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Epochen

Antike

Sophistik

10-4 "Aller Dinge Maß ist der Mensch" : die Lehren der Sophisten /
Klaus Meister. - Paderborn ; München : Fink, 2010. - 327 S. ; 24
cm. - ISBN 978-3-7705-5066-1 : EUR 39.90
[#1650]

Die Sophisten haben, seit Platon sie in immer neuen Varianten massiv kriti-
siert hatte, weithin einen schlechten Leumund. Sophistik im übertragenen Sin-
ne hat pejorative Bedeutungen. Der Begriff bezieht sich dann auf ein willkürli-
ches Verhältnis zur Wahrheit, auf die Praxis des rein rhetorischen Stärkerma-
chens einer sachlich schwachen Position, wie es exemplarisch auch im Wi-
derstreit des stärkeren und des schwächeren Logos in Aristophanes’ Wolken
präsentiert wird, in dem Fragen der Gerechtigkeit umgebogen werden zu Fra-
gen der Überredung und letztlich auch der Gewalt. Im 20. Jahrhundert hat der
katholische Philosoph Josef Pieper emphatisch die Aktualität von Platons
Kampf gegen die Sophistik behauptet. Der Sophist, so Pieper, „ist eine zeitlo-
se Figur“, und dies bedeute, „dass der Kampf, den Sokrates-Platon gegen
Protagoras und Gorgias geführt haben“, nie zu Ende sei. Die Sophistik ist
nach Pieper eine mehr als historische Gegebenheit, und deshalb kann er auch
pointiert sagen: „Akademisch heißt antisophistisch“, mit starkem Bezug auf
Platon als den Gründer der Akademie. Der Keim des Sophistischen liegt in
dieser Auffassung bereits in dem gegenüber dem Inhaltlichen höher gewichte-
ten „bloß Formalen“. Wesensprinzip des Akademischen ist dagegen nach Pie-
per „die innere Normierung des Geistes durch die Wahrheit“; der Verfall der
akademischen Freiheit kann daher in Piepers Sicht nur von einer Geisteswis-
senschaft aufgehalten werden, die sich dieser inneren Normierung verpflichtet
weiß.1
Klaus Meister, der an der Technischen Universität Berlin Alte Geschichte lehr-
te und u.a. Publikationen zur griechischen Geschichtsschreibung sowie sehr
nützliche Bände zur Einführung in die Interpretation antiker Quellen vorgelegt
hat,2 richtet sich mit seinem neuen, sehr verdienstvollen Buch entschieden ge-
gen die negative Wertung der Sophistik, die in der europäischen Geistes- und
1
Was heißt akademisch? / Josef Pieper. - München : Kösel, 1964, S. 46 - 49.
2
Siehe Die griechische Geschichtsschreibung : von den Anfängen bis zum Ende
des Hellenismus / Klaus Meister. - Stuttgart : Kohlhammer, 1990. - Einführung in
die Interpretation historischer Quellen : Schwerpunkt Antike. - Paderborn : Schö-
ningh. - Bd. 1. Griechenland. - 1997. - Bd. 2. Rom. - 1999.
Kulturgeschichte Tradition hat. Es geht ihm mit seinem Buch um nichts Gerin-
geres als die vollständige Rehabilitation der Sophisten (S. 13). Gegenüber an-
deren Versuchen, Teile der Sophistik und ihrer Neuerungen zu rehabilitieren,
verfolgt Meister damit einen weitergehenden Anspruch, denn er möchte die
Sophisten als „fortschrittliche Denker“ präsentieren und „ihre grundlegenden
Neuansätze und Denkanstöße sowie die besondere Aktualität und Modernität
ihrer Lehrmeinungen auf den verschiedensten Gebieten“ darlegen (S. 13). Zu
diesem Zweck sollen nicht lediglich ausgewählte Aspekte der Sophistik zum
Tragen kommen, sondern alle zentralen Fragen behandelt werden (S. 12).
Meister nennt folgende Aspekte, die in bisherigen Aufarbeitungen der Sophi-
stik nicht angemessen berücksichtigt worden seien: „Die Wurzeln und Ur-
sprünge der Sophistik, die Integration der Sophisten in die Geschichte der
abendländischen Philosophie, ihr Stellenwert innerhalb der griechischen Kul-
turentwicklung, ihr in vieler Hinsicht aufgeklärtes und modern anmutendes
Denken, die Bedeutung für die Entstehung von Forschung und Wissenschaft,
der Beitrag der Sophisten zur Erörterung von sprachlichen und dichterischen
Problemen, ihre Rolle für die Entstehung der Philologie, ihre Bedeutung für die
Beschäftigung mit ökonomischen Fragen“ sind einige der Bereich, auf die hier
verwiesen werden muß (S. 13).
Methodisch gesehen, stehen einer solchen Behandlung freilich Hindernisse im
Weg, denn kein einziges der Sophistik zugeschriebenen schriftlichen Werke ist
in kompletter Form überliefert, teilweise sind überlieferte Fragmente zudem
keine Originalstellen, sondern Paraphrasen, die zudem auch noch von gegne-
rischer Seite stammen können. Dies erfordert ein hohes Methodenbewußtsein,
über das Klaus Meister in vorbildlicher Weise verfügt. Der Wert seines Buches
besteht darüber hinaus auch darin, daß er philologisch genau arbeitet und vie-
le Textpassagen der Sophisten genau neu interpretiert bzw. auch selbst über-
setzt.
Zur Einordnung bietet Meister eingangs einen gerafften Überblick über wichti-
ge Stationen der Forschungsliteratur mit kurzen Einschätzungen; erfreulich ist
auch, daß Meister sich, auch in den Fußnoten, deutlich positioniert und es da-
her dem Leser gegenüber klar herausstellt, wo er es mit strittigen Punkten zu
tun hat, was auch Übersetzungsfragen zentraler Begriffe betreffen kann.
Nach einer kurzen Erörterung von Wurzeln und Ursprüngen der Sophistik folgt
das zweite Kapitel der Arbeit, die in zehn Punkten einen Überblick über die
allgemeinen Themen der Sophisten gibt. Darauf folgt eine Darstellung der
speziellen Themen der Sophisten im dritten Kapitel und eine ausführliche
Würdigung der einzelnen Sophisten bzw. einzelner (anonymer) sophistischer
Schriften.
In gewissem Sinne im Mittelpunkt der Analyse muß der auch im Titel des Bu-
ches zu findende homo-mensura-Satz stehen, der durchaus kontrovers ge-
deutet wurde: „Aller Dinge Maß ist der Mensch, der Seienden, daß sie sind,
der nicht Seienden, daß sie nicht sind“ (S. 47). Denn ist mit dem Menschen,
der das Maß aller Dinge ist, das Individuum oder die Gattung gemeint, sind mit
den chremata, deren Maß der Mensch ist, wesenhafte Qualitäten, Tatsachen
oder Erfahrungen, Werte, Geltungen oder Dinge gemeint? Muß man das Wort
hos im griechischen Text mit ‚daß’ oder ‚wie“ übersetzen? Meister entscheidet
sich für den Menschen als Individuum, ohne die Gattung strikt auszuschließen,
für Dinge und für das ‚daß’. Hier hätte man indes noch ein wenig ausführliche-
re Darlegungen wünschen können, denn bei der vierten Frage, ob man näm-
lich das estin des Satzes (der Mensch ist das Maß aller Dinge) als existentiel-
les oder als prädikatives verstehen muß, führt Meister ein Zitat von Kerferd an,
im Widerspruch zu seiner Deutung, die das ‚daß’ dem ‚wie’ vorzieht. Denn
während Meister die Auffassung vertritt, eine Übersetzung des zweiten Satz-
teiles als „der nicht Seienden, wie sie nicht sind“ sei sinnlos, lesen wir bei Ker-
ferd: „What is measured about things is not their existence and non-existence,
but the way they are and the way they are not (...)“ (ebd.). Dies scheint doch
wieder in Richtung zu gehen, das hos als ‚wie’ zu lesen, was m.E. einen
Kommentar erfordert hätte. Allerdings ist bei der Lektüre zu beachten, daß
Meister einzelne Punkte, wie auch die Diskussion des homo-mensura-Satzes
(S. 46 - 51), an unterschiedlichen Stellen des Buches wieder aufnimmt (siehe
etwa S. 143 - 146), so daß man gut daran tut, den Querverweisen im Buch
nachzugehen. Wer sich dafür die Zeit nimmt, wird nach der Lektüre über ein
abgerundetes Bild der Sophistik verfügen und auch ein Vorstellung von den
Forschungstendenzen gewonnen haben.
Im Rahmen der vorliegenden Besprechung kann nicht näher auf Einzelheiten
der Deutungen eingegangen werden. Nur soviel sei gesagt: Meister bietet im
Durchgang durch das Quellenmaterial zahlreiche wertvolle Beobachtungen,
die hier nur exemplarisch an ein zwei Beispielen verdeutlicht werden sollen,
wobei sich immer sowohl eine gründliche Kenntnis der Fachliteratur wie der in
Frage stehenden Texte zeigt. Wichtig erscheinen mir z.B. seine Differenzie-
rungen zur politischen Verortung der Sophisten, die keineswegs als eine ge-
schlossene Gruppe auftraten, auch wenn man in der Forschung manchmal
diesen Eindruck erweckte. Hermeneutisch bedeutsam ist in diesem Zusam-
menhang der Hinweis (S. 39), daß viele überlieferte Äußerungen der Sophi-
sten gar nicht deren eigene Meinung spiegeln, sondern auf eine „Analyse der
politischen Wirklichkeit“ zielen (vgl. auch S. 101). So nimmt Meister überzeu-
gend den oft übel beleumundeten Thrasymachos aus Platons Politeia in
Schutz, indem festhält, dieser habe keineswegs persönlich das Naturrecht des
Stärkeren vertreten, weshalb er auch nicht mit Popper als „politische(r) Despe-
rado schlimmster Sorte“ denunziert werden darf. Vielmehr böten seine bei Pla-
ton mitgeteilten Aussagen „nur eine schonungslose Beschreibung der politi-
schen Wirklichkeit, so wenn er betont, daß Gerechtigkeit (faktisch) nichts an-
deres ist als der Vorteil des Stärkeren“ (S. 399, womit er im übrigen dem Hi-
storiker Thukydides zu vergleichen ist, dem man vor allem wegen seines Me-
lier-Dialoges im Peloponnesischen Krieg ebenfalls moralische Indifferenz
gegenüber moralischen Anschauungen vorgeworfen hat (S. 96; siehe insge-
samt dazu S. 92 - 97).
Kursorisch hier noch einige weitere Punkte, die Erwähnung verdienen. Meister
bietet so etwa eine gegenüber anderen, teilweise extremen Forschungsmei-
nungen über den Text der Dissoi Logoi eine abgewogene und aus der sachli-
chen Analyse erwachsene Gesamtwürdigung (S. 237 - 247); er würdigt die
Leistung eines anonymen Verfassers, der sophistisches Gedankengut auf ei-
genständige Weise verarbeitet hat und als Anonymus Iamblichi in der For-
schung erscheint (S. 227 - 236). Ebenfalls aufschlußreich sind Meisters über
den Text des Buches verstreute Ausführungen zum sog. Sisyphos-Fragment,
das man wahlweise dem Tragiker Euripides oder dem Tyrannen und Antide-
mokraten Kritias zugeschrieben hat. Meisters Analyse kommt zu dem Schluß,
daß der Text Euripides zugeschrieben werden muß, was zu der Konsequenz
führt, daß Kritias „aus der Reihe der Sophisten und aus der Philosophiege-
schichte zu streichen“ ist (S. 227). Als letzten Punkt möchte ich schließlich die
Ausführungen zum antiken Atheismus und zur Religionskritik erwähnen (S.
120 - 132; 223 - 227), die m.E. sehr überzeugend sind. Lediglich an einem
Punkt müßte m.E. eine Präzisierung angebracht werden, denn Meister spricht
im Zusammenhang mit dem Sisyphos-Fragment, das „wahrscheinlich aus ei-
nem gleichnamigen Satyrspiel“ stammt (S. 219), an verschiedenen Stellen et-
was irreführend davon, daß der Verfasser des Fragments „mit Sicherheit als
Gottesleugner zu gelten“ habe (S. 128) bzw. „daß der Verfasser des Frag-
ments die Existenz Gottes bzw. der Götter als reine Erfindung betrachtet“ (S.
224). Meister führt nun aber selbst an, daß es sich bei dem mutmaßlichen
Sprecher Sisyphos erstens um eine Rolle in einem Theaterstück handelt, auch
wenn es bei Euripides andere atheistische Parallelstellen gibt, und zweitens
Sisyphos ein notorischer Lügner ist, der für seinen Atheismus in der Unterwelt
bestraft wird (S. 225). Methodisch gesehen müßte m.E. schon früher deutlich
gemacht werden, daß keineswegs der Verfasser, sondern eben die Dramenfi-
gur jene atheistische Konzeption äußert, über deren dramatischen Kontext wir
offensichtlich rein gar nichts wissen, weshalb auch die Funktion dieser Text-
stelle nicht abschließend beurteilt werden kann.
Neben dem reichen Anmerkungsapparat bietet der ausgesprochen erfreuliche
Band ein Literaturverzeichnis, das I. Textausgaben und Übersetzungen sowie
II. Literatur zu griechischer Philosophie, Literaturgeschichte und politischer
Theorie sowie zur Sophistik allgemein enthält. Das Literaturverzeichnis ist
chronologisch geordnet. Wie bei altertumswissenschaftlichen Publikationen
üblich, enthält das Buch mehrere Indices, die seinen Nutzen als Handbuch
erhöhen: Personen, getrennt nach mythischen Personen und historischen
Personen der Antike sowie solchen der Moderne; Begriffe; Quellen mit den
genauen Stellenangaben.
Der Anspruch des Verfassers, in gewissem Sinne ein Handbuch zur Sophistik
vorgelegt zu haben, ist unbedingt erfüllt. Die Rehabilitation der Sophistik als
Teil der griechischen Geistes-, Kultur-, Wissenschafts- und Philosophiege-
schichte darf als erfolgreich angesehen werden. Die Faszination, die von dem
Wirken der Sophisten auch heute noch ausgehen kann, vermittelt Meisters
Buch auf jeden Fall. Es handelt sich bei Klaus Meisters Darstellung um eine
rundum gelungene, klar und engagiert argumentierende, philologisch solide
Darstellung, der man viele Leser wünscht.
Till Kinzel

QUELLE
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