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2/1990
STUDIEN
JULI 1990
VON
ZEITFRAGEN

j Zur Frage der


j russischen
; Deutschland-Politik
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l

Seite 5
BRD 1952 Seite 7
Antwort auf die
Argumente wider eine Wiedervereinigung
Seite 15
IN H AI/I Impressum

32. Jahrgang JULI 1990 STUDIEN


VON
ZEITFRAGEN
EDITORIAL
Herausgeber:
Arno Klönne Prof. Dr. Arno Klönne
Nationaler Sozialismus? 3 Verantwortlich für den Inhalt:
Prof. Dr. Arno Klönne
Redaktion:
DEUTSCHLANDPOLITIK Prof. Dr. Arno Klönne,
Nikolaus J. Ryschkowsky,
Peter ö . Spengler
Deutsche Fragen * 1952 4 Redaktionsanschrift:
Annettevon-Droste-Str. 10
Dr. Emil Hoffmann 4790 Paderborn
Zur Frage der russischen Deutschland-Politik 5 Namentlich gezeichnete Beiträge geben
nicht unbedingt die Meinung der
Redaktion wieder.
BRD 1952 7
Verlag:
Peter G. Spengler Verlag
Nachtrag zum Memorandum 10 Oeder Weg 23
6000 Frankfurt am Main 1
Dr. Emil Hoffmann Postfach 70 09 03
Semjonows und Ulbrichts Kontroverse 11 6000 Frankfurt am Main 70
Telefon (069) 597 4213
Btx 06 95974213
DOKUMENTATION Satz und Vertrieb:
Spengler Verlag

Deutschlands Souveränität Druck:


W. Burck
Ein Kommentar zur Ablösung des Vier-Mächte-Status 14
Hainer Weg 102
6000 Frankfurt am Main 70
Die acht Punkte der Übereinkunft 14
Erscheinungsweise:
sechsmal im Jahr
ISSN 0934-8670
FÖDERALISMUS Bezugspreis (für 1 Jahr):
40 DM (in der DDR: 25 DM)
Antwort auf die incl. Porto und Versand

Argumente wider eine Wiedervereinigung 15 Einzeiheft:


7 DM (in der DDR: 5 DM)
ln den Preisen ist die gesetzliche
Neues Deutschland - neues Europa MWSt enthalten.
Deutsche Länder in einem Europäischen Bund 15 Bankverbindung:
Postgirokonto FFM 2769 30-608

2 ST U D IE N VO N Z E IT F R A G E N 2/1990
EDITORIAL

Nationaler Sozialismus?
ie deutsche Linke reagiert derzeit höchst ver­ nationalistischer Bewegungen verläuft.
D wirrt auf die Wiederkehr der ’nationalen
Frage’, und es scheint, daß ihr dabei leicht die
Wenn gegenwärtig bis weit in die Linke hinein
das Gefühl sich ausbreitet, "Marx” sei "tot”, die
analytischen Fähigkeiten abhanden kommen. Die "Nation” aber (wenn schon nicht "Jesus”, wie
einen fühlen sich wohl darin, nun endlich auch Norbert Blüm entweder sich selbst oder zumin­
wieder 'Nationalgefühl’ vorzeigen zu können; die dest anderen als gesellschaftsgeschichtliche Lage­
anderen sehen ihre weltgeschichtliche Aufgabe da­ beschreibung vortäuschte) sei "lebendig”, so
rin, eine deutsche Nation um jeden Preis zu be­ zeugt dies von Unkenntnis einiger Grundannah­
hindern - oder doch wenigstens dafür zu demon­ men, die bei Marx zu finden sind. Was immer in
strieren, daß es "Nie wieder Deutschland” geben dessen Theorien auch an irreführenden Gedan­
soll, auch wenn die Realität andere Wege geht. ken zu entdecken ist ( wer dürfte anderes erwar­
^ Dem Irrationalismus der Nation als 'höchstem ten? Marx selbst jedenfalls war bereit, Marx zu re­
Wert’ wird die ebenso irrationale Meinung entge­ vidieren); die Vorstellung, nationalstaatliche Ge­
gengestellt, die Nation ’an sich’, die einheitlich walt könnte 'sozialistische’ Bastionen gegen die
deutsche jedenfalls, sei der Schritt in den Ab­ weltweite Entfaltung der kapitalistischen Ökono­
grund. mie aufrichten, war kein Marx’scher Irrtum,
Was die deutschen Verhältnisse angeht, macht denn sie widerspricht dessen Prognosen aufs Ein­
sich hier eine ’unbewältigte Vergangenheit’ der deutigste.
Linken bemerkbar; deren nationalpolitische Ide­ Was die Geschichte der deutschen Linken, deren
en sahen vor 1933 und nach 1945 vielfach anders Verhältnis zur ’nationalen Frage’ angeht: Nicht
aus, als es noch vor wenigen Jahren die Hausge­ ein Mangel an nationalpolitischem Glauben hat
schichtsschreibung der Kommunisten und das die deutsche Sozialdemokratie nach 1945 in die
’verfassungspatriotische’ Selbstverständnis der langjährige Ohnmacht und die deutschen Kom­
Sozialdemokraten wahrhaben wollten. Hinzu munisten in derselben Zeit in eine terroristisch­
kommt, daß die Geschichte der Arbeiterbewe­ bürokratische Fiktion historischer Macht getrie­
gung ganz allgemein durch den Widerspruch von ben; es war eher das Übermaß an Zutrauen in die
deklarierter internationaler Solidarität und realer 'nationale Lösung’, aus dem sich das Desaster der
W nationaler Egozentrik gekennzeichnet war. Linken ergeben hat. Die deutsche Sozialdemokra­
Ein praktischer Internationalismus, eine realisti­ tie hing bis Ende der fünfziger Jahre der Idee an.
sche linke Alternative zur ’nationalen Identität’ die deutsche Einheit werde die Alternative zur
als Leitbild auch in der Arbeiterbewegung tat sich 'Restauration’ national und staatlich hervorbrin­
schwer in den Zeit, in denen die kapitalistische gen - ohne soziale Bewegung, ohne den Konflikt
Ökonomie selbst ihre inneren Konflikte und Kon­ um ökonomisch-soziale Kräfteverhältnisse von
kurrenzen noch in nationalen Formen austrug, - unten her austragen zu müssen.
und in denen andererseits der nichtkapitalisti­ Als die SPD sich mit und nach Godesberg im be­
sche Versuch einer 'Modernisierung’ sich natio­ stehenden ökonomischen System eingerichtet
nalstaatlich organisierte, als 'Sozialismus in ei­ und dann auch die Westintegration der Bundesre­
nem Land’, oder gar als machtgestützte und ge- publik akzeptiert hatte, wurde die Erinnerung an
waltförmige Übertragung 'sozialistischer Model­ die eigenen 'gesamtdeutschen’ Erwartungen stö­
le’ der einen Nation auf andere Nationen auftrat. rend. Ohne selbstkritischen Rückblick trat das
Die katastrophalen Folgen dieser Versuche las­ 'nationale’ Argument bei der SPD in den Hinter­
sen sich heute nicht mehr verhüllen, und es ist grund; an seine Stelle rückte nun der westdeut­
vom historischen Vorgang her nicht verwunder­ sche Verfassungspatriotismus, ergänzt um die
lich, daß die Ablösung von dieser Art des 'Sozia­ 'neue Ostpolitik’, der es um 'Stabilität’ des Staa­
lismus’ nun selbst wiederum auch in der Form tensystems ging.

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BRD 1952

Verdrängtes kann leicht und nicht gerade ver­


nunftbegleitet wieder hervortreten; kein Wunder,
daß die SPD sich im November 1989 von nationa­
Deutsche Fragen -
len Gefühlswogen erfassen ließ, von einer ’Natur-
kraft’, dem von Willy Brandt formulierten Satz 1952
entsprechend: da soll zusammenwachsen, was zu­
sammengehört.
Und andererseits: Der deutsche Kommunismus Wir veröffentlichen im folgenden erst­
nach 1945 hatte sich zunächst darauf eingelas­ mals ein Memorandum, das im Okto­
sen, Machtgewinn der Linken von einer 'nationa­ ber 1952 der Wirtschaftspublizist Dr. Emil
len Front’ zu erhoffen, die eine national-neutrali­ Hoffmann dem damaligen Vizekanzler
stische Politik unter dem Schutz und auch im In­ Blücher zuleitete, der es u.a. Bundeskanz­
teresse der Sowjetunion durchsetzen sollte - ab­ ler Adenauer zur Kenntnis gab. Es wies
seits der Kämpfe der Klassen. auf innere Probleme der sowjetischen
Als dieses Konzept scheiterte, wurde der "Auf­ Deutschlandpolitik und daraus herzuleiten­
bau des Sozialismus" in der Separatstaatlichkeit de Chancen einer westdeutschen Politik
der DDR (die ursprünglich von der UdSSR und in Richtung auf die deutsche Einheit hin;
der KPD/SED nicht gewollt war) als Erfüllung der daß solche Möglichkeiten von Bonn nicht
"deutschen Nationalgeschichte” propagiert; so als ausgelotet wurden, kann in der histori­
sei dieser 'Sozialismus’ dem revolutionären Wil­ schen Rückschau als westdeutscher Bei­
len der (Ost-)Deutschen entsprungen. trag zur langfristigen Stabilisierung des
Kein Wunder, daß eine solche nationalstaatli­ "Ulbricht-Staates” betrachtet werden.
che ’Erziehungsdiktatur’ mit sozialistischem An­
spruch, in Wahrheit eine historische 'Verlegen- Hoffmann stützte sich in seinem Memo­
heitslösung’ mit patriotischem Aufputz, bei ih­ randum auf Gespräche mit Mitarbeitern
rem Zusammenbruch nicht neue sozialistische Be­ der Sowjetischen Kontrollkommission in
strebungen, sondern alte deutschnationale Emo­ Deutschland ( die ab 1949 die Sowjeti­
tionen freisetzt. Wo die konservative Kritik der sche Militäradministration in Deutsch­
Linken recht hat, soll sie recht behalten: Es darf land abgelöst hatte); der politische Kopf
nicht unerwähnt bleiben, daß es in Deutschland- dieser Institution war Botschafter Semjo-
West auch Linke gab, die trotz mancher Kritik now. Hoffmann war 1949 auch an Diskus­
am System der DDR ihre Hoffnung darin sahen, sionen beteiligt, die Prof. Ulrich Noack
daß kompensatorisch zur Ohnmacht der Soziali­ (Nauheimer Kreis) als Verfechter einer ge­
sten in der Bundesrepublik der Staat in Deutsch­ samtdeutschen Neutralität mit Semjonow
land-Ost doch so etwas wie eine deutsche Alterna­ und anderen Vertretern der sowjetischen
tive zum Weltkapitalismus verkörpern könne. Besatzungsverwaltung führte, im Beisein
In alledem steckte die Selbstpreisgabe der Lin­ von Ulbricht, der daraufhin alles tat, um
ken als einer sozialen und politischen Bewe­ die Kontakte zwischen Noack und den
gung "von unten her”; der gesamtdeutsche oder Sowjets zu durchkreuzen.
teildeutsche Nationalstaat sollte seine 'Mission' er­
füllen - stellvertretend für jene große Mehrheit Das Hoffmann-Memorandum wirft ein
der Menschen, deren Befreiung, wie die Arbeiter­ interessantes Licht auf denkbare Alterna­
bewegung einst wußte, nur das 'eigene Werk’ sein tiven in der Deutschlandpolitik zu Zeiten
kann. des Kalten Krieges. Auch dieses Kapitel
Insofern ist der neue Nationalismus (nicht nur, deutscher Geschichte war nicht "Naturge­
aber) auch das fatale Resultat eines linken Irrglau­ schehen", sondern Resultat interessenge­
bens an die Eigenmacht nationaler Staatspoli­ leiteter Entscheidungen politischer Akteu­
tik. Arno Klönne re; die Bundesregierung in Bonn im Jah­
re 1952 war einer dieser Akteure.

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BRD 1932

Zur Frage der russischen Deutschland-Politik

(Anlage zum Schreiben an Vizekanzler Dr. Blücher


von Dr. Emil Hoffmann, Berlin)
ls sich im Herbst 1949 nach der Bildung der selbst die mit soviel Aufwand betriebene Umer­
A Bundesregierung abzeichnete, daß West­
deutschlands politische Entwicklung neben der
ziehung der Jugend zu den von ihnen gewünsch­
ten Ergebnissen führen.
eigenen Konsolidierung zur Linie einer europäi­ Diese nur für Uneingeweihte erstaunliche Tatsa­
schen und atlantischen Gemeinschaft führen che hat ihren Grund in dem russischen Miß­
^ könne, aus der zwangsläufig eine erhebliche Stär­ trauen gegenüber allem Deutschen und wird im
kung des unter Amerikas Führung stehenden We­ allerinnersten Bereich von Angst und Respekt vor
stens folgen mußte, löste diese "gefährlichste Be­ der deutschen Kraft und vor dem deutschen Sol­
drohung Rußlands” (Prawda) in der russischen daten genährt. Dies bezieht sich nicht allein auf
Politik gegenüber Westdeutschland erhebliche die Deutschen im Westen, sondern ebenso sehr
Meinungsverschiedenheiten aus. Damals begann auch auf die in der Ostzone, ganz gleich ob es
auch der Kampf zwischen Karlshorsts diplomati­ sich um SED-Angehörige, Mitglieder anderer
schen Experten und den Exponenten der russi­ Parteien oder politisch Indifferente handelt. Und
schen Partei- und Sicherheitsstellen, der nun­ sogar die Führung dieser Gruppen hat laufend ge­
mehr nach langem schwankendem Auf und Ab gen dieses Mißtrauen anzukämpfen, obwohl sie
zugunsten der russischen Sicherheitsorgane ent­ doch durch die harte Schule der linientreuen Aus­
schieden zu sein scheint und wahrscheinlich zum lese gegangen ist.
Jahresende oder spätestens im Frühjahr zur Abbe­ Man kann daher der in Westdeutschland ge­
rufung des Botschafters Semjonow und seiner bräuchlichen These, die SED und ihre Führung
maßgeblichen Mitarbeiter führen wird. sei vom Vertrauen der Russen getragen, nicht ver­
Nachdem sie die deutsche Reaktion auf die tur- nehmlich genug widersprechen, worin aber auch
bulenten Übergriffe der russischen Militärs eini­ die große Chance einer gesamtdeutschen Politik
ge Jahre studiert hatten, kamen Semjonow und liegt; denn die Russen sehen in der SED nichts
Männer wir Kratyn, Guljaew, Timofejew u. a. zu anderes als ein Werkzeug, das sie in ihrem Sinne
der Erkenntnis, daß eine Volksdemokratisierung handhaben und zu handhaben versuchen, solan­
Deutschlands nach den schweren psychologi­ ge es noch brauchbar ist.
schen Fehlern und Ausschreitungen - über die sie In dem Ge- oder Verbrauch dieses Werkzeuges
höchst ungern ein Gespräch führen - nicht mehr werden aber auch die Spannungen sichtbar, die
zu erreichen sei. Sie sehen auch in der deutschen im russischen Bereich selber vorhanden sind. Er­
Lebensart, im tief verwurzelten Streben nach in­ staunlicherweise ist bisher nichts davon zu mer­
dividueller Freiheit und in der hohen sozialen Stel­ ken, daß der Westen und die deutschen Politiker
lung der breiten Massen Deutschlands wesentli­ in Westdeutschland diese Rivalität der Russen
che Faktoren, die dem russischen Endziel, der so­ untereinander ausgenutzt hätten. Vielmehr spricht
zialistischen Revolution ihrer Prägung, fast un­ man - fast möchte man sagen - mit einem gewis­
überwindliche Hindernisse entgegensetzen. sen Erschrecken von der Einheitlichkeit der rus­
Sie sind darüber hinaus auch von tiefem Miß­ sischen politischen Linienführung. Diese mag es
trauen erfüllt, ob die in der Ostzone angewand­ vielleicht auf allerhöchster Ebene geben, nicht
ten Methoden, für die nach wie vor die russi­ aber im Bereich der russischen Statthalter und
schen Sicherheitsstellen verantwortlich sind, und gar nicht auf der Subordinationsbasis. Militär,

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Partei, Diplomatie und Wirtschaftsstellen der des Politbüro-Kurses, versuchte, wenn er über­
Russen gehen daher in vielem eigene, voneinan­ haupt auftrat, seine Wolfsnatur mit einem
der oftmals gänzlich divergierende Wege, zu de­ Schafspelz zu verdecken.
nen nur die Angst vor dem eigenen Staatssicher­ Botschafter Semjonow war damals allen Ernstes
heitsdienst Brücken schlagen kann. der Meinung, die nationalen und unabhängigen
Soweit darin die Zwei- und Mehrgleisigkeit der Kräfte in Westdeutschland würden mit dieser ge
russischen Politik ihre natürliche Erklärung fin­ samtdeutschen Chance einen solchen Druck auf
det, die meines Erachtens auch grundsätzlich ein die öffentliche Meinung ausüben können, daß die
Prinzip der russischen Politik ist, vermag man Bestrebungen der amerikanischen Integrationspo­
von Westdeutschland aus diesen Faktor in die ei­ litiker in den Hintergrund träten. Zur Unterstüt­
gene politische Planung einzubeziehen. Für die zung dieser Linienführung gingen die Russen -
SED jedoch bleibt diese Vielspurigkeit eine stän­ auch im Sinne des weiter oben erwähnten Memo­
dige Bedrohung, die die meisten Kopfschmerzen randums - sogar soweit, daß sie sogar einem be­
verursacht; denn bei dem von den Russen auf­ waffneten neutralisierten Deutschland ihre Zu­
rechterhaltenen ”Herr-im-Haus-Standpunkt” liegt stimmung in Aussicht stellten und auch bereit
ja die Gefahr nahe, zwischen den Mühlsteinen der waren, über die Kriegsgefangenenfrage zu ver­
verschiedenen Gruppen zerrieben zu werden. handeln, wobei sie allerdings die Formulierung
Die darin zum Ausdruck kommende Unsicher­ "Kriegsgefangene” ablehnten und den Terminus
heit der SED-Führung wurde am deutlichsten, als Technicus "Generalamnestie für Kriegsverbre­
Ministerpräsident Grotewohl auf Veranlassung des cher” benutzten.
Botschafters Semjonow - und nach offenbarer Ab­ Hinsichtlich der in der Weltöffentlichkeit und in
stimmung mit Moskau - seine bekannten Angebo­ Westdeutschland ausführlich erörterten Möglich­
te machen mußte, denen etwa 4 Wochen vorher keit einer Neutralisierung Deutschlands und der
die Überreichung eines Memorandums in Gründe, warum die russische Politik eine solche
Karlshorst durch nationalgesinnte, nichtkommu­ Möglichkeit befürwortet, bin ich nach eingehen­
nistische Westdeutsche vorausgegangen war. den Beobachtungen der Überzeugung, daß es sich
Wie einen aufgescheuchten Ameisenhaufen hat­ um eine defensive Zielsetzung handelt, die aus der
ten die russischen Befehle, die die Grotewohl-Vor- Angst der Vereinigung des deutschen Potentials
schläge veranlaßten, die SED-Führung in Bewe­ der Bundesrepublik mit dem amerikanischen Po­
gung gebracht. Erinnerungen an 1939 wurden tential geboren ist. Hier liegt einer der wunden
wach und kolportiert, als im Zuge des Überein­ Punkte der russischen Politik, der richtig einkal­
kommens zwischen Stalin und Hitler zahlreiche kuliert und im politisch-diplomatischen Spiel
nach Rußland emigrierte Kommunisten an die Westdeutschlands richtig angewandt, der Bundes­
Gestapo ausgeliefert wurden. Niemals hatten die republik enorme Chancen einräumen und die
bürgerlichen und antikommunistischen Kräfte Wiedervereinigung beschleunigen Kann.
der Ostzone eine solche Chance, bemühten sich In der jetzigen Phase des westlichen Werbens
doch die meisten auf ihren Sesseln wackelnden um Deutschland ist es immer noch die russische
SED-Experten, einer eventuellen gesamtdeut­ Angst, die sie zu großen und größten Konzessio­
schen Ent-Sed-isierung zu entgehen. nen bereit sein läßt. Beispielsweise würden sie
Dieser Weg der von Botschafter Semjonow ge­ ihre Truppe aus der Ostzone abziehen, falls die
steuerten "psychologischen Ausgleichspolitik” Amerikaner gleichfalls ihre Verbände in das Ge­
Westdeutschland gegenüber drängte die Vertreter biet außerhalb der früheren deutschen Reichsgren­
der russischen Partei- und Sicherheitspolitik mo­ ze verlegen würden. Allerdings wären sie in die­
natelang in den Hintergrund. Damals bemühte sem Falle bereit, auf einem allgemeinen Frie­
sich der frühere russische Botschafter bei der densvertrag Frankreich das Saargebiet zu über­
DDR, Puschkin, der als ausgesprochener Mann eignen, nachdem die Franzosen die russische An-
von Berija und der Partei der Bolschewiki galt, nektion Ostpreußens bereits weitgehend aner­
um Abberufung von seinem Posten, und auch kannt haben. Auch hinsichtlich der bewaffneten
Walter Ulbricht, als ausgesprochener Statthalter Verbände Deutschlands, die sie einem neutralisier­

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ten Deutschland zuerkennen


würden, können die Franzosen Als sich nach der von Moskau erzwun­ vor einem geladenen Kreis einen Vor­
genen und teilweise brutalen Machter­ trag über sein Programm hielt, zu dem
der russischen Unterstützung greifung der Kommunisten in den ost­ ich ihn als damaliger Leiter der Frank­
sicher sein. Man hat auch einen europäischen Ländern einschließlich furter Redaktion der Münchner Wo­
vor allem aus Frankreich kom­ der DDR im Jahre 1948 die schon latent chenzeitung 'Echo der Woche’ und der
menden Plan, eine Neutralisie­ vorhandenen Spannungen zwischen Wirtschaftszeitung in der französi­
den USA und der Sowjetunion in Rich­ schen Zone ’Wirtschaftsrevue’ (Kon­
rung Europas, als ein in weiter tung des Kalten Krieges entwickelten stanz), begleitet hatte.
Ferne liegendes Ziel akzep­ und die Spaltung Deutschlands immer Der Vortrag Noacks war für Semjo-
tiert. Die zur Zeit im Saarge­ greifbarere Formen annahm, versuch­ now und seine Mitarbeiter von außeror­
ten zahlreiche Persönlichkeiten und po­ dentlichem Interesse, weil eine Neutrali­
biet angestrebte politische Eu-
litische Gruppen dieser Entwicklung sierung Deutschlands unmittelbar ih­
ropäisierung dürfte daher ganz entgegenzusteuern. Arno Klönne hat ren Sicherheitsinteressen entsprach.
im Interesse der weitgesteckten darüber bereits im April-Heft der STU­ Nicht angetan war von Noacks Ausfüh­
russischen Zielsetzung, der DIEN VON ZEITFRAGEN "Dritter rungen jedoch Walter Ulbricht, weil die
Weg für Deutschland?” eingehendes kurz vor der Gründung stehende DDR
Neutralisierung Europas, lie­ Material beigesteuert. Unsicherheitsfaktoren für deren künfti­
gen. Auch ist anzunehmen, daß Der nationalen Interessenlage aus deut­ ge Entwicklung und Existenz sah. Er
die Anwesenheit eines maßgeb­ scher Sicht entsprach es damals - wie ließ daher auf einer am darauffolgen­
auch heute noch - alles zu verhindern, den Abends durchgeführten Veranstal­
lichen Saarexperten in
was im Zuge der politischen Blockbil­ tung Noacks Thesen zerreißen und ver­
Karlshorst im Frühjahr dieses dung zu militärischen Auseinanderset­ bot die Mitgliedschaft im Nauheimer
Jahres neben den ständig laufen­ zungen zwischen den im Osten und Kreis für DDR-Bürger.
den französisch-russischen Ge­ Westen stehenden gegnerischen Trup­ Nach meiner beruflichen Übersied­
pen führen könne, und wobei die Er­ lung nach Westberlin im Januar 19S0
sprächen dieser Zielsetzung ge­ richtung zweier deutscher Staaten und wurden die Kontakte und Gespräche
dient hat. deren Integration in das jeweilige feind­ mit den Sowjets erweitert und auch im
Aus den gleichen defensiven liche Lager zu einer weiteren kriegeri­ Auftrag Noacks der Versuch gemacht,
schen Gefährdung werden konnte. Ulbricht zur Zurücknahme seiner
Gründen - diesmal im weltpoli­
Eine der obengenannten überparteili­ Kampagne gegen die in der DDR woh­
tischen Maßstab - sind die Rus­ chen Gruppen war der von dem nenden früheren Mitglieder des Nauhei­
sen auch an den Plänen einer so­ Würzburger, damals noch der CDU an­ mer Kreises zu veranlassen. Das ge­
genannten "Weltpolitischen gehörenden Professor Ulrich Noack ge­ lang zwar nicht, weil die Sowjets sich
gründete ’Nauheimer Kreis’, der durch in dieser Angelegenheit nicht in die in­
Dritten Front” interessiert, die eine Neutralisierung Ge­ neren Verhältnisse der DDR einmi-
von Stockholm bis Djakarta rei­ samtdeutschlands die Konfrontation schen wollten. Für sie war jedoch da­
chen und sich als Block zwi­ feindlicher Truppen auf deutschem Bo­ mals schon der eigene Sicherheitsfak­
schen die Spannungsfelder des den verhindern und dadurch auch eine tor erheblich bedeutsamer als etwaige
Spaltung Deutschlands überflüssig ma­ Probleme, die sich für die neu geschaf­
Westens und Ostens einschie- chen wollte. fene DDR aus einem neutralisierten
ben soll. Ihre Gründer, zu de­ Die damals den Amerikanern militä­ und wiedervereinigten Deutschland er­
nen maßgebliche schwedische risch weit unterlegenen Sowjets waren geben würden.
durch die im Westen angeiaufenen Ver­ In den Unterredungen mit den Mitar­
Politiker und Kreise um Pandit handlungen Uber eine westliche Vertei­ beitern aus dem Stabe Semjonows erga­
Nehru gehören, denen aber digungsgemeinschaft und eine mögli­ ben sich auch weitere Aspekte für eine
auch unabhängige deutsche Poli­ che Einbeziehung der neugebildeten deutsch-sowjetische Zusammenarbeit,
tiker nahestehen, sind aus der BRD bis in die Fugen aufgescheucht deren Umfang mir von nationaler Be­
und verängstigt. Sie suchten daher auf deutung schien. Ich sah mich daher
Sorge um die abendländische allen ihnen möglichen Wegen (Partei­ veranlaßt, sie Uber den mit m ir be­
Lebensweise bemüht, einen hei­ en, Oppositionsgruppen, Wirtschafts­ freundeten damaligen Pressechef (spä­
ßen Krieg möglichst nicht auf- experten, Offiziersverbände und auch teren Botschafter Dr. Sonnenhol) des Vi­
Länderminister wie den ”Ochsensepp”) zekanzlers ’Blücher’ diesem zu unter
kommen zu lassen, in dem sie Kontakte und Möglichkeiten, um einer breiten. Von ihm erfuhr ich, daß der
zumindest den Untergang des solchen Entwicklung entgegenzuwirken. Vizekanzler meinen Bericht Bundes­
Abendlandes erblicken. Mit dem Nauheimer Kreis wurde die kanzler Adenauer übermittelte, der Re­
Im Gegensatz dazu erblicken direkte Verbindung zu dem damaligen gierungschef also genaue Kenntnis von
Hohen Kommissar der UdSSR in der dem Inhalt hatte. Die weitere Entwick­
die Russen in einer solchen poli­ Ostzone, ’Semjonow’, direkt herge­ lung ist bekannt.
tischen Planung eine Möglich­ stellt, nachdem Professor Noack anläß­
keit, machtpolitische Konstella­ lich der Leipziger Herbstmesse 1949 Mai 1990 Dr. Em il Hoffmann
tionen, wie sie Amerika mit

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Hilfe des westdeutschen Potentials jetzt anstrebt, nows Aktivität in den letzten zwei Jahren außeror­
zu stören, hinauszuschieben oder zu verhindern, dentlich weit gegangen.
die den jetzigen Status Quo bedrohen könnten; Diese defensive Realpolitik brachte ihnen aber er­
denn der Grad der russischen Überfressenheit, die hebliche Schwierigkeiten aus den Reihen der SED,
die früheren Alliierten in Yalta und Potsdam sank­ die sich zurückgesetzt fühlt, weil man ihr bisher
tioniert haben, ist so groß, daß eine Konsolidie­ im Rahmen der Kominform die Gleichberechti­
rung dieses Zustandes noch Jahre, wenn nicht gung versagte. Denn die Ideologie der kommuni­
Jahrzehnte dauert, worin auch der wahre Grund stischen Internationale kennt keine Privilegierung
der russischen propagandistischen Friedenspolitik der russischen Genossen, weshalb es auch vielen
zu erblicken ist. Solange daher Westdeutschland Funktionären der SED unmöglich ist, die Politik
keine Bedrohung Rußlands darstellt, ist meines Er­ der Macht und Ausbeutung, die Rußland lange
achtens nicht anzunehmen, daß ein sogenanntes Zeit als Leitmotiv der Ostzonenpolitik ansah, in
neutralisiertes Vakuum Gesamtdeutschland in den Einklang mit der kommunistischen Ideologie zu
Sog der russischen Expansionspolitik kommen bringen,
kann, oder daß die Russen zu offensiven oder mi­ Im Zuge der den nationalen Interessen des deut­
litärischen Maßnahmen gegen Westdeutschland schen Volkes zu bringenden Konzessionen, die - ^
oder Gesamtdeutschland schreiten werden. ich betone es nochmals - nach meinen mehrjähri­
Diese These wird am besten bewiesen durch die gen außerordentlich kritischen Beobachtungen de­
russische Einstellung zur westdeutschen Innenpo­ fensiv ausgerichtet sind und eine Verhinderung ei­
litik, die ich besonders genau beobachten konnte. ner Interessenkoordinierung Westdeutschlands
Nachdem die Phase der Zerstörung, Ausbeutung mit Amerika zum Ziel haben, suchten die Russen
und Niederhaltung Deutschlands, die auch heute zuerst Kontakt zu Kreisen des westdeutschen natio­
immer wieder Anknüpfungsmöglichkeiten zu den nalen Lagers und zu den Gruppen und Grüpp-
französischen Politikern bietet, durch die Wand­ chen der in der Formierung begriffenen westdeut­
lungen der amerikanischen Deutschland-Politik schen nationalen Opposition. Deren mit ihnen in
von der Morgenthau-Ära zum heutigen Status in Verbindung gekommene Vertreter haben dadurch
Erscheinung trat, schwenkten die Russen mit au­ Gelegenheit gehabt, in außerordentlich offener
ßerordentlicher Elastizität in eine die nationalen Weise die Fehler der russischen Deutschland-Poli­
deutschen Interessen berücksichtigende Entwick­ tik - außerhalb des propagandistischen Rahmens -
lung ein. Dies wirkte sich sogar in der Ostzone aufzuzeigen, zu tadeln und Vorschläge zu einer
durch die Schaffung der sogenannten Nationalen Entspannung des deutsch-russischen Verhältnis­
Front und durch die Zulassung der NDP als der ses zu machen. Die Russen haben dabei zu erken-
Sammelpartei für ehemalige Militärs und Natio­ nen gegeben, daß sie zu freien Wahlen und zum
nalsozialisten aus. Opfer der SED bereit sind, falls eine mögliche Be­
Man erkannte allmählich, daß es den Amerika­ drohung durch ein wiedervereinigtes Deutschland
nern, falls sie auf die nationalen Wünsche der ausgeschaltet werden könne.
westdeutschen Bevölkerung Rücksicht nähmen, Sie haben sogar - in Fortsetzung dieser Linie -
nicht allzu schwerfallen würde, die Gefühle der auf dem internationalen Parkett durch die Tsche­
breiten Masse, insbesondere aber der Flüchtlinge, chen die polnische Frage ventilieren lassen, und
einzufangen und damit eine amerikanisch-deut­ zwar dergestalt, daß anläßlich schwedisch-tsche­
sche Allianz zu schaffen, die früher oder später zu chischer Handelsbesprechungen in Prag auf ei­
einer Bedrohung durch einen Krieg führen könne. nem hochoffiziellen Essen, an dem mehrere Re­
Infolgedessen mußten sie sich zumindest in West­ gierung smitglieder und die verantwortlichen Spit­
deutschland auf einem Gleis ihrer mehrgleisigen zen der tschechischen Wirtschaft teilnahmen, in
Politik von den ihnen anhängenden kommunisti­ breitem Umfang darüber diskutiert wurde, was
schen Parteigängern lösen und Kontakt mit den wohl mit dem armen Polen werden solle, wenn
eine nationale Unabhängigkeit - auch von Ameri­ sich die Russen nochmals wie im Jahre 1939 über
ka - anstrebenden Kräften suchen. Zur Errei­ deren Kopf hinweg einigen würden?
chung dieses Ziels sind die Russen unter Semjo- Die Beurteilung dieses Problems durch die Rus-

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sen ist neben dem für sie erstrangigen "safety bezogen haben, sind ihre Konzessionen labil glei­
first”-Standpunkt eine real kaufmännische. Sollte tend immer größer geworden. Zwar haben sie für
ein von allen Besatzungstruppen geräumtes gesamtdeutsche Gespräche nochmals ihre Panko-
Deutschland auf die Eingliederung in das unter wer Werkzeuge vorgeschickt. Es darf aber damit
Amerikas Führung aufgebaute Paktsystem des We­ gerechnet werden, daß sie ihre Ziele nicht an for­
stens verzichten, das Ruhrgebiet nicht für die US- malistischen Dingen scheitern lassen. Ich nehme
Rüstung zur Verfügung stehen, und sollten Sicher­ daher an, daß sie im jetzigen Zeitpunkt bereit wä­
heitsgarantien gegen einen von den Russen aus der ren, mit Vertretern Westdeutschlands einen direk­
Angst vor einem starken Deutschland und wegen ten Gedankenaustausch oder auch Verhandlungen
ihres diesbezüglichen schlechten Gewissens gera­ aufzunehmen, also Tatsachen zu schaffen, die sie
de von diesem befürchteten Angriff auf Rußland noch vor mehr als einem Jahr, als man deswegen
vorhanden sein, so würden sich die deutschen an sie herantrat, auf die Plattform der Regierung
Atouts gegenüber den polnischen auf der russi­ der Ostzone verschieben wollten.
schen Waage unschwer als beachtlicher herausstei­ Die durch eine solche Aktion hervortretende Un­
len. Außerdem macht den Russen der polnische ruhe bei der SED, die das Gefüge der DDR ähn­
^ Nationalismus mehr denn je zu schaffen. Auch die lich wie bei den Grotewohl-Vorschlägen erschüt­
französische Trumpfkarte, ihre Anerkennung der tern und der gequälten Ostzonenbevölkerung neue
Oder-Neisse-Linie, würde im selben Augenblick Hoffnung geben würde, könnte als von den Rus­
an Durchschlagskraft verlieren, wenn die Russen sen in Kauf genommen angesehen werden, da ein
von der Angst befreit wären, die ihnen ein nicht größeres außenpolitisches und Sicherheitsinteres­
neutralisiertes und in den Westblock eingeglieder­ se im Westen vorliegt. Sie schätzen den Wert der
tes Deutschland ständig einflößt. Nach ihrer Mei­ Ostzonenpolitiker überhaupt gering ein, weil es ih­
nung kann Amerika mit all seinen militärischen nen an der bei den Russen sehr beliebten Zivilcou­
Arrangements und mit einer als von Russen als rage fehlt. Westdeutsche nichtkommunistische
unbedeutend bewerteten Europa-Armee ohne West­ Unterhändler haben daher sowohl bei den Russen
deutschland niemals einen Sieg über Rußland da­ als auch vom gesamtdeutschen Interesse her -
vontragen. Da sie aber die Chancen des Westens wenn sie eine selbstbewußte Haltung vertreten und
mit einer fanatisierten deutschen Wehrmacht für Hemmungen, Furcht und Ressentiments außer
beachtlich halten, ist ihnen kaum ein Preis zu Acht lassen - immer eine bessere Ausgangsbasis.
hoch, um dies zu verhindern - auch nicht die Falls sich also vom Standort der internationalen
Oder-Neisse! Situation, in der sich Westdeutschland zur Zeit be­
Obwohl ich mit diesem Bericht einzig und allein findet, eine Möglichkeit ergäbe, durch Vertrauens­
meine Beobachtungen wiedergeben und keine Vor­ männer oder offiziöse Persönlichkeiten unmittel­
schläge für eine Auswertung machen will, wozu baren Kontakt mit den Russen aufzunehmen - sei
mir auch die Kompetenz fehlte, glaube ich aus mei­ es in Karlshorst oder in neutralen Ländern wie
nem früheren Kontakt mit den Russen sagen zu Schweden oder die Schweiz es sind, so wäre zu­
können, daß angesichts des alles überragenden mindest bis zur Ratifizierung oder zum Inkrafttre­
Interesses der Russen an Westdeutschland keine ten der Vertragswerke Gelegenheit dazu gegeben.
Notwendigkeit besteht, bei eventuellen Verhandlun­ Die Russen scheinen zu solchen Verhandlungen
gen Vorschlägen nachzugehen, die auf einen Ab­ auch geneigter, als sich über den Kopf der Deut­
kauf der russischen Faustpfänder hinzielen. Denn schen hinweg mit Amerika direkt zu einigen. Die­
das russische Interesse hält sich mit dem für die se russische Absicht scheint mir allerdings nur im
Faustpfänder einzusetzenden Preis die Waage, wo­ Hinblick auf Japan und Deutschland Gültigkeit zu
durch sich Westdeutschland bei Verhandlungen in haben. Sollte sich eine globale Einigung mit Ame­
einer günstigen Ausgangslage nach allen Seiten rika und eine Abgrenzung der hegemonialen Inter­
befindet. Es könnte also auch im Hinblick auf das essen ermöglichen lassen, würden sie aus ihrer
russische Liebeswerben Forderungen gegenüber Angst vor einer deutschen Wiedergeburt Deutsch­
dem Westen erheben. lands Interessen ebenso wie seit 1945 mit Füssen
Da die Russen dies in ihre Berechnungen mit ein­ treten.

S T U D IE N VO N Z EIT FR A G E N 2/1990
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HR» 195 2

Neben diesen facts der russischen "psychologi­


schen Ausgleichspolitik”, in der viele Möglichkei­
Nachtrag zum
ten für eine deutsche Wiedervereinigung in Frei­
heit liegen, ist seit Juni 1952, und sanktioniert
Memorandum
durch den kürzlichen Parteikongreß, die Politik "Zur Frage der russischen
der Sicherheit gegenüber einem in den Westen in­
tegrierten Deutschland im Vormarsch begriffen. Deutschlandpolitik” vom
Hatte man sich bisher bemüht, im Hinblick auf
den Westen und aus optischen Gründen gegenüber
23.10.1952 an Vizekanzler
der westdeutschen Bevölkerung, eine aufsteigende Dr. Blücher.
Tendenz in der Entwicklung des ostdeutschen Staa­
tes und eine Konsolidierung der dortigen Verhält­ Stand: 27.01.1953
nisse zu dokumentieren, was in der Erweiterung
der Regierungsbefugnisse der Ostdeutschen sei­
nen Ausdruck und im Besuch des russischen Die in meinem ursprünglichen Bericht noch of­
Staatspräsidenten seinen propagandistischen Höhe­ fene Alternativentscheidung der Russen hinsicht- y
punkt fand, so ist in Wirklichkeit bereits eine um­ lieh ihrer Deutschlandpolitik ist seit der Wahl Ei-
gekehrte Entwicklung angelaufen. senhowers als USA-Präsident beendet worden,
Je mehr die Russen ihre Zielsetzung begraben, und hat einer hundertprozentigen Änderung - wie
durch eine Neutralisierung Deutschlands eine ge­ vorausgesehen - Platz gemacht. Alle Reste und Ex­
wisse balance of power schaffen und dadurch ei­ perten der sogenannten psychologischen Aus­
nen Krieg verhindern zu können, richten sie sich gleichspolitik werden systematisch beseitigt.
darauf ein, Westdeutschland endgültig als feindli­ Auch Botschafter Semjonow befindet sich seit 4
ches Ausland anzusehen. Damit zerreißen aber Wochen in Moskau und wird nicht wieder hier­
endgültig die bisher noch dünnen Fäden, an de­ her zurückkehren. Nach russischer Version ist
nen die deutsche Wiedervereinigung jetzt noch Westdeutschland nunmehr endgültig als feindli­
hängt, und die Ostzone wird im Zuge der Einige- ches Ausland zu betrachten, nachdem man der
lung der Ostblockländer als volksdemokratisches Meinung ist, daß die Verträge in irgendeiner
Faustpfand und Ausbeutungsobjekt einer deut­ Form akzeptiert werden und das Volk nicht stark
schen Passion überantwortet, die weit tragischere genug ist, sich ihnen zu widersetzen. Eine Rück­
Folgen zeigen wird als die Leiden, die die westber­ sichtnahme auf die westdeutsche Bevölkerung ist
liner Bevölkerung durch die gravierenden, in der daher überflüssig geworden. ^
Vorbereitung fast schon beendeten Maßnahmen Infolgedessen werden in der DDR auch alle Si­
des Ostens zu erwarten haben wird. cherheitsmaßnahmen getroffen, denen man bis­
Abschließend möchte ich noch auf Äußerungen her mit dem Blick auf Westdeutschland nur zö­
höchster russischer Stellen hinweisen, die in pri­ gernd folgte. Die Beseitigung der bürgerlichen
vaten Gesprächen ihrer Entschlossenheit Aus­ Blockpolitiker der Ostzone ist daher nur eine der
druck gegeben haben, einen 22. Juni 1941 nie mehr jetzt systematisch durchzuführenden Maßnah­
zuzulassen. men im Hinblick auf eine totale Umwandlung der
Tabula rasa-Handlungen durch Satelliten, die auf DDR in eine Volksdemokratie. Ulbrichts totaler
russischen Befehl hin erfolgen, sind daher nicht Vernichtungsfeldzug gegen alle eigenständigen
außer Betracht zu lassen. Endlich dürften in Mos­ Kräfte hat nunmehr freie Fahrt. Infolgedessen
kau spätestens im Frühjahr die Entscheidungen sind auch die Aufrufe des gesamtdeutschen Mini­
darüber fallen, ob man den jetzigen defensiven steriums zum Durchhalten völlig widersinnig;
Standpunkt des Zeitgewinnens noch weiter auf­ denn die Bevölkerung wird jetzt in einem Terror
rechterhalten kann; oder ob man gezwungen ist, ohnegleichen zur völligen Apathie und Lethargie
der als lebensgefährliche Bedrohung Rußlands an­ dahinvegetieren müssen, oder von den erbar­
gesehenen westdeutschen Integrierung präventiv mungslosen Schergen des MWD oder des SSD zu­
in die Flanke zu stoßen. < grunde gerichtet werden.

jQ ST U D IE N VO N Z E IT F R A Q E N 2/1990
SHM JONOW

Während bis zum Spätherbst Chancen vorhan­ mir durch die Kursschwenkung der Russen heute
den waren, durch eventuelle Verhandlungen die nicht mehr durchführbar. Denn die Luft im Osten
Zügel einer gesamtdeutschen Entwicklung noch ist so verpestet, daß man heute sogar gegen die
schleifen zu lassen, muß man heute angesichts der gutmeinenden gesamtdeutsch ausgerichteten
hundertprozentigen Wandlung der russischen Gruppen - ausgenommen Wirth - als Agenten des
Zielsetzung vor Hoffnungen warnen, eine ge­ imperialistischen Krieges Sturm läuft, so daß es
samtdeutsche Lösung sei auch heute noch zu er­ nicht mehr lange dauern dürfte, bis Ulbricht
reichen. durch Verhaftungen dieser Kräfte, wenn sie sich
Mayers und Pfleiderers Vorschläge, so sehr sie in Ostberlin oder der DDR aufhalten, die letzten
auch im Herbst noch die letzten Hoffnungsstrah­ Brücken zu Westdeutschland abgerissen haben
len einer Wiedervereinigung boten, erscheinen wird. <

Semjonows und
Ulbrichts Kontroverse
m Rahmen einer Analyse der russischen Neu­ kommunistischen Welt nicht zu einer Rangord­
I tralisierungspolitik erscheint es nicht unwe­
sentlich, die Spannungen zu beleuchten, die seit
nung gegenüber den aus der Partei hervorgegange­
nen Statthaltern des Macht- und Sicherheitsappa­
jeher zwischen Botschafter Semjonow und Walter rates. Im Gegenteil! Es ist ein Symptom des kom­
Ulbricht bestanden haben. Zeigt sich doch daran, munistischen Herrschaftsanspruches, daß das
wie sehr im Rahmen eines heterogenen Auf und Dogma den Geist frißt, daß also die Usurpatoren
Ab dennoch eine zentrale Moskauer Steuerung der Macht sich zu rücksichtslosen Vernichtern
zum Ausdruck kommt. ganzer geistiger Schichten aufgeschwungen haben.
Semjonows tief fundiertes Wissen von den ge­
schichtlichen Zusammenhängen, aus denen her- Trotzdem hat Botschafter Semjonow in den ver­
^ aus sich die deutsche Politik entwickelt hat, seine gangenen Jahren des öfteren Walter Ulbricht jene
feinnervigen kulturellen Regungen und sein aus Verachtung gezeigt, die solch geistlosen Satelliten­
langjähriger diplomatischer Erfahrung herrühren­ figuren gegenüber angemessen erscheint, dadurch
des Geschick, politische Dinge zu meistern, ha­ aber auch die Rangordnung in der Politik zwi­
ben ihn zweifellos in die vorderste Reihe der Ex­ schen Karlshorst und Pankow eindeutig zum Aus­
perten gestellt, die der Kreml der westlichen Welt druck gebracht.
gegenüber als Paradepferde in seine Schaufenster
gestellt hat. Kein Zweifel, daß seine Rücksichtnah­ Karlshorst und Pankow
me auf die psychologischen Gegebenheiten in der
Politik ihn in Konflikt mit jenen Figuren bringen Kein Beispiel ist dafür geeigneter als die Politik
mußte, deren sich der Kreml zur brutalen Durch­ der Neutralisierung. Als Professor Noack im Au­
setzung seiner Linienführung bedient und als de­ gust 1949 anläßlich der Goethefeiern vor den
ren Prototyp Walter Ulbricht anzusprechen ist. Funktionären der russischen Besatzungszone und
Soweit nun diese Spannungen aus dem verschie­ in Gegenwart von Botschafter Semjonow und der
denartigen Niveau der beiden Exponenten herrüh­ wichtigsten Experten seines Stabes die Auffas­
ren, können sie an dieser Stelle im wesentlichen sung des Nauheimer Kreise zur Geltung brachte,
außer betracht gelassen werden; denn die Zugehö­ konnte dies nicht geschehen, ohne daß er mit ei­
rigkeit zu einer geistigen Elite berechtigt in der ner Reihe von Mißständen ins Gericht ging. Es ge­

ST U D IE N VO N Z E IT FR A G E N 2/1990
11
NI' M lONOW

schah zeitweise unter atemloser Spannung seiner Als dann Walter Ulbricht einige Monate später
Zuhörer. vor der sowjetzonalen Verwaltungsakademie in
Manche von ihnen sahen verwirrt zu dem im­ Forstzinne seine große Rede gegen die Neutrali­
mer nervöser werdenden Ulbricht, der zeitweilig sten des Nauheimer Kreises hielt, schien es, als
perplex an seiner Krawatte nestelte. Man hätte habe der Semjonowsche Seitensprung in die Ideo­
eine Stecknadel fallen hören können, und es war logie des Würzburger Professors eine Rüge von al­
nicht von ungefähr, daß der nach dem Vortrag lerhöchster Befehlsstelle bekommen. Bald aber
hinter Noack zur Toilette watschelnde Nuschke mußte Ulbricht erfahren, daß er weder durch die
meinte, eine solche Kritik an Ulbricht sei noch langen Jahre der russischen Emigration noch
nicht dagewesen, sie könne Noack aber den Kopf durch den Umgang mit den Experten der russi­
kosten. Dabei hatte Noack die üblichen Formen schen Besatzungsmacht ein Fachmann der russi­
seiner professoralen Linie nicht verlassen und kei­schen Politik geworden ist. Denn was bedeutete
nesfalls eine kämpferische oder oppositionelle für sie der Kitzel des Prestiges von Walter Ul­
Rede gehalten. bricht oder eine Optik, die sich in propagandisti­
schem Nebel verliert. Im Hinblick auf die vom
Noacks Herausforderung Kreml festgesetzte Politik zur Neutralisierung ^
Deutschlands verlangte daher Semjonow den Ul-
Ulbricht, bleich vor Wut, gab dann doch am glei­ brichtschen Kotau und Ulbricht sprach - wenn
chen Abend die Weisung an die Funktionäre, die auch in kommunistischer Übersetzung - sein pa­
Ostzonenreise Noacks schärfstens zu überwachen ter peccavi, indem er selbst für die Neutralisie­
und die von Noack geäußerten Gedanken durch ge­ rung Deutschlands eine neue Lanze brach.
schulte Agitatoren in der Diskussion völlig ad ab­
surdum zu führen. Nur so ließ sich auch erklä­ Ulbricht spricht von Neutralisierung
ren, warum die anläßlich der Eröffnung der
Leipziger Messe angesetzte Friedenskundgebung Auch im Bereich der Innenpolitik hat die Kontro­
mit einem Noack-Referat ohne Rücksicht auf den verse Ulbricht-Semjonow zu mancherlei auch äu­
Eindruck, den die Öffentlichkeit davon gewinnen ßerlich sichtbaren Spannungen geführt, im Ver­
mußte, eine Abrechnung mit den von Noack ver­ laufe derer es sogar Ulbricht gelang, seinen Geg­
tretenen Thesen wurde, ja, daß der Vertreter der ner zeitweilig auf Eis zu legen. Denn während in
FDJ und die Leiterin der kommunistischen Frau­ außenpolitischer Hinsicht die von oben diktierten
enbewegung in der Ostzone, Elli Schmidt, sich öf­ Richtlinien unantastbar waren, konnte um das
fentlich zu Injurien gegen Prof. Noack hinreißen Problem, in welcher Weise und mit welchen Grup-
ließen, und zwar von der gleichen Bühne aus und pen in der Ostzone regiert werden sollte, der Ge-
vor dem gleichen Publikum, das gerade vorher gensatz zwischen der Semjonowschen psychologi­
dem Noack-Vörtrag zum Teil begeistert gefolgt schen Ausgleichspolitik und der Ulbrichtschen
war. Partei- und Sicherheitspolitik im Bereiche der bei­
den Politikern übertragenen Kompetenzen zur
Semjonow indessen, dem die Zuspitzung des Ver­ Austragung kommen.
hältnisses zwischen Noack und Ulbricht nicht ent­ Die Spannungen verlagerten sich daher auch in
gangen war, und der daran auch nicht ohne Inter­ den Bereich der beide unterstützenden Organisa­
esse vorbeisehen konnte, wandte sich mit sichtli­ tionen in Rußland, wobei aus der russischen Be­
chem Schmunzeln Noack zu, ließ ihn und seinen sorgnis um die Sicherheit naturgemäß denjenigen
Begleitern durch seinen Mitarbeiter Guljaew ein freie Hand gegeben wurde, die unter Anwendung
festliches Diner kreieren und lud ihn zu einem Be­ allen polizeistaatlichen Terrors die Zwangsherr­
such in Karlshorst ein, was bei Ulbricht mit größ­ schaft in der Ostzone sanktionierten.
ter Verbitterung, bei einer Reihe von Funktionä­ Semjonow indessen verfocht die Politik der wei­
ren und insbesondere bei den Politikern der Ost­ chen Hand und trat auch in der Ostzone dafür ein,
CDU und LDP mit größtem Erstaunen beachtet die Alleinherrschaft der SED tunlichst durch bür­
wurde. gerliche Momente aufzulockern. Ganz zum Leid-

12 S T U D IE N VO N Z E IT FR A G E N 2/1990
S1 M . I O N O W

wesen Ulbrichts hatten die sogenannten bürgerli­ sentliche Teile der westdeutschen Bevölkerung ein­
chen Politiker vom Schlage Kästners und zunebeln, gewannen in den innerrussischen Kom­
Nuschkes sogar eine besonders offene Tür bei dem petenzkonflikten zwischen Armee, MWD, Partei
lange Zeit für Ulbricht nur schwer erreichbaren und Diplomatie wieder die Partei und Sicherheits­
Semjonow. Es war aber ihr großer Fehler anzu­ faktoren die Oberhand, die Ulbricht stets den Rük-
nehmen, daß sich dahinter Sympathie oder zumin­ ken gestärkt hatten, und er konnte nach der aller­
dest mehr als Taktik verberge. Denn obwohl diese dings nur mehrmonatigen Abberufung Semjonows
in der Reserve gehaltenen ’Schattenminister’ in als zeitweiliger erster Sieger umso ungestörter
spe sich auf Semjonows Weisung hin die ständige zum Kampf gegen die Rudimente der amorphen
Bespitzelung durch den SSD vom Leibe halten bürgerlichen Welt in der Ostzone ausholen.
konnten und in Umgang, Lebensweise und sogar
in der politischen Betätigung eine Art Narrenfrei­ Interessen des Sicherheitsapparates
heit erhielten, konnte den Erkennenden nicht ver­
borgen bleiben, daß den Bewohnern der Ostzone Dieses Schaukelspiel der Mehrgleisigkeit der rus­
damit eine gewisse Fiktion von Freiheit vorgezau­ sischen Politik hat aber auch bei ihm seine Be­
bert werden sollte. grenzung da gefunden, wo die Interessen der deut­
Westdeutschland gegenüber wirkte dies zudem als schen Kommunisten mit den russischen Zielen an­
Schaufenster, in dessen sonstiger rationierter Ein­ einanderstoßen. Es zeigte sich nämlich, daß Sem­
tönigkeit diese "Trauben” besonders ansprechend jonow in dieser Frage eine größere Stärke an den
erscheinen und die Illusion erwecken mußten, als Tag legte, als die stursten Genossen sie von die­
würde sich dadurch eines Tages eine grundlegen­ sem geschmeidigen Diplomaten erwartet hatten.
de Änderung der russischen Deutschlandpolitik Denn obwohl die weltrevolutionäre Ideologie des
ergeben. Kommunismus die These von der Gleichheit aller
Daß Ulbricht eine solche Abweichung von der Kommunisten ohne Rücksicht auf deren völki­
sturen weltrevolutionären Linie gar nicht konzi­ sche Herkunft aufgestellt hat, sahen sich Ulbricht
pieren kann, wird jeder verstehen, der Gelegen­ und seine linientreue Avantgarde vor die Tatsache
heit hatte, sich mit dieser Maschine zur Ausfüh­ gestellt, daß die Praxis dieser ideologischen These
rung russischer Befehle zu unterhalten. Die geisti­ die Antithese von Siegern und Besiegten geschaf­
ge Enge linientreuer Parteidograatik und die sture fen hatte.
Ausrichtung auf seine ihm von den Russen über­ Alles Aufbäumen gegen diese Praxis, die den in­
tragene Aufgabe, Befehle ohne Prüfung auszufüh­ nersten Kern ihrer kommunistischen Heilslehre
ren, entheben ihn von vornherein von der Ver­ erschütterte, endete daher in Befehlen, die die pri­
pflichtung, eigene Überlegungen anzustellen. Es vilegierten russischen Genossen ihren subalter­
wäre daher auch eine Investierung in ein untaugli­ nen Besiegten erteilten. Noch heute wird die Ost­
ches Objekt, wenn man sich die Mühe machte, ihm zone und besonders die SED ständig von
die Notwendigkeiten einer psychologischen Poli­ Schlagwettern aufgewühlt, in denen sich die selb­
tik darzulegen. Weil Semjonow dies erkannt hatte, ständigen Kräfte - getreu ihrem politischen Glau­
versuchte er in seiner Eigenschaft als politischer bensbekenntnis - gegen diese Deklassierung auf­
Berater des russischen Militärbefehlshabers dem- bäumen. Aber es blieb wieder Ulbricht als dem
entrprechende militärische Befehle durchzusetzen Vollstrecker der russischen Interessen Vorbehal­
und später in seiner Eigenschaft als Hoher Kom­ ten, sich mit der Rolle des Sklaven abzufinden
missar und Chef der Kontrollkommission auf und die dagegen opponierenden Genossen in die
Grund des Besatzungsrechts die ärgsten Untaten Zuchthäuser zu werfen. Der Schatten Semjonows
Ulbrichts abzuschwächen. Als sich jedoch in der wird daher auch zukünftig hinter der nun formell
letzten Zeit vor Stalins Tod die Fronten des Kal­ autoritär gewordenen Figur Ulbrichts stehen,
ten Krieges immer mehr verhärteten und durch wenngleich die Verlagerung der russischen Politik
die westdeutsche EVG-Entwicklung immer mehr von Deutschland auf Frankreich das politische
herausstellte, daß die Politik des psychologischen Schwergewicht Semjonows weitgehend verringert
Ausgleichs nicht die Kraft in sich trug, um we­ hat. Dr. Emil Hoffmann

S T U D IE N VO N Z E IT FR A G E N 2/1990
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Die acht Punkte der Übereinkunft Kohls mit Gorbatschow
Zum Zeitpunkt der Vereinigung wird Deutschland souverän
Bundeskanzler Kohl hat am Montagnachmittag die Ergebnis­ der D-Mark in der DDR für diesen Zeitraum von drei bis
se seiner Gespräche m it dem sowjetischen Präsidenten Gor­ vier Jahren abgeschlossen werden.
batschow in acht Punkten vorgetragen. Er leitete seine Dar­ 5. Solange sowjetische Truppen noch auf dem ehemaligen
legungen m it dem Satz ein: DDR-Territorium stationiert bleiben, werden die NATO-
Strukturen nicht auf diesen Teil Deutschlands ausgedehnt.
"Ich kann beute mit Genugtuung und in Übereinstimmung Die sofortige Anwendung von Artikel fünf und sechs des
mit Präsident Gorbatschow feststellen: NATO-Vertrages bleibt davon von Anfang an unberührt.
1. Die Einigung Deutschlands umfaßt die Bundesrepublik, Nicht integrierte Verbände der Bundeswehr, das heißt Ver­
die DDR und Berlin. bände der territorialen Verteidigung, können sofort nach der
2. Wenn die Einigung vollzogen wird, werden die Vier- Einigung Deutschlands auf dem Gebiet der heutigen DDR
Mächte-Rechte und -Verantwortlichkeiten vollständig abge­ und in Berlin stationiert werden.
löst. Damit erhält das geeinte Deutschland zum Zeitpunkt 6. Für die Dauer der Präsenz sowjetischer Truppen auf dem
seiner Vereinigung seine volle und uneingeschränkte Souve­ ehemaligen DDR-Territorium sollen nach der Vereinigung
ränität. nach unserer Vorstellung die Truppen der drei Westmächte
3. Das vereinte Deutschland kann in Ausübung seiner un­ in West-Berlin verbleiben. Die Bundesregierung wird die
eingeschränkten Souveränität frei und selbst entscheiden, ob Westmächte darum ersuchen und die Stationierung mit den
und welchem Bündnis es angehören will. Das entspricht der jeweiligen Regierungen vertraglich regeln.
KSZE-Schlußakte. Ich habe als die Auffassung der Regie­ 7. Die Bundesregierung erklärt sich bereit, noch in den lau­
rung der Bundesrepublik Deutschland erklärt, daß das geein­ fenden Wiener Verhandlungen eine Verpflichtungserklä­
te Deutschland Mitglied des Atlantischen Bündnisses sein rung abzugeben, die Streitkräfte eines geeinten Deutsch­
möchte, und ich bin sicher, dies entspricht auch der Ansicht lands innerhalb von drei bis vier Jahren auf eine Personal­
der Regierung der DDR. stärke von 370000 Mann zu reduzieren. Die Reduzierung
4. Das geeinte Deutschland schließt mit der Sowjetunion ei­ soll mit dem Inkrafttreten des ersten Wiener Abkommens
nen zweiseitigen Vertrag zur Abwicklung des Truppenabzu­ begonnen werden.
ges aus der DDR, der innerhalb von drei bis vier Jahren be­ 8. Ein geeintes Deutschland wird auf Herstellung, Besitz
endet sein soll. Gleichzeitig soll mit der Sowjetunion ein und Verfügung über ABC-Waffen verzichten und Mitglied
Überleitungsvertrag über die Auswirkung der Einführung des Nicht-Weitergabe-Vertrages bleiben.” (dpa)

Deutschlands Souveränität
Das Ende des Viermächte-Status
Von Prof. Dr. Dr. Rudolf Dolzer (F A Z vom 18.07.1990)
Nach den Absprachen zwischen Präsident Gorbatschow und auch das Recht zur Bestimmung der äußeren Modalitäten ei­
Bundeskanzler Kohl wird Deutschland zum Zeitpunkt seiner ner Wiedervereinigung und das Recht zur endgültigen Festle­
Einigung seine volle Souveränität erhalten. Die Rechte und gung der Grenzen Deutschlands. Nach dem Standpunkt der
Verantwortlichkeiten der Vier Mächte in Deutschland sollen Siegermächte hatte das Recht zur Stationierung von Truppen
dann abgelöst werden. Sie bezogen sich auf "Deutschland als seine Grundlage nicht nur in vertraglichen Absprachen, son­
Ganzes”. dern auch im Viermächtestatus Deutschlands. Ein besonderer
Diese Formel findet sich zum ersten Mal in der Erklärung Aspekt der Rechtsmacbt der Alliierten war immer der Status
der Siegermächte vom S. Juni 194S. Die Alliierten haben in von Groß-Berlin geblieben, der dort zum Beispiel in Zu­
den vergangenen 45 Jahren an dieser Rechtsposition festge­ gangs- und Bewegungsrechten des Militärpersonals, in Trans­
halten. Die Bundesrepublik bat den damit geschaffenen Zu­ itregelungen zwischen der Bundesrepublik und Berlin sowie
stand formell anläßlich der Unterzeichnung des Grundlagen­ im Fortbestehen der Lufsicherheitszentrale in Berlin zum
vertrags im Dezember 1972 in einer an die Siegermächte ge­ Ausdruck gekommen ist.
richteten Note anerkannt. Zuvor batte Bonn gegenüber den Das klassische Völkerrecht anerkennt die Macht des Siegers
drei Westmächten bei der Aufhebung des Besatzungsregi­ zur Besetzung des Gebiets des Kriegsgegners. Es begrenzt
mes im Deutschlandvertrag akzeptiert, daß die "bisher aus- diese Macht seit der Einigung über die Haager Landkriegsord­
geübten oder innegehabten Rechte und Verantwortlichkeiten nung aus den Jahren 1899 und 1907. Eine eindeutige zeitliche
in bezug auf Berlin und Deutschland als Ganzes" auch künf­ Begrenzung der Siegermacht ist diesen Normen nicht zu ent­
tig beibehalten würden. nehmen. Angesichts der Schuld Deutschlands am Beginn des
Zweiten Weltkriegs und wegen der Spaltung zwischen den
Im einzelnen ist der Umfang der Rechte der Alliierten nie Siegermächten hat der Prozeß der Ablösung des Besatzungs­
definiert worden. Nach allgemeiner Ansicht umfaßten sie rechts in Deutschland erheblich länger gedauert als üblich.

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