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Herfried Münkler

Der Dreißigjährige Krieg


Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618–1648
Über dieses Buch

Vor 400 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg: Herfried


Münklers grandiose Gesamtschau

Noch heute gilt «Dreißigjähriger Krieg» als Metapher für die


Schrecken des Krieges schlechthin, dauerte es doch
Jahrzehnte, bis sich Deutschland von den Verwüstungen
erholte, die der längste und blutigste Religionskrieg der
Geschichte angerichtet hatte. Dabei war, als am 23. Mai
1618 protestantische Adelige die Statthalter des römisch-
deutschen Kaisers Ferdinand II. aus den Fenstern der
Prager Burg stürzten, kaum abzusehen, was folgen sollte:
ein Flächenbrand, der erste im vollen Sinne «europäische
Krieg». Fesselnd erzählt Herfried Münkler vom
Schwedenkönig Gustav Adolf und dem Feldherrn
Wallenstein, von Kardinälen und Kurfürsten, von den
Landsknechten und den durch Krieg und Krankheiten – ein
Drittel der Bevölkerung fand den Tod – verheerten
Landschaften Deutschlands. Auch die europäische
Staatenordnung lag in Trümmern – und doch entstand auf
diesen Trümmern eine wegweisende Friedensordnung, mit
der eine neue Epoche ihren Ausgang nahm.
Herfried Münkler führt den Krieg in all seinen Aspekten
vor Augen, behält dabei aber immer unsere Gegenwart im
Blick: Der Dreißigjährige Krieg kann uns, wie er zeigt,
besser als alle späteren Konflikte die heutigen Kriege
verstehen lassen. – Eine packende Gesamtdarstellung, die
große Geschichtsschreibung und politische Analyse vereint.
Über Herfried Münkler

Herfried Münkler, geboren 1951, ist Professor für


Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität
und Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der
Wissenschaften. Viele seiner Bücher gelten mittlerweile als
Standardwerke, etwa «Die neuen Kriege» (2002),
«Imperien» (2005), «Die Deutschen und ihre Mythen»
(2009), das mit dem Preis der Leipziger Buchmesse
ausgezeichnet wurde, sowie «Der Große Krieg» (2013) und
«Die neuen Deutschen» (2016), die beide monatelang auf
der «Spiegel»-Bestsellerliste standen.
Für Marina
Einleitung
Deutsche Erinnerung und deutsches
Trauma

Die Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg war das große


Trauma der Deutschen, bis dieses Trauma durch die
kollektive Erinnerung an die Gewalt und Zerstörung
abgelöst wurde, die mit den beiden Weltkriegen
einhergingen. Die Verwüstung der Städte, die Verheerung
des Landes und das massenhafte Sterben der Menschen in
den Jahren von 1618 bis 1648 standen beispielhaft für die
Schrecken des Krieges, [1] doch diente der Dreißigjährige
Krieg darüber hinaus als Erklärung dafür, warum die
deutsche Geschichte, so die Annahme, seit dem
17. Jahrhundert ganz anders verlaufen sei als die der
meisten europäischen Nationen: Während diese politisch
handlungsfähige Staaten gebildet und ihre jeweiligen
Interessen in gegenseitiger Konkurrenz zur Geltung
gebracht hätten, sei Deutschland zum Tummelplatz für die
Heere ebenjener Mächte geworden und habe erst mit großer
Verspätung einen eigenen Nationalstaat bilden können. Dass
die Deutschen unter den Europäern zur «verspäteten
Nation» wurden, wie die von dem Soziologen Helmuth
Plessner geprägte Formel lautet, [2] hat dieser Erinnerung
zufolge ihre Ursache im Dreißigjährigen Krieg, der
seinerseits wiederum auf die konfessionelle Spaltung des
Landes zurückzuführen sei.
Gemäß dieser Beschreibung ist Deutschland einen
«Sonderweg» gegangen: Während sich bei den mächtigen
Akteuren der europäischen Politik, bei Frankreich und
England, Spanien und Schweden, eine verbindliche
Konfession durchsetzte, blieb Deutschland konfessionell
gespalten, und im Westfälischen Frieden wurde dies
festgeschrieben. Die Spaltung, so die geschichtspolitische
Meistererzählung weiter, habe sich im 18. Jahrhundert zum
machtpolitischen Gegensatz zwischen dem protestantischen
Preußen und dem katholischen Österreich, zwischen der
Herrscherfamilie der Hohenzollern und dem Hause
Habsburg zugespitzt, der bald zwei Jahrhunderte lang einer
deutschen Nationalstaatsgründung entgegenstand. Folgt
man dieser Sichtweise, so ist der im Dreißigjährigen Krieg
ausgetragene Konflikt erst 1866 in der Schlacht bei
Königgrätz (beziehungsweise Sadowa, wie man in Österreich
sagt) zugunsten des protestantischen Nordens entschieden
worden – geographisch nicht zufällig in Böhmen, also dort,
wo der Dreißigjährige Krieg seinen Anfang genommen hat.
Der Krieg habe Deutschland gegenüber seinen Nachbarn um
zwei Jahrhunderte zurückgeworfen, und deswegen müssten
die Deutschen in Jahrzehnten nachholen, wozu andere
Jahrhunderte Zeit gehabt hätten. Die Trauma-Erzählung
wurde damit zum Beschleunigungsimperativ der Politik.
Als Spätankömmling, so die politische Pointe der
Erzählung, habe Deutschland sich seinen Platz unter den
europäischen Großmächten nachträglich erobern müssen,
und dabei sei es vor allem mit jenen Mächten in Konflikt
geraten, die sich im Dreißigjährigen Krieg Einfluss auf die
deutsche Politik verschafft und diesen Einfluss im
Westfälischen Frieden auf Dauer gefestigt hätten. Die drei
Einigungskriege, die Preußen zwischen 1864 und 1870
geführt hat, konnten demnach als Revision der Ergebnisse
des Dreißigjährigen Krieges angesehen werden, und die den
Deutschen angetane Gewalt wurde zur Rechtfertigung für
die nunmehr von den Deutschen den anderen zugefügte
Gewalt. Wer sich als Opfer begreift, hat oft keine Probleme
damit, andere zum Opfer zu machen. Noch bei Beginn des
Ersten Weltkriegs gehörte es zu den gängigen
Begründungen für das militärisch offensive Vorgehen der
Deutschen, man dürfe nicht zulassen, dass dem neuen Reich
dasselbe Schicksal widerfahre wie dem alten Reich im
Dreißigjährigen Krieg. Das im kollektiven Gedächtnis der
Nation verankerte Trauma wurde zur Rechtfertigung eines
aggressiven Auftretens und zum Imperativ, die
Wiederholung eines solchen Krieges auf deutschem
Territorium unter allen Umständen zu verhindern. Das
Mittel, das die Geschichtserzählung nahelegte, war eine
Außenpolitik, die vor einem Präventivkrieg nicht
zurückschreckte. Dies wiederum, so die Anschlusserzählung
von einem zweiten Trauma, habe dazu beigetragen, dass es
in Europa im 20. Jahrhundert zu einem weiteren
«Dreißigjährigen Krieg» gekommen sei, wie die beiden zu
einem Geschehen zusammengefügten Weltkriege bezeichnet
worden sind [3] – eine überaus bittere Pointe, wenn vom
«Lernen aus der Geschichte» die Rede ist.
Lange Zeit stand neben dem traumagespeisten Imperativ
aggressiver Machtpolitik die ebenfalls durch den Rückbezug
auf den Dreißigjährigen Krieg gestützte Überzeugung, einen
derart langen und gesellschaftlich verheerenden Krieg nicht
noch einmal zulassen zu dürfen. Es war der greise
Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke, der legendäre
Sieger von Königgrätz und Sedan, der am 14. Mai 1890 in
einer Reichstagsrede vor einem neuen großen Krieg in
Europa warnte, einem Krieg, der nicht «in einem oder in
zwei Feldzügen» erledigt sein werde; «es kann ein
siebenjähriger, es kann ein dreißigjähriger Krieg werden, –
und wehe dem, der Europa in Brand steckt, der zuerst die
Lunte in das Pulverfaß schleudert!» [4]
Nahm man diese Warnung ernst, so lief sie darauf hinaus,
die Entstehung von politischen Konstellationen zu
verhindern, die denen vor Beginn des Dreißigjährigen
Krieges ähnelten. Das konnte zu einer klug angelegten
Entspannungspolitik führen, ebenso aber zur Planung kurzer
Kriege, die in schnellen Feldzügen entschieden werden
sollten. In diesem Fall wirkte das Geschichtsnarrativ des
Dreißigjährigen Krieges wie eine Aufforderung, Kriege nach
der zügig gesuchten Entscheidungsschlacht umgehend
wieder zu beenden. Das Problem der deutschen Politik vor
1914 war, dass sie zwischen beiden Optionen, der
Kriegsverhinderung auf der einen und der schnellen
Niederwerfung des Gegners auf der anderen Seite, hin und
her schwankte. Die Trauma-Erzählung ließ keine eindeutige
Entscheidung und Festlegung zu.
Als Helmuth von Moltke vor einem neuen Dreißigjährigen
Krieg warnte, äußerte er sich nicht nur als professioneller
Militär, sondern brachte auch die Vorstellungswelt des
deutschen Bürgertums zum Ausdruck, die durch die
Schilderungen des Dreißigjährigen Kriegs in Gustav
Freytags weitverbreitetem Werk Bilder aus der deutschen
Vergangenheit – erschienen in mehreren Bänden zwischen
1859 und 1867 – geprägt war. «Wie der Kampf», so
resümiert Freytag die Situation nach Ende des Krieges,
«waren auch die Zustände, welche nach dem Kriege
eintraten, außer allem Vergleich mit anderen Niederlagen
kultivierter Völker. Gewiß sind in einzelnen Zeiträumen der
Völkerwanderung große Landschaften Europas noch mehr
verödet worden, zuweilen hat im Mittelalter eine Pest die
Bewohner großer Städte ebensosehr dezimiert; aber solches
Unglück war entweder lokal oder wurde leicht durch den
Überschuß von Menschenkraft geheilt, der aus der
Umgegend auf dem geleerten Grund zusammenströmte,
oder es fiel in eine Zeit, wo die Völker nicht fester auf dem
Boden standen als lockere Sanddünen am Strand, welche
leicht von einer Stelle zur andern geweht werden.» [5]
Freytag ging es darum, das Exzeptionelle dieses Krieges
herauszustellen, seine Einmaligkeit und Unvergleichbarkeit
vor allem im Hinblick auf das Unglück und Elend, das den
Deutschen widerfahren sei: «Hier aber wird eine große
Nation mit alter Kultur, mit vielen hundert festgemauerten
Städten, vielen tausend Dorffluren, mit Acker- und
Weideland, das durch mehr als dreißig Generationen
desselben Stammes bebaut war, so verwüstet, daß überall
leere Räume entstehen, in denen die wilde Natur, die so
lange im Dienste des Menschen gebändigt war, wieder die
alten Feinde des Menschen aus dem Boden erzeugt,
wucherndes Gestrüpp und wilde Tiere. Wenn ein solches
Unglück plötzlich über eine Nation hereinbräche, es würde
ohne Zweifel auch eine kleine Zahl der Überlebenden
unfähig machen ein Volk zu bilden, ja schon das Entsetzen
würde sie vernichten; hier aber hat das allmähliche
Eintreten der Verringerung den Überlebenden das
Schreckliche zur Gewohnheit gemacht. Eine ganze
Generation war aufgewachsen innerhalb der Zeit der
Zerstörung. Die gesamte Jugend kannte keinen anderen
Zustand als den der Gewalttat, der Flucht, der allmählichen
Verkleinerung von Stadt und Dorf, des Wechsels der
Konfession.» [6] Gustav Freytags Zeilen können als
Kurzfassung der deutschen Trauma-Erzählung gelten.
Das von ihm prominent entfaltete Opfernarrativ hatte eine
ambivalente Wirkung: [7] Auf der einen Seite fügte es sich in
einen Zustand der Trauer, des melancholischen Erinnerns
und der politischen Zurückhaltung; auf der anderen Seite
verschaffte es denen, die als Opfer der Geschichte und der
geopolitischen Konstellationen vorgestellt wurden, ein gutes
Gewissen, wenn es darum ging, die eigenen Ansprüche
durchzusetzen: Man war ja Opfer und hatte in der
Vergangenheit gelitten, weswegen Gegenwart und Zukunft
dafür entschädigen mussten. Je eindringlicher das
Opfernarrativ, desto größer der Anspruch auf Ausgleich. Das
lässt sich an der Haltung des deutschen Bürgertums
beobachten, dem die meisten Leser Gustav Freytags
entstammten und von dem er, ein politisch Liberaler,
erwartete, dass es im neugeschaffenen Deutschen Reich eine
führende Rolle spielen werde. [8] Es war vor allem das
Bildungsbürgertum, das die Opfererzählung des
Dreißigjährigen Krieges aufsaugte und daraus
schlussfolgerte, man dürfe unter keinen Umständen noch
einmal in diese Rolle hineingedrängt werden. Man verstand
Machtpolitik darum nicht als ein Projekt, dessen Chancen
und Risiken, Erträge und Kosten kühl kalkuliert werden
mussten, sondern glaubte, ein Recht auf die Umkehrung der
früheren Konstellationen zu haben. Sobald moralische
Ansprüche ins Spiel kommen, erscheinen
Risikokalkulationen und Kosten-Nutzen-Erwägungen als
kleinliches Denken gegenüber dem, was als historische
Gerechtigkeit verstanden wird. Hierin lag die politische
Wirkung der Opfererzählung und der traumatischen
Fixierung auf den Dreißigjährigen Krieg in der kollektiven
Erinnerung der Deutschen.
Historische Zäsuren und antiquarisches
Interesse
Aber ist die Darstellung der Kriegsfolgen bei Gustav Freytag
überhaupt zutreffend? Oder hatte er maßlos übertrieben?
Hatte sich das deutsche Bürgertum im 19. Jahrhundert
womöglich in ein Trauma «hineinerzählen» lassen, für das es
keine Grundlage gab? Diente der Dreißigjährige Krieg nur
als Pauschalentschuldigung für alles, was in der deutschen
Geschichte schiefgelaufen war, und als Generalerklärung für
alle Unterschiede etwa zur Entwicklung Frankreichs, das
man sich ebenso zum Vorbild nahm, wie man zu ihm auf eine
ressentimentgeladene Distanz ging? Musste man den
Deutschen vielleicht das Narrativ ihrer
Selbsttraumatisierung nehmen, um ihnen die Chance zu
eröffnen, einen normalen Platz in der europäischen
Völkerfamilie zu finden?
Zwei ihrer Herkunft nach deutsche Autoren haben in
englischsprachigen Arbeiten diesen Weg beschritten und die
These verfochten, der Dreißigjährige Krieg habe keineswegs
so tief in die deutsche Geschichte eingegriffen, wie dies von
vielen Historikern behauptet worden sei. In seinem 1956
erschienenen Buch The Myth of the All-Destructive Fury of
the Thirty Years War hat Robert Ergang die Zahl der
Kriegstoten heruntergerechnet, indem er nur die in
Schlachten und Gefechten zu Tode Gekommenen als solche
gelten ließ und die Opfer von Hunger und Seuchen, beides
unmittelbare Folgen des Krieges, kurzerhand
herausnahm [1] – ein Verfahren, das der sonst üblichen
Berechnung von Menschenverlusten entgegenstand und das
gerade in diesem Krieg, in dem die Verwüstung des Landes
eine bewusst eingesetzte Strategie war, in die Irre führen
musste. [2] Der Dreißigjährige Krieg wird bei Ergang zur
Sammelbezeichnung für einige Schlachten, die sich von
denen der Kriege davor und danach eigentlich nicht
unterscheiden.
Zu einer größeren Debatte führte dann das zehn Jahre
darauf erschienene Buch The Thirty Years War and the
Conflict for European Hegemony von Sigfried H. Steinberg,
in dem dieser die Folgen des Krieges für Wirtschaft und
Gesellschaft in Deutschland als vernachlässigbar darstellte
und die These vertrat, die Bevölkerung in den Kriegsjahren
sei insgesamt sogar leicht gewachsen. [3] «An die Stelle der
Fabel von der allgemeinen Verwüstung und dem
Massenelend», so Steinberg, «ist daher die weniger
sensationelle Erkenntnis zu setzen, daß zwischen 1600 und
1650 in Deutschland eine Umschichtung der Bevölkerungen
und des Besitzes stattfand, die einigen Gegenden,
Ortschaften und Personen zum Vorteil und anderen zum
Schaden gereichte. […] Im Jahre 1648 war Deutschland
weder besser noch schlechter daran als im Jahre 1609: es
war lediglich anders, als es ein halbes Jahrhundert zuvor
gewesen war.» [4] Dass Hunderte Dörfer und Tausende
Gehöfte verschwanden, wird von Steinberg
dementsprechend eher auf das Wirken feudaler
Großgrundbesitzer zurückgeführt denn als Folge des
Dreißigjährigen Krieges begriffen. [5]
Wissenschaftlich sind Steinbergs Thesen längst widerlegt;
hier geht es um ihre geschichtspolitische Funktion, den
Deutschen das Narrativ von den verheerenden Wirkungen
des Dreißigjährigen Krieges als rechtfertigende Erklärung
für den Verlauf ihrer Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert
zu entwinden: Während Ergang und Steinberg in der
englischsprachigen Historiographie eher geringe Spuren
hinterlassen haben, [6] fanden sie hierzulande über Hans-
Ulrich Wehlers Deutsche Gesellschaftsgeschichte Eingang in
die Forschung und das Bild der Kriegsfolgen. «Unstreitig»,
schreibt Wehler, «hat jedoch auch der Mythos des großen
Brennens und Mordens die realhistorische Wirkung der
Feldzüge und Epidemien übermäßig dramatisiert. Das muß
zurechtgerückt werden.» [7] Wehler verweist auf den
wirtschaftlichen Abschwung, der sich seit dem Ende der
1630er Jahre überall in Europa bemerkbar gemacht habe,
«so daß es sich bei der ökonomischen Stockung keineswegs
um eine deutsche Besonderheit handelte». [8] Die Folgen des
Krieges als «ökonomische Stockung» zu bezeichnen, ist
freilich mindestens ein Euphemismus, eine Beschönigung
und Verharmlosung der Kriegsfolgen. Sofern diese Wertung
nicht aus einer unkritischen Übernahme der Thesen Ergangs
und Steinbergs resultiert, [9] ist sie nur aus dem
geschichtspolitischen Motiv heraus zu verstehen, dem
deutschen Selbstverständigungsdiskurs den Verweis auf den
Dreißigjährigen Krieg als allgemeine Erklärung und
Entschuldigung für den weiteren Verlauf der Geschichte zu
entreißen. Diese Revision einer geschichtspolitischen
Betrachtung des Krieges läuft darauf hinaus, ihn als
historische Zäsur in Frage zu stellen und eher als einen
Verstärker der großen Krisen zu begreifen, von denen die
gesellschaftliche Entwicklung Europas in der frühen Neuzeit
geprägt worden ist. Wichtiger als der Krieg waren demnach
die sozioökonomischen Krisen, mit denen man sich
stattdessen beschäftigen solle. Das ist in zugespitzter Form
die Sicht der Gesellschaftsgeschichte, die in kritischer
Absetzung von der herkömmlichen Politikgeschichte
entworfen wurde.
Es hätte dieser Perspektivenkontroverse in der
Geschichtswissenschaft indes nicht bedurft, um die
Bedeutung des Dreißigjährigen Krieges für das
Selbstverständnis der Deutschen zu relativieren: Die beiden
Weltkriege haben den Dreißigjährigen Krieg
geschichtspolitisch längst in den Hintergrund gedrängt. Er
ist wohl nicht aus der historischen Erinnerung der
Deutschen verschwunden, dient aber nicht mehr als
Erklärungsmuster: Wenn gegenwärtige Entwicklungen in
Deutschland oder besondere Mentalitäten der Deutschen
erklärt werden sollen, dann findet sich so gut wie keine
Bezugnahme mehr auf den Dreißigjährigen Krieg. Der
zeitliche Abstand ist zu groß geworden, als dass sich noch
plausible Kontinuitätslinien bis zur Gegenwart ziehen ließen.
Das zeigt sich auch im historischen Wissen über einzelne
Städte und Regionen: Die Erinnerung an Belagerungen und
Durchzüge von «Kriegsvölkern» in der Zeit des
Dreißigjährigen Krieges sind zu einer Angelegenheit der
Lokalhistoriker geworden, und das Wissen um verwüstete
und aufgegebene Ortschaften ist nur noch in
Gemarkungsnamen präsent. Dass der Zweite Weltkrieg im
historischen Gedächtnis der Deutschen inzwischen die Stelle
des Dreißigjährigen Krieges einnimmt, dürfte auch damit zu
tun haben, dass er, ebenso wie der Dreißigjährige Krieg,
nicht auf das Kampfgeschehen im engeren Sinn beschränkt
blieb; als Vernichtungskrieg in Osteuropa und dann auch als
Bombenkrieg richtete er sich vor allem gegen die
Zivilbevölkerung und ließ einen völlig verwüsteten Raum
zurück. Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs haben im
Geschichtsbewusstsein der Deutschen, wie eingangs
erwähnt, die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges
überlagert und verdrängt.
Geschichtspolitisch hat der Zweite Weltkrieg jedoch eine
ganz andere Funktion als der Dreißigjährige Krieg: Stand in
dessen Zentrum die große Erzählung von den Deutschen als
Opfer – Opfer ihrer konfessionellen Zerrissenheit, Opfer der
geopolitischen Konstellationen, Opfer des Machtwillens der
Nachbarstaaten –, so steht bei der Beschäftigung mit dem
Zweiten Weltkrieg seit den 1980er Jahren die deutsche
Täterrolle im Mittelpunkt. Lief das Geschichtsnarrativ des
Dreißigjährigen Krieges immer auch auf eine Anklage der
anderen hinaus – in der katholischen Historiographie
erschien der Schwedenkönig Gustav Adolf als Aggressor und
Eroberer, während in der protestantischen Historiographie
der imperialen Politik Spaniens und des Kaisers eine
vergleichbare Rolle zukam –, so wurde die Beschäftigung mit
dem Zweiten Weltkrieg zur Auseinandersetzung mit der
eigenen Schuld und Verantwortung, von der Erpressungs-
und Annexionspolitik Hitlers vor Kriegsbeginn bis zum
millionenfachen Mord an den europäischen Juden. Aus dem
Trauma der Opferrolle ist das Trauma der Schuld an
furchtbaren Verbrechen geworden. [10] Die Vorstellung von
der großen Zäsur in der deutschen Geschichte hat sich
verschoben: Nicht mehr 1618 bis 1648, sondern 1933 bis
1945 war der tiefe Zivilisationsbruch.
Inzwischen freilich ist auch das tiefsitzende Bedürfnis zu
beobachten, die erinnerungspolitisch komfortable Position
des Opfers zurückzuerlangen. Seit einiger Zeit bemüht man
sich etwa, den Zweiten Weltkrieg umzuerzählen oder
einzelne Etappen herauszugreifen: Die Konzentration auf
den Bombenkrieg zwischen 1943 und 1945, als Deutschland
verstärkt zum Ziel alliierter Bomberflotten wurde, ist ein
solches Verfahren der Umerzählung. [11] Damit ist die
Grundkonstellation der Erzählung vom Dreißigjährigen
Krieg wiederhergestellt – und schon begegnen wir auch
wieder vergleichbaren Folgen. Die Warn- und
Verbotsschilder, die vordem zu Vorsicht und Zurückhaltung
im politischen Reden und Handeln aufgefordert haben, sind
umgestellt worden oder verschwunden, und es macht sich,
wo die Umerzählung vorherrscht, eine Stimmung des
Trotzes und der Revision breit. Dazu gehört die Obsession,
von den «Anderen» bedroht zu sein, die schnell in
Aggression umschlagen kann: Man sei der Welt nichts
schuldig und habe auf nichts und niemand Rücksicht zu
nehmen. Das ist eine Mentalität, wie sie durch das Trauma-
und Opfernarrativ des Dreißigjährigen Krieges befördert
wurde, und insofern ist nachzuvollziehen, warum einige
Historiker dieses Narrativ destruieren wollten. Sie wollten
korrigieren, was sie als Folge einer bestimmten
Geschichtspolitik ausgemacht hatten.

Die Kontroversen über die Folgen des Dreißigjährigen


Krieges für die deutsche Geschichte gehören inzwischen der
Vergangenheit an. Das Opfernarrativ lässt sich nicht nur
wegen der zeitlichen Distanz und der beiden Weltkriege
nicht mehr reaktivieren; es ist auch das Unverständnis für
die konfessionellen Konflikte hinzugekommen. Dass man ein
Land verheert und verwüstet, Menschen massenhaft tötet
oder deren Lebensgrundlagen auf Jahre hinaus zerstört, weil
man unterschiedliche Gottesvorstellungen hat und einen
anderen Umgang mit dem Sakralen pflegt, ist für uns nicht
mehr nachvollziehbar. Die große Distanz zum
Dreißigjährigen Krieg als politisch-kulturellem
Identitätsmarker der Deutschen resultiert nicht zuletzt
daraus, dass wir gegenüber religiösen Kontroversen
gleichgültig geworden sind. Wo man Derartiges beobachtet,
wie in den Kriegen, Bürgerkriegen und terroristischen
Attacken der islamischen Welt, reagiert man mit Abscheu
und Unverständnis – um anschließend mit Erstaunen zur
Kenntnis zu nehmen, dass es solche Kriege auch in unserer
eigenen Geschichte gegeben hat. Geographischer Abstand
im einen und historischer Abstand im anderen Fall sorgen
jedoch dafür, dass diese Konflikte als etwas zutiefst Fremdes
begriffen werden. [12]
Friedrich Nietzsche hat die überhandnehmende
Vergangenheitsorientierung ohne Bezug zur Gegenwart und
ohne Nutzen für das Begreifen ihrer Herausforderungen als
«antiquarisch» bezeichnet. Ein antiquarisches Interesse an
der Geschichte sei vorherrschend, «wenn die Historie dem
vergangenen Leben so dient, daß sie das Weiterleben und
gerade das höhere Leben untergräbt, wenn der historische
Sinn das Leben nicht mehr konserviert, sondern
mumisiert […]. Die antiquarische Historie entartet selbst in
dem Augenblicke, in dem das frische Leben der Gegenwart
sie nicht mehr beseelt und begeistert. Jetzt dorrt die Pietät
ab, die gelehrtenhafte Gewöhnung besteht ohne sie fort und
dreht sich egoistisch-selbstgefällig um ihren eigenen
Mittelpunkt. Dann erblickt man […] das widrige Schauspiel
einer blinden Sammelwut, eines rastlosen
Zusammenscharrens alles einmal Dagewesenen. Der Mensch
hüllt sich in Moderduft; es gelingt ihm, selbst eine
bedeutendere Anlage, ein edleres Bedürfnis durch die
antiquarische Manier zu unersättlicher Neugier, richtiger
Alt- und Allbegier herabzustimmen; oftmals sinkt er so tief,
daß er zuletzt mit jeder Kost zufrieden ist und mit Lust
selbst den Staub bibliographischer Quisquilien frisst.» [13]
Wer die in den letzten zwei, drei Jahrzehnten entstandene
Literatur zum Dreißigjährigen Krieg durchstöbert, stößt
immer wieder auf ein solches antiquarisches Interesse; die
Ereignisse von 1618 bis 1648 sind von den Historikern im
buchstäblichen Sinn historisiert worden. Der Krieg gehört,
liest man die einschlägigen Arbeiten, einer Vergangenheit
an, die definitiv vergangen ist – im Unterschied zu den
Vergangenheiten, von denen formelhaft gesagt wird, dass sie
«nicht vergehen wollen». Kaum etwas ist so kennzeichnend
für die Abgeschlossenheit eines Geschichtsabschnitts wie die
Art seiner Darstellung: Wenn die Aufsätze zu Einzelaspekten
des Geschehens überhandnehmen und so gut wie keine
großen Gesamtdarstellungen mehr verfasst werden, dann
zeigt das, dass der fragliche Geschichtsabschnitt tatsächlich
nur noch von antiquarischem Interesse ist, Gegenstand eines
Gesprächs von Fachgelehrten, die sich gegenseitig darauf
hinweisen, welche speziellen Aspekte des Krieges und seiner
Folgen trotz aller bisherigen Bemühungen noch genauer
untersucht werden müssen, aber mit keinem Wort darauf
eingehen, welchen Erkenntniswert die weitere Erforschung
dieser Spezialaspekte für uns heute haben könnte.
Das ist kein Einwand gegen den Wert solcher
Forschungen; außerdem ist die Eigenlogik der Wissenschaft
selbstreferenziell, und die Frage nach dem Ertrag oder – mit
Nietzsche – «Nutzen» der Forschung wird an eine
wissenschaftliche Disziplin zumeist von außen
herangetragen. Wo die Wissenschaft, zumal die Geistes- und
Sozialwissenschaften, sich von vornherein unter den
Imperativ gesellschaftlicher und politischer Nützlichkeit
stellen soll, wird sie schnell zur bestellten Expertise, deren
Wert und Bedeutung an die Interessen des Bestellers
gebunden sind, was dem Selbstverständnis von Wissenschaft
zuwiderläuft. Im Schatten der politischen und
gesellschaftlichen Aufmerksamkeit lässt sich sehr viel
ruhiger und gelassener forschen, als wenn jedes Ergebnis,
und sei es noch so vorläufig und fragil, sogleich im Fokus
des allgemeinen Interesses steht. Das alles ist wahr. Und
doch ist es für die Beschäftigung mit einem historischen
Thema wichtig, dass sie irgendwann auf ein Interesse stößt,
das über die freundliche Aufmerksamkeit der Fachkollegen
hinausgeht. Dafür muss es freilich Gründe geben, die in der
Sache selbst liegen. Die hier vorgelegte Darstellung des
Dreißigjährigen Krieges geht davon aus, dass es seit
geraumer Zeit solche Gründe gibt.
Nietzsches Beschreibung des antiquarischen Interesses
soll ihr als Warnschild dienen: Es gibt keine unmittelbaren
Verbindungslinien zwischen uns und der Zeit des
Dreißigjährigen Krieges, und dass dieser sich auf einem
Territorium abgespielt hat, das im Wesentlichen mit dem
heutigen Deutschland identisch ist, berührt uns wenig –
solange man nicht bei Grabungen auf Skelette von Getöteten
einer großen Schlacht dieses Krieges stößt, wie vor
geraumer Zeit nahe Wittstock an der Dosse. Wenn so etwas
geschieht, lässt sich mit Hilfe moderner
Untersuchungsmethoden ein genaueres Bild von der
Ernährung und den Krankheiten der Bestatteten gewinnen.
[14] Das Urteil über den Krieg selbst revidieren solche Funde
und ihre Auswertung indes nicht: Sie sind ein Fall fürs
Museum, und wenn sie entsprechende Aufmerksamkeit
erregen, vergrößern sie die Zahl der Besucher oder werden
unter Umständen gar zum Publikumsmagneten, der sich
touristisch bewirtschaften lässt. Unser geneigtes Interesse
wird befriedigt, unser Wissen vermehrt, aber unser
politisches Selbstbild ändert sich dadurch nicht. Ganz
anders ist das, sobald wir uns mit den jüngsten Kriegen an
der europäischen Peripherie beziehungsweise der Peripherie
der globalen Wohlstandszonen beschäftigen und mit
Erstaunen feststellen, dass es strukturelle Ähnlichkeiten
zwischen ihnen und dem Dreißigjährigen Krieg gibt. Ist
dieser Krieg, den wir eben noch als ein überwundenes
Trauma der Deutschen betrachtet haben, womöglich so
etwas wie eine Blaupause für die Kriege des
21. Jahrhunderts? Das ist das nichtantiquarische Interesse,
das im Hintergrund dieser Darstellung steht. [15]
Die Westfälische Ordnung, der Aufstieg
des Staates und die Verstaatlichung des
Krieges
Dass uns der Dreißigjährige Krieg inzwischen so fernliegt
und fremd geworden ist, hat auch mit dem Westfälischen
Frieden zu tun, der ihn beendete, vor allem aber mit der in
Münster und Osnabrück ausgehandelten Ordnung, die von
der amerikanischen Politikwissenschaft als «Westfälisches
System» oder «Westfälische Ordnung» bezeichnet worden
ist. [1] Wenngleich man diese Bezeichnungen des
Friedensschlusses als Westfälische Ordnung wiederholt
kritisiert hat, [2] bringen sie doch eine grundlegende
Veränderung im Verhältnis der Mächte zum Ausdruck. Der
Westfälische Frieden hat, auch wenn er mit dem Anspruch
formuliert wurde, ein «immerwährender», ein «ewiger»
Friede zu sein, [3] die Praxis des Kriegführens zur
Durchsetzung politischer Ziele keineswegs beendet, und
eigentlich war das auch nicht beabsichtigt. Er hat vielmehr
den Krieg reguliert, ihn als das Recht eines jeden Souveräns
festgeschrieben (ius ad bellum) und dadurch die
Kriegführung einer Reihe von auf Symmetrie ausgelegten
Regeln (ius in bello) unterworfen. Die Äquivalenz der
Souveräne trat an die Stelle der Hierarchie, an deren Spitze
der Kaiser als Garant der Friedensordnung stand. Die
Anwendung von Gewalt, um einen politischen Willen
durchzusetzen, war aus seiner Sicht, zumindest innerhalb
des Reichs, Rebellion und Aufstand gewesen. Solange das so
war, blieb die Beachtung des Kriegsrechts prekär. Es kommt
nicht von ungefähr, dass nur wenige der am Dreißigjährigen
Krieg beteiligten Mächte sich offiziell den Krieg erklärt
hatten. In der Westfälischen Ordnung dagegen war (und ist
nach wie vor) der souveräne Staat verpflichtet, dafür zu
sorgen, dass die Regeln des Krieges beachtet und befolgt
werden, und das beginnt mit dem Akt der Kriegserklärung.
Die Westfälische Ordnung war so angelegt, dass die
Durchsetzung der Regeln im Interesse der Staaten lag und
es dafür keiner übergeordneten Instanz bedurfte. [4] Sie war
und ist eine «Ordnung ohne Hüter».
Dem Grundsatz nach wurde die Entscheidung über Krieg
und Frieden in der Westfälischen Ordnung gemäß den
Interessen der Staaten und nicht unter Bezug auf
Wertbindungen oder religiöse Verpflichtungen getroffen. [5]
Das hat den Krieg nicht aus der Welt geschafft, ihn aber sehr
viel stärker einem rationalen Kalkül unterstellt, was nicht
bedeutet, dass sich ein solches Kalkül immer durchsetzen
konnte oder Fehlkalkulationen vermieden worden wären.
Kalkülrational geführte Kriege sind jedenfalls in der Regel
schneller und leichter zu beenden als Kriege, in denen
Identität und Werte, Ambitionen und Verpflichtungen,
Machtgier und religiöse Solidarität ineinander verschränkt
sind wie im Dreißigjährigen Krieg. Wo es in erster Linie um
Macht und Interessen geht, sind Kompromisse sehr viel
leichter zu finden, und jeder Beteiligte verfügt über einen
prinzipiellen Maßstab, an dem sich ablesen lässt, ob die
Fortführung des Krieges den eigenen Interessen noch
entspricht oder nicht mehr; dazu müssen nur die
wahrscheinlichen Kosten mit dem möglichen Nutzen ins
Verhältnis gesetzt werden. Hätte man das im
Dreißigjährigen Krieg getan – er hätte keine dreißig Jahre
gedauert.
Die entscheidende Veränderung, die mit der Westfälischen
Ordnung gegenüber der vorherigen Ordnung des Politischen
eintrat, war die Separierung der Kriegstypen und die
Entflechtung der Konfliktebenen. Die lange Dauer des
Krieges resultierte nämlich auch daraus, dass in ihm
unterschiedliche Kriegstypen und unterschiedliche
Konfliktebenen ineinander verschränkt und miteinander
verflochten waren. Alle den westfälischen Verhandlungen
vorangegangenen Versuche, den Krieg zu beenden, sind an
dieser Komplexität gescheitert. Sie vermochten sie nicht
aufzulösen. Der Westfälische Frieden schuf die Grundlagen
dafür, dass die Komplexität eines Krieges in die Ordnung des
Friedens überführt werden konnte. Unter dem Eindruck der
beiden Weltkriege ist das in Vergessenheit geraten. Die
jüngsten Kriege im Nahen Osten, in der Maghrebregion und
in der Sahelzone erinnern uns wieder daran.
Hierarchie und Gleichgewicht
Der amerikanische Politikwissenschaftler Kenneth Waltz hat
die These vertreten, internationale Konstellationen seien
entweder nach dem Prinzip der Hierarchie oder dem der
Anarchie strukturiert. [1] Das ist angesichts der Fülle
möglicher Ordnungsbildungen zu schematisch. So lässt sich
als Variante dessen, was Waltz als Anarchie bezeichnet,
durchaus ein sich selbst regulierendes Gleichgewicht
vorstellen, ebenso eines, das keinen hegemonialen, sondern
einen bloß balancierenden Ordnungshüter hat – eine Rolle,
die Großbritannien im 18. und 19. Jahrhundert häufig
zugeschrieben wurde. [2] Beides ist kaum angemessen als
Anarchie zu beschreiben, ebenso wenig aber kann die Rolle
des Hegemons in einem System sich prinzipiell als gleich
anerkennender Staaten als Hierarchie bezeichnet werden.
Eher kann man diese Konstellation als eine Zwischenform,
als Hybridbildung von Hierarchie und Anarchie begreifen,
wenn man denn auf das Oppositionspaar als heuristisches
Hilfsmittel nicht verzichten will. [3] Für eine analytische
Beschreibung des Dreißigjährigen Krieges ist das insofern
relevant, weil dieser sich nicht zuletzt um die Frage des
politischen Ordnungsideals gedreht hat: Sollte Europa
künftig nach den Vorgaben einer Hierarchie geordnet sein
oder nach denen eines Systems gleichberechtigter Akteure,
deren Interessen durch einen Hegemon in gewisser Weise
gelenkt würden? [4] Dabei spielten von vornherein die
konkreten Interessen der großen Mächte eine Rolle,
schließlich war zu entscheiden, wer am Ende davon
profitieren würde, wenn eine hierarchische Ordnung durch
eine des potenziellen Gleichgewichts abgelöst wurde.
Insofern war dieser Krieg ein «Welt»-Ordnungskrieg, der als
Hegemonialkrieg geführt wurde.
Der Kaiser im «Heiligen Römischen Reich deutscher
Nation», wie die offizielle Bezeichnung lautete, war der erste
Aspirant auf die Position an der Spitze der europäischen
Hierarchie; um diese aber wirklich einnehmen zu können,
mangelte es ihm seit dem 13. Jahrhundert an den
erforderlichen Ressourcen. Das Reich war der Verfassung
nach ein Wahlkaisertum, und sobald der Kaiser die Mittel
des Reichs in Anspruch nehmen wollte, war er auf die
Zustimmung der Reichsstände angewiesen, die ihm häufig
versagt blieb oder nur unter stark einschränkenden
Bedingungen bewilligt wurde. Möglicherweise wäre im
Verlauf des Dreißigjährigen Krieges Wallenstein der Mann
gewesen, das zu ändern, doch gerade weil sie das
befürchteten, zwangen die Kurfürsten den Kaiser im Jahre
1630 zur Entlassung seines Generalissimus.
Im Unterschied zum Wiener Zweig des Hauses Habsburg
verfügte dessen Madrider Linie über wirkliche Macht, und
spätestens Philipp II. herrschte über ein Reich, in dem, wie
sein Vater Karl V. es einmal formuliert haben soll, «die
Sonne nie unterging». Die Grundlage der spanischen Macht
waren die Silbervorkommen der Neuen Welt und eine; –
wesentlich aus diesem Silber finanzierte – Infanterie, die bis
in den Dreißigjährigen Krieg hinein als das militärisch Beste
galt, was es in Europa gab. [5] König Philipp III. sowie sein
Sohn Philipp IV. und deren leitender Minister Olivares
verfolgten vor und während des Krieges eine Politik, die im
Bündnis mit der Wiener Linie der Casa d’Austria an einer
imperialen Ordnung mit den Habsburgern an der Spitze
ausgerichtet war. [6] Hätten sie sich durchgesetzt, so wäre
dies wohl auf eine Erneuerung des hierarchischen Modells
der politischen Ordnung in Europa hinausgelaufen. Aber die
spanische Macht war nach demographischen und
fiskalischen Krisen im Kernland verwundbar, und ihre
legendäre Infanterie stieß im Unabhängigkeitskrieg der
Niederlande an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. [7] Die
Niederländer hatten sich neue Formen militärischer
Disziplin und taktischen Agierens angeeignet, die sich denen
der Spanier nach einiger Zeit als ebenbürtig erwiesen. [8] Im
Kriegsverlauf wurde die Kluft zwischen dem imperialen
Anspruch und der schwindenden Macht Spaniens immer
deutlicher. Die politische Ordnung in Europa wechselte auch
deshalb, weil es niemanden mehr gab, der die erforderlichen
Ressourcen für die Rolle des Hierarchen hatte. Der Krieg
war gewissermaßen ein sich hinziehender Test auf
kontinuierliche Ressourcenverfügbarkeit.
Ein weiterer Aspirant auf den Platz an der Spitze der
europäischen Hierarchie war die Römische Kurie, deren
Einfluss in großen Teilen Europas mit Ausbreitung der
Reformation jedoch deutlich abgenommen hatte. Zwar war
die Papstkirche mit dem Konzil von Trient und dem Beginn
der Gegenreformation beziehungsweise der katholischen
Reform [9] wieder in die Offensive gekommen; es stand aber
außer Zweifel, dass der Protestantismus nur in einem
großen Krieg umfassend zurückgedrängt werden konnte.
Unter diesen Umständen wäre eigentlich zu erwarten
gewesen, dass der Papst eifrig den Kaiser und Spanien
unterstützte, denn diese hatten sich den Kampf für den
katholischen Glauben auf die Fahnen geschrieben. Seit
Errichtung des Kirchenstaates war der Papst jedoch auch
ein italienischer Regionalfürst, und als solcher stimmte seine
Machträson mit den Imperativen der Universalkirche nicht
überein. Die spanische Macht in Italien schränkte die
Handlungsfähigkeit der dortigen Fürsten ein, weshalb
Urban VIII. ein starkes Interesse daran hatte, Spanien zu
schwächen und ein Gleichgewicht mit Frankreich
herzustellen. Es kam also nicht zu einem Dreibund zwischen
Kurie, Kaiser und Spanien, stattdessen unterstützte
Urban VIII. die antihabsburgische Politik Kardinal
Richelieus. [10] Die konfessionellen Fronten des
Dreißigjährigen Kriegs waren keineswegs so eindeutig, wie
die Bezeichnung als Konfessionskrieg es nahelegt; immer
wieder kam es zu Koalitionsbildungen über die
Glaubensbekenntnisse hinweg. Schon das macht es schwer,
den Konflikt wesentlich als Religionskrieg zu sehen. [11] Er
war das zweifellos, aber zugleich war er noch viel mehr.
Die französische Politik war in ihrer Opposition zur
imperialen Stellung des Hauses Habsburg keineswegs von
Anfang an darauf ausgerichtet, ein System
gleichberechtigter Staaten mit Frankreich als Schiedsrichter
zu schaffen. Der sogenannte Große Plan Heinrichs IV., den
der Herzog von Sully ausgearbeitet hat, drehte sich
ebenfalls um die Oberhoheit über Europa – in diesem Fall
freilich die Frankreichs. In dem von Ludwig XIII. und
Ludwig XIV. zeitweilig verfolgten Projekt, sich zum Kaiser
des Heiligen Römischen Reichs wählen zu lassen, ist ein
Nachklang dessen zu finden. Während des Dreißigjährigen
Krieges stellte Richelieu derart weitgesteckte Ziele in den
Hintergrund und beschränkte sich darauf, eine
habsburgische Universalmonarchie, wie die zeitgenössische
Bezeichnung für ein gesamteuropäisches Imperium lautete,
zu verhindern. [12] Das hatte auch damit zu tun, dass
Frankreich im konfessionellen Bürgerkrieg eine relative
Schwächung erfuhr und der hugenottische Widerstand
periodisch wieder auflebte. [13] Selbst der schwedische König
Gustav II. Adolf scheint nach seinem Sieg bei Breitenfeld im
Jahr 1631 mit der Vorstellung geliebäugelt zu haben, sich
zum deutschen Kaiser wählen zu lassen, womit das
Übergewicht der Katholiken im Reich durch das der
Evangelischen abgelöst worden wäre. Inwieweit damit die
schwedische Ostseehegemonie hätte flankiert werden sollen
oder ob sich die Herrschaft Gustav Adolfs von Schweden
nach Deutschland, von Stockholm nach Frankfurt oder
Nürnberg verlagert hätte, mag hier dahingestellt bleiben. [14]
Bedeutsam für die Beschreibung des Krieges als Hybrid
zwischen Imperial- und Hegemonialkrieg ist, dass selbst der
«Löwe aus dem Norden», der in seinen offiziellen
Proklamationen das schwedische Eingreifen mit der
Verteidigung des evangelischen Glaubens begründete, sich
den imperialen Suggestionen nicht entziehen konnte,
nachdem er zu einem maßgeblichen Kriegsakteur geworden
war. [15] Sobald eine Großmacht militärisch die Oberhand
bekam, stand sie vor der Frage, ob sie das in einer
imperialen oder hegemonialen Ordnung politisch
festschreiben wollte.
Der ständige Wechsel des Kriegsglücks führte jedoch dazu,
dass die imperialen Projekte schnell zurückgestutzt wurden.
Das Ergebnis des Krieges war die Aufteilung Europas in
Hegemonialsphären, die zur Grundlage der europäischen
Pentarchie wurden, der Ordnung der fünf großen Mächte.
Sie bestand im 17. Jahrhundert aus Spanien, Frankreich,
England, dem Kaiserhaus in Wien und Schweden. Mit dem
Übergang vom 17. zum 18. Jahrhundert schieden Spanien
sowie Schweden aus und wurden schrittweise durch
Preußen und Russland ersetzt. Die Aufteilung der
Hegemonialzonen, von denen die normative Ordnung der
souveränen Staaten machtpolitisch überlagert wurde, ist im
Verlauf des Dreißigjährigen Kriegs ausgefochten worden.
Diese Zonen waren so etwas wie ein realpolitischer
Kompromiss zwischen den imperialen Ambitionen der
Großmächte und dem System souveräner Staaten, als das
die Westfälische Ordnung in den Völkerrechtstexten
beschrieben wird. Die Bildung eines solchen souveränen
Staates fand in Deutschland jedoch nicht statt; das Heilige
Römische Reich deutscher Nation blieb als Überrest der
imperialen Ordnung bestehen.
Die geopolitische Mitte des europäischen Raumes, also
Deutschland, wurde auch deshalb zum Kriegsschauplatz der
alten imperialen Mächte und der neuen
Hegemonialaspiranten, weil am Reichsgedanken die
Legitimität der alten Ordnung hing. [16] Nach dem
Westfälischen Frieden geriet das Reich in die ökonomischen
und politischen Einflusssphären der europäischen
Pentarchie, die Zugriff auf die Verhältnisse in seinem Innern
hatte: Schweden, insofern es mit dem Friedensvertrag zum
Reichsstand wurde; Frankreich, dem das zuvor
habsburgische Elsass zufiel, indem es eine bis zum Rhein
und mitunter darüber hinaus reichende Einflusszone in
Südwestdeutschland errichtete; die Habsburger in Wien
durch ihre Stellung als Kaiser des Reichs; schließlich
England, das den Handel in der Nordsee schrittweise unter
seine Kontrolle brachte und dadurch die norddeutsche
Wirtschaft kontrollierte. Allein Spanien hatte durch die in
Münster festgeschriebene Trennung der Wiener von der
Madrider Linie der Habsburger seinen Einfluss auf das
Reich verloren, und nach einiger Zeit schied es ganz aus der
europäischen Pentarchie aus und zog sich auf die
außereuropäischen Territorien zurück.
Die der Westfälischen Ordnung zugrundeliegenden
Normen gleichberechtigter souveräner Staaten entsprachen
also ebenso wenig der machtpolitischen Realität Europas,
wie das zuvor die hierarchische Ordnungsvorstellung des
Mittelalters getan hatte. Insofern ist es ratsam, die
Normstruktur des Völkerrechts nicht mit den realen
Machtkonstellationen zu verwechseln. Dennoch wirkten die
neuen Normen auf die tatsächlichen Machtverhältnisse ein
und veränderten sie dahingehend, dass die Vorstellung von
einer christlichen Einheit mit hierarchischer Spitze
zunehmend obsolet wurde. Die großen Kriege wurden
nunmehr um die Reichweite der Hegemonialzonen geführt.
Bis ins 20. Jahrhundert hinein ging es in Europa nicht mehr
um prinzipiell andere Ordnungsmodelle.
Die Vielfalt der Kriegstypen
Mit der Charakterisierung des Krieges als Ständeaufstand,
Staatenkrieg, Konfessionskrieg sowie Imperial- und
Hegemonialkrieg ist die Fülle der zwischen 1618 und 1648
ineinander verschränkten Kriegstypen noch immer nicht
erschöpft. Der Dreißigjährige Krieg enthielt obendrein
Elemente eines genuinen Bürgerkriegs, insofern es in
seinem Verlauf zu Bauernaufständen kam, die vom Militär
niedergeschlagen wurden. [1] Es gab diese Bauernaufstände
in vielen Gebieten des Reichs, auch wenn sie nirgendwo die
Ausdehnung und Intensität des oberösterreichischen
Aufstandes annahmen. Andernorts mündeten sie in einen
Kleinkrieg gegen einzelne Soldatentrupps, die von den
Bauern überfallen und niedergemacht wurden. Das waren
Racheakte für die Gewalt, die marodierende Söldner wie
reguläre Einheiten den Bauern auf der Suche nach Geld und
Gut angetan hatten. [2] Dabei entstammten die meisten
Söldner selbst der Bauernschaft und waren Soldaten
geworden, um der Drangsalierung durch das Militär zu
entgehen. Das berühmteste Beispiel für einen solchen
Wechsel ist Grimmelshausens mit autobiographischen Zügen
ausgestattete Romanfigur Simplicius Simplicissimus:
Simplicissimus wird nach einem Überfall schwedischer
Soldaten auf den elterlichen Bauernhof nach einiger Zeit
selbst Soldat und verübt Überfälle auf Bauern und Reisende,
bis er sich schließlich wieder in einen Bauern
zurückverwandelt. [3] So entwickelte sich neben den anderen
Kriegstypen ein «Krieg im Kriege», der durchaus Züge eines
Bürgerkrieges trug.
Dieser «kleine Krieg» wurde im Verlauf der 1620er Jahre
zum ständigen Begleiter des «großen Krieges». Es gehört zu
den folgenreichen Leistungen der Westfälischen Ordnung,
den «großen Krieg» reguliert und den «kleinen Krieg» auf
die bewaffnete Macht des Gegners gerichtet zu haben. [4]
Für mehrere Jahrhunderte wurde der kleine Krieg zu einer
auf die Logistik der gegnerischen Armeen zielenden
Strategie. Erst im antinapoleonischen Partisanenkrieg der
Spanier ist er als «Volkskrieg» in die europäische
Kriegführung zurückgekehrt, und prompt stellten sich
erneut die Grausamkeiten gegen die ländliche Bevölkerung
ein, wie sie für den Dreißigjährigen Krieg typisch waren.
Francisco de Goya hat in seinen an die Arbeiten Hans Ulrich
Francks erinnernden Desastres de la Guerra diese
Grausamkeiten festgehalten. Davor und auch wieder danach
gelang es im Rahmen der Westfälischen Ordnung, die
völkerrechtliche Trennung von Kombattanten und
Nonkombattanten bis in die Kleinkriegführung
durchzusetzen. Sieht man von Entwicklungen an der
europäischen Peripherie ab, in Spanien, auf dem Balkan und
im Kaukasus, so hatte sie bis ins 20. Jahrhundert Bestand. [5]
Um dieser Trennung zwischen Kombattanten und
Nonkombattanten als Kernbestand regulierter Kriegführung
Geltung zu verschaffen, bedurfte es nach dem
Dreißigjährigen Krieg einer grundlegenden Veränderung des
Militärwesens. Diese lässt sich unter der Überschrift
«Verstaatlichung» zusammenfassen: An die Stelle der
Söldnerverbände, die von Kriegsunternehmern aufgestellt
worden waren, traten nun Armeen, die «des Königs Rock»
trugen, also aus staatlichen Magazinen uniformiert und
bewaffnet und aus Staatsmitteln versorgt und besoldet
wurden. Vorläufer und erste Ansätze lassen sich bereits
während des Dreißigjährigen Krieges beobachten; [6] die
Geschichte des Krieges ist ein ständiges Hin und Her
zwischen Verstaatlichung und Entstaatlichung. In der
Westfälischen Ordnung mussten die Truppen im Kriegsfall
nicht erst angeworben werden, sondern standen in den
Garnisons- und Festungsstädten zum Einsatz bereit. Sie
mussten lediglich, wie es zeitgenössisch hieß, vom
«Friedens- auf den Kriegsfuß» versetzt werden, was
bedeutet, dass die für landwirtschaftliche Arbeiten
abgestellten Soldaten zu ihren Einheiten zurückbeordert
wurden. Die Unterhaltskosten des stehenden Heeres waren
im Frieden niedriger als im Krieg, doch war der Unterschied
nicht mehr so groß wie zuvor, als Frieden hieß, dass
sämtliche Truppen abgedankt wurden. [7] Obendrein wurden
jetzt systematisch und von langer Hand Magazine zur
Versorgung des Militärs errichtet, und es wurde ein
Staatsschatz gebildet, durch den die Kosten eines Krieges
für einige Zeit gedeckt waren. So wurde zum Ausnahmefall,
was im Dreißigjährigen Krieg noch die Regel war: dass die
angeworbenen Verbände keinen regelmäßigen Sold
erhielten und, da sie nicht anderweitig versorgt wurden,
raubten und plünderten. Dass der Dreißigjährige Krieg zum
Trauma der Deutschen wurde, lag mehr am «kleinen» als am
«großen Krieg».
Die Vermischung der unterschiedlichen Kriegstypen war
es, die es so ungemein schwierig gemacht hat, den Krieg zu
beenden. Wäre es nur darum gegangen, mit Waffengewalt
die Frage zu klären, ob ein bestimmter Landstreifen oder
eine Region zu diesem oder jenem Herrscher gehörten, so
hätte sich das in einer Entscheidungsschlacht der beiden
Konkurrenten schnell klären lassen. Da aber im
Dreißigjährigen Krieg die Probleme der unterschiedlichen
Kriegstypen noch hinzukamen, war keine Schlacht
ausreichend, um von den kriegführenden Parteien als
Entscheidung anerkannt zu werden. Es waren zu viele
Fragen, die gleichzeitig beantwortet werden mussten. Erst
in der Westfälischen Ordnung wurde der Krieg als
praktikable Entscheidungsinstanz politischer Konflikte
wiederhergestellt.
Ressourcenverbrauch, Kriegsfinanzierung
und Heeresversorgung
Jeder Krieg ist eine Form erhöhten und letztlich
unproduktiven Ressourcenverbrauchs. Aber die Kriege
unterscheiden sich durch das Maß, in dem ihr
Ressourcenverbrauch den in Friedenszeiten übertrifft.
Ebenso unterscheiden sie sich durch die Folgen, die sich bei
ihrem Ende aus dem zeitweilig erhöhten
Ressourcenverbrauch ergeben. Die oben diskutierten Thesen
Ergangs, Steinbergs und Wehlers, denen zufolge die
Verwüstungen und Menschenverluste im Dreißigjährigen
Krieg lange Zeit überschätzt worden seien, beruhen auf der
Annahme, dass für den erhöhten Ressourcenverbrauch im
Krieg ausschließlich die Waffentechnik verantwortlich sei.
Insbesondere Steinberg hat seine Thesen daher mit dem
Verweis auf die sehr viel größere Zerstörungskraft der
Waffen begründet, die in den Weltkriegen des
20. Jahrhunderts eingesetzt wurden. [1] Dabei wird der
Einfluss der Militärorganisation auf den
Ressourcenverbrauch übersehen, und dieser Einfluss dürfte
mindestens ebenso groß gewesen sein wie die der
Waffentechnik geschuldeten Effekte.
Die Beschäftigung mit dem Niveau des
Ressourcenverbrauchs im Krieg ermöglicht einen neuen
Blick auf die traumatischen Folgen des Dreißigjährigen
Krieges in Deutschland. Die Westfälische Ordnung hat Krieg
unter anderem dadurch wieder führbar gemacht, dass sie
die ineinander verschränkten Kriegstypen voneinander
getrennt und den Krieg einer an den Staatsinteressen
ausgerichteten Kalkülrationalität unterworfen hat. Zugleich
hat sie den Ressourcenverbrauch im Krieg so weit gesenkt,
dass dieser wieder als ein Mittel der Politik, «ein wahres
politisches Instrument», wie es bei Clausewitz heißt, gelten
konnte. [2] Allgemein formuliert bedeutet das: Das Militär
wurde so reorganisiert, dass der Ressourcenverbrauch in
Friedenszeiten erhöht und die Ressourcenvernichtung in
Kriegszeiten begrenzt wurde. Die Folge war, dass die
Differenz zwischen Krieg und Frieden nicht mehr als so
dramatisch erfahren wurde, wie das im Dreißigjährigen
Krieg der Fall war.
Diese eher abstrakte Überlegung zum Verhältnis von
Militärwesen und Kriegführung lässt sich an einigen
Beobachtungen zur Heeresversorgung im Dreißigjährigen
Krieg konkretisieren. Dabei sind vier Versorgungstypen zu
unterscheiden. Da ist zunächst das System der
Kontributionen, das Wallenstein während seines ersten
Generalats von 1625 bis 1630 perfektionierte. [3] Dieses
System beruhte darauf, dass die Truppen über einen
größeren Landstrich verteilt und «einquartiert» wurden, was
heißt, dass diese Gebiete nicht nur Unterkünfte und
Lebensmittel für die Soldaten bereitstellen, sondern auch
noch für ihre Besoldung aufkommen mussten. Zumeist
erfolgten solche Einquartierungen in «Feindesland». Sie
waren der Preis, den eine Bevölkerung zu zahlen hatte,
wenn ihr Landesherr Krieg führte, aber sein Territorium
nicht vor gegnerischen Truppen schützen konnte.
Einquartierung bedeutete, dass das Mehrprodukt des
Landes, sein Überschuss an Gütern, von den
Besatzungstruppen verzehrt wurde. Das traf zunächst den
Landesherrn, denn eigentlich war er es ja, der sich dieses
Mehrprodukt in Form von Abgaben aneignete, um seine
Hofhaltung, seine Repräsentationsprojekte, sein Heer und
anderes mehr damit zu finanzieren. Einquartierungen
verwehrten einem Landesherrn also den Zugriff auf das
Mehrprodukt seines Landes. Solange es dabei blieb, waren
die Folgen begrenzt. Sobald aber die für die einquartierten
Truppen aufzubringenden Leistungen höher waren als das,
was der Landesherr in Friedenszeiten abschöpfte, hatte die
gesamte Bevölkerung schwer zu leiden. Das Besondere an
der von Wallenstein praktizierten Methode der
Einquartierung bestand darin, dass er sie nicht auf
gegnerisches Gebiet beschränkte, sondern auch auf eigene
Territorien ausdehnte, was im Ergebnis auf die Eintreibung
einer Steuer zur Finanzierung der Armee hinauslief.
Wallenstein scheint eine sehr genaue Vorstellung davon
gehabt zu haben, dass ein stehendes Heer einen effektiven
Steuerstaat zur Voraussetzung hatte. [4]
Im Prinzip war dieses System eine Land und Leute
belastende, aber relativ erträgliche Form der
Kriegsfinanzierung. Da Nachhaltigkeit belohnt wurde und
die Soldaten selbst davon profitierten, wenn sie Menschen,
Vieh und Gebäude schonend behandelten, kam es in der
Regel nicht zu sinnlosen Zerstörungen. Außerdem ließ sich
die Disziplin des für längere Zeit einquartierten Militärs
leidlich aufrechterhalten. Das war anders beim zweiten
Versorgungstyp, der dadurch gekennzeichnet war, dass die
Truppen in Bewegung waren und das Interesse der Soldaten
am schonenden Umgang mit Land und Leuten schwand. Man
hat das Heer auf dem Marsch als «wandernde Stadt»
bezeichnet, [5] weil eigentlich alles mitgeführt wurde, was
zum täglichen Leben erforderlich war. Wenn aber die
mitgeführten Vorräte zur Neige gingen und es für die
Soldaten zu einer Frage des Überlebens wurde, wo und wie
sie an Nahrungsmittel kamen, verwandelte sich das Heer in
eine große Zerstörungsmaschine. Mochten die Ersten, die
ein Dorf plünderten, noch allerhand Brauchbares
zurücklassen, so fand doch jede Gruppe, die danach kam,
immer weniger vor, und wenn auch mit Gewalt und Folter
bei den Bauern nichts mehr zu holen war, nahm die Wut
überhand. Die Bauern, ihre Frauen, Kinder und Knechte
wurden erschlagen, ihre Höfe in Brand gesetzt. Dass die
Soldaten damit sich selbst schadeten, wenn sie einige
Wochen später erneut durch die verwüstete Gegend
marschierten, spielte dabei keine Rolle.
Was bei der Armee auf dem Marsch immer wieder vorkam,
war bei Söldnerverbänden wie denen Ernst von Mansfelds
die Regel; sie stehen für den dritten Versorgungstyp. Da
diese Söldner ständig den Auftraggeber wechselten, gab es
für sie keinen wirklichen Unterschied zwischen Feindes- und
Freundesland. Längere Einquartierungen kamen nicht vor,
da sie nur für den Einsatz und nicht für die Präsenz in einem
bestimmten Raum besoldet wurden. Es gab für die Söldner
also keinen Grund, die Bevölkerung zu schonen. Ihre Art der
Kriegführung folgte den Grundsätzen der
Verwüstungsstrategie, selbst wenn dabei keine strategische
Devise zugrunde lag. [6] Während der ersten Phase des
Krieges gehörten die Mansfeld’schen Reiter zu den am
meisten gefürchteten Söldnern. Wo sie auftauchten,
verbreiteten sie Angst und Schrecken. Sie hinterließen eine
Spur der Verwüstung, und dies hatte nicht einmal den
Zweck, dem Gegner einen politischen Willen aufzuzwingen,
sondern war schlichtweg das typische Verhalten dieser
Söldner. Es gab aber auch Heerführer, von denen die
Verwüstung eines Landes in strategischer Absicht eingesetzt
wurde, beispielsweise Gustav Adolf, der das bis dahin vom
Krieg noch kaum berührte Bayern systematisch verwüsten
ließ [7] – sei es aus Rache für die vorherige Plünderung der
protestantischen Gebiete, sei es, weil der Schwedenkönig
damit Kurfürst Maximilian in die Knie zwingen wollte. War
Maximilian erst einmal ausgeschaltet, glaubte Gustav Adolf
mit dem Kaiser leichtes Spiel zu haben – was sich als
Fehlrechnung erweisen sollte.
Die schlimmsten Folgen hatte aber die Bildung von
Marodeurshaufen, die plündernd und sengend durchs Land
zogen. Das war der vierte Versorgungstyp. Die Marodeure
glichen mehr großen Räuberbanden als einem
Truppenverband. Grimmelshausen berichtet in dem Kapitel
«Von dem Orden der Merode-Brüder» seines Simplicissimus:
«Wenn ein Reiter sein Pferd oder ein Musketier seine
Gesundheit verliert oder wenn ihm seine Frau oder sein Kind
krank wird und zurückbleiben will, so hat man schon
anderthalb Merode-Brüder – ein Völkchen, das sich am
ehesten mit den Zigeunern vergleichen lässt, weil es nach
eigenem Belieben vor oder hinter oder neben der Armee
oder mittendrin herumstreicht, und das diesen auch in Sitten
und Gebräuchen ähnelt.» [8] Grimmelshausen wollte die
Marodeure gegen die Soldaten absetzen, aber er wusste
durchaus, dass auch sie ein Produkt des Krieges waren:
«Denn sie gleichen den Drohnen in den Bienenkörben, die,
wenn sie ihren Stachel verloren haben, nicht mehr arbeiten
und keinen Honig mehr machen, sondern nur noch fressen
können.» [9] Diese als «Marode-Brüder» oder «Schnapp-
Hahnen» bezeichneten Banden trugen die Verheerungen des
Krieges in alle Gebiete Deutschlands und beschränkten sich
im Unterschied zu den Streifscharen, die den Durchzug
eines Heeres begleiteten, nicht auf einen spezifischen
Kriegsschauplatz.
Das hatte Folgen für den Grad der Verwüstungen, die der
Krieg hinterließ: Wo die Schröpfung der Landbevölkerung
auf das Gebiet begrenzt blieb, in dem für einen Sommer und
Herbst «das Kriegstheater aufgeschlagen» worden war, bot
sich die Möglichkeit zur Erholung der bäuerlichen
Wirtschaft im darauffolgenden Jahr – wenn denn der Krieg
nicht erneut in diesem Gebiet stattfand. Die Bauern hatten
nämlich die Gewohnheit, ihr Vieh in die Wälder zu treiben
und auch Frauen und Kinder dort zu verstecken, sobald sich
die Nachricht von heranziehenden Soldatentrupps
verbreitete. Das im Wald verborgene Vieh war nach Abzug
der Soldaten die Grundlage für die Wiederaufnahme der
bäuerlichen Wirtschaft.
Mit den Marodeursbanden entwickelte sich der bereits
erwähnte Kleinkrieg zwischen Soldateska und
Landbevölkerung. Nachdem die großen Schlachten in der
Mitte des Krieges keine Entscheidung gebracht hatten und
das Kriegsgeschehen mehr und mehr zerfaserte, griff das
Marodeurswesen um sich. Die intensive Kriegsgewalt, wie
sie bei Belagerungen und Feldschlachten anzutreffen war,
verschwand zwar nicht völlig aus dem Kriegsgeschehen,
aber sie wurde durch eine diffuse Gewalt überlagert, die
dem Krieg seine desaströse Wirkung verlieh. Wer nur die
von der Waffentechnik abhängige Intensität der
Kriegsgewalt im Auge hat, wie Ergang, Steinberg und
Wehler, um auf dieser Grundlage die mittel- und
langfristigen Folgen des Krieges abzuschätzen, hat das für
den Dreißigjährigen Krieg Typische übersehen: die lange
Dauer der diffusen Gewalt. Viel stärker als die großen
Schlachten, die keine Entscheidung im Ringen um Macht
und Einfluss gebracht haben, hat sie den Krieg in das
kollektive Gedächtnis der Deutschen eingeschrieben.
Das ist im Übrigen einer der Aspekte, die den
Dreißigjährigen Krieg im Europa des 17. Jahrhunderts mit
einigen Kriegen unserer Gegenwart an der Peripherie
Europas verbinden. Diese Kriege werden nicht nach den
Vorgaben der von Clausewitz so bezeichneten
«Niederwerfungsstrategie» [10] geführt und kulminieren
demzufolge auch nicht in großen Entscheidungsschlachten,
die auf den Abschluss eines Friedensvertrags hoffen lassen.
Eher folgten sie einer «Ermattungsstrategie», selbst wenn
sie vermutlich nicht so geplant worden sind. [11] Diese
Ermattungsstrategie ist häufig mit einer
Verwüstungsstrategie gepaart. Die Ermattung der
Kriegsparteien ist das, worauf der Krieg hinausläuft, wenn
keine Seite die Fähigkeit besitzt, den Gegner
niederzuwerfen und ihm den eigenen Willen aufzuzwingen.
Wenn die Kriegsparteien es in einer solchen Situation nicht
schaffen, den Krieg zu beenden, dauert er an, bis alle
Beteiligten so entkräftet sind, dass der Krieg aus purer
Erschöpfung, gleichsam «von selbst», zu Ende geht. In
mancher Hinsicht war das auch 1648 der Fall.
Der Dreißigjährige Krieg und wir
Der Dreißigjährige Krieg war das große Trauma der
Deutschen, aber er ist es nicht mehr. Das mag auch der
Grund dafür sein, dass in den letzten Jahrzehnten keine
umfassende Darstellung dieses Krieges mehr geschrieben
worden ist. Zugespitzt kann man sagen, dass die letzte große
Darstellung die von Cicely Veronica Wedgwood ist, und sie
stammt aus dem Jahre 1938. Was zumal nach dem Zweiten
Weltkrieg in Deutschland veröffentlicht wurde, waren
entweder Analysen des Krieges, die voraussetzten, dass man
mit seinem Verlauf gut vertraut war, oder aber Einzelstudien
zu speziellen Fragen und Aspekten. Der Dreißigjährige Krieg
ist zu einem Thema im Normalbetrieb der Wissenschaft
geworden. Das kann als ein zuverlässiger Indikator für die
Enttraumatisierung eines Themas beziehungsweise
Abschnitts der Geschichte angesehen werden. Andererseits
zeigt das Fehlen von Gesamtdarstellungen oder auch das
Ausweichen auf Biographien prägender Gestalten wie
Wallenstein oder Gustav Adolf, dass eine ausgeprägte
Zurückhaltung besteht, sich auf dieses Terrain zu begeben.
Symptomatisch dafür könnte sein, dass der Verfasser dieses
Buches von seiner akademischen Profession her
Politikwissenschaftler ist – und eben nicht Historiker.
Es gibt zwei Gründe, warum der Dreißigjährige Krieg
gerade aus politikwissenschaftlicher Perspektive ein
wichtiger und für gegenwärtige Fragen hochgradig
aufschlussreicher Abschnitt der deutschen und europäischen
Geschichte ist, und zumindest einer dieser Gründe hat nichts
mit der vordem so dominanten Traumabearbeitung zu tun:
Es stellt sich die Frage, ob und inwieweit der Dreißigjährige
Krieg als Paradigma und Analysefolie für einige Kriege der
Gegenwart und vor allem die der Zukunft dienen kann. Diese
Frage geht aus von der These, dass die Ära der klassischen
Staatenkriege, der «Westfälischen Kriege», definitiv zu Ende
gegangen ist, dass damit entgegen einer zumal in
Deutschland verbreiteten Vorstellung der Krieg jedoch nicht
verschwunden, sondern in veränderter Gestalt
wiederaufgetaucht ist. Aber welche Gestalt ist das, und wie
lassen sich diese Kriege analytisch fassen, um der Politik
Handreichungen für deren Vermeidung oder Beendigung zu
geben? Die Vermutung, die neuen Kriege besäßen
strukturelle Ähnlichkeiten mit dem Dreißigjährigen Krieg,
also dem großen Krieg vor Installierung der Westfälischen
Ordnung, ist in jüngster Zeit immer wieder geäußert
worden, aber um darauf eine Antwort geben zu können,
muss dieser Krieg zunächst einmal sorgfältig beschrieben
werden: im Hinblick auf die Motivlagen der beteiligten
Mächte, auf seine strukturellen Faktoren, seinen Verlauf,
den Kriegseintritt immer neuer Mächte, die den Krieg nicht
«ausbrennen» ließen, und schließlich die Faktoren seiner
Beendigung. Das ist eine komplexe Aufgabe, die nur in einer
umfangreichen Darstellung zu bewältigen ist. Diese
Darstellung, in der erzählende und analytische Teile
einander abwechseln, ist die Grundlage für das
Schlusskapitel des Buches, das die Frage behandelt, ob und
inwiefern wir aus der Beschäftigung mit dem
Dreißigjährigen Krieg lernen können, um die politischen
Herausforderungen unserer Gegenwart besser zu
bewältigen.
Der zweite Grund, weshalb der Dreißigjährige Krieg
gerade aus politiktheoretischer Perspektive interessant ist,
besteht in dem gravierenden Defizit an strategischem
Denken in der politisch interessierten deutschen
Öffentlichkeit. Stark vereinfacht kann man vielleicht sagen,
dass die vorherrschende Reaktion auf politikstrategische
Herausforderungen hierzulande der Verweis auf juridische
Regelungen ist, zumeist solche des Völkerrechts, wobei
generell unterstellt wird, dass die Rahmenbedingungen nicht
nur für die Geltung, sondern auch für das Geltendmachen
des Rechts selbstverständlich gegeben seien und die
Rechtsdurchsetzung mit der Bewältigung der
Herausforderung identisch sei. Die Auseinandersetzung mit
dem Dreißigjährigen Krieg ist eine vorzügliche Übung zur
Desillusionierung solcher Erwartungen. In der Anfangsphase
des Krieges nämlich sind alle Parteien in der festen
Überzeugung in den Konflikt hineingegangen, das Recht auf
ihrer Seite zu haben, und dementsprechend haben sie den
eigenen Gewaltgebrauch als einen Akt der Rechtswahrung
und Rechtsdurchsetzung legitimiert. Das wird nachfolgend
im Einzelnen dargestellt. Die ersten Kriegsjahre zumindest
veranschaulichen auf erschreckende Weise die römische
Formel summum ius, summa iniuria, die den Umschlag von
Rechtsinsistenz in eine Anhäufung von Unrechtsakten auf
den Begriff bringt. Wer die Vorgeschichte und die ersten
Jahre des Krieges studiert, wird gegenüber der Fixierung auf
das Recht als Bewältigungsform politischer
Herausforderungen skeptisch werden und darüber
nachdenken, ob nicht strategische Kompromissbildung
sinnvoller ist als das dogmatische Insistieren auf rechtlichen
Bestimmungen. Diese Fragen werden implizit im ersten und
zweiten Kapitel des Buches behandelt.
Neben dem Reaktionsmodell des Rechtlichen steht
hierzulande das des Moralischen. Die Erörterung politischer
Herausforderungen im Horizont moralischer Normen und
Imperative ist vielfach an die Stelle strategischen Denkens
getreten. Das kann man sich leisten, solange nicht die
Gefahr droht, die aufgezeigten Werte und die aus ihnen
resultierenden Verpflichtungen durchsetzen zu müssen,
jedenfalls nicht außerhalb des eigenen Staatsgebiets. Sobald
die Moralkommunikation jedoch folgenreich wird, gerät sie
unter die Vorgaben strategischer Überlegungen, bei denen
die Kosten der Wertdurchsetzung gegen deren Risiken
abgewogen werden, und auch dieses Abwägen erweist sich
als ein weiterer Prozess der Desillusionierung. Über die
verhängnisvollen Folgen unbedingter Wertbindung lässt sich
anhand des Dreißigjährigen Krieges sehr viel lernen – unter
anderem auch, dass es ohne eine Abkehr davon zu keinem
Friedensschluss gekommen wäre. Die auf ihren Werten
insistierende Römische Kurie hat deswegen dem auf
Kompromissen beruhenden Friedensschluss von 1648 nicht
zugestimmt, sondern ihn verurteilt. Die Paradoxien
unbedingter Wertbindung lassen sich am Beispiel des
Dreißigjährigen Krieges sehr genau studieren.
Aber strategisches Denken lässt sich nicht dekretieren,
sondern will geübt sein. Ein Krieg, der sich über einen
Zeitraum von dreißig Jahren erstreckt hat, ist ein
vorzüglicher Übungsplatz für strategisches Denken. Das ist
der Grund, warum sich die nachfolgende Darstellung immer
wieder auf strategische Entscheidungen einlässt, indem sie
sowohl die Motive und Zielsetzungen als auch deren
unbeabsichtigte Effekte beschreibt – von Fragen der
Fortsetzung oder Beendigung der Krieges über solche der
Eröffnung neuer Kriegsschauplätze beziehungsweise
Schließung bestehender und der Planung von Feldzügen,
insbesondere zur Zeit Tillys, Wallensteins und Gustav Adolfs,
mit der Alternative einer «Verselbständigung» des Krieges,
bei der jegliche Strategie von den Erfordernissen der
Logistik aufgezehrt wird, bis hin zu den taktischen
Dispositionen bei der Führung von Schlachten. Mit diesen
Fragen beschäftigen sich die Kapitel zwei bis sieben. Sie
sind – auch – eine Übung in strategischem Denken und eine
Betrachtung von Erfolg und Scheitern.
1. Kapitel
«Ihr kennt nicht die Folgen eures Tuns»:
Anfänge und Vorgeschichten

Fenstersturz in Prag
Am Vormittag des 23. Mai 1618 drängte eine beständig
wachsende Men schenmenge durch das Zentrum von Prag;
sie zog vom Karolinum, wo sich die Vertreter der Stände
versammelt hatten, zum Hradschin, zur Burg, wo die
Statthalter des Kaisers residierten. Die kaiserlichen Beamten
sollten zur Rede gestellt und gefragt werden, weshalb sie die
Ständeversammlung des böhmischen Adels und der Städte
nun schon zum zweiten Mal hatten verbieten lassen und wer
für den, wie die Ständevertreter meinten, rüden Ton des
kaiserlichen Verbotsschreibens verantwortlich sei. [1]
Manche der in Richtung Burg Drängenden meinten, das
Schreiben sei überhaupt nicht in Wien, sondern in Prag
verfasst worden, und man glaubte aus ihm die Auffassung
einiger Standesgenossen herauszuhören, die der
katholischen Gegenreformation eng verbunden waren, vor
allem die des Jaroslaw von Martinitz und des Wilhelm
Slawata. Auch machten in der Menge Gerüchte die Runde,
denen zufolge die kaiserlichen Statthalter einen Anschlag
auf die Ständeversammlung planten, um ein «absolutes
Dominat» der Habsburger in Böhmen durchzusetzen.
Dagegen wollte man sich wehren.
An der Spitze des Zuges marschierten Joachim Andreas
von Schlick, der Führer des böhmischen Adels, ein
Lutheraner, der bislang eher auf eine zurückhaltende und
vorsichtige Politik gegenüber dem habsburgischen
Kaiserhaus gesetzt hatte, und Heinrich Matthias von Thurn,
ein Calvinist, der seit langem für entschiedenen Widerstand
gegen die Eingriffe der kaiserlichen Beamten in die Rechte
des böhmischen Adels eintrat. Die unterschiedlichen
Einstellungen der beiden protestantischen Konfessionen, der
Lutheraner und der Calvinisten, gegenüber dem
Landesherrn spielten auch in Böhmen eine Rolle. Nun
allerdings marschierten die beiden gemeinsam. Die
kaiserlichen Beamten hatten es zu weit getrieben. Das einte
Lutheraner und Reformierte und verband selbst so
gegensätzliche Charaktere wie den gemäßigten Schlick und
den Heißsporn Thurn. [2]
Der Konflikt, der an diesem Vormittag offen ausbrach,
betraf die ständischen Rechte. Es handelte sich um einen
Verfassungskonflikt, der mit der unterschiedlichen
Interpretation von Verträgen und Vereinbarungen
zusammenhing. Gleichzeitig betraf er aber auch die freie
Religionsausübung in Böhmen, also das Recht der
Menschen, sich den eigenen Vorstellungen gemäß um ihr
Seelenheil zu sorgen. Das Dokument, auf das sich die Stände
als Hüter der Freiheit und Sicherheit Böhmens beriefen, war
der Majestätsbrief Kaiser Rudolfs II. aus dem Juli 1609. In
ihm wurden die Protestanten – im Text als «Utraquisten»
bezeichnet – den Katholiken gleichgestellt, was auf die
organisatorische Eigenständigkeit ihrer Kirche hinauslief
und bedeutete, dass sie ungehindert Kirchen- und
Schulgebäude errichten durften. Zudem erlaubte ihnen der
Majestätsbrief, aus ihrer Mitte «Defensoren» zu wählen, die
als Verteidiger ihrer Rechte auftraten. [3] Matthias, seit 1611
Rudolfs Nachfolger als böhmischer König, hatte diese
Privilegien bestätigt, und auch Erzherzog Ferdinand, der ein
Jahr zuvor neu gewählte böhmische König, hatte
ausdrücklich zugesagt, dass er die den Böhmen im
Majestätsbrief zugesicherten religiösen Freiheiten
uneingeschränkt anerkenne. Darauf hatte die dem neuen
König huldigende Ständeversammlung – die Huldigung war
«der herrschaftsstiftende Akt am Anfang einer
Regierung» [4] – Wert gelegt.
Dafür gab es aus ihrer Sicht gute Gründe, und einer davon
war, dass Ferdinand in der Steiermark eine rigorose Politik
der Rekatholisierung betrieben hatte. Einige befürchteten,
er werde auch in Böhmen auf diese Weise vorgehen. Dass es
unter den Adligen des Landes eine kleine Gruppe gab, die
nichts sehnsüchtiger erwartete, als gemeinsam mit dem
Landesherrn der Gegenreformation zum Sieg zu verhelfen,
war allgemein bekannt. Jaroslaw von Martinitz etwa, einer
der Statthalter des Kaisers in Prag, spielte dabei eine
wichtige Rolle. Der von ihm erteilte Erlass, wer von den
Untertanen seiner Besitzungen nicht zur katholischen
Beichte und Kommunion gehe, müsse 50 Taler Strafe zahlen,
richtete sich eindeutig gegen die Protestanten und verletzte
die im Majestätsbrief jedem Bürger und Bauern zugesicherte
Religionsfreiheit. [5] Die allgemeine Unruhe wurde noch
dadurch gesteigert, dass die weitgehend protestantische
Altstadt von Prag einen Rat erhalten hatte, der zu mehr als
der Hälfte aus Katholiken bestand. [6] Generell ließ sich
beobachten, dass bei der Ämtervergabe in der
landesherrschaftlichen Administration entschiedene
Anhänger der Gegenreformation bevorzugt wurden. Das sich
ausbreitende Misstrauen gegenüber dem Landesherrn und
den von ihm eingesetzten Beamten kam also nicht von
ungefähr. Aber es war bislang eher diffus geblieben. Am
frühen Vormittag des 23. Mai 1618 wurde es zum Antrieb für
eine politische Aktion.

Der unmittelbare Anlass für die erste Einberufung der


böhmischen Stände im März 1618 waren die
Auseinandersetzungen um protestantische Kirchenbauten in
Braunau und Klostergrab gewesen. Lutheraner hatten in
Braunau auf dem Land des dortigen Benediktinerklosters
eine Kirche errichtet, die der Abt des Klosters unter Verweis
auf seine Besitzrechte wieder schließen ließ. Die
kaiserlichen Statthalter in Prag unterstützten das, indem sie
die Braunauer, die gegen die Anordnung des Abts
protestierten, in einem Schreiben anwiesen, den
Kirchenschlüssel im Kloster abzuliefern. Als einige von ihnen
daraufhin nach Wien reisten, um sich bei Kaiser Matthias
unter Verweis auf die im Majestätsbrief zugesicherten
Rechte zu beschweren, wurden sie kurzerhand in Arrest
genommen. In Klostergrab wiederum hatte der Prager
Erzbischof die auf seinem Grund stehende evangelische
Kirche einfach abreißen lassen und evangelische
Gottesdienste verboten. Letzteres war fraglos ein Verstoß
gegen den Majestätsbrief. Am 11. März 1618 hatte die
Ständeversammlung dann ein Schreiben an den Kaiser
aufgesetzt, in dem dieser aufgefordert wurde, die Braunau
und Klostergrab betreffenden Beschwerden der
Bürgerschaft zur Kenntnis zu nehmen und die Rechte der
Böhmen zu respektieren. In der kaiserlichen Antwort vom
21. März wurde die Ständeversammlung daraufhin für
ungesetzlich erklärt, und die Magistrate der böhmischen
Städte wurden angewiesen, keine Abordnungen dorthin zu
entsenden. Das Vorgehen der Stände wurde «als Anlaß zu
Aufruhr und Zwietracht verurteilt», den «Anstiftern ein
Strafverfahren angekündigt». [7]
Die Reaktion aus Wien schweißte die unterschiedlichen
Gruppen des böhmischen Adels und der Bürgerschaft fürs
Erste zusammen. Die einen fühlten sich von Erzherzog
Ferdinand betrogen, der den Majestätsbrief ja ausdrücklich
bestätigt hatte, die anderen argwöhnten, bei dieser Antwort
aus Wien hätten die Prager Statthalter die Feder geführt
und weder Kaiser Matthias noch Erzherzog Ferdinand
wüssten, worum es gehe. Sie täuschten sich, denn «der
wirkliche Verfasser des kaiserlichen Schreibens war […] der
Kardinal Klesl, der es diesmal für angezeigt hielt, eine
energische Sprache zu führen und, wie er sich brieflich
gegen einige Vertrauenspersonen ausdrückte, es für
zweckmäßig erachtete, daß der Kaiser nicht schleichend
‹wie ein Fuchs›, sondern gewaltsam ‹wie ein Löwe›
auftrete». [8] Dass Melchior Klesl, der eher auf Ausgleich und
Kompromiss bedachte Direktor des Geheimen Rates in
Wien, [9] in dieser Frage Kompromisslosigkeit und Schärfe
den Vorzug gab, ist ein weiteres Indiz dafür, wie verhärtet
die Fronten inzwischen waren. Klesl, Sohn eines Bäckers
und evangelisch getauft, hatte durch die Protektion der
Jesuiten in Kirche und Universität Karriere gemacht und war
von seiner inneren Überzeugung her sicherlich ein
«kompromissloser Reformkatholik»; [10] aber er war auch ein
geschickter Politiker, der in großen Zusammenhängen
dachte und auf lange Sicht plante. Es war eigentlich nicht
seine Art, Dinge übers Knie zu brechen. Wenn Klesl geglaubt
hatte, auf diese Weise die Böhmen einschüchtern zu können,
so hatte er sich jedenfalls getäuscht. Am 21. Mai trafen sich
die Stände im Prager Karolinum erneut, um über die
kaiserliche Antwort zu beraten und auf sie zu reagieren.
Kaum war die Versammlung am 21. Mai eröffnet, wurde
ihr im Auftrag der Statthalter ein neuer Erlass des Kaisers
vorgelegt, der, wenn auch in verbindlicherem Ton, ihr
Zusammentreten untersagte und die Versammelten
aufforderte, unverzüglich auseinanderzugehen. Damit war in
Prag eingetreten, was am Anfang einer jeden europäischen
Revolution stand – vom Abfall der Niederlande über die
beiden englischen Revolutionen bis zur Französischen
Revolution von 1789: Das Zusammenwirken von
Landesherrschaft und Ständeversammlung hatte sich nach
einer längeren Periode atmosphärischer Störungen und
gehäufter Missverständnisse in einen antagonistischen
Konflikt verwandelt, dessen gewaltsame Austragung nur
noch durch das demütige Nachgeben einer Seite hätte
vermieden werden können. Die große Mehrheit der
böhmischen Ständevertreter war dazu nicht bereit. Ihr Zorn
richtete sich gegen die kaiserlichen Statthalter in der Burg:
Man wollte von ihnen wissen, ob sie das
Versammlungsverbot gebilligt oder gar dazu geraten hatten.
Um sie zur Rede zu stellen, zog man am besagten Morgen
des 23. Mai los. Auf dem Weg zur kaiserlichen Burg
schlossen sich dem Zug immer mehr Personen an;
schließlich war es eine große Menschenmenge, die sich
Zutritt zum Hradschin verschaffte, und die Burgwache sah
angesichts dieser Überzahl keine Möglichkeit, sie am
Betreten der Burg zu hindern. Wäre nur eine Delegation der
im Karolinum Versammelten in die Burg gekommen, so hätte
man sie hier leicht festsetzen und dann die Burgtore
schließen können. Dass eine führungslose Menge danach in
der Lage gewesen wäre, den Hradschin zu stürmen, darf
bezweifelt werden. So aber überrumpelte man die
Statthalter mitsamt der Burgwache und bekam das Heft des
Handelns in die Hand.
In der Burg angekommen, begaben sich die
Ständevertreter zunächst in den Landtagssaal, wo die von
den Defensoren verfasste Antwort auf das kaiserliche Dekret
verlesen wurde. Man verständigte sich darauf, diesen Text
den Statthaltern vorzutragen. Also ging es vom Landtagssaal
weiter in deren Sitzungszimmer, wo sich vier von ihnen
aufhielten: der Oberstburggraf Adam von Sternberg, dessen
Schwiegersohn Jaroslaw von Martinitz, der
Oberstlandrichter Wilhelm Slawata sowie der Grandprior
des Malteserordens Diepold von Lobkowitz; bei ihnen befand
sich noch der Sekretär Philipp Fabricius. Zdenko von
Lobkowitz, der Großkanzler des Königreichs Böhmen, fehlte,
da er sich zu Amtsgeschäften in Wien aufhielt.
«Unangemeldet, gar keck und mit großer Importunitet», also
Frechheit oder Rücksichtslosigkeit, seien sie
hereingekommen, schrieb Martinitz später in seinem Bericht
über die Ereignisse, «daß gemeldete Canzlei fast allein von
denen Herren- und Ritterstandspersonen ganz voll gewesen,
die Bürger aber meistenteils draußen vor der Tür, welche
deshalben auch ganz offen bleiben müssen, gestanden». [11]
Martinitz hält genau fest, wer bei dem Aufruhr welche Rolle
spielte: Es war vor allem der Hochadel, der sich gegen den
Kaiser stellte. Nach einem kurzen Wortgeplänkel verlas Paul
von Rziczan die Antwort der Stände auf das
Versammlungsverbot: Auch auf die Gefahr hin, «Leib und
Leben, Ehre und Gut» zu verlieren, habe man sich
miteinander verbunden, um der Exekution des Dekrets zu
widerstehen. Man wisse, dass dieses Schreiben auf
Veranlassung einiger Feinde der freien Religionsausübung in
Böhmen verfasst worden sei, und wolle deswegen von den
Anwesenden darüber Auskunft, «ob sie, oder etliche von
ihnen, von gemeltem [besagtem] Schreiben gewußt, dazu
geraten oder dasselbig approbiert hätten» [12].
Der Oberstburggraf verweigerte auf diese fordernde Frage
zunächst jede Auskunft; man habe sich durch Eid zur
Geheimhaltung aller Verhandlungen verpflichtet. Wenn die
Herren wissen wollten, wer dem Kaiser zu diesem Schreiben
geraten habe, so müssten sie sich an den Kaiser selbst
wenden. Einzelne aus der Gruppe der Ständevertreter riefen
dazwischen, man wisse ja ohnehin, dass Martinitz und
Slawata bei der Antwort ihre Finger im Spiel gehabt hätten,
und werde sie dafür bestrafen. Sie hätten das Gemeinwohl
geschädigt. Graf Thurn wiederholte daraufhin die Frage, wer
der Verfasser des kaiserlichen Dekrets sei und welchen
Anteil die Statthalter daran hätten. Vom Auftreten der
Eindringlinge eingeschüchtert und wohl auch unter dem
Eindruck ihrer Waffen, erklärte der Oberstburggraf, nur
unter äußerem Zwang verletze er das Dienstgeheimnis, und
versicherte, dass das Schreiben nicht in Prag entworfen
worden sei. Doch die Situation war inzwischen zu
aufgeheizt, als dass mit dieser Auskunft die Gemüter hätten
beruhigt werden können. Adam von Sternberg und Diepold
von Lobkowitz wurden aus dem Saal herausgedrängt,
während sich einige Ständevertreter der Herren Slawata
und Martinitz bemächtigten, sie zu den weit geöffneten
Fenstern zerrten und in den 17 Meter tiefen Schlossgraben
warfen. Und weil sie schon dabei waren, warfen sie den
Sekretär Fabricius noch hinterher. Das Ganze spielte sich
zwischen neun und zehn Uhr ab. Aus den Vertretern der
Stände waren politische Rebellen geworden.

Es dürfte sich bei dem Fenstersturz keineswegs um eine


spontane, aus Wortwechsel und Handgemenge entstandene
Aktion gehandelt haben. Er scheint vielmehr, zumindest in
seinen Grundzügen, geplant und vorbereitet gewesen zu
sein – von der Konzentration auf Martinitz und Slawata bis
zu dem Umstand, dass man gegen die beiden keine Waffen
gebrauchte, sie nicht mit dem Degen niederstieß oder
Pistolen auf sie abfeuerte, sondern «defenestrierte». Damit
wiederholte man einen Vorgang, der sich ziemlich genau
zweihundert Jahre vorher ebenfalls in Prag abgespielt hatte:
Am 30. Juli 1419 waren Anhänger des vier Jahre zuvor auf
dem Konstanzer Konzil verbrannten Theologen Jan Hus in
das Rathaus der Neustadt eingedrungen, um dort inhaftierte
Glaubensgenossen zu befreien. Im Zuge dieser
Befreiungsaktion hatten sie den Bürgermeister, mehrere
Ratsherren und Richter sowie einige Gemeindeälteste,
insgesamt zehn Personen, aus dem Fenster geworfen, die
dann im Hof von einer aufgebrachten Menge mit Hiebwaffen
totgeschlagen wurden. Dieser erste Prager Fenstersturz
steht für den Anfang der Hussitenkriege, in denen sich die
Böhmen gegen die Ritterheere des Kaisers militärisch
behauptet hatten; zuletzt trotzten sie ihren Widersachern
eine Reihe religionspolitischer Zugeständnisse ab. [13] Man
stellte sich am 23. Mai 1618 also in eine politische Tradition,
vollzog gewissermaßen ein spezifisch böhmisches
Aufstandsritual und ging davon aus, dass der danach zu
erwartende Krieg für die Aufständischen ähnlich erfolgreich
verlaufen werde wie die früheren Hussitenkriege.
Es scheint aber nicht nur das mit der Wiederholungstat
verbundene Erfolgsversprechen gewesen sein, das Graf
Thurn und seine Anhänger dazu veranlasste, die beiden
Statthalter samt Sekretär aus dem Fenster zu werfen; die
Wiederholungsinszenierung dürfte auch dazu gedient haben,
die Bedenken eines Großteils der Ständevertreter, was einen
Mord an den kaiserlichen Statthaltern anlangt, zu
schmälern. Bis zum 23. Mai nämlich waren Thurn und seine
auf offene Konfrontation mit dem Haus Habsburg setzenden
Anhänger immer wieder auf den Widerstand der Moderaten
unter den Ständevertretern gestoßen, zumeist Lutheraner,
die zwar ihre Rechte verteidigen, es aber nicht zum offenen
Bruch mit den Habsburgern kommen lassen wollten. Thurn
und seine Anhängerschaft hingegen wollten den Bruch, und
dazu brauchten sie eine Tat, deren Symbolkraft so groß war,
dass keine Seite mehr hinter sie zurückkonnte. Zugleich
musste sie so angelegt sein, dass sie von den Moderaten
mitvollzogen werden konnte. Was lag da näher als die
Reinszenierung des ersten Prager Fenstersturzes?
Matthäus Merians Theatrum Europaeum, das über die großen Ereignisse in der
Politik und auf den Schlachtfeldern berichtete, enthielt zahlreiche Kupferstiche.
Die von Merian ins Bild gesetzte Szene des Prager Fenstersturzes ist übersichtlich
angelegt: Der Großteil der Personen, die in die Prager Burg eingedrungen sind,
befindet sich außerhalb des Raumes, in dem die «Defenestration» stattfindet; von
links stürmt eine Gruppe Bewaffneter herein; in einem angrenzenden Raum wird
beratschlagt. Das eigentliche Geschehen wird durch Dreiergruppen bestimmt, je
zwei Rebellen, die einen der drei Männer ergriffen haben, die sie sogleich aus dem
Fenster stürzen werden: die kaiserlichen Statthalter Martinitz und Slawata sowie
den Sekretär Fabricius.

Man hatte sich jedoch mit dem ersten Prager Fenstersturz


von 1419 nicht besonders gründlich beschäftigt, sonst hätte
man damit gerechnet, dass ein Sturz aus größerer Höhe
nicht zwangsläufig mit dem Tod endet. Damals hatte man
Leute bereitgehalten, die den durch den Sturz Verletzten
den Garaus machten. Darauf hatte man bei der
Reinszenierung verzichtet, sei es, weil man zusätzliche
Personen ins Vertrauen hätte ziehen müssen und so das
Risiko einer vorzeitigen Aufdeckung des Komplotts erhöht
hätte, sei es, weil man offenes Blutvergießen scheute und
darauf setzte, dass die bei einem Sturz aus solcher Höhe
zugezogenen Verletzungen zum Tode führen würden. Doch
genau das trat nicht ein: Alle drei «Defenestrierten»
überlebten. Sie schlugen nicht auf hartem Steinpflaster auf,
sondern landeten auf einem großen Abfallhaufen, wie er in
Burggräben allenthalben zu finden war; offenbar hatten
auch die weiten Mäntel die Fallgeschwindigkeit gebremst,
und die drei rutschten eher an der abgeschrägten
Burgmauer hinunter, als dass sie in freiem Fall stürzten.
Jedenfalls verletzte sich nur Slawata so schwer, dass er aus
eigener Kraft kaum gehen konnte.
Als die Rebellen an den Fenstern der Burg bemerkten,
dass die drei überlebt hatten, feuerten sie ihre Pistolen auf
sie ab, trafen aber nicht. Martinitz gelang noch in der Nacht
die Flucht aus Prag, von wo aus er sich nach Regensburg
und München begab, um über den ungeheuerlichen Vorfall
zu berichten. Auch der Sekretär Fabricius konnte
entkommen; er reiste nach Wien, wo er dem Kaiser die erste
Nachricht von den Ereignissen in Prag übermittelte. Fünf
Jahre später wurde ihm der treffliche Adelstitel «von
Hohenfall» verliehen. Slawata wurde von seiner
herbeigelaufenen Dienerschaft in das Haus des Zdenko von
Lobkowitz gebracht, seinem gerade in Wien weilenden
Kollegen aus dem Statthalterkollegium. Als Thurns Leute
anrückten, um ihn aus dem Lobkowitz’schen Anwesen
herauszuholen, trat ihnen Polyxena von Lobkowitz entgegen
und sorgte dafür, dass sich Thurn und seine Leute wieder
zurückzogen. In diesem Zurückweichen zeigte sich die
Halbherzigkeit und Inkonsequenz der Prager
Aufständischen. Polyxena von Lobkowitz hatte in der Zeit
davor als «Muse der Rekatholisierung» in Böhmen gewirkt;
[14] wirklich entschlossene Aufständische hätten sich durch
sie nicht bremsen lassen. Dass sie vor Polyxena
zurückwichen, ließ von Beginn an Zweifel aufkommen, ob
dieser Aufstand erfolgreich sein würde.
Der Anfang des Dreißigjährigen Krieges war von einer
Paradoxie geprägt: Man scheute vor Blutvergießen zurück
und setzte doch (was man indes nicht wissen konnte) einen
Krieg in Gang, der zu einem der größten Blutvergießen der
Geschichte werden sollte. Der von einer mutigen und
entschlossenen Frau gerettete Slawata blieb bis zu seiner
Genesung in deren Haus; danach verließ auch er heimlich
Prag, um angesichts der eskalierenden Lage nicht erneut in
Gefahr zu kommen.

Der Prager Fenstersturz wurde unmittelbar danach bereits


von beiden Seiten propagandistisch ausgebeutet: von den
protestantischen Aufständischen als Anknüpfung an die
Hussitenkriege und den heroischen Widerstand der Böhmen
gegen die fremden Eindringlinge, worauf man mit der
Reinszenierung des ersten Prager Fenstersturzes ja
hingearbeitet hatte; von Seiten der katholischen
Landesherrschaft, indem man das Überleben der
«Defenestrierten» auf das Eingreifen der Jungfrau Maria
zurückführte, die ihren Sturz gebremst habe. Die
propagandistische Absicht war im letzteren Fall klar: Wie die
Gottesmutter den dreien beigestanden und sie gerettet habe,
so werde sie auch den für die katholische Sache Kämpfenden
in dem bevorstehenden Krieg beistehen. Diese Zuversicht
beseelte das ligistische Heer tatsächlich; sie ging auf die
Wundererzählung von der Rettung der Defenestrierten
zurück und zog sich wie ein roter Faden durch das erste
Jahrzehnt des Krieges. Bis zu Tillys Niederlage gegen die
Schweden bei Breitenfeld galten die der Jungfrau Maria
gewidmeten Fahnen und Standarten des ligistischen Heeres
als Garanten dafür, dass man den Sieg davontragen werde
und dass, wenn der Sieg denn das Leben kostete, die
Gottesmutter den im Kampf Gefallenen beim Jüngsten
Gericht als Fürsprecherin zur Seite stehen werde. Maria
wurde so zum Siegeszeichen der Katholischen.
Die Behauptung, die beiden Statthalter und ihr Sekretär
seien durch das Eingreifen der Heiligen Jungfrau gerettet
worden, findet sich erstmals in dem von Martinitz
angefertigten Bericht über den Fenstersturz: Als Erster sei
er selbst mit dem Kopf voran aus dem Fenster geworfen
worden und habe in diesem Augenblick gerufen: «Jesu – fili
Dei, miserere mei, Mater Dei, memento mei – Jesus, Sohn
Gottes, erbarme dich meiner, Mutter Gottes, gedenke
meiner!» Dieser Ausruf habe ihn gerettet: «Als er [Martinitz]
aber allzeit oft nacheinander die heiligsten Namen ‹Jesu-
Maria› stark ausgeruft, hat ihn solcher erschröckliche Wurf
und Fall, aus sonderbarer, durch vornehmste unser lieben
Frauen Vorbitte erlangten Gnade und Barmherzigkeit
Gottes, nicht allein am Leben nichts, sondern auch an der
Gesundheit wenig geschadet.» [15] Gottesfürchtige Leute
hätten gesehen, so Martinitz weiter, wie «die allerseeligste
und lobenswürdigste Jungfrau Maria, Mutter Gottes, als
seine [Martinitz] vortreffliche Patronin erschienen [sei],
welche ihn mit ihrem ausgebreiteten und unterlegten Mantel
in dem Fall gleichsam aufgehalten, desto sanfter zur Erden
mählich fallen lassen und also von gewissem Tod beim Leben
und Gesundheit gnädiglich zu erhalten geholfen hat». [16]
Im Vergleich zur protestantischen Anknüpfung an die
Hussitenkriege war das zweifellos die stärkere Erzählung. In
ihrem großen Werk über den Dreißigjährigen Krieg, halb
historische Darstellung, halb historischer Roman, hat die
Schriftstellerin Ricarda Huch die Folgen dieser
Wundererzählung ausführlich dargestellt: Einem
geschlossenen Reisewagen entsteigen in Regensburg zwei in
dicke Mäntel gehüllte Männer und begeben sich eilends zum
Kollegium der Jesuiten. Dort angelangt, offenbart sich einer
der beiden dem Rektor des Kollegs als Jaroslaw von
Martinitz und berichtet von dem, was ihm in Prag
widerfahren ist. «Indem er laut die benedeite Jungfrau lobte,
kniete der Rektor vor Martinitz nieder; er müsse durchaus
demjenigen Verehrung erweisen, sagte er, den die Heilige
Jungfrau so sichtbarlich beschützt habe.» [17] Von all dem
müsse der Bischof erfahren, und umgehend begab er sich
mit Martinitz zu dessen Amtssitz. Dort musste Martinitz
erneut berichten. «‹Was für ein herrliches Wunder›, rief der
Bischof, und der Rektor fügte mit funkelnden Augen hinzu,
da alles so wohl abgegangen sei, müsse man frohlocken, daß
die Unkatholischen einmal ihre Tücke und mehr als
herodische Grausamkeit gründlich offenbart hätten. Nun
müsse doch jedermann und auch der Kaiser einsehen, daß
Moderation da nicht am Platze wäre, sondern daß Disteln
und Dornen nur mit Feuer könnten ausgerottet werden.» [18]
Die Radikalen beider Seiten spielten sich in die Hände,
und durch dieses Zusammenspiel wurden die politisch
Gemäßigten mehr und mehr ausgeschaltet. In Böhmen
waren das die Lutheraner, die auf eine Übereinkunft mit
dem Hause Habsburg gesetzt hatten, und in Wien war es
Kardinal Klesl, der auch nach den Prager Ereignissen an
einer Politik des Ausgleichs festhalten wollte. Die Erzählung
vom wunderbaren Eingreifen der Gottesmutter stand nicht
zuletzt auch für eine Politik der Konfrontation und wurde
zum Einspruch gegen all diejenigen, die auf
kompromissorientierte Verhandlungen mit den Böhmen
setzten: Die Gottesmutter selbst wollte, dass mit der
Rückgewinnung Böhmens für den Katholizismus ernst
gemacht wurde.
Anlässe und Ursachen
Mit dem Prager Fenstersturz begann der Dreißigjährige
Krieg – auch wenn im Mai 1618 keiner der Beteiligten eine
Vorstellung davon hatte, wie lange dieser Krieg dauern und
wie viel Leid und Unglück er über die Menschen bringen
würde. Die aufständischen Böhmen orientierten sich außer
an den Hussitenkriegen ihrer Vorfahren am Beispiel der
Niederlande, die sich in einem langewährenden Krieg
erfolgreich gegen das übermächtige Spanien behauptet
hatten. [1] In Wien dagegen setzte man darauf, dass man den
Aufstand des böhmischen Adels – denn um mehr handelte es
sich zunächst ja nicht – schnell niederwerfen könne. Nur zu
gut wusste man um die Zerstrittenheit der Böhmen, um die
Gegensätze zwischen Tschechen und Deutschen,
Lutheranern und Calvinisten, hohem und niederem Adel,
städtischem Bürgertum und bäuerlichen Schichten, und ob
sich die Markgrafschaften Mähren, Nieder- und Oberlausitz
sowie das Herzogtum Schlesien den Prager Aufständischen
anschließen würden, war noch völlig offen. [2] Im Augenblick
jedenfalls waren die Böhmen auf sich allein gestellt, und
einige kaiserliche Berater in Wien betrachteten den
Aufstand als eine gute Gelegenheit, die seit den
Hussitenkriegen gemachten Konzessionen zurückzunehmen,
vor allem die im Majestätsbrief Kaiser Rudolfs II. gewährten
Privilegien, und im Zuge einer entschiedenen
Rekatholisierungspolitik ein straffes landesherrschaftliches
Regiment in Böhmen durchzusetzen. Aus ihrer Sicht bot der
Prager Fenstersturz die Chance für eine Politik, die von
einigen schon vor langem entworfen worden, aber stets an
der Zögerlichkeit der Kaiser Rudolf und Matthias gescheitert
war.
Matthias war, als der Prager Aufstand begann, schwer
krank, und sein Tod war absehbar. Mit seinem
voraussichtlichen Nachfolger Ferdinand, der bereits
böhmischer König war, würde man eine entschlossenere
Politik betreiben können. So jedenfalls dachten diejenigen,
die mit Klesls Kurs des Verhandelns und Ausgleichens
zutiefst unzufrieden waren und jetzt die «Ära der Schwäche»
beenden wollten. In der Frage, wie es in Böhmen
weitergehen solle, standen sich zwei Parteien gegenüber,
die in den zurückliegenden zehn Jahren bereits im Reich auf
Konfrontationskurs gegangen waren. Hatte es bislang jedoch
immer wieder Möglichkeiten des Sich-Arrangierens, des
Hinausschiebens und der Formelkompromisse gegeben, so
war das in der böhmischen Angelegenheit kaum noch der
Fall. Der Fenstersturz hatte eine Entwicklung in Gang
gesetzt, die von den Radikalen auf beiden Seiten als
unumkehrbar betrachtet wurde. Nicht das Ereignis selbst
führte zum Krieg, sondern eine bestimmte Interpretation
dieses Ereignisses und seine politische Verbindlichmachung.
War der Prager Fenstersturz somit die Ursache des
Dreißigjährigen Krieges? Oder war er doch nur der Anlass,
den seit langem schwelenden Konflikt in einen offenen Krieg
zu überführen, wozu auch jeder andere Anlass hätte dienen
können? War der große Krieg in Mitteleuropa unvermeidlich,
weil sich zwischen den Parteien so viel Konfliktstoff
angesammelt hatte, dass er mit politischen Mitteln nicht
mehr zu entschärfen war? Oder hätte er bei einem anderen
Verlauf des zwischen Landesherrn und Ständevertretung
ausgetragenen böhmischen Machtkampfs vermieden werden
können? Ob der Funkenflug, der die mitteleuropäischen
Spannungen explodieren ließ, vermeidbar oder
unvermeidbar war, ob er von einigen aus Leichtsinn oder
mutwillig und im Bewusstsein der möglichen Folgen erzeugt
wurde – das ist eine Frage, zu deren Beantwortung immer
wieder zwischen Anlass und Ursache unterschieden worden
ist. [3]

Die geschichts- wie politiktheoretisch elementare und doch


so überaus heikle Unterscheidung von Anlass und Ursache
geht auf den griechischen Historiker Thukydides zurück,
dessen Werk auch in anderer Hinsicht für die Analyse des
Dreißigjährigen Krieges aufschlussreich ist. Thukydides hat
die aus einer Abfolge verschiedener Kriege bestehende
Epoche der athenisch-spartanischen Konfrontation in den
letzten Jahrzehnten des 5. vorchristlichen Jahrhunderts zu
einem einzigen Krieg, dem «Peloponnesischen Krieg»,
zusammengefasst; seine Darstellung wurde daher zunächst
auch unter dem Titel Xyngraphe, «Zusammenschreibung»,
überliefert. [4] Die Historiographie des großen Krieges im
17. Jahrhundert hat sich an dieser thukydideischen Vorgabe
orientiert, als sie die durch Waffenstillstände und
Friedensschlüsse voneinander getrennten Kriege zwischen
1618 und 1648 in Mitteleuropa ebenfalls zu einem einzigen
zusammenhängenden Krieg, dem Dreißigjährigen Krieg,
«zusammenschrieb». [5] Thukydides ging es bei dieser
«Zusammenschreibung» darum, die außerordentliche
Ausdehnung des Krieges und damit seine paradigmatische
Bedeutung gegenüber allen anderen Kriegen
herauszustellen: Der von Homer beschriebene Trojanische
Krieg hatte zehn Jahre gedauert, die von Herodot
behandelten Perserkriege hatten sich über zwanzig Jahre
hingezogen, aber der Krieg zwischen Athen und Sparta hatte
sich über nahezu dreißig Jahre erstreckt. [6] Allein durch
seine Dauer war er der Krieg aller Kriege, und wer die in
ihm ausgetragenen Konflikte, ihre Ursachen und ihre Folgen
betrachtete, drang zum Kern des Politischen vor. Die
«Zusammenschreibung» der einzelnen Kriege zu einem
einzigen Krieg war also die Voraussetzung dafür, dass dieser
Krieg einen paradigmatischen Charakter erhielt, durch den
er alle anderen Kriege in den Schatten stellte. «Wer […] das
Gewesene klar erkennen will», so Thukydides am Ende
seiner Vorrede über die Bedeutung des Peleponnesischen
Krieges, «und damit auch das Künftige, das wieder einmal,
nach der menschlichen Natur, gleich oder ähnlich sein wird,
der mag sie [die Darstellung dieses Krieges] für nützlich
halten, und das soll mir genug sein: zum dauernden Besitz,
nicht als Prunkstück fürs einmalige Hören ist sie verfaßt.» [7]
Dieser Wertung konnten sich die meisten Autoren, die seit
Mitte des 17. Jahrhunderts das Erlebte und Gehörte zu
begreifen versuchten, durchaus anschließen: Der große
Krieg in Mitteleuropa war der schrecklichste, der je
stattgefunden hatte, und da dieses Urteil der allgemeinen
Wahrnehmung entsprach, hat sich die Bezeichnung
«Dreißigjähriger Krieg» schnell und umstandslos
durchgesetzt. So heißt es im Widmungstraktat zum sechsten
Band von Matthäus Merians Theatrum Europaeum, der sich
mit der Schlussphase des Krieges beschäftigt, dass die
Zeitzeugen dieses Ereignisses «auf dem Theatro oder
Schawplatz deß Teutschlands in praxi, zumalen als viel die
Materiam von Krieg und Frieden belanget, so viel gelernet
und erfahren haben, als hiebevor und für Alters keiner in
etlichen seculis thun können». [8] Dieser Krieg übertreffe
durch seine Länge und die Härte der Auseinandersetzung
alle früheren historischen Beispiele, aus ihm sei ein Wissen
über Krieg und Frieden zu gewinnen, das allem anderen
Wissen so weit überlegen sei, dass sich daraus sogar ein
privilegierter Standort gegenüber dem der Antike ergebe. [9]
Das wollte etwas heißen in einer Zeit, da die Ereignisse und
Konstellationen der Antike noch allgemein als unerreichtes
Vorbild wie Wahrzeichen galten. Ein solcher Krieg konnte
angesichts seiner zeitlichen Dauer und räumlichen
Ausdehnung nicht die Folge eines einzigen Ereignisses sein,
schon gar nicht die Folge eines so randständigen Vorgangs,
wie es der Prager Fenstersturz nun einmal war. Die
Historiker mussten die untergründigen Entwicklungen
herausfinden, die zu diesem Krieg geführt hatten, und dabei
mussten sie zeigen, dass alle Ereignisse, die sich in der
Vorgeschichte des Krieges zugetragen hatten, in dessen
Richtung wiesen.
«Den wahrsten Grund [für die Entstehung des Krieges]
freilich», schrieb Thukydides, «zugleich den
meistbeschwiegensten, sehe ich im Wachstum Athens, das
die erschreckten Spartaner zum Kriege zwang.» [10] Auf
diesen stummen Zwang der Entwicklungsprozesse kam er
immer wieder zu sprechen: dass die Athener nicht länger
Athener hätten bleiben können, wenn sie den Spartanern die
Furcht vor dem ständigen und selbst im Frieden
anhaltenden Machtzuwachs Athens hätten nehmen wollen.
Die Spartaner dachten bei ihren Entscheidungen mehrfach
darüber nach, ob sie sich Athen mit Krieg entgegenstellen
sollten und ob dieser Krieg wirklich unvermeidlich war. [11]
Während sie in Thukydides’ Darstellung zögerten und vor
dem Krieg zurückschreckten, weil sie dessen furchtbare
Folgen zu kennen glaubten, gab es in Athen eine Reihe von
Politikern, die im Prinzip an der Erhaltung des Friedens
interessiert waren, zumal Athen davon ja in besonderem
Maße profitierte – aber, da auch sie davon überzeugt waren,
der Krieg werde zwangsläufig kommen, eine Politik
betrieben, die von der Gegenseite als aggressiv verstanden
werden musste: «Denn sie meinten, der Peloponnesische
Krieg werde auch so kommen, und wollten Kerkyra nicht den
Korinthern überlassen mit seiner großen Flotte, sondern die
beiden [Kerkyra und Korinth] sollten sich möglichst
aneinander reiben, damit im Notfall, wenn Athen Krieg
führen müsse, Korinth und die anderen Seemächte schon
geschwächt wären.» [12] Unter solchen Umständen waren
alle Ereignisse, die den Krieg auslösten, bloße Anlässe; die
eigentliche Ursache des Krieges lag in einer weithin
selbstläufigen Entwicklung, jenseits der Reichweite der
politischen Akteure: im steten Wachstum des auf Handel und
Wandel angelegten Athen und in der sozioökonomischen
Stagnation des Militärstaats Sparta. [13]
Wer in seiner Darstellung des Dreißigjährigen Krieges der
thukydideischen Unterscheidung zwischen Anlass und
Ursache folgte, musste historisch weit zurückgreifen, um
jene Entwicklungen auszumachen, die zwangsläufig zum
Krieg führten, ihn unvermeidlich machten. Friedrich Schiller
etwa geht in seiner Geschichte des Dreißigjährigen Krieges
ein ganzes Jahrhundert zurück, wenn er mit den Anfängen
der Reformation in Sachsen beginnt, sich danach mit dem
Augsburger Religionsfrieden beschäftigt, um anschließend
auf das Zerwürfnis von Lutheranern und Calvinisten
einzugehen. Erst dann kommt er zu den genuin politischen
Konflikten im Vorfeld des Krieges, der Reichsexekution
gegen Donauwörth, der Bildung der protestantischen Union
und der katholischen Liga, dem Erbfolgestreit von Jülich-
Kleve-Berg, bevor er sich schließlich den Konstellationen in
Böhmen und dem Prager Fenstersturz zuwendet. Die
aufgeführten politischen Konflikte, die auch anders hätten
ausgehen können und deswegen eher dem weiten Feld der
Kontingenz zugehören als dem der Determination, sind für
Schiller nur ein Ausdruck des großen Streits zwischen den
Konfessionen. Bei einer solchen Herleitung konnten die
Ereignisse in Prag bloß der Anlass des Krieges, nicht aber
dessen Ursache sein. Diese lag, wenn man bis zur
Reformation zurückging, wesentlich in der
Glaubensspaltung. Schiller war jedoch nicht der Auffassung,
die Glaubensspaltung habe zwangsläufig zum Krieg führen
müssen; er beschreibt sie vielmehr als die Grundierung von
Konstellationen, in denen machtpolitische Konflikte eine
deutlich größere Eskalationsdynamik und damit
Kriegswahrscheinlichkeit entfalteten, als das üblicherweise
der Fall gewesen wäre. Wer unter solchen Bedingungen den
Krieg vermeiden wollte, musste eine sehr viel aktivere und
weitsichtigere Friedenspolitik betreiben als sonst.
Seit Anfang des 17. Jahrhunderts, so Schillers implizite
Kriegsursachenanalyse, kam es im Reich zu einer
eskalatorischen Abfolge von Konflikten, die einen großen
Krieg immer wahrscheinlicher machten und eine Reihe von
Problemen derart miteinander verknoteten, dass, sobald der
Krieg einmal begonnen hatte, nicht mehr mit einem
schnellen Ende zu rechnen war. Die Ätiologie des Krieges
bei Schiller ist zugleich die Erklärung seiner langen Dauer
und des Verstreichens so vieler Gelegenheiten, bei denen es
für rationale Akteure nahegelegen hätte, den Krieg zu
beenden. Der Prager Fenstersturz ist aus der Sicht Schillers
nur der Schlussakt einer Entwicklung, die in den
vorangegangenen Jahrzehnten immer schneller auf den
Krieg zulief und im Frühjahr und Sommer 1618 von
niemandem mehr zu stoppen war. Diesem von Schiller
vorgegebenen Modell der Kriegsursachenanalyse sind die
meisten Historiker gefolgt, zumal Moriz Ritter, dessen
zwischen 1889 und 1908 veröffentlichte dreibändige
Deutsche Geschichte im Zeitalter der Gegenreformation und
des Dreißigjährigen Krieges bis heute das an Detailreichtum
der Darstellung unübertroffene Standardwerk dieser Epoche
darstellt. Fast alle Reihenwerke der Zeit behandeln
Reformation, Gegenreformation und Dreißigjährigen Krieg
in einem Zusammenhang – und das heißt in der Regel: in
einem Band. [14] Der Dreißigjährige Krieg ist bei diesem
Ansatz fest an die Geschichte des 16. Jahrhunderts
rückgebunden: Das 16. Jahrhundert ist die Vorgeschichte
des Krieges, und im Krieg kulminiert alles, was sich im
16. Jahrhundert entwickelt hat.

Ricarda Huch ist einen anderen Weg gegangen, als sie in


ihrem mehr als tausendseitigen Werk Der Dreißigjährige
Krieg, zunächst in drei Bänden zwischen 1912 und 1914
unter dem Titel Der große Krieg in Deutschland
veröffentlicht, die von den Historikern in die Zeit vor 1618
eingezeichneten Hauptlinien des Konflikts in eine Fülle von
Episoden aufgelöst hat; diese stehen unvermittelt
nebeneinander, und erst im Nachhinein erschließt sich, wie
sie zusammenhängen und was sie mit dem Krieg zu tun
haben. Huch schleicht sich gleichsam über diverse
Erzählstränge in das Geschehen ein: Der Krieg entsteht fast
unmerklich aus einer Reihe von politischen Projekten,
Machenschaften und Intrigen, mit denen die fraglichen
Akteure beschäftigt sind. Es gibt in Huchs Erzählung keine
Zäsur, die für das Ende des Friedens und den Beginn des
Krieges steht. Der Krieg schleicht sich ein, nicht überall,
sondern nur in begrenzten Räumen, und man hat den
Eindruck, diese Kriege, die zunächst nicht mehr als eine
bewaffnete Fortsetzung der vorangegangenen
Machenschaften und Intrigen sind, könnten auch schnell
wieder beendet werden. An die Stelle der großen Erzählung
vom unversöhnlichen Gegensatz zwischen Protestanten und
Katholiken tritt bei Huch ein mosaikförmiges Bild vom
Wollen und Tun zahlloser Akteure, die auf ihren Vorteil
bedacht sind und ihre Position im verwirrenden Spiel um
Macht und Reichtum zu verbessern trachten. Der Übergang
vom Frieden zum Krieg ändert dieses Spiel nicht
grundsätzlich; eigentlich machen alle unter den
Bedingungen des Krieges so weiter, wie sie zuvor im Frieden
agiert haben. Mit einem Mal ist Krieg, und kaum einer hat
gemerkt, wie es dazu kam. Bei Schiller entsteht der Krieg,
weil einflussreiche Akteure ihn bewusst angesteuert haben,
nachdem ihnen die Konflikte der Zeit nicht mehr anders
lösbar schienen; bei Huch ist er die Folge dessen, dass sich
die politischen Akteure nicht entschiedener um die
Bewahrung des Friedens gekümmert, sondern den
Ereignissen ihren Lauf gelassen haben.
In Huchs Darstellung hätte die Unterscheidung von Anlass
und Ursache keinerlei Sinn. Es gibt für sie keine
beherrschenden Entwicklungen, die, wie ein großer Magnet,
die verwirrende Fülle der Episoden strukturieren und
ordnen. Demzufolge können Entscheidungen und Ereignisse
auch nicht zu bloßen Anlässen gegenüber den eigentlichen
Ursachen herabgestuft werden. Überall hat der Zufall seine
Hand im Spiel, und die Darstellung der Vorgeschichte des
Krieges wird zu einer großen Studie über Kontingenz. An die
Stelle der konfrontativen Gruppenbildung, auf der Schillers
Ätiologie des Krieges beruht, treten bei Huch die
persönlichen Dispositionen der kleinen und großen
Machthaber, ihre Ziele und Absichten, vor allem auch ihre
charakterlichen Eigenschaften, die vorsichtige
Zurückhaltung bei den einen und die hochfliegenden Pläne
bei den anderen. Sie alle wissen nicht, worauf ihr Tun und
Handeln hinausläuft – und sie machen sich auch keine
Gedanken darüber. Der Krieg ist nicht die Folge langfristiger
Entwicklungen, sondern das unbeabsichtigte Ergebnis eines
leichtfertigen Spiels. Selbstverständlich wäre er, folgt man
Huchs Darstellung, zu verhindern gewesen – wenn der eine
Herrscher länger gelebt hätte und der andere früher
gestorben wäre, wenn Laune und Mutwille hier und da zu
anderen Entschlüssen geführt hätten, wenn die Mutterliebe
im einen Fall geringer und die väterliche Anerkennung im
anderen Fall größer gewesen wäre. Wo solche Kontingenzen
das politische Feld beherrschen, ist jeder Anlass immer auch
eine Ursache, weil sich, wenn er ausgeblieben wäre, die
gesamte Abfolge des Geschehens verändert hätte.
Das ist eine Sichtweise, die sich in dieser Radikalität eher
in literarischen als in historiographischen Darstellungen des
Krieges findet – wobei hinzuzufügen ist, dass die Erzählerin
Ricarda Huch Historikerin war, eine der ersten Frauen, die
an einer Universität promoviert wurden, in diesem Fall in
Zürich, weil Frauen an deutschen Universitäten noch nicht
zum Studium zugelassen waren. Methodische Prinzipien und
der Imperativ narrativer Stringenz hindern den Historiker
daran, der Vorstellung einer völligen Kontingenz der
Ereignisse zu folgen – dass alles auch anders hätte kommen
können, wenn nur an einer einzigen Stelle eine andere
Entscheidung getroffen worden wäre. Das sind, wie die
Lektüre von Huchs Werk zeigt, «Hintergrundannahmen»,
und die Darstellung des Krieges kann sich nicht darin
erschöpfen, Kontingenzen zu beobachten und
herauszustellen, wie es denn so hätte gewesen sein sollen.
Das Wirrwarr der Episoden muss sich schließlich auch bei
Huch zu einem Mosaik formen, und das ist am ehesten
möglich, wenn sich die Darstellung auf einzelne Personen
konzentriert und deren Handeln ausleuchtet. In diesem Sinn
beruhen die Biographien zu den großen Gestalten des
Dreißigjährigen Krieges, die umfangreichen Werke vor allem
zu Wallenstein und Gustav Adolf, auf der Annahme einer
weitgehenden Zufallshaftigkeit des Geschehens, in das die
jeweilige Hauptfigur der Darstellung ordnend und
wegweisend eingreift. Solche Biographien sind von ihren
theoretisch-methodologischen Voraussetzungen her das
Gegenstück zu den Gesamtdarstellungen, in denen der
Dreißigjährige Krieg als eine zwangsläufige Folge der bis
weit ins 16. Jahrhundert zurückreichenden Entwicklungen
erscheint. In den biographisch ausgerichteten Darstellungen
tritt die Anlass-Ursache-Unterscheidung zurück, und das
politische Geschehen wird zu einem offenen Feld, in das die
großen Akteure ihren Willen einschreiben – eine Sicht also,
bei der der Krieg aus einer bestimmten Verkettung von
Umständen und Zufällen entstand, denen ein kluger und
vorausschauender Akteur durchaus eine andere Richtung
hätte geben können.
Kaiser Rudolf II. hätte, wenn er ein anderer gewesen wäre,
eine solche Rolle spielen können. Wenn Rudolf, so der
Historiker Volker Press, angesichts der wachsenden
religionspolitischen Konflikte im Reich und der
Selbstlähmung der Reichsinstitutionen eine aktivere Politik
betrieben und dabei seine kaiserliche Rolle
konfessionsübergreifend verstanden hätte, orientiert etwa
an der Politik seines Vaters Maximilian II., dem
«eigentlichen Kaiser des Religionsfriedens», [15] dann wäre
es womöglich nicht zur Bildung der konfessionellen
Gruppierungen, der protestantischen Union und der
katholischen Liga, gekommen, und die eskalatorische
Konfliktdynamik, die von den Deterministen herausgestellt
wird, wäre gebremst, wenn nicht gestoppt worden. Aber
Rudolf war für eine solche Rolle völlig ungeeignet;
wochenlang verharrte er in grüblerischer Untätigkeit, ließ
niemanden zu sich, beschäftigte sich mit Astrolabien oder
alchemistischen Experimenten und widmete sich allerlei
Skurrilitäten; dann wieder reagierte er bei jeder Gelegenheit
mit Tobsuchtsanfällen und wütete gegen seine Umgebung.
Außerdem lag er in beständigem Streit mit seinen Brüdern,
namentlich mit Matthias, der ihn von der Macht zu
verdrängen suchte. Der «Bruderkampf im Hause Habsburg»,
der in Form einer schrittweisen Entmachtung Rudolfs durch
Matthias ausgetragen wurde, [16] hat zur Paralyse der
Reichsinstitutionen erheblich beigetragen. Von Rudolf
jedenfalls ist keine Initiative gekommen, die den Konflikt
moderiert oder entschärft hätte. Denkt man diesen Ansatz zu
Ende, so war es das Verhängnis Deutschlands, dass in der
politisch entscheidenden Phase vor dem großen Krieg eine
psychisch labile Person, ein von Depressionen und
Entschlusslosigkeit geplagter Mann an der Spitze des Reichs
stand, der mit seinen kaiserlichen Aufgaben hoffnungslos
überfordert war. [17]
Matthias, der seinem älteren Bruder Anfang des Jahres
1612 offiziell als Kaiser nachfolgte, nachdem er seit
längerem schon de facto als solcher agiert hatte, besaß zwar
einen stärkeren Machtwillen als Rudolf und war auch in
höherem Maße von seinen Fähigkeiten überzeugt, [18] aber
auch er unternahm keinen Versuch, die gelähmten
Reichsinstitutionen als Vermittlungs- und Schiedsinstanzen
wieder arbeitsfähig zu machen. Im Rückblick, der im
Unterschied zu den Zeitgenossen um den Fortgang der
Geschichte weiß und diese auf «verpasste Gelegenheiten»
hin absucht, sind die Regierungszeiten Rudolfs und
Matthias’ durch Stillstand und Zuwarten gekennzeichnet.
Aber konnte man in dem Jahrzehnt vor Kriegsausbruch
überhaupt erkennen, dass dringender Handlungsbedarf
bestand, wenn man den bewaffneten Zusammenstoß der
Konfessionen noch vermeiden wollte? Oder erschien es aus
zeitgenössischer Perspektive nicht viel sinnvoller, angesichts
der bestehenden Verhältnisse eine grundlegende Reform der
Reichsinstitutionen hintanzustellen, um die allenthalben
zutage tretenden konfessionellen Konflikte nicht noch weiter
anzuheizen? Der Blick des Historikers auf die Vorgeschichte
eines Krieges hat in der Regel etwas Besserwisserisches –
zum einen, weil er es tatsächlich besser weiß als die
handelnden Personen in ihrer Zeit, die eben nicht über das
Wissen des Historikers verfügen; zum anderen aber auch
deswegen, weil der Historiker häufig unterstellt, dass alles,
was er weiß, auch die Zeitgenossen hätten wissen können,
und als Beleg dafür führt er eine Reihe von Zitaten an, die
den Eindruck vermitteln, die Klügeren unter den
Zeitgenossen hätten tatsächlich gewusst, was der spätere
Historiker weiß. Welche Relevanz das jeweilige Wissen hat,
bleibt dabei freilich unterbelichtet.
Der Streit um das Marburger Land
zwischen den hessischen Landgrafen
«Ich befürchte sehr», schrieb Landgraf Moritz von Hessen-
Kassel am 23. März 1615 an den französischen König
Ludwig XIII., «daß die Staaten des Reichs, die jetzt so
grimmig miteinander im Streit liegen, einen
verhängnisvollen Brand entzünden, von dem nicht nur sie
selbst ergriffen werden […], sondern auch all jene Länder,
die in irgendeiner Weise mit Deutschland verbunden sind.
All dies wird zweifellos die gefährlichsten Folgen haben und
zum vollständigen Zusammenbruch und einer
unvermeidlichen Änderung des gegenwärtigen Zustandes
von Deutschland führen. Und davon werden vielleicht auch
einige andere Staaten betroffen sein.» [1] Drei Jahre vor den
Prager Ereignissen hat Moritz die künftige Entwicklung
recht präzise vorweggenommen, so jedenfalls könnte man
meinen. Man sollte darum annehmen, dass er selbst als
Herrscher eines mittelgroßen Landes einiges unternommen
hätte, um den «verhängnisvollen Brand» zu verhindern, von
dem er in dem Brief spricht. Getan hat er jedoch das genaue
Gegenteil: Die Landgrafschaft Hessen-Kassel war eines der
energischsten Mitglieder der protestantischen Union und
gehörte – im Unterschied zu den Reichsstädten, die sich
ebenfalls der Union angeschlossen hatten, aber auf eine
eher vorsichtige und zurückhaltende Politik drängten – zu
den entschiedenen Unterstützern der kurpfälzischen Politik,
die das Risiko einer bewaffneten Konfrontation mit der
katholischen Liga in Kauf nahm. Das mag damit zu tun
gehabt haben, dass sich Moritz als Reformierter der
Kurpfalz, die als politische Speerspitze des Calvinismus in
Deutschland galt, eng verbunden fühlte; ebenso aber dürfte
er von der Vorstellung geprägt gewesen sein, dass der Krieg
in Deutschland unvermeidlich sei und man deswegen auf ihn
vorbereitet sein sollte.
Landgraf Moritz verfolgte diese Politik des
Vorbereitetseins schon seit längerem; im Jahre 1600 bereits
hatte er eine 9000 Mann starke Söldnertruppe aufgestellt,
die zu unterhalten seinem nicht gerade reichen Land
durchaus schwerfiel. 1604 besetzte er unter Einsatz dieser
Söldner den größeren Teil des Marburger Landes und
überrumpelte damit seinen Cousin, den Landgrafen von
Hessen-Darmstadt, der in der Marburger Erbangelegenheit
auf einen Entscheid des kaiserlichen Hofes gesetzt hatte.
Seitdem musste Moritz damit rechnen, dass der Kaiser
gegen ihn entschied und eine Reichsexekution anordnete,
um diese Entscheidung durchzusetzen, was ihn umso fester
an die Kurpfalz und die kurpfälzisch dominierte Union band.
Außerdem suchte er Rückhalt bei Frankreich, zu dem bereits
sein Vater enge politische Kontakte gepflegt hatte. [2] Man
kann den Brief an Ludwig XIII. darum auch ganz anders
verstehen, nämlich als eine durch Anlehnung an Frankreich
erfolgte politisch-militärische Rückversicherung für den Fall,
dass der Kaiser gegen die Interessen des Landgrafen
entschied. Liest man den Brief im politischen Kontext, so
handelte es sich bei ihm weniger um die Warnung vor einem
großen Krieg in Deutschland als vielmehr um eine
Vorbereitung darauf: Der französische König – also eine
externe Macht – wird darauf hingewiesen, dass bestimmte
Entwicklungen im Reich auch seine Interessen berühren
könnten; er wird aufgefordert, die politischen Entwicklungen
genau zu beobachten und gegebenenfalls auf eine
militärische Intervention vorbereitet zu sein.
Der Streit um die Aufteilung der Landgrafschaft Hessen-
Marburg, der die Politik der Kasseler wie der Darmstädter
Linie der hessischen Landgrafen vor dem Dreißigjährigen
Krieg und während seines Verlaufs bestimmte, ist
paradigmatisch für die Konfliktlagen im Reich und die darin
regelmäßig zutage tretende Vermischung dynastischer
Interessen und konfessioneller Zugehörigkeiten, kühler
Interessenpolitik und religiöser Überzeugungen. Landgraf
Philipp der Großmütige, neben Kurfürst Friedrich dem
Weisen der wichtigste Unterstützer Luthers, hatte die
Landgrafschaft unter seinen vier Söhnen aufgeteilt: Wilhelm
erhielt Hessen-Kassel, Ludwig Hessen-Marburg, Georg
Hessen-Darmstadt und Philipp die Gegend um Rheinfels.
Nur zwei dieser Söhne, nämlich der Kasseler und der
Darmstädter, hatten selbst Nachkommen, während der
Rheinfelser 1583 und der Marburger 1604 kinderlos
starben. Ludwig von Hessen-Marburg hatte sein
Herrschaftsgebiet, das zwischen dem der Darmstädter und
dem der Kasseler Linie lag und deswegen für beide von
Interesse war, zu gleichen Teilen beiden Linien vermacht.
Der Erbschaftsstreit zwischen Moritz, der 1592 seinem
Vater Wilhelm gefolgt war, und Ludwig V. von Hessen-
Darmstadt, der 1596 die Nachfolge seines Vaters Georg
angetreten hatte, drehte sich um die Frage, ob «zu gleichen
Teilen» nach Linien oder nach Köpfen geteilt werden sollte:
Moritz, der einzige Sohn Wilhelms, bestand auf einer Teilung
nach Linien, während Ludwig, der Älteste von drei
Geschwistern, unter Verweis auf die Landesteilung seines
Großvaters Philipp auf einer Teilung nach Köpfen bestand;
dann hätte die Darmstädter Linie drei Viertel, die Kasseler
hingegen nur ein Viertel aus der Erbmasse des Marburger
Onkels erhalten.
Das Austrägalgericht, vor dem der Streit verhandelt
wurde, entschied auf eine Teilung nach Linien, woraufhin
Moritz die um Marburg gelegenen Gebiete mit seinen
Truppen umgehend okkupierte und Oberhessen mit Gießen
als Zentrum seinem Vetter Ludwig überließ. Der wiederum
erkannte das Urteil des Gerichts nicht an und rief den Kaiser
zu Hilfe. Am 11. Februar 1605 erging ein Erlass des Kaisers
mit dem Hinweis darauf, «daß Reichslehen nicht ohne
Zustimmung des Kaisers vermacht, geteilt und
schiedsrichterlichem Spruche unterworfen werden dürften»;
«die Akten über die Marburger Erbfolge [wurden]
eingefordert». [3] Das kaiserliche Eingreifen verschärfte den
Streit, denn während Moritz bei seiner Auffassung blieb, ihm
stehe die Hälfte der Erbschaft zu, erklärte Ludwig, der
Kasseler Cousin habe durch sein eigenmächtiges Vorgehen
den Erbanspruch verwirkt und das Erbe stehe nunmehr in
Gänze der Darmstädter Linie zu. Da Moritz jedoch mit Hilfe
seines Militärs vollendete Tatsachen geschaffen hatte, blieb
der Status quo zunächst bestehen. Erst mit Beginn des
Dreißigjährigen Krieges kam in die Marburger
Angelegenheit wieder Bewegung, und je nach Kriegsglück
war das umstrittene Gebiet einmal bei Kassel und dann
wieder bei Darmstadt. Beigelegt wurde der Streit im
Rahmen der Festlegungen des Westfälischen Friedens – im
Übrigen ganz so, wie das Austrägalgericht dies entschieden
hatte. [4]
Es ging in der Marburger Angelegenheit indes nicht nur
um die Zugehörigkeit von Territorien zu der einen oder der
anderen Landgrafschaft, sondern auch um
religionspolitische Fragen. In der Tradition Philipps des
Großmütigen, der im Marburger Religionsgespräch zwischen
Luther und Zwingli und ihren unterschiedlichen
Abendmahlsauffassungen zu vermitteln versucht hatte, war
Hessen in der Abendmahlskontroverse zwischen
Lutheranern und Calvinisten in allen vier Landgrafschaften
lange Zeit neutral geblieben. Das hatte sich mit Moritz’
Regierungsantritt in Hessen-Kassel geändert; der junge
Landgraf neigte der calvinistischen Abendmahlsauffassung
zu, begnügte sich aber zunächst damit, dieser Auffassung
nahestehende Theologen in die maßgeblichen Kirchenämter
zu berufen. Im Sommer 1605, nach der Besetzung des
Marburger Gebiets durch sein Militär, gab er die
zurückhaltende Linie auf und ordnete für das gesamte Land
eine Reihe konfessioneller Neuerungen an: Eine davon
besagte, «daß das Abendmahl nicht durch Reichung der
Hostie, sondern durch Brechung des Brotes gespendet
werden sollte», eine weitere, «daß das Verbot, Gott
abzubilden, als zweites Gesetz der zehn Gebote gelehrt und
demgemäß der Bilderschmuck aus den Kirchen entfernt
werden solle». [5] Auch wenn in den landgräflichen
Anordnungen nirgendwo ein Wechsel der Konfession vom
Luthertum zum Calvinismus angekündigt wurde, so konnte
Moritz doch davon ausgehen, dass die veränderte Austeilung
des Abendmahls, Erkennungszeichen für die
unterschiedlichen Auffassungen Luthers und Calvins, zu
einer allmählichen Verdrängung des Luthertums in der
Landgrafschaft Hessen-Kassel führen würde.
Diese Verordnungen waren freilich nur der Anfang, denn
nun forderte Moritz, der sich dabei auf die Position eines
«Bischofs» seines Herrschaftsgebiets berief, von den
Geistlichen seines Landes, dass sie sich den Vorgaben fügten
oder aber ihr Amt niederlegten und emigrierten; von seinen
Untertanen erwartete er, dass sie sich die Belehrung durch
die von ihm eingesetzten Geistlichen anhörten – «die
Annahme der wahren Lehre dürfe er zwar nicht erzwingen,
aber sie anzuhören könne er selbst den Juden befehlen». [6]
Dagegen regte sich Widerstand, den der Landgraf umgehend
brechen ließ: Pfarrer, die den landgräflichen Anordnungen
nicht folgen wollten, wurden entlassen; ebenso erging es
vier widerspenstigen Theologieprofessoren der hessischen
Landesuniversität in Marburg, und als dem ein Tumult der
Marburger Bürgerschaft folgte, wurden Truppen in der
Stadt einquartiert, die für Ruhe sorgten. Schließlich wurde
die Ritterschaft an der Werra dazu gebracht, in ihren
Patronatspfarreien nicht länger Geistliche mit lutherischer
Gesinnung zu dulden. [7] Die aus Marburg vertriebenen
Lutheraner gingen ins darmstädtische Gießen, wo die
bestehende Akademie im Jahre 1607 zur Universität erhoben
wurde. Die Theologische Fakultät dort war der Luther’schen
Abendmahlsauffassung wie überhaupt dessen Theologie
verpflichtet, und dementsprechend wurden die in der
Landgrafschaft Hessen-Darmstadt angestellten Pfarrer
künftig in Gießen ausgebildet.
Aber in demselben Maße, wie sich Moritz in seinem
Herrschaftsbereich mit Hilfe der Söldnereinheiten
durchzusetzen vermochte, machte er sich im Teilungsstreit
mit seinem Darmstädter Vetter politisch und rechtlich
verwundbar. Im Testament des verstorbenen Landgrafen von
Hessen-Marburg hieß es nämlich, dass das im Jahre 1530
von Philipp dem Großmütigen für seine Lande
angenommene «Augsburger Bekenntnis» unversehrt
bewahrt werden solle und dass Verletzungen des
Testaments – und darum handelte es sich bei Moritz’
Vorgehen zweifellos – den Verlust der Erbschaft zur Folge
hätten. Für den Fall, dass der Konflikt als Rechtsstreit
ausgetragen worden wäre, bei dem ein Reichsgericht das
letzte Wort gehabt hätte, hätte Moritz’ Wechsel zur
reformierten Abendmahlspraxis eine erhebliche Schwächung
seiner Erbansprüche bedeutet. Vermutlich war deshalb in
seinen Anordnungen nicht von einem Wechsel der
Konfession die Rede. Die Folge war jedenfalls, dass Hessen-
Kassel mehr an einer militärischen als an einer rechtlichen
Lösung des Erbschaftsstreits gelegen war, während Hessen-
Darmstadt in enger Anlehnung an Kursachsen eine
ausgesprochen kaisertreue Politik betrieb. [8]

Die beschriebene Konfrontation zwischen den beiden


Landgrafen ist beispielhaft für die Vorgeschichte und den
Verlauf des Krieges: Zunächst ging es um eine dynastische
Erbschaftsangelegenheit und einen daraus resultierenden
Konflikt, der im Rahmen der vorhandenen Institutionen auf
dem Rechtsweg gelöst werden konnte. Die Ordnung des
Reichs war darauf angelegt zu verhindern, dass solche
Konflikte zu einem Krieg eskalierten, aber die schiedlich-
friedliche Lösung funktionierte nur so lange, wie die an einer
Auseinandersetzung beteiligten Parteien von der Neutralität
der Entscheidungsinstanzen überzeugt waren und darauf
vertrauten, dass jede Seite ein faires Verfahren bekommen
würde. Das war jedoch mit Beginn der von den
Landesherren betriebenen Konfessionalisierung und
wachsenden Zweifeln an der Neutralität des Kaisers sowie
der Reichsinstitutionen immer weniger der Fall. [9] Das
Misstrauen gegenüber dem Kaiser und den Institutionen des
Reichs wurde noch verstärkt, wenn, wie im Fall von Hessen-
Kassel, ein Konfessionswechsel erfolgte, der zur Entstehung
einer Exilpartei führte, von der die Zulässigkeit des
Konfessionswechsels bestritten und die Legitimität des dafür
verantwortlichen Herrschers in Zweifel gezogen wurde. Das
war insbesondere bei einem Wechsel zum calvinistischen
Bekenntnis so, denn dieses war nicht in den Augsburger
Religionsfrieden eingeschlossen und stand deswegen auch
nicht unter dessen besonderem Schutz. Im Fall von Landgraf
Moritz kam noch hinzu, dass der de facto erfolgte
Konfessionswechsel seinen Erbanspruch auf Hessen-
Marburg deutlich geschwächt hatte.
Im Prinzip konnte Moritz also gar kein Interesse an einem
Verfahren haben, sondern musste darauf setzen, dass die
Reichsinstitutionen weiterhin blockiert blieben. Seine im
Brief an Ludwig XIII. ausgesprochene Warnung vor einem
drohenden Krieg im Reich, der auch die angrenzenden
Staaten in Mitleidenschaft ziehen werde, zielte darauf, die
politische Bindung an Frankreich zu erneuern, mit der sich
Moritz Rückhalt gegenüber seinem Darmstädter Vetter und
dem Kaiser verschaffen wollte. Das beim Luthertum
verbliebene Hessen-Darmstadt wiederum hatte wegen des
Streits um Hessen-Marburg ausgeprägtes Interesse an
einem starken Kaisertum, war dieses doch der Garant dafür,
dass es seine Ansprüche auf dem Rechtsweg geltend machen
konnte und diese nach der Entscheidung zu seinen Gunsten
qua Reichsexekution auch durchgesetzt würden. In
Verbindung mit der Paralyse der Reichsinstitutionen führte
die Konfessionalisierungspolitik der Landesherren dazu,
dass jeder Konfessionswechsel eines Landes die Gruppe der
bedingungslos am Frieden orientierten Fürsten verkleinerte.
Deswegen wurde die Gruppe derer, die auf Krieg setzten,
weil sie ihn für unvermeidlich hielten, nicht unbedingt
größer – aber sie erlangte immer größeren Einfluss.
War der Krieg wirklich «unvermeidlich»?
Das politische Dilemma des Reichs lässt sich auch an der
«Kompositionspolitik» des Kardinals Klesl aufzeigen, der die
kaiserliche Politik seit Anfang 1611 leitete und mit den
Folgen, die die Blockade der Reichsinstitutionen mit sich
brachte, bestens vertraut war. Mit dieser Politik versuchte
Klesl die unterschiedlichen Komponenten der
habsburgischen Herrschaft neu zu ordnen. Auf der einen
Seite setzte Klesl, wie an seiner Reaktion auf den Protest der
böhmischen Stände gegen die wiederholte Verletzung des
Majestätsbriefs ablesbar, [1] in den habsburgischen
Erblanden auf eine entschiedene Politik der
Konfessionalisierung, durch die er sicherstellen wollte, dass
das Haus Habsburg gegenüber den anderen Reichsfürsten
nicht ins machtpolitische Hintertreffen geriet; auf der
anderen Seite war Klesl sich aber durchaus darüber im
Klaren, dass die Reichsinstitutionen wieder funktionstüchtig
gemacht werden mussten, und sei es nur, um bei der
nächsten Kaiserwahl erneut einen Habsburger an die Spitze
des Reichs zu stellen. Zwar verfügte die katholisch-
habsburgische Seite mit den drei geistlichen
Kurfürstentümern Mainz, Köln und Trier sowie der an der
böhmischen Krone hängenden Kurstimme der Habsburger
selbst gegenüber den drei protestantischen Kurfürsten der
Pfalz, Sachsens und Brandenburgs über die Mehrheit im
Kurfürstenkollegium; aber Mehrheitsentscheidungen bei der
Kaiserwahl waren unüblich, und eine Kaiserwahl entlang der
konfessionellen Gegensätze hätte die innere Spaltung des
Reichs noch weiter vertieft. Da die böhmischen Stände
überwiegend protestantisch waren, musste bei einer
knappen Entscheidung obendrein mit deren Widerspruch,
wenn nicht Widerstand gerechnet werden. Das sprach für
eine entschiedene Rekatholisierung Böhmens, was wiederum
das Misstrauen der Protestanten im Reich gegenüber dem
Kaiser und seiner Politik geschürt hätte, und zwar bei
Lutheranern wie Calvinisten. In der Folge wäre die
protestantische Seite noch stärker darauf bedacht gewesen,
die Reichsinstitutionen zu blockieren, was Klesl ja gerade zu
verhindern suchte.
Klesl befand sich somit in einem klassischen Dilemma, das
er auflösen wollte, indem er die Politik in den
habsburgischen Erblanden von der im Reich entkoppelte.
Die Politik der Rekatholisierung in den Erblanden sollte mit
einem Ausgleich der konfessionellen Gegensätze im Reich
verbunden werden, um das gespaltene Reich mit Hilfe des
Reichstags wieder zusammenzufügen. Klesl war bewusst,
dass eine solche Neukomposition der Teile und Faktoren des
Reichs nur gelingen konnte, wenn er sich auf weitgehende
Konzessionen gegenüber den protestantischen
Administratoren ehemals geistlicher, inzwischen
säkularisierter Territorien einließ. Das aber hieß, dass der
Augsburger Religionsfrieden großzügig ausgelegt werden
musste. [2] Dies wiederum lehnten die Strikten unter den
Anhängern der Gegenreformation ab, während viele
Protestanten Klesl wegen der von ihm forcierten
Rekatholisierungspolitik in den Erblanden misstrauten und
den Verdacht hatten, er wolle sie in einen politischen
Hinterhalt locken. Klesls Problem war, dass er zu viele Bälle
gleichzeitig im Spiel halten musste und infolgedessen nicht
in der Lage war, Vertrauensverhältnisse aufzubauen, ohne
die seine Ausgleichs- und Kompositionspolitik keinen Erfolg
haben konnte. [3] So scheiterte der Regensburger Reichstag
von 1613, und als die Gesandten auseinandergingen, ohne
einen Reichstagsabschied beschlossen zu haben, war der
Reichstag als Institution lahmgelegt. [4] Damit waren auch
Klesls Anstrengungen zunächst einmal gescheitert. Aber
Klesl ließ sich durch solche Rückschläge nicht aus dem
Konzept bringen und suchte immer wieder nach
Gelegenheiten, doch noch zum Erfolg zu kommen.
In vielen Darstellungen der Vorgeschichte des Krieges
wird die Kompositionspolitik Klesls nur beiläufig dargestellt
und Klesl als ein Politiker behandelt, der allenfalls ein
Taktiker ohne Blick für strategische Konstellationen
gewesen sei. Deswegen, so der Tenor dieser Arbeiten, könne
es auch nicht überraschen, dass ihm zuletzt niemand mehr
vertraut habe. Letzteres mag durchaus der Fall gewesen
sein, und doch ist dieses Urteil über Klesl ungerecht. Er
hatte erkannt, dass die institutionelle Blockade des Reichs
durch eine umfassende Reform der Reichsverfassung nicht
zu lösen war. Zwar gab es ein verbreitetes Bewusstsein von
den strukturellen Problemen der Reichsverfassung, das
seinen Höhepunkt in der Debatte über die Frage fand, wo
der Ort der Souveränität im Reich sei – beim Kaiser, bei den
Kurfürsten oder gar bei den Reichsständen insgesamt –, [5]
aber gleichzeitig wollte keine Seite den ersten Schritt
machen, um einen größeren Reformprozess in Gang zu
setzen. Klesl vermied es, sich in einer Reform der
Reichsinstitutionen zu verhaken; vielmehr versuchte er,
unterhalb dessen Bewegung in die Verhältnisse zu bringen,
indem er die in der gelähmten Struktur des Reichs
festsitzenden Parteien neu gruppierte. Der Schlüssel zu
dieser Neugruppierung war die Trennung zwischen
Territorialstaat und Reich, um den politischen Akteuren auf
beiden Ebenen voneinander unabhängige Spielräume zu
verschaffen und auf diesem Wege Kompromisse zwischen
ihnen zu ermöglichen. Durch die Entkopplung von
Territorialstaat und Reich sollte die Politik der
Konfessionalisierung auf die Landesherrschaft begrenzt und
das Reich als überkonfessionelle Ebene wieder
funktionsfähig gemacht werden – das jedenfalls war die
leitende Idee. Klesl ist daran gescheitert, dass ihm diese
Trennung, die er als Aufgabe der operativen Politik und
nicht einer strukturellen Neuordnung des Reichs
behandelte, nicht gelang. Eine weitere Chance war dahin,
vom Weg einer zunehmenden Polarisierung abzubiegen.
Aber war der Krieg damit wirklich unvermeidlich?

Nicht nur das Versagen oder Scheitern von Politikern war


für die politisch gefährliche Lage im Reich verantwortlich,
sondern auch die Entstehung von Konstellationen, bei denen
der äußere Zwang schwand, im Reich über alle
konfessionellen Gegensätze hinweg zusammenzuarbeiten.
Einer der Gründe war der im November 1606 in Zsitva-Torok
geschlossene zwanzigjährige Waffenstillstand mit den
Türken, der 1615 vorzeitig für weitere zwanzig Jahre
verlängert wurde. Damit hatte der «äußere Feind» an
Bedeutung eingebüßt, der in der Vergangenheit immer
wieder zur Kooperation genötigt hatte. [6] Über Jahrzehnte
hatte die «Türkengefahr» den Kaiser davon abgehalten, sich
den inneren Problemen des Reichs und insbesondere dessen
konfessioneller Spaltung zu widmen; stattdessen hatte ihn
die Herausforderung durch das Osmanische Reich
gezwungen, ein ums andere Mal auf die Protestanten
zuzugehen, wenn er deren Zustimmung benötigte, um
Sondersteuern für die Finanzierung der Türkenkriege zu
erheben. Der Wegfall der «Türkengefahr» veränderte die
Lage im Reich von Grund auf; wahrscheinlich wäre die
Geschichte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts anders
verlaufen, wenn die Heere der Osmanen weiterhin in
Richtung Wien vorgestoßen wären. Die militärischen Kräfte
der Hohen Pforte waren während dieser Zeit im Südosten
ihres Reichs jedoch durch fortgesetzte Kriege gegen die
offensiv gewordenen Perser gebunden.
Die Folge war, dass die Habsburger bei der
Konsolidierung ihrer Herrschaft in den Erblanden weithin
freie Hand hatten, dass sie auf die Stände weniger Rücksicht
nehmen mussten als zuvor und deswegen auch in Böhmen
auf eine Politik setzen konnten, in der besänftigende
Konzessionen keinen Platz mehr hatten. Pointiert gesagt: Die
Deeskalation des einen Konflikts hat die Eskalation des
anderen Konflikts zu einem veritablen Krieg überhaupt erst
möglich gemacht. Bei fortbestehender «Türkengefahr» hätte
der Prager Fenstersturz keineswegs zum Bruch zwischen
den böhmischen Ständen und dem habsburgischen
Landesherrn führen müssen. Für sich genommen war der
Fenstersturz ein Ereignis, das man politisch hätte kleinreden
können, zumal ja auch niemand zu Tode gekommen war.
Doch das habsburgische Interesse, den politischen Eigensinn
der Stände zu brechen, um die eigenen
Handlungsspielräume zu vergrößern, ließ die am 23. Mai
1618 entstandene Lage als gute Gelegenheit erscheinen, in
Böhmen ein für alle Mal klare Verhältnisse zu schaffen. In
diesem Sinn war der Fenstersturz im Prager Hradschin
tatsächlich nur der Anlass, um ein politisches Projekt zu
verwirklichen, das seit einiger Zeit auf der habsburgischen
Agenda stand. Das hätte jedoch lediglich für einen zeitlich
begrenzten Feldzug gegen die Böhmen gesprochen, bei dem
sich dieser Krieg nicht mit den Spannungs- und
Spaltungslinien im Reich verbunden hätte. Gerade das hatte
Klesl mit seiner Politik der Separation und Komposition
verhindern wollen. Erst durch die Verbindung mit den
Problemen im Reich erhielten die Ereignisse in Prag die
Sprengkraft, die sie zum Auslöser eines sich dann über
dreißig Jahre hinziehenden Krieges werden ließen.
Der Wegfall der äußeren Bedrohung seitens der Türken
war jedoch nur das eine, was die Handlungsfähigkeit der
Habsburger erhöhte; das andere war die seit 1613 in Gang
gekommene Wiederannäherung zwischen der Wiener und
der Madrider Linie, aus der eine neue Geschlossenheit der
Casa d’Austria erwuchs. [7] Sorgte der Waffenstillstand mit
den Osmanen dafür, dass die Kräfte der Erblande nicht
länger an der ungarischen Südostgrenze gebunden waren,
so flossen dem Kaiserhaus in Wien durch den zwischen Juni
und Juli 1617 vertraglich festgehaltenen Ausgleich beider
Linien Ressourcen zu, ohne die es den böhmischen Feldzug
nicht hätte führen können. Der Oñate-Vertrag, wie der
Interessenausgleich nach dem spanischen Gesandten am
Wiener Hof, Don Iñigo Veléz de Guevara, Graf von Oñate,
genannt wurde, schloss den Kaiser an die große spanische
Geldpumpe an, die mit dem Silber aus der Neuen Welt
gespeist wurde. Ferdinand II., der seinem Vetter Matthias
Anfang 1619 als Kaiser folgte, besaß infolge der spanischen
Gelder sowie der Verfügung über kriegserprobte spanische
Truppen eine Handlungsfähigkeit wie keiner seiner
Amtsvorgänger in den Jahrzehnten zuvor. Auch hier kann
man sagen: Hätte Spanien um 1617 eine andere Politik
verfolgt, dann hätte der böhmische Konflikt einen anderen
Verlauf genommen.
Dabei hatte die Annäherung zwischen den beiden Linien
der Habsburger mit einer Auseinandersetzung begonnen, die
auch mit einem politischen Zerwürfnis hätte enden können:
Philipp III. von Spanien machte nämlich als Enkel Kaiser
Maximilians II. Erbrechte auf Ungarn und Böhmen geltend,
die nach Madrider Auffassung höher waren als die des vom
Wiener Erzhaus zum Erben bestimmten Ferdinand von
Steiermark, der «nur» ein Enkel von Ferdinand I. war.
Ferdinand hätte die Berechtigung dieses höherwertigen
Anspruchs unter Verweis auf das Wahlrecht der ungarischen
und böhmischen Stände bestreiten können, aber dann hätte
er sich auf eine weitere Stärkung der Stände in beiden
Ländern eingelassen, und das hätte im Widerspruch zu der
unter Matthias begonnenen Konsolidierungspolitik in den
habsburgischen Erblanden gestanden. [8] Ferdinand
entschloss sich deshalb, mit seinem spanischen Vetter
Verhandlungen aufzunehmen, die einen Interessenausgleich
der beiden zum Ziel hatten. Die Verhandlungen wurden von
Ferdinands Onkel Maximilian vorangetrieben. Erzherzog
Maximilian, selbst kinderlos und also ohne wesentliche
eigene Interessen in dieser Frage, besaß bei den deutschen
Reichsständen großes Ansehen, so dass man ihm zutrauen
konnte, die geistlichen Kurfürsten sowie Johann Georg von
Sachsen, den Kopf der lutheranischen Partei, für die
Kaiserwahl Ferdinands zu gewinnen. [9] Es war jedenfalls ein
geschickter Schachzug der Wiener Politik, neben den
ungarischen und böhmischen Erbansprüchen sogleich die
Kaiserwürde ins Spiel zu bringen, denn der Spanier Philipp
hätte nie und nimmer eine Chance gehabt, zum deutschen
Kaiser gewählt zu werden. Damit wäre den Habsburgern
eine seit mehr als anderthalb Jahrhunderten besetzte
Position verlorengegangen, und ohne die Kaiserwürde hätte,
wie sich bei den Verhandlungen schon bald zeigte, das
spanische Interesse an einer engen Verbindung mit der
Wiener Linie keine rechte Substanz mehr gehabt. Wien war
für Madrid nur interessant, weil und solange es über die
Kaiserwürde verfügte. [10] Insofern kann man wohl davon
ausgehen, dass die Erbansprüche Philipps auf Ungarn und
Böhmen nur aus verhandlungstaktischen Gründen ins Spiel
gebracht wurden und es in politikstrategischer Hinsicht um
ganz andere Ziele ging.
Das Porträt zeigt Ferdinand II. auf dem Höhepunkt seiner Macht, nicht nur als
gewählten Kaiser, sondern auch, verdeutlicht durch den Lorbeerkranz auf seinem
Haupt, als Sieger im Krieg. Für den Kriegskaiser Ferdinand stehen auch die
Waffen, Feldzeichen und Pauken, die das Porträt umrahmen. 1619 zum Kaiser
gewählt, waren die achtzehn Jahre seiner Regierungszeit wesentlich durch Kriege
gekennzeichnet, in denen es Ferdinand um die Festigung der habsburgischen
Macht in den Erblanden und im Reich sowie die Ausbreitung der katholischen
Gegenreformation in Deutschland ging.

Die zwischen dem spanischen Gesandten am Kaiserhof, Don


Balthasar de Zúñiga, dem Vorgänger Oñates, und Hans
Ulrich von Eggenberg, einem engen Vertrauten Ferdinands,
[11] geführten Verhandlungen liefen darauf hinaus, dass
Philipp auf seine ungarisch-böhmischen Erbansprüche
verzichtete und dafür mit den italienischen Fürstentümern
Piombino und Finale abgefunden wurde. Beides waren
Reichslehen, die seit 1598 beziehungsweise 1603 faktisch
bereits unter spanischer Herrschaft standen. Folgenreicher
als dieser Tausch war, dass Ferdinand Barmittel in Höhe von
einer Million Taler zugesagt wurden, für die er als
Gegenleistung die österreichischen Herrschafts- und
Hoheitsrechte im Elsass an Philipp abtreten sollte. Das war
der eigentliche Kern des Vertrags: Wien bekam die dringend
benötigten Finanzmittel, ohne die der Kaiser notorisch von
der Zustimmung der Stände in seinen Erblanden abhängig
war, und Madrid erhielt mit dem Elsass ein zentrales
Teilstück der «spanischen Gasse», die von Genua über die
Alpenpässe und den Rhein bis in die südlichen Niederlande
führte. Auf diese Verbindungslinie war man angewiesen, um
die in den Niederlanden stehenden Truppen im Fall eines
Wiederaufflammens des Krieges versorgen und verstärken
zu können. [12] Zwar dienten die spanischen Gelder
Ferdinand zunächst dazu, die zur Steiermark gehörige Stadt
Gradiška, die von venezianischen Truppen hart bedrängt
war, militärisch zu entsetzen, aber schon bald wurden die
Soldaten dort (zusammen mit spanischen Truppen aus
Flandern) gegen die rebellierenden Böhmen ins Feld
geführt, und das spanische Geld finanzierte (mit weiteren
Subsidien) den Krieg des Kaisers in Mitteleuropa. «Die
eindrucksvolle und sofortige Unterstützung Ferdinands
durch den König von Spanien [machte] den langen
Jahrzehnten des Mißtrauens und der Mißverständnisse ein
Ende, die die beiden Hauptzweige des Hauses Habsburg
voneinander geschieden hatten» – so das Resümee des
britischen Historikers Geoffrey Parker. [13]
Im Gefühl seiner neuen Handlungsmacht war Ferdinand
nicht bereit, sich auf Verhandlungen mit den Prager
Rebellen einzulassen. So wurde die bei einigen von ihnen
durchaus vorhandene Konzessionsbereitschaft nicht weiter
ausgetestet. Trotz der spanischen Hilfe war die neu
gewonnene Macht des Kaisers nicht groß genug, das
böhmische Heer ohne den militärischen Beistand Herzog
Maximilians von Bayern und der unter seiner Führung
stehenden Liga-Truppen schnell und vernichtend zu
schlagen. Im Gegenzug für die militärische Hilfe hatte der
Kaiser dem Bayernherzog aber Zugeständnisse machen
müssen, die einer schnellen Beendigung des Krieges
entgegenstanden. [14] Dabei ging es um die Übertragung der
Kurwürde von den pfälzischen Wittelsbachern auf die
bayerischen Wittelsbacher und die Einverleibung der
Oberpfalz in das Herzogtum Bayern. Außerdem nutzten die
Spanier die Chance, am Rhein zwecks Sicherung der
«spanischen Gasse» militärische Präsenz zu zeigen und sich
dadurch strategische Vorteile für die zu erwartende
Auseinandersetzung mit den nördlichen Niederlanden zu
verschaffen. [15] So hatte sich der Krieg in Böhmen mit der
spanischen Politik in den Niederlanden verbunden. Was sich
auf den ersten Blick wie ein regional begrenzter Aufstand
ausnahm, war von Beginn an ein tief in die europäischen
Konstellationen verstricktes Ereignis, und erst dadurch
wurde es zu dem Funken, der das Pulverfass entzündete.
Insofern war der Prager Fenstersturz mehr als ein bloßer
Anlass zum Krieg, der gegen jeden anderen Anlass
auszutauschen gewesen wäre.
Kalenderstreit und Reichsexekution
gegen Donauwörth
Wie stark die Polarisierung zwischen Protestanten und
Katholiken im Reich inzwischen war, zeigt der Streit um die
Annahme des gregorianischen Kalenders. Dieser brachte die
kalendarische und astronomische Zeit wieder zur Deckung,
indem er durch eine Datumsumstellung die im julianischen
Kalender pro Jahr fehlenden elf Minuten und zwölf
Sekunden ausglich. Im 16. Jahrhundert war seit der
Neuordnung des Kalenders durch Julius Caesar eine
Zeitverspätung von zehn Tagen entstanden, die sich bei der
Bestimmung der Fest- und Feiertage, aber auch im
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben West- und
Mitteleuropas zunehmend als Problem erwies. Am
24. Februar 1582 veröffentliche Papst Gregor XIII. die Bulle
Inter gravissima, die anordnete, «dass am 4. Oktober des
Jahres bei Zählung des folgenden Tages zehn Tage
übersprungen werden sollten». Diese Anordnung erließ der
Papst auf der Grundlage seiner päpstlichen Gewalt; «an alle
Regierungen richtete er die Bitte und den Befehl, den neuen
Kalender in ihren Landen einzuführen». [1]
Die Annahme des neuen Kalenders wäre für alle
europäischen Länder von Vorteil gewesen, insbesondere
dann, wenn sie diese Kalenderreform geschlossen und
gleichzeitig durchgeführt hätten. Als Kaiser Rudolf nach
längerem Zögern im September und dann abermals im
Dezember 1583, also bereits mit einer mehr als einjährigen
Verzögerung, die Einführung des neuen Kalenders
anordnete, verschwieg er die päpstliche Urheberschaft der
Reform, um sie für die protestantischen Reichsstände
zustimmungsfähig zu machen. Während die katholischen
Stände den neuen Kalender annahmen, trat ein, was die
kaiserliche Kanzlei befürchtet hatte: Die Protestanten
verweigerten die Übernahme der Kalenderreform mit dem
Argument, sie komme vom Papst, dem jede Befugnis zu
Eingriffen in weltliche Angelegenheiten fehle; sie sprachen
von einem usurpatorischen Übergriff der Kurie, dem man
mit aller Entschiedenheit entgegentreten müsse.
Infolgedessen bestanden im Reich nunmehr zwei
Zeitrechnungen nebeneinander. Dieses Nebeneinander mit
seinen um zehn Tage abweichenden Datierungen dauerte bis
zum Jahr 1700, als schließlich auch das Corpus
Evangelicorum den gregorianischen Kalender für seine
Territorien übernahm, indem es auf den 18. Februar
unmittelbar den 1. März folgen ließ.
Bis dahin bereitete die doppelte Zeitrechnung jedoch
erhebliche Probleme: In den Einrichtungen des Reichs
mussten Termine mit unterschiedlicher Datierung
angegeben werden, und in den bikonfessionellen
Reichsstädten, von denen es seit dem Augsburger
Religionsfrieden einige gab, wurden die kirchlichen
Feiertage von den Katholiken zehn Tage früher begangen als
von den Protestanten, was das wirtschaftliche und
gesellschaftliche Leben in diesen Städten beeinträchtigte. [2]
Außerdem wurde beim Übertritt eines Reisenden von
katholischem in protestantisches Hoheitsgebiet und
umgekehrt sofort erfahrbar, dass das Reich tief gespalten
war. Die gesellschaftliche Tragweite der unterschiedlichen
Zeitordnungen dürfte in mancher Hinsicht größer gewesen
sein als die der unterschiedlichen Abendmahlsauffassungen.

Es war denn auch ein Konflikt in einer dieser


bikonfessionellen Städte, der dazu führte, dass sich politisch-
militärische Parteien der beiden Konfessionen im Reich
formierten. Von 1595 bis 1618 ist es in etwa zwanzig
Städten zu konfessionell geprägten Krawallen und
Aufständen gekommen, [3] aber keiner davon hatte derart
weitreichende Folgen wie der von 1607 in Donauwörth. [4]
Donauwörth hatte damals etwa 4000 Einwohner; bereits
Mitte des 16. Jahrhunderts, als der Augsburger
Religionsfrieden in Kraft trat, waren die Protestanten in der
großen Mehrheit. Zudem befanden sie sich im Besitz der
einzigen Pfarrkirche und stellten die Mehrheit der
Ratsmitglieder. Um 1600 gab es in Donauwörth nur noch
sechzehn katholische Haushalte. Die Seelsorge für die
Katholiken fand in dem an der Stadtmauer gelegenen
Benediktinerkloster «Zum Heiligen Kreuz» statt. Die
religiösen Rituale beider Seiten waren so räumlich
hinreichend voneinander getrennt, und es gab über lange
Zeit keine Konflikte, wenn man einmal davon absieht, dass
der protestantische Rat der Stadt die katholische Seite
notorisch benachteiligte, indem er alles daransetzte, die
Vergabe des Bürgerrechts an Katholiken zu verhindern.
Mit der Gegenreformation kamen dann jedoch zunehmend
Zöglinge des Dillinger Jesuitenkonvikts in das Donauwörther
Kloster, denen die bis dahin praktizierte Zurückhaltung bei
der öffentlichen Präsentation der eigenen Rituale zuwider
war. Um den Katholizismus wieder sichtbar zu machen,
erneuerten sie untergegangene Prozessionspraxen, statteten
die Prozessionen mit neuem Gepränge aus und sorgten
dafür, dass Katholiken aus der näheren und ferneren
Umgebung Donauwörths daran teilnahmen. Da man über
Land zu benachbarten Kirchen zog und in Donauwörth selbst
das offene Präsentieren von Symbolen eher mied, blieb es
anfänglich bei einem konkurrierenden Nebeneinander; es
waren voneinander getrennte Räume, die symbolisch als
«Eigenräume» markiert wurden. [5]
Das änderte sich im Frühjahr 1605, als man erstmals die
der Prozession vorangetragenen Fahnen beim
Durchschreiten des städtischen Gebiets entfaltete und frei
flattern ließ, anstatt sie, wie bisher, eingerollt zu lassen. Bei
eingerollter Fahne waren die Bilder und Schriftzeichen
verdeckt, und das hieß, dass man den durchschrittenen
Raum als «fremden Raum» respektierte. Das Ausrollen der
Fahne hingegen stand für weitergehende Ansprüche, was
eine Reihe radikaler Protestanten in Donauwörth umgehend
als Provokation begriff. Der Rat der Stadt, der zu Recht eine
Eskalation befürchtete, erhob Einspruch gegen die
veränderte Form der Prozession und nötigte die Mönche, bei
der für den 16. Mai 1605 vorgesehenen Veranstaltung die
Fahnen eingerollt zu lassen. Der Augsburger Bischof
Heinrich von Knöringen, der sich auf eine seitens des
Donauwörther Stadtrats freilich bestrittene Schirmvogtei
über das Benediktinerkloster berief, wandte sich daraufhin
an den kaiserlichen Hofrat und forderte ihn auf, gegen
Donauwörth einzuschreiten, um die freie Religionsausübung
in der Stadt zu gewährleisten. Am 24. Oktober 1605 wertete
der Reichshofrat das Einwirken des Donauwörther Rats auf
die Mönche als Religions- und Landfriedensbruch. Dieser
Bescheid des Hofrats erging als mandatum sine clausula,
womit prozessuales Einreden keine aufschiebende Wirkung
für den Vollzug der Anordnung hatte; bei Zuwiderhandlung
sollte unverzüglich die Acht über die Stadt verhängt werden.
Das war eine klare Parteinahme des Reichshofrats,
verfahrenstechnisch fragwürdig, da die Aufhebung des
Einredevorbehalts nur bei unzweifelhaft rechtswidrigen
Handlungen oder einer nicht wiedergutzumachenden
Schädigung der klagenden Partei als zulässig galt. Dass dies
im Falle Donauwörths gegeben war, kann bezweifelt werden.
Die Intervention des kaiserlichen Hofrats war für die
protestantische Seite ein weiteres Indiz dafür, dass der
Kaiser und die Institutionen des Reichs nicht länger
konfessionsneutral handelten und die katholische Seite stets
begünstigten.
Es kam, wie es unter solchen Umständen kommen musste:
Während die Donauwörther Einreden gegen den
kaiserlichen Erlass noch zur Verhandlung anstanden, setzte
das Kloster für den 25. April 1606 eine Prozession an, die
mit vollem Gepränge über den Markt der Stadt zu einem
nahe gelegenen Dorf führen sollte. Als die Prozession auf
dem Marktplatz ankam, wurden ihre Fahnen von einem
protestantischen Mob zerrissen, die mitgeführten Reliquien
in den Straßendreck getreten sowie die
Prozessionsteilnehmer verprügelt und ins Kloster
zurückgejagt. Auf eine erneute Klage des Augsburger
Bischofs wurde das Mandat in verschärfter Form erneuert;
nachdem der Donauwörther Rat die Schuld an den
Ereignissen vom 25. April auf «den Pöbel» der Stadt
geschoben hatte, «schritt der Kaiser zwar noch nicht zur
Verhängung der Acht, aber er erteilte am 16. März 1607
dem Herzog Maximilian von Bayern den Auftrag, in seiner,
des Kaisers, Vertretung die Donauwörther Klostergeistlichen
und Katholiken in der Ausübung ihrer Religion zu schützen».
[6] Das war eine neuerliche einseitige Entscheidung, wenn
nicht ein Rechtsbruch des Kaisers, denn Donauwörth
gehörte nicht dem bayerischen, sondern dem schwäbischen
Reichskreis an, so dass für die Durchsetzung des
kaiserlichen Mandats nicht der (katholische) Herzog von
Bayern, sondern der (protestantische) Herzog von
Württemberg zuständig gewesen wäre. Diese Entscheidung
des Kaisers beziehungsweise seiner engeren Umgebung
sollte weitreichende Folgen haben.
Offenbar war sich Herzog Maximilian über die Probleme
im Klaren, die sein Eingreifen in einer dem schwäbischen
Reichskreis zugehörigen Stadt nach sich ziehen würde, und
entsprechend zurückhaltend trat er zunächst auf: Die von
ihm instruierten Subdelegierten erhielten den Auftrag, den
Rat der Stadt Donauwörth darauf zu verpflichten, die
katholische Religionsausübung ohne jede weitere Störung zu
ermöglichen; als Beweis dieser Bereitschaft verlangten sie
von ihm, eine Prozession in Donauwörth zu gestatten, die
sofort stattfinden sollte, mit vollem Gepränge und bei freier
Wahl des Weges. Während der Rat im Wissen darum, was
eine Ablehnung dieses Vorschlags für Konsequenzen haben
würde, darauf einzugehen bereit war, verlangte eine
erregte, zum Teil bewaffnete Bürgerschaft, die sich vor dem
Rathaus versammelt hatte, dass die Prozession auf die
frühere bescheidene Form beschränkt blieb. Die bayerischen
Subdelegierten mussten unverrichteter Dinge abziehen; sie
seien in ihrer Sicherheit bedroht worden, berichteten sie
dem Herzog. Danach schlug Maximilian eine andere Gangart
ein: Entweder die Stadt erfülle ohne Wenn und Aber die
Forderungen (zu denen er inzwischen weitere hinzugefügt
hatte), oder die Acht werde über sie verhängt, und er,
Maximilian, werde das Geforderte mit Waffengewalt
durchsetzen.
Am 10. November 1607 wurden die Verhandlungen mit
Donauwörth abgebrochen, zwei Tage später veröffentlichten
die bayerischen Subdelegierten die vom Kaiser bereits im
August unterschriebene Ächtung der Stadt. [7] Innerhalb
weniger Tage setzte Maximilian ein aus 6000 Fußsoldaten
und 500 Berittenen bestehendes Heer in Marsch. Die
schnelle Verfügbarkeit dieser Streitmacht spricht dafür, dass
Maximilian den Schlag gegen Donauwörth seit längerem
vorbereitet hatte. Angesichts dieser erdrückenden
Übermacht und ohne Aussicht auf fremde Hilfe kam es in
Donauwörth zu keinem ernstlichen Widerstand. «Nachdem
sie gegen die vom Rat bewilligte Übergabe der Stadt einen
letzten Tumult erregt hatten, machten sich die Agitatoren
mitsamt den Predigern aus dem Staube», fasst Moriz Ritter
den Schlussakt der Donauwörther Affäre zusammen. [8] Am
17. Dezember 1607 rückte bayerisches Militär in
Donauwörth ein, und bayerische Kommissare übernahmen
die Verwaltung. Der Status einer Freien Reichsstadt war
damit vorerst kassiert.

Aber das war nur der Anfang: Im Juni 1609 überließ der
Kaiser dem Bayernherzog die Stadt als Pfand für die
Maximilian bei der Vollstreckung der Reichsacht
entstandenen Ausgaben. Da Donauwörth für die von
Maximilian geforderte Summe von 250000 Gulden –
vornehmlich handelte es sich dabei um den Sold für die
aufgebotenen Soldaten – nicht aufkommen konnte, wurde sie
zu einer bayerischen Provinzstadt. Unter Berufung auf seine
landesherrschaftliche Kirchenhoheit verbot Maximilian, das
protestantische Bekenntnis in der Stadt weiter auszuüben.
Alle, die sich diesem Verbot nicht unterwerfen wollten,
wurden vertrieben. So entstand eine weitere Gruppe von
Exilanten, der mit Beginn des Dreißigjährigen Krieges noch
viele folgen sollten; mit Flugschriften wurde ein
Propagandakrieg um die Affäre von Donauwörth geführt, der
die Unversöhnlichkeit beider Konfessionen immer mehr
verfestigte. «Maximilian, Maximilian, ihr kennt nicht die
Folgen eures Tuns», soll Herzog Philipp Ludwig von Pfalz-
Neuburg geklagt haben, als er von der Besetzung
Donauwörths durch bayerisches Militär erfuhr. [9]
Die Gründung von Union und Liga
Das bayerische Vorgehen in Donauwörth hat die einander
keineswegs wohlgesonnenen Protestantengruppen im Reich
aufgeschreckt. Die Unterdrückung des evangelischen
Bekenntnisses in der einstigen Reichsstadt war geeignet, die
immer wieder kursierende Behauptung zu bestätigen,
wonach es eine stillschweigende Übereinkunft der
Katholiken gab, den Protestantismus in Deutschland
zurückzudrängen und schließlich gänzlich auszurotten. Das
Ziel dieser Verschwörung sei, die religionspolitischen
Verhältnisse wiederherzustellen, wie es sie vor der
Reformation gegeben hatte. Solche
«Verschwörungstheorien» waren aufgekommen, als ein
zunehmend selbstbewusst auftretender politischer
Katholizismus unter Berufung auf eine bestimmte Auslegung
des Augsburger Religionsfriedens damit begann, die
Restitution aller nach 1552 säkularisierten Kirchengüter zu
fordern. Dadurch wurde der territoriale Besitz der meisten
protestantischen Herrschaftsgebiete in Frage gestellt. Eine
solche Restitutionspolitik hätte, konsequent durchgeführt,
die politische Landkarte des Reichs grundlegend verändert
und die Macht der protestantischen Fürsten erheblich
beschnitten. Man konnte bezweifeln, dass diese danach noch
in der Lage gewesen wären, einem entschlossen
auftretenden Katholizismus erfolgreich Widerstand zu
leisten. Die Restitutionsforderungen, so argumentierte die
protestantische Bewegungspartei, die einer solchen
Entwicklung nicht tatenlos zusehen wollte, seien Teil des
großen jesuitischen Plans, den Protestantismus im Reich
auszulöschen – und Donauwörth stehe für den Anfang davon.
Mit dem Schlag gegen Donauwörth habe der große
Endkampf zwischen den «Kindern des Lichts» und den
«Kindern der Finsternis» begonnen. Ein Konflikt, bei dem es
zunächst nur um das offene Tragen von Prozessionsfahnen
gegangen war, wurde schon bald danach in apokalyptischen
Bildern beschrieben.
Verschwörungstheorien haben die fatale Eigenschaft, dass
sie unabhängig voneinander eingetretene Ereignisse,
politische Projekte Einzelner und gelegentliche Äußerungen
von Personen, die dem engeren Machtzirkel zugerechnet
werden, in einen Zusammenhang bringen; mit einem Mal
sind Dinge klar, die bislang unklar waren, und was zuvor
unverbunden nebeneinandergestanden hat, erweist sich aus
solch einer Perspektive als Element eines großen Vorhabens.
Derartige Erklärungen entwickeln ihre eigene Suggestivität,
wie sich auch an der innerprotestantischen Debatte über die
Absichten der katholischen Seite beobachten lässt: Der
wiedererstarkte Katholizismus, so war aus Heidelberg, dem
politischen Zentrum der Reformierten, zu hören, hole
nunmehr zum entscheidenden Schlag gegen den
Protestantismus aus, und auf diesen Schlag müsse man
vorbereitet sein. Das aber hieß: Bündnisse schmieden, um
geschlossen handeln zu können und sich nicht
gegeneinander ausspielen zu lassen. Am besten sei es, dem
Schlag der katholischen Seite zuvorzukommen und
seinerseits zuzuschlagen, solange die Gegenseite nicht damit
rechnete. Christian von Anhalt-Bernburg, seit 1595
Statthalter in der Oberpfalz und strategischer Kopf der
kurpfälzischen Politik, war von dem Gedanken umgetrieben,
dass es, wenn man noch länger zuwarte und zaudere, schon
bald zu spät sein werde, um der katholischen Seite noch
effektiven Widerstand entgegenzusetzen. Christian zog mit
solchen Überlegungen eine Reihe brillanter Köpfe an –
neben Ludwig Camerarius sind die Brüder Christoph und
Achatius von Dohna sowie Vollrad von Plessen und Hippolyt
von Colli zu nennen –, die diese Sichtweise teilten: Der große
Glaubenskrieg zwischen Katholiken und Protestanten sei
unvermeidlich, [1] und deswegen könne man nichts Besseres
tun, als diesen Krieg politisch vorzubereiten.
Christian und seine Anhänger waren unentwegt damit
beschäftigt, protestantische Bündnisse zu entwerfen, um der
von den beiden Linien der Habsburger sowie Papst und
Jesuiten vorangetriebenen «Verschwörung» entgegentreten
zu können. Sie entwickelten über mehr als ein Jahrzehnt
rege diplomatische Aktivitäten, und dabei variierte
eigentlich nur die Reichweite der Bündnisprojekte, die sie
verfolgten. Die Niederlande waren darin immer
eingeschlossen, was schon aufgrund der personellen
Verbindungen zwischen der Kurpfalz und dem Haus Nassau-
Oranien nahelag. Den Oraniern oblag die militärische
Führung im Krieg der Niederlande gegen Spanien, und in
ihrem Heer dienten auch zahlreiche pfälzische Offiziere.
Neben der kurpfälzisch-niederländischen Achse als Zentrum
aller Bündnisprojekte spielte im einen Fall der französische
König Heinrich IV. eine besondere Rolle, im anderen der
englische König Jakob I., dem die politische Führung des
internationalen Protestantismus zugetraut wurde, und fast
immer waren die Mächte des Nordens, Dänemark und
Schweden, in den antikatholisch-antihabsburgischen
Bündnisplänen der Heidelberger mit von der Partie. [2] Die
auf katholischer Seite virulente Vorstellung einer mächtigen
«protestantischen Internationalen» war zwar ebenfalls eine
Verschwörungstheorie, die Disparates zu einem großen
Ganzen ordnete; sie hatte in den kurpfälzischen
Bündnisprojekten wenigstens so etwas wie einen politisch
identifizierbaren Kern.
Die meisten dieser Bündnisprojekte waren typische
Intellektuellenprodukte: Sie orientierten sich an den
politischen Idealperspektiven der ins Auge gefassten
Mächte, schenkten deren tatsächlicher Politik, den
konkreten Verhältnissen des Landes, seinen internationalen
Interessen und Verwicklungen sowie den Neigungen und
Fähigkeiten der Personen, die es beherrschten, jedoch nur
wenig Beachtung. Der vorsichtige und zögerliche Jakob I.
dachte nicht daran, «sich an die Spitze eines internationalen
protestantischen Bündnisses zu stellen», und dem
französischen König Heinrich IV. ging es zunächst darum,
einen «neuen Glaubenskrieg in Europa» zu verhindern, «der
den schwer errungenen und mühsam bewahrten inneren
Frieden Frankreichs gefährden würde». [3] Dänemark und
Schweden wiederum konkurrierten miteinander um die
Hegemonie im Ostseeraum, und es war unwahrscheinlich,
dass sie, obwohl beide dem Luthertum verpflichtet,
gemeinsam in ein antikatholisches Bündnis eintreten
würden; [4] dafür war das gegenseitige Misstrauen zu groß.
Derlei schnöde Interessenpolitik spielte in den Entwürfen
der reformierten Intellektuellen jedoch eine allenfalls
nachrangige Rolle; ihr Blick war ganz auf die große
Auseinandersetzung gerichtet, in der sich das Überleben des
wahren Glaubens und damit das Seelenheil der Menschen
entscheiden würde.
Was die operative Politik in dem Jahrzehnt vor
Kriegsbeginn und während der ersten Jahre des Krieges
anbetrifft, so erwiesen sich die Heidelberger
Bündnisprojekte als Hirngespinste, und wer sich auf sie
verließ, endete in einer politischen Katastrophe – wie sich
das dann auch am Schicksal des Kurfürsten Friedrich V.
zeigen sollte. Überblickt man indes den Krieg in seiner
ganzen Länge, so wird in den Bündnisprojekten eine geniale
Antizipation langfristiger Interessen und Gegensätze
erkennbar, denn alle von den reformierten Intellektuellen
auf antihabsburgischer Seite als Partner ins Kalkül
gezogenen Länder traten irgendwann in ihn ein. Sie taten
das freilich nacheinander und immer erst dann, wenn eine
zuvor in den Krieg eingetretene antikatholische oder
antihabsburgische Macht auf die Verliererstraße geraten
war. Dementsprechend agierten diese Mächte niemals als
einheitlicher Block, wie das die kurpfälzischen
Projektemacher vorgesehen hatten. Hätten sie so agiert, wie
man sich das in Heidelberg und Amberg vorgestellt hatte,
dann hätte der Krieg wohl einen anderen Verlauf
genommen: Er hätte deutlich kürzer gedauert, und die
habsburgische Macht wäre stark zurückgedrängt, wenn
nicht vernichtet worden. Danach aber wäre diese Koalition
auch wieder zerfallen, und die unterschiedlichen Interessen
der für geraume Zeit verbündeten Länder wären wieder in
aller Schärfe hervorgetreten. Der Protestantismus war eine
wertepolitische Klammer, mit der die Interessengegensätze
für einige Zeit hintangestellt, aber nicht zum Verschwinden
gebracht werden konnten. Die Heidelberger Projekte waren
analytisch genial, aber realpolitisch naiv. So wurden sie zum
europäischen Verhängnis.
Eines der großen Probleme, mit denen die kurpfälzische
Politik zu kämpfen hatte, war die notorische Distanz
Kursachsens gegenüber der für die Heidelberger
elementaren Annahme, der Krieg sei unvermeidlich. In
Dresden war man der Überzeugung, mit etwas gutem Willen
und entsprechender Kompromissbereitschaft lasse sich der
Frieden im Reich bewahren. Grundlage dieser Politik der
Friedenswahrung war für Kursachsen die Orientierung am
Augsburger Religionsfrieden, und auch wenn dieser von
Katholiken und Protestanten immer wieder unterschiedlich
ausgelegt wurde – in Anbetracht der Formelkompromisse
und der vielen Zusatzvereinbarungen kaum verwunderlich –,
so gab es doch keinen Grund anzunehmen, dass man in
strittigen Fragen nicht zu einem für beide Seiten
akzeptablen Ausgleich kommen könne. Das war eine Sicht,
die sich im Großen und Ganzen nicht von der Kardinal Klesls
unterschied, aber in einem grundlegenden Gegensatz zu der
stand, die in Heidelberg vorherrschte – insofern stand die
kursächsische Politik vor dem Krieg und noch in dessen
erstem Jahrzehnt dem katholischen Kaiser näher als den
protestantischen Glaubensbrüdern in Heidelberg, den
«Calvinern», wie man sie in Dresden nannte, denen
gegenüber man eine tiefe Abneigung pflegte. [5]
Wenn schon in Deutschland keine geschlossene Front des
Protestantismus herzustellen war, so einer der Einwände
gegen die kurpfälzische Politik, wie sollte das dann im
internationalen Rahmen möglich sein? Gerade wegen der
Uneinigkeit in Deutschland, so die Antwort der
Heidelberger, müsse man auf internationale Bündnisse
setzen, denn nur auf diese Weise lasse sich die politische
Schwäche des deutschen Protestantismus ausgleichen, die
auf die katholische Seite wie eine Einladung zum Angriff
wirken müsse; dies ließe sich schon an den zunehmenden
Restitutionsforderungen erkennen. Damit wurde eine
weitere Trennlinie innerhalb des deutschen Protestantismus
sichtbar: In Kursachsen, das sich als Hüter und Oberhaupt
des orthodoxen Luthertums sah, nahm man die politischen
Konflikte als Herausforderungen im Kontext des Reichs
wahr – man könnte mit einem anachronistischen
Zungenschlag auch von einer nationalen Perspektive
sprechen [6] – und fürchtete, dass die Internationalisierung
der Glaubensspaltung die mit ihr verbundenen politischen
Probleme endgültig unlösbar machen werde. In Heidelberg
sah man die Dinge dagegen genau umgekehrt: Hier war man
der Überzeugung, dass der Protestantismus in Deutschland
nur durch die Internationalisierung des Konflikts überleben
könne.
In dieser gegensätzlichen Beurteilung der politischen Lage
kamen zu Beginn des 17. Jahrhunderts die jeweiligen
Entstehungsbedingungen der beiden Zweige des
Protestantismus zum Vorschein: die politischen und sozialen
Faktoren sowie die unterschiedlichen theologischen
Grundausrichtungen Luthers und Calvins. Martin Luther
hatte in den kämpferischen Schriften der 1520er Jahre die
Reformation des Glaubens eng mit den Gravamina der
Deutschen Nation gegenüber der römischen Kurie
verbunden. [7] Der Adressat von Luthers Schriften waren
«die Deutschen». Dadurch hatte er zahlreiche Humanisten
zu Parteigängern der Reformation gemacht, hatte
politischen Rückhalt bei einigen Landesherren gefunden und
die Sympathien breiter Kreise der Bevölkerung für sich
mobilisiert. Das war bei dem Flüchtling Jean Calvin anders,
der, aus seiner französischen Heimat vertrieben, von Genf
aus eine über viele Länder verstreute Anhängerschaft zu
organisieren hatte. Von daher lag bei den lutherischen
Kursachsen eine «nationale» Wahrnehmung der politischen
Konstellationen nahe, während die Heidelberger
Reformierten von vornherein gewohnt waren, in
internationalen Zusammenhängen zu denken und
bedrohlichen Entwicklungen in diesem Kontext zu begegnen.
Dementsprechend betrachteten sie die Jesuiten als
Speerspitze der Gegenreformation und als ihre
Hauptgegner; die Lutheraner dagegen nahmen die von den
Jesuiten ausgehende Herausforderung lange Zeit nicht
sonderlich ernst. Was für die Reformierten in Heidelberg ein
internationales Netzwerk war, das einen beherrschenden
Einfluss auf die Politik der katholischen Fürsten erlangt
hatte, war für die Dresdner Lutheraner bloß ein neuer
Orden, der in den katholischen Teilen Deutschlands einige
Universitäten und Konvikte übernommen beziehungsweise
gegründet hatte. Diese Sichtweise bewegte sich innerhalb
der Vorgaben des Augsburger Religionsfriedens und
berührte nicht den Status quo. Also gab es auch keinen
Grund, die reichskonservative Politik zu überprüfen oder gar
in Frage zu stellen.
Ein weiterer Unterschied zwischen Lutheranern und
Calvinisten in der Wahrnehmung politischer
Herausforderungen resultierte aus der Luther’schen
Obrigkeitslehre sowie der Calvin’schen Auffassung von der
Prädestination. Luther hatte unter Rekurs auf Römer 13
immer wieder betont, dass jeder Christ der Obrigkeit
Gehorsam schuldig sei, denn diese sei von Gott als «Amt»,
als Institution, eingesetzt und diene dazu, der Bosheit in der
Welt zu wehren. Ohne Gehorsam gegenüber der Obrigkeit
werde jede Gesellschaft im Chaos der Gewalttätigkeit
versinken. Das stellte sich für Calvinisten, die nicht, wie
Luther, auf den Rückhalt des Landesherrn zählen konnten,
sondern heftigen Verfolgungen ausgesetzt waren, gänzlich
anders dar; unter dem Eindruck einer sie bekämpfenden
Obrigkeit entwickelten sie monarchomachische Theorien, in
denen Widerstand gegen die Obrigkeit gerechtfertigt,
mitunter sogar gefordert wurde. [8] Für Kursachsen war der
Kaiser eine dem Landesherrn übergeordnete Obrigkeit, und
der war man Gehorsam schuldig, wie der Dresdner
Oberhofprediger Matthias Hoë von Hoënegg seinem Herrn,
Kurfürst Johann Georg, immer wieder versicherte. In
Heidelberg dagegen sah man im Kaiser und seinen
Verbündeten eine Obrigkeit, gegen die jede Form von
Widerstand gerechtfertigt war.
Neben diesen Differenzen in der «politischen Theologie»
spielten bei der unterschiedlichen Lagebeurteilung in
Heidelberg und Dresden auch genuin theologische Fragen
eine Rolle: In Luthers Theologie kam der Vorstellung von der
Gnade Gottes eine zentrale Bedeutung zu, und auf diese
Gnade musste der Christ vertrauen; im Zentrum der
Calvin’schen Theologie stand dagegen der Gedanke einer
doppelten Prädestination, durch die im Leben eines
Menschen von Anfang an festgelegt war, ob er zu den
Erlösten oder zu den Verdammten gehörte. Es war also
naheliegend, dass man in Heidelberg von der
Unvermeidlichkeit eines großen Krieges zwischen
Katholiken und Protestanten überzeugt war, wobei freilich
nur die Auserwählten zu erkennen vermochten, worauf die
Entwicklung hinauslief. Dass die Lutheraner Einwände
gegen diese Sicht hatten, zeigte – aus calvinistischer
Perspektive – nur, dass sie nicht zu den Erwählten zählten.
Für die reformierte Aktionspartei war der große Konflikt
determiniert. Dagegen setzte man in Dresden darauf, dass
Gott, wenn er nur wolle, die Dinge jederzeit zum Guten
wenden und den Frieden erhalten könne, und dabei dürfe
ihm die Politik nicht durch fehlendes Vertrauen in seine Güte
und Gnade im Wege stehen.

Die Folgen der bayerisch-katholischen Aneignung


Donauwörths für das politische Selbstverständnis der
Protestanten – und insbesondere das kurpfälzisch-
kursächsische Verhältnis – zeigten sich auf dem am
12. Januar 1608 in Regensburg eröffneten Reichstag. [9]
Kaiser Rudolf hatte die Versammlung der Reichsstände vor
allem deswegen einberufen, damit sie die Finanzmittel für
die Aufstellung eines Heeres von 24000 Mann über einen
Zeitraum von mehreren Jahren bewilligten; mit diesen
Truppen wollte der Kaiser Stefan Bocskay, dem Fürsten von
Siebenbürgen, entgegentreten, der nach Ungarn eingefallen
war und dem sich zahlreiche mit der habsburgischen
Herrschaft unzufriedene ungarische Adlige angeschlossen
hatten. Außerdem sollte das Heer die Festungen Gran, Erlau
und Kaniza von den Türken zurückerobern, was darauf
hinauslief, dass der gerade erst geschlossene
Friedensvertrag von Zsitva-Torok aufgehoben wurde. Die
Mehrheit der Reichsstände, und zwar die katholischen wie
die protestantischen, war jedoch wenig geneigt, die dafür
benötigten Finanzmittel zu bewilligen, schon gar nicht über
einen so langen Zeitraum und für eine so große Streitmacht.
Wäre der Reichstag störungsfrei verlaufen, so hätte der
Kaiser wohl Mittel für ein kleines Heer über eine knapp
bemessene Zeit erhalten, um die Ordnung in Ungarn
wiederherzustellen.
Aber nach dem bayerischen Auftreten gegen Donauwörth
war dies kein normaler Reichstag. Die protestantische Seite
war vor allem darauf bedacht, sich künftig gegen Übergriffe
seitens der Katholiken abzusichern. Die Erregung bei den
Protestanten war so groß, dass selbst Kursachsen und die
seiner Politik folgenden Länder zu der von den Pfälzern
einberufenen Versammlung erschienen, auf der das
gemeinsame Auftreten der protestantischen Seite
abgestimmt werden sollte. Zu einer solchen Geschlossenheit
hatte die evangelische Seite sich seit mehr als einem
Jahrzehnt nicht mehr durchringen können. Und mehr noch:
die Kursachsen schlossen sich dieses Mal der von der
Kurpfalz seit langem verfolgten Linie an, die Bewilligung der
Türkensteuer vom Entgegenkommen des Kaisers und der
katholischen Reichsstände bei den protestantischen
Ansprüchen auf Garantie der Religionsfreiheit abhängig zu
machen. Unter dem Eindruck der Ereignisse in Donauwörth
sollte der Augsburger Religionsfrieden im
Reichstagsabschied förmlich bestätigt und Angriffe auf seine
Geltung, gleichgültig, ob in Büchern oder Predigten, unter
Strafe gestellt werden. Diese Forderung wurde am 6. und 7.
Februar 1608 der Versammlung vorgetragen.
Die gemäßigten Vertreter der katholischen Seite waren
unter Führung des Mainzer Erzbischofs Johann Schweikhard
von Kronberg bereit, dem protestantischen Antrag zu folgen.
Doch dann setzte sich in den Reihen der Katholiken die
Gruppe der Intransigenten unter dem bayerischen Herzog
Maximilian durch, die fürchtete, ein solches Zugeständnis
könne als Bestätigung der nach dem Stichjahr von 1552
erfolgten Säkularisierungen angesehen werden und die
Restitution des katholischen Besitzes ein für alle Mal
erledigen. Diese Position wurde durch Erzherzog Ferdinand
unterstützt, der den nicht nach Regensburg gekommenen
Kaiser Rudolf vertrat. So formulierte man einen Zusatz, der
die Rückgabe all dessen verlangte, was den Katholiken seit
1552 abgenommen worden sei. Die protestantische Seite
lehnte diesen Zusatz in aller Entschiedenheit ab, und als die
katholische Partei auf ihm bestand, erklärten die
Protestanten am 27. Februar, den Verhandlungen bis auf
weiteres fernzubleiben. Damit stand die Versammlung kurz
vor dem Scheitern. «Der Reichstag selber», so das Urteil des
Historikers Moriz Ritter, «hatte sich in einen Kongress
aufgelöst, in welchem die beiden Parteien wie selbständige
Mächte einander gegenüberstanden, zwischen denen keine
Mehrheitsentscheidung, sondern nur freiester Ausgleich
statthaft ist.» [10]
Diese Entwicklung lag keineswegs im Interesse der
katholischen Seite, und dementsprechend machte sie einen
Rückzieher, der im Wesentlichen auf die Beseitigung des von
ihr eingebrachten Zusatzes und die Bestätigung des
Religionsfriedens hinauslief. Aber man wollte sich nicht zur
Gänze geschlagen geben, zumal die Bedenken
fortbestanden, die zu dem Zusatz geführt hatten. Also fügte
man die Bemerkung an, die Zusätze beider Seiten sollten
übergangen werden, doch dürfe daraus keiner der beiden
Seiten ein Präjudiz erwachsen. Die Pfälzer lehnten diesen
revidierten Zusatz mit der Begründung ab, bei
Reichstagsverhandlungen seien solche Vorbehalte und
Erwähnungen gegensätzlicher Auffassungen unzulässig,
während die Kursachsen den nunmehrigen Zusatz
annehmbar fanden und ihm zustimmen wollten. Damit war
die Einmütigkeit der Protestanten bereits beendet, und
erneut standen sich die von der Pfalz angeführte radikale
Aktionspartei und die von Sachsen dominierte konservative
Gruppierung gegenüber.
Die Pfälzer bekräftigten noch einmal ihre Position und
beschlossen, zusammen mit ihrer Anhängerschaft den
Reichstag zu verlassen. Neben der Kurpfalz waren dies die
Gesandten von Pfalz-Zweibrücken, Braunschweig-
Wolfenbüttel, Brandenburg-Ansbach, Kurbrandenburg,
Baden-Durlach, Hessen-Kassel, Anhalt und die Wetterauer
Grafen. In Regensburg blieben neben Kursachsen die
Gesandten von Pfalz-Neuburg, Pommern, Lüneburg und
Hessen-Darmstadt sowie die Vertreter der Reichsstädte. Die
Spaltung der deutschen Protestanten trat damit erneut in
aller Deutlichkeit zutage. Immerhin waren Sachsen und die
ihm folgenden Parteien nicht bereit, zusammen mit den
katholischen Ständen den Reichstag fortzusetzen und die
gewünschten Beschlüsse zu fassen. Infolgedessen gingen die
Stände ohne Reichstagsabschied auseinander. Der Reichstag
war gesprengt, und damit war die letzte bis dahin noch
arbeitsfähige Institution des Reichs lahmgelegt. Am 3. Mai
1608 löste Erzherzog Ferdinand den Reichstag offiziell auf.
Als man zwischen August und Oktober 1613 in Regensburg
erneut zu einem Reichstag zusammenkam, wiederholten sich
die Abläufe, ja mehr noch: Die auf Konfrontation setzenden
Parteien hatten an Stärke gewonnen, und die auf Ausgleich
bedachte Mittelpartei war zusammengeschrumpft. Jetzt
freilich setzte die katholische Seite auf das Majoritätsprinzip
und stimmte am 22. Oktober 1613 für einen
Reichstagsabschied, der von der protestantischen
Minderheit umgehend verworfen wurde. «Die Krise war da,
das Reich brach auseinander, wie es sich 1608 schon
abgezeichnet hatte.» [11] Der nächste Reichstag sollte knapp
dreißig Jahre später stattfinden, von September 1640 bis
Oktober 1641, also in der Schlussphase des Krieges und
unter völlig veränderten Bedingungen.
Mit der Lahmlegung des Reichstags im Frühjahr 1608 war
das Erfordernis alternativer Kooperationsstrukturen nicht
länger von der Hand zu weisen. Als Erste reagierte die
kurpfälzische Politik: Sie strebte ein Bündnis der
protestantischen Mächte an, in dem die Spaltung zwischen
Lutheranern und Calvinisten keine Rolle spielen sollte, das
also eine breitere Basis hatte, als dies bei einer Koalition
ausschließlich der Reformierten der Fall war. Die Pfälzer
vollzogen damit eine strategische Wende, weg von den
internationalen Bündnisprojekten, die sie bis dahin
favorisiert hatten, hin zu einem nur aus Reichsständen
bestehenden Bündnis, und dieses Bündnis sollte im
Unterschied zu den bisher verfolgten Projekten keinen
Offensiv-, sondern Defensivcharakter haben. Es ging nicht
länger um die Revision des Augsburger Religionsfriedens, in
den die Calvinisten ja nicht eingeschlossen waren, sondern
um dessen Verteidigung, wie man sie bereits in der auf dem
Regensburger Reichstag eingebrachten Beschlussvorlage
formuliert hatte. Damit betrieb man eine sehr viel
wirklichkeitsnähere Politik als zuvor. Die kurpfälzische
Politik wechselte aus dem Bereich der utopischen
Projektemacherei auf das Feld der Realpolitik hinüber.

Am 12. Mai 1608 (nach dem julianischen Kalender, dem die


Vertragschließenden folgten, war es freilich erst der 2. Mai),
also knapp zwei Wochen nach Schließung des Reichstags in
Regensburg, trafen sich reformierte und lutherische Fürsten
im säkularisierten Kloster Auhausen nahe Nördlingen, um
die Protestantische Union zu bilden, ein auf zehn Jahre
abgeschlossenes Bündnis, in dem sich die Mitglieder für den
Fall eines Angriffs von außen zu gegenseitiger Hilfe
verpflichteten. [12] In der Präambel des Vertrags wurde auf
den 1495 vom Wormser Reichstag verkündeten Allgemeinen
Landfrieden und die zu seiner Bewahrung im Jahre 1555
festgelegte Exekutionsordnung mit den dafür
verantwortlichen Reichskreisen Bezug genommen, sogleich
aber betont, dass beides in jüngster Zeit durch
«beschwerlichen mißverstanndt» in Zweifel gezogen und
durch «feindtliche und thetliche handtlungen uberschrieten
und in mehr weeg frefenlichen darwieder gehandelt»
worden sei. [13] Das protestantische Sonderbündnis
legitimierte sich also mit dem Anspruch, die bestehende
Ordnung des Reichs erhalten und verteidigen zu wollen. Das
war ein geschickter Schachzug, der auf die
reichskonservativen Lutheraner abzielte und Distanz hielt zu
der bislang von den Pfälzern betriebenen Revisionspolitik.
Ausdrücklich wurde versichert, dass man dem Kaiser den
gebührenden Gehorsam erweise, den Reichsständen in guter
Nachbarschaft zugetan sei und der Verfassung des Reichs
keinerlei Abbruch tun wolle, sondern das Bündnis «vielmehr
zu besterckung derselben und beßeren erhaltung friedes
und einigkeit im Reich» geschlossen habe und «alß liebhaber
und gehorsame Stendte des Reichs Teütscher nation unsers
geliebten Vatterlandts» handele. [14] Die auf diese Präambel
folgenden achtzehn Artikel des Vertrags legen dann
detailliert die Führung des Bündnisses, die gegenseitigen
Verpflichtungen sowie den Umgang mit Beute und
Gefangenen fest. Hier ging es um die Konditionen von
Koalitionskriegführung. Der Vertrag von Auhausen war nicht
nur eine politische Deklaration oder Absichtserklärung; er
schuf die Voraussetzungen für eine operative Politik, mit der
die Unterzeichner sich hinfort gegen eine Wiederholung der
Ereignisse von Donauwörth zur Wehr setzen wollten.
Entgegen den Bekundungen der Präambel veränderte das
sehr wohl die Verfassungswirklichkeit im Reich.
Es kann also nicht verwundern, dass das reichs- und
verfassungskonservative Kursachsen den Auhausener
Vertrag nicht unterschrieb und der Union nicht beitrat. Aber
es folgten nicht länger alle dem Luthertum anhängenden
Fürsten der kursächsischen Linie, sondern Herzog Johann
Friedrich von Württemberg, Herzog Philipp Ludwig von
Pfalz-Neuburg und Markgraf Georg Friedrich von Baden-
Durlach, allesamt strenge Lutheraner, waren in Auhausen
dabei und unterschrieben am 14. Mai den Vertrag im
Kapitelsaal des einstigen Klosters – einem Ort somit, dem
symbolische wie programmatische Bedeutung zukam. Außer
ihnen unterzeichneten Fürst Christian von Anhalt-Bernburg
für die Kurpfalz, Markgraf Christian von Brandenburg-
Bayreuth sowie Markgraf Joachim Ernst von Brandenburg-
Ansbach. Einige Zeit später traten dann noch Kurfürst
Johann Sigismund von Brandenburg, Landgraf Moritz von
Hessen-Kassel, Gottfried Graf zu Oettingen sowie die
Reichsstädte Nürnberg, Straßburg und Ulm dem
protestantischen Schutz- und Trutzbündnis bei. Vor allem
der Beitritt der traditionell reichsfreundlichen Städte zeigte
die tiefgreifende Veränderung, die sich zwischenzeitlich
vollzogen hatte: Kursachsen war nicht länger der dominante
Anführer des deutschen Protestantismus, und die Kurpfalz
war nicht mehr bloß ein Sammelpunkt der notorisch
Unzufriedenen; nunmehr befand sich Sachsen in der
Außenseiterposition, und die politische Führung des
deutschen Protestantismus war von Dresden nach
Heidelberg übergewechselt. Das war für die kurpfälzische
Politik ein großer Erfolg, aber zugleich war es auch eine
große Bürde: Von nun an kam es nämlich nicht mehr darauf
an, in politischen Fragen entschlossen vorzupreschen,
sondern die in der Union Verbündeten zusammenzuhalten
und eine Politik zu verfolgen, die von allen mitgetragen
werden konnte.
Die Aufgabe, den Zusammenhalt der Union zu sichern und
sie gleichzeitig als eine politisch handlungsfähige Größe im
Reich zu positionieren, lag bei dem durch den
Bündnisvertrag eingerichteten Direktorium, das der Kurpfalz
übertragen wurde. Realiter lag es damit bei Christian von
Anhalt-Bernburg, dem in Amberg residierenden Statthalter
der Oberpfalz, der seit mehr als einem Jahrzehnt die
kurpfälzische Politik bestimmte, da Kurfürst Friedrich IV.
infolge von Trunksucht und daraus resultierender
körperlicher Schwäche dazu nicht in der Lage war. Als
Friedrich IV. im Herbst 1610 starb, übernahm sein erst
vierzehnjähriger Sohn Friedrich V. die Herrschaft in der
Pfalz. Er stand zunächst unter der Vormundschaft des
Herzogs Johann II. von Pfalz-Zweibrücken, geriet aber
schnell unter den Einfluss Christian von Anhalts, der für sein
politisches Schicksal entscheidend werden sollte. War
Friedrich IV. physisch und psychisch nicht in der Lage, die
kurpfälzische Politik zu leiten, so war Friedrich V. dazu
wenig motiviert: Er lebte – jedenfalls bis 1618 – weitgehend
«unbekümmert in den Tag hinein, überzeugt, Gott habe ihm
sein Amt verliehen, er sei auserwählt»; darum werde alles,
was er in die Hand nehme, schon gutgehen. [15] Indes – alles,
was Friedrich in die Hand bekam, war von Christian von
Anhalt vorsortiert und ausgesucht, eingeschlossen Elisabeth
Stuart, die Tochter des englischen Königs Jakob I., die
Christian im Zusammenhang mit seinen großangelegten
bündnispolitischen Projekten für den pfälzischen Kurfürsten
ausgewählt und die Friedrich am 24. Februar 1613 in
London geheiratet hatte. Elisabeth, mit der Friedrich eine
offenbar glückliche Ehe führte, sollte in den ersten Jahren
des Krieges für dessen Verlauf eine fast ebenso wichtige
Rolle spielen wie der Kurfürst selbst. Zunächst aber gab
Christian von Anhalt politisch den Ton an.
Im Allgemeinen wird Friedrich V. als ein Opfer der unverantwortlichen Politik
seiner Räte dargestellt, die ihn in das «böhmische Abenteuer» hineinmanövriert
haben. In einer Mischung aus politischer Sorglosigkeit, calvinistischem Vertrauen
in die eigene Gottesauserwähltheit und dem Bestreben, seiner attraktiven
Gemahlin Elisabeth Stuart eine repräsentativere Residenzstadt als Heidelberg zu
bieten, hat er sich auf das von seinen Räten forcierte Projekt zur Annahme der
böhmischen Krone eingelassen – und ist nach einjähriger Herrschaft wieder aus
Böhmen vertrieben worden.

Man hat Christian von Anhalt als den «Agitator des


europäischen Umsturzes» bezeichnet, den eigentlich
Verantwortlichen für den Dreißigjährigen Krieg. Jedenfalls
handelte es sich bei ihm um einen hochgradig ideologisch
ausgerichteten Politiker, der die politischen Konstellationen
wesentlich nach der Unterscheidung von Freund und Feind
beurteilte und unausgesetzt mit dem Schmieden
antihabsburgisch-antikatholischer Koalitionen beschäftigt
war. [16] Der 1568 geborene Christian war in einem
lutheranischen Elternhaus aufgewachsen, in dem man
Melanchthons Theologie gegenüber einem orthodoxen
Luthertum, den sogenannten Gnesiolutheranern, bevorzugte.
1592 bekannte Christian sich offen zum Calvinismus und
folgte damit einem Weg, den viele Anhänger Melanchthons
einschlugen, um sich von einer zunehmend
selbstzufriedenen und behäbig gewordenen lutheranischen
Orthodoxie abzusetzen. Christian war ungewöhnlich
sprachbegabt und hatte eine überaus gewinnende Art im
Umgang mit Menschen. Schon früh entfloh er der Enge des
anhaltinischen Hofes mit den beiden Residenzen Dessau und
Bernburg; er reiste nach Dresden, Prag und Wien, beteiligte
sich an einer Gesandtschaft zum türkischen Sultan nach
Konstantinopel und unternahm schließlich die für junge
Adlige obligate Italienreise. 1591 war er Führer eines
Hilfskorps, das die deutschen Protestanten zur
Unterstützung des Hugenottenführers Heinrich von Navarra
geworben hatten, und im Jahr darauf kommandierte er ein
protestantisches Heer in der Straßburger Bischofsfehde.
Christian verfügte somit, als er 1594 Statthalter in der
Oberpfalz wurde, über militärische Erfahrungen und
internationale Kontakte, und vor allem hatte er gute
Beziehungen zu Heinrich IV., dem früheren
Hugenottenführer, der nach seiner Konversion zum
Katholizismus («Paris ist eine Messe wert») französischer
König geworden war. Im Prinzip hätte sich die relativ kleine
Kurpfalz, deren Reputation im Reich größer war als ihre
Ressourcen, [17] keinen erfahreneren Mann wünschen
können. Aber Christian neigte dazu, seine eigenen
Fähigkeiten, zunächst die des Diplomaten, später auch die
des Feldherrn, zu überschätzen, und besonders überschätzte
er das Gewicht der Pfalz in dem politischen Spiel, auf das er
sich eingelassen hatte.
Die protestantische Union, an deren Zustandekommen
Christian maßgeblichen Anteil hatte, war als Bündnis für
eine riskante Politik ungeeignet, was sich auch in ihrer
strukturell defensiven Ausrichtung zeigte. Sie war
entstanden, weil nach der Affäre von Donauwörth auch die
lutherischen Landesherrn Süddeutschlands sowie die
süddeutschen Reichsstädte eine ausgreifende
Restitutionspolitik der katholischen Seite fürchteten, und
Kurbrandenburg stieß zur Union, weil es sich bei der
Verfolgung seiner Erbansprüche am Niederrhein, von denen
noch die Rede sein wird, deren politisch-militärischen
Rückhalt sichern wollte. Die Interessen der in der Union
Verbündeten waren somit überaus heterogen, und schon
deswegen erforderte deren Führung großes politisches
Geschick, viel Geduld und immer wieder Zurückhaltung bei
Möglichkeiten, die eine auf Risiko hin angelegte Politik
nutzen würde. Für eine von Geduld und Zurückhaltung
gekennzeichnete Politik aber war Christian nicht der richtige
Mann.
Der große Erfolg, den die Pfälzer mit der Bildung eines
auch Lutheraner einschließenden Bündnisses erzielt hatten,
der Übergang von der Projektemacherei zur Realpolitik,
legte nahe, dass sich Christian und die Intellektuellen in
seiner Umgebung von den internationalen
Koalitionsprojekten verabschiedeten und sich auf die
Konstellationen im Reich konzentrierten. Darauf aber wollte
sich Christian nicht beschränken; für ihn war die Union erst
der Anfang eines großen Systems protestantischer
Bündnisse, ein wichtiges Glied darin, aber auch nicht mehr.
Damit verschätzte er sich jedoch im Charakter der Union,
schwächte sie letzten Endes und machte das Schwert, das er
für den Kampf geschmiedet hatte, wieder stumpf. Das
begann mit dem Bündnis, das die Kurpfalz 1612 mit dem
englischen König Jakob I. schloss und zu dessen Besiegelung
die Ehe zwischen Friedrich und Elisabeth angebahnt wurde.
Dieses Bündnis, das die Risikobereitschaft der pfälzischen
Politik nur noch bestärkte, beruhte auf einer doppelten
Fehleinschätzung: Jakob überschätzte die innere Festigkeit
und Handlungsfähigkeit der Union, und die Pfälzer
wiederum überschätzten die Bereitschaft des englischen
Königs, sich in die Konflikte des Kontinents verstricken zu
lassen. [18] In der Folge überschätzten die Pfälzer ihr
politisches Gewicht, und gleichzeitig vermochten sie die
politischen Möglichkeiten, die ihnen die Union bot, nicht zu
nutzen.

Auch die katholische Seite war nicht untätig geblieben:


Unter Führung Herzog Maximilians von Bayern wurde am
10. Juli 1609 in München die Liga als Pendant zur Union
gegründet; neben Bayern gehörten ihr vor allem
süddeutsche Prälaten an, die sich durch das Bündnis der
Protestanten bedroht fühlten. Es waren dies der
Fürstbischof von Würzburg, die Bischöfe von Konstanz,
Augsburg, Passau und Regensburg, der Propst von
Ellwangen und der Fürstabt von Kempten. Schon ein Jahr
später traten die Erzbistümer am Rhein der Liga bei,
Kurmainz, Kurtrier und Kurköln, und bald danach erlangten
auch die habsburgischen Erzherzöge Maximilian, Regent von
Tirol, und Ferdinand, Herr über die Steiermark, sowie der
burgundische Reichskreis Aufnahme. Damit konnte es die
Liga ohne weiteres mit der Union aufnehmen, zumal ihre
finanzielle Ausstattung eine sehr viel solidere Grundlage
hatte als die der Union. Außerdem stand mit Herzog
Maximilian ein umsichtiger und sehr viel realistischerer
Politiker an ihrer Spitze, als das mit Friedrich V. und
Christian von Anhalt bei der Union der Fall war. Freilich
hatte auch die Liga das Problem, das der Union so sehr zu
schaffen machte, nämlich die recht unterschiedliche
Interessenlage ihrer Mitglieder, die einer entschiedenen
Politik des Bündnisses ein ums andere Mal im Wege stand.
Maximilian hat den Beitritt der beiden habsburgischen
Erzherzöge nicht als Stärkung, sondern als Lähmung der
Liga begriffen. Er hat das Bündnis darum zeitweilig
verlassen, um es 1619, ganz im Sinne seiner eigenen
Vorstellungen, zu reorganisieren. Diese Vorstellungen liefen
darauf hinaus, dass er die Politik des Bündnisses bestimmte
und es keinen gab, der ihn daran hindern konnte. Das
Ausscheiden der beiden Habsburger aus der Liga hat ihm
diese Möglichkeit verschafft. Von nun an war das
katholische Bündnis – auch – ein Instrument der bayerischen
Interessenpolitik.
In fast jeder Hinsicht war Maximilian das Gegenteil von
Friedrich V. und Christian von Anhalt. [19] Zwar wies auch
seine Politik religiös geprägte Züge auf, aber diese fanden
dort ihre Grenze, wo landesherrschaftliche Interessen
betroffen waren. Das zeigte sich im Kriegsverlauf immer
wieder, sowohl im Konflikt mit Wallenstein als auch in der
Auseinandersetzung mit Ferdinand II. und Tilly über die
Frage, ob die nach Norddeutschland vorgestoßenen Truppen
der Liga von Ostfriesland aus in die Niederlande einfallen
und die Generalstaaten im Verbund mit der im Süden
operierenden spanischen Flandernarmee in die Zange
nehmen sollten. Maximilian hat dieses, rein
militärstrategisch betrachtet, überaus attraktive Projekt
mehrfach verhindert: Erstens, weil er «seine» Truppen nicht
im Interesse Spaniens eingesetzt wissen wollte, und
zweitens, weil er eine «Internationalisierung» des Krieges
fürchtete, die der Verfolgung seiner Interessen nur
abträglich sein konnte. In der Literatur über Maximilian ist
darum immer wieder die Frage diskutiert worden, ob der
Bayernherzog tatsächlich ein so entschiedener Kämpfer für
die Wiederaufrichtung des Katholizismus in Deutschland
gewesen sei, wie er selbst dies dargestellt hat, oder ob es
nicht vielmehr die Direktiven der Staatsräson waren, welche
die Leitlinien seiner Politik bildeten.
Das Porträt zeigt Maximilian in der zweiten Hälfte des Krieges, als es ihm vor
allem darum ging, die herkömmlichen Kräfteverhältnisse im Reich zu bewahren. In
der ersten Kriegshälfte trat er dagegen als ein entschiedener Anhänger der
Gegenreformation auf, die er mit Hilfe der katholischen Liga politisch durchsetzen
wollte. Trotz seiner Bemühungen um den Sieg der katholischen Kirche in
Deutschland verlor Maximilian niemals seine spezifisch bayerischen Interessen
aus dem Auge.

Die Voraussetzungen für eine derart entschlossene und


kraftvolle Führung der katholischen Liga hatte Maximilian
nach seinem Regierungsantritt am 4. Februar 1598 selbst
geschaffen. Er übernahm von seinem Vater Herzog
Wilhelm V. ein Land, das sich ein Jahrzehnt lang notorisch
am Rande des Staatsbankrotts bewegt hatte. Wilhelm, der
eine große Leidenschaft für Prachtbauten hatte, musste
abdanken, weil niemand mehr bereit war, ihm Kredit zu
gewähren, und auch die Landstände angesichts des
ruinierten Staatshaushalts am Ende ihrer Geduld waren.
Maximilian war das genaue Gegenteil seines Vaters:
sparsam und finanzpolitisch versiert, auf die
Rationalisierung der Verwaltung bedacht und von
ungeheurem Fleiß bei der Überwachung all dessen, was er
angeordnet hatte. In der Regel stand er morgens gegen vier
Uhr auf, um Dokumente und Briefe durchzuarbeiten sowie
die Berichte seiner Administratoren zu studieren. Maximilian
war eine jener frühabsolutistischen Persönlichkeiten, die
sich vom Staatsinteresse leiten ließen und den Staat nicht
als Mittel ihrer Selbstdarstellung nutzten. Bei der
Entwicklung dieser strengen Selbstdisziplin dürfte ihm
zugutegekommen sein, dass er von Jesuiten erzogen und
ausgebildet worden war, zunächst in München, dann an der
Universität Ingolstadt, wo Erzherzog Ferdinand, der spätere
Kaiser, sein Kommilitone war. Jedenfalls schaffte es
Maximilian innerhalb weniger Jahre, die Defizite im
bayerischen Staatshaushalt zu beseitigen und stattdessen
einen Staatsschatz anzulegen, der ihm den gewünschten
politischen Spielraum gab: gegenüber den anderen
mittelstarken Mächten im Reich, gegenüber der
protestantischen Union, gegenüber dem Kaiser, aber auch
gegenüber den eigenen Landständen, die ihm während
seiner langen Regierungszeit von 1598 bis 1651 niemals
Schwierigkeiten bereiteten. Sie vertrauten darauf, dass der
Herzog in seiner Finanz- und Kriegspolitik stets die
allgemeinen Interessen des Landes im Auge hatte, so dass
sie sich nicht als Repräsentanten des Gemeinwohls gegen
das fürstliche Eigeninteresse stellen mussten. Das waren
hervorragende Voraussetzungen für die Führung eines
Bündnisses.
Auch hatten die Bündnispartner der Liga größeres
Vertrauen zu ihrem Bundesobristen Maximilian als die
Unierten zu Christian von Anhalt. Die Liga hatte die deutlich
effizientere und autoritärere Bundesstruktur. [20] Deswegen
war sie in Krisen und Konflikten schneller reaktionsfähig,
und ihre letztlich unter bayerischem Kommando stehenden
Truppen waren sehr viel schlagkräftiger als das
zusammengestückelte Heer der Union. Da Maximilian bei
der Verfolgung seiner politischen Ziele keine anderen
Optionen hatte als die Liga, konzentrierte er sich ganz auf
sie und baute sie zu einem Instrument aus, mit dem er seine
Macht als bayerischer Herzog erweitern wollte. Das war
auch deswegen möglich, weil der Kaiser (zum Zeitpunkt der
Gründung noch Rudolf II., danach Matthias) dem Bündnis
zunächst nicht beitrat, es aber wohlwollend unterstützte, so
dass es zu einer strukturellen Arbeitsteilung zwischen Liga
und Kaiser kam: Die Liga konzentrierte sich ausschließlich
auf die katholischen Interessen im Reich, während die
internationalen Verbindungen der katholischen Seite vom
Kaiser gepflegt wurden. Das betraf vor allem die Kontakte zu
Spanien, also das Verhältnis zwischen den beiden Zweigen
des Hauses Habsburg. So blieb die Liga frei von
Verpflichtungen gegenüber Madrid und konnte sich, als
diese an sie herangetragen wurden, erfolgreich dagegen zur
Wehr setzen. Kurzum: Die Liga verfügte im Vergleich zur
Union über eine sehr viel größere operative Beweglichkeit,
und das sollte sich in der Anfangsphase des Krieges in aller
Deutlichkeit zeigen. [21] Die mit jeder Form von
Koalitionskriegführung verbundenen Probleme wurden bei
der Liga durch die starke Stellung des Bundesobristen in
Grenzen gehalten, und Maximilian sorgte dafür, dass es
dabei blieb. Als die Liga durch den Beitritt zweier
habsburgischer Erzherzöge nur noch schwer zu steuern war,
trat Maximilian, wie gesagt, aus und paralysierte sie
dadurch, um bei ihrer Wiederbelebung dafür zu sorgen, dass
sie ein politisches Instrument in seinen Händen blieb. Im
Fall der Union dagegen führten die Koalitionsfragen zur
Lähmung des Bündnisses, und um diese Lähmung zu
überwinden, hätte es einer sehr viel stärkeren Macht an
ihrer Spitze bedurft als der Kurpfalz und eines sehr viel
stärker auf die Handlungsfähigkeit des Bündnisses
bedachten Anführers als eines Christian von Anhalt.
Der Erbschaftsstreit um das Herzogtum
Jülich-Kleve-Berg
Die Probleme der Union zeigten sich umgehend im
Erbschaftsstreit um das Herzogtum Jülich-Kleve-Berg mit
den Grafschaften Mark und Ravensberg. Seit langem war
absehbar, dass Herzog Johann Wilhelm kinderlos sterben
würde. Der Streit um Jülich-Kleve-Berg fand seinen
Niederschlag in zwei Krisen: Die erste zog sich vom März
1609 bis zum Oktober 1610 hin und stürzte Westeuropa
beinahe in einen großen Krieg, der nur durch eine Reihe von
Zufällen nicht stattfand; in der zweiten Krise zwischen Mai
und September 1614 bewährten sich dann ein letztes Mal
die Krisenbearbeitungsmechanismen des Reichs, die sich
seit dem Augsburger Religionsfrieden herausgebildet hatten.
In beiden Krisen um Jülich-Kleve-Berg zeigte sich einmal
mehr der labile, ungeklärte Zustand, in dem sich das Reich
zu Beginn des 17. Jahrhunderts befand: Es taumelte ständig
am Rande eines Krieges, und jeder regional begrenzte
Konflikt hatte das Zeug, zum Anlass eines ganz Europa
erfassenden Konfliktes zu werden; andererseits verstrichen
viele Ereignisse, die ein Anlass zum Krieg hätten sein
können; und schließlich blieben einige Kriege, die
stattfanden, räumlich wie zeitlich eng begrenzt. Es gab
darum im Frühjahr 1618 keinen Grund zu der Annahme,
dass der Konflikt in Böhmen zwangsläufig zu einem großen
europäischen Krieg führen werde. Nachdem man die beiden
großen Krisen um das Herzogtum Jülich-Kleve-Berg
gemeistert hatte, war man sogar zuversichtlich, auch mit
diesem Problem fertigwerden zu können, ohne in einen
Krieg hineinzuschlittern.
Am Niederrhein war wegen des benachbarten Kurköln, wo
der Verbleib bei der katholischen Kirche in den Jahren 1583
bis 1585 nur unter Einsatz von Militär hatte sichergestellt
werden können, sowie der Nähe zu den Niederlanden die
Wahrscheinlichkeit eines großen Krieges um einiges höher
als danach in Böhmen. Der Historiker Volker Press hat den
Niederrhein darum eine «Wetterecke der europäischen
Politik» genannt. [1] Es war nicht zuletzt die Zuversicht der
Akteure, die politischen Prozesse unter Kontrolle behalten
zu können, die den Konflikt in Böhmen eskalieren ließ.
Selbstverständlich spielte die beschriebene Lähmung der
Reichsinstitutionen im böhmischen Fall eine wichtige Rolle,
aber die hatte es auch schon beim Jülicher Erbfolgekrieg
gegeben, und doch waren dort die Militäroperationen eng
begrenzt geblieben. Gerade das scheint dazu beigetragen zu
haben, dass einige leichtsinnig wurden und die Risiken
falsch einschätzten. Daneben gab es all jene, die ohnehin
von der Unvermeidlichkeit eines großen Krieges in Europa
überzeugt waren und deswegen keinerlei Anstalten
machten, einen Waffengang zu verhindern. Aber auch die
hatte es bereits im Streit um Jülich-Kleve-Berg gegeben, und
trotzdem ist es dort zweimal «gutgegangen». Dass dabei der
Zufall eine Rolle gespielt hatte, übersahen die meisten, wie
ja Politiker häufig dazu neigen, den Faktor Kontingenz bei
der Betrachtung von Ereignissen und deren Ausgang zu
unterschätzen, weil sie alles (oder doch fast alles) ihrem
eigenen Planen und Handeln zuschreiben.
Die Nachfolge im Herzogtum Jülich-Kleve-Berg war ebenso
attraktiv wie kompliziert. Sie war attraktiv, weil die
fraglichen Gebiete zu den wohlhabendsten Deutschlands
gehörten und aus ihnen demgemäß hohe Einnahmen zu
erzielen waren; außerdem waren sie geopolitisch zentral
gelegen: Wer den Niederrhein beherrschte, war ein starker
Akteur in der nordwesteuropäischen Politik. Letzteres war
auch der Grund, warum die Nachfolge in Düsseldorf, der
Residenz des Herzogs, keine Angelegenheit war, die
ausschließlich innerhalb des Reichs geklärt werden konnte;
die Interessen Spaniens, Frankreichs und der Niederlande
waren unmittelbar berührt. Die Nachfolgefrage war
kompliziert, weil zu der internationalen Interessenkollision
eine konfessionelle Zersplitterung im Herzogtum hinzukam;
die Herrscher hatten angesichts der verschiedenen
Einflussnahmen auf ihre Gebiete darauf verzichtet, eine
Konfessionalisierungspolitik nach den Vorgaben des
Augsburger Religionsfriedens (cuius regio eius religio) zu
betreiben. Daher lagen hier katholische, lutherische und
reformierte Gemeinden nebeneinander. Vor allem aber gab
es eine Reihe von Prätendenten auf die Erbfolge, deren
unterschiedlich begründete Ansprüche nicht leicht
gegeneinander zu gewichten waren. Schließlich verbanden
sich mit den verschiedenen Prätendenten auch noch
unterschiedliche konfessionelle Zugehörigkeiten, womit
einmal mehr die opponierenden Parteien der Protestanten
und Katholiken im Spiel waren. [2] Der Erbfolgestreit um das
Herzogtum Jülich-Kleve-Berg hatte somit alle
Voraussetzungen, zu einem großen europäischen Krieg zu
eskalieren.
Als Herzog Johann Wilhelm am 25. März 1609 in
Düsseldorf starb, hatten sich alle Seiten bereits auf den
Eintritt des Erbfalls eingestellt: Johann Wilhelm war nämlich
nicht nur kinderlos, sondern auch «geisteskrank», und da er
nicht in der Lage war, sein Land selbst zu regieren, stand
seine Herrschaft von Anfang an unter einer Regentschaft.
Deren Befugnisse waren freilich umstritten: Bereits unter
Johann Wilhelms Vater, Herzog Wilhelm V., war eine solche
Regentschaft eingerichtet worden, weil der Herzog in den
letzten Jahren seines Lebens als schwachsinnig galt und
seine Entscheidungen zahlreiche Streitigkeiten verursacht
hatten. Die Regenten hatten ihre Entscheide jedoch dem
Herzog zur Unterschrift vorlegen müssen. Die Frage war
nun, ob im Fall des geisteskranken Johann Wilhelm die
Entscheidungsbefugnisse der vom Kaiser eingesetzten
Regenten größer wurden, etwa der Art, dass sie
Entscheidungen ohne herzogliche Einwilligung treffen
konnten, oder ob die Ehefrau Johann Wilhelms, die Herzogin
Jakobe, die Position ihres Schwiegervaters übernahm und
die Regentenentscheide gegenzeichnete. Nun hatte Johann
Wilhelm aber noch vier Schwestern, die für ihre Ehemänner
ebenfalls Erbansprüche erhoben, nämlich für die Häuser
Brandenburg, Pfalz-Neuburg, Pfalz-Zweibrücken und
schließlich, nicht ganz ebenbürtig, da der Verbindung
Erzherzog Ferdinands von Tirol mit der Augsburger
Bürgertochter Philippine Welser entstammend, noch der
Markgraf Karl von Burgau. Sie widersetzten sich einer
stärkeren Rolle der Herzogin Jakobe und verlangten, den
«irrsinnigen Herzog und die Administration seiner Lande
unter Curatel» zu stellen. [3]
Jakobe, eine, wie immer wieder zu lesen, eigenwillige und
machtbewusste Frau, geriet sehr schnell mit den
Prätendenten des Erbes in Konflikt, danach mit den
katholischen Räten und den protestantischen Vertretern in
den Ständen des Landes. Nachdem sie sich mit allen
relevanten Gruppen überworfen hatte, kam es zu einem
Ausbruch des sogenannten Volkszorns gegen sie. Dieser
Tumult war von ihren Gegnern mit der Behauptung
angezettelt worden, sie sei ebenso herrschsüchtig wie
untreu und halte den Herzog ohne Not gefangen. Ihre
Schwägerin Herzogin Sibylla erhob gegen Jakobe Anklage
wegen Ehebruchs, und so wurde Jakobe unter Kassierung
aller Rechte und Befugnisse kurzerhand eingekerkert. Am
3. September 1597 fand man sie tot in ihrer Zelle,
wahrscheinlich ermordet von Schergen eines ihrer
Widersacher, des prokaiserlichen Marschalls Wilhelm von
Waldburg. Anschließend verpflichteten sich die mit der
Regentschaft betrauten Räte, nach dem Tod des
geisteskranken Herzogs keinem der Prätendenten Zugang zu
den Landen zu gewähren, bevor nicht die Rechte aller
Bewerber von Kaiser und Reich geprüft und beurteilt
worden seien. Das zielte darauf ab, die zu diesem Zeitpunkt
allesamt protestantischen Bewerber vom Herzogtum
fernzuhalten und dort den katholischen Einfluss
sicherzustellen. [4] Die Distanz zu den Erbprätendenten
wurde noch verstärkt, als der geisteskranke Herzog in
zweiter Ehe Antonie von Lothringen heiratete, die auf eine
enge Verbindung mit dem Kaiser achtete, und die vierte von
Johann Wilhelms Schwestern, die bereits erwähnte Sibylla,
den ebenfalls bereits genannten Markgrafen von Burgau
heiratete, der katholisch war. Den drei protestantischen
Prätendenten blieb damit nichts anderes übrig, als sich auf
die Suche nach Verbündeten zu begeben, die ihnen im
Erbfall beistehen würden. Das war der Stand der Dinge, als
Johann Wilhelm am 25. März 1609 starb.
Politisch waren die Erbstreitigkeiten um das Herzogtum
Jülich-Kleve-Berg eine Zeitbombe: Spanien und die südlichen
Niederlande waren an einer katholischen, die nördlichen
Niederlande dagegen an einer protestantischen Nachfolge
interessiert, die Anwärter konnten sich untereinander nicht
verständigen, und die kaiserliche Macht war durch den
«Bruderzwist im Hause Habsburg» gelähmt. Zudem gab es
gute Gründe dafür, dass sich der Kaiser, wenngleich seine
Präferenzen einer katholischen Lösung galten, nicht allzu
sehr exponierte, um zu vermeiden, dass sich eine gegen
seine Entscheidung gerichtete Koalition aus Reichsständen
und auswärtigen Mächten bildete. Solange er nicht
entschieden hatte, konnte man die Erbprätendenten
gegeneinander ausspielen; hatte er sich erst einmal
festgelegt, war das nicht mehr möglich. Es war nicht zuletzt
diese Konstellation, die dazu führte, dass man im Reich nicht
gerade tatkräftig nach einer Lösung des Problems suchte.
Durch die Untätigkeit des Kaisers verlor der Herzog von
Burgau im Ringen um die Nachfolge an Bedeutung, und
auch der Herzog von Pfalz-Zweibrücken spielte zuletzt keine
Rolle mehr, da es ihm nicht gelungen war, relevante
Verbündete auf seine Seite zu ziehen.
So konkurrierten in der Erbschaftsfrage mehr und mehr
der brandenburgische Kurfürst Johann Sigismund und
Herzog Philipp Ludwig von Pfalz-Neuburg beziehungsweise
dessen Sohn Wolfgang Wilhelm. Da Brandenburg sich die
Unterstützung der Kurpfalz und der vereinigten
niederländischen Provinzen, der Generalstaaten, gesichert
hatte, war es naheliegend, dass die Neuburger auf der
Gegenseite nach Verbündeten suchten. Aber wer war die
Gegenseite? Philipp Ludwig, ein Lutheraner, setzte auf ein
lutherisches Bündnis, kam dabei aber infolge der notorisch
abwartenden Haltung Kursachsens nicht sonderlich weit.
Sein Sohn Wolfgang Wilhelm verhandelte nicht nur mit dem
Kaiser, sondern nahm auch mit Philipp III. von Spanien und
Erzherzog Albrecht, dem Regenten der spanischen
Niederlande, Kontakt auf. Als klar war, dass er dort auf
Gegenliebe stieß, stellte sich der französische König
Heinrich IV., um dessen Unterstützung zunächst beide
Seiten geworben hatten, auf die Seite Brandenburgs. Nicht
weil er, wie einige meinten, im Grunde seines Herzens nach
wie vor Calvinist war, sondern weil aus machtpolitischen
Gründen das fragliche Gebiet an der sensiblen
Nordostflanke Frankreichs keinem prospanischen Fürsten
anheimfallen sollte. [5]
Bei dieser Entwicklung spielte einmal mehr Christian von
Anhalt eine zentrale Rolle: In der entscheidenden Phase der
Koalitionsbildung reiste er selbst nach Frankreich, um
Heinrich IV. für das von ihm seit langem verfolgte Projekt
einer internationalen antihabsburgischen Koalition zu
gewinnen. Und dieses Mal stieß er beim französischen König
auf offene Ohren, denn jetzt passten die eher geopolitischen
Überlegungen Heinrichs und die antikatholisch-
antihabsburgischen Pläne Christians zusammen. Es muss
offenbleiben, wer hier wen instrumentalisiert hätte, wenn
das Vorhaben gelungen wäre, den Erbschaftsstreit um
Jülich-Kleve-Berg zu nutzen, um die Machtverhältnisse in
Europa neu zu ordnen. Dazu ist es jedoch nicht gekommen,
denn Heinrich IV. wurde am 14. Mai 1610, wenige Tage
bevor er an der Spitze seiner Armee in den Krieg ziehen
wollte, von dem katholischen Fanatiker François Ravaillac
ermordet. Die Königinwitwe Maria de’Medici, die für ihren
noch minderjährigen Sohn Ludwig XIII. die Regentschaft
führte, ließ die Armee zwar gegen die Festung Jülich
marschieren, aber nach deren schnellem Fall zog sie das
Militär zurück und verzichtete auf jede weitere Provokation
gegen Erzherzog Albrecht in den südlichen Niederlanden,
die zu einem Zusammenstoß zwischen Spanien und
Frankreich hätte führen müssen. Auf einen solchen hatte
Heinrich IV. jedoch gerade gesetzt – jedenfalls lassen seine
Planungen den Schluss zu, dass er einen gleichzeitigen
Angriffskrieg gegen das spanisch kontrollierte Herzogtum
Mailand und gegen die spanischen Niederlande mit dem
Zentrum Brüssel führen wollte. Sein Vorstoß auf Jülich sollte
Spanien zu einer Reaktion zwingen, die den großen
europäischen Krieg ausgelöst hätte. [6]
Maria de’Medicis «Rückzieher» erfolgte aufgrund einer
Lagebeschreibung, wie sie in ähnlicher Weise auch dem
spanischen Agieren im Erbfolgestreit von Jülich-Kleve-Berg
zugrunde lag: Eine protestantische Erbfolge am Niederrhein
lag nicht im spanischen Interesse, aber man wollte in Madrid
den gerade geschlossenen zwölfjährigen Waffenstillstand mit
den Generalstaaten nicht durch eine Intervention in
Deutschland aufs Spiel setzen; deswegen hatte der in
Brüssel residierende Erzherzog Albrecht alle Hilfsersuche,
die ihn aus Jülich erreichten, dilatorisch behandelt –
zweifellos in Abstimmung mit Madrid. [7] Die führenden
Politiker in Madrid, vom Herzog von Lerma über Balthasar
de Zúñiga und den Grafen Oñate bis zum Grafen Olivares,
gingen ebenso wie die führenden Männer in Paris, vom
Herzog von Sully, dem strategischen Kopf hinter
Heinrich IV., bis zu Kardinal Richelieu, der die französische
Politik unter Ludwig XIII. bestimmte, davon aus, dass der
Kampf um die Hegemonie in Europa zwischen Spanien und
Frankreich ausgetragen werden würde. Spanien sah sich
dabei in der Rolle des beatus possidens, der die
Hegemonialposition innehatte und sie lediglich verteidigen
musste, während Frankreich angreifen und sie erobern
musste, woran es durch ein halbes Jahrhundert innerer
Streitigkeiten und konfessioneller Bürgerkriege gehindert
worden war. Deutschland und Italien waren die Gebiete, in
denen dieses Ringen um die europäische Hegemonie
ausgetragen würde. Insoweit stimmten beide Mächte in der
Analyse der politischen Lage überein, und dementsprechend
beobachteten ihre führenden Politiker jede Veränderung und
jede politische Erbangelegenheit in beiden Territorien mit
äußerster Aufmerksamkeit. [8] Aber die Schlussfolgerungen,
die man für die operative Politik daraus zog, unterschieden
sich doch deutlich voneinander, und diese Unterschiede
betrafen nicht nur Madrid und Paris, sondern sie änderten
sich auch mit dem politischen Führungspersonal, das in den
Herrschaftszentren jeweils das Sagen hatte. Natürlich
suchte man nach mächtigen Verbündeten im Kampf um die
europäische Hegemonie, wobei England immer wieder ins
Spiel kam, und nicht zuletzt wurde in diesem Dreieck
notorisch über Heiratsprojekte nachgedacht, die Konkurrenz
in Kooperation verwandeln sollten.
Dafür, wie Madrid und Paris die allgemeine Lage
beurteilten, spielten mehrere Parameter eine Rolle: Da war
zunächst der Blick auf die Situation im Innern des jeweiligen
Landes, auf die wirtschaftliche Entwicklung, die finanzielle
Leistungsfähigkeit und auf die inneren Konflikte, die offen
zutage tretenden, aber auch die latent vorhandenen. Je
nachdem, zu welchem Ergebnis man dabei kam, hielt man
das Land für fähig, Krieg zu führen, oder eben nicht.
Heinrich IV. war schließlich zu dem Ergebnis gekommen, die
innere Spaltung der französischen Gesellschaft sei
überwunden und die von ihm eingeleitete Reform der
Verwaltung habe dazu geführt, dass es keine Staatsschulden
mehr gebe und stattdessen ein Staatsschatz angesammelt
worden sei, der eine offensive Außenpolitik ermögliche. [9]
Zur selben Zeit gelangte in Madrid der Herzog von Lerma
zu der Auffassung, dass Spanien den Krieg in den
Niederlanden beenden müsse, da er gewaltige Ressourcen
verschlungen hatte, ohne dass Fortschritte oder gar ein
militärischer Sieg absehbar waren, und dass die
administrative Struktur des Imperiums neu geordnet werden
solle. [10] Trotz des permanenten Silberzuflusses aus der
Neuen Welt – er deckte bis zu einem Viertel der
Staatsausgaben Spaniens – hatte man sich in den
zurückliegenden Jahrzehnten ständig am Rande des
Staatsbankrotts bewegt, und mehrere Male hatte man
diesen auch erklären müssen. Im Jahr 1607 standen
Einnahmen von etwa sechs Millionen Dukaten Ausgaben in
Höhe von dreizehn Millionen Dukaten gegenüber. [11] Unter
diesen Umständen war die Verwicklung in einen neuerlichen
Krieg unbedingt zu vermeiden.
Ein weiterer Gesichtspunkt bei der Lagebeurteilung: Lief
die Zeit für oder gegen die eigene Macht und die von ihr
erhobenen Ansprüche? Bei dieser Frage ging es nicht nur
um die internationalen Konstellationen im Allgemeinen, also
die Veränderung von Bündnissystemen oder sich
abzeichnende Koalitionen, sondern auch um die Entwicklung
der eigenen Ressourcen im Vergleich zu denen des
Hauptkonkurrenten im Ringen um Macht und Einfluss.
Erwogen wurde, ob man der Profiteur einer ungestörten
Entwicklung sein würde – oder ob man eingreifen musste,
um Nachteile zu vermeiden, und Eingreifen lief in der Regel
darauf hinaus, dass man Krieg führte. Die Spanier kamen
gegen Ende des zwölfjährigen Waffenstillstands mit den
Niederlanden zu dem Ergebnis, dass dessen Folgen für sie
unbefriedigend waren, weil er zu einer Verschlechterung der
eigenen und zu einer Verbesserung der niederländischen
Position geführt hatte. Don Carlos Coloma, einer der
Kommandeure der spanischen Armee in Flandern,
formulierte das so: «Wenn die Holländer in nur zwölf Jahren
des Friedens all dies unternommen und erreicht haben, so
ist leicht zu sehen, wozu sie imstande sind, wenn wir ihnen
noch mehr Zeit geben. […] Wird der Waffenstillstand
fortgesetzt, so sind wir dazu verurteilt, alle Übel eines
Friedens und zugleich alle Gefahren des Krieges zu
erdulden.» [12]
Derartige Schlussfolgerungen aus der Analyse der
internationalen Lage waren indes keineswegs zwingend, und
oft kamen die damit Befassten zu entgegengesetzten
Ergebnissen. Es handelte sich um Urteile, bei deren
Zustandekommen die Gewichtung einzelner Faktoren sowie
die Grundeinstellung des Beurteilenden eine große Rolle
spielten: Wie man Risiken einschätzte und gegen Chancen
abwog, lag letzten Endes «im Auge des Betrachters». In
dieser Frage kamen sowohl spanische als auch französische
Politiker mitunter zu unterschiedlichen Ergebnissen, und
welches davon sich durchsetzte und zur Leitlinie der Politik
wurde, entschied sich häufig in einem Machtkampf. Man
kann es auch umgekehrt formulieren: Bei den
Machtkämpfen in den europäischen Metropolen ging es
immer auch um unterschiedliche Beurteilungen der
politischen Konstellationen auf dem Kontinent und die
daraus zu ziehenden Konsequenzen.
Wenn diese diversen Aspekte gegeneinander abgewogen
wurden, dürfte das Okkasionelle häufig eine
ausschlaggebende Rolle gespielt haben – also das
unerwartete und an den Augenblick gebundene Eintreten
von Gelegenheiten, die, sofern energisch wahrgenommen,
eine Veränderung der Machtverhältnisse zu eigenen
Gunsten versprachen. Solche Gelegenheiten waren häufig
jedoch trügerisch, und was auf den ersten Blick große
Vorteile verhieß, konnte sich schnell als das Gegenteil
erweisen. Alles hing davon ab, wie man die Lage im
Allgemeinen beurteilte: Wer den großen Krieg in Europa für
unvermeidlich hielt, hatte eine stärkere Neigung, «günstige
Gelegenheiten» zu ergreifen und einen Krieg zu beginnen,
als derjenige, der von der Zwangsläufigkeit eines großen
Krieges nicht überzeugt war und in Betracht zog, dass man
einen solchen Krieg auch verlieren konnte. In der Regel
bewegten sich diejenigen, die über die
Entscheidungskompetenz verfügten, irgendwo dazwischen:
Sie wollten nicht auf die allererste Gelegenheit hereinfallen,
gingen aber durchaus davon aus, dass es günstige
Gelegenheiten gab, erfolgreich einzugreifen,
beziehungsweise Situationen, in denen man nicht länger
zuwarten konnte, wenn man den Kampf um die Macht nicht
verlieren wollte. In einer Ordnung, die
Entscheidungskompetenz bei wenigen zentrierte und
überdies Macht- und adlige Statusfragen unmittelbar
miteinander verknüpfte, spielte der Charakter des jeweiligen
Herrschers und seiner Berater die ausschlaggebende Rolle.

Heinrich IV., um zum Jahr 1610 zurückzukommen, war


einerseits ein kühl kalkulierender Kopf, andererseits aber
durchaus entscheidungsfreudig. [13] Darin war er dem
Schwedenkönig Gustav Adolf vergleichbar, der ebenfalls
viele Aspekte zu bedenken vermochte und doch in der Lage
war, alles auf eine Karte zu setzen, wenn er den Einsatz für
lohnend hielt. Ein solcher Typ von Politiker befand sich in
Spanien nicht an den Schalthebeln der Macht. In Frankreich
hatte nach Heinrichs Ermordung mit der Königinwitwe
Maria de’Medici für einige Zeit ein Charaktertyp das Sagen,
der gänzlich andere Präferenzen hatte als Heinrich, der auch
die Lage anders beurteilte und eher am Status quo als an
dessen Veränderung orientiert war. Insofern kann man wohl
sagen, der Attentäter Ravaillac habe entscheidend in den
Gang der europäischen Geschichte eingegriffen, als er
Heinrich erstach. Er hat wahrscheinlich verhindert, dass der
große Krieg in Europa bereits 1610 oder 1611 begann. Auf
den ersten Blick verhinderte Ravaillac den Krieg, tatsächlich
aber hat er ihn lediglich verzögert. Vermutlich hat die
Ermordung Heinrichs IV. dazu geführt, dass der Krieg, als er
dann tatsächlich losbrach, sich sehr viel länger hinzog, als er
gedauert hätte, wenn es 1610 zur Mächtekonfrontation
gekommen wäre. Es spricht vieles dafür, dass eine solche
Konfrontation sich wegen des gleichzeitigen Kriegseintritts
sämtlicher relevanter Großmächte explosionsartig entladen
hätte und vergleichsweise schnell auf dem Schlachtfeld
entschieden worden wäre. Man kann das als eine müßige
kontrafaktische Spekulation über Geschichtsverläufe abtun,
[14] und doch handelt es sich dabei um die analytische
Kehrseite der Theorien, die mit der Unterscheidung von
Anlass und Ursache arbeiten: Wo diese erwägen, ob der
Krieg unvermeidlich war und jeder beliebige Anlass zu
seinem Ausbruch hätte führen können oder ob es, wenn es
diesen oder jenen Anlass nicht gegeben hätte, auch nicht
zum Krieg gekommen wäre, geht es hier um die Frage, mit
welchen politischen, gesellschaftlichen und nicht zuletzt
menschlichen Kosten der Krieg verbunden gewesen wäre,
wenn es sich von Anfang an um eine große Konfrontation
gehandelt hätte und er nicht erst schrittweise zu einem
Krieg geworden wäre.
Durch den Tod Heinrichs IV. blieb der Jülicher
Erbfolgekrieg räumlich wie zeitlich eng begrenzt. Er ist für
die Vorgeschichte des Dreißigjährigen Krieges vor allem
deshalb von Interesse, weil er einen anderen Verlauf nahm
als der Konflikt zwischen Ständen und Landesherren in
Böhmen. Nach dem Tod Johann Wilhelms ergriffen Kurfürst
Johann Sigismund von Brandenburg und Pfalzgraf Wolfgang
Wilhelm die Initiative und ließen durch entsprechend
instruierte Vertrauensmänner von Jülich-Kleve-Berg Besitz
ergreifen. Dabei waren sie in einigen Teilen des Landes
zunächst erfolgreich, aber sobald sich ihre Aktionen
überschnitten und die beiden um Loyalität konkurrierten,
rief das die Stände des Niederrheins auf den Plan, die
erklärten, sich vor einer abschließenden Entscheidung des
Kaisers keinem der beiden anschließen zu wollen. Damit war
aus Sicht der Prätendenten eine dritte Partei im Spiel, denn
sie sahen im Kaiser eher einen Konkurrenten als eine
neutrale Entscheidungsinstanz – zu Recht, wie sich im
weiteren Verlauf der Auseinandersetzung zeigen sollte. [15]
In dieser Situation ergriff Landgraf Moritz von Hessen-
Kassel die Initiative; er wollte verhindern, dass sich die
protestantischen Mächte gegenseitig blockierten, so dass am
Schluss die katholische Seite obsiegte. Moritz vermittelte ein
Treffen beider Seiten in Dortmund, wo diese sich im
«Dortmunder Rezeß» vom 10. Juni 1609 auf eine vorläufige
Teilung des Landes verständigten: «Daß erstlich beyde
Persohnen / biß zur fernern gutlichen oder rechtlichen
Austragh / sich jure familiaritatis, vnd als nahe Verwandten
vndt Bludtfreunden mit einander freundlich wollen begehen /
vndt wieder alle andere Anmassunge / zu erhaltung vnd
defension der Landen / zu sammen setzen […].» [16] So
gelang es, den Widerstand der Stände gegen die
Inbesitznahme der Territorien zu überwinden und in
Düsseldorf eine gemeinsame Regierung der beiden
«Possedierenden», wie sie sich fortan bezeichneten, zu
errichten. Dabei missachteten sie die kaiserlichen Mandate,
die jede Inbesitznahme durch einen Erbprätendenten
verboten, bis der kaiserliche Reichshofrat in der
Angelegenheit entschieden hatte. Aus Sicht des Kaisers
standen sie damit in offenem Aufruhr gegen das Reich,
während sie selbst argumentierten, der Reichshofrat sei in
der Angelegenheit gar nicht zuständig, sondern in einem
solchen Fall könne der Kaiser nur gemeinsam mit einer
Versammlung der Standesgenossen entscheiden. Insofern
sei ihr Handeln nicht Aufruhr, sondern Widerstand gegen
Unrecht. [17] Das war ein Legitimationsmuster, wie es im
Verlauf des Dreißigjährigen Krieges immer wieder
auftauchte: der Vorwurf des Aufruhrs und die dem
entgegengesetzte Rechtfertigung, man leiste nur legitimen
Widerstand.
Die kaiserliche Seite beließ es indes nicht bei bloßen
Ankündigungen: Erzherzog Leopold, Bischof von Passau und
Straßburg, traf am 23. Juli in der von einer kaisertreuen
Garnison unter dem Amtmann Johann von Rauschenberg
gehaltenen Festung Jülich ein und wurde dort umgehend
zum einzig legitimen Vertreter der Landesregierung erklärt.
Damit veränderte sich die Konstellation gravierend, denn
Leopolds Erscheinen mobilisierte nicht nur die katholischen
Vertreter innerhalb der Stände, sondern ließ auch die beiden
«Possedierenden» wieder auf Distanz zueinander gehen:
Während Kurbrandenburg offen gegen den Kaiser
opponierte, betrieb Wolfgang Wilhelm, der ja zuvor bereits
bei den katholischen Mächten sondiert hatte, inwieweit sie
seine Ansprüche unterstützen würden, eine Politik des
Lavierens. Da er mit Geldmitteln sehr viel besser
ausgestattet war als die chronisch klammen Vertreter
Kurbrandenburgs, neigte die Waage sich zu seinen Gunsten.
Das wiederum rief Christian von Anhalt und Landgraf Moritz
auf den Plan, die der Loyalität des Pfalzgrafen gegenüber
der Union misstrauten, dazu die nördlichen Niederlande, die
seit längerem schon in einer festen Verbindung zu
Kurbrandenburg standen. Auch König Jakob I. von England
plädierte dafür, dass Jülich-Kleve-Berg von einer wirklichen
Macht regiert werden solle und nicht von einem kleinen
Fürsten wie dem von Pfalz-Neuburg, der, da notorisch von
der Unterstützung anderer abhängig, ein Element der
Instabilität in diesen politisch sensiblen Raum bringen
werde. [18] So blieb Kurbrandenburg im Spiel, obwohl es
selbst nur einen bescheidenen Einsatz aufbrachte. Das lag
weniger an seinem geringen Interesse an den Besitzungen
am Niederrhein als vielmehr an dem Umstand, dass Johann
Sigismund zu dieser Zeit seine Aufmerksamkeit und die
Ressourcen seines Staates auf das ihm als Lehen der
polnischen Krone überlassene Preußen konzentrieren
musste.
Zwischenzeitlich hatte sich freilich gezeigt, dass das
Eingreifen Erzherzog Leopolds überstürzt erfolgt war und
keinem rechten Plan folgte; seine Bemühungen, von
Erzherzog Albrecht in Brüssel und von Spanien militärische
Unterstützung zu bekommen, schlugen fehl, da die
spanische Politik zu diesem Zeitpunkt jeden neuerlichen
Krieg in Nordwesteuropa vermeiden wollte. Darauf aber
wäre eine militärische Parteinahme für Leopold
hinausgelaufen, nachdem sich Heinrich IV. auf die Seite
Brandenburgs gestellt hatte. Als auch eine Versammlung der
kaisertreuen Fürsten in Prag ohne Ergebnis blieb, gab
Leopold die Jülicher Angelegenheit verloren und verließ den
Niederrhein. Die in der Festung Jülich verbliebenen Soldaten
mussten ebenfalls einlenken: Der vereinigten Streitmacht
der Possedierenden, der sie unterstützenden Union, den
nach dem Tod Heinrichs IV. dann doch in Marsch gesetzten
französischen Truppen (die zahlenmäßig freilich erheblich
kleiner waren als die vom König zugesagten Kontingente)
sowie einer Armee der nördlichen Niederlande und einer
Hilfstruppe Jakobs I. waren die Soldaten des Amtmanns
Rauschenberg nicht gewachsen – nach einer Belagerung von
knapp einem Monat übergaben sie die Festung. [19] Damit
endete die erste Etappe des Jülicher Erbfolgekriegs
zugunsten Brandenburgs und Neuburgs, die entsprechend
den Festlegungen des Dortmunder Vertrags das Land
zunächst gemeinsam verwalteten.

Für Christian von Anhalt war das ein großer Erfolg der
protestantischen Aktionspartei: Auf dem Unionstag in
Schwäbisch Hall hatten sich die versammelten Fürsten und
Städte nach anfänglichem Zögern entschlossen, die
Possedierenden zu unterstützen, und damit faktisch offensiv
agiert; außerdem hatten die oberdeutschen
Unionsmitglieder, als Erzherzog Leopold in seinen
Bistümern Passau und Straßburg mit Truppenwerbungen
begann und mehrere Regimenter Fußsoldaten sowie
berittene Einheiten aufstellen ließ, diese blockiert und am
Durchzug in Richtung Niederrhein gehindert, so dass sie den
bedrängten Verteidigern Jülichs nicht zu Hilfe kommen
konnten; schließlich waren Truppen der Union in
Straßburger Gebiet eingefallen und hatten das dort
bereitgestellte Militär Leopolds «zerstreut» – bei alldem
hatte auf Seiten der Protestanten Kursachsen kaum eine
Rolle gespielt. Währenddessen hatte die katholische Liga
dem Scheitern Erzherzog Leopolds am Niederrhein tatenlos
zugesehen und darauf verzichtet, militärisch einzugreifen.
[20] Es dürften nicht zuletzt diese Erfolge im Jülicher
Erbfolgekrieg gewesen sein, die Christian acht Jahre später
davon überzeugt sein ließen, dass die Union beim
böhmischen Ständeaufstand gegen Habsburg zu einer
ähnlich geschlossenen Politik und einer ebenso
wirkungsvollen Unterstützung der protestantischen Sache
fähig sein werde. Das war ein Irrtum mit weitreichenden
Folgen.
Bereits damals gab es Anzeichen dafür, dass die Union zu
einer offensiven Politik, wie sie Christian vorschwebte,
ungeeignet war und dass bei riskanteren Entscheidungen
eine größere Zahl von Bündnispartnern für strikte
Zurückhaltung eintreten würde. Das zeigte sich auf dem
Unionstag von Heilbronn, der ein halbes Jahr nach den
Beschlüssen von Schwäbisch Hall ein ganz anderes Gesicht
der Union zeigte. Als die Versammlung am 29. Juni 1610
eröffnet wurde, hatte die Belagerung Jülichs noch nicht
begonnen, und es war nicht absehbar, wie sich die Lage am
Niederrhein entwickeln würde. Stattdessen kam aus Prag
die Nachricht, der Kaiser wolle in Übereinstimmung mit den
katholischen und den von Sachsen angeführten
konservativen protestantischen Ständen die Unierten zu
Landfriedensbrechern erklären und bestrafen. Sosehr man
sich in der Jülicher Angelegenheit im Recht sah, so unsicher
waren sich nun viele wegen des offensiven Vorgehens auf
Straßburger Gebiet. Einige machten geltend, derlei sei
durch die Beschlüsse von Schwäbisch Hall nicht gedeckt; es
handele sich dabei um die Aktionen einiger Fürsten, bei der
man die Städte nicht gefragt habe, weswegen sie für die
entstandenen Kosten nicht aufkommen würden. [21] Neben
den unterschiedlichen Sichtweisen der Reformierten und der
Lutheraner trat damit der alte Gegensatz zwischen Städten
und Fürsten hervor, und die Städte wehrten sich gegen eine
Entwicklung der Union, bei der sie für die Kosten dessen
aufkommen mussten, worüber die Fürsten allein entschieden
hatten. Die Städte befanden sich bei diesem Konflikt in einer
starken Position, denn die Fürsten waren auf ihr Geld
angewiesen: Die finanziellen Mittel der Städte machten sie
von den Steuerbewilligungen ihrer Landstände unabhängig
und verschafften ihnen einen politischen Spielraum, den sie
sonst nicht gehabt hätten. Das wussten die Reichsstädte und
spielten ihre Karten dementsprechend aus. Die
Versammlung in Heilbronn zeigte, dass die Union alles
andere als eine geschmeidige Waffe in der Hand der
kurpfälzischen Politik war.
Tatsächlich war der Jülicher Erfolg der Union mit einem
Zurückweichen in drei anderen Fragen verbunden: erstens
dem am 6. September in Willstätt unterzeichneten Vergleich
mit dem Stift Straßburg, wonach die Union unverzüglich
ihre Truppen aus Straßburger Gebiet abzog und im
Gegenzug die dort für Leopold geworbenen Truppen
entlassen wurden. Zweitens verzichtete man auf ein
offensives Vorgehen gegen Herzog Maximilian, durch das
dieser gezwungen werden sollte, die ursprünglichen
Verhältnisse in Donauwörth wiederherzustellen. Dieser
Verzicht wiederum war, drittens, die Voraussetzung dafür,
dass man sich mit Maximilian darauf verständigen konnte,
dass beide Seiten, Union und Liga, abrüsteten und bis zum
15. November 1610 das angeworbene Militär wieder
abdankten. So entledigte sich die Union der
«Unternehmungen, die ihr zu schwer zu werden
begannen» [22]. Nur weil der Erfolg im Jülicher Erbfolgekrieg
dieses Zurückweichen in anderen Fragen überstrahlte,
konnten die Vertreter der protestantischen Aktionspartei
glauben, mit der Union lasse sich offensive Politik betreiben.
Der Ausnahmefall Jülich täuschte über die tiefen Gegensätze
innerhalb der Union hinweg, die in Heilbronn für den, der
sie sehen wollte, gut erkennbar geworden waren. Die Union
funktionierte nur, wenn die Interessen all ihrer Mitglieder
verletzt wurden. Wer dieses Bündnis offensiv einsetzen
wollte, musste es zwangsläufig zerstören. Andererseits
zeigte sich in dem Übereinkommen zwischen Union und Liga
aber auch, dass der Vorrat an Verständigungswillen und
Kompromissbereitschaft noch nicht aufgebraucht war und
man Übereinkünfte treffen konnte, die den Frieden
bewahrten.

Derweil hatte sich die gemeinsame Regierung von Jülich-


Kleve-Berg als schwieriger erwiesen denn erwartet; eine
Schlüsselrolle kam dabei einmal mehr konfessionellen
Fragen zu. Im Herzogtum bestanden, wie erwähnt, [23]
katholische, lutherische und reformierte Gemeinden
nebeneinander, was diese aber nicht als Vorzug gegenüber
monokonfessionellen Territorien begriffen. Vielmehr
versuchten sie, den Machtwechsel in Düsseldorf dafür zu
nutzen, die eigene Position zu verbessern und die der
anderen zu verschlechtern. Die brandenburgische
Verwaltung begünstigte die reformierten Gemeinden,
während Wolfgang Wilhelm den Vorgaben seines
Herkunftsgebiets entsprechend – sein Vater Philipp Ludwig
war einer der großen lutherischen Landesfürsten – das
Luthertum unterstützte und dafür sorgte, dass das
Augsburger Bekenntnis in den lutherischen Gemeinden von
einer dezidiert anticalvinischen Abendmahlspraxis und
Gnadentheologie begleitet wurde. Durch den Einbezug
altkirchlicher Elemente wurde vielen Katholiken der
Übertritt ins Luthertum erleichtert. [24]
Der sich anbahnende Konflikt zwischen den beiden
Possedierenden hätte sich noch weiter verschärft, wenn
nicht der Kaiser erneut eingegriffen und das sächsische
Fürstengeschlecht der Wettiner ins Spiel gebracht hätte. Die
sächsischen Ansprüche hatten früher schon einmal eine
Rolle gespielt, wurden am Prager Hof aber nicht weiter
verfolgt, solange Aussicht auf eine katholische Lösung mit
Erzherzog Leopold an der Spitze bestand. Mit Leopolds
kläglichem Scheitern hatte sich das geändert, und das
kaisertreue und reichskonservative Sachsen erschien aus
habsburgischer Sicht nun als optimale Lösung. Kurfürst
Christian II. von Sachsen erklärte sich bereit, zwei der auf
Straßburger Gebiet geworbenen Infanterieregimenter in
Sold zu nehmen und sie durch eigene Kavallerie zu
verstärken, um die beanspruchten Gebiete zu besetzen.
Doch das von den rheinischen Erzbischöfen verfolgte
Projekt, das lutherische Sachsen in die katholische Liga
aufzunehmen und dessen Ressourcen für militärische
Operationen am Niederrhein zu nutzen, scheiterte am
Widerstand des Bayernherzogs Maximilian, der die Liga als
Bündnis unter seiner Führung erhalten wissen wollte; an
ihrer Umwandlung in eine Exekutionsmacht kaiserlicher
Entscheidungen war er nicht interessiert – er wäre der
Verlierer einer solchen Bündnistransformation gewesen.
Damit war klar, dass Sachsen für die Kosten eines
Gebietsgewinns am Niederrhein selbst würde aufkommen
müssen, und das dämpfte angesichts der leeren Staatskasse
den zeitweiligen Enthusiasmus der Dresdner Politik.
Das sächsische Intermezzo blieb am Niederrhein nicht
ohne Folgen, machte es den beiden Possedierenden doch
klar, wie prekär ihre Stellung war, nachdem sich die Union
als Unterstützungsmacht zurückgezogen hatte und mit
Frankreich unter der Regentschaft Maria de’Medicis nicht
länger zu rechnen war. Unter diesen Umständen gab es für
Kurbrandenburg und Pfalz-Neuburg prinzipiell zwei
Möglichkeiten: Entweder man reaktivierte die alten
Verbündeten beziehungsweise suchte neue Unterstützer –
oder aber man ließ sich auf einen Kompromiss ein, in den
alle in die Jülicher Angelegenheit involvierten Akteure des
Reichs eingeschlossen waren. Zunächst versuchte man es
mit der letztgenannten Möglichkeit; das Ergebnis war der
am 31. März 1611 zwischen Brandenburg, Pfalz-Neuburg
und Sachsen geschlossene Jüterboger Vertrag, der eher auf
einen Formelkompromiss als auf eine politisch handhabbare
Übereinkunft hinauslief. Moriz Ritter hat ihn so
zusammengefasst: «Hier suchte man in der zunächst
drängenden Frage des Besitzes der Jülicher Lande alle Teile
zu befriedigen: Brandenburg und Neuburg, indem man sie in
ihrem Besitze beließ, Sachsen, indem man es unter gewissen
Voraussetzungen in den ungeteilten Mitbesitz aufnehmen
wollte, den Kaiser, indem man ihm die Bestätigung dieser
Anordnung zuerkannte. In ähnlicher Weise regelte man die
Frage der schließlichen Rechtsentscheidung: als Richter
erkannte man den Kaiser an, aber als Beisitzer sollte er in
diesem Fall sich sechs zwischen Sachsen, Brandenburg und
Neuburg zu vereinbarende Fürsten gefallen lassen.» [25]
Dass es überhaupt zu diesem Vertrag kam, zeigt einmal
mehr, wie gering der Kriegswille bei den Beteiligten war:
Was man hier verhandelt hatte, war eine «Übereinkunft um
jeden Preis». Dass der Vertrag dann doch nicht umgesetzt
wurde, lag zunächst an Johann Sigismunds Gemahlin Anna,
die als Enkelin Herzog Wilhelms V. und Nichte des kinderlos
verstorbenen Johann Wilhelm Trägerin der Erbansprüche
war; gegen ihren Willen konnte und wollte der Kurfürst sich
nicht durchsetzen. Da brachte der andere Possedierende,
der Neuburger Wolfgang Wilhelm, wieder Bewegung in die
Angelegenheit, indem er auf Brautsuche ging. Zwischen
Brandenburg und Bayern hin- und herpendelnd, sondierte er
mögliche Eheschließungen, bei denen ihn vor allem die
politischen Konsequenzen interessierten: Eine Ehe mit der
Tochter des brandenburgischen Kurfürsten hätte den
Konflikt unter den Possedierenden entschärft; die
Eheschließung mit der Schwester des bayerischen Herzogs
würde ihm dagegen einen wichtigen Verbündeten im Ringen
um die Macht am Niederrhein einbringen. Wolfgang Wilhelm
entschied sich für Letzteres und erfüllte auch die Bedingung,
die Maximilian ihm als Hürde für das Bündnis vorgegeben
hatte: Er konvertierte zum Katholizismus, zunächst nur
heimlich, um die Nachfolge als Herzog von Pfalz-Neuburg
nicht zu gefährden, [26] später auch öffentlich.
Fast zeitgleich, am 13. Dezember 1613, erklärte der
Brandenburger Johann Sigismund seinen Übertritt zum
reformierten Bekenntnis, verzichtete aber darauf, dies mit
einer Inanspruchnahme des ius reformandi, also einer
Zwangskonversion der Bevölkerung in seinen
Herrschaftsgebieten, zu verbinden. Dafür hingen in
Brandenburg die Landstände und die Geistlichkeit zu stark
dem Luthertum an, zumal auch in der kurfürstlichen Familie
einige am lutherischen Bekenntnis festhielten. In Preußen
hatte der Kurfürst gegenüber dem polnischen Lehnsherrn
zusichern müssen, die freie Ausübung des katholischen
Bekenntnisses in keiner Weise einzuschränken. Darüber
hinaus hatte er den preußischen Landständen zugesagt,
keine vom Augsburger Bekenntnis abweichende
protestantische Religionsausübung zuzulassen.
Kurbrandenburg hätte damit zu einem Vorbild dafür werden
können, wie die gefährliche Verknüpfung von Politik und
Konfession aufzulösen war. Doch vor dem Dreißigjährigen
Krieg sah man darin eher einen Ausnahme- und Sonderfall
als ein Vorbild für den Umgang mit konfessionellen
Konflikten.
Durch die Konfessionswechsel Wolfgang Wilhelms und
Johann Sigismunds hatten sich die politisch-militärischen
Bündnisoptionen am Niederrhein verändert: Der Madrider
Hof ebenso wie Erzherzog Albrecht in Brüssel gaben nun
ihre zurückhaltende Einstellung auf, unterstützten den in
Düsseldorf residierenden Neuburger mit einer Jahrespension
von 12000 Gulden und gaben Ambrosio Spínola, dem
Kommandeur des spanischen Militärs in den südlichen
Niederlanden, den Auftrag, im Fall eines brandenburgischen
Angriffs auf den Jülicher Besitz des Pfalzgrafen diesem mit
seiner gesamten Heeresmacht zu Hilfe zu kommen. Der
Übertritt des Brandenburger Kurfürsten zum Calvinismus
hatte die vorherige Lagebeurteilung geändert: Ein
Lutheraner wurde nicht eo ipso als ein Verbündeter der
nördlichen Niederlande angesehen – ein Calvinist schon.
Und umgekehrt sagte Prinz Moritz von Oranien, der die
Streitkräfte der nördlichen Niederlande kommandierte,
Kurprinz Georg Wilhelm von Brandenburg, der
zwischenzeitlich die Verwaltung der brandenburgischen
Territorien am Niederrhein übernommen hatte, jede
mögliche Hilfe zu. Konfessionelle Konflikte innerhalb der
Aachener Bürgerschaft, Kontroversen um die kommerziellen
Rechte der Kölner Kaufleute und die handstreichartige
Ersetzung des neuburgischen Truppenteils in der Festung
Jülich durch eine Einheit der nördlichen Niederlande führten
schließlich zum Einmarsch der flandrischen Armee unter
Spínola – und kurz darauf zur Gegenintervention der
Generalstaaten unter Moritz von Oranien. Aber beide Seiten
operierten vorsichtig und beschränkten sich darauf, einige
Festungen unter ihre Kontrolle zu bringen. Während die
Spanier Wesel besetzten, sicherten sich die Niederländer
neben Jülich noch Emmerich und Rees; da keine der beiden
Seiten den Waffenstillstand von 1609 sprengen wollte,
einigte man sich im Vertrag von Xanten auf die
Festschreibung des Status quo: Kurbrandenburg wurde
Kleve-Mark zugesprochen, Pfalz-Neuburg Jülich-Berg, und so
wurde aus dem bisherigen Provisorium eine Dauerlösung,
bei der Sachsen, Burgau und Pfalz-Zweibrücken leer
ausgingen. Die fremden Truppen, so die Vereinbarung,
sollten abziehen, was sie jedoch nicht taten. Die Spanier
blieben in Wesel und die Holländer in Jülich; beide Seiten
benutzten die Festungen als militärisches Glacis für das mit
dem Auslaufen des Waffenstillstands in den Niederlanden
erwartete Wiederaufleben des Krieges. [27] Dieser Vorteile
wegen hatte man sie ja schließlich besetzt.
Einige Schlussfolgerungen für die
Darstellung des Krieges
Der Verlauf der Erbfolgestreitigkeiten um Jülich-Kleve-Berg
und die zweimalige Eskalation ist für die Debatte über
Anfänge und Ursprünge des Dreißigjährigen Krieges in
mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Zum einen zeigt sich
darin wie in einem Brennglas die Fülle der Konflikte, die,
sobald sie sich überlappten, das Potenzial hatten, zum Krieg
zu werden; es waren dies Erbfälle und unklare
Nachfolgeregelungen, Bekenntnisfragen in
gemischtkonfessionellen Gebieten und Konfessionswechsel
von Landesherren sowie deren Suche nach mächtigen
Verbündeten, bei der schnell die Grenzen des Reichs
überschritten und die Konflikte «internationalisiert» wurden.
Aus einem im Modus von Rechtsansprüchen ausgetragenen
Konflikt im Reich – bevorzugt war von Aufruhr und
Landfriedensbruch, aber auch von Widerstand gegen
Unrecht und Wiederherstellung des Rechtszustands die
Rede – [1] wurde so Krieg im genuinen Sinn.
Andererseits wird im Konfliktverlauf am Niederrhein
deutlich, dass es eine Reihe von Mechanismen gab, Konflikte
zu begrenzen, Übereinkünfte zu finden und
Eskalationsdynamiken aufzuhalten, die in der böhmischen
Krise von 1618 hätten genutzt werden können. Der Verlauf
der Auseinandersetzungen um Jülich-Kleve-Berg zeigt, dass
der Krieg keineswegs unvermeidlich war und es nur eines
«Anlasses» bedurfte, um ihn in Gang zu setzen, wie dies eine
Ex-post-Betrachtung nahezulegen scheint. Hätte sich in
Spanien 1617/18 nicht die ökonomische Lagebeurteilung
geändert, [2] dann hätte Ferdinand im Konflikt mit den
Böhmen ohne Geld und ohne Truppen dagestanden, und
unter diesen Umständen hätte er sich wohl auf
Verhandlungen mit den böhmischen Ständen einlassen
müssen, wie das vor ihm die Kaiser Rudolf und Matthias
getan haben. Der böhmische Konflikt hätte dann einen
Verlauf nehmen können, der dem des Jülicher
Erbfolgestreits ähnlich gewesen wäre. Festzuhalten ist aber
auch: Hätte der Fanatiker Ravaillac Heinrich IV. nicht
erstochen, dann hätte sich der Jülicher Erbfolgestreit ganz
anders entwickelt und vermutlich einen großen Krieg in
Europa ausgelöst, in dem es um den Hegemonialkonflikt
zwischen Spanien und Frankreich gegangen wäre. So stehen
beide Sichtweisen, die der Zwangsläufigkeit des Krieges und
die seiner Kontingenz, nebeneinander, und es ist kaum
möglich zu begründen, warum die eine der anderen
überlegen sein soll.
Die Grundannahme einer Determiniertheit des politischen
Geschehens relativiert die Bedeutung von Entscheidungen
ebenso sehr wie die Grundannahme einer weitgehenden
Geschehenskontingenz. Das aber ist es, was für den
heutigen Leser jenseits gepflegter Unterhaltung mit
historischen Themen oder einfühlsamer Anteilnahme am
Leid der Bevölkerung den Dreißigjährigen Krieg interessant
und lehrreich macht: die Beschäftigung mit Entscheidungen
beziehungsweise Nicht-Entscheidungen und deren mittel-
und langfristigen Folgen. Wenn richtig ist, was im
Schlusskapitel des Buches ausführlicher behandelt wird,
dass nämlich der Dreißigjährige Krieg sehr viel stärker als
die Kriege des 18. bis 20. Jahrhunderts zum Analysemodell
für die religiös grundierten und konfessionellen Kriege
unserer Gegenwart geeignet ist, dann ist die
Auseinandersetzung mit ihm sowie mit seiner Vor- und
Nachgeschichte eine Schulung der politischen Urteilskraft.
2. Kapitel
Ein Aufstand, der das reich erschüttert:
Der böhmisch-pfälzische Krieg

Auf Bündnissuche
Der böhmisch-pfälzische Krieg kam nur zögerlich in Gang.
Zum einen hatten die beiden Konfliktparteien keine
Streitkräfte zur Hand, mit denen sie sogleich hätten
losschlagen können; zum anderen waren sie zunächst damit
beschäftigt, die Verhältnisse im Innern ihrer Herrschaft zu
konsolidieren und potenzielle Gegner des Waffengangs
auszuschalten. Vor allem aber ging es über einen Zeitraum
von mehr als einem Jahr darum, Verbündete und
Unterstützungsmächte zu finden und dabei die für den Krieg
erforderlichen Ressourcen zu sammeln. Das kostete Zeit,
nicht nur wegen der schwierigen Entscheidungsprozesse bei
den um Hilfe Gebetenen, sondern auch wegen der
Langsamkeit der Kommunikationswege, die in der Regel der
Reisedauer der Gesandten entsprach. Bis zum Sommer 1620
gab es lediglich sporadische Kampfhandlungen, die jedoch
nur dem gegenseitigen Abtasten der Heere und der
Demonstration militärischer Handlungsfähigkeit dienten.
Die innere Machtkonsolidierung auf Seiten der
Habsburger begann mit dem Sturz des Kardinals Klesl, der
unter Kaiser Matthias die Staatsgeschäfte geleitet hatte.
Klesl wollte die Böhmen durch scharfe Mandate in die
Schranken weisen, setzte ansonsten aber auf Verhandlungen
und unternahm keine energischen Anstrengungen, um
Streitkräfte aufzustellen, mit denen man eine militärische
Entscheidung hätte suchen können. [1] Dazu hätte er sich
freilich auch an die Stände der österreichischen Erblande
wenden müssen, die aufgrund ihrer Sympathien für den
böhmischen Ständeaufstand nicht bereit waren, ein
kaiserliches Heer für den Feldzug gegen die Böhmen zu
finanzieren. Das Geld für die Kriegführung musste
anderweitig beschafft werden. Obendrein war der
schwerkranke Kaiser weder willens noch in der Lage, einen
Unterwerfungskrieg gegen die Böhmen zu führen. Die
Verhaftung Klesls, die von den Erzherzögen Ferdinand und
Maximilian angeordnet wurde, und seine anschließende
Deportierung nach Tirol zielten deshalb vor allem auf Kaiser
Matthias, dem damit sein politisches Ausführungsinstrument
aus der Hand geschlagen wurde. Als Ferdinand und
Maximilian an Matthias’ Krankenbett traten, um dem Noch-
Kaiser von Klesls Verhaftung zu berichten, wurde dieser
«erst von Grimm, dann von Angst erfaßt, um sich schließlich
ins Unvermeidliche zu schicken» [2]. Es ist also durchaus
zutreffend, wenn die Verhaftung Klesls als «Staatsstreich»
(oder «Hausstreich») bezeichnet wird, [3] durch den der
Kaiser entmachtet und Erzherzog Ferdinand zur
entscheidenden Person in Wien wurde.
Die Machtverteilung in Wien wurde neu geordnet, aber
das wäre kaum ohne die Einwilligung der spanischen Linie
möglich gewesen. Graf Oñate, der Madrider Botschafter am
Kaiserhof, scheint von Anfang an in den Coup d’État der
beiden Erzherzöge eingeweiht gewesen zu sein, und
vermutlich war er bei der Vorbereitung der Aktion sogar die
treibende Kraft im Hintergrund. In Madrid war man zuvor
nämlich zu dem Ergebnis gekommen, dass die
Gesamtinteressen des Hauses Habsburg großen Schaden
nehmen würden, wenn man die rebellischen Böhmen
gewähren lasse und nicht mit aller Entschiedenheit gegen
sie vorgehe. Da solches mit Kaiser Matthias nicht möglich
war, musste man dem Schwerkranken seine rechte Hand
nehmen, um das aus spanischer Sicht erforderliche
militärische Vorgehen gegen die Böhmen durchsetzen zu
können.
Der Schlachtenmaler Friedrich Wilhelm (Fritz) L’Allemand (1812 bis 1866) hat in
seinem Aquarell «Das Heer sammelt sich vor der Hofburg in Wien und ruft nach
‹Nandl› [Erzherzog Ferdinand]» dem Kriegsbeginn einen markant heroischen
Anfang verliehen: Eine Kürassiereinheit ist vor die Hofburg geritten und ruft nach
ihrem Oberbefehlshaber – unübersehbar eine Rückprojektion der bellizistischen
Vorstellungswelt des 19. Jahrhunderts in die Anfänge des Dreißigjährigen Krieges.
Offenbar handelt es sich bei der Szene um die Ankunft der Dampierre’schen
Kürassiere am 11. Juni 1619, durch die Erzherzog Ferdinand aus der Bedrängnis
durch die Landstände befreit wurde.

Dabei hatte ausgerechnet Klesl in einer Denkschrift, die er


kurz nach Eintreffen der Nachricht vom Prager Fenstersturz
verfasst hatte, die Grundlinien dieser neuen Politik
entwickelt. Die eigentliche Ursache des Aufstands, so
schrieb er darin, sei in der protestantischen Ketzerei zu
suchen, die ihrer Natur nach zu Unzufriedenheit und
Empörung führe. [4] Das eigentliche Ziel des Aufstands sei
die Regierungsübernahme durch die protestantischen
Stände, die Bildung einer Konföderation aus allen
habsburgischen Erblanden und folglich die Unterdrückung
des Landesherrn und der Katholiken. Es bleibe dem Kaiser
darum gar nichts anderes übrig, als den Kampf gegen die
Böhmen aufzunehmen und ihn mit äußerster
Entschlossenheit zu führen. In der offiziellen Begründung
solle aber, so die Denkschrift weiter, nicht der religiöse
Streit, sondern die Verteidigung der Rechte des Landesherrn
herausgestellt werden. Nicht als Religionskonflikt, sondern
als Streit um die politische Ordnung und die Position des
Landesherrn solle dieser Krieg propagandistisch dargestellt
werden. Was Klesl unter allen Umständen vermeiden wollte,
war eine Konfrontation der Konfessionen, die dazu hätte
führen können, dass sich die zerstrittenen Protestanten zu
einer geschlossenen Front formierten. Wenn es hingegen um
die Rechte des Landesherrn und die der Stände gehe,
würden sich auch viele protestantische Landesfürsten
fragen, ob sie einen Aufstand unterstützen sollten, der ihren
Interessen eindeutig zuwiderlief.
Selbst Klesl hielt den Krieg inzwischen für unvermeidlich,
aber er wollte verhindern, dass er zu einer eskalierenden
Konfrontation der Konfessionen wurde; stattdessen setzte er
auf eine sukzessive Ausschaltung der landständischen
Gegner der habsburgischen Herrschaft. Klesl wollte
vermeiden, dass das angesammelte Pulver schlagartig
explodierte, es sollte langsam abbrennen. In diesem Sinne
erging am 18. Juni eine kaiserliche Antwort auf die
böhmischen Beschwerden und die dort ergriffenen
Maßnahmen, der zufolge der Majestätsbrief von Seiten des
Kaisers nicht verletzt worden sei und über aufgekommene
Missverständnisse eine noch einzusetzende Kommission
befinden werde. Alle von den Pragern vorgenommenen
kriegerischen Maßnahmen, wie die Mobilisierung des
Landesaufgebots und zusätzliche Truppenwerbungen, seien
sofort einzustellen; sie seien gegen die Landesverfassung
gerichtet und griffen in die Rechte des Landesfürsten ein.
Kennt man den Hintergrund des kaiserlichen Patents nicht,
lässt sich diese Antwort als Ausdruck von Verhandlungs- und
Kompromissbereitschaft missverstehen; tatsächlich handelte
es sich um ein politisches Strategem für den bevorstehenden
Krieg, das die protestantische Unterstützung für die Böhmen
möglichst gering halten sollte. Faktisch ist die kaiserliche
Politik in ihrer offiziellen Selbstdarstellung bis zum
Restitutionsedikt von 1629 diesen Vorgaben Klesls gefolgt.

Die habsburgische Strategie, den Streit mit den Böhmen als


Verfassungs- und nicht als Konfessionskonflikt darzustellen,
zeigte bald Wirkung. Als die böhmischen Stände auf der
Suche nach Verbündeten bei der Union und einer Reihe
protestantischer Mächte außerhalb des Reichs um
Unterstützung nachsuchten, wurden sie allenthalben
abschlägig beschieden – mit Ausnahme der Niederlande,
bezeichnenderweise der einzigen Macht, für die das
Argument, die Rechte des Landesherrn seien in Gefahr,
keine Rolle spielte. Im Frühjahr 1619 beschloss man im
Haag, den Böhmen Hilfsgelder von 25000 Talern pro Monat
zu zahlen, zunächst freilich auf drei Monate begrenzt und
nur für den Fall, dass die Böhmen tatsächlich Krieg führen
und die Niederlande sich im Frieden befinden würden. Stellt
man dem allein die päpstlichen Subsidien gegenüber, die an
Wien gezahlt wurden – sie beliefen sich von Juli 1618 bis
Ende 1620 auf eine Summe von 304000 Talern,
hinzuzurechnen sind die im selben Zeitraum an die Liga
gezahlten 204000 Taler –, [5] so zeigt sich darin der Erfolg
von Klesls Doppelstrategie, den Krieg als
Verfassungskonflikt zu deklarieren und ihn allenfalls
verdeckt als Konfessionskrieg zu führen. Dem hatten die
Böhmen nichts Vergleichbares entgegenzusetzen.
Innerhalb Böhmens war die Suche nach Verbündeten
durchaus erfolgreich, aber auch hier nicht auf allen Ebenen
gleichermaßen. Man ging konsequent vor: Unmittelbar nach
dem Fenstersturz wurde ein dreißigköpfiges Direktorium
eingesetzt, das Ständeheer wurde aufgeboten und unter den
Befehl des Grafen Thurn gestellt, des Weiteren wurden die
Jesuiten aus dem Land vertrieben und das Eigentum jener
Adligen konfisziert, die als Anhänger der Gegenreformation
hervorgetreten waren. Man war bemüht, die Kontrolle über
das gesamte Land zu gewinnen, und dazu gehörte auch, dass
man gegen die Städte vorging, die sich dem Aufstand nicht
angeschlossen hatten. Vergleicht man indes die Entwicklung
des Aufstands in Böhmen mit der des Aufstands in den
Niederlanden ein halbes Jahrhundert davor, so fällt auf, dass
der böhmische Aufstand überwiegend eine Angelegenheit
des Adels war und es nicht oder nur unzulänglich gelang, die
Bauernschaft auf dem Lande und die Bürger in den Städten
für seine Ziele zu mobilisieren. In den Adelskreisen gab es
eine ausgeprägte Neigung, die für den Erfolg des Aufstands
erforderlichen Anstrengungen zu unterschätzen, was sich
unter anderem darin zeigte, dass nur bescheidene finanzielle
Mittel für die Werbung von Söldnern und die Aufstellung
eines schlagkräftigen Heeres bereitgestellt wurden. [6]
Offenbar gab man sich der Hoffnung hin, man könne mit
relativ geringem Aufwand erfolgreich sein.
Zur Selbsttäuschung der böhmischen Aufständischen über
das Risiko, das sie eingegangen waren, und die radikalen
Maßnahmen, die vonnöten waren, um den Aufstand zum
Erfolg zu führen, trug auch bei, dass sie von den Ständen
der anderen habsburgischen Erblande Zuspruch und
Unterstützung erfuhren. Im Oktober 1618 schlossen sich die
Stände Schlesiens dem böhmischen Aufstand an, und mit
dem Tod von Kaiser Matthias am 20. März 1619 sahen sich
auch die Stände Mährens sowie der Ober- und Niederlausitz
von ihren Loyalitätsverpflichtungen gegenüber dem Hause
Habsburg entbunden. Am 31. Juli 1619 schlossen sich die
Böhmen, Mähren, Schlesier und Lausitzer zur Confoederatio
Bohemica zusammen, indem sie sich eine aus hundert
Artikeln bestehende libertäre und föderative Verfassung
gaben. Auch den ober- und niederösterreichischen Ständen
wurde der Beitritt zu dem «Staatenbund» angetragen, doch
diese zögerten, den entscheidenden Schritt in den Aufstand
mitzumachen. Immerhin traten sie in enge Beziehungen zur
Böhmischen Konföderation und sagten ihr alle nur denkbare
Unterstützung zu. [7] Von den habsburgischen Erblanden
blieben zunächst nur die Ungarn abseits und steuerten einen
loyalistischen Kurs. Für Ferdinand bedeutete das freilich
keine nennenswerte Unterstützung, da stets mit einem
Einfall Bethlen Gábors, des Fürsten von Siebenbürgen, nach
Ungarn gerechnet werden musste, so dass die ungarischen
Kräfte im eigenen Land gebunden waren. Außerdem konnte
die Stimmung in Ungarn jederzeit umschlagen, und die
antihabsburgischen Kräfte konnten die Oberhand gewinnen.
Ferdinand durfte nicht damit rechnen, in den
habsburgischen Erblanden nennenswerte Kräfte
mobilisieren zu können – weder in Gestalt von
Militäreinheiten, die man ihm zur Verfügung gestellt hätte,
noch in Form von Sondersteuern, die ihm von den Ständen
bewilligt worden wären. Unter diesen Umständen war er auf
auswärtige Hilfe angewiesen. Das war einer der Gründe
dafür, warum der sich abzeichnende Krieg von den
Habsburgern nicht als eine innerhalb ihrer Erblande zu
erledigende Angelegenheit behandelt wurde. Ferdinand, seit
1617 böhmischer König und gemäß den hausinternen
Absprachen der Casa d’Austria designierter Nachfolger auf
dem Kaiserthron, war also noch stärker als die Böhmen auf
Unterstützung von außen angewiesen. Er erhielt sie, wie
schon erwähnt, vom Papst, weiterhin von einigen
italienischen Mächten, unter anderem der Republik Genua,
die Subsidien zahlte, und dem Großherzog der Toskana, der
Soldaten schickte, [8] vor allem aber vom spanischen König,
der in großem Stil Finanzmittel zur Verfügung stellte und
kriegserprobte Truppen in Marsch setzte, und schließlich
auch von der neuformierten katholischen Liga unter
Führung Herzog Maximilians. Doch die spanische und die
bayerische Hilfe hatte ihren Preis, und die Entrichtung
dieses Preises lief auf eine Entgrenzung des Krieges hinaus.
Auch wenn einige Historiker die erste Hälfte des Krieges bis
zum militärischen Eingreifen Schwedens als «deutschen
Krieg» bezeichnen und davon die zweite Hälfe als
«europäischen Krieg» absetzen, [9] so war dieser Krieg doch
von Anfang an ein europäischer Konflikt: Dafür sorgten die
Subsidien des Papstes an die Habsburger und die der
Holländer an die Böhmen, die Entsendung flandrisch-
wallonischer Truppen zugunsten des Kaisers sowie das
Eingreifen des Siebenbürger Woiwoden Bethlen Gábor und
schließlich die zeitweilige Finanzierung eines auf Seiten der
Böhmen stehenden Söldnerverbands unter Ernst von
Mansfeld durch den savoyischen Herzog Karl Emanuel.
Dass Spanien den österreichischen Habsburgern zu Hilfe
kommen würde, stand trotz der Wiederannäherung beider
Linien und des Oñate-Vertrags keineswegs von Anfang an
fest. Spanien war, wie beschrieben, wirtschaftlich erschöpft
und brauchte dringend eine längere Friedensperiode. [10] Der
Herzog von Lerma, der bis Oktober 1618 die spanische
Politik leitete, plädierte dafür, auf Matthias und Ferdinand
besänftigend einzuwirken und ihnen nahezulegen, den
böhmischen Forderungen entgegenzukommen. [11] Bei den
am 14. Juli 1618 geführten Beratungen im Staatsrat bot er
100000 Dukaten an, die mit dem Hinweis zu versehen seien,
das sei das Letzte und Äußerste, was Spanien erübrigen
könne. Dagegen bestanden Balthasar de Zúñiga und der
Herzog von Infantado darauf, dass Kaiser Matthias und
König Ferdinand unverzüglich 200000 Dukaten zur
Verfügung gestellt würden und man darüber hinaus bereit
sein müsse, diese Summe noch einmal deutlich zu erhöhen,
falls die Niederlande auf Seiten der Böhmen in den Konflikt
eingriffen. Dann werde man auch nicht umhinkönnen, Wien
mit Truppen zu Hilfe zu kommen, indes nicht mit Einheiten
aus Italien, wie es Graf Oñate vorgeschlagen hatte, sondern
mit Truppen aus Flandern und der Wallonie, die Erzherzog
Albrecht, Statthalter der südlichen Niederlande, in seiner
Eigenschaft als Reichsstand nach Böhmen entsenden solle.
Zúñiga, der lange die spanischen Interessen am Kaiserhof
vertreten hatte und mit den Verhältnissen im Reich gut
vertraut war, wusste um die dort grassierenden
antispanischen und antiitalienischen Affekte, die er nicht
unnötig mobilisieren wollte. [12] Lerma dagegen fürchtete,
weitgehende Zusagen an die österreichischen Habsburger
würden diese dazu verleiten, einen Krieg zu beginnen, den
am Ende Madrid finanzieren müsse. Die anschließend
getroffene Entscheidung war ein Kompromiss: Man überwies
200000 Dukaten sofort und stellte weitere Gelder in
Aussicht, wies Graf Oñate aber an, auf die Wiener Politik im
Sinne eines Ausgleichs mit den Böhmen einzuwirken. Dem
konnte auch Zúñiga zustimmen, denn er wollte kriegerische
Auseinandersetzungen vermeiden, bis die Wahl des neuen
Kaisers erfolgt war.
Für die spanische Unterstützung war ausschlaggebend,
dass Zúñiga nach Lermas Sturz seit Oktober 1618 die
Außenpolitik Madrids bestimmte; zusammen mit Graf Oñate
steuerte er einen Kurs, der auf eine immer stärkere
Unterstützung Wiens hinauslief. Bis Juli 1619 hatte Spanien
bereits 3,4 Millionen Taler an die österreichischen
Habsburger gezahlt; Ende 1624 summierten sich diese
Hilfsgelder auf sechs Millionen Taler. Des Weiteren waren
im März 1621 etwa 40000 von Spanien finanzierte Soldaten
aus den südlichen Niederlanden an Orten im Einsatz, an
denen sie direkt oder indirekt zur Durchsetzung der Wiener
Politik dienten. [13] Auch unter Zúñiga hatte sich Spanien
nicht in diese Rolle hineingedrängt, sondern man hatte
zunächst auf die Wiederherstellung der katholischen Liga im
Reich gesetzt, die den Habsburgern zu Hilfe kommen sollte.
Graf Oñate hatte sich mehrfach an Herzog Maximilian
gewandt, damit dieser die Initiative zur Erneuerung der Liga
ergriff, war damit aber über lange Zeit nicht
durchgedrungen. Währenddessen verschlechterte sich die
Lage für die Habsburger zusehends. Unter diesen
Umständen entschloss sich Zúñiga, die spanische Politik
grundsätzlich zu verändern: Er gab die von Lerma verfolgten
mittelmeerischen Zielsetzungen auf, um sämtliche
Ressourcen des Imperiums in den Krieg im Reich werfen zu
können. Aus Zúñigas Sicht war das kein Akt der
Selbstlosigkeit oder gar Selbstaufopferung, sondern ein
Kampf um die Stellung Spaniens in Europa: Würden die
österreichischen Habsburger in Böhmen unterliegen, wären
auch die südlichen Niederlande nicht mehr zu halten und
Spanien würde über kurz oder lang aus Mittel- und
Westeuropa herausgedrängt. Zunächst waren Zúñiga jedoch
die Hände gebunden, denn vor der Wahl Ferdinands zum
Kaiser, so seine Überzeugung, konnte ein gar zu sichtbares
spanisches Agieren dazu führen, dass die Wahl scheiterte
und das Haus Habsburg den Zugriff auf die Kaiserkrone
verlor. [14] Diese Konstellation war dafür verantwortlich, dass
der Krieg nur langsam in Gang kam, als wüssten die
Konfliktparteien noch nicht, ob sie wirklich Krieg führen
oder doch noch versuchen wollten, auf dem
Verhandlungsweg eine Übereinkunft zu finden.
Herzog Maximilian von Bayern hatte sich lange bitten
lassen, bevor er den Entschluss fasste, die seit 1615
zerfallene Liga wiederzubeleben. Er strebte ein Bündnis
unter seiner alleinigen Führung an, in dem die Habsburger
nichts zu melden hatten. Um seine Bedingungen
durchzusetzen, ließ er Ferdinand warten, und dabei konnte
ihn auch Oñate nicht aus der Ruhe bringen, der ihn zur Eile
drängte. Erst als die Wahl des neuen Kaisers bevorstand,
schien es Maximilian an der Zeit, den katholischen Block neu
zu formieren und dabei nicht nur die Stimmen der drei
geistlichen Kurfürstentümer zu kontrollieren, sondern auch
die regelmäßigen Einzahlungen von Mainz, Köln und Trier in
die gemeinsame Kasse der Liga wieder einzuführen – um
eine Armee zu finanzieren, die schon bald das wichtigste
Instrument zur Durchsetzung seines politischen Willens sein
würde. Es war absehbar, dass im Portfolio der Machtsorten
militärische Macht in nächster Zeit die wichtigste sein
würde, und die Liga war für Maximilian das Mittel, um die
ökonomische und finanzielle Macht der katholischen Partei
im Reich in militärische Macht zu verwandeln. Im
Unterschied zu den anderen Machtsorten, bei denen zur
wirtschaftlichen noch die ideologische hinzukam, [15] wollte
er in der Liga die militärische Macht allein kontrollieren.
Erst als absehbar war, dass Ferdinand den Preis für seine
Unterstützung zu zahlen bereit war, organisierte Maximilian
die Instrumente, die vonnöten waren, damit der Kaiser den
Gehorsam seiner böhmischen Untertanen erzwingen konnte.
Maximilians Agieren zwischen dem Sommer 1618 und dem
Sommer 1619 war ein Meisterstück machiavellistischer
Politik. Die auf seine Initiative hin wiederbelebte Liga wurde
zum politischen Paradox: Sie wurde mit der doppelten
Aufgabe gebildet, den Habsburgern in ihren Erblanden
wieder in den politischen Sattel zu helfen, und gleichzeitig
sollte sie sicherstellen, dass ein wiedererstarkter
habsburgischer Kaiser den Reichsständen gegenüber nicht
zu mächtig wurde. Manches, was an der Politik Maximilians
auf den ersten Blick als widersprüchlich und inkonsequent
erscheint, wird verständlich, wenn man die paradoxe
Doppelfunktion der Liga und die beiden Imperative der
bayerischen Politik betrachtet: die katholische Partei im
Reich zu stärken, was nur in Zusammenarbeit mit dem
habsburgischen Kaiser möglich war, und zugleich die
politische Handlungsmacht der Reichsstände zu verteidigen,
was auf eine Konfrontation mit dem Kaiser hinauslaufen
musste.
Zunächst aber bestand im Reich ein Interregnum: Kaiser
Matthias war am 20. März 1619 gestorben, und da es zu
seinen Lebzeiten nicht möglich gewesen war, unter dem
Titel «Römischer König» einen Nachfolger zu wählen, blieb
der Thron vorerst unbesetzt. In dieser Zeit führte der
Mainzer Erzbischof Johann Schweikhard von Kronberg als
Erzkanzler des Reichs die Amtsgeschäfte. Er lud erst für Juli
nach Frankfurt, wo seit 1147 die meisten Kaiserwahlen
stattgefunden hatten. Die Wahl Ferdinands erfolgte am
28. August 1619, die anschließende Kaiserkrönung am
9. September. Für Ferdinand, den durch Übereinkunft der
habsburgischen Erzherzöge designierten Nachfolger auf
dem Kaiserthron, begann dabei die Zeit knapp zu werden,
denn nur als Kaiser verfügte er über den Einfluss und die
Legitimation, um hinreichend Verbündete für den Krieg um
Böhmen an sich zu binden. Ohne Kaisertitel war er für die
spanische wie die bayerische Politik uninteressant. Die Zeit
drängte auch deshalb, weil Bethlen Gábor, der mit den
Böhmen ein Militärbündnis geschlossen hatte, im August
1619 mit seinen Truppen in Ungarn einfiel. [16] Er konnte
sich dabei auf die Unterstützung der meisten ungarischen
Adligen verlassen, die aus konfessionellen Gründen größere
Sympathien für den siebenbürgischen Calvinisten hegten als
für den streng katholischen Landesherrn in Wien. Sie hatten
Sorge, dass der Habsburger in Ungarn die rigide
Konfessionalisierungspolitik fortsetzen würde, die er in der
Steiermark betrieben hatte, und obendrein konnten sie bei
ihm keine Neigung erkennen, ständische Rechte zu
respektieren. Ferdinand musste den Verlust eines weiteren
seiner Erblande befürchten, und tatsächlich wählte am
25. August ein schnell einberufener Landtag des
ungarischen Adels Bethlen Gábor zum König von Ungarn.
Erst eineinhalb Jahre später, am 31. Dezember 1621,
verzichtete Gabriel Bethlen von Iktar, wie er auf Deutsch
hieß, auf die Stephanskrone und ließ sich dafür mit den
Herzogtümern Oppeln und Ratibor belehnen. [17]
Mit Überfällen und schnellen Eroberungen war Bethlen
Gábor sehr erfolgreich, doch wenn es darum ging, die von
seiner leichten Reiterei überrannten Gebiete zu halten und
zu verteidigen, zeigten sich die Schwachpunkte des
siebenbürgischen Fürsten. Das begrenzte seinen Wert als
Bündnispartner, der für den Augenblick der Überraschung
groß war, aber mit der Dauer eines Konflikts kontinuierlich
sank. Bethlen Gábor agierte als grausamer Eroberer und
beutegieriger Plünderer der habsburgischen Lande; eine
längerfristige Politik konnte nicht auf ihn zählen. Das war
ein Problem für die Böhmen, denn was sie brauchten, war
ein durchhaltefähiger Verbündeter. Der Fürst von
Siebenbürgen verursachte mit seinen blitzschnellen
Überfällen zwar jedes Mal großes Entsetzen, aber dann
verschwand er wieder dorthin, woher er gekommen war, und
spielte für längere Zeit keine Rolle mehr.
Am 18. August 1619 setzte die Ständeversammlung in
Prag Ferdinand als böhmischen König mit der Begründung
ab, dass er die Rechte des Landes fortgesetzt verletzt habe.
Damit war unklar, ob Ferdinand bei der Kaiserwahl in
Frankfurt überhaupt über die böhmische Kurstimme
verfügen konnte. Ferdinands Angelegenheiten standen auf
Messers Schneide. Er hatte nur eine Chance, das Heft des
Handelns wieder in die Hand zu bekommen, und die bestand
darin, dass er möglichst schnell zum Kaiser gewählt wurde,
um anschließend unter Nutzung der kaiserlichen Rechte
eine offensive Politik gegen seine Feinde und Widersacher
betreiben zu können. Der Kaisertitel war zunächst nicht viel
mehr als symbolische Macht, aber die Symbole der Macht
sollten Ferdinand Zugang zu den Ressourcen der Macht
verschaffen.
Die kurpfälzische Politik hatte das Dilemma Ferdinands
erkannt. Man war darum bemüht, die Wahl des Kaisers zu
verschieben, jedenfalls so lange wie möglich
hinauszuzögern, um in Prag vollendete Tatsachen zu
schaffen, die Operationen Bethlen Gábors in Ungarn wirken
zu lassen und den Habsburgern den Zugriff auf die
Legitimitätssymbole des Kaisertitels zu verwehren. Aber
man befand sich selbst in einem Dilemma, aus dem man
nicht herauskam: Es gab nämlich keinen Gegenkandidaten
zu Ferdinand. [18] Mögliche Alternativen wären Kurfürst
Johann Georg von Sachsen und Herzog Maximilian von
Bayern gewesen, doch beide hatten sich nicht zu einer
Gegenkandidatur bereitgefunden. Johann Georg wäre trotz
seiner reichskonservativen Grundhaltung als Protestant
nicht mehrheitsfähig gewesen, und Maximilian meinte, dass
er seine politischen Ziele eher im Gefolge des Habsburgers
erreichen könne als in Gegnerschaft zu ihm. Das Dilemma, in
dem die pfälzische Politik steckte, war also noch größer als
das Ferdinands. Ferdinand ging es darum, dass die Wahl
möglichst bald stattfand; die Pfälzer setzten darauf, sie
möglichst lange hinauszuzögern. Aber während Ferdinand
am Ziel war, sobald die Wahl stattgefunden hatte – da er der
einzige Kandidat war, konnte sie nur zu seinen Gunsten
ausfallen –, würden die Pfälzer mit einer Verzögerung um
ein paar Wochen nichts erreichen, wenn sich in dieser Zeit
die politischen Konstellationen nicht grundlegend
veränderten. So gelang es den Pfälzern wohl, die Kaiserwahl
vom zunächst dafür ausgeschriebenen 20. Juli bis zum
28. August hinauszuzögern, aber damit war für sie nichts
gewonnen, da das Kurfürstenkollegium nicht bereit war, auf
die zuvor erfolgte Absetzung Ferdinands durch die
böhmischen Stände zu reagieren und den in Frankfurt
eingetroffenen böhmischen Ständevertretern das Wahlrecht
zu übertragen. Für Ferdinand und die geistlichen Kurfürsten
kam das ohnehin nicht in Frage, weil damit die Mehrheit im
Kurfürstenkollegium von den Katholiken zu den Protestanten
übergegangen wäre, und auch Kursachsen und
Kurbrandenburg wollten sich nicht darauf einlassen,
Rebellen zu unterstützen. Das Interesse, die eigene Macht
zu sichern, war für beide deutlich größer als eine wie auch
immer geartete protestantische Solidarität. Demzufolge
waren die Konstellationen Ende August dieselben wie Ende
Juli: Die katholische Seite war sich einig, die Protestanten
waren zerstritten beziehungsweise wussten nicht, was sie
wollten. Das Hinauszögern der Wahl hatte nichts gebracht.

Durch die Berichte der Beteiligten sind wir über den Ablauf
der Kaiserwahl gut informiert: Alle wurden nacheinander
einzeln um einen Wahlvorschlag und die anschließende
Stimmabgabe gebeten. [19] Kurfürst Schweikhard eröffnete
den Wahlakt, indem er den Trierer Kurfürsten um die
Stimmabgabe bat. Der nannte König Ferdinand, Erzherzog
Albrecht (den Statthalter der spanischen Niederlande) und
Herzog Maximilian als geeignete Kandidaten und gab
schließlich seine Stimme für Ferdinand ab. Ihm folgte der
Kurfürst von Köln, der erklärte, er wisse, dass sein Bruder,
der Bayernherzog Maximilian, auf die Kandidatur verzichte,
und seine Stimme ebenfalls König Ferdinand gab. Das war
der entscheidende Augenblick der Wahl: Eigentlich wäre den
Regeln nach jetzt die böhmische Stimme abzugeben
gewesen, aber Schweikhard wandte sich an den pfälzischen
Gesandten, den Grafen Johann Albrecht von Solms-
Braunfels, der daraufhin sechs Kandidaten für wählbar
erklärte: König Christian IV. von Dänemark, Kurfürst Johann
Georg von Sachsen, König Ferdinand, Erzherzog Albrecht
sowie die Herzöge Maximilian von Bayern und Karl Emanuel
von Savoyen. Da Kurfürst Friedrich V., für den er spreche,
wünsche, dass die traurigen Verhältnisse, in denen sich das
Reich seit langem befinde, beendet würden, halte er Herzog
Maximilian von Bayern für den am besten Geeigneten. Das
war ein letzter Versuch der Pfälzer, die katholische Phalanx
aufzusprengen, indem sie Maximilian doch noch ins Spiel
brachten; nach der vorangegangenen Erklärung des Kölner
Kurfürsten musste er aber ins Leere laufen. Schweikhard
forderte nach der pfälzischen Erklärung Ferdinand zur
Stimmabgabe auf, doch der bat darum, dass in Anbetracht
seiner besonderen Situation erst die anderen Wähler befragt
wurden. Also wurde der sächsische Gesandte aufgerufen,
der sich ohne Einschränkung für Ferdinand aussprach. Der
anschließend befragte Brandenburger Gesandte nannte noch
einmal Erzherzog Albrecht und Herzog Maximilian, stimmte
dann aber für Ferdinand, da Maximilian die Wahl ja
ausschlagen würde. Schweikhard gab daraufhin seine eigene
Stimme ab, und zwar ebenfalls für Ferdinand, nachdem auch
er Albrecht und Maximilian für geeignet erklärt hatte. Nun
war Ferdinand daran, sich zu erklären, und unter Verweis
auf die Goldene Bulle gab er sich selbst die Stimme. Damit
hatten sechs der sieben Wahlberechtigten für Ferdinand
gestimmt, und es war klar, dass der Pfälzer Gesandte am
Ergebnis der Kaiserwahl nichts mehr würde ändern können.
Gefragt, ob er sich von der Mehrheit absondern oder doch
Ferdinand die Stimme geben wolle, erklärte sich Graf Solms
ebenfalls für Ferdinand, der damit einstimmig zum neuen
Kaiser gewählt war. [20]
Die Wahl Ferdinands war eine desaströse Niederlage der
pfälzischen Politik, mit der alle zuvor erzielten Erfolge
zunichte waren. Als bedeutungslos hatten sich auch einige
Maßnahmen im Vorfeld der Wahl erwiesen. So hatte man
Truppen der Union in der Umgebung Frankfurts
zusammengezogen – angeblich um ligistische Anschläge auf
die Kaiserwahl zu verhindern, [21] tatsächlich eher eine
Machtdemonstration der Protestanten, die deutlich machen
sollte, dass die katholische Partei trotz ihrer Mehrheit im
Kurfürstenkollegium im Reich keineswegs das Sagen hatte.
Der Rat der Reichsstadt Frankfurt, der den Unierten
zuneigte, hatte zudem von der Union zwei Kompanien mit je
zweihundert Mann ausgeliehen, um mit ihrer Hilfe die Stadt
gegen Anschläge zu sichern. Das hatte bei den geistlichen
Kurfürsten erhebliche Besorgnis ausgelöst: Der Kölner
Kurfürst dachte zeitweilig über die Auflösung des Treffens
nach, und der Mainzer fürchtete gar eine zweite
Bartholomäusnacht, bei der nicht die Protestanten, sondern
die Katholiken die Opfer sein würden. [22] Zuletzt freilich
blieb die militärische Machtdemonstration folgenlos, da sich
die kurfürstlichen Wähler nicht einschüchtern ließen und die
Pfälzer Seite sich nicht traute, das Militär einzusetzen, um
die Kaiserwahl zu verhindern.
Der einzige Erfolg, den die Pfälzer im Verlauf dieser für
den weiteren Gang der Ereignisse entscheidenden
Zeitspanne erzielt hatten, war die am 26. August 1619, also
zwei Tage vor der Frankfurter Entscheidung, erfolgte Wahl
Friedrichs V. zum böhmischen König. Friedrich war
keineswegs der von den Böhmen bevorzugte Kandidat
gewesen. Außer ihm waren noch Herzog Karl Emanuel von
Savoyen und Kurfürst Johann Georg von Sachsen im Spiel.
Karl Emanuel, der sich immer wieder auf riskante Projekte
einließ, wenn sie ihm Macht und Prestige versprachen, war
nicht wirklich ein aussichtsreicher Kandidat, da sein
Herrschaftsgebiet zu weit entfernt lag und es keine
mächtigen Verbündeten in seinem Gefolge gab. Das war
anders bei Kurfürst Johann Georg von Sachsen, den die von
Graf Schlick angeführten Lutheraner in Böhmen
präferierten. Johann Georgs Herrschaftsgebiet grenzte
unmittelbar an Böhmen, und zusammen mit den in der
Confoederatio Bohemica zusammengeschlossenen Ländern
hätte Kursachsen einen beachtlichen Machtblock in
Mitteleuropa bilden können. Außerdem war Johann Georg
das Haupt der Lutheraner im Reich, konnte also in
Norddeutschland, im ober- und niedersächsischen
Reichskreis, auf eine Reihe von Verbündeten zurückgreifen,
zu denen im Falle eines Krieges gegen den Kaiser auch die
Reformierten mit den in der Union verbündeten
süddeutschen Lutheranern gehören würden. Unter diesen
Umständen war der Kurfürst von Sachsen die erste Wahl.
Aber der Kandidat wies alle diesbezüglichen Ansinnen
zurück. [23] Johann Georg, seit 1611 Kurfürst, war kein
entschlossener Machtpolitiker, und man sagte ihm nach, er
könne erst ab Mittag politische Entscheidungen treffen, weil
er dann so viele Kannen Bier geleert habe, dass er seiner
Sinne nicht mehr mächtig sei. Jedenfalls galt «Bierjörge»,
wie man ihn nannte, als ein großer Zecher und
leidenschaftlicher Jäger, der die meiste Zeit mit dem Verzehr
von Wildbret und Bier verbrachte. In politischen
Entscheidungen folgte er seinem Hofprediger Matthias Hoë
von Hoënegg, [24] der auf ihn einen ähnlich großen Einfluss
hatte wie die (jesuitischen) Beichtväter auf die katholischen
Fürsten; in militärischen Fragen verließ Johann Georg sich,
nachdem er schließlich doch in den Krieg eingetreten war,
völlig auf seinen General Hans Georg von Arnim-
Boitzenburg. Letzteres war auch angezeigt, denn Arnim war
ein erfahrener Soldat, [25] während der Kurfürst sich auf dem
Schlachtfeld als kopflos und furchtsam erwies. So jedenfalls
sah ihn die protestantische Aktionspartei, die Johann Georg
wegen seiner konservativ-reichstreuen Politik verachtete
und diese auf persönliche Laster und Schwächen des
Kurfürsten zurückführte.
Man kann den Sachsen indes auch in ein besseres Licht
rücken, wenn man das politisch-militärische Scheitern der
Aktionspartei in Böhmen und der Pfalz sowie schließlich im
niedersächsisch-dänischen Krieg dagegenstellt und das Leid
und Elend bedenkt, das durch die Hochrisikopolitik der
Pfälzer verursacht wurde. Schließlich stand der sächsische
Kurfürst später auch dem schwedischen und dem
französischen Eingreifen in den Krieg ausgesprochen
skeptisch gegenüber, obwohl es auf protestantischer Seite
erfolgte; er fürchtete, dass die «Internationalisierung» des
Krieges diesen nur verlängern und seine Beendigung
erschweren würde. In der Beurteilung der Lage hatte er
durchaus recht, nur spielte das für die operative Politik
keine Rolle, denn der Krieg war durch die niederländischen
Subsidien für die aufständischen Böhmen, vor allem aber
durch die massive päpstliche wie spanische Hilfe für
Ferdinand von Anfang an «internationalisiert». Indem
Sachsen sich heraushielt, wurde es allerdings nicht, wie man
sich das in Dresden wohl vorgestellt hatte, zur «dritten
Partei», die als Vermittler und Friedensstifter auftreten
konnte, sondern zum Objekt der Entscheidungen anderer –
zunächst denen Ferdinands, später auch denen Gustav
Adolfs, für beide war Johann Georg eine wichtige, letzten
Endes aber nicht ausschlaggebende Größe. Dennoch gehörte
er am Ende des Krieges zu den Gewinnern, denn die beiden
Lausitzen, die er gleich bei Kriegsbeginn weitgehend
kampflos besetzt hatte, wurden ihm im Frieden von Münster
zugesprochen. Andererseits hatte das Kurfürstentum
Sachsen einen hohen Preis dafür zu zahlen, denn es wurde
in der zweiten Kriegshälfte zum Durchzugsgebiet,
Schlachtfeld und Quartier für die Heere beider Seiten.

Friedrich V. war in fast jeder Hinsicht das Gegenteil Johann


Georgs; er schien risikobereit und war von sich und seinen
Fähigkeiten überzeugt. [26] Dass sich die Böhmen schließlich
für ihn als neuen König entschieden, lag sowohl an diesen
Eigenschaften, die ihn dazu brachten, sich überhaupt auf
das böhmische Abenteuer einzulassen, als auch an der
Aussicht, dass der Kurpfälzer nicht alleine stand, sondern
mächtige Verbündete auf seiner Seite hatte: die nördlichen
Niederlande, seinen Schwiegervater Jakob I., König von
England, und die Union der protestantischen Reichsfürsten,
deren Direktorium beim pfälzischen Kurfürsten lag.
Außerdem hatte Friedrich die von dem savoyischen Herzog
Karl Emanuel zeitweilig finanzierte Söldnertruppe unter
Ernst von Mansfeld in seine Dienste übernommen; seit
September 1618 operierte sie in Böhmen und bildete dort
einen wichtigen Faktor im militärischen Kräfteverhältnis. [27]
Seiner Risikofreude zum Trotz scheint Friedrich der
Abschied aus Heidelberg nicht leicht gefallen zu sein.
Einerseits fühlte er sich durch die Wahl zum böhmischen
König geschmeichelt, andererseits ängstigte ihn die Größe
der damit verbundenen Aufgabe. Tatsächlich überdeckte
sein unbekümmertes Auftreten nur, dass er eigentlich
entscheidungsschwach war und zu einem guten Teil den
Vorgaben seiner Berater folgte. Die aber gaben ihm in der
böhmischen Angelegenheit unterschiedliche Ratschläge.
Jakob I., Friedrichs Schwiegervater, riet entschieden davon
ab, die böhmische Krone anzunehmen, und auch der Herzog
von Bouillon, einer der Führer der französischen
Hugenotten, auf dessen Ritterakademie Friedrich
ausgebildet worden war, empfahl politische Zurückhaltung.
Ähnliches war von einer größeren Zahl der Unionsmitglieder
zu vernehmen. Aber Friedrich stand unter Zugzwang, denn
die pfälzische Politik hatte seit Monaten in Prag darauf
hingewirkt, dass er zum neuen König gewählt wurde. Ein
Rückzug hätte Christian von Anhalt und Achatius von Dohna,
der in Prag verhandelt hatte, desavouiert. Dementsprechend
drängten sie Friedrich zum Aufbruch nach Prag. Für seine
Entscheidung dürfte schließlich auch die Haltung seiner
Ehefrau Elisabeth Stuart von Bedeutung gewesen sein, die
ihm entschlossen zuriet, nach Prag zu gehen und die
böhmische Krone zu tragen. [28] Elisabeth kam aus London,
und die pfälzische Residenzstadt Heidelberg wirkte auf sie
provinziell, während Prag die Wiederaufnahme eines
mondänen höfischen Lebens versprach. Zu diesem Zeitpunkt
war Elisabeth wie ihr eine Woche jüngerer Mann gerade
dreiundzwanzig Jahre alt, und sicherlich haben beide die
Reichweite ihrer Entscheidung nicht erfasst. «Ach, nun geht
die Pfalz nach Böhmen», soll Friedrichs Mutter ihrem Sohn
nachgerufen haben, als dieser an einem nebligen und
regnerischen Herbsttag Heidelberg verließ. [29]
Kaiser Ferdinand und Herzog Maximilian
Als Friedrich in Prag eintraf, brachte er keineswegs die
Bündniszusagen mit, auf die man bei seiner Wahl gesetzt
hatte. Im September hatte in Rothenburg ob der Tauber eine
Unionsversammlung stattgefunden, auf der debattiert
wurde, ob man Friedrich zu- oder abraten solle, die
böhmische Krone anzunehmen, und wie die Union ihm bei
deren Verteidigung helfen könne. [1] Wie nicht anders zu
erwarten, trafen zwei Positionen aufeinander; nur der
Markgraf Georg Friedrich von Baden-Durlach unterstützte
das böhmische Projekt uneingeschränkt, während die
überwiegende Mehrheit der Versammelten auf Distanz blieb.
Die Reichsstädte meinten sogar, es spreche mehr gegen die
Annahme der böhmischen Krone als dafür, weshalb die
Union nicht verpflichtet sei, das Vorhaben zu unterstützen.
Verpflichtet sei sie, kam man schließlich überein, Friedrich
bei der Verteidigung seiner Erblande zur Seite zu stehen,
während er in Böhmen auf sich selbst gestellt bleiben sollte.
Damit konnten Friedrich und die ihn beratenden Politiker
immerhin davon ausgehen, dass das Risiko des böhmischen
Projekts begrenzt war: Die Erblande des Kurfürsten waren
demnach durch die Union gesichert, und der Einsatz bestand
im Wesentlichen aus den finanziellen Mitteln, die Friedrich
zur Verteidigung Böhmens aufbringen musste. [2]
Ausgesprochen enttäuschend war dagegen die englische
Reaktion auf Friedrichs Ersuchen nach Unterstützung. Jakob
wollte einem Konflikt mit Spanien unter allen Umständen
aus dem Weg gehen, und diesen hielt er für unausweichlich,
wenn er sich entschlossen auf die Seite seines
Schwiegersohns stellte. Es war vor allem die Furcht vor
einem großen Hegemonialkrieg in Europa, die Jakob
veranlasste, als Vermittler in dem Konflikt auftreten zu
wollen, statt sich als Partei in den Krieg hineinziehen zu
lassen. [3] Jakob verfolgte eine Politik der friedlichen
Koexistenz mit Spanien, und um diese abzusichern,
versuchte er seit längerem, eine Ehe zwischen seinem Sohn
Karl und einer Tochter des spanischen Königs Philipp
anzubahnen. Dabei kam ihm das böhmische Abenteuer
seines Schwiegersohns in die Quere. Er war ungehalten
darüber, dass Friedrich sich überhaupt um die böhmische
Krone bemüht hatte. Dass er sie nun auch noch aus den
Händen von Aufrührern und Rebellen entgegennehmen
wollte, war für ihn, Jakob, der in England eine
frühabsolutistische Politik verfolgte und der Vorstellung vom
Gottesgnadentum anhing, [4] eine einzige Provokation. Ein
solches Projekt wollte er weder mit Soldaten noch mit
Subsidien unterstützen.
Auch die Unterstützung durch die nördlichen Niederlande
fiel mit 25000 Talern pro Monat geringer aus als erwartet.
Das Land war durch die Auseinandersetzungen zwischen der
Friedenspartei um Johan van Oldenbarnevelt und der
Kriegspartei unter Führung Moritz von Nassaus politisch
gespalten, und auch nach der Verhaftung und Hinrichtung
Oldenbarnevelts steuerte man einen vorsichtigen Kurs, um
einen Bruch des Waffenstillstands mit Spanien zu
vermeiden. [5] Immerhin beschloss man für den Fall, dass
Erzherzog Albrecht in Brüssel seine Truppen gegen die Pfalz
einsetzte, einen Diversionskrieg gegen die südlichen
Niederlande zu eröffnen, der Albrecht dazu zwingen sollte,
seine Truppen zur Verteidigung der eigenen Position im
Land zu behalten. [6] Das war ungefähr die Linie, auf die sich
auch die Union verständigt hatte. Im Ergebnis hieß das, dass
Friedrich beim Krieg um Böhmen auf sich allein gestellt war.
Das wäre zu verkraften gewesen, wenn sich Ferdinand in
einer ähnlichen Lage befunden hätte, was infolge der
spanischen und päpstlichen Hilfsgelder jedoch nicht der Fall
war, [7] und die Kaiserwahl verbesserte Ferdinands Situation
noch einmal erheblich. Als Kaiser war Ferdinand ein überaus
attraktiver Verbündeter, nicht nur für Spanien, sondern
auch für Maximilian von Bayern und die katholische Liga.
Die meisten der katholischen Fürsten im Reich wären jedoch
in dem absehbaren Krieg um Böhmen am liebsten neutral
geblieben, einem Konflikt, in dem sie selbst nichts zu
gewinnen hatten und der sie eine Menge Geld kosten würde.
Darin unterschieden sie sich nicht von den meisten ihrer
protestantischen Kontrahenten. Andererseits waren sie sich
aber auch darüber im Klaren, dass eine dauerhafte
Inbesitznahme Böhmens durch Friedrich die konfessionellen
Machtverhältnisse im Reich grundlegend verändern würde,
allein schon durch die dann protestantische Mehrheit im
Kurfürstenkollegium. Als Herzog Maximilian im Sommer
1619 noch vor der Frankfurter Kaiserwahl aktiv wurde und
die Liga unter seiner Führung wiederbelebte, schlossen sie
sich ihm an, ohne dass zunächst klar war, ob und wie die
Liga in den böhmischen Konflikt eingreifen würde.
In dieser Situation hing alles von Maximilian ab, und der
nutzte seine komfortable Lage aus, als Kaiser Ferdinand,
begleitet von dem spanischen Gesandten Oñate, der einmal
mehr im Hintergrund die Fäden zog, auf dem Rückweg von
Frankfurt in München eintraf, um mit ihm über die
Unterstützung zu sprechen, die der Kaiser von der Liga
erwarten konnte. [8] Maximilian machte für jedwede Hilfe
seitens der Liga zur Voraussetzung, dass diese unter seiner
alleinigen Direktionsgewalt stand; der Kaiser dürfe die «ihro
Fürstlichen Durchl. vberlassene absolut. vnd völlige
Direction, weder selbsten verhindern / noch andernn / zu
thun gestatten / sondern vielmehr auf allerley Weise vnd
Weg trachten / daß selbiges aller orthen befurdert werde» –
so die erste Festlegung des Münchner Vertrags. [9] Zweitens
wurde bestimmt, «daß ihro May. vnd dero hauß sich mit den
Feinden in keinem Tractat, Suspension vnd Niederlegung
der Waffen oder einigerley Friedens-Conditiones einlassen
soll ohne Wissen / Willen und Zuziehung Ihro fürstlichen
Durchleuchtigkeit in Bayrn» [10]. Damit war Maximilian im
Rahmen der Koalitionskriegführung als gleichberechtigter
Akteur anerkannt, der nicht nur Hilfe leistete, sondern dem
auch ein unbeschränkter Einfluss auf die Gestaltung der
politischen Rahmenbedingungen bis zum Ende des Krieges
zugestanden wurde. Außerdem bedang sich Maximilian aus,
dass der Kaiser ihm alle infolge des Krieges entstandenen
Schäden und Auslagen aus seinem Besitz erstatte; so «soll
Ihre Kayserliche May. vnd dero gantzes löbl. Hauß bey
Verpfändung aller dero Haab vnd Güter / nichts davon
ausgenommen / obligirt und verbunden seyn / Ihre Fürstl.
Durcheuchtigkeit in Bayrn / so wol die erlittne Schäden […]
als auch alle angewandte Unkosten zu refundirn vnd
abzustatten / welche sie zu der Kriegsverfassung vnd der
Soldatesca […] angewendt zu haben» [11]. Das bedeutete,
dass Ferdinand dem Bayernherzog einen Teil seiner
österreichischen Erblande als Pfand abtreten musste, bis er
in der Lage war, die dem Herzog entstandenen Kriegskosten
zu bezahlen. Damit bekam Maximilian einen Hebel in die
Hand, mit dem er seine Vorstellungen von der
Nachkriegsordnung durchsetzen konnte.
Aber das war keineswegs alles, denn es kamen noch zwei
im Vertrag nicht enthaltene, nur durch den Grafen Oñate
bezeugte Verabredungen hinzu. Erstens durfte Maximilian
im Verlauf des Krieges im Reich gemachte Eroberungen auf
Dauer behalten und seinem Herzogtum einverleiben. Das
betraf pfälzisches Gebiet, namentlich die an Bayern
grenzende Oberpfalz, auf die Maximilian seit längerem ein
Auge geworfen hatte. Als diese Verabredung im Mai 1620
schriftlich fixiert wurde, stand fest, dass der Krieg nicht auf
Böhmen begrenzt bleiben würde. Im Prinzip war damit ein
Krieg zwischen Liga und Union unvermeidlich – jedenfalls
wenn Letztere zu ihren Defensivversprechen für Friedrichs
Erblande stand. In der zweiten Nebenabsprache sagte
Ferdinand dem Bayernherzog die Übertragung von
Friedrichs Kurwürde zu. Beide, Kurfürst Friedrich wie
Herzog Maximilian, waren Wittelsbacher, und im
Hausvertrag von Pavia aus dem Jahre 1329, der die Teilung
in eine pfälzische und eine bayerische Linie regelte, war
vorgesehen, dass beide Linien die Kur abwechselnd
innehaben sollten. Doch in den knapp zwei Jahrzehnte später
getroffenen Festlegungen der Goldenen Bulle (1356) wurde
die Kurwürde definitiv den Pfälzern zugesprochen. [12] Die
Übertragung der Kur auf den Bayern war insofern ein
Eingriff in das Grundgesetz des Reichs, und es stellte sich
die Frage, ob der Kaiser aus eigener Machtvollkommenheit
und ohne Mitwirkung der Kurfürsten dazu überhaupt
berechtigt war. Immerhin gab es einen Präzedenzfall: Kaiser
Karl V. hatte nach dem Schmalkaldischen Krieg die
Kurwürde innerhalb des wettinischen Fürstenhauses neu
vergeben, indem er sie von dem Ernestiner Johann Friedrich
dem Großmütigen auf den Albertiner Moritz übertragen
hatte.

Maximilian hatte die Notlage des Kaisers optimal genutzt. In


dem Positionierungsspiel, das die verschiedenen Akteure im
unmittelbaren Vorfeld des Krieges betrieben, hatte er die
erfolgversprechendsten Züge gemacht, die eigenen Risiken
überschaubar gehalten und die Aussicht auf Zugewinne
gesteigert, wo dies nur möglich war. Als Person ist
Maximilian nicht leicht zu fassen: Auf der einen Seite pflegte
er einen asketischen Lebensstil, der von tief religiöser
Überzeugung getragen war, auf der anderen Seite war er
ein kalt berechnender Politiker, der im Konfliktfall die
Staatsinteressen höher stellte als die Forderungen der
Religion. Maximilians Biograph Andreas Kraus hat deswegen
die Frage aufgeworfen, ob Maximilian «die Religion als
Vorwand für politische Ziele mißbraucht» habe und nur so
lange gut katholisch gewesen sei, wie «die Interessen seines
Staates und die Interessen seiner Konfession» miteinander
zur Deckung gebracht werden konnten. [13] Jedenfalls hat
Maximilian niemals darauf gesetzt, dass eine Sache siegen
werde, weil sie gottgefällig war, sondern ging stets davon
aus, dass er selbst mit politischen Schritten und
militärischen Maßnahmen für den Sieg seiner Sache Sorge
tragen müsse. Da die Ressourcen seines Herrschaftsgebiets
keine selbständige Großmachtpolitik erlaubten, musste er
darauf bedacht sein, günstige Gelegenheiten entschlossen zu
nutzen und aus Bündnissen möglichst viel herauszuholen,
und schließlich galt es sicherzustellen, dass keiner, der ihm
gefährlich werden konnte, zu mächtig wurde. In der
politischen Metaphorik Machiavellis war Maximilian eher ein
Fuchs als ein Löwe, und dementsprechend galt er Freund
wie Feind «als besonders unberechenbar, verschlagen und
unzuverlässig» [14].
Kaiser Ferdinand, Maximilians Bündnispartner im
Münchner Vertrag, war in vieler Hinsicht das Gegenteil des
Bayernherzogs: «Er war», schreibt Moriz Ritter über ihn,
«ein Fürst von schwachem Urteil, mäßiger Arbeitsamkeit
und ohne wahre Herrscherkraft, ein vollgültiger Vertreter
jener Mittelmäßigkeit, welche die deutschen Fürsten und
Staatsmänner zu bloßen Werkzeugen der großen geistigen
Gegensätze machte, die die Welt in den Krieg
hineintrieben.» [15] Das ist aus einer Perspektive heraus
formuliert, die den Krieg für unvermeidlich hielt und
dementsprechend die Herrscher und Politiker als bloße
Instrumente der «großen geistigen Gegensätze» betrachtete,
die ohnehin in den Krieg führen mussten. Im Fall Ferdinands
kann man sagen, dass er, um seine Macht als Landesherr
durchzusetzen, den Krieg bewusst in Kauf genommen, wenn
nicht gar angestrebt hat – freilich nicht als den großen und
langen Krieg, der daraus geworden ist und der nach
Ferdinands Tod noch mehr als ein Jahrzehnt andauern sollte.
Er wolle als «princeps absolutus» in den Erblanden
herrschen, hatte Ferdinand erklärt, [16] was ihn nicht davon
abhielt, alle Entscheidungen mit seinem Beichtvater Wilhelm
Lamormaini zu besprechen und sie auf ihre
Übereinstimmung mit den Geboten der Religion überprüfen
zu lassen. Gleichzeitig sah Ferdinand sich seit seiner
Italienreise im Frühjahr 1598 als ein «Werkzeug Gottes»,
dem die Aufgabe übertragen war, die Gegenreformation in
den habsburgischen Erblanden voranzutreiben. [17] Diese
Überzeugung verlieh ihm eine gewisse Standhaftigkeit, die
sein Kalkül begrenzte und seinen Durchhaltewillen
bestärkte. Einen erheblichen Teil seiner Zeit verbrachte er
mit Andachtsübungen, und diese Zeit fehlte ihm dann bei
der Bewältigung seiner politischen Aufgaben. So hörte er
täglich zwei Messen und betete das große Brevier herunter.
Wenn man ihm die Wunder der Heiligen schilderte, so Ritter,
sei er in andächtige Geistesruhe versunken. [18] Die Stärke
des Kaisers war zugleich seine größte Schwäche, denn sie
hinderte ihn daran, eine Entwicklung, an deren
Zustandekommen er maßgeblich beteiligt war, auch zu
beherrschen und zu lenken.
In Maximilian und Ferdinand hatten sich zwei Partner
gefunden, die über einen Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten
das Kriegsgeschehen vorantrieben – zumeist in dieselbe,
gelegentlich aber auch in unterschiedliche Richtungen. Die
in der Literatur anzutreffende Vorstellung, die beiden hätten
während ihrer gemeinsamen Zeit an der Ingolstädter
Jesuitenuniversität eine enge Freundschaft geschlossen, die
dann die Grundlage des Kriegsbündnisses gebildet habe,
verdeckt die komplexe Gemengelage. Während Maximilian
Ferdinand mehrfach instrumentalisierte und ihn einige Male
an der Verwirklichung seiner Pläne hinderte, blieb
Ferdinand immer wieder auf das Entgegenkommen des
Bayernherzogs angewiesen, wenn er seine Ziele verfolgen
wollte. Insofern herrschte in der Beziehung der beiden eine
Asymmetrie, die nicht nur aus unterschiedlichen
Machtpotenzialen erwuchs, sondern auch damit zu tun hatte,
dass Maximilian der geschicktere Politiker war, der sich
stets mehrere Optionen offenhielt. Bei Ferdinand stand
Politik oft nicht im Mittelpunkt; wenn er seine religiösen
Exerzitien absolviert hatte, widmete er sich der Musik und
der Jagd. [19]

Es gab indes im Bunde mit Ferdinand noch einen Weiteren,


den man dort wohl nicht erwartet hatte: den sächsischen
Kurfürsten Johann Georg. Nachdem dieser sich nicht dazu
hatte entschließen können, die ihm mehrfach angetragene
Krone Böhmens anzunehmen, weil er in seinem lutherischen
Obrigkeitsverständnis den Aufstand der Stände zutiefst
ablehnte und darin eine Rebellion gegen die von Gott
gesetzte Ordnung sah, wollte er in dem bevorstehenden
Krieg doch auch nicht ganz beiseitestehen und tatenlos
zusehen, wie andere die Beute unter sich aufteilten. In der
Umgebung des Kaisers, wo man zunächst auf die sächsische
Neutralität gesetzt hatte, spürte man diese Neigung und
nahm wahr, dass Johann Georg, wiewohl er alles dafür getan
hatte, dass die Böhmen ihn nicht zu ihrem König wählten,
doch darüber indigniert war, dass nun sein
innerprotestantischer Widersacher Friedrich böhmischer
König war. [20] Offenbar hatte er darauf gesetzt, trotz seiner
ablehnenden Haltung gewählt zu werden, um dann die
Krone auszuschlagen und in dem Streit als
friedenwahrender Vermittler auftreten zu können. Dieses
Kalkül war nicht aufgegangen. Aber Johann Georg wollte
und konnte nicht hinnehmen, dass sich Friedrich in der
unmittelbaren Umgebung seines Herrschaftsgebiets
etablierte und, wenn er sich dort behauptete, zum gefeierten
Anführer des Protestantismus im Reich aufsteigen würde.
Der sächsische Kurfürst konnte sich jedoch nicht ohne
weiteres auf die Seite des Kaisers stellen, wenn er seinen
Anspruch, den Protestantismus im Reich politisch zu führen,
aufrechterhalten wollte. Er musste Forderungen
formulieren, die diesen Führungsanspruch unterstrichen. [21]
Erstens ging es um die ursprünglich geistlichen Güter, die
nach 1552, dem Stichjahr des Augsburger Religionsfriedens,
in protestantischen Besitz gelangt waren und gegenüber
denen die katholische Seite in den vorangegangenen drei
Jahrzehnten regelmäßig Restitutionsforderungen erhoben
hatte. Daran dürfe nicht gerührt werden, verlangte er. Im
Grundsatz erwartete Johann Georg für seine Hilfe also eine
«Besitzstandsgarantie». Sodann forderte er, dass der Kaiser
nach dem Sieg die Lutheraner (ausdrücklich nur sie!) in
seinen Ländern nicht verfolgen, sondern ihre bisherige
Religionsfreiheit bestätigen werde. Und schließlich bestand
er darauf, dass ihm als Entschädigung für seine Kosten die
Ober- und Unterlausitz verpfändet würden. Beide grenzten
unmittelbar an Johann Georgs Territorien und boten sich zu
deren Arrondierung an. Der Sachse verfolgte eine ähnliche
Politik wie der Bayer: Was für Maximilian die Oberpfalz,
waren für ihn die beiden Lausitzen. Überhaupt hatten
Maximilian und Johann Georg mehr gemeinsam, als man bei
den konfessionellen Gegensätzen erwartet hätte: Beide
sorgten sich um die Rechte der Reichsstände, also das, was
im damaligen Sprachgebrauch «teutsche Libertät» hieß, und
dabei hatten sie ein wachsames Auge auf den Kaiser, der
diese Rechte immer wieder in Frage stellte. Beide
positionierten sich als Anführer ihrer Glaubensrichtung im
Reich, wobei Maximilian mit dem Kaiser und Johann Georg
mit den Pfälzern beziehungsweise dem süddeutschen
Protestantismus um diese Position konkurrierten, und beide
waren alles andere als uneigennützig, sobald sich eine
Gelegenheit zur Erweiterung ihres Territoriums und zum
Ausbau ihrer Macht bot.
Im Prinzip kam Ferdinand dem sächsischen Kurfürsten
ebenso entgegen, wie er das bei dem Bayernherzog getan
hatte. Er sicherte Johann Georg zu, dass er den
Majestätsbrief gegenüber allen, die sich ihm unterwürfen,
beachten werde, dass er die Lausitz an ihn verpfänden
werde, und stellte in Aussicht, sie «nach Zeit und
Umständen ihm […] als Fürstentum zu übertragen» [22]. Die
Frage der ursprünglich geistlichen Besitztümer wurde am
11. März 1620 bei einem Zusammentreffen der ligistischen
Fürsten mit Johann Georg in Mühlhausen verhandelt. Man
kam überein, dass die geistlichen Stifte in den ober- und
niedersächsischen Kreisen bei ihren gegenwärtigen
Besitzern verbleiben sollten, freilich mit der Klausel, dass
diese Zusage nur so lange gelte, wie sich die betreffenden
Reichsstände dem Kaiser gegenüber als gehorsam erwiesen.
Im Gegenzug verpflichtete sich Johann Georg, die Stände
des ober- und niedersächsischen Reichskreises für ein
Bündnis mit dem Kaiser zu gewinnen.
Auch Maximilian versuchte in Mühlhausen, seinem großen
Ziel, der Übertragung der Kurwürde von der Pfalz auf
Bayern, ein paar Schritte näherzukommen. Er beantragte,
dass der Kaiser Pfalzgraf Friedrich wegen dessen Annahme
der böhmischen Krone mit der Acht belege. Diese Forderung
mitzutragen, lehnte Johann Georg freilich ab, da er sonst als
derjenige dagestanden hätte, der einen protestantischen
Kurhut preisgab. Man solle den Gegner nicht durch die
Verhängung der Acht aufreizen, solange die Angelegenheit
nicht auf dem Schlachtfeld geklärt sei, wandte er ein, und so
einigte man sich darauf, dass es vorerst bei einer Androhung
bleiben solle. [23] Als man in Mühlhausen auseinanderging,
war das prokaiserliche Bündnis fähig, einen Krieg zu führen.
Auf dem böhmischen Kriegsschauplatz
Während die Bündnisse noch geschmiedet wurden, hatten
die Kriegshandlungen längst begonnen. Es blieb zunächst
bei Scharmützeln, in denen jede Seite ihre Position zu
behaupten oder zu verbessern bestrebt war, aber davor
zurückscheute, sich auf eine größere, womöglich
kriegsentscheidende Schlacht einzulassen. Beide Seiten
rechneten mit Verstärkung, und unter diesen Umständen
war es nicht ratsam, schon jetzt alles auf eine Karte zu
setzen. Bis zum Frühjahr 1620 war der Krieg, der in
Böhmen, Mähren, Ungarn und Teilen Österreichs geführt
wurde, ein Manöverkrieg, in dem es darum ging, den Gegner
durch die Besetzung seines Landes zu schädigen und die
eigenen Streitkräfte zusammenzuhalten und zu versorgen,
indem man sie nach Möglichkeit nicht in eigenen Territorien
operieren ließ oder einquartierte, sondern sich dafür die des
Gegners aussuchte. Wo es doch zu größeren
Kampfhandlungen kam, wie etwa bei der Belagerung und
Eroberung der kaisertreu gebliebenen Stadt Pilsen durch die
Streitmacht Ernst von Mansfelds oder bei dem Gefecht der
Truppen des kaiserlichen Feldherrn Bucquoy gegen die
Mansfeldischen Reiter bei Sablat (Záblatí), waren dies
Kämpfe zwischen Berufssoldaten, die aus anderen Regionen
nach Böhmen dirigiert worden waren.
Mansfelds Söldnertruppe war im Kern in Savoyen
aufgestellt und danach mehrfach verstärkt worden; es
handelte sich überwiegend um deutsche Söldner, die in dem
zwei Jahre dauernden Krieg um Monferrat Kampferfahrung
gesammelt hatten. Bucquoys Streitkräfte bestanden aus
Wallonen und Flandern, aber auch vielen Niederdeutschen,
die in der Armee der südlichen Niederlande ihr Auskommen
gesucht und gefunden hatten. [1] Die Kampfkraft dieser
Truppen war um ein Vielfaches höher als die des
böhmischen Ständeheeres und ähnlich aufgestellter
Verbände, in denen die Männer über wenig oder keine
Kampferfahrung verfügten, im Zusammenhalt von
Gefechtsformationen nicht geübt waren und auch das
Zusammenwirken von Pikenieren und Musketieren nicht
beherrschten. [2] Mit ihnen konnte man bewegliche
Operationen durchführen, Territorien besetzen, Angst und
Schrecken verbreiten, aber keine Schlachten schlagen. Das
sollte sich am 8. November 1620 in der Schlacht am Weißen
Berg in aller Deutlichkeit zeigen.
Ernst von Mansfeld, der in den ersten Jahren des Krieges eine maßgebliche Rolle
spielte, war der Inbegriff eines Söldnerführers, der die Aufgaben eines Generals
mit denen eines Condottiere aus der Renaissancezeit verband. In heutiger
Begrifflichkeit würde man ihn als «Warlord» bezeichnen. Aufgrund der zahllosen
Gewalttaten seiner Söldner gegen Bauern und Kaufleute ist Mansfeld auch als
einer der großen «Kriegsverbrecher» der Zeit kritisiert worden. Konfessionelle
Bindungen spielten für ihn ebenso wenig eine Rolle wie politische Loyalitäten.

Die Aufstellung von kriegstüchtigen Truppen kostete Zeit. In


der Regel verfügten die Landesherren zu Beginn des
17. Jahrhunderts noch nicht über ein stehendes Heer, den
sogenannten miles perpetuus, sondern boten je nach
Erfordernis Streitkräfte auf, die aber nicht sofort
einsatzfähig waren. Sie mussten erst ausgerüstet und in
Form gebracht werden – außer man übernahm einen just
verfügbaren, das heißt: einen aus einem gerade beendeten
Krieg abziehenden Söldnerverband, wie das die Böhmen mit
den Einheiten unter Ernst von Mansfeld taten. [3] Wer eine
solche Option besaß, hatte einen klaren Vorteil – jedenfalls
dann, wenn es gelang, die Einheiten strategisch sinnvoll
einzusetzen, solange die Gegenseite über keine
vergleichbaren Streitkräfte verfügte. Hier zeigte sich die
Schwäche der böhmischen Kriegführung: Statt das
Mansfeld’sche Korps gegen die Zentren der gegnerischen
Macht einzusetzen, betraute man es mit der Belagerung von
Pilsen, immobilisierte es damit und verspielte so den
kurzfristigen Vorteil. Als die Mansfelder nach
siebenwöchiger Belagerung die Stadt am 21. November
1618 im Sturm nahmen, war der Zeitvorteil dahin, denn nun
standen dem Kaiser die in den Kämpfen um Gradiška
freigewordenen Einheiten [4] sowie die aus den südlichen
Niederlanden herangeführten Truppen zur Verfügung, so
dass sich auf dem böhmisch-mährisch-österreichischen
Kriegsschauplatz ein militärisches Gleichgewicht
herausgebildet hatte. Außerdem stand der Winter vor der
Tür, und damit wurden größere Truppenbewegungen
unmöglich.
Immerhin besaß Mansfeld mit Pilsen nun eine Festung,
von der aus er Westböhmen beherrschte und die
Verbindungen in die Oberpfalz kontrollierte. Zudem konnte
er Pilsen zum Waffenplatz seiner Streitmacht ausbauen. Bei
der vorangegangenen Belagerung hatten sich freilich schon
bald die Probleme gezeigt, mit denen die militärische
Führung während des ganzen Krieges zu kämpfen hatte: Um
Pilsen vollständig einzuschließen und es von der Versorgung
durch das Umland abzuschneiden, hatten die Prager
Direktoren Mansfeld zwar Adelsreiterei und bewaffnetes
Landvolk zu Hilfe geschickt, sich aber knausrig gezeigt, was
die Mittel für die Besoldung seiner Truppen und die
Heranführung von schwerem Geschütz anging. Das fehlende
Geld wurde zum Problem, weil durch den Herzog von
Savoyen nur 2000 Söldner finanziert wurden, Mansfeld seine
Truppe aber inzwischen auf 4000 Mann aufgestockt hatte,
und große Kanonen waren die Voraussetzung für die
vorgesehene Erstürmung der Stadt. Die von den Prager
Direktoren bevorzugte Aushungerung hätte dagegen zu viel
Zeit in Anspruch genommen. Neben den strategischen
Nachteilen, die ein so zeitaufwendiges Vorhaben zur Folge
gehabt hätte, wären in dieser Zeit auch die Söldner sowie
deren Hilfstruppen zu besolden gewesen. Die Prager
Regierung war mit den Soldzahlungen aber schon jetzt im
Rückstand. Dementsprechend machte sich Unzufriedenheit
unter den Berufssoldaten breit.
Mansfeld musste mehrfach die Truppe verlassen und sich
um die finanziellen Probleme kümmern, also neues Geld für
seine Männer auftreiben. [5] Er war bestrebt, dies in den
Wintermonaten zu tun, in denen das Kriegsgeschehen
weitgehend ruhte. Seine längere Abwesenheit vom
Kriegsschauplatz war einer energischen Kriegführung
jedoch abträglich. Auch wenn in seinem Fall die
Doppelfunktion als General und Kriegsunternehmer
besonders ausgeprägt war, so lassen sich die damit
verbundenen Probleme doch bei fast allen Heerführern des
Dreißigjährigen Krieges beobachten. Geld war der nervus
rerum des Krieges, und wenn die Soldzahlungen ausblieben,
riskierten die Generäle und Obristen nicht nur eine Meuterei
unter den Soldaten, sondern auch die Schwächung des
Heeres. Die Soldaten mussten sich häufig selbst versorgen,
und wenn sie kein Geld hatten, um sich etwas zu kaufen,
verschwanden auch schon bald die Marketender, die sonst
den Truppen auf dem Fuß folgten. [6] Söldnertruppen neigten
daher dazu, eine Stadt zu stürmen, anstatt durch lange
Belagerung ihre Kapitulation zu erzwingen, denn eine
gestürmte Stadt durften sie nach Kriegsrecht plündern,
während dies bei einer Kapitulation nicht der Fall war. [7]
Immer wieder wurde in diesem Krieg die rechtlich
abgesicherte Gelegenheit, in großem Stil Beute zu machen,
zum Ersatz für ausbleibenden Sold und zu einem Mittel, die
Soldaten bei Laune zu halten. Solche Plünderungen aber
waren ein Problem, wenn man nach der Eroberung auf die
Stadt und ihre Bevölkerung angewiesen war, sei es, weil
man keine großen Kräfte für die Besatzung zurücklassen
wollte, sei es, weil die Stadt zum eigenen Herrschaftsgebiet
gehörte und man auf ihre zukünftige Loyalität zählen
musste. So war es auch im Falle Pilsens, und Mansfeld hatte
seinen Söldnern trotz der Erstürmung der Stadt deren
Plünderung untersagt. [8] Umso dringlicher war es für ihn,
Geld für die ausstehenden Soldzahlungen aufzutreiben.
Als Erstes verabschiedete Mansfeld einen Teil der
Truppen, um so die Summe des zu zahlenden Soldes zu
vermindern. Er entließ all jene, die er nur für
Schanzarbeiten zur Vorbereitung der Belagerung gebraucht
hatte, und behielt von den Kampftruppen nur seine
erfahrenen Soldaten, mit denen er schon in der
Vergangenheit Krieg geführt hatte. Solche Abdankungen
waren ein probates Mittel, um die im Verhältnis zu den
finanziellen Möglichkeiten einer kriegführenden Partei
überdimensionierten Militärapparate wieder zu
verschlanken. Zurück blieben dabei nur die Kadertruppen,
die man brauchte, um die Truppenstärke, wenn es
erforderlich und finanziell möglich war, wieder zu erhöhen.
Mansfelds erfahrene Soldaten waren ein Kaderverband, der
schnell verdoppelt und verdreifacht werden konnte. Diese
Kader zusammenzuhalten und sie den jeweils Interessierten
zur Verfügung zu stellen, war Mansfelds Geschäftsmodell.
Militärverbände, die eine solche Kaderstruktur aufwiesen
und je nach Lage vergrößert und verkleinert werden
konnten, waren sehr viel leistungsfähiger als neu
aufgestellte Truppen, denen im Gefecht die erfahrenen
Soldaten fehlten, das «geübte, versuchte und beschossene
Volck», wie man es nannte. [9] Vor allem verfügte ein auf
diese Weise flexibler Truppenverband über eine hinreichend
große Zahl von Drillmeistern, denen es oblag, die neu
Angeworbenen möglichst schnell im Gebrauch der Waffen
und in taktischen Formationen zu unterweisen.
Dass die Mannschaftsstärke des Mansfeld’schen Korps
Ende November reduziert wurde, war mit Blick auf die
jahreszeitlich bedingte Einstellung der Kampfhandlungen
aus finanziellen Gründen naheliegend. Es zeigte aber auch
die strategische Kurzsichtigkeit der böhmischen Stände und
ihrer Direktoren, denn gerade diese Zeit hätte man zur
Ausbildung neu angeworbener Soldaten nutzen können, um
im Frühjahr dann zeitig mit starken Kräften in die Offensive
zu gehen und die Entscheidung des Krieges auf dem
Schlachtfeld zu suchen. Dazu hätten freilich erhebliche
Finanzmittel bereitgestellt werden müssen, doch dafür
waren die Stände zu knausrig. Sie wollten, um es zu
pointieren, politische Mitspracherechte und religiöse
Freiheiten, aber beides sollte nicht viel kosten. Am liebsten
hätten sie einen Dritten gefunden, der die militärischen
Unternehmungen finanzierte, und entsprechend sind die
Stände im darauffolgenden Jahr auch an die Königswahl in
Böhmen herangegangen. Das ist der wohl entscheidende
Unterschied zwischen dem Aufstand der Niederlande und
dem in Böhmen. Die Niederländer hatten eine Vorstellung
davon, worauf sie sich einließen, wenn sie gegen ein
Weltreich rebellierten, und dementsprechend waren sie
bereit, das Projekt ihrer Unabhängigkeit von Spanien durch
den Einsatz von Hab und Gut zu unterstützen. Das war bei
den Böhmen nicht der Fall, und so hielten sie die Truppe
Mansfelds knapp und glaubten, den Krieg mit einem
kostengünstigen Aufgebot aus Adel und bewaffnetem
Landvolk gewinnen zu können.

Das Bild – ein Holzstich nach einem Gemälde von Werner Schuch – zeigt die
Vorstellung, die man sich Ende des 19. Jahrhunderts in der akademischen
Historienmalerei vom Dreißigjährigen Krieg und den berüchtigten
Söldnerverbänden Ernst von Mansfelds gemacht hat: keine Heersäulen, keine
nach Infanterie und Kavallerie geordneten Verbände, auch keine Trennung von
Tross und Kampftruppen, sondern alles in bunter Mischung. Im Zentrum ein
schwerer Wagen, der über einen vom Regen aufgeweichten Weg gezogen wird;
Fass und Frau unter der Zeltplane lassen vermuten, dass es sich um einen
Marketenderwagen handelt. Rechts davon ein störrischer Esel, der vorangeprügelt
wird: Dieser Trupp hat es nicht auf den Feind, sondern auf das nächste Gehöft
oder Dorf abgesehen.

Militärgeschichtlich gesehen war das frühe 17. Jahrhundert


die Endphase einer Zwischenzeit, in der das Kriegswesen
aus zwei miteinander konkurrierenden, mitunter auch
komplementären Elementen bestand. Einerseits gab es die
überkommenen Formen des mittelalterlichen Lehnswesens,
das Kriegführung über personale Bindungen und
Verpflichtungen organisierte und durch ein Aufgebot freier
Bauern, häufig in Gestalt eines Landesdefensionswesens
modernisiert, ergänzt wurde. Die Defensionsregelungen
sahen vor, dass im Verteidigungsfall die wehrhaften Männer,
Städter wie Bauern, zu den Waffen gerufen und relativ
ortsnah eingesetzt wurden. Andererseits war ein
professionelles Kriegertum entstanden, dessen Wurzeln
ebenfalls bis ins Mittelalter zurückreichten, das aber im
Verlauf des 15. Jahrhunderts durch das Condotteri-System
Italiens, die Organisation militärischer Arbeitskraft durch
einen Kriegsunternehmer, einen erheblichen
Entwicklungsschub erfahren hatte. Dabei trat der Sold, also
Geldzahlung als Grundlage der Dienstbereitschaft, an die
Stelle der personalen Bindung. [10] In beiden Fällen wurde
militärische Leistungsfähigkeit je nach Bedarf verfügbar
gemacht: Die Ritter und die Bauern wurden aufgeboten,
wenn ein Kampf zu bestehen war, aber sie befanden sich
nicht ständig im Krieg, und die Truppen eines Condottiere
(von italienisch condotta, Führung) wurden von einem
Fürsten oder einer Stadt unter Vertrag genommen, wenn ein
Krieg drohte oder man seine Ansprüche gegen andere mit
Waffengewalt durchsetzen wollte. Stehende Heere gab es so
gut wie nicht, und die Handvoll Soldaten, die von den
Städten für den Wachdienst an ihren Toren besoldet wurden,
hatten eher polizeiliche als militärische Aufgaben. Das war,
gemessen an späteren Strukturen, ein relativ günstiges
Verfahren, um militärische Arbeitskraft zu organisieren:
Kosten – sieht man einmal von der auf die
Gesamtbevölkerung bezogen dünnen Schicht der Ritter ab –
fielen nur im Bedarfsfall an. Krieg war ein saisonal und
regional beschränktes Ereignis. Nur dort, wo eine
verdichtete Staatlichkeit und ein gesellschaftliches
Mehrprodukt, ein Überschuss an Gütern, zusammenkamen,
war es möglich, Krieg in größeren Räumen und über längere
Zeit zu führen. Vor dem Dreißigjährigen Krieg war das
eigentlich nur in den Niederlanden der Fall, wo mit dem
spanischen Weltreich und den aufständischen Provinzen
zwei reiche Akteure aufeinandertrafen, die über stehende
Heere verfügten. Was sich hier entwickelte, war eine neue
Art der Kriegführung, in der Festungssysteme eine
besondere Rolle spielten und oft mehr gegen die Logistik des
Gegners operiert wurde als gegen dessen Streitkräfte. In
diesem Krieg erfuhren die Waffensysteme und die taktischen
Formationen einen Entwicklungsschub, der zum
Schwungrad dessen wurde, was man als die militärische
Revolution in Europa bezeichnet. [11]
Während in Westeuropa mit dem Geld, das in das
Kriegswesen floss, die Waffentechnologie weiterentwickelt
wurde und Heere professioneller Söldner entstanden, hielt
man im östlichen Mitteleuropa an den leichten
Reiterverbänden fest, die schwarmartig in ein Gebiet
einfielen und es verwüsteten. Diese Verbände waren nicht in
der Lage, eine Schlacht gegen die modernen Heere mit ihren
unterschiedlichen Waffengattungen zu führen. [12]
Andererseits war die leichte Reiterei nicht überflüssig
geworden, und wenn sie auch in den Feldschlachten des
Dreißigjährigen Krieges keine ausschlaggebende Rolle
spielte, so war sie doch bei der Verfolgung eines
geschlagenen Gegners überaus nützlich. Geradezu
unentbehrlich war sie, wenn es darum ging, große Räume zu
beherrschen, gegen den Feind aufzuklären oder die
Versorgungslinien gegnerischer Truppen anzugreifen. Die
ständige Klage Mansfelds, dass ihm die Reiterei fehle und er
deswegen nur beschränkt handlungsfähig sei, belegt dies
nur allzu deutlich. [13]
Das Geschehen des Dreißigjährigen Krieges entwickelte
sich zwischen diesen beiden Elementen der Kriegführung,
ihrem direkten Zusammentreffen, ihrer Vermischung und
schließlich ihrer strategischen wie taktischen Kombination.
Die wiederholten Einfälle Bethlen Gábors nach Ungarn und
bis vor die Tore Wiens stehen für den mittelosteuropäischen
Typ der Kriegführung, [14] während die Operationen am
Niederrhein während der zweiten Jülicher Erbfolgekrise den
westeuropäischen Typ von Kriegführung repräsentieren. [15]
Der Krieg in Böhmen und den angrenzenden Gebieten wurde
in einer Mischform beider Typen ausgetragen, wobei schon
früh absehbar war, dass langfristig derjenige die Oberhand
behalten würde, der an modernen Truppen überlegen und
weniger der Tradition verhaftet war. Insofern war es eine
weitere Fehlentscheidung, dass die Prager Direktoren
stärker auf ihr Ständeheer als auf die Söldnerverbände
Mansfelds setzten. Sie investierten einfach nicht genug in
den Erfolg ihres politischen Projekts.

Im Herbst 1619 sah es für die Böhmen indes noch recht gut
aus. Der Einfall Bethlen Gábors nach Ungarn war
erfolgreich, die Verbände des Siebenbürgers stießen vor bis
Preßburg, das heutige Bratislava, und eroberten die Stadt.
Damit war der Weg nach Wien offen, so dass dem in Böhmen
stehenden Bucquoy vom kaiserlichen Kriegsrat der Befehl
erteilt wurde, sich mit seinen Einheiten zurückzuziehen, um
das Zentrum der habsburgischen Lande zu decken. [16] In
diesen Rückzug hineinzustoßen und dem Gegner dabei
größere Verluste zuzufügen, ihm vor allem den Tross und die
mitgeführten Kanonen wegzunehmen, wäre die Chance des
böhmischen Ständeheeres gewesen. In einer geordneten
Schlacht hätten die kriegsunerfahrenen Bauernsoldaten
dieses Heeres die wallonisch-flandrischen Berufssoldaten
Bucquoys kaum besiegen können, aber fortgesetzte Attacken
auf einen nicht in Gefechtsformation befindlichen Heereszug
hätten gute Erfolgsaussichten gehabt. Die Böhmen ließen
diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen und folgten den
Kaiserlichen erst in größerem Abstand. Es fehlte die
militärische Initiative, um den «Beobachtungskrieg» in einen
auf militärische Entscheidungen ausgerichteten Krieg zu
verwandeln, und es fehlte am Sold, um die Truppen für die
erforderlichen Anstrengungen zu motivieren: Als sie den
Befehl erhielten, den abziehenden Gegner zu verfolgen,
erklärten ihre Wortführer, sie würden ihre Stellungen erst
verlassen, nachdem ihnen zumindest ein Teil des
rückständigen Soldes ausbezahlt worden sei.
Gleich zu Beginn des Krieges zeigte sich hier ein Problem,
das immer wieder auftreten sollte: der «Kampfstreik»
beziehungsweise die Befehlsverweigerung von Truppen, die
seit längerem keinen Sold erhalten hatten. Indem die
Truppen meuterten, griffen sie auf das einzige ihnen zur
Verfügung stehende Mittel zurück, um Soldzahlungen,
zumindest Abschlagszahlungen auf den Sold, zu erzwingen.
Sie verweigerten die Befehle, um die ihnen gegebenen
Zusagen durchzusetzen und den Kriegsherrn zur
Vertragstreue zu zwingen. [17] Die Alternative zur Meuterei
war die Desertion, aber damit gab der Betreffende seinen
Anspruch auf den ausstehenden Sold auf. [18] Beides,
Meuterei wie Desertion, stand unter strenger Strafe, und
diese Strafen waren in den Artikelbriefen, die den
Kriegsknechten bei ihrer Anwerbung verlesen wurden,
eingehend beschrieben. Desertion war im Prinzip ein
individueller Vorgang, auch wenn es im Verlauf des Krieges
immer wieder zu Massendesertionen kam; Meuterei dagegen
war nur im Kollektiv möglich und setzte ein gefestigtes
Vertrauensverhältnis innerhalb der Truppe voraus. Dass
Soldaten desertierten, war ein normaler Begleitvorgang der
Kriegführung dieser Zeit, und in bestimmten Phasen nahm
die militärische Führung Desertion hin, ohne größere
Anstrengungen dagegen zu unternehmen. Sie wurde
verschiedentlich als ein Vorgang der Reinigung der Truppe
von unwilligen und unfähigen Soldaten angesehen und hatte
erhebliche Soldersparnis zur Folge. Desertion in großem Stil
führte dazu, dass eine Einheit auf ihre Kaderstruktur
abgeschmolzen wurde. [19] Das war manchem Obristen in
Phasen, in denen das Kriegsgeschehen stillstand, durchaus
recht. Vor und während einer Schlacht war das anders: Hier
wurde Desertion als Feigheit und Verrat begriffen und hart
bestraft – in der Regel mit dem Tod. Dementsprechend
wurden in gefechtsnahen Konstellationen auch geeignete
Vorkehrungen getroffen.
Meutereien dagegen waren stets eine überaus ernst zu
nehmende Herausforderung für die Heeresführung, und sie
verlangten eine unmittelbare Reaktion – in der Regel
Abschlagszahlungen auf den Sold, mit denen die Situation
beruhigt wurde. So war es auch beim böhmischen Heer im
Herbst 1619. Als es sich endlich in Bewegung setzte, war die
Gelegenheit vertan, die Truppen Bucquoys auf dem Rückzug
anzufallen und in Einzelgefechte zu verwickeln. [20]
Schließlich kam es am 24. Oktober bei Ulrichskirchen doch
noch zu einem Zusammenstoß beider Seiten, der sich aber
nicht zu einer Schlacht entwickelte, da Bucquoy dem
kräftemäßig überlegenen Gegner auswich und sich über die
Donau zurückzog. Die Kaiserlichen brachen die
Donaubrücke hinter sich ab, und so konnten Thurn und
Hohenlohe mit den Böhmen nicht nachsetzen. Die
böhmischen Truppen bezogen links der Donau Stellung, und
Thurn und Hohenlohe begaben sich nach Preßburg, wo sie
mit Bethlen Gábor das weitere Vorgehen besprachen. Man
kam überein, einen Vorstoß auf Wien zu unternehmen, wobei
freilich offen blieb, welches strategische Ziel dabei verfolgt
werden sollte: die Einnahme Wiens und damit die Besetzung
des feindlichen Zentrums, die Verheerung des Landes, um
die Ressourcen des Kaisers für eine offensive Kriegführung
nach Böhmen und Mähren hinein zu vermindern, oder die
Unterstützung der österreichischen Opposition gegen die
Habsburger, die eine Rebellion der Landstände anstoßen
sollte, um nach böhmischem Vorbild die Absetzung des
Landesherrn zu betreiben.
Das Problem des von den aufständischen Böhmen und
Bethlen Gábor geführten Koalitionskrieges war, dass man
sich nie auf einen gemeinsamen Zweck des Krieges
verständigen konnte, so dass beide Seiten ihre je eigenen
Ziele verfolgten. [21] Das Ergebnis war strategisches Chaos.
Um Wien zu erobern, fehlte den verbündeten Heeren, die am
21. November bei Preßburg in einer Stärke von mehr als
40000 Mann die Donau überschritten, das schwere
Geschütz, mit dem man die Mauern der stark befestigten
Stadt hätte brechen können. Die beiden anderen Ziele
schlossen sich gegenseitig aus: Wenn man einen Aufstand
gegen die Habsburger entfachen wollte, musste man die
Bevölkerung gut behandeln und durfte sie nicht
ausplündern. Genau das aber tat das Heer: die Böhmen, um
sich für den rückständigen Sold durch Beute schadlos zu
halten, und die Reiter Bethlens, weil sie genau dafür in den
Krieg gezogen waren. Die Dörfer und Städte auf dem Weg
nach Wien wurden ausgeplündert, einige niedergebrannt.
Die siebenbürgischen Reiter Bethlens, denen sich
inzwischen auch Ungarn angeschlossen hatten, taten sich
dabei durch besondere Grausamkeiten hervor. [22]
Graf Thurn wiederum scheint darauf gesetzt zu haben,
dass ihm dieses Mal gelingen werde, woran er im Frühjahr
des Jahres bei seinem ersten Vorstoß vor die Tore Wiens
gescheitert war: die österreichischen Stände zum Aufstand
gegen die Habsburger zu bringen und damit den Krieg
erfolgreich zu beenden. Obwohl Thurn Anfang Juni mit einer
sehr viel geringeren Heeresmacht vor Wien aufgetaucht
war – es dürften 10000 Mann gewesen sein, die sich bis zum
Abzug Mitte Juni auf 5000 Mann verringerten –, waren seine
Erfolgsaussichten damals erheblich größer gewesen als
jetzt. Als sich die Truppen beim ersten Vorstoß am 5. Juni
den Vorstädten Wiens näherten, war die Stadt nämlich so
gut wie nicht verteidigungsbereit. [23] Ferdinand, der sich zu
dieser Zeit in Wien aufhielt, reagierte auf die Bedrohung,
indem er seine geistlichen Übungen verdoppelte;
gleichzeitig erteilte er die Anweisung, die in der näheren
Umgebung stehenden eigenen Militärverbände umgehend
nach Wien in Marsch zu setzen. Am Vormittag des 5. Juni
empfing er die protestantischen Landstände zu einer
Audienz, bei der diese von ihrem Landesherrn in harschem
Ton verlangten, den Krieg gegen die böhmischen
Glaubensgenossen zu beenden und in den österreichischen
Erblanden dieselbe Religionsfreiheit zu gewährleisten, die
den Böhmen im Majestätsbrief zugestanden worden war. Es
ist unklar, ob sich die Szene tatsächlich so zugetragen hat
oder ob es sich um eine nachträgliche Stilisierung zu einem
Mythos des historischen Augenblicks handelt. Jedenfalls
wird berichtet, Ferdinand habe dieses Ansinnen in großer
Ruhe und Gelassenheit zurückgewiesen, woraufhin die
Ständevertreter eine drohende Haltung eingenommen
hätten. Just in diesem Moment seien vier Kornetts des
Kürassierregiments Dampierre in die Wiener Hofburg
eingeritten, womit sich die Lage sofort verändert habe. Die
Ständevertreter hätten sich schleunigst entfernt, und die
«fünfte Kolonne», die in Wien bereitgestanden habe, um den
vor der Stadt stehenden Böhmen die Tore zu öffnen, habe
sich eine solche Aktion nicht mehr zugetraut und sei untätig
geblieben. Da Thurn die Voraussetzungen für eine
Belagerung der Stadt oder gar ihrer Erstürmung fehlten,
trat er eine Woche später den Rückzug an. Wahrscheinlich
nötigte ihn dazu auch der militärische Erfolg, den die in
Böhmen operierenden kaiserlichen Verbände unter Bucquoy
bei Sablat errungen hatten. Mansfeld hatte unvorsichtig
agiert und war in eine Falle gegangen. Seine Söldner hatten
erhebliche Verluste erlitten, und das in Österreich stehende
Heer der Böhmen geriet in Gefahr, von seinen rückwärtigen
Verbindungen abgeschnitten zu werden. [24] «Der Zug des
Grafen Thurn gegen Wien», so das Urteil Moriz Ritters,
«bezeichnete einen Höhepunkt, aber auch die vorläufige
Grenze der böhmischen Erfolge.» [25]
Der neuerliche Vorstoß auf Wien Ende November 1619
verlief nach demselben Muster – allerdings befanden sich
dieses Mal von Anfang an starke Verbände in Wien, so dass
an einen Sturm trotz der sehr viel größeren Zahl der
Angreifer nicht zu denken war. [26] Bucquoy war nämlich
nicht in Böhmen geblieben, sondern hatte sich nach Wien
zurückgezogen, wo die Einquartierung seiner Soldaten in
Bürgerhäusern für erhebliche Unruhe sorgte. Eine längere
Belagerung der Stadt kam für die Böhmen nicht in Frage, da
die Versorgung einer so großen Armee zu viele Probleme mit
sich gebracht hätte. Der Einfall polnischer leichter Reiter
nach Siebenbürgen veranlasste Bethlen und mit ihm auch
Thurn schließlich zum Rückzug. Es war das letzte Mal, dass
die Böhmen zu einer strategischen Offensive in der Lage
waren, denn nun stellte Bethlen Gábor das Bündnis mit der
Confoederatio Bohemica in Frage. Für ihn zeichnete sich ab,
dass er in das Bündnis mehr investieren musste, als er im
günstigsten Fall an Gewinn einstreichen konnte. Er schloss
mit dem Kaiser einen Vertrag, der ihn und seine Nachfolger
in den Besitz größerer Teile Ungarns brachte. Ferdinand ließ
sich auf so weitgehende Konzessionen ein, weil er hoffte,
dadurch den Fürsten von Siebenbürgen auf längere Zeit
militärisch neutralisieren und sich ganz auf einen Krieg
gegen die Confoederatio Bohemica konzentrieren zu können:
Gegen sie wollte er im Jahr 1620 die Entscheidung
herbeiführen. Die Voraussetzung dafür schuf er, indem er
die Böhmen Schritt für Schritt von ihren Verbündeten
trennte und mögliche Nebenkriegsschauplätze schloss.
Dadurch war er in der Lage, alle verfügbaren Kräfte gegen
das Zentrum der antihabsburgischen Koalition einzusetzen.
König für ein Jahr: Friedrich von der Pfalz
in Böhmen
Unterdessen zog Friedrich von der Pfalz mit großer Pracht
in Prag ein und ließ sich zum König von Böhmen krönen. Von
Heidelberg aus war er zunächst nach Amberg gereist, dem
Verwaltungszentrum der Oberpfalz, wo der kaiserliche
Gesandte Graf Fürstenberg ihn noch einmal von seinem
Vorhaben, die böhmische Königskrone anzunehmen,
abzuhalten suchte. Er brachte einen eigens dafür
einberufenen Reichstag ins Gespräch, auf dem alle
kontroversen Fragen geklärt werden sollten. Von einem
Reichstag, so Friedrichs Entgegnung, sei keine Lösung zu
erwarten, wie ja auch die letzten Reichstage zu nichts
geführt hätten, und was die böhmische Krone anbetreffe, so
wolle er sich diese Frage noch offenhalten. [1] Nach
einwöchigem Aufenthalt in Amberg reiste der Kurfürst bis
zur böhmischen Grenze, wo ihn eine Delegation aus Prag
erwartete, die ihn als neuen König begrüßte. Von dort zog
der über 500 Personen umfassende Hofstaat über Eger
weiter nach Prag, wo man am frühen Morgen des
31. Oktober ankam. Prächtige Kutschen, über 1000 reich
ausstaffierte Reiter, zahllose Bürger, die Spalier standen –
der Einzug Friedrichs soll etwa 50000 Gulden gekostet
haben. Das war in Anbetracht der Soldrückstände, unter
denen die Armee litt und die gerade im Winter 1619/20
dramatische Ausmaße annahmen, eher unangemessen.
Ludwig Camerarius, einer der Friedrich begleitenden Räte,
stellte dazu in einem Brief an den kurpfälzischen Kanzler
Johann Christoph von der Grün fest: «Meo judicio [nach
meinem Urteil] wäre das Geld zu Zahlung des Kriegsvolks
besser angelegt gewest.» [2]

Friedrich V., Kurfürst von der Pfalz, wird im Prager Veitsdom zum König von
Böhmen gekrönt. Die Zeremonie wird nicht von dem Prager Erzbischof
vorgenommen, sondern von dem utraquistischen Administrator Georg Dicastus.
Friedrich ist umgeben von den Direktoren der Confoederatio Bohemica, die ihm
huldigen, indem sie die Krone berühren. An der Zeremonie nehmen nur wenige
Reichsfürsten teil; sie sitzen auf den bezifferten Plätzen am linken unteren
Bildrand, wo sie als Beglaubiger der Krönung dienen. Der zeitgenössische Stich
zeigt, wie man Friedrich salbt, ihm den Königsmantel anlegt und die Krone
aufsetzt.

Am 4. November folgte die Krönung im Veitsdom, ein nicht


weniger prachtvolles und aufwendiges Ereignis, das so gar
nicht zu der Lage passte, in der sich das Land befand:
Dukaten wurden in die Menge geworfen, und aus einem
Brunnen floss weißer und roter Wein für jedermann. Es hat
den Anschein, als wollte man mit der Feier davon ablenken,
dass man sich im Krieg befand, dass dieser Krieg bislang
nicht wirklich glücklich verlief und immer mehr Mächte, auf
die man als Bündnispartner gesetzt hatte, auf Distanz
gingen. Friedrich ließ sich offenkundig von der
optimistischen Stimmung in Prag anstecken und unternahm
nicht die Anstrengungen, die erforderlich gewesen wären,
um das Heft des Handelns in die Hand zu bekommen. «Er
macht sich die Sache leicht und setzt alles auf Gott», so sein
Berater Camerarius. [3] Aber Friedrich waren auch die Hände
gebunden: Fast alle wichtigen Ämter in Prag waren mit
Personen besetzt, die bei der Adelsrebellion eine Rolle
gespielt hatten und sich nicht durch die angereisten Pfälzer
Räte ablösen ließen. Wenn es zu Revirements kam, dann
wurden Böhmen durch Böhmen ersetzt. Schließlich hatten
sie ihre libertär-ständischen Freiheiten nicht erkämpft, um
die kaiserlich-katholischen gegen kurpfälzisch-reformierte
Amtsträger austauschen zu lassen. Doch die im Verlauf der
Rebellion an die Macht gekommenen Männer waren ihren
Aufgaben nicht oder nur unzureichend gewachsen, und so
mangelte es an vielem, was hätte funktionieren müssen, um
sich gegen eine Koalition übermächtiger Feinde zu
behaupten. Bei den kurpfälzischen Räten machte sich
Skepsis breit, ob das böhmische Abenteuer ihres Fürsten ein
glückliches Ende nehmen werde.
«Es ist allenthalben», so berichtet Camerarius im
Anschluss an die Krönung Friedrichs nach Heidelberg, «tam
in politicis quam re militari [in politischen wie in
militärischen Angelegenheiten] ein übermachte Confusion
und Unordnung / bey der Cantzley und Cammer alles
unrichtig und im üblen Zustand / daß unser gnädigster Herr
in eine sehr schwere gefährliche Regierung einsitzet.» Und:
«Der grösste Mangel ist an Geld / und da deßwegen nicht
Rath und Mittel gefunden werden / dürffte einmal urplötzlich
groß Ungelegenheit entstehen.» [4] Immerhin wurde
Christian von Anhalt, der das böhmische Abenteuer
Friedrichs initiiert und den Kurfürsten maßgeblich zur
Annahme der böhmischen Krone gedrängt hatte, an die
Spitze des böhmischen Militärs gestellt. Damit wurde die
bislang zwischen Graf Thurn und Graf Georg Friedrich von
Hohenlohe geteilte Führung beseitigt, die unter anderem für
die zögerliche und widersprüchliche Kriegführung
verantwortlich war.
Camerarius war aus der Pfalz mitgekommen, um zu helfen,
effiziente Strukturen herzustellen, und sah sich nun in Prag
zu Passivität verurteilt. Er wurde in eine Beobachterposition
hineingedrängt, und was er sah, erfüllte ihn mit großer
Sorge. Dazu gehörte auch der Umstand, dass Friedrich
selbst zwar von der Prager Bevölkerung freundlich und
offenherzig aufgenommen wurde, seine Frau Elisabeth aber
auf wachsende Ablehnung stieß. Camerarius vermerkt mit
Genugtuung, dass Friedrich bei der Krönungszeremonie die
vom Oberstburggrafen vorgesprochene Verpflichtungsformel
«in Böhmischer Sprache» nachgesprochen habe und ihm das
so gut gelungen sei, «daß die Böhmen es nicht genug
rühmen können / und daher die vorhin / GOtt lob / ins
gemein starcke Benevolentz vermehret wird». [5] Was ihn
dagegen beunruhigte, war das Auftreten der Königin: Sie
beherrschte das Deutsche nur rudimentär, pflegte deswegen
Englisch oder Französisch zu sprechen; Böhmisch sprach
und verstand sie überhaupt nicht. Schon bald wurde in Prag
mit Missfallen beobachtet, dass sie sich bei der Einteilung
des Tagesablaufs an keine Ordnung hielt, weder bei den
Mahlzeiten noch beim Kirchenbesuch. Und auch ihre
Kleidung, zumal das üppige Dekolleté – «die entblößte
Brust» –, das von ihr und ihrem Hofstaat gepflegt wurde,
erregte erheblichen Unwillen. [6] Camerarius hält fest:
«Wann nur das Englisch exorbitirn [gemeint ist das
Auftreten der Königin] nicht die Gemühter ändert / so ist
alles gut. Daß man mit dem Essen / und zur Kirchen gehen
aufs Frauenzimmer warten muß / und andere puntilien
verursachen schon offendicula, und ärgert sonderlich die
Böhmischen Damen / daß man die Brüste nicht zudecket.
Sed forte corrigenda ista, ut omnino corrigenda sunt [das ist
entschieden zu ändern, so wie alles zu verändern ist].» [7]
Camerarius beobachtete all dies, und da er daran nichts
ändern konnte, weil er auf die böhmische Verwaltung keinen
Zugriff und auf die selbstbewusste Königin – Moriz Ritter
nennt sie «übermütig» [8] – keinen Einfluss hatte, brachte er
seine Hoffnung und sein Vertrauen auf Gott zum Ausdruck:
«Gott kan und wird alles zu erwünschtem End schicken / der
bißhero alles so wunderbar geführt hat.» [9]
Neben Stil- und Geschmacksfragen gab es zwei größere
Probleme, die zur Entfremdung zwischen Friedrich und den
Böhmen beitrugen: das eine war dynastischer, das andere
konfessionspolitischer Art. Friedrich wollte die Verbindung
zwischen der Pfalz und Böhmen durch die Vererbung der
ihm gerade übertragenen Königswürde gesichert wissen und
drängte darauf, dass die Stände seinen ältesten Sohn
Friedrich Heinrich so schnell wie möglich zum künftigen
König wählten. [10] Friedrich war damals dreiundzwanzig
Jahre alt, sein Sohn erst fünf, und so kam diese Forderung
vielen Ständevertretern wie eine Verhöhnung des gerade
erst durchgesetzten Wahlrechts vor. Sie vertrösteten den
König, indem sie ihm versprachen, dass sich die im Frühjahr
1620 zusammentretende Ständeversammlung mit dieser
Frage befassen werde. Immer deutlicher wurde sichtbar,
dass Friedrichs dynastische Ambitionen, die für ihn das
Risiko des böhmischen Abenteuers abfedern sollten, und das
politische Selbstbewusstsein der Ständevertreter nicht
zusammenpassten.
Friedrichs Auftreten in Prag stellte aber nicht nur das
Verfassungsverständnis der Böhmen in Frage, sondern
berührte bald auch den zweiten Grund, weshalb die Böhmen
gegen die Habsburger revoltiert hatten. Die Prager waren
stolz auf ihren Veitsdom, der die Grablege der böhmischen
Könige und der letzten drei habsburgischen Kaiser war und
den man im Laufe der Zeit mit Altären, Bildern und
Schnitzwerk reich ausgestattet hatte. Die lutheranisch-
hussitischen Pfarrer, die hier den Gottesdienst hielten,
hatten sich daran ebenso wenig gestört wie die Prager
Bevölkerung. Für die calvinistische
Verkündigungsauffassung, die sich ganz auf das Wort
konzentrierte, war die aufs Auge gerichtete Pracht jedoch
unerträglich, und so drängte Abraham Scultetus, der aus
Heidelberg mitgekommene Hofprediger des Kurfürsten, auf
die Reinigung des Domes von den «verdammten
Götzenbildern». Als man ihm zur Geduld riet, um die
Empfindungen der Prager nicht zu verletzen, erwiderte er
mit den Worten des Propheten Samuel, wer mit der
Zerstörung der Götzenbilder warte, sei nicht mit ganzem
Herzen zu Gott bekehrt. [11] Also wurde der Dom von seinen
Kunstwerken «gesäubert», damit Friedrich dort ein
Weihnachtsfest nach reformiertem Verständnis feiern
konnte. In der Folge wuchs bei den Böhmen der Verdacht,
ihre Verbindung mit den Reformierten könne sich als ein
großes Missverständnis herausstellen. Dieser Verdacht
verstärkte sich, als Scultetus im Frühjahr 1620 forderte,
Friedrich solle die unter königlichem Patronat stehenden
Pfarrstellen nicht länger durch die lutherisch dominierte
Landesbehörde besetzen lassen, sondern die Besetzungen
nach eigenem Ermessen selbst vornehmen, um durch
calvinistische Pfarrer das reformierte Bekenntnis in Böhmen
zu befördern. Das war für viele Böhmen eine Erneuerung der
religiösen Bevormundung, von der sie sich mit der
Vertreibung der Jesuiten gerade erst befreit zu haben
glaubten.

Unterdessen hatte sich die militärische Lage für die Böhmen


verschlechtert, ebenso die Aussicht auf zuverlässige
Verbündete. Bethlen Gábor wollte zwar trotz des mit dem
Kaiser geschlossenen Vertrags seine Verbindungen zu ihnen
nicht aufgeben, aber in Anbetracht seines notorischen
Schwankens konnte man bei der strategischen Planung für
das Jahr 1620 nicht auf ihn bauen. Die Union, der
Bündnispartner im Reich, hatte zwar Truppen geworben,
diese blieben jedoch, wie man das in Rothenburg
beschlossen hatte, in Wartestellung an der oberen Donau.
Jakob I. weigerte sich weiterhin, seinem Schwiegersohn
irgendeine Hilfe zu gewähren, was er noch einmal
bekräftigte, als der württembergische Hofrat Benjamin
Bouwinghausen im Sommer 1620 in Den Haag, London und
Paris sondierte, mit welcher Unterstützung der bedrängte
Pfälzer rechnen könne. In England wurde ihm am
deutlichsten beschieden, dass von dort keinerlei
Unterstützung zu erwarten sei. [12] Auch die Niederlande
zögerten, sich auf den Diversionskrieg einzulassen, den sie
für den Fall zugesagt hatten, dass spanische Truppen aus
den südlichen Niederlanden eingesetzt würden, um die
Kurpfalz zu erobern. [13] Genau das zeichnete sich aber ab.
Währenddessen brachen im böhmischen Ständeheer im
Frühjahr und Sommer 1620 Meutereien aus, mit denen die
Soldaten die ausstehenden Soldzahlungen einforderten, und
Christian von Anhalt, dem neuen Oberkommandierenden,
war es bis dahin nicht gelungen, in der aus Einzelteilen
zusammengefügten Heeresmasse militärische Disziplin
durchzusetzen und die Truppen taktisch so zu schulen, dass
sie in einer Schlacht aussichtsreich eingesetzt werden
konnten. [14]
Während sich die Dinge für Friedrich immer weiter zum
Schlechten wandelten, entwickelten sie sich für Ferdinand
zum Besseren. Den Anstoß dafür gab der spanische König,
der durch die Nachricht von der neuerlichen Bedrohung
Wiens im November 1619 aufgeschreckt worden war. Zuvor
schon hatte Philipp angeordnet, wie er an Erzherzog
Albrecht in Brüssel schrieb, «daß von den Truppen, die in
Italien stehen, sogleich 7000 Infanteristen nach dem Elsaß
aufbrechen sollen, davon sind 2000 Wallonen und
1000 Neapolitaner für Böhmen, die übrigen 4000 zur
Verstärkung Euren Heeres [in den spanischen Niederlanden]
bestimmt; und zwar zusätzlich zu dem Regiment
portugiesischer Infanterie, das in Portugal aufgestellt wird
und ebenfalls so bald wie möglich in Marsch gesetzt wird.
Bis zur Ankunft der Geldmittel, die für den Unterhalt der
Truppen nötig sein werden, die von jetzt an in Böhmen auf
meine Rechnung versorgt werden müssen – nämlich
12000 Infanteristen und 1000 Pferde –, habe ich befohlen,
dem Grafen Oñate sofort von hier aus 200000 Dukaten,
zumindest aber 150000 zu schicken; der Rest, der
erforderlich ist, muß aus Italien beschafft werden, nämlich
80 bis 90000 Dukaten pro Monat, mehr kann ich beim
gegenwärtigen Zustand meiner Finanzen nicht tun.» [15] Das
war eine völlig andere Sprache als die, welche die
Gesandten Friedrichs und der Union zu hören bekamen,
wenn sie um Unterstützung baten.
Anfang Januar spätestens dürfte Philipp sich entschlossen
haben, den Kaiser mit den Truppen zu unterstützen, die
unter dem Befehl Bucquoys in Österreich und Böhmen der
böhmischen Ständearmee gegenüberstanden. Zudem wollte
er durch einen großangelegten Angriff auf die Pfalz
Bewegung in den Krieg bringen und eine Entscheidung
herbeiführen – auch auf die Gefahr hin, dass dies auf das
Ende des Waffenstillstands mit den nördlichen Niederlanden
hinauslaufen würde. Am 11. Januar 1620 teilte er Erzherzog
Albrecht mit, dass die aus Italien nach Flandern in Marsch
gesetzten 6000 Infanteristen und das in Portugal
aufgestellte Regiment mit allen «in Flandern entbehrlichen
Truppen» zusammengefasst werden sollten, «um eine Armee
zu bilden, die von dort aus in die Pfalz einmarschiert». Noch
einmal verwies er auf die Geldmittel, die in Spanien sowie
den unter spanischer Herrschaft stehenden Königreichen
Neapel und Sizilien aufzubringen seien, und forderte von
Albrecht, auf den Bayernherzog Maximilian und die Fürsten
der katholischen Liga einzuwirken, damit auch sie dem
Kaiser zu Hilfe kämen. Er schloss mit der Feststellung, es sei
«für eine Sache, die so sehr Unserem Herren dient»,
angebracht, «zu allen Mitteln zu greifen». [16] Die politische
Führung in Madrid hatte eine sehr genaue Vorstellung,
worum es ging und was sie erreichen wollte – dass Gott
dabei auf ihrer Seite war, weil sie dessen Willen ins Werk
setzte, stand für sie außer Frage.
Man muss sich dieses spanische Agieren vor Augen führen,
um einen Eindruck davon zu bekommen, wie kraftlos,
zögerlich und unentschlossen die protestantische Union
vorging: Man hatte zwar eine Armee aufgestellt, um die
Erblande des pfälzischen Kurfürsten gegen Angriffe zu
schützen, wollte sich aber aus dem böhmischen Abenteuer
heraushalten. Die Unionstruppen standen dem Heer der Liga
an der Donau gegenüber; man beobachtete sich, doch dabei
blieb es. Zwischenzeitlich wurde seitens der Union erwogen,
die Truppen zu nutzen, um einen Schlag gegen das
inzwischen bayerische Donauwörth zu führen, was wohl zur
Konfrontation mit dem Liga-Heer geführt hätte; dann kam
die Idee auf, den Schlag gegen Donauwörth mit einem
Angriff des in Böhmen stehenden Mansfeld auf Passau zu
kombinieren, womit die Versorgungslinien der Kaiserlichen
in Böhmen durchtrennt worden wären. Die Liga-Truppen
hätten damit auch gegen Mansfeld operieren und sich
infolgedessen aufteilen müssen – aber das alles waren nur
Ideen, die nie zu strategischen Projekten wurden,
geschweige denn zur Ausführung kamen. [17] Stattdessen
wurde am 3. Juli 1620 unter französischer Vermittlung der
Ulmer Vertrag unterzeichnet, in dem Union und Liga
übereinkamen, sich gegenseitig nicht anzugreifen und die
Territorien der je anderen Seite zu respektieren. Die
Vertreter der Union willigten wohl auch darum ein, weil das
militärische Kräfteverhältnis sich stark zugunsten der Liga
verschoben hatte: Ihren 24500 Fußsoldaten und
5500 Reitern, nach damaligen Maßstäben ein kriegsstarkes
Heer (exercitus formatus), konnte die Union gerade einmal
9500 Mann entgegenstellen. [18] An ein offensives Agieren
war unter diesen Umständen nicht zu denken.
Auf den ersten Blick nahm sich die wechselseitige
Neutralisierung beider Heere im Ulmer Vertrag [19] als ein
Erfolg der Union aus. Man war weiterhin in der Lage, die
Zusage einer Verteidigung der Kurpfalz einzuhalten und
hatte, wie man meinte, den Bayernherzog in einen Vertrag
eingebunden, der ihn an einem Angriff auf die Oberpfalz
hinderte. Zu mehr hatte man sich nicht verpflichtet. Böhmen
spielte in den vertraglichen Vereinbarungen ausdrücklich
keine Rolle. Vermutlich war den protestantischen
Verbündeten klar, dass mit dem Ulmer Vertrag die
Streitkräfte der Liga für den Einsatz in Böhmen frei würden.
Zwar war nicht ausgeschlossen, dass auch die Truppen der
Union in Böhmen eingreifen konnten, aber das war nach
Lage der Dinge und angesichts der bestehenden
Kräfteverhältnisse völlig ausgeschlossen. Ob nun «das
Selbstgefühl der Union schon weit genug herabgedrückt
[war], um einem derartigen Anerkenntnis keine ernsten
Schwierigkeiten entgegenzusetzen», wie Ritter schreibt, [20]
ob man sich angesichts der Anstalten Ambrosio Spínolas, mit
einem starken spanischen Heer in die Rheinpfalz einzufallen,
auf die Verteidigung dieser Gebiete konzentrieren wollte
und der Ulmer Vertrag die Möglichkeit eröffnete, die
Truppen zusammenzuhalten, wie Anton Gindely meint, [21]
oder ob die französischen Vermittler und die Union in ihrer
wechselseitigen Wahrnehmung von falschen
Voraussetzungen ausgingen, wie Cicely Veronica Wedgwood
erklärt [22] – das Ergebnis war dasselbe: Maximilian hatte
freie Hand, seine Heeresmacht gegen Friedrich und die
Böhmen einzusetzen, und die Union war am Schluss mit
ihren schwachen Kräften nicht in der Lage, die Rheinpfalz
gegen den Angriff der flandrischen Armee zu schützen. Das
Neutralitätsversprechen des Ulmer Vertrags nutzte somit
allein der Liga und dem Kaiser. Wahrscheinlich wäre die
Lage aber auch nicht anders gewesen, wenn die Union den
Ulmer Vertrag nicht geschlossen hätte. Die Übermacht der
Gegenseite war einfach zu groß. Um daran etwas zu ändern,
hätte die Union massiv aufrüsten müssen, wozu sie nicht in
der Lage war, weil die Reichsstädte, die als Einzige die dafür
erforderlichen Mittel hätten aufbringen können, dazu nicht
bereit waren. Vor allem aber hätten die Protestanten
geschlossen auftreten und eine gemeinsame Front bilden
müssen. Davon waren sie weit entfernt.
Entscheidungsschlacht am Weißen Berg
Für die Böhmen hatte sich die Lage seit Beginn des Jahres
1620 nicht verbessert. Über Monate hin lag die Hauptarmee
unter Christian von Anhalt den Truppen Bucquoys bei
Eggenburg gegenüber, beide Seiten in starken
Verschanzungen, so dass keine von ihnen sich einen Angriff
auf die gegnerischen Positionen zutraute. Die Böhmen litten
darunter stärker als die Kaiserlichen, denn der
ausgebliebene Sold hatte zu massiver Unzufriedenheit im
Heer geführt; hinzu kamen Hunger und Desertion, Kälte und
Krankheiten. Der Mannschaftsbestand des Ständeheeres
nahm kontinuierlich ab: Im Frühjahr waren es gerade einmal
9000 Mann, über die Christian von Anhalt noch verfügte. [1]
Währenddessen trafen auf kaiserlicher Seite die
Verstärkungen ein, die Philipp III. zum Jahreswechsel
1619/20 in Marsch gesetzt hatte. Vor allem die 7000 Mann
unter Don Balthasar de Marradas, der zuvor Gradiška
verteidigt hatte und nun als Generalwachtmeister (nach der
heutigen Rangordnung Generalmajor) das aus Italien
eingetroffene spanische Kriegsvolk führte, machten sich
bemerkbar. Marradas, der von Passau aus in das südliche
Böhmen eingedrungen war, band die im Raum Pilsen
konzentrierten Kräfte Mansfelds; beide Seiten führten einen
auf feste Plätze gestützten Kleinkrieg gegeneinander, bei
dem sie sich von ihren jeweiligen Versorgungsbasen
abzuschneiden suchten. [2] Eine solche Art der Kriegführung
ließ sich, wie sich im weiteren Verlauf des Krieges noch
zeigen sollte, unendlich lange ausdehnen. Hauptleidtragende
war die ländliche Bevölkerung, die ausgeplündert und
drangsaliert wurde, ohne dass für sie ein Ende dessen
absehbar war.
Mansfeld, inzwischen zum böhmischen Feldmarschall
ernannt, sah in dieser Strategie die einzige Möglichkeit, sich
gegen den kräftemäßig überlegenen Gegner zu behaupten.
Eine große, womöglich kriegsentscheidende Schlacht war
unter allen Umständen zu vermeiden; stattdessen sollten die
Kräfte der Gegenseite durch die Verteidigung der festen
Plätze gebunden und zur Aufteilung gezwungen werden, um
sie anschließend, sofern eine punktuelle Überlegenheit
hergestellt werden konnte, überfallartig anzugreifen und so
nach und nach aufzuzehren. [3] Man kann dieses Vorhaben
als strategische Defensive unter Einbezug taktischer
Offensiven bezeichnen, kann aber auch von einem «lange
auszuhaltenden Krieg» im Sinne Mao Tse-tungs sprechen,
bei dem am Schluss die Oberhand gewinnen würde, wer den
längeren Atem und die höhere Opferbereitschaft hätte. Die
Pointe dieser Strategie war, dass sie die zahlenmäßige
Überlegenheit der Gegenseite in deren Schwäche
verwandelte, denn die großen Truppenmassen mussten über
längere Zeit versorgt werden, und die Versorgung der durch
die Belagerung eines festen Platzes gebundenen Truppen
bot zusätzliche Angriffspunkte. Wenn die gegnerische
Überlegenheit nur unter der Voraussetzung der
Beschleunigung wirksam werden konnte, war ein auf
Entschleunigung angelegtes Gegenhandeln die naheliegende
Antwort. Auf die Bevölkerung des Kriegsgebiets nahm man
dabei keine Rücksicht. Und da das Kriegsgebiet im
Unterschied zur Entscheidungsschlacht bei einer solchen Art
der Kriegführung räumlich immer weiter ausgedehnt wurde,
war die Bevölkerung Süd- und Westböhmens unmittelbarer
Gewalt ausgesetzt.
Mansfelds Operationen im Frühjahr und Sommer 1620
haben wesentlich zu seinem Ruf als besonders grausamer
Heerführer beigetragen. In Prag konnte und wollte man
seinen strategischen Vorschlägen nicht folgen. Ob Mansfelds
Strategie als Leitlinie für die gesamte Kriegführung
erfolgreich gewesen wäre, muss dahingestellt bleiben. Mit
dem Vorstoß des ligistischen Heeres auf den böhmischen
Kriegsschauplatz veränderte sich die Lage jedenfalls weiter
zu Ungunsten der Böhmen. Unmittelbar nach Abschluss des
Ulmer Vertrags hatte Herzog Maximilian seine Truppen
nach Osten in Marsch gesetzt. Am 24. Juli überschritten
erste Verbände die Grenze nach Oberösterreich, um das
Bayern als Pfand zugestandene Gebiet «ob der Enns» unter
Kontrolle zu bringen. [4] Seit Beginn des böhmischen
Aufstands befand sich Oberösterreich im Widerstand gegen
die Habsburger. Man weigerte sich, Steuern zu zahlen und
Soldaten zu werben. Stattdessen hatte man eine kleine
Söldnereinheit und ein aus bewaffneten Bauern bestehendes
Heer aufgeboten, um sich zu verteidigen. Außerdem setzte
man darauf, dass man im Notfall von den Böhmen Hilfe
bekommen würde. Als die ligistischen Truppen in
Oberösterreich einrückten, waren aber sowohl die Einheiten
Mansfelds als auch die Thurns durch starke gegnerische
Kräfte gebunden. Die Truppen der Liga trafen auf keinen
nennenswerten Widerstand; so wurde das Land besetzt und
unter bayerische Verwaltung gestellt. Unter dem Statthalter
Adam von Herberstorff wurde ein strenges Regiment
errichtet – der Historiker Axel Gotthard spricht von einer
«drückenden, demütigenden Zwangherrschaft» [5] –, das
jedes Aufbegehren im Keim erstickte.

Mit dem Eindringen der Streitkräfte der Liga und des


Kaisers nach Böhmen veränderte sich die militärische Lage.
Aus dem Kleinkrieg des Frühjahrs und Frühsommers wurde
ab dem späten August ein Bewegungskrieg, bei dem vor
allem Tilly, der Kommandeur des ligistischen Heeres, die
Initiative an sich riss und seine strategischen Vorstellungen
durchsetzte. Johann Tserclaes Graf von Tilly, [6] in Brabant
geboren und aufgewachsen, hatte zu diesem Zeitpunkt
bereits eine lange Militärkarriere hinter sich. In den
Niederlanden hatte er in spanischen Diensten gekämpft,
später in Ungarn in kaiserlichem Dienst gegen die Türken;
dementsprechend war er mit den neuen Strategien
Nordwesteuropas [7] ebenso vertraut wie mit der
Kriegführung, die sich in den Türkenkriegen herausgebildet
hatte. Er beherrschte die Gefechtstaktik der spanischen
Tercios, die Kombination von Pikenieren und Musketieren,
ebenso wie den Einsatz der schweren Reiterei in der
Schlacht und den leichter Reiterei davor und danach. Vor
allem aber scheute er nicht davor zurück, eine Schlacht zu
schlagen. Tilly war ein Mann des kontrollierten Risikos, und
das vor allem unterschied ihn von den anderen Generälen,
die bis dahin auf dem böhmischen Kriegsschauplatz das
Geschehen bestimmt hatten. Während diese nach dem von
Graf Johann VII. von Nassau-Siegen formulierten Prinzip
handelten, dass nicht geschlagen zu werden auch eine Art
des Siegens sei, [8] hatte Tilly die Kosten dieser zähen Art der
Kriegführung in den Niederlanden kennengelernt und
bevorzugte auf Entscheidung ausgerichtete Operationen.
Das ließ Tilly zur beherrschenden Gestalt in der ersten Hälfe
des Dreißigjährigen Krieges werden.
Ein Porträt aus den beiden letzten Lebensjahren des Feldherrn Johann Tserclaes
Graf von Tilly, als der 1559 Geborene bereits über siebzig Jahre alt war. Im
Lütticher Jesuitenkolleg erzogen, blieb Tilly durch eine Religiosität geprägt, die vor
allem in einer großen Marienfrömmigkeit bestand. Man hat Tilly darum auch als
«Heiligen im Harnisch», «geharnischten Mönch» (er blieb unverheiratet) und
«General der Mutter Gottes» bezeichnet.

Herzog Maximilian, der das ligistische Heer offiziell führte


und sich auch ständig bei ihm aufhielt, war sich darüber im
Klaren, dass er kein Heerführer, sondern ein Politiker war,
und überließ darum alle militärischen Entscheidungen
seinem Generalleutnant. Tilly, wie Maximilian jesuitisch
erzogen, nutzte das nicht aus, um eigene Macht zu gewinnen
oder politisch zu intrigieren, sondern diente dem
Bayernherzog in militärischer Unterordnung. Man hat Tilly
auch als «geharnischten Mönch» bezeichnet, und das war
eine weithin zutreffende Charakterisierung. Als Tilly den
Feldzug gegen die Böhmen begann, hatte er das siebte
Lebensjahrzehnt bereits begonnen, war aber rüstig und
infolge seiner strengen Lebensführung den körperlichen
Strapazen des Krieges gewachsen. Auch darin unterschied
er sich von den meisten anderen Generälen dieses Krieges,
die dem Trunk und der Völlerei ergeben waren und an der
Gicht und anderen Krankheiten litten. «Daß der Führer von
Mietlingstruppen», so Moriz Ritter, «die Ausbrüche der
niedrigsten und der schrecklichsten Triebe der
Menschennatur bald passieren lassen, bald auch den
kriegerischen Zwecken dienstbar machen müsse, war ein
Grundsatz, den ihn die spanisch-niederländische und
eindringlicher noch die kaiserlich-ungarische Kriegführung
gelehrt hatten; nach eigener Sinnesrichtung indes schlicht
und wohlwollend, suchte er gewissermaßen ein
Gegengewicht gegen solche Zugeständnisse, indem er selber
lebte wie ein Mönch und die grausige Kriegführung der Zeit
durch den Gedanken der Vernichtung von Ketzerei und
Aufstand zu adeln suchte.» [9] Man kann diese Formel von
der Veredelung der Gewalt durch den guten und frommen
Zweck freilich auch umkehren und Tilly als Inbegriff der
Bigotterie begreifen, für den die Marienverehrung bloß der
Deckmantel für die zahllosen grausamen Verbrechen war,
die von Soldaten unter seinem Kommando gerade auch
gegen Frauen verübt wurden.
Tilly schloss sich nach der Besetzung Oberösterreichs
zunächst nicht den bei Eggenburg festsitzenden Truppen
Bucquoys an, sondern bewegte sein Heer über
beschwerliche Wege durch Böhmen, um dann in einer
überraschenden Wendung nach Niederösterreich
vorzustoßen und in der Flanke des böhmischen Heeres
aufzutauchen. Das stand damit in der Gefahr, umfasst zu
werden, und so entschloss sich Christian von Anhalt, die
verschanzten Stellungen bei Eggenburg aufzugeben und sich
nach Mähren zurückzuziehen. So kam wieder Bewegung in
das Kriegsgeschehen, und diese wurde noch dadurch
gesteigert, dass Tilly, statt den Böhmen nach Mähren zu
folgen, in Richtung Prag marschierte. Nicht Christian von
Anhalt, sondern Tilly bestimmte den Kriegsschauplatz. Die
Initiative war damit endgültig auf die kaiserlich-katholische
Seite übergegangen.
Ende September zog sich auch Mansfeld, der zeitweilig
eine Stellung eingenommen hatte, die den Weg nach Prag
blockierte, mit den ihm verbliebenen Truppen nach Pilsen
zurück. Bald darauf marschierte die kaiserlich-ligistische
Hauptmacht vor der inzwischen wieder gut befestigten Stadt
auf. [10] Mansfeld hatte Pilsen mit reichlich Proviant versorgt
und umfangreiche Befestigungs- und Schanzarbeiten
durchführen lassen. Das kaiserlich-ligistische Heer dagegen
war durch Krankheiten geschwächt, [11] und die schlechte
Witterung machte ihm zu schaffen. Unter diesen Umständen
entschlossen sich Tilly und Bucquoy, Pilsen nicht
anzugreifen, sondern mit Mansfeld zu verhandeln. Das kam
diesem durchaus entgegen, denn seine Soldaten hatten
zuletzt wieder keinen Sold erhalten, und wenn seine Gegner
für die Übergabe Pilsens entsprechend zahlten, würde er
seine Truppen womöglich entlohnen und zusammenhalten
können. Aus Sicht des Kriegsunternehmers Mansfeld waren
diese Truppen eine zwingende Voraussetzung seines
Geschäftsmodells, und er musste alles dafür tun, sie in ihrem
Grundbestand zu erhalten. Andererseits durfte er seinen Ruf
als solider Partner bei der Führung eines Krieges nicht
gefährden, denn von diesem Ruf hing ab, ob man ihn in
Zukunft – von welcher Seite auch immer – wieder unter
Vertrag nahm. Jemand, dem nachgesagt wurde, seinen
Auftraggeber im Stich zu lassen und mit dem Feind
Geschäfte zu machen, konnte kaum auf neue Verträge
hoffen.
Bis heute streitet man darüber, ob Mansfeld die
Verhandlungen zur Übergabe Pilsens in aufrichtiger Absicht
oder doch nur geführt hat, um Zeit zu gewinnen. Für die
kampflose Übergabe Pilsens und der anderen von ihm
kontrollierten Plätze in Westböhmen forderte er die
gewaltige Summe von 400000 Gulden, und es spricht
manches dafür, dass die Gegenseite durchaus bereit war,
ihm diese Summe zu zahlen – nicht mit einem Mal, denn
auch Maximilian war sich über Mansfelds Absichten nicht im
Klaren, aber doch in mehreren Tranchen und bei
entsprechenden Sicherheiten. Über diesen Verhandlungen
verging Zeit, und der Winter kam immer näher. [12] Sollte
Mansfeld auf Zeitgewinn gesetzt haben, dann nicht im
Hinblick auf Entsatz, mit dem nicht zu rechnen war, sondern
in Erwartung eines kalten Winters, in dem eine Belagerung
nicht aufrechterhalten werden konnte.
Als Christian von Anhalt Mansfeld aufforderte, mit allen
Soldaten und seinem Geschütz zum böhmischen Hauptheer
zu stoßen, entsprach Mansfeld dem nicht. In Anbetracht des
bei Pilsen stehenden kaiserlich-ligistischen Hauptheeres
wäre das auch schwer möglich gewesen: Wäre Mansfeld der
Aufforderung umgehend gefolgt, hätte das mit großer
Wahrscheinlichkeit zur Vernichtung seiner Streitmacht
geführt. Für den weiteren Verlauf des Krieges war indes
ausschlaggebend, dass Tilly und Bucquoy, als sie den
Entschluss fassten, das böhmische Hauptheer anzugreifen,
das mit ihrer gesamten Streitmacht tun konnten. Durch den
Pilsner Akkord, in dem Mansfeld fürs Stillhalten bezahlt
wurde, war es nicht erforderlich, Kräfte zurückzulassen, um
Mansfeld in Pilsen eingeschlossen zu halten. Es wäre für
Mansfeld eigentlich naheliegend gewesen, Tilly und Bucquoy
zu folgen, um dem böhmischen Hauptheer im
entscheidenden Augenblick zu Hilfe zu kommen. Was auch
immer Mansfelds Absichten gewesen sein mögen – durch
den Pilsner Akkord ermöglichte er den Kaiserlichen und der
Liga, ihre Kräfte zusammenzufassen und diese konzentriert
gegen das böhmische Hauptheer einzusetzen. Das sollte sich
als kriegsentscheidend erweisen.
Ebenso kriegsentscheidend war indes, dass sich
Maximilian und Tilly Ende Oktober 1620 gegen Bucquoy
durchsetzten. [13] Bucquoy nämlich wollte es mit der
Neutralisierung Mansfelds und dem Zurückdrängen des
böhmischen Hauptheers aus Niederösterreich und Mähren
bewenden lassen und seine erschöpften Truppen in die
Winterquartiere verlegen. Durch die Erfolge im Herbst war
das Kriegsjahr 1620 das beste, das die kaiserliche Seite in
diesem Krieg bislang gehabt hatte, und das sollte nach
Bucquoys Auffassung genügen. Maximilian und Tilly
dagegen suchten die Entscheidung und strebten eine
Schlacht gegen die böhmische Hauptmacht an. Es kam zum
Streit, und erst als Maximilian drohte, das Heer zu verlassen
und nach München zurückzureisen, gab Bucquoy nach und
marschierte mit Tilly zusammen auf Prag. Als die Heere
beider Seiten am 8. November am Weißen Berg unweit von
Prag aufeinandertrafen, waren die kaiserlich-ligistischen
Truppen mit etwa 19000 Fußsoldaten, 6000 Berittenen und
12 Kanonen den Böhmen, die über 11600 Fußsoldaten,
11400 Berittene und 10 Kanonen verfügten, leicht
überlegen. [14] Wären Mansfelds Söldner zum böhmischen
Hauptheer gestoßen, so hätten die Böhmen eine
zahlenmäßige Überlegenheit gehabt. Ob das zu einem
anderen Schlachtverlauf geführt hätte, kann in Anbetracht
der Art und Weise, wie sich die kaiserlich-ligistischen
Truppen durchsetzten, jedoch bezweifelt werden.
Mehrere Tage bewegten sich beide Heere auf dem Marsch
in Richtung Prag nebeneinanderher; bei dem Ort Rakonitz
(Rakovník) kam es zu einem Scharmützel, doch dann
entfernten sich die Heeressäulen wieder voneinander. Am
Morgen des 8. November stellte die Vorhut des kaiserlich-
ligistischen Heeres fest, dass sich die Böhmen nicht nach
Prag zurückgezogen, sondern vor der Stadt auf einem
langen Bergrücken, dem Weißen Berg, Stellung bezogen
hatten, um dort den Angriff des Gegners zu erwarten.
Christian von Anhalt rechnete freilich damit, dass Bucquoy
und Tilly unter dem Eindruck der von ihm gewählten
günstigen Position, die inzwischen noch durch zwei große
Schanzen an den Flanken der Aufstellung verstärkt worden
war, vor einem Frontalangriff zurückschrecken und den
Rückzug antreten würden. Wenn sie doch angriffen, so
mussten sie das den Berg hinauf tun, wo sie von den
Verteidigern mit Kanonenfeuer und Musketensalven
empfangen würden, wodurch ihre Ordnung leicht
erschüttert werden konnte. In die so entstandene
Unordnung hinein sollte dann der böhmische Gegenangriff
erfolgen. Das Gelände kam den Verteidigern auch darin
zugute, dass sich unterhalb des Bergrückens ein Flüsschen
hinzog, die Šárka, die auf beiden Seiten von morastigem
Gelände gesäumt wurde, so dass sie kaum passierbar war.
Über die Šárka führte nur eine einzige Brücke, bei deren
Überschreiten die Angreifer in hohem Maße verwundbar
waren.
Christian von Anhalt hatte das böhmische Heer in zwei
taktisch zusammengehörigen Truppenteilen, sogenannten
Treffen, aufgestellt. [15] Das erste Treffen lehnte sich mit
seinem linken Flügel an einen ummauerten Park an; es
wurde von elf Truppenkörpern gebildet, die abwechselnd
aus Fußsoldaten und Reiterei bestanden. Das
dahinterstehende zweite Treffen war ähnlich aufgestellt,
wobei die Truppenkörper so postiert waren, dass sie sich in
die Zwischenräume des ersten Treffens schieben ließen. So
entstand eine schachbrettartige Struktur, die ein hohes Maß
an Beweglichkeit ermöglichen sollte. Da Anhalt sich für die
niederländische Art der Gefechtsaufstellung entschieden
hatte, waren die Truppenkörper nicht so tief gegliedert, wie
das bei den Spaniern üblich war. Das verschaffte der
Aufstellung Breite, nahm ihr aber für den Fall des eigenen
Angriffs die Wucht. Man setzte dabei stärker auf die
Musketiere als die Pikeniere. Der gefechtsverbundene
Einsatz von Musketieren und Pikenieren sollte die Vorzüge
von Schuss- und Stichwaffe kombinieren: Solange das
Gefecht auf Distanz geführt wurde, standen die Pikeniere
mit ihren aufgestellten Stoßwaffen im Zentrum des
Truppenkörpers, während die Musketiere beziehungsweise
Arkebusiere [16] um diesen Kern herum formiert waren; auf
diese Weise hatten sie das erforderliche Schussfeld für das
Feuergefecht. Aber die Feuerfrequenz der damaligen
Schusswaffen war nicht besonders hoch, und selbst wenn die
Musketiere in fünf Gliedern hintereinander aufgestellt waren
und nacheinander ihre Salven abfeuerten, waren sie doch
durch schnelle Kavallerieattacken hochgradig verwundbar:
Brach in einem Truppenkörper erst einmal Panik aus, dann
geriet die ganze Gefechtsordnung durcheinander. Den
Einbruch von Kavallerie in die Reihen der Musketiere zu
verhindern, war die Aufgabe der Pikeniere, die bei einer
Kavallerieattacke oder dem Ansturm gegnerischer
Fußsoldaten mit den Musketieren die Position wechselten
und mit ihren gesenkten Stoßwaffen einen schützenden Ring
oder Halbkreis um die ins Innere des Gefechtskörpers
zurückgewichenen Musketiere bildeten. Ein so aufgestellter
Truppenkörper – in der Regel handelte es sich um ein
Regiment, das bei Kriegsbeginn etwa 3000 Mann umfasste –
war im Gefecht um so leistungsfähiger, je besser und
zuverlässiger das Zusammenwirken von Musketieren und
Pikenieren klappte. Das galt gerade bei einer geringeren
Tiefe der Gefechtsformationen, die eine breitere Front und
dadurch stärkeres Salvenfeuer möglich machte, aber bei
stoßkeilförmigen Angriffen in höherem Maße verwundbar
war. Gerade an diesem Zusammenspiel aber haperte es im
böhmischen Heer. Christian von Anhalt hatte eine
Aufstellung gewählt, die für ein gut geübtes Heer geeignet
war, aber hochriskant für ein Heer wie das der Böhmen.

Die Schlachtenbilder und Skizzen von Schlachtordnungen aus Merians Theatrum


Europaeum sind als historische Dokumente nicht unbedingt zuverlässig. Diese
Skizze von der Aufstellung des böhmischen Heeres vor der Schlacht am Weißen
Berg etwa zeigt die durch Schanzen gesicherten Artilleriepositionen auf beiden
Flügeln, positioniert davor aber jeweils ein Infanterieregiment (Hollach und
Schlick), so dass die Kanonen kein freies Schussfeld haben. Unzutreffend ist auch
die Aufstellung der Infanterieeinheiten nach dem Vorbild der spanischen Tercios
mit dem Pikenierviereck in der Mitte, darum eine «Hecke» von Musketieren und
vier Musketierpelotons an den Ecken. Tatsächlich hatten die Böhmen am Weißen
Berg, orientiert an den Vorgaben der oranischen Heeresordnung, eine erheblich
flachere Aufstellung gewählt, die ihnen dann zum Verhängnis wurde.

Die beiden Flanken der böhmischen Schlachtaufstellung


waren durch Erdschanzen gesichert, hinter denen man
Kanonen postiert hatte. Diese flankierenden
Geschützbastionen sollten der Aufstellung Festigkeit
verleihen und Angriffe auf die Flanken des Heeres
unmöglich machen. Außerdem hatte Anhalt hinter dem
Hügelrücken die leichte ungarisch-siebenbürgische Reiterei
als drittes Treffen aufgestellt, das durch einen wuchtigen
Gegenangriff entweder die ins Wanken geratene Front
stabilisieren oder einen zurückweichenden Gegner
attackieren und dessen Rückzug in Flucht verwandeln sollte.
Die Stärke der böhmischen Position waren also der leichte
Bergrücken, der morastige Flusslauf davor und die beiden
Kanonenschanzen an den Flanken. Eine Schwäche dagegen
war der Mangel an Gefechtserfahrung, von den einfachen
Soldaten bis zur Generalität, der zur Folge hatte, dass die
militärische Führung den Truppen mehr abverlangte, als
diese zu leisten imstande waren, sowie der Umstand, dass
infolge des wieder einmal ausgebliebenen Soldes im Heer
eine Stimmung der Gleichgültigkeit und latenten
Einsatzverweigerung entstanden war. [17]
Die Kämpfe begannen am frühen Morgen mit einem
Reitergefecht zwischen einer unterhalb des Bergrückens bei
dem Dorf Rusín als Sicherung postierten ungarischen
Abteilung und einem kaiserlichen Kavallerieregiment. Bei
diesem Vorhutgefecht trieb die kaiserliche Kavallerie die
Ungarn in einer entschlossenen Attacke in die Flucht, ohne
dass den Ungarn berittene Einheiten der böhmischen
Hauptmacht zu Hilfe gekommen wären. Daraufhin ging Tilly
das Risiko ein, die Šárka auf der einzigen in diesem
Abschnitt vorhandenen Brücke zu überschreiten; er setzte
darauf, dass Anhalt die Gelegenheit zum Angriff auf die
ligistische Avantgarde verstreichen lassen würde, um seine
Position auf dem Hügelrücken nicht aufzugeben. Hätte
Anhalt, so Tillys Kalkül, derlei vor, so hätte er zuvor bereits
die Ungarn bei dem Örtchen Rusín unterstützt. Womöglich
hat Anhalt diese Chance zum Angriff auf die ligistische
Avantgarde, die im Augenblick der Šárka-Überschreitung auf
sich allein gestellt war, aber auch gar nicht erkannt, denn
als der Übergang begann, lag noch dichter Morgennebel in
der Senke und erschwerte die Sicht. Jedenfalls konnte Tilly
seine Truppen auf dem linken Flügel ungestört entwickeln
und den nachfolgenden Kaiserlichen den rechten Flügel
überlassen.
Pikeniere (links), Arkebusiere (Mitte) und Musketiere (rechts) bildeten die schwere
Infanterie, also die in größeren Gefechten und Schlachten eingesetzten
Fußtruppen. Sie waren mit Stangen- und Handfeuerwaffen ausgerüstet, und die
effektive Kombination beider entschied über Sieg und Niederlage. Der bis zu
4,5 Meter lange Spieß, seit etwa 1560 als Pike (von französisch «piquer», stechen)
bezeichnet, bestand aus einem hölzernen Schaft mit einem zwischen 25 und
50 Zentimeter langen Spießeisen. Die Arkebuse (Hakenbüchse) war die im
Vergleich zur Muskete (Doppelhaken) leichtere Handfeuerwaffe; sie verschoss
Kugeln mit einem Gewicht von 23 Gramm, während die Muskete Kugeln von
46 Gramm verschoss. Die Arkebuse war leichter zu handhaben, die Muskete
(benannt nach dem Luntenschloss in Form eines Raubvogelkopfs, lateinisch
«muchetus», Sperber) hatte dafür eine höhere Durchschlagskraft. Aufgrund der
langen Nachladedauer blieben Arkebusiere und Musketiere bei Kavallerieangriffen
auf den Schutz der Pikeniere angewiesen. Außerdem führten die Pikeniere den
Stoßangriff auf die gegnerischen Infanterieverbände. Das war auch der Grund,
warum Pikeniere im Unterschied zu Arkebusieren und Musketieren, wie auf den
Abbildungen zu sehen, zumeist gepanzerte Rüstungen trugen.

Das kaiserlich-ligistische Heer war in drei Treffen


gegliedert, eine Gefechtsformation, die im Vergleich zu
derjenigen der Böhmen eine größere Tiefe aufwies und eher
für den Angriff als die Abwehr ausgelegt war. Die zwölf
Kanonen des kaiserlich-ligistischen Heeres wurden,
ebenfalls im Unterschied zu den Böhmen, nicht auf den
Flügeln, sondern mitten vor der Front aufgestellt, von wo sie
die Gefechtskörper im ersten Treffen der Böhmen unter
Feuer nehmen sollten. Aufgrund der tieferen Staffelung der
Regimenter und der Aufstellung in drei Treffen hatte das
kaiserlich-ligistische Heer eine geringere Breite als das der
Böhmen. Tilly, der den Aufmarsch befehligte, hatte die
Schwachstelle der breiteren böhmischen Aufstellung sofort
erkannt: Die flankierenden Kanonen schützten gegen
Angriffe auf die Flügel, ließen das Zentrum aber weithin
ungedeckt, und genau dort wollte er die Entscheidung
herbeiführen.
Vorerst aber war nicht klar, ob die Schlacht überhaupt
stattfinden würde. Auf böhmischer Seite ging man
anscheinend nicht davon aus, denn Friedrich, der sich
zunächst beim Heer aufgehalten hatte, ritt am Morgen nach
Prag zurück, um dort mit den gerade eingetroffenen
englischen Gesandten zu sprechen. Offenbar vertraute man
darauf, dass die bezogenen Stellungen «unangreifbar»
waren. Auch auf kaiserlich-ligistischer Seite war man
zunächst uneins, ob man die von den Böhmen angebotene
Schlacht wagen solle. Tilly drängte darauf, Bucquoy war
dagegen. In einem am Vormittag stattfindenden Kriegsrat
verwies Bucquoy darauf, dass man aufgrund der
topographischen Gegebenheiten die Tiefe der gegnerischen
Aufstellung nicht erkennen könne, also nicht wisse, welche
Reserven Anhalt auf der Rückseite des Hügels bereithalte.
Wenn man auf einen standhaften Feind treffe und sich
zurückziehen müsse, hätte man erneut das morastige
Gelände der Šárka zu durchqueren, was bei einem
entschlossen nachdrängenden Feind zu einer Panik im
eigenen Heer führen könne. Tilly hielt dagegen, dass mit
einem Gegenangriff Anhalts nicht zu rechnen sei. Ihm
sprangen einige Offiziere bei, die die gegnerische
Aufstellung erkundet hatten und zu dem Ergebnis
gekommen waren, dass sie keineswegs so stark sei, wie sie
sich auf den ersten Blick ausnehme. In ihrer Zuversicht
ließen sie sich auch durch den Einwand Bucquoys nicht
erschüttern, der Angriff müsse bergauf geführt werden und
sei allein dadurch äußerst riskant.
In dieser Situation scheint ein Karmelitermönch den
Ausschlag gegeben zu haben: Domenicus a Jesu Maria war
im Heerestross mitgezogen und hatte die Hauptfahne des
ligistischen Heeres mit dem Bild der Jungfrau Maria
geweiht. Ungebeten drang er in den Kriegsrat ein und
präsentierte dort ein Gemälde von der Anbetung des
Jesuskindes durch die Hirten, das er einige Tage zuvor in
Strakonitz (Strakonice) gefunden habe. [18] Maria und Josef
waren die Augen ausgestochen worden – ein unter
Calvinisten durchaus verbreiteter Akt «frommer
Bildschändung», der für die zumeist katholischen
Bauernsöhne im kaiserlich-ligistischen Heer eine grässliche
Versündigung am Göttlichen war. Pater Domenicus machte
die calvinistische Bildschändung zum entscheidenden
Argument: Die Heiligen verlangten die Schlacht, und die
Schar der himmlischen Engel werde den Soldaten in der
Schlacht beistehen. Das wirkte. Bucquoy ließ sich
umstimmen, und Maximilian gab die Parole Sancta Maria als
Feldgeschrei aus. Neben der regelmäßigen Besoldung führte
die Vorstellung, für eine heilige Sache zu kämpfen, dazu,
dass die katholische Seite an Motivation überlegen war.
Als der Angriff begann, zogen sich Maximilian und
Bucquoy aus dem unmittelbaren Hauptgeschehen zurück:
Maximilian, weil er Tilly die alleinige Kommandogewalt
überlassen wollte und seine Anwesenheit eher störend
gewirkt hätte; Bucquoy, weil er sich bei dem Scharmützel
nahe Rakonitz eine Verwundung am Bein zugezogen hatte.
Er übertrug das Kommando über die kaiserlichen Truppen
dem Generalwachtmeister Rudolf von Tiefenbach. [19] Die
Kaiserlichen, die den rechten Flügel bildeten und den
geringeren Geländeanstieg vor sich hatten, griffen etwas
früher an als die Ligistischen; sie trafen auf den von Graf
Thurn kommandierten linken Flügel der Böhmen. Thurn
schickte ihnen zunächst seine Berittenen entgegen, und als
diese von der kaiserlichen Kavallerie zurückgeworfen
wurden, setzte er die Musketiere ein. Diese feuerten ihre
Musketen aber hastig und auf viel zu große Entfernung ab,
so dass die Salven beim Gegner wenig Wirkung zeitigten.
Überstürzt zogen sie sich daraufhin zurück, und ihr eiliger
Rückzug hätte die gesamte böhmische Front erfasst, wenn
nicht zwei von Anhalts Sohn – er trug wie sein Vater den
Vornamen Christian – geführte Reiterschwadronen die
Kaiserlichen in einem wuchtigen Gegenangriff wieder
zurückgetrieben hätten. Oberst Leonhard Helfried von
Meggau, der eine Schwadron kaiserlicher Arkebusiere
führte, fiel bei dieser Attacke, und das Regiment Tiefenbach-
Breuner, das den Vorstoß gegen die Böhmen angeführt
hatte, geriet in große Unordnung. Das war die Krise der
Schlacht, und wenn die Böhmen dieses Momentum genutzt
hätten und zu einem konzentrierten Gegenangriff
übergegangen wären, hätte die Schlacht am Weißen Berg
einen anderen Verlauf nehmen können. Aber Hohenlohe, der
den rechten Flügel der Böhmen führte, kam Thurn nicht zu
Hilfe; Anhalt, der Oberkommandierende, setzte weiterhin
strikt auf Defensive, und so ging der für die böhmische Seite
günstige Augenblick ungenutzt vorüber.
Zu sehen ist der Augenblick der Schlacht, in dem die Ordnung der böhmischen
Armee bereits zerbrochen ist und sich mit Ausnahme des Thurn’schen Regiments
(H) alles auf der Flucht befindet, allem voran die ungarische Reiterei (D). Die linke
Artilleriebastion der Böhmen (B) ist schon gestürmt, die rechte steht kurz davor,
erobert zu werden. Während das erste Treffen des kaiserlich-ligistischen Heeres in
Einzelgefechten den Gegner niederkämpft, rückt das zweite Treffen (A) in
geschlossener Ordnung nach. Im oberen rechten Bildviertel ist Prag zu erkennen,
wo die Flüchtenden Schutz suchen.

Er währte ohnehin nur kurz, denn Tilly hatte die Probleme


des rechten Flügels erkannt und Oberst Johann Philipp Cratz
von Scharffenstein befohlen, mit seinen bayerischen
Kürassieren den böhmischen Reitern in die Flanke zu fallen.
Das war die Wende: Der kaiserliche Oberst Hans Philipp
Breuner wurde befreit, die Ordnung seines Regiments
wiederhergestellt, und der junge Anhalt, der die schneidigen
Attacken der Böhmen geführt hatte, geriet nun selbst in
Gefangenschaft. Das kaiserlich-neapolitanische Regiment
des Obersten Carlo Spinelli wurde ins erste Treffen
beordert, um die Wucht des Angriffs zu verstärken. Die
Neapolitaner warfen das Kavallerieregiment des Obersten
Solms zurück, [20] und damit war der linke böhmische Flügel
zertrümmert. Der Angriff hatte die Kammlinie des Weißen
Bergs erreicht, und ein Teil der kaiserlichen Truppen wandte
sich nun gegen den rechten böhmischen Flügel, um ihn von
der Seite her aufzurollen, während der andere Teil gegen
den ummauerten Park vorstieß, in dem sich das mährische
Regiment des Grafen Schlick festgesetzt hatte und noch für
einige Zeit erbitterten Widerstand leistete. Unterdessen
hatten sich auf dem linken Flügel der Angreifer Tillys
polnische Reiter, zumeist als Kosaken bezeichnet, gegen
eine fünffache Übermacht ungarischer Husaren
durchgesetzt und diese in die Flucht geschlagen. Die wilde
Flucht der Ungarn, von denen etwa 1000 bei dem Versuch,
die Moldau auf einem Wehr zu überqueren, den Tod fanden,
ließ – mit dem Flankenangriff von Spinellis neapolitanischer
Infanterie – den rechten böhmischen Flügel
zusammenbrechen. Die Musketiere warfen, oftmals ohne
einen einzigen Schuss abgefeuert zu haben, ihre Gewehre
weg, die Pikeniere entledigten sich ihrer Piken, und alles
strebte in ungeordneter Flucht auf Prag zu.

Ein satirisches Flugblatt auf die Versuche des als «Winterkönig» verspotteten
Kurfürsten Friedrich von der Pfalz, wieder in den Besitz des in der Schlacht am
Weißen Berg verlorenen Königreichs Böhmen zu gelangen. Auf dem linken
Bilddrittel reißt der kaiserliche Adler dem am Boden liegenden Friedrich die Krone
vom Kopf; das Szepter in Friedrichs Hand ist zerbrochen. Die im geöffneten Zelt
hinter dem Adler stehenden Kurfürsten statten diesen mit neuen Federn aus: von
Oppenheim über Creütznach bis Simmeren Städte aus Friedrichs
Herrschaftsgebiet. Das mittlere Bilddrittel zeigt Friedrich auf dem Heidelberger
Fass («vorzeit voll Wein jetzt bodenloß») mit einem Affen sitzend; der Genuss des
böhmischen Bieres ist ihm nicht bekommen, und so speit er «Länder / Stätt und
Cron», die er sich einverleibt hatte, wieder aus. Die drei Männer, die den
Fasswagen ziehen, hoffen im Gasthof Geld und Gut zu bekommen, werden aber
abgewiesen, während die Räte, die den Pfalzgrafen zu dem böhmischen
Abenteuer verführt haben, niedergeschlagen dem Wagen folgen; über ihnen
einige Vögel, die vom Zelt wegfliegen: «Die Predicanten mit Geheul / Fliegen
davon wie Kauz und Eul.» Noch aber ist Hoffnung: Ein mit Gold beladener Esel
lockt englische Soldaten herbei, und ein dahinjagender Reiter steht für die Hilfe
aus dem Südosten: «Bethlen kombt / bringt Türcken mit.»

Am frühen Nachmittag war die Schlacht entschieden. Als


Friedrich um diese Zeit mit einer Eskorte von 500 Reitern
aus Prag zu seinen Truppen zurückreiten wollte, kamen ihm
diese entgegen, unter ihnen auch Christian von Anhalt, der
seinem König zurief, alles sei verloren, er solle eilends die
Stadt verlassen. Die Schlacht hatte gerade einmal zwei
Stunden gedauert, und obwohl sie keineswegs zu den
besonders blutigen des Dreißigjährigen Krieges gehörte –
einige Tage später sollen auf dem Schlachtfeld etwa
1600 Leichen gezählt worden sein [21] –, war es doch eine
Entscheidungsschlacht: Das Heer der böhmischen Rebellen
bestand nicht mehr, über hundert Fahnen und sämtliche
Kanonen der Böhmen waren den Truppen des Kaisers und
der Liga in die Hände gefallen; Friedrich, den man von nun
an spöttisch den «Winterkönig» nannte, war mit vielen
seiner Getreuen auf der Flucht, andere waren in
Gefangenschaft geraten; an eine Weiterführung des
Ständewiderstands war nicht zu denken. Die katholische
Seite hatte auf ganzer Linie gesiegt.
Eine so dramatische Wende des Krieges nahm sich aus wie
ein Wunder, und so war es naheliegend, sie auch mit einem
Wunder in Verbindung zu bringen. Im entscheidenden
Augenblick der Schlacht, so wussten Augenzeugen zu
berichten, [22] sei aus dem Rauch und Donner des Gefechts
ein Karmelitermönch aufgetaucht, habe ein Bild
hochgehalten, auf dem der Mutter Gottes die Augen
ausgestochen gewesen seien, und habe mit dem Kruzifix den
eigenen Soldaten den Weg zum Angriff auf die Feinde
gewiesen. Einige berichteten später, sie hätten auch
gesehen, wie Gemälde und Kruzifix Flammen auf die Feinde
gespien hätten, die daraufhin geflohen seien. Es war die alte
Erzählung von den himmlischen Heerscharen, die mit den
irdischen Streitern in den Kampf zogen und ihnen schließlich
zum Sieg verhalfen. Offenbar haben diese und ähnliche
Erzählmuster die auf katholischer Seite kämpfenden
Soldaten angefeuert und ihnen Siegeszuversicht eingeflößt.
Sie haben – neben anderem – dazu beigetragen, dass die
katholische Seite im ersten Jahrzehnt des Krieges immer
wieder die Oberhand gewann. Der Vorstellung, dass Maria,
die Mutter Gottes, auf Seiten der Katholischen mit in den
Kampf zog, hatten die Protestanten über lange Zeit nichts
Gleichwertiges entgegenzusetzen.
Das kaiserliche Strafgericht über die
böhmischen Rebellen
Friedrich hatte kurze Zeit geschwankt, ob er in Prag bleiben
und die Verteidigung seiner Königsstadt organisieren oder
nach Schlesien fliehen sollte. In Anbetracht der Auflösung
des Heeres und unter dem Eindruck wütender Soldaten, die
durch Prag zogen und den ausstehenden Sold verlangten,
war an eine Verteidigung der Stadt jedoch nicht zu denken.
Als die Königin mit ihren Kindern Prag verließ, kam in der
engeren Umgebung Friedrichs, bei den aus Heidelberg
Mitgekommenen und den Trägern der Rebellion gegen
Habsburg, eine panikartige Stimmung auf, und sie alle
verließen überstürzt die Stadt. [1] Dabei wurde ein Teil der
böhmischen Kanzlei zurückgelassen, so dass den in Prag
einziehenden Siegern wichtige Dokumente in die Hände
fielen, auf die sie ihre anschließende Politik der
«Säuberung» stützen konnten. Auch die Krone von Böhmen
blieb in Prag zurück – sei es, weil man fürchtete, dass ihre
Mitnahme zu einem Aufstand empörter Bürger führen
würde, sei es, weil man sie in der Eile schlichtweg vergaß.
Es war ein langer Zug von Flüchtlingen, der Prag verließ,
und mit den politischen und konfessionellen Veränderungen
in Böhmen sollten ihm noch viele folgen. Während die
Anführer der Rebellion nach Nordosten zogen, brachten die
Sieger eine Kiste auf den Weg nach Wien, in der die
Dokumente über die Privilegien des Landes einschließlich
der von Rudolf und Matthias unterschriebenen
Majestätsbriefe lagen: Die Selbstbindung der
habsburgischen Landesherrn gegenüber den böhmischen
Untertanen stand nunmehr zur Disposition, und «es heißt,
daß der Kaiser von dem Majestätsbrief selbst das Siegel
herausgerissen und ihn der Mitte nach zerschnitten
habe» [2]. Ob das erfunden ist oder den Tatsachen
entspricht – das Gerücht bringt zum Ausdruck, was die
einstigen Vorrechte der Böhmen jetzt noch wert waren:
nichts mehr. Dieses Schicksal teilten die Böhmen mit den
Ständen in Mähren und Österreich, deren ursprüngliche
Rechte allesamt kassiert wurden.
Um einiges besser erging es Schlesien und den beiden
Lausitzen, wo der sächsische Kurfürst Johann Georg die
Aufgabe übernommen hatte, die Rebellion zu beenden. Die
sächsischen Truppen marschierten Anfang September 1620
in die Niederlausitz ein, rückten auf Bautzen vor und
zwangen die gut befestigte Stadt nach dreiwöchiger
Belagerung zur Kapitulation. Die kleine Streitmacht, die von
den Lausitzern und Schlesiern aufgestellt worden war und
unter dem Kommando des Herzogs von Jägerndorf operierte,
traute sich eine unmittelbare Konfrontation mit dem
sächsischen Heer nicht zu und wich diesem aus. Neben dem
Beschuss von Bautzen kam es zu keinen weiteren
Kampfhandlungen, denn schon Anfang November unterwarf
sich der Adel der Niederlausitz. Mitte Januar 1621 folgten
die Stände der Oberlausitz – unter der Voraussetzung, dass
ihre politischen und religiösen Freiheiten respektiert
würden. Der sächsische Kurfürst willigte ein, und damit war
der erste Teil der von ihm übernommenen Aufgabe erledigt.
Johann Georg war der Hauptprofiteur des bisherigen
Kriegsverlaufs, hatte er doch mit geringem Aufwand zwei
Markgrafschaften unter seine Kontrolle gebracht, die er im
weiteren Fortgang des Krieges dann seinem
Herrschaftsbereich einverleibte. Nicht ganz so einfach wie in
den beiden Lausitzen verliefen die Dinge in Schlesien,
dessen Unterwerfung der Kaiser ebenfalls den Sachsen
übertragen hatte. Nach seiner Flucht aus Prag hatte
Friedrich zunächst in Breslau Quartier bezogen, von hier aus
wollte er die Rückeroberung Böhmens organisieren. Sein
bisheriges Auftreten hatte die schlesischen Stände jedoch
wenig überzeugt, und so machten sie ihm keine Zusagen.
Kurz vor Weihnachten flüchtete Friedrich weiter in den
Herrschaftsbereich des Kurfürsten Georg Wilhelm von
Brandenburg, der mit einer Schwester des «Winterkönigs»
verheiratet war und dem calvinistischen Bekenntnis anhing.
Friedrich hoffte, dass er ihm helfen würde, seine Herrschaft
in Böhmen wiederherzustellen. Aber auch daraus sollte
nichts werden.
Die schlesischen Stände verhandelten nach der Abreise
Friedrichs mit dem sächsischen Kurfürsten, ob er ihnen
dieselben Friedensbedingungen gewähren wolle wie den
Lausitzern. Als Johann Georg für eine allgemeine Amnestie
sowie den Erhalt sämtlicher politischer und religiöser
Freiheiten eine Sühne von 500000 Gulden verlangte, die an
den Kaiser zu zahlen sei, willigten die Stände ein; die
Summe wurde dann noch auf 300000 Gulden
heruntergehandelt. Am 28. Februar 1621 wurde der
«Dresdner Accord» unterschrieben, der diese
Vereinbarungen festhielt. Kaiser Ferdinand sperrte sich
zwar für einige Zeit gegen die darin gegebenen Zusagen und
verlangte, über Leben und Besitz der Rädelsführer in
Schlesien frei verfügen zu können, womit dort dieselben
Bedingungen gegolten hätten wie in Böhmen und Mähren.
Der sächsische Kurfürst blieb jedoch bei seiner Linie, die
schließlich auch in Wien akzeptiert wurde. [3] Nur dem
Herzog Johann Georg von Jägerndorf wurde sein Fürstentum
aberkannt – mit der Folge, dass er in den nächsten Jahren
ein Organisator des antihabsburgischen Widerstands in
Mitteleuropa blieb. Die Amnestie stellte sicher, dass der
Adel Schlesiens und der beiden Lausitzen seine Rechte und
seinen Besitz behielt – der entscheidende Unterschied zum
kaiserlichen Strafgericht in Böhmen und Mähren.
Der Stich aus dem 19. Jahrhundert zeigt Kaiser Ferdinand, der das Siegel vom
Majestätsbrief abgeschnitten hat und im Begriff steht, das Wiener Exemplar des
Briefes ins Feuer zu werfen. Die Bindungen des Landesherrn, die Kaiser Rudolf am
6. Juli 1609 in einer Situation der Schwäche von den böhmischen Ständen
abgerungen worden waren, wurden damit für ungültig erklärt.

Am 9. und 10. November 1620 zogen große Teile der


siegreichen Armee in Prag ein; dabei kam es zu Gewalttaten
und Plünderungen, die aber bald eingedämmt und
unterbunden wurden. Am 13. November nahm Herzog
Maximilian in Stellvertretung des Kaisers die Unterwerfung
der Ständevertreter entgegen. Da Maximilian sich nun
wieder den genuin bayerischen Interessen zuwenden wollte,
übertrug er am 17. November die kaiserlichen Vollmachten
dem Fürsten Karl von Liechtenstein und trat die Heimreise
nach München an. [4] Damit hatten die Anhänger des Kaisers
und alle, die sich für die Ereignisse der letzten zweieinhalb
Jahre rächen wollten, freie Hand. Das nun folgende
Strafgericht bestand im Wesentlichen aus drei Elementen:
aus politischen und religiösen Maßnahmen, mit denen die
Herrschaft Habsburgs und der Gegenreformation
durchgesetzt werden sollte; der körperlichen Bestrafung
derer, die am Aufstand gegen Habsburg und an der
Herrschaft Friedrichs beteiligt waren; und schließlich der
Enteignung jener, die diesen Aufstand im weiteren Sinn
unterstützt hatten. Zusammengenommen lief das auf einen
radikalen Elitenwechsel hinaus, bei dem die traditionelle
Führungsschicht Böhmens durch eine aus Deutschen,
Italienern, Spaniern und Franzosen bestehende
«internationale» Elite ersetzt wurde. [5] Böhmen wurde nicht
nur der Herrschaft der Sieger, sondern auch einer
Herrschaft von Fremden unterworfen.
Unmittelbar nach dem Einzug der kaiserlich-ligistischen
Truppen in Prag begann auch die Rekatholisierung
Böhmens. Die calvinistischen Prediger wurden umgehend
vertrieben; mit den Lutheranern ließ man sich noch zwei
Jahre Zeit; danach mussten auch die ersten lutherischen
Pfarrer das Land verlassen. Der Kaiser wollte den Sachsen
Johann Georg, der sich als Schutzherr des Luthertums sah
und auf den er als Verbündeten womöglich noch angewiesen
sein konnte, zunächst nicht verprellen. [6] Aber dann
machten die Jesuiten im Umfeld des Kaisers Druck, indem
sie die Duldung der Ketzerei als Sünde bezeichneten. Vor
allem Wilhelm Lamormaini, seit Februar 1624 Beichtvater
des Kaisers, sorgte für eine vollständige Durchsetzung der
Gegenreformation. [7] Im Sommer 1627 wurde den noch in
Böhmen gebliebenen evangelischen Adligen die
Entscheidung abverlangt, binnen sechs Monaten das Land
zu verlassen oder zum katholischen Bekenntnis
überzutreten. Ein Viertel von ihnen wählte die Emigration;
ihnen schlossen sich viele Handwerker und
Gewerbetreibende an, so dass bis Ende 1627 etwa
150000 Menschen das Land verließen. Der Verlust eines
Zehntels der Gesamtbevölkerung Böhmens war ein
wirtschaftlicher Aderlass, von dessen Folgen sich das Land
so schnell nicht wieder erholen sollte.
Verglichen mit der konfessionellen betraf die politische
Neuordnung Böhmens nur die Elite des Landes. Bis Mai
1627 regierte Karl von Liechtenstein das Land willkürlich
nach dem Recht des Siegers. Dann wurde die «Verneuerte
Landesordnung» in Kraft gesetzt, mit deren Ausarbeitung
man sich in Wien reichlich Zeit gelassen hatte. [8] Als
Eroberer des Landes sah sich Ferdinand an frühere Gesetze
nicht gebunden, und die Rebellen hatten keinen Anspruch
mehr auf ihre einstigen Privilegien. Das Gesetzgebungsrecht
lag allein beim König, der hinfort nicht mehr gewählt wurde,
sondern aus dem Hause Habsburg durch Erbrecht bestimmt
wurde. Nur das Steuerbewilligungsrecht verblieb bei den
Ständen, aber auch dieses Recht wurde so zurechtgestutzt,
dass es keine Eingriffe in die königlichen Hoheitsrechte
mehr erlaubte. Der alte Dualismus zwischen dem
Landesherrn und dem Landtag, der Ständevertretung, durch
den beide Seiten sich wechselseitig eingeschränkt und
kontrolliert hatten, wurde abgeschafft, und die Stände
wurden auf ein untergeordnetes Organ des Landesherrn
reduziert. Um jeden Zweifel zu beseitigen, wer im Land das
Sagen hatte, wurde die Böhmische Hofkanzlei, in der die
Verwaltungs- und Justizangelegenheiten des Landes
verhandelt wurden, von Prag nach Wien verlegt. Böhmen
wurde fortan von Wien aus regiert.
Am tiefsten griffen die vollzogenen Enteignungen in die
soziopolitische Ordnung Böhmens ein: Die Hälfte des Bodens
wechselte den Besitzer. [9] Das vom Kaiser eingesetzte
Gericht hatte drei Kategorien von Schuldigen gebildet: die
Hauptschuldigen, die führend am Aufstand beteiligt gewesen
waren – ihr gesamtes Vermögen wurde eingezogen, und sie
sollten auch noch an Leib und Leben gestraft werden; die
Mitschuldigen, die während des Aufstands ein Amt
innegehabt oder sich dem Aufstand danach angeschlossen
hatten beziehungsweise dem «Winterkönig» zu Diensten
gewesen waren – sie sollten die Hälfte ihres Vermögens
verlieren; schließlich die bloßen Mitläufer des Aufstandes –
sie sollten «mit der Verschlechterung ihres Besitzes bestraft
werden, ihr Allodbesitz in Lehnbesitz umgewandelt oder ein
jährlicher Zins ihnen auferlegt». [10] Es war im Übrigen einer
der «Defenestrierten» vom Mai 1618, Wilhelm Slawata, der
dem Kaiser diese Politik der systematischen Konfiskation
antrug und auf ihre Ausgestaltung Einfluss nahm. Insofern
war das kaiserliche Strafgericht auch eine
Auseinandersetzung innerhalb des böhmischen Adels, durch
die alte Geschlechter enteignet und entmachtet wurden und
neue Familien nach oben kamen. Der Bedeutendste dieser
«Kriegsgewinnler» war Albrecht Wenzel Eusebius von
Waldstein beziehungsweise Wallenstein, der als Oberst eines
Kürassierregiments an der Schlacht am Weißen Berg
teilgenommen hatte und nun bei der Neuverteilung des
böhmischen Grundbesitzes eine große Rolle spielte. Im
Rahmen der Enteignungen wurde er zu einem der größten
Landbesitzer Böhmens. [11] Der Krieg selbst brachte die
Existenzen hervor, die ihn weiterführten und intensivierten.
[12]

Einige Monate zögerte Liechtenstein – Wedgwood nennt


ihn «einen mittelmäßigen Politiker, zaghaft, vorsichtig,
mäßig unehrlich und ziemlich schlau» [13] – noch damit, die
große Umwälzung in Böhmen voranzutreiben. Mansfeld hielt
weiterhin verschiedene Positionen in Westböhmen, und es
stand zu befürchten, dass ihm mit Beginn der Straf- und
Rachemaßnahmen gegen die Anführer des Aufstands eine
Unterstützung zuteilwürde, mit der er den Krieg um Böhmen
neu entfachen konnte. Noch bevor Tilly Ende März 1621 mit
den in Pilsen verbliebenen Söldnern Mansfelds – der selbst
hielt sich zu dem Zeitpunkt in der Oberpfalz auf – einen
Vertrag zur Übergabe der Stadt geschlossen hatte und die
Mansfeld’schen Truppen gegen die Zahlung von
140000 Gulden [14] aus Pilsen sowie Falkenau und Elbogen
abgezogen waren, ließ Liechtenstein am 20. Februar 1621
die führenden Köpfe des Aufstandes festnehmen und den
Prozess gegen sie vorbereiten. Keiner der Betroffenen hatte
an Flucht gedacht; sie gingen davon aus, der Kaiser werde
sie amnestieren und wieder in Gnade aufnehmen. Darin
zeigt sich ein weiteres Mal die grenzenlose Naivität, mit der
ein Großteil des böhmischen Adels den Aufstand betrieben
hatte: als Spiel mit begrenztem Einsatz, bei dem, wenn man
verlieren würde, am Schluss alles so blieb, wie es zuvor
gewesen war. Umso größer war jetzt das Entsetzen; die
Herren wandten sich mit einer Bittschrift an den
sächsischen Kurfürsten, der sich beim Kaiser für sie
verwenden und dafür sorgen sollte, dass sie weiterhin im
Genuss ihrer Besitzungen blieben. [15] Die Frauen der
Gefangenen schrieben ähnlich lautende Bittgesuche an den
Herzog von Bayern – doch vergeblich. Der Kaiser wollte in
Böhmen ein Exempel statuieren.
Das in Prag eingesetzte Gericht ordnete bei allen am
Fenstersturz Beteiligten die Konfiskation der Güter an und
verhängte siebenundzwanzig Todesurteile. Diese sollten bei
einigen in besonders grausamer Weise vollzogen werden.
«So sollten dem ehemaligen Hauptmann des Prager
Schlosses, Dionys Cernin, weil er die Stände bewaffnet in die
Burg eingelassen und so den Fenstersturz ermöglicht hatte,
zuvor zwei Finger der rechten Hand abgehauen, dem
Dr. Jessenius und dem Martin Fruewein die Zunge
ausgeschnitten, einigen andern früher die Hände
abgehauen, einige bei lebendigem Leib gevierteilt
werden.» [16] Die Urteile wurden Ferdinand vorgelegt, und
der wiederum befragte seine Vertrauten, wie er damit
umgehen solle. Peter Heinrich von Stralendorff riet dazu,
alle Urteile in eine lebenslängliche Galeerenstrafe
umzuwandeln, fand dafür aber keine Unterstützung. So
wurden die Urteile bestätigt, wenngleich ihr Vollzug in
einzelnen Fällen abgemildert wurde. An dem Tag, an dem sie
in Prag vollstreckt wurden, wollte Ferdinand auf einer
Wallfahrt in der Kirche Maria Zell frommen Übungen
nachgehen. Als Weihegeschenk für die Gottesmutter, die ihm
so eindrücklich geholfen hatte, stiftete er eine goldene
Krone im Wert von 10000 Gulden. [17] Es ging dem Kaiser
darum, sich durch das Prager Blutgericht nicht zu beflecken
und weiterhin des Beistands der Heiligen gewiss zu sein.

Die Hinrichtung der siebenundzwanzig zum Tode verurteilten Anführer des


böhmischen Aufstands vor dem Prager Rathaus erfolgte in einer feierlichen
Zeremonie, durch die der Aufstand formell gesühnt und damit beendet wurde. Auf
dem Rathausbalkon vorne links haben sich die neuen Herren mit dem kaiserlichen
Statthalter Fürst Karl zu Liechtenstein an der Spitze versammelt. Die Verurteilten
werden nach Rang und Stand exekutiert: Drei Bürgerliche werden gehängt, zwei
auf dem Exekutionspodest, einer gesondert im rechten oberen Bildviertel,
während die Adligen durch das Schwert hingerichtet werden. Die abgeschlagenen
Köpfe der wichtigsten Personen wurden anschließend am Brückenturm
aufgehängt (rechts oben), um möglichen Nachahmern als Abschreckung zu
dienen.
Die Exekution der Rebellen war auf den 21. Juni angesetzt
und fand vor dem Altstädter Rathaus statt. Den zum Tode
Verurteilten hatte man geistlichen Beistand zugestanden,
auch durch lutherische und utraquistische Pfarrer, nicht
jedoch durch reformierte Prediger und solche der
böhmischen Bruderunität. Das Abendmahl wurde in
lutherischer Form ausgeteilt, weshalb überzeugte
Reformierte, wie Wenzel Budowecz, seine Annahme
verweigerten. Vereinzelt fanden auch Bekehrungsversuche
durch katholische Geistliche statt, die aber erfolglos blieben.
Ein Kanonenschuss kündigte den Beginn der Hinrichtungen
an. Um Unruhen vorzubeugen, hatte man die Stadttore
geschlossen und Militär aufgeboten, darunter auch
Wallensteins Kürassiere, die als besonders zuverlässig
galten. Graf Joachim Andreas von Schlick wurde als Erster
aufs Schafott geführt und enthauptet, erst danach wurde
ihm die rechte Hand abgeschlagen; als Nächster war Wenzel
Budowecz an der Reihe, als Vierter Kaspar Cappleri de
Sulewicz, ein sechsundachtzigjähriger Mann, der stolperte
und den Pfarrer Johannes Rosacius bitten musste, ihn bis
zum Richtblock zu führen, damit keiner meine, er sei von
Verzweiflung ergriffen. [18] Vierundzwanzig Personen wurden
enthauptet, drei gehängt. Es war das Privileg des Adels, mit
dem Schwert gerichtet zu werden; Bürger mussten mit dem
Strick vorliebnehmen. Dr. Jan Jessenius, Mediziner und
Rektor der Prager Universität, wurde zuvor noch die Zunge
herausgeschnitten. Die Exekutionen zogen sich über vier
Stunden hin, ständig von Trommelwirbel begleitet, der
verhindern sollte, dass die Verurteilten sich an die Menge
wenden konnten, die sich auf dem Altstädter Ring
versammelt hatte. Der Scharfrichter Jan Mydlář verbrauchte
vier Schwerter, da ein Richtschwert nach sechsmaligem
Gebrauch als stumpf galt. Er verdiente an diesem Tag
634 Taler, eine stattliche Summe. Gemäß der Logik der Zeit
machte er seine Sache gut, es kam zu keinen Pannen. Die
Köpfe von zwölf Verurteilten, dazu zwei abgehackte Hände
und die Zunge des Dr. Jessenius wurden am Turm der
Altstädter Moldaubrücke aufgehängt und blieben dort zehn
Jahre lang, bis sie bei einem Vorstoß sächsischer Truppen
nach Prag entfernt wurden. Der böhmische Aufstand endete
am Vormittag des 21. Juni 1621 vor dem Rathaus der Prager
Altstadt. Aber der Krieg ging weiter. Mehr noch: Er begann
jetzt erst richtig.
Der Krieg um die Pfalz
Ferdinand habe in Wien seinen Sieg gefeiert, aber die
wahren Sieger dieser ersten Phase des Krieges seien der
spanische König Philipp III. und der Bayernherzog
Maximilian gewesen – so das Urteil der britischen
Historikerin Cicely Veronica Wedgwood. [1] Legt man das
Frühjahr 1621 zugrunde, so hatten spanische Truppen die
Rheinpfalz besetzt, womit die Spanier zwar die logistischen
Voraussetzungen für die Wiederaufnahme des Krieges gegen
die niederländischen Generalstaaten zweifellos verbessert,
zugleich aber eine weitere Front eröffnet hatten, an der
Soldaten und Ressourcen gebunden waren. Ob das von
Vorteil sein würde, musste sich erst noch zeigen. Immerhin,
die nördlichen Niederlande hatten, entgegen den der Union
gegebenen Zusagen, keinen Diversionskrieg gegen die
südlichen Niederlande eröffnet, um die spanischen Truppen
dort zu binden. Es war durchaus möglich, dass der über
zwölf Jahre geltende und nun auslaufende Waffenstillstand
verlängert werden würde. Spanien wollte dem aber nur
unter Bedingungen zustimmen, die für das Weltreich
günstiger waren als die bisherigen, [2] und ob die Holländer
dann noch zur Verlängerung des Waffenstillstands bereit
wären, blieb abzuwarten. Genaugenommen hatte Spanien
noch gar nichts gewonnen, sondern nur seine
Ausgangspositionen verbessert. Das galt nicht weniger für
den Bayernherzog Maximilian: Er war zwar der glänzende
Sieger des Böhmenkriegs, und Kaiser Ferdinand stand tief in
seiner Schuld, aber weder hatte Bayern zu diesem Zeitpunkt
den erhofften Gebietszuwachs erfahren, noch war die in
einem geheimen Zusatz zum Münchner Vertrag in Aussicht
gestellte Übertragung der pfälzischen Kur auf Maximilian
erfolgt. [3] Maximilian hatte Oberösterreich als Pfand in der
Hand, mehr nicht.
Den eigentlichen Sieger der Ereignisse nennt Wedgwood
nicht: Es war Johann Georg von Sachsen, der nicht nur die
Kontrolle über die Ober- und Niederlausitz erlangt, sondern
sich auch als der wahre und weitsichtige Führer der
deutschen Protestanten positioniert hatte. Sein Rivale
Friedrich V. hatte sein Renommee verspielt; selbst in
Brandenburg wollte (und konnte) man ihm keinen Schutz
gewähren, eine Rückkehr in die Pfalz war infolge der
Kriegslage und der am 29. Januar 1621 erfolgten Ächtung
des Pfalzgrafen unmöglich, und die Union, deren Direktor
der Pfälzer war, stand kurz vor der Auflösung. Der einzige
Ort, wo er einen einigermaßen sicheren Exilaufenthalt fand,
war Den Haag in den Niederlanden. [4] Aus Sicht der
Lutheraner in Dresden, Darmstadt und weiten Teilen
Norddeutschlands war jetzt die Gelegenheit, Frieden zu
schließen und die Verhältnisse im Reich so zu ordnen, dass
dieser Friede von Dauer war.
Aber ein solcher Friedensschluss war für den
reichskonservativen Protestantismus nicht einfach zu
erreichen. Cicely Veronica Wedgwood, die das Problem in
den 1930er Jahren sorgfältig durchdacht hat, nennt vier
Voraussetzungen für einen Friedensschluss nach dem Ende
des böhmischen Krieges: [5] Kurfürst Friedrich musste unter
Verzicht auf die böhmische Krone den Kaiser um Vergebung
bitten, und dieser musste die erbetene Amnestie gewähren;
sodann musste Spanien sich aus der Pfalz zurückziehen und
die dort errungenen Vorteile wieder aufgeben, damit
Friedrich in die Kurpfalz zurückkehren konnte; weiterhin
musste der in der Oberpfalz mit der Neuaufstellung eines
Heeres beschäftigte Mansfeld seine Soldaten abdanken; und
schließlich musste Ferdinand seine Schulden bezahlen, und
zwar vollständig, damit die im geheimen Zusatz zum
Münchner Vertrag vorgesehene Übertragung der Kurwürde
nicht vollzogen werden musste. Tatsächlich wurde keine
dieser Voraussetzungen erfüllt. Die letztgenannte war
sachlich unerfüllbar, und zwei weitere hätten die Akteure
gezwungen, gegen ihre objektiven Interessen zu handeln.
Nur auf die böhmische Krone hätte Friedrich verzichten
können, ohne seine tatsächliche Lage zu verschlechtern.
Doch er dachte nicht an einen derartigen Schritt, sondern
bemühte sich um große Bündnisprojekte, wie sie schon
früher die pfälzische Politik gekennzeichnet hatten. Er
entsandte Boten, die mit den Schweden, den Dänen, den
Niederländern und den Briten Verhandlungen über die
Weiterführung des Krieges einleiten sollten, und beauftragte
Mansfeld, Werbungen vorzunehmen und neue Truppen
aufzustellen.
Das Flugblatt stellt den Protestantismus in der lutherischen Ausprägung als die
wahre Religion dar: im Zentrum ein siebenarmiger Leuchter, der auf der Bibel als
sicherem Fundament steht. Die Kerzen an den Spitzen des Leuchters sind durch
den als Taube dargestellten Heiligen Geist entzündet worden. Der Altarsockel, auf
dem der Leuchter steht, wird durch Kurfürst Johann Georg von Sachsen und Martin
Luther flankiert, die den Bund mit Gott schützen: der Kurfürst mit dem Schwert,
der Reformator mit dem Buch.

Für Friedrich fiel all dies unter die Vorstellung eines


legitimen Widerstands. Solange er sich jedoch nicht
unterwarf, gab es für Spanien auch keinen Grund, die in der
Rheinpfalz stehenden Truppen abzuziehen. Zudem war
unklar, welche Politik Spanien gegenüber den Niederlanden
verfolgen würde: Philipp III. starb am 31. März 1621, und
sein Sohn Philipp IV. war damit beschäftigt, den Kreis seiner
Vertrauten und Berater neu zu ordnen. Eine gewisse Rolle
spielte auch, dass die Truppen Spínolas nicht als Verbände
Spaniens, sondern als solche des burgundischen
Reichskreises in die Rheinpfalz eingerückt waren und damit
über dieselbe Legitimation verfügten, wie sie auch
Maximilian in Böhmen für sich in Anspruch nahm. Aber das
war bloß die Fassade, hinter der sich die Interessen der den
Kaiser unterstützenden Mächte verbargen – und da
Ferdinand II. notorische Geldprobleme hatte, zumal jetzt, als
mit Böhmen das reichste seiner Erbländer wirtschaftlich
ruiniert war, war es ihm unmöglich, seine Helfer zu
bezahlen. Er musste sie anderweitig entschädigen. Im Falle
Maximilians war das die in Aussicht gestellte Inbesitznahme
der Oberpfalz und die Übertragung der pfälzischen
Kurwürde. Vor allem deswegen konnte der Krieg nach der
Schlacht am Weißen Berg und der Vertreibung der letzten
Truppen, die Friedrichs Sache unterstützten, nicht beendet
werden. Mit anderen Worten: Die Abhängigkeit des Kaisers
vom Bayernherzog führte dazu, dass der Krieg, der bislang
auf den ostmitteleuropäischen Raum beschränkt war,
nunmehr nach Westen, an Rhein, Main und Neckar,
verlagert wurde.
Diese Verlagerung [6] begann am 29. Januar 1621, als über
Kurfürst Friedrich die Reichsacht verhängt wurde. Es
handelte sich dabei um einen reichsrechtlich äußerst
fragwürdigen Vorgang, denn der Kaiser griff damit in die
Rechte derer ein, die ihn in Frankfurt gewählt hatten und
denen gegenüber er gelobt hatte, die Ordnung des Reiches
jederzeit zu achten und zu bewahren. Bei einem so
weitreichenden Schritt, wie es die Ächtung eines Kurfürsten
war, hätte Ferdinand zumindest die Zustimmung der
anderen Kurfürsten einholen müssen – was er wohlweislich
nicht tat, denn Kursachsen und Kurbrandenburg hätten sie
in jedem Fall verweigert. Der Kaiser musste den Schritt
jedoch tun, um seine Zusagen gegenüber Maximilian
einlösen zu können, denn erst wenn Friedrich geächtet war,
konnte die Besetzung der Oberpfalz als Reichsexekution
dargestellt werden. Obendrein war Maximilian erst durch
die Ächtung Friedrichs von den Regelungen des Ulmer
Vertrags entbunden, in dem er sich gegenüber der Union
verpflichtet hatte, dass Truppen der Liga nicht in das Gebiet
von Unionsmitgliedern vordringen würden. Gegenüber
einem Geächteten, so ließ sich argumentieren, galten solche
Zusagen nicht. Der Kaiser saß in einer Falle, die er selbst
aufgestellt hatte, als er im Oktober 1619 den Bayern um
Hilfe gegen die Böhmen gebeten und unter dem Einfluss von
Graf Oñate Maximilians Forderungen akzeptiert hatte. [7]
Friedrich mochte am Ausbruch des Krieges eine gewisse
Mitschuld haben, denn ohne sein leichtfertiges Agieren wäre
der böhmische Aufstand eine «innerhabsburgische»
Angelegenheit geblieben. Aber daran, dass der Krieg mit der
Niederschlagung des böhmischen Aufstands nicht zu Ende
war, trugen Ferdinand und Maximilian die Hauptschuld –
wenn man überhaupt von Schuldigen sprechen will. Die
Feststellung von Schuld ist an eine auf Akteure zentrierte
Perspektive gebunden; betrachtet man das Jahr 1621
dagegen aus systemischer Perspektive, so ist festzustellen,
dass durch den Krieg in Böhmen – im Unterschied zu dem
vorangegangenen Krieg am Niederrhein [8] – so viele
Streitpunkte und Problemfelder miteinander verknüpft
worden waren, dass sie sich mit politischen Mitteln vorerst
nicht voneinander trennen ließen. Eine solche Trennung
aber wäre die Voraussetzung dafür gewesen, dass man sich
im Frühjahr 1621 auf einen Frieden hätte verständigen
können. Erst siebenundzwanzig Jahre später, in den
Verhandlungen von Münster und Osnabrück, sollte es
gelingen, die Problemfelder zu separieren.

Mansfeld und seine Kadertruppen waren bei alldem noch die


geringste Schwierigkeit. Nach dem Rückzug aus
Westböhmen hatte der Kriegsunternehmer sein Kriegsvolk
zwischen dem Flüsschen Naab und der böhmischen Grenze
versammelt. Er war Friedrichs Wunsch gefolgt und stellte
neue Truppen auf, um erneut nach Böhmen vorzustoßen
beziehungsweise die Oberpfalz gegen den erwarteten
Angriff der Liga-Truppen zu verteidigen. Mansfelds ständig
wachsende Streitmacht wurde aus den begrenzten
Ressourcen der Oberpfalz versorgt, Subsidien aus den
Niederlanden kamen noch hinzu. [9] Im Mai bezog Mansfeld
nahe der böhmischen Grenze eine feste Stellung, von der
aus er Vorstöße auf böhmisches Gebiet unternahm;
behaupten konnte er sich dort nicht, da ihm auf der
böhmischen Seite Tilly mit den verbliebenen ligistischen
Truppen gegenüberstand. [10]
Es kam zu gelegentlichen Scharmützeln, die sich zwischen
Juli und September 1621 zu einem regelrechten
Stellungskrieg steigerten, in dem sich beide Seiten mit
Kanonen beschossen und Kommandoaktionen gegen die
Stellungen der anderen Seite durchführten. [11] In diesen
stationären Abnutzungskrieg kam Bewegung, als Maximilian
im Raum Straubing einen größeren Truppenverband
aufstellte, mit dem er von Süden her in die Oberpfalz
vorstieß, so dass Mansfeld in Gefahr geriet, von Tilly und
Maximilian in die Zange genommen zu werden. In die Enge
getrieben, nahm Mansfeld die zuletzt erfolgreiche Praxis
wieder auf, mit dem Gegner zu verhandeln und den Eindruck
zu erwecken, er werde, wenn man ihm nur genügend Geld
biete, die Seiten wechseln. Diese Aussicht war für
Maximilian äußerst attraktiv, da sie ihm die Chance bot, die
Oberpfalz ohne Kampf und die damit verbundene
Verwüstung des Landes in Besitz zu nehmen, während der
Pfälzer Friedrich mit einem Schlag ohne eigene Truppen
dastünde. [12] Wie üblich zogen sich die Verhandlungen in die
Länge; Mansfeld erhöhte seine Forderungen, reduzierte sie
wieder, und so verging die Zeit. Zwischen dem 8. und
10. Oktober verließ Mansfeld dann, von der Gegenseite
offenbar unbemerkt, jedenfalls nicht daran gehindert, die
Oberpfalz und marschierte in Eilmärschen nach Westen. Das
von ihm geführte Heer bestand aus 10000 bis
12000 Fußsoldaten, 3000 bis 4000 Reitern und 18 Kanonen.
[13] Das war eine beachtliche Streitmacht, mit deren Ankunft
sich das Kräfteverhältnis am Rhein schlagartig veränderte.
Die Verteidigung der Rheinpfalz gegen die spanischen
Truppen stützte sich auf drei Festungen: die Festungsstädte
Mannheim und Frankenthal sowie die gut befestigte
Residenzstadt Heidelberg. Die kurpfälzischen Streitkräfte,
nicht mehr als 5000 Mann, hatten sich dorthin
zurückgezogen, wo sie im Frühherbst 1621 von
niederländischen und englischen Truppen verstärkt wurden.
[14] Die niederländischen Generalstaaten hatten sich doch
noch entschlossen, ihrem alten Verbündeten zu Hilfe zu
kommen, aber da der Waffenstillstand mit Spanien bald
auslief und sie ihre Kräfte «zu Hause» brauchten, hatten sie
nur kleine Einheiten entsandt. Auch Jakob I. leistete seinem
ins Unglück geratenen Schwiegersohn nun militärischen
Beistand und hatte ein Regiment unter Oberst Horace Vere
über den Ärmelkanal geschickt, das von Holland aus
rheinaufwärts in die Pfalz marschiert war. Die pfälzischen
Truppen und ihre niederländisch-englischen Unterstützer
waren den in die Rheinpfalz eingerückten spanisch-
flandrischen Einheiten unter Ambrosio Spínola kräftemäßig
deutlich unterlegen, aber der Rückhalt durch die drei
Festungen glich das vorerst aus. Schließlich war ein Teil der
spanischen Truppen in die spanischen Niederlande
zurückmarschiert, um dort den Krieg gegen die
Generalstaaten wieder aufzunehmen. Für einen
umfassenden Belagerungskrieg indes genügten die
verbliebenen etwa 11000 Mann unter dem Kommando des
spanischen Generals Gonzalo Fernández de Córdoba kaum.
Sie konzentrierten sich auf Mannheim, die stärkste der drei
Festungen, in der Erwartung, dass ihr Fall auch die beiden
anderen zur Kapitulation bewegen würde. Aber in Mannheim
kommandierte der Engländer Vere, ein erfahrener Soldat,
den der Pfalzgraf zum General in der Rheinpfalz ernannt
hatte, und der dachte nicht daran, die Festung zu
übergeben.
Zwar hatte man auch in Böhmen und Mähren zeitweise
einen Festungskrieg geführt, aber dieser war vorwiegend
ein Begleiter des Bewegungs- und Scharmützelkrieges
gewesen, der bis zur Entscheidungsschlacht am Weißen
Berg das Kriegsgeschehen geprägt hatte. In der Rheinpfalz
trafen dagegen Truppen und Kommandeure aufeinander, die
mit dem Festungskrieg, wie er während der letzten drei
Jahrzehnte in den Niederlanden praktiziert worden war, aufs
Beste vertraut waren. Festungskrieg beruht auf dem
Grundsatz der Entschleunigung, durch die der Gegner
erschöpft und ermattet werden soll. Die sich über Monate
hinziehende Belagerung einer Festung war teuer, hatte
große logistische Anstrengungen vor allem bei den
Belagerern zur Folge, führte bei widrigen
Wetterverhältnissen gerade bei ihnen zu erhöhten
Krankheitsraten beziehungsweise zum Ausbruch von
Seuchen und demoralisierte die Soldaten, wenn die
Belagerung schließlich erfolglos aufgehoben werden musste.
Auch erhöhte diese Art der Kriegführung die
Verwundbarkeit der Belagerer, die leicht zwischen zwei
Fronten geraten konnten, wenn den Belagerten Entsatz zu
Hilfe kam. Also mussten sie nicht nur Erdwerke zum Schutz
gegen Ausfälle der Festungstruppen errichten, sondern auch
solche zum Schutz ihres Rückens, was zusätzlich Zeit
kostete und bei den Soldaten für Unzufriedenheit sorgte.
Schanzarbeiten waren nämlich ausgesprochen unbeliebt,
und die Söldner bevorzugten es, wenn dazu Bauern aus der
Umgebung herangezogen wurden. Eine Stadt
verteidigungsfähig zu machen, war aber auch nicht ganz
einfach. In Friedenszeiten entstanden vor den Stadtmauern
und Bollwerken Vorstädte, zumeist aus kleinen Häusern und
Katen, in denen die ärmere Bevölkerung lebte, und diese
Vorstädte wurden von den Verteidigern nunmehr abgerissen
oder niedergebrannt, um freies Schussfeld zu haben und
dem Angreifer keine Unterkünfte für seine Soldaten zu
bieten. Belagerungskrieg war stets mit der ausgreifenden
Verwüstung der Umgebung einer Festung verbunden. [15]
Um einem Angreifer, der über schwere Kanonen verfügte,
Widerstand leisten zu können, hatte sich der Bau von
Befestigungswerken seit dem Spätmittelalter grundlegend
verändert. [16] An die Stelle der hohen Mauern, die mit
Leitern gestürmt werden mussten, waren abgeschrägte
Bastionen getreten, die sich nach einem geometrisch
ausgeklügelten System von Winkeln und Vorsprüngen
gegenseitig deckten, so dass ein Angreifer unter
flankierendes Feuer genommen werden konnte. Unter
solchen Umständen war ein Frontalangriff unmöglich oder
zumindest mit so schweren Verlusten verbunden, dass die
meisten Angreifer davor zurückschreckten. Während in die
herkömmlichen Burg- und Stadtmauern, die umso
furchteinflößender waren, je höher sie aufragten – man
spricht auch von einer «vertikalen Verteidigung» –, von
schweren Belagerungsgeschützen relativ schnell eine
Bresche geschlagen werden konnte, hielten die auf ihrer
Innenseite durch Erdaufschüttungen abgestützten Bastionen
der neuartigen Festungsanlagen auch längerem
Artilleriebeschuss stand. Der Sturm auf eine Festung musste
also gründlich vorbereitet werden, und dazu gehörte neben
systematischem Beschuss auch das Vortreiben gedeckter
Gräben, in denen die Belagerer bis in unmittelbare Nähe der
Verteidigungswerke kamen, um sie zu unterminieren oder in
einem handstreichartigen Angriff zu nehmen. Bei dieser Art
der Kriegführung spielten Mathematiker und Ingenieure
eine zentrale Rolle, womit eine Verwissenschaftlichung des
Krieges um sich griff und an die Stelle von Tapferkeit und
Schneid Berechnung und Systematik traten. [17] Vor Beginn
des Dreißigjährigen Krieges hatte es im Reich einen
regelrechten Bauboom bei der Modernisierung von
Festungsstädten gegeben. [18] Der Festungs- und
Belagerungskrieg wurde neben der eher seltenen
Entscheidungsschlacht, dem Scharmützelkrieg sowie dem
Beutekrieg zur vierten «Säule» der Kriegführung zwischen
1618 und 1648. Durch die systematische Entschleunigung
des Kriegsgeschehens hat er das Seine zur langen Dauer des
Krieges beigetragen.
Seit dem Auftauchen Mansfelds und seiner Streitmacht
war es mit dem Festungs- und Belagerungskrieg in der
Rheinpfalz vorerst vorbei: Córdoba musste die Belagerung
Mannheims aufgeben und sich auf gesicherte Positionen in
der nördlichen Rheinpfalz zurückziehen, um von Mansfeld
nicht im Rücken gefasst zu werden. Da sich Vere und
Mansfeld nicht über das Oberkommando verständigen
konnten und offenbar auch unterschiedliche Vorstellungen
darüber hatten, wie der Krieg weitergeführt werden sollte,
verfolgten sie Córdoba nicht, sondern trennten sich wieder;
Vere konzentrierte sich auf die Verteidigung der
rheinpfälzischen Festungen, während Mansfeld am Mittel-
und Oberrhein einen Beutekrieg begann, der gegen die
dortigen Mitglieder der katholischen Liga gerichtet war und
der Versorgung seiner Söldner diente. Bistümern und
Städten wurden Nahrungsmittel und Geld abgepresst, und
dabei entwickelte sich ein Typ von Kriegführung, der sehr
schnell Schule machte. «Die Mansfelder», heißt es in einem
zeitgenössischen Bericht, «haben die armen unbewehrten
Bauern haufenweise in die brennenden Häuser mitten in die
Flammen geworfen, und diejenigen, die sich retten wollten,
wie die Hunde niedergeschossen. Sie haben die Kirchen
aufgebrochen, beraubt, die Altäre abgerissen, das heilig
hochwürdige Sakrament mit Füßen getreten, einander ihre
blutrünstigen Schuhe mit dem heiligen Öle und Chrysam
angestrichen und beschmiert. Sie haben die Taufsteine
ausgeschüttet und beschmiert und sie auf unehrliche Weise
zuschanden gemacht. Sie haben alle Weibspersonen
öffentlich geschändet und nach verübtem Mutwillen
dieselben ins Feuer geworfen. Sie haben junge Kinder von
neun, zehn Jahren mit unaussprechlicher teuflischer
Unzucht verderbt, so lange unmenschlich rottenweise
geschändet, bis sie unter ihnen gestorben. Wie dann junger
und alter Weibsbilder eine gute Anzahl danach in offenen
Wegen, in den alten verbrannten Scheuern noch unehrlich,
unbedeckt tot gefunden worden, andere aber dermaßen
verderbt, daß sie kaum atmen können und nach wenigen
Tagen ebenfalls weggestorben.» [19] Die der
Truppenversorgung dienenden Plünderungen gingen einher
mit sadistischen Grausamkeiten, sexueller Gewalt und der
Schändung sakraler Gegenstände. In Letzterem zeigte sich
die religiöse Aufladung der Gewalt, die darauf hinweist, in
welchem Maße dieser Krieg durchweg auch ein
Religionskrieg war. Mansfeld jedenfalls war bestrebt, seine
Söldner auf Kosten des Hauses Habsburg zu versorgen, und
da der Habsburger Erzherzog Leopold Bischof von
Straßburg war, fiel er ins Elsass ein, um dort Kontributionen
einzutreiben und zu plündern. [20]
Die Schwierigkeiten Veres und Mansfelds, sich auf einen
gemeinsamen Kriegsplan und über das Oberkommando zu
verständigen, wiederholten sich im Verhältnis zwischen
Córdoba und dem Ende Oktober an Neckar und Rhein
eingetroffenen Tilly. [21] Möglicherweise warf Córdoba Tilly
vor, dass er Mansfeld aus der Oberpfalz habe entkommen
lassen, aber mit Sicherheit zeigten sich darin auch die
unterschiedlichen politischen Interessen der Spanier und
der Liga: Während Tilly die Pfalz für Bayern erobern sollte,
setzten die Spanier zu diesem Zeitpunkt noch auf die
Wiedereinsetzung des Kurfürsten Friedrich unter ihrem
Protektorat. Nachdem sich die beiden Männer uneins
getrennt hatten, schickte sich Tilly an, Heidelberg zu
belagern, während Córdoba in der nördlichen Pfalz Quartier
bezog. Mansfeld behielt derweil infolge seiner höheren
Beweglichkeit die strategische Initiative. Er hatte die
Fußtruppen im Rhein-Neckar-Raum einquartiert, während er
mit seinen Reitern hier und dort auftauchte, um Beute zu
machen und das Land zu verheeren.

So ging das Jahr 1621 zu Ende, ohne dass erkennbar war,


welche Seite an Rhein und Neckar die Oberhand gewinnen
würde. Ein schwerwiegendes Manko lastete freilich auf der
Sache des Kurfürsten, und das bestand darin, dass sich die
protestantische Union am 14. Mai 1621 aufgelöst hatte.
Friedrich hatte dadurch seine letzte eigene Machtbasis
verloren; fortan war er gänzlich auf die Hilfe fremder
Mächte angewiesen. Was die Schlacht am Weißen Berg für
ihn als böhmischen König bedeutet hatte, war der
Heilbronner Beschluss zur Auflösung der Union für ihn als
pfälzischer Kurfürst. 1617 war das Unionsbündnis um vier
Jahre verlängert worden, im Frühsommer 1621 hätte es
erneut verlängert werden müssen. Dies wurde zum Problem,
seitdem Friedrich, der Kopf und Anführer der Union, vom
Kaiser geächtet war: Jeder, der ihn nun unterstützte, lief
selbst Gefahr, der kaiserlichen Acht zu verfallen. Zwar hatte
man bei einer ersten Versammlung in Heilbronn am
7. Februar 1621 noch die finanziellen Mittel zum weiteren
Unterhalt der Truppen bewilligt und auch die Verpflichtung
zum Schutz der Kurpfalz anerkannt, aber einige
Unionsangehörige hatten das unter dem Vorbehalt getan,
dass diese Verpflichtung in zwei Monaten auslaufen werde
und die beschlossenen Zahlungen nur noch zur Abwicklung
der Armee dienten. [22] Der vom Kaiser damit beauftragte
Landgraf Ludwig von Hessen-Darmstadt war nach Heilbronn
gekommen, um den Versammelten die Risiken einer
weiteren Unterstützung des Pfalzgrafen in aller Deutlichkeit
vor Augen zu führen. Bei den traditionell reichstreuen
Städten stieß er damit schon halb geöffnete Türen auf. Als
erste Stadt kündigte Straßburg die Beteiligung an den
Kriegskosten der Union, und als den anderen Städten eine
Frist von sechs Wochen eingeräumt wurde, um dem
Straßburger Beispiel zu folgen, taten sie es allesamt. Einer
der Gründe dafür war, dass die Städte durch die Ächtung am
stärksten verwundbar waren, da ihre über Land ziehenden
Kaufleute ohne kaiserlichen Schutz nicht auskamen. War
eine Stadt geächtet, so konnte sich jeder ungestraft am
Eigentum ihrer Händler und Kaufleute vergreifen, und wer
in der Stadt Geld geliehen hatte, musste es nicht
zurückzahlen. Unter diesen Umständen war den Städten ihr
Eigeninteresse wichtiger als die Solidarität mit den
protestantischen Glaubensbrüdern.
Als Nächstes fiel ausgerechnet Landgraf Moritz von
Hessel-Kassel ab. Was er fürchtete, war nicht die Ächtung
durch den Kaiser, sondern die an seiner Grenze
aufmarschierten spanischen Truppen des Generals Spínola.
Dieser Macht waren die Streitkräfte des Landgrafen nicht
gewachsen, und da mit nennenswerten Bündnispartnern
nicht zu rechnen war, gab ausgerechnet einer der frühen
Anführer des kämpferischen Protestantismus als Erster
unter den Fürsten auf und erließ am 24. März 1621
Instruktionen, die auf ein Ausscheiden seines Landes aus der
Union hinausliefen. [23] Danach gab es kein Halten mehr: Der
Herzog von Württemberg und der Markgraf von Ansbach
beantragten, unter Vermittlung des Landgrafen Ludwig und
des Erzbischofs von Mainz mit Spínola einen Vertrag
auszuhandeln, der es ihnen ermöglichte, die Truppen der
Union aus der Rheinpfalz zurückzuziehen beziehungsweise
sie von den kurpfälzischen Truppen zu trennen. Dazu wurde
ihnen zunächst eine Frist bis zum 14. Mai und dann bis zum
31. Juli zugestanden. Am 14. Mai trafen die verbliebenen
Mitglieder der Union ein letztes Mal in Heilbronn
zusammen, um die besagte Auflösung des Bündnisses zu
beschließen.
Dieser Beschluss nimmt sich aus wie der Schlusspunkt
einer längerwährenden Agonie. Darum handelte es sich
zweifellos auch; insofern hat die Heilbronner Übereinkunft
vom 14. Mai 1621 nichts Dramatisches, sondern steht nur
für das formale Ende eines längeren Zerfallsprozesses. Er
war zugleich aber auch das Ende eines handlungsfähigen
Protestantismus innerhalb des Reichs; von nun an handelten
die einzelnen protestantischen Fürsten und Städte
unabhängig voneinander, orientiert an der allgemeinen Lage
und den eigenen Interessen. Unter diesen Umständen war
man den vereinten Kräften der Liga und des Kaisers nicht
gewachsen. Politische Handlungsfähigkeit erlangte der
deutsche Protestantismus fortan nur noch, wenn ihm
auswärtige Mächte zu Hilfe kamen, sei es aus
konfessioneller Solidarität, sei es aus machtpolitischen
Interessen. Insofern war das Ende der Union ein weiterer
Schritt bei der Internationalisierung des Konflikts, und
tatsächlich wirkte die Schwäche des deutschen
Protestantismus wie ein Sog, der unablässig Kräfte von
außen in den Krieg hineinzog.
Der Markgraf von Baden und Christian
von Braunschweig
Bevor unter der Führung des Dänen Christian IV. und des
Schweden Gustav Adolf die nordischen Mächte in den Krieg
eingriffen, waren es zwei deutsche Reichsfürsten, die dafür
sorgten, dass die militärische Widerstandskraft des
Protestantismus nicht auf die Söldner des notorisch
unzuverlässigen Mansfeld beschränkt blieb. Dieser hatte die
im Elsass und in Teilen der Rheinpfalz bezogenen
Winterquartiere genutzt und seine Truppen durch neue
Werbungen verstärkt. Sein Ruf, dass bei ihm der Sold zwar
nur unregelmäßig ausgezahlt werde, man aber ungehemmt
rauben und plündern könne, sorgte dafür, dass er
entsprechenden Zulauf hatte. Im Frühjahr 1622, als die
Witterung wieder größere militärische Bewegungen
erlaubte, hatte Mansfeld seine Truppen auf insgesamt
35000 Mann gebracht. Das war eine beachtliche
Streitmacht, freilich eine von sehr unterschiedlicher
Kampfstärke, bei der man bezweifeln konnte, dass sie einem
zahlenmäßig gleich starken Gegner, wie den Truppen der
Liga unter Tilly oder einem spanisch-flämischen
Heeresverband unter Córdoba, auf dem Schlachtfeld
gewachsen war. Mansfeld scheint das gewusst und selbst an
der Kampfkraft seiner Truppen gezweifelt zu haben, denn er
achtete während des gesamten Kriegsjahres 1622 darauf,
dem Gegner auszuweichen. Nur einmal stellte er sich zur
Schlacht, und das auch nur, weil er dabei aus einem
Hinterhalt agieren konnte und außerdem drückend
überlegen war. Zumeist aber waren das Heer der Liga, die
spanischen Truppen, die Verbände des Erzherzogs Leopold
sowie die kaiserlichen Einheiten, die zusammen über eine
Stärke von etwa 100000 Mann verfügten, deutlich
überlegen – jedenfalls solange sie koordiniert agierten. [1]
Wäre es dabei geblieben, hätte sich Mansfeld in der Pfalz
nicht halten können. Aber im Kriegsjahr 1622 tauchen zwei
Männer auf, die auf eigene Faust und eigene Rechnung
Truppen anwarben und mit ihnen auf Seiten des Kurpfälzers
in den Krieg zogen. Einer der beiden war Markgraf Georg
Friedrich von Baden-Durlach, ein kämpferischer Protestant,
obwohl Lutheraner, den die Selbstauflösung der Union
zutiefst beschämt hatte und für den es mit seinem Glauben
und seiner Ehre nicht vereinbar war, den Pfalzgrafen im
Stich zu lassen. [2] Georg Friedrich war sich über das Risiko
seines Eintretens für den geächteten Pfalzgrafen im Klaren,
deswegen dankte er am 22. April 1622 zugunsten seines
Sohnes Friedrich ab. Im vorangegangenen Winter hatte er
eine aus Landeskindern und Geworbenen bestehende
Streitmacht zusammengestellt, mit der er in den Krieg um
die Pfalz eingreifen wollte. Die Markgrafschaft Baden und
das Erbe seines Sohnes sollte dadurch jedoch nicht in
Mitleidenschaft gezogen werden, deswegen trennte Georg
Friedrich seine Herrschaft von dem geplanten Kriegszug. Da
er in den zurückliegenden Jahren solide gewirtschaftet
hatte, verfügte er über genügend Geld, um die Truppen
auszurüsten und für einige Zeit zu versorgen. Der Markgraf
konnte sich freilich keine langwierige Kriegführung erlauben
und musste darum die Entscheidungsschlacht suchen. Georg
Friedrich war mit den zeitgenössischen Kriegstheorien gut
vertraut und hatte viel gelesen, verfügte aber über keine
größeren praktischen Kriegserfahrungen. [3] Er war ein
Theoretiker, der sich anheischig machte, den Praxistest zu
bestehen.
Christian von Braunschweig, der andere der beiden, die
Pfalzgraf Friedrich zu Hilfe kamen, war das genaue
Gegenteil des Markgrafen. [4] Er war mehr als ein
Vierteljahrhundert jünger als der Markgraf und handelte in
einer Mischung aus jugendlichem Überschwang und
Abenteuerlust, romantischen Ritterlichkeitsvorstellungen, in
denen sich Minne- und Waffendienst miteinander verbanden,
und einer Abneigung gegen jede Form traditioneller
Autorität und deren Bedeutung für die Ordnung des Reichs.
Als jüngerer Bruder des Herzogs Friedrich Ulrich von
Braunschweig-Wolfenbüttel hatte er keinen Anspruch auf ein
eigenes Herrschaftsgebiet. Seine Mutter hatte deshalb dafür
gesorgt, dass er im Alter von sechzehn Jahren als
Administrator des Bistums Halberstadt eingesetzt wurde,
aus dem er hinreichend Mittel bezog, um ein angenehmes
Leben zu führen. Das aber war Christians Sache nicht, und
so hatte er die Halberstädter Mittel bereits 1621 genutzt,
um in den Krieg einzugreifen, war dabei aber nicht
sonderlich weit gekommen. [5] Ein überzeugter
Glaubenskämpfer scheint Christian nicht gewesen zu sein,
auch wenn der Spott, mit dem er seine katholischen Gegner
überschüttete, nahelegt, dass er sich mit den theologischen
Kontroversen seit der Reformation beschäftigt hatte. Die
Folge waren aber nicht tiefere religiöse Überzeugungen,
sondern zynische Distanz gegenüber dem katholischen
Heiligenglauben.
Der jüngere Sohn des Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel war eher ein
Abenteurer als ein Kriegsunternehmer, tollkühn und verwegen, aber militärisch
ohne Fortune. Er inszenierte sich als Ritter der aus Böhmen vertriebenen Elisabeth
Stuart und brachte dadurch einen romantischen Zug in die Kriegführung. Das
heroische Porträt Anton van Dycks zeigt ihn nach der erfolgreichen
Durchbruchsschlacht von Fleurus, in der er den linken Unterarm verlor.

Christian war indes ein glühender Verehrer der Pfalzgräfin


Elisabeth, die nach der Flucht aus Prag einige Monate durch
Norddeutschland gezogen war und um Unterstützung für
ihren Mann gebeten hatte, jedoch überall auf taube Ohren
gestoßen war. Nicht so bei dem gerade
einundzwanzigjährigen Christian, der sich zum ritterlichen
Streiter der gedemütigten Frau machte, was er unter
anderem dadurch zum Ausdruck brachte, dass er im Gefecht
einen Handschuh Elisabeths am Hut trug. Auch soll er
geschworen haben, er wolle sein Schwert nicht eher in die
Scheide stecken, als bis die böhmische Krone wieder auf
dem Haupte Elisabeths sitze. Immerhin – Christian hatte
einige militärische Erfahrungen in den Niederlanden
gesammelt, sah sich als Schüler Moritz von Oraniens und
war davon überzeugt, zum Kriegsmann geboren zu sein.
Aufgrund seiner tollkühnen Aktionen nannte man ihn schon
bald «den tollen Halberstädter», was mal Bewunderung, mal
Distanz zum Ausdruck brachte. In jedem Fall ist Christian
von Braunschweig eine der interessantesten Gestalten des
Krieges. Er konnte dazu werden, weil der Krieg Leuten wie
ihm die Möglichkeit verschaffte, sich in die Geschichte
einzuschreiben. Gleichzeitig verliehen Personen wie
Christian dem Kriegsgeschehen etwas Bizarres, wie es in
Friedenszeiten nur selten zu finden ist.
Am 22. April 1622 vereinbarten Mansfeld und Markgraf
Georg Friedrich, den Krieg von nun an gemeinsam zu führen
und ihre Operationen aufeinander abzustimmen. Als Erstes
wollten sie dem von ligistischen Truppen weiträumig
umfassten Heidelberg zu Hilfe kommen und Tilly mit
vereinten Kräften schlagen. Bei Mingolsheim ging die Armee
Mansfelds, bei der sich inzwischen auch Pfalzgraf Friedrich
eingefunden hatte, über den Rhein und näherte sich Tilly,
der daraufhin die Umschließung Heidelbergs aufgab. Einige
Zeit belauerte man sich, dann zog sich Mansfeld wieder
zurück, und Tilly, der zwischenzeitlich Zuzug erhalten hatte,
folgte ihm, während Córdoba in der nördlichen Rheinpfalz
blieb. Nahe Mingolsheim stellte Mansfeld dem
nachdrängenden Tilly am 27. April eine Falle, in die dieser
hineintappte: Mansfeld hatte den Eindruck erweckt, er wolle
sich weiter zurückziehen, und Tilly stieß in diese scheinbare
Rückzugsbewegung (es war indessen nur der Tross, der
abzog) mit einer schnellen Kavallerieattacke hinein. Da
Mansfeld den Ort Mingolsheim in Brand gesetzt hatte,
konnte Tilly nicht erkennen, dass dessen Heer hinter dem
brennenden Städtchen in Kampfaufstellung bereitstand. Die
Kavallerie Tillys wurde zurückgeworfen und brachte dabei,
ihrerseits nun von Mansfelds Kavallerie attackiert, die
nachfolgende Infanterie in Verwirrung. Die Liga-Armee
verlor hier 2000 Männer, die Hälfte davon Berittene, dazu
vier Kanonen und acht Fahnen. Das war eine
bemerkenswerte Schlappe, auf die Tilly mit Rückzug nach
Osten reagierte. [6] Für seine Gegner blieb es indes bei
einem taktischen Erfolg, weil der in der Nähe stehende
Markgraf von Baden es für unritterlich hielt, einen
geschlagenen Feind anzugreifen, und Mansfeld auf eine
Verfolgung verzichtete, da der Vorteil der Defensive dann
auf Seiten Tillys gelegen hätte. Womöglich spielte dabei
auch das Gerücht eine Rolle, der bei dem Gefecht
verwundete Tilly sei gefallen und man könne damit rechnen,
dass sich das Heer der Liga auflösen werde. Jedenfalls
ließen Mansfeld wie Georg Friedrich die Gelegenheit, das
Heer der Liga auseinanderzutreiben, ungenutzt
verstreichen, und das sollte sich rächen.
Von Wiesloch zog sich Tilly nach Wimpfen zurück, wo er
eine starke Position einnahm. Wimpfen war eine oberhalb
des Neckars liegende Festung, von der aus sich das
angrenzende Gebiet gut kontrollieren ließ. Aber Tilly war
besorgt, denn die Schlappe bei Mingolsheim hatte gezeigt,
dass der Krieg um die Rheinpfalz verloren werden konnte,
wenn es den Katholischen nicht gelang, ihre potenzielle
Überlegenheit in der Operationsführung auch zur Geltung zu
bringen. «Das Wohl des Heiligen Römischen Reichs steht auf
dem Spiel», schrieb Tilly an Córdoba und forderte ihn
eindringlich auf, zu Hilfe zu kommen und seine Streitkräfte
mit den eigenen zu vereinen. [7] Der Brandbrief zeigte
Wirkung, denn Córdoba traf am 4. Mai mit 4000 Fußsoldaten
und 1300 Reitern in Wimpfen ein – just zu dem Zeitpunkt, als
sich die seit dem 1. Mai vereinigten Truppen Mansfelds und
des Markgrafen von Baden wieder trennten. Die Folge war,
dass die etwa 13000 Mann des Markgrafen am oberen
Neckar der auf 20000 Mann angewachsenen ligistisch-
spanischen Streitmacht allein gegenüberstanden.
Über die Gründe für die, wie sich schon bald herausstellte,
verhängnisvolle Entscheidung, die Truppen zu trennen, sind
in der Forschung allerhand Vermutungen angestellt worden.
Eine davon ist, dass sich Georg Friedrich und Mansfeld nicht
über den gemeinsamen Oberbefehl verständigen konnten;
der Markgraf war der Ranghöhere, der Kriegsunternehmer
der Erfahrenere, und wer von beiden den Vorrang erhalten
sollte, war unter diesen Umständen nicht zu klären.
Natürlich hätte man dem im Mansfeld’schen Heer weilenden
Pfalzgrafen den Oberbefehl übertragen können, aber
Friedrich war gänzlich kriegsunerfahren und hatte auch, wie
sein Verhalten in der Schlacht am Weißen Berg gezeigt
hatte, [8] keine Neigung, diese Aufgabe zu übernehmen. Eine
weniger auf Rangfragen und persönliche Animositäten
abzielende Erklärung bringt die mit einer so großen Armee
verbundenen logistischen Probleme ins Spiel:
30000 Soldaten ließen sich kaum über eine längere Zeit
versorgen. Man hätte diese Zeit verkürzen können, wenn
man das ligistisch-spanische Heer angegriffen hätte, aber
das verfügte mit Wimpfen über einen starken Rückhalt, und
Mansfeld war ohnehin kein Anhänger einer auf
Entscheidungsschlachten ausgerichteten Kriegführung.
Womöglich gab es auch strategisch-operative Überlegungen,
die bei der Trennung beider Heere eine Rolle spielten, und
die könnten darauf hinauslaufen, dass der Markgraf die
katholischen Kräfte am oberen Neckar binden wollte,
während Mansfeld zum unteren Neckar zog, der Gegenseite
Ladenburg als wichtigen Waffenplatz mit Rheinübergang
entriss und die Verbindung zu dem von Norden anrückenden
Christian von Braunschweig herstellte. Das war jedoch ein
riskanter Plan, der leicht schiefgehen konnte. [9] Letztlich
spricht vieles dafür, dass es vor allem persönliche Gründe
waren, die zur Trennung der protestantischen Heere
führten. [10]
Am Mittag des 5. Mai 1622 hatte Georg Friedrich südlich
von Wimpfen eine Position bezogen, die im Osten vom
Neckar und im Süden vom Böllinger Bach begrenzt war. Mit
seinen 13000 Mann war er dem Liga-Heer deutlich
unterlegen; überlegen war er hingegen an Kanonen, was
eine Defensivschlacht nahelegte. [11] Vor allem verfügte er
über 70 Wagen, auf denen jeweils eine leichte drehbare
Kanone montiert war, gesichert mit schweren Holzplanken
und daran befestigten Speerspitzen. Man kann darin eine
Frühform des Panzerwagens im Sinne eines gut geschützten
Artillerieträgers sehen; zu dieser Konstruktion ist der
Markgraf wahrscheinlich durch die Beschäftigung mit den
Hussitenkriegen motiviert worden, in denen die böhmischen
Heere ebenfalls Wagen zur Defensivformation eingesetzt
hatten. Zudem kann man in diesen Wagen eine Variante der
Kombination von Musketieren und Pikenieren erkennen, wie
sie seit dem 16. Jahrhundert bei den Fußsoldaten üblich
geworden war.
Der Markgraf hatte die Kanonenwagen in Form eines
Halbkreises aufstellen lassen; zwischen ihnen standen die
schwereren Kanonen. 2000 Musketiere waren bei den
Kanonenwagen postiert, der Rest der Fußtruppen knapp
dahinter. Auf der linken Flanke, die an ein Wäldchen
grenzte, standen weitere Kanonen, und die Kavallerie Georg
Friedrichs war so postiert, dass sie an der Wagenburg vorbei
angreifen konnte. Das war eine starke
Verteidigungsstellung, deren Stärke jedoch auch eine
Schwäche war, da diese starre Front nicht erlaubte, taktisch
auf gegnerische Schwerpunktbildungen zu reagieren. Tilly
wiederum hatte seine Infanterie in zwei und die Kavallerie in
drei Treffen aufgestellt, um die Kräfte je nach Stand des
Kampfgeschehens einsetzen zu können. Die vier leichten
Geschütze, über die er verfügte, hatte er vor der Front des
ersten Treffens postiert, die schweren Kanonen in deren
Rückraum auf dem höchsten Punkt, von wo aus sie über die
eigene Infanterie hinwegschießen konnten, um Breschen in
die festgefügte gegnerische Front zu schlagen.
Der Kupferstich in Merians Theatrum Europaeum zeigt jenen Augenblick der
Schlacht bei Wimpfen, als explodierende Pulverwagen die Abwehrlinien der
markgräflichen Truppen aufrissen. In den Berichten ist von einigen hundert
verstümmelten Toten die Rede. Die grauen Vierecke im unteren Bilddrittel zeigen
die ursprünglichen Positionen der Truppen Tillys an, so dass die Entwicklung der
Schlacht nachverfolgt werden kann.

Am frühen Morgen des 6. Mai begann die Schlacht mit einer


von beiden Seiten geführten Kanonade. Aufgrund der großen
Entfernung, über die sie geführt wurde, hatte sie freilich
wenig Wirkung. Tilly zeigte Respekt vor der Abwehrlinie des
Badeners und suchte ihn durch vorgeschickte Plänkler zum
Angriff zu verleiten. Der Markgraf reagierte darauf nicht
und blieb unbeirrt in der Defensive, auch dann, als seine
Kürassiere eine größere Kavallerieeinheit Tillys in die Flucht
schlugen. Gegen Mittag trat eine Waffenruhe ein; das
Kanonenfeuer flaute ab, und auch die Musketiere hörten auf
zu schießen. Tilly nutzte die Ruhephase, um die Truppen im
Rückraum seiner Angriffsformation umzustellen, und der
dabei aufsteigende Staub verführte den Markgrafen zu der
Annahme, es sei Mansfeld, der sich nähere, um Tilly in den
Rücken zu fallen. Das war ein Irrtum mit fatalen Folgen,
denn er brachte den Markgrafen dazu, von nun an offensiver
zu agieren; so setzte er, durch Artilleriefeuer vorbereitet,
seine Kavallerie gegen den rechten Flügel des Gegners ein.
Als Georg Friedrich auch noch Infanterie nachschob,
gerieten Tillys Tercios zeitweilig ins Wanken, und die
markgräflichen Einheiten fingen an, sich als Sieger zu
fühlen, zumal sie davon ausgingen, Mansfelds Einheiten
stünden im Rücken des Gegners. Jedenfalls ließ die Wucht
ihres Angriffs nach, und Tillys Einheiten fanden wieder Halt.
Unterdessen rückte Córdoba mit den spanisch-flämischen
Truppen auf dem linken Flügel vor, und jetzt rächte sich,
dass der Markgraf die feste Defensivposition aufgegeben
hatte. Zwar rissen seine Kanonen große Lücken in die
Formationen der Angreifer, aber die ließen sich nicht
stoppen, so dass sich die badischen Truppen zurückziehen
mussten. Hätte Georg Friedrich in dieser Situation über
Reserven verfügt, hätte er seine Front wahrscheinlich
stabilisieren können. Doch dann explodierten fünf in der
Nähe der Kanonen platzierte Pulverwagen und rissen eine
breite Lücke in den Abwehrring. Bei den Truppen des
Markgrafen brach daraufhin Panik aus, die Kavallerie floh in
Richtung Böllinger Bach, und Teile der Infanterie schlossen
sich ihr an. Damit war die Schlacht entschieden.
Wie erbittert das Gefecht geführt worden war, zeigt der
Umstand, dass die Verluste auf dem Schlachtfeld mit etwa
2000 Toten auf beiden Seiten gleich hoch waren. [12] Es war
dennoch eine vernichtende Niederlage für die Badener, da
sie ihren gesamten Artilleriepark sowie die mitgeführte
Kriegskasse verloren hatten. Zwar konnte der Markgraf
Ende Mai aus den Geflohenen wieder fünf
Infanterieregimenter mit einer Gesamtstärke von 6000 Mann
formieren, aber als eigenständiger Akteur sollte er im
pfälzischen Krieg keine Rolle mehr spielen.
Die Trennung der Truppen, namentlich der Abzug
Mansfelds aus dem Raum Wimpfen, war der
ausschlaggebende Fehler, der den Krieg um die Pfalz
zugunsten der Katholischen entschied – wenn man nicht den
Zufallstreffer auf einen Pulverwagen als die entscheidende
Wende ansehen will. Der verbreitete Wunderglauben wollte
sich nicht mit einem Zufall zufriedengeben, und so
berichtete ein Wimpfener Dominikaner später, ein Engel
habe in das Schlachtgeschehen eingegriffen und die
überraschende Wende herbeigeführt. Das war eine Variation
der Erzählung vom Eingreifen der Gottesmutter in der
Schlacht am Weißen Berg, [13] nur dass es in diesem Fall ein
ganz reales Ereignis war, das zur göttlichen Einmischung
stilisiert wurde. [14]

Nach dem hart errungenen Sieg bei Wimpfen gönnte Tilly


seinen Truppen eine Ruhepause. Er verzichtete darauf, sich
umgehend gegen Mansfeld zu wenden, um ihn aus der
Rheinpfalz herauszudrängen oder zur Schlacht zu stellen.
Schließlich erreichte ihn die Nachricht, dass Christian von
Braunschweig, der sich Ende des vergangenen Jahres nach
Westfalen zurückgezogen hatte, inzwischen aus den im
Raum Paderborn bezogenen Winterquartieren aufgebrochen
war und in südliche Richtung vorrückte. Dabei musste er auf
das in Oberhessen stehende ligistische Korps unter Graf
Anholt stoßen, von dem Christian im Jahr zuvor zum
Rückzug gezwungen worden war, das jedoch zu schwach
war, um diesen Erfolg gegen Christians mittlerweile
erheblich stärkere Kräfte zu wiederholen. Anholt zog sich
zum Main zurück und wartete auf Unterstützung durch die
Hauptmacht Tillys. Der war damit beschäftigt
herauszufinden, welche Pläne Mansfeld verfolgte. Er
befürchtete, dass Mansfeld von Ladenburg aus, wo er zum
Zeitpunkt von Tillys Sieg bei Wimpfen stand, nach Norden
marschieren könnte, um sich mit den nach Süden
vorrückenden Truppen des Braunschweigers zu vereinigen.
Diese Vereinigung wollte Tilly verhindern. Mansfeld dachte
jedoch nicht daran, auf Christian zuzumarschieren;
stattdessen wandte er sich in die entgegengesetzte
Richtung, um das von Truppen Erzherzog Leopolds
belagerte Hagenau zu unterstützen. Er führte Krieg, als
ginge es allein und ausschließlich um ihn und seine
Interessen: Das Projekt, im nördlichen Elsass ein eigenes
Fürstentum zu erobern, war für ihn wichtiger als eine
koordinierte Strategie im pfälzischen Krieg. [15] Pfalzgraf
Friedrich, der sich immer noch bei Mansfelds Heer befand,
konnte daran nichts ändern; da er nicht in der Lage war, für
eine regelmäßige Besoldung der Truppen zu sorgen, war er
auf das Wohlwollen des Kriegsunternehmers angewiesen.
Immerhin: Nach einer Woche im nördlichen Elsass, dem
erfolgreichen Entsatz Hagenaus und der Verstärkung seiner
Verbände durch etwa 3000 Soldaten Erzherzog Leopolds,
die Mansfeld in eigene Dienste übernahm, marschierte er
wieder nach Norden, um nunmehr in das Gebiet des
kaisertreuen Landgrafen Ludwig von Hessen-Darmstadt
einzufallen. Dort trieb er Kontributionen ein und ließ seine
Soldaten plündern. Außerdem wollte er den Landgrafen
zwingen, ihm die Festung Rüsselsheim auszuliefern, damit
Christian von Braunschweig dort den Main überschreiten
und seine Truppen sich mit denen Mansfelds vereinigen
konnten. Als der Landgraf die Übergabe Rüsselsheims
verweigerte, ließ Mansfeld ihn zum Gefangenen erklären,
was an der landgräflichen Weigerung indes nichts änderte.
Jetzt rächte sich, dass man durch den Zug nach Hagenau
eine ganze Woche verloren hatte, denn es fehlte die Zeit, um
das gut befestigte Rüsselsheim, das im Handstreich nicht zu
nehmen war, zu belagern und zur Übergabe zu zwingen.
Zudem hinterließ die rüde Behandlung des Landgrafen
Ludwig bei den evangelischen Reichsständen einen überaus
ungünstigen Eindruck. [16] Friedrich, so die vorherrschende
Ansicht, hatte sich mit einer Räuberbande eingelassen, um
seine augenscheinlich verlorene Sache doch noch zu retten,
und unter diesen Umständen hielt man sich besser, wie der
sächsische Kurfürst, an den Kaiser. Durch die Verbindung
mit Mansfeld geriet Pfalzgraf Friedrich immer stärker in die
politische Isolation. Das war das Problem mit Mansfeld: Er
machte, was er wollte, und wer sich mit ihm verbündete,
hatte einen hohen Preis zu zahlen.
Dass Mansfeld die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt so
ungehindert plündern konnte, lag auch an der Trennung
Tillys und Córdobas nach der Schlacht von Wimpfen;
während Tilly in Wimpfen blieb, um seinen Soldaten eine
Ruhephase zu verschaffen und die Verluste auszugleichen,
zog Córdoba nach Oppenheim, das er zuvor bereits als
Waffenplatz und Operationsbasis genutzt hatte. Anfang Juni
brach Tilly schließlich von Wimpfen auf, um dem Landgrafen
zu Hilfe zu kommen und die Vereinigung der Mansfeld’schen
Truppen mit denen des Braunschweigers zu verhindern.
Nachdem Mansfeld die Festung Rüsselsheim nicht in die
Hand bekommen hatte, hatte man sich für Aschaffenburg als
neuen Ort der Vereinigung entschieden und Christian von
Braunschweig dorthin beordert; die Hauptmacht des
pfälzisch-badischen Heeres – Markgraf Georg Friedrich war
mit seinen reorganisierten Truppen zu Mansfeld gestoßen –
brach von Darmstadt in Richtung Aschaffenburg auf. [17] Man
kam aber nicht weit, denn als das auf dem Weg liegende
kurmainzische Dieburg den Durchzug verweigerte, nachdem
man Nachricht vom Anmarsch Tillys bekommen hatte,
entschlossen sich die Mansfeldischen zum Rückzug in
Richtung Rhein. Bei diesem Rückzug verlor das Heer einen
Teil seines schwerfälligen Trosses an die entschlossen
nachdrängende leichte Reiterei Tillys, der die bei
Mingolsheim erlittene Schlappe auszuwetzen suchte. Am
11. Juni überschritten Mansfelds Truppen den Neckar, und
damit endeten auch die Nachhutgefechte. Tilly nämlich
wandte sich nunmehr dem Main zu, um Christian und sein
Heer an dessen Überquerung zu hindern.
Im Unterschied zum vergangenen Jahr führte Christian im
Frühjahr 1622 eine beträchtliche Streitmacht – es dürfte
sich um etwa 15000 Mann gehandelt haben –, und bei
diesem Heer befand sich auch der große, in Westfalen
zusammengeraubte Kriegsschatz. Beides, Heer wie
Kriegsschatz, konnte erheblichen Einfluss auf den Fortgang
des Kriegs um die Pfalz haben. Hatte Christian im Jahr 1621
noch mit den ihm als Administrator von Halberstadt
verfügbaren Mitteln Truppen geworben, so hatte er im
Winter 1621/22 in großem Stil damit begonnen, die zum
kurkölnischen Bistum Paderborn gehörenden Städte,
Lippstadt und Soest etwa, zu besetzen und auszuplündern.
[18] Im Unterschied zu Mansfeld, der plündern und
brandschatzen ließ, um seine Soldaten zu entlohnen, bei
dem es sich also um ein «Von der Hand in den Mund»-
Plündern handelte, ging es Christian um die Bildung eines
Kriegsschatzes, mit dem er Söldner anwerben und in seinen
Diensten halten konnte. Die Ausplünderung von Teilen
Westfalens durch Christian von Braunschweig war also ein
Projekt der Vorsorge, bei dem geraubt wurde, um
Kriegführung in großem Umfang zu ermöglichen. Der Krieg
befand sich zum Jahreswechsel 1621/22 noch im
Anfangsstadium, und die Akteure erprobten unterschiedliche
Methoden, ihn zu finanzieren. Bei Mansfeld waren
Kriegsschauplatz und geplünderte Territorien tendenziell
identisch, wobei er verschiedentlich den Kriegsschauplatz
wechselte, um noch nicht verwüstete Gebiete ausplündern
zu können; Christian dagegen suchte sich reiche Gebiete
aus, um dort einen Kriegsschatz zusammenzurauben, den er
dann auf einem anderswo gelegenen Kriegsschauplatz
einsetzte. Er plünderte Westfalen aus, um in der Pfalz Krieg
führen zu können.
Dabei ging der Braunschweiger mit großer Gründlichkeit
zu Werke: Von Januar an erschienen seine Obristen mit einer
Schar Berittener vor den Toren westfälischer Städte und
verlangten deren Übergabe, die Auslieferung der Vorräte
und der Waffen, vor allem der Kanonen, und dazu eine hohe
Entschädigungszahlung dafür, dass man nicht in die Stadt
eindrang und sie in Brand setzte. Man nannte das
Brandschatzung, und die Städte und Dörfer, die bezahlten,
erhielten ein Salvaguardia genanntes Schreiben, das so
etwas wie einen Schutzbrief darstellte. Je wohlhabender eine
Stadt, desto höher die Summe, mit der sie sich freikaufen
musste. Die Zahlungsbereitschaft stellte Christian sicher,
indem er Dörfer in Stadtnähe zu Demonstrationszwecken
niederbrennen ließ. In Soest fiel ihm der dem Propst des
Patroklistiftes anvertraute Paderborner Domschatz mit
einem Wert von 330000 Gulden in die Hände, im Kloster
Olinghausen war es der Erbschatz Dietrichs von
Fürstenberg, der 50 Zentner Silber und 63 Säcke Gold
umfasste, und von der reichen Beute in Paderborn selbst war
der vergoldete Silberschrein des heiligen Liborius das
wertvollste Stück. In den ebenfalls ausgeraubten Gräbern
des Paderborner Doms fanden sich mehrere Tausend
Gulden. Aus dem Paderborner Schrein ließ Christian
Münzen mit der Aufschrift «Gottes Freund, der Pfaffen
Feind» prägen. Über die vergoldeten Apostelfiguren an den
Längsseiten des Schreins soll er vor deren Einschmelzung
gesagt haben, Jesus habe sie aufgefordert, hinauszugehen in
alle Welt, und er, Christian, sorge nun dafür, dass sie das
auch tatsächlich täten. [19]
Auf Seiten des Kaisers hat man die von Christian und
seinem Verfahren der Kriegsfinanzierung ausgehende
Gefahr schnell erkannt; um zu verhindern, dass derlei
Schule machte, bot ihm der Kaiser eine Amnestie und die
offizielle Belehnung mit dem Stift Halberstadt an, die Kaiser
Matthias verweigert hatte. Offenbar ging man in Wien davon
aus, dass Christian zu den Waffen gegriffen hatte, weil er
seine Verfügung über das Stift Halberstadt gefährdet sah,
und wollte ihm mit der reichsrechtlich korrekten Einsetzung
als Bischof von Halberstadt entgegenkommen. Christian
hätte so ein Leben in materieller Sicherheit führen können,
doch darum ging es ihm nicht. Er suchte das Abenteuer und
sah sich als ein Ritter der schönen Elisabeth Stuart, der
Gemahlin Friedrichs, die er unter keinen Umständen im
Stich lassen wollte, wie das viele andere getan hatten. Also
lehnte er das kaiserliche Angebot ab und trieb seine
Kriegsvorbereitungen weiter voran. [20]

Durch das Wesertal und durch Hessen rückte Christian mit


12000 Fußsoldaten, 5000 Reitern und 3 Kanonen Richtung
Main vor. Nachdem sich die geplante Vereinigung mit
Mansfeld bei Aschaffenburg zerschlagen hatte, wollte er den
Main in der Umgebung von Frankfurt überqueren. Am
15. Juni erreichte er bei Oberursel kurmainzisches Gebiet;
zwei Tage später überschritten die inzwischen wieder
vereinigten Truppen Tillys und Córdobas bei Aschaffenburg
den Main, um den Braunschweiger nördlich der Mainlinie
zum Kampf zu stellen, bevor er sich mit den Truppen
Mansfelds verbinden konnte. Die Freie Reichsstadt
Frankfurt, die über eine beidseitig gesicherte Mainbrücke
verfügte, war für alle Parteien ein lohnendes Ziel; wer es
schaffte, sie unter Kontrolle zu bringen, hatte einen großen
Vorteil.
Der Rat der Stadt fürchtete, in einen Kampf hineingezogen
zu werden, bei dem man nur verlieren konnte, und ließ die
Ebenen vor der Stadtumwallung unter Wasser setzen, so
dass sich keine von beiden Seiten der Stadt bemächtigen
konnte. Das war für Christian mehr von Nachteil als für Tilly.
Christian ließ daraufhin das nahe Frankfurt gelegene
Städtchen Höchst besetzen, das, auf der nördlichen Seite
des Mains gelegen, den Flussübergang seiner Armee decken
sollte. Einen Fluss zu überqueren, war ein militärisch
überaus riskantes Manöver. Diejenigen, die den Fluss
bereits überschritten hatten, konnten denen, die noch auf
der anderen Seite standen, nicht zu Hilfe kommen, wenn sie
vom Gegner angegriffen wurden. Flussübergänge waren
deshalb eigentlich nur dann möglich, wenn keine feindlichen
Truppen in der Nähe standen, die sich auf die Nachhut
werfen und diese in den Fluss hineintreiben konnten, oder
wenn eine Schanze oder Befestigung vorhanden war, die den
Flussübertritt deckte. Der Verbindung mit Mansfeld wegen
musste sich Christian auf dieses riskante Manöver
einlassen – oder er musste sich Tilly allein zum Kampf
stellen und ihn angreifen. Das aber war keine attraktive
Option, da Tilly den Truppen des Braunschweigers im
Verhältnis von drei zu zwei überlegen war und über die
kampferprobteren Soldaten verfügte.
Am 18. Juni befahl Christian den Bau einer Schiffsbrücke
über den Main, die bereits am darauffolgenden Tag fertig
wurde. Das war in solch kurzer Zeit nur möglich, weil ihm
die Frankfurter mit Holzlieferungen halfen – ein Beleg für
protestantische Solidarität, auch wenn man darauf bedacht
war, politisch neutral zu bleiben. Die zentrale strategische
Devise lautete nunmehr, nach dem Übergang der
Avantgarde, die das linke Mainufer sichern sollte, den Tross
über den Fluss zu setzen, in dem die westfälische Beute
mitgeführt wurde, die für die weitere Kriegsfinanzierung
unerlässlich war. Derweil hatte Tilly Frankfurt umgangen
und das Flüsschen Nidda überschritten, er näherte sich
schon den Positionen des Braunschweigers. Der bezog
Gefechtspositionen hinter dem Sulzbach, wobei diese auf
ihrer rechten Seite an die Niddasümpfe angelehnt waren.
Dem Übergang über den Sulzbach bei dem Dorf Sossenheim
kam entscheidende Bedeutung zu; wer ihn beherrschte,
beherrschte die Lage. Christian war an Kavallerie, Tilly an
Artillerie überlegen. Durch eine entschlossene
Kavallerieattacke auf Tillys Zentrum wollte sich der «tolle
Halberstädter» die Chance eines geordneten Mainübergangs
verschaffen: Es ging ihm also nicht um eine
Entscheidungsschlacht, sondern um einen harten Schlag,
der Tillys Zentrum davon abhalten sollte, nachzudrängen,
wenn seine Truppen den Main überschritten. [21]
Der Schlachtplan des Braunschweigers war im Prinzip
vernünftig, nur setzte er höhere Kampfkraft, Disziplin und
Durchhaltefähigkeit voraus, als sie die von ihm geführten
Truppen besaßen. Deren Stärke lag im schnellen Ansturm,
aber nicht im längeren Gefecht. Alles kam somit darauf an,
dass die Kavallerieattacke, mit der Christian die Schlacht
eröffnen wollte, bei den Truppen Tillys eine deutliche
Wirkung zeigte, diese weit zurückwarf und ihre Formationen
derart durcheinanderbrachte, dass sie für einige Zeit
gefechtsunfähig waren. Tatsächlich gelang es Christians
Kavallerie, über Sossenheim hinaus vorzustoßen, aber dann
geriet sie in das Feuer von Tillys Kanonen, die dieser im
Halbkreis um sein Zentrum herum postiert hatte; dabei erlitt
die Kavallerie schwere Verluste, und der Angriff kam zum
Stehen. Seit seinem Eintritt in die Dienste Herzog
Maximilians hatte sich Tilly um die Artillerieausbildung
gekümmert, und so gehörte die bayerische Artillerie seit
Kriegsanfang zum Besten, was auf den Kriegsschauplätzen
ins Gefecht geführt werden konnte.
Die größte Wirkung zeitigte der Einsatz von Kanonen zu
Beginn einer Schlacht, wenn die Truppen einander
gegenüberstanden und sich noch nicht im Handgemenge
befanden. Danach nämlich waren Freund und Feind für die
Kanoniere nicht mehr zu unterscheiden. Die Kanonen
wurden vor der Front von Infanterie und Kavallerie postiert,
wo sie freies Schussfeld hatten. Man schoss mit Eisenkugeln
aufeinander, die, wenn sie in eine geschlossene Formation
einschlugen, verheerende Wirkung hatten. Mitunter wurden
auch Kugeln eingesetzt, die beim Aufprall
auseinanderklappten oder in zwei durch eine Kette
verbundene Teile zersprangen, was die Wirkung bei dicht
aufgestellter Infanterie noch einmal erhöhte. Auch
Kartätschen wurden verschossen, mit Bleikugeln oder
kleinen Eisenstücken gefüllte Hohlgeschosse, die über dem
Gegner explodieren sollten und deren Streueffekt zu
schweren Verwundungen führte. Kartätschenfeuer setzte
freilich Artilleristen voraus, die ihr Handwerk genau
verstanden. Das taktische Ziel beim Einsatz der Artillerie
war, die festgefügte Ordnung der gegnerischen Tercios
«aufzuweichen» und so den Angriff der eigenen Kavallerie,
vor allem aber die Stoßattacke der Infanterie vorzubereiten.
[22]

Unter diesen Umständen war jede Seite bestrebt, die


Wirkung der gegnerischen Artillerie auf die eigene
Aufstellung so weit wie möglich zu begrenzen. Ein Mittel
dazu war eine entschlossene Kavallerieattacke auf die
Kanonen, die infolge ihrer Postierung vor der eigenen
Infanterie überaus verwundbar waren. Um den Verlust der
Kanonen zu verhindern, reagierte die angegriffene Seite mit
einer Gegenattacke ihrer Kavallerie oder dem Vorrücken der
Infanterieformationen. Auf diese Weise entwickelte sich
nahezu jede Schlacht des Dreißigjährigen Krieges. Bei der
Aufstellung der Schlachtordnung kam es somit darauf an
vorwegzunehmen, wo der Schwerpunkt des gegnerischen
Angriffs liegen würde, auf einem der Flügel oder im
Zentrum, um die eigenen Kanonen entsprechend zu
postieren. Ein Stellungswechsel während der Schlacht war
unter günstigen Bedingungen vielleicht mit den leichten
Kanonen möglich, den Falkonetts und Feldstücken, nicht
aber mit den schweren Kanonen, den sogenannten
Kartaunen. [23] Deren Geschützrohr wog etwa 90 Zentner
und war auf einer schweren Lafette montiert; um diese
Ungetüme zu bewegen, mussten mehr als 20 Pferde
vorgespannt werden. Die Stellung während des Gefechts zu
wechseln, war auch deshalb unmöglich, weil die neue
Position der Kanonen vorbereitet werden musste, und dafür
waren aufwendige Schanzarbeiten erforderlich. Dazu
gehörte die Aufstellung von mit Erde gefüllten großen
Schanzkörben rechts und links von der Kanone, um deren
Bedienung gegen Musketenfeuer zu schützen, weiterhin die
Vorbereitung des Untergrunds, der den
Rückstoßbewegungen der Kanone beim Abfeuern genügen
musste, um ein Herausspringen des Rohrs aus der Lafette
oder deren Umkippen zu verhindern. Während die Kavallerie
die beweglichste und damit für den Heerführer am freiesten
einsetzbare Waffengattung im Gefecht war, war die
Artillerie, erst einmal postiert, unbeweglich und oftmals nur
bei Schlachtbeginn einsetzbar. Das sollte sich erst mit
Gustav Adolf ändern. Für den Verlauf einer Schlacht war
somit entscheidend, dass der Feldherr den Schlachtplan des
Gegners aus der Topographie des Geländes, den
Gepflogenheiten und Vorlieben des Kontrahenten und der
Disposition seines Aufmarschs frühzeitig ablesen konnte und
dementsprechend seine Anordnungen traf. Tilly war ein
Meister dieses antizipierenden Ablesens, und einen Großteil
seiner Siege verdankte er dieser Fähigkeit.

Das war auch in der Schlacht bei Höchst der Fall: Aus der
von Christian gewählten Aufstellung – der Anlehnung seines
rechten Flügels an das Sumpfgebiet der Nidda vor deren
Mündung in den Main und der Anlehnung des linken Flügels
an den Schäferberg, eine kleinere Erhebung in dem sonst
eher ebenen Gelände – schlussfolgerte Tilly, dass Christians
Attacke bei Sossenheim erfolgen würde, weshalb er dem
Dorf gegenüber seine zwölf Kanonen aufstellte. [24] In ihrem
konzentrischen Feuer erlitt Christians Kavallerie schwere
Verluste; es gelang ihr nicht, bis zu den gegnerischen
Kanonen vorzudringen, um diese auszuschalten, geschweige
denn Tillys Infanterie in Unordnung zu bringen. Es kam
hinzu, dass von den drei Geschützen, die Christian südlich
von Sossenheim am Knick des Sulzbachs zur Unterstützung
des Angriffs aufgestellt hatte, eines aufgrund von
Überladung zerbarst und ein weiteres durch einen
Volltreffer seitens Tillys Artillerie zerstört wurde. Christians
Kanoniere waren unerfahren, die Tillys hingegen Meister
ihres Fachs. Christian ließ wegen des ins Stocken geratenen
Kavallerieangriffs seine Infanterie vorrücken, woraufhin
auch Tilly seine Infanteriemassen zum Angriff vorgehen ließ.
Sossenheim fiel in die Hände von Tillys Truppen, und damit
war die Position Christians unhaltbar geworden.
Merians Kupferstecher, der den Kampf zwischen Tilly und Christian von
Braunschweig um den Mainübergang im Juni 1622 festgehalten hat, war, da im
nahe gelegenen Frankfurt tätig, mit den geographischen Verhältnissen gut
vertraut. Die Mündung der Nidda in den Main ist gut zu erkennen. Gekämpft wird
auf der linken Bildhälfte, wo die Infanterieformationen stehen und der Rauch
abgefeuerter Kanonen zu sehen ist. In der unteren Bildmitte das befestigte
Höchst, davor, ganz am unteren Bildrand, Trosswagen und Kavalleristen, die der
Brücke über den Main zustreben, dem Nadelöhr des Rückzugs, wo das Desaster
für Christian seinen Lauf nahm.

Der Braunschweiger befahl den Rückzug nach Höchst und


die Überquerung des Mains, wobei die wertvolle Bagage,
zumal die Wagen mit den zusammengeraubten und
erpressten Schätzen, den Anfang machen sollte. Aber die
Flussüberquerung der schweren Wagen nahm Zeit in
Anspruch, und derweil brach in dem wenig kampferprobten
Heer Panik aus: Alles drängte zur Brücke, die diese Massen
nicht aufnehmen konnte; viele stürzten ins Wasser, andere
versuchten, den Fluss schwimmend oder zu Pferd zu
durchqueren, aber der Main war an seinem Unterlauf recht
tief und hatte eine beachtliche Strömung, so dass die
meisten ertranken. Dass es nicht zur vollständigen
Vernichtung der Armee Christians von Braunschweig kam,
lag an der Standhaftigkeit des als Reserve bereitgehaltenen
Eschwey’schen Kavallerieregiments unter Oberst Heinrich
Piper von Minden. Es brachte die auf die rechtsmainische
Seite der Schiffsbrücke vorstoßenden sieben
Kavalleriekompanien Tillys unter Oberstleutnant Winand von
Eynatten zum Stehen. So konnte Christian zwei Drittel
seines Heeres sowie große Teile des Trosses retten, vor
allem die Kriegskasse, und mit 3000 Reitern sowie
8000 Fußsoldaten zu Mansfeld stoßen, mit dessen Truppen
er sich zwischen Bensheim und Pfungstadt vereinigte. [25]
Das Leibregiment Christians und ein Infanterieregiment
unter Oberst Kochler waren zerschlagen, aber aus dem Rest
der Armee formten Christian und sein Stellvertreter,
Reichsfreiherr Dodo zu Imhausen und Knyphausen, schon
bald wieder eine einsatzfähige Truppe.
Man kann die Schlacht bei Höchst als eine schwere
Niederlage Christians beschreiben, wie das in der älteren
Literatur zumeist der Fall ist. [26] Damit verbindet sich in der
Regel ein vernichtendes Urteil über Christians Fähigkeiten
als Feldherr: Der «tolle Halberstädter» sei zu unerfahren
gewesen und habe übermütig und unvorsichtig agiert. Dem
steht eine jüngere Sichtweise gegenüber, die von den
Problemen ausgeht, mit denen Christian bei Höchst
konfrontiert war: der Unerfahrenheit seiner Truppen, der
Kriegserfahrenheit seines Gegenspielers, den
Schwierigkeiten im Zusammenwirken mit Mansfeld, der
ständig seine Dispositionen änderte und Christian nicht bis
zum Main entgegenkam. Die neuere Forschung wertet daher
den erfolgreichen Mainübergang sowie die Rettung eines
Großteils der Truppen mitsamt der Kriegskasse als einen
beachtlichen Teilerfolg des Halberstädters, dessen Attribut
«toll» somit für seine Tollkühnheit und seinen Wagemut
steht. [27]
Die Darstellung der Schlacht bei Höchst am 20. Juni 1622
kann nicht abgeschlossen werden, ohne einen Blick auf das
Schicksal derer zu werfen, die von Christians Armee auf der
rechten Mainseite zurückgeblieben waren: Erstmals zeigte
sich hier die Wut der Bauern auf die, die sie zuvor
ausgeplündert hatten. Mit Sensen und Dreschflegeln fielen
sie über einzelne Soldaten her und machten sie gnadenlos
nieder, um sie anschließend ihrerseits auszuplündern. Sie
beschränkten sich dabei nicht auf die Wertsachen der
Soldaten, sondern beraubten sie auch ihrer Kleider und
Stiefel; das galt auch für die angetriebenen Leichen der im
Main Ertrunkenen. Besser erging es den Soldaten, die sich
den Truppen Tillys ergaben und in dessen Heer
«untergesteckt» wurden, also den Eid auf die Fahne des
Regiments ablegen mussten, in dem sie zukünftig dienten.
[28] Zurück blieb außerdem die Besatzung des Schlosses
Höchst, die lange Widerstand geleistet und dann unter der
Bedingung kapituliert hatte, dass Tilly ihr einen ehrenvollen
Abzug zusicherte. Als Oberstleutnant von Eynatten unter
den Abziehenden jedoch Plünderer zu identifizieren glaubte,
darunter auch diejenigen, die zuvor einen katholischen
Priester kastriert haben sollten, ließ er diese gefangen
nehmen und aufhängen. Das war die übliche Strafe, die auf
Plünderung und Vergewaltigung stand. So zeigen Jacques
Callots Radierungen den Lebenszyklus von Soldaten, die zu
Plünderern und Vergewaltigern wurden und zuletzt am
Galgen oder auf dem Rad endeten. [29] In diesem Fall war der
Strafvollzug indes ein Problem, weil er mit dem Bruch von
Tillys Ehrenwort verbunden war. [30]
Das Ende des Kriegs um die Pfalz
Am Tag der Höchster Schlacht schied Markgraf Georg
Friedrich von Baden-Durlach aus dem Krieg aus.
Niedergeschlagen von der verlorenen Schlacht bei Wimpfen,
infolge der zur Neige gehenden finanziellen Mittel in seinen
Möglichkeiten begrenzt und vermutlich auch durch die
schwache Position Friedrichs neben Mansfeld irritiert,
verließ er das Lager, ohne sich zu verabschieden.
Anschließend befahl er Oberst Pleickhard von Helmstatt die
Abdankung der von ihm besoldeten Truppen. [1] Im Ergebnis
war das ein größerer Verlust für die pfälzische Sache als
der, den Christian bei Höchst erlitten hatte. Zwar konnte
man die vom badischen Markgrafen entlassenen Soldaten,
wenn sie wollten, unmittelbar in die Armeen Mansfelds oder
Christians übernehmen, doch dadurch wurden die
Finanzierungsprobleme des Heeres nur größer, als sie
ohnehin schon waren. Vor allem aber wurde die politische
Basis des Widerstands gegen Kaiser und Liga mit dem
Ausscheiden des lutherischen Markgrafen noch schmaler. Es
kam hinzu, dass das Verhältnis zwischen Ernst von Mansfeld
und Christian von Braunschweig alles andere als kooperativ
war: Christian warf Mansfeld vor, dass er ihn am Main im
Stich gelassen habe, und Mansfeld erwiderte, Christians
Anmarsch zum Main habe zu lange gedauert, er habe sich
bei seinem Vorstoß nach Süden zu viel Zeit gelassen.
Obendrein gab es Streitigkeiten, weil der Herzog an der
Tafel des Kurfürsten einen höheren Rang einnahm als der
Graf und Christian im Vergleich zu dem kränkelnden und
körperlich klein geratenen Kriegsunternehmer eine sehr viel
eindrucksvollere Figur abgab. [2]
Bei einem Kriegsrat am 22. Juni 1622 beschloss man, das
rechte Rheinufer aufzugeben und, da im nördlichen Teil der
Rheinpfalz spanische Truppen standen, in das Gebiet des
Straßburger Bischofs, des Erzherzogs Leopold, einzufallen
und die Soldaten dort durch Plündern und Brandschatzen
bei Laune zu halten. Das waren freilich Operationen, die
eher im Interesse Mansfelds als in dem des Pfalzgrafen
lagen, der mehr und mehr zu dem Ergebnis gelangte, dass
die Verteidigung der Rhein- und die Rückeroberung der
Oberpfalz mit Hilfe Mansfelds ein Projekt ohne
Erfolgsaussicht war. In dieser Situation entschloss sich
Friedrich, anstatt weiterhin auf die militärische Karte zu
setzen, eine politische Lösung anzustreben, zu der ihn sein
Londoner Schwiegervater seit längerem drängte. Am
22. Mai 1622, also etwa einen Monat zuvor, hatten in
Brüssel Verhandlungen zwischen dem Statthalter der
südlichen Niederlande als Vertreter Spaniens und Gesandten
König Jakobs begonnen, in denen es um die Zukunft der
Pfalz ging. Wären diese Verhandlungen erfolgreich gewesen
und hätten zu einem alle Seiten befriedigenden Ergebnis
geführt, so wäre damit der Krieg beendet worden: Es wäre
beim böhmisch-pfälzischen Krieg geblieben, und der
Dreißigjährige Krieg hätte nicht stattgefunden. Man kann
darüber streiten, ob die Brüsseler Verhandlungen von
vornherein zum Scheitern verurteilt waren, weil Jakob I.
sowie sein Verhandlungsführer Sir John Digby, der seit
längerem schon im Reichsgebiet die Möglichkeiten zur
Beendigung des Krieges sondiert hatte, sie nur benutzten,
um sich vor einer größeren militärischen Unterstützung
Friedrichs zu drücken – tatsächlich finanzierte England zu
dieser Zeit nur die zwei Regimenter unter Horace Vere, die
sich auf die Verteidigung von Heidelberg, Mannheim und
Frankenthal beschränkten –, oder ob ein Ausgleich zu
erzielen gewesen wäre, wenn der aus dem Hintergrund
agierende Bayernherzog die Verhandlungen nicht sabotiert
hätte. Maximilian war nämlich an einem friedlichen
Ausgleich nicht interessiert, solange die Pfälzer Kurwürde
nicht auf ihn übertragen, also die geheime Zusatzklausel des
Münchner Vertrags erfüllt war. [3] Die Frage war indes, wie
viel Macht der Bayer tatsächlich hatte und wie sehr sich
Kaiser Ferdinand gegenüber seinem bayerischen
Verbündeten in der Pflicht sah.
In Brüssel trafen die unterschiedlichen Interessen der am
Konflikt Beteiligten unmittelbar aufeinander, und dabei
zeigte sich, dass es nicht nur den Gegensatz zwischen der
katholischen und der protestantischen Seite gab, sondern
auch erhebliche Spannungen innerhalb der beiden Parteien.
Infolgedessen zogen sich die Verhandlungen bis Ende
September 1622 hin, ohne dass Fortschritte gemacht
wurden. [4] Als man auseinanderging, wurden die Gespräche
nicht abgebrochen, sondern nur verschoben; im Prinzip war
jedoch klar, dass man beim gegenwärtigen Stand der Dinge
nicht zu einer Einigung kommen würde. Spanien und
England strebten die Wiedereinsetzung Friedrichs in der
Pfalz an, Maximilian widersetzte sich dem, solange die Kur
nicht auf ihn übertragen war, der Kaiser changierte, da er
dem Bayern Oberösterreich als Pfand für dessen
Kriegskosten abgetreten hatte, das er zurückhaben wollte,
und Friedrich wiederum war nicht bereit, auf die böhmische
Krone als Vorleistung für eine Verständigung zu verzichten.
Seine Position war jedoch schwach, und vor die
Entscheidung gestellt, weiterhin im Gefolge des
Mansfeld’schen Heeres auf die Rückeroberung seiner
Länder zu setzen oder der Aufforderung seines
Schwiegervaters in London zu folgen und in die Beendigung
der Kriegshandlungen einzuwilligen, entschied er sich für
Letzteres. Das bedeutete, dass Friedrich sich von Mansfeld
und dem Braunschweiger trennen musste, denn deren
Truppen waren ohne Raubzüge in die angrenzenden
Territorien nicht zusammenzuhalten. Also erteilte Friedrich
am 13. Juli 1622 den beiden einen ehrenvollen Abschied und
begab sich nach Sedan in den Schutz des lothringischen
Herzogs von Bouillon.

Mansfeld und Christian waren von diesem Augenblick an


selbständige Kriegsunternehmer, die in niemandes Auftrag
standen und sich entscheiden mussten, ob sie ihre Truppen
abdanken und ihr bisheriges Geschäftsmodell
beziehungsweise das politische Projekt einer
Wiedereinsetzung Elisabeths aufgeben [5] oder sich nach
einem neuen Auftraggeber umtun sollten. Am ehesten
kamen dafür die Generalstaaten der Niederlande in Frage,
die sich nach dem Auslaufen des Waffenstillstands mit
Spanien im Kriegszustand befanden und seitdem einige
Schlappen erlitten hatten. Im Januar 1622 hatte Spínola die
Festung Jülich erobert, die über mehr als ein Jahrzehnt von
einer niederländischen Besatzung gehalten worden war, [6]
und Ende Juli hatte Córdoba die Truppen, die nicht länger in
der Pfalz gebraucht wurden, mit seinen Streitkräften
vereinigt, um die niederländische Festung Bergen op Zoom
zu belagern. Durch den Verlust von Bergen op Zoom hätte
sich die strategische Lage der nördlichen Niederlande
erheblich verschlechtert. Ende August wurden sich die
Generalstaaten mit Mansfeld und Christian – beide hatten
sich zwischenzeitlich wieder einmal zerstritten –
handelseinig, und es wurde vereinbart, dass deren Truppen
in die Dienste des Prinzen von Oranien traten, um das
belagerte Bergen op Zoom zu entsetzen. Das war die
Voraussetzung dafür, dass die Truppen zusammengehalten
werden konnten. Von nun an übernahmen die
Generalstaaten die Besoldung. [7]
Das Problem, das sich damit stellte, war die Heranführung
der in Lothringen festsitzenden Truppen Mansfelds und
Christians; sie mussten die spanischen Niederlande, also
Feindesland, durchqueren, und das in möglichst kurzer Zeit.
[8] Also wurden mehr als 200 Bagagewagen verbrannt, man
verzichtete auf die Mitführung der schwerfälligen Artillerie
(mit Ausnahme zweier leichter Kanonen) und nutzte die so
freigewordenen Pferde, um Fußsoldaten zu Reitern zu
machen. Da es sich um Zugpferde handelte, saßen oft zwei
Mann auf einem Tier; so wurde das Tempo, mit dem sich das
Söldnerheer durch das nördliche Frankreich und danach die
südlichen Niederlande bewegte, erheblich gesteigert,
weshalb man auch von einer armée volante, einer fliegenden
Armee, sprach. Da sie keinen Tross mitführte, musste sie
sich aus dem Land versorgen, und das hatte zur Folge, dass
sie eine breite Spur der Verwüstung hinterließ. Befestigte
Städte wurden umgangen, Widerstand leistende Scharen von
Bauern, etwa im Hennegau, auseinandergejagt. Nahe
Fleurus stieß man dann auf spanische Truppen, die unter
dem Kommando Córdobas in Eilmärschen herbeigezogen
waren, um das feindliche Söldnerheer abzufangen. Wollten
Mansfeld und Christian ihr Ziel, Bergen op Zoom, erreichen,
so mussten sie eine Schlacht wagen und den Durchbruch
schaffen, um auf der alten Römerstraße von Köln nach
Cambrai weitermarschieren zu können.
Am frühen Morgen des 29. August begann die
Durchbruchsschlacht von Fleurus. Córdoba verfügte über
etwa 7000 Mann zu Fuß, Mansfeld und Christian waren bei
den Fußsoldaten nahezu gleich stark; an Reiterei waren sie
mit etwa 6000 Mann den etwa 2500 Reitern Córdobas
deutlich überlegen, während dieser mit sieben Feldstücken
gegenüber den zweien des Söldnerheeres im Vorteil war.
Zudem konnte Córdoba sich leisten, in der Defensive zu
bleiben; Mansfeld und Christian dagegen mussten angreifen,
um den Durchbruch zu schaffen. Außerdem standen sie vor
dem Problem, dass in der Nacht zuvor 1500 Berittene erklärt
hatten, sie würden sich an der Schlacht nicht beteiligen, da
sie keinen Sold erhalten hätten. Immerhin erreichte
Mansfeld, dass sie auf dem Schlachtfeld blieben und sich so
postierten, dass man sie für eine Reserveeinheit halten
konnte.
Fleurus wurde zu der Schlacht, in der Christian von
Braunschweig seinem Ruf als der «tolle Halberstädter»
gerecht wurde: In einem kühnen Angriff zersprengte die von
ihm geführte Kavallerie des linken Flügels die gegnerische
Reiterei, drang bis zu den Trosswagen des spanischen
Heeres vor und attackierte anschließend die
Infanterieregimenter Córdobas von der Seite und vom
Rücken her, während der das Zentrum kommandierende
Mansfeld die Fußtruppen zum Angriff führte. Durch die
ständigen Kavallerieattacken standen die spanischen Tercios
dicht gedrängt und bildeten so ein gutes Ziel für die beiden
Kanonen Mansfelds, während die Artillerie Córdobas bereits
von Christians Kavallerie ausgeschaltet worden war. Das
war schlachtentscheidend, denn damit war Córdoba die
Waffengattung genommen, bei der er überlegen war. Nach
sechsstündigem Gefecht wichen die spanischen Verbände
zurück und gaben den Weg nach Nordosten frei.
Bei Fleurus gelang den Truppen Mansfelds und Christians von Braunschweig im
August 1622 unter hohen Verlusten der Durchbruch in Richtung Niederlande. Da
der spanische General Gonzalo Fernández de Córdoba dies hatte verhindern
wollen, ist Fleurus als ein Sieg der beiden protestantischen Söldnerführer
anzusehen. Aber auch die Spanier feierten Fleurus als einen Sieg, da sie das
Schlachtfeld behaupteten. Das heute im Madrider Prado hängende Bild von
Vincenzo Carducci zeigt die Schlacht mit dem von rechts ins Bild reitenden
Córdoba.

Die Verluste beider Seiten waren mit 2000 bis 3000 Mann
etwa gleich groß, und beide beanspruchten hernach den
Sieg für sich: Mansfeld und Christian, weil sie den
Durchbruch erzwungen hatten, die Spanier, weil sie nach
dem Durchzug der Söldner das Schlachtfeld wieder besetzen
konnten, was üblicherweise als Zeichen des Sieges galt. In
diesem Fall aber täuschte die Symbolik, denn strategisch
hatten sich Mansfeld und Christian durchgesetzt, und
Córdoba hatte die ihm zugedachte Aufgabe nicht erfüllt. Als
die Truppen Anfang Oktober vor Bergen op Zoom eintrafen,
mussten die Spanier die Belagerung aufheben. Das war ein
herber Rückschlag für sie, zumal sie auf einen schnellen und
durchschlagenden Erfolg gesetzt hatten. Der lag nun in
weiter Ferne.
Bei den von ihm angeführten Kavallerieattacken hatte
Christian einen Schuss in den Arm bekommen; einige
sprechen von einem Durchschuss der linken Hand, andere
von einem Einschuss vier Finger oberhalb des Ellbogens. [9]
Vorerst war keine Zeit, die Wunde zu behandeln, da das
Heer eilends weiterziehen musste. Nach einigen Tagen hatte
Wundbrand den Arm befallen, und als das Heer in Breda,
einer Festungsstadt der Generalstaaten, angelangt war,
musste der Arm amputiert werden. Die Art, wie Christian
diese Amputation vornehmen ließ, war typisch für den
«tollen Halberstädter»: Sie fand in Anwesenheit des Heeres
statt, jedenfalls der braunschweigischen Truppen, und
Christian ließ während des Schneidens und Sägens die
Trommel schlagen, um seine Schmerzensschreie zu
übertönen. Christian tat alles, um den Eindruck zu
vermeiden, er werde als Versehrter nun aus dem
Kriegsgeschehen ausscheiden. Als er nach der Amputation,
so berichtet das Theatrum Europaeum, in Breda das Bett
hüten musste, ließ er einen spanischen Trompeter, der sich
wegen des Austauschs von Gefangenen in der Stadt aufhielt,
an sein Lager kommen und trug ihm auf, «dem Spinola zu
sagen, der tolle Herzog hätte zwar seinen einen Arm
verloren, aber den anderen behalten, sich an seinen Feinden
zu rächen» [10]. Seinem Bruder schrieb Christian, «und ob
zwar der eine Arm großen Mangel erlitten, so verhoffen
[wir] doch dem Vaterlande noch mit dem übrigen gute
Dienste zu erweisen» [11]. Aus der bei Fleurus gemachten
Beute ließ er Münzen mit der Aufschrift «Altera restat»
schlagen – der andere ist geblieben. Das war, wie auch die
Spínola zugesandte Botschaft, als Beleg eines
Durchhaltewillens zu verstehen.
Symbolkrieg, Propagandakrieg und die
Übertragung der Kurwürde
Christian von Braunschweig wusste um den Wert politischer
Symbole und hatte eine ausgeprägte Neigung zu großen
Gesten. Solche hatte er bereits gezeigt, als er aus dem
Paderborner Domschatz «Pfaffenthaler» schlug oder als er
den Handschuh Elisabeths, den diese hatte fallen lassen,
erst wieder zurückzugeben versprach, wenn sie durch seine
Hilfe als böhmische Königin nach Prag zurückgekehrt sei.
Als er 1623 die Niederlande verließ, um im
niedersächsischen Kreis Truppen zu werben, die den Krieg
um die Pfalz wiederaufnehmen sollten, ließ er auf seiner
Leibfahne die Parole Tout pour Dieu et pour Elle anbringen:
Für Gott und für Sie, womit Elisabeth gemeint war. Andere
Fahnen trugen neben dem Namenszug Christians die
Aufschrift Recuperare aut mori, Zurückgewinnen oder
Sterben, womit das Programm seiner Kriegführung umrissen
sein sollte. [1] Die Parole Tout pour Dieu et pour Elle war
jedoch nicht nur eine Reverenz an die Gemahlin Friedrichs,
sondern zugleich auch eine Verhöhnung Tillys, der ein
glühender Marienverehrer war und dessen Leibregiment
Fahnen mit Symbolen der Marienverehrung führte. Eine
davon zeigte die Wallfahrtskapelle von Altötting, die Tilly
selbst mehrfach aufgesucht hatte, und oberhalb der Kapelle
Maria mit dem Jesuskind im Strahlenkranz. [2] Tillys
Kommandofahne, die in der Schlacht von Breitenfeld in
schwedische Hände fiel – sie wird heute als Trophäe aus
dem Dreißigjährigen Krieg in Stockholm aufbewahrt –, trug
die auf Bernardino da Siena zurückgehende Symbolik
«IHS» – für griechisch Iesous, Hyos, Soter: Jesus, Sohn
(Gottes), Retter/Heiland –, und auf dem Querbalken des «H»
war ein Kreuz mit Maria und Johannes sowie ein von Lanzen
und Kreuznägeln durchbohrtes Herz zu sehen. Es war die
marienzentrierte Heiligensymbolik des
gegenreformatorischen Katholizismus, die Tilly als
militärische Emblematik nutzte, um deutlich zu machen,
worin die Legitimation seines Kampfes bestand. Höhepunkt
dieser Marienverehrung war im Jahr 1638, also noch
während des Krieges, die Errichtung der Mariensäule im
Zentrum Münchens: Maria als Patrona Bavariae,
Schutzheilige Bayerns, ist darauf umgeben von vier Putten,
die als Kämpfer gegen Hunger, Pest, Krieg und Ketzerei
dargestellt werden – die gegenreformatorische Variante der
vier apokalyptischen Reiter aus der Offenbarung des
Johannes. [3]
Die böhmischen Reformierten hatten gegen den
katholischen Marienkult opponiert, indem sie auf den
Bildern, die in ihre Hände fielen, den Heiligen und vor allem
der Mutter Gottes die Augen ausstachen. Das war eine
demonstrative Provokation, ergab aber keine eigene
politisch-religiöse Symbolik. Der «tolle Halberstädter» war
da mit der Aufschrift Tout pour Dieu et pour Elle einen
Schritt weiter; der Elisabeth-Bezug war eine Symbolik seines
ritterlichen Minnedienstes, spielte aber für die Soldaten
seines Heeres keine Rolle. Christian hatte offenbar ein
Gespür für die symbolpolitische Schwachstelle des
Protestantismus – was Mansfeld dagegen völlig abging –,
konnte jedoch keine wirkliche Lösung anbieten. Das pour
Elle blieb auf ihn und die Verhöhnung Tillys beschränkt.
Dem «geharnischten Mönch» wurde eine für ihre
körperliche Schönheit gerühmte Frau entgegengestellt.

Derweil hatte der Abzug von Mansfelds und Christians


Truppen Tilly den nötigen Spielraum verschafft, um die
Eroberung der Rheinpfalz zu beenden und die drei noch in
der Hand Friedrichs befindlichen Festungsstädte –
Mannheim, Frankenthal und die Residenzstadt Heidelberg –
unter seine Kontrolle zu bringen. Mit Heidelberg machte
Tilly den Anfang. [4] Nach dem Abrücken Córdobas in die
südlichen Niederlande zog er die Truppen Erzherzog
Leopolds an sich, und am 16. August 1622 war die
Residenzstadt des Pfalzgrafen vollständig eingeschlossen.
Die vor allem aus englischen Soldaten bestehenden
Verteidiger unter dem Kommando des Niederländers
Hendrik van der Merven waren nicht gewillt, sich kampflos
zu ergeben, und leisteten zunächst an den äußeren
Bastionen, dann in der Kernstadt am linken Neckarufer und
schließlich, nachdem man auch die Stadt hatte aufgeben
müssen, im Schloss erbitterten Widerstand. Tilly hatte sie
mehrfach zur Kapitulation aufgefordert, doch van der
Merven hatte dies zurückgewiesen, so dass die Soldaten
Tillys, als sie am 16. September in das Stadtzentrum
eindrangen, das dem Kriegsbrauch entsprechende Recht auf
Plünderung ausgiebig in Anspruch nahmen. Die Bevölkerung
erlebte drei Tage lang «eine Orgie von Mord, Schändung
und Plünderung». [5] In der alten Stadt, so heißt es in einem
zeitgenössischen Bericht, sei «ein jämmerlich Zetergeschrei
[entstanden] durch Massacrieren, Plündern und
Geldherausmartern mit Däumeln, Knebeln, Prügeln,
Peinigen, Nägelbohren, Sengen an heimlichen Orten,
Aufhenken, Brennen an den Fußsohlen, mit Schänd- und
Wegführung der Frauen und Jungfrauen», und «dieses
Plündern sei bis in den dritten Tag continuiert worden». [6]
Die hier berichteten Vorgänge sollten sich bei der Eroberung
von Städten noch viele Male wiederholen. Heidelberg
machte den Anfang, und neben den Ereignissen in
Magdeburg 1631, also neun Jahre später, war es vor allem
die Plünderung der «Neckarperle», die für den schlechten
Ruf Tillys bis heute verantwortlich ist. Tilly steht darin
Mansfeld nur wenig nach – auch wenn jüngere Biographen
sich bemüht haben, Tilly in besseres Licht zu rücken, indem
sie betonten, dass die Plünderung Heidelbergs dem
damaligen Kriegsrecht entsprochen habe. [7]
Kurz nach der Eroberung der Kernstadt kapitulierten die
Verteidiger des Schlosses, nachdem sie von Horace Vere,
dem in Mannheim befindlichen Oberkommandierenden des
englischen Truppenkontingents, die Erlaubnis dazu erhalten
hatten. Am 20. September zogen die etwa 500 Mann van der
Mervens mit Waffen und Tross – «mit klingendem Spiel»,
also in allen Ehren – in Richtung Frankfurt ab. Tilly wandte
sich unterdessen gegen Mannheim, das, nachdem sich Vere
zunächst in die Zitadelle zurückgezogen hatte, am
2. November kapitulierte. Damit war nur noch Frankenthal
in pfälzischer Hand; um mit dessen Belagerung zu beginnen,
war die Jahreszeit bereits zu weit fortgeschritten. Am
23. März 1623 unterzeichneten die englische und die
spanische Regierung einen Vertrag, der die Übergabe
Frankenthals nicht an die Liga, sondern an die Brüsseler
Statthalterschaft vorsah, und zwar zu treuhänderischen
Bedingungen: Die Festung sollte an die englische Besatzung
zurückgegeben werden, wenn es nicht innerhalb von
achtzehn Monaten zu einer Aussöhnung zwischen dem
Kaiser und dem Kurfürsten gekommen sein sollte. [8] Danach
zog eine spanische Truppe in Frankenthal ein, und damit
stand die gesamte Rheinpfalz unter der Kontrolle des
Kaisers und seiner Verbündeten. Ende 1622 und Anfang
1623 war die Herrschaft Friedrichs in seinen Erblanden zu
Ende gegangen. Der Krieg schien für ihn endgültig verloren.
Zu den Siegestrophäen gehörte die berühmte
Heidelberger Bibliotheca Palatina, die bedeutendste
Büchersammlung nördlich der Alpen, mit der nur die
Vatikanische Bibliothek in Rom vergleichbar war. Sie
enthielt griechische Handschriften, vor allem aber sämtliche
reformatorische Schriften, und Letzteres war wohl der
Grund, warum die Römische Kurie so großen Wert darauf
legte, dass diese Bestände nach Rom überführt wurden. Auf
Seiten der Sieger konnte man dem Papst diesen Wunsch
schlecht abschlagen, nachdem er die Kriegführung mit
erheblichen Subsidienzahlungen unterstützt hatte. Mit
50 Wagen wurden die Schätze nach Rom gebracht, wo sie
der Vatikanischen Bibliothek einverleibt wurden und wo sie
sich bis heute befinden. [9] In der Forschung wird immer
noch darüber gestritten, wer für dieses «Geschenk» an den
Papst verantwortlich sei, Herzog Maximilian oder Kaiser
Ferdinand II. – immerhin hat Maximilian, als der Wagenzug
durch München kam, die Heidelberger Bücher mit seinen
«Exlibris» versehen lassen. [10] Dieser Streit bezieht seine
Brisanz nicht zuletzt daraus, dass eine solche Plünderung
von Kulturgütern gemäß den kriegsrechtlichen Regelungen
nach 1648 ein Kriegsverbrechen dargestellt hätte, das nur
durch die Rückführung des Beuteguts wiedergutgemacht
werden konnte. Noch aber galten diese Regelungen nicht.
Bibliotheken waren während des gesamten Krieges ein
bevorzugtes Beutegut der Fürsten; als die Schweden
Würzburg eroberten, ließen sie die bischöfliche Bibliothek
nach Uppsala bringen, und auch die kaiserlichen Generäle
Gallas und Aldringen hielten sich an die herzogliche
Bibliothek, als sie 1630 Mantua ausplünderten. [11]
Wahrscheinlich wären im Herbst 1622 und Frühjahr 1623
Verhandlungen zur Beendigung des Krieges leichter
gefallen, wenn sich Friedrich gegen Tilly und Córdoba in der
Rheinpfalz militärisch behauptet hätte. Die von England
immer wieder ins Spiel gebrachte Formel eines Ausgleichs
zielte nämlich darauf ab, dass Friedrich V. auf Böhmen sowie
die zugehörigen Gebiete verzichtete und der Kaiser im
Gegenzug Friedrich im Besitz seiner Erblande sowie der
damit verbundenen Stellung im Reich beließ. Das lief, wenn
man von den inneren Verhältnissen Böhmens absieht, auf die
Wiederherstellung des Status quo ante hinaus. [12]
Spanien hatte große Sympathien für eine solche Lösung,
denn man spürte in Madrid zunehmend die finanziellen
Belastungen des Krieges, die das Land inzwischen deutlich
überforderten. Die 1618 diskutierte Frage, ob Spanien
dringlich Frieden brauche und sich diesen Krieg überhaupt
leisten könne, [13] tauchte mit dem Tod Philipps III. und dem
Regierungsantritt seines Sohnes Philipp IV. erneut auf.
Außerdem hatten die Spanier das Ziel, um dessentwillen sie
in den Krieg eingetreten waren, im Wesentlichen erreicht:
Die Position der Habsburger in Mitteleuropa war
wiederhergestellt. Es gab aus der Perspektive Madrids also
keinen Grund, den kräftezehrenden Krieg weiterzuführen.
Bei einer Restitution des Pfalzgrafen unter spanischer
Mitwirkung konnte man zudem davon ausgehen, dass die
geostrategischen Interessen Spaniens – man wollte über
eine sichere Verbindung zwischen Norditalien und den
Niederlanden verfügen, die «spanische Gasse», den camino
español oder camino real – berücksichtigt würden.
Die Spanier waren sich darüber im Klaren, dass
Maximilian mit einer solchen Lösung nicht einverstanden
war, gingen aber davon aus, dass der Kaiser andere
Möglichkeiten als die Absetzung des Pfalzgrafen finden
würde, den Bayernherzog angemessen zu belohnen und
zufriedenzustellen. Ende 1622 und Anfang 1623 war die
Position Maximilians nicht mehr so stark wie noch im Jahr
zuvor: Die zeitweilige Übereinstimmung seiner Interessen
mit Kursachsen begann sich aufzulösen, und der Kaiser war
seit dem Zerfall der protestantischen Union und der
Eroberung der Rheinpfalz erheblich weniger auf eine
militärische Unterstützung durch die Liga angewiesen. Jetzt
hing alles davon ab, wie sich der Kaiser gegenüber
Maximilian verhalten würde und ob Spanien sich auf
Konzessionen gegenüber den bayerischen Ansprüchen
einließ. Bayern und Spanien, die beiden wichtigsten
Unterstützungsmächte des Kaisers in den vorangegangenen
Feldzügen, standen sich nun gegenüber, und beide suchten
auf den Kaiser in ihrem Sinne einzuwirken.
Aber das war nur die machtpolitische Sicht der Lage.
Sobald man eine konfessionspolitische Perspektive einnahm,
stellten sich die Konstellationen gänzlich anders dar: Dann
nämlich ergab sich infolge der Niederlagen des
kämpferischen Protestantismus die einmalige Chance, große
Teile des Reichs wieder dem Katholizismus zuzuführen und
sicherzustellen, dass weder die Katholiken noch das Haus
Habsburg je wieder in eine so prekäre Lage kommen würden
wie in den Jahren 1618 und 1619. Natürlich hatte man in
Spanien kein Interesse daran, es mit dem Bayernherzog
Maximilian zu verderben, ohne den der Siegeszug der
zurückliegenden drei Jahre nicht möglich gewesen wäre. Die
Ansicht, Spanien solle an einem mächtigen katholischen
Block im Reich interessiert sein, wurde vor allem von
Balthasar Zúñiga vertreten, aber es war unklar, ob er sich
gegen die «Friedenspartei» am spanischen Hof unter dem
Herzog von Lerma würde durchsetzen können. Auf der Seite
Zúñigas stand die Römische Kurie unter dem neuen Papst
Gregor XV., und dessen Beauftragter, der Kapuzinerpater
Hyazinth von Casale (eigentlich Federico Natta, Conte
d’Alfiano), wirkte nachdrücklich auf den Kaiser ein, seine
Versprechen gegenüber dem Bayernherzog nunmehr
einzulösen. [14] Pater Hyazinth wurde in dieser Situation zum
wichtigsten Unterstützer Maximilians. Es war offenbar auch
der diplomatisch versierte Kapuziner, der die Formel
erfunden hatte, mit der die Übertragung der Kur auf den
Weg gebracht worden war, ohne dass dabei neue Fronten
geschaffen wurden. Man hatte Maximilian einstweilen
zufriedengestellt, ohne den offenen Widerspruch Spaniens
und Kursachsens zu riskieren: Durch die geheime
Ausstellung der Belehnungsurkunde war die Übertragung
der Kur bereits im Herbst 1621 faktisch vollzogen worden,
aber dieser Akt wurde nicht öffentlich gemacht. Um die
Öffentlichmachung und den formellen Vollzug der
Kurübertragung ging es jetzt. Ende September 1621 bereits
hatte Hyazinth dem Bayernherzog eine diesbezügliche
Urkunde des Kaisers überbracht. Doch würde der Kaiser
nun, mehr als ein Jahr danach und unter dem Eindruck einer
deutlich veränderten Gesamtlage, zu dieser Vereinbarung
stehen? Und würde es möglich sein, für die offizielle
Übertragung der Kur eine klare Mehrheit im
Kurfürstenkollegium zu finden? Die Antwort darauf stand im
Spätherbst 1622 auf Messers Schneide.

Der Dreißigjährige Krieg war – neben vielem anderen – auch


ein Propagandakrieg, und er war dies in einem Ausmaß, in
dem ihm erst die Kriege des 20. Jahrhunderts mit ihrer
ausgeprägten propagandistischen Komponente vergleichbar
sind. Das gilt nicht nur für die karikierenden Flugblätter, mit
denen sich die Parteien gegenseitig herabzusetzen suchten,
[15] sondern auch für die Publikation geheimer Dokumente,
aus denen hervorging, dass die Begründungen und
Erklärungen, deren sich eine Partei öffentlich bediente,
keineswegs mit den von ihr insgeheim verfolgten Zielen und
Plänen übereinstimmten. Die Offenlegung dieses
«Insgeheimen» warf nicht nur ein Licht auf das
machtpolitische Ränkespiel, es schuf auch Raum für
Verschwörungstheorien, denn mit der Publikation von
Geheimabsprachen verbreitete sich die Auffassung, dass es
natürlich noch weit mehr Geheimnisse gebe – und so
kursierten bald die wildesten Vorstellungen über die
verborgenen Absichten der Gegenseite. Die Realisierung
dieser Absichten zu verhindern, wurde wiederum zur
Motivation für neue Kriegsanstrengungen.
Die Veröffentlichung geheimer Absprachen und
Übereinkünfte brachte beide Seiten immer wieder in
Schwierigkeiten. Als Bucquoy 1619 den Mansfeldern bei
Seblat in Südböhmen eine gehörige Schlappe zufügte, fielen
ihm Briefe in die Hände, die zwischen Mansfeld und dem
Herzog von Savoyen gewechselt worden waren und aus
denen das Interesse des Savoyers an der böhmischen Krone
sowie seine an Mansfeld geleisteten Zahlungen
hervorgingen. Die Veröffentlichung dieser Korrespondenz
durch die kaiserliche Kanzlei stellte den Herzog bloß und
zwang ihn, sich aus dem eben erst beginnenden Krieg
zurückzuziehen. [16] Auch die im November 1620 bei der
kopflosen Flucht Friedrichs aus Prag den Katholischen
zugefallene Korrespondenz Christians von Anhalt mit den
protestantischen Fürsten Europas, die im Frühjahr 1621 als
«Anhaltische Geheime Cantzley» veröffentlicht wurde, war
ein großer Propagandacoup für den Kaiser und seine
Verbündeten, da daraus das ganze Gespinst der reformierten
Bündnisbestrebungen ersichtlich wurde. Als im November
1621 dann Soldaten des Regiments Löwenstein, das zu den
Truppen Mansfelds gehörte, Briefe zwischen dem Wiener
Kaiserhof und der Brüsseler Statthalterschaft in die Hände
fielen, in denen es auch um die geheime Mission des
Kapuziners Hyazinth und die Übertragung der pfälzischen
Kur auf die Wittelsbacher in München ging, wurde daraus
ein Propagandacoup der protestantischen Seite: Im Frühjahr
1622 veröffentlichte Ludwig Camerarius diese Briefe in drei
Flugschriften und legte darin die geheimen Absprachen
zwischen Maximilian und Ferdinand, aber auch den Dissens
zwischen dem Kaiser und Madrid in der Frage der
Kurübertragung offen. [17]
Durch diese Briefe kamen Johann Georg von Sachsen und
seine reichskonservativen beziehungsweise kaisertreuen
Anhänger unter Druck. Es wurden umgehend
Gesandtschaften des süddeutschen Protestantismus und des
niedersächsischen Reichskreises in Dresden vorstellig, die
den Kurfürsten beschworen, sich mit aller Entschiedenheit
diesem Vorhaben entgegenzustellen, das nicht im Interesse
des Reichs, sondern allein in dem der katholischen Partei
liege. Verfüge die katholische Seite nämlich erst einmal über
eine klare Mehrheit im Kurfürstenkollegium, dann werde sie
auch die bisher bloß angekündigte Restitutionspolitik in die
Tat umsetzen, was die norddeutschen Fürstenhäuser in arge
Bedrängnis brächte. [18] Wenn Ferdinand II. an einer
Übertragung der Kur von Heidelberg nach München
festhielt, so riskierte er nicht nur, seinen bisherigen
Verbündeten Kursachsen zu verlieren, sondern auch die
gerade zerfallene Front des Protestantismus im Reich
wiederherzustellen. Zudem musste er damit rechnen, dass
dann Jakob I. mit seiner Drohung ernst machen und in den
Krieg eingreifen würde. Es gab somit gute Gründe dafür,
dass der Kaiser zögerte und den immer drängender
auftretenden Maximilian, der die Übertragung der Kur
öffentlich machen wollte, um den damit verbundenen
Einfluss endlich auch nutzen zu können, weiter hinzuhalten
suchte.
Irgendwann musste jedoch eine Entscheidung fallen, und
die bis auf Frankenthal vollständige Kontrolle über die
Rheinpfalz legte es der Wiener Politik nahe, im November
1622 zu einem Deputationstag nach Regensburg einzuladen.
Auf ihm sollte die feierliche Übertragung der Kur vollzogen
werden – und das hieß, dass der Krieg mit großer
Wahrscheinlichkeit weitergehen würde. [19] Es war kein
Kurfürstenkonvent, der in Regensburg stattfinden sollte,
sondern ein Deputationstag – und allein das war
reichsrechtlich problematisch: Wenn überhaupt, so hatten
die Kurfürsten über die Kurübertragung zu befinden. Der
Kaiser wollte sich indes gar nicht mit den Kurfürsten
beraten, um anschließend eine gemeinsame
Beschlussfassung umzusetzen, sondern hatte die
Entscheidung bereits aus jener eigenen
Machtvollkommenheit (plenitudo potestatis) getroffen, die er
für sich in Anspruch nahm und die reichsrechtlich ebenfalls
höchst umstritten war. [20] So bestätigte er den auch von
katholischen Reichsständen geäußerten Vorwurf, er verfolge
eine Politik, die am Ende auf eine Aufhebung der «teutschen
libertät» hinauslaufe und den Kaiser zum Souverän im Reich
nach Art des spanischen Königs mache. Die Formel von der
«spanischen servitut» wurde zum Gegenbegriff der
«teutschen libertät», wiewohl zu diesem Zeitpunkt die
spanische Politik de facto auf eine Verteidigung ständischer
Rechte hinauslief, während einer dieser Reichsstände,
nämlich Maximilian von Bayern, durch sein Drängen auf die
pfälzische Kur zu deren ärgsten Gefährdern gehörte.
Ferdinand wollte die Regensburger Versammlung, deren
Nutznießer Maximilian sein würde, in der Tat dazu nutzen,
auch für sich einen Vorteil herauszuschlagen, indem er seine
Befugnisse gegenüber den Reichsständen demonstrativ
ausweitete. Der Zeitpunkt dafür war gut gewählt, denn die
katholischen Kurfürsten würden dem nicht offen
widersprechen oder sich dem Projekt gar widersetzen
können, der geächtete Pfälzer konnte an der Versammlung
nicht teilnehmen, und die Einwände der beiden verbliebenen
Protestanten, des Sachsen und des Brandenburgers, ließen
sich als konfessionelles Agieren abtun, mit dem die
Protestanten auch schon in der Vergangenheit den Ablauf
von Reichstagen blockiert hatten. Deswegen musste der
Kaiser auch aus eigener Machtbefugnis und ohne Beratung
mit dem Kurfürstenkollegium handeln. Für einen solchen Akt
brauchte Ferdinand eine Bühne, und dazu genügte ihm ein
Kurfürstenkonvent nicht. «Der Deputationstag», so Anton
Gindely, «unterschied sich dadurch vom Kurfürstenkonvent,
daß dazu außer den Kurfürsten auch die Herzöge von
Baiern, Braunschweig und Pommern, der Landgraf von
Darmstadt, der Erzbischof von Salzburg und die Bischöfe
von Würzburg, Bamberg und Speyer Zutritt hatten. Die
zahlreichere Versammlung sollte den zu fassenden
Beschlüssen mehr Glanz verleihen.» [21] Der Glanz der
Veranstaltung sollte kompensieren, was ihr an
reichsrechtlichen Grundlagen mangelte.
Zunächst aber gingen die Brüsseler Beratungen zwischen
England und Spanien über die Frage weiter, wie,
unabhängig von der Kurübertragung, mit den
rheinpfälzischen Besitzungen Friedrichs verfahren werden
sollte. Graf Oñate machte den Vorschlag, dem Pfalzgrafen
die Einkünfte der Ämter Heidelberg, Mannheim und
Frankenthal zu überlassen und ihm Heidelberg als Residenz
zu übergeben, wohingegen Frankenthal und Mannheim
unter spanischer Kontrolle verbleiben sollten. Dagegen
sprachen sich das von Maximilians Bruder regierte Kurköln
und der bayerische Herzog selbst aus; sie wollten von
Friedrich zuvor eine Erklärung, in der er jeder
Zusammenarbeit mit Mansfeld entsagte. Da Friedrich dazu
aber nicht bereit war, kamen diese Gespräche nicht voran,
und es ging daraufhin nur noch um die Übertragung der
Kur, die in Regensburg öffentlich vollzogen werden sollte.
Die katholische Partei war dafür, die protestantische
dagegen, und Spanien hatte Bedenken. Man verständigte
sich schließlich auf einen Mittelweg, der dem Herzog von
Bayern Genugtuung verschaffen und die Lutheraner nicht
weiter provozieren sollte. So einigte man sich darauf, die
Kur auf Maximilian persönlich und nur für dessen Lebzeiten
zu übertragen und für den Fall einer Aussöhnung zwischen
dem Pfälzer und dem Bayern die Möglichkeit offenzulassen,
dass die Kur an einen Sohn oder Neffen Friedrichs
zurückfiel. Das war ein Formelkompromiss, der die weitere
Behandlung dieser Frage vom Fortgang des Krieges
abhängig machte. Er war indes dazu geeignet, die
protestantische Seite erneut zu spalten, so dass sie keinen
geschlossenen Widerstand mehr leistete, und die
reichstreuen Lutheraner so weit zufriedenzustellen, dass sie
an ihrer kaiserfreundlichen Politik festhalten konnten. [22]
Bis auf weiteres waren Formelkompromisse das Mittel,
dessen sich der Kaiser bediente, um sich im Dickicht der
Abhängigkeiten, in das er sich begeben hatte, überhaupt
noch bewegen zu können. Diese Formelkompromisse dienten
dazu, den Krieg nicht weiter anzuheizen, aber sie trugen
nicht dazu bei, ihn zu beenden oder einen Weg zu eröffnen,
der zu seiner Beendigung führte. Sie lösten die Probleme
einzelner Protagonisten des Krieges, halfen aber nicht, die
Krise im Reich zu bewältigen.
De facto wurden auf diese Weise Konstellationen
geschaffen, die nicht mehr umkehrbar waren, und das fand
seinen Ausdruck in der feierlichen Inauguration Maximilians
als neuer Kurfürst, die am 25. Februar 1623 in Regensburg
stattfand. Sachsen und Brandenburg blieben der Zeremonie
fern, ebenso Graf Oñate als spanischer Gesandter, der bis
zuletzt auf eine Verschiebung der öffentlichen Inauguration
gedrängt hatte. Vom Mainzer Erzbischof heißt es in einem
Bericht des sächsischen Gesandten, er habe «sich etlich mal
im Kopf gekratzt und gar unlustig erzeiget», und auch Kaiser
Ferdinand habe bei den Feierlichkeiten «gar forchtsamb
geredet». [23] Die Infantin Isabella in Brüssel, die von Oñate
über den Gang der Verhandlungen und die Inauguration
Maximilians als Kurfürst unterrichtet worden war, schrieb
an Philipp IV.: «Der Kaiser hat sich damit in neue und
gefährliche Kämpfe eingelassen; Euer Majestät aber wird zu
erwägen haben, was hinsichtlich der deutschen
Angelegenheiten und Hülfeleistung zu thun ist.» [24] Bei
denen, die auf ein Ende des Krieges gesetzt hatten, machte
sich Resignation breit; sie spürten mehr oder weniger
deutlich, dass das Geschehen eine Eigenlogik entwickelt
hatte, gegen die sie nicht anzukommen vermochten. Die
Anhänger einer entschiedenen Stärkung der katholischen
Macht im Reich, namentlich der Kapuziner Hyazinth und
etliche Jesuiten in seinem Umfeld, «frohlockten» hingegen,
wie der sächsische Gesandte Lebzelter nach Dresden
berichtete. [25] Für sie war die Versammlung von Regensburg
nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zu ihrem Ziel, den
Protestantismus im Reich gänzlich auszutilgen. «Man mußte
auf keine Allianzen oder andern Respekt und Personen,
sondern nur darauf sehen, daß die katholische Kirche
befestigt und befördert werden möchte», soll Pater Hyazinth
in einer Predigt verkündet haben, wie die sächsischen
Gesandten mitzuteilen wussten. [26] Die Weichen waren auf
Fortsetzung des Krieges gestellt.
3. Kapitel
Fortgang und Ausweitung: Der
niedersächsisch-dänische Krieg

Ein neuer Kriegsschauplatz entsteht


Periodisierungen des Dreißigjährigen Krieges orientieren
sich zumeist an den zentralen Kriegsschauplätzen und den
Ereignissen, die ihre Verlagerung auslösen. In vielen
Darstellungen wird der Beginn des niedersächsisch-
dänischen Krieges deshalb auf das Jahr 1625 datiert, jenes
Jahr, in dem sich König Christian IV. von Dänemark zum
Obersten des niedersächsischen Reichskreises wählen ließ.
[1] Die Zwischenphase von 1623 bis 1624 wird dabei ohne
weitere Begründung dem mit dem Jahreswechsel 1622/23 zu
Ende gegangenen böhmisch-pfälzischen Krieg zugerechnet.
Im Unterschied dazu werden hier die Kriegshandlungen
dieser Zwischenphase als Auftakt zum niedersächsisch-
dänischen Krieg begriffen: Mit dem Vorstoß Tillys nach
Hessen, wo er den Konflikt zwischen der Darmstädter und
der Kasseler Linie der hessischen Landgrafen zugunsten des
kaisertreuen Darmstädters entschied, [2] und anschließend
nach Westfalen begann eine weitere Ausdehnung der
Kriegsschauplätze – mit der Folge, dass der Krieg immer
mehr Gebiete erreichte und mit der Zeit ganz Deutschland
verheeren sollte. Einen solchen Krieg ohne räumlich
abgegrenzte Kriegsschauplätze hat es in Deutschland bis
zum Zweiten Weltkrieg – genaugenommen bis zum Beginn
des systematischen Bombenkriegs – nicht mehr gegeben.
Vor allem das hat den Dreißigjährigen Krieg zum großen
Trauma in der historischen Erinnerung der Deutschen
werden lassen. Die Jahre 1623 und 1624 bilden die Phase, in
der sich diese Veränderung vollzogen hat; deswegen soll
ihnen hier größere Aufmerksamkeit zuteil werden, als das
sonst üblich ist.
Zunächst fand lediglich eine Verlagerung des Krieges
statt: Die böhmischen, pfälzischen, kurmainzischen und
elsässischen Schauplätze, auf denen sich das
Kriegsgeschehen bis dahin überwiegend abgespielt hatte,
wurden vorerst geschlossen, und in West- und
Norddeutschland entstanden neue Schauplätze, auf denen
der Krieg in den folgenden zehn Jahren im Wesentlichen
geführt wurde. Viele der bis dahin verwüsteten und
ausgeplünderten Gebiete Süddeutschlands erhielten
dadurch eine «Erholungspause», in der sich das
wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben erneuerte, bis
diese Territorien dann ein weiteres Mal von der Kriegsfurie
überrollt wurden. Für den Gesamtverlauf des Krieges
spielten solche regionalen «Rekreationsperioden» eine
wichtige Rolle (zumindest in der ersten Kriegsphase), denn
so blieben die Ressourcen verfügbar, die den Krieg nicht
«ausbrennen» ließen. Anders formuliert: Was für die
Menschen zeitweilig von Vorteil war, sorgte über den
gesamten Raum und die gesamte Zeit hin dafür, dass der
Krieg länger andauerte. Ein so vielfältig verflochtenes
Geschehen wie das des Dreißigjährigen Krieges ist durch
fundamentale Ambivalenzen gekennzeichnet, und zu diesen
Ambivalenzen gehörte, dass das Glück der einen Region zum
Unglück einer anderen Region wurde.
Die militärischen Protagonisten bei der Verlagerung des
Kriegsgeschehens von Süd- nach Norddeutschland waren
Mansfeld, Christian von Braunschweig und Tilly: die beiden
ersten durch ihren Abzug aus der Rheinpfalz und den
Vorstoß in die Niederlande; Tilly durch die Verschiebung
seiner Truppen nach Oberhessen, wo sie im Konflikt der
beiden Landgrafen dafür sorgten, dass die vom Kaiser
bestätigten Ansprüche der Darmstädter Linie durchgesetzt
wurden und Moritz von Hessen-Kassel, den man in Wien als
Usurpator ansah, das gesamte Marburger Erbe vorerst
verlor. Tilly verlegte starke Kräfte in die Wetterau nördlich
von Frankfurt, wo sie im Winter 1622/23 Quartier bezogen.
Er selbst hatte sein Hauptquartier in Assenheim bei
Friedberg eingerichtet, von wo er im Frühjahr 1623 in die
Kernlande des Kasseler Landgrafen vorstieß. [3] Die
Legitimation zu diesem Vorstoß weit über die Territorien der
Liga hinaus hatte ihm ungewollt Herzog Christian verschafft,
der sich nach einem kurzen Aufenthalt in den Niederlanden
in neuerlichem Streit von Mansfeld trennte und mit den ihm
verbliebenen Einheiten in die welfischen Territorien seines
Bruders, des Herzogs Friedrich Ulrich von Braunschweig-
Wolfenbüttel, zog, wo er mit neuen Werbungen begann. [4]
Angesichts dieser Gefahr erhielt Tilly den Auftrag, nach
Norden vorzurücken und gegen Christians Rüstungen
einzuschreiten.
Der Bruch mit Mansfeld kam Christian sehr zupass, denn
so konnte er dem niedersächsischen Kreis gegenüber
erklären, die Präsenz seiner Soldaten und die Werbung
weiterer Einheiten dienten bloß dem Schutz des Kreises vor
einem bevorstehenden Angriff ligistischer Truppen, und als
Beleg dafür verwies er auf die Truppen Tillys. Womöglich
hatte er den Bruch sogar fingiert, um politischen Spielraum
zu gewinnen. [5] Im niedersächsischen Kreis war man
tatsächlich besorgt, da man fürchtete, Kaiser und Liga
könnten den Siegeszug der zurückliegenden Jahre nutzen,
um in Norddeutschland, wo ein großer Teil des katholischen
Kirchenbesitzes von protestantischen Fürsten übernommen
worden war, die Restitutionsforderungen der Katholiken
durchzusetzen. [6] Jedenfalls trat Christian für einige Monate
in die Dienste seines Bruders Friedrich Ulrich, der
50000 Gulden für den Unterhalt der Truppen zahlte, [7] und
ließ über König Christian IV. von Dänemark gleichzeitig
sondieren, ob und unter welchen Bedingungen er sich mit
dem Kaiser doch noch aussöhnen könne. Vermutlich war das
ebenso eine Finte wie das demonstrative Zerwürfnis mit
Mansfeld, denn nun ließ sich gegen ihn kaum mehr der
Vorwurf erheben, er sei ein Rebell gegen Kaiser und Reich.
Auf diese Weise gegen eine Reichsexekution durch Tilly
geschützt, gewann Christian Zeit, um seine Truppen
einsatzfähig zu machen. Welche Pläne er für das Jahr 1623
hatte, bleibt unklar, aber es spricht vieles dafür, dass er
einen Vorstoß nach Böhmen führen wollte. Dabei sollte ihm
aus der entgegengesetzten Richtung Bethlen Gábor
entgegenkommen; es handelte sich also um eine Operation
auf der «äußeren Linie», bei der es darum ging, die Kräfte
der «inneren Linie» in die Zange zu nehmen. Offenkundig
hatte Christian sein Elisabeth Stuart gegebenes Versprechen
nicht vergessen, er werde nicht eher ruhen, bis sie wieder
als böhmische Königin in Prag residiere.
Für Christian war die Festung Wolfenbüttel, wo er im
Februar 1623 mit seinem Stab Quartier bezog, ein
vorzüglicher Standort, um die Kriegsvorbereitungen
voranzutreiben. Am nördlichen Harzrand gab es Eisenhütten
mit angeschlossenen Manufakturen, in denen Harnische und
Handfeuerwaffen produziert wurden; außerdem hatten ihm
die Generalstaaten Waffen für 5000 Mann sowie einige
Kanonen zur Verfügung gestellt. Inzwischen hatte Christian
12000 Mann unter den Fahnen seiner Regimenter
versammelt. [8] Außerdem warb Herzog Wilhelm von
Sachsen-Weimar, mit dem er seit der Schlacht von Fleurus
verbunden war, im Eichsfeld Truppen an; Ende März stießen
sie zu Christian, um sich seinem Kommando zu unterstellen.
So bildete sich eine zahlenmäßig beträchtliche, wenn auch
nicht sonderlich kriegserfahrene Streitmacht, und die löste
sowohl im niedersächsischen Kreis als auch bei Kaiser und
Liga erhebliche Befürchtungen aus: im Reichskreis wegen
der zahlreichen Räubereien und Gewalttaten der Söldner,
bei Ferdinand und Maximilian wegen der neuen Bedrohung,
die von dieser Armee ausging.
Der Kaiser verlangte die unverzügliche Abdankung von
Christians Truppen, und Kurfürst Maximilian erteilte Tilly
den Auftrag, mit seinen Regimentern aus der Wetterau bis
an die Grenze des niedersächsischen Kreises vorzurücken,
um die angeordnete Auflösung von Christians Heer notfalls
mit Gewalt durchzusetzen. Also zog Tilly mit
13000 Fußsoldaten und 4000 Reitern in das Gebiet des
Landgrafen Moritz, zunächst bis Hersfeld, wo der kaiserliche
General Collalto mit drei Regimentern Infanterie und zwei
Regimentern Kavallerie zu ihm stieß – allesamt
kampferfahrene Truppen, gegen die eine Schlacht zu wagen
für Christian nicht ratsam war. [9] Jetzt war der
niedersächsische Kreisobrist Georg von Lüneburg in einer
schwierigen Situation: Stellte er sich auf die Seite
Christians, um zu verhindern, dass Tilly die Oberhand erhielt
und der gesamte Reichskreis das büßen musste, war das
Rebellion gegen den Kaiser; ergriff er dagegen für den
Kaiser Partei, musste er mit Gegenmaßnahmen Christians
rechnen, und dessen Macht hatte er wenig
entgegenzusetzen, zumal Tilly inzwischen seinen Vorstoß
gestoppt und quer zur Werra eine Linie besetzt hatte, auf
der er den Weg nach Süden für Christians Truppen
blockieren konnte. Verhandelte er aber mit Christian, so die
dritte Möglichkeit des Lüneburgers, und dieser willigte in
die Abdankung seiner Truppen ein, so wäre das mithin das
Schlimmste, da dann Tausende marodierender
Kriegsknechte durchs Land ziehen und die Bevölkerung
ausrauben würden. [10] Angesichts dieses
Entscheidungsdilemmas lavierte der Kreisoberst und
versuchte, Herzog Christian dazu zu bringen, den
Reichskreis zu verlassen. Christian wiederum war damit
beschäftigt, seine Kriegskasse zu füllen, indem er die
Vermögenswerte des von ihm verwalteten Stifts Halberstadt
verpfändete und alles dort vorhandene Gold und Silber
einsammeln ließ. So kamen schließlich 110000 Gulden für
seine Kriegskasse zusammen. [11] Das war indes ein
Anzeichen dafür, dass Christian nicht länger im Kreisgebiet
bleiben wollte. Vor die Entscheidung gestellt, die Truppen
abzudanken und den Kaiser um Gnade zu bitten oder den
Kampf gegen Tilly aufzunehmen, entschied er sich für
Letzteres. Am 28. Juli erklärte er seinen Rücktritt als
Halberstädter Administrator. Damit hatte er alle Brücken
zur Rückkehr in ein friedliches Leben abgebrochen. [12]
Inzwischen war es zu ersten Vorhutgefechten zwischen
Truppen Tillys und denen Christians gekommen; Letztere
hatten sich dabei gut behauptet, was Christian Mut machte,
gegen Tilly bestehen zu können. Dennoch entschloss er sich,
der ultimativen Aufforderung des niedersächsischen Kreises
Folge zu leisten und mit seinem Heer abzuziehen. Zwei
Gründe dürften dafür ausschlaggebend gewesen sein: Zum
einen versuchte Christian, seinen Bruder, den Herzog von
Braunschweig-Wolfenbüttel, aus dem Konflikt
herauszuhalten, um zu verhindern, dass er vom Kaiser
geächtet und sein Herrschaftsgebiet verwüstet wurde; zum
anderen wollte er seine der Tilly’schen Streitmacht
unterlegenen Truppen mit denen Mansfelds vereinen. Diese
standen in Ostfriesland, und die Verbindung beider Heere
würde die Siegchancen gegen Tilly deutlich erhöhen. In der
Folge entwickelte sich ein intensiver Briefwechsel der
beiden Kriegsunternehmer, in dem Christian den Mansfelder
bedrängte, ihm zu Hilfe zu kommen. Wie fast immer war
Mansfelds Reaktion undurchsichtig; er machte keine
eindeutigen Zusagen, lehnte das Vorhaben aber auch nicht
rundweg ab. Er wollte die uneingeschränkte
Handlungsfähigkeit behalten, und seine eigenen Interessen
waren ihm wichtiger als der Ausgang des Krieges. Darin
unterschied er sich von Christian, bei dem es genau
umgekehrt war.
Im Oktober 1622 hatte Mansfeld nach Auslaufen des
Dienstvertrags mit den Niederlanden seine Truppen nach
Ostfriesland verlegt, wo sie Winterquartiere bezogen. Er
versuchte von dort, auf die politischen Verhältnisse des
Landes Einfluss zu nehmen. [13] Nachdem das Projekt eines
elsässischen Herzogtums aussichtslos geworden war, strebte
Mansfeld nun etwas Vergleichbares in Ostfriesland an, wo
die Herrschaft der Adelsfamilie Cirksena auf recht
unsicheren Füßen stand. Mansfeld ging es darum, die
Parteien gegeneinander auszuspielen, die Konflikte zu
befeuern und für sich Vorteile daraus zu schlagen. Zunächst
hatte er damit einigen Erfolg, aber schon bald erwies sich
die Einquartierung des Heeres für alle im Land als derart
drückend, dass sich eine Koalition bildete, die Mansfeld und
seine Söldner so schnell wie möglich wieder loswerden
wollte.
Das war indessen nicht so einfach, denn die nördlichen
Niederlande hatten ein vitales Interesse daran, dass
Mansfeld mit seinem Heer in Ostfriesland blieb. Im Haag
betrachtete man sie als strategische Reserve für den Fall,
dass Kaiser oder Liga doch noch auf Seiten der spanischen
Statthalter in Brüssel eingreifen sollten. Mansfelds Standort
in Ostfriesland war für die Holländer geradezu optimal: Er
befand sich nicht auf ihrem Gebiet, weswegen seine Söldner
dort auch keinen Schaden anrichteten, aber er war in der
Nähe, so dass er jederzeit zu Hilfe kommen konnte, wenn
man ihn anforderte. Die Voraussetzung dafür war freilich,
dass Mansfeld sein Heer zusammenhielt, und um das
sicherzustellen, übernahmen die Generalstaaten einen Teil
der Besoldung. Auch für Mansfeld war das eine
zufriedenstellende Konstellation: Sie bot ihm Ruhe nach den
Anstrengungen des vergangenen Jahres, war mit keinen
größeren Risiken verbunden und eröffnete die Aussicht, dass
er, sobald der Krieg im Nordwesten des Reichs aufflammte,
sofort dabei sein konnte. Derweil verhandelte er mit England
und Frankreich, um sich als Söldnerführer wieder ins
Gespräch zu bringen. Diese Verhandlungen verliefen
vielversprechend. [14] Mansfeld verspürte daher wenig
Neigung, seine komfortable Ausgangslage aufzugeben, um
den Braunschweiger zu unterstützen und mit ihm das Risiko
einer Schlacht gegen Tilly einzugehen. [15]
Mitte Juli begann Christians Heer mit dem Abzug aus dem
Raum Göttingen und Halberstadt. Ende Juli durchquerte es
den Teutoburger Wald, und Christian nahm bei Iburg
Quartier, um dort auf das Eintreffen Mansfelds zu warten. Er
wusste, dass Tilly aus Eschwege, wo er sich zuletzt
aufgehalten hatte, aufgebrochen war und am 29./30. Juli bei
Höxter auf einer Schiffsbrücke die Weser überquert hatte.
Tilly wollte die Truppen des Braunschweigers nicht
entkommen lassen; er ging davon aus, dass sich Christian
wie im vergangenen Jahr in die Niederlande zurückzog,
wohin er ihn nicht verfolgen durfte, weil weder Kurfürst
Maximilian noch Kaiser Ferdinand in den Krieg um die
Niederlande hineingezogen werden wollten. [16] Also setzte
er ihm in Eilmärschen nach, um ihn zu einer
Verfolgungsschlacht zu stellen. Christian von Braunschweig
wiederum wollte, sobald er Zuzug von Mansfeld erhalten
hatte, den anrückenden Tilly in einer für den Verteidiger
vorteilhaften Stellung erwarten und ihm eine Falle stellen,
ähnlich wie Mansfeld das bei Mingolsheim gelungen war. [17]
Aber Mansfeld kam nicht, und so verlor Christian bei Iburg
wertvolle drei Tage, die ihm beim Rückzug in die
Niederlande fehlten. Als er sich entschloss, den Rückzug
fortzusetzen, war ihm Tilly, der ihn sonst kaum eingeholt
hätte, bereits dicht auf den Fersen; in den nächsten Tagen
kam es zu einer Reihe von Nachhutgefechten, in denen sich
die Halberstädter Truppen behaupten konnten. [18]
Christian ließ sich durch die kleinen Abwehrerfolge jedoch
nicht täuschen; ihm war klar, dass es nach dem Fernbleiben
Mansfelds das Beste war, das Heer dem Zugriff Tillys zu
entziehen, indem er die niederländische Grenze überschritt.
[19] Für die Nacht vom 4. auf den 5. August wurde ein
detaillierter Abmarschplan entworfen: Zuerst der Tross,
dann die Artillerie, anschließend das Heer; wenn der
Morgen graute, sollte Tilly das Lager verlassen vorfinden.
Aus welchen Gründen auch immer – das Heer «verschlief»
den Abzug, [20] und als die Nachhut unter Graf Thurn endlich
abrückte, hatte man bereits fünf Stunden Verspätung. So
wurde der weitere Marsch ununterbrochen von
Rückzugsgefechten begleitet, in denen Tilly seinem
Kontrahenten schwer zusetzte, um den Rückzug in Flucht zu
verwandeln. Christian erkannte die Gefahr und kam zu dem
Ergebnis, dass eine Schlacht gegen Tilly unvermeidlich
geworden war; andernfalls würde das Heer auf dem
Rückzug aufgerieben werden und die gesamte Ausrüstung
verlieren. Also bezog er nahe Stadtlohn im westlichen
Münsterland eine Stellung und erwartete Tillys Angriff.
Die Schlacht von Stadtlohn sollte für Christian ein
militärisches Desaster und für Tilly einer seiner größten
Erfolge werden. [21] Christian hat sich von der Niederlage bei
Stadtlohn nie mehr erholt. Zwar versuchte er bis zu seinem
Tod am 6. Juni 1626, also knapp drei Jahre nach Stadtlohn,
als Heerführer Jakobs von England sowie Christians von
Dänemark erneut ins Geschehen einzugreifen, aber eine
größere Rolle war ihm dabei nicht mehr vergönnt. Sein
früher Tod – er war, als er an Tuberkulose starb, noch keine
siebenundzwanzig Jahre alt – war auch eine Folge der
Katastrophe von Stadtlohn, die ihm Selbstvertrauen und
Zuversicht geraubt hatte. Für Tilly dagegen war Stadtlohn
eine weitere Etappe in der langen Abfolge seiner Siege.
Obwohl die Schlacht von Stadtlohn Tillys glänzendster Sieg
war, da der Gegner hier nicht nur geschlagen, sondern
vernichtet wurde, [22] hat sie in der Ruhmesgeschichte Tillys
keine besondere Stellung, denn sie blieb politisch ohne
größere Folgen. Das wäre anders gewesen, wenn Tilly, was
er eigentlich wollte, anschließend die nördlichen
Niederlande hätte angreifen dürfen. «Da doch das Heilige
Römische Reich», so schrieb er an Maximilian, «bis diese
Widerspenstigen [die nördlichen Niederlande] exstirpiert
sind, des festen Friedens sicherlich sich nit zu vertrösten
hat.» [23]
Christians Fehler bei Stadtlohn war einmal mehr die
Schlachtaufstellung, bei der er die Rückzugsmöglichkeiten
nicht hinreichend berücksichtigte. Im Rücken von Christians
Heer floss das Flüsschen Berkel, das nur an zwei Brücken
mit schweren Wagen überquert werden konnte. Dort drohte
sich das Heer beim Rückzug zu stauen, was zwangsläufig zu
einer Panik führen würde. Christians linker Flügel war an
ein Morastgebiet angelehnt, das sich bis nach Stadtlohn
erstreckte und, obwohl es infolge des heißen Sommers
ziemlich ausgetrocknet war, größere Kavallerieattacken auf
die Flanke des braunschweigischen Heeres unmöglich
machte. Der rechte Flügel wiederum war durch den
Almsicker Liester gedeckt, einen dichten Fichten- und
Kiefernwald, der ebenfalls keine geschlossene
Kavallerieattacke zuließ. Wie bei Höchst im Jahr zuvor hatte
Christian auf den Schutz der Flanken geachtet, aber ebenso
wie dort hatte er seine Truppen so aufgestellt, dass jede
Rückwärtsbewegung die Gefahr einer Panik einschloss.
Zudem hatte er, wie schon beim Mainübergang, das
Problem, dass der Tross des Heeres nicht verloren werden
durfte, denn in ihm befanden sich die Wagen mit dem in
Halberstadt zusammengerafften Schatz, der nun, da
Christian des Stifts entsagt hatte, der einzige Rückhalt für
die Besoldung seiner Truppen war. Die Sicherung des
Trosses hatte damit strategische Relevanz. Es war eine
«Alles-oder-nichts-Aufstellung», die Christian gewählt hatte:
Seine Truppen mussten siegen beziehungsweise den ganzen
Tag über den Angriffen Tillys standhalten, oder das Heer
würde untergehen.
Tilly scheint die vertrackte Lage, in die sich der
Braunschweiger gebracht hatte, schnell erkannt zu haben –
womöglich auch deswegen, weil ihn Graf Anholt, der früher
bereits in diesem Raum operiert hatte, über die örtliche
Geländebeschaffenheit informierte. [24] Er begriff, dass er,
sobald er Christians Front ins Wanken gebracht hatte, einen
großen Sieg erringen konnte. Gegen zwei Uhr nachmittags
eröffnete Tilly die Schlacht mit einem Angriff seines linken
Flügels, vier Infanterie- und fünf Kavallerieregimentern. Für
kurze Zeit wogte das Gefecht hin und her, dann wich die von
Reichsfreiherr Dodo zu Knyphausen kommandierte
Infanterie Christians zurück, und dieser Rückzug artete
schnell in eine Flucht aus. Vergebens suchte Knyphausen die
Truppen zum Stehen zu bringen; sie drängten zur
Berkelbrücke, die sie in Panik überquerten. Damit
entblößten sie den rechten Flügel des braunschweigischen
Heeres, so dass der schnell vorrückende linke Flügel Tillys
Christians Zentrum von der Flanke her mit Kavallerie
angreifen konnte. Der Schutz, den der Almsicker Liester
gerade gegen Kavallerieattacken hatte bieten sollen, war
durch den überstürzten Rückzug des rechten Flügels unter
Knyphausen dahin. Als dann auch das von Tilly selbst
kommandierte Zentrum zum Angriff überging, gab es kein
Halten mehr. Nach zweistündigem Kampf löste sich das
Heer des Braunschweigers auf, und was folgte, war ein
Massaker. Tilly gab der von seinem Neffen geführten
kroatischen leichten Kavallerie den Angriffsbefehl, und die
machte die Reste des Halberstädter Heeres gnadenlos
nieder. In ihrer Panik hatten die Soldaten Christians vielfach
die Waffen weggeworfen, um schneller flüchten zu können.
Auf einen toten Soldaten Tillys kamen zehn auf Seiten
Christians, was dafür spricht, dass die meisten von ihnen
nicht während der Schlacht, sondern auf der Flucht den Tod
fanden. Die gesamte Artillerie des Braunschweigers, aber
auch der Tross mit den Schatzwagen fielen Tilly in die
Hände, und dazu gerieten nahezu sämtliche höheren
Offiziere in Gefangenschaft. Christian selbst konnte mit
einigen Begleitern entkommen. Als sich die Reste des
Heeres hinter der niederländischen Grenze sammelten,
waren von dem 21000 Mann starken Heer gerade einmal
6000 übrig geblieben.
Tilly, der Christian nicht verfolgen durfte, wandte sich nun
gegen Mansfeld in Ostfriesland. Zu einer größeren Offensive
war er aber nicht in der Lage, da Mansfeld das Land hatte
fluten lassen, um es für die ligistischen Truppen
unpassierbar zu machen. Außerdem wurden die kaiserlichen
Regimenter unter Collalto nach Mähren und Ungarn
beordert, wo Bethlen Gábor ein weiteres Mal eingefallen
war. Tilly zog sich daraufhin nach Westfalen zurück. [25]
Mansfeld wiederum konnte diesen Rückzug nicht ausnutzen,
denn auch seine Truppen waren infolge der verschlechterten
Versorgungslage in Ostfriesland zusammengeschmolzen.
Also verhandelte er wieder einmal, dieses Mal in der
Absicht, von den Ständen Ostfrieslands 300000 Gulden zu
bekommen, mit denen er den rückständigen Sold auszahlen
und die Truppen abdanken konnte. [26] Im Januar 1624
bekam er, was er wollte: Das Mansfeld’sche Heer, von dem
nicht mehr viel übrig geblieben war, löste sich auf, während
Mansfeld selbst mit einigen seiner Offiziere nach England
reiste, um Verhandlungen über die Neuaufstellung eines
Heeres zu führen.
Damit stand dem deutschen Protestantismus erstmals seit
Gründung der Union keine Streitmacht mehr zur Verfügung.
Der Kaiser und die Liga hatten auf der ganzen Linie gesiegt.
Wäre der Krieg zu diesem Zeitpunkt ausschließlich ein
«deutscher Krieg» gewesen, so wäre er zu Ende gewesen:
Pfalzgraf Friedrich hatte keine Truppen mehr, die Armee des
Braunschweigers war zerschlagen, und die Mansfelds hatte
sich aufgelöst; Kursachsen war ruhiggestellt, nachdem am
23. Juni 1623 die bislang bloß besetzte Oberlausitz an
Sachsen verpfändet worden war; [27] die Reichsstädte,
zumeist protestantisch, fürchteten die Macht des Kaisers
sowie Tillys, und dem niedersächsischen Kreis saß noch die
Furcht aus der Zeit im Nacken, als Christian von
Braunschweig dort Truppen geworben hatte. Es waren die
äußeren Mächte, die dafür sorgten, dass der Krieg im Reich
weiter schwelte und bald wieder aufloderte. Bethlen Gábor
gehörte dazu, aber auch England und Frankreich, die
Niederlande und Dänemark sollten von nun an eine größere
Rolle spielen.
Auftritt Wallenstein
Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein, unter dem Namen
Wallenstein in die Geschichte eingegangen, hatte bereits im
böhmischen Krieg eine Rolle gespielt, als er das von ihm
geführte Reiterregiment mitsamt der mährischen
Kriegskasse dem Zugriff der Stände entzog und beides den
Habsburgern zur Verfügung stellte. Im Konflikt der
Loyalitäten hatte Wallenstein sich auf die Seite Wiens und
gegen die Aufständischen in Prag gestellt. Diese
Entscheidung war alles andere als selbstverständlich, denn
ursprünglich gehörte Wallenstein, von den Eltern her
lutherisch-utraquistisch, durch den Verwandten, bei dem er
aufwuchs, der böhmischen Brüderunität an. Die Böhmischen
Brüder (Unitas Fratrum) waren eine Reformgruppe der
Hussiten und folgten pazifistischen Idealen. [1]
Im August 1599 nahm Wallenstein an der zur Reichsstadt
Nürnberg gehörenden Akademie Altdorf sein Studium auf.
Offiziell war Altdorf eine Hochschule, die dem Luthertum
zugerechnet wurde, doch die meisten Professoren vertraten
die Theorie vom legitimen Widerstand der Stände und
Magistrate gegen eine ungerechte Obrigkeit. [2] So kann es
nicht verwundern, dass viele von denen, die in den ersten
zwei Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts gegen die
Herrschaftsansprüche des Hauses Habsburg opponierten, in
Altdorf studiert hatten. Zu ihnen gehörten auch Wilhelm von
Ruppa (Vilém von Roupov), Präsident des Prager
Direktoriums, und Georg Erasmus von Tschernembl, der
Kopf des adeligen Widerstands gegen die Habsburger in
Österreich. [3] Wallenstein hat sich für solche Fragen nicht
interessiert, wie er denn überhaupt kein theoretischer Kopf
war. Als man nach seiner Ermordung in Eger Wallensteins
Prager Stadtpalast durchsuchte, fand man so gut wie keine
Bücher. Die wenigen, auf die man stieß, befassten sich mit
Militärwesen und Festungsbau – und selbst bei diesen ist
unklar, ob sie Wallenstein oder seinem Architekten Pieroni
gehörten. [4] In Altdorf fiel Wallenstein vorwiegend durch
seine Beteiligung an Schlägereien und Degenstechereien
auf, und als er nach gerade acht Monaten im April 1620 die
Universität verließ, kam er damit seiner Relegation zuvor. [5]
Seine Weltgewandtheit und Vielsprachigkeit – «neben
Tschechisch und Deutsch beherrschte er das Italienische,
das Spanische las er fließend, vom Französischen hatte er
zumindest einen sicheren Begriff» [6] – erwarb Wallenstein
auf den Reisen, die er nach dem Scheitern seines Studiums
in Altdorf gemäß den damaligen Gepflogenheiten des Adels
durch Europa unternahm. Italien hatte es ihm besonders
angetan. So pflegte er einen italienischen Lebensstil und
schätzte es, wenn er von Italienern umgeben war, von
seinem Lieblingsarchitekten Giovanni Pieroni über seinen
Hofastrologen Giovanni Battista Senno (Seni) bis zu dem
unter den führenden Offizieren des Heeres ihm besonders
nahestehenden Ottavio Piccolomini. Das vorherrschende Bild
des älteren Wallenstein als eines verbitterten und von
Krankheiten gezeichneten Mannes verdeckt, dass
Wallenstein in den knapp zwei Jahrzehnten vor Kriegsbeginn
und auch noch in den ersten Jahren danach bestrebt war,
das Leben eines italienischen Hofmannes, eines Cortegiano,
zu führen. [7] Mehr als eigentliche Glaubensfragen dürften es
die Orientierung an Italien sowie karrierestrategische
Überlegungen gewesen sein, die ihn veranlasst hatten, zum
Katholizismus überzutreten. [8]
Um dem Cortegiano-Ideal genügen zu können, brauchte
Wallenstein freilich ein Vermögen, und das hatte er infolge
häufiger Erbteilungen innerhalb seiner Familie nicht. [9] Aber
Wallenstein war ehrgeizig und wollte es nach oben schaffen.
Zwei Ehen mit begüterten Frauen, eine überaus aktive Rolle
bei der Vermögensumwälzung in Böhmen nach der
Niederschlagung des Adelsaufstandes, die Beteiligung am
Prager Münzkonsortium, das aus der systematischen
Münzverschlechterung gewaltigen Gewinn schlug, und
schließlich die Tätigkeit eines Kriegsunternehmers waren
die Mittel, um das eigene Vermögen schnell zu vermehren.
Noch mehr als um Reichtum ging es ihm jedoch um Macht
und Einfluss, und da war eine militärische Karriere
naheliegend. Zum Höfling war Wallenstein trotz aller
Orientierung am Cortegiano-Ideal nicht geeignet. Dafür war
er zu unbeherrscht und auch zu ungeduldig. Obwohl er
durchaus Intrigen spinnen und Koalitionen schmieden
konnte, fehlten ihm doch die Voraussetzungen für einen bei
Hofe umtriebigen Politiker. Die mitunter schroffe Art, in der
er seine Umgebung behandelte, schuf ihm Feinde, die er von
der Sache und seinen Interessenlagen her nicht unbedingt
hätte haben müssen.
Das Porträt zeigt Wallenstein am Anfang seines kometenhaften Aufstiegs. Im
Unterschied zu späteren Porträts, die einen erschöpften und bereits von Krankheit
gezeichneten Feldherrn zeigen, lässt sich auf dem Kupferstich von 1625 die
Energie und der Durchsetzungswille Wallensteins erkennen. Der Feldherrnstab
verweist auf die gerade erfolgte Ernennung zum kaiserlichen Generalissimus.

Wallensteins Fähigkeiten waren vor allem organisatorischer


Art, und sowohl bei der Verwaltung des riesigen Besitzes,
den er nach 1620 an sich gerissen hatte, als auch bei der
Aufstellung von Heeren, deren Größe bis dahin niemand für
möglich gehalten hätte, waren seine Leistungen überragend.
Wallensteins Aufstieg vollzog sich im Zeichen des Mars: In
taktischen Fragen war er tüchtig und verfügte über einen
klaren Blick für Konstellationen des Gefechtsfelds und die
sich daraus ergebenden Möglichkeiten. In dieser Hinsicht
waren ihm Tilly und Gustav Adolf jedoch mindestens
ebenbürtig. Als Stratege dachte Wallenstein in geopolitisch
umfassenden Zusammenhängen und erkannte
Schwerpunktbildungen und ihre Folgen. Dabei war er Tilly
eindeutig überlegen, und womöglich auch Gustav Adolf. [10]
Aber keiner kam Wallenstein gleich, sobald es um die
Aufstellung und Versorgung großer Heere ging. Er war ein
hervorragender Organisator und Logistiker, und besser als
jeder andere wusste er um die Abhängigkeit der Truppen
von einer regelmäßigen Versorgung. Auf diesem Wissen
baute er seine strategischen Projekte auf, und in diesem
Bereich entdeckte er schnell Schwächen des Gegners, die
andere nicht sahen. Dementsprechend war Wallensteins
Strategie auch nicht auf eine Entscheidungsschlacht,
sondern auf die Ermattung und Auszehrung des Gegners
gerichtet – ganz im Gegensatz zu Gustav Adolf, der sehr viel
stärker an der Entscheidungsschlacht orientiert war. In der
Folge erscheint der Schwede in Darstellungen des
Dreißigjährigen Krieges als der strahlende Held, als ein
Heerführer, der sich immer wieder selbst ins Gefecht
stürzte, während Wallenstein als der große Organisator und
Strippenzieher im Hintergrund präsentiert wird, als einer,
der, wenn er doch einmal eine Schlacht schlug, dies vom
Feldherrnhügel aus tat und das unmittelbare
Kampfgeschehen mied. Gustav Adolfs Körper war mit den
Wunden und Narben seiner Feldzüge bedeckt; Wallensteins
Körper dagegen war von Krankheiten gezeichnet, die, wie
Gicht und Syphilis, zwar typische Soldatenkrankheiten
waren, die man sich jedoch nicht auf dem Schlachtfeld,
sondern im Lager zuzog. [11]
Was für Tilly die Marienverehrung war, war für
Wallenstein der Glaube, dass ein Menschenleben
weitgehend durch Gestirnskonstellationen vorbestimmt sei.
Im Herbst 1608 ließ Wallenstein sich von dem kaiserlichen
Astronomen und Mathematiker Johannes Kepler, der sich
mit astrologischen Nebentätigkeiten materiell über Wasser
hielt, das Horoskop stellen. [12] Kepler sagte dem im
Sternzeichen des Wassermanns und der Konjunktion von
Saturn und Jupiter Geborenen einen fulminanten Aufstieg
voraus, hielt aber auch fest, Wallenstein würde mit der Zeit
habgierig, falsch und machthungrig werden, dazu launisch,
streitsüchtig und grausam. [13] Bemerkenswert dabei ist,
dass Kepler Wallenstein weder persönlich noch vom Namen
her, sondern nur dessen Geburtsdatum kannte.
Wahrscheinlich hat Wallenstein dieses Horoskop erst
gelesen, nachdem der über einen Mittelsmann engagierte
Kepler endlich bezahlt worden war und es dem Mittelsmann
Wallensteins übergeben hatte, und das war einige Jahre
später. Kepler stellte in dem Horoskop Parallelen zu zwei
Politikern her, die unter ähnlichen Gestirnskonstellationen
geboren waren: der englischen Königin Elizabeth und dem
polnischen Großkanzler Zamoyski. Inwieweit deren
Lebensgeschichte Kepler in seiner Vorhersage beeinflusst
hat, muss ebenso offenbleiben wie die Frage, welchen
Einfluss das Horoskop auf Wallenstein hatte, nachdem es
ihm seit 1614 bekannt war. 1624 trat Wallenstein nochmals
an Kepler heran und bat um Antwort auf sehr konkrete
Fragen, worauf Kepler allerdings mit Zurückhaltung
reagierte. Keplers Horoskop hat jedenfalls das Wallenstein-
Bild vieler Historiker wie Schriftsteller stark beeinflusst: Es
hat die Struktur vorgegeben, nach der Wallensteins Pläne
und Handlungen beurteilt wurden. Auch dadurch lässt sich
die Übereinstimmung zwischen dem Horoskop und dem uns
präsenten Wallenstein-Bild erklären.

Mit Wallenstein betrat einer der großen Protagonisten des


Dreißigjährigen Krieges die Bühne, und obwohl er bereits
seit 1618/19 an den Ereignissen beteiligt war, tat er sich als
gestaltender Akteur doch erst seit 1623 hervor. Das war das
Jahr, in dem Bethlen Gábor erneut nach Oberungarn und
Südmähren einfiel, um mit dem aus Norden anrückenden
Christian von Braunschweig zusammenzuwirken. [14] Da
Bethlen wieder einmal verspätet auf dem vorgesehenen
Kriegsschauplatz erschien, konnten die kaiserlichen
Regimenter, die eben noch bei Stadtlohn siegreich gewesen
waren, in Eilmärschen nach Mähren beordert werden, um
den Angriff abzuwehren. Sie kamen zwar zu spät, um noch
gegen Bethlen eingesetzt zu werden, wirkten aber als
Reserve für den Fall, dass seine Truppen bis nach Böhmen
vorstoßen sollten. In diesem Zusammenhang wurde
Wallenstein am 3. Juni 1623 zum kaiserlichen
Generalwachtmeister (Generalmajor) ernannt, um als
Stellvertreter des mit dem Kommando betrauten Marchese
Girolamo Caraffa di Montenegro (verschiedentlich auch
Negromonte genannt) die Operationen gegen die Einheiten
Bethlens zu führen. Das war eine große Herausforderung,
denn die kaiserliche Armee umfasste lediglich 15000 Mann –
und auch das nur, weil Wallenstein seine organisatorischen
Fähigkeiten bei der Ausrüstung der Truppen unter Beweis
gestellt hatte –, während Bethlen eine Streitmacht von über
40000 Mann ins Feld führte. [15] Dieser Feldzug sollte
Wallensteins erstes selbständiges Kommando werden, und
das verschaffte ihm die Grundlage für seinen kometenhaften
Aufstieg im kaiserlichen Heer.
Dabei verlief der Feldzug alles andere als glücklich.
Bethlens Heer bestand vorwiegend aus leichter Reiterei, die
den kaiserlichen Infanterieverbänden immer wieder
überfallartig zusetzte und sich danach so schnell, wie sie
gekommen war, auch wieder zurückzog. Am 24. Oktober
schrieb Wallenstein an seinen Schwiegervater Karl von
Harrach in Wien, von dem er annahm, dass er das Ohr des
Kaisers hatte, und machte geltend, der Kaiser müsse
umgehend leichte Kavallerie in großer Zahl und guter
Qualität schicken, sonst werde der Feldzug in einer
Katastrophe enden. Aber der Kaiser schickte keine leichten
Reiter; er hatte sie nicht, und die Staatskassen ließen deren
Anwerbung in großem Stil auch nicht zu. Wallenstein zog
daraus die Lehre, dass er hinfort die Heere, mit denen er
operierte, selbst zusammenstellte. Unter keinen Umständen
wollte er noch einmal vom Wiener Kriegskabinett und seinen
Entscheidungen abhängig sein – das heißt, er musste
zukünftig, wenn es nach seinen Vorstellungen gehen sollte,
als selbständiger Kriegsunternehmer auftreten. Wallenstein
hatte damit bereits Erfahrungen gesammelt, doch dabei ging
es bloß um die Aufstellung eines einzelnen Regiments.
Künftig sollte es um die Aufstellung einer kompletten
Armada gehen, wie ein vollständiges Heer zeitgenössisch
hieß, und Wallenstein achtete darauf, für welchen
Kriegsschauplatz die Truppen bestimmt waren. Der Krieg im
Osten erforderte eine andere Zusammensetzung der
militärischen Fähigkeiten als der im Westen, der im Norden
wiederum eine andere als der im Süden – keiner hat das
besser begriffen als Wallenstein. Dementsprechend
ungehalten wurde er, wenn ihm der Wiener Hofkriegsrat
einen Strich durch die Rechnung machte und seine Truppen
auf Kriegsschauplätze dirigierte, für die sie nicht vorgesehen
waren.
Der Herbstfeldzug der Kaiserlichen gegen Bethlen kam
nicht recht voran. Bethlen stellte sich nicht zur Schlacht,
sondern attackierte den Tross und einzelne Detachements
des Heeres. Um dessen Verwundbarkeit auf dem Marsch zu
vermindern, mussten die Truppen zusammengehalten und zu
einer einzigen Marschsäule konzentriert werden. Das
wiederum vergrößerte die Versorgungsprobleme, denn je
dichter das Heer marschierte, desto weniger Gehöfte und
Dörfer, aus denen sich die Truppen versorgen konnten,
lagen auf seinem Weg. Also wurden wieder Einheiten
detachiert, um Nahrungsmittel zu beschaffen, und schon
schlug Bethlen erneut zu. Noch bevor man Pressburg
erreicht hatte, entschloss sich die Führung, das Heer zu
teilen: Der Marchese Caraffa und Don Balthasar de
Marradas zogen mit der Kavallerie nach Kremsier weiter,
während Wallenstein mit den Fußtruppen in einem
verschanzten Lager bei Göding blieb. Die Stellungen ließen
sich gegen einen Angriff Bethlens gut verteidigen, aber der
tat den Verschanzten nicht den Gefallen anzugreifen,
sondern beschränkte sich darauf, deren Nachschub zu
unterbinden: Irgendwann würden die Nahrungsmittel knapp
werden, Wallenstein müsste das Lager verlassen und
Bethlen würde mit dessen ausgehungerten Soldaten leichtes
Spiel haben, wenn sie nicht kapitulierten. Bethlen hatte Zeit,
Wallenstein nicht – so jedenfalls schien es.
Dementsprechend dringlicher wurden Wallensteins Briefe an
seinen Schwiegervater Harrach in Wien, in denen er ein ums
andere Mal die Unterstützung durch leichte Kavallerie oder
die alsbaldige Eröffnung eines Diversionskrieges gegen
Siebenbürgen forderte – der Einfall eines polnischen Heeres
sollte Bethlen zum Abzug aus Mähren zwingen. Bleibe
beides aus, so Wallenstein, würden die hungernden Soldaten
die Offiziere gefangen nehmen und an Bethlen ausliefern,
um dann selbst in dessen Dienste überzuwechseln. «Das
Volk», so schrieb er am 10. November an Harrach, werde
«sich eines anderen resolvieren […] und aus Not uns Capi
[Anführer] bei die Köpf nehmen, dem Feind übergeben, und
selbst in Feinds Dienst verbleiben, wie sies denn noch alle,
die wenig in Not gewesen, getan haben.» [16]
Was Wallenstein nicht wusste, war, dass auch für Bethlen
die Zeit begrenzt war: Der Winter stand vor der Tür, die
türkischen Einheiten waren mit der Beute, die sie gemacht
hatten, reichlich versorgt und wollten den Rückzug antreten,
und selbst in Bethlens eigenen Verbänden drängte man zum
Aufbruch in die Heimat, seitdem Gerüchte aufgetaucht
waren, wonach ein polnisches Heer in Siebenbürgen
eingefallen sei. Am 17. November wollte Bethlen die
Entscheidung erzwingen und verlangte von seinen Reitern,
zu Fuß die Schanzen des Lagers von Göding anzugreifen.
Aber die Reiter weigerten sich, in dieser ihnen unvertrauten
Weise zu kämpfen. Am 19. November kam es durch die
Vermittlung des ungarischen Palatins Stanislaus Thurzo zu
einem Waffenstillstand, in dessen Folge Bethlen nach Osten
abzog. Wallenstein und seine Fußtruppen waren gerettet.

Wallensteins erste weitgehend selbständige Operation ist


somit alles andere als glänzend verlaufen. Er entging nur
knapp einer Katastrophe. Doch er lernte daraus. Schon im
darauffolgenden Jahr entwickelte er einen Plan zur
Reorganisation des Heeres, in den die Erfahrungen des
Herbstfeldzugs gegen Bethlen Gábor einflossen.
Wallensteins Leitidee bestand darin, zukünftig auf Heere zu
verzichten, die aus Truppen unterschiedlicher Herren mit
eigenen Kommandostrukturen zusammengesetzt waren, und
stattdessen ein Heer aufzustellen, das wie aus einem Guss
war. Vor allem sollten die Truppen unter einem Oberbefehl
stehen, dem sich alle Kommandeure zu fügen hatten, ohne
dass sie erst beim Landesherrn nachfragen mussten, ob er
auch mit der Entscheidung einverstanden sei. Das aber hieß,
dass Wallenstein nicht nur als Kriegsunternehmer, sondern
auch als General auftreten musste. Dieses Projekt hat
Wallenstein 1625 in die Tat umgesetzt.

Zunächst aber mussten die Voraussetzungen dafür


geschaffen werden. Am 3. September 1623 wurde
Wallenstein zum Fürsten von Friedland und Reichenberg
erhoben, und zwei Tage später wurde ihm Friedland vom
Kaiser als erbliches Lehen zugeteilt. Dieses geschlossene
Herrschaftsgebiet nordöstlich von Prag, zwischen Elbe und
Neisse gelegen, wurde von Wallenstein wirtschaftlich so
organisiert, dass es als Ausrüstungs- und Versorgungsbasis
eines großen Heeres dienen konnte. [17] Als im Frühjahr
1625 mit dem absehbaren Kriegseintritt Dänemarks selbst
Kurfürst Maximilian von Bayern den Kaiser zu verstärkten
Rüstungen drängte, weil die Streitkräfte der Liga allein der
neuen Herausforderung nicht gewachsen seien, nahm
Ferdinand Wallensteins Angebot, ein Heer aufzustellen, an
und ernannte ihn zum Oberbefehlshaber aller kaiserlichen
Truppen – «zum Capo uber alles Iero Volckh, so diser Zeit im
Heiligen Römischen Reich und Niderlandt vorhanden oder
noch dahinwerts geschückht und abgeordtnet werden
möchte», wie es im kaiserlichen Intimat heißt. [18]
Am 13. Juni folgte die Erhebung Wallensteins zum Herzog
von Friedland, die auch für seine Nachkommen und «zu
allewigen Zeiten» gelten sollte. Mit dieser Rangerhöhung
war auch das Verhältnis Wallensteins zu Tilly geklärt, der als
Graf deutlich unter dem neuen Herzog stand, und auch wenn
Tillys Dienstherr Maximilian inzwischen Kurfürst war, so
stand ihm doch Wallenstein als Herzog «fast ebenbürtig zur
Seite» [19]. Das alles dürfte nicht ohne Wallensteins
Einflussnahme – beziehungsweise die seiner Parteigänger in
der Umgebung des Kaisers – erfolgt sein. Man kann in
diesem raschen Aufstieg den Ausdruck seines schier
unstillbaren Ehrgeizes sehen, seiner Habgier und seines
Machthungers, wie ihn Keplers Horoskop charakterisiert
hatte; man kann das Drängen auf eine nahezu unbegrenzte
Kommandogewalt und auf Rangerhöhung indes auch auf
Wallensteins Umsichtigkeit zurückführen, sich gegen das
notorische Kompetenzgerangel und die ewigen
Rangstreitigkeiten abzusichern. [20] In welchem Ausmaß es
solcher Umsicht bedurfte, konnte Wallenstein schon bald
feststellen. [21]
Dänemarks Kriegseintritt
Die Präsenz des Kaisers und der Liga in Norddeutschland
beunruhigte nicht nur die nördlichen Niederlande, sondern
gab auch den Herrschern von Dänemark und Schweden
Anlass, über ein Eingreifen in den Krieg nachzudenken.
Auch König Jakob von England stand im Begriff, seine
vorsichtige Haltung, die eher an politischem Ausgleich als an
militärischer Einmischung orientiert war, zu revidieren.
Seine früheren Versuche, mit Spanien zusammen die
Wiedereinsetzung seines Schwiegersohns (und damit auch
seiner Tochter) in der Pfalz zu erwirken, hatten keinerlei
Erfolg gezeitigt, und auch das Projekt einer Ehe zwischen
seinem Sohn Karl und der spanischen Infantin Maria, einer
Schwester König Philipps IV., auf dem Jakob eine Koalition
der beiden Seemächte hatte begründen wollen, hatte sich als
Chimäre erwiesen. Der Prinz von Wales war, nachdem sich
die Verhandlungen über eine Eheschließung immer mehr in
die Länge gezogen hatten, im April 1623 nach Madrid
gereist, um deren Fortgang an Ort und Stelle zu forcieren.
Dabei hatte er die zwei für das Verhältnis der beiden
Königreiche zentralen Fragen, seine Eheschließung mit der
Infantin und die Restitution des Pfalzgrafen, miteinander
verbunden, um im «Paket» eine Lösung zu finden. Graf
Olivares, der unter Philipp IV. die Leitung der spanischen
Politik übernommen hatte, wollte beide Fragen indes
getrennt behandelt wissen, weil er bezweifelte, dass man in
den zwei Angelegenheiten gleichermaßen Fortschritte
erzielen könne. [1] Das spanische Angebot bestand darin,
dass sowohl der zukünftige englische König Karl als auch
der am Wiener Hof zu erziehende Sohn des Pfälzers zum
Katholizismus konvertieren mussten. Das war für England
unannehmbar. Jakob fühlte sich von den Spaniern
hingehalten und getäuscht, und in seinem Zorn darüber war
er bereit, sich an die Spitze einer protestantisch-
antihabsburgischen Koalition zu stellen. [2] Als Erstes wollte
er den beschäftigungslosen Söldnerführer Ernst von
Mansfeld in seine Dienste nehmen und ihm Geldmittel zur
Verfügung stellen, mit denen er eine Armee anwerben sollte,
um erneut in den Krieg einzugreifen. [3]
Auch Frankreich war vom Wiedererstarken der
habsburgischen Macht beeindruckt und suchte nach
Möglichkeiten des Gegenhandelns. Vor allem die spanischen
Besatzungen in den linksrheinischen Festungen der Pfalz
beunruhigten die französische Politik. Durch die bereits
1620 errungenen militärischen Erfolge im Kampf um die
Kontrolle der Veltliner Alpenpässe, die starke Position, die
Spanien seit Wiederaufnahme des Krieges in den
Niederlanden innehatte, und die spanische Militärpräsenz in
der Pfalz war ein regelrechter Ring um Frankreich
entstanden, der in Paris als systematisch betriebene
Einkreisung wahrgenommen wurde. [4] Die Politik des 1624
in den Conseil d’État berufenen Richelieu stand somit unter
zwei Prämissen: den spanischen Einkreisungsring durch eine
dagegen gerichtete Bündnispolitik aufzusprengen und
darüber hinaus Frankreich (wieder) zum Schiedsrichter im
politischen Machtgefüge Europas zu machen. [5] Richelieu
nahm damit eine Politik auf, die Heinrich IV. bis zu seiner
Ermordung verfolgt hatte, die unter der Regentschaft seiner
Witwe Maria de’Medici jedoch nicht weitergeführt worden
war. [6] Aber für mehr als ein verdecktes Eingreifen in den
Krieg reichten die französischen Kräfte zunächst nicht aus,
zumal Richelieu die Veltlin-Frage als vordringlich ansah und
im Herbst 1624 eine Armee nach Norditalien in Marsch
setzte. Der Nutznießer war einmal mehr Ernst von Mansfeld,
der zusätzlich zu den Geldern aus England und den
Niederlanden auch von Frankreich Subsidien erhielt, um ein
Heer für den Kampf gegen die Habsburger aufzustellen. [7]
Die bislang gemachten Erfahrungen legten jedoch nahe,
dass ein von Mansfeld angeführtes Söldnerheer allein nicht
genügen würde, die verbundene Macht von Kaiser und Liga
zurückzudrängen. Um dieses Ziel zu erreichen, boten sich
zwei Möglichkeiten an, die gegebenenfalls miteinander
kombiniert werden konnten: erstens der Versuch, einen Keil
zwischen Kaiser Ferdinand und Kurfürst Maximilian zu
treiben, indem man deren unterschiedliche Interessen
gegeneinander ausspielte; zweitens das Vorhaben, eine der
beiden dem Luthertum verpflichteten nordischen Mächte,
Dänemark oder Schweden (oder auch beide gemeinsam), in
den Krieg zu verwickeln und sie zur militärischen Spitze
gegen Kaiser und Liga zu machen. Das erste Projekt wurde
vor allem von Frankreich verfolgt, und Père Joseph, der
Kapuziner-Diplomat im Dienste Richelieus, war von nun an
damit beschäftigt, den Bayernherzog Maximilian und die
geistlichen Kurfürsten am Rhein gegen das Wiener
Kaiserhaus auszuspielen. Bei Maximilian erzielte die
französische Diplomatie Teilerfolge, aber es gelang den
Franzosen nie, den Bayern dauerhaft gegen das Wiener
Kaiserhaus in Stellung zu bringen. Der Kölner Erzbischof
Ferdinand, ein Bruder Maximilians, folgte der von München
vorgegebenen Linie, der Mainzer Erzbischof lavierte, hielt
sich aber stärker an das Kaiserhaus, und nur der Trierer
Erzbischof Philipp Christoph von Sötern ließ sich auf eine
profranzösische und antihabsburgische Politik ein. [8]
Durchschlagende politische Wirkung sollte die französische
Diplomatie erst im späteren Kriegsverlauf erzielen.
Somit konzentrierte sich 1625 alles auf die Frage, ob die
nordischen Mächte in den Krieg eingreifen würden. Das
Problem war, dass Dänemark und Schweden seit
Jahrzehnten um die Vorherrschaft in der Ostsee
konkurrierten und deswegen auch mehrere Kriege
gegeneinander geführt hatten. [9] Schweden, das dabei den
Kürzeren gezogen hatte, ließ sich danach auf eine
Expansionspolitik in südöstliche Richtung ein, und in
mehreren Kriegen gegen Polen hatten die in Stockholm
regierenden protestantischen Wasa den in Warschau
residierenden katholischen Wasa einige Hafenstädte und
einen größeren Küstenstreifen im Baltikum weggenommen.
Als es nun um die Frage ging, ob die nordischen Mächte sich
in den Krieg im Reich einmischen würden, [10] war Schweden
wieder einmal in einen Krieg mit Polen verwickelt. Dennoch
zeigte Gustav Adolf ebenso wie Christian von Dänemark
Interesse, an die Spitze einer protestantischen Koalition zu
treten, um den Kampf gegen die Habsburger und die
katholische Liga wiederaufzunehmen. Der Kriegseintritt bot
beiden Mächten die Möglichkeit, nach Süden zu
expandieren, und wer dabei erfolgreich war, würde auch das
Ringen um die Ostseehegemonie (dominium maris Baltici)
für sich entscheiden. Daraus folgte indes, dass beide Mächte
sich schwerlich zu einer gemeinsamen Kriegführung
bereitfinden würden. Der Eintritt der einen Seite schloss die
Beteiligung der anderen aus. Die Generalstaaten der
Niederlande, der englische König und Richelieu, die am
Zustandekommen einer antihabsburgischen Koalition
arbeiteten, mussten sich also für eine der beiden Mächte
entscheiden, und dabei hatten sie sicherzustellen, dass der
jeweilige Rivale die kriegerischen Verwicklungen des
anderen nicht nutzte, um ihm in den Rücken zu fallen. Keine
der zwei nordischen Mächte konnte von sich aus und aus
eigenem Antrieb in den Krieg auf deutschem Boden
eingreifen, beide bedurften der «Rückendeckung» durch ein
Bündnis.
Für Schweden sprach, dass Gustav Adolf in den Kriegen im
Baltikum reichlich Kriegserfahrung gesammelt hatte und
über kriegserprobte Truppen verfügte. Doch ein Eingreifen
Schwedens in die Konflikte des Reichs ließ sich nicht so
leicht rechtfertigen, denn bislang hatten weder der Kaiser
noch die Liga schwedische Interessen berührt. Es war
darum auch ungewiss, ob sich der einflussreiche
schwedische Adel auf diesen Krieg überhaupt einlassen und
seinem König folgen würde. Allerdings hatte Gustav Adolf
bereits einen Kriegsplan, und der sah vor, dass er mit seinen
Truppen aus dem polnisch-pommerschen Grenzgebiet die
Oder entlang in südlicher Richtung nach Schlesien
vorstoßen würde, wo er sich mit Bethlen Gábor vereinigen
wollte, der sich als Bündnispartner wieder einmal ins
Gespräch gebracht hatte. Zur Rechtfertigung dieses
Vorgehens wollte Gustav Adolf mit Pfalzgraf Friedrich ein
festes Bündnis schließen, denn so konnte er als dessen
Interessenvertreter im Reich auftreten. [11]
Im Falle Dänemarks war eine solche Rechtskonstruktion
nicht vonnöten, denn Christian IV. war auch Herzog von
Holstein und gehörte damit zu den Ständen des Reichs. Von
einem Eingreifen äußerer Mächte wäre also nicht die Rede
gewesen. Als Reichsstand konnte Christian gegen illegitime
oder ungerechte Entscheidungen des Kaisers Widerstand
leisten, und diese in den zurückliegenden Jahren mehrfach
benutzte Rechtsfigur kam auch hier ins Spiel. Vor allem für
den strikt auf Legitimität bedachten Jakob scheint das ein
Grund gewesen zu sein, mehr auf Christian als auf Gustav
Adolf zu setzen. Die Zugehörigkeit Christians zu den
Reichsständen war jedoch nur eine Fassade, de facto
handelte es sich durchaus um die Intervention einer äußeren
Macht: Zu Dänemark gehörten nämlich nicht nur die
Herzogtümer Schleswig und Holstein, sondern auch Island
und Grönland, weiterhin größere Teile des heutigen
Schweden sowie die Ostseeinseln Gotland und Ösel.
Außerdem war Christian in Personalunion auch König von
Norwegen. Sein Königreich umfasste also ein Gebiet, das
vom Nordkap bis nach Hamburg und von Island bis zur Insel
Ösel vor der estnischen Küste reichte.
Die wichtigste Einnahmequelle des Königs waren nicht
Steuern, sondern Handelszölle, und bei diesen Zöllen hatten
die Landstände nicht mitzureden; der König konnte somit
eine von den Ständen weitgehend unabhängige Politik
betreiben. [12] Als er sich entschloss, in den Krieg im Reich
einzugreifen, tat er das gegen den Ratschlag des Staatsrats,
auf dessen Unterstützung er dank der Zölle aus dem
Öresund, die alle die Passage zwischen Nord- und Ostsee
durchfahrenden Schiffe zahlen mussten, nicht angewiesen
war. Außerdem wurden ihm von Frankreich, England und
den Generalstaaten Subsidien zugesagt, die ungefähr die
Hälfte der veranschlagten Kriegskosten abdeckten. Zunächst
freilich agierte Christian sehr vorsichtig, denn ihm war
offenbar klar, dass er sich auf ein hochriskantes
Unternehmen einlassen würde. Den Ausschlag dafür dürfte
letztlich die Konkurrenz mit Schweden gegeben haben:
Wenn er nicht in den Krieg eingetreten wäre, hätte das an
seiner Stelle Gustav Adolf getan, und Christian fürchtete, ein
erfolgreicher Feldzug der Schweden in Deutschland würde
sich auf die Machtverhältnisse in der Ostsee auswirken. Er
wollte die Ostseehegemonie, die nach dem Kalmarkrieg von
1611 bis 1613 eindeutig bei Dänemark lag, durch sein
Eingreifen im Reich festigen. Dazu sollte auch die
Einsetzung seiner Söhne in die Administration ehemals
katholischer Bistümer dienen. Das Stift Halberstadt und das
Erzstift Bremen waren dabei im Gespräch. [13]
Christian IV., König von Dänemark und Herzog von Holstein, sah sich als Herr des
europäischen Nordens. Die Konkurrenz mit den Niederlanden und mit Schweden
war für ihn ein wichtiger Grund, in den «deutschen Krieg» einzugreifen. Der Stich
zeigt ihn zu Beginn des niedersächsisch-dänischen Krieges mit Harnisch und
Feldherrnstab auf dem Höhepunkt seiner Macht.

Wie riskant das dänische Kriegsprojekt indes war, zeigt ein


Blick auf seine Finanzierung: [14] Im Unterschied zu
Schweden, das infolge seiner Militärverfassung auf eine im
eigenen Land ausgehobene Armee zurückgreifen konnte, [15]
operierte Dänemark mit geworbenen Söldnern. Christian
wollte diesen Krieg nach demselben Modell führen wie den
für ihn überaus erfolgreichen Kalmarkrieg, als seine
Truppen auf schwedisches Gebiet vorgestoßen waren und
durch die Plünderung des Landes ihre Unterhaltskosten
deutlich gesenkt hatten. Diesen Dreischritt –
Vorfinanzierung der Armee aus eigenen Mitteln, Unterhalt
der Truppen in Gebieten außerhalb des Königreichs,
Refinanzierung der vorgeschossenen Kriegskosten durch
Entschädigungen von Seiten des Kriegsgegners – wollte
Christian wiederholen. Aber dieses Modell hatte zur
Voraussetzung, dass der König siegte und den Krieg
außerhalb des eigenen Territoriums führen konnte. Das war
das Risiko, das Christian einging, als er damit begann, eine
Armee in der Stärke von 30000 Fußsoldaten und 7000 bis
8000 Reitern aufzustellen. Zusammen mit den Truppen
Mansfelds würde er damit dem Liga-Heer unter Tilly
deutlich überlegen sein, und diese Überlegenheit würde das
Risiko des Krieges begrenzen. Dennoch zögerte Christian,
die Kampfhandlungen zu eröffnen, und das kann als ein
Beleg dafür angesehen werden, dass er sich nicht sicher
war, ob er sich auf dieses Risiko tatsächlich einlassen sollte.

Am 29. November 1625 wurde im Haag der Allianzvertrag


zwischen England, Dänemark und den Generalstaaten
geschlossen, in dem die Konditionen des Zusammenwirkens
festgelegt waren. [16] Angesichts der Kriege im Reich und der
von ihnen ausgehenden Gefährdung der Reichsverfassung,
so heißt es in der Vorrede, habe man sich entschlossen, «zur
rechten Zeit vorzubeugen und den allzu gewaltigen,
unerträglichen Fortgang dieser schlimmen Absichten und
Bedrückungen zu hindern, zur Wiederaufrichtung und
Conservation der besagten Freiheit, der Rechte und
Constitutionen des Kaiserreichs, sich einem so
voraussehbaren Verderben und all jenen, die jetzt oder in
Zukunft dessen Urheber sein werden, zu widersetzen und
entgegenzustellen.» [17] Bereits sieben Monate vor Abschluss
der Haager Allianz hatte Christian sich zum Obristen des
niedersächsischen Reichskreises wählen lassen. Damit besaß
er eine hinreichende Legitimation, um im Reich als
Verteidiger der Verfassung auftreten zu können, wie das in
der Vorrede des Vertrags annonciert wird. In dieser
reichskonservativen Ausrichtung steckte jedoch ein
politisches Problem von großer Sprengkraft.
Legitimationspolitisch mochte die reichskonservative
Begründung des Bündnisses ihre Vorzüge haben, aber es
handelte sich dabei lediglich um einen Kompromiss, der die
unterschiedlichen Interessen der Beteiligten verdecken
sollte: [18] England ging es neben der Restitution des
Pfalzgrafen vor allem um den Kampf gegen Spanien.
Nachdem Jakob I. am 27. März 1625 gestorben war und sein
Sohn Karl, der in Madrid Düpierte, die Nachfolge angetreten
hatte, trat dieses Interesse noch stärker hervor. Mindestens
ebenso stark wie England waren die Generalstaaten an
einem gegen Spanien gerichteten Krieg interessiert.
Christian dagegen bestand darauf, dass er keinen Krieg
gegen Spanien führen wolle. Tatsächlich wurde aber
im IV. Abschnitt der Haager Allianz noch vor den die
Landkriegführung betreffenden Passagen auf ein englisch-
niederländisches Bündnis Bezug genommen, in dem es um
einen gemeinsamen Seekrieg gegen Spanien ging; auch
wenn Spanien nicht namentlich genannt wurde, so waren in
den Seekriegspassagen des Vertrags doch dessen Flotten
gemeint. Der König von England, so heißt es dort, werde
«eine weitere Flotte auslaufen lassen, um derjenigen, die
sich schon auf See befindet, zu helfen, um damit die Kräfte
der Gegenpartei abzulenken und zu behindern». [19] Die
«Gegenpartei» konnte nur Spanien sein. Vermutlich war
mittelfristig auch an eine Beteiligung der dänischen Flotte
gedacht, weil sie die bei weitem stärkste in der Ostsee war
und Dänemark sich aus einem Krieg, in dem es um die
Kontrolle des Handels ging, kaum heraushalten konnte. [20]
Auch bezüglich der Restitution Friedrichs konnte man sich
nicht auf ein konkretes Kriegsziel einigen. Als die Engländer
darauf drängten, die Rückführung Friedrichs in seine
Erblande und dessen Wiedereinsetzung in die Kur in den
Vertrag aufzunehmen, lehnte Christian dies mit der
Begründung ab, dass die Niedersachsen, an deren Spitze er
sich hatte wählen lassen, nur zur Kreisverteidigung bereit
seien. Es stand also zu befürchten, dass diese Allianz die
erste größere Belastung nicht überstehen würde.
Die Probleme der Haager Allianz zeigten sich noch vor
Kriegsbeginn im Rückzug Kurbrandenburgs aus der
Koalition, zu deren Zustandekommen Kurfürst Georg
Wilhelm zuvor einiges beigetragen hatte. Seit 1616 mit einer
Schwester Friedrichs von der Pfalz verheiratet und durch die
Eheschließung seiner eigenen Schwester mit Gustav Adolf
auch Schweden eng verbunden, hatte er auf den
schwedischen König als Anführer, zumindest als Teilnehmer
der Koalition gesetzt und dementsprechend
Sondierungsgespräche für diese Koalition führen lassen. [21]
Erstmals seit Kriegsbeginn hatte Brandenburg eine politisch
aktive Haltung eingenommen; die Reisen des Rates Christian
von Bellin nach Stockholm, Kopenhagen und Den Haag
standen am Anfang der Allianz, aber dann ging die Initiative
auf England und die Generalstaaten über, und das kleine
Brandenburg geriet politisch an den Rand. Es war jedoch
weniger die politische Marginalisierung seines Landes,
sondern die Nichtteilnahme Schwedens, die Georg Wilhelm
einen Rückzieher machen ließen. Jetzt wollte er die Allianz
nicht mehr mit Truppen – er hatte zunächst 3000 Mann
zugesagt –, sondern nur noch mit Subsidien unterstützen,
und auch das nur, wenn sich der Angriff ausschließlich
gegen die Liga und nicht gegen den Kaiser richtete, was
jedoch angesichts der Bündnisstruktur von Kaiser und Liga
so gut wie unmöglich war. Der böhmische Historiker Anton
Gindely hat deshalb von einer «ebenso lächerlichen wie
unvernünftigen Bedingung» gesprochen. [22] Sie hatte auch
nur die Funktion, Brandenburg wieder auf Distanz zur
Haager Allianz zu bringen, nachdem sich das kleine Land
zeitweilig für seine Verhältnisse und Möglichkeiten sehr weit
vorgewagt hatte. Für eine solche wagemutige Politik, so
glaubte man in Berlin, brauchte man einen starken
Verbündeten in räumlicher Nähe. Als der infolge der Absage
Gustav Adolfs nicht mehr vorhanden war, näherte man sich
wieder der vorsichtigen Politik Kursachsens an, in deren
Windschatten sich Brandenburg bisher bewegt hatte.
Im Rückzieher Brandenburgs wurde einmal mehr die
zögerliche Politik des deutschen Protestantismus nach dem
Zerfall der protestantischen Union sichtbar: Man war sich
nicht sicher, welche Ziele man verfolgen sollte und wie viel
man dafür riskieren konnte. Selbst das reformierte
Brandenburg zögerte ein ums andere Mal – mit der Folge,
dass die lutherischen Sachsen die Gangart bestimmten, und
die war kaisertreu. [23] So blieb die Anzahl der
protestantischen Parteigänger Christians im Reich
überschaubar; neben den Fürsten des niedersächsischen
Kreises war es eigentlich nur Landgraf Moritz von Hessen-
Kassel, der sich ihm vorbehaltlos anschloss. Als die Haager
Allianz am 29. November beziehungsweise 9. Dezember
1625 besiegelt wurde, war es jahreszeitlich schon zu spät,
um die Truppen noch ins Feld zu führen. Unterdessen
verhandelten die potenziellen Kriegsgegner in Braunschweig
über die Frage, ob sich nicht doch noch ein Ausgleich finden
lasse, der einen weiteren Krieg unnötig mache. Das war eine
Gelegenheit für die sächsische Politik, ein weiteres Mal die
Rolle des Mittlers zu übernehmen. Als Kompromiss schlugen
die Sachsen vor, dass Christian IV., Mansfeld und die
Niedersachsen die Waffen niederlegen sollten, wenn die
Gegenseite, Tilly und Wallenstein, zusagen würde, mit ihren
Truppen den niedersächsischen Kreis zu verlassen sowie
dort keine Kontributionen zu erheben, und Kaiser Ferdinand
den Niedersachsen zusicherte, sie im Besitz der ehemals
geistlichen Güter zu belassen. [24] Von der Restitution des
Pfalzgrafen war in dem Vermittlungsvorschlag keine Rede,
und dass sich die protestantische Seite überhaupt auf
Verhandlungen einließ, zeigt ihre Schwäche und
Gespaltenheit. Doch selbst über diesen
Vermittlungsvorschlag konnte man sich nicht verständigen.
Als die Parteien am 8. März 1626 ergebnislos
auseinandergingen, war das der Auftakt zur nächsten Runde
des Krieges.
Wallensteins Heer
Im Januar 1625 wiederholte Wallenstein ein Angebot, das er
bereits in den zwei vorangegangenen Jahren mehrfach
gemacht hatte, [1] ohne dass der Hofkriegsrat in Wien darauf
eingegangen wäre: Er wollte «auf eigene Kosten» ein Heer
in der Größe von etwa 20000 Mann aufstellen. Was sich auf
den ersten Blick wie ein großzügiges Angebot ausnahm, das
dem finanzschwachen Kaiser ermöglichen sollte, was er
unter den gegebenen Umständen am dringlichsten brauchte:
ein eigenes Heer, war nichts weniger als ein Projekt, das die
Machtverhältnisse im Reich grundlegend verändern würde –
nicht nur die militärischen, sondern auch die politischen.
Wallensteins Angebot war derart grundstürzend, dass man
in Wien nicht binnen weniger Tage darauf einging. Man
verhandelte über bald ein halbes Jahr, bevor der Kaiser am
27. Juni 1625 die Instruktion für die Aufstellung des Heeres
unterschrieb und einen Monat später, am 25. Juli,
Wallenstein zum General der kaiserlichen Kriegsmacht
ernannte. Ferdinand scheint bewusst gewesen zu sein, dass
er damit sein politisches Schicksal mit dem Wallensteins
verband. Wenn er hinsichtlich der Tragweite seiner
Entscheidung der Aufklärung bedurft hätte, so lieferte ihm
diese das von seinem wichtigsten Ratgeber und Minister,
dem Reichsfürsten Hans Ulrich von Eggenberg, angefertigte
Gutachten: Der Präsident der Hofkammer und des Geheimen
Rats und obendrein engste Vertraute des Kaisers führte
darin aus, dass Ferdinand eine Streitmacht wie die von
Wallenstein vorgesehene nicht benötige, da er mit den
Türken Frieden geschlossen habe und es vorerst zu einer so
grundlegenden Veränderung der kaiserlichen Politik keinen
Anlass gebe. [2] Eggenberg, der nicht zu Wallensteins
Gegnern am Wiener Hof gehörte, erkannte, dass es um mehr
ging als um ein vorteilhaftes Angebot Wallensteins.
Bei Kriegsbeginn gab es kein kaiserliches Heer, sondern
nur einzelne Regimenter unter dem Befehl des Grafen
Heinrich Duval von Dampierre, die in einem größeren Krieg
nur im Verbund mit anderen Einheiten, etwa den spanischen
Regimentern Bucquoys oder denen der Liga, ein operativ
selbständiges Heer bildeten. Der Kaiser war militärisch auf
die Unterstützung durch die Reichsstände beziehungsweise
seine internationalen Verbündeten angewiesen, die ihm für
begrenzte Zeit und vorgegebene Zwecke Truppen zur
Verfügung stellten. Das war nicht erst seit jüngster Zeit so,
und es war auch kein Spezifikum der habsburgischen Kaiser,
sondern reichte bis weit ins Mittelalter zurück: Wenn der
Kaiser Soldaten brauchte, musste er sich diese von einem
Reichstag bewilligen lassen. Er konnte Truppen auch aus
den Ressourcen seiner Erblande aufstellen; dafür hatte er
sich jedoch mit den Ständevertretern ins Benehmen zu
setzen, und die reagierten zumeist mit einer Mischung aus
Zurückhaltung und Ablehnung, lief das kaiserliche Ersuchen
doch darauf hinaus, dass sie als ein Teil des Reiches für
dessen Gesamtaufgaben aufkommen mussten. Es waren
immer nur Teile des benötigten Heeres, die der Kaiser so
bekommen konnte. Nicht anders verhielt es sich auch in den
ersten Jahren des Dreißigjährigen Krieges, als Ferdinand
von der Hilfe Spaniens, des Papstes und der katholischen
Liga abhängig war. Sobald militärische Macht im Reich ins
Spiel kam, war der Kaiser auf das Wohlwollen anderer
angewiesen.
Das Vorhaben Wallensteins, ein komplettes Heer
aufzustellen, über das der Kaiser frei verfügen konnte, sollte
diese seit Jahrhunderten bestehenden Verhältnisse
verändern. Auch wenn man dem in Wien insgesamt positiv
gegenüberstand, so wollten die politischen Folgen dieser –
revolutionären – Veränderung doch wohl erwogen werden.
Man brauchte also Zeit, um die Konsequenzen nach allen
Seiten hin auszuleuchten, und diese Konsequenzen waren
nicht nur machtpolitischer und finanztechnischer Art,
sondern betrafen auch die Grundprinzipien der
Reichsverfassung. Die nämlich beruhte auf dem Grundsatz,
dass der Kaiser als Kaiser, also abzüglich dessen, worüber er
als Landesherr gebot, über politische und rechtliche, aber so
gut wie keine militärische Macht verfügte. Die Macht des
Kaisers gründete sich auf die hierarchisch strukturierte
Rechtsordnung des Reiches; zur Exekution seiner
Entscheidungen war der Kaiser auf die Hilfe der
Reichsstände angewiesen. So hatte sich das auch in der
Vorgeschichte des Dreißigjährigen Krieges dargestellt:
sowohl bei der vom Bayernherzog Maximilian
durchgeführten Reichsexekution gegen Donauwörth als auch
bei der Nichtexekution der kaiserlichen Entscheidung im
Streit um das Marburger Erbe. [3] Die Ordnung des Reichs
war eine, die in ihrem Inneren Krieg als eigenen
Aggregatzustand des Politischen nicht kannte, sondern für
die es nur Rebellionen und Rechtsexekutionen gab. [4] Krieg
gab es nur in den äußeren Beziehungen des Reichs, und
solche Kriege beschränkten sich zumeist auf zeitlich wie
räumlich begrenzte Feldzüge.
Nun dauerte der Krieg aber schon sieben Jahre, und
militärische Macht war inzwischen zur wichtigsten
Ressource geworden, wenn es darum ging, einen politischen
Willen geltend zu machen. Die Rechtshierarchie des Reichs
war schon vor Kriegsbeginn durch die konfessionelle
Spaltung der Reichsstände sowie die Lahmlegung einer
Reihe von Reichsorganen außer Kraft gesetzt worden, doch
nun kam noch hinzu, dass sich die Grundlage der politischen
Macht von der Rechtsprechung auf die Gewaltanwendung
verschoben hatte. Bis zu Wallensteins großem Angebot hatte
man diese Verschiebung der politischen Ressourcen als
einen Ausnahmezustand begriffen, der nach einiger Zeit
wieder enden werde. Was Wallenstein vorschlug, lief indes
darauf hinaus, den Ausnahmezustand zur Normalität zu
machen und auf der Grundlage dieser veränderten
Normauffassung die realen Machtverhältnisse neu zu
ordnen.
Dem wie immer ungeduldigen Wallenstein ging diese
Neuausrichtung viel zu langsam voran. Angesichts der
Bedrohung durch das sich abzeichnende Bündnis der
Seemächte im Nordwesten Europas war er überzeugt, dass
man keine Zeit vergeuden dürfe – und genau das taten die
Wiener Räte nach seiner Auffassung. Wallenstein dachte von
außen her, die Wiener Räte hingegen von innen, und
deswegen war das Problembewusstsein beider Seiten
unterschiedlich ausgeprägt. Über seinen Schwiegervater
suchte Wallenstein die Wiener Entscheidungen zu
beschleunigen. Am 28. April schrieb er an Karl von Harrach,
dieser solle erreichen, «auf dass Ihre Mait. [Majestät] wegen
der Werbung nit länger temporisieren, dieweil der Feind
nicht feiert und Tag zu Tag mehr [Kriegs-]Volk aufbringt und
also eher, dann wir uns versehen werden, in Schlesien und
diesen Landen sein wird. Darum ist gewiss kein Minuten zu
verlieren.» [5] Wallenstein drohte damit, wie er das auch
später noch einige Mal tat, sich von dem Vorhaben
abzuwenden, wenn man in Wien nicht endlich dem von ihm
als zwingend angesehenen Zeitrhythmus folge: «Ich hab
mich wohl offeriert, Ihr Mait. zu dienen, welchem ich auch
unterthänigst nachkommen will, aber werde ich sehen, dass
man Muthwilligkeit verliert und vermeint, nachher wann uns
der Feind am Hals ist, erst zu der Werbung [der Anwerbung
der Soldaten] zu greifen, so will ich mich in solchen Labyrint
nicht stecken, in welchen ich um meine Ehr kommen müsst,
sondern bin resolviert [entschlossen], eher von allen meinen
Diensten abzusehen. Dann ich weiss gewiss, dass nicht
anderes draus erfolgen könnte als dem Kaiser Verlust seiner
Länder und mir Verlust Ehr und Reputation. Bitt derowegen
meinen Herrn ganz dienstlich, er wolle ihm dies so
hochwichtiges Werk befohlen sein lassen.» [6]
Nicht Wallensteins Ungeduld, sondern die allgemeine Lage
dürfte dazu geführt haben, dass Ferdinand die Instruktion
zur Aufstellung eines Heeres unterschrieb. Darin
reklamierte er für sich noch einmal die Rolle dessen, der den
Frieden zu suchen und zu wahren habe, und machte geltend,
dass er von inneren Rebellen und äußeren Feinden dazu
gezwungen werde, sich aus einem Friedensherrn in einen
Kriegsfürsten zu verwandeln. Stets habe er, Ferdinand,
darauf gesetzt, dass «ein jeder nach seines Stands und Orts
Vermögen solcher Unserer friedfertigen Intention beistehen
und succuriern helfen [werde], so erfahren Wir doch nicht
ohne sonderbare Unsers kaiserlichen Gemüths Bittrigkeit
und Beschwerung, [dass] die obengenannten Unsern und
des Reichs Feind und Rebellen schädliche Machinationes
und Praktiken auch nach so ansehnlichen gegen sie von Gott
dem Allmächtigen erhaltene Sieg und Victorien nit allein
noch nit aufhören oder durch geziemende Mittel bei Uns als
dem Oberhaupt den Frieden suchen, sondern eben dieser
Zeit mit mehrer Assistenz ihre rebellische nicht allein gegen
Uns, sondern des ganzen römischen Reichs Stand und
Verfassung gemachte Anschläg durchzudringen im Werk
sein, auch neben Aufwieglung frembder Potentaten den
Erbfeind christlichen Namens in die Societät ihrer gottlosen
Waffen zu bringen keine Mühe und Arbeit gespart
[haben].» [7]
Hier wird auf die Unternehmungen Ernst von Mansfelds
und Christians von Braunschweig ebenso angespielt wie auf
die Beziehungen einiger protestantischer Reichsstände zu
Dänemark, England, Schweden, den Generalstaaten und
Frankreich. Schließlich werden auch die neuerlichen
Kontakte zu Bethlen Gábor erwähnt, die über die Hohe
Pforte in Konstantinopel zustande kamen. Dagegen
positioniert sich der Kaiser als Macht der Bewahrung und
Kraft des Konservativen. Doch das ist nur eine dem
Herkömmlichen verpflichtete Eröffnung, um die
revolutionären Schritte anzukündigen, die in den
darauffolgenden Abschnitten der Instruktion aufgeführt
werden. Der Kaiser versicherte sich zunächst der Tradition,
um anschließend mit ihr zu brechen.

Aber was war eigentlich so revolutionär an der Aufstellung


einer Streitmacht, die dem Kaiser zur Verteidigung und
Wiederherstellung seiner Position im Reich dienen sollte?
Zwar hatte der Bayernherzog Maximilian seit längerem
darauf gedrängt, dass der Kaiser größere
Rüstungsanstrengungen unternehmen und neue Regimenter
aufstellen solle, anstatt alte abzudanken, aber Maximilian
hatte das unter der Voraussetzung gefordert, dass die neuen
kaiserlichen Einheiten zur ligistischen Armee stoßen und
sich dem Oberbefehl Tillys wie den politischen Vorgaben
Maximilians unterstellen würden. So jedenfalls hatte es der
Münchner Vertrag vom 13. Oktober 1619 vorgesehen, in
dem Maximilian «das völlig Directorium vber der
Catholischen Verfassungs- vnd Defensionswesen»
übertragen und festgelegt worden war, dass «auch Jhre
Kayserliche May. noch iemand anderer vnd deroselben Hauß
in keinerley Weise oder Orth solch Jhro Fürstlichen Durchl.
vberlassene absolut. vnd völlige Direction, weder selbsten
verhindern / noch andern zu thun gestatten / sondern
vielmehr auf allerley Weise vnd Weg trachten / daß selbiges
aller Orthen befurdert werde» [8]. Indem Ferdinand nun eine
eigene Armee unter dem Kommando Wallensteins aufstellen
ließ, die nicht nur gegen Bethlen Gábor operieren sollte, was
Maximilian nicht weiter beunruhigt hätte, sondern im
gesamten Reich, löste er sich aus den Bindungen des
Münchner Vertrags, und das sorgte in den nächsten Jahren
für ständigen Konfliktstoff zwischen Maximilian und
Ferdinand.
Das also war die machtpolitische Pointe von Wallensteins
Angebot, nicht einzelne Regimenter, wie bis dahin üblich,
sondern eine ganze Armada «auf eigene Kosten»
aufzustellen: Diese Armee war ein Instrument der
kaiserlichen Politik – und keine Verstärkung anderer. Um
das zu unterstreichen, hatte Ferdinand Wallenstein am
25. Juli zum General ernannt. Wallenstein war dem Grafen
Tilly damit nicht nur als Herzog von Friedland, sondern auch
im Rang des Generals übergeordnet, denn Tilly
kommandierte das Heer der Liga als Generalleutnant, somit
als Stellvertreter Maximilians. Wallenstein hingegen war
niemandes Stellvertreter, sondern verfügte über
selbständige Kommandogewalt. [9] Der Kaiser hatte ihn, wie
es im Ernennungsschreiben heißt, «umb der gueten
beywohnenden qualiteten, Kriegs experienz und
erfahrenhait zuem General uber dißen Unnßern nach dem
Heil. Römischen Reich abgeordtneten succurs» ernannt und
allem Militär im Reich befohlen, «daß ir in allem
demjenigen, waß sein, deß Herzogen zue Friedtlandt L.
[Liebden] von einer zuer andern Zeit in Unßerm Nammen
schaffen, anordnen und commandiren würdet, demselben
gehorsamblich nachkohmen und volnziehen, alß generalen
uber den succurs seine L. erkhennen, ehren, respectiern und
in allen schuldigen, gebührlichen respect, observanz und
gehorsamb erzaigen». [10]
Das lief auf einen grundlegenden Wechsel der
militärischen Über- und Unterordnungsverhältnisse im Reich
hinaus. Auch wenn Wallenstein in den Instruktionen vom
27. Juni ein gutes und kooperatives Verhältnis zu Tilly
nahegelegt wurde, [11] so war doch klar, dass Tilly und
Maximilian vorerst die zweite Geige spielen würden,
jedenfalls so lange, wie Wallensteins Generalat währte – und
das sollte bis zum Regensburger Kurfürstentag im Sommer
1630 der Fall sein, als die Kurfürsten den Kaiser zur
Entlassung Wallensteins zwangen. [12] Im Sommer 1625
befand sich Maximilian freilich in einer Zwickmühle, aus der
er vorerst nicht herauskam: Erstens hatte er den Kaiser
monatelang bedrängt, endlich größere Kriegsanstrengungen
zu unternehmen, so dass er nun, da der Kaiser dies tat,
schlecht dagegen protestieren konnte, und zweitens war da
die äußere Bedrohung durch die Allianz der protestantischen
Mächte im europäischen Nordwesten sowie die
Militärpräsenz des Dänenkönigs im niedersächsischen Kreis,
wo inzwischen erste Scharmützel mit den Truppen Tillys
stattgefunden hatten. Das Heer der Liga, das unter
Geldmangel und Nachschubproblemen litt, [13] war auf
starke Unterstützung angewiesen, und nach Lage der Dinge
konnte die nur von Wallenstein und dem von ihm
aufgestellten Heer kommen. Maximilian blieb also nichts
anderes übrig, als die missliebige Entwicklung erst einmal
hinzunehmen.
Die andere große Veränderung der bestehenden
Verhältnisse betraf die Finanzierung des Heeres, das in dem
Instruktionsschreiben an Wallenstein auf eine Stärke von
24000 Mann festgesetzt wurde, [14] wobei sich im Sommer
1625 bereits abzeichnete, dass es diese Größenordnung
erheblich übersteigen würde. Einer Mitteilung des
kaiserlichen Gesandten in Madrid zufolge soll Wallenstein
auf die Frage, wie man ein Heer von 50000 Mann
unterhalten könne, wenn das bereits bei 20000 Mann nicht
möglich sei, geantwortet haben, es sei sehr viel leichter, ein
Heer von 50000 Mann zu unterhalten als eines von 20000,
weil man mit dem größeren Heer auch sehr viel mehr
durchsetzen könne. [15] Für Wallenstein war die Frage der
Truppenfinanzierung somit eine Frage der sich
verändernden machtpolitischen Gesamtkonstellation: Auf
den Finanzierungsaufwand für ein kleines Heer konnten die
Reichsstände mit Verzögerungen und Obstruktionstaktiken
reagieren; bei einem großen Heer war das nicht möglich,
weil ein solches Heer sich einfach nahm, was es brauchte –
so Wallensteins Rechnung. Es kam nicht darauf an, die
Stärke des Heeres den gegebenen
Finanzierungsmöglichkeiten anzupassen, sondern man
musste ein so großes Heer schaffen, dass sich allein durch
dessen Existenz die bestehenden Finanzierungsstrukturen
veränderten. Das war mit Wallensteins Anerbieten gemeint,
die Armee «auf eigene Kosten» aufzustellen: Es ging um die
Vorfinanzierung eines Heeres, um die Mittel, die vonnöten
waren, dieses Instrument zu schaffen; war es erst einmal da,
so hatte das Heer sich seinen Unterhalt selbst zu besorgen,
und wenn es entsprechend groß war, war es dazu auch in
der Lage. Wallensteins Schachzug von 1625 kehrte also die
bisherige Herangehensweise um, bei der man die Größe des
Heeres als abhängige Variable des Finanzaufkommens
angesehen hatte. Wallenstein beabsichtigte dagegen, die
Abschöpfung von Steuern und anderen Einnahmen zu einer
abhängigen Variable des Heeres zu machen. Es war neben
der Veränderung der Machtverhältnisse im Reich dieser
Vorschlag, der dem kaiserlichen Hofkriegsrat so großes
Kopfzerbrechen bereitet hatte, dass er monatelang darüber
beraten musste. Wallensteins Angebot war verlockend – aber
was war der politische Preis dafür? Auf jeden Fall eine
deutliche Verschlechterung des Verhältnisses zwischen
Kaiser und Reichsständen.
Dass Wallensteins Angebot nicht bedeutete, er werde das
Heer auf Dauer aus seinen privaten Mitteln finanzieren, war
in Wien allen mit der Materie einigermaßen Vertrauten klar.
Die Unterhaltskosten einer solchen Streitmacht überstiegen
die Möglichkeiten auch des reichsten Mannes im Reich. Karl
von Harrach erläuterte dem Kaiser, es sei unmöglich, dass
Wallenstein «den völligen Krieg auf sein Spesa führen soll
und kann», denn «dergleichen Krieg kann niemand als ein
großer Potentat und nit ein Privatmann führen». [16] Im
Grunde genommen gab es nur zwei Wege, das Heer zu
finanzieren: Entweder übernahm der Kaiser nach der
Aufstellung des Heeres dessen Kosten, oder er gab dem
Heer die Möglichkeit, sich aus den von ihm kontrollierten
Gebieten selbst zu finanzieren. Der Kaiser hatte als
Einnahmequelle jedoch nur die Besteuerung, und diese war
auf seine Erblande beschränkt. Das Heer dagegen konnte
seine Einnahmen aus dem gesamten Reich beziehen. Es war
naheliegend, dass sich Ferdinand angesichts dieser
Alternative für die Selbstfinanzierung des Heeres entschied,
und das hieß, dass er Wallenstein das Recht zur Erhebung
von Kontributionen einräumte, aus denen das Heer bezahlt
wurde. Zwar drang er im Instruktionsbrief darauf, das Land
nicht zu sehr mit Kontributionen zu belasten, aber er gab
Wallenstein das Mandat dazu und beschränkte dieses nicht
auf Feindesland, sondern ließ ihm freie Hand, wo auch
immer für den Unterhalt der Truppen zu sorgen. [17]
De facto lief das auf eine reichsweit einzutreibende
Kriegssteuer hinaus, die freilich nicht von der sonst dafür
zuständigen Landesverwaltung eingetrieben wurde, sondern
von Kommissaren Wallensteins, der sich dabei auf die durch
den Krieg eingetretene Notlage berief. Wie nicht anders zu
erwarten, bedienten sich diese Kommissare häufig
erpresserischer Mittel, um die erforderlichen Summen
einzutreiben. So drohten sie vielen Reichsstädten, in ihnen
Werbeplätze für neu aufzustellende Truppen einzurichten,
was für das städtische Wirtschaftsleben katastrophale
Folgen gehabt hätte. Dann ließen sie sich gegen
entsprechende Zahlungen die Werbeplätze «abkaufen», was
heißt, dass sie andernorts eingerichtet wurden, wenn die
Stadt als Entschädigung für dieses «Entgegenkommen»
einige zehntausend Taler entrichtete. Das von Wallenstein
entwickelte Kontributionssystem war ein
extrakonstitutionelles Mittel, bei dem unklar blieb, ob
Wallenstein es auf die Erfordernisse des Krieges
beschränken wollte oder ob es ihm darum ging, mit diesem
Hebel die Verfassung des Reichs dauerhaft zu verändern.
Valeriano Magni, Kapuziner in bayerischem Dienst, der
Wallensteins Stellung und dessen Absichten in Maximilians
Auftrag auskundschaften sollte, hat diese Entwicklung in
seinen an den Kurfürsten Maximilian adressierten Berichten
nicht als eine auf den Krieg beschränkte Ausnahmesituation,
sondern als radikale Veränderung der Verhältnisse im Reich
beschrieben: «So ist es geschehen, daß Friedland
[Wallenstein] sich nach und nach zum absoluten Herren des
Kaisers und seines Rathes gemacht hat. Er selber hat
wiederholt sich ausgesprochen: er achte ein oder zwei
Fürstenthümer nicht so hoch wie das Verbleiben in den
Waffen.» [18] In den «Kapuziner-Relationen» von 1628 wird
das Heer als ein Instrument beschrieben, mit dem
Wallenstein das Machtgefüge im Reich umstürzen wolle, und
nicht etwa äußere Verhältnisse, sondern Wallensteins
charakterliche Dispositionen werden dafür verantwortlich
gemacht: «Friedland ist von Natur zur absoluten Herrschaft
geneigt.» [19] Das waren die noch diffusen, schon bald aber
immer stärker ausgeprägten Sorgen, mit denen die
Reichsstände den Aufstieg Wallensteins und den Aufbau
eines kaiserlichen Heeres beobachteten.
«Sichtbar war eine Diktatur über dem Heiligen Römischen
Reich errichtet, deren Gesicht und Ziele unsichtbar waren»,
hat Alfred Döblin in seinem inzwischen in Vergessenheit
geratenen Wallenstein-Roman aus dem Jahre 1920
geschrieben. [20] Die Ziele mögen tatsächlich unsichtbar
gewesen sein, aber ein Gesicht hatte die Diktatur durchaus,
wenn man von ihr denn sprechen will: Es war das Gesicht
Wallensteins. Man kann darin, wie Hellmut Diwald das in
seiner Wallenstein-Biographie nahelegt, einen raffinierten
Schachzug des Kaisers sehen, der Wallenstein, ohne das im
Instruktionsschreiben klar zu sagen, mit
extrakonstitutionellen Befugnissen ausgestattet hatte, um
auf diese Weise die Verfassung des Reichs zu verändern, und
zwar in eine Richtung, von der letzten Endes nur einer
profitieren würde – er selbst. Aber der Kaiser blieb im
Hintergrund und erweckte den Anschein, mit all dem nur
insofern etwas zu tun zu haben, als Wallenstein sein General
war. Die Zusammenarbeit zwischen Wallenstein und
Ferdinand beruhte somit auf den wechselseitigen Interessen,
die beide miteinander verbanden, und wäre mit den
Kurfürsten nicht ein dritter Akteur dazwischengekommen,
hätte dieses Bündnis für lange Zeit Bestand haben und zu
einer grundlegenden Veränderung der Reichsverfassung
führen können. Man kann aber auch die These vertreten,
Wallenstein habe sich in seinen Plänen und Handlungen nur
an den Herausforderungen des Krieges orientiert, keine
weiteren politischen Ziele als den Sieg des Kaisers und die
Festigung der kaiserlichen Stellung im Reich angestrebt, wie
er das selbst in seinen Briefen immer wieder herausgestellt
hat; alle anderslautenden Behauptungen waren demnach
Denunziationen seiner Feinde, die sich um ihre eigene
Macht und ihr Vermögen sorgten und deswegen den Mann
auszuschalten suchten, der als Einziger dem Kaiser zum
Sieg verhelfen konnte.
Der Staatsrechtler Carl Schmitt ist in seinem Buch Die
Diktatur der Frage nachgegangen, ob man Wallenstein als
Diktator bezeichnen könne, wie das in der zweiten Hälfte
des 17. Jahrhunderts häufiger geschah, unter anderem bei
Samuel Pufendorf. [21] Der Vorwurf, er habe eine Diktatur
errichtet, war aber bereits während der beiden Generalate
Wallensteins zu hören, und zwar von Seiten der
Reichsstände, die ihre Stellung durch den Aufstieg
Wallensteins bedroht sahen. Schmitt nennt zwei Gründe, die
dafür sprechen, dass die beiden Generalate Wallensteins,
das zweite in noch größerem Maße als das erste, als
Diktatur charakterisiert werden könnten: die völlige
Missachtung der Stände und ihrer Rechte im Reich und die
Selbständigkeit Wallensteins gegenüber dem Kaiser. In
einem ersten Schritt hat er, der juristischen
Herangehensweise entsprechend, die formelle Bestellung
Wallensteins geprüft. Er macht geltend, dass die aus dem
Italienischen übernommene Bezeichnung «Capo» nur für die
Direktionsgewalt über die kaiserlichen Truppen stehe und
die auf Wallenstein übertragenen Befugnisse rein
militärischer Art seien: Schutz und Geleit, Pardon und Gnade
sowie die Freilassung von Gefangenen gegen die Zahlung
von Lösegeld – Letzteres nur eingeschränkt, denn bei
Befehlshabern, Fürsten und Standesherrn sollte das nur mit
kaiserlicher Zustimmung möglich sein. [22] Außerdem
wurden Wallenstein mehrere kaiserliche Räte zur Seite
gestellt, die ihn in allen weiterreichenden Fragen beraten –
und wohl auch kontrollieren – sollten. Die juristische
Prüfung der Bestellung Wallensteins zum Oberbefehlshaber
der kaiserlichen Truppen im Reich, so Schmitts Resümee,
lasse keine diktatorischen Befugnisse erkennen.
Aber wie sah es mit Wallensteins tatsächlicher
Machtbefugnis aus? Schmitt räumt ein, dass nicht alles im
Rahmen einer Instruktion habe festgelegt werden können.
Immerhin würden darin umfassende Konfiskationen
angesprochen, die Wallenstein vornehmen konnte, aber bei
diesen Konfiskationen waren seiner Willkür enge Grenzen
gesetzt: Der Zugriff auf das Vermögen von Gegnern war auf
eine kleine, durch den Kaiser qua Ächtung freigegebene
Personengruppe begrenzt. Es ist bemerkenswert, dass
Schmitt neben der Befugnis zur Konfiskation nicht deren
Praxis angesprochen hat, zumal Wallenstein
Teilkonfiskationen durchführte, bei denen nicht der Kaiser,
sondern Wallenstein selbst und seine Finanzkommissare
festlegten, wer davon betroffen war und wer nicht. [23] Nun
gehörte es seit langem zu den kriegsrechtlichen Regelungen,
dass die Bevölkerung von Gebieten, in denen Militär
einquartiert war, den Soldaten das «Servis» zur Verfügung
zu stellen hatte: Unterkunft, Holz, Licht und Salz. Für alles
andere, insbesondere den Sold, hatte der Kriegsherr zu
sorgen. [24] Sieht man einmal von den wilden Plünderungen
der Mansfeld’schen und Halberstädter’schen Söldner ab, die
sich um das Kriegsrecht nicht scherten, war bereits Tilly
dazu übergegangen, die Bewohner der besetzten feindlichen
Gebiete zu Naturallieferungen an sein Militär zu zwingen. Im
Unterschied zu Mansfeld und Christian ließ Tilly seine
Truppen jedoch nicht wahllos plündern (wenngleich auch
das immer wieder vorkam und Tilly nicht in jedem Fall
dagegen einschritt), sondern erlegte den besetzten Städten
und Regionen Lieferungen auf, für die diese zu sorgen
hatten, was heißt, dass sie selbst über die Verteilung der
Lasten entschieden. Für die Besoldung des Militärs aber war
selbstverständlich die Liga verantwortlich, auch wenn es mit
der Fortdauer des Krieges immer wieder zu erheblichen
Verzögerungen bei der Auszahlung kam. Im Briefwechsel
zwischen Tilly und Maximilian war diese Klage immer wieder
zu hören.

Das 1954 entstandene Gemälde Bernd Bauschkes steht für die


geschichtspolitische Auseinandersetzung mit der Zeit des Dreißigjährigen Krieges
in Deutschland. Während die Historienmalerei des 19. Jahrhunderts sich mit
großen Schlachten und heroischen Momenten beschäftigte, konzentrierte sich die
Historienmalerei der (frühen) DDR auf die Leiden der Bevölkerung: Ein Trupp
Soldaten überfällt ein Dorf, Männer werden getötet, Frauen betteln um ihr Leben;
ein Haus ist in Brand gesetzt, während ein anderes noch geplündert wird; das Vieh
wird weggeführt, ein Wagen des Soldatentrupps mit geplündertem Gut beladen.

Das änderte sich mit Wallenstein, denn der Unterhalt der


von ihm aufgestellten Armee hing fast ausschließlich an den
Kontributionen, die er im Übrigen nicht auf besetzte
Feindgebiete beschränkte. Kein Gebiet, über das er Macht
hatte, war dabei ausgenommen, ob es sich nun um
Freundes- oder um Feindesland handelte, selbst die
Erblande des Kaisers bildeten keine Ausnahme. Ob
Wallenstein damit seine Instruktionen überschritt, wie
häufig zu lesen ist, [25] ist zweifelhaft. Der Text schließt
solche Kontributionen jedenfalls nicht aus, und der Kaiser
hat auf die wiederholten Klagen über Wallensteins Praxis
nicht mit dem Erlass von Beschränkungen reagiert. Er ließ
Wallenstein gewähren, wobei er wohl davon ausging, dass
sich die Verbitterung gegen Wallenstein und nicht gegen
ihn, den Kaiser, richten werde. Man könnte meinen,
Ferdinand habe hier nach den Vorschlägen gehandelt, die
Machiavelli im VII. Kapitel seines Principe für die
Absicherung eines Macht- oder Verfassungswechsels
gemacht hat. [26] Nach der Eroberung der Romagna hatte
Cesare Borgia dort mit Ramiro d’Orco einen strengen und
grausamen Statthalter eingesetzt, den er mit weitgehenden
Vollmachten ausstattete. Nachdem dieser in kurzer Zeit für
Ruhe und Sicherheit im Land gesorgt hatte, ließ ihn Cesare
absetzen und hinrichten. D’Orcos in zwei Stücke
zerschlagenen Körper stellte er auf dem Marktplatz von
Cesena aus. Cesare Borgia habe damit sichergestellt, so
Machiavelli, dass die Bevölkerung die an ihr begangenen
Grausamkeiten nicht ihm, Cesare, sondern seinem
Statthalter anlastete, von dem er sie nunmehr befreit habe.
Legt man dieses Analyseraster zugrunde (wogegen sich
der tiefkatholische Ferdinand in Anbetracht der Verfemung
Machiavellis durch die Kirche mit Sicherheit gewehrt hätte),
so hatte der Kaiser seinem General die Aufgabe zugedacht,
mit dem System der Kontributionen eine neue Steuer im
Reich durchzusetzen, die nicht an die Bewilligung durch die
Stände gebunden war und nach Gutdünken wie politischem
Erfordernis eingetrieben werden konnte. Das war ein tiefer
Eingriff in die Verfassung des Reichs, die dadurch von einer
Mischverfassung mit monarchischen und aristokratischen
Elementen (monarchia mixta) in Richtung einer souveränen
Monarchie verändert zu werden drohte. Das erklärt, warum
die Reichsfürsten schließlich alles daransetzten, Wallenstein
wieder loszuwerden. Sie sahen in ihm den Mann, der mit den
Mitteln des Krieges dafür sorgte, dass sich im Reich eine
souveräne Macht des Kaisers ausbildete. Zu diesem
Ergebnis kam schließlich auch Carl Schmitt. [27] Die Frage
nach dem Charakter der Wallenstein’schen Generalate
weiterführend, lässt sich also festhalten, dass es sich
weniger um eine Diktatur Wallensteins, sondern um einen
mit seiner Hilfe versuchten stillschweigenden Staatsstreich
gehandelt hat, der, wenn er von Dauer gewesen wäre, einen
grundlegenden Verfassungswechsel im Reich zur Folge
gehabt hätte. Die Reichsstände polemisierten gegen
Wallenstein; tatsächlich hätten sie jedoch ihre Vorwürfe
gegen den Kaiser, den Nutznießer der Veränderungen,
richten müssen.
Betrachtet man den Streit um das von Wallenstein
aufgestellte Heer und die Art seiner Finanzierung als einen
Streit um das Recht des Kaisers, neue Steuern einzuführen,
so erkennt man, dass sich damit eine Situation entwickelte,
die in den Niederlanden und in England zur Revolution
geführt hat. In diesen Revolutionen haben sich die
Besitzenden gegen eine Steuer zur Wehr gesetzt, die ohne
ihre Zustimmung eingeführt wurde. Auf dem Erfolg ihres
Widerstands beruht bis heute das Budgetrecht des
Parlaments als dessen wichtigste Befugnis – eine tragende
Säule der Gewaltenteilung. Auch im Reich setzten sich
letzten Endes diejenigen durch, die sich gegen die
Einführung einer neuen Steuer wehrten, nur führte ihr
Widerstand nicht zu einer Revolution, sondern zur
Absetzung Wallensteins auf dem Regensburger
Kurfürstentag im Jahr 1630. Will man das Theorem vom
deutschen Sonderweg historisch konkretisieren, so steht am
Anfang dieser Entwicklung, die sich von Westeuropa abhob,
die Auseinandersetzung um das Besteuerungsrecht, bei der
es nicht zur Bildung einer revolutionären Partei mit einem
entsprechenden politischen Programm kam – sondern es
genügte, den Generalissimus des Herrschers abzusetzen, um
solche Ansprüche abzuwehren.
Die Austragung dieses Konflikts und sein Ausgang hingen
in Deutschland letzten Endes damit zusammen, dass er mit
einem Krieg verbunden war, der sowohl ein innerstaatlicher
als auch ein zwischenstaatlicher Krieg war. Der Unterschied
zwischen Verfassungswahrung und Verfassungsbruch wurde
dadurch unklar: Wie aus den Vorreden zu allen Verträgen
und Deklarationen ersichtlich, nahmen alle Seiten für sich in
Anspruch, Verteidiger der alten Ordnung zu sein.
Dementsprechend verlief die Bildung von Parteien nach
anderen Vorgaben als denen, die zur Gegenüberstellung von
Revolutionären und Konservativen führten. Dabei begannen
in den europäischen Revolutionen die nachmaligen
Revolutionäre häufig als Konservative, als Verteidiger der
Verfassung, und die nachmaligen Reaktionäre machten
zunächst mit tiefen Eingriffen in die bestehende Ordnung
von sich reden. [28]
Ein weiterer Grund für die Sonderentwicklung
Deutschlands war die Person Wallensteins und die Rolle, die
er bei der Ausweitung der kaiserlichen Eingriffsrechte in die
Besitz- und Vermögensverhältnisse spielte. Für Wallenstein
stand der casus necessitatis, der Not- und Ausnahmefall, im
Mittelpunkt seiner Überlegungen. Das ist wenig
überraschend, wenn man in Rechnung stellt, dass seine
Vorstellungen durch die Besitzumwälzung nach dem
böhmischen Aufstand geprägt wurden. Der Widerstand
gegen Wallenstein war nicht geeignet, eine breite
Volksbewegung zu werden. Dass der Kaiser beziehungsweise
seine Räte diesen Mann zum Angelpunkt des
Veränderungsprojekts machten, war ein genialer Schachzug,
denn so war es möglich, dass sich der Hof, wenn dies
unumgänglich werden sollte, davon distanzieren und alle
Verantwortung auf Wallenstein abschieben konnte: Der
eigentliche Nutznießer der umstürzlerischen Veränderung
konnte so jederzeit in die Rolle eines Bewahrers des
Bestehenden zurückwechseln. Was eigentlich ein
struktureller Prozess war, fand in Wallenstein seine
Verkörperung. Das zeigt sich nirgendwo deutlicher als in der
Beschreibung der Verhältnisse im Reich durch den
spanischen Botschafter, den Markgrafen von Aytona, am
12. Februar 1628: «Der Kaiser in seiner Güte hat», heißt es
dort, «ohne daß die Warnungen von vielen Seiten etwas
dagegen auszurichten vermochten, dem Herzoge
[Wallenstein] eine solche Macht eingeräumt, daß man die
Besorgnis darüber nicht verwinden kann; denn zur Stund ist
der Herzog der Herr über alles, ohne dem Kaiser etwas
Anderes zu belassen als den Namen. Der Herzog behauptet
dem ganzen Hause Ew.M. sehr getreu zu sein. Er ist es unter
der Voraussetzung, daß man ihn über das Ganze mit der
absoluten Macht walten läßt, die er zur Zeit in Händen hat.
Allein bei dem geringsten Widerspruche gegen seine
Entwürfe wird man keine Sicherheit haben; denn er ist von
Natur so heftig und unbeständig, daß er seiner selbst nicht
Herr zu bleiben weiß.» [29]
Das verweist auf eine weitere Dimension des
Dreißigjährigen Krieges, die dazu beigetragen hat, dass er
so lange dauerte und es so kompliziert und mühsam war, zu
einem Frieden zu finden: die Verbindung der Glaubensfrage
mit dem Souveränitätsproblem. Nun hat es das auch in
anderen Ländern gegeben, etwa in Frankreich, wo
Ludwig XIV. das religiöse Toleranz garantierende Edikt von
Nantes am 18. Oktober 1685 aufhob, um seinen
Souveränitätsanspruch geltend zu machen. Aber der
Konfessionskrieg in Frankreich unterscheidet sich vom
Dreißigjährigen Krieg im Reich doch darin, dass er
weitgehend (wenn man von kleineren englischen und
spanischen Unterstützungsleistungen für die jeweils
verbundenen Parteien absieht) ein innerer Krieg geblieben
ist. Der Krieg im Reich hatte dagegen aufgrund der
geopolitischen Konstellationen, insbesondere der
«Mittellage» Deutschlands, [30] von Anfang an eine
internationale Dimension. Zu den Fragen der Konfession und
den Problemen der Verfassungsordnung kamen also noch
die Spannungen innerhalb der europäischen
Machtverhältnisse hinzu, und das hatte zur Folge, dass
Ferdinand beziehungsweise Wallenstein den Krieg nutzen
konnte, um die Verfassungsordnung des Reichs zu
verändern. Das unterscheidet die deutsche Entwicklung von
der Englands, wo nach zwei Revolutionen ein stabiles
Gleichgewicht von Parlamentsregierung und
konstitutioneller Monarchie entstand, und ebenso von der
Entwicklung Frankreichs, wo in einer dem englischen
Modell entgegengesetzten Auflösung des
Souveränitätsproblems sich der Prototyp absolutistischer
Herrschaft entwickelte. Wallenstein hat für das Reich eine
Lösung im Sinne des französischen Modells angestrebt.
Nachdem der Kaiser sich auf dem Kurfürstentag von
Regensburg im Jahre 1630 als zu schwach erwies, diesen
Weg gegen die Reichsstände durchzusetzen, ließ Wallenstein
während seines zweiten Generalats, in das einzuwilligen
Kaiser und Reichsstände durch die Siege Gustav Adolfs
gezwungen waren, Neigungen erkennen, ihn notfalls auch
allein zu beschreiten. Dabei hat er dann auch diktatorische
Elemente ausgebildet, die letzten Endes aber nicht griffen.
[31] Eine auf Caesar gemünzte Formel des Althistorikers
Christian Meier aufgreifend, könnte man von der «Ohnmacht
des allmächtigen Dictators» Wallenstein sprechen. [32]
Die Diskussion über Wallenstein, über seinen angeblichen
oder tatsächlichen Verrat am Kaiser, über seine
diktatorischen Bestrebungen und nicht zuletzt über seinen
Charakter, ist seit dem 19. Jahrhundert durch die Frage
bestimmt worden, welchen Verlauf die deutsche Geschichte
genommen hätte, wenn Wallenstein die ihm
zugeschriebenen Ziele, einen Friedensschluss zu erreichen
oder die kaiserliche Macht zu stärken, hätte realisieren
können. [33] Die von dem «Rätsel Wallenstein» ausgehende
Faszination zeigt sich auch in der Diskussion tschechischer
Historiker über die Frage, ob ein Erfolg Wallensteins dazu
geführt hätte, dass sehr viel früher ein tschechischer
Nationalstaat entstanden wäre. [34] Einen Schub hat die
Beschäftigung mit Wallenstein im Übrigen immer dann
erfahren, wenn man seinen Aufstieg und Fall als historischen
Spiegel benutzen konnte, um sich den zukünftigen Weg
eines politisch-militärisch durchsetzungsfähigen
Zeitgenossen vor Augen zu führen: Das gilt für Schillers
Auseinandersetzung mit dem Dreißigjährigen Krieg und
insbesondere mit der Person Wallenstein, in der sich –
auch – der Aufstieg Napoleons spiegelt, [35] und das gilt
noch einmal für Alfred Döblins Wallenstein-Roman, in dem
die Karriere Ludendorffs reflektiert wird sowie die Frage,
welchen Verlauf der Krieg und die deutsche Geschichte
genommen hätten, wenn Kaiser Ferdinand beziehungsweise
der in ihm gespiegelte Kaiser Wilhelm keine so schwachen
und abhängigen Gestalten gewesen wären. [36] Die
Undurchsichtigkeit Wallensteins, sowohl seines Charakters
als auch seiner Pläne, hat dazu geführt, dass er zu einem
geschichtspolitischen Deutungsmuster wurde, das immer
dann griff, wenn man es mit mächtigen Militärs zu tun hatte,
die politische Ansprüche erhoben. Das hat die Beschäftigung
mit Wallenstein intensiviert, teilweise aber den Blick für sein
Agieren im Dreißigjährigen Krieg verstellt.

Eine der vielen Kontroversen um Wallenstein dreht sich um


die Frage, was dessen System der Heeresfinanzierung
längerfristig für das soziale und wirtschaftliche Leben
Deutschlands bedeutet hätte, wenn es nicht mit dem Sturz
Wallensteins beziehungsweise seiner Ermordung in Eger
beendet worden wäre. Auf der einen Seite steht die These,
Wallenstein habe mit dem Kontributionssystem einen
weiteren Eskalationsschub eingeleitet. Die anderen
Söldnerführer hätten rasch vieles von den Wallenstein’schen
Neuerungen kopiert, so dass dem Krieg weitere Ressourcen
zugeführt worden seien, die sein baldiges «Ausbrennen»
verhindert hätten. Obendrein habe Wallensteins Art der
Heeresfinanzierung auch Folgen für die Kriegführung selbst
gehabt. «Einmal», so der Erlanger Historiker Axel Gotthard,
der diese Sicht prononciert vorgetragen hat, «weil möglichst
weite Landstriche besetzt, mit Musterplätzen, Garnisonen
usw. überzogen sein müssen – damit das kontribuierende
Gebiet ausreichend groß ist. Trotzdem muss man die
Schauplätze im Kriegstheater zweitens immer wieder
verlagern, von erschöpften, ausgesaugten Gebieten in noch
prosperierende, weil bislang unbehelligte, friedliche
Gegenden. Dass sich Wallensteins Truppen in den späten
1620er Jahren über ganz Norddeutschland ergossen, liegt in
der Logik des Systems. Dieses war für eine Eingrenzung, gar
Regionalisierung des Konflikts nicht günstig.» [37]
Gotthard geht in seiner Beurteilung von Wallensteins
System der Heeresfinanzierung und Kriegswirtschaft davon
aus, es habe sich dabei nicht um eine Neuschöpfung,
sondern um eine «konsequente Effizienzsteigerung» der
bisherigen Methoden zur Kriegsfinanzierung gehandelt.
Wallenstein habe «mehr Sozialprodukt für den
Heeresbedarf» abgeschöpft «als die Feldherrn vor ihm». [38]
Das ist im Prinzip eine Variation der Kapuziner-Relation des
Valeriano Magni, in der freilich weniger strukturelle Zwänge
dafür verantwortlich gemacht werden als vielmehr der
Machtwille Wallensteins: «Das Verfahren, die Soldaten
durch die Erweiterung der Quartiere zu befriedigen, hängt
völlig von seinen Winken ab, so daß der Kaiser über die
Armee des Friedland keine andere Autorität hat als welche
dieser will und zugesteht. […] Er sucht alles Geld nicht bloß
aus den Erbländern, sondern auch aus dem ganzen Reiche
heraus zu saugen. Darum hört er nicht auf andere
Vorschläge. Wie der spanische Botschafter mir gesagt, hat
seine Regierung um der eigenen Interessen im Reiche willen
dem Kaiser 800000 Thaler jährlich für den Unterhalt des
Heeres angeboten. Als der Kaiser das dem Friedland
mittheilte, nahm er es sehr übel und wollte nichts davon
wissen, mit der Behauptung, daß er die Mittel finden werde,
das Heer zu unterhalten. Zu anderer Zeit hat er sich
geäußert, daß er das Heer noch 25 Jahre lang erhalten und
in jeden beliebigen Theil Europas führen werde.» [39]
800000 Taler waren indes nur ein Bruchteil dessen, was der
Unterhalt des Heeres im Jahr kostete. Ein einziges
Infanterieregiment von etwa 3000 Mann kostete pro Jahr um
die 400000 Gulden; im Jahre 1628 dürfte die gesamte
kaiserliche Armee um die 20 Millionen Gulden gekostet
haben. [40]
Die Gegenposition dazu argumentiert, Wallensteins
Kontributionssystem sei eine im Vergleich mit alternativen
Formen der Heeresfinanzierung sozioökonomisch eher
schonende Form der Mehrproduktabschöpfung gewesen, da
es nicht nur das vom Heer kontrollierte Feindesland,
sondern auch die eigenen Territorien einbezog. Dadurch
habe sich die Belastung gleichmäßig verteilt und sei so
leichter zu tragen gewesen als bei einem System, das einem
begrenzten Gebiet die gesamte Last des Heeres übertrug.
Das destruktive Element der Kriegsfinanz bei räumlich
begrenzten Kontributionen steigerte sich noch, wenn der
Sold der Soldaten, der anderweitig aufgebracht werden
sollte, einmal ausblieb. Dann nämlich schwand die Disziplin
im Heer, und die Soldaten holten sich selbst, wovon sie
meinten, dass es ihnen zustand. Ein zuverlässiges
Finanzierungssystem erleichterte es demgegenüber, die
Disziplin aufrechtzuerhalten.
In der «Instruktion für Wallenstein» vom 27. Juni 1625
hieß es ausdrücklich, Wallenstein solle dafür sorgen, «dass
unter dem Kriegsvolk starke Disciplina gehalten werde, […]
damit die Freund nicht unterdruckt, die armen Unterthanen
ausgesogen und vertilgt, durch Verschwendung der
Victualien und Vivers [Lebensmittel und Unterkunft] das
Kriegsvolk selbst nachmalen in Hunger und Noth gesetzet,
auch andere unzählige aus einem undisziplinierten Wesen
erfolgende Ungelegenheit, Defection und Abfall verhütet
werden» [41]. Die regelmäßige Soldauszahlung, die durch das
Kontributionssystem gewährleistet werden sollte, wird hier
als die Voraussetzung eines regulierten Kriegswesens
dargestellt, als Vorbedingung der Disziplin unter den
Soldaten, die im Weiteren den eigenen Untertanen wie dem
Heer selbst zugute komme. In den zitierten Abschnitt ist
eine lateinische Passage eingeschoben, bei der es sich um
die Variation eines bekannten Augustinus-Satzes handelt:
«Sine qua [disciplina] bella nihil aliud quam magna sunt
latrocinia» – ohne Disziplin sind Kriege nichts anderes als
[Züge von] Räuberbanden. [42] Das von Wallenstein
aufzustellende Heer sollte also für eine Abkehr von dem seit
Kriegsbeginn zu beobachtenden Disziplinverfall sorgen, es
sollte die Rückkehr zu den früheren Regeln des Kriegsrechts
bewirken.
Unter diesen Voraussetzungen wurde in der Instruktion
von Wallenstein erwartet, dass er strikt unterband, was über
«die tägliche Nothdurft» des Heeres hinausging;
ausdrücklich genannt werden «das unchristliche Brennen,
Sengen, Brandschätzen, Rauben, Schänden und
Nothzwängen ehrlicher Frauen und Jungfrauen». Gelinge
das, so «werde der Zorn Gottes von Unserer Armada
abgewendet» und Wallenstein dafür gerühmt, dass durch ihn
«die fast verfallene Kriegsdisciplin wieder erhoben und
bestätigt worden, welches allein vielen ansehnlichen
Kriegsobristen einen unsterblichen Namen gemacht». [43] Ist
es Wallenstein nun tatsächlich gelungen, die «verfallene
Kriegsdisciplin» wiederherzustellen? Er hat es jedenfalls
versucht und ist mit drakonischen Strafen gegen willkürliche
Plünderungen vorgegangen. Der Wallenstein-Biograph
Diwald bemerkt dazu: «Da sind Entlassungen, Haftbefehle,
Kerkerstrafen bei höchsten Offizieren, da werden
Regimentskommandeure in Eisen gelegt, da befiehlt
Wallenstein die Verhaftung eines seiner tapfersten
Reiterobristen, Daniel Hebrons, wegen Gelderpressungen,
da stößt er einen Rittmeister aus der Armee, weil ein Kornett
seiner Kompanie Bauern eine Schafherde und neun Kühe
geraubt hat.» [44]
Das größte Aufsehen erregte die Hinrichtung des Obristen
Adam Wilhelm von Schellard. Nachdem Wallenstein ihn
mehrfach aufgefordert hatte, die exzessiven Übergriffe von
Angehörigen seines Regiments auf die Zivilbevölkerung
abzustellen, dies aber nichts fruchtete, ließ er ihn verhaften
und in Ketten legen. Ein Kriegsgericht verurteilte den
Obristen zum Tode auf dem Rad, und Wallenstein erwies ihm
die Gnade, ihn erst enthaupten zu lassen, bevor sein Körper
zerschlagen und aufs Rad geflochten wurde. Wallenstein tat
viel dafür, dass sich die Soldaten seines Heeres an das
Kriegsrecht hielten, und er konnte sich das leisten. Sein
Heer litt nie unter mangelndem Zuzug, denn bei ihm gab es
den höchsten Sold, und der wurde regelmäßig ausgezahlt.
Im Unterschied zu Tilly musste Wallenstein nie
Plünderungen zulassen oder doch hinnehmen, weil sie ein
Ersatz für ausbleibende Soldzahlungen waren. [45] Das
schloss indes nicht aus, dass auch Wallensteins Truppen
plünderten, aber da der Feldherr dagegen einschritt, war es
seltener der Fall als bei anderen Heeren. «Das ist der ganze
Sinn des Kontributionssystems», so der Wallenstein-
Biograph Hellmut Diwald, der die These von der Gesellschaft
und Wirtschaft schonenden Heeresfinanzierung durch
Wallenstein am entschiedensten vorgetragen hat, «dieser
eigentümlichen, genialen, verfluchten, gerühmten und bald
von jedem Fürsten imitierten Schöpfung Wallensteins, eines
Systems, das sein Wesen erst im Laufe des Krieges zeigt,
eines Systems, das dem Augenschein nach unerhörte
Belastungen bringt, das aber – wäre es nach Wallensteins
Konzeption befolgt worden – das Reich vor all den
grauenvollen Zerstörungen bis zur Wurzel bewahrt hätte, die
nach Wallensteins Ende, im zweiten Akt des Krieges,
Wirklichkeit wurden.» [46]
Das Finanzierungssystem des Heeres brach mit der
Entlassung Wallensteins auf dem Kurfürstentag in
Regensburg zusammen. Mit ihm war der Garant des
Geldflusses herausgebrochen. Hans de Witte, der in Prag
ansässige Bankier Wallensteins, der die Geldströme in Gang
hielt, war von einem Tag auf den anderen bankrott; alle, die
ihm bis dahin bereitwillig Kredit gewährt hatten, waren nun
zögerlich, nachdem der große Kriegsunternehmer
verschwunden war, der die Bedienung der Kredite garantiert
hatte. Vier Wochen nach Wallensteins Entlassung stürzte
sich de Witte in den Brunnen seines Hauses und ertrank. [47]
Unterdessen lösten sich die ersten Regimenter der vordem
so stolzen Armee auf; nachdem der Kaiser als
Zahlungsverpflichteter an die Stelle Wallensteins getreten
war, war kein Sold mehr zu bekommen; Soldaten wie
Offiziere verließen die kaiserlichen Truppen und suchten
anderswo Beschäftigung. Binnen weniger Monate war die
zuvor gefürchtete Armee nur noch ein Schatten ihrer selbst.
Eine Kriegsetappe: Der Kampf um die
Dessauer Brücke
1625 war der Krieg in Norddeutschland noch nicht richtig in
Gang gekommen: Tilly war mit dem Heer der Liga zwar in
den niedersächsischen Kreis eingerückt, aber dann hatten
Versorgungsprobleme und der starke Widerstand dänischer
und niedersächsischer Truppen ihn am weiteren Vormarsch
gehindert; der Feldzug erstarrte zu einem Positionskrieg, bei
dem feste Plätze und Schlösser belagert und erobert,
gehalten und zurückerobert wurden. Dabei machte keine der
beiden Seiten entscheidende Fortschritte. Tilly wartete
darauf, dass Wallenstein mit seinem neuen Heer auf dem
Kriegsschauplatz erscheinen würde, und Christian wartete
ab, ob es zu der erhofften Allianz mit England, den
Generalstaaten und Frankreich kommen würde. Für die
nördlichen Niederlande hatte sich mit dem Fall der Festung
Breda – einem Ereignis, das heute mehr durch Velázquez’
großes Gemälde im Madrider Prado als durch seine Relevanz
für den Fortgang des Krieges bekannt ist – die militärische
Lage verschlechtert, und es war absehbar, dass die
zugesagten Gelder zunächst einmal im eigenen Land
gebraucht würden, um die Festungsbarriere gegen General
Spínola, den Sieger von Breda, wieder zu stabilisieren. In
Frankreich war ein neuer Hugenottenaufstand
ausgebrochen, der Richelieus Aufmerksamkeit in Anspruch
nahm, und in England war König Karl damit beschäftigt, die
Regierungsgeschäfte neu zu ordnen. Außerdem musste noch
geklärt werden, welche strategische Rolle Mansfeld spielen
würde: ob er sich mit den Truppen Christians
zusammenschließen sollte, um einen großen Schlag gegen
Tilly zu führen, oder als strategische Reserve zurückzuhalten
war für den Fall, dass Wallenstein zum norddeutschen
Kriegsschauplatz marschieren würde. Nach dem
fehlgeschlagenen Versuch, das belagerte Breda zu
entsetzen, hatte Mansfeld am Niederrhein ein Heerlager
errichtet, von wo aus ihm beide Möglichkeiten offenstanden.
[1] Tilly wiederum erhielt aus München die Anweisung, unter
keinen Umständen die Armee in einer Schlacht gegen den
Dänen Christian aufs Spiel zu setzen, [2] und Wallenstein
blieb bis zum Frühherbst mit der Aufstellung und Musterung
seiner Truppen beschäftigt. [3] Von Wallensteins Truppen
war vorerst nicht zu erwarten, dass sie in das Geschehen
eingriffen, zumal auch noch erwogen wurde, sie nach
Mähren zu verlegen, da ein neuerlicher Einfall Bethlen
Gábors drohte. Und so war 1625 ein Jahr des Scharmützel-
und Belagerungskrieges ohne entscheidende
Veränderungen.
Als sich Tilly und Wallenstein am 13. Oktober bei
Hemmendorf, einem Ort an der Straße von Hameln nach
Hildesheim, erstmals trafen, ging es nicht um
Kriegsstrategien, sondern um die Aufteilung der
Winterquartiere, die von ihren Truppen bezogen werden
sollten. Man verständigte sich darauf, dass Tilly im Raum
Hildesheim und Braunschweig und Wallenstein in den
Gebieten um Halberstadt und Magdeburg Quartier nehmen
würden. Wallenstein erhielt damit die besseren Quartiere,
denn die von ihm bezogenen Gebiete waren bislang vom
Krieg verschont geblieben, während in den Territorien Tillys
seit Jahren Truppen konzentriert worden waren und
gekämpft hatten. [4] Diese Aufteilung der Winterquartiere
war indes durchaus sinnvoll, da Tilly mit den dänisch-
niedersächsischen Truppen bereits Gefechtskontakt gehabt
hatte, so dass ein Positionswechsel beider Heere überaus
riskant gewesen wäre. Zudem war es angezeigt, die
Winterquartiere nicht in einem Gebiet zu konzentrieren, weil
dies zu Versorgungsproblemen geführt hätte. Auch war es
ratsam, starke Kräfte in der Nähe der Elbe bereitzustellen,
die Kurbrandenburg in Schach hielten, von dem man wusste,
dass es sich dem Dänenkönig eigentlich hatte anschließen
wollen. Überdies musste man immer noch mit einem
Eingreifen des schwedischen Königs rechnen, was vor allem
in den Überlegungen Wallensteins eine große Rolle spielte.
[5]

In Anbetracht der schwierigen Ausgangslage verlief das


Treffen zwischen Tilly und Wallenstein überraschend
harmonisch. «Ich und der General Tilly vergleichen uns gar
wohl», schrieb Wallenstein nach dem Hemmendorfer Treffen
an den Kaiser, «wolle Gott, daß alle Ihro Majestät Minister
mindestens sich so wohl vergleichen täten.» [6] Man kann
sich kaum einen größeren Gegensatz vorstellen als zwischen
den beiden Männern: [7] auf der einen Seite der jesuitisch
erzogene Brabanter Adlige Tilly mit der Kriegserfahrung von
bald fünf Jahrzehnten; auf der anderen Seite der in
religiösen Fragen eher laxe Böhme Wallenstein, der
inzwischen zwar ebenfalls einige Kriegserfahrung
gesammelt hatte, dem aber der Ruhm siegreich bestandener
Schlachten noch fehlte. Dann der körperliche Unterschied:
Tilly klein und zierlich mit grauem kurzgeschnittenem Haar,
Wallenstein dagegen hochgewachsen, in der Blüte der Jahre
und vor Selbstbewusstsein strotzend. Und der
Rangunterschied: Der Graf auf der einen, der neugekürte
Herzog auf der anderen Seite; Tilly, der sich auch in
militärischen Fragen immer wieder in München
rückversichern musste, Wallenstein, mit weitreichenden
Vollmachten des Kaisers ausgestattet, ein Mann mit eigenen
strategischen Vorstellungen und gewillt, diese auch
durchzusetzen. Das war eine Ausgangslage, bei der mit
erheblichen Konflikten zu rechnen war, doch zu denen kam
es nicht. Das Treffen von Hemmendorf verlief so, dass sich
zwischen beiden Männern ein Verhältnis gegenseitigen
Respekts entwickelte. Es wurde keine Freundschaft, derlei
war beiden ohnehin fremd; man hatte jedoch so viel Achtung
voreinander, dass man die strategischen Dispositionen
gemeinsam absteckte und sich dabei gegenseitig den Raum
für eigene Operationsführung ließ. Sofern erforderlich, kam
man sich aber auch immer wieder zu Hilfe. Das gilt vor allem
für Wallenstein; freilich verfügte er über die größeren
Ressourcen, während Tilly bis zu Wallensteins Entlassung
immer der bedürftige und notleidende Partner war. Davon,
dass Wallenstein beabsichtigt habe, «die katholische Liga zu
Grunde zu richten», wie es in den Kapuziner-Relationen
heißt, [8] kann also keine Rede sein.

Im Winter 1625/26 ruhte der Krieg, und beide Seiten nutzten


die Ruhepause, um die bereits erwähnten Verhandlungen in
Braunschweig zu führen, in denen die Chancen für einen
schiedlich-friedlichen Ausgleich erkundet werden sollten.
Womöglich wäre das Kriegsjahr 1626 so ähnlich verlaufen
wie das vorangegangene, wenn nicht auf dänisch-
niedersächsischer Seite Ernst von Mansfeld, Christian von
Braunschweig und Johann Ernst von Weimar darauf
gedrängt hätten, entschiedener vorzugehen. Christian von
Dänemark, von einem schweren Sturz bei Hameln im
zurückliegenden Jahr wieder gut erholt, war mit dem
bisherigen Kriegsverlauf dagegen nicht unzufrieden und
durchaus gewillt, den Krieg auch in diesem Jahr in der
bewährten Form weiterzuführen. Tilly und Wallenstein
wiederum hielten sich zunächst zurück, weil sie ihre
Truppen verstärken und in Form bringen wollten; beide
bezweifelten, dass ihre Heere in der gegenwärtigen
Verfassung gefechtsfähig waren. [9] Hier hatte man nichts
dagegen, dass die Kriegspause noch einige Zeit andauerte.
Für Mansfeld stellten sich die Dinge anders dar: Er musste
seinen Geldgebern zeigen, dass es sich lohnte, ihn als
Kriegsunternehmer zu beschäftigen, das heißt, er musste
Bewegung in das Kriegsgeschehen bringen. Auch Christian
von Braunschweig und Herzog Johann Ernst von Weimar
waren von Ungeduld getrieben und hielten strategisches
Abwarten für bloßes Nichtstun.
Den ersten Vorstoß führte Johann Ernst von Weimar,
durchaus in Abstimmung mit Christian IV., und dieser Stoß
richtete sich gegen das Bistum Osnabrück, auf das der Däne
seit längerem ein Auge geworfen hatte, weil er dort einen
seiner Söhne als Nutznießer der reichen Stiftseinnahmen
einsetzen wollte. [10] Im September 1625 war der amtierende
Bischof gestorben; das Domkapitel hatte sich den dänischen
Vorstellungen widersetzt und stattdessen Graf Franz
Wilhelm von Wartenberg, den Kandidaten der katholischen
Seite, zum neuen Bischof gewählt. Der Weimarer
marschierte, die Positionen Tillys umgehend, mit einem
größeren Truppenverband in das Stift ein und zwang die
Domherren mit Waffengewalt, den Prinzen Friedrich von
Dänemark als Koadjutor des Bistums zu akzeptieren. Das
freilich war eher ein Randereignis; für den Fortgang des
Krieges bedeutsamer war, dass sich Tilly auf seiner linken
Flanke bedroht sah und Westfalen erneut zum
Kriegsschauplatz wurde.
Den zweiten Vorstoß führte Christian von Braunschweig,
und dieser richtete sich nach Südwesten: Im April
durchbrach er mit einer überwiegend aus Reitern
bestehenden Truppe die Postenkette Tillys, überschritt die
Weser und fiel in Nordhessen ein, wo er hoffte, zusammen
mit Landgraf Moritz einen neuen Kriegsschauplatz im
Rücken Tillys eröffnen zu können, um die Kräfte der
Gegenseite zu zersplittern. [11] Moritz war diesem Projekt
zunächst nicht abgeneigt, vor allem wollte er das inzwischen
seinem Darmstädter Konkurrenten zugefallene Marburger
Land wieder unter seine Kontrolle bringen. Er hatte aber mit
einem starken dänisch-niedersächsischen Verband
gerechnet, nicht mit der kleinen Truppe Christians von
Braunschweig, mit der es nicht möglich war, die Einheiten
Tillys von Nordhessen fernzuhalten geschweige denn aus
Oberhessen zu vertreiben. Sich mit dem Halberstädter
einzulassen, hieß für Moritz, die Landgrafschaft zum
Kriegsschauplatz zu machen und dabei das Schicksal des
depossedierten Pfälzers zu riskieren – und davor schreckte
er zurück, zumal die Landstände Hessen-Kassels in gut
lutherischer Manier eher kaisertreu waren und schon in der
Vergangenheit der Politik des reformierten Landgrafen die
Unterstützung verweigert hatten. Die Folge war, dass sich
Christian von Braunschweig mit seinen Söldnern wieder
nach Göttingen zurückziehen musste, von wo aus er einen
weiteren Vorstoß unternahm, um kaiserliche Regimenter
zwischen Fulda und Werra zu zersprengen. Doch auch hier
musste er angesichts der Bedrohung Göttingens durch Tilly
sehr schnell wieder zurückweichen. Danach warf die
Tuberkulose den rastlosen Halberstädter aufs Krankenbett;
er starb am 16. Juni in Wolfenbüttel, noch keine
siebenundzwanzig Jahre alt. Seine Feinde behaupteten, er
sei wie König Herodes einem riesigen Wurm erlegen, der
seine inneren Organe zerfressen habe. [12] Das sollte heißen,
dass der Teufel Christian geholt hatte, bevor er weiteres
Unheil anrichten konnte.
«So wüst und unbesonnen der junge Fürst auch sein
mochte», urteilt Moriz Ritter, «unter den schwachen Köpfen
und schlaffen Händen, denen im allgemeinen der Krieg
anvertraut war, hatte er als eine zur That drängende Kraft
gewirkt. Sein Tod war daher ein Verlust gleich dem einer
verlorenen Schlacht.» [13] Emphatischer noch ist das Urteil
Cicely Veronica Wedgwoods: «Christian hatte das Zeug zu
einem großen Führer und wäre einer geworden, wenn er nur
auch die Geduld gehabt hätte zu lernen.» Seine «zumindest
unverzagte Tatkraft […] hätte ihm einen besseren Namen als
den eines bloßen Freibeuters antragen sollen. Seine
Zeitgenossen nannten ihn den ‹tollen Halberstädter›, aber
seine Tollheit hatte etwas von höherer Inspiration.» [14] Auch
wenn uns heute die Emphase solcher Urteile fremd ist, so
treffen sie doch einen zentralen Punkt: Christian hat den
Krieg mit einer Leidenschaft geführt, die den anderen
Protagonisten nicht eigen war; während diese Gewinn und
Verlust, Chancen und Risiken gegeneinander abwogen, zog
er bedingungslos in den Kampf. Christian von Braunschweig
war ein Kriegsunternehmer wie Mansfeld oder auch
Wallenstein, aber einer ohne jedweden Geschäftssinn, einer,
der den Krieg nicht zur Selbstbereicherung oder zum
Erwerb eines Herzogtums betrieb, sondern für den er zu
einem Prozess der Verschwendung wurde – und dies wurde
von Christian bewusst vorangetrieben. Insofern hat er die
Bezeichnung «der tolle Halberstädter» zu Recht erhalten.

Die eine der drei zur Bindung gegnerischer Kräfte


unternommenen Diversionsoperationen, die Christian IV.
von Dänemark zur Vorbereitung der entscheidenden
Auseinandersetzung mit Tilly in Gang gesetzt hatte, war zur
Hälfte erfolgreich gewesen; die andere war letztlich im Sand
verlaufen. Damit hing alles an der dritten Diversion, die von
Mansfeld geführt werden sollte: Sie richtete sich gegen
Wallenstein und sollte dessen Heer binden, so dass es Tilly
nicht zu Hilfe kommen konnte, wenn Christian IV. gegen ihn
die Entscheidung in einer Feldschlacht suchte. Mansfeld
standen starke Kräfte zur Verfügung, nämlich ein komplettes
Heer. Von seinen Operationen hing der Gesamtverlauf des
Feldzugs ab, und deswegen verstärkte Christian dessen
Heer noch durch eigene Verbände unter Hans Philipp Fuchs
von Bimbach, einem gemäßigten Lutheraner, der zunächst in
der kaiserlichen Armee und danach in den Truppen der
Union gedient hatte. Fuchs war ein vorsichtiger Stratege aus
der niederländischen Schule, der für derart riskante
Operationen wie die Mansfelds denkbar ungeeignet war. [15]
Mansfeld seinerseits war froh, eigenständig vorgehen zu
können, wie er das gewohnt war, und nicht an die
engräumige Operationsführung des Dänen gebunden zu
sein. Gleichwohl war er dessen Oberbefehl unterstellt. Wie
weit Mansfeld sich bei einem Diversionsvorstoß gegen
Wallenstein vom dänisch-niedersächsischen Heer entfernen
durfte, war umstritten. Prinzipiell bestanden drei
Möglichkeiten, Wallenstein an einem Angriff auf die linke
Flanke des dänisch-niedersächsischen Heeres oder an seiner
Vereinigung mit Tilly zu hindern: [16] der direkte Angriff auf
die kaiserliche Armada; die Blockierung ihres Nachschubs,
um sie zum Rückzug in die böhmischen Versorgungsgebiete
zu zwingen; schließlich die großräumige Umgehung der
kaiserlichen Truppen, um auf Ziele vorzustoßen, die für den
Kaiser von so großer Bedeutung waren, dass er Wallenstein
auffordern würde, den Mansfeld’schen Scharen zu folgen.
Gegen die erste Option sprach, dass der Ausgang einer
Schlacht immer ungewiss war und Wallenstein eine deutlich
größere Zahl an Soldaten zur Verfügung hatte als Mansfeld.
Außerdem hatte Mansfeld eine ausgeprägte Neigung, große
Schlachten zu vermeiden. Für die zweite Möglichkeit sprach,
dass die Elbe in Reichweite lag; wenn es gelang, den Fluss
für den Nachschub des kaiserlichen Heeres zu blockieren,
musste Wallenstein abziehen – oder seinerseits die Schlacht
suchen. Es kam also darauf an, dass Mansfeld als Erster an
der Elbe war, dort eine Blockade errichtete und aus einer
verschanzten Stellung heraus die Angriffe der Kaiserlichen
abwehren konnte, wie er das 1622 in der Oberpfalz getan
hatte. [17] Mansfeld selbst präferierte indes die dritte Option:
einen Marsch seines Heeres nach Süden, bei dem die
Quartiere der Kaiserlichen im Raum Magdeburg-Halberstadt
und das neutrale Kursachsen umgangen wurden, um über
Schlesien nach Böhmen einzufallen. Dabei konnte er mit der
Unzufriedenheit der böhmischen Bevölkerung infolge der
Zwangskatholisierung und der Besitzumwälzungen nach
1620 rechnen. Es gab obendrein Bauernunruhen, in deren
Verlauf bereits einige Lehnsherren von ihren Bauern
erschlagen worden waren. In einem zeitgenössischen
Bericht heißt es: «Wie dann um Markersdorf viel solcher
rebellischen Bauern sich zusammengetan, selbigen Ort
unversehens überfallen und darin den Herrn von
Wartenberg und seine Gemahlin ermordet. Solchem
Exempel haben die Bauern im Königgrätzer Kreis auch
gefolgt und ihren Herrn, so einer vom Adel und gleichfalls
reformieren wollen, erschlagen. Nicht besser machten es
auch die Bauern um Kuttenberg, welche den Herrn von
Werda, Hauptmann daselbst, um gleicher Ursachen willen
hinrichteten.» [18] Bei einem Einfall in Böhmen war ein
Aufstand von Teilen der Bevölkerung zu erwarten. Die große
Unwägbarkeit eines solchen Feldzugs bestand jedoch darin,
dass Wallenstein dem Mansfeld’schen Heer nicht folgte,
sondern mit Tilly zusammen das dänisch-niedersächsische
Heer angriff, dem Mansfeld dann nicht zu Hilfe kommen
konnte. Das war auch der Grund, warum sich Christian von
Dänemark für die zweite Option entschied: Ein in Schlesien
und Böhmen stehender Mansfeld würde ihn, Christian, bei
einer Konfrontation mit Tilly nicht unterstützen können, aber
ein an der Elbe stehendes Mansfeld’sches Heer würde
binnen weniger Tagesmärsche an der Weser sein.
Unter strategischen Gesichtspunkten war Christians
Entscheidung nachvollziehbar: Im Unterschied zu Tilly, der
seine Truppen so verteilt hatte, dass er sie in relativ kurzer
Zeit konzentrieren konnte, um mit geballter Macht gegen
das dänisch-niedersächsische Heer vorzurücken, hatte
Christian auf eine exzentrische Strategie gesetzt, mit der die
Kräfte der Gegenseite verzettelt werden sollten. Von den
35000 bis 40000 Mann, über die er verfügte, standen ihm in
der um sein Hauptquartier in Wolfenbüttel konzentrierten
Hauptstreitmacht etwa 20000 Mann zur Verfügung; die
anderen waren durch die Vorstöße nach Westfalen und
Hessen gebunden, und die Truppen Mansfelds waren bereits
am 20. Februar in die Altmark abgerückt, wo sie in dem zu
Kurbrandenburg gehörenden, also eigentlich neutralen
Gebiet Quartier bezogen hatten. [19] Es war eine bunt
zusammengewürfelte Truppe, die Mansfeld hatte: [20] Neben
seiner berittenen Leibgarde handelte es sich um sechs bis
acht Regimenter deutscher Fußtruppen, dazu 3000 Schotten
sowie niederländische Reiterei. Schließlich kam der
dänische Verband unter dem General Fuchs von Bimbach
hinzu, so dass Mansfeld über 10000 bis 12000 Mann
verfügte.
Wallensteins strategischem Blick war indes die Bedeutung
der Elbübergänge nicht entgangen: Zum einen war die Elbe
die Versorgungsachse seines Heeres, auf der er den
Nachschub, den er aus Böhmen und dem Herzogtum
Friedland bezog, mit Lastkähnen heranführen ließ; zum
anderen deckte sie die Flanke seiner Aufstellung. «Wer Herr
der schiffbaren Flüsse ist, ist auch Herr des Landes»,
schrieb Collalto an Oberst Johann von Aldringen, der die
Dessauer Brücke sichern sollte. [21] Die Elbbrücke bei
Magdeburg stand unter Wallensteins eigener Kontrolle, die
flussaufwärts gelegene Brücke bei Wittenberg lag bereits
auf kursächsischem Gebiet und wurde durch Streitkräfte
Johann Georgs gesichert. Dass Christian IV. es Mansfeld
gestatten würde, in kursächsisches Gebiet vorzustoßen, war
ganz unwahrscheinlich, weil die dann zu erwartende
Parteinahme des sächsischen Kurfürsten zugunsten des
Kaisers die Kräfteverhältnisse deutlich verändert hätte. Der
einzige Elbübergang, der für Wallenstein gefährlich werden
konnte, war somit die Elbbrücke bei Dessau, die zum
Fürstentum Anhalt-Dessau gehörte, einem jener kleinen
Herrschaftsgebiete, die nicht über die militärische Fähigkeit
verfügten, ihre neuralgischen Orte zu schützen. Wenn
Mansfeld, von dem Wallenstein wusste, dass er seit Mitte
Februar in der Altmark stand, ohne dass der
brandenburgische Kurfürst etwas dagegen unternahm,
angreifen würde und ihn dabei womöglich der
Brandenburger unterstützte, dann war die Dessauer Brücke
die strategisch wichtigste Position des gesamten Feldzugs.
[22] Seit Februar, also zur gleichen Zeit, als Mansfeld in die
Altmark marschierte, ließ Wallenstein beidseits dieser
Brücke Schanzen aufwerfen, die er mit Kanonen bestückte.
Bei Roßlau am nördlichen Ufer wurde ein starkes Bollwerk
errichtet, das von vier Kompanien unter Johann von
Aldringen bezogen wurde; [23] das sollte einen Handstreich
gegen die Brücke, «die strategisch wertvollste Position der
Kaiserlichen in ganz Mitteldeutschland», [24] unmöglich
machen. Wenn man so will, war es Mansfelds Pech, dass er
es im Frühjahr nicht mit einem Taktiker, sondern einem
Strategen als Gegner zu tun hatte, dessen Blick nicht auf das
unmittelbar vor ihm liegende Feld möglicher Attacken
beschränkt war, sondern der weiträumig und in großen
Zusammenhängen dachte und dabei den Punkt der
Entscheidung ausgemacht hatte, bevor sich der Gegner auf
ihn zubewegte.
Wie die Briefe an Harrach zeigen, war Wallenstein im
März unsicher und nervös. Seine Kundschafter berichteten,
dass sich zwei feindliche Kolonnen auf seine Positionen
zubewegten, Mansfeld rechts und Fuchs links der Elbe.
Womöglich waren die Truppen von Fuchs nur die Vorhut der
gesamten dänisch-niedersächsischen Armee, deren Stoß sich
wider Erwarten nicht gegen das Heer der Liga, sondern
gegen die Kaiserlichen richtete. Also befahl Wallenstein
seinem Obristen Aldringen, die Verschanzungen an der
Dessauer Brücke weiter auszubauen. Währenddessen blieb
er selbst in einer Wartestellung, um die Gegenseite zu
beobachten. Am 12. April versuchte Mansfeld, die Dessauer
Brücke im Handstreich zu nehmen, doch das Unternehmen
scheiterte an der Aufmerksamkeit der Verteidiger. Bereits
zwei Tage zuvor hatte Wallenstein seine abwartende
Haltung aufgegeben und mit überlegenen Kräften einen
schnellen Schlag gegen die linkselbisch vorrückenden
Einheiten des Generals Fuchs geführt und ihnen bei
Wolmirstedt in der Nähe von Magdeburg eine schwere
Schlappe zugefügt. Wallensteins Kürassiere hatten das
dänische Fußvolk niedergeritten, woraufhin Fuchs sich in
größter Eile bis nach Tangermünde zurückzog, wo er zuvor
die Elbe überschritten hatte. Wallenstein griff Fuchs in
Tangermünde erneut an und zwang ihn zum Rückzug bis
Stendal. Damit stand fest, dass Fuchs die Mansfelder beim
Kampf um die Dessauer Brücke nicht unterstützen würde. Es
kam hinzu, dass Fuchs, der seiner Ansicht nach
ungerechtfertigt von Christian dem Kommando Mansfelds
unterstellt worden war, Mansfelds Befehl, auf die rechte
Seite der Elbe zu wechseln und in Eilmärschen nach Dessau
zu marschieren, keine Folge leistete.
Mansfeld hat Fuchs’ Insubordination später für den
Fehlschlag von Dessau verantwortlich gemacht. Tatsächlich
hat Fuchs auf Zeit gespielt; man muss ihm jedoch zugute
halten, dass seine Truppen nach den zwei für sie unglücklich
verlaufenen Zusammenstößen mit Wallensteins Reitern
vorerst nicht einsatzfähig waren und deshalb, selbst wenn
sie rechtzeitig bei Roßlau eingetroffen wären, für Mansfeld
keine relevante Verstärkung dargestellt hätten. Dieser hatte
selbst den Fehler begangen, auf die Nachricht von
Wallensteins Überraschungsschlag bei Wolmirstedt den
Angriff auf die Dessauer Brücke abzubrechen, um dem
bedrängten Fuchs beizustehen. Wenn dieses Zurückweichen
Mansfelds seinen Grund in der durch Fuchs’ Rückzug
gefährdeten Flanken- und Rückensicherung gehabt hätte, [25]
dann wäre es konsequent gewesen, wenn Mansfeld,
nachdem er Fuchs nicht mehr hatte helfen können, das
Dessauer Vorhaben abgebrochen hätte. Wollte er hingegen
die Dessauer Brücke unbedingt unter seine Kontrolle
bringen, so hätte er in der Zeit, da Wallenstein einen Teil
seiner Kräfte gegen Fuchs geworfen hatte und infolgedessen
die Verteidiger der Roßlauer Schanzen nicht verstärken
konnte, einen massiven Angriff auf die Stellungen Aldringens
führen müssen, um die Brücke ungeachtet der hohen
Verluste eines Sturmangriffs zu erobern. Als Mansfeld am
21. April wieder bei Roßlau erschien und durch ein
mehrtägiges Bombardement den Angriff auf die
Verschanzungen des nördlichen Brückenkopfes vorbereitete,
war es dafür bereits zu spät, denn inzwischen waren die von
Wallenstein zu Hilfe geschickten Truppen eingetroffen und
hatten die vier Kompanien Aldringens verstärkt.
Wallensteins Leibregiment und das Regiment Tiefenbach
hatten auf der südlichen Seite der Elbe Position bezogen und
konnten die Verteidiger des nördlichen Brückenkopfs
jederzeit unterstützen. Und schließlich war Wallenstein
selbst mit seinen schweren und leichten Reitern im
Anmarsch, so dass die ihm verfügbaren Kräfte denen
Mansfelds um das Doppelte überlegen waren. [26] Durch den
Versuch, Fuchs zu Hilfe zu kommen, hatte Mansfeld Zeit
verloren und nichts gewonnen. Dieser Fehler ließ sich nicht
mehr ausbügeln.
Mansfeld hatte also, irritiert durch Wallensteins
entschlossenes und energisches Agieren, den richtigen
Zeitpunkt zum Angriff verpasst. Als er am 25. April den
Sturmangriff befahl, konnte er freilich nicht wissen, dass
zwei Tage zuvor Aldringens durch den dauernden Beschuss
arg mitgenommene Truppen verstärkt worden waren. Da die
Brücke mit Zeltplanen verhängt war, hatten die Kaiserlichen
unbemerkt die Elbe überquert. In einem fünfstündigen
Gefecht gerieten die Angreifer schon bald in die Defensive,
dann in eine Rückwärtsbewegung, und auch durch den
Einsatz seiner Kavallerie vermochte Mansfeld das Blatt nicht
mehr zu wenden. Gegen Mittag befahl er den Rückzug in
Richtung Zerbst, der aber schnell seine Ordnung verlor, weil
Wallensteins Kavallerie immer wieder in die sich
zurückziehenden Mansfeld’schen Regimenter hineinstieß.
Vor Zerbst bezogen sie noch einmal Gefechtsaufstellung,
konnten sich aber nicht halten und flohen oder wurden
niedergesäbelt.
Der Stich versucht, die verschiedenen Etappen der Schlacht an der Dessauer
Brücke im Jahr 1626 in einem Bild wiederzugeben. Das Hauptgeschehen spielt
sich zwischen der Schanze des Herzogs von Friedland unmittelbar vor der
Elbbrücke (Mitte unten) und der Schanze Mansfelds (obere Bildmitte) ab. Im
Hintergrund Zerbst, wohin Teile der Mansfeldischen flüchten. Im Bildzentrum das
zweifache Aufeinandertreffen der Infanterieblöcke und dazwischen ein
Reitergefecht, bei dem sich die Kavallerie Mansfelds bereits zur Flucht gewendet
hat. Unten rechts das Städtchen Dessau, unten links einzelne Soldaten, die sich in
die Elbe gestürzt haben, um sich zu retten.

Mansfeld verlor an der Dessauer Brücke und bei Zerbst den


Großteil seiner Truppen, sicherlich über 5000 Mann,
darunter die gesamte niederländische Kavallerie und viele
Kanonen. Wallensteins Sieg war ein Triumph des
entschlossenen Gegenangriffs und der energischen
Verfolgung. Es dürften 2000 bis 3000 Mann gewesen sein,
die Mansfeld in den nächsten Tagen wieder sammelte und
zum Aufbau eines neuen Heeres nutzte. Das war indes nur
möglich, weil Wallenstein die Verfolgung bei Zerbst
eingestellt und sich wieder auf die Elbe zurückgezogen
hatte. [27] In den Wiener Hofkreisen, vor allem seitens der
«bayerischen Partei», wie Wallenstein seine Gegner nannte,
ist ihm das als Nachlässigkeit vorgehalten worden. Damit
verband sich eine Reihe weiterer Unterstellungen, um nicht
zu sagen Denunziationen gegen Wallenstein, die den Sieg
schmälerten oder gar ins Gegenteil verkehrten. [28]
Wallenstein hatte bei dem Vorstoß bis Zerbst jedoch davon
ausgehen müssen, dass die Entscheidung des Feldzugs auf
der linken Elbseite fallen würde, und er wollte sich nicht zu
weit von Tilly entfernen, um ihm in der entscheidenden
Auseinandersetzung mit dem dänisch-niedersächsischen
Hauptheer beistehen zu können. Das aber hieß, dass er sich
auf die linke Elbseite zurückziehen musste und Mansfeld
nicht weiter verfolgen konnte.
Der oberösterreichische Bauernaufstand
und der Ungarnfeldzug Mansfelds und
Wallensteins
Mansfelds taktische Fähigkeiten mochten begrenzt sein,
aber als Organisator von Heeren war er allen anderen – mit
Ausnahme Wallensteins – überlegen. In der Umgebung von
Havelberg sammelte er seine Truppen, ließ Soldaten werben
und formte aus ihnen neue Einheiten. Sechs Wochen nach
den Niederlagen bei Dessau und Zerbst hatte er wieder eine
Streitmacht von 4000 Fußknechten und 2000 Berittenen
zusammen sowie 8 Kanonen. [1] Das war freilich eine sehr
viel kleinere Truppe als die, über die er vor dem 25. April
verfügt hatte, und so bat er Christian um eine Verstärkung
von 3000 Fußsoldaten und 1000 Reitern. Als deren Anführer
schlug er Herzog Johann Ernst von Sachsen-Weimar vor. Mit
diesem Heer von 10000 Mann wollte Mansfeld nach
Schlesien und Böhmen vorstoßen und in den kaiserlichen
Erblanden einen Aufstand gegen die Habsburger anzetteln,
der, wie er an Christian schrieb, Wallenstein dazu zwingen
werde, mit seinem Heer den norddeutschen
Kriegsschauplatz zu verlassen und ebenfalls nach Schlesien
zu ziehen. Währenddessen, so hoffte Mansfeld, werde er
seine eigenen Truppen mit schlesischen und böhmischen
Freiwilligen verstärken und mit den Einheiten Bethlen
Gábors zusammentreffen, der sich wieder einmal als
Bündnispartner angeboten hatte. Mit ihm gemeinsam wollte
Mansfeld einen Bewegungskrieg gegen Wallenstein führen,
bei dem dessen Heer durch ständige Märsche und
mangelnde Versorgung ruiniert werden sollte. Das Heer
Mansfelds sollte dagegen vom Ostseehafen Stettin aus über
die Oder mit Nahrungsmitteln und Munition versorgt
werden. Da die Ostsee von dänischen Schiffen kontrolliert
wurde, stellte eine Versorgung über Stettin kein Problem
dar.
Es ist bemerkenswert, wie schnell sich Mansfeld von der
schweren Niederlage gegen Wallenstein erholte und das
Scheitern seines Auftrags, die Dessauer Brücke zu nehmen,
dazu nutzte, das von ihm zuvor bereits favorisierte Projekt
eines Diversionskriegs in Schlesien und Böhmen wieder ins
Gespräch zu bringen. Zunächst aber musste Christian
diesem Projekt zustimmen, und dazu brachte Mansfeld
Friedrich von der Pfalz ins Spiel, als dessen Feldherr er sich
gerierte, um gegenüber dem Dänen Bewegungsspielraum zu
gewinnen. Es waren jedoch zwei ganz andere
Einflussnahmen, die Christian von Dänemark Anfang Juni
dazu bewogen, sich mit der schlesischen Diversion
Mansfelds einverstanden zu erklären: die Fürsprache des
Brandenburger Kurfürsten Georg Wilhelm und das
Eintreffen eines Boten von Bethlen Gábor im dänischen
Hauptquartier in Wolfenbüttel.
Der Brandenburger Kurfürst war durch den inzwischen
mehrere Monate andauernden Aufenthalt Mansfelds in der
Altmark in eine politische Zwickmühle geraten: einerseits
durch die von Mansfelds Truppen verursachten
Verheerungen und die Werbung neuer Einheiten,
andererseits durch die immer entschiedenere Drohung des
Kaisers, man werde ihm die kaiserliche Armada ins Land
schicken, wenn er dem Treiben des «proscribirten
Reichsaechters» kein Ende setze. [2] Von den Ständen der
Altmark und vom kaiserlichen Hof bedrängt, forderte der
Kurfürst Christian auf, für einen umgehenden Abzug des
Mansfeld’schen Heeres zu sorgen. Infolgedessen begann
dieser damit, noch einmal über die von ihm zunächst
verworfene dritte Option einer schlesisch-böhmischen
Diversion nachzudenken, und angesichts des Umstands, dass
außer Tilly nach wie vor auch Wallenstein seinem Heer
gegenüberstand, freundete er sich allmählich mit dem von
Mansfeld favorisierten Projekt an.
Die Entscheidung fiel, als Anfang Juni Matthias Quadt von
Wickrath bei Christian eintraf und ihm mitteilte, Bethlen sei
für monatlich 40000 Taler Subsidien bereit, sich der Haager
Allianz anzuschließen. Er schlug vor, ein Heer von
12000 Mann nach Südosten in Marsch zu setzten, das sich
mit seinen Truppen vereinigen solle. [3] Das war eine
Streitmacht, auf die Wallenstein in jedem Fall reagieren
musste – spätestens dann, wenn die kaiserlichen Erblande
bedroht waren. Als Mansfeld meldete, seine Truppen seien
marschbereit, gab Christian die entsprechenden
Instruktionen: Mansfelds um ein dänisches Korps von
7000 Mann verstärkte Söldner sollten nach Schlesien
marschieren und bis zum Eintreffen Bethlens an der Oder
eine feste Stellung beziehen. Das war eine Einschränkung
von Mansfelds Handlungsfreiheit, die dieser hinnehmen
konnte, denn sobald seine Truppen in Schlesien standen,
waren die Kommunikationswege nach Wolfenbüttel lang und
unsicher, und Mansfeld würde selbst entscheiden, was er für
richtig hielt. Sehr viel weniger traf das auf die zweite
Instruktion Christians zu, in der er den Herzog von Sachsen-
Weimar zum Mitkommandanten des Unternehmens ernannte
und anordnete, dass Mansfeld mit ihm alle größeren
Entscheidungen abzustimmen habe. Zudem sollte der
dänische Rat Joachim von Mitzlaff das Heer als
Commissarius begleiten und dafür sorgen, dass Mansfeld
nicht zu selbständig agierte. Christian hatte den
Söldnerführer somit an eine doppelte Kette gelegt.

Am 17. Mai war unterdessen in Oberösterreich beidseits der


Donau der seit langem erwartete Bauernaufstand
ausgebrochen. [4] Bereits im Jahr zuvor hatten sich bei der
Einsetzung eines katholischen Pfarrers in Zwiespalten einige
hundert Bauern zusammengerottet, den Pfarrer sowie den
Verwalter Grünbacher verjagt und anschließend das Schloss
Frankenburg belagert. Als sich die Bauern schon wieder
zerstreut hatten, griff der bayerische Statthalter Adam von
Herberstorff ein und befahl allen Bewohnern der Gegend,
am Pfingsttag gegen Mittag ohne Wehr und Waffen «bei der
großen Linde», einem bekannten Treffpunkt, zu erscheinen –
«und welcher nicht erscheint», so der Verwalter Grünbacher
in seinem Bericht, sollte «um Leib und Leben, Hab und Gut
verfallen sein». [5] Als etwa 5000 Personen
zusammengekommen waren, ließ Herberstorff sie von seinen
Soldaten umstellen und hieß die Richter und Ratspersonen
der Gemeinden vortreten. Die vierunddreißig Männer, die
sich meldeten, wurden an einen Platz geführt, der von
Musketieren gesichert war. Der zurückbleibenden Menge
wurde befohlen, stillzustehen und zuzusehen, was sich jetzt
ereignen werde. «Darauf Herr Statthalter [Herberstorff] den
herausgenommenen Richtern, Ratsverwandten und Achtern
angezeigt, was massen sie alle das Leben verwirkt; aber zu
Gnaden wolle er dem halben Teil das Leben schenken,
solcher Gestalt, daß allerwegen zwei miteinander um das
Leben spielen sollen, der verliert, soll henken. Ist also ein
schwarzer Mantel auf die Erde ausgebreitet, haben
allerwegen zwei miteinander gewürfelt, welche verloren,
sind alsbald vom Freimann [Henker] gebunden. […] Aus den
19 Personen, welche ihr Leben verspielt, sind durch mich
[Grünbacher] und andere zwei Personen ausgebeten und
ihnen das Leben geschenkt worden. Die andern 17 Personen
sind justifiziert [hingerichtet] worden.» [6]
Herberstorffs «kurzer Prozess» ist als Frankenburger
Würfelspiel bekannt geworden, und die Empörung darüber
hat bei dem Bauernaufstand des folgenden Jahres, der sich
nicht zuletzt gegen den bayerischen Statthalter richtete,
eine erhebliche Rolle gespielt. Herberstorff hatte ein bei der
Bestrafung von Söldnern und Landsknechten verbreitetes
Verfahren auf Zivilpersonen übertragen: das in Paaren
erfolgende Würfeln, wie es auch in Callots Radierung «Die
Gehenkten» aus dem Zyklus Les Misères et les Malheurs de
la Guerre zu sehen ist, wo rechts unter dem bereits mit
Gehenkten bestückten Baum zwei Verurteilte um ihr Leben
würfeln. [7] Was bei Söldnern und Landsknechten ein
Gnadenerweis war, wurde im Umgang mit Zivilpersonen zur
zynischen Grausamkeit. Vom Verfahren her war es nämlich
kein Gnadenakt, sonst hätten die ausgewählten Personen
zunächst rechtmäßig zum Tode verurteilt werden müssen –
was nicht der Fall war. Herberstorff ging es vielmehr um
einen demonstrativen Akt der Abschreckung, der die Bauern
von künftigen Zusammenrottungen und Gewalttaten
abschrecken sollte.
Ein Schulwandbild mit dem Titel «Frankenburger Würfelspiel» aus den frühen
1930er Jahren. Links der bayerische Statthalter Adam von Herberstorff zu Pferde,
rechts die lokalen Honoratioren der oberösterreichischen Bauern, im Zentrum die
mächtige Linde, an der die gehängt wurden, die das vor dem Baum stattfindende
Würfelspiel verloren hatten. Das Bild wurde offenbar vielfach als
Unterrichtsmaterial eingesetzt, da sich in vielen Schulmuseen Reproduktionen
davon erhalten haben.

Im oberösterreichischen Bauernaufstand trat die religiöse


Grundierung des Krieges in aller Deutlichkeit hervor; der
Aufstand begann im Frühjahr 1626 als Widerstand gegen die
Rekatholisierungsbestrebungen Kaiser Ferdinands, der trotz
der Verpfändung Oberösterreichs an Bayern nach wie vor
der Landesherr war. Zu Ostern hatte er angeordnet, dass
Adlige und Bürger das Abendmahl in den katholischen
Kirchen zu begehen hätten; wer sich weigere, müsse das
Land verlassen oder habe mit der Einquartierung von
Soldaten zu rechnen – einem verbreiteten
Enteignungsverfahren. Als diese Anordnungen auf die
Bauern ausgeweitet wurden, brach der Aufstand los. Unter
Führung von Stefan Fadinger und dessen Schwager
Christoph Zeller zogen Tausende von Bauern und
Handwerkern los, um ihrerseits katholische Pfarrer zu
vertreiben, vor allem die überaus verhassten Jesuiten.
Amtspersonen, die sich ihnen entgegenstellten, wurden
erschlagen. Christian IV., der in dem Aufstand die ersehnte
Unterstützung sah, mit der die Macht des Kaisers und der
Liga geschwächt werden konnte, schickte den Prediger
Scultetus nach Oberösterreich, [8] um die
Aufstandsbewegung weiter anzuheizen.
Fadinger und Zeller legten derweil bemerkenswerte
militärische Fähigkeiten an den Tag, und so gelang es ihnen,
die Stadt Linz, wo der Statthalter Herberstorff residierte,
mit 50000 Mann einzuschließen. Doch dann fanden beide im
Kampf den Tod, die kaiserlichen Truppen wurden durch die
Regimenter Löbl und Breuner verstärkt und fügten den
nunmehr führungslosen Bauern eine Reihe von
Rückschlägen zu. Am 7. September wurde ein
Waffenstillstand geschlossen, der festlegte, dass allen
Bauern, die zum Gehorsam zurückkehrten, Amnestie
gewährt wurde. Wie bereits beim Bauernkrieg ein
Jahrhundert zuvor zeigte sich hier abermals der
Schwachpunkt von Bauernaufständen: Sie begannen mit
großer Wucht, wuchsen binnen kurzer Zeit zu einer
mächtigen Bewegung an, hatten aber kein
Durchhaltevermögen und verliefen sich nach einigen
Wochen. Deshalb gelang es in den abschließenden
Verhandlungen auch nicht, der Gegenseite Zugeständnisse
abzuringen. Es war, als sei die anfängliche Wut verraucht,
und die zuvor in ihrer Empörung zu jeder Gewalttat bereiten
Bauern kehrten zu ihrer Beschäftigung zurück, als ob nichts
geschehen wäre.
Der oberösterreichische Bauernaufstand wäre wohl Mitte
1626 beendet gewesen, wenn sich nicht Kurfürst Maximilian
eingeschaltet hätte. Ohne Rücksicht auf die zwischen
kaiserlichen Gesandten und Vertretern der Bauern
laufenden Verhandlungen ließ er am 18. September ein
kaiserliches Regiment unter Herzog Adolf von Holstein und
tags darauf ein fast 4000 Mann starkes bayerisches Korps
unter dem Generalwachtmeister Thimar von Lindlo in das
Hausrückviertel einmarschieren. Daraufhin brach der
Aufstand von neuem los, und innerhalb einer Woche fügten
die Bauern Holstein, Lindlo und einem weiteren kaiserlichen
Verband schwere Niederlagen zu. Ihre Wut richtete sich
nicht nur gegen die Soldaten, sondern auch gegen die
Katholiken, denen sie vorwarfen, heimtückisch das Militär
ins Land gerufen zu haben, während gleichzeitig
Friedensverhandlungen geführt wurden. Jetzt wütete der
Krieg «mit allen Schrecknissen eines Bürgerkriegs» [9].

Der neuerliche Bauernaufstand zwang Maximilian, ein


kleines Heer aufzustellen, das unter Führung des Grafen
Gottfried Heinrich zu Pappenheim die Rebellion
niederschlagen sollte. Mit Pappenheim betrat eine der
bemerkenswertesten Gestalten des Krieges die Bühne. [10]
Pappenheim war ein entschiedener Anhänger militärischer
Offensivstrategien und praktizierte diese, als er in mehreren
Schlachten an der Spitze seiner Kürassiere mit blanker
Waffe in die gegnerischen Linien einbrach. Dabei nahm er
auf sich selbst keine Rücksicht; kein Kampf, aus dem er
nicht mit zum Teil schweren Verwundungen zurückkam,
auch solchen am Kopf, wie die Porträts zeigen. Wegen der
vielen sichtbaren Narben erhielt er von seinen Soldaten den
Namen «Schrammhans». In der Schlacht am Weißen Berg,
in der Pappenheim ein Regiment von 1000 Kürassieren
geführt hatte, wurde er bei einem Angriff besonders schwer
verwundet; sechs der zwanzig Verwundungen, die er in
dieser Schlacht erlitten hatte, waren normalerweise tödlich.
Pappenheim überlebte, zunächst wegen seiner robusten
Konstitution, vor allem aber, weil er am Morgen nach der
Schlacht, eingeklemmt unter seinem Pferd, dessen Körper
ihn in der kalten Nacht gewärmt hatte, von Plünderern
gefunden und nach Prag gebracht wurde.
Gottfried Heinrich zu Pappenheim wurde als Protestant
geboren und erzogen, trat aber im Alter von zweiundzwanzig
Jahren unter dem Einfluss von Kardinal Klesl zum
Katholizismus über – was seiner Karriere in kaiserlichen
Diensten zugutekam. Zuvor hatte er in Tübingen und Altdorf
studiert und die für junge Adlige obligate Bildungsreise
durch Europa absolviert. Er beherrschte das Lateinische und
sprach neben seiner Muttersprache Italienisch, Französisch
und Spanisch. Eigentlich war unter diesen Umständen eine
Karriere im Verwaltungsdienst zu erwarten, und
Pappenheim, dem das schwäbische Familienerbe in
Treuchtlingen schon früh zu klein wurde, war zunächst auch
als Beamter in kaiserlichem Dienst tätig. Aber dann
wechselte er ohne einen von außen ersichtlichen Grund im
Sommer 1617 in den Militärdienst und warb im Rheinland
für den Bayernherzog Maximilian eine 200 Mann starke
Kürassiereinheit an. Die schweren Verwundungen, die er in
der Schlacht am Weißen Berg erlitt, schienen für seine
Soldatenkarriere das Ende zu bedeuten: Als Rekonvaleszent
hielt er sich für längere Zeit in seinem Treuchtlinger Besitz
auf und zeigte vorerst wenig Interesse am Soldatenberuf.
Am pfälzischen Krieg nahm er nicht teil.
Der Verwaltung seiner Güter überdrüssig, kehrte
Pappenheim schließlich doch wieder in den Militärdienst
zurück. 1623 wurde er vom Kaiser zum Befehlshaber eines
Kürassierregiments ernannt, das in den folgenden
Kriegsjahren als «die Pappenheimer» bekannt wurde und in
der Schlacht bei Stadtlohn eine zentrale Rolle spielte; später
war es das herausgehobene Regiment im Verband der von
Pappenheim geführten schweren Kavallerie. Pappenheim
bevorzugte den Stoßangriff mit blanker Waffe gegenüber
der Taktik des Caracolierens, bei der die Kavallerie an den
Gegner heranritt, in einem gewissen Abstand die
Reiterpistolen abfeuerte und dann gliedweise zur Seite
schwenkte, damit das nachfolgende Glied der Formation
seine Pistolen abfeuern konnte. So entwickelte sich ein
rollendes Feuergefecht, das nach dem spanischen Wort für
Schnecke, caracola, benannt wurde. Wenn der so
angegriffene Gegner infolge des ständigen Beschusses
schließlich erste Schwächen zeigte, war der Augenblick für
den Stoßangriff mit der Blankwaffe, den «Chok», gekommen.
War dieser erfolgreich, so wurde die Ordnung des
gegnerischen Infanteriegevierts aufgesprengt, was fast
immer einem Wendepunkt der Schlacht gleichkam.
Pappenheims Art, die schweren Reiter zu führen,
zeichnete sich dadurch aus, dass er die Zeit des
Caracolierens relativ kurz hielt oder, wenn die Verhältnisse
das hergaben, ohne vorbereitendes Caracolieren zum
Stoßangriff anreiten ließ. Ausschlaggebend war die
Aufstellung der gegnerischen Tercios und das
Zusammenwirken von Musketieren und Pikenieren. [11]
Zunächst bildeten die Musketiere eine mehrere Glieder tiefe
«Hecke», aus der heraus regelmäßiges Salvenfeuer auf den
Gegner unterhalten wurde. Währenddessen standen die
Pikeniere mit aufgerichteten Lanzen im Zentrum der
viereckigen Aufstellung. Sobald jedoch die feindliche
Kavallerie gegen die Infanterieformation anritt und die
Musketiere infolge der langen Dauer, die das Nachladen der
Musketen in Anspruch nahm, in die Gefahr gerieten,
niedergeritten zu werden, wechselten sie mit den Pikenieren
die Position, die mit gesenkten Lanzen eine stachelige Front
bildeten, um die Kavallerie auf Abstand zu halten. Die
wiederum nahm dann nach der Taktik des Caracolierens die
Pikeniere unter Feuer, was diese untätig aushalten mussten,
da die eigenen Musketiere im Innern des Tercios standen
und nicht zurückschießen konnten. Die Pikeniere konnten
allerdings auch mit gefällter Lanze zum Angriff auf die
Reiter übergehen, oder es wurden einzelne Musketiere in
die Reihen der Pikeniere eingeschoben, um ihrerseits die
Reiter unter Feuer zu nehmen.
Ein Kupferstich nach einem Gemälde des Anton van Dyck, der Gottfried Heinrich
Graf zu Pappenheim im Harnisch, mit Feldherrnstab in der Rechten und Visierhelm
in der Linken zeigt. Verwiesen wird damit auf seinen militärischen Aufstieg als
Kommandeur der schweren Schlachtenkavallerie. Pappenheim galt als tollkühn,
und fast immer stürmte er an der Spitze seiner Kürassiere in den Kampf. Das
Porträt zeigt indes auch Verwundungen, die er dabei erlitten hat, eine Narbe an
der rechten Schläfe sowie die auf der Stirn.

Jeder Wechsel der taktischen Formation im Gefecht war


riskant, denn dabei konnte Unordnung entstehen, und diese
Unordnung bot für den Gegner die Chance, in die
Infanterieformationen hineinzustoßen und sie
aufzusprengen. War das der Fall, so waren die Fußknechte
den Reitern wehrlos ausgeliefert: Die überlangen Lanzen
waren für den Nahkampf ungeeignet, die Musketen konnten
nicht nachgeladen werden, und beim Kampf mit dem
Schwert waren die gepanzerten Reiter den nur leicht
geschützten Fußsoldaten überlegen. [12] In der Regel war das
der Moment, bei dem in den Reihen der Infanteristen Panik
ausbrach und viele sich zur Flucht wandten. [13] Das war der
Augenblick der Entscheidung: Wenn es gelang, ein Tercio zu
zersprengen, und die dort entstandene Panik auf andere
Tercios übergriff, war die Schlacht entschieden.
Pappenheim legte es darauf an, diesen Augenblick
möglichst frühzeitig herbeizuführen. Im Unterschied zu
anderen Generälen vertraute er nicht darauf, dass er im
Verlauf eines über Stunden geführten Gefechts eintrat,
sondern versuchte, ihn mit seinen Kürassieren zu erzwingen.
Das trug ihm den Ruf ein, er pflege eine tollkühne
Gefechtsführung und gehe übermäßig hohe Risiken ein, wie
Tilly mehrfach klagte. Pappenheim konnte darauf erwidern,
er suche die frühe Entscheidung der Schlacht, um der
Gegenseite die Chance zu nehmen, in einem sich
hinziehenden Gefecht ihrerseits die Gunst des Augenblicks
nutzen zu können.
Im Jahre 1625 stand Pappenheim in spanisch-
genuesischem Dienst und hatte ein selbständiges Kommando
im Kampf gegen französische Truppen inne, die das Veltlin
als Teil der «spanischen Gasse» sperren sollten. Nach dem
im März 1626 geschlossenen Frieden von Moncon musste er
sich nach einer neuen militärischen Verwendung umtun, und
die fand er in den Diensten des bayerischen Kurfürsten
Maximilian. Im Rang eines Generalwachtmeisters bekam er
das Kommando über eine etwa 8000 Mann starke Truppe,
die er nach Oberösterreich führte, um den dortigen
Bauernaufstand niederzuschlagen. [14] Mit einer Kriegslist
gelang es ihm, seine Truppen in das von den Bauern
eingeschlossene Linz zu schleusen und die Stadt zu
entsetzen. Dort unterstellte er die zuvor von den Bauern
mehrfach geschlagenen Kaiserlichen seinem Kommando, um
offensiv gegen die Aufständischen vorzugehen. In der ihm
eigenen Art verlor er dabei keine Zeit, und schon wenige
Tage nach dem Entsatz von Linz, am 9. November, kam es
zur ersten Schlacht: Nahe Eferding stieß Pappenheim auf
ein in einer bewaldeten Stellung verschanztes Bauernheer,
das er durch einige Scheinangriffe sowie die demonstrative
Positionierung seiner Kanonen zum Angriff verlockte, um
ihm in offenem Gelände eine vernichtende Niederlage
zuzufügen. Während die bayerisch-kaiserlichen Truppen nur
geringfügige Verluste erlitten, blieben mehr als 3000 Bauern
tot auf dem Schlachtfeld, die meisten von ihnen
niedergeritten und erschlagen, nachdem sie bei ihrem
Angriff von Flankenfeuer erfasst worden und in Panik
geraten waren.
Wenige Tage darauf stieß Pappenheim auf ein weiteres
Bauernheer, das die Stadt Gmunden belagerte. Als sich
Pappenheims Truppen näherten, zogen die Bauern sich auf
eine Verteidigungsstellung im Wald zurück, in der sie mit
Kavallerie nicht anzugreifen waren und ein Infanterieangriff
im Kampf Mann gegen Mann enden musste. In einem
solchen Kampf spielte die waffentechnische und taktische
Überlegenheit der Soldaten keine Rolle; letzten Endes
entschied die schiere Überzahl. Dann aber ließ sich der von
einem Theologiestudenten geführte Hauf zu demselben
Fehler verleiten, den auch die Bauern bei Eferding gemacht
hatten: Die Aufständischen verließen, durch die
Gefechtsaufstellung Pappenheims dazu verleitet, ihre
Stellungen und griffen den scheinbar ungedeckten linken
Flügel des Pappenheim’schen Heeres an. Die dort postierten
Kaiserlichen zogen sich bis unter die Mauern Gmundens
zurück, wo die Bauern in heftiges Musketenfeuer liefen und
ihr Angriff den Schwung verlor. Ähnlich erging es denen, die
den rechten Flügel angriffen und nach einem Scheinrückzug
des von Pappenheim selbst geführten Flügels ebenfalls in
konzentriertes Musketenfeuer gerieten. Die zum Stehen
gebrachten Angreifer wurden von Kürassieren umfasst und
niedergehauen. So war auch die Schlacht von Gmunden eher
ein Massaker als ein Gefecht. Bei Vöcklabrück und Wolfseck
besiegte Pappenheim weitere Bauernhaufen; dabei wurden
auch die Anführer des Aufstandes getötet oder fielen in die
Hände des ligistisch-kaiserlichen Heeres.
Das war das Ende des Aufstandes. Ihm folgten in Linz
Exekutionen in großer Zahl, dazu Eingriffe in die
Besitzverhältnisse derer, die beim Aufstand zwar keine
führende Rolle gespielt, aber in der einen oder anderen
Weise die Aufständischen unterstützt hatten. Bei dem
Gericht, das der Statthalter Herberstorff, Pappenheims
Stiefvater (er hatte Pappenheims früh verwitwete Mutter
geheiratet), hielt und das von jedem weiteren Aufstand
abschrecken sollte, zeigte sich auch wieder die religiöse
Dimension des Krieges, die bereits am Anfang des
Aufstandes gestanden hatte, denn jetzt wurde die
katholische Gegenreformation konsequent durchgesetzt, und
sie zielte als Erstes auf den Adel und die Bürgerschaft
Oberösterreichs. «Sie mußten», so der Historiker Moriz
Ritter, «kraft neuer Erlasse auswandern oder katholisch
werden. Merkwürdigerweise machte man jedoch den Bauern
gegenüber eine kleine Ausnahme. War es die Sorge vor
einem nochmaligen Verzweiflungsausbruch oder die
Rechnung, daß man dem verwüsteten Land nicht noch
weitere Arbeitskräfte entziehen durfte – […] bei der auch
jetzt noch nicht gebrochenen Hartnäckigkeit der Bauern ließ
man es bei dem Verbot aller protestantisch
gottesdienstlichen Handlungen und protestantischer Lehrer
und Bücher, sowie dem Gebot der Teilnahme am
katholischen Gottesdienst, ohne jedoch zur Ausweisung
wegen des Bekenntnisses zu schreiten. Man durfte erwarten,
daß so, wenn nicht die alte, so doch die jüngere Generation
gewonnen werde.» [15] Man nahm den Bauern die adligen
wie städtischen Anführer und setzte darauf, dass sie dann
wieder folgsam sein würden.
Auch in Böhmen kam es im Frühjahr und Sommer 1626
vereinzelt zu Bauernunruhen, doch erreichten diese bei
weitem nicht die Dynamik und Intensität des
oberösterreichischen Bauernaufstands. Das war auch eine
Folge der systematischen Vertreibungen, die in den
vorangegangenen Jahren stattgefunden hatten. Potenzielle
Anführer fehlten, und die Kommunikationsbeziehungen und
Vertrauensverhältnisse, ohne die keine Bewegung
auskommt, wurden durch die Emigration zerstört. Eine Rolle
dürfte aber auch gespielt haben, dass Wallenstein seine
Beamten zu größter Aufmerksamkeit aufgefordert hatte, was
Anzeichen von Unruhen anging, und ein entschiedenes
Vorgehen verlangte, [16] da er auf eine zuverlässig
funktionierende Versorgungsbasis seines Heeres in
Friedland angewiesen war. Der Aufstand in Böhmen, auf den
Mansfeld gesetzt hatte, kam nicht in Gang; er blieb, wie
Anton Gindely festhält, «ein rasch vorübergehender
Zwischenfall, der die Besitzer des Landes bloß schreckte,
aber nicht schwächte». [17]

Das wäre womöglich anders gewesen, wenn Mansfeld im


Sommer 1626 nach Böhmen eingefallen wäre und die
friedländisch-kaiserliche Verwaltung auseinandergejagt
hätte. Auch stellte Mansfeld keine Verbindung zu den
Aufständischen in Oberösterreich her, die militärische
Kompetenz durchaus hätten brauchen können, wie sich bei
den Niederlagen gegen Pappenheim zeigte. Stattdessen
endete Mansfelds Feldzug in der ungarischen Tiefebene, wo
sich die Truppen mit den Einheiten Bethlen Gábors
verbanden, was aber ohne Bedeutung blieb, weil es in
diesem Raum keine strategischen Ziele gab, die Einfluss auf
den Fortgang des Krieges gehabt hätten. Immerhin war es
Mansfeld durch den Vorstoß nach Schlesien, Mähren und
Ungarn gelungen, Wallenstein von seinen Positionen an der
Elbe abzuziehen, wenngleich auch das strategisch
bedeutungslos war, weil am 26. August nicht Christian Tilly,
sondern umgekehrt Tilly Christian besiegte. Der Sieg Tillys
über den Dänen beruhte nicht zuletzt darauf, dass
Wallenstein bei seinem Aufbruch 12000 Fußsoldaten und
5000 Reiter zurückgelassen hatte, so dass Tillys Truppen
denen Christians überlegen waren. Wallenstein ist Mansfeld
also nicht mit dem gesamten Heer gefolgt, sondern nur mit
14000 Mann. [18]
Am 10. Juli brachen Mansfeld und Herzog Johann Ernst
von Havelberg in Richtung Oder auf. Am 13. Juli erfuhr
Wallenstein vom Aufbruch der beiden; er war sich darüber
im Klaren, dass ihr Ziel nur Schlesien sein konnte, und
reagierte darauf, indem er den Obersten Pechmann mit
5000 Reitern losschickte, um den Vorstoß des Gegners zu
beobachten und Nachzügler sowie Trossknechte in der
Weise zu attackieren, wie Wallenstein dies zwei Jahre zuvor
von Seiten Bethlen Gábors erlebt hatte. Wallenstein selbst
wartete zunächst ab, was ihm später zum Vorwurf gemacht
werden sollte: Statt Mansfeld den Weg nach Schlesien
abzuschneiden, habe er diesem einen uneinholbaren
Vorsprung eingeräumt. Aber Wallenstein zögerte, weil das
Gerücht aufgetaucht war, Gustav Adolf werde in Kürze mit
18000 Mann in Pommern landen, um parallel zur Oder
ebenfalls nach Schlesien vorzustoßen. Dieses Gerücht sollte
sich als falsch herausstellen, völlig aus der Luft gegriffen
war es jedoch nicht, denn in den Kriegsplänen der Haager
Allianz hatte ein solcher Kriegszug Gustav Adolfs zeitweilig
eine Rolle gespielt. [19] Tatsächlich verließ der
Schwedenkönig zu dieser Zeit mit einer großen Flotte
Stockholm – aber er landete mit seinen Truppen nicht in
Pommern, sondern in Ostpreußen, um gegen seinen
katholischen Vetter Sigismund III. Krieg zu führen. [20]
Unterdessen erreichten Mansfelds Truppen Mitte Juli bei
Frankfurt die Oder, wo Mansfeld den Fluss überquerte und
auf dessen rechter Seite weitermarschierte, während Johann
Ernst mit seinen Verbänden auf der linken Flussseite blieb
und parallel zu Mansfeld nach Schlesien zog. Die Trennung
der beiden hatte vor allem logistische Gründe, denn so hatte
jeder sein eigenes Gebiet, aus dem er sich versorgen konnte.
Ohnehin war es eine verbreitete Praxis, dass größere Heere
in mehreren Kolonnen parallel marschierten, um den sich
dahinwälzenden Heerwurm nicht gar zu lang werden zu
lassen. Je länger ein solcher Heereszug war, desto größer
wurden die Versorgungsprobleme für die Arrièregarde; auch
wurden die Wege für die nachfolgenden Einheiten immer
schwieriger zu passieren. Also marschierte man, wenn die
Topographie des Geländes das zuließ, in mindestens zwei
Kolonnen parallel zueinander. [21] Lag ein Fluss dazwischen,
so hatte das zwar den Nachteil, dass man sich bei
Feindberührung nicht ohne weiteres zu Hilfe kommen
konnte, aber auch den Vorteil, dass man auf Lastkähnen
Nachschub mitführen konnte und so von den
Versorgungsmöglichkeiten des Landes unabhängig war.
Letzteres war für Mansfeld und Johann Ernst von
Bedeutung: Schlesien war zu dieser Zeit durch den Krieg
bereits schwer mitgenommen, zunächst durch den
jahrelangen Kleinkrieg des Herzogs von Jägerndorf gegen
sächsische und kaiserliche Truppen und sodann durch die
Seuchen, die sich im Gefolge der durchziehenden Heere und
der Flüchtlingsströme aus Böhmen stark ausgebreitet
hatten. [22] Dennoch wurden die Truppen Mansfelds in
Schlesien freundlich aufgenommen; die mehrheitlich
protestantische Bevölkerung sah in ihnen Befreier von der
ungeliebten habsburgischen Herrschaft und den Zwängen
der Gegenreformation.
Mansfeld wollte sich diese Sympathien erhalten und
drängte darauf, die Bevölkerung schonend zu behandeln;
weil Johann Ernst das nicht in gleicher Weise tat, kam es
mehrfach zu Auseinandersetzungen zwischen ihnen. [23]
Meinungsverschiedenheiten dieser Art dürften ein weiterer
Grund dafür gewesen sein, dass die beiden seit Frankfurt
getrennt voneinander auf beiden Seiten der Oder
marschierten. Der Leidtragende dessen war Johann Ernst,
denn seine Kolonne war den überfallartigen Attacken von
Pechmanns Kavallerie ausgesetzt, die dem Heer auf der
linken Oderseite folgte. Nahe der Stadt Oppeln gelang es
Johann Ernst, das Regiment des Obersten Hebron in ein
längeres Gefecht zu verwickeln und ihm größere Verluste
zuzufügen. Das änderte freilich nichts an dem permanenten
Aderlass, den die Angriffe Pechmanns zur Folge hatten; an
den kaiserlichen Rat Questenberg berichtete Pechmann,
man habe «viel mansfeldisches Volk, so sich vom Heereszug
gesondert hat, gnadenlos niedergemacht». [24] Mitte August
bezogen Mansfeld und Johann Ernst im Raum Teschen,
Troppau, Jägerndorf eine feste Stellung, die, zwischen
Schlesien, Mähren und Ungarn gelegen, alle Optionen für
die Fortsetzung des Feldzugs offenließ. Hier erwarteten sie
Bethlen und seine Truppen; nach deren Eintreffen wollten
sie entscheiden, wie es weitergehen sollte. Aber sie warteten
vergeblich, denn Bethlen traf nicht ein.

Derweil hatte Wallenstein am 8. August den Befehl zum


Abmarsch des Hauptkontingents gegeben: [25] Gustav Adolf
war nicht in Pommern gelandet, zu größeren
Gefechtshandlungen zwischen Christian und Tilly war es
ebenfalls nicht gekommen, und außerdem ließ Wallenstein
für diesen Fall starke Verbände an der Elbe zurück. Aber
nun musste er Mansfeld verfolgen, denn inzwischen befand
sich dieser in einer Position, von der aus er nach Böhmen
einfallen konnte, und daran würde ihn Pechmanns Kavallerie
kaum hindern können. Wallenstein trieb seine Truppen zur
Eile an. Deren Marschleistung von etwa 30 Kilometern am
Tag war beachtlich, und so schaffte Wallensteins Heer die
600 Kilometer von Zerbst nach Dvúr in 22 Tagen; damit war
Wallenstein schneller als Mansfeld, und da er auf der
inneren Linie marschierte, hatte er 200 Kilometer weniger
zurückzulegen als sein Kontrahent. Er kam gerade noch
rechtzeitig, um einen Einfall Mansfelds nach Böhmen zu
blockieren; freilich nur deshalb, weil Mansfeld so lange auf
Bethlen gewartet hatte und untätig geblieben war. Der Preis
der Gewaltmärsche war, dass Wallensteins Heer durch die
Abgänge von Erschöpften und Kranken von Tag zu Tag
zusammenschmolz. Am Ende des Feldzugs, im November,
war von denen, die in Zerbst aufgebrochen waren, nur noch
ein Viertel übrig – und das, obwohl man keine einzige
Schlacht geschlagen hatte.
Hatte Wallenstein, der «podagrische Stratege», wie
Leopold von Ranke ihn genannt hat, doch zu lange gewartet?
Offenbar ist er von einer stärkeren Verteidigung Schlesiens
durch die Kaiserlichen ausgegangen; dass Mansfeld ohne
nennenswerten Widerstand durch Schlesien marschieren
konnte, überraschte ihn. Außerdem graute ihm vor einem
weiteren Kriegszug in Ungarn, bei dem sich wiederholen
würde, was er dort zwei Jahre zuvor erlebt hatte. [26] Wenn
er schon in der ungarischen Tiefebene Krieg führen sollte,
dann wollte er in großem Umfang über leichte Reiterei
verfügen. Wallenstein hatte ein Heer für die Kriegführung in
Mitteleuropa aufgestellt, ein Heer, mit dem man Schlachten
gewinnen konnte. Gegen Bethlen Gábor war damit aber
wenig auszurichten, denn der stellte sich, wie Wallenstein ja
erlebt hatte, nicht zur Schlacht. Bethlens leichte Reiter
konnten nur mit eigenen leichten Reitern bekämpft werden,
und dementsprechend forderte Wallenstein den Wiener
Hofkriegsrat auf, in Polen oder Ungarn in großem Stil
leichte Reiter anzuwerben. Mansfeld spielte in diesen
Überlegungen keine besondere Rolle; es war Bethlen, der
Wallenstein Sorgen machte – und da er ahnte, dass Wien ihm
die geforderten Reiter nicht zur Verfügung stellen würde,
zögerte er, mit einem Heer aufzubrechen, das für den
absehbaren Feldzug ungeeignet war. Wallenstein hatte
darauf gesetzt, dass Mansfeld in Schlesien und Ungarn
infolge ausbleibender Versorgung zugrunde gehen würde.
Jetzt aber saß dieser in einer Wartestellung, von der aus er
Böhmen bedrohte. Also musste Wallenstein handeln.
Am 27. August vereinigten sich die Heeresteile Mansfelds
und Johann Ernsts bei Fulnek wieder; drei Tage darauf
trafen sich beide Heerführer bei Leipnik an der March, um
den weiteren Fortgang des Kriegszugs zu besprechen. An
diesem Kriegsrat nahmen auch die Obersten der einzelnen
Regimenter teil. Mansfeld schlug vor, nicht länger auf
Bethlen zu warten und ihm auch nicht entgegenzuziehen –
tatsächlich dauerte es bis zum 13. September, also noch
zwei Wochen, bis Bethlen in Debrezin einrückte –, sondern
stattdessen nach Westen vorzustoßen. Er wollte entweder
nach Mähren und Böhmen bis in die Oberpfalz ziehen, um
von dort nach Bayern oder ins Elsass zu gelangen, oder aber
Verbindung mit den aufständischen Bauern in
Oberösterreich aufnehmen, um den dortigen
Kriegsschauplatz zu verstetigen. [27] Ob es Mansfeld dabei,
wie einige Historiker meinen, um die Wiederaufnahme der
alten Elsassträume ging oder um einen Verheerungskrieg
gegen die kaiserlichen Erblande, mit dem die
Finanzierungsmöglichkeiten des kaiserlichen Heeres
drastisch eingeschränkt werden sollten, oder um eine
Operation gegen die «spanische Gasse», mit der sich
Mansfeld bei den Niederländern als einem denkbaren
Geldgeber wieder ins Gespräch gebracht hätte, oder nur
darum, einen Feldzug in Ungarn zu vermeiden, das Mansfeld
als Kriegsschauplatz aus den Jahren 1595 bis 1604 kannte –
all das muss dahingestellt bleiben.
Ebenso wie Wallenstein war Mansfeld offenbar der
Auffassung, dass der Krieg in Mittel- und Westeuropa
entschieden würde und Ungarn nur ein
Nebenkriegsschauplatz sei. Er hatte den Diversionsfeldzug
nach Schlesien ins Gespräch gebracht, jedoch nicht, um von
Schlesien nach Ungarn zu marschieren, sondern um den
Krieg von dort nach Böhmen und ins Reich zurückzubringen.
Der Herzog von Sachsen-Weimar war jedoch gegen eine
Wendung nach Westen und bestand darauf, dass man sich
mit Bethlen treffen müsse, wie das vorgesehen sei.
Deswegen plädierte er dafür, den Gebirgszug der Beskiden
zu überschreiten und nach Oberungarn zu marschieren. Da
die Mehrheit des Kriegsrats dem Herzog folgte, musste
Mansfeld sich dem erst einmal notgedrungen fügen. Als man
in Kremsier die Oderbrücke zerstört vorfand, auf der
anderen Seite des Flusses die Reiter Pechmanns sah und
Wallensteins Hauptmacht am 2. September in Olmütz
eintraf, war klar, dass sich Mansfelds Plan nicht mehr
realisieren ließ. [28] Wallensteins Eilmärsche hatten sich doch
noch gelohnt. Mansfeld und Johann Ernst zogen über die
Weißen Karpaten nach Oberungarn, wo sie auf Bethlen
Gábor warteten.
Für Wallenstein stellten von da an nicht mehr die Truppen
Mansfelds, sondern die Bethlens die zentrale
Herausforderung dar. Bethlen würde die Vereinigung mit
Mansfeld suchen, und deswegen kam es jetzt darauf an, dass
sich Wallenstein mit starken Kräften zwischen die beiden
schob. Wenn Bethlen sich mit Mansfeld vereinigen wollte,
würde er eine Schlacht gegen Wallenstein schlagen müssen.
Für diesen war das die einmalige Chance, den sonst nicht zu
fassenden Fürsten von Siebenbürgen zu stellen und dessen
Schwarmtruppen zu vernichten. Wallenstein hatte zu dieser
Zeit noch 8000 Mann Fußsoldaten und 4000 Reiter; was ihm
nach wie vor fehlte, war leichte Kavallerie. Wallenstein
konnte Bethlen darum seinerseits nicht zur Schlacht stellen,
er konnte ihn nicht einmal verfolgen, sondern musste darauf
setzen, dass Bethlen von sich aus die Schlacht suchte oder
einen Fehler machte, der ihn zur Annahme einer Schlacht
zwang. Wallenstein überquerte also den Fluss Waag und
rückte bis Neuhäusel vor, womit er Bethlen den Weg zu
Mansfeld abschnitt.

Am 30. September standen sich die Truppen Wallensteins


und Bethlens bei dem Dorf Drégelypalánk gegenüber.
Bethlen hatte türkische Unterstützung bekommen und war
Wallenstein zahlenmäßig weit überlegen. Aber die Truppen
Mansfelds waren nicht zur Stelle, weswegen Bethlen an
einem für ihn günstigen Ausgang des Treffens zweifelte und
um Waffenstillstand ersuchte, zumindest bis zum nächsten
Tag. Wallenstein lehnte den Waffenstillstand ab und wollte
sofort losschlagen, ließ sich von dem ungarischen Palatin
Nikolaus Esterházy, der mit einem kleinen Verband Husaren
zu ihm gestoßen war, dann aber doch dazu bewegen, die
Schlacht auf den kommenden Tag zu verschieben. [29]
Immerhin war es bereits später Nachmittag, und eine bei
einbrechender Dunkelheit abgebrochene Schlacht lag nicht
in Wallensteins Interesse. Doch am nächsten Tag waren
Bethlen und sein Heer verschwunden: In der Nacht hatten
sie sich in aller Stille zurückgezogen; zur Irreführung des
Gegners hatte man die Nacht über Wachfeuer brennen
lassen, so dass die Vorposten Wallensteins nicht
misstrauisch wurden. «Wär noch drei Stund Tag gewest»,
schrieb Wallenstein an Harrach, «so hab ich eine schöne
victori in Händen gehabt, denn der Feind ist so verzagt
gewest, daß solches dem Herrn Bethlehem noch nie
widerfahren ist.» [30]
Nun aber war die Gelegenheit zur Schlacht dahin; Bethlen
zu verfolgen, erschien Wallenstein sinnlos, da dieser sich mit
seiner leichten Reiterei schneller bewegen konnte als
Wallensteins Streitmacht. Außerdem nahmen inzwischen die
Versorgungsprobleme überhand. Auf dem Rückzug nach
Neuhäusel breitete sich im Heer die Ruhr aus, eine Folge
der Ernährung mit unreifen Feldfrüchten, und auch andere
Krankheiten griffen um sich, wie etwa die «ungarische
Krankheit», ein in der Regel tödliches Fleckfieber, und der
Milzbrand, der den Pferdebestand des Heeres hinwegraffte.
Auch wenn man das in Wien anders sah und sich eine
Verfolgung Bethlens wünschte, so blieb Wallenstein doch
gar nichts anderes übrig, als den Rückzug nach Mähren und
von dort weiter nach Böhmen anzutreten. Wallenstein habe
in Ungarn «wider die Kriegsraison gehandelt», lautet einer
der Vorwürfe in den Kapuziner-Relationen. [31] Das war eine
Wertung vom grünen Tisch, die das Leid der Truppen
ignorierte und von strategischen Fragen wenig verstand.
Aus der Sicht Wallensteins war das Ziel des Feldzugs auch
ohne Entscheidungsschlacht erreicht: Bethlen war aus den
Erblanden des Kaisers herausgedrängt, er hatte in Ungarn,
im Unterschied zu seinen früheren Zügen, keine
Unterstützung gefunden, und Mansfelds Truppen saßen in
Ungarn fest und würden sich infolge von Hunger und
Unzufriedenheit innerhalb weniger Wochen auflösen.
Auch wenn einige in Wien anderer Auffassung waren und
allerhand Verdächtigungen gegen Wallenstein streuten,
hatte dieser im Grundsatz recht: Die Chancen Bethlens,
seinen Anspruch auf die Stephanskrone in Ungarn
durchzusetzen, waren deutlich kleiner als in den Jahren
zuvor, sein Vorstoß nach Westen war nicht bis Pressburg
oder gar in die Nähe Wiens gekommen, sondern bereits in
Ungarn abgefangen worden, und das, obwohl Bethlen dieses
Mal über türkische Unterstützung verfügte. Zudem hatte das
von Mansfeld über Schlesien nach Ungarn geführte Heer in
der entscheidenden Phase des Feldzugs keine Rolle
gespielt – weder in Norddeutschland noch in Ungarn. Der
strategische Plan der Haager Allianz, durch großräumig
angelegte Diversionsoperationen die Kräfte der Gegenseite
zu zersplittern und dadurch im Zentrum des Krieges, in
Deutschland, die Oberhand zu gewinnen, war nicht
aufgegangen. Er sollte nach dem Fehlschlag von 1626 auch
nicht wieder aufgenommen werden – zum einen hatten die
Protestanten inzwischen begriffen, was Wallenstein schon
seit längerem wusste, dass dieser Krieg nämlich im Reich
und nicht an dessen Peripherie entschieden wurde; zum
anderen spielte Bethlen Gábor hinfort als Bestandteil einer
antihabsburgischen Koalition keine Rolle mehr, und der
Friede, den der Kaiser mit der Hohen Pforte in
Konstantinopel geschlossen hatte, hielt.
Ende 1626 schien Bethlen Gábor definitiv verstanden zu
haben, dass seine eigenen Kräfte für einen Erfolg gegen die
habsburgische Position in Ungarn nicht ausreichten und
dass ihm die Unterstützung, die er als Partner einer
antihabsburgischen Koalition erhielt, nicht viel nutzte. Zum
ersten Mal nach den gemeinsam mit den Böhmen geführten
Feldzügen war Bethlen wieder ein Heer der protestantischen
Verbündeten zu Hilfe gekommen, doch mit Mansfelds
Truppen war ein noch größeres Heer seiner katholischen
Gegner auf dem südöstlichen Kriegsschauplatz erschienen;
außerdem bereiteten ihm Mansfelds Truppen durch die
Konkurrenz um die wenigen Versorgungsgüter mehr
Probleme, als dass sie ihn entlasteten. Das Eintreffen
Mansfelds in Ungarn hatte die Handlungsspielräume
Bethlens eher verkleinert als vergrößert. Immerhin hatte
Bethlen in diesem Jahr erstmals nennenswerte
Unterstützung durch türkische Truppen erhalten, auch wenn
es sich dabei nicht um Einheiten der Hohen Pforte, sondern
um Truppen des bosnischen Paschas handelte. Dies aber
waren Truppen desselben Typs, wie Bethlen sie aus
Siebenbürgen mitbrachte, und mit ihnen ließ sich keine
Schlacht gegen ein Heer aus Mittel- und Westeuropa
schlagen. Trotz zahlenmäßiger Überlegenheit hatte sich
Bethlen bei Drégelypalánk auf die von Wallenstein gesuchte
Schlacht nicht eingelassen, sondern war zurückgewichen –
und als Wallenstein daraufhin Bethlen nicht verfolgte, also
weder in eine Falle gelockt noch durch lange Märsche
aufgerieben werden konnte, war der Feldzug für Bethlen
strategisch verloren. Er war klug genug, das zu realisieren.
Im Übrigen genügte zu dieser Einsicht bereits die
Unzufriedenheit seiner Reiter, die in diesem Jahr, da sie in
Ungarn festgehalten worden waren und nicht bis nach
Mähren, Böhmen oder Österreich vorstoßen konnten, so gut
wie keine Beute gemacht hatten. Die Aussicht auf Beute
aber war die Motivationsressource, mit der Bethlen sie zu
Kriegszügen bewegte. Außerdem spürte er selbst
zunehmend den mit seinen Feldzügen einhergehenden
körperlichen Verfall. Also ließ Bethlen sich auf einen
dauerhaften Friedensschluss mit dem Kaiser ein und schied
endgültig aus der antihabsburgischen Koalition aus. [32] Am
28. Dezember 1626 wurde in Pressburg ein Friedensvertrag
unterschrieben, der im Grundsatz eine Erneuerung des
Nikolsburger Friedens war. Damit endete die
Auseinandersetzung zwischen Bethlen und Ferdinand II.
Das Ausscheiden Bethlens bedeutete für den Kaiser eine
grundlegende Veränderung der strategischen Gesamtlage;
von nun an konnte er sich ausschließlich auf die
Kriegsschauplätze im Reich konzentrieren – auch deshalb,
weil die Kräfte des Osmanischen Reichs durch den immer
wieder aufflackernden Krieg gegen die schiitischen Perser
gebunden waren, die den Osmanen in Mesopotamien eine
Reihe schwerer Niederlagen bereitet hatten. [33] Im Vertrag
von Zsön wurde im September 1627 der Frieden zwischen
Habsburgern und Osmanen besiegelt, und dieser Frieden
hielt für mehrere Jahrzehnte. Das bedeutete für die politisch-
militärischen Konstellationen im Reich mittelfristig eine
größere Veränderung als der große Sieg, den Tilly
zwischenzeitlich über Christian von Dänemark errungen
hatte. [34]
Der Kupferstich zeigt Bethlen Gábor im Alter von vierzig Jahren als ungarischen
König, worauf unter anderem die Kleidung hindeutet. Da er als Fürst von
Siebenbürgen Vasall des türkischen Sultans war, legte Bethlen auf den
ungarischen Königstitel allergrößten Wert. Er konnte allerdings nur Teile Ungarns
dauerhaft unter seiner Herrschaft halten und wurde in den diversen
Friedensverträgen, die er mit dem Kaiser schloss, auch nur für diese anerkannt.

Die Truppen Mansfelds bezogen Mitte Oktober an der


unteren Gran (Hron) ein Heerlager, in dem beraten wurde,
welche Möglichkeiten blieben, den Feldzug fortzuführen.
Das in Havelberg aufgebrochene Heer war seit dem späten
August zweigeteilt, und zwar in den Hauptverband in
Ungarn und die unter dem Kommando Joachim von Mitzlaffs
in Troppau, Teschen und Jägerndorf zur Kontrolle Schlesiens
zurückgelassenen Einheiten. Es lag nahe, beide Heeresteile
wieder zu vereinen. Solange das Heer Wallensteins in
Ungarn stand, hatte Bethlen darauf gedrängt, die in
Schlesien zurückgebliebenen Verbände nach Ungarn zu
ziehen. Das hatte Mansfeld jedoch abgelehnt, weil es darauf
hinausgelaufen wäre, Schlesien aufzugeben und sich ganz
auf den ungarischen Kriegsschauplatz zu konzentrieren, von
dem er inzwischen wusste, dass das Heer dort nicht zu
versorgen war. Es war somit sinnvoller, mit den in Ungarn
stehenden Truppen nach Schlesien zurückzukehren, um die
dortigen Positionen zu halten und das Heer wieder
aufzufüllen. Damit war jedoch Herzog Johann Ernst nicht
einverstanden, weil es dem Auftrag widersprach, sich mit
den Truppen Bethlens zu vereinigen. Außerdem befürchtete
er, ein Rückzug des Heeres werde die Soldaten
demoralisieren und die ohnehin hohe Desertionsquote weiter
in die Höhe treiben. Abermals kam es zum Streit zwischen
den beiden Heerführern.
In dieser Situation entschloss sich Mansfeld, seine
Truppen Bethlen zu unterstellen und das Heer zu verlassen,
um durch den türkisch kontrollierten Teil Ungarns Bosnien
zu erreichen. Von einem der dortigen Häfen aus wollte er
nach Venedig reisen und mit dem Rat der Seerepublik über
neue Geldzuweisungen verhandeln. Mansfeld tauschte also
wieder einmal die Rolle, der kommandierende General trat
als Kriegsunternehmer auf. [35] In der ersten
Novemberwoche verließ er in Begleitung einiger Offiziere
und eskortiert von einer Schar türkischer Reiter das Heer.
Über Ofen wollte er entweder das mit den Osmanen
verbündete Ragusa oder das venezianische Spalato
erreichen. In der Nähe von Sarajewo erlitt er jedoch einen
Blutsturz; am Abend diktierte er seinen letzten Willen, und
in der Nacht zum 30. November starb er im Alter von
sechsundvierzig Jahren. Seinen Tod ließ er als einen
heroischen Akt inszenieren. Von Gefolgsleuten aufgerichtet,
wurde ihm der Harnisch angelegt und das Schwert vor ihm
in den Boden gerammt, so dass er sich darauf wie auf einen
Stock stützen konnte: Ein Heerführer starb nicht im Bett,
sondern stehend und in Rüstung. [36] Zwei Wochen später
starb auch Johann Ernst, womöglich an einer
Lebensmittelvergiftung, vielleicht auch an einer Krankheit,
an der er seit dem Sommer laborierte. [37] Der Weimarer
Herzog war dreiunddreißig Jahre alt. Bethlen Gábor blieben
nach dem Frieden von Pressburg noch drei Jahre, bis er an
der Wassersucht starb. Mehr noch als auf dem Schlachtfeld
forderte der Krieg seinen Tribut durch Krankheit und
Auszehrung.
Die Schlacht von Lutter am Barenberg
Seit Mai 1626 führte Tilly einen Belagerungskrieg, in dessen
Verlauf er dem Dänenkönig eine besetzte Festungsstadt
nach der anderen wegnahm. Als Erstes war Hannoversch
Münden an der Reihe, am Zusammenfluss von Fulda und
Werra gelegen, also ein Ort von einiger strategischer
Bedeutung. Wer Münden beherrschte, kontrollierte den
nordhessisch-südniedersächsischen Raum, und daran musste
Tilly gelegen sein, nachdem Christian von Braunschweig
wenige Wochen zuvor den Versuch unternommen hatte, in
Hessen-Kassel einen Kriegsschauplatz in seinem Rücken zu
eröffnen. [1] Hatte Tilly Münden in der Hand, so würde das
künftig nicht mehr möglich sein. Die Stadt wurde von
800 Soldaten unter Oberst Lawis verteidigt. Der verweigerte
bei der üblichen dreimaligen Kapitulationsaufforderung die
Übergabe, [2] woraufhin die Artillerie Tillys eine breite
Bresche in die herkömmlich gebauten Stadtmauern schoss.
Lawis setzte darauf, dass die Angreifer durch die vor der
Mauerbresche fließende Werra aufgehalten würden, doch
die fanden an zwei Stellen eine Furt, überschritten den Fluss
und drangen in die Stadt ein. Die Verteidiger zogen sich auf
den Friedhof zurück, konnten sich dort aber nicht halten.
Zuletzt leisteten sie im Schloss Widerstand, wo sie samt und
sonders getötet wurden. Weil ein Mündener Bürger
angeblich eine mit Splittern und Nägeln geladene Kanone
aus kurzer Distanz auf die Angreifer abgefeuert hatte,
richtete sich die Gewalt der Eroberer nicht nur gegen die
Soldaten, sondern auch gegen die Bevölkerung der Stadt.
Über 1000 Einwohner wurden in einem furchtbaren
Massaker getötet. [3]
Tilly ist diesem Morden nicht entgegengetreten. Das hat
eine gewisse Bedeutung für die Beurteilung seines
Verhaltens bei der späteren Eroberung Magdeburgs, als es
ebenfalls zu einem Massaker kam. Gemäß Kriegsrecht war
nach dreimaliger Ablehnung der Kapitulationsaufforderung
die Plünderung einer im Sturm genommenen Stadt zulässig,
und die Soldaten, die sie verteidigt hatten, durften, auch
wenn sie «Quartier» riefen – die damals übliche Parole,
wenn man sich ergeben wollte –, [4] nicht mit Pardon
rechnen. Dass aber die gesamte Einwohnerschaft
abgeschlachtet wurde, war durch keinerlei kriegsrechtliche
Regel gedeckt und auch kein Kriegsbrauch. Offenbar war
Tilly bereit, Kriegsrecht und Kriegsbräuche zu ignorieren,
wenn er sich davon einen Abschreckungseffekt versprach.
Das Wort «magdeburgisieren» als Bezeichnung für die
völlige Zerstörung einer Stadt und die restlose Auslöschung
ihrer Bevölkerung geht auf Tillys Eroberung Magdeburgs
zurück, bei der vier Fünftel der Einwohner den Tod fanden;
die entsprechende Praxis gab es – wie an Münden zu sehen –
bereits zuvor.
Sicherlich war es heikel, eine in Rage geratene Soldateska
im Zaum zu halten: Sturmangriffe auf einen hartnäckig
Widerstand leistenden Feind waren mit einem hohen
Erregungsniveau verbunden, was wiederum die
Voraussetzung dafür war, dass die Angreifer voranstürmten
und dabei den Tod oder schwere Verwundungen in Kauf
nahmen. Das konnte sich zu einem regelrechten Rausch
steigern, wenn sich, wie etwa in Münden, das Gerücht
verbreitete, nicht nur das Militär, sondern auch die
Bürgerschaft habe Widerstand geleistet. Solche zur Raserei
gesteigerte Erregung entlud sich allzu oft in einem an den
gegnerischen Soldaten verübten Massaker. Wurde eine
befestigte Stadt erobert, war – im Unterschied zum
Schlachtfeld, wo sich in der Regel keine Zivilisten
aufhielten – die Wahrscheinlichkeit groß, dass, wie bei der
Eroberung Heidelbergs – ebenfalls durch Tilly –, auch deren
Einwohnerschaft Opfer dieser Entladung wurde. [5] In
solchen Situationen wäre es die Pflicht der militärischen
Führung gewesen, das Massaker zu stoppen und die
Gewaltanwendung zu begrenzen. Das war in Anbetracht der
Wut und der Entfesselung der Soldaten nicht einfach, und
der Umstand, dass Gewaltexzesse des Öfteren eine
«Entschädigung» für ausgebliebene Soldzahlungen waren,
machte das Einschreiten der Offiziere noch schwieriger.
Aber es ist doch etwas anderes, wenn der neben Tilly in die
Stadt einreitende Oberst Egon Fürstenberg, der
Kommandant des Regiments, das durch die Mauerbresche
gestürmt war und dabei erhebliche Verluste erlitten hatte,
seinen Soldaten zurief: «Haut die rebellischen Hunde alle
nieder!» [6] Spätestens jetzt hätte Tilly eingreifen müssen.
Dass er das nicht tat, war aus heutiger Sicht ein
Kriegsverbrechen.
Jenseits der Disposition der Soldaten, Massaker zu
begehen, [7] gab es freilich auch eine strategische
Rationalität, die hinter solchen Gräueltaten stand, und das
war deren exemplarischer Charakter. Wenn sich nämlich
herumsprach, was sich bei der Eroberung ereignet hatte und
womit man rechnen musste, wenn man der
Kapitulationsaufforderung Tillys keine Folge leistete, so war
das ein starkes Motiv dafür, eine befestigte Stadt ohne
größeren Widerstand zu übergeben. Gleichzeitig war es eine
Aufforderung an die Bürgerschaft, dem
Militärkommandanten in den Arm zu fallen, wenn er
Widerstand leisten wollte. Das demonstrative Massaker war
ein Strategem, um den potenziellen Interessenkonflikt
zwischen Einwohnerschaft und Verteidigern einer Stadt in
einen offenen Gegensatz zu verwandeln und die einfachen
Soldaten zur Befehlsverweigerung zu motivieren. Es gab
also durchaus Gründe dafür, warum Tilly dem Massaker von
Münden keinen Einhalt gebot. So kapitulierte Göttingen, die
nächste befestigte Stadt, der er sich näherte, relativ schnell,
und als er sich anschließend gegen Northeim wandte,
konnte er damit rechnen, dass man dort eher dem Göttinger
als dem Mündener Vorbild folgen würde. Dem wirkte die
andere Seite entgegen, indem sie Offiziere, die eine Stadt
widerstandslos oder nach bloß symbolischen
Kampfhandlungen übergaben, wegen Feigheit zum Tode
verurteilte und, sofern man ihrer habhaft wurde, öffentlich
exekutierte. Die Androhung des unehrenhaften Todes sollte
die Bereitschaft fördern, bei der Verteidigung einen
jedenfalls ehrenhaften Tod zu sterben.

Mit dem Siegeszug Tillys wuchs der Druck auf Moritz,


Landgraf von Hessen-Kassel, der nach dem
fehlgeschlagenen Vorstoß Christians von Braunschweig
ohnehin im Verdacht stand, es mit dem Dänen zu halten.
Tilly forderte ihn auf, kaiserliche Garnisonen aufzunehmen
beziehungsweise seine Festungsstädte für kaiserlich-
ligistische Einheiten zu öffnen. Weiterhin forderte er die
Einberufung der Landstände; auf deren Versammlung sollte
der Landgraf erklären, dass er die Regierungsgeschäfte
niederlege. Die lutherisch gesinnte Ritterschaft des
Territoriums drängte ihrerseits auf die Entfernung und
Bestrafung der Räte, die sie für die Politik des Landgrafen
verantwortlich machten, während die städtischen Vertreter,
die bisher die landgräfliche Politik unterstützt hatten, vor
einem aussichtlosen Kampf gegen die Übermacht Tillys
warnten. [8] Moritz warf Tilly daraufhin in einem langen
Schreiben vor, durch die von ihm betriebene Stärkung der
Landstände de facto einen Konfessionswechsel zum
Luthertum erzwingen zu wollen. [9] Schließlich begnügte
Tilly sich damit, dass Moritz am 19. Juli ein Revers
unterschrieb, in dem er sich zu dreierlei verpflichtete: keine
gegen den Kaiser gerichtete Korrespondenz mit auswärtigen
Mächten mehr zu unterhalten; sich mit der Ritterschaft des
Landes nach Maßgabe der kaiserlichen Erwartungen
auszusöhnen; und schließlich in die Festungen seines Landes
keine fremden Truppen aufzunehmen und kaiserlich-
ligistischen Truppen jederzeit Durchzug und Quartier zu
gewähren. Militärisch war Landgraf Moritz damit erst
einmal ausgeschaltet.
Die politische Abrechnung mit Moritz kam nicht von Tilly,
sondern von seinem Darmstädter Verwandten: Am 21. April
1626 erging ein durch den Kölner Erzbischof
einzutreibender Vollstreckungsbefehl gegen Moritz, in dem
ihm als Schadensleistung für sein Handeln in der Marburger
Erbstreitigkeit die Zahlung von 1357000 Gulden auferlegt
wurde. Da Moritz diese Summe nicht zahlen konnte, wurde
dem Darmstädter Gläubiger ein Großteil der Landgrafschaft
Hessen-Kassel als Pfand zuerkannt, und diese Verpfändung
wurde sogleich mit Hilfe kaiserlich-ligistischer Truppen
durchgesetzt. Es war ein Glücksfall für Hessen-Kassel, dass
der Darmstädter Landgraf am 6. August starb, woraufhin
Moritz sieben Monate später zugunsten seines Sohnes
Wilhelm abdankte. Die beiden Nachfolger, besagter Wilhelm
in Kassel und Georg II. in Darmstadt, handelten am
4. Oktober 1627 einen Vergleich aus, in dem die Kasseler als
Ausgleich für die Darmstädter Forderungen die Grafschaft
Katzenelnbogen und das Amt Schmalkalden abtraten.
Hessen-Kassel war damit als antikaiserlicher Akteur vorerst
auch politisch erledigt.

Derweil ging der Festungs- und Belagerungskrieg zwischen


Christian von Dänemark und Tilly weiter, und dabei verlor
die dänisch-niedersächsische Seite immer mehr an Boden;
ein Detachement Tillys unter Graf Anholt vertrieb die
dänische Besatzung im Bistum Osnabrück, die Herzog
Johann Ernst im Frühjahr dort hinterlassen hatte, [10] und am
11. August 1626 kapitulierte Göttingen. Christian begriff,
dass er bei dieser Art der Kriegführung auf Dauer verlieren
würde, und entschloss sich, offensiver vorzugehen. Das war
auch deswegen angezeigt, weil die von Wallenstein an der
Elbe zurückgelassenen Truppen sich in Bewegung gesetzt
hatten, um zur Hauptarmee Tillys zu stoßen. Christian wollte
diese Vereinigung verhindern und rückte von Wolfenbüttel
auf das Eichsfeld vor. Als die dänische Streitmacht dort
anlangte, hatten die Wallenstein’schen Regimenter unter
Oberst Desfours das Eichsfeld jedoch bereits passiert. Der
amerikanische Kriegshistoriker William Guthrie, der die
Schlachten des Dreißigjährigen Krieges einer eingehenden
Analyse unterzogen hat, beschreibt die damit für Christian
eingetretene Lage folgendermaßen: Er hatte die Chance
verpasst, Tilly bei der Belagerung einer Stadt anzugreifen,
bei welcher der Belagerer in erhöhtem Maße verwundbar
war; es war ihm nicht gelungen, das Wallenstein’sche
Armeekorps auf dem Marsch zur Weser zu stellen und zu
zerschlagen; und jetzt sah er sich einem kräftemäßig
überlegenen Tilly gegenüber. [11] Unter diesen Umständen
blieb Christian nichts anderes übrig, als sich wieder auf
Wolfenbüttel zurückfallen zu lassen, um dort eine feste
Position zu beziehen.
Am 24. August befahl Christian den Rückzug; der Marsch
führte am Westhang des Harzes vorbei. Das war für Tilly die
Chance, den Dänen in schneller Verfolgung zu stellen und
ihn zur Schlacht zu zwingen, ganz so, wie ihm das drei Jahre
zuvor mit dem Halberstädter bei Stadtlohn gelungen war. So
kam es vom 25. bis zum 27. August zu fortgesetzten
Scharmützeln zwischen der von General Fuchs geführten
Nachhut des dänisch-niedersächsischen Heeres und der von
den Wallenstein’schen Reiterregimentern unter Oberst
Desfours gebildeten Vorhut Tillys. [12] Jetzt wurde für
Christian der Tross zum Hauptproblem, denn auf den von
starken Regenfällen aufgeweichten Wegen kamen die Wagen
nur sehr langsam voran. Da die Rückzugsstraße durch
ausgedehnte Wälder führte, war eine Beschleunigung durch
parallel marschierende Kolonnen nicht möglich. Christian
musste also, wie drei Jahre zuvor der Halberstädter, den
Kampf aufnehmen, wenn er Bagage, Kanonen und einen Teil
seines Heeres nicht auf dem Rückzug verlieren wollte. Nahe
dem Dorf Lutter, zu dem auch ein gleichnamiges Schloss
gehörte, beides in der Nähe von Seesen gelegen, stellte er
sich zur Schlacht. General Fuchs hatte Christian
nachdrücklich vor einer Schlacht gewarnt, nachdem er in
mehreren Nachhutgefechten die Unterlegenheit seiner
Soldaten registriert hatte; die dänisch-niedersächsischen
Truppen waren demoralisiert. Christian solle sich, wenn es
denn sein müsse, zumindest an einem anderen Ort zur
Schlacht stellen, da die bezogene Hügelstellung durch die
Wälder auf beiden Seiten umgangen werden könne, ohne
dass sich dies verhindern lasse. Es sei besser, die Bagage zu
verlieren als das Heer. Christian jedoch hielt an seiner
Entscheidung fest.
Neben dem Umstand, dass das dänisch-niedersächsische
Heer überwiegend aus kampfunerfahrenen Truppen
bestand, waren die Regimenter aus den darin versammelten
Landsmannschaften auch noch bunt zusammengewürfelt:
Sie bestanden aus Engländern und Schotten, Franzosen und
Holländern, Holsteinern und, in der großen Mehrzahl,
protestantischen Deutschen. Das hätte kein Nachteil sein
müssen, wenn diese Einheiten schon einige Male gemeinsam
im Kampf gestanden hätten und dabei
«zusammengeschweißt» worden wären, also das Gefühl der
Zusammengehörigkeit, des Füreinander-Einstehens, aber
auch des Sich-aufeinander-verlassen-Könnens ausgebildet
hätten. Das war aber nicht der Fall, und das Fehlen eines
landsmannschaftlichen Zusammenhalts machte sich negativ
bemerkbar. Hält man den Bericht des Obersten Robert
Monro über die Einsätze seines ausschließlich aus Schotten
bestehenden Regiments dagegen, so erfährt man, welche
Bedeutung das landsmannschaftliche
Zusammengehörigkeitsempfinden in einer fremden und
feindlichen Umgebung erlangen konnte. Dieses
Schottenregiment, das zunächst in dänischen und danach in
schwedischen Diensten stand, war militärisch sehr viel
leistungsfähiger als Einheiten, die sich nicht auf solche
Kohäsionsfaktoren stützen konnten. [13]
Das Gelände bei Lutter war dem am Weißen Berg nicht
unähnlich. [14] Christian hatte sein Heer in drei Treffen auf
einem ansteigenden Hügel postiert; am Fuß des Hügels zog
sich ein Bach, die Neile, mit morastigen Uferstreifen auf
beiden Seiten hin. Er konnte an einer Stelle auf einer Brücke
überquert werden. Ansonsten waren Bach und Morast für
Fußtruppen wie Reiterei durchaus passierbar, freilich bei
einer deutlichen Verlangsamung der Bewegung und dem
absehbaren Verlust der Gefechtsordnung. Für eine reine
Verteidigungsschlacht war die Stellung des dänisch-
niedersächsischen Heeres also durchaus geeignet; es hätten
allerdings in großem Stil Verschanzungen aufgeworfen
werden müssen, wozu man in der Kürze der Zeit nicht
gekommen war. Vor allem hätten die Flanken des Heeres im
Hinblick auf die angrenzenden Waldgebiete gesichert
werden müssen, was Christian aus Nachlässigkeit oder
Unerfahrenheit unterließ.

Nachdem es an den vorangegangenen Tagen ausgiebig


geregnet hatte, war der 22. August ein sonniger und heißer
Tag. Tilly reagierte darauf, indem er am Vormittag seine
Truppen ruhen ließ und sie erst gegen Mittag in
Gefechtsformation brachte; Christians Heer stand dagegen
seit dem Morgen in Schlachtlinie. Von Mittag an hatte Tilly
die Sonne im Rücken, während sie den dänisch-
niedersächsischen Soldaten im Gesicht stand. Die dänische
Kommandostruktur ging in die Tiefe. Fuchs kommandierte
das erste Treffen, der König selbst das zweite Treffen, und
das dritte Treffen, die strategische Reserve, stand unter dem
Befehl von Rheingraf Otto Ludwig von Salm-Kyrburg, der,
wie Guthrie meint, ein passabler Regimentskommandeur
sein mochte, aber mit einem selbständigen Armeekommando
überfordert war. Verhängnisvoller war freilich, dass es sich
um eine sehr grobmaschige Kommandostruktur handelte,
bei der keine eigenständige Führung der Flügel vorgesehen
war, und es zwischen den Kommandeuren eines Treffens
und den darin aufgestellten Bataillonen keine
Zwischenebenen gab. Obendrein war das Zusammenwirken
der drei Treffen schwierig, da Fuchs keinen Zugriff auf das
vom König geführte zweite Treffen hatte, Christian aber in
der entscheidenden Phase der Schlacht fehlte, weil er zum
Tross zurückgeritten war, bei dem es Probleme mit dem
Vorankommen gab, und Christian meinte, nur er selbst
könne diese Probleme lösen. Einmal mehr beschäftigte ihn
die Bagage mehr als das Heer. Im Unterschied zu Christian
stützte sich Tilly auf eine Kommandostruktur, die nicht auf
Tiefe, sondern auf Breite hin angelegt war: Das Heer war in
das Zentrum und zwei Flügel gegliedert und hatte auf jedem
Flügel noch eine eigenständige Abteilung, die durch die
Wälder vordringen und den Gegner von der Seite und im
Rücken attackieren sollte.
Tilly eröffnete die Schlacht, indem er seinen rechten
Flügel die Neile überqueren und auf die vor dem ersten
Treffen postierten dänischen Kanonen vorrücken ließ. Diese
hatten sich zuvor bereits mit Tillys Artillerie ein
Feuergefecht geliefert. Fuchs musste darauf reagieren,
wenn er seine Geschütze nicht verlieren wollte, und schickte
zunächst die Kavallerie gegen Tillys Truppen, die inzwischen
die Brücke besetzt hatten. Der dänische Gegenangriff kam
zunächst gut voran und warf Tillys Reiter zurück, während
ein Infanteriebataillon auf der Brücke standhielt und wie ein
Wellenbrecher die dänische Kavallerie in zwei Teile
aufspaltete. Tillys Angriff war jedenfalls gestoppt, und die
Dänen zogen sich auf ihre Ausgangsposition zurück.
Währenddessen ritten auf dem anderen dänischen Flügel,
ohne dass Fuchs den Befehl dazu gegeben hätte, die beiden
Kürassierregimenter unter Graf Hermann Wilhelm von
Solms-Hohensolms und Philipp von Hessen-Kassel, dem
zweiundzwanzigjährigen Sohn des Landgrafen, zum Angriff;
sie überquerten die Neile und setzten, ohne auf größeren
Widerstand von Tillys linkem Flügel zu stoßen, zu einer
wilden Attacke auf dessen Zentrum an. Es war absehbar,
dass sie dabei zwischen das Zentrum und den linken Flügel
Tillys geraten und aufgerieben werden würden. In diesem
Augenblick stand Fuchs vor der Entscheidung, die Kavallerie
seines rechten Flügels abzuschreiben und sich auf den
Kampf um die Brücke zu konzentrieren oder aber sein
Zentrum nach rechts schwenken und zur Unterstützung der
eigenmächtigen Kavallerieattacke das Zentrum Tillys
angreifen zu lassen. Fuchs traf die – im Nachhinein
betrachtet – falsche Entscheidung und ließ seine Infanterie
den Bach durchwaten und das Zentrum des Liga-Heeres
angreifen. Das hätte Erfolg haben können, wenn das zweite
Treffen diesen Angriff unterstützt und anstelle von Fuchs’
erstem Treffen den Kampf um die Neilebrücke übernommen
hätte. Aber Christian war beim Tross. Die Abwesenheit des
Königs hatte zur Folge, dass das zweite Treffen nicht in das
Geschehen eingriff.
Als König Christian wieder auf dem Schlachtfeld eintraf,
musste er sich zunächst mit dem Geschehen vertraut
machen. Just zu dieser Zeit trat eines der durch die Wälder
rechts und links der dänisch-niedersächsischen Aufstellung
unbemerkt vorgerückten Detachements Tillys auf den Plan
und besetzte das Dorf Dolgen in der Flanke von Christians
Heer. Daraufhin ließ der das dritte Treffen kommandierende
Rheingraf das Dorf mit seinen Kanonen in Brand schießen.
Die ligistischen Soldaten zogen sich wieder in den Wald
zurück, und ihr Geplänkel hätte keine weitere Wirkung
gehabt, wenn nicht der Rheingraf von jetzt an wesentlich mit
dem Dorf Dolgen beschäftigt gewesen wäre und seine
Aufgabe als strategische Reserve der Hauptmacht völlig aus
dem Auge verloren hätte. Die dänische Reserve spielte für
die Schlacht danach keine Rolle mehr. Ein kleiner
ligistischer Verband hatte die gesamte strategische Reserve
Christians de facto ausgeschaltet.
Nachdem die von Fuchs gegen Tillys Zentrum gedrehten
Bataillone durch die Neile gewatet waren, hatten sie jede
Gefechtsordnung verloren, und es handelte sich um eine
bloße Masse von 6000 Mann. Anstatt die Ordnung wieder
herzustellen, ließ Fuchs sie in aufgelöster Formation
angreifen, woraufhin ihre Attacke ebenso wie der
Reiterangriff unter schweren Verlusten zusammenbrach.
Solms und der Sohn des Landgrafen fanden dabei den Tod,
und bald wurde auch Fuchs, als er seine zurückflutenden
Soldaten aufzuhalten versuchte, von einer Musketenkugel
tödlich getroffen. Damit war die Schlacht entschieden, denn
nun ließ Tilly seine Truppen gegen das bereits
demoralisierte zweite Treffen Christians anrücken, das sich,
auch weil in seiner Flanke plötzlich die kaiserlichen Soldaten
von Tillys anderem Detachement auftauchten und ihm das
mit dem Dorf Dolgen beschäftigte dritte Treffen nicht zu
Hilfe kam, zur Flucht wandte. Christian, der mehr
persönlichen Mut als taktisches Geschick besaß, versuchte
an der Spitze seines Leibregiments die Schlacht noch einmal
zu wenden, konnte aber das vorrückende Zentrum Tillys
nicht mehr aufhalten und entkam mit knapper Not der
Gefangennahme. Christian verlor an diesem Tag 8000 Mann
und den gesamten Artilleriepark; 3000 bis 4000 seiner
Soldaten waren gefallen, 2500 gefangen genommen, der
Rest war verschwunden, also vermutlich desertiert. Von
Tillys Männern, so gab er selbst an, seien 200 getötet und
300 verwundet worden. Es kamen noch 200 Ausfälle in den
kaiserlichen Regimentern hinzu, die Wallenstein zur
Verfügung gestellt hatte.
Die Schlacht von Lutter am Barenberg war Tillys
wichtigster Sieg im Dreißigjährigen Krieg. In ihrem Verlauf
ähnelte sie seinem Sieg bei Stadtlohn, aber während er dort
dem Kriegsgeschehen keine grundlegende Wende zu geben
vermochte, war das bei Lutter am Barenberg der Fall: Die
Bedrohung durch die Haager Koalition war beseitigt, die
Kriegslage in Norddeutschland von Grund auf verändert,
und auch wenn Tilly die Reste von Christians Armee nicht
verfolgte und dieser bei Wolfenbüttel zumindest seine
zersprengte Reiterei sammeln und neu formieren konnte, so
spielte der Däne als eigenständiger Faktor im Landkrieg
fortan keine Rolle mehr. Im Herbst behauptete Christian nur
noch ein Gebiet zwischen der unteren Elbe und der Weser
sowie die im Osten an die Elbe anschließenden Gebiete
nördlich der Havel. Die niedersächsischen Fürsten, die den
Dänen zu ihrem Kreisobersten gewählt hatten, fielen nun
reihenweise von ihm ab, [15] und es war abzusehen, dass
Christian bei einer Weiterführung des Krieges weitgehend
auf die Hilfsmittel seines eigenen Königreichs angewiesen
sein würde. Nach dieser Niederlage hatte man in London
und im Haag große Zweifel daran, ob der Dänenkönig der
Richtige war, Kaiser und Liga in Deutschland Paroli zu
bieten.
Die Weiterführung des Krieges
Auf dem Papier nahm sich die Ausgangslage Christians
Anfang 1627 nicht so schlecht aus, wie man nach der
schweren Niederlage von Lutter hatte erwarten müssen. In
Schlesien stand eine Armee von etwa 15000 Mann,
bestehend aus den von Mansfeld im vergangenen Sommer
dort zurückgelassenen Truppen, den Überresten des
Mansfeld’schen Heeres, die Mitzlaff aus Ungarn
zurückgebracht hatte, sowie den im Winter neu rekrutierten
Soldaten. Die Truppen hatten eine Reihe fester Plätze
bezogen, und Mitzlaff war zuversichtlich, Schlesien gegen
die kaiserlichen Einheiten verteidigen zu können. Weiterhin
stand in Mecklenburg ein Armeekorps mit 12000 Mann, das
von Markgraf Georg Friedrich von Baden-Durlach befehligt
wurde. Nach der Niederlage von Wimpfen hatte er sich aus
der Politik zurückgezogen, die Regierung der
Markgrafschaft seinem Sohn übertragen [1] und war als
General in die Dienste des Dänenkönigs getreten.
Schließlich hatte Christian selbst im Verlauf des Winters
seine bei Lutter zerschlagene Hauptarmee wieder aufgefüllt
und auf einen Gesamtbestand von 30000 Mann gebracht.
Diese Hauptarmee sollte den Raum von der Unterelbe bis
zur Weser schützen, wobei sie sich auf eine
Verteidigungslinie mit den Festungen Wolfenbüttel,
Nienburg, Northeim und Stade stützen konnte.
Das Problem dieser Aufstellung war ihre grundsätzlich
defensive Ausrichtung sowie der Umstand, dass die von der
Elbe bis zur Oder verteilten Truppen im Falle eines Angriffs
weitgehend auf sich allein gestellt waren. Wallensteins
strategischem Blick ist das nicht entgangen: Christians
starre Defensive lud geradezu ein, sich die Heeresteile der
Reihe nach vorzunehmen und sie einzeln auszuschalten. Tilly
und Wallenstein kamen überein, dass die Truppen der Liga
den Krieg links der Elbe führen sollten, während sich die
kaiserliche Armee auf Schlesien, die Oder und das Gebiet
rechts der Elbe konzentrierte. Wie sich schon bald zeigte,
hatte Tilly die weitaus schwierigere Aufgabe übernommen,
während Wallenstein in diesem Kriegsjahr mit eher
geringem Aufwand große Erfolge erzielte. Damit wurde die
Konstellation von 1626 ins Gegenteil verkehrt, als
Wallenstein einen glanzlosen, mit großen Verlusten
verbundenen Krieg in Ungarn geführt hatte, während Tilly
als der strahlende Sieger einer entscheidenden Schlacht die
Glückwünsche aus Wien, München und Brüssel
entgegennahm. Papst Urban hatte Tilly als Zeichen des
Dankes gar einen geweihten Hut übersandt. [2] Wallenstein
dagegen wurde wegen seiner angeblich zögerlichen und
unentschiedenen Kriegführung kritisiert, und die ersten
Stimmen wurden laut, die seine Ablösung als kaiserlicher
Generalissimus forderten. [3] Am Ende des Kriegsjahres 1627
sollte die Stimmungslage genau umgekehrt sein.
Das Verhältnis zwischen Tilly und Wallenstein war
weiterhin durch aufgabenorientierte Professionalität
gekennzeichnet; [4] Tilly litt allerdings darunter, dass es bei
den Soldaten und Offizieren eine wachsende Neigung gab,
den Dienst im Heer der Liga zu quittieren und stattdessen in
die Dienste Wallensteins überzuwechseln; fatalerweise war
diese Neigung gerade bei den Tüchtigsten und
Leistungsfähigsten festzustellen. [5] Das lag freilich nicht nur
an den besseren Quartieren und dem höheren Sold, sondern
auch an den deutlich besseren Aussichten auf Belohnung
und Karriere in der Umgebung Wallensteins. Trotz seines
glänzenden Sieges bei Lutter am Barenberg schien Tillys
Stern bald zu sinken, während der Wallensteins weiter im
Steigen begriffen war. Enttäuschung und Resignation
machten sich im Umfeld Tillys breit – und dazu gab es
durchaus Anlass, wenn man die geringfügigen Belohnungen
Tillys mit denen Wallensteins verglich, der es zum Herzog
von Friedland gebracht hatte. Im Sommer 1627 kam noch
das Fürstentum Sagan in Schlesien hinzu. [6] Wenn man
etwas werden wollte, war es ratsam, in den Dienst
Wallensteins zu wechseln.

Dass der Belagerungskrieg gegen die Festungsstädte


Norddeutschlands sehr viel schwieriger werden würde als
der in Schlesien, war im Frühjahr 1627 noch nicht
abzusehen. Es war indes fraglich, ob das Massaker von
Münden nachwirken und die Verteidiger der Städte zur
schnellen Übergabe veranlassen würde, [7] denn inzwischen
waren bei Christian von Dänemark neue Regimenter aus
England und Schottland eingetroffen, denen die
Erfahrungen des vergangenen Jahres fremd waren und die
darauf brannten, sich im Kampf auszuzeichnen. [8] Die
Folgen dessen sollte Tilly bald zu spüren bekommen. Als
Erstes rückte Graf Fürstenberg, der Eroberer von Münden,
gegen Northeim vor. Tilly hatte bereits im Jahr zuvor
versucht, die gut befestigte Stadt einzunehmen, sich dann
aber durch den Vorstoß Christians ins Eichsfeld genötigt
gesehen, die Belagerung abzubrechen und dem Dänenkönig
entgegenzuziehen. Fürstenberg knüpfte da an, wo der
Festungskrieg im vergangenen Sommer geendet hatte. Zu
seinem Erstaunen musste er feststellen, dass der ihm seit
Münden vorauseilende Ruf, auf den Tilly gesetzt hatte, bei
den Verteidigern Northeims keine Wirkung zeigte: Sie
lehnten die Kapitulationsaufforderung ab und widerstanden
mehreren Sturmangriffen. Verhandlungen führten
schließlich dazu, dass sie in allen Ehren abziehen konnten.
Immerhin war Northeim damit aus dem Festungsgürtel der
Dänen herausgelöst, und im September fielen dann auch
noch Nienburg und Stade. In einem mühevollen Wechsel von
Belagerungen und Sturmangriffen wurde eine Festung nach
der anderen erobert und so die Verteidigungslinie der Dänen
Stück für Stück aufgebrochen. Darüber verging für Tilly das
Kriegsjahr 1627 ohne spektakuläre Erfolge.
Zuletzt, am 9. Dezember, kapitulierte auch das von
Pappenheim seit Anfang September belagerte Wolfenbüttel,
das holländische Ingenieure zu einer der modernsten
Festungen Norddeutschlands ausgebaut hatten. [9] Die vom
Grafen Philipp Reinhard von Solms befehligten Verteidiger
setzten den Belagerern durch häufige Ausfälle hart zu. [10]
Während Pappenheim und Solms sich wechselseitig ihrer
Ritterlichkeit versicherten, streiften Pappenheims Reiter
durch die umliegenden Gegenden, plünderten und
brandschatzten die Dörfer, um dabei aus den Bauern
herauszupressen, was noch herauszupressen war. Nicht von
ungefähr zeigten sich damals im Harz erste Formen eines
gewaltsamen Widerstands der Bauern, der sich in diesem
Fall nicht, wie in Oberösterreich, gegen religiösen Zwang
und die ihn ausübenden Jesuiten, sondern gegen die
Soldaten im Allgemeinen und die Reiter Pappenheims im
Besonderen richtete. «Der Wehrstand soll leben – der
Nährstand soll geben» war eine der höhnischen Formeln,
wie sie unter Soldaten mit Blick auf die Bauern üblich
waren, oder man sang in den Unterkünften des Militärs:
«Sobald ein Soldat wird geboren, / Sind ihm drei Bauern
auserkoren: / der erste, der ihn ernährt / der andre, der ihm
ein schönes Weib beschert, / der dritte, der für ihn zur Hölle
fährt.» [11] Pappenheims Reiter haben während der
Belagerung Wolfenbüttels viel dazu beigetragen, dass die
Bauern der Gegend in den Soldaten, zumal in den
Berittenen, ihren Todfeind sahen und diese, wenn sie ihrer
habhaft wurden, gnadenlos totschlugen. Wie kaum anders zu
erwarten, führte das zu Repressalien, die den Hass der
Bauern auf das Militär weiter steigerten. Sie stellten
Hinterhalte, schachteten Gruben aus, in die Reiter
hineinstürzten, und nutzten alle Möglichkeiten eines
gnadenlosen Kleinkriegs. So wurde der Partisanenkrieg zum
Begleiter des Festungs- und Belagerungskrieges. Die
konzentrierte Gewalt der Belagerer richtete sich gegen die
Verteidiger der Festung, wohingegen die diffuse Gewalt die
nähere und weitere Umgebung der Festungsstädte erfasste.
[12]

Die Belagerung einer Festung war somit nicht nur für die
Einwohner der befestigten Stadt eine Periode des Grauens,
sondern auch für die Landbevölkerung in einem Umkreis von
20 bis 30 Kilometern. Im Vergleich dazu war die
Feldschlacht ein Vorgang, der nur die Soldaten selbst betraf
und bei dem die Bauern sich Entschädigung verschafften,
indem sie nach dem Kampf auf dem Schlachtfeld erschienen
und die Toten und Schwerverwundeten ausplünderten. Von
mitgeführten Wertgegenständen bis zu den Stiefeln war für
sie alles von Interesse, was zur Folge hatte, dass auf einem
Schlachtfeld wenige Tage später zumeist nur noch nackte
Körper lagen, bei denen sich weder durch die Bekleidung
noch die als Erkennungszeichen getragenen Armbinden
feststellen ließ, welcher Seite die Toten einmal angehört
hatten. Nur die Leichen höherer Offiziere wurden geborgen
und ihren Familien überbracht, wie das Tilly mit dem bei
Lutter getöteten zweiten Sohn des Landgrafen von Hessen-
Kassel tat. [13] Die einfachen Soldaten ließ man liegen, und
neben den Bauern machten sich die Leute aus dem Tross des
siegreichen Heeres an die «Resteverwertung» des
Schlachtfelds. Als die Schweden am Tag nach der Schlacht
von Lützen ihren toten König Gustav Adolf suchten, war er,
als man ihn endlich fand, bereits völlig ausgeplündert. [14]
Und die Wallenstein’schen Kürassiere, die nach dem Gefecht
bei Landsberg an der Warthe nach ihrem Kommandeur, dem
Oberst Pechmann, suchten, fanden von ihm nur noch ein
paar Stücke seiner Rüstung. [15]
Die Belagerung Wolfenbüttels zog sich über drei Monate
hin. Ende November war Pappenheim klar, dass er, wenn die
Verteidiger nicht bald kapitulierten, die Belagerung
aufheben und in die Winterquartiere abziehen musste. Um
doch noch zum Erfolg zu kommen, ließ er die Bauern der
Umgebung zusammentreiben und einen Staudamm
aufschütten, durch den das Flüsschen Oker in die Stadt
hinein umgeleitet wurde und diese überflutete. Als Erstes
liefen die Keller voll, und bald standen auch die
Erdgeschosse der Häuser unter Wasser. [16] Am 9. Dezember
kapitulierten die Verteidiger Wolfenbüttels, nachdem sie für
sich freien Abzug herausgehandelt hatten. «Ich habe aber
die Maisten underwegs niederhaun, teils auch unterstoßen
lassen», schrieb Pappenheim in einem Brief an den
Markgrafen von Kulmbach. [17] Ritterlichkeit gab es nur sehr
begrenzt, wenn man es nicht mit adligen Standesgenossen
zu tun hatte: Wer von den Soldaten nicht in Pappenheims
Dienste treten wollte (was mit «unterstoßen» gemeint ist),
wurde kurzerhand niedergemacht.
Tilly brauchte das gesamte Jahr 1627, um den dänischen
Festungsgürtel Glied für Glied aufzubrechen. An einen
Vorstoß in die Territorien des Dänenkönigs war danach nicht
mehr zu denken. Das war die Art von Tillys strategischem
Vorgehen: Er wollte die Festungen nicht umgehen, sondern
sie erobern, bevor er sich auf einen Vorstoß nach Holstein
einließ. Die Folge war, dass Tilly dieses Mal gegenüber
Wallenstein das Nachsehen hatte. Der stand in Schlesien
zwar ebenfalls vor der Aufgabe, eine größere Anzahl von
Festungen erobern zu müssen, ging die Herausforderung
aber gänzlich anders an. Wallenstein befehligte im Frühjahr
1628 ein Heer von mehr als 100000 Mann, und das setzte er
für ein großes strategisches Projekt ein: Er wollte den Feind
in Schlesien innerhalb kurzer Zeit schlagen und gleichzeitig
verhindern, dass sich größere Verbände des dänischen
Heeres oderaufwärts bis zu dem zwischen Elbe und Havel
stehenden Markgrafen von Baden-Durlach zurückziehen
konnten, um mit diesem gemeinsam eine neue
Widerstandslinie zu bilden. Das hätte Wallensteins Vorstoß
nach Nordwesten, bei dem er Tilly zu überholen
beabsichtigte, verzögert oder aufgehalten. Nachdem er das
zurückliegende Jahr in Ungarn verloren hatte, wollte
Wallenstein den Dänenkrieg noch in diesem Jahr beenden –
und zwar so gründlich, dass Christian IV. sich danach nie
wieder in die Angelegenheiten des Reichs einmischen
würde. Also ließ er bereits im April den Unterlauf der Havel
und die Brücken über die Oder mit starken Kräften besetzen.
Dadurch sollte ein Netz gespannt werden, in dem aus
Schlesien entkommende Truppen gefangen und an der
Verbindung mit dem bei Havelberg stehenden Markgrafen
gehindert wurden. Die Havellinie war die letzte der
«Mausefallen», [18] die Wallenstein für die ihrer Vernichtung
in Schlesien entgangenen Truppen aufstellte. Dass er die
Truppen Christians zerschlagen würde, stand für ihn außer
Frage: Im Heerlager an der Neiße hatte er mehr als
40000 Mann zusammengezogen, um mit ihnen nach
Schlesien einzufallen. Er war dem Feind somit um fast das
Dreifache überlegen. Außerdem führte er einen gewaltigen
Geschützpark mit sich, dem die Mauern der nicht auf dem
neuesten Stand befindlichen Festungen Schlesiens kaum
standhalten würden.
Innerhalb von 24 Stunden kapitulierte die Garnison von
Leobschütz, und die meisten Soldaten wechselten in
Wallensteins Dienste; [19] in Jägerndorf wurde eine Woche
lang Widerstand geleistet, bevor die Verteidiger aufgaben;
schließlich hielten die Protestanten nur noch die starke
Festung Cosel an der Oder, bei der man mit einer längeren
Belagerung rechnete, aber Wallenstein fand einen Weg
durch das versumpfte Gebiet, das die Festung umgab, und
eroberte sie nach nur vier Tagen. Die dänische Kavallerie
entkam, was von Wallenstein offenbar beabsichtigt war,
wurde jedoch von Pechmanns Kürassieren an der Warthe
gestellt und aufgerieben. Teschen war als Nächstes dran,
danach Troppau, das mit zwei Wochen den längsten
Widerstand leistete. Ende Juli war Schlesien in Wallensteins
Hand.

Anfang August brach das kaiserliche Heer in drei Kolonnen


nach Nordwesten auf. Die von Wallenstein und Schlick
geführten Kolonnen bewegten sich parallel zueinander über
Cottbus in Richtung Elbe und rückten dann auf dem linken
Elbufer bis Lauenburg vor, ohne auf ernsthaften Widerstand
zu stoßen. Rechts davon operierte ein weiteres Detachement
unter Hans Georg von Arnim-Boitzenburg, das über
Brandenburg nach Mecklenburg vorstieß. Mecklenburg
interessierte Wallenstein besonders, denn die beiden
Herzöge des Landes, Johann Albrecht von Mecklenburg-
Güstrow und Adolf Friedrich von Mecklenburg-Schwerin,
hatten den Dänenkönig offen unterstützt. Wallenstein wollte
an ihnen ein Exempel statuieren, das dem an Friedrich V.
ähnlich sein sollte. Doch dazu musste Mecklenburg zunächst
erobert und besetzt werden. Das geschah Ende August; zu
größeren Kampfhandlungen kam es dabei nicht. Das System
der «Mausefallen» hatte dazu geführt, dass die gegnerischen
Truppen sich schnell zurückzogen, bevor solche
Auffangnetze gespannt werden konnten. Wallenstein
bedankte sich bei Arnim ausdrücklich für dessen zielstrebige
und effektive Operationsführung: «Ich erfreu mich mit dem
Herrn», schrieb er an ihn, «daß er mit einer Handvoll
Kriegsvolk mehr effektuiert als andere, die fünfmal so viel
davon haben. Daraus sein Valor [Wert] zu sehen ist.» [20] An
Wallensteins Erfolgen ist auch bemerkenswert, dass zwei
seiner Heeresabteilungen von Protestanten geführt wurden:
dem Grafen Schlick, der am Weißen Berg noch auf
böhmischer Seite gekämpft hatte, und dem gelobten
Freiherrn von Arnim, der zuvor in schwedischen Diensten
gestanden hatte.
In den ersten beiden Augustwochen erkämpften Truppen
Tillys den Übergang über die Havel; Markgraf Georg
Friedrich, der sich mit etwa 10000 Mann in Havelberg
festgesetzt hatte, leistete erbitterten Widerstand. Nach
sechs Tagen ständiger Scharmützel gelang es den von
Herzog Georg von Lüneburg geführten Truppen des Liga-
Heeres, den Fluss zu überqueren. [21] Als sich unter den
dänischen Verteidigern des Havelberger Dombergs, die sich
auf eine hinhaltende Verteidigung vorbereitet hatten, die
Nachricht verbreitete, Truppen Wallensteins seien im
Anmarsch (es handelte sich um das Korps unter Arnim, das
zu dieser Zeit in der Prignitz operierte), räumten sie über
Nacht ihre Stellungen und zogen sich nach Norden zurück.
Bevor man von kaiserlichen und ligistischen Truppen in die
Zange genommen wurde, gab man lieber die strategisch
wichtige Position an der Mündung der Havel in die Elbe auf.
Der Rückzug aus Havelberg in der Nacht zum 14. August
markiert die endgültige Wende des Krieges im Norden:
Hatten die Truppen Christians bis dahin zähen Widerstand
geleistet (was sie im Nordwesten noch einige Zeit taten), so
begann für sie nun eine Phase des Zurückweichens, was
dazu führte, dass bis Jahresende nicht bloß Holstein von
Wallensteins Truppen besetzt wurde, sondern die von Graf
Schlick geführten Verbände bis zur nördlichen Spitze
Jütlands vorstießen, wo ihr Vormarsch am Öresund zum
Stehen kam.
Nach Havelberg war das die zweite Wende dieses
Kriegsabschnitts: Der in Form weit ausholender
Bewegungen und gelegentlicher Gefechte geführte Krieg
endete, und was nun begann, war ein amphibischer Krieg, in
dem Christian, der sich mit den Resten eines Heeres auf die
Inseln Fünen und Seeland zurückgezogen hatte, die
Initiative zurückgewann und ein strategisches Gleichgewicht
herstellte. Zu Lande waren die Heere des Kaisers und der
Liga die Herren des Geschehens, und alle Versuche des
dänischen Königs, hier wieder Fuß zu fassen, sei es, um
Jütland oder Holstein zurückzuerobern, sei es, um
Wallenstein Nadelstiche zu versetzen, scheiterten kläglich
oder endeten, wie die Schlacht bei Wolgast, für den König in
einem Desaster. [22] Umgekehrt verfügte Wallenstein, der
nach einer schweren Verwundung Tillys Mitte September
vor Pinneberg für den Rest des Jahres die Operationen allein
leitete, über keinerlei Möglichkeit, den Dänen über das Meer
hinweg zu folgen: Es fehlten die Schiffe. In Einzelfällen, wie
im Fall von Fehmarn, gelang es ihm zwar, ein größeres
Truppenkontingent auf der Insel anzulanden, aber er konnte
es weder dauerhaft versorgen noch verstärken, da die
dänische Flotte die Zufahrten sperrte. Wenn Wallenstein
Glück hatte, konnte er die Truppen dann zurückziehen, oder
diesen blieb nach einigen Wochen nichts anderes übrig als
zu kapitulieren. [23]
Die Zölle, die auf die Schiffspassage durch den Öresund erhoben wurden,
ermöglichten es der dänischen Krone, ohne Freigabe finanzieller Mittel durch die
Ständevertreter Krieg zu führen. Der Kupferstich entstammt dem fünften Band der
Civitates Orbis Terrarum von Georg Braun und Franz Hogenberg und zeigt den
regen Schiffsverkehr im Öresund, eine Folge des ständig wachsenden
wirtschaftlichen Austauschs zwischen Nord- und Ostsee.

So war der Krieg in einen labilen Stillstand geraten; zwar


kam es immer wieder zu größeren oder kleineren
Scharmützeln, aber sie veränderten nichts an der
strategischen Gesamtlage. Wallenstein beherrschte das
Land, Christian das Meer, und es war nicht abzusehen, dass
einer der beiden in der Lage sein würde, daran etwas zu
ändern. Eigentlich wäre es unter diesen Umständen
naheliegend gewesen, von der Kriegführung zu einer
Verhandlungslösung überzuwechseln, doch dem stand der
Umstand entgegen, dass Tilly und Wallenstein bei ihrem
Treffen in Lauenburg am 2. September, also noch vor Tillys
Verwundung, ein Zwölfpunkteprogramm für den Frieden
aufgestellt hatten, das so hart war, dass es von Christian
umgehend zurückgewiesen wurde. Mit einer anderen
Reaktion hatte man auf Seiten des Kaisers und der Liga
freilich auch nicht gerechnet. Golo Mann hat die
Lauenburger Friedensbedingungen knapp zusammengefasst:
Christian müsse «sein Heer entlassen und völlig abrüsten;
auf die Würde des niedersächsischen Kreisdirektors für
immer verzichten; das Territorium, das allein ihm ein
scheinbares Recht auf jenes Reichsamt gegeben, Holstein,
an den Kaiser abtreten, der darüber nach Belieben verfügen
würde; den Schaden, den der von ihm geführte unnötige
Krieg den deutschen Fürsten und Städten getan, zur Gänze
vergüten, das hieß, auch den von der anderen Seite
verursachten Schaden; in keiner Zukunft mehr gegen das
Haus Österreich gerichtete Bündnisse eingehen; die
Schiffahrt durch den Sund freigeben, so, dass sie nicht mehr
durch Zölle belästigt würde». [24]
Auf drei Punkte dieser Bedingungen für den Frieden
würde sich Christian, solange er nicht völlig geschlagen war,
niemals einlassen: den Verzicht auf die Grafschaft Holstein;
die Preisgabe der auf die Passage durch den Öresund
erhobenen Zölle, die wichtigste Einnahmequelle des Königs;
und schließlich die Entschädigungszahlungen, die, wenn sie
in der Höhe des entstandenen Schadens entrichtet werden
sollten, Dänemark auf Jahrzehnte finanziell ruiniert hätten.
Aber diese Zahlungen waren verhandelbar; die Holstein-
Frage war schon schwieriger, doch auch bei ihr ließen sich
Kompromisse finden; die Zölle für die Sundpassage hingegen
stellten Dänemarks Rolle als Hegemonialmacht im
Ostseeraum in Frage. Hier ging es darum, wer zukünftig
Herr in der Ostsee sein würde, und die Beantwortung dieser
Frage sollte für den Fortgang des Krieges bis zum Lübecker
Frieden im Jahr 1629 ausschlaggebend sein. Wallenstein,
der beim Lauenburger Zwölfpunkteprogramm federführend
war, hatte diesen Punkt bewusst eingebracht – erstens, weil
die Sundzölle die Basis der dänischen Kriegsfinanz bildeten,
und zweitens, weil sie der Angelpunkt für ein Projekt waren,
das, wenn es gelang, das Machtgefüge nicht nur im
Ostseeraum, sondern in ganz Nordwesteuropa grundlegend
verändern würde. Im Grunde genommen war Christian für
Wallenstein nur noch ein kleiner Stein in dem großen Spiel
um die Neuordnung der europäischen Machtverhältnisse,
und dabei hatte er neben Schweden vor allem die
Niederlande und England im Auge. Die Schachfigur
Dänemark mochte für sich allein inzwischen unbedeutend
sein, [25] aber wenn man mit ihr den richtigen Zug machte,
ließ sich die machtpolitische Gesamtlage verändern. Das war
es, was Wallensteins strategische Überlegungen im Herbst
1627 prägte.
Das spanisch-kaiserliche Ostseeprojekt
Wallenstein befand sich zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt
seiner Macht – sowohl hinsichtlich seines persönlichen
Reichtums und der Gebiete, in denen er die
Landesherrschaft übernommen hatte, als auch in seinem
Verhältnis zum Kaiser. Nie mehr sollten ihm so viele
Optionen zur Verfügung stehen wie damals. Im Frühjahr
1627 bereits war ihm das Fürstentum Sagan in Schlesien als
erbliches Lehen übergeben worden, und nun ging es ihm,
nachdem er für kurze Zeit den Eindruck erweckt hatte, er
sei an Jütland interessiert, um das Herzogtum Mecklenburg,
das der Kaiser gegen den Widerstand einiger Reichsstände
Mitte Februar 1628 auf Wallenstein übertrug. Einmal mehr
fehlte dem Kaiser das Geld, um die bei Wallenstein
angehäuften Schulden zu begleichen. Wie schon im Falle
Friedlands und Sagans bezahlte Ferdinand II. mit Land und
dem Recht, es zu nutzen. Die Übertragung erfolgte in zwei
Schritten: Zunächst erwarb Wallenstein das Land gegen eine
Minderung der Schulden, die der Kaiser bei ihm hatte, dann
wurde ihm das bereits gekaufte Land vom Kaiser als Lehen
übertragen.
Die entscheidende Passage des auf den 12. Februar 1628
datierten kaiserlichen Schreibens lautete: «Wir überlassen
[…] obangeregtes Herzogthum Mecklenburg, Fürstenthum
Wenden, Grafschaft Schwerin, Herrschaft der Lande Rostock
und Stargardt und in Summa den ganzen Stato, den [die
bisherigen Herzöge] sonsten besitzen, mit aller
landesfürstlichen Hoheit, Superiorität, Jurisdiction und
Regalien […] Unsers Oheimbs und Herzogens zu Friedland
Ld. seiner weltkundigen uns erwiesener erspriesslichen und
nutzlichen Dienste halber.» [1] Auf den ersten Blick stellten
Friedland, Sagan und Mecklenburg einen Flickenteppich von
Herrschaftsgebieten dar; tatsächlich aber verband die Elbe
dies alles miteinander; oder anders gesagt: sie war der
«Zentralnerv» der Wallenstein’schen Herrschaftsbildung,
wie Wedgwood schreibt. [2] Wallenstein interessierte sich
dabei ebenso wenig für nationale Zugehörigkeiten, wie er
auf konfessionelle Unterschiede und Gegensätze Rücksicht
nahm. Es gehörte zu seinen Grundüberzeugungen, dass sich
die Frage der religiösen Identität politisch neutralisieren
ließ, wenn man ihr nicht zu viel Bedeutung beimaß und sie
nicht zu einem das Leben der Menschen bestimmenden
Faktor machte. Das hieß nicht, dass Wallenstein eine Politik
der religionspolitischen Toleranz betrieb; das kann man mit
Blick auf sein Herzogtum Friedland nicht sagen. Aber er
wollte konfessionelle Vorschriften in jedem Fall so locker
halten, dass sie die Menschen nicht zu Widerstand und
Aufruhr antrieben. Letzten Endes waren für ihn Fragen der
Religion machtpolitische Fragen, und nach dieser Maßgabe
waren sie auch zu beantworten.
Für Wallenstein waren geographische und ökonomische
Fragen sehr viel wichtiger als solche der Konfession und der
Zurechnung zu einer Nation. Dementsprechend baute er
entlang geographischer Gegebenheiten und wirtschaftlicher
Möglichkeiten ein Herrschaftsgebilde auf, das sich von der
oberen bis zur unteren Elbe erstreckte, das über den großen
Fluss an den europäischen Handel angebunden war und in
dem sich eine nach merkantilistischen Prinzipien
organisierte Wirtschaft entwickeln ließ. Sie sollte dauerhaft
ein Mehrprodukt erwirtschaften, das Wallenstein für seine
eigenen Zwecke abschöpfen konnte. [3] Dabei war er selbst
dem Luxus nicht abgeneigt, wie seine Güstrower Hofhaltung
während dieser Jahre zeigt. Um diesen Herrschaftsraum an
der Elbe zu entwickeln, musste der Krieg jedoch zu Ende
gehen, und insofern verwundert es nicht, dass seit 1628 in
Wallensteins Briefen immer wieder davon die Rede ist, man
müsse die zur Zeit günstigen Rahmenbedingungen nutzen,
um einen umfassenden und dauerhaften Frieden zu schaffen.
Bereits im Herbst 1627, als absehbar war, dass die
Festlandspositionen des Dänenkönigs zusammenbrechen
würden, schrieb Wallenstein nach Wien an Gerhard von
Questenberg, der Kaiser solle so schnell wie möglich mit
Dänemark Frieden schließen, «denn solche Gelegenheit, im
Reich Friedt zu machen, wird sich nicht bald präsentieren
wie itzunder» [4]. Das war für einen Mann, der durch den
Krieg groß geworden war, eine bemerkenswerte Äußerung.
Von nun an – und zwar bis zu seiner Ermordung in Eger –
musste sich Wallenstein zwischen Krieg und Frieden
entscheiden. Da er sich beide Optionen offenzuhalten
versuchte – den Krieg, dem er seine Größe verdankte, und
den Frieden, in dem er diese Größe erst würde genießen
können – entwickelte er immer mehr eine Disposition der
Entscheidungsschwäche, der Zögerlichkeit und des bloßen
Zuwartens. Die Anfänge dieser Selbstpassivierung, die in
den Monaten vor seiner Ermordung dann deutlich
hervortrat, lassen sich bereits im Jahr 1628 ausmachen: So
forderte er in Briefen zum Frieden auf und formulierte
zugleich Bedingungen dafür, die nicht zu erfüllen waren.
Wallenstein scheint sich darüber im Klaren gewesen zu
sein, dass das Reich angesichts der dem Kaiser unter
normalen Umständen zur Verfügung stehenden Mittel in
seiner augenblicklichen Machtentfaltung überdehnt war und
dass diese Überdehnung sich auf Dauer nicht durchhalten
ließ. [5] Seinem strategisch geschulten Blick war nicht
entgangen, wie sehr das Wiener Kaiserhaus von spanischen
Hilfsgeldern abhing: Solange diese flossen, konnte man den
Krieg weiterführen, aber man musste davon ausgehen, dass
die Zahlungen irgendwann eingestellt würden – oder
Spanien dafür Gegenleistungen erwartete, die den Kaiser in
Schwierigkeiten brachten. 1628 war ein Wendepunkt in der
spanischen Unterstützung des Wiener Kaiserhauses. Zum
einen gelang es in diesem Jahr einem niederländischen
Kaperverband unter dem Admiral Piet Hein (Heyn), die
spanische Silberflotte in der Karibik – in der Bucht von
Matanzas – zu überraschen und ohne weitere Verluste unter
die eigene Kontrolle zu bringen; zum anderen drängte
Spanien, das auf kaiserlich-ligistische Unterstützung in den
Niederlanden lange vergeblich gewartet hatte, nun
entschieden darauf, dass ihm im Streit um die Erbfolge im
Herzogtum Mantua kaiserliche Truppen zu Hilfe kamen. [6]
Wallenstein dürfte erkannt haben, dass die Überdehnung
der kaiserlichen Macht damit akut wurde: Vergeblich riet er
dem Kaiser, er solle sich aus dem Streit um Mantua
heraushalten, und als Ferdinand II. sich dann doch auf
spanischer Seite gegen die Franzosen in Italien engagierte,
stellte er eher zögerlich die für den neuen Kriegsschauplatz
benötigten Truppen ab. Er ahnte, dass sie ihm im Nordosten
des Reichs gegen Schweden fehlen würden. Der Verlust der
spanischen Silberflotte war auch darum ein herber Schlag,
weil dadurch nicht nur die spanischen Subsidien für den
Krieg in Deutschland ausblieben, sondern das erbeutete
Silber – es ging um immerhin elfeinhalb Millionen Gulden –
nun den Generalstaaten zur Verfügung stand, die es nutzten,
um den fast versiegten Festungs- und Belagerungskrieg in
ihrem Land neu zu entfachen. [7]
Im Mai 1629 begann Prinz Friedrich Heinrich mit der
Belagerung des in spanischer Hand befindlichen
Herzogenbusch, und es war klar, dass diese Festung nicht zu
halten war, wenn der Kaiser ihr keine Armee zum Entsatz
schickte. Das sprach dafür, so schnell wie möglich mit
Dänemark Frieden zu schließen. Wallenstein forderte Graf
Trauttmansdorff auf, den Kaiser zum Abschluss eines
umfassenden Friedens zu bringen, damit das Reich
stabilisiert werden und die Armee, wenn auch in
verkleinerter Form, erhalten bleiben könne. Dabei dürfe er
keine Zeit verlieren, «denn unsere Feinde werden sich
stärken und wir werden weichen müssen aus Mangel des
Unterhalts». [8] Wallenstein bezog das zunächst auf den
dänischen König: «Unsere Sachen werden nicht in solchen
gutem terminis auf die Dauer bleiben können, dagegen aber
haben sich die des dänischen Königs noch nie in so argen
befunden.» [9] Er hatte aber nicht nur Dänemark, sondern die
machtpolitische Gesamtlage Europas im Auge, und die
entwickelte sich für den Kaiser alles andere als erfreulich.
Sowohl die aktuelle Situation des Kriegs mit Dänemark als
auch die dem Kaiserhaus längerfristig verfügbaren
Ressourcen im Ringen um die Macht in Europa sprachen aus
Wallensteins Sicht für einen baldigen Friedensschluss –
dennoch entwarf er Pläne, die darauf hinausliefen, den Krieg
nicht etwa zu beenden, sondern ihn sogar auszuweiten. So
verhandelte er mit Polen, um dessen eher friedenswilligen
König Sigismund dazu zu bewegen, den Krieg gegen Gustav
Adolf fortzusetzen; gleichzeitig verhandelte er mit
Schweden, das er in einen Krieg gegen Dänemark um die
Ostseehegemonie hineinziehen wollte, da so der Dänenkönig
auch auf seinen Inseln angreifbar sein würde; vor allem aber
beriet er sich mit Spanien über den Aufbau einer Flotte, die
den Kaiser – und das hieß konkret: ihn, Wallenstein – in die
Lage versetzen sollte, selbst die Hegemonie im Ostseeraum
zu erringen; außerdem sollten die Niederländer mit dieser
Flotte aus dem Ostseehandel herausgedrängt werden.
Das war das größte Projekt, das Wallenstein zu diesem
Zeitpunkt verfolgte, denn wenn es gelang, die Grundlagen
des niederländischen Reichtums zu treffen, würde das den
Generalstaaten die wirtschaftliche Basis für den Krieg gegen
Spanien entziehen. Die Niederländer waren die führende
Macht im lukrativen Ostseehandel, und wenn ihnen dieser
verloren ging, würden sie sich politisch neu orientieren
müssen. Ein solcher Schlag gegen die Niederländer hatte
schon lange auf der spanischen Agenda gestanden, [10] aber
bislang hatten die Voraussetzungen gefehlt, dieses Projekt in
großem Stil zu verfolgen, und nur in großem Stil würde es
die Effekte haben, um die es ging. All das lief jedoch auf eine
Eskalation des Krieges hinaus.
Das «Rätsel Wallenstein» entstand nicht erst in der Zeit
des zweiten Generalats mit der Frage, ob sich der Herzog
gegen den Kaiser verschworen habe oder nicht, sondern
bereits während des ersten Generalats, als Wallenstein
allenthalben zu einem schnellen Friedensschluss riet, aber
Handlungen unternahm und Projekte verfolgte, die den
Krieg erheblich vorantrieben. Wie lässt sich das erklären?
Lässt sich das «Rätsel Wallenstein» auflösen, indem die
konkurrierenden Rationalitäten dieses augenscheinlich
überaus widersprüchlichen Verhaltens nachgezeichnet
werden?

Es gab für Wallenstein gute Gründe, die gegen einen


umfassenden Frieden und für die Weiterführung des Krieges
sprachen. Sobald nämlich ein stabiler Frieden im Reich und
an dessen Peripherie herrschte, gab es keinen Anlass mehr,
ein so großes Heer wie das von ihm geschaffene weiterhin
zu unterhalten. Im Jahr 1628, als die dänische Bedrohung
nicht mehr akut war und es eigentlich nur noch um die
Frage ging, wie und zu welchen Bedingungen der
Friedensschluss mit Christian IV. erfolgen sollte, mehrten
sich die Klagen über die mit den Einquartierungen
kaiserlicher Regimenter und die mit den Kontributionen
verbundenen Lasten. Vor allem seitens der Liga wurden
diese Klagen laut und energisch vorgetragen, da inzwischen
auch deren Mitglieder (vorerst mit Ausnahme Bayerns) von
den Einquartierungen kaiserlicher Truppen und von
Kontributionen nicht mehr verschont blieben, obwohl sie
doch, so der Einwand, ihren Beitrag durch die Zahlungen an
die Liga bereits entrichtet hätten. [11]
Auf dem Liga-Treffen in Bingen vom Anfang Juli 1628
begnügte man sich erstmals nicht mehr mit der Forderung
nach einer deutlichen Truppenreduzierung, sondern
verlangte die Entlassung Wallensteins. [12] Über seine
Gewährsleute am Wiener Hof dürfte Wallenstein alsbald
davon erfahren haben, und spätestens von diesem Zeitpunkt
an war ihm klar, dass der Frieden seine Machtposition im
Reich grundsätzlich in Frage stellen würde. Dabei ging es
nicht nur um seine Stellung als Oberkommandierender des
kaiserlichen Heeres; die Reichsstände störten sich auch an
seiner Belehnung mit dem Herzogtum Mecklenburg, der sie
in einer Reihe von symbolischen Akten die Anerkennung
verweigerten.
Der Frieden, das scheint Wallenstein im Verlauf des Jahres
1628 immer klarer geworden sein, drohte zu einer Gefahr
für das zu werden, was er im Krieg errungen hatte. Er war
darauf angewiesen, dass der Krieg weiterging, und
dementsprechend brachte er die Idee ins Spiel, dass nach
dem Friedensschluss mit Dänemark der Krieg gegen die
Türken, den «Erbfeind» des Wiener Kaiserhauses,
weitergeführt werden solle. Immer wieder taucht in
Wallensteins Briefen die Vorstellung auf, er werde das Heer
nach Südosten «transferieren» und einen Krieg gegen das
Osmanische Reich beginnen, um die Türken aus Europa
herauszudrängen. [13] «Der Herr», schreibt Wallenstein am
17. Mai 1628 an Arnim, «weiß meine Intention, daß ich gern
den Krieg wider den Türken transferieren wollte, und habe
allbereits den Kaiser und alle Minister, wiewohl etliche mit
harter Mühe, dazu disponiert.» [14] Wallenstein wollte den
Krieg, auf den er angewiesen war, möglichst weit weg von
den beiden Zentren seiner Herrschaft, Friedland und
Mecklenburg, geführt wissen. Also sprach er vom Frieden,
den das Reich brauche, und plante gleichzeitig einen neuen
Krieg, der die Kräfte des Reichs abermals bis zum Äußersten
anspannen würde.
Nimmt man Wallensteins Pläne für einen großen, offensiv
geführten Türkenkrieg ernst – was nicht alle Forscher tun,
denn einige halten das Türkenkriegsprojekt für bloßes
Gerede, mit dem Wallenstein Zeit für die Erhaltung des
Heeres gewinnen wollte –, dann verfolgte der Herzog ein
Vorhaben, das erst ein knappes Jahrhundert später von Prinz
Eugen realisiert wurde. Die Chancen für einen erfolgreichen
Türkenkrieg waren Ende der 1620er Jahre indes nicht
schlecht, da das Osmanische Reich in immer neue Kriege mit
den Persern verwickelt war [15] und ein Balkanfeldzug des
Kaisers für den Sultan einen Zweifrontenkrieg bedeutet
hätte, der die Kräfte der Osmanen wahrscheinlich
überfordert hätte. Man darf bezweifeln, dass sich der Kaiser
und der Wiener Hof, von den Kurfürsten ganz zu schweigen,
auf einen solchen Krieg eingelassen hätten, auch wenn
Wallenstein in dem Brief an Arnim behauptete, er habe die
maßgeblichen Personen des Reichs für sein Projekt
gewonnen. Tatsächlich hatte der Kaiser zu eben der Zeit, als
Wallenstein dies schrieb, den Frieden mit den Türken
verlängert und auf ein solides Fundament gestellt. So sehr
die Idee eines Kreuzzugs in der Vorstellungswelt
Ferdinands II. eine Rolle spielen mochte – was ihn vor allem
beschäftigte, war die Wiederherstellung der römisch-
katholischen Macht in Deutschland, die nach dem Sieg über
die Dänen in greifbare Nähe gerückt war. Die Türken
ermöglichten durch ihr Stillhalten in den späten 1620er
Jahren die kaiserliche Machtentfaltung im Reich, gleichzeitig
verschaffte die habsburgische Präferenz für das
Vorantreiben der Gegenreformation in Deutschland dem
Osmanischen Reich in dessen schwieriger Lage Entlastung.
An dieser stillschweigenden Interessenkoalition zwischen
Wien und Konstantinopel konnte auch der Herzog von
Friedland und Mecklenburg, wie Wallenstein sich jetzt
offiziell nannte, nichts ändern.

Gleichwohl verfügte Wallenstein im Unterschied etwa zu


Tilly, der an die Weisungen Maximilians gebunden war und
diese selbst dann befolgte, wenn er sie, wie bei dem Verbot
eines Feldzugs gegen die Niederlande, für falsch hielt, über
politische Handlungsmacht: Er exekutierte nicht einfach
Vorgaben, die er aus Wien erhielt, sondern setzte durchweg
allgemein formulierte Erwartungen des Kaisers nach eigener
Auffassung in operative Politik um. Darin stand er
politischen Akteuren wie Richelieu oder Olivares deutlich
näher als Heerführern wie Tilly. Dieser war stets Militär, nie
Politiker; Wallenstein hingegen war fast immer beides
zugleich, und beinahe könnte man sagen, er war ein
Machtpolitiker, der angesichts der Konstellation im Reich,
dem fortdauernden Krieg und der Schwäche des Kaisers,
zum Militär geworden war – sei es, weil er nur in dieser
Rolle seine eigenen Vorstellungen umsetzen konnte, sei es,
weil er hier das größte Defizit im kaiserlichen Machtportfolio
ausgemacht hatte und diese Lücke ausfüllen wollte.
Aber selbst wenn Letzteres für Wallenstein
ausschlaggebend gewesen sein sollte, so handelte er doch
nie ausschließlich im Interesse des Kaisers oder des Reichs,
sondern hatte stets auch die eigenen Interessen im Auge.
Nach der Niederschlagung des böhmischen Aufstands hatte
er sich hemmungslos bereichert, und er tat das als
Kriegsunternehmer und Darlehensgeber nach wie vor. [16]
Man würde jedoch der Vielschichtigkeit und Komplexität
Wallensteins nicht gerecht, wenn man das Streben nach
Reichtum («Habgier») zum alleinigen Antrieb seines
Handelns erklären und so das «Rätsel Wallenstein» auflösen
würde. Es ging Wallenstein immer auch um politische
Gestaltungsmacht, die man analog zu «Habgier» auch als
«Machtgier» bezeichnen kann. Freilich gingen beide
Imperative, persönliche Bereicherung und Gestaltung der
politischen Verhältnisse, nicht immer in derselben Rechnung
auf, und das betraf auch die Frage von Krieg und Frieden.
Wallenstein musste sich entscheiden und wollte sich doch
nicht festlegen – oder jedenfalls erst dann, wenn die zu Rate
gezogenen Astrologen versicherten, dass eine bestimmte
Entscheidung unbedingt die richtige sei. 1628 traf er sich
deswegen persönlich mit Johannes Kepler, der ihm zuvor
schon zweimal das Horoskop gestellt hatte. [17]
Unter diesen Umständen war es für Wallenstein
naheliegend, sich alle Entscheidungen so lange wie möglich
offenzuhalten, was konkret hieß, über möglichst viele
Optionen zu verfügen. In Anbetracht der sich ständig
verändernden Rahmenbedingungen wollte er reaktionsfähig
bleiben und dabei vermeiden, für die Gegenseite, für wen
auch immer, infolge selbstauferlegter Beschränkungen
berechenbar zu werden. Simulare e dissimulare, Täuschen
und Verbergen, dieser für die Verhaltenslehren des Barock
zentrale Imperativ war auch für Wallenstein die zentrale
Maxime des Handelns. [18] Wer bedingungslos auf Frieden
setzte und dies allen zeigte, war leicht auszurechnen und
infolgedessen auch leicht auszumanövrieren; das galt
selbstverständlich auch für den, der nichts anderes im Kopf
hatte als die Fortsetzung des Krieges. Legt man
spieltheoretische Maßstäbe an, so vergrößerte Wallenstein
seine Handlungsspielräume, wenn er beide Optionen
gleichermaßen verfolgte und seine Mit- wie Gegenspieler im
Unklaren darüber ließ, wofür er sich letztlich entscheiden
werde. Optionsvielfalt war in seinem Fall gleichbedeutend
mit Macht.
Wallenstein verhielt sich dabei nicht anders als die beiden
großen Politiker seiner Zeit, Richelieu in Frankreich und
Olivares in Spanien. [19] Auch Olivares verfolgte damals eine
Politik des Friedens, den der für unabdingbar hielt, wenn
Spanien seine Stellung behaupten wollte; gleichzeitig aber
bereitete er sich auf einen Krieg vor, und während er mit
Frankreich und England (getrennt) über den Frieden
verhandelte, unternahm er mancherlei, um beide Mächte in
einen Krieg gegeneinander zu verwickeln. [20] Dieselbe
Politik betrieb von Paris aus Richelieu – und Wallenstein
wollte mit beiden mithalten. Das erklärt zum Teil zumindest
seine Doppelzüngigkeit in der Frage von Krieg und Frieden.
Wie Richelieu pflegte auch Wallenstein die Kunst des
Geheimnisses. «Um eines jedoch bitte ich», will Richelieu zu
dem venezianischen Gesandten Contarini gesagt haben, «das
strengste Geheimnis. Denn was in Eurem Senate vorgeht,
das weiß man aller Orten, und ich sehe nicht ab, wie ihr
jemals etwas Gutes ausrichten könnt. Es handelt sich dabei
auch um mein persönliches Interesse, weil ich Cardinal bin.
Ferner kann