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Handels- und Gesellschaftsrecht Prof. Dr.

Florian Jacoby
Übungsfall 4

Die regional bekannte Bielefelder Bier-Bräu-Brauerei B-KG ist ordnungsgemäß in das


Handelsregister eingetragen. A und B sind Komplementäre und C ist Kommanditist. Seit Juni
1988 ist P als Prokurist mit einer nur mündlich ihm gegenüber geäußerten Beschränkung
seiner Prokura für Geschäfte bis zu einer Höhe von einer Million Euro für die Gesellschaft
tätig. Die Prokuraerteilung wurde 1988 ordnungsgemäß in das Handelsregister eingetragen
und bekannt gemacht.

Im März 2011 verhandeln die Gesellschafter mit dem finanzkräftigen Bad Lippspringer
Lottomillionär L über eine Beteiligung an der Brauerei. Ende März ist man sich schließlich
einig, dass L als Kommanditist mit einer Einlage in Höhe von zwei Millionen Euro an der B-
KG beteiligt werden soll. Am 01.04.11 wird der Gesellschaftsvertrag dementsprechend
geändert; L zahlt sogleich die Hälfte seiner Einlage in die Gesellschaft ein. Am selben Tage
wird P die Prokura entzogen. Der Entzug der Prokura wird am 23.06.11 in das
Handelsregister eingetragen und bekannt gemacht.

P befand sich zuvor in längeren Verhandlungen mit dem Eigentümer E einer an die Brauerei
im Bielefelder Stadtteil Heepen grenzenden Grünfläche. Dieses Grundstück möchte P zur
Erweiterung der Brauerei für 1,5 Millionen Euro erwerben. Am 22.06.11 schließen P im
Namen der B-KG und E einen notariell beurkundeten Kaufvertrag über dieses Grundstück. E
kannte bei Vertragsschluss den Entzug der Prokura nicht. Der Kaufpreis wurde noch nicht
entrichtet.

Am 24.06.11 wird L als Kommanditist mit einer Hafteinlage von zwei Millionen Euro in das
Handelsregister eingetragen. Am selben Tage erhält er 100.000 € seiner Einlage von der KG
wieder ausbezahlt. Erst jetzt erfährt E, dass L Kommanditist geworden ist und möchte auf
dessen beträchtliches Vermögen zugreifen.

Die Gesellschafter wenden ein, ein Vertrag zwischen der Gesellschaft und E sei nie zustande
gekommen. Zum einen sei die Prokura des P entzogen worden, was auch ordnungsgemäß
einige Wochen später in das Handelsregister eingetragen und bekannt gemacht wurde. Zum
anderen sei ein Prokurist sowieso nicht für Geschäfte, die im Zusammenhang mit Immobilien
stünden, vertretungsbefugt. Außerdem sei die Prokura in ihrer Höhe schon immer begrenzt
gewesen.
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Auch L möchte nicht zahlen. E habe, als er mit der Gesellschaft den Kaufvertrag geschlossen
habe, von seiner Existenz als Kommanditist nichts gewusst und sei nicht schutzwürdig. Auch
habe er, L, dem Geschäftsbeginne nicht zugestimmt. Im Übrigen könne E nur die Summe
verlangen, die L noch nicht als Einlage erbracht habe, nämlich eine Million Euro.

1. In welcher Höhe kann E die B-KG und L in Anspruch nehmen?

Wie zuvor, nur hat L seine Einlage am 01.04.11 voll erbracht und eine Rückzahlung hat nicht
stattgefunden. Am 22.06.11 verletzte Komplementär A, der in seiner Funktion als
Geschäftsführer auf dem Weg zu einem Geschäftspartner war, mit seinem Dienstwagen auf
der Herforder Straße den Passanten P, weil er, A, einen Zebrastreifen missachtete. P verlangt
Schadensersatz und ein angemessenes Schmerzensgeld von der B-KG und L.

2. Zu Recht?

Bearbeitervermerk:

Die aufgeworfenen Fragen sind in einem Gutachten zu beantworten. Normen aus der StVO,
dem StGB und dem StVG sind nicht zu prüfen. Das Gutachten ist auf DIN A4-Bögen
einseitig mit mindestens 1/3 Rand zu erstellen. Bitte das Deckblatt deutlich lesbar ausfüllen.
Wer nicht Jura im Hauptfach studiert, hebt das bitte deutlich hervor!
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Lösungshinweise

A. Anspruch gegen die B-KG aus Kaufvertrag (§ 433 Abs. 2 BGB)

E könnte einen Anspruch auf Kaufpreiszahlung in Höhe von 1,5 Millionen Euro gegen die B-
KG aus § 433 Abs. 2 i. V. m. §§ 124 Abs. 1 und 161 Abs. 2 HGB haben. Dazu müsste
zwischen der wirksamen Gesellschaft und E ein wirksamer Kaufvertrag bestehen.

Grundsätzlich handeln nach § 125 Abs. 1 HGB die Gesellschafter für die Gesellschaft. Diese
haben im Namen der Gesellschaft nicht mit E den Kaufvertrag geschlossen. Hier könnte aber
P als Vertreter der B-KG aufgetreten sein. So haben E und P am 22.06.11 einen notariell
beurkundeten Kaufvertrag über die Grünfläche des E geschlossen. Die eigene
Willenserklärung, die P im Namen der Gesellschaft abgegeben hat, wirkt für und gegen die B-
KG, wenn P Vertretungsmacht für einen solchen Vertragsschluss hatte, §§ 164 ff. BGB.

I. Vertretungsmacht des P aus Prokura

Die Vertretungsmacht ergibt sich für einen Prokuristen aus § 49 Abs. 1 HGB. P müsste zum
Zeitpunkt des Vertragsschlusses am 22.06.11 Prokurist gewesen sein. Die Prokura ist P 1988
zwar wirksam erteilt, ihm aber am 01.04.11 gemäß § 52 Abs. 1 HGB wieder wirksam
entzogen worden. Die Eintragung des Entzugs in das Handelsregister ist nur deklaratorisch,
sodass P zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses nicht Prokurist war und somit keine
Vertretungsmacht mehr hatte. Grundsätzlich wirkt die Willenserklärung des P damit nicht für
und gegen die B-KG.

II. Vertretungsmacht des P durch Handelsregisterpublizität

Die Prokura könnte aber als fortbestehend gelten, wenn die KG sich angesichts des
Umstandes, dass der Prokurawiderruf erst am 23.6.11 eingetragen und bekanntgemacht
wurde, nach § 15 Abs. 1 HGB nicht auf den Widerruf berufen dürfte.

Der Widerruf der Prokura stellt nach § 53 HGB eine eintragungspflichtige Tatsachen dar.
Diese Tatsache dürfte bei Vertragsschluss nicht eingetragen und bekannt gemacht gewesen
sein. Der Vertrag wurde am 22.06.11 geschlossen. Erst einen Tag später wurde der Widerruf
der Prokura eingetragen und bekanntgemacht. Aufgrund der Beweislastumkehr in § 15
Abs. 1, letzter Halbs. HGB („es sei denn“) braucht als Ausnahme von den allgemeinen
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Beweislastgrundsätzen nicht der Vertragspartner E zu beweisen, dass er die erloschene


Prokura nicht kannte. Vielmehr muss die Gesellschaft, die die Tatsache eintragen lassen
musste, darlegen und beweisen, dass dem Vertragspartner E das Erlöschen der Prokura
bekannt war, wenn dessen Willenserklärung nicht für und gegen sie wirken soll. Das wird ihr
nicht gelingen: E ging bei Vertragsschluss von der wirksamen Prokura des P aus, sodass er
gutgläubig war und das Erlöschen der Prokura nicht gegen sich gelten zu lassen braucht. P
hatte Vertretungsmacht gegenüber E. Die Willenserklärung des Prokuristen wirkt für und
gegen die Gesellschaft, §§ 164 ff. BGB.

III. Umfang der Vertretungsmacht

Auch eine durch § 15 Abs. 1 HGB begründete Vertretungsmacht kann nicht weiterreichen, als
eine tatsächlich bestehende Vertretungsmacht reichen würde. Demnach ist zu fragen, zu
welchen Geschäften der P befugt gewesen wäre, wäre seine Prokura nicht widerrufen worden.
Fraglich ist, ob der Ankauf eines Grundstücks zwecks Erweiterung des Betriebes von der
Prokura umfasst ist.

1. Betrieb eines Handelsgewerbes

Der Umfang der Vertretungsmacht nach § 49 Abs. 2 HGB ist weit. Es fallen alle
Rechtsgeschäfte und geschäftsähnlichen Handlungen darunter, die der Betrieb eines
Handelsgewerbes mit sich bringt. Damit sind nicht nur die alltäglichen Rechtshandlungen des
Unternehmens umfasst. Grundsätzlich ist von der Prokura damit der Erwerb von Sachen
gedeckt.

2. Grundstücksgeschäfte des Prokuristen

Es bestehen aber gesetzliche Grenzen der Vertretungsmacht eines Prokuristen. § 49 Abs. 2


HGB nimmt von dem Umfang der Prokura die Veräußerung und Belastung eines Grundstücks
aus. Hier kaufte P aber das benachbarte Grundstück. Fraglich ist, ob der Umfang der Prokura
auch den Ankauf von Grundstücken ausschließt. Dies kann anhand der juristischen
Auslegungsmethoden bestimmt werden. Vom Wortlaut von § 49 Abs. 2 HGB ist gerade nicht
der Ankauf erfasst. Auch spricht das systematische Argument dagegen. Hätte der Gesetzgeber
in § 49 Abs. 2 HGB Ankäufe miterfassen wollen, so hätte es nahegelegen, ausdrücklich von
„Verkauf oder Kauf“ (vgl. z. B. § 376 Abs. 3 und 4 HGB) oder den allgemeinen Ausdruck
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des Abschlusses von „Kaufverträgen“ zu verwenden. Entscheidend bei der Auslegung ist aber
das teleologische Argument. § 49 Abs. 2 HGB nimmt zum Schutz des Betriebsvermögens
eines Geschäftsherrn den Verkauf und die Belastung von Grundstücken aus. Durch den Kauf
eines Grundstücks wird das Vermögen aber – ungeachtet der schuldrechtlichen
Verbindlichkeiten, die begründet werden – durch spätere Auflassung und Eintragung in das
Grundbuch (§§ 873, 925 BGB) gemehrt. Deshalb ist ein Grundstücksankauf von der Prokura
umfasst. Der Rechtsschein umfasst damit auch dieses Geschäft des P, sodass er nach §§ 164
ff. BGB, §§ 49 ff., 15 Abs. 1 HGB mit Vertretungsmacht handelte.

3. Interne Beschränkung der Prokura

Gegenüber P wurde von den Gesellschaftern eine mündliche Beschränkung seiner Prokura für
Geschäfte bis zu einem Umfang von bis einer Million Euro geäußert. Hier bestimmt § 50
Abs. 1 HGB aus Gründen des Verkehrsschutzes, dass eine rechtsgeschäftliche Beschränkung
der Prokura Dritten gegenüber unwirksam ist. Damit wirkt die Prokurabeschränkung nur
intern, E muss diese sich nicht gegen sich gelten lassen.

IV. Ergebnis

Folglich handelte Prokurist P als Vertreter der B-KG. Seine Willenserklärung, die er am
23.06.11 vor dem Notar abgegeben hat, wirkt damit für und gegen die Gesellschaft als
Geschäftsherrin, § 164 Abs. 1 S. 1 BGB.

Da die notarielle Form des § 311b Abs. 1 S. 1 BGB für Grundstücksgeschäfte eingehalten
wurde, ist der Kaufvertrag auch nicht nach § 125 S. 1 BGB nichtig und zwischen E und der
B-KG, vertreten durch P, wirksam entstanden. E kann von der Gesellschaft aus § 433 Abs. 2
BGB i. V. m. §§ 124, 161 Abs. 2 HGB Kaufpreiszahlung in Höhe von 1,5 Millionen Euro
verlangen.

B. Anspruch des E gegen L aus § § 171 Abs. 1 HGB

E könnte gegen den Kommanditisten L einen Anspruch auf Zahlung des Kaufpreises in Höhe
von 1,5 Millionen Euro aus § 171 Abs. 1 HGB i.V.m. dem Kaufvertrag (§ 433 Abs. 2) haben.
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I. Voraussetzungen der Kommanditistenhaftung

Eine wirksame Verbindlichkeit der B-KG gegenüber E besteht aus Kaufvertrag in Höhe von
1,5 Millionen Euro. L war auch zum Zeitpunkt der Begründung der Verbindlichkeit, dem
22.06.11, Kommanditist. Die Eintragung als Kommanditist in das Handelsregister ist nur
deklaratorisch, nicht konstitutiv, sodass L bereits am 01.04.11 durch Änderung des
Gesellschaftsvertrags Kommanditist geworden ist.

II. Umfang der Kommandistenhaftung

Fraglich ist, in welcher Höhe der Kommanditist L dem E haftet. Grundsätzlich haftet ein
Kommanditist nur in Höhe seiner Einlage, § 171 Abs. 1 HGB. Die Höhe der Einlage richtet
sich nach dem Handelsregistereintrag, § 172 Abs. 1 HGB. In das Handelsregister wurde eine
Einlage des L in Höhe von zwei Millionen Euro eingetragen. Hat er diese erbracht, haftet er
den Gläubigern der Gesellschaft für deren Verbindlichkeiten nicht, § 171 Abs. 1 HGB. Ist die
Einlage nicht vollständig erbracht, haftet der Kommanditist in Höhe der Einlage, also
beschränkt, allerdings ansonsten wie der Komplementär persönlich, unmittelbar, primär,
gesamtschuldnerisch mit den anderen Gesellschaftern und akzessorisch für die
Verbindlichkeiten der Gesellschaft. L hat am 01.04.11 nur eine Million Euro von seiner
Einlage – laut Handelsregistereintrag zwei Million Euro – geleistet. Außerdem hat er am
24.06.11 von seiner Einlage 100.000 € zurückbezahlt gekommen. Nach § 172 Abs. 4 HGB
gilt die Einlage, soweit sie zurückgewährt wurde, als nicht geleistet. Damit hat L seine
Einlage nur in Höhe von 900.000 Euro erbracht, haftet also grundsätzlich den Gläubigern in
Höhe von 1,1 Millionen Euro.

III. Ergebnis

Demnach kann E aus § 171 Abs. 1 HGB die Differenz von tatsächlich geleisteter Einlage und
der im Handelsregister bestimmten Einlage in Höhe von 1,1 Millionen Euro von L verlangen.

C. Anspruch gegen L aus § 176 Abs. 2 und Abs. 1 S. 1 HGB

L könnte angesichts des Umstandes, dass die Haftungsbeschränkung erst am 24.6.11 ins
Handelsregister eingetragen wurde, aus § 176 Abs. 2 und Abs. 1 S. 1 HGB i. V. m. § 433
Abs. 2 BGB auch unbeschränkt für die Kaufpreisverbindlichkeit der KG haften. Anders als §
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171 HGB statuiert § 176 HGB eine unbeschränkte Haftung des Kommanditisten. Damit wird
dieser haftungsmäßig wie der Komplementär behandelt.

I. Anspruch zwischen Eintritt und Eintragung entstanden

Dazu müsste die Verbindlichkeit der Gesellschaft gegenüber E zwischen Eintritt des E in die
KG und seiner Eintragung als Kommanditist in das Handelsregister begründet worden sein. L
ist am 01.04.11 durch Abschluss des Gesellschaftsvertrags in eine bestehende KG eingetreten.
Die Eintragung in das Handelsregister ist nur deklaratorisch. Die Verbindlichkeit wurde am
22.06.11 durch Vertragsschluss zwischen P und der B-KG und damit zwischen seinem Eintritt
und seiner Eintragung in das Handelsregister am 24.06.11 begründet. Über § 176 Abs. 2 HGB
gilt Abs. 1 entsprechend. Folglich haftet ein Kommanditist wie ein Komplementär
unbeschränkt für alle zwischen Eintritt und Eintragung begründeten Verbindlichkeiten.

II. Zustimmung in Geschäftsbeginn durch L notwendig?

Einer Haftung könnte aber entgegenstehen, wenn dafür vorausgesetzt wird, dass der
Kommanditist dem Geschäftsbeginn zustimmt und es an einer solchen Zustimmung des L
fehlt.

Abs. 1 setzt eine solche Zustimmung bei Geschäftsbeginn einer KG vor ihrer Eintragung in
das Handelsregister voraus. § 176 Abs. 2 HGB ist daraufhin auszulegen, ob diese
Bestimmung eine entsprechende Zustimmung voraussetzt. Abs. 2 spricht davon, dass Abs. 1
entsprechend anwendbar ist. Der Wortlaut von § 176 Abs. 1 HGB setzt eine Zustimmung des
Kommanditisten in den Geschäftsbeginn voraus. Entsprechende Anwendung bedeutet, dass
die einzelnen Elemente des durch die Verweisung geregelten und desjenigen Tatbestandes,
auf dessen Rechtsfolgen verwiesen wird, miteinander so in Beziehung zu setzen sind, dass
den jeweils nach ihrer Funktion, ihrer Stellung im Sinnzusammenhang des Tatbestandes
gleich zu erachtenden Elemente die gleiche Rechtsfolge zugeordnet wird. Abs. 1 ist nur auf
das Gründungsstadium der Gesellschaft zugeschnitten. In Wahrheit hat der in eine tätige
Gesellschaft eintretende Kommanditist nicht die Wahl, ob er der Fortsetzung des
Geschäftsbetriebs zustimmen oder die Fortsetzung verbieten will. Der Beitritt zu der bereits
werbend tätigen Handelsgesellschaft trägt deshalb, anders als im Fall des Absatzes 1, die
Haftungslegitimation schon in sich. Deshalb ist eine Zustimmung des neu eintretenden
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Kommanditisten für die Fortführung der Geschäfte nicht notwendig, um die Voraussetzungen
des Abs. 1 zu erfüllen.

III. Kenntnis des E von Kommanditistenstellung L bei Begründung der Verbindlichkeit

Fraglich ist schließlich, ob die Haftung des E davon abhängt, dass E von dessen
Gesellschaftszugehörigkeit Kenntnis hatte. § 176 Abs. 1 HGB, dessen entsprechende
Anwendung § 176 Abs. 2 HGB vorschreibt, geht von dem Grundsatz der unbeschränkten
Haftung eines nicht eingetragenen Kommanditisten aus. Diese Vorschrift knüpft folglich die
Haftungsbeschränkung an die als Ausnahmetatbestand formulierte Kenntnis des
Geschäftsgegners. Damit handelt es sich um eine Regelung zur Beweislastumkehr. Nicht der
Geschäftspartner, sondern der Kommanditist muss darlegen und beweisen, dass eine Kenntnis
von seiner Kommanditistenstellung beim Geschäftspartner zum Zeitpunkt des
Vertragsschlusses vorlag. Hauptzweck des § 176 HGB ist der abstrakte Vertrauensschutz des
Geschäftspartners. Daneben ist die Vorschrift auch als Sanktion zu verstehen, die
ausgesprochen wird, wenn die Eintragungspflichten nicht erfüllt werden. Deshalb muss die
Vorschrift auch Anwendung finden, wenn L überhaupt keine Kenntnis von der Existenz des
Gesellschafters E hatte.

IV. Ergebnis

Im Ergebnis haftet L dem E in voller Höhe aus § 176 HGB. E kann daher – unabhängig von
der Eintragung der Einlagehöhe in das Handelsregister – den vollen Kaufpreis von E aus
§§ 433 Abs. 1 BGB i. V. m. § 176 Abs. 2 und Abs. 1 S. 1 HGB verlangen.

D. Endergebnis

Im Ergebnis kann E von der KG und von L den Kaufpreis in voller Höhe von 1,5 Millionen
Euro verlangen. L und die B-KG sind dabei nicht Gesamtschuldner der Verbindlichkeit, denn
L haftet nur akzessorisch für die Verbindlichkeiten der Gesellschaft.
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Abwandlung

A. Ansprüche des P auf Schadensersatz und angemessenes Schmerzensgeld gegen die B-


KG

P könnte einen Anspruch auf Schadensersatz gegen die KG angesichts seiner von A grob
fahrlässig herbeigeführten Verletzung im Straßenverkehr haben.

I. § 823 Abs. 1 BGB

A hat P in seinem Rechtsgut Körper und Gesundheit kausal, rechtswidrig und schuldhaft
(§ 276 BGB) geschädigt, sodass P einen Anspruch auf Schadensersatz aus § 823 Abs. 1 BGB.
Als Rechtsfolge hat A dem P im Wege der Naturalrestitution nach § 249 BGB seinen Schaden
zu ersetzen. Analog § 31 BGB haftet für die Schäden, die ein Gesellschafter-Geschäftsführer
in Ausübung seiner Tätigkeit verursacht, auch die B-KG.

II. § 831 Abs. 1 S. 1 BGB

Damit die Gesellschaft für das fremde Verschulden des A aus § 831 Abs. 1 S. 1 BGB haften
würde, müsste dieser Verrichtungsgehilfe der Gesellschaft sein. Verrichtungsgehilfe ist, wer
mit Wissen und Wollen weisungs- und sozialabhängig von einem anderen zu einer
Verrichtung bestellt ist. Dies ist bei einem Gesellschafter zu verneinen.1 Eine
Verrichtungsgehilfenhaftung der Gesellschaft nach § 831 Abs. 1 BGB scheidet daher mangels
eines Über-/Unterordnungsverhältnisses zwischen der Gesellschaft und ihrem
Geschäftsführer-Gesellschafter aus. P kann daher von der Gesellschaft nicht aus § 831 Abs. 1
S. 1 BGB Schadensersatz verlangen.

III. Angemessenes Schmerzensgeld, § 253 Abs. 1 BGB

§ 253 Abs. 2 BGB gewährt bei der Verletzung von Körper und Gesundheit dem Geschädigten
auch eine billige Entschädigung in Geld für Schäden, die nicht Vermögensschäden sind,
mithin ein angemessenes Schmerzensgeld.

1
Windbichler (Fn. 5) §§ 9 III 1 b), 15 I 2.
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IV. Ergebnis

P kann von der B-KG Schadensersatz und ein angemessenes Schmerzensgeld wegen der von
Gesellschafter A im Straßenverkehr herbeigeführten Schäden verlangen.

B. Ansprüche des P auf Schadensersatz und Schmerzensgeld gegen L

L haftet als Kommanditist, der seine Einlage voll erbracht hat und da diese Einlagenleistung
nicht zurückgewährt wurde, gegenüber den Gläubigern der Gesellschaft nicht, § 171 Abs. 1
HGB.

I. Haftung des L gemäß § 176 HGB

Es könnte sich aber wiederum eine Haftung aus § 176 Abs. 2 i. V. m. Abs. 1 S. 1 HGB des L
für die Verbindlichkeiten der Gesellschaft ergeben. A verletzte den P einen Tag vor
Eintragung des L als beschränkt haftender Kommanditist am 24.06.11 in das Handelsregister.
Grundsätzlich sind daher die Voraussetzungen einer Haftung des L gegeben.

II. Vorgang im Geschäftsverkehr?

Der Gutglaubensschutz nach § 15 HGB setzt zwar nicht voraus, dass sich bei dem
geschützten Dritten der gute Glaube unmittelbar kausal aufgrund der
Handelsregistereintragungen konstituiert hat. Der Dritte braucht sich nicht positiv auf das
Handelsregister verlassen zu haben. Dieses normiert einen abstrakten Vertrauensschutz des
Rechtsverkehrs. Fraglich ist, ob ein Vorgang im Geschäftsverkehr Voraussetzung für eine
Haftung nach § 176 Abs. 2 i. V. m. Abs. 1 S. 1 HGB ist, also deliktische Ansprüche nicht eine
Haftung des Kommanditisten begründen. Es muss wenigstens die abstrakte Möglichkeit eines
Handelns von Geschäftspartnern im Vertrauen auf das Handelsregister bestehen.2 Der Schutz
der Sicherheit und der reibungslosen Abwicklung des Handelsverkehrs ist bei deliktischen
Verletzungshandlungen außerhalb einer Sonderverbindung nicht betroffen. Niemand erleidet
eine Rechtsgutverletzung und erwirbt einen deliktischen Schadensersatzanspruch im
Vertrauen auf eine im Handelsregister eingetragene Haftungslage. § 15 Abs. 4 HGB betont
diese Verkehrsschutzfunktion bei dem abstrakten Vertrauensschutz durch die
Handelsregisterpublizität ausdrücklich durch die Bezugnahme auf den Geschäftsverkehr. Wie
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§ 892 BGB und § 15 HGB schützt § 176 HGB nur den guten Glauben bei
Verkehrsgeschäften. Damit erfasst der Schutz des (vermuteten) Vertrauens auf die Richtigkeit
der bekannt gemachten Eintragung nicht den sogenannten reinen Unrechtsverkehr.

III. Ergebnis

Folglich haftet L als Kommanditist, der seine Einlage voll erbracht hat, nicht für deliktische
Ansprüche gegen die Gesellschaft, die zwischen seinem Eintritt und seiner Eintragung
begründet wurden aus § 176 HGB.

C. Endergebnis

Im Endergebnis kann P von der Bielefelder B-KG damit Schadensersatz wegen der
Verletzungshandlungen ihres Gesellschafters A verlangen. Eine Haftung des Kommanditisten
L auf Schadensersatz besteht nicht. § 176 Abs. 2 und Abs. 1 S. 1 HGB umfasst nur Vorgänge
im Geschäftsverkehr.

Erwartungshorizont

A. Schwerpunkte

Die Klausur hat als Problemschwerpunkte die Publizität des Handelsregisters nach § 15
Abs. 1 HGB, Grundstücksgeschäfte des Prokuristen und interne Prokurabeschränkung (§§ 49
und 50 HGB), Widerruf der Prokura (§ 52 Abs. 1 HGB) sowie Haftung des Kommanditisten
wegen Einlagenrückgewähr §§ 171, 172 HGB und dessen Haftung vor Eintragung aus § 176
Abs. 2 i. V. m. Abs. 1 HGB. In der Abwandlung sind grundlegende Fragen zur deliktischen
Haftung nach §§ 823 ff. BGB zu bearbeiten. Weder sind die Anspruchsgrundlagen aus dem
StVG noch § 823 Abs. 2 i. V. m. § 229 StGB oder § 1 Abs. 2 StVO zu prüfen. Es ist zu
diskutieren, ob § 176 HGB auch im Deliktsverkehr Anwendung findet. Diese Problematik ist
über die Publizität des Handelsregisters, § 15 HGB, bekannt. Hier muss eine Transferleistung
des Bearbeiters erbracht werden.

B. Bewertungskriterien

2
K. Schmidt (Fn. 7) § 55 I 4.
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Durchschnittliche Bearbeiter erkennen, dass P als Prokurist die KG vertreten hat und
erwähnen mögliche Einschränkungen der Prokura. Sie erkennen, dass Grundstücksankäufe
von der Prokura erfasst sind und eine interne Beschränkung nicht dem Rechtsverkehr
entgegen gehalten werden kann. Es wird dargelegt, dass die KG selbst haftet. Zudem müssen
die Kommanditistenstellung des L und mögliche Haftungsbeschränkungen dargestellt werden.

Überdurchschnittliche Bearbeiter können den Entzug der Prokura richtig einordnen und
kommen über eine Anwendung von § 15 Abs. 1 HGB zu einer wirksamen Verpflichtung
durch Vertragsschluss des P. § 311b Abs. 1 BGB wird erwähnt. Die Haftung eines
Kommanditisten wird dargestellt, insbesondere auch § 176 HGB durchgeprüft. Insgesamt
müssen die handels- und gesellschaftsrechtlichen Prüfungsschemata beherrscht werden.
Mängel im ersten Teil können durch eine saubere Bearbeitung der Abwandlung aufgefangen
werden. Insbesondere die Darstellung der Problematik, ob § 176 HGB auch im Deliktsverkehr
Anwendung findet, ist in der Bewertung positiv zu berücksichtigen.

Bearbeiter im Prädikatsbereich stellen als roten Faden in der Klausur den Vertrauens- und
Verkehrsschutz im Handelsverkehr dar. Dies ist insbesondere im Hinblick auf die
Abwandlung beachtlich. Durch den abstrakten Verkehrsschutz ist eine Anwendung von § 176
HGB auf deliktische Ansprüche zu verneinen. Diese Bearbeiter wenden daneben die
juristischen Auslegungsmethoden an und zeigen alle Probleme sachgerecht auf. Insbesondere
können so die Probleme des Grundstücksankaufs durch Prokuristen, der Schutz des
Rechtsverkehrs durch § 15 HGB und durch § 176 HGB in Ausgangsfall und Abwandlung
gewinnbringend dargestellt werden. Außerdem ist von guten Bearbeitern in der Abwandlung
eine sachgerechte Darstellung von § 823 Abs. 1 BGB sowie Ausführungen zur
Nichtanwendbarkeit von § 831 BGB zu erwarten.

Nebenfächler haben die handels- und gesellschaftsrechtlichen Probleme sachgerecht


aufzuzeigen und zu lösen, eine gutachterliche Lösung kann nicht erwartet werden!