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MITTWOCH, 19.

JANUAR 2011 FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND


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Harte Töne
Mit der WM-Niederlage gegen Spanien hat
sich „Bravo-Boy“ Michael Kraus die Sympa-
thie des Handball-Bundestrainers endgültig
verspielt Seite 26 Agenda www.ftd.de/agenda

imago sportfotodienst; FTD/Toma Babovic


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geliefert, an Hunderttausende Tiere verfüttert. So

Brut für
Jarka Kubsova, Rechterfeld
................................................................................................................................................................... nahm der aktuelle Skandal seinen Lauf. „Wir sind keine Samariter, wir
„Sicherheit gibt es nur, wenn Sie genau wissen, wollen Geld verdienen, erhoffen
Peter Wesjohann baute gerade einen Schneemann was in den Betrieb reinkommt und was rausgeht“,
vor seinem Haus, als sein Blackberry in der Jacken- sagt Wesjohann. „Alles aus einer Hand“ nennt er uns langfristige Erträge“
tasche brummte: „Es gibt Dioxinfunde in der Futter- das. „Von der Wiege bis zur Bahre“, spotten Bran-
PETER WESJOHANN, Wiesenhof
mittelindustrie“, schrieb ihm der Chef seiner Futter- chenkenner. Dennoch loben selbst Gegner der Mas-
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mittelmühle. Wesjohann steckte das Telefon wieder sentierhaltung das Wesjohann’sche System.
weg, schaute in den Garten, dann rollte er weiter „Natürlich ist das die totale industrielle Fleisch-

die Welt
Schneekugeln über den Boden. Das war am 27. De- verarbeitung“, sagt Agrarexperte Martin Hofstetter Wiesenhof schaut genau darauf, wie die Partner-
zember, der Dioxinskandal nahm gerade seinen An- von Greenpeace. „Regionalisierung, kleinere Höfe, unternehmen arbeiten. „Wenn jemand sich nicht an
fang. „Ich wusste, dass wir nicht betroffen sind“, die Futter selbst anbauen, das wäre viel wünschens- deren Standards hält, können die Wesjohanns unan-
sagt Wesjohann. Er und seine Hühner. werter.“ Mit diesem Ideal vom kleinen Bauernhof, genehm werden“, sagt ein Kenner des Systems.
Niemand in Deutschland hat mehr Geflügel als der sich wie in alten Zeiten selbst versorgt, könnten Ohne Zögern oder Verhandeln würden dann Ver-
Peter Wesjohann, Chef der PHW-Gruppe mit der Lebensmittelskandale verhindert werden. Flächen- träge gekündigt. Ein Stab von Wiesenhof-Ange-
Marke Wiesenhof. Rund 4,5 Millionen Hähnchen, deckend, das sagt selbst Hofstetter, sei dies unrea- stellten kontrolliert die Höfe laufend. Und die Fett-
Puten und Enten schlachtet das Unternehmen pro listisch, die Geflügelindustrie lebt nun mal vor al- lieferanten müssen jede Fuhre zunächst in einen
Woche. Eigentlich dürfte niemand mehr Sorgen ha- Während der Dioxinskandal Politiker lem von Mast und Masse. „Und da geht Wiesenhof Silo pumpen, um Proben ziehen zu lassen. Erst
ben als er, wenn vergiftetes Futter im Umlauf ist. sehr clever vor“, sagt er. „Sie nutzen die zweite Mög- wenn die in Ordnung sind, darf der Lieferant das
Aber Wesjohann hat vorgesorgt, er hat Wiesenhof gegeneinander aufhetzt, Verbraucher lichkeit, sich vor Lebensmittelskandalen wie dem Fett ins Futtermittelwerk bringen.
abgeschottet, eine Art Trutzburg der Geflügelbran- aktuellen zu schützen: vertikale Integration.“ Die Vorsicht kommt nicht von ungefähr. Schon
che geschaffen. Viel Geld hat ihn das gekostet, aber verunsichert und Betriebe in den Ruin stürzt, Die „Wiege“ im Wesjohannschen System ist ein vor einem Jahrzehnt hat ein Dioxinskandal
Wesjohann wusste, dass die Zeit kommen würde, in kalter, leerer Ort. Die Brüterei Weser-Ems. Die Deutschland erfasst, ähnlich wie heute. Eine belgi-
der er davon profitiert. reibt sich Peter Wesjohann die Hände. Der Chef Gänge sind breit und hell erleuchtet, auf dem Boden sche Firma belieferte Futtermittelbetriebe mit ver-
Zeiten wie diese, wenn Landwirtschaftsbetriebe liegt PVC, rechts und links reiht sich Tür an Tür. In unreinigtem Fett. Das verseuchte Futter wurde an
vor dem Ruin stehen, wenn die Menschen in den
der Geflügelmarke Wiesenhof hat eine den dunklen Kammern dahinter piepst es aufgeregt, Tausende Tiermäster verkauft. Träfe ein solcher Fall
Supermärkten beim Einkaufen zögern, weil sie Trutzburg erschaffen: ein beinahe hermetisch in Kisten, die sich bis zur Decke stapeln, schlüpfen ein Großunternehmen wie Wiesenhof, das als
nicht sicher sein können, ob Fleisch, Milch und Eier Küken im Sekundentakt. Eine Handvoll gelber Marktführer im Blick der Öffentlichkeit steht, wäre
nahrhaft oder giftig sind, wenn in Berlin Politiker abgeriegeltes Produktionssystem Flausch, unter der dünnen Haut bebt ein winziges
Herz. In drei Tagen werden die Hühner das Doppelte
es eine Katastrophe. Millionen würde es Wesjohann
kosten. Der Imageschaden könnte sein Ruin sein.
über Kontrollen und Gesetze streiten.
In der Lieferkette der Lebensmittelindustrie ist wiegen, in einer Woche das Fünffache, nach 30 Ta- Das System ist also Selbstschutz. „Wir sind keine
mal wieder fürchterlich was schiefgegangen. Und es gen sind sie reif zum Schlachten. Hähnchen sind die Samariter, wir wollen Geld verdienen, wir erhoffen
gibt nur wenige, die sich nun wie Wesjohann zu- effizientesten Masttiere der Industrie: 1,6 Kilo Fut- uns über solche Maßnahmen Erträge“, sagt Wes-
rücklehnen und behaupten können: „Das passiert ter wandeln sie in ein Kilo Fleisch um – fettarm und johann. Allein die Fettprüfung koste Wiesenhof
immer wieder, und deswegen wollten wir nicht län- preiswert, wie der Verbraucher es liebt. jährlich einen siebenstelligen Betrag. „Manche In-
ger Teil dieser Kette sein.“ Als einziges Unterneh- Die Optimierung des „Ausgangsmaterials“ be- vestments rechnen sich erst Jahre später, weil das
men der Branche hat Wiesenhof einen geschlosse- ginnt schon beim Ei. Nach dem Legen auf eigenen Vertrauen in die Marke wächst“, sagt Wesjohann.
nen Produktionsprozess geschaffen: Er reicht von „Elterntierfarmen“ werden sie gereinigt, bis sie na- Eine aktuelle Studie vom PR-Berater Ketchum
der Kükenaufzucht, über das Anmischen des Futters hezu keimfrei sind, dann kommen sie in den künst- Pleon zeigt, wie der Dioxinskandal die Bürger beim
bis zum Chicken-Nugget. lichen Brüter. Die eingeleitete Luft im Gebäude ist Kauf von Lebensmitteln zumindest kurzfristig be-
Wesjohann hat junge Augen in einem älter wer- beinahe steril, jeder Mitarbeiter muss vor Betreten einflusst: 44 Prozent der Befragten geben an, ihr
denden Gesicht, seine dichten Haare sind fast weiß, duschen und sich desinfizieren. Weil das kurze Le- Kaufverhalten habe sich aufgrund des Skandals ge-
er ist 41 Jahre alt. Die Zentrale seines Hühnerimpe- ben des Hähnchens kaum reicht, um das Immun- ändert. Unter den Frauen sind es mehr als die Hälfte,
riums steht im niedersächsischen Rechterfeld, auf system auf die Umwelt einzustellen, stellt Wiesen- die beim Einkauf jetzt genauer hinschauen.
einem Industriegelände zwischen Wiesen und Fel- hof die Umwelt auf das Immunsystem ein. So kann Andere Fleischhersteller beginnen, das System
dern am Ende der Paul-Wesjohann-Straße. Sie ist das Unternehmen auf Antibiotika verzichten. Wesjohanns nachzuahmen. „In der Schweinemast
nach seinem Großvater benannt. Schon der zog hier Wenige Tagen nach dem Schlüpfen werden die versuchen viele Betriebe gleichfalls, alles aus einer
Küken groß und verkaufte sie in der Gegend an Bau- Küken zu den Mästern gebracht. Bei rund 800 Ver- Hand zu machen“, sagt Greenpeace-Mann Hofstet-
ern. Peter Wesjohann ist die dritte Generation. Bis tragslandwirten werden aus Küken in Rekordzeit ter. Sie hätten aus den Lebensmittelskandalen ge-
Juni 2009 hat sein Vater Paul-Heinz Wesjohann das Schlachthühner. Auch die Mästereien sind High- lernt. Aber noch keines dieser Unternehmen hat ein
Unternehmen geführt. Noch heute kommt er täg- techanlagen: Regulatoren sorgen für die richtige so vollständig integriertes System geschaffen. Auch
lich vorbei. Und der Junior hört gern auf den Alten. Beleuchtung, Temperatur und Luftfeuchtigkeit, Wiesenhof brauchte dafür fast 20 Jahre.
Schließlich war er es, der in den 90er-Jahren mit der Computer erfassen, wie viel die Tiere essen. Wie schnell die Schutzbarrieren allerdings zu
Abschottung begann. Die Mäster müssen sich an strenge Auflagen hal- durchbrechen sind, hat Wiesenhof vergangenes
Wesjohann senior hat das Unternehmen groß ten: Wiesenhof gibt vor, wie viel die Hähnchen in- Jahr erlebt. Die Tierschutzorganisation Peta veröf-
gemacht. Heute beschäftigt die Gruppe mehr als nerhalb welcher Zeit wiegen sollen, wie viel und was fentlichte Videoaufnahmen, auf denen Mitarbeiter
5000 Mitarbeiter, der Umsatz stieg 2009 um fünf sie fressen. Das Futter liefert Wiesenhof den Bauern eines externen Impfdienstleisters auf einer Wiesen-
Prozent auf 2,03 Mrd. Euro. Marktführer. Der alte ins Haus. Es stammt aus der eigenen Fabrik. Wes- hof-Farm kranken Tieren das Genick brachen und
Wesjohann wusste: Wenn etwas seinem Werk scha- johann zeigt die Anlagen gern vor, lässt einen Mit- sie misshandelten. Die PHW-Gruppe räumte die
den kann, dann etwas, „das ihm jemand unterju- arbeiter die Arbeitsprozesses erklären, wie Getreide Verstöße ein und kündigte Verträge.
belt“. Und so führte er als Erster in der Branche die mit Fetten vermischt, mit Mineralien und Vitami- Hundertprozentige Sicherheit kann auch Wesjo-
Herkunftsgarantie ein. Und seit 1996 hat er keine nen angereichert wird. Hochleistungskost, exakt hann nicht versprechen. Er versuche, die Risiken zu
tierischen Eiweiße mehr im Tierfutter. „Mein Vater dosierte Aminosäuren, Vitamine und Geschmacks- minimieren. Anderen Betrieben bleibt nur Hoffen
dachte schon früh, dass es nicht gut gehen kann, stoffe. Bis zur optimalen „Schlachtkörperqualität“ und Vertrauen. „Natürlich würden sich andere auch
Tierkadaver zu Tiermehl zu verarbeiten“, sagt sein steht ein breit gefächertes Programm zur Verfü- gern besser gegen kriminelle Energien von außen
Sohn. Vor ein paar Jahren löste Tiermehl den BSE- gung: „Starter Standard“ für die Küken, „Finisher schützen“, sagt Agrarexperte Werner Klohn von der
Skandal aus. Und nun die Genugtuung beim Fett. Standard“ für die letzten Tage vor der Schlachtung. Uni Vechta. „Aber eine eigene Futtermühle kann sich
Die Lieferkette in der Lebensmittelindustrie ist Ist das Zielgewicht erreicht, holt Wiesenhof die kein normaler Hof leisten.“ Kleinere Agrarbetriebe
lang und unberechenbar. Sie kann zum Beispiel so Tiere ab und bringt sie zum eigenem Schlachthof. bleiben auf die Lieferkette angewiesen. „Deshalb
verlaufen: Ein Biodieselhersteller aus dem Emsland Auf seine Schlachtmethoden ist Wesjohann stolz. müssen die staatlichen Kontrollen funktionieren.“
liefert Fett an einen niederländischen Händler. Der Auf Förderbändern gleiten die Hühner in einen Tun- Privat reichen Wesjohann die vorhandenen Kon-
verkauft es weiter an einen Fettverarbeiter in Herr und Huhn: Wiesenhof-Chef Peter Wesjohann mit einem Küken, das bald nel, in den Kohlendioxid eingeleitet wird, dann wer- trollen aus. Er kauft ein wie immer. Eier hat er ges-
Schleswig-Holstein. Der mischt das Fett mit Ge- zum Standardhähnchen „Ross 308“ heranwächst. In der Brüterei in Rechter- den die bewusstlosen Tiere getötet. „Früher auf dem tern erst gegessen, woher die kamen, weiß er nicht.
treide zu Nahrung für Masttiere. Dieses Futter wird feld (ganz oben) wartet schon Nachschub. Binnen 30 Tagen werden aus ihnen Bauernhof wurde denen die Gurgel umgedreht“, „Die hat meine Frau mir vorgesetzt“, sagt er, „und
dann an Hunderte Höfe in ganz Deutschland aus- Hähnchen mit optimaler „Schlachtkörperqualität“ sagt Wesjohann. „So sanft wie heute ging es nie zu.“ das wird dann auch gegessen.“