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BEIHEFTE ZUR IBEROROMANIA

Herausgegeben von
Dietrich Briesemeister, Rolf Eberenz,
Dieter Ingenschay, Volker Noll, Klaus Porti,
Michael Rössner, Bernhard Teuber

Band 19

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Gustav Siebenmann
Suchbild Lateinamerika
Essays über interkulturelle Wahrnehmung

Zu seinem 80. Geburtstag


herausgegeben von Michael Rössner

MAX NIEMEYER VERLAG TÜBINGEN


2003 Bereitgestellt von | Freie Universität Berlin
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Gedruckt mit Unterstützung des Bühler-Reindl-Fonds der Universität St. Gallen

Bibliograrische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte
bibliografísche Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

ISBN 3-484-52919-9 ISSN 0177-199X

© Max Niemeyer Verlag GmbH, Tübingen 2003


http://www.niemeyer.de
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen
Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere
für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in
elektronischen Systemen. Printed in Germany.
Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier.
Satz: Satzbüro Oli Heimburger, Mössingen
Druck: Hanf Buch & Mediendnick GmbH, Pfungstadt
Einband: Hugo Nädele, Nehren

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Inhaltsverzeichnis

Ein Pfadfinder und die Suche im Bilderwald, von Michael Rössner VII
Zu diesem Buch IX

Über Kultur und Identität 1


Lateinamerika auf der Suche nach einer Identität 11
Zur Erforschung mentaler Bilder 23
Est nomen omenl oder Wie Amerika lateinisch wurde 27
Von der dreifachen Entdeckung Amerikas 33
Von der Spree zum Orinoco 45
Die Deutschsprachigen in Lateinamerika - Eine historische Skizze 51
Spiegelungen I: Zum Lateinamerikabild der Europäer 59
Spiegelungen II: Zum Europabild der Lateinamerikaner 67
Wie auch das Bild Lateinamerikas eingeschwärzt wurde 75
Zum Lateinamerikabild deutscher Leser 89
Die Zentenarfeiem der Entdeckung im Vergleich 103
Gachupines und cholos oder Wie Spanier und Lateinamerikaner sich mochten . . . 113
Barbar ist ein Barbar ist ein Barbar ist ein Barbar 127
yVo/ifí^Meí.Gibt es Gründe für die Stundung der Zukunft Lateinamerikas? 133

Drucknachweise 145
Schriftenverzeichnis von Gustav Siebenmann 147

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Ein Pfadfinder und die Suche im Bilderwald

Der Versuch, das Fremde zu verstehen, hat etwas mit einer Spurensuche zu tun. Karl-May-
Leserti ist das Bild wohl vertraut: Man sieht am Boden nichts oder bestenfalls ein paar ge-
knickte Grashalme, die Pfähle, die den Weg durch die Ebene weisen sollen, sind möglicher-
weise von arglistigen Räubern falsch gesteckt worden; dann kommt der Scout, meist natür-
lich Winnetou oder Old Shatterhand in Person, bückt sich kurz und erklärt dann ohne jede
Unsicherheit, wann wie viele Indianer welchen Stammes vorübergeritten sind, und in welcher
Richtung der rechte Weg zur nächsten Quelle führt. Ein bisschen etwas von solchen Scouts
oder Pfadfindern haben Philologen schon an sich. Sie lesen Texte wie Old Shatterhand Fähr-
ten im Gras, und in früheren Generationen haben sie mit derselben Sicherheit erklärt, wie die
Fährten (sprich: Texte) zu lesen sein und zu welcher Quelle einer Kultur sie führen. So ver-
standen ist die Philologie eine Bilder prägende Wissenschaft, die natürlich manche Vorurtei-
le aufhebt (auch das tut der erfahrene Pfadfinder gegenüber dem Greenhorn ja gerne), dafür
aber sofort neue, noch autoritätsvollere schafft.
Gustav Siebenmann, der erfahrene Fährtensucher durch die Welt der Literatur und der
Kultur, ist - wie man fast allen seinen Schriften und besonders dem vorliegenden Band ent-
nehmen kann - kein solcher Pfadfinder, der aus der Überheblichkeit des Erfahrenen heraus
neue Stereotype schaffen würde: Er beschränkt sich auf das Vorführen (aus dem sehr bald ein
Infi-agestellen, ja da und dort sogar Aufheben wird) überkommener Bilder und alter wie neu-
er Vorurteile. Freilich, ihm als in Lateinamerika aufgewachsenen Schweizer ist das wechsel-
seitige Relativieren der Bilder sozusagen in die Wiege gelegt worden: Die »lateinische« Sen-
sibilität und Begeisterungsfahigkeit lässt ihn die oft überheblich-eurozentrische Perspektive
in Frage stellen, der schweizerische Pragmatismus, der nüchterne Sinn für das Wesentliche
hindert ihn andererseits daran, sich von der Schwärmerei mancher »Latinos«, noch mehr aber
ihrer exotistischen europäischen Fans mitreißen zu lassen.
So hat Gustav Siebenmann vor beinahe fünf Jahrzehnten sein Werk als geduldiger Fähr-
tensucher begonnen, in einer Zeit, als man hierzulande die Lateinamerikaner noch kaum zur
Kenntnis nahm. Er ist seitdem der skizzierten liebevoll-sensiblen und zugleich nüchtern-
pragmatischen Sehweise treu geblieben - als man die lateinamerikanischen Autoren noch als
provinzielle Außenseiter abtat, und ebenso, als man sie uns am Höhepunkt des »Boom« in
magisch-realistischer Verpackung als echte Indios verkaufte, die die »kranke« europäische
Literatur heilen sollten.
Sein Weg hat Gustav Siebenmann neben seinen sensiblen Interpretationen zur Lyrik und
Romanliteratur sehr bald zu einer ausgeprägten Interdisziplinarität des theoretischen Ansatzes
geführt, die seine Wahl der Imagologie als dominierender Forschungsrichtung der späteren Jah-
re bestimmt hat. Ohne modische Konzessionen fügt sich damit sein Forschungsansatz in die
kulturwissenschaftlich-anthropologische Wende ein, die in den letzten zwanzig Jahren zu einer
Neuorientierung der Literaturwissenschaft geführt hat. Bei ihm ist es freilich eine Neuorientie-
rung, die gerade nicht auf Textlektüre und philologische Genauigkeit verzichtet. Deshalb hat
Gustav Siebenmann trotz aller theoretischen Innovation nie die »dienende« Arbeit am Text und
am Umfeld desselben verschmäht: seine zahlreichen Übersetzungen legen davon ebenso Zeug-
nis ab wie die unentbehrlich gewordenen Rezeptionsstudien und Bibliographien.
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vili
Andererseits hat der weltweit anericannte Wissensciiafter Gustav Siebenmann sich jedoch
auch nie in den akademischen Elfenbeinturm zurückgezogen: Seine Wortmeldungen in den
wichtigsten deutschsprachigen Tageszeitungen, allen voran der Neuen Zürcher Zeitung, ha-
ben durch ihn auch einem breiteren Publikum spanische, portugiesische und lateinamerikani-
sche Literatur und das Umfeld derselben ins sonntägliche Wohnzimmer gebracht, mit dersel-
ben unaufdringlichen wissenschaftlichen Redlichkeit, mit derselben beinahe paradoxen Mi-
schung aus liebevoller Begeisterung und pragmatischer Nüchternheit, wie sie seine imago-
logischen Forschungen kennzeichnet, wenn auch vielleicht ohne den vollen Ballast der Theo-
rie. Er hat damit vielen Menschen einerseits die Scheu vor der Auseinandersetzung mit dem
Fremden genommen, andererseits sie vor einer allzu schnellen Aburteilung und Einordnung
dieser fremden Kultur unter klischeehafte Etiketten, wie sie das deutsche Feuilleton gerne
verteilte, zu bewahren verstanden.
Nicht zuletzt unter aktiver Mitwirkung Gustav Siebenmanns hat die deutschsprachige
Hispanistik und Lateinamerikanistik in den fünf Jahrzehnten seines bisherigen Schaffens ei-
nen weiten Weg zurückgelegt - vom »Steckenpferd«-Interesse einzelner Forscher für die
»peripheren« Kulturen über die ausschließliche Faszination durch die Boom-Literatur der
60er und 70er Jahre bis zum differenzierten und differenzierenden Blick der Gegenwart, der
immer stärker auch die eigene Bedingtheit des Blicks mitreflektiert - eine Entwicklung, bei
der Siebenmann immer wieder die Stellung eines Pioniers eingenommen hat, der sich - sie-
he oben - dennoch nicht zu schade war, seine Erfahrungen auch einem breiteren Publikum
zugänglich zu machen.
Der vorliegende Band zeigt diesen »doppelten« Gustav Siebenmann, den Vermittler und
den Fährtensucher, »at his best«: Wie er selbst im Vorwort sagt, stammen die einzelnen Ab-
schnitte dieses Bandes aus einem Zeitraum von fast 25 Jahren und wirken doch, als wären sie
immer schon auf das Projekt dieses Buches hin komponiert worden. Der fundierte imagolo-
gische Ansatz ist »mit leichter Feder« ausgeführt und leitet so den Leser durch eine Reihe von
Bildern und Spiegelbildern, die - das entspricht dem Ethos des Lateinamerikakenners Sieben-
mann - sich nicht zu einem einzigen Bild synthetisieren (und damit auch banalisieren) lassen,
sondern die Spannung des Vielfaltigen, der sich wechselseitig relativierenden Ansichten bei-
behalten und doch fassbar, erfassbar, werden, wenigstens an der Hand eines so unaufdringli-
chen Pfadfinders wie Gustav Siebenmann, der nicht nur »Finder« ist, sondern zugleich auch
Sucher bleibt und damit stets neue Leser und Sucher gewinnt, die ihn auf seinen Streifzügen
begleiten. Denn gerade im Jahrhundert der Globalisierung, in dem das Gespür für die Nuan-
ce des Anderen verloren zu gehen scheint, ist diese Suche aufregender denn je - und sie ist
noch lange nicht zu Ende.

München, im März 2003 Michael Rössner

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Zu diesem Buch

Diese Essaysammlung ist eine Spätlese aus dem Vorrat meiner Forschungen. Der Wissens-
zweig Imagologie, die Erforschung mentaler Bilder, hat mich in den vergangenen Jahren am
meisten beschäftigt. Mehrere Arbeiten dazu sind in Festschriften erschienen, andere sind
noch nie gedruckt worden und einige sind neu. Die einzelnen Texte, hier in eine Reihe ge-
stellt, sollten nun einen Zusammenhang erkennen lassen. Thematisch laufen sie alle konzen-
trisch auf das Thema des Lateinamerikabildes hin. Da einzelne der früher publizierten und
hier überarbeiteten Essays älteren Datums sind - die Streuung geht von 1976 bis 2000 -
waren Überschneidungen nicht zu vermeiden. Ein gleicher Sachverhalt kommt mehrmals zur
Sprache, doch in jeweils anderem Zusammenhang. Ich nehme Wiederholungen in Kauf - der
Leser hoffentlich auch - , denn so konnten die Texte die ursprüngliche Diktion beibehalten,
als Vortrag, als Rundfunksendung, als Aufsatz, als Buchkapitel.
Das Ganze bleibt letztlich ein Suchbild. Meine Leser werden darüber urteilen, ob Latein-
amerika und Spanien hier aussehen wie in einem Vexierspiegel oder ob die Tiefenschärfe
stimmt. Die Absicht jedenfalls war, mehr Einsicht zu gewinnen und zu vermitteln. Die Texte
- gleichviel ob neu oder überarbeitet - wurden diesmal ohne die üblichen akademischen
Ansprüche gestaltet. Geschrieben oder überarbeitet habe ich sie mit loserer Feder als sonst.
Die Literaturhinweise wurden knapp gehalten. Wer mehr davon braucht, kann sich in der ein-
schlägigen Bibliographie umsehen, die als Beiheft 13 der Iberoromania vorliegt (López de
Abiada/Siebenmann 1998).
Zu danken habe ich vor allem meinem Kollegen und Freund Michael Rössner für tätige
Hilfe bei den Korrekturen und für die Aufnahme in die Reihe der Iberoromania-Beihefte.
Dass hiermit ein weiteres meiner Bücher im Max Niemeyer Verlag Tübingen erscheinen
kann, ist mir eine besondere Genugtuung. Der Forschungskommission der Universität St.
Gallen danke ich für einen Beitrag an die Druckkosten aus dem Bühler-Reindl-Fonds.

St. Gallen, 28. Februar 2003 Gustav Siebenmann

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über Kultur und Identität

Es wird in diesem Buch über Lateinamerika viel von Kultur die Rede sein. Über andere Be-
lange, über Politik und Wirtschaft, Drogen und Bürgerkriege steht in der Presse täglich so
manches, zumal die Hiobsbotschaften. Von Kultur jedoch ist dort auch nicht mehr so oft die
Rede wie in den 1980er und 1990er Jahren, als sich die für Europäer »dritte Entdeckung«
Amerikas ereignete. Indes, weiss man heute eigentlich noch, was mit dem Wort Kultur ge-
meint ist? Es ist seit einigen Jahren so häufig in Aller Munde, dass seine Bedeutung diffuser
geworden ist denn je. Es tritt in den unterschiedUchsten Zusammenhängen auf: die Wohn-
und Stadtkultur, die politische Kultur, die Esskultur, die Massenkultur, die Medien- und Fern-
sehkultur, sogar von Untemehmungskultur ist die Rede oder gar von Popkultur und von al-
ternativen Kulturzentren. Der Begriff scheint neuerdings von allen möghchen gesellschaftli-
chen Bereichen beansprucht zu werden. Es widerfährt ihm heute eine semantische Ausufe-
rung wie nie zuvor. Kultur ist zu einem gefälhgen oder missfälligen Gebrauchswort, zu einer
Worthülse der Alltagssprache geworden. Sein geschichtlicher Kern als ein von der gebildeten
Führungsschicht jeweils festgelegter geistiger Wertebegriff ist im Zuge des Abbaus sozialer
Hierarchien weitgehend zersetzt worden. Aber auch wissenschaftssystematische Gründe ha-
ben zum Bedeutungswandel beigetragen. Grundsätzlich sind wir als einzelne Sprachteil-
nehmer gegenüber solchen Ausuferungen von Begriffsfeldem machtlos. Aber wir müssen sie
auch nicht einfach hinnehmen, denn bekanntermassen sind sie oft nur vorübergehende Mode-
erscheinungen. Klarstellungen sind in jedem Fall hilfreich. Im Fall Lateinamerika im Beson-
deren, denn mit einem auf höhere persönliche Bildung eingeengten Kulturbegriff kommen
wir dort nicht zu klaren Einsichten.

Kultur in Opposition wozu?

Die traditionellen Gegenüberstellungen wie Kultur versus Natur oder Kultur versus Barbarei
sind heute nicht mehr diskutabel. Aktuell bleibt hingegen die ebenfalls alte Opposition Kul-
tur versus Zivilisation. Es wird damit die Differenz zwischen einer geistigen und einer mate-
riellen Kultur postuliert. Zur geistigen Kultur gehören die Religion, die Sprachen, die Künste,
die Dichtung, die übrigen Geisteswissenschaften, aber auch die Sitten, Rituale und Feste so-
wie letztlich die kollektiven Wertvorstellungen bis hin zum Wahn. Zur materiellen Kultur
gehören die Geräte, die Werkstoffe, die Behausung, die Bekleidung, die Nahrung, die Ener-
giequellen. Seit der frühen Neuzeit sind die Instrumente und die Verfahren für die Natur-
beherrschung und für die Energiegewinnung immer schneller vermehrt und verfeinert wor-
den. Wie sehr einst die materielle Kultur, zumal im Europa der Aufklärung, als ein mit der
geistigen Kultur gleichwertiges Gut der Menschheit gesehen wurde, das beweist uns ein-
drücklich die von D'Alembert und Diderot herausgegebene Encyclopédie ou Dictionnaire
raisonné des sciences, des arts et des métiers, die in 33 Bänden zwischen 1751 und 1772 er-
schienen ist. Die Wertfrage wurde jedes Mal dann aktuell, wenn es um die Rangordnung der
(geistigen) Kultur gegenüber der (materiellen) Zivihsation ging. Es war durchaus verständlich,
dass ein Aufklärer wie der Philosoph Kant die Zivihsation damals höher wertete als die Kultur.
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Im Laufe des 19. Jahrhunderts ist als Folge des unerhörten Fortschritts in den Naturwis-
senschaften eine neue Rivalität zwischen unterschiedlichen Verständnissen von Kultur ent-
brannt. Es geht dabei um das Zu- und Gegeneinander von Geisteswissenschaften und Natur-
wissenschaften. Lord Snow hat mit seinem Essay Two cultures eine langanhaltende Debatte
eingeleitet (Snow 1976). Die einen seien erklärend, die anderen beschreibend; die einen sei-
en hermeneutisch, d. h. auf Auslegung ausgerichtet und auf Plausibilität bedacht, die anderen
gingen experimentell vor und suchten mit Beweisen nach Eindeutigkeit; die einen suchten
den Sinn und wollten verstehen, die anderen seien exakt und wollten erkennen. Jedenfalls sei
die je gefundene »Wahrheit« anders geartet. Heute ist der heftige Streit der beiden Schwe-
stern um den Vorrang im Sozialprestige und damit im Bildungswesen durch die in beiden
Wissenschaften eingetretene Entwicklung einigermassen obsolet geworden. Teilweise kon-
vergieren die beiden Kulturen mit ihren Methoden. Aber in der sozialen Praxis ist eine Ge-
gensätzlichkeit allemal wirksam geblieben.
Man kann diese Rivalität verkürzen auf die Formel Kultur versus Technik, insofern als
letztere die operationalen Folgen der naturwissenschaftlichen, namentlich der physikalischen
Erkenntnisse darstellt. Bei näherem Zusehen zeigt sich heute, dass die fortschreitende Tech-
nik nicht immer eine Gegenposition zu Kulturellem einnimmt, dass sie vielmehr dem kultu-
rellen Sektor immer wieder neu zudient. Zumal die dritte industrielle Revolution - weniger in
der atomaren als in der elektronischen Variante - hat seit dem Zweiten Weltkrieg die Rivali-
tät zwischen Kultur und Technik in eine fruchtbare Symbiose übergeführt. Aus ihr sind eine
Kommunikationsrevolution und damit eine unvorhergesehene Informationsgesellschaft her-
vorgegangen. In ihr nun hat sich die Auffassung von Kultur erheblich verändert, hat der Kon-
flikt sich verlagert. Einerseits erweist sich heute die Kategorie Kultur durch ihre traditions-
stiftende Funktion den ins mögliche Kollektivverderben voranstürmenden Technologien als
überlegen, andererseits jedoch wird sie durch dieselbe Neuerungswelle zu Tode medialisiert
oder bis zum Funktionsverlust verändert. Die Schwierigkeiten, gegen die Kultur heute anzu-
kämpfen hat, sind in der Tat gewisse Folgen einer durch die Technik ermöglichten Massen-
kommunikation: Kultur muss sich nun gegen eine drohende Vulgarisierung und Triviali-
sierung sämtlicher geistiger Güter zur Wehr setzen. Eine weiterhin mögliche, ja wahrschein-
liche Folge ist der dadurch bewirkte allgemeine Verlust an Orientierung, aus dem die soge-
nannte Postmoderne eine ironisierende Tugend machen möchte (dazu Raulet/Le Rider 1987).
In diesem Orientierungsnotstand hilft allein das Erkennen qualitativer Unterschiede, und die-
se Fähigkeit kann allein eine adäquate Ausbildung vermitteln.

Kultur gleich Bildung?

Wäre demnach Kultur mit Bildung gleichzusetzen und somit allein den Gebildeten vorbehal-
ten? In Wirklichkeit liegt das neue Dilemma darin, dass wir zögern, angesichts der erwähn-
ten beispiellosen Vulgarisation und der entsprechenden Vermassung des Kulturkonsums noch
von Kultur im herkömmlichen Sinn zu sprechen. Denn Kultur, namentlich im Teilbereich
Kunst, sieht sich durch diesen quantitativen Sprung als solche qualitativ bedroht. Wenn wir
nun Kultur nach wie vor verstehen wollen als das Resultat einer breiten Bildung, das heisst
als Amalgam von Wissen, Phantasie, Empfindsamkeit und erfahrenem, kritischem Verstand,
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so handelt es sich um die Persönlichkeitskultur. Auf dementsprechend kultivierte Individuen,
die spezifische qualitative Ansprüche vertreten, kann eine Gesellschaft nicht verzichten.
Auch moderne kulturelle Gebilde, um als solche auf mittlere Dauer Bestand zu haben, kön-
nen nicht ohne eine Besonderheit qualitativer Art zustande kommen und müssen sich einem
kritischen Widerstand stellen. Kultur, auch und gerade angesichts des heute dank den Medien
so breiten Streubereichs, ist deshalb darauf angewiesen, dass ein Geschmackskanon definiert
und hochgehalten wird, und dass er sich durchsetzt. Dazu braucht es - man sollte es ohne
Berührungsängste sagen dürfen - nach wie vor eine Elite, und das sind Menschen mit kri-
tischem Verstand. Jürgen Mittelstraß formuliert es bündig: »Bildung kann die Orientierungs-
schwäche technischer Kulturen überwinden« (Mittelstraß 1988). Deshalb gilt heute wieder
vermehrt, dass die Geisteswissenschaften als ein gewichtiger Teilsektor von Kultur anerkannt
sind, zumal seit sie sich nach der Annäherung an die Sozialwissenschaften heute als Kultur-
wissenschaften verstehen. Doch auch so müssen sie sich zunehmend reaktiv verhalten gegen-
über den weitgehend unkontrolliert wuchernden Naturwissenschaften (dazu Sitter-Liver
1993). Immerhin kann man beobachten, dass gerade in den modernen Industriegesellschaften
dem kulturellen Sektor insgesamt eine öffentliche Bedeutung zuerkannt wird. Dass es sich
dabei nicht nur um ein Lippenbekenntnis der Verantwortlichen handelt, kann man heute im
politischen und wirtschaftlichen Alltag und in der Medienwelt deutlich wahrnehmen.

Kultur als Verhaltensmuster

Indes, trotz diesen Klarstellungen zum Verständnis von Kultur sind wir noch immer nicht in
der Lage, das Problem des Kulturvergleichs anzugehen. Und um einen solchen handelt es
sich, wenn wir aus Europa die Kulturen Lateinamerikas in den Blick nehmen wollen. Wenn
wir Kultur, wie soeben, als Kultiviertheit vieler Einzelner, als deren elitäre Bindung an eine
klassische Pesönlichkeitsbildung und damit an den Kanon der Oberschicht einer nationalen
Bevölkerung verstehen, so erweist sich der Begriff als zu eng und vor allem als untauglich für
die Fragen des Kulturaustausches und des Kulturvergleichs. Ein an die Persönlichkeit gebun-
dener Kulturbegriff ist zudem weitgehend auf entwickelte Gesellschaften bezogen und somit
für eine kulturübergreifende Blickweise, wie sie etwa die Ethnologie erfordert, nicht zu ge-
brauchen. Es zeigt sich, dass die alte und neue Opposition Kultur versus Unbildung nur auf
Individuen, allenfalls noch auf einzelne Schichten der Gesellschaft bezogen bleibt. Dass Per-
sönlichkeitsbildung stets auf den Einzelnen bezogen ist, klingt wie eine Tautologie, hat aber
seine Richtigkeit. Dabei gilt die Einschränkung, dass selbst wenn der gebildete Einzelne als
Exponent eines elitären Konsenses soziale Achtung geniesst, dies wenig besagt über den kul-
turellen Zustand des Kollektivs, der Gesellschaft, zu der er gehört. Übrigens haben schon die
französischen Aufklärer und mit ihnen Herder unterschieden zwischen der subjektiven und
der objektiven Kultur. Sie meinten mit subjektiv ein kultiviertes Individuum und mit objek-
tiv die Kultur eines Kollektivs. Dem sei gleich hinzugefügt, dass es in allen Gesellschaften
lateinamerikanischer Länder solche subjektive Kulturträger gab und noch heute gibt. An
Kongressen und auf meinen Vortragsreisen durch den Kontinent haben mich gewisse Ge-
sprächspartner immer wieder neu in Erstaunen versetzt mit ihrer Belesenheit und ihrem
kosmopolitischen Kenntnisstand. Der Argentinier Borges, und er musste es wissen, hat
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wohl nicht zu Unrecht einmal gesagt, die Lateinamerikaner seien eigentlich die besseren Eu-
ropäer.
Wir sollten deshalb wohl, zumal in einer Zeit täglicher Kontakte mit fremden Kulturen,
unterscheiden zwischen dem Verständnis von Kultur als der Summe und den Produkten ge-
bildeter Individuen einerseits, und einer anderen, der kollektiven Dimension von Kultur.
Dazu haben sich zuerst die Verhaltensforscher und die Anthropologen geäussert (z.B. König/
Schmalfuss 1972). Um den Begriff Kultur weiter zu fassen, haben sie ihn als Verhaltensmu-
ster definiert. Kultur entspräche in diesem Sinn gewissermassen einer Folie oder einem Ra-
ster, die das Verhalten eines Kollektivs steuern. Man mag einwenden, dass so das Kulturelle
zu einseitig auf den Menschen als Sozialwesen, auf seine gesellschaftliche Aktions- und
Reaktionsweise reduziert wird und dass der Grad an Differenziertheit kultureller Gebilde, wie
er grossen Kulturen eignet, ausser Betracht fiele. Dennoch ist die Kulturanthropologie mit
Erfolg von diesem Ansatz ausgegangen. In der Tat ist Kultur heute (und war es eigentlich
schon seit Jacob Burckhardt) auch ein anthropologischer Begriff. Dabei fällt zunächst auf,
dass wir diesen anderen Kulturbegriff nicht mehr mit einem versus, also mit einer Oppositi-
on fassen können, denn eine so verstandene Kultur ist ein umfassender Überbau. Die Kultur-
anthropologie forscht nach den Faktoren, die das Menschsein konstituieren. In diesem Sinne
ist Kultur zu verstehen als Verhaltensmuster eines Kollektivs, als Steuerungsmechanismus für
das Agieren und Reagieren, als Movens für gruppenspezifische Verhaltensmuster, eben als
Raster oder Grundfolie, durch deren Austausch die Sicht auf die gesellschaftliche Wirklich-
keit - und damit auf die Wirklichkeit schlechthin - sich schlagartig verändern kann. Auf ei-
nen ganz einfachen Nenner hat Julius Posener den Begriff gebracht; »Kultur ist das, was man
wiedererkennen kann«. Dieser sehr weit gefasste Begriff von Kultur kennte als sein Gegen-
teil nicht etwa die Unkultur, sondern allenfalls das Eremitendasein, das Solitärwesen
ausserhalb jeder Gesellschaft. Ebenso wenig ist die Massenkultur ein Gegensatz, denn sie
wird zusammen mit der Bildungskultur vom Oberbegriff gleichermassen erfasst. Unbestritten
ist jedenfalls die Wirksamkeit jenes Phänomens, das wir nun im anthropologischen Sinn als
Kultur bezeichnen. Auch wenn sie als eine Art von black box zu verstehen ist, kann von ihr
bekanntlich eine ungeahnte, ja unkontrollierbare Wirkung ausgehen. Die fundamentalis-
tischen Kulturrevolutionen in den islamischen Ländern oder in China sind dafür vielsagende
Beispiele.
Für unsere Fragestellung, wie es mit der Differenz zwischen den Kulturen bestellt sei, ist
die >\lederentdeckung von Kultur als kollektiver Matrix schlicht eine Voraussetzung. Nicht
nur scheint sich als Folge der dritten industriellen Revolution abzuzeichnen, dass die frühere
Scheidung in die »zwei Kulturen« obsolet geworden ist, dass ferner der Pakt zwischen Kunst
und Technik zu einer neuen, einer symbiotischen Situation geführt hat. Vielmehr wird Kultur
heute in einer kreativen Gesellschaft zunehmend wieder als eine Gesamtheit erkannt, mit of-
fenen, nicht hierarchisierten Strukturen. Die erwähnten »zwei Kulturen« von Snow sehen
sich heute aufgehoben in dem, was Jürgen Mittelstraß die »kulturelle Form« einer Gesell-
schaft nennt (Mittelstraß 1992: 309 ff.). Daher mein Vorschlag zu einer Definition von Kul-
tur eines Kollektivs: Kultur ist ein Netz von erworbenen Traditionen, Einstellungen und Vor-
stellungen, das auf das Empfinden, auf die Wahrnehmung, auf das Denken und Urteilen jedes
in Gesellschaft lebenden Menschen einwirkt und dessen Handeln bestimmt. Kultur in diesem
übergreifenden Verständnis ist demnach nicht allein das Produkt einzelner Menschen, sie
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steuert vielmehr ihrerseits das Individuum und hat ihre eigene Gesetzmässigkeit. Zu einem
solchen Kulturverständnis haben in letzter Zeit einige Kulturwissenschafter die Vorarbeit ge-
leistet, darunter F. Boas, C. und M. Mead.

Das Eigene und das Fremde

Dass Kulturen in diesem weiten, anthropologischen Sinn völkerspezifisch, das heisst regional
unterschiedlich sind, versteht sich von selbst. Die Differenz, und damit die Mobilität zwi-
schen sich fremden Kulturen jedoch - sei es dass der Betrachter reist, sei es dass Kulturelles
medial die Grenzen überschreitet - hat, sagen wir seit den grossen Reisenden wie Cook und
Murnau, so sehr zugenommen, dass die Kontakte zwischen den Kulturen inzwischen jedes
Selbstverständnis beeinflussen. Welcher Art auch die Begegnung zwischen fremden Kulturen
sein mag, sie hat in jedem Fall Folgen. Dass diese übrigens beide Parteien, das Eigene wie
das Fremde betreffen, das erkennen wir besonders deutlich im Zusammenhang mit 1492, mit
der Fahrt des Kolumbus in die Neue Welt. Seit jener Begegnung mit einer radikalen Anders-
heit hat die Alte Welt begonnen, auch sich selber anders zu sehen. Die alte Sehnsucht nach
der Fremde war übrigens unbewusst immer auch gleich eine Reise zu sich selber, oftmals
sogar in vermehrtem Masse als eine Reise zu den anderen.
Der sogenannte Kulturaustausch, der notwendigerweise einer Begegnung zwischen
Fremden folgte, war schon immer problematisch. Für Hegel hatten die Gestaltungen des ob-
jektiven Geistes, wir sagten es schon, eine Gültigkeit nur im Bereich eines bestimmten Vol-
kes. Die objektive Kultur einer Region kann deshalb so geartet sein, auch das sah Hegel, dass
sie für den Geist eines anderen Volkes verschlossen bleibt. So meinte er etwa, dass eine frei-
heitliche Verfassung für die Chinesen unverständlich bleiben müsse. Und wir Europäer stehen
heute noch verständnislos vor der Tatsache, dass Inder hungern inmitten von heiligen Kühen.
Die Kultuφhilosophie leugnet denn auch nicht, dass viele Kulturgüter der Fremde dem
Fremden unverständlich bleiben, sie fügt allerdings hinzu, dass dies nur deshalb der Fall ist,
weil man zu wenig darüber wisse. Schon Hegel glaubte, im Grunde genommen seien alle
Kulturdifferenzen verständlich, wenn man nur über zureichende Elemente für ihre Interpre-
tation verfüge. Und solche Elemente konnte und kann man durch Reisen in fremde Länder
entdecken, auch durch geeignete Lektüre oder Unterweisung.
Erst mit der Renaissance, nach den wenigen mittelalterlichen Femreisen, begann die wis-
senschaftliche Erkundung der Erde und der stimulierende Einfluss grosser Reiseberich-
te, von Montaigne über Casanova bis zu Goethe: Sie brachten dem einheimischen Leser die
Faszination einer Andersheit, die langfristig auf das Gesamte einer Landeskultur einen kaum
zu überschätzenden Einfluss ausübte. Der zunächst vereinzelte, dann immer häufiger drän-
gende Trieb nach interkultureller Grenzüberschreitung und der Wunsch, wenigstens einer,
wenn möglich mehreren fremden Kulturen zu begegnen, wurde - zunächst für die Gebilde-
ten und die Reichen, später für die breite Masse - so etwas wie ein kategorischer Imperativ.
Dabei ist zu erkennen, dass zwischen Fremderkenntnis und Selbsterkenntnis ein dialektisches
Spiel vor sich geht. Bei näherem Zusehen zeigt sich, dass diese Erkenntnisvorgänge beider-
seits von der jeweiligen kulturellen Identität ausgehen. Diese wird in unserem Zusammen-
hang zu einem Schlüsselbegriff (dazu Fisher 1988).
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Was heisst kulturelle Identität?

Dieser heute ebenfalls modisch gewordene Terminus hat sich nach und nach eingebürgert,
namentlich dank den Schriften von George Herbert Mead (1934). Um diesen leider zerrede-
ten Begriff besser zu verstehen, drängt sich ein Exkurs auf. Es muss zunächst geklärt werden,
wie kulturelle Eigenheit oder Identität überhaupt zustande kommt. Aufgrund von Überlegun-
gen zu den Faktoren, mittels derer sich Identität konstituiert, drängt sich mir eine zweifache
bzw. dreifache Unterscheidung auf: a) die persönliche Identität des Individuums; b) die kul-
turelle Identität eines kleinen Kollektivs (Nachbarschaft, Dorf, einstadt, Region, Heimat)
und c) die kulturelle Identität einer Grossgruppe (Grossstadt, Provinz, Nation, Kontinent,
Rasse, Religion). Diese Unterscheidungen nehmen Rücksicht auf die beschriebene Doppel-
semantik des Begriffs Kultur, je nach seinem Bezug auf das Individuum bzw. auf das Kollek-
tiv. Zudem wird unterschieden zwischen 1 - und Grossräumen, in denen letzteres angesie-
delt ist. Die Differenzierungen lassen sich erklären anhand des Schemas, das (aus typographi-
schen Gründen) im Anhang dieses Kapitels steht. Damit die Kontrastierung deutlich werde,
fasse ich hier die Unterschiede zwischen den drei Ebenen zusammen: Auf der Ebene der Per-
son (a) ist die Identität implizit, privat, empfunden, erfühlt, empirisch. Sie kann in gewissen
Fällen, die wir dann als psychopathologisch werten, auch imaginär oder illusorisch sein, wie
z.B. bei Don Quijote. Erst auf den Ebenen des Kollektivs kann der BegrifiF der kulturellen
Identität Sinn machen. Im Falle der föeingruppe (b) ist diese ebenfalls implizit, aber pragma-
tisch erlebt, wenn auch meistens nicht verbalisiert: das Wir-Gefühl ist schwer zu definieren.
Immerhin kommt es vor, dass es sich in der so genannten Regional- oder Heimatliteratur ar-
tikuliert. Im Falle der Grossgruppe (c) hingegen ist die kulturelle Identität immer explizit,
gewissermassen patriotisch, rhetorisch. Sie ist ein Sekundärphänomen, das nicht spontan ent-
steht, das vielmehr das Ergebnis darstellt einer kontrastiven Selbstreflexivität, auch eines
Erziehungs- und Bewusstmachungsprozesses, den offizielle Instanzen durchführen: die Leh-
rer, die Pfarrer, die Politiker, die Regierenden.

Gibt es nähere und fremdere Kulturen?

Nach den vorangegangenen Klärungen können wir der hier gestellten Frage besser nähertre-
ten. Die Sozialwissenschaften, namentlich die Sozialpsychologie haben inzwischen auf den
verschiedensten Wegen versucht, die kulturelle Distanz zwischen fremden Grossgruppen
möglichst exakt zu erfassen. In einer Welt von immer grösserer Mobilität, mit zunehmenden
Migrationen ist die Verträglichkeit zwischen verschiedenen Kulturen ein erstrebenswertes,
ein notwendiges Ziel geworden (Hall/Reed 1989). Daher drängt sich die Frage auf, ob kultu-
relle Differenz erfassbar oder gar messbar sei. Die bisherigen Versuche waren zunächst dilet-
tantisch. So wurde etwa, meistens anhand gezielter, so genannter repräsentativer Umfragen,
untersucht, ob die rassische Bevorzugung eine Rangordnung der Beliebtheit gewisser Kultu-
ren erkennen lässt; oder auch statistisch, ob vielleicht die schlichte Zuweisung von Sympathie
und Antipathie etwas aussagt; oder ob vielleicht das Erkennen bestimmter Gemeinsamkeiten
zwischen dem »typisch« Eigenen und dem »typisch« Anderen ein Kriterium sein könnte;
oder ob sich eventuell anhand der bekannten Maslow'schen Bedürfnis-Pyramide eine Völker-
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spezifische Aufgliederung ergebe. Die Ergebnisse sind eher enttäuschend (dazu Karsten
1978). Als überraschend exakt, doch schwerer zu beobachten, ist eine Untersuchung des un-
terschiedlichen kommunikativen Verhaltens, aus der sich eine Unterscheidung zwischen so
genannten low-context- und Aig/i-coníexí-Kulturen ableiten lässt. Sie scheint signifikant zu
sein, ist aber nur in langwierigem Verfahren zu erfassen (Hall 1977). Der Sammelband von
Knapp-Potthoff (1997) gibt einen Einblick in weitere linguistisch orientierte Arbeiten über
die Möglichkeiten interkultureller Kommunikation. Insgesamt sind jedoch die Ergebnisse der
einschlägigen Forschungen prekär, die Schlüsse gewagt, die Aussagen partiell.
Dies sollte uns nicht überraschen. Denn in der Tat wäre es absurd, in einem so komplexen
Bereich wie der kulturellen Identität exakte Ergebnisse einer Differenz-Messung zu erwarten.
Jede nationale oder sprachregionale Kultur ist bekanntlich schon in sich selber veränderbar,
im Lauf der Zeit erst recht. Das kulturelle Leben eines jeden Landes - es wurde schon ange-
deutet - schlägt sich in einem spezifischen Kanon nieder, in einer Ansammlung von Meinun-
gen, ästhetischen Bevorzugungen, existenziellen Optionen, wobei das Gesamte weder homo-
gen, noch widerspruchsfrei, noch dauerhaft ist. Diesen Kanon können wir empirisch gut be-
obachten an der kulturellen Identität eines kleineren Kollektivs, wie sie oben unter b) be-
schrieben wurde. Und auch die kulturelle Identität einer Grossgruppe, die bekanntlich expli-
zit ist, lässt sich z. B. am Bildungswesen und mannigfach im öffentlichen Sektor ablesen. Die
Wirkungsdauer eines solchen Kanons kann sehr verschieden sein. Einerseits kann ein kultu-
reller Kanon - z. B. der abendländische Humanismus mit seinem Kult der Antike - über Jahr-
hunderte Bestand haben; andererseits kann sich eine kollektive Befindlichkeit, wie etwa die
Décadence- und die Fin-de-Siècle-Phânomene um 19( zeigen, nur für die Dauer von viel-
leicht einer oder zwei Generationen halten. Ein kultureller Kanon kann zäh andauern, kann
sozial sinken, bleibt ständig den Neuerungen der heranwachsenden Jahrgänge ausgesetzt und
wird durch neue Fremdeinflüsse verändert, vielleicht beschädigt, vielleicht bereichert. Ein
kultureller Kanon ist zwar höchst wirksam und ist doch keine feste Grösse; er ist, ähnlich wie
etwa der so genannte Zeitgeist, ein soziales Phänomen. Die von ihm gesteuerten Neigungen
und Abneigungen sind im Nachhinein möglicherweise erklärbar, vorauszusehen waren und
sind sie nicht. Die Wucht der Veränderungskraft eines neuen Kanons - denken wir an die
68er Bewegung - , desgleichen das ihm unter Umständen eigene Beharrungsvermögen sowie
auch die Richtung seiner Wandlungen sind nicht vorhersehbar. So ist es auch keiner Autori-
tät auf Dauer vergönnt, einen kulturellen Kanon zu verordnen oder ihn in wünschbare Bah-
nen zu lenken. Ein Kanon leitet seine Autorität von seiner schieren Existenz her, und diese ist
abhängig von der schwellenden oder schwindenden Zustimmung im Kollektiv. Fassbar wird
ein kultureller Kanon allerdings anhand gewisser Symptome, in denen sich die mehrheitliche
Einstellung einer Gesellschaft öffentlich und institutionell niederschlägt.
In unserem Zusammenhang der Nähe oder Ferne von Kulturen zu- oder voneinander gilt
deshalb, dass man weniger an einem Kanon insgesamt, vielmehr nur an einzelnen identitäts-
stiftenden Faktoren des (heimatlichen oder nationalen) Kollektivs ablesen kann, in welchem
Verhältnis zwei einander fremde Kulturen zueinander stehen. So führen am ehesten jene Un-
tersuchungen zum Ziel, die anhand bestimmter gemeinsamer Faktoren oder Werthaltungen
eine Nähe bzw. eine Distanz zwischen verschiedenen Kulturen feststellen (Kluckhohn/
Strodtbeck 1961). In diesem Fall steckt im Detail nicht der Teufel, sondern im Gegenteil der
einzig mögliche Erkenntnisgewinn. Denn, nur falls eine Anzahl von identitätsstiftenden Fak-
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toren vor allem des Klein- aber auch des Grosskollektivs übereinstimmen, kann von einer
Nähe, von einer Verträglichkeit ausgegangen werden. Und umgekehrt: Kulturellen Identitäten
en bloc gegenseitige Nähe oder Ferne zu attestieren scheint aufgrund der bisherigen For-
schungen ein unmögliches Unterfangen. Nähe oder Fremdheit zwischen zwei Kulturen kann
wohl empfunden, beobachtet und beschrieben werden, jedoch nur anhand von Übereinstim-
mungen oder Unverträglichkeiten einzelner oder mehrerer der identitätsbildenden Faktoren.
Auf deren Kompatibilität kommt es allein an, z. B. auf den Faktor Religion. Goethe wusste
dies sehr wohl, als er Gretchen die berühmte Frage an Faust in den Mund legte.
Die Rede vom global village ist insofern irreführend, als just auf der Ebene des Dorfes,
der Kleingruppe also, von Globalisierung keine Rede sein kann, wenn man von Davos in der
Januarwoche absieht, wenn das World Economic Forum dort tagt. Ein Kosmopolitismus stellt
sich nur auf der Ebene der grossen Kollektive und ihrer Repräsentanten ein, und zwar allmäh-
lich. Er ist ein ganz und gar urbanes Phänomen, kein »dörfliches«. In der Welt der Manager
und der Staatsmänner - und allein in dieser Höhenluft - erfolgt die Angleichung der verschie-
denen kulturellen Identitäten (bzw. deren progressiver Verlust) so weitgehend, dass wohl ihre
Auflösung in einem undifferenzierten Kosmopolitismus abzusehen ist.

Über persönliche und kulturelle Identität

Es gilt zu unterscheiden zwischen drei Ebenen:


a) persönliche Identität - »Wer bin ich?«
b) kulturelle Identität einer Kleingruppe (Dorf, Kleinstadt Region, Heimat) -
»Wie sind wir?«
c) kulturelle Identität einer Grossgruppe (Grossstadt, Nation, Kontinent, Rasse) -
»Wie wollen/sollen wir sein?«
NB: Kulturelle Identität wird nur überindividuell manifest [Ebenen b) u. c)]

Identitätsstiftende Faktoren:
Für a) b) c) gemeinsam:
- die Autoimagotype (Selbsteinschätzung)
- die Heteroimagotype (Fremdeinschätzung)
- die Enkulturierung (Prozess der Assimilation von kulturellen Werten, Mentalitäten, Wert-
haltungen)
Spezifisch für a): Die Identität ist hier implizit, privat, gefühlsmässig; z.T. auch imaginär oder
Einbildung.
- Persönlichkeit (Körpergestalt, Charakter, Temperament, Erziehung, Idiolekt)
- Familie ^
- Beruf ^ = das soziale Umfeld -»· Sozialisierung
- Sozialer Umgang J
- die eigene Geschichte
- der persönliche Entwurf (Ziele, Ideale, ideologische Einstellungen)

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Die Faktoren zu a) erzeugen den Respons des sozialen Umfelds (= social control).

Spezifisch für b): Die Identität ist auch hier implizit, erlebt, unausgesprochen; sie wird spür-
bar in der Regionalliteratur; sie wird virulent im Falle einer unterdrückten Ethnie.
- Nachbarschaft in der in-gwup
- kollektive Seinsweise
- soziale Wertschätzung {social esteem)
- die einer Volks(klein)gruppe eigenen Traditionen (Brauchtum, Feste, etc.)
- das übliche Sozialverhalten (kommunikative Konventionen)
- familiäre bzw. lokale Redeweise, Dialekt
- der Zusanunenhalt im Quartier, im Pfarrsprengel, in der Sekte
- Kommunikation von hoher Kontextualität (= hoher Grad von Implizität)
Träger: das »Volk«.

Spezifisch für c): Die Identität ist explizit »vaterländisch«, rhetorisch, virulent im Fall von
Grenzkonflikten u. internationalen Spannungen.
- Andersheit, d.h. Fremdheitsempfindung gegenüber out-gmups
- Landeskultur, Bildungskanon
- Religion und Konfession
alles durch Erziehung vermittelt
- Geschichtsbewusstsein
- Hochsprache
- Kommunikation von geringer Kontextualität (= hoher Grad von Explizität)
Träger: die Intellektuellen, die gebildete Schicht, die Politiker.

Literaturhinweise

Für weitergehende Hinweise zu den in diesem Buch erscheinenden Essays konsultiere man
López de Abiada/Siebenmann. 1998. Lateinamerika im deutschen Sprachraum - Eine Aus-
wahlbibliographie. Tübingen: Niemeyer (Beihefte zur Iberoromania; 13).

Fisher, G. 1988. Mindsets: The Role of Culture and Perception in International Relations. Yarmouth.
Hall, E. T. 1977. Beyond Culture. Garden City (NY).
Hall, E. T./M. Reed. 1989. Understanding Cultural Différencies: Germans, French and Americans.
Yarmouth (Maine).
Karsten, A. (Hg.). 1978. Vorurteil. Darmstadt.
Kluckhohn, C./M. Strodtbeck. 1961. Variations in Value Orientations. Evanston (111.).
Knapp-Potthoff, A. et al. (Hg.). 1991. Aspekte interkultureller Kommunikationsfähigkeit. München.
König. R. H./A. Schmalftjss. 1972. Kulturanthropologie. Düsseldorf.
Mead, G. H. 1934 et passim. Mind, Self arul Society. Chicago.
Mittelstraß, J. 1992. Leonardo-Welt. Über Wissenschaft, Forschung und Verantwortung. Frankfurt/M.
Raulet, G./J. Le Rider (Hg.). 1987. Verabschiedung der (Fost-)Modeme?. Tübingen.
Snow, Sir Ch. P. 1967. The Two Cultures and A Second Look. Cambridge; dt. Die zwei Kulturen. Lite-
rarische und naturwissenschaftliche Intelligenz. Stuttgart, 1964.

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Lateinamerika auf der Suche nach einer Identität

Ausgehend von dem soeben vorgetragenen Dreistufenmodell - Individuelle Identität, spon-


tane Identität der Kleingrappe, explizite Identität der Grossgruppe - versteht es sich, dass wir
es bei dieser Fragestellung mit einer Grossgruppe zu tun haben. Die Bevölkerung einer so
immensen Region mit ihren über zwanzig Ländern, die ihrerseits einer nationalen Identität
bedürfen, kann spontan und gefUhlsmässig nur in der vecindad, in der Kleingruppe eine Hei-
mat ñnden. Im Spanischen sagt man dafür, ebenso emotional wie im Deutschen, patria chica,
kleines Vaterland. Braucht ein Kontinent überhaupt eine eigene Identität? Haben wir Europä-
er denn eine und könnten wir sie formulieren? Allein schon die Vielsprachigkeit erschwert sol-
ches erheblich, im Gegensatz zum geeint Spanisch sprechenden Amerika. Dennoch bedarf die
patria grande, wie schon Bolívar den lateinamerikanischen Kontinent nannte (Massuh 1983),
dringender einer spezifischen Identität als Europa, einmal um eine Einheit zu proklamieren und
sich einer gemeinsamen Seinsweise zu versichern, vor allem aber zur Abgrenzung gegen aus-
sen. Und ein solcher ideeller gemeinsamer Nenner muss von anerkannten Autoren, Histori-
kern und Schriftstellern gesucht, formuliert und öffentlich vorgetragen werden. Vielleicht wird
die vorgeschlagene Lösung dann als zutreffend anerkannt, wenigstens von gewissen Sektoren
und vorübergehend. Dauer ist nur wenigen Komponenten vergönnt. Doch ich greife vor.
Wir haben es demnach mit Modellen zu tun, die sich temporär an gewissen Zeitströmungen
orientieren und erst in konfliktiver Situation eine öffentliche Relevanz bekommen. Doch
wann ist Lateinamerika in seiner Geschichte je von inneren oder äusseren Spannungen frei
gewesen? Deshalb bestand, aus historischen wie geografischen Gründen, in Lateinamerika
seit der Ablösung der Republiken von den Mutterländern, besonders angesichts der im 20.
Jahrhundert permanenten Spannungen mit den USA, ein nachhaltiges Bedürfnis nach einer
expliziten und für den gesamten Kontinent gültigen Identitätsformel. Die Suche danach hat
die Intellektuellen, die Politiker, Essayisten, Philosophen und Literaten dort zu immer neuer
geistiger Anstrengung geführt, ihnen aber auch eine grössere öffentliche Bedeutung zukom-
men lassen als in anderen Gesellschaften.
Hier soll nun versucht werden, die erfassbaren Identifikationsmodelle zu systematisieren.
Dabei bietet es sich an, von der zeitlichen Aufeinanderfolge vorerst abzusehen, denn bei
chronologischer Darstellung entstünde ein schlecht übersehbares Gewirr von Widersprüchen,
das einem Überblick hinderlich wäre. Diesen Verstoss gegen die Historie werde ich später
dadurch mildem, dass ich die systematische Darstellung der angebotenen Identitätsmodelle
einbette zwischen eine Schilderung der Identitätskrise vor 1900 einerseits und eine Skizze der
chronologischen Entwicklung andererseits. So ergibt sich für das Weitere die folgende Glie-
derung: Die Enttäuschungen der kreolischen Provinzen; die Orientierungsmodelle; der dia-
chronische Verlauf.

Die Enttäuschungen der kreolischen Provinzen

Die vier von der spanischen Krone auf amerikanischem Territorium errichteten Vizekönig-
reiche waren keine unabhängigen Staatsgebilde. Ihre zunächst dünne Bevölkerung konnte
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keine eigene Identität entwickeln und brauchte sie auch gar nicht (dazu Redondo 1978). Die
Kreolen - das sind die auf Dauer dort ansässigen Abkömmlinge von Spaniern - und die so-
zial aufgestiegenen Mestizen konnten sich in den noch jungen Kolonien eingebunden fühlen
in das Kollektiv der Hispanität und der katholischen Kirche, während die indigene Bevölke-
rung mit ihrer Sprache auch ihre Stammesidentitäten noch lange bewahren sollten und zudem
in einem zumeist synkretisierten, mit eigenen Ritualen und Vorstellungen gemischten Katholi-
zismus eine religiöse Zuflucht fanden. Volksreligiöse Kulte wie die um die Virgen de Guadalupe
in Mexiko, der Patronin der Unabhängigkeitsbewegung in Mexiko, oder um die Virgen de
Copacabana am Titicacasee sprechen Bände. Die Bewohner unterschieden sich in der Kolonial-
zeit weniger durch die Zugehörigkeit zu einem Vizekönigreich als durch die Klimazonen ih-
res Lebensraums. Noch heute empfindet sich z. B. in Kolumbien García Márquez der Karibik
zugehörig und sieht die cachacos im andinen Bogotá als Fremde (Vivir para contarla, 2002).
Erst nach und nach sollte sich der einigende Widerstand gegen Spanien zu einem identifizie-
renden Faktor formieren, doch davon später.
Erst das 19. Jahrhundert, das dem Kontinent die politische Unabhängigkeit brachte, wird
für unsere Fragestellung interessant. Die Befindlichkeit der Lateinamerikaner war geprägt
von einem drastischen emotionalen Gefalle. Bildlich gesprochen erkennen wir im Überblick
eine stark gebogene Kurve steil aufschiessender Erwartungen und flach, aber kontinuierlich
abfallender Enttäuschungen. An der Wende zum 20. Jahrhundert drängte sich deshalb eine
Rückschau auf diesen Prozess auf, zugleich eine Besinnung auf die Zukunft. In den Jahren
zwischen 1898 und 1930 sind die Möglichkeiten einer geistigen Bewältigung des eigenen
Scheiterns in unterschiedlichen, aber immer heftigen Anläufen durchgespielt worden, und zwar
weniger anhand echter Analysen als vielmehr anhand von Retrospektiven und Zukunfts-
visionen. Man kann dies heute in mehreren Anthologien von essayistischen Schlüsseltexten
nachlesen. Die 21eugen der damals um sich greifenden geistigen Depression sind zahlreich:
Wieso sind wir ein »continente enfermo«, ein kranker Kontinent, fi-agt der Venezolaner César
Zumeta (1899). Der Bolivianer Alcides Arguedas veröffentlicht 1909 sein Pueblo enfermo
und sieht nur »Blut und Dreck« in dessen Geschichte. »Wir sind überhaupt nicht vorange-
kommen, es geht uns nicht besser, sondern schlechter, wir haben Mittel und Kräfte eingebüsst
im Verlauf des langen Jahrhunderts unserer Unabhängigkeit«, so der Mexikaner José de
Vasconcelos (Indologia, 1924). Die für das Scheitern angeführten Gründe sind aufschluss-
reich, denn auf diese wäre ja eine eventuelle Therapie auszurichten. Man kann die angegebe-
nen Ursachen in drei Gruppen zusammenfassen:
Als erster Grund für das kollektive Scheitern werden die kontraproduktiven, aus Spanien
überkommenen Traditionsmuster angeführt, die »Erbübel« im Bereich des sozialen und wirt-
schaftlichen Verhaltens, allen voran die Trägheit. Inercia, pereza, desidia, ociosidad sind die
Kennwörter. Noch 1928 brandmarkt der peruanische Marxist José Carlos Mariátegui in sei-
nen Siete ensayos als ständige Makel die Abneigung der Lateinamerikaner gegenüber akti-
ven, wertschöpfenden Berufen und das blosse Streben nach einträglichen Pfründen. Und er
sieht vor allem die wirtschaftlichen Folgen. Da gegen eine solche kollektive Einstellung kein
Mittel in Sicht ist - Selbstüberwindung war ja durch das zu beseitigende Übel der Trägheit
just ausgeschlossen - , macht sich bitterer Fatalismus breit. Der Kolumbianer Carlos Arturo
Torres sagt es für viele andere: »Das nationale Übel ist die Niedergeschlagenheit und die
Depression« (Idola fori, 1910).
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Ein zweiter, diesmal Mstorischer Grand wird in den Verfehlungen der Unabhängigkeits-
bewegung gesucht. Man empfindet sogar, rand achtzig Jahre danach, eine gewisse Reue und
zeigt sich gegenüber den überwundenen Kolonialzuständen wieder versöhnlicher. Sogar den
Gedanken an die gemeinsame Hispanität weist man, wie wir sehen werden, nicht mehr grand-
sätzlich ab. Das grosse Unternehmen von Bolívar und San Martín wertet man nun als Fehllei-
stung. War es nicht Hybris, ein Territorium von kontinentaler Dimension befreien und einen
zu wollen? Zu hohe Erwartungen waren geweckt worden, und auf sie folgte unausweichlich
die Enttäuschung. Vasconcelos spricht von »Balkanisierung«, von »fataler Desintegration«,
und der Argentinier Manuel Ugarte sieht die Independencia »als einen Unfall, der ein halbes
Jahrhundert unserer Anstrengungen fruchtlos werden liess« {El porvenir de la América
española, 1910). Der traurige Ausspruch des politisch geschlagenen Bolívar war siebzig Jah-
re nach seinem Tod noch immer aktuell: »Hemos arado en el mar« (Wir haben auf dem Meer
gepflügt). Es fällt auf, dass kaum einer der Intellektuellen damals eine soziologische Erklä-
rang für das Debakel suchte. Desgleichen blieb eine politische Analyse des historischen Pro-
zesses der Independencia weitgehend aus.
Drittens wurden dem klimatischen Faktor, namentlich in den tropischen Regionen, immer
wieder negative Einflüsse zugeschrieben. Das Argument stammt aus den Klima- und Milieu-
theorien der Franzosen. Eine Allgemeingültigkeit haben diese der Umwelt angelasteten Be-
gründungen schon deshalb nicht beanspruchen können, weil grosse Zonen Lateinamerikas
klimatisch ausgesprochen begünstigt sind.
Kurzum, man suchte die Gründe für die allgemeine und namentlich wirtschaftliche Sta-
gnation sowie für das Dekadenzgefühl gegen Ende des 19. Jahrhunderts in nicht veränderba-
ren Gegebenheiten: in zählebigen traditionellen Verhaltensweisen des Kollektivs, in der Ge-
schichte und in der Geografie. Angesichts des damals in Lateinamerika weitverbreiteten Po-
sitivismus und der weltweiten Krise der Latinität waren diese Diagnosen zwar folgerichtig,
aber auch folgenlos. Um einen kollektiven Aufbrach aus dem Zustand des generellen Rück-
standes gegenüber Europa und Nordamerika in die Wege zu leiten, musste man wissen, wer
man war, wer man sein wollte. So entstand um die Jahrhundertwende ein akutes Bedürfnis
nach zukunftsträchtigen Identitätsformeln. Sehen wir uns die vorgeschlagenen Orientierangs-
modelle näher an.

Orientierangsmodelle

Der utopische Entwurf. Eine wichtige Komponente finden wir in dem seit der Entdeckung
gepflegten Gedanken, in dieser Neuen Welt könne man völlig neu beginnen. Das Land Ame-
rika wurde, namentlich im 18. Jahrhundert, als jungfräulich und als offenes Feld für einen ra-
dikalen Neubeginn gesehen, der zwar von den Erfahrangen der Alten Welt zehren mochte,
doch eine mängelfreie gesellschaftliche Konstraktion erlauben könnte. Hegel hat Amerika
bekanntlich als den Kontinent der Zukunft betrachtet. Darauf greifen einige idealistische
Essayisten nun zurück. Nehmen wir als Beispiel ein Zitat des Dominikaners Pedro Hennquez
Ureña aus dem Jahre 1926: »Schütteln wir die Zaghaftigkeit ab und erklären wir uns als Her-
ren über die Zukunft. Eine jungfräuliche Welt, eine eben gewonnene Freiheit, aufkeimende
Republiken, in glühender Hingabe an die unsterbliche Utopie: hier mussten neue Künste,
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neue Poesie entstehen.« Wie sich zeigen wird, hat diese Projektion Lateinamerikas in die
Zukunft bis heute nicht nachgelassen.
Besonders häufig wird das utopische Schwärmen anhand biologischer Metaphern formu-
liert. Man hat das Attribut der Neuen beziehungsweise Alten Welt mit den Lebensaltern
gleichgesetzt und die Jugendlichkeit im weitesten Sinne auf das gesellschaftliche Geschehen
übertragen. Ausdrücke wie juventud oder jóvenes tauchen immer wieder auf. Das brachte
beim Argumentieren zwei Vorteile auf einen Schlag: Einerseits waren durch die Unreife der
frühen Lebensstufe die Irrtümer gewissermassen entschuldigt. So hat etwa der Uruguayer
José Enrique Rodó dem erwähnten Titel Pueblo enfermo (1909) von Alcides Arguedas ein
pueblo niño entgegengehalten (ein Volk im Kindesalter), womit die Vorstellung geweckt wur-
de, die Zeit allein werde einen Reifeprozess herbeiführen. Und andererseits ist aus diesem
Biologismus ein Optimismus hervorgegangen: man glaubte an Evolution, und man bemühte
sich ernsthaft, im Erziehungssektor ganz besonders, einen Fortschritt herbeizuführen.
Latinität. Dieses zweite Orientierungsmodell hat seinen Ursprung in der nicht nur his-
panischen, sondern generell mediterranen Einwanderung. So wurde in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts versucht, in der Wesensart der immigrierten lateinischen Europäer ein
Orientierungsmodell zu finden. Dies gelang nur insoweit, als man der angeblich pragmatisch
und materialistisch gesonnenen Germanität Nordamerikas die mehr auf Ideale und auf kultu-
relle Werte besonnene Latinität im Süden gegenüberstellte. Dieser Bewegung wurde auf-
grund von José Enrique Rodós Buch Ariel (1900) der Name »arielismo« gegeben. Im glei-
chen Zuge wurden paradoxerweise mit diesem antagonistischen Orientierungsmodell auch
die eigenen Schwächen sowie die Inferiorität gegenüber den nördlichen Nachbarn begründet:
Die Theorie einer dekadenten Latinität hat bekanntlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch
den europäischen Mittelmeerraum erfasst und bewirkte wenig später die bekannte bewun-
dernde Zuwendung zum Germanentum, zu Deutschland im Besonderen, für die in Spanien
das Beispiel Ortegas steht. Die Ambivalenz des Mythos Latinität wurde in den ersten beiden
Jahrzehnten unseres Jahrhunderts überall erkannt. Doch im Lateinamerika der Wende zum
20. Jahrhundert vertraute eine schmale, humanistisch gebildete Schicht nach wie vor auf den
höheren Wert der Geistigkeit. Man leitete von dem eigenen wissenschaftlich-technologischen
Rückstand eine menschliche Überlegenheit ab, ein Mehr an Humanität. Diese Gedanken-
akrobatik - um aus der Schwäche eine Stärke zu machen - sollte sich als verhängnisvoll her-
ausstellen. Zwar hat der elitäre Charakter dieses Orientierungsmodells eine Breitenwirkung
verhindert, doch im Bildungssektor ist es über Jahrzehnte hin Leitbild geblieben, dem Hoch-
mut der Humanisten in Europa nicht unähnlich.
Hispanität. Ein drittes Orientierungsmodell ist die sogenannte »hispanidad«. Es ist ein
verschwommener Begriff, der sich leicht zu ideologischen Zwecken zurechtbiegen lässt. Es
handelt sich um ein Konglomerat von rückwärtsgewandten, vergangener historischer Grösse
nachtrauernden Treuegefühlen, von Stolz auf die eigene Sprache, von strenggläubiger Katho-
lizität, von eigensinniger Wertschätzung der eigenen Seinsweise und Traditionen. Imagolo-
gisch gesprochen bedeutet Hispanität vor allem ein kritikloses Hochhalten von Autoimago-
typen und eine Abwehr jeglicher fremder Einmischung oder Beurteilung. Ramiro de Maeztu,
der Sohn eines Kubaners und einer Engländerin, der immer radikaler denkende Konservati-
ve und Katholik, hat seine Defensa de la Hispanidad (1934) zu Beginn des Spanischen Bür-
gerkriegs mit dem Leben bezahlt. Doch was sollte diese spanische Ideologie in Spanisch-
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Amerika? Es gab Gründe für eine Revision. Nachdem die schlechten Erfahrungen unüber-
sehbar geworden waren, die die Kreolen nach der Independencia mit sich selber gemacht
hatten, milderte sich der antikolonialistische Groll gegen die Spanier, wenigstens teilweise.
Man wetterte nicht mehr gegen die Conquista und auch nicht mehr gegen die Colonia, viel-
mehr besann man sich jetzt wieder auf diesen panhispanischen, historisch vorgegebenen
Identitätsfundus: »Wir Spanisch-Amerikaner sind verloren, wenn wir den unterscheidenden
[hispanischen] Charakter unserer Persönlichkeit nicht zu bewahren wissen«, meinte der Me-
xikaner Justo Sierra, und Ugarte fügte hinzu: »Nur keine Vorwürfe gegenüber Spanien. Süd-
amerikaner, die ihre Herkunft leugnen, begehen moralisch Suizid und sind halbwegs Vater-
mörder.« So wurde selbst in Spanisch-Amerika die Hispanität, jene mythische Synthese der
spanischen Wesensart, da und dort wieder zu einem konstitutiven Element der Amerikanität,
trotz der imperiahstischen Komponente des Panhispanismus. Im 20. Jahrhundert ist Spanien
gegenüber Spanisch-Amerika, zumal in Zeiten der Falange und des Franquismus, wieder un-
verblümt mit hegemonialem Imponiergehabe aufgetreten. Allerdings erwarteten die amerika-
nischen »Hispanisten« von damals die Solidarität eines liberalen Spaniens. Umsonst, wie
Manuel González Prada erfahren sollte. Um 1900, nach seinem Besuch in der spanischen
Metropole, stellt der peruanische Lyriker und Politiker bedauernd fest, dass Spanien »nicht
mehr an uns denkt, uns verachtet und vergisst«. In der Tat kümmerte sich Spanien nach dem
Debakel in Kuba (1898) und im Zuge der auf die eigene Regeneration bedachten 98er-Bewe-
gung nicht mehr um Lateinamerika. Letzten Endes ist diese ohnehin diffuse Idee der
Hispanität in Spanisch-Amerika aufgegangen im Orientierungsmodell der Latinität oder der
Frankophilie. So konnte zum Beispiel Zumeta um 1900 in seinem Continente enfermo schrei-
ben: »Rom und Madrid sind für jeden Spanisch-Amerikaner geistige Vaterländer gewesen,
doch Frankreich wird in solchem Masse geliebt, dass ein mexikanischer Joumalist unlängst
äussern konnte: >Wir haben keine eigene Seele, sondern es vibriert in uns kraftvoll und an-
dauernd eine französische Seele. <« Bekannt ist auch der vielzitierte Spruch, jeder Lateiname-
rikaner habe zwei Vaterländer: das seine und dann Frankreich.
Kulturrivalität. Brisanteren politischen und psychologischen Zündstoff bergen jene
Orientierungsmodelle, die ich viertens in eine Gruppe subsummieren und mit dem Sammel-
begriff Kulturrivalität bezeichnen möchte. Ihnen allen hegt eine fortschrittsgläubige Wertung
fremder Kulturen zugrunde, und zwar von der Warte des eigenen Rückstandes aus. So ergab
sich zum Beispiel eine Hochschätzung der Angelsachsen und zugleich eine Verachtung ande-
rer, ebenfalls zurückgebliebener Völker, etwa der Afrikaner. Die Bewunderung Nordameri-
kas, wie sie sogar von sehr kritischen und selbstbewussten Autoren wie Sarmiento und
Lugones, Marti und Vasconcelos bekundet wurde, trug diesen den Übernamen von sajoni-
zjantes ein, von »Angelsächselnden«. Kurios ist die Tendenz zur Brechung, die wir beobach-
ten können: die Nordamerikaner wurden vorzugsweise auf dem Umweg über die Briten,
die Südeuropäer lieber in der Spiegelung Frankreichs idealisiert. Auch diese Kulturrivalität
war ambivalent, denn es ging daraus nicht nur der Nachahmungseifer hervor, sondern auch
das Bewusstsein der eigenen Dekadenz. Dies trifft namentlich auf den naheliegenden Ver-
gleich zwischen dem angelsächsischen und dem iberischen Amerika zu. Eine gute Analy-
se dieser Opposition findet man bei Urbanski (1965). Seit Graf Gobineau (1854) steht zu
diesem Kontrast das harte Urteil: »Un Etat fort face à des Etats agonisants.« Es entspricht
genau den Ergebnissen der Imagotypen-Forschung, dass die Yankee-feindlichen Einstellun-
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gen im Süden proportional zunahmen mit der wachsenden Hegemonie der USA. Die Macht
auf der einen Seite korrespondiert mit der Aversion auf der anderen. Insgesamt hat die Kultur-
rivalität in den Metropolen Lateinamerikas - auch das muss man sehen - eine bezaubernde
und verblüffende Synthese hervorgebracht, die als kulturelles Amalgam weit mehr darstellt
als eine blosse oder gar provinzielle Imitation. Doch wiederum handelt es sich bei der Kultur-
rivalität um ein Modell, das elitär und auf gebildete Minderheiten Lateinamerikas beschränkt
bleiben musste. Hinzu kommt der immanente Widerspruch zwischen einem erlesenen Kos-
mopolitismus und dem psychologischen Bedürfnis nach distinktiver Eigenart und Kontrast.
Auf diese Phänomene gehe ich in zwei anderen Essays dieses Bandes ein (Zur dreifachen
Entdeckung und Gachupines y cholos...). Wie sehr heute der Kosmopolitismus vielen enga-
gierten Lateinamerikanern fragwürdig erscheint, hat sich gezeigt an den langjährigen Diskus-
sionen über dessen berühmtesten Exponenten, über den Argentinier Jorge Luis Borges (dazu
Berveiller 1973).
Nationalismus. Mehr aus pragmatischen denn aus logischen Gründen muss auch der Na-
tionalismus als Orientierungsmodell zur Sprache kommen, obschon der Begriff eine konti-
nentale Intemationalität logischerweise ausschliesst. Doch der Drang der jungen Kreolen-
staaten nach einer Identität war unbändig. Da die Formierung eines staatsnationalen Bewusst-
seins nur in längeren Zeiträumen möglich ist, entstand gleich nach der Independencia zu-
nächst ein Regionalpatriotismus, ein irrationales, »freischwebendes Überbauphänomen ohne
allzuviel Basis« (Puhle 1975), das seiner konzeptionellen Schwäche wegen gem überkom-
pensiert wurde, im Bereich der Emotionen allemal. Die unbeschreibliche Grausamkeit der
Grenzkonflikte in Lateinamerika (Chacokrieg, Salpeterkrieg) findet darin eine Erklärung.
Seit den zwanziger Jahren sind zweckrationalere Nationalismen aufgetaucht, in einer entwe-
der nationalen oder gesamtkontinentalen Abwehr gegen wirtschaftliche Dependenz. Hans-
Jürgen Puhle hat dargelegt, dass die Binnenschichten eines Landes, also Bauern, Gewerk-
schaften, Kirche, Militärs, Bourgeoisie und kritische Intelligenz, zur Koalition als Kitt den
Nationalismus brauchten. Dieser irrationale Zusammenschluss, falls er sich gegen eine
ausser- oder nordkontinentale Übermacht richtet, kann durchaus ein Identitätsgefühl der La-
teinamerikaner hervorrufen. Doch es ist nur punktuell aktivierbar und seinerseits abhängig
vom Grad fremder Einmischung oder Bedrohung. Mit der Formel des Nationalismus lässt
man in unkonfliktiver Zeit die eigene Identität wieder aufgehen im wirren Feld der Unter-
entwicklungsaffekte.
La raza. Ein weiteres Orientierungsmodell finden wir im Leitbild der mestizierten Rasse.
Es verbirgt sich hinter dem im 19. Jahrhundert beliebteren Begriff der Amerikanität wie hin-
ter der berühmten Vision einer »kosmischen Rasse«, wie Vasconcelos sie entwarf. Das Leit-
bild beruft sich nur analogisch auf den biologischen Rassenmischungsprozess und die daraus
hervorgegangenen neuen Menschentypen. Es meint vor allem das auffallende Synthese-
vermögen, das sich seit der kolumbischen Begegnung bis heute in allen Bereichen des Le-
bens offenbart. Der Grundzug der Aufnahmefähigkeit wird komplementär ergänzt durch eine
auffallende Resistenz entstandener Synthesen gegen weitere Innovationen. Um dieses Behar-
rungsvermögen gewisser Verhaltensweisen zentrieren sich in jüngster Zeit die Gedanken über
eine Identität der Lateinamerikaner. Man findet sie vor allem bei den Philosophen wie A.
Salazar Bondy, Mayz Vallenilla, Rafael Canas, Víctor Massuh. Ein eindrücklicher Neuhuma-
nismus amerikanischer Prägung entwirft für die Zukunft ein unheroisches, idealtypisches
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Bild eines soziablen, erdverwurzelten und toleranten Menschen, der dem weisen Derwisch in
Voltaires Candide nicht unähnlich wäre. »II faut cultiver notre jardin« ist in der Tat auch ihre
Devise: Besinnung auf das Eigene, Geduld zur Analyse, Ausdauer und Vertrauen in die Na-
tur, das sind die entsprechenden Tendenzen. Die Hinwendung von der objektiven zur subjek-
tiven Kultur, um die Herdersche Unterscheidung zu treffen, ist evident. Von der Erwartung
einer kontinental übergreifenden Identität her gesehen bedeutet dies allerdings weitestgehend
Verzicht und Resignation. Diese Wiederendeckung der Heimat, der patria chica, hat seit etwa
1960 zu einer Renaissance der Folklore geführt. Indianische Sprachen, Bräuche, Trachten,
Feste und Musik fanden in den Ländern mit indigener Bevölkerung offizielle Beachtung und
sogar staatliche Förderung. Während die Bewegung sich auch in Europa ausbreitete, verlor
sie inzwischen in Lateinamerika an identitätsstiftendem Schwung.

Diachronischer Verlauf

Wenn ich bisher die Krise der Jahrhundertwende in Lateinamerika und das seitherige Ringen
um Selbstverständnis in Modellen dargestellt habe, so gilt es jetzt, diese Aussagen historisch
besser einzubetten. Das Bedürfnis, sich in einer unbändigen Natur und in zunehmend bunte-
rem Rassengemisch zurechtzufinden, war schon immer vorhanden. Schon die frühen Chroni-
sten der Eroberungen beweisen es. Indes, angesichts der lockeren Gesellschaftsgefüge in den
spanischen und portugiesischen Kolonien gab es - ausser den naturbedingten freilich - kaum
generelle Sachzwänge, die ein identisches kollektives Verhalten gefordert oder gefördert hät-
ten. Es bildete sich, zumal da der katholische Glaube auf Universalität bedacht war und reli-
giösen Partikularismus verfolgte, ein enormer ideologischer Spiel- und Hohlraum, der einen
Ideenimport nachgerade herbeirief. Er blieb denn auch nicht aus, ungeachtet der Zensur und
Bevormundung. Die Befreiung jener Kolonien vom spanischen Mutterland ist zwar vom
Sturz der Monarchie in Spanien (1812) ausgelöst und von alten Desintegrationsbestrebungen
im Weltreich begünstigt worden, die Grundideen kamen jedoch aus Europa, von der engli-
schen und französischen Aufklärung her. Bekanntlich wollte Simón Bolívar mit seinem Kon-
zept einer Neuordnung des entkolonisierten Hispanoamerikas weitgehend die idealen Vor-
stellungen Rousseaus verwirklichen, so wie sie im Contrat social niedergelegt sind.
Bezeichnenderweise mussten jedoch die ideellen Integrationskräfte den auf die regiona-
len Hauptstädte zentrierten Partikularismen weichen. Auch die grossen Anführer der Inde-
pendencia wie Bolívar oder Moreno sahen ein, dass eine Zersplitterung Spanisch-Amerikas
nicht zu vermeiden war. Nicht einmal die lockere Konföderation, die Bolívar auf dem Kon-
gress von Panama (1826) begründen wollte, kam zustande. Angesichts des Fehlens - zu-
nächst - jeder militärischen Bedrohung von aussen entfiel auch das gemeinsame Schutz-
interesse und damit der herkömmliche Grund für den Zusammenschluss zu Grossstaaten oder
gar zu einem Kontinentalstaat. Das »amerikanische« Selbstverständnis der jungen Republi-
ken war zunächst noch ein schlichtes, gegenseitiges Solidaritätsbewusstsein unter Kreolen,
das noch in der Erinnerung an die politische und wirtschaftliche Rivalität gegenüber den
Europaspaniern wurzelte. Doch dann griff ein partikularisierender Patriotismus um sich, der
sich innerhalb der alten Grenzen kleinerer kolonialer Verwaltungsdistrikte, der audiencias,
und auf eine dominierende Stadt zentrierte. Dieses bodenständige und auf gemeinsam geüb-
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tem Verhalten basierende Zusammengehörigkeitsgefühl, aus welchem - wir sahen es schon -


im Laufe des 19. Jahrhunderts der Nationalismus hervorgehen sollte, war weitgehend emotio-
nal und vor allem antagonistisch, somit einem kontinentalen Identitätsgefühl hinderlich. So
bestand, namentlich in den Städten, der Sog nach ideellen Impulsen von aussen weiterhin.
Der verwirrende Einbruch eines breiten Spektrums europäischer Ideen hat diese kreolischen
Staaten das 19. Jahrhundert hindurch geistig genährt, zweifelsohne, aber sie sich selber ge-
genüber entfremdet. Die lateinamerikanischen Intellektuellen haben diese neue, andersartige
Dependenz, die Untauglichkeit dieses mimetischen und für politisches Handeln so ungeeig-
neten Europäismus spät wahrgenommen. Als der «Koloss im Norden», die Vereinigten Staa-
ten von Nordamerika, gegen Ende des Jahrhunderts seine wirtschaftliche Macht aus einem
Guss und immer rücksichtsloser entfaltete und dabei einem puritanisch kaum verbrämten
Materialismus verfiel, kam es zu einem andauernden Anti-Amerikanismus. Historischer Hö-
hepunkt dieser Machtentfaltung der Angloamerikaner und zugleich der Ohnmacht der
Hispanen war das Jahr 1898 mit der Kuba-Krise. Und hier setzte folgerichtig, wie wir sahen,
die Reflexion ein, die Frage nach der eigenen Identität.
Die erste Reaktionswelle der Lateinamerikaner war eine ausgesprochen idealistische.
Man wandte sich gegen den Positivismus, gerade weil dieser auch in Mexiko, Brasilien und
Argentinien so stark Wurzeln geschlagen hatte. Man stellte sich dem angeblichen Ungeist des
Nordens entgegen, indem man sich mit einer konturlosen Latinität identifizierte. Der Urugua-
yer José Enrique Rodó (1871-1917), der Mexikaner José Vasconcelos (1882-1959) und der
Dominikaner Pedro Henriquez Ureña (1884-1946) sind die Exponenten dieser ersten
Widerstandswelle. Die Brillanz ihrer Essays hat ihnen eine langanhaltende Wirkung im
Bildungssektor gesichert.
Unmittelbar darauf folgte als zweite Bewegung die Wiederentdeckung des eigenen Kon-
tinents. Der Venezolaner Mariano Picón Salas (1901-65), der Mexikaner Alfonso Reyes
(1889-1959) und der Argentinier Ricardo Rojas (1882-1957) haben sich hier hervorgetan.
Diese Versuche zur Selbstbesinnung auf das Eigene und Originale mussten sich zum Teil re-
gional verstehen, zumal wenn sie auf die vorkolumbische Vergangenheit bezogen waren. Wie
stark die anderen Ansätze zur kontinentalen Selbstdefmition sich unterscheiden und zum Teil
widersprechen, wurde anhand der Orientierungsmodelle soeben dargelegt. Die Entwicklung
zwischen den beiden Weltkriegen tendierte im Zeichen der nationalen ökonomischen
Schwierigkeiten in eine Richtung, die vom Generellen weg und auf die regionale sozio-öko-
nomische Wirklichkeit hin zielte. Infolge der starken marxistischen Einflüsse nach dem Er-
sten Weltkrieg sind die geistigen Exponenten, zum Beispiel die Peruaner José Carlos
Mariátegui (1894-1930) und Victor R. Haya de la Torre (1895-1979), dazu übergegangen,
von übergreifenden und in die Zukunft weisenden, in der Intention philosophischen Entwür-
fen Abstand zu halten und pragmatische Lösungen zu suchen. Nach dem Zweiten Weltkrieg
bricht die Zeit der Literaten an. Eduardo Mallea (1903-1982) und Ezequiel Martínez Estrada
(1895-1964) in Argentinien oder Octavio Paz (1914-1998) in Mexiko zum Beispiel vertre-
ten den Weg einer Dialektik zwischen Einsamkeit und Gemeinsamkeit, zwischen individuel-
lem Bewusstsein und nationalem Paradigma, unter Verzicht auf eine kontinentale Identitäts-
formel.
Der Höhepunkt der orientierungslosen Skepsis war um die Mitte des 20. Jahrhunderts
wohl erreicht. Nahezu alle Orientierungsmodelle, die bis dahin geprüft worden waren, haben
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sich als untauglich oder als nur momentan oder nur schichtenspezifisch wirksam erwiesen.
Freilich, selbst diese Orientierungslosigkeit kann historisch begründet werden. Folgen wir
zum Beispiel den Überlegungen von Octavio Paz in seinem berühmten und umstrittenen
Buch Laberinto de la soledad (1973). Ich resümiere: Um der Unabhängigkeit willen hätten
die lateinamerikanischen Kreolen mehrfach mit ihrer eigenen Vergangenheit gebrochen und
dabei ihre eigene Identität verloren. Zunächst hätten sie mit dem Volk gebrochen, in dem sie
sich von ihm distanzierten und in der Kolonialzeit mit den Eroberern paktierten. Nach der
Independencia, so Paz, sei eine Annäherung der Kreolen an das Volk wiederum nicht möglich
gewesen, weil eine konsequente Anwendung der Demokratie dem Volk eine Macht verliehen
hätte, die ihren Privilegien zum Verhängnis geworden wäre. Schliesslich hätten die Kreolen
ihre Vergangenheit ein drittes Mal verleugnet, als sie jene geglückte Synthese der indiani-
schen und spanischen Kultur, die als Vision über die 300 Jahre der Kolonie hin vielen vorge-
schwebt hatte, als eine Schimäre preisgaben. Nun bleibe den lateinamerikanischen Kreolen
nichts anderes übrig, als sich eine neue Identität in der Zukunft zu suchen. Nach seiner histo-
rischen Herkunft sei der Lateinamerikaner jetzt ein Niemand. Octavio Paz schreibt wörtlich,
zwar über die Mexikaner, doch er meint alle Länder mit indigener Bevölkerung: »Weder In-
dio noch Spanier will [der Kreole] sein. Er will auch nicht von ihnen abstammen. Er verleug-
net sie. Er betrachtet sich auch nicht als Mestizen, sondern er setzt sich als Abstraktion. Er ist
Mensch. Er wird zum Sohn des Nichts« (78).
Ohne spezifisches Modell, dafür rein pragmatisch, durch die verbesserte Kommunikation,
ist nach dem Zweiten Weltkrieg in atemraubendem Tempo ein kontinentaler Kulturaustausch
zustande gekommen, der eine völlig neue Situation geschaffen hat. Durch die transnationale
Verbreitung einer Romanliteratur von weltliterarischem Niveau, durch den Austausch hoch-
karätiger Dichtung unter den Ländern ist nun in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts
erstmals eine kulturelle Einheit von kontinentalem Ausmass entstanden. Generelle Identitäts-
merkmale werden nunmehr gleichnishaft, archetypisch oder mythisch an Romanfiguren oder
Handlungsabläufen ablesbar. Der Selbstverständigung ist dies förderlicher als Definitions-
versuche in Form eines anthropologischen oder völkeφsychologischen Diskurses. Aber an-
thropologisch und psychologisch muss eine Definition dieses mestizischen Subkontinentes
allemal sein, wenn sie vom Rio Grande bis Feuerland gelten soll. Darin folge ich der These
eines ausgezeichneten Kenners der Materie: Edmund S. Urbanski (1973).
So durchläuft die Suche nach einem kontinentalen Selbstverständnis im Verlauf auch des
20. Jahrhunderts eine zunächst aufsteigende und dann wieder abfallende Intensitätskurve.
Man darf zum Schluss wohl feststellen, dass diese essayistischen Versuche zur Selbstbestim-
mung zwar eine sowohl kulturelle wie auch psychologische und auch politische Bedeutung
und Funktion hatten, dass sie jedoch in jüngster Zeit weitgehend verdrängt worden sind
durch eine neue Resignationswelle angesichts der überbordenden und ungelösten sozialen
und ökonomischen Probleme. Auf das erste »verlorene Jahrzehnt« - die achtziger Jahre -
folgte in den neunzigem ein gewisser Aufschwung, doch die letzten Jahre des 20. und die
ersten des 21. Jahrhunderts sind in den meisten Ländern wiederum katastrophal verlaufen.
Für unser Thema interessant ist aus historischer Sicht der Versuch - selbst wenn er geschei-
tert sein sollte - , mittels Kultur eine kontinentale Einheit zu begründen, zu stiften oder wenig-
stens zu postulieren. Dass es bei Versuchen geblieben und zu einer weitverbreiteten Skepsis
gekommen ist, darf uns nicht wundern. Der Verzicht auf explizite Leitvorstellungen für die
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eigene Wesensart kann nämlich in zweierlei Hinsicht auch als Fortschritt gesehen werden:
Zum einen ist die Gemeinsamkeit des kontinentalen Schicksals rittlings auf der Grenze zwi-
schen der Dritten Welt und der westlichen Kultur, ist dieser existenzielle Riss durch die
schlichteste Alltagserfahrung hindurch so evident geworden, dass es der Deixis von Lehren
und Analysen gar nicht mehr bedarf. Das Problembewusstsein ist generell und so mannigfach
ausformuliert, dass es seinerseits ein Identitätsgefühl stiftet in der Art einer Schicksalsge-
meinschaft. Zum anderen steht hinter dieser Abkehr von Theorien und Modellen auch die
alte, schon zur Kolonialzeit entwickelte Aversion gegen alles, was den Einzelnen gängeln
oder die Gesellschaft zu stereotypisieren oder gar zu manipulieren vermöchte. In diesem Be-
lang können bekanntlich definitorische Leitideen und populistische Ideologien auch miss-
braucht werden.
In der Rückschau auf diese Suche nach einem Selbstverständnis scheint sich die Hypothe-
se eines früheren Identitätsverlusts aufzudrängen. In diesem Lichte besehen erschiene die
postkoloniale Periode (von der kolonialen ganz zu schweigen) als inauthentisch. Doch ver-
mutlich handelt es sich nicht um einen Verlust, vielmehr um das schmerzliche Vermissen von
etwas, das noch gar nie vorhanden war, angesichts der geschichtlichen Entwicklung gar nicht
vorhanden sein konnte. Die jüngste Diskussion um den sogenannten Kulturimperialismus mit
ihrer Suche nach gemeinsamen Feindbildern muss als Symptom für ein erneut virulent ge-
wordenes Identitätsbedürfnis gedeutet werden (dazu Idéologies, 1975). Dieses war zeitlich
zusammengefallen mit dem weltweiten Phänomen der jugendlichen Protestbewegungen der
sechziger Jahre. Die Entfremdung durch die kulturelle Dependenz wird überlagert durch die
weltweite Entfremdung durch eine lebensbedrohende technische Zivilisation.
Dieser Überblick über die Ansätze zu einer Selbstdefinition Lateinamerikas, deren Wider-
sprüchlichkeit ich bewusst hervorgehoben habe, bedarf noch einer Schlussbetrachtung. Die
Orientierungslosigkeit, die sich nach nun über hundertjähriger Suche nach einem eigenen
Wesen ergibt, ist nicht etwa Folge, sondern vielmehr Ursache dieser andauernden Anstren-
gung federführender Intellektueller. Dabei musste die Prägung einer allgemeingültigen und
allerorts akzeptierten Identitätsformel angesichts der mestizierten Vielfalt und der räumlichen
Dimension ein utopisches Unterfangen bleiben. Die gemeinsame Geschichte und die gemein-
samen Geschicke jenes Subkontinents verleiten offenbar immer neu zur kontrastierenden
Definition dessen, was man selber ist beziehungsweise sein möchte. Angesichts dieser zu-
nächst nur als Beschwörung zu lösenden Aufgabe ist es kein Zufall, dass vornehmlich die
Schriftsteller sich diese Aufgabe vornahmen und ihr Sprachvermögen in den Dienst dieser
Selbstfindung stellten. Im Rückblick müssen wir manchen unter ihnen allerdings sachliche
Inkompetenz vorwerfen. Diese wertende Retrospektive ist jedoch erst möglich, seitdem die
Sozialwissenschaften und die Kulturwissenschaften Instrumente und Methoden bereitgestellt
haben, die eine exaktere Erforschung der Mentalität von sozialen Grossgruppen erlauben.
Dass wir heute vom analytisch-positivistischen Denken für die Problemlösung wieder mehr
erwarten als von existenziell-hermeneutischen Ansätzen, könnte sich als eine wiederum un-
ergiebige Einseitigkeit herausstellen. Die philosophische Anthropologie könnte zwischen
diesen auseinanderstrebenden Richtungen vermitteln und aus der vergleichenden Kultur-
betrachtung einen neuen Ansatz gewinnen für die Frage nach der dem Menschen aufgegebe-
nen Selbsterkenntnis, die schlechthin zum Ursprung der Philosophie gehört.

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Literaturhinweise

Essay-Anthologien:
Stabb, Martin S.. 1969. América Latina: En búsqueda de una identidad. Modelos de ensayo ideológico
hispanoamericano 1890-1960. Caracas.
Ripoll, Carlos (Hg.). ^1970. Conciencia intelectual de América. Antología del ensayo hispanoameri-
cano (1836-1959). New York.

Weiterführende Literatur:
Berveiller, Michel. 1973. Le cosmopolitisme de Jorge Luis Borges. Paris.
Garcia Márquez, Gabriel. 2002. Vîvir para contarla. Barcelorui.
Genevois, Danièle/Bernard Le Gonidec. 1974. Aspects de la pensée hispano-américaine 1898-1930.
Rennes.
Gobineau, Joseph Arthur. 1854. Essai sur l'inégalité des races humaines. Paris.
Idéologies, littérature et société en Amérique Latine. 1975. Colloque organisé par l'Institut de Socio-
logie de l'Université Libre de Bruxelles et l'Ecole Pratique des Hautes Etudes de Paris. Bruxelles.
Massuh, Victor. 1983. El llamado de la Patria Grande. Buenos Aires.
Paz, Octavio. 1973 et passim. El laberinto de la soledad. México.
Puhle, Hans-Jürgen. 1973. Nationalismus in Lateinamerika. In: Wolf Grabendorff: Lateinamerika, Kon-
tinent in der Krise. Hamburg: 48-77, mit zahlreichen Literaturhinweisen.
Redondo, Augustin (Hg.). 1978. Les mentalités dans la Péninsule Ibérique et en Amérique Latine aux
XVle et XVlle siècles. Tours.
Urbanski, Edmund St. 1973. Hispanoamérica, sus razas y civilizaciones. New York.

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Zur Erforschung mentaler Bilder

»L' Imagination exerce sur nous


beaucoup plus de pouvoir que la réalité.«
Jean de La Fontaine

Das Bild, das wir uns in unseren Köpfen von der Wirklichkeit machen, stimmt mit dieser be-
kanntlich nicht immer überein. Paul Watzlawick (1987) formuliert es als schöne Pointe: Wie
wirklich ist die Wirklichkeit?, fragt er, und antwortet darauf schlicht: Nicht sehr. Die Macht
von Vorstellungen, seien sie nun wirklichkeitsgerecht oder nicht, ist unbestritten und bei ei-
niger Aufmerksamkeit für jedermann erkennbar. Sie wirkt sich besonders deutlich und fol-
genschwer aus im Umgang der Völker miteinander. Die Stereotype, Mentalitäten, Vorurteile,
Einstellungen, Images, Attitüden, sie alle können wir subsumieren unter dem geläufigen
Oberbegriff >Bild<. Die Erforschung der Bilder in diesem Sinne hat sich als junger Zweig der
Komparatistik etabliert. Als >\^ssenschaft nennt man sie auch Imagologie. Die Bilder in un-
seren Köpfen lassen sich unterscheiden einerseits in solche, die wir uns von uns selber ma-
chen (das sind die Autoimagotype), und andererseits in solche, die wir uns von den anderen
machen (das sind die Heteroimagotype). Während die Imagologie eine junge Wissenschaft
ist, sind deren Gegenstände uralt. Die Imagotype, zumal die Völker-Klischees, waren seit
Menschengedenken und sind noch heute dankbarer Stoff für zahllose Wanderanekdoten. So
stehen etwa seit dem Mittelalter, zum Beispiel schon bei Agrippa von Nettesheim, jene natio-
nalen Bilder des Dauer-Mannes, jene Männlichkeits-Imagotype, die wir heute als den spani-
schen Don Juan, den italienischen Casanova, den deutschen Werther, den französischen Bel-
Ami klischieren.

Sechs Eigenheiten mentaler Bilder

Die imagologische Forschung im Bereich der Theorie hat in den letzten Jahren einigen Er-
kenntniszuwachs gebracht. In unserem Zusammenhang darf ich mich begnügen mit einem
Hinweis auf die folgenden sechs Ergebnisse, die ich für besonders relevant halte. Eine wich-
tige Erkenntnis besteht darin, dass das sozusagen unausweichlich in Bildern vor sich gehen-
de Denken eine antinomische Struktur aufweist: Es grenzt zunächst das Eigene vom Fremden
ab. Zweitens gilt, dass zwischen zwei oder mehreren Bildern stets ein Verweisungszusammen-
hang besteht und dass erst die Synthetisierung mehrerer Bilder zur Annäherung an die Wirk-
lichkeit führt. Diese Kontrastbasis aus Eigenbild und Fremdbild ist durchaus des dialekti-
schen Umschlags fähig, was soviel heisst, dass man entweder ein Eigenideal aufstellt und
ihm die Kriterien alles Fremden entgegensetzt, oder dass man umgekehrt von der Kritik am
Eigenen ausgeht und das Ideal im Fremden sucht.
Wichtig ist drittens, dass die Mehrfachperspektive, die jedem Bildkomplex eignet, stets
einen Systemcharakter aufweist. Von der Pluralstruktur einzelner Bilder ausgehend wird die
Synthese gewissermassen herausdestilliert und ein Einzelbild kann sodann variablen
Sammelbildern zugeordnet werden, wodurch die Vielfalt der Imagotype zu Bäumen von
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Imagotypen reduziert und damit auf eine gemeinsame Bezugsebene gebracht werden kann.
Es wird somit gewissermassen ein Raster erkennbar, sozusagen ein Makro-Imagotyp. So dür-
fen wir durchaus sagen, dass sich die kulturelle Identität auch defmieren liesse als das Zusam-
menspiel bestimmter imagotyper Systeme.
Aus diesem Sachverhalt erklärt sich plausibel die vierte Eigenheit, dass nämlich den
imagotypischen Systemen eine partielle Konstanz und Universalität, jedenfalls eine beachtli-
che Kohärenz eignet. Die Rückführung von Einzel-Imagotypen auf ganze Systeme hat nicht
nur ihren inhärenten, zumeist enthüllenden Erkenntniswert, sie erklärt auch die erwähnte
Resistenz und Dauerhaftigkeit der Imagotype. Aus der Kompatibilität und Konvergenz von
Einzelbildern ergibt sich eine Verstärkung der Plausibilität und damit eine scheinbare Objek-
tivierung, aus der wiederum die gefahrliche Bestätigung einer vermeintlichen Richtigkeit von
Einzelvorurteilen resultiert. Ist einmal eine Referenzebene, ein Raster also, als evident oder
wenigstens als plausibel erkannt, so fügen sich dann auch solche Imagotype ein, die man sel-
ber empirisch nie erfahren hat, und werden somit wahr. Dies gilt sogar für solche, die man auf
Grund eigener Erfahrung eigentlich als unwahr erkennen müsste. Die Kohärenz verleiht sol-
chen Bildern, auch wenn es Trugbilder sind, den verhängnisvollen Anschein von Wahrhaftig-
keit. In Wirklichkeit ist es ein Konglomerat von Erwartungen, die - weil sie zum Teil erfüllt
werden - das Ganze als zutreffend erscheinen lassen. Es ereignet sich also eine Art von self-
fulfilling prophecy.
Eine weitere Auswirkung dieses Referenzphänomens, die fünfte, ist der bereits früher
angedeutete Verstärkungsprozess, der sich aus Korrespondenz von Autoimagotypen mit
Heteroimagotypen ergibt. Es geht zu wie bei einem Syllogismus: Der Indio fühlt sich minder-
wertig; die Kreolen und die Weissen sehen ihn ebenso; folglich muss er in der Tat minderwer-
tig sein. Der Schweizer hält sich für tüchtig, fleissig und ehrlich; im Ausland sieht man es
weithin auch so; demnach muss es sich tatsächlich so verhalten.
Eine letzte Eigenheit solcher Referenzsysteme oder Makro-Imagotype, die man durchaus
als Ideologien verstehen kann, ist sechstens ihre Induktionskraft. Ich meine damit die Ten-
denz, innerhalb eines solchen Systems mühelos selbst widersprüchliche Einzelzüge in eins zu
nehmen oder aber ein und demselben Einzelzug einmal positive, dann wiederum negative
Konnotationen zu verleihen. Dazu zwei Beispiele: Als erstes kann der Exotismus dienen.
Diese Sehnsucht nach einer möglichst kontrastiven Alterität tritt temporär im Verlauf der
Kulturgeschichte in immer neuen Varianten auf. Literarisch besonders virulent war sie be-
kanntlich im 19. Jahrhundert. Es handelt sich dabei um positive Bilder, die über eine spezifi-
sche, besonders fremde Fremde gestülpt werden, und zwar infolge eines Überdrusses an der
eigenen Zivilisation. So projiziert etwa der Europäer das Bild des Edlen Wilden nach Ameri-
ka, oder der Amerikaner das Bild einer heroischen Antike ins Mittelmeer. Wenn andererseits
die eigene Zivilisation in eine Identitätskrise gerät, dann besinnt man sich wieder auf das
Autochthone und braucht die eigene couleur locale, die das Autoimagotyp so schön bestärkt.
So haben wir Europäer jedes Mal, wenn uns die Welt zu weit vorkam, die Heimatliteratur
wiederbelebt. Und nachdem die Intellektuellen in Lateinamerika mit rationalen Modellen
nicht zu einer eigenen Identität finden konnten, nahmen sie in den 1920er Jahren und danach
- dort wo es noch Indios gibt - Zuflucht zum Indigenismus. Ich komme darauf zurück. Wie
man sieht, werden Bilder der Eigenheit oder der Andersheit, je nach Konstellation, einmal
positiv, ein andermal negativ gewertet.
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Ein anderes Beispiel wäre die Einschätzung der Behandlung von Naziverbrechern wie
Eichmann, Mengele oder Barbie seitens einiger lateinamerikanischer Länder. Dass sie dort
nicht nur Aufnahme, sondern teilweise auch Schutz gefunden haben, wird je nach dem Ra-
ster, der beim Empfänger dieser Mitteilung vorherrscht, zweierlei bewirken: Entweder die
Vorstellung von Ländern ohne Gesetz noch Moral, von Komplizen des Nationalsozialismus;
oder aber umgekehrt die Bewunderung für Länder mit einem uneingeschränkten Toleranz-
begriff, in denen der Asylgedanke radikal, ohne Wenn und Aber verwirklicht wird. Der Tat-
bestand ist derselbe, dessen Beurteilung wird aber je nach Raster völlig gegensätzlich ausfal-
len. Solche Vorgänge veranschaulichen die erwähnte Mutationsfähigkeit von Bildern und ih-
rer Wertung. Genau das ist es, was die erwähnte Kritik am Terminus >Stereotyp< - er bezeich-
net ja etwas nicht Veränderbares - und umgekehrt die Bevorzugung des Begriffs >Imagotyp<
in der Theorie rechtfertigt.
An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass im Bereich der imagologischen
Theorie die Frage, ob ein mentales Bild mit der Wirklichkeit oder mit der Wahrheit überein-
stinunt, zunächst grundsätzlich irrelevant bleiben muss, denn die zutreffenden Bilder - es gibt
selbstverständlich auch diese - fügen sich, zusammen mit den unzutreffenden, in die Konstel-
lation einer Referenzebene ein und dort wirken sie allemal als Stützen anderer dort eingebun-
dener Imagotype, auch wenn diese rational falsifizierbar sind.
Ich resümiere das zur Entstehung mentaler Bilder Gesagte anhand der konzisen Formulie-
rungen von Thomas Bleicher (1980), der in einem informativen Aufsatz die folgenden fünf
Stufen der Bildgenese unterscheidet: a) die Kontrastierung des einheitlichen Menschenbildes
aus Selbstbestimmung und Fremdsetzung; b) die Komplementierung des Eigenbilds (und sei-
ne Variation); c) die Differenzierung des Gegenbilds (und seiner Rückwirkung); d) die
Relativierung durch Multiplikation und schliesslich e) die Generalisierung durch Korrelation.
Welch starke Aufmerksamkeit der Imagologie in den letzten Jahrzehnten seitens der For-
schung entgegengebracht wird, ergibt sich aus den nachstehenden Literaturhinweisen. In ei-
nigen Essays dieses Bandes werde ich den mentalen Bildern nachgehen, die sich die deutsch-
sprachigen Europäer und die Spanier von den Lateinamerikanern machen, und umgekehrt.
Auch die mentalen Bilder gehören zum Suchbild.

Literaturhinweise (Chronologisch)

Bleicher, Thomas. 1980. Elemente einer komparatistischen Imagologie. in: Komparatistische Hefte, 2
(Aachen, 1980): 12-24.
Pageaux, Daniel-Henri. 1983. La recherche en littérature comparée en France. Aspects et problèmes.
Paris.
Dyserinck, Hugo/Manfred S. Fischer (Hg.). 1985. Internationale Bibliographie zur Geschichte und
Theorie der Komparatistik. Stuttgart.
Hoffmann, Johannes. 1986. Stereotypen, Vorurteile, Völkerbilder in Ost und West in Wissenschaft und
Unterricht. Eine Bibliographie. Wiesbaden.
Watzlawick, Paul. 1987. Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn - Täuschungen - Verstehen. München.
Akten (1988) des Imagologie-Kolloquiums der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine und Ver-
gleichende Literaturwissenschaft (St.Gallen, Mai 1987). In: Colloquium Helveticum\ 7. Bem/Frank-
furt a. M./NewYork

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König, Hans-Joachim et al. (Hg.). 1989. Der europäische Beobachter aussereuropäischer Kulturen. Zur
Problematik der Wirklichkeitswahmehmung. Berlin.
Dyserinck, Hugo und Karl Ulrich Syndram (Hg.). 1992. Komparatistik und Europaforschung. Perspek-
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Leersen, Josep/Karl Ulrich Syndram (Hg.). 1992. Europa Provincia Mundi. Essays in Comparative
Literature and European Studies offered to Hugo Dyserinck. Amsterdam.
Siebemmann, Gustav/Hans-Joachim König (Hg.). 1992. Das Bild Lateinamerikas im deutschen Sprach-
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Tübingen. (Beihefte zur Iberoromania; 8).
Siebenmann, Gustav. 1993. Bildforschung und Hispanistik. In: Strosetzki, Christoph (Hg.). Studia
Hispanica. Akten des Deutschen Hispanistentages (Göttingen, 1991). Frankfurt/M.: 181-207.
Pageaux, Daniel-Henri. 1994. La littérature générale et comparée. Paris.
Heitmann, Klaus. 1996. Spiegelungen. Romanistische Beiträge zur Imagologie. Heidelberg.
Beller, Manfred (Hg.). 1997. L'immagine dell'altro e l'identità nazionale: metodi di ricerca letteraria.
Supplemento al 24 di II Confronto Letterario (Università di Pavia e di Bergamo): 47-213. Mit
ausführiicher Bibliographie.

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Est Nomen Omen? oder Wie Amerika lateinisch wurde

In der brasilianischen Tageszeitung Globo ist während der Sommerflaute 1992 ein ganzsei-
tiger Artikel erschienen mit dem Titel »Você fala latim?« - Sprechen Sie Lateinisch? Er war
ironisch gemeint und galt einer mehr polemischen als fundierten Kritik an der Bezeichnung
América Latina, die sich in Brasilien wie auch in Portugal bisher nicht recht durchsetzen
konnte. In Spanien schon gar nicht, da man dort mit der Bezeichnung Iberoamérica nachhal-
tig an die Rolle der Iberischen Halbinsel bei der Entdeckung und Kolonisierung Amerikas
erinnern wollte. Zum Teil aus demselben, doch anders gesehenen Grund hat sich ausserhalb
Spaniens die Bezeichnung Lateinamerika durchgesetzt. Man sieht: di,e Namen, die man der
Neuen Welt geben wollte und noch will, waren schon immer ein Politikum. Es lohnt, dem
Phänomen historisch nachzuspüren.

Die Benennungsversuche

Zunächst zu den frühesten Benennungen des Kontinents. Die Spanier blieben nach 1492
noch lange bei der Bezeichnung Indias, später Indias occidentales, zunächst im Glauben, es
handle sich um Asien, wie übrigens Kolumbus selber lebenslang. Er war bekanntlich zu sei-
ner tollkühnen Seefahrt aufgebrochen in der Absicht, auf der Westroute nach »Indien« zu
gelangen. Daher auch im Deutschen die früher geläufige Bezeichnung Westindien. Die Be-
zeichnungen Indios, Indianer, auch die heute unter dem Namen West-Indies vereinten Inseln
der Karibik zeigen, wie die Sprache auch Irrtümer festschreiben kann. Das Wort Amerika
wurde als Name für die Neue Welt erstmals verwendet von Matthias Ringmann in seiner
Cosmographiae intmductio von 1507, einer Einführung zu den Karten von Martin Waldsee-
müller. Der Name wurde verliehen zur Ehrung des Florentiners Amerigo Vespucci
(1451[4?]-1512), der als erster eine geografische Beschreibung der von den Europäern neu
entdeckten Regionen entworfen und zugleich erkannt hatte, dass der neue Erdteil nicht zu
Asien gehört. Der fiorentinische Patriziersohn leitete das Handelshaus Berardi in Sevilla.
1499 hat er die Nordostküste Südamerikas erkundet und unter anderem die Gebiete des
Maracaibo-Sees entdeckt. Als er die Pfahlbauten der dort lebenden Eingeborenen sah, nann-
te er in seinem »Mundus Novus«-Brief (1499) die Gegend Venezuela (»Klein-Venedig«). Als
erster hat Mercator 1638 den Namen America für den ganzen Doppelkontinent verwendet.
Zum Verdruss der Lateinamerikaner wird seit etwa 1800 weltweit der Name Amerika gleich-
gesetzt mit den USA. Dabei meinte Ringmann ursprünglich mit dem Namen America nur das
damals (1507) bekannte, von Spaniern und Portugiesen erkundete Territorium.
Vernünftigerweise mussten nach der Erschliessung des gesamten Kontinents die Teile der
riesigen Landmasse detaillierter benannt werden. Es bürgerte sich frühzeitig ein, von Nord-
amerika und von Südamerika zu sprechen, wobei die Landbrücke zwischen den beiden Tei-
len als Zentralamerika oder Mittelamerika bezeichnet wurde. Die Inselregion zwischen dem
offenen Atlantik und dem Isthmus von Panama benannte man, zusammen mit den umgeben-
den kontinentalen Küsten, Karibik, ein Name autochthonen Ursprungs. Südamerika ist selbst
im geografischen Sinn eine ungenaue Gebietsbezeichnung und meint damit den Halbkonti-
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nent zwischen dem Isthmus von Panama und Feuerland. Dabei ging man grosszügig darüber
hinweg, dass die nördlichen Gebiete Brasiliens und Ecuadors sowie ganz Kolumbien und
Venezuela zur nördlichen Hemisphäre gehören. Früher verstand man unter Südamerika gene-
rell - in Opposition zum angelsächsisch besiedelten Nordamerika - die von Spaniern und
Portugiesen kolonisierte Südregion, wobei man Mexiko und Zentralamerika trotz der noch
gröberen geografischen Ungenauigkeit mitmeinte. Den Namen Südamerika, Südamerikaner
haftet noch heute ein stereotyper Unterton an: eine liebenswerte Region des Unseriösen, auch
des Heiteren, Zuflucht für Ganoven, Abenteurer, Hochstapler und Kriegsverbrecher. Die Ost-
West-Aufteilung der neuentdeckten Gebiete zwischen Spaniern und Portugiesen ist auf Ver-
mittlung des Papstes 1494 im Vertrag von Tordesillas erfolgt und später nachverhandelt wor-
den. Zur Unterscheidung der beiden grossen Sprachregionen dienen die Namen Spanisch-
Amerika (auch Hispanoamerika) bzw. Lusoamerika - Lusitanien nannten die Römer die Pro-
vinz, wo heute Portugal liegt. Sie gehören aber zur Fachsprache. Ein weiterer Fachterminus,
diesmal ein archäologischer, ist Mesoamerika. Er bezeichnet zugleich die Epoche der nörd-
lichen präkolumbischen indianischen Hochkulturen wie auch deren Region, d. h. das heuti-
ge Mexiko (ohne die an die USA grenzenden nördlichen Bundesstaaten), Guatemala, Belize,
El Salvador, Teile von Honduras, Nicaragua und Costa Rica.
Auch der Name Indoamérica ist Theorie geblieben. Der Mexikaner José Vasconcelos hat-
te ihn 1924 vorgeschlagen, im propagandistischen Sinne des Indigenismus. Damit sollte das
indigene Element, die Indios und das vorkolumbische Erbe aufgewertet werden. Für den
Cono Sur, die Länder im Südkeil des Kontinents, wo die aus Europa eingewanderten Weissen
dominierten, war diese Bezeichnung unzutreffend. Ebenso wenig hat sich die kulturell und
sprachlich begründete Aufteilung in Angloamerika und Iberoamerika überall durchgesetzt.
Zur kulturellen Differenzierung wird auch der Terminus Afroamerika für jene Regionen ver-
wendet, in denen die Nachfahren schwarzafrikanischer Sklaven einen gewichtigen Teil der
Bevölkerung ausmachen. Es betrifft dies die Inseln der Karibik, die Pazifikküste vom Isthmus
von Panama bis Nordperu, und das atlantische Brasilien. Dass Iberoamerika in Spanien noch
heute der offizielle Name ist, wurde schon gesagt. Allerdings wird schon in der zweiten Auf-
lage des von Germán Bleiberg (1968) edierten Diccionario de Historia de España »América
Latina« als der geläufige Name für das gesamte »iberische« Amerika aufgeführt. Schliesslich
haben Umfragen bei jungen Spaniern inzwischen eine deutliche Akzeptanz der Bezeichnung
América Latina ergeben {El Ciervo 1987). Es ist dies sicherlich auch eine Folge der massiven
Einwanderung von Lateinamerikanern nach Spanien, und diese wollen seit langem so be-
nannt werden. Nur wenn man in Spanien diese Immigranten kritisch bezeichnen will, spricht
man von sudamericanos, oder gar vollends despektierlich von sudacas. Es scheint also, dass
auch dort - wie im deutschen Sprachgebiet die Benennung 5i<damerikaner - eine eher pejora-
tive Wende genommen hat.

Die französische Lösung

Kurzum, es drängte sich ein grenz- und sprachübergreifender, neutraler Name auf für jenen
Teil Amerikas, auf dem schon vor Kolumbus bedeutende Kulturvölker ansässig waren und
wo die ältesten europäischen Kolonien gegründet wurden. Jedenfalls konnte dazu der Name
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Südamerika mit seinen unerwünschten Konnotationen nicht mehr recht taugen. So erfand
man den Namen Lateinamerika. Er hat sich heute ausserhalb der Iberischen Halbinsel weit-
gehend durchgesetzt, auch wenn er zunächst Befremden auslöste. Mit diesem lange umstrit-
tenen Namen wird heute allgemein das Gesamt der Nationalstaaten und der assoziierten Ter-
ritorien südlich der Grenzen der USA bezeichnet. Heute ist der Name in neutralem oder wis-
senschaftlichem Zusammenhang als wertfreie Bezeichnung weltweit gebräuchlich. Indes,
wie und wann kam es dazu, dass aus einem römischen Gebietsnamen (Latium), aus einer
Volks- und Sprachbezeichnung (latinus) aus dem antiken Europa das Attribut eines Konti-
nentalnamens der Neuen Welt wurde?
Die Bezeichnung Amérique latine stammt aus Frankreich. Sie ist früh aufgetaucht, ge-
druckt erstmals in der Revue des races latines (1861). Michel Chevalier, Ökonom und Staats-
mann im Second Empire, war einer der Wortführer der panlateinischen Bewegung, die unter
der Führung Frankreichs eine Einheit der lateinischen Länder zu erreichen suchte. Die aus
heutiger Sicht unsinnige Intervention Napoleons ΠΙ. in Mexiko (1861-1867) steht in ideolo-
gischem Zusammenhang mit dieser Panlatinität. Der habsburgische Erbprinz Maximilian
wurde von Frankreich ausersehen, die dynastischen (und territorialen) Ansprüche militärisch
durchzusetzen. Mit seiner Erschiessung in Querétaro ist zwar die Ambition zusammengebro-
chen, nicht aber die Idee der Panlatinität. Schon 1882 hat Ernesto Quesada eine Tagung orga-
nisiert, die er »Congreso Literario Latino-Americano« benannte. Ihr Zweck war die Schaf-
fung einer »Unidad Panlatina«. 1883 hat auch der Kubaner José Martí die Bezeichnung
América Latina verwendet. Dann hat der Uruguayer José Enrique Rodó in seinem kulturpo-
litischen Buch Ariel (1900) die Idee der Latinität nochmals begeistert aufgegriffen. Er prokla-
mierte mit dem Namen Lateinamerika sein transnationales Ideal einer subkontinentalen kul-
turellen Einheit, die dem technokratischen und materialistischen Norden überlegen sein soll-
te. Im Zusammenhang mit der interventionistischen Politik der USA um die Wende zum 20.
Jahrhundert bekam die Bezeichnung Lateinamerika erst recht eine antiimperiaUstische, d. h.
gegen den nördlichen Nachbarn USA gerichtete Konnotation.
Auch wenn die Spanier es nicht wahr haben wollten, die Option der Lateinamerikaner, ih-
ren Kontinent lieber América Latina zu benennen, war nicht in erster Linie gegen Hispanien
oder Iberien gerichtet, sondern gegen die »Yankees«. Der Nomenklatur-Streit im Spanischen
um die Bezeichnung des Subkontinentes, in dem die Namen Latinoamérica, Iberoamérica,
Hispanoamérica rivalisierten, hat jahrzehntelang alle Fachkongresse befrachtet, wobei der Wi-
derstand gegen die Bezeichnung Lateinamerika, wie gesagt, vor allem von Spanien ausging.
Man wollte und will noch immer die historische »Mutterschaft« und die Idee einer gesamten
Hispanität im Namen festgeschrieben wissen. Aus denselben Gründen sind Hispanoamérica
und Iberoamérica in der Neuen Welt nach der Dekolonisierung in der ersten Hälfte des 19. Jh.
immer deutlicher auf Ablehnung gestossen. Die beiden Namen weckten noch immer kolo-
nialistische Assoziationen. Nachdem seit dem Ersten Weltkrieg die sozialwissenschaftliche For-
schung international immer einheitlicher von Lateinamerika spricht, hat sich dieser Terminus
auch in den Geisteswissenschaften fest etabliert. Bis zum Zweiten Weltkrieg war im deutschen
Sprachraum selbst in diesen Wissenschaften noch lieber von Iberoamerika gesprochen worden.
Bedeutende wissenschaftliche Institute in Hamburg und in Berlin, die sich sowohl mit den ibe-
rischen Ländern Spanien und Portugal wie mit Lateinamerika befassten, gaben sich in den
1920er Jahren sogar einen noch synthetischeren Namen: Ibero-Amerika, mit Bindestrich.
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Damit wäre der Katalog der möglichen Namen durchgemustert. Bei den anderen Konti-
nenten, die ebenfalls nach der frühen Neuzeit entdeckt wurden, hat sich ein solcher
Nomenklaturstreit nicht ereignet. Indes, der Kampf um den zutreffenden Namen hat wenig
mit Pedanterie und viel mit der Identität der Lateinamerikaner zu tun. Deshalb wird die heu-
te allgemein gebräuchliche Benennung von den nach etwa 1930 geborenen Lateinamerika-
nern ohne Konnotation und problemlos als Selbstbezeichnung verwendet. Der Name ist lexi-
kalisiert, wie die Sprachwissenschafter sagen, und damit ist die Streitfrage obsolet geworden.
Zum Erfolg von »Lateinamerika« beigetragen hat übrigens auch ein Bedeutungswandel. Das
Attribut »lateinisch« wird inzwischen nicht mehr allein auf die Sprache der alten Römer be-
zogen, auch nicht mehr auf das kulturpolitische Programm der Latinität. Die Franzosen ver-
teidigen heute nur noch francophonie. »Lateinisch« wird immer häufiger als Synonym zu
»romanisch« gebraucht, im Sinne der romanischen Tochtersprachen des Lateins. In Frank-
reich nennt man diese schon lange auch langues néolatines. Und in der viersprachigen
Schweiz beginnt man in der Presse seit einiger Zeit von der lateinischen Schweiz zu berich-
ten. Man fasst damit die Regionen, wo Französisch, Italienisch oder Rätoromanisch gespro-
chen wird, bequem in einen Begriff. »Romanisch« steht dafür nicht zur Verfügung, da es zu-
gleich auch das Rätoromanische für sich allein bezeichnet. Und die Suisse Romande meint
allein die französischsprachige Schweiz, ohne Einbezug der anderen Gebiete mit einer roma-
nischen Sprache. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis man in der EU von »Lateineuropa«
sprechen wird. Sofern man im Wort »lateinisch« im weiteren Sinn auch die Bewohner Süd-
europas erkennt, trifft das Attribut auf Lateinamerika erst recht zu: aus keinem Teil der Alten
Welt sind so zahlreiche Menschen dorthin ausgewandert wie aus Spanien, Portugal und Itali-
en. Mit einem zweifach zutreffenden Spitznamen bedenken die Amerikaner inzwischen auch
die Immigranten aus dem südlichen Nachbarkontinent: the latinos, die sich zudem selber so
bezeichnen. Die Weiterungen sind bekannt: latin dances, latin music, latin food, je nach Ge-
legenheit auch latin lovers.
Dies die aufschlussreiche Geschichte der Benennung eines faszinierenden, von der Ge-
schichte arg gebeutelten Kontinents. Ob sich das Schwanken weiterhin fortsetzt? Die soeben
zu dem amerikanischen latin angedeutete Beobachtung legt die Vermutung nahe, dass es mit
der Neutralität des Namens »Lateinamerika« auch bald wieder vorbei sein könnte und er
ebenfalls, unaufhaltsam wie aller Sprachwandel, auf die Konnotationen des ominösen »Süd-
amerika« zutreibt. Habentfata sua toponyma.

Literaturhinweise

Ardao, Arturo. 1980. Génesis de la idea y el nombre de América Latina. Caracas.


Berschin, Helmut. 1982. Dos problemas de denominación: español castellano? Hispanoamérica o
Latinoamérica? In: Perl, Matthias (Hg.). Estudios sobre el léxico del español americano. Leipzig.
Bleiberg, Germán (Hg.). 1968. Diccionario de Historia de España. Madrid 4 9 6 8 . S. v. hispanoameri-
canismo.
El Ciervo (1987). Barcelona, mayo 1987; 435: 12-16.
Grossmann, Rudolf. 1969. Geschichte und Probleme der lateinamerikanischen Literatur. München;
Spanische Ausgabe Madrid, 1972.
Imaz, José Luis de. 1985. Sobre la identidad iberoamericana. Buenos Aires.

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Jurt, Joseph. 1982. Entstehung und Entwicklung der Lateinamerika-Idee. In: Lendemains·, 27 (Tübin-
gen, 1982): 17-26.
Kaller, Martina. 1988. Lateinamerika. Eine Definition. In: Conceptus\ 56 (Wien, 1988): 119-124.
Kirchhoff, Paul. 1960. Mesoamérica. Sus límites geográficos, composición étnica y caracteres
culturales. México.
Rodó, José Enrique. 1967. Ariel (1900). Ed. by Gordon Brotherston. Cambridge. Deutsche Ausgabe
übersetzt und erläutert von Ottmar Ette. Mainz, 1994 (Exceφta Classica; 12).
Rojas Mix, M. 1991. Los doscientos nombres de América. Eso que descubrió Colón. Barcelona.

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Von der dreifachen Entdeckung Amerikas

Minimalia

Nach diesen theoretischen Kapiteln soll nun spezifischer Lateinamerika thematisiert werden.
Propädeutisch und elementar darf es zunächst wohl erfolgen, denn was weiss man ausserhalb
der Fachkreise schon Genaueres von dieser Landmasse, von ihrer ersten Entdeckung - Ko-
lumbus - , von der zweiten - Alexander von Humboldt - und von der dritten, der kulturellen
Entdeckung? Jedenfalls ist der einschlägige Kenntnisstand höchst unterschiedlich, noch heu-
te. Zur kuriosen Geschichte der Benennung des Subkontinents hat der Leser soeben einiges
erfahren. Hier zur Landeskunde nur soviel: Der heute geläufige Name ist eine Synthese und
täuscht bequem darüber hinweg, dass der »lateinische« Subkontinent sich in wenigstens
sechs kulturräumliche Grossregionen unterteilt, die jede für sich schon die Ausdehnung Eu-
ropas (ohne Russland) erreicht oder übertrifft. Diese Subregionen Lateinamerikas sind: Me-
xiko und Zentralamerika - die Karibik - der Andenraum - Brasilien - das aussertropische
Südamerika (der Südkonus) und schliesslich der kontinentale Binnenraum, sprich Ama-
zonien. Es sind zugleich Klimazonen mit zum Teil auch deshalb unterschiedlicher Bevölke-
rung. Die Unterschiede von Region zu Region sind immens. Indes, trotz dieser Aufgliederung
darf man, zumal in kulturellen Belangen, von Faktoren und Erscheinungen, von Verhaltens-
weisen und Werthaltungen ausgehen, die der gesamten Grossregion ihr einheitiiches Geprä-
ge geben. Das fängt bei einer sprachlichen Grossflächigkeit an, die weltweit ihresgleichen
sucht: Die rund 450 Millionen Menschen, die dort leben, verständigen sich entweder auf Spa-
nisch oder (in Brasilien) auf Portugiesisch und (auf einigen Inseln der Karibik) auf Englisch
oder Französisch. Es sind dies bekanntlich alles Weltsprachen. Dieser Umstand schafft für
das kulturelle Leben, das sich vor allem in den Städten abspielt, eine gewichtige, nämlich
sprachliche Voraussetzung, ganz besonders für die Presse und die Politik, für die Literatur
und die Geisteswissenschaften ohnehin. Das in engerem Sinne kulturelle Leben hat sich, wie
überall, in den Grossstädten entwickelt. Daneben allerdings haben in ländlichen Regionen
indigene Kulturen in grosser Zahl die Kolonisierung bis heute überlebt. Übrigens: Weiss man
überall, dass das Wort indigen ein Latinismus ist, hergeleitet von inde genus, »dort geboren«,
»einheimisch«, dass es also mit dem Wort Indio nichts zu schaffen hat, dass letzteres schlicht
auf dem Irrtum des Kolumbus beruht, der bis an sein trauriges Ende glaubte, Indien (Asien)
entdeckt zu haben? Wir sind alle irgendwo Indigene. Diese autochthonen, schon vor Kolum-
bus existierenden Kulturen und Sprachen haben sich nur zum Teil mit Europäischem ver-
mischt. Heute leben mehr Indios - und Sprecher vorkolumbischer Sprachen - als vor der
Ankunft der Spanier. Durch den Sklavenhandel ist dann noch Afrikanisches hinzugekommen,
was zumal den Touristen in den tropischen und subtropischen Gegenden auffällt. Die afro-
amerikanische Komponente der lateinamerikanischen Kultur ist in der Karibik und in Brasi-
lien unübersehbar und unüberhörbar. Dass die Mestizen den grössten Teil der heutigen Be-
völkerung ausmachen, wird demnach nicht überraschen. Auch ausserhalb der Städte findet
ein Kulturleben statt, im Brauchtum und in der mündlichen Tradition nämlich, doch das wis-
sen ausserhalb Lateinamerikas nur die Ethnologen, die Linguisten und die Literaturhistoriker.

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Zur ersten Entdeckung

Die sogenannte erste, die kühne Entdeckungsfahrt, die der Genuese Kolumbus im Auftrag
der spanischen Krone 1492 erfolgreich ausgeführt hat, muss hier nicht neu erzählt werden.
Auf die völkerrechtlichen und ethischen Fragen, die damit aufgeworfen wurden, komme ich
andernorts noch zurück. Dass Kolumbus nicht der erste Seefahrer aus Europa war, der auf
den Kontinent zwischen Europa und Asien gelangt ist, wissen wir. Doch er war der erste, der
mit Kunde wieder zurückkam, der erste, der seine Beobachtungen und Erlebnisse schriftlich
festgehalten hat. Auch wenn der sogenannte Kolumbusbrief von 1493 an die Katholischen
Könige gerichtet war, zum Zweck der Rechtfertigung und vor allem zwecks Einwerbung
neuer Mittel für weitere Fahrten, er ist ein denkwürdiges und anrührendes Dokument. Die
lateinische Erstfassung ist unter dem Titel De Insulis nuper imentis epistola Cristoferi Colom
erschienen »am 4.3.1493, gedruckt zu Basel von Michael Furter«. Ich bringe hier daraus kur-
ze Auszüge:
Alle diese Inseln sind überaus schön und durch verschiedene Formen unterschieden... Die Nachti-
gall sang und es gab andere verschiedene und unzählige Vögel im Monat November, als ich selbst
unter ihnen weilte... Es gibt auch wunderbare Pinien, Äcker und weitausgedehnte Wiesen, verschie-
dene Vögel, verschiedene Honigarten und verschiedene Metalle, Eisen ausgenommen.
Als erstes Merkmal der Einwohner erwähnt Kolumbus deren Nacktheit, sodann seien sie
wohlgeformt. Sie seien von Natur aus ängstlich und furchtsam, zudem durchaus einfältig und
zutraulich und mit allem, was sie haben, äusserst freigebig. Sie hegten gegen alle äusserst
grosse Liebe, gäben sogar Grosses für Kleines; das Geringste genüge und sie seien selbst mit
nichts zufrieden.
Sie kennen keinen Götzendienst, im Gegenteil, sie glauben fest, alle Gewalt, alle Macht, überhaupt
alles Gute sei im Himmel... Noch sind sie schwerfällig und roh, sondern von höchstem und feinem
Scharfsinn.
So die früheste Kunde - es sind nota bene Bilder - , die mit diesem Flugblatt unter den Euro-
päern in Umlauf kam. Kein zweites hat sich unter den Lesekundigen so sehr verbreitet. Die-
se freundliche Einschätzung der Menschen sollte wenig später von den Portugiesen bestätigt
werden, nachdem Pedro Vaz de Caminha um 1500 den Eingeborenen an den Küsten Brasili-
ens begegnet war. Indes, schon im Kolumbusbrief ging es auch um Handfesteres. Im Kapitel
vom Tauschhandel schreibt der Genuese:
Ich gab ihnen viel Schönes und Schätzenswertes, das ich mit mir gebracht hatte, ohne einen Vorteil
zu verfolgen, um sie leichter mit mir zu befreunden und damit sie Christusverehrer und zur Liebe
gegen den König, die Königin und unsere Fürsten und das gesamte Volk Spaniens geneigt würden,
und damit sie sich bemühten, jenes zu suchen, zusammenzutragen, um mit uns auszutauschen, wo-
von sie im Überfluss hatten, wir aber dringend bedurften.
Es war dieser materielle Austausch, the Columbian exchange, wie die Amerikaner es nennen,
der besonders weitreichende Folgen hatte, erfreuliche und segensreiche. Sie sind von ande-
ren, traurigen Folgen und vor lauter Schuldzuweisungen und Klagelust in alte Schulbücher
verdrängt worden. Was alles ist an reproduktiven Lebensgrundlagen neu hinüber oder her-
über gelangt? Wir sind uns dessen zu wenig bewusst, obschon es sich um die für beide Sei-

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ten am weitesten reichende Folge ist. Eine kleine, wenngleich unvollständige Liste kann hilf-
reich sein. Es gelangten über den Atlantik

aus Amerika aus Europa


S = Süd, M = Mittel, N = Nord (nebst anderen Provenienzen)

S Kartoffel Weizen (W-Asien)


M/S Mais Hafer
s Maniok Reis (SE-Asien)
s Kürbis Banane (SE-Asien)
s Erdnuss Zitrusfrüchte (E-Asien)
Ν Sonnenblume Zuckerrohr (SE-Asien)
M/S Kakao Kaffee (E-Afrika)
M/S Ananas Cola (W-Afrika)
M/S Tomate Pferde
M Paprika (Chili) Esel
M Vanille Rinder
S Chinarinde (Quina) Schafe
s Coca Ziegen
S Brasilholz Schweine
s Parakautschuk Hunde
M Baumwolle (beste Sorte) Hühner
M Sisal Enten
M Tabak Tauben
M Truthahn
s Meerschweinchen
Der Leser mag sich dazu seine eigenen Gedanken machen. Ausser der Kartoffel und dem
Mais, dank denen in Europa die Hungersnöte aufhörten, ist keines dieser Importgüter aus
Amerika lebensnotwendig. Dadurch ist die Nachfrage instabil, mit den bekannten wirtschaft-
lich nachteiligen Folgen für Lateinamerika. Zu diesem Problem der »Dessertwirtschaft« ha-
ben sich Ökonomen schon oft geäussert, z. B. Franz Mathis unter dem schönen Titel »Wie die
Europäer satt und süchtig wurden« (1996).
Der immaterielle und vor allem der technologische Austausch war einseitiger. Das Rad
gelangte hinüber, die Hängematte herüber, so könnte man spotten. Es bedarf jedenfalls kaum
einer Erklärung dafür, dass die europäischen Kulturen sehr viel stärker in Amerika einge-
drungen sind als umgekehrt. Es lag vor allem am Entwicklungsgefalle und an der Hegemo-
nie der Eroberer und Kolonisatoren. Amerika ist aus Europa kolonisiert worden und nicht
umgekehrt. Jeder Immigrant, auch der Analphabet, ist ein Kulturträger, wenn wir Kultur in so
weitem Sinn verstehen, wie eingangs dargelegt. Zum weiteren Geschick der beiden Brüder-
Kontinente Europa und Lateinamerika wird in diesem Buch noch viel zu sagen sein. Wenn
ich Brüder sage, so spreche ich als Europäer, als Lateinamerikaner würde ich von siamesi-
schen Zwillingen reden, so ungleich und einseitig zwingend sind die Bindungen zwischen
dort und hier.

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Zur zweiten Entdeckung

Simón Bolívar (1783-1830), einer der Befreier Spanisch-Amerikas, soll von seinem preus-
sischen Zeitgenossen Alexander von Humboldt (1769-1859) gesagt haben, dieser habe mehr
für Amerika getan als alle spanischen Konquistadoren zusammen. Das hohe Lob hat sich Hum-
boldt erworben mit der Forschungsreise, die er zusammen mit dem Franzosen Aimé Bonpland
in den Jahren 1799 bis 1804 in weiten Territorien Lateinamerikas unternommen hatte. Ihre Aus-
wertung in seinen umfangreichen wissenschaftlichen Sammlungen und Publikationen trug ihm
schliesslich den berechtigten Ruf des »zweiten Entdeckers« Amerikas ein (dazu Ette 1992).
Humboldts Abenteuer begann an dem denkwürdigen 5. Juli 1799, als er, des kriegs-
verseuchten Europas müde, an Bord der spanischen Fregatte »Pizarro« die Küste Galiciens
entschwinden sah. Auf die kuriosen Umstände, die ihn zu dieser Fahrt nach Amerika veran-
lasst haben, komme ich in einem späteren Kapitel noch zurück. Zusammen mit dem Franzo-
sen Aimé Bonpland hatte Humboldt zunächst vor, von Südfrankreich aus nach Ägypten zu
reisen. Doch der Feldzug Napoleons Hess das Unternehmen als zu riskant erscheinen, so dass
die beiden stattdessen Ende 1798 nach Spanien fuhren. Erst dort nahm der Plan Gestalt an,
die Forschungsreise nach Amerika umzuorientieren. Davon hörte in Madrid der aufgeklärte
Minister Urquijo, der sogleich und mit Geschick König Carlos IV. von der Nützlichkeit einer
wissenschaftlichen Expedition in die damals noch spanischen Kolonien überzeugte, nicht
zuletzt in der Hoffnung, Humboldt würde für die Krone dort neue Bodenschätze aufspüren.
Die beiden Ausländer wurden also auf die Fährte des alten El Dorado-Mythos gesetzt, ausge-
stattet mit der königlichen Vollmacht zu Besuch und Aufenthalt in sämtlichen überseeischen
Besitzungen Spaniens und zudem versehen mit einer ansehnlichen Schatulle. Von La Coruña
ging die Seereise über Teneriffa nach Nueva Granada, dem heutigen Venezuela. Die nächsten
von Humboldt bereisten Länder waren Kuba, die heutigen Staaten Kolumbien, Ecuador - mit
dem denkwürdigen Versuch, den Vulkan Chimborazo zu besteigen - und Peru. Dort erreich-
ten sie im September 1802 die Pazifikküste. Auf dem Seeweg gelangten sie sodann nach
Acapulco an der mexikanischen Pazifikküste, hielten sich einen Monat in der Silberstadt
Guanajuato auf und kamen im April 1803 in die Stadt Mexiko. Als sie sich in Veracruz nach
Havanna einschifften, hatten die beiden rund 17 Kilometer zu Fuss, in Flussbooten, auf
Maultier- oder Pferderücken zurückgelegt.
Dann kam die Zeit der Ernte. Sie war nicht weniger anstrengend, denn als Humboldt im
August 1804 in Bordeaux an Land ging, lud man dreissig Gepäckkisten aus, in denen er Her-
barien mit über 12 Pflanzen, zahllose Tierpräparate und Insekten, Mineralien, femer ge-
naue Messdaten, Karten, Zeichnungen und Tagebuchnotizen nach Europa brachte. Für diese
fünfjährige Reise hatte er ein gutes Drittel seines beachtlichen Vermögens ausgelegt, ein wei-
teres Drittel sollten die Druckkosten verschlingen. Die Auswertung des Materials erfolgte bis
1827 in Paris, danach in Berlin. Zwischen 1807 und 1857 ist ein Werk von über dreissig Fo-
lianten entstanden, und zwar in der damals universellen Wissenschaftssprache Französisch.
Der aufwendige Druck mit den vielen Zeichnungen und Karten machte die Bücher so teuer,
dass nicht einmal der preussische König sich ein Exemplar für seine Privatbibliothek leisten
wollte. »Leider, leider!«, schreibt Humboldt einmal an Berghaus (1830; nach Ette 1996:
101), »Meine Bücher stiften nicht den Nutzen, der mir vorgeschwebt hat, als ich an ihre Be-
arbeitung und Herausgabe ging; sie sind zu theuer!« Es ist eine traurige Editionsgeschichte.
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Humboldt schrieb weder ein fiktionales Erzählwerk noch einen abenteuerlichen Reisebericht,
sondern ein interdisziplinäres wissenschaftliches Opus, zudem wie erwähnt grossenteils in
französischer Sprache. Die Rezeption erfolgte schon deshalb im deutschen Sprachraum erst
mit starker Verzögerung und in den entsprechenden Kreisen. Die Geschichte der unautorisier-
ten, bearbeiteten oder verkürzten Übersetzungen ins Deutsche, der zweifelhaften Extrakte
und Surrogate sowie der Raubdrucke ist eine traurige. Ottmar Ette hat sie in einem eindrück-
lichen Aufsatz geschildert (1996). Erst mit der vierbändigen Übersetzung der Relation
historique durch Hermann Hauff, die 1859, im Todesjahr Humboldts, zu erscheinen begann,
wurde dieses Werk in einer deutschen Fassung zugänglich. Sie war wirkungsreich, trotz zahl-
reicher Mängel und vieler fataler Kürzungen. Heute liegt dank Hanno Beck eine leicht zu-
gängliche siebenbändige Studienausgabe vor (1985).
Man darf sich fragen, weshalb und wie es zu diesen Wundertaten eines Einzelnen gekom-
men ist. Zunächst müssen wir an den damaligen Zeitgeist erinnern: Bis kurz vor Humboldts
Aufbruch kursierte in Europa, sogar in Gelehrtenkreisen, noch immer das seltsame Vorurteil,
die amerikanische Welt sei generell inferior. Von diesem und anderen Bildern wird später noch
die Rede sein. Erst Humboldt sollte mit diesem Pauschalbild eines von Natur aus minderwer-
tigen Lateinamerikas aufräumen. In seinem Reisebericht und in seinem Versuch über den
politischen Zustand des Königreichs Neu-Spanien (1799-1804) sind die vor ihm in Europa
verbreiteten negativen Amerikabilder nachhaltig korrigiert worden. Daran kann man erken-
nen, dass das Diktum vom zweiten Entdecker Amerikas mit gutem Recht geprägt worden ist.

Eine dritte Entdeckung Amerikas?

Für die Geschichte der Beziehungen zwischen dem deutschsprachigen Kulturraum und La-
teinamerika sind die Wirtschaft, die Politik, die Religion entscheidende Faktoren, weil sie mit
Macht, mit Vormacht zu tun haben. Auf andere Weise aufschlussreich für die Beziehungs-
geschichte sind die Sektoren der Wissenschaft, der Künste und der Literatur, denn sie haben
mit den Machtgefügen nur mittelbar zu tun. Im Bereich des Kulturaustausches spielen näm-
lich Angebot und Nachfrage ein subtiles dialektisches Spiel miteinander, das man als auto-
nom und selbstregulierend qualifizieren kann. Die Rezeption des Eigenen im Fremden ist
deshalb ein wichtiger Indikator. Zwischen Indifferenz, Abneigung, und Attraktion entstehen
Schwankungen, die sich einer eindeutigen Begründung und damit dem Eingriff von Macht-
strukturen längerfristig entziehen, zumal beim literarischen Austausch zwischen den Kultu-
ren. Beobachtet man ihn über längere Zeiten hin, so ergibt er einen interessanten, wenn auch
sorgfältig zu interpretierenden Indikator für den Zeitgeist, für die Sensibilität des Kollektivs,
für Sorgen, Ängste und Sehnsüchte sowie für ästhetische Vorlieben in den beiden Kulturen:
der produzierenden wie der rezipierenden. Literatur bildet im eigenen Kulturraum nicht nur
ein Kunst- und Geschichtsbewusstsein aus, sondern auch das spezifische und epochale
Selbstbewusstsein, man kann auch sagen: die jeweilige kulturelle Identität. In dieser Funkti-
on sind ihre Auswirkungen auf den kulturellen Binnenraum, auf das Inland ausgerichtet. Die
Rezeption einer bestimmten National- oder Kontinentalliteratur ausserhalb ihres eigenen
Raumes ist hingegen ein nicht intendierbarer und auch kein zwangsläufiger, selbsttätiger Vor-
gang. Er kann durch auswärtige Kulturarbeit nur in engen Grenzen beeinflusst werden. Wenn
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die Literatur Brücken in einen anderen Kulturraum schlägt, so werden diese zunächst vom
Empfängerland gebaut und erst nach und nach in beiden Richtungen begangen.
So lag denn auch im Falle der literarischen Kontakte zwischen dem deutschen Kulturraum
und Lateinamerika die Rezeptionserwartung über Jahrhunderte in der Neuen Welt. Der Grund
für diese Fremdorientierung der lateinamerikanischen Kulturen ist in der Geschichte zu su-
chen. In der frühen Neuzeit setzte die koloniale Abhängigkeit Herkunft und Richtung des
Kulturtransfers gesetzlich und damit apriorisch fest: Von der Iberischen Halbinsel - und nur
von dieser - nach Übersee. Doch schon im 18. Jahrhundert setzte die Abwendung der sich in
zunehmendem Masse ihre Unabhängigkeit ersehnenden Kolonien von den damaligen Mutter-
ländern Spanien und Portugal ein, und im gleichen Zuge die konsequente Zuwendung der Vize-
königtümer bzw. der neu entstandenen Republiken zu anderen, nicht-iberischen Kulturen.
Während zur Zeit der Aufklärung namentlich die französischen Philosophen mit ihrem
revolutionären Gedankengut die überseeischen Unabhängigkeitsbestrebungen nährten, sind
seit dem frühen 19. Jahrhundert dann auch einzelne Dichter und Denker Deutschlands rezi-
piert worden. Die Namen der wichtigsten Einflussnehmer sind bekannt: Goethe, Heine,
Nietzsche, später dann Rilke, Thomas Mann und in den letzten Jahrzehnten Brecht. In einem
jüngeren, ungleich kürzeren Zeitverlauf ist diese Brücke dann auch in umgekehrter Richtung
begangen worden: von Lateinamerika in den deutschen Kulturraum. Von dieser Rezeptions-
phase wird hier hauptsächlich die Rede sein.
Hier drängt sich zunächst ein Rückblick auf. Der Unterschied zwischen den Beziehungen
zwischen dem deutschen Kulturraum und Spanien, Katalonien und Portugal einerseits und
Lateinamerika andererseits ist ebenso auffällig wie banal. Von der Iberischen Halbinsel sind
seit der Renaissance, dann vor allem im Barockzeitalter und intensiv in der Romantik (vgl.
Blanco Unzué 1981) zahlreiche Texte übersetzt und auch gelesen worden: die Celestina, der
Amadis, Schriften der Mystiker, sodann die Abenteuer- und Schelmenromane, Cervantes, in
ganz besonderer Weise Calderón und andere Dramatiker des Siglo de Oro, danach der
Romancero, in viel zu geringem Masse die Autoren des 19. Jahrhunderts und dann erst wie-
der Federico García Lorca. Auf der anderen Seite sind Übersetzungen von Werken aus La-
teinamerika jahrhundertelang nur vereinzelt erfolgt und erst in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts quantitativ aufgefallen. Die in unseren Ländern schwache Rezeption iberischer
und vor allem iberoamerikanischer Kulturgüter hängt damit zusammen, dass im kulturellen
Kanon der deutschsprachigen Länder seit der Reformation - nimmt man die temporäre
Zuwendung im Barock und in der Romantik davon aus - eine Marginalität alles Spani-
schen und damit erst recht des noch abgelegeneren Lateinamerikanischen zu bemerken
war.
Für die literarischen Kontakte kommt entscheidend hinzu, dass sich in Lateinamerika seit
etwa 1950 eine sensationelle kulturelle, namentlich literarische Renaissance ereignet hat.
Dort ist seitdem dank Autoren wie Borges, Sàbato, Cortázar, Neruda, J. M. Arguedas, Vargas
Llosa, García Márquez, Carpentier, Asturias, Rulfo, Fuentes, Paz, Amado, Guimaraes Rosa u.
a. m. eine wichtige Komponente der gegenwärtigen Weltliteratur entstanden. Der Rezeptions-
durchbruch ist im deutschen Sprachraum allerdings erst in den 1980er Jahren erfolgt. Neben
der besseren kulturellen Vorbereitung der deutschsprachigen Leserschaft waren hintergründig
auch das Bedürfnis nach Exotik sowie die ungebrochene Sehnsucht nach Utopien und verlo-
renen Paradiesen wirksam.
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Wie kommt es eigentlich zu solchen Hin- und Abwendungen? Der Grad von Fremdein-
flüssen wird erkennbar an der Menge der übernommenen Meinungen, der eingeführten äs-
thetischen Massstäbe, der Projektion existenzieller Optionen, der Vorliebe für bestimmte Bü-
cher, wobei das Gesamte im Empfängerland für die Dauer von vielleicht einer Generation
wirksam bleibt und laufend durch die Neuerungen der heranwachsenden Generation verän-
dert und durch andere Fremdeinflüsse bereichert wird. All dies wird Teil des kulturellen
Kanons und dieser ist, ähnlich etwa dem sogenannten Zeitgeist, ein soziales Phänomen, das
sowohl in seinen Neigungen wie in seinen Abneigungen möglicherweise im Nachhinein er-
klärbar ist, während das ihm eigene Beharrungsvermögen wie auch seine Wandlungen im
Grunde unvorhersehbar sind. Keine Autorität vermag es auf Dauer, einen kulturellen Kanon
zu verordnen oder das Wünschbare verbindlich zu umschreiben. Fassbar wird ein kultureller
Kanon allerdings anhand gewisser Symptome, in denen sich die mehrheitliche Einstellung
einer Gesellschaft öffenüich und institutionell niederschlägt. Anhand solcher Einstellungen
kann man ablesen, in welchem Verhältnis zwei einander fremde Kulturen zueinander stehen.
Im Falle der Haltung der deutschsprachigen Kulturen gegenüber den spanisch- und portu-
giesischsprachigen verraten diese Symptome - ich werde es andernorts begründen - eine
unleugbare Randstellung.
Einen gut zugänglichen Anhaltspunkt für den Rezeptionsvorgang bildet zunächst die Ver-
öffentlichung übersetzter Literatur aus Lateinamerika. In unserer Bibliographie der Überset-
zungen aus dem Spanischen, Portugiesischen und Katalanischen ins Deutsche (Siebenmann/
Casetti 1985) haben wir von 1945 bis 1983 insgesamt 1 548 Titel registriert, die aus dem Spa-
nischen übersetzt worden sind, nebst 276 aus dem Portugiesischen und 24 aus dem Katalani-
schen. Vom Total der spanischsprachigen Titel gehören 710 zu Spanisch-Amerika (45,9 %),
von den 275 portugiesischsprachigen sind 184 (66,9 %) brasilianischen Ursprungs. Die Ver-
teilung der gedruckten Übersetzungen nach ihren Ursprungsregionen ist zudem auffallend
ungleich. Der Löwenanteil kam aus Argentinien, Chile und Mexiko. Im internationalen Ver-
gleich sind es bescheidene Zahlen. Dennoch: Im Rückblick erkennt man, dass allein in der
Zeit zwischen 1945 und 1983 mehr Titel aus den lateinamerikanischen Literaturen ins Deut-
sche übertragen worden sind als in der gesamten vorausgegangenen Zeit. Auch statistisch
lässt sich die expansive Tendenz mühelos belegen. Während zwischen der Florida des Inka
Garcilaso de la Vega (1753), der vermutlich ersten gedruckten Übersetzung, und 1954, also
über zwei Jahrhunderte hin, nur etwa 140 Titel übersetzt wurden, zählt man 145 Titel allein
für das Jahrzehnt nach 1955 und 155 weitere zwischen 1965 und 1970.
Die Gründe für die sich abzeichnende Verbesserung des Rezeptionsvorgangs liegen nun
nicht allein in einer grösseren kulturellen Offenheit der Deutschsprachigen gegenüber dem
Fremden, sie sind zunächst zweifellos eine Folge der weltweiten Zunahme und Intensivie-
rung der interkulturellen Beziehungen seit 1945. Hinzu kommt bei Lateinamerika allerdings,
dass sich durch die politischen und wirtschaftlichen Problemfälle die Medien seit etwa
dreissig Jahren in erheblich grösserem Umfang mit Lateinamerika befassen als früher. Für die
literarischen Kontakte kommt etwas Entscheidendes hinzu: In jenem Raum hat sich etwa seit
der Mitte unseres Jahrhunderts die oben erwähnte kulturelle Blüte entwickelt. Dank der uni-
versal wie subkontinental erleichterten Kommunikation hat diese kulturelle Konjunktur La-
teinamerikas die wachsende Aufmerksamkeit einer weltweiten Öffentlichkeit geweckt. In der

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gebotenen Kürze müssen wir dieses Ereignis hier würdigen, denn es hat diese dritte Entdek-
kung erst richtig ausgelöst.
Das Phänomen dieser quantitativen Zunahme ist eine Folge einer qualitativen Verände-
rung der in Lateinamerika entstehenden Literatur. Ihre Wahrnehmung in Europa war von
Land zu Land zeitlich anders (dazu Steenmeijer 1990). Eine lange Reihe bedeutender Auto-
ren, vom Argentinier Jorge Luis Borges (1899-1986), dem Brasilianer Joäo Guimaräes Rosa
(1908-1967) bis zum Kubaner Reynaldo Arenas (1943-1990), über Juan Carios Onetti
(1909-1994), Ernesto Sàbato (1911), Clarice Lispector (1917-1977), Juan Rulfo (1918-
1986) und viele andere mehr, haben Werke von einer literarischen Originalität und erzähleri-
schen Kraft geschaffen, die unübersehbar neue ästhetische Massstäbe setzten. Die Erneue-
rung jener Literaturen hatte sich seit langem angekündigt, doch erst seit Beginn der 60er Jah-
re entstanden in rascher Folge Werke, in denen die künstlerische Verarbeitung eines zumeist
skandalösen, dramatischen oder für Aussenstehende exotischen Stoffes so transparent geriet,
dass sie die kulturellen Grenzen überschreiten konnten. Die Gesamtheit dieser innovierten
Werke stellt ein Korpus dar, das man als den Neuen Roman Lateinamerikas bezeichnet, als
Nueva novela. Einige dieser Autoren haben Bücher geschrieben, die rasch zu Weltbestsellem
geworden sind. Sie haben den sogenannten Boom hervorgebracht. Dazu gehören die Werke
des Argentiniers Julio Cortázar (1914-1984), des Mexikaners Carlos Fuentes (1928), des
Kolumbianers Gabriel Garcia Márquez (1928) und des Peruaners Mario Vargas Llosa (1936).
Es sind hier offene, gelegentlich totalisierende und schwierige Romantexte entstanden, die
dem Leser als verstehendem Partner einen persönlichen Spielraum belassen, ihm nicht selten
gar eine aktive Komplizenrolle zuweisen. Man hat nicht zu Unrecht von einer Poetisierung
der lateinamerikanischen Erzählprosa gesprochen. So darf ohne Einschränkung von einer li-
terarischen Renaissance die Rede sein. Sie ist zweifellos das herausragende Kulturereignis im
Lateinamerika des 20. Jahrhunderts. Der Umfang der aus diesem Fundus auch ins Deutsche
übersetzten Titel hat potenziell den Lesern in unseren Ländern ermöglicht, diese Renaissance
zu begleiten. Hans-Jürgen Heise hat 1987 seinem Buch aufgrund dieses Befundes einen viel-
sagenden Titel gegeben: Die zweite Entdeckung Amerikas.
Die Kunde einer solchen Blütezeit hat sich bei der damals hierzulande noch herrschen-
den Indifferenz gegenüber der Kultur Lateinamerikas nicht selbsttätig verbreitet. Mit den von
Inter Nationes und Albert Theiles Zeitschrift »Humboldt« organisierten Berliner Treffen
(1962, 1964) von Autoren aus Lateinamerika mit deutschen Übersetzern und Verlegern wur-
de in der Bundesrepublik eine wirksame Aufklärungskampagne eingeleitet, die über den La-
teinamerika-Schwerpunkt an der Frankfurter Buchmesse (1976), über das erfolgreiche Ber-
liner Festival Horizonte '82 bis zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhan-
dels an Octavio Paz (1984) reicht (Strausfeld 1996). Namhafte Verlagshäuser gingen teils
hohe Risiken ein mit der Publikation lateinamerikanischer Autoren. Noch 1976 meinte Sieg-
fried Unseld, der damalige Leiter von Suhrkamp, die Einführung dieser Literatur im deut-
schen Sprachgebiet sei bisher gescheitert. Dennoch hat sein Verlag im Lateinamerika-Pro-
gramm bis 1989 etwa 200 Titel publiziert. Im Herbst 1990 wurden in einem Sondeφrospekt
Bücher von 57 Autoren aus Lateinamerika angeboten, darunter 19 aus Brasilien. Der Anteil
der belletristischen Übersetzungen aus dem Spanischen ins Deutsche ist zwischen 1978 und
1987 um 186,5 % gestiegen. Es ergab sich nach 1982 ein eigentlicher Rezeptionsboom. Ein-
zelne Titel aus Lateinamerika haben Auflagen im Bereich sechsstelliger Zahlen erreicht. Der
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deutsche Erwartungshorizont hatte sich offensichtlich anders eingestellt, nicht zuletzt infol-
ge einer besseren kulturellen Vorbereitung.
Indes, es sind gegenüber diesem Produktionsboom in Lateinamerika wie gegenüber der
wachsenden Rezeptionsfreudigkeit ausserhalb auch Einwände vorgebracht worden: Die la-
teinamerikanischen Autoren hätten über die Köpfe ihres heimischen Publikums hinweg-
geschrieben und nach einem ausländischen Zielpublikum geschielt; dieses wiederum habe
sich in den letzten Jahrzehnten - namentlich im deutschen Sprachraum - vor einer blutleeren
Durststrecke der eigenen Literatur befunden und sich deshalb begierig auf die kraftvolle, un-
verbrauchte, an mündlicher Tradition orientierte Erzählweise der Lateinamerikaner gestürzt,
und im Land der Blinden sei bekanntlich der Einäugige König...; auch werde im Zeichen ei-
nes mehr oder weniger magischen Realismus eine kulturelle Andersheit zelebriert oder phan-
tastische Literatur gepriesen, die letztlich Exporte aus Europa seien, lauter Anleihen bei E. A.
Poe, E. T. A. Hoffmann, Mérimée oder den Expressionisten. Da an all dem etwas Wahres ist,
war die Euphorie nicht ungetrübt. Am ehesten leuchtet noch die These von Carlos Fuentes
ein: Der Zustand ungefundener Identität, für die Lateinamerikaner endemisch und daher in
der dortigen Literatur mit besonderer Insistenz thematisiert, sei in jüngster Zeit universell
geworden; daher ein neuer Zusammenfall der weltweiten Rezeptionserwartung mit der
Identitäts-Thematik. Einen interessanten, kulturgeschichtlichen Erklärungsversuch für diese
unerwartete Rezeptionsfreudigkeit hat Michael Rössner (1988) vorgeschlagen: Die Verbin-
dung einer Hinwendung zum Indio mit der Suche nach einer tragfähigen kontinentalen Iden-
tität stelle in Lateinamerika eine ganz eigenständige Variante der Suche nach einem verlore-
nen Paradies des Denkens dar, »die in vielen Belangen über die europäische Konkretisation
dieser Denkfigur hinausgeht« (180) und damit der latenten Paradiessehnsucht der Europäer
auf neuartig verfremdete Weise entgegenkomme. Insgesamt darf man wohl festhalten, dass
der deutsche Leser ein lateinamerikanisches Buch aus sehr unterschiedlichen Gründen in die
Hand nehmen mag: Übernatürliches, Irrationales, Exotisches, Humanitäres, die Sehnsucht
nach dem verlorenen Paradies oder - im besten Falle - der Genuss einfallsreicher, epischer
Erzählkunst oder schlichte Neugier auf Fremdes. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass eine
rezipierte Lesart nie deckungsgleich sein kann mit der originären, denn dazwischen schalten
sich die Bilder, die der Leser sich von der Fremde schon vor der Lektüre gemacht hatte, ganz
abgesehen vom abennals verfremdenden Übergang von der fremden in die eigene Sprache.
Trotz manchen Einwänden dürfen wir festhalten, dass die vergangenen vierzig, fünfzig Jah-
re in Europa - in Deutschland intensiv erst von 1982 an - im Zeichen einer deutlichen
Rezeptionsfreudigkeit gegenüber der Literatur aus Lateinamerika standen.
Dass sich in den letzten Jahren dieser literarische Boom wieder abschwächt, hat mit dem
Wettbewerb der importierten Literaturen untereinander zu tun, namentlich mit der Wieder-
beachtung Spaniens und Portugals seit deren Beitritt zur EG und zur EU. Die vormals erfreu-
lichen Zahlen sind zurückgegangen und es zeigt sich deutlich, »dass die Präsenz dieser Lite-
ratur im deutschen Sprachraum sich seit den 70er Jahren beträchtlich verringert hat«
(Rössner 1993: 14 f.). Für den Fortgang der Rezeption lateinamerikanischer Literatur stellt
Rössner eine interessante These auf: »Wir brauchen keine Fortsetzung des alten Booms, son-
dern einen ganz neuen, einen >Post-Boom<, der Lateinamerika in seiner Eigenheit zur Kennt-
nis nimmt und verstehend vermittelt« (22). Nachdem die Verlage von dem Erwartungsdruck,
einen neuen »Lateinamerikaner« herauszubringen, inzwischen befreit sind, könnten sie fort-
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an ihre Werke etwas mehr nach Qualität auswählen, übrigens auch aus früheren Jahren. Der
Übersetzer Berthold Zilly und seine Verleger haben mit der Publikation von Euclides da
Cunhas Os Sertöes (Suhrkamp 1994) und Lima Barretos Policarpo Quaresma (Ammann
2001) diesen Weg bereits beschritten. Sei dies nun ein Postulat oder eine Prognose Rössners:
die Aussage von Michi Strausfeld, wonach bei uns heute weitgehend »Normalität« in der
Rezeption dieser Literaturen herrsche (Strausfeld 1996: 295), wird dadurch relativiert.
Zum Schluss ist noch daran zu erinnern, dass die schlichten Verführungen der elektroni-
schen Medien die für das Lesen denkbare Freizeit inzwischen weiter geschmälert haben. Bis-
lang weist nichts darauf hin, dass diese Schrumpfung des Leserpotenzials etwa durch ver-
mehrte Vorführung lateinamerikanischer Filme oder durch häufigere Museumsausstellungen
mit lateinamerikanischer Kunst wettgemacht würde. Wenn Kulturelles in den Gesellschaften
gemeinhin ein Auf und ein Ab kennt, so hat Lateinamerika bei uns in den Jahren seit der Jahr-
hundertmitte ein ausgeprägtes Auf erlebt, das gegenwärtig in eine Seitwärtsbewegung mün-
det. Ein nicht zu unterschätzender Grund dafür ist die Anziehungskraft kulturellen »Neulan-
des«, wie es sich dem Westeuropäer nach der Wende 1989 in der ehemaligen Zweiten Welt
und immer stärker in der übrigen Dritten Welt zeigt. Als Fazit bleibt, dass man wie im übri-
gen Europa nunmehr auch in unserem Sprachraum nicht nur gerüchteweise, sondern endlich
gesicherte Kunde davon hat, dass es in Lateinamerika eine weltweit zu beachtende Kultur
gibt. Der von Hans Magnus Enzensberger vor bald vier Jahrzehnten spöttisch geäusserte Be-
fund, die Deutschen seien die letzten Entdecker Amerikas, traf streng genommen, wie wir in-
zwischen wissen, schon damals nicht zu. Aber ihre stimulierende Wirkung hat die Äusserung
getan. Die Präsenz der Kultur Lateinamerikas in Europa ist nicht mehr zu übersehen. Die
kulturellen Werte, die in Lateinamerika geschaffen wurden und weiterhin entstehen, werden
vermutlich bald einmal zu unserem Bildungskanon gehören.

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Von der Spree zum Orinoco

Festvortrag anlässlich der Fünfzigjahrfeier des Ibero-Amerikanischen


Instituts in Berlin am 13. November 1980 in der Staatsbibliothek

Unter diesem Titel, der auf das Schicksal Alexander von Humboldts anspielt, möchte ich ei-
nige Gedanken entwickeln zur Motivation des kulturellen Interesses von Deutschsprachigen
an Lateinamerika. Ob einer nun hinschaut, hinhört, hinreist oder gar dort bleibt, er begeht
immer eine Handlung. Nun gibt es aber kein menschliches Handeln, dem nicht entweder ein
Beweggrund oder eine Absicht zugeschrieben werden könnten. All unser Tun und Lassen
gehorcht einem Antrieb, der seinerseits ein Ziel haben kann oder auch nicht. Der Einengung
unserer Freiheit, die eine solche Verflechtung unseres Tüns und Lassens bei genauerer Über-
legung mit sich bringt, haftet grundsätzlich etwas Störendes an. André Gide, der auf Engnisse
jeder Art allergische Franzose, hat deshalb in seinem Roman Les caves du Vatican ( 1914) je-
nen berühmt gewordenen acte gratuit in Szene gesetzt, den Akt an sich, die Tat der reinen
Immanenz, grundlos begangen, absichtsblind: Gide's Held Lafcadio stößt den ihm an sich
gleichgültigen Reisegefährten Fleurissoire aus dem fahrenden Zug. Die ruchlose Tat ohne
Grund und ohne ein über sich selbst hinausreichendes Ziel gelang dem Adepten Nietzsches
und Bergsons spielend. Das Experiment war vollbracht, die autonome Tat und der Beweis
absoluter Freiheit geglückt. Doch nur scheinbar, denn während dieses Handeln als ein grund-
loses und zielblindes mühelos »rein« gehalten werden konnte, gelang die Abbindung von
dessen Folgen in Wirklichkeit nicht: Fleurissoire, das Tatobjekt, verlor dabei sein Leben. Aus
der Sicht der Ethik war dieser durch philosophische Deduktion hervorgerufene acte gratuit
gewiss kein richtiges Handeln. Das Beispiel zeigt, dass selbst die motivlose und absichtsfreie
Tat, sogar wenn sie das eigennützige Ziel der Selbstverwirklichung erreicht, durch die Folgen
wieder eingefangen wird im unentrinnbaren Netz seiner Verhältnisse, seiner circunstancia,
wie Ortega es nennt.
Mit dieser Präambel, mit diesem zynischen Extremfall menschlichen Verhaltens habe ich
mir erlaubt, quia absurdum, die Verflechtung des Handelns erstens mit seinen Motiven, zwei-
tens mit seinen Zielen und drittens mit seinen Folgen in Erinnerung zu rufen. Mit dem Han-
deln nun, das ich hier mit Ihnen gemeinsam erörtern darf, mit dem tätigen Interesse von
Deutschsprachigen an lateinamerikanischer Kultur und Seinsweise nämlich, verhält es sich
nicht anders. Jede Beschäftigung mit Lateinamerika hat ihre Motive, ihre Ziele und ihre Fol-
gen. Was mag einen Deutschsprachigen zu solchem Interesse bewegen? Welche Ziele mögen
dabei verfolgt werden? Und mit welchen Folgen ist dabei zu rechnen? Lassen Sie mich ver-
suchsweise einige Antworten auf diese drei zusammenhängenden Fragen geben. Damit die
Gedanken jedoch nicht im Halbdunkel vermeintlicher Geschichtslosigkeit ertastet werden
müssen, scheint mir, gewissermaßen propädeutisch, ein kurzer Rückblick auf die transadan-
tische Begegnung angebracht, auf die Begegnung Europas mit Lateinamerika.
Man kann drei Phasen unterscheiden: Eine erste von 1492 bis zum Siebenjährigen Krieg
(1756-63), die gekennzeichnet ist von der Abkapselung der beiden erobernden Imperien auf
der Iberischen Halbinsel gegenüber dem restlichen Europa, so dass dieses die Kolonien mit
einbezog in die spanienfeindliche Propaganda der Schwarzen Legende, von der noch aus-
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führlich die Rede sein wird. Die Kolonisaüonsleistung wurde andererseits in einer Phase des
nationalen Niedergangs der Mutterländer erbracht, woraus sich für die Kolonien dauerhafte,
erhebliche strukturelle Nachteile ergaben (Monopol, keine Selbstverwaltung, Bürokratie und
Immobilismus, Isolation, Innovationsfeindlichkeit, usw.). In der zweiten Phase (1763 bis
1914) vollzog sich die geistige Abwendung der Kolonien von ihren Mutterländern und eine
Hinwendung zum übrigen Europa. In Spanisch-Amerika sah man den Fortschritt allein in ei-
ner Enthispanisierung, während Portugiesisch-Amerika (Brasilien) einen eigenen, gegenüber
dem Mutterland konzilianteren Weg beschritt. Für beide Teile Lateinamerikas wurden jedoch
die ausseriberischen Länder Europas zu Bezugsregionen, nebst den USA. Mit dem Zusam-
menbruch der europäischen Wertsysteme im Ersten Weltkrieg (1914-18) beginnt die dritte
Phase. Sie ist gekennzeichnet durch kritische Rück- und Vorschau der Lateinamerikaner,
durch eine Identitätskrise und Selbstvorwürfe, aber auch durch eine beispiellose Kreativität
im kulturellen Bereich, namentlich seit dem Zweiten Weltkrieg (1939-45). Die jüngste Zeit
(etwa seit 1960) scheint im Zeichen des One-WorW-Bewusstseins, des ökologischen Revisio-
nismus und der leichten Kontakte inter nationes (Tourismus, Handel, Wirtschaft) eine neue
Phase der transatìantischen Beziehungen einzuleiten. In Europa ist man bemüht, den Euro-
zentrismus zu vergessen, in Lateinamerika versucht man, die kulturelle Autonomie - für sich
selber und für andere - besser erkennbar zu machen. Man reicht sich partnerschaftlich die
Hände, wenngleich die Finger, die man sich vorher gegenseitig verbrannt hatte, noch immer
schmerzen.
Nun gilt es noch, in diesen drei Phasen der transatlantischen Beziehung die Art und die
Richtung des Kulturtransfers zu untersuchen. Alwin Diemer (1973) unterscheidet elf relevan-
te Phänomene von Kultur. Vier davon betreffen ein vom Menschen geübtes Verhalten und
sind grundsätzlich standortgebunden, d. h. überhaupt nicht oder nur mit tiefen Assimilations-
veränderungen übertragbar. Es sind dies die Phänomene der Sozialsphäre, der Geschichte,
des Rechts, der Erziehung und Bildung. Sechs relevante Kulturphänomene hingegen, die wir
als vom Menschen erzeugte Gebilde bezeichnen können, sind grundsätzlich transferierbar. Es
sind dies die Sprache, die Kunst, die Wissenschaft, die Medizin, die Technik, die Wirtschaft.
Das elfte Kulturphänomen, die Religion, entzieht sich dieser Zweiteilung in erzeugte Gebil-
de und geübtes Verhalten. Halten wir uns demnach an die auf Distanz übertragbaren kulturel-
len Gebilde. Ihr Transfer war in der ersten historischen Phase der transatlantischen Begeg-
nung ganz und gar einseitig. Mit der Gewalt der Mächtigen haben Spanien und Portugal ihre
Kolonien nachhaltig geprägt. Auch in der zweiten Phase ist der Transfer auf einer Einweg-
bahn verlaufen, doch waren nun die anderen Länder Europas, nicht mehr die iberischen, die
Herkunftsregion. Aus Lateinamerika kam (außer Agrarprodukten, Rohstoffen und einigen
Halbfertigwaren natürlich) nichts über den Atlantik zurück. Dagegen war der neo-koloniale
Eingriff der jungen Industrienationen Europas und Nordamerikas gewaltig und rücksichtslos.
Erst in der dritten Phase begannen in zunehmendem Maße kulturelle Gebilde aus der latein-
amerikanischen Tradition und Gegenwart in die Alte Welt zu dringen (Altamerikanisches,
Kunsthandwerk von Eingeborenen und Kreolen, schöne Literatur, Filme, moderne Kunst und
Musik). Deren Aufnahme war indessen in den europäischen Ländern sehr unterschiedlich. In
jüngster Zeit hat sich diese Rezeption - u. a. im Zeichen politischer Vorgänge - stark ausge-
weitet. Der Lateinamerikabegeisterung der europäischen Jugend entspricht auf der anderen
Seite des Ozeans eine tiefe Verdrossenheit gegenüber der westlichen Welt, namentlich wegen
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der sich zwischen Bewusstsein und Realität immer weiter öffnenden Schere und infolge des
Dependenztraumas. Dennoch wird man sagen dürfen, der Fluss von kulturellen Gebilden sei
noch nie so wenig einseitig von Ost nach West, von Europa nach Amerika verlaufen wie in
den letzten Jahrzehnten. Oder ebenso vorsichtig ausgedrückt: Noch nie ist so viel an kulturel-
len Gebilden aus Lateinamerika nach Europa und hier zu breiter Beachtung gelangt. Dabei
handelt es sich allerdings fast ausschließlich um Gebilde, die den Litera-
tur und Kunst zugehören.
So weit der Rückblick auf die transatlantische Begegnung. Das in unserem Zusammen-
hang wichtigste Fazit sehe ich in dem bisher nur implizit angedeuteten Umstand, dass zu den
überwiegend von Ost nach West verlaufenden Transferfahrten in der Regel auch Rückfahrten
gehörten. Hinsichtlich kultureller Gebilde waren dies zumeist Leerfahrten, namentlich in der
ersten, der kolonialen Phase. Und doch war eine besonders folgenreiche Fracht immer mit an
Bord: die Kunde von Neuem in der Neuen Welt. Motiv und Ziel solchen berichtenden Han-
delns durch die Seefahrer, durch die Diener von Krone und Kirche, durch die Kaufleute wa-
ren meistens banal, dessen Folgen jedoch kaum zu überschätzen. Durch solche frühe münd-
liche, gelegentlich bebilderte und in Flugschriften verbreitete Kunde hat sich eine Vorstellung
verbreitet, die nach und nach mit den eigenen mythischen Vorstellungen der Europäer, mit
ihrer kollektiven Imagination verschmolz zu einem Amerikabild, das sich nachhaltig der
empirischen Beobachtung und Faktenmeldung vorlagerte. Ein Bild ist allerdings kein Kultur-
phänomen, aber es steuert als ein Orientierungssystem die Einstellung zu solchen, die aus der
Fremde kommen und uns herausfordern. Noch heute können wir beobachten, wie die Rezep-
tion von kulturellen Gebilden aus Lateinamerika, etwa von Büchern, beeinflusst wird vom
Bild, das man sich hierzulande von jenem Kontinent macht. In dem neulich hier in Berlin mit
dem Alfred-Döblin-Preis (1979) ausgezeichneten Roman Commedia des Schweizers Gerold
Späth ist die Rede von den »Sauereien mit dem Wal, mit dem Erdöl, mit Südamerika und so
weiter«. Südamerika als Skandalregion also, pauschal. Die Absicht ist satirisch, die Meinung
ein Klischee und wohl nicht die persönliche von Gerold Späth, doch der Bezug auf ein hier
gängiges Bild von Lateinamerikas Zuständen ist ein realer.
Wenden wir uns nun jenen zu, die verlässlichere Kunde aus der Neuen Welt gebracht ha-
ben. Es sind viele Deutsche unter ihnen: Hans Staden schreibt die erste Landeskunde Brasi-
liens (1557); zehn Jahre später erscheint die Wahre und lehrreiche Beschreibung, die Ulrich
Schmidl den La-Plata-Ländem widmet; Georg Markgraf und Wilhelm Piso publizieren 1648
die erste Naturgeschichte Brasiliens. Die lange Reihe der in Lateinamerika tätigen Deutschen,
Österreicher und Schweizer lässt sich in einem von Hartmut Fröschle edierten Sammelband
(1979) bequem einsehen. (Ich widme diesen Leistungen ein eigenes Kapitel). Die Naturfor-
scher, Ethnologen und Archäologen haben, vor allem im 19. Jahrhundert, den Grundstein
gelegt für die Altamerikanistik wie für die Lateinamerikanistik ganz allgemein. Soweit es
sich um Jesuitenpatres handelt, gibt uns die Motivation ihres Handelns und Forschens in La-
teinamerika keine Rätsel auf: sie war religiös, missionarisch. Interessanter ist die Frage bei
den weltlichen Forschem. Greifen wir den bekanntesten heraus: Alexander von Humboldt.
Aus dem vorbereitenden Kapitel seiner Reise in die Aequinoktialgegenden des neuen Konti-
nents (1799-1804), dessen französische Originalausgabe 1980 in einer Faksimile-Edition zur
Subskription angekündigt wurde (Georg Olms, Hildesheim), kann man Bemerkenswertes
nachlesen. »Nicht leicht hat aber ein Reisender mit so vielen Schwierigkeiten zu kämpfen
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gehabt, wie ich vor meiner Abreise nach dem spanischen Amerika«, so lesen wir dort. Und
ferner bekennt er als Motiv den »sehnhchen Wunsch, ferne, von Europäern wenig besuchte
Länder bereisen zu dürfen«, und dass er »den Trieb zur See und zu weiten Fahrten immer
mächtiger« in sich werden fühlte. Auch zollt er den lebendigen Reiseschilderungen ihren Tri-
but, besteche doch »alles in Endegenheit undeutlich Umrissene unsere Einbildungskraft«. Zu
unserer Überraschung gesteht Humboldt noch eine andere - wie wir meinen könnten - ganz
und gar moderne Motivation, die Zivilisationsmüdigkeit nämlich: »Genüsse, die uns nicht
erreichbar sind, scheinen uns weit lockender, als was sich uns im engen Kreis des bürgerli-
chen Lebens bietet.« Das soeben Zitierte bezieht er allerdings auf seine friihere Jugendzeit.
Vor dem Aufbruch zur großen Reise sieht er das Motiv etwas anders: »Wenn es mich noch
immer in die schönen Länder des heißen Erdgürtels zog, so war es jetzt nicht mehr der Drang
nach einem aufregenden Wanderleben, es war der Trieb, eine wilde, großartige, an mannig-
faltigen Natu rodukten reiche Natur zu sehen, die Aussicht, Erfahrungen zu sammeln, wel-
che die Wissenschaft förderten.«
Aber wohin sollte denn die Reise gehen? (Auch davon habe ich in diesem Band schon
gesprochen). Wir erfahren aus demselben Kapitel, aus der eigenen Feder Humboldts, dass er
sich sechs Jahre lang auf die weite Explorationsfahrt vorbereiten konnte durch Reisen in die
Alpen, nach Italien, nach Wien. Er wurde allein durch die eingetretenen politischen Verhält-
nisse daran gehindert, noch eine achtmonatige Expedition nach Oberägypten auszuführen.
Monatelang war er entschlossen, sich in Begleitung von Michaux und Bonpland an einer
kühnen Entdeckungsreise mit Kapitän Baudin durch die Südsee zu den spanischen Besitzun-
gen vom Rio de la Plata bis zum Königreich Quito und der Landenge von Panama zu beteili-
gen. Wieder brach der Krieg in Deutschland und in Italien aus, so dass die französische Re-
gierung die Geldmittel zurückzog. In seinem Kummer beschloss er, »nur so bald als möglich,
wie es auch sei, von Europa wegzukommen, irgend etwas zu unternehmen, das meinen Un-
mut zerstreuen könnte.« Er verließ Paris und seinen Bruder Wilhelm mit dem Entschluss, sich
nach Algier und Ägypten einzuschiffen, doch die schwedische Fregatte erlitt durch schwere
Havarie eine monatelange Verspätung. Neue Schiffstransporte boten sich an, Humboldt und
Bonpland hätten sie wähl- und ziellos ergriffen, wenn nur einigermaßen Gewähr für eine si-
chere Überfahrt bestanden hätte. Tunis, von dort aus Syrien und Ägypten lockten, doch die
Tunesier waren den Franzosen feindlich gesinnt. So überwinterten die beiden in Spanien.
Durch Vermittlung des wissenschaftlich aufgeschlossenen Ministers Mariano Luis de
Urquijo, den Humboldt für seine Reisepläne nach dem neuen Kontinent und nach den Phil-
ippinen gewinnen konnte, wird er in Aranjuez dem König vorgestellt, im März 1799. Urquijo,
aus »keinem anderen Beweggrund als seiner Liebe zu den Wissenschaften«, räumte alle
Schwierigkeiten aus dem Weg. Am 5. Juni 1799 legte die Korvette »Pizarro« in La Coruña ab
mit Kurs auf Teneriffa, Kuba und Mexiko. Erleichtert sieht Humboldt die letzten Küsten-
lichter Europas endlich verschwinden.
Welches waren also die Motive? Eine Mischung von Europamüdigkeit, Fernweh und
Forscherdrang. Und das Ziel? Unbekannte Natur zu erkunden und zu beschreiben. Und die
Folgen? Erstmalige Erkenntnis über Beschaffenheit der Böden, der Gebirge, der Flussläufe
der bereisten Länder, Begründung der Pflanzengeographie, der Lehre von den Isothermen
und der Bevölkerungsstatistik, Schaffung des Vertrauens der argwöhnischen Amerikaner in
die Uneigennützigkeit und den Nutzen solcher Forschung. Alexander von Humboldt hat ein
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hohes Paradigma gesetzt. Keinem der nachkommenden Forscher ist es wohl wie ihm gelun-
gen, die Distanzen zwischen Spree und Orinoco so sinnvoll zu überbrücken, die Motive, Zie-
le und Folgen seines Handelns so bewusst zu machen und zu harmonisieren.
Die Verhältnisse sind seither anders geworden. Es sind nach Humboldt Jahrzehnte ange-
brochen, in denen die jungen Industrienationen ihr Handeln gegenüber Lateinamerika kaum
mehr auf Wissenschaft und auf Kultur ausrichteten, vielmehr auf Handel und Gewinn. Man-
che der in die Unabhängigkeit entlassenen Kreolen halfen dabei kräftig mit. Zu Beginn des
20. Jahrhunderts war der Vertrauensschwund vollzogen. Nicht einmal mehr den Geisteswis-
senschaften, die sich nun auch für die Kulturen Lateinamerikas zu interessieren begannen,
traute man dort die Lauterkeit der Motive zu, auch nicht den Uneigennutz des Ziels, und wäre
dieses auch nur der Erkenntnisgewinn. Wer sich als Forscher, als Kulturschaffender Latein-
amerika annähert, der mag - so argwöhnte man inzwischen - dorthin ausweichen, weil er
durch k n ^ p gewordene Forschungsfelder motiviert ist, weil er sich Lorbeeren im eigenen
Land zum Ziel setzt und weil er eine eurozentristische Überfremdung des Bezugslandes als
Folge ungerührt in Kauf nimmt. Das Misstrauen ist allgemein, beidseitig und sitzt tief, beson-
ders bei den Wissenschaftern. Die schroffste Abwendung von den entwickelten Ländern, ja
eine eigentliche Denunziation, namentlich der USA, erfolgte im Protest gegen den Imperia-
lismus, und die Dependenztheorie bezog auch Europa ein in die pauschale Schuldzuweisung.
Die Durststrecke zieht sich von der 68er Bewegung hin bis zur fünfhundertsten )\^ederkehr
der Kolumbusfahrt, 1992. Dennoch meine ich, die Talsohle sei durchschritten und es bestehe
Grund zur Beruhigung. Ich möchte dies zum Schluss anhand von Überlegungen zu den
Rezeptionsvorgängen sichtbar machen.
Wer heute Reiseliteratur schreibt oder liest, hat - anders als die humanistische Leserschaft
des ersten Kolumbusbriefes von 1493 - ausreichende Vergleichs- und Kontrollmöglichkeiten,
um Zwecklügen, Diskriminierungen und Trugschlüsse selber zu erkennen. Auch die ideolo-
gische Propaganda entlarvt sich selber als solche. Der Wissensvorsprung des reisenden
Schreibers gegenüber dem daheimsitzenden Leser ist so groß nicht mehr. Wer heute zum
Beispiel für die Verbreitung guter Literatur aus Lateinamerika bei uns eintritt, braucht nicht
mit Bildungslücken, Abenteuerersatz und anderen Droh- oder Lockgesten auf einen lese-
willigen Bürger einzuwirken. Lateinamerika ist heute, wenn auch nicht immer aus erfreuli-
chen Gründen, in den Medien und Zeitungen in hohem Maße gegenwärtig, in Ausstellungen
vertreten, in Schmuck und Kleidung aus unserem Straßenbild nicht mehr wegzudenken, in
der Unterhaltungsmusik, aber auch im Konzertsaal nicht zu überhören, so dass eine vielfälti-
ge Präsenz von Gebilden, die direkt oder indirekt mit Kultur zu tun haben, die Rezeptions-
freudigkeit fördert. Jede Rezeption ist ja auch von kulturellen Orientierungssystemen oder
Moden abhängig, wie sie der Humanismus bei uns in besonders nachhaltiger Weise über
Jahrhunderte darstellte, wie die kurzlebigen turqueries im Frankreich Ludwigs des XTV, wie
die delikate chinoiserie bei den Impressionisten oder der Japanismus auf den Opernbühnen.
Mir scheint, eine milde Sorte von Lateinamerikanismus, wie wir ihn zur Zeit in Europa und
in Nordamerika beobachten können, verspricht auch der Rezeption von Kultur förderlich zu
sein. Ein weiteres Indiz für vermehrte Präsenz Lateinamerikas in unseren Literaturen sehe ich
in der wachsenden Zahl deutschsprachiger Autoren, die Menschen und Schicksale aus La-
teinamerika zu ihrem Erzählstoff machen oder in Essays Verständnisbrücken hinüberbauen:
Alfred Antkowiak, Hans Magnus Enzensberger, Gudrun Pausewang, Hans-Jürgen Heise, die
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Schweizer Max Frisch, Hugo Loetscher, Annin Bollinger, Rudolf Peyer, inzwischen auch die
Österreicher Christoph Ransmayr, Erich Hackl und andere mehr. Sie schreiben in unserer
Sprache nieder, was sie angesichts der kulturellen Fremdheit als Europäer empfinden, brin-
gen somit zur Sprache, was bislang stumm als Kulturbarriere den Zugang zu den Autoren je-
nes Kontinents hemmte.
Und noch ein Wort über uns Sprach- und Literaturforscher. Bedarf es für die Motivation
einer Hinwendung zur Lateinamerikanistik noch immer des Biographischen wie bei
Petriconi, bei Grossmann, bei mir und anderen, die drüben aufgewachsen sind? Ich glaube
nicht, denn inzwischen sind die Institutionen so zahlreich, ist die Hispanistik so sattelfest ge-
worden, dass es solcher persönlicher Umstände nicht mehr bedarf. Indes, wenn die Studien-
richtung einmal gewählt ist, kommt da nicht der Skrupel auf, man tue hier eine Arbeit, die
eigentlich den Kollegen in Lateinamerika zustünde? Das Bedenken, das übrigens in jeder
Fremdphilologie gälte, ist entkräftet, seitdem auch in Lateinamerika inzwischen eine Litera-
turkritik und eine Sprachwissenschaft von internationalem Niveau entstanden sind und einen
fruchtbaren Dialog über den Atlantik ermöglichen.
So wage ich zum Schluss den Wunsch - es könnte auch eine Prognose sein - , es möge die
Rezeption wie die Produktion von Kulturgebilden, die ihren Ursprung oder einen Bezug dort
drüben haben, ihr Motiv sehen in Sympathie, Wissbegier und Anteilnahme; sie mögen ihr
Ziel sehen in einem partnerschaftlich erarbeiteten, hilfreichen Erkenntniszuwachs; sie möge
die Folgen kulturellen Handelns kritisch bedenken im Hinblick auf eine Endastung des von
der Geschichte so schwer belasteten Verhältnisses zwischen Europa und Lateinamerika.

Literaturhinweise

Diemer, Alwin. 1973. »Kulturphilosophie«. In: Diemer, Alwin und Ivo Frenzel (Hg.). Das Fischer Lexi-
kon. Philosophie. Frankfurt/M.
Humboldt, Alexander von. 1958 [Ί985]. Vom Orinoco zum Amazonas. Reise in Äquinoktial-Gegenden
des neuen Kontinents. Hg. von Adolf Meyer-Abich. Wiesbaden.
Meyer-Abich, Adolf. 1967. Alexander von Humboldt in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek
b. Hamburg.

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Die Deutschsprachigen in Lateinamerika - Eine historische Skizze

Die Beziehungen der deutschsprachigen Länder zu Lateinamerika sind im Zusammenhang


mit der Bildforschung deshalb erwähnenswert, weil die Art und Weise, wie Völker einander
sehen, aufs Engste mit dem Verhältnis zusammenhängt, in dem sie im Verlauf der Geschich-
te kulturell und politisch zueinander standen. Denn das Bild, das wir uns von einem anderen
Volk, wie übrigens auch von anderen Menschen machen, hängt weitgehend ab von den Be-
ziehungen, die zwischen uns und den anderen bestanden oder noch bestehen. Die Geschich-
te der Beziehungen zwischen dem deutschen Sprachraum und Lateinamerika ist deshalb als
Voraussetzung für die sich wandelnden und ablösendenden Bilder von eminenter Bedeutung.
Dabei sind freilich weniger die zwischenstaatlichen und diplomatischen Beziehungen rele-
vant als vielmehr die persönlichen Kontakte in und mit Übersee, sei es von Individuen oder
von Gruppen. Die derzeit wohl umfassendste Publikation zu diesem Thema ist der Sammel-
band Deutsche in Lateinamerika - Lateinamerika in Deutschland, herausgegeben von Karl
Kohut (1996), Dietrich Briesemeister und mir.

Weder koloniale Ansprüche noch Imperialismus

Wenn die hier gemeinten Beziehungen im Grossen und Ganzen erfreulich waren und noch
sind, so schlicht deshalb, weil kein deutschsprachiges Land je - mit Erfolg und auf Dauer -
koloniale Ansprüche in der Neuen Welt gestellt hatte. Die in Spanien von 1516 bis 1700, also
in der Zeit der grössten territorialen Expansion regierenden Habsburger wurden nicht mit
dem Land Österreich identifiziert sondern mit Spanien, auch wenn man dort die Dynastie
Casa de Austria nannte. Die einzigen Deutschen, die in der Frühzeit nach der Entdeckung mit
Erlaubnis der Spanier in die Neue Welt reisen durften, waren entweder Söldner oder Abge-
sandte der Handelshäuser der Fugger und Welser in Augsburg. Selbst das Lehen, das Karl V.
den Welsern im nördlichen Venezuela und im nachmaligen Kolumbien als Pfand für deren
Kredite gewährte, führte bekannüich nicht zu einem kolonisatorischen Erfolg für die Augs-
burger. Die Expedition des Ambrosius Alfmger um Coro und um den Maracaibo-See blieb
ohne Folgen und auch seinem Nachfolger, Georg von Speyer, war kein Erfolg beschieden. So
brach der ebenfalls von den Welsern entsandte Ulmer Nicolaus Federmann aus Venezuela in
Richtung Anden auf, um das begehrte El Dorado in der Region des heutigen Bogotá zu su-
chen. Doch auch er zog bekanntlich gegenüber Belalcázar und Jiménez de Quesada vor dem
Consejo de Indias den Kürzeren, als es um die Ernennung des Gouverneurs für das Vizekönig-
reich Nueva Granada ging. Auch der Nachfolger Federmanns, Philipp von Hutten, suchte ver-
geblich nach dem El Dorado, und als er 1541 erschlagen wurde, ging die deutsche Unterneh-
mung im nördlichen Südamerika ein und das Lehen der Welser fiel nach 17 Jahren an die Kro-
ne zurück. Fortan hat der Consejo de Indias keinen Ausländem mehr auf spanischem Kolonial-
territorium Einlass gewährt. Von 1562 an Hess die Inquisition in den spanischen Übersee-
territorien nur noch die Einreise von Einzelpersonen zu. Immerhin sind von diesen militäri-
schen Führern die frühesten Berichte von Deutschen über Lateinamerika nach Deutschland ge-
langt. Zusammen mit den vielgelesenen Reiseberichten von Hans Staden (1557) und von Ulrich
Schmidl (1567) bilden sie ein Basiskorpus für die frühe Historiographie über den Kontinent.

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Germán Arciniegas (1943: 201), der die Rolle der Germanen bei der Eroberung Amerikas
geschildert hat, meint bemerkenswerterweise, die Fugger und die Welser, wären sie nur ener-
gisch genug und weniger zurückhaltend gewesen, hätten die Situation in Amerika unter ihre
Kontrolle gebracht. Es wäre dann - so der kolumbianische Historiker - sehr wohl möglich
gewesen, dass sich das Banner Kastiliens in der Neuen Welt nicht länger hätte halten lassen.
Es ist nicht zu überhören, dass Arciniegas, und vor wie nach ihm manche ihrer Latinität über-
drüssigen Lateinamerikaner, sich andere Kolonisatoren gewünscht hätten als die Spanier.
Ob Deutschland im Zeitalter des Imperialismus (1871-1914) das Gefälle zur Minder-
entwicklung Lateinamerikas gleich wie andere Industrienationen ausgenutzt hat, ist umstrit-
ten. In Frage kommt allenfalls die Ausübung des sogenannten »informellen Imperialismus«.
Darunter versteht man die Einflussgewinnung der nordatlantischen Staaten, die kraft ihrer
wirtschaftlichen und technologischen Überlegenheit weniger entwickelte Staaten dazu zwin-
gen konnten, ihre Fertiggüter abzunehmen und ihre Rohstoffe ausbeuten zu lassen, von der
Ausnutzung von Kapitalinvestitionschancen ganz zu schweigen. Wie dem auch sei, der deut-
schen Wirtschaftsexpansion nach Lateinamerika war nicht der gleiche Erfolg beschieden wie
etwa den Amerikanern, Engländern und Franzosen. Bemecker und Fischer (1996) sehen den
Grund hierfür darin, dass es dem Reich nicht an der entsprechenden Absicht mangelte, son-
dern an der Chance.

Die Präsenz diversifiziert nach Sektoren

Die Präsenz und das Wirken von Deutschen in Lateinamerika werden aus einer eindrück-
lichen Dokumentation erkennbar, die Hartmut Fröschle (1979) zusammengetragen hat. In
einer 1492 beginnenden Zeittafel werden dort auf 22 kleinbedruckten Seiten des Anhangs die
wichtigsten Namen und Fakten aufgeführt. Unter dem letzten Eintrag ist vermerkt, dass im
Jahr 1978 über zwei Millionen Deutschsprachige und einige Millionen Deutschstämmige in
Lateinamerika ansässig waren. Aufschlussreich ist die Auswertung von Fröschles Daten-
sammlung im Hinblick auf die Sektoren des gesellschaftlichen Lebens, in denen die Deutsch-
sprachigen drüben besonders einflussreich waren. An erster Stelle steht der Bergbau; an
zweiter die Kolonisierung mit Landwirtschaft, Viehzucht, Handel, Gewerbe; an dritter Stelle
figurieren die Missionstätigkeiten; an vierter die Forschung in den Naturwissenschaften, der
Ethnologie und der Archäologie, schon von 1755 an; an fünfter Stelle folgt das Ingenieurwe-
sen; an sechster Stelle das Militärwesen; an siebter Stelle kommt das Schulwesen und an ach-
ter Stelle werden schliesslich die bildenden Künstler erwähnt.
Diese statistische Reihung nach Sektoren werde ich im Folgenden beibehalten und ergän-
zen mit einigen Kommentaren. Dass die Tätigkeiten im Bergbau zuvorderst stehen, und zwar
schon von 1525 an, mag überraschen. Indes, dem Habsburger Kaiser Karl V. war die Tüchtig-
keit deutscher Bergleute wohlbekannt und so entsandte er seine Spezialisten schon früh in die
für die Krone so wichtigen Quecksilber-, Gold- und Silberminen Mexikos. Später, gegen
Ende des 18. Jahrhunderts, taten sich dort F. T. Sonneschmidt und von 1825 bis 1835 der
Bergwerksfachmann Joseph Burkart sowie der Strassenbauer Eduard Mühlenpfordt hervor.
In Brasilien, wo er von 1811 bis 1814 wirkte, galt Wilhelm Ludwig von Eschwege als der
Vater von Geologie und Bergbau im Lande. Näheres dazu bei Franz Tichy (1996).
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Dass an zweiter Stelle Tätigkeiten in der Kolonisierung folgen, war zu erwarten, denn für
Land- und Forstwirtschaft wie für die Viehzucht hatte sich nach dem Abzug der Spanier ein
weites Feld eröffnet. Desgleichen für den Handel, wo nach den Unabhängigkeitsbewegungen
(1810-1823) sich vor allem die norddeutschen Hanseaten hervortaten. In scharfer Konkur-
renz zu den Engländern und Franzosen wurden nach Öffnung der Grenzen über zahkeiche
deutsche Handelskontoren langjährige Geschäftsbeziehungen begründet und ausgebaut. Der
erst vor kurzem wiedergefundene Bericht von Hermann Eberhard Löhnis, der von 1850 bis
1852 von Argentinien über Chile, Peru, Ecuador und Kolumbien bis nach Panama als eigent-
licher Handels-Kundschafter unterwegs war, ist ein gutes Beispiel für den Unternehmungs-
geist deutscher Kaufleute von damals. In diesen Sektor der kolonialen Tätigkeiten gehört
auch das Gewerbe. Die deutschen Ledergerber waren besonders zahlreich vertreten. Im Be-
reich der Mission sind neben den Herrenhutem und Mennoniten namentlich die Jesuiten zu
erwähnen. Aus ihrem legendären Gottesstaat im Paraguay des 18. Jahrhunderts sind durch die
Berichte der österreichischen Patres unschätzbare Dokumente über das Leben der Eingebo-
renen nach Europa gelangt. Die wohl beste Darstellung ist international noch immer die von
Alberto Armani (1977).
Immerhin an quantitativ vierter Stelle figuriert bei Fröschle die Forschung, besonders in
den Naturwissenschaften, der Ethnologie und der Archäologie. In der Tat ist sie ein wichtiger
Faktor für das Ansehen von Deutschen in der Alten und Neuen Welt. Schon zur Zeit der Re-
naissance sorgten die kartographischen Leistungen für Aufsehen. Es war bekanntlich Ring-
mann, der 1507 zu Ehren Americo Vespuccis den neuen Erdteil nach dessen Vornamen be-
nannte: America. Dank der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg sind die deutschspra-
chigen Länder damals zur weltweit führenden Druckerregion geworden, so dass von hier und
von den Niederlanden aus eine Vielzahl illustrierter Amerika-Berichte über ganz Europa ver-
breitet wurden. Ich komme auf deren Wirkung in einem späteren Kapitel noch zu sprechen.
Die Wertschätzung deutscher Naturforscher wurde entscheidend angehoben durch Alexander
von Humboldt, von dessen »zweiter Entdeckung Amerikas« schon die Rede war.
In Humboldts Nachfolge standen im 19. Jahrhundert zahlreiche ausgezeichnete Natur-
wissenschafter wie Thaddäus Haenke, die Österreicher Johann Baptist Spix und Karl Fried-
rich Philipp V. Martius in Brasilien, der Arzt Eduard Poeppig in Chile und Peru, der Schwei-
zer Johann Jakob von Tschudi in Peru, Brasilien und Argentinien, Alfred Hettner in Kolum-
bien, Wilhelm Sievers in Venezuela und Kolumbien, Karl Sapper in Zentralamerika, der
Vulkanologe Hans Meyer in Ecuador, um nur einige Pioniere zu nennen. Im 20. Jahrhundert
waren deutsche Forscher des öftern als Professoren an Schulen und Universitäten Lateiname-
rikas für längere Zeit im Lande ansässig. - Ich erinnere mich noch gut an den Botaniker Al-
fi-ed Weberbauer, den wir im Colegio Alemán in Miraflores zutraulich Pepito nannten. Die
Erforschung der Flora Perus war sein Lebenswerk. - Doch die Zeit der Einzelforscher ging
bald zu Ende, ihr folgten die Jahre der Teamarbeit und der spezialisierten Institute. Nach ei-
ner kriegsbedingten Durststrecke und erst als die Deutsche Forschungsgemeinschaft über
grössere Fördermittel verfügte, wurden regionale Projekte ermöglicht, so etwa das Gross-
unternehmen des interdisziplinären, vor allem erdwissenschaftlichen Mexiko-Projektes (dazu
Lauer 1976 und Seele 1988). Es bedarf keiner weiteren Begründung, weshalb in Lateiname-
rika den Deutschen der Ruf herausragender Wissenschafter so nachhaltig anhaftet. Diesem
populären Renonmiee ist wohl zu verdanken, dass in Brasilien noch heute ein mythischer
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Doktor namens Adolph Fritz als Wunderheiler umhergeistert. »Keiner hat ihn je gesehen,
aber im Hinterland Brasiliens und in den Favelas zählt er heute zu den bekanntesten Deut-
schen.« (NZZ 1999). Der Vor- und der Nachname sprechen für sich.

Ingenieure, Militärs, Lehrer, Künstler, Kaufleute

Doch zurück zu Fröschle und zu den Deutschsprachigen in anderen Bereichen. Erst an fünf-
ter Stelle steht das Wirken deutscher Ingenieure, vorab in den Sparten Tiefbau, Brauerei und
Mühlen. Die frühen Grosstaten wie der Panama-Kanal oder die höchste Eisenbahn der Welt
nach Cerro de Pasco in den peruanischen Anden waren das Werk von Franzosen, Amerika-
nern oder Engländern. Erst im 20. Jahrhundert haben deutsche und Schweizer Firmen
massgeblich am Bau von Grosskraftwerken mitgewirkt. Dass das Militärwesen bei Fröschle
erst an sechster Stelle folgt, mag überraschen. Doch es war ein Sektor, in dem die Franzosen
als Instrukteure zunächst dominiert hatten. Sie wurden erst nach 1871 von den Deutschen
abgelöst. Immerhin, abgesehen von dem erwähnten Abenteuer im Welserland und den
abenteuernden Söldnern in spanischen Diensten kamen deutsche Wehrleute erst zu Beginn
des 19. Jahrhunderts zahlreicher nach Amerika. Den frühesten Einsatz leisteten die rund 300
deutschen Offiziere und Legionäre in der Befreiungsarmee von Simón Bolívar, der in den
Jahren 1817 bis 1819 gezielt in Deutschland anwerben Hess. Im jungen Kaiserreich Brasili-
en wurden 1823 Fremdenbataillone gegründet, in denen etwa 2000 deutsche Soldaten dien-
ten. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts sind dort nochmals etwa 2000 deutsche Söldner an-
geworben worden. In Mexiko nahm die Expedition des habsburgischen Erzherzogs Maximi-
lian zwecks Errichtung eines Kaiserreiches ein unrühmliches Ende (1864-1867), und damit
war es mit der Präsenz europäischer Söldner in Lateinamerika zunächst vorbei. Indes, gegen
Ende des 19. Jahrhunderts und nach blutigen Kriegen unter den Schwesterrepubliken hielten
die Regierenden eine Professionalisierung des staatlichen Militärwesens für nötig. So kam
die Zeit der europäischen Militärinstrukteure. Deutsche Offiziere dienten besonders in Chile,
aber auch in Argentinien, Bolivien und wie gesagt auch in Brasilien. Das Prestige tüchtiger
Offiziere wie Wilhelm Faupel, Hans Kundt und Hans von Kiesling hat in den genannten Län-
dern den verlorenen Ersten Weltkrieg überdauert und danach vor allem den Waffenexport
Deutschlands in diese Länder wieder in Gang gebracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind
nur mehr in Argentinien exilierte Luftwaffenoffiziere als Ausbilder tätig geworden. Die Zeit
der nordamerikanischen Militärberater war angebrochen (dazu Kahle 1996).
An siebter Stelle in Fröschles Statistik steht das Schulwesen. Aus den zunächst für die
deutschsprachigen Kolonien im Laufe des 19. Jahrhunderts als Selbsthilfe gegründeten, oftmals
konfessionell getrennten Elementarschulen haben sich seit den 1920er Jahren eigenständige,
doch als Begegnungsschulen konzipierte Institutionen herausgebildet, mit wachsendem Presti-
ge, bis dann die 1935 unter Hitler verordnete ideologische Gleichschaltung die örtlichen Behör-
den zu deren Schliessung veranlasste. - Es sei mir hier eine persönliche Erinnerung gestattet,
damit das Unglaubliche wieder geglaubt werde. Mein Bruder und ich waren selber Zeugen und
Opfer jener schleichenden Übernahme des traditionsreichen Colegio Alemán in Lima durch aus
Deutschland entsandte Nationalsozialisten. Der stramme Lotze wurde anstelle des feinen Hu-
manisten Mutze als Rektor eingesetzt, und diesem wurde zusätzlich noch von fanatisierten

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Landsleuten das Auto sabotiert, so dass er beinahe zu Tode kam und invalid blieb. Als wir uns
zur Abschlussfeier des Schuljahres unter die Hakenkreuzflaggen stellen sollten, war für uns
Schweizer kein Bleiben mehr. Die Schweizer Schule in Lima wurde erst 1942 gegründet. Am
Weihnachtstag 1936 nahmen wir an Bord der »Düsseldorf« traurig Abschied von dem gelieb-
ten Peru und von den Jugendfreunden. An Bord waren auch unsere Deutschlehrer Kirschke und
Krönke, zurückbeordert zum Wehrdienst. Sie sind beide an der Ostfront gefallen. Die »Düssel-
dorf« ist später im Atìantik versenkt worden. - In der Nachkriegszeit ist der Wiederaufbau des
Auslandschulwesens erstaunlich rasch erfolgt und kennt heute einen sensationellen Erfolg. In
15 Staaten Lateinamerikas bestehen gegenwärtig 40 von der Bundesrepublik Deutschland ge-
förderte Schulen mit einer Gesamtzahl von etwa 60 Tausend Schülern, davon kaum 10% mit
deutscher Staatsangehörigkeit. Die lokalen Schweizerkolonien haben sieben Auslandschweizer-
schulen in Lateinamerika gegründet. Sie werden von einzelnen Kantonen partnerschaftlich un-
terstützt. Die Mehrsprachigkeit der Schweiz schafft diesbezüglich besonders schwer zu lösen-
de Probleme. Auch die Schweizer Auslandschulen sind, wie die deutschen und die eine öster-
reichische, als Begegnungsschulen konzipiert, stehen also auch den Schülern der Gastländer of-
fen, sofern die Eltern es vermögen. Bei Fröschle nicht erfasst sind die derzeit 19 Goethe-Insti-
tute in Lateinamerika. Neben den Schulen sorgen sie seit den 1950er Jahren in eindrücklicher
Weise für die kulturelle Präsenz des deutschen Sprachraums, mit Sprachkursen und breit orien-
tierten Veranstaltungen. Die Schweizerische Kulturstiftung Pro Helvetia verfolgt trotz eines
andersgearteten Auftrags und trotz ungleich geringerer Mittel dieselben Intentionen. Inter
Nationes in Bonn veröffentlicht seit 1960, neuerdings zusammen mit dem Goethe-Institut, die
von Albert Theile gegründete und für die Iberische Welt konzipierte Kulturzeitschrift Humboldt,
je in einer spanisch- und in einer portugiesischsprachigen Reihe. Als weitere Mittlerorgani-
sation entsendet der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) an zahkeiche Hochschu-
len Lateinamerikas auf Zeit verpflichtete Deutsch-Lektoren. Es beeindruckt, wie intensiv und
erfolgreich die kulturelle Auslandarbeit namenüich der Bundesrepublik Deutschland in Latein-
amerika ist (dazu Werner 1996).
An achter Stelle hat Fröschle schliesslich die bildenden Künstler erwähnt, allen voran den
weitgereisten Maler Johann Moritz Rugendas (1802-1858). Wie sehr dieser Augsburger und
andere Zeichner und Maler im 19. Jahrhundert von Humboldt beeinflusst waren, schildert
Renate Löschner (1996). Weniger bekannt geworden ist der Schweizer Johann Salomon Hegi
(1814-1896), ein Freund Gottfried Kellers. Er war von 1849 bis 1860 in Mexiko tätig und hat
zu einer Zeit, da die Photographie noch in den Anfängen steckte, mit seinen Skizzenbüchern
eine unschätzbare Dokumentation von TVpen und Landschaften nach Europa gebracht (Hegi
1989). Aus Österreich war der Maler Thomas Ender 1817 im Gefolge der Erzherzogin Leo-
poldine in Brasilien.
Auf einem Gebiet hat Fröschle vermutlich zu wenig recherchiert, im Sektor Wirtschaft
nämlich. In der Bibliographie von Fritz Eberhardt (1926) - die sich allerdings auf Nord- und
Südamerika bezieht - rangieren die Titel dazu mengenmässig weit oben, gleich nach der
Unterhaltungsliteratur. Obschon es sich dabei vielfach um Geschäftsberichte der zahlreichen
deutschen Handelskontore in Lateinamerika handeln dürfte, wäre daraus für die Geschichte
der Handelsbeziehungen, aber auch für die Kenntnis von Land und Leuten seit 1900 einiges
zu erfahren. Der erwähnte Bericht von Löhnis (2000) beweist es. Es klafft da wohl eine
Forschungslücke.
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Fluchtpunkt Lateinamerika

Da sie nicht nach Berufen oder Tätigkeiten zu ordnen ist, fehlt in Fröschles Statistik der Sek-
tor, der naturgemäss den nachhaltigsten Einfluss auf die beiderseitigen Beziehungen zwi-
schen den Deutschsprachigen und den Lateinamerikanern ausübte: die Migration. Und zwar
sowohl die wirtschaftlich motivierte im 19. Jahrhundert und bis zum Ersten Weltkrieg als
auch nach 1933 die politisch bedingte. Das Zusammenleben von Einwanderern mit Einhei-
mischen hat in Übersee das Bild der Herkunftsländer dauerhaft geprägt, im Positiven wie im
Negativen. Und umgekehrt sind in den europäischen Heimatländern durch missglückte
Kolonisationsprojekte - man denke an Putina in Peru oder Ibicaba in Brasilien - sowie durch
enttäuschte Rückmeldung oder Rückwanderung dauerhafte Negativbilder entstanden. Eine
Massenauswanderang konnte erst einsetzen, nachdem Spanisch-Amerika entkolonisiert war,
also etwa von 1820 an. Man darf indes diese Massen nicht überschätzen. Bei einer Gesamt-
einwanderung nach Lateinamerika zwischen 1820 und 1920 von 6 bis 7 Millionen Menschen
nimmt sich der Anteil der Deutschsprachigen sehr bescheiden aus. Das höchst unsichere Zah-
lenmaterial besagt etwa: 227 Tausend Deutsche, 150 Tausend Österreicher und 75 Tausend
Schweizer. Trotz diesen Proportionen ist die Emigration von Deutschsprachigen nach Über-
see gut erforscht worden (Ziegler 1996). Die Erfolgsgeschichten sind dabei weniger häufig
aufgezeichnet worden als das harte Schicksal so mancher, wie es etwa aus dem Titel
»Schweizer statt Sklaven« hervorgeht, mit dem Béatrice Ziegler (1985) ihre Dissertation über
die Auswanderer in den Kaffeeplantagen von Säo Paulo überschrieben hat.
Die Geschichte der schwierigen Beziehungen zwischen dem nationalsozialistischen
Deutschland und den lateinamerikanischen Staaten vor, während und nach dem Zweiten
Weltkrieg zeigt beiderseits das Ränkespiel reiner Wirtschaftsinteressen (Pommerin 1996).
Dass Lateinamerika gleich nach Kriegsausbruch 1939 in einen Wirtschaftskrieg verwickelt
wurde, zeigt die von den Alliierten umgehend vollzogene Seeblockade um den Kontinent.
Das Dritte Reich wollte trotz des Misstrauens, das ihm dort in zunehmendem Masse ent-
gegenschlug, diplomatisch alles tun, um die rohstoffreichen Länder auf seiner Seite zu halten.
Die bis 1941 zum guten Teil noch mit einem Sieg der Deutschen (auch über England) rech-
nenden Lateinamerikaner wollten sich die Option auf diesen künftigen grossen Handelspart-
ner nicht verbauen und blieben zunächst neutral. Erst als auch die USA in den Krieg eintra-
ten, wurde die Neutralität gegenüber den Achsenmächten aufgegeben und es folgten die aus
der Feme möglichen Repressalien wie Enteignungen, Intemierungen und Schliessung deut-
scher Institutionen und Schulen. Nur Brasilien ging so weit, den grossen deutschsprachigen
Kolonien in Rio Grande do Sul auch den Gebrauch ihrer Muttersprache zu verbieten. Den-
noch waren es gerade diese Länder mit starken deutschen Kolonien, also Argentinien, Chile,
Uruguay und Paraguay sowie das grosse Brasilien, wo sich nach der Kapitulation 1945 zahl-
reiche flüchtige Nationalsozialisten verstecken und sogar Schutz finden konnten. Ein Vor-
gang, der diese Länder vielerorts in Verruf brachte. Die Schergen mussten ihr Exil nun mit
den so zahlreichen Deutschen und Österreichern teilen, die zwischen 1933 und 1945 vor dem
Naziterror geflohen waren. Zum Exil, dem jüdischen wie dem politischen, sind schätzungs-
weise insgesamt etwa hunderttausend Deutsche und Österreicher gezwungen worden. Sie
haben durch ihre Rucht zwar meistens überlebt, sind jedoch in Lateinamerika zumeist Frem-
de geblieben. Eine Integration erfolgte fast nur unter Emigranten. Die Assimilierung im Gast-

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land fand oft erst in der zweiten Generation statt, wenn es sie denn gab (Saint Sauveur-Henn
1996).
In den Jahren seit dem Zweiten Weltkrieg haben sich die Beziehungen wieder zum Guten
gewendet. Die deutschsprachigen Länder haben einerseits durch eine aktive Entwicklungshil-
fe und andererseits mit einem intensiven Handelsverkehr und mit der Ansiedlung grösserer
wie kleinerer Industrieuntemehmungen eine Art Partnerschaft mit lateinamerikanischen Län-
dern begründet, eine Politik, die sich in deren Augen vorteilhaft unterscheidet von der stets
des Imperialismus verdächtigten Aussenwirtschaftspolitik sowohl der Vereinigten Staaten wie
seinerzeit des Ostblocks.
Alles in allem darf man von einer im Laufe der Jahrhunderte konstruktiven Präsenz der
Deutschsprachigen in Lateinamerika ausgehen. Daraus haben sich in der dortigen Bevölke-
rung folgerichtig zahbeiche für uns positive Einstellungen ergeben. Doch diese Wertschät-
zung ist nur bedingt gegenseitig. Es spukt im Meinungsspektrum der Deutschsprachigen
noch immer viel Negatives in Bezug auf »Südamerika«, und zwar deshalb, weil die Bilder in
unseren Köpfen die Einstellung und die Werthaltung steuern.

Literaturhinweise

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Spiegelungen I: Zum Lateinamerikabild der Europäer

Eine Sendung für die RIAS-Funkuniversität

Geschätzte Hörerinnen und Hörer,

zunächst sollte ich erklären, was hier »Bild« bedeutet. Gemeint sind natürlich die mentalen
Bilder. Die Macht bildlicher Vorstellungen, seien sie nun wirklichkeitsgerecht oder nicht, ist
unbestritten und bei einiger Aufmerksamkeit für jedermann erkennbar. Zudem wissen wir
alle, dass mentale Bilder, zumal als Vorurteile, sich besonders deutlich und folgenschwer aus-
wirken im Umgang der Völker miteinander. Stereotype, Mentalitäten, Vorurteile, Einstellun-
gen, Images, Attitüden, all dies können wir verstehen unter dem geläufigen Oberbegriff Bild.
Doch nun zu den Bildern, die die Europäer sich im Lauf der Zeit von Lateinamerika
machten. Rufen wir uns zunächst in Erinnerung, welche Vorstellungen nach den Entdeckun-
gen von dem damaligen Amerika in Umlauf kamen. Die Kunde von dieser Neuen Welt lief
damals sehr rasch durch unseren alten Kontinent, denn rund vier Jahrzehnte vor 1492 hatte
Gutenberg den Buchdruck erfunden, und so verbreiteten Flugblätter, Reiseberichte, Chroni-
ken und Bildbände die frühe Kunde von den neuen Inseln im Westen in Windeseile. Beson-
ders hervorzuheben ist der 1493 in Basel gedruckte lateinische Kolumbusbrief, das meistver-
breitete Flugblatt der Neuzeit. Grossen Einfluss auf die Bilder in den Köpfen der Europäer
übten sodann die illustrierten, mehrbändigen, weitgestreuten America-Bände des in Frankfurt
a. M. wirkenden Niederländers De Bry (1590-1634) aus, desgleichen die Schiffahrten des
Levinus Hulsius (1598-1650). Für die Vorstellungen, die man sich in Europa über Brasilien
machte, war die Histoire d'un voyage faict en la terre du Brésil, autrement dite Amérique des
Burgunders Jean de Léry grundlegend (erstmals 1578). Nirgends sind frühe Reiseberichte so
zahlreich veröffentlicht worden wie im deutschen Sprachraum, mit Schweφunkten in Nürn-
berg, Frankfurt und Basel. Die Flut von fremdartigen Bildem in den Köpfen der Kopisten und
Übersetzer, der Setzer und Kupferstecher sowie natürlich der Leser und Zuhörer, sie muss
damals buchstäblich ungeheuer gewesen sein: Amerika, das war damals eine Welt voller
Nackter, Menschenfiresser, Schattenfüssler, Kopfloser aus Guayana, Amazonen aus Brasilien,
einäugiger Kentauren, Minotauren, Sirenen, geschwänzter Menschen aus Feuerland, Riesen
aus Patagonien. Demgegenüber nahmen sich die ebenfalls vorhandenen utopischen Visionen
von Amerika als irdischem Paradies, in dem erlöste Menschen ohne Erbsünde lebten, be-
scheiden aus, trotz ihrer Konstanz. Erst allmählich wandelte sich Angst in Neugier und wur-
den Legenden durch Realitäten ersetzt. Aus den abartigen Monstren der mittelalterlichen
Weltchroniken, aus den Barbaren der fiühen Neuzeit, wurden nach und nach Menschen.
Freilich, ohne nachhaltige Störungen ist die Wahrnehmung der Neuen Welt in der Alten
nicht vor sich gegangen. Hass und Neid gegenüber der Grossmacht Spanien, sodann die Re-
ligionskriege im 16. und 17. Jahrhundert hatten dazu geführt, dass die antispanische Schwar-
ze Legende auf Flugblättern über ganz Europa verbreitet wurde. Nun war aber von dieser
Anschwärzung nicht nur die katholische Weltmacht Spanien betroffen, sondern mit ihr zu-
gleich auch deren spanische Überseeterritorien, also Spanisch-Amerika. Erst als in der zwei-
ten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Ära der reisenden Naturforscher anbrach, nahmen Euro-
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päer, zumal Franzosen und Deutsche, eine wichtige Rolle bei der Erkundung des realen Ame-
rika auf. Summarisch dürfen wir wohl sagen, dass der Anteil der Deutschsprachigen an der
Erkundung und Erschliessung der Neuen Weh vor allem ein sekundärer und daher ein fried-
licher war. Zunächst wirkten sie als Kartographen und als Nachrichtenvermittler, später als
Erforscher des dortigen Lebensraums und seiner Vergangenheit.
Gleichviel ob visuell oder mental, die Bilder von Amerika waren zunächst - wir sag-
ten es schon - eine bunte Mischung von Mythen, Merkwürdigkeiten, Absonderlichem, auch
von Eschatologischem, also von Erlösungs- oder Weltuntergangsvisionen. Gute und böse
Vorzeichen wurden bunt vermengt. Die Neue Welt in den ersten Jahrzehnten nach der Ent-
deckung, und auch später noch, sie war weitgehend eine Welt in den Köpfen der verdutzten
Europäer. Um in dem unübersichtlichen Bildervorrat etwas klarer zu sehen, ist es zweck-
mässig, die Einzelbilder zu bündeln. Aus meinen Forschungen hat sich ergeben, dass sich die
zahlreichen Imagotype wenigstens zehn Grossrastem zuordnen lassen (Siebenmann/König
1992). Es sind dies: die Projektion antiker und biblischer Mythen, die Paradiesvorstellungen,
die Utopie, die erwähnte Schwarze Legende, El Dorado, die monströse Wirklichkeit, die
überwältigende Natur, der Gute Wilde, der bessere Amerikaner, der Opferkontinent und
schliesslich das Basisparadigma der Alteri tät, der Andersheit, mit seinen beiden viel ver-
zweigten Ästen einerseits der Bewunderung (»Amerika, du hast es besser«), andererseits der
Verachtung (Dekadenzvisionen der neuen Fremde).
Die Literatur aller Sorten erweist sich als der ergiebigste Vorrat für die seit 1493 in Euro-
pa entstandenen Amerikabilder. Wir wollen deshalb im folgenden in einigen Büchern blät-
tern, die sich als Fundstellen erwiesen haben. Das ñliheste literarische Zeugnis Amerikas fin-
det man in Sebastian Brants Narrenschiff ( 9 ). Nur zwei Jahre nach der Entdeckung sind
im 66. Kapitel die berühmten vier Verse erschienen, die da lauten:
Ouch hatt man sydt jnn Portigal
Vnd jnn hispanyen vberall
Golt / jnslen funden / vnd nacket lüt
Von den man vor wust sagen nüt /
(Verse 53-56)
Schon hier - wie später in fast allen Texten - fallen mehrere Bildkomponenten zusammen: El
Dorado und das Paradies (Nacktheit war zu dieser Zeit noch kein Skandal, vielmehr ein Zei-
chen paradiesischer Zustände vor dem Sündenfall). Auch im Kolumbusbrief \on 1493 finden
wir eine ganze Reihe von Wertungen, die sich mit der Zeit zu Sammelbildem auswachsen
sollten, so z.B. die Projektion antiker Mythen (Sirenen), El Dorado, die andere Natur, das ir-
dische Paradies, der Edle Wilde. Mit dem Bordbuch und den Briefen des Kolumbus beginnt
denn auch eine dichte und auch für das imaginative Wirken sehr aufschlussreiche Reihe von
Reiseberichten. Daraus stechen vor allem Hans Stadens Warhafftige Historia (1557) und Ul-
rich Schmidls Warhaffiige und liebliche Beschreibung (1567) hervor (Neuber 1991).
Im Barockzeitalter wurden die echten Reiseberichte zurückgedrängt von den fiktiven so-
wie von einer erfindungsreichen erzählenden Literatur. Auf das Kuriosum von Johann Bissels
Argonauticon Americanorum (1647) komme ich im Kapitel über die Amerika-Literatur zu
sprechen. Die erste auffallende Veränderung des Lateinamerikagesamtbildes ist erst zur Zeit
der Aufklärung eingetreten: Es entbrannte ein Jahrzehnte dauernder Disput unter den Philo-
sophen über die N e u e Welt. Damals, als die Gebildeten in ganz Europa Französisch sprachen.

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erregten die Recherches philosophiques sur les Américains von Corneille de Pauw (Berlin
1768/69) kontinentales Aufsehen. Von Buffon und von dessen Nacheiferer Peter Kalm (1761)
übernimmt dieser preussische Geistliche unbesehen die im Klima begründete Dekadenz-
theorie und zögert nicht, die Entdeckung Amerikas als das wichtigste und zugleich verhee-
rendste Ereignis der Weltgeschichte zu bezeichnen. De Pauw entwirft ein Bild des seit
Montaigne für so »edel« gehaltenen Wilden, das bis zur Fratze verzerrt ist. Das Ganze war
eine Folge der für die Aufklärung typischen Rivalität zwischen zivilisatorischer Europa-
müdigkeit und stolzem Fortschrittsglauben im Zeichen der Vernunft. Auch Herder und Hegel
haben sich auf de Pauw berufen und selbst der bedeutendste deutsche Philosoph der Aufklä-
rung, Immanuel Kant, der bekanntlich sein Königsberg nie verlassen hat, stimmt in dieses
Schmählied ein. In seiner Menschenkunde oder philosophische Anthropologie schreibt er
Unglaubliches:
Das Volk der Amerikaner nimmt keine Bildung an. Es hat keine Triebfedern; denn es fehlen ihm
Affekt und Leidenschaft. Sie sind nicht verliebt, daher sind sie auch nicht fruchtbar. Sie sprechen
fast gar nichts, liebkosen einander nicht, sorgen auch für nichts und sind faul. (Kant 1831: 302).
Soviel Autorität und soviel Unkenntnis beisammen, das musste eine weithin schiefe Ameri-
ka-Projektion verbreiten. Im Grunde genommen haben die europäischen Intellektuellen in
diesem Disput weniger über Amerika als über Europa debattiert. Erst von 1751 an, als mit der
Rückkehr Forschungsreisender wie La Condamine und danach Bougainville das Zweite
Entdeckungszeitalter, das der Forschung, begann, sollten diesen Bildern von einem inferioren
Lateinamerika realere Vorstellungen gegenübertreten. Alexander von Humboldt - wir sahen
es - hat daran entscheidenden Anteil. In seinen Berichten über die fünfjährige Forschungsrei-
se (1799-1804) werden die vor ihm in Europa autoritativ verbreiteten Negativbilder kritisiert
und korrigiert. Doch nicht nur Kulturdebatten gab es im philosophischen Jahrhundert, son-
dern auch Amusement, wie z. B. Christoph Martin Wieland mit seiner »mexikanischen Ge-
schichte« Koxkox und Kikequetzel (1769 und 1779) zeigt. Mit diesem »Beytrag zur Naturge-
schichte des sittlichen Menschen« hat er anmutig den europäischen Mythos eines Neue-Welt-
Paradieses parodiert.
Wie frei dann in der Romantik mit historischen Vorlagen umgegangen wurde, kann man
ersehen an Eichendorffs Meerfahrt (postum 1864). Der Dichter ist im Klima romantischer
Spanienverklärung auf sein Thema gestossen - ein Zeichen dafür, dass die Schwarze Legen-
de vorübergehend ihre Wirkung eingebüsst hatte. Die Romantiker haben besonders den Ed-
len Wilden inmier wieder gestaltet, über alle Grenzen hinweg. Sowohl die von Steele schon
1711 erfundene Indianerin Yarico - unlängst von Walt Disney verfihnt - wie auch die inkaische
Sonnenjungfrau Cora aus Marmontels Werk Les Incas (1777) ergaben dankbaren Stoff für
Singspiele, Opern, Gedichte und Erzählungen (Kotzebue, Goethe). Das idealisierte Indianer-
mädchen Cora war wenig mehr als das Umkehrbild einer von der Zivilisation verdorbenen
Europäerin: das Mädchen, wie es sein sollte. Doch »an Amerika erinnert hier nichts mehr als
der Name« (Desczyk 1925: 20). Der Überseestoff war vollends in der Moralliteratur aufge-
gangen und abstrakt geworden. Johann Gottfried Seumes Gedicht »Der Wilde« (1801) sollte
über das deutsche Schulbuch das Bild vom guten Huronen und vom schlechten Weissen noch
über Jahrzehnte hin weiterreichen.
Dennoch ist Europa im 19. Jahrhundert der Wirklichkeit Lateinamerikas immer näher
gekommen. So wie mit der Aufklärung die wissenschaftliche Erkundung eingesetzt hatte, so
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kam im 19. Jahrhundert das wirtschaftliche bteresse vermehrt ins Spiel. In den Kreisen des
Aussenhandels, nicht nur im deutschen Kulturraum, nahm man die Realität in Übersee längst
realistisch wahr, während man im Bereich der Literatur noch immer auf den Reiz der
Andersheit baute, in deren positiven wie negativen Aspekten. Den Schriftstellern hatte über
Jahrhunderte der Anlass und auch die Möglichkeit gefehlt, in die Neue Welt und besonders in
deren südlichen Teil zu reisen. Doch nun, im Zuge der Emigrationsbewegungen, zog es auch
Vertreter der schreibenden Zunft hinüber: Sealsfield (d. i. Karl Posti), Gerstäcker, Ida Pfeiffer
und viele andere mehr. Friedrich Gerstäcker hat anhand seiner nordamerikanischen Reisebe-
kanntschaften sein Buch über Der deutschen Auswanderer Fahrten und Schicksale (1847)
zeitgenössisch vor ein breites Leserpublikum gebracht. Das Bild vom besseren Amerika hat-
te sich durchgesetzt, bezog sich aber vor allem auf den Nordkontinent.
Eine bedeutende Neuheit des beginnenden 19. Jahrhunderts ist der Exotismus, der von
der Zeitschrift Athenäum (1898-1800) der Brüder Schlegel seinen Ausgang nahm. Wie wir
heute wissen, gründet Exotik letzten Endes immer in der Sehnsucht nach dem, was einem in
der Heimat fehlt. Sie wendet das Makroimagoptyp der fernen Andersheit grundsätzlich ins
Positive. Das Missbehagen an der Restauration, die Europamüdigkeit, sie waren dafür der
richtige Nährboden; und als psychologische Folge ergab sich die Idealisierung der übersee-
ischen Fremde. Dies liest sich in Heinrich Heines Romanzerò (1851) folgendermassen:
Breite aus den bunten Fittich,
Flügelross! und trage mich
Nach der Neuwelt schönem Lande,
Welches Mexiko geheissen.
Die Hoffnung, sich diese Fremde selber zu erobern, führte bekanntlich - nebst materieller
Not daheim - zu beträchtlichen Emigrationswellen im 19. Jahrhundert. Es war zugleich eine
gewaltige Aufwallung des Mythos vom Paradies auf Erden. Nun war die Zeit des ethnogra-
phischen Erzählens gekommen. Dazu gehören nicht nur die (echten oder fiktiven) Fahrten-
berichte in spätromantische, europaferne Fluchträume, sondern - als neues Element - die täu-
schende Vorgabe von Authentizität, von Augenzeugenschaft. Für die deutschsprachigen Au-
toren war nun der bevorzugte Fluchtraum Amerika, während die Briten, Franzosen und Rus-
sen den Südseeraum bevorzugten. Die vorherrschenden auf Lateinamerika bezogenen
Imagotype sind dabei, wie zu erwarten. Utopia, El Dorado, die gefährliche Wildnis, die im
Abenteuer erfahrene Alterität, wozu des öftem das Autoimagotyp germanischer Überlegen-
heit kommt, im Gegenzug zur dekadenten Latinität, in der die traditionelle Spanien-
feindlichkeit wieder auferstand. Ein Beispiel für diese Gattung hat der Österreicher Charles
Sealsfield mit seinem Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken verfasst (1841), einem
der meistgelesenen Bücher jener Zeit.
Der Schritt von diesen exotisierenden und beobachtenden Romanen zur eigentlichen Rei-
se- und Abenteuerliteratur ist klein. Beide gründen im Makroimagotyp der Andersheit, wobei
noch einmal die positive Seite der Alterität überwiegt. Die Topoi sind bekannt: Die Verweige-
rung des Alten und der Aufbruch ins Neue, über abgebrochene Brücken; die Begegnung mit
dem Edlen Wilden, dessen Bild nur dann negativ besetzt ist, wenn ihn die Zivilisation verdor-
ben hat; der El Dorado-Mythos, nun zumeist verkehrt in sein Gegenteil, in den Fluch des
Goldes. Die hierzulande bekanntesten Vertreter dieser Gattung sind Friedrich Gerstäcker und
Karl May. Letzterer ist von den zahlreichen Autoren von Abenteuerromanen sicherlich der
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noch heute am meisten gelesene. Angesichts einer solchen Langzeitwirkung spielt Karl May
in der Bildforschung eine gewisse Rolle. Er wird übrigens im Lichte seiner autobiographi-
schen Texte neu beurteilt. Indes, auch wenn er in seinen Selbstentwürfen noch so prophetisch
erscheint, dürfen wir nicht übersehen, dass er in den Erzählwerken ganz konservativ den er-
wähnten Imagotypen der deutschen Abenteuerliteratur verhaftet blieb, insbesondere dem
Selbstbild der Überlegenheit deutscher Menschen in welscher Umgebung.
In der gehobenen Literatur kommt Lateinamerika nur marginal vor, zumal wenn wir ei-
nen Vergleich ziehen mit der inzwischen als Mustemation gepriesenen Grossdemokratie im
nördlichen Amerika. Das Sammelbild Utopia wird nur mehr selten in den Südteil projiziert.
In Gottfried Kellers Martin Salander (1886) zum Beispiel ist Brasilien zwar noch ein be-
scheidenes El Dorado, doch hält es längst nicht mehr, was es versprach. Hingegen hielt der
Mythos vom Paradies, von der besseren, wenngleich nun verlorenen Welt, sich weiterhin, be-
sonders deutlich zur Zeit der Wende zum 20. Jahrhundert. Wir ersehen z. B. aus Hofmannsthals
Briefe des Zuriickgekehrten (1907), dass der fiktive Briefschreiber sich nach jener Mensch-
lichkeit sehnte, die er in Uruguay einst erlebt hatte (Rössner 1988: 66). Utopien, Wunschbil-
der von einem Friedensland in einer Neuen Welt, in der »noch« kein kriegerisches Europa
sich breit macht: dies war sodann den Expressionisten ein Bedürfnis angesichts der »Mensch-
heitsdämmerung« des Ersten Weltkrieges.
Doch inzwischen war die Zeit des sogenannten Sachbuches angebrochen, ein Sektor,
auf den ich in diesem Rahmen nicht näher eintreten kann. Nur soviel dazu: selbst diese Wis-
senschaftlichkeit beanspruchende Gattung verblieb bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg im
Sog der herkömmlichen eurozentrischen Einstellung gegenüber Lateinamerika.
Als Zielkontinent der Emigration gelangt Lateinamerika im 20. Jahrhundert zu einer be-
sonderen Aktualität, als reales Fluchtziel nämlich, das moralische und rechtliche Freiräume
verspricht. In Gerhard Hauptmanns Phantom (1923) wie in Thomas Manns KruU (1910/
1954) tauchen die zwielichtigen Helden schliesslich in Brasilien unter. Es ist das Makro-
imagotyp der Andersheit, diesmal in einer existenziellen Variante. Diese kam in dramatischer
Weise zum Zuge, als Lateinamerika zur Zielregion für deutsche Exilanten wurde. Dazu ge-
hörten auch Schriftsteller, darunter einige grosse wie Stefan Zweig, Franz Werfel, Paul Zech
und Alfred Döblin. Doch gerade sie, die nun authentisch aus der Anschauung hätten schrei-
ben können und nicht mehr allein den hergebrachten Stereotypen ausgeliefert waren, folgten
im Grunde vor allem ihren Obsessionen. Aus diesem Grund hat das Lateinamerikabild in der
Exilliteratur in allen Fällen eine besondere Färbung erhalten.
Welche Anziehung der historische Stoff der Eroberung und Entdeckung, der Kolonisie-
rung und Evangelisierung (Paraguay) auch im 20. Jahrhundert und ohne Jubiläumsanlass
(1492) ausüben kann, das sehen wir im Fall von Alfred Döblin (1878-1957). Sein dreiteiliger
Roman Amazonas (1937-1948) ist für mich das grossartigste literarische Dokument des hi-
storischen Spannungsverhältnisses zwischen Alter und Neuer Welt. Die grossen Sammel-
raster der Lateinamerikabilder wie die unbändige Natur, der Edle Wilde, die Utopie, alt-
amerikanische Mythologie, dann auch die »tollwütigen Europäer« (ein kritisches Autoimago-
typ), sie sind in diesem grossartigen expressionistischen Fresko allgegenwärtig. Döblin hat
im französischen Exil sein Hoffen auf eine friedlichere Welt in ein imaginäres, visionäres
Südamerika gerichtet und ein ergreifendes, dramatisches Kolossalgemälde entworfen, aus
dem seine glühende Sehnsucht nach einem »Land ohne Tod« spricht. Er hat das historische
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Geschehen in Amerika als Menschheitsexperiment aufgefasst und dargestellt. Leider hat die
Romantrilogie angesichts der misslichen Zeit- und Editionsumstände im Zweiten Weltkrieg
nicht die Verbreitung gefunden, die sie verdiente. Es gibt seit einigen Jahren eine schöne
Neuausgabe (Döblin 1988). Ein weiteres frappantes Beispiel für den Verstärkungsprozess,
der sich aus der Korrespondenz von Autoimagotypen mit Heteroimagotypen ergeben kann,
bietet uns der für das deutsche Mexikobild wohl einflussreichste Schriftsteller: Bruno Traven
(18827-1969). In seinen vielgelesenen Büchern hat er seine Wahlheimat Mexiko als das
Revolutionsland par excellence gepriesen und dieses Bild auch auf das übrige Lateinameri-
ka projiziert. Seine leidenschaftliche Parteinahme für die mexikanischen Indios verschmolz
zudem mit dem herkömmlichen, nach wie vor lebendigen Imagotyp des Edlen Wilden.
Die positive Sicht Travens von diesem »Revolutionskontinent«, verstärkt durch den Er-
folg Fidel Castros auf Kuba (1959), hat in Europa stimulierend auf die jungen Neomarxisten
der 68er Revolte eingewirkt: Als neues, sich schnell verbreitendes Lateinamerikabild erschien
nun das einer Region, wo Revolutionen heute noch tatsächlich stattfinden und möglich sind.
Ähnlich dem Edelbanditen in der europäischen Romantik wurden nun edle Guerilleros wie
Ernesto Che Guevara zu Idolen. Kein Imagotyp zu Lateinamerika hatte sich bislang so weit
verbreitet. Für die 68er Jugend und für viele Linksintellektuelle in Europa wurden die Latein-
amerikavorstellungen nun schroff verkürzt auf das eine, vereinfachte Makroimagotyp des
Opferkontinents, wo sich die Entrechteten in der Hoffnung auf eine Sozialutopie gewaltsam
und erfolgreich zur Wehr setzen. Kritisch wird die imperialistische (auch europäische) Aus-
beutung des zur Ader gelassenen Subkontinents angeprangert, in einer gefühlsträchtigen Ver-
flechtung der Schwarzen Legende mit dem Antiimperialismus und mit den wirkungsreichen
»Visionen der Besiegten«. Frantz Fanon (La Martinique, 1925-1961), Nathan Wachtel
(Metz, 1935) und Eduardo Galeano (Montevideo, 1940) erzielten mit ihren anklagenden
Aperçus hohe Auflagen. Wie ein Steppenbrand breitete sich entsprechende Selbstkritik über
Teile Europas und Nordamerikas aus, was zugleich eine soziale und entwicklungspolitische
Parteinahme für »Unten« und gegen »Oben«, für »Süd« und gegen »Nord« bedeutete. Was
den Romantikern die Europamüdigkeit gewesen, das war nun die Europaschelte.
Sehen wir heute klarer? Haben wir ein objektiveres Lateinamerikabild? Sachliteratur,
verfasst mit Sachkenntnis und aus eigener Anschauung, das Zeugnis von gut beobachtenden
Lateinamerikareisenden, die Dokumentarfilme, das sind Faktoren, die nach dem Zweiten
Weltkrieg den bis dahin überlieferten, oft so verzerrenden Imaginationen geistiger Bildgeber
und Meinungsmacher hätten entgegenwirken können. Die Chance für unvoreingenommene
Lateinamerikabilder schien in Europa gekommen. Indes, die Macht der Massenmedien
wuchs unaufhaltsam. Sie sind längst die eigentlichen Bildverbreiter. Die literarischen Texte
sind als Mittler weitgehend verdrängt worden. Die Massenblätter, der Rundfunk und das
Fernsehen haben Lateinamerika seit 1950 hemmungslos exotisiert oder unverblümt ideologi-
siert. So werden seit einigen Jahren von den Medien zunehmend schlechte Nachrichten aus
Lateinamerika verbreitet. Sie beruhen zumeist auf Tatsachen, und doch wirken sie wie Kli-
schees, indem sie nämlich absolut gesetzt und damit einseitig gesehen und gewertet werden.
Heute gilt deshalb Lateinamerika für viele Europäer pauschal als eine Region der Putsche,
des Caudillismo, der Guerilla, der Gewalt und der Folter, jedenfalls der politischen Instabili-
tät und der Korruption, zudem als Schonraum für Kriegsverbrecher und andere Delinquenten,
als Reservat der Drogenhändler. Hinzu kommt die desolate Wirtschaftslage, in die manche
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vor dem Ersten Weltkrieg noch reiche Länder Lateinamerikas geraten sind. Aus ehemals
ebenbürtigen Partnern sind inzwischen Bittsteller geworden.
Auch wenn vieles von dem soeben Gesagten leider zutrifft, wird damit doch nur die hal-
be Wahrheit verbreitet. Die fatale Tendenz der Publizistik zur Sensationsmeldung führt dazu,
dass die bad news, die bekanntlich allein die good news sind, herausgefiltert werden. Das
Skandalöse wird bevorzugt, viel Positives wird verschwiegen, der Gesamteindruck arg ver-
fälscht. Sagte ich Positives? Ja, zum Beispiel hat sich zu recht spätestens seit den 60er Jahren
die Kunde verbreitet, auch im deutschen Kulturraum, dass in Lateinamerika ein zu lange
übersehener Kulturraum neu aufgeblüht ist, namentlich in den Bereichen der bildenden Kün-
ste, der Musik, des Films und insbesondere der Literatur. Wir sagten es schon: Bei den Euro-
päern, die für Kulturelles noch ein Sensorium haben, hat diese Renaissance gewissermassen
zur dritten, diesmal kulturellen Entdeckung Lateinamerikas geführt. Und schliesslich ist da
noch ein Bild zu erwähnen, das weniger aus Büchern und eigentlich nur aus persönlicher
Begegnung hervorgeht. Es ist ein älteres, seit je positives Menschenbild, das sich ungeschmä-
lert hält, wenngleich diffus und labil: Das Bild von den Lateinamerikanern als einem heite-
ren, lässig und auch in prekärer Lage mit Würde auftretenden, sensiblen Menschenschlag,
dem ein trefflicher Sinn für Freundschaft eignet. Saludos amigos ist nicht nur ein Buch- und
ein Filmtitel, es ist mehr als ein ischee.

Literaturhinweise

Desczyk, Gerhard. 1925. Amerika in der Phantasie deutscher Dichter. In: Jahrbuch der Deutsch-Ame-
rikanischen Historischen Gesellschaft von Illinois, Vol. XXIV-XXV (Chicago 1925): 7-142.
Döblin, Alfred. 1988. Amazonas. Romantrilogie Herausgegeben und kommentiert von Werner
Stauffacher. Olten/Freiburg i. Er.: Walter.
Fanon, Frantz. 1961. Les damnés de la terre. Paris: Gallimard. Deutsch: Die Verdammten dieser Erde.
Reinbek: Rowohlt. 1969.
Galeano, Eduardo. 1971. Las venas abiertas de América Latina. Madrid: siglo XXI. Deutsch: Die of-
fenen Adern Lateinamerikas. Die Geschichte eines Kontinents von der Entdeckung bis zur Gegen-
wart. Wuppertal: Hammer. 1973. Bis 1991 14 Auflagen.
Galeano, Eduardo. 1982/1986. Memoria del fuego. Madrid: siglo XXI. Deutsch: Erinnerung an das
Feuer. Wuppertal: Hammer. 3 Bde. 1983-1987.
Kant, Immanuel. 1831. Menschenkunde oder philosophische Anthropologie. Leipzig.
Kohl, Karl-Heinz. 1981. Entzauberter Blick. Das Bild vom Guten Wilden und die Erfahrung der Zivih-
sation. Beriin: Medusa. Auch Suhrkamp Taschenbuch (1272). Frankftirt/M. 1986.
Maler, Anselm. 1975. Der exotische Roman. Bürgerliche Gesellschaftsflucht und Gesellschaftskritik
zwischen Romantik und Realismus. Eine Auswahl mit Einleitung und Kommentar. Stuttgart: .
Mikes, George. 1962. Saludos amigos. Südamerikanischer Jahrmarkt. Bem/Stuttgart: Scherz.
Neuber, Wolfgang. 1991. Die Drucke der im Original deutschen Amerikareiseberichte bis 1715. Synop-
se und Bibliographie. In: Frühneuzeit-Info, Jg. 2 (1991), H. 1: 76-83.
Rössner, Michael. 1988. Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies. Zum mythischen Bewußtsein in
der Literatur des 20. Jahrhunderts. Frankfurt/M.: Athennäum.
Schmitt, Albert R. 1967. Herder und Amerika. Den Haag: Mouton.
Siebenmann, Gustav/Hans-Joachim König (Hg.). 1992. Das Bild Lateinamerikas im deutschen Sprach-
raum. Tübingen: Niemeyer (Beihefte zur Iberoromania-, 8).

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Spiegelungen Π: Zum Europabild der Lateinamerikaner

Eine Sendung für die RIAS-Funkuniversität

Geschätzte Hörerinnen und Hörer,

solange wir nach dem Lateinamerikabild der Europäer suchten, hatten wir es vergleichswei-
se leicht, denn das in Europa entstandene Schrifttum seit der frühen Neuzeit steht uns voll-
umfänglich zur Verffigung. Wenn wir nun in umgekehrter Richtung nach dem Europabild der
Lateinamerikaner suchen, tun wir uns ungleich schwerer mit den Quellen, aber auch mit den
Dimensionen der Landmasse und seiner Bevölkerung, mit ihrer kulturellen und sozialen
Diversität. Heute können wir uns gar nicht mehr vorstellen, wie dünn jene kontinentale Re-
gion mit einer Fläche von über 20 Millionen Quadratkilometern früher besiedelt war. Nur
schon der Teilkontinent, den wir heute als Lateinamerika bezeichnen, ist also etwa viermal so
gross wie Europa (ohne die ehemalige Sowjetunion). Aber noch im Jahr 1900 wohnten in
Europa viermal mehr Menschen als damals im gesamten Lateinamerika. Inzwischen hat die
Bevölkerung Lateinamerikas die Europas eingeholt und übertrifft sie derzeit um mehr als 50
Millionen. Allein schon solcher Veränderungen wegen müssen wir ganz klare Zeitschnitte
machen, wenn wir von Lateinamerika insgesamt sprechen. Aber auch die räumlichen Unter-
schiede sind stets zu bedenken. Die heute 24 unabhängigen Staaten Lateinamerikas liegen in
so verschiedenen Klima- und Entwicklungszonen, dass man diese Region in Teilräume glie-
dern muss. Die geoklimatische Aufteilung sieht z. B. so aus: Mexiko und Zentralamerika, die
Karibik, der Andenraum, das aussertropische Südamerika (der Südkonus), das atlantische
Brasilien und schliesslich der kontinentale Binnenraum, d. h. Amazonien. Femer sind diese
Regionen nach dem anthropologischen Mischungsgrad und der Streuung ihrer Bevölkerung
zu gliedern in Gesellschaften mit mehrheitlich indianischem oder schwarzem oder weissem
bzw. mestiziertem Anteil. Bei den Zeitabschnitten müssen wir die folgenden unterscheiden:
Das vorkolumbische Amerika vor 1492, die Eroberung bis etwa 1550, die Kolonialzeit bis
1824, die unabhängigen Republiken im 19. und danach deren Destabilisierung im 20. Jahr-
hundert. Für Brasilien und einige karibische Inseln war der zeitliche Verlauf etwas anders, die
Abfolge der Epochen jedoch analog. Grundsätzlich zu beachten ist natürlich stets das Gefal-
le zwischen den Urbanen Zentren und den Land-, Wald- und Gebirgsregionen. Kann man bei
so viel Diversität überhaupt pauschal von Lateinamerika reden? Die Frage ist berechtigt.
Dennoch darf uns interessieren, wie die Lateinamerikaner Europa wahrnahmen.
Was die vorkolumbischen Völker des nachmaligen Amerika vor 1492 von der übrigen
Welt ahnten oder glaubten, entzieht sich unserer Kenntnis. Nur aus den Aufzeichnungen, in
denen spanische Mönche, Chronisten und Soldaten Zeugnis der Conquista ablegten, wird uns
indirekt einiges davon überliefert (dazu Behringer 1992). Vereinzelt sind Aufzeichnungen
von Nachfahren der von der europäischen Invasion direkt betroffenen Eingeborenen erhalten.
Wie die Ankunft der Spanier in Mexiko (1519) von den Azteken erlebt wurde, können Fach-
leute im berühmten Codex Florentino (1555/1585) nachlesen. Da ist die Rede von Feuer- und
Himmelszeichen, die schon zehn Jahre früher Böses verkündet hatten. Wir erfahren auch,
dass Montezuma auf Grund von Prophezeiungen im Anführer der Spanier keinen Geringeren
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erkennen wollte als den zurückkehrenden Gott Quetzalcoatl. Montezuma konnte so das frem-
de Andere, das seinem Reich den Untergang bringen sollte, gar nicht als solches erkennen.
Das Bild von den vermutlich ersten Europäern, die am Golf von Mexiko von aztekischen
Abgesandten gesehen wurden, war hingegen sehr realistisch. Hier war die Andersheit nicht
zu übersehen. Die Mexikaner entdeckten, wie die Spanier assen, dass sie nur ihr bärtiges
Gesicht zeigten und den verhüllten, und zwar in Eisen, aus dem auch ihre Waffen
geschmiedet waren, dass ihre Haut weiss ist und sie gelocktes, oft »gelbes« Haar tragen, dass
sie Kanonen und Pferde und Hunde bei sich hatten. Spätestens nach dem Massaker von
Cholula wussten die Azteken auch, was europäische Kriegslist und Kriegsmacht war. Späte-
stens auf dem Adlerpass vor der Hauptstadt Tenochtitlán erkannten sie auch die Goldgier der
Spanier. Doch erst in der noche triste, in der »traurigen Nacht«, die sie den aufsässigen Spa-
niern dort bereiteten, erkannten sie, dass ein Widerstand möglich war.
Dreizehn Jahre später wiederholten sich die Ereignisse im Inkareich. Als die kleine Flot-
te von Pizarro bei Tumbes vor Anker gegangen war, sandte Atahualpa Boten von der Küste
nach Cuzco, zu seinem Bruder Manko Inka: Es seien »bestimmte, von uns ganz verschiede-
ne Menschen gelandet, die Wiraqochas zu sein schienen«, also Schöpfer aller Dinge. Was gab
den Eingeborenen auch in Peru Anlass, den Spaniern Göttlichkeit zuzusprechen? Titu Cusi
Yupanqui (1530-1571), der Enkel des grossen Inka Huayna Capac, berichtet 1570, also 50
Jahre danach, über die Invasion der Spanier und nennt die Gründe (Titu Cusi Yupanqui 1985).
Es war wieder einmal die Andersheit, die wirkte, und zwar nicht wie bei den Europäern im
Sinne einer Kuriosität oder einer Lächerlichkeit, vielmehr war das Fremde - wie schon für
die Azteken - verehrungswürdig. Die andere Erscheinung und Kleidung, die Reitpferde mit
ihren vermeintlich silbernen Hufeisen, das Lesen einzelner Spanier in Briefen und Büchern,
all dies erschien den Inkas wie die Konkretion der Weissagungen in ihren alten Mythen. Ein
fataleres Gefalle zwischen Heilserwartung und Untergang kennt die Weltgeschichte kaum.
Just dies lässt im Rückblick das Handeln der spanischen Eroberer noch grausamer erscheinen
und bewirkt die gerade heute wieder empörte Anteilnahme am Schicksal der altamerika-
nischen Völker. Heute wissen wir, dass die Iberer jenseits des Atlantik anderen Menschen nur
jenes Schicksal bereiteten, das ihnen selber zuhause beschieden gewesen wäre. Ein land- und
besitzloses Proletariat wurde nach erfolgter Vertreibung der Mauren von der Iberischen Halb-
insel und durch den Übergang der Wirtschaft zum Merkantilismus an den Rand der Gesell-
schaft und in die Delinquenz getrieben. Aus dieser Konstellation heraus erklärt sich auch,
weshalb es ausgerechnet die Spanier und die Portugiesen über Europa hinaus drängte, nach
Westen und nach Süden.
Es wäre eine historische Ungerechtigkeit, die ganz im Sinne der alten spanienfeindlichen
Schwarzen Legende läge, wenn im Zusammenhang mit der spanischen und portugiesischen
Kolonisation nur von Genocid, Versklavung und Ausbeutung die Rede wäre. Es gab auch für
die damalige Zeit erstaunlich menschenfreundliche Kolonisierungen. Im mexikanischen
Michoacán beispielsweise hat Bischof Vasco de Quiroga (1470-1564), inspiriert von Thomas
Morus, in real-utopischem Sinne gewirkt; in Guatemala und in Südmexiko versuchte
Bartolomé de las Casas (1474-1566) die Indios in Schutz zu nehmen; in Paraguay haben die
Jesuiten zwischen 1585 und 1767 die eingeborenen Guarani-Indianer vor der Versklavung
durch brasilianische Bandeirantes bewahrt und einen »Gottesstaat« errichtet. Das heilige Ex-
periment-^o nannte es Fritz Hochwälder in seinem Drama (1943/1964) - hat an die 200 Jah-
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re standgehalten und ist nur durch europapolitisches Kalkül der Spanier und des Vatikans zu
Fall gebracht worden. Die auf solche Weise kolonisierten Indios gewannen ein anderes Bild
der Europäer als die von habgierigen Encomenderos versklavten und gepeinigten Eingebore-
nen. Der schon erwähnte Bischof Las Casas hat nach seiner Bekehrung zum Dominikaner für
die Rechte dieser Entrechteten gekämpft, vor zahlreichen Machthabem bis hinauf zum Kö-
nig. Weil er fast nur legislativen und wenig realen Erfolg damit erzielte, gelangte er auch mit
seinen Schriften an die Öffentlichkeit, namentlich mit der Brevísima Relación von 1552 (Las
Casas 1981). Als indiofreundlicher Bischof von Chiapas hat er seine Anklagen gegen die spa-
nischen Kolonialpraktiken in der Weltsprache Spanisch abgefasst und da sie der antispa-
nischen Propaganda höchst gelegen kamen, fanden sie sich alsbald in zahlreiche andere Spra-
chen übersetzt. So erfuhren die Welt und die Nachwelt nur von diesen Schandtaten. Das nicht
minder brutale Vorgehen anderer europäischer Expansionsuntemehmungen in Aussereuropa,
in Afrika und in Südostasien, wurde ignoriert. Nur die Historiker wissen heute, dass die zu
Recht verabscheuten Gräuel nicht die Praxis eines besonders brutalen und kriegerischen
Menschenschlags auf der Iberischen Halbinsel waren, sondern die einer gesamten, im übri-
gen von uns sehr bewunderten Epoche: der europäischen Renaissance nämlich.
Wenn andere Europäer den spanischen oder portugiesischen Kolonialbesitz tangierten
oder gefährdeten, entbrannten jedes Mal blutige Kämpfe. So gingen die Spanier gegen die
Hugenottensiedlung im Fort Caroline auf Florida besonders grausam vor (1562-1564), und
hundertzwanzig Jahre später erneut gegen die Franzosen am unteren Mississippi (nach 1682).
Die Portugiesen vertrieben die Franzosen unter Villegaignon aus Rio de Janeiro (1555-1560),
später die Holländer aus Fernambuco (1625-1654). Wie man sieht, galten diese Kriege nicht
nur der territorialen Besitzwahrung. Mit ihnen setzten die katholischen Kolonialmächte zu-
gleich die Religionskriege in der Neuen Welt fort. Für die Stammes- und die Kulturvölker
Altamerikas waren diese Schlachten unter Europäern freilich nichts Ungewohntes. Die Azte-
ken in Mexiko wie die Inkas in den Andenländern waren vor der Landung der Spanier eben-
falls in wüste Kriege verwickelt, und wie neuere Forschungen gezeigt haben, waren auch die
Mayas, die man noch bis vor kurzem für die »Griechen« Altamerikas gehalten hatte, ein krie-
gerisches Volk gewesen.
Als sich die Spanier und die Portugiesen 1750 im Vertrag von Madrid auf die gemeinsa-
men Grenzen ihrer südamerikanischen Territorien geeinigt hatten, war die Landnahme besie-
gelt und das spätere Lateinamerika territorial in vier Vizekönigreiche und ein Generalkapi-
tanat gegliedert. Der brasilianische Soziologe Darcy Ribeiro sagt zu diesem Schicksal des
südlichen Amerikas folgendes: »Dieses iberische Europa, rückständig aufgrund der Unterent-
wicklung seines Produktionssektors, wirtschaftlich unbedeutend gegenüber dem aufkom-
menden europäischen Kapitalismus und in religiöser Hinsicht missionarisch und fanatisch,
dieses iberische Europa betrieb den kulturellen Veränderungsprozess in Lateinamerika, präg-
te dessen Profil und verdammte es auch zur Rückständigkeit« (Ribeiro 1985: 77). Weshalb
die Geschichte im Nordteil des Doppelkontinents, in den heutigen Vereinigten Staaten und in
Kanada, so ganz anders verlief, muss hier in einem kurzen Exkurs erwähnt werden, denn
vom Europabild der Lateinamerikaner kann man nicht sprechen, ohne das »Europa
ausserhalb Europas« (Fernand Braudel), also Anglo- und Franko-Amerika mit einzubezie-
hen. John Cabot hatte Neufundland fast zur selben Zeit erreicht wie Columbus die Karibik,
Giovanni da Verrazano war im Jahr 1524 die Atlantikküste von Labrador bis Cape Fear hin-
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untergefahren. Dennoch blieb im Norden eine koloniale Landnahme im Gegensatz zu Spa-


nisch· und Portugiesisch-Amerika zunächst aus. Das Land gehörte weiterhin den Indianern,
denen im Süden spanische Expeditionen und im Norden französische Waldläufer flüchtig
begegneten. Erst an die hundert Jahre später, kamen die ersten Siedler aus England, zuerst
nach Virginia, dann nach Pennsylvania. Doch schon 1776, nur 156 Jahre nach Ankunft der
»Mayflower« mit den puritanischen Flüchtlingen, also wenige Jahre nur nach dem erwähn-
ten Vertrag von Madrid, mit dem die Iberischen Vizekönigreiche auf dem Südkontinent terri-
torial konsolidiert wurden, erfolgte die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten
von Amerika gegenüber England. 1787 gaben sie sich eine Verfassung, die selbst für das alte
Europa zum politischen Vorbild wurde.
Die in so hohem Grade divergente Entwicklung der beiden Teilkontinente ist immer wie-
der erklärungsbedürftig. Sie gründet ursprünglich in den Unterschieden der geschichtlichen
Situation, wie Urs Bitterli ( 1991: 383 f.) in seiner ausgewogenen Geschichte der Entdeckung
Amerikas erneut darlegt. Staatsmonopol im Süden, Bürgerinitiative im Norden, das war die
entscheidende Differenz. Es war jedoch nicht allein dieser Unterschied, der die beiden Teil-
kontinente zunehmend auseinanderdriften Hess. Hinzu kam noch die europafeindliche Kul-
turpolitik der Spanier. Die Kolonialregionen Spaniens und Portugals wurden systematisch
und einseitig wirtschaftlich wie kulturell an ihre Mutterländer gebunden, unter Ausschluss
einer Einflussnahme der übrigen europäischen Völker. Besonders Spanien hütete seine wirt-
schaftliche und religiöse Monopolstellung so eifersüchtig, dass die Inquisition den Angehö-
rigen anderer Länder die Einreise in seine Kolonien schon von 1562 an verwehrte. Die Ein-
geborenenkulturen waren längst eingestampft, doch ihre ethnischen und mythischen Reste
verschmolzen in einem jahrhundertelangen Prozess mit der spanisch-portugiesischen Kultur
zu etwas Neuem. Der kulturelle Synkretismus zeigt sich allenthalben: Das nicht nur für Me-
xiko entscheidende Zusammenspiel von Christentum und vorkolumbischen Religionen lässt
sich am Wunder der Jungfrau von Guadalupe veranschaulichen. Die Basílica de Tepeyac
steht bezeichnenderweise an der selben Stelle wie der zerstörte aztekische Tempel zu Ehren
der Jungfrau Tonantzin, deren Kult mit der Marienverehrung der Spanier verschmolz.
So entwickelte sich in dem von Indios besiedelten Amerika allmählich, aber von Anfang
an, eine andere, eine mestizierte Kultur. Als dann 1713 der Friede von Utrecht den politischen
Niedergang Spaniens offenkundig machte, nutzten die poHtischen Führer und die Intellektu-
ellen in den Vizekönigreichen die Gunst der Stunde und Hessen ihrer Bewunderung für das
emanzipierte, aufgeklärte und laizisierte Europa, zugleich auch für das politisch so fortge-
schrittene Nordamerika freien Lauf. Das Ideengut der Aufklärer in England, Frankreich und
Nordamerika wurde zum Nährboden für die Unabhängigkeit, die dann von 1810 an Schlag
auf Schlag erkämpft wurde. Fortan galt Europa - und damit war zunächst auch Nordamerika
gemeint - und dessen Kultur die uneingeschränkte Bewunderung der Führungsschichten La-
teinamerikas. Dieses Europa war damals beileibe noch keine Einheit, im Gegenteil. Die Welt-
macht Spanien, die Grossmächte England und Frankreich, die Seemächte Portugal und die
Niederlande, sie waren alle Rivalen und suchten nach Osten wie nach Westen Einfluss zu ge-
winnen, Fuss zu fassen und sich Handelsmonopole zu sichern. Die Beziehungen der einzel-
nen europäischen Staaten zu Amerika waren demnach sehr unterschiedlich. Sie sind aber als
Voraussetzung der sich wandelnden und ablösenden Bilder, auch für die Einstellung der La-
teinamerikaner gegenüber den Europäern, von grundlegender Bedeutung, und dies bis heute.
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Gabriel García Márquez beschreibt an einer Stelle seines grossen Romans Hundert Jahre
Einsamkeit (1968; deutsch 1970) in einer köstlichen satirischen Verkürzung, was die ver-
schiedenen europäischen Völker ins kolumbianische Macondo brachten: Die Zigeuner wis-
senschaftliche Entdeckungen, die andernorts seit Jahrhunderten bekannt waren; die Italiener
die Kunst und den Kitsch; aus Frankreich kommen die Matronen; die Spanier sehen sich ver-
körpert in der grössenwahnsinnigen FamiUe des Don Fernando del Carpio mit seinem kolo-
nialen Plunder, die Katalanen in einem weltfremden Büchernarren; der Belgier bringt den
technischen Fortschritt, den städtischen Luxus, und damit die Würdelosigkeit; aus den Verei-
nigten Staaten schliesslich kommen mit der Plantagenwirtschaft das Maschinenzeitalter, die
Elektrizität und damit die Habgier, der entfremdende Wohlstand und die Vulgarität.
Die Deutschen fehlen in diesem Spottpanorama. Einmal fällt im Roman der Name Alex-
ander von Humboldts, gesprächsweise. Und an einer anderen, versteckten Stelle wird zu un-
serer Verblüffung Hermann der Lahme genannt, der erfinderische Benediktinermönch auf der
mittelalterlichen Reichenau. Lässt dies auf eine Sonderstellung schliessen? Schon deshalb
wollen wir nachfragen, wie denn die Beziehungen der Deutschsprachigen zu Lateinamerika
waren. Die Geschichte und das heutige Verhältnis zeigen, dass sie im grossen und ganzen er-
freulich waren, und dies aus dem einsehbaren Grund, dass kein deutschsprachiges Volk je auf
Dauer koloniale Ansprüche in Amerika gestellt hat. Die sich aus der frühen Geschichte erge-
bende positive Einstellung der Amerikaner zu den Deutschsprachigen wurde vollends domi-
nant nach den Reisen Alexander von Humboldts, von dem schon die Rede war. Eine wirt-
schaftliche Ausbeutung des Kontinents mit den offenen Adern (Galeano 1971) kann man im
Rückblick den Deutschsprachigen nicht nachsagen. Die zeitweise massive Immigration von
Kolonisten nach Brasilien, Chile und Argentinien brachte jenen Regionen Prosperität. Die
Industrieunternehmungen und Handelsniederlassungen der Deutschen, Österreicher und
Schweizer in Lateinamerika, deren private und staatliche Entwicklungshilfe, haben einen
beträchtlichen Beitrag zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der Region geleistet.
Schliesslich darf man auch die kulturelle Rolle der deutschen und schweizerischen Aus-
landschulen im Erziehungswesen einzelner lateinamerikanischer Metropolen nicht unter-
schätzen.
Indes, die Unabhängigkeit von Spanien und Portugal hatte den lateinamerikanischen
Staaten nach den kolonialen lediglich neokoloniale Verhältnisse beschert, die Abhängigkeit
der Rohstoff- und Agrarländer von den fortgeschritteneren Industrieländern war vorprogram-
miert. Der Rückstand ist im 19. Jahrhundert zuerst von Frankreich und England, danach be-
sonders aggressiv von den Vereinigten Staaten ausgenützt worden. Weshalb nun richtete sich
die bis zum Hass gesteigerte Animosität der geistigen Führungsschicht Lateinamerikas gegen
die tüchtigen Amerikaner im Norden und weniger gegen Europa? Die unterschiedliche Ein-
stellung ist mit der traditionell stärkeren Verbindung der lateinamerikanischen Oberschicht
zum Abendland und namentlich zu seiner Kultur zu erklären. Paris, London, Rom, selbst
Madrid waren die magischen Anziehungspunkte, nach denen sich die reichen Lebemänner
wie die armen Kulturschaffenden sehnten. Über diese Metropolen wickelte sich das kulturelle
und gesellschaftliche Leben der Hauptstädte Lateinamerikas ab. Aus Frankreich wirkte insbe-
sondere der Positivismus hinüber, im Bereich der Dichtung der Parnass und vor allem der
Symbolismus. Seit dem frühen 19. Jahrhundert sind auch einzelne Dichter und Denker
Deutschlands rezipiert worden: Goethe, Heine, Nietzsche, später dann Rilke, Thomas Mann,
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in den letzten Jahrzehnten Bert Brecht. Übrigens, was Autoren auf beiden Seiten des Atlan-
tiks über das je andere Land schrieben, das kann man in einer aufschlussreichen Anthologie
bequem nachlesen (Willkop/Rall 1992).
Der Schmelztiegel Lateinamerika brachte in den Städten eine Intelligenzia hervor, die
besser über das Kulturgeschehen in der ganzen Alten Welt, zum Teil auch im Orient Bescheid
wusste, als die Europäer mit ihrem festgefahrenen Kulturkanon. Der Argentinier Borges
meinte gar, man sei in Lateinamerika eigentlich der bessere Europäer als die Europäer selber,
denn in Lateinamerika werde das gesamte Kulturerbe uneingeschränkt bewahrt (Meyer-
Clason 1987). Und diese kosmopolitische Tradition hat sich im Geistesleben Lateinamerikas
bis heute noch weiter gefestigt. Wie das Europäische sich mit dem Amerikanischen verbinden
konnte, das hat just jene Bewegung um die Jahrhundertwende von 1900 gezeigt, die man
Modernismo nennt. Diese vom nicaraguanischen Dichter Rubén Darío geprägte Bewegung
hat einerseits die Expressivität der spanischen Literatursprache völlig erneuert, schöpfte da-
bei jedoch ihre Themen und ihre Verfahren mit Vorliebe aus der Fülle der europäischen, be-
sonders der französischen Tradition. Der Einbruch in diese transatlantische Harmonie erfolg-
te mit dem Ersten Weltkrieg. Während die Avantgarden in Europa mit ihren eigenen Traditio-
nen brachen, rissen die Lateinamerikaner nun die Brücken zu dieser ihnen fremd gewordenen
Kultur ebenfalls ein und suchten nach ihrer eigenen Identität. Insbesondere der brasilianische
Modernismo nahm 1922 in Säo Paulo Impulse der europäischen Avantgarde auf, schottete
sich aber sogleich gegenüber Europa ab und war nur mehr auf die »Brasilianität« bedacht. So
lässt Mário de Andrade (1893-1945) seinen Helden Macunaima (1928) sagen: »Nein, ich
gehe nicht, nein, ich bin Amerikaner und mein Platz ist in Amerika. Ich habe Angst, dass die
europäische Zivilisation die Ganzheit meines Charakters verhunzt.« Die historischen Gründe
dieser Beziehungsschwierigkeiten zwischen Europa und Lateinamerika hat Frauke Gewecke
(1986) in gut lesbarer Form dargelegt.
Diese Selbstbesinnung inmitten einer wachsenden Dichte gesellschaftlicher Probleme hat
inzwischen unglaubliche kulturelle Folgen gezeitigt. Die seither eingetretene Entwicklung
der lateinamerikanischen Literatur ist für unser Thema deshalb so bedeutsam, weil deren Blü-
te - in der Lyrik des Binnenraums seit etwa 1916, im Roman mit internationaler Ausstrahlung
erst nach dem Zweiten Weltkrieg - , inzwischen gewissennassen zu einer dritten Entdeckung
Lateinamerikas durch die übrige Welt geführt hat. Es war schon davon die Rede. Damit ist
nicht nur über die Landesgrenzen hin eine kulturelle Kommunikation von Republik zu Repu-
blik möglich geworden, die den herkömmlichen Umweg über Paris überflüssig machte, viel-
mehr zeigte sich, dass die formal kühn innovierten Werke den eigenen, vordem oft provinzi-
ellen Kulturhorizont weit Überschossen und auf anderen Kontinenten eine ungeahnt rasche
Rezeption und Beachtung fanden. Dank der relativ raschen Übersetzung grosser Werke aus
Lateinamerika in die meisten Kultursprachen, durch die Verleihung des Nobelpreises für Li-
teratur an Gabriela Mistral (Chile, 1945), Miguel Ángel Asturias (Guatemala, 1967), Pablo
Neruda (Chile, 1971), Gabriel Garcia Márquez (Kolumbien, 1982) und zuletzt Octavio Paz
(Mexiko, 1990) ist die aufgeblühte Kulturregion heute zu Recht selbstbewusst. Nicht nur Li-
teraten und PoHtiker gründen heute darauf ihre Identität.
Dass mit dieser kulturellen Verselbständigung auch eine Europaschelte einherging, ist
leicht zu verstehen. Der weltweite Rezeptionserfolg hat dort den Verdacht geschürt, es hand-
le sich bei diesen Werken bloss um erfolgreiche Imitate okzidentaler Muster, der Erfolg sei
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vielleicht nur auf das Zusammentreffen mit einer Ermattungsphase der westlichen Literaturen
zurückzuführen. Wäre demnach, so fragten sich selbstkritische Lateinamerikaner, auch die-
ses neue, weitreichende kulturelle Ansehen Lateinamerikas von Fremden gestiftet worden?
Allein schon solche Zweifel zeigen, wie prekär und ambivalent die Urteilsbildung ist in Län-
dern, wo zwischen kulturellem und sozio-ökonomischem Entwicklungsstand eine so schrof-
fe Diskrepanz besteht. Und doch, selbst wenn dieser Emanzipationsprozess fremden Mustern
entsprechen sollte, stellt er heute eine sozialpsychologisch wirksame Tatsache dar und ist als
solche nunmehr irreversibel.
Die in vielen Ländern dieser Region noch immer hoffnungslosen Zustände werden durch
diese Kulturblüte allerdings nicht beseitigt. Garcia Márquez hat zu dieser Wirklichkeit in sei-
ner Nobelpreisrede Ende 1982 Denkwürdiges gesagt: Es ist »eine Wirklichkeit, die nicht aus
Papier ist, sondern die mit uns lebt und jeden Augenblick unsere zahllosen täglichen Tode
bestimmt und die eine Quelle unersättlicher Schöpferkraft voller Unglück und Schönheit
speist [...]: Dichter und Bettler, Musiker und Propheten, Krieger und Schurken, die wir alle
Geschöpfe dieser wütenden Wirklichkeit sind, brauchen die Einbildungskraft kaum zu bemü-
hen, denn die grösste Herausforderung für uns ist der Mangel an konventionellen Mitteln
gewesen, um unser Leben glaubhaft zu machen. Dies, Freunde, ist die Crux unserer Einsam-
keit« (Garcia Márquez 1988: 99). Europa verdient die Schelte aus dem jüngeren Bruder-
kontinent und wir verstehen sie auch, denn diese Literatur Lateinamerikas ist utopisch, indem
sie als Bollwerk errichtet wurde gegen die Verzweiflung. Die Utopie hat seit je der bestehen-
den Welt Gegenwelten vorgesetzt: die eine gegen die Vergangenheit und die Gegenwart ge-
wandt als Kritik, als Schreckgespenst, als Movens für Veränderungswillen und Revolution;
die andere in die Zukunft gerichtet als Hoffnung, als Sehnsuchtsraum unseres planenden
Handelns, als Vision einer Wende zum Besseren (dazu Rössner 1988). Wir Europäer und die
Lateinamerikaner sind historisch und kulturell eng miteinander verbunden. Und diese Bin-
dung bleibt selbst bei den Verweigerungsgesten der Lateinamerikaner gegenüber den Europä-
ern spürbar. Wenn nämlich Garcia Márquez in seiner schon erwähnten Rede meinte, wir in
Europa könnten ihnen dort drüben besser helfen, wenn wir unsere Art, sie zu sehen, von
Grund auf änderten, so ist das keine Absage, sondern eine Aufforderung zu einer neu zu
gründenden Partnerschaft. Gerade die Kritik anlässlich des Gedenkens an die vor 5( Jahren
erfolgte Begegnung mit Amerika lässt erkennen, dass diese Aufforderung in Europa inzwi-
schen ernst genommen wird.

Literaturhinweise

Andrade, Mário de. 1982. Macunaima. Der Held ohne jeden Charakter. Frankfurt: Suhrkamp. (Brasi-
lianisches Original 1928)
Behringer, Wolfgang (Hg.). 1992. Amerika. Die Entdeckung und Entstehung einer neuen Welt. Ein Le-
sebuch. München/Zürich: Piper (Serie Piper; 472).
Bitterli, Urs. 1991. Die Entdeckung Amerikas. Von Kolumbus bis Alexander von Humboldt. München:
Beck.
Casas, Bartolomé de las. 1984. Kurzgefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder.
Hg. V. Hans Magnus Enzensberger. Frankfurt/M.: Insel-TB 553.

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Gaicano, Eduardo. 1971. Las venas abiertas de América Latina. Deutsch: Die offenen Adern Latein-
amerikas. Die Geschichte eines Kontinents von der Entdeckung bis zur Gegenwart. Wuppertal:
Hammer. 1973. Bis 1991 14 Auflagen.
Garcia Márquez, Gabriel. 1970. Hundert Jahre Einsamkeit. Köln/Berlin: Kiepenheuer & Witsch.
Garcia Márquez, Gabriel. 1988. Rede bei der Verleihung des Nobelpreises fUr Literatur. In; Du. Zürich.
H. 9/1988.
Gewecke, Frauke. 1986. Wie die neue Welt in die alte kam. Stuttgart: mett-Cotta.
Meyer-Clason, Curt (Hg.). 1987. Lateinamerikaner Uber Europa. Frankfurt/M.: edition suhrkamp;
1428.
Ribeiro, Darcy. 1985. Amerika und die Zivilisation. Die Ursachen der ungleichen Entwicklung der
amerikanischen Völker. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Rössner, Michael. 1988. Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies. Frankfurt/M.: Athenäum.
Titu Kusi Yupanki Inka. 1985. Die Erschütterung der Welt [1570]. Ein Inka-König berichtet über den
Kampf gegen die Spanier. Hg. und aus dem Spanischen übersetzt von Martin Lienhard. Olten/Frei-
burg i. Br.: Walter.
Willkop, Eva-Maria/Dieter Rail et al. (Hg.). 1992. Einmal Eldorado und zurück. Interkulturelle Texte
spanischsprachiges Amerika - deutschsprachiges Europa. München: ludicium.

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Wie auch das Bild Lateinamerikas eingeschwärzt wurde -
Seine Beeinflussung durch die Schwarze Legende

Vorausschicken darf ich eine Bemerkung zur Entstehung dieses Textes. Bei Anlass meiner
Emeritierung an der Universität St.Gallen im April 1989 habe ich über ein Thema gespro-
chen, das mit meiner in Peru verbrachten Jugend zusammenhing. Die kulturelle Differenz
zwischen dem damals noch aufstrebenden Andenland und Europa, so wie ich sie als Schock
erfuhr, als ich 1937 im heimatlichen Aarau eintraf, nach sechs Wochen See- und Landreise.
Das Erlebnis hat nicht nur meine spätere Berufswahl als Hispanist und Lateinamerikanist
bestimmt, sondern nüch lebenslang als Problem begleitet.
In der Tat ist das Bild, das wir Deutschsprachige uns im Lauf der Zeiten von Lateiname-
rika gemacht haben, für die Forschung ein sehr weites Feld (Siebenmann/König 1992). Ich
werde mich in diesem Rahmen beschränken auf die Untersuchung der Bilder, in denen die
Europäer deutscher Sprache - und sie meine ich, wenn ich hier von den Deutschen spreche
- in den ersten 150 Jahren nach der Entdeckung, also in der frühen Neuzeit, sich jene Neue
Welt denken konnten, denken mussten, wobei Ausblicke bis in die Gegenwart einbezogen
werden. Es hat sich gezeigt, dass man das Lateinamerikabild Europas in der besagten Epoche
nicht untersuchen kann, ohne zugleich das Spanienbild zu berücksichtigen. Es wird deshalb
auch von diesem ausführlich die Rede sein. Zunächst sind die Vermittlungswege der Vorstel-
lungen bezüglich Lateinamerikas zu untersuchen und anschliessend die Sammelbilder, dar-
unter besonders die durch die Schwarze Legende verbreiteten sowie deren Ausstrahlungen
ins spanische Amerika. Am Schluss folgt ein kleiner historischer und ikonographischer Test
anhand eines bibliographischen Leckerbissens. Es soll daraus hervorgehen, wie lange sich
das auf dem Umweg über Spanien negativ beeinflusste Lateinamerikabild in Deutschland
gehalten hat.

Die frühen Vermittler

Auf welchen Wegen sind die ersten Nachrichten über die Neue Welt nach Europa gelangt?
Neben der heute nicht mehr fassbaren mündlichen Kunde war damals für die Verbreitung
solcher Neuheiten das kurz vor 1492 von Gutenberg entdeckte Medium des Buchdrucks be-
sorgt, in erster Linie Flugblätter, Reiseberichte und Chroniken. Ich habe in einem Anhang die
wichtigsten, d. h. die am weitesten wirkenden Quellen aus der Zeit zwischen 1492 und dem
Siebenjährigen Krieg (1768) zusammengestellt.
Aus dieser eindrücklichen Vielzahl sind einzelne Druckschriften wegen ihrer Verbreitung
besonders hervorzuheben: 1497 die erste deutsche Fassung des Kolumbusbriefs (Basel),
1533 die erste Ausgabe des Weltbuchs von Sebastian Franck (Ulm), 1557 Hans Stadens
Warhaftige beschreibung eyner Landschaffl der [...] menschenfresser leuthen [...] in Brasili-
en (Marburg a. d. Lahn) sowie 1567 Ulrich Schmidls Warhafftige vnd liebliche Beschreibung
etlicher fuememen Indianischen Landschafften vnd Jnsulen [...] (Frankfurt) seiner Reise
durch Brasilien bis an den Rio de la Plata. Von den besonders einflussreichen bebilderten
Druckerzeugnissen war schon wiederholt die Rede. Es sind dies die mehrbändigen Kompen-
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dien von De Bry (1590-1634), die Schifffahrten des Levinus Hulsius (1598-1650) und mit
Bezug auf Brasilien die Histoire d'un voyage faict en la terre du Brésil, autrement dite
Amérique des Burgunders Jean de Léry (erstmals 1578). In den Druckereischwerpunkten
Nürnberg, Basel und Frankfurt sind allein für die fünfzig Jahre nach 1600 etwa 1300 Drucke
sogenannter Americana nachgewiesen, darunter zahlreiche Übersetzungen.
Wichtig für die Bildforschung ist zudem, dass ausser bei Nicolaus Federmann, Ulrich
Schmidl und Háns Staden und ausser bei den Jesuiten, die in Paraguay den Gottesstaat auf-
gebaut hatten, die Berichte nicht auf eigener Anschauung der Verfasser fussen. Und selbst bei
den Augenzeugen sind sie eingefärbt worden von den stereotypen, meist abfalligen Charak-
teristika, mit welchen antike und mittelalterliche Kulturvölker ihren Vorwurf der Barbarei tra-
ditionell ausschmückten. Deshalb findet sich in diesen frühen Texten fast unverändert das
Vokabular wieder, das die europäischen Seefahrer seit eh und je zur Beurteilung der Ausser-
europäer verwandten. Die »Wilden sind rauh und grobschlächtig, dumpf und hinterhältig,
ohne Gesetz und Ordnung lebend, tierisch und ausschweifend« (Bitterli 1976: 19-31). Erst
im Zuge der Entwicklung auf die europäische Aufklärung im 18. Jahrhundert hin wandeln
sich die Motivationen, Arbeitsweisen und Zielsetzungen der Berichterstatter und gleichen
sich langsam denen der späteren Ethnologen an. Es kommt die Tendenz zum persönlichen
Augenschein zum Durchbruch und die alten Mythen und Wertvorstellungen treten zurück.
Angst wandelt sich in Neugier, Legenden werden durch Realitäten ersetzt, oftmals natürlich
auch unter Ausbildung neuer Imagotype. Aus den abartigen Monstren der mittelalterlichen
Weltchroniken werden nach und nach humane Wesen, aber zunächst immer noch Barbaren,
d.h. ein boshafter, diebischer, verlogener und korrupter Schlag (Borst 1988).
Das Buch war indessen nicht das einzige Medium, mit dem man Nachrichten aus aller
Welt verbreiten konnte. Es gab vom 17. Jahrhundert an auch die Zeitung. In Wolfenbüttel ist
1609 die (zusammen mit der Strassburger Relation) älteste bekannte Wochenzeitung erschie-
nen. Sie hiess in der Nummer 1 »Avisa«, von den folgenden Nummern an sprachlich richti-
ger »Aviso«, mit dem Untertitel Relation oder Zeitung. Aviso ist ein spanisches Wort und
meint soviel wie »Bekanntgabe, Nachricht, Hinweis«. Wie man sieht, wirkte sich damals die
weltweite Vormacht Spaniens - wie noch bis heute die politische Hegemonie jeglicher Cou-
leur - auch sprachlich aus. Auf dem Titelblatt erkennt man die ebenfalls aufschlussreiche
Reihenfolge der Bezugsregionen: »Was sich begeben und zugetragen hat in Deutsch- und
Welschland/Spannien/Niederlandt/Engellandt/Franckreich/Ungern/Österreich/Polen/unnd in
allen Provintzen in Ost- und Westindien etc.« In welchem Zusammenhang das Neue aus der
Neuen Welt in solchen Nachrichtenblättern gesehen wurde, ergibt sich aus dem folgenden
Beispiel aus Aviso Nr. 14 (vom 19. April 1609). Als Nachricht aus Andorff wird dort der fol-
gende Text veröffentlicht:
In Engelland wolle ein Schiff aus Guinea mit einem frembden Monster von Menschen aus Ostindi-
en und andern schönen Sachen angelangt seyn. [Und es geht gleich weiter mit der folgenden Nach-
richt:] Bey Flüssingen auff einer Platten ist wieder ein grosser Wallfisch gefangen worden, welches
nichts guts bedeut.
Merkwürdigkeiten, Mythen, Absonderliches und böse Vorzeichen werden bunt vermengt.
Wie man sieht, ist die Neue Welt in den Jahrzehnten nach der Entdeckung noch weitgehend
eine Welt in den Köpfen der Europäer. Dazu hat sich besonders Tzvetan Todorov (1985)
geäussert. Wir dürfen demnach davon ausgehen, dass das neu entdeckte Amerika für die Eu-
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ropäer in den Jahrzehnten nach 1492, selbst für die Spanier und Portugiesen, kaum mehr war
als ein schrecklich-schönes Gerücht. Es sieht im Rückblick so aus, als wären die Holländer
und die Deutschen mit der Gier nach monströs bebilderten Reiseberichten besonders sensa-
tionslüsterne Europäer gewesen. Es hängt jedoch primär mit dem technischen Vorsprung im
Buchdruck zusammen: Sie waren die ersten Opfer des neuen Mediums, der illustrierten
Chroniken (dazu Knefelkamp/König 1988).

Wie die Entdecker die Andersheit wahrnahmen

Dass man in Europa von solchen mythischen Vor-Bildem schneller weggekommen ist als auf
der Iberischen Halbinsel hängt mit einem wichtigen Perspektivenwechsel zusammen. Mit der
Renaissance kam bekanntlich jene Einstellung mehr und mehr zum Zuge, die man Curiositas
nennt, die Wissbegier oder Neugier, die nicht oder kaum an konkreten Zwecken orientierte
Lust auf neue Erkenntnisse und Erfahrungen. Nun haben sich just in diesem Belang entschei-
dende Unterschiede zwischen den iberischen Kulturen und dem übrigen Europa eingestellt.
Wie Hans Uhich Gumbrecht (1987) festhält, konnten die Spanier damals nicht anders, als das
soeben entdeckte Neue jenen historischen Alteritätserfahrungen zu subsumieren, die sie mit
den schon vor oder kurz nach 1492 für sie ebenfalls »neuen«, anderen Welten gemacht hat-
ten, mit dem Islam also, auch mit dem Italien der Renaissance, zudem mit dem Individualis-
mus der flandrischen Pietisten. Auf der anderen Seite führte der alsbald einsetzende gegen-
reformatorische Druck sie mehrheitlich wieder dazu, ihre fnihe Erfahrung mit der Neuen
Welt in das intakt restaurierte kosmogonische System des Mittelalters einzubetten, das mit
Philipp II. (1556-1598) und durch das Tridentinum (1545-1563) neu bestärkt und dominant
wurde. So entbehrte die Erfahrung der Andersheit in der Neuen Welt für die Spanier jener
Curiositas, die für die frühe und spätere Neuzeit im übrigen Europa die geistige Erwartungs-
haltung entscheidend geprägt hatte und fortan so motivierend werden sollte. Einzig in der
kurzen Renaissance-Spanne, in der auch in Spanien und Portugal eine neue Subjektivität die
Entkoppelung der Zwecke von ihren Mitteln erlaubte, war jene Mobilität entstanden, die die-
se beiden Seefahrernationen zur frühneuzeitlichen Erschliessung neuer Welten getrieben hat-
te. In Spanien war nach Kolumbus' Entdeckung jene von uns heute selbstverständlich erwar-
tete Alteritätserfahrung just nicht eingetroffen. Es fällt in der Tat auf, dass gerade die frühen
Chroniken und Berichte der Spanier und Portugiesen nach 1492 fast allesamt von Projektio-
nen antiker oder mittelalterlicher Mythen und \^sionen stark durchsetzt sind, obschon diesen
Iberern als ersten die direkte Anschauung der Neuen Welt vergönnt gewesen war. Die
Curiositas wurde bei den Spaniern erst wieder rege, als die Mitteleuropäer schon den näch-
sten Evolutionsschritt getan hatten, von der Curiositas nämlich zur Scientia, zur Wissen-
schaft.

Die Schwarze Legende

Doch nun zu den Bildern, die aus dem übrigen Europa auf die Iberische Halbinsel - und da-
mit selbstredend auf Lateinamerika - projiziert wurden. Keiner der auf das Iberische Ameri-
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ka bezogenen Bildkomplexe hat während der Jahrhunderte spanischer Machtentfaltung und


darüber hinaus so nachhaltig eingewirkt - negativ und positiv - wie die sogenannte Schwar-
ze Legende, die leyenda negra. Diesem Einfluss wollen wir im Folgenden nachgehen. Eine
Auswahl aus dem umfangreichen Schrifttum dazu bringe ich unter den Literaturhinweisen
am Schluss.
Zunächst: Was besagt die Schwarze Legende? Ausgegangen ist sie - das wird oft verges-
sen - von Italien, wo man im 16. Jahrhundert der spanischen Besetzung und der intoleranten
Hegemonialpolitik Madrids mehr und mehr überdrüssig wurde. Die Spanienfeindlichkeit
fand sodann im protestantischen Europa ausgiebige Nahrung durch den Religionskonflikt,
besonders in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, angesichts der Repression in den von
den Spaniern besetzten Niederlanden. Hinzu kam die Anklage der grausamen Eroberungs-
und Kolonisierungspolitik Spaniens in der Neuen Welt, ausgelöst durch die Brevísima
relación (1552) von Pater Bartolomé de las Casas (1981)und der im gleichen kritischen Sin-
ne wirkenden, 1579 erschienenen deutschen Fassung der Historia del Mondo Nuovo von
Girolamo Benzeni. Als Schwarze Legende bezeichnen die Spanier seither jene seit dem frü-
hen 16. Jahrhundert ganz Europa überschwemmende spanienfeindliche Propaganda, die ein
Konglomerat abwertender Urteile über die Spanier verbreitete. Damals wie heute widerfahrt
den Mächtigen dasselbe: Allein schon die Hegemonie erzeugt Aversion.
Das deutsche Negativbild von Spanien stand schon erstaunlich früh fest, etwa um 1550.
Für die Deutschen waren die Hauptmotive für die Aufnahme des Zerrbildes einmal der Ant-
agonismus zwischen Luther und der katholischen Kirche, zum andern der Mord an dem in
Deutschland weilenden Protestanten Juan Díaz (1554), sodann die Darstellung der Conquista
in Sebastian Münsters Cosmographia (dt. 1544), die ihrerseits vom spanischen Dissidenten
Miguel Servet beeinflusst war. Die am meisten verbreiteten Negativ-Imagotype lassen sich
auflisten: Der maurische Einschlag, die Vorliebe für »spanische Luftschlösser« und die Prahl-
sucht, die Geschwätzigkeit, die militärische Eroberungslust, die Grausamkeit, die Falschheit
und Scheinheiligkeit, die leeren Versprechungen. Später, zu Beginn des 17. Jahrhunderts sah
man in den Spaniern nur noch Jesuiten, d. h. Agenten der spanischen Könige. Noch in der
französischen Aufklärung (vor allem bei Voltaire) hatte die leyenda negra eine spürbare Prä-
senz. Dass dieser berühmte Meinungsmacher sich um zeitgenössische Berichte von Spanien-
reisenden nicht gross künmerte, geht aus Dietrich Briesemeisters Untersuchung (1992) deut-
lich hervor. Vor allem Kundschafter aus England beschrieben das Land geradezu euphorisch,
im Sinne eines vorauseilenden »Spain is different«. Das in Europa noch immer tief ein-
geschwärzte Bild Spaniens ist erst in der Romantik einer europaweiten Spanien-Begeisterung
gewichen. Trotzdem haben die latenten Negativbilder bis weit in das 20. Jahrhundert hinein
nachgewirkt, eigentlich bis zum Ende der Franco-Ära. Beseitigt waren sie noch immer nicht,
wie sich bei Anlass der 500. Wiederkehr der Kolumbusfahrt (1992) zeigen sollte.

Die Projektionen auf das Bild Lateinamerikas

Wenn die pikturalen Bilder so waren, wie wir sie in de Brys Kupferstichen finden können,
wie muss es erst bei den mentalen Bildern ausgesehen haben! Ihre Vielzahl ist in der Tat ver-
wirrend, doch - wie nicht anders zu erwarten - lassen sich aus diesem Vorrat eine ganze An-
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von imagotypischen Systemen abstraMeren. Die wichtigsten davon habe ich kontrastiert
mit den damaligen Spanienbildern, um zu zeigen, inwieweit beide zusammenfallen oder sich
unterscheiden. Denn uns interessiert hier, ob, inwieweit und welche Bilder in den Jahrhunder-
ten nach der Entdeckung gleichzeitig auf die Spanier und auf die von Spanien eroberten ame-
rikanischen Gebiete bezogen wurden.
Ich bringe zunächst eine tabellarische Aufstellung der gängigen Bilder, die man sich in
den Ländern deutscher Sprache - wie grossenteils in ganz Europa - seit dem 16. Jahrhundert
von Spanien bzw. von Lateinamerika machte.

1. Übereinstimmung zwischen Spanien und Lateinamerika


1. L Gleichzeitig und/oder auf Dauer
1.1.1. Gleichzeitige oder dauerhafte Auswirkungen der Schwarzen Legende (auf Charakter
und Verhaltensweise)
1.1.2. Mystik
1.1.3. Vertikale Struktur in Wirtschaft und Politik (Grossgrundbesitz, Kazikentum)
1.1.4. Mentalität und Wirtschaftsverhalten
1.1.5. Paradiese für Touristen
1.2. Mit Zeitverschiebung
1.2.1. Andersheit der hispanischen und luso-brasilianischen Weh
1.2.2. Gewalttätige Rebellion
1.2.3. Zielregion für Emigranten und Kolonisten
1.2.4. Geschlechtskrankheiten
1.2.5. Unterentwicklung
1.2.6. Reiche Folklore
1.2.7. Musik und Tanz

2. Unterschiedliche Bilder bezüglich Spanien und Lateinamerika


2.1.Bilder, die ausschliessUch oder vorrangig auf Spanien projiziert wurden
2.1.1. Vespucci (Stoiker)
2.1.2. Schwarze Legende (die Grausamkeiten der Eroberung und der Kolonisierung)
2.1.3. Spuren von Imagotypen in der deutschen Sprache
2.1.4. Vision der Söldner und Siedler
2.1.5. Intoleranz
2.1.6. Obskurantismus und Aufklärungsfeindlichkeit
2.1.7. Definierte Identität
2.2.Bilder, die ausschliessUch oder vorrangig auf Lateinamerika projiziert werden
2.2.1. Vespucci (Epikuräer)
2.2.2. Projektion antiker Mythen
2.2.3. Utopie und verkehrte Welt
2.2.4. El Dorado
2.2.5. Degradierte Natur
2.2.6. Exotische, unbezwingbare Natur und Raum der Einsamkeit
2.2.7. Menschenfresser, Barbaren, Karibanen (Kannibalen)
2.2.8. Der Edle Wilde
2.2.9. Robinsonaden
2.2.10. Abenteuer
2.2.11. Land der unbegrenzten Möglichkeiten; Kontinent der Zukunft
2.2.12. Vision der Emigranten
2.2.13. Reftigium für Verfolgte
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2.2.14. Theologische Emeuerang


2.2.15. Dependenz
2.2.16. Soziale Revolution
2.2.17. Drogen und Drogenhandel
2.2.18. Verschwommene Identität
2.2.19. Kultureller Reichtum
Diese Aufstellung bedarf eines Kommentars, denn die erfassten Bilder und die dazugehöri-
gen Raster sind erwartungsgemäss zahlreich, zugleich aber diffus und zum Teil auch wider-
sprüchlich. Es wird auch deutlich, wie unscharf oft schon der Bezug auf eine bestimmte Re-
gion wird, sobald wir die Bilder diachronisch, also in einer Zeitreihe betrachten.
Es hat sich die Erwartung bestätigt, dass in den Jahrhunderten gleich nach der Entdek-
kung manche Bilder gleichzeitig auf Spanien und auf die von Spanien eroberten amerikani-
schen Gebiete bezogen wurden. Die Schwarze Legende projizierte ihre Negativität über die
Iberische Halbinsel hinaus in die eroberten Gebiete Amerikas, obschon ein Kernpunkt der
Legende ja gerade auf die Grausamkeit der Eroberer gegen die Eingeborenen Amerikas ziel-
te. Das Paradoxon lässt sich erklären. Das Mitleid und die Solidarisierung mit den Opfern blie-
ben zunächst deshalb aus, weil in Europa die Vorstellung von den damals »unbegriffenen« und
wortlosen Eingeborenen noch allzu verschwommen war. Erst als im 18. Jahrhundert der My-
thos des Edlen Wilden aufkam - Montaigne war im 16. Jahrhundert noch ein Rufer in der
Wüste gewesen - und zu einem positiven Bild gerann, trat jener Solidaritätseffekt zutage, der
heute noch und wieder im Rückblick auf die damals »Besiegten« weltweit eine anachronisti-
sche und übrigens höchst selbstgerechte Empörung gegenüber Spanien auslöst. Aber auch
andere Bilder haben sich gleichzeitig auf Spanien und auf Spanisch-Amerika projiziert, z. B.
das positive Bild einer Neigung zur Mystik, wobei man an die wundertätigen Lieben Frauen
von Guadalupe, von Copacabana und an die heilige Rosa von Lima dachte. Ein weiterer,
durchaus auf beide Regionen zutreffender Zug ist die vertikale Struktur auf dem Gebiet von
Wirtschaft und Politik, mit anderen Worten das Latifundienwesen und der absolute Herr-
schaftsanspruch lokaler Kaziken. Desgleichen hielt man die »unwirtschaftliche« Wirtschafts-
mentalität (»mañana«, Klientelwesen, Korruption) und allgemein das Wirtschaftsverhalten
für einen allen Hispanen gemeinsamen Zug. Neuerdings, in unserem Jahrhundert, ist zu be-
obachten, dass sowohl die Iberische Halbinsel wie auch Lateinamerika das Bild von attrakti-
ven Tourismus-Destinationen hinzugewonnen haben.
Mit einer zeitlichen Verschiebung, das heisst früher zu Spanien und später bzw. heute zu
Lateinamerika, sind die folgenden, immer noch übereinstimmenden Bildbeziehungen ent-
standen: Das Exotische der Iberischen Halbinsel war für die übrige Welt bis in die Franco-
Ära - Spain is different - ein Bildkomplex, der sich nun seit deren Ende und vor allem seit
dem Eintritt Spaniens in die EU überraschend schnell verflüchtigt hat, im Gegensatz zu den
lateinamerikanischen Ländern, deren »Exotik« in der Vorstellung der westlichen Welt noch
immer die gängigen Vorstellungen prägt. Ein zeitliches Gefälle betrifft auch das Bild von be-
sonders zur kämpferischen Rebellion neigenden Völkern. Für Spanien fusst es auf den jahr-
hundertelangen Kämpfen gegen die Araber, vor allem jedoch auf dem Befreiungskrieg gegen
die napoleonische Besetzung Spaniens, auf den das internationale Lehnwort >Guerilla< [sie]
als Bezeichnung für den Kleinkrieg, den Partisanenkrieg zurückgeht. Für Lateinamerika be-
ruht das Bild auf den Befreiungskriegen der nachmaligen Republiken gegen die spanische

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Kolonialmacht, sodann auf den endlosen Bürgerkriegen im 19. Jahrhundert bis hin zu den
grausamen ideologischen Guerillakämpfen von gestern und heute. Die Bildbestandteile, die
von den deutschsprachigen Söldnern bzw. Siedlern aus der spanischsprachigen Welt nach
Hause übermittelt wurden, stammen für Spanien aus der Zeit des Renaissance-Kaiserreichs,
während die Rückmeldungen von Auswanderern nach Lateinamerika erst nach den Emi-
grationswellen gegen Mitte des 19. Jahrhunderts eingesetzt haben. Ebenfalls mit Phasenver-
schiebung ist das Negativbild vom Ursprung venerischer Krankheiten zutage getreten. Zuerst
waren Spanien und das spanische Neapel das Sündenland, später wurde die karibische Regi-
on dazu auserkoren. Wie man heute weiss: beides zu Unrecht. Femer ist das Bild einer Dritt-
welt-Zugehörigkeit in Spanien seit dem Zweiten Weltkrieg nach und nach obsolet geworden,
während die lateinamerikanischen Republiken sie trotz sorgfaltiger Imagepflege angesichts
der Schuldenlasten und unbewältigter demographischer und sozioökonomischer Probleme
noch heute hinnehmen müssen, trotz ihres Widerspruchs. Das Bild eines Volkes mit beson-
ders reicher und origineller Folklore geht vor allem auf das im 19. Jahrhundert von den Ro-
mantikem entdeckte Spanien zurück, während die Volksbräuche und -trachten Lateiname-
rikas erst in unserem Jahrhundert in den Blickpunkt gerückt sind. Das gleiche kann man von
der Musik und den Tänzen sagen. Der spanische Fandango war früher in Europa als der Tan-
go und der Bolero aus Lateinamerika.
Wenn wir nun die dissoziierten Bilder betrachten, die einerseits nur auf Spanien und an-
dererseits nur auf Lateinamerika projiziert wurden, so können wir für die Iberische Halbinsel
ein ganze Reihe nennen: Americo Vespucci schrieb in seinen Briefen den Spaniern einen stoi-
schen, den Lateinamerikanern hingegen einen epikuräischen Charakter zu. Die Schwarze
Legende als eine innereuropäische Angelegenheit zielte, soweit sie die Intoleranz, den
Machthunger und den Autoritarismus anbelangt, ausgesprochen auf das noch mächtige Spa-
nien der Gegenreformation, während man in Europa die auch im südlichen Amerika sich inih
regenden Freiheitsbestrebungen warm begrüsste - ein durchaus komplementärer Vorgang.
Die Spuren stereotyper Negativeinstellungen zu den Spaniem, die wir in unserer deutschen
Sprache vorfinden, sind im Grimmschen Wörterbuch noch sehr zahlreich und als Folge der
Schwarzen Legende erkennbar. Sie haben sich inzwischen aber verloren und als einzige Nar-
be vielleicht noch jene Redewendung hinterlassen, wonach »uns etwas spanisch vorkommt«
(dazu Siebenmann 1989). Hingegen sind idiomatische Spuren irgendwelcher Einstellungen
gegenüber Amerika im Deutschen aus verständlichen Gründen nicht zu beobachten. Allen-
falls kann man im deutschen Sprachgebrauch Nuancen bei den Kontinentalbezeichnungen
beobachten. Wir sahen es schon im Kapitel Est nomen omen? In der Tat werden, wenn wir
genauer hinhören, >Südamerika<, >Südamerikaner<, >südamerikanisch< nicht nur geogra-
phisch unscharf verwendet - ein Kontinent irgendwo im Süden (wobei man Mexiko und
Zentralamerika unbesehen dazurechnet) - , sondern oft mit stereotypem Unterton: eine lie-
benswerte Region des Unseriösen, auch des Heiteren, Zuflucht für Ganoven, Abenteurer,
Hochstapler und Kriegsverbrecher.
Ich fahre fort mit den ausschliesslich auf Lateinamerika bezogenen Bildvorstellungen.
Auch hier muss die Rede auf Bestandteile der Schwarzen Legende kommen. Das zur Zeit der
Gegenreformation verbreitete (und zutreffende) Bild einer besonders schroffen Intoleranz der
Spanier in religiösen und politischen Dingen ist als negativer Zug - im Gegensatz zu anderen
- nicht nach Amerika weiteφrojiziert worden, vielmehr sah Europa auch die Kolonien Spa-
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niens als Opfer der Inquisition. Ebenso wenig ist das Feindbild, das die französischen Aufklä-
rer von den Spaniern entwarfen, auf Amerika übertragen worden, im Gegenteil: Sowohl die
Toleranz in Sachen Gesinnung und Glauben wie auch die begeisterte Aufnahme, die dort das
aufklärerische Gedankengut erfuhr, gehören im 18. und 19. Jahrhundert zu den positivsten
Bildern Amerikas, auch des iberischen Teils. Eine letzte Disparität zwischen Spanien und
Lateinamerika betrifft eigentiich ein Autoimagotyp, das jedoch seine Wirkung auf die Ein-
stellung gegenüber dem Ausland hatte. Ich meine die klar definierte nationale oder völkische
Identität. Die Spanier wussten - wie jedes in Machtkämpfe verstrickte Volk - sehr früh, wer
sie sind, während die Lateinamerikaner oder die einzelnen Republiken sich bis heute damit
schwer tun, ihre eigene Identität zu finden und zu fassen. Auch davon war in einem fiüheren
Kapitel schon die Rede.
Und nun zu den Bildern, die ausschliesslich oder vorrangig auf die lateinamerikanische
Region projiziert wurden. Hier können wir summarisch die folgenden Makroimagotype er-
wähnen: Projektion antiker Mythen in die Neue Welt. - Amerika als Ort der Utopie oder der
verkehrten Welt. - Amerika als El Dorado, als Fundort unermesslicher Reichtümer. - Ameri-
ka als Kontinent der monströsen Wirklichkeit, des Menschenfi-essertums, der Barbarei. Da-
nach, nur scheinbar widersprüchlich, der wichtige Bildkomplex des Edlen Wilden, ein so-
wohl aus dem gesamten Amerika wie von anderen Naturvölkern hergeleiteter Mythos. Sein
Gegenpart betrifft hingegen ausgesprochen die Karibik, den sogenannten Kaliban, den
Büsser, Dulder und Sklaven aus dem Dreigespann in Shakespeares Sturm. Auch hier hat sich
übrigens in jüngster Zeit eine Übernahme als Autoimagotyp ergeben: Der Kubaner Roberto
Fernández Retamar postuliert in seinem Buch Caliban (1971/1988), der lateinamerikanische
Mensch müsse solches Sklavenschicksal auf sich nehmen und es durch Rebellion und Trotz
umkehren in eine Anti-Prospero- und Anti-Ariel-Haltung, ähnlich dem Sisyphus bei Albert
Camus. - Amerika als degradierte Natur, andererseits aber positiv als exotische Region, als
unbezähmbarer, von Einsamkeit geprägter Naturraum. - Einen weiteren Bildkomplex stellen
die Robinsonaden dar: Die Neue Welt als Freiraum für den tüchtigen Selfmademan, der die
Natur zu bewältigen weiss. Davon hergeleitet wurde auch das Bild Amerikas als die
Abenteurerregion par excellence. Daraus ist später der Mythos vom Land der unbegrenzten
Möglichkeiten hervorgegangen, vom Kontinent der Zukunft. Unweit davon liegt das Bild -
wieder einmal auf historischen Tatsachen fussend - , wonach Lateinamerika ein Zufluchtsland
(unter anderen) für die Armen und Verfolgten der Alten Welt sei. - In den 1980er und 90er
Jahren hat sich eine geistiiche Revolution ereignet, die sogenannte Theologie der Befreiung,
die für manche das Bild jenes Kontinentes mitprägt (dazu Bussmann 1996). - Im Bereich der
Oekonomie sind besonders langlebige Negativbilder wirksam: Misswirtschaft, Fremd-
bestimmung, Ausbeutung durch Imperialisten im In- und Ausland, Komplizität der Kreolen,
ungelöste Verteilungsprobleme, Massenarmut, Korruption. Die sogenannte Dependenz-
theorie hat einige Jahrzehnte lang den Subkontinent als Opfer der Entwicklung und des
Wirtschaftsimperialismus dargestellt, wobei auch die kulturellen Folgerungen einbezogen
wurden. - Spätestens seit 1910, seit dem Beginn der mexikanischen Revolution, gilt Latein-
amerika als Kontinent des Aufruhrs, des gewalttätigen sozialen Aufstandes - bis hin zum
Mythos der kubanischen Revolution mitsamt Fidel Castro und Che Guevara - und der ent-
sprechenden politischen Instabilität. - Schliesslich haben vor allem die Medien in den letzten
Jahren einige leider oft auf tatsächlichen Vorgängen beruhende Negativbilder verbreitet: Die
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Lateinamerikaner als Produzenten und Verschieber von Drogen, als Folterer, als anarchische
Guerilleros. - Ein positiveres Bild hat sich zu Recht spätestens seit Mitte der 60er Jahre ver-
breitet, auch im deutschen Kulturraum: Lateinamerika als ein zu lange verkannter und nun
neu aufblühender Kulturraum, namentlich im Bereich der Literatur und der bildenden Kün-
ste. Von dieser »dritten Entdeckung« war schon die Rede. - Der Schlussteil dieses Katalogs
lässt deutlich werden, dass die Abkoppelung Lateinamerikas von Spanien sich längst auch im
Bereich unserer Vorstellungen vollzogen hat, wenngleich, wie wir sahen, noch immer ge-
meinsames Bildgut auf beide Regionen projiziert wird.

Ein Test für das Jahr 1638

Die Auswirkungen der Schwarzen Legende auf das Spanienbild und dessen Ausstrahlung
nach Spanisch-Amerika können wir an einem konkreten Beispiel erkennen. In den reichen
Beständen der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel bin ich auf ein Buch gestossen, das
mir schon vom Titel her als imagologische Quelle vielversprechend erschien. Verfasst wurde
es von Daniel Meisner und trägt den Titel Libellas Nävus Politicus Emblemáticas Civitatum,
deutsch etwa »Neues weltmännisches Emblembüchlein über die Städte«.(Das Buch trägt die
IL\B-Signatur 30.7 Geom. Die »spanische« Serie findet man im Kapitel [G]). Erschienen ist
diese bibliophile Kostbarkeit in Nürnberg, im Jahr 1638, also in protestantischem Umfeld
und kurz nach der stärksten Einwirkung der antispanischen Propaganda in Deutschland. Es
handelt sich um einen dicken Band im Querformat mit 800 Ansichten von Städten und Land-
schaften. Heute würden wir von einer Sammlung von Kupferstichen sprechen, die nach geo-
graphischen Gesichtspunkten angeordnet sind, einigermassen konsequent. Jede Civitas wird
auf einer Radierung abgebildet. Die Stiche - meistens von Paulus Fürst - sind im Allgemei-
nen vorzüglich Die Bilder sind, wie in der Emblematik üblich, mit einer Legende versehen,
einem Sprichwort oder einem Diktum, zumeist in lateinischer Sprache, im Sinne eines Mot-
tos oder Epigraphs. Darunter steht dann eine zusätzliche Moralität, gelegentlich in Versen.
Diese Legenden stehen in einem Zusammenhang mit der bildlichen Darstellung und inter-
essieren die Bildforschung deshalb - sofern ihr Sinn heute noch einsehbar ist - , weil daraus
Werturteile hervorgehen. Man weiss, wie intensiv in Europa die Rezeption des Emblematum
Uber von Andrea AIciato nach seiner Veröffentlichung im Jahr 1531 war, übrigens auch in
Spanien (AIciato 1985). Wir wissen heute auch, in welch hohem Masse die Emblemata Trä-
ger von stereotypisierten Urteilen und Wertungen waren. Dementsprechend wollte ich wis-
sen, wie sehr in den Jahren des Erscheinens unseres Libellas die spanienfeindliche Polemik
noch virulent war. Es ist, wie man sieht, wenige Jahre nach Verebben dieser politisch ge-
schürten Spanienfeindlichkeit erschienen. Angesichts der Resistenz und Langlebigkeit von
Imagotypen war durchaus zu vermuten, dass auch in diesem Emblembuch von 1638, sei es in
den Bildern, sei es in den dazu geschriebenen Texten, noch Spuren der leyenda negra zu fin-
den wären.
Folglich habe ich aus den 800 Blättern jene Embleme herausgesucht, die einem Ortsna-
men auf der Iberischen Halbinsel entsprechen: Es sind 26. Wenn man den Epochenhorizont
bedenkt, kann man bei ganzen 16 dieser Serie eine negative oder wenigstens ambivalente
Aussage konnotieren. Davon sind 12 deutlich auf spanienfeindliche Imagotype bezogen;
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zwei weitere sind Klagen über die barbarischen, chaotischen Zeitläufte und eines bekennt
sich, wenigstens in der deutschen Legende und auch in der Abbildung, auf ein antisemiti-
sches Imagotyp. Zehn weitere Embleme der »spanischen« Serie beziehen sich auf das Verhal-
ten in Notlagen und empfehlen Selbsthingabe, stoische Hinnahme, Gottergebenheit, Genüg-
samkeit, Solidarität, Fürsorge. In Anbetracht der noch immer andauernden religiösen Ausein-
andersetzungen und zumal beim Erscheinungsort, dem protestantischen Nürnberg, ist die
festgestellte Tendenz nicht verwunderlich.
Wenn wir die negativen Züge, die hier »Spanien« zugeschrieben werden, näher besehen,
erkennen wir sogleich einige jener Imagotype, die durch die Schwarze Legende über ganz
Europa verbreitet wurden. So prangert beispielsweise Emblem 57 das Grossmaul und den
Heuchler an; Nr. 58 übt Kritik am imperialen Grössenwahn und lobt dialektisch die Kleinheit
und Bescheidenheit; Nr. 59 denunziert die Bosheit, Nr. 62 den Meineid; Nr. 64 tadelt den
Machthunger, Nr. 65 die Ehrsucht, Nr.69 die Habgier, Nr. 72 die Verschlagenheit, Nr. 75 die
Wollust, Nr. 78 den Hochmut; und Nr. 83 kann - ironisch verstanden - das tatenlose Schwät-
zen meinen, wobei auf das lutheranische Gebot Bezug genommen wird, wonach allein die
Taten zählen und nicht die hohlen Versprechungen. Nr. 74 kann als Warnung vor einer
Schicksalswende gelesen werden, wobei dem Herrscher im Escorial - Philipp IL - bedeutet
wird, er möge wie der zweigesichtige Janus bedenken, woher er kommt und wohin er geht.
Auch Nr. 81 kann zeitgeschichtlich ausgelegt werden: Der angesichts von Verlusten Trauem-
de soll resignieren und froh sein, dass er überlebt hat. Eine deutliche Anspielung auf die im-
mer drastischere Einschnürung der Protestanten durch die omnipräsenten Spanier. Man muss
das Emblem vor seinem historischen Hintergrund lesen. Von 1580 an war Speyer permanen-
ter Sitz der Reichskammer geworden; die Spanier herrschten in Österreich und in Bayern; die
gesamte deutsche Russschifffahrt stand unter spanischer Kontrolle. Deshalb springen die
gängigen Imagotype aus der Schwarzen Legende geradezu in die Augen. Das Fazit ist deut-
lich: selbst bei einem forcierten, ahistorischen Neutralitätswillen ergeben sich im Libellas die
folgenden Proportionen: Von den 26 »spanischen« Emblemen zeigen 11 deuthche Einflüsse
der leyenda negra-, 3 führen allgemeine Klage über das eherne Zeitalter; 2 bringen Volksweis-
heiten und 10 entsprechen Präzepten aus der Bibel, aus Fürstenspiegeln oder Moraltraktaten.
Wie sind nun auf der anderen Seite jene Embleme im Libellas geprägt, die das damalige
Amerika betreffen? Es sind im 8. Kapitel [H] lediglich deren vier aufgeführt. Sie liegen in
den überseeischen Besitzungen der Spanier bzw. der Portugiesen: S. Salvator, Clinda de
Phemambuco [sie] und St. Sebastian (d. i. Rio de Janeiro), alle in Brasilien, und »Cusco in
West Indien«, also Cuzco in den peruanischen Anden. Die Legenden zu den Emblemen be-
sagen: Die besten Gottesgaben, eine liebliche, menschenfreundliche Natur, das Lob der ge-
schickten Naturmenschen. Es sind alles Aussagen von uneingeschränkter Positivität, verbun-
den mit vier bedeutsamen Orten im südlichen Amerika: Salvador da Baia, die nachmalige
Hauptstadt der portugiesischen Kolonie; Olinda bei Recife, das älteste Bistum Brasiliens; Rio
de Janeiro, die spätere Hauptstadt Brasiliens; Cuzco, die ehemalige Hauptstadt des Inka-
reiches. Die drei brasilianischen Städte waren zur Zeit Meisners im Gespräch, weil sie Schau-
plätze der Kriege mit den Franzosen (1567) und den Holländern (1630-1654) waren, die Sal-
vador da Baia schon 1624 ein erstes Mal besetzt hatten. Olinda war während der Holländer-
herrschaft in Pernambuco die Residenz Moritz von Nassaus gewesen. Und das inkaische
Cuzco war seit Pizarros Eroberungskrieg auch in Europa legendär. Von den oben registrierten
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auf Lateinamerika bezogenen Imagotypen werden durch diese Embleme das paradiesische
Utopia (223) angesprochen und durch das Cuzco-Emblem zusätzlich noch ein Vorgriff auf
den Edlen Wilden (228), also ausschliesslich positive Reminiszenzen.
Als Fazit kann demnach festgestellt werden, dass um 1638 in den Mentalitäten der ausser-
spanischen Europäer deutlich unterschieden wurde zwischen dem nahen, omnipräsenten Spa-
nien und dem fernen Lateinamerika. Der Bezug der leyenda negra hatte sich auf Spanien ein-
geschränkt

A n h a n g : D i e w i c h t i g s t e n z w i s c h e n 1 4 9 3 und 1 7 8 4 gedruckten Quellen in deutscher


Sprache z u A m e r i k a

1493 Hartmann Schcdel: Buch der Cronicken. Mit Holzschnitten von Michael Wolgemut & Wilhelm
Pleydenwurff. [lateinisch u. deutsch], Nürnberg. [Reprint bei Konrad Kölbl, München 1965.]
1493 Frühester Druck der deutschen Fassung des »Kolumbusbriefes« = Epistola de Insulis nuper
inventis [...] Cristoferi Colom [...][Entstehung des spanischen Originals am 15. oder 18. Februar
1493, der lateinischen Übersetzung am 4. März 1493, gedruckt zu Basel von Michael Furter.
Wohl das bedeutendste Flugblatt der Neuzeit. [Faksimile-Ausgabe bei Josef Stocker, Dietikon/
Zürich 1976].
1508 Newe unbekanthe Landte und ein Newe weldte in kurtz verganger Zeythe erfunden. Nürnberg,
Georg Stuchs. [Übersetzung von Jobst Ruchamer der Paesi novamente retrovati von Fr. da
Montalboddo, einer Adaptation der Lettera delle isole nuovamente trovate... von Amerigo
Vespucci (1505-1506)].
1514 ? Anonym: Copia der Newen Zeytung auss Presillg [Brasil] Landt.
1522 Anonym: Ein schöne newe zeytung so kayseriich Mayestet ausz India yetz nemlich zukommen
seind. Gar hüpsch von den Newen ynseln und von yrem sytten gar kurtzweylig zü leesen. Augs-
burg: Sigmund Grimm.
1533 Sebastian Franck: Warhafftige Beschreibung aller theil der Welt [...], kurz Weltbuch genannt, Ulm.
1557 Nicolaus Federmann: Indianische historia. Ein schöne kurtzweilige Historia [... seiner] ersten
raise so er von Hispania und Andolosia ausz in Indias des Occeanischen Mörs gethan hat [...].
Hagenaw: Sigmund Bund.
1557 Hans Staden: Warhaftige. beschreibung eyner Landschafft der [...] menschenfresser leuthen [... in
Brasilien] (Marburg a. d. Lahn). Neuhochdeutsche Übersetzung Köln: H. Erdmann, 1982.
1567 Ulrich Schmidl: Warhafftige vnd ü b l i c h e Beschreibung etlicher fuememen Jndianischen Land-
schafften vnd Jnsulen [...], Franckfurt am Main: Martin Lechler. Dasselbe in der 2. Auflage von
Francks Weltbuch in Frankfurt/M.: Feyerabend, 1567. [Ulrich Schmidl von Straubing war von
1534 bis 1554 u.a. als Söldner in der Neuen Welt, besonders in Brasilien und am Rio de la Plata].
1579 Der Newen Weldt und Indianischen Königreichs, newe und wahraffte History, von allen Ge-
schichten, Handlungen, Thaten, Strengem und EmstUchem Regiment der Spanier gegen den In-
dianern... Basel. Übersetzung des (apokryphen?) Werkes von Girolamo Benzoni: Historia del
Mondo Nuovo [...] La qval trata dell'Isole, & Mari nuouamente ritrouati [...], Venetia: Francesco
Rampazetto, 1565.
1590 Theodore De Bry: Historìae Antipodum sive Novi Orbis, qui bis vulgo Americae et Indiae
Occidentalis nomine $ . [1634 in 3 Bänden in Frankfurt/M. auf Deutsch erschienen, z.T.
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bei M. Merian. Es handelt sich um die meistverbreitete Sammlung von Reiseberichten, berühmt
durch ihre zahlreichen Kupferstiche], (s. Duviols 1985).
1598 bis 1650 Levinus Hulsius: Sammlung von Sechs und Zwanzig Schiffarten bis in verschiedene
fremde Länder [...] aus dem Holländischen ins Deutsche übersetzt unt mit allerhand Anmerkun-
gen versehen. Nürnberg, Frankfurt, Oppenheim und Hannover [sehr erfolgreiche Sammlung von
Reiseberichten in 26 Bänden. Die Teile IV, V, VI, XVI, XXII und XXV betreffen das spanische
Amerika].
1631 Johann Ludwig Gottfriedt/Matthäus Merian: Historia antipodum oder Newe Welt... Frankfurt.
[Kurzfassung der Historiae Antipodum von Theodore de Bry],
1696 Anton Sepp und Anton Böhm: Reisebeschreibung wie dieselbe aus Hispaniae in Paraquariam
[Paraguay] Kommen. Nürnberg: Johann Hoffmann.
1710 Anton Sepp: Continuation oder Fortsetzung der Beschreibung [...], Ingolstatt: Joh. Andreas de la
Haye [Deutsche Ausgabe seiner lat. Briefe von 1709].
1728 bis 1761 Joseph Stöcklein: Der Neue Weltbott mit allerhand Nachrichten der Missionariorum Soc.
Jesu [...], Augsburg und Graz: Philipp, Martin und Joh. Veith [Briefsammlung in 8 Teilen].
1769 Florian Paucke: Hin und Her. Hin süsse und vergnügt. Her bitter und betrübt. Das ist treu gege-
bene Nachricht [...] mit verschiedenen Kupfern untermenget, in sechs Theile zergliedert.
[»Zwettler Codex 420«, erst 1829 in Auszügen gedruckt, 1870 in Regensburg vollumfänglich im
Druck erschienener Bericht des Jesuiten über seine Mission in Paraguay].
1783 bis 1784 Martin Dobrizhoffer: Geschichte der Abiponer, einer berittenen und Kriegerischen Na-
tion in Paraguay [...], 3 Bände, Wien: Joseph Edlen von Kurzbeck.

Literaturhinweise

Zur Leyenda negra (chronologisch):


Sverker Amoldsson: La Leyenda negra. Estudios sobre sus orígenes, Göteborg 1960.
Gerhard Hoffmeister: »Das sp. Post- u. Wächterhörnlein. Zur Verbreitung der Leyenda negra in
Deutschland (1583-1619)«, I, in Archivför Kulturgeschichte, 56, 2 (1974), 350-371.
ders.: »Spanische Sturmglocke (1604) und Spanischer Curier (1620). Zur Verbreitung der Leyenda
negra in Deutschland«, II, ibid. 61, 2 (1979), 353-368.
Barbara Becker-Cantarino: »Die Schwarze Legende. Zum Spanienbild in der deutschen Literatur des
18. Jahrhunderts«, in Zeitschriftßr Deutsche Philologie, 94, 1975, 183-203.
Dietrich Briesemeister: »Die antispanischen Flugschriften in Deutschland zwischen 1580 und 1635«, in
Wolfenbütteler Beiträge, 4 (1979), 1-44.
Antonio Mestre: »La imagen de España en el Siglo ΧνΐΠ: apologistas, críticos y detractores«, in Arbor,
t. CXIV, Nr. 449 (1983).
Julián Juderías: La leyenda negra, Madrid 1986.
Miguel Molina Martínez: La leyenda negra, Madrid 1991.
Weitere Hinweise in J. M. López de Abiada/G. Siebenmann: Lateinamerika im deutschen Sprachraum.
Eine Auswahlbibliographie.Tübmgen 1998, Abschnitt A.7.LN, 100-102.

Zum Text (alphabetisch)


Alciato, Andrea 1985. Emblemas. Edición y comentario de Santiago Sebastián. Madrid: Akal. Darin ein
aufschlussreiches Vorwort von Aurora Egido, 7-17.

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Bitterli, Urs. 1976. Die »Wilden* und die »Zivilisierten*. München: dtv.
Bitterli, Urs (Hg.). 1986. Alte Welt - Neue Welt. Formen des europäischen Kulturkontakts vom 15. bis
zum 18. Jahrhundert, München: C. H. Beck.
Borst, Amo. 1988. Barbaren. Geschichte eines europäischen Schlagworts. In: Ders.: Barbaren, Ketzer
und Artisten. München/Zürich: Piper: 19-31.
Briesemeister, Dietrich. 1992. La secularización de la cultura española en el Siglo de las Luces. In: Die
Säkularisierung der spanischen Kultur im Zeitalter der Aufklärung. Akten des Kongresses von
Wolfenbüttel. Hg. von Manfred Tietz in Zusammenarbeit mit Dietrich Briesemeister. Wiesbaden:
Otto Harrassowitz (Wolfenbütteler Forschungen, hg. von der Herzog August Bibliothek; 53): 33-
45.
Bussmann, Claus. 1996. Die Diskussion um die Theologie der Befreiung in Deutschland. In: Kohut et
al. (Hg.). 1996. Deutsche in Lateirumerika - Lateinamerika in Deutschland. Frankfurt/M.: 278-
284.
Casas, Bartolomé de las. 1981. Kurzgefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder.
Hg. V. Hans Magnus Enzensberger. Frankfurt/M.: Insel-TB 553.
Duviols, Jean Paul. 1985. L'Amérique espagnole vue et rêvée. Les livres de voyages de Christophe
Colomb à Bougainville. Paris: Editions Promodis. Es handelt sich um Auszüge aus 187 Reiseberich-
ten, illustriert, beschrieben und kommentiert.
Fernández Retamar, Roberto. 1971. Caliban. La Habana: Casa de las Américas. Deutsche Ausgabe:
Kaliban. Essays zur Kultur Lateinamerikas. München: Piper, 1988.
Gumbrecht, Hans Ulrich. 1987. Wenig Neues in der Neuen Welt. Über TVpen der Erfahrungsbildung in
spanischen Kolonialchroniken des XVI. Jahrhunderts. In: W.-D. Stempel/K. H. Stierle (Hg.): Die
Pluralità! der Welten. Aspekte der Renaissance in der Romania. München: 227-249.
Knefelkamp, Ulrich/Hans Joachim König (Hg.). 1988. Die Neuen Welten in alten Büchern. Entdeckung
und Eroberung in frühen deutschen Schrift- und Bildzeugnissen. Bamberg: Staatsbibliothek. Ein
Ausstellungskatalog.
Siebenmann, Gustav. 1989. Wie spanisch kommen uns die Spanier vor? Beobachtungen zur Verwen-
dung dieses Volksnamens im Deutschen. In: Ders. Essays zur spanischen Literatur. Frankfurt/M.:
Vervueit: 35-54.
Todorov, Tzvetan. 1985. Die Eroberung Amerikas: das Problem des Anderen. Frankfurt a.M.:
Suhrkamp.

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Zum Lateinamerikabild deutscher Leser

An der Wirklichkeit, an der Wirksamkeit von Bildern, von Vorstellungen, auch von vorge-
fassten Meinungen wird der Leser vermutlich nicht den geringsten Zweifel hegen. So nah-
men denn auch unsere Vorfahren seit 1493 Amerika in Bildern wahr, gleichviel, ob diese vi-
suell oder mental waren. Die Vorstellungen von Amerika waren in den ersten Jahrzehnten
nach der Entdeckung nichts anderes als eine bunte Mischung von Mythen und Gerüchten,
von Absonderlichem und allerlei Merkwürdigkeiten, in denen gute oder böse Vorzeichen er-
kannt wurden. Über Jahrhunderte hin blieben die Entdeckungen begleitet von Erfindungen,
die beileibe nicht nur dichterischer Phantasie entsprangen. An den unverdächtigsten Stellen,
selbst bei den gelehrtesten Autoren, ist der Einfluss vorgefasster Meinungen aufzuspüren.
Erst recht sind literarische Texte für die Verbreitung von Bildern ein wichtiges Medium, denn
dort erfüllt das »Bild vom anderen Land« eine ästhetische Funktion und darf deshalb auch
eher Mirage als Image der Fremde sein. Bekanntlich geht nicht einmal die Reise- und
Abenteuerliteratur immer von der erlebten Realität aus, auch sie ist oft bloss das Produkt der
Imagination. Die von der Literatur vermittelten Amerika-Bilder lassen deshalb nicht erken-
nen, wie die Neue Welt war, sondern wie die Europäer sie sehen konnten, sehen wollten. Hier
wie so oft waren es nicht die Fakten, die etwas bewirkten, sondern die Visionen. Da schon im
Kapitel Spiegelungen I die Quellen zum grossen Teil aus der Literatur stanmiten und ich hier
gezielt dem Suchbild in literarischen Texten nachgehe, sind Überschneidungen unvermeid-
lich. Allein, wenn ich dort den Bildkonstellationen nachging, frage ich diesmal nach der lite-
rarischen Genese und Ausgestaltung.
Das erste literarische Zeugnis der Entdeckung einer neuen Welt erschien in deutscher
Sprache sehr früh, nur zwei Jahre danach. Es steht im 66. Kapitel von Sebastian Brants
Narrenschiff, das 1494 als Druck erschien. Ich habe die vier Verse schon zitiert (in Spiegelun-
gen I). Dort war auch vom Columbusbrief und seiner bildträchtigen Qualität die Rede. Das
Schreiben hatte Columbus verfasst, als er sich schon auf der Rückfahrt nach Spanien befand.
Vom Kulturschock mit den verheerenden Folgen für die Eingeborenen, der sich erst danach
ereignet hat, ist deshalb darin nicht die Rede. Während die Ureinwohner die Prophetie der
weissen Götter für gekommen hielten, mussten die Europäer zunächst die Erfahrungen der
Andersheit bewältigen. Es fiel ihnen allgemein schwer. Sobald sich die gelehrten Humani-
sten, die geistige Elite der Renaissancezeit, dem Novum America gegenübersahen, verstellte
ihnen der eingeübte Blick zurück in die Antike die Wahrnehmung des Neuen. Was nicht in ihr
Weltbild passte, deuteten sie in ihrem Sinne um. Wo Columbus seinen Königen von echtem,
metallischem Gold sprach und mit EI Dorado der vergoldete Kazike irgendwo im Hinterland
gemeint war, schwärmte der Humanist und offizielle Chronist der Neuen Welt, Pedro Mártir
de Angleria, in seinen Décadas del Nuevo Mundo (1511-1516) von der aurea aetas, vom
Goldenen Zeitalter im Gegensatz zum Ehernen, von jener glücklichen, paradiesischen Urzeit
also, für die Ovid und Vergil das Gold als Symbol gesetzt hatten. Das Paradoxon war perfekt:
Dort, wo die Entdecker goldenen Reichtum suchten, lagen für die Humanisten »Goldene In-
seln« ganz immaterieller Art, neue Friedensinseln nämlich, wo die Indios den Privatbesitz
nicht kannten und ein naturverbundenes, einfaches Leben führten, wo Gold nur als Material
für Zierat eine Rolle spielte.

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Noch andere Schwärmer konnten an Columbus anknüpfen. Dessen Paradies-Visionen


wurden 160 Jahre später von Antonio de León Pinelo in seinem Werk El paraíso en el nuevo
mundo (1656) aufgegriffen und zum systematischen Nachweis fortgeführt, wonach das bibli-
sche Paradies in der Neuen Welt lag: die vier grossen Flüsse und die amerikanische Flora und
Fauna waren dem portugiesischen Konvertiten, der im Vizekönigreich Peru gewirkt hatte,
dafür Beweis genug. Daneben sorgten in Europa über die nächsten 200 Jahre hin Kuriositä-
ten wie die Menschenfresser, der Vitzliputzli, der Tabak und die weisse Kartoffel, die Kokos-
palme und die Hängematte für nie versiegenden Gesprächsstoff.
Die \^sionen der Neuen Welt wurden im 16. Jahrhundert massgeblich angereichert durch
die Reiseberichte. Es sei nochmals erwähnt, dass zwischen 1510 und 1715 85 Ausgaben von
original in deutscher Sprache verfassten Texten gedruckt bzw. nachgedruckt und übersetzt
worden sind. Stadens Warhafftige Historia (1557) und Ulrich Schmidls Warhafftige und lieb-
liche Beschreibung (1567) stechen daraus deshalb hervor, weil darin auch erzählt wurde, und
zwar persönlich Erlebtes, was viel emotionaler wirkte als eine enzyklopädische Beschreibung
der neuen Fremde. Allein von Stadens Bericht sind zwischen 1557 und 1715 zwölf Auflagen
in deutscher Sprache und ganze zwanzig auf Niederländisch nachzuweisen. Es ist bemer-
kenswert, dass der gebürtige Hesse auf seiner zweiten Reise nicht als Matrose, Söldner oder
Beamter nach Amerika gefahren war, sondern - wohl als einer der ersten - »um Indiam zu
besehen«. Auch Ulrich Schmidl aus Straubing hat zehn Jahre später auf seiner Reise zu Was-
ser und zu Lande die »fuernemen Indianischen Landtschafften vnd Insulen ... mit grosser
gefahr erkuendigt« und »von erschrecklicher seltsamer Natur vnd Eygenschafft der Leuth-
fresser« erzählt.
Der Strom von mehr oder weniger phantastischen Informationen über Amerika reisst bis
gegen Ende des 17. Jahrhunderts nicht ab. Entscheidend für die Verbreitung der Kunde von
der Neuen Welt war damals, als das Volk noch nicht las, nicht das gedruckte Wort. Vielmehr
wurden die Vorstellungen von der unbekannten Fremde von visuellen Bildern vermittelt: Ein-
mal waren da die erwähnten Druckgraphik-Serien von Theodor de Bry {America, 1590-
1630) und von Levinus Hulsius {Schijffahrten, 1598-1650). In grossem Stil sammelten und
illustrierten sie ältere wie neuere Berichte über Amerika und nutzten dabei den technischen
Vorsprung, den ihnen der deutsche Kulturraum als weltweit führende Druckerregion bot.
Medienkundlich gesprochen spielte sich demnach der erste Abschnitt der publizistischen
Entdeckung der Neuen Welt im Bereich der Druckgraphik ab. Folglich waren die deutsch-
sprachigen Kupferstecher, Drucker und Verleger die hauptsächlichen Verbreiter der wider-
sprüchlichen Vorstellungen von der Neuen Welt: für Europäer war sie entweder ein Gruselka-
binett oder ein fernes Paradies. Zumal Künstler vom Format Albrecht Dürers waren in der
glücklichen Lage, das Neue aus der Neuen Welt unbefangen, d. h. ohne ideologische Vorein-
genommenheit zu erkennen: das Andere war nicht eo ipso barbarisch. Als Dürer im Sommer
1520 den von Kaiser Karl V. in Brüssel zur Schau gestellten Montezuma-Schatz sah, geriet er
angesichts von soviel ungeahnter Kunstfertigkeit in einen sprachlosen Begeisterungstaumel.
Die erwähnten Reiseberichte haben in der Dichtung des 17. Jahrhunderts keine tieferen
Spuren hinterlassen. Es bleibt bei Anspielungen auf die Neue Welt, bei der dichterischen Be-
handlung des Tabaks und beim Zitat wohlklingender Orts- und Personennamen, übrigens
nicht nur aus der Neuen Welt, sondern auch aus Asien. Nachdem der erste Schock des Neu-
en überwunden war, konnte nur noch Drastischeres die Gemüter bewegen. Dies wurde von

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geschickten »Literaturagenten« anthologisch genutzt, besonders erfolgreich von Erasmus


Francisci in seinem Ost- und Westindischen wie auch Sinesischen Lust- und Stats-Garten
(Nürnberg 1668) und ebenso von Eberhard Werner Happel in den zwei Bänden seiner
Grössten Denkwürdigkeiten der Welt Oder sogenannten Relationes curiosae (Hamburg 1683
und 1685) sowie in seinem Thesaurus exoticorum (Hamburg 1688). Ich komme noch darauf
zurück (dazu Meid 1975). Schon bei ihnen und bei den Italienern wird das Autoimagotyp der
Exzellenz Europas sichtbar, das sich vollends im nächsten Jahrhundert durchsetzen sollte.
Es gab noch andere Anziehungsgründe als die Fremdheit des Neuen, solche, die entschei-
dender zu einer negativen Voreingenommenheit gegenüber Amerika führten. Denn Amerika
war zunächst nur der von Spaniern und Portugiesen erkundete Teil der Neuen Welt. Diese
politische Zugehörigkeit der entdeckten Landstriche zu den iberischen Nationen hat im übri-
gen Europa die Sicht auf die Neue Welt getrübt. Zur Negativität mancher Amerikabilder der
Reformationszeit hat somit ein Faktor beigetragen, der die Neue Welt nur deshalb betraf, weil
das katholische Spanien das Entdecker- und Erobererimperium war. Die sogenannte Schwar-
ze Legende - meine Leser wissen es - , die im Prinzip allein Spanien (und nicht Portugal)
betraf, warf ihre Schatten noch lange hinüber in dessen Kolonien. Wie man »die Spanier« in
Europa sah, so mussten sie auch in der Neuen Welt sein, mitsamt ihren Abkömmlingen, den
Kreolen und Mestizen. Die spanische Krone sorgte bewusst für eine solche Ineinsnahme von
Mutterland und Kolonien: nach der missglückten Welseruntemehmung im heutigen Venezue-
la liess der Consejo de Indias keine Ausländer mehr auf spanisches Kolonialterritorium, und
die Inquisition gestattete die Einreise nur noch Einzelpersonen und verweigerte sie den Grup-
pen.
Von solchen feindseligen Projektionen blieben von Anfang an - zunächst - als positive
Imagotype nur die »paradiesische« Natur Amerikas, das Goldland und die Edlen Wilden ver-
schont. Der Überdruss an dem sich in Religionskriegen zerfleischenden Europa und die An-
ziehungskraft der noch heilen Welt Amerikas ergaben frühe, utopisch motivierte Auswan-
derungsversuche. Bekanntlich hatte schon Thomas Morus sein Utopia (1516), dem Namen
nach ein »Land Nirgendwo«, an einem nicht näher definierten Ort in Amerika suchen lassen.
Auch die Città del Sole (1623) von Tommaso Campanella spielt auf den Sonnenstaat der In-
kas an. Dass in Francis Bacons Nova Atlantis (1627) spanisch gesprochen wird, verweist die
ideale Gesellschaft ebenfalls auf Inseln im fernen Westen. Und dort gab es - einige wenige -
reale Paradies-Experimente: Bischof Vasco de Quiroga im mexikanischen Michoacán (nach
1531), der Dominikaner Las Casas in Verapaz (Guatemala, nach 1537) und später die Jesui-
tenreduktionen in Paraguay waren christliche Versuche, die Idee der Utopie in eine gesell-
schaftliche Wirklichkeit umzusetzen. Die Jesuiten sollten mit ihrem Gottesstaat am Paraná
(1585-1768) erfolgreicher sein als die Hugenotten, die in Florida und in Brasilien vergeblich
Zuflucht vor den Verfolgungen im katholischen Europa suchten.
In der Tat hatten die Religionskriege in Europa ganz unmittelbare Folgen für die Koloni-
sierung der Neuen Welt. So wurde Amerika schon früh zum gelobten Land für Verfolgte. Die
ganz und gar anderen Gründe für ihre Fahrt über den Atlantik, als sie die Spanier und Por-
tugiesen hatten, führte auch zu einer anderen Sichtweise, insbesondere zu einer anderen Ein-
stellung gegenüber den Eingeborenen. Die Hugenotten haben als erste versucht, der Alten
Welt zu entsagen und in der Neuen ihren Frieden zu finden. Besonderen Einfluss auf die frü-
hen europäischen Vorstellungen von Amerika und seinen Ureinwohnern nahm der burgundi-
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sehe Schuhmacher Jean de Léry mit seiner Histoire d'un voyage faict en la terre du Brésil,
autrement dite Amérique (1578, deutsch 1794). Als Theologiestudent war er auf Betreiben
Gaspard de Colignys und Calvins nach Brasilien aufgebrochen. Es war die Zeit, als Ville-
gaignon in der Bucht von Rio de Janeiro ein »antarktisches Frankreich« gründen wollte.
Nach zehnmonatigem Aufenthalt kehrte Léry 1558 nach Genf zurück und verfasste seine
Histoire, die als Pionierleistung ethnographischer Berichterstattung gilt. In Opposition zu
dem katholischen Missionseifer bezeichnet er die Eingeborenen schlicht als inconvertibles,
als nicht bekehrbar und erklärt, er »würde sich diesem Volk, das wir als die >Wilden< bezeich-
nen, eher anvertrauen und sich bei ihm sicherer fühlen als unter den unverlässlichen und ent-
arteten Bewohnern mancher Gegend Frankreichs«. Montaignes Überlegungen in dem be-
rühmten Essay Sur les cannibales (1588) gehen auf Jean de Lérys indianerfreundlichen
Brasilienbericht zurück. Er fand darin im Keim seine kulturanthropologische These vor, der-
zufolge den verschiedenen Kulturen ein besonderer Rhythmus eigen sei und Fremdkulturen
demnach nicht nach Massstäben beurteilt werden dürften, die man aus dem Zustand europäi-
scher Sitten und Gebräuche herleitet. Jean de Léry bekundete als einer der ersten Europäer -
wie zunächst schon Columbus, aber mit genaueren Argumenten als dieser - Sympathie für
die einfache und naturverbundene Lebensform des archaischen Überseebewohners und ver-
breitete damit das bis heute nachwirkende Idealbild des Guten Wilden. Allerdings erkannte
Léry als Kundschafter für ein künftiges Hugenottenrefugium schon damals - gleichsam im
Vorgriff auf Max Webers These von den erfolgreichen Protestanten - die lukrativen Möglich-
keiten zur wirtschaftlichen Nutzung überseeischer Gebiete. Er meinte, auch wenn man nicht
missionieren wolle, müsse man kolonisieren, schlicht um zu überleben. Wie dieses Gewinn-
streben erfolgreich sein konnte, das bewiesen nachhaltig die Jesuiten in Paraguay nach 1609
und die puritanischen Quäker aus England in Nordamerika nach 1620.
Auch über das »heilige Experiment« der Jesuiten unter den Guaraníes, den Mochos und
Aymarás entstanden später Berichte, die unter den gebildeten Europäern selbst im Zeichen
der Jesuitenkontroverse das Bild Südamerikas aufhellten, vor allem dank ihrer wirklichkeits-
nahen Sicht und ihrer indianerfreundlichen Einstellung. Zu erwähnen sind Anton T. Sepps
Reisebeschreibungen (1698), Florian Pauckes illustrierte Darstellung im sogenannten
Zwettler Kodex 420 (1774-1780) und Martin Dobrizhoffers ethnographisch so aufschluss-
reiche Historia de Abiponibus (1784).
Indes, das Europa des Barock und der Klassik spiegelte sich so selbstverliebt in seiner
unvergleichlichen Kulturblüte, dass die handfeste und zum Teil recht anschauliche Kunde
von den Provinzen in Übersee - meistens aus der Feder und aus dem Stift von literarischen
Dilettanten entstanden - vorerst wenig bewirkte. Die Reiseberichte wurden zurückgedrängt
von einer erfindungsreicheren Literatur, oder sie wurden gar fiktiv wie im Fall von Johann
Bissels Argonauticon Americanorum (1647). Der lateinische Bericht des gebürtigen Schwa-
ben (1601-1677 oder 1682) gilt als das erste grössere Werk dichterischer Phantasie von ei-
nem Deutschen, das sich mit literarischem Anspruch ausschliesslich der amerikanischen Sze-
ne widmet. Der in Amberg verstorbene Jesuit übersetzt zunächst den (1622 deutsch erschie-
nenen) Bericht des Spaniers Pedro Gobeo de Victoria über seine unglückliche Reise durch
den Pazifik nach Lima in ein elegantes Humanistenlatein und erweitert ihn um dreissig Ka-
pitel aus der eigenen Feder. Darin macht er, der nie in Übersee gewesen war, als erster Deut-
scher Landschaftsbeschreibungen um ihrer selbst willen. Amerika erscheint bei ihm jedoch
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keineswegs als das gelobte Land. Die Neue Welt hält weder grosse Reichtümer noch exoti-
sche Wunder bereit, die die menschlichen Entbehrungen und die Mühsal der Eroberung
rechtfertigen würden. Gerade weil Bissel nicht aus eigener Anschauung schreibt, ist sein Ur-
teil für uns interessant, denn es ist allein aus dem barocken Zeitgeist und aus der melancholi-
schen Phantasie des Autors hervorgegangen. Das Wissen um die Neue Welt war - trotz der
durch die frühen Reiseberichte vermittelten direkten Wahrnehmung - noch immer ein bloss
kulturelles: Es war aus kanonisierten Texten und aus der ungeprüften, ideologiebehafteten
Überlieferung erworben.
Als gegen Ende des 17. Jahrhunderts die aktive Anwerbung deutscher Kolonisten nach
Pennsylvania und North Carolina einsetzte, wurde die Neugier an Fremdländischem neu ge-
weckt. Um sie zu stillen, verfassten - wie erwähnt - Erasmus Francisci (u. a. Neu polirter
Geschickt-, Kunst- und Sittenspiegel ausländischer Völcker, 1670) und Eberhard Werner
Happel (u. a. Relationes Curiosae, 1683/85) für den »curieusen Liebhaber« populäre und er-
bauliche Anthologien mit Texten über interessante und aufregende Begebenheiten, aus denen
als gemeinsames Merkmal »die Güte der Natur daselbst« hervorgeht. Diese Sicht der Dinge
sollte sich bald gründlich ändern.
Aus Virginia gelangte zwar im frühen 18. Jahrhundert durch die Siedler zuverlässige Kun-
de zurück nach Europa, doch literarisch fruchtbar wurden in Deutschland nicht diese Rück-
meldungen, sondern vor allem zwei ganz und gar wirklichkeitsferne, dafür um so »empfind-
samere« Stoffe: Einmal die Idylle um Inkle und Yariko. Der Stoff hat Furore gemacht. Man
kennt Bearbeitungen von Ch. F. Geliert (1746), J. J. Bodmer (1756), S. Gessner (1756), Goe-
thes Plan von 1766; nach Chamforts La jeune Indienne sodann von G. K. Pfeffel (1766), K.
Ekhof (1774), Kaffka (1805) und F. L. Schröder (1809); und zweitens die rührende Ge-
schichte von der selbstlosen Liebe der Indianer-Prinzessin Pocahontas zum Weissen John
Smith. Auch dieser Stoff war sehr beliebt (C. F. Scheibler 1781/82, J. C. F. Schulz 1800, D.
v. Liliencron 1884, neuerdings im Film von Walt Disney). Beide Male handelt es sich um die
gleiche Veredelung eines Indianermädchens, das durch seine treue Liebe zu einem treu- oder
gar ruchlosen Christenmenschen ins Verderben gestürzt wird. Die Rührgeschichten und
-dramen wurden nicht als Allegorien der Schändung der Neuen Welt durch die Alte gelesen,
sondern als moralisierende Erbauungsliteratur. Der gelehrte Schweizer Bodmer pries in den
Hexametern seiner Colombona (1753) noch immer die Entdeckung Amerikas durch den
Zivilisator Columbus, der den Wilden »Religion, Tbgend und Künste des weisen Europa«
brachte, und tadelt die spanischen Eroberer, die »mit Adlersaugen nach Gold spähen«. So
blieb selbst während der Aufklärung das Lateinamerikabild noch im Kulturwissen verhaftet,
fern jeder erfahrenen Wirklichkeit.
Und es sollte noch schöner kommen. Philosophen, trunken von der kulturellen Vortreff-
lichkeit der Alten Welt, gerieten in einen jahrzehntelangen Disput über die angebliche Min-
derwertigkeit der Neuen (dazu Gerbi 1983). Ausgangspunkt für die Vorstellungen einer Infe-
riorität alles Amerikanischen waren Ausführungen über die dortige Natur, die Graf Buffon in
seiner Histoire naturelle (1749-1804) macht. Als Argumente führt er das Fehlen grosser
Wildtiere, die Dekadenz der Haustiere, die Feindseligkeit der Natur, die Unfruchtbarkeit der
Wilden, die Feuchtigkeit des Klimas, die Fäulnis und die geologische »Jugend« des Konti-
nents an. Hinzu kam die Theorie Montesquieus, derzufolge es in einem heissen und milden
1 schwierig sei, freiheitliche Institutionen zu erhalten, da die Völker träge und verdorben
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würden. Auch David Hume hat daraus auf die Minderwertigkeit des Tropenmenschen ge-
schlossen. Und Voltaire bemängelt die fehlende Mähne beim amerikanischen »Löwen«, dem
Puma, und deutet sie als Feigheit, so wie er in dem fehlenden Bartwuchs der Indianer ein
weiteres Zeichen für deren Schwächlichkeit sah. Die skurrile Debatte hat in Deutschland ein
besonderes Echo gefunden. Aus Berlin, wo die Philosophen damals auch französisch spra-
chen, Hess sich Comeille de Pauw mit seinen Recherches philosophiques sur les Américains
vernehmen (1768/69). Ich habe diesen Bildstifter schon früher erwähnt (Spiegelungen I).
Interessanter ist der Fall Hegel, denn man hätte diesem scharfen Geist mehr Eigenständig-
keit und mehr Abstand gegenüber dem soeben geschilderten Zeitgeist zugetraut. Auch für ihn
galten nämlich die Buffon'sehen Klischees: »Physisch und geistig ohnmächtig hat sich Ame-
rika immer gezeigt und zeigt sich noch heute so«; es sei »ein Annexum, das den Überfluss
von Europa aufgenommen hat« (1961: 140). Hingegen war das Amerikabild von Herder er-
staunlich vielseitig. Der Imagologe Albert R. Schmitt schreibt in seinem Buch (1967) über ihn:
Für Herder ist Amerika lediglich ein neuer, fast in jeder Hinsicht primitiver Kontinent, dessen
Hauptfunktion darin besteht, Spiegel zu sein, in welchem sich das »allerchristlichste« und kultivier-
te, dabei aber im Grunde heidnische und degenerierte Europa höchst unvorteilhaft zeigt.

Amerika diente Herder als Bestätigung seiner Europakritik und seines Humanitätsideals,
worunter er die völlige Gleichheit aller Menschen als Kinder Gottes verstand. Herder vertieft
sich bezüglich Spanisch-Amerika allein beim Thema des Jesuitenstaates in Paraguay. Noch
Schopenhauer hat übrigens an die Inferiorität der Tiere und der Wilden Amerikas geglaubt.
So viel Unverstand konnte im Zeitalter der Vernunft nicht unwidersprochen bleiben. Der
Benediktiner Dom Antoine Joseph Pemety, der 1763 als Kaplan die Expedition Bougainvilles
zu den Malvinen begleitet hatte, wurde nach seinem Austritt aus dem Orden von Friedrich II.
zum Bibliothekar in der Abtei Bürgel in Thüringen bestellt. Von dort her schreibt er eine
scharfe Zurückweisung der Schriften von de Pauw. Allerdings führt er das Beispiel der
patagonischen Riesen als Gegenargument gegen die physische Dekadenz der Amerikaner ins
Feld, tritt Gerüchten also mit einem anderen Gerücht entgegen. Schon Vespucci hatte tatsäch-
lich von Riesen und Riesinnen gesprochen, desgleichen Pigafetta in seinem Tagebuch von
1520, und auch Padre Acosta hielt diese Riesen für wirklich.
Dispute unter Philosophen gehören eigentlich nicht zur Schönen Literatur. Wenden wir
uns wieder dieser zu. So gelangen wir schliesslich zu Christoph Martin Wieland. Er hat sich
in seinen Bey trägen zur geheimen Geschichte der Menschheit (1774-1811) über so viel
Eurozentrismus lustig gemacht: Diese Riesen hätten eine Statur von etwa sechs Fuss. Er folgt
dabei dem Philosophen La Douceur, der in seinem Büchlein De l'Amérique et des Amérì-
quains [...] (1771) ebenfalls de Pauws Degenerationsthese zurückweist. La Douceur war
selbst in Amerika gewesen und verteidigt vehement die conditio der Amerikaner: Es handle
sich nicht um Entartung der Natur, sondern um deren Kindheitszustand. Wieland, der inmit-
ten der inzwischen durch Rousseaus Zivilisationskritik zusätzlich verschärften Kontroversen
seinen gesunden Humor bewahrte, stimmte zu und forderte in seiner köstlichen mexikani-
schen Geschichte Koxkox und Kikequetzel (1769/70) Verständnis für die Unterschiedlichkeit
menschlicher Verhaltensweisen. Er zieht ein ähnlich simples Fazit aus den Kontroversen um
den Edlen Wilden und den unschuldigen Naturmenschen wie La Douceur: »Die Unschuld
des goldenen Alters, wovon die Dichter aller Völker so reitzende Gemähide machen, ist un-
sü-eitig eine schöne Sache, aber sie ist im Grunde weder mehr noch weniger als die Unschuld
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der ersten Kindheit.« So wie bei den allegorischen Darstellungen von 1745 an das Füllhorn
als Attribut auch der Figur der America erscheint - es war bis dahin allein der Europa vorbe-
halten - , so konnte in der Literatur mit dem Neue-Welt-Stofif angesichts der Ebenbürtigkeit
der beiden Welten nun auch in Heiterkeit verfahren werden (vgl. Kügelgen 1992)
Es ist unschwer zu erkennen, dass diese Debatten um die Neue Welt, soweit sie Spa-
nisch· Amerika betrafen, sich ausschliesslich in den Köpfen dieser Philosophen abspielten,
denn weder de Pauw noch Dom Pernety waren je in Mexiko oder Peru gewesen. Die Spanier
hatten ja bekanntlich vom späten 16. Jahrhundert an - im Gegensatz zu den Portugiesen und
Holländern - den Zugang zu ihren Kolonien für Ausländer sehr erschwert. Der Empirie, der
direkten Erkundung durch Wissbegierige blieb diese kontinentale Landmasse über lange Zeit
verschlossen. Deshalb stand bis weit ins 19. Jahrhundert hinein das Schrifttum über Amerika
im unglücklichen Zeichen der grossen Polemik um die angebliche Inferiorität der Neuen Welt.
Im Grunde genommen haben die europäischen Intellektuellen in diesem seit dem 17. Jahrhun-
dert fortgeschleppten Disput weniger über Amerika als über Europa debattiert.
Inzwischen hatten zwei Entwicklungen eingesetzt, die den Unwahrheitsgehalt dieser De-
batten entlarvten. Zum einen hat der politische und wirtschafdiche Fortschritt im anglofran-
zösischen Amerika die Europäer inmier stärker beeindruckt, zum anderen vertrieben die vor
Ort gewonnenen Erkenntnisse der reisenden Naturforscher den Spuk von Amerikas Deka-
denz. Als Herder feststellte, der Nordkontinent sei weiter fortgeschritten als der Südteil, war
die Zeit der proamerikanischen Stimmen längst angebrochen. Sie hatte schon vor 1776, dem
Jahr der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten, eingesetzt. Der Physiokrat Marquis de
Chastellux widerlegte in seinem Traktat De la félicité publique (1772) die Auffassung de
Pauws und anderer Amerika-Kritiker nun mit politischen Argumenten. Die Entdeckung Ame-
rikas sei keineswegs die grösste Kalamität der Menschheitsgeschichte gewesen, im Gegen-
teil: sie habe vielmehr den Handel belebt, habe Reichtum und Wohlstand gebracht und den
europäischen Nationen den Widersinn ihres militaristischen Despotismus gezeigt. Ausserhalb
der geistreichen Zirkel, in der Lebenswelt der gehobenen Gesellschaften Europas, wurde die
Neue Welt seitdem als ein Zufluchtsland für verfolgte Tilgend, für enttäuschten Ehrgeiz, auch
für ungesühntes, vielleicht bereutes Verbrechen erkannt und ist es bis heute geblieben. Aller-
dings, wer fortan Amerika sagte, meinte schlicht den angelsächsischen Nordkontinent, der
sich gegenüber dem noch immer kolonialen »lateinischen« Amerika nun immer vorteilhafter
abhob, namentlich dank der im Norden errungenen Freiheiten. Als man in Europa erkannte,
wie wenig den Idealen der Französischen Revolution nachgelebt wurde, gewannen die Pro-
jektionen utopischer Gesellschaften in die Neue Welt neue Aktualität. Höhepunkt dieser Be-
wegung war Alexis de Tocquevilles De la démocratie en Amérique (1835). Amerika (nur das
nördliche natürlich) wurde zur idealisierten Filiale Europas und auch - damals noch - zum
Vorbild für die jungen Republiken Lateinamerikas.
Dieses andere, ältere Amerika war dadurch in eine gewisse Schattenlage geraten. Die Bil-
der vom Südkontinent waren noch immer nicht ganz frei vom Einfluss der Schwarzen Legen-
de, auch in der Literatur. Marmontels Roman Les Incas ou la destruction de l'empire du
Pérou (1777; deutsch 1783)) entsprach mit seinem antikolonialistischen Tenor allerdings
dem liberalen Gedankengut, das mit der Nordamerikaliteratur verbreitet wurde. Die
Inka-Sonnenjungfrau Cora aus seinem Werk ergab dankbaren Stoff für Singspiele, Opern,
Gedichte und Erzählungen. Der Untergang des Inkareiches wurde auch von August von
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Kotzebue beklagt in seinem Drama Der Spanier in Peru (1795). Damit begann eine lange
Reihe von Bearbeitungen des Cortés- und des Pizarro-Stoffes für die Bühnen, in denen stets
Moctezuma bzw. Atahualpa die moralischen Sieger blieben. Friedrich Maximilian von
föinger veröffentlichte 1776 seine Tragödie Sturm und Drang, in der er, eingedenk der ame-
rikanischen Revolution, nun für Freiheit auch der Gefühle plädierte. Deshalb gewann das
empfindsame Rokoko wie später die Romantik die edle Indianerin besonders lieb, etwa in
Schillers »Nadowessiers Todtenlied« (1798), das Goethe so sehr bewunderte. Auch den See-
lenadel stoischer Indianer haben die europäischen Dichter gern gestaltet, über alle Grenzen
hinweg. J. G. Seumes Gedicht »Der Wilde« (1801) verkörperte für Generationen von Schul-
buchlesern jene »ächte reine primitive Menschengüte, die so selten durch unsere höhere
Cultur gewinnt«. Die Schelte des Huronen für die »fremden, klugen, weissen Leute« war
gewiss verdient, doch bei allen diesen idealisierten Eingeborenen erinnerte nichts mehr an
Amerika als der Name. Der Überseestoff war vollends in der Moralliteratur aufgegangen.
Eine Wende zum Besseren trat für Mittel- und Südamerika erst ein, als Naturforscher wie
Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland 1799 von den Spaniern die Erlaubnis erhiel-
ten, in deren Kolonien einzureisen. Über deren Folgen habe ich schon berichtet. Sie und vie-
le andere Naturforscher aus Europa haben ein für allemal Amerika von Buffons Inferiori-
täts-Topos befreit. Die europäischen Anschauungen Amerikas wurden nun endlich realisti-
scher. Reisen in den Südkontinent wurden im Sog der Forschungsergebnisse Humboldts und
anderer nun immer beliebter. Von Naturforschern, Archäologen, Ethnologen und manchen
Abenteurern, die eine schlichte Reiselust hinübertrieb, gibt es ein schier unüberschaubares
Korpus von Berichten aus dem 19. Jahrhundert. Die gewaltige, auch menschenfeindliche
Natur im tropischen Amerika hat seitdem das visuelle wie das mentale Bild von Lateiname-
rika entscheidend geprägt und damit die Geplänkel der Philosophen, aber auch Themen der
Geschichte und der vorcolumbianischen wie der nachmaligen Kunst in den Hintergrund ge-
drängt.
Frei konnte in der Romantik nun mit den vielfältigen Amerika-Vorlagen umgegangen
werden. Auf Amerika als Land der Zukunft für Europamüde - so der Titel eines viel-
gelesenen Romans von Ernst Willkomm (1838) - , aber auch als Zuflucht für Hungernde fällt
nun ein neues Licht, auch in der Literatur. August von Platen lässt seinen Columbus zu Na-
poleon sagen: »Segle westwärts ... /denn nach Westen flieht die Weltgeschichte« (Colombos
Geist, 1818). Goethe im vielsagenden Gedicht »Amerika, du hast es besser« (1827), Hegel in
seiner Geschichte der Philosophie (1839-1841), Eichendorff in der Meerfahrt (postum 1864)
bezeugen diese Hoffnungen. Heine fragt sich in seinem Pariser Exil: Jetzt wohin? - und dar-
in, schon skeptischer: »Manchmal kommt mir in den Sinn/nach Amerika zu segeln,/Nach
dem grossen Freiheitsstall,/Der bewohnt von Gleichheitsflegeln/...« (1830). Und Lenau stili-
siert die Briefe (1832) über seine fingierte Amerika-Enttäuschung schon ganz im Blick auf
die Erwartung der biederen Leser zu Hause.
Um zu zeigen, wie frei in der Romantik mit historischen Vorlagen umgegangen wurde,
komme ich nochmals auf Eichendorifs Meerfahrt zurück. Der Dichter ist im Klima romanti-
scher Spanienverklärung auf sein Thema gestossen. (Von der Schwarzen Legende finden wir
vorübergehend keine Spur mehr). Anselm Maler hat genauer untersucht, auf welche Quellen
Eichendorff sich für die Meerfahrt stützte. Einmal war da Campes Jugendbuch über Die Ent-
deckung von Amerika (1807), als zweites der Kolumbusbrief, als drittes Washington Irvings
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vielbeachtete Kolumbusbiographie (1828), sodann als viertes die Passage über die Venusinsel
in den Lusiaden des Camôes, schliesslich eine Quelle, die man nicht vermutet hätte, nämlich
Alexander von Humboldts Abhandlung Von einigen Tatsachen, die sich auf Christoph Colum-
bus und Amerigo Vespucci beziehen (1836). Was hat nun Eichendorff daraus gemacht? Maler
liest die Meerfahrt zunächst als eine abenteuerliche Überformung der Emigrationsidee, die
Eichendorff am Ende aber wieder zurücknimmt mit dem Beschluss der Abenteurer, »die
Neue Welt vorderhand noch unentdeckt zu lassen und vergnügt in die gute alte wieder heim-
zukehren«. Eichendorff hat, wie so manche Romantiker, eine emotionale Projektion eigener
Wunschträume umgesetzt - hier wieder das Makrobild der Utopie - , hat sie in die Neue Welt
gerichtet und dann wieder zurückgenommen. Der sorgsam erarbeitete Stoff wurde völlig in-
dividualisiert und in das Erleben der eigenen Persönlichkeit, der eigenen Gefühle hereinge-
nommen. Eichendorffs Meerfahrt stellt sich dar »wie der dichterische Vollzug [seiner] Teil-
nahme am geschichtsphilosophischen Denken der Romantik« (Maler 1975).
Europa und Amerika sind einander im 19. Jahrhundert in jeder Hinsicht näher gekom-
men. Nach der naturwissenschaftlichen Erkundung kam nun die wirtschaftliche vermehrt ins
Spiel. In den Kreisen des Aussenhandels, nicht nur im deutschen Kulturraum, nahm man die
Lebenswelt in Übersee längst realistischer wahr, als man im Bereich der Literatur noch im-
mer auf den Reiz der Andersheit baute, in deren positiven wie negativen Aspekten. Im Zuge
der massiven Emigrationsbewegungen zog es auch Vertreter der schreibenden Zunft hinaus:
Gottfried Duden (Bericht über eine Reise..., 1829), Charles Sealsfield (das ist Karl Posti:
Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken, 1841), Ida Pfeiffer (Eine Frauenfahrt um die
Welt, 1850), Friedrich Gerstäcker {Nach Amerika, 1855) und namentlich Karl May mit sei-
nem guten Dutzend Amerikaerzählungen (1876-1910), sie alle brachten ein zeitgenössi-
sches, von tüchtigen Weissen und nichtswürdigen Welschen besiedeltes Amerika vor ein brei-
tes Leseφublikum. Das Bild vom besseren Amerikaner hatte sich durchgesetzt, betraf aber
vor allem den Nordkontinent. Die subtropischen und tropischen Regionen wurden dafür
Blickpunkte für eine ebenso bedeutende Neuheit des beginnenden 19. Jahrhunderts, den
Exotismus. Ich habe von dieser bilderstiftenden Sehnsucht nach einem anderen Land im Ka-
pitel Spiegelungen I schon gesprochen. Es sind einige wenige Motive, die den literarischen
Reiz des nun massenhaft verbreiteten Lesestoffes ausmachen: Weigerung und Aufbruch; ab-
gebrochene Brücken; die Begegnung mit dem Edlen Wilden, dessen Bild nur dann negativ
besetzt ist, wenn ihn die Zivilisation verdorben hat; statt El Dorado nun zumeist der Fluch des
Goldes; die Abenteuerlandschaft entweder als Paradies oder als schauerliche Wildnis; das
Figurenarsenal häufig geprägt von der Überlegenheit deutscher Menschen in welscher Um-
gebung.
Auch der Mythos vom Paradies, von der besseren, wenngleich nun verlorenen Welt, hielt
sich weiterhin auch in der hohen Literatur, besonders deutlich zur Zeit der Jahrhundertwen-
de. In Hofinannsthals sogenanntem »Chandos-Brief« (1902) lesen wir ein Zeugnis der euro-
päischen Bewusstseinskrise und in seinen Briefen des Zurückgekehrten (1907) die Projektion
seiner Sehnsucht nach echter Menschlichkeit in das lateinische Amerika hinüber: »Muss ich
zurück nach Uruguay [... ], um wieder von menschlichen Lippen diesen menschlichen Laut
zu hören, der in ein schlichtes Abschiedswort [... ] manchmal das Ganze der menschlichen
Natur zu legen vermag?« (dazu Rössner 1988: 55-74). Es wurden auch nochmals geistige
Synthesen über Lateinamerika aus philosophischer Sicht versucht: Hermann Graf
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Keyserlings Südamerikanische Meditationen (1932) und später Ernesto Grassis Reisen ohne
anzukommen (1955) zeugen beide - mit teils negativen, teils positiven Verzerrungen - von
nachhaltiger Faszination der Verfasser angesichts der Erdhaftigkeit und der Weiten dieses
Kontinents. Doch in der zerrissenen Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg kehrt das
Utopia-Bild eines Friedlandes wieder, vor allem bei den Expressionisten, etwa in Heinrich
Manns Brasilienidylle im 1. Kapitel seines Romans Zwischen den Rassen (1907) oder in
Georg Heyms sanftem Gedicht »Columbus« (1911). Auch sozialkritische Menschheits-
dämmerung wird gesichtet, zumal im sozial gebeutelten Südkontinent, zum Beispiel in
Iwan Gölls Panamakanal (1912/18), wo die technische Zivilisation hereinbricht, die heile
Natur zerstört und die Menschen entwürdigt. Bernhard Kellermann hat mit seinem
Science-fiction-Bestseller Der Tunnel (1913) die Angleichung der Sozialprobleme beider-
seits des Atlantiks geradezu technisch veranschaulicht. Im Denkgebäude der französischen
Surrealisten - auch der Deutsche Wolfgang Paalen gehörte in den Kreis - nahm Amerika
als ästhetische Erfahrung, als Auseinandersetzung mit dem kulturell Anderen einen wich-
tigen Platz ein (dazu Klengel 1994).
Doch eigentlich war nun längst die Zeit des Sachbuchs angebrochen. Sehen wir uns ein
Beispiel näher an. Ein solches ist der Syntheseversuch aus den 20er Jahren von Wilhelm
Mann (1927). Obschon über seine Verbreitung nichts Zuverlässiges bekannt ist, muss das
Buch in Anbetracht des damals aktuellen Themas stark auf das Lateinamerikabild jener Jah-
re gewirkt haben. Es ist jedenfalls für dessen Entwicklung aufschlussreich, denn, wie es im
Vorwort heisst, »suchen die hier gebotenen Ausführungen [...] das lateinische Amerika in der
Hauptsache von der geistigen Seite her zu erfassen« (S. 10). Zwar anerkennt Mann den Altru-
ismus, die Gastfreundschaft und den Familiensinn, die geistige Beweglichkeit der Lateiname-
rikaner, auch ist er generell auf ein vorsichtiges Urteilen bedacht, und doch ergänzt er die
positiven Imagotype im Ton der germanischen Überlegenheit. Er nennt ausdrücklich eine
Anzahl negativer Züge und tadelt die Lateinamerikaner wegen ihres wenig tatenfrohen, zu
sehr gefühlsbezogenen, aufbrausenden, kindischen, unverantwortlichen, trägen, oft unehrli-
chen Wesens (S. 102-193). Die negativen Wertungen überwiegen zu stark, um noch von ei-
nem Sachbuch reden zu können.
Als Zielkontinent deutscher Immigration erhält Amerika nach 1933 eine erneute, diesmal
politische Aktualität. Die literarischen Auswirkungen waren beträchtlich, wie ich schon im
Kapitel Spiegelungen I ausgeführt habe. Hier möchte ich auf Alfred Döblins Romantñlogie
Amazonas (1937-1948) noch etwas näher eingehen. Der erste Band, Das Land ohne Tod mit
seinen drei Büchern, ist gleichsam ein Vorspiel zum zweiten. Der blaue Tiger, mit fünf Bü-
chern. Darin schildert der Autor Anfang, Blüte und Ende der Jesuitenreduktionen in Para-
guay. Zur Entstehung schreibt Döblin selber im »Epilog« der 1948 erschienenen Festschrift
zu seinem 70. Geburtstag, dass er von den Südamerika-Karten in der Bibliothèque Nationale
in Paris auf Atlanten und auf bebilderte Ethnographien gestossen sei.
Die Südamerikakarten mit dem Amazonenstrom: Was für eine Freude. [...] Nun der Amazonen-
strom. Ich vertiefte mich in seinen Charakter, dieses Wunderwesen Strommeer, ein urzeitliches
Ding. Seine Ufer, die Tiere und Menschen gehörten zu ihm. - Eines zog das andere nach sich. Ich
las von den indianischen Ureinwohnern, stieg in ihre Geschichte und las, wie die Weissen hier ein-
drangen. [...]. Bald fing ich an zu schreiben, tatsächlich mit der einen Idee: diesem Flussmeer zu
geben, was des Flussmeeres war, auch seine Menschen zu zeichnen und die Weissen nicht aufkom-
men zu lassen. So wurde der erste Band: Das Land ohne Tod. [...] Las Casas' Auftreten am Ende
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des 1. Bandes machte alles andere zum Vorspiel. [...] Und nun wurde es der grossartige
Menschheitsversuch, die Jesuitenrepublik am Paraná. Das Christentum steht im Kampf mit der
Natur, und auch im Kampf mit den unzulänglichen Christen. Ein neues Thema, ich wollte dabei
lernen und mich erproben. Ich konnte dem Thema nicht ausweichen. Es lief mir nach, es stellte
mich, am Schluss des ersten Bandes vom Land ohne Tod als ich so tat, wie wenn ich ihm entron-
nen wäre. Und dennoch, ich wich ihm aus, ich entzog mich, so gut und so glatt ich konnte. Von da
kommt in den Band Der blaue Tiger das Vibrieren und Schillern des Stils, von da auch die Heiter-
keit [...] Von da die Anbetung der natürlichen Urmächte. Aber mitten drin steht unbeweglich eine
scheue und tiefe Ehrfurcht. Religion steht da und schweigt. - Der Abgesang dieses Südamerika-
Werkes [Derneue Urwald] kann nicht umhin, die furchtbare, brütende Veriorenheit, die nachbleibt,
zu zeichnen.
Die Ergriffenheit Döblins, der nie in Südamerika gewesen ist (er war nur in Mexiko), ist er-
staunlich. Es scheint, als hätte er gerade deshalb seinen Visionen besonders freien Lauf las-
sen können. Erlebnisraum für sein Schreiben waren die eigene Imagination, angeregt durch
Papiere: die Kartengeographie und die Dokumente in der Bibliothèque Nationale. Die Ge-
schichte, die duda indiana mit den völkerrechtlichen Zweifeln der Spanier, die Zwiespältig-
keit von Las Casas, der Inquisitor, alles war ihm aus den Lektüren präsent geworden, nur die
Natur, die Physis: sie musste Döblin erfmden. Gerade bei so ausgeprägter Fiktionalität ist der
Reichtum an Lateinamerikabildem besonders gross und für uns interessant. El Dorado; die
Horde der Eroberer (den Deutschen Alfinger nennt Döblin den Grausamsten der Grausamen);
die Indianisierung der Weissen (die Mestizierung); das Paradies, das Las Casas bei den
Lacandones findet; die Amazonen und die Menschenfresser; die Versklavung der Eingebore-
nen; dçr »Adel« der Neureichen. Kurzum: das ganze »Schauerkabinett« Lateinamerika
(Döblin 1963: 368 ff.). Eine so betörende Mischung aus Hassliebe zu Europa und Sehnsucht
nach Ursprünglichkeit in der Neuen Welt gibt es in der deutschen Literatur nur einmal.
Wenn wir die Paraguay-Kapitel in Döblins Roman vergleichen mit Fritz Hochwälders
Das heilige Experiment (1964), so erkennen wir sogleich, dass in den fünf Aufzügen von
Hochwälders Drama Lateinamerika kaum in den Blick kommt. Die Jesuitenmission, einziger
Schauplatz der Handlung, liegt zwar in Paraguay und es treten zwei taufwillige Guaraní-In-
dios auf. Doch sie sprechen natürlich mühelos Deutsch und wirken fast schon wie satirische
Figuren. Natur und Kultur dieser Eingeborenen sind aus dem Konflikt völlig ausgespart wor-
den. Es geht bei Hochwälder fast ausschliesslich um europäische Machtpolitik, um Interes-
senkonflikte zwischen den Jesuiten und den kreolischen Siedlern, um das innere Drama des
Provinzials Alfonso Fernández. Es ist ein auch in seiner Bearbeitung als Fernsehspiel sehr
eindrückliches Drama, doch es gibt Aufschlüsse nur über das Spanienbild und kaum für das
Lateinamerikabild. Der gleiche Paraguaystoff, zwei zeitgenössische deutschsprachige Auto-
ren, Lateinamerika als Schauplatz: im einen Fall ist der Kontinent omnipräsent, im anderen
kaum als Kulisse vorhanden. Das Brasilienbuch von Stefan Zweig (1981) verdient hier kei-
ne weitere Erwähnung, denn inzwischen hat sich herausgestellt, dass er es gezielt zwecks Ge-
winnung behördlicher Sympathie geschrieben hatte. Es stellt deshalb für die Bildforschung
kein echtes Dokument dar.
Doch nun zurück zum Überblick. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind zahlrei-
che Synthesen erschienen. In Lateinamerika suchte man die veriorene Vergangenheit, wäh-
rend Angloamerika immer mehr als Kontinent der vorweggenommenen Zukunft gesehen
wurde (Arthur Holitscher: Amerika heute und morgen, 1912). Die Schere zwischen Nord und
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Süd mit der Achse am Rio Grande sollte sich fortan noch weiter öffnen. Der hergebrachte
Eurozentrismus begann schon vor dem Zweiten Weltkrieg in vereinzelten Sachbüchern zu
schwinden, z. B. bei Kasimir Edschmid: Glanz und Elend Südamerikas (1931), auch in Re-
portagen, z. B. bei Egon Erwin Kisch: Paradies Amerika (1930) und Entdeckungen in Mexi-
ko (1947). Doch erst seit 1945, dank den Flugverbindungen, den Medien und dem Touris-
mus, auch dank der Lektüre übersetzter Autoren aus Nord-, später auch aus Südamerika,
wurde die nun längst nicht mehr so neue Welt den Europäern vertrauter. Durch die politische
Präsenz der USA in der Ersten und der Dritten Welt (inzwischen auch in der Zweiten), rückt
fortschreitend der Zustand näher, wo (Nord-)Amerika überall ist, allerdings ein Amerika,
dessen Vielfalt »mit einer nie endenden Klischee-Fabrikation überdeckt, uniformiert und fast
zum Verschwinden« gebracht wird (Durzak 1979: 12). Der emotionale Widerstand gegen den
Koloss wächst wie von selbst und proportional zu dessen Macht, auch in den Vereinigten
Staaten selbst. Die Literatur spiegelt diesen Zwiespalt besonders getreu.
Im übrigen ist Amerika für die Schriftsteller immer weniger das andere Land, sondern ein
gezielt gewählter Schauplatz für die eigene Befindhchkeit, ein Ort für Geschehen und Begeg-
nungen wie ein anderer in der modernen Welt auch. Freilich sind die stereotypen
Überlegenheitsposen der Europäer immer wieder wirksam, und zwar auf Gegenseitigkeit:
hier der kulturlose Amerikaner und der korrupte Latino, dort der überhebliche Deutsche, der
besserwisserische Schweizer, der österreichische Snob. Max Frisch hat überzeugend gegen
die Klischees angeschrieben, einmal in seinem Aufsatz »Unsere Arroganz gegenüber Ameri-
ka« (1967), dann in dem aufrichtigen Rückblick auf sein Leben, den er von Montauk (1975)
aus gewinnt. Auch Lateinamerika dient bei Frisch als Chiffre für seine oder seiner Figuren
Befindlichkeit, im Stiller (1954), vor allem im Homo Faber (1957), während der Zürcher
andererseits das reale Lateinamerika angesichts des sozialen Elends unerträglich fand (Orchi-
deen und Aasgeier, 1951).
Daneben suchten die deutschsprachigen Schriftsteller weiterhin die Andersheit fast nur
noch im südlichen Amerika, dessen Entwicklungsrückstand nach 1945 immer deutlicher in
die Augen stach. Eine neue Empfindsamkeit, eine Sensibilisierung für die vom Fortschritt
allenthalben angerichteten Beschädigungen, lässt kritische Autoren ihren Stoff eher dort als
im europanahen Nordamerika suchen. Lateinamerika wurde - zumal von der neuen Linken -
nun als Kontinent der »offenen Adern« (Galeano, 1973) gesehen, die Erste Welt (und damit
auch Europa) als die der Ausbeutenden. Wir begegnen zwar dem Bild Lateinamerikas als
Opferkontinent schon in den dreissiger Jahren, in der antikolonialistischen und europa-
kritischen Sicht, mit der Walter Hasenclever und Kurt Tucholsky Christoph Columbus oder
Die Entdeckung Amerikas satirisieren (1931/32). Doch nun verschmolzen die historischen
Schuldzuweisungen an die Spanier mit der Imperialismuskritik im Umfeld von 1968 und er-
gaben eine Literatur selbstgerechter Empörung, die jene polemischen Streitgespräche vor-
wegnimmt, wie sie später im Zeichen der Gedenkfeiern 1492-1992 vor allem in Lateiname-
rika zu hören waren: eine anachronistische Wiederauferstehung der Schwarzen Legende.
Sympathie und Solidarität zu den Indios, oft genug blauäugig, bauen inzwischen die
Alteritätsgefühle auch gegenüber dem Südkontinent ab. Ein anderer Zürcher Autor, Hugo
Loetscher, hat den gleichen Perspektivenwechsel wie Hasenclever/Tucholsky mit viel Sym-
pathie zu den bolivianischen Hochlandbewohnem gestaltet anhand der »Entdeckung der
Schweiz durch die Indios«, einem Kapitel aus seinem Roman Der Immune (1975: 131-145).
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Loetscher steht hier zugleich als einer der Autoren deutscher Sprache, die das ethnographi-
sche Erzählen zeitgemäss erneuert haben. In seiner Wunderwelt. Eine brasilianische Begeg-
nung (1975) vermittelt der einfühlsame und sprachkundige Europäer den weiten Horizont
eines beobachtenden Fremdlandverständnisses. So wird die jeweils andere Welt, wenn nicht
besser, so doch wenigstens überschaubarer und ein zuverlässigerer Vorrat für literarische Zi-
tate und Motive. Jacob Burckhardt hatte es vorausgesehen, als er meinte, Columbus sei der
gewesen, »der es zuerst aussprechen durfte: il mondo è poco, die Erde ist nicht so gross, als
man glaubt«.

Literaturhinweise

(Die erwähnte Primärliteratur wird hier nur ausnahmsweise aufgeführt.)


Baudet, Henri. 1965. Paradise on Earth. Some thoughts on European Images of Non-European Man.
New Haven/London: Yale University Press. (Original niederländisch 1959).
Bauschinger, Sigrid et al. (Hg.).1975. Amerika in der deutschen Literatur Neue Welt - Nordamerika -
USA. Stuttgart: Reclam.
Döblin, Alfred. 1963. Amazoruts. Roman. Hg. von Walter Muschg. Ölten/ Freiburg i. Br.: Walter.
Döblin, Alfred. 1988. Amazonas. Romantrilogie. Hg. von Werner Stauffacher. Olten/Freiburg i. Br.:
Walter. Es handelt sich um eine Neuedition, mit sorgfaltigem Kommentar des Herausgebers.
Durzak, Manfred. 1979. Das Amerikabild in der deutschen Gegenwartsliteratur. Stuttgart.
Cerbi, Antonello. '1983. La disputa del Nuovo Mondo. Storia di una polemica: 1750-1900. Milano/
Napoli.
Hegel, G. F W. 1961. Philosophie der Geschichte. Stuttgart: Reclam.
engeI, Susanne. 1994. Amerika-Diskurse der Surrealisten. »Amerika« als Vision und als Feld hetero-
gener Erfahrungen. Suttgart/Weimar: Metzler.
Kügelgen, Helga v. 1992. Texte zu Erdteil-Allegorien. In: Siebenmann/König (Hg.): Das Bild Latein-
amerikas im deutschen Sprachraum. Tübingen: Niemeyer: 55-90.
Maler, Anselm. 1975. Der exotische Roman. Bürgerliche Gesellschaftsflucht und Gesellschaftskritik
zwischen Romantik und Realismus. Eine Auswahl mit Einleitung und Kommentar. Stuttgart: Klett.
Maler, Anselm. 1975. Die Entdeckung Amerikas als romantisches Thema. Zu Eichendorffs Meetfahrt
und ihren Quellen. In: Germanisch-romanische Monatsschrift, NF. Bd. XXV, H.l (1975): 47-74.
Mann, Wilhelm. 1927. Volk und Kultur Lateinamerikas. Hamburg: Broschek & Co.
Meid, Volker. 1975. Amerikanisches in der deutschen Literatur des 17. Jahrhunderts. In: Bauschinger
1975: 17-27.
Rössner, Michael. 1988. Auf der Suche rutch dem verlorenen Paradies. Zum mythischen Bewusstsein in
der Literatur des 20. Jahrhunderts. Frankfurt/M.: Athenäum.
Schmitt. Albert R. 1967. Herder und Amerika. Den Haag: Mouton.
Siebenmann, Gustav. 1992. Das Lateinamerikabild in deutschsprachigen literarischen Texten. In:
Siebenmann/König 1992: 181-207.
Siebenmann, Gustav/Hans-Joachim König (Hg.). 1992. Das Bild Lateinamerikas im deutschen Sprach-
raum. Ein Arbeitsgespräch an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (15.-17. März 1989).
Tübingen: Niemeyer (Beihefte zur Iberoromania-, 8).
Steinbrink, Bernd. 1983. Abenteuerliteratur des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Tübingen: Niemeyer.
Zweig, Stefan. 1981. Brasilien. Ein Land der Zukunft. Frankfurt/M.: Insel.

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Die Zentenarfeiem der Entdeckung im Vergleich

Ein Gedenken an 1492 hat es in den darauffolgenden drei Jahrhunderten nicht gegeben, we-
der 1592 noch 1692, und 1792 schon gar nicht. Weder die damaligen Eroberer noch die Be-
troffenen sahen das Datum als Einschnitt oder Gründungsakt. Des 12. Oktobers (des angeb-
lichen Tags der ersten Landnahme der Spanier in der Neuen Welt) war z. B. selbst in den so
aufmerksam geführten und auch für Weltliches im deutschen Kulturraum offenen Annalen
des Klosters St.Gallen fniher nie gedacht worden. Die Besinnung auf die kalendarische Wie-
derkehr bestimmter Jahresanlässe ist eine Folge des Historismus im 19. Jahrhundert, mithin
eine späte Erscheinung. So sind denn auch erst die beiden letzten Zentenarien der ersten
Landnahme in der Neuen Welt durch Columbus im Jahr 1492 zu Grossanlässen geworden,
allerdings in sehr unterschiedlicher Weise. Vergleichen wir rückblickend diese beiden
Gedenkjahre miteinander, so ergibt sich ein Gefälle, das drastischer nicht sein könnte, ein
dramatisches Bild der in diesen hundert Jahren erfolgten Entwicklung und Veränderung der
mentalen und affektiven Einstellung gegenüber der Geschichte wie gegenüber der Fremdheit,
der anthropologischen wie der kulturellen. Im Folgenden halte ich mich weitgehend an
Bernabeu Albert (1987) sowie an dessen Besprechung durch Fernando Ainsa (1990), und an
Rojas Mix (1991).
1892 ist der Columbustag erstmals offiziell und feierlich begangen worden. Zwar geschah
es auch damals nicht in historischer Unschuld, was besagen will, dass - wie 1992 wieder -
sowohl Ereignis- wie Mentalitätsgeschichtliches die Einstellungen der kulturell diversen
Öffentlichkeiten stark beeinflusst hat. In der Tat wurde 1892 das Datum in Spanien unter dem
Namen Dia de la Raza zum Nationalfeiertag deklariert. Gemeint war mit dem in unseren
Ohren seltsam klingenden Namen ein Tag der hispanischen Rasse, der spanischsprachigen
Völker. Die Bezeichnung blieb bis an das Ende der Franco-Zeit gebräuchlich und erst nach
dem Trauma des faschistischen Rassenwahns wurde sie missverständlich. Mit guten Gründen
verlegte deshalb König Juan Carlos den Nationalfeiertag auf das Datum der Verfassungs-
gebung (am 6. Dezember 1978) und bezeichnete den 12. Oktober - im Hinblick auf 1992 -
als Dia de la Hispanidad. Schon das 1892 gewählte mythische Etikett Dia de la Raza lässt
erkennen, dass Spanien in jenem Jahr seine koloniale Grösse nochmals beschwören wollte.
Es war höchste Zeit, denn von dem einst gewaltigen Koloniab-eich waren ihm nurmehr Puer-
to Rico, Kuba und die Philippinen als letzte Überseeterritorien verblieben, noch bis 1898.
In der Tat standen die offiziellen Reden und Schriften anlässlich des IV Centenario in
Spanien noch immer deutlich im Zeichen der Rachegefühle und des Unmuts angesichts der
Unabhängigkeit fast aller ehemaligen spanisch-amerikanischen Kolonien. Wie schlecht die
einstige Weltmacht Spanien, die inzwischen in flagranter Dekadenz vegetierte, offiziell die
nachhaltige und rasche Dekolonisierung Spanisch-Amerikas hinnahm, das zeigte sich allein
schon daran, dass sie an die siebzig Jahre nach der entscheidenden Niederlage bei Ayacucho
(1824) diese Schrumpfung auf das spanische Mutterland noch immer für reversibel hielt.
Symptomatisch dafür sind allein schon die endlosen Querelen um die Benennung des Konti-
nents, von denen schon die Rede war. Der chilenische Historiker Rojas Mix (1991: 211)
äussert sich unmissverständlich: »Die Feierlichkeiten um das vierte Zentenarium waren ge-
prägt von der Polemik um den Namen.« Es wurden aus diesem nationalistischen Affekt her-
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aus absurde Vorschläge gemacht: Sollte man nicht vielleicht das traditionelle Indias retten?
Oder gar die Columbustat zelebrieren durch eine (illusorische) Neubenennung des Konti-
nents als Colonida, in Analogie zu Amerika? Geblieben sind, wie gesagt, von den damals
vorgeschlagenen Namen nur Iberoamérica und Hispanoamérica, und zwar nur in Spanien, wo
dessen Leistung festgeschrieben werden sollte.
Die Kehrseite der Medaille war, dass im Zeichen dieser vierten Zentenarfeiem der Ent-
deckung nun auch in den letzten Kolonialterritorien, namentlich auf Kuba und Puerto Rico,
sich die Unabhängigkeitsbestrebungen verschärften. Die in Festakten verkündete Antwort des
offiziellen Spaniens auf solche Unruhe war bemerkenswert: Man nahm sich vor, »in die ehe-
maligen Kolonien neue Säfte einströmen zu lassen, damit ein neues Spanien (lies Gross-
spanien) auferstehe und eine neue Ära der Triumphe beginne«, so der damalige Tenor. Unter
dem Mantel einer spanisch-amerikanischen Brüderlichkeit, die angeblich die »Kränkungen
und Ungerechtigkeiten« der Dekolonisierang überwinden sollte, suchten die Regierenden im
damaligen Spanien in Übersee noch einmal Einfluss und eine Hegemonialposition zurückzu-
gewinnen. Mehr als eine rhetorische Übung war es nicht.
Die Rhetorik spielte auch sonst eine bemerkenswerte Rolle in der politisch motivierten
Gedenkstrategie Spaniens. Im Bewusstsein der geistigen Führerrolle, die den Dichtem und
Schriftsteilem in der hispanischen Welt traditionell zuerkannt wurde, lud Spanien die damals
herausragenden Autoren Spanisch-Amerikas offiziell zu den Feierlichkeiten von 1892 ein
und dachte ihnen mit raffinierter Diplomatie eine Mittlerrolle zu in diesem α priori verlore-
nen Spiel um neue Macht: Es kamen Rubén Darío aus Nicaragua, Ricardo Palma aus Peru,
Zorrilla de San Martin aus Uruguay, die Kolumbianerin Soledad Acosta de Samper u.a.m. In
ihren Reden lobten die Gäste fast einhellig die Leistung der Entdeckung und Eroberung
durch die Spanier und werteten das, was da und dort schon als Völkermord bezeichnet wur-
de, als eine zivilisatorische Grosstat. Beachtenswert ist, dass einzelne Festredner damals vor-
schlugen, im Zeichen dieses vierten Zentenariums sei der (europäischen) Amerika-Forschung
ein nachhaltiger Impuls zu verleihen, wobei das Augenmerk endlich auf die vorcolumbischen
Kulturen zu richten wäre. Auch dies ein verspätetes Postulat, denn seit Alexander von Hum-
boldts Forschungsreise (1799 bis 1804) waren weitere Deutsche, aber auch Franzosen,
Schweizer, Engländer, Amerikaner in der regionalen Feldforschung erfolgreich tätig gewe-
sen, vor allem in der Archäologie, der Ethnologie und in den Geowissenschaften. Auch im
Bereich der Technik waren die rückständigen Spanier in Übersee längst von Ingenieuren aus
anderen Ländern abgelöst worden. Franzosen und Engländer vor allem hatten Bahnen und
Häfen gebaut, Deutsche namentlich Brücken und Bergwerke. Ausländer haben dem Konti-
nent die Infrastruktur erschlossen. Immigranten aus dem deutschsprachigen Raum als Sied-
ler, solche aus Italien und Spanien als Handel- und Gewerbetreibende waren inzwischen vie-
lerorts erfolgreich. Just deshalb richteten die Spanisch-Amerikaner von 1892 einen Appell an
das offizielle Spanien: Von dem inzwischen nahezu »kinderlos« gewordenen Mutterland er-
warteten sie nun, es müsse sich fortan wenigstens in geistigen und kulturellen Belangen um
seine ehemaligen Kolonien kümmern. Indes, mit dem Jahr 1892 wurde keineswegs, wie von
einzelnen schüchtern erhofft, der Beginn emsthafter Amerikastudien eingeläutet, in Spanien
schon gar nicht.
Vielmehr zeigten die Beschwörungen eine konträre Wirkung: Als nämlich Kuba, Puerto
Rico und die Philippinen - mit massiver militärischer Einhilfe allerdings der USA - im Jahr
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1898 ebenfalls von Spanien abfielen und als die geschlagenen spanischen Truppen in den
Heimathäfen zerlumpt an Land gingen, war endlich auch dort für jedermann sichtbar, was
seit geraumer Zeit der Rest der Welt wusste: Spanien lag politisch am Boden und war zu ei-
ner der rückständigsten Nationen Europas verkommen. Die Evidenz des Niedergangs löste
nun bei einer Gruppe von spanischen Dichtern und Denkern eine Emeuerungsbewegung aus,
die unter der Bezeichnung »Generation von 98« bekannt geworden ist. Das Jahr der tiefsten
aussenpolitischen Erniedrigung wurde bewusst zum Symboljahr dieses Regenerations-
versuchs erkoren. Er knüpfte an frühere liberale Reformbestrebungen an und verlieh dem
Erziehungswesen, der Literatur, auch dem Nationalgefühl wichtige Impulse. Die Bewegung
blieb aber langfristig ohne politische Wirkung, weil die sozialen und wirtschaftlichen Proble-
me nicht ernsthaft und pragmatisch genug angegangen wurden.
Zudem regten sich 1892 erstmals die Indios. In Lateinamerika war Juan León Mera
(1832-1894), der Autor der ecuadorianischen Landeshymne, einer der ersten, der eine Reha-
bilitation der Eingeborenenkulturen forderte. Er verstand darunter nicht nur die Hochkulturen
der Inkas in den Anden sondern auch die damals ethnologisch noch unerforschten Kulturen
der amazonischen Tieflandindianer. In der damals entstehenden indianistischen Literatur La-
teinamerikas tauchten edlere Wilde auf denn je. Doch alle Stimmen, die damals den Eingebo-
renen in Amerika auch ihre Rechte wiedergeben wollten, blieben vorerst Rufe in der Wüste.
Schliesslich zeigt sich ein weiterer, ein sonderbarer Unterschied, eine quasi tektonische
Verwerfung in der Einschätzung der Columbusfahrt beim Vergleich zwischen dem vierten
und dem fünften Zentenarium, zu dem ich hiermit überleite. War die Kolonisation ein Recht
oder ein Unrecht, ein Genocid oder ein zivilisatorischer Akt? Hatte die Heidenmission durch
die spanischen und portugiesischen Katholiken ihre Berechtigung? Brachte die Kolonial-
wirtschaft den Beteiligten Fluch oder Segen? Solche Fragen klingen modern, doch sie be-
wegten die Gemüter schon 1892. Damals allerdings diskutierten vor allem die in der Vergan-
genheit direkt Betroffenen, also die Spanier diesseits, die Spanisch-Amerikaner jenseits des
Atlantiks. So blieb 1892 der völkerrechtliche Problemfall des Umgangs mit den Indigenen
und die Frage einer eventuellen historischen Schuld vor allem Spanien selber vorbehalten
und wurde im übrigen Europa wenig beachtet. Diesmal jedoch, also 1992, ist die gleiche
Debatte und dieselbe Kontroverse mit derselben Aporie, derselben Unmöglichkeit eines ratio-
nalen Schiedspruchs neu entbrannt, aber mit ganz anders verteilten Rollen: Diesmal waren es
Teile der internationalen Völkergemeinschaft, die im Zeichen der Menschenrechte und der
Solidaritätsbewegungen mit der Dritten Welt einen anachronistischen und selbstgerechten
Protest vernehmen Hessen, während Spanien sich jetzt weitgehend aus der Polemik heraus-
hielt und weghörte. Hatten nicht seine Historiker und Juristen seit Jahrzehnten, vom Ausland
übrigens weitgehend unbeachtet, den Sachverhalt geklärt? War nicht die Grossleistung einer
eigentlichen Begründung des Völkerrechts durch die damaligen Rechtsgelehrten Spaniens
inzwischen allgemein anerkannt? Zudem ganz schlicht: Wie sollten die Grausamkeiten ferner
Vorfahren die heutigen Spanier anfechten, zumal da bekanntlich diese Art des Umgangs mit
Unzivilisierten, mit Andersdenkenden, Heiden, Hexen und Ketzem der allgemeine Usus im
Europa der Renaissance war, und keineswegs eine nur in Iberien übliche Barbarei?
1992 hat diese Debatte in der Tat eine zentrale Bedeutung erlangt. Doch schauen wir zu-
nächst, was die Spanier diesmal unternommen haben. Im Vorfeld dachten gewisse Kreise an
grosse Gedächtnisfeierlichkeiten und entwarfen grossspurige Pläne. Luis Yáñez wurde Präsi-
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dent der offiziellen Vereinigung für die Feier der Entdeckung, ein Verlagskonsortium lancier-
te die »Biblioteca V Centenario«. Doch angesichts der wiedererwachten internationalen Po-
lemik und der heftigen Kritik aus Spanisch-Amerika sind die spanischen Projekte deutlich
redimensioniert worden (dazu López de Abiada 1993). Stattdessen haben die verantwortli-
chen Stellen in Spanien das Jahr 1992 geschickt zu einer neuen Selbstdarstellung genutzt. In
dem einen Jahr kamen - nebst letzüich eher diskreten Feieriichkeiten zum V Centenario in
Sevilla - spektakuläre Grossanlässe zustande: die Weltausstellung ebenda, die Olympischen
Spiele in Barcelona, Madrids Glanz als europäische Kulturhauptstadt. Spanien wollte damit
der Welt und sich selber vorführen - dies allerdings in einem wirtschaftlich eher ungünstigen
Moment - , dass es nicht länger gewillt ist, die historische Altlast der Schwarzen Legende, der
Inquisition, des Fanatismus und wirtschaftlichen Rückstands und gar des Völkermords in der
Neuen Welt mit sich herumzuschleppen, dass das neue Spanien sich vielmehr zu einer moder-
nen Nation unter anderen gewandelt hat und heute der mediterrane Leader ist in der Europäi-
schen Union.
Insgesamt ist jedoch die Befìndlichkeit der Welt, die inzwischen eine Welt geworden war,
verglichen mit der Belle Epoque hundert Jahre vorher, eine so kritische, so krisenbehaftete
geworden, dass Jubiläen jeglicher Art kaum mehr Anlass zum Jubeln gaben. Die derzeitige
Lage in Politik und Wirtschaft in Lateinamerika, die wirtschaftliche Rezession in der ganzen
westlichen Welt, die drohenden Konflikte mit dem Islamismus, der Zusammenbruch der
kommunistischen Länder Osteuropas, das immer gravierendere Nord-Süd-Gefälle und der
Druck von Migrationen, die zunehmend nationalistische Nabelschau der einregionen, die
man sich nun leisten zu können glaubte, nachdem man aus dem kalten Krieg ungeschoren
entlassen worden war: alle diese Faktoren haben der 500. Jährung der Columbusfahrt von
Fall zu Fall, von Land zu Land ein je nach Betroffenheit unterschiedhches, insgesamt aber ein
bedenkliches Gepräge verliehen. Von dem expliziten Desinteresse bis zur zänkischen Kontro-
verse konnte man alle Schattierungen beobachten. Zudem hat das Macht- und Wohlstands-
gefálle zwischen dem amerikanischen Nordkontinent und dem am Rio Grande beginnenden
»lateinischen« Südteil Amerikas die Motivationen zum Gedenken erheblich auseinander-
scheren lassen.
In einem kuriosen Rollentausch wurde der in Spanien inzwischen obsolet gewordene Dis-
put über eine historische Schuld gegenüber den Indigenen Alt-Amerikas diesmal von anderer
Seite aufgenommen, zudem vehementer denn je. 500 Jahre sei die Neuzeit alt geworden und
dabei fehl entwickelt: Columbus hin, Columbus her, für Sozial- wie für Wirtschaftsutopisten
war es höchste Zeit für eine kritische Bilanz. So geriet das 5. 2^ntenarium schon im Vorfeld
von 1992 linken Intellektuellen, Grünen, Kirchenkreisen und Entwicklungsorganisationen in
der westlichen Welt, aber auch der Linksopposition und den selbst ernannten Vertretern der
Indios in den Republiken Lateinamerikas zur Stunde ihrer »Wahrheit«. Die skandalösen Zu-
stände schienen ihnen nun zum endgültigen Schiedspruch reif. Aus ethisch achtbaren Moti-
ven, doch in zumeist völlig dilettantischer Weise, d. h. ohne Sicht der Zusammenhänge und
unter naiver Projektion heutiger Auffassungen von Menschenrecht auf vergangene Zeiten,
haben diese Richter über früheres Weltgeschehen den Fall »Columbus und die Folgen« neu
aufgerollt, ihn zugleich emotionalisiert und zu aktualpolitischem Sprengstoff verarbeitet.
Gemeint - aus politischer wie humanitärer Sicht wohlgemeint - war eine Solidarität mit den
noch heute randständigen cxier unterdrückten Indios, Schwarzen und Armen in den ehemals

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spanischen, portugiesischen (und französischen) Kolonien. Zielscheibe des Protests müssten


logischerweise die kreolischen Oberschichten in jenen Republiken sein, die in den etwa 180
Jahren seit der Dekolonisierung Zeit genug gehabt hätten, um eine gerechtere soziale Ord-
nung im eigenen Haus herbeizuführen. Doch nachdem auch diese Oligarchien, so besehen,
dem imperialistischen System zugedient haben, folgt der Frontverlauf zwischen »Tätern«
und »Opfern« längst nicht mehr vertikal den Landes- oder Kontinentalgrenzen, sondern ho-
rizontal den sozialen Schichtungen.
Es konnte anders nicht sein: Auch die spanienfeindliche Schwarze Legende aus der frü-
hen Neuzeit flackerte ungeschönt wieder auf, »pour remuer les passions«, wie Voltaire zu
sagen pflegte. Mit dem selben Irrationalismus, den selben Affekten, der selben Besserwisse-
rei, aber auch mit dem alten Beweisnotstand wurde Schuld zugewiesen, wobei man sich je
nach eigener Ideologie den Sündenbock aussuchen konnte. Und all dies mit der wohlfeilen
Genugtuung, auf der Seite der Guten zu stehen. Den Spaniern, die nicht ohne Stolz an ein
weltbewegendes Ereignis zurückdenken wollten, wurden in einer abenteuerlichen Zeitreise
wieder die alten Vergehen vorgehalten. Sie nahmen es, wie gesagt, gelassen hin und verlies-
sen sich bestenfalls auf die solide Aufklärungsarbeit ihrer Forscher. Die anachronistische
Projektionswut lässt sich anhand der polemischen Bezeichnungen vorführen, die der Colum-
busfahrt an ihrem 500. Jahrestag da und dort verliehen wurden: Die Spur der Tränen. 500
Jahre Eroberung Amerikas-, 500 Jahre Europäische Invasion in Amerika-, 500 Jahre Entdek-
kung, Gerwzid und Ausbeutung-, Entdeckung oder Eindeckung Amerikas?-, Der Griff nach der
Neuen Welt-, Amerika, dieses verlorene Paradies-, Die Erfindung Amerikas... Die Lateiname-
rikaner wollten - genau besehen zu Recht - nichts von einer Entdeckung wissen und spra-
chen lieber von einer Begegnung{áazu Rojas Mix 1991). Als im Berliner Gropius-Bau die
neutral und sachlich benannte Ausstellung Amerika 1492-1992. Neue Welten - Neue Wirk-
lichkeiten eröffnet wurde, schwenkten Demonstranten Transparente mit dem Spruch, 500
Jahre der Ausbeutung sind genug!
Der Vergleich zwischen 1892 und 1992 offenbart jedoch einen anderen, in unserem Zu-
sammenhang aufschlussreichen Rollentausch. Hundert Jahren zuvor hatten die Republiken
Spanisch-Amerikas wirtschaftlich eine ausgesprochene Blütezeit erlebt. Argentinien, Chile,
Peru und Mexiko gehörten damals zu den reichsten Ländern der Welt. Während von 1892 bis
1896 die USA eine arge Rezession durchliefen, genoss der südliche Teilkontinent seine wirt-
schaftliche Prosperität. Wir haben heute vergessen, dass in der Belle Epoque Frankreich und
namentlich England eine ähnliche Schuldenlast gegenüber dem Gläubigerland Argentinien
drückte wie heute umgekehrt. 1992 hingegen stecken die Länder Lateinamerikas in der be-
kannten, schon jahrzehntealten Schulden- und Wirtschaftskrise, zudem mitten in kaum lösba-
ren Sozialproblemen, zum Teil in heissen Konflikten mit subversiven Guerillas und der
Drogenmafia. Aus Angloamerika hingegen ist inzwischen eine Weltmacht geworden.
Die derzeitige Zugehörigkeit einzelner Länder Lateinamerikas zur Dritten Welt haben
Sympathisanten des Marxismus und der Dependenztheorie bei dem weltweit Aufmerksam-
keit versprechenden Anlass des 5. Zentenariums der Columbusfahrt dazu benützt, das alte
Kolonialsystem und vor allem den Wirtschaftsimperialismus der Ersten Welt anzuprangern.
Es fällt auf, dass diese kritischen Stimmen besonders im deutschen Sprachraum laut gewor-
den sind. Es gibt dort Leute, die sogar fremde Vergangenheiten bewältigen wollen. Die euro-
päische Expansion und das heute klaffende Nord-Süd-Gefälle werden von den erwähnten
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Kreisen in mittelbaren Zusammenhang mit den Entdeckungsfahrten der Spanier und Portu-
giesen gebracht. Hierfür ein besonders drastisches Beispiel: In Zusammenarbeit mit einem in
Mexiko gegründeten »Forum Emanzipation und lateinamerikanische Identität: 1492-1992«
haben Angehörige von Gruppierungen in der Bundesrepublik und in der Schweiz Ende Ok-
tober 1989 - Ironie der Geschichte: wenige Tage vor dem Fall der Beriiner Mauer - in Ham-
burg einen 1. Bundeskongress durchgeführt. Unter dem mythenstiftenden Titel Das Fünfhun-
dertjährige Reich sind die äusserst polemischen Tagungsbeiträge 1990 als Essay Sammlung
erschienen, »mit der Intention, den >500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas< in ein kritisch-
emanzipatorisches Diskussions- und Arbeitsforum des adantischen Kolonialismus und Neo-
kolonialismus zu verwandeln« (Höfer 1990). Mit arroganter Geste erfolgt darin, nach küh-
nem Blindflug über die Wechselfälle der Ereignisgeschichte, eine pauschale Schuldzu-
weisung für die heutigen Zustände an die »Herrenvölker der Ersten Welt« und ihren euro-
zentrischen, kolonialistischen und rassistischen Diskurs. Das schlechthinnige Amerika, das
im Norden, das ja auch Teil ist der von den Spaniern eröffneten Neuen Welt, gehört zu den
Tätern, der Südteil und die übrige Dritte Welt zu den allein gedenkwürdigen Opfern. Die Ver-
einnahmung des 5. Zentenariums für eine radikale Abrechnung mit dem heutigen Weltelend
ist wahrlich ein Novum. Damit wäre das Columbusereignis der Geschichtsforschung entzo-
gen und vollends in das weite Feld der Imagologie übergelaufen.
Ein weiterer Vergleich über die letzten 100 Jahre hin ist in ganz anderer Hinsicht aufschlms-
reich und zeigt für einmal Ähnlichkeit. Um die letzte Jahrhundertwende herrschte in Spa-
nisch-Amerika Hochkonjunktur auch im kulturellen Bereich. Eine literarische Bewegung, der
sogenannte Modernismo, hatte von etwa 1890 an dem ganzen spanischsprachigen Subkonti-
nent eine sensationelle Erneuerung des sprachlichen Ausdrucks, des ästhetischen Empfindens
und den Städten ein kosmopolitisches Lebensgefühl gebracht. Seine Leitfigur war der nica-
raguanische Dichter Rubén Dario (1867-1916). Erstmals hatte eine die gesamte hispanische
Kultur umfassende Neuerungswelle ihren Ursprung in der Neuen Welt und war erst sekundär
in das alte Mutterland Spanien herübergelangt. Ähnliches hat sich nun im Verlauf des inzwi-
schen vollendeten 5. Jahrhunderts seit den Entdeckungen nochmals ergeben, wiederum in
Lateinamerika: die hier mehrfach erwähnte neuerliche Kulturblüte nämlich. Was insgesamt in
der Literatur, in den Bildenden Künsten, in der Musik und im Film in jenen Ländern seit rund
fünfzig Jahren geschaffen wurde, lässt erkennen, dass Lateinamerika in kultureller Hinsicht
seit langem keine entwicklungsbedürftige Region mehr ist. Die auffallende Diskrepanz zwi-
schen der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verfassung dieser Länder einerseits und
dem kulturellen Potenzial in diesen Gesellschaften andererseits macht jedes Pauschalurteil
allerdings fragwürdig, erschwert dort übrigens auch die professionelle Tätigkeit von Diplo-
maten, Forschern, Lehrern, Unternehmern und Entwicklungshelfern.
Noch eines darf bei dieser Bilanz nicht vergessen werden: Den entscheidenden Unter-
schied zwischen 1892 und 1992 stellen vermutlich weder die geschilderte Frontenver-
schiebung noch die ideologische Umpolung des Gedenkanlasses dar, sondern die inzwischen
enorm angewachsenen Erkenntnisse über die Neue Welt, über Lateinamerika im Besonderen.
Da waren zunächst die zahllosen Kongresse. Die wohl anspruchsvollste internationale Ta-
gung wurde von der John Carter Brown Library in Providence (Rhode Island, USA) veran-
staltet, im Juni 1991. Die auf Americana der frühen Neuzeit spezialisierte Bibliothek wählte
das Thema »America in European Consciousness: The Intellectual Consequences of the
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Discovery of the New World, 1493-1750«. Als Koordinator wirkte der durch seine einschlä-
gigen Publikationen bekannte englische Historiker John H. Elliott. Akten sind leider keine
publiziert worden. Von den zahlreichen nationalen Kongressen erwähne ich nur zwei in
Deutschland und je einen in der Schweiz und aus Österreich: In Eichstätt hat die ADLAF ein
interdisziplinäres Kolloquium veranstaltet, schon im November 1988. Karl Kohut hat die
Akten herausgegeben (1991). Hier erwähnt zu werden verdient, obgleich es sich nicht um
Kongressakten handelt, das ebenfalls interdisziplinäre, von Walther L. Bernecker edierte
Themenheft (1992) rund um die fünfte Zentenarfeier. In Genf hat die Stiftung Simón I. Patiño
im November 1992 ein Kolloquium veranstaltet, an dem vier Referate zu den Zentenarien
von 1892 und 1992 gehalten wurden (Iñigo Madrigal 1993). In Wien hat das Lateinamerika-
Institut zum Anlass des 12. Oktober 1992 ein Symposium organisiert (Kaller/Reinberg 1993).
Auf Initiative des damaligen Direktors der Herzog August Bibliothek zu Wolfenbüttel, Paul
Raabe, hat sich dort ein wissenschaftliches Programm konstituiert unter dem Namen »Neue
Welt/Alte Welt. Begegnungen mit Amerika 1492-1992«. Über die Veranstaltungen und For-
schungsvorhaben hat eine Heftreihe informiert, Mundus Nävus, die ebenfalls in Wolfenbüttel
ediert wurde. Schliesslich erwähne ich nochmals die im Gropius-Bau zu Berlin veranstaltete
Ausstellung, die vom 18. September 1992 bis 31. Januar 1993 eine grosse Besucherzahl an-
zog. Es ist dazu ein reich bebilderter Katalog in zwei Bänden erschienen (Briesemeister/
Domnick 1992).
Wie man aus einem Vergleich zwischen dem 4. und dem 5. Zentenarium unschwer er-
kennt, ist letzterem eine viel grössere internationale Aufmerksamkeit zuteil geworden. Hier
ist vielleicht auch ein Wort angebracht zur Lateinamerikanistik in unseren Ländern. Von
Kalenderanlässen ganz abgesehen darf man feststellen, dass die Forschungen in diesem inter-
disziplinären, auf eine Grossregion bezogenen Fach seit dem Zweiten Weltkrieg einen Auf-
schwung genommen hat, an dem Humboldt seine Freude gehabt hätte. Von einigen Leistun-
gen und Projekten habe ich schon in einem früheren Kapitel kurz gesprochen. Auch hier
muss ein Hinweis auf einschlägige Bibliographien genügen. Die Forschungserträge der
deutschsprachigen Lateinamerikanistik werden durch mehrere Publikationen erschlossen.
Hervorzuheben sind die Kompendien Siefer 1971; Siebenmann/Herrmann 1978; Ferno/
Grenz 1980; Werz 1992; Drekonja-Komat 1992; Bemecker/López de Abiada 1992; Grenz
1993. In diesen z. T. umfangreichen Handbüchern sind die Institutionen, die Forscher mit
ihrem Spezialgebiet und deren jüngste Veröffentlichungen aufgeführt. Unter den wissen-
schaftlichen Vereinigungen in Deutschland, die bei Anlass des 5. Zentenariums besondere
Aktivitäten entfaltet haben, erwähne ich die ADLAF (Arbeitsgemeinschaft Deutscher
Lateinamerikaforschung), die zusammen mit Eberhard Schmitt (Bamberg) ein Projekt zur
Erforschung der europäischen Expansion und ihrer Folgen in die Wege geleitet hat, unter
dem Vorsitz von Hans-Joachim König (Eichstätt). An der Universität Erlangen-Nümberg hat
sich im Rahmen eines Zentralinstituts für Allgemeine Regionalforschung eine Sektion La-
teinamerika konstitutiert, die seit 1976 in loser Folge die Themenhefte der Lateinamerika-
Studien herausgibt. Schliesslich wäre noch die für die historische Kartographie relevante Pu-
blikation von Kenneth Nebenzahl zu nennen (1990). Daneben haben auch gute Dokumentar-
filme im Vorfeld und im Nachgang zu 1992 unser Wissen anschaulich gemehrt und ein brei-
tes Publikum erreicht. Ein Beispiel wäre die in internationaler Koproduktion entstandene
siebenteilige Fernsehserie Columbus und das Zeitalter der Entdeckungen von Thomas
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Friedman und Stephen Segaller, die 1991 vom NDR und 1992 von Bayern 3 ausgestrahlt
wurde.
Natürlich ist auch über Columbus weitergeforscht und gerätselt worden. Die erwähnte
John Carter Brown Library in Providence hat 1990 einen umfassenden Forschungsbericht
veröffentlicht (Provost 1990), dank dem die schier endlose Publikationsflut überschaubar
wird. In Deutschland hat Titus Heydenreich (1992) ein zweibändiges Themenheft mit Beiträ-
gen über Columbus zwischen zwei Welten zusammengestellt Derselbe Erlanger Gelehrte hat
in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel vom 29. Februar bis am 12. Oktober 1992 eine
Ausstellung organisiert zu »Columbus 1492-1992. Wirklichkeiten und Legenden«. Die Bi-
bliothek hat dazu einen Katalog veröffentlicht.
Diese Aufzählung mag zeigen, dass zum Zentenarium von 1992 insgesamt über den
transatlantischen Austausch, über die materiellen und geistigen Folgen für die Alte wie für
die Neue Welt, auch über den jahrhundertelangen historischen Disput über das bessere oder
mindere Amerika weltweit viel nachgedacht und geschrieben worden ist, auch im deutschen
Kulturraum. Es sei allerdings zugestanden, dass die öffentliche Meinung wie der Zeitgeist um
die Jahrtausendwende sich leider von solchem Wissensfortschritt wenig beeindruckt zeigten.
Die bunten Bildmedien haben längst dazu geführt, dass die allein in gedruckten Texten nach-
vollziehbaren Forschungserträge nurmehr von den Lesenden oder gar im Getto der Fach-
gelehrsamkeit wahrgenommen werden. Gefragt sind deshalb Tätigkeiten, die zuverlässiges
Wissen über die einst Neue Welt umsetzen und in die Breite tragen, um so mit überholten
Meinungen aufzuräumen und auch den fatalen Eurozentrismus endlich zu überwinden. Auch
fünfhundert Jahre der Selbstüberschätzung in der Alten Welt sind genug. Auf der anderen
Seite wird manch einer sich fragen, inwieweit denn dieses forschende und kritische Interes-
se, das weitgehend der Vergangenheit zugewandt ist, den Lateinamerikanern von heute in ih-
ren Schwierigkeiten geholfen habe. Erkenntnisse führen nicht immer zu Ergebnissen, und auf
das Raten folgen selten Taten.
Man kann nicht darüber hinwegsehen, dass das politische und wirtschaftliche Umfeld in
Lateinamerika - und ausserhalb - für eine vernünftige Besinnung zum 12. Oktober 1992, für
eine zukunftsweisende Standortbestimmung zu wolkig und zu düster war. An die Stelle der
Euphorie der Feiern von 1892 sind diesmal vielerorts Verlegenheit oder gar Unbehagen getre-
ten. Die ungewisse Zukunft drängt auf andere Prioritäten und die Lektionen aus der Ge-
schichte sind ohnehin fragwürdig. So ist man geneigt anzunehmen, dass im Jahr 2092 nicht
mehr viel Aufhebens um den 12. Oktober gemacht werden wird, dass ein Gedenken an die
Leistung des visionären Seefahrers vor dann 600 Jahren in der Aufregung noch unbekannter
Wirren oder in der Indifferenz einer überforderten Zeitgenossenschaft untergehen dürfte. Die
Zeit wird wie jeden Gipfel auch dieses Ereignis einebnen.

Literaturhinweise

Ainsa, Fernando. 1990. Rezension von Bemabeu 1987. In: La Torre, Jg. IV, Nr. 14 (Puerto Rico, April/
Juni 1990): 243-245.
Bernabeu Albert, Salvador. 1987. 1892, et IV Centenario del Descubrimiento de América en España.
Madrid: Instituto de Cooperación Iberoamericana.

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Bemecker, Walther LVJosé Manuel López. 1992. »Lateinamerikaforschung in der Schweiz«. In: Werz
1992: 849-886.
Bernecker, Walther L. (Hg.). 1992. En tomo al Quinto Centenario. 1492-1992. Posiciones y contro-
versias. Ibero-Amerikanisches Archiv, NF, Jg. 18 (Berlin 1992), Heft 3-4.
Briesemeister, Dietrich/ Heinz Joachim Domnick (Hg.). 1992. Amerika 1492-1992. Neue Welten -
Neue Wirklichkeiten. Braunschweig: Westermann. Bd. 1 Katalog; Bd. 2 Essaysammlung.
Drekonja-Komat, Gerhard. 1992. Lateinamerikaforschung in Österreich. In: Werz 1992: 825-848.
Ferno, Renate/Wolfgang Grenz. 1980. Handbuch der deutschen Lateinamerika-Forschung. Institutio-
nen, Wissenschaftler und Experten in der Bundesrepublik Deutschland und Berlin (West), Neuere
Veröffenüichungen. Hamburg: ADLAF/lnstitut für Iberoamerika-Kunde. Dazu Ergänzung 1981.
Grenz, Wolfgang (Hg.). 1993. Deutschsprachige Lateinamerika-Forschung. Institutionen, Wissen-
schaftler und Experten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Neuere Veröffentlichungen.
Frankfurt/M.: Vervuert.
Heydenreich, Titus (Hg.). 1992 Columbus zwischen zwei Welten. Historische und literarische Wertun-
gen aus flinf Jahrhunderten. Frankfurt/M.: Vervuert (Lateinamerika-Studien·, 30, l/ll).
Höfer, Brani et al. (Hg.). 1990. Das Fünfhundertjährige Reich. Emanzipation und lateinamerikanische
Identität: 1492-1992. Bonn: Pahl-Rugenstein. Das Buch hat im selben Jahr 1990 drei Auflagen er-
lebt, mit einer Gesamtauflage von 6 5( Exemplaren, deren Rest 1994 verramscht wurde.
Iñigo Madrigal, Luis (ed.). 1993. De un centenario a otrolD'un centenaire à l'autre, V Jornadas de
literatura hispanoamericana (1992). Genf: Fundación Simón I. Patiño, spanisch und französisch.
Kaller, Martina/Stefanie Reinberg. 1993. Doppelheft 44/45 (1993) der Zeitschriftßr Lateinamerika-
Wien.
Kohut, Karl (Hg.). 1991. Der eroberte Kontinent. Historische Realität, Rechtfertigung und literarische
Darstellung der Kolonisation Amerikas. Frankfurt/M.: Vervuert.
López de Abiada, José Manuel. 1993. Voces en tomo a una polémica: Los escritores hispanos frente al
V Centenario. In: Iñigo Madrigal 1993: 43-55.
Nebenzahl, Kenneth. 1990. Columbusatlas. Braunschweig: Westermann.
Provost, Foster. 1990. Columbus: An Annotated Guide to the Study of his Ufe and Writings. 1750 to
1988. Providence: John Carter Brown Library.
Rojas Mix, Miguel. 1991. Los doscientos nombres de América. Eso que descubrió Colón. Barcelona:
Lumen.
Siebenmann, Gustav/André Herrmann. 1978. Verzeichnis der Spanien, Portugal und Lateinamerika be-
treffenden Schweizer Hochschulschriften auf dem Gebiet der Geistes- und Sozial Wissenschaften. In:
Iberoromania-, 8 (Dezember 1978): 118-139.
Siefer, Elisabeth (Hg.). 1971. Neuere Deutsche Lateinamerika-Forschung. Institute und Bibliotheken in
der Bundesrepublik Deutschland und Berlin (West). Hamburg: Dokumentationsleitstelle der ADLAF
am Institut für Iberoamerika-Kunde.
Werz, Nikolaus (Hg.). 1992. Handbuch der deutschsprachigen Lateinamerikakunde. Freiburg i. Br:
Amold-Bergstraesser-lnstitut.

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Gachupines und Cholos
oder Wie Spanier und Lateinamerikaner sich mochten

Unser Suchbild Lateinamerikas bewegt sich, wie der Leser bemerkt hat, auf der Achse
Deutschsprachige - Lateinamerikaner. Dennoch mussten - aus einsichtigen, nämhch histori-
schen Gründen - auch die Beziehungen zwischen Spanien und Spanisch-Amerika immer
wieder erwähnt werden. Die Verbindung zwischen dem deutschen Kulturraum und Latein-
amerika verlief, wie wir sahen, jahrhundertelang über Spanien. Deshalb muss uns auch inter-
essieren, wie Spanien und Lateinamerika zueinander standen. Nun wäre es vermessen, auf
einigen wenigen Seiten sämtliche Bilder zu beschreiben, die sich Spanier und Lateinamerika-
ner voneinander machten, selbst wenn wir uns auf das 20. Jahrhundert beschränken. Anderer-
seits ist bekannt, dass die mentalen Bilder nicht spontan entstehen, sondern immer unter be-
stimmten Umständen, in ihrer circunstancia, wie Ortega gesagt hätte. Es können dies persön-
liche Begegnungen auf Reisen sein, aber auch Einstellungen, die aus einem konkreten sozia-
len Umfeld hervorgehen, sei es die Familie, die Erziehung, der Beruf oder die Emigration,
seien es auch nur Einflüsse aus der Lektüre bestimmter Texte. Ich kann mich deshalb dem
weiten Thema nur tastend nähern und beschränke mich auf einige wenige Bezugsfelder und
auf die Beschreibung exemplarischer Fälle. Auf das ergiebige Feld eines Vergleichs der Zen-
tenarfeiem der Entdeckung bin ich schon vorher eingegangen, desgleichen auf die für mein
Thema aufschlussreiche Geschichte der Bezeichnungen Lateinamerikas. So werde ich mich
hier auf die folgenden Aspekte beschränken: auf die Erfahrungen mit der transatlantischen
Emigration, auf das bürgerkriegsbedingte Exil von Spaniern in Übersee, auf einige Fälle der
literarischen Thematisierung Spanisch-Amerikas, auf die Lateinamerikanistik an spanischen
Universitäten und schliesslich nochmals auf den literarischen Boom und die damit entstande-
ne kulturelle Rivalität zwischen den beiden Sprachpartnem.
Die Massenemigration spanischer Arbeiter und Bauern nach Amerika fand ihren Höhe-
punkt gegen Ende des 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Doch es war ein lange
anhaltender Strom. Carlos M. Rama (1982) schätzt, dass zwischen 1821 und 1932 etwa fünf
Millionen Spanier nach Übersee ausgewandert sind. Dennoch ist, soweit ich sehe, der Ein-
fluss dieser vor allem aus wirtschaftlichen Gründen erfolgten Auswanderung auf das Latein-
amerikabild der Spanier bescheiden. Der Hauptgrund dafür liegt in dem banalen Umstand,
dass die Rückmeldungen der Emigranten - es waren zum grossen Teil Analphabeten - kaum
je schriftlich festgehalten wurden, es sei denn in den selten erhaltenen persönlichen Briefen.
Auf Untersuchungen solcher Briefwechsel für das 20. Jahrhundert bin ich nicht gestossen.
Hingegen kann man empirisch gewisse Reaktionen auf spanischer Seite beobachten, bei den
in der Heimat Verbliebenen. Es keimten bei diesen bestimmte (und verständliche) Gefühle
auf: Trauer, Trennungsschmerz, Groll, Selbstmitleid, eigene Minderwertigkeit oder auch
Neid. Solche negativen Empfindungen sind dann oft pauschal auf die Ursache »Amerika«
projiziert worden. Dieses war schliesslich schuld an dem Leid einer vielleicht lebenslangen
Trennung. Es mochte auch Wut entstehen bei mangelndem Erfolg des Emigranten oder Neid
auf steinreich zurückkehrende americanos. Es waren Gemütsregungen, die im ländlichen
Spanien von damals zum Alltag gehörten.

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Zumal der letztgenannte Fall gibt Anlass zu einer Anekdote, die sich auch sprachlich nie-
dergeschlagen hat. Der Volksmund erfand als Spottnamen für reiche und protzige Rückwan-
derer aus Amerika das Wort haiga, und da diese in ihrer Heimatgegend mit teuren Ameri-
kanerautos herumfuhren, galt der Spitzname auch für diese Blechwolken. Bei diesem Wort
handelt es sich um eine Satire auf den oft ungebildeten Umgang der Neureichen mit ihrer
Sprache: haiga ist eine falsche Beugungsform für den Konjunktiv des Verbs haber, die kor-
rekterweise haya heisst, eine falsche Analogie zum Konjunktiv von traer: traiga. Ich habe
selber diesen Spottnamen in meinen frühen Spanienaufenthalten in den Vierziger- und
Fünfzigeijahren noch öfters gehört. Inzwischen ist er nicht mehr gebräuchlich, doch das Wort
ist immerhin in Moliners Wörterbuch registriert. Kurios ist dabei, dass der Spott von Spani-
ern auf Spanier gerichtet war, aber auf Rückwanderer, auf sogenannte americanos. Und wenn
wir schon bei den sprachlichen Diskriminierungen sind: Für die in Spanisch-Amerika einge-
wanderten Spanier haben die dort schon länger Ansässigen, die sich selber criollos nennen,
den Spottnamen cachupín oder gachupín bereitgehalten, in Argentinien die Variante godos,
und sie taten damit ihre Verachtung kund. Nur den nach dem spanischen Bürgerkrieg exi-
lierten Spaniern blieben solche Übernamen erspart. Auf der anderen Seite, in Spanien, hielt
man für den physisch als Lateinamerikaner Erkennbaren das rassistisch diskriminierende
indio bereit, für den Mestizen das Wort cholo, ein Lehnwort vermutlich aus der Aymará-
Sprache, das sich schon in der Nueva Coránica des Guamán Poma de Ayala findet (um
1613). In den Andenländem kann cholo, vor allem im Diminutiv cholito, cholita, auch sym-
pathisch gemeint sein. Den grossen peruanischen Dichter César Vallejo (1892-1938) nannten
seine lateinamerikanischen und spanischen Freunde in seiner Pariser Zeit zärtlich »el cholo
Vallejo«.
Nicht aus dem spanischen Volksmund stammt hingegen das ergreifende Zeugnis, das der
unlängst verstorbene Lyriker José Hierro (1922-2( 2) in seinem »Réquiem« festgeschrieben
hat. Das Gedicht ist aus einer Umfi-age als das derzeit in Spanien beliebteste hervorgegangen.
Selbstmitleid der Spanier angesichts von vergangener Grösse, Erbarmen mit einem tristen
Emigrantenschicksal, gelinde Verachtung für ein geschäftstüchtiges Amerika und viel Mit-
menschlichkeit sprechen aus diesen Versen, die ich wie folgt übersetzt habe:

Requiem
Manuel del Río, spanischer Staatsbürger,
ist am Samstag, den 11. Mai,
an den Folgen eines Unfalls
gestorben. Seine Leiche
liegt aufgebahrt im D'Agostino
Funeral Home. Haskell. New Jersey.
Eine gesungene Messe wird zelebriert
um 9.30 in St. Francis.
Es ist eine Geschichte, die anfängt
mit Sonne und Stein und die endet
auf einem Tisch im D'Agostino,
mit Blumen und elektrischen Kerzen.
Es ist eine Geschichte, die anfängt
an d e m einen Ufer des Atlantiks.

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Sie geht weiter in einer Kajüte
dritter 88 , auf den Wellen
- über den Wolken - jenes Landes,
das schon vor Plato überflutet war.
Sie findet ihr Ende in Amerika
mit einem Kran und in einer inik,
mit einer Todesanzeige und einer gesungenen
Messe in der Kirche St. Francis.
Letztlich ist es eineriei,
wo man stirbt:
ob unter Rosmarinduñ,
ob in der Stein- oder Schneegruft,
ob in petrolverseuchtem Boden.
Es ist einerlei, ob ein Körper
zu Stein wird, zu Petrol, zu Schnee oder Wohlgeruch.
Das Schmerzliche ist nicht, hier oder dort
zu sterben...

Requiem aetemam,
Manuel del Río. Über dem Marmor
im D'Agostino weiden die Stiere
Spaniens, Manuel, und die Blumen
(Begräbnis zweiter Klasse, der Sarg
riecht nach Tannen im Winter),
vierzig Dollar. Und man hat
ein paar künstliche Blumen
unter die andern gemischt,
die aus dem Garten ... Libera me Domine
de morte aetema ... Wenn dann James stirbt
oder Jacob, kriegen sie die Blumen,
die Giulio oder Manuel bezahlt...

Jetzt greifen Adlerfänge


nach Deinen Bergen. Dies irae.
Was schmerzt, ist nicht
Dies illa hier oder dort zu sterben,
sondern ohne Ruhm...
Deine Ahnen
haben den Erdkreis befruchtet,
ihn getränkt mit Abenteuer.
Fiel ein Spanier,
so war die Welt versehrt.
Die Totenwache nicht im D'Agostino
Funeral Home, sondern zwischen Lagerfeuern,
Rossen und Waffen. Helden
für immer. Statuen mit verwittertem
Gesicht. Noch gekleidet
in die Papageifarben
von Macht und Phantasie.

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Er ist nicht so gefallen. Er ist nicht


für eine schöne Torheit gestorben.
(Längst stirbt der Spanier
namenlos und vernünftig
oder in herzbrechendem Wahnsinn
unter Brüdern: sticht er in Weinschläuche,
fliesst Bruderblut). Er kam eines Tages,
weil sein Land arm ist. Die Welt
Libera me Domine als Heimat.
Und nun ist er tot. Er hat keine Städte gegründet.
Er gab keinem Meer seinen Namen. Er ist
einfach für siebzehn
Dollar (er dächte in Peseten)
gestorben Requiem aetemam.
Und im D'Agostino kommen zu ihm
die Polen, die Iren,
die Spanier, was da so stirbt
an einem Weekend.

Requiem aetemam.
Endgültig ist alles
vorbei. Sein Leichnam
hingestreckt im D'Agostino
Funeral Home. Haskell. New Jersey.
Eine Messe wird gesungen
für seine Seele.
Ich habe hier bloss
über eine Todesanzeige
in einer New Yorker Zeitung nachgedacht.
Objektiv. Ohne Schwung
im Vers. Objektiv.
Ein Spanier wie Millionen
von Spaniern. Dass mir die Tränen zuvorderst,
habe ich keinem gesagt.

Aus Cuanto sé de mí, 1957.

Trauer und Wut und noch immer Wehmut ob der längst vergangenen Grösse Spaniens, auch
leisen Spott über die Amerikaner hören wir heraus. Die Beliebtheit dieses Gedichts sagt eini-
ges aus über die Befindlichkeit der Spanier von heute und ihre Einstellung zu »Amerika«.
Die im 20. Jahrhundert folgenreichste Emigration von Spaniern nach Amerika war die
von Intellektuellen, Dichtern und Politikern des republikanischen Lagers nach dessen Nieder-
lage im spanischen Bürgerkrieg (1931-1939). Der Fall Mexiko ist dabei besonders
aufschlussreich, da dort eine grosse Anzahl spanischer Exilanten Zuñucht gefunden hatten.
Mexiko hat damals, vor allem dank den Initiativen des Dichters und Historikers Alfonso
Reyes, den Flüchtlingen einen äusserst grosszügigen Empfang bereitet. Die Bestrebungen
mündeten in der Gründung einer sogenannten Casa de España, die 1938 auf Initiative von
Präsident Lázaro Cárdenas erfolgte. Daraus entstand 1 9 4 0 das n o c h heute r e n o m m i e r t e

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Colegio de México, eine Kaderschmiede für den akademischen Nachwuchs im Lande. Die
unglaubliche intellektuelle Aktivität spanischer Exilanten wird erkennbar aus der Bibliogra-
phie, die Julián del Amo y Charmion Shelby (1950) zusammengestellt haben: Zwischen 1936
und 1945 werden über 500 spanische in Amerika weilende Autoren aufgeführt und mit Tau-
senden von Druckschriften registriert. Die Rückkoppelung dieser Exilproduktion in Franco-
Spanien war aus verständlichen Gründen null oder negativ. Das demokratische Spanien hat
erst nach Francos Tod (1974) nach und nach über die diplomatischen und kulturellen Institu-
tionen wieder eine Annäherung an die amerikanischen Republiken geschafft.
Auf der anderen Seite kann ich aus persönlicher Erinnerung berichten, dass Franco-Spa-
nien schon früh versuchte, sich bei den Spanisch-Amerikanem beliebt zu machen. Im Som-
mer 1947 wurden von einzelnen Universitäten Spaniens auf Geheiss des Aussenministeriums
in Madrid erstmals wieder Kurse für Ausländer angeboten, unter anderen der Ferienkurs im
andalusischen La Rábida am Rio Tmto. Ein vierwöchiger Kurs, zu dem gezielt Studenten aus
Spanisch-Amerika eingeladen wurden, nebst einigen Stipendiaten der Universität Sevilla.
Francisco Márquez Villanueva, heute ein renommierter Harvard-Hispanist, war damals mein
Zimmernachbar. Ein Student aus England und ich waren die einzigen Teilnehmer aus dem
übrigen Europa. Die Behandlung von uns Ausländem durch den Direktor, Vicente Rodríguez
Casado, war damals höchst diplomatisch und geschickt, während die Dozenten, mehrheidich
Franco-Anhänger, auf penetrante Weise um die Sympathie zum Diktator buhlten. Jedenfalls
war es ein offenkundiger Versuch, die zahlreich teilnehmenden Lateinamerikaner für Franco-
Spanien einzunehmen.
Wenn ich fortfahre mit dem Thema des spanischen Exils nach dem Bürgerkrieg, gilt es
gleich festzustellen, dass die Einstellung der Flüchtlinge gegenüber dem spanisch-amerikani-
schen Asylland und seinen Einwohnern keineswegs einheitlich war und auch nicht sein konn-
te. Diese Fälle sind für unser Thema besonders interessant, denn in dem so gegebenen direk-
ten Kontakt mit Spanisch-Amerikanem wurde der eingewanderte Spanier unausweichlich
konfi^ontiert mit den mentalen Bildern, die er aus Spanien mitgebracht hatte. Diese waren nun
zu verifizieren oder zu falsifizieren. Das Thema war ein beliebter Forschungsgegenstand.
Marielena Zelaya Kolker hat in ihrem Buch (1985) drei hauptsächlich zu beobachtende Ein-
stellungen der Exilanten gegenüber dem Gastland festgestellt. Erstens gab es die fiiedfertige
und gelassene Einstellung jener, die sich wie zuhause fühlten, vor allem der gemeinsamen
Sprache wegen. Ein Extremfall in diesem Sektor ist der Philosoph José Gaos, der frühere
Rektor der Zentraluniversität in Madrid. Im mexikanischen Exil suchte er enthusiastisch die
Integration aller Spanischsprechenden zu betreiben. Dank der gemeinsamen Sprache sollte
sich über die katholische Identität hinaus ein Nationenkollektiv bilden, wo es keine expa-
triados, sondern nur noch empatriados geben sollte (Kolker 1985: 17). Die Schriftsteller,
auch wenn sie sich auch als empatriados empfanden, als Eingebürgerte, waren realistischer
als Gaos. Ein exemplarischer und besonders beredter Zeuge dafür war der spätere Nobel-
preisträger Juan Ramón Jiménez, der zweiundzwanzig Jahre im Exil verlebt hat. Nach seinem
langen Aufenthalt in den USA lebte er für drei Jahre in Argentinien, von 1948 bis 1951, und
dort schrieb er einen Text mit dem Titel »Das spanische Wunder«. Dort lesen wir: »Ich bin
kein meiner Sprache (deslenguado) noch meines Landes Beraubter {desterrado), sondern ein
Einbezogener (conterrado)... Jetzt [in Argentinien] bin ich glücklich, oh Mutterland Spanien,
denn jetzt kann ich sprechen und schreiben wie damals, als ich in deinem Schoss und an dei-
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Brust lag (1948: 308). Ein solches Zugehörigkeitsgefühl konnte auch von der rein sprach-
lichen Gemeinsamkeit absehen und existenzielle Dimensionen annehmen, wie z. B. bei José
Moreno Villa. Dieser hatte mit einer Mexikanerin einen Sohn gezeugt und wurde ganz und
gar Mexikaner. Auch der Dichter Luis Cernuda hat im Verlaufe seines Exils eine Entwicklung
durchgemacht, vom zunächst kühlen Interesse zur Sympathie bis hin zu einer regelrechten
Liebe zu Spanisch-Amerika, wie wir seinen »Variaciones sobre un tema mexicano« (1952)
entnehmen können. Für die professoralen Dichter wie Jorge Guillén und Pedro Salinas gilt,
dass sie sich vor allem dank ihrer akademischen Tätigkeit im Exil sehr schnell zurechtfanden.
Salinas hat dem Meer von Puerto Rico in seinem Langgedicht El contemplado (1946) eine
ergreifende Hommage gewidmet, und dies mit einer Heiterkeit, die keinen einzigen Klagelaut
zulässt über sein Exilantendasein.
Zu einem zweiten Typus gehören jene Exilspanier, die an ihrer mentalen Entwurzelung
litten. Francisco Ayala ist ein Beispiel dafür. In seinem Exil hat er so traumatisierende Emp-
findungen hinnehmen müssen, dass nahezu von einer psychischen Instabilität gesprochen
werden kann. In seinen luziden Momenten erkannte er, dass die eigentlichen Schranken zwi-
schen Spanien und Spanisch-Amerika aus dem Geist des Nationalismus entstanden waren,
und zwar beiderseits, und er fügt in ehrlicher Selbstkritik bei, dass an der Aversion der aus-
gewanderten Schriftsteller vor allem die hartnäckige Verkennung der Vorzüge des Gastlandes
schuld sei. Doch er kann nicht umhin, an der »intrinsischen Überlegenheit seines traurigen
Vateriandes [Spaniens]« festzuhalten (1971: 150, 152). Der extremste Fall einer radikalen
Abneigung gegen alles Amerikanische ist der Literaturkritiker und Autor Segundo Serrano
Poncela. Zunächst schreibt er triste Novellen aus den Tropen der Karibik und Venezuelas mit
ihrem für Europäer vernichtenden Klima, dann schreibt er seinen einzigen Roman, Habi-
tación para hombre solo (1963), ein von Hass und Verachtung geprägter Bericht über ein fik-
tives Mexiko.
Der häufigste Typus der Exilierten ist der dritte: Es sind jene, die sich an das Leben in der
Neuen Welt schlecht und recht anpassten und doch dem quälenden Heimweh nach Spanien
nicht entrinnen konnten. Die psychologische Folge war üblicherweise eine mehr oder weni-
ger deutliche Abweisung gegen alles Spanisch-Amerikanische. So verhielten sich vor allem
die Dichter, wenngleich nicht alle. Exemplarische Zeugen dafür sind der Juan Ramón
Jiménez des ersten Exils (in den USA, 1936-1948) sowie Rafael Alberti und seine Frau
Maria Teresa León, die ein halbes Leben in Argentinien verbrachten. Allein schon der Titel
von Albertis Memoirenbuch La arboleda perdida (Der verlorene Hain) spricht von unwieder-
bringlichem Verlust und von seiner Sehnsucht nach der lichtvollen Bucht von Cádiz. Und
Maria Teresa León schreibt in ihrer Memoria de la melancolía - auch dies ein redender Titel:
»Ich bin es leid, nicht zu wissen, wo ich sterben werde. Das ist die grösste Trauer eines Emi-
granten« (1979: 31). Es gab auch ein nicht minder schmerzhaftes Mittelding: die Exilanten,
die sich zwischen zwei Neigungen nicht entscheiden konnten, die dem verlorenen Spanien
ebenso nachtrauerten wie, nach ihrer Rückkehr, dem verlassenen Gastland. Kronzeuge dafür
ist León Felipe, mit seiner endemischen Unentschlossenheit, ob er nach Spanien zurückkeh-
ren sollte oder nicht. Zuletzt hat er erst auf der Treppe der Iberia-Maschine in Mexiko noch
kehrtgemacht und ist geblieben.
Ich möchte noch drei Fälle von Exilspaniem anführen, die wegen ihrer Radikalität Einzel-
fälle sind und der soeben vorgeführten Trilogie nicht entsprechen. Ramón Sender, der länger
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in den USA als in einem Spanisch sprechenden Land exiliert war, hat aus seiner Metaphysik
der Einsamkeit den Schluss gezogen, soledad sei jedem hispanischen Wesen eingeschrieben
und es mache keinen Unterschied, ob sie Stammländer, Amerikaner oder Exilanten seien. Ein
zweiter Fall ist Max Aub. In seinem umfangreichen Erzählwerk, obschon dieses zur Haupt-
sache in Mexiko geschrieben wurde, finden wir kaum Spuren dieses Gasüandes. Mit Ausnah-
me von El zopilote y otros cuentos mexicanos (1964) spielen seine Romane und Novellen,
auch das Theater, wenn sie denn überhaupt einen Ort kennen, in Spanien, und dies ohne
Sehnsuchtsempfindung. Es mag sein, dass dieser in Paris geborene Spanier, Sohn eines deut-
schen Vaters und einer französischen Mutter, ein kultureller Adoptivsohn Spaniens vielleicht,
keine Unterschiede wahrnehmen mochte zwischen Spanisch-Amerikanern und Spaniern,
denn »es sind alles Spanier unterschiedlicher Clane« (Kolker 1985: 37). Aub empfand ein
stärkeres Heimweh nach Mexiko als er zu Besuch in Spanien war als umgekehrt, wie seinem
Buch La gallina ciega (1979) zu entnehmen ist. 1969, als er noch ganz und gar ein begeister-
ter Anhänger der Revolution Fidel Castros auf Kuba war, schrieb er den berühmt gewordenen
Satz: »Die [wahren heutigen] Spanier sind für mich die Kubaner« (Enem en Cuba, 1969:54).
Der Fall von Juan Larrea (1895-1980) ist so singulär, dass ich ihn hier nicht übergehen
darf, obschon er streng genommen und aus imagologischer Sicht - angesichts seiner schwa-
chen Ausstrahlung - für unser Thema nur eine geringe Relevanz hat. Nur soviel in Kürze: Der
schon früh nach Frankreich und später nach Spanisch-Amerika ausgewanderte Apotheker aus
Bilbao ist als Autor in deutscher Übersetzung nicht vorhanden. Immerhin hat man heute eine
Homepage unter seinem Namen eingerichtet (www.epdlp.coni/larrea.html). Den Hispanisten
ist er bekannt als surrealistischer Poet (Versión celeste, Mailand 1969 und Barcelona 1970)
sowie als engster Freund César Vallejos und als Herausgeber einer Gesamtausgabe seiner Ly-
rik (Barcelona 1978). Larreas visionäre und apokalyptische Texte hingegen sind weitgehend
unbekannt geblieben. »Rendición de espíritu« und »Teleología de la cultura« sind zunächst
1965 in Mexiko erschienen und danach erneut publiziert worden in seiner in Córdoba er-
scheinenden Zeitschrift / Vallejo (13 Nummern zwischen 1961 und 1974). In Spanien
sind diese Schriften Larreas kaum bekannt geworden, obschon Cristóbal Serra dort eine Aus-
wahl veroffentìicht hat mit dem Titel de visión (Barcelona 1979). Es kann wohl sein,
dass die bittere Anklage dieses Altrepublikaners für die Spanier zu fiiih kam, als die Wunden
in der spanischen Gesellschaft noch nicht vernarbt waren. Unermüdlich wiederholte er seine
Vorwürfe an den spanischen Adel, das Militär und den $, sie seien die Schuldigen an der
Katastrophe von 1936-1939. Was nun Larreas Verhältnis zu Lateinamerika anbelangt, muss
man wissen, dass er seine durchaus singuläre »Entdeckung« Amerikas von Frankreich aus
machte, wo er seit 1926 wohnte. Im Kreise der Surrealisten war auch er auf die Utopie »Ame-
rika« gestossen. Auf einer Reise nach Peru (1930/31) hat er die Originalität der inkaischen
Kunst entdeckt (dazu seine Anthologie Corona incaica, Córdoba, Arg. 1960). Aufgrund die-
ser ganz persönlichen Erfahrung der Neuen Welt hat er eine durchaus individuelle und origi-
nelle Interpretation Spaniens und seiner kulturellen Mission entwickelt. Er bezeichnete sie
selber als »apokalyptisch«, und zwar deshalb, weil er aus dem biblischen Buch der
Apokalypsis eine schematische Achse ableitet: Von Jerusalem aus führt sie über Rom, Sant-
iago de Compostela, Finisterre in die Neue Welt hinüber, wobei er Santiago und damit Spa-
nien eine besondere Mission zudachte. Er hat seine Theorie vor allem in der erwähnten
»Teleología de la cultura« zusammengefasst. Unvergesslich ist mir die Begegnung mit Larrea
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am 21. August 1971 im argentinischen Córdoba. Nachdem er mich in seinem klapprigen Wa-
gen in das Sterbehaus Manuel de Fallas gefahren hatte und nach einem Abendessen beim
Leiter des Goethe-Instituts sind wir bis in die tiefe Nacht hinein auf den Strassen und Plätzen
Córdobas umhergewandert. Larrea redete und gestikulierte ununterbrochen und malte seine
apokalyptische Vision mit rudernden Armbewegungen aus, hinauf zum Himmelszelt, wo die
Milchstrasse - für die Spanier ein Camino de Santiago - den Weg in eine neue, heilere Welt
wies. So schmeichelhaft diese Spekulationen im Grunde für die Lateinamerikaner sein moch-
ten, die Universität Córdoba, wo Larrea zunächst ein Instituto del Nuevo Mundo hatte grün-
den und leiten dürfen, setzte schliesslich solchen pseudo-wissenschaftlichen Tätigkeiten ein
Ende. Larrea ist im Exil gestorben, verbittert zwar, doch mit einer unverbrüchlichen Treue zu
seinen visionären Theorien. In unserem Kontext stellt der Fall einen Ausnahmefall dar: Es ist
immerhin eine panhispanische Vision, wonach die geistige und kulturelle Zukunft Spaniens
erst in Amerika ihre Erfüllung fände.
Nach diesem Überblick stellt sich die Frage, ob denn die Schlussfolgerung von Norbert
Rehrmann (1996) zutrifft, wonach die Franco-Spanier und die Exil-Spanier sich hinsichtlich
ihrer Einschätzung von Lateinamerika viel weniger unterschieden, als man annehmen möch-
te. Dies mag wohl zutreffen, doch aus imagologischer Sicht muss ein gewichtiger Unter-
schied festgehalten werden. Den Aussagen der Exil-Spanier, die jene Region und ihre Men-
schen aus eigener Anschauung und eigenem Erleben kannten, kommt mehr Gewicht zu als
den Einschätzungen der in Spanien Verbliebenen, die auf die herkömmlichen stereotypen
Visionen angewiesen waren. So unterschiedlich und individuell die Reaktion der Exilanten
auf den Zusammenprall ihrer Erwartungen und ihrer Erfahrungen sein mochte, sie haben
immerhin davon schriftlich Zeugnis abgelegt, so dass es dauerhafte Dokumente geworden
sind. Es darf angenommen werden, dass nach der Öffnung von 1962 einiges von diesen Pu-
blikationen der Exilspanier in Spanien gelesen und zur Kenntnis genommen wurde. Wahr-
scheinlich haben auf diese Weise die Publikationen im Exil auch auf die Mentalität der Spa-
nier nach Francos Tod Einfluss genommen, zur Korrektur oder zur Bestätigung des dortigen
Lateinamerikabildes.
Nehmen wir jetzt noch die Spuren in den Blick, die Spanisch-Amerika im Werk einiger
repräsentativer Schriftsteller hinteriassen hat, die jene Region gar nicht oder nur vorüberge-
hend besucht haben. Als ersten erwähne ich Miguel de Unamuno (1864-1936), wohl wis-
send, dass er nie über den Atiantik gereist ist. Ich tue es deshalb, weil er unbeirrbar davon
überzeugt war, dass es zwischen der Iberischen Halbinsel und dem Iberischen Amerika kei-
nen Unterschied gebe. Als Panhispanist beweist er in seinen »Letras hispanoamericanas,
1894-1924« zwar ein überraschend gutes Verständnis für die in Amerika entstandenen Lite-
raturen. Doch die literarische Bewegung des sogenannten modernismo hat er nicht verstan-
den oder nicht verstehen wollen. Ein Grund mag darin liegen, dass mit dem modernismo erst-
mals ein literarischer Einfluss aus Amerika in Spanien wirksam wurde. So ist denn dort auch
eine deuüiche Gegenbewegung entstanden, die sogenannte Generation von 98. Sie suchten
eine Regeneration Spaniens aus der eigenen Tradition heraus, so dass sie die herkömmliche
Verachtung der spanischen Traditionshüter für die »dekadenten« Dinge aus Amerika beibe-
hielten (dazu Mainer 1988).
Der berühmteste Vertreter der spanischen Literatur im 20. Jahrhundert, der einige Zeit in
Spanisch-Amerika weilte und sich mit der Sprache und den Zuständen dort befasst hat, ist
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Ramón del Valle-Inclán (1866-1936). Dieser extravagante Galicier ist 1892/93 ein erstes Mal
nach Mexiko und nach Argentinien gereist und 1922 wieder, nach Mexiko. Aus diesem Auf-
enthalt ist sein berühmter Roman Tirano Banderas hervorgegangen, mit dem Untertitel »Ro-
man aus einem hitzigen Land« (1926). Mit diesem fíktionalen Erzählwerk hat der Autor die
lange Serie der lateinamerikanischen Diktatorenromane eröffnet, und zwar in singulärer Wei-
se. Dem Romancier ist der Kunstgriff gelungen, ein synthetisches und doch realistisches
Zerrbild lateinamerikanischer Diktaturen zu entwerfen und gleichzeitig Elemente des ameri-
kanischen Spanisch in seine Landessprache einzuführen. Der Sprachkenner Alonso Zamora
Vicente hat den Fall ganz klar beurteilt: »Es gilt jetzt vor allem hervorzuheben, wie sich
durch ein breites Tor und für immer dieser gesamte [amerikanische] zuvor verachtete Sprach-
schatz in das Panorama der edlen Literatur spanischer Sprache eingeführt hat... [Die Ameri-
kanismen] gehören seither zur Hispanität, als eine ihrer besonderen Seinsformen« (1958:
127). Die Aussage verrät zugleich, wie selbst dieser unvoreingenommene liberale Spanier bis
dahin das überseeische Spanisch beurteilt hatte. Die kulturelle Bresche, die der galicische
Romancier und Dramaturg für das amerikanische Spanisch geschlagen hat, sollte sich nicht
mehr schliessen.
Ein weiterer bemerkenswerter Fall ist der von José Ortega y Gasset (1983-1955). Er ist
dreimal nach Spanisch-Amerika gereist. Das erste Mal 1916 nach Buenos Aires und Monte-
video. Hinterher beurteilte er jene Gesellschaften als »ein klares Versprechen« und stimmte
so dem Topos zu, dass jenen Ländern eine grosse Zukunft bevorstehe. Indes, als Ortega 1928
in die gleiche Region und dann noch nach Santiago de Chile gereist war, kam er deutlich
skeptischer zurück. Er hat später nochmals einige Jahre in der argentinischen Hauptstadt ver-
bracht, von 1939 bis 1942. Es war eine Art Flucht aus dem kriegsversehrten Spanien und aus
dem kriegsverseuchten Europa. Er hatte auch gehofft, es würde ihm eine Professur für Meta-
physik an der dortigen Universität angeboten, vergeblich. Womöglich schlug er deshalb ge-
genüber den Argentiniern nun andere Töne an: Er sagte zwar nach wie vor, es handle sich um
»junge Völker«, doch dies war nun keineswegs mehr ein Euphemismus. Er meinte damit
vielmehr, dass jene Leute unbeherrscht und ihren Leidenschaften ausgeliefert seien, halt eben
»Jugendliche«. Er erfand damals, möglicherweise unter Einfluss von Graf Keyserling, jene
Formel, die dem Bild Lateinamerikas in Europa so sehr Schaden zugefügt hat: Jener Konti-
nent sei nämlich nicht Geschichte sondern Natur. Zudem glaubte Ortega zu beobachten, dass
in jener Gesellschaft noch immer eine gewisse »koloniale« Situation weiterbestehe. Er mein-
te damit, dass die Spanisch-Amerikaner ex ante lebten, im Vorgriff also auf Künftiges, wo-
durch sich angeblich erklären liesse, dass man dort drüben die elementarsten Gesetze der
Ökonomie missachtet. Angesichts des argentinischen Desasters von heute war dies leider eine
zutreffende Prophezeiung. Ferner spricht Ortega nach dieser dritten Reise davon, er habe eine
gewisse Primitivität und einen moralischen Relativismus beobachtet. Er meinte zudem einen
Kontrast zwischen Stadt und Land (lies: Pampa) festzustellen, zugunsten letzterer, denn für
ihn war der Betrieb in den Faktoreien, in den Unternehmungen, in den Kühlhäusern geprägt
von grosser Dreistigkeit, aber auch von Derbheit und Hast. Trotz diesem laus runs, das bei
einem Stadtmenschen wie Ortega kaum überrascht, hat er sich für das ländliche Amerika
überhaupt nicht interessiert, ebenso wenig für die in den argentinischen Anden lebenden In-
dios. Dennoch: Ortega fand in Spanien als Leiter der berühmten Revista de Occidente und als
vielgelesener Schriftsteller mit seinen schwankenden Ansichten über Spanisch-Amerika eine
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grosse Audienz. Nicht von Ungefähr sind seine »amerikanistischen« Werke, die in El espec-
tador (1916-1934) versammelt sind, unter Lateinamerikanern sehr zurückhaltend aufgenom-
men worden, im Gegensatz zu den anderen Schriften des Denkers und Philosophen.
Der nächste für uns interessante Fall - das 20. Jahrhundert war schon weiter fortgeschrit-
ten - ist Camilo José Cela (1916-2002), spanischer Nobelpreisträger von 1989. Die Regie-
rung Venezuelas hatte den Romancier in der Hoffnung eingeladen, er würde nach einem län-
geren Aufenthalt im Lande wiederum einen Roman »aus einem hitzigen Land« schreiben.
Das Resultat war La catira (1955). Ähnlich wie Valle-Inclán etwa dreissig Jahre früher ver-
sucht hier Cela, dem amerikanischen Spanisch näher zu kommen. Indes, der Roman ist ihm
zur Satire geraten, aus soziolinguistischen Gründen: Cela hat Sprachgut aus Venezuelas nied-
rigsten Schichten verwendet, in überreicher Zahl. In der Tat musste er dem Buchtext ein Le-
xikon mit Hunderten von Amerikanismen anhängen, damit dieser in Spanien überhaupt les-
bar würde. Zudem hat er so ausgefallene Personennamen erfunden, dass sie in Venezuela nur
als ironisch gelesen werden konnten. Der Autor musste mit diesem karibischen Abenteuer
eine schroffe Rückweisung seitens seiner überseeischen Gastgeber hinnehmen. Auf der ande-
ren Seite, auf der Halbinsel, ergab sich ebenfalls grosse Verlegenheit, doch zugleich Bewun-
derung für sein Sprachvermögen. Sogar Alonso Zamora Vicente, sonst ein vorbehaltloser
Bewunderer Celas, meinte bei diesem Anlass: »Was für uns eine wunderbare Flurbereinigung
bedeutet, mag auf der anderen Seite des Meers als eine Provinzialisierung erscheinen, als eine
Herablassung, vielleicht als Abwertung« (1958: 119). Die Einstellung des stolzen und natio-
nal-konservativen Cela konnten wir schon im Kapitel über die Namengebung Amerikas fest-
stellen. Er setzte sich hartnäckig gegen ein »lateinisches« Amerika zur Wehr. - Wenn wir nun
als Fazit diese Autoren-Fälle in eine Reihe stellen, könnten wir schliessen, dass die jeweilige
Einstellung Spaniens gegenüber Spanisch-Amerika eine wachsende Abneigung erkennen
lässt, wenn wir vom Sonderfall Larrea absehen. Trügt der Schluss?
Besehen wir uns einen weiteren Sektor, an dem wir Mass nehmen können. Aufschluss-
reich für die Einstellung Spaniens zu Spanisch-Amerika ist die akademische Lateinamerika-
nistik. Auch hier könnte man weit mehr an Details bringen als hier möglich ist. Es sei deshalb
bloss daran erinnert, dass die erste wissenschaftliche auf Lateinamerika spezialisierte Insti-
tution das Centro de Estudios de Historia de América war. Es wurde in den Anfängen der
spanischen Republik von 1873 in Sevilla gegründet und in die dortige Universität inte-
griert. Das tönt viel versprechend. Für die anderen Fakultäten, zumal für die Sprach- und
Literaturforschung sieht es jedoch ganz anders aus. Bis weit in die 1950er Jahre hinein blieb
der legendäre Lehrstuhl von Francisco Sánchez Castañer an der Universität Valencia weit und
breit der einzige an einer Philosophischen Fakultät. Erst 1984 wurde an der alten Madrider
Universität ein Kongress einberufen zum Thema der literarischen Beziehungen zwischen
Spanien und Iberoamerika. Es war eine Art Uraufführung, die Luis Sáinz de Medrano zu ver-
danken ist, dem ersten Ordinarius für Lateinamerikanistik an dieser Universität. Er hat auch
die Akten dieses denkwürdigen Treffens herausgegeben (1987). Inzwischen ist einiges anders
geworden. Die noch junge Asociación Española de Estudios Literarios Hispanoamericanos
hat 1998 ihren dritten Kongress einberufen, auf der Isla de Tabarca vor Alicante. Im Vorwort
der Akten (2001) erwähnen die Organisatoren - Carmen Alemany Bay, Remedios Mataix
Azuar und José Carlos Rovira - die Einsturzgefahr der Kirchendecke, unter der sich die Teil-
nehmer versammelten. Sie meinen beiläufig, dass »ein Unfall der spanischen Hispanoameri-
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kanistik mehr Schaden zufügen könnte als in der Vergangenheit einige Meister und Mitläufer,
die wir nicht näher benennen wollen« (2001: 14), eine deutliche Anspielung auf die desolate
Lage des Faches in früheren Jahrzehnten.
Die spanischen Universitäten sind allerdings nicht der einzige Ort, an dem sich eine po-
sitive Neuorientierung nach Lateinamerika erkennen lässt. Einige Verlagshäuser in Spanien
haben sich gezielt für diese Region interessiert, auch ausserhalb der traditionellen literari-
schen Bereiche. Ein Beispiel unter anderen sind die sogenannten Clásicos de la Fundación
Histórica Tavera in Madrid. Die Zukunft wird zeigen müssen, ob der spanische Buchmarkt
endlich einen Nutzen aus der weltweiten Verbreitung der spanischen Sprache ziehen kann. In
der Vergangenheit kennen wir diesbezüglich lauter Pleiten, wie Francisco Caudet in seiner
Untersuchung der Verlagsbeziehungen zwischen Spanien und Spanisch-Amerika von 1930-
1943 feststellen musste (in Sáinz de Medrano 1987: 141-149).
Damit kommen wir zum letzten Sektor und nochmals zum Verlagswesen zurück. Es geht
um den oft erwähnten Boom des lateinamerikanischen Romans. Dem ist vorauszuschicken,
dass dieses Phänomen der Nueva Novela ein internationales war und dass es - wie erwähnt -
ausserhalb Spaniens früher wahrgenommen worden ist als in Spanien. Die chronologische
Reihenfolge der Länder, wo diese Novität zuerst erkannt wurde und wo auch die ersten Über-
setzungen erfolgten, lautet: Frankreich, Italien, Deutschland und England (Steenmeijer
1990). Spanien kam zuletzt. Hier interessiert uns deshalb die in Spanien zu beobachtende
Reaktion auf dieses überraschende Phänomen. Als dieser Boom, der inzwischen Geschichte
ist, gegen Ende der 1960er Jahre eine gewisse Virulenz erreichte, zeigten sich einige spani-
sche Autoren bald einmal alarmiert durch den internationalen Erfolg. Es sind damals gleich-
zeitig zwei Bücher mit Interviews zu diesem Thema erschienen. Von Fernando Tola de
Habich/Patricia Grieve: Los españoles y el boom (1971) das eine, das andere von Federico
Campbell, mit dem aggressiven Titel Infame turba (»Ruchlose Meute«, 1971/1994). Auch
wenn die in den Interviews Befragten ihre persönliche Meinung äusserten, lässt sich insge-
samt doch ersehen, dass unter den spanischen Schriftsteilem ein grosses Staunen umging
angesichts dieser unerwarteten literarischen Blüte. Zudem sind unterschwellige Anzeichen
von xenophobem Neid unüberhörbar, denn der lateinamerikanische Boom war, wie gesagt, in
anderen Ländern fniher bemerkt und beschrieben worden, dank einer hellsichtigeren, weni-
ger voreingenommenen Literaturkritik. Ein pikantes Detail dabei ist die Tatsache, dass dieser
Boom kommerziell in Spanien, genauer: in Barcelona zustande kam. Denn dort hatten wich-
tige Exponenten des Booms, Garcia Márquez, Vargas Llosa und einige andere, ihre Bestsel-
ler verlegen lassen. Auch hatten sich manche Autoren aus Lateinamerika vorübergehend in
Spanien niedergelassen, zum Schreiben und zum Verhandeln. Barcelona, Hauptstadt des la-
teinamerikanischen Booms, wenn das kein Paradoxon ist. Dort übt auch eine besonders tüch-
tige Literaturagentin ihre Tätigkeit aus, Carmen Balcells. Die Wertschöpfung aus einem la-
teinamerikanischen Potenzial erfolgte diesmal in Spanien mit grösserem Erfolg als in Zeiten
Karls V.
Einzelne Schriftsteller aus Spanisch-Amerika haben dementsprechend reagiert, mit dem
herkömmlichen Argumentarium der ehemals Kolonisierten und Ausgebeuteten. Diese Pole-
mik ist heute verschwunden, wenngleich nicht ganz spurlos. Zum Beispiel schreibt Francis-
co Poirúa, ein Literaturkritiker aus Argentinien und Herausgeber des Briefwechsels von Julio
Cortázar, in einem Interview - Monatsausgabe des ABC vom Dezember 2000 - , dass hin-
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sichtlich des sogenannten Booms die Spanier »gewisse Reaktionen kolonialistischer oder
imperialistischer Art« zu erkennen gegeben hätten. Und Porrúa fügt hinzu, ein gewisser Spa-
nier soll sich in El País semanal (vom 24. 12.2000) zur Aussage verstiegen haben, dass »wir
nicht zulassen werden, dass sich das mit dem Boom noch einmal wiederholt«. Trotz solcher
Entgleisungen, auf beiden Seiten übrigens, hatte der lateinamerikanische Literaturboom in
Spanien nebst den erwähnten noch eine andere, wichtigere Folge: das herkömmliche Überle-
genheitsgefühl der Spanier gegenüber den Spanisch-Amerikanern, das sich bis weit ins 20.
Jahrhundert hinein behauptet hatte, wurde abgebaut. Der Vorgang hat als weitere durchaus
erfreuliche Folge eine Art von kultureller Rivalität zwischen Spanien und Lateinamerika her-
vorgerufen. Seit den 1990er Jahren ist der Boom aus Lateinamerika deutlich abgeflacht, wäh-
rend gewisse Romanciers aus Spanien ihrerseits wenigstens europaweit eine ebenso wenig
vorhergesehene Konjunktur erleben.
Mit dieser Betrachtung bin ich ans Ende des 20. Jahrhunderts gelangt. Darf ich aus der
Analyse so weniger und ausgesuchter Sektoren allgemeingültige Schlüsse ziehen? Vielleicht
wenigstens den, dass die unbewusste oder auch offene Feindseligkeit oder gar Verachtung der
Spanier gegenüber allem Spanisch-Amerikanischen in der zweiten Jahrhunderthälfte nach
und nach einer ausgewogeneren Einstellung hat weichen müssen, bis hin zu einem brüderli-
chen Schulterschluss, wie ihn vor allem das spanische Königshaus seit 1975 auf allen Ebenen
herbeizuführen sucht. Hinzu kommt, dass die wachsende Präsenz von Flüchtlingen und Ein-
wanderern aus lateinamerikanischen Ländern nun wenigstens in den Städten den Spaniern
die Möglichkeit bietet, Leute von drüben aus der Nähe kennen zu lernen. Die persönliche
Begegnung war schon immer das beste Korrektiv für vorgefasste Meinungen. Dies gilt ganz
besonders auf kultureller Ebene. Indes, wir dürfen uns keinen falschen Hoffnungen hingeben.
Die erwähnte Präsenz von Asylsuchenden hat neue Aversionen gegen die Fremden geweckt,
nicht nur in Spanien. Es tauchen in der Umgangssprache Bezeichnungen auf wie sudacas
oder latinochés (Umbral 1983: s.v.). José Luis S. Ponce de León sprach noch 1990 von einer
»zweideutigen Beziehung zwischen Spaniern und Spanisch-Amerikanern von heute, und sie
ist nicht so ideal wie manche meinen« (Ponce de León 1991: 136). Ich komme zur selben
Einschätzung. Was nun andererseits die Volkswirtschaften und den Entwicklungsstand anbe-
trifft, könnte der Gegensatz zwischen dem Wirtschaftswunder in Spanien nach 1975 und dem
endemischen Verharren fast aller lateinamerikanischen Länder in einem Schwellenland-Sta-
tus grösser nicht sein. Stillschweigend dürfen die Spanier aus dieser ungleichen Entwicklung
ein neues Überlegenheitsgefühl ableiten. Dieser Umstand und natürlich auch die alten
Imagotype, die mentalen Bilder mit ihrer bekannten Dauerhaftigkeit werden dafür sorgen,
dass diese zwiespältigen Einstellungen das kollektive Empfinden beiderseits noch eine Wei-
le beeinflusssen.

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Barbar ist ein Barbar ist ein Barbar ist ein Barbar

Sage mir, wen du für einen Barbaren


hältst, und ich sage dir, wer du bist.
Amo Borst (1988:19)

Nicht allein der rohe, zuchtlose und gar grausame Einzelmensch kann als Barbar bezeichnet
werden sondern ganze Stämme und Völker. Wer andere mit diesem krausen Attribut be-
schimpft, der beansprucht zugleich für sich die Identität eines Gutmenschen, im Falle eines
Kollektivs das Gütesiegel von Zivilisiertheit. Wer im Anderen einen Barbaren sieht, wähnt
sich selber vor Barbarei gefeit. So geschehen zwischen Griechen und Persern, Romanen und
Germanen, Christen und Heiden, Christen und Juden, Katholiken und Protestanten, adligen
Städtern und Bauern, Konservativen und Revolutionären, Imperialisten und Kolonisierten,
Gebildeten und Analphabeten. Vergeblich hatte das frühe Christentum die Aufhebung der
Andersheit in der Brüderlichkeit gesucht, umsonst haben später Humanisten wie Montaigne
und Erasmus gezeigt, wie die Werthaltung gegenüber dem Gegenpart dialektisch in ihr Ge-
genteil umschlagen kann. Es blieb beide Male beim idealistischen Versuch. Die Geschichte
aller Individuen und aller Gesellschaften verlief weiterhin dichotomisch, scharf trennend
zwischen Ich/Wir und dem/n Anderen. Geringschätzung, Hass und mythisch begründete
Kriege waren die Folgen und sind es weiterhin.
Im Anfang war das Wort (Joh. 1.1), in der Tat, das griechische Wort >barbaros< nämlich,
als verächtliche Bezeichnung für den Fremden, der die Sprache der Athener und lonier nicht
verstand. Angeblich ist das Wort im Ursprung eine Lautmalerei, ein Verballhornung nicht
verstandener Fremdsprachen. Diesen kommunikativen Notstand sah auch Paulus (Korinther
I, 14.11), zudem schon durchaus dialektisch: Wenn ich eines Anderen Sprache nicht verste-
he, so ist nicht nur er für mich ein Barbar, sondern ich ebenso für ihn. Die höhere Einsicht
setzte sich auch diesmal nicht durch. Als im Zuge grösserer territorialer Expansion, etwa im
Römischen Reich oder später im kaiserlichen Spanien, mit der säkularen Macht auch die
Dominanz im Sprachlichen zunahm und man dank einer weithin geltenden Koine im Impe-
rium idiomatischer Fremdheit nur mehr in Enklaven oder in Randzonen begegnete, weitete
sich der Begriff des Barbarischen aus in das Gefìlde von Sitte und Kultur, wobei das negative
Wertungsgefälle weiterhin und unvermindert galt. Nach der Begegnung mit den Ausser-
europäem kamen nuancierende Synonyme in Gebrauch, so etwa bei Montaigne: >cannibales<
war deutlich pejorativer und zudem exotischer als >barbares<, wohingegen >sauvages< schon
mit der »naifveté originelle« in Verbindung gebracht wurde. Mit Rousseau sollte folgenreich
noch die zivilisationsfeindliche Komponente hinzukommen. Doch nicht alle Aufklärer wa-
ren einer Meinung. Montesquieu etwa versucht zu differenzieren zwischen »peuples sau-
vages« und »peuples barbares«. Erstere waren für ihn nomadische Sammler und Jäger, also
harmlos; letztere hingegen, wenngleich ebenfalls nomadisierende Hirten, konnten sich
beim Erscheinen eines starken Führers periodisch zu aggressiven Horden zusammenrotten
und gefährlich werden. Auch so blieb >barbare< semantisch deutlich negativer besetzt als
>sauvage<. Montesquieu differenzierte also schon damals soziologisch. Die Weiterentwick-
lung des Spannungsfelds zwischen Wilden und Zivilisierten läuft für letztere hinaus auf
Selbstkritik, aufgeklärte Toleranz und kosmopolitische Relativierung (Beller 1996:138-39).

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Der Positivismus - und dies muss im Rückblick enttäuschen - fiel zurück in die aus-
grenzende, überhebliche, eurozentrische Verwendung des Terminus. Dennoch hat seit länge-
rem, gewiss auch im Sog der Europa- und der Kriegsmüdigkeit, das kosmopolitische Ver-
ständnis von >Barbarei< deutlich an Terrain gewonnen. Der oder die oder das Fremde, sofern
nicht negative Affekte die xenophoben Imagotype ins Spiel bringen, können so zum (nicht
immer ungetrübten) Spiegel werden, in dem man das Eigene deutlicher erkennt.
In der Neustzeit sind uns die exotischen Fremden mehr und mehr abhanden gekommen.
An ihre Stelle ist in Sachen vermuteter Barbarei inzwischen die Andersheit getreten. Sympto-
matisch für den Begriffstausch ist der Nebentitel des denkwürdigen Buches von Todorov über
die Entdeckung Amerikas: La découverte de Vautre, in der deutschen Fassung: Das Problem
des Anderen (1985). Alterität ist im Gegensatz zu Barbarei zunächst wertungsfrei. Werden die
beiden Begriffe vielleicht einmal zu neutralen Synonymen? Die Spanier und Portugiesen und
danach die Angelsachsen haben zur Zeit der Entdeckungen und der Besiedlung in der Neuen
Welt zwar noch echte Fremde vorgefunden und mit ihnen ganz besondere, barbarische Erfah-
rungen gemacht. Was ihnen in dieser so unbekannten Fremde der Karibik zunächst widerfah-
ren ist, war nach den ersten Fehlem im Umgang mit diesen Fremden im schlimmsten Sinne
barbarisch: Von den 1492 auf Hispaniola zurückgebliebenen Spaniern - die grosse Karavelle
Sta. María musste abgewrackt werden - und von den ersten Quakersiedlern in Neu England
- sie konnten auch nicht mehr zurück - hat keiner überlebt. Barbarei war für diese Leute
nicht eine Frage des Idioms, sondern lebensbedrohend. Die primitive Rache der Spanier ent-
sprach dem, was in der europäischen Renaissance üblich war: Es erfolgte der sogenannte
Genocid, ein weiterer Völkermord, diesmal mit unvorhergesehenen biologischen Waffen (den
Epidemien) und mit den geschmiedeten dazu. Schon für Padre Las Casas bestand danach
kein Zweifel mehr darüber, welches die eigentlichen Barbaren waren: nicht die Eingebore-
nen, sondern die Conquistadoren und Encomenderos. Die Kontroverse darüber, ob die Kolo-
nisation ein Recht oder ein Unrecht, ein Völkermord oder ein zivilisatorischer Akt war, ob die
Heidenmission durch die spanischen und portugiesischen Katholiken ihre Berechtigung hat-
te, ob die Kolonialwirtschaft den Beteiligten Fluch oder Segen gebracht hat, sie ist seit 1530
nicht mehr verstummt.
1992 ist sie bekanntlich wieder mit besonderer Heftigkeit entbrannt. Sie hatte die Gemü-
ter schon anlässlich des Zentenariums von 1892 bewegt, wie wir sahen. Doch damals disku-
tierten vor allem die in der Vergangenheit direkt Betroffenen, also die Spanier diesseits, die
Spanisch-Amerikaner jenseits des Atlantiks. Die Indios regten sich damals noch nicht. So
blieb 1892 der völkerrechtliche Problemfall des Umgangs mit den Indigenen und die Frage
einer eventuellen historischen Schuld weiterhin den Spanien selber vorbehalten. Beides wur-
de damals ausserhalb Spaniens wenig beachtet. Die Schwarze Legende wirkte nicht mehr im
Detail der Amerikagräuel nach. Beim 5. Zentenarium jedoch, also 1992, ist die Kontroverse
neu entbrannt, aber mit anders verteilten Rollen. Ich sprach davon im Kapitel über die Zen-
tenarfeiern. Die fremden Indios sah man nun als von der Geschichte bestrafte Menschenkin-
der, barbarisch waren nun die Anderen, und das waren nun die Schuldigen im anderen ideo-
logischen Lager. Las Casas war wieder aktueller denn je, und dank Enzensbergers und
Suhrkamps Spürsinn ist die Brevísima relación in den richtigen Erwartungshorizont geschos-
sen und flugs neu ins Deutsche übersetzt worden (Casas 1981). Spanien, das weiterhin der
Barbarei bezichtigt wurde, hielt sich diesmal weitgehend aus der Polemik heraus und hörte
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weg. Für einmal verliess man sich dort auf die eigenen ^^^issenschafter. In der Tat, hatten nicht
spanische und spanisch-amerikanische Historiker seit Jahrzehnten, vom Ausland übrigens
weitgehend unbeachtet, den Sachverhalt in die richtige, in eine zeitgenössische Relation ge-
bracht? War nicht die Grossleistung einer eigentlichen Begründung des Völkerrechts durch
die damaligen Rechtsgelehrten Spaniens inzwischen allgemein anerkannt? Die neue
»weisse« Legende allerdings, mit welcher die spanischen Eroberer von Schuld freigespro-
chen werden sollten, war nicht weniger einseitig wie die alte, von den ausländischen Spanien-
kritikern verbreitete »schwarze« Legende. Was die Rechtsgelehrten im 16. Jahrhundert in den
berühmten Leyes de Indias zu Papier brachten, hat kaum einem Indio das Leben gerettet.
Doch für die Spanier war im Jahr 1992 die Kontroverse obsolet, denn sie fragten sich ganz
schlicht, weshalb denn die Grausamkeiten ihrer fernen Vorfahren sie heute anfechten sollten.
Kein Land war zur Zeit der Renaissance zimperlich gewesen im Umgang nut Unzivilisierten,
mit Andersdenkenden, mit Andersgläubigen, mit Barbaren (dazu Bemecker et al. 1996).
Indes, die Zuweisung von Barbarei im historischen Zusanunenhang der Eroberungen in
Amerika ging ausserhalb Spaniens munter weiter. In einem kuriosen Rollentausch wurde der
in Spanien inzwischen inaktuell gewordene Disput über eine historische Schuld gegenüber
den Indigenen Alt-Amerikas diesmal, 1992, von anderer Seite aufgenommen, zudem vehe-
menter denn je. 500 Jahre sei die Neuzeit alt geworden und dabei fehl entwickelt. Columbus
hin, Columbus her, für Sozial- wie für Wirtschaftsutopisten war es jetzt höchste Zeit für eine
kritische Bilanz. Ich habe schon darüber berichtet, wie schon im Vorfeld von 1992 ganze
Scharen von linken Intellektuellen, Grünen, auch evangelische Kirchenkreise und Entwick-
lungshelfer in der westlichen Welt Anklage erhoben und die Geschichte revidieren wollten.
Auch die Linksopposition und die Vertreter der heutigen Indios in den Republiken Latein-
amerikas wollten zur Jetzt-Stunde für das an ihren Ahnen begangene Unrecht entschädigt
werden. Die Aufregung über die skandalösen Vorkommnisse von damals half anscheinend
mit, für die bitteren Zustände im heutigen Lateinamerika endlich auch Schuldige benennen
zu können. Aus ethisch achtbaren Motiven, doch naiv und ohne Kenntnis der Zusammenhän-
ge sowie durch anachronistische Projektion heutiger Auffassungen von Menschenrecht auf
vergangene Zeiten, haben diese Kämpfer für mehr Gerechtigkeit den Fall »Columbus und die
Folgen« neu aufgerollt. Der Protest richtete sich zunächst und vor allem gegen die ausländi-
schen Imperialisten, die multinationalen Konzerne, gegen die Besitzenden und die Erste Welt
ganz allgemein, aber nicht nur. Zu Recht wurde auch den kreolischen Oberschichten in jenen
Republiken vorgehalten, sie hätten ihr Land, das seit weit über hundert Jahren dekolonisiert
und unabhängig war, in eine gerechtere soziale Ordnung führen müssen und sie hätten es aus
Eigennutz nicht getan. Wie man sieht, verläuft in diesem verbalen Krieg die Front weniger
zwischen den Nationen, also vertikal, sondern zwischen den »Tätern« oben und den »Op-
fern« unten, also horizontal, den sozialen Schichtungen entlang (dazu Siebenmann in
Bemecker et al. 1996). Die Schleusenwärter dieser Umschichtung waren vor allem Marxisten
und Dependenztheoretiker. Im internationalen Vergleich fällt auf, dass die kritischen Stim-
men von Frantz Fanon (1961/1969) oder Eduardo Galeano (1971/1973) im deutschen
Sprachraum ein besonders gutes Gehör fanden. Man erkennt aus diesem Vorgang, dass der
Ersatz von Fremdheit durch Andersheit nicht nur ein Abtausch von Wörtern war, sondern rea-
le Folgen hatte. Fremde gab es keine mehr, man unterschied nur noch zwischen den Eigenen
und den Anderen, zwischen denen, die gleicher Meinung sind und den Andersdenkenden.
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Täter wie Opfer sahen einander nun gegenseitig als Barbaren. Unversehens gab es demnach
Barbaren ganz gegensätzlicher Art. Dabei wurde übersehen, dass wer den erstbesten Anders-
denkenden zum Barbaren stempeh, selber einer wird. Es scheint, als sei das Columbus-Ereig-
nis der Geschichtsforschung entzogen und als sei es in der Entwicklungspolitik aufgegangen.
In den Urbanen Zentren des deutschen Sprachraums spielte die gelangweilte Jugend Stadtin-
dianer. Die wenigstens emotionale Solidarität mit den Eingeborenen wurde in Kleidung, Er-
nährung, in der Wahl von Lektüre und Musik vorgezeigt. Der Rucksacktourismus durch den
Kontinent und auch wagemutige, entbehrungsreiche Trecks zu den Indios kamen in Mode.
Diese wenigstens öffneten manch einem die Augen für die komplexe Realität. Für die Da-
heimgebliebenen hingegen gerann z. B. jene Symbiose von Priester, Revolutionär, Dichter
und Beschützer der Indios, die der Mönch aus Nicaragua, Emesto Cardenal (1925), wie kein
anderer 0 , zur Kultfigur. In keinem Land kennen seine Bücher ähnlich hohe Aufla-
gen wie im deutschen Sprachraum. Der Friedenspreis des deutschen Buchhandels im Jahr
1980 machte den Kult offiziell. Mit der blossen Sympathie- beziehungsweise Aversions-
kundgabe war anscheinend ein valabler Prüfstein gefunden, um sich selber als guten Men-
schen und die Anderen als Barbaren zu erkennen. Indes, in Lateinamerika sah man überra-
schenderweise diese Form von Gratissolidarität ungern. Die Gesten der Sympathie winkten
letztüch doch nur den Gesinnungsgenossen in der heimischen Nachbarschaft zu und die Fru-
strationen nach erfolglosem tätigem Einsatz in der Entwicklungshilfe vor Ort, wenn es denn
dazu kam, bereitete dem Spuk meistens ein abruptes Ende.
Gibt es einen tauglichen Ausweg? Ich greife diese Frage im letzten Kapitel auf Gewiss ist
jedenfalls, dass taugliche, praktikable Rezepte Mangelware sind. Gefragt ist eine nachhaltige
Hilfsbereitschaft, darüber hinaus eine stete, wache Anteilnahme am Geschehen drüben und
hüben, zudem eine kritische Einflussnahme auf die Meinungsmacher. Die von Zivilisations-
überdruss oft stärker als von Mitmenschlichkeit genährte Zuwendung von Europäern zu den
Indios und ihrer Welt findet in Ländern, wo diese kaum als Minderheiten vorkommen, etwa
in den La-Plata-Staaten, wenig Verständnis. Das Dilemma der unsicheren Identität der La-
teinamerikaner wird mit Solidaritätskundgebungen von aussen eher verschärft denn gelöst.
Dies mag zum Schluss ein Gedicht des uruguayischen Dichters Milton Schinca (1926) vor-
führen. Der Dichter erteilt dem Europäertum der Uruguayer zwar eine Absage, doch zugleich
ironisiert er grausam das prekäre, »barbarische« autochthone Erbe. Hier der Text in meiner
Übersetzung:

Gib mir diesen Ahnen

Der Vater meines Vaters meines Vaters


und nochmals meines Vaters, war kein Indio.
Die Mutter meiner Mutter meiner etcetera
hatte gar nichts von einer Wilden, verdammt.
Manchmal frage ich mich,
ob ich nicht gern der Ururenkel
eines Urureinwohners aus den finstersten
w a d e r n des Landes wäre,
geboren als Bastard aus Puma und Akazie,
oder aus Gürteltier und Mimose vielleicht;
oder aufgetaucht als roher Spross
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aus dem uruguayischen Nichts


auf dem Kahn eines Magier-Gottes mit buntem Webband
und Federschmuck auf der Stirn.
Und wie schön zu sagen: mein Ur Ur Urgrossvater
war einer der starb als lodernder Jaguar,
der nie den unbändigen Nacken gebeugt,
der jeden Kampf bis auf die Knochen durchstand,
um eine Welt zu verteidigen, die er sich schuf,
der mit Prankenhieben den Angriff abschlug,
nie mit dem Eindringling verhandelte,
der schallend rief: »Tod ja, Unterwerfung nie«,
und danach verstummte, gebrochen, verdutzt,
aber ohne Makel vor all seinen Jahrhunderten und seinen Toten.

Deshalb, am äussersten Rand


dieses zerfransenden Uruguays von heute,
sag ich dir, Papa meines Papas meines Papas
und nochmals meines Papas: vergib mir,
wenn ich dich übergehe in dieser Zeit der Wildtiere,
und weiter zurück will, wieder Indianer werde;
denn deinem Beispiel eines Urbanen Europäers
ziehe ich heute das Fauchen jenes Erbes vor.

Aus Milton Schinca: ¡cambiá uruguayJ (1971)

Nietzsche war ebenso pessimisstisch. Er sah bekanntlich den »Barbaren in jedem von uns
bejaht, auch das wilde Tier«. Arno Borst hingegen beschliesst seine Blitztour durch die Wort-
geschichte von >Barbar< mit einer resignierten List: »Erst wenn das Schlagwort nicht mehr
irgendein vages Kollektiv der >Anderen<, sondern jeden von uns persönlich trifft, erst dann
wird es keine Barbaren mehr geben« (1988: 31).
Die Vierfachnennung des Wortes im Titel - eine Annäherung an Gertrude Steins »Rose is
a Rose... » - resümiert meine Ausführungen: Barbar (1) ist ein Sprachzeichen aus drei seri-
ell wiederholten Buchstaben; Barbar (2) ist ein onomatopoetisch gebildetes griechisches Wort
mit der Bedeutung >Fremdsprachiger, der stammelt<; Barbar (3) wurde aus dem Griechischen
in andere Sprachen entlehnt und bedeutet dort >roher, empfindungsloser Mensch ohne Kul-
tur< (Duden); Barbar (4) dient als Schimpfwort gegenüber jemandem, den der oder die je-
weils Sprechende für einen solchen hält.

Literaturhinweise

Beller, Manfred (ed.). 1996. L'immagine dell'altro e l'identità nazionale: metodi di ricerca letteraria. In:
Il Confronto Letterario, Supplemento al numero 24 (Bergamo 1996). Darin, nebst einer systemati-
schen Bibliographie zur Imagologie (147-213), ders.: Who is a Barbarian?: 135-146.
Bemecker, Walther L./José Manuel López de Abiada/Gustav Siebenmann. 1996. El peso del pasado:
Percepciones de América y V Centenario. Madrid: Verbum.
Borst, Amo. 1988. Barbaren, Ketzer und Artisten. Welten des Mittelalters. München: Piper.

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Casas, Bartolomé de las. 1981. Kurzgefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder.
Hg. V. Hans Magnus Enzensberger. Frankfurt/M.: Insel-TB 553.
Fanon, Frantz. 1961. Les damnés de la terre. Paris: Gallimard. Deutsch: Die Verdammten dieser Erde.
Reinbek: Rowolüt, 1969.
Galeano, Eduardo. 1971. Las venas abiertas de América Latina. México: Siglo XXI. Deutsch: Die of-
fenen Adern Lateinamerikas. Die Geschichte eines Kontinents von der Entdeckung bis zur Gegen-
wart. Wuppertal: Hammer, 1973. Bis 1991 14 Auflagen.
Schinca, Milton. 1971. Dame ese abuelo. In: ¡cambiá, uruguay! Montevideo. Deutsch in: Gustav
Siebenmann. Uruguayische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Auswahl und Übersetzung von 16 Gedich-
ten, spanisch und deutsch. In: Günther Uecker: Aquarelle Uruguay 1966. St. Gallen: Erker Verlag,
1999: 22ff.
Siebenmann, Gustav/Hans-Joachim König (Hg.). 1992. Das Bild Lateinamerikas im deutschen Sprach-
raum. Tübingen: Niemeyer, 1992, 249 S. (Beihefte zur Iberoromania; 8).
Todorov, Tzvetan: Die Emberung Amerikas: das Problem des Anderen. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1985.

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Non Liquet.

Gibt es Gründe für die Stundung der Zukunft Lateinamerikas?

Non liquet ist ein lateinisches Diktum aus der Rechtswissenschaft. Es besagt, ein Sachverhalt
sei weder durch Beweise noch durch Gegenbeweise erhellt. Der Sachverhalt, der mich hier
interessiert, ist die soziale, wirtschaftliche und politische Stagnation, in der sich Lateiname-
rika seit Jahrzehnten befindet, ohne Aussicht auf Besserung, ohne Rezept zur Sanierung,
ohne Hoffnung für Millionen von Menschen. Über die Ursachen dieses ebenso traurigen wie
trägen Sachverhalts wird vielerorts nachgedacht, doch sie konnten bis heute nicht überzeu-
gend geklärt werden. Es bleibt fast immer bei historischen Schuldzuweisungen.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sah man es noch anders, aus guten Gründen: Die
meisten Länder prosperierten ökonomisch. Buchtitel, die dem Kontinent oder einzelnen Län-
dern eine grosse Zukunft vorhersagten, waren über Jahre hin üblich. Man findet einige Bei-
spiele unter den Literaturhinweisen. Es gab freilich auch anderslautende Stimmen. Solche,
die ein Fragezeichen setzten, wie Borsdorf (1994) oder Sevilla/Ribeiro (1995), auch frühe
Verdüsterungen wie in Italiaanders Terra dolomsa (1969). Nach dem »verlorenen Jahrzehnt«
der achtziger Jahre wurden die Fragen nach den Gründen immer drängender. Infolge der
Sozialexperimente auf Kuba und in Chile konnten die Diskussionen kaum mehr ideologiefrei
geführt werden. Ein Kenner der Materie, der Entwicklungsexperte H. C. F. Mansilla schrieb
1987 aus La Paz: »Erst jetzt, nach einer weitgehenden Enttäuschung mit konventionellen
Entwicklungsmodellen sowohl privatwirtschaftlicher als auch staatssozialistischer Observanz
und einer beginnenden Ernüchterung angesichts ökologischer und demographischer Begren-
zungen, beginnt Lateinamerika eine ernsthafte Debatte über die Diskrepanz zwischen über-
spannten Entwicklungszielen und bescheidenen Ausgangsbedingungen« (Mansilla 1987:
566). Die resignierte Fragestellung lautete: Wie können wir den Mangel am besten bewirt-
schaften? Wie oft in verzweifelter Situation keimt seither die Selbstironie. So hat etwa der
Kolumbianer Plinio Apuleyo Mendoza zusammen mit zwei anderen Autoren - Alvaro Vargas
Llosa, Peruaner, Sohn von Mario, und Carlos Alberto Montaner, gebürtiger Kubaner - ein
Manual del perfecto idiota latinoamericano veröffentlicht. Dort wird der »perfekte latein-
amerikanische Idiot« wie folgt definiert:
Er glaubt, dass wir arm sind, weil die anderen reich sind und umgekehrt, dass die Geschichte eine
erfolgreiche Verschwörung der Bösen gegen die Guten ist und dass jene immer gewinnen und wir
stets verlieren (er selber ist auf jeden Fall unter den armen Opfern und den guten Verlierern). Er hat
keine Hemmungen im cyberspace zu surfen, sich online zu fühlen und (ohne den Widersprach zu
merken) die Konsumwut zu verurteilen. Und wenn er von Kultur spricht, beteuert er inbrünstig:
»Was ich weiss, hab ich im Leben gelernt und nicht in den Büchern, und deshalb ist meine Bildung
keine papierene sondem eine vitale«. Wer ist es? Es ist der lateinamerikanische Idiot. (Mendoza
1996).
Es ist eine bissige Karikatur, doch auch sie hat einen realen Hintergrund. Das tatenlose
Selbstmitleid ist weitverbreitet, ist aber zunächst eine Folge und nicht eine der primären Ur-
sachen der Zustände.
Ernsthafter hat über mögliche Gründe der erwähnte Carlos Alberto Montaner (2001)
nachgedacht. Wer ist dieser Autor von über zwanzig Büchern? Der 1943 in Havanna gebore-
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ne Exilkubaner lebt seit 1970 in Madrid, als Journalist und Historiker. Die spanische Zeit-
schrift cambio 16 verkündet, er sei der zur Zeit am meisten gelesene Kolumnist in spanischer
Sprache. Nun hat der historisch bewanderte Autor mit agiler Feder ein Buch geschrieben, das
schon im Titel von »krummen Wurzeln« spricht. Er hat dafür viel Lob geerntet, aber auch
Kritik. Als überzeugtem Liberalen und Verfechter einer sozialen Marktwirtschaft - er ist Prä-
sident der Kubanischen Liberalen Union in Miami - schlägt ihm aus Castros Kuba und von
dessen Freunden viel Hass entgegen. Das Buch, das uns in unserem Zusammenhang interes-
siert, trägt den Titel Las Raíces torcidas de América Latina. Es ist die Zusammenfassung ei-
nes an zahlreichen Universitäten Spanisch-Amerikas und der USA vorgetragenen Zyklus.
Montaner geht, und zwar diesmal ausgeprägter als Historiker denn als Journalist, der Frage
nach, weshalb Lateinamerika das ärmste und unstabilste Segment des ganzen Westens ist.
Jedes der sieben Kapitel beschäftigt sich mit einer der möglichen Ursachen und das letzte
trägt den Titel: »Der Ausweg aus dem Labyrinth«.
Der Grundtenor sei vorweggenommen: Als Historiker führt Montaner das Scheitern zu-
rück auf die koloniale Vergangenheit Lateinamerikas. Schuld seien die überlieferten Werte,
Gewohnheiten und Einstellungen, die auf die Spanier zurückgehen. Sie hätten in der spani-
schen Neuen Welt die Schaffung neuer Reichtümer, die wissenschaftliche Neugier und ein
demokratisches Verhalten auf Dauer verhindert. Sie hätten eine Grundeinstellung mitge-
bracht, die jedem wissenschaftlichen Erfindergeist und jeglicher technischen Innovation ab-
lehnend gegenüberstand, möglicherweise weil das Ganze auf einem scholastischen Substrat
ruhte und als Folge repressiver Mechanismen eine fortschrittsfeindliche Mentalität erzeugte.
Damit erfolgt eine deutliche Schuldzuweisung an die Spanier. Die Frage ist nur, weshalb die-
se Wurzeln in der nun fast 200 Jahre währenden Unabhängigkeit der RepubHken inzwischen
nicht behandelt werden konnten. Im Vorwort zu seinem Buch stellt sich Montaner diese Fra-
ge selber: »Wenn die Prämisse zutrifft und wir tatsächlich auf geschichtlich krummen Wur-
zeln leben, sind wir deshalb auf ewig dazu verurteilt, in Unterentwicklung, unter Tyrannen
und in kultureller Rückständigkeit zu leben? Oder wird es irgendwann einmal möglich sein,
dass auch Lateinamerika zur fortgeschrittenen Vorhut des Westens gehört?« Glücklicherwei-
se, so Montaner, sei die Antwort auf diese Frage optimistisch: »Wenn wir eine Lektion lernen
konnten aus dem 20. Jahrhundert, besonders nach dem Zweiten Weltkrieg, so ist es die, dass
wirtschaftliche Entwicklung und das Ende von Rückständigkeit und Armut mit Sicherheit er-
reichbare Ziele sind. Fälle wie Spanien, Portugal, Südkorea, Singapur oder Taiwan beweisen
es. Sogar das was heute in Chile geschieht, weist in diese vielversprechende Richtung.«
Ich resümiere und diskutiere im Folgenden Montaners Argumente. Er beginnt mit der al-
ten Diskussion um die zweifelhafte Legitimität der spanischen Landnahme und der Christia-
nisierung der Eingeborenen. Er würdigt - in für Lateinamerikaner ungewohnter Weise - die
frühen völkerrechtlichen Anstrengungen im Spanien des 16. Jahrhunderts. Die sieben títulos
justos, die von spanischen Theologen und Juristen vorgetragenen Thesen, die das Erobe-
rungsuntemehmen in Amerika legitimieren und zugleich den Ureinwohnern gewisse Schutz-
rechte verleihen sollten, finden ebenso Beachtung wie deren Missachtung vor Ort. Die Domi-
nikaner Francisco de Vitoria und Domingo de Soto traten zwar ebenfalls für die Legitimität
der spanischen Souveränität in den eroberten Gebieten ein, doch sie wollten gleichzeitig die
Eingeborenen als Rechtssubjekte anerkannt wissen, die nicht einfach unbesehen versklavt
werden durften, nur weil sie eine ihnen fremde Religion nicht übernehmen wollten. Vor allem
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habe es Vitoria gewagt, die theologische Argumentation bei der Legitimierung des kolonialen
Unternehmens zu schmälern und statt dessen das Naturrecht und das Völkerrecht einzubrin-
gen. Geschickt fasst Montaner die schwierige und politisch heikle Debatte um die sogenann-
te du¿ia indiana, um den indianischen Zweifelsfall zusammen. Nicht nur die schon 1542 re-
digierte Brevísima Relación de la destrucción de las Indias von Bartolomé de las Casas wird
gewürdigt, sondern auch - was im Zuge der Schwarzen Legende meistens unterschlagen wird
- dessen Kontroverse mit Juan Ginés de Sepúlveda, der aus juristischen und theologischen
Argumenten Las Casas in seinem Demócrates Primus und Demócrates Secundus wider-
sprach. Es war nicht ein Disput in dünner Höhenluft, vielmehr hatte er unmittelbare politische
Konsequenzen, indem Kaiser Karl V. im Sommer 1550 in Valladolid die besten Köpfe aus
seinem Reich zusammenrief, damit sie die moralische Rechtfertigung des amerikanischen
Unternehmens prüften. Der Dominikaner Domingo de Soto als Berichterstatter dieses Kon-
gresses stand seinem Ordensbruder Las Casas näher als Sepúlveda, so dass nach der Nieder-
schrift dieser Kongressakten feststand, dass Las Casas, der Bischof von Chiapas, fortan als
der Verteidiger der Indios dastand und Sepúlveda als das Sprachrohr der Eroberer und Land-
besitzer in der Neuen Welt. Zudem hat Las Casas seine erwähnte Brevísima Relación in die-
sem Zusammenhang auch in Druck gegeben (1552) und damit vor allem in den spanien-
feindlich gesinnten Staaten den Anstoss zur Schwarzen Legende gegeben.
Wenn Montaner sich nicht, wie heute allgemein üblich, vorbehaltlos auf die Seite von Las
Casas stellt und auch seine Widersacher zu Wort kommen lässt, so deshalb, weil er in dieser
Debatte einen grundlegenden Schlüssel zum Verständnis Lateinamerikas zu erkennen meint,
nämlich die unauflösbare Verflechtung zwischen Katholizismus und Staat, die bekanntlich
bis weit in das 19. Jahrhundert hinein andauerte. Dieser Pakt sei in der Neuen Welt in die
Brüche gegangen, indem die »Amerikaner«, zumal die Indios, gewissermassen auf der Las
Casas-Seite standen. Mit ihren synkretistischen Religionen Hessen sie einerseits die kirchli-
che Macht gelten, standen aber auf der anderen Seite der staatlichen Macht jeglicher Art (lies
Sepúlveda) feindselig gegenüber. »Die erbarmungsvolle Haltung eines von Las Casas beein-
flussten Klerus hat dazu geführt, dass das Christentum und die katholische Kirche Teil gewor-
den sind der lateinamerikanischen Identität. Der Staat hingegen sei für sie etwas Fremdes und
Fernes geblieben. Die Indios wurden auf ihre Weise - ohne ihren vorkolumbischen Glauben
ganz aufzugeben - christianisiert, zutiefst und radikal; aber auf politischem Gebiet - so Mon-
taner - sind sie nie hispanisiert worden. Deshalb hätten sie, als die Zeit [für die Unabhängig-
keit] gekommen war, Spanien den Krieg erklärt, aber nicht dem Christentum (28). Es sind
Gedankengänge von hoher Plausibilität.
Dieser Entlegitimisierung des Staates gilt das zweite Kapitel Montaners. Sie war von An-
beginn auf allen sozialen Ebenen wirksam: bei den erobernden Spaniern, bei den Indios und
später bei den criollos. Bei den Konquistadoren traf dies ein, weil sie ihre Unternehmung als
eine private verstanden. Beute und Raub waren für diese gewagte Tätigkeit der zunächst ein-
zige greifbare Lohn. Und hatte nicht die Soldateska Karls V. im Sacco di Roma (1527) ein
Gleiches getan, und sein Sohn Philipp II. in Antwerpen nochmals (1576)? Wer damals das
gewagte Abenteuer einer Expedition in die Neue Welt auf sich nahm, tat es aus wirtschaftli-
chen Gründen, aus Armut, in der Hoffnung, dereinst reich wieder nach Spanien zurückzu-
kommen. Die Kampftruppen der Eroberung waren keine regulären Truppen, vielmehr be-
waffnete Haufen, die sich nach einem Sieg dann privaten Geschäften widmeten, als Farmer,
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Viehzüchter, Minenbesitzer. Die regulären kaiserlichen Truppen mit ihrer Disziplin blieben
jedoch der Krone treu. Daher stellen die Militärs, so Montaner, bis heute ein staatstreues Ele-
ment in den lateinamerikanischen Staaten dar. Staatstreu allerdings nur solange, als dieser
Staat in ihrem Sinne funktionierte.
Die Kolonialgeschichte hält noch andere Gründe bereit für die spätere Unbeweglichkeit in
diesen Ländern. Trotz des inunensen, mit den damaligen Infrastrukturen in keiner Weise zu
verwaltenden Territoriums wollte die spanische Krone dessen Verwaltung nicht den immer
selbstbewusster auftretenden Kreolen überlassen. Sie hat 1524 in Sevilla einen Consejo de
Indias errichtet, einen Amerika-Rat mit gewaltigen Kompetenzen. Er konnte Gesetze erlas-
sen, Beamte ernennen und absetzen. Recht sprechen, fungierte als Appellationsgericht, konn-
te strafen und belohnen, Privilegien erteilen und widerrufen, Territorien zusammenfügen oder
trennen. Allerdings konnten die unzähligen in Sevilla dekretierten Gesetze und Erlasse über
den Atlantik und über so unwegsame Distanzen hin kaum durchgesetzt werden. Deshalb
wurden schon damals diese in Spanien beschlossenen Gesetze und Dekrete zwar juristisch
korrekt abgehakt, doch ebenso korrekt ad acta gelegt, mit dem berühmt gewordenen Ver-
merk: »Las leyes se acatan se cumplen« (Die Gesetze in Ehren, doch vollzogen wer-
den sie nicht). Was in Europa Ungehorsam gegen die Obrigkeit wäre, konnte in der Neuen
Welt schlicht als Unmöglichkeit des Vollzugs erklärt und damit straffrei werden.
Besonders schwer betroffen war durch diese Vorgänge das Rechtswesen. »Es gibt zwei
Arten von Prozessen: die, die sich von selber lösen, und die unlösbaren«, so eine zynische
Weisheit der Lateinamerikaner. Für sie wie damals übrigens auch für die Spanier in Europa
stand fest, dass es unter der Sonne keine Gerechtigkeit gibt. Die Geschichte der gut dreihun-
dert Jahre währenden amerikanischen Kolonialwirtschaft Spaniens resümiert sich in
Montaners Darstellung sowohl als heroisches Unterfangen wie als Aberwitz. Für die zunächst
vier Vizekönigreiche, die zwischen 1535 und 1813 von den Spaniern errichtet wurden, hat
die Krone nacheinander 170 Funktionäre zu Vizekönigen ernannt. Nur vier von ihnen waren
in Amerika geboren. Derart seien dort »Staaten zur Unzufriedenheit aller« entstanden. Diese
Argumente bestechen, auch wenn sie nicht neu sind. Das bekannte Übel der Rechtsunsicher-
heit ist bis heute nicht beseitigt. Nur fragen wir uns wiederum: Wäre dafür nicht längst Zeit
genug gewesen?
Hinzu kam nun, schon in der Kolonialzeit, eine komplizierte soziale Realität. Durch die
Arbeitsverhältnisse in Land- und Bergbau entstand eine Trennung der Rassen in Weisse,
Mestizen und Indios, zu der dann in den tropischen und subtropischen Regionen noch die
schwarzen Sklaven aus Afrika hinzukamen. AMe Montaner im dritten Kapitel darlegt, hat die-
se Völkermischung den lateinamerikanischen Gesellschaften einen besonders andauernden
Rassismus beschert. Erst 1886 hat auch Madrid die Sklaverei abgeschafft. Die Rückschau
ergibt eine haarsträubende Statistik dieser Sklavenverteilung. Sie ist zu wenig bekannt.
Gemäss Hugh Thomas (1997) waren es etwas über elf Millionen Schwarzafrikaner, die über
den Atlantik verschleppt wurden, vier davon landeten im portugiesischen Brasilien, zweiein-
halb in spanischen Besitzungen, besonders auf Kuba, zwei in der englischsprachigen Karibik
und eine Million und sechshunderttausend in den französischen Besitzungen, eine halbe Mil-
lion in den holländischen und eine weitere halbe Million in den USA und in Britisch Kanada.
Fünf Millionen davon waren den Zuckerplantagen zugedacht, zwei Millionen dem Kaffeeanbau
und eine Million wurde in den Minen vergraben, zwei Millionen wurden Hausangestellte,
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fünfhunderttausend wurden Baumwollpflücker, zweihundertfünfzigtausend schufteten auf


Kakaoplantagen. 1804 gelang den Sklaven auf Haiti der Aufstand gegen ihre Halter und sie
vollendeten so die Revolution von Toussaint L'Ouverture, der inzwischen schon in einem
französischen Kerker verendet war. Für die Schwarzafrikaner im übrigen Lateinamerika war
der Aufstand in Haiti ein ermutigendes Zeichen. Die haitianischen Sklaven hatten übrigens kei-
nen Unterschied gemacht zwischen Kreolen und Franzosen: sie gingen auf alle Weissen los.
Die Relationen auf dem Kontinent waren unglaublich: Nur etwa 150 Spanier kontrol-
lierten mehrere Millionen Lateinamerikaner, die zudem von den Spaniern diskriminiert wur-
den, denn diese beanspruchten fast alle wichtigen öffentlichen Ämter. Weit unten in dieser
Machtpyramide lagen, übergangen und gedemütigt, die Mestizen, die Indios und zuunterst
die Schwarzen. Der erste Rassenkonflikt in Spanisch-Amerika brach 1806 aus, in Buenos
Aires. Als die Stadt von den Engländern erobert, dann befreit und wieder erobert wurde, kam
das Unternehmen nur deshalb zum Erfolg, weil auch schwarze Sklaven in die kreolischen
Streitkräfte einbezogen wurden. Danach hat San Martin sich auch nicht gescheut, Bataillone
von Braunen und Schwarzen zu bilden, wie später die Generäle Sucre in Bolivien und Flores
in Ecuador. Die Befreier Lateinamerikas, Bolívar, San Martin, Miranda, alles Kreolen, gehör-
ten zwar zu den Befürwortern der Abolition, wollten aber eine totale Befreiung der Schwar-
zen nicht zulassen. Die jungen Republiken praktizierten nicht eine Politik, die ihr Land zur
Heimat der Schwarzen hätte werden lassen, so dass der heigebrachte Rassismus auch weiter-
hin fortbestand. Montaner spricht hier als Kubaner, ansonsten hätte er nicht nur die Lage der
Schwarzen, sondern auch die der Indios erwähnt. Heute, im 21. Jahrhundert sei auf rechtli-
cher Ebene der Rassismus überwunden. Söhne und Töchter Schwarzafrikas seien weltweit
Gegenstand der Bewunderung, wenn sie in der Unterhaltungsmusik oder im Sport zum Stolz
einer Nation beitragen. Zweischneidig sei der beachtliche geistliche Einfluss gewisser
schwarzafrikanischer Religionen, besonders in Brasilien, Kuba und der Dominikanischen
Republik, meint Montaner.
Und doch sei dieser Gleichstellungsprozess sehr schwierig und langwierig. Weshalb nur?
Montaner greift zur Beantwortung dieser Frage wieder einmal zum historischen Vergleich
unter den Nationen. Er weist auf die Tatsache hin, dass die unter englischer Domination le-
benden Sklaven, also auf Trinidad, Bahamas und Barbados, z. T. auch auf Jamaika sich wirt-
schaftlich besser verhalten als die Schwarzen in Ländern ursprünglich spanischer Herrschaft.
Es scheinen also weniger genetische, rassische Faktoren zu sein, die hier über die Generatio-
nen wirksam blieben, als vielmehr die Kultur. Indes, die auffallende Armut und Rückständig-
keit vor allem unter der schwarzen Bevölkerung Lateinamerikas sei noch immer ein ungelö-
stes Problem, das zur sozialen und politischen Instabilität auf dem Kontinent nach wie vor
beiträgt und das die Regierenden in allen betroffenen Ländern noch immer nicht anzupacken
wagten. Auf die mentalitätsmässigen Gründe des permanenten, selbst in Brasilien latenten
Rassismus geht Montaner nicht weiter ein.
Das vierte Kapitel von Montaner ist wohl das schwächste. Unter dem Titel Sex, Sexismus,
Geschlechter und Rollen klagt er zu Recht über die ungleiche und schlechte Behandlung der
Frau in allen Gesellschaften. Der Hinweis auf einzelne politisch erfolgreiche Frauen tauge
nichts, es seien auf einem Kontinent des ungebrochenen machismo gewissermassen nur die
Renommier-Feminae. Montaner hält den macho, den arroganten Patriarchen, für einen Ar-
chetyp, der in Lateinamerika entstanden sei, nicht in Spanien, wo Don Juan einen filigrane-
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ren, manchen Interpretationen zugänglichen Typus darstelle. Montaner hält in aller Deutlich-
keit fest, dass »auf einem Kontinent, wo die Hälfte der Bevölkerung in Armut lebt, vor allem
die Frauen zu den Elendsten und Schutzlosesten zählen, u. a. weil sie weniger gebildet und
zudem Opfer verantwortungsloser Vaterschaften sind« (76). Um diesem Phänomen näher auf
die Spur zu kommen, greift er nun allerdings über lange Seiten hinweg zurück in die Weltge-
schichte der Geschlechterrollen über die Jahrhunderte, von Griechenland über Rom und zum
neurotischen Sexualverständnis der katholischen Kirche. Er gelangt zum Horror der Hexen-
verfolgungen und kommt dann zum Schluss, dass just im 16. Jahrhundert, als die Spanier
nach Amerika gelangten, im ganzen Westen ein sexualitätsfeindliches und rassistisches Kli-
ma herrschte. Die Spanier, die sich damals auf ein Amerika-Abenteuer einliessen, waren zu-
meist junge Männer mit einer eher gehobenen Ausbildung, oft militärisch unerfahren. Sie
waren eben segundones, Halbadlige ohne Aussicht auf höheren Stand in der spanischen Ge-
sellschaft, so dass sie sich wie Glücksritter verhielten, Abenteuer und Vergnügungen suchten,
auch wenn sie streng katholisch waren. Sie zogen fast immer ohne ihre Frauen los, wodurch
sie in ihrer Handlungsweise noch ungehemmter und skrupelloser wurden. Nur so könne letzt-
lich erklärt werden, dass die rund 25 Spanier, die zwischen 1492 und 1567 über den At-
lantik fuhren, einen Subkontinent zu dominieren in der Lage waren, wo zur Zeit der Entdek-
kung etwa 25 Millionen Eingeborene lebten: ein Spanier auf 1 Autochthone. Zudem
stiessen patriarchale Spanier in Amerika auf ebenfalls patriarchal organisierte Gesellschaften.
Baff stand Cortés vor Moctezuma in Mexiko, als er sah, dass hundertfünfzig Frauen gleich-
zeitig von ihm schwanger waren. Auch dort also war die Frau eine Person geringeren Stan-
des. Frauen wurden, zumindest in Mesoamerika, als Jungfrauen den Göttern geopfert, ande-
re wurden ertränkt, um die Unbill der Witterung zu besänftigen und Missernten zu verhüten.
Schon Kolumbus wurden bei seiner ersten Landung von den Tainos und Siboneyes Frauen
zum Geschenk angeboten. Fortan sollten die Indiofrauen in Lateinamerika zu nichts anderem
da sein, als um den Männern zu dienen und ihnen sexuelle Befriedigung zu vermitteln.
Frauenhandel war im vorkolumbischen Amerika ein weit verbreiteter Usus. Frauen waren
schon vor den Spaniern die Lasttiere, bis nach und nach die von den Spaniern eingeführten
Esel, Pferde und Rinder als Zug- und Tragtiere dienen konnten. Zuvor kannte man in den
Anden das nur schwach belastbare Lama als Tragtier. Der Mexikaner José Vasconcelos mein-
te sogar, der technologische Sprung durch die Spanier - das Rad war im vorkolumbischen
Amerika nicht bekannt - habe den Frauen in Lateinamerika so viele Vorteile gebracht, dass
sie allein damit alle Schmerzen und Erniedrigungen kompensieren konnten, die sie durch das
Trauma der Eroberung erlitten hatten. Das Schlimmste an diesem ganzen Hergang sei es
wohl, dass diese Einstellung gegenüber den indianischen und mestizischen Frauen sich nicht
nur in der Zeit der Republiken gehalten hat, also nach der Befreiung von Spanien, sondern
dass die Verhältnisse inzwischen noch schlimmer wurden. Montaner beklagt diese Zustände,
bringt ihnen aber unbewusst ein gewisses Verständnis entgegen, indem er die Minderstellung
und Ausbeutung der Frau in allen Teilen der Welt gewissermassen als mildernden Umstand
nacherzählt. Kurioserweise geht er mit keinem Wort ein auf die energischen und auch erfolg-
reichen Emanzipationsbestrebungen der heutigen Lateinamerikanerinnen. Auch der Zusam-
menhang zwischen Machismo und Unterentwicklung wird nicht deutiich.
Im fünften Kapitel kommt Montaner auf ein besonders brisantes Terrain zu sprechen.
Unter dem Titel »Die Wirtschaft, die als Krüppel geboren wurde« geht er als liberaler Ver-
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fechter einer sozialen Marktwirtschaft streng ins Gericht mit der Wirtschaftsmentalität La-
teinamerikas. Freilich, difficile est saturam non scribere, doch der Spott bleibt einem im Hals
stecken angesichts von soviel andauerndem Elend. Montaner fasst an einer Stelle zusammen,
was er insgesamt meint: »Der wirtschaftliche Liberalismus hat in dieser Region nur wenige
Befürworter.« Noch immer erwarte die Bevölkerung das Heil von den Regierenden, vom
Staat. Fällt uns da nicht ein Widerspruch auf? Während Montaner in wirtschaftlichen Belan-
gen einen verhängnisvollen Etatismus feststellt, hatte er, wie gesagt, in politischer und psycho-
logischer Hinsicht eine althergebrachte, prinzipielle Skepsis gegenüber der staatlichen Macht
diagnostiziert. Jedenfalls ist in allen Wirtschaftssektoren und namentlich im Wirtschafts-
verhalten der Bevölkerung ein so flagranter Unterschied gegenüber den westlichen Normen
festzustellen, dass es nach einer Erklärung ruft.
Wenn immer möglich sucht Montaner, wie wir sahen, solche in der langen Geschichte der
westlichen Zivilisation, so auch diesmal. Er entwirft eine wirtschaftshistorische Skizze.
»Keynes soll einmal gesagt haben, wir seien alle früher einmal dem Einfluss eines obskuren
Ökonomen ausgeliefert gewesen, und Ideen, und seien sie noch so alt, haben Folgen« (101).
Deshalb greift er zurück auf Hesiod, Plato, Aristoteles, dann auf die Römer Cicero, Seneca,
Marc Aurel und stellt fest, dass die beiden antiken Grosskulturen sich hervortaten durch die
Verachtung von Handel und Handwerk. Er geht danach den Versuchen nach, das turpe
lucrum, also den übertriebenen Gewinn, in gesetzliche Schranken zu bringen, kommt dann zu
dessen Verurteilung durch die karolingischen Gesetze. Danach erwähnt er die Haltung der
Kirche im Mittelalter. Indem sie mit ethischen Argumenten vor allem dem Wucher zu Leibe
rückte, habe sie sich höchst fortschrittlich gezeigt, wie schon in Fragen des (theoretischen)
Völkerrechts. Die sogenannte Schule von Salamanca habe wohl als erste den Zusammenhang
zwischen Preisniveau und umlaufender Geldmenge erkannt. Francisco Suárez und Juan de
Mariana, zwei Jesuiten, die am Symposium über die duda indiana teilgenommen hatten,
waren beide überzeugte Verteidiger des Marktes in der \Wrtschaft. Doch die Praxis sah wie-
der einmal anders aus. Kaiser Karl V. verstand mehr von Kriegführung und Politik als von
Wirtschaft. Dass das grosse spanische Imperium nach und nach unterging, liege an seiner
Unkenntnis im Bereich der Kostenrechnungen. Im Spanien der Renaissance waren es besten-
falls die Levantiner, Katalanen und Valencianer, die etwas von zeitgenössischer Finanz-
technik verstanden. Wer aber international operierte, war seit dem 12. Jahrhundert auf die
Genuesen und später auf die deutschen Bankiers angewiesen. Die Juden, die traditionsgemäss
von Verwaltung und Geldwesen etwas verstehen, sind 1492 aus Spanien vertrieben worden,
mit einem immensen Verlust an »humanem Kapital« für das Land. Indes, reicht das aus um
zu erklären, dass die Monarchen des 16. und 17. Jahrhunderts, trotz all den Mengen an Sil-
ber und Gold, die aus den amerikanischen Minen nach Spanien gelangten, dieses Land fünf-
mal in den Bankrott getrieben haben (1595,1607,1627,1647 und 1656)? Montaners schlich-
te Erklärung dafür: »Die Monarchen und die Verantwortlichen konnten einfach nicht rech-
nen.« Die Debatte ist heute, Jahrhunderte später, immer noch offen, doch es sind weitere,
gute Argumente vorgebracht worden, die Montaner nicht erwähnt. Fernand Braudel (1953)
mit seiner umfassenden Wirtschaftsgeschichte des Mittelmeerraums fehlt bezeichnenderwei-
se in Montaners Namenregister.
In Anbetracht des herrschenden monetären Chaos schien in Amerika, wie auch auf der
Halbinsel, der Besitz von Ländereien, auch wenn sie ungenutzt blieben, eine Garantie für
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Reichtum und soziales Ansehen. Auch die Kirche machte in dieser Hinsicht das Spiel mit und
wurde zu einem der weltweit grössten Grundeigentümer. Die Frage für Montaner ist nun, ob
dieses schlechte Beispiel der Kolonialmacht Spanien irgendeine Spur hinterlassen habe in der
Psychologie der lateinamerikanischen Unternehmer. Er bejaht sie, wenn auch verhalten.
Denn bis heute hat die Formel »Landbesitz = Sozialrang« in den lateinamerikanischen Län-
dern ihre Gültigkeit bewahrt. Die Folge dieser Mentalität sei, dass seit Jahrhunderten in La-
teinamerika die Wirtschaft wenig dynamisch ist, rückständig, kaum wettbewerbsfähig, auf
den Export von Rohstoffen und landwirtschaftlichen Produkten angewiesen. Immerhin habe
schon Spanien in drei Sektoren einen Grundstein zur industriellen Produktion in Lateiname-
rika gelegt: in der Textilindustrie, im Zuckersektor und im Schiffbau. In der Landwirtschaft
hat sich die Viehzucht zu einer sehr gewinnbringenden Tätigkeit entwickelt, doch selbst in
diesen Sektor haben religiöse Eiferer während der Gegenreformation eingegriffen. Montaner
erzählt genüsslich den anekdotischen Fall des Maultiers. Es ist eine bekanntermassen durch
seine Leistungskraft sehr geschätzte Kreuzung von Esel und Pferd, doch Maultiere sind in der
Regel steril. So haben denn die kirchlichen Autoritäten von deren Zucht abgeraten, aus ob-
skuren theologischen Gründen: diesem zähen \^erbeiner mit seiner ungewissen Abstammung
müsse, trotz der Wertschätzung durch Militärs und Getreidehändler, etwas Widernatürliches
und sogar Sündiges anhaften.
Doch später, in der Aufklärung und danach, müsste Montaner zeigen können, weshalb
Lateinamerika noch immer stagnierte. Denn gegen Ende des 18. Jahrhunderts, noch bevor
das eigentìich koloniale Zeitalter in Europa sich voll entfaltet hatte, rechneten Ökonomen wie
Adam Smith den Regierenden vor, dass den Interessen einer kleinen Gruppe von Personen
zuliebe die Gesamtheit der Gesellschaft durch den Besitz von Kolonien geschädigt wird.
Auch im Spanien von Carlos III. und Carlos FV., als auch dieses Land sich den Einflüssen der
Aufklärung öffnete, begann ein frischer Wind zu wehen: Man senkte die Zölle und Hess in
den Kolonien den Handel mit anderen Nationen zu, ein Privileg, das die Spanier bis dahin
vehement verteidigt hatten: Nur spanische Schiffe durften in Spanisch-Amerika vor Anker
gehen. Doch die Reformen, die von spanischen Aufklärern wie Campomanes, Roridablanca
und Jovellanos ausgingen, kamen zu spät. Wirtschaftsmentalität, Handelsgewohnheiten und
eine schwer zu reformierende Gesetzgebung hielten Spanien und seine Kolonien weiterhin in
grossem Rückstand. Alvaro Flórez Estrada hat 1811 sein Examen imparcial de las discencio-
nes de América con España verfasst, eine scharfe Absage an den traditionellen Kolonialpakt
zwischen Spanien und Amerika. Noch heute herrsche dort weit und breit eine merkantilisti-
sche Mentalität, die der Entwicklung entgegensteht und der wirtschaftlichen Freizügigkeit
misstraut. Das Kuriose ist, so Montaner, dass zu den stärksten Verteidigern dieser Rückstän-
digkeit jetzt nicht mehr die Oligarchien der Besitzenden gehören, die aus diesem Modell ih-
ren Gewinn zogen, sondern ausgerechnet die Armen, die darunter gelitten haben. Es scheint,
als läge diesmal die Ursache des Übels im trägen Absinken einer falschen Mentalität in die
unteren Gesellschaftsschichten. Und doch regen sich Zweifel an dieser historischen Argu-
mentation Montaners. Unternehmertum, Wirtschaftsführung erfolgen bekanntlich in den obe-
ren Sektoren. Weshalb kommen diese nicht vom Merkantilismus und vom Etatismus weg?
Man ist geneigt zu vermuten, dass hier das Beharren mit Eigennutz gleichzusetzen ist. Wem
es unter den gegebenen Umständen gut bis sehr gut geht, der drängt kaum auf Veränderung
der Zustände. Mir liegt noch immer die Aussage eines emigrierten und arrivierten Deutschen
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im Ohr: Reich sein sei nirgends so schön wie in einem annen Land. Dies ist eine Kehrseite
des Liberalismus. Fehlt der Gedanke an das Gemeinwohl, so verkommt er zum Darwinismus.
Im nächsten Kapitel geht Montaner auf den Bildungssektor ein, wiederum mit einem lan-
gen Exkurs über die Genese der europäischen Kultur beginnend und mit einem besonderen
Lob für die Aufklärung. Spanien und mit ihm die Kolonien hätten bis dahin ganz gut mitge-
halten, doch dann sei Panhispanien wieder in den alten Gestus zurückgefallen, den der sonst
ruhmreiche Spanier Miguel de Unamuno (1864-1936) hochmütig definiert hat: »Que inven-
ten ellos« - Überlassen wir das Erfinden den Anderen. In den Ländern spanischer Sprache
richtete man sich weiterhin ein auf die passive und sekundäre Übernahme fremden Denkens,
fremder Praktiken und Erfindungen. Montaner schliesst wie er begonnen hatte, mit der Anru-
fung des Ökonomen Joseph A. Schumpeter, mit dem Lob des freien Marktes und des aktiven
Unternehmertums.
Das nächste Kapitel greift ein ebenso dramatisches Thema auf: die Politik. Wiederum
trägt die Vergangenheit die ganze Schuld. Napoleon habe den Sturz der spanischen Monar-
chie viel zu abrupt herbeigeführt, die Kolonien seien auf die plötzlich erkannte Möglichkeit,
unabhängig zu werden, geistig gar nicht vorbereitet gewesen. Nach den Siegen der Kreolen
über die Spanier kam es deshalb nur zu endlosem Bruderzwist, zu Caudillo-Hochmut und zu
aussichtslosem Kampf zwischen Konservativen und Liberalen, »deren Ideen sich verdächtig
ähnlich waren«. Am Ende des so vergeudeten 19. Jahrhunderts fand man dafür zwei Haupt-
gründe: die koloniale Misswirtschaft der Spanier und die Last der fortschrittsfeindlichen
Indiobevölkerung, also zwei nicht zu verändernde Faktoren. Nachdem das 20. Jahrhundert
zunächst einige Prosperität in die Länder gebracht hatte, erwies sie sich bald als temporär. So
fanden denn weite Kreise - seit 1917 war der Marxismus mit seinem subversiven Potenzial
auch in Lateinamerika präsent - als Erklärungsmodell die Ausbeutung durch Fremde. Es war
bestimmt einer der Gründe, doch nicht der einzige. Es brauchte dazu auch Komplizen im
Lande. Über alle politischen Schattierungen hin glaubte man nun, dass - mit oder ohne Be-
rufung auf den Marxismus - ein starker Staat alle Probleme lösen würde. Erst als die 80er
Jahre zu Hause »verloren« waren und in der Feme die Erfolge der südasiatischen Tiger-Staa-
ten sowie die Spaniens aufhorchen Hessen, kamen auch daran Zweifel auf. Die Nationalisie-
rungen hatten nicht zu einer gerechteren Einkommensverteilung geführt, sie waren vielmehr
ein Freipass für ungezügelte Korruption. Der Fall der Berliner Mauer 1989 und der Einsturz
der Zweiten Welt tat ein Übriges zur Desorientierung. So weit das Resümee der ersten sieben
Kapitel. Dass Montaner von der kulturellen Blüte im 20. Jahrhundert kein Wort sagt, muss
überraschen.
In einer Zusammenschau lassen sich die von Montaner angeführten Gründe historisch
bündeln. Die altamerikanischen Gesellschaften waren autoritär organisiert, auch wenn die
Inkas eine Art von wirtschaftlichem Kollektivismus kannten; die Vielweiberei und die Skla-
venhaltung waren verbreitet. Indes, musste das so lange nachwirken? Die Kolonialwirtschaft
der Spanier hatte die für das Ursprungsland fruchtlose Ausbeutung der Bodenschätze ge-
bracht, eine Latifundienwirtschaft, dazu eine ineffiziente Verwaltung, hierarchische politische
Strukturen, die Abschottung gegen die übrige Welt, Fortschrittsfeindlichkeit im Denken wie
in der Technik, ferner ein defizientes, von der Kirche dominiertes Bildungswesen - trotz der
fiühen Gründung von drei Universitäten - und vor allem ein schizophrenes Verhältnis zur
Macht: zur kirchlichen sagten sie ja, zur staatlichen nein. Danach kam das 19. Jahrhundert
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mit den Republiken. Sie Hessen ausländischen Imperialismus zu, behielten das Latifundien-
wesen bei und zerfleischten sich in Brader- oder Guerillakriegen um die Macht, um Territo-
rien. Endlich kam das 20. Jahrhundert. Prosperierten da die Länder Lateinamerikas zu Be-
ginn nicht in erstaunlichem Ausmass? Doch, aber es geschah dank der Ausfuhr in das krieg-
führende Europa, also auch nur unter verzerrten Handelsbedingungen und auf Zeit.
Bis hierher, so könnten wir Montaner zustimmen, waren alle Missstände historisch
erklärbar. Es handelt sich in der Tat um »krumme Wurzeln«. Aber diese botanische Metapher
ist in gesellschaftlichen Belangen im Grunde wenig tauglich. Weltweit lehrt uns die Ge-
schichte, dass alte Fehlentwicklungen, auch falsche Traditionen, überwunden werden kön-
nen. Die Lateinamerikaner - und unser Autor Montaner - können sich im 21. Jahrhundert
eigentlich nicht mehr auf die vorkolumbische, auf die koloniale oder die republikanische Ver-
gangenheit als Altlasten berufen. Was wir heute noch immer als Grandübel erkennen, das
müssen die kommenden Generationen als überwindbar sehen. Die Rechtssicherheit z. B. ist
noch in keinem Land zur Gänze Realität geworden. Andernorts konnte sie längst hergestellt
werden. Weshalb nicht auch in lateinamerikanischen Ländern? Montaner weiss es auch nicht.
Die marxistischen Experimente hatten flüchtige Illusionen geweckt, dabei aber die sozialen
Unterschiede nicht beseitigt, dafür des öftem eine arge Verschuldung oder einen Staatsbank-
rott herbeigeführt. Haben alle die Lektion gelernt? Montaner vertraut auf den Liberalismus in
Politik und Wirtschaft. Im Grande weiss er wohl, dass in Gesellschaften, wo die Oligarchien
Freiheit stets als Spielraum für Eigennutz verstanden haben, eine Steuerung nötig ist. Wer
schafft den Balanceakt? Das Elend der Landbevölkerang führte zu gewaltigen Migrations-
strömen, so dass in Lateinamerika die Grossstädte demographisch explodiert sind und zu den
weltweit grössten Agglomerationen gehören. Wer wüsste dagegen ein taugliches Rezept?
Heute gärt es politisch in vielen Staaten der Region, die ehemalige Paradenation Argentinien,
ein Land praktisch ohne indigene Bevölkerang, ist bankrott. Ausser der weitverbreiteten Aus-
übung oder Hinnahme der Korraption wäre dafür keine historische Ursache zu benennen.
Denken wir nochmals an Montaners Baummetapher: die Wurzeln - das Herkommen -
mögen verkrümmt sein. Doch ihr Zustand steht für Vergangenes. Im Laufe der Generationen-
folge wurde manches überwunden oder vergessen. Kann der Rest der Krümmungen nicht
noch heute verändert werden? Seltsamerweise scheint man in Lateinamerika - gleichviel ob
reich oder arm - geneigt, alle Mängel und Fehlentwicklungen irgendwelchen Fremden
ausserhalb oder Anderen innerhalb der Landesgrenzen anzulasten. Auch das hat freilich Tra-
dition. Montaners Rezept, die Einführang nämlich von mehr Wirtschaftsliberalismus, kann
nur helfen, wenn der Gemeinsinn hinzukäme, die Kategorie des einsehbaren bien commun,
der espíritu cívico. Diese Grösse konmit in der Geschichte Lateinamerikas bislang kaum vor,
und deshalb bei Montaner auch nicht. Wenn wir schon an das Gleichnis vom Baum und an
das weitere Gedeihen denken, wären es nicht die Äste und die Zweige, die es zu stützen oder
zu stutzen gilt, in tätiger Eigeninitiative? Der alte Derwisch in Voltaires Candide kannte die
Devise: »II faut cultiver notre jardin«. Allerdings, das sage man Menschen, die realiter ausge-
beutet werden oder denen es schamlos gut geht, denen morgen schon ein neues Erdbeben al-
les nehmen könnte, die im Augenblick der Feste eine Kompensation finden für sonstiges Dar-
ben und für die Zukunftssorgen. Deshalb muss man zugeben: Non liquet. Der Fall ist zur Ent-
scheidung nicht reif.

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Literaturhinweise

Buchtitel mit »Zukunft« (chronologisch)


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Behrent, A. 1913. Argentinien, ein Land der Zukunfi. München, 3. Aufl.
Sanjinés, G. 1913. Das heutige Bolivien und seine Zukunfi. Hamburg.
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Schmiedehaus, W. 1960. Mexiko. Das Land der Azteken cm der Schwelle zur Zukunfi. München.
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Grote, B. (Hg.). 1971. América latina. Lateinamerika - der erwachende Riese. Reinbek.
Stucki, L. 1971. Kontinent imAußruch. Südamerika auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. Bern.
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Zum Text
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Fondo de Cultura Económica. 2 Vols. Französisches Original Paris 1949, definitive Ausg. Paris
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Drucknachweise

über Kultur und Identität. Erstmals in: Emst Brauchlin/J. Hanns Pichler (Hg.). Unternehmer und
Unternehmensperspektivenßr Klein- und Mitteluntemehmen. Festschrift für Hans Jobst Pleitner. Ber-
lin: Duncker & Humblot, 2000: 137-147. Hier überarbeitet.

Lateinamerika auf der Suche nach einer Identität. Erstmals in: Lateinamerika-Studien; 1 (November
1976): 69-89. Danach passim. Hier überarbeitet.

Zur Erkundung mentaler Bilder. Erstmals in: Siebenmann/König (Hg.). Das Bild Lateinamerikas im
deutschen Sprachraum. Ein Arbeitsgespräch an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Tübingen:
Max Niemeyer Verlag, 1992 (Beihefte zur/beroromawa; 8): 1-17.

Est nomen omen?odeT Wie Amerika lateinisch wurde. Unveröffentlicht.

Von der dreifachen Entdeckung Amerikas. Unveröffentlicht.

Von der Spree zum Orinoco. Erstmals als Eröffnungsvortrag bei der Fünfzigjahrfeier des Ibero-Ameri-
kanischen Instituts in Berlin am 13. November 1980 in der Staatsbibliothek zu Beriin. Gedruckt in:
Jahrbuch Preussischer Kulturbesitz, 17 (Berlin. 1980): 139-146. Hier überarbeitet.

Die Deutschsprachigen in Lateinamerika - eine historische Skizze. Unveröffentlicht.

Spiegelungen I: Zum Lateinamerikabild der Euopäer. Rimdfunkbeitrag für die RIAS-Funkuniversität,


116. Sendefolge: »Die Entstehung der Neuen Welt«, gesendet am 9. September 1992. Erstmals in:
Schweizer Monatshefte, 72. Jg., H. 12 (Zürich, Dez. 1992): 1001-1014. Hier gekürzt.

Spiegelungen II: Zum Europabild der Lateinamerikaner. Rundfunkbeitrag für die RIAS-Funkuni-
versität, 116. Sendefolge: »Die Entstehung der Neuen Welt«, gesendet am 14. Sept. 1992. Erstmals in:
Schweizer Monatshefte, 72. Jg., H. 12 (Zürich, Dez. 1992): 1001-1014. Hier gekürzt.

Wie auch das Bild Lateinamerikas eingeschwärzt wurde. Erstmals als »Das Bild Lateinamerikas im
deutschen Sprachraum. Seine Beeinflussung durch die Schwarze Legende. (Erweiterte Fassung der
Abschiedsvoriesung an der Universität St.Gallen, am 17.Februar 1989), St. Gallen: HSG (Instituts-
druck), 1989, 37 S. Femer in: Gustav Siebenmann. 1989. Essays zur spanischen Literatur. Frankfurt/
M.: Vervuert: 55-84. Hier überarbeitet.

Zum Lateinamerikabild deutscher Leser. Erstmals als »Vom Zauber der Erfindungen zum Trug der
Empfindungen. Amerika im Spiegel der Literatur«, in Amerika 1492-1992. Neue Welten - Neue Wirk-
lichkeiten: Essays. Aus Anlass der Ausstellung Amerika 1492-1992. Neue Welten-Neue Wirklichkei-
ten der Stiftung Preussischer Kulturbesitz im Martin-Gropius-Bau (Berlin, 19.9.92 - 3.1.93), Braun-
schweig: Westermann, 1992: 78-87. Hier überarbeitet.

Die Zentenarfeiem der Entdeckung im Vergleich. Erstmals in: Graeber, W. et al. (Hg.): Romanistik als
vergleichende Literaturwissenschaft. Festschrift für Jürgen v. Stackelberg, Frankfurt/M.: Lang, 1996:
349-359. Hier überarbeitet.

Gachupines und cholos. Deutsch unveröffentlicht. Spanische Fassung in: Simson, Ingrid (Hg.):
América en España: influencias, intereses, imágenes, Frankfurt/M.: Vervuert, 2003 (im Druck).
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Barbar ist ein Barbar ist ein Barbar ist ein Barbar. Erstmals in: Mathis-Moser, Ursula et al. (Hg.): Blu-
men und andere Gewächse des Bösen in der Literatur. Festschrift für Wolfram Krömer zum 65. Ge-
burtstag, Frankfurt/M: Lang, 2000:169-177. Hier überarbeitet.

Non liquet. Gibt es Gründe für die Stundung der Zukunft Lateinamerikas? Unveröffentlicht.

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Schriftenverzeichnis von Gustav Siebenmann

A. Buchpublikationen

Sprache und Stil im Lazarillo de Tormes, Bern: Francke, 1953 (Romanica Helvetica; 43), 113 S.
Die moderne Lyrik in Spanien. Ein Beitrag zu ihrer Stilgeschichte, Stuttgart: W. Kohlhammer, 1965,
318 S. (Sprache und Literatur; 22).
Hacia una critica científica. Análisis de la problemática relación entre literatura y ciencia, Asunción
(Paraguay): Ediciones Diálogo, 1970.
Edition V. Pedro Calderón de la Barca: El Gran Duque de Gandía, Salamanca: Biblioteca Anaya; 91,
1970.
Die neuere Literatur Lateinamerikas und ihre Rezeption im deutschen Sprachraum. Con un resumen en
castellano, Berlin: Colloquium, 1972,91 S. (Bibliotheca Ibero-Americana; 17).
(Zusammen mit Rainer Hess und Mireille Frauenrath): Literaturwissenschaftliches Wörterbuchßr Ro-
manisten, Frankfurt/M.: Athenäum, 1972, 241 S. (Schweφunkte Romanistik; 89).
Los estilos poéticos en España desde 1900, Madrid: Credos, 1973, 582 S. (Biblioteca Románica
Hispánica, Estudios y Ensayos; 183)
Herausgeber: Die lateinamerikanische Hacienda/La Hacienda en América latina. Ihre Rolle in der
Geschichte von Wirtschaft und Gesellschaft/Su importancia histórica para la economía y la
sociedad. Akten des interdisziplinären Kolloquiums in St. Gallen, Juni 1978/Actas del Coloquio
interdisciplinario de San Gall, junio de 1978, Diessenhofen: Verlag Rüegger für Rechts- und
Wirtschaflsliteratur, 1979, 273 S. (Buchreihe des Lateinamerikanischen Instituts an der Hochschu-
le St. Gallen; 15).
Herausgeber und Vorwort zu Pedro Calderón de la Barca: Das grosse Welttheater in der neuen deut-
schen Übertragung von Hans Gerd Kübel und Wolfgang Franke. Einmalige Sonderausgabe zum
300. Todestag des Dichters, Einsiedeln, 1981.
(Zusammen mit Donatella Casetti): Bibliographie der aus dem Spanischen, Portugiesischen und Kata-
lanischen ins Deutsche übersetzten Literatur (1945-1983), Tübingen: Max Niemeyer, 1985,190 S.
(Beiheñe zur Iberoromania; 3)
(Zusammen mit José Manuel López): Spanische Lyrik des 20. Jahrhunderts, Spanisch/Deutsch, Stutt-
gart: Ph. Reclam jun., 1985, 528 S.
Estado presente de los estudios celestinescos (1956-1974), Separatdrack aus VRom, 34 (1975), 160-
212. (Bericht über die Celestina-Forxhvmg 1956-74), Bern: Francke, 1975,52 S.
Ensayos de literatura hisparwamericana, Madrid: Taurus, 1988, 243 S. (Colección Persiles; 186).
Essays zur spanischen Literatur, Frankfurt/M.: Vervuert, 1989, 346 S.
(Zusammen mit Rainer Hess, Mireille Frauenrath, Tilbert D. Stegmann): Literaturwissenschaftliches
Wörterbuch ßr Romanisten, Tübingen: Francke, 3., völlig neu bearb. u. erw. Aufl., 1989, 490 S.
(UTB; 1373).
Das Bild Lateinamerikas im deutschen Sprachraum. Seine Beeinflussung durch die Schwarze Legende.
(Erweiterte Fassung der Abschiedsvorlesung an der Hochschule St.Gallen, am 17. Februar 1989),
St. Gallen: HSG (Institutsdruck), 1989,37 S. Erscheint auch im Essayband von 1989, überarbeitet.
Zusammen mit Rainer Hess, Mireille Frauenrath, Tilbert D. Stegmann): Diccionario terminológico de
las literaturas románicas, Madrid: Gredos, 1995, 326 S. (Biblioteca Románica Hispánica, V.
Diccionarios; 17).
(Zusammen mit Hans-Joachim König): Das Bild Lateinamerikas im deutschen Sprachraum. Ein
Arbeitsgespräch an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, 15.-17. März 1989, Tübingen:
Max Niemeyer, 1992, 249 S. (Beihefte zur Iberoromania; 8).

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Die lateinamerikanische Lyrik. 1892-1992, Berlin: Erich Schmidt, 1993, 237 S. (Grundlagen der Ro-
manistik; 17).
Poesía y poéticas del Siglo XX en la América Hispana y el Brasil. Historia - movimientos - poetas,
Madrid: Credos, 1997, 506 pp. (Bibhoteca Románica Hispánica, Manuales; 79).
(Zusammen mit Karl Kohut und Dietrich Briesemeister): Deutsche in Lateinamerika - Lateinamerika
in Deutschland, Frankfurt/M.: Vervuert, 1996, 449 S. (americana eystettiensia, Serie B; 7).
(Zusammen mit Walther L. Bemecker und José Manuel López de Abiada): El peso del pasado:
Percepciones de América y V Centenario, Madrid: Verbum, 1996, 166 S.
(Zusammen mit José Manuel López de Abiada): Lateinamerika im deutschen Sprachraum - América
Latina en el ámbito cultural alemán. Eine Auwahlbibliographie - Selección bibliográfica, Tübin-
gen: Max Niemeyer, 1998, 399 S. (Beihefte zur Iberoromania; 13).
»Zur bildlichen Darstellung von Lesenden«, Nachwort und Legenden zu 8 Leserbildern, in Louis
Ribaux: Lesen und auslesen. Ein Buchhändler liest. Ein Privatdrack zu Ehren von Louis Ribaux, St.
Gallen: VSG Veriagsgemeinschaft, 1999, 27 S.
(Zusammen mit Rainer Hess und Tilbert D. Stegmann): Literaturwissenschaftliches Wörterbuch ßr
Romanisten, Tübingen: Francke, 4., überarb. u. erw. Auflage, 2( (UTB; 1373) (im Druck).
(Zusammen mit José Manuel López de Abiada): Spanische Lyrik des 20. Jahrhunderts, Spanisch/
Deutsch, Stuttgart: Ph. Reclam jun., 2. erw. Aufl., 2003 (RUB; 8035) (im Druck).

B. Beiträge in Festschriften und Sammelbänden

»Der lateinamerikanische Roman als Reflex der sozialen Situation«, in: Lateinamerikanisches Institut
der Hochschule St. Gallen (Hg.): Kultur in Lateinamerika. Lateinamerika Symposium 1968, St.
Gallen 1969,25-44. Dasselbe spanisch: »La novela latinoamericana contemporánea como reflejo de
la situación social«, in: IbRom, 3 (München, Oktober 1969), 244-252. Dasselbe portugiesisch: »O
romance hispanoamericano como reflexo da situaçâo social«, in: Minas Gérais (Belo Horizonte), 5,
184 (7 de março de 1970), 1-3.
»Die wiedergewonnene Allmacht des Erzählers. Baustein zu einem kritischen Verstehen von den años
de soledad, dem Meisterroman von Gabriel Garcia Márquez«, in: Karl-Hermann Körner, Klaus
Rühl (Hg.): Studia Iberica. Festschrift für Hans Flasche, Bern-München: Francke, 1973, 603-623.
»Dichtung und die Methoden ihrer Deutung. Didaktische Überlegungen zur Schrittfolge«, in: Erich
Köhler (Hg.): Sprachen der Lyrik. Festschrift für Hugo Friedrich zum 70. Geburtstag, Frankfurt/M.:
Vittorio Klostermann, 1975, 831-849. Dasselbe spanisch: »Hacia una renovación metódica del
análisis literario. (Consideraciones didácticas)«, in: Lingüística y educación. Actas del IV Congreso
Internacional de la ALFAL, Lima, 6-10 de enero de 1975, Lima: Universidad Nacional Mayor de
San Marcos, 1978, 42-57.
»La identidad de América Latina«, in: Sabine Horl et al. (Hg.): Homenaje a Rudolf Grossmann. Fest-
schrift zu seinem 85. Geburtstag, Frankfurt/M.: Peter Lang, 1977, 35-57.
»Wie spanisch kommen uns die Spanier vor? Beobachtungen zur Verwendung dieses Volksnamens im
Deutschen«, in: Gerhard Ernst, Amulf Stefenelli (Hg.): Sprache und Mensch in der Romania. Hein-
rich Kuen zum 80. Geburtstag, Wiesbaden: Franz Steiner Veriag, 1979,152-168. Erscheint auch im
Essayband von 1989. Dasselbe spanisch: »¿Cuán griegos son los españoles para los alemanes?
Observaciones sobre el uso del gentilicio >español< en el idioma alemán«, in: Cuadernos Hispano-
americanos, 388 (Madrid, octubre de 1982), 1-23.
»Modernismen und Avantgarde in der Iberoromania«, in: Theo Elm, Gerd Hemmerich (Hg.): Zur
Geschichtlichkeit der Moderne. Festschrift für Ulrich Fülleborn, München: W. Fink, 1982, 233-258.
Spanisch: »Modernismos y vanguardia en el mundo ibérico«, in: Anuario de Letras, 20 (México,
1982), 251-286.

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»Emesto Sàbato y su postulado de una novela metafísica«, in: Homenaje a Alfredo Roggiano. Revista
Iberoamericana, 118-119 (1982), 289-302. Erscheint auch in Ensayos 1988.
»Die neue Literatur Lateinamerikas: eine neue Weltliteratur?«, in: IbRom (NF), 18 (Dezember 1983),
139-149. (Festgabe für Heinrich Bihler zum 65. Geburtstag).
»Visión de España en un viaje emblemático alemán de 1638«, in: Ángel Gómez Moreno et al. (eds.):
ARCADIA. Estudios y textos dedicados a Francisco López Estrada, Madrid: Universidad
Complutense, 1987 [1990], 321-330.
»César Vallejo und die Avantgarde«, in: Harald Wentzlaff-Eggebert (Hg.): Akten des Symposiums über
die Avantgarden in Europa und Lateinamerika, Berlin, September 1989, Frankfurt/M.: Vervuert,
1991, 337-359.
»El lector omnipotente«, in: Nelson Cartagena/Christian Schmitt (eds.): Miscellanea Antverpiensia.
Homenaje al vigésimo aniversario del Instituto de Estudios Hispánicos de la Universidad de
Amberes, Tübingen: Max Niemeyer, 1992, 257-269.
»Mis encuentros con Emesto Sàbato«, in: Irene Andres-Suárez et al. (Hg.): Estudios de Literatura y
Lingüística españolas. Miscelánea en honor de Luis López Molina, Lausanne 1992,575-580. Das-
selbe in: Homenaje a Ernesto Sàbato en sus 80 años, editado por Néstor Montenegro, Buenos Aires:
Editorial Pianeta Argentina, 1991.
»La recepción de Borges en Alemania«, in: Gian Battista de Cesare/Silvana Serafín (eds.): El Girador,
Studi di letterature iberiche e ibero-americane offerti a Giuseppe Bellini, Roma: Bulzoni, 1993, voi.
II, 931-943.
»Lob der Dämmerung. Zu einem Gedicht von Claudio Rodríguez«, in: Titus Heydenreich et al. (Hg.):
Romanische Lyrik. Dichtung und Poetik. Walter Pabst zu Ehren, Tübingen: Stauffenberg, 1993,
221-232. Dasselbe spanisch: »Otro elogio de la sombra: inteφretación de >La mañana del búho<, de
Claudio Rodríguez«, in: RHM, XLVI, 2 (diciembre de 1993), 332-339.
»Los estudios latinoamericanos en los países de habla alemana,« en UNAM (ed.): Scripta Philologica
in Honorem Juan M. Lope Blanch, México: UNAM, vol. ΙΠ, 1992 [1993], 471-482.
»Observaciones sobre el plurilingüismo literario«, in: Elvezio Canonica/Ernst Rudin (Hg.): Literatura
y bilingüismo. Homenaje a Pere Ramírez, Kassel: Reichenberger, 1993, 385-393.
»Gibt es eine hispanische Kolonialismus-Belletristik? Kolonialismus in Lateinamerika als narratives
Thema«, in: Axel Schönbeiger/Klaus Zimmermann (Hg.): De orbis Hispani Unguis litteris historia
moribus. Festschrift für Dietrich Briesemeister zum 60. Geburtstag, Frankfurt/M.: Domus Editoria
Europaea, 1994, Bd. 2, 1685-1695.
»>Cuentos de imaginación razonada<. Nochmals über Borges und die phantastische Literatur«, in: Neue
Romania, Sonderheft für Gisela Beuder zum 75. Geburtstag am 20.12.1994, hg. v. Sebastian Neu-
meister und Ingrid Simson, Berlin: Institut für Romanische Philologie der Freien Universität, 16
(1995), 137-146.
»Die Zentenarfeiem der Entdeckung Amerikas im Vergleich«, in: Graeber, W. et al. (Hg.): Romanistik
als vergleichende Literaturwissenschaft. Festschrift für Jürgen v. Stackelberg, Frankfurt/M.: Peter
Lang, 1996, 349-359.
»En el centenario de Juan Larrea. Con dos cartas inéditas«, in: Parallèles, spécial, 18 (été 1996),
Mélanges en l'honneur d'Américo Ferrari, Genève: Ecole de Traduction et d'Interprétation, 1996,
213-223.
»Der Surrealist García Lorca«, in: Karl Hölz et al. (Hg.): Sinn und Sinnverständnis. Festschrift für Lud-
wig Schräder zum 65. Geburtstag, Beriin: Erich Schmidt, 1997, 87-97.
»Johann Nikolaus Böhl von Faber (1770-1836): Ein deutscher Wahlspanier zwischen Selbst und Ent-
fremdung«, in: Thomas Bremer/Jochen Heymann (Hg.): Sehnsuchtsorte. Festschrift zum 60. Ge-
burtstag von Titus Heydenreich, Tübingen: Stauffenberg, 1997 [1999], 119-134.
»Ein Barbar ist ein Barbar ist ein Barbar«, in: Ursula Mathis-Moser et al. (Hg.): Blumen und andere
Gewächse des Bösen in der Literatur. Festschrift für Wolfram Krömer zum 65. Geburtstag, Frank-
ftirt/M: Peter Lang, 2000, 169-177.
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»KMU = Kultur macht Unterschiede«, in: Emst Brauchlin/J. Hanns Kchler (Hg.): Unternehmer und
Untemehmensperspektiven fiir Klein- und Mitteluntemehmen. Festschrift für Hans Jobst Pleitner,
Berlin: Duncker & Humblot, 2000,137-147.
»Las vanguardias poéticas en Latinoamérica. Diferencias y desfases«, in: Inke Gunia, Katharina Nie-
meyer et al. (Hg.): La modernidad revis(it)ada. Literatura y cultura latinoamericanas de los siglos
XIX y XX. Homenaje a Klaus Meyer-Minnemann, Berlin: edition tranvía, 2000,252-270.
»Observaciones acerca de ciertas imágenes de la América Latina que se formaron los españoles a lo lar-
go del Siglo XX«, in: Ingrid Simson (Hg.): América en España: influencias, intereses, imágenes,
Frankfurt/M.: Vervuert, 2003 (im Druck).
»Sobre cultura, culturas, identidad cultural y la globalización«, in: Festschrift fiir aus Pörtl, Frank-
furt/M.: Peter Lang, 2003, 205-218.

. Beiträge in Zeitschriften (Auswahl)

Kürzel

ASNS - Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen
BHS - Bulletin of Hispanic Studies (Liveφool/Glasgow)
GRM - Germanisch-romanische Monatsschrift
IbRom - Iberoromania
LS - Lateinamerika-Studien
RF - Romanische Forschungen
RHM - Revista Hispánica Moderna
RJb - Romanistisches Jahrbuch
SMH - Schweizer Monatshefte
VRom - Vox Romanica
ZRP - Zeitschrift fiir Romanische Philologie

»Miguel Hernández (1910-1942). Retrato de un poeta español«, in: Revista de la Universidad de


México, 14,4 (diciembre de 1959), 17-22.
»Zur Bedeutung einiger Pflanzennamen in der Lyrik Lorcas«, in: VRom, 20 (1961), 39-46.
»Die neue spanische Lyrik. Ein Versuch zur Bestimmung ihres Kurses«, in: Humboldt, 2. Jg., 5 (1961),
28-34.
»Juan Ramón Jiménez und die Überwindung des Modernismo«, in: Humboldt, 4. Jg., 16 (1963), 67-69.
Erscheint auch im Essayband von 1989, unverändert.
»El Gran Duque de Gandia, ein neuentdecktes Drama von Calderón«, in: GRM (NF), 15 (1965), 262-
275.
»Jorge Luis Borges - ein neuer des lateinamerikanischen Schriftstellers«, in: GRM (NF), 16(1966),
297-314. Dasselbe in: NZZ, 2920 (03.07.1966).
»Antonio Machado (1875-1939), der Mensch und der Dichter«, in: IbRom (München), 3. Jg., 3 - 4
(1971), 285-301. Dasselbe in: NZZ, 2037 (08.05.1966) Erscheint auch im Essayband von 1989,
unverändert.
»Miguel Angel Asturias - Träger des Nobelpreises für Literatur 1967«, in: Universitas (Stuttgart), 22.
Jg., 12 (Dezember 1967), 1281-1288.
»Un poema típicamente machadiano«, [deutsch] in: GRM (NF), 18 (1968), 81-90. Dasselbe spanisch:
»¿Qué es >un poema típicamente machadiano<? Análisis de un poema de Antonio Machado«, in:
Letras (Lima), 40 (1968), 88-99. Dasselbe in: Papeles de SonArmadans (Madrid-Palma de Mallor-
ca), 157 (abril de 1969), 3 1 ^ 9 .

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»Sobre la musicalidad de la palabra poética. Disquisiciones aplicadas a algunos poemas de Rubén


Darío«, in: RJb, 20 (1969), 304-321.
»Über das problematische Verhältnis von Literatur und Wissenschaft. Ein Diskussionsbeitrag aus roma-
nisüscher Sicht«, in: GRM (NF), 20 (1970), 121-145. Dasselbe spanisch: »Sobre la problemática
relación entre literatura y ciencia«, in: Revista de Occidente, 108 (Madrid, marzo de 1972), 341-
366. Dasselbe portugiesisch: »Sobre a problemática rclaçâo entre literatura e ciencia«, in: Revista de
Letras (Assis, Brasil), 13 (1972), 39-65.
»Max Aub, inventor de existencias (Acerca de Jusep Torres Campalans)«, in: Insula (Madrid), 28,320-
321 (julio-agosto de 1973), 10 ss.
»España y su literatura«, in: IbRom (NF), 1 (November 1974), 53-70.
»Wie weit reicht und was bezweckt Kulturaustausch am Katheder? Erfahrungsbericht Uber Vortrags-
reisen und Gastprofessuren in Lateinamerika«, in: Zeitschrift für Kulturaustausch (Stuttgart), 24.
Jg., 4 (Dezember 1974), 81-84.
»Jorge Luis Borges y el enigmático ejercicio de la literatura«, in: IbRom (NF), 3 (1975), 109-124. Er-
scheint auch in Ensayos 1988.
»Lateinamerikas Identität. Ein Kontinent auf der Suche nach seinem Selbstverständnis«, in: LS, 1 (No-
vember 1976), 69-89. Erscheint spanisch gekürzt in Ensayos 1988.
»Anmerkungen zum Mexikobild in der Deutschsprachigen Literatur«, in: H.-A. Steger, J. Schneider
(Hg.): Wirtschaft und Gesellschaftliches Bewusstsein in Mexiko seit der Kolonialzeit, München:
Fink, 1980, 559-580 (LS; 6).
»Zwischen Orinoco und Spree - Gedanken zur Motivation des kulturellen Interesses von Deutschen an
Lateinamerika«, in: Jahrbuch Preussischer Kulturbesitz, 17 (1980), 139-146. Dasselbe spanisch in:
Ihero-Amerikanisches Archiv (NF), 7, 3 (1981), 231-238.
»Calderón in Einsiedeln. Bemerkungen zur Rezeption des spanischen Dramatikers«, in: SMH, Jg. 61,
12 (Dezember 1981), 991-1001. Erscheint auch im Essayband von 1989, überarbeitet.
»Zum 12. Oktober, dem Kolumbustag. Bei Anlass von Alejo Carpentier: El arpa y la sombra«, in: LS,
9 (1982), 589-594.
»Einige besondere lateinamerikanische Verhaltensmuster in Regionen mit indigener Bevölkerung«, in:
Zeitschrift ftir Lateinamerika (Wien), 21 (1982), 24-34.
»Ernesto Sàbato y la situación cultural argentina«, in: LS, 12 (1983), 319-332. Dasselbe in: Mátyás
Horányi (ed.): Memoria del XX Congreso del Instituto Internacional de Literatura Iberoamericana
(Budapest 17-20 de agosto de 1981), Budapest: Universidad Eötvös Lorand, 1984, 471-484. Er-
scheint auch in Ensayos 1988.
»El concepto de >Weltliteratur< y la nueva literatura latinoamericana«, in: Las relaciones literarias entre
España e Iberoamérica, Madrid: Editorial de la Universidad Complutense, 1987,925-931. Dassel-
be gekürzt in: Humboldt (Bonn), 85 (Oktober 1985), 56-60. Dasselbe in: Perspectiva (Universidad
de San Carlos de Guatemala), 5 (diciembre de 1984), 54-59.
»Ein Emigrantenschicksal im Mato Grosso. Aus Asunción übermittelt und kommentiert«, in: LS, 14
(1984) [1985], 287-300.
»Von den Schwierigkeiten der deutsch-hispanischen Kulturbegegnung«, in: Merkur (Stuttgart), 12
(1986), 1059-1064. Erscheint überarbeitet auch im Essayband von 1989. Dasselbe spanisch: »La
aporia de la valoración intercultural: El caso de los germanos ante los hispanos«, in: Ibero-Ameri-
kanisches Archiv, NF, Jg.l2 (1986), 2. 211-232. Nachgedruckt in Contribuciones, Estudios Inter-
disciplinarios sobre Desarrollo y Cooperación Internacional, Dossier '89, Buenos Aires 1989, 85-
97. Erscheint auch in Ensayos 1988.
»Modelos de identidad y Novela Nueva«, in: Saúl Yurkievich (ed.): Identidad cultural de Iberoamérica
en su literatura. Actas del XXII Congreso del Instituto Internacional de Literatura Iberoamericana,
París 1983, Madrid: Alhambra, 1986, 28-35. Erscheint auch in Ensayos 1988. Dasselbe deutsch in
Titus Heydenreich (Hg.): Der Umgang mit dem Fremden, in: LS, 22 (1987), 123-131.

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»Die Figur des >Caboclo< in der Literatur des brasilianischen Nordostens (1 .Teil)/A figura do >caboclo<
na literatura do Nordeste do Brasil ( Γ parte)«, in: Deutsch-Brasilianische Hefie/Cademos Ger-
mano-Brasileims, Jg./Ano XXVI, 4/1987,220-227; Idem (2. Teil/2· parte), ibidem, Jg./Ano XXVI,
5/1987, 310-315.
»Das Lateinamerikabild der Deutschen. Quellen, Raster, Wandlungen«, in: Colloquium Helveticum
(Bern), 7, 1988, 57-83.
»Gabriel García Márquez: Zwischen magischem Realismus und politischem Engagement«, in: SMH,
69. Jg., 1 (Januar 1989), 55-67. Dasselbe in: hispanorama (Nürnberg), 52 (Juni 1989), 93-97.
»Literatur und Entwicklung. Der Fall Lateinamerika«, in: Lateinamerika-Nachrichten (ILE St. Gallen),
Beiheft N° 1 (Juli 1990), 1-33. Dasselbe spanisch: »Literatura y desarrollo. El caso de América
Latina«, ibidem 35-74. Letzteres auch in Contribuciones. Estudios Interdisciplinarios sobre
Desarrollo y Cooperación Internacional, Año VIII, 3 (Buenos Aires, julio-septiembre de 1991),
90-104.
»La literatura hispanoamericana en los países de habla alemana«, in: RHM, Afto XLIV, 1 (junio de
1991), 124-137.
»Rojas' Lust am Wort und Pìcassos Lustgrotesken«. Rezension der Insel-Ausgabe des spanischen Klas-
sikers La Celestina, in: SMH, 71. Jahr, 11 (November 1991), 949-953.
»Ein deutsches Requiem für Borges. Feststellungen und Materialien zu seiner Rezeption«, in: IbRom,
36 (Oktober 1992), 52-72.
»Spiegelungen. Wie Europa und Lateinamerika einander sahen«, in: SMH, 72. Jg., 12 (Dezember
1992), 1001-1014. Dasselbe spanisch: »Reflejos. Cómo Europa y Latinoamérica se veían y se ven
recíprocamente«, in: La Torre (Puerto Rico), (NE) Año IX, 33 (enero-marzo de 1995), 11-28.
»Die spanische Literatur - eine deutsche Kontroverse«, in: SMH, 74. Jahr, 11 (November 1994), 31-40.
»Konjunktur spanischer Literaturgeschichten in Deutschland«, in: IbRom, 41 (Frühjahr 1995), 1 Π -
Ι 36.
»La investigación de las imágenes mentales. Aspectos metodológicos«, in: Versants. Revue Suisse des
Littératures romanes, 29 (Genève 1996), 5-29.
»Kann Kultur im Elend gedeihen? Der Fall Lateinamerika«, in: SMH, 77. Jg., 9 (September 1997), 3 4 -
39.
»Federico García Lorcas Amerika-Erfahrungen«, in: IbRom, 48 (Oktober 1998), 1-15. Dasselbe spa-
nisch: »Las experiencias americanas de Federico García Lorca«, in: Boletín de Estudios Hispánicos
(BOEHI), 27 (Bahía Blanca, mayo de 2002), 31-50.

D. Beiträge in Zeitungen (Auswahl)

Kürzel
FAZ - Frankfurter Allgemeine Zeitung
NZZ - Neue Zürcher Zeitung

»Miguel Hernández (1910-1942)«, in: NZZ, 601 (11.03.1959). Erscheint auch im Essayband von 1989.
»Das Phänomen Lorca«, gleichzeitig Rezension des Buches von Ch. Eich: Lorca, poeta de la intensi-
dad, in: NZZ, 3501 (15.11.1959). Erscheint auch im Essayband von 1989, überarbeitet.
»Max Aub, Porträt eines Schriftstellers im Exil«, in: NZZ, 3643 (23.10.1960).
»Pascal Duartes Familie. Zur deutschen Ausgabe eines berühmten Erstlings« (C. J. Cela), in: NZZ, 47
(06.01.1961).
»Federico García Lorca, zu dessen 25. Todestag, gleichzeitig Rezension des Buches von G. W. Lorenz«,
in: AfZZ, 3039 (20.08.1961).
»Volkstum und Literatur in Spanien«, in: NZZ, 1399 (09.11.1962).
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»Max Aub, ein Berichterstatter des Lebens«, in: NZZ, 1353 (05.04.1963).
»Vicente Aleixandre, die Abkehr der spanischen Lyrik von der Moderne«, in: NZZ, 2749 (27.06.1965).
Erscheint auch im Essayband von 1989, überarbeitet.
»Miguel Ángel Asturias - Träger des Nobelpreises für Literatur 1967«, in: NZZ, 4821 (12.11.1967).
»Kultur in einem südamerikanischen Land« [Peru], in: FAZ, 285 (07.12.1968).
»León Felipe Camino«, in: NZZ, 5 (05.01.1969).
»Unterwegs zu Quevedo. Mit Hinweisen auf neue Editionen und Studien zu Quevedo zwischen 1957
und 1968«, in: NZZ, 87 (22.02.1970). Erscheint auch im Essayband von 1989, überarbeitet. Dassel-
be spanisch: »Hacia Quevedo«, in: Humboldt, 12.Jg., 45 (1971), 67-71.
»Ciro Alegrfa: Die goldene Schlange«, in: NZZ, 376 (15.08.1971).
»Zur Gesamtcharakteristik der spanischen Literatur«, in: NZZ, 405 (02.09.1973).
»Annäherung an Borges. Eine Begegnung: Borges im Gespräch«, in: NZZ, 79 (17.02.1974).
»Annäherung an Borges. Studien«, in: NZZ, 451 (29.09.1974).
»>lch schreibe für alle die mich nicht lesen<. Zur Verleihung des Nobelpreises an Vicente Aleixandre«,
in: NZZ, 236 (08/09.10.1977).
»Kolumbus in Carpentiers Deutung. Über Alejo Carpentier, El arpa y la sombra, bei Anlass der deut-
schen Übersetzung«, in: NZZ, 31 (07/08.02.1981).
»Von der Realität des Phantastischen. Bemerkungen zum Werk des Nobelpreisträgers Gabriel Garcia
Márquez«, in: Die Presse (Wien, 18./19.12.1982).
»Der Tango als Ausdruck der Trauer und des Protestes. Betrachtungen zu einer nicht nur nostalgischen
Kontroverse«, in NZZ, 88 (16./17.04.1983).
»Octavio Paz oder die Suche nach einer Mitte (Bei Anlass seiner Auszeichnung mit dem Friedenspreis
des deutschen Buchhandels)«, in: NZZ, 223 (06/07.10.1984).
»Das barbarische Theater von Valle-Inclán«, in: NZZ, 172 (27./28.07.1985). Erscheint auch im Essay-
band von 1989, unverändert.
»Von der Lebendigkeit eines Nachlebens. Zum 50. Todestag von Federico García Lorca (17.08.1986)«,
im NZZ, 188 (16./17.08.1986).
»La Celestina, deutsch. Zur Veröffentlichung der Wirsung-Uebersetzungen«, in: NZZ, 61 (14./
15.03.1987). Erscheint auch im Essayband 1989, überarbeitet.
»Ein Meister der Sprachfindung. Camilo José Cela, Nobelpreis für Literatur 1989«, in: NZZ, 287 (09./
10.12.1989).
»Literaturnobelpreis für Octavio Paz. Eine verdiente Auszeichnung«, in: NZZ, 237 (12.10.1990).
»Chile: Ein Land wie ein langer Vers. Literarischer Rundgang durch ein Land, in dem die Dichter Ge-
wicht haben«, in: St. Galler Tagblatt (17.03.1995). Zugleich Rezension von Raúl Zurita: Vorhimmel,
Nürnberg 1993.
»Vom Gedenken zum Gezänk. Die Kolumbustage 1892 und 1992 im Vergleich«, in: NZZ, 121 {Tl.!
28.05.1995).
»Ein neugieriger Weltbürger. Friedenspreis für Mario Vargas Llosa«, in: St. Galler Tagblatt
(05.10.1996).
»Vergnügen oder Problem? Hispanistische Literaturgeschichten«, in NZZ, 11 (15.01.1998).
»Weil er ein grosser Dichter war. Zum 100. Geburtstag von Federico García Lorca«, in: NZZ, 128 (06./
07.06.1998).
»Schreiben, um zu beunruhigen. José Saramago erhält Nobelpreis für Literatur«, in: St. Galler Tagblatt,
235 (09.10.1998).
»Die Bucht von Cádiz. Zum Tod des Schriftstellers Rafael Alberti« [am 28.10.1999], in: NZZ, 252
(29.10.1999).

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E. Rezensionen (Auswahl)

»Beiträge zu einem deutschen Calderón« (Max Kommereil), in: NZZ, 875 (30.04.1949).
»Miguel de Cervantes und sein Don Quijote« (August Rüegg), in: NZZ, 391 (25.02.1950).
»Don Juan beim Psychiater« (Gregorio Marañón), in: Der Landbote (Winterthur, 18.12.1954).
»Spanische Lyrik in der Fremde. Zu verschiedenen Übersetzungen«, in: NZZ, 3802 (17.12. 1958).
»Der spanische Gegenwartsroman in neuer Sicht« (Eugenio de Nora), in: NZZ, 1432 (10.05. 1959).
»Jusep Torres Campalans. Zu Max Aubs apokrypher Biographie«, in: NZZ, 2021 (30.05.1961).
»Nietzsche en el mundo hispánico« (Udo Rukser), in: Humboldt, 4.Jg., 15 (Bonn 1963), 78-79. Das-
selbe deutsch in: NZZ, 2633 (27.06.1963).
»Silvio Pellegrini: Studi su trove e trovatori della prima lirica ispano-portoghese«, in: ZRP, 79 (1963),
453-454.
»Erika Lorenz: Der metaphorische Kosmos der modernen spanischen Lyrik (1936-1956)«, in: ZRP, 79
(1963), 455-462.
»Methoden und Grenzen der Stilistik, eine kritische Würdigung von Dámaso Alonsos Buch: Spanische
Dichtung«, in: NZZ, 538 (09.02.1964).
»Dichter in New York (F. Garcia Lorca)«, in: NZZ, 2101 (15. 05.1964).
»Der Bienenkorb, der Meisterroman von Camilo José Cela«, in: NZZ, 968 (09.03.1965).
»Ursula Böhmer: Die Romanze in der spanischen Dichtung der Gegenwart«, in: RF, 79, 4 (1967), 681-
684.
»Ernesto Sàbato oder Babel in Buenos Aires«, in: NZZ, 2568 (18.06.1967).
»Elias L. Rivers: Garcilaso de la Vega. Obras Completas«, in: ASNS, 120, 3 (August 1968), 250-253.
»Antonio Gallego Morell (Hg.): Garcilaso de la Vega y sus comentaristas«, in: ASNS, 120, 3 (August
1968), 253-256.
»Ein Standardwerk über die Literaturen Lateinamerikas. Zu Rudolf Grossmanns Geschichte und Pro-
bleme der lateinamerikanischen Literatur«, in: NZZ, 79 (17.02.1970).
»Rudolf Grossmann: Geschichte und Probleme d^r lateinamerikanischen Literatur«, in: ASNS, 122, 2
(August 1970), 156-160.
»Jorge Amados Dona Flor. Zur deutschen Ausgabe des Romans Dona Flor e seus dois maridos«, in:
NZZ, 100 (02.03.1970).
»Hundert Jahre Einsamkeit. Zur deutschen Ausgabe von Garcia Márquez' Meisterroman«, in: NZZ, 206
(06.05.1970).
»Ein Lexikon zur Literatur Lateinamerikas: Dieter Reichardt, Lateinamerikanische Autoren, Literatur-
lexikon«, in: NZZ, 553 (28.11.1973).
»Dieter Janik: Magische Wirklichkeitsauffassung im hispanoamerikanischen Roman des 20. Jahrhun-
derts. Geschichtliches Erbe und kulturelle Tendenz«, in: RJb, 29 (März 1980), 392-397.
»Ernesto Sábatos Todesengel. Über einen Versuch, die unheile Welt im Roman zu bannen«, in: NZZ,
261 (08./09.11.1980).
»Michael Rössner: Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies. Zum mythischen Bewusstsein in der
Literatur des 20. Jahrhunderts«, in: IbRom, 31 (1990), 160-162.
»Fernando de Rojas/Pablo Picasso: La Celestina oder Tragikomödie von Calisto und Melibea«, in:
IbRom, 33 (April 1991), 145-147.
»Gisela Beutler (Hg.): »Sieh den Fluss der Sterne strömen«. Hispanoamerikanische Lyrik der Gegen-
wart. Inteφretationen«, in: IbRom, 34 (1991), 158-162.
»Una nueva versión alemana de Celestina« (Fernando de Rojas/Pablo Picasso: La Celestina oder Tra-
gikomödie von Calisto und Melibea. Traducido del castellano y provisto de un epílogo de Fritz
Vogelgsang. Con la reproducción de 66 grabados y calcografías de Pablo Picasso. Frankfurt del
Meno: Insel, 1989), in: Celestinesca, 5, 2 (Athens, GA, november 1991), 67-70.
»Fritz Nies: Bahn und Bett und Blütenduft. Eine Reise durch die Welt der Leserbilder«, in: GRM, NF,
43 (1993), 4, 4 6 3 ^ 6 8 .
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»Hans Ulrich Gumbrecht, Eine Geschichte der spanischen Literatur«, [spanisch] in; Rassegna iberis-
tica, 51 (Roma, dicembre 1994), 60-63.
»Harald Wentzlaff-Eggebert: Las literaturas hispánicas de vanguardia. Orientación bibliográfica
(1991)«, in: IbRom, 42 (1995), 139-141.
»Der Weg der Mädchen. Rezension von Ernesto Cardenal: Verlorenes Leben« [Memoiren], in: NZZ,
135 (08.07.1999).
»Hans-Jörg Neuschäfer (Hg.): Spanische Literaturgeschichte«, in: IbRom, 49 (April [August] 1999),
133-135.
»Michael Rössner (Hg.): Lateinamerikanische Literaturgeschichte«, in: IbRom, 49 (April [August]
1999), 135-137.
»Susanne engel: Die Amerika-Diskurse der Surrealisten«, in: IbRom, 50 (Oktober 1999) [Februar
2000], 170-173.
»Emst Rudin (Hg.): Übersetzung und Rezeption Garcia Lorcas im deutschen Sprachraum«, in: IbRom,
51 (April 2000), 142-145.
»Südamerika vor 150 Jahren. Ein Reisebericht von Hermann Eberhard Löhnis« {Die Tücken des Maul-
tiers. Eine lange Reise durch Südamerika, 1850-1852, hg. v. Kurt Graf und Paul Hugger), in: NZZ,
43 (21.02.2001).
»Gabriele Knetsch: Die Waffen der Kreativen. Bücherzensur und Umgehungsstrategien im Franquismus
(I939-I975), in: IbRom, 54 (2001) [2002], 133-135.
»Hans Juretschke (Hg.): Zum Spanienbild der Deutschen in der Zeit der Auflclärung. Eine historische
Übersicht, in: GRM, NF, 51, 4 (2001) [2002], 499-500.
»Ernst Rudin: Der Dichter und seine Henker? Lorcas Lyrik und Theater in deutscher Übersetzung,
1938-1998, in: IbRom, 54 (2001) [2002], 131-133.

F. Übersetzungen (Auswahl)

Max Aub: »Der umpfuss«. Novelle, in: Max Aub: Die Schuld des ersten Anglers, München: Piper-
Bücherei; 177, 1963, 5-30.
Héctor Alvarez Murena (Buenos Aires); »Descripción de un escarabajo visto en el Brasil«, in: NZZ,
197 (30.03.1969).
Juan Liscano, »América«, »Amerika«, aus Juan Liscano: Nombrar contra el tiempo, in: NZZ, 341
(26.06.1970).
(In Zusammenarbeit mit J. C. Lehmann): Ciro Alegría; Die goldene Schlange, Zürich: Manesse Biblio-
thek der Weltliteratur, 1971. Dasselbe als Romanfeuilleton in der NZZ, 445 ff. (ab 24. 09.1971).
Jorge Luis Borges: »Noch ein Gedicht von den Gaben«, »Otro poema de los dones«, in; NZZ, 451
(29.09.1974).
»La traducción: arte de la frustración. A propósito de César Vallejo«, in: José Manuel López de Abiada
(ed.); Actas de las Jornadas de Estudio Suizo-Italianas de Lugano, 22-24 de febrero de 1980, Mi-
lano: Cisalpino-Goliardica, 1981, 175-184. Erscheint auch in Ensayos 1988.
»Spanische Gedichte aus dem Exil, eingeleitet und übersetzt von G. S.«, in; NZZ, 199 (27./28.08.1983).
(Zusammen mit José Manuel López); Spanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Einleitung, Auswahl,
Kommentar und 74 Gedichtübersetzungen, Stuttgart: Ph. Reclam jun., 1985, 528 S.
»Zugänge zu Aleixandres Lyrik. Übersetzungvergleiche«, in Erna Pfeiffer, Hugo Kubarth (Hg.):
Canticum Ibericum. Georg Rudolf Lind zum Gedenken, Frankfurt/M.; Vervuert Verlag, 1991, 136-
148.
»Claudio Rodríguez; Ein grosser spanischer Lyriker kommt aus dem Schweigen zurück«, mit der Über-
setzung des Gedichts »Strasse ohne Namen« aus Casi una leyenda (Barcelona 1991), in; Der Lite-
rat, 33. Jg., 9 (Bad Soden, September 1991), 19 f.

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»Beobachtungen beim Übersetzen des Gedichtes >Ostende< von Guillermo Carnero«, in Ludwig
Schräder (Hg.): Von Góngora bis Nicolás Guillén. Spanische und lateinamerikanische Literatur in
deutscher Übersetzung - Erfahrungen und Perspektiven. Akten des internationalen Kolloquiums
Düsseldorf (21./22.05.1992), Tübingen: Gunter Narr, 1993, 69-84.
Carlos Nejar: »Inscriçâo«, »Inschrift«, in: NZZ, 95 (25./26.04.1998).
Federico García Lorca: »Reflexión«, »Überiegung«, in: NZZ, 128 (06./07,06.1998).
Carios Martínez Rivas (1924-1998): »San Cristóbal«, »Christophorus«, in: NZZ, 250 (28.10.1998).
José Hierro: »Requiem«, in: Literatur um II. Jahrbuch, XV (Osnabrück: Rasch, 1998), 195-199.
»Uruguayische Lyrik des 20. Jahrhunderts.« Auswahl und Übersetzung von 16 Gedichten, spanisch und
deutsch, in: Günther Uecker: Aquarelle Uruguay 1966, St. Gallen: Erker, 1999, 5-35.
(Zusammen mit José Manuel López de Abiada): Spanische Lyrik des 20. Jahrhunderts, Spanisch/
Deutsch, Stuttgart: Ph. Reclam jun., 2. erw. Aufl., 2003, 560 S., darin 17 zusätzliche Gedichtüber-
setzungen (im Druck).

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