkirchen. Und überhaupt mit dem ganzen automobilen Leben, das aussieht als wäre es gezeugt worden in einer Liebesnacht, in der sich auf jenen

unendlichen Carrera-Parallelen, die sich eigentlich nur im Universum treffen dürfen, als wären sich dort der Porsche 917/10 und der McLaren M8F doch einmal verdammt nahe gekommen. Und beide haben sicher von einer Eisenbahn geträumt, die in die Vergangenheit führt, wo es weder BRD noch Führerstraßen gibt. Und vielleicht überhaupt keine Führung und Spuren und Bahnen und Leitplanken-Kultur. Vermutlich ist also dieses Land nur zu begreifen, wenn man sich vorstellt, dass all die Carrera-Bahn-Kinder all ihre Geraden, Kurven und Rundenzähler bis heute unermüdlich zusammenstecken – so lange, bis daraus eine gigantische Acht wird, welche sich irgendwann einmal um unser Sonnensystem legen wird. Die Carrera-Bahn ist also wahr und obszön geworden – alles nur eine Frage des Maßstabs. All die traurigen Eisenbahn-Kinder von einst aber, die haben sich als Erwachsene ihre Träume erfüllt und große Autos und kleine Zweitautos und winzige Rennautos gekauft. Wie früher dürfen sie auf fremden Bahnen fahren und immer öfter auch stehen. Und so betrachten sie nicht den Horizont, sondern nur jene unbegreiflich liegende Acht, die sich ins Universum ausdehnt und nichts anderes bedeutet als dies: Ewigkeit, rasender Stillstand, Unendlichkeit, Deutschland. Runde um Runde.

Die Musik-Cassette

Es gibt eine Szene in dem Filmklassiker “Die Klapperschlange”, die sich auf meinen Erinnerungsspulen eingebrannt

Es gibt eine Szene in dem Filmklassiker “Die Klapperschlange”, die sich auf meinen Erinnerungsspulen eingebrannt hat: Snake, der coole Protagonist und kalte Krieger, muss in einer apokalyptischen Odyssee und einem tödlichen

Wettlauf mit der Giftkapsel in seinem Arm eine Cassette mit dem Atomcode aus dem Gefängnisghetto Manhattan holen. In einer rasanten Fahrt in einem abgewrackten Taxi zum rettenden Tor hören sie irgendeine Dudelmusik, ein aberwitziger Kontrast zur Dramaturgie der Szene, dem Crescendo der Spannung. Schließlich schafft er es, gerade noch so, die Kapsel wird entschärft, er übergibt die Cassette. Amerika ist wieder einmal im letzten Moment gerettet, Snake auch. Doch als sie die Cassette abspielen, um die sich alles drehte, dudelt es beschwingt aus den Boxen, und während die verdutzten Gesichter wie auf Pause stehen, zieht Snake das Band aus der echten Cassette und wickelt es um seine Finger. Ich konnte nie so entspannt lächeln, wenn es zum Bandsalat kam. Und es ging doch auch immer um Leben und Tod, Irrfahrten, unerträgliche Spannung, Zeitbomben, die nahe dem Herz tickten – und wenn es auch nicht Manhattan war, so kam einem in der Stürmer-und-Verdränger-Jugend der S-Bahn- Einzugsbereich doch auch wie ein Gefängnis vor, hinter dessen trostlosen Endstationen irgendwo die Welt beginnen musste, die aber auch später mit dem vom Vater geliehenem Auto immer noch eine Tankfüllung weiter entfernt war und sich kafkaesk mit dem Horizont nach hinten verschob, Vorlauf ausgeschlossen. Doch bevor es zu den ersehnten Spannungshöhepunkten kam, dem höchstmöglichen Dynamikausschlag, war eisenharte Geduld angesagt, da musste man schon ferro super drauf sein, denn neunzig Minuten waren eine Ewigkeit. Denn schließlich musste jeder Song nicht nur einzeln aufgenommen werden, sondern vorher Zeile für Zeile der Text überprüft werden, ob nicht gerade ein Satz dabei war, der die Angebetete verstören könnte, als Anspielung zu sehr Aufforderung war, get on up, oder das unausweichliche Scheitern aller Liebe prophezeite und Flugzeuge im Bauch: Gib mir mein Herz zurück, Du brauchst meine Liebe nicht, je eher Du gehst…, das kam eh früh genug und leichter wurde es dadurch auch nicht. Doch das waren nicht die einzigen Klippen, es durfte auch nicht zu gezuckert sein und wie Erdbeermarmelade beim Mitsummen auf den Lippen

kleben, was in der Kombination mit dem obligatorischen Labello einfach zu viel war.

Alles war eben voller versteckter Zeichen, potenzieller Missklänge, suggestiver Rhythmen, die nicht immer unbedingt mit den unbequemen Autositzen harmonisierten, die sich noch nicht per versteckt beiläufigem Knopfdruck nach hinten gleiten ließen. Alles musste komponiert sein, nach einer Dramaturgie der Verführung. Sanfter, einlullender Einstieg, dann Bässe, die direkt ins Becken gingen und schließlich zum Abschied die Sehnsucht des Wiedersehens, aber keine Geigen. Und sich selbst musste man das gleiche Band ziehen, damit man sich der Illusion hingeben konnte, dass sie zur gleichen Zeit, wenn man wieder zuhause ist, die gleiche Musik hört, die gleiche Hitze in der Brust aufsteigen spürt, die verhangene Melancholie in den Blicken, die sich wie die Cassetten beschriften ließen. Natürlich war die Fantasie beim Aufnehmen immer das genaue Gegenteil der Wirklichkeit beim gemeinsamen Abspielen. Und so musste sofort die nächste Cassette her, wie bei einem Alchemisten galt es, das Gold erneut zu suchen, und alles miteinander zu mischen, Explosionen nicht ausgeschlossen. Am besten man investierte gleich in einen 10er Pack BASF. Natürlich nicht AGFA, AGFA klang nach Akne und war für Volksmusik. BASF war cooler, man sprach jeden Buchstaben einzeln aus, wie ein Versprechen oder eine Drohung. BASF Trade Mark, BASF made in W. Germany. Und es war gefährlicher, dachte man an BASF, sah man nächtliche Industrielandschaften, Feuer spuckende Schornsteine wie vor den Küsten Manhattans, Phosphorschaum, der in den Rhein floss. BASF war giftig. Deutsche Wertarbeit. BASF war ein Gewissensbiss. Man wurde politischer, BASF stand für IG Farben, wenn der neue Lack ab war, Zwangsarbeiter, das Geld in Hitlers zurückgeworfener Hand. Ludwigshafen, wo der große Kohl-Kopf aus der braunen Erde schoss. Aber irgendwie klang in jeder Hinsicht BASF besser. Und war das nicht auch die BRD: sich mit vollem Protestbewusstsein korrumpieren lassen. Anti-Atomkraft- Aufkleber und BASF- Cassette, TonSteineScherben und Lila Pause. Nehmt auf, was euch kaputt macht.

Aber wahrscheinlich lag es auch an dem hypnotischen Logo auf den Cassetten, dieser heimtückisch kapitalistischen Gehirnwäsche, den persilweißen Spirallinien auf rotem Grund, die einen zu den dicken Lettern daneben bannten. Produkttreue, Dynamikvergleich, die charakteristische relative Empfindlichkeit (db), auf die es ankam. Diese ästhetische Entschiedenheit und Klarheit der ersten Cassetten: schwarzes Gehäuse, fünf Schrauben, die das Geheimnis festhielten, rotes Beschriftungsfeld vier Zeilen, die Ankreuzkästchen für Stereo, Mono, Dolby. Zwei deutsche Staaten, rechts und links, Monokulturen, Raubkopien, Inventarisierung, Nebengeräusche. Überhaupt Dolby! Das Absenken des Rauschpegels, das Schlucken des Staubs auf dem Vinyl, ein Filter vor dem Lärm der Welt, die sich auf zwei Spulen immer weiterdreht, manchmal blockiert, die man umdrehen kann und dann spielt sie weiter deinen Song. Neunzig Minuten. Der Film, den du selbst mit einem Bleistift ankurbeln kannst. Das durchsichtige leere Stück Band vor der Aufnahme, bevor die Pegel ausschlagen und vor den Augen tanzen. Und dann am Ende, der finale Akt: das Herausbrechen der Sicherheitsblättchenquadrate. Keiner kann das jetzt mehr überspielen, die Recordtaste wird sich für immer verweigern! Es sei denn, man klebt ein Stück Tesafilm darüber. Was für ein brutaler Vorgang, welche Gewalt, Verrat. Löschen, Überspielen, Vergessen, Ausradieren, neu Beschriften, der Kuli über den Druckstellen des Bleistifts. Terror. Sie hat SPLIFF mit Eros Ramazotti überspielt, deine eigenen Lieder mit dem exaltierten Gejaule von Kate Bush, wo die leisen Stellen waren, kreischt es jetzt wie nach einem Hörsturz. Das war das Ende, eine Kriegserklärung, die man nur mit gleichen Mitteln bekämpfen konnte. Die Sammlung der Cassetten im Schrank: das Archiv seiner Gefühlsgeschichte, eine Audio-Biographie. Die ersten Bänder, schon kaum mehr abspielbar, das Imitieren von Elvis in Fantasieenglisch, mit Hüftkreisen vor dem Minimonocasetterecordermikrofon, die ganzen Hitparaden, mitgeschnitten vor Omas Radio, während die Tanten im Hintergrund sich über Willy Brandt stritten und ihre Kuchengabeln vollschaufelten mit Ananasrollen. Dann, als sie zum Spazieren gingen, der erste Rausch zur Musik, das Nippen am Eierlikör aus dem

Schrank. Die Flasche leerte sich, man wurde älter und stereo. Der Kampf mit sich selbst, als lägen zwei Kanäle im Kopf und würden sich gegenseitig überdröhnen. Das Professionalisieren, der Wechsel von Ferro zu Chrom. Das Ende der Pubertät: echtes Chromdioxid für höchste Ansprüche. Man inszenierte sich, wie man es vor dem Spiegel trainiert hatte, hochpräzise in seinem Gehäuse. Ortete die Disco als ortungsscharfes, stereofones Klangpanorama und spulte vor den Mädchen seine Lieblingsbands ab bis es zum Cassettentausch kam. Und das konnte schon der Anfang vom Ende sein, das Aufeinanderprallen unvereinbarer Ideologien und Blöcke. Oft stand schon nach dem ersten Song eine Mauer zwischen zweien, die zuvor alle Grenzen gemeinsam überwinden wollten, kein Reißverschluss sollte sie trennen. Und dann stand da plötzlich eine Warntafel vor jedem weiteren Kontakt: Sie verlassen den hörbaren Sektor. Man unterhielt sich mehr und besser mit Liedtexten als mit eigenen Worten. Zeig mir deine Cassetten und ich sage dir, wer du bist. War der Frust und die musikbedingte Isolation zu groß, gab es jetzt für die Introvertierten ein Wunderding: den Walkman. Man war sich selbst genug in seinem Schmerz und der Flucht, die einen überallhin begleitete. Play, die Augen geschlossen, und weg war Deutschland, bis die Batterien alle waren und die Stimmen wie unter Mullbinden sangen. Ach ja, und was natürlich auch ein Argument für das Chrom war, vor allem nach dem Führerschein: ‘die hohe Hitzebeständigkeit beim mobilen Einsatz (Auto!)’. Und so kommt das Band zu seinem Ende und dem Anfang der Geschichte, dem Bandsalat, der größtmöglichen Katastrophe und zu erwartendem Unglück. April, nachts, ich fahre sie heim, Händchen haltend, das Lenkrad zwischen den Schenkeln, mit der linken schaltend. Nasse Straßen, die gedämpfte Lichtorgel der Scheinwerfer im Regen, Nebel vom See her. Das Band mit Love-Songs, das ich ihr gerade aufgenommen hatte, läuft. Gleich mein absolutes Lieblingslied, ich schau ihr tief in die Augen statt auf den Verkehr, jetzt kommt es: Sometimes it snows in April. Und was passiert? Es fängt tatsächlich zu schneien an! Das vollkommene Glück! Und dann:

Bandsalat, alles vorbei. Das Letzte, was ich hörte, bevor ich auf die Bremse trat:

and all the things they say never last.

Der Klodeckelschutzbezug

Unter den vielen Rätseln, die Deutschland der Welt im 20. Jahrhundert aufgegeben hat, ragt eines steil in die Regionen des Absurden hinein. Es findet sich vielerorts in lauschig eingerichteten Sanitärklausen. Selbst bei guten Freunden und nahen Verwandten ist man nicht sicher vor ästhetisch höchst anspruchsvollen oder liebevoll handgemachten Varianten jenes rätselhaften Gegenstands, den wir hier in einem ersten hilflosen Definitionsversuch mit dem Wort “Klodeckelschutzbezug” umschreiben wollen. Karl Valentin hätte das pelzige Ding wohl “Winterklodeckel” genannt und damit die surrealen Qualitäten des wollig warmen Überziehers präzise aufgezeigt. Der “Winterzahnstocher” jedenfalls, der im Karl-Valentin-Musäum in München zu sehen ist, entwickelt seine absurden Dimensionen mit dem gleichen Mittel. Das dünne Stäbchen ist mit Pelzhaaren umklebt; und allein schon die Vorstellung, dass man das in einem Minimuff steckende frierende Ding zwischen die Zähne schiebt, um einen eingeklemmten Fleischbrocken herauszustochern, erregt leichten Ekel und lässt die Besucher im Musäum laut auflachen. Warum wird aber in deutschen Toiletten so wenig gelacht? Viele humorbegabte Menschen haben dem Klodeckel in ihrer Wohnung einen stramm sitzenden Muff verpasst, doch sie kämen nie auf die Idee, ihre Kreation als komisch oder gar absurd zu empfinden. Es muss also einen kollektiven Wunsch geben, den wir im Moment noch nicht begreifen können. Warum wird in so vielen Wohnungen das doch wohl entbehrlichste Stück der sanitären Installation – der Klappdeckel – so auffällig ins Blickfeld gerückt, so liebevoll umhüllt oder so schamhaft versteckt? Beim Anblick der meist großmaschig flauschigen Umhüllungen fallen einem spontan alle möglichen wärmenden Überzieher ein, die, wie der “Winterklodeckel”, mehr und mehr außer Gebrauch geraten: Eierwärmer, Kaffeehauben, Ohrenschützer oder aber jene handgestrickten Schnürleibchen, in die kurzbeinige Hunde im Winter beim Gassigehen so hineingezwängt werden, dass sie als Presswürste ihre Notdurft nur unter Qualen verrichten können. Soll in den deutschen Kloschüsseln also etwas warmgehalten werden wie auf den deutschen Frühstückstischen, oder ist es gar menschliches Mitgefühl mit

der leidenden Kreatur, was die Toiletten-Benutzer zum wärmenden Überzieher greifen lässt? Die Antwort ist klar: Ein Klodeckel friert nicht, kriegt keine Gänsehaut; man hat ihn allenfalls schon mal schwitzen sehen im Dauerdampf der Nasszelle; wenn er also wirklich Gefühle kennt, dann hasst er nichts so sehr wie einen dicken haarigen Pullover auf nacktem PVC. Es muss also etwas anderes sein, was ihn unter die Haube zwingt. Befragen wir unsere Sinnesorgane nach dem Sinn dieser Schutzvorrichtung, bekommen wir recht eindeutige Antworten. Unsere Nase hat überhaupt keine Vorteile vom Deckelpelzchen. Wenn sich Gerüche entwickeln im diskretesten Winkel der Wohnung, kann der Schutzbezug wenig bewirken. Auch akustisch bringt der Überzieher keinerlei Verbesserungen. Etwaige Geräusche entstehen meist bei offenem Deckel, also dann, wenn die potenziell lärmdämmende Hülle wirkungslos an der Wand lehnt. Vielleicht hat das Ganze etwas mit dem Tastsinn zu tun. Deutsche Kaufhäuser bieten ja Badewannenvorleger, Kloschüsselumrandungen und Klodeckelschutzbezüge als funktional wie ästhetisch schlüssige Einheit an. Unsere Füße sind durchaus dankbar dafür. Wenn wir in einem gekachelten Bad aus der Wanne steigen oder unbeschuht auf der Toilette sitzen, sind passgenau zugeschnittene Stoffvorleger am Boden höchst willkommen; doch wie oft stehen wir mit nackten Füßen auf dem umstrickten Klodeckel? Begreifen könnte man den Überzug allenfalls, wenn statt des Deckels die harte Brille gepolstert wäre. Doch ein wuschliges Woll-Oval über dem Schüsselrand würde wohl den kollektiven Hygienevorstellungen widersprechen; was zwangsläufig zu der Frage führt, ob der rundum saugfähige Deckelüberzieher, der ja auf der Brille aufliegt und über den Strudeln der Schüssel schwebt, wirklich so viel hygienischer ist. Schöner ist er auf keinen Fall: Die korsettartigen Verschnürungen, die ihn auf der Unterseite zusammenhalten, sehen so hilflos und hässlich aus, dass man die Komposition eigentlich nur in geschlossenem Zustand ertragen kann. Dass uns bei dieser Gelegenheit ein anderer markanter Gegenstand des bundesrepublikanischen Alltags einfällt, wird wohl kein Zufall sein. Der Tropfenfänger, der mit einem langen, faszinierend hässlichen Gummiband um

den Bauch von Kaffee- oder Teekannen herumgehängt wurde, damit das rinnende braune Nass nicht das weiße Tischtuch erreichte, hat in der Geschichte des deutschen Wohlbefindens wohl eine ähnlich fundamentale Nebenrolle gespielt wie der Klodeckelschutzbezug. Es müssen also ästhetische Gründe sein, die den Siegeszug des wollenen Überziehers in den deutschen Toiletten möglich gemacht haben. Das Ding soll, wie wir von Besitzern hören, den Unort einfach dem Herzen ein wenig näher bringen.Wir Menschen haben ja schon im kindlichen Alter gelernt, dass alles, was mit Verdauung, Peristaltik und dem unvermeidlichen Ausscheidungsritual zu tun hat, irgendwie degoutant, schmutzig, dem gesitteten Menschen nicht ganz angemessen ist, jedenfalls in der Öffentlichkeit als peinlich empfunden wird und darum im Alltag versteckt oder verdrängt werden muss. Das hat zu so drolligen Erfindungen wie der kunstvoll umhäkelten Klorolle im Auto-Heck geführt: Mit erstaunlich kreativem Aufwand hat man dem nützlichen Gegenstand eine Mütze übergestülpt, die ihn unkenntlich machen und alle peinlichen Assoziationen kappen soll; doch erst durch den bombastischen Stoffschrein, der in die Welt hinausposaunt, dass jemand sich des Inhalts geniert, wird die Sache komisch, ja zur Peinlichkeit. Zuhause, am Ort des niedrigen Geschehens, ist die Menschheit mit den Verdrängungspraktiken und Verschönerungsmaßnahmen noch nicht sehr weit gekommen. Dass ausgerechnet der flache Klodeckel den ganzen gestalterischen Impetus der Benutzer abbekommt, ist schwer erklärbar. Eigentlich hätte die unverschämt bauchige Kloschüssel mit ihrem kropfartigen Siphon viel eher verdient, dass sie schamhaft weggeblendet wird. Übrigens: Bidets haben in Deutschland wohl schon deshalb nie Fuß fassen können, weil sie so unverschämt direkt zum Umgang mit den tabuisierten Körperteilen einladen und nicht mit einem Deckel anständig verschlossen werden können. Das Unaussprechliche – es zieht uns hinab. Jeder Deutsche erinnert sich schaudernd an seine Erstbegegnung mit sanitären Extremanlagen wie jenen flachen, schmutzigen Bodenwannen, in denen man, breitbeinig dastehend oder gefährlich tief in der Hocke hängend und um seine Barschaft bangend, eine oft schwer berechenbare Materie irgendwo zwischen den Hosenbeinen ins Ziel

bringen musste. Viele dieser schäbigen Abtritte in den beliebtesten Reiseländern der Deutschen sind inzwischen durch halbhohe oder hochbockige Porzellanthrone ersetzt, doch was nützt der Fortschritt, wenn die unbelehrbaren Ortsansässigen in ihrer Verzweiflung mit den Stiefeln auf die Schüssel steigen oder sich schon vor der Schüssel zum Geschäft niederlassen. Von solchen Schockbildern gepeinigt, sehnt sich der Urlauber zuhause nach einer heilen Sanitär-Welt, nach einem wohnlichen, warmen Ort, der zum Bleiben einlädt, nach blitzblanken Installationen, trocken gewischten, gleißenden Becken und flauschig weichen Stoffen, die wie Toupés alle kahlen Stellen milde bedecken. Manche Bäder bekommen auf diese Weise eine fast kultische Aura. So wie der Tisch in der Kirche durch das darübergebreitete Tuch zum Altar wird, so wird auch der Sanitärblock in manchen Toiletten durch die samtige Auflage zu einer Art Altar übersteigert. In anderen Bädern drängen sich eher die Assoziationen Urne und Gruft auf: Der Ort des ewigen Verlustes wird zur Aussegnungshalle. Hat man das begriffen, muss das Lachen, das wir eingangs eingefordert haben, natürlich verstummen. Ja man wird den phantasievoll ausgezierten Klodeckelbezügen sogar ein kreatives Potenzial bescheinigen müssen. Verschönern durch Verhüllen – nirgends wird das mit solcher Inbrunst betrieben wie in Deutschland. Beuys hat es gewusst: Jeder Mensch ist ein Künstler. Wir gehen noch weiter: Jeder Deutsche ist ein Christo. Nur im Land der manischen Verhüller war es möglich, dass ein Verhüllungsmonomane sogar das Parlamentsgebäude verhüllen durfte.

Westberlin

Im Mai 1988 fuhr ich mit Hauke zum ersten Mal nach Berlin. Er drückte das Gaspedal des Käfers auch auf der Transitstrecke bis zum Anschlag durch und zog links vorbei an den Mercedesfahrern, die auf Tempo 100 zu achten lernten. Selbst wenn uns die Vopo wegen zu schnellen Fahrens anhielte, meinte Hauke, hätten wir nichts zu befürchten. Wir müssten nur sagen, dass wir kein Geld dabei hätten, und man ließe uns fahren. Hauke war schon einige Male in Berlin gewesen. Er schwärmte vom mir noch unbekannten Dönerkebab – “eine Brottasche voller Fleisch und Salat für 1 Mark 50″ – und zeigte mir die abseitige Stadt. Wir fuhren mit dem Bus hinaus in den Westen, und einige hundert Meter lang grenzte die Mauer rechts und links direkt an die Straße, um sich schließlich zu einem Rund von wenigen hundert Meter Durchmesser zu weiten. Dort standen ein paar Dutzend Westberliner Häuser, eine Insel vor der Insel. Das schien absurd, doch als wir uns aufmachten, das kleine Terrain genauer zu erkunden, verließ uns die Lust, noch bevor wie die Mauer erreicht hatten. Es war ein ganz gewöhnlicher Vorort, der wie jeder andere nur dazu aufrief, ihn auf geradem Weg zu verlassen. Wir kamen unter bei einem Politologie-Studenten im Wedding. Seine Einzimmerwohnung mit Kohleofen und Innenklo kostete knapp 200 Mark im Monat, das hielt er für vergleichsweise viel. Boden und Wände waren weiß gestrichen, die Fenster das letzte Mal geputzt, als die Mutter ihn einmal besucht hatte. Am Abend gingen wir gemeinsam in den Kreuzberger Mehringhof, einem Konglomerat linksautonomer Kultur. Im Keller spielte eine Punkband, doch wir standen draußen und gerieten in einen heftigen Streit über die Anwendung von Gewalt und die Errichtung einer Diktatur des Proletariats. Beides hielt der in schwarzem Jackett und schwarzer Jeans gekleidete Politologe für unbedingt notwendig. Ich brachte Konzepte der defensiven Verteidigung vor, mit denen ich mich auf meine Wehrdienstverweigerung vorbereitet hatte, die ich als Gewissensgrund aber nicht angeben durfte. Von Gorbatschow und der Perestroika redeten wir beide nicht. Im Trash tanzten Punks, Goths und Alternative zu Westbams “Monkey say – Monkey do”. Erst bei den Acid-House- Partys ein paar Monate später, im

selben Haus, nur einen Stock höher, blieben Schüler und Studenten unter sich. Kürzlich war der Zivildienst auf zwanzig Monate verlängert worden. Mit Warten auf eine freie Stelle summierte sich das auf zwei Jahre, die man in der Regel weiter bei den Eltern wohnte, vielleicht in einer Band spielte und zu kiffen anfing. Der Wehrdienst ließ sich, wenn man den Urlaub aufsparte, knapp vor dem Wintersemester des kommenden Jahres abschließen. Diese Zeit war noch weniger ohne allabendliches Kiffen auszuhalten. Weshalb zogen also nicht viel mehr Jugendliche, wenigstens junge Männer, nach Berlin? Viele meiner Freunde traf die Musterung wie ein Schock. Sie hatten sich Atteste zurechtgelegt oder um gar nichts gekümmert, weil sie fest mit ihrer Ausmusterung rechneten. Doch egal ob starkes Untergewicht oder kaputtes Knie, das Resultat war immer eine Tauglichkeit 2. Vielleicht hinderte die Schreckensstarre sie daran, sich zu einem Umzug nach Berlin zu entschließen. Auch Hauke kam weiterhin nur zu Besuch. Wer sich vor der Wehrpflicht drückte, musste lange in Berlin ausharren, bis zum 28. oder eventuell 32. Lebensjahr. Eltern erzählten von der verdorrten Leiche einer Studentin, die zwei Jahre lang unentdeckt auf einem Kreuzberger Dachboden gelegen hatte. Und auch dann, wenn sie einem schließlich die Mietbürgschaft gaben, fiel es schwer, eine Bleibe zu finden. Die Mieten waren niedrig, doch die Wohnungen wurden meist unter der Hand weitergegeben. Die gebürtigen Berliner waren auch mit den Milliardensubventionen des Bundes nur schwer in der Stadt zu halten, aber die seit den siebziger und achtziger Jahren ansässigen Wahlberliner hielten die attraktiven Bezirke in ihrer Hand. Gaben sie einmal eine Wohnung frei, dann nur, um für einen alten Teppich oder ein Hochbett ein paar Tausend Mark Abstand zu kassieren. In der WG, die mich schließlich aufnahm – sie warb mit ihren literarischen Präferenzen: Foucault, Goethe, … – trudelten täglich etliche Briefe für all die ein, die dort noch gemeldet waren, um ihren Berliner Wohnsitz nicht zu verlieren. Sie waren nun wieder irgendwo in Westdeutschland, genauer wusste oder sagte es niemand. Auch Weihnachten fuhr man “zu den Eltern nach Westdeutschland”. Das kam einer Tautologie nahe, aber es ging einem lässig von

der Zunge. Kein krampfiges BRD oder Bundesrepublik, um zu sagen, dass das Gemeinte nur Teil eines Ganzen sei oder eben nicht mehr ein Teil, sondern etwas ganz Anderes. Westdeutschland bedeutete nichts anderes als: die Provinz. Die Hergezogenen bestritten vehement, dass Berlin eine Metropole sei und lebten sich rasch ein in ihren Kiez. Die geplante Autobahnstadt endete bald hinter dem ICC. Von der Fußgängerbrücke, die einmal über eine ampellose Tauentzienstraße führen sollte, war nur eine einzelne, ins Nichts führende Treppe gebaut worden. Sie bot einem Imbiss Dach. Im Bierpinsel, dem futuristischen Steglitzer Aussichtsturm, ließen sich Alt-Berliner Rentner Tütensuppen servieren. Westdeutschland durfte kein Zentrum haben, das war die Strafe für den Nationalsozialismus. Auch Paris oder London konnten nicht wirkliche Metropolen sein, denn wie Westdeutschland hingen sie den USA an. Berlin dagegen war quasi die Provinz seiner selbst. Nur in Berlin durfte man sich ein wenig jenseits von Kapitalismus und Imperialismus fühlen – und musste nicht nach drüben gehen. Es war eine historische Pointe, dass Berlin diesen besonderen Status nur genoss, weil es den Vier Mächten und damit den USA direkt unterstand. Viel Wut und Trotz sammelte sich, als der IWF im Herbst 1988 ausgerechnet in Berlin tagte. Zwischen Ku’Damm und Bahnhof Zoo reihten sich mehrere Personenkontrollen auf. Ein Freund mit halblangen Haaren wurde jedesmal durchsucht, ich, mit etwas kürzeren Haaren, durfte ungehindert passieren. Die Gegendemonstration hatte fünfzig- bis hunderttausend Teilnehmer, das waren mehr als zehn Jahre später in Seattle. Doch man marschierte nur heraus aus dem Stadtzentrum, von geschlossenen Polizeireihen flankiert, und machte jenseits der Stadtautobahn Halt für eine abschließende Kundgebung. Kurz verbreitete sich Aufregung und Kitzel, als man in der Bandenwerbung einer S- Bahnbrücke ein O ausgeschnitten sah und dahinter ein Kameraauge entdeckte. Der politische Widerstand war bedeutungslos, und auch Feiern ließ es sich nicht mehr. Die Euphorie um Acid-House war innerhalb weniger Wochen verpufft, es fehlte das Ecstasy. Als der legendäre Dschungel, in dem auch David

Bowie und Michel Foucault einmal verkehrt hatten, sein zehnjähriges Bestehen feierte, fiel dem Schreiber der taz nur ein, der Club sei “gaskammervoll” gewesen. Über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit dieses Vergleichs entspann sich in der taz eine endlose Debatte, während der sich irgendwann die Mauer öffnete. Westdeutschland ließ sich anders als BRD weiterhin sagen, nur bekam es plötzlich eine Bedeutung. Denn es gab nun auch ein Ostdeutschland, an das man in Berlin (West) genauso wenig gedacht hatte wie irgendwo sonst im bundesrepublikanischen Westen. Anfang 1990 war ich wieder auf Wohnungssuche und besetzte schließlich eine Wohnung in Ostberlin. Es kam der letzte Sommer von Berlin (West), und es waren nicht viele, die herüber in den Osten fuhren, um sich billigst zu betrinken. Einige Amerikaner lungerten im Tacheles und am Kollwitzplatz herum, zogen aber bald weiter nach Prag. Im nächsten Frühjahr eröffnete endlich Ostberlins erster von Westlern betriebene Club, der Tresor. Das Gebäude lag nur wenige hunderte Meter östlich der ehemaligen Mauer, direkt am Potsdamer Platz. Doch trotz eines vorangegangenen monatelangen Geraunes blieb der Club bei seiner Eröffnung fast leer. Später war viel von der Mauer in den Köpfen die Rede, aber zunächst einmal bestand gar kein Anlass, die Mauer – und damit auch ihren Fall – überhaupt wahrzunehmen. Einer meiner wenigen in Berlin (West) geborenen Freunde sagte, er habe als Kind geglaubt, alle Städte seien von einer Mauer umschlossen. Doch ich kann mich nicht erinnern, die Mauer nach meinem ersten Besuch im Mai 1988 und vor dem 9. November 1989 jemals bemerkt zu haben. Das ist kein Wunder, sie war kaum höher als ein Bauzaun und deutlich niedriger als ein Haus.

Das Trimm-dich-Männchen

Sieger sehen anders aus – und Heilsbringer sowieso. Der Typ hatte ein Froschmaul, einen akkuraten Seitenscheitel, merkwürdig tief liegende Ohren und auch sonst wenig jesusmäßiges. Mit seinem emporgereckten linken Daumen wirkte er wie ein Tramper, der noch viele Stunden und Tage lang an der Autobahnauffahrt stehen würde: Wer lädt sich schon freiwillig einen Anhalter ins Auto, der nicht viel mehr als ein Unterhemd und kurze Hosen am Leib trägt und sein Ohrfeigengesicht zu einem debilen Dauergrinsen verzieht? Und doch verströmte der Däumling zugleich eine Aura von Erlösung: Sah man ihm nicht gleich auf den ersten Blick den Besessenen, von bizarren Weltverbesserungsgedanken Beseelten an, den Missionar auf kuriosen Abwegen? Trimmy, so der Name des kleinen Mannes, wollte zwar nicht in fremden Autos mitgenommen werden, aber er hatte tatsächlich eine Mission. Mochten ihn auch viele für einen kurzbeinigen Trottel halten, als er im Frühjahr 1970 in Berlin (logisch: Westberlin) der bundesdeutschen Öffentlichkeit vorgestellt wurde, so war sein Anliegen doch bitterernst: Trimmy sollte die Deutschen “auf Trab bringen”, wie man sich damals ausdrückte. Der Deutsche Sportbund hatte sich Trimmy zusammen mit einer Werbeagentur ausgedacht. Es wurde eine Leitfigur aus ihm, die dem erst später zu Ehren gekommenen Wort “Bürgerbewegung” frühen Sinn einhauchte. Der niedliche Bursche appellierte mit schlichten Slogans wie “Turn mal wieder”, “Tanz mal wieder” oder “Kick mal wieder” an das Gesundheitsbewusstsein der zu Wohlstand und Wohlstandsbäuchen gekommenen Deutschen – und schaffte es in wenigen Jahren, zu einer kleinen Gottheit erkoren zu werden. Ihr zuliebe richtete man überall in Bundesdeutschland Freilufthaine ein: Auf den so genannten Trimm-Dich-Pfaden huldigten Abertausende von Jüngern beiderlei Geschlechts dem grienenden Watschenmännchen. Natürlich war die Zeit reif für die Ankunft eines Erlösers, als Trimmy in das Leben der Bundesdeutschen trat. Jahrzehntelang hatten die Bürger ihre Kräfte in den Wiederaufbau des Landes und seiner Wirtschaft investiert; hatten erst Trümmer geschleppt und sie zu neuen Häusern und Fabriken aufeinander gehäuft; hatten dann, als ihre Arbeit Ertrag zeigte, viel gegessen und getrunken

und sich dazu das Zigarrenrauchen angewöhnt. Sportbegeisterung war den Wirtschaftswunderdeutschen dabei keineswegs fremd. Sie hatten Fritz Walter und seinen Jungs zugejubelt, als sie 1954 Fußballweltmeister wurden; hatten 1960 während der Olympischen Spiele in Rom den Läufer Armin Hary als Sprintkönig gefeiert und den Aufstieg des amerikanischen Boxers Cassius Clay (der sich 1964 in Muhammad Ali umbenannte) bestaunt – aber all das taten sie, während sie selbst bei Bier und Wein vor den Hörfunk- und Fernsehgeräten saßen, nicht weil sie daran dachten, selber den Sporthelden nachzueifern. Warum auch? Hatten nicht die Nationalsozialisten die Idee der körperlichen Ertüchtigung der Massen gründlich zuschanden gebrüllt? Was anderes als Kriegsvorbereitung waren die Kraft-durch-Freude-Meiereien, die Turn- und Gymnastik-Großspektakel der Nazis gewesen? Welchen anderen Zweck hatten die Sportübungen der Jungmänner und Jungmädels verfolgt als den, nicht bloß ihre Körper, sondern auch ihre Seelen “hart wie Kruppstahl” zu machen, um dann Millionen von Menschen (und sich selber gleich mit) ins Verderben zu stürzen? Von einem gestählten “Volkskörper” und ähnlich martialischem Gewese wollte man also verständlicherweise Anfang der Siebziger nichts mehr wissen; stattdessen ging es dem “Breitensport”, den die Trimm-Dich-Bewegung des Deutschen Sportbunds fördern sollte, angeblich nur darum, die schlimmen Folgen der bundesdeutschen Fettlebe einzudämmen. Bewegungsmangel – diese Diagnose galt nicht nur für den geistigen Zustand Deutschlands in den Adenauer- und Post-Adenauer-Jahren, sondern noch viel mehr für die körperliche Verfassung der Wirtschaftswunderkinder. Der Herzinfarkt und andere wohlstandsbedingte gesundheitliche Kalamitäten rafften immer mehr Bürger dahin. Im Jahr 1900 hatten die Deutschen durchschnittlich 62 Stunden pro Woche geschuftet, 1970 waren es noch 43 Stunden – und wozu nutzten sie die gewonnene Freizeit (auch so ein Modewort)? Sie lagen auf der faulen Haut, mampften, tranken und rauchten. Klarer Fall: Eine Art Ruck am BRD-Sessel musste her. Der Erfolg der Trimm-Dich-durch-Sport-Initiative war – offenbar zur

Überraschung selbst der Initiatoren – durchschlagend. “Früher war es den Jungen und Starken, den Talentierten und Wohlhabenden vorbehalten, Sport zu treiben”, jubelte der Sportbund 1980 im Band “10 Jahre Trimm-Aktion”, durch Trimmy aber seien aber nun auch “die Älteren, die Dickeren, die Frauen, die Leistungsschwachen” körperlich aktiv. 49 Prozent aller Bundesbürger bekannten sich laut einer Emnid-Umfrage als Trimm-Teilnehmer, mithin handle es sich um “die erfolgreichste gemeinnützige Kampagne, die es je in der Bundesrepublik gegeben hat”. Das hatte zunächst damit zu tun, dass es den Bundesdeutschen gelungen war, erstmals seit Hitlers 1936er Berliner Olympia-Show, in der er vor den Augen der Welt eine scheinbar friedlich triumphierende Sport-Weltmacht Deutschland zum Goldmedaillenappell antreten ließ, wieder Olympische Spiele nach Deutschland zu holen: München 1972, das sollte nicht nur eine Demonstration eines modernen, geläuterten, fröhlichen Deutschlands werden (auch wenn die “heiteren Spiele”, so der Münchner Slogan, durch den Terrorangriff palästinensischer Kidnapper dann nicht gar so lustig wurden) es sollte sich auch eine körperlich frische, bewegliche Nation präsentieren. Es hatte damit zu tun, dass aus den USA die Kunde einer neuen Alltagssport- Begeisterung in die Bundesrepublik gedrungen war. Die “Jogger” fanden bereits in der BRD der siebziger Jahre so viele Nachahmer, dass Kardiologen sich bald über eine bedenkliche Häufung von Todesfällen beim Laufen sorgten. (Hier irrt übrigens Florian Illies in seinem schönen Bestseller “Generation Golf”: Er datiert den “Paradigmenwechsel” durch die Verwandlung des Wortes Dauerlaufen in Joggen im deutschen Sprachgebrauch auf Mitte der achtziger Jahre – in Wahrheit war das Wort schon in den Siebzigern so populär, dass der “Spiegel” dem Volkssport “Jogging – Spaß am Laufen” 1978 eine Titelgeschichte widmete.) Noch wichtiger aber für Trimmys Triumphzug durch die BRD war die scheinbar arglose, in Wahrheit aber raffinierte Art, in der er unverhofft Gemeinschaftsgefühl in schwierigen Zeiten stiftete. Der Konsens der Nachkriegsgesellschaft war 1970 fürs erste perdu, Studentenrevolte und Anti- Springer-Protest hatten, wenn schon keinen Klassen-, so doch einen

Generationskonflikt offen gelegt, das Zerbrechen der Großen Koalition und die sozialliberale Regierung unter Willy Brandt bedeuteteten Neuanfang, Polarisierung, Streit. In dieser trüben Zeit rief Trimmy dazu auf, zu turnen, zu schwimmen und zu laufen – und zwar, so die Herren des Sportbunds, “weil das alles Spaß macht, weil es gesund ist, weil es eine gesellige Sache ist”. Eine gesellige Sache: Im Wald und auf der Heide durften sich nun jede Menge Deutsche ohne Arg und Streiterei zu Volksläufen unter dem poetischen Motto “Trimm-Trab ins Grüne” treffen (die Gründung der Grünen lag noch in weiter Ferne). Dabei war das Laufen, wie Psycho-Fachleute bald herausfanden, gleich noch eine erstklassige Therapie gegen Depressionen. Trimmys Jünger entschieden sich fürs kollektive Davonlaufen aus Zeiten, die, wie man so sagte, zum Davonlaufen waren. Unter den so genannten Intellektuellen gewann unser kleiner Held schon deshalb keine Freunde: Er war eine Symbolfigur des Eskapismus. Ein Versöhnler, der Widersprüche zudecken wollte, statt sie – womöglich hechelnd in vollem Lauf – “auszudiskutieren” (auch so ein BRD-Modewort). Gerade die Linken, Progressiven, Aufgeklärten der siebziger Jahre gefielen sich in einer heute schwer verständlichen Sport- und mitunter auch Körperfeindlichkeit; flegelten mit langen Schmierhaaren auf WG-Stühlen; pafften, was das Zeug hielt (aber fingen an, gesundheitshalber Müsli zu löffeln); bekannten sich zwar zur sexuellen Befreiung, sahen aber nackt ziemlich wabbelig und nicht besonders gut aus. Sport galt ihnen als spießig. Na gut, die Fußball-WM in Deutschland 1974 anzusehen, war noch in Ordnung (und Tip und Tap, die damaligen WM- Maskottchen, waren im Vergleich zu Trimmy auch coole Typen) – aber selber Sport treiben? Den BRD-Intellektuellen galt das als Unterwerfung unter die “Tyrannei des Körpers”, und genau mit dieser Floskel geißelten sie in den achtziger Jahren die aufkommende Selbstquälerei im Namen der Fitness. Im “Kursbuch” etwa wurde noch 1987 die “muskuläre Aufrüstung” der Deutschen höchst skeptisch beschrieben. Seine Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach Geselligkeit aber ist es, die den Trimmer der BRD vom nahezu autistischen Fitnesstreibenden unserer Zeit

unterscheidet. Wer heute im Studio oder in der Natur seine Muskeln stählt, der kämpft meistens ganz allein. Er möchte fit for fun und für die Karriere sein, möchte den Prozess des Alterns bezwingen und schindet sich für mehr Lebensqualität und besseren Sex. Er blättert sich durch Hochglanzzeitschriften, die ihm Fitness als ganzheitliche Lehre von richtiger Bewegung, richtiger Ernährung und richtigem Bewusstsein predigen, und er blickt auf straffe Bauchmuskeln, erigierte Brustwarzen und glitzernde, garantiert geruchsfreie Designer-Schweißperlen, die ihm einen besseren, oft in nur wenigen Wochen zu erlangenden Lebensstil verheißen. Trimmy jedoch hatte nie die Ich-Gesellschaft, sondern immer nur das Wir- Gefühl im Sinn. Deshalb ist er irgendwann in den achtziger Jahren sehr leise abgetreten. Es gab nicht viele, die ihm nachtrauerten. Relikte des Trimmy-Kults aber finden sich bis heute in vielen deutschen Wäldern. Aus medizinischer Sicht, so wissen wir heute, war der Trimm-Dich- Pfad ein Holzweg. Die meisten der einst auf Schautafeln gelehrten Übungen sind nach neuerer wissenschaftlicher Erkenntnis nachgerade gesundheitsschädlich:

Die gemeine Rumpfbeuge etwa, einst selbst Kindern empfohlen, ist zumindest für Ungeübte eine gefährliche Attacke auf die Lendenwirbelsäule. Der Klimmzug demoliert häufig das Schultergelenk. Sit-ups mit einem Baumstamm unter dem Po, einst eine zentrale Pfad-Turnübung, sind überführt als klassische Bandscheibenkiller, mutwillige Selbstbeschädigung durch Überstreckung der Wirbelsäule. Trotzdem könnte es sein, dass Trimmy demnächst Auferstehung feiert. Trend- Spürnasen aus der Popbranche haben sich die Rechte an der Figur gesichert. Das lässt fürchten, dass Trimmy bald wie seine Vettern aus dem Land der Schlümpfe mit grausiger Fiepsstimme eine Art Trimmschlumpf-Techno singt. Im besten Fall aber, und Optimismus ist in der schönen, neuen, fitten Berliner Republik schließlich oberste Bürgerpflicht, könnte Trimmy in seinem 31. Lebensjahr noch einmal triumphal die deutschen Verhältnisse zum Tanzen bringen. Andererseits: Gucken wir uns den Kerl nochmal genau an. Popstars sehen anders aus.

Tri Top

Zu den großen Rätseln der westlichen Welt muss man die Frage zählen, wohin Produkte eigentlich verschwinden, wenn es sie nicht mehr gibt. Und wie man bitteschön viertausendseitige Romane über die eigene Jugend verfassen soll, wenn die Erinnerung schwächelt und sich nirgends nachsehen lässt, ob auf den Etiketten des Fruchtsirups Tri Top die Zauberformel zur Zubereitung nun 4+1 oder 5+1 lautete. Eigentlich ist es auch egal, weil das Zeug so oder so pappsüß schmeckte und nur durch großzügigen Umgang mit Wasser und vor allem Eiswürfeln seinen Zweck erfüllte. Andererseits wollten die Leute ihren Sirup natürlich auch verkaufen und nicht zusehen, wie man mit einer Flasche einen ganzen Kindergarten durch den Sommer brachte. Tatsache ist jedenfalls, dass Tri Top so gründlich von der Erdoberfläche verschwunden ist, dass selbst mehrwöchige Recherchen keine dieser Flaschen zu Tage gefördert haben – weswegen wir uns mit einem eher symbolischen Foto begnügen müssen. Trotzdem sind wir sicher, dass in irgendeiner Garage eines Zweifamilienhauses in Franken noch eine Tri-Top- Flasche steht und als Behältnis für Rosshaarpinsel ein würdiges Auskommen hat. Und wenn man die zerlaufenen Farbspuren abkratzen würde, bekäme man Auskunft über jene Formel, mit der Tri Top einst die Welt erobern wollte. Offenbar ist das nicht ganz gelungen, aber immerhin stand weiten Teilen der westdeutschen Jugend in den siebziger Jahren der Sirup bis zum Hals – wenn er ihnen nicht gar zu den Ohren herauskam. Es steht zu vermuten, dass die Tri-Top-Flaschen im Rahmen einer groß angelegten Spurenbeseitigung landesweit aus den Regalen konfisziert wurden, weil sich bewahrheitet hatte, was viele schon lange vermutet hatten: dass das Zeug nämlich radioaktiv ist. Es lässt sich nicht mehr belegen, dass der Sirup im Dunkeln leuchtete, aber als gesichert darf gelten, dass Tri Top für meinen Haarausfall verantwortlich zu machen ist – und vermutlich auch für den einen oder anderen psychischen Defekt. Eigentlich ein klarer Fall für die Stiftung Warentest. Tri Top tauchte in einer Zeit auf, da klar wurde, dass man einen jugendlichen Markt auf Dauer nicht mit dem Apotheken-Appeal des Hohen C erobern kann, und es verschwand, noch ehe sich der Orangensaft in O-Saft

verwandelte. Die Flasche hatte eine Form, die man wohl konisch nennen muss, aber ähnelte dabei weniger einem Kegel als den damals allgegenwärtigen Lava- Lampen. Und so wie das Zeug, das in letzteren herumquoll, aussah, so schmeckte ungefähr der Sirup – auch wenn der ultramoderne Name (tree top = Baumspitze) einen eher natürlichen Geschmack transportieren sollte. Er war jedenfalls, wie die Flaschenform, voll auf der Höhe der Zeit, und beide sind vermutlich von einem jener Designer-Typen entworfen worden, die in Form von Luigi Collani damals die Talkshows bevölkerten. Garantiert trug er allzeit viel zu große, getönte Brillengläser, mächtige Kotletten und einen exzentrischen Schnurrbart, also rundum jene Sorte von Auftreten, wie sie später Ion Tiriac gepflegt hat. Weil man damals aber mit Tennis hier zu Lande noch kein Geld verdienen konnte, musste man Fruchtsirupflaschen entwerfen, die eigentlich einen Platz in einem Designmuseum verdienten, stattdessen aber im Arsenal unnützer Erinnerungen vermodern. Irgendwas ist schief gelaufen auf dem Weg zur Sirupisierung der westlichen Welt. Es mag damit zusammenhängen, dass man in den Siebzigern, vermutlich als Folge der Mondlandung und Bewusstsein erweiternder Drogen, der Meinung war, der Fortschritt dürfe vor dem Fruchtsaft nicht Halt machen. Und wenn also Astronauten ihre Nahrung in Form von Dragees zu sich nehmen können, dann lassen sich auch Kinderbedürfnisse in konzentrierter Form an den Mann bringen. Natürlich gab es Himbeersirup in jenen Flaschen, die eher an Farbverdünnergefäße gemahnen, schon länger; und mit Ahoi-Brause wurden Kinder wahrscheinlich schon in Vorkriegszeiten vergiftet – aber in der fortschrittsgläubigen, zukunftsweisenden Form von Tri Top hatte es Fruchtsäfte noch nicht gegeben. Sie sahen nun aus, als könnten sie von der Nasa jederzeit auf den nächsten bemannten Raumflug mitgenommen werden. Damals kamen schließlich auch die in der Mitte zusammenfaltbaren Fahrräder in Mode, und überhaupt musste die ganze Welt plötzlich zusammenklappbar, eindampfbar, reduzierbar werden. Das war man der Zukunft schuldig. Komischerweise waren all diese Erwägungen Kindern damals völlig egal. Sie waren in erster Linie enttäuscht, bei den Großeltern statt eines Kastens Limo

im Kühlschrank nur eine Flasche Tri Top vorzufinden. Warum Eltern, außer wenn es um Kindergeburtstage ging, für die Verkaufsargumente von Tri Top unempfänglich waren, Großeltern hingegen begeistert darauf hereinfielen, entzieht sich bis heute meiner Kenntnis. Vermutlich lag es an der Zauberformel 4+1, die sie als Kriegsgeneration besonders einleuchtend fanden. Und zwar so sehr, dass immer gleich mehrere Flaschen angeschafft wurden. Aber keineswegs, wie von uns Kindern wiederholt angemahnt, mit Kirschgeschmack, sondern hartnäckig mit dem muffigen Aroma der Schwarzen Johannisbeere. Dabei fand in der kompletten Künstlichkeit des Kirschgeschmacks das durch und durch artifizielle Unternehmen Tri Top so richtig zu sich, während in der Johannisbeere eine falsche Natürlichkeit nachgeäfft wurde, die eher an den Geruch der später in Wohngemeinschaften so beliebten Wollfusselpullis erinnerte. Man schraubte also das Mischverhältnis auf kariesfördernde und also gesundheitsschädigende drei oder gar zwei zu eins herunter, damit das Zeug schneller weg kommt und endlich Kirsche angeschafft werden konnte. Die Großeltern versprachen Besserung und stellten, wenn man die Flaschen mühsam weggetrunken hatte, unbeirrt wieder Johannisbeere in den Kühlschrank. Es war zum Verzweifeln. Und man konnte sich noch nicht einmal so richtig beschweren, weil sie das Zeugs ja nur uns zuliebe angeschafft hatten. Sonst trank das auch kein vernünftiger Mensch. Das nächste Mal aber Kirsch, ganz bestimmt. Ja, warum hast du uns das denn nicht gleich gesagt? Und dann kauften sie wieder Johannisbeere. Es war hoffnungslos.Aber es hatte System. Denn mit derselben Unbeirrbarkeit wurde auch immer wieder, trotz flehentlicher Bitten, nicht etwa Vollmilch-Nuss, sondern Zartbitterschokolade angeschafft – und auch die in der familienfreundlichen Zehnerpackung, an der man locker einen Sommer lang zu knabbern hatte. Oder eben nicht. Denn man nahm die Tafeln zwar mit bittersüßem Lächeln in Empfang, um sie zu Hause jedoch an die Eltern weiterzuschenken. So habe ich an meine Großeltern, die grundgute, freundliche Menschen waren, doch eher eine zartbittere Erinnerung – mit deutlichem Johannisbeernachgeschmack. Andererseits verbinden sich mit den zunehmend sich einschwärzenden

Siruprändern, die dadurch entstanden, dass man zum Mischen – typische Designeridee! – die geriffelte weiße Schraubkappe verwenden sollte, die Erinnerungen an heiße Sommernachmittage im Kirschbaum, der Geruch des Motorrasenmähers und von frisch geschnittenem Gras und das Gefühl der kühlen Küche, wo der Duft von Apfelstrudel hing. Es kann eben nicht immer der Geschmack der Madeleine sein – manchmal muss Tri Top genügen. Was uns wieder zu der Frage bringt, wohin diese obskuren Objekte unserer kindlichen Begierden verschwunden sind. Und warum sie niemand bewahrt hat. Wer erinnert sich noch an den lineallangen geflochtenen Schoko-Riegel, der mit den drei Musketieren warb? Oder an den Braunen Bär, der unter seinem Eis einen Karamellkern barg? Oder an die Zahnpasta Strahler 80, die mit dem fabelhaften Slogan warb: Strahler-Küsse schmecken besser, Strahler-Küsse schmecken gut. Warum hat niemand diese Dinge aufgehoben? Warum? Verdammt, wozu haben wir eigentlich Museen?

Der Käfer

“Entschuldige, kannst du das Fenster etwas runterdrehen, damit Luft reinkommt, ich seh gerade nichts mehr. Gib mal das Taschentuch rüber, verdammt, alles verschmiert, scheiß Regen! Warum muss diese Karre immer total von innen beschlagen? Ich lern es einfach nicht, an welchem von diesem blöden Knöpfen man drehen muss, damit die Lüftung – halt, das ist das Licht, aber vielleicht hier… Ogott, der Scheibenwischer! Heh, geh wieder, bitte!!” So war das mit dem Käfer. Bei Regen kamen einem die Fahrer stets winkend entgegen, weil sie mit der Hand oder mit dem ganzen Unterarm die Windschutzscheibe zu trocknen versuchten. Sprang er im Winter nicht an, musste man die Rückbank ausbauen, um an die Autobatterie zu gelangen. Bei der Heizung gab es immerhin zwei Möglichkeiten: Entweder sie funktionierte gar nicht oder immer. Autoradio? Vergiss es, man hörte eh nichts bei dem Geknatter. Ja, das war der Käfer, der 21 Millionen Mal gebaut wurde, der Nazikäfer, der Wirtschaftswunderkäfer, der Flowerpowerkäfer, der Familienkäfer, der Studentenkäfer. 21 Millionen Menschen auf der Welt fuhren winkend durch die Straßen, das muss man sich einmal vorstellen. Seinen größten Erfolg hatte das Auto übrigens nicht in der BRD, sondern in Mexico und Kalifornien – wahrscheinlich, weil es da nicht so oft regnet. VW-Käfer! Wie nett das klingt, eigentlich zu nett für ein Auto, das Adolf Hitler in Auftrag gegeben hat. Aber passend für einen Wagen, dessen Karosserie nicht nur der Funktionalität unterworfen ist, sondern der mit seinen runden Formen sympathisch, fast unbeholfen wirkt und dessen Scheinwerfer-Augen an ein schüchternes Tier erinnern. Kein Wunder, dass es Käferbesitzer gibt, die ihren Wagen jahrzehntelang als vollwertiges Familienmitglied betrachten und ihn – müssen sie ihn schließlich doch irgendwann dem Schrottplatz anvertrauen – mindestens so beweinen, als hätten sie gerade den Hund zum Einschläfern gebracht. Natürlich hängt der Siegeszug des Käfers damit zusammen, dass dieses Produkt zwei deutsche Grundbefindlichkeiten virtuos gleichzeitig bedient: Technik- Begeisterung und Tierliebe. Eine Maschine bekommt Leben eingehaucht und wird dadurch zum treuen Gefährten, zum Freund.

Vielleicht ist diese Gefühlskomponente ja auch die Ursache, dass jeder, aber auch wirklich jeder BRD-Deutsche zum potenziellen Käferfahrer wurde. Klar, dieses Auto war von dem österreichischen Konstrukteur Ferdinand Porsche auf Geheiß der Nazis als “Volkswagen” erdacht worden, und er funktionierte in der frühen BRD als solcher vor allem deshalb, weil er billig war. Aber auch später, als der Wohlstand längst ausgebrochen und sich die Gesellschaft in VW-, Opel- und Mercedesfahrer aufgeteilt hatte, blieb der Käfer ein Auto für alle: die Kleinfamilienkutsche für den Handwerksmeister, das korrekte Vehikel für die Friedensbewegten, das Spaßmobil für die Erfolgreichen. Er ist Symbol für das solide Leben genauso wie für das Gegenteil. Er ist einfach das netteste Auto der Welt. Für die frühe Bundesrepublik ist der Käfer, obwohl einem im Winter die Zehen am Gaspedal abfrieren, ein stolzes Symbol für Wohlstand und Wertarbeit. (Ganz im Gegensatz zu seinem ostdeutschen Kollegen Trabi, für den sich die ehemaligen DDR-Bürger so schämen, dass sie ihn schon ein paar Jahre nach der Wende praktisch aus dem Straßenbild verschwinden ließen.) Der Käfer der fünfziger und sechziger Jahre: in der Erinnerung ein verblassendes, schwach coloriertes Illustriertenfoto. Männer mit Hüten und optimistischem Lächeln sitzen am Steuer, Frauen mit hoch toupierten Frisuren entsteigen glücklich dem Fond; im gepunkteten Kurzarm-Hemd und mit seitengescheitelten Kindern geht es gen Süden, zum Gardasee, nach Jesolo. Einziges Problem: Das frühe Modell hat nur 22 PS, die glücklichen Käferfamilien bleiben reihenweise auf der Brennerstraße hängen, müssen umkehren und ihren Urlaub in Innsbruck verbringen oder am Chiemsee. Bis die neue Variante mit 34 PS erscheint, ein Käfer, der schnaufend und tuckernd und auf den steilen Stellen in Schrittgeschwindigkeit den Weg über die Alpen schafft, hin zu den Stränden der Adria. Seit diesen Jahren wird jede Innovation an der Käfer-Technik genauestens zur Kenntnis genommen und vor allem von den Liebhabern, die sich republikweit in nostalgisch gesinnten Käferclubs zusammenrotten, zu wichtigen Meilensteinen der Industriegeschichte hochstilisiert. 1953: das “Brezelfenster”, also die Rückscheibe mit Mittelsteg, weicht

einem größeren Rückfenster. 1965: ein Modell mit Stahlkurbeldach erscheint. 1968 – im Jahr der Studentenunruhen geschieht auch Revolutionäres mit dem Käfer: Der Tank, bisher nur über den vorderen Kofferraum zugänglich, erhält eine verschließbare Klappe, an der Karosserie rechts außen. Und schließlich 1972, ein Schlüsseljahr für Käfer-Fans: Die bis dahin gerade Windschutzscheibe wird von einer gebogenen “Panoramascheibe” abgelöst. Und als ob das nicht schon genug Anbiederei an die alberne geschwungene Ästhetik der siebziger Jahre wäre, vergrößern die Designer auch noch die bis dato eleganten, schmalen Rückleuchten zu klobigen Riesenlampen. Jeder, der das Wesen des Käfers bis ins Innerste durchdringt, weiß, dass diese barbarischen Designer-Sünden den Beginn des Niedergangs dieses Autos markieren. Das Ende kommt 1978. In Wolfsburg, das 1938 als “Stadt des Kraft-durch- Freude-Wagens” ausschließlich für die Käfer-Produktion gegründet worden war, rollt das letzte Exemplar vom Band; seitdem wird das Auto nur noch in Mexico gebaut. Seinem Ruhm hat das nicht geschadet, im Gegenteil: Die Republik lernt den Käfer als Gebrauchtwagen von einer völlig neuen Seite kennen. Waren seine Besitzer bisher eher im Milieu der mittleren Angestellten, der Lehrer und Beamten anzutreffen, wechselt seine Klientel mit sinkendem Anschaffungspreis ins studentische Umfeld. Der Käferfahrer neuen Typs bezieht Bafög-Höchstsatz und schüttet unbekümmert enorme Mengen verbleiten Benzins in den Tank – ist doch egal, Hauptsache das Ding fährt überhaupt: nach Griechenland, zum Baggersee, gerne auch nach Wackersdorf zur Anti-WAA-Demo. Eine gewisse Unbekümmertheit in ökonomischen Fragen ist für Käferpiloten der achtziger Jahre schon deshalb notwendig, weil es gilt, sich gegen die aufkommende Spezies der Golf-Fahrer abzugrenzen. Während letztere vor allem als stromlinienförmige Jurastudenten oder aufgehübschte Kunstseminar-Teilnehmerinnen in Erscheinung treten, denen Effizienz und Karrierestreben über alles gehen, inszeniert sich der Käferfahrer als lässiger Individualist. Viele von ihnen wechseln die benzinfressenden, ständig kaputten Käfer so oft wie die Partner (wobei die Erfahrung nicht ausbleibt, dass dieses Auto als Ort für sexuelle Eskapaden mangels verstellbarer

Rückenlehne völlig ungeeignet ist), andere kaufen sich ein schickes Käfer- Cabriolet, dem sie ewige Treue schwören. Sie alle sind immer wieder davon überrascht, dass etwas so überaus Deutsches wie der Käfer so unspießig sein kann. Und wirklich verhasst ist ihnen nur der deutsche TÜV, der die glückliche, aber zumeist rostige Käfer-Mensch-Beziehung alle zwei Jahre zu zerstören trachtet. Sozialkundelehrer, Boutiquenbesitzerinnen, Zahnarzttöchter – der Käfer packt einfach alles. Auch wenn’s manchmal schwer fällt. Richtig hart tut sich das Auto mit der Total-Verproletisierung, die im Zuge der "Herbie"- Filme in den Siebzigern beginnt. Dort mutiert der "tolle Käfer" zum Rennwagen und entwickelt ein seltsames emotionales Eigenleben, spritzt Bösewichten Öl ins Gesicht und lässt Radkappen fliegen. Seitdem bauen schlichte Gemüter das Auto auch im wirklichen Leben zu abscheulichen Gefährten um, verbreitern die Kotflügel, montieren Spoiler und lackieren die Karosserie in Lilametallic. Es wirkt ungefähr so, als verpasse man Mutter Beimer ein Bauchnabelpiercing. Für das größte Missverständnis jedoch ist VW selbst verantwortlich: ihr Beetle – ein 40000 Mark teures Auto – hat mit dem Käfer so viel zu tun hat wie Katja Flint mit Marlene Dietrich. Der Versuch, die VW-Legende zu reanimieren, funktionierte nur in den USA, in Deutschland wurde der Beetle ein Flop. Der Käfer ist das Auto der BRD, sein Geist ist dahin, und das Modell der siebziger Jahre, das gelegentlich noch heute über die Straßen tuckert, gilt vor dem Finanzamt inzwischen als Oldtimer.

Die "DDR"

Die Gänse des Kapitols sind eine Bildungschiffre des ganzen Abendlandes. Aber nur die Westdeutschen können sagen, dass unter ihnen eine Zeitlang auch Gänsefüßchen zum allgemeinen Bildungsgut gehört haben. Die Gänse, Opfervögel auf dem Kapitol, haben einst, der Lateiner weiß es, das alte Rom gerettet, weil sie, aufgeschreckt von Waffengeklirr, zu schnattern anfingen und so einen nächtlichen Überraschungsangriff des Feindes auf die bis dahin schlafende Stadt vereitelten. Und was haben die Gänsefüßchen gerettet? Das ist nicht so fabelhaft zu beantworten, wie bei den kapitolinischen Gänsen. Die Gänsefüßchen, so die altmodische Bezeichnung für An- und Abführungsstrichelchen, gehören politisch in die mittleren Jahre der alten Bundesrepublik. Konservative wie rechtspopulistische, auch reaktionäre Zeitungen, angeführt von den Blättern des Springer-Konzerns, setzten das Namenskürzel des anderen deutschen Nachkriegsstaats DDR in Gänsefüßchen:

“DDR”. Mit dieser typografischen Garnierung, je nach Schriftgrad fett, halbfett oder mager, immer trotzig, sollte die Staatlichkeit der Deutschen Demokratischen Republik bestritten werden. Der volle Name der DDR wurde in diesen Organen ohnehin nicht gedruckt. Nur DDR in Gänsefüßchen: “DDR”. Kurt Georg Kiesinger, ein sehr vorübergehender Bundeskanzler, drückte in einer Bundestagsdebatte die Gänsefüßchen rhetorisch aus, indem er die DDR ein “Phänomen” nannte. Es war sein Versuch, eine Realität wahrzunehmen, ohne sie beim Namen zu nennen. Anders gesagt: ein Versuch (er scheiterte), mit der DDR ins Gespräch zu kommen und dennoch die Freundschaft der Gänsefüßchen- Presse nicht zu verlieren. Wer kennt die Namen noch, die Frontverläufe, das Augenzwinkern, die Widersprüchlichkeiten: etwa die Begebenheit, wie ein bedeutender Verleger, der nachdrücklich auf Gänsefüßchen bestand, buchstäblich Pferdegeschäfte mit der DDR tätigte. Es ist so lange her. Das Bild, das die Westdeutschen seinerzeit von der DDR hatten, der Begriff, auf den sie sie brachten, war nach meiner Erfahrung oft vielschichtiger, lebensnaher, als die politische Agitation mit und ohne Gänsefüßchen gegen den deutschen Staat “drüben”, der denselben Geburtsfehler hatte wie die BRD: aus einer

Teilung hervorgegangen zu sein. Die Klischees des “Kuratoriums Unteilbares Deutschland” von dem nimmermüden Denken an die Brüder und Schwestern östlich der Elbe ließen – ihrer Natur nach – landsmannschaftliche Unterschiede beispielsweise unberücksichtigt. Nur ihre intellektuelle Schlichtheit und emotionale Einfalt machten die Klischees agitatorisch brauchbar. Hierin lag etwas Gesamtdeutsches. An der ebenfalls geteilten Wahrheit wäre die Agitation beiderseits der Elbe zuschanden geworden. Immerhin führten beide Seiten – kalten – Krieg gegeneinander. Meine erste Redakteursstelle bekam ich Ende 1952 bei der Badischen Zeitung in Freiburg. Die Südbadener, so lernte ich schnell, waren mit Herz und Verstand an der Frage einer Überwindung der Nachkriegs- Teilung in Nord- und Südbaden und der Herstellung eines gesamtbadischen Bundeslandes aufs höchste interessiert. Lange danach erst und weit weniger nahmen sie Interesse an Berlin, der Umwandlung der alten Länder in der DDR in Bezirke und den allgemeinen ostelbischen Lebensbedingungen. Das war so weit weg. Auch hatten sich nach 1945 in Süddeutschland althergebrachte antipreußische Gefühle heftig wiederbelebt. Die Preußen: Das waren die Leute, die 1848 die badischen Demokraten in Rastatt niedergemacht hatten. Wohl wahr. Was hatte das “Kuratorium Unteilbares Deutschland” lernen und gebrauchen können von der engagierten, wahrhaft volksnahen, also nicht nur repräsentativ- demokratischen Debatte in Südbaden über den Probe auf Gerechtigkeit, als was die Lösung des Streits weithin verstanden wurde: ob nämlich die badischen Stimmen in der Frage: Gesamtbaden oder Südweststaat von der größeren Stimmenzahl der Württemberger majorisiert werden dürften oder – aus einsichtigen Gründen – für diesmal ein besonderes Gewicht erhalten müssten? Hätte das Kuratorium aus der badischen Wunde im demokratischen Empfinden die Lehre ziehen sollen, im Wendejahr 1990 vorzuschlagen, die Brüder und Schwestern in der DDR gesondert abstimmen zu lassen, bei ruhendem Stimmrecht der Genossen der SED, welche sozialen Errungenschaften, wie das in ihrem Gänsefüßchen-Staat genannt wurde, sie mehrheitlich in den gesamtdeutschen Staat eingebracht sehen wollten? Baden war nicht nur nach Kilometern, sondern auch in der geistigen

Grundhaltung weit entfernt von Mecklenburg und Sachsen; damals wie heute. Diese äußere wie innere Distanz übertrug sich auf die Anteilnahme am Leben der Deutschen in der DDR. Sie war weit geringer, als in den Blättern der BRD, denen die Gänsefüßchen als Politik galten, behauptet wurde. Das gilt sogar für die näher an der DDR siedelnden Niedersachsen. Natürlich bewirkten verwandtschaftliche Beziehungen ein engeres Verhältnis. Aber Besuche “drüben” verstärkten gelegentlich auch Missverständnisse. Man kam mit festen Überzeugungen und die Verwandten hatten vielerlei Gründe, nicht zu widersprechen. Das “Päckchen nach drüben” entstand sozusagen mit den Gänsefüßchen und war nahrhafter als sie. Aber wegen des propagandistischen Aufhebens, das von ihm gemacht wurde, geriet es immer wieder einmal in Kabarettprogramme. Dramatische Vorgänge – der Mauerbau, spektakuläre Fluchtfälle, geglückte oder tragische – schufen einige vorübergehende Ausnahmen in der westdeutschen Grundhaltung, sich selbst genug zu sein. Nur der Rausch der ersten Wendejahre nach 1989/1990 hat kurze Zeit die – schauerliche – Wahnvorstellung von einem dauerhaft einheitlichen Deutschen wieder einmal entstehen lassen. Sobald sich dieses virtuelle Wesen für die Dauer eines nationalen Überschwangs materialisiert, sobald es aus dem abstrakt Erträumten ins konkrete Handeln vordringt, kann das Einhalten eines Sicherheitsabstands lebenswichtig werden. Damals jedenfalls, lange vor der Wende, als die Gänsefüßchen den Bundesbürgern etwas sagen sollten, besagten sie in der Regel norddeutschen Nationalliberalen, vornehmlich in der Akademikerschaft vertreten, mehr als süddeutschen Freisinnigen aus dem gewerblichen Mittelstand. Gemeinsam war beiden Positionen ein Antikommunismus, der die Charakteristika eines Totalitarismus annehmen konnte. Auch Kleinbürger und Industriearbeiter, die es in den mittleren Jahren der BRD noch in nennenswerter Zahl gab, hatten in mancher Hinsicht ihr eigenes diffuses Bild von der DDR und ihrer Gesellschaft. Es deckt sich nur teilweise mit den plakativen Darstellungen in den nennenswerten Medien der BRD. Neben den landsmannschaftlich bestimmten Abweichungen vom Engagement der Gänsefüßchen gab es also auch sozial vorgegebene Unterschiede im Blickwinkel

nach “drüben”. Ganz gewiss drückte sich in der anderen Sicht der westdeutschen Unterschicht keine Zustimmung zu den Verhältnissen im neuen Ostelbien aus. Die Arbeitnehmer in der voll erblühten Sozialen Marktwirtschaft (die im Kern womöglich doch nichts anderes war als Vollbeschäftigung) konnten und wollten sich dem Gesamturteil der tonangebenden Kräfte über die “vom Russen” vorgeschriebene deutsche Nachkriegs-Alternative im Ostblock nicht entziehen. Aber nicht alles in der DDR, soweit es ihnen bekannt wurde und wovor Mittelstand und Oberschicht in der BRD schauderte, erschreckte sie; es sei denn, sie standen unter starkem kirchlichen Einfluss. Deutschlands Teilung nach dem verlorenen Krieg manifestierte sich nicht nur in der Bildung zweier deutscher Staaten. Binnen weniger Jahre entwickelte sich aus der Trennung auch eine weitgehende soziale Teilung. Die Oberschicht in jenem Teil Deutschlands, in dem bald darauf die DDR entstand, war schon 1945 vor der Roten Armee in den Westen geflohen. In den folgenden Jahren, verstärkt nach 1949, dem Geburtsjahr der beiden Nachkriegsstaaten, vertrieb vor allem die Eigentums- und Bildungspolitik der SED große Teile des Mittelstandes, auch des bäuerlichen, und der akademisch Gebildeten aus der DDR in die BRD. Ausnahmen bestätigten die Regel. Zurück blieb, mehr oder weniger auf sich gestellt, das, was ich 1983 in einem Buch über meine Beobachtungen in der DDR das “Staatsvolk der kleinen Leute” genannt habe: mit seinen Gewohnheiten, seinem Lebensstil, seinen Bedürfnissen – seinen großen Stärken und vielen Schwächen. Im Laufe von vierzig Jahren, bis zur Wendezeit, hatte sich die Gesellschaft der DDR neu gegliedert, war sie vielschichtiger geworden. Aber ihre mehrheitlich gemeinsame soziale Herkunft war ihr noch ganz nahe. Manches von dem, was den Westdeutschen schwer verständlich war, sehr fremd, als sie nach 1989 in die entschwindende DDR kamen, hat in der sozialen Teilung Deutschlands seine Wurzeln. Mein Hinweis im Jahr 1983 auf das bedeutungsvolle Faktum dieser Teilung über das Staatliche hinaus blieb so gut wie unbeachtet. War es so, weil die Sozialgeschichte im bürgerlichen Deutschland niemals den Rang einnehmen konnte, den die dynastisch-staatlich, außenpolitisch dominierte Geschichtsschreibung besetzt hält? Oder waren die Herrschaften der

Gänsefüßchen besorgt, die Kenntnisnahme eines sozialen Faktors könnte die Geschlossenheit der westlichen Position komplizieren? Wie auch immer: Lange bevor ich das besondere Staatsvolk der DDR kennen lernte, merkte ich auf, wenn ich in den fünfziger und sechziger Jahren, der hohen Zeit der Gänsefüßchen, an Familienfesten der mütterlichen Verwandtschaft teilnahm. Bei Hochzeiten, Taufen, Konfirmationen, runden Geburtstagen und Beerdigungen kamen die älteren Halbbrüder meiner Mutter zusammen. Sie waren Facharbeiter. Die “bessere” Familie wahrte Abstand, räumte aber ein, immerhin hätten sie “etwas gelernt”, seien sie “nicht einfach in die Fabrik” gegangen. Die vier waren im Ersten Weltkrieg gewesen und von der Novemberrevolution 1918 nicht unberührt geblieben. Die Weimarer Republik hatte sie politisch getrennt: Einer war ein Mitläufer der Nazis geworden, einer ein Sozi, einer ein Kommunist, einer ein Unpolitischer. Im Familienkreis in der Gänsefüßchen-Zeit sprachen sie gelegentlich von “Sachen da drüben”. Zwischen Kaffeetafel und Abendbrot, den obersten Hosenknopf geöffnet, noch nicht streitsüchtig, erörterten sie dies und das, wovon sie, meist wohl in der Frühstückspause am Arbeitsplatz, gehört hatten. Sie waren bemüht, nicht lange, nicht gründlich, aber durchaus interessiert, Vages in Konkretes zu fassen. Ein Punkt wurde besonders oft erwähnt: keine Eigentümer- Chefs, keine “Herr-im- Hause-Typen”, keine Schnösel von Juniorchefs. Erwähnt wurde auch, dass bei Freunden von Onkel Männe Anfang der fünfziger Jahre schon einmal die Polizei gewesen war, die “politische”, um “Broschüren” zu suchen. Nach dem Abendessen stritten Mutters Halbbrüder gewöhnlich. Onkel Paul und Onkel Männe waren der Vergangenheit verhaftet: Wer hatte 1933 versagt, SPD oder KPD? Onkel Arthur, Hausmeister in einem Damenstift, Pächter eines Kleingartens, führte die Eigentumsfrage gegen die DDR ins Feld. Onkel Ernst trank Likör mit den Damen. Das Gebot der Gänsefüßchen über die rechte Auffassung von den deutschen Gegebenheiten hatte also in Teilfragen seine Dissidenten oder traf da und dort auf Laue aus mangelndem Interesse. Im Herbst 1980 (am 15. Oktober) besuchte ich den beeindruckenden Wahrer der Zeichen in seiner Residenz am Rande West-Berlins. Wir waren seit längerem verabredet. Anfang des neuen Jahres

würde ich meinen Posten als Ständiger Vertreter der BRD in Ost-Berlin verlassen. Axel Springer wollte mit mir über das real existierende Leben in der DDR sprechen. Er empfing mich, die liebenswürdige Frau Friede an seiner Seite, zu einem frühen Abendessen. In einem kleinen Speisesaal, mit hellem Holz getäfelt, darin eingelassen Gemälde aus friderizianischer Zeit, wurden uns Hühnchen und grüner Salat serviert. Als wir auf die DDR zu sprechen kamen, sage der Hausherr, beispielhaft und im übertragenen Sinne zu verstehen: “In Thüringen ist es jetzt ganz dunkel.” Auf Fragen erläuterte ich dem Ehepaar meinen Begriff von der Nischengesellschaft in der DDR. Axel Springer meinte zu seiner Frau, es müsste doch hübsch sein, wenn er mit ihr “in einer kleinen Nische bei Potsdam” leben würde. Genau betrachtet tat er es bereits. Wir wechselten dann zu anderen Themen.

Der Jaguar

Als ich noch die Kleider des jungen Mannes trug, ging’s bei mir natürlich auch um

Als ich noch die Kleider des jungen Mannes trug, ging’s bei mir natürlich auch um Mode und den Giaguaro. So nannte ich ihn, weil das Auto damals noch

auffiel; in Mailand hopsten mir kleine Jungs vor die Kühlerhaube, zeigten mit dem Finger auf die Limousine und schrien aufgeregt: »Giaguaro! Giaguaro!« Gleich nach dem Umzug nach Frankfurt hatte ich bei Lindner, der berühmten Jaguar-Vertretung, angerufen. Es besuchte mich ein englisch gewandeter Verkäufer, wie eben Männer aussehen, die mit Nobelkarossen handeln: Harris- Tweed-Jacke mit Lederknöpfen, rote Pochette, abgestimmt auf den roten Faden des Jacketts, Flanellhose, Derby-Fullbrogues, ein Gentleman mit Halbglatze. Er fuhr in einem brandneuen XJ 6 vor, die neue Jaguar-Generation. Ich aber wollte das alte Modell aus dem Prospekt – aaah! kein Prospekt, es war ein Buch mit Leinenfalz, heute müsstest du eine Schutzgebühr von dreißig Euro dafür hinlegen, gedruckt auf hundertvierzig Gramm Kunstdruckpapier, prächtig! Also fragte ich ihn: »Ist denn der 420 G nicht mehr lieferbar?« Da war er in seinem Element: »Ganz klar, das ist der wahre Jaguar! Wir haben zufällig einen am Lager, ist gerade aus einem Konkurs zurückgekommen, hat nur dreißigtausend auf dem Tacho, den können sie fünfhunderttausend Kilometer fahren.« Ich kaufte den Wagen für dreißigtausend Mark. Er war sandfarben-metallic lackiert, aber das Wort ›metallic‹ musst du schnell vergessen. Die Sandfarbe glänzte nicht mehr als heute jeder Wasserlack. Wunderbar! Das letzte edle Auto, das Jaguar baute. Da warst du was drin als kleiner Mensch. Etwa sieben Jahre früher, ich hatte gerade als Werbeassistent bei Kiepenheuer und Witsch angefangen, machte ein Buchmesseritual mir nachhaltigen Eindruck. Nein, Ritual ist nicht das richtige Wort…, es war auch kein Auftritt, eher eine Anfahrt. Einen Tag bevor die Messe ihre Pforten öffnete, rauschte die Phaidon Press aus London aufs Gelände. Neben dem Ehepaar Miller und Miss Alice Hammond war das Auto angefüllt mit Neuerscheinungen und Plakaten des Verlags, dazu kam das Privatgepäck. Der Auspuff berührte fast den Boden, ein Wunder, dass die Achsen nicht brachen. Ich entlud den Wagen, während die Verleger sich die Beine vertraten nach ihrer strapaziösen Reise von Calais nach Frankfurt in diesem Jaguarschiff. Das war nicht etwa ein MK II, die Volksausgabe, sondern ein Ding von den Dimensionen eines Bentley mit zwei Tanks à sechzig Liter, die brauchte man auch, denn er soff so an die dreißig Liter, ohne Peitsche und Sporen. Ein Vorläufer meines 420 G, der mir – denn

darauf läuft die Geschichte ja hinaus – so gut gefiel. Seine Nußbaumverkleidung, die Lederpolster, die kleine verspiegelte Bar im Fond mit herunterklappbarem Tischchen aus Walnußholz und Messing. Ja, ganz richtig, eigentlich gehörten dort eine Flasche Whisky und zwei Kristallgläser hinein, aber so weit ließ ich es nun doch nicht kommen. Nun ist endlich auch dieses Geheimnis gelüftet, warum ich mir nach Gründung des März Verlags und der Olympia Press doch nicht den grünen Porsche Carrera kaufte, wie ich es in dem Gespräch mit Rolf Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla in den ersten ›März-Texten‹ angekündigt hatte. Der Eindruck des Mister-Miller-Automobils war einfach übermächtig. Solche Karossen gab es auf dem Kontinent extrem selten, jede Scheibenwischerschraube musste bei British Leyland bestellt werden, es dauerte manchmal drei Monate, bis Ersatzteile kamen. In der Zwischenzeit wurde der Defekt von Lindner irgendwie balkanisch überbrückt. Und vom 420 G, gab es eben in Frankfurt nur das eine Exemplar, daneben natürlich ein Dutzend Mark Twos und ebenso viele E-Typen, die zigarrenförmigen Sportwagen. Eigentlich wollte ich den 420 G in Grün, wie er im Prospekt abgebildet war, aber der hatte ein Jahr Lieferzeit. Und nun stand zufällig bei Lindner das einzige Exemplar Hessens auf dem Hof, sandfarben. Er kostete nach jetziger Kaufkraft etwa soviel, wie man heute für einen großen BMW oder einen neuen Audi hinlegen muss, also vom Preis her ist das nicht der Rede wert. Dennoch war der Wagen die beste Werbeinvestition für die grünen Bücher der Olympia Press und die gelben des März Verlags. Jede zweite Pressemeldung über die Verlage beschäftigte sich mit dem Jaguar. Dieses erzkonservative, seltene Gefährt in Verbindung mit Avantgarde-Literatur, linken Büchern und Pornographie gehörte zur Story. An diesem Ding entlang könnte man die Chronik des ersten März Verlags erzählen, sozusagen als Auto-Biographie. Das will ich jetzt aber nicht versuchen, vielmehr aus gegebenem Anlass über eine Begebenheit aus jüngster Zeit berichten, zuweilen drängen sich die laufenden Ereignisse ja geradezu in die Berichte über die vergangenen Zeiten. Während der Auseinandersetzungen um die Olympia Press hatte sich Maurice Girodias nach Frankfurt begeben, um mir das vermeintliche Verlagsvermögen zu

entreißen mit Hilfe seines Anwalts Ulrich Fritze und der bigotten Natter Peter Beitlich, die ich an meinem Busen nährte und die sich wegen ihrer Nennung im ›Siegfried‹ später in Hans-Peter Fichter umtaufte. Damals konnte dieser Beitlich noch nicht genug Englisch, deshalb engagierte Maurice eine sonderbare Figur als Porno-Cheflektor, auch ein Jaguar-Fahrer, allerdings hatte er nur den kleinen Mark Two. Verglichen mit mir als Großwichtigtuer also ein Kleinwichtigtuer. Er war soeben aus New York zurückgekehrt, ohne dort Karriere gemacht zu haben, und anschließend als geborener Pointenkiller bei ›Pardon‹ ebenfalls gescheitert, ich rede von Herbert Feuerstein. Mit vereinten Kräften – es ging ja auch um Rache, sie wollten mich nicht nur ökonomisch treffen – versuchten nun Girodias, Beitlich, dieser Feuerstein und der Anwalt Fritze, mir das wegzunehmen, von dem sie dachten, dass es mein Liebstes sei, nämlich meinen »Big Gee«. Jedoch: Nicht nur Verlage gehen kaputt, auch Autos. Ich hatte diese seriöse Maschine zu sehr geschrubbt, bin mit dem Luxusmobil eben nicht englisch gefahren, sondern, wann immer es ging, mit zweihundert, dazu viel über die Alpen und durch die Toskana auf der Suche nach einer standesgemäßen Casa colonica. Nach zwei Jahren waren hundertdreißigtausend auf dem Tacho. Und da dieser 4,2 l Sechszylinder für solche Rasereien nicht gebaut war, sondern nach einem gentlemenliken Fahrer verlangte, keinen Verkehrsverbrecher, wie ich damals einer war, lief er nur noch auf fünfeinhalb Zylindern. Die Anteile der Olympia Press GmbH waren soeben an Girodias übergegangen, dazu gehörte laut Vertrag auch der Jaguar. In einem Akt nibelungischer Entreißung verlangte der Rechtsanwalt Fritze, nachdem die letzten Paraphen auf dem Übergabevertrag angebracht waren, mit kaltherzigem Hasenzahnlächeln die Schlüssel. Ich gab sie ihm mit sardonischem Zucken im Gesicht, er meinte wohl, ich sei bis ins Mark getroffen, statt dessen musste ich mir das Lachen verkneifen. Ich hatte damals nicht viel zu lachen, glaub mir, aber darüber amüsierte ich mich sehr und freute mich schon diebisch auf den neuen Drei-Liter-BMW, den der März-Gläubigerbeirat mir zu leasen gestattet hatte. Ein paar Tage später kam ich aus meinem Büro in der Schwindstraße, da stand unten an der Aral-Tankstelle mein alter Jaguar auf Mattglanz poliert, und ein dunkelhaariger Typ in gelben Hosen, der ein bisschen das Bein nachzieht,

umkreiste ihn wie ein Pfau. Der neue Besitzer. Na, gut, warum sollte der nicht hier tanken? Bald darauf fuhr ich den Kettenhofweg hinunter, da war der Wagen dort geparkt. Neugierig luchste ich auf das Klingelbrett des entsprechenden Hauses, darauf stand nur »Club«. Ich erkundigte mich bei meinen Freundinnen im Café Express und erfuhr: »Ach, das ist der Bartos mit dem Holzbein, ja, der macht jetzt mit der Ingrid den Puff im Kettenhofweg.« Hatte doch dieser geile Feuerstein dem Bordellier die Luxuskarosse mit dem Molykote-Motor angedreht. Ganz richtig, das ist die makabre Aktualität, die ›Bild-Zeitung‹ titelte:

»Sechs Leichen im Edelbordell! Wer ist der Erdrosselte mit dem Holzbein? Ein solches Massaker gab es noch nie in Deutschland. Hat die Russenmafia zugeschlagen? Oder mordete ein Prostituiertenhasser? Nur ein schwarzer Pudel überlebte.« Es wird dir schon ein bisschen anders, wenn deinen Jaguar-Nachbesitzer zweiundzwanzig Jahre später die Russen-Mafia meuchelt und du erst jetzt aus den Zeitungen erfährst, warum sich solche obszönen Mengen an Büromaterialien im März Verlag ansammelten. Nach zig Flohmärkten, Wohnungsauflösungen und Müllcontaineraktionen, in denen wir uns von Abertausenden Zweckform- Formularen und Hunderten von überflüssigen Büroutensilien trennten, sind inzwischen aus dem März-Nachlaß nur noch fünfhundert Stück der ›Heico Aktenklammer 50 mm glatt‹ übrig. Ich weiß also nun, warum Peter Beitlich, als er noch bei mir arbeitete, Quittungsblocks und anderen Unsinn in solch irrwitzigen Mengen einkaufte. Ingrid Bartos betrieb nämlich zur Aufbesserung ihrer Bordelleinnahmen eine Firma für Bürobedarf. Wegen solcher Großeinkäufe ist für meinen Prokuristen sicher der eine oder andere Provisionsstich abgefallen. Und vermutlich gibt es in hundert anderen Frankfurter Firmen hundert ähnliche Eichhörnchenlager mit Tonnen von Büroklammern. Was bleibt mir übrig, als mit Entsetzen Scherz zu treiben, wenn sich das Entsetzliche so blödsinnig arrangiert und zudem die Auslöser desselben auch noch gleich bei mir um die Ecke wohnten?! War nix mit Paten, Drogen- und Geldwäschegeschäften, wie es nach Art und Ausführung der Bluttat scheinbar feststand. In Rettenbach im Ostallgäu, keine zwanzig Minuten von Fuchstal entfernt, wo wir damals wohnten, überwältigten siebenundsiebzig bayerische

Polizisten am 18. August 1994 in einem Aussiedlerwohnheim für deutschstämmige Russen das Ehepaar Sofia und Eugen Berwald. Er trug Bartos’ Rolex-Fliegerchronometer am Arm, sie hatten noch nicht einmal die Mordwerkzeuge – Elektrokabel von Haartrocknern aus dem Bordell – verschwinden lassen und verteidigten sich mit der dümmsten Ausrede seit der Erfindung des organisierten Erbrechens: Den Koffer mit den Sachen habe ihnen ein Abgesandter der Russenmafia in die Hand gedrückt.

Nachwort

Die Texte in diesem Band erschienen zwischen dem 27. November 2000 und dem 7. September 2001 im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“. Vier Tage, nachdem der Text von Günter Gaus über die Gänsefüßchen veröffentlicht wurde, stürzte das World Trade Center in New York ein – und, so würde dieser Satz dann weiter gehen: die Welt war eine andere. Was natürlich Unsinn ist. Die Welt ist immer die gleiche. Nur für einen Teil der Welt stellte sich vieles nach dem 11. September 2001 anders da. Im Westen merkte man, dass man gehasst wurde. Das war eine Überraschung. Man hatte doch alles richtig gemacht. Man hatte den Kalten Krieg gewonnen. Man hatte der Welt Frieden, Wohlstand, Demokratie gebracht. Nur sahen das nicht alle so. Es sehen immer noch nicht alle so. Und sie haben dafür ja Gründe. Coca-Cola konnte es nicht sein und Michael Jackson auch nicht. Aber was dann? Woher der Hass? Was die Jahre vor dem 11. September, die frühen, die mittleren, die späten neunziger Jahre so interessant macht, ist gerade dieses Vakuum des Wissens, dieses schwarze Loch des Verstehens. Es waren schleierhafte Jahre, wie ferngesteuert, auf eine gewisse Weise, automatisiert in der Amnesie der Gegenwart. Eine Inkubationszeit. Das Neue war noch nicht erkennbar, obwohl es schon da war. Die Anschläge von New York auf das World Trade Center 1993 etwa die ausländerfeindlichen Anschläge und Ausschreitungen von Hoyerswerda und Rostock im gleichen Jahr oder der Zusammenbruch des Hedgefonds Long-Term Capital Management (LTCM) 1998 – Radikalismus und Risikokapitalismus waren da, sie wurden nur noch nicht verstanden. Aus diesem Gefühl heraus, dass etwas driftet, dass sich etwas verändert, dass sie Zeit Risse bekommt und wir mit ihr, aus diesem Gefühl heraus entstand die Serie in der „Süddeutschen Zeitung“. Es sollte um Gegenstände sein, etwas Konkretes also, an dem sich die Erinnerung zeigt, die zwar privat motiviert war, aber durchaus politisch gemeint. Das alte Deutschland war fort, das Provisorium der BRD genauso wie die

Provokation der DDR, beides nun im Museum der Zwischenzeit, entsorgt im Gedenken. Das neue Deutschland, so wie es unter Helmut Kohl entstand, von Gerhard Schröder angetrieben und von Angela Merkel vollendet wurde, sollte anders sein. Aber wie? Um diese Frage geht es heute, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, wo sich Deutschland verfestigt und deutscher wird, egoistischer, machtvoller:

Ökonomisch und politisch hat das Land die Nachkriegsphase als Gewinner beschlossen, die deutsche Vormacht in Europa ist wieder so, wie es sich die BRD-Deutschen nie gewünscht und vorgestellt hatten. Im Jahr 2000 stellten sich diese Fragen auch schon. Sie waren vage, Zeichen am Horizont. Es ging schon damals nicht um Nostalgie, im Gegenteil, es ging darum, in der Kultur, im Alltag, in der persönlichen Erinnerung und der eigenen Biographie das zu finden, was dieses Land ausmachte, in seiner geistigen, aber auch politischen Substanz, als Gegenentwurf zu einem Deutschland, das für viele immer noch ein Fremdwort blieb. Es gehörte zum westdeutschen Lebensgefühl, dass man ein Wort wie „Nation“ nur mit vielen seltsamen Muskelkontraktionen aussprechen konnte. Und „Stolz“ war eine Buchstabenkombination ohne Bedeutung. Im Grunde konnte man solche Worte nicht verwenden, ohne permanent Anführungszeichen in die Luft zu zeichnen – obwohl diese Schlüsselgeste wohl erst ein paar Jahre später beliebt wurde. Das Jahr 2000, daran kann man auch mal erinnern, war, obwohl es so futuristisch klingt, ein Jahr eher des 20., als des 21. Jahrhunderts, ein Jahr, das nach hinten und weniger nach vorne gerichtet war, ein Jahr ohne wirkliche Vorstellung davon, was kommen könnte. Die Zeitungen waren noch überwiegend schwarz-weiß, so dass man für die wöchentliche Serienfolge immer einen Platz für das Farbfoto reservieren musste. Und die Bilder von Martin Fengel waren ein wichtiger Teil der Inszenierung, sie waren essayistisch, nicht-journalistisch, subjektiv, sehr direkt und gerade deshalb nicht ohne Rätsel. Diese Serie zeigte, was unsere Vorstellung davon war, wie eine Zeitung sein sollte, klüger, sinnlicher, überraschender. Und als ein Teil der Feuilleton-

Redaktion der „Süddeutschen Zeitung“ noch vor Ende der Serie zur „Frankfurter Allgemeinen“ ging, war das mehr als nur ein neuer Arbeitgeber – es war für uns, die wir gingen, eher der Anfang von etwas als ein Ende. Christoph Schlingensief hat dieses neue, immer noch diffuse Lebensgefühl, das auch eine Denkweise war, schon im Dezember 2001 in seinem Stück „Rosebud“ recht visionär beschrieben: Eine Mischung aus Anarchismus und Entropie, die nach der Postmoderne kam und sich Berlin als Welthauptstadt ausgesucht hatte. Und so weist dieses Buch, das sich durchaus gegen die Hegemonie des ostdeutschen Erinnerns wendet, entspannt über sich hinaus: Es geht nicht um die Frage, wer wir waren oder wer wir sind; es geht um die Frage, wer wir einmal gewesen sein werden.