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NIKOLAI BELOZWETOFF Riga

DIE DREI VERSÜCHUNGEN IN DER WUSTE DER GEGENWART


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Niemand würde wahrscheinlich bestreiten, daß der letzte große Krieg, Weltkrieg
1914 - 1918, das ganze soziale Leben der Menschheit verheert und verwüstet hat.
Aber in einem noch viel tieferen Sinne wurde dieser Krieg, für die Menschheit zum
Verhängnis, denn durch ihn wurden die geistigen Bände zerrissen, die die einzelnen
Völker mit, den fortschreitenden, dem Christus dienenden Volksgeistern verbinden, so
daß die luziferischen Volksgeister zu alleinigen und unbeschränkten Herrschern über
die Völker wurden. Da aber die fortschreitenden Volksgeister die eigenlichen Vermittler
zwischen den Völkern und den geistigen Welten sind, so mußte ihr erzwungener
Rückzug eine geistige Vereinsamung der Völker zu Folge haben.
So wurde Europa seit dem Ausbruche des Weltkrieges gewissermaßen in eine
soziale Wüste verbannt, wo sie am geistigen Durste und Hunger zu leiden hatte.
Damit war aber der Zeitpunkt erreicht, wo die Völker Europas vor aller drei
Versuchungen der Wüste gestellt werden sollten. Aus den unterbewußten
Seelentiefen der Völker stiegen unheimliche unterirdische Kräfte empor, die danach
trachteten, die ganze künftige Entwicklung der Menschheit in falsche Bahnen zu
lenken.

So brach die Zeit der sozialen Versuchungen ein: der luziferischen Versuchung
durch das Reich, der luziferisch-ahrimanischen Versuchung durch den Sturz von der
Zinne des Tempels und der rein ahrimanischen Versuchung durch das Brot. Rudolf
Steiner hat diese Zeit weisheitsvoll voraus gesehen. Um den Widerstand der Völker
gegen die drei Versuchungen zu stärken und der Menschheit die Möglichkeit zu
gewähren, eine richtige Antwort den Versuchern zu erteilen, hat er ihr die großzüge
Idee des dreigliedrigen sozialen Organismus geschenkt. Denn in dieser neuen
sozialen Idee ist eine wahre christliche Antwort auf die drei Versuchungen gegeben.
Durch die Forderung eines selbständigen, wie vom Staate, so auch von der
Wirtschaft unabhängigen geistigen Kulturlebens, dass das Rechts- und
Wirtschaftsleben ergänzen und befruchten soll, kann die erste Versuchung, die
Versuchung durch das Reich bekämpft werden, sofern ein von dem Staate
unabhängiges geistiges Leben die Tore des himmlischen Reiches eröffnen kann. Und
falls es geschehen sollte, können auch ganz neue geistige Impulse in das Rechtsleben
einströmen. Und erst dann könnte der evangelische Einwand vom Worte, das aus
dem Munde Gottes ausgeht der wirtschaftlichen Versuchung durch das Brot
erfolgreich entgegenwirken.
Jedoch war der Gebrauch dieser mächtigen geistigen Waffe nur unter einer
Bedingung möglich: nur durch das bewußte, freie Menschen-Ich könnte diese soziale
Dreigliederung verwirklicht werden sofern nur im Menschen-Ich alle drei selbständigen
sozialen Funktionen einander kreuzen und durchdringen können.
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Doch es zeigte sich bald, daß die heutige Menschheit der hohen Forderung der
Freiheit noch nicht gewachsen ist. So mußte denn der Versuch Rudolf Steiners an der
Unzulänglichkeit seiner Zeitgenossen scheitern. Die Menschheit erwies sich unfähig
ihr soziales Leben auf der wahren Freiheit zu bauen. Die Mächte des Guten, die das
soziale Leben mit Rücksicht auf die menschliche Freiheit gestalten wollten, haben
diesmal eine Niederlage erlitten.
Dadurch wurde aber der Zeitpunkt bestimmt, wo die Mächte des Bösen ihrerseits
die Initiative ergreifen konnten um das soziale Leben auf ihre Weise zu gestalten und
zwar ohne Rücksicht auf die menschliche Freiheit.
Denn es wäre durchaus falsch anzunehmen, daß Luzifer und Ahriman nur dazu da
sind, um uns physisch zu vernichten. Ihren Absichten liegt es recht fern, die
Menschheit, einfach in das Chaos zu sturzen. Vielmehr wollen sie auf ihre Art die
Menschheit reorganisieren, ihre eigene Ordnung in das soziale Leben der Menschheit
einzuführen, und zwar eine solche Ordnung, die nur bei einer Ausschaltung der
menschlichen Freiheit möglich ist.
Am tiefsten hat diese Absichten des Bösen F. Dostojewsky in seiner "Legende vom
großen Inquisator" durchschaut. In diesem genialen Werke tritt der große inquisator
als Richter über Christus und seine Erlösungstat auf. Er will den Christus dafür
verantwortlich machen, daß Er den Ratschlägen des klugen Geistes, der mit Ihm in
der Wüste gesprochen hat, nicht folgte.
Der große Inquisator meint nämlich, daß der kluge Geist solche Ratschläge
gegeben habe, die allein imstande sind die ahnunglose Menschheit zu beglücken.
Statt der Menscheit die unerträgliche Last der Freiheit auferlegen zu wollen, müßte
Christus - so meint der große Inquisitor - die Menscheit der drei Prinzipien, welche den
drei Versuchugen zugrunde liegen, unterordnen. Er müßte das Leben der Menscheit
auf dem Wunder, dem Geheimnisse und der Autorität aufbauen. Da aber Christus die
klugen Ratschläge des Versuchers ablehnte, mußte die Kirche sein Werk auf ihre
eigene Art korrigieren, indem sie auf die Freiheit verzichtete und das Leben der
Menschheit nach diesen drei Prinzipien zu leiten versuchte.
Betrachten wir nun vom Standpunkte dieser Legende das soziale Leben der
Gegenwart, so werden wir leicht finden daß die Mächte des Bösen die jetzt das soziale
Leben ordnen und gestalten, es mit Hilfe der drei erwähnten Prinzipien erreichen
wollen.
Während die Dreigliederungsidee alle drei Versuchungen zu überwinden lehrt,
wollen die Mächte des Bösen die ganze soziale Ordnung auf diesen drei
Versuchungen aufbauen.
An Stelle des freien Geisteslebens behaupten sie das Geheimnis, an Stelle des
menschenwürdigen Rechtslebens die blinde Autorität des Staates und an Stelle des
assoziativen Wirtschaftslebens das ahrimanische Wunder der planierten Wirtschaft.
So wird der Geist geheimgehalten, der Staat vergöttlicht, die Wirtschaft zu
Wunderleistungen aufgepeitscht.
Vor unseren Augen hat sich der Staat in einen Moloch verwandelt, in einen Moloch,
der nach Menschenopfern lechzt, vergöttlicht und angebetet wird und dafür Wunder zu
vollbringen verspricht.
Dieser moderne Molochdienst wurde dadurch ermöglicht, daß die Mächte des
Bösen sehr geschickt die Schattenseiten einzelner Völker zu ihren dunklen Zwecken
ausnutzten. Dies wurde mit Hilfe der sogenannten Ideologien erreicht.

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Statt einer wahren geistigen Weltanschauung wurden den Völkern solche Ideen
eingeprägt, die ihren Schattenseiten entsprachen und ihre Schwächen rechtfertigten.
Nur ein einziges Volk brauchte nicht auf dem Umwege einer Ideologie beeinflußt zu
werden, weil es schon seinem Nationalcharakter nach auf eine rein instinktive Art den
Absichten der Mächten des Bösen im Sinne aller drei Versuchungen dienen konnte.
Dieses einzigartige Volk brauchte nicht von einer brutalen, despotischen Macht
geknechtet zu werden, weil es in seinem Unterbewußtsein den Impulsen des Bösen
gehorsam folgt. Ein Wille zur Macht lebt in diesem Volke, zur Macht die durch ein
technisches Wunder auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens erreicht werden soll.
Und das Geheimnis verhüllt die großzügige Politik dieses Volkes. Wie durch ein
technisches Wunder allein mit Hilfe seiner allumfassenden Wirtschaft, hat dieses Volk
ein mächtiges Imperium gegründet, das durch eine geheime Politik verwaltet wird.
Daher kann dieses einzigartige Volk als dasjenige betrachtet werden, das allen drei
Versuchungen des klugen Geistes ausgesetzt ist.
Ganz anders verhalten sich die Dinge bei anderen Völkern Europas. Dort werden
die Missionen einzelner Völker mit Hilfe der Ideologien perversiert. Es existiert z.B. ein
Land, auf dessen Boden einst die Residenz eines mächtigen Reiches sich befand und
wohin der Apostel die Kunde vom himmlischen Reich einst brachte. So haben wir vor
uns ein Land, wo die beiden Ideen des Reiches, die des irdischen und die des
himmlischen eine Zeit lang neben einander bestehen und wo die erste Idee mit der
Oberhand gewinnt, sodaß auch die Kirche von ihr überwaltigt wird.
Durch seine große Vergangenheit ist das Volk, das in diesem Lande lebt so ganz
besonders für das Problem des Reiches empfindlich. Diese starke Sehnsucht nach
dem Reiche auf eine äußere Weise zu befriedigen und sie in falsche Bahnen
abzulenken war die Absicht der Mächte des Bösen innerhalb dieses europäischen
Gebietes. Und es versuchten diese Mächte des Bösen die Erinnerung an eine große
Vergangenheit für das betreffende Volk als ein Zukunftsideal aufzustellen.
Der große Pathos einer erhabenen Vergangenheit sollte zur Triebfeder für den
sozialen Aufbau werden. Das finstere Gespenst dieser toten Vergangenheit mußte
mit seinen Schatten das ganze Land verdecken und als Ideal des Imperiums
angebetet werden.
Und wir sehen, daß diese Absicht verwirklicht worden ist: in der Nachkriegszeit ist
im betreffenden Lande eine Diktatur entstanden, die der Idee des Imperiums wie
einem Gotte dient.
Und das hat nichts anderes zu sagen, als daß dieses Volk sich endgültig vom
himmlischen Reiche abgewendet hat, um den Herrscher dieses irdischen Reiches
anzubeten.
So vollzieht sich in einem europäischen Lande die Versuchung durch das Reich.
Wendet man nun den Blick auf ein anderes europäisches Gebiet, so findet man
dort ein Volk, das eine ganz andere Geistesart aufzeigt.
Dieses Volk ist von den Mächten des Guten dazu auserkoren, das Allmenschliche
für unsere Zeit in seiner nationalen Kultur zu entfalten. Eine allmenschliche Ich-Kultur
sollte in diesem Volke aufblühen. Nun ist aber das Ich, auf welches das betreffende
Volk seine Kultur aufbauen sollte, ganz besonders stark mit dem Blute verbunden,
sofern das Blut ein physischer Ausdruck für das Ich ist. Um eine allmenschliche Kultur
zu gründen, müßte dieses Volk imstande seine aus dem Ich heraus

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auf das Blut zu wirken, es zu beeinflussen, es zu veredeln. Ein Erzengel aus der
Michaelsschar wurde von der geistigen Welt zum Führer dieses Volkes ernannt. Er
mußte dem betreffenden Volke helfen sich von der Macht der Blutsbande zu befreien.
Auch die Ahnung davon, daß eine hohe Mission schon jetzt in der Gegenwart erfüllt
werden soll, lebte in den Seelentiefen dieses Volkes.
Diese Stimmung wurde von den Mächten des Bösen für ihre Zwecke ausgenutzt.
Sofern das Ich mit dem Blute unmittelbar verbunden ist, wählten diese Mächte des
Bösen gerade das Blut als Angriffsfeld, um der hohen Mission dieses Volkes eine
entgegengesetzte Richtung zu verleihen. Nicht das Ich sollte nach ihrer Absicht auf
das Blut wirken sondern im Gegenteil - das Blut auf das Ich.
Das von den Mächten des Guten angestrebte tageshelle Bewußtsein einer
Mitangehörigkeit aller Bürger zum Volksgeiste wurde durch die unmittelbare Wirkung
auf das Blut in ein dumpfes Bewußtsein der Angehörichkeit zur selben physischen
Rasse perversiert. Dadurch haben aber die ätherische Strömunegn in den Leibern der
Volksangehörigen ihre ursprüngliche Richtung geändert: statt von oben, wo der
Volksgeist weilt, sich nach unten zu richten, erhielten diese ätherische Strömungen die
entgegengesetzte Richtung, die Richtung von unten nach oben. So wurden die
Strömungen zu einem Speere, der gegen den fortschreitenden Volksgeist
hinaufgeschleudert wurde.
Es geschah eine verhängnisvolle Perversion der ursprüngliche Berufung: das
betreffende Volk wandte sich gegen den eigenen Volksgeist und nötigte ihn sich
zurückzuziehen. Statt einem unsichtbaren himmlischen Herrn zu dienen, dient es
heute einem irdischen sichtbaren Herrn, dem es sein Schicksal anvertraut.
So wurde dieses große Volk zuerst in seinem Allerheiligsten betrogen, dann
seelisch krank gemacht und zuletzt den unterirdischen Einflüssen preisgegeben.
Was in den alttestamentichen Zeiten in Israel als eine
Blutverwandtschaftsgesinnung noch durchaus berechtigt erscheint, wird vom
betreffenden Volke in unserer neutestamentlichen Zeit auf eine abnorme,
unberechtigte Weise wieder angestrebt.
Und wenn auch die neuerfundene Ideologie von der herrschenden Partei dieses
Volkes einen ausgesprochenen Judenhaß predigt, so muß dennoch gesagt werden,
daß es nur aus dem Grunde geschieht, weil diese Partei sich eine rein jüdische
alttestamentliche Ideologie angeeignet hat, und zwar nicht etwa die Gesinnung des
fortschreitenden Judentums, die zum Christus führte, sondern die des
degenerierenden Judentums, die in der Erwartung des Messias, anders gesagt, des
Antichristen und in einer Neigung zum Baaldienst sich äußerte.
Und wenn die herrschende Partei dieses Landes auch die Freimaurerlogen
abschafft und verfolgt, so tut sie das nur aus dem Grunde, weil sie die sonst
geheimgehaltene freimaurerische Organisation in der eigenen Organisation ganz offen
vor die Welt hinstellt.
Denn wie die Ideologie der herrschenden Strömung in diesem Lande eine jüdische
ist, so ist ihre Organisation eine freimaurerische. Die Verfolgung und der Haß, der
dabei entfaltet wird, können uns nicht täuschen. Wahr ist es dennoch, wie die Juden,
so auch die Freimaurer werden in diesem Lande nur aus dem Grunde verfolgt weil
man sich selbst auf ihren Platz setzen will.
Selbstverständlich bemerkt die Mehrheit des betreffenden Volkes nicht im
Geringsten, daß es um sein Allerhöchstes betrogen wird. Es

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wurde ja auch keinen vollen Sieg bedeuten, falls das Volk nur aus Furcht vor dem
Machthaber ihm Gehorsam leisten würde. Aber eine tiefe Tragik liegt eben darin, daß
es dies aus Liebe zum Diktator ganz freiwillig tut. Ganz freiwillig verzichtet es auf seine
hohe Mission, auf den Aufbau der Ichkultur indem es das freie Menschen-Ich dem
Machthaber gehorsam hinopfert. So folgt es der Aufforderung des Machthabers, der
ihm laut zuruft: "Gebt mir eure Freiheilt. Verzichtet auf den freier Geist, liebt mich mehr
als ihr euch selber liebt, stürzt euch hinab in das unterbewußte Instinktleben, erfüllt
euch mit dem finstersten Fanatismus, mit der geheimen Macht des Blutes, und ich
gestalte euch das soziale Leben und gebe euch Macht, Wohlstand und Glück!"

Und das verführte Volk folgt seinem Rufe. Es vergißt, daß man dem Christus allein
sein niederes Ich aufopfern darf. Es sieht nicht ein, daß sein Machthaber eine solche
Hingabe für sich in Anspruch nimmt, die nur gegenüber dem Auferstandenen
berechtigt ist.
Es bemerkt nicht, daß dieser Machthaber so handelt, wie einst der Antichrist
handeln wird. Der Unterschied zwischen den beider besteht ja nur darin, daß der
Antichrist die ganze Menschheit, dieser aber ja nur ein bestimmtes Volk verführen will.
Doch beide wollen die Menschheit von der Zinne des Tempels sturzen. Die
luziferische Begeisterung der Menschen nützt sie für ihre ahrimanisce Zwecke aus.
Es vollzieht sich innerhalb dieser zweiten Diktatur die luziferisch-arhimanische
Versuchung durch den Sturz von der Zinne des Tempels in der Abgrund des
unterbewußten Untermenschlichen.
Das dritte Land, das der Versuchung unterlegen und zum Schauplatz einer
grausamen, menschen- und gottfeindlichen Diktatur geworden ist, erlitt seitens der
Mächte des Bösen eine vollkommen andere Behandlung.
Während das erste Land, das uns hier beschäftigt, sich einer große Vergangenheit
rühmt, während das zweite Land erst in der Gegenwart groß werden sollte, sind die
Blicke des dritten Volkes in die weite Zukunft gerichtet, denn alles Große, was dieses
Volk der gesamten Menschheit zu geben hat, kann nur in einer sehr entfernten
Zukunft verwirklicht werden. Das Bedürfnis nach einer allmenschlichen Gerechtigkeit
und Brüderlichkeit, das als ein dumpfer Drang in diesem noch jungen Volke lebt,
fordert eine dauernde geistige Entwicklung in deren Laufe eine höhere geistige
Bewußtseinsstufe erreicht werden soll. Ohne eine solche geistige Entwicklung
mußten auf der heutigen materialistischen Bewußtseinsstufe diese dumpf empfundene
Volksideale sich in ihr Gegenbild verwandeln. Denn auch die allerhöchsten Impulse,
falls sie an einem falschen Orte angewendet werden, müssen unbedingt zu einem
Irrtum führen. Darin besteht ja gerade die Taktik Ahrimans, daß er die menschliche
Moral auf einem beschränkten Gebiete fern von der geistigen Welt, gefangen halten
will, damit das menschliche Wahrheitsstreben in einem zu engen Erfahrungskreise zu
falschen Konsequenzen komme.
Und es ist Ahriman gelungen das hohe Gerechtigkeits- und Brüderlichkeitsideal
dieses noch so jungen Volkes mit Hilfe des westeuropäischen Materialismus in einem
recht beschränkten Gebiete zu versperren, wo diese hohen moralischen Impulse sich
in schreckliche, finstere Zerrbilder verwandelten, nämlich auf dem niederen Gebiete
des modernen Wirtschaftslebens.

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In dieses niedere Gebiet versetzt, wurden diese hohen moralischen Impulse des
jungen Volkes ihrer ursprünglicben geistigen Heimat entfremdet. Das Volk hat
infolgedessen den Göttlichen Ursprung seiner Ideale vergessen und vermochte nicht
mehr dem Einflusse des Versuchers den Einwand des Christus entgegenzustellen: es
vermochte nicht sich auf das Wort zu berufen, das aus dem Munde Gottes ausgeht
und wahres Leben spendet. Indem aber die geistige Anschauung ausgelöscht wird
und das moralische Streben sich auf das Gebiet der wirtschaftlichen Verhältnisse
beschränkt erlebt, verwandelt sich das Bewußtsein einer Angehörigkeit zur
gottbegnadeten christlichen Kirche in das Bewußtsein einer gottverlassenen
gottleugnenden Klasse, einer Klasse, die nur das Wirtschaftsleben kennt und schätzt
und nur das Problem des täglichen Brotes gottlos lösen will, nämlich: des
Proletariates.
Auf diese Weise wird auch der im betreffenden Volke lebende religiöse Eifer und
der ihm eigene Gemeinschatsssin in einen religiös sich auslebende Materialismus und
Atheismus perversiert.
Die marxistische politische Lehre wird zum Dogma einer neuen gottlosen
proletarische Kirche, die sich auch einer neuen Inquisition bedient. Alle nicht
proletarischen Denkenden werden zu Ketzern, der Staat zum Gotte, der über alle
Lebersgüter verfügt und aus dessen Händen man das tägliche Brot zu empfangen hat.
Dieser neue ahrimanische Gott hat dem leichtgläubigenVolke eine ahrimanische
Zukunft versprochen, wo durch das Wunder der Technik, das Problem des täglichen
Brotes endgüItig gelöst werden müß. Er hat es darin überzeugt, daß allein im
wirtschaftlichen Fortschritt die echte Würde des proletariscen Menschen besteht.
Diesem Wahnideale Ahrimans unterliegen nicht nur viele Angehörige des
betreffenden Volkes, ihm auch der luziferische Volksgeist des Landes, was in den
letzten Zeit in einer allgemeinen "Begeisterung für das sozialistische Vaterland" zum
Ausdruck kommt.
So vollzieht sich in diesem Volke, in dieser dritten Diktatur, die ahrimanische
Versuchung durch das Brot.
Und so entlarven sich die drei gekennzeichneten Diktaturen als Folgen der drei
Versuchungen, wobei jede von den drei Diktaturen je einer der Versuchungen
entspricht.
Auf einer ruhmreichen Vergangenheit baut die erste Diktatur, auf dem Pulsschlag
der Gegenwart - die zweite, auf der Sehnsucht nach einer großen Zukunft - die dritte.
Der Gedanke des Staates, des Imperiums liegt der ersten Diktatur zugrunde, der
Gedanke der Rassenzusammengehörigkeit begeistert die zweite Diktatur, der
Gedanke der siegreicher proletarischen Klasse impulsiert die Dritte.
Und alle drei sind vom Pathos der Revolution erfüllt, denn alle drei revoltieren
gegen die weise Führung der Mächte des Guten.
Alle drei sind den Versuchungen der Wüste einheimgefallen, wobei die erste
Diktatur der luziferischen Lockung des irdischen Reiches folgte, die zweite ihren
göttlichen Führer, den Volksgeist, in Versuchung führte und die dritte das göttliche
Wort vergaß.
Es entsteht nun die Frage, wem eigentlich diese tragischen Verirrungen zu Nutze
kommen könnten.
Um diese Frage zu beantworten, muß man sich die Menschheit als ein Ganzes
denken.
Wie gesagt, wäre für die Mächte des Bösen nur ein halber Erfolg, wenn die
charakterisierten Zustände in den Gebieten der drei Dikta-

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turen nur unter dem äußeren Drucke einer Schreckensherrschaft erreichbar sein
würden. Jedoch durch die Isolierung dieser drei Völker von der Menschheit als einem
Ganzen, wurden sie dazu veranlaßt, ihren eigenen Zustand ohne eine wahre
Beziehung zur übrigen Menschheit zu erleben.
Dadurch mußten sie aber eine ganz falsche Vorstellung von ihren eigenen
Errungenschaften erhalten. So beachtet z.B. die herrschende proletarische Klasse
der dritten Diktatur nicht im Geringsten, daß die Proletarisierung eines Landes noch
keinesfalls die bestehende Klassenordnung innerhalb der ganzen Menschheit
abzuschaffen vermag. Mögen keine anderen Klassen außer der proletarischen in
diesem einen Lande mehr bestehen, das hat aber nur zu sagen, daß dieser
proletarische Staat als ein Teil der ganzen Menschheit zu einem Proletarier unter
anderen bürgerlichen Völkern geworden ist. Mögen daher die Proletarier des neuen
sozialistischen Staates sich der Abschafung der eigenen Herrscherklasse rühmen,
innerhalb der gesammten Menschheit aber sind sie erst recht zu proletariern, zu
Knechten, ja zur Sklaven anderer Großkapitalistischer Staaten niedergesunken.
Am merkwürdigsten aber wirkt die Tatsache, daß dieser Sklaverzustand innerhalb
der gesamten Menschheit infolge eines isolierten Volksbewußtseins mit Freude und
Begeisterung von den herrschenden Proletariern behauptet wird.
Dasselbe gilt auch für die zweite Diktatur, wo man ebenfalls für andere Völker
arbeitet und dabei irrtümlich denkt, daß es zum Wohle des eigenen Volkes geschieht.
Einen Staat der Sklaven in einem Gebiete Europas und einer Staat der
qualifizierten Arbeitern in einem anderen Gebiete zu gründen und es dabel so zu tun,
daß wie das eine, so auch das andere Volk ihren Zustand mit einer Begeisterung
hinnehmen müßte, darin bestand die großzügige Politik desjenigen Volkes, das
innerhalb der gesamten Menschheit dazu veranlagt ist, Herrscher über alle anderen
Völker zu werden.
Nur die erste Diktatur widerstrebt sich diesem tückischen Plane, sofern auch in ihr
die Idee des Weltimperiums lebt. Dieser Widerstand äußert sich in verschiedenen
Reibungen und Konflikten und ist ein äußerer Ausdruck dafür, wie sich Luzifer zu
Ahriman verhält.
Demnach haben wir in der Differenzierung Europas nach den drei Diktaturen,
denen die drei unbestandenen Versuchungen zugrunde liegen, einen großzügigen
Plan der Mächte des Bösen zu erblicken. Und es entsteht nun mit einer inneren
Notwendigkeit die Frage: Was soll getan werden, damit die Folgen der drei
unbestandenen Versuchungen, die Folgen des geistigen Versagens der Menschheit,
ausgeglichen werden können? Von vornherein ist es ja klar, daß jede von den drei
Versuchungen auf ihre eigene Art bekämpft werden soll.
Am leichtesten ist es die luziferische Versuchung durch das Reich zu bekämpfen.
Das könnte durch eine neue Verkündigung vom himmlischen Reiche geschehen, denn
zweifellos ist die erste von den drei charakterisierten Diktaturen durchaus noch für
diese Verkündigung empfänglich. Das Wort vom Reiche kann noch im betreffenden
Volke ertönen, und es besteht noch die Hoffnung, daß es dort vernommen werden
wird.
Schon entschieden anders verhalten sich die Dinge innerhalb der zweiten
luziferisch-ahrimanischen Diktatur. Dort ist schon kaum eine Möglichkeit vorhanden,
die Kunde vom himmlischen Reiche in das Volk zu tragen. Dort müßte schon der
Heilokkultismus eingreifen und die

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schwere Erkrankung des Volkes durch die Kräfte der Liebe heilen. Dort müßte ein
Orden der Heilokkultisten entstehen, durch dessen hingebungsvolle Arbeit die große
Schuld des Volkes wider seinen Geist gesühnt werden könnte.
Noch schwieriger ist aber der Sieg über die dritte, rein ahrimaniscbe Diktatur,
sofern innerhalb dieser Diktatur die finsteren satanischen Mächte wirken, die weder
durch eine Kunde vom Reiche, noch durch ein Heil-Wunder bezwungen werden
können. Nur ein Golgathaerlebnis des ganzen Volkes kann zur Auferstehung der
verlorenen hohen Volksmission führen, denn nur durch das Kreuz wird die dritte
Versuchung überwunden.
Damit ist dasjenige angedeutet, was wir Menschen, von uns aus tun könnten und
sollten, um den drei Versuchungen im sozialen Angeben entgezenzuwirken: das Reich
verkünden,_die Krankheit heilen, den Tod erleiden. Und dennoch muß betont werden,
daß wir allein unfähig waren, die weitgehenden FoIgen des geistigen Versagens der
Menschheit auszuzleichen. Die Initiative im sozialen Wirken ist schon längst in die
Hände der des Bösen übergegangen, sodaß wenn wir auf uns selbst, angewiesen
wären, wir keine Hoffnung hegen könnten, das Böse auf dem sozialen Gebiete zu
besiegen.
Nur eine einzige Wesenheit verm ag uns aus unserer sozialen Not zu retten. Nur
eine einzige Wesenheit wird die drei sozialen Versuchungen überwinden können.
Der allein wird es können, der einst alle drei Versuchungen in der Wüste
bestanden hat, der die Künde vom Reiche der ganzen Menschheit gebracht, die
Kranken und Leidenden geheilt und den Tod auf Golgatha besiegt hat: Christus.

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