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Und die Sterne verblaßten

TERRA - Utopische Romane


Band 40

von JAY GRAMS

Diese e-Book besteht zu 100% aus chlorfrei gebleichten, recyclebaren, glücklichen Elektronen.
3 TERRA

Wir diskutieren ...

Die Seite für unsere TERRA Leser

Liebe SF-Freunde!

Mit TERRA-Band 41 erscheint:


Raumschiff ohne Namen
von WOLF DETLEF ROHR

Als Rex Harrison und seine Männer von der Raumpolizei bei einem Patrouillenflug zwischen Erde
und Jupiter einen fremden Raumschiffgiganten aufspüren, der die Erde anfliegt und schließlich
in einem amerikanischen Raumflughafen landet, wissen sie noch nicht, in welche phantastischen
Abenteuer sie durch dieses Erlebnis verwickelt werden. Das von ihnen entdeckte Raumschiff ist
nicht bemannt. Zwangsläufig tauchen jetzt die Fragen auf: Woher kommt das Schiff? Wo ist seine
Besatzung? Was soll das Auftauchen dieses Schiffes überhaupt bedeuten? Besteht Gefahr für die
Erde?
Eine mysteriöse Angelegenheit, die noch mysteriöser wird, als Rex Harrison und seine Männer
eines Tages spurlos verschwunden sind. Andere Zeitdimensionen, unbekannte Welten, ungeahnte
Abenteuer und eine phantastische Technik geben dieser Space Opera eine Sonderstellung in der
deutschen Science Fiction-Literatur. Wolf Detlef Rohr, der bekannte Autor vieler hervorragender
SF-Romane, verblüfft Sie mit einer Erzählung, die im wahrsten Sinn des Wortes Dimensionen
sprengt.
Diesen Band erhalten Sie in der nächsten Woche bei Ihrem Zeitschriftenhändler für 60 Pfennig.
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1. Kapitel Alec und Jeff sahen sich für einen Moment in die
Augen.
Kopfschüttelnd wandte sich Alec Pown vom Tele- „Nun, Jeff, was hältst du davon?“ Der Gefragte
skop ab. Sein Blick ruhte auf Jeff Winters, seinem As- zuckte ein paarmal mit den Schultern.
sistenten.
„Ja — Alec, da fragst du mich zuviel. Ich kann es
„Die Sache wird immer mysteriöser“, meinte er und mir nicht erklären. Mehr kann ich dir auch nicht sa-
machte eine Kopfbewegung zum Teleskop hin. gen.“ Er lachte den Freund an.
„Diesen geheimnisvollen, farblosen Fleck im All Ein Seufzer entrann den Lippen Alec Powns.
beobachte ich nun seit Wochen, und ich habe das
„Grinse nicht so, Jeff! — Mir ist gar nicht zum La-
untrügliche Gefühl, als würde er sich ausbreiten und
chen zumute. Ich weiß nicht recht, aber irgendwie ge-
immer größer werden. An dieser Stelle des Wel-
fällt mir das gar nicht. Vielleicht bilde ich mir auch
tenraums sind einfach keine Sterne zu sehen. Und
etwas ein, was gar nicht ist. Ich bin froh, wenn in ein
schwarz ist der Raum an diesem Platz auch nicht! Er
paar Wochen unsere Zeit hier oben um ist und der Ur-
hat dort eine eigentümliche Tönung; wenn man es ge-
laub beginnt.“ Bei diesen Worten leuchteten seine Au-
nau nimmt, dann ist es eigentlich überhaupt keine Far-
gen auf. Urlaub!
be! — Jeff, komm doch mal her und sieh es dir an.“
Noch knapp zweieinhalb Monate, dann war Jeffs
Langsam erhob sich Jeff Winters von seinem Platz
und seine Zeit hier oben um. Der Dienst dauerte in
und trat einige Schritte vor. Alec Pown ging ein wenig
dieser Station genau 3 Monate. Danach folgten vier
zur Seite, damit sein Gefährte — übrigens der einzi-
Wochen Urlaub auf der Erde, und dann begann wieder
ge Mensch, der ihm auf dem fernen Mond des Saturn,
der Dienst auf Titan. In der Zwischenzeit wurden Jeff
dem Titan, Gesellschaft leistete — ans Objektiv konn-
und er von Ersatzmännern vertreten.
te. Die Station, in der sich Alec Pown und Jeff Winters
befanden, konnten bequem zwei Mann bedienen. Jeff Winters blickte sehnsuchtsvoll vor sich hin.
Und wie schon so oft, fing er an, von seinen Reise-
Es wäre für einen einzigen Mann nicht schwierig
plänen zu erzählen, die er in seiner Urlaubszeit in die
gewesen, die anfallende Arbeit in der Station zu ver-
Tat umsetzen wollte.
richten, aber die Gesellschaft „Interplanetary“ fürch-
tete die psychische Belastung, die der Aufenthalt auf „Weißt du, Alec, ich freue mich darauf, wenn in
einem unbewohnten Weltenkörper mit sich bringen zweieinhalb Monaten unsere Zeit hier auf der Station
konnte. Die Einsamkeit konnte einen einzigen Mann abgelaufen ist. Dann haben wir wieder ein paar net-
innerhalb weniger Wochen irrsinnig machen. Selbst zu te Wochen auf der Erde vor uns. Übrigens, Alec, bei
zweit war es schon schwer genug. meinem letzten Urlaub habe ich ein hübsches Mädel
Richtig genommen waren Alec Pown und Jeff Win- kennengelernt. Es ist wirklich schade, daß ich sie dir
ters nicht mal allein auf der Station. Die „Interplaneta- damals nicht habe vorstellen können. Warum bist du
ry“ hatte auf jeder ihrer Beobachtungsstationen einen nicht mit nach Florida gefahren?“
Roboter, der die schwierigsten und unangenehmsten Aber Alec war gar nicht bei der Sache. Ganz ande-
Dinge zu verrichten hatte. re Gedanken gingen ihm durch den Kopf. „Halte jetzt
Und dieser Roboter — „Sniffie“ genannt — war den Mund, Jeff“, sagte Alec.
die angenehme Seite während des Aufenthaltes auf Ti- Jeff quittierte die Worte Alecs mit einem schiefen
tan. Das Positronengehirn, das heutzutage schon jeder Blick.
Roboter besaß, machte Sniffie fast menschenähnlich. „Dann eben nicht!“
Alec und Jeff hatten schon manche Träne über „Snif- „Ach“, meinte nun Alec wieder etwas freundlicher,
fie“ gelacht. — „das darfst du nicht so auffassen! Aber ich kann ein-
Jeff hatte indessen auf dem Sitz Platz genommen fach nicht verstehen, wie du von solchen Dingen an-
und stellte an dem Okular. Als er hindurchblickte, ent- fangen kannst, wo wir gerade erst diese geheimnisvol-
rann ein leiser Ausruf des Erstaunens seinen Lippen. le Erscheinung wahrgenommen haben!“
„Verdammt, Alec, du hast recht! Vor vierzehn Ta- Er ging aufgeregt in dem kleinen Raum im Kreise
gen hatte ich diesen Flecken schon wahrgenommen! herum.
Aber wenn ich ihn mir heute betrachte, dann muß ich „Ich mache mir ernstlich Sorgen! Da ist etwas, was
dir schon zustimmen: er hat sich verflucht schnell aus- ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen ha-
gebreitet!“ be, etwas, was noch niemals in unserem Weltenraum
Jeff blickte noch einmal durch das Okular. Er konn- da war! Ich kann mir einfach diesen verfluchten Fleck
te sich dieses eigenartige Phänomen auch nicht erklä- nicht erklären, Jeff. Ich kann nachdenken, soviel ich
ren. An diesem Platz des Universums war tatsächlich will, aber zu einem Ergebnis komme ich nicht! Weißt
ein — Nichts! Kein Stern, und auch die samtschwarze du was, Jeff“ — Alec Pown drehte seinen massigen
Tönung des Weltenraums, die man sonst überall wahr- und doch sportlich trainierten Körper zur Seite. Er
nehmen konnte, war verschwunden! blickte Jeff fest an — „ich werde ,Sniffie’ holen und
Jeff erhob sich wieder und ging an das Funkgerät. ihn fragen, was er davon hält.“
Und die Sterne verblaßten 6

„Sniffie“ war ein famoser Kerl — ein Roboter. Aber „Du sollst lediglich eine Feststellung für Alec ma-
er wurde von Alec und Jeff wie ein Mensch behandelt. chen.“
Jeff lachte. „Eine gute Idee, den Roboter zu fragen, „Jawohl, Herr, das will ich gern tun.“ „Also, nun
Alec. Ich halte es sogar für möglich, daß er ganz lo- paß mal auf“, begann Alec. „Du gehst jetzt an das Te-
gisch die Erscheinung im Raum klären wird. Hole ihn leskop und blickst durch das Objektiv. Und das, was
also.“ du siehst, teilst du mir mit. Ja?“
Alec nickte nur und trat einige Schritte zu sei- „Ja, Herr.“ Er drehte sich um und ging geradewegs
nem Teleskop. Neben dieser Apparatur befand sich ein auf das Teleskop zu. Er setzte sich auf den Metallsitz
komplizierter Instrumententisch, den nur Alec Pown und blickte durch das Okular.
bedienen konnte. Er drückte hastig einen Knopf in die Gespannt warteten die beiden Freunde auf seine
Fassung. Ein rotes Licht leuchtete gleich darauf an der Antwort. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe sich der
Instrumententafel auf. Roboter meldete.
„So“, meinte Alec Pown befriedigt, „,Sniffie’ wird „Das, was ich sehe, Herr, ist nichts!“ Sniffie sagte
gleich hier sein.“ es so, wie er es sich in seinem Positronengehirn vor-
stellte und erfaßte. „Da ist wirklich nichts. Lediglich
Wie „Sniffie“ zu seinem Namen gekommen war,
ein Fleck, den ich mir nicht erklären kann. Aber die-
das wußten nur Jeff Winters und Alec Pown. Vor etwa
ser Fleck ist auch nichts.“ Niedergeschlagen blickte er
drei Jahren, als die Gesellschaft „Interplanetary“ ih-
sich um. Man hatte den Eindruck, daß er traurig auf
re Station auf Titan einrichtete und die beiden Freun-
Alec sah. „Es tut mir leid, Herr, daß ich Ihnen nicht
de mit dieser Aufgabe betraute, wurde auch zum er-
dienen kann.“
stenmal der Roboter „Sniffie“, der in Wirklichkeit die
Nummer 1567 — 16/29 trug, eingesetzt. „Schon gut“, meinte Alec. „Ich habe auch gar nichts
anderes erwartet. Ich kann mir diese Erscheinung auch
In der ersten Zeit sprachen ihn Alec und Jeff nur mit nicht erklären. Einen Vorschlag oder eine Vermutung
„16/29“ an, bis eines Tages Alec Pown einen solchen hast du auch nicht, Sniffie?“ „Nein, Herr“, antworte-
Schnupfen hatte, daß er mit einer roten Nase herumlief te der Roboter. „Es gibt nur eine Lösung: In unserem
und die meisten Stunden des Tages damit verbrachte, Kosmos gibt es eine Stelle, in der nichts ist.“
daß er nieste. „Sniffie“ hörte und sah sich das einige
Alec nickte verstehend.
Tage ruhig mit an, bis er eines Tages in die Beobach-
tungskabine kam und ebenfalls zu niesen anfing. Er „Schon gut, altes Haus.“
versuchte jedenfalls mit seinen eingebauten Geräten Der Roboter Sniffie hob protestierend den Kopf.
dieses Geräusch nachzumachen! Es gelang ihm auch „Ich bin kein altes Haus, Herr, ich bin ein Roboter!“
fast. Jeff und Alec lachten laut auf, als Sniffie diese Fest-
Ein Roboter dachte logisch, so, wie es ihm sein Po- stellung traf.
sitronengehirn vorschrieb. Er hatte entdeckt, daß ei- Alec nickte dem Roboter noch einmal lächelnd zu
ner seiner Herren dieses eigenartige Geräusch von sich und ging dann wieder zu Jeff an den Instrumenten-
gab, folglich machte er es nach. Und seit jedem Tage tisch.
hatten Alec Pown und Jeff Winters für „16/29“ den „Es ist das beste, Jeff“, meinte er, „wir machen die
Namen „Sniffie“ geprägt. Station auf Mars auf diese eigenartige Erscheinung
Angespannt blickte Jeff zu der massiven Metalltür. aufmerksam. Ob es nun etwas Wichtiges ist oder nicht,
das ist mir egal. Auf jeden Fall wirst du einen genau-
Plötzlich glitt die Tür in eine der Wandseiten und en Bericht geben. Während der gesamten Zeit haben
der Roboter trat herein. Mit leichten Schritten kam er wir keine besonderen Vorkommnisse melden können,
näher. Obwohl „Sniffie“ schon vor gut drei Jahren her- obwohl wir diesen Fleck nun schon gut 14 Tage be-
gestellt worden war, konnte er sich intelligenzmäßig obachten. Heute aber werden wir die Herren auf der
und auch im Aussehen mit den neuesten Produktionen Zentralstation darauf aufmerksam machen. Vielleicht
messen. Sein Körper glich nicht einem eckigen, klo- werden sie aus diesem farblosen Fleck klug. Ich wer-
big anzusehenden Metallkasten. Nein, „Sniffie“ besaß de es jedenfalls nicht. Selbst Sniffie ist ratlos, und er
wohlabgerundete Formen, und wirkte trotzdem stabil. weiß doch sonst immer eine Erklärung, wo menschli-
Er war etwa 1,80 m groß. Das war fast die Größe Alec ches Denken versagt. Also, Jeff, mache den Apparat
Powns. bereit!“
„Sniffie“ kam ganz dicht zu Alec und Jeff heran, die Alec Pown wandte sich um und sprach den Robo-
beide vor dem Instrumententisch saßen. ter an, während Jeff indessen den gewünschten Funk-
Der Roboter begann zu reden. „Da bin ich, meine spruch durch den Raum jagte.
Herren. Was ist zu tun?“ Er ließ seine Augen, die in „Und du“, meinte Alec zu Sniffie, „wirst jetzt in die
einem tiefen Rot glühten, nachdenklich auf Alec ru- Küche gehen und uns ein leckeres Mahl bereiten.“
hen. „Geht in Ordnung, Herr“, erwiderte Sniffie und er-
„Eigentlich nichts Besonderes, Sniffie“, meinte Jeff hob sich. Er ging eilig zur Tür und verschwand im äu-
und machte eine Handbewegung zu dem Teleskop hin. ßeren Gang.
7 TERRA

John Shine, der Vorsteher der Station auf dem Mars, John Shine blickte hoch. „Sind Sie fertig, Miß Ja-
hielt zwei Funktelegramme in der Hand. ne?“
Seine Augen glitten über die Texte. „Ja, Mr. Shine. Es ist alles bereit. Sie können dik-
Erstaunt kniff er die Augen zusammen und verglich tieren.“ Jane Leith blickte abwartend auf ihren Vor-
dann beide Meldungen miteinander. gesetzten. Ohne lange Vorrede legte Shine los. „An
Seltsam — ging es ihm durch den Kopf —, zwei den Vorsteher der Station ,Centauri VI.’ — Veranlas-
Telegramme, von zwei verschiedenen Stationen ab- sen Sie bitte alles Weitere, um das Geheimnis der Er-
gesandt, und doch enthielten fast beide den gleichen scheinung, die im Gebiet der Sonne Regulus gesichtet
Text. Beide Meldungen berichteten ihm von einer selt- wurde, zu klären! Ich gebe Ihnen die Vollmacht, die
samen Erscheinung im Weltenraum. für die Expedition zum Arkturus vorgesehenen sechs
Abermals überflog John Shine die Texte. Er blick- Schiffe schnellstens startbereit zu machen. Die Flug-
te dann abwesend noch einmal auf die Absender, ob- order lautet: Regulus! Es ist alles Menschenmögliche
wohl er genau wußte, von wo die beiden Telegramme zu tun, das Phänomen des ,Grauen Flecks’ zu klären!“
kamen. Das eine war von einer der wichtigsten Zweig- Nachdem die Sekretärin ihm zugenickt hatte, füg-
stationen des Systems Alpha Centauri, und das andere te er noch hinzu: „Das geben Sie bitte sofort durch.
kam von Jeff Winters, der sich auf der Station auf Ti- Und — bestätigen Sie mir bitte den Empfang der Mel-
tan befand. dung.“
Obwohl John wiederholt die Berichte gelesen hatte, Er drückte auf den Knopf, und die Tür glitt wieder
konnte er noch immer nicht ihren wahren Sinn erfas- vor die Öffnung und trennte ihn von dem dahinterlie-
sen. Er wußte zwar, daß man eine eigenartige Erschei- genden Raum.
nung wahrgenommen hatte, die sich sogar ausbreite- Nachdenklich stützte Shine seinen Kopf in beide
te, aber um was es sich dabei handelte, das vermochte Hände. Ohne daß er es wollte, fiel sein Blick wieder
auch er nicht zu sagen. auf die beiden Funktelegramme.
Leise pfeifend, drückte er auf einen versteckten Er schüttelte nur den Kopf.
Knopf, der sich unterhalb der metallenen Tischleiste Dann griff er jedoch nach ihnen und legte sie zu-
befand. Im gleichen Augenblick öffnete sich die ge- sammengefaltet in eines der eigens dafür vorgesehe-
genüberliegende Wandseite, das heißt, eine geschickt nen Fächer. Er zog gerade seine Hand zurück, als aus
angebrachte Tür glitt zur Seite und gab den Blick in einem schmalen Schlitz seines Tisches ein neues Tele-
den dahinterliegenden Raum frei. gramm rutschte.
In einem freundlich erhellten Zimmer saß hin- John Shine griff danach und öffnete es.
ter einem schwungvollen Schreibtisch eine ebenso
Seine Augen nahmen den Text auf.
schwungvolle Sekretärin. John Shine lächelte, als er
ihrer ansichtig wurde. Das tat er immer, obwohl er „Geheimnisvollen Fleck entdeckt — wissenschaft-
schon die Fünfzig überschritten hatte und über die liche Erklärung nicht möglich — stehe vor einem Rät-
Hälfte dieser Jahre verheiratet war. sel. — Dr. Jack Zyd, Stationsvorsteher auf Tyalan, Al-
pha Centauri.“
„Miß Jane, bitte machen Sie die Maschine für ei-
ne dringende Durchsage bereit“, sagte er leise. Sei- Also auch da! John Shine ließ das Telegramm sin-
ne Stimme wurde von den vielen Mikrofonkapseln, ken. Jetzt war schon fast von sämtlichen wichtigen
die sich auf seinem Tisch befanden, aufgenommen Stationen, die die Interplanetary im Besitz hatte, die-
und in dem Raum, wo sich Miß Jane aufhielt, ver- se Entdeckung gemeldet worden. Im Alpha Centau-
stärkt. Während die hübsche, junge Sekretärin leicht ri waren fünfzehn Stationen errichtet. Das System der
mit dem Kopf nickte und das Gewünschte zurecht- Sonne Alpha Centauri war das einzige Sonnensystem,
machte, schrieb sich John Shine hastig ein paar Sät- das irdische Raumschiffe bis jetzt erreicht hatten. Es
ze auf einen vor ihm liegenden Block. Ohne den Kopf war das nächstliegende. Andere, fremde Sonnensyste-
zu heben, meinte er: „Und bereiten Sie den Anschluß me lagen bis jetzt noch nicht im Forschungsbereich
bitte so vor, daß eine Direktsendung zum Pluto ermög- der irdischen Wissenschaftler.
licht wird.“ Er schrieb weiter. Seit einiger Zeit befanden sich auf Station VI sechs
Auf dem Pluto befand sich die wichtigste Zentral- Raumschiffe, die für eine Expedition zum Arkturus
funkstation, die mit dem Sonnensystem Alpha Cen- ausgerüstet wurden. Es waren die besten und schnell-
tauri laufend in Verbindung stand. Und auf Pluto war sten Schiffe, die Menschen je gebaut hatten. Die neue-
auch die Anlage, die als die modernste im gesamten sten wissenschaftlichen Erkenntnisse fanden in ihnen
Sonnensystem galt, jene technische Einrichtung, mit ihren Niederschlag. Die Schiffe vermochten die Ent-
der die Stationsleute in der Lage waren, eine Funkbot- fernung zum Arkturus in etwa 1,5 Jahren zu bewälti-
schaft überlichtschnell durch den Raum zu jagen! So gen.
würde John Shines Meldung wenigstens in knapp 3 John Shine murmelte undeutlich vor sich hin.
Tagen im System der Sonne Alpha Centauri sein.. Vor Von zwei Planeten des Alpha Centauri war nun die
wenigen Monaten noch benötigte man Jahre für eine Meldung schon eingetroffen. Insgesamt lagen drei Te-
Funkbotschaft. legramme vor, eines davon vom heimatlichen System.
Und die Sterne verblaßten 8

John Shine hatte das unbestimmte Gefühl, daß ir- seinem Kommando zu fliegen und zu arbeiten hatten,
gend etwas im Raum vor sich ging, wovon noch nie- waren von ihrem Captain begeistert. Clayd Rivat war
mand eine Ahnung hatte. Er hatte auch das Gefühl, in erster Linie Mensch und erst in zweiter Linie Kom-
daß im Laufe des Tages noch viel mehr Telegramme mandant.
eintreffen würden, als jetzt schon vorlagen. James Stevenson lächelte ihm dankbar zu.
Er sollte sich nicht getäuscht haben. „Danke, Clayd! Ich wußte, daß ich mich auf Sie ver-
lassen kann. In drei Stunden also. Stellen Sie sechs
2. Kapitel Schiffe bereit, und suchen Sie sich die Männer aus.“
Er sah kurz auf seine Armbanduhr. „Wir haben jetzt
Die beiden gewaltigen Sonnen Alpha und Beta genau zehn Minuten nach 2 Uhr nachts irdischer Zeit.
Centauri standen am tiefblauen Himmel von Caylou, Um fünf Uhr könnte also alles bereitstehen. Die ge-
dem vierten Planeten der Sonne Alpha Centauri. Ih- nauen Positionen und Koordinaten werde ich Ihnen in
re sengenden Strahlen brachen sich tausendfältig an spätestens einer Stunde bekanntgeben. Ich werde die
dem gigantischen gläsernen Kuppelgebäude der Stati- graue Masse im All nochmals genauestens beobach-
on „Centauri VI“. ten und einige Fotografien davon machen. Vielleicht
In einer der kleinen Beobachtungskabinen saß Ja- hilft uns das weiter.“
mes Stevenson. Vor ihm, an dem runden Tisch, sa- Clayd Rivat erhob sich von seinem Sitz, nickte kurz
ßen fünf Männer, die gespannt auf ihn blickten. Nach den anderen versammelten Herren zu und verließ den
John Shines Funkspruch hatte James Stevenson sofort Raum. Während er die Tür hinter sich ins Schloß zog,
die maßgeblichen Männer, die sich in der Kuppelstadt wandte er sich noch einmal um und sagte leise: „Sie
„Centauri VI“ aufhielten, zusammenrufen lassen und können sich auf mich verlassen, James. Ich garantie-
ihnen den Text vorgelesen. re Ihnen, daß punkt fünf Uhr sechs Schiffe mit voller
„Na“, meinte James Stevenson dann und blickte Besatzung bereitstellen.“
einen nach dem anderen an, „was sagt ihr zu dem Die Tür schloß sich vollends.
Funkspruch?“ Obwohl James Stevenson den Commander nun
„Ich finde, man sollte ihn so schnell wie möglich in nicht mehr sehen konnte, nickte er ganz automatisch.
die Tat umsetzen“, meldete sich Clayd Rivat, der Cap- Er wußte, daß kein Mann geeigneter für die Füh-
tain der Raumpatrouille. rung der Raumpatrouille war als Clayd Rivat. Der
„Meiner Meinung nach hat Shine recht, wenn er Commander hatte schon viele Probleme gelöst, aber
behauptet, daß unbedingt versucht werden muß, her- James Stevenson hatte das untrügliche Gefühl, daß
auszubekommen, um was es sich bei dieser Erschei- diesmal auch ein Clayd Rivat nicht weiterkommen
nung handelt. Wie Sie uns ja vor wenigen Minuten erst würde.
selbst gesagt haben, James, breitet sich der rätselhafte Obwohl es schon fünf Uhr morgens nach irdischer
Fleck zusehends aus. Zeitrechnung war, wirkte der Himmel von Caylou
Es muß etwas getan werden, um das zu untersu- noch dunkel. Vier Monde, die in einem gleißenden
chen. Ich selbst habe durch das Teleskop gesehen, daß grünen Licht am Firmament standen und eine gigan-
an dieser Stelle des Weltenraumes keine Sterne zu se- tische Elipse bildeten, vermochten nicht den Himmel
hen sind! Ich hatte dabei den Eindruck, als wären sie zu erhellen.
regelrecht von der grauen Masse aufgelöst worden!“ Clayd Rivats Blick glitt nachdenklich über den qua-
James Stevenson blickte Rivat entgeistert an. dratischen Bildschirm, der sich in Kopfhöhe vor ihm
„Wissen Sie, Clayd, daß Sie eine Vermutung aus- befand. Seine Finger lagen noch ruhig auf den Knöp-
sprechen, die ungeheuerlich ist? — Aber Sie haben fen der gewaltigen Schaltapparatur. Ohne sich umzu-
recht, die rätselhafte Stelle im Weltenraum erweckt wenden, sprach Captain Rivat zu seinem zweiten Pi-
tatsächlich den Eindruck, als wäre der Raum an die- loten, Walt Mash.
ser Stelle ,aufgefressen’ worden. Es sieht wirklich so „Wärmen Sie bitte die Aggregate an, Walt. In genau
aus!“ zehn Minuten werden wir starten.“
James Stevenson blickte sich in der Runde um: Sein Blick heftete sich immer noch auf die vier
„Also, meine Herren, dann werden Sie sofort al- grünlich schillernden Monde von Caylou, die klar und
les Notwendige veranlassen und das Gebiet der Sonne deutlich auf seinem Bildschirm erschienen. Ganz hin-
Regulus anfliegen. Clayd Rivat, Sie werden die besten ten am Horizont erkannte Clayd die erste Sonne Al-
Männer für die Patrouille zusammenstellen. Ich den- pha Centauri, die sich langsam herandrehte. Es konnte
ke, daß in spätestens drei Stunden alles bereit ist. Kann nun nicht mehr lange dauern, bis die jetzt noch dunkle
ich mich darauf verlassen?“ Nacht innerhalb weniger Sekunden zum. Tage gewor-
Commander Clayd Rivat nickte nur. Er machte sel- den war.
ten viel Worte. Rivat war als aufrichtiger und freundli- Obwohl Clayd Rivat dieses Schauspiel schon Hun-
cher Mensch in sämtlichen Kreisen bekannt. Man lieb- derte Male beobachtet hatte, fesselte es ihn immer
te und schätzte ihn. Auch die Besatzungen, die unter wieder.
9 TERRA

Die gewaltige weiße Scheibe von Alpha Centauri Es gelang Clayd Rivat heute nur schwer, die quä-
stand kaum bis zur Hälfte am Himmel, als sich auch lenden Gedanken abzuschütteln. Er konzentrierte sich
schon langsam, ganz dicht neben der ersten Sonne, auf den kreisenden Sekundenzeiger. Jeden Augenblick
der rote Ball von Beta Centauri heranschob. Im er- mußte er die große „60“ erreicht haben. Noch zehn Se-
sten Moment wirkte sie wie der kleinere Bruder von kunden — fünf — drei — zwei — eine — jetzt! Fest
Alpha Centauri. Aber dieser Eindruck täuschte unge- drückte Clayd Rivat den dunklen Knopf in seine Fas-
mein und nur im Augenblick. Nach wenigen Minuten sung. Im gleichen Moment ging ein kaum wahrnehm-
schon hatte der rote Ball die Größe der ersten Sonne bares Zittern durch den Raumschiffskörper, und zitro-
fast erreicht und änderte seine Farbe in ein sattes Gelb. nengelbe Bündel konzentrierten Lichtes drangen aus
Der lange 45-Stunden-Tag auf Caylou war angebro- dem Heck! Leicht hob sich der tonnenschwere, me-
chen. Von den vier grünen Monden war nicht mehr die tallblitzende Körper vom Boden ab und strebte unauf-
geringste Spur zu sehen. Das gleißende Licht der bei- haltsam dem tiefblauen Himmel zu. Immer schneller
den gewaltigen Sonnen schluckte den verhältnismäßig werdend, stürmte das Schiff unter Captain Rivats Füh-
schwachen Schein der vier Trabanten vollständig. rung durch die dichte Lufthülle des Planeten, senk-
Der rasche Wechsel von Tag und Nacht war vollzo- recht dem schwerelosen Raum entgegenfliegend.
gen. Obwohl der schlanke Raumschiffskörper, der nur
Clayd Rivat hatte während seines Beobachtens das hier und da einmal von einer gewaltigen Ausbuch-
feine, summende Geräusch vernommen, das sich im tung unterbrochen wurde, in denen sich die schwe-
Kommandoraum ausgebreitet hatte. ren Strahlengeschütze befanden, mit zehn Kilometer
Beschleunigung in der Sekunde durch die Lufthülle
Walt Mash hatte die Vorwärmer eingeschaltet.
raste, war von einem Andruck nicht das geringste zu
Der Captain zog das kleine Stabmikrofon dicht vor spüren! Die gigantischen Neutralisatoren glichen je-
seinen Mund. Seine volle Stimme wurde von den fei- den Andruck aus.
nen Rillen aufgenommen und mehrfach verstärkt. In
den anderen fünf Schiffen, die sich auf dem gewalti- Clayd Rivat konnte deutlich auf dem Bildschirm se-
gen Startplatz befanden und seinem Befehl unterstan- hen, wie sich die anderen fünf Schiffe seinem Schiff
den, tönte seine Stimme aus den Lautsprechern. anschlossen und ihm in angemessener Entfernung
folgten. Die beiden Sonnen, Alpha und Beta Centauri,
„An sämtliche Schiffe der Expedition! Der Start er-
glitten langsam aber unaufhaltsam aus seinem Blick-
folgt in genau drei Minuten. Sobald wir uns 100000
feld, als sein Schiff in den endlosen Raum hinein-
km von Caylou entfernt haben, wird pro Sekunde um
stieß. In einer gewaltigen Ellipse drehte Clayd Rivat
100 km beschleunigt! Das gilt bis zur Erreichung der
sein Schiff, die „Coron“, aus dem System hinaus und
Endgeschwindigkeit. Bitte um Bestätigung des Be-
stürmte auf Grund der niedergeschriebenen Koordina-
fehls. Ende!“
ten und Positionen James Stevensons der grauen, nicht
Er drückte das Mikrofon wieder nach unten und zu erklärenden Masse zu, die sich im System der Son-
blickte angespannt auf seinen Instrumententisch. Kurz ne Regulus befand.
hintereinander blitzten darauf fünf Lämpchen auf.
Man hatte also seinen Befehl in den anderen Schiffen In Form eines überdimensionalen Keiles folgten die
vernommen und verstanden. anderen fünf Expeditionsschiffe der „Coron“.
Der Blick des Captains heftete sich nun auf die Reichlich zwei Jahre raste nun Captain Clayd Ri-
große Uhr, die sich ebenfalls auf seinem Schalttisch vat mit seinen sechs Schiffen durch die grenzenlose
befand. Der rote Sekundenzeiger hatte noch genau Weite des Kosmos; Von den Frontbildschirmen sämtli-
eineinhalb Umdrehungen zu machen, dann würde das cher Schiffe war die geheimnisumwitterte graue Mas-
Schiff starten. Abwartend legte Rivat schon jetzt sei- se nicht mehr gewichen. Sie hatte sich in den ver-
nen rechten Zeigefinger auf den Startknopf. Seine Au- gangenen Tagen zusehends ausgebreitet und ihr Vo-
gen verfolgten das langsame Weitergleiten des schma- lumen gewaltig vergrößert. Clayd Rivat erkannte auf
len Zeigers. Noch dreißig Sekunden, dann war es so- seinem Bildschirm, der die Sicht aus dem Bug seines
weit. Schiffes wiedergab, daß das System der Sonne Regu-
Obwohl Clayd Rivat schon Hunderte von Patrouil- lus von der seltsamen Erscheinung schon fast erreicht
lenflügen hinter sich hatte, machte sich doch heute ei- war. Es konnte sich höchstens noch um wenige Ta-
ne eigenartige Unruhe, die er sich selbst nicht erklären ge handeln, dann war die gewaltige Sonne vollstän-
konnte, bemerkbar. Vor fast jedem Start war er immer dig von der Masse überdeckt. Und abermals gewann
die Ruhe selbst gewesen, aber heute war das ganz an- Clayd Rivat den Eindruck, daß diese eigenartige Mas-
ders. Kam das nun dadurch, daß er etwas klären muß- se die Sterne des Weltenraumes vernichtete, sie regel-
te, wo selbst James Stevenson, einer der besten Wis- recht auflöste!
senschaftler der Erde, vor einem Rätsel stand? Oder Der Commander schüttelte verständnislos den
kam es vielleicht dadurch, daß er langsam alt wur- Kopf, äußerte sich aber nicht laut. Er kam auch gar
de? Aber 35 Jahre, das war noch kein Alter für einen nicht mehr dazu, sondern gerade in dem Augenblick
Raumschiffcaptain. wurde er in seinen Gedankengängen unterbrochen, als
Und die Sterne verblaßten 10

er etwas Erschreckendes wahrnahm, das seine Vermu- Während Clayd Rivat schweigend nickte, rollte er
tungen zu bestätigen schien! Ganz in der Ferne, rechts den Streifen Zentimeter für Zentimeter auseinander
vom System der Sonne Regulus aus gesehen, glühte und nahm die Zeichen in sich auf. Seine Augen ver-
für den Bruchteil einer Sekunde ein kleiner, dunkler engten sich, als er an eine Stelle gelangte, die ihm
Weltenkörper auf. Und schon Sekunden später war er einen leisen Ausruf des Erstaunens entlockte.
verschwunden, regelrecht aus dem Weltenraum her- Aber das war doch unmöglich!
ausgelöst worden. An der betreffenden Stelle aber, wo Abermals überlas er die Berechnungen und schüt-
sich gerade noch der Stern befunden hatte, befand sich telte verständnislos den Kopf. Um einen Fehler jedoch
nun die graue, eigenartige Masse, die sich ein neues konnte es sich unmöglich handeln, denn ein Elektro-
Gebiet erobert zu haben schien, denn sie quoll nach nengehirn irrte sich nie.
dem Aufglühen des Weltenkörpers sichtbar auf.
Nach den Berechnungen aber, die er in der Hand
Eisiger Schreck fuhr Clayd Rivat in die Glieder! hielt, war ihnen die graue Masse innerhalb einer Stun-
Was hatte er soeben gesehen? Er konnte das kurze und de um fast 150 000 000 km nähergekommen. Da-
doch einprägende Erlebnis einfach nicht ganz in sich von war die Geschwindigkeit des eigenen Schiffes,
aufnehmen. Er verstand nicht, was sich noch vor weni- das 300 000 km in der Sekunde betrug, abgerechnet!
gen Sekunden vor seinen Augen abgespielt hatte. Das Die geheimnisvolle Erscheinung vor ihnen hatte ja ei-
ging über sein Begriffsvermögen. ne ungeheuerliche Geschwindigkeit. Und gerade das
Nachdenklich blickte sich Clayd Rivat in der Ka- fand Clayd Rivat mehr als unwahrscheinlich. Irgend-
bine um. Sein Blick fiel zunächst auf Walt Mash, der wo mußte doch ein Fehler stecken.
angestrengt die arbeitenden Instrumente beobachtete, „Tim, komm doch noch einmal kurz zu mir her-
um jederzeit früh genug eine Veränderung melden zu über!“ Ohne von den Berechnungen aufzublicken, rief
können. er den Funker und Navigator zu sich.
Auf dem Bildschirm jedoch schien er nichts Be- Die festen Schritte Tim Crulers waren schon kurz
sonderes gesehen zu haben. Jedenfalls erweckte das darauf neben ihm.
bei Clayd Rivat nicht den Eindruck. Er wandte des- „Was kann ich für Sie tun, Captain?“
halb seinen Kopf zur Seite und schaute durch die klare
„Paß mal auf, Tim“, begann Clayd Rivat. „Hier an
Sichtscheibe in die angrenzende Kabine, in der sich
dieser Stelle“ — der Captain wies mit der Hand dar-
Tim Cruler aufhielt, der die Funktion des Navigators
auf — „muß ein Fehler stecken. Es erscheint mir mehr
und Funkers übernommen hatte, Früher waren diese
als unwahrscheinlich, daß uns das eigenartige Gebil-
Arbeiten noch von zwei Personen verrichtet worden;
de innerhalb einer Stunde um 150 000 000 km näher
heute jedoch war das nicht mehr notwendig. Die prä-
gekommen sein soll. Um jedoch ganz sicherzugehen,
zis und unheimlich schnell arbeitenden Elektronenge-
möchte ich dich bitten, das Gehirn die gleiche Berech-
hirne nahmen einen Großteil der Navigation ab. Der
nung nochmals vornehmen zu lassen! — Okay?“
Mensch brauchte das Gehirn nur noch mit Daten und
schon fertigen Berechnungen zu füttern, und die be- „Geht in Ordnung, Captain. Aber — auch ich habe
nötigten Werte kamen schnell, und bis auf fünf De- mich über die Höhe dieser Zahl gewundert und des-
zimalstellen genau berechnet, heraus. Es war für Tim halb zweimal nachrechnen lassen. Es hat jedoch nichts
Cruler deshalb keine Schwierigkeit, beide Arbeiten zu genützt, jedesmal bekam ich dasselbe Ergebnis. Ich
verrichten. werde aber doch noch einmal eine Berechnung durch-
führen lassen. Schaden kann es ja nichts.“ Tim Cruler
Clayd Rivat konnte durch die Scheibe erkennen, wandte sich um und verschwand in seiner Kabine.
daß Tim soeben aus dem feinen Schlitz einen lan-
„Nein, Tim, laß es!“ rief ihm Clayd Rivat nach,
gen Papierstreifen zog und ihn hastig durch die Hand
während er überrascht den Papierstreifen aus der Hand
gleiten ließ, wobei er seine Augen flink über die Be-
legte. „Wenn du schon zweimal nachgerechnet hast,
rechnungen gleiten ließ. Ohne seinen Blick von dem
dann wird es wohl stimmen. Ich halte jetzt eine noch-
Papierstreifen zu nehmen, erhob er sich von seinem
malige Prüfung für unsinnig. Zweimal kann sich ein
Sitz und verschwand aus dem Blickfeld des Captains.
Elektronengehirn nicht irren.“ Er stützte seinen Kopf
Clayd Rivat wußte, daß Cruler jetzt in seine Kabine
in beide Hände und dachte nach.
kam.
An Überraschungen mangelte es ja nun gerade
Er hatte sich nicht getäuscht.
nicht. Erst die seltsame Erscheinung im Weltenraum,
Die massive metallene Schiebetür glitt in die ei- die er, Clayd Rivat, mit seinen Leuten zu klären hatte,
ne Wandseite, und Tim Cruler trat in den Komman- dann die Feststellung, daß sich das rätselhafte Gebil-
doraum. Wortlos reichte er seinem Captain den zu- de mit ungeheurer Geschwindigkeit im All ausbreite-
sammengerollten Papierstreifen. Bevor er sich jedoch te. Und dann noch jene Erscheinung, die wahrschein-
wieder umwandte und in seiner Kabine verschwand, lich nur er, Clayd, wahrgenommen hatte: jenes unver-
sagte er: ständliche Aufglühen eines Sternes, der scheinbar in
„Das sind die Berechnungen der letzten Stunde, die Nähe der grauen Masse gekommen war! Der Vor-
Captain.“ gang hatte sich so fest in sein Hirn eingeprägt, daß er
11 TERRA

laufend wie ein Film vor seinem geistigen Auge ab- Clayd Rivat fuhr sich mit der rechten Hand über die
rollte. Das war zweifellos die größte und schrecklich- Stirn. Kleine Schweißperlen tropften in seine Augen-
ste Überraschung, die er inzwischen auf diesem Flug brauen. Obwohl er den Vorgang ganz deutlich hatte
erlebt hatte. verfolgen können, gelang es ihm nicht, eine Erklärung
Clayd Rivat starrte entsetzt auf den Bildschirm! dafür zu finden. Er wußte nur, daß etwas Ungeheuerli-
ches geschehen war.
Innerhalb der letzten halben Stunde hatte die unde-
finierbare Masse ein Drittel der Fläche des Schirms Vor seinen Augen hatte sich eines seiner Schiffe
ausgefüllt. Lediglich in der linken unteren Ecke aufgelöst, ohne daß jemand hatte zu Hilfe eilen kön-
der Bildfläche blitzten noch einzelne Sterne aus der nen.
samtschwarzen Unendlichkeit. Die graue unerklärli- Unbeherrscht riß der Captain das Stabmikrofon
che Masse aber überwog bei weitem. hoch.
Tim Cruler hatte erst vor wenigen Minuten die Es geschah nur sehr selten, daß Clayd Rivat seine
Feststellung getroffen, daß sich die Geschwindigkeit Ruhe und Beherrschung verlor.
der geheimnisvollen Erscheinung stetig erhöhte. Im- „An sämtliche Schiffe der Expedition! — Meine
mer schneller raste die graue, sternenlichtaufsaugende Herren“, fuhr er dann etwas ruhiger fort, obwohl man
Masse durch den Raum. Immer schneller kam sie der ihm anhörte, welch eine Unruhe in seinem Innern tob-
heranfliegenden Raumpatrouille entgegen. te, „ich warne Sie nochmals, zu nahe an das Gebil-
Unerklärlich für jeden einzelnen in den Raumschif- de heranzufliegen. Sie haben soeben gesehen, was ge-
fen und für — Clayd Rivat. schieht. Bleiben Sie mit ihren Schiffen in beträchtli-
cher Entfernung. Wir haben es mit einem Phänomen
Nachdenklich zog er das feine Stabmikrofon höher. zu tun, für das es noch keine Erklärung gibt. Den-
„An alle Schiffe der Expedition! — Verhindert, daß ken Sie immer daran! Ich...“ Er wurde mitten in sei-
ihr in die Ausläufer der grauen Masse gelangt. Ich ha- nen Ausführungen unterbrochen, als aus einem der
be eine fürchterliche Vermutung, die sich vielleicht in Lautsprecher ein fast unmenschlicher, schriller Schrei
den nächsten Stunden bewahrheiten wird. Sobald die- kam!
ser sich ausbreitende Fleck in das System der Sonne „Die Sonne Regulus, Captain“, drang es laut an sein
Regulus gelangt, wird es sich zeigen. Verringert inzwi- Ohr. „Sie... sie... löst sich auf!!!“
schen eure Geschwindigkeit auf höchstens 10 000 km Clayd Rivat zuckte zusammen. Jeder einzelne Nerv
in der Sekunde und vergeßt nicht, im beträchtlichen in ihm bebte, als er das erblickte, was sich seinen Au-
Abstand zu bleiben. Nicht zu nahe an das Gebilde her- gen bot. Es war in höchstem Maße unwahrscheinlich
an!“ und schrecklich. Er glaubte ein Schauspiel zu sehen,
Der Fleck auf dem Bildschirm Clayd Rivats hatte das in dem Gehirn eines Verrückten entstanden war.
sich weiter ausgebreitet. Richtiggenommen war es ei- Und doch — es war rauhe, bittere Wirklichkeit!
gentlich gar kein Fleck, stellte der Captain im stillen Die graue, gähnende Leere hatte das gewaltige
fest. Es war mehr eine gähnende, nicht zu beschrei- System der Sonne Regulus vollständig erreicht und
bende Leere. Ein — Nichts! schon fast völlig eingeschlossen. Auf der Bildfläche,
Captain Clayd Rivat hatte inzwischen sein Schiff vor Clayd Rivats Augen war ein brodelndes, aufquel-
aus dem Verband gelöst und war in einer weiten lendes Meer des Grauens.
Schleife den äußeren Ausläufern der Erscheinung ent- Der Glanz der prächtigen Sonne erlosch.
gegengeflogen. Die Geschwindigkeit hatte sich be- Das graue, unendlich wirkende Loch breitete sich
trächtlich vermindert. aus und kam rasch auf die Raumschiffe zu.
Auch die anderen fünf Schiffe der Patrouille Obwohl Captain Clayd Rivat noch ganz im Bann
schwärmten aus, um die hohe Geschwindigkeit zu des soeben Erlebten stand, war er geistesgegenwärtig
drosseln. genug, den Beschleunigungshebel zur Seite zu reißen
Und in diesem Augenblick geschah es! und gleichzeitig in das Mikrofon zu brüllen:
Mit ungeheurer Geschwindigkeit stieß eines der „So schnell wie möglich zurück! Das Gebilde
Schiffe in die graue Leere hinein! Es mußte dem Pilo- kommt auf uns zu!“
ten nicht rechtzeitig gelungen sein, das Schiff herum- Der Andruck, der im ersten Moment auf dem Schiff
zureißen. Mit vor Entsetzen geweiteten Augen starrte lag, riß den Captain fast von seinem Sitz. Aber dann
Clayd Rivat auf den Schirm. Was sich seinen Augen begannen die Neutralisatoren zu arbeiten. Ihr dröhnen-
bot, ließ ihm für Sekunden den Atem stocken. des Geräusch verlor sich in einem schrillen, pfeifen-
Die Spitze des Raumschiffes war kaum in der Mas- den Wimmern. Die „Coron“ stieß zurück, wich der
se verschwunden, als es auf dieser Stelle so eigenartig heranstürmenden Masse aus!
aufquoll, wie es der Captain schon einmal hatte be- Die noch dunkle von den Sternen des Weltenraumes
obachten können. Und gleich darauf war nicht mehr übersäte Bildfläche wurde wieder etwas größer, ob-
ein Millimeter des Flugkörpers zu sehen. Er hatte sich wohl die unheimliche Erscheinung immer näher kam.
aufgelöst, in ein Nichts! Von dem gewaltigen Gebilde der Sonne Regulus war
Und die Sterne verblaßten 12

nichts mehr zu sehen. Die gähnende Leere hatte sie in Gott sei Dank, der unheimlichen grauen Masse wa-
sich aufgenommen! Ein ganzes Sonnensystem war ihr ren sie auf jeden Fall entkommen. Im Vergleich zu
zum Opfer gefallen. Unerklärlich und geheimnisvoll der Geschwindigkeit der Raumschiffe schlich sich die
löste das Gebilde feste Körper und sogar die Schwär- graue, unheimliche Leere nur langsam durch das All.
ze des Raumes auf! Und doch — mit welch einem Tempo folgte sie ihnen!
Captain Clayd Rivat war erschüttert. Seine Ge- In diesem Augenblick erschien das fremde Schiff
sichtsfarbe, die sonst in einem angenehmen Braun er- auf der Bildfläche!
schien, hatte eine eigenartige fahle Blässe angenom- Es kam nicht langsam oder schnell heran, sondern
men. Sein Atem ging stoßweise. Sein Körper zitterte. war einfach da! Materialisierte sich aus dem Nichts
Zum erstenmal in seinem Leben und in seiner Lauf- und stand direkt vor dem Schiff Clayd Rivats!
bahn als Raumfahrer hatte Captain Clayd Rivat Angst! Die Augen des Captains weiteten sich. Zum ersten
Ganz erbärmliche Angst! Angst vor dem Unbekannten Mal sah er einen fremden Flugkörper, der nicht auf
und Schrecklichen, das er mit eigenen Augen erlebt der Erde gebaut worden war! Er konnte einfach nicht
hatte. Er war Zeuge eines Ereignisses gewesen, wie es dort erbaut worden sein, denn er hatte eine seltsame,
wahrscheinlich noch keines Menschen Auge erblickt nicht zu beschreibende Form, eine Form, die nicht mit
hatte. Seine Leute und er hatten etwas gesehen, wie irdischen Worten zu beschreiben war! Etwas gänzlich
es schrecklicher und ungeheuerlicher gar nicht sein Neues! Die Erstarrung, die seinen Körper gepackt hat-
konnte. te, ließ ihn nicht los. Clayd Rivat kam nicht dazu, et-
was zu sagen, geschweige denn, sich dem Bann des
Captain Clayd Rivat hatte Angst! Jener Clayd Rivat,
fremden, unbekannten Flugkörpers zu entziehen. Sein
der schon manchen harten Kampf zu bestehen gehabt
Blick hing wie festgenagelt auf der Bildfläche.
hatte, der im System Sol und im System Alpha Cen-
tauri als der härteste Raumfahrer bekannt war. Und Und dann stand die Stimme im Raum, eine Stimme,
dieser Mann hatte Angst! die aus dem Nichts kam und in die Gehirne der anwe-
senden Menschen drang. In sämtlichen sechs Schiffen
Das, was er bisher zu bestehen gehabt hatte, war
war es das gleiche, die gleichen tönenden Worte.
erklärlich und verständlich gewesen, aber heute —?
„Zurück, Fremdlinge, wollt ihr nicht ein Opfer der
Hier stand er vor einem Rätsel! Es ging etwas im Räu-
MURA-Reaktion werden. Eilt aus diesem Gebiete
me vor, das sein kleiner Menschenverstand nicht mehr
fort! Nur so könnt ihr euer Leben retten!“
begreifen konnte. Es geschah etwas völlig Unerklärli-
ches, etwas, was anscheinend gegen alle Naturgeset- 3. Kapitel
ze verstieß. Ein Nichts, das den Raum mitsamt seinen
Sonnen- und Planetensystemen vernichtete! Clayd Rivat blickte sich gehetzt um. Walt Mash war
Ein tonloser Seufzer entrang sich den trockenen von seinem Sitz aufgestanden und hinter den Captain
Lippen Clayd Rivats. Es war alles so unglaublich. getreten. Auch Tim Cruler hatte seine Kabine verlas-
Sein Blick fiel auf den Bildschirm, der die Front- sen und war in den Kommandoraum gekommen.
sicht des Schiffes wiedergab. Mehr als dreiviertel der Schweigend starrten drei Augenpaare auf den farbi-
Fläche war von der ewigen Leere ausgefüllt. Auch der gen Bildschirm, auf dem noch immer das eigenartige,
Heckbildschirm war fast völlig bedeckt. Das Raum- fremde Raumfahrzeug zu sehen war.
schiff mußte unbedingt eine noch höhere Geschwin- Captain Rivat gewann nur langsam seine Fassung
digkeit erreichen, wenn es dem heranrasenden Gebil- zurück. „Was war das?“ fragte er heiser und blickte ab-
de ausweichen wollte. wechselnd auf Walt Mash und Tim Cruler. „Die Stim-
me? Wo kam sie her?“
Er zog den Beschleunigungshebel noch ein paar
Zentimeter nach vorn. Die zitronengelben Bündel ka- Niemand beantwortete seine Fragen. Mash und
men schneller und dichter aus den Heckdüsen. Die Cruler hoben nur die Schultern.
„Coron“ gewann an Geschwindigkeit. Dann war abermals die Stimme im Raum. Sie klang
voll und angenehm in die Stille, in eine Stille, die nicht
Clayd Rivat nickte leicht mit dem Kopf.
mal mehr von dem Dröhnen der Neutralisatoren und
Sollte das das Ende der Welt bedeuten? Jene unheil- dem Summen der Photonen-Aggregate unterbrochen
volle Erscheinung, die durch den Raum eilte und alles wurde. Jedes störende Geräusch schien ausgeschaltet
aufzulösen schien? War das nun wirklich das Ende, zu sein.
der endgültige Schluß allen Lebens? Das Ende des — „Ich warne euch nochmals! Verlaßt so schnell wie
gesamten Weltenraumes? möglich diesen Platz des Universums und fliegt eu-
Er vermochte nicht, sich eine Antwort auf seine Fra- re Heimatsonne an! — Von welchem System kommt
ge zu geben. ihr?“
Auf dem Bildschirm hatte die helle Fläche beträcht- Die Stimme erstarb in den Gehirnen der Men-
lich abgenommen. Das Raumschiff hatte seine Ge- schen, und augenblicklich waren wieder sämtliche Ge-
schwindigkeit weiter gesteigert. Clayd Rivat atmete räusche, die die Kraftstationen der „Coron“ verursach-
erleichtert auf, als er das sah. ten, zu vernehmen.
13 TERRA

Captain Clayd Rivat blickte erstaunt auf Tim Cruler. es uns möglich, die Atome deines Körpers völlig ab-
„Hast du das gehört, Tim? — Der Unbekannte hat zutasten und zu uns herüberzureißen.“
uns gefragt, wo wir herkommen.“ Und sich dem Bild- Wortlos stand Clayd Rivat von seinem Sitz auf und
schirm zuwendend, rief er laut: „Wir kommen aus dem stellte sich in die Mitte des Raumes. Tim Cruler und
System Sol, einer Sonne der äußeren Milchstraße.“ Walt Mash traten, verständnislos den Kopf schüttelnd,
Obwohl Rivat genau wußte, daß man ihn unmög- zur Seite und blickten mit einem seltsamen Schimmer
lich in dem fremden Raumschiff vernehmen konnte, in den Augen auf ihren Captain, der sich aufrecht hin-
da keinerlei Funkverbindung bestand, rief er doch die- gestellt hatte.
se Worte dem Bildschirm entgegen. Er war deshalb Abwartend stand er da. Es mußte alle Augenblicke
aufs äußerste überrascht, als die Stimme abermals in irgend etwas geschehen. Was — das wußte er selbst
sein Gehirn drang. noch nicht.
„Wir danken dir, Fremdling. Es ist gut für uns, zu Im ersten Moment befand sich nur ein feines Flim-
wissen, woher ihr kommt. Es wäre uns sehr angenehm, mern im Raum, das sich — dabei immer dichter
wenn ihr in unser Schiff kommen könntet. Vielleicht werdend und eine sattere Farbe annehmend — auf
wird es uns mit eurer Hilfe möglich sein, die MURA- den hochaufgerichteten Körper Captain Clayd Rivats
Kettenreaktion aufzuhalten. Uns ist es bis heute noch zu bewegte. Funkelnde Flammenfetzen hüllten seinen
nicht gelungen. Ihr braucht keine Furcht vor uns zu Körper ein, bildeten einen dichten, undurchdringli-
haben. Auch für uns ist es das erste Zusammentref- chen Nebel um ihn, der zusehends stärker und fester
fen mit einer Rasse aus dem ,Alten Raum’. Wir hatten wurde. Fast erweckte es den Eindruck, als würde sich
keine Ahnung davon, daß auch andere Sonnensysteme ein zentimeterdicker Stahlpanzer über seine Haut le-
Intelligenzen hervorgebracht haben.“ gen.
Nur schwer gelang es dem Captain und auch den Ein Gefühl völliger Leere und Teilnahmslosigkeit
beiden anderen Menschen im Kommandoraum der ergriff von Clayd Rivat Besitz. Ein Nichts packte ihn
„Coron“, das Vernommene zu begreifen. Sie verstan- und schien ihn in die Ewigkeit zu ziehen!
den nicht ganz, was man von ihnen wollte.
Vor den entsetzten Blicken Tim Crulers und Walt
Nur Clayd Rivat schien mehr zu wissen, oder besser
Mash löste sich sein Körper schließlich auf und war
gesagt, zu ahnen.
augenblicklich aus dem Kommandoraum verschwun-
„Wie ist es möglich, in euer Schiff zu gelangen?“ den.
Unvermittelt sprach er diese Worte aus, und er war
Captain Clayd Rivat war nicht mehr da.
diesmal nicht erstaunt, als sich die fremde Stimme
zum dritten Mal meldete. Die zarte, schmale Hand Di-Ots legte langsam den
„Es wird für uns keine Schwierigkeit sein, dich, Hebel in seine Ausgangsstellung zurück. Der feine,
Fremdling, in unser Schiff zu bringen... Auf dem We- schimmernde Strahl, der sich inmitten des blitzenden
ge der Teleportation wirst du dein Schiff verlassen und Raumes befand und eine beträchtliche Dicke besaß,
in unseres gelangen.“ nahm augenblicklich eine neblige, verzerrende Form
an und löste sich schließlich in einzelne, kaum mehr
Captain Clayd Rivat nickte.
sichtbare Schleier auf. Aus dem langsam abziehenden
„Es ist gut. Ich werde in euer Schiff kommen!“ Nebel schälte sich die Gestalt — Clayd Rivats.
Er fühlte die entsetzten Blicke Tim Crulers und „Willkommen, Fremdling!“ empfing ihn Di-Ot und
Walt Mashs auf seinem Rücken. nickte ihm grüßend zu.
„Captain, Sie... Sie wollen?“
Es dauerte noch eine geraume Weile, ehe sich Clayd
Walt Mash sprach seine Worte nicht ganz aus. Rivat an seine neue Umgebung gewöhnt hatte. Seine
Clayd Rivat lachte ihn überzeugt an. „Ja, Walt, ich Augen schmerzten noch für einen Moment, als sie die
werde!“ Fest und sicher kamen diese Worte über seine gleißende Helle erblickten. Nur schwer gelang es ihm,
schmalen Lippen. sich an die letzten Minuten zu erinnern. Er wußte le-
Rivat ahnte, daß nur diese Fremden, mit denen er diglich noch, daß ihn eine Gigantenfaust gepackt und
sich noch soeben unterhalten hatte, etwas Näheres in eine endlose Tiefe geschleudert hatte. Für Bruchtei-
über die ungeheuerliche Auflösung des Weltenraumes le von Sekunden hatte er jegliches Gefühl verloren. Er
wußten. Die unbekannte Stimme hatte etwas von einer war einfach nicht mehr er selbst gewesen.
MURA-Reaktion gesagt. Daraus folgerte Rivat, daß es Clayd Rivat wurde in seinen Gedankengängen un-
sich hierbei nur um die gähnende, graue Leere handeln terbrochen, als sich die „Stimme“ des Fremden in sei-
konnte, die noch vor ganz kurzer Zeit das Sonnensy- nem Gehirn bemerkbar machte.
stem Regulus hatte verschwinden lassen.
„Es hätte euer Tod sein können, wenn ihr in der Nä-
„Ja — ich werde“, wiederholte er leise. he der MURA-Reaktion geblieben wärt“, drang es in
Die klingende Stimme stand erneut im Raum. ihn. „Ihr ahntet nichts von der Gefahr, in der du dich,
„Wir bitten dich, Fremdling, dich aufrecht in den Fremdling, und deine Kameraden sich befunden ha-
Raum zu stellen, in dem du dich befindest. Nur so ist ben.“
Und die Sterne verblaßten 14

Clayd Rivat blickte auf den Fremden, der sich vor tigen? Er hatte ja geahnt, daß etwas Ähnliches im Kos-
ihm befand und soeben mit ihm gesprochen zu ha- mos vorging, aber jetzt, nachdem er erfuhr, daß es tat-
ben schien. Seine Augen glitten nachdenklich über die sächlich so war, konnte er einfach nicht daran glauben.
fremde, eigenartig geformte Gestalt, die alles andere ,Unmöglich’, schoß es durch sein Gehirn, und doch
als irdisch war. Der Fremde war einfach nicht mit Wor- wußte er, daß es nicht unmöglich war. Der vor ihm sit-
ten zu beschreiben. So war es Clayd Rivat schon bei zende Namit hatte ihm ja schon fast alles erklärt. Und
dem Anblick des unbekannten Flugkörpers gegangen. doch — er wußte noch nicht alles.
Formen, für die es auf der Erde keine Begriffe gab, „Aber wie konnte so etwas geschehen?“ fragte er
konnte man nicht beschreiben. Diese Art der Formen hart. Di-Ot zuckte im ersten Augenblick erschrocken
war auf der Erde und im gesamten System Sol und Al- zusammen.
pha Centauri nicht zu finden. Clayd Rivat nahm zwar „Wie?“ Fragend machte sich Di-Ot telepathisch be-
die Gestalt in ihrer ganzen Größe und Kraft in sich merkbar. „Ich will dir gern alles zeigen, Fremdling.
auf, aber er konnte keine Worte für den Unbekann- Jetzt, nachdem ich weiß, daß es auch noch andere Wel-
ten finden, um ihn auch nur annähernd zu beschrei- ten im Universum gibt, die Intelligenzen geboren ha-
ben. Lediglich die Hände hatten eine menschenähn- ben, ist es für mich besonders grausam, ein Namit zu
liche Form, die jedoch bei diesem Wesen eigenartig sein. Einer jener Namits, der dabei war, als der Brand
klein und zart ausgebildet waren. erst ein Fünkchen war, das sich jedoch in der Zwi-
Captain Clayd Rivat nickte. schenzeit zu einem Großbrand entwickelt hat! Jetzt
„Doch“, hallte seine klare Stimme durch den hel- erst kommt mir richtig zum Bewußtsein, was wir an-
len, blitzenden Raum. „Ich ahnte, daß uns Gefahr von gerichtet haben! Wir waren der festen Überzeugung,
dieser eigenartigen hellen Erscheinung drohte. Aber daß wir, die Rasse der Namits, die einzigen Intelligen-
von wo kommen sie? Irgendwo muß sie doch ihren zen im Raum seien! Wir nahmen an, daß wir mit ei-
Ursprungsort haben? Sie kann doch nicht einfach von nem mißlungenen Versuch nur den Weltenraum und
selbst entstanden sein und den Raum mitsamt seinen keine anderen Lebewesen vernichten. Aber die Wis-
Sonnen und Planeten vernichten?“ Obwohl Rivat das senschaftler der Namits, von denen ich selbst einer
nur ahnte, sprach er es doch aus, als wäre es eine Tat- bin, haben sich getäuscht! Sie richteten ein viel grö-
sache und längst erwiesen. Er war aufs äußerste ent- ßeres Unheil an, als sie es sich jemals hatten träumen
setzt, als er die nächsten Worte des Fremden auffing. lassen. Folge mir nun, Fremdling, ich werde dir alles
zeigen. Vielleicht verstehst du mich dann besser.“
„Für die MURA-Kettenreaktion, die den Raum mit-
samt seinen Sternen auflöst“, begann der Fremde, und Der Sitz, auf dem der Namit hockte, begann plötz-
über sein Gesicht huschte ein Schatten der Trauer; lich sich in Bewegung zu setzen. Auf einer metallen-
seine kleinen, runden, blauglühenden Augen hefteten blitzenden Schiene glitt er vorwärts, genau in der ent-
sich auf Clayd Rivat, „sind wir — die Namit — ver- gegengesetzten Richtung, in der gerade Clayd Rivat
antwortlich zu machen!“ Hart und betont empfing der stand.
Captain diese Worte in seinem Gehirn. Deutlich konn- Vor Di-Ot öffnete sich die Wand, und ein heller, ro-
te er daraus die Selbstbeschuldigung und die Trauer ter Schein drang in die Augen des Captains, der dem
heraushören. langsam wegrollenden Sitz des Fremden folgte. Auch
die übernächste Wand öffnete sich. Von dort drang ein
Er trat einige Schritte auf den Namit zu.
tiefgrüner Schein heraus. Und doch — jeder verschie-
„Aber wie konnte so etwas Schreckliches gesche- denfarbige Lichtschein blieb in dem Raum, in dem er
hen?“ fragte er leise, und nur mit Mühe konnte er die sich befand.
Unruhe verbergen, die in ihm tobte. Er verband sich nicht mit dem andersfarbigen Licht,
Die glühenden, bläulichen Augen Di-Ots verloren das aus dem vorherigen Raum gekommen war. Jede
sich in der Ferne. Seine Gedankenwellen strömten in Lichtart blieb für sich. Es war so, als würde der Schein
das Gehirn Captain Rivats. von einer unsichtbaren Wand aufgehalten.
„Das ist eine lange Zeit her, Fremdling. Wir ha- Voller Bewunderung und Erstaunen nahm Clayd Ri-
ben diese unheimlichen Kräfte entfesselt, und es ist vat dieses Erlebnis in sich auf.
uns bis heute noch nicht gelungen, sie wieder zu bän- Festes Licht!
digen. Der ungeheure Brand frißt weiter! Er wird so Mit großen Schritten folgte er dem gleitenden Sitz
lange weiterfressen, bis nichts mehr vom Raum üb- Di-Ots. Es ging nochmals durch einen Raum, der in
riggeblieben ist! Dann wird es endgültig Schluß sein. ein tiefviolettes Licht getaucht war. Und dort rollte der
Die Rasse der Namits kann nichts dagegen tun, um ihr Sitz Di-Ots auf einer Schiene aus.
begangenes Unrecht wieder gutzumachen! Durch ihr Vor einer gewaltigen Schaltapparatur blieb er ste-
Verschulden werden sämtliche Welten des gewaltigen hen.
Raumes vernichtet werden! Stück für Stück wird der Kaum stand der Captain in dem Raum, als sich,
Raum dem Brand zum Opfer fallen.“ wie durch Zauberhand bewegt, die Wandung wieder
Clayd Rivat starrte auf Di-Ot. Sollten sich seine schloß. Das Licht, das auf Clayd Rivat herunterflutete,
Vermutungen auf eine solch grauenhafte Weise bestä- war in einem tiefen Violett gehalten.
15 TERRA

Di-Ot wies mit seiner rechten Hand auf einen selt- sollten einstweilen in den Bunker gehen und das Not-
sam geformten Sitz, in dem jedoch auch ein Mensch wendigste vorbereiten.“
bequem Platz nehmen konnte. Wortlos nickte ihm Et-Ra zu. Er ließ die beiden
Rivat verstand und nahm schweigend darauf Platz. Wissenschaftler vorangehen und folgte ihnen dann
Die zarten Finger Di-Ots glitten über die Tasten, langsam nach. Hinter ihm glitt die Wandung vor.
Hebel und Knöpfe. Ihr Weg führte durch einen schmalen, angenehm
Ein singendes Rauschen erfüllte den violettüberflu- erleuchteten Gang, der in einem gewaltigen ovalen
teten Raum. Sämtliche bekannten und unbekannten Raum endete. Die gigantische Kuppel aus massivem
Farben huschten in greller Hast an Clayd Rivat vor- Stahl war geöffnet, und das helle Sonnenlicht von Slu
über. Sein Sitz wurde mitsamt seinem plötzlich fest- brach sich tausendfältig an der metallenen Wandung
gepreßten Körper in eine unwirkliche Ferne geschleu- eines der eigenartigen Raumschiffe der Namits. Es
dert. Die Farben wurden satter, ihre Tönung heller und war das Forschungsschiff, mit dem die Wissenschaft-
reiner. Ein Chaos der Laute und Bilder wurde vor den ler und Forscher nach Claa gekommen waren.
Augen des Captains entfesselt! Et-Ra und Bi-Ga gingen soeben in den nächsten
Und durch all dieses Rasen klang die Stimme des Raum, der über und über mit kleinen und großen Bild-
Namits Di-Ot. schirmen, komplizierten Apparaturen und Instrumen-
„Dir, Fremdling, soll es als einzigem gestattet sein, ten ausgerüstet war. Die Schalttische waren für drei
das Geheimnis und gleichzeitig das Grauen der Na- Mann bestimmt. Et-Ra und Bi-Ga nahmen zuerst an
mits kennenzulernen! Du wirst als einziger Fremdling den Instrumententischen Platz. Langsam setzte sich
in alles eingeweiht werden. Du sollst eine Sonne mit am äußersten Ende Di-Ot nieder. Seine zarten, schlan-
ihren Planeten schauen, die es schon lange nicht mehr ken Finger drückten Tasten und legten kleine, fast
gibt. Und du sollst sehen, wie es geschah, daß der un- winzige Hebel um. Die sechs Normal-Bildschirme,
heimliche Brand entstehen konnte.“ die in Kopfeshöhe vor ihm in einem Halbkreis ange-
bracht waren, begannen zuerst in einem feinen Ro-
Ein Rausch der Farben und der Töne brach los! —
sa zu leuchten. Der mittlere der Bildschirme zeigte
Die gleißende Helle der Sonne Slu strahlte unbarm- die gewaltigen Stahlgerüste, die sich in einigen hun-
herzig auf den kleinen Versuchsplaneten. dert Metern Entfernung von dem Versuchsbunker be-
Der Planet, den die Namits für ihre Experimente fanden. Die anderen fünf Schirme brachten aus ver-
auserwählt hatten, lag als achter Planet im System Slu. schieden weiten Sichten das Versuchsgelände näher.
Die Namits bewohnten den vierten und fünften Plane- Der äußerste linke zeigte einen großen, undefinierba-
ten. Die Versuchswelt Claa lag also in beträchtlicher ren Brocken, der von einem seltsam fluoreszierenden
Entfernung von den bewohnten Planeten. Schimmer umgeben war. Bei dem Anblick dieses Ge-
Et-Ra, der Versuchsleiter, stand abwartend vor dem bildes mußte Di-Ot unwillkürlich für den Bruchteil ei-
gewaltigen Metallbunker und blickte in die Ferne, wo ner Sekunde die Augen schließen. Diese jetzt noch ge-
sich mehrere gigantische Stahlgerüste in den klaren bändigte Kraft würde in wenigen Minuten zu einem
Himmel erhoben und scheinbar darin zu verschwin- entfesselten Inferno werden. Es würden Kräfte frei
den schienen. werden, die noch niemals in der Hand eines Namits
Neben Et-Ra stand Di-Ot, der angesehenste Wis- gewesen waren. Einen kurzen Blick auf eine andere
senschaftler der Namits. „Ich denke, daß wir es wagen gewölbte Skala werfend, drückte er gleich darauf eine
können, den Versuch für 6 Uhr namitscher Zeit fest- schmale Leiste hinein, die sich direkt neben dem Meß-
zulegen“, meinte Et-Ra und blickte dabei den Wissen- gerät befand. Ein feiner heller Strahl, der sich noch auf
schaftler an seiner Seite fragend an. der Skala befand, wurde allmählich dunkel und ver-
schwand schließlich ganz.
Di-Ot nickte nur mit dem Kopfe. Die Wandung des
Metallbunkers glitt lautlos zur Seite, und Bi-Ga, der Di-Ot nickte befriedigt. Die massive Stahlkuppel,
zweite Wissenschaftler, der an dem Versuch teilnahm, die über dem Raum lag, wo sich das Raumschiff be-
trat auf Di-Ot zu. fand, hatte sich geschlossen.
„Nun, Di-Ot, wie ist es, wollen wir mit dem Versuch Er wandte sich zur Seite.
beginnen?“ „Et-Ra und Bi-Ga, ich werde jetzt den Bunker auf
Der Gefragte blickte lächelnd auf Et-Ra, den Ver- einhundert Meter Tiefe gehen lassen.“
suchsleiter, und meinte leise: „Et-Ra hat mich gerade Seine Finger drückten kurz hintereinander drei Ta-
gefragt, ob wir um 6 Uhr beginnen sollen. Das ist ei- sten in ihre Fassungen, und ein singendes Dröhnen
ne günstige Zeit, und ich denke, daß sich das Expe- breitete sich in dem Raum aus. Langsam glitt die ge-
riment auch da ausführen läßt. Hm —“ Di-Ot blickte waltige Stahlkonstruktion in den Erdboden hinein. Die
auf das farbige Band auf seinem runden Armgelenk, Bildschirme wurden für einen Augenblick unklar, und
das in mehrere Teilstriche eingeteilt war, die wieder die farbigen Bilder verschwanden hinter einem diffu-
von kleinen Modellsonnensystemen umkreist wurden. sen Nebel. Dann jedoch klärte sich wieder die Sicht.
— „Noch etwa 15 Minuten bis 6 Uhr. Ich finde, wir Das Dröhnen verschwand, und auf einer dunklen Ska-
Und die Sterne verblaßten 16

la leuchtete die Zahl „100“ auf. Der Bunker war tief in Di-Ot eilte den beiden Namits voran und gelangte in
den Erdboden eingefahren. den gewaltigen ovalen Raum, in dem sich das Schiff
Di-Ot blickte auf das farbige Band an seinem Arm- befand. Während die drei Namits durch die schmale
gelenk. Nur noch wenige Minuten, und das langer- Öffnung stiegen, glitt über ihnen das gigantische Kup-
sehnte Experiment der Namits wurde gestartet! peldach auseinander, und die massiven Panzerplatten,
Der Blick des Wissenschaftlers fiel auf den äußeren die sich fächerförmig über den
linken Bildschirm. Das eigenartige Gebilde, das zu 99 Versuchsbunker geschoben hatten, verschwanden
Prozent aus MURA bestand, lag ruhig da. ebenfalls. Der klare Himmel, der jedoch schon einen
MURA — jener Stoff, der erst vor zwei Jahrzehn- feinen Schein in das Gräuliche aufwies, wurde sicht-
ten auf dem inneren Slu-Planeten gefunden worden bar.
war. Nach mehrfachen Versuchen war es schließlich Das Schiff der Namits strebte fast lautlos nach oben
immer mehr gelungen, besseres und konzentrierteres und verschwand dann heulend aus der dünnen Luft-
MURA durch Veränderung der Atom- und Molekular- hülle in den Weltenraum.
struktur herzustellen. Die Wissenschaftler der Namits Auf dem Bildschirm erschien der Planet Claa.
hatten erkannt, daß MURA in konzentrierter Form ei- Sechs Augen starrten gebannt auf diese Welt, die bis
ne energie- und masseauflösende Wirkung hatte. zur Hälfte von einem eigenartigen farblosen Schein
Und nun lag zum erstenmal seit der Geschichte der umgeben war.
Namits fast reines, 99-prozentiges MURA auf dem Das bläuliche Glühen in den Augen Di-Ots erlosch
Planeten Claa und wartete darauf, entfesselt zu wer- für einen Augenblick.
den. „Es ist entsetzlich“, flüsterte er niedergeschlagen,
Di-Ot nickte den beiden Gefährten zu. und seine Stimme zitterte bei diesen Worten. „Das
„Haltet bitte die Aufnahmekameras und Tonbänder MURA-Gebilde hat dieses Werk vollbracht. Wir ha-
bereit. In genau 30 Sekunden werde ich das MURA- ben eine Kraft entfesselt, die einen ganzen Planeten
Gebilde zur Explosion bringen.“ vernichten wird!“
Die Zeit verstrich. „Nicht nur einen Planeten“, meldete sich Bi-Ga, der
Langsam kreisten die winzigen Modellplaneten um andere Wissenschaftler, „sondern auch den Raum!“
die etwas größere Sonne auf dem farbigen Band Di- „Nein!“ Di-Ot ruckte herum und blickte in das mat-
Ots. Noch gut 20 Sekunden. te Glänzen der Augen Bi-Gas. „Wie kommst du dar-
Dann würde es sich zeigen, was die ungeheure Kraft auf?“
des konzentrierten MURA-Brockens bewirkte. „Dort!“ Der Gefragte wies auf den Planeten Claa,
Die ruhig daliegenden Hände Di-Ots kamen ur- der in eine tiefgraue Farbe gebadet war und soeben
plötzlich in Bewegung. Drei — vier Tasten ver- aufzuquellen schien. „Der Planet ist schon fast ver-
schwanden in ihren Fassungen. Ein schlanker, spitz nichtet, und doch — der Brand frißt weiter! Die Luft-
zulaufender Hebel wurde zur Seite gerissen — und das hülle besteht schon längst nicht mehr, und die ersten
Chaos brach los! Kilometer des Alls sind schon erreicht!“ Ein bitterer
Zug legte sich über sein Gesicht.
Der linke äußere Bildschirm begann in einem tie-
fen Grün aufzuglühen. Durch den farbigen Schleier er- Der sonst so schweigsame Et-Ra machte auch jetzt
kannte man eine grelle, aufbrodelnde Sonne, und dann nicht viel Worte, als er leise feststellte: „Wir haben ei-
folgte das Nichts! Auf den anderen fünf Bildflächen ne Kettenreaktion entfesselt, die nicht nur die Sterne
war innerhalb derselben Sekunde ebenfalls der Teufel des Raumes zerstören wird, sondern auch den Raum
los. Die Stahlgerüste verschwanden, als wären sie in an sich. Das wird so lange gehen, bis...“
Nichts aufgelöst worden! Eine gähnende Leere breite- „... bis es keine Sterne und keinen Raum mehr gibt“,
te sich aus. fiel ihm Di-Ot ins Wort, und er setzte das fort, was Et-
Di-Ot und die beiden anderen Namits starrten ent- Ra zu sagen beabsichtigt hatte.
setzt auf das Geschehen, das sich vor ihren Augen ab- „Ja, genau das wird der Fall sein!“
spielte. Et-Ra nickte dem Wissenschaftler zu. „Es wird eine
Und Di-Ot erkannte es zuerst! ewige Kettenreaktion sein.“
„Die Leere“, flüsterte er kaum hörbar, „—— sie — Ein Seufzer entrang sich dem gequälten Körper Di-
— sie bewegt sich auf uns zu!“ Langsam zog er seinen Ots.
Körper hoch und stand dann aufrecht vor den Bild- „Aber irgend etwas muß doch geschehen“, meinte
schirmen. Sein ganzer Körper zuckte, als er Et-Ra und er und blickte fragend auf seine beiden Kameraden.
Bi-Ga heranrief. „Wir müssen so schnell wie möglich „Jetzt kann nur eines geschehen, und das ist: so
diese Welt verlassen. In wenigen Stunden wird es kei- schnell wie möglich zunächst nach NAMIT I zurück!“
nen Planeten Claa mehr geben! Folgt mir!“ schlug ihm der Wissenschaftler Bi-Ga vor. Gleichzei-
Er drückte die schmale Leiste neben der gewölbten tig trat er mit einem Schritt vor und zog entschlossen
Skala zweimal, und der enge, grelle Strahl erschien. einen Hebel nach hinten.
17 TERRA

Die Stelle, an der sich noch vor wenigen Minuten Seiten hin durch den Kosmos. Und sobald sie einen
der achte Planet des Systems befunden hatte, fiel zu- neuen Weltenkörper zerstört hatte, wurde ihre Ver-
rück. Die gähnende Leere breitete sich weiter aus und nichtungskraft und ihre Schnelligkeit noch größer.
eilte nach allen Seiten in den Weltenraum hinaus. Die graue Masse eilte weiter durch das All und —
Bevor das Schiff der Namits Höchstgeschwindig- auf Biro, den sechsten Planeten des Systems der Son-
keit erreicht hatte, konnte Di-Ot noch einen schnellen ne Slu zu. Auch diese Welt fiel ihm zum Opfer, ohne
Blick auf den Ortungsschirm werfen und darauf erken- daß man etwas dagegen hätte tun können. Ein Auf-
nen, daß das farblose Nichts sich schon so weit ausge- quellen der grauen Masse und dann — dann war ein
breitet hatte, daß die drei Trabanten von Claa ebenfalls neues Nichts entstanden, ein Nichts, das sich nun mit
verschwunden waren. Und nun bewegte es sich schon erhöhter Geschwindigkeit auf NAMIT II zu bewegte!
auf Gerl, den siebenten Planeten, zu... Und an dem Tage, an dem sie etwa die Hälfte des
NAMIT I war erreicht. Raumes bis zu den Planeten hin zerstört und aufge-
Di-Ot hatte es sich so eingerichtet, daß das Schiff löst hatte, wurde auf dem Planeten NAMIT II das letz-
auf dem gewaltigen Landeplatz vor dem Regierungs- te Hyperraumschiff fertiggestellt, das benötigt wurde,
gebäude aufsetzte. Über Funk hatte schon während um eine Flucht für alle Namits aus dem alten [Welten-
des Fluges Et-Ra die betreffenden Männer zusammen- raum zu ermöglichen.
rufen lassen, um so schnell wie möglich eine Konfe- Die eigenartig geformten Hyperraumschiffe der Na-
renz stattfinden zu lassen. Denn jede Minute war jetzt mits stürmten durch die endlose Stille des weiten Wel-
kostbar und — lebenswichtig! tenraumes. Tausende dieser Schiffe, überfüllt mit den
Und innerhalb einer Stunde war auch tatsächlich al- Namits, die sich auf der Flucht vor dem Auflösen des
les bereit. Die Konferenz war einberufen worden. Di- alten Weltenraumes befanden, eilten durch das Uni-
Ot stand auf der Rednertribüne und ließ in kurzen doch versum.
wirkungsvollen Sätzen vor den Versammelten den ge- Di-Ot und Bi-Ga, die beiden Wissenschaftler, be-
nauen Vorgang abrollen, der sich auf Claa abgespielt fanden sich zusammen in einer der Kabinen. Sie lagen
hatte. Die Regierungsmitglieder und die anwesenden auf Spezialliegen, die besonders geschaffen waren, um
Wissenschaftler hörten gespannt zu. den Übergang in den anderen Weltenraum angeneh-
„... und deshalb, meine Herren, bleibt uns nur ei- mer zu gestalten.
ne Möglichkeit: wir müssen dieses All verlassen und „Es muß jeden Moment geschehen“, meinte Bi-Ga
den anderen Raum aufsuchen! Die Versuche, die mit leise und wurde im gleichen Moment auch still.
den Spezialschiffen schon vor Jahren gemacht wur- Die Innenwände der Kabinen schienen sich zu bie-
den, sind ja zur vollsten Zufriedenheit verlaufen. Es gen. Das Schiff strecke sich, und dann kam ein Gefühl,
kann uns also keine Schwierigkeit bereiten, den an- das typisch bei einem Übergang in das andere All war:
deren Raum zu besiedeln. Wir müssen auf jeden Fall das Gefühl, körper- und zeitlos zu sein.
einen schnellen Entschluß fassen, meine Herren; denn Die alte Schwere kehrte wieder zurück.
der Brand, den die MURA-Explosion ausgelöst hat,
Die Innenwände der Kabine wurden klar und nah-
frißt unaufhaltsam weiter. In wenigen Wochen schon
men ihre feste, stabile Form wieder an. Das Schiff
wird NAMIT I und NA MIT II dem Brand zum Op-
schien kleiner zu werden. Die eigentümliche Streck-
fer fallen. Es wird so weitergehen, bis der Tag kommt,
bewegung hörte gänzlich auf.
an dem es keine Welten und — keinen Raum mehr
gibt! Ich bin froh darüber, daß dieses Universum nur „Na also“, meinte Di-Ot und erhob sich von der Lie-
eine einzige Rasse geboren hat, die Rasse der Na- ge. „Das hätten wir ja auch geschafft. Hoffen wir jetzt
mits. Denn dadurch bleibt uns der Vorwurf und die nur, daß wir eine Sonne finden, deren Planeten uns
Schuld erspart, wir hätten andere Intelligenzen ausge- geeignete Lebensmöglichkeiten bieten. Wir wissen ja
löscht. Entschließen Sie sich schnell. Es hängt unser aus eigener Erfahrung, daß es um lebensmögliche Pla-
aller Wohl davon ab.“ neten im alten Raum auch nicht gerade gut bestellt
war. Nachdem unsere Ahnen mehrere Sonnensysteme
Und man entschloß sich schnell.
erforscht und unbewohnt gefunden hatten, gaben sie
Schon nach knapp zwei Stunden waren sämtliche die Suche nach Intelligenzbewohnern auf und mach-
Fabriken auf den Planeten NAMIT I und NAMIT II ten sich daran, den Weltenraum zu erforschen, der jen-
mit der Herstellung der notwendigen Hyperraumschif- seits der Grenzen dieses Alls liegt. — Hoffen wir, daß
fe beschäftigt, jene Schiffe, die in der Lage waren, den wir nicht umsonst nach hier kommen, Bi-Ga“, setz-
Raum außerhalb des normalen Weltenraumes zu errei- te er leise hinzu. „Ein Weiterleben im alten Raum ist
chen. unmöglich. In einigen Jahrzehnten oder Jahrhunderten
Die Produktion der Hyperraumschiffe lief auf wird er nicht mehr bestehen. Wenn wir keine lebens-
Hochtouren. Würden es die Namits schaffen, dem fähigen Planeten finden, dann werden wir auch in die-
Grauen, das sie selbst entfesselt hatten, zu entgehen? sem neuen Raum zugrunde gehen. Und das hätten wir
Die gräßliche Leere, die alles in sich aufnahm und uns dann selbst zuzuschreiben. Unsere alte Heimat ha-
zerstörte, kam weiter durch den Raum, eilte nach allen ben wir ja selbst vernichtet.“ Er blickte abwesend auf
Und die Sterne verblaßten 18

den angebauten Wandschirm, auf dem eine blauweiße Baumaterialien und Geräte wurden gebraucht und ver-
Sonne, ein Gigant an Masse, glühte. braucht, um die neue Welt der Namits entstehen zu
„Hm.“ Bi-Ga wies auf den Schirm. „Vielleicht ist lassen. Gewaltige, sinnvoll geformte Hochhäuser ent-
das schon unsere neue Heimatsonne. Wer weiß.“ standen, gigantische Kraftanlagen, die eine moderne
„Wer weiß“, wiederholte Di-Ot, und seine Gedan- Zivilisation benötigte. Neue, lebenswichtige Fabriken
ken waren bei diesen Worten ganz woanders. wurden errichtet.
Bi-Ga fuhr fort: „Ich denke, wenn wir noch einige Neue Städte entstanden auf einem fremden Planeten
hunderttausend Kilometer näher heran sind, daß wir in einem fremden Raum. Alles wurde so erbaut, wie es
unsere Forschungsschiffe aussenden können, die un- die Namits gewohnt waren. Sogar den neuen Planeten
tersuchen sollen, ob Planeten vorhanden und ob diese hatten sie „NAMIT“ getauft, um wenigstens die Erin-
bewohnbar sind. — In wenigen Stunden werden wir nerung an ihre alten Welten nicht mehr so sehr zu spü-
mehr wissen.“ ren. Die gewaltigen Landmassen des neuen NAMIT-
Und nach genau 7 Stunden namitscher Zeitrech- Planeten nahmen bequem alle Namits auf, die früher
nung wußten sie es! Die fünf ausgeschickten For- auf zwei Planeten untergebracht waren.
schungsschiffe waren zurückgekehrt. In ihren elektro- Und auch die alte, überlieferte Zeitrechnung behiel-
nischen Gehirnen hatten sie genau aufgezeichnet, was ten die Namits bei. Ihre Tage und Stunden, Wochen
sie gesehen und angetroffen hatten. Nach der Auswer- und Monate wurden genau von dem Tage an auf dem
tung durch namitsche Wissenschaftler wurde bekannt, neuen Planeten fortgesetzt, an dem sie den alten in-
daß das System der gewaltigen blauweißen Sonne 6 folge des grausigen Unglücksfalles mit dem MURA-
Planeten hatte, von denen der dritte ohne weiteres be- Gebilde verlassen mußten.
wohnbar war. Die Zeit verging.
Die Freude unter den Namits war groß. Der gewal- Eine neue Welt war entstanden, auf der es sich zu
tige Raumschiffsverband raste auf den betreffenden leben lohnte, eine Welt, die sich fast in nichts von der
Planeten zu. In einer gewaltigen Schleife verringer- alten unterschied. Auf dem fremden Planeten NAMIT,
ten die Schiffe ihre Geschwindigkeit und drehten sich der sich im System einer blauweißen Gigantensonne
dann aufs Geratewohl, die Formation dabei auflösend, befand, arbeiteten und lebten die Namits, genauso, wie
in das neue, noch unbekannte Weltensystem hinein. sie es auf ihren alten Planeten im alten Raum getan
Jede einzelne Phase konnte man deutlich auf den hatten. Die neue Welt wuchs und gedieh.
Bildschirmen, die auf jedem Schiff in jeder Kabine
Der neue Weltenraum, der noch fremd und in
waren, mitverfolgen.
vielem unfaßbar war, wurde von den Schiffen der
Auch Di-Ot beobachtete auf dem Schirm in seiner NAMIT-Wissenschaftler durchkreuzt und erforscht.
Kabine die Ereignisse, die sich abwickelten. Völlig neue und unbekannte Wissensgebiete eröffne-
„Es ist kaum zu glauben, daß wir ein solches Glück ten sich.
hatten“, meinte er leise zu Bi-Ga, ohne sich dem Ge-
Es wurde viel Neues entdeckt und zugunsten der
fährten dabei zuzuwenden. „Wir erreichen den neuen
Namits ausgewertet.
Raum, finden eine ungeheure Sonne und darin einen
Planeten, der uns ideale Lebensbedingungen bietet. Alles schien gut zu werden — bis man eines Tages
Dem Schöpfer sei Dank, daß er uns so reich bedacht eine Entdeckung machte, die im ersten Moment er-
hat.“ schreckend und im höchsten Maße ungewöhnlich war!
Die Oberfläche des betreffenden Planeten hatte sich
indessen beträchtlich genähert, und man konnte schon 4. Kapitel
deutlich kleinere Einzelheiten wie Kontinente und
Meere erkennen. Das zuletzt erbaute Forschungsschiff der Namits,
Die eigenartig geformten Hyperraumschiffe der Na- die „Porat“, war mit den modernsten und raffinierte-
mits stürmten auf diese Welt zu! sten Instrumenten und Geräten ausgestattet, die sich
Mit weit herabgesetzter Geschwindigkeit stießen nur ein Wissenschaftler wünschen konnte.
sie in die verhältnismäßig dichte Lufthülle und über- Mit dreifacher Lichtgeschwindigkeit eilte sie durch
flogen die einzelnen Land- und Meermassen. Nach den Raum, neue und unbekannte Forschungsgebiete
mehrmaligem Umrunden des Planeten setzten sie suchend.
schließlich auf die verschiedensten Kontinente auf. In dem gewaltigen, weiträumigen Labor befanden
Die Piloten und Passagiere der einzelnen Schiffe hat- sich die vier prominentesten Wissenschaftler der Na-
ten schon auf den Bildschirmen vorher erkannt, daß mits, Di-Ot, Bi-Ga, Ma-Te und Je-Ro. Sie waren mit
diese Welt praktisch leer und unbewohnt war. dem Auftrag in den Raum geschickt worden, einer
Man konnte also diesen Planeten ohne Vorbehalt als Strahlung entgegenzufliegen, die man vor wenigen Ta-
das Eigentum der Namits bezeichnen. gen auf dem NAMIT festgestellt hatte und die von
Die kommenden Tage und Wochen waren mit Ar- einer fremden, noch unbekannten Sonne zu kommen
beit mehr als ausgefüllt. Sämtliche mitgebrachten schien.
19 TERRA

Genaues wußte man jedenfalls noch nicht. Man positiven Seite hin zur Wirkung kommt. Es hätte auch
wußte nur eines: die eigenartige Strahlung rief selt- genau das Gegenteil eintreten können: eine Änderung
same Erscheinungen und Phänomene bei den Namits der Gehirnstruktur nach der negativen Seite hin! Die
hervor. Tagelang waren ganze Landstriche, auf de- Folge: geistige Verstumpfung und Zurückbleiben je-
nen sich die Namits aufhielten, von dieser unbekann- der geistigen Entwicklung!“ Bi-Ga verstummte. Eine
ten Strahlung geradezu überflutet worden, und meh- unheimliche Stille breitete sich aus, nur von dem fei-
rere Namits hatten eine eigenartige Veränderung er- nen Knacken der Strahlungsskalen unterbrochen.
fahren. Ihre Gehirnmasse hatte sich verändert und bis- Ma-Te, der kräftige Namit-Wissenschaftler unter-
her versteckte geistige Qualitäten waren frei gewor- brach diese Ruhe.
den. Nicht nur die Intelligenz hatte zugenommen, son- „Ich verstehe nur eines nicht“, meinte er leise. „Wo-
dern noch etwas anderes war geschehen: Jene Namits, her kommt diese Strahlung und warum hat sie ausge-
die der Strahlung ausgesetzt gewesen waren, hatten in- rechnet auf uns Namits eine solche Wirkung?“
nerhalb dieser Zeit eine so hohe geistige Entwicklung
Ein weises Lächeln umspielte die Lippen Bi-Gas.
durchgemacht, daß sich ungeheure Geisteskräfte frei
gemacht hatten. „Das ist die Frage, Ma-Te, die wohl niemand unter
uns beantworten kann! Es gibt da lediglich eine Ver-
Ein Großteil der Namits, die sich auf jenem Kon-
mutung: wir dürfen nicht vergessen, daß wir uns in
tinent befanden, der der Strahlung am härtesten aus-
einem Weltenraum befinden, der für uns fremd ist, in
gesetzt gewesen war, unterhielt sich fast nur noch auf
dem wir nicht geboren wurden! In diesem Raum gel-
dem Wege der Telepathie. Hatte man seine Gedanken
ten unsere Gesetze nichts! Dieses Universum ist wahr-
und Worte vorher mit Lauten aussprechen müssen, so
scheinlich der Lebensraum einer ganz anderen Le-
fiel das nun weg. Die gedankliche Unterhaltung fiel
bensart, wie wir es sind. Ich glaube kaum, daß jemals
nun leichter und war bequemer.
eine so seltsame Strahlung in unserem Heimatuniver-
Und nun waren die vier größten Wissenschaftler
sum hätte auftreten können. Und hier — hier wird es
der Namits auf dem Wege, den Entstehungsort dieser
wahrscheinlich eine ganz normale Erscheinung sein!
Strahlung festzustellen und zu erforschen.
Eine Erklärung, warum und wieso, ist mir unmöglich.
Bi-Ga und Di-Ot, die beiden unzertrennlichen Kol- Wir kennen diesen Weltenraum viel zu wenig. Die we-
legen und Freunde, waren im Moment dabei, die letz- nigen Jahre, die wir hier erst sind, genügen nicht, um
ten Auswertungen vorzunehmen. Die Strahlenskalen die Rätsel und Geheimnisse dieses Alls zu lösen. Se-
hatten eine ungewöhnliche Höhe angezeigt. Das ließ hen Sie, Ma-Te, das ist meine einzige logische Schluß-
darauf schließen, daß die „Porat“ schon ganz nahe im folgerung.“
Gebiete dieser Strahlung sein mußte.
Di-Ot, der die ganze Zeit über schweigend den Aus-
Bi-Ga schüttelte den Kopf und riß seinen Blick von führungen seines Freundes gefolgt war, wiegte sanft
der milchigen Glasplatte weg, auf der er noch soeben seinen Kopf.
die Auswertungen überprüft hatte. Während er seinen
„Und auch ich, Bi-Ga“, lächelte er hintergründig,
Körper zur Seite wandte, ließ er gleichzeitig seinen
„kann mir eines nicht erklären: wieso sind ausgerech-
rechten schlanken Zeigefinger über eine feine, glit-
net wir vier hier, und wahrscheinlich auch die gesamte
zernde Metalleiste gleiten. Die erhellte Glasscheibe,
Besatzung des Schiffes bis jetzt verschont geblieben?
auf der man die einzelnen Formeln und Schriftzeichen
Wir befinden uns doch an einer Stelle des Weltenrau-
erkennen konnte, erlosch. „Ich stehe vor einem Rät-
mes, wo die Strahlung sehr stark ist.“
sel“, meinte er und blickte zunächst auf den neben ihm
sitzenden Di-Ot. Dann erst wandte er seine glühenden „Gerade dieses Phänomen kann ich mir nicht erklä-
Augen Ma-Te und Je-Ro zu. ren“, gab Bi-Ga zurück. „Ich nehme lediglich an, daß
„Nach meinen Berechnungen hat sich die Strahlung wir das bisher unsern starken Stahlwänden zu verdan-
in der letzten halben Stunde um das Doppelte ver- ken haben. Sie schirmen jegliche Weltraumausstrah-
stärkt. — lung ab, folglich werden sie auch diese Kraft abweh-
ren. Das ist ohne weiteres möglich. Aber, ob das auch
Es stimmt, wir haben uns dem scheinbaren Strah-
weiterhin der Fall sein wird, das bezweifle ich noch.
lungszentrum um ein Beträchtliches genähert, aber
Die Strahlung wird intensiver.“
trotzdem ist die Strahlung an und für sich — in ih-
rer gesamten Kraft — viel stärker geworden! Nach der Er wies auf die betreffenden Skalen, wo die schma-
jetzigen Strahlungskraft vermute ich, daß es auf Na- len Zeiger erschreckend ausschlugen. „Ein Zunehmen
mit wieder böse aussieht.“ Di-Ot nickte zustimmend der Strahlung um mehr als 30 Prozent! Unsere Ab-
zu den Worten Bi-Gas und fuhr fort. „Nach den jet- wehrschirme haben ja ungeheuerlich viel zu leisten!“
zigen Koordinaten liegt NAMIT genau im Einstrah- „Nur die Frage, ob auch sie durchhalten“, meinte
lungsfeld dieser unbekannten Kraft! Das bedeutet, daß Je-Ro zweifelnd.
schon in diesem Augenblick alle Namits eine Ände- „Wahrscheinlich nicht“, erwiderte Di-Ot darauf.
rung ihrer Gehirnstruktur erfahren! Wir sind dieser „Und warum sollten auch ausgerechnet wir wenigen
Strahlung hilflos ausgesetzt, und deshalb bin ich froh, von dieser unsichtbaren Macht verschont bleiben, wo
daß die Änderung der geistigen Fähigkeiten nach der doch alle Namits diese Veränderung durchmachen.“
Und die Sterne verblaßten 20

Und in diesem Moment geschah es! „Wie fühlst du dich, Ma-Te?“ Es war die Stimme
Die Kraftmaschinen, die den Abwehrschirm mit Di-Ots.
Energie speisten, heulten in schrillen Tönen auf! „Danke, Di-Ot, es geht einigermaßen den Umstän-
Schlanke, glühende Lichtfinger huschten über Ska- den nach.“ Er wandte sich bei seinen Worten um, und
len und Meßgeräte. Die Zeiger fielen zu den höchsten dann erst bemerkte er, daß ihm Di-Ot schon zunickte,
Punkten hin! bevor ihn überhaupt Ma-Tes Worte erreichten! Seine
Ein ungewöhnlich drückendes Gefühl legte sich auf Worte waren ihm gedanklich vorausgeeilt! Und jene
die Schläfen der Namits, die sich in der „Porat“ be- Gedankenwellen hatte Di-Ot aufgefangen.
fanden. Niemand der Anwesenden wurde davon ver- Im ersten Moment war Ma-Te entsetzt, aber dann
schont. ergab er sich in sein neues Schicksal.
Und dann kam über jeden die große Ohnmacht, die Er fühlte das Lächeln Di-Ots in seinem Rücken und
die Strahlung hervorrief. drehte sich wieder ganz dem Kollegen zu.
Die Piloten der „Porat“ fielen von ihren Drehsit- „Ja, Ma-Te, daran müssen wir uns nun schon ge-
zen und knallten hart auf den Boden. Führerlos raste wöhnen“, wiederholte Di-Ot dem Sinn nach die Ge-
das namitsche Forschungsschiff durch die Weiten ei- danken Ma-Tes, die er auf telepathischem Wege auf-
nes fremden Universums. genommen hatte. „Es wird uns auch gar nicht so
Die unbekannte Strahlung aber veränderte wäh- schwerfallen, wie es uns im Moment erscheint. Viel-
renddessen die Gehirnstruktur der Namits, die sich leicht werden wir eines Tages froh sein, wenn wir
in den Kabinen der „Porat“ befanden. Strahlenschau- diese hochgeistige Gabe besitzen. Setzen wir nur den
er umfluteten die „Porat“ und drangen unaufhaltsam Fall, in diesem uns noch unbekannten Universum be-
durch den Abwehrschirm und die starken Spezial- finden sich Lebewesen, mit denen wir eines Tages zu-
stahlwände. Die unsichtbaren Strahlströme fraßen sich fälligerweise einmal zusammentreffen. Eine Verstän-
in die Gehirne der Namits und zerstörten unwichtige, digung wird dann nur auf telepathischem Wege mög-
noch nicht ausgebildete Zellen und trieben gleichzei- lich sein! Ich garantiere dir, Ma-Te, daß bereits in we-
tig das Wachstum wichtiger, noch im Stadium der Ent- nigen Tagen es uns als eine Selbstverständlichkeit er-
wicklung befindlicher Zellen voran. scheinen wird, daß wir die Macht der Telepathie besit-
Die Gehirnstruktur wurde zum Vorteil der Namits zen!“
verändert. Innerhalb weniger Minuten machten sie Die Gedanken in Ma-Tes Gehirn verstummten.
einen geistigen Sprung in ihrer Entwicklung durch, für Der jüngere Ma-Te nickte, und seine Gedankenströ-
die sie normalerweise Jahrhunderte oder gar Jahrtau- me flossen Di-Ot zu.
sende gebraucht hätten.
„Ich gebe dir ja uneingeschränkt recht, Di-Ot, aber
Der Wissenschaftler Ma-Te merkte die ungeheuer- man muß auch eine Sache bedenken, die von größtem
liche Veränderung zuerst! Nachteil ist. Keiner wird vor dem anderen mehr ein
Fast völlig gefühllos erwachte er aus der großen Geheimnis haben können. Seine Gedanken werden zu
Ohnmacht. Im ersten Moment konnte er sich nicht dar- jeder Zeit von einem anderen verstanden.“
an erinnern, was überhaupt geschehen war. Aber dann Di-Ot hatte sich indessen erhoben und war auf Ma-
dämmerte in ihm langsam die Erkenntnis dessen, was Te zugegangen. Seine schmale Hand legte sich auf die
er erlebt hatte. breite Schulter des anderen. Ohne seine Lippen zu be-
Noch völlig benommen, brachte er seinen Körper wegen, erreichten seine Gedanken schon Bruchteile
wieder in aufrechte Stellung und erhob sich schließ- von Sekunden zuvor das telepathisch veränderte Ge-
lich von dem Boden. Ein wenig taumelnd, ging er über hirn Ma-Tes.
die drei Körper, die noch auf dem Boden lagen, und „Das, Ma-Te, möchte ich nicht einmal behaupten.
schritt auf die schmale Schaltleiste zu, die ein we- Es ist vielleicht gerade der Vorteil der Telepathie, daß
nig aus der Wand ragte, über der der noch in Tätig- niemand vor dem anderen ein Geheimnis mehr haben
keit befindliche Bildschirm angebracht war. Eine Rei- kann. Jeder wird von jedem alles wissen! Und — ist
he kleinerer Bildschirme befand sich daneben, die je- das nicht gut so?“
doch ausgeschaltet waren. Jedes dieser kleineren Ge-
„Man kann alles von zwei Seiten sehen“, wich Ma-
räte trug ein farbiges Zeichen, das sich unter der Bild-
Te aus, und Di-Ot spürte in seinem Gehirn, daß ein
fläche befand. Und jedes dieser Zeichen symbolisierte
leichter Zweifel in den Gedanken seines Kameraden
eine Kabine, in die man sich einschalten konnte, so-
mitschwang. „Alles hat seine Vor- und Nachteile.“
bald der betreffende Knopf gedrückt wurde.
Di-Ot „sprach“ wieder.
Ma-Te hatte die schmale Schaltleiste erreicht und
zog sie ein Wenig aus der Wand heraus. Noch bevor „Übrigens, Ma-Te, was wolltest du gerade tun, be-
er jedoch dazu kam, bemerkte er, daß jemand mit ihm vor ich wach wurde und mich mit dir unterhielt?“
sprach. Eine Stimme, die ihm allzu bekannt vorkam Der Gefragte wies mit dem Kopf auf die schma-
und die doch nicht laut in seinen Ohren erklang, son- le, aber herausgezogene und damit breiter wirken-
dern erst in seinem Gehirn zur Wirkung kam. de Schaltleiste. „Ich wollte in den einzelnen Kabinen
21 TERRA

nachschauen, wie die Besatzung die Strahlenschauer Körper wieder erfrischen wollten. Bequem rekelten
überstanden hat.“ sie sich auf ihren Liegen und ließen die feinen elek-
„Dann hole das jetzt bitte nach. Ich werde mich trischen Schocks durch ihre Körper strömen. Strah-
einstweilen um Bi-Ga und Je-Ro kümmern. Sie schei- lenduschen fluteten aus der Decke, und ein feiner, für
nen noch nicht erwacht zu sein.“ die Augen wohltuender Schein erfüllte den Raum. Ein
Fast lautlos trat er zur Seite, während Ma-Te an dem helles Singen untermalte die ganze Kur.
Schaltbrett herumhantierte. Kurz hintereinander blitz- Im Nebenraum befanden sich Ma-Te und Je-Ro, die
ten die drei Bildschirme rechts der großen Bildfläche dieselbe Erfrischungsprozedur über sich ergehen lie-
und links davon auf. Die einzelnen Kabinen der Besat- ßen.
zungen erschienen in vollen, satten Farben. Deutlich Di-Ot blickte abwesend zur Decke, aus der die un-
erkannte Ma-Te auf den einzelnen Schirmen die zu- sichtbaren Strahlenströme kamen und seinen Körper
sammengesunkenen Körper der Piloten im Komman- überfluteten.
doraum und in den verschiedenen Räumen der Funk- Er hing seinen Gedanken nach und vergaß im Mo-
, Navigations- und Medizinabteilung. Die Räume, in ment, daß der neben ihm liegende Bi-Ga jeden ein-
denen man über die Bildschirme die einzelnen Kraft- zelnen seiner Gedankengänge verfolgen und verstehen
stationen der „Porat“ überprüfte, waren ebenfalls tot. konnte.
Keiner der Namits war mehr auf seinem Platz. Ohn-
Di-Ots Blick heftete sich fest auf einen Schalter,
mächtig lagen sie immer noch auf dem Boden.
der an der Kabinentür angebracht war. Mit ihm konnte
Ma-Te schaltete ab. Die klaren Bilder der sechs man die Tür öffnen und schließen. Die Gedanken des
Schirme lösten sich in Streifen auf und erloschen. Wissenschaftlers strömten eine eigentümliche Kraft
Er wandte sich um und erhob sich von dem Dreh- und Entschlossenheit aus.
sitz. Langsamen Schrittes ging er auf Di-Ot zu, der in-
Und ganz langsam knickte der Schalter etwas nach
zwischen die beiden Körper Bi-Gas und Je-Ros gegen
oben, fiel wieder zurück — Di-Ot ruckte hoch und mit
die Wand gelehnt hatte und nun sanft rüttelte.
ihm Bi-Ga, der jeden einzelnen Gedankengang seines
Ma-Te half schweigend. Freundes und Kollegen verfolgt hatte.
Es dauerte noch eine geraume Weile, bis fast zu Die Gedanken Di-Ots schlichen sich leise in das
gleicher Zeit Bi-Ga und Je-Ro die Augen aufschlugen. telepathisch-veränderte Gehirn Bi-Gas.
Fragend hefteten sie ihre Blicke auf Di-Ot und Ma-Te.
„Was war das eben, Bi-Ga? Ich dachte lediglich
Schnell klärte sie Di-Ot auf telepathischem Wege
daran, den Schalter etwas nach oben zu drücken, aus
über die Geschehnisse auf. Mit der größten Selbstver-
reiner gedanklicher Spielerei, und schon... und schon
ständlichkeit erkannten Bi-Ga und Je-Ro ihre neuen
wurden meine Gedanken fast in die Tat umgesetzt.“
Fähigkeiten und verwerteten sie auch.
„Ich habe es bemerkt“, drangen die gedachten Wor-
Bi-Ga machte den Anfang.
te Bi-Gas zu Di-Ot hinüber. „Es ist im höchsten Maße
„Am besten wird es sein, wenn wir erst einmal in unwahrscheinlich und doch, ich möchte fast sagen, ei-
die einzelnen Kabinen gehen und der Besatzung der ne ganz natürliche Reaktion!“
,Porat’ behilflich sind. Das Schiff rast immerhin füh-
„Eine natürliche Reaktion?“ Di-Ot war erstaunt.
rerlos durch diesen Raum.“ Er hatte die Gedanken Ma-
Tes aufgefangen und verstanden, was augenblicklich „Genau das meine ich. Wir waren mit der ,Porat’
in dem jungen Wissenschaftler vorging. fast im Zentrum der unbekannten Strahlung. Die Ver-
Schweigend verließen daraufhin die vier Wissen- änderung in unseren Hirnen ist deshalb vielleicht stär-
schaftler ihre Kabine und schritten eiligst durch den ker. — Ich werde es auch einmal versuchen.“
ovalen Gang. Ihr Ziel war der Kommandoraum, in Schweigend legte er sich in seine Liege zurück und
dem sich die Piloten aufhielten und wahrscheinlich entspannte seinen Körper. Er konzentrierte sich auf
noch immer bewußtlos waren. den kleinen Schalter an der metallenen Schiebetür.
Den vier namitschen Wissenschaftlern gelang es Seine Gedankenwellen strömten dem Schalter entge-
ohne Schwierigkeit, die beiden Piloten der „Porat“ gen. Mit aller Willenskraft versuchte er, ihn nach oben
aus der Ohnmacht zu erwecken. Nach minutenlan- zu drücken, gedanklich in Bewegung zu bringen!
gem Ausruhen ihrer noch gefühllosen Körper setzten Millimeterweise rückte der kleine Schalter aus sei-
sich die beiden Piloten schließlich an ihre Plätze und ner Ruhestellung! Bi-Ga konzentrierte sich noch mehr.
übernahmen wieder die Führung des gewaltigen For- Er begann zu zittern. Der Schweiß brach ihm aus, aber
schungsschiffes. es gelang ihm trotz allem nicht, den Schalter weiter
Di-Ot hatte angegeben, daß der Kurs sofort geändert nach oben zu bewegen! Tief aufatmend, wandte er sich
und ihr Ziel der Planet NAMIT im System der neuen ab, und der Schalter fiel in die Ausgangsstellung zu-
Sonne sein sollte. So schnell wie möglich wollte Di-Ot rück.
zur Heimat zurück. „Ich schaffe es nicht. Unmöglich.“
Während des Rückfluges lagen Bi-Ga und Di-Ot in Di-Ot nickte ihm verstehend zu. „Dann werde ich
einer gesonderten Kabine, in der sie ihre strapazierten es noch einmal versuchen.“
Und die Sterne verblaßten 22

Entschlossen legte er sich zurück, und seine Ge- und dann lag in seiner vollen Größe der Planet NA-
danken beschäftigten sich nur noch mit dem kleinen MIT auf dem runden Deckenschirm, kam näher und
dunklen Schalter. näher, rollte auf sie zu!
Er ruckte nach oben, verharrte einen kleinen Au- Die Heimat war wieder erreicht, und mit der Heimat
genblick und fiel dann wieder etwas zurück! Es ge- neue Aufgaben und neue Ziele!
lang auch Di-Ot nicht, den Schalter höher zu drücken
als beim ersten Mal. Die Anstrengung und Kraft war 5. Kapitel
zu groß. Man konnte sie unmöglich aufbringen.
Das Tosen der Farben und Töne erstarb mit ei-
Bi-Ga verfolgte mit den Augen das ergebnislose
nem schrillen Wimmern! Aus einer unwirklichen Fer-
Unternehmen seines Gefährten.
ne wurde Clayd Rivat herangeschleudert, und seine
„Es gelingt auch dir nicht. Wahrscheinlich sind un- Sinne begannen erst wieder zu arbeiten, als der noch
sere Gehirne auf diesem Gebiete nur schwach beein- immer farbige Schleier sich vollständig vor seinen Au-
flußt worden. Das wäre wirklich schade. Der Wunsch, gen auflöste.
der jahrhundertealte Wunsch der namitschen Wissen- Der Blick des Captains wurde klar, und er erkannte
schaftler, durch gedankliche Kraft einen Gegenstand seine Umgebung.
vom Fleck zu bewegen, hätte sich hiermit bald erfüllt.
Alles schien so zu sein wie vorher, und doch hatte
Ich finde, wir sollten demnächst Versuche durchfüh-
er etwas miterlebt, was ihn zutiefst aufgewühlt hatte.
ren, die sich mit derartigen Dingen, wie Telekinese
Und Clayd Rivat verstand! Er vernahm die „Stimme“
und Teleportation, befassen. Vielleicht gelangen wir
des Namits Di-Ot in seinem Gehirn.
doch noch einmal zu befriedigenden Ergebnissen.“
„Das, Fremdling, ist die Geschichte der Namits. Du
„Möglich ist es, daß wir auf diesem Gebiete dann hast alles gesehen und wirst wahrscheinlich nun auch
etwas leisten können“, meinte Di-Ot und wandte sich verstehen, was die eigenartige Erscheinung bedeutet,
Bi-Ga zu. „Unsere Gehirne haben immerhin eine Ver- die den Raum eures Universums aufzulösen scheint.
änderung durchgemacht, die uns sehr zustatten kom- Jene MURA-Explosion, die uns den Segen hätte brin-
men kann. Probleme, die wir bisher noch nicht lösen gen können, wenn wir den Stoff richtig verwertet hät-
konnten, können vielleicht nun gelöst werden. — Ich ten, hat uns das Grauen gebracht, weil wir das MURA
werde mich mit Freude an den Forschungen beteili- noch nicht verstanden.“
gen.“
Clayd Rivat nickte wortlos mit dem Kopf.
Di-Ot blieb ruhig und kniff dann plötzlich seine Au- Seine Worte kamen ruhig aus seinem Munde:
gen zusammen. In seinem Gehirn entstand ein Knäuel
„Aber eines verstehe ich einfach nicht, Di-Ot“, sag-
von Gedanken, ehe er etwas Klares vernehmen konn-
te der Captain, „wie kann sich eine Kettenreaktion im
te.
leeren Raum, in einem Vakuum, fortpflanzen?“
„Weißt du, Di-Ot, ich finde, wir sollten, wenn wir
Ein verständnisvolles Lachen drang in Clayd Rivat.
wieder auf NAMIT sind, eine regelmäßige Patrouil-
„Das, Fremdling, ist eine Frage, die nur allzu leicht
le einrichten, die in bestimmten Abständen den al-
zu beantworten ist. Du glaubst daran, daß der Raum
ten Weltenraum absucht und das Weiterfressen der
aus einem Nichts besteht, und man ein Nichts nicht
MURA-Reaktion verfolgt. Wie ich deinen Gedanken
vernichten kann, nicht wahr?“ Clayd Rivat nickte.
entnehmen kann, bist du mit meinem Vorschlag ein-
„Und doch erstand aus diesem scheinbaren Nichts ein
verstanden. Wir beide werden also die Patrouille über-
ganzes Universum, Millionen und aber Millionen Ster-
nehmen. Einverstanden?“
ne, Sonnen und Planeten! Und — der Raum an sich!“
„Ich bin froh, Bi-Ga, daß du auf dieses Thema Die blauglühenden Augen Di-Ots hefteten sich auf
eingehst und zu sprechen kommst“, erwiderte Di-Ot den Captain. „Das alles ist aus deinem scheinbaren
ernst. „Mir liegt diese Sache sehr am Herzen. Ich bin Nichts entstanden, Fremdling! Selbst das Nichts be-
natürlich mit von der Partie.“ deutet doch ein Etwas! Und deshalb ist es zu erklären,
Wortlos nickte ihm Bi-Ga zu. Er erwiderte nichts daß sich eine Kettenreaktion auch im anscheinend lee-
mehr auf die Ausführungen seines Freundes. Der Fall ren Raum ausbreiten kann!“
lag klar, und jeder weitere Kommentar war überflüs- Die Gedanken des Captains beschäftigten sich mit
sig. den unsinnigsten Dingen, und Di-Ot blickte dabei be-
Die gewaltige Riesensonne in ihrer blauweißen sorgt auf sein Gegenüber. Er konnte jeden einzelnen
Hölle erschien so plötzlich, daß Di-Ot erschreckt Gedankengang verfolgen und meinte schließlich:
hochfuhr. Der runde Deckenschirm gab das Bild klar „Ich kann deine Sorge verstehen, Fremdling. Ich
und deutlich in seiner ganzen vollen Farbe wieder, das werde alles dafür tun, daß auch ihr diesen Raum ver-
erschreckend und herrlich wirkte. Der Bildwiederga- laßt, und daß man so schnell wie möglich für euch
be nach zu schließen, machte die „Porat“ soeben eine einen Planeten finden muß, auf dem ihr euer weiteres
riesige Schleife nach rechts und ließ die Gigantenson- Leben verbringen könnt. Wie schnell sind eure Schif-
ne links liegen. Die inneren Planeten huschten vorbei, fe?“
23 TERRA

Die Frage drang so unvermittelt in Rivats Gehirn, „Dieses dick eingezeichnete Oval, Fremdling, stellt
daß er erschreckt zusammenzuckte. unseren Weltenraum, in dem wir uns gerade befin-
„Wir erreichen mit unseren modernsten Schiffen den, dar. Ein Universum ist nämlich nicht endlich
Lichtgeschwindigkeit“, antwortete er schließlich stolz und nicht endlos. Ein Raum läuft in sich selbst zu-
und blickte gespannt auf den Namit. rück wie die runde Fläche eines Planeten, nur daß die
Form eines Alls eben eine Elipse bildet.“ Di-Ot fuhr
Gleich darauf, seine Worte waren kaum verklungen,
mit seinem schlanken Finger über die farbige Fläche
drang ein leiser Entsetzensschrei in ihn.
und wies auf eine schmälere Elipse, die das Oval um-
„Dann wird es euch niemals möglich sein, diesen gab. „Dieses enge, hellrot ausgezogene Oval stellt den
Weltenraum zu verlassen“, drang es erschreckt in sein Pararaum dar. Und das ist jener Raum, der von der
Gehirn. „Um der Gravitationskraft eines ganzen Uni- MURA-Kettenreaktion nicht angegriffen und vernich-
versums zu begegnen, benötigt man das 300fache! Ei- tet werden kann. Das große Oval wird von der MURA-
ne solche Fluggeschwindigkeit in notwendig, um der Explosion völlig vernichtet werden, außer jener klei-
Anziehungskraft dieses Weltenraumes zu entfliehen nen, schmalen Fläche, dem Pararaum.“
und aus den Grenzen des Alls hinauszuschießen!“ Clayd Rivat blickte auf Di-Ot. Er verstand immer
Clayd Rivat war blaß geworden. Sein Gehirn ar- noch nicht.
beitete fieberhaft, und doch kam er zu keinem Ergeb- „Und dieser Umstand ist damit zu erklären“, fuhr
nis. Niedergeschlagen hob er seinen Blick und heftete der Namit fort, „daß das MURA zwar jegliche Mate-
seine Augen fast flehend auf den namitschen Wissen- rie und Energie auflösen, aber es keine Zeit vernich-
schaftler. ten kann! Und jener Pararaum, von dem jedes Univer-
„Aber dann“, begann er stockend, „dann wird es uns sum umgeben ist, besteht aus reiner Zeit! Ein Raum,
niemals möglich sein, diesen Weltenraum zu verlas- der kein Raum mehr ist, sondern Zeit! Du siehst al-
sen?“ Der Captain wollte noch viel mehr sagen, aber so, Fremdling, es ist theoretisch und praktisch unmög-
seine Stimme versagte ihm den Dienst. lich, daß die MURA-Kettenreaktion auch auf den an-
„Mit euren Schiffen — nein“, machte sich Di-Ot deren Weltenraum übergreifen kann. Der Pararaum,
bemerkbar. „Aber unsere Hyperraumschiffe werden in oder besser gesagt, Zeitraum, schützt uns davor.“
der Lage sein, euch aus diesem Raum zu holen und in Di-Ot betätigte wieder sinnverwirrende Hebel und
den anderen zu bringen.“ Er sah freundlich lächelnd Knöpfe, und die bläulichrote Bildfläche erlosch. Laut-
auf den Captain. los glitten die Metallklappen darüber.
Clayd Rivat kniff die Augen zusammen. Ihm war Clayd Rivat starrte nur. Obwohl ihm der Namit al-
eben ein Gedanke gekommen, der, bevor er ihn über- les erklärt zu haben schien, begriff er mit seinem ge-
haupt laut aussprach, schon von dem Namit aufgefan- genüber den Namits unterentwickelten Gehirn nur die
gen wurde. Hälfte dessen, was man ihm gesagt hatte.
„Auch diesen Umstand werde ich dir erklären, Ein Universum, das nicht unendlich war, sondern in
Fremdling“, drang es erneut in Rivats Bewußtsein. seine eigenen Grenzen zurücklief, mehrere, vielleicht
„Ich werde dir erklären, warum nur dieser Raum der Tausende Weltenräume, die übereinanderlagerten und
MURA-Kettenreaktion zum Opfer fallen wird und nur durch den sogenannten Pararaum getrennt waren,
nicht auch der andere.“ Begriffe, die für die Rasse der Namits selbstverständ-
lich waren, für einen Menschen aber ungeheuerlich
Die „Worte“ in Clayd Rivats Hirn verstummten, und
klangen, ja sogar an den Wahnsinn grenzten!
der Namit wandte sich schweigend der seltsamen Ap-
paratur zu und drückte darauf mehrere Knöpfe und Ta- Di-Ot, der namitsche Wissenschaftler, vernahm in
sten. Verschiedenfarbige Nebel wurden in andere Stel- seinem Gehirn die verwirrten und überraschten Ge-
lungen gerückt, und auf dem glatten, blitzenden Me- dankengänge Clayd Rivats. Die telepathische „Stim-
talltisch glitten zwei dünne Stahlplatten auseinander. me“ des Namits riß ihn aus seinem Nachdenken.
Eine wohlgeformte Fläche wurde frei, die von einem „Das, Fremdling, sind wissenschaftliche Tatsachen,
bläulich-rot schimmernden Bildschirm ausgefüllt war. glaube mir. — Aber nun möchte ich dich bitten, zu
Die Bildfläche wurde hell. deiner Heimatsonne zurückzufliegen, sobald du dich
wieder in deinem Schiff befindest“, wechselte Di-Ot
Di-Ot winkte den Captain heran, der inzwischen das Thema und wurde ernster. „Das Umsiedlungspro-
von dem Sitz aufgestanden war und abwartend hinter jekt einer ganzen Rasse erfordert eine lange Vorberei-
dem Namit stand. tungszeit. Bis die Kettenreaktion euer System erreicht
Interessiert trat er näher. hat, vergeht noch eine geraume Zeit, aber je schneller
Auf der erhellten bläulichroten Bildfläche war deut- ihr diesen Raum verlaßt, um so besser.“
lich eine präzise Skizze zu sehen, die sich Clayd Rivat Zweifelnd schüttelte Clayd Rivat seinen Kopf. ,Es
nicht erklären konnte. Seine Gedanken formten un- ist alles so ungewiß’, dachte er. ,Selbst wenn den Men-
willkürlich eine Frage, die von dem telepathisch be- schen der Erde eine Flucht in den anderen Raum ge-
einflußten Gehirn Di-Ots aufgefangen wurde. lingen sollte, ist es nicht ganz sicher, ob wir auch dort
Und die Sterne verblaßten 24

leben können. Unsere Körperstruktur hat wieder eine auf mich! Ich werde bald zurückkehren und mit mir
ganz andere Entwicklung durchgemacht wie die eure. andere Namits, die euch und vielleicht anderen vor-
Jene geheimnisvollen Strahlen, die euer Gehirn der- handenen Intelligenzen zu Hilfe kommen werden. Ich
art veränderten, können sich vielleicht ganz anders auf werde dafür sorgen.“
uns auswirken — vielleicht sogar tödlich. Ich weiß es Der Sitz Di-Ots fing an zu rollen, glitt langsam die
nicht.’ Er ließ resigniert die Schultern hängen. Schiene entlang. Clayd Rivat folgte. Es ging wieder
Die Gedanken Di-Ots drangen in das Gehirn des durch die Räume mit dem verschiedenfarbigen Licht.
Captains. In dem vordersten Raum hielt der Namit schließlich
„Deine Einwände sind nicht unberechtigt, Fremd- an. Es war jener Raum, der in ein klares, helles Licht
ling. Sie haben etwas für sich. Man müßte unseren gebadet war und in dem er, Clayd Rivat, zum ersten-
Medizinern eine Probe des menschlichen Hirns vor- mal angekommen war, Di-Ot machte sich wieder an
legen. Sie könnten dann feststellen, ob eine positive der sinnverwirrenden Apparatur zu schaffen, und Se-
oder negative Veränderung vor sich gehen würde. Wä- kunden später war Captain Rivat von einem feinen Ne-
re das möglich?“ bel eingehüllt, der sich von Sekunde zu Sekunde ver-
Trotz des Ernstes der Lage mußte Clayd Rivat lä- dichtete. Und während die Teleportation begann, hörte
cheln. er noch einmal in seinem tiefsten Innern: „Du kannst
dich auf die Namits verlassen, Fremdling!“
„Es kommt ganz darauf an, ob sie von einem leben-
den Menschen die Probe benötigen oder mit der von Ein Nichts griff nach ihm, packte ihn und schleu-
einem Toten zufrieden sind. Ein Lebender wird sich derte ihn in eine heulende Unendlichkeit.
wohl nicht zu einem solchen Experiment hergeben.“ Die Atome seines Körpers wurden wieder in dem
„Ich habe natürlich an ein totes Wesen gedacht“, Kommandoraum der „CORON“ zusammengesetzt.
kam es zurück. Erst als sein Körper wieder vollständig vorhanden war,
löste sich der Nebel in zarte, wellende Schleier und
„Dann wird die Möglichkeit ohne weiteres beste-
verschwand dann gänzlich. Vor den entsetzten Blicken
hen“, erwiderte Clayd Rivat bestimmt.
Walt Mashs und Tim Crulers entstand Clayd Rivat!
Die Gedankenwellen, die Di-Ot nun aussandte, wa-
Der erste Blick des Captains ging zum Ortungs-
ren eigenartig akzentuiert. Eine gewisse Trauer und
schirm.
ein gewisses Schuldbewußtsein schwangen darin mit.
Die rechte, weitaus größere Fläche war von dem
„Obwohl ich froh bin, den Menschen der Erde hel-
hellen Nichts ausgefüllt, und die linke Seite zeigte
fen zu können, kann ich immer noch keine Freude dar-
noch ein wenig von dem samtschwarzen Raum und
über empfinden. Es ist trotz allem noch so einseitig!
den Sternen. Das Schiff des Namit Di-Ots aber war
Wenn ich mir vorstelle, daß noch viele hundert Son-
verschwunden!
nensysteme in diesem Räume sind, die vielleicht auch
Leben tragen, dann könnte ich wahnsinnig bei diesem Clayd Rivat wandte sich um, und seine Äugen hef-
Gedanken werden, daß sie alle, ohne etwas dagegen teten sich auf Tim Cruler. Mit der größten Gefaßtheit
tun zu können, der MURA-Kettenreaktion zum Opfer und seiner schon sprichwörtlichen Ruhe begann er zu
fallen werden!“ ’ reden.
„Aber dann müßt ihr, die Namits, doch etwas da- „Sie, Walt, begeben sich am besten wieder an Ih-
gegen tun“, sprach Clayd Rivat hart. „Ihr seid doch ren Platz und bleiben in beträchtlicher Entfernung von
auch diejenigen gewesen, die die unheilvolle Explosi- dieser Erscheinung. Halten Sie das Schiff immer in ei-
on ausgelöst haben! Ihr müßt diesen Wesen zu Hilfe nem abgemessenen Abstand.“ Er drehte sich von sei-
kommen, wie ihr uns zu Hilfe gekommen seid!“ nem zweiten Piloten ab, der auf seinen Platz zuging,
und wandte sich an Tim Cruler.
„Vorausgesetzt natürlich, daß es noch andere Intelli-
genzen in diesem Raum gibt“, drang es in den Captain. „Du, Tim, wirst jetzt so schnell wie möglich einen
„Um das jedoch festzustellen, benötigen die Namits Funkspruch an die einzelnen Beobachtungsstationen
gut fünf Monate namitscher Zeit. Eine solche Zeit- durchgeben. Den genauen Text diktiere ich dir noch.
spanne muß den Schiffen zumindest zur Verfügung Bescheid müssen wir ja schließlich geben, denn wir
stehen, die den Raum, der bis jetzt noch nicht von der werden wohl so schnell nicht zur Erde zurückkehren“,
MURA-Reaktion angegriffen ist, zu durchsuchen. Die setzte er leise hinzu.
einzelnen Sonnen müssen angeflogen werden und die Während Tim nickend in seiner Kabine verschwand
vorhandenen Planeten auf Leben geprüft werden. Es und die Verbindung zum Kommandoraum herstellte,
muß jetzt alles sehr schnell und doch wohlüberlegt vor wartete Captain Rivat schon darauf, daß er diktieren
sich gehen. Sobald du, Fremdling, wieder in deinem konnte. Es dauerte nicht mehr lange, und das Lichtsi-
Schiff bist, werde ich mich auf den Weg machen und gnal auf seiner Schalttafel glühte auf.
in den anderen Raum zurückkehren. Dort werde ich Clayd Rivat zog das feine Stabmikrofon zu sich her-
alles Notwendige regeln. Dich, Fremdling, möchte ich an. Er sprach leise in die winzigen Mikrofonrillen, und
jedoch bitten, immer hier in der Nähe vor der MURA- seine Stimme drang verstärkt über einen versteckten
Explosion zu bleiben. Warte mit deinem Schiff hier Lautsprecher in die andere Kabine, in der sich Tim
25 TERRA

Cruler befand und angespannt auf den Text wartete, „So steht das also“, das war alles, was Alec Pown
den er zu funken hatte. im Moment über seine trockenen Lippen brachte. Die
Seine Finger drückten hastig und geübt die Taste, Meldung Captain Clayd Rivats hatte ihn mehr ange-
als Clayd Rivats Stimme endlich aufklang. griffen, als er selbst zugeben wollte.
„An alle Stationen im System der Sonne Alpha Auf diese grauenhafte Art und Weise hatte sich also
Centauri und auf Titan. — Folgende wichtige Mel- seine Vermutung bestätigt. Schon beim ersten Sichten
dung...“ dieses hellen, unerklärlichen Fleckens hatte er gewußt,
daß das kein gutes Zeichen war. Und er hatte recht be-
Der schmale Papierstreifen ruckte Stück für Stück halten.
aus dem ebenso schmalen Schlitz.
Auch Jeff Winters ging einige Schritte zurück und
Gespannt blickte Jeff Winters auf das Gerät, das den setzte sich auf den Stuhl vor der Funkanlage. Er ließ
Streifen ausspie. Noch während der Vorgang vor sei- noch mehrmals den Streifen durch seine Hand gleiten,
nen Augen abrollte, hielt er seinen Kopf schon etwas ohne sich allerdings nochmals in den Text zu vertie-
schief geneigt, um den Text einstweilen lesen zu kön- fen. Schweigend legte er schließlich den Papierstrei-
nen. Jeff pfiff leise durch die Zähne, sagte aber sonst fen aus der Hand.
kein Wort. Er wurde von Sekunde zu Sekunde aufge- Eine seltsame Stimmung hing in der Luft. Jeder
regter und überraschter. ging seinen Gedanken nach.
Der Streifen schien kein Ende zu nehmen. Immer Sniffie blickte mit seinen rotglühenden Elektronen-
neue Zeichen erschienen und machten ihn länger und augen abwechselnd von einem zum anderen und mein-
länger. Ein Funkspruch ungewöhnlicher Länge, wie er te dann ruhig: „Aber, meine Herren, so schlimm ist es
nur in den seltensten Fällen einmal vorkam, glitt aus ja nun auch wieder nicht.“
dem Schlitz. Es dauerte noch eine geraume Weile, ehe Die Stimme des Roboters riß sowohl Alec als auch
das tickende Geräusch, das das Herausgleiten des Pa- Jeff aus ihrer Melancholie hoch.
pierstreifens begleitete, verstummte.
„Wie man’s nimmt“, ergriff Jeff das Wort.
Hastig riß Jeff den Streifen an sich und rollte ihn „Schlimm oder nicht schlimm. Ich frage mich nur, wo-
zusammen. Während er sich gemächlich erhob, zog her weiß dieser Captain Rivat das alles. Und dann die-
er Zentimeter für Zentimeter den Streifen durch sei- se Sache von einem anderen Weltenraum. Ich möchte
ne andere Hand und las die eingeschriebenen Zeichen bloß wissen, wo der sein soll. Mir persönlich kommt
ab. Leise klang seine Stimme durch die Kabine der das alles ein bißchen ungewöhnlich und unglaubhaft
Station, und Alec Pown horchte überrascht auf. Auch vor. Die ganze Sache ist ziemlich mysteriös und ge-
„Sniffie“, der neben Alec stand und wieder durch das heimnisvoll. Ich habe das Gefühl, daß hier irgend et-
Okular geguckt hatte, wandte seinen wohlgeformten was nicht stimmt“, fügte er dann gefaßt und fest hinzu.
Kopf der Richtung zu, aus der Jeff vorlas. „Irgend etwas...“
„Wichtige Meldung. Sonnensystem Regulus voll- Alec Pown winkte ab.
ständig vernichtet worden. — Die eigenartige Erschei- „Warum sollen wir uns den Kopf darüber zerbre-
nung hat eine Wirkung, die die Sterne des Raums und chen, Jeff. Am besten und einfachsten ist es für uns,
den Raum selbst auflöst. — Entstehungsort bekannt wenn wir abwarten, was weiter geschieht. — Warten
— es kann jedoch vorerst noch nichts dagegen ge- wir also ab. “
tan werden. — Einzelheiten bleiben noch geheim. — Der Roboter Sniffie nickte zustimmend mit seinem
Voraussichtlich wird es notwendig sein, die Menschen Kopf, und seine Elektronenaugen erstrahlten in einem
der Erde in einen anderen Weltenraum zu evakuieren tiefen Rot.
— allerdings noch nicht ganz sicher. — Das Projekt
„Ganz meine Meinung“, erklärte er überzeugt.
wird jedoch vorsichtshalber schon vorbereitet — nä-
„Man wird uns schon aufklären. Wir haben ja schließ-
here Einzelheiten im Laufe der nächsten Tage — von
lich eine wichtige Stellung bei der Interplanetary,
dieser Meldung nichts in der Öffentlichkeit verlauten
und uns kann man nicht im Ungewissen lassen, nicht
lassen, jedenfalls jetzt noch nicht — sobald alles fest-
wahr?“
steht wird schon früh genug Bescheid gegeben wer-
den. Captain Clayd Rivat, ,CORON’...“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er auch schon
fort.
Jeff Winters ließ den Streifen sinken.
„Ich bin jetzt nur gespannt, wie das alles ausgehen
Der Roboter Sniffie sagte vornehm: „Na — dann wird.“
gute Nacht“, und setzte sich schwer auf einen Sitz. Wie ein kleines Kind schlug er in seine gepolsterten
Alec Pown wußte nicht, worüber er zuerst erstaunt Hände. Eine Bewegung, wie er sie anscheinend mal
sein sollte, über die Meldung, die Jeff verlesen hatte, bei einem Freudenausbruch Jeffs oder Alecs gesehen
oder über die trockene, lapidare Feststellung Sniffies. hatte.
Alecs Blick ging zu Jeff, der ihn eigenartig stur „Und falls wir wirklich diesen Weltenraum verlas-
anschaute. Die Gesichtsfarbe des Freundes hatte eine sen müssen“, fing er wieder an, „dann werde ich wahr-
fahle Blässe angenommen. scheinlich auch dabei sein. Also darauf bin ich erst
Und die Sterne verblaßten 26

recht gespannt, denn einen anderen Weltenraum habe in etwa 10 Minuten. Transitionspunkte 25 — 12 —
ich noch nie gesehen.“ 1990/18 — — 9,16 benutzen. Die Flotte soll sich nach
Alec Pown atmete tief durch, ehe er einen vernich- geglücktem Sprung in den anderen Raum in kleinere
tenden Blick auf Sniffie warf. Gruppen auflösen und zunächst die Sonnensysteme,
„Sniffie, wenn du nicht sofort ruhig bist, dann wer- die am nächsten an der MURA-Kettenreaktion sind,
de ich höchstpersönlich veranlassen, daß du in diesem absuchen. Nur wenn Sie, Captain Ha-Od, die Flotte
Raum zurückbleibst, falls wir ihn verlassen müssen.“ aufteilen, wird es ihnen möglich sein, schnell und ra-
tionell die einzelnen Sonnen auf ihre Lebensfähigkeit
Die Augen des Roboters nahmen eine hellrote Far-
zu prüfen. Trotzdem ist äußerste Genauigkeit vonnö-
be an.
ten. Einzelheiten unter ihrer Verantwortung, Ha-Od.
„Aber Herr“, flüsterte er entsetzt, und seine Augen
Sobald Ihre Flotte diesen Planeten verlassen hat, wer-
wurden vor Schreck noch heller, „das können Sie doch
den wir folgen und den anderen Raum durch den glei-
nicht tun! Stellen Sie sich doch mal vor, Herr, ich, der
chen Transitionspunkt anfliegen wie Sie. Andere Tran-
Roboter Sniffie, ganz allein in einem gewaltigen Uni-
sitionsberechnungen sind ab sofort ungültig, da die
versum, das sogar noch vernichtet wird. Das wäre we-
Möglichkeit besteht, daß die MURA-Reaktion schon
nig schön.“ Er seufzte.
so weit fortgeschritten ist, daß wir, wenn wir andere
Jeff Winters und Alec Pown blickten sich für einen Transitionsberechnungen benutzen, ins Nichts stoßen.
Moment in die Augen, und dann lachten beide los. Ein — Ich wiederhole die neue Berechnung. Bitte notie-
Lachkrampf packte ihre Körper. ren Sie — — 25 — 12 — 1990/18 — — — —9,16.
Verstehend blickte Sniffie auf seine beiden Herren. Sobald
Vor Freude wurden seine Augen wieder dunkler.
diese Werte bis auf die fünfte Dezimalstelle stim-
„Na also“, meinte er erlöst, „ich habe mir ja gleich men, können Sie den Sprung wagen. — — Ende.“
gedacht, daß ihr das nicht ernst meint.“
Di-Ot wandte sich um, und sein Blick fiel auf Bi-
6. Kapitel Ga. Er nickte ihm zu.
„Noch wenige Minuten, Bi-Ga, dann startet Ha-Od,
Di-Ots Hilfsflotte stand bereit. und dann werden wir folgen.“
Die 2 500 Hyper-Raumschiffe hatten die Aufgabe,
Ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren, setzte er
Welten zu suchen und vorhandene Intelligenzen weg-
sich vor den Bedienungstisch und wartete, bis die Be-
zuschaffen, deren Systeme sich schon in bedrohlicher
stätigung durchkam, daß die Flotte unter Ha-Ods Füh-
Nähe der MURA-Kettenreaktion befanden. Das Sy-
rung den Planeten verlassen hatte.
stem Sol, in dem die Erde lag, war vorerst noch nicht
akut bedroht. Daher war die Suche nach anderen be- Vor den Augen Captain Clayd Rivats entstanden
wohnten Welten wichtiger. die seltsam geformten Hyper-Raumschiffe der Na-
Genau 100 Kilometer von dem gewaltigen Start- mits. Eine ganze Flotte materialisierte sich aus dem
platz der 2 500 Hyper-Raumschiffe entfernt, befand Nichts und schoß gleich darauf mit ungeheurer Ge-
sich ein kleinerer Startplatz, auf dem nur 500 der schwindigkeit in geteilter Formation auf die einzelnen
typisch geformten Hyper-Raumschiffe standen. Und Sonnensysteme zu.
diese Schiffe erfüllten einen ganz besonderen Zweck. Minuten später erschien fast am gleichen Punkt vor
Der Wissenschaftler Bi-Ga war auf die Idee ge- Clayd Rivats Augen eine neue, kleinere Flotte der Na-
kommen, einen Teil der Schiffe mit Strahlwaffen mits, und Sekunden später schon stand die Stimme Di-
und Energie-Geschossen auszurüsten, um vielleicht Ots im Kommandoraum der „Coron“. Ebenso in den
dadurch die Möglichkeit zu schaffen, der MURA- anderen vier Schiffen der Patrouille.
Kettenreaktion entgegenzuwirken. Es war nur ein Ver- „Die Namits sind gekommen, Fremdlinge. Als er-
such, aber man mußte ihn wagen, um anderen viel- stes liegt uns die Suche nach anderen Intelligenzen am
leicht vorhandenen Intelligenzen dadurch die Mög- Herzen. Außerdem hat die kleinere Flotte unter mei-
lichkeit zu geben, von den namitschen Schiffen ge- nem Befehl eine ganz besondere Mission. Wir wollen
rettet zu werden. Zeitgewinn war augenblicklich das mit Hilfe von Energie-Geschossen und Strahlen versu-
wichtigste. chen, die MURA - Kettenreaktion aufzuhalten. Wenn
Die 500 Schiffe, die mit diesen Waffen ausgestattet uns das gelingt, werde ich sofort die andere Namit-
waren, waren schon bemannt. Flotte zurückrufen, die sich auf der Suche nach be-
Die beiden Wissenschaftler Bi-Ga und Di-Ot hatten wohnten Welten befindet. Ich wäre glücklich, wenn
die Führung dieser kleineren Flotte übernommen. dieser Fall eintreten würde, denn das bedeutet, daß wir
Di-Ot, der Ältere, stand vor der Instrumententafel euch nicht in einen anderen Raum bringen müssen, der
und sprach soeben in eines der winzigen Mikrofonlö- euren Körpern und der Gehirnstruktur vielleicht nur
cher. schadet.
„An die Schiffe auf ,Ortlu’. Kennwort: ,Unterneh- Ich bitte euch nun, Fremdlinge, euch mit euren
men MURA’. — An Captain Ha-Od. Start erfolgt Schiffen etwa 100 000 Kilometer zu entfernen, da wir
27 TERRA

Platz benötigen, um die Strahl- und Energie-Waffen Er befahl, daß sich die Raumschiffe in zwanzig klei-
anzuwenden.“ nere Gruppen zu je 25 Schiffen aufteilen und verschie-
Die Stimme Di-Ots verschwand. dene Sonnensysteme anfliegen sollten.
Noch während sein Befehl in die Tat umgesetzt
In sämtlichen Schiffen der Raumpatrouille wur-
wurde und sich die namitschen Hyper-Raumschiffe in
den fast zu gleicher Zeit die Beschleunigungshebel
Bewegung setzten, um schließlich in Gruppen zu je
zur Seite geschoben. Die irdischen Flugkörper setz-
25 Schiffen im unendlichen Raum zu verschwinden,
ten sich in Bewegung — eilten einige tausend Kilo-
wandte sich Di-Ot ab und heftete seinen Blick auf den
meter durch den Raum und verringerten dann wieder
Bildschirm. Gut erkennbar hielten sich in einigen tau-
die Geschwindigkeit. Die einzelnen Raumschifführer
send Kilometern Entfernung die fünf irdischen Raum-
der Patrouille brachten ihre Schiffe in eine solche Stel-
schiffe auf.
lung, daß sie bequem den Ereignissen, die sich vor
dem MURA-Brand abspielten, folgen konnten. Die Gedanken des namitschen Wissenschaftlers
konzentrierten sich nur auf eines dieser Schiffe. Sei-
Die 500 gewaltigen Schiffe der Namit-Rasse flogen ne Gedankenwellen strömten durch die Wände des
in sicherer Entfernung an den äußersten Ausläufern Raumschiffes, eilten durch den Raum und bildeten
der hellen Masse entlang, ohne allerdings zu nahe an schließlich feste Worte in dem Kommandoraum der
die Kettenreaktion heranzukommen. „Coron“.
In einer weiten, auseinandergezogenen Linie grup- „Unser Versuch ist mißlungen, Erdenmenschen
pierten sich die namitschen Hyper-Space-Schiffe vor vom System der Sonne Sol. Es bleibt uns jetzt nur
dem hellen Fleck. noch die eine Möglichkeit, den Raum nach Lebewe-
Aus allen 500 Schiffen kamen zu gleicher Zeit die sen abzusuchen und diese Intelligenzen in das andere
blassen, flimmernden Energiestrahlen, die sich fächer- Universum zu bringen. Wir werden also auf die Su-
förmig auf den MURA-Brand zubewegten. Die klei- che gehen, und du, Fremdling“ — in Di-Ots Gedanken
nen, lichtschnellen Energiegeschosse folgten nach. In entstand die Gestalt Captain Clayd Rivats — „kannst
den äußeren Ausläufern des grauen Nichts flammte es diesen Flug mitmachen. Ich wäre froh, wenn ich ein
gleißend auf. Eine brodelnde Hölle entfesselter Ener- Wesen deiner Rasse an Bord hätte.“
gie breitete sich am Rand der MURA-Kettenreaktion Etwa 100 000 Kilometer weit entfernt nickte Cap-
aus, an jener Grenze, die den Raum vom endlichen tain Clayd Rivat freudig erregt dem Bildschirm zu.
und wirklichen Nichts trennte. „Ich bin gern bereit, Di-Ot.“
Eine unheimliche Kraft entfesselter Elemente brach Clayd Rivat strahlte. Wohl keinem Menschen zu-
los und lief mit ungeheurer Geschwindigkeit am vor war das Angebot gemacht worden, an einem Flug
Randgebiet des MURA-Brandes entlang — weckte teilzunehmen, der durch das ganze Universum führen
neue, ungebändigte Geister! würde. Mit den bescheidenen Raumschiffen der Men-
Die von Di-Ot und Bi-Ga erhoffte Wirkung blieb schen war eine solche Reise sehr zeitraubend, da die
aus. Genau das Gegenteil war der Fall! Die Ener- Triebwerke nur bis auf etwa 30-fache Lichtgeschwin-
giestrahlen und Energiegeschosse wurden regelrecht digkeit beschleunigen konnten. Es war infolge dieses
aufgesaugt, und der MURA-Brand fraß mit gleicher Umstandes nicht verwunderlich, daß man bisher nur
Kraft weiter, wurde sogar von der neuaufgenommenen die dem System Sol am nächsten gelegenen Sonnen-
Energie noch gestärkt! systeme erreicht hatte. Und zu diesen fremden Syste-
men, die bisher von Menschen besetzt waren, gehörte
Di-Ots Kopf senkte sich niedergeschlagen auf die
lediglich das System der Sonne Alpha Centauri.
Brust. Gequält kamen seine Gedanken auf Bi-Ga zu.
Und diese einmalige Gelegenheit, andere, noch völ-
„Es war umsonst, Bi-Ga! Ich hatte meine ganze lig fremde Welten kennenzulernen, nutzte Captain
Hoffnung in diesen Versuch gesetzt und nun — wie- Clayd Rivat mit der Freude eines Kindes aus.
der nichts. Der MURA-Brand frißt unaufhaltsam wei- Er nickte nochmals dem Bildschirm zu und sagte
ter.“ Mit einem leichten Kopfnicken machte er eine leise: „Ich bin gern dazu bereit, Di-Ot.“
abweisende Geste zum Bildschirm. „Der Raum wird
Im Raumschiff der Namits lächelte Di-Ot und
ihm zum Opfer fallen — nun endgültig! Ich werde
wandte sich von der Instrumententafel ab. Langsamen
veranlassen, daß auch diese 500 Schiffe auf die Su-
Schrittes verließ er den Raum, und seine Gedanken
che nach eventuell bewohnten Welten gehen. Das ist
strömten während des Hinausgehens Bi-Ga zu.
jetzt nur noch die einzige Möglichkeit, um die Intelli-
genzen dieses Universums zu retten, indem wir sie in „Ich werde die Teleportation vorbereiten!“
den anderen Raum bringen.” 7. Kapitel
Entschlossen erhob er sich und stellte sich auf-
recht vor die Instrumententafel. Seine Worte und auch In einer gewaltigen Spirale drehte sich die Flotte Di-
gleichzeitig seine Gedanken strömten durch das win- Ots aus dem fremden System hinaus.
zige Loch in der Wand. In sämtlichen Schiffen der Na- Der Namit saß vor dem Instrumententisch und ne-
mits vernahm man Di-Ots Stimme. ben ihm Captain Clayd Rivat, der dem Blick Di-Ots
Und die Sterne verblaßten 28

nach dem Bildschirm hin folgte. Die kleine, weiße In Form eines riesigen Kreises landeten sie schließ-
Sonne fiel zurück, und mit ihr die Planeten. lich auf dem glatten, sandigen Boden, der wenige Me-
Mit einer Geschwindigkeit, die weit über der des ter vor den Gebäuden begann und sich in eine endlose
Lichtes lag, rasten die 25 Schiffe auf eine ferne Sonne Ferne zu erstrecken schien.
zu. Di-Ot drückte sämtliche Hebel und Knöpfe in Aus-
Clayd Rivat wies mit seinem rechten Zeigefinger gangsstellung zurück. Die Kraftstationen verstumm-
auf den Bildschirm, auf dem sich das fremde Sonnen- ten. Kein Laut mehr war in dem Schiff zu vernehmen.
system heranschob. Di-Ot nickte Clayd Rivat aufmunternd zu.
Seine Worte klangen an die Hörorgane Di-Ots, der „Ja, Erdenmensch, da wären wir nun auf einem Pla-
sie jedoch nicht verstand, die Gedankenwellen aber in neten, der allem Anschein nach bewohnt sein muß.
sich aufnahm. Leider ist von den vorhandenen Intelligenzen noch
„Hoffentlich war noch niemand dort“, meinte der nicht das geringste zu sehen. — Warten wir also ab.“
irdische Captain. Und dann öffneten sich die blitzenden Blenden. Es
Die Gedanken des Namit-Wissenschaftlers ström- quoll hervor. Der dicke, zähe Breiberg wälzte sich her-
ten zurück. an!
„Ich glaube kaum. Und selbst wenn dies der Fall Vor den Augen Di-Ots, Bi-Gas und Clayd Rivats be-
sein sollte, kann es nichts schaden, wenn wir noch- wegte sich der zähflüssige Berg auf die Raumschiffe
mals diese Sonne anfliegen.“ Dann aber schüttelte er zu.
nachdrücklich seinen Kopf. „Nein, ich glaube nicht, Keiner von ihnen war in der Lage sich zu rühren,
daß schon eine unserer Suchflotten in diesem System geschweige, das Raumschiff in Bewegung zu setzen
war. — Sobald wir im System dieser Sonne sind, wer- und in die schützende Höhe zu entfliehen.
de ich die automatischen Geräte in Betrieb setzen. Die Mit der Neugierde und dem Interesse von Wissen-
Möglichkeitsberechnungen werden uns schon auf den schaftlern starrten Di-Ot und Bi-Ga gebannt auf die
richtigen Weg bringen.“ Geschehnisse, die sich vor ihnen auf der farbigen Bild-
Es dauerte nun auch nicht mehr lange, und Di-Ot fläche abspielten.
drehte sich mit den 24 anderen Schiffen in das System Es hatten sich in der Zwischenzeit schon fünf ge-
hinein. Gespannt beobachtete Di-Ot die Skalen. Leise waltige Berge gebildet, und noch immer tropfte es aus
drangen seine Gedanken in Clayd Rivat. den Öffnungen der riesigen Gebäude.
„Die beiden inneren Planeten scheiden wegen zu Unaufhaltsam quoll es heraus — kam näher!
großer Sonnennähe sowieso aus. Der dritte wird von
den Wahrscheinlichkeitsberechnungen ausgeschaltet, Bi-Gas Gedankenimpulse drangen auf Di-Ot und
und der vierte und letzte Planet dieser Sonne trägt Clayd Rivat ein.
zweifellos Leben. Die Wahrscheinlichkeitsberech- „Seltsam! Wenn das die Lebewesen dieses Planeten
nung läßt diesen Fall bis zu 90 Prozent offen. Ich glau- sind, dann weiß ich wirklich nicht, was ich davon hal-
be, daß wir Glück haben, die Lebewesen einer anderen ten soll.“
Welt zu retten.“ „Und aller Wahrscheinlichkeit nach sind sie es“, er-
Sanft drehte Di-Ot das Schiff ab, direkt auf den vier- widerte Di-Ot hart. „Wenn man nur wüßte, was sie
ten Planeten zu. vorhaben. Sie kommen näher und näher. Jeden Augen-
Minuten später schon ging es in die dichte Lufthülle blick müssen sie an der Schiffswand sein. — Die Ab-
hinein und gleich darauf schon durch die dicke, mas- wehrschirme sind...“ Di-Ot unterbrach sich überstürzt
sige Wolkendecke. Langsam schwebten die 25 Schiffe in seinen Gedanken, und sein Blick fiel auf die Schalt-
über die fremden Kontinente. tafel. „Die Abwehrschirme sind nicht eingeschaltet!“
Seine Hand fuhr nach unten und wollte den betreffen-
Und dann erblickten die Augen Di-Ots das, was be-
den Bedienungsknopf in die Fassung drücken, aber er
reits vor Stunden Ha-Od gesehen hatte: die gewaltigen
kam nicht mehr dazu.
Riesengebäude einer fremden Rasse!
Ein betäubendes Wispern brach sich tausendfältig
Di-Ot lächelte froh.
in der Kabine und drang schrill in die Gehirne der An-
„Na also“, meinte er zuversichtlich. „Dann war un- wesenden.
ser Flug doch nicht umsonst. Es ist eine Glück, von
Dann — ein Tosen und Brechen, sonst nichts.
zwei Sonnensystemen, die wir bisher angeflogen ha-
ben, eines bewohnt zu finden. Die Möglichkeit, daß Und Di-Ot sagte Sekundenbruchteile danach: „Wir
eine Sonne einen lebensfähigen Planeten gebiert, ist müssen die Einstiegluke öffnen.“
nämlich sehr gering. Ich denke, daß wir alle zusam- Das kleine, zierliche Zwergwesen blickte mit sei-
men vor den Gebäuden landen. Vielleicht treffen wir nen verhältnismäßig dicken und weit abstehenden Ku-
dort am ehesten auf die Bewohner dieses Planeten. gelaugen auf den gewaltigen Dreieckschirm.
Wir warten dann ab, was weiter geschieht.“ In einer langen Reihe des unterirdischen Raum-
Die Schiffe gingen tiefer. es saßen diese Zwergwesen vor ihren Schalttischen,
29 TERRA

und ihre gigantischen Kugelaugen, die in einem merk- Auf den Dreieckschirmen war deutlich zu verfol-
würdigen Kontrast zu ihren kleinen, unscheinbaren gen, wie die Zekes-Masse langsam aus dem Blickfeld
Körpern standen drehten sich unablässig und starrten glitt und sich anscheinend nun auf die gewaltigen Ge-
stur auf die Dreieckfläche. bäude zubewegte. Mit einer ruhigen Bewegung betä-
Seron Resuk, der Zwerg, der am äußersten Tisch tigte Seron Resuk — und fast alle anderen Zwerge
saß, ließ seine feinen, schrillen Töne durch den Raum mit ihm — ein paar Tasten. Das Bild verschob sich
huschen. auf den dreieckigen Bildflächen, und ein neuer Bild-
Die Rasse der Sulas verständigte sich nicht durch ausschnitt erschien. Die Zekes glitten tatsächlich auf
Worte, sondern durch Töne. Es war ein Auf und Ab die metallenen Riesengebäude zu. Bevor die Masse je-
der Laute, das schließlich eine klare und natürliche doch in den einzelnen Öffnungen verschwand, blieben
Unterhaltungsmöglichkeit bot. In dem Klingen und ein paar dicke Zekes-Tropfen zurück, die die eigenar-
hellen Wispern der einzelnen Laute steckte System. tigen fremden Wesen, die sie auf sich trugen, an den
äußersten Rand eines jeden Gebäudes brachten und
Der unterirdische Raum mit den vielen Tausenden
dort warteten, bis sich ein enger Ritz bildete, durch
von Instrumenten und fremdartigen Geräten war er-
die sie dann die Körper schoben.
füllt von einem aufgeregten Flüstern und tönenden
Lauten. Jeder sprach mit jedem, und doch nahm jeder Seron nickte seinem Freunde Larot Mezum zu. „Sie
nur das auf, was für ihn gedacht war. befinden sich nun in den unterirdischen Hallen. Wir
So war es nicht verwunderlich, daß die Laute Seron können es wagen, an sie heranzugehen. Folge mir,
Resuks genau von dem gegenübersitzenden Zwergwe- Larot, und du, Menor.“ Er deutete auf ein anderes
sen — Larot Mezum — verstanden und entgegenge- Zwergwesen, das vier Instrumententische entfernt saß.
nommen wurden. Wir drei werden genügen. Die Zekes haben sie außer-
dem noch in Hypnose.“
„Es sind zweifellos Fremdlinge“, kam es überrascht
aus Seron Resuk, der seine Kugelstabaugen noch im- Er erhob sich, und mit ihm die beiden anderen Sula-
mer auf den Dreieckschirm gerichtet hielt. „Aber wo Zwerge. Mit kleinen, flinken Schritten eilten sie auf
mögen sie herkommen?“ ein Band zu, das am Ende des gewaltigen Saales war
und sich laufend in Bewegung befand. Sie stellten sich
Das tönende Wispern Larot Mezums drang ihm ent-
darauf und waren wenige Minuten später für die ande-
gegen.
ren Sulas nicht mehr zu sehen. —
„Das ist jetzt unwichtig, Seron. Wichtig ist jetzt erst
Das Rollband mit den drei Zwergwesen glitt rasch
einmal, daß wir sie in unserer Hand haben. Das allein
über die Gänge, die in einem dunklen, gedämpften
schon gibt uns die Möglichkeit, alles Notwendige zu
Licht erglühten.
erfahren. Jetzt nämlich bestehen Untersuchungsmög-
lichkeiten.“ Seine hellen Töne senkten sich etwas. „In Leise stöhnend fuhr sich Di-Ot mit seiner rechten
unserer gesamten Welt gibt es nur zwei Rassen: Wir, Hand über die gewellte Stirn.
die Sulas, und die Zekes, unsere Sklaven. Woher al- Seine blauglühenden Augen gingen fragend umher.
so mögen sie wohl kommen?“ Er unterbrach sich und Er fing im gleichen Augenblick einen Gedankenim-
wies auf seinen Dreieckschirm. „Da, man bringt die puls auf, der zweifellos von Bi-Ga kam.
Fremden nach draußen“, wisperte er noch einmal kurz „Wo befinden wir uns, Di-Ot?“
Seron Resuk zu. „Ich weiß es nicht. Ich kann mich überhaupt nicht
Die Kugelstabaugen der Sula-Zwerge aber starrten an die letzten Minuten erinnern“, drang es in Bi-Ga.
gebannt auf die Geschehnisse, die sich vor ihnen auf Di-Ot fühlte, daß die seltsame Schwere, die noch vor
den Dreieckschirmen abspielten. einiger Zeit auf ihm gelastet hatte, verschwunden war.
Einzelne zähe Tropfen der Zekes-Masse kamen aus Er konnte wieder frei und ungebunden denken. Der
den Einsteigeluken der Raumschiffe geglitten. Auf ih- Druck war von ihm gewichen, ebenfalls der fremde
nen schwebten in einer eigenartig schlaffen Haltung Einfluß, den er sich nicht hatte erklären können. Und
die betäubten Namits. trotzdem gelang es ihm nicht, die Erinnerung wachzu-
Seron Resuk lächelte. Seine schrillen, variierenden rufen, so fieberhaft er auch nachdachte.
Töne hallten durch den Raum. Wie kamen er und die anderen Namits einschließ-
„Wir haben sie in unserer Hand, denn sie können lich des Erdenmenschen hierher? Das war die Frage,
der Hypnose der Zekes keinen Widerstand bieten. Es die ihn am meisten quälte, die er sich einfach nicht
müssen wirklich völlig fremdartige Lebewesen sein, erklären konnte.
die sich nicht einmal gegen die Zekes zu wehren ver- Seine Gedanken strahlten zu Bi-Ga.
mögen. — Und wie groß sie sind“, fügte er bewun- „Soviel ich erkennen kann, hat man die Besatzun-
dernd hinzu. Es dauerte eine geraume Weile, ehe er gen der gesamten 25 Raumschiffe hier in diesen Raum
sich wieder meldete. gebracht.“ Er blickte sich um und ließ seinen Blick
„In wenigen Minuten werden wir sie in unserer über die sitzenden und zum Teil liegenden Körper
Hand haben, dann werden wir erkennen, um wen es schweifen. „Ja, tatsächlich — alle. Aber wie kommen
sich handelt.“ wir hierher?“
Und die Sterne verblaßten 30

„Wahrscheinlich durch diese geheimnisvollen, ei- Di-Ot war erstaunt. „Aber ich sagte es doch schon
genartigen Lebewesen“, telepathierte Bi-Ga zurück. — von einem Planeten, der sich in einem anderen Son-
„Eine andere Möglichkeit ist nicht vorhanden. Ich nensystem befindet!“
kann mich nur noch daran erinnern, daß wir die Lebe- Seron Resuk schüttelte entschieden seinen Kopf.
wesen erblickten und diese sich dann auf unsere Schif- Seine Kugelstabaugen wippten hin und her, und es er-
fe zubewegten. Was dann aber geschah, ist für mich weckte den Eindruck, als würden sie alle Augenblicke
ein Rätsel.“ abbrechen.
Mit einem feinen Singen glitt plötzlich eine Seite „Das kann nicht sein! Unmöglich!“ pfiff und wis-
des Raumes auf und gab den Blick in einen weiten, perte er. „Ich verstehe zwar nicht alles, was du, Frem-
schlechtbeleuchteten Gang frei. der, bisher zu mir gesagt hast, aber ich erkenne, daß
Drei Zwergwesen mit den eigenartigen Kugelsta- du mich belügst! Es gibt nur eine Welt, und darin le-
baugen erschienen. Sie wirkten klein und unschein- ben wir!“
bar gegen die kräftigen, großen Körper der Namits, die Di-Ots Gedanken kamen verwirrt. Hier war etwas,
noch nicht einmal in ihrer vollen Größe aufrecht stan- was er nicht verstand. Irgend etwas, was fremd und
den, sondern noch immer auf dem lauwarmen Fußbo- vollkommen neuartig war. Seine Gedanken strahlten
den saßen. auf Bi-Ga zu, der knapp einen Schritt hinter ihm stand.
„Verstehst du das, Bi-Ga?“ „Nein“, kam die Gedan-
Die beiden ersten Namits, die sich erhoben, wa-
kenantwort fest zurück. „Am besten ist es, wenn wir
ren Di-Ot und Bi-Ga. Unverhohlen starrten sie auf die
weiter in sie hineindringen und in Erfahrung bringen,
kleinen Zwergwesen mit den überdimensionalen, ab-
wieso sie denken, daß es die einzige Welt im Univer-
stehenden Kugelaugen, die sich unablässig in Bewe-
sum ist, die bewohnt ist. Wir hatten zwar auch einmal
gung befanden.
diesen Glauben, aber das war etwas ganz anderes, da
Nach und nach erhoben sich auch die anderen Na- wir ja niemals die Möglichkeit gehabt hatten, andere
mits und blickten belustigt und zum Teil mit schlecht Lebewesen zu Gesicht zu bekommen. Hier aber stehen
unterdrückter Furcht auf die drei Lebewesen einer an- wir vor ihnen! Ich verstehe das genauso wenig wie du,
deren Rasse. Di-Ot.“
Captain Clayd Rivat trat schweigend neben Di-Ot. Der Angesprochene nickte zustimmend. Er wandte
Ein feines, helles Wispern klang ihnen entgegen, sich wieder dem Zwerg Seron Resuk zu, dessen Ge-
und Di-Ot zog überrascht die Augenbrauen hoch. Er danken er entnommen hatte, daß er so hieß.
konnte zwar nicht die Laute verstehen, aber die Ge- „Es muß ein Mißverhältnis vorliegen, Fremdlinge“,
dankenwellen, die einer der Zwerge ausstrahlte, ver- begann nun wieder Di-Ot seinen Standpunkt darzule-
nahm sowohl er als auch alle anderen Namits. Nur gen. „Es ist etwas, was scheinbar von einer Seite an-
Clayd Rivat konnte die „Worte“ des einen Wesens ders betrachtet wird als von unserer. Am besten ist es,
nicht verstehen. wenn man uns aufklärt, wieso ihr glaubt, daß diese
„Woher kommt ihr, Fremdlinge?“ wisperte es, und Welt die einzige in einem solch gewaltigen Universum
Seron Resuk streckte vorsichtshalber seine Hand ein ist. Die Zeit drängt, denn wir sind gekommen, um die-
wenig vor, in der sich ein kleiner Stab befand, der sen Planeten und seine Bewohner vor der Vernichtung
oben eine dicke, mehrfach durchlöcherte Kugel trug. zu retten“, fügte Di-Ot auf telepathischem Wege hin-
Er dachte dabei unwillkürlich an seine Waffe, und so zu.
war es nicht verwunderlich, daß auch diese Gedanken Der Zwerg, der bisher den Sprachführer gespielt
von den Namits verstanden wurden. hatte, nickte eifrig.
Di-Or trat einige Schritte vor. „Wir kommen in Frie- „Es ist gut, Fremdling, wir werden dir zeigen, daß
den“, telepathierte er. „Und wir sind gekommen, um unsere Welt die einzige ist. Es kann niemand hinaus
euch, die ihr auf diesem Planeten wohnt, von dieser und niemand herein. Man wird dir deine Lüge nach-
Welt zu holen, um eure Rasse zu retten.“ weisen. Du kannst uns folgen. Versuche aber nicht,
uns zu entfliehen oder gar zu schädigen. Wir könnten
„Von wo kommt ihr?“ klang es abermals tönend aus dich auf der Stelle töten.“
Seron heraus. Er hatte nicht verstanden.
Seron Resuk hob warnend den Stab mit der gelö-
„Von einem System, das weit in einem anderen cherten Kugel. „Außerdem sind wir in der Lage, den
Raum liegt“, antwortete Di-Ot geduldig. „Wir kom- Zekes den Befehl zu geben, euch in Hypnose zu ver-
men von einer anderen Welt, einem Planeten, der sich setzen.“ Im gleichen Augenblick entstand im Gehirn
nicht im Bereich dieser Sonne befindet.“ Die Augen Seron Resuks ein Gedankenbild, als er das Wort Ze-
des Zwerges Seron Resuk wurden noch größer und kes aussprach, und dieses Gedankenbild wurde von
noch runder. Seine schrillen Töne kamen hastig und Di-Ot aufgenommen und natürlich verstanden. Und
aufgeregt. Di-Ot nahm die Gedanken in sich auf. nun wußte er auch, was diese eigenartige, zähe, le-
„Ihr lügt, Fremdling! Niemals könnt ihr von einer bende Masse zu bedeuten hatte. Diese Welt war also
anderen Welt kommen. Eine solche Welt gibt es nicht. von zwei Völkern bewohnt: Den Zwergwesen und den
Wo soll sie sein?“ Zekes, den Sklaven. Die Zekes, jene geheimnisvollen,
31 TERRA

intelligenten Plasmaströmungen, waren von der Hilfe „Das, Fremdling, ist ein Modell unserer Welt. Hier
der Zwergwesen genauso abhängig wie diese von der siehst du die gewaltige Kugelschale, die im Klein-
Hilfe der Zekes. format aus Glas nachgebildet ist. Wo also kannst du
Mehr vermochte Di-Ot den Gedanken Seron Re- schon herkommen? Niemand kann zu uns herein und
suks nicht zu entnehmen. niemand hinaus.“
Di-Ot trat noch einige Schritte vor und stand nun Di-Ot stand ganz dicht vor dem runden Glasgebil-
dicht vor Seron Resuk, der abwehrbereit die seltsa- de und blickte abwesend in die Kugel hinein. Deshalb
me Waffe hob. Die Gedanken Di-Ots strömten auf den also!’ schoß es ihm durch den Kopf. Jetzt konnte er
Zwerg zu. verstehen, warum man ihm keinen Glauben schenk-
te! Die Bewohner dieser Welt glaubten, nicht auf der
„Ich werde euch folgen. Führt mich. Ihr braucht Oberfläche ihres Planeten zu leben, sondern in ihm!
nichts von mir zu fürchten, wie ich schon einmal er- Sie glaubten daran, daß ihre Welt eine geschlossene
wähnte, bin ich mit meinen Freunden gekommen, um Kugelschale war!
zu helfen und nicht zu zerstören.“
Der Namit legte die zartgliedrige Hand auf das ge-
„Das verstehen wir nicht, Fremdling“, wisperte Se- waltige Glasmodell, das zweifellos den größten Teil
ron zurück, und den Gedanken entnahm Di-Ot, daß es des Saales ausfüllte. Seine Gedanken strömten auf die
tatsächlich so war. drei Zwergwesen zu, die ihn am Halbkreis umstanden.
„Folge uns nun. Deine Gefährten bleiben solange „Eure Lehre, daß das da“ — er wandte seinen Kopf
hier zurück.“ zur Seite und wies auf das Glaskugelmodell, in dessen
Di-Ot nickte und folgte den drei Zwergwesen nach Inneres deutlich Kontinente und Meere eingegossen
außen. Noch während die Wand sich hinter ihm waren — „eine Kugelschale ist, ist falsch. Die Meere
schloß, strahlten seine Gedanken zu den wartenden und Kontinente eures Planeten liegen auf der Oberflä-
Namits und Clayd Rivat zurück. che und nicht in ihr!“ Er blickte gespannt auf die drei
Zwergwesen.
„Ich werde wiederkommen, Freunde. Es wird sich
alles zu unserer vollsten Zufriedenheit entwickeln. Seron Resuk schüttelte bestimmt den Kopf. Seine
Dafür werde ich schon sorgen.“ Kugelstabaugen schienen schelmisch zu lächeln.
Zusammen mit den drei Zwergwesen stellte sich Di- „Das, was du uns da sagst, Fremdling, ist völlig un-
Ot auf das Rollband. Lautlos glitt die künstliche Straße sinnig! Du kannst uns nicht überzeugen. Wir wissen,
nach vorn, durch den matten, dunkelglühenden Gang. daß du uns belegen hast.“
Die wispernden Töne wurden schriller. „Seit Jahr-
Schweigend ging es weiter. Die Stille wurde von
hunderten wissen wir, daß unsere Welt von einem
keinem Laut unterbrochen. Selbst die Zwergwesen
dichten Mantel umgeben ist, der uns vor jeglicher
sagten nichts. Di-Ot vermochte im Moment nichts ih-
Gefahr schützt. Wo soll nach deinen Ausführungen,
ren Gedanken zu entnehmen, um wenigstens einen
Fremdling, zum Beispiel unsere Sonne Sena liegen?“
Anhaltspunkt für seine momentane Lage zu finden.
Die Frage kam ganz unvermittelt.
Vergebens — die Gedanken der drei kleinen Intelli-
genzwesen strahlten im Augenblick nicht aus. Di-Ot Di-Ot lächelte weise.
wartete ab. Seine Gedankenimpulse strahlten auf die drei Sulas
zu.
Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt,
denn es verging noch eine verhältnismäßig lange Zeit, „Eure Welt ist ein Planet unter vielen Planeten.“ Der
ehe er wieder die wispernden, singenden Laute eines Namit wies erneut auf die Glaskugel, „Diese Konti-
der Zwerge vernahm. Er konzentrierte sich auf die Ge- nente und Meere liegen auf der Oberfläche, und euer
danken des Betreffenden. Planet kreist um eine Sonne, die ihr irrtümlicherweise
in euer Modell eingegossen habt. In Wirklichkeit ist
„Verlasse das Band, Fremdling, wir haben unseren eure Sonne Sena ein gigantischer Weltenkörper — ein
Bestimmungsort erreicht.“ Es waren die Gedanken Se- Fixstern...“
ron Resuks.
Di-Ot hoffte, daß er damit die Zwergwesen über-
Leicht mit dem Kopfe nickend, verließ Di-Ot das zeugt hatte, aber er hatte sich getäuscht.
Rollband. Dann erst folgten die drei Zwergwesen Die Zwergwesen, schon seit Jahrhunderten damit
nach. vertraut, daß ihre Welt eine Hohlwelt war, konnten
Die Kugelstabaugen Seron Resuks gingen zu einem einfach diese neue Idee nicht begreifen. Sie verstanden
bestimmten Punkt an der glattpolierten Metallfläche, es nicht. Ihre jahrhundertealten physikalischen Geset-
und ein Teilstück der Wand glitt zur Seite und gab den ze konnten nicht in wenigen Minuten ihre Geltung ver-
Blick in einen weiträumigen, instrumentenüberfüllten loren haben. Das war physikalisch und psychologisch
Saal frei. In der Mitte stand ein gewaltiger Glaskegel. unmöglich. Sie kannten ihre Welt, so wie sie war —
Interessiert trat Di-Ot näher. Er folgte den drei und nicht anders!
Zwergen dicht auf dem Fuße. Die wispernden, hellen Deutlich konnte das Di-Ot den Gedankengängen
Töne Serons klangen wieder auf ihn ein. seiner drei kleinen Gegenüber entnehmen.
Und die Sterne verblaßten 32

„Es ist zwecklos, Fremdling“, kamen plötzlich „Diese Feststellung habe ich auch schon gemacht“,
die festen Gedanken Seron Resuks wieder auf ihn antwortete er auf gedanklichem Wege und nicht ganz
zu. „Wir glauben dir nicht. Es ist zu ungeheuerlich ohne Ironie. „Aber so ganz einfach dürfte das nicht
und unwahrscheinlich, daß wir dir Glauben schenken sein! Vergessen wir nicht, daß wir uns auf irgendeinem
könnten. — Folge uns nun, wir bringen dich zu dei- Planeten befinden — irgendwo — ohne zu wissen, wo
nen Freunden zurück. Die Sulas werden noch über wir wirklich sind! Selbst, wenn es uns gelingen soll-
euer weiteres Schicksal beraten. Vorerst jedoch wer- te, aus diesem Raum hier zu fliehen, einen Haken aber
det ihr in unserer Hand bleiben, denn wir wissen noch hat die ganze Sache. Soviel ich bisher den Gedanken
nicht, von welchem Teil dieser Welt ihr kommt. Bis- der drei Zwergwesen entnehmen konnte, sind diese ei-
her wußten wir jedenfalls noch nichts von euch. Es ist genartigen Plasmaströme, die wir ja auch kennen, ein
nur seltsam, daß wir euch noch nicht entdeckt haben“, wichtiger Faktor, den wir nicht übersehen dürfen!
sagte Seron mehr zu sich selbst als zu Di-Ot und den Diese Plasmaströme sind in der tage, ihre hypnoti-
anderen. schen Kräfte im wahrsten Sinne des Wortes auf uns
„Das ist sehr seltsam, da wir doch unsere Welt gut loszulassen! Sobald sie einen Befehl der Sulas, der
kennen. Anscheinend sind wir aber doch nicht — ein- Zwerge erhalten, werden sie ihn auf ihre Art und Wei-
schließlich der Zekes — die einzigen intelligenten Le- se ausführen. Allerdings haben sie auch eine Schwä-
bewesen. Bevor wir jedoch nicht wissen, wie wir mit che: Sie sind von den Befehlen der Zwergwesen ab-
euch zusammenleben können, bleibt ihr vorerst in un- hängig! Ansonsten sind sie völlig willenlos! Das be-
serer Gewalt. Zunächst werden wir einmal eure ei- deutet...“
genartigen Fahrzeuge untersuchen, mit denen ihr vom „... das bedeutet, daß wir zuerst die Zwergwesen
Himmel gekommen seid. Komme nun“, sagte er plötz- ausschalten müssen, so daß diese nicht mehr in der
lich und trat zusammen mit den beiden anderen zur Lage sind, einen Befehl an die Plasmaströme zu ge-
Seite, damit Di-Ot zuerst den Raum verlassen konnte. ben“, setzte Bi-Ga den Gedanken seines Freundes und
Er stellte, sich auf das Rollband, das eigenartiger- Kollegen fort.
weise nun in entgegengesetzter Richtung lief. „Ja, genau das müßte es sein!“ Die blaustrahlenden
Die drei Zwergwesen stellten sich hinter ihn. Augen Di-Ots wandten sich zustimmend zu Bi-Ga.
Es ging wieder durch den dunklen, matterleuchteten Clayd Rivat, der bisher schweigend in einer Ecke
Gang. des Raumes gestanden hatte, kam nun langsam näher.
Di-Ot hatte seine Rassegefährten und Clayd Rivat Seine Gedanken drangen in die Gehirne der anwesen-
über den Stand der Dinge aufgeklärt. den Namits.
Bi-Ga nickte melancholisch. „Aber wie wollen wir das machen? Wir sind auf die-
„Na, schöne Aussichten sind das ja nun gerade sem Planeten vollständig unkundig. In diesem Raum
nicht“, meinte er ernst. „Da sitzen wir nun vorerst auf hier gibt es anscheinend keinen Ein- und Ausgang!
diesem verfluchten Planeten fest. Das schlimmste dar- Unsere Flucht würde schon im Keime erstickt werden!
an ist, daß die MURA-Kettenreaktion weiterfrißt. Das Es geht einfach nicht, wie wir es auch versuchen wür-
ist immerhin eine der Sonnen, die sich noch am näch- den.“
sten in dem gefährdeten Gebiet befinden! Es muß doch Di-Ot blickte seinen irdischen Freund wehmütig an.
irgendwie eine Möglichkeit geben, um diese Zwerge „Deine Gedanken stimmen mich traurig, Erden-
zu überzeugen.“ mensch. Und doch — du hast recht! Leider! Es gibt für
„Diese Möglichkeit gibt es eben nicht“, erwiderte uns nur eine Möglichkeit: Wir müssen unsere Flucht
Di-Ot bestimmt. „Man kann sie nicht überzeugen. Sie ganz dem Zufall überlassen! Hoffen wir, daß dieser
glauben fest daran, daß ihre Welt von einer Kugelscha- Zufall bald eintritt, denn sonst — sonst werden wir
le eingeschlossen ist. Ich kam gar nicht recht dazu, al- selbst ein Opfer des MURA-Brandes, der sich unauf-
les zu sagen, was ich sagen wollte. Wir kommen hier haltsam weiter ausbreitet! Unsere Mission scheitert an
auf diesem Planeten nicht weiter. Wer hätte aber auch dem Unverstand eines Volkes, das glaubt, daß sein Pla-
gedacht, daß...“ Di-Ot unterbrach sich selbst in seinen net eine Hohlwelt ist!“
Gedanken und fuhr dann zusammenhanglos fort: „Es
Ein bitterer Zug legte sich über das Gesicht Di-Ots.
gibt für uns nur eine Möglichkeit: Wir müssen diesen
Planeten so schnell wie möglich verlassen. Auch ohne Die drei Zwergwesen, Seron Resuk, Larot Mezum
diese Lebewesen, so leid es mir tut. Aber wir werden und Menor Xeto saßen in einem kleinen Raum.
sie niemals überzeugen können!“ Wie fast immer, führte Seron Resuk das Gespräch
Di-Ot entwickelte plötzlich eine solche Initiative, an.
die bei diesem sonst so ruhigen Wissenschaftler sel- „Ich habe eine Idee, wie wir vielleicht herausbrin-
ten, ja geradezu ungewöhnlich war. gen können, von welchem Kontinent die Fremden
„Wir müssen flüchten“, erklärte einer der Namits, kommen.“
der aus einem der anderen Schiffe kam, „und zwar so Larot Mezum war überrascht. „Du hast eine Idee,
schnell wie möglich!“ Di-Ot nickte unauffällig. Seron?“
33 TERRA

Seron Resuk nickte und fuhr wispernd und singend Die faserige Platte glitt wieder in den Tisch hinein,
fort. „Ja. Man müßte den Fremdlingen die Gelegenheit und der Ritz schloß sich. Seron Resuk betätigte einige
zur Flucht geben! Nur so könnten wir erfahren, woher Knöpfe.
sie wirklich kommen.“ Das Bild auf der dreieckigen Bildfläche wechsel-
Die beiden anderen Zwerge, Larot und Menor, te mehrmals, blitzte verschiedentlich auf, und dann
schüttelten fast zu gleicher Zeit abweisend ihre klei- stand ein neuer Bildausschnitt scharf und klar vor sei-
nen Köpfe. nen Augen. Er sah, wie sich an einem der gewalti-
„Das ist unmöglich, Seron“, kam es hart und betont gen Metallgebäude genau 25 Blenden öffneten und
von Larot zurück. „Das hätte lediglich zur Folge, daß genau 25 Tropfen daraus hervorquollen. Sie beweg-
sie flüchten und uns dadurch entkommen! Nein — das ten sich schwerfällig auf die bereitstehenden Namit-
geht auf keinen Fall!“ Schiffe zu, deren Einsteigeluken ausgefahren waren.
Der Zwerg Seron lächelte überlegen und stellte
„Natürlich nicht so, wie du glaubst“, widersprach
abermals an verschiedenen Knöpfen und Tasten. Das
Seron abermals. „Wir müssen sie dabei völlig in der
Bild wechselte wieder, und es erschien der Gang dar-
Hand behalten. Die Fremden jedoch müssen das Ge-
auf, in dem er sich noch vor wenigen Stunden mit ei-
fühl haben, daß sie frei sind. Und das können wir nur
nem der Fremden befunden hatte. Das Bild bewegte
schaffen, wenn wir uns folgenden Plan zurechtlegen:
sich weiter, und dann — erschien eine glatte Metallflä-
Wir müssen in jedes ihrer seltsamen Fahrzeuge einen
che, rückte heran und füllte die dreieckige Bildfläche
Zekes hineinschmuggeln, und das, noch bevor sie ihre
aus.
Fahrzeuge erreichen! Sie dürfen nicht wissen, daß die
Zekes sie beobachten. Nun, wie ist es?“ Seron Resuk bewegte vorsichtig einen kleinen, etwa
fingerdicken Hebel zur Seite.
Keiner der beiden Zwergwesen gab darauf eine
In der Mitte des Dreieckschirms entstand plötzlich
Antwort, aber an ihren zustimmenden, lächelnden
ein Schlitz, der sich zusehends verbreiterte. Er gab den
Mienen erkannte Seron Resuk, daß sein Plan ange-
Blick in einen Raum frei, in dem sich die Fremden auf-
nommen worden war.
hielten und nun erstaunt und äußerst überrascht auf die
Er erhob sich stolz. sich bildende Öffnung starrten!
„Dann gehen wir also und bereiten gleich alles vor.“ Einige kamen näher und blickten auf den Gang hin-
Zusammen mit seinen beiden Rassegefährten ver- aus. Ihre Gesichter erschienen in voller Größe auf der
ließ er den kleinen Raum und trat auf das Rollband. Bildfläche. Seron Resuk stellte eine andere Entfer-
Es ging jedoch nur einige Meter weiter. Dann schon nung ein.
verließen sie wieder die gleitende Straße und schrit- Das Bild fiel zurück und ging in die Totale über.
ten hastig, mit kleinen, flinken Gehbewegungen, auf Die Augen des Zwerges gingen gespannt auf und
die große, glatte Metallfläche zu. Seron Resuk hefte- nieder, hin und her. Er wartete darauf, daß die Frem-
te seine überdimensionalen Kugelstabaugen auf eine den endlich den Raum verließen. Er wußte, daß sie das
bestimmte Fläche der mattglänzenden Stahlwand, und tun würden.
eine gewaltige Öffnung bildete sich. Die drei Zwerg- Und er hatte sich nicht getäuscht!
wesen traten in den gigantischen Saal, aus dem sie vor Zuerst traten nur einige hinaus, aber dann folgten
wenigen Stunden gekommen waren. Sie begaben sich mehr, bis schließlich alle auf dem äußeren Gang stan-
wieder an ihre Plätze vor den glühenden, farbenüber- den. Einer der Fremden, den Seron kannte, wies mit
fluteten Dreieckschirmen. seiner Hand auf das Rollband, und sie stellten sich dar-
Seron Resuks feine Finger glitten flink und geübt auf. Langsam entschwanden sie aus seinem Blickfeld.
über die sinnverwirrende Tastatur. Ein feines Brum- Seron Resuk stellte nach. Er ließ die Automatik ein-
men kam gleich darauf aus seinem Instrumententisch, rasten.
und aus einem entstehenden Schlitz auf der Schaltta- Das vollautomatische Objektiv folgte der Bewe-
fel glitt ein faseriges, glitzerndes Gebilde, das sich in gung des Rollbandes, glitt nach. Seron Resuk verlor
Mundhöhe vor ihn schob. die Flüchtenden nicht aus den Augen. Er wußte, daß
In der singenden, wispernden Sprache der Sulas be- sie vorerst die wenigen tausend Meter durch den Gang
gann Seron Resuk zu sprechen. entlanggleiten würden, um dann schließlich vor einer
„Folgender Befehl ist augenblicklich auszuführen: Metallwand zu stehen, die er öffnen mußte. Und er
25 Zekes haben sofort die 25 Fahrzeuge der Fremden würde sie öffnen, das gehörte ja schließlich zu seinem
aufzusuchen und sich einzeln hineinzubegeben! Sucht Plan. Sollten die Fremdlinge ruhig denken, sie wären
euch dann solche Stellen aus, von wo ihr die Frem- geflüchtet oder man hätte sie freigelassen. Das war gut
den gut beobachten könnt. Sobald sie sich in ihrem so, wenn sie so dachten. Dann schöpften sie bestimmt
Landteil befinden, setzt sie in Hypnose und zwingt sie keinen Verdacht.
dazu, ihre Fahrzeuge zu uns zurückzubringen. Durch Seron Resuk verfolgte seine „Schützlinge“ weiter.
euch werden wir dann erfahren, woher sie stammen. Es würden noch ein paar Minuten vergehen, ehe sie
Ausführung!“ die Endwand erreicht hatten. —
Und die Sterne verblaßten 34

Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, eine Rettung glauben. Steigen wir also auf, und ver-
aber Seron Resuk hatte Geduld. Er wußte, daß er die lassen wir so schnell wie möglich diese eigensinnige
Fremden in seiner Hand hatte. Und selbst, wenn er sie Welt. „Ich...“ Er unterbrach sich ganz plötzlich, wir-
nicht mehr sah, würden sie sich noch voll und ganz in belte seinen verhältnismäßig unförmigen Körper ha-
der Macht der Sulas befinden. Die Zekes waren bereit! stig herum und blickte fragend in eine Ecke der Kabi-
Sie würden seinen Plan vollenden! ne. Dann erst wandte er seinen Kopf wieder um und
Der Bildschirm zeigte, daß die flüchtigen Namits blickte auf Di-Ot. Dieser nickte ihm verstehend zu.
nur noch wenige hundert Meter von der Wand entfernt Er hatte es also auch verspürt!
waren. „Fremde Gedanken“, stellte Bi-Ga fest. „Und sie
Seron Resuk legte seinen rechten Zeigefinger auf ei- befinden sich hier im Schiff. — Aber wo?“
ne Taste des Instrumententisches. Er drückte sie nie- Di-Ot hatte sich erhoben und war einige Schritte
der! Lautlos glitt auf dem Dreieckschirm die Wand nach vorn gegangen, den Kopf leicht geneigt und nur
nach oben. auf diese leisen, kaum zu vernehmenden Gedanken
Seron Resuk hatte fast augenblicklich das Gefühl, konzentriert. Aber er verstand sie nicht.
als würde er die nervösen und überraschten Worte der Die nahen, festen Gedanken Bi-Gas drangen auf ihn
Fremden in sich vernehmen. Aber das konnte auch ge- ein.
nauso gut Einbildung sein. Er sah, wie sie vom Roll- „Es ist eigenartig“, sann er. „Wie die Worte ei-
band herabstiegen und langsamen Schrittes — immer nes kleinen Kindes, die man nicht verstehen kann. Im
dicht beieinander — ins Freie traten. Ihre Augen gin- Prinzip ist es hier das gleiche. Es handelt sich um Ge-
gen fragend in die Ferne und in den wolkenbehange- danken, die wir nicht begreifen können! — Vielleicht“
nen Himmel, der typisch für diesen seltsamen, eigen- — die Gedanken Bi-Gas kamen plötzlich hastiger —
sinnigen Planeten zu sein schien. „vielleicht handelt es sich wieder um die Hypnose, der
Seron Resuk wartete noch so lange, bis sie alle wir schon einmal zum Opfer gefallen sind! Starte, Di-
den Gang verlassen hatten. Dann betätigte er aber- Ot!“
mals die Taste. Die Wand glitt wieder nach unten. Di-Ot schüttelte beruhigend den Kopf.
Nach mehrmaligen Neueinstellungen veränderte der „Es ist nicht die Hypnose“, erwiderte er sicher. „In
Dreieckschirm das Bild, und Sekunden später erblick- dem Moment, in dem wir das bemerken, ist es meist
te man deutlich die Namit-Schiffe auf der Fläche. Die schon zu spät. Die Gedanken müssen von einem We-
gut erkennbaren Gestalten der Fremden bewegten sich sen kommen, das sich hier im Schiff befindet. Die
darauf hastig zu, um so schnell wie möglich in der si- Ausstrahlungen werden stärker!“
cheren Hülle des Schiffes zu sein.
Er blockierte seine Gedankengänge und trat einige
Die Augen des Zwerges Seron vergrößerten sich et- Schritte auf die Instrumententafel zu. Ja, hier war es
was. Der Plan war geglückt! — zweifellos am stärksten!
Seron Resuk konnte nicht ahnen, daß er etwas ver- Er bückte sich.
gessen hatte — etwas, das er überhaupt nicht wissen
Seine blaustrahlenden Augen gingen angestrengt
konnte! Es war nichts Wesentliches, doch daran sollte
von einer Ecke in die andere. Und dann sah er es!
sein so geschickt eingefädelter Plan scheitern!
Es lag zusammengedrängt hinter einer vorstehen-
Die ersten Einsteigeluken an den Namit-Schiffen den Ausbuchtung, die ihm aber keinen genügenden
schlossen sich. Schutz bot. Ein Drittel des lebenden Plasmatropfens
Das erste, was Di-Ot tat, war, an die Instrumenten- war deutlich zu sehen, aber nur, wenn man genau hin-
tafel heranzugehen und die Kraftstationen des namit- blickte.
schen Hyperraumschiffes in Tätigkeit zu setzen. Und Di-Ot sah genau hin. Seine Gedanken hatten
Während die gewaltigen Energiespender fast lautlos längst Bi-Ga und Clayd Rivat erreicht, und die beiden
anliefen, nahm er auf einem der Sitze Platz und blickte so grundverschiedenen Lebewesen kamen schweigend
seine Freunde und Kollegen mit blauglühenden Augen heran.
an. Bi-Ga und Clayd Rivat hatten alles den Gedanken-
„Das hätte ja geklappt“, telepathierte er. „Allerdings gängen Di-Ots entnommen und — verstanden!
ging mir alles zu schnell. Es steckt entweder ein Sy- „Trete zurück, Di-Ot“, kam die warnende „Stimme“
stem hinter unserer Flucht oder man hat uns freiwillig Bi-Gas. „Du weißt nicht, was es vorhat! Wir wissen
entkommen lassen, weil man nicht wußte, was man rein gar nichts von diesen Lebewesen.“
mit uns anfangen sollte. Ich bin geneigt, letzteres an-
„Es ist harmlos“, meinte Di-Ot bestimmt und ging
zunehmen. Es ist auch am wahrscheinlichsten.“
wieder in Aufrechtstellung. „Es hat uns doch schon
Bi-Ga, der andere Wissenschaftler, der sich in die- längst bemerkt und weiß, daß wir es beobachten, und
ser Kabine aufhielt, schaute zweifelnd auf Di-Ot. doch — es geschieht nichts! Das gerade ist es, was ich
„Ich bin darin gar nicht so sicher“, meinte er ernst. nicht verstehen kann“, fügte er hinzu. „Jetzt, nachdem
„Erst wenn wir uns im Raum befinden, werde ich an es weiß, daß wir es entdeckt haben, wehrt es sich nicht.
35 TERRA

Und doch sprechen alle Anzeichen dafür, daß uns ge- Fragend blickten die beiden Angesprochenen auf
rade diese Lebewesen — und nicht diese eigenartigen Bi-Ga.
Zwerge — in Hypnose versetzten und uns gezwungen „Diese sogenannten Zekes“ — Bi-Ga wies mit sei-
haben, unsere Schiffe zu verlassen. Aus den Gedanken nem Strahlstab auf das immer noch leicht zuckende
der Zwergwesen weiß ich auch, daß nicht sie, sondern Wesen — „sind überhaupt nicht hypnotisch begabt!
diese sogenannten Zekes über hypnotische Fähigkei- Die wirklichen Beherrscher dieser Naturkräfte sind
ten verfügen. Aber warum lassen sie nicht abermals diese Zwergwesen! Sie ahnen es allerdings nicht. Sie
ihre Kräfte auf uns wirken? Wir sind doch noch völlig wissen nicht, welche Macht und welche Kräfte in ih-
frei. Wir können jeden Augenblick diese Welt verlas- nen schlummern. Aber auf indirektem Wege haben sie
sen!“ sich diese Fähigkeiten doch zunutze gemacht. In ih-
„Das würde ich gar nicht so fest behaupten“, strahl- rem Glauben, die Zekes seien die Träger der Hypnose,
ten die Gedanken Bi-Gas ernst auf Di-Ot. „Gerade dei- gaben sie diesen Lebewesen Befehle, die sie ausfüh-
ne letzten Gedankengänge können schon ein Beweis ren sollten, ohne allerdings zu ahnen, daß diese Be-
dafür sein, daß du schon in Hypnose bist, Di-Ot! Du fehle schon die eigentliche Hypnose war! Sie zwan-
bist vielleicht gar nicht mehr frei, wie du vermutest.“ gen somit unwissenderweise die Plasmaströme in die
„Unsinn!“ Die Gedanken Di-Ots kamen hart und Hypnose, die wiederum in dieser die Befehle der Sula-
bestimmt. „Um jedoch jeder Möglichkeit vorzubeu- Zwerge auszuführen hatten. Die treibende Kraft je-
gen, werden wir es töten! Vielleicht glaubst du nun, doch waren die Zwergwesen.“
daß ich nicht in Hypnose bin.“
„Gut — töten wir es.“ Di-Ot jedoch zweifelte daran.
Bi-Ga trat zurück und ging schweigend in eine an- „Was veranlaßt dich zu dieser Vermutung, Bi-Ga?“
dere Kabine. Es vergingen einige Minuten, ehe er mit Der Gefragte wies abermals lächelnd auf den sich
einem der namitschen Strahlstäbe zurückkehrte. Ent- krümmenden und aufquellenden Zekes-Tropfen.
schlossen schritt er auf die Instrumententafel zu und
bückte sich. Während sich seine Augen auf den Zekes- „Das ist doch der Beweis. Wo bleibt denn die Hyp-
Tropfen richteten, strömten seine Gedanken auf Di-Ot nose, Di-Ot? Allein auf sich gestellt, sind diese Plas-
und Clayd Rivat zu. maströme völlig hilflos. Diese Masse hier zum Bei-
„Oder nein, ich werde ihn noch nicht töten. Ich wer- spiel befindet sich zweifellos außerhalb des Einfluß-
de erst einmal die Ausbuchtung leicht erhitzen, um das gebietes der Zwergwesen. Und das Ergebnis: völlige
Lebewesen zu zwingen, hervorzukommen. Ich habe Hilflosigkeit. Wären wir ihnen nämlich ausgeliefert,
nämlich eine Vermutung“, fügte er zusammenhang- dann befänden wir uns schon längst in Hypnose. Aber
los hinzu. Was für eine Vermutung das war, erklärte es ist nicht so.“
er aber nicht. Auch seinen Gedanken konnten weder Di-Ot nickte zustimmend.
Di-Ot noch Clayd Rivat etwas entnehmen. —
„Ich möchte deine Ansicht uneingeschränkt beja-
Bi-Ga hob den zierlichen Strahlstab etwas nach
hen. Es kann tatsächlich so sein, wie du behauptest.
oben und zielte auf die metallene Ausbuchtung. Leicht
Aber — wie kommt es hierher?“ Er zeigte auf das le-
berührte er den Kontakt. Ein blasser Strahl schoß aus
bende Plasmawesen.
der feinen Öffnung und traf leicht auf den hervorste-
henden Metallblock, der sich augenblicklich tiefvio- „Das ist die große Frage. Und doch — man kann es
lett verfärbte! sich einfach erklären. Es würde dann sogar mit mei-
Ein schriller Schreckensschrei drang in die Gehirne ner vorhin ausgesprochenen Ansicht übereinstimmen.
Bi-Gas und Di-Ots! Bi-Ga sprang zur Seite, um dem Dieser Zekes da ist nicht freiwillig hierhergekommen,
hervorquellenden Zekes-Tropfen auszuweichen. Ver- sondern auf Geheiß der Sula-Zwerge, Wenn das so ist,
hältnismäßig schnell kam er heran. Zuckend und bro- würde das bedeuten, daß unsere Flucht von den Sula-
delnd blieb die fast glasklare Plasmamasse dann in der Zwergen beabsichtigt war, wie es ja auch den An-
Mitte der Kabine liegen. schein erweckte. Man wollte uns wahrscheinlich be-
Neugierig — die Strahlwaffe jedoch fest in den wachen und durch die Plasmawesen beobachten las-
Händen, um jederzeit einer Überraschung entgegen- sen. Nach einer bestimmten Zeitspanne sollten uns die
wirken zu können — trat Bi-Ga als erster heran. Di- Zekes in Hypnose versetzen. Aber sie sind ja nicht
Ot und Clayd Rivat folgten ihm etwas zurückhaltend in der Lage dazu, wie ich bereits erwähnte! Und das
nach. ist der große Fehler in dem so geschickt ausgedachten
Immer noch den Blick auf den Plasmatropfen ge- Plan der Zwergwesen.“
richtet, wandte sich Bi-Ga auf telepathischem Wege Ohne noch etwas zu sagen, hob er plötzlich den
an die beiden neben ihm Stehenden. Strahlstab und berührte den Kontakt. Fester als das
„Du hattest recht, Di-Ot. Von Hypnose ist nicht das erste Mal. Der Zekes-Tropfen quoll fast zu doppel-
geringste zu spüren. Ich glaube sogar, daß nun mei- ter Größe auf und fiel dann in sich zusammen. Dampf
ne Vermutung gar nicht so abwegig ist. Sie wird sich und stinkendes Gas entwickelten sich und zogen durch
bestätigen oder hat sich vielmehr schon bestätigt.“ den Entlüftungsschacht nach draußen. Die Stelle, wo
Und die Sterne verblaßten 36

noch vor Sekunden das Plasmawesen gelegen hatte, Er saß vor dem Instrumententisch, l neben ihm Ta-
war leer. Der Boden war leicht verfärbt. Ri, ein junger Namit, der noch niemals einen Flug in
Ohne auf dieses Ereignis zu achten, trat Di-Ot den anderen Raum mitgemacht hatte. Es war sein er-
schweigend zur Seite und ließ sich auf dem Sitz vor ster Flug und eine ideale Möglichkeit, das andere All
dem Instrumententisch nieder. kennenzulernen. Ha-Od hatte Ta-Ri gern mitgenom-
„Wir starten! Es ist wohl...“ men. Er war sein Schüler, und er wußte es daher am
Er unterbrach sich in seinen Gedanken selbst, als besten, welche Qualitäten in dem jungen Namit steck-
aus der feinen, gelöcherten Öffnung über dem Schalt- ten.
tisch eine Stimme voller Angst und Unwissenheit Ha-Od drückte mehrere Tasten auf seinem Schalt-
drang. tisch, und die Energiestationen begannen zu laufen.
„Wir haben in unserer Kabine eines dieser schreck- Während er den Antriebshebel nach oben drückte,
lichen Schleimwesen entdeckt! Wir wissen uns keinen wandte er sich auf telepathischem Wege an Ta-Ri.
Rat! Was sollen...“ „Du wirst von dem anderen Raum enttäuscht und
Di-Ot ließ die Stimme nicht ausreden. entsetzt sein“, meinte er ehrlich. „Den Glanz herr-
„Furcht ist unbegründet“, telepathierte er durch die licher Sonnen, wie es ihn noch hier gibt, wirst
Öffnung. „Sie sind harmlos. Es kann euch nichts ge- du dort noch ganz selten erblicken. Die MURA-
schehen! Sobald ihr jedoch eines dieser Zekes-Wesen Kettenreaktion hat bereits die schönsten Weltenkör-
entdeckt, so tötet es. — Das gilt für alle Schiffe! Auch per vernichtet! Aber trotzdem sind noch viele herrli-
wir haben es vernichtet. Anscheinend befinden sich in che Sonnen vorhanden.“ Ha-Od seufzte und zog den
sämtlichen 25 Schiffen diese Lebewesen. Antriebsbeschleuniger weiter nach oben. Das Schiff
Es ist jedenfalls anzunehmen. — Wir starten!“ schoß vor!
Er schob den Beschleunigungshebel ein Stückchen „Auch sie werden früher oder später dem MURA-
nach oben, und das Schiff begann seinen Flug in die Brand zum Opfer fallen“, fuhr er dann niedergeschla-
wolkenverhangene Atmosphäre dieses seltsamen Pla- gen fort. „Der Brand wird vor nichts haltmachen. —
neten. Ich möchte bloß wissen, warum Di-Ot mit den Schif-
Langsam erhoben sich auch die anderen Schiffe und fen noch nicht zurück ist“, begann er dann urplötzlich
folgten dem unter Di-Ots Führung. das Thema zu wechseln. „Ich fürchte fast, daß ihm und
seiner Flotte etwas zugestoßen ist.“
Die Geschwindigkeit wurde erhöht.
Einige tausend Meter tiefer, unter der Oberfläche Er schwieg.
dieser Welt, blickten Hunderte von Kugelstabaugen Ta-Ri wollte etwas erwidern, aber er wartete damit
voller Spannung auf die dreieckigen Bildflächen. noch einige Sekunden. Er blickte gespannt auf den
Die Sula-Zwerge verfolgten das Verschwinden der Schirm, auf den die blau-weiße Gigantensonne zu-
fremden Flugkörper. rückfiel.
Seron Resuk lächelte, denn er glaubte, sie würden „Hoffen wir, daß nichts passiert ist“, erwiderte er
bald wieder zurückkehren... auf die letzten Worte Ha-Ods und schwieg dann wie-
der.
8. Kapitel
Ha-Od beschleunigte weiter. Als er 250fache Licht-
Fast sämtliche Flotten der Namit-Hilfsschiffe waren geschwindigkeit erreicht hatte, klang seine Stimme in
in das andere Universum zurückgekehrt. Ein Großteil den einzelnen Schiffen seiner Flotte auf.
der Schiffe hatte fremde Intelligenzwesen an Bord, für „In 30 Sekunden erfolgt der Sprung in das andere
die nun neue Welten gesucht wurden. Lediglich eine Universum!“ sagte er fest.
Kleinflotte von zirka dreißig Schiffen, die unter dem Sein Blick ging auf die Skala, auf der der glühende
Befehl Captain Ha-Ods standen, waren zur Zeit im Sy- Zeiger stetig nach oben stieg.
stem der neuen Sonne auf dem Planeten NAMIT an-
„Noch zehn Sekunden!“ Ha-Od drückte auf eine
wesend.
schmale, blitzende Leiste, und die Sitze, auf dem Ta-
Diese Schiffe standen schon wieder für einen neuen Ri und er saßen, kippten nach hinten. Liegend war-
Flug bereit, um die Flotte des Wissenschaftlers Di-Ot, teten nun er und Ta-Ri den Übergang in den anderen
die als vermißt gemeldet worden war, zu suchen. Weltenraum ab.
Di-Ot war mit seinen Schiffen nun schon genau
Der Sprung erfolgte ganz plötzlich.
10 Tage namitscher Zeitrechnung unterwegs. Er hät-
te längst wieder auf NAMIT sein müssen. Da es nicht Das typische Gefühl des Zeit- und Körperlosen
möglich war, Funkwellen von einem Universum zum breitete sich in dem Schiff aus! Die Atome wurden
anderen zu senden, blieb nur eine Möglichkeit offen: von einem Universum in das andere hinübergerissen!
Suchen! —
Ha-Od hatte die Bestätigung, daß seine Schiffe be- Nach dem erfolgten Übergang ließ Ha-Od die bei-
reitstanden. den Sitze wieder hochklappen.
37 TERRA

Die Flotte war einige hunderttausend Kilometer von stark. Der MURA-Brand hat also einen Ausläufer er-
dem MURA-Brand entfernt in dem anderen Welten- halten, der mit ungeheurer Geschwindigkeit auf diese
raum herausgekommen. Der letzte Transitionspunkt, Milchstraße zueilt!“
der noch von Di-Ot errechnet worden war, hatte schon Di-Ot veränderte wieder das Bild auf dem Schirm,
wieder seine Gültigkeit verloren. und die Sonne Sol strahlte in unverminderter Helle auf
Ha-Od hatte einen neuen Transitionspunkt finden die zwei Namits und den Menschen Clayd Rivat.
müssen, um abermals den Sprung in den anderen Der Captain jedoch hatte heute kein Auge für die
Raum zu wagen. strahlende Schönheit der irdischen Sonne.
Der namitsche Captain ließ sein Schiff mehrmals „Es müßte doch irgendeine Möglichkeit geben, her-
um die eigene Achse kreisen, ehe er einen festen Kurs auszubekommen, wie das menschliche Gehirn auf die
festlegte. Strahlung reagiert“, bestand er fest auf seinem Stand-
Es war ziemlich schwer, die Flotte Di-Ots zu fin- punkt.
den. Der Raum war groß, und es gab Tausende von „Warum soll auf euch Erdenmenschen die unbe-
Möglichkeiten, wo sich die Schiffe aufhalten konn- kannte Strahlung anders wirken als auf uns? Seid ihr
ten. Aufs Geratewohl stürmte mit mehrfacher Lichtge- nicht auch Wesen, die in diesem Universum geboren
schwindigkeit Ha-Od mit seinen 29 Schiffen auf eine worden sind? Der Unterschied zwischen euch und uns
weit entfernt liegende Sonne zu. ist also gar nicht so groß.“
Sie glühte in einem blendenden Weiß. Clayd Rivat erkannte aus Di-Ots Gedanken, daß das
Auf Di-Ots Bildschirm erschien die linsenförmige kein Trost war, sondern die ehrliche, offene Überzeu-
Milchstraße, jene Milchstraße, in der die Sonne Sol gung des Namits.
mit ihren neun Planeten beheimatet war. Er nickte.
Der Namit-Wissenschaftler nickte dem Captain „Die Ansicht hat etwas auf sich“, meinte der Cap-
Clayd Rivat aufmunternd zu. tain nun etwas beruhigt. „Der Prozentsatz, daß die
Strahlung auf uns positiv wirkt, ist, nach deiner Ver-
Er hatte den Gedanken des Menschen entnommen,
mutung zu urteilen, zweifellos höher. Es stimmt, wir
daß er sich Sorgen machte.
sind zwei grundverschiedene Lebensformen und doch
„Das ist unnötig“, machte sich Di-Ot im Gehirn — wir wurden in ein und demselben Weltenraum ge-
Clayd Rivats bemerkbar. „Außerdem bleibt uns jetzt boren.“
auch wirklich keine Zeit mehr, die Gehirnstruktur des Ohne etwas auf die Ausführungen des Menschen zu
Menschen zu untersuchen. Die Zeit drängt. Da wir auf erwidern, drehte sich Di-Ot ganz der Instrumententa-
diesem seltsamen Planeten dieses Abenteuer zu be- fel zu und verminderte mit mehreren Einstellungen die
stehen hatten, haben wir eine Menge Zeit verloren. Geschwindigkeit des Flugkörpers.
Dieses Sonnensystem wird bereits in wenigen Wochen
Der gewaltige, blaugrün leuchtende Ball der Erde,
dem MURA-Brand zum Opfer gefallen sein. Die Um-
rückte heran, glitt auf den Bildschirm und füllte Se-
siedlung in das andere Universum erfordert immerhin
kunden später bereits die gesamte Bildfläche aus.
auch noch Vorbereitungen.“
Der dritte Planet des Systems — die Erde — war
Clayd Rivat senkte zweifelnd den Kopf. erreicht!
„Trotz allem“, meinte er niedergeschlagen, „es ist Sanft tauchte Di-Ot in die Lufthülle hinein, gefolgt
eine Gefahr für die Menschheit, den anderen Raum von den 24 Schiffen seiner Flotte.
zu besiedeln. Wir wissen nicht, wie die unbekannte
Die Verhandlungen mit der irdischen Zentralregie-
Strahlung auf unsere Gehirnstruktur wirkt.“
rung gingen rasch und ohne jegliche Zwischenfälle
Di-Ot blickte ihn mit seinen blaustrahlenden Augen vonstatten.
an, während er gleichzeitig die ersten Bremsmanöver Di-Ot hatte vor den Regierungsvertretern alles Not-
einleitete. wendige erklärt, und auf der Erde hatte man wohl oder
„Ich kann dich sehr gut verstehen, Erdenmensch“, übel eingesehen, daß den Menschen nichts anderes üb-
meinte er mitfühlend, „aber die Situation läßt es eben rigblieb, als die Erde zu verlassen. Nur in dem anderen
einfach nicht mehr zu, lange Untersuchungen anzu- Raum war die Möglichkeit eines Weiterlebens für das
stellen. Sieh da...“ Er betätigte augenblicklich ein klei- Menschengeschlecht gegeben.
nes Handrad, und das Schiff drehte sich um seine ei- Di-Ot war zuversichtlich, daß aller Wahrscheinlich-
gene Achse. Das Bild auf dem Schirm veränderte sich. keit nach auch Planeten in Form und Zusammenset-
In der Ferne konnte man deutlich die grauweiße zung der Erde in dem anderen, jenseits des Pararaums
Leere erkennen, die zusehends auf sie zuzukommen liegenden Universums vorhanden waren. Es gab dort
schien. viele Sonnen. Man mußte nur die entsprechenden Pla-
„Der MURA-Brand ist an dieser Stelle des Raumes neten suchen.
stärker geworden“, fuhr Di-Ot telepathisch fort. „Da Von der unbekannten Strahlung allerdings hatte Di-
der Kosmos an diesem Platz besonders sternenreich Ot nichts verlauten lassen. Er wollte keine unnötigen
ist, ist auch die Auflösung und Vernichtung besonders Sorgen verursachen.
Und die Sterne verblaßten 38

Nur Clayd Rivat wußte als Mensch von dieser ei- „Es befinden sich Schiffe in unserer Nähe“, telepa-
genartigen Strahlung, die ein typisches Merkmal des thierte er. „An den kleinen Punkten kann ich allerdings
fremden Universums zu sein schien. Aber auch er sag- noch nicht erkennen, um welche es sich handelt. Aller
te nichts. Obwohl es geradezu in ihm drängte, es aus- Wahrscheinlichkeit nach können es jedoch nur Schiffe
zusprechen, wollte er doch nicht unnötig die Umsied- unserer Rasse sein.“
lung hinauszögern. Di-Ot drückte eine Taste. Er wußte, daß jetzt durch
Nach der Unterredung mit der Regierung wurde al- den Raum eine Welle raste, die einen ganz bestimm-
les Nötige vorbereitet. Die namitschen Raumschiffe ten Ton erzeugte. Dieser Ton konnte nur von Namit-
landeten zunächst auf einem Erdenteil, den man als Schiffen aufgefangen und verstanden werden.
GNAMO bezeichnete.
„Vielleicht melden sie sich darauf, meinte Di-Ot.
Nach dem 21. Jahrhundert war man dazu überge-
gangen, die fünf Erdteile des dritten Planeten nach Und er sollte sich nicht getäuscht haben.
großen Männern, die die ersten Sternfahrten in außer- Bereits nach wenigen Sekunden traf die Antwort
galaktische Systeme gewagt hatten, zu benennen. ein. Sie war in gleicher Stärke und Fülle in den Ka-
Und Sendy Gnamo war einer der Großen gewesen... binen der 25 Namit-Schiffe zu hören.
In GNAMO also standen die ersten 25 Namit- Di-Ot beschleunigte und stürmte auf die kleinen,
Schiffe bereit. noch nicht erkennbaren Punkte zu, die ihnen näher ka-
Der Organisationsapparat des Staates arbeitete in men. Nach weniger als einer Minute waren sie jedoch
zügigem Tempo! deutlich auf den Schirmen zu sehen.
Ruhig und gefaßt betraten die Menschen mit ihren Di-Ot zog den Antriebsbeschleuniger etwas nach
notwendigsten Dingen die fremden Raumschiffe und unten und verringerte leicht die Geschwindigkeit. Er
gingen in die einzelnen Kabinen, die man ihnen grup- wandte seinen Kopf der feinen, gelöcherten Öffnung
penweise zuwies. Jedes namitsche Hyperraumschiff zu, und seine Gedanken strahlten durch die unendli-
konnte bequem 1500 Personen in sich aufnehmen. Die che Weite des Raumes.
25 Schiffe waren also in der Lage, zirka 37 500 Men- „An die Namit-Schiffe, die uns entgegenkommen.
schen mit einem einzigen Flug von der Erde zu schaf- — Fliegt sofort die Sonne Sol an und landet auf dem
fen. dritten Planeten!“ Er gab schnell noch genaue Koor-
Das war die Bevölkerung einer mittleren Stadt. dinaten durch. „Wir haben Menschenwesen an Bord,
Nicht gerade viel, wenn man bedenkt, daß auf der die in den anderen Raum gebracht werden müssen. Es
Erde rund vier Milliarden Menschen wohnten und ein wäre für uns eine große Hilfe, wenn auch ihr welche
Bruchteil davon noch im System der Sonne Alpha in euren Schiffen aufnehmen würdet.“
Centauri waren, die ja ebenfalls in das andere Univer- Di-Ot wartete gespannt auf die Antwort.
sum geschafft werden mußten. —
Gleich darauf stand die Stimme in der Kabine.
Clayd Rivat hatte indessen dafür gesorgt, daß die
Schiffe seiner Flotte, die sich noch immer im Raum „Hier Ha-Od. Haben verstanden. Waren unterwegs,
vor dem MURA-Brand aufhielten, zur Erde zurück- um dich, Di-Ot, zu suchen. — Es geht in Ordnung.
kehren konnten. Wir werden uns an denen Befehl halten.“ — Die bei-
Jetzt befand er sich wieder bei Di-Ot, der mit wach- den Raumschiff-Flotten rasten aneinander vorbei.
samen Augen den Menschenstrom verfolgte, der sich Mit Hilfe der Elektronengehirne errechneten Bi-Ga
in die Schiffe ergoß. und Di-Ot den neuen Transitionspunkt, der notwen-
„Deine Rasse ist vernünftig“, telepathierte er dem dig war, um in das andere Universum überzusetzen.
Captain zu. „Ein Glück, daß wir mit euch Menschen Es dauerte eine geraume Weile, ehe sie die neuen Ko-
nicht ein solches Abenteuer zu bestehen haben wie mit ordinaten beisammen hatten. Bi-Ga gab sie schnell an
den Sula-Zwergwesen“, fügte er mit dem Anflug eines die anderen Schiffe durch, denn bereits in 65 Sekun-
leichten Lächelns hinzu. — den mußte zum Sprung angesetzt werden.
Volle zwei Stunden dauerte es, bis die 25 Namit- Die beiden Wissenschaftler ließen ihre Sitze zu-
Schiffe endlich startklar waren. Auch Di-Ot ließ keine rückkippen. Innerhalb weniger Sekunden würde das
unnütze Minute mehr vergehen. Er ließ sofort seine Schiff automatisch die Geschwindigkeit steigern, um
kleine Flotte starten. Diesmal allerdings ohne Captain 300-fache Lichtgeschwindigkeit zu erreichen.
Clayd Rivat. 300fache Lichtgeschwindigkeit!
Zusammen mit Bi-Ga befand sich Di-Ot in der klei-
Diese unheimliche Zahl war notwendig, um die
nen Kommandokabine und führte von dort aus die 25
fesselnde Schwerkraft eines ganzen Universums zu
Schiffe seiner Flotte an.
sprengen.
Schweigend — dabei jedoch unwillkürlich seine
Gedanken ausstrahlend — wies Bi-Ga auf den Bild- Und dann erfolgte auch schon die Transition!
schirm. Dann nickte er einer Skala zu, die in unregel- Bi-Ga und Di-Ot ließen ihre Sitze hochklappen. Die
mäßigem Rhythmus ausschlug. Geschwindigkeit wurde vermindert.
39 TERRA

Die 25 Schiffe der Flotte Di-Ots hatten sich kaum in vorgefallen sein, sonst hätte man sie niemals rufen las-
dem fremden Universum materialisiert, als auch schon sen. —
eine Stimme in die Kabine drang, in der sich Di-Ot Der feine Nebel materialisierte sich in der Kabi-
und Bi-Ga aufhielten. ne, glitt auf die beiden hochaufgerichteten Körper der
„Betrifft Di-Ot und Bi-Ga! Es ist dringend, daß bei- zwei Namit-Wissenschaftler zu und verdichtete sich
de sofort nach NAMIT kommen. Nähere Einzelheiten zu einem undurchdringlichen, harten Panzer!
erst dort!“ Die Stimme verstummte. Wenige Meter neben den beiden Körpern Bi-Gas
Di-Ot blickte unwillig auf die feingelöcherte Öff- und Di-Ots entstand eine Nebelsäule.
nung.
Während die beiden dicht Zusammenstehenden ur-
„Unmöglich“, kamen seine Gedanken, „das geht plötzlich verschwanden, wurde der andere Körper fe-
auf keinen Fall! Habe an Bord mehrere hundert Er- ster und fester. Der Nebel löste sich und glitt in Schlei-
denmenschen, für die unbedingt eine Welt gefunden ern davon. Eine starke, massive Namit-Gestalt bildete
werden muß!“ Di-Ot betonte das „muß“ ganz beson- sich in der Kabine.
ders. „Nach Namit kann ich erst dann kommen, wenn
Der Wechsel war vollzogen — die Teleportation be-
diese dringende Angelegenheit erledigt ist. Wir haben
endet.
den alten Raum zerstört, und nun sind wir verpflich-
tet, für die Intelligenzwesen dieses Alls neuen Lebens- Der Namit trat entschlossen auf die Schalttafel zu,
raum zu schaffen. Ich kann unmöglich nach NAMIT ließ sich auf einen der bequemen Sitze nieder und
kommen!“ übernahm wortlos die Führung des Schiffes. —
Die andere Stimme kam augenblicklich wieder. In der Teleportation-Station in RELNXA III kamen
„Aber Station RELNXA III fordert unbedingt das Bi-Ga und Di-Ot wohlbehalten an. Ihre Körper wa-
Kommen Di-Ots und Bi-Gas!“ beharrte die Stimme ren kaum aus der nebeligen Masse entstanden, als sie
aufdringlich. auch sofort in den Zentralraum der Station RELNXA
„Die Zusammenkunft und Aussprache zwischen III eilten, um sich zu erkundigen, warum man sie so
den Wissenschaftlern kann nur stattfinden, wenn ihr dringend nach hier gerufen hatte.
anwesend seid! Ihr müßt kommen! Es hat sich eine Sie waren kaum in dem betreffenden Raum ange-
völlig neue Lage ergeben. Sie betrifft die unbekannte kommen, als sie auch schon ein entgegenkommender
Strahlung!“ Wissenschaftler, Ma-Te, begrüßte.
In den Gehirnen Bi-Gas und Di-Ots waren die letz- „Gott sei Dank, daß ihr da seid“, meinte er erleich-
ten fünf Worte ganz besonders scharf und betont zum tert. „Man wartet schon auf euch.“ Seine Gedanken
Ausdruck gekommen. Jetzt wußten sie wenigstens an- strahlten weiter. „Ich glaube, daß wir auf der Spur
nähernd, was so wichtig war, etwas Genaues aber noch sind, woher die Strahlung kommt, die unsere Gehirn-
immer nicht. struktur derart verändert hat. Folgt mir.“
Die Gedankenimpulse Di-Ots drangen wieder durch Er trat mit Bi-Ga und Di-Ot durch eine kaum wahr-
die Öffnung. nehmbare Nebentür, und ein kleinerer Raum wur-
„Erklärte bereits, daß es unmöglich ist, dieses Schiff de sichtbar. In diesem saßen schon mehrere Namit-
zu verlassen. Es ist sonst niemand an Bord, der es füh- Wissenschaftler und blickten den beiden Prominente-
ren kann.“ Er hoffte, damit ein schlagkräftiges Argu- sten, Bi-Ga und Di-Ot, entgegen. Während sich beide
ment gefunden zu haben. auf noch zwei freistehenden Sitzen niederließen, ging
Es dauerte eine geraume Weile, ehe sich die fremde Ma-Te auf einen flachen Tisch zu, der vor den versam-
Stimme erneut meldete: melten Wissenschaftlern stand.
„Habe Verbindung mit RELNXA III aufgenommen. Wortlos betätigte Ma-Te die flache, bewegliche In-
Folgende Lösung ist gefunden worden: Di-Ot und Bi- nenleiste, und aus der Fläche hob sich eine erleuchtete,
Ga müssen kommen. Für Di-Ot wird man auf telepor- plastische Karte des neuen Universums. Jede einzelne
tativem Wege einen anderen Raumschifführer in das Sonne, die schon von den Namits untersucht worden
Schiff schicken. Wird es so möglich sein?“ war, war farbig verzeichnet. Auch die verschieden-
Di-Ot nickte. sten Forschungsstationen, die schon bis an die Gren-
„Bereitet die Teleportation vor. Ich werde inzwi- zen dieses Universums reichten, waren plastisch auf-
schen das Schiff aus dem Verband lösen.“ gegossen.
Seine Hände glitten wortlos über die Schaltappara- Die Augen der namitschen Wissenschaftler glitten
turen. Das Schiff drehte sich aus der Formation heraus, prüfend über die plastische Karte, während sie die Ge-
ging einige tausend Kilometer in den freien Raum hin- dankenimpulse Ma-Tes in sich aufnahmen.
aus und verharrte dort. „Von YOUTRUS I kam vor wenigen Stunden ei-
Sich in die Mitte der Kabine stellend, warteten Bi- ne verblüffende Meldung, die uns alle angeht.“ Er
Ga und Di-Ot die Teleportation ab. Was war gesche- wies mit seinem rechten Zeigefinger auf eine grell-
hen, daß man sie so dringend nach RELNXA III be- grün eingezeichnete Forschungsstation, die sich ir-
orderte? Irgend etwas Wichtiges mußte auf jeden Fall gendwo in fernen Regionen des Weltenraumes befand.
Und die Sterne verblaßten 40

„Auf YOUTRUS I hat man gestern und heute jene un- schaftler unbedingt zu unterrichten.
bekannten Strahlungen in bisher nie gekannter Stär-
ke festgestellt. Fünf unserer modernsten Forschungs- Ke-To.“
schiffe begaben sich natürlich sofort dorthin, und zum
Ma-Te ließ die Rolle wieder zuschnappen und
erstenmal ist es ihnen gelungen, das wirkliche Haupt-
steckte sie in den Fächer unter der Tischplatte.
gebiet dieser Strahlung aufzuspüren und zu vermes-
sen. Das Resultat ist geradezu verblüffend und un- Die Gedankenströme Di-Ots drangen zuerst in die
wahrscheinlich. Wir vermuteten zuerst, daß die unbe- fieberhaft arbeitenden Gehirne der anwesenden Kolle-
kannte Strahlung von irgendeinem Weltenkörper kom- gen.
men muß oder eben die Eigenart dieses Universums „Ke-To ist zweifellos einer sehr interessanten Sa-
ist. Aber keine dieser beiden Vermutungen war rich- che auf der Spur, die uns im Laufe der Zeit weiterhel-
tig! Den Forschern von YOUTRUS l ist es nun ge- fen und uns sogar die endgültige Lösung bringen wird.
lungen, das Geheimnis einigermaßen zu lüften. Zwar Ich stelle mir allerdings die gleiche Frage: Wo befin-
haben wir noch nicht die volle Lösung des Rätsels, det sich diese Zeit, aus der die mysteriöse Strahlung
aber der Anfang ist gemacht.“ Ma-Te unterbrach sich bis zu uns kommt?“
in seinen Gedanken und ließ seine blauglühenden Au- Nicht nur Di-Ot war äußerst von der eigensinni-
gen in der Runde umherschweifen. Dann kamen seine gen Theorie und Erklärung Ke-Tos überrascht, son-
Gedankenimpulse wieder in der alten Stärke. dern auch sämtliche im Raum anwesenden Wissen-
„Das Hauptstrahlungsgebiet, das man genau ver- schaftler. In Gedanken setzte sich jeder — der eine
messen konnte, war im Räume vorhanden! Es ist ein mehr, der andere weniger — mit diesen Gedanken aus-
Gebiet, das genau eine Million Kilometer lang und et- einander.
wa doppelt so breit ist! Das allein beweist schon ein- „Ja, wo ist die Zeit?“ fragte nun auch Bi-Ga. „Wir
deutig, daß es nicht von einem Weltenkörper ausge- kennen nur den Raum, oder besser gesagt zwei Räu-
strahlt und noch weniger eine Strahlung dieses Raum- me und einen Zeitraum, aber keine Zeit. Mit unseren
es sein kann, da die Strahlung in mehr oder weniger jetzigen Schiffen sind wir nur in der Lage, den Raum
Stärke dann überall vorhanden sein müßte! Hier ver- zu erforschen, aber nicht die Zeit. Selbst diese Schiffe
lese ich euch den wörtlichen Bericht von Ke-To, dem schaffen es nicht, außer den zwei bekannten Universen
leitenden Wissenschaftler von YOUTRUS I.“ auch noch andere zu erreichen. Die Fluggeschwindig-
Er griff unter den flachen Tisch und zog eine kleine, keit von diesem neuen Raum in den anderen, alten, be-
etwa fingerdicke Rolle aus einem dafür vorgesehenen trägt das Dreihundertfache des Lichtes. Bis jetzt haben
Fächer heraus. Er rollte die glatte Folie auseinander, wir einen Sprung in ein zweites, unbekanntes Univer-
und seine Gedanken strahlten die verschiedenfarbigen sum noch nicht wagen können, da wir die dazu benö-
und verschiedengroßen Schriftzeichen aus, die Ma-Te tigten Transitionspunkte noch nicht finden konnten. Es
in sich aufnahm. ist uns also noch nicht gelungen, einen dritten Raum
zu erreichen. Wie sollen wir denn dann erst in die Zeit
„... Ganze neun Stunden hielten wir uns in dem Zen- gelangen?“
trum der Strahlung auf. Unsere Meßgeräte schlugen
„Ganz besonders wird das noch durch den Umstand
in dem Gebiete, in dem wir uns befanden, die höch-
erschwert, daß wir nicht einmal wissen, was Zeit über-
sten Werte an. — Nachdem wir schließlich wieder auf
haupt ist“, machte sich Ge-Tu, einer der Anwesenden,
YOUTRUS I zurück waren, machte ich mich an die
auf telepathischem Wege bemerkbar.
Auswertung der notierten Ergebnisse. Das Resultat ist
mehr als ungeheuerlich! Es gibt dafür lediglich die ei- „Aber wie kommt Ke-To auch nur auf die Idee, zu
ne Lösung: die unbekannte Strahlung kommt aus ei- glauben, daß die Strahlung aus der Zeit stammt?“ füg-
nem anderen Raum! Ich kann nicht sagen, aus wel- te er fragend hinzu.
chem, da wir einen dritten Weltenraum nicht kennen, „Es ist nur eine Vermutung von ihm, und doch
beziehungsweise noch nicht erreichen konnten! Den möchte ich sie als ,die große Möglichkeit’ bezeich-
Gedanken allerdings, daß nun diese Strahlung aus ei- nen“, meldete sich wieder Di-Ot. „In seinem Bericht
nem anderen Raum kommt, halte ich wieder für ab- schreibt er ja, daß ein Raum ein Raum ist, der sich von
surd. — Wir kennen zwei Weltenräume, die sich gar einem anderen nicht besonders unterscheiden kann.
nicht mal so sehr voneinander unterscheiden, nur eben Ich muß ihm zustimmen. Meine Meinung deckt sich
durch diese scheinbare Strahlung, die, wie nun fest- mit ihm. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir an der
gestellt ist, gar keine Eigenart dieses Universums ist. Schwelle einer völlig neuen Erkenntnis stehen. Die
Meiner Meinung nach müssen Weltenräume sich ein- Strahlung ist zwar für uns nicht gefährlich, aber es
fach gleichen! Ein Raum ist ein Raum, und ist er vom ist doch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus sehr
anderen noch so weit entfernt! Dann gibt es also nur interessant, zu erfahren, woher sie kommt und wieso
die eine Lösung: Die Strahlung kommt aus der Zeit! sie eine derartige Wirkung auf uns hat. Den Raum be-
Wo aber befindet sich diese Zeit? Das ist noch das herrschen wir. Vielleicht wird es uns auch eines Tages
große Rätsel, das ich nicht zu lösen vermag. — Von möglich sein, die Zeit zu beherrschen.“
meinen Beobachtungen sind die namitschen Wissen- Die Gedanken Di-Ots endeten nachdenklich.
41 TERRA

„Und mit Hilfe der anderen Intelligenzen, die wir Nachdem also die ersten Menschen sich auf TER-
bisher in den Raum gebracht haben, wird dieses Ziel RA II, wie er schon genannt wurde, befanden, startete
noch leichter zu erreichen sein“, begann Bi-Ga nun Di-Ot mit seiner Flotte schon wieder, um so schnell
wieder ein Gespräch und kam dabei auf ein anderes wie möglich weitere Menschen von der Erde zu ho-
Thema, das im Moment zumindest genauso wichtig len.
war. Während des Rückfluges saß er vor den Elektronen-
„Denn viele Geister können mehr schaffen und er- gehirnen und errechnete eiligst mit Hilfe dieser Au-
reichen, als es nur ein Geist vermag. Mit ihrer Hilfe tomaten einen neuen Transitionspunkt. Nachdem er
wird es vielleicht eines Tages möglich sein, dieses Ziel den ersten vor sich liegen hatte, machte er sich schon
zu erreichen.“ daran, einen weiteren zu errechnen. Nach genau drei
Di-Ot nickte zustimmend, und seine Gedanken Stunden mußte er entsetzt feststellen, daß es unmög-
drangen in ihrer ganzen Fülle in die anderen ein. lich war, einen dritten zu errechnen! Es gab einfach
„Etwas Gutes hat die MURA-Kettenreaktion zwei- keinen dritten mehr!
fellos doch vollbracht: Sie hat eine neue Gemeinschaft Er wandte seinen Kopf zur Seite und blickte auf Bi-
geschaffen. Infolge des MURA-Brandes kamen wir Ga. Seine sonst so tiefblau-glühenden Augen waren
mit anderen Intelligenzen erst in Verbindung, und das etwas matter geworden.
wird zweifellos Früchte tragen.“ „Wir sind am Ende, Bi-Ga“, kamen seine gemarter-
„Auf jeden Fall.“ Bi-Gas Zustimmung war ehrlich. ten Gedanken auf den Freund zu. „Wir haben nur noch
„In diesem Universum wird sich ein galaktischer Ver- zwei Möglichkeiten, den Raum zu verlassen!
band erster Größe bilden. Und da aller Wahrschein- Die Umsiedlung muß unbedingt schneller vonstat-
lichkeit nach auch die nach hier gebrachten Lebewe- ten gehen, sonst werden wir es niemals schaffen, fast
sen die Veränderung durchmachen, wie wir sie er- vier Milliarden Menschen in dieses Universum zu
lebten, ist anzunehmen, daß aus jetzt noch primi- bringen. Die MURA-Kettenreaktion ist viel schneller
tiven Rassen hochgeistige Intelligenzwesen werden. und versperrt uns den Weg! — Nur noch zwei Transiti-
Die Strahlung wird ihre Gehirnstruktur genauso po- onspunkte geben uns die Möglichkeit, die Verbindung
sitiv verändern wie die unserige.“ mit dem anderen Raum aufrechtzuerhalten.“
Di-Ot erhob sich plötzlich von seinem Platz, und Er unterbrach sich in seinen Gedanken und konzen-
seine Gedankenimpulse kamen auf die anderen zu. trierte sich auf das kleine Loch in der Wand. Seine Ge-
„Jetzt, nachdem wir also über die Entdeckung Ke- dankenstrahlen erreichten NAMIT.
Tos unterrichtet sind, ist es wohl besser, wenn Bi-Ga
„Fordere so dringend wie möglich eine größere
und ich zu unserem Schiff zurückkehren, um die Füh-
Flotte an, die in der Lage ist, eine Höchstmenge an
rung der Flotte wieder zu übernehmen. Ich glaube,
Lebewesen aufzunehmen! Die Zeit drängt. Wir haben
daß das Problem, die Suche nach einer neuen Welt,
nur noch zwei Transitionspunkte! Ich bitte darum, daß
im Moment zweifellos vorgeht. Zuerst müssen die
man so schnell wie möglich eine größere Flotte zu-
Menschenwesen einen festen Platz in diesem Univer-
sammenstellt und zum dritten Planeten der Sonne Sol
sum haben, dann können wir unsere wissenschaftli-
im alten Raum sendet! Größte Schnelligkeit ist vonnö-
chen Forschungen über die unbekannte Strahlung fort-
ten! — Di-Ot.“
setzen. Ich fürchte sonst, daß es in den nächsten Tagen
unmöglich sein wird, noch einen geeigneten Transiti- Er wußte, daß schon jetzt seine Gedankenströme
onspunkt zu finden. Die Berechnungen für neue Koor- auf NAMIT aufgenommen und verstanden worden
dinaten werden immer schwieriger. Da die alten Tran- waren. Gedanken waren viel schneller als Funk und
sitionspunkte schon im Bereich des MURA-Brandes Lichtwellen, denn sie benötigten keine Zeit!
liegen, können wir sie nicht mehr verwenden. Wir Die Gedanken Bi-Gas erreichten seinen Freund.
werden also jetzt gehen! Die Zeit drängt. Der zuletzt „Jetzt ist es also doch noch soweit gekommen. Ich
errechnete Transitionspunkt wird voraussichtlich in 20 habe geahnt, daß es nicht so glatt gehen kann, wie
Stunden nicht mehr zu verwenden sein.“ Di-Ot nick- es bisher gegangen ist. Das System Sol liegt zwar
te leicht mit dem Kopf und verließ zusammen mit Bi- noch außerhalb des Gefahrenbereiches des MURA-
Ga den Konferenzsaal. Eiligen Schrittes gingen sie auf Brandes, und wir hätten noch viel Zeit gehabt, um die
den Teleportations-Raum zu... Menschen nach und nach in diesen Raum zu schaffen.
Eine Welt, in der Form und Gestalt der Erde ähn- Aber nun diese verteufelte Sache mit den so notwen-
lich, wurde erst nach 50-stündigem Suchen gefunden! digen Transitionspunkten. Hier hat uns die MURA-
Der rötlich glühende Globus einer fremden Sonne Kettenreaktion einen Strich durch unsere Rechnung
war die neue Heimat für die ersten 37 500 Menschen gemacht. Ich fürchte fast, daß wir es nicht mehr schaf-
geworden. Er war etwa um ein Fünftel kleiner als die fen!“
Erde, aber man hoffte, vorerst mit diesem Lebensraum Die zustimmenden Gedankenwellen Di-Ots fing er
auszukommen. Später dann, wenn erst einmal die Um- auf. „Ich glaube es fast selbst!“ Er riß den Beschleuni-
siedlung vollendet war, konnte man immer noch auf gungshebel weiter nach vorn. Die gewaltige Energie-
die Suche nach neuen, erdengleichen Welten gehen. station des Schiffes gab ihr Letztes her.
Und die Sterne verblaßten 42

Die sonst so lautlos arbeitende Kraftstation heulte Während ein Teil der Schiffe startete, kamen schon
schrill auf! „In zwei Minuten erfolgt die Transition!“ wieder andere zur Erde, um neue Menschenfracht in
Di-Ot stellte die Automatik auf den betreffenden sich aufzunehmen und wegzubringen.
Zeitpunkt ein und ließ seinen Sitz zurückklappen. Die Schiffe Di-Ots hatten den Weg von einem Raum
Bi-Ga folgte ihm. Seine Gedankenströme bildeten zum anderen inzwischen schon viermal zurückgelegt.
sich im Gehirn Di-Ots zu festen Begriffen. Und der fünfte Flug — so nahm Di-Ot jedenfalls
„Schon bei unserer nächsten Transition können wir an — würde wahrscheinlich für seine Flotte der letzte
diesen Punkt nicht mehr benutzen. Dann bleibt uns le- sein. Aber immer noch befanden sich Menschen auf
diglich nur noch die letzte Berechnung übrig. Hoffen diesem Planeten, die noch weggebracht werden muß-
wir, daß man auf Namit so schnell wie möglich eine ten. Der Sieg über den MURA-Brand war noch nicht
größere Flotte zusammenstellt, damit eine große Men- errungen.
schenmenge auf einmal in den neuen Raum befördert
Der Brand eilte weiter...
werden kann. — Die MURA-Kettenreaktion frißt wei-
ter und eilt mit immer größer werdender Geschwindig- Drei einzelne Schiffe hatte man währenddessen
keit auf unsere letzten Übergangspunkte zu.“ zum System der Sonne Alpha Centauri geschickt, um
Das Wettrennen mit der MURA-Reaktion, das ich auch die dort befindlichen Menschen in das andere
befürchtet hatte, hat also nun begonnen...“ Universum zu bringen. Drei Namit-Schiffe genügten
vollauf.
Und er war tatsächlich ein Wettrennen mit dem
MURA-Brand. Die 25 Schiffe unter Di-Ot hatten ihre Kabinen
Schon während die Schiffe Di-Ots auf der Erde lan- schon wieder gefüllt, während die namitsche Großflot-
deten, fiel der erste Transitionspunkt aus, der noch vor te, die aus mehreren Tausend solcher Schiffe bestand,
wenigen Minuten benutzt worden war! schon wieder zur Erde zurückkehrte.
Der letzte noch vorhandene Punkt befand sich un- Di-Ot hatte Clayd Rivat mit an Bord genommen,
gefähr 750 000 Kilometer entfernt. da er fest annahm, daß dies sein letzter Flug in die-
Mit unheimlicher Eile wurden die wartenden Men- sen Raum war. Die restlichen Menschen, die sich jetzt
schen in die Schiffe geschleust. Als man die Hälfte noch auf der Erde befanden, konnten zweifellos von
schließlich besetzt hatte, kam die Großflotte an, die der Großflotte fortgeschafft werden.
Di-Ot angefordert hatte. In allen Teilen der Erde lan- Obwohl sie noch nicht zurück waren, atmete Di-Ot
deten sie, um die Umsiedlung so schnell wie möglich jetzt schon auf.
zu Ende zu bringen. Obwohl nun eine solch gewalti- Sollte es ihnen tatsächlich gelungen sein, die Men-
ge Flotte bereitstand, dauerte die Einschiffung immer schen gerettet zu haben, bevor der MURA-Brand auch
noch Stunden, Stunden, in denen der MURA-Brand noch den letzten Transitionspunkt ausschaltete? Al-
unaufhaltsam weiterfraß. le Anzeichen sprachen bis jetzt dafür, und doch, ge-
Di-Ot ließ sich nichts von seiner Nervosität anmer- schafft war es noch nicht! Die Namit-Schiffe waren
ken, um seine Unruhe nicht auf die Menschen zu über- immer noch in dem Raum, der einst der Vernich-
tragen, die in die Schiffe stiegen. tung anheimfallen würde. Es konnte gut möglich sein,
Während er anscheinend ruhig und gefaßt die ein- daß der letzte noch bestehende Transitionspunkt nicht
zelnen Menschengruppen in die Kabinen wies, flogen mehr zu benutzen war, wenn die Schiffe aus dem
über sämtliche Städte die Flugzeuge der Regierung, Raum kamen.
die die Menschen über Lautsprecher aufforderten, sich Di-Ot hatte mit allen seinen Rechenkünsten und
so schnell wie möglich zum nächsten Sammelplatz der Hilfe der Elektronengehirne versucht, einen neu-
zu begeben und dort in die wartenden Helikopter und en Transitionspunkt zu errechnen. Aber alle Mühe
Flugmaschinen zu steigen. Von dort aus wurden sie war umsonst gewesen! Es gab einfach keinen anderen
dann zu den Stellen gebracht, wo die Namit-Schiffe Übergangspunkt mehr!
warteten. —
Nur — eben diesen letzten noch!
Als die 25 Schiffe unter Di-Ots Führung endlich
vollbesetzt waren, gab er fast augenblicklich den Be- Seine schlanke Hand zog den Beschleunigungshe-
fehl zum Start. Schon wenige Minuten danach befand bel ein Stückchen nach unten, und während er die-
er sich mit der Kleinflotte im All. se Tätigkeit in regelmäßigen Abständen wiederholte,
Die Flüge gingen hin und her. Die Zeit verging, und klärte er auf telepathischem Wege Clayd Rivat auf,
der MURA-Brand raste unaufhaltsam weiter. was die namitschen Wissenschaftler inzwischen über
die unbekannte Strahlung entdeckt hatten.
Vier Milliarden Menschen in ein anderes Univer-
sum zu schaffen, das nahm schon eine geraume Zeit in Clayd Rivat interessierte dieses Problem brennend,
Anspruch, das konnten selbst die so schnellen Schiffe und er verfolgte mit großer Sorgfalt jeden einzelnen
der Namits nicht in wenigen Stunden schaffen. Gedankengang seines namitschen Freundes Di-Ot.
Das Wettrennen mit dem MURA-Brand ging wei- Als dieser schließlich geendet hatte, meinte der
ter. — Captain:
43 TERRA

„Das würde also bedeuten, daß die Strahlung gar „Die andere Flotte kommt auch schon. Warten wir,
keine Eigenart des fremden Raumes ist. Diese Ansicht bis sie heran ist. Wir werden dann den Sprung gemein-
müßte zwar beruhigend für mich sein, aber jetzt, nach- sam unternehmen.“
dem man weiß, daß sie woanders herkommt, wird ei- Innerhalb weniger Minuten hatte die namitsche
gentlich die ganze Sache noch mysteriöser. Du sagst, Großflotte die 25 Schiffe erreicht. Noch bevor Di-Ot
Di-Ot, daß aller Wahrscheinlichkeit nach die unbe- die Frage aussprechen konnte, kam schon die Stimme
kannte Strahlung aus der Zeit kommt. Das müßte doch in seine Kabine. Es war die Stimme Zu-Ops, jenes Na-
festzustellen sein.“ mits, der die Großflotte leitete.
„Eben nicht“, erwiderte Di-Ot ernst und ließ sein „Sämtliche Menschenwesen vom dritten Planeten
Schiff so kreisen, daß es in einer Spirale aus dem Sy- der Sonne Sol sind von dort weggeschafft worden. Ein
stem hinausschoß. nochmaliger Flug ist unnötig. Ich habe die Kabinen in
„Es ist ja gerade das schwere, daß wir nicht in die meinen Schiffen zwar überfüllt, aber es war notwen-
Zeit können. Wir wissen noch nichts Genaues von dig. Ich fürchtete nämlich, daß wir zu einem erneuten
ihr!“ Sprung in diesen Raum gar nicht mehr kommen wer-
„Aber du sagtest doch einmal zu mir, daß der so- den. Die Zeit wird gerade noch ausreichen, um in das
genannte Pararaum aus reiner Zeit besteht. Das wür- andere Universum überzusetzen. Eine Rückkehr wird
de doch bedeuten, daß diese Strahlung nur von dort dann wohl niemals mehr möglich sein.“
kommen könnte!“ Clayd Rivat blieb fest auf seinem Die Stimme Zu-Ops schwand aus der Kabine.
Standpunkt. Di-Ot nickte nachdenklich.
Di-Ot schüttelte entschieden den Kopf. Würde es überhaupt noch möglich sein, diese Flotte
„Es stimmt, daß der Pararaum ein Zeitraum ist. Und in den anderen Raum hinüberzubringen? Ganz sicher
es ist sogar möglich, daß die Strahlung tatsächlich von war das nicht. Falls es jedoch gelingen sollte, dann war
dort kommt, aber — wir sind mit unseren jetzigen es dafür höchste Zeit, denn die MURA-Kettenreaktion
Schiffen noch nicht in der Lage, in die Zeit zu reisen, hatte schon wieder ein ganz beträchtliches Stück zu-
nur in den Raum. — Um in das andere Universum zu rückgelegt.
kommen, müssen wir den Pararaum zum Sprung be- In acht Minuten konnten die Schiffe erst zur Tran-
nutzen. Wohlgemerkt, zum Sprung. Das bedeutet ein sition ansetzen.
kurzer Übergang. Es ist uns aber noch nicht gelungen,
Acht Minuten waren in diesem Falle eine lange
in diesem Zeitraum zu bleiben oder gar mit unseren
Zeit.
Schiffen darin zu fliegen. Wir können nur durch!“
Clayd Rivat leuchteten die Argumente Di-Ots nur Unheimlich langsam verstrichen die Sekunden und
zum Teil ein, da er sie noch nicht ganz verstand. Bis zu die Minuten, aber unheimlich schnell näherte sich der
einem gewissen Grade waren diese Dinge „zu hoch“ MURA-Brand dem Punkt, an dem zur Transition an-
für ihn. gesetzt werden mußte! Auf den Bildschirmen der ein-
zelnen Namit-Schiffe verfolgten Hunderte unruhiger
Die Gedankenströme Di-Ots strahlten erneut auf
Augen, wie sich die graue Leere unbarmherzig aus-
ihn ein.
breitete!
„Unsere Wissenschaft schreitet immer weiter fort.
Lautlos und unheimlich!
Es wird uns eines Tages möglich sein, diese Rätsel
zu lösen. Die Hauptsache ist ja nun, daß wir wissen, Der Glanz weiter und naher Sterne erlosch, und an
welche Wirkung die Strahlung hat. Es ist beruhigend, ihren Plätzen quoll die grauweiße Leere, das wirkliche
daß sie die gleiche Wirkung auch auf euch haben wird. Nichts auf.
Warum sollte es anders sein?“ Fünf Minuten waren vergangen!
Seine Gedanken schwanden aus dem Gehirn Clayd Noch immer drei Minuten, die verstreichen mußten,
Rivats, und er konzentrierte sich wieder ganz auf die ehe der Sprung gewagt werden konnte.
Bedienung und Beobachtung seiner Instrumente. Di-Ot stellte schon jetzt die Werte ein, die benötigt
Der Captain nickte abwesend. wurden. Aber erst in drei Minuten wurden diese Zah-
Wenn man es sich überlegte, dann war eigentlich al- len in Energie und schließlich in die Geschwindigkeit,
les ganz natürlich. Ein neuer, unbekannter Raum gab die zur Transition gebraucht wurde, umgesetzt. Ge-
neue, unbekannte Rätsel auf. Und erst nach Jahren, quält starrte Di-Ot auf den Bildschirm. Auch die Au-
wenn man die Forschungen weiter vorantrieb und zu gen von Bi-Ga und Clayd Rivat waren gebannt auf die
immer neueren Erkenntnissen kam, konnte vielleicht Fläche geheftet, auf der sich ein teilweises Nichts und
ein Geheimnis gelüftet werden. Spätere Generationen ein teilweise noch vorhandener Raum ausbreiteten. —
würden die Dinge, die jetzt noch unbekannt und unge- Noch eine Minute!
wöhnlich waren, als Selbstverständlichkeit betrachten. Es war die längste und quälendste Minute! Noch ei-
— ne Minute zur Transition. Noch niemals hatte Di-Ot
Er wandte seinen Kopf zur Seite, als er einen Ge- eine Transition so herbeigesehnt. Und wieviel Über-
dankenimpuls Di-Ots auffing. gänge von einem Universum in das andere hatte er
Und die Sterne verblaßten 44

schon hinter sich! Hatte der MURA-Brand den Tran- „Hoffen wir, daß es allen Schiffen geglückt ist.“ Di-
sitionspunkt schon erreicht oder noch nicht? Ganz si- Ot war pessimistisch. Seine Befürchtung wurde nicht
cher konnte man das noch nicht entscheiden, das wür- bestätigt. Schon wenige Sekunden nach der Transition
de sich erst zeigen, wenn zur Transition angesetzt wur- kam von Captain Zu-Op die freudige Nachricht, daß
de, aber dann würde es auch zu spät sein, falls die die Schiffe seiner Flotte zusammen waren.
MURA-Reaktion schon... Di-Ot lächelte befreit.
Di-Ot wagte nicht, den Gedanken zu Ende zu den- „Und jetzt — so schnell wie möglich auf die neue
ken. Welt, die den Erdenmenschen eine zweite Heimat wer-
Seine blauglühenden, fiebrig-glänzenden Augen den soll!“
waren unnatürlich starr auf den Schirm gerichtet. Aber Seine Gedanken kamen gelöst und voller Freude.
er konnte nicht an der heranquellenden, grauweißen
„Nun ist zu guter Letzt doch noch alles gut gewor-
Leere erkennen, ob sie tatsächlich schon an der Stelle
den!“
war, die für den Übergang so dringend benötigt wurde.
Noch fünfundzwanzig Sekunden! Die Spannung wur- Er zog den Beschleunigungshebel diesmal nicht
de immer unerträglicher! nach unten, wie er es sonst gewohnheitsmäßig tat.
Der Zeiger, auf den Di-Ots Augen gebannt gerichtet Man hatte ja jetzt soviel Zeit.
waren, hatte den kritischen Flugpunkt erreicht. 300fa- In einem anderen Weltenraum aber tobte der
che Lichtgeschwindigkeit. MURA-Brand weiter, in jenem Raum, der einmal die
Sein Schiff, und mit ihm alle anderen, setzten zur Heimat der Namits, der Menschen und vieler anderer
Transition an. Rassen gewesen war, der nun der Vernichtung, der völ-
Das Gefühl eines zeitlosen Nichts breitete sich aus. ligen Auflösung zum Opfer fiel!
Ein scheinbar immerwährendes Dasein war angebro- Durch die Schuld von Intelligenzwesen war eine
chen. Kraft freigeworden, die man nicht mehr zu bändigen
Kein Anfang und kein Ende — zeit- und körperlos! vermocht hatte. Ein ganzer Weltenraum war zum Cha-
os geworden!
Di-Ot schüttelte sich leicht und ließ seinen Sitz wie-
der hochklappen. Sein erster Blick fiel voll auf den Sonnen, Planeten und der Raum selbst wurden zer-
Bildschirm. stört!
War es... ja, es war geschafft! Die Transition war Ein Ereignis, das eingetreten war und sich niemals
geglückt! mehr in diesem Raum wiederholen würde.
Tief atmete Di-Ot durch. Er vernahm einen Seuf- Einen Fehler, den man einmal begangen hatte, wie-
zer neben sich. Er kam von Bi-Ga. Und gleich darauf derholte man nicht, vor allem nicht in einem Kosmos,
kamen schon die Gedankenströme des Freundes: der einem den einzigen Lebensraum bot.
„Es ist gelungen!“ Mehr vermochten seine Gedan- Der MURA-Brand kam — die Sterne verblaßten —
ken nicht zu sagen. Die Spannung, die quälende Unru- und zurück blieb das Nichts!
he und Ungewißheit der letzten Minuten waren doch In einem anderen Universum aber, jenseits des Pa-
nicht spurlos an ihm vorübergegangen. raraums, begann ein neues Leben.

ENDE

„TERRA“ - Utopische Romane Science Fiction - erscheint wöchentlich im Moewig-Verlag München 2, Türken-
straße 24 Postscheckkonto München 13968 - Erhältlich bei allen Zeltschriftenhandlungen. Preis je Heft 60
Pfennig Gesamtherstellung: Buchdruckerei A. Reiff & Cie.. Offenburg (Baden) — Für die Herausgabe und Aus-
lieferung In Österreich verantwortlich: Farago & Co.. Baden bei Wien.

Anzeigenverwaltung des Moewig-Verlages: Mannheim R 3, 14 Zur Zelt Ist Anzeigen Preisliste Nr.
3 vom 1. Oktober 1958 gültig

Printed In Germany

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