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Aus „Der Naturarzt“ von 1927 Seite 283

Betrug am kranken Menschen

Unter dem Titel „Kampf gegen den Volksbetrug am Kranken“ tobt schon lange
ein Sturmangriff, der sich scheinbar gegen das wirkliche „Kurpfuschertum“
richtet, d.h. gegen die Menschen, die ohne Berufung und ernste Kenntnisse
den kranken Menschen zum Ausbeutungsobjekt sich ausersehen, in
Wirklichkeit aber ein Kampf ist, der gegen die Naturheilkunde sich
richtet, um das im Volk weit verbreitete Vertrauen zu ihr zu untergraben.
Redner ziehen durchs Land, Ausstellungen werden veranstaltet. Den Reigen
eröffnete schon im März die Ausstellung im Herrenhaus. Es lag
ursprünglich nicht in unserer Absicht, darauf einzugehen. Aber andere
Ausstellungen sind gefolgt und immer wieder wird zurückgewiesen auf jene
Ausstellung im Herrenhaus, und den einleitenden Vortrag, den dort ein
führender Kliniker (Prof. Hitz) gehalten. Was hat Geheimrat Hitz denn
dort gesagt. Nach den Zeitungsberichten soll er behauptet haben, die
Licht-, Luft- und Diätkuren, Wassertherapie, kurz, alle physischen
Heilmethoden seien von Ärzten eingeführt und ausgebaut worden und könnten
in der Hand von Laien viel Unheil anrichten.
Soll man wirklich glauben, dass ein so verdienter Mann solche Äußerungen
getan hat, so ist es wirklich nötig, vor dem Richterstuhl der Geschichte
einige Zeugen aufzurufen, die uns beweisen, dass es denn doch ganz anders
hergegangen ist. Die Professoren Eulenburg und Samuel haben schon 1889 im
„Lehrbuch der allgemeinen Therapie“ Klage geführt über „die Unkenntnis
und die Unbewandertheit im Gebrauche der physikalisch und diätischen
Heilmethoden, wofür der angehende Arzt in der Regel so gut wie gar nichts
aus der Studienzeit in die Praxis hinein mitbringt.“ Es mindert die
Wirkung dieser Klage nicht im geringsten, dass sie mit einem Angriff auf
das „Naturheilverfahren“ verbunden ist.
Schon ein Jahr vorher hatte Dr. Burbaum in „Fortschritte der
Hydrotherapie freimütig bekannt: „Aus den Händen der Naturärzte erst
musste die Wassheilkunde zur klinischen Forschung gelangen“. Im Handbuch
der allgemeinen Therapie“ von H. von Ziemßen hat 1881 kein Geringerer als
Professor Winternitz bekannt: „Man hat das volle Recht, von dem Auftreten
Prießnitz an eine neue Epoche der Hydrotherapie zu datieren.
So auch war es mit der Licht- und Lufttherapie. Auch hier ist es ein
verdienter Arzt, Prof. Dr. de Quervain (da steht was in klammer)… der
ehrlich genug urteilt: „Der sogenannten Naturheilkunde sei das Verdienst
nicht abgestritten, dieser – freilich lange vor ihr von Ärzten benützten,
aber dann wieder vergessenen Methode (der Sonnenbehandlung. D.M.) neue
Geltung verschafft zu haben“.
Es war mit der mondernen Diätik nicht anders. Wir dürfen nur an einen
Namen wie Dr. Lahmann erinnern, und über Schroth bekannte in den
„Blättern für kl. Hydrotherapie“ (1898) Dr. Weinberg, dass es Schroths
„ungeschmälertstes Verdienst bleibe, dass sein Verfahren den Impuls zur
Gründung und Erweiterung der modernen Diätik gegeben“. Man könnte solche
geschichtlichen Zeugnisse zu Bänden häufen.
Hat nicht erst vor wenigen Monaten ein großer Chirurg Prof. Sauerbruch,
München, zugestanden, dass der Prießnitzumschlag nicht wissenschaftlicher
Überlegung, sondern der Volksmedizin entstammt. Und hat er nicht gerade
diesen Prießnitzumschlag als ein Symbol der Krisis in der Heilkunde
erklärt?
Es bedeutet eine der ernstesten Gefahren für die Volksgesundheit, dass
gerade zu einer Zeit, in der führende Ärzte mit eindringlicher Empfehlung
auf die Gedanken und Methoden hinweisen, für die die Naturheilkunde,
gegen den harten Widerstand der offiziellen Schule ein halbes Jahrhundert
lang gekämpft hat, dass man gerade heute, danklos diese Naturheilkunde
ärgster Kurpfuscherei beschuldigt. Obwohl schon 1913 im „Grundriss der
sog. Hygiene“ Dr. Fischer der Naturheilbewegung, die „große und
machtvolle Organisation, die in allen Schichten der Bevölkerung Anhänger
und Freunde besitzt“, das Zeugnis ausstellt, es „bemühen sich die
Naturhielkundigen, die Volksmassen zu einer gesundheitsgemäßen
Lebensweise zu erziehen, wobei sie eine Sprache redeten, die auch der
einfache Arbeiter verstehen konnte. Vor allem aber verkündeten sie die
durchaus richtige Lehre, dass jeder selbst an der Ausübung seiner
Gesundheit arbeiten müsse“.
Wohin alle die Angriffe und falschen Beleuchtungen zielen, dass verrät
schon die Meldung vom 9. Und 10. März, daß im Volkswohlfahrtsministerium
ein Ausschutz des Preuß. Landesgesundheitsrates nichts geringeres
verlangt hatte, als dass die gesamte Kurierfreiheit aufgehoben werden
soll. Die Vorlage eines Gesetzes zur Erreichung dieses Zweckes wurde
verlangt. Und doch hätte keiner der heilwissenschaftlichen Fortschritte,
die in obigen Auslassungen von Ärzten und Gelehrten der gesundheitlichen
Volksbewegung zugeschrieben werden, ins Leben treten können, ohne die
Kurierfreiheit, die man aufheben will zur selben Zeit, in der man
zugestehen muss, dass die unter ihrer Freiheit aufgeblühten
Heilwahrheiten sich so glücklich bewährt haben, dass man sie in den
Schatz der modernen Klinik übernimmt.
Vor kurzem erfolgte die Berufung des Herrn Prof. Hermann Gocht zum
Ordinarius an der Universität Berlin. Wer in der Geschichte der Medizin
etwas bewandert ist, weiß, dass einer der schöpferischen Befruchter der
orthopädischen Wissenschaft ein Laie gewesen ist, der später zum
Geheimrat gemachte Heffing. Wenn man heute Orthopädie zum Gegenstand
eines Ordinariats an der Berliner Universität machen kann, so ist dies
mit Heffings Verdienst. Man darf es auch als uns günstiges Zeichen der
Zeit registrieren, dass eine führende Berliner Zeitung (BZ vom 24. August
1927) darüber schreiben kann: „Es verlohnt sich, den Vorgang auch unter
dem Gesichtspunkt zu betrachten, wie die Schulmedizin im Laufe der Jahre
auch andere Lehrfächer und Lehrmethoden als wichtig zu betrachten gelernt
hat, die sie ehedem als unwesentlich ansah und dementsprechend
stiefmütterlich behandelte“.
Dass der Berichterstatter auch hierbei an die Naturheilmethode denkt,
dass beweisen nachstehende Zeilen: „In dieser Hinsicht geht ja die
Fakultät Jena noch einen gewaltigen Schritt weiter als die Berliner
Fakultät, indem sie ein Ordinariat für Naturheilkunde geschaffen hat“.
Der Berichterstatter wird sich den höchsten Zorn der Jenenser (jenaer?)
Fakultät zuziehen, denn wir haben im Septemberheft unsern Lesern
geschildert, wie wenig die Fakultät in Jena mit der Errichtung des
Lehrstuhls für Naturheilkunde einverstanden war, ja, wie sie ihn noch
heute mit Hass verfolgt. Auch scheint der Berichterstatter nicht zu
wissen, dass schon seit 1920 von einem Lehrstuhl an der Berliner
Universität Naturheilkunde gelehrt wird. Auch mit den nachstehenden
Zeilen dürften die gesamten medizinischen Fakultäten Deutschlands nicht
ganz einverstanden sein und doch müssen die Fakultäten sie gelten lassen,
„Der Not gehorchend, nicht dem eig’nen Triebe“. Der Berichterstatter sagt
nämlich: „Man ersieht aus dem Schritt der Jenener Fakultät ebenso wie aus
der zweifelsohne sich immer mehr Bahn brechenden Anerkennung von
„nichtzündigen“ Heroen aus dem Lager der Naturheilkunde ebenso wie aus
dem der Homöopathie, für die man früher nicht viel mehr übrig hatte als
ein mitleidiges Achselzucken, dass die Schulmedizin ihren intransigenten
Standpunkt zugunsten einer liberaleren Auffassung revidiert hat. Und so
denkt auch heute gar niemand mehr daran zu leugnen, dass die Medizin von
Männern wie dem Bauern Prießnitz, dem Furhmann Schroth, dem Apotheker
Hahn, dem Pfarrer Kneipp, dem schwäbischen Schulmeister Jäger und noch
einer ganzen Anzahl anderer solcher „intuitiver“ Naturen ebenso
befruchtet worden ist wie von einem Hahnemann, Männern, deren Namen
längst Begriffe geworden sind.