Sie sind auf Seite 1von 31

BetonKalender 2010

I Entwurf von Brücken


Jürg Conzett, Chur

Beton-Kalender 2010: Brücken – Betonbau im Wasser


Herausgegeben von Konrad Bergmeister, Frank Fingerloos und Johann-Dietrich Wörner
Copyright c 2010 Ernst & Sohn, Berlin
ISBN: 978-3-433-02931-2
Typisierung von Brücken 3

Das Entwerfen von Brücken spielt sich zwischen 1 Typisierung von Brücken
zwei grundverschiedenen Situationen ab: Eine
Brücke kann ein maßgeschneidertes Einzelstück Große Infrastrukturbauten wie Kanäle, Straßen
für eine ganz bestimmte Aufgabe und einen unver- und Eisenbahnen machten den Beruf des Bauinge-
wechselbaren Ort sein oder es handelt sich um eine nieurs ab dem 18. Jahrhundert erst notwendig. Ein
typisierte oder gar standardisierte Lösung. Zwi- zentraler Punkt der Ingenieurtätigkeit war die or-
schen diesen Fällen gibt es eine ganze Reihe von ganisatorische Bewältigung großer ausgedehnter
nuancierten Abstufungen. Die erste Situation ent- Bauvorhaben, einer Vielzahl gleichzeitig begon-
spricht der Vorstellung von Baukunst als einer nener Baustellen. Die einzige Möglichkeit, diese
schöpferischen Tätigkeit, vergleichbar mit einer Flut von Aufgaben zu bewältigen, war deren rigo-
hohen architektonischen Leistung; aber auch die rose Typisierung. Ziel war Bautypen zu finden, die
Verwendung typisierter und standardisierter Lö- einerseits in großer Zahl wiederholt eingesetzt
sungen ist mit der Tradition der Bauingenieurtätig- werden konnten, andererseits flexibel genug wa-
keit eng verbunden. Häufig schafft die Einheitlich- ren, sich den verschiedensten Anforderungen und
keit der Kunstbauten entlang eines Verkehrswegs Situationen anzupassen. Eine je nach Umfeld äu-
eine technisch wie baukünstlerisch hohe Qualität, ßerst schwierige Aufgabe, die sich vom Schaffen
die bewahrt oder behutsam ergänzt werden soll. eines herausragenden Einzelwerks grundlegend

Bild 1. Typisierte Bogenbrücken entlang der Tauern – Südrampe (Ingenieur: F. Aigner)

Beton-Kalender 2010: Brücken – Betonbau im Wasser


Herausgegeben von Konrad Bergmeister, Frank Fingerloos und Johann-Dietrich Wörner
Copyright c 2010 Ernst & Sohn, Berlin
ISBN: 978-3-433-02931-2
4 Entwurf von Brücken

unterscheidet; eine Aufgabe, die innerhalb der ten der Hochgeschwindigkeitsstrecken der Deut-
Baukunst als ingenieurspezifisch, als dem Wesen schen Bahn ist eine Kontroverse entbrannt, die
dieses Berufs entsprechend wahrgenommen und die berechtigte Frage aufwirft, ob die Serien einfa-
geschätzt werden sollte. So gelang es Carlo Done- cher Balken tatsächlich den heutigen Stand der
gani (1775–1845), die Hauptstücke der Straße Technik und Architektur im Brückenbau wider-
über das 2758 m hohe Stilfserjoch – ein in den Jah- spiegelten [5]. Während diesen Brücken eine Pri-
ren 1822–1825 neue Maßstäbe setzendes Unter- mitivität der uniformen Erscheinung vorgeworfen
nehmen – alle in einem einzigen Plan zusammen- wird, ein Herunterbrechen von Komplexität auf
zufassen, der als Faltblatt unter dem Titel Corogra- wenige Parameter, finden sich am anderen Ende
fia dello Stelvio der den Bau abschließend darstel- der Skala, beim Versuch, vielfältigen Anforderun-
lenden Publikation beigeheftet wurde [1]. gen zu genügen, Schwierigkeiten der Koordina-
tion und Wertehierarchien, wie sie häufig an neu-
Typisierte Bauten besitzen die Kraft, eben „ty- esten Autobahnabschnitten in der Schweiz und an-
pisch“ zu werden. Holländische Windmühlen derswo festzustellen sind: Im positiv zu wertenden
und Walliser Ställe, bayrische Bauernhäuser und Bestreben, landschaftsschützenden und ökologi-
appenzellische Holzbrücken werden unwillkür- schen Argumenten neben den technischen Bestim-
lich als mit einer bestimmten Landschaft verbun- mungen genügend Gewicht einzuräumen, wird
den wahrgenommen, als stimmig, zeitlos, im bes- der Entwurf zu einem politischen Machtspiel um
ten Fall über Jahrhunderte und Generationen hin- Rang und Einfluss und es entstehen Bauten, die
weg entwickelt. An diese Art eines anonymen letztlich eher den Eindruck einer Addition von
und kollektiv verankerten Bauens schließen die Problemlösungen hervorrufen, als den einer syn-
großen Ingenieurwerke der Frühzeit an und dabei thetischen Lösung.
gelingen Bauten, die gegen die erwähnten urzeitli-
chen Typen nicht zurückstehen: die in der Schweiz Heute typisierbare Lösungen zu entwickeln, ist
zwischen dem Jahr 1900 und dem Beginn des Ers- anspruchsvoller denn je. Die Aufgabe setzt eine
ten Weltkriegs entstandenen steinernen Eisen- für derartige Fragen sensible Bauherrschaft voraus
bahnviadukte sehen bis auf ein paar Details alle sowie eine entsprechende Organisationsform.
gleich aus; es fällt schwer, etwa den berühmten Doch auch unter besten Voraussetzungen scheint
Landwasserviadukt einer bestimmten Person als es selten zu gelingen, typisierte Lösungen reifen
Schöpfer zuzuordnen, denn jeder der daran Betei- zu lassen. Durchgehende Ansätze, die das Ganze
ligten hat sich auf ein Tabellenwerk, sogenannte wie die Einzelheiten in einem gemeinsamen Sys-
Normalien oder vorangehende Beispiele gestützt. tem vereinen, sind schwierig. Es ist eine Heraus-
forderung, Infrastrukturbauten von der Qualität
Bauwerke, oder präziser: Systeme von Bauwer- einer Great Western Railway oder einer Bayri-
ken, die gut ausgearbeitete typisierte Bauten schen Alpenstraße heute zu schaffen. Ein über-
aufweisen, besitzen einen hohen Wiedererken- greifendes Konzept auszuarbeiten, das sämtliche
nungswert. Europäische Eisenbahnlinien des Anforderungen an einen bestimmten Streckenab-
UNESCO-Weltkulturerbes wie die Semmering- schnitt eines Verkehrsweges erfüllt, ist eine an-
oder Albulabahn sind ausgesprochen typisierte strengende Aufgabe, ebenbürtig dem noch so raf-
Bauwerkssysteme. Eine ähnliche Qualität besitzt finierten Entwurf eines herausragenden Einzel-
die Tessiner Autobahn dank der Intervention des stücks.
Architekten Rino Tami (1908–1994), der nicht
müde wurde, zu betonen, dass es sich bei der Na- Die Wertschätzung der typisierten Aufgabe zeigt
tionalstraße von Airolo nach Chiasso um ein einzi- sich auch in Umbauten oder Ergänzungen besteh-
ges Bauwerk handle [2]. Auch diese Anstrengung, ender Verkehrswege. Es gehört mit zur Umwelt-
einer großen Infrastrukturaufgabe ein erkennbares pflege, Bestehendes zu analysieren, zu bewerten
Gesicht zu geben, ist mittlerweile vierzig Jahre alt und neue Eingriffe darauf abzustimmen. Die häu-
und es stellen sich dabei bereits denkmalpflege- fig etwas abschätzig als „konservativ“ eingestuf-
risch anmutende Fragen des Veränderns und Er- ten Brückenentwürfe der ersten Hälfte des 20.
haltens. Brückenbauspezifische Höchstleistungen Jahrhunderts stellten sich genau dieser Aufgabe,
derselben Zeit, bei denen von einer Typisierung Neues in gegebene Strukturen einzufügen. Brü-
gesprochen werden kann, sind beispielsweise ckenbauten, wie sie etwa Robert Maillart zusam-
die „Menn-Bogenbrücken“ der San-Bernardino- men mit den Berner Architekten Joss und Klauser
Route [3] oder die landschaftsprägenden weitge- verwirklichte, besitzen eine hohe integrative Qua-
spannten Bogenbrücken von Franz Aigner entlang lität, wenn man etwa die bergänge von Gehwe-
der Südrampe der Tauernbahn [4]. gen und Brüstungsmauern in die angrenzenden
Stadtquartiere studiert [6]. Auch in diesen Bauten
Angesichts dieser großartigen Leistungen der Ver- sind technische Neuentwicklungen vorhanden,
gangenheit entsteht der Eindruck, dass es in jüngs- etwa das seitliche Ansetzen der Bogensteine an
ter Zeit nicht mehr gelingen will, gleichwertige ty- eine vorher erstellte Mittelrippe, um Gerüstkosten
pisierte Bauten zu schaffen. Um die Brückenbau- zu sparen; ein Verfahren, dass sich Maillart paten-
Ergänzungen bestehender Brücken 5

tieren ließ. Die Architektur dieser Brücken sucht Ein herausragendes Beispiel für eine umfassende
nicht nach neuen Formen, die technische Entwick- Analyse einer derartigen Entwurfsaufgabe ist der
lungen symbolisieren sollten, vielmehr soll die Er- Diskussionsbeitrag Hans Hilfikers (1901–1993)
scheinung dieser Brücken bestehende, eben typi- zum Neubau der Teufelsbrücke in der Schöllenen-
sche Strukturen fortsetzen. Diese Entwurfshaltung schlucht [7]. Es ging darum, an einem für die
stößt noch nicht überall auf die ihr gebührende schweizerische Geschichte zentralen Ort eine
Anerkennung. neue, höhere Brücke neben die bestehende ge-
Beim Entwurf einer Brücke ist eine zentrale Frage, mauerte „Teufelsbrücke“ zu setzen, was in den
ob das Bauwerk Teil eines Verkehrswegs oder 1950er-Jahren die wahrscheinlich intensivste
eines Stadtgefüges mit typisierten Elementen ist. öffentliche Diskussion auslöste, die je in der
Wenn dies zutrifft, soll sich der Entwurf des Neu- Schweiz zu einem Brückenbauwerk stattgefunden
baus mit diesem Umstand auseinandersetzen. Da- hat. Hilfiker beginnt seine Analyse mit einer Be-
bei stehen viele Möglichkeiten offen: vom mehr schreibung der bestehenden (zeitlich dritten) Teu-
oder weniger genauen Nachbau des bestehenden felsbrücke von 1828 und ihrer Vorgängerin, 1595
Typs über ein Beibehalten eines bestehenden stati- erbaut und 1878 zerstört. Die ältere, nicht mehr
schen Systems oder eines bestimmten Materials vorhandene Brücke war ein spitzer Korbbogen,
bis hin zu freieren Entwürfen, die etwa die Anzahl der sich beidseits gegen die Felswände stemmte,
ffnungen der bestehenden Brücken übernehmen. die bestehende Brücke ist hingegen ein Halbkreis-
Es ist Aufgabe des Entwurfs, zu ermitteln, was in bogen, der sich auf massige Widerlager stützt. Auf
der jeweiligen Situation sinnvoll und angemessen die Beschreibung folgt die Bewertung: Die beste-
ist. Die Argumente hierfür sind ingenieurtechni- hende Brücke stehe in der Schlucht, statt dass sie
scher wie architektonischer Art. diese überspringe, wie ihre kühne Vorgängerin.
Sie nehme in keiner Weise Nutzen aus den doch
so stabilen Felsenflanken. Daraus folgert er: Die
2 Ergänzungen bestehender Brücken einzig angemessene formale Rücksicht auf das be-
hnliche Fragen technischer und gestalterischer stehende, baukünstlerisch eher schwache Werk sei
Art stellen sich bei Brückenbauten, die in eine be- Schonung und dies spreche gegen einen neuen,
stehende Konstruktion eingreifen oder dicht ne- größeren Bogen, der die bestehende Brücke ver-
ben einer bestehenden Brücke platziert werden. niedliche. Gerade ein kühn über die Schlucht
Auch hier handelt es sich um eine klassische Ent- springender Bogen würde in Konfrontation die äl-
wurfsaufgabe, die nicht rezeptartig gelöst werden tere Brücke noch schlaffer wirken lassen, als sie
kann, sondern in jedem einzelnen Fall ein sorgfäl- ohnehin schon sei. Es brauche also ein anderes
tiges Abwägen der Argumente verlangt. Tragwerk, das die wesentliche geologische Cha-
rakteristik der Situation benutze: den katapultarti-
gen Austritt des horizontalen Fahrbahnflächenstrei-
fens aus dieser großflächigen, nahezu senkrechten,
granitenen Teufelswand. Und dieses Tragwerk sei
der einseitig in die Felswand eingespannte einfa-
che Balken. Um dem extremen Klima Rechnung
zu tragen, sei dieser Balken aus einem geschlosse-
nen Rohr in Edelstahl zu fertigen, auf das dann
eine Fahrbahn aus vorgefertigten, vorgespannten
Betonelementen zu liegen komme.
Interessant ist die Idee, ein bestehendes Tragwerk
in seinem Erscheinungsbild zu schonen, indem es
nicht kopiert oder aufgeblasen wird. Hilfiker
Bild 2. Zweite und dritte Teufelsbrücke kommt aber erst zu diesem Schluss, nachdem er

Bild 3. Entwurf von Hilfiker zur vierten Teufelsbrücke (SBZ 11.07.1953)


6 Entwurf von Brücken

die Schwächen des Entwurfs der bestehenden beton in einem (auch aus geotechnischen Gründen
Brücke aufgezeigt hat. Umgekehrt argumentiert, gewählten) Respektsabstand gegenüber. Die
kann eine gelungene Brücke durch Wiederholung bereinstimmung der ffnungen überzeugt. Ein-
in ihrer Wirkung gesteigert werden. Ein gutes Bei- zig die Doppelstütze unter der mittigen Dilata-
spiel dafür zeigt der Solisviadukt der Albulabahn tionsfuge der neuen Brücke wirkt formal etwas
(1901). aufdringlich.
Gewisse Tragwerkssysteme sind zeitlos. Dazu ge- Verbreiterungen von Brücken können durch An-
hören Dreieckfachwerke. Das Stabsystem einer setzen einer weiteren, der bestehenden Brücke
Brücke in den Formen des 19. Jahrhunderts kann entsprechenden „Schicht“ vorgenommen werden.
ohne Schwierigkeiten für eine parallel dazu ge- Schon im 19. Jahrhundert wurden gemauerte Brü-
führte heutige Brücke übernommen werden. In cken auf diese Weise in vielen Fällen fast unmerk-
den Knoten sind die Unterschiede der Fügetechnik lich verbreitert.
erkennbar, die neuen Profile sind gewalzt oder ge-
Wenn bestehende Brücken etwa aus Kostengrün-
schweißt.
den mit andersartigen Tragwerken verbreitert wer-
Alte und neue Brücken können auch bei unter- den müssen, sind die neueren Tragwerke häufig
schiedlichen Tragwerkssystemen und Baumate- transparenter als die älteren. In solchen Fällen ist
rialien eine spannungsreiche Beziehung eingehen. es möglich, die bestehende Konstruktion einzurah-
Dies kann etwa durch eine bernahme der Spann- men. Die neuen ffnungen entsprechen den beste-
weiten und Anzahl ffnungen geschehen. Beim henden; neue Träger liegen höher als alte Bögen
Kanderviadukt der Lötschbergbahn stehen sich und zerschneiden die Seitenansicht der Ecksteine
ein gemauerter Viadukt und eine Brücke in Spann- nicht.

Bild 4. Alter und neuer Solisviadukt (Studer: Bild 5. Landquartbrücke in Landquart: Alte (1910)
Steinerne Brücken der Albulabahn, Zürich 1926) und neue (1974) Fachwerkbrücke

Bild 7. Durch Ansetzen verbreiterter, gemauerter


Bild 6. Alter und neuer Kanderviadukt Viadukt: Wharncliffe Viaduct der Great Western
(Foto: Hannes Büchi) Railway (I. K. Brunel 1838)
Ergänzungen bestehender Brücken 7

Ein ähnlicher Grundgedanke wurde bei der Ver-


breiterung der Fahrbahnplatte des Grand Pont in
Lausanne verwirklicht: Die beidseits angesetzte
neue auskragende Fahrbahn ruht auf Rippenpaa-
ren, die immer über den Pfeiler liegen. Dadurch
wird die Verbreiterung der Fahrbahn im Bereich
der Bogen zu einer dreiseitig gelagerten Platte,
die gegenüber einer nur auskragenden Platte im
Bild 8. Verbreiterung einer Schnitt entlang der bestehenden Außenmauer
bestehenden Brücke: dünner gehalten werden kann. So ist ein hässliches
Viadukt Vallember zwi- Zerschneiden der Seitenansicht der Gewölbeeck-
schen Cinuos-chel und steine vermieden worden.
S-chanf, Engadin (Foto:
Ralph Feiner)

Bild 9. Verbreiterung einer bestehenden Brücke: Viadukt Vallember (Foto: Ralph Feiner)

Bild 10. Grand Pont in Lausanne


8 Entwurf von Brücken

Abschreckende Beispiele für den Umgang mit be- Schnittpunkt vieler unterschiedlicher Interessen,
stehenden Konstruktionen sind leider noch allzu bei ländlichen Brücken gehe es immer einzig um
häufig zu finden. Auf eine Wiedergabe schlechter das berqueren von Hindernissen und der Inge-
Beispiele wird deshalb verzichtet. Ein Berufs- nieur hätte in diesen Fällen allein und unabhängi-
stand, der sein eigenes bauliches und kulturelles ger agieren können.
Erbe nicht mit Sachkenntnis und Respekt behan-
delt, kann keine große gesellschaftliche Wert- 3.1 Städtische Brücken
schätzung erwarten. Es gehört deshalb zu den vor-
Diese Unterscheidung trifft beispielsweise exakt
nehmlichsten Aufgaben für Ingenieure, die Zeit-
auf den unterschiedlichen Charakter der Brücken
zeugen der eigenen Berufstradition so gut es geht
Maillarts zu. Seine technisch und formal innova-
zu pflegen und mit ihnen sorgfältig umzugehen.
tivsten Projekte stehen in abgelegenen Bergtälern.
Natürlich werden Abbrüche oder starke Eingriffe
Maillarts städtische Brücken (z. B. die Stauffa-
in bestehende Bauwerke immer auch notwendig
cherbrücke in Zürich, die bereits erwähnten
sein. Entscheidend ist, wie sorgfältig die Ausei-
Rheinbrücken in Rheinfelden und Laufenburg,
nandersetzung um den Erhalt oder die Verände-
die Lorrainebrücke in Bern) entstanden alle in Zu-
rung geführt wird: Hat man alle Möglichkeiten,
sammenarbeit mit Architekten, sind formal zwar
die sich bieten, gefunden und nach umfassenden
weit weniger radikal als seine ländlichen Brücken,
Kriterien überprüft? Die Kultur des Umbaus wird
zeichnen sich jedoch durch eine gewisse Viel-
in Zukunft für Bauingenieure immer wichtiger
schichtigkeit aus, die sich in sorgfältiger Einpas-
werden und die Suche nach guten Lösungen auf
sung in bestehende Stadtstrukturen, in großer
diesem Gebiet ist eine dankbare Aufgabe, bei der
handwerklicher Sorgfalt, in der Integration skulp-
ebenso viel Kreativität wie auch historische und
turaler Teile (beispielsweise die Nepomuksäule
fachliche Kenntnis bis ins Detail gefragt sind.
in Verlängerung der Pfeilerfront in Laufenburg,
die leider in den 1980er-Jahren entfernt wurde),
3 Städtische und ländliche Brücken aber auch in technischen Innovationen des Bau-
vorgangs äußert.
Diese auf den ersten Blick vielleicht seltsam er-
scheinende Unterscheidung stammt aus einem Die städtischen Brücken New Yorks verraten im
Aufsatz des westschweizerischen Ingenieurs funktionalen Gewand auch einen starken bildhaf-
Edouard Elskes (1859–1947) von 1902 [8]. Darin ten Gestaltungswillen. Wer je über die Verrazano
vertritt er die Meinung, seit alters her hätte man Narrows Bridge gefahren ist, wird den sich in Brü-
zwischen städtischen und „ländlichen“ Brücken ckenmitte öffnenden Tiefblick auf Brooklyn durch
unterschieden; städtische Brücken stünden im den Triumphbogen des Brückenpylons nicht ver-

Bild 11. Rheinbrücke Rheinfelden (Ingenieur: Maillart, Architekten: Joss und Klauser, SBZ 24.07.1909)
Städtische und ländliche Brücken 9

Christian Menn hat die großen Spannweiten des


Felsenauviadukts in Bern städtebaulich begrün-
det, ebenso den überbreiten einzelligen Quer-
schnitt und die präzise an die beiden Aareufer ge-
setzten Pfeiler der östlichen Hauptöffnung. Diese
Brücke ist ein eindrückliches Beispiel dafür, dass
sich die Architektur städtischer Brücken nicht auf
dekorative Verfeinerungen beschränken muss, sie
kann vielmehr darauf verzichten, wenn bereits
die konzeptionellen Entscheide der städtischen Si-
tuation Rechnung tragen [9].
Eine hervorragende städtische Brücke ist der
Ponte Amerigo Vespucci in Florenz (Riccardo Mo-
randi (1902–1989), mit G. und P. Gori, F. Nerli)
[10]. Die charakteristischen drei ffnungen der
Bild 12. Felsenauviadukt Bern benachbarten Ponte delle Trinità dell‘Ammanati
werden beibehalten, die steinverkleideten Pfeiler,
in Flussrichtung unter dem berbau hervortre-
tend, spielen angenehm mit den Ufermauern zu-
sammen, der gevoutete berbau in vorgespann-
tem Beton mit einem seitlich flach zugespitzten
mehrzelligen Hohlkasten wirkt äußerst elegant –
ebenso wie die Oberflächenbehandlung der Stirn-
flächen der Konsolköpfe in gespitztem Marmor-
beton und dem ohne Unterbruch durchlaufenden
Stakketengeländer aus Baubronze.
Traditionelle städtische Brücken zeigen ab und zu
bemerkenswerte und diskutierbare formale Frei-
heiten: So imitiert die Quaibrücke Zürich als
Bild 13. Ponte Amerigo Vespucci, Florenz Stahlbrücke in prominenter Lage die benachbarte
gemauerte Münsterbrücke (1838) von Alois Neg-
relli (1799–1858). Bestimmt werden die meisten
gessen. Auch die Pylone der Brooklyn- und Betrachter die Quaibrücke als Folge von Bogen
George Washington Bridge sind bewusst gestal- wahrnehmen, obwohl es sich tatsächlich um einen
tete städtische Wahrzeichen – der Vergleich mit stark gevouteten Durchlaufträger handelt. Die
der Williamsburgh- oder Manhattanbridge zeigt, Reussbrücke in Mellingen (1927) imitiert mit ih-
dass Pylone auch mit weniger Aufwand zu schaf- rem an der Unterkante leicht nach oben gekrümm-
fen sind – allerdings fehlt diesen auch jede archi- ten Stahlträger den Umriss der ehemaligen Holz-
tektonische Ausstrahlung. brücke, rein statisch gesehen natürlich falsch, als

Bild 14. Quaibrücke Zürich, gesehen durch die Münsterbrücke


10 Entwurf von Brücken

Bild 15. Reussbrücke Mellingen (SBZ 24.08.1929)

Maßnahme in einem historisch bedeutenden Kon- auch mit allen anderen möglichen Einflüssen aus-
text jedoch verständlich. Die Brücke ist in allen einanderzusetzen und dabei eventuelle Wider-
Einzelheiten äußerst sorgfältig durchgestaltet, die sprüche durchaus als Chance zur Entwicklung
Steifen des Vollwandträgers sind so angeordnet, eines unverwechselbaren Bauwerks zu begreifen.
dass sie von außen gesehen an ein Geländer erin- Einer der wichtigsten Parameter für den Entwurf
nern, bemerkenswert sind auch die gut koordinier- einer Brücke ist ihre Lage. Oft ist es für den Brü-
ten bergänge zur städtischen Bebauung [11]. Die ckeningenieur möglich, auf die Lage seines Werks
neuere Seebrücke Luzern (1990) liegt städtebau- Einfluss zu nehmen. Die Platzierung einer Brücke
lich ähnlich wie die Quaibrücke Zürich, sie weist entscheidet wesentlich über den Eingriff des Bau-
seeseitig größere Spannweiten als die flussabwär- werks in seine Umgebung und über die Wahrneh-
tige Seite auf und die Pfeiler sind in Querrichtung mung der Brücke aus der Sicht der Benutzer wie
gegeneinander geneigt. Diese Neigung beschränkt der Einwohner.
sich aber auf den über das Wasser ragenden, sicht-
baren Bereich, sie ist also statisch nicht begründet Die Achse der neuen Valserrheinbrücke wurde
[12]. nicht nur aus verkehrstechnischen Gründen be-
stimmt, sondern auch, um von der Brücke aus
Die Bilder 14 bis 16 zeigen drei Beispiele aus un- einen besseren Blick auf den benachbarten Dorf-
terschiedlichen Zeiten, bei denen die sichtbare platz zu schaffen. Damit wird die Brücke mit den
Form von der statischen Funktionsweise zuguns- übrigen öffentlichen und privaten Gebäuden des
ten eines bestimmten ästhetischen Effekts ab- Valser Dorfkerns stark verknüpft und zu einem un-
weicht. Man kann diese Tatsache als Ingenieur kri- verzichtbaren Teil des ortsbaulichen Ensembles.
tisieren. Es ist jedoch nicht zu verkennen, dass es Der Pont Lafayette in Paris (1928, von Albert Ca-
viele derartige Brücken gibt, dass derartige stark quot, 1881–1976) setzt die städtische Straße in be-
vom Wunsch nach bestimmten Effekten geprägte merkenswerter Großzügigkeit über das weiträu-
Entwurfsentscheidungen gerade bei bedeutenden mige Bahnhofsgelände fort [13]. Folgerichtig
Brücken häufig vorkommen – man kann durchaus sind die Hauptträger außen, in der Verlängerung
von einer Tradition bildhafter städtischer Brücken der Hausfassaden angeordnet. Die Entscheidung
sprechen. Wie weit man sich vom Ideal der ber- für parallelgurtige horizontal begrenzte Träger
einstimmung von Form und Funktion entfernen überzeugt, auch wenn die Schwierigkeiten der
darf, inwiefern das Abweichen vom „korrekten“ Herstellung dieses bis 76 m weit gespannten Be-
Weg in einer von verschiedensten Anforderungen tonfachwerks beträchtlich gewesen sein dürften.
bestimmten Aufgabe auch eine interessante Span-
nung erzeugen kann, muss in jedem einzelnen Fall Für städtische Brücken wichtig sind auch die Ein-
wieder neu bestimmt werden. Angesichts etwa der zelheiten der Ausstattung. Die kleine Obertorbrü-
entwurf- und handwerklich hervorragend durch- cke in Chur weist als einzige, aber gut platzierte
gearbeiteten Mellinger Brücke wünscht man sich Besonderheit ein neugotisches Geländer auf; der
durchaus mehr derart engagiert auftretende Pont Chauderon in Lausanne beeindruckt durch
Werke. Damit soll der Bauingenieur aufgefordert seine in ein gesamtheitliches Konzept integrierten
werden, die formale Ausarbeitung eines Brücken- Brüstungen und Beleuchtungskandelaber.
entwurfs nicht allein auf den Ausdruck des stati- Dass sich ein bedeutender Architekt wie Otto
schen Funktionierens zu reduzieren, sondern sich Wagner (1856–1917) bei weitem nicht allein auf
Städtische und ländliche Brücken 11

Bild 16. Seebrücke Luzern; Ansicht der Flussseite, Schnitt (Ingenieure: Bänziger, Zimmerli, Berchthold u. a.,
SBZ 12.06.1997)

Bild 17. Dorfbrücke Vals, Situation mit Dorfplatz


12 Entwurf von Brücken

Beim Bau der Lorzentobelbrücke wurden 21 Vari-


anten der Linienführung geprüft und gegeneinan-
der abgewogen.
Für die Wahl des geeigneten Tragwerkstyps sind
vergleichende Studien an Arbeitsmodellen, die
verändert werden können, wichtig. Das Tragwerk
soll auf die Eigenheiten der Topografie und Geo-
logie in präziser Form reagieren – bei steilen Hän-
gen sind Bogenbrücken oder Sprengwerke pas-
send, die Platzierung der Auflagerpunkte in stei-
len Böschungen muss sorgfältig bedacht werden.
Bei weiten, flachen Talquerungen wird man
Durchlaufträger oder Schrägseilbrücken wählen.
Bild 18. Pont Lafayette, Paris Hier sollen die Pfeiler an markante Stellen gesetzt
werden, etwa an die Flussufer oder Fußpunkte von
Talflanken. In der Regel führt dies auch zu ein-
fachen Baustellenerschließungen mit sinnvollen
Bauvorgängen. Wenn Gründungen in größeren
Tiefen nötig sind, muss zwischen Pfahlgründun-
gen, die für die großen Bohrgeräte entsprechende
Erschließungen benötigen und Schachtgründun-
gen, die sich auch für unwegsames Terrain eignen,
unterschieden werden. Dies kann sich auf die
Wahl der Spannweiten entscheidend auswirken.
Eine weitere wichtige Frage ist bei langen Brü-
cken, ob die ffnungen herstellungstechnisch ra-
tionell mit konstanten Längen durchgeführt wer-
den oder ob sich eine differenzierte, dem Gelände
angepasste Abstufung der Spannweiten besser
eignet. Für den Entwurf bedeutend ist weiter, ob
Bild 19. Neugotisches Geländer, Obertorbrücke Chur die Brücke ein Hindernis rechtwinklig oder schief
quert und wie das Tragwerk diesem Umstand ge-
recht werden kann.
die Dekoration und Umrahmung der Wiener Für die Entwicklung des Brückenbaus spielten ab-
Stadtbahnbrücken beschränkte, zeigt beispiels- gelegene Baustellen immer eine komplementäre
weise die von ihm aufgestellte Regel, sämtliche Rolle zu den „akademisch“ besetzten Stadtbau-
Stadtbahnbrücken horizontal aufzulagern und bei stellen: entscheidende Schlüsselwerke wie die
Linienführungen im Gefälle die Höhenlage der Brücke von Le Veurdre, der Langwieser Viadukt,
Fahrbahn innerhalb der horizontalen Hauptträger die Salginatobelbrücke, die Esbly-Serie, die
variabel zu handhaben [14]. Oosterscheldebrücke, die Ganterbrücke und viele
mehr entstanden sozusagen im Niemandsland, zu-
3.2 Ländliche Brücken nächst den Blicken der ffentlichkeit entzogen.
Zumindest in touristisch nicht erschlossenen, un-
bebauten Landschaften genießt der entwerfende
Ingenieur eine vergleichsweise große Freiheit in
3.3 Konsequenzen auf den Entwurf
System- und Materialwahl. Hier konzentriert Eine der klassischen Aufgaben des Bauingenieurs,
man sich auf die Gegebenheiten der Linienfüh- mit seinen Werken brachliegende Landstriche zu
rung, des Terrains, der Geologie und der Baustel- erschließen, findet sich immer seltener. Meist han-
lenerschließung. Auch bei derartigen Brücken ist delt er in einem bereits bebauten Umfeld. Je stär-
die richtige Platzwahl der Brücke wesentlich, häu- ker eine Brückensituation städtisch geprägt ist,
fig sind gewisse Anpassungen der Linienführung desto sinnvoller wird eine architektonische Annä-
an den Entwurf der Brücke möglich. Bei kleineren herung an die Aufgabenstellung – dies zunächst
Gebirgsstraßen über steile Bäche kann beispiels- aber nicht in formaler, sondern in funktioneller
weise das Durchflussprofil bei gegebener Höhen- Hinsicht. Brücken, die verschiedene Funktionen
lage der Straße auch durch eine Anpassung der ho- gleichzeitig erfüllen, sind wertvoll. In Zusammen-
rizontalen Linienführung beeinflusst werden. Um- arbeit mit Stadtplanern und Städtebauern können
gekehrt bestehen oft – etwa bei Fußgängerbrücken höchst interessante Entwürfe entstehen, die nicht
– weitgehende Freiheiten in der Wahl des Brü- allein die Bedürfnisse etwa des Autoverkehrs be-
ckenverlaufs in vertikaler Richtung. rücksichtigen, sondern allen Verkehrsteilnehmern
Tragwerkstypen 13

Bild 20. Varianten Lorzetobel (SBZ Nr. 12/1986)

und auch den Anwohnern Nutzen bringen. Unter-


schiedliche Verkehrsebenen in eine Konstruktion
zu integrieren, selbst Plätze oder Plattformen für
Aktivitäten zu schaffen, ist eine grundlegende He-
rausforderung an den Brückeningenieur in einem
städtischen Umfeld.

4 Tragwerkstypen
Im heutigen Betonbrückenbau sind besonders die
folgenden Entwurfsziele gegenüber früher wichti-
ger geworden:
– möglichst monolithische und fugenlose Kon-
struktionen mit wenigen unterhaltungsauf-
wendigen Lagern und Fahrbahnübergängen,
– gestiegene Anforderungen an die
Ermüdungsnachweise und daher stärkere
Abmessungen der Fahrbahnplatten,
– unterhaltungsarme und ästhetisch einwand-
freie Integration von Werkleitungen in den
Entwurf.
Nachfolgend werden einige häufig auftretende
Brückentypen beschrieben und ihre Anwendungs-
möglichkeiten erläutert.
4.1 Balkenbrücken
4.1.1 Plattenbrücken
Plattenbrücken eignen sich gut für kleine und – bei
geringer zur Verfügung stehender Konstruk-
Bild 21. Zentralplatz Biel über dem Wasser tionshöhe – mittlere Spannweiten bis etwa 40 m.
14 Entwurf von Brücken

Sie sind einfach zu schalen und zu betonieren. 2. Unter der Brücke, in einer mittleren Längsnut.
Eine Anpassung an veränderliche Breiten und ge- 3. Unter der Brücke, innenseitig der Rand-
krümmte Begrenzungslinien ist möglich. abschlüsse.
4.1.1.1 Einfeldrige Rahmen sthetisch heikel ist die Ausbildung des Randes
der Plattenbrücke. Heutige Randborde sind zur
Die einfachste Erscheinungsform der Plattenbrü- Aufnahme der Anprallkräfte auf Leitschranken
cke ist der Rahmen. Für berführungen oder etwa 60 cm hoch. Sie erscheinen damit in der Sei-
Bachdurchlässe ist er zweckmäßig. Die Platten- tenansicht ästhetisch als tragendes Teil. Wenn nun
stärke kann über die ganze Brückenbreite konstant unter dem Randbord ein Plattenrand von wenigen
sein oder zu den Rändern hin abnehmen. In beiden Dezimetern Stärke sichtbar wird, ist nicht mehr
Fällen sind die Beanspruchungen quer zur Brü- klar wahrzunehmen, was nun wirklich trägt und
ckenachse gering und können in der Regel mit was nicht. Besser ist es, das Randbord gleich stark
einer schlaffen Bewehrung gut aufgenommen oder leicht stärker als die Platte auszuführen. Hö-
werden. In Längsrichtung werden Plattenbrücken hen von mehr als einem Meter sind durchaus ak-
vorgespannt, entweder mit gleichmäßig über die zeptabel, da sie das einzige von der Seite sichtbare
Breite verteilten Kabeln bei konstantem Quer- Teil der Brücke sind und deshalb im Verhältnis zur
schnitt oder mit in Brückenmitte konzentrierten Spannweite oder zur Brückenlänge gesehen wer-
Kabeln bei sich nach außen verjüngendem Quer- den. Elegant ist es, bei breiteren Brücken die
schnitt. Zur Aufnahme der negativen Momente in Platte zu den Rändern hin zu verjüngen und mit
den Rahmenecken sind lokale Querschnittsver-
stärkungen in der Art von Vouten sinnvoll. Die
Vorspannung wird so bemessen, dass unter ständi-
ger Last keine oder nur geringe Zugspannungen
auftreten. Bei größeren Spannweiten und stark
wechselnden Querschnitten zwischen Feld und
Rahmenecke ist eine Abstufung der Vorspannung
nötig, um in Feldmitte nicht zu viel Längsdruck
zu erzeugen.
Werkleitungen können auf drei Arten über die
Brücke geführt werden:
1. Auf der Brücke, über der Abdichtung, in den
Gehwegen.

Bild 23. sthetisch unbefriedigende Lösung


zwischen tragenden und getragenen Teilen einer
Plattenbrücke

Bild 22. Drei Arten der Platzierung von Werkleitungen Bild 24. Hohes Randbord
Tragwerkstypen 15

einem Randbord minimaler Abmessungen zu ver-


sehen. In diesem Fall ist die wirkliche Trägerhöhe
nur schwer ablesbar und das Randbord erscheint
als schlankes tragendes Teil.
Kurze Rahmenbrücken mit sichtbaren massigen
Widerlagern wirken unbefriedigend. Der Wider-
spruch, Beton einerseits beim Träger als wertvol-
les, hochbeanspruchtes, sparsam einzusetzendes
Material zu behandeln, den gleichen Baustoff an-
dererseits am Widerlager für einen scheinbar
schwergewichtigen Klotz zu verwenden, lässt
sich nicht auflösen. Früher wurde in der Gestal-
tung der Widerlager häufig zwischen betoniertem
Rahmenstiel und gemauerten Flügelmauern diffe-
renziert. Derartige Maßnahmen müssen aber in
Einklang mit einem übergeordneten Materialkon- Bild 27. Differenzierte Materialisierung eines mass-
zept stehen. Beispielsweise wurden bis in die iven Widerlagers

Bild 25. Niederes Randbord und sich in Richtung der Bild 28. Dreifeldrige berführung als
Ränder verjüngender Plattenquerschnitt Betonrahmen

Bild 26. Widerspruch zwischen massigem Widerlager Bild 29. Dreibogige berführung von 1902
und dünnem Rahmenriegel
16 Entwurf von Brücken

1960er-Jahre Gebirgsstraßen mit Naturstein-


Stützmauern und Brücken aus gemauerten Pfei-
lern mit berbauten aus Beton versehen. Heute
pflegt man in der Regel materialeinheitliche Ge-
staltungen vorzuziehen. In diesem Fall sollten die
Rahmenstiele nicht in Erscheinung treten. Ent-
sprechend großzügig soll die Spanweite des Rah-
mens gewählt werden, dann können die Stiele ein-
geschüttet werden. Oder sie werden hinter der
Uferbefestigung eines Gerinnes platziert. Häufig
führen dreifeldrige Rahmen für berführungen
zu überzeugenden Lösungen, etwa in Analogie
zu den dreibogigen berführungen der Rhäti-
schen Bahn.
Wenn die Ausführung von Rahmenstielen zu auf-
wendig wird – etwa bei engen Platzverhältnissen,
die einen Aushub schwierig machen – können
die Rahmenstiele durch Pfähle ersetzt werden.
Derartige Brücken nähern sich der Tragwirkung
eines einfachen Balkens, da die Pfähle vergleichs-
weise biegeweich sind. Durch geschicktes Dosie- Bild 30. Plattenbrücke mit asymmetrischen Pilzen
ren der Vorspannung können die Momente in den (Pont sur la Lienne, Ingenieur: Sarrasin)
Pfählen gering gehalten werden. Bei Flussbrücken
ist auf diese Weise eine einwandfreie Gründung
unter dem Niveau der Flusssohle möglich, auch
bleiben die Vorteile der monolithischen Bauweise
erhalten.

4.1.1.2 Einfacher Balken


Dieser Brückentyp wird heute nur dann verwen-
det, wenn besondere Umstände des Bauverfahrens
oder des Baugrunds Lager erzwingen.

4.1.1.3 Mehrfeldrige Rahmen Bild 31. Mehrfeldrige Eisenbahnüberführung als


Plattenbrücke mit starken Vouten (SBZ 25.10.1941)
Bei mehrfeldrigen Rahmen ist die Gestaltung der
Pfeiler und deren bergangsstelle zum berbau
wichtig. Wenn die Pfeiler Wandscheiben oder
quer zur Brückenachse verlaufende Reihen von sterwalders Elztalbrücke [15]. Aber auch in klei-
Einzelstützen sind, stellen sich für den berbau nem Maßstab führt dieses System zu robusten
keine anderen Fragen als beim einfeldrigen Rah- und eleganten Lösungen. Dieses System bietet
men. Bei höheren Brücken können schmale Pfei- für die Zukunft noch einiges Potenzial.
ler in eine in Längsrichtung vouten- oder hammer-
kopfartige Verstärkung des berbaus oder eigent- 4.1.2 Plattenbalken
liche Pilze münden.
Falls genügend Bauhöhe zur Verfügung steht, sind
Wenn bei längeren Brücken eine Entwässerung Plattenbalken im Bereich von Spannweiten zwi-
der Fahrbahn notwendig wird, können die Ablei- schen 20 und 50 m wirtschaftliche Alternativen
tungen der Einlaufschächte direkt nach unten in zu Plattenbrücken. Kostengünstig sind hohe Stege
Längsleitungen, die innerhalb der Randborde lie- mit einer knapp gewählten Vorspannung; für stän-
gen, geführt werden. Bei mittlerer Längsnut wer- dige Lasten dürfen an der Unterseite der Stege
den die Schachtableitungen quer zur Brücken- Zugspannungen zugelassen werden.
achse in Futterrohren innerhalb des Plattenquer-
schnitts untergebracht. In der Längsnut münden 4.1.2.1 Einstegige Plattenbalken
sie in die zentrale Sammelleitung. Die Futterrohre
Für schmale Fußgängerbrücken sind einstegige
werden so gerichtet, dass ein späteres Aus- und
Plattenbalken gut geeignet. Maßgebend für ihre
Einfädeln der Schachtableitungen möglich ist.
Dimensionierung wird bei Rahmen und mehrfel-
Ein eindrückliches Beispiel einer mehrfeldrigen drigen Trägern die begrenzte Kapazität des Trä-
Plattenbrücke aus dem Großbrückenbau ist Fin- gerstegs, negative Momente aufzunehmen. Vouten
Tragwerkstypen 17

Bild 32. Fußgängerbrücke als einstegiger Plattenbalken

sind oft zweckmäßig, weil sie mit wenig Material werden, Schachtableitungen verlaufen sichtbar
im kurzen Bereich die Momentenspitze aufneh- unter den auskragenden Fahrbahnplatten und
men, den übrigen Bereich des Trägers aber durch Aussparungen in den Stegen zur Brücken-
schlank bleiben lassen. Gekrümmte Brücken sind mitte.
möglich, wenn der Trägersteg zur Aufnahme der
Die Pfeiler stehen bei niedrigen Brücken als Ein-
Torsionsmomente breit gewählt wird.
zelstützen direkt unter den Stegen und sind mit ih-
nen monolithisch verbunden. Bei höheren Brü-
4.1.2.2 Zweistegige Plattenbalken cken verwendet man Pfeilerscheiben, die bündig
an die Außenkanten der Stege anschließen. In Ein-
Dieser traditionsreiche Betonbrückentyp wird
zelfällen wurden die Stege auch schon indirekt
nach wie vor häufig eingesetzt. Die Lage der Stege
über Querträger auf schmale Pfeiler gelagert.
kann aufgrund einer Optimierung der Fahrbahn-
platte gewählt werden; üblicherweise sind die Eine interessante Variation des zweistegigen Pla-
Stege vertikal. Heute wird die Trägerhöhe meist tenbalkens wurde von Muttoni, Lurati und Somaini
konstant über die ganze Brückenlänge beibehal- anlässlich eines Submissionswettbewerbs für die
ten, besonders wenn bei längeren Brücken der Hexentobelbrücke bei Saas im Prättigau entwi-
berbau feldweise auf einem Vorschubgerüst her- ckelt [16]. Die Brücke führt stellenweise als Leh-
gestellt wird. Bei Mehrfeldträgern kann über den nenbrücke einen steilen Hang entlang. Um diesen
Stützen lokal eine Druckplatte zwischen die Stege Hang nicht durch ein Vorschubgerüst seitlich der
gesetzt werden. Die Krafteinleitung in diese Plat- Stege anzuschneiden, wurde der Rüstträger zent-
ten muss sorgfältig verfolgt werden. Werkleitun- ral unter dem Brückenquerschnitt angeordnet, in
gen können gut zwischen den Stegen angebracht größerer Horizontaldistanz zur Geländeoberflä-

Bild 33. Hexentobelbrücke bei Saas (Foto: Aurelio Muttoni)


18 Entwurf von Brücken

che. Der Rüstträger ist ein Dreigurtfachwerk, das


zwischen den Schenkeln der Y-förmigen Pfeiler
verschoben wird. Querträger zwischen den Stegen
wären für das Verschieben des Trägers hinderlich
gewesen, deshalb neigte man die Stege in die
Flucht der Y-Stiele. Die Spreizkräfte aus den Stüt-
zen werden so über die ganze Länge der Fahrbahn
verteilt und können deshalb problemlos aufge-
nommen werden.

4.1.2.3 Mehrstegige Plattenbalken


Dieser Tragwerkstyp eignet sich für breite Brücken
Bild 35. Viadotto Capolago (inzwischen ersetzt)
mit kürzeren Spannweiten. Die Stege werden oft (Rino Tami, 50 Anni di Architettura)
vorgefertigt und nach dem Versetzen untereinander
und dann mit der an Ort gegossenen Fahrbahnplatte
monolithisch verbunden. Die Berücksichtigung der
Trägerrostwirkung erlaubt eine wirtschaftliche Be-
messung. Als Pfeiler eignen sich rahmenartig auf-

Bild 36. Viadotto di Corso Francia in Rom


(Pier Luigi Nervi)

gelöste Scheiben oder Einzelstützen mit Hammer-


köpfen. Dieser Fall verlangt nach einer formal
sorgfältigen Durchbildung, damit der Eindruck
eines unstetig aus vielen Einzelteilen zusammenge-
setzten Tragwerks vermieden wird. Entweder
bringt man die äußeren Oberflächen in eine zusam-
menhängende Fläche (Viadotto Capolago) [17]
oder man zelebriert das Fügen der Einzelteile durch
eine aufeinander abgestimmte Geometrie (Viadotto
di Corso Francia in Rom) [18].
Plattenförmige breite Stege sind mögliche Lösun-
gen für Brücken beschränkter Konstruktionshöhe.
Sie eignen sich gut zur Aufnahme negativer Mo-
mente, können dort auch voutenförmig verstärkt
werden.

4.1.3 Hohlkästen
4.1.3.1 Einzellige Hohlkästen
Einzellige Hohlkästen sind sehr häufige Beton-
brückenquerschnitte. Ihre Form variiert vom rei-
Bild 34. Rahmenartige Pfeilerscheiben unter einem nen Rechteckquerschnitt (Torrojas Acueducto de
vierstegigen Plattenbalken mit Vouten (Lorraine- Tempul, Menns Ganterbrücke) über den „übli-
brücke Bern) chen“ Straßenbrückenquerschnitt mit Konsolen
Tragwerkstypen 19

tennullpunkten. An den Arbeitsfugen werden die


Vorspannkabel gekoppelt, es ist aber darauf zu
achten, dass die Fuge durch eine minimale Zahl
durchgehender Kabel überdrückt wird. Die Vor-
spannkabel können in konstanter Stärke durchlau-
fen oder über den Stützen mit sog. „Chapeau-Ka-
beln“ zur besseren Aufnahme der negativen Mo-
mente versehen werden.
Meist verlaufen die Kabel in den Stegen, die aus
diesem Grund eine Mindestbreite von etwa
50 cm aufweisen müssen. Im Bereich der Tief-
punkte der Kabel tritt die obere Bewehrung der
unteren Kastenplatte in Kreuzung mit den Kabeln,
was bei der konstruktiven Durchbildung dieser
Punkte zu beachten ist. Oft erhält die untere Kas-
tenplatte seitliche Vouten, um den Schubfluss aus
Bild 37. Einzelliger Hohlkasten mit Querrippen den Stegen besser aufnehmen zu können.
(Hammermühlebrücke Kemptthal, Ingenieure:
E. und A. Schmidt) Bei Hohlkästen aus vorgefertigten Elementen
(segmental construction), manchmal sogar in Ort-
betonkästen, können die Kabel auch im Innern
bis zu monumental wirkenden überbreiten ein- der Kästen frei geführt werden. Sie sind dann
zelligen Hohlkästen. Wichtige Entwurfsparameter zwar frei kontrollierbar und eventuell auch aus-
sind die Einteilung der Feldweite und Konsol- tauschbar, benötigen jedoch aufwendige Umlenk-
länge der Fahrbahn unter besonderer Berück- sattel und können keine statisch günstige Ver-
sichtigung der Ermüdungseinwirkungen, die di- bundwirkung entfalten.
rekte oder indirekte Lagerung auf den Pfeilern, Bei besonders großen Brücken kann sich ein stu-
die eine in der Regel ästhetisch erwünschte fenweises Aufbringen der Vorspannung vor der
Schrägstellung der Stege erwirkt und die Frage Fertigstellung des ganzen Querschnitts lohnen.
nach einer eventuellen Quervorspannung. Bei grö- Bei den Randfeldern des Felsenauviadukts wurde
ßeren Querschnitten mit weit ausladenden Kon- zur Entlastung des Lehrgerüsts bereits der U-
solen kann die Untersicht glatt ausgeführt (mit li- förmige Querschnitt vorgespannt, der sich darauf-
near oder parabolisch zunehmendem Querschnitt hin an der Aufnahme der Betonierlasten der Fahr-
und erheblicher Vorspannung) oder in kurzen Ab- bahnplatte beteiligte.
ständen mit Querrippen versehen werden. Die
erste Lösung wurde bei der Felsenaubrücke in Hohlkastenquerschnitte eignen sich gut für den
Bern praktiziert, die zweite beim Viaduc du Lac Freivorbau großer Spannweite. Die wesentlichen
de la Gruyère [19]. Weitere Möglichkeiten sind Elemente des Freivorbaus sind bereits in der frü-
Schrägstützen zur unteren Kastenplatte (Kocher- hen Rheinbrücke bei Bendorf zu finden [20]. Die
talbrücke) oder mehrzellige Hohlkästen. Umrisslinie des Kastenquerschnitts wird so ge-
wählt, dass die Schubspannung in den Stegen kon-
Das Innere von Hohlkästen muss kontrollier- und stant bleibt. Dadurch wird die Abstufung der
begehbar sein, die Mindestabmessungen betragen Spannkabel der Freivorbauabschnitte konstant
etwa 1,50 m. Aus dieser Bedingung folgt, dass und die Ankerausbildung pro Abschnitt bleibt
Hohlkästen heute erst ab Spannweiten von etwa gleich. Die Anker liegen zweckmäßig im Schnitt-
25 m sinnvoll sind. punkt der Achse zwischen Steg und Fahrbahn-
Die Wasserableitung erfolgt über Längsleitungen, platte. Die Stärke der unteren Kastenplatte steigt
die hinter den Konsolköpfen oder im Hohlkasten linear an. Heute werden Freivorbaubrücken nach
geführt werden. Im letzteren Fall sind Schachtab- dem Fugenschluss zu durchlaufenden Trägern
leitungen von den außen liegenden Einläufen ins verbunden, Gelenke in Feldmitte haben häufig zu
Innere der Hohlkästen nötig; sie können meist unstetigen Biegelinien geführt. In Feldmitte wird
nicht in die schlanken Konsolplatten eingelegt in der unteren Kastenplatte eine Feldvorspannung
werden. Entweder verlaufen sie sichtbar unter und zur Abdeckung der Momente aus Kraftumla-
den Konsolen oder durch Futterrohre in lokalen gerungen eine Kontinuitätsvorspannung über die
Plattenverdickungen. Beide Lösungen sind ästhe- ganze Brückenlänge eingeführt. Die Kontrolle
tisch nicht wirklich befriedigend, sodass außen der Verformungen sowohl der Bauzustände wie
liegende Längsleitungen vorzuziehen sind. auch langfristig unter Schwinden und Kriechen
ist zentral, eine zu knapp gewählte Vorspannung
Hohlkastenbrücken werden in der Regel feldweise kann zu störenden Verformungen führen [21].
hergestellt, mit Koppelfugen etwa in den Momen- Zentral ist die Untersuchung des langfristigen Ver-
20 Entwurf von Brücken

haltens unter ständiger Last. Oder mit den Worten gefährdet und weisen in der Regel auch schmalere
von R. Favre: Je länger je mehr setzt sich die Er- Fahrbahnen auf, sodass Trogbrücken für Eisen-
kenntnis durch, dass zur Beurteilung der Qualität bahnen häufiger anzutreffen sind als für Straßen.
eines Bauwerks vor allem, wenn nicht ausschließ-
Einfache Balken als Trogbrücken brauchen breite
lich, der Dauerzustand maßgebend ist [22].
Tragwände oder obere Flansche für eine ausrei-
chende Druckzone. Dies lässt derartige Brücken
4.1.3.2 Mehrzellige Hohlkästen
oft etwas plump aussehen.
Wegen der konstruktiv bedingten dicken schweren Um zusätzliche Höhe zu gewinnen, bildete Ale-
Stege versucht man in der Regel die Anzahl Zellen
xandre Sarrasin die Vispabrücke Ackersand mit
von Hohlkastenbrücken klein zu halten. Es besteht
linsenförmigem Umriss aus. Die durchweg unten-
allerdings die Möglichkeit, mit zwei Stegen drei-
liegenden Kabel ermöglichten das Betonieren der
zellige Hohlkästen zu bauen, wenn die äußeren
schlanken Wände.
Zellen dreieckig ausgebildet werden. Derartige
Querschnitte verzögern bei kalten Temperaturen Interessant sind Trogbrücken bei Durchlaufträ-
die Eisbildung auf der Fahrbahn, bei überbreiten gern, da diese negative Biegemomente gut aufneh-
Querschnitten können sie auch statisch vorteilhaft men können. Sarrasin baute schlanke Durchlauf-
sein, insbesondere dann, wenn besonders tor- träger mit Trogquerschnitt bereits in den 1920er-
sionssteife berbauten gefragt sind. Jahren, im Mittelfeld umschnürte er den Beton in
den Druckzonen der Trogwände.
4.1.4 Trogbrücken
Maillart pflegte die Spannweiten und den Bauvor-
Trogbrücken eignen sich für Brücken, die eine gang so zu wählen, dass die kurzen Randfelder das
derart geringe Bauhöhe aufweisen müssen, dass Mittelfeld von positiven Momenten weitgehend
ein untenliegendes Tragwerk nicht möglich ist. entlasteten, etwa bei der Birsbrücke Liesberg
Die Fahrbahnplatten besitzen quer zur Brücken- oder bei der berführung Altendorf. In der Aare-
achse größere Spannweiten als Plattenbalken und brücke Solothurn West kam ein ähnliches Trag-
Kasten und müssen deswegen stärker ausgeführt werk zum Einsatz, hier mit linear veränderlichen
werden. Bei Straßenbrücken sind besonders die Trägeroberkanten. In noch größerem Maßstab ver-
Trogwände im Winter salzhaltigen Sprühnebeln wendeten Gianadda und Guglielmetti dieses Prin-
direkt ausgesetzt und müssen sorgfältig vor dem zip in der Rhonebrücke Riddes der Walliser Auto-
Eindringen von Chloriden geschützt werden. Ei- bahn, sie wurde im Freivorbau erstellt. Bei dieser
senbahnbrücken sind in dieser Beziehung nicht Brücke zeigt sich ein gewisser Konflikt zwischen

Bild 38. Vispabrücke Ackersand (Matterhorn-Gotthard-Bahn)


Tragwerkstypen 21

Bild 39. Rhonebrücke Dorénaz (Ingenieur: Sarrasin)

4.2 Sprengwerke
Sprengwerke nehmen eine interessante Mittelstel-
lung zwischen Balken- und Bogenbrücken ein.
Die Drucklinie eines Sprengwerks verläuft steiler
als diejenige eines vergleichbaren Bogens mit
den gleichen Auflagerpunkten, dadurch ist der
Horizontalschub kleiner, das positive Biegemo-
ment in Feldmitte dafür größer. Sprengwerke eig-
nen sich für Brücken zwischen steilen Hängen
wie auch für berführungen über geböschte Ein-
schnitte. Varianten mit geringem Horizontalschub
sind V-Stiel-Brücken mit eingeschütteter End-
strebe, die äußerlich wie Sprengwerke erscheinen;
Bild 40. Rhonebrücke Riddes bei diesen Brücken sind allerdings häufig Schäden
bei vorgespannten Endstreben aufgetreten, wenn
die Injektion der steil verlaufenden Kabel wegen
schiefwinkliger Situation und orthogonal konzi- Setzungen des Füllguts die Spannglieder im Be-
piertem Tragwerk. Das orthogonal aufgebaute reich der oberen Anker nicht vollständig umhüllte
Tragwerk erlaubt den ungehinderten Bauvorgang und undichte Abdichtungen zu Korrosion dieser
im Freivorbau, führt jedoch zu längeren Spann- Stellen führte.
weiten als eine schief gelagerte Brücke. Bei schie-
fer Lagerung hätten die insgesamt vier Hauptträ- Eine technisch wie ästhetisch überzeugende
ger (es handelt sich um zwei parallele Brücken Sprengwerkbrücke baute Emil Schubiger (1900 –
für jede Fahrspur) je vier Hochpunkte auf einer Li- 1972) über den Rein da Nalps südlich Sedrun im
nie parallel zum Flussufer. Bestimmt hätte die Bündner Oberland [23]. Die Brückenteile sind
Brücke dadurch an formaler Präzision gewonnen. auf Platten und Scheiben reduziert, die in einer
Aber angesichts der noch in der orthogonalen strengen Geometrie angeordnet sind. Die Stirn-
Form genügend anspruchsvoll zu erstellenden flächen der Platten liegen in einer Ebene mit den
Brücke versteht man auch das Bemühen, im kon- Seiten der scheibenförmigen Schrägstützen, die
struktiven Konzept einfach zu bleiben. Stärke der Fahrbahnplatte nimmt von den Auf-
22 Entwurf von Brücken

lagern zu den Stützen von 36 cm auf 60 cm zu und


nimmt von da an zur Feldmitte wieder um 4 cm auf
56 cm ab. Diese Veränderungen liegen sozusagen
unter der Reizschwelle der bewussten Wahrneh-
mung, sind aber trotzdem spürbar und tragen zur
eleganten Erscheinung der Brücke bei. Spröde,
nackt, abstrakt, entsprächen neuzeitlichem Ge-
schmack, schrieb Schubiger zu dieser Brücke, bei
der er im Vertrauen auf die Bildungsfähigkeit des
Betrachters der Versuchung widerstanden hätte,
durch Kompromisse und mildernde bergänge der
Gewohnheit Konzessionen zu machen.
Jörg Schlaichs Autobahnüberführung bei Kirch-
heim (1982) zeigt sozusagen das andere Ende der
Entwurfsskala [24]. Im Bestreben, den Kraftfluss
zu visualisieren, folgt die Trägerhöhe dem Verlauf
der Momente – daraus resultiert eine Expressivi-
tät, die mit Schubigers vergleichsweise spröder
Formgebung merkwürdig kontrastiert. Beiden

Bild 42. Vergleich verschiedener statischer Systeme für eine Eisenbahn-Sprengwerksbrücke (SBZ 6.10.1956)
Brücken ist gemeinsam, dass sie ungegliederte
Seitenflächen aufweisen und damit die bei den
Rahmenbrücken erwähnte Zweideutigkeit von
Konsolkopf und Brückenträger geschickt umspie-
len.
Der Konstrukteur besitzt eine gewisse Freiheit, die
Stiele des Sprengwerks mehr oder weniger stark
an der Aufnahme der Biegung zu beteiligen. Bei

Bild 41. Brücke Val Nalps


b) Vergleich der Momente infolge der Bremskraft auf
System 4, System 3 und Rechteckrahmen. Momente in mt
Tragwerkstypen

a) Momentverlauf infolge Eigengewicht für vier verschiedene statische


Systeme. Momente in mt

Bild 42. Fortsetzung


23
24 Entwurf von Brücken

Bild 43. berführung Kirchheim

horizontal verschieblichen Endlagern ist es vor al- einer Aufständerung und einer Fahrbahn als Pilz-
lem bei großen Horizontaleinwirkungen sinnvoll, decke. Die einzelnen Bauteile sind klar voneinan-
die Stiele nach oben stärker werden zu lassen und der getrennt und die Geometrie der Pilzdecke ent-
sie ähnlich wie biegesteife Rahmenecken mit wickelt sich unabhängig von derjenigen des
dem berbau zu verbinden. Ein gutes Beispiel Bogens. Im Gegensatz dazu beteiligen sich bei
für dieses Konzept ist die berführung Stigli bei Maillarts frühen Bogenbrücken Fahrbahn, Seiten-
Andelfingen von Pierre Soutter (1956), eine frühe wände und Bogen gleichzeitig an der Aufnahme
vorgespannte Eisenbahnbrücke der Schweiz [25]. der Längskräfte, dieser Beanspruchung überlagert
sich die Plattenwirkung der Fahrbahn – das Trag-
4.3 Bogenbrücken werk arbeitet synthetisch. Im Gegensatz zu Sarra-
sin ist bei Maillart häufig ein Verschmelzen der
Bogenbrücken in Beton besitzen eine reiche Tra- Einzelteile zu beobachten, die Bauteile gehen ste-
dition. Kleinere Eisenbahnbrücken mit Bogen tig ineinander über, fließen sozusagen zusammen,
aus unbewehrtem Beton wurden bereits im späten so etwa Boden und Fahrbahnträger bei seinen
19. Jahrhundert häufig gebaut, in den Formen alter Stabbogen. Menns frühe Stabbogen hingegen
Steinviadukte finden sich diese bis in die 1960er- sind wieder „figurativ“, bei ihnen läuft der Stabbo-
Jahre, meist sind die Sichtflächen mit Stein ver- gen über die ganze Brückenlänge durch, ohne den
kleidet. Ohne besondere technische Virtuosität Versteifungsträger zu berühren.
sind sie Zeugen eines respektablen Willens, die
Einheit des vertrauten Erscheinungsbilds des Die Entwürfe Sarrasins bestehen immer aus einem
Typs „Eisenbahnviadukt“ zu wahren. Auch die Zusammensetzen von Einzelteilen, die je nach
„städtischen“ Brücken des sonst radikalen Neue-
rers Maillart gehören in diese Kategorie, auf sie
wurde bereits hingewiesen.

4.3.1 Bogenbrücken mit obenliegender


Fahrbahn
Philippe Mivelaz hat in einer Dissertation über die
Formgebung der Brücken Alexandre Sarrasins auf
zwei grundsätzlich verschiedene Entwurfshaltun-
gen im Brückenbau hingewiesen [26]. Er nennt
sie figurativ oder vereinigend (fusioniste). Der Un-
terschied lässt sich an Bogenbrücken gut darstel-
len. Die figurative Entwurfshaltung setzt unter-
schiedliche Bauteile zusammen und weist ihnen
klar unterscheidbare Funktionen zu. Sie haben
einen eigenständigen Charakter und bringen den
auch zum Ausdruck. Die Bogenbrücken von Sar-
rasin bestehen in der Regel aus zwei Bogenrippen, Bild 44. Synthetisch: Landquartbrücke Klosters
Tragwerkstypen 25

Diese Form wird nun entsprechend der wechseln-


den Anforderungen entlang der Brücke variiert:
im gekrümmten Bereich verläuft die Spreizung
asymmetrisch, womit die Fliehkräfte besser auf-
genommen werden. Unter der geraden Brücke va-
riiert der Grad der Spreizung, sobald sie auf Hin-
dernisse trifft – so sind die Pfeiler dort schmaler,
wo eine Straße unten durchführt. Die häufigen Ge-
fällebrüche der Brücke – für eine Eisenbahnbrü-
cke untypisch – entsprechen ebenfalls dem Kon-
zept, die Brücke möglichst differenziert den Gege-
benheiten der Umgebung anzupassen. Diese Ge-
gebenheiten führen dazu, ausgerechnet in der am
stärksten im Grundriss gekrümmten Partie der
Brücke einen 50 m weit gespannten Bogen einzu-
führen. Dieser wird gegen die Kämpfer hin stark
Bild 45. Figurativ: Crötbrücke verbreitert, ähnlich wie bei Maillarts Klosterser
Brücke, und ist dadurch in der Lage, über die
auch hier gespreizten Pfeilerscheiben die ge-
Umständen recht unterschiedlich ausgebildet wer- krümmte Fahrbahn zu tragen. Diese Brücke ist
den können, ohne deswegen das Gesamtkonzept ein hervorragendes und faszinierendes Beispiel
zu zerstören. Ein interessantes Beispiel für dieses dafür, wie unterschiedlichste Randbedingungen
undogmatische und anpassungsfähige Vorgehen mit einem flexiblen Konzept überzeugend bewäl-
ist der Eisenbahnviadukt von Sembrancher [27]. tigt werden können.
Die leichte und im Grundriss teilweise gekrümmte
Brücke steht in der Regel auf quer zur Brücken- Aus Maillarts Stabbogen hat Menn eine eigenstän-
achse gespreizten scheibenförmigen Pfeilern. dige Form von Bogenbrücken entwickelt. Weil der

Bild 46. Eisenbahnbrücke Sembrancher


26 Entwurf von Brücken

Bogen ein gleichsam natürlich auf Druck vorge- Für die Formgebung des Bogens als Kasten beste-
spanntes Bauteil ist, weist er dem Bogen einen hen verschiedene Möglichkeiten. Beim 450 m
Anteil der Biegemomente aus asymmetrischer weit gespannten Bogen der Brücke Krk wurde
Last zu. Dadurch wird der Fahrbahnträger als Ver- der Querschnitt des Bogens aus vorgefertigten
steifungsträger entlastet und kann leichter ausge- Elementen über die ganze Länge konstant gehal-
bildet werden. Der Bogen ist hingegen nicht ten. Es gibt aber auch große Bögen mit variablen
mehr derart dünn wie in Maillarts Stabbogen und Kastendimensionen, seien sie auf Gerüst oder im
benötigt entsprechend ein etwas stärkeres Lehrge- Freivorbau hergestellt. Dem erhöhten Schalungs-
rüst. aufwand steht eine Materialökonomie und je
Nach diesem Prinzip hat Menn eine Reihe außeror- nach Umständen auch ein ästhetischer Gewinn ge-
dentlich eleganter Bogenbrücken gebaut. Der lie- genüber.
gende Rechteckquerschnitt des Bogens kann ge- Interessant ist die Ausbildung der Scheitelpartie.
genüber Bogenrippen einen kleinen Mehraufwand Entweder werden Fahrbahn und Bogen ohne ei-
bedeuten [28]. Auch für gekrümmte Fahrbahnen nander zu berühren übereinandergeführt (die figu-
ist dieses Konzept geeignet, bei der Viamalabrü- rative Lösung). Ein überzeugendes Beispiel hier-
cke der Nationalstraße A 13 ergibt sich die für ist die Blouwkraansbrücke in Südafrika. Grö-
Tragwerksgeometrie durch ein geschicktes Mini- ßere Distanzen zwischen Bogen und Fahrbahn
mieren der geometrischen Abweichungen. Die sollten aus ästhetischen Gründen vermieden wer-
Verschiebungen zwischen Fahrbahn und Bogen- den. Eine Verschmelzung von Bogen und Fahr-
achse können durch geringfügige Unterschiede bahn wirkt bei kleineren Brücken ästhetisch bes-
der Neigungen der Pfeilerfluchten aufgenommen ser und leitet die Längskräfte aus der Fahrbahn
werden [29]. auf einfache Weise in den Bogen. Menn empfiehlt,
Für große Spannweiten eignen sich Bogen mit die Bogenachse tangential an die Unterkante der
Kastenquerschnitten. Klassiker dieser Bauweise Fahrbahnträger zu führen [33]. Der verschmol-
stammen aus den 1930er-Jahren: die Elornbrücke zene bergang Fahrbahn-Scheitel ist besonders
in Plougastel, die Sandöbrücke und die Lorraine- dann konstruktiv heikel, wenn Bogen und Fahr-
brücke Bern besitzen alle einen eingespannten Bo- bahnträger als Kasten ausgebildet sind; wenn die
gen mit Hohlkastenquerschnitt in Beton und eine obere Bogenplatte durchgeführt wird, ergeben
vergleichsweise leichte, auf den Bogen aufgestän- sich spitzwinklige Hohlräume oder ineffiziente
derte Fahrbahn. Später entstand in sterreich eine Betonfüllungen. Oder man schneidet die obere
Reihe weitgespannter Brücken mit Hohlkastenbö- Bogenplatte an, dann müssen die großen darin
gen, die auf kühnen Cruciani-Lehrgerüsten herge- wirkenden Kräfte in die Seitenwände umgelenkt
stellt wurden [30]. Parallel dazu entwickelte sich werden. Interessant, weil einfach, ist in diesem
der Freivorbau von Bogenbrücken (Brücken zur Zusammenhang die Kombination eines U-förmi-
Insel Krk, Brücke über die Wilde Gera) [32]. In gen Bogenquerschnitts in Maillart‘schem Sinn
Einzelfällen werden immer noch Melan-Systeme mit einer Fahrbahn als Plattenbalken. Beide Bau-
verwendet, etwa bei der Hundwilertobelbrücke teile vereinigen sich dann in der Scheitelpartie zu
im Kanton Appenzell, Schweiz [32]. einem Hohlkasten. Alle Bauteile sind gut begeh-

Bild 47. Geometrie der Viamalabrücke Bild 48. Scheitelausbildungen von


(Werk Nr. 9/1969) Bogenbrücken
Tragwerkstypen 27

bar und Kraftumleitungen werden vermieden. Die dass sich dieses etwas vergessene System für der-
gegenüber dem Kasten reduzierte Biegesteifigkeit artige Aufgaben gut eignet. Die Biegemomente
des Bogens macht dieses System für Bogen bis im Obergurt sind gegenüber einem Bogen redu-
etwa 200 m Weite praktikabel. ziert und die horizontalen Einwirkungen quer zur
Brücke bieten dank der kräftigen Pfosten keine
4.3.2 Bogen mit aufgehängter Fahrbahn Probleme. sthetisch wird das bei Bogenbrücken
mit aufgehängter Fahrbahn häufig anzutreffende
Früher ein gängiges Tragsystem, werden derartige Missverhältnis zwischen kräftigem Bogen und
Brücken heute fast nur noch in Verbund- oder mageren betonierten Hängern verbessert [34].
Stahlbauweise ausgeführt, in diesen beiden Fällen
besteht der Bogen aus Stahl. Für schmale Brücken
mit geringem Verkehr kann der Betonbogen mit 4.4 Schrägseilbrücken
aufgehängter Fahrbahn zu sehr eleganten Werken Die Seile von Schrägseilbrücken greifen außer-
führen, als Beispiel sei die Reussbrücke im Stau- halb der Fahrbahnen an, dadurch ergeben sich in
denschachen bei Root (Kanton Luzern, Schweiz) jedem Fall größere Spannweiten quer zur Brü-
aufgeführt, die bei 74 m Spannweite eine Pfeil- ckenachse als bei untenliegenden Tragwerken.
höhe von 14 m aufweist (erbaut 1989). Die Beanspruchung der Fahrbahnplatte liegt in
Als Alternative dazu sei kurz der Vierendeelträger ähnlicher Größenordnung wie bei Trogbrücken.
mit gebogenem Obergurt erwähnt. Die Nachrech- Wirtschaftlich gesehen, sind deshalb Schrägseil-
nung und Instandsetzung einer Vierendeelbrücke brücken bei höheren Brücken (die Platz für unten-
für eine Landstraße mit leichtem Verkehr zeigte, liegende Tragwerke bieten) erst dann sinnvoll,
wenn die Mehraufwände in der Fahrbahnplatte
durch die Vorteile in Bezug auf das Haupt-
tragsystem (in Längsrichtung) kompensiert wer-
den. Dies ist in der Regel bei Spannweiten ab
100 m der Fall. Aber auch für kürzere Spannwei-
ten können Schrägseilbrücken wirtschaftlich
sein, wenn die Bauhöhe eingeschränkt oder die
Brückenbreite gering ist, etwa bei Fußgängerbrü-
cken. Schrägseilbrücken sind bei Ingenieuren
und Architekten beliebt, weil sie ihr statisches
Funktionieren ablesbar zeigen und dabei einpräg-
same Bilder erzeugen; ihr Charakter ähnelt jedoch
häufig demjenigen von Primadonnen, die eine
Umgebung benötigen, die entsprechenden Frei-
raum und Großzügigkeit bietet, damit sie wirklich
zur Geltung kommen können.
Riccardo Morandi realisierte eine ganze Reihe von
Zügelgurtbrücken in vorgespanntem Beton. Die
Bild 49. Reussbrücke Staudenschachen vorgespannten Zugglieder sind wesentlich steifer
als Schrägseile, benötigen aber auch einen ent-
sprechenden Arbeitsaufwand. Menns Ganterbrü-
cke gehört auch in diese Kategorie; die vorge-
spannten Abspannscheiben können im Grundriss
gekrümmt geführt werden.

Bild 50. Vierendeelbrücke bei Dalvazza / Küblis, Bild 51. Entwurf der Beltbrücke (aus Riccardo
Prättigau Morandi, Innovazione, Tecnologia, Progetto)
28 Entwurf von Brücken

Die Wiener Donaukanalbrücke (Ingenieur: Alfred zwei Hälften der Brücke wurden erst parallel
Pauser) konnte dank dem Schrägseilprinzip auf zum Kanal gebaut und dann in ihre definitive
eine außergewöhnliche Art hergestellt werden; Lage gedreht. Die konzentrierten knappen Pfeiler
lösten auch das Problem der schiefen Querung
des Flusses wie von selbst, indem trotz des ortho-
gonal aufgebauten berbaus keine Mehrlängen
der Spannweiten auftreten. Der Preis dafür sind
die kräftigen Querträger über den Pfeilern, die
hier im Gesamtzusammenhang überzeugend wir-
ken [35]. Bei größerer Brückenbreite wäre dieses
Konzept auch gut mit einer einzigen zentralen
Seilebene vorstellbar.
Die Rheinbrücke in Diepoldsau (Ingenieure: Bän-
ziger Partner) wurde mit einem plattenförmigen
Bild 52. Donaukanalbrücke Wien Querschnitt im Freivorbau erstellt. Pro Vorbauab-
(Foto: Alfred Pauser) [35]
schnitt wurde ein Kabel angeordnet, was zur Viel-
seilanordnung führte. Der weiche Brückenträger
ist in der Lage, größere differenzielle Setzungen
des Untergrunds aufzunehmen, was die Ausfüh-
rung der Pfeilerfundamente vereinfachte. Die
Schrägseile führen zu einer natürlichen Längs-
vorspannung der Fahrbahnplatte, die nur lokal
durch eine Feldvorspannung ergänzt werden
musste, zudem sind beim Pylon zur Abdeckung
der negativen Momente Kabel eingelegt. In Ab-
ständen von 80 bis 100 cm besteht eine Quervor-
spannung in der Platte ([32], S. 192–201).
Die Schwierigkeiten einer mehrfeldrigen Schräg-
seilbrücke wurden bei der Sunnibergbrücke nahe
Klosters im Prättigau elegant gelöst (Ingenieur:
Menn). Die Fahrbahn bildet im Grundriss einen
Bild 53. Rheinbrücke Diepoldsau Winkel von beinahe 90 Grad, sie konnte deshalb
(Foto: Dialma J. Bänziger) an beiden Enden fest mit dem Baugrund verbunden

Bild 54. Sunnibergbrücke (Foto: Hannes Büchi)


Tragwerkstypen 29

werden, da sie Längenänderungen als in einer hori-


zontalen Ebene elastischer Balken aufnehmen
kann. Die Pfeiler müssen daher quer zur Brücke
elastisch sein, sind aber in Längsrichtung auf der
Höhe der Fahrbahn unverschieblich gehalten. Bei
feldweiser Belastung erzeugen die unterschiedli-
chen Schrägseilkräfte Biegemomente in den Pfei-
lern, die bei der Anschlussstelle der Fahrbahn ma-
ximale Werte erreichen, zu den Pfeilerfüssen hin
aber wieder abnehmen. Die Form der Pfeiler zeigt
diesen Umstand deutlich. Die Brücke wirkt da-
durch ähnlich wie ein mehrfeldriger unverschiebli-
cher Rahmen mit annähernd gelenkigen Stützen-
füssen. Die Querneigung der Pfeiler ergibt sich
aus der Bedingung, mit den Kabeln außerhalb des Bild 55. Pont de Cognac
Lichtraumprofils der gekrümmten Straße zu blei-
ben. Auch hier erfolgte die Herstellung des ber-
baus im Freivorbau, die schlanken Pfeiler ver- che Querschnitte eignen sich auch für das Takt-
mochten die ersten 35 m des Freivorbaus allein zu schiebeverfahren, wobei der Untergurt die Funk-
stabilisieren, anschließend wurde mit zwei nach tion der Lasteintragung in die Stege gut über-
unten geführten gekreuzten Seilen eine zusätzliche nimmt [37].
Windabspannung eingebaut. Die laufende Kon-
trolle der Verformungen des weichen Systems war Verbundträger mit Stahlfachwerken sind unter den
äußerst anspruchsvoll. Der Bau der Brücke de- oben erwähnten Umständen konzeptionell geeig-
monstrierte, mit wie wenig Material eine Spann- nete Varianten. sthetisch überzeugende Ausfüh-
weite von 140 m überbrückt werden kann. Seither rungen benötigen sorgfältige Abklärungen, da
ist das für Anwohner, Wanderer und Autofahrer die sehr unterschiedlich erscheinenden Teile
gleichermaßen beeindruckende Bauwerk zum schwierig unter einen Hut zu bringen sind.
Wahrzeichen der Region geworden [36].
4.5.2 Unterspannungen
4.5 Spezialfälle Vorgespannter Beton eignet sich grundsätzlich gut
4.5.1 Verbundbrücken
für unterspannte Brücken. Die Bauweise ist mate-
rialsparend und kann zu eleganten Tragwerken
Frühe Verbundbrücken bestanden aus einbetonier- führen. Bei konventioneller Herstellung auf einem
ten genieteten Doppel-T-Trägern oder Walzprofi- Lehrgerüst ergeben sich verschiedene Betonier-
len. Sie sind noch heute in großer Anzahl für etappen, die den Bauvorgang etwas träge werden
kurz gespannte Unterführungen unter Eisenbah- lassen. Deshalb ist bei größeren Brücken eine teil-
nen zu finden. weise Vorfertigung der Unterspannung vorteil-
Nach dem Zweiten Weltkrieg kombinierte man die haft.
leichten Stege von Stahlbrücken mit den kosten- Aurelio Muttoni konstruierte einige unterspannte
günstigen betonierten Fahrbahnplatten. Diese Ver- Brücken, die im weitesten Sinn als Halb-Vieren-
bundbauweise ermöglicht durch Einschieben der deelträger anzusehen sind. Die Zuggurte und Dia-
Stahlträger einen Bauvorgang ohne Lehrgerüste gonalen bestehen aus vorgespanntem vorgefertig-
oder Vorbauwagen. Die heutigen schweren Fahr-
bahnplatten (Ermüdung!) lassen erst bei großen
Spannweiten einen merklichen Gewichtsvorteil
entstehen. In Kombination mit vorgefertigten
Fahrbahnelementen ist die Verbundbauweise vor
allem dann vorteilhaft, wenn kurze Bauzeiten ge-
fragt sind.
Vorwiegend in Frankreich sind vielversprechende
Versuche mit Verbund-Kastenträgern angestellt
worden, die auf einer klaren Aufgabenteilung Be-
tongurte-Stahlstege beruhen. Die Verwendung
von gefalteten Blechen sorgt für eine gute Beul-
steifigkeit der Stahlstege wie auch für einen Ver-
bleib der Vorspannkräfte im Beton, weil die in
Längsrichtung weichen Stahlstege praktisch keine
Biege- und Normalspannungen aufnehmen. Sol- Bild 56. Brennobrücke (Foto: Aurelio Muttoni)
30 Entwurf von Brücken

Bild 58. Viadotto Basento

tem Beton, die zusammen mit einem später einbe-


tonierten stählernen Druckgurt gleich auch als
Lehrgerüst dienen. Als Variante können die Zug-
gurte auch aus betongefüllten vorgespannten
Stahl-Hohlquerschnitten hergestellt werden [38].
Die Spannweiten dieser Brücken betragen um die
40 m.
Christian Menn studierte in den 1980er-Jahren ein
innovatives System von Plattenbrücken, die nach
dem Ausschalen und Vorspannen mit nachtäglich
angebrachten Spanngliedern unterspannt werden.
Davon wurde jedoch bislang kein Beispiel reali-
siert [39]. Das nachträgliche Anbringen von au-
ßenliegenden Spanngliedern ist jedoch ein be-
Bild 57. Menn-Unterspannung währtes Mittel zur Verstärkung bestehender Brü-
(Airbrush: Marcel Meili) cken.

Bild 59. Erdbergerbrücke Wien (Foto: Alfred Pauser)


Zusammenfassung: Was ist ein guter Entwurf? 31

4.5.3 Schalenbrücken reich ist es dabei, verschiedene Gewichtungen


durchzuspielen: welches Resultat entsteht, wenn
Sergio Musmeci baute 1963 in Potenza eine außer-
der Reihe nach unterschiedlichen Anforderungen
gewöhnliche Schalenbrücke, die auf ausgedehn-
oberste Priorität gegeben wird? Wie sieht das kos-
ten Studien zur mathematischen Minimierung des
tengünstigste Projekt aus? Wie das unterhalts-
Materialverbrauchs basierte [40].
freundlichste? Welches ist die städtebaulich beste
Eine aus den Gründungs- und Herstellungsbedin- Lösung? Wie würde man als Unternehmer han-
gungen entwickelte Schalenkonstruktion baute deln? Und wie als Denkmalpfleger? Auf diese
Alfred Pauser für die Erdbergerbrücke in Wien Weise werden die Grenzen eines Projekts sichtbar.
([35], S. 133–135). Dadurch wird man in die Lage versetzt, abwägen
zu können. Meist ergeben sich aus solchen Prozes-
sen auch interessante Kombinationen, die schließ-
5 Zusammenfassung: Was ist ein lich zu überzeugenden und gut begründeten Kon-
guter Entwurf? zepten führen. Bei der Formulierung ästhetischer
Werte ist eine große Offenheit wichtig. Die norma-
An einem guten Entwurf fasziniert die Fähigkeit
lerweise zu Recht im Vordergrund stehenden inge-
zur Synthese. Synthese heißt, dasjenige zusam-
nieurkünstlerischen Ideale wie Leichtigkeit,
menzubringen, was auf den ersten Blick nicht
Schlankheit, Transparenz und Ablesbarkeit des
zueinanderpasst. Eine derartige Synthese entsteht
Tragverhaltens sollen nicht absolut genommen
dann, wenn ein Konzept gefunden wird, das
werden – je nach Gegebenheit kann auch ein vor-
gleichzeitig ganz unterschiedliche Anforderungen
sichtiges Infragestellen dieser Ziele angebracht
erfüllt. Konzepte können in der Regel mit wenigen
sein.
Sätzen oder als einfache Planskizzen beschrieben
werden. Sie stehen am Anfang jeder Entwurfsar- Ein Konzept regelt die Zielsetzung der folgenden
beit. Arbeitsschritte. Diese sollen daraufhin kontrolliert
werden, ob sie das Konzept stärken oder es ver-
Der Brückenbauer soll beim Entwerfen auch An-
wässern. Ein gutes Konzept erlaubt es, derartige
forderungen, die nicht statisch-konstruktiver Art
Entscheide rasch und eindeutig zu fällen. Diese
sind, mit einbeziehen. Häufig können gerade der-
Arbeit, die sich bis in die konstruktiven und ge-
artige Einflüsse inspirierend wirken und dazu füh-
stalterischen Details erstreckt, führt folgerichtig
ren, dass ohne gesuchte und aufgesetzte Originali-
zu einem Resultat, in dem das Ganze und die Teile
tät ein eigenständiges Tragwerk entsteht.
untrennbar zusammenpassen. Ein derart zustande
Das Erarbeiten eines vielfältige Einflüsse umfas- gekommenes Bauwerk kann konventionell oder
senden Konzepts geht nicht ohne Hierarchie der innovativ sein, sich unauffällig einfügen oder
einzelnen Einflüsse. Eine Lösung, die allen Wün- sich prächtig präsentieren –in jedem Fall wird es
schen gleichermaßen gerecht würde, gibt es auf einem weit verästelten und in sich schlüssigen
kaum. Vielmehr gilt es, nach wichtigeren und un- Gedankengebäude beruhen – und das macht den
wichtigeren Einflüssen zu unterscheiden. Hilf- guten Entwurf aus.

Bild 60. Schmetterlingsfigur eines Konzepts


32 Entwurf von Brücken

6 Literatur/Anmerkungen [20] Mehlhorn, G.: Handbuch Brücken. Berlin


2007, S. 174.
[1] Donegani, Giovanni: Guida allo Stelvio, Milano [21] Vogel, Th.: Vorspanngrad von Freivorbaubrü-
1842 (Giovanni war der Sohn des Carlo Done- cken, Hinterfragung der Methode des Verfor-
gani). mungsausgleichs. Schweizer Ingenieur und Archi-
[2] Frampton, K.; Bergossi, R.: Rino Tami, opera tekt, 25. Juni. 1998, S. 509–513.
completa. Mendrisio 2008. Tami, Rino: L’auto- [22] Favre, R.: Momentenumlagerung und Verfor-
strada come opera d’arte. In: Carloni, Tita mung. Gedanken des Prüfingenieurs. Schweizer
(Hrsg.): Rino Tami, 50 anni di Architettura, Milano Ingenieur und Architekt, 20. Sept. 1979, S.729 ff.
1984. [23] Schubiger, E.: Zwei vorgespannte Spreng-
[3] Vogel, Th. (Hrsg.): Christian Menn – Brücken- werksbrücken. Schweizerische Bauzeitung, 14.
bauer. Zürich 2009. Juni 1958, S. 355–359.
[4] Achleitner, F.: sterreichische Architektur im [24] Schlaich, J.; Schober, H.: Steg über die Auto-
20. Jahrhundert, Band 2: Kärnten, Steiermark, Bur- bahn bei Kirchheim/Teck. Beton- und Stahlbeton-
genland, Salzburg 1983. Mehlhorn, G. (Hrsg.): bau, Nr.2 / 1994, S. 40–44.
Handbuch Brücken, Berlin 2007, S. 164. [25] Soutter, P.; Schalcher, W.: Vorgespannte Ei-
[5] Bögle, A.; Cachola Schmal, P.; Flagge, I. senbahn-Rahmenbrücke mit V-Stielen über die
(Hrsg.): Leicht weit – Light structures. Jörg neue Umfahrungsstrasse im Stigli bei Andelfin-
Schlaich Rudolf Bergermann, München 2003, S. gen. Schweizerische Bauzeitung, 6. Okt. 1956, S.
224. 616–621.
[6] Billington, D. P.: Robert Maillart, Builder, De- [26] Mivelaz, Ph.: Alexandre Sarrasin et l’esthé-
signer and Artist. Boston 1998, S. 56–60 (Rhein- tique de l’ingénieur. Diss. EPFL No 3865, Lau-
brücken Rheinfelden und Laufenburg). Wettbe- sanne 2007.
werb zur Erlangung von Projekten für eine neue [27] Metry, D.: Viaduc de Sembrancher. In: Frey, P.
Rheinbrücke in Rheinfelden. Schweizerische Bau- und Brühwiler, E.: Alexandre Sarrasin, structures
zeitung, 24. Juli 1909, S. 45 ff. en béton armé, audace et invention. Lausanne,
[7] Hilfiker, H: Zum Gespräch um die Schöllenen. 2002, S. 96–97.
Schweizerische Bauzeitung, 11. Juli 1953, S. 399 [28] Figi, H.: Konzeptionelle Aspekte beim Ent-
ff. wurf von Bogenbrücken. Schweizer Ingenieur
[8] Elskes, E.: Les ponts en fer et l’esthétique, Bul- und Architekt 12. März 1987, S. 268–275.
letin technique de la Suisse romande, 5. Jan. 1902, [29] Menn, Ch.: Viamala-Brücke der N 13, Werk
S. 6 ff. Nr.9/1969, S. 616/617.
[9] Rigendinger, H. (Red.): Felsenaubrücke Bern, [30] Aigner, F.: Betrachtungen zur Stahlbeton-Bo-
Projekt und Ausführung. Chur 1975. genbrücke und deren Herstellung mit dem freitra-
[10] Imbesi, G.; Morandi, M.; Moschini, F. (Hrsg.): genden Cruciani-Lehrgerüst. Beton- und Stahlbe-
Riccardo Morandi, innovazione tecnologia pro- tonbau, Nr.3 / 1990, S. 69–73.
getto. Roma 1991, S. 149, 339. [31] von Wölfel, R.: Talbrücke über die Wilde Gera
[11] Bühler, F.: Die neue eiserne Reussbrücke in – Bogenschluß vollzogen. Beton- und Stahlbeton-
Mellingen. Schweizerische Bauzeitung, 24. Aug. bau, Nr.12 / 1999, S. 546–550.
1929, S. 87. [32] Bänziger, D. J.: Brückenbau 1960–2005,
[12] Bänziger, D. J.; Zimmerli, B.; Berchtold, H.: S.224–235.
Seebrücke Luzern. Schweizer Ingenieur und Ar- [33] Menn, Ch.; Brühwiler, E.: Stahlbetonbrücken.
chitekt, 12. Juni 1997, S. 4 ff. Wien 2003, S. 434.
[13] Picon, A.: L‚art de l‚ingénieur. Paris, 1997, S. [34] Conzett, J.: Ein Vierendeelträger im Prättigau.
259–260. Bündner Monatsblatt, Nr.1 / 2008.
[14] Graf, O. A.: Otto Wagner, Das Werk des Archi- [35] Pauser, A.: Brücken in Wien, Wien 2005, S.
tekten. Wien 1994, Band 1, S. 134. 138.
[15] Finsterwalder, U.: Die Elztalbrücke. Der Bau- [36] Tunnel- und Brückenbau im Raume Klosters,
ingenieur Nr. 6/1966, S. 251 ff. und Nr. 1/1967, verschiedene Aufsätze zur Sunnibergbrücke. In:
S. 14 ff. Schweizer Ingenieur und Architekt, 7. Mai. 1998,
[16] Figi, H.; Lurati, F.; Muttoni, A.; Somaini, D.: S. 337–346.
Umfahrung Saas – Hexentobel- und Marchtobel- [37] Mathivat, J.: L’évolution récente des ponts en
brücke. In: Betonbau in der Schweiz, the 2nd fib- béton précontraint. Ingénieurs et architectes suis-
congress 2006 Naples, fib-CH Betontag 2006 Zü- ses, 26. März 1987, S. 86–91.
rich. SIA Schweizerischer Ingenieur- und Archi- [38] Muttoni, A.: Brücken mit einem innovativen
tektenverein, Zürich 2006. statischen System. Schweizer Ingenieur und Archi-
[17] Carloni, T. (Hrsg.): Rino Tami, 50 anni di Ar- tekt, 26. Juni 1997, S. 548–551.
chitettura. Milano 1984, S. 131. [39] Menn, Ch.: Brückenträger mit Unterspannung.
[18] Nervi, P. L.: Costruire correttamente. Milano Schweizer Ingenieur und Architekt, 26. Feb. 1987,
1964, Tav. CXXVII ff. S. 200–204.
[19] Plattner, R.: Viaduct of Lake Gruyère. IABSE [40] Guccione, M. (Hrsg.): Il ponte e la città. Sergio
Structures C-7/79, S. 40. Musmeci a Potenza. Roma 2004.