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Manuel Becker

Volker Kronenberg
Hedwig Pompe Hrsg.

Fluchtpunkt
Integration
Panorama eines Problemfeldes
Fluchtpunkt Integration
Manuel Becker · Volker Kronenberg
Hedwig Pompe
(Hrsg.)

Fluchtpunkt Integration
Panorama eines Problemfeldes
Herausgeber
Manuel Becker Hedwig Pompe
Bonn, Deutschland Bonn, Deutschland

Volker Kronenberg
Bonn, Deutschland

Der Band wurde gedruckt mit Unterstützung der Universität Bonn

ISBN 978-3-658-19429-1 ISBN 978-3-658-19430-7  (eBook)


DOI 10.1007/978-3-658-19430-7

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Inhalt

Hedwig Pompe
Einleitung: Komplexe Verhältnisse und die Spielräume von
Wissenschaft ............................................................................................. 7

I. Integration und Inklusion


Hans-Georg Soeffner
Identität – Gemeinschaft – Volk. Zur Illusionssemantik einer
pluralen Gesellschaft ............................................................................ 41

Clemens Albrecht
Was sollten wir schaffen? Die sozioökonomische Integration der
Flüchtlinge in die Gesellschaft der Bundesrepublik ........................ 63

Volker Kronenberg
Integration vor Ort: Flucht und Migration als
Herausforderung für die Kommunen – Bilanz und Perspektiven .. 81

Ludger Kühnhardt
Die Europäische Union und das Weltflüchtlingsproblem .............. 101

II. Flüchtling sein


Ulrich Berges/Sebastian Gérard Kirschner
Flucht und Migration im Alten Testament. Spurensuche in
Pentateuch und Rut für eine biblische Fremdenethik ............... 135

Marco Jelić
Anwerbung, Abschottung, Akzeptanz – Zeithistorische
Erfahrungen deutscher Integrationspolitik .................................... 149
6 Inhalt

Rupert Conrad
Flucht und Trauma – Psychische Implikationen der
Heimatlosigkeit ................................................................................... 171

Céline Kaiser
Darstellung des Traumas. Szenarien der Vermittlung und
der Parteinahme.................................................................................. 191

Andrea Schütte
Ein Text flüchtet. Flucht und Migration in Dorothee Elmigers
Roman Schlafgänger .............................................................................. 209

III. Handlungsmacht und Diskurse


Manuel Becker
Flucht und Vertreibung als Erinnerungsort der Deutschen ...... 239

Reinhard Schmidt-Rost
Flüchtlingskrise und Kirchenasyl – die christlich-theologische
Perspektive .......................................................................................... 269

Christian Hillgruber
Kirchenasyl – die Perspektive des staatlichen Rechts ..................... 283

Claus-C. Wiegandt
Wohnorte von Flüchtlingen in Deutschland – eine Balance
zwischen freier Wahl und Zuweisung .............................................. 299

Benjamin Etzold
Arbeit trotz Asyl? Erlebte Chancen und Hürden von
Geflüchteten beim Zugang zu Arbeit ................................................ 319

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren ..................................... 355


Flucht und Migration in Dorothee Elmigers Roman Schlafgänger  209 

Ein Text flüchtet. Flucht und Migration in 
Dorothee Elmigers Roman Schlafgänger 

Andrea Schütte

„[D]ie  Schriftstellerin  gab  zu  Protokoll,  ihre  Texte  handelten  von  allem 
und  von  nichts“.1  Diese  Aussage  der  Schriftstellerin,  einer  der  zahlrei‐
chen  Figuren  in  Dorothee  Elmigers  Roman  Schlafgänger,  lässt  sich  um‐
standslos auf den Roman selbst beziehen: Er handelt scheinbar von allem 
und  von  nichts.  Es  treten  diverse  Figuren  auf,  die  nicht  eingeführt  wer‐
den und deren Identität unklar bleibt. Einige haben Namen, andere nur 
Berufsbezeichnungen.  Im  Verlauf  des  Romans  gelingt  es  dem  Leser, 
manche Figuren mit Namen oder Berufsbezeichnungen zu identifizieren, 
aber  auch  diese  Zuordnungen  sind  vage.  Die  Figuren  bleiben  schablo‐
nenhaft‐schematisch, was nicht nur an ihrer ihnen einmal zugewiesenen 
kommunikativen Rolle, hier vor allem ihren teilweise stereotypen Äuße‐
rungen,  liegt.  Sie  bilden  keine  stabile  Figurenkonstellation,  sondern  er‐
scheinen  als  eine  kontingente  Gruppe,  deren  Mitglieder  wenig  Bezug 
aufeinander  nehmen.  Diese  Figuren  tauchen  aus  dem  Nirgendwo  auf, 
sprechen  unvermittelt  an  unterschiedlichen  Orten,  scheinbar  bezuglos, 
und wählen diverse Themen, deren Zusammenhang allenfalls mit Mühe 
herzustellen ist. Als Leser imaginiert man einen Raum, eine Wohnung, in 
der  sie  auftauchen  und  von  ihren  Erlebnissen  der  nahen  Vergangenheit 
(mit verschwörungstheoretischen Anklängen werden diese Erlebnisse als 
„Veränderung[en]“2  bezeichnet)  berichten,  manchmal  sogar  raunen. 
Auch  die  Figuren  versuchen  mitunter  ihre  unterschiedlichen  Beobach‐
tungen  zu  bündeln  und  werfen  unvermittelt  Themenvorschläge  für  ihr 
Reden ein:  

1   Dorothee Elmiger: Schlafgänger, Köln 2014, S. 29, vgl. auch S. 68. Alle weiteren Zitate 
aus diesem Buch werden im Folgenden mit Angabe der Seitenzahl im Text belegt.  
2   Ebd., S. 26, 52 et passim. 

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M. Becker et al. (Hrsg.), Fluchtpunkt Integration,
DOI 10.1007/978-3-658-19430-7_10
210  Andrea Schütte 

Das Thema, sagte der Journalist, sei der Wert des Körpers. Vielmehr, sagte 
Winnie, gehe es um den Sturz des Körpers. Ob denn überhaupt von einem 
Thema  gesprochen  werden  könne,  warf  der  Logistiker  ein.  Um  ein  wenig 
konkreter zu werden, so Herr Boll: Er sei in einem Gespräch mit seiner Frau 
am Vorabend zu dem Schluss gekommen, das Thema seien die Bürger‐ und 
Menschenrechte. (113f.) 

Ein anderes Mal gibt eine dem Leser unbekannte Frau einen Themenvor‐
schlag: „Das Thema sind vielleicht die Gespenster, warf eine Frau ein, die 
in der Tür zum Speisesaal stand.“ (22) Gespenstisch ist vielleicht, dass es 
kein eindeutig zu identifizierendes Thema gibt, nicht nur für die Reden‐
den  im  Roman,  sondern  auch  für  die  Leser  des  Romans.  Gemeinsam 
scheint den Figuren hier allenfalls die Suche nach einem Thema zu sein, 
eine Suche, die der Rezipient verdoppelt.  
Gerade  weil  sich  der  Roman  auf  innerliterarischer  wie  rezeptions‐
ästhetischer  Ebene  einer  Festlegung  ostentativ  entzieht,  stellt  sich  die 
Frage, ob sich der Text tatsächlich in einer umfassenden Unverbindlich‐
keit  einrichtet,  oder  ob  nicht  das  Gegenteil  der  Fall  ist:  Spricht  aus  dem 
ausdrücklichen  Nicht‐Thema‐Werden  eine  Radikalität  der  thematischen 
Überlegung?  Die  Hervorhebung  des  Nicht‐benannt‐werden‐Könnens 
deutet  zumindest  darauf  hin  und  stellt  damit  das  Thema  des  Nicht‐
Thema‐Werdens  in  aller  Dringlichkeit.  Rekurriert  man  auf  den  griechi‐
schen Ursprung des Wortes ‚Thema’ als ‚das Gesetzte’ (θεμα, τιθημι), so 
wird  deutlich,  dass  sich  der  Roman  dagegen  widersetzt,  dass  irgendet‐
was  festgesetzt  werden  kann.  Stattdessen  kreist  er  um  diverse  Themen, 
Motive, Stoffe, Äußerungen und hält sie so in Bewegung. Der Text wirkt 
insgesamt  somnambul,  die  Figuren  wirken  tatsächlich  wie  „Schlafgän‐
ger“,  und  der  Leser,  der  sich  auf  den  sperrigen  Text  einlässt,  kann  nur 
mitwandeln.  Nur  eines  lässt  sich  offensichtlich  festhalten  und  auch 
schriftlich fixieren:  

Dass diese Erzählungen die Gegenwart betreffen, sagte der Journalist, müs‐
se dringend schriftlich festgehalten werden, es handle sich dabei um einen 
zentralen Punkt. (72) 
Flucht und Migration in Dorothee Elmigers Roman Schlafgänger 211 

Auch  diese  Äußerung  lässt  sich  poetologisch  lesen.  Angesichts  der  be‐
harrlichen Flüchtigkeit des Textes, an dem so schwer etwas festzumachen 
ist und der eben aufgrund seiner somnambulen Wirkung einer Veranke‐
rung in einer ‚Wirklichkeit’ schnell zu entgleiten droht, ist eben dezidiert 
‚festzuhalten’,  dass  er  die  Gegenwart  als  allernächste  Realitätsebene  be‐
trifft. Wie wird Unverbindlichkeit dringend, drängend? 

1. Grenze, Flucht, Migration

Wenn  die  obigen  Reflexionen  in  Betracht  gezogen  haben,  dass  es  kein 
Thema  gibt,  dann  gilt  das  nur  im  Sinne  eines  einheitlichen,  unmittelbar 
auszumachenden  Schwerpunkts,  um  das  sich  das  innerliterarische  Ge‐
spräch oder die Romanlektüre zentriert. Betrachtet man – ganz statistisch 
– die  Häufigkeit  der  unterschiedlichen  Aspekte,  die  ventiliert  werden
und  zu  diversen  Themen  gerinnen,  so  lassen  sich  sechs  Hauptcluster
ausmachen:  Grenze,  Flucht,  Schlaf,  Fallen/Tod,  Identität/Orientierung,
Gespenster. Zumindest für die Cluster ‚Grenze’ und ‚Flucht’ gilt, dass ihr
Gegenwartsbezug  heute,  wenige  Jahre  nach  Publikation  des  Buches,
nicht betont werden muss. Damit legt der Roman seine Verbindung zum
gesellschaftspolitischen  Geschehen,  genauer:  zur  europäischen  Flücht‐
lingssituation,  nahe,  ohne  sich  thematisch  oder  gar  politisch  tendenziös
festzulegen.  Internet‐Suchmaschinen  finden  den  Roman,  weil  Rezensio‐
nen  schreiben,  dass  es  unter  anderem  um  Flüchtlinge  geht,  aber  es  ist
kein  Roman,  der  in  irgendeiner  Form  tatsächliche  oder  fiktive  Flücht‐
lingsschicksale narrativiert und damit zur Kommentierung oder Emotio‐
nalisierung freigibt. Es ist ein Roman, der über die gegenwärtige Flücht‐
lingssituation  spricht,  ohne  sie  zum  alleinigen  Thema  zu  machen.  Erst
der Rezipient macht diesen offenen Text zum tagespolitischen, und gera‐
de  weil  die  tagespolitische  Situation  dringlich  ist,  ist  es  auch  der  sich
entziehende  Roman.  Das  ist  ein  Weg,  einen  Text  über  die  Flucht  von
Menschen  gerade  durch  seine  Flüchtigkeit  hindurch  verbindlich,  dring‐
lich  zu  machen.  Inhalt  und  Darstellungsart  werden  hier  deckungsgleich
und  nehmen  die  Gegenwart  mitsamt  dem  politisch  interessierten  Leser
212  Andrea Schütte 

noch  mit  in  ihren  Verbund  hinein.  Wenn  man  sich  auf  den  flüchtigen 
Text  einlässt,  gibt  er  durch  die  scheinbare  Unverbindlichkeit  auf  der 
Oberfläche eindeutige Stimmen frei.  
Die  meisten  auftretenden  Figuren  verbinden  Erlebnisse  mit  der 
Grenze  und  mit  Grenzübertritten.  In  der  Regel  sind  es  solche  geogra‐
phisch‐politischer  Art.  Der  Logistiker  wohnt  in  der  Nähe  der  schweize‐
risch‐französischen  Grenze,  geht  nachts  –  weil  er  unter  Schlaflosigkeit 
leidet  –  dorthin,  beobachtet  die  Überquerungen  oder  verfolgt  das  Ge‐
schehen in medialer Vermittlung: „[Ü]ber die Grenze kamen und gingen 
die  Leute  zu  dieser  Zeit,  zu  jeder  Zeit“  (9).  Die  Überquerungen  werden 
zum  Normalfall,  und  auch  dann,  wenn  der  Logistiker  nachts  nicht  zur 
Grenze  geht,  sondern  in  die  entgegengesetzte  Richtung,  verlässt  sie  ihn 
nicht: 
 
Ich ging vorbei an der Endhaltestelle der Straßenbahn Richtung Stadt, und 
wie ich mich von der Grenze entfernte und stadteinwärts ging, tauchten an 
meiner Seite plötzlich Personen auf, sie gingen scheinbar mit mir auf Wan‐
derung, ein Mann mit einer Decke über den Schultern, Frauen mit Gepäck, 
dazwischen ein Kind, das fragte: Was tun? (12) 
 
Es scheint sich um diejenigen Menschen zu handeln, über die kurz zuvor 
gesagt  wurde,  „die  warmen  Körper  der  Flüchtlinge  wurden  im  Wald 
entdeckt“ (ebd.). Mit ihnen geht der Logistiker „über Hügel, über ganze 
Kontinente“  (ebd.).  Das  Thema  der  Grenze  und  ihrer  Überquerung  holt 
alle Subjekte ein. Der Logistiker trifft nicht nur auf Flüchtlinge, sondern 
er  wandert  sogar  mit  ihnen.  Man  erkennt  die Steigerung  der  Mithinein‐
nahme in die Migrationsbewegung: vom Wohnort („Rue de la Frontière“, 
24)  über  den  Aufenthaltsort  (nachts  an  der  Grenze)  zur  Begegnung  mit 
Flüchtlingen bis zu ihrer Begleitung und gemeinsamen Wanderung. Die 
Steigerung wird weitergeführt: 
 
[W]ir gingen immer weiter, aber vor Einbruch der Nacht gelangten wir wie 
von Geisterhand von Mulhouse her wieder über die Grenze nach Basel, in 
der Elsässerstraße war kein Mensch zu sehen, der Grenzübergang lag ver‐
lassen da, nur am Fenster der Wohnung stand ich selbst mit weit geöffneten 
Augen  und  stumm,  als  sei  mir  das  letzte  Wort  im  Mund  noch  vergangen. 
(ebd.) 
 
Flucht und Migration in Dorothee Elmigers Roman Schlafgänger  213 

Die Grenzüberquerung erreicht die personale Ebene: Der Logistiker sieht 
sich in seiner Wohnung, während er mit den Flüchtlingen in Bewegung 
ist.  Sein  Körper  scheint  über  ihn  hinausgegangen  zu  sein  und  sich  ver‐
doppelt  zu  haben.  Diese  Doppelsicht3  ließe  sich  erklären  als  Bewusst‐
seinstrübung  aufgrund  seiner  Schlaflosigkeit.  Doch  als  Klimax  der  Hin‐
einnahme  der  Überquerungsbewegung  ist  dieses  Hinausgehen  über  die 
Grenze  der  eigenen  Person  durchaus  so  radikal  zu  verstehen.  Damit 
rückt das ‚Thema’ der ‚Grenze’ so nah wie möglich an ihn als Einheimi‐
schen4 heran. Zugleich hier und an einem anderen Ort zu sein, mag wohl 
eine  basale  Erfahrung  aller  Flüchtenden  sein,  die  an  dieser  Stelle  von 
einem Nicht‐Flüchtenden auf andere Weise nachempfunden wird.  
Doch  diese  Mithineinnahme  bezieht  sich  nur  auf  die  Struktur  der 
Bewegung und ist keineswegs im Sinne einer emotionalen Identifikation 
mit  den  Flüchtenden  zu  verstehen.  Das  gilt  sowohl  innerliterarisch  wie 
rezeptionsästhetisch:  Bevor  das  Bild  der  entdeckten  und  nun  ratlosen 
Flüchtlinge  beim  Rezipienten  Mitleid  erregen  könnte,  stößt  der  Flücht‐
ling, der Mann mit der Decke über den Schultern, eine andere Konnotati‐
on  an:  Der  Logistiker  findet  ihn  in  seiner  eigenen  Küche  wieder,  wo  er 
einen  Zeitungsartikel  liest,  in  dem  es  um  die  Kriminalität  von  Grenz‐
überquerenden geht: 
 
[I]ch  sah  die  Schlagzeilen,  eine  Frau  schmuggelt  Kokain  im  Intimbereich, 
Frau mit 152 Gramm Kokain in Vagina von Grenzwächtern geschnappt, 152 
Gramm! Frau (20) schmuggelt Kokain in Vagina, Schmuggel‐Trick: Kokain 
in der Vagina, eine Nigerianerin trug den Stoff zwischen ihren Beinen [...]. 
(13) 
 

3   Eine  weitere  bezeichnende  Textstelle  sei  hier  genannt:  „Nach  Tagen  ohne  Schlaf  ver‐
ließ ich dann das Haus, ich trat auf die Straße, das helle Licht schoss mir gewaltig in 
die  Augen,  und  als  ich  zurückblickte,  sah  ich  eine  Person  in  meiner  Wohnung  am 
Fenster stehen, es schien mir für einen Augenblick, als sähe ich mich selbst im Schlaf, 
als  stünde  der  eine  schlafend  am  Fenster  oder  als  ginge  der  andere  schlafwandelnd 
aus dem Haus, aber ich schlief nicht, nein, war wach“ (10). 
4   Auch wenn die Nationalität des Logistikers nicht genannt wird, ist davon auszugehen, 
dass er Schweizer Bürger ist. Wenn hier die Bezeichnung „Einheimischer“ und später 
auch „Inländer“ gewählt wird, so ist das im unemphatischen Sinne gemeint. 
214  Andrea Schütte 

Damit ist die dunkle Seite der Migration benannt – und zwar durch die 
Häufung mehr als deutlich –, die zugleich alle Ängste mitzitiert, die Ein‐
heimische  angesichts  von  Einwanderung  befällt.5  Der  Grenzübertritt 
wird in dieser Logik gleichgesetzt mit Gesetzesübertritt. Zwar wird spä‐
ter  eine  Lebens‐  oder  eher  Sterbensgeschichte  erzählt,  in  der  ein Afrika‐
ner  von  Schleppern  zum  Schmuggel  gezwungen  wird  –  bei  dessen  be‐
hördlicher Aufdeckung er durch Einwirkung der Polizei stirbt (vgl. 17f.). 
Das  zwingt  die  insinuierte  Verbindung  von  Migration  und  Kriminalität 
zu differenzierterer Betrachtung. Dennoch bleibt an dieser Stelle, die den 
Zeitungsartikel  zum  Schmuggel  in  der  Vagina  zitiert,  der  Konnex  un‐
kommentiert.  Die  Textstelle  öffnet  sich  damit  für  gegensätzliche  politi‐
sche  Haltungen  und  Bewertungen:  Man  mag  den  Zusammenhang  affir‐
mieren oder sich empören über die hier nahe gelegte Verbindung. Oder 
man nimmt zusammen mit den Romanfiguren zur Kenntnis, dass es so‐
wohl  illegale  Übergriffe  auf  Flüchtende  als  auch  Migranten,  die  illegal 
handeln, schlichtweg gibt, ohne daraus politische Ableitungen zu formu‐
lieren.  Mit  einem  Stoizismus  scheint  der  Text  die  Binsenwahrheit  der 
Globalisierung  hinzunehmen,  nämlich  dass  die  Öffnung  der  Grenzen 
gekoppelt  ist  an  deren  Überschreiten  in  umgekehrter  Richtung.6  Und  er 
scheint  hinzunehmen,  dass  die  Grenzüberquerenden  eventuell  auch  die 
Gesetze  übertreten.7  Der  Roman  nennt  immer  beide  Möglichkeiten  der 
Realisierung,  ohne  sich  auf  eine  Lesart  festzulegen.  Alle  stabilen  Deter‐

5   Vgl. auch ebd., S. 50: „Reporter: Hier laufen die Asylanten jeweils hin und her? Bürger: 
Richtig, das ist eins von diesen Sträßchen, also Gemeindestraßen, wo sich alles kanali‐
siert.  Der  Reporter  wirft  einen  Blick  über  seine  Schulter,  Bürger:  Das  einzige  Trak‐
tandum, das wir eigentlich haben, ist die Frage: Brauchen wir eine Bürgerwehr, oder 
sind die verantwortlichen Personen und Stellen in der Lage, fähig und willens, geord‐
nete Verhältnisse zu schaffen?“ und S. 54: „[D]ie Politikerin sagte, sie verwende zur Il‐
lustration  ihrer  Ausführungen  über  die  Flüchtlinge  nun  einen  Begriff  aus  der  Jagd, 
dabei waren ihre Lippen immer schmaler geworden“. Es gibt noch weitere Textstellen, 
die Stimmen zitieren, welche einer solchen Argumentation bzw. Bewertung folgen.  
6   Vgl.  auch  Tom  Holert/Mark  Terkessidis:  Fliehkraft.  Gesellschaft  in  Bewegung  –  von 
Migranten und Touristen, Köln 2006. 
7   Auch für die Illegalität gibt es gute Gründe: Der Roman zitiert die Witwe eines Wider‐
ständlers im NS‐Regime: „[F]ür ihn, so zitierte Johanna Ader‐Appels ihren Mann, sei 
die einzig legale Lebensweise unter diesem Regime die illegale gewesen“ (127). 
Flucht und Migration in Dorothee Elmigers Roman Schlafgänger  215 

minierungen sind nicht nur in diesem Text fehl am Platz, das weiß auch 
die Übersetzerin: 
 
Diese Art von Erzählung, sagte die Übersetzerin, läuft Gefahr, die erwähn‐
ten  Schlafgänger  erneut  auf  einen  Platz  zu  verweisen,  der  sich  irgendwo, 
aber keinesfalls hier befindet, du hast nur ein neues Wort gefunden für die 
Flüchtlinge,  aber  im  Schlaf  haben  diese,  so  scheint  es,  keine  Stimmen  und 
keinen klaren Verstand. (86) 
 
Diese  Textstelle  ist  recht  erratisch,  aber  ablesbar  wird  hier,  dass  die  Art 
der  Erzählung  über  Flüchtlinge  nicht  auf  einen  festen  Platz  verwiesen 
werden darf. Das gilt für das Erzählte wie für die Erzählung selbst. Hier 
zeigt sich, warum der Roman es vorzieht, sich einer eindeutigen Themen‐
festlegung  zu  entziehen,  um  stattdessen  immer  ein  Bündel  an  Themen, 
diverse  Lesarten,  mehrere  Möglichkeiten  der  Bewertung  aufzufächern. 
Alle  Eindeutigkeit,  auch  die  literarische,  wird  der  Flüchtlingssituation 
nicht gerecht.  
Ähnliches spiegelt sich in der Figur der Schriftstellerin wider. Auch 
sie  nimmt  eine  widersprüchlich  scheinende  Haltung  zum  Thema  der 
Grenze  ein.  Zunächst  scheint  sie  gedanklich  derart  damit  beschäftigt  zu 
sein,  dass  sie  auf  einer  Konferenz  im  Grenzgebiet  von  Kalifornien  und 
Mexiko über nichts anderes spricht: 
 
Ich begegnete der Schriftstellerin im April, sagte A.L. Erika mit einem Sei‐
tenblick [...]. Sie nahm, so fuhr sie fort, an einem Gespräch teil, das sich mit 
dem  Akt  des  Fallens  in  der  Literatur  beschäftigte.  Während  die  weiteren 
Teilnehmer, die alle als ausgewiesene Koryphäen auf ihrem jeweiligen Ge‐
biet  vorgestellt  wurden,  sich  in  ihren  Wortmeldungen  hauptsächlich  auf 
das vorgegebene Thema bezogen, sprach die Schriftstellerin ohne ersichtli‐
chen  Zusammenhang  mehrmals  und  mit  lauter  Stimme  über  die  Grenze, 
ein lästiges Hemmnis, eine Hinderung, wie sie sagte, die sie studiert habe, 
und sie spreche von der tatsächlichen Grenze, wie man sie auch hier sehen 
könne, wenn man nur hundertvierzig Meilen südlich fahre bis zu der Stelle, 
wo der Zaun im pazifischen Ozean ende, el fin de la línea fronteriza, rief sie 
aus, und als der Moderator des Gesprächs, ein Doktorand der Universität, 
ihr  endlich  verlegen  ins  Wort  fiel,  sagte  sie,  sie  bitte  um  Verzeihung,  aber 
sie sei nun bereits fünfzig Jahre alt und müsse dringend sprechen, bevor sie 
ihr  letzter  Atem  in  Form  einer  Biene  verlasse,  die  dann,  immerhin,  die  er‐
wähnte Grenzlinie unbeschwert überqueren könne. (30f.) 
 
216  Andrea Schütte 

Themen stellen sich den Menschen, treten an sie heran, und nicht umge‐
kehrt. Das Thema der Grenze zumindest ist keines, das arrondiert (eben: 
begrenzt)  werden  und  Gegenstand  eines  wissenschaftlichen  Gesprächs 
sein könnte. Es drängt sich auf und bestimmt Denken und Reden, nimmt 
den  Menschen  vollständig  ein.  Die  Verhältnisse  werden  umgekehrt: 
Nicht die Redende sucht sich einen Gegenstand aus, über den sie in freier 
Wahl sprechen möchte, sondern dieser drängt sich der Redenden derart 
auf,  dass  sie  es  nicht  vermeiden  oder  umgehen  kann.  Das  Gesetzte 
(griech. thema) setzt. Das Sujet, Objekt der Rede, wird hier zum Subjekt, 
zur beherrschenden Instanz der Rede.  
Die Schriftstellerin stellt allerdings fest, dass sie – bei aller Dringlich‐
keit  des  Redens  über  diesen  Aspekt  –  über  die  Grenze  nicht  schreiben 
kann: 
 
In  einem  Brief  schrieb  die  Schriftstellerin,  sie  habe  nach  dem  Gang  durch 
den Wald ihre Arbeit an dem Text, der die Grenze behandle, verworfen, sie 
sei  Schriftstellerin,  schrieb  die  Schriftstellerin,  und  der  Umstand,  dass  die 
missliche Lage an ebendieser Grenze ihr schriftstellerisches Kapital darstel‐
le, sei unerträglich, es sei schon äußerst dreist von ihr gewesen, überhaupt 
eine Reise in diese Gebiete zu unternehmen, sie habe, sagte die Schriftstelle‐
rin, ihren Schreibstift beiseitegelegt. (58) 
 
Hier  erscheint  zwar  deutlich  eine  ethische  Komponente,  doch  die  Ver‐
lässlichkeit  dieser  ethisch  motivierten  Grundsatzentscheidung,  über  die 
Grenze  nicht  schreiben  zu  können,  weil  sie  es  sich  selbst  nicht  erlaubt, 
wird  später  unterhöhlt:  Die  Schriftstellerin  hat  doch  ein  Buch  über  ihre 
Reise  an  die  Grenzen  geschrieben,  „die  stets  demütigend,  wenn  nicht 
tödlich sind“ (129). 20 Belegexemplare dieser Grenzgeschichten erhält sie 
an  ihrem  Geburtstag  vom  Verleger,  der  ihr  schriftlich  zum  Geburtstag 
und zur Veröffentlichung des Buches gratuliert. Empört über die „Takt‐
losigkeit  des  Verlegers“  und  bestürzt  über  die  darin  „offensichtliche 
Wirkungslosigkeit“ ihres Buches (ebd.) beschließt sie auch hier, mit dem 
Schreiben  ganz  aufzuhören.  Die  folgenden  Äußerungen  der  anderen 
Figuren decouvrieren die moralische Haltung der Schriftstellerin aber als 
inszeniert. Sie habe ein rauschendes Geburtstagsfest gefeiert und berich‐
tet,  sie  hätte  nun  „erstmals  das  Gefühl,  als  Schriftstellerin  ernst  genom‐
Flucht und Migration in Dorothee Elmigers Roman Schlafgänger  217 

men zu werden“ (130). Die Schriftstellerin scheint mehrere Rollen einzu‐
nehmen,  von  der  Mahnerin,  deren  Redeanliegen  existentiell  sind,  zur 
Moralistin,  die  humanitäre  Aspekte  über  alle  anderen  stellt,  bis  zur 
Schauspielerin, die sich inszeniert. Darum ist die Frage, ob sie lügt oder 
nicht (sie sagt, „sie sei keine Lügnerin, auch nie eine gewesen“ [18], „zu‐
weilen  lüge ich  wie gedruckt“  [58]), auch  keine  echte  Entscheidungsfra‐
ge. Sie nimmt unterschiedliche Rollen ein, deren Haltungen alle die Frage 
nach  dem  Modus  des  Redens  und  Schreibens  über  die  Grenze  in  den 
Blick nehmen. Dass die unterschiedlichen Haltungen alle in einer Person 
verbunden und nicht auf unterschiedliche Figuren verteilt sind, radikali‐
siert  die  Auseinandersetzung  mit  ihnen  nur  noch,  verdichtet  sie  wort‐
wörtlich. Die Schriftstellerin redet nur noch von der Grenze, entschieden 
gar nicht mehr oder vergisst sie. So radikal, wie sie ihre Positionen ver‐
tritt, ließen sich die drei Rollen noch radikalisieren zum Paradox, dass sie 
alles  zugleich  macht.  Wenn  oben  festgestellt  wurde,  dass  die  Art  von 
Erzählung  über  die  Flüchtlinge  nicht  auf  einen  festen  Platz  verweisen 
und  verwiesen  werden  dürfe,  so  gilt  das  hier  auch  in  Bezug  auf  die 
Grenze:  Auch  die  Erzählung  darüber  muss  sich  derart  auffächern,  dass 
keine Festlegung möglich ist.  
Eingelöst  wird  das  auch  durch  die  verschiedenen,  auf  die  anderen 
Figuren  verteilten  Berichte,  die  teilweise  nur  angerissen  werden  und 
deren  Kommunikationsabsicht  oder  Zusammenhang  oft  nicht  deutlich 
wird. So wird eine Verbindung zwischen dem Beruf des Logistikers und 
dem  Grenzgeschehen  gesehen:  „Wer  nämlich,  hob  der  Student  zu  einer 
Erklärung  an,  eine  Grenze  unbesehen  überqueren  will  oder  muss,  ver‐
sucht  nicht  selten  den  Güterverkehr  zu  nutzen“  (119).  Allerdings  wird 
über  die  Arbeit  des  Logistikers  nichts  gesagt;  seine  Grenzerfahrungen 
beruhen  allein  auf  seinen  schlafwandlerischen  Gängen.  Die  Flüchtlinge, 
die  in  Güterfahrzeugen  über  die  Grenze  gelangen,  werden  im  Dunkeln 
mit  Wärmebildkameras  zu  entdecken  versucht.  Manchmal  verwechselt 
man  sie  mit  Wildschweinen.  A.L.  Erika  reist  nach  Kalifornien,  um  eine 
Reportage über das Grenzgebiet zu Mexiko zu schreiben. Aber sie schafft 
es  nicht,  diesen  Text  zu  schreiben.  Sie  trifft  in  Los  Angeles  einen  Mann 
aus  der  mexikanischen  Grenzstadt  Mexicali,  den  sie  dafür  befragen 
218  Andrea Schütte 

müsste, aber sie sagt kein Wort (vgl. 37). Stattdessen imaginiert sie seinen 
klandestinen  Grenzübertritt  und  bemerkt  anschließend,  dass  diese  Vor‐
stellung auch schon Züge von Gewalt in sich trage:  

[I]ch  hatte  mir  mit  meiner  Vermutung  seinen  Körper  unterworfen,  als  ich
abends in meinem ruhigen Zimmer saß, ohne, dass er es ahnte, hatte ich ihn 
gewaltsam in diesen Zusammenhang gestellt, den ich selbst nicht aus erster
Hand kannte, es hatte mich gereizt, auf diese Weise über seinen Körper zu 
verfügen [...]. (37f.)

Imagination,  Fiktion,  sogar  schon  Zusammenhang,  birgt  eine  Form  von 


Gewalt in sich, die offensichtlich der persönlichen Situation eines Flücht‐
lings nie entspricht. Darum kann A.L. Erika auch nicht schreiben. Nicht, 
weil – so begründet sie ihr Nicht‐Schreiben‐Können – „die Dinge zu jener 
Zeit  so  augenfällig  von  mir  standen,  dass  sie  weder  eine  Erklärung 
brauchten,  noch  in  eine  Ordnung  gebracht  werden  mussten“  (34), 
schreibt  sie  nicht,  sondern  weil  sie  die  Wahrnehmung  nicht  mehr  von 
den  Geschichten  der  schmerzvollen  Grenzüberquerung  trennen  kann. 
Alle  Personen,  die  ihr  im  Grenzgebiet  begegnen,  werden  mit  einer  sol‐
chen Geschichte versehen: 

[I]ch fragte mich, ob es dieselben Körper waren, von denen ich hörte, dass 
sie  nachts  durch  dunkle  Flüsse  schwammen,  dass  sie  sich  durch  Wüsten
schafften, auch jetzt, in diesem Moment, in dem wir da saßen, dass sie in ih‐
ren Taschen zweihundert Tabletten trügen, caja con 200 tabletas, gegen den
schmerzenden Körper auf der endlosen Wanderung, DOLOR, dass sie sich
stillschweigend in einen Transporter legten, um so die Grenze zu überque‐
ren vom südlichen ins nördliche Amerika. (34f.)

Und dann ist da noch die Familie Boll. Herr Boll berichtet die immerglei‐
che  Geschichte  von  einer  Flucht  durch  einen  nächtlichen  Wald,  von  ei‐
nem Mann ohne Landkarte, ohne Sicht, die Arme von sich gestreckt, „um 
die  Bäume  noch  zu  ertasten,  die  nach  wie  vor  einen  europäischen  Ein‐
druck  machen“  (42).  Sein  Sohn  Fortunat  berichtet  von  der  Emigration 
seiner  Vorfahren  nach  Texas,  von  seiner  Reise  in  das  kalifornisch‐
mexikanische Grenzgebiet, und seine Familie zitiert historische und my‐
thologische  Fluchtzeugnisse  aus  Literatur  und  Bildender  Kunst.  Neben 
einem Studenten, der Schwester des Logistikers und deren Mann nimmt 
Flucht und Migration in Dorothee Elmigers Roman Schlafgänger 219 

ein Journalist, der mit dem Logistiker in Verbindung steht, einen wichti‐
gen Platz ein. Er ruft den Logistiker an und berichtet von seinen Beobach‐
tungen  und  Erfahrungen,  vor  allem  auch  in  Bezug  auf  die  Grenz‐  und 
Flüchtlingssituation. Insgesamt zeigt sich: Unzählige Grenz‐ und Grenz‐
überquerungsgeschichten  entlässt  der  Roman  aus  sich,  die  aber  eben 
nicht  „zu  einer  einzigen  langen  Rede  zusammengefügt“  (128)  werden 
können,  sondern  bewusst  so  traumähnlich,  bruchstückhaft  und  unzu‐
sammenhängend,  gleichwohl  sich  teilweise  wiederholend,  aneinander 
montiert sind, dass keine Orientierung und Ausrichtung des Textes statt‐
finden kann. Nicht nur der Leser, auch der Text irrt scheinbar umher und 
praktiziert  damit  das,  was  einen  seiner  ‚Gegenstände’,  die  Flüchtlinge, 
charakterisiert: Migration. Der Text flüchtet.8  

2. Orientierung, Identität

Für den Leser ist es schwer, sich in diesem flüchtenden Text zu orientie‐
ren.  Die  Stimmen  erzählen  von  diversen  Orten,  an  denen  sie  anwesend 
waren  oder  sind.  Teilweise  entsteht  der  Eindruck,  die  Figuren  seien  an 
mehreren  Orten  zugleich.  Es  gibt  kein  einheitliches  Raumkonzept,  das 
der Roman bedient. Der Leser kann sich nicht an festen Raum‐ und Zeit‐
koordinaten  festhalten.  Wenn  der  Logistiker  sagt,  dass  er  mit  Flüchtlin‐
gen „über ganze Kontinente“ (12) gegangen sei, wenn Stimmen von Mi‐
grationsverhältnissen  in  Nord‐  und  Südamerika  berichten,  dann  ist  der 
Raumaufriss gemacht: Es geht nicht nur um die Schweiz und deren (Im‐) 
Migrationsprobleme,  sondern  um  Migration  als  weltgesellschaftliches 
Phänomen.  Umso  schneller  die  Stimmen  allerdings  von  einem  Brenn‐

8   Ähnlich  liest  es  Wiebke  Porombka  in  ihrer  Rezension  des  Romans:  Dem  Text  wider‐
fahre „doch etwas Ähnliches wie den Menschen, die er zum Gegenstand hat: Er wird 
in  einem  Maße  seiner  Körperlichkeit,  seiner  natürlichen  Sinnlichkeit  beraubt,  dass  er 
sich vor dem Leser aufzulösen droht“. Wiebke Porombka: Über das Leid zu schreiben 
ist  ausbeuterisch,  in:  Frankfurter  Allgemeine  Zeitung,  09.08.2014, 
http://www.buecher.de/shop/schweiz/schlafgaenger/elmiger‐
dorothee/products_products/ detail/prod_id/40018473/. 
220  Andrea Schütte 

punkt der Migration zum anderen springen und der Roman keine raum‐
zeitliche Vermittlung anbietet, umso weniger findet Orientierung statt.  
Das  gilt  nicht  nur  für  den  Leser,  sondern  auch  die  Figuren  finden 
sich  nicht  mehr  zurecht:  A.L.  Erika  geht  zu  Fuß  durch  L.A.,  folgt  dabei 
stundenlang  einer  einzigen  Straße  und  bemerkt  beim  anschließenden 
Blick  in  den  Stadtplan,  dass  sie  sich  „doch  kaum  von  der  Stelle  bewegt 
hatte“ (29). Auch der Logistiker, der Wege und Verkehr bestens kennen 
sollte, ist desorientiert: „[I]ch erinnerte mich plötzlich weder an die geo‐
graphische Lage der Wohnung noch an meinen Weg dahin, ich hatte den 
Eindruck, das Haus befände sich an einem unbekannten Rand der Stadt“ 
(52).  Personen  begegnen  nicht  nur  dem  Logistiker  innerhalb  kürzester 
Zeit an weit entfernten Orten wieder (vgl. 54). Die Koordinaten und Be‐
zugssysteme, die den Alltag organisieren, sind für den Logistiker aufge‐
hoben.  Ihm  werden  mitunter  „die  Dinge  mit  zunehmender  Entfernung 
fremd,  ich  sah  nicht  mehr  die  Gabel,  das  Glas  und  so  weiter  als  Gabel 
und  als  Glas,  sondern  sah  nur  etwas  vor  mir  liegen,  ein  so  und  so  ge‐
formtes  Objekt,  das  stand  in  keinerlei  Beziehung  zu  mir  selbst“  (8).  Sei‐
nen  Grund  hatte  diese  beziehungslose  Wahrnehmung  natürlich  in  sei‐
nem Schlafentzug. Sieht man aber diesen Schlafentzug als Ausdruck der 
allgemeinen Rastlosigkeit der im Roman dargestellten Situation, der hin 
und her migrierenden Menschen, dann gibt die Bezugslosigkeit natürlich 
zu denken. Dann ist Migration nicht nur mit dem Verlassen eines stabilen 
Bezugssystems  und  der  Einfügung  in  ein  neues  Bezugssystem  verbun‐
den, sondern sie stellt diverse Bezugssysteme radikal in Frage, auch die 
der  Einheimischen,  die  auf  ihre  Weise  genauso  desorientiert  wandern 
wie  der  Logistiker,  der  ja  eigentlich  Ströme  von  Gütern,  Informationen 
und  Personen  kompetent  planen,  steuern,  optimieren  und  durchführen 
können müsste. 
Die  Desorientierung  betrifft  auch  die  Körper  der  Anwesenden.  So 
empfindet  der  Student  seinen  eigenen  Körper  als  einen  „ungenügen‐
de[n]“, der sich ihm „ständig entzieht“ (89). Er versucht ihn „unter Ver‐
schluss  zu  halten“,  unterzieht  ihn  aber  selbst  einer  ständigen  Beobach‐
tung,  die  ihn  nur  noch  mehr  beunruhigt.  Das  Fremde  seines  eigenen 
Körpers schockiert ihn, was der Journalist in einen größeren Zusammen‐
Flucht und Migration in Dorothee Elmigers Roman Schlafgänger  221 

hang  stellt:  Das  Fremde  beginne  „also  an  dieser  Stelle  des  eigenen  Kör‐
pers“ (91).  
Damit  sind  zentrale  Fragen  nach  der  eigenen  Identität  gestellt.  Per‐
sonale  Identität  ist  nicht  ohne  den  Einschluss  von  Alterität zu  denken  – 
dieser  Allgemeinplatz  der  Xenologie  ließe  sich  hier  anschließen,  ebenso 
die  Umkehrung,  dass  sich  das  Eigene  im  Fremden  wiederfinden  lässt. 
Dieser Chiasmus wird oft aufgerufen, wenn es darum geht, die Konfron‐
tation  von  Eigenem  und  Fremden,  wenn  sie  sauber  auf  Individuen  ver‐
teilt  sind  (Einheimische  versus  Ausländer),  abzumildern.  Hier  jedoch 
wird  die  chiastische  Verschränkung  weiter  radikalisiert:  Das  Fremde  ist 
nicht nur als fest umrissene Größe in das Eigene eingeschlossen, sondern 
es  ist  derart  in  das  Eigene  eingewoben,  dass  letzteres  vollständig  perfo‐
riert  wird.  Identität  und  Alterität  werden  tendenziell  ununterscheidbar. 
Anschaulich wurde das bereits an der Figur des Logistikers – seiner Ich‐
Verdoppelung  einerseits,  seiner  Einreihung  in  die  Flüchtenden  anderer‐
seits. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass diese radikale Infragestellung 
der  personalen  Identität der  Inländer  das  Projekt  des  Romans  ist.  Zwei  der 
Ebenen, auf denen der Roman dies vorführt, sollen hier vorgestellt wer‐
den:  Die  Auflösung  der  personalen  Identitätsform  a)  durch  Einführung 
eines sozialen Rollen‐ und Programmkonzepts, das literarisch umgesetzt 
wird, und b) durch Einführung eines fiktionalen Prinzips, das das Rollen‐ 
und  Programmkonzept  nochmals  radikalisiert.  Da  beide  Formen  die 
Stabilitätsgarantien,  die  mit  einem  klassischen  Begriff  von  personaler 
Identität  verbunden  sind,  desavouieren,  werden  sie  hier  als  Beunruhi‐
gung I und Beunruhigung II bezeichnet: 
 
a) Beunruhigung I 
Wie radikal sich die Flüchtlinge dem Nachweis ihrer Identität aus politi‐
schen  Gründen  entziehen  können,  wie  opferbereit  sie  ihre  Identität  auf‐
zugeben bereit sind, stellt der Journalist dar: Er beschreibt, wie Flüchtlin‐
ge  ihre  Fingerkuppen  abschleifen  (vgl.  15).  Dennoch  gilt  diese  Maßnah‐
me nur der Verhinderung erkennungsdienstlicher Verwaltung von Iden‐
tität.  Wenn  der  Journalist  meint,  dass  die  Flüchtlinge  ihren  Körper  und 
damit sich selbst dadurch zum Verschwinden bringen, so gilt das nur mit 
222  Andrea Schütte 

Einschränkung:  „vorübergehend“  bringen  sie  sich  zum  Verschwinden 


(vgl. 16). Wie gebrochen ihre Biographie aufgrund der Flucht auch immer 
sein mag, steht ihre Identität nicht im Zentrum der Darstellung.  
Viel  prekärer  sind  die  Identitätskonstruktionen  der  einheimischen 
Grenzgänger, wie sich gezeigt hat. Warum steht die Identität der einhei‐
mischen  Grenzgänger  statt  derjenigen  der  Migranten  zur  Disposition? 
Ein Grund mag darin liegen, dass der Text damit ein weiteres Statement 
liefert  zur  gegenwärtigen  gesellschaftlichen  Debatte  angesichts  der 
Flüchtlingssituation. Denn schaut man sich diese Diskurse an, die Fragen 
zu deren Bewältigung stellen, dann ist das den Flüchtlingen gegenüber‐
stehende Subjekt ein ‚Wir’, das je nach Diskurs national, ethnisch, religi‐
ös,  kulturell  o.ä.  definiert  ist.  Ausgegangen  wird  hier  immer  von  einer 
kollektiven Identität. Dass eine solche kollektive Identität streng genom‐
men nicht existiert – auch wenn sie pragmatisch angenommen wird –, ist 
offensichtlich.  Sie  operiert  mit  Verallgemeinerungen  und  schreibt  dem 
Sozialkörper  eine  verbindliche  Orientierung  vor9,  die  immer  ein  Kon‐
strukt10  ist.  Insofern  ist  es  nachvollziehbar,  dass  die  einheimischen 

9   Jürgen Straub arbeitet das mit Hilfe von Reinhard Kreckels Untersuchungen zur Iden‐
titätsfrage heraus: „‚Nur Individuen können Identität ausbilden. Gruppen können dies 
nicht.  Auch  Gesellschaften  (oder  Nationen)  haben  keine  eigene  Identität.’  Kollektive 
jedweder  Art,  von  der  informellen  Kleingruppe  über  Institutionen  und  Nationen  bis 
hin  zu  Gesellschaften,  können  ‚zwar  als  kollektive  Akteure  auftreten  und  sogar  –  als 
Rechtspersonen  –  mit  natürlichen  Personen  in  Rechtsbeziehungen  eintreten.  Aber  sie 
verfügen über keine eigene Kollektivpersönlichkeit oder Gruppenseele. Wann immer 
also einer Nation eine eigene Identität beigemessen werden soll, haben wir es mit ei‐
nem ideologisierenden Sprachgebrauch zu tun’“. Jürgen Straub: Personale und kollek‐
tive  Identität.  Zur  Analyse  eines  theoretischen  Begriffs,  in:  Aleida  Assmann/Heidrun 
Friese  (Hrsg.):  Identitäten.  Erinnerung,  Geschichte,  Identität  3,  Frankfurt  am  Main 
1998, S. 73‐104, S. 99; Straub zitiert hier: Reinhard Kreckel: Soziale Integration und na‐
tionale Identität, in: Berliner Journal für Soziologie 4 (1994), S. 13‐20.  
10   „Den  ‚Sozialkörper’  gibt  es  nicht  im  Sinne  sichtbarer,  greifbarer  Wirklichkeit.  Er  ist 
eine Metapher, eine imaginäre Größe, ein soziales Konstrukt. Als solches aber gehört 
er durchaus der Wirklichkeit an“. Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Er‐
innerung  und  politische  Identität  in  frühen  Hochkulturen,  München  1992,  S.  132,  zi‐
tiert in Straub: Personale und kollektive Identität, S. 98. Das stellt nicht in Abrede, dass 
die Konstruktion einer von gemeinsamen Erfahrungen und Erinnerungen getragenen 
Identität  im  Sinne  eines  –  für  einen  vorläufigen  Diskussionszusammenhang  nur  ge‐
dachten  –  Integrals  psychologisch  notwendig  ist,  um  Orientierung  zu  geben.  Aller‐
Flucht und Migration in Dorothee Elmigers Roman Schlafgänger  223 

Grenzgänger  nur  als  Stimmen  auftauchen,  sie  aber  keine  feste  Gruppe 
bilden,  die  an  einer  Gemeinsamkeit  festzumachen  und  zu  vereinheitli‐
chen  wäre.  Gemeinsam  ist  ihnen  allenfalls  das  Gesprächsthema  der 
Grenze,  aber  auch  hier  hat  sich  ja  gezeigt,  dass  die  Erfahrungen  damit 
ganz unterschiedlich sind und es ein wirkliches Gespräch im Sinne einer 
sich  entwickelnden  Kommunikation  mit  sich  aufeinander  beziehenden 
Beiträgen  nicht  gibt.  Der  Text  versucht  mit  der  Pluralität  der  Stimmen 
maximal mögliche Kontingenz zu erreichen und schon formal jede Inte‐
grationsleistung  auf  ein  Minimum  zu  reduzieren.  Ein  einheimisches, 
inländisches ‚Wir‘ existiert nicht.11  
Warum wird zusätzlich zur kollektiven Identität noch die personale 
Identität problematisiert? Bereits ab den 1970er‐Jahren ist der Identitäts‐
begriff  dekonstruiert  worden:  Vorstellungen  von  einer  Sich‐
Selbstgleichheit,  Kohärenz,  Stabilität  und  Autonomie  des  Subjekts,  die 
vormals  den Identitätsbegriff ausmachten,  sind  obsolet  geworden.  Statt‐
dessen  gehört  es  zum  Selbstbild  und  mithin  zur  Identität,  sich  im  Ab‐
gleich mit einer instabileren Welt und angesichts der Erfahrung von un‐
zuverlässigem Wissen je neu zu bestimmen. Identität wird entscheidbar, 
vorläufiger, verhandelbar; sie wird als wandelbare „diskursive[.] Forma‐
tion[.]“12 gesehen.  
Auf  dieses  perforierte  Identitätsverständnis  rekurriert  der  Roman, 
wenn  er  die  brüchig  gewordene  personale  Identität  mit  den  Identitäts‐
formen  ‚Rolle’  und  ‚Programm’  ergänzt.13  Die  Identitätsform  der  ‚Rolle’ 
reagiert  darauf,  a)  dass  eine  Person  in  unterschiedlichen  Rollen  agieren 
kann,  die  sich  auch  diametral  gegenüberstehen  oder  gar  widersprechen 

dings  ist  ihre  Konstruiertheit  und  Bedingtheit  immer  mitzubedenken,  damit  diese 
‚Identität’ flexibel und offen bleibt.  
11   Vgl. auch Hans‐Georg Soeffner: Identität – Gemeinschaft – Volk. Zur Illusionsseman‐
tik einer pluralen Gesellschaft (Beitrag in diesem Band), der die strukturell plurale Ge‐
sellschaft des demokratischen Verfassungsstaates betont, die kein einheitliches, homo‐
genes ‚Wir’ formuliert. 
12   Aleida Assmann und Heidrun Friese: Einleitung, in: Dies. (Hrsg.): Identitäten, S. 11‐23, 
S. 12. 
13   Ich  folge  hier  Luhmanns  Beschreibung  des  Identitätsbegriffs,  vgl.  Niklas  Luhmann: 
Soziale Systeme, Frankfurt am Main 1984, S. 426‐436. 
224  Andrea Schütte 

können,  b)  dass  mehrere  Personen  unabhängig  voneinander  dieselbe 


Rolle einnehmen können, und c) sie öffnet den Begriff für das Spiel und 
die Fiktion, fügt dem faktischen Verhalten eine weitere Option hinzu. In 
diesem  Rollenbegriff  zeigt  sich,  dass  Identität  modular  begriffen  wird, 
was sich unmittelbar an den Identitätskonstruktionen im Roman ablesen 
lässt: An der Schriftstellerin ist bereits deutlich geworden, dass die Figu‐
ren, die nur Stimmen sind, Rollen einnehmen. Die Schriftstellerin sagt die 
Wahrheit  und  lügt  zugleich  wie  gedruckt.  Sie  schreibt  über  die  Grenze 
und  erträgt  es  nicht,  über die  Grenze  zu  schreiben. An  ihrer  Figur  wird 
die  Instabilität  der  Identität  besonders  deutlich,  eben  weil  ihre  Rollen 
widersprüchlich sind. Sie als Person in ihrer Gesamtheit, an die sich Ver‐
haltenserwartungen adressieren ließen, ist gar nicht greifbar, ist eine Va‐
riable oder Leerstelle, die so und so gefüllt werden kann. Sie ist kein per‐
sönlicher  Adressat  mehr,  dessen  individuelle  Person  insgesamt  eine  Er‐
wartungssicherheit  garantiert.14  Das  zeigt  sich  nicht  zuletzt  daran,  dass 
sie  für  diejenigen,  die  ihr  hinterherreisen  –  aufgrund  einer  Auflistung 
aller Orte, an denen sie sich aufhalten wird –, nie wirklich fassbar ist (vgl. 
40f., 56f., 134f.).  
Für einige Figuren gilt, dass sie eine Rolle einnehmen und aus dieser 
Rolle  sprechen,  dass  diese  Rolle  aber  selbst  oft  nicht  stabil  ist.  Sie  kann 
unvermittelt  verlassen  und  eine  neue  ebenso  unvorbereitet  eingenom‐
men werden. Das rollenhafte Verhalten kann je nach Idiosynkrasie oder 
Belieben  der  Figur  wechseln.  A.L.  Erika  will  eine  Reportage  über  die 
Grenze  zwischen  Mexiko  und  den  USA  schreiben,  aber  ihr  gelingt  es 
nicht einmal, ihren Eltern zu schreiben. Sie denkt und spricht in der Rolle 

14   Luhmann  beschreibt  die  soziologischen  Erkenntnisse  zur  „Ordnungsleistung  von 


Rollen  für  faktisches  Verhalten  und  Verhaltenserwartungen“  folgendermaßen:  „Die 
vielleicht wichtigsten Einsichten sind; daß auf der Ebene der Rollen einerseits beson‐
dere Erwartungssicherheiten geschaffen werden können, die keine (oder geringe) Per‐
sonenkenntnisse  voraussetzen,  sondern  anonymisierbar  sind;  daß  aber  andererseits 
zugleich  besondere  Konfliktlagen,  Distanzierungen,  Manipulationen,  Belastungsmin‐
derungssitten mitzuerwarten sind, die jemand seiner eigenen Person gegenüber nicht 
riskieren  bzw.  nicht  für  angebracht  halten  würde.  Daß  persönlich  adressierte  Erwar‐
tungen,  die  mit  dem  Adressaten  ‚sterben’,  und  Rollenerwartungen  deutlich  trennbar 
sind, ist also erst allmählich einsehbar geworden“ (ebd., S. 430f.). 
Flucht und Migration in Dorothee Elmigers Roman Schlafgänger  225 

der  Dokumentaristin  und  ist  doch  keine.  Indem  der  Logistiker  nur  mit 
seiner  Berufsbezeichnung benannt  wird,  erzeugt  das  ein  Rollenbild,  das 
er  keinesfalls  erfüllt.15  Auch  er  bleibt  anonymisiert  und  übernimmt  im 
Roman die Funktion des Schlafgängers, der eigentlich ein somnambuler 
Schlaflosgänger  ist.  Seine  Rolle  auf  der  Ebene  der  Erzählung  ist  zudem, 
Adressat  des  Journalisten  zu  sein,  der  ihn  ständig  anruft  und  sich  zur 
Flüchtlingssituation äußert. Aber auch diese Adressierung ist unpersön‐
lich,  nicht  gedeckt  durch  die  Integrität  einer  individuellen,  mit  sich  
identischen Person.  
Mit der Darstellung der Figuren, die anstelle einer integren persona‐
len  Identität  diverse  Rollen  einnehmen,  transportiert  und  integriert  der 
Roman  eine  Erfahrung  der  Flüchtenden  in  das  Selbstbild  der  Inländer. 
Gerade  im  Fall  fliehender  Familien  ist  offensichtlich,  dass  sich  während 
der  Flucht  Rollenzuschreibungen  ändern.  Der  Text  zitiert  mit  dem  fikti‐
ven  Tagebuch  einer  Passagierin  von  Bebi  Suso  den  Rollentausch  zwischen 
der jungen Ich‐Erzählerin und ihrem Vater. Sie übernimmt die Rolle der 
Führenden, er geht in die Rolle des folgenden Kindes: „[W]ir waren auf 
dieser  Reise  aus  unseren  Rollen  gefallen,  ich  war  augenscheinlich  keine 
Tochter  mehr,  und  dieser  Mann  war  etwas  anderes  als  mein  Vater  ge‐
worden“.16 Dieser durch die Umstände erzwungene Rollenwechsel wird 
als  Basalerfahrung  der  Flucht  –  denn  dieser  Bericht  ist  einer  der  beiden 
im  Roman  aus  der  Perspektive  einer  Fliehenden  –  nun  in  den  Erfah‐

15   Er  ist  zuständig  für  den  Gütertransport  im  Bereich  Seefracht‐Import  (13),  aber  aus 
dieser Rolle ist er schon länger (zu vermuten ist: aufgrund seiner Schlaflosigkeit) aus‐
gestiegen (24). 
16   „[M]ein Vater ging stets ein paar Schritte hinter mir, als übertrage er mir die Aufgabe, 
uns anzuführen, auf dieser Reise schlief ich stets im selben Raum wie mein Vater, und 
nachdem ich mich an sein lautes Schnaufen gewöhnt hatte, das nachts in unregelmä‐
ßigen  Intervallen  lauter  und  wieder  leiser  wurde,  bemerkte  ich  in  einer  Nacht  mir 
großer  Angst,  dass  dieses  kratzende  Schnaufen  nicht  mehr  zu  hören  war,  ich  konnte 
den Körper meines Vaters in der Dunkelheit kaum erkennen, es herrschte völlige Stille 
im Raum, mein Vater hatte mir den Rücken zugewandt und ich konnte keine Regung 
des Körpers erkennen, so sodass ich davon ausgehen musste, mein Vater liege tot ne‐
ben  mir,  ich  wagte  in  diesem  Moment  nicht,  ihn  zu  berühren,  wir  waren  auf  dieser 
Reise  aus  unseren  Rollen  gefallen,  ich  war  augenscheinlich  keine  Tochter  mehr,  und 
dieser Mann war etwas anderes als mein Vater geworden [...].“ (88). 
226  Andrea Schütte 

rungsbereich der Immigrationsgesellschaft transponiert. Und ähnlich wie 
auch  die  Fliehenden  scheinen  die  einheimischen  Schlaf‐  und  Grenzgän‐
ger,  heute  hier,  morgen  dort,  den  Rollenwechsel  als  unbequem,  aber 
notwendig hinzunehmen.  
Eine Steigerung erfährt dies noch durch die Identitätsform des ‚Pro‐
gramms’,  das  von  der  Person  noch  weiter  abstrahiert,  wenn  es  um  die 
Ordnung  von  Verhalten  und  Verhaltenserwartung  geht.  Während  die 
Rolle noch personal gebunden ist, orientiert sich das Programm nur noch 
am  Ablauf  bestimmter  Verhaltenssegmente.  Auch  das  lässt  sich  am  Ro‐
man  deutlich  ablesen:  Die  stereotypen  Äußerungen  diverser  Figuren 
lassen sich so erklären. Erinnerungen wirken oft, als seien sie mechanisch 
abgespult.  Unelegante  Übergänge,  unzusammenhängende  Sätze  oder 
ganze Redebeiträge, unmarkierte Sprecherwechsel u. Ä. lassen die Text‐
präsentation als ein Zapping durch unterschiedliche Programme wirken. 
Oft wiederholen sich Redebeiträge auch, als hätte man eine Rewind‐Taste 
bedient.17 Tatsächlich kommen auch immer wieder unterschiedliche me‐
diale  Kanäle  zum  Einsatz,  die  das  ‚Gespräch’  verdoppeln.  So  läuft  bei‐
spielsweise  der  Fernseher  im  Hintergrund,  während  der  Journalist  oder 
Esther mit dem Logistiker telefonieren, oder das Radio läuft. Immer wer‐
den dann durch diese mediale Verdopplung der Stimmen weitere Grenz‐ 
und Flüchtlingsgeschichten miteingespeist, deren Sprecher anonym blei‐
ben.  Ihre  Beiträge  sind  personal  überhaupt  nicht  mehr  zurechenbar.  Es 
sind undefinierbare mediale Stimmen, die sich hier einweben.  
Es bleibt die Frage, warum Dorothee Elmiger auf so deutliche Weise 
auf der Rollen‐ und Programmebene arbeitet. Es bieten sich eine soziolo‐
gische und eine poetologische Erklärung an. Soziologisch gesehen basie‐
ren  gegenwärtige  Immigrationsgesellschaften  auf  funktionaler  Ausdiffe‐
renzierung in Rollen und Programmen. Sie sind die Grundvoraussetzung 
von  Globalisierung.  Insofern  die  (Im‐)Migration  die  Gegenrichtung  der 
Globalisierung darstellt, trifft die Auflösung stabiler personaler Identitä‐
ten auf Seiten der Migranten natürlich auch auf die Identitätskonstrukti‐
onen der Immigrationsgesellschaft zu. Will ein Text entschieden mit der 
Gegenwart  zu  tun  haben –  das  ist  für die  Figur  des  Journalisten ebenso 

17   Vgl. die Verdoppelung des Redebeitrags von A.L. Erika von S. 7 auf S. 43. 
Flucht und Migration in Dorothee Elmigers Roman Schlafgänger  227 

wichtig  wie  für  die  Autorin  Elmiger  –,  dann  muss  er  die  Identitätskon‐
struktionen dieser Gegenwart auch ernst nehmen, vor allem wenn sie an 
den tagespolitischen Diskussionen zur Flüchtlingssituation in mehrfacher 
Hinsicht  virulent  werden.  Darum  macht  es  Sinn,  ein  zeitgemäßes  Ver‐
ständnis von Identität im Roman zu realisieren. Dazu gehört die Spiege‐
lung der Identitätsdekonstruktionen der Migranten in die Identitätskon‐
struktionen der Inländer.  
Die oben zitierte soziologische Definition der Rolle führt auf den po‐
etologischen Zugewinn: Je mehr von einer Integrität garantierenden per‐
sonalen  Identität  abgewichen  wird,  um  stattdessen  personenunabhängi‐
ge  Module  anzubieten,  die  immer  wieder  re‐arrangierbar  sind,  umso 
mehr Gestaltungsspielraum wird geschaffen. Wenn von der Rolle gesagt 
wurde, sie „öffne[.] den Begriff für das Spiel und die Fiktion“, dann liegt 
in  dieser  Umstrukturierung  eine  Fiktionalisierungskraft.  Die  Beunruhi‐
gung führt zur Öffnung des poetischen Möglichkeitsraums.  
Anschaulich  wird  dies  in  dem  poetischen  Verfahren,  das  Erfahrun‐
gen der Fliehenden als Bild in die Erfahrung der Inländischen hineinko‐
piert.  Der  Logistiker  erinnert  sich  an  eine  Szene,  die  er  geographisch 
nicht  mehr  zuordnen  kann.  Genannt  werden  irgend  „eine  Großstadt“, 
„Berlin“,  „karge  Wüste“,  „neapolitanische[.]  Straßen“  (26f.).  Er  be‐
schreibt, wie er in einer U‐Bahn sitzt, neben ihm ein Passagier stirbt, wie 
er mit dem Toten weiterfährt, wie er seinen Rucksack eng an seine Brust 
drückt,  wie  ein  nackter  Körper  neben  ihm  ist.  Herr  Boll,  der  selbst  an 
einem Wald wohnt (vgl. 44), beschreibt immer wieder eine Szene, in der 
jemand  nachts  durch  den  Wald  irrt,  im  Boden  einzusacken  droht,  die 
Arme von sich streckt, „um die Bäume noch zu ertasten, die nach wie vor 
einen  europäischen  Eindruck  machen“  (42).  Ostinat  betont  Herr  Boll, 
dass  er  nicht  diese  Person  sei,  was  diese  Aussage  allerdings  verdächtig 
macht  und  in  ihr  Gegenteil  kippen  lässt.  In  jedem  Fall  findet  ein  seltsa‐
mes Übereinanderlegen zweier Szenen statt.  
Das  Erratische  dieser  beiden  Textstellen  löst  sich  auf,  wenn  man  in 
der Beschreibung die aus den Medien bekannten Bilder von Fluchtsitua‐
tionen wiedererkennt: Im ersten Fall drängt sich anstelle der überfüllten 
U‐Bahn mit einem Toten neben sich das überfüllte, in Seenot befindliche 
228  Andrea Schütte 

Flüchtlingsboot auf, auf dem auch Tote sind. Dieses Bild, in das mediale 
Gedächtnis als Inbegriff der Flucht über das Mittelmeer eingegangen und 
mit  der  Chiffre  ‚Lampedusa’  versehen,  wird  in  die  Erfahrungswelt  des 
Logistikers  kopiert.  Daraus  wird  für  ihn  eine  Situation  der  Desorientie‐
rung  in  einer  U‐Bahn,  in  der  ein  Mensch  neben  ihm  stirbt.  Im  zweiten 
Beispiel drängt sich das Bild von Flüchtlingen auf, die nachts eine Land‐
grenze  zu  Europa  klandestin  überqueren  wollen  und  sich  desorientiert 
und  tastend  vorwärtsbewegen.  Dieses  Bild  wird  in  das  Erleben  von 
Herrn Boll hineinkopiert. Auch wenn er stets betont, dass er diese Person 
nicht  sei,  rückt  die  Häufigkeit  des  Bildzitats  und  die  daraus  resultieren 
Dringlichkeit die Szene existentiell nah an sein Erleben heran.  
Dieses  Copy&Paste‐Verfahren,  mit  dem  mediale  Fluchtbilder,  ob 
Lampedusa, Idomeni oder andere, in den Erfahrungsbereich der Inländer 
hineingetragen werden, ist möglich, gerade weil die Darstellung die Ebe‐
ne  der  personalen  Zurechenbarkeit  verlassen  hat.  Die  Inländer  zitieren 
keine  fremden  Fluchterfahrungen,  die  sie  selbst  nicht  gemacht  haben, 
sondern deren Fluchterlebnisse immergieren in die eigenen Erfahrungen. 
Fremde  und  eigene  Erfahrungen  werden  tendenziell  ununterscheidbar. 
Es  ließe  sich  noch  weiter  gehen:  Die  dargestellten  Figuren  werden  in 
gewisser Weise zu Medien der Flucht: Aus ihren Stimmen – und gerade 
weil  sie  nur  noch  Stimmen  sind  –  spricht  die  Erfahrung  der  Flucht,  der 
Migration, des Schiffbruchs.18 Um das zu unterstreichen, zitiert der Text 
oft  unvermittelt  die  oben  erwähnten  Radio‐  und  Fernsehstimmen.  Sie 
sind zwar durch eine andere Schriftart typografisch markiert, aber es ist 
bezeichnend, dass der typografische Unterschied nicht groß ist. Die tech‐
nischen Medienstimmen werden in die Medienstimmen der Figuren ein‐
getragen, die wiederum Medien für die Fliehenden sind. In welches Pro‐

18   Vgl.  Claudia  Kramatscheks  Besprechung  des  Romans  im  Deutschlandfunk:  Elmiger 
zeige die Bilder, die sie übersetzen will, nicht, sondern rufe sie mit Hilfe anderer Be‐
schreibungsverfahren auf: „Ob die Videoarbeiten eines Jan Bas Ader, Walt Whitmans 
Langgedicht ‚The Sleepers’ über den Untergang der ‚Mexico’ oder Géricaults ‚Floß der 
Medusaʹ  –  gemeinsam  ist  diesen  Arbeiten,  dass  sie  zeigen:  Der  Betrachter  der  Kata‐
strophe ist immer schon mit im Bild“. Claudia Kramatschek: „Schlafgänger“ – Auslo‐
tung  der  porösen  Gegenwart,  http://www.deutschlandfunk.de/migration‐
schlafgaenger‐auslotung‐der‐poroesen‐gegenwart.700.de.html?dram:article_id=28714. 
Flucht und Migration in Dorothee Elmigers Roman Schlafgänger  229 

gramm man auch zappt, man bekommt immer eine Flucht‐ oder Grenz‐
geschichte  geboten.  Man  kommt  auch  als  Rezipient  nicht  an  den  Ge‐
schichten vorbei.19  
 
b) Beunruhigung II 
Mit  der  Programmebene,  ob  sie  nun  auf  die  Identitätskonstruktion  der 
Figuren  bezogen  wird  oder  auf  die  technischen  Medien,  installiert  der 
Roman  die  Stimmen  als  poetisches  Prinzip.  Zunächst  sind  es  die  Stim‐
men,  die  entweder  noch  den  Figuren  oder  den  technischen  Apparaten 
(Radio‐ und Fernsehstimmen) zuzuordnen sind. Doch der Diskurs öffnet 
sich für weitere Stimmen. Sie sind noch radikaler depersonalisiert, als es 
bei  den  beschriebenen  Figuren  aus  darstellerischen  Gründen  überhaupt 
möglich wäre: Es sind die Gespenster. Wie und warum tauchen sie auf? 
Manche  Begegnungen,  die  im  Roman  beschrieben  werden,  sind  ge‐
spenstisch. Eine unbekannte Person betritt ein dunkles Zimmer und legt 
sich  neben  die  Übersetzerin  (vgl.  8).  Der  Logistiker  trifft  auf  ihm  unbe‐
kannte  Personen  in  seiner  Wohnung,  die  „undurchsichtig  und  schattig“ 
sind (14). Es brennt Licht in seiner Wohnung, das er nicht angemacht hat 
(vgl.  16).  Als  der  Logistiker  mit  seiner  Schwester  telefoniert,  hört  er 
„Stimmen  am  Telefon“,  die  er  nicht  einordnen  kann:  „aber  mit  Gewiss‐
heit konnte ich nicht mehr feststellen, aus welchen Ländern, aus welchen 
Städten und Bezirken sie zu mir sprachen“ (105). Immer wieder wird ein 
„Who’s  there?“  eingeflochten.  Der  Logistiker  entdeckt,  dass  es  sich  bei 
dieser Frage um ein prominentes Zitat aus Shakespeares Hamlet handelt. 
Es  ist  die  Frage,  die  ein  Wächter  im  Dunkeln  der  nahenden  Wachablö‐

19   Die  Frage  nach  der  Angemessenheit  der  Darstellung  von  Migration  beschäftigt 
Dorothee  Elmiger  genauso  sehr  wie  die  Frage,  wie  die  medialen  Flucht‐  und  Migra‐
tionserfahrungen rezipiert werden: „Natürlich  haben mich  diese  Fragen beim Schrei‐
ben sehr stark beschäftigt: Wer schaut zu und wie? Und dann auch jetzt auf die Medi‐
en  bezogen,  auch  die  Fiktionalität:  Also  was  sehen  wir  eigentlich,  was  wird  uns  ge‐
zeigt,  wie  können  wir  feststellen,  was  Fiktion  ist  oder  was  behaupten  diese  Bilder? 
Und wie involvieren sie uns?“ Claudia Kramatschek zitiert Elmiger hier in ihrer Buch‐
besprechung und kommentiert zusammenfassend: „Sprich: es gibt keinen  unschuldi‐
gen  Standort  mehr  angesichts  des  Schiffbruches  der  sogenannten  Anderen.“  Kra‐
matschek: „Schlafgänger“. 
230  Andrea Schütte 

sung  stellt.  Im  Drama  ist  es  Mitternacht,  und  der  Geist  des  ermordeten 
dänischen  Königs  erscheint  zu  dieser  Zeit,  insofern  adressiert  die  Frage 
zugleich  ein  Gespenst  („Ghost“,  „dreaded  sight“,  „apparition“,  „some‐
thing more than fantasy“, „extravagant and erring spirit“).20  
Der  Ausspruch  „Who’s  there?“,  der  im  Roman  häufig  vorkommt, 
lässt  die  Situation  immer  gespenstisch  erscheinen.  Es  sind  Gestalten  da, 
aber nicht nur ihre Identität, sondern ihr Person‐Sein schlechthin ist un‐
klar. Sie sind da, obwohl sie nicht da sein dürften. Sie sind halb da.  
 
Who’s  there?,  rief  Fortunat,  den  Tauschsieder  in  der  Hand.  Who’s  there?, 
murmelte  die  Schriftstellerin  im  Halbschlaf  am  Tischende.  Der  Logistiker: 
Erst  als  ich  das  Buch  aufschlug,  sah  ich  also,  dass  es  sich  bei  dieser  Frage 
um die erste Zeile aus Shakespeares Hamlet handelte, da der eine Wächter 
im Dunkel zum anderen spricht, bei der Wachablösung. 
Das Thema sind vielleicht die Gespenster, warf eine Frau ein, die in der Tür 
zum Speisesaal stand. [...] Who’s there?, wiederholte die Schriftstellerin am 
Tischende. [...] Da lag ich, sagte der Logistiker, mitten in der Nacht mit weit 
offenen  Augen  in  dieser  Wohnung,  die  in  der  Welt  stand,  aber  scheinbar 
abseitig, grenznah. Es ging mir alles fieberhaft im Kopf herum. [...] [K]aum 
ein Auto passierte den Grenzübergang, da lag ich, als wären mir im Schlaf 
die  Lider  wie  schwere  Blumen  aufgegangen  und  ich  hätte  es  selbst  nicht 
gemerkt,  als  sähe  ich  ein  Gespenst  in  weiter  Ferne  gehen.  Ich  hörte  die 
Stimme des Radiosprechers in der Küche, [...] die Grenzwächter lösten sich 
ab [...]. (21‐23) 
 
Von  der  mitternächtlichen  Wachablösung  bei  Shakespeare  zur  mitter‐
nächtlichen Wachablösung in der Welt des Logistikers, von Hamlets Ge‐
spenst zu den Gespenstern, die die Figuren des Romans heimsuchen. Das 
Gespenst  ist  am  Ort  des  Übergangs:  von  einem  Tag  zum  anderen,  zwi‐
schen Wachen und Schlafen, am Grenzübergang. Auch das Gespenst ist 
ein  Phänomen  des  Übergangs,  zwischen  Fiktion  und  Realität  verhaftet. 
Es taucht einerseits im Konjunktiv auf („als sähe ich ein Gespenst“), was 
sein  Vorkommen  in  der  Tatsächlichkeit  abwegig  macht,  andererseits 
wird der Konjunktiv ebenso für das Nicht‐vorhanden‐Sein von Gespens‐
tern benutzt: 
 

20   William  Shakespeare:  Hamlet,  in:  The  Norton  Shakespeare  based  on  the  Oxford  edi‐
tion, hrsg. von Stephen Greenblatt, New York, NY 1997, I, 1 (alle Zitate). 
Flucht und Migration in Dorothee Elmigers Roman Schlafgänger  231 

Ich  blickte  um  mich,  und  es  fiel  mir  nichts  Außergewöhnliches  auf,  alles 
war ruhig: als gingen keine Gespenster um in dieser Zeit. (25) 
 
Während einerseits in Frage gestellt wird, dass es Gespenster gibt (Irrea‐
lis der Existenz), wird andererseits in Frage gestellt, dass es sie nicht gibt 
(Irrealis  der  Nicht‐Existenz).  Elmiger  markiert  deutlich,  dass  das  Ge‐
spenst seinen Platz eben weder in Präsenz noch in der Absenz hat, son‐
dern  genau  genommen  im  Übergang,  auf  der  Grenze.  Es  erscheint  auf 
der  Schwelle  bzw.  in  Schwellensituationen  und  dementiert  damit  die 
Realität der Ordnungen diesseits und jenseits der Grenze. Jacques Derri‐
da  hat  das  in  seiner  Hantologie,  seinen  Ausführungen  zum  Gespenst,21 
beschrieben:  Das  Gespenst  stellt  die  gegenwärtige  Ordnung  durch  sein 
Erscheinen  infrage  und  ist  insofern  als  ein  „respectable  subject  of  en‐
quiry“22  zu  verstehen.  Im  dekonstruktivistischen  Sinne  zeigt  Derrida  an 
der Figur des Gespenstes, dass eine strukturalistische Gegenüberstellung 
zweier Ordnungen und deren anschließende und abschließende Vermitt‐
lung  unangemessen  ist,  und  votiert  für  eine  Öffnung  der  Struktur  im 
Hinblick auf die Uneinholbarkeit von Dingen, Sachverhalten und Subjek‐
ten, die in ständiger Bewegung zu denken sind. 
Das  Gespenst  bringt  Unruhe  und  zeigt  die  unterschwellige  Unord‐
nung der Ordnung auf. Shakespeare lässt in seinem Drama Horatio for‐
mulieren:  „This  bodes  some  strange  eruption  to  our  state“.23  Es  gärt  et‐
was im Staate, in der gegenwärtigen Ordnung. In Elmigers Roman ist das 
durch  die  frequente  Andeutung  der  Erdbeben  allgegenwärtig.  Der  Ro‐
man beginnt mit der Beschreibung eines Erdbebens, das „das ganze eu‐

21   Vgl. Jacques Derrida: Marx’ Gespenster. Der Staat der Schuld, die Trauerarbeit und die 
neue Internationale, Frankfurt am Main 2004. 
22   Colin Davis: État présent. Hauntology, Spectres and  Phantoms, in: French Studies  59 
(3/2005), S. 373‐379, S. 376 (zitiert in Christian Sternad: Das Gespenst und seine Spek‐
tralität.  Die  hermeneutische  Funktion  des  Gespensts,  oder:  eine  phänomenologische 
Hantologie, in: Zeitschrift für Sichtbarkeit und Sozialität 3 (2013), S. 27‐41, S. 27). 
23   „In  what  particular  thought  to  work  I  know  not;  But  in  the  gross  and  scope  of  my 
opinion, This bodes  some  strange eruption  to our state“. Shakespeare: Hamlet, I,1, V 
67‐69;  von  A.W.  Schlegel  treffend  übersetzt  mit  „Wie  dies  bestimmt  zu  deuten,  weiß 
ich nicht; Allein so viel ich insgesamt erachte, Verkündet’s unserm Staat besondre Gä‐
rung“. 
232  Andrea Schütte 

ropäische Gebirge“ (7) zusammenstürzen lässt. Der Student aus Glendale 
bemerkt,  dass  sich  unter  Los  Angeles  zahlreiche  Gräben  befinden:  „un‐
zählige  kleine  Erschütterungen  finden  Tag  und  Nacht  statt“  (77).  Die 
kalifornische Landschaft ist darum „unsicher[.]“ (ebd.). Der Ort, an dem 
sich  Esther,  die  Schwester  des  Logistikers,  gerade  befindet,  ist  ebenso 
unsicher: „etwas stimmte nicht, womöglich war etwas mit der Statik des 
Gebäudes nicht in Ordnung“ (108), und später erwähnt sie: „Ohne erklär‐
lichen  Grund  hätten  sich  an  diesem  Tag  Teile  der  Küchendecke  gelöst 
und  seien  auf  den  Fußboden  gefallen,  zuvor  habe  sie  bereits  Risse  im 
Putz  entdeckt“  (131).  Was  Shakespeares  Horatio  angesichts  des  Erschei‐
nen des Gespenstes sagt, wird im Roman wörtlich genommen: „this bo‐
des  some  strange  eruption  to  our  state“  –  Wo  Gespenster  auftauchen, 
finden Erdbeben statt. Die Gegenwart bebt, wenn auch nur unterschwel‐
lig, während sich das Gesprächsprogramm noch fortsetzt. Die „Verände‐
rung[en]“ (26 et passim) geschehen, während Gespenster auftauchen.  
Wofür steht das Gespenst im Roman? Es liegt nahe, die Gespenster 
als Chiffre für die Flüchtenden zu lesen. Das leuchtet ein, wenn man letz‐
tere als solche bezeichnet, die „aufgrund der Illegalität in die Unsichtbar‐
keit gedrängt sind“.24 Sie sind da und doch nicht da. Sie bringen Aufruhr 
in  die  staatliche  Ordnung  und  sind  doch  von  ihr  ausgeschlossen.  Auf‐
grund der Rollen‐ und Programmdarstellung ließen sich auch die Inlän‐
der  als  Gespenster  bezeichnen,  die  als  Stimmen  auftauchen.  Auch  sie 
sind da und nicht da (und unvermittelt woanders und hier und dort zu‐
gleich).  Nahegelegt  wird  diese  Identifikation,  wenn  an  einer  Stelle  die 
Schriftstellerin  das  „Who’s  there?“  formuliert,  woraufhin  der  Student 

24   Kramatschek  deutet  die  Gespenster  als  Flüchtlinge:  „Schon  2010  veröffentlichte  sie 
[Dorothee  Elmiger,  A.S.]  unter  dem  Titel  Die  Abwesenden  einen  Text  über  jene  Men‐
schen, die in der Schweiz leben, aber aufgrund der Illegalität in die Unsichtbarkeit ge‐
drängt sind. Wie Gespenster besiedeln diese Menschen nun auch den neuen Roman – 
und das darf man wortwörtlich verstehen. Denn die Grenzgänger selbst, von denen er 
handelt, sind in diesem Roman bewusst eine Leerstelle.“ Dorothee Elmiger antwortet 
darauf:  „Eigentlich  hätte  das  Buch  natürlich  ausschließlich  diese  Stimme  sein  sollen, 
die jetzt fehlt.  Aber ich kann  diese Stimme nicht  sein.  Und ich habe sehr,  sehr  damit 
gerungen und hatte auch oft das Gefühl, dass ich das Buch deswegen nicht schreiben 
kann, weil ... diese Stimme in diesem Text fehlen muss, wie ich finde, weil ich das an‐
maßend gefunden hätte, die zu schreiben“. Claudia Kramatschek: „Schlafgänger“. 
Flucht und Migration in Dorothee Elmigers Roman Schlafgänger  233 

unvermittelt antwortet „Das Ehepaar Boll“ und dabei „zum leeren Fens‐
ter“ zeigt (23). Aber diese Identifizierung wird nicht bestätigt und bleibt 
in  der  Schwebe.  Wer  oder  was  genau  als  Gespenst  gesehen  wird,  bleibt 
offen.  Die  beiden  Motti,  die  dem  Roman  vorangestellt  sind,  unterstrei‐
chen  das:  „Il y  avait quelqu’un, et,  un  instant  plus  tard,  il  n’y  a person‐
ne“,  formuliert  Simone  Weil,  und  diese  Aussage  wird  pointiert  von  ei‐
nem Zitat Rolf Dieter Brinkmanns: „und sogar die Luft erscheint mir wie 
Gespensterluft“. Es ist alles voller Gespenster.  
Wenn  das  Gespenstische  auf  unterschiedlichen  Ebenen  auftaucht 
und selbst die Luft miteinschließt, dann scheint es etwas Überphänome‐
nales  zu  sein,  etwas,  das  jegliche  Ordnung,  jede  Festlegung  beunruhigt. 
Es deutet sich immer etwas – eine Identifizierung, eine Setzung – an, um 
sogleich  wieder  zu  verschwinden.  Das  Gespenstische  ist  nicht  nur  als 
Figur  der  Depersonalisierung  zu  sehen,  sondern  als  ein  strukturelles 
Phänomen,  das  mediale  Zwischenräume  infiltriert  und  selbst  auf  die 
Ebene  der  Textorganisation  bezogen  werden  kann.  Das  Auftreten  der 
Gespenster macht nicht nur das Dargestellte gespenstisch, sondern auch 
die Darstellung selbst: Der Text erscheint ebenso gespenstisch, indem er 
Stimmen  auftauchen  und  verschwinden  lässt,  montiert  und  zerstückelt, 
alles, was sich zusammenfügen will, (auf‐)bricht. Auch hier ließe sich von 
einem „Beben der Darstellung“25 – wenn auch in anderem Sinne – spre‐
chen.  Bezeichnend  ist,  dass  hier  zwar  das  Aufbrechen  von  Ordnungen 
umkreist, aber keine neue Ordnung anvisiert wird.26 Die Gespenster zei‐
gen etwas auf, aber keine Lösung. So wenig sich innerhalb des Erzählten 
etwas  entwickelt  oder  die  Erzählung  auf  ein  auflösendes  Ende zustrebt, 
so  wenig  wird  angedeutet,  wie  –  über den  Roman  hinaus – eine andere 

25   Ich  zitiere  hier  den  Titel  des  bekannten  Aufsatzes  von  Werner  Hamacher  zu  Kleists 
‚Erdbeben in Chili‘; Werner Hamacher: Das Beben der Darstellung, in: David Wellbery 
(Hrsg.):  Positionen  der  Literaturwissenschaft.  Acht  Modellanalysen  am  Beispiel  von 
Heinrich von Kleists ‚Das Erdbeben in Chili’, 5. Auflage München 2007, S. 149‐173. 
26   Das  entspricht  Jacques  Derridas  Überlegungen  zur  Spektralität  des  Gespenstes:  Das 
Gespenstische am Gespenst (frz. spectre) ist, dass es keine neue Ordnung ankündigt, 
sondern im Aufbrechen der alten Ordnung stehen bleibt. Es erscheint in allen seinen 
Lichtbrechungen,  seiner  Spektralität.  Der  Ort  des  Gespenstes  ist  das  Zwielicht,  die 
Uneindeutigkeit. Vgl. Derrida: Marx’ Gespenster. 
234  Andrea Schütte 

politische  Ordnung  aussehen  könnte.  Vielmehr  scheint  der  Roman  sich 


mit dem Ende wieder an den Anfang anzuschließen und damit eine Per‐
petuierung der literarischen Fiktion zu initiieren. Zumindest die innerli‐
terarische Beunruhigung wird damit auf Dauer gestellt. 
 
 
3. Coda 
 
Erstaunlich  ist,  dass  weder  die  Gespenster  noch  die  erzähltheoretische 
Verstetigung  der  Fiktionalität  dem  Roman  den  Wirklichkeitsbezug  rau‐
ben.  Die  Flüchtlingssituation  wird  trotz  der  Potenzierung  der  Fiktion 
nicht  zur  fiktiven  Gespenstergeschichte.  Die  unkommentiert  bleibenden 
Nachrichten zu den Flüchtlingen wirken für sich, noch vertieft durch die 
Hamlet‐Anspielungen:  „Something  is  rotten  in  the  state  [of  Denmark]“, 
wobei  für  den  genannten  Staat  alle  Einwanderungsstaaten  eingesetzt 
werden können.27 Das liegt natürlich zum einen an der Drastik der zitier‐
ten Fluchtbeispiele, die einen hohen Entsprechungsgrad mit der tagespo‐
litischen  Realität  des  Rezipienten  haben.  Aber  es  beruht  zum  anderen 
darauf,  dass  die  Fiktionsebene  (Gespenster)  die  Realitätsebene  (Flucht, 
Depersonalisierung der Identitätsform bei Inländern) nicht durchstreicht, 
sondern  vertieft.  Insofern  sind  die  Gespenster  eine  Radikalisierung  der 
Identitätsfrage,  die  durch  die  Rollen‐  und  Programmidentitätsformen 
angestoßen  worden  sind.  Damit  erhält  der  Roman  eine  Drastik,  die  ihn 
trotz  aller  fiktionalen  Schwebezustände  nicht  in  diffuse  Gefilde  hinein‐
steuern lässt, sondern fest in dem verankert, was sich vorsichtig als ‚ge‐
genwartspolitische Realität’ bezeichnen ließe.  

27   Die  Rekurrierbarkeit  auf  Nationalstaaten  formuliert  auch  Ulrich  Rüdenauer  in  seiner 
Rezension:  „Die  junge  Schweizer  Autorin  [...]  [Dorothee  Elmiger,  A.S.]  schreibt  nicht 
zuletzt  über  die  Enge  ihres  Landes  und  –  auf  poetisch  verfremdete  Weise  –  über  die 
dort  erbittert  geführte  Zuwanderungsdebatte  der  letzten  Jahre,  die  in  den  umstritte‐
nen Referendumsentscheid  vom  Februar mündete“. Ulrich Rüdenauer: Verfremdung 
der Schweiz. Gespenstisch: Dorothee Elmigers Roman ‚Schlafgänger’, in: Süddeutsche 
Zeitung,  12.03.2014,  http://www.buecher.de/shop/schweiz/schlafgaenger/elmiger‐
dorothee/products_products/detail/prod_id/40018473/. 
Flucht und Migration in Dorothee Elmigers Roman Schlafgänger  235 

Wenn die Rolle des Gespenstes – nach Shakespeare – diejenige ist, darauf 
hinzuweisen, dass im Rahmen von staatlicher Ordnung etwas nicht funk‐
tioniert;  wenn  das  Gespenst  –  nach  Derrida  –  dasjenige  Ich  ist,  das  von 
weiteren Stimmen heimgesucht wird, die zumindest eine andere Position 
in das Ich hineintragen; dann sind es – nach Elmiger – die Stimmen der 
rastlosen, flüchtenden, extravaganten28 in‐ und ausländischen Menschen, 
die aufgrund ihres Potentials, mehrere Rollen anzunehmen und nicht im 
Bestehenden  verhaftet  zu  sein,  zur  Reflexionsebene  einer  staatlichen 
Ordnung unbedingt dazugehören. Mit ihnen, so seltsam und kauzig29 sie 
alle sind, befindet man sich „in guter Gesellschaft“ (141). Und schließlich 
sind  es  solche  Romane  wie  dieser,  die  durch  gesellschaftliche  Beschrei‐
bung,  soziologisch  bestätigt  und  fiktional  radikalisiert,  sich  ebenso  zur 
Reflexion gegenwärtiger Ordnungen anbieten.30   
 

28   Shakespeare bezeichnet den Geist als „extravagant [...] spirit“. 
29   Dieses Adjektiv bietet sich an, weil an einigen Stellen etwas apokalyptisch anmutend 
vom Kauz die Rede ist, der durch die Luft fliegt (141 et passim).  
30   Eine  kurze  literaturwissenschaftliche  Pointierung  sei  an  dieser  Stelle  erlaubt:  Indem 
der  Roman  vorführt,  wie  über  die  Einführung  eines  Irrealis  die  Realität  noch  konse‐
quenter und radikaler hinterfragt werden kann, stellt er sich quer zu den Etikettierun‐
gen, welche die Literaturwissenschaft zur Zeit zur Beschreibung und Kategorisierung 
von  Gegenwartsliteratur  bereithält.  Er  gehört  weder  einhellig  zum  sog.  ‚Neuen  Rea‐
lismus’ (zum  Begriff des Neuen  Realismus in  der Literaturwissenschaft vgl. Søren R. 
Fauth/Rolf Parr (Hrsg.): Neue Realismen in der Gegenwartsliteratur, München 2016), 
noch  proliferiert  er  eine  ‚postfaktische’  Haltung  (dieser  problematische  Mode‐Begriff 
sei hier nur als prägnanter Gegenbegriff zum Realismus gebraucht), die sich im Irrea‐
lis bewegt und die ‚Realität’ transzendiert. Der Roman realisiert vielmehr das, was Ka‐
thrin Röggla als  „Zwischengeschichte“ bezeichnet, als Text, der sich zwischen Doku‐
ment und Fiktion einrichtet, ein „Maulwurfstext mit unterschiedlichen Gängen“ (noch 
unveröffentlichter  Vortrag  von  Kathrin  Röggla  an  der  Universität  Bonn  am 
15.02.2017).