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Nr.

12/Januar– März 2008


www.daheim-magazin.de

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HIER BINDEN
Mein ehemaliger Hausmeister kam aus Montenegro und war ein Meister trivialer Weis-
heit. Die meiste Zeit des Tages verbrachte er damit, an seinem Auto, einem Golf GTI,
herumzubasteln. Er trug dabei immer einen schwarzen Anzug und ein weißes bis unter
die Brust aufgeknüpftes Hemd, aus dem weiße Haare quollen. Täglich um 9.30 Uhr
führten wir die immergleiche Konversation:
„Wo Du hingehen?“
„Arbeit“, antwortete ich.
„Ach, Arbeit ist scheiße.“
Ich gab ihm Recht und wir lachten.
„Aber ohne Arbeit“, er hob dabei den Zeigefinger, „ist auch Scheiße.“

Arbeit nervt, Arbeit macht krank, Arbeit verändert den Charakter – aber ohne Arbeit geht
eben nichts. Wer sie nur als finanziell entlohnte Tätigkeit definiert, greift zu kurz: Geld ist
neben Anerkennung, Verwirklichung, Struktur und Sinn nur eines von vielen Ergebnis-
sen menschlicher Tätigkeit.

EDITORIAL


Die zwölfte Ausgabe von daheim steht unter dem Thema „ARBEIT“. Ralf Heimann wirft
einen Blick auf die historische Wandlung des Begriffes von der Antike über die Industri-
elle Revolution bis heute. Viele halten Vollbeschäftigung mittlerweile für eine Utopie und
propagieren wie Götz Werner das unbedingte Grundeinkommen als Modell der Zukunft.
Kilian Kemmer argumentiert dagegen – aus Gründen der Gerechtigkeit. Andrea Heinz
spricht mit einem Psychologen, der sich auf die Therapie von Arbeitssüchtigen speziali-
siert hat. Außerdem porträtieren wir Jobs vom Dealer bis zum Kammerjäger und Formen
virtuelle Arbeit.

Viel Spaß beim Lesen wünscht


die daheim-Redaktion!
02 EDITORIAL
03 INHALT
04 DEFINITION
05 STIMMEN
06 ZAHLEN
07 HISTORISCHE ARBEIT In der Antike galt Arbeit als Zeichen der Unfreiheit, der Protestantismus machte sie zu einem sittlichen Wert,
und mit der Industriellen Revolution wurde Arbeit zur Ware. Eine kleine Geschichte der Arbeit.

09 „MENSCHEN SIND NICHT MIT EINEM MININUM ZUFRIEDEN“ Götz Werner, Gründer der Drogeriekette dm, ist einer der
vehementesten Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens: 1200 Euro pro Monat für jeden – ohne Gegenleistung. Ein Interview.

12 WER NICHT ARBEITEN WILL, SOLL AUCH NICHT ESSEN Ein unbedingtes Grundeinkommen ist ungerecht,
da ein Großteil der Steuerlast bei den Reichen liegen würde. Ein Kommentar.

14 ZUM BEISPIEL 1: KAMMERJÄGER


15 SCHONMAL GEHÖRT Fünf Songs über Arbeit.
17 METROPOLIS Impressionen aus Tokyo.

INHALT


23 „LETZTLICH IST ES MANGELNDE SELBSTLIEBE“ „Karoshi“ ist das japanische Wort für Tod durch Überarbeitung.
Ein Gespräch mit dem Psychologen und Unternehmensberater Dr. Peter Battistich über Arbeitssucht und Burnout.

27 DIE AUFLEHNUNG Heinz Helle wacht auf.


29 ZUM BEISPIEL 2: BARISTA
30 DAMALS: EIN KASTEN BIER ALS LOHN Das East End, ehemaliges Arbeiterviertel Londons, ist schick geworden.
Nur wenige Gestalten erinnern an die Vergangenheit. Das Porträt eines Cordanzugträgers.

32 SCHONMAL GELESEN Vier Bücher über Arbeit.


33 DAS GANZE LEBEN IST EIN SPIEL Von Exzess spricht man bei monatlichen Spielzeit von über 100 Stunden.
Bei Online-Rollenspielen verschwimmen die Grenzen zwischen Spiel und Arbeit.

35 PRO UND CONTRA 44 Gründe für und gegen Arbeit.


36 IM NORDEN ALLES BESSER Knapp drei Prozent betrug die Arbeitslosenquote im Oktober 2007 in Dänemark –
so niedrig wie seit 1974 nicht mehr. Zu Besuch in einem Jobcenter in Kopenhagen.

38 ZUM BEISPIEL 3: DEALER


39 TRUGSCHLUSS UND DER GOLDENE KÄFIG Aus dem Kurzgeschichtenband „Ich stricke am Rockzipfel meines Lebens”.
41 IMPRESSUM
DEFINITION

„Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und
befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit.“
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 23

„Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft.“ Gerhard Schröder

„Denken ist die härteste Arbeit überhaupt.“ Henry Ford

„Das Kapital ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampirmäßig


belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt,
je mehr sie davon einsaugt.“ Karl Marx

„Sozial ist, was Arbeit schafft.“ Slogan der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft

„Die Wirtschaft hat nicht die Aufgabe, Arbeitsplätze zu schaffen. Im Gegenteil. Die Aufgabe der
Wirtschaft ist es, die Menschen von der Arbeit zu befreien.“ Götz Werner

STIMMEN


„Jede Politik, auf welche Ideologie sie sich sonst auch berufen mag, ist verlogen,
wenn sie die Tatsache nicht anerkennt, dass es keine Vollbeschäftigung für alle mehr geben
kann und dass die Lohnarbeit nicht länger der Schwerpunkt des Lebens, ja nicht einmal die
hauptsächlichste Tätigkeit eines jeden bleiben kann.“ André Gorz

„Wenn Sie sich waschen und rasieren, haben Sie in drei Wochen einen Job.“ Kurt Beck

„Die Arbeit, die tüchtige, intensive Arbeit, die einen ganz in Anspuch nimmt mit Hirn und Nerven,
ist doch der größte Genuss im Leben.“ Rosa Luxemburg

„Arbeit ist Scheiße“


Wahlkampfspruch der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands

„Scheißen ist Arbeit“


Wahlkampfspruch der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands
Arbeitslose
im Jahr 1933 in Millionen: 4,8 Anteil der Arbeitnehmer,
die eine „hohe emotionale Bindung“ 12
zu ihrem Job haben in Prozent:
Arbeitslose
120.000
18
im Jahr 1939: Anteil der Arbeitnehmer,
die „keine emotionale Bindung“
Arbeitslose
im Jahr 2007 in Millionen: 3,4 zu ihrem Job haben in Prozent:

Offene Stellen
im Jahr 2007 in Millionen: 1,6
Registrierte Mitglieder des
Business-Netzwerkes „XING“ in Millionen: 2,65
Jahr, in dem Australien als erstes Land
der Welt den Acht-Stunden-Tag einführte: 1901 Monatlicher Brutto-Verdienst
einer Friseurin in Sachsen in Euro: 755
Jahresarbeitszeit in Stunden
in Deutschland 1950: 2163 Armutsgrenze nach Einkommen
in Ost-Deutschland in Euro: 604,8
Jahresarbeitszeit in Stunden
in Deutschland 2004: 1426 Menschen weltweit, die 2001 von weniger
als einem US-Dollar pro Tag lebten in Milliarden: 1,1
ZAHLEN


Anzahl der arbeitenden Kinder


weltweit in Millionen: 250 Google-Treffer
für den Begriff „Arbeit“: 95.400.000
Anteil der Frauen aller abhängig
Beschäftigten in Prozent: 47 Google-Treffer
für den Begriff „Freizeit“: 140.000.000
Anteil der Frauen in
Führungspositionen in Prozent: 33 Google-Treffer
für den Begriff „Stress“: 224.000.000
Erwerbstätige im Kultur- und
Medienbereich 1995: 180.000
Erwerbstätige im Kultur- und
Medienbereich 2003: 780.000
Anzahl der Erwerbstätigen, die sich dem
„abgehängten Prekariat“ zurechnen lassen in Millionen: 6,5
Anteil des Ministeriums „Arbeit und Soziales“
am Gesamtetat des Bundeshaushalts in Prozent: 45
ist Arbeit akzeptiert, vorausgesetzt sie Renaissance
stellt zufrieden und ist der Gesellschaft 15. bis 16. Jahrhundert
nützlich. Der erste Denker, der die ge-
sellschaftliche Bedeutung der Arbeit er- Das Menschenbild ändert sich. Der
kennt, ist Herodot (um 484 - 424 v. Chr.). Mensch ist nicht länger Gottes Arran-
Er sieht in ihr neben der Religion und der geur auf Erden. Er versteht sich selbst
Rechtssprechung eine der drei Säulen als Schöpfer. Was im antiken Griechen-
der Gesellschaft. land für das Denken galt, gilt nur für das
praktische schöpferische Handeln: Durch
Arbeit kann jeder ein besserer Mensch
Mittelalter werden.
7. Jahrhundert bis 16. Jahrhundert

Die Ständegesellschaft verteilt die Aufga- Reformation


ben: Der Klerus betet, die Ritter kämpfen Beginn des 16. Jahrhunderts
und die Bauern arbeiten. Im Mittelpunkt
steht das Land. Wer Land besitzt, lässt Es bleibt keine Wahl, Arbeit ist eine
arbeiten, und das bedeutet vor allem: Pflicht. Mit der Reformation entwickelt

HISTORISCHE ARBEIT Illustration Ekaterina Grizik


7 In der Antike galt Arbeit als Zeichen der Unfreiheit, der Protestantismus machte sie zu einem sittlichen Wert, und
mit der Industriellen Revolution wurde Arbeit zur Ware. Eine kleine Geschichte der Arbeit von RALF HEIMANN.

Antikes Griechenland ackern. Die wichtigste Arbeit ist Feldar- sich der protestantische Arbeitsethos. Der
13. bis ca. 2. Jahrhundert v. Chr. beit. Am Rand der Arbeitsgesellschaft Mensch arbeitet für Gott und für die Ge-
stehen die unehrlichen Berufen: Schnei- meinschaft. Arbeit ist damit Gottesdienst
Arbeit ist körperliche Arbeit. Aber damit der, Weber, Bettler, Zöllner, Wundarzt. und Buße für den sündhaften Menschen.
kann man im antiken Griechenland nichts Sie gelten nicht als betrügerisch, haben Aus diesem Verständnis heraus entsteht
werden. Nur Sklaven arbeiten. „Wer Lohn aber keine Aussicht auf soziales Anse- Mitte des 16. Jahrhunderts in London das
nimmt, der wird zum Sklaven“, heißt es. hen. Ehrbare Arbeit ist mit Freiheit und erste Arbeitshaus für Arbeitslose, Wai-
Man bewundert die Denker, die Politiker, dem Stadtbürgerrecht verknüpft. Wenn senkinder oder geistig Behinderte. Sie
wobei derlei Aufgaben nicht als Arbeit dagegen ein Adliger mit bei der Arbeit auf werden zur Arbeit gezwungen, gleich-
gelten. Wer ein anständiges Leben füh- dem Feld erwischt wird, muss er damit zeitig, so glaubt man, erwerben sie sich
ren möchte, macht sich die Hände nicht rechnen, Titel und Rechte zu verlieren. durch die fromme Verrichtung ihrer Arbeit
schmutzig. Tätigkeiten, die Körper oder Im Spätmittelalter gerät die Gruppe der göttliches Wohlgefallen.
Seele schaden, sind verpönt. Aristoteles Menschen, die arbeiten können, aber
(384 - 322 v. Chr.) unterscheidet zwi- nicht wollen, unter Beobachtung. Man
schen der niederen Arbeit „Poiesis“ und beginnt, sie zu kontrollieren. Wer betteln
der „Praxis“. Die einzige Denkrichtung in will, braucht eine Lizenz.
der Antike, die Arbeit etwas Gutes abge-
winnen kann, ist die der Stoiker. Bei ihnen
Aufklärung sich von der privaten Sphäre. Sichtbar Postmoderne Gesellschaft
18. Jahrhundert wird das dadurch, dass sich der Arbeits- Zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts
platz nicht mehr zu Hause befindet, son-
Immanuel Kant (1724 - 1804) hält nichts dern in der Fabrik. Erst in dieser Zeit Arbeit ist Menschenrecht, verankert in
von Müßiggang. Wer arbeitet, spürt das beginnt man zwischen Arbeitszeit und Artikel 23 der Allgemeinen Erklärung der
Leben, sagt er. Wer nicht arbeitet, spürt Freizeit zu unterscheiden. Georg Wilhelm Menschenrechte. Sicherungssysteme
die Leblosigkeit. Unter Arbeit versteht Friedrich Hegel (1770 - 1831) sieht als fangen all jene auf, die aus dem System
man am Ende des 18. Jahrhunderts kör- einer der Ersten die Gefahr, dass Arbeit fallen, aber Arbeitslosigkeit wird zu einem
perliche und geistige Tätigkeiten, voraus- den Menschen verformt. Diese Form von der größten gesellschaftlichen Probleme
gesetzt, an ihrem Ende steht ein Produkt. Arbeit mache den Menschen „mecha- der Zeit. Arbeit ist ein Besitzstand. In den
Es gibt in dieser Zeit verschiedene Sicht- nisch, stumpfer, geistloser“, prophezeit 1970er Jahren beginnt das Ende des In-
weisen: Für Johann Gottlieb Fichte (1762 er. Die Grundordnung des industriellen dustrie-Zeitalters und damit der Aufstieg
- 1814) zum Beispiel ist Arbeit nur die un- Zeitalters ist der Wirtschaftsliberalismus. der Beamten und Angestellten – der
liebsame Bedingung für Muße. Kant sieht Der zentrale Gedanke ist: Angebot und Beginn Dienstleistungsgesellschaft. Die
im Produzieren die eigentliche Fähigkeit Nachfrage regulieren sich selbst, wenn körperliche Arbeit verliert an Bedeutung,
des Menschen. Mit der Aufklärung und man sie nur lässt, es also einen freien immer wichtiger wird Bildung, in der Spra-
dem Zusammenbruch der Ständegesell- Markt gibt. Zum Opfer fallen diesem freien che der Ökonomen: Humankapital. Die
schaft endet auch die funktionale Teilung Markt all jene, die mit den Preisen der Fa- Arbeit von Männern und Frauen ähnelt

der Gesellschaft, in der die Arbeit dem brikerzeugnisse nicht mithalten können. sich zusehends. Arbeit ist Voraussetzung
dritten Stand vorbehalten war. Der Adel Sie fliehen vom Land in die Stadt, wo sie für Anerkennung, für Identität. Heimwer-
beginnt zu arbeiten, er muss sich nun die in den Fabriken Arbeit finden. Die Löhne ker arbeiten zum Zeitvertreib, weit ver-
Anerkennung erwerben, die er vorher als sind gering, die Arbeitsbedingungen oft breitet ist ehrenamtliche Arbeit. Es gibt
Erbschaft erhielt. Das Volk wiederum hat katastrophal, das verbindet alle Arbeiter. sogar verschiedene Ideen, Erwerbsarbeit
die Chance auf das gleiche Ansehen. Die Sie haben ein gemeinsames Interesse, abzuschaffen und durch ein bedingungs-
Leistungsgesellschaft beginnt. Menschen sie wollen die Bedingungen verbessern. loses Grundeinkommen zu ersetzen. Bis-
ohne Arbeit haben im Kapitalismus kei- Aus diesem Bestreben geht die Arbeiter- lang hat sich keine davon durchgesetzt.
nen Platz mehr. bewegung hervor, die sich unter dem Ein-
fluss von Karl Marx und Friedrich Engels
(1820 - 1895) entfaltet. Im industriellen
Industrielle Revolution Zeitalter verelenden große Massen. Der
spätes 18. bis 19. Jahrhundert Staat beginnt sich um die ins Bodenlose
fallenden zu kümmern und richtet soziale
Mit der Dampfmaschine wird die Muskel- Sicherungssysteme ein. Erst in der zwei-
kraft ersetzbar. Fabriken entstehen, in ten Hälfte des 19. Jahrhunderts taucht
denen Menschen nur noch kleine Arbeits- erstmals der Begriff Wochenende (Week-
schritte übernehmen. Die Arbeit entfernt end) auf, zunächst in England.
„MENSCHEN SIND NICHT MIT EINEM MININUM ZUFRIEDEN“ Illustration Ekaterina Grizik
 Götz Werner, Gründer der Drogeriekette dm, ist einer der vehementesten Befürworter des bedingungslosen
Grundeinkommens: 1200 Euro pro Monat für jeden – ohne Gegenleistung. Ein Interview von ANDREA HEINZ.

Herr Werner, wie genau sieht Ihr Konzept eines bedingungs-


losen Grundeinkommens aus?
Jeder Bürger, egal ob er einer sozialversicherungspflichtigen
Erwerbsarbeit nachgeht oder nicht, erhält vom Staat ein Grund-
einkommen, das an keinerlei Bedingungen geknüpft ist und von
dem er bescheiden, aber menschenwürdig leben kann. Das
Grundeinkommen stellt neben den existenziellen Bedürfnissen
wie Essen und Wohnen auch eine Teilhabe am kulturellen Leben
sicher und öffnet so jedem Menschen einen Freiraum, aus dem
heraus er sich in die Gesellschaft einbringen kann, und zwar
dort, wo er einen Sinn darin sieht.

Ihr Konzept beinhaltet auch ein neues Steuersystem. Wie


soll das aussehen?
Heute leben wir in der Fremdversorgung, das heißt: Jeder ist auf
die Leistungen anderer angewiesen, niemand kann sich mehr
selbst versorgen. Über einkommensbasierte Steuern belasten
wir Arbeit, die für andere erbracht wird, bevor ein Produkt oder
eine Dienstleistung konsumiert wurde. Das ist Knospenfrevel. muss, um als bedürftig eingestuft zu werden, oder nicht. Drittens
Deswegen brauchen wir reine Konsumsteuern, die nur denjeni- könnte die Mehrwertsteuer mit verschiedenen Steuersätzen
gen belastet, der die Leistung anderer in Anspruch nimmt. auch unterschiedlich belasten, so könnten z.B. Luxusgüter mit
einem deutlich höheren Steuersatz belastet werden.
Nach einem Beispiel, das Sie in einem Interview gegeben
haben, würde eine Kassiererin bei dm nach Einführung des Was ist mit in Deutschland lebenden Ausländern? Nach wel-
Grundeinkommens dasselbe Einkommen haben, wie davor chen Kriterien würde hier entschieden, ob sie das Grund-
– mit dem Unterschied, dass nur mehr die Hälfte von dm einkommen beziehen? Viel von ihrer Akzeptanz hing bisher
bezahlt wird. Das Grundeinkommen ist doch bedingungslos davon ab, ob und in welchem Maße sie „der Gesellschaft
– heißt das folglich, die Arbeit der Kassiererin wird schlech- nützen“.
ter bezahlt? Wer Bürger eines Landes ist und wer Anspruch auf die sozialen
Nein, die Arbeit wird genauso bezahlt wie zuvor. Die Löhne für Leistungen in diesem Land hat, dass muss heute genauso ent-
beispielsweise unsere Kassiererinnen zahlen unsere Kunden. schieden werden wie in einem System, dass jedem Bürger ein
Die müssten uns dann weniger Geld, dafür aber mehr Geld in bedingungsloses Grundeinkommen garantiert.
Form von Mehrwertsteuer an den Staat zahlen, der dann ein Teil
des Einkommens an die Kassiererinnen zahlt. Faktisch werden Schon jetzt reagieren viele Menschen mit Ablehnung auf
nur die Zahlungsströme umgelenkt. Da mit der steigenden Mehr- Hartz-IV-Empfänger. Befürchten Sie unter den oben genann-
wertsteuer die einkommensbasierten Steuern sinken, bleiben ten Umständen nicht, dass das bedingungslose Grundein-

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auch die Preise für Verbraucher gleich, sofern die Staatsquo- kommen Neid und Missgunst innerhalb der Gesellschaft
te auf dem gleichen Niveau bleibt. Was sich aber grundlegend erzeugen könnte?
ändern würde, ist, dass wir endlich einen richtigen Arbeitsmarkt Sie haben Recht, in unserer Gesellschaft werden Arbeitslose
hätten. Arbeitnehmer könnten dann kündigen oder eine Arbeit und Empfänger von Sozialtransfers stigmatisiert und ausge-
nicht annehmen, wenn sie keinen Sinn darin sehen oder mit den grenzt. Mit der Einführung des bedingungslosen Grundeinkom-
Arbeitsbedingungen nicht einverstanden wären. Alle Arbeitgeber mens würde diese Diskriminierung ein Ende finden, da es auch
werden sich dann deutlich mehr anstrengen müssen, um attrak- die gesellschaftliche Gruppe der Hartz-IV-Empfänger nicht mehr
tive Arbeitsplätze anzubieten. geben wird. Neid und Missgunst wird von einem System, das
allen das gleiche Kulturminimum zugesteht, wohl kaum befördert
Wenn sich eine Umstellung verwirklichen lässt, so würden werden.
ab sofort auch beispielsweise Top-Manager jeden Monat sa-
gen wir 800,- Euro bekommen. Wo bleibt hier die Gerechtig- Häufig werden Sie gefragt, wer denn unliebsame Arbeiten in
keit? unserer Gesellschaft erledigt, wenn er aus ökonomischen
Erstens sind wir heute schon bereit, jedem Bürger Kindergeld Gründen nicht mehr dazu gezwungen ist. Sie argumentie-
oder den Steuerfreibetrag zu gewähren, unabhängig von sei- ren unter anderem mit höherer Bezahlung oder Automatisie-
ner finanziellen Situation. Zweitens besteht die Gerechtigkeit rung. Denken Sie wirklich, dass jemand Straßen kehrt oder
darin, dass jeder Bürger ein Grundeinkommen erhält und somit Toiletten putzt, nur, um mehr Geld zu haben, als er für ein
niemand Schikanen oder Kontrollen über sich ergehen lassen angenehmes Leben ohnehin zur Verfügung hat?
Ja, davon gehe ich aus, denn das bedingungslose Grundein- Einkommensplatz. Doch zwischen einem Einkommensplatz, der
kommen sichert zwar ein Kulturminimum, aber unter einem nur eingenommen und mehr oder weniger ausgefüllt wird, um
angenehmen Leben verstehen viele etwas anderes. Insbeson- das lebensnotwendige Einkommen zu beziehen, und einem Ar-
dere wollen sich Menschen entwickeln, Menschen wollen wei- beitsplatz, der diesen Namen verdient, besteht ein elementarer
ter, höher, schneller und sind nicht einfach mit einem Minimum Unterschied.
zufrieden. Warum hören heutzutage Arbeitnehmer nicht auf zu
arbeiten, sobald sie 800 Euro haben? Sicher wird es einige Tä- Ihren Ausführungen nach zu urteilen, bringt uns das bedin-
tigkeiten geben, die wenige ausführen wollen. Diese muss man gungslose Grundeinkommen ausschließlich Vorteile – war-
entweder höher entlohnen, automatisieren oder selber machen. um um alles in der Welt wurde es dann nicht schon lange
realisiert?
Schon jetzt empfinden viele Menschen die zunehmende Au- Das ist ja ein historischer Prozess, wir haben uns von einer
tomatisierung in unserer Gesellschaft als unnatürlich und Selbstversorger- zu einer Fremdversorgergesellschaft entwi-
unmenschlich. In einer Gesellschaft, in der jeder über bedin- ckelt. Mit unserem Bewusstsein sind wir jedoch noch nicht in der
gungsloses Grundeinkommen verfügt und unliebsame Ar- Fremdversorgung angekommen. Das sieht man daran, wenn je-
beiten automatisiert erledigt werden – könnte nicht gerade mand meint, er lebe von seiner Arbeit oder seinem Einkommen
diese Automatisierung uns vor neue Probleme stellen? – dabei kann man von seinem Geld nicht leben, wenn niemand
Auf der Grundlage des bedingungslosen Grundeinkommens da ist, der die Regale füllt. Ein anderes Beispiel hierfür ist, wenn
wäre die Automatisierung segensreich, denn durch den Wegfall man meint, die Rente sei unsicher. Ob die heute junge Genera-

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von Arbeiten, die auch programmierbare Automaten leisten kön- tion später eine Rente erhält, hängt einzig von der Fähigkeit der
nen, wäre vielmehr Freiraum da: Freiraum für viele gemeinwirt- nächsten Generation ab, genügend Güter und Dienstleistungen
schaftliche und kulturelle Arbeitsaufgaben. Gerade im Kulturbe- für alle hervorzubringen und nicht davon, wie viel Geld man auf
reich, in dem sich viele Menschen einbringen wollen, haben wir die Seite legt. Die Gesellschaft muss erst umdenken, bevor ein
aktuell Mangel. Grundeinkommen eingeführt werden kann. Außerdem verfügt
die heutige Generation über so viele Güter und Dienstleistungen
Wie würden Sie den Begriff „Arbeit“ definieren? Wird das wie keine zuvor, wir leben im Überfluss. Das gab es bislang noch
allgemeine Verständnis von Arbeit nach der Einführung des nicht.
bedingungslosen Grundeinkommens ein anderes sein?
Arbeit heißt, für andere leisten. Heute halten viele nur Erwerbs-
arbeit für Arbeit und Einkommen ist ausschließlich an diese Form
von Arbeit geknüpft. Tatsächlich gibt es viel mehr Arbeit als Er-
werbsarbeit. Neben der Hausarbeit sind das etwa Erziehung,
Pflege, soziales Engagement, Kulturarbeit, Jugendarbeit, Sport.
In all diesen Bereichen werden immense und unverzichtbare
Beiträge zum Funktionieren unserer Gesellschaft erbracht. Wir
reden immer davon, dass jemand einen – oder eben keinen – Ar-
beitsplatz habe, dabei haben die meisten Menschen bloß einen
Seit den Hartz-Reformen sorgt die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens für Fu-
rore in der deutschen Sozialstaatsdebatte. Die Grünen haben mit knapper Mehrheit das
Grundeinkommen abgelehnt, in der CDU wurde auf Initiative des Ministerpräsidenten
Dieter Althaus eine Kommission zum Thema ins Leben gerufen und die Linke liebäugelt
freilich auch mit dem Ansatz.
Die Idee ist simpel: Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen bekommt jeder Bürger,
unabhängig von Wohnort, Haushaltssituation, finanzieller Situation und vor allem un-
abhängig von der Arbeitsbereitschaft, ein existenzsicherndes Einkommen ausgezahlt.
Die heterogene Gruppe der Fürsprecher dieses Konzeptes verfolgt dabei jedoch völlig
unterschiedliche Ziele. Einige wollen die Arbeitnehmerseite gegenüber ausbeuterischen
Kapitalisten stärken; Sozialromantiker wollen Bürgern die Möglichkeit geben, sich den
wahren und wichtigen Dingen im Leben widmen zu können; eine dritte Gruppe will Ar-
beitlosengeld-II-Empfänger von der Gängelei in den Arbeitsagenturen befreien. Und
wieder andere wollen mit der Bündelung aller bisherigen Sozialleistungen in Form eines
Grundeinkommens den Sozialstaat entrümpeln und der Wirtschaft neue Impulse ge-
ben.

WER NICHT ARBEITEN WILL, SOLL AUCH NICHT ESSEN Illustration Ekaterina Grizik
12 Ein unbedingtes Grundeinkommen ist ungerecht, da ein Großteil der Steuerlast bei den Reichen liegen würde.
Ein Kommentar von KILIAN KEMMER.

Verfolgt man die öffentlichen Reaktionen auf die Grundeinkommensdebatte, lauten die
beiden ersten Fragen stets: Wie soll das finanziert werden? Und: Wer wird noch ar-
beiten, wenn jeder Bürger monatlich bis zu 1.500 Euro vom Staat erhält? Auch in der
wissenschaftlichen Diskussion ist das Thema Arbeitsanreize eine der zentralen Fragen.
Es gibt durchaus seriöse Ökonomen, wie den Nobelpreisträger James Tobin oder den
deutschen Präsidenten des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts Thomas Straubhaar, die
die Finanzierung eines existenzsichernden Grundeinkommens für möglich halten. Zwar
würden für einige die Arbeitsanreize tatsächlich abnehmen, so die gängige Argumenta-
tion der Befürworter, aber für bisherige Arbeitslose könnten aufgrund besserer Hinzu-
verdienstmöglichkeiten Arbeitsanreize geschaffen werden. Auch Unternehmen würden
von Bürokratieabbau und Entlastung des Faktors Arbeit profitieren und deshalb neue
Jobs schaffen.
Die ökonomische Argumentation bleibt natürlich nicht unwidersprochen – Hindernis für
die Umsetzung des Grundeinkommens ist jedoch etwas anderes: Unsere mindestens
2000 Jahre alte Gerechtigkeitsvorstellung, die wohl am prägnantesten von Apostel Pau-
lus formuliert wurde: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.“ Und dementspre-
chend stellt sich die Frage: Warum sollte jemand ein existenzsicherndes Einkommen
erhalten, ohne dafür die geringste Gegenleistung zu erbringen?
In der institutionellen Realität des deutschen Sozialstaates ist das Paulinische Diktum
von Leistung/Gegenleistung weitgehend verwirklicht. Zwar werden Hilfsbedürftige zum
Teil ohne Gegenleistung versorgt, alle Arbeitsfähigen können jedoch implizit, unter der
Androhung von Leistungskürzungen, zur Arbeitsaufnahme gezwungen werden.
Nach der Logik des unbedingten Grundeinkommens würde dagegen jeder Bürger einen
unbedingten Transfer erhalten, ganz unabhängig davon, ob er arbeiten will oder nicht.
Mit der Realisierung eines Grundeinkommens lautete das implizite Gerechtigkeitsprin-
zip deshalb nicht mehr „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.“, sondern „Wer
nicht arbeiten will, soll trotzdem essen.“, bzw. „Wer nicht arbeiten will, soll trotzdem ein
Grundeinkommen erhalten.“

Die Reichen zahlen


Die Bedeutung der bedingungslosen Auszahlung wird noch klarer, wenn man sich ver-
gegenwärtigt, dass das Grundeinkommen, obwohl es theoretisch an alle ausgezahlt
wird, faktisch nur von der Gruppe der Bessergestellten finanziert wird. Letztendlich muss
das Grundeinkommen ja finanziert werden und die Bedürftigen werden nur wenig dazu
beitragen können. Wird der Transfer zum Beispiel über Steuern finanziert, so werden die
relativ schlechter Gestellten eher wenig Steuern zahlen. Die besser Gestellten werden

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dagegen die Hauptlast der Finanzierung übernehmen. Zwar werden letztere ebenfalls
ein Grundeinkommen erhalten, faktisch bekommen sie aber nur einen Anteil ihrer Steu-
erschuld zurück. Insgesamt bleiben sie also Nettozahler.
Damit ist klar, dass das bedingungslose Grundeinkommen nur von einem Teil der Bevöl-
kerung finanziert wird. Und damit erhält die Frage nach der Gegenleistung eine weitere
Dimension. Nicht nur das gegenleistungsfreie Grundeinkommen an sich verlangt nach
einer Rechtfertigung. Es bleibt die Frage: Warum sollte ein Teil der Gesellschaft ein Sys-
tem finanzieren, in dem ein anderer Teil ein unbedingtes Grundeinkommen erhält, ohne
dafür die geringste Gegenleistung zu erhalten.
Herr Kröber ist angefressen. Wegen der Mäuse. Seit sieben
Wochen kommt er freitags in die Wohnung und legt kleine Plas-
tiksäckchen mit blauem Pulver aus. Das Gift wirkt langsam, die
Mäuse bringen es in ihren Bau, verfüttern es an ihre Familien,
erst einige Tage später sterben sie daran. Aber noch immer
scheint es einigen Mäusen wunderbar zu gehen und Herr Kröber
schimpft. „Normalerweise geht das zwei, drei Wochen, dann sind
die weg. Aber mit denen hier is’ irgendwas faul. Und überhaupt
– mit Mäusen kann ich irgendwie nich’.“ Bei Ratten müsse er „ein
Mal in den Keller gehen, dann sind die weg. Aber die Mäuse, ick
versteh die einfach nich’!“
Herr Kröber ist Kammerjäger. Morgens um acht beginnt der Vier-
zigjährige mit den ersten Hausbesuchen des Tages. Mit einem
Eimer in der Hand steigt er aus dem Auto, ruft „Guten Morgen,
Schädlingsbekämpfung!“ in die Gegensprechanlage, stiefelt in
fremde Keller und durch fremde Speisekammern. Im Eimer sind
Handschuhe und verschiedene Köder und Fallen. Er und seine
Berufskollegen sind für alle Tiere zuständig, die in Wohnungen

ZUM BEISPIEL 1: KAMMERJÄGER Illustration Ekaterina Grizik


14 Von KATHRIN HAGEMANN.

unerwünscht sind – Ratten, Mäuse, Insekten, Maden, manch-


mal auch Kakerlaken. Schon allein deshalb gilt Kammerjäger als
dreckiger Beruf, und dass es bei der Arbeit ums Töten geht, hebt
das Image nicht. Die Berufsverbände unternehmen seit längerer
Zeit Anstrengungen, die Bezeichnung „Schädlingsbekämpfer“
für ihre Tätigkeit zu etablieren – mit bisher wenig Erfolg im alltäg-
lichen Sprachgebrauch.
Auch Herr Kröber spricht nicht von „Gift“, er spricht von „Ködern“.
Mit PR hat das bei ihm aber wenig zu tun. Kaum jemand will seit
der Kindheit Kammerjäger werden, die meisten geraten zufällig
an diesen Beruf – so auch er. Im Gegenzug hat er offensichtlich
Spaß an der Arbeit, mal abgesehen von den Problemen mit den
Mäusen. Dass ein Bericht über Kammerjäger etwas in den Medi-
en zu suchen hat, findet er nicht. „Kollegen von mir haben schon
echt Blödsinn gemacht, um das Fernsehen zu beeindrucken.
Und überhaupt, was woll’n Sie denn darüber schreiben? Es is’
ein Beruf, nix Spektakuläres. Aber ick sach ma’… et is’ auf jeden
Fall abwechslungsreich.“
MIT DER SICHERHEIT MIT DER MAUS FÜR DIE SELBSTBESTIMMUNG
WIR SIND JUNG UND MACHEN UNS (ODE) AN DIE ARBEIT von Wir sind Helden SLAVE TO THE WAGE von Placebo
SORGEN ÜBER UNSERE CHANCEN
AUF DEM ARBEITSMARKT von Peter Licht

Es ist ja heutzutage nicht leicht, sich als Böse Zungen bezeichneten Wir sind Helden „Run away from all your boredom / Run
junge, heranwachsende Person dem von einst wenig schmeichelhaft als die SPD away from all your whoredom and wave
den Medien ausgeübten Druck über die des Rock. Und auf ihrem letzten Album / Your worries, and cares, goodbye / All it
beständige Unsicherheit unserer Lebens- gab sich die Band leider auch redlich Mühe takes is one decision / A lot of guts, a litt-
verhältnisse einfach zu entziehen. Was diesem Bild erfolgreich zu entsprechen. In le vision to wave / Your worries, and cares
also tun, wenn das Geld alle ist und der Be- gewohnt sozialkritischer Manier trägt die goodbye.“ Arbeit, Monotonie, Entfremdung,
griff „Arbeit“ in einigen Jahren längst zum Kindergärtnerinnenstimme von Sängerin Burnout. Die britische Band Placebo erteilt
Anachronismus für eine vergangenen Epo- Judith Holofernes tapfer Lieder vom Ende dem klassischen Nine-to-Five-Arbeitsprin-
che geworden ist, in der die Jobs noch auf des Kapitalismus vor. Besonders ambitio- zip auf ihrem dritten Album mit Slave to
den Bäumen wuchsen und nicht irgendwo niert geht es im Opener (Ode) An die Arbeit the Wage, eine deutliche Absage. In der
in den Tiefen des Web 2.0 lagen? Peter- zu, in dem zwei der Bandmitglieder in einen Tradition von Klassikern wie Bob Dylans

SCHON MAL GEHÖRT Illustration Ekaterina Grizik


15 Fünf Songs über Arbeit von KATJA PEGLOW.

Licht hat bereits auf seinem ersten Album – nennen wir es ruhig – platonischen Dia- Maggie’s Farm (auf den in den Lyrics üb-
ein Lied über die zukünftigen Verlierer auf log verfallen: „Sag mal – du hast doch gra- rigens auch referiert wird) plädiert das Trio
dem Arbeitsmarkt geschrieben und deren de nichts zu tun, erklär mir Arbeit / Arbeit? / für selbstbestimmtes Arbeiten: „It’s a song
Ängste gewohnt ironisch auf die Schippe Ja / Arbeit mein Freund – Das wird Arbeit!“ about not working for the masses. It’s about
genommen: „Wir sind jung und wir ma- Ähnlich bemüht und pädagogisch wertvoll being an individual and following a dream.”
chen uns Sorgen / denn später wollen wir geht es weiter: „Also, was das Schaf da Im dazugehörigen Video tippen schwarz
uns ja auch einmal etwas leisten können / mit dem Gras macht: Keine Arbeit – Ach? / gekleidete Menschen in weitläufigen Bü-
momentan da geht´s ja noch / weil unsere Was man später mit dem Schaf macht: Das rokomplexen ausdruckslos in futuristische
Ansprüche noch niedrig sind / aber später ist Arbeit – Aha / Generell alles was Spaß Schreibautomaten und lassen sich buch-
wollen wir uns ja auch mal was gönnen macht: Keine Arbeit – Och / Generell was stäblich von ihrer Arbeit auffressen. „It’s a
können / denn wir wissen / wenn man sich man im Gras macht: Keine Arbeit – Ach maze for rats to try / It’s a race, a race for
erst einmal an einen Lebensstandard ge- so.“ Ein Kritiker bezeichnete den Text dar- rats to die“, beklagt Sänger Brian Molko
wöhnt hat / dann ist es schwierig / später aufhin sehr treffend als pures Kinderfern- und sieht in seiner dystopischen Vision nur
wieder mit weniger auszukommen.“ Klingt sehdeutsch und genauso klingt die (Ode) einen Ausweg aus der beklemmenden Si-
nach dem perfekten Soundtrack für die Ge- An die Arbeit dann leider auch. Nach der tuation: „Run away!“
neration Praktikum? Ist es auch. Sendung mit der Maus für die Ohren.
OHNE CHANCE GEGEN DEN CHEF
STEMPELLIED (LIED DER LUXURY von The Rolling Stones
ARBEITSLOSEN) von Ernst Busch

Klassiker des deutschen Sozialismus aus Ganz so wie es sich für Repräsentanten über die alte Welt der Geschlechtertren-
den Goldenen Zwanzigern. Aus heutiger der Arbeiterklasse gehört, begibt sich die nung. Nichtsdestotrotz bleibt das Lied
Sicht setzte der Kabarettist, Liedermacher erfolgreichste Rockband der Geschichte ein gelungener Seitenhieb gegen den Ka-
und Schauspieler Ernst Busch den Wor- 1974 in einem ihrer Songs in proletarische pitalismus. Warum die Idee für diesen vom
king Class Heroes von damals mit Liedern Niederungen. In Luxury wird die Geschichte Reggae beeinflussten Song Keith Richards
wie Ballade von den Baumwollpflückern eines vom Schicksal gebeutelten Lohnar- jedoch ausgerechnet während einer Auto-
oder Lied der Bergarbeiter eines der ersten beiters erzählt, der in seiner Mittagspause fahrt durch München befiel, wird wohl für
musikalischen und lyrischen Denkmäler in von solch illustren Dingen wie „a real fine immer sein Geheimnis bleiben.
der Geschichte Deutschlands. Das Herz car“, „a gold ring“ und „all the rum“ träumt,
des überzeugten Sozialisten und Kommu- tatsächlich aber für einen Hungerlohn in
nisten schlug vor allem für die beherrschte der Ölraffinerie schuftet, um Frau und Kind

16

Arbeiterklasse. Bereits 1929 wusste Busch zu ernähren, während sein fauler Boss die
schon: „Ohne Arbeit, ohne Bleibe / Biste null wahren Früchte der Arbeit erntet: „I think it’s
und nischt / Wie ‘ne Fliege von der Schei- such a strange thing, giving me concern /
be / Wirste wegjewischt.“ Das Stempellied Half the world it got nothing the other half
verhalf Ernst Busch im Berlin der Weimarer got money to burn.” Die Anklage ist natür-
Republik 1929 zum Durchbruch und brach- lich berechtigt denn: „You can’t call me lazy
te ihm den Titel „das singende Herz der Ar- on a seven day a week / Make a million for
beiterklasse“ ein. the Texans, twenty dollar me [...] I’m wor-
king so hard, I’m working for the compa-
ny.“ Lustigerweise bekommt in dem Song
nicht nur der raffgierige Ölmulti sein Fett
weg, sondern unterschwellig auch die Da-
heimgebliebenen: „My woman need a new
dress, my daughter got to go to school / I’m
working so hard to keep you in the luxury /
I’m working so hard to keep you from the
poverty“, schmollt das lyrische Ich beleidigt
METROPOLIS
17 Impressionen aus Tokyo von JACOB SCHERE.
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B u r n ou t S u c ht Ar B e i t S ü ch t i g A r B e i t en
F r e i ze i t g e S u n dh e i t P A r t n e r S c h AF t
re g e l m ä S S i g ko n S t A n t S c h l A F W A h rn e -
h m un g A l Ar m z e i c h e n Au S B A l A nc i er u ng
A nz e i c h e n P A r t n e r S ch AF t u n z uF r i e d e n -
he i t e n S tr e i t P ro B l e m e P A t i e nt e n
Wü n S c h e Ar B e i t S F l u t ne i n V or g e S e t z t e r
B u r n ou t S u c ht Ar B e i t S ü ch t i g A r B e i t en
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„LETZTLICH IST ES MANGELNDE SELBSTLIEBE“ Illustration Eva-Maria Heier
24 „Karoshi“ ist das japanische Wort für Tod durch Überarbeitung. Ein Gespräch mit dem Psychologen und Unternehmensberater
Dr. Peter Battistich über Arbeitssucht und Burnout. Von ANDREA HEINZ.

Herr Dr. Battistich, bei Sucht denkt man Sucht, hier mangelt es bereits an der not- Es gibt ja auch den Begriff des Burn-Out,
ja eher an Drogenabhängige oder Spie- wendigen Ausbalancierung. des Ausbrennens. Hängt dieses Phäno-
ler – wie hat man sich denn einen Ar- men mit der Arbeitssucht zusammen?
beitssüchtigen vorzustellen? Wie sehen Alarmzeichen für eine Ar- Burn-Out ist die letzte Stufe einer Arbeits-
Es gibt verschiedene Steigerungsstufen beitssucht aus? sucht. Es kann drauf hinauslaufen, Gott
der Arbeitssucht. Anfangs zeigt sich die Häufig zeigen sich erste Anzeichen in der sei Dank ist es aber keine notwendige
Sucht in dem Versuch, ganz bewusst noch Partnerschaft. Es gibt vermehrt Unzufrie- Konsequenz. Wenn man die Alarmzeichen
mehr zu arbeiten. Und gleichzeitig, noch denheiten und Streit. Dazu kommen Pro- rechtzeitig erkennt, kann man die Sucht
mehr auf Freizeit, Gesundheit und Part- bleme in sexueller Hinsicht. In der ersten auch noch davor in den Griff bekommen.
nerschaft zu verzichten. Ähnlich wie bei ei- Phase kommen viele Patienten aber auch
ner Alkoholkrankheit, werden diese ersten mit vordergründig anderen Wünschen und Wenn die Warnsignale nicht rechtzeitig
Zeichen aber völlig übersehen. Man denkt, Problemen: „Ich kann mich gegenüber der wahrgenommen werden – wie äußert
es sei völlig normal, jeden Abend ein oder Arbeitsflut nicht mehr so gut abgrenzen.“ sich dann ein Burn-Out-Syndrom?
zwei Bier zu trinken. Und das bleibt dann Oder: „Ich kann nicht „Nein“ sagen, wenn Bei einem chronischen Burn-Out ist die
über Jahre so regelmäßig und konstant. mein Vorgesetzter mich mit Arbeit ein- Leistungsfähigkeit praktisch nicht mehr
Das schläfert die Wahrnehmung der deckt und alles auf mich abschiebt.“ Viele vorhanden. Man könnte das ganz banal
Alarmzeichen ein. In dieser schleichenden merken diese ersten Symptome nicht oder mit einem Motor vergleichen, den man
Vorphase legt sich der Grundstein für die ignorieren sie und machen einfach weiter. über Tausende Kilometer hinweg im ro-
ten Bereich fährt – irgendwann reiben Neben der wirtschaftlichen Situation, seln beginnt. Oft ist der Moment, in dem
dann natürlich die Kolben fest und klap- begünstigt auch die konkrete Situati- die Sucht erkannt wird, auch genau der,
pern die Ventile. Wenn nicht schon früher, on im Arbeitsleben das zunehmende in dem man sagt, wir wollen endlich eine
dann treten in dieser Phase auch die psy- Suchtverhalten. Familie gründen. Der Moment, in dem
chosomatischen Krankheiten auf. Herz- Mit Sicherheit. Ich habe in letzter Zeit man an Kinder denkt und diese auch sel-
Kreislauf-Störungen etwa, um nur die viele relativ junge Patienten, die es völlig ber aufziehen möchte, statt das an das
bekannteste zu nennen. Wenn man sich normal finden, der Karriere wegen bis 23 Kindermädchen oder die Partnerin zu
die klinischen Statistiken ansieht, sieht Uhr zu arbeiten und am nächsten Morgen delegieren. Da merkt man, dass das mit
man bereits bei jüngeren Patienten eine wieder um 9 Uhr im Büro zu sein. Gera- dieser krankhaften Einstellung zur Arbeit
sehr hohe Herzinfarkt- und Schlaganfall- de bei Berufsgruppen, wo es um die Er- gar nicht möglich ist.
rate. Das sind natürlich Auswirkungen langung eines höheren Levels geht, zum
des Arbeitsstresses. Letzten Endes führt Beispiel bei Fachärzten oder Steuerbera- Gibt es denn grundsätzlich Typen, die
eine chronische Arbeitssucht auch zu de- tern in Ausbildung, da hängt dieses Ziel besonders anfällig für diese Art von
pressiven Symptomen, wie zum Beispiel ja – vermeintlich – mit der Leistung zu- Suchtverhalten sind?
Antriebsverlangsamung, Schwermut oder sammen. Da lässt man sich noch gerne Ja, es gibt sicherlich Typen, die beson-
Reduzierung des Arbeitstempos. ausbeuten. ders gefährdet sind. Es ist eindeutig maß-
geblich, wie jemand gelernt hat, mit Leis-
tungsanforderung und Stress umzugehen.

25

Mir scheint, dass Fälle von Arbeitssucht Sie sprachen bereits Krisen in der Be- Diejenigen Menschen, die eine zu hohe
immer häufiger werden. Sehen Sie da ziehung als Resultat des Suchtverhal- Leistungsmotivation haben, neigen mehr
einen Zusammenhang mit der aktuellen tens an. Kann nicht umgekehrt aber dazu, krank zu werden. Diese Typen sind
Situation in der Wirtschaft? auch eine Ursache für die Sucht in sehr auf Anerkennung bedacht und fürch-
Zum einem kann ich sagen, dass nach mei- unseren modernen Formen der Part- ten, die verweigert zu bekommen, wenn
ner langjährigen Erfahrung als Coach die Zahl nerschaft liegen? Geheiratet wird ja, sie nicht 150prozentige Leistung bringen.
der Arbeitssüchtigen tatsächlich deutlich zu- wenn überhaupt, erst sehr spät, das- Berufliche, materielle und soziale Aner-
nimmt. Zum zweiten hängt das definitiv auch selbe gilt für Kinder. kennung, das sind hier die drei Hauptfak-
mit den momentanen wirtschaftlichen Ver- Das mag ein weiterer Grund sein. Tat- toren. Ein Persönlichkeitsmerkmal, das
hältnissen zusammen – oder besser gesagt sache ist, dass bei den meisten jungen ich ebenfalls für sehr wichtig halte, ist ein
mit der Hysterie in der Wirtschaft. Statistisch Berufstätigen die Beziehung noch nicht vermindertes Gefühl für den eigenen Kör-
gesehen geht es der Wirtschaft und den Un- so wichtig ist. Der Partner steht vielleicht per – oftmals sogar eine geradezu negati-
ternehmen sehr gut. Gegenläufig dazu gibt selbst voll im Berufsleben und sagt: „Ja, ve Einstellung. Beispielsweise, wenn der
es aber die Idee, man müsste noch besser, mach nur und sieh zu, dass du erfolgreich Betroffene gar nicht bemerkt, zuviel ge-
noch sparsamer und noch konkurrenzfähiger bist“. Auf Dauer funktioniert das dann raucht, getrunken oder auch gegessen zu
sein. Und dazu gibt man dann eben den eben nicht, denn in einem fortgeschritte- haben und damit über die Grenze gekom-
Druck in Form von mehr Arbeit und höheren nen Stadium der Sucht ist es ja meist die men zu sein, die sein Körper erträgt. Letz-
Einsparungen nach unten ab. Beziehung, bei der es als Erstes zu kri- ten Endes also mangelnde Selbstliebe.
Wie sehen die Behandlungsmöglich- noch mehr und noch schnellerer Erfolg Sehen Sie für die Zukunft trotzdem
keiten bei einer Arbeitssucht oder gar gehen – der kommt oft ohnehin von al- Möglichkeiten, auch den Ursachen der
einem chronischen Burn-Out aus? leine. Vielmehr geht es hier um den Be- Sucht entgegen zu wirken?
Die erste, akute Hilfe ist immer, zu lernen, reich der Liebe, um Familie aber auch um Ich denke, ein Ansatzpunkt ist, dass
sich zu entspannen. Das heißt, über Mo- Freundschaften und soziale Aktivitäten. Betroffenen es sich bewusst machen
nate hinweg einfache, aber konsequente müssen, wir früh sie schon zu einem
tägliche Entspannungsübungen. In der Wir sprachen bereits darüber, dass Suchtverhalten tendieren. Und sich dann
zweiten Phase lernt man, sich innerhalb unsere Gesellschaft, insbesondere dagegen wehren. Je mehr sich dagegen
des Arbeitsplatzes abzugrenzen. Man die Welt der Wirtschaft und Arbeit, die wehren, umso mehr wird das auch von
muss seine eigenen Ansprüche reduzie- Entwicklung der Arbeitssucht massiv der Kultur und von der Unternehmenssei-
ren. Und man muss vor allem lernen, dass begünstigt. Wäre es nicht sinnvoller, te akzeptiert werden müssen.
man auch „Nein“ sagen kann, ohne dass das Problem hier sozusagen „an der
es eine der phantasierten Konsequenzen Wurzel“ zu bekämpfen, statt nur die
hat. Also ohne, dass man deswegen die Symptome zu therapieren?
materielle, berufliche oder soziale Aner- Wir sprechen hier von einem sich ge-
kennung verliert, von der bereits die Rede genseitig selbst verstärkenden Kreislauf.
war. In der dritten Phase schließlich geht Logisch wäre es natürlich äußerst sinn- Ein Burnout-Fragebogen:
es darum, auf den gesamten Lebensstil voll, bei den Ursachen anzusetzen. Es http://www.battistich.at/burnout.htm

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zu achten. Ohne grundlegende Änderung stellt sich nur die Frage, wie man das in
des Lebensstils ist schlicht keine länger der Praxis am Besten durchsetzt. Es gibt
andauernde Burn-Out-Prävention sinn- und gab dafür immer wieder Ansätze, ein
voll und möglich. Beispiel ist das so genannte Sabbatical.
In manchen Firmen und Organisationen
Was kann man sich unter einer Ände- wird es akzeptiert, dass Mitarbeiter sich
rung des Lebensstils vorstellen? ein halbes Jahr Auszeit nehmen und et-
Grundsätzlich einmal, zu erkennen: Es was tun, das nichts mit ihrem herkömm-
gibt auch ein Leben nach Büroschluss. lichen Beruf zu tun hat. Manche nützen
Und dieses Leben muss man pflegen. diese Zeit aber auch, um noch mehr zu
Da geht es natürlich in erster Linie um arbeiten und sich damit für eine höhere
die Partnerschaft. Gleich danach kom- Anforderung qualifizieren zu können.
men aber gesunde Ernährung und aus- Außerdem stellt Arbeitssucht gerade in
reichend Bewegung. Hier muss sich der den Einrichtungen, in denen ein Sabba-
Patient auch die Frage nach seinen Le- tical möglich ist, ohnehin kein so großes
bensschwerpunkten, nach seinen Wer- Problem dar.
tigkeiten stellen. Was will ich im Leben?
Es darf und kann nicht nur um Erfolg und
DIE AUFLEHNUNG Illustration Hanna Milda
27 HEINZ HELLE wacht auf.

Ich liege im Bett. Der Wecker geht zum fünften Mal an. Und wie- packt in dicke Decken aus ziemlich vernünftigen Meinungen zur
der aus. Ich liege immer noch im Bett. Es ist warm. Graues Licht Außenwelt. Es gibt nichts mehr, wogegen man noch sein könnte.
fällt in den Raum. Ich sehe es nicht, weil meine Augen noch ge- Keine Träume, die noch niemand hatte. Keinen Hass, der noch
schlossen sind. Aber ich spüre, dass es grau ist. nicht medizinisch oder sozialwissenschaftlich wegerklärt wurde.
Unsere Überzeugungen haben es nicht mehr nötig, dass man
Ich lebe in Deutschland. Es geht mir gut. Ein glückliches Leben für sie stirbt. Das ist gut. Denn es bedeutet, dass ich leben darf,
ist nichts Außergewöhnliches mehr. Ein glückliches Leben ist ein einfach so. Ich muss nur aufstehen. Gleich.
Leben, in dem nichts Schlimmes geschieht. Mehr nicht. Besser
wird es sich nicht anfühlen, auch wenn es in Begriffen von Geld, Ich drücke mein Gesicht tiefer in das Kissen.
Sex und Macht immer noch mehr werden kann, und soll. Nur
wenn jeder mehr will, kriegen auch die etwas, die nichts tun. So Gleich geht es los. Beschwingt von der Dusche und betroffen
funktioniert diese Welt. Wer sich dagegen auflehnen will, kann von den Morgennachrichten werde ich mich modisch kleiden und
Steine werfen. Aber nicht zu viele. So böse ist das System nun meine prestigeträchtige Arbeitsstelle aufsuchen. Hier werde ich
auch wieder nicht. Es ist eigentlich überhaupt nicht böse. Es ist mich genauso authentisch und unangepasst verhalten, wie man
abgeklärt und kalt. Man kann es nicht mehr schocken. Hunger- es von mir erwartet. Abends werde ich etwas Sport treiben und
streiks? Albern. Love-Ins? Pubertär. Brandsätze? Nur das un- mit Freunden noch was trinken gehen. Aber nicht zu viel, nicht zu
mündige Um-Sich-Schlagen von ein paar Kindern, die schlecht lange. Morgen früh geht es weiter.
geträumt haben. Die Mehrheit sitzt ruhig auf ihren Sofas, einge- Ich werde fleißig sein und vielleicht werde ich irgendwann genug
Geld verdienen, um eine Familie zu gründen. Dann werde ich Gedanken an einen möglichen Unfall mit dem Erbgut eines die-
ein guter Ehemann sein, mich am Haushalt beteiligen und meine ser Typen schneller zustimmen, als ich es je für möglich gehalten
Frau, wenn das Kind nicht mehr ganz so klein ist, bei ihrer be- hätte. Ich werde an den hilflosen Säugling denken, den ich früher
ruflichen Verwirklichung unterstützen. Gleichzeitig werde ich ein so oft im Arm hielt, und für den ich innerhalb weniger Jahre vom
liebender Vater sein, der seinem Kind beibringt, dass man gut stärksten und schlausten zum langweiligsten Mann auf dem Pla-
sein soll. Ich werde ihm von einem lieben Gott erzählen, von dem neten wurde. Und ich werde ein bisschen traurig sein.
ich selbst nichts weiß. Später werde ich ihm nicht von einem Ho- Nach einiger Zeit werde ich einen der Kerle meiner Tochter dann
locaust erzählen, von dem ich zumindest einiges gelesen habe. doch tolerieren oder eine der Freundinnen meines Sohnes mich.
Wenn es mich fragt, werde ich ihm sagen, dass es früher, vor Dann werde ich Enkel bekommen. Meine Frau und ich werden
vielen, vielen Jahren, einmal eine Zeit gab, in der das Böse über sonntags zum Tee laden. Ab und zu wird jemand kommen. Wir
Deutschland geherrscht hat. Aber jetzt ist alles wieder gut. Das werden dankbar und zufrieden sein.
wird genügen.
Wenn ich einen Sohn bekomme, werde ich mir nicht anmerken Ich drehe den Kopf auf die Seite und schaue aus dem Fenster in
lassen, dass ich seinen Freundinnen auf den Arsch schaue. den anbrechenden Tag.
Wenn ich eine Tochter bekomme, werde ich mir nicht anmer- Der Speichelfleck auf meinem Kissen kühlt mir die Wange.
ken lassen, dass ich die Typen, die sie anschleppt, für Vollidioten
halte. Wenn mir meine Frau mitteilt, es wäre an der Zeit, dass Verdammt, bin ich glücklich.
unsere Tochter jetzt dann mal die Pille nimmt, werde ich beim Verdammt bin ich, glücklich.

28

Ich bleibe liegen.


„Einen Grande Latte Machiatto … mit … Sojamilch und … Ha- Um 22.45 Uhr schließe ich total erschöpft die Ladentür hinter
selnuss-Flavour bitte. Und mit Strohhalm!“ bestellt ein Mädchen mir ab.
und lächelt mich dabei freundlich an. „Sehr gerne“ erwidere ich Zwei Tage später bekomme ich einen Anruf von anonymer Num-
und lächle auch freundlich. Seit vier Wochen bin ich „Barista“ in mer. Ich nehme ab, am anderen Ende der Leitung ist mein Chef:
einer berühmten amerikanischen Kaffeehauskette – die ich an „Wir haben dich beobachtet. Warum hast du vorgestern so lange
dieser Stelle „Schwarze Bohne“ nennen möchte. gebraucht, den Shop sauber zu machen? Die anderen Baristas
Einen Monat lernte ich die hohe Kunst des Kaffee-Brühens, schaffen das viel schneller als du! Ich muss dich leider feuern.“
Milch-Aufschäumens und Smoothie-Mixens, und heute arbei-
te ich zum ersten Mal ganz alleine im Laden. Ich habe alle Es- Anm. d. Red. Laut eines Urteils des Bundesarbeitsgerichts ist Videoüberwachung
pressi, Capuccini und Lattes im Griff. Das denkt sich hoffentlich der eigenen Mitarbeiter nur unter bestimmten Voraussetzungen zulässig, da es
auch mein Chef, der letzte Woche Videokameras in allen Filia- sich um einen Eingriff in das Persönlichkeitsrecht handelt. Eine permanente Vide- Hire
len installieren ließ und mir seither beim Brühen zusehen kann. oüberwachung der Mitarbeiter ist nur im Ausnahmefall, insbesondere im sicher-
Und das nicht etwa aus Schutz vor Diebstahl, nein: Er sorgt sich heitsrelevanten Bereich, zulässig. Ziel einer permanenten Videoüberwachung
um die Effizienz seiner „Baristas“. Auf dem Monitor in der Un- kann laut BAG daher nur die Sicherung des Betriebsvermögens, nicht aber die
ternehmenszentrale hat er alle seine Mitarbeiter in allen Filialen Überwachung der Arbeitsleistung sein. Beispielsweise werden an einer Tankstelle
Fire
immer im Blick – George Orwell lässt grüßen. Wer zu langsam nicht die Mitarbeiter, sondern die Kunden überwacht.
aufschäumt, zu lange mit einem Kunden spricht oder zu viel rum-
steht, muss mit einem Anruf aus der Zentrale rechnen, in dem

ZUM BEISPIEL 2: BARISTA Illustration Veerle Hildebrandt


29 Protokoll von KATHARINA WULFFIUS.
+ +
unmissverständlich klar gemacht wird, dass es so nicht geht.
Kein Barista, der hier arbeitet, wurde je gefragt, ob er damit ein-
?
verstanden ist – eines Tages hingen die Kameras einfach direkt
hinter der Theke an der Decke.
Es ist jetzt 20 Uhr, mein Arbeitstag fast zu Ende. Plötzlich läuft
alles schief: Die Spülmaschine streikt, Wasser läuft aus. Die Kaf-
feemaschine lässt sich nicht abstellen. Ich muss den Laden noch
sauber machen, die Theke, Tische und Vitrinen wischen. Müll
wegbringen. Flaschen in den Keller tragen. Alle Vorräte auffül-
len. Während ich hektisch hin- und her renne, verfolgt mich das
Kameraauge.
21.30 Uhr. Ich muss abrechnen – das erste Mal in meiner Baris-
ta-Karriere. Ich verrechne mich, muss immer wieder von vorne
beginnen. Endlich stimmt alles. Jetzt das Geld noch in den Safe
bringen und ab nach Hause. Habe ich mir so gedacht. Ich kriege
aber den Safe nicht auf – verdammt. Mein Schlüssel passt nicht
und ich muss eine Kollegin anrufen, die den richtigen hat.
te verfassten, flaniert nun die Jugend
der Stadt, bereit Ideen in Kunst zu ver-
wandeln die sich gut verkaufen lässt.

Untergrund im Licht
Die namensgebende Ziegelei steht nicht
mehr, aber der Truman’s-Brewery-Kom-
plex überragt immer noch alle anlie-
genden Gebäude. Heute prägen Curry
Houses und asiatische Textilgeschäfte
den südlichen Teil der Straße, während im
Norden nicht nur die Bagel der jüdischen
Bäckerei, sondern vor allem die T-Shirts,
Möbelstücke und Magazine der neueren
Kunst ihre Kunden finden. Die Identi-
täten, die die Brick Lane zum Kauf an-
bietet, reichen nicht wie in Camden vom
Goth zum Punk, vom Emo zum Skin, hier

DAMALS: EIN KASTEN BIER ALS LOHN Illustration Michael Fritz


30 Das East End, ehemaliges Arbeiterviertel Londons, ist schick geworden. Nur wenige Gestalten erinnern
an die Vergangenheit. Das Porträt eines Cordanzugträgers. Von ANNA NORPOTH.

Ein Sonntag im Herbst. Abseits der heute verdienten Geld, etwas, das hier wie nir- geht es stets um mehr als die Subkultur:
totenstillen Bürotürme um die Liverpool gendwo anders bezahlbar scheint: Cool- Hier strebt der Underground ans Licht der
Street Station im Osten Londons. An die- ness. Die alten Industriegebäude bieten Weltöffentlichkeit. Und mit ihm das Viertel
sem Nachmittag ist die Brick Lane voll heute genug Platz für Performancethe- selbst. Arbeit bedeutet, sich in der Spira-
von Menschen, die auf der Suche sind ater, die hundertste Electro-Indie-Band le nach oben zu bewegen, die Gesetze
– nach einem originellen Schal, Sessel oder opulente Designershows; die Lon- der Mode zu erkennen und gegebenen-
oder Kerzenständer. Sie stöbern an den don Fashion Week war auch schon da. falls gegen den Idealismus einzutau-
zahlreichen Straßenständen, finden bei Inmitten des Getümmels sitzt Mick, die Vibe schen. Zu adaptieren und zu bewahren,
einem der jungen Designer in den Vin- Bar zur linken und das Bier in der Hand. ein stetiger Drahtseilakt zwischen Origi-
tageshops den perfekten Wintermantel, Mick, Jahrgang 1940, trägt einen ocker- nalität und Erneuerung um jeden Preis.
trinken das dritte Pint Stella Artois samt farbenen Cordanzug, Filzhut, Halstuch Mick ist mit der Zeit mitgegangen, ohne
Chips oder flanieren immer noch in ihren und Hosenträger. Mick schüttelt viele sein Gesicht zu verlieren. Da er die Ver-
Röhrenjeans die Strasse herunter. Sie Hände, man kennt sich hier im Mikro- gangenheit repräsentiert, die so dringend
alle finden etwas, das sie von den Anzug- kosmos der Brick Lane. Wo vor einigen gesucht wird zwischen all dem Neuen,
trägern der Nachbarschaft unterscheiden Dekaden noch Arbeiter ihrem schlecht wird Mick zur einzig Konstanten für die
wird, die neongrünen Turnschuhe oder die bezahlten Beruf nachgingen, wo zu Bevölkerung der Brick Lane und abgese-
gelbe Strickjacke oder die Pillen für den Beginn des 20. Jahrhunderts die Anar- hen von dubiosen Fernsehumfragen, die
Abend. Sie alle kaufen etwas von ihrem chisten und Kommunisten ihre Manifes Hackney, einen der East-End-Stadtteile,
zum unbeliebtesten Ort Großbritanniens Langstrumpf scheint er, den Dingen neue berüchtigten Kray-Twins, den Gangs-
wählen, trotz der Probleme mit bewaff- Bedeutungen zuzuführen, sie aus ihrem tergrößen der 1950/60er Jahre. Doch
neten, im Endeffekt tödlich verletzten, Dasein als Schrott zu erlösen und ihnen die Erinnerungen werden von der Ge-
Jugendlichen, der Kriminalität und Armut, eine Stempel aufzudrücken, der einzig genwart verscheucht. Nach kurzer Zeit
blüht im East End, an den grausten Ecken aus der Originalität des Verkäufers her- muss Mick weiter, er bleibt nicht lange
der Stadt noch die Zukunft, die in alle Welt rührt. Im West End würde er ausgelacht an einem Platz um ruhig zu beobach-
hinausgetragen werden wird – um gleich werden, hier ist er Kult. Mick, ein Relikt ten, er läuft gerne die Straße auf und
wieder von der nächsten Woge der Ideen aus den Zeiten der Arbeiterklasse, ist ei- ab und kreiert seine eigene Geschäftig-
überrollt zu werden. Immer wieder dersel- ner der wenigen, die im Anpassungspro- keit, und irgendwie wirkt er dabei wie der
be bekannte Prozess: Niedrige Mieten, die zess nicht ihre Identität verloren haben Gastgeber einer neu eröffneten Galerie.
Kreativen kommen, der kleine Erfolg wird und das macht ihn zum Unikat. Während Auf dem Nachhauseweg, komme ich an
groß, die Mieten steigen, das Viertel ist Truman’s Brewery den hippen Friseur und der Foundry vorbei, und natürlich wird
nicht mehr schäbig, die Kreativen gehen. die trendige Kneipe beherbergt, ist er der auch hier längst nicht mehr produziert.
Geist der Vergangenheit, der dem Neuen Drinnen packt die „Worm-lady“ ihre No-
Lebenszentren: Arbeit, Kirche, Pub die Daseinsberechtigung ausstellt. Arbeit tizen aus, dirigiert ihren Kollegen ans
Mick erzählt von damals. Damals, als er bedeutet für Mick nicht mehr das körper- Klavier und beginnt mit ihrer allwöchent-
noch in der Truman Brewery arbeitete, liche Arbeiten, sondern das einfache Vor- lichen Prozedur, dem Vortragen der ewig-
als jedes Wochenende ein Kasten Bier handensein seiner Persönlichkeit in einem gleichen Gedichtzyklen über das Leben

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den Lohn darstellte und noch kein Stu- Viertel das daran gerade viel verliert. und Sterben der Würmer. Sie und ihre
dent seinen Fuß in den Hinterhof gesetzt Menschen wie Mick, die den Übergang Performance sind Institutionen, und ihre
hatte. Damals war Mick einer von vielen der Gesellschaft verkörpern, gibt es wohl Zuhörer mögen zwar nicht begreifen, wo-
in der Arbeiterschaft, der die Gesetze der überall, doch gerade hier, in nächster von sie spricht, aber ihre Präsenz lässt sie
Straße verinnerlicht und Kunst als verpönt Nachbarschaft zu ehrgeizigen Projekten verstummen. Wie Mick gehört sie zu einer
wahrnimmt. Arbeit, Kirche, Pub – das sind wie dem Aufbau des olympischen Dorfes vergangenen Gesellschaft, welche die
die Lebenszentren seiner früheren Jahre. und den großen Banken, die das Stadt- Gegenwart bereichert, aber kaum noch
Heute ist Mick Rentner, geht aber immer bild Londons als Wirtschaftsmetropole erreicht. Trotzdem ist ihre Performance
noch einer Beschäftigung nach, die den prägen, fällt er auf, als ein Unbeirrbarer. wie Micks bloße Anwesenheit zwischen
Wandel und die Gesetze des Viertels im dem Getümmel der Dreh- und Angelpunkt
Kleinen abbildet: Er verkauft gefundene Über das Leben eines Viertels, dessen Umbruch gerade
Dinge. Das kann neben einer alten Jacke und Sterben der Würmer bevorsteht und das nicht mehr wissen
oder Lampe auch eine nutzlose, schöne Während Mick von seiner Jugend als kann, als dass die Vergangenheit nun vor-
Kleinigkeit sein, und seine Kundschaft Sohn einer echten Cockney Familie bei ist. Und so hallt die tiefe Stimme der
dankt es ihm mit Respekt. In jeder Bar schwärmt, erinnert er sich an den Zusam- Wormlady durch den spärlich besuchten
gehört er zum Inventar, in jedem Cof- menhalt, an die Armut, die gescheiterten Raum und während sie ihren Tee umrührt,
feeshop steht für ihn schon der Kaffee Aufmärsche der BNP und das kurze statuiert sie kraftvoll: „I am the glowworm!“
bereit. Wie ein Sachensucher aus Pippi Rendezvous mit einer Verwandten der
Wovon lebst du eigentlich? Wir nennen es Arbeit Mehr Zuckerbrot, Das Recht auf Faulheit
von Jörn Morisse von Holm Friebe und weniger Peitsche von Paul Lafargue
und Rasmus Engler Sascha Lobo von Heyne von Guillaume Paoli
von Bittermann

Wer & was Jörn Morisse lebt und arbeitet als Wer & was Sascha Lobo und Holm Friebe Wer & was Der Halbfranzose Guillaume Paoli ist Wer & was Der Schwiegersohn von Karl Marx
freier Übersetzer und Lektor in Berlin und ist u.a. Mit- suchten im letzten Jahr intelligentes Leben jenseits der Hauptvertreter der 1996 in Berlin gegründeten Vereini- schrieb 1883 das berühmteste Faulheitspapier der Ge-
begründer der Zentralen Intelligenz Agentur. Rasmus Festanstellung und wurden im Web 2.0 fündig. Mit ih- gung der Glücklichen Arbeitslosen, die es sich zum Ziel schichte. Lafargue dient seitdem als historisches Vor-
Engler schreibt und macht Musik. Zusammen haben rem Buch über die digitale Boheme schrieben sie das gesetzt hat, die Arbeit abzuschaffen und die freie Zeit bild sämtlicher Müßiggangster und Arbeitsverweigerer.
sie 20 Kulturschaffende befragt, wie diese im Alltag Buch über die postmoderne Arbeitsgesellschaft und zurückzuerobern. Auf ihn geht der Ausspruch zurück: „Wenn Arbeit etwas
über die Runden kommen. wurden damit selbst zu Beinahe-Popstars. schönes und erfreuliches wäre, hätten die Reichen sie
Wollen Mehr Zuckerbrot und weniger Peitsche nicht den Armen überlassen“.
Wollen Die wirklich wichtigen Fragen des Lebens Typischer Satz Die Vorstellung, genau zu Will Den Arbeitsethos in den kapitalistischen Metro-
endlich einmal zu genüge klären („Wie viel verdient wissen, wo man den übernächsten Dienstag von neun Wollen nicht Geldlosigkeit, mangelnde ge- polen untergraben
man eigentlich so als Schriftsteller?“) und neunzehn Uhr verbringen wird, wird nicht schön sellschaftliche Akzeptanz, Arbeitsämter

SCHON MAL GELESEN


32 Vier Bücher über Arbeit von KATJA PEGLOW.

Wollen nicht Entfremdete Arbeit durch einen monatlichen Scheck. Sie wird nur erträg- Typischer Satz „Wenn sogar der Krebs und Will nicht Verbesserung der Arbeitsbedin-
licher. Wir hatten aber keine Lust mehr, den Weg des das Altern ihre positiven Seiten haben, wieso soll es gungen, sondern die totale Arbeitsverweigerung
Typischer Satz „Ich könnte auch wieder im geringsten Leids gehen; wir wollten den Weg der größ- dann ein Tabu sein, die Arbeitslosigkeit zu loben?“
Baumarkt an der Kasse sitzen.“ ten Freude. Besonders bei der Arbeit. „Ihr tut, als ob Ihr Arbeitsplätze schafft, wir, als ob wir Typischer Satz „Eine seltsame Sucht be-
arbeiten.“ herrscht die Arbeiterklasse aller Länder, in denen die
Botschaft Art is hard. Arbeit macht arm. Zu- Wollen Den Gegensatz zwischen Arbeit und Le- kapitalistische Zivilisation herrscht. Diese Sucht, die
mindest die kreative und freiberufliche. ben aufheben Botschaft Arbeitslosigkeit als Chance. Hartz Einzel- und Massenelend zur Folge hat [...] ist die Lie-
IV-Empfänger aller Länder, vereinigt Euch! be zur Arbeit, die rasende Arbeitssucht, getrieben bis
Zielgruppe Generation Praktikum Wollen nicht Geregelte Arbeitszeiten zur Erschöpfung der Lebensenergie des Einzelnen
Zielgruppe Erwerbslose und Bohemiens und seiner Nachkommen.“
Botschaft Festanstellung ist ein Anachronis- „In der kapitalistischen Gesellschaft ist die Arbeit die
mus. Es lebe das selbstbestimmte Arbeiten in Kollek- Ursache des geistigen Verkommens und körperlicher
tivstrukturen! Verunstaltung.“

Zielgruppe Groß. Reicht vom Do-It-Yourself- Botschaft Arbeitest du noch oder lebst du
Unternehmer, Großstadt-Freelancer bis hin zum Ebay- schon?
Powerseller, Second Life-Bewohner oder einfach nur Zielgruppe Glückliche Arbeitslose und solche
Latte Macchiato-Schlürfer. die es werden wollen.
DAS GANZE LEBEN IST EIN SPIEL Illustration Eva Boltz
33 Von Exzess spricht man bei monatlichen Spielzeit von über 100 Stunden. Bei Online-Rollenspielen
verschwimmen die Grenzen zwischen Spiel und Arbeit. Von RUDOLF INDERST.

Suspekt, suspekt! Schon wieder sitzen die Kinder vor Fernsehen und Monitor und frö- überschritten, wenn man dem Online-Forscher Nick Yee und seinem Datenerhebungs-
nen diesen seltsamen bunten, schnell-bewegten und lauten Bildern. Das kann doch projekt „The Daedalus Project“ folgen darf.
nicht gesund sein, oder? Wer Antworten auf diese Art von Fragen sucht, soll das Lesen
bitte einstellen. Darum geht es nicht. Hier geht es um den durchschnittlichen Spieler von „Make Love, Not Warcraft“
MMORPGs. Von was? MMORPG steht für „Massively Multiplayer Online Role-Playing Die Spielmechanik eines Computerrollenspiels hat sich in den letzten 20 Jahren kaum
Games“ oder einfach ausgedrückt: Online-Rollenspiele für sehr viele Spieler gleichzeitig. verändert und ist in ihren Grundstrukturen immer noch sehr stark an den Aufbau der
Oder noch einfacher: Spiele wie „World of Warcraft“. Immerhin bewegen sich momentan Pen&Paper Spiele wie etwa „Das Schwarze Auge“ oder „AD&D“ angelehnt. Die Spieler
um die neun Millionen Spieler weltweit auf dem fantastischen Terrain dieses Spiels aus basteln sich Charaktere aus verschiedenen Grundwerten wie etwa „Stärke“, „Klugheit“
dem Hause Blizzard, die davor ebenso erfolgreiche Strategiespiele vertrieben. oder „Charisma“ und beginnen dann, durch das Erledigen von Aufgaben, Erfahrungs-
Im Gegensatz zum kleinen Mischael oder Schackelin vor dem TV ist der durchschnitt- punkte zu sammeln. Ist eine bestimmte Anzahl von Punkten erreicht, steigt die Spielfigur
liche MMORPG-Spieler 26 Jahre alt. Ein Drittel davon wiederum ist verheiratet, was ein Level höher und erwirbt sich dadurch automatisch das Recht, neue Punkte auf seine
nebenbei ein Klischee entkräftet: PC- und Videospieler sind eben nicht jene vereinsam- Grundwerte zu verteilen, sprich mächtiger zu werden. Außerdem gibt es viele Gegen-
ten Typen in ungewaschenen Iron-Maiden-Shirts, die sich ausschließlich von Chips und stände oder Waffen, die erst ab einem bestimmen Level benutzt werden können oder
Cola ernähren. 20 Stunden seiner Zeit verzockt der durchschnittliche Online-Rollenspie- Gebiete bzw. Verließe, die verschlossen bleiben, hat man nicht eine gewisse Spieler-
ler pro Woche. Das ist viel: Durchschnittliche Konsolenspieler begnügen sich mit etwa fahrung vorzuweisen.
12 bis15 Stunden Spielzeit. Von Exzessen sprechen Redakteure von Spielezeitschriften Während ein Rollenspieler also die Level-Erfolgsleiter langsam und stetig empor klet-
gerne, wenn ein Rollenspiel ohne Online-Anbindung eine Spielzeit von 100 Stunden tert, wird er nicht umhin kommen, bestimmte Aufgaben immer wieder zu erledigen. Die
erreicht. MMROPG-Spieler haben diese Dauer aber oftmals schon nach einem Monat South Park Folge „Make Love, Not Warcraft“ nimmt diesen Umstand liebevoll auf den
soziiert, jedoch stellt sich nach reiflicher Überlegung die Frage, ob Online-Rollenspiele
tatsächlich Spiele im klassischen Sinn sind. Folgt man den US-Medienwissenschaft-
ler Katie Salen und Eric Zimmerman stellt ein Spiel ein regelbasiertes System dar, in
welchem Spieler in einem künstlichen Konflikt aufeinander treffen und das in einem
quantifizierbaren Ausgang mündet. Und obwohl diese Zeilen aus dem Jahr 2003 stam-
men, einem Jahr also, als Online-Rollenspiele längst erfolgreich die Bühne der Spiele-
welt betreten hatten, passen dieses Spielverständnis von Salen und Zimmermann und
MMORPGs nicht so recht zusammen.
Das Problem ist die Offenheit der virtuellen Spielwelten. Man wird sich also schwer tun,
genaue quantifizierbare, sprich zählbare, Ergebnisse festzuhalten. Online-Spiele enden
nicht mit einer einfachen Sieg/Niederlage-Abfrage. Der Spieler ist viel freier in seinen
Handlungsoptionen, das Bild vom Spiel in der viel zitierten Sandkiste ist nahe liegend.
Die dänische Online-Forscherin T.L. Taylor schlägt daher vor, dass wir in Zusammen-
hang mit MMORPGs ganz neu über die Begriffe Spiel und Arbeit nachdenken müssen,
da die Konfrontation jener Begriffe mit den spielerischen Freiheiten der Online-Titel de-
ren Trennschärfe massiv und nachhaltig aufweichen.
Eine andere Frage nach Arbeit und Spaß stellt sich allerdings, wenn man sich die oft-
mals hochgradig organisierten Gilden und Clans ansieht. Spieler in Gilden übernehmen

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Arm: Kenny & Co erledigen tagelang Wildschweine, nur um möglichst einfach an Erfah- zunehmend Aufgaben, die in früheren Jahren klassische Hoheitsgebiete der Entwickler
rungspunkte zu gelangen, um damit ihre Spielfiguren für die entscheidende Schlacht zu waren. Gilden und Clans werden nicht selten zu strukturellen und politischen Ordnungs-
rüsten. Und damit ist der entscheidende Punkt, wenn auch in ironischer Natur umrissen, einheiten der Spiele, ohne dass die MMORPG-Struktur in ihrer Vielfalt enorm leiden
schon benannt. Um seinen Charakter hoch zu züchten, ist der Spieler in Online-Rol- würde. Die übernommenen Aufgaben des Organisierens und Strukturierens werden da-
lenspielen gezwungen, sich monotonster Arbeit in Form von sich ständig wiederholen- bei durchgehend auf freiwilliger Basis im Rahmen des Spiels bewältigt. Aber natürlich ist
den Aufgaben zu widmen. Virtuelle Fließbandarbeit also. Offensichtlich klafft an dieser es offensichtlich, dass diese Tätigkeiten mit enormem Arbeitsaufwand verbunden sind.
Stelle ein enormer Widerspruch auf. Nach ihrer Spielmotivation gefragt, antworten viele Doch wiederum ist auch diese Überlegung mit einer Verständnisfrage verknüpft.
MMORPG-Teilnehmer, es gehe ihnen um Spielspaß und den Ausgleich zur täglichen Schließlich ist ökonomisches Kapital nicht die einziges Kapitalsorte, wenn man dem
Arbeit. Es lässt einen stutzen, wenn man sich vorstellt, dass Gabriele Mustermann nach französischen Soziologen Pierre Bourdieu folgt. Spielerische Engagement erzeugt viel-
einem 8,5-Stundentag im Büro am Rechner nach Hause eilt, um sich dort die nächsten leicht weniger ökonomisches Kapital in Form von Geld für Spieler und Gilde, kann aber
vier oder fünf Stunden vor den PC zu setzen und repetierend Monstern den Gnadenstoß zur Anhäufung alternativer Kapitalarten führen. Nach Bourdieu kann zum Beispiel das
versetzt. Unsere gängigen Begriffe und Vorstellungen von Spaß und Arbeit scheinen Wissen und die Erfahrung, die man durch das Spielen sammelt, als kulturelles Kapital
hier schlichtweg nicht mehr zu greifen. bezeichnet werden, während Spieler, die sich ein gewisses Renommee oder einen gu-
ten Ruf erspielt haben, etwas für die Anhäufung ihres symbolischen Kapitals tun.
Die Schaffung von „alternativem Kapital“
Bei Massively Multiplayer Online Role-Playing Games ist dies vor allem darauf zurück
zu führen, dass man sich alles andere als einig darüber ist, ob man diesem Phänomen
mit der Bezeichnung Spiel überhaupt gerecht wird. Spiel wird überwiegen mit Spaß as-
UNABHaeNGIGKEIT + SICHERHEIT+ GELD + STRUKTUR + ER-
FOLG + MACHT + FEIERABENDBIER + ANERKENNUNG + KOL-
LEGEN + SOZIALVERSICHERUNG + BILDUNG + FRueHRENTE
+ URLAUB + KOLLEGEN + SINN + KANTINE + GEHALTSER-
HÖHUNG + WEIHNACHTSGELD + GLEITZEIT + SELBSTVER-
WIRKLICHUNG + MITTAGSPAUSE + STEUERRueCKZAHLUNG

PRO UND CONTRA


35 44 Argumente für und gegen Arbeit.

BURNOUT – STRESS – STAUBLUNGE – BLUTHOCHDRUCK – BAND-


SCHEIBENVORFALL – DEPRESSIONEN – HERZRASEN – HERZINFARKT
– MAUSARM – SEHNENSCHEIDENTZuenNDUNG – HALTUNGSSCHa-
eDEN – ZWANGSNEUROSEN – SEXUELLE DYSFUNKTION – INTELLI-
GENZMINDERUNG – SOZIALE ISOLATION – BEZIEHUNGSPROBLEME
– FRUSTRATION – UNZUFRIEDENHEIT – PERSÖNLICHKEITSSTÖ-
RUNGEN – BINDEHAUTENTZueNDUNG – REIZDARM – TOD
Es ist Ende Oktober und Montag. Das Arbeitsamt hinter dem Kopenhagener Hauptbahnhof heißt, wie in Deutschland, nicht
mehr Arbeitsamt, sondern Jobcenter. Wie überall in Dänemark gilt auch hier: Nummer ziehen und warten. Der Raum ist
großzügig gestaltet, die Einrichtung geschniegelt und funktionell. Hinter dem runden Schalter in der Mitte lächeln einem zwei
freundliche Damen entgegen, rundherum stehen viele kleine, mit Computern ausgestattete Tischchen. Da sollten sie sitzen,
die vielen Arbeitslosen, die mit stumpfem Blick und zermürbten Gesichtern auf ein Jobangebot warten. So ist man das ja
aus Deutschland gewohnt. Aber in Kopenhagen, der Hauptstadt des neuen Wirtschaftwunderlandes Dänemark, läuft es ein
bisschen anders. Hier gibt es keine langen Schlangen, die sich vor dem Schalter die Beine in den Bauch stehen, und kaum
jemand nutzt die zahlreichen, mit gratis Internetzugang ausgestatteten Computer. Hier scheint es keine ausweglosen Situa-
tionen, kein Elend zu geben. Das einzige, was einem hier entgegenschlägt, ist der Duft des frisch gebohnerten Bodens und
die fast grotesk gute Laune der Angestellten, deren momentan einziges Problem darin besteht, ein Blech frisch gebackener
Plätzchen gerecht aufzuteilen. Auf die Frage, ob ich kommen darf, um Jobsuchende interviewen, sagt die eine, dass Monats-
anfang ein besserer Zeitpunkt sei, da seien mehr Leute da. Dann bietet sie mir ein Ingwerplätzchen an.
Die Zahl der Erwerbslosen in Dänemark ist seit Dezember 2003 um 54 Prozent gefallen und liegt nun bei 3,0 Prozent. Die
Arbeitslosenquote ist die niedrigste seit 1974 und Prognosen belegen, dass sie in der nächsten Zeit sogar noch weiter sinken
wird. Die Wirtschaft wächst und die auf Aktivierung abzielende Arbeitsmarktreform der letzten 25 Jahre greifen.

IM NORDEN ALLES BESSER Illustration Ekaterina Grizik


36 Knapp drei Prozent betrug in Dänemark die Arbeitslosenquote im Oktober 2007– so niedrig wie seit 1974 nicht mehr.
Zu Besuch in einem Jobcenter in Kopenhagen. Von KIRSTEN PACKEISER.

Weil der Job zu langweilig war langweilig wurde, nachdem ein Projekt abgeschlossen und
Anfang November sieht die Lage nicht viel anders keine neue Herausforderung in Sicht war. Dass sie zum Zeit-
aus, aber immerhin sitzen vereinzelt Personen an punkt ihrer Kündigung noch nichts Neues hatte, brauchte sie
den Tischen. Ein unauffälliger Typ lehnt unsicher nicht zu beunruhigen. Ihr Mann hat ein gutes Gehalt und sie
an der Wand. Der promovierte Chemiker Mikkel bekommt Arbeitslosengeld. Was in Deutschland kaum zum
ist 35 Jahre alt und seit einem Jahr arbeitslos. Sei- Überleben reicht, ist in Dänemark ein stattliches Einkommen.
nen Forschungsjob an der Kopenhagener Uni hat Das Arbeitslosengeld ist in den letzten zehn Jahren kontinu-
er aufgrund seiner starken Depressionen verloren. ierlich gestiegen, Kürzungen sind nicht in Sicht. Bis zu 14.000
Er seufzt und sagt mit resignierter Miene: „Jetzt bin Kronen, ca. 1.800 Euro monatlich kann ein Arbeitsloser be-
ich zwar wieder stabil, weil ich Medikamente und ziehen, jedoch nicht mehr als 90 Prozent des bisherigen Ein-
psychiatrische Hilfe bekomme, aber trotzdem kön- kommens. Darüber hinaus müssen Arbeitslosengeldempfän-
nen die mir hier nicht helfen. Ich bin denen zu hoch ger Jobangebote annehmen und an Aktivierungsprogrammen
qualifiziert. Die wissen nicht, wo sie mich hinste- wie z.B. Firmenpraktika teilnehmen, sonst verlieren sie ihren
cken sollen.“ Anspruch auf Unterstützung. Doch in Anns Fall tut sich das
Währenddessen wartet die 34-jährige Ann gelang- Jobcenter ebenso wie bei Mikkel schwer, ihr eine geeignete
weilt auf einer der Bänke vor dem Schalter. Sie er- Stelle zu vermitteln. „Die sind völlig unfähig, können mir nicht
zählt, dass sie Architektin und seit Juni arbeitslos helfen,“ sagt sie. In ihrer Branche seien Fachwissen und Wei-
ist. Da hat sie nämlich gekündigt, weil ihr der Job zu terqualifizierung alles. Sie ist eigentlich nur hier, um sich ein
paar Kurse bewilligen zu lassen. Prüfend betrachtet mehr zum Aushalten, denn die Herberge öffnet seit
sie ihre gepflegten Nägel. Geldsorgen bewegen sie Neuestem erst um 23.30 Uhr, und um 6.30 Uhr wird
jedenfalls nicht. Mikkel auch nicht, obwohl er kein man bereits wieder rausgeschmissen.“ „So drei, vier
Geld vom Staat bekommt, da seine Frau genug ver- Stunden am Tag“ verkauft er die Zeitung, „ist ja so
dient. Ansonsten sitzen noch ein paar arabisch aus- kalt jetzt. Länger halt ich’s nicht aus.“ Zwölf Kronen
sehende Personen an den Tischen, die allerdings zahlt er selber für die Zeitung. Dann verkauft er sie
mangels dänischer oder englischer Sprachkennt- für 20 Kronen an die Leute weiter. Über die Frage,
nisse nicht am Interview teilnehmen können. Doch warum er nicht ins Jobcenter geht, lacht er. Jobcen-
da sitzt auch noch Sebastien, der sich gerade Jo- ter? „Da ist nix für mich zu holen. Außerdem trinke
bannoncen ausdruckt. Der 23-jährige Franzose hat ich zuviel.“ Der 35-jährige Jonny, der in der Nähe
eben in Frankreich sein Elektrotechnikstudium abge- steht, legt für einen Augenblick seine Zeitungen aus
schlossen und ist jetzt seinem großen Bruder nach der Hand, erklärt mit Inbrunst: „Obdachlos sein, das
Kopenhagen gefolgt. In gebrochenem Englisch sagt ist für mich eine Lebenseinstellung. Ich habe mir das
er: „Wird schwer, hier was zu finden. Mein Englisch selber ausgesucht. Für mich die beste Alternative zu
ist nicht sehr gut, und mein Dänisch noch schlech- dem Leben, dass mir die Gesellschaft aufdrängen
ter.“ Dabei lacht er unbeschwert, das mit dem Job will und zu dem ich einfach keinen Bock habe. Neun
werde schon noch klappen, er sei jung und auf Aben- bis fünf – nein danke!“
teuerfahrt. Hat ja alles eben erst angefangen.

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Laut Herrn Martern, der beim Jobcenter für die Stel- „Neun bis fünf – nein danke!“
lenanzeigen verantwortlich ist, kamen in den letzten Gibt es denn in Dänemark keine Menschen, für die
zwei Jahren, besonders aber in den letzten sechs es keinen Neuanfang mehr gibt? Menschen, die die
bis acht Monaten immer weniger Arbeitssuchende scheinbare Unmöglichkeit vollbracht haben, durchs
ins Jobcenter. Jetzt müssen Unternehmen ihre Jo- Sicherheitsnetz des Wohlfahrtsstaates zu fallen? Im
banzeigen teilweise mehr als drei Wochen hängen Jobcenter sind sie jedenfalls nicht zu finden. Beim S-
lassen, um einen Arbeitswilligen zu finden. Ihre Er- Bahn-Kreuz Nørreport und in der dort beginnenden
wartungen haben die Firmen mittlerweile auch schon großen Fußgängerzone sieht das schon anders
deutlich zurückgeschraubt: wo früher nur Personen aus. Hier stehen sie, die Obdachlosen, die im Ge-
eine Chance hatten, die genau zum Profil passten, wimmel ihr Blättchen Hus forbi (wörtl.: Haus vorbei)
gibt man sich heute auch mit ungelernten Kräften verkaufen. Ein verhärmt aussehender, kleiner Mann
zufrieden. Bei soviel Arbeitsangebot werden die Ar- zwischen 50 und 60 streckt mir seine Zeitungen ent-
beitssuchenden eben wählerisch und die Unterneh- gegen und fragt, ob ich nicht eine kaufen wolle, er
men müssen Kompromisse eingehen. Die Menschen spare auf die Kaution für eine Wohnung. Er ist offen-
hier im Jobcenter leiden keine Not; sie sind lediglich sichtlich in Redelaune, denn als er mein Interesse
auf dem Weg in einen neuen qualifizierten Job. bemerkt, erzählt er gleich weiter. Er sagt, er sei ein
alter Seemann und gehe momentan zum Schlafen
in eine Herberge in der Nähe. „Das ist aber nicht
Als ich Uli kennen lernte, war ich 16 und er ein Jahr jünger. Er mussten wir nicht bezahlen. Uli handelte inzwischen mit allen
arbeitete in einem Getränkemarkt täglich nach der Schule fünf Drogen, doch seine Haupteinnahmequelle war immer noch Ha-
Stunden. Er tat das nicht, weil er kein Geld von daheim erhielt. schisch. Er hatte eine eigene Wohnung, bewegte sich nur mit
Uli war ein Scheidungs-, aber Mittelstandskind. Er lebte mit sei- Taxis und flog dreimal im Jahr in den Urlaub.
nem Vater, dessen neuer Frau und einer Stiefschwester in einem Kurz nach seinem 18. Geburtstag wurde einer seiner Kunden
Reihenhaus in Daglfing am Stadtrand Münchens. Uli wollte mehr. von der Polizei erwischt. Er packte aus. Die Polizei konfiszierte in
Er war klein von Wuchs, aber was ihm an Größe fehlte, kompen- Ulis Wohnung sieben Kilo Haschisch, etwas Kokain und 60.000
sierte er mit Charme und Freundlichkeit. Mädchen mochten ihn. DM in bar. „Großdealer im Münchner Osten gefasst“, titelte eine
Aber Uli wollte mehr. Boulevard-Zeitung. Er musste drei Monate in Untersuchungs-
Mit einem Freund stahl er die Wocheneinnahmen des Getränke- haft, danach wurde die Haftstrafe zur Bewährung ausgesetzt.
markts: 10.000 DM. An seiner Stelle verlor ein Kollege von ihm Ich traf Uli sechs Jahre später wieder: Er sagte, er sei noch im-
seinen Job. Sein Kumpel verplemperte das Geld innerhalb eines mer in psychologischer Behandlung wegen seiner Zeit in U-Haft.
halben Jahres. Aber Uli dachte und investierte. Mit seinem Anteil Er war nicht mehr freundlich. Er wirkte verbittert. Er sagte, er kell-
kaufte er ein Kilo Haschisch – zu einem schlechten Preis. 10 nere momentan in zwei Bars gleichzeitig, weil er Geld brauche.
DM kostete damals das Gramm. Uli bezahlte 5000 DM für das Er sagte, er wolle studieren, damit er endlich reich werde.
Kilo und verkaufte es in 100-Gramm-Platten für je 700 DM. Von
einem Teil des Gewinns lud er uns alle in eine Pizzeria ein. Mit
dem Taxi fuhren wir zurück in das Haus seines Vaters, rauchten

ZUM BEISPIEL 3: DEALER Illustration Ekaterina Grizik


38 Von PHILIPP MATTHEIS.

und tranken die ganze Nacht. Uli war glücklich und wurde noch
freundlicher. Den Rest des Geldes reinvestierte er. Je größer die
Mengen, desto geringer wurde der Preis. Damals war er noch
immer 15 Jahre alt. Doch Uli war anders als die anderen Dealer:
Er war schlauer, er nahm selbst fast nichts und er wollte mehr. Er
wollte expandieren.
Ein Jahr später hatte ich den Überblick über seine Geschäfte
verloren. Wir sahen uns noch etwa einmal im Monat. Aber im-
mer, wenn wir etwas unternahmen, fuhren wir Taxi, gingen mit
unserem Baggy-Hosen in teure Restaurants, aßen Pizza und
tranken Champagner. Uli bezahlte alles und entschädigte die
Kellner mit einem enormen Trinkgeld dafür, dass sie eine Hor-
de von 16-Jährigen in Hip-Hop-Klamotten bewirten mussten.
Zur Schule ging Uli nur noch pro forma. Vom Gymnasium war er
geflogen, von der Realschule auch. Jetzt war er auf der Haupt-
schule. Die Leute waren freundlich zu ihm und Uli war freundlich
zu ihnen. Wo immer wir mit Uli hinkamen – die fiesesten Typen
schüttelten uns die Hände, klopften Uli auf die Schulter, Eintritt
TRUGSCHLUSS UND DER GOLDENE KÄFIG Illustration Sebastian Schöpsdau
39 Von FLO SCHOEMER.
Flo Schoemers Kurzgeschichtensammlung ist im Projekte-Verlag erschienen.
Flo Schoemer: „Ich stricke am Rockzipfel meines Lebens“, ISBN 3-86634-084-2
Gerade wurd Dir wird es bestimmt an nichts mangeln, die Drohnen würden
e mein erstes dich
Verschrump Kind gebore hofieren, du könntest dich aufs Kinder kriegen spezialisieren
elt, schreien n. Ein kleines und
hatte sie sich d und ungla Ding. Eine To
u b lic h hässlich. chter. Könige gebären. Na, wie klingt das?“
gewehrt. Ver F ünf Stunden
hat sie sich d pfropft, wie lang Sie begann zu weinen, aber sie versteht ja noch nichts von
och getraut, ei n h artnäckiger W dieser
ben! Mein K sich ins Leb einkorken, d Welt. Sie ist noch klein und muß wachsen.
ind, mein Fle en ergossen. Ic ann
isch. Mein B h kann es nic
Gefühl! lut, meine G h t g la u- „Weißt du“, versuche ich ihr ins winzige Ohr zu säuseln, „die
ene – ein er Mit-
„Herzlich Will greifendes gift war nicht billig, fünf Jahresgehälter plus deine Mutter und
kommen auf noch
fällt es hier u der Erde“, sa dazu musste ich lügen und sagen ich wäre der König von Mallorc
nd ich wünsc ge ich verleg a.
h e für dich, das en. „Ich hoff
Königin solls s du eine Kö e dir ge- Also überleg dir gut, was du tust“, versuche ich sie einzustimmen
t du werden, nigin wirst. Ja ,
Wenn sie si wenn du gro , eine zu überzeugen.
ch normal en ß bist.“
lieben, fütter twickelt, wir „Aber du bist Papas braves Mädchen, das weiß ich sicher“, tätschl
n, waschen u d sie größer e
nd wischen w werden. Wen
oder lang ve ird sie ihr Kö n wir sie ich ihr den Kopf, der unbeholfen zu allen Seiten wegknickt.
rzwanzig- od rpergewicht
dreieinhalb M er g ar verdreißigfach über kurz „Ich muss jetzt gehen, mein Schatz, weißt du, ich hab heut
al so groß. S en und dazu Nacht-
ste. Dann ist ie wird lange unproportion schicht, weißt du, ich weiß wovon ich rede, ich steh am Fließba
sie eine Frau Haare bekom al nd,
. Sie wird lese men, Zähne
wie alle klein n und schreib und Brü- markiere Ferritbausteine mit Zahlencodes, für Fernseher, Videor
en Mädchen en lernen un e-
wieder aufste denken, Tier d dann, korder und so´n Zeug. Ich bin eine Drohne, aber immerhin durfte
hen. Sie wird ärztin. Sie w ich
le b ir d la u fe n u n
lachen und w en , lieben, trau d fa llen und mich fortpflanzen. Besser als bei den Ameisen!“ lache ich
einen, hoffen ern und Ang sie an,
und hassen, st haben. Sie
lügen und die wird während sie zurückbrüllt.
Wahrheit sag
en und

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irgendwann Ich habe die Ferrite nicht gezählt, die noch an mir vorbeiflossen,
auf ein dumm be-
Dann wird es es Arschloch vor mein Rücken in ähnlicher Art versagte, wie meine Psyche
ihr gefallen u hereinfallen, und ich
nd sie wird es dass sie vög
lich den Kreis w ieder und wie elt. in Rente durfte, die ich im Männerwohnheim an der Pestalo
schließen un d er tu zzistra-
Dinge. Dazw d ei n Kind zur Wel n u n d schließ- ße anging. Die fünf Jahresgehälter waren ein herber Verlust
ischen eingeb t bringen. Das und ge-
und die Arbei ettet, fiebrig ist der Lauf d nauso futsch wie meine Frau. Victori
t. warm und p er ictoria,
a, so hatten wir die Tochter ge-
räsent, liegt
„Das Leid des das Leid tauft, war mit dreizehn weggelaufen und mit vierzehn schwanger
Arbeitens, u von
wirst und ke nd drum wü einem arbeitslosen Industrieschlosser. Die Schule hatte sie
ine Arbeiterd nsch ich dir, schon
ro hne. Weißt D dass du eine
Arbeit, wie d u, regieren is Königin mit zwölf abgebrochen. Aber so lernt sie das wirkliche Leben
elegieren, ab t mindestens richtig
den“, sage ic er herrschen soviel
h in ihre sch ist besser, al kennen, denke ich bei mir. Im anderen Fall wäre sie eh nur
warzen Augen s beherrsch im gol-
fixieren. , die mich in t zu wer- denen Käfig groß geworden und hätte nie das hinfliegen und
unerklärlicher wieder
„Weißt Du, ic W ei se aufstehen gelernt.
h will ja nur
ben bestimm das Beste fü
en kannst, d r d ic h. Ich möchte
Und deshalb ass du leben , dass du dei
, wirklich nur kannst und n n Le-
d eshalb, hab ic ic h t ve getieren muss
jputen versp h dich dem st t.
rochen. Kein olzen König
er ist sympat e Angst ich w d er
hisch. Ein net ar d o rt , im Nordwes R a-
aber ich hoff ter, alter Sac ten Indiens,
e, dass du d k. Du wirst n und
as Angebot och etwas Z
annimmst. D eit haben,
iese einmalig
e Chance.
IMPRESSUM
41

Herausgeber Philipp Mattheis, Ekaterina Grizik

Redaktion Christoph Becker, Kilian Kemmer, Philipp Mattheis, Katharina Wulffius

Kreation Ekaterina Grizik

Programmierung Bernhard Slawik

Autoren Kathrin Hagemann, Ralf Heimann, Heinz Helle, Rudolf Inderst, Anna Norpoth,
Kirsten Packeiser, Katja Peglow, Flo Schoemer.

Illustration/Gestaltung Eva Boltz, Michael Fritz (www.herr-fritz.de), Eva-Maria Heier, Veerle Hildebrandt (http://hildebrandt.be),
Sebastian Schöpsdau

Praktikantin Andrea Heinz

Internet www.daheim-magazin.de

Email redaktion@daheim-magazin.de, kreation@daheim-magazin.de, abo@daheim-magazin.de