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WEICH | HART

Warum die Städte härter klingen


Blinde hören die Umgebung. Was sie mit den Mutwillig sollte man die akustische Orientie-
Ohren «sehen», beeinflusst auch die Wahrneh- rung nicht abgeben.
mung der Sehenden.
Für Blinde ist das Trottoir ein Parcours um Was den Gang durch die Innenstädte unan-
Kundenstopper, Topfpflanzen und Restaurant- genehmer macht, ist nicht der Pegel der Um-
Mobiliar, das den Passanten vor die Nase ge- gebungsgeräusche, der vielerorts rückläufig
stellt wird, von den allgegenwärtigen Leihve- ist. Es ist der Widerhall von den grossflächi-
lo- und Trottinett-Barrikaden nicht zu reden. gen und einförmigen Gebäudehüllen und den
Gleichzeitig haben Blinde als Erste gemerkt, vegetationsfreien, fassadenbündigen Boden-
wie trost- und gesichtslos viele Häuserzeilen belägen. Der Wechsel von Holz, Sandstein,
in den Stadtzentren geworden sind, namentlich verputztem Backstein und Klinker, zu Beton,
in den neu entstandenen Büro- und Gewerbe- Marmor, Aluminium und Glas, der Ersatz von
zonen. Sie hörten den Klang härter werden. Kies und Kopfstein durch Kunststeinparkett
Wer sich nicht auf den Sehsinn verlassen hat die Tonspur verändert, und sie ist nicht
kann, sieht im metaphorischen Sinn wohl bes- weniger gefühlsbestimmend als im Kino. Die

Foto: Klaus Petrus


ser. Das Gehör ist, bewusst oder unbewusst, für Erkenntnis, dass das Auge mitisst, ist uns allen
die meisten von uns ein feinerer Sinn als das vertraut. Dass aber das Ohr mitschaut, ist uns
Sehen. Die Brutalität oder auch nur Banalität weniger bewusst. Wenn wir einen Filmsound-
der gebauten Umwelt ist hörbar, selbst wo das track hören, entstehen die zugehörigen Bilder
Auge die Reizlosigkeit ausblendet. unmittelbar vor unserem geistigen Auge. Aber mehrfache Reflexion an Hochglanz-Fassaden
auch offene Ohren nehmen nur den kleinsten produziert einen verwirrenden, unangeneh-
Dass sich immer mehr Leute über Ohrpfrop- Teil des Stadtklangs bewusst wahr, sie können men Klang.
fen mit einer alternativen Tonspur verbin- die baulichen Veränderungen daher nicht er-
den, ist vor diesem Hintergrund verständlich. kennen und nicht deuten. Es ist deshalb auf- Die Planungs- und Unterhaltsstellen treiben
Auf dem Arbeitsweg und beim Jogging den schlussreich, der Stadt hin und wieder aus die Normierung des Stadtbildes voran. Sie
O-Ton auszublenden, ist aber mehr als nur verschiedenen Perspektiven mit geschlossenen fällen grosskronige Strassen- und Parkbäume
die Wahl eines bekömmlicheren Hörmenüs. Augen zuzuhören. Der harte Klang rührt näm- unter dem Vorwand der Sicherheit und erset-
Es ist auch die Entscheidung: Alles, was um lich von der Glättung der gebauten Umwelt, zen sie durch licht- und schalldurchlässige,
mich herum passiert, geht mich nichts an, ich der konsequenten Versiegelung des Bodens kaum Schatten werfende Liliputbäumchen.
bin auf meiner eigenen Spur. Normalsichtige und dem Verschwinden grosser Bäume, He- Das gibt dem öffentlichen Raum den Rest.
unterschätzen ihr Gehör als Wegweiser leicht. cken und allem unbotmässigen Grün her. Die Andreas Diethelm

Rechtssoziologe Umberto Hollenweger auf und Missbrauch» forderte das Eidg. Departe- toren, zuständig für den politischen Entscheid,
Anfrage. Es brauche in der Gesellschaft «Platz ment des Äusseren im Oktober an einer Kon- verwies an die Konferenz der Polizeikomman-
für Verspieltheit». Hollenweger ist Gründer ferenz der OECD. danten. Deren Medienstelle liess ausrichten, sie
der ersten Rechtspermanence der Schweiz, die • «Nulltoleranz gegenüber radikalem Islam in könne die Frage nicht beantworten.
rund um die Uhr Hilfe bei juristischen Proble- der Schweiz», SVP-Delegiertenversammlung
men und Rechtskurse für Laien anbietet. vom Oktober 2017.  Nulltoleranz ist offenbar eher etwas, das
• «Nulltoleranz gegenüber Täterinnen und gefordert, angekündigt oder angedroht,
Den Schwierigkeiten bei der Umsetzung zum Tätern», Fachstelle für häusliche Gewalt der aber nicht umgesetzt wird. Von Ausnahmen
Trotz wird für immer mehr Regelverstösse die Polizei des Kantons Thurgau. abgesehen, funktioniert sie vermutlich auch
Nulltoleranz gefordert. Ein paar Beispiele: In allen diesen Fällen fehlen den Forde- nicht wirklich. Zum Einen müsste sie für alle
• «Nulltoleranz für Belästigung in der Badi» rungen entweder die breite Akzeptanz, oder gleich angewendet werden, also nicht nur für
kündigte die Berner Gemeinderätin Franziska die Mittel zur Durchsetzung: Überwachung, Schwarzfahrer in der U-Bahn, sondern auch
Teuscher im April 2018 an. Personal und schnelle Verfahren. Ist dies der für Steuerhinterzieher auf den Teppichetagen.
• «Nulltoleranz für gefälschte Arzneimittel» Grund, warum die Polizeibehörden auf die Fra- Und zum Anderen weiss man aus der Wirt-
soll nach Ansicht des neugegründeten schwei- ge, wo in der Schweiz eine Null-Toleranz-Stra- schaft, dass die Vermeidung jedweder Fehler
zerischen Verbandes für die Verifizierung von tegie umgesetzt wird und mit welchen Regeln teuer ist und die Motivation hemmt. Das Schö-
Arzneimitteln SMVO gelten. und Erfahrungen, ausgesprochen wortkarg ne an den Fehlern ist ja, dass man aus ihnen
• «Nulltoleranz … gegen sexuelle Übergriffe reagieren. Die Konferenz der Sicherheitsdirek- lernen kann.

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