Sie sind auf Seite 1von 873

J.

BRAUN / DAS CHRISTLICHE ALTARGERÄT


Keld» und Ptrtene in St. Godehard zu Hildes!:
JOSEPH BRAUNS.].

DAS
CHRISTLICHE
ALTARGERÄT
IN SEINEM SEIN UND IN SEINER
ENTWICKLUNG /■fo
C pp "i

MIT 610 ABBILDUNGEN AUF 149 TAFELN UND IM TEXT

7h
MAX HUEBER / VERLAG / MÜNCHEN / MCMXXXII
IMPRIMI POTEST
FR. X. IIAYLER S. J, PRAEP. PROV. GERM. SUP.
MONACHD, DIE 13.JUNII 1930

IMPRIMATUR 1. DUNSTMAIR, VIC.GEN.


MONACHII, DIE 17.JUNÜ 1930

..'■■■'

ALLE RECHTE, EINSCHLIESSLICH DAS DER ÜBERSETZUNG IN FREMDE SPRACHEN


VORBEHALTEN.
COPYRIGHT 1932 BY MAX HUEBER / VERLAG / MÖNCHEN.
DRUCK DER SALESIANISCHEN OFFIZIN, MÜNCHEN.
PRINTED Ei GERMANY.

ff
tkjuyi
PioPapaeXI.
CHRISTI -IESU
AETERNI • IN • CAELIS • PONTIFICIS

YICARIO • IN • TERRIS ■ SUMMOQÜE • SACERDOTI


RERUM • LITURGICARUM ■ NECNON
ARCHAEOLOGIAE • CHRISTIANAE • STUDIORUM
FAÜTORI ■ PROMOTORI ■ CULTORI
EXCELSO • ATQUE • PROVIDO
COMMENTARIOS • HOS • DE • SACRA • SUPELLECTILI
AUGUSTISSIMO • CULTUI • EUCHARISTICO • SERVIENTE
IN • REVERENTIS • PH • GRATI • ANIMI • SIGNUM ET PIGNUS
D. D. D.
SANCTISSIM • PATRIS ■ FILIUS • ET • SERVUS

JOSEPHVS JiMUN S.J.


VORWORT

DIE vorliegende Arbeit bildet eine Ergänzung und einen Abschluß zweier
früher von mir veröffentlichten Werke, von denen eines, ein einbändiges,
1907 unter dem Titel »Die liturgische Gewandung im Occident und Orient«,
das andere, ein zweibändiges, 1924 unter dem Titel »Der christliche Altar* er-
schien. Sie verdankt ihr Entstehen einer Anregung seitens Seiner Heiligkeit
Papst Pius' XI. Zwar hatte ich schon bei Bearbeitung des zweiten der beiden
vorgenannten Werke die Absicht, im Anschluß an dieses auch noch ein die
Geschichte des christlichen Altargerätes behandelndes zu schreiben, jedoch mit
Rücksicht auf mein hohes Alter, das mir die Möglichkeit seiner Vollendung
zweifelhaft machte, wie auch im Hinblick auf die kaum überwindlichen Schwie-
rigkeiten, die sich voraussichtlich seiner Drucklegung entgegenstellen würden,
auf ihre Ausführung nach längerer Überlegung verzichtet. Wenn ich sie dann
jedoch ungeachtet aller Bedenken wieder aufnahm, an ihre Verwirklichung
herantrat und sie trotz mancher zum Teil sehr ernsten Hemmnisse durchführte,
dann war dafür entscheidend ein diesbezüglicher Wunsch des Heiligen Vaters
und der Segen, mit dem Seine Heiligkeit denselben begleitet hatte. Jedoch war
es mir zu meinem lebhaften Bedauern bei allem Bestreben, den Fortschritt des
Werkes zu fördern, nicht möglich, dieses zum goldenen Priester]ubiläum des
Heiligen Vaters, wie ich es gehofft hatte, zu vollenden, da eine schwere, viele
Monate sich hinziehende Erkrankung, die sogar überhaupt seine Fertigstellung
durchaus zweifelhaft erscheinen ließ, das vereitelte. Als Jubiläumsgabe es Sei-
ner Heiligkeit darzubringen, war mir damit leider nicht gegeben.
Ziel des Werkes war für mich das gleiche wie bei den beiden ihm vorausgehen-
den. Es sollte nicht eine bloße Materialiensammlung, lediglich eine Zusammen-
stellung der das Altargerät betreffenden Angaben in den literarischen Quellen und
ein beschreibendes Verzeichnis der wichtigsten der aus vergangenen Zeiten noch
vorhandenen Altargeräte, sondern eine möglichst vollständige wissenschaftliche
Verarbeitung des zur Zeit vorliegenden literarischen und monumentalen Quellen-
materials sein, sachlich darbieten, was sich mit Sicherheit oder mehr oder weni-
ger Wahrscheinlichkeit an wirklichen Ergebnissen aus diesen hatte gewinnen
lassen. Das Quellenmaterial der älteren Zeit wurde, soweit es zugänglich war,
möglichst vollständig verarbeitet, das ungemein reichliche des späteren Mittel-
alters und der nachmittelalterlichen Zeit mit Auswahl, jedoch in einem den
Zielen des Werkes entsprechenden, wenigstens alles Wichtige und Bedeutungs-
volle berücksichtigenden Umfang. In welch ausgiebigem Ausmaß das schrift-
liche Quellenmaterial herangezogen wurde, zeigen die dem Text beigefügten
Fußnoten; von der Fülle der Altargeräte aus früherer Zeit, auf die in der Arbeit
als Belege hingewiesen wird, gibt ein Bild das erste der dem Werk angehängten
beiden Verzeichnisse, aus dem zugleich erhellt, daß außer deutschen — das
Wort im weitesten Sinne genommen — reichlichst auch außerdeutsche, italieni-
sche, englische, spanische, niederländische, französische und nordische heran-
gezogen wurden. Gern hätte ich die Angaben aus den schriftlichen Quellen, zu-
mal den Inventaren, wie auch die Hinweise auf die Monumente noch um zahl-
VIII VORWORT

reiche vermehrt, gern auch die Zahl der Abbildungen, im ganzen 610, noch um
manche andere vergrößert, allein die Rücksicht auf die Ermöglichung der Druck-
legung des Werkes zwangen mich wohl oder übel dazu, mich in der einen wie
anderen Beziehung zu beschränken, so weit das nur irgendwie ohne Beeinträch-
tigung des Wertes der Arbeit tunlich war. Mögen andere spater, soweit Grund
dafür vorliegt, meine Darlegungen ergänzen oder auch richtig stellen, was sich
etwa als verbesserungsbedürftig erweisen sollte. Ich kann das nur als einen mir
selbst durchaus willkommenen Dienst an der Sache betrachten, da es mir nicht
um Geltendmachung meiner persönlichen Ansicht, sondern einzig um die För-
derung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu tun ist, und ich mein Ziel erreicht
sehe, wenn es mir gelungen sein sollte, unter weitestgehender Verwertung des
heute noch vorhandenen und erreichbaren Quellenmaterials eine Geschichte des
Altargerätes zu schaffen, die nach allen in Betracht kommenden Seiten eine
einlässige und zuverlässige Unterlage für weitere Studien bildet. Sehr bedauert
habe ich, daß meine schwere Erkrankung und ihre Nachwirkungen es mir un-
möglich machten, einige größere Studienreisen, die ich vor Abschluß des Wer-
kes zur ^Nachprüfung und Ergänzung meiner Ergebnisse noch zu unternehmen
im Begriffe stand, auszuführen. 4
Daß das umfangreiche und ausgiebig mit Abbildungen ausgestattete Werk
im Druck veröffentlicht werden konnte, verdanke ich wesentlich der von der
Nolgemeinschaft der deutschen Wissenschaft hierzu gewährten Beihilfe. Ich
fühle mich gedrängt, ihr für sie auch an dieser Stelle meinen aufrichtigsten
Dank auszusprechen. Indessen wäre es mit ihrer Unterstützung allein nicht
möglich gewesen, das Werk zum Druck zu bringen, wenn nicht in hochherzig-
ster und freigebigster Weise Seine Eminenz der hochwürdigste Herr Kardinal
Ehrle bei seinem tiefstgehenden Interesse für die Wissenschaft und wissen-
schaftliches Arbeiten zu diesem Zwecke den gleichen bedeutenden Betrag ge-
spendet hätte. Ich möchte darum ganz besonders auch Seiner Eminenz an dieser
Stelle meinen herzlichsten und tiefgefühltesten Dank zum Ausdruck bringen.
Die beiden früheren Werke haben in fachmännisch wissenschaftlichen Krei-
sen des In- und Auslandes alle Anerkennung gefunden. Ich darf hoffen, daß
auch dem vorliegenden Werk eine ähnlich gute Aufnahme zuteilwerden wird.

München, am Feste Allerheiligen ig3i.


JOSEPH BRAUN S.J.
INHALTSVERZEICHNIS

Seite
TORWORT......... .VII
VERZEICHNIS DER ABKÜRZUNGEN DER TITEL WIEDERHOLT
ANGEFÜHRTER WERKE........ XVI
EINLEITUNG
I. GEGENSTAND............ 2
II. QUELLEN
Literarische ............. 5
Monumentale ............ 8

ERSTER TEIL. DIE VASA SACRA


ERSTER ABSCHNITT. GEFÄSSE ZUR DARBRINGUNG DES
EUCHARISTISCHEN OPFERS. DER KELCH
ERSTES KAPITEL. DER KELCH IN HEUTIGER ZEIT..... 17
ZWEITES KAPITEL. BENENNUNGEN DES KELCHES
I. Allgemeinen Charakters .......... 19
IL Sonderbezeichnungen .......-.■ 24
DRITTES KAPITEL. DAS MATERIAL DES KELCHES
I. In vorkarolingischer Zeit .......... 30
II. In karolingischer und nachkarotingischer Zeit bis in den Beginn des 16. Jahrhs. 38
III. In naehmittelalterlicher Zeit......... 47
VIERTES KAPITEL. DIE FORMALE BESCHAFFENHEIT DES KELCHES IN DER
VERGANGENHEIT
I. Allgemeines ............ 51
II. Der Henkelkelch........... 53
III. Der henkellose Kelch
A. Bis zum ausgehenden 12. Jahrhundert ........ 67
B. Im ausgehenden 12. und 13. Jahrhundert ....... 85
C. Im 14. und 15. Jahrhundert......... 95
D. In nachmittelalterlicher Zeit......... 127
E. In den Riten des Ostens.......... 137
IV. Die Größe des Kelches.......... 140
FÜNFTES KAPITEL. DIE ORNAMENTALE AUSSTATTUNG DES KELCHES
I. Allgemeines ............ 144
II. Sehmuckmittel............ 146
III. Anordnung des Schmuckes ......... 162
IV. Inschriften............ 165
V. Das Kreuzchen auf dem Fuß des Kelches ....... 175
SECHSTES KAPITEL. DIE IKONOGRAPHIE DES KELCHES
I. Das Bildwerk der mittelalterliehen Kelche im allgemeinen .... 178
IL Darstellungen Christi.......... "9
III. Vorbilder, Propheten.......... 185
IV. Maria, Engel, Apostel, Evangelisten, Heilige, Stifterfiguren .... 188
V. Das Bildwerk des Kelches in naehmittelalterlicher Zeit .... 194
INHA LTSVERZBIGHNIS

DIE PATENE
ERSTES KAPITEL. DIE PATENE NACH HEUTIGEM BRAUCH
ZWEITES KAPITEL. BENENNUNGEN DES GERÄTES .
DRITTES KAPITEL. DAS MATERIAL DER PATENE
I. In vorkarolingischer Zeit
II. Seit der karolingisehen Zeit bis zum sechzehnten Jahrhundert
III. In nachmittelalterlicher Zeit ......
VIERTES KAPITEL. FORMALE BESCHAFFENHEIT DER PATENE
I. In alt christlicher Zeit und im frühen Mittelalter .....
IL Vom zehnten bis zum sechzehnten Jahrhundert .....
III. In nachmittelalterlicher Zeit ........
IV. Größe der Patene..........
FÜNFTES KAPITEL. DIE KÜNSTLERISCHE AUSSTATTUNG DER PATENE
I. Allgemeines ...........
IL Schmuckmittel...........
III. Inschriften...........
IV. Bildwerk als Schmuck .........
SECHSTES KAPITEL. DIE TURRIS DES GALLIKANISCHEN RITUS . . 24

ZWEITER ABSCHNITT. GERÄTE ZUR AUSSPENDUNG DER


EUCHARISTffi. DAS EUCHARISTISCHE SAUGROHRCHEN
Vorbemerkung ............ 2<
ERSTES KAPITEL. NAMEN DES EUCH ARKTISCHEN SAUGRöHRCHENS . 2-
ZWEITES KAPITEL. ALTER, VERBREITUNG UND DAUER DER VERWENDUNG
DES EUCHARISTISCHEN SAUGRÖHRCHENS
I. Alter.............21
IL Verbreitung und Dauer .......... 21
DRITTES KAPITEL. BESCHAFFENHEIT DES EUCHARIST. SAUGRÖHRCHENS'
I. Material............. 2;
IL Formale Beschaffenheit.......... 2i
DER EUCHARISTISCHE LÖFFEL
Vorbemerkung ............ 21
ERSTES KAPITEL. DER EUCHARISTISCHE LÖFFEL IN DEN RITEN DES OSTENS
NACH HEUTIGEM BRAUCH......... 2
ZWEITES KAPITEL. ALTER DER VERWENDUNG DES EUCHARISTISCHEN
LÖFFELS IN DEN RITEN DES OSTENS....... 2
DRITTES KAPITEL. BESCHAFFENHEIT DES EUCHARISTISCHEN LÖFFELS
IN DEN RITEN DES OSTENS......... 2
DRITTER ABSCHNITT. BEHÄLTER ZUR AUFBEWAHRUNG UND
FEIERLICHEN AUSSETZUNG DER EUCHARISTIE. DAS ZIBORIUM
ERSTES KAPITEL. DAS ZIBORIUM NACH HEUTIGEM BRAUCH ... 2
ZWEITES KAPITEL. BENENNUNGENDES GEFÄSSES ZUR AUFBEWAHRUNG
DER EUCHARISTIE....... ... 2
INHALTSVERZEICHNIS ]

DRITTES KAPITEL. DIE MATERIELLE BESCHAFFENHEIT DES BEHÄLTERS


I. In alt christlicher und mittelalterlicher Zeit ....... 2
IL In nach mittelalterlicher Zeit ......... 2
VIERTES KAPITEL. FORMALE BESCHAFFENHEIT DES BEHÄLTERS DER
EUCHARISTIE
I. Vorbemerkung ............ 3
II. Formale Beschaffenheit des Behälters im späteren Mittelalter ... 3
III. Formale Beschaffenheit in nach mittelalterlicher Zeit ..... 3
IV. Größe des eucharistischen Behälters. Einlagen in diesem .... 3
FÜNFTES KAPITEL. DIE ORNAMENTALE AUSSTATTUNG DER EUCHARISTI-
STISCHEN PYXIS
I. Verzierungs mittel ........... 3
IL Das Bildwerk an den Pyxiden......... 3
III. Inschriften............ 3

DIE MONSTRANZ
ERSTES KAPITEL. DIE MONSTRANZ NACH HEUTIGEM BRAUCH . . 3
ZWEITES KAPITEL. BENENNUNGEN UND ALTER DER MONSTRANZ
I. Namen ............. 3
IL Alter.............3!
DRITTES KAPITEL. MATERIAL DER MONSTRANZ..... 31
VIERTES KAPITEL. FORMALE BESCHAFFENHEIT DER MONSTRANZ
Vorbemerkung ............ 9
I. Mit Ständer versehene gotische Monstranzen ...... 3(
II. Mit Ständer versehene Monstranzen der Renaissance und des Barocks . 3)
III. Höbe der mit Ständer versehenen mittelalterlichen und nach mittel alt. Monstranz 3S
IV. Ständerlose Monstranzen ......... 3!
FÜNFTES KAPITEL. ORNAMENTALE AUSSTATTUNG DER MONSTRANZ
I. Ornamentale Ausstattung der gotischen Monstranzen ..... 4(
IL Ornamentale Ausstattung der Renaissance- und Barockmonstranzen . . 4(
III. Schmuckmittcl........... *
IV. Das Bildwerk der Monstranzen ........ 4(

ZWEITER TEIL. DIE VASA NON SACRA


ERSTER ABSCHNITT. DIE GEFÄSSE UND GERÄTE ZUR HER-
RICHTUNG DER GPFERGABEN. DIE MESSKÄNNCHEN
ERSTES KAPITEL. ALTER DER MESSKÄNNCHEN. HEUTIGE VERWENDUNG 41
ZWEITES KAPITEL. NAMEN DER GEFÄSSE FÜR WEIN UND WASSER . 41
DRITTES KAPITEL. MATERIAL DER GEFÄSSE FÜR WEIN UND WASSER
I. In mittelalterlicher Zeit.......... 42
II. In nach mittelalterlicher Zeit ......... 42
VIERTES KAPITEL. FORM UND GRÖSSE DER GEFÄSSE FÜR WEIN UND WASSER
I. Form der Gefäße........... *2
IL Größe der Gefäße........... tö
XII INHALTSVERZEICHNIS

FÜNFTES KAPITEL. ORNAMENTALE AUSSTATTUNG DER GEFÄSSE FÜR WEIN


UND WASSER
I. Allgemeines ............ 437
IL Schmuckmittel...........438

KÄNNCHENSCHUSSEL, KELCHLOFFELCHEN, SEIHER. DIE


KÄNNCHENSCHUSSEL
ERSTES KAPITEL. ALTER DER VERWENDUNG DER KÄNNCHENSCHUSSEL 443
ZWEITES KAPITEL. BESCHAFFENHEIT DER KÄNNCHENSCHUSSEL . . 442

DAS KELCHLOFFELCHEN
ERSTES KAPITEL. NAMEN DES KELCHLÖFFELCHENS .... 444
ZWEITES KAPITEL. ALTER DES GEBRAUCHS UND BESCHAFFENHEIT DES
KELCHLÖFFELCHENS...........446
DER LITURGISCHE SEIHER
ERSTES KAPITEL. NAMEN DES LITURGISCHEN SEIHERS .... 448
ZWEITES KAPITEL. ALTER UND DAUER DER VERWENDUNG DES SEIHERS 450
DRITTES KAPITEL. MATERIAL UND FORM DES LITURGISCHEN SEIHERS 452

DER BEHÄLTER ZUR AUFBEWAHRUNG DER UNKONSEKRIERTEN


HOSTIEN
ERSTES KAPITEL. DER HOSTIENBEHÄLTER ALS LITURGISCHES GERÄT 454
ZWEITES KAPITEL. NAMEN DES HOSTIENBEHÄLTERS .... 456
DRITTES KAPITEL. BESCHAFFENHEIT DES HOSTIENBEHÄLTERS . . 458

SONDERGERÄTE IN DEN RITEN DES OSTENS


ERSTES KAPITEL. DER ASTERISKOS.......461
ZWEITES KAPITEL. DIE HEILIGE LANZE......464
DRITTES KAPITEL. DAS ZEON.........465
ZWEITER ABSCHNITT. ALTARKREUZ UND LEUCHTER.
DAS ALTARKREUZ
ERSTES KAPITEL. DAS ALTARKREUZ NACH HEUTIGEM BRAUCH . . 466
ZWEITES KAPITEL. ALTER DES ALTARKREUZES ..... 467
DRITTES KAPITEL. MATERIELLE BESCHAFFENHEIT DES ALTARKREUZES 474
VIERTES KAPITEL. FORMALE BESCHAFFENHEIT DES ALTARKREUZES . 478
FÜNFTES KAPITEL. KÜNSTLERISCHE AUSSTATTUNG DES KREUZES
I. Schmuckmittel............486
II. Bildwerk als Schmuck..........489
DIE ALTARLEUCHTER
ERSTES KAPITEL. ALTER DER VERWENDUNG DER ALTARLEUCHTER . 492
ZWEITES KAPITEL. DAS MATERIAL DER ALTARLEUCHTER ... 498
DRITTES KAPITEL. FORMALE BESCHAFFENHEIT DER ALTARLEUCHTER
I. Die formale Beschaffenheit bis zum vierzehnten Jahrhundert .... 505
INHALTSVERZEICHNIS XIII

II. Im späten Mittelalter..........514


III. In nach mittelalterlicher Zeit ......... 518
VIERTES KAPITEL. ORNAMENTALE AUSSTATTUNG DER ALTARLEUCHTER
I. Ihre Ausstattung im Mittelalter.........522
II. Ihre Ausstattung in nachmittelalterlicher Zeit ...... 526
FÜNFTES KAPITEL. DIE AKOLYTHENLEUCIITER.....527

DRITTER ABSCHNITT. GERÄTE FÜR BESONDERE VERRICH-


TUNGEN IN DER MESSE. DIE LITURGISCHEN ABLUTIONSGEFÄSSE.
DIE GERÄTE ZUR LITURGISCHEN HÄNDEWASCHUNG
ERSTES KAPITEL. DIE LITURGISCHE HÄNDEWASCHUNG IN GEGENWART
UND VERGANGENHEIT.......... 531
ZWEITES KAPITEL. BENENNUNGEN DER LITURGISCHEN WASCHGERÄTE
I. Namen des Beckens zum Auffangen des Wassers ...... 586
IL Namen des Gießgefäßes .......... 540
DRITTES KAPITEL. BESCHAFFENHEIT DES LITURGISCHEN WASCHGERÄTS
I. Material ............. 641
II. Formale Beschaffenheit .......... 543
III. Ornamentale Ausstattung ......... 549
DAS GEFÄSS ZUR ABLUTION DER KOMMUNIKANTEN
ERSTES KAPITEL. ALTER UND DAUER DER ABLUTION DER KOMMUNI-
KANTEN .......... ... 552
ZWEITES KAPITEL. BESCHAFFENHEIT DES ABLUTIONSGEFÄSSES . 555

DIE FRIEDENSKUSSTAFEL
ERSTES KAPITEL. ALTER DER VERWENDUNG DER FRIEDENSKUSSTAFEL 557
ZWEITES KAPITEL. BENENNUNGEN DER FRIEDENSKUSSTAFEL . . 560
DRITTES KAPITEL. BESCHAFFENHEIT DER KUSSTAFEL
I. Material............. 562
II. Form.............565
III. Ornamentale Ausstattung ......... 569
DAS ALTARGLOCKCHEN
ERSTES KAPITEL. ALTER DES GEBRAUCHES UND NAMEN DES ALTARGLÖCK-
CHENS............573
ZWEITES KAPITEL. MATERIAL UND ARTEN DES ALTARGLÖCKCHENS . 577

DER WEIHWASSERBEHÄLTER UND DER WEIHWEDEL


ERSTES KAPITEL. NAMEN DER BEIDEN GERÄTE
I. Benennungen des Weihwasserbehälters ....... 881
IL Benennungen des Weihwedels ......... 583
ZWEITES KAPITEL. ALTER DES WEIH WASSERBEHÄLTERS UND WEIH-
WEDELS ..............585
XIV INHALTSVERZEICHNIS

DRITTES KAPITEL. MATERIAL, FORM UND AUSSTATTUNG DES WEIH-


WASSERBEHÄLTERS UND WEIHWEDELS
I. Material der beiden Geräte k ....... . 586
II. Form............. 590
III. Ornamentale Ausstattung ......... 595
DAS RAUCHFASS NEBST ZUBEHÖR
ERSTES KAPITEL. VERWENDUNG DES RAUCHFASSES NACH HEUTIGEM
BRAUCH............. 598
ZWEITES KAPITEL. ALTER DER VERWENDUNG DES LITURGISCHEN
RAUCHFASSES........... 599
DRITTES KAPITEL. BENENNUNGEN DES RAUCHFASSES .... 603
VIERTES KAPITEL. MATERIAL DES RAUCHFASSES .... 605
FÜNFTES KAPITEL. FORMALE BESCHAFFENHEIT DES RAUCHFASSES
1. Form des Rauchfasses bis zum 11. Jahrhundert ...... 608
IL Das romanische Rauchfaß ......... 611
III. Das gotische Rauchfaß.......... 618
IV. Die Form des Rauchfasses in nachmittelalterlicher Zeit .... 624
V. Größe des Rauchfasses.......... 626
VI. Die formale Beschaffenheit des Rauchfasses in den Riten des Ostens . . 627
SECHSTES KAPITEL. ORNAMENTALE AUSSTATTUNG DES RAUCHFASSES 628

DER WEIHRAUCHBEHÄLTER UND DAS WEIHRAUCHLOFFELCHEN


ERSTES KAPITEL. ALTER DES WEIHRAUCHBEHÄLTERS UND DES WEIH-
RAUCHLÖFFELCHENS .... ...... 632
ZWEITES KAPITEL. BENENNUNGENDES BEHÄLTERS U. DES LÖFFELCHENS 633
DRITTES KAPITEL. MATERIAL DES BEHÄLTERS UND DES LÖFFELCHENS 635
VIERTES KAPITEL. FORM UND AUSSTATTUNG DER BEIDEN GERÄTE . 637

DER LITURGISCHE FÄCHER


ERSTES KAPITEL. DER LITURGISCHE FÄCHER IN DEN RITEN DES OSTENS
I. Namen und Alter seiner Verwendung ........ 642
II. Zweck des liturgischen Fächers ........ 643
III. Material, Form und Ausstattung ........ 645
ZWEITES KAPITEL. DER LITURGISCHE FÄCHER IM LATEINISCHEN RITUS
I. Benennungen des liturgischen Fächers ....... 648
II. Alter und Dauer seiner Verwendung ....... 651
III. Arten des liturgischen Fächers........ 653
IV. Material, Form und Ausstattung ........ 656

DRITTER TEIL. BW SEGNUNG UND DIE SYMBOLIK


DER ALTARGERÄTE
ERSTER ABSCHNITT. SEGNUNG DER ALTARGERÄTE
ERSTES KAPITEL. SEGNUNG DER VASA SACKA
I. Segnung des Kelches und der Patene ........ 663
II. Segnung des Ziboriums und der Monstranz ...... 669
INHALTSVERZEICHNIS

ZWEITES KAPITEL. SEGNUNG DER VASA NON SACRA ....


DRITTES KAPITEL. BERECHTIGUNG ZUR SEGNUNG DES ALTARGERÄTS .
VIERTES KAPITEL. DIE SEGNUNG DES ALTARGERÄTS IN DEN RITEN DES
OSTENS .............
ZWEITER ABSCHNITT. SYMBOLIK DER ALTARGERÄTE

I. VERZEICHNIS DER DENKMÄLER UND ABBILDUNGEN ....


II. SACHVERZEICHNIS..........
VERZEICHNIS DER ABKÜRZUNGEN DER TITEL
WIEDERHOLT ANGEFÜHRTER WERKE

AA. Eccl. Med. = Acta ecclesiae Mediolanensis, Frederici Card. Borromaei, archiep. Medio-
lan. iussu edita, Mcdiolani 1599.
AA. SS. - Acta Sanctorum Bollandiana. Edit. novissima. Parisiis 1863 ff.
Ann. archeol. -* Didron, Annales areheologiques. Paris 1844 ff.
Anzeiger = Anzeiger für Kunde deutscher Vorzeit. Nürnberg 1884 ff.
Atchley ■■--= E. G. Cuthb. F. Atchley, A history of the use of incense in divine worship.
London 1909.
Atz = Karl Atz, Kunstgeschichte von Tirol und Vorarlberg. Innsbruck 1909.
Beltrami = Luca Beltrami, L'arte negli sacri arredi della Lombardia. Milano 1897.
Bertram — Dr. Ad. Bertram, Bischof von Hildesheim, Hildesheims kostbarste Kunstschätze.
M.-Gladbach o.J.
Bergau = R. Bergau, Inventar der Bau- und Kunstdenkmaler der Prov. Brandenburg.
Berlin 1885.
Beyer = H. Beyer, Mittelrheinisches Urkundenbuch I. Koblenz 1860.
Bibl. = Bibliotheque de l'Ecole des Charles.
Bock -— Franz Bock, Das heilige Köln. Leipzig 1858.
Braun, Altar — Jos. Braun, Der christliche Altar. München 1924.
Braun, Gewandung — Jos. Braun, Die liturgische Gewandung im Occident und Orient. Frei-
burg i. Breisgau 1907.
Braun, Meisterwerke = Jos. Braun, Meisterwerke der deutschen Goldschmiedekunst der
vorgotischen Zeit. Münster 1922.
Braun, Paramente = Jos. Braun, Die liturgischen Paramente in Gegenwart und Vergangen-
heit. Freiburg i. Breisgau 1924.
Brightman — Brightman, Liturgies eastern and western I. Oxford 1890.
Brit. Museum = British Museum, A guide to the early Christian and byzantine antiquities in
the department of british and medtaeval antiquities. London 1921.
Bullett. = Bullettino di archeologia cristiana. Roma.
Bullett. nuovo = Bullettino nuovo di archeologia cristiana. Roma.
Bull. mon. = Bulletin monumental ou Collection des mcmoires et de renseignements sur la
statistique monumentale. Paris.
Cabrol -= Dom F. Cabrol O.S.B., Dictionnaire d'archeologie chretienne et de liturgie. Paris
1907 ff.
Catalogue of chalices = Victoria and Albert Museum, Catalogue of chalices. London 1922.
Chevalier = C.U. J. Chevalier, Visites pastorales des eveques de Grenoble. Montbeliard 1874.
Crooy = L. et F. Crooy, L'orfevrerie religieuse en Belgique. Bruxelles 1911.
C. SS. eccl. — Corpus scriptorum ecclesiasticorum latinorum. Vindobonae 1866 ff.
Czihak = C. von Czihak, Die Edelschmiedekunst in Preußen. Leipzig 1908.
Darcel = A. Darcel, La collection Basilewsky. Paris 1874. t
D. C. = Du Cange, Glossarium mediae et infimae latinitatis. Editio nova. Niort. 1883—1887.
D. C. graec. = Du Cange, Glossarium mediae et infimae graecitatis. Lugduni 1688.
Dehaisnes, Doc. — Dehaisnes, le Chan., Histoire de l'art dans la Flandre, l'Artois et le
Hainaut avant le XVe siede. Documenta. Lille 1886.
Doußt d'Arcq ■= Dougt d'Arcq, Choix de pieces inedites relatives au regne de Charles VI.
Paris 1864. ,
Duch. L. P. = L. Duchesne, Liber Pontificalis. Paris 1836 und 1892.
Duch. Orig. = L. Duchesne, Origines du culte chretien. Paris 1908.
Dugdale = Dugdale, Monasticon anglicanum. Ed. nova London 1846.
Essenwein = A. Essenwein, Die mittelalterlichen Kunstdenkmäler der Stadt Krakau. Leip-
zig 1869.
Essenwein, Denkmäler = A. Essenwein, Kunst- und kulturgeschichtliche Denkmäler im
Germ. Nationalmuseum. Nürnberg 1877. i
VERZEICHNIS DER ABKÜRZUNGEN DER TITEL XVII

v. Falke = Otto von Falke und Heinrich Frauberger, Deutsehe Schmelzarbeiten des Mittel-
alters. Frankfurt a. M 1904.
Florez = Henr. Florez, Espafia sagrada. Teatro geographico-historico de la iglesia de
Espana. Madrid 1754.
Garrueci ■-- Raffaele Garrucci S. J., Storia dell'arte cristiana nei primi otto secoli della
Chiesa. Prato 1872—1880.
Gay = Victor Gay, Glossaire archeologique. Paris 1887 und 1930.
Gmelin = I.eop. Gmelin, Alte Handzeichnungen nach dem verlorenen Kirchenschatz der
St. Michaels-Hofkirehe zu München. München 1838.
Goldschmidt -= Ad. Goldschmidt, Die Elfenbeinskulpturen aus der Zeit der karol. und
Sachs. Kaiser. Berlin 1914—1923.
Gudiol =--- Jose Gudiol y Cunill, Nocions de arqueologia sagrada eatalsma. Vieh 1902.
Guide — British Museum, A Guide to the mediaeval antiqaites and objeets of later date.
London 1924.
Guiffrey, Inv. = Jules Guiffrey, Inventaires de Jean, duc de Berry, Paris 1894 f.
H. = Jean Hardouin S. J., Collectio eonciliorum regia maxima. Parisiis 1715.
Hartzh. =e Jos. Hartzheim, Concilia Germaniae. Coloniae Agrippinae 1759—1775.
Hefner — J. H. von Hefn er-Alteneck, Trachten, Kunstwerke und Gerätschaften vom frühen
Mittelalter bis Ende des 18. Jahrh. Frankfurt a. M. 1887—1889.
Hildebrand =» H. Hildehrand, Sveriges Medeltid. Stockholm 1904.
Hittorp = Melchior Hittorp, De divinis catholieae ecclesiae offieiis. Paris 1610.
Hintze = Erwin Hintze und K. Masner, Goldsehmiedearbeiten Schlesiens. Breslau 1911.
Hipler — Franz Hipler, Die ältesten Schatz Verzeichnisse der ermländi sehen Kirchen. Brauns-
faerg 1886.
Jackson --- C. J. Jackson, Illustrated history of english plate. London 1911.
Ilg — Albert Hg, Theophilus preshyter, Schedula diversarum artium. Wien 1874.
Jones = W.H.R. Jones, Registrum S. Osmundi. London 1884.
Jungnitz -■ Jos. Jungnitz, Visitationsberichte der Diözese Breslau. Breslau 1902 f.
Kd. = Kunstdenkmäler (Rheinlands, Westfalens, Bayerns, Mecklenburgs usw.).
Kraus = Fr. X. Kraus, Realencyclopaedie der christl. Altertümer. Freiburg i. B. 1882 -1886.
Kunsttopographie — Österreichs Kunsttopographie.
Labarte = Jules Labarte, Inventaire du roi Charles V. Paris 1879.
La collection Spitzer — Molinier, La collection Spitzer I.
Legg — J. Wickham Legg, Tracts on the mass. London 1904.
Leroquais = V. Leroquais, Les sacramentaires et misseis des bibliotheques publiques de
France. Paris 1924.
Lowe = E. A. Lowe, The Bobbio Missal. London 1920.
M. = Migne, Patrologia latina. Paris 1844—1855.
Mansi = Joh. Dom. Mansi, Saerorum Conciliorum nova et amplissima collectio. Florenz
1757—1798.
Mart. -» Ed. Martene O.S.B., De antiquis ecclesiae ritibus libri tres. Antwerpiae 1763—1764.
Mart. et Durand = E. Martene O.S.B. et Urs. Durand O.S.B.; Voyage litteraire de deux
religieux Bcnedictins de la congregation de St-Maure. Paris 1717 und 1724.
Mart., Monach. — E. Martene, De monachorum ritibus libri quinque. Antwerpiae 1764.
Mart, SS. vet. =-■ E.Martene O.S.B. et Urs. Durand O.S.B., Vetertim scriptorum amplissima
collectio. Parisiis 1724—1788.
Mart., Thes. — E.Martene O.S.B. et Urs. Durand O.S.B., Thesaurus novus aneedotoruni.
Parisiis 1717.
Melanges -- Melanges d'archeologie et d'histoire.
Mg. = Migne, Patrologia graeca. Parisiis 1857—1866.
M.G. Leg = Monumenta Germaniae historica. Leges, series altera.
M.G. SS. = Monumenta Germaniae historica, Scriptores.
Mithoff — H.W.H. Mithoff, Kunstdenkmale und Altertümer im Hannoverschen. Hannover
1871—1880.
XVIII VERZEICHNIS DER ABKÜRZUNGEN DER TITEL

Mitt. = Mitteilungen der K. K. Zentral-Commission zur Erforschung und Erhaltung der


Baudenkmäler. Wien.
Molinier = Molinier, La collection Spitzer I.
Muratori = Muratori, Liturgia romana vetus. Napoli 1760.
Myller =- Jac. Myller, Oraatus ecclesiasticus. Monachii 1591.
N. Archiv = Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde. Hannover
1876 ff.
Müntz = E. Müntz et A. L. Frothingham, II tesoro di S. Pietro. Roma 1883.
Müntz, L'art. = E. Müntz, L'art ä la cour des papes. Paris 1878—1882.
Neumann — W.A. Neumann, Der Reliquienschatz des Hauses Braunschweig ■ Lüneburg.
Wien 1891.
Omont = Jlenry Omont, Inventaires du tresor de Fabbaye de Saint-Denis. Paris 1902.
Palgrave = Fr. Palgrave, Ancient kalendars and inventories III. London 1836.
Pasini = Pasini, II tesoro di S. Marco di Venezia. Venezia 1886.
Pazaurek = G.A. Pazaurek, Alte Goldschmiedearbeiten aus schwäbischen Kirchenschätzen.
Leipzig 1912.
Podlaha = A. Podlaha und Ed. Sittler, Chrämovy poklad u sv. Vita v Praze. Prag 1903.
Pulsky = Ch. Pulsky, Eug. Radisics et E. Molinier, Chefs-d'ccuvre d'orfevrerie ä l'exposi-
tion de Budapest, Paris 1886.
Raine = J. Raine, The fabric rolls of York Minster. Durham 1838.
Regesti Clement V. app. = Regesti Clementis V. appendices I. Romae 1892.
Renaudot — Eusebius Renaudot, Liturgiarum orientalium cgllectio. Frankfurt a. M. 1847.
Reusens = Le Chan. Reusens, Archäologie chretienne. Aachen 1886.
Revue * Revue de l'art chrittien I—XXIX Paris 1857—1880; XXX—LIX Lille 1883—1909;
LXff Paris 1910 ff.
Revue archeol. -■= Revue archSologique.
Riley = O. H. Riley, Annales monasterii s. Albani. London 1870—1871.
Riley, Gesta = O. H. Riley, Gesta abhatum monasterii s. Albani. London 1867—1869.
Ritus celebr. ~ Missale romanum, Ritus servandus in celebratione niissae.
Roh. = Ch. Rohault de Fleury, La messe. Paris 1883—1889.
Schannat ----- Joh. Friedr. Schannat, Vindemiae litterariae. Lipsiae 1723.
Schannat, Corpus == Joh. Friedr. Schannat, Corpus traditionum Fuldensium. Lipsiae 1724.
Swarzenski = Georg Swarzenski, Mittelalterliches Bronzegerat. Berlin 1902.
Terme = M. G. Terme, L'art aneien au pays de Liege, o. J.
Volk = P.Dr.Paulus Volk O.S.B., Der Liber Ordinarius des Lütticher Jakobsklosters.
Münster i. W. 1923.
Weber — Heinr. Weber, Die St. Georgenbrüder im alten Domstift zu Bamberg. Bamberg 1883.
aus'm Weerth — E. aus'm Weerth, Kunstdenkmäler des christlichen Mittelalters. Bonn 1868.
Weingartner =--= Joseph Weingartner, Das kirchliche Kunstgewerbe der Neuzeit. Inns-
bruck 1926.
Wilpert, Malereien = Jos. Wilpert, Die Malereien der Katakomben. Freiburg i. B. 1903.
Wilpert, Mosaiken = Jos. Wilpert, Die römischen Mosaiken und Malereien. Freiburg i. B. 1916.
Wilson = H. A. Wilson, The Gelasian saeramentary. Oxford 1894.
Witte = Fritz Witte, Die liturgischen Geräte der Sammlung Schnütgen. Berlin 1913.
Zeitschrift — Zeitschrift für christliche Kunst. Düsseldorf 1888 f.
EINLEITUNG
I. GEGENSTAND
DEN Gegenstand der nachfolgenden Arbeit, die sich an des Verfassers »Die
liturgische Gewandung im Occident und Orient* und »Der christliche
Altar* als deren Abschluß anreiht, bildet das Altargerät, das ist die Summe
aller Geräte, welche bei den am Altar sich vollziehenden liturgischen Hand-
lungen, vor allem dem eucharistischen Opfer, in unmittelbarer oder mittelbarer,
in näherer oder entfernterer Weise zur Verwendung kommen.
Das Altargerät läßt sich in zwei Klassen scheiden, in vasa sacra, heilige Ge-
räte, und in vasa non sacra, nicht heilige Geräte. Jene umfassen alles Gerät,
welches unmittelbar mit dem Allerheiligsten in Berührung kommt. Sie werden,
damit sie für ihren Zweck gebraucht werden dürfen, vor ihrer Verwendung je
nachdem gemäß den dafür vorgeschriebenen Formularen entweder konsekriert
oder doch gesegnet. Sie sind deshalb auch heilige Geräte nicht bloß durch ihre
Bestimmung und ihre nahe Beziehung zum Allerheiligsten, sondern ebenso in-
folge der Weihe oder Segnung, die ihnen zuteil wird und durch die sie für
ihren erhabenen Gebrauch hergerichtet werden.
Die vasa sacra des lateinischen (römischen, ambrosianischen und mozarabischen) Ritus
sind Kelch, Patene, Pyxis (Ziborium), Monstranz, eucharistisches Saugröhrchen, welch
letzteres jedoch nach heutigem Brauch nur mehr bei dem feierlichen Pontifikalamt des
Papstes benützt wird. Ein dem altgallikanischen Ritus eigenes Gerät, ein gewisses Gegen-
stück zur Patene, war die Turris. Die vasa sacra in den Riten des Ostens, dem griechischen
und den orientalischen im engeren Sinne, sind Kelch, liturgische Schüssel, Behalter zur
Aufbewahrung der Eucharistie, wo diese für die Präsank tifikaienmesse, wie im griechischen,
oder für die Kommunion der Kranken, wie im griechischen, syrischen und koptischen
(abessinischen) Ritus, aufbewahrt wird, und euebaristischer Löffel zur Spendung der Kom-
munion unter beiden Gestalten.
Was außer diesen vasa sacra noch sonst an Geräten bei der Meßfeier und den sonstigen,
am Altar sich vollziehenden Handlungen zur Verwendung gelangt, zählt alles zu den vasa
non sacra. Die Beziehung derselben zu dem Allerheiligsten ist nur eine entferntere, mittel-
bare, weshalb sie auch einer Segnung nicht bedürfen und eine Vorschrift, sie vor ihrem
Gebrauch zu segnen, nicht besteht.
Die vasa non sacra sind in den lateinischen Riten zahlreich. Es sind nach heutigem Brau-
che die Kännchcn für den zu konsekrierenden Wein und das diesem beizumischende Was-
ser, die Büchse zur Aufbewahrung der zu konsekrierenden Hostien, das Löffelchen zur
Entnahme des dem Wein bei der Opferung beizumischenden Wassers, das Gerät zu den
vor und bei der Messe vorzunehmenden Waschungen der Hände, das Rauchfaß mit seinem
Zubehör, dem Weihrauchbehälter (Schiffchen) und dem Löffelchen zum Aufstreuen des
Weihrauches, das Altarglöckchen, der Weih Wasserkessel mit Wedel zur Besprengung mit
Weihwasser, das Altarkreuz, die Altarleuchter, die sog. Pax zur Übermittlung des liturgi-
schen Kusses nach dem Gebet um den Frieden vor der Kommunion in der Messe und der
sog. Asteriskus in der feierlichen Papstmesse. Nicht mehr im Gebrauch sind gegenwärtig in
den lateinischen Riten der liturgische Seiher und der liturgische Fächer.
In den Riten des Ostens ist die Zahl der vasa non sacra geringer. Meßkännchen im Sinne
des lateinischen Ritus, eine Buchse zur Aufbewahrung der zu konsekrierenden Hostien, ein
Löffclchen, mittels dessen dem zu konsekrierenden Wein Wasser betgemischt wird, Altar-
glöckchen, Altarkreuz und Kußtafel sind Geräte, die in ihnen ungebräuchlich sind. Er-
halten hat sich in ihnen, wenn auch seinem ursprünglichen Zwecke entfremdet, der litur-
gische Fächer. Besonderheiten des griechischen Ritus sind die bei der Herrichtung der zu
konsekrierenden Brotpartikel zur Verwendung kommende heilige Lanze und das sog. Zeon,
/. GEGENSTAND 3

die Kanne für das heiße Wasser, das nach griechischem Ritus vor der Kommunion in das
heilige Blut gegossen wird; ein sowohl in ihm wie auch in anderen Riten des Ostens ge-
bräuchliches Gerät ist der Asteriskos.

Vergleicht man das Altargerät der lateinischen Riten mit dem der Riten des
Ostens, so ergibt sich, daß es dort wie hier im wesentlichen die gleichen Be-
standteile aufweist, im wesentlichen also das gleiche ist. Begreiflich übrigens.
Ist es doch im Osten wie im Westen dieselbe liturgische Handlung, um derent-
willen es da ist, der es zu dienen bestimmt ist, die Eucharistiefeier, bei der nach
der einheitlichen Lehre der lateinischen wie der östlichen Riten der Gottmensch
Jesus Christus durch Wesenswandlung der Substanz des Opferbrotes und des
Opferweines wahrhaft, wirklich und wesentlich, mit Fleisch und Blut, mit Leib
und Seele, mit Gottheit und Menschheit unter den Gestalten des Brotes und
Weines auf dem Altar gegenwärtig wird, durch seinen die Konsekration voll-
ziehenden Stellvertreter, den Priester, das einst am Kreuze blutigerweise dar-
gebrachte Erlösungsopfer unblutigerweise, aber in aller Wirklichkeit erneuert
und in der Kommunion sich selbst den Gläubigen als Opferspeise darbietet.
Denn das ist ja nicht nur in den Riten des Westens, sondern ebenso auch in
denen des Ostens Sinn und Bedeutung der eucharistischen Feier. Daß aber
neben dieser wesentlichen Übereinstimmung des Altargerätes sich in nebensäch-
lichen Bestandteilen desselben Abweichungen zwischen den lateinischen Riten
und denen des Ostens sowie zwischen den letzteren untereinander zeigen, kann
ebensowenig befremden. Haben doch die einzelnen Riten in der formalen Aus-
gestaltung der eucharistischen Feier bei unentwegtem Festhalten an ihren
Grundbestandteilen und an ihren wesentlichen Elementen in Nebensächlichem
eine selbständige Entwicklung durchlaufen, infolge deren jene Abweichungen
im Altargerät ihre Parallelen finden in der Mannigfaltigkeit und Verschieden-
heit der die wesentlichen Akte der Eucharistiefeier, ihren Kern, in den einzelnen
Riten begleitenden und umspielenden Zeremonien und Gebete, sowie nicht
minder in den Eigenheiten der in den verschiedenen Riten zur Verwendung
kommenden liturgischen Gewandung, die neben voller Übereinstimmung in den
Hauptstücken im übrigen gleichfalls mancherlei Unterschiede aufweist.
Nach protestantischer Anschauung hat die Eucharistiefeier in keinem Sinn
den Charakter eines Opfers, sondern nur den eines Gedächtnismahles; sie ist
ausschließlich »Abendmahl«, »Herrenmahl«. Der Altar ist folgerichtig im pro-
testantischen Kultus nicht Opferstätte, sondern bloß Abendmahlstisch, das Al-
targerät desselben aber in keiner Beziehung ein Gerät zur Darbringung eines
Opfers, kein Opfergerät, sondern lediglich Abendmahlsgerät. Es beschränkt
sich diesem seinem Charakter entsprechend auf Kelch und Abendmahlsschüs-
sel, auf Weinkanne, einen Ersatz des Meßkännchens, und Hostienbehälter, zu
denen weiterhin noch Leuchter und Kreuz als Ausrüstung des Abendmahls-
tisches kommen.
Eine Geschichte des Altargeräts und seiner Entwicklung wird notwendig vorwiegend eine
Geschichte des abendländischen Altargeräts werden. Seinen Grund hat das in der quanti-
tativen und qualitativen Beschaffenheit des für eine solche vorliegenden literarischen und
4 EINLEITUNG

monumentalen Quellenmaterials. Wahrend dieses für den Westen wenigstens seit der Karo-
lingerzeit in befriedigendem Maße, seit dem zwölften Jahrhundert reichlich und im späten
Mittelalter und der nachmittelalterlichen Zeit sogar in kaum übersehbarer Fülle vorhanden
ist, fließen die Quellen für eine Geschichte des Altargeräts im Osten zu aller Zeit nur
äußerst spärlich, nur wie tropfenweise, namentlich die monumentalen. Es sind nur verein-
zelte Stücke, was an wirklichem zweifellos echtem Altargerät aus älterer Zeit, ja noch aus
dem späten Mittelalter sich erhalten hat oder doch bekannt und veröffentlicht wurde. Es
darf darum auch nicht verwundern, wenn in der vorliegenden Arbeit trotz möglichst voll-
ständiger Ausbeutung des Quellenmaterials aus dem Osten der Löwenanteil auf das Altar-
gerät des lateinischen Ritus entfällt. Wo es an dem nötigen Material zu einer ausgiebigen
Darstellung mangelt, ist eine solche unmöglich und kann man darum auch eine solche nicht
erwarten.

Eine Geschichte des Altargeräts, die ihren Gegenstand möglichst erschöpfend


behandeln will, wird die zu ihm gehörenden Einzelgeräte nach allen entwick-
lungsgeschichtlich bemerkenswerten Seiten, soweit diese jeweilig bei ihnen in
Betracht kommen, an der Hand und nach Maßgabe des vorhandenen literari-
schen und monumentalen Quellenmaterials zu untersuchen und darzustellen
haben. Es sind heutiger Gebrauch, Name, Alter der Verwendung, Material, for-
male Beschaffenheit, künstlerische Ausstattung, Segnung, soweit dem Gerät
eine solche zuteil wird, sowie Symbolik, soweit mit ihm eine sinnbildliche Be-
deutung verknüpft wurde; doch empfiehlt es sich, die beiden letztgenannten
Gesichtspunkte nicht wie die übrigen bei jedem einzelnen der Geräte, sondern
erst am Schluß des Werkes zusammenfassend zu besprechen. In den Kreis der
Behandlung zu ziehen sind aber nicht bloß die Geräte, die noch heute in Ge-
brauch sind, sondern auch die an Zahl freilich wenigen Stücke, die im Lauf der
Zeit aus diesem ausschieden. Dem einen wie dem andern Erfordernis ist in der
vorliegenden Arbeit Rechnung getragen.
Hinsichtlich des in der Arbeit cinzuscldagendcn Vorgehens lagen zwei Möglichkeiten vor.
[-]■• I.c-mti' r'ii-v. i'iii:;.' fl;ts Vi'; -;yi;; i:; •":i!ii: <.'i-.r. :■!::': , ■.:,■• :-'< :;.'■ Si.iri'r:-;' -il.'.i-v j:-v.i>il::,- :;i>-
bräuchlichen Altargeräte, also gemäß dem Gesamtbestand, den es in den einzelnen, auf-
einanderfolgenden Zeitabschnitten seiner Entwicklung aufwies, Gegenstand der Unter-
suchung und Darstellung sein, oder aber jedes einzelne Gerät für sich und eines nach dem
andern ohne Unterbrechung in einem Zuge von seinem ersten Auftreten an bis zur Gegen-
wart nach allen in Betracht kommenden Seiten in seinem Entwicklungsgang verfolgt werden.
Der zweite Weg erwies sich, ähnlich wie in des Verfassers Geschichte der liturgischen Ge-
wandung und in seiner Geschichte des christlichen Altares, als der zweckentsprechendere
und empfehlenswertere, und zwar nicht bloß zur Vermeidung andernfalls unvermeidlicher
Wiederholungen sowie wegen der quantitativen und qualitativen Ungleichheit des für die
einzelnen Altargeräte aus den verschiedenen Zeiten vorliegenden Quellenmaterials, sondern
namentlich auch weil sich nur auf ihm die notwendige Übersichtlichkeit und Durchsichtig-
keit in der Darlegung der Entwicklung der einzelnen Altargeräte erzielen ließ.
Die nachfolgende Arbeit wird demgemäß in einem ersten Teil in drei Abschnitten, von
denen der erste den zur Vollziehung des eucharistischen Opfers dienenden Geräten, Kelch,
Patene und altgallikanischer Turris, der zweite den zur Ausspendung der Eucharistie be-
stimmten, dem eucharistischen Saugröhrchen und dem eucharistischen Löffel, der dritte
den Gefäßen zur Aufbewahrung und zur feierlichen Aussetzung des All erheiligsten gewid-
met ist, die vasa sacra behandeln. In ihrem zweiten Teil, der sich ebenfalls in drei Abschnitte
gliedert, hat sie zum Gegenstand die vasa non Sacra, und zwar wird sich der erste Abschnitt
//. QUELLEN, LITERARISCHE 5

mit den Geräten zur Herrichtung der Opfergaben, den Kännchen, dem Kelchlöffelclieh,
dem Hostien behalte r, der heiligen Lanze, dem Asteriskos (Asteriskus) und dem Zeon be-
schäftigen, der zweite mit der Meßausrüstung des Altars, dem Kreuz und den Leuchtern,
der dritte endlich mit den sonstigen im Altardienst zur Verwendung kommenden Geräten,
den Abiulionsgefäßen, dem Weihkessel mit seinem Wedel, der Paxtafel, dem Altarglöck-
chen, dem Rauchfaß mit seinem Zubehör, Schiffchen und Löffelchen, und dem liturgischen
Fächer beschäftigen. Ein dritter Teil wird die Segnung des Altargeräts und dessen Symbolik
behandeln.

II. QUELLEN
AUS der vorkarolingischen Zeit liegt im ganzen nur recht dürftiges Material
für die Geschichte des Altargerätes vor, das freilich eben darum um so
wertvoller ist. Mitteilsamer werden die Quellen seit der Karolingerzeit, noch
mitteilsamer seit dem 12, Jahrhundert. Im ausgehenden Mittelalter und der
Folgezeil aber ist das Material für die Geschichte des Altargerätes sogar fast
unübersehbar, zugleich aber freilich infolge der Fülle des Gleichartigen zu
einem großen Teil von geringerer Bedeutung. Nur spärlichste Ausbeute liefern
die Quellen für die Geschichte des Altargerätes in den Riten des Ostens. Was
uns die abendländischen Quellen, die seit der zweiten Hälfte des Mittelalters
kaum mehr etwas von Belang vermissen lassen, über dieselbe berichten, über-
trifft in aller Beziehung, quantitativ wie qualitativ, zeitlich wie örtlich, der-
gestalt das Nachrichtenmaterial, das wir aus den Riten des Ostens über sie be-
sitzen, daß dieses vor ihm fast verschwindet, nur wie ein Minimum ihm ge-
genüber erscheint.
Die Quellen sind teils literarische, teils monumentale. Zu den literarischen
zählen die auf das Altargerät bezüglichen Synodalbestimmungen, die Kanones-
sammlungen und die Dekrete der seit i588 bestehenden, von Sixtus V. einge-
setzten Ritenkongregation, ferner die liturgischen Rücher sowie die liturgi-
schen Traktate der mittelalterlichen Liturgiker, des weiteren die Schriften der
Väter und altchristlichen Kirchenschriftsteller sowie sonstige Schriftwerke aus
altchristlicher Zeit wie Urkunden, Itinerarien, Biographien u.a., dann die mit-
telalterlichen Chroniken und Heiligenleben, besonders aber die Schatzverzeich-
nisse aus altchristlicher, mittelalterlicher und selbst noch nachmittelalterlicher
Zeit. Die monumentalen Quellen umfassen Inschriften, die sich auf Altargeräte
beziehen, bildliche Darstellungen des Altargerätes sowie vor allem die Altar-
geräte, die sich aus der Vergangenheit, zumal der altchristlichen Zeit und dem
Mittelalter erhalten haben.

LITERARISCHE QUELLEN
Auf die literarischen Quellen hier näher einzugehen, erübrigt sich. Es sind
dieselben wie die literarischen Quellen zur Geschichte der liturgischen Gewan-
dung und des christlichen Altares. Da diese in meinen der Geschichte der liturgi-
schen Gewandung und des christlichen Altares gewidmeten Werken bereits
6 EINLEITUNG

eine ausgiebige Erörterung erfahren haben, (1) darf ich, um Gesagtes nicht
nochmals zu wiederholen, auf das daselbst Ausgeführte verweisen und mich
darauf beschränken, sie hier nur kurz nach ihrem Wert und ihrer Bedeutung
für die Geschichte des Altargeräts zu charakterisieren.
i. Kirchliche Bestimmungen. Die Kanones der allgemeinen Synoden enthal-
ten nichts über die Altargeräte, die der Provinzial- und Diözesansynoden spre-
chen dagegen seit dem 9. Jahrhundert mehrfach von dem einen oder andern,
von seiner materiellen Beschaffenheit, seiner Segnung und seiner Verwendung,
zumal vom Kelch und von der zur Aufbewahrung des Allerheiligsten dienenden
Pyxis. Auch bestimmen sie wohl, wie englische Synoden des i3. Jahrhunderts,
was an Altargeräten zum mindesten vorrätig sein müsse und wem die Pflicht
obliege, die einzelnen Geräte zu beschaffen. Über die formelle Gestaltung der
Altargeräte aber, über die etwas Näheres zu hören wir vor allem wünschten,
reden sie nie. Alle Geräte umfassende Bestimmungen über das Altargerät be-
gegnen uns erst in der Instructio fabricae ecclesiae des heiligen Karl Borro-
mäus, der Frucht der dritten Mailänder Provinzialsynode von i573. Sie sind
sehr einlässig. Ihrem Ursprung entsprechend nur partikularrechtlicher Natur,
haben sie nie, auch nicht durch ihre Approbation durch Born, allgemeingültige
Kraft erlangt, wurden aber immerhin über die Grenzen der Mailänder Kirchen-
provinz hinaus von Bedeutung durch den vorbildlichen und anregenden Ein-
fluß, den sie auf die Statuten anderer Synoden, zum Beispiel der von Aix
(1591) und von Prag (i6od) ausübten, wie auch durch das Echo, das sie in
dem Ornatus ecclesiasticus des Regensburger Generalvikars Myller von i5gi
und in Gavantis Thesaurus sacrorum rituum, der 1628 erstmalig zu Mailand
erschien, fanden.
Nur wenige Einzelheiten sind es auch, was wir in den mittelalterlichen latei-
nischen K(w.t)n(>*i:nmnti<in;j<'n und in den orientalischen Sammlungen dieser
Art über das Altargerät erfahren. Wegen ihrer Verbreitung und weil sie weithin
als bindende Norm galten, hatten sie vor den Statuten der partikulären Synoden
voraus, daß das, was sie gelegentlich über dasselbe sagen, nicht mehr rein par-
tikularrechtlichen Charakter an sich trug, wenn ihm auch ursprünglich nur ein
solcher eignete.
Zahlreich sind die Dekrete, welche die Kongregation der heiligen Riten seit
ihrem Bestehen bezüglich des Altargeräts erlassen hat. Sie betreffen jedoch zu-
meist seinen Gebrauch. Was von den älteren Entscheidungen heute noch Gel-
tung hat, findet sich in der unter dem Titel Decreta authentica Congregationis
sacrorum Rituum ex actis eiusdem collecta eiusque auctoritate promulgata seit
1898 erschienenen offiziellen Sammlung der Dekrete der Ritenkongregation.
Allgemein verpflichtend sind die sogenannten Decreta generalia, Entscheidun-
gen in Einzelfällen aber, wenn sie eine authentische Auslegung einer Rubrik
oder sonst einer liturgischen Vorschrift darstellen.
2. Liturgische Bücher und Traktate. Was uns die liturgischen Bücher, die
uns die vormittelalterliche Zeit und das Mittelalter hinterlassen haben, über das

(1) Die liturgische Gewandung im Occident und Orient (Freiburg 1907) 5 fi; Der christ-
liche Altar (München 1924) 5 ff.
IL QUELLES, LITERARISCHE 7

Altargerät berichten, belehrt uns fast nur darüber, welche Geräte in Gebrauch
waren und wie sie gebraucht wurden. In erster Beziehung sind besonders wert-
voll der erste der römischen Ordines Mabillons, aus dem wir ersehen, was alles
an liturgischem Gerät im 8. Jahrhundert bei der Papstmesse zur Verwendung
kam (2) und der 14. Ordo, der uns über die um die Wende des i3. Jahrhunderts
beim Pontifikalamt eines Kardinalbischofs erforderlichen Geräte Aufschluß
gibt. (3) Über das Material und die Form der Altargeräte erfahren wir aus den
liturgischen Büchern so gut wie nichts, über ihre Ausstattung gar nichts und
zwar verhält es sich so nicht bloß mit den Ordines, Ritualien, Cäremonialien,
Consuetudinarien, Sakramentaren, Missalien und Pontifikalien der lateinischen
Biten, sondern auch mit den entsprechenden liturgischen Büchern der Riten
des Ostens.
Wenig Ausbeute für die Geschichte des Altargerätes bieten auch die mittel-
alterlichen liturgischen Traktate, gleichviel, ob sie dem Westen oder dem Osten
angehören. (4) Sie nennen uns das in Gebrauch befindliche Altargerät, gehen
auch wohl auf die mystische Bedeutung ein, die nach ihnen die einzelnen Ge-
räte hatten, über Material und Form derselben reden sie nur gelegentlich und
nur um eine symbolische Bedeutung daran anzuknüpfen, über ihre Ausstattung
niemals. Selbst ein Durandus, der in seinem Rationale mit Bienenfleiß alles zu-
sammengetragen hat, was die ihm vorausgehenden Liturgiker über den mysti-
schen Sinn und die Symbolik der Altargeräte ersonnen und geschrieben hatten,
weiß uns über alles das nur wenig von Belang zu berichten.
3. Werke der Väter und andere altchristlicke Schriftwerke; mittelalterliche
Kanonisten, Chroniken und biographische Schriften. Was sich bei den Vätern
und altchristlichen Kirchenhistorikern sowie in den sonstigen Schriftwerken
aus altchristlicher Zeit über das Altargerät findet, sind immer nur Einzelheiten,
nur gelegentliche Bemerkungen, die freilich um so wertvoller sind, je spär-
licher überhaupt das Material zur Geschichte des Altargeräts in altchristlicher
Zeit fließt, und eben deshalb ausgiebigst in der vorliegenden Arbeit verwertet
wurden. Von kaum nennenswertem Belang ist für die Geschichte des Altar-
gerätes, was uns die mittelalterlichen Kanonisten bezüglich desselben zu sagen
haben, da sich etwaige Erörterungen darüber, die uns bei ihnen begegnen, sich
ganz in den Gleisen der Kanonessammlungen und des Corpus iuris canonici be-
wegen. Manche bemerkens- und schätzenswerte Beiträge liefern dagegen die
Chroniken und Biographien, besonders hinsichtlich des Materials und der künst-
lerischen Ausstattung der Altargeräte, doch auch wohl hinsichtlich der formalen
Beschaffenheit und der Größenverhältnisse derselben, wenn sie erzählen, was
alles an kostbarem liturgischen Gerät irgend eine Stifts- oder Klosterkirche
besaß, oder verewigen, was gläubiger frommer Sinn an solchem geschenkt habe
oder habe anfertigen lassen. Die Zahl dieser für die Geschichte des Altargerätes
unschätzbaren Schriften ist groß. Von besonderem Wert sind unter ihnen die
der altchristlichen Zeit und dem frühen Mittelalter entstammenden, weil sie
(2> N. 3 (M. 78, 939). (3) C. 48 (M 1. c. 1153).
(4) Näheres über diese Traktate in „Die liturgische Gewandung im Occident und Orient
S.7I. and „Der christliche Altar" S.8.
8 EINLEITUNG

eine der vorzüglichsten Quellen für die Geschichte des Altargerätes in dieser
Zeit bilden. Weitaus die wichtigste derselben, wenngleich keineswegs die ein-
zige, ist der römische Liber Pontificalis, das sogenannte Papstbuch, das ebenso-
wohl an Angaben über das Altargerät aus altchristlicher Zeit, wie aus der Zeit
der Päpste des 8. und 9. Jahrhunderts, zumal derjenigen Gregors III-, Ha-
driansl., Leos III., Paschalis'I., Gregors IV., Leos IV. und Nikolaus'I. reich ist.
ü. Inventare und sonstige auf Altargeräte bezügliche Dokumente. Von her-
vorragender Wichtigkeit für die Geschichte des Altargerätes sind die kirch-
lichen Inventare, das ist die Verzeichnisse der in einer Kirche befindlichen
Wertstücke, darunter namentlich auch der in ihr vorhandenen Altargeräte. Das
älteste bekannte ist die sogenannte Carta Cornutiana, das Schatzverzeichnis
einer Landkirche bei Tivoli aus dem Jahre /I71. (5) Bis zum i3. Jahrhundert
sind sie nicht übermäßig zahlreich, dagegen liegt aus dem i3., i4- und i5. Jahr-
hundert eine Fülle derselben vor. Auch aus nachmittelalterlicber Zeit sind zahl-
reiche vorhanden. Die älteren Inventare sind regelmäßig sehr knapp gefaßt,
knapper als man es wünschen möchte. Immerhin sind auch so die Angaben, die
sie über die in ihnen verzeichneten Altargeräte, deren Art, Zahl, Material und
Ausstattung machen, von großem Wert. Erheblich eingehender sind die In-
ventare des späteren Mittelalters, zumal auch bezüglich der Ausstattung der in
ihnen vermerkten Geräte, dergestalt, daß ihre Angaben bisweilen zu förm-
lichen, einlässigen Beschreibungen werden. Zu bedauern ist, daß es sich bei den
Inventaren, die aus dem Mittelalter vorliegen (6), zumeist nur um solche grö-
ßerer Kirchen handelt. Die Zahl der mittelalterlichen Inventare kleinerer Stadt-
und Landkirchen ist wenig erheblich. Es wäre aber sehr wichtig zu wissen, wie
es sich um den Bestand an Altargerät gerade in Kirchen dieser Art im Mittel-
alter gehandelt hat. In nachmittelalterlicher Zeit geben uns namentlich die
den Visitationsprotokollen eingefügten Inventare manchen lehrreichen Auf-
schluß darüber.
Wertvolle Ergänzungen zu den Inventaren bilden die den mittelalterlichen
Nekrologen, den Libri benefactorum und den Chroniken eingefügten Gaben-
verzeichnisse, die Testamente, soweit sie neben anderem auch Altargeräte zum
Gegenstand haben, sowie die Kirchenrechnungen. Denn auch sie liefern manche
brauchbaren Beiträge zur Geschichte des Altargeräts. Von den hier in Betracht
kommenden Testamenten reichen einige bis in den Ausgang der altchristlichen
Zeit und in den Beginn des Mittelalters zurück.

MONUMENTALE QUELLEN
Sie umfassen, wie früher gesagt wurde, Inschriften, Bildwerke und noch vor-
handenes Altargerät aus der Vergangenheit.
1. Inschriften. Es handelt sich bei ihnen um etwaige an den Altargeräten an-
gebrachte Inschriften. Sie sind ihrem Inhalt nach entweder historischer, erläu-
(5) Abgedruckt bei Duchesne, Liber Pontificalis I (Paris 1886) CXLVI.
(6) Ein Verzeichnis der bis 1894 im Druck veröffentlichten Inventare in dem wertvollen
Werk von Fernand de Mely und Edmund Bishop, Bibliographie des inventaires imprim6s
(Paris 1892—1894).
II. QUELLEN, MONUMENTALE 9

ternder oder religiöser Art. Historischer Art sind alle jene Inschriften, welche
Angaben über die Entstehungszeit des Geräts enthalten, den Auftraggeber, der
das Gerät herstellen ließ, nennen, den Namen des Stifters desselben verewigen
oder den Künstler vermerken, durch dessen Hände es geschaffen wurde; erläu-
ternder Art jene Inschriften, welche das Bildwerk erklären, mit dem das Gerät
ausgeschmückt wurde, oder den liturgischen Zweck und Charakter des Geräts
zum Ausdruck bringen; religiöser Art solche, welche in einer Anrufung, einer
Bitte, einer Lobpreisung besteben, eine Widmung darstellen oder heilige Na-
men wiedergeben.
Alle Inschriften sind je in ihrer Weise und nach ihrer Art für die Datierung des Gerätes,
an dem sie sich finden, wertvoll, vor allem die historischen, die uns unmittelbar über sie
Kunde bringen, während die der andern Klasse« durch die Eigenart ihres Inhaltes, ihres
formalen Baues sowie namentlich ihrer Schriftzeichen uns immerbin mittelbar einen An-
halt für dieselbe zu bieten vermögen. Dadurch aber, daß etwaige an einem Altargerät sich
findende Inschriften unmittelbar oder mittelbar die Feststellung seiner Entstehungszeit
ermöglichen, gewähren sie uns zugleich Aufschloß über Form und Ausstattung, welche
überhaupt den Geräten derselben Art zur Zeit seiner Entstehung wenigstens am gleichen
Ort eigen war, und sind wir infolgedessen imstande, an der Hand der durch ihre Inschrift
irgendwie datierbaren Geräte auch das Alter anderer, die einen gleichen oder verwandten
Charakter zeigen, einer Inschrift oder sonst eines Anhaltspunktes für eine Datierung aber
entbehren, mit mehr oder weniger Bestimmtheit und Genauigkeit festzustellen.
Inschriften erläuternden Charakters können für die Geschichte des Altargeräts auch da-
durch von großer Wichtigkeit werden, daß sie den liturgischen Charakter des Geräts, an
dem sie angebracht sind, außer Zweifel stellen. Dann nämlich, wenn sie, sei es zusammen
mit Bildwerk, das sie begleiten, sei es allein für sich und ohne solches, ausdrücklich oder
doch wenigstens andeutend einen Hinweis auf den liturgischen Zweck des Geräts zum Aus-
druck bringen, das Gerät aber, an dem sie sich finden, seine liturgische Bestimmung nicht
oder nicht deutlich genug erkennen läßt. Ist es ja in einem solchen Falle die Inschrift, die
uns seinen liturgischen Charakter gewährleistet. Als Beispiele seien genannt eine von Bi-
schof Konrad (raoi—1209) aus Konstantinopel mitgebrachte griechische Patene im Schatz
des Domes zu Halberstadt, die man ohne ihre Inschrift wohl nicht für eine solche halten
würde; eine Alabasterschüssel griechischer Herkunft in S. Marco zu Venedig, deren Charak-
ter als Patene ebenfalls nur durch ihre Inschrift außer Zweifel gestellt wird, sowie mehrere
griechische Henkelbecher in S. Marco von ungewöhnlicher Form, die nur durch ihre In-
schrift mit Sicherheit als liturgische Kelche beglaubigt werden.
2. Bildwerke. Die Bildwerke der Vergangenheit, auf welchen liturgisches
Gerat dargestellt ist, Malereien wie Plastiken, kommen als Quellen zur Ge-
schichte des Altargeräts weit weniger in Betracht, als man vielleicht annehmen
möchte.
Am wertvollsten sind als solche die altchristlicher Zeit und dem früheren
Mittelalter entstammenden, weil sie einen gewissen Ersatz für das zugrunde
gegangene Altargerät aus jener Zeit und eine willkommene Ergänzung des lei-
der allzu geringen Bestandes an noch erhaltenen altchristlichen und frühmittel-
alterlichen Altargeräten bilden. Ihre Zahl ist nicht groß, falls man nicht, wie
etwa Rohaclt de Fleuhy, kritiklos an die Monumente herantritt und, im Bann
einer Symboliersucht stehend, liturgisches Gerät zu finden glaubt, wo ein un-
befangener, nüchtern prüfender Blick solches nicht zu erkennen vermag. Zu-
dem bieten sie zumeist nur Material für die Geschichte des Kelches und des
Rauchfasses.
10 EINLEITUNG

Die Bildwerke des späteren Mittelalters kommen für die Geschichte des Al-
targeräts nur wenig mehr in Betracht, da die Altargeräte jeder Art, die sich aus
demselben in die Gegenwart gerettet haben, so zahlreich sind, daß wir besser
und vollständiger durch sie über das Altargerät jener Zeit Aufschluß erhalten,
als durch die meist mehr oder weniger mangelhaften Bildwerke, die uns über
das Material des Altargerätes nichts, über dessen formale Beschaffenheit und
seine Ausstattung kaum etwas Neues von Belang zu sagen wissen. Am bemer-
kenswertesten sind sie noch für die Geschichte der Monstranz, des Altarkreuzes
und der Altarleuchter.
Allen bildliehen Darstellungen von Altargerät ist mehr oder weniger gemeinsam, daß
sie uns nur relativ zuverlässigen Aufschluß über dasselbe zu geben vermögen und daß sie
deshalb mit einiger Vorsicht zu verwerten und zu deuten sind. Das gilt nicht nur von jenen
geradezu naiv primitiven Bildwerken, die kaum mehr Vertrauen verdienen als die Ge-
bilde des Griffels eines Schulkindes. Auch die besseren lassen, weil in hohem Grade Schöp-
fungen der Phantasie des Künstlers, an Genauigkeit und Treue, zumal in den Einzelheiten,
mehr oder weniger zu wünschen übrig. Es wäre irrig und würde zu verhängnisvollen Fehl-
schlüssen führen, wollte man selbst in den vollendeter ausgeführten Bildwerken so etwas
wie Photographien der auf ihnen dargestellten Altargeräte sehen.
3. Liturgische Geräte. Sie sind die wichtigste und vornehmste aller Quellen
zur Geschichte des Altargeräts. Insbesondere läßt sich nur an der Hand des
noch vorhandenen Bestandes an Altargeräten der Vergangenheit die Entwick-
lung derselben nach Form und Ausstattung genügend verfolgen und nach-
weisen. Für die Zeit bis etwa zum i3. Jahrhundert bedarf es allerdings einer
Ergänzung durch die andern Quellen, da die Zahl der Geräte, die sich aus dem
vorausgehenden Zeitraum erhalten haben, bei weitem nicht hinreicht, um allein
auf Grund ihrer eine Geschichte des Altargeräts zu schreiben. Für die nachfol-
gende Zeit liegt die Sache dann jedoch wesentlich anders. Zwar bieten auch für
sie die sonstigen Quellen noch manche bemerkenswerte Ergänzungen zu dem,
was die aus ihr noch vorliegenden Altargeräte berichten, doch sind letztere bei
ihrer außerordentlichen Fülle nunmehr die hauptsächlichste, vielseitigste und
ausgiebigste Quelle für eine Geschichte des Altargeräts.
Brauchbares Material für eine Geschichte des Altargeräts können natürlich
nur solche Geräte sein, welche zweifellos echt sind. Bei Altargerät, das seit
alters sich in kirchlichem Besitz befindet, darf, ja muß die Echtheit ohne wei-
teres angenommen werden. Nicht ganz so verhält es sich mit Geräten aus frühe-
rer Zeit, die sich im Kunst- und Anticpiitätenhandel befinden oder aus diesem
in Sammlungen, zumal in private, gekommen sind, und noch mehr gilt das von
Stücken, die unter mehr oder weniger mysteriösen und unkontrollierbaren Um-
ständen zu Tage traten und in den Handel gelangten, besonders wenn sie Altar-
gerät aus altchristlicher oder frühmittelalterlicher Zeit sein wollen.
Gefälschte Kunstwerke gibt es heute sehr viele. Die hohen, oft fabelhaften Preise, die
von den Sammlern für alte Kunstwerke gezahlt werden, laden geradezu zum Fälschen ein.
Auch unter den Altargeräten fehlt es an Fälschungen nicht. Man kann darum keineswegs
alles Altargeräte, das sich im Kunsthandel befindet oder aus diesem in Sammlangen ge-
raten ist, ohne weiteres lediglich auf Treu und Glauben als echt hinnehmen. Es wird
vielmehr nicht allzu selten nötig sein, dieses oder jenes Stück auf seine Echtheit einer
//. QUELLES, MONUMENTALE 11

vorsichtigen und sorgsamen Prüfung zu unterziehen, die freilich bei der Raffiniertheit,
mit der heute die Fälscher zu Werke zu gehen pflegen, selbst für den Fachmann nicht
immer eine leichte Sache ist, und wird ihm seinen Platz in der Geschichte des Altargerätes
erst anweisen, wenn seine Echtheit durch seine Beschaffenheit oder sonstige Anhalts-
punkte mit genügender Sicherheit oder doch mit hoher Wahrscheinlichkeit erwiesen ist.
Besonders gilt diese Vorsicht, wie auf der Hand liegt, gegenüber Altargeräten, die alt-
christlich oder frühmittelalterlich sein wollen. Geben sie sich als Schöpfungen des spä-
teren Mittelalters, wird man, wenn ihre Echtheit nicht mit hinreichender Sicherheit dar-
getan werden kann, am besten ganz von ihnen absehen, da sie neues Material von Wert
zur Geschichte des Altargerätes der späteren Zeit ja doch nicht zu bieten vermögen, weil
aus dieser auch ohne sie genug an gleichartigen oder verwandten zweifellos echten Stücken
vorhanden ist.
Übrigens muß man sich gegebenen Falls nicht bloß hinsichlich der Echtheit eines in
Frage stehenden Altargeräts vergewissern, sondern auch darüber, ob und wie weit es noch
in seinem ursprünglichen Zustand ist, ob es nicht etwa im Verlauf seiner Verwendung zum
Teil erneuert wurde, indem man z. B. einen Kelch mit einer neuen Kuppe oder einem neuen
Fuß versah, bei einer Monstranz den zylinderförmigen Behälter durch ein rechteckiges Ge-
häuse oder eine von Strahlen eingefaßte runde Kapsel ersetzte, einem Ziborium an Stelle
seines helmförmigen einen kuppeiförmigen Deckel gab, bei einem Rauchfaß den Fuß, das
Feuerbecken oder den Deckel änderte, oder ob es nicht zur Zeit, als es in den Handel kam,
weil unvollständig erhalten, durch den Händler oder später durch den Sammler mit Hilfe
älterer Stücke ergänzt wurde, wie das häufig genug geschehen ist. Im ersten Fall kann das
Stück als Zeuge für die formale oder stilistische Entwicklung des Geräts Beachtung ver-
dienen, im zweiten wird man meist gut tun, ganz von ihm abzusehen.

Es muß aber, damit ein aus der Vergangenheit vorliegendes Gerät als Mate-
rial für die Geschichte des Altargeräts verwertet werden kann, nicht bloß seine
Echtheit und seine Ursprünglichkeit festgestellt werden, sondern auch sein
liturgischer Charakter. Hatte zur Zeit, der es entstammt, das ihm entsprechende
Altargerät bereits eine typische, es als liturgisch kennzeichnende Form, so
macht das keine Schwierigkeit. Anders verhält es sich dagegen, wenn sich zu
seiner Entstehungszeit für dieses kein Typus herausgebildet hatte, falls nicht
etwa sonstwie, zum Beispiel durch eine zuverlässige Überlieferung, ein Inven-
tar, eine Inschrift, sein liturgischer Charakter bezeugt wird.
Es geht deshalb nicht an, in jedem kelchförmigen Becher oder in jeder patenenartigen
Schüssel aus altchristlicher und frühmittelalterlicher Zeit ohne weiteres einen liturgischen
Kelch bezw. eine liturgische Patene sehen zu wollen, jedes Rauchfaß aus einer Zeit, in der
Rauchfässer der gleichen Art sowohl beim Gottesdienst wie im profanen Lehen gebraucht
wurden, als liturgisch hinzustellen, Gefäße für Wasser und Wein, die noch nicht durch
ihre Form als liturgisch gekennzeichnet werden, Gefäße für die Händewaschung, wie sie
gleicherweise im Alltagsleben und heim Gottesdienst gebraucht wurden, ohne weiteres dem
Bestand an Altargerät, den uns die Vergangenheit hinterlassen hat, einzureiben, jede alt-
christliche Elfenbcinpyxis als eucharistisch, d.i. als Behälter zur Aufbewahrung des Aller-
heiligsten anzusprechen. Und doch ist in alledem viel gefehlt worden, hat man oft genug
Geräte als Altargerät gedeutet, die nicht einmal mit einiger Wahrscheinlichkeit sich als
solches erweisen lassen.

Kein genügender Grund ist es, ein Gerät als Altargerät hinzustellen, ledig-
lich weil es mit einem religiösen Symbol oder religiösen Darstellungen ge-
schmückt erscheint, es sei denn, daß das Bildwerk durch seinen Gegenstand in
deutlich erkennbarer Weise auf den Zweck des Gerätes als eines Altargerätes
12 EINLEITUNG

hinweist; ein Fall, der übrigens keineswegs häufig ist. Religiöse Darstellungen
als Zierat auch an profanen Geräten anzubringen, ist kein nur der heidnischen
Antike eigener, dein Christentum aber fremder Brauch. Er war auch diesem
vertraut, nur daß die Christen sie statt mit heidnischem mythologischen mit
christlichem Bildwerk schmückten. So geschah es in altchristlicher Zeit, so im
frühen wie im späten Mittelalter, so auch noch in nachmittelalterlicher Zeit;
eine Fülle von Beispielen beweist das.
Man kann darum z.B. nicht eine altchristliche Schüssel bloß darum, weil sie ein heiliges
Monogramm, wie das Chrisnion, oder, wie Goldglasschösseln biblische Szenen als Ver-
zierung aufweist, als liturgische Patene anspreche» oder die vorhin genannten altchristli-
chen Elfenbeinpyxiden wegen der alt- und neutestamentlichen Darstellungen, mit denen
sie ringsum verziert sind, als Pyxiden zur Aufnahme und Aufbewahrung der Eucharistie
ausgeben, einen Seiher, dessen Löchlein so gestellt sind, daß sie das Christusmonogramm
bilden, als liturgischen Scihcr bezeichnen oder Kupferbecken des za. Jahrhunderts wegen
der ihnen eingravierten allegorischen Darstellungen der Tugenden oder Laster, der sieben
Gaben des Heiligen Geistes, oder sonstiger religiöser Gegenstände, als gott es dienstliches
Gerät, ja als Schüsseln für das heilige Salböl deuten. Denn in allen diesen und ähnlichen
Fällen wird der liturgische Charakter eines Gerätes durch das Bildwerk allein, mit dem es
verziert ist, noch keineswegs gesichert.

Ist hiernach religiöses Bildwerk auf einem Gerät allein für sich noch kein
schlüssiger Beweis für den liturgischen Charakter desselben, so sind aber auch
profane Darstellungen, die sich auf ihm finden, nicht immer ein sicheres Zei-
chen nichtliturgischen Charakters.
Die Vorzeit war nicht so feinfühlig wie wir heute es sind. Wie man zu liturgischen Ge-
wändern ohne Bedenken auch Stoffe gebrauchte, in die recht weltliche Darstellungen einge-
webt waren, (7) weil man nicht auf den gegenständlichen, sondern nur auf den ornamentalen
Charakter derselben achtete, so hat man beispielsweise auch Waschschüsseln zu den liturgi-
schen Hände Waschungen verwendet, welche ausschließlich oder fast ausschließlich mit aus-
gesprochen profanem Bildwerk geschmückt waren. Deux hacins de chapelle d'argent, dorez,
en chaeun une rose en fonds ä un esmail de deux dames qui tiennent 2 faueons et semez
sur les bords d'esmaux ä oyseaux de proye, lesen wir beispielsweise im Inventar Carls V.
von Frankreich von 1379/80; deux baeins d'argent dore pour ung prelat quand il dit la
messe, une dame sur un cheval en l'un faicte en email et en I'autre ung nomine ä cheval
fait aussy en email, im Inventar des Herzogs von Savoyen von 1/498,(8) erhalten aberhaben
sich solche liturgische Waschbecken in den Domen zu Osnabrück und Halberstadt, dort
eines, hier zwei. Ebenso hat man zu den liturgischen Iländewasehungen Gießgefäße ge-
braucht, die gleich den zu Händewaschungen im Alltagsleben dienenden Löwen, Hunde,
Hirsche, Vogelgestalten, phantastische Tiergebilde, Ritter Jäger und ähnliches darstellten.
Freilich waren es meist nur Altargeräte untergeordneter Art, die eine derartige profan an-
mutende Ausstattung oder formale Beschaffenheit aufwiesen.

Nicht allzu selten kommt es vor, daß an der Echtheit eines Gerätes kein
Zweifel ist, daß es sicher irgendwie in kirchlichem Gebrauch gestanden hat,
daß es aber nicht klar ist, ob es zu den in der vorliegenden Arbeit zu behandeln-
den Altargeräten gehörte oder, falls es Altargerät war, zu welchem Zweck es
diente.

I J. Braun, Die liturgische Gewandung im Oceident und Orient (Freiburg 1907) 204 f.
I Gay I, 94 770.
//. QUELLEN, MONUMENTALE 13

So gibt es mittelalterliche Leuchter, die aus Kirchen stammen, also auch zweifelsohne
in diesen einst irgendwie zur Verwendung gekommen sind, deren eigenartige Form jedoch
kaum gestattet, in ihnen Altarleuchter zu sehen; Kreuze, von denen sich nicht feststellen
läßt, ob sie als Altarkreuze gedient haben, oder ob sie.nur Reliijuienkreuze waren; ziborien-
und monstranzartige Behälter, von denen es nicht klar ist, ob sie zur Aufnahme von Re-
liquien oder zur Aufbewahrung bezw. zur Aussetzung des AHerheiligsteo gemacht wurden,
d. i. ob sie Reliquiare oder cucharis tische Gefäße waren; Pyxiden, die ebensogut zur Aufbe-
wahrung konsekrierter Hostien wie zu der der noch zu konsekrierenden Hostien haben
dienen können, betreffs deren sich also nicht bestimmen läßt, ob Bie eucharistische Pyxi-
den oder bloße Hostienbüchsen waren. Lassen sich die Zweifel, ob und wie ein aus kirchli-
chem Gebrauch stammendes Gerät im Altardienst verwendet wurde, nicht genügend beheben,
wird man gut tun, es ebenfalls aus der Betrachtung auszuscheiden. Für das spätere Mittel-
alter hat das um so weniger Bedenken, als es aus diesem genug Geräte der gleichen Art
gibt, bezüglich deren Unklarheiten hinsichtlich ihrer Verwendung als Altargerät wie auch
hinsichtlich der Art dieser Verwendung nicht bestehen, an zuverlässigem Material für eine
Geschichte des Altargeräts kein Mangel ist.

Wichtig ist für eine Geschichte des Altargeräts eine möglichst genaue Datie-
rung der für sie als Material zu verwertenden Altargeräte aus früherer Zeit.
Bei manchen ermöglicht eine an ihnen befindliche Inschrift eine solche, bei
andern ihre formale oder ornamentale Verwandtschaft mit inschriftlich datier-
baren, wieder bei andern eine Stil- und formkritische Untersuchung. In vielen
Fällen wird man sich aber mit einer nur mehr oder weniger annähernd genauen
Feststellung ihrer Entstehungszeit begnügen müssen. Zu vermeiden sind Über-
datierungen, zu denen es leicht kommen kann und wie die Erfahrung lehrt, in
der Tat nicht allzu selten kommt; zu vermeiden eine genaue Datierung, wenn
für eine solche die vorhandenen Anhaltspunkte bei unvoreingenommener Wer-
tung nicht ausreichen, sondern nur gestatten, die Entstehungszeit mit größerer
oder geringerer Wahrscheinlichkeit annähernd zu bestimmen; zu vermeiden
eine mit dem Anspruch auf Sicherheit auftretende Aufstellung, wo immer nach
Lage der Umstände bestenfalls nur ein »vielleicht« oder ein »dürfte« am Platz ist.
Bei Altargeräten aus der zweiten Hälfte des Mittelalters bietet die Datierung im allge-
meinen keine erheblichen Schwierigkeiten. Läßt sich auch die Entstehungszeit nicht immer
genau bestimmen, so doch in der Regel mit ausreichender annähernder Genauigkeit. Ihre
Meister, die Werkstätten, aus denen sie hervorgingen, die Schule, der sie angehören, fest-
zustellen, ist freilich eine Sache, die nur selten gelingt. Indessen sind das ja auch Fragen,
deren Beantwortung zwar die Kunstgeschichte sehr interessiert, für die Geschichte des
Altargerätes aber ohne Bedeutung ist.
Anders wie mit der Datierung von Altargeräten aus der zweiten Hälfte des Mittelalters
verhalt es si;'I: hinr-ii'hi:idi (Si-rjeiij^üji von (reriilun uns der vorausgehenden Zeil, da es für
diese meist an sicher datierbarem Vergleichsmaterial fehlt und auch sonstige, die Ent-
stehungszeit genügend bestimmende Anhaltspunkte nicht immer vorliegen. Meinungsver-
schiedenheiten bezüglich ihrer Datierung können daher in Fällen, in denen eine genauere
Datierung nicht möglich ist, nicht überraschen. Altargeräte aus nachmittelalterlicher Zeit
zu datieren, bietet in der Regel keine Schwierigkeit, auch wenn ausdrückliche Angaben be-
züglich ihrer Entstehungszeit nicht vorhanden sind. Ihre formale Beschaffenheit und ihre
stilistischen Eigentümlichkeiten bieten für gewöhnlich hinreichende Anhaltspunkte zu einer
wenigstens annähernd genauen Bestimmung ihres Alters und zwar gilt das selbst von den
noch gotisierenden Altargeräten, deren namentlich in Deutschland noch viele bis tief in das
17. Jahrhundert entstanden.
14 EINLEITUNG

Die altchristliche Zeit und das Mittelalter haben im Westen wie im Osten
eine schier endlose Reihe materiell und künstlerisch oft höchst kostbarer Altar-
geräte geschaffen. Die literarischen Quellen, vor allem die Inventare mit ihren
oft langen Reihen der verschiedensten liturgischen Geräte legen dafür reich-
liehst Zeugnis ab. Leider ist von aller dieser Herrlichkeit nur ein winziger Teil
auf uns gekommen. Alles andere ist zugrunde gegangen, manches schon bald
nach seiner Herstellung, anderes erst im Verlauf der Zeit, sehr vieles, darunter
die wertvollsten und für die Geschichte des Altargeräts bedeutsamsten Stücke
im 16. Jahrhundert bei und infolge der damaligen kirchlichen Umwälzungen,
sehr vieles auch bei und infolge der Revolution zu Anfang des 19. Jahrhun-
derts und der mit ihr zusammenhängenden und auf sie folgenden Ereignisse,
zumal der Klosteraufhebungen und Säkularisationen. Hier fiel das Gerät dem
Feuer oder sonstigen Naturgewalten zum Opfer, dort den plündernden Hor-
den einer zügellosen Soldateska, anderswo der Habgier weltlicher Machthaber.
Manches ist eingeschmolzen worden zum Zweck, mit dem aus ihm erzielten Er-
lös drückende Schulden abzutragen oder sonstigen Noten abzuhelfen, Mittel
zu nötigen Neu- oder Wiederherstellungsbauten zu gewinnen oder Kriegs-
kontributionen zahlen zu können. Aber auch Sorglosigkeit, ja Nachlässigkeit
in Aufbewahrung, Behandlung und Gebrauch der Geräte sowie namentlich der
Wechsel im Geschmack hat endlich dazu beigetragen, daß zahllose der Altar-
geräte der früheren Zeit verloren gegangen sind, haben zahllosen derselben
Untergang und Verderben bereitet.
Von den Altargeräten, die in altchristlicher Zeit und in der ersten Hälft« des Mittelalters
entstanden, haben sich nur ganz vereinzelte Beispiele erhalten und zwar selbst im Westen,
Für den Osten kommt dazu, daß nicht alles, was aus ihm an Altargeräten aus jener Zeit
vorliegt, über jeden Zweifel sei es an seiner Echtheit oder doch an seinem Charakter als
Altargerät erhaben ist. (9) Für die zweite Hälft edes Mittelalters steht es im Bereich der
Riten des Ostens um etwaiges aus ihr noch vorhandenes Altargerät nur wenig besser als für
seine erste Hälfte und die altchristliche Zeit, und zwar selbst in Rußland, wo man aus ihr
noch am ehesten Altargeräte zu finden erwarten dürfte. Im Westen hat sich dagegen trotz
aller Verluste glücklicherweise so viel an Altargeräten aller Art aus dem späteren Mittel-
alter gerettet, daß wir wenigstens für dieses schon aus dem auf uns gekommenen Bestand
an solchen ein recht befriedigendes, für die Spätzeit sogar ein überraschend einlässiges Bild
der Entwicklung des Altargeräts gewinnen. Weitaus das meiste hat sich auf deutschem Bo-
den erhalten, zumal im nördlichen und westlichen Deutschland, von woher auch zahlreiche
Geräte stammen, die sich heute in außerdeutschen Museen und Sammlungen finden, doch
litrf'.'rn ar.ch tlii; amlem Lünaür reii'hliHi iii'isph.'Ji.'. darunter rntwiddiinL^-i'ji'liikjhtlich vAiv
bedeutsam. Was in Italien sich an Altargerät aus dem späten Mittelalter bis in die Gegenwart
gerettet hatte, ist zu einem sehr erheblichen Teil in ausländische Sammlungen gewandert,
so daß man die Geschichte des spätmittelalterlichen Altargeräts in Italien fast besser im
Ausland als im Lande selbst zu verfolgen vermag. Aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert ist
im Westen allenthalben noch eine Fülle von Altargerät vorhanden.

Altargeräte aller Art, die sich aus der Vergangenheit erhalten haben, sind in
großer Zahl in kunsthistorischen und archäologischen Zeitschriften und Jahr-
(9) Gemeint sind die in jüngerer Zeit angeblich auf Zypern und in Syrien gemachten
mysteriösen Funde, zumal ein bei Antiochien gefundener Kelch, den Reklamesucht und Spe-
kulation als Schöpfung des ersten christlichen Jahrhunderts ausgegeben, ja sogar als den
beim Letzten Abendmahl gebrauchten Kelch gedeutet haben.
//. QUELLES, MONUMENTALE 15

büchern, in Katalogen von Ausstellungen, von öffentlichen Museen und von


Privatsammlungen, in wissenschaftlichen kunsthistorischen, kunstgewerblichen
und archäologischen Werken, in Deutschland, Österreich und Böhmen aber
besonders auch in den Denkmälerstatistiken und Kunsttopographien nicht bloß
beschrieben, sondern auch in Abbildungen wiedergegeben. (10) Freilich bilden
sie nur erst den bei weitem kleineren Teil des noch vorhandenen Bestandes alten
Altargeräts. Auch handelt es sich bei ihnen, wenn auch nicht ausschließlich, so
doch vornehmlich um Gegenstände von größerer künstlerischer oder archäo-
logischer Bedeutung. Es wäre sehr zu wünschen, wenn auch die schlichteren,
nur oder fast nur durch ihre Form bemerkenswerten Geräte in größerem Aus-
maß zur Veröffentlichung kämen, da gerade sie für die Feststellung der for-
malen Entwicklung des betreffenden Gerätes und der Verbreitung der diesem
eigenen Form von besonderer Wichtigkeit sind.
(10) Alle diese Druckwerke hier einzeln anzuführen gestattet bei ihrer Menge der zur
Verfügung stehende Raum nicht, ist indessen auch nicht vonnöten, da die meisten und
bemerkenswertesten im Verfolg der Arbeit ohnehin ihresortes die gebührende Erwähnung
finden werden.
ERSTER TEIL
DIE VASA SACRA
ERSTER ABSCHNITT

GEFÄSSE ZUR DARBRINGUNG DES EUCHARISTISCHEN


OPFERS

DER KELCH

ERSTES KAPITEL
DER KELCH IN HEUTIGER ZEIT
T~\ ER Kelch ist gemäß dem Glauben und der Anschauung der römisch-katho-
J-'lischen Kirche wie aller Riten des Ostens jenes liturgische Gefäß, in dem
bei der Messe durch den Priester an Stelle, im Namen und in der Kraft Christi
der Opferwein konsekriert, d. i. seiner Substanz nach, jedoch unter Verbleib
seiner äußeren Gestalten in Christi Blut umgewandelt wird, das also zwar vor
dem Konsekrationsakt lediglich Wein war, nach demselben aber das Blut Christi
ist unter den bloßen Gestalten des Weines. Da nach derselben Auffassung der
Konsekrationsakt zugleich den Charakter des neutestamentlichen Opfers, d. i.
der unblutigen Erneuerung und Wiedergegenwärtigsetzung des Kreuzopfers
hat, das nach der Konsekration im Kelch befindliche Blut Christi aber bestimmt
ist, bei der Kommunion vom Priester genossen zu werden, ist der Kelch sowohl
öpferkelch wie Kommunionkelch.
Nach protestantischer Lehre findet eine Umwandlung des Weines in Christi
Blut in keiner Weise im Kelche statt. Der lutherischen Lehrauffassung zufolge
wird allerdings, wer zum Genuß des Kelches hinzutritt, des wahrhaften Blutes
Christi teilhaftig, doch erst im Augenblick des Empfanges und nur, wenn er
im Glauben den Kelch trinkt. Nach der Lehre der Kalviner und Reformierten
kann auch nicht einmal im Augenblick des Kelchgenusses von einem Empfan-
gen des wirklichen Blutes Christi die Rede sein. Nach allen protestantischen
Bekenntnissen aber ist die Eucharistiefeier in keinem Sinne ein Opfer, sondern
lediglich Mahl, ein das Letzte Abendmahl des Herrn erneuerndes Gedächtnis-
mahl, der Kelch also nicht Opferkelch, sondern ausschließlich Abendmahls-
kelch.
Der Kelch zeigt in den lateinischen Riten wie in denen des Ostens, den nesto-
rianischen ausgenommen, die gleiche Form. Dort wie hier besteht er aus einem
becherartigen Behälter, der sog. Kuppa, und einem Ständer, der seinerseits sich
wieder gliedert in einen Fuß und einen in der Mitte mit einem Knauf, dem sog.
Nodus, versehenen Schaft, der bald höher, bald niedriger ist. Kuppa, Fuß und
Schaft können verschiedenartig gestaltet sein, das obere Ende des Fußes aber,
der Fußhals, wird entweder mit dem unteren Ende des Schaftes so verschmol-
zen, daß Fuß und Schaft ohne Trennung in einander übergehen, oder durch
irgend ein trennendes Glied von ihm geschieden.
Die Form des Kelches ist nicht das Ergebnis diesbezüglicher kirchlicher Be-
stimmungen, sondern einer allmählichen, von praktischen Erwägungen gelei-
teten Entwicklung, durch die andere Formen, wie namentlich der Henkelkelch
BRACH, DAS CHRISTLICHE ALTARGERÄT 2
18 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

aus dem Gebrauch ausgeschieden wurden und der Kelch seine heutige tradi-
tionelle Form erhielt; eine Form, die zu ändern nicht einem einzelnen, und
zwar insbesondere auch nicht den Künstlern zusteht, die vielmehr, weil sie tra-
ditionell geworden und demgemäß die einzige rechtmäßige ist, nur von der zu-
ständigen kirchlichen Behörde umgestaltet werden kann. Das gilt namentlich
auch bezüglich des in jüngster Zeit hier und da versuchten, dem bindenden Her-
kommen jedoch widerstreitenden Weglassens des Nodus des Schaftes, dessen
Vorhandensein in verschiedenen Rubriken des römischen Missales ersichtlich
vorausgesetzt wird. (1) Ausdrücklich erklärte die Ritenkongregation gegen-
über wenig erfreulichen Versuchen, unter schönklingenden Namen neue Kelch-
typen zu schaffen, die in ihrer Form sich sehr einem profanen Weinglas an-
glichen und, wenigstens zum Teil, durch die Bildung der Kuppa die Gefahr
einer Verschüttung ihres Inhaltes nicht als allzufernliegend erscheinen ließen,
in einem Reskript vom 3o. Juni 1922: Ordinarius loci curet, ne calices a formis
traditionalibus differant ob periculum effundendi sacras species et excitandi
admirationem. (2)
Bei den IS'estorianem hat der Kelch die Gestalt einer fußlosen Trinkschale von etwa
20 Zentimeter Durchmesser. Von den Protestanten haben die Lutheraner an der aus dem
Mittelalter überkommenen traditionellen Form des Kelches durchweg nicht nur festgehal-
ten, sondern auch die stilistische Entwicklung, welche sich im 16., 17. und 18. Jahrhun-
dert unbeschadet der herkömmlichen Form mit dem Kelch des katholischen Kultus voll-
zog, unbedenklich mitgemacht, nur daß sie der Kuppa wegen der Art ihrer Abendmahls-
feier größere Maße gaben, damit dieselbe nämlich ein größeres Quantum Wein aufnehmen
könne. Die Reformierten hingegen verließen vielfach die überkommene Form des Kelches,
indem sie diesen entsprechend ihrer Auffassung vom Charakter der Abendmahlfeier zu
einem Pokal von der Art profaner Pokale oder Humpen umbildeten.

Bezüglich des Materials, aus dem der Kelch gemacht sein muß, sagt das römi-
sche Missale, er müsse entweder aus Gold oder Silber bestehen oder doch zum
mindesten eine im Jnnern vergoldete Kuppa aus Silber haben, (3) doch erschei-
nen in dem auf den Ritus der Meßfeier folgenden Abschnitt, der von den Män-
geln bei dieser handelt, auch Kelche aus Zinn zulässig, nicht aber Kelche aus
Kupfer (Messing, Bronze) und Glas..(4) Nach dem Ordo ad Synodum des römi-
schen Pontifikales sollen Kelch und Patene aus Gold oder Silber gemacht sein;
von Kelchen aus Zinn ist nicht die Rede, Kelche aus Kupfer (Bronze), Messing,
Glas und Holz werden ausdrücklich verboten. (5) Kelche aus Kupfer, Bronze
oder Messing gelten heute selbst dann als unzulässig, wenn sie nicht bloß im
Innern der Kuppa, sondern ganz vergoldet sind. Dagegen hindert nichts, den
Fuß und Schaft aus einem andern Metall als Gold und Silber herzustellen, wo-
fern nur der Kelch mit silberner inwendig vergoldeter Kuppa versehen wird. (6)

(1) Ritus celebr. VII, 4: Sinistra tenens nodum; VII, 5: Cum dextera autem nodum infra
cuppam; VIII, 7: Accipiens calicem juxta nodum infra euppam; X, 5: Calicem dextera manu
infra nodum cuppae aeeipit.
<2) Acta Apost. Sedis XIV (Romae 1922) 437. (3) Ritus celebr. I, 1.
(4) De defect. in celebr. oecurr. X, 1: Si non adsit ealix cum patena conveniens, euius cuppa
debet esse aurea vel argentea vel stannea, non aerea vel vitrea.
(5) Allocutio: Calix et patena sint aurei vel argentei, non aerei aut aurichalcei, vitrei
vel lignei. (6) Decret. auth. n. 3136.
ERSTES KAPITEL. DER KELCH KV HEUTIGER ZEIT 19

Ob es dagegen statthaft ist, dieselben statt aus Metall ausschließlich aus sonst
einem, wenn auch soliden, Material anzufertigen, wie z. B. aus Elfenbein oder
Krislall, muß angesichts des bestehenden Herkommens zum wenigsten als zwei-
felhaft bezeichnet werden. Dagegen steht nichts im Wege, Elfenbein oder Kri-
stall zusammen mit Metall zu ihrer Herstellung zu verwenden, also z.B. den
Nodus aus ihnen zu machen. Mit Chrisam gesalbt wird bei der Konsekration
des Kelches nur die Kuppa.
In den Biten des Ostens bestehen, wenigstens soweit sie nicht mit Rom uniert
sind, keine Vorschriften über das Material des Kelches. Kommen in ihnen doch
seihst noch Kelche aus glasiertem Ton, wie z. B. bei den Kopten, oder aus Holz,
das so hergerichtet ist, daß ihr heiliger Inhalt nicht in dasselbe eindringen kann,
vor. (7) In der Regel ist freilich auch in den Riten des Ostens der Kelch aus Me-
tall gemacht. Auch bei den Protestanten fehlt es an Bestimmungen hinsichtlich
des Materials des Kelches. Es kann deshalb nicht auffallen, wenn uns in prote-
stantischen Kirchen, wenn auch nur vereinzelt, selbst Kelche aus Glas begegnen.
So gibt es deren drei zu Gehlberg, darunter einen von 17^9, zwei aus dem An-
fang des 19. Jahrhunderts, (8) zwei von etwa 1800 zu Collmen, (9) sowie einen
aus dem 18. Jahrhundert, der sich vordem gleichfalls zu Collmen befand, im
Kunstgewerbemuseum zu Dresden. (10)
Den Kelch mit einem seiner Würde entsprechenden figuralen oder sonstigem
Schmuck auszustatten, ist auch gegenwärtig noch Brauch und angemessen. Es
muß in den zierenden Zutaten jedoch feines Empfinden und vornehme Zurück-
haltung herrschen. Sie dürfen sich nicht ungebührlich vordrängen, nicht als
die Hauptsache erscheinen wollen, nicht in irgendwelchen willkürlich ange-
brachten ornamentalen Gebilden bestehen, müssen vielmehr der Eigenart des
Gliedes des Kelches, an dem sie sich finden, angepaßt sein. Auch dürfen sie
nicht so beschaffen sein, daß sie die Handhabung des Kelches unbequem ma-
chen. Es kommt überhaupt nicht so sehr darauf an, daß man diesem eine mög-
lichst reiche Ausstattung zuteil werden läßt, als daß man ihm das gibt, was ihn
vor allem ziert, ihm in erster Linie künstlerischen Wert verleiht, eine edle,
gefällige Form, ruhig fließende Linien und Umrisse sowie fein abgestimmte
harmonische Verhältnisse seiner einzelnen Teile zu einander.

ZWEITES KAPITEL
BENENNUNGEN DES KELCHES
I. BENENNUNGEN ALLGEMEINEN CHARAKTERS

Lateinische Benennungen
Die Bezeichnungen des Altargerätes, das wir Kelch nennen, sind in den latei-
nischen Quellenschriften vornehmlich calix und scyphus. Nur sehr vereinzelt
wird es crater, poculum und fons genannt.
(7) Vgl. z.B. Roh. IV, 135E. (Kelche zu Moskau und Petersburg) und Mitt. XI (1866) II
(Kelche in orthodoxen Kirchen des Komitas Szathmär in Ungarn).
(8) Kd. von Sachsen-Koburg und Gotha, Amt Ohrdruf 151.
(9) Kd. von Sachsen XIX, 50. (10) A. a. 0.
20 VASA SACRA, ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

1, Calix. Die häufigste Bezeichnung ist schon in altchristlicher und früh-


mittelalterlicher Zeit calix und zwar ebensowohl in den nichtliturgischen Schrif-
ten wie in den liturgischen Büchern und den liturgischen Traktaten, in der
zweiten Hälfte des Mittelalters aber wird calix sogar die alleinige und offizielle.
Beispiele anzuführen, darf, als überflüssig, unterlassen werden. Daß aber das
Gefäß, in dem der eucharistische Wein konsekriert wird, von alters her mit
Vorzug calix genannt wurde, hatte seinen Grund nicht bloß, ja nicht einmal in
erster Linie darin, daß er seiner Form nach den calix heißenden profanen
Trinkbechern der frühchristlichen Zeit gleich oder doch verwandt war, sondern
■hauptsächlich darin, daß schon in der ältesten, wohl noch bis ins zweite christ-
liche Jahrhundert zurückreichenden lateinischen Bibelübersetzung, der Itala,
das itorfjpiov des Einsetzungsberichtes des griechischen Originals (Mat. 26, 27;
Marc, i'i, 23; Luk. 22, 17; 1 Cor. n, 20) mit calix wiedergegeben ist. Darauf
weist denn auch bereits deutlich genug die gallikanische Meßerklärung hin,
wenn sie in ihrem barbarischen Latein sagt: Sanguis Christi ideo specialiter
offertur in calice, quia in tale vasum consecratum fuit mysterium eucharistiae
pridie quam pateretur Dominus, ipso dicente: Hie est calix sanguinis mei. (1)
Was die Etymologie des Wortes calix anlangt, so leitet Isidor von Sevilla es wie cala-
thus und scala von dem griechischen -ti\w (=HoIz) ab. Es seien nämlich, so meint er,
diese Arten von Trinkgefäßen ursprünglich aus Holz angefertigt worden, (2) eine der bei
ihm so beliebten und häufigen rein äußerlichen Wortdeutungen, gerade wie die Etymo-
logie von calix, die sich bei Varro findet: Calix a caldo, quod in co calda puls (warmer
Brei) apponebatur et caldum eo bibebant. (3) In Wirklichkeit ist calix nichts anderes als
das griechische x&t£, wie schon Walafried Strabo richtig bemerkt (4): Calix dicitur a
greco, quod est xW.t;. Übrigens verband man in älterer Zeit mit der Bezeichnung calix
nicht, wie heute, ausschließlich, den Sinn von Konsekrationskelch, wie aus den weiter unten
zu besprechenden Sondernamen hervorgeht.

2. Scyphus, später auch seiffus (seifus) und eiffus (eifus), das griechische
oxü'io?. In der Sprache des AUtaglebens wie oxü'fo<;»Becher«, »Pokal« bedeutend,
kommt das Wort als Benennung des Konsekrationskelches nur in altchristlicher
Zeit vor. So heißt dieser scyphus bei Prudentius: Argenteis scyphis ferunt —
fumare sacrum sanguinem, (5) sowie im Liber Pontificalis in den Gabenver-
zeichnissen, die sich in den Vitae der Päpste Silvester I. (3i4—335), Damasus
(366—384), Innocentius I. (4oi—4i7), Bonifatius (4i8—422), Cölestinusl.
(422—43a), Xystus (432—44o), Hilarus (46i—468) und Hormisdas (5i4 bis
023) finden. (6) Denn die scyphi, die in diesen aufgeführt werden, können wegen
ihres kostbaren Materials und ihrer Größe sowie namentlich, weil sie regel-
mäßig an erster Stelle genannt werden, im Gegensatz zu den in ihnen verzeichne-
ten, calices oder gewöhnlich bestimmter calices ministeriales genannten Spende-
kelchen nur als Konsekrationskelche verstanden werden. Ob und inwieweit
scyphus auch im außerrömischen Sprachgebrauch in der Bedeutung von Konse-

(1) M. 72, 93. (2) Etymol. \. 20, c. 5 (M.82, 716).


(3) Ling. 5, 127. (4) De ecclest. rerum exordiis c. 7 und 24 (M. 114, 927, 951).
(5) Peristeph. hymn. 2, 69 f. (M.60, 300).
(6) DOCH. L. P. I, 1701, 212, 221, 228, 230, 232, 243, 271.
ZWEITES KAPITEL. I. BENENNUNGEN, LATEINISCHE 21

krationskekh gebraucht wurde, läßt sich nicht feststellen. (7) Indessen behielt
auch zu Rom das Wort nicht allzulange diesen Sinn, wie es dort überhaupt zu
keiner Zeit die ausschließliche Bedeutung des Konsekrationskelches gewesen sein
durfte. Sind doch anscheinend schon unter den scyphi argenteiV., die im An-
schluß an einen calix aureus cum gemmis in einem Gabenverzeichnis der Vita
Johannes' II. (533—535) (8) aufgeführt werden, nicht Konsekrations-, sondern
Spendekelche zu verstehen. In den römischen Ordines des 8. und g. Jahrhun-
derts wird der Konsekrationskelch stets nur calix genannt, unter scyphus aber
ist in ihnen bloß noch der Spendekelch sowie der Kelch, in den beim Einsam-
meln der Opfergaben der geopferte Wein gegossen wurde, verstanden. (9) Seit
etwa der Wende des ersten Jahrtausends verliert dann jedoch auch der Obla-
tions- und der Spendekelch die Benennung scyphus. Soweit diese noch als Son-
dergerät in Gebrauch waren und nicht durch den Konsekrationskelch ersetzt
wurden, wurden auch sie nun stets calix genannt.
Barbieh de Montaui.t (10) irrt, wenn er sagt, noch der Micrologus des Bernold von Kon-
stanz (-j-1 ioo) kenne scyphus als Bezeichnung des Spendekelches; denn die von ihm hier-
für angeführte Stelle findet sieh keineswegs bei Bernold, sie ist vielmehr dem dem g. Jahr-
hundert angehörenden 3. römischen Ordo entnommen, und nicht anders verhält es sich,
wenn er (11) schreibt, Sicard von Gremona vergleiche im la. Jahrhundert den »scyphus«
mit dem Prediger, der seine Zuhörer berausche, und den in ihm befindlichen Wein mit
dem Zuhörer, der vom Wein der (göttlichen) Wissenschaft berauscht werde. Sicard redet
nämlich an der fraglichen Stelle nicht von einem als Spendekelch dienenden scyphus (Mitr.
1. i, c. i3 [M. 2i3, 5o]), sondern von den becherartigen Blumen am Schaft und an den
Armen des siebenarmigen goldenen Leuchters der Stiftshütte. Reichlich phantastisch ist
Barbier de Montaults Deutung zweier scyphi, zweier concae, zweier Handtücher und eines
silbernen scyphus mit zugehörigem Löffel, die zugleich mit io solidi der Kanonikus Ar-
taldus im 12. Jahrhundert der Kathedrale von Lyon als Beitrag zum Bau des Turmes der-
selben schenkt. (12) Die zwei erstgenannten scyphi sollen nach ihm Ablutionskelche, die
zwei concae deren Untertassen, die Handtücher Tücher zum Abtrocknen des Mundes der
Kommunikanten, der silberne scyphus ein Spendekelch und dessen Löffel ein Löffel zum
Austeilen des heiligen Blutes gewesen sein. In Wirklichkeit handelt es sich bei allen diesen
Stücken lediglich um profane Geräte, um Geräte des Alltajrsgebrauchs, wie sie oft zum
Besten eines Kirchenbaues gespendet wurden, damit deren Erlös für diesen verwendet werde.

Zwar begegnen uns noch im späten Mittelalter, ja selbst noch in nachmittel-


alterlicher Zeit in den schriftlichen Quellen scyphi, die zu liturgischen Zwecken
dienten, es handelt sich bei denselben jedoch nicht um einen Konsekrations-,
Oblations- oder Spendekelch. Am häufigsten ist unter ihnen der Ablutions-
becher, ein becherartiges Gefäß verstanden, mittels dessen man statt mittels des
Kelches den Kranken nach dem Viatikum das Wasser, in dem der Priester seine
Finger purifiziert hatte, sowie den Gläubigen nach Empfang der Kommunion
Wein oder eine Mischung von Wein und Wasser zwecks Ausspülens des Mundes
zum Trinken reichte. So z.B. in c. 12 der Synode vonExeter aus dem Jahre 1287:

(7) Unter dem scyphus in Paulins von Nola Carmen 19, v. 467 (C. SS. eecl. 30. 134) ist
nicht ein Kelch zu verstehen, wie Barbier de Montault meint (Bull. mon. XLVII [1881] 155),
sondern etwas ganz anderes, eine Lampenschale. (8) Ducir. L. P. I, 276.
(9) Vgl. z.B. Ordo Ln.13. 20; Ordo II n.9, 14; Ordo III, n.12, 16 (M. 78, 943, 946, 973,
976, 980, 982) sowie den Ordo von St-Amand (Di.cir., Orig. 461f.).
(10) A. a. O. 157, (11) A. a. 0.161. (12) A. a. O. 162.
22 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Scyphus argenteus vel stanneus pro infirmis, ut postquam eucharistiam assum-


pserint, loturam digitorum suorum sibi praebeat in eodem;(13) im Inventar
des Domes zu Monza von 1290: (14) Scyphus argenteus parvus, qui portatur
ad infirmos; in einem Inventar des Zisterzienserklosters Heilsbronn von i334:
Item duo picaria (Becher) sive cyffi argentei pro communicantibus;(15) im
Inventar des Prager Domes von i354: Cyphus onichinus cum pede argenteo
deaurato pro infirmis et pro communicantibus in parasceven deputatus, quem
idem rex (Carolus) dedit; (16) und noch in den Statuten der Kölner Synode von
j655,(17) sowie in denen der Metzer Synode von 1699.(18)
Im Inventar Kleinem' V. von i3ii ist mit cifus die Kuppa des Kelches im Gegensatz zu
dessen Ständer bezeichnet. (19) Auch becherförmige Reliquiare werden in den Inventaren
bisweilen scyphus genannt. (20) Eine ziemlich flache, aber weite silberne Trinkschale in der
ehemaligen Abteikirche zu Werden mit niedrigem, ringförmigem Fuß, in den Reliquien ein-
geschlossen sind, die man irrig als Patene gedeutet hat, wird in einer im i3. Jahrhundert
an ihr angebrachten Inschrift als ciphus s. Ludgeri bezeichnet. Trinkbecher waren die
scyphi, in denen nach einem Rituale von St. Martin zu Tours von 1206 am "Gründonnerstag
nach dem Mandatum dem Dekan und den Kanonici der Kirche Wein kredenzt wurde. (21)
3. Grater, poculum, fons. Crater, das griechische xpax^p, begegnet uns als Be-
nennung des Kelches nur in älterer Zeit. Größere Verbreitung hat die Bezeich-
nung anscheinend nie gefunden. Sie dürfte nur da heimisch gewesen sein, wo grie-
chischer Einfluß sich geltend machte wie zu Bavenna. Daß sie hier gebräuch-
lich war, bezeugt des Agnellus Liber Pontificalis Ravennatensis in der Vita des
heiligen Petrus Chrysologus, (22) sowie in der des Erzbischofs Felix: (23) Ora-
lerem aureum unum lesen wir in jener, craterem unum crystallinum et alios
crateres duos in dieser. Das nur vereinzelt als Name des Kelches vorkommende
poculum hat stets, wenn Bezeichnung desselben, einen es näher bestimmenden
Zusatz, wie in des heiligen Ambrosius Schrift De offieiis: Poculum mysti-
cum. (24). Fons bedeutet in dem 1., 2. und 3. Ordo Mabillons das Gefäß mit
(18) H. VII, 1087. (14) Bull. mon. XLI (1880) 629.
(15) Rcpertorium für Kunstgeschichte! (1876) 85f. Die Kommunion unter beiden Ge-
stalten wurde bei den Zisterziensern durch das Generalkapitel von 1261 abgeschafft. Sie
erhielt sich bei ihnen nur beim Diakon und Subdiakon in der feierlichen Messe, jedoch nur
bis zum Jahre 1437, in dem sie auch für diese verboten wurde. Im Inventar von 1500 heißt
es: Zwen silbern pecher pro communione.
(16) A. Podlaha und E. Sittler, Der Domschatz in Prag (Prag 1903) 159. Die von
Karl IV. laut Inschrift auf dem Fuß 1350 ad usus infinnorum dem Dom geschenkte Onyx-
schale als Spendekelch zu deuten, wie J. Sme.nd (Kelchspen düng und Kelchversagung [Göt-
tingen 1898] 16) es möchte, ist nicht begründet. Dagegen spricht nicht nur die Widmungs-
inschrift auf dem Fuß, sondern auch die Form und Größe der Schale. Wie wenig aber sich
das aus der Angabe des Inventars pro eommunicantibus in parasceven erweisen läßt, be-
kunden von Smehd (ebd. 541) mitgeteilte Eintragungen in Kirchenrechnungen der Willi-
brordus- und der Mathena-Pfarrkirche zu Wesel aus dem 15. und 16. Jahrhundert, in denen
die Ausgaben für Wein, omb dat volke mede to communiuiren — daer men die lüde mede
co mm uni ei er de in de hochtyde to paeschen, vermerkt sind und die von Smekd selbst richtig
auf Spendung des Ablutionsweines, nicht auf die Kommunion unter der Gestalt des Weines
gedeutet werden. (17) Tit. 6 (Hartzh. IX, 824). (18) Tit. 6, c. 5 (ebd. X, 236).
(19) Regest! Clem. V., App. I, 381. (20) Beispiele in Bull. mon. XLVII (1881) 174.
(21) Bull. mon. XLVII (1881) 161; vgl. auch die am Ostertag einem gleichartigen Zweck
dienenden scyphi in einem Cäremoniale von Le Puy (ebd. 164). Ausführlich handelt Bar-
bier he Montault Bull. mon. XLVII (1881) 1531 vom scyphus, doch kranken seine Ausfüh-
rungen an manchen Irrtümern und Mißverständnissen, auf die hier im einzelnen einzugehen
jedoch nicht möglich ist. Auf einige wurde vorhin schon hingewiesen.
(22) C. 4 (M. 106, 558). (23) C.5 (ebd. 707). (24) L. 2, c.28 (M. 16, 142).
ZWEITES KAPITEL. 1. BENENNUNGEN, GRIECHISCHE 23

dem Wasser, von dem ein wenig bei Herrichtung der Opfergaben in den Kelch
gegossen wurde, im Ordo von St. Amand dagegen, (25) freilich auch nur hier,
den zur Ausspendung des heiligen Blutes an die Gläubigen dienenden Kelch.
In die Volkssprache ist nur die Benennung calix übergegangen, italienisch
calice, spanisch cäliz, katalanisch calzer, portugiesisch calice, englisch chalice,
französisch calice, deutsch Kelch, holländisch kellt, schwedisch-dänisch kalk,
böhmisch kalich, ungarisch kehely. Begreiflich übrigens, weil calix von jeher
die vorherrschende, zuletzt sogar die ausschließliche Bezeichnung des Kelches
war.
Griechische Benennungen
In den griechischen Quellen begegnen uns als Bezeichnungen des Kelches
■jroTYjpioVj StoxoroT^piov, xpairjp und xü-s>.),ov.
i. riorijp'.ov. Wie in den lateinischen Schriftquellen der Kelch von jeher vor-
nehmlich calix genannt wird, so heißt er zu aller Zeit in den griechischen vor-
zugsweise -oTTJpiov. Leicht verständlich freilich, weil ja auch der Abendmahls-
kelch in den Einsetzungsberichten des griechischen Urtextes der Synoptiker
und des i. Korintherbriefes die Benennung ttottjp'.ov hat. Zusätze, die man zu-
mal in älterer Zeit nicht selten dem Wort beifügte, sollten den Kelch im Unter-
schied von den profanen noTjjpia deutlicher als eucharistisches Gefäß kennzeich-
nen und zugleich auf seine Erhabenheit und Würde hinweisen. So wird er vom
heiligen Athanasius als geheimnisvoller Kelch irotijpiov jiuotlxov, (26) als Kelch
des Herrn, TroTYJptov xopiaxöv, (27)vom heiligen Johannes Chrysostomus als gei-
stiger und makelloser Kelch, Tratvjpiov ■CTsujKtTixöv, -rcoTJjpiov ä^paviov(28) als
furchtbarer, schreckensvollster Kelch.-oT^piov «o^spov, iro-rjpiQv'?pixoSssTsrav (29)
und als Kelch der Segnung, Tiotviptov x?,s e&XoYta?, (30) von Johannes Moschus
als heiliger Kelch, t4 Syiov t:otyjpiov, (31) bezeichnet. Irenäus nennt den Kelch
tJ xsxpajrsvov T;oi7]piov, gemischten Kelch, (32) wegen des dem Opferwein bei-
gemischten Wassers, Cyrill von Jerusalem xb TrotTjptov xoü atJMreo;, Kelch des
Blutes, wegen seines Inhaltes, des Blutes Christi. Auf das griechische iro-rfjptov
geht die koptische Bezeichnung des Kelches poterion sowie die slavische potir
zurück.
2. Aioxoirorfjptov. Der Kelch wird SiaxoTrot^piov genannt, wenn er zusammen
mit der zu ihm gehörenden Schüssel, otaxo? genannt, der Patene des griechi-
schen Ritus, gedacht wird. Die Bezeichnung war schon wenigstens gegen Ende
des ersten Jahrtausends in Gebrauch. Begegnet sie uns doch bereits in der an-
onymen Vita des Kaisers Romanus Lacapenus (920—p/to), von dem sein Bio-
graph berichtet, er habe nicht nur mehrere Kirchen und Klöster gestiftet, son-
dern diese auch mit goldverzierten Paramenten und mit 8wx©m>T()pia begabt. (33)
Häufig findet sie sich in den griechischen mittelalterlichen Schriftquellen aller-
dings nicht.
(25) Doch., Orig. 462. (26) Adv. Arianos n.ll (Mg. 25, 265). (27) I.e. 385.
(28) Hom. de resurrectione Dominica n. 2 (Mg. 50, 436).
(29) Hom. 24 in epist. 1 ad Corinth. n. 1 (Mg. 61, 199)^ (30) J. e. 200.
(31) Prat. spirit. c.48 (Mg. 87, 2904).
132) Contra haer. 1.5, c.2 (Mg. 7, 1125). S. CyrilU Catech.23, «.22 (Mg. 33, 1125).
(33) N.44(Mg. 109, 448).
24 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

3. Kpatvjp. Den Kelch xpa-djp zu nennen, scheint ziemlich gebräuchlich gewesen


zu sein. Schon bei Gregor von Nazianz heißt er in dessen fünften Rede gegen Ju-
lian o fjiüoxixö^ xpatT)p.{34) Nicht den eucharistischen Kelch, sondern kelchförmige
Aufsätze auf Säulen bezeichnen dagegen diexpaxTjps<;,von denen in des Eusebius
Vita Constantini (35) die Rede ist. Relege aus späterer Zeit bieten beispielsweise
Johannes Cantacuzenus in De rebus ab Andronico Palaeologo necnon a se ge-
stis, (36) Nicetas in seinem Liber de rebus post urbem captam factis (37) und
Codinus in De officiis Constantinopolitanis. (38) Daß aber auch den liturgi-
schen Rüchern die Rezeichnung nicht fremd war, erhellt aus der griechischen
Jakobusliturgie (39) und einer von Angelo Mai veröffentlichten griechisch-
antiochenischen Liturgie aus dem S. Jahrhundert. (40) Anscheinend machte
man einen Unterschied zwischenxpatyjp und irotv;p[ov,wie aus der Mooruuj dscopiet
des Pseudo-Germanus hervorgehen dürfte, die beide Gefäße als verschieden von
einander behandelt: To Ss ^oT/jpiov io-riv ctvtl tq5 axeuous, o sosi-aio t4 ix^uÖsv Ki|ta
t9j? XEVTsdeL3r(i ayaivzo-j TJÄsupä: . ... 6 8s xpaxJjp "h pasiov ^offjpiov, ottso oiowxs xot?
[ta&YjxaTs aötou £v T(jj Stomp, (41) Er kann aber nur ein formaler gewesen sein und
so mag man, wenigstens in älterer Zeit, unter xpaijjp wohl einen mit Henkeln
versehenen Kelch, unter -noTYjpvovaber einen henkellosen verstanden haben. Spä-
ter dürfte sich dann freilich der Unterschied in der Renennung in soweit ver-
wischt haben, daß nun r.ozi$:m alle Arten von Kelch bedeutete.
4. KuksXXov. Das Wort scheint als Rezeichnung des Kelches nur ausnahmsweise
gebraucht worden zu sein, vielleicht, weil es einen zu profanen Sinn hatte. Es
kommt in der Redeutung von Kelch, soweit sich feststellen ließ, in den Quellen
nur zweimal vor, im achten Buch der apostolischen Konstitutionen (42) und
etwa ein Jahrhundert später bei Agathias (-j-58o), (43) also nur in zwei frühen
Quellen. In späteren findet es sich als Benennung des Kelches nicht mehr.
Bei den Syrern heißt der Kelch coso, bei den Armeniern bashak.
II. SONDERBEZEICHNUNGEN • -
Außer den vorhin besprochenen Bezeichnungen allgemeinen Charakters be-
gegnen uns für den Kelch in den Quellen des Westens, zumal in denen der älte-
ren Zeil, auch noch eine Anzahl von Sonderbezeichnungen. Ein näheres Ein-
gehen auf sie dürfte um so angebrachter sein, als sie ein lehrreiches Licht auf
die ehedem weiter denn heute gehende Verwendung des Kelches werfen.
2. Calix sanetus. Die Bezeichnung calix sanetus wird, wo immer sie uns be-
gegnet, nur vom Konsekrationskelch gebraucht. Sie kommt bloß im 8. und
9. Jahrhundert und zwar ausschließlich in römischen oder doch von römi-
schen abhängigen Quellen vor, wie z. B. in der Vita Hadriansl. (772—795) (44)

(34) N. 2 (Mg. 35, 665). (35) L. 3, c. 38 (Mg. 20, 1097). (36) L. 1, c. 41 (Mg. 153, 288).
(37) N. 6 (Mg. 139, 981). (38) C. 17 (Mg. 157, 112). (39) Bmgiitmak 62, 64.
(40) Nova Bitl. PP. collect. X 2 (Romae 1905) 97.
(41) Mg. 98, 389; vgl. auch I.e. 450:Töts U xojifcwH föojf fcpfjukorewi tk (Hxp4n Xt^nlEpimi wtt
•/.: vnjso-i i; ■i.:j-'/j ~','. r: vs.v.'i.v-.'i. -.'■ l:,l:y. -w:l'?.. :;.'t: v.'.s.ri ;i; ;'-; ~',-ii\i eUv.
(42) C. 12 (Mg. 1 • 1092). ' HSV fest. I. 2, n. 1 (Mg. 88, 1326).
(44) Ducii, L. P. I, 512: Fecit in ecclesia s. Dei Genitricis ad Praesepem patenam et eali-
cem san et um ex nitro obrizo, pensantes 1. 20... fecit in basilica b. Pauli apostoli patenam
ex auro obrizo cum calice saneto pensantes similiter 1. 25.
ZWEITES KAPITEL. IT. SONDERBEZEICHNUNGEN 25

und Leos IV. (847—855), (45) im 3. der römischen Ordines, (46) in dem yon
Duchcsne herausgegebenen Ordo von St. Araand, (47) sowie im Capitulare eccle-
siastici ordinis, (48) wo jedoch sanctus durch das gleichwertige sacer ersetzt ist:
De calicc sacro ponit ad confirmandum populum.
In späteren Quellen findet sich die Benennung calix sanctus (sacer) als Sonderbezcich-
nung des Konsekrationskclches nicht mehr; siü v.;ä; :n:r i'-u :. än-i";ljf i-p -D'-.n '.■■-<: Sjir;vü" mvm; ::
von verhältnismäßig kurzer Lebensdauer. Wenn man aber den Konsekrationskelch zu Rom
vor allen andern dadurch auszeichnete, daß man ihn in ausnehmendem Sinn calix sanctus
nannte, so geschah das nicht, weil man nur ihn, nicht die übrigen als res sacra betrachtet
oder weil er allein eine kirchlich'1 Scgiumg erhallen hätte, durch die er calix sanctus wurde,
sondern weil er zur erhabensten, in höchstem Grade heiligen Kulthandlung gebraucht
wurde. Den Konsekrationskelch vor den übrigen Kelchen, zumal dem Spendekelch, kenn-
zeichnend, verlor der Käme naturgemäß in gleichem Maße seine Bedeutung, in dem die Zahl
der Kommunikanten abnahm und man infolgedessen auch zu Rom den Konsekrationskelch
als Spendekelch verwendete.

2. Calix ministeriaiis. Eine den Spendekelch von dem Konsekrationskelch un-


terscheidende Bezeichnung. Sie begegnet uns lediglich im Liber Pontificalis,
aber auch in diesem fast nur in Vitae von Päpsten der altchristlichen Zeit, wie
in der Vita Silvesters, Damasus', Xystus' und Hilarus'. (49) Ihre späteste Erwäh-
nung findet die Bezeichnung in der Vita Hadrians I. (772—790) (50) und,
wenn auch nicht mehr unter der Benennung calix ministerialis, sondern unter
der dem Sinne nach gleichen calix communicalis, in der Vita Leos III. (795 bis
816). (51) Dann verschwindet der Name aus der Geschichte. In den römischen
Ordines des 8. und 9. Jahrhunderts heißt der Spendekelch scyphus.
Im allgemeinen Gebrauch hat die Bezeichnung calix ministerialis nie gestanden. Die
außerrömischen Quellen bieten für sie keinen Beleg. Es ist darum auch unzutreffend, wenn
man sie, wie es allerdings wohl geschieht, schlechthin als die Benennung des Spendekelches
hinstellt, gleich als wäre sie stets und überall der terminus technicus für diesen gewesen.
Nur zu Rom nachweisbar, hat sie selbst dort keine über die altchristliche Zeit sehr lang
hinausgehende Lebensdauer gehabt. Bemerkenswert ist, daß die calices ministeriales im
Liber Pontificalis stets eine erheblich geringere Grüße haben als die gleichzeitig mit ihnen
in demselben angeführten Konsekrationskelche. Keiner wiegt mehr als zwei oder drei rö-
mische Pfund, während die Konsekrationskelche oft das Drei- bis Sechsfache, ja mehr an
Gewicht aufweisen.

3. Calix (soyphus) stationarius (Stationalis). Eine römische Sonderbezeich-


nung des Kelches, der bei den Stationsfeiern als Konsekrationskelch diente. Es
war nämlich Brauch, das zu diesen Feiern erforderliche liturgische Gerät in die
Kirche, in der Station gehalten wurde, mitzunehmen. (52) Die Bezeichnung
findet sich übrigens nur selten, wie in der Vita Hilari (46i— 468) des Liber
Pontificalis:(53) In urbe vero Borna constituit ministeria, qui cireuirent sta-

(45) Ebd. II, 116: Obtulit in basilica b. Stephani patenam et calicem sanetum modicum
de argento, pensantem 1. IY2... in oratorio s. Nicolai calicem sanetum auroque perfusum,
evangelistarum habentem iconas et crucem pensantem 1. 4.
(46) N. 16 (M.73, 282): Ipse pontifex confirmatur ab archidiacono in calice saneto.
(47) Di:ch., Orig. (Paris 1903) 461.
(48) Memorie della Pontif. Aecademia di archeol. 1923, 200.
(49) Dicii. L. P. I, 170f„ 212.232f., 243. (50) Ebd. 507. (51) Ebd. II, 33.
(52) Vgl. 1. Ordo, n. 3 und 3. Ordo, n. 4 (M. 78, 939, 977). (53) Ducn., L. P. I. 244.
26 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT, DER KELCH

tioncs, scyphum aureum stationarium pensantem 1.8, scyphos argenteos 20 per


titulos pensantes singuli 1. 10., in der Vita Hormisdae (Sri—Ö23) desselben:
Scyphos argenteos Stationales 6 cum ducibus (wohl Saugröhrchen) pens. sing.
1. 6, (54) sowie im Ordo von St. Amand. (55) In letzterm wird der calix stationa-
rius gleich darauf ausdrücklich calix sanctus genannt.
ü. Calix maior, calix minor. Sonderbezeichnungen, bei denen es sich nicht
immer lediglich darum handelte, einen Kelch nach seiner Größe zu kennzeich-
nen, wie es beispielsweise in einem Inventar von Speyer aus dem Jahre io51 ge-
schieht, wenn es darin heißt: Calices duo aurei cum patenis, magnus guidem
unus, alter minor (56) oder im Inventar von Centula (St-Riquier) aus dem
Jahre 831, in dem bezüglich der Kelche gesagt wird: Calices ex argento maio-
res 2, minores i3. (57) Außer ihrem nächstliegenden hatten sie nämlich auch
wohl noch einen weiteren Sinn. Wie man mit altare maius nicht bloß einen
größeren, mit altare minus nicht bloß einen kleineren Altar bezeichnen, son-
dern auch jenen als Haupt-, als Hochaltar, diesen als Nebenaltar charakteri-
sieren wollte, und wie die römischen Ordines unter diaconus minor nicht einen
Diakon von kleinerer Körpergestalt, sondern einen dem Archidiakon im Rang
nachstehenden Diakon verstanden, so besagt, wenn auch nicht immer, calix
maior und calix minor eine gewisse Rangordnung der Kelche zu einander, wie
etwa Hauptkelch bzw. Nebenkelch, Hilfskelch oder Kelch für die Hauptmesse
bzw. Kelch für die minder feierlichen Messen. Im ersteren Sinn wird man, wie
es scheint, calix maior und calix minor in der Carta Cornutiana und in den
Gabenverzeichnissen der Papstbiographien des !\. bis 6. Jahrhunderts des Liber
Pontificalis zu nehmen haben, wo wir unter jenem wohl den Konsekrations-
kelch, unter diesem etwa den Spendekelch, den calix ministerialis zu verstehen
haben; im zweiten beispielsweise in einem Inventar des Klosters Abdinghof zu
Paderborn von 1 io5, in dem die 5 calices minores im Gegensatz zu den vorher-
genannter., darunter einem argenteus calix maior als zum täglichen Gebrauch
(ad cotitianum usum) bestimmt naher gekennzeichnet werden (58) sowie in
des Udalrigus Consuetudines Cluniacenses, in denen es heißt, es sollten im
Schrank beim Altar sein duo calices aurei cum patenis diversae quantitatis,
minor ad missam matutinalem, maior ad maiorem. (59)
5. Calix ad bapüsmum. Ein Kelch, der in der auf die Spendung der feier-
lichen Taufe folgenden Messe dazu diente, den Neugetauften die Kommunion
zu reichen. Kelche dieser Art werden nur einmal erwähnt, in des Liber Ponti-
ficalis Vita Innocenz' I. (4oi—417), in der berichtet wird, derselbe habe der
von ihm neugegründeten Kirche der heiligen Gervasius und Protasius unter
anderm geschenkt scyphum argenteum anaglifum pensantem 1.10 (Konse-
krationskelch), calices argenteos 5, pensantes singuli I. 3 (Spendekelche) und
calices argenteos ad baptismum 3 pensantes singuli 1. 2. Begreiflich übrigens,
(54) Ebd. I, 272. (55) Duch., Orig. 459.
(56) ScHAifrsAT, Vindemiae litt. (Leipzig 1723) 9.
(57) Chron. Cent. 1.3, e.S (M. 174, 1257).
(58) Mart. et Durand, Voyage literaire de deux bengdictins II (1724) 241.
(59) L. 2, c. 30 (M. 149, 715); vgl. auch Wiluelmi abb. Hirsaug., Constit, Hirsaug. 1. 1,
c. 74 (M. 150,1010).
ZWEITES KAPITEL. IL SONDERBBZEICHNIWGEN 27

da es zur Spendung des heiligen Blutes in der Messe nach der Taufe keines be-
sonderen Spendekelches bedurfte. Es konnte das mit dem gewöhnlichen Spende-
kelch geschehen und es geschah denn auch zweifellos in der Regel mit diesem.
Wenn Ron. IV, 55 sagt, es sei oft die Rede von calices baptismales, so ist das durchaus
irrig. Ein gut Stück Phantasie aber ist es, wenn er ebendort in zwei antiken, mit aufgeleg-
ten Fischen und Muscheln verzierten profanen Glasbechern, von denen einer zu Trier ge-
funden wurde, der andere sich im Museo cristiano des Vatikans befindet, Taufkelche sehen
möchte. Übrigens könnten die drei in der Vita Innozenz' I. erwähnten calices ad baptismum
auch als die Kelche für die Mischung von Milch und Honig verstanden werden, die in der
an die feierliche Taufe sieb anschließenden Messe gegen Schluß des Kanons gesegnet und
den Täuflingen nach Empfang der Kommunion zum Trinken gereicht wurden, ein Brauch,
der im 5. Jahrhundert auch noch zu Rom bestand, (60) dann aber sich dort verlor. Im
Taufrilus des Gelasianum und Gregor'ianum begegnet er uns nicht mehr.

6. Calix offerendae, offerendarius, ad offerendum faciendam. Man verstand


unter ihm entweder einen Kelch, in den der Opferwein bei der Darbringung
der Opfergaben zunächst gegossen wurde und dem dann nach beendetem Opfer-
gang die zu konsekrierende Menge Wein entnommen wurde, oder aber Kelche,
in denen der Wein beim Opfergang geopfert wurde. Der Opferkelch im ersten
Sinn ist identisch mit dem scyphus, in den nach dem i., 2. und 3. römischen
Ordo und dem Ordo von St. Amand beim Einsammeln der Opfergaben die
Känncben (amulae) mit dem Opferwein ausgeleert wurden. Die Opferkelche
der zweiten Art vertraten die amulae, in denen der Wein geopfert zu werden
pflegte. Von einem calix offersionis oder offerendarius, auch calix offe-
rendae in der ersten Bedeutung hören wir noch im 12. Jahrhundert in des
Beroldus Ordo ecclesiasticus Mediolanensis (61): Duo observatores octo mino-
rum custodum portant calicem offerendarium, in quem colligitur vinum, quod
offerlur, ja selbst noch im i4. in dem Inventar von Westminster von i388:
Calices sunt octo argentei cum totidem patenis, quorum primus est magnus cum
duabus auriculis pro oblatis deputatus. (62) Opferkelche der zweiten begegnen
uns in einem Inventar von St-Martial zu Limoges aus dem zweiten Viertel des
i3. Jahrhunderts, (63) in des Udalric Consuetudines Cluniacenses (64) und in
Wilhelms Constitutiones Hirsaugienses. (65) Nach den beiden letzten soll-
ten an Nichtfesttagen für den Opfergang in der Frühmesse (missa matutinalis)
fünf, in der Hauptmesse (missa maior) drei calices medioeres zur Aufnahme
des von den Fratres zu opfernden Weines bereitgestellt werden. Ausdrücklich
wird in den Hirsauer Konstitutionen bemerkt, daß die zur Darbringung der
Opfergaben dienenden Kelche nicht konsekriert seien und darum auch von den
Laienbrüdern gewaschen werden dürften. Wie lange der Brauch bei den Clunia-
zensern sich erhielt, ist nicht festzustellen. Nach einem Inventar von 1669 be-
stand er in der Kathedrale zu Reims noch im späten 17. Jahrhundert. Deux

(60) Johahn. DiAC., Epist. ad Senarium n. 12 (M. 59, 405). Vgl. auch die Segnungsforme]
in der Pfingsttaufmesse des sogenannten Leonianum (M. 55, 39).
(61) Muratori, Antiq. Ital. IV (Milano 1741) 869, 872, 873, 882.
(62) Archaeologia LH (1890) 231.
(63) Bibl. 4e Serie I (1855) 31; Tres parvos calices ad offerendam faciendam.
(84) L. 3, c. 12 (M. 149, 755). (65) L, 2, c. 30 (M. 150 1083).
28 VASA SACRA. ERSTER ABSCHMTT. DER KELCH

autres calices avec Ieurs platines d'argent dore, non benits, servant au grand-
autel pour faire l'offertoire, heißt es in ihm.(66)
Statt calix offerendarius oder calix: ad offerendum wurde der Opferkelch
auch wohl kurzhin offertorium genannt. So in der Vita s. Ansegisi n. 6: Offer-
torium aureum cum patena sua aurea opere mirabili, und n. 7: Calicem argen-
teuni anaglifo opere factum cum patena sua argentea, offertorium eiusdem
calicis habens effigiem mirifici operis, alia offertoria argentea cum patenis
eorumdem, (67) in den Gesta abbatum Fontanellensium, denen zufolge Abt
Wando um 742 dem Kloster offertorium argenteum unum cum patena, Abt
Gerwold um 787 offertoria duo cum patenis eorum schenkte, (68) im Inven-
tar des Klosters Centula (St-Itiquier) von etwa 800: offertoria argentea 10,
sowie im Inventar von Centula von 83i: offertoria aurea (\, argentea !\0, ebur-
neum unum, (69) im Inventar von St-Trond von 870, (70) im Inventar von
St. Bavo zu Gent von 860; offertorium unum (71) und im Inventar von Prüm
aus dem Jahre ioo3: Offertorium aureum gemmatum cum patena. (72)
Offertorium kommt in den mittelalterlichen Quellen in mannigfacher Bedeutung vor; so
als Name des Opferkelches, des Opfervelums —■ eines Tuches, mit dem die Opfernden beim
Opfergang die Hände verhüllten - -, des Handvelums — eines Tuches, mit dem der Diakon
die Hand bedeckte, wenn er in der feierlichen Messe den Kelch zum Altar trug, und der
Subdiakon in derselben nach der Opferung bis zum Ende des Pater noster die Patene
hielt—, der Opfergabe, des Opferaktes und des Opfergesanges, das ist des liturgischen Ge-
sanges während der Darbringung der Opfergaben. (73) Auch das liturgische Schoßtuch des
Bischofs, das sogenannte gremiale, wurde wohl, wie aus einem Inventar der Kathedrale zu
Angers von 1/167 erhellt, offertorium genannt. (74) Die offertoria, von denen in den vor-
hin angeführten Stellen die Rede ist, können nach den Angaben über ihre materielle Be-
schaffenheit, dem Zusammenhang, in dem sie aufgeführt werden, und dem Umstände, daß
sie gleich dem Konsekratlonskeich zum Teil mit einer zu ihnen gehörigen Patene ausge-
stattet waren, nur als kelchartige Opfergefäße, als Opferkelche verstanden werden. Daß wir
in ihnen keine Konsekrationskeiche zu sehen haben, ergibt sich aus den ersichtlich Konse-
krationskelche darstellenden Kelchen, welche neben ihnen in den gleichen Quellen aufge-
führt werden,

7. Calix quotidianus. Eine Sonderbezeichnung, die besagt, daß die durch sie
näher gekennzeichneten Kelche nicht beim festtäglichen, sondern nur beim all-
täglichen Gottesdienst zur Verwendung kamen. Wir treffen sie in älterer Zeit
beispielsweise an in der Vita Gregors III. (781—7^1) des Liber Pontif icalis (75)
und im Testament des Bischofs Riculf von Eine aus dem Jahre gi5. (76) Die
als calices quotidiani bezeichneten Kelche waren Kelche von geringerem Material
oder doch schlichterer Ausstattung, die darum als den Festtagen nicht entspre-
chend betrachtet wurden. Nicht Alltagskelche, sondern Kelche der gewöhnlichen

(66) Prosper Tarbe, Tresors des eglises de Reims (Reims 1843) 70.
(67) M. 105, 738, 739. (68) C. 18 und 16 (M G. SS. II. 287 290).
(69) Hariulfi, Chron. Cent. 1.2, c.6; 1.3, c. 3 (M 174, 1248, 1257).
(70) Deiiaiskes, Doc. 13. (71) N. Arch. VIII (1882) 374.
(72) Beyer I, 717. Vgl. auch Ardoxis. Vita s. Benedicti Anian. (f 821) c. 13 und 31
(M. G. SS. XV, 207. 213) sowie eine Schenkung Alfons' III. für die Kathedrale von Lugo aus
dem Jahre 897 (Florez XL, 385). (73) Vgl. D. C unter offertorium VI, 34.
(74) Revue XXXVI (1886) 175.
(75) Duch. L. P. I, 418: Calicem argenteum unum quotidianum.
(76) M. 132, 468: Alium calicem quotidianum.
ZWEITES KAPITEL. Jl SONDERBBZEIGHNUNGEN 29

henkcllosen Form sind die 7 calices usuales, die neben vier Henkelkelchen in
einem Inventar des Domes zu Monza von 1273 aufgeführt werden. (77)
8. Calix viaticus. Ein Kelch, den man auf Reisen wie überhaupt dorthin mit-
nahm, wo kein Kelch zur Feier der Messe vorhanden war. Die Reisekelche
waren in älterer Zeit von geringer Größe, ja oft von geradezu minimalen Ab-
messungen, wie Kelche dieser Art in St. Gervasius zu Trier, im Ryksmuseum
zu Amsterdam, im Dom zu Skara in Schweden, im Dom zu Calosza, in Mün-
chener Privatbesitz, in der ehemaligen Fürstlich Hohenzollerischen Sammlung
zu Sigmaringen sowie im Dom zu Hildesheim, der sogar fünf solcher besitzt,
bekunden. Der jüngste, der Kelch der Sigmaringer Sammlung, entstammt erst
dem 1/1., die übrigen dem 11., 12. und i3. Jahrhundert. Ihre Erhaltung ver-
danken die meisten dem Umstand, daß sie dem Resitzer nach dessen Tod mit
ins Grab gegeben, in jüngerer Zeit aber gelegentlich einer Eröffnung desselben
bei der Leiche aufgefunden wurden. Im späteren Mittelalter waren die Reise-
kelche bisweilen so eingerichtet, daß sie auseinandergenommen und ihre Teile
so zusammengelegt werden konnten, daß sie nur mehr einen geringen Raum
einnahmen. Einen solchen zusammenlegbaren Kelch erwähnt 1426 ein Inven-
tar der Moranduskapelle im Stephansdom zu Wien mit den Worten: Ain
ehelich, den man zesamlegt. (78)
9. Calix appensorius, calix pendentilis. Ein kelchförmiges Gefäß, das wie
die Zierkronen (regna, coronae) am Altarziborium, an der den Altarraum nach
dem Schiff zu abschließenden Schranke (pergula) sowie zwischen den das
Mittelschiff von den Seitenschiffen scheidenden Säulen als Zier aufgehängt
wurde, also lediglich ein Schmuckstück, kein irgendwie liturgischen Zwecken
dienender Kelch. Calix appensorius heißt dieser Zierkelch in des Agkellus
Liber Pontificalis Ravennatensis, (79) calix pendentilis im römischen Liber
PontificaÜs, in dem mehrfach, jedoch nur in den Biographien von Päpsten des
8. und 9. Jahrhunderts derartige Kelche erwähnt werden; so in der Vita Gre-
gors III. (73i— 74i), (80) Leos III. (790—816), (81) Paschalis'I. (817 bis
8aA),(82) Leos IV. (8/47—855). (83) Leo III. stiftete für die Paulusbasilika
nicht weniger denn 5i dieser Zierkelche, für Sankt Peter 69, Paschalis für
S. Maria Maggiore 4a. Ein von Leo IV. der Peterskirche geschenkter calix pen-
dentilis war mit sogenannten Delphinen, Armen in Form von Delphinen zur
Aufnahme von Lampen versehen, also zugleich Lampenhalter. Den calices pen-
dentiles verwandt waren Zierkelche, die oben auf der Pergula als Schmuck auf-
gestellt waren. (84) Welche Verbreitung die calices pendentiles diesseits der
Alpen hatten, läßt sich nicht feststellen. Erwähnt werden dort solche nur in
einem Inventar von St-Rertin zu St-Omer aus dem Jahre 867: Pendent ibi
calices 3. (85)
(77) Bull. mon. XLVI (1830) 629. (78) Mitt. XIV (1869) C.
(79) Vita s. Joannis Angelopti c. 1 (M. 106, 52Ö). (80) Dcch. L. P. I, 418.
(81) Ebd. II, 13, 18. (82) Ebd. II, 59. (83) Ebd. II, 111.
(84) Vita Leonis III. (Di-cit. L. P. II, 16): Calices maiores... ex argento mundissimo,
qui sedent super trabes argenteas numero 18 und Vita Leonis IV. (1. c. 111): Calices de
argento, qui sedent super cireuitum altaris numero 16. (85) M. G. SS. XIII, 634.
DRITTES KAPITEL
DAS MATERIAL DES KELCHES

Vorschriften bezüglich des Materials, aus dem der Kelch angefertigt werden
sollte, hat es weder in altchristlicher Zeit noch in den ersten Jahrhunderten
des Mittelalters gegeben. Man verwandte zu seiner Herstellung die gleichen
Materialien wie zu den Trinkgeräten des Alltagslebens, ohne grundsätzlich
irgend eines derselben auszuschließen. Freilich wird man zu ihm um des er-
habenen Zweckes willen, dem er dient, zu allen Zeiten, soweit immer mög-
lich, besseres, ja das beste Material, Silber und Gold, gebraucht haben, doch
waren Gold und Silber nicht immer zur Stelle und war man darum in solchen
Fällen gezwungen, sich irgend eines andern zur Verfügung stehenden Materials
zu bedienen. Heute geht das freilich selbst in Notfällen nicht mehr an, weil die
kirchlichen Bestimmungen aus Ehrfurcht gegen das heilige Blut des Herrn wie
auch um etwaigen Verunehrungen desselben sowie sonstigen zu befürchtenden
Mißständen vorzubeugen, nur mehr die Verwendung bestimmter Materialien
zur Herstellung des Kelches gestatten.
Was dazu führte und führen mußte, Kelche aus Holz zu verbieten, war abgesehen von
der Geringwertigkeit desselben namentlich auch der Umstand, daß eine genügende Ablution
derselben nach Gebrauch kaum möglich war, weil das in ihnen befindliche heilige Blut
notwendig mehr oder weniger in die Poren der Wandungen eindrang. Daß die Herstellung
und der Gebrauch von Kelchen aus Glas untersagt wurde, hatte seinen Grund vor allem in
der Zerbrechlichkeit derartiger Kelche und der bei ihrer Verwendung infolgedessen drohen-
den Gefahr eines Verschüttens ihres heiligen Inhaltes, weshalb denn auch nicht bloß Kelche
aus gewöhnlichem Glas, sondern auch solche aus Bcrgkristall, Onyx, Chalcedon, Alabaster,
Marmor und ähnlichen kostbaren Steinarten gleicherweise von dem Verbot betroffen wur-
den, wiewohl Materialien dieser Art an sich der Würde des Kelches kaum minder ent-
sprechen dürften wie Silber. Kupfer, Bronze und Messing unterliegen leicht der Oxydation
infolge der Einwirkung der Säure des Weines und wurde allein schon deshalb die Herstel-
lung von Kelchen aus ihnen untersagt. Zinn krankte an dem gleichen Übelstand nicht, doch
galt es wegen seiner ausgiebigen Verwendung zu Trink- und Eßgeschirren des Alltagslebens
als für Kelche nicht genügend würdig, weshalb es wenigstens später höchstens in Notfällen
zur Anfertigung derselben gebraucht werden durfte, ja zuletzt selbst überhaupt Kelche aus
Zinn in das Verbot einbezogen wurden. Von einem ausdrücklichen Verbot bleierner Kelche
vernehmen wir kaum je, wie denn auch in den Inventaren nur ganz vereinzelt von derarti-
gen Kelchen die Rede ist. Blei galt ersichtlich als allzu gewöhnliches und darum für Kelche
unpassendes Material, das nur sehr selten zu deren Anfertigung gebraucht wurde und des-
halb auch nicht ausdrücklich als zur Herstellung von Kelchen unzulässig verboten zu wer-
den brauchte. Sehr gern verwandte man es seit dem späten Mittelalter für Grabkelche,
Kelche, die dem Leichnam von Bischöfen oder Priestern ins Grab beigelegt wurden. Übri-
gens hat es, wie aus dem Nachfolgenden hervorgeht, lange gedauert, bis die heute geltenden
Vorschriften hinsichtlich des Materials des Kelches allgemeine Gültigkeit gewonnen hatten.
Auch ist es nur im Westen zu Bestimmungen über das Material des Kelches gekommen; in
den Riten des Ostens fehlen, wie früher gesagt wurde, solche noch jetzt.

I. DAS MATERIAL DES KELCHES IN VORKAROLINGISCHER ZEIT


Aus welchem Material das Urbild des liturgischen Kelches, der Kelch, dessen
sich der Herr bei Einsetzung des eucharistischen Opfers bediente, war, wissen
wir nicht. Es wäre ein müßiges Unterfangen, sich darüber in Mutmaßungen zu
DRITTES KAPITEL. MATERIAL. I. VORKAROLINGISCHE ZEIT 31

ergehen. Allerdings wurden in altchristlicher Zeit wie auch noch im Mittelalter


mehrfach Kelche gezeigt, die als der Kelch bezeichnet wurden, den der Heiland
beim Letzten Abendmahl gebraucht habe. So wird uns in dem Breviarius de
Hierosolyma (6. Jahrhundert) und in dem Itinerarium des Pseudo-Antoninus
Placenlinus (ca. 570) fl) von einem Kelch dieser Art berichtet, der zu Jerusa-
lem in einem im Atrium der von Konstantin errichteten Basilika befindlichen
Räume aufbewahrt und gezeigt wurde und wie das Itinerarium des Pseudo-
Antoninus angibt, aus Onyx bestand. Adamnanus (c. 670) (2) und Beda (gest.
735) (3) aber erzählen auf Grund der Beschreibung, die der Mönch Arkulf
von seiner Pilgerfahrt in das Heilige Land gab, von einem zu Jerusalem von
den Pilgern hochverehrten Abendmahlskelch, der zwei Henkel hatte, ein Sextar
gallischen Maßes (= ca. 7 Liter) faßte und aus Silber gemacht war. Im neun-
ten Jahrhundert glaubte man, wie wir aus einem Briefe des Abtes Dahoc ver-
nehmen, den Abendmahlskelch in St-Gildas-de-Ruys bei Vannes zu besitzen, (4)
andere gab es in der Abtei St-Martin zu Menat in der Diözese Clermont, (5) zu
Cluny,(6) sowie im Schatz des Herzogs Jean von Berry. (7) Indessen handelt
es sich bei allen diesen angeblichen Abendraahlskelchen um Kelche, für deren
Authentizität jeder Beweis fehlte, um durchaus legendäre Abendmahlskelche,
die uns zudem über das Material des Kelches, dessen sich der Heiland beim
Letzten Abendmahl bediente, um so weniger Aufschluß zu geben vermögen,
als sie, soweit es erwähnt wird, nicht einmal miteinander übereinstimmen.
Nichts vermag uns auch über das Material des Abendmahlskelches zu sagen ein
mit einer äußeren durchbrochenen und einer inneren nicht durchbrochenen,
der äußeren lose eingesetzten Kuppa versehener Kelch in der Sammlung Kou-
chakji zu New-York, Antiochenischer Kelch genannt, weil er angeblich bei
Antiochia gefunden wurde, genauer die fußlose, unten abgerundete, nicht auf-
stellbare silberne Einsatzkuppa desselben, die man als Abendmahlskelch ge-
deutet hat. (8) Denn erstens war es nur kühnste Phantasie und äußerste Kritik-
losigkeit, welche dieselbe zum Abendmahlskelch gemacht hat. Es liegt auch
nicht ein Schatten von Grund zur Annahme vor, daß sie das wirklich war. Zwei-
tens steht die Echtheit des Antiochenischen Kelches angesichts der mysteriösen
Umstände, unter denen er in die Öffentlichkeit trat, und der stilistischen
wie ikonographischen Eigentümlichkeiten seines ornamentalen und figuralen
Schmuckes keineswegs außer allem Zweifel. (9) Drittens endlich stammt der

(1) CSS. eccl. 39, 154, 173. (2) De locis sanetis 1.1, c7 (ebd. 234).
(3) De locis sanetis c.2 (ebd. 305). (4) Gallia ehrist II, 153, 155.
(5) Revue 37 (1887) 499. (6) luv. von 1382 (Revue 38 [1888] 196).
(7) luv. von 1412 (Güiffrey, Invent I, 54): Item le calice oü Nostre Seigneur beut ä la
Cene, garni d'or, escript ä l'entour de lettres noires, pesant 1 marc 14 esterlins.
(8) Ober den Kelch, für den in kaum zu überbietender Weise Reklame gemacht wurde —
ein Nordamerikaner Dr. Eisen hat Ober ihn ein zweibändiges luxuriös ausgestattetes, kost-
spieliges (150 Dollars) Werk in Folio herausgegeben —, ein Umstand, der ailein schon nicht
gerade geeignet ist, Vertrauen in ihn einzuflößen, liegt bereits eine ungemein reiche Lite-
ratur vor, die in der Hauptsache bei Gollai:ue de Jerph\mo\ S.J., Le calice d'Antiochie
(Rome 1926) 8 zusammengestellt ist. Hinzuzufügen wäre noch die die Echtheit des Kelches
ablehnende Untersuchung J. Wii.perts, Early Christian sculpture, its restoration and its
modern manufaeture in The art bulletin IX (1926) 89ff.
(9) Es ist hier nicht möglich, auf die die Echtheit des Kelches in Frage stellenden Be-
denken näher einzugehen. P. de Jerphamon hat die hauptsächlichsten im Juniheft der Echos
32 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Kelch nichl aus dem ersten christlichen Jahrhundert, dem ihn Mangel an ar-
chäologischem Wissen und Unkenntnis der altchristlichen Ikonographie irrig
zugewiesen haben, er ist vielmehr, wenn echt, um sehr vieles jünger.
Der Kelch hat seitens jener Fachleute, die an seiner Echtheit nicht zweifeln zu sollen
glaubten, sehr verschiedene, weit auseinandergehende Datierungen erfahren. Wenn ihn Eises
dem dritten Jahrzehnt des ersten Jahrhunderts zuschreibt und auch Strzygowski ihn trotz
aller ikonographischen Unmöglichkeiten unbegreiflicherweise noch in das erste Jahrhundert
setzt, (10) so datiert ihn Brehier in Gazette des Beaux-Arts 1920 (I, i73f.) in das Ende
des zweiten oder den Beginn des dritten Jahrhunderts, Wolf. Fr. Volbach (11) etwa in die
Mitte, Kirsch (12) in die zweite Hälfte desselben, Diehl (13) in die erste Hälfte des 4- Jahr-
hunderts. Nach STriiLFAtTii entstand er frühestens im 5. Jahrhundert, vielleicht sogar erst
im Anfang des sechsten. (14) P. Jerphamox endlieh, dem wir die eingehendste, gründlichste
und allseitigstc Untersuchung des Kelches verdanken, kommt zum Ergebnis, daß dieser
falls echt, was er vorläufig noch annehmen will, erst etwa um 5oo angefertigt wurde. (15) In
der Tat kann der Kelch, wenn anders er keine moderne Mache ist, erst um die Zeit, der ihn
Stuhlfauth und Jerphanion zuschreiben, entstanden sein. Ihn einer früheren Zeit zuzu-
weisen, zumal dem ersten, zweiten und dritten Jahrhundert, verbietet durchaus seine Ikono-
graphie. Allerdings weist der Slilcharakter des Ornaments des Kelches, besonders der Figu-
ren, anscheinend auf ein früheres Datum hin, ein Zwiespalt zwischen Stil und Ikonographie,
der ernste Bedenken an der Echtheit des Kelches zu erregen geeignet ist und erregt hat,
allein diese einmal angenommen, ist für die Datierung des Üelches die Ikonographie seines
ornamentalen und figuralen Schmuckes entscheidender als dessen Stil.

Hinsichtlich des Materials, das man in frühchristlicher Zeit zur Herstellung


des Kelches benutzte, bemerkt im 12. Jahrhundert Honorius in seiner Gerama
animae, (16) die Apostel und ihre Nachfolger hätten wie in ihrer Alltagsklei-
dung, so auch mit hölzernen Kelchen die Messe gefeiert, Papst Zephyrinus habe
dann für das heilige Opfer den Gebrauch gläserner, Papst Urban aber, der
zweite Nachfolger des Zephyrinus, den goldener oder silberner Kelche und
Patenen angeordnet. Was Honorius bezüglich der Verwendung hölzerner Kelche
durch die Apostel und ihre Nachfolger bis auf Zephyrinus sagt, beruht an-
scheinend lediglich auf einer willkürlichen Ausdeutung eines von Walafried
Strabo mitgeteilten, sonst jedoch nicht weiter beglaubigten Ausspruches des

de l'Orient, Jahrgang 1929, zusammengestellt, auf das verwiesen sei. Bezüglich der stilisti-
schen und ikoaographischen Eigenarten des Kelches hat derselbe in seiner Schrift Le calice
d'Antiochie zwar gezeigt, daß alle irgendwo und irgendwie um etwa 500 nachweisbar sind,
doch folgt daraus nur die Möglichkeit einer Echtheit des Kelches, aber keineswegs deren
Taisäd:ikhkeit oder auch ii'.-.r derun \VaWsc:it;iuIir':ikt:it. P. Jnu'iiANtors meint denn auch
selbst am Schluß seiner Arbeit: Avant de se deeider, le musee oü le riche amateur qui
voudra l'acheter fera bien l'examiner de tres prds. Hätte man, als man den Kelch von der
ihn bedeckenden Oxydschicht reinigte, irgendwo etwas von derselben belassen, dann wäre
die Art der Oxydierung, ob Natur- oder Kunstprodukt, und damit die Echtheit bzw. Unecht-
heit des Kelches leicht festzustellen gewesen. Das ist jedoch nicht geschehen. Warum nicht?
(10) Jahrb. d. asiat. Kunst 1925, 53—61. (11) Zeitsehr. f. bildende Kunst 1921, UOf.
(12) Römische Quartalschrift XXX (1916—1922) 106. (13) Syria II (1921) 81f.
(141 Die ältesten Porträts Christi und der Apostel (Berlin 1918).
(15) Bezeichnend ist, daß die Besitzer des Kelches, die Gebrüder Kouchakji, die Kenntnis
von dem Ergebnis der Untersuchungen des P. JerI'hamon erhalten hatten, diesem die Er-
laubnis verweigerten, in seiner Arbeit die Abbildungen in Eisens Veröffentlichung des
Kelches zu reproduzieren. Begreiflich übrigens. Stammt der Kelch erst aus der Zeit um 500,
und nicht wie Eisen die Welt glauben machen will, schon aus der zweiten Hälfte des ersten
Jahrhunderts, dann können sie nicht den enormen Preis dafür verlangen, den sie jetzt für ihn
fordern. Vertrauen in die Echtheit des Kelches zu wecken, ist das Verhalten der Besitzer
desselben nicht gerade geeignet. (16) L. 1, c.89 (M. 172, 573).
DRITTES KAPITEL. MATERIAL. I. VORKAROLIKGlSCüE ZEIT 33

heiligen Bonifazius, nach dem dieser auf die Anfrage, ob es erlaubt sei, in höl-
zernen Gefäßen die heiligen Geheimnisse zu feiern, geantwortet haben soll,
ehedem hätten goldene Priester sich hölzerner Kelche bedient, nun aber ge-
brauchten hölzerne Priester goldene Kelche. (17) Irgendein Zeugnis, daß
überhaupt in frühchristlicher Zeit hölzerne Kelche bei der Feier der Messe ver-
wendet worden seien, liegt nicht vor. Da aber damals im Alltagsleben Trink-
gefäße aus Holz in Gebrauch waren, (18) ist die Möglichkeit nicht ausgeschlos-
sen, daß gelegentlich auch bei Vollziehung der heiligen Geheimnisse Kelche
aus Holz benutzt worden sind, zumal solches selbst noch hie und da in verhält-
nismäßig später Zeit vorkam, doch ist das angesichts des Fehlens jedes dies-
bezüglichen zuverlässigen Zeugnisses nur eine bloße Möglichkeit.
Was Honorius bezüglich der Einführung gläserner Kelche durch Papst Ze-
phvrinus (198—217) bemerkt, beruht auf einem Mißverständnis einer Angabe
in der Vita Zephyrini des Liber Pontificalis. Denn diese (19) redet nicht, wie
Honorius meint, von einer Einführung gläserner Kelche durch den Papst, noch
überhaupt von gläsernen Kelchen, sondern lediglich von gläsernen Patenen und
deren Verwendung beim Gottesdienst. Es geht auch keineswegs an, aus dem
Gebrauch gläserner Patenen ohne weiteres auch auf den gläserner Kelche zu
schließen. Denn die Gefahr einer Verunehrung des Allerheiligsten war bei
gläsernen Kelchen, bei denen ein Zerbrechen ein Ausfließen ihres Inhaltes zur
notwendigen Folge hatte, ungleich größer wie bei gläsernen Patenen. Für die
Beantwortung der Frage, ob etwa in frühchristlicher Zeit auch Kelche aus Glas
bei der Feier der Eucharistie in Gebrauch waren, ist demnach die Notiz des
Liber Pontificalis in der Vita Zephyrini von wenig Bedeutung, selbst wenn ihre
Zuverlässigkeit, was nicht der Fall ist, feststände.
Einen sicheren Beleg für die Verwendung gläserner Kelche in frühchristlicher Zeit hat
man in zwei Äußerungen Tektclliaks (20) sehen wollen. Mit Unrecht. Wenn man die be-
treffenden Stellen in ihrem Zusammenhang näher prüft, ergibt sich, daß sie allem Anschein
nach zwar von gläsernen Kelchen reden, aber auch, daß diese Kelche nicht als eucha-
ristischc verstanden werden können, sondern nur als Glaskelche des Alltagsgebrauches. Daß
aber auf den Kelchen, von denen Tertullian redet, das Bild des guten Hirten angebracht
war, bekundet keineswegs, daß es sich bei Urnen nra liturgische Kelche handelte. Denn reli-
giöse Darstellungen wurden auch auf profanen christlichen Geräten als Schmuck angebracht.
Wicht beweist auch den Gebrauch eucharistischer Kelche aus Glas, wenn Irenäcs von dem
Gnostiker Markus, einem Schüler Valentins (um 163), berichtet, derselbe habe bei der
Eucharistiefeier einen Kelch mit Wein gefüllt und hierauf ein längeres Gebet verrichtet,
auf das hin dann der Wein ganz rot erschienen sei. (21) Denn nichts in der Erzählung des
Heiligen weist darauf hin, daß der Kelch aus Glas gemacht war. Allerdings waren nach Epi-
phahibs (22) die Kelche, deren sich die Anhänger des Markus bei der Feier der Eucharistie
bedienten, aus weißem Glas Q.s.-jy.jfi -j(Ü.o-j), allein von Wert ist diese erst dem 5. Jahrhun-
dert entstammende Angabe nicht, zumal des Epiphanius Erzählung nur eine spätere Er-
weiterung des Berichtes des heiligen Irenäus ist. Aus Markus sind die Anhänger des Markus
geworden, aus dem einen Kelch bei Irenäus drei Kelche, der Wein aber wurde nach Epi-
phanius in dem eine» Kelch blutrot, in dem andern purpurn, im dritten blau.

(17) De exordiis et incrementis rer. eccl. c. 24 (M. 114, 951).


(18) Puren, Nat. hist. XV, 206 (Kelche aus Tereiunthenholz) und XXX, 92 (Kelche aus
Eichenholz). (19) Dtcii. L. P. I, 139. (20) De pudicitia c. 7 und 10 (M. 2, 1043 und 1053).
(21) Contra haer. 1.1, c. 13 (Mg. 7, 579). (22) Adv. haer. 34, 1 (Mg. 41, 584).
BRAUN, DAS CHRISTLICHE ALTARGERÄT ■ 3
34 VASA SACRA. ERSTEH ABSCHNITT. DER KELCH

Daß es in frühchristlicher Zeit auch eucharistische Kelche aus Glas gegeben


hat, soll übrigens nicht bezweifelt werden, nicht bloß, weil es solche auch noch
in nachkonstantinischer Zeit und im frühen Mittelalter, im Osten aber bis in
die zweite Hälfte des Mittelalters hinein gegeben hat, sondern auch angesichts
der großen Verbreitung, welche die profanen Kelche und Trinkbecher aus
Glas oder Kristall in der römischen Kaiserzeit hatten. (23) Von solchen pro-
fanen Glaskelchen haben sich manche, dank dem Umstand, daß sie als Grab-
beigaben verwendet wurden, bis heute erhalten. Es mag genügen, auf die an-
sehnliche Zahl derartiger antiker Glaskelche im Bonner Provinzialmuseum und
im Wallraf-Richartz-Museum zu Köln hinzuweisen (Tafel 2). Von Glaskelchen
aus vorkonstantinischer Zeit, die auch nur mit einiger Wahrscheinlichkeit als
eucharistisch angesprochen werden könnten, ist keiner auf uns gekommen. Das
gilt insbesondere auch von dem aus blauem Glas bestehenden, in der Katakombe
des Ostrianum gefundenen Henkelkelch im Museo cristiano des Vatikan. (24)
Ein aus kostbarem Stein angefertigter legendärer Kelch, dessen sich der heilige Petrus zu
Antiochien bei der ersten Messe, die er dort feierte, bedient hahen sollte, wie man vielleicht
vermuten darf, ein Kelch, der bei einem der Kreuzzüge aus Antiochien in den Westen kam,
wurde im Mittelalter im Kloster zu Condom (Dep. Gers) gezeigt; (25) ein Bleikelch gewöhn-
licher Form, der ebenfalls aus der Zeit des heiligen Petrus stammen soll, in Wirklichkeit
aber ein mittelalterlicher Grabkelch ist, befindet sich in der Laterankirche zu Rom.1 (26)

Den Gebrauch silberner und goldener Kelche und Patenen führt Honorius
infolge Mißverständnisses einer Notiz in der Vita Urbani des Liber Pontificalis
auf Papst Urban (223—23o) zurück. In Wirklichkeit heißt es in ihr nur: Hie
fecit ministeria sacrata (das eucharistische Gerät) omnia argentea et patenas
argenteas XXV posuit. (27) Von einem Verbot von Kelchen und Patenen aus
anderem Material als Gold und Silber und einem Gebot, sich bei der Feier der
heiligen Geheimnisse keiner andern als goldener oder silberner Patenen zu be-
dienen, findet sich in der Angabe- der Vita Urbani nichts. Sie besagt lediglich,
daß Urban alles Altargerät, welches er anfertigen ließ, aus Silber herstellen
ließ. Übrigens kann sie, weil nicht genügend zuverlässig, selbst nur in diesem
Sinne keineswegs schlechthin Glauben beanspruchen. Daß um 3oo Kelche aus
Gold und Silber in Gebrauch waren, ergibt sich aus den Gesta apud Zenophi-
lum, (28) aus denen aktenmäßig hervorgeht, daß unter den in der diokletiani-
schen Verfolgung in der Basilika zu Girta beschlagnahmten gottesdienstlichen
Geräten sich auch zwei Kelche aus Gold und sechs aus Silber befanden.
Seit dem zweiten Viertel des 4- Jahrhunderts, also seit der Freigabe der Kirche
durch Konstantin und infolge der durch dieselbe ermöglichten reicheren Ent-
faltung des kirchlichen Kultus häufen sich bald die Angaben über das Material
des Kelches. In der Regel wurde dieser nun aus Metall hergestellt, aus dem
denn auch die Kelche bestanden, von denen Optat von Mileve in seiner Schrift
Contra Parmenianum spricht: Fregistis calices, Christi sanguinis portatores,
(23) Vgl. z.B. Plinh, Nat. bist.XXXVI, 199; XXXVII, 29; Ps. Verg., Copa 30; Martial.,
Epigr. 1. 14, n. 115. (24) Abb. in Bulle«, ser. III, IV (1879) tav. IV.
(25) Hist. abb. Condom, bei d'Achery, Spicileg. II (Paris 1723) 602.
(26) Abb. bei Rohault de Fleury, Le Latran au moyen äge, Tfl. 32.
(27) Dcch. L. P. I, 143. (28) C. SS. eccl. 26, 187.
DRITTES KAPITEL. MATERIAL. I. VORKAROLIXGISCHE ZEIT 35

quorum species revocastis in massas, mercem nefariis nundinis procurantes___


Emerunt forsitan in usus suos sordidae mulieres, emerunt pagani, facturi vasa
in quibus incenderent idolis suis... Conflastis calices. (29)
Am gewöhnlichsten scheint man den Kelch aus Silber angefertigt zu hahen.
Indessen hören wir auch, und zwar ungemein oft, von Kelchen, die aus Gold
bestanden, also nicht bloß vergoldet waren. Schon unter den gottesdienstlichen
Gefäßen und Geräten, mit denen Konstantin die Laterankirche, die Grabkirchen
der Apostelfürsten und andere römische Kirchen begabte, begegnen uns zahl-
reiche aus Gold hergestellte Kelche.
So finden sich unter den Gaben des Kaisers für die Laterankirche scyphi ex auro puris-
simo 7 sowie calices minores aurei purissimi ho, unter den Geschenken für die Peters-
basilika calices aurei 3, unter den Altargeräten, die er für die Basilika in Palatio Sessoriano,
heute S. Croce stiftete, ein scyphus aureus und calices aurei ministeriales 5, im Verzeiclinis
seiner Gaben für S. Lorenzo ein scyphus ex auro purissimo. (30) Aber auch sonst hören
wir schon im .'i. Jahrhundert mehrfach von Kelchen aus Gold, wie z. B. in des heiligen Jo-
hannes Chrysostomus 5o. Homilie zu Matthäus, (31) in des heiligen Ambrosius Schrift De
offieiis, (32) in des heiligen Augustinus Enarratio II in ps. 113 (33) und in dessen Brief an
Licentiu3. (34)
Für das 5. und 6, Jahrhundert liefern Belege die Vitae der Päpste Xystus III. (43a bis
hho), Hilarus (46i—468), Hormisdas (5i4—523) und Johannes (533—535), (35) die
Vita s. Joliannis Angelopti im Liber Pontificalis Ravennatensis. (36) Um das Ende des
6. Jahrhunderts schenkte König Recared Gregor dem Großen einen caiix aureus desuper
gemmis ornatus, (37) Gregor von Tours aber weiß uns um dieselbe Zeit von sechzig gol-
denen Kelchen zu berichten, die Childebert von seinem Feldzug aus Spanien in die Heimat
mitgebracht hatte und hier an die Kirchen verteilte. (38) Auch erzählt er uns von einem
goldenen Kelch, den er als Bischof von Tours habe zerbrechen und in Münze umwandeln
lassen, um mit dieser sich und seine Herde von den Kriegern Guntrams loszukaufen. (39)
In den Gesta der Bischöfe von Auxerre vernehmen wir von einem Kelch und einer Patene
aus reinstem Gold, die die Königin Ingundis der Stephanskirche zu Auxerre stiftete, bei
Evagrius von einem goldenen Kelch, den Chosroas II. nebst anderem Kirchengerät aus
Gold der Sergiuskirebe zu Antiochien schenkte. (40)
Auch in den Quellen des 7. und 8. Jahrhunderts ist mehrfach von goldenen Kelchen die
Rede. So erzählt Beda, König Edwin habe nach seiner Bekehrung dem heiligen Paulinus
unter anderem auch einen goldenen Kelch ad ministerium altaris geschenkt, (41) Aldhelm
aber gedenkt in seiner poetischen Schilderung der von Bugge, der Gemahlin des angelsäch-
sischen Königs Ina (689—726) erbauten Basilika auch eines von Bugge für diese gestif-
teten goldenen Kelches. (42) König Ina selbst schenkte um 700 der Abtei Glastonbury
einen goldenen Kelch und eine zu demselben gehörende goldene Patene von zusammen zehn
Pfund Gewicht. (43) Gregor III. (731—7^1) stiftete zwei goldene Kelche nebst Patenen
der gleichen Art in eine von ihm in der Petersbasilika links vom Triumphbogen errichtete
Kapelle; Papst Hadrian (772—790) schenkte einen goldenen Kelch zum Gebrauch beim
Alltagsgottesdienst derselben Basilika, andere verehrte er der Paulusbasilika, der Lauren-
tiusbasilika, der Basilika der heiligen Kosmas und Damian, der Basilika S. Maria Maggiore,
der Kirche des heiligen Markus und der Diakonie des heiligen Hadrian. (44) Erzbischof

(29) L. 6, n. 2 und 5 (C. SS. eeel. 26, 146, 152). (30) L. P. n. 36, 38, 41, 43 (Duck. I, 172,
176,179,181). (31) N. 3 (Mg. 58,508). (32) L. 2, c. 28 (M. 16.140). (33) N. 6, (M. 37,1484).
(34) Ep. 26, n. 6 (M. 33, 107). (35) L. P. n. 63, 70, 85, 93 (Duch. I, 232, 243, 271, 285).
(30) c.o (M. im. -o.iti). Cm r.p. LH, n. [>! ;M. TT. UUn . .;:: ;.„,. [,.:.■,.-. f.:J. <■. i.n
(M. 71, 520). (39) Ebd. 1. 7. c. 24 (1. c. 431). (40) Hist ep. Autiss. 1. 1, c. 20 (M. 138, 240).
Evag., Hist. eccl. 1. 6, c. 21 (Mg. 86, 2876). (41) Hist. eccfl. 2, c. 20 (M. 95, 116).
(42) M. 89, 290. (43.) Wilh. Malmsb., De antiq. Glaston. eccl. (M. 179, 1705).
(44) Doch. L. P. I, 507, 512, 514.
36 ^ VASA SACRA. ERSTER ABSCBXITT. DER KELCH

Hugo von Rouen (y 730) gab einen Kelch und eine Patene aus Gold im Gewicht von vier
Pfund und zwei Unzen dem Kloster Fontanelle. (45)
Von allen goldenen Kelchen, die vom 4" bis zum 9. Jahrhundert zum Ge-
brauch bei der Meßfeier geschaffen wurden, hat sich nur einer erhalten, der
bloß 8 cm hohe und /j,6 cm weite Miniaturkelch, der 1825 samt einer recht-
eckigen goldenen Schüssel zu Gourdon gefunden wurde, der aber nur als Reise-
kelch gedient haben kann, falls er überhaupt liturgischen und nicht vielmehr
profanen Zwecken gedient hat. (46) Erst in der französischen Revolution gin-
gen zugrunde der mit Zelleneinlagen reichgeschmückte goldene Kelch voir
Chelles und ein Goldkelch zu St-Omer, der dem heiligen Audomarus (gest.
ca. 667) zugeschrieben wurde. (47)
Kelche aus Bronze oder Kupfer werden in den vorkarolingischen Quellen
nicht erwähnt, doch folgt bei der Unvollständigkeit derselben daraus keines-
wegs, daß damals nicht auch aus ihnen Kelche angefertigt worden seien. (48)
Wo Gold und Silber nicht oder doch nicht in genügendem Maße zur Verfügung
standen, wird man ohne Bedenken sich zur Herstellung der Kelche als Ersatz
derselben der Bronze oder des Kupfers bedient haben. Andernfalls würde es im
9. Jahrhundert nicht untersagt worden sein, Kelche aus ihnen zu machen. Es
haben sich aber auch wenigstens aus dem 8. Jahrhundert verschiedene Kelche
erhalten, die aus Bronze bestehen und beweisen, daß man in der Tat auch aus
solcher Kelche hergestellt hat, ein Kelch des heiligen Ludgerus zu Werden
(Tafel 1), der sogenannte Ghrodegangkelch der ehemaligen Sammlung ßasi-
lewski (jetzt im Museum der Eremitage zu Leningrad), der Tassilokelch zu
Kremsmünster (Tafel I) und ein diesem gleichalteriger Kelch, der 1879 in
einem Grabe zu Petöhaza (Komitat ödenburg) gefunden wurde und sich heute
im Ödenburger Museum befindet. (49) Doch wurden Kelche dieser Art wohl
in der Regel wenigstens im Innern der Kuppa vergoldet.
Von Kelchen aus Glas ist in den vorkarolingischen Quellen mehrfach die
Rede. So, wie es scheint, im Briefe des heiligen Hieronymus an den Mönch
Rusticus, in dem er die Wohltätigkeit des Bischofs Exsupcrius von Toulouse,
der seine ganze Habe zur Speisung der Armen hingab, preist und daran dann
die Bemerkung anknüpft: Nihil illo ditius, qui corpus Domini canistro vimineo,
sanguinem portat in vitro, (50) in der Vita s. Hilarii Arelatensis (ff^iQ), in der
es beißt, der Heilige habe alles Kirchensilber zum Loskauf der Gefangenen hin-
gegeben, bis er zuletzt nur mehr Patenen und Kelche aus Glas zur Feier des
heiligen Opfers gehabt habe, (51) sowie in der Vita tripartita des heiligen Pa-
trik, in der wir von vier Kelchen aus Glas hören, die der Heilige dem Archipres-
(45) Gesta abb. Fontan. c. 8 (M. G. SS. II, 281).
(46) Vgl. über den Keleh Lab.vrte, I. 492 und Tfl. 30 sowie Roh. IV, 73.
(47) Martexe et Durand, Voyage lit. I (Paris 1713) 183.
(48) Allerdings läßt Walafried Strabo in seiner Bearbeitung der älteren Vita s. Galli
c 19 (M. 114, 934) den Heiligen sagen: Nain meus praeeeptor beatissimus Columbanus in
vasis aeneis Domino solet offere sacrificium salutis, quia fertur et Salvator noster clavis
aeneis cruci confixus, doch findet sich dieser Ausspruch nicht in seiner Vorlage.
(49) Jos. Hamfel, Altertümer des frühen Mittelalters in Ungarn II (Braunschweig 1905)
423 und Tfl. 324. (50) N. 20 (M. 22, 1085).
(51) N. 11 (AA. SS. 5. Mai; II, 29); vgl. auch die Vita s. Caesarii Arelat. n. 23, 24 (M. 67,
1012), wo ähnliches vom heiligen Cäsarius berichtet wird.
DRITTES KAPITEL. MATERIAL. I. VORKAROLIXGISCHE ZEIT 37

byler Ailbe in SHab Hua-n-Ailella schenkte. (52) Auch der Kelch, von dem
Gregor der Große in seinen Dialogen spricht, wenn er berichtet, Bischof Dona-
tus von Arezzo habe einen Kelch, der zerbrochen war, durch ein Wunder wie-
derhergestellt, war wohl aus Glas gemacht, (53) doch ist nicht sicher, daß es
sich bei ihm um einen eucharistischen Kelch handelte. Von Ardo vernehmen
wir, daß der heilige Benedikt von Aniane sich zur Feier der heiligen Geheim-
nisse keiner silbernen GefSße habe bedienen wollen, vielmehr habe er zu ihr
anfangs hölzerne, dann gläserne und zuletzt zinnerne verwendet, silberne aber,
die ihm geschenkt wurden, habe er alsbald andern zum Gebrauch über-
wiesen. (54) Daß man auch im Osten in der uns beschäftigenden Periode
gläserne Kelche zur Messe benützte, erhellt aus den Kanoa.es Jakobs von
Edessa. (55) Die Präester, heißt es darin, dürfen das Glas der heiligen Kelche,
die zerbrachen, nicht verkaufen.
Erhalten hat sich aus vorkaro linkischer Zeit kein Kelch aus Glas. Denn der oben 28 cm,
unten i3 cm weite und 9,5 cm hohe fußlose Napf aus bläulichem Glas, (56) der in S. Giulio
zu Orta in Piemont aufbewahrt wird und nach der Legende vom hl. Julius (7 400) als Kelch
gebraucht worden sein soll, kann doch nicht als Kelch angesehen werden. Ein zu Amiens
gefundener, oben 11,7 cm weiter, i6,5 cm hoher Henkelkelch aus blauem Glas, der sich
jetzt im Britischen Museum befindet, (57) ist zwar ein Kelch, doch liegt nicht der geringste
Anhalt vor, in ihm etwas anderes als einen profanen Trinkbecher zu sehen, und noch mehr
gilt das von einem fußlosen Henkelbecher aus Glas in der ehemaligen Sammlung Basi-
lewsky von .1,8 cm Höhe und 9 cm oberer Weit«. (58) Auch drei koptische Glaskelche im
Kaiser-Fried rich-Muse um zu Berlin, ein großer aus gelblich-grün ein und zwei kleinere aus
bläulichem Glas, sind lediglich profane Trinkgefäße.
\on einem Kelche aus Kristall in der Laurentiusbasilika zu Mailand, der dem
Diakon auf dem Weg zum Altar aus der Hand glitt, zu Boden fiel und in Stücke
zerbrach, dann aber auf das Gebet hin, das der Diakon an den heiligen Lauren-
lius richtete, wunderbarerweise wiederhergestellt wurde, erzählt Gregor von
Tours, (59) von einem andern Kelch, der aus Kristall bestand und von Kaiser
Philipp dem Erzbischof Felix von Ravenna (f 723) für dessen Kathedrale ge-
schenkt wurde, vernehmen wir in des Agsellus Liber Pontificalis Bavenna-
lensis. (60) Einen prachtvollen, mit Gold verzierten Kelch aus Onyx gab die
Königin Brunhildis der Stephanskathedrale zu Auxerre, (61) zwei mit Gold
und Edelsteinen verzierte Kelche aus Onyx Kaiser Philipp zugleich mit dem
vorhin erwähnten Kristallkelch dem Erzbischof Felix von Ravenna. (62) Einen
kleinen Kelch aus Onyx, mit goldenem Fuß, der einen Löwen darstellte, fand
man no4 bei dem Leichnam des heiligen Kuthbert, als man damals dessen
Sarg öffnete. (63) Ein mit goldener Fassung und goldenem Fuß ausgestatteter
Henkelkelch aus Kristall, der dem heiligen Servatius zugeschrieben wurde, be-
fand sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in der Stiftskirche des heiligen
(52) Tripartite life of Patrik I (London 1837) 94. (53) L. 1, c. 7 (M. 77, 184).
(54) N. 14 (M. 103, 360).
(55) C. 30 (C. Kaysfr, Die Kanones Jakobs von Edessa [Leipzig 1886] 20).
(56) Abb. bei Ron. IV, Tfl. 271. (57) Abb. ebd. Tfl. 287.
(58) Abb. bei Roh. IV, Tfl. 387. (59) De gloria mart. c. 46 (M. 71, 747).
(60) Vita Felicis c. 5 (M. 106, 707).
(61) Hist. epist. Autiss. 1.1, c. 20 (M. 138, 239). (62) A. a. O.
(63) Liber de translat. s.Cuthberti c. 1, n. 8 (AA. SS. 20. Mart., III, 139).
38 VASA SACRA. ERSTER ABSCHMTT. DER KELCH

Servatius zu Maastricht, verschwand aber leider dann bei Aufhebung des Stiftes
durch die französischen Revolutionäre. (64) Ein nur als Bruchstück erhaltener,
mit Reliefs verzierter Majolikabecher, der in S. Anastasia zu Rom als Kelch
des heiligen Hieronymus gezeigt wird, war ein gewöhnlicher antiker Trink-
becher. (65)
Von Holzkelchen hören wir in dem uns hier beschäftigenden Zeitraum in den
Quellen nichts. Allerdings gibt es einen Brief Isidors von Sevilla an einen Red-
emptus, in dem der Gebrauch tönerner und hölzerner Kelche im Notfall als
statthaft bezeichnet wird, freilich auch nur in einem solchen, da sonst der Kelch
stets aus Metall gemacht sein müsse, doch ist derselbe zweifellos unecht und ein
Produkt nicht des 7., sondern erst des 11. Jahrhunderts. (66) Ein kleiner, nur
11 cm hoher Holzkelch in S. Michele zu Pavia, den Rohaült dem 5. Jahrhun-
dert zuschreibt, (67) stammt nach Ausweis seiner Form aus dem späteren Mittel-
alter. Er hat vermutlich als Grabkelch gedient; als Meßkelch ist er zweifellos
nie benützt worden.

n. DAS MATERIAL DES KELCHES IN KAROLINGISCHER UND NACHKAROLINGI-


SCHER ZEH" BIS IN DEN BEGINN DES 16. JAHRHUNDERTS
Wurden in vorkarolingischer Zeit, soweit sich feststellen läßt, keine Bestim-
mungen hinsichtlich des Materials des Kelches getroffen, so ändert sich das
jedoch fast wie mit einem Schlag seit dem späten 8. Jahrhundert. Die dies-
bezüglichen Verordnungen werden nun bald zahlreich. Bemerkenswert ist, daß
fast alle aus Ländern diesseits der Alpen stammen. Wie es scheint, machte man
hier weniger Unterschied zwischen Material und Material und verwendete nicht
selten selbst minderwertiges, weil besseres nicht oder nicht leicht zu beschaffen
war. Keine Bestimmungen hinsichtlich des zu den Kelchen zu verwendenden
Materials liegen aus dem hier in Frage kommenden Zeitraum aus Italien vor.

Ihrer Geltung nach waren alle das Material des Kelches betreffenden Ver-
ordnungen, die uns bis zum Ende des Mittelalters begegnen, zunächst nur par-
tikularrechtlich, maßgebend nur für die Diözese oder die Kirchenprovinz, für
die sie erlassen wurden. Indessen gewannen diese an sich nur beschränkt gül-
tigen Bestimmungen allmählich dadurch eine über ihren ursprünglichen engen
Geltungsbezirk hinausgehende allgemeinere Bedeutung, daß sie, wie die so-
genannte Admonitio synodalis in die Pontifikalien Eingang fanden, oder wie

(64) Ob der Kelch wirklich vom heiligen Servatius herrührte, muß dahingestellt bleiben,
zumal ein Inventar von 1667 darüber noch nichts sagt. Er wird in ihm lediglich beschrieben
als ealix cristalinus munitus cireulo et pede aureo, nabens duas ansulas ad formam calicis
Domini (Fr. Bock et W. Wili.emses, Antiquites sacrees dans les anciennes collegiales de
St. Servais et de N.-Dame ä Maastricht (Maastricht 1873) app. LX. Eine Skizze des Kel-
ches hat sich in einem kurz vor dem Verschwinden desselben erschienenen Büchlein eines
Maktik von Heylerhoef über Kirche und Schatz von St. Servatius erhalten, wiedergegeben
fiei Roh. III, Tfl. 287.
(65) Mabillok, Museum ital. I (Paris 1687) 97: Constat ex terra figulina alba, sed frae-
tus, in morem calicis usualis ad potandum. Skizze bei Gay, 252. (66) N. 7 (M.83, 907).
(67) La messe IV, 65. Wenn Rohaui.t de Flelry ebendort unter den Kelchen des 5. Jahr-
hunderts auch einen lackierten, mit Perlmutter inkrustierten Kelch anführt, von dem man
1729 an Mostfaucos eine Abbildung geschickt habe, so verrät das einen geradezu unglaub-
lichen Mangel an Kritik.
DRITTES KAPITEL, MATERIAL. II. KAROLINGISCHE ZEIT 39

andere in die Kanonessammlungen des 11. und 12. Jahrhunderts aufgenommen


wurden. Gab ihnen das an sich auch noch keine allgemein verpflichtende Kraft,
so wurde doch das, was sie vorschrieben, dadurch allmählich auch anderswo
Brauch und damit schließlich daselbst wenigstens zur rechtlich bindenden Ge-
wohnheil.
Die früheste Bestimmung über das Material des Kelches begegnet uns in c. 10 der Synode
von Galechyt in England (785 bzw. 787): Vetuimus, ne de cornu bovis calix aut patina
fieret ad sacrificandum, quod de sanguine sunt. (68) Man hat irrigerweise gemeint, (69) die
Synode habe verboten Ochsenhörn er, wie sie als profane Trinkhörner gebraucht zu werden
pflegten, auch als Kelche zu verwenden, doch hätte davon abhalten sollen, daß sie nicht bloß
von Kelchen, sondern auch von Patenen spricht. Denn als Patenen konnten Oclisenhörner
ihrer Natur nach auf keinen Fall dienen. Was die' Synode untersagt, ist lediglich, Kelche
und Patenen aus Hörn herzustellen. Wenn sie das Verbot aber mit den Worten begründet:
Quod de sanguine sunt, so will sie damit zum Ausdruck bringen, daß ein Material, das aus
tierischem Blut erzeugt wurde, nicht als geziemend erachtet werden könne für Geräte, die
bestimmt seien, des Herrn heiligstes Blut und heiligsten Leib aufzunehmen.
Etwa um die Mitte des 9. Jahrhunderts beschäftigt sich die sogenannte Admonitio sjno-
dalis (70) mit dem Material des Kelches. Sie bestimmt, deiner dürfe sich vermessen, in einem
hölzernen oder gläsernen Kelche die Messe zu feiern. (71) Nach Hinkmars, des Erzbischofs
von Reims (■{•88s), Capitula soll der Dechant bei der Visitation der Kirchen auch zusehen:
Quo metallo sit calix et patena. (72) Vielleicht, daß metaüum lüer nicht Metall im heutigen
Sinne besagt, sondern eine weitere Bedeutung hat, da man noch in karolingischer Zeit unter
metallum auch Stein verstand, wie z. B. in dem Gebet, das bei Segnung der Portabilien über
diese gesprochen wurde. Immerhin beweist das Kapitulum, daß Hinkmar nicht jedes Mate-
rial als geeignet und zulässig zur Herstellung des Kelches betrachtete. Die Synode von Tri-
bur des Jahres 895 verbietet, die heiligen Geheimnisse weiterlün ne decus matris ecclesiae
imminuatur, sed magis cumuletur et honorificetur (73) irgendwie in Gefäßen aus Holz zu
vollziehen, was also bis dahin ersichtlich noch immer vorgekommen war. Von einem Ver-
bot gläserner Kelche findet sich in dem Kapitular der Synode nichts.
Erheblich weiter als die bisher genannten Verordnungen geht ein von Regmo von Prüm
(f gi5) in seiner Kanonessammlung angeführter. Ex concilio Remensi überschrieben er Ka-
non, der, weil in die späteren Kanonessammlungen aufgenommen, für die Folgezeit von
größter Bedeutung wurde. Er bestimmt, der Kelch müsse aus Gold oder Silber gemacht,
im Falle höchster Armut aber wenigstens aus Zinn angefertigt sein. Nie dürfe er aus
Kupfer oder Bronze bestehen, da der Wein in Kelchen dieser Art Grünspan verursache,
dieses aber Erbrechen hervorrufe. Auch dürfe sich niemand erkühnen, mit hölzernem
Kelche zu zelebrieren. (74) Nicht so streng zeigt sich freilich Riculf von Soissons (f 900)
in seiner Pastoralinstruktion von 889, wenn er in Kanon 7 derselben nur vorschreibt: Si
possibile f uerit, unusquisaue calicem cum patena argentea sive cuiuslibes metalli purissimi
babeat, (75) sofern er im Notfall auch andere Kelche als solche aus Silber oder sonst einem
ganz reinen Metall — gemeint ist wohl namentlich Zinn — vom Gebrauch nicht ausschließt.
Edgar, König der Angelsachsen (7 970), schreibt im &I. seiner kirchlichen Kanones vor,
es müßten alle Kelche, die zum Konsekrieren gebraucht würden, gegossen sein, also aus
Metall bestehen, und es dürfe keiner die Messe mit einem hölzernen Kelche feiern. (76)
Den Priester, der sich etwa vermessen sollte, mit einem Kelch aus Holz zu zelebrieren, be-
legen die Leges presbyterorum Northumbrensium von 900 mit einer Strafe von zwölf
öre. (77) Erzbischof Aelfric von Canterbury bestimmte, es dürften zur Messe nur Kelche

(68) H. in, 2075. (69) Vgl. Roh. IV, 95.


(70) Sie wird, doch ohne Grund, bald Leo IV., bald einer nicht näher bekannten Synode
von Reims zugeschrieben. (71) N. 6 (M. 115, 677). (72) N. 8 (H. V, 396).
(73) C. 18 (M. G. Capit. II, 223). (74) L. 1, c. 67 (Hartzh. II. 452). (75) M. 131, 17.
(76) H. VI, 662. (77) C. 15 (M. 138, 522).
40 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

und Patenen gebraucht werden, die dem Verderben nicht unterworfen seien, (78) id est, wie
eine andere Fassung des Kanons erklärend bemerkt, de auro vel argento sive stagno vel
vitro. Ausgeschlossen von der Verwendung waren nach ihm demnach nur Kelche aus Bronze,
Kupfer und Holz. Auch die Synode von Winchester des Jahres 1076 begnügt sich damit,
lediglich Kelche aus Bronze und Höh zu verbieten. (79) Eine Verordnung aus Spanien be-
treffs des Materials des Kelches haben wir im dritten Kanon der Synode von Goyaca des
Jahres ioüo. Er verbietet mit Kelchen aus Holz oder Ton zu zelebrieren. (80)
Burchard von Worms (f ioa5) wiederholt in L. 3, c. 9 seiner Sammlung von Dekreten
(M. i£o, 69a) wörtlich den das Material des Kelches betreffenden Kanon Reginos von
Prüm, nur dehnt er das Verbot, hölzerne Kelche zu gebrauchen, auch auf gläserne aus:
Nullus autem in ligneo calice aut in vitrio praesumat cantare, was dann nach seinem Vor-
bild in ihren Kanonessani mlungen !>ei Wiedergabe des Kanons Reginos auch Ivo von Char-
tres (f 1116) (81) und Gratian (82) tun.
Die Londoner Synode von 1175(88) und die Synode von Rouen des Jahres 1189(84)
verordneten, daß zur Meßfeier nur mehr Kelche aus Gold oder Silber gebraucht werden
dürften; zugleich verboten sie, weiterhin Kelche aus Zinn zu konsekrleren, jene schlecht-
hin, diese mit der Einschränkung: Nisi iudicio episcopi evidens apparuerit necessitas. Die
Synode von York aus dem Jahre ngö will überall da einen Kelch aus Silber bei der Messe
verwendet sehen, wo die Mittel vorhanden seien, einen solchen zu beschaffen. (85)

Werfen wir einen Rückblick auf die kirchlichen Bestimmungen, die seit
Ende des 8. Jahrhunderts bis zum Ende des 13. erlassen wurden; er ist sehr
lehrreich. Von Kelchen aus Hörn ist nur einmal ihn ihnen die Rede. Dieselben
waren wohl nicht sehr verbreitet und nicht tief eingebürgert. Das eine Verbot
hat, wie es scheint, genügt, ihren Gebrauch auszurotten. Zäh scheinen sich die
Kelche aus Holz behauptet zu haben. Immer und immer wieder müssen Bestim-
mungen gegen die Verwendung derartiger Kelche erlassen werden. Wenn Bur-
chard von Worms, Ivo von Chartres und Gratian in ihren Kanonessammlungen
noch einen Kanon aufgenommen haben, in dem die Benützung hölzerner Kelche
verboten wird, so dürfen wir daraus wohl folgern, daß auch noch im n., ja im
12. Jahrhundert Holzkelche, wenn auch mißbräuchlich, weil entgegen dem all-
gemeinen Brauch, hier und da zur Verwendung kamen. Befand sich ja unter
den Vergehen, wegen deren der Magister Maurus von Brescia von Honorius III.
(121O—1227) abgesetzt wurde, noch auch dieses, daß er mit einem hölzernen
Kelch die Messe gefeiert hatte. (86)
Das Verbot von Kelchen aus Glas durch die Admonitio synodalis findet zu-
nächst kein Echo; sei es, weil die Verwendung von Glaskelchen nicht eben groß
war oder weil Glas noch zu den wertvolleren Materialien zählte. Erst bei Bur-
khard ist in dem im übrigen der Sammlung Reginos entlehnten, die stoffliche
Beschaffenheit des Kelches betreffenden Kanon wieder von gläsernen Kelchen
die Rede.
Kelche aus Bronze und Kupfer verbietet zuerst der von Regino angeführte
Kanon einer Reimser Synode, die wir nicht näher kennen, die aber wohl kaum

(78) C. 22 (M. 139, 1473). (79) C. 16 (H. VI, 1561).


(80) H. VI, 1026: Non sacrificent cum calice ligneo vel fictili.
(81) Decret. I. 2, c. 131 und Panorm. I. 1, c. 160 (M. 161, 197, 1083).
(82) Decret. De eonseerat. dist. 1, c. 45 (ed. Friedberg I [Lipsiae 1889] 1306).
(83) C. 17 (MaSsi 22, 151). (84) C. 2 (H. VI, 1905) (85) C. 5 (H. VI, 1931).
(86) Decret. Gregor. IX., L 3. tit. 41. c. 14.(ed. Friedber« [Leipzig 1881] 643).
DRITTES KAPITEL. MATERIAL. IL NACHKAH0UNG1SCIIE ZEIT 41

vor der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts stattfand, da die Admonitio syn-
odalis nur erst Kelche aus Holz und Glas als unzulässig bezeichnet. Kelche aus
Zinn werden entweder nicht, oder doch nicht schlechthin verboten, wenn auch
im letzten Fall ihre Verwendung auf den Notfall eingeschränkt wird. Selbst
Petrus Damianos betrachtete zinnerne Kelche nicht einfachhin als unbrauchbar
zur Meßfeier, so wenig entsprechend er auch solche zu diesem Zweck hielt. (87)
In den Verordnungen bezüglich des Materials des Kelches, welche die Syn-
oden des i3. und i!\. Jahrhunderts erlassen, werden Kelche aus Holz, Glas,
Bronze und Kupfer nicht erwähnt. Eine Ausnahme macht nur die Trierer Syn-
ode des Jahres i3io: (88) Omnibus sacerdotibus nostrae Provinciae Trcviren-
sis interdicimus, ne quis eorum cum calice ligneo vel vitreo vel stannco vel plum-
beo vel de pelte (nicht Leder, wie man gemeint hat, sondern Hartzinn, englisch
pewter) vel de auricalco vel de eiectro (Bronze) infra nostram provinciam ulte-
rius celebrare praesumat. Itaque unaquaeque ecclesia calicem saltem argenteum
cum patena habeat. Als das Normale erscheinen in allen Synodalstatuten Kelche
aus Silber. (89) Nur vereinzelt werden auch nichtsilberne Kelche zugelassen,
doch bloß ausnahmsweise, und nur, wo silberne nicht zu beschaffen seien. (90)
Wenn in diesen späteren Verordnungen nie von Kelchen aus Gold die Rede ist,
so hat das seinen Grund nicht etwa darin, daß Kelche dieser Art als unzulässig
betrachtet wurden, sondern darin, daß für gewöhnlich die Mittel fehlten, Kelche
aus Gold zu beschaffen. Wo es an solchen nicht mangelte, hat man auch nach
wie vor nach Ausweis der Inventare goldene Kelche zur Meßfeier angefertigt.
Häufig ist in den Inventaren und Gabenverzeichmasen, die aus dem 9. bis zum i3. Jahr-
hundert vorliegen, von Kelchen aus Gold die Hede. Daß in den Listen der Gaben, welche die
Päpste des 9. Jahrhunderts den römischen Kirchen spendeten, solche genannt werden, kann
nicht auffallen. (91) Aber auch die Inventare außer römischer Kirchen wissen von man-
chen goldenen Kelchen zu erzählen. So verzeichnet das Inventar von Gcntula von 800 drei,
das von 83i vier solcher. (92) Ardo berichtet von goldenen Kelchen, die Ludwig der
Fromme dem heiligen Benedikt von Aniane schenkte, (93) Flodoard von einem calix maior
aus Gold, den Hinkmar um 845 hatte anfertigen lassen. (94) Andere Beispiele aus dem
9. Jahrhundert begegnen uns im Inventar von St. Trond aus dem Jahre 870 (95) und im
Testament des Grafen Eberhard von Friaul. (9G) Ein Inventar des Domes zu Monza von etwa
910 verzeichnet zwei Kelche aus Gold; (97) einen calix maior cum patena purissimo ex
auro schenkt Rothardus, Bischof von Cambrai (7 090) seiner Kathedrale. (98) Ein Inventar
der Abteikirche zu Prüm vermerkt nicht weniger denn fünf goldene Kelche, (99) je einen

(87) De ordinc eremit. (M. 145, 335) und Contra inscitiam cleric. c. 2 (I.e. 500).
(88) C. 68 (Hartzh. IV, 142).
(89) Vgl. Syn. von Oxford (1222) c. 10 (H. VII, 118); Svn. von Beziers (1246) c 31
(1. c. 412); Syn. von Lattich (1287) c. 5, n. 12 (Hartz». III, 690)"; Syn. von Excter (1287) c. 12
(H. VII, 1087) ; Lateinische Syn. von Nicosia (1298) c. 6 (]. c. 1734) ; Syn. von Cambrai (1300)
Tit. de euch. (Hartzh. IV, 71); Syn. von Vaur (1368) c. 85 (MaÜm 26, 520).
(90) Vgl. Innoeentii IV Ep. ad Otton. Card. Tusc. (1254) n. 13 (H. 1. c. S65); Syn. von
Albi (1254) c.42 (I.e. 464); Syn. von Ravenna (1311) c. 8 (I.e. 1364); Syn. von Marciac in
Spanien (1326) c.44 (I.e. 1528).
(91) Vgl. z. B. die Vita Leonis III. (795—816) n. 399, 409, 416 und die Vita Stephan!
(816—817) n. 429 (Ducti. II, 17, 26, 4d). Von einem mit Edelsteinen reich verzierten gol-
denen Kelch, den Kaiser Michael 860 dem Papst Nikolaus (885—867) verehrte, hören wir
in n. 585 (1. c. 154). (92) Chron. Cent. I. 2, c. 6; 1.3, e. 3 (M. 174. 1248, 1257).
(93) Vita s. Benedict! c.81 (M.G.SS. XV, 213).
(94) Hist. Rem. eccl. 1. 3, c. 5 (M. 135, 144). (95) Dehaissks, Doc. 13. (96) Ebd. 10.
(97) Bull. mon. 46 (1880) 464. (98) Dehaisses, Doc. 18. (99) Beyer I, 717.
42 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

ein Inventar des AM in ghof kl osters zu Paderborn aus der Zeit des Bischofs Meinwerk
(7 io36),(100) ein Inventar von Kremsmünster aus der ersten Hälfte des n. Jahrhun-
derts, (100a) ein Seh atz Verzeichnis des Speyerer Domes von io5i (101) und ein Inventar
der Kathedrale zu Ely aus dem Jahre 1079. (102)
Im Verzeichnis der Hinterlassenschaft Viktors III. (7 1087), des ehemaligen Abtes Desi-
derius von Monte Cassino, werden zwölf goldene Kelche genannt, sieben größere und fünf
kleinere; (103) zu Martinsberg in Ungarn besaß man um das Ende des n. Jahrhunderte
zufolge einem aus der Zeit von io83—ioo5 stammenden Inventar dreizehn, von denen drei
mit Edelsteinen besetzt waren. (104) Kaiser Heinrich der Heilige schenkte einen goldenen
Kelch dem Dom zu Merseburg (105) und dem St-Vitonuskloster zu Verdun, (106) König
Ferdinand von Kastilien io63 der Kirche des heiligen Isidor zu Leon, (107) Bischof Brith-
wold von Salisbury (7 i&5) der Abtei Glastonbury. (108) Um 1100 verzeichnet ein Inventar
von St, Georg zu Köln neben einem nur vergoldeten auch einen goldenen Kelch. (109) Zwei
vermerkt ein Inventar des Klosters Muri in der Schweiz, (110) sechs ein Inventar von Gan-
dershemi, (111), einen ein Schatz Verzeichnis der Kathedrale zu Rouen,(lila) zwei ein In-
ventar von St. Vast zu Arras, (112) drei ein Schatz Verzeichnis von Altmünster zu Mainz, (118)
zwei ein Inventar von Prüfening; (114) alles Inventare des 12. Jahrhunderts. Einen mit
Email, Smaragden, Topasen und vielen anderen Edelsteinen geschmückten goldenen Kelch
stiftete Bischof Hugo von Le Mans (7 1i&3) seiner Kathedrale, (115) König Ludwig VII.
(-j* 1180) schenkte einen goldenen Kelch der Kathedrale zu Paris, (116) Abt Suger von
St. Denis löste einen 4,3 Kilogramm schweren goldenen Kelch, der verpfändet worden war,
wieder ein. (117) In einem Inventar des Domes zu Krakau von 1 r 10 begegnen uns neben
zwölf vergoldeten sechs goldene Kelche, (118) zwei mehr als in einem Inventar des Domes
von 1101. Im Dom zu Mainz besaß man um iioo drei Kelche aus Gold. (119)
Auch in den Schatz Verzeichnissen des i3., i£. und i5. Jahrhunderts hören wir noch oft
von Kelchen aus Gold, so, um nur einige Beispiele anzuführen, in einem Inventar von
S. Jacopo zu Pistoja (1294), (120) im Inventar der Kathedrale von Salisbury aus dem
Jahre 1233,(121) im Testament Philipps von Artois, Bischofs von Tournai, von i356,(122)
im Inventar des Schlosses zu Hesdin von i33i,(123) im Schatzverzeichnis des Domes zu
Freising von i35a, (124) im Inventar von N.-Dame zu Paris von i343, (125) im Schatzver-
zeichnis des Domes zu Prag, (126) im Inventar von St. Albans in England von zirka
iioo, (127) im Inventar Philipps des Kühnen von i4o4, (128) in einem Inventar der Ka-
thedrale zu York von i5oo,(129) in einem Inventar des Baseler Münsters von i5ii,(130)
sowie in einem Schatz Verzeichnis von St. Denis von iöo5. (131} Im Inventar Karls V. von
Frankreich von 1379/80 lesen wir von zwölf Kelchen aus Gold, von denen einer an der
Kuppa in Email ausgeführte Bilder der Apostel aufwies, am Nodus und Fuß mit Edel-
steinen besetzt war, (132) im Inventar des Apostolischen Stuhles von 1295(133) ebenfalls
von zwölf zum Teil kostbar ausgestatteten goldenen Kelchen, im Schatz Verzeichnis von

(100) Mart. et Durand II, 241. (100a) M.G.SS. XXV, 669. (101) Schaksat 9.
(102) DtGDALE I, 477. (103) Chron. Cas. 1.3, e.74 (MG. SS. VII, 753). (104) Mitt.V
(1860) 351. (105) Thietmari, Chron. 1.6, n.61 (M. 139. 1361). (106) M. 154, 210.
(107) Fi-orez XXXVI. CLXXXLX. (108) Wilh. Malmesbur., De antiq. Glaston. eecl.
<M. 179, 1723). (109) Fr. Bock, Das heilige Köln, St. Jakob 8f.
(110) Marqüard Herrgott, Genealogia diplom. aug. Dom. Habsburg I (Wien 1737) 313.
(111) Anzeiger XX (1873) 345. (lila) Revue XXXVI (1886) 461.
(112) Dehaisnes, Doc. 45. (113) Serapeum XVIII (1857) 363.
(114) N. Archiv XIII (1888) 561. (115) Mabillon, Vet. analect. III (Paris 1682) 354.
(116) Revue XXXVII (1887) 500. (117) Sugerii, De rebus in admin. sua gestis c. 34
(M. 186, 1238). (118) Essenweis, Krakau, Anh. XXXIII. (119) De calamitate eccl. Mo-
gunt n. 3 (M. G. SS. XXV, 240). (120) AnR. archeol. XV (Paris 1855) 142. (121) Jones,
Registr. II, 127. (122) Dehaisnes, Doc. 387. (123) Ebd. 235.
(124) Anzeiger XIV (1867) 303. (125) Revue archeol. XXVII (1874) 250.
(126) Podlaha, Anhang XXXIII. (127) Riley, II, 325. (128) Dehaiskes, Doc. 826.
(129) Raike, 215. (130) Mitt. der Ges. für vaterl. Altertümer in Basel (Basel 1862) 22.
(131) Omokt 12. (132) Labarte, Invent. 51. (133) BibL XLHI (1882) 644.
DRITTES KAPITEL. MATERIAL. IL NACHKAROLIXGISCHE ZEIT 43

St. Paul zu London von 12^5 von vier, (134) in einem Schatz Verzeichnis der Kathedrale
zu Canterbury von i3i5 sechs. (135) Eine große Zahl goldener, zum Teil prächtig ornamen-
tierter Kelche findet sich auch in den Inventaren Karls VI. von Frankreich von i^ao (136)
und des Herzogs Jean von Berry von i4o*—i&o3. (137) Ein Inventar der Kirche zu Saint-
Claude von i/|68 verzeichnet einen mit Henkeln versehenen, also spätestens dem frühen
i3. Jahrhundert entstammenden Kelch aus Gold, zu dessen Herstellung auch legendäre
Körner des von den Dreikönigen geopferten Goldes verwendet worden waren. (138)
Es waren übrigens, wie auch aus den angeführten Beispielen hervorgeht,
durchweg nur Kirchen, Klöster und Personen von Ansehen, Rang und Reich-
tum, die sich Kelche aus Gold beschaffen konnten. Erhalten hat sich von den
zahlreichen mittelalterlichen Goldkelchen wenig, ein Miniaturkelch in St. Ger-
vasius zu Trier von um 980, ein Kelch im Hildesheimer Dom von um 1376, ein
prachtvoller goldener Kelch aus dem Ende des i3. Jahrhunderts zu Villin-
gen, (139) ein. mit ungarischem Drahtemail geschmückter Kelch aus Gold von
i5oi im Dom zu Breslau, (140) ein gleichartiger Kelch von ca. i5oo in der
Franziskanerkirche zu Preßburg, (141) ein Kelch von i5o4 zu Untersee in
Schleswig-Holstein, (142) ein Kelch von i5o7 im Corpus-Christi-Kolleg zu
Oxford sowie ein Kelch des i(\. Jahrhunderts zu Ebstorf in Hannover. (143)
Kelche aus Silber sind nicht erst in den Inventaren des späteren Mittelalters,
sondern auch schon in denen des 9. und 10. Jahrhunderts derartig gewöhnlich,
ja die Rege!, daß es nicht vonnöten erscheint, aus ihnen Belege für die Verwen-
dung von Silber als Material des Kelches in karolingischer und nachkarolingi-
scher Zeit anzuführen.
Kelche aus Bronze oder Kupfer werden in den mittelalterlichen Inventaren
nur selten aufgeführt. Selbst in den Schatzverzeichnissen, die aus der Karo-
lingerzeit vorliegen, ist nur vereinzelt von Kelchen dieser Art die Rede. Be-
greiflich übrigens. Sind es doch fast nur Inventare größerer und begüterterer
Kirchen, was an solchen aus dem Mittelalter noch vorliegt; also von Kirchen,
denen hinreichende Mittel zur Beschaffung von Kelchen aus Silber zur Ver-
fügung standen, die demnach nicht genötigt waren, sich mit Kelchen aus Kupfer
zu bescheiden. Außerdem aber werden in den Inventaren meist nur die Gegen-
stände aus Edelmetall aufgeführt. Wie es in ärmeren Kirchen um den Gebrauch
von Kelchen aus Kupfer stand, darüber geben uns die Inventare keinen genü-
genden Aufschluß. Besseren erhalten wir darüber durch die zahlreichen Kelche
aus Kupfer, die sich aus dem späten Mittelalter gerettet haben. Sie bekunden,
daß trotz aller Verbote selbst noch damals Kelche dieser Art recht häufig
waren. Freilich wurden dieselben den silbernen und goldenen Kelchen dadurch
angeglichen, daß man sie versilberte, oder wie es gewöhnlich geschah, ver-
goldete. (144) Auch machte man häufig nur Fuß und Schaft der Kelche aus
(134) Archaeologia L (1887) 464.
(135) J.Jackson, History of the english platel (London 1911) 350.
(136) Doset d'Arcq II, 397f. (137) Guiffrey I, 297; II, 71, 14, 59, 60, 139, 172.
(138) Gay I, 255: Un calice d'or a oreille ouquel a de l'or des trois roys.
(139) Kd. von Baden, Villinge«, Tfl. 18. (140) Histzi;, Tfl. 17. (141) Pixsky I, Tfl. 13.
(142) Kd. von Schleswig-Holstein II, 114. (143) Mithoff IV, 65.
(144) Vgl. z.B. das Inventar des Schlosses Laraprechtsburg in Tyrol von 1481: Ain
kchupphren kelch übergult, und das des Schlosses Thaur von 1484: Zwen kelch, der ein
kupf rein vergult (O. VON" Zi>GEhle, Mittelalt. Inventare aus Tyrol [ Innsbruck 19091 43,131).
44 VASA SACRA. ERST/:/! ABSCHNITT. DER KELCH

Kupfer, die Kuppa aber aus Silber, wie manche der noch vorhandenen spät-
mittelalterlichen Kelche bekunden. Selbst in den Inventaren von Kirchen ersten
Kanges begegnen uns gelegentlich Kelche dieser Art, wie zum Beispiel in dem
der Peterskirebe zu Rom von l454/55, in dem neun derselben vermerkt
sind (145) und in dem der Latcrankirche von i^55, welche zwei solcher Kelche
aufführt. (146)
Auch über die Verwendung zinnerner Kelche geben uns die Invcntare keinen
befriedigenden Aufschluß. Nur äußerst selten ist von solchen in ihnen die Rede.
Indessen gilt auch hier, was von ihrem Schweigen bezüglich der Kelche aus
Kupfer gesagt wurde. In Wirklichkeit kamen auch zinnerne Kelche weit häufi-
ger zur Verwendung, als das nach den Inventaren scheinen könnte, zumal in
armen Kirchen oder in Zeiten der Not. Ma sa terre, heißt es in dem um 1260
geschriebenen Recit d'un menestrel de Reims, en fut moult gravee et les cglises
de regne; car il lor convint mettre jusques as calices et canterent lonc tans en
calices d'estain. (147)
Gern benützte man im späteren Mittelalter Kelche aus Zinn als Grabkelche
an Stelle silberner, die vordem mit Vorliebe als solche gebraucht zu werden
pflegten. Pour le calice et le platme d'estain pour mettre en le fosse, comme il
est de coutume en tel cas ä faire 12 s, heißt es in einer Kirchenrechnung der
Kathedrale zu Cambrai von i'u'j. (148) In den Statuten des Bischofs von Wor-
cester, Wilhelm von Blois, aus dem Jahre 1229 ist sogar ausdrücklich vorge-
schrieben, es solle in jeder Pfarrei außer einem silbernen Kelch für die Feier
der Messe auch ein nicht geweihter zinnerner, mit dem der Priester begraben
werde, vorhanden sein. (149) Grabkelche aus Zinn sind denn auch mehrfach
in Bischofs- und Priestergräbern des späten Mittelalters gefunden worden.
Ein gutes Beispiel aus dem i3. Jahrhundert findet sich heute im Schatz der
Kathedrale zu Sens. Aus Zinn gemacht und nicht geweiht war auch wohl meist
der Kelch, welchen der Priester zum Zweck der Ablution seiner Finger und
des Mundes des Kranken auf Versehgängen mitnahm. (150)
Von Kelchen, die aus Blei gemacht waren, ist in den höchst lehrreichen Pro-
tokollen der Visitationen, die von 1399—1/11,1 in der Diözese Grenoble abge-
halten wurden, mehrfach die Rede. So wurden bei diesen bleierne Kelche an-
getroffen zu St-Sigismond d'Aix, zu Verel, Balby und St-Jean d'Arvey. (150a)
Bemerkenswert ist, daß dieselben seitens der Visitatoren eine Beanstandung
nicht gefunden haben können, da andernfalls die Protokolle eine diesbezügliche
Bemerkung enthalten würden. Es galten also noch im späten Mittelalter Kelche
aus Blei keineswegs allgemein und unter allen Umständen als unzulässig, wenn
sie auch nur da zur Verwendung gekommen sein werden, wo bessere nicht zu
beschaffen waren. Ausdrücklich verboten wurden sie, wie wir hörten, nur durch
die Statuten der Trierer Synode von i3io, einschließlich von allen jenen Syn-

(145) MöKTz 82. (146) Melanges d'arch. IX (1889) 166.


(147) I.ITTRE. Dict unter ealice 1 (Paris 1885) 459. (148) Gay 254.
(149) C. 2 (Maksi XXIII, 176).
(150) Vgl. C. 1 der Synode von Worcester von 1240 (H. VII, 331).
(150a) Chevalier, 55 St-Sigimond d'Aix: ealix est de plumbo; 58 Verel: ealix est de
plumbo; Balby: ealix est plumbeus; St-Jean d'Arvey: munita est calice plumbeo.
DRITTES KAPITEL. MATERIAL. IL NAClIKAIiOUSGlSCHE ZEIT 45

©den, nach denen die Kelche nicht einmal aus Zinn bestehen sollten. Daß man
im späten Mittelalter die Grabkelche mit Vorliebe aus Blei machte, wurde
früher schon gesagt.
Ein höherner Kelch wird im Testament des Grafen Eberhard von Friaul aus
dem Jahre 867 erwähnt. (151) Er bestand aus Nußbaumholz (de nuce) und war
mit Gohl verziert. Er ist der einzige Holzkelch, der uns in mittelalterlichen In-
ventaren begegnet. Zwei hölzerne Kelche in der ehemaligen Zisterzienserklostcr-
kirche Pforta, von denen der eine aus Buchenholz gedrechselt ist und um i3oo
entstanden sein dürfte, der andere aus weichem Holz besteht und etwas jün-
geren Datums ist, waren keine Meßkelehe; daran kann kein Zweifel sein. Ver-
mutlich handelt es sich bei ihnen um Grabkelche. (152) Lediglich ein Grab-
kelch war auch der hölzerne Kelch, den man zusammen mit hölzerner Patene
im Grabe des Wormser Bischofs Konrad JI. von Sternberg (f 1193) fand. (153)
Von zwei anderen Kelchen, die im Testament des Grafen Eberhard aufge-
führt werden, bestand der eine aus Glas, der andere aus Elfenbein. Auch Kelche
dieser Art kommen in mittelalterlichen Inventaren und anderen mittelalter-
lichen Schriftquellen weiterhin nicht mehr vor, es müßte denn das vasculum
eburneum ad usum sacrificii in einem Inventar von Meschede aus der Zeit
der Äbtissin Hidda (11. Jahrhundert) (154) ein Kelch gewesen sein.
Ein im 16. Jahrhundert mit silberner vergoldeter Innenbeklcidimg und mit gleich-
artiger Montierung des Fußes versehener romanischer Kelch aus Elfenbein, eine Schöpfung
des 1». Jahrhunderts, befindet sich zu Deventer (Tafel 1). Ob er auch schon ursprünglich
als Meßkelch benutzt worden, muß dahingestellt bleiben. Angesichts des elfenbeinernen
Kelches im Testament des Grafen Eberhard ist das immerbin möglich. Nie hat ein im Mai-
länder Dom befindliches teichartiges Gefäß mit Renaissancefuß von 1070 und Elfenbein^
kuppa, die im unteren Teile mit den Reliefdarstelltmgen der freien Künste geschmückt, im
n!:!':-.':! iii'}u{K'.:')l':)i':ni- ist, zur Mi'fjlieie;' güillm!. : 155'} Einige Kelche aus Glas im Schatz
von S. Marco zu Venedig sind nicht abendländischen Ursprunges; es bandelt sich vielmehr
hei ihnen um griechische Kelche, die nach der Eroberung KonstantiaopeJs durch die Kreuz-
fahrer 120/i als Beute nach Venedig gebracht, hier aber wohl nie wieder als Kelche ge-
hraucht wurden. (156) Daß sie eucharistische Kelche waren, beweist die an der Einfassung
ihres Randes angebrachte, die Konsekrationsformel des Weines wiedergebende Inschrift
(Tafel 6). Ein Kelch aus blauem Glas im Dom zu Monza (157) ist nie Meßkelch gewesen.
Seinen heutigen reichen gotischen Fuß erhielt er erst im späten i\. Jahrhundert. Vorher
war er lediglich ein von silbernen Bändern unizogener, an den Seiten mit zwei Ringen ver-
sehener fußloser Recher, wie aus den Inventaren von 137J und 1277, in denen er zuerst
genannt wird, hervorgeht. (158)

Verhältnismäßig oft wird in den älteren mittelalterlichen Inventaren und


(151) Deh.usses, Doc. 10.
(152) Wenn Bkkgmhi, Handbuch der Kunstaltert. (Leipzig 1905) 321 den ersten der bei-
den Kelche dem 12. Jahrhundert zuweist, so ist das nicht zutreffend.
(153) Bonner Jahrbücher LXXXV (1888) Tfl. V. Betreffs des Holzkelches in S. Michelc
zu Pavia vgl. oben S.38. (154) N.Archiv XI (1885) 409.
(155) Er gehörte einem Inventar von 1440 zufolge im 15. Jahrhundert der Kirche S. Got-
tardo (Revue LXI [19111 388: Un ealice ossia coppa di osso col pedc d'argento finosmaltato).
(156) Abb. bei Pasim, Tfl. XXXIX, n. 76; XL, n. 79; Tfl. XLV, n. 99.
(157) Abb. hei Lica Beltjumi, L'arte negli arredi sacri della I.ombardia (Milnno 1897)
Tfl. XIV. , .
(158) Bull. mon. 46 (1880) 630f. Noch im Inventar von 1353 (I.e. 681) wird er lediglich
als cuppa, ligata virgulis argenteis cum duobus anelis a latere bezeichnet.
46 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

sonstigen älteren Schriftquellen von Kelchen aus Bergkristall und Onyx be-
richtet.
So verzeichnet das Inventar von St. Bavo zu Gent 860 einen Kelch von Kristall. (159) In
den Akten der Synode zu Douci von 871 lesen wir von einem mit Edelsteinen verzierten
Kelch aus Onyx und gleichartiger Patene, die König Karl der Kathedrale von Laon ge-
schenkt hatte, Bischof Hinkmar von Laon sich aber unrechtmäßiger Weise angeeignet haben
sollte. (160) Bischof Adalbert von Augsburg gab 908 hei einem Besuch dem Kloster Sankt
Gallen einen mit Gold und Steinen geschmückten Kelch aus Onyx. (161) Bischof Bernward
(T 102a) stiftete dem Dom zu Hildesheim außer einem zwanzig Pfund schweren goldenen
Kelch auch einen Onyx-und einen Kristallkelch. (162) In der Hinterlassenschaft Viktors III.
(f 1087) befanden sich zwei calices de onichino. (163) Bischof Ricardus von Verdun
schenkte seiner Kathedrale einen Kelch aus Onyx sowie einen zweiten aus Kristall. (164)
Einen Kelch aus Onyx gab es nach dem Inventar von ioöi ferner im Dom zu Speyer, (165)
einen Kelch aus Kristall nach dem Inventar von 1127 im Dom zu Bamberg. (166) Bischof
Otto von Bamberg (-J- 1 i3g) verehrte dem Petersdom zu Regensburg zur Beurkundung eines
mit Bischof Hartwig von Regensburg (f na6) wegen Zehnten abgeschlossenen Vergleiches
einen noch vorhandenen, heute aber seiner ursprünglichen Fassung und seines Fußes be-
raubten Kelch aus Onyx. (167) Zu Gandersheim besaß man im za. Jahrhundert einen
Kelch aus Onyx, zwei Kelche aus Kristall und einen Kelch aus Beryll. (168) Zu St. Denis
gab es zur Zeit des Abtes Suger einen prachtvollen Kelch aus Sardonyx, eine Stiftung Karls
des Einfältigen (f 929), mit Kuppa in Gestalt eines doppelhenkeligen mit bacchischen Dar-
stellungen geschmückten antiken Bechers, den Karl mit einem Fuß hatte versehen und in
einen Kelch umwandeln lassen, (169) Suger selbst aber fügte ihm einen zweiten Kelch aus
Sardonyx hinzu. (170) Außer diesen beiden Kelchen ist im Inventar von St-Denis des
Jahres i5o5 auch noch vermerkt: Ung calice de cristal, garny d'argent dore et de pier-
rerie. (171) Daß man im ia. Jahrhundert auch in S. Ambrogio zu Mailand einen Kelch
aus Onyx besaß, ersehen wir aus einem dieser Zeit angehörenden Inventar von S. Am-
brogio. (172) Von einem Kelch aus Onyx und Chalcedon, der mit Gold, Perlen und Edel-
steinen geschmückt war und von dem Erblasser den Patriarchen von Aguileja vermacht
wurde, vernehmen wir in einem Testament von i«6q bei Bianchi. (173) Er ist eines der
letzten Beispiele seiner Art, von dem wir hören.

Daß man auch Kelche aus Kristall und Onyx herstellte, kann nicht auffallen.
Material dieser Art galt durch seine Seltenheit dem Silber, ja dem Gold gleich-
wertig. Begreiflich also, daß man auch aus ihm da, wo solches zur Verfügung
stand, Kelche anfertigte, so lange die kirchlichen Bestimmungen nicht auf
ausschließliche Verwendung von Gold und Silber zur Herstellung des Kelches
(159) N. Archiv VIII (1882) 374. (160) Responsa episc c. 5 (H. V, 1305).
(161) M. G. Libri confrat. s. Galli 137. (162) Tiiaisgmari, Vita s. Bernwardi n. 8 (M. G.
SS. IV 761). (163) Chron. Cas. 1. 3, c. 74 (M. G. SS. VII, 753).
(164) Gesta epic. Virdun., Contin. n. 11 (M. G. SS. IV, 49). (165) Sciiaknat 9.
(166) Weber 40.
(167) Thomas Ried, Cod. dipl. episc. Ratisb. I (Regensburg 1816) 173. Wenn Rohault
de Feeury im Anschluß an Labarte angibt, Kaiser Alexis Komnenes habe Heinrich IV, einen
Kelch aus Bergkristall und eine Patene aus Sardonyx zum Geschenke gemacht, so hat er den
die Schenkung betreffenden Bericht bei Anna Comnena, Alexiadis 1. 3 ,(Mg. 131, 312) er-
sichtlich nicht eingesehen, weil er sonst alsbald erkannt hätte, daß es keine liturgischen,
sondern profane Gefäße waren, welche Alexis Heinrich IV. sandte.
(168) Anzeiger XX (1873) 345.
(169) Er trug auf dem Fuß die Inschrift: Hoc vas, XPE, tibi (devota) mente dieavit —
Tercius in Francos regimine Karlus.
(170) Slgerii, De rebus in administr. sua gestis e. 34 (M. 186, 1238).
(171) Omont 12. Aus welcher Zeit der Kelch stammte, ist nicht bekannt.
(172) Magistretti, Delle vesti eccl. in Milano (Milano 1897) 81.
(173) Documenta Forojuliensia 380.
DRITTES KAPITEL. MATERIAL. III. NACHMITTELALTERLICHE ZEIT 47

drängten. Mit solchen Bestimmungen waren dann freilich Kelche aus Kristall
und Onyx wenig mehr vereinbar; sie kamen deshalb nunmehr als Meßkelche
außer Gebrauch. Wo sie vereinzelt noch in Inventaren erscheinen, wie in dem
von St-Denis von 15o5, hatten sie nur mehr die Bedeutung von alten Erb- und
Prunkstücken. Erhalten hat sich nur einer der Kelche aus Bergkristall, ein aus
dem Bamberger Domschatz stammender kleiner Henkelkelch des n. Jahrhun-
derts, der sich heute in der Reichen Kapelle zu München befindet, ursprüng-
lich ein einhenkeliger, fußloser Becher aus Kristall (Tafel 2). Auch von den
aus Onyx gemachten Kelchen ist nur einer im wesentlichen unversehrt auf uns
gekommen, der prachtvolle Doppelhenkelkelch, den Abt Suger für St-Denis
anfertigen ließ (Tafel 3). (174) Nur die Kuppa blieb erhalten von dem Sard-
onyxkelch Karls des Einfältigen in St-Denis und, wie bereits gesagt wurde, von
dem von Bischof Otto von Bamberg dem Regensburger Dom geschenkten
Onyxkelche.
Zahlreiche Kelche aus Onyx, Serpentin, Jaspis, Kristall, Sardonyx, Alabaster
und Achat griechischer Herkunft, birgt der Schatz von S. Marco zu Venedig,
gleich den früher schon erwähnten Glaskelchen desselben zumeist Beutestücke,
die den Venezianern bei der Eroberung und Plünderung Konstantinopels zu-
fielen, Schöpfungen des 10. bis 12. Jahrhunderts. (175) Es sind teils doppel-
henkelige, teils henkellose Kelche (Tafel 1, 3, 5, 6, 7, 8, 9). Ein von Kaiser
Michael Paläologus (i3q,i — i42Ö) gestifteter, prachtvoll mit Gold montierter
Kelch aus Jaspis befindet sich im Kloster Watopädi auf dem Athos. Die In-
schrift auf dem ihn oben einfassenden Goldreifen, eine Wiedergabe der Worte
der Konsekration des Weines, stellt seine Eigenschaft als eucharistischer Kelch
außer Zweifel. (176) Bekunden die Kelche in S. Marco, daß Kelche aus Onyx,
Kristall und anderem kostbaren Stein im 10. bis la. Jahrhundert im griechi-
schen Ritus in Gebrauch waren, so beweist ein gleiches noch für die Frühe des
i5. Jahrhunderts der Kelch im Watopädikloster. Bei den Syrern fanden glä-
serne Kelche neben solchen aus Gold und Silber jedenfalls noch im 12. Jahr-
hundert bei der Eucharistiefeier Verwendung, wie wir aus des Syrers Bar Salibi
Erklärung der syrischen Liturgie ersehen. (177) Von irgend welchen Bestim-
mungen und Vorschriften bezüglich des Materials der Kelche hören wir bis zum
Ende des Mittelalters in keinem der Riten des Ostens jemals irgend etwas.

m. DAS MATERIAL DES KELCHES IN NACHM1TTELALTERLICHER ZETT


Zahlreiche Verordnungen betreffs des Materials der Kelche liegen aus dem
16. und 17. Jahrhundert vor. Wenn die Synode von Kamin des Jahres i5oo (178)
und die Tournaier Synode von i5ao (179) Kelche aus Glas und Holz unter-

(174) Bei der Revolution beschlagnahmt und in das Cabinet des Medailles zu Paris ge-
bracht, hier dann gestohlen und fast ein Jahrhundert verschollen, tauchte er jüngst wieder
im Besitz eines amerikanischen Sammlers auf, der ihn von einem Engländer erworben hatte.
Vgl betreffs des Kelches Marx Rosenberg, -Ein wiedergefundener Kelch« in Festschrift
Paul Giemen (Düsseldorf 1926) 208. (175) Abb. bei Pasini, Tfl. XXXVff. Beschreibung
S. 55ff. des Textes. (176) H. Bkockiiai;s, Die Kunst in den Athosklöstern (Leipzig 1891) 48.
Abb. bei N. KobdakOw, Die Kunst auf dem Athos (St. Petersburg 1902) Tfl. 37.
(177) ExDOsitio liturgiae c. 7 (CSS. Syr., SS. Syri ser. 2, tom. 93 Fversio] 55).
(178) C. 16 (HartzilV, 674). (179) C. 5 (ebd. VI, 154).
48 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

sagen, so muß dahingestellt werden, ob es sich hei dem Verbot lediglich am


eine Wiederholung älterer Synodalbestimmungen handelt oder ob dasselbe
gegen die mißbräuchliche Verwendung von Kelchen aus Glas und Holz ge-
richtet war. Sicher waren es tatsächlich vorgekommene Mißbräuche, wenn eine
Synode von Florenz 1017 sich veranlaßt sah, unter Klagen über die schlechte
Beschaffenheit des Kelches, dessen sich manche Priester, zumal auf dem Land,
bei der Messe bedienten, zu bestimmen, wer immer mit zerbrochenen, durch
Oxydation entstellten, schmutzigen und hölzernen Kelchen zelebriere, habe
für jeden einzelnen Fall eine Strafe von zehn Lire zu entrichten; (180) ein Zei-
chen, daß trotz allem der Gebrauch hölzerner Kelche noch nicht ganz ausge-
storben war. Es ist deshalb nicht ausgeschlossen, daß auch die Breslauer Syn-
ode von i58o, (181) die Ermländer von 1610, (182) die Osnabrücker von
1629(183) und die Kölner von i65i (184) noch vorhandene Mißstände im
Auge hatten, wenn sie das Verbot, sich hölzerner oder gläserner Kelche bei der
Messe zu bedienen, erneut einschärfen. Insbesondere gilt das von der letzt-
genannten Synode, wenn dieselbe vorschreibt: Calices autem, patenae, pyxides,
hierolhecac (Monstranzen) et ciboria cuprea vitreave aut lignea penitus remo-
veantur. Man darf nicht vergessen, daß die das ganze kirchliche Leben tief er-
schütternden religiösen Umwälzungen des 16. Jahrhunderts, die Beschlagnahme
sp manchen Kirchengutes und des Bestandes an liturgischem Gerät durch die
weltlichen Machthaber, und die an die Reformation sich anschließenden, von
Plünderungen der Kirchen begleiteten Kriege, durch die zahllose Gemeinden
in die größte Armut versetzt wurden, auch in den katholisch gebliebenen Teilen
für das gottesdienstliche Leben bei Klerus und Volk vielfach die verderblich-
sten Folgen gezeitigt und zu einem mehr oder weniger tiefen Niedergang des
Kultlebens geführt hatten, der sich namentlich auch in einer höchst bedauer-
lichen Vernachlässigung des zur Feier der Messe erforderlichen heiligen Ge-
rätes äußerte. Wie übel es infolgedessen im späteren 16. und teilweise noch
im 17. Jahrhundert in überaus zahlreichen Kirchen um dieses bestellt war,
davon liefern ein ebenso trauriges wie lehrreiches Bild die eingehenden Proto-
kolle der Visitationen, welche seit 1579 in der Diözese Breslau abgehalten wur-
den. (185)
Hauptgegenstand der das Material des Kelches betreffenden Verordnungen
der Synoden des späteren 18. und des 17. Jahrhunderts waren übrigens nicht
Holz und Glas, betreffs deren Unzulässigkeit als Material des Kelches kein
Zweifel herrschte, sondern die Frage, ob, unter welchen Umständen und in
wie weit dieser außer aus Silber, das in. allen als das normale Material desselben
erscheint, auch aus Zinn und Kupfer bzw. Messing hergestellt werden dürfe.
In ihrer Beantwortung bieten die Synodalstatuten kein einheitliches Bild, weil
sie bezüglich des Erreichbaren und darum auch des zu Fordernden nicht wenig
durch die Rücksicht auf die herrschenden traurigen Verhältnisse, die nicht
allerwegen kurzerhand beseitigt werden konnten, allzusehr beengt waren.

(180) Rubr. de Celebr. missae c. 8 (Massi 35, 241). (181) Hartzh. VII, 894.
(182) Tit. de sacrif. missae (ebd. IX, 117). (183) Ebd.IX,508. (184) C.8. (ebd. IX, 747).
(185) J. Jungnitz, Visitationsberichte der Diözese Breslau (Breslau 19021),
DRITTES KAPITEL. MATERIAL. III. NACHMITTELALTERLICHE ZEIT 49

Kelche aus Zinn werden ohne Einschränkung und schlechthin verboten von der Synode
von Ype'm des Jahres 1629, (186) von der Antwerpener Synode von i643, (187) von der
Synode zu Sitten von 1629, (188) von der Prager Synode von 1600, (189) von der In-
struclio fabricae ecclesiae des heiligen Karl Borromäus (190) und von der Synode von
Besancon aus dem Jahre 1707. (191) Die Kelche, so wollen sie, sollen entweder ganz aus
Silber angefertigt sein, oder doch wenigstens eine silberne, innen vergoldete Kuppa haben.
Als zulässig gelten dagegen aus Zinn bestehende Kelche der Synode von Arras des Jahres
1070, (192) der Synode von Ronen von i58i, (193) der Kulmer Synode von i5S3, (194)
sowie auch dem Regensburger Generalvikar Myller. (195) Nur einstweilig und für eine
näher bestimmte Zeit oder nur für den Fall von Diebsgefahr, Raub oder äußerster Armut
der Kirche gestatten den Weitergebrauch von Kelchen aus Zinn die Dubliner Synode von
iäi8, (196) die Synode von Cambrai von i586, (197) die Tournaier Synode von 1600, (198)
die Mechelner von 1607, (199) die Synode von Ypern von 1609, (200) die Synode von
Namur, (201) die Synode von St-Omer von ifiio, (202) die Kölner Synode von i65i, (203)
die Synode von Münster von i655 (204) und noch die Paderborner von 1688, (204a) in-
dem sie jedoch zum Teil ausdrücklich betonen, es müsse nach Möglichkeit dafür gesorgt
werden, daß die zinnernen Kelche ehestens durch silberne oder durch Kelche mit silberner
Kuppa ersetzt werden. Auch schärfen manche ein, es seien die Kelche aus Zinn oft sorg-
fältig und gründlich zu putzen.
Angesichts dieser Stellungnahme zahlreicher Synoden gegenüber Kelchen,
die aus Zinn gemacht waren, können denn auch die zinnernen Meßkelche nicht
befremden, die uns bis ins späte 17. Jahrhundert hinein in den schriftlichen
Quellen begegnen und zwar nicht bloß in deutschen, wie namentlich in den von
Jukgnitz herausgegebenen Protokollen der Visitationen der Breslaucr Diözese,
sondern auch in außerdeutschen, wie z. B. in einem Inventar der Pfarrkirche
von Brusson (Piemont) von i58o (205) und in einem Inventar von Coulanges-
les-Nevers (Nievre) von i638. (206) In der Diözese Besangon standen noch im
Anfang des 18. Jahrhunderts Kelche aus Zinn so sehr in Gebrauch, daß die
Synode von 1707 bemerkte: Calices stannei ad tempus permissi adhuc hodie
tarn frequentes sunt in hac dioecesi, ut iis uti non desinant, qui habent argen-
teos. (207) Auch sonst fanden zinnerne Kelche noch im 18. Jahrhundert Ver-
wendung, wie die sechs Kelche dieser Art im Erzbischöflichen Museum zu
Köln bekunden, übrigens konnte auch der Gebrauch von Kelchen aus Zinn
um so mehr noch als statthaft betrachtet werden, als selbst noch in dem von
etwaigen Mängeln bei der Meßfeier handelnden Abschnitt des Missales Pius' V.
Kelche aus Zinn als zulässig erscheinen (208) und auch noch keine Entschei-
dung der Ritenkongregation vorlag, durch die Kelche aus Zinn herzustellen
untersagt wurde.
Ein Kelch aus Blei begegnet uns noch in einem Inventar von Rengersdorf in
Schlesien aus dem Jahre i54o, ja es werden deren bemerkenswerterweise noch

(186) Tit. de sacr. c. 26 (Hartzh. IX, 498). (187) Tit. 7, n. 18 (ebd. 643).
(188) C. 6, § 5 (ebd. 391). (189) C. 13 (ebd. VIII, 692). (190) AA. Eccl. Med. 628.
(191) Tit. 19, c. 14 (Hartzh. X 341). (192) C. 8 (ebd. VIII, 252). (193) Tit. de aacrif.
missae n. 3 (Hartzh. X, 1219). (194) C. Ut nullus (Hartzh. VII, 987).
(195) Ornat, eccl. c. 59 (S. 110). (196) C. 3 (H. IX, 1889). (197) Tit. 9, c. 8 (H. 2162).
(198) Hartzh. VIII, 478. (199) Tit. 12, c. 14 (ebd. VIII, 783). (200) Tit. 5, c. 5 (ebd.
806). (201) Tit. 3, c. 2 (ebd. IX, 573). (202) Tit. 6, c. 4 (ebd. X, 789). (203) C. 8 (ebd.
IX, 747). (204) Tit. 7 (ebd. IX, 825). (204a) Tit. 5, n. 15 (ebd.X, 155). (205) Revue XL
(1890) 55: Item duo calices atagnei cum eorum patenis. (206) Ebd. XXXV (1885) 94: Trois
calices en estain. (207) Tit. 19, c. 14 (Hartzh. X, 341). . (208) Vgl. oben 8. 18.
BRAUS, DAS CHRISTLICHE ALTARGERAT *
50 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

in Breslauer Visitationsprotokollen des Jahres 1579 erwähnt. So fanden die


Visitatoren einen calix plumbeus noch zu Alt-Wansen und Hennersdorf, hier
zusammen mit einem silbernen Kelch, dort als einzigen. (208a) Bleierne Kelche
waren also selbst im späten 16. Jahrhundert noch keineswegs ganz aus dem
Gebrauch verschwunden, wenn sie auch damals sicher nur mehr sehr vereinzelt
vorgekommen sein werden. In den Breslauer Visitationsprotokollen aus dem
17. Jahrhundert sind keine weiter verzeichnet.
Kelche aus Kupfer, Bronze oder Messing herzustellen, wird nur in wenigen
Synodalstatuten ausdrücklich verboten (so von der Breslauer Synode von 1080,
der Ermeländischen von 1610, der Osnabrücker von 1629 und der Kölner
von i65i), indirekt dagegen in allen, denen zufolge die Kelche aus Silber oder
doch wenigstens aus Zinn bestehen sollen. Nach dem Regensburger General-
vikar Myller, der Kupfer an sich als unzulässiges Material für den Meßkelch
bezeichnet, mußten jedenfalls Kelche aus Kupfer ganz vergoldet sein, um kon-
sekriert und zur Messe gebraucht werden zu können, wie es z. B. nach den
Breslauer Visitationsberichten von i65i bei kupfernen Kelchen der Fall war,
die sich in den Kirchen zu Alt-Wansen, Groß-Neundorf, Neuntz, Zuckmantel,
Giersdorf, Woitz, Kanning, Protzan sowie in St. Moritz bei Breslau vorfanden,
während ein Kelch aus demselben Material in der Kirche zu Hennersdorf nur
versilbert war. (209) Von einem verzinnten kupfernen Kelch hören wir in einem
Inventar der Pfarrkirche zu Frauenburg von i58s. (210) Noch im 18-, ja
im frühen 19. Jahrhundert, entstanden mehrfach Kelche aus vergoldetem
Kupfer. (211) Das Missale Pius' V. kennt keine Kelche aus Kupfer, auch
keine aus vergoldetem Kupfer; ausdrücklich werden solche als unzulässig be-
zeichnet in dem allgemein verpflichtenden Pontificale Klemens' VIII. von
i596.(212)
Von Gold als Material des Kelches sprechen die nachmittelalterlichen Syn-
odalbestimmungen meist nicht. Da nur sehr wenige Kirchen so begütert sind,
daß es ihnen möglich ist, goldene Kelche zu beschaffen, war das ja auch über-
flüssig. Es lag aber auch kein Anlaß vor, ausdrücklich Gold als zur Herstel-
lung der Kelche zulässiges Material zu bezeichnen. Denn wenn Silber dazu ge-
nügt, gilt das ohne weiteres erst recht vom Gold.
Übrigens sind auch in nachmittel alterlich er Zeit noch manche goldene Kelche geschaffen
worden, die zum großen Teil noch heute vorhanden sind. So, um einige näherliegende Bei-
spiele zu nennen, ein Renaissancekelch im Dom zu Pelplin von i6o3; ein Renaissancekelch
aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts im Dom zu Paderborn; ein seiner Form nach
noch spätgotischer Goldkelch von 1667 im Dom zu Gran; ein äußerst kostbarer, mit aoi
Diamanten, 5aa Rubinen, 5 Saphiren, 10 Smaragden, 5 Hyazinthen und !* Amethysten be-
setzter Goldkelch von 1669 in St. Peter zu Salzburg; ein barocker, von Bischof Christoph
Johannes (1724—1760) gestifteter goldener Kelch im Dom zu Frauenburg, zwei barocke
(208a) Jrocxrrz III, 734; I, 67, 68.
(209) Jusgsttz I, 181, 183, 200, 213, 223, 240, 247, 253, 283.
(210) Hipler 51: Em kuffern Überzinnter Kelch mit einer Patene.
(211) Vgl. z.B. Österr. Kunsttopographie VIII, 26 (Döllersheim), 38 (Edelbach), 171
(Neu-Pölla), 360 (Nondorf), 448 (Zwettl, Pfarrkirche), 455 (Zwettl, Spitalkirche).
(212) Vgl. oben S. 18. Über einige Ausnahmen von der Vorschrift des römischen Missales,
die zugunsten der Missionslander gestattet wurden, vgl. Viktor ab Appeltern, Manuale
liturg. (Mecheln 1901) 65, Note 2.
VIERTES KAPITEL. FORM. I. ALLGEMEINES 51

goldene Kelche des 18. Jahrhunderts im Dom zu Limburg a. d. Lahn; ein goldener Kelch
aus der gleichen Zeit in der Frauenkirche zu München; ein noch gotisierender goldener
Abendmahlskelch von i654 in der protestantischen Ulrichskirche zu Halle; ein goldener
Kelch in den Domen zu Kaschau und Neutra. Außergewöhnlich reich an Kelchen aus Gold
ist der Dom zu Gnesen, der solcher nicht weniger denn sechs besitzt, einen aus dem
Jahre 1690, vier aus der Zeit des Rokoko, einen sechsten aus dem Anfang des 19. Jahrhun-
derts. Im Dom zu Krakau gab es im 17. Jahrhundert neben 27 silbernen i5 goldene Kelche;
ein weiterer befand sich damals in der Jagellonisehen Kapelle. (213)
In den Riten des Ostens liegen auch aus nachmittelalterlicher Zeit keine Be-
stimmungen über das Material des Kelches vor. Eine Ausnahme macht nur
eine Verordnung der maronistischen Synode vom Libanon des Jahres 1736, in
der im Anschluß an den römischen Brauch Kelche aus Glas, Holz oder Bronze
verboten und nur goldene, silberne und zinnerne als zulässig bezeichnet wer-
den. (214) Den Italo-Griechen gestattete Benedikt XIV. 1762 den Gebrauch
zinnerner Kelche. (215)

VIERTES KAPITEL
DIE FORMALE BESCHAFFENHEIT DES KELCHES IN DER
VERGANGENHEIT
L ALLGEMEINES
Welche Form der Kelch hatte, dessen sich der Herr heim Letzten Abend-
mahl bediente, als er das eucharistische Opfer feierte und einsetzte, wissen
wir ebensowenig, wie uns über dessen Material etwas bekannt ist. Daß uns
einige Darstellungen der Abendmahlsfeier aus altchristlicher Zeit und dem
frühen Mittelalter, wie eine Miniatur des Codex Rossanensis, (1) zwei als alt-
christlich ausgegebene, angeblich in Syrien gefundene Patenen mit einer in
Relief ausgeführten Wiedergabe des Abendmahles (Tafel 4i) und eine Minia-
tur in einem dem 9.—10. Jahrhundert entstammenden Psalterium im Panto-
kratoroskloster auf dem Athos (2) darüber keinen Aufschluß geben, braucht
kaum gesagt zu werden, noch weniger aher können wir einen solchen von den
noch jüngeren Darstellungen des Abendmahles erwarten. Wie mit diesen Bild-
werken, so verhält es sich aber auch mit den Abendmahlskelchen, die man in
altchristlicher Zeit in Jerusalem, im Mittelalter hier und da im Abendlande
zeigte. (3) Alle hatten nur legendären Charakter. Daß auch nur einer derselben
wirklich das war, als was er angesehen wurde, dafür mangelt jeder genügende
Beweis. Dazu kommt, daß nur bezüglich eines dieser Kelche eine Angabe über
die formale Beschaffenheit vorliegt, über den Kelch, der nach Adamnanus (4)
in einer Kapelle auf Golgatha aufbewahrt wurde und von ihm als doppelhenke-
liger Kelch beschrieben wird; Duasque ansulas in se ex utraque parte altrinse-
cus continens compositas.

213) Essenweih, Krakau 169. (214) C. 13, n. 8 (Collectio Lacensis II, 215).
215) Constit. »Etsi pastoralis. 56, n. 20 (Bull. Bened. XIV. I [Mechlin. 1826]
) A. Hasei.off, Cod. purpur. Rossan. (Berlin 1898) Tfl. 5.
(ü) H. Brockiiaus, Die Kunst in den Athosklöstern (Leipzig luyij Hl.
W Vgl. oben S. 31. (4) De locis sanet. 1. 1, c. 7 (C. SS. eccl. 39, 234)
52 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Auch über die Form des Kelches in frühchristlicher Zeit sind wir nicht unter-
richtet. In den schriftlichen Quellen herrscht über sie völliges Schweigen, Bei-
spiele von Kelchen, die uns über sie zu belehren vermöchten, aber haben sich
nicht erhalten. Allerdings hat man in dem mit niedrigem trichterförmigen Fuß
und zwei Henkeln versehenen, 15 cm hohen Kelch aus blauem Glas, der in der
Ostrianumkatakombe gefunden wurde, dem 3. Jahrhundert zugeschrieben und
heute im Museo cristiano des Vatikans aufbewahrt wird, (5) einen eucharistischen
Kelch erkennen wollen, doch ohne allen Grund. Es war nur eine Vermutung,
wenn man ihn als solchen gedeutet hat, und noch mehr gilt das von anderen
in den Katakomben gefundenen Trinkgefäßen. (6) Aber auch die Bildwerke
geben uns nicht den gewünschten Aufschluß über die Form, die der Kelch in
frühchristlicher Zeit hatte. Zwar hat man in dem fußlosen, mit zwei Henkeln
ausgestatteten Becher auf der von Wilpert entdeckten Fractio panis in der Ca-
pella greca der Priszillakatakombe einen eucharistischen Kelch sehen wollen,
weil man das Bild als eine Darstellung der Eucharistiefeier deutete, doch ist
eine solche Auffassung von dem Bilde und darum auch die von dem auf ihm
dargestellten Henkelbecher wohl nicht zutreffend, jedenfalls aber zweifelhaft.
Daß der eucharistische Kelch, wie er in frühchristlicher Zeit gebraucht wurde, eine
Nachbildung des Abendmahlskelches dargestellt und demnach die gleiche Form gezeigt
habe wie dieser, darf als ausgeschlossen gelten. Wenn in nachkonstantinisclier Jahrhun-
derte lang zwei gleichberechtigte Formen des Kelches nebeneinander in Gebrauch waren,
dann kann es in frühchristlicher Zeit nicht lediglich eine einzige, dem Abendmahlskelch
entlehnte Form desselben gegeben haben. Wie der Herr beim Letzten Abendmahl sich eines
Kelches von der Art der sonst üblichen Trinkgefäße bediente, so geschah das vielmehr
auch in frühchristlicher Zeit bei der Eucharistiefeier.

Die Form der antiken Trinkgefäße war sehr mannigfaltig. Es gab flache
Trinkschalen und höher aufsteigende Becher. Beide waren bald fußlos, bald
mit einem Fuß versehen, hier mit niedrigerem, dort mit höherem; die einen
wie die andern aber waren wiederum entweder henkellos oder einhenkelig oder
zweihenkelig. Die archäologischen Museen bieten für alle diese Arten von
Trinkgefäßen manche Beispiele. Für die eucharistische Feier empfahlen sich
besonders zwei dieser verschiedenen Typen durch ihre Bequemlichkeit und
Handlichkeit, der mit hohem, als Handhabe dienenden Ständer versehene hen-
kellose Kelch und der nur mit niedrigem Fuß ausgestattete zweihenkelige
(Tafel 2). Diese werden darum auch vorzugsweise bei ihr zur Verwendung ge-
kommen sein, wenn auch wohl zunächst noch nicht so ausschließlich wie in
späterer Zeit, in der uns der eucharistische Kelch allgemein nur mehr in Gestalt
dieser beiden Kelchtypen begegnet. (7)
Mit dem eucharistischen Kelch hat es sich ähnlich verhalten wie mit der liturgischen Ge-
wandung. Wie diese sich aus der profanen Kleidung entwickelte und nicht etwa eine Nach-
bildung der alttestamentlichen liturgischen Gewandung war, so hat auch der eucharistische

(5) Abb. in Bullet ser. 3, IV (1879) Tfl. IV.


(6) Vgl. z.B. über einen in der Arenaria zwischen den Cömeterien des Traso und der
Gordani einem Grabe eingefügten, mit einem Henkel versehenen Glasbecher ebd. ser. 2, IV
(1873) 20. (7) Eine Ausnahme macht nur der Kelch des nestorianischen Ritus, der, wie
früher gesagt wurde, noch jetzt die Form einer weiten, müßig tiefen Trinkschale bat.
VIERTES KAPITEL. FORM. II. DER HENKELKELCH 53

Kelch nicht sein Vorbild in irgendwelchen Trinkgefäßen des mosaischen Kultus. Er wurde
vielmehr ebenfalls, und zwar in den beiden Typen, in denen er uns in der Folge entgegen-
tritt, dem profanen Brauch entnommen. Daß man aus ihm aber gerade diese beiden Typen
von Trinkgefäßen vor den übrigen in den christlichen Kult herübernahm, hatte seinen
Grund darin, daß eben sie sich mehr als die andern zur Verwendung bei der Liturgiefeier
als Konsekrationskelch wie als Spendekelch eigneten. Darum bieten auch die einst dem All-
tagsgebrauch dienenden antiken Kelche dieser beiden Typen, die sich aus frühchristlicher
Zeit erhalten haben, einen ge.wissen Ersatz für die völlig fehlenden christlichen eucharisti-
schen Kelche der gleichen Zeit, da sie uns sagen, wie diese für gewöhnlich formal beschaffen
gewesen sein werden.

Die beiden Typen sind in der Folge nicht gleich lang in Gebrauch geblieben.
Während der henkellose Kelch noch heute Verwendung findet, ist der Henkel-
kelch im Lauf der Zeit aus dieser ausgeschieden. Aber auch bezüglich der wei-
teren formalen Entwicklung beider Typen offenbart sich ein bemerkenswerter
Unterschied. Während es nämlich bei dem zweihenkeligen Kelch erst sehr spät
in formaler Beziehung zu einem ausgesprochen sakralen Typus kam, welcher
ihn von den gleichartigen profanen Trinkgefäßen deutlich abhob, zeigte sich
beim henkellosen Kelch schon zu guter Zeit das Bestreben, ihm eine ihm eigen-
tümliche und ihn gegenüber den gleichartigen Kelchen des Alltagslebens als
sakral kennzeichnende Form zu geben, den profanen Typus zu einem sakralen
umzuschaffen.

IL DER IIENKELKELCH
Die schriftlichen Quellen reden noch im 4. und den nächstfolgenden Jahr-
hunderten kaum je vom zweihenkeligen Meßkelch. Wird doch bis zur Karo-
lingerzeit nur einmal ausdrücklich von Kelchen dieser Art in ihnen gesprochen,
im Testament des heiligen Aredius, des Abtes von Attane (jetzt St-Irieux) bei
Limoges (f 573) nämlich, der jeder in demselben angegebenen Kirche außer
sonstigem Meßgerät auch vier silberne Kelche vermachte, zwei henkellose und
zwei ansati, mit Henkeln versehene. Indessen haben wir auch wohl den crater,
den der heilige Petrus Chrysologus (-f um 45o) der Basilika des heiligen Kas-
sian zu Imola schenkte, sowie die kostbaren crateres, die Kaiser Philippus dem
Erzbischof Felix von Ravenna (-f-723) verehrte, ihrer Bezeichnung wegen als
zweihenkelige Kelche aufzufassen. (8) Auffallend ist, daß das römische Papst-
buch bis zum 9. Jahrhundert nie Kelche dieser Art erwähnt, wahrscheinlich,
weil sie so häufig waren und so wenig als etwas Besonderes erschienen, daß
man es nicht für nötig hielt, ja nicht einmal daran dachte, bei den Kelchen, die
Henkel hatten, das ausdrücklich anzumerken. Insbesondere kann es keinem
Zweifel unterliegen, daß die 8, 10, ja 12 römische Pfund schweren, scyphi ge-
nannten Konsekrationskelche, die in den Gabenverzeichnissen der Vitae der
Päpste des h-, 5. und 6. Jahrhunderts in großer Zahl aufgeführt werden, mit
Henkeln versehen waren, da sie ja andernfalls ganz unhandlich gewesen waren.
Das um so weniger, als der Konsekrationskelch, dessen sich der Papst bei der
Stationsmesse bediente, zufolge den römischen Ordines des 8. und 9. Jahrhun-
(8) Agkelli, Liber Pontif. Ravennat, Vita s. Petri Chrys. c. 4 und Vita Felicis c. 5
(M. 106, 558, 707).
54 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

derts selbst noch zu dieser Zeit ein Henkelkelch war. (9) Es können freilich
keineswegs alle Kelche im Papstbuch bis dahin von dieser Art gewesen sein. Ins-
besondere wird das von den nur zwei oder drei römische Pfund (= 65£ bzw.
981 Gramm) schweren, als Spendekelche dienenden calices minores und calices
ministeriales zu gelten haben, bei denen Henkel weniger erforderlich, ja selbst
minder zweckdienlich waren und deshalb füglich fortgelassen werden konnten.
Die Papstvitae des 9. Jahrhunderts kennen nur einen Henkelkelch. Er war einer
der drei Kelche, welche Karl der Große nach seiner Krönung am Weihnachts-
fest des Jahres 800 nebst andern Gaben der Basilika des hl. Petrus weihte. (10)
Einen goldenen, mit zwei Henkeln ausgestatteten Kelch von hervorragender
Arbeit stiftete Abt Ansegisus (-f- 833) nebst einem andern, anscheinend henkel-
loscn aus Silber dem Kloster Fontanelle. (11)
In nachkarolingischer Zeit vernehmen wir mehrfach von zweihenkeligen Kel-
chen. Kelche dieser Art müssen damals noch recht häufig gewesen sein, wie
aus einer bei Du Cange angeführten Notiz einer Handschrift des 10. Jahrhun-
derts (12) erhellt, in der es heißt: Scutra est per omnem modum sicut olla facta,
similiter de luto facta, sed tantum differt a nostra olla, quod scutra ansas habet
sicut nostri calices solent habere, in quibus missam cantamus. Es kann darum
auch nicht auffallen, wenn noch Theophilus in seiner Schedula diversarum
artium auch der Anfertigung der Henkel des Kelches ein eigenes Kapitel wid-
met, (13) in dem er eingehend beschreibt, wie dieselben herzustellen und am
Kelche anzubringen seien.
Von einem goldenen, behufs größerer Handlichkeit mit zwei Henkeln versehenen Kelch,
den Heinrich II. anfertigen ließ, berichten Leo von Ostia (-J-ii2Ö) (14) und Cosmas von
Prag (f ii25). (15) Einen kostbaren Henkelkelch aus Sardonyx schuf um ni5 Abt Suger
von St-Denis, wie er selbst erzählt. (16) Schon von Karl dem Einfältigen (*j- 929) besaß
die Abtei St-Denis einen prachtvollen Henkelkelch, einen antiken, mit zwei Henkeln ver-
sehenen, außen mit bacchischen Darstellungen geschmückten Onyxbecher, den der Schenk-
geber durch Hinzufügung eines Fußes zu einem Kelch hatte umarbeiten lassen. (17) Einen
gewaltigen Henkelkelch aus Gold, der ein Gewicht von 4g Mark (= ca. 9 Kilo) hatte, gab
es 1163 im Dom zu Mainz. (18) Ein Inventar des Schatzes des Domes zu Monza von 1375
aber verzeichnet vier mit Henkeln ausgestattete Kelche, drei goldene und einen silbernen,
von denen die drei ersten mit Perlen und Edelsteinen reich geschmückt waren. (19) In
PI.-Dame zu Paris besaß man einen großen Henkelkelch aus Gold, der von Karl dem Großen
herstammen sollte, i343 aber zur Vergoldung eines Altarfrontale des Hochaltares ver-
wendet und durch einen silbernen, mit Henkeln versehenen Scyphus von 16 Mark Gewicht

(9) Ordo 1, n. 15 (M. 78, 944): Ponit calicem super altare iuxta oblatam pontificis a dex-
tris, involutis ansis cum offertorio. Vgl. auch die etwas jüngeren Ordines 2, n. 9 und 3, n. 14
(ebd 973, 981).
(10) Vita Leonis III. (795—816) n. 377 (Doch., L. P. II, 8): Calicem maiorem cum gemnüs
et ansis duabus pens. I. 18. Bei den beiden andern fehlt ein Vermerk wegen etwaiger Henkel,
sie werden also wohl henkellos gewesen sein. (11) Vita s. Ansegisi n. 7 (M. 105, 758).
(12) II, 31. (13) C. 30 (A. Ilg, 191). (14) Chron. Cas. 1. 2, c. 47 (M. 173, 640).
(15) Chron. Bohem, 1.1, c. 37 (M.G.SS. 9, 59).
(16) De rebus in admin. sua gestis c. 34 (M. 186, 1238).
(17) Vgl. oben S. 46; Abb. bei Felibien, Hist. de l'abbaye de St-Denis (Paris 1706) pl. VI
und B. de tÜOMTFATOok, L'antiquite expliquee I (Paris 1719) pl. CLVTI,
(18) Guden, Cod. dipl. I, 242: Urkunde von 1163 über Verpfändung des Kelches; Chri-
stian;, De calam. eccl. Mogunt. n. 3 (M.G.SS. XXV, 240). Wegen seiner Schwere konnte
der Kelch, zu dem eine Patene von entsprechendem Gewicht gehörte, wie der Chronist be-
merkt, zum Zelebrieren nicht gebraucht werden. (19) Bull. mon. 46 (1880) 629.
VIERTES KAPITEL, FORM. II. DER HENKELKELCH 55

ersetzt wurde. (20) Einem Kelch aus vergoldetem Silber d'ancienne forme ä deux ansces
begegnen wir 1379 in einem Inventar Karls Y., (21) einem großen mit Bildwerk geschmück-
ten silbernen Henkelkelch, der am Karfreitag zur Aufbewahrung des Leibes des Herrn ge-
braucht wurde, ursprünglich aber wohl als Konsekrationskelch gedient haben dürfte, in
einem 1387 angefertigten Schatz Verzeichnis des Prager Domes. (22) Auch im Inventar von
Westminster zu London aus dem Jahre i388 wird noch ein Henkelkelch vermerkt. (23) Er
ist von der Bemerkung Pro oblatis deputatus begleitet, aus der hervorgeht, daß er, wie es
sich immer früher mit ihm verhielt, damals kein Konsekrationskelch mehr war, sondern zur
Entgegennahme des Opferweines benutzt wurde.
Die Henkel der Henkelkelche führen in den Quellen meist den Namen ansäe oder an-
sulae- Im Inventar von Monza. heißen sie manicae, in dem von Westminster sowie bei Theo-
philus auriculae (aures).

Das Bild, das uns die schriftlichen Quellen von dem zweihenkeligen Kelch
vermitteln, ist nur ein ganz allgemeines. Ein genaueres erhalten wir durch Bild-
werke, auf denen Kelche dieser Art dargestellt sind, und noch besser durch eine
Anzahl von Henkelkelchen, die sich erhalten haben.
Die Zahl der Bildwerke, auf denen ein zweihenkeliger liturgischer Kelch dar-
gestellt ist, ist nicht groß. Rohault de Flecry will allerdings den eucharisti-
schen Henkelkelch in allen jenen, vor dem 4. Jahrhundert nur erst seltenen,
dann aber bis ins 9. Jahrhundert überaus häufigen Darstellungen eines zwei-
henkeligen Gefäßes sehen, aus dem hier Weinreben, Epbeuranken oder Blu-
mengirlanden herauswachsen, dort Tauben, Pfauen, Hirsche oder Löwen trin-
ken oder zu trinken sich anschicken, anderswo Früchte oder Blumen zum Vor-
schein kommen oder ein springbrunnenartiger Wasserstrahl emporquillt. (24)
Allein mit Unrecht. Es handelt sich bei allen diesen Bildwerken nicht um die
Wiedergabe eines eucharistischen Kelches, sondern lediglich um die einer mit
Henkeln versehenen, meist ausgesprochen krugförmigen Vase, deren Gestalt
schon zur Genüge jeden Gedanken an einen Kelch ausschließt, (25) wie man
.auch immer jene Darstellungen sonst auffassen und deuten will. Daß sie in
manchen Fällen einen symbolischen Sinn haben, kann wohl nicht bezweifelt
werden, aber ebensowenig, daß sie in vielen andern lediglich als Ornament ge-
dacht sind.
Die ältesten Darstellungen im Westen, auf denen uns ein zweifellos als liturgisch zu be-
trachtender Henkelkelch entgegentritt, stammen aus dem 6. Jahrhundert und finden sich
auf einem Mosaik in S. Vitale zu Ravenna (26) und in S. Apollinare in Classe. (27) Beide
geben das Opfer Melchisedechs in einer Weise wieder, die dem eucharistischen angeglichen
ist. Wie demgemäß der auf ihnen erscheinende Altar und seine Bekleidung eine Nachbil-
dung des christlichen Altares und seiner Ausstattung nach der diesen im 6. und 7. Jahr-

(20) Revue archeol. XXVII (1874) 250. Nach einem Inventar von 1416 diente dieser Scy-
phus zur Spendung des Ablutionsweines nach der Osterkonununion.
(21) Labarte, Invent. 257.
(22) Podlaiia, Anh. XXXIII: Alius calix magnus cum imaginibus et duabus ansis, in quo
reponitur Corpus Dominicum in Parasceve. (23) Archaeologia LH, 1 (1890) 231.
(24) La messe IV, Tfl. 270ff. Vgl. auch W. Schmder, Darstellungen des eucharistischen
Kelches inX^^.ov ipywUv™-' (H«ma 1900).
(25) Beispiele bei GamhjOCL, Tfl. 230, 231, 255, 258, 269, 277, 278, 300, 336, 337, 345, 349,
554 355, 356, 388, 389, 390, 393, 408, 411, 414, 423, 426, 462, 479, 487, 489; bei Wilpert, Ma-
lereien Tfl. 50, 77, 121, 463; bei Wilpert, Mosaiken Tfl. 29, 31, 32, 37, 50, 75, 86.
(26) Abb. bei BhaCM, Paramente 185 und Braus, Altar I, Tfl. 6.
(27) Abb. bei Garrucci, Tfl. 266.
56 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

hundert eigenen Gestalt sind, so ist auch der auf dem Altar stehende Kelch eine Wieder-
gabe des damals bei der Eucharistiefeier gebräuchlichen. Welcher Zeit das primitiv rohe
Graffit» eines liturgischen Henkelkelches am sogenannten Tempel der Vesta zu Rom an-
gehört, ist schwer zu sagen. Grisar, der es 189.4 entdeckte, schreibt es, jedoch wohl reich-
lich zu früh, dem 6. Jahrhundert zu. Immerhin mag es noch der vorkarolingi sehen Zeit
angehören. (28) Ob das kelchartigc Gefäß, das auf der Reversseite merowingischer Münzen
des 6. und 7. Jahrhunderts dargestellt ist, den eucharistischen Kelch wiedergeben soll, wie
Rohaui/t de Fi.eury wohl allzu bestimmt annimmt, (29) mag dahingestellt bleiben.
Den» 9. Jahrhundert entstammen die Darstellungen eines eucharistischen Henkelkelches
auf einem der Reliefs des Palliotto in S. Ambrogio zu Mailand (Messe des bl. Ambrosius),
auf zwei Miniaturen (Opfer Melchisedecbs und Meßfeier) des Sakramentars Drogos von Metz
(■]• 855) in der Nationalbibliothek zu Paris und auf einem der Elfenbeinplättchen (Meß-
feier) des Deckels desselben (30) sowie auf dem von Paschalis I. gestifteten, mit getrie-
benen Reliefs geschmückten Rehälter des Gemmenkreuzes des Schatzes der Kapelle Sancta
Sanctorum zu Rom, (31) dem frühen 10. Jahrhundert die vorzügliche Wiedergabe eines
solchen Kelches auf der bekannten Elfenbeintafel der Frankfurter Stadtbibliothek, auf der
wir den Rischof, umgeben von Diakonen und Subdiakonen, den Kanon der Messe beginnen
sehen (Tafel 6). Dem ausgehenden 10. Jahrhundert entstammt die Darstellung eines zwei-
henkeligen eucharistischen Kelches auf der goldenen Tafel Ottos III. im Münster zu
Aachen, (32) dem 11. die eines solchen auf dem Kreuz des Bischofs Erpho (— 1098) in
St. Mauritz zu Münster, auf einem Fresko in der Unterkirche von S. Clemente zu Rom (33)
und auf einer Miniatur eines Sakramentes von St-Dcnis aus dem 11. Jahrhundert in der
Nation albibHothek zu Paris: Christus reicht dem heiligen Dlonysius wunderbarer weise die
Kommunion. (34)
Bildliche Wiedergaben des doppelbenkeligen eucharistischen Kelches aus dem Osten sind
noch seltener als solche aus dem Westen. Dem 5. Jahrhundert entstammt eine solche auf
einem Fußbodenmosaik, das in den Überresten einer damals erbauten Basilika zu Madaba
in Palästina 1896 aufgefunden wurde; denn der auf ihm dargestellte Henkelkelch soll
allem Anschein nach den eucharistischen Kelch wiedergeben. (35) Ob auch der zweihenke-
lige Kelch auf einem koptischen Seh rank enfragnient einen liturgischen Kelch darstellt, wie
Strzygowski, der es veröffentlicht bat und dem 5.—6. Jahrhundert zuweist, annehmen
möchte, (36) muß dahingestellt bleiben. Kein eucharistischer Kelch ist das zweihenkelige
Gefäß in der Hand eines der Teilnelimer an dem großen Einzug, d. i. der feierlichen Ein-
führung der an der Prothesis hergerichteten Opfergaben zum Altar, das auf einem im
Xeropotamukloster des Athos befindlichen, aus Speckstein angefertigten Diskos wieder-
gegeben ist. Es handelt sich bei demselben vielmehr um das Gefäß mit den Eulogien. (37)
Dargestellt ist dagegen ein eucharistischer Henkelkelch auf der sogenannten Kaiserdalmatik
in St. Peter zu Rom, einem kostbar bestickten Sakkos aus etwa dem späten i4. Jahrhun-
dert. (38) Er erscheint auf ihr sowohl als Konsekrations-, wie auch als Spendekelch. Es ist
die jüngste mir bekannte Darstellung eines solchen auf einem Monument aus dem Osten. (39)

(28) Abb. in H. Grisar, Gesch. Roms u. der Päpste im Mittelalter (Freiburg 1901) 190.
(291 La messe IV, 74 und Tfl. 234, 238, 239, 292.
{30) Abb. der Miniaturen und des Reliefs bei Ron. I, Tfl. 4, 5, 6; der das Opfer des Mel-
chisedech darstellenden Miniatur bei Leroquais, Tfl. VII. (31) Jetzt im Vatikan. Abb. bei
Braus, Altar II, Tfl. 116. (32) Abb. bei Brau«, Meisterwerke Tfl. 11.
(33) Abb. bei Wilfert, Mosaiken Tfl. 241. (34) Abb. bei Leroquais, a. a. O. Tfl. XXXII.
(35) Nuovo Bullet. III (1897) 146 nebst Abb.
(36) Koptische Kunst (Wien 1904) n. 7368. Der Kelch steht auf einem Tuch, dessen En-
den zwei Pfauen in ihrem Schnabel halten. Eine aus ihm herausragende Scheibe deutet
Strz. als Hostie.
(37) Der eucharistische Kelch erseheint auf dem Diskos henkellos. Abb. bei O. Wulff,
Altchristi, und byzant. Kunst (Berlin 1913) 616. Der Diskos gilt als Geschenk Pulcherias,
der Schwester des Kaisers Romanos II. (1028—1034), doch ist er in Wirklichkeit, wie
Wülfi zutreffend urteilt, frühestens im 13. Jahrhundert entstanden.
(38) Braun, Gewandung 305. (39) Abb. bei Fr. Bock, Deutsche Reichskleinodien Tfl. 18,
19 und Ann. archeol.I (1844) 286. Über das Alter des Gewandes vgl. Braun, Gewandung 305.
VIERTES KAPITEL. FORM. IL DER IIEXKELKELCH 57

Fassen wir zusammen, was uns die angeführten Bildwerke Ober die formale
Beschaffenheit des zweihenkeligen Kelches sagen, so ergibt sich etwa folgen-
des. Der Ständer desselben besteht auf ihnen entweder nur aus einem oben ab-
gestumpften Konus oder aber aus einem Konus und aus einem den Übergang
von diesem zur Kuppa vermittelnden Nodus. Immer ist er jedoch niedrig und
rund, ausgenommen auf dem Fresko in S. demente, auf dem er der Kuppa an
Höbe gleichkommt und — doch wohl nur durch Ungeschicklichkeit des Ma-
lers — viereckig erscheint. Fußlos ist der Spendekelch auf der Abendmahls-
darstellung der Kaiserdalmatik. Die Henkel sind entweder scbleifenförmig oder
nach Art eines S gestaltet. Nach unten reichen sie bis etwa zur Mitte der Kuppa
oder nur wenig tiefer herab. Bis zum Boden des Kelches gehen sie herunter bei
dein auf der Kaiserdalmatik abgebildeten Spendekelch, eine Eigentümlichkeit,
die wir übrigens auch bei einigen der aus Byzanz nach Venedig gebrachten,
heute im Schatz von S. Marco befindlichen griechischen Kelche antreffen.
Wenn sie, wie auf dem Graffito am sogenannten Vestatempel zu Born und
merowingischen Münzen unten offen erscheinen — alles mangelhafte Dar-
stellungen —, so gibt das wohl nicht die Wirklichkeit wieder, da derartige Hen-
kel unpraktisch gewesen wären. Die Kuppa zeigt auf den bildlichen Darstel-
lungen zwei Formen. Bei der einen, die uns z. B. bei den Kelchen auf dem Mo-
saik von Madaba, dem koptischen Schrankenfragment, den merowingischen
Münzen und dem von Paschalis I. gestifteten Behälter des Gemmenkreuzes des
Schatzes der Kapelle Sancta Sanctorum, sowie bei dem Spendekelch auf der
Kaiserdalmatik begegnet, also bei Darstellungen, die zum Teil nicht mit Sicher-
heit als Wiedergaben des eucharistischen Kelches angesprochen werden können,
ist sie becherartig, erscheint sie im Profil als halbes Oval. Bei der andern da-
gegen, die uns auf den übrigen Bildwerken entgegentritt, ist sie vasenartig,
verengert sie sich zunächst von oben nach unten, um sich dann jedoch, sei es
allmählich, sei es in scharfem Knick, wulstartig auszubauchen, in welch letz-
terem Fall man die Ausbauchung wohl, wie es sehr gut der Kelch auf dem
Frankfurter Elfenbein und dem Erphokreuz in Münster zeigt, mit vertikal ver-
laufenden, oben abgerundeten, unten spitz auslaufenden Rippen belebte. Daß
noch um noo Kelche dieses zweiten Typus angefertigt wurden, ergibt sich aus
des Theophilus Schedula diversarum artium. Denn der Henkelkelch, dessen
Herstellung er beschreibt, (40) ist ein Kelch eben dieses Typus. Unter den
Henkelkelchen, die sich aus dem n., 12. und i3. Jahrhundert erhalten haben,
gibt es noch zwei, die ihn aufweisen, der kleine Henkelkelch im Dom zu Civi-
dale und der große, prachtvolle Henkelkelch in St. Peter zu Salzburg.
Einen besonderen Wert haben jene bildlichen Widdergaben des eucharisti-
schen Henkelkelches, welche dem ersten Jahrtausend angehören, da fast nur
sie uns näheren Aufschluß über die formale Beschaffenheit geben, die ihm in
jener Zeit eignete. Denn von den Henkelkelchen zweifellos eucharistischen Cha-
rakters, die sich aus der ganzen Vergangenheit erhalten haben, reichen die älte-
sten nur bis in das 10. Jahrhundert zurück. Denn daß der zweihenkelige Kelch
aus blauem Glase, der zu Amiens gefunden wurde, dem 5. oder 6. Jahrhundert
(40) C. 26, 27, 30 (Ilg 180M.).
58 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

zugeschrieben wird und sich gegenwärtig im Britischen Museum befindet, (41)


als liturgischer Kelch anzusprechen sei, dafür fehlt, wie früher schon bemerkt
wurde, aller Anhalt. Nichts liegt vor, was darauf hinweise, daß er je eine sa-
krale Verwendung gefunden habe. Aber auch bezüglich des kleinen goldenen
Henkelkelches von Gourdon aus dem 6. Jahrhundert (Bild 3) steht, wie auch
schon gesagt wurde, (42) keineswegs fest, daß er zur Eucharistiefeier benützt wor-
den sei. (43) Weder aus den Umständen des Fundes, noch aus irgend einer an
ihm sich findenden Inschrift oder sonst einem Zeichen läßt sich das erschließen.
Freilich hat man zusammen mit dem Kelch eine viereckige goldene, auf dem
Hand mit roten Zelleneinlagen geschmückte Schüssel von 19,5 cm Länge und
12,5 cm Breite gefunden (Bild 5), die man, weil auf ihr ein mit Zelleneinlagen
verziertes Kreuz angebracht ist, als Patene gedeutet hat. Allein man übersah,
daß man derartige religiöse Symbole nicht bloß auf liturgischen Geräten, son-
dern auch auf solchen des profanen Lebens anzubringen pflegte, daß also aus
dem Vorhandensein des Kreuzes nicht schon ein sakraler Charakter der Schüs-
sel gefolgert werden kann, und übersah zugleich, daß auch ihre Rechteckform
nicht gerade dafür spricht, daß wir in ihr eine liturgische Patene zu sehen
haben. Wie es sich übrigens mit dem sakralen Charakter der beiden Kelche ver-
halten mag, selbst wenn sie nur profanen Zwecken gedient haben sollten, pro-
fane Trinkgefäße waren, dürfen sie, zumal beim Mangel zweifellos sakraler
Henkelkelche aus altchristlicher Zeit, hier nicht unberücksichtigt bleiben, da ja
damals in formaler Beziehung noch kein Unterschied bestand zwischen dem
profanen und dem sakralen Henkelkelch. Sie zeigen hinsichtlich der Bildung
der Kuppa den vorhin beschriebenen zweiten Typus. Ihre Ausbauchung ist je-
doch statt mit Rippen, mit vertikalen Rillen belebt, wie sie auch den konus-
förmigen Fuß der beiden Kelche schmücken. Den Übergang vom Fuß zur
Kuppa vermittelt beim Kelch von Amiens ein Ring, beim Kelch von Gourdon
ein niedriger, oben mit einem Perlstab absetzender Knauf. Die Henkel sind bei
beiden Kelchen volutenartig geschweift. Als Schmuck umzieht die Kuppa des
Kelches von Gourdon eine Filigranranke mit sechs in Zelleneinlagen aus rotem
Glas und Türkisen ausgeführten Blättern, die oben und unten von einem Jos
aufgelegten, von kleinen Ösen festgehaltenen Perlstäbchen begrenzt wird.
Der älteste der aus dem Westen noch vorhandenen Henkelkelche, an deren
sakralem Charakter kein Zweifel besteht, ist der aus einem antiken Doppel-
henkelbecher aus Achat hergestellte, leider nicht mehr vollständig erhaltene
Kelch, den Karl der Einfältige (f 929) der Abtei St-Denis schenkte. (44) Im
Jahre 1790 von St-Denis nach Paris gebracht und dem Cabinet des Medailles
überwiesen, wurde er i8o4 gestohlen. Als man ihn wiederbekam, waren Fuß
und Nodus nicht mehr vorhanden, die sonach heute fehlen, doch gibt es Ab-
bildungen, die uns über ihre Form und Ausstattung soweit unterrichten, daß
wir imstande sind, uns von ihnen ein befriedigendes Bild zu machen. Der Fuß
(41) Vgl. oben S.37; Abb. bei Roh. Tf 1.287. (42) Vgl. oben S.36.
(43) Seine geringen Maßverhältnisse bilden freilich keinen Grund zum Zweifel. Denn
gleich geringe Abmessungen kommen auch noch in weit späterer Zeit bei Kelchen vor. Sie
würden nur darauf hinweisen, daß er wie diese ein Reisekelch war.
(44) Abb. nach einer Zeichnung in den Papieren Montfaucons bei Roh. Tfl. 296.
VIERTES KAPITEL. FORM. II. DER HENKELKELCH 59

stellte einen umgekehrten Trichter mit waagerecht umgekremptem Rande dar


und war durch drei von oben nach unten verlaufende Bänder, die gleich seinem
horizontalen Rand mit Edelsteinen und Perlen dicht besetzt waren, in drei in je
zwei Zonen geschiedene Felder aufgeteilt, deren obere Zone ebenfalls mit Edel-
steinen geschmückt war, während die untere die schon erwähnte Dedikations-
inschrift aufwies. Der zwischen Fuß und Kuppa eingeschobene Nodus zeigte
im Vertikalschnitt ein geschweiftes Profil. Auch er war reich mit Steinen ge-
schmückt. Die Kuppa hat eine Weite von i3 cm und eine Höhe von ca. io,5 cm;
ihre von oben bis unten reichenden Henkel sind aus dem Stein geschnitten. (45)
Nur wenig jünger als der Kelch Karls des Einfältigen, aber noch vollständig
erhalten ist der heute in der Kathedrale zu Nancy sich befindliche zweihenke-
lige Kelch des heiligen Gauzelinus, Bischofs von Toul (y 962) (Tafel 5). Er
hat eine Höhe von i3 cm, von denen 5,5 cm auf den Fuß und den ihn mit der
Kuppa verbindenden Nodus, 7,5 cm auf die Kuppa entfallen. Der konische Fuß
ist unten horizontal umgebogen; von dem Nodus ist er durch einen geperlten
Ring getrennt.
Die Kuppa zeigt die Form eines halben Eies und hat 11 cm im Durchmesser, ihre beiden
Henkel die eines S. Prachtvoll ist die Ausstattung des Kelches. Um den Rand der Kuppa
und unten um den Fuß zieht sich ein aus Zellenschmelz plättchen, Steinen auf erhöhter
durchbrochener Fassung und Filigran gebildetes Band. Vier andere solcher Bänder teilen
den Fuß vertikal in vier Felder. Die Vorder- und Rückseite der Kuppa ist mit einem von
vier kleineren Edelsteinen umgebenen großen Stein in erhöhter durchbrochener, recht-
eckiger Fassung, jeder der beiden Henkel mit drei in gleicher Weise gefaßten Steinen ge-
schmückt.

Dem 10. Jahrhundert wird gewöhnlich auch der 1868 gefundene Kelch von
Ardagh im Museum zu Dublin (Tafel 4) zugeschrieben, doch scheint diese Da-
tierung angesichts der auf spätere Zeit hinweisenden Form der Kuppa — sie
ist schalenförmig — wohl etwas zu früh.
Kuppa und Fuß bestehen aus einem Gemisch von Silber und Kupfer, der zwischen Fuß
und Kuppa eingeschobene niedrige Schaft samt den ihn oben und unten abschließenden
und zum Fuß bzw. der Kuppa überleitenden Ringen aus vergoldeter Bronze. Die Kuppa
hat einen Durchmesser von 23,i cm, eine Tiefe von nur 10,1 cm. Die Gesamthöhe des
Kelches beträgt 17,8 cm, die Höhe des unten horizontal umgekrempten Fußes 7,7 cm. Die
Henkel sind halbkreisförmig. Etwas unterhalb des leicht ausgebogenen Bandes umzieht die
Kuppa ein Band, das sich aus Flechtwerk im Wechsel mit Knäufchen, die mit roten und
blauen Zelleneinlagen verziert sind, zusammensetzt. Unterhalb des Bandes sind, unterbro-
chen von vier mit Filigran, Stein Imitationen und Knäufen mit Zelleneinlage geschmückten
Scheiben — zwei runden und zwei sechspaßförmigen —, in Gravierung die Namen der Apo-
stel angebracht. Den Schaft und die ihn oben und unten abschließenden Ringe belebt ein-
geschnittenes geometrisches Ornament, den waagerechten Rand des Fußes ein goldenes Band
von der Art des die Kuppa umziehenden Frieses, nur daß die Knäufchen hier durch vier-
eckige Plätichen mit Zelleneinlage ersetzt sind. Einzigartig ist die Verzierung der Unter-
(45) Auffallen konnte, daß man keinen Anstand genommen hat, einen mit heidnischen
Darstellungen geschmückten Becher zu einem Kelch umzuarbeiten. Indessen war man im
Mittelalter bei aller Tiefgläubigkeit weniger feinfühlig als heute und trug deshalb kein Be-
denken, selbst Gegenstände mit Darstellungen, die alles andere als kirchlicher Art waren
(vgl. oben S. 12), in den Dienst des Heiligtums zu nehmen. Über der Kostbarkeit des Mate-
rials oder der Ausstattung übersah man das minder passende des auf ihnen sieh findenden
Bildwerks, das man lediglich als bedeutungsloses Ornament betrachtete.
60 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Seite des Fußes: in der Mitte eine runde Kristallschcibe, um diese ein Ring aus Bernstein,
um letzteren zunächst ein Ring aus Goldfiligran und dann wieder ein Bernstein ring, um
diesen zweiten Bernsteinring ein Ring aus vergoldeter Bronze, der mit Spiralen, die durch
fünf grüne, runde Email plättchen in fünf Abteilungen geschieden sind, gemustert ist, des
weiteren ein silberner mit Flechtwerk belebter Ring, umgeben von einem Seilstäbchen und
zuletzt unter dem horizontalen Rand ein Fries von der Art des Frieses seiner Oberseite. (46)

Dem 11. Jahrhundert, genauer der ersten Hälfte desselben, gehört der Hen-
kelkelch in der Reichen Kapelle zu München an. Er stammt aus Bamberg und
ist aus einem einhenkeligen Kristallbecher, der Heinrich d. H. als Trinkbecher
gedient haben soll, in der Weise hergestellt, daß man ihn mit einem zweiten
Henkel aus Silber und einem aus silbernem Fuß und Kristallnodus sich zu-
sammensetzenden Ständer versah.
Seine Höhe beträgt ia,8 cm, von denen 6,7 cm auf Fuß und Nodus, 6,1 cm auf die
9,6 cm weite Kuppa kommen. Zwischen den konkav konischen niedrigen, mit breitem Hori-
zontalrand versehenen Fuß ist ein Perlstab, zwischen Nodus und Kuppa ein schmaler, mit
einem Mäander verzierter Ring eingeschaltet. Um den Rand des zur Kuppa gemachten Kri-
stallbechers ist ein glattes, silbernes Band gezogen, das durch vier silberne Vertikalstreifen
mit dem zwischen Kuppa und Nodus eingefügten Ring verbunden ist. Vier andere Streifen
umziehen entsprechend vertikal den Kristallnodus und verbinden jenen Ring mit dem zwi-
schen Nodus und Fuß befindlichen Perlstab. Die Henkel sind kreisförmig; oben sind sie mit
einem Plättchen zum Auflegen des Daumens versehen, eine bei antiken Henkelhechern
häufige Einrichtung. Der horizontale Rand des Fußes ist mit Nielloplättchen, Edelsteinen
und Filigran verziert
Nicht mehr in seinem ursprünglichen Zustand ist ein ungemein prachtvoller
Henkelkelch des 11. Jahrhunderts, der im frühen i3. in ein Reliquiar umge-
wandelt wurde. Man hat ihn zu dem Ende mit einem neuen Fuß und neuen
Nodus, sowie mit einem überaus reichen Deckel versehen. Dies aus einem deut-
schen Kirchenschatz kommende Reliquiar befindet sich heute im National-
museum zu Stockholm. Nach Schweden kam es wahrscheinlich als Beutestück
des Dreißigjährigen Krieges.
Erhalten hat sich von dem ursprunglichen Kelch die herrliche, 3<t cm weite, za cm tiefe
Onyxkuppa mit ihren goldenen, ehedem allem Anschein nach unten an einem zwischen
Ständer und Kuppa befindlichen Reifchen angebrachten, seitlich mit Blättern eingefaßten
Henkeln und ihrer glänzenden, mit vier Reihen von Edelsteinen geschmückten goldenen
Randeinfassung und den diese mit dem Nodus verbindenden, gleichfalls goldenen und mit
Steinen besetzten Vertikalstreifen.

Ein hervorragend kostbarer Henkelkelch aus dem fünften Jahrzehnt des


12. Jahrhunderts befindet sich gegenwärtig in amerikanischem Privatbesitz. Es
ist der Kelch, den Abt Suger bei Gelegenheit des Neubaues seiner Abteikirche
unter Benutzung eines antiken gerillten Sardonyxbechers anfertigen ließ, in-
dem er diesen mit einer mit Filigran und Steinen verzierten Randeinfassung,
S-förmig geschweiften Henkeln, einem mit getriebenen Medaillons und Fili-
gran verzierten konischen, eines Horizontalrandes jedoch entbehrenden Fuß
und einem mit Filigran und Steinen geschmückten, von der Kuppa und dem

(46) Die Photographie des Kelches verdanke ich der Güte meines Ordensgenossen P. Mau-
ritius Dowling S.J.
VIERTES KAPITEL. FORM. 11. DER HENKELKELCH 61

Fuß durch einen mit Steinen besetzten Ring getrennten Nodus von der Form
einer abgeplatteten Kugel versehen ließ (Tafel 3). Bemerkenswert und auf-
fallend ist die Höhe des Ständers (Fuß mit Nodus), eine Angleichung an das
Verhältnis der Höhe des Ständers zu der der Kuppa bei den henkellosen Kel-
chen des 12. Jahrhunderts.
Dem späten 12. Jahrhundert entstammen zwei Henkelkelche, die im Gegen-
satz zum Henkelkelche Sugers und den andern genannten Kelchen noch in der
Bildung der Kuppa den zweiten der beiden früher genannten Typen vertreten.
Es sind ein großer, mit getriebenem Figurenwerk reich verzierter Kelch in
St. Peter zu Salzburg (Tafel 8) und ein ehedem zu einem Tragaltar gehörender
Miniaturkelch im Dom zu Cividale (Tafel 5). Bei beiden verengert sich die
Kuppa von oben nach unten, baucht sich dann aber in ihrem unteren Teil aus.
Der Salzburger Kelch ist s3 cm hoch; die Höhe des Fußes samt Nodus beträgt i3 cm, die
Tiefe der Kuppa 10 cm, ihre Weite 20 cm. Die Höhe des Standers verrät auch hier den Ein-
fluß der (.''oii'h/eiiiipri henke-Iü^en Kekbe. Die Kuppa ist in ihrem oberen Teile mit einer
niellierten Inschrift und einem gravierten Rankenfries geschmückt, ihre Ausbauchung
gleich dem umgekehrt trichterförmigen, mit waagerechtem Rand versehenen Fuße mit kräf-
tigen Bossen, die in Treibarbeit an jener Propheten, auf diesem Apostel als Schmuck auf-
weisen. Der Horizontalrand des Fußes ist mit größeren Edelsteinen im Wechsel mit kleine-
ren besetzt. Der Nodus besteht aus einer etwas abgeplatteten Kristallkugel; er ist vom Fuß
liurch einen geperhea lliiiij ^e-e:ui:uen, oben über voa oir.i!:n Kran/ von Yo-eli.ÜpiVn um-
geben. Die Henkel werden von Drachen gebildet, die sich gegen den Rand der Kuppa an-
stemmen. (47)
Der Kelch im Dom zu Cividale, ein Reisekelch, ist nur 9,5 cm hoch, seine Kuppa nur
5,5 cm weit. Ständer nebst Nodus und Kuppa haben die gleiche Höhe. Der nach innen ge-
krümmte konische Fuß entbehrt eines Horizontalrand es. Der mit getriebenem romanischen
Blattwerk in Kreisen geschmückte Nodus sitzt ohne Trennung auf dem Fuß; von der Kuppa
ist er durch einen geperlten Ring getrennt, überaus zierlich sind die aus einer S-förmigen
Ranke gebildeten Henkel, von denen dem einen die Figur Abrahams, dem andern die Mel-
chisedechs eingefügt ist. Um den Rand der Kuppa und des Fußes zieht sich eine gravierte
Inschrift. (48)
Die beiden jüngsten der aus dem Mittelalter noch vorhandenen Henkelkelche
sind der bekannte mit Nieüodarstellungen reichgeschmückte Henkelkelch im
Stift Wüten bei Innsbruck (Tafel 7) sowie ein mit getriebenen und aufgelegten
figürlichen Reliefs prachtvoll ausgestatteter Henkelkelch im Zisterzienserinnen-
kloster Marienstern bei Kamentz (Tafelt). Jener entstand zu Ende des 12. Jahr-
hunderts, dieser im frühen i3. Beide haben sich in ihrer formalen Beschaffen-
heit der Form der gleichzeitigen henkellosen Kelche dermaßen angeglichen,
daß sie sich von diesen nur durch die an ihnen angebrachten Henkel unterschei-
den. Zeigt ihr Fuß doch selbst bereits statt eines Horizontalrandes einen Hoch-
rand, eine Zarge. Am fortgeschrittensten erscheint der Kelch zu Marienstern.
Während nämlich bei dem Wiltener Kelch sich zwischen Nodus und Kuppa
bzw. zwischen Nodus und Fuß noch nach Herkommen nur ein Perlstab als
Trennung und zugleich als Überleitung einschiebt, dient beim Mariensterner
zu gleichem Zweck hier wie dort bereits ein niedriges Schaftstück.
... Vgl. über den Kelch auch Mitt. VIII (1863) 33; Kunsttopogr. Salzburg, St. Peter44
JS,
- Braun, Meisterwerke II, 11 nebst Abb. auf Tfl. 55, 56.
(48) Vgl. auch Braus, Meisterwerke II, 12 sowie Tfl. 59.
62 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Die Höhe des Kelches zu Marienstern beträgt ig,5 cm, von denen n,5 cm auf Fuß und
Nodus nebst Schaftstücken entfallen, der Durchmesser seiner Kuppa 16 cm, die Tiefe der-
selben 8 an, alles Maß Verhältnisse, wie wir sie auch bei den gleichzeitigen henkellosen Kel-
chen antreffen und nicht anders steht es bei dem Wiltener Kelch, dessen Kuppa eine Weite
von i5 cm und eine Tiefe von 7,5 cm hat, während Fuß und Nodus eine Höhe von etwa
8,5 cm besitzen. Die Kuppa ist hiernach bei beiden Kelchen halbkugelförmig. Die schwe-
ren, aber durchbrochen gearbeiteten Henkel des Kelches zu Marienstern sind fast halb-
kreisförmig, die des Wiltener stellen eine leichte, mit schwungvollem Ranken- und Blatt-
werk gefüllte Volute dar. (49)
Noch im 18. Jahrhundert vorhanden, sind seitdem im Strudel der französi-
schen Revolution verschwunden ein zweihenkeliger Kelch zu St-Omer, der
dein heiligen Audomarus zugeschrieben wurde, ein angeblicher Henkelkelch
des heiligen Jodokus (-f- 69) zu St-Josse-sur-Mer bei Montreuü (Pas-de-Ca-
lais), ein unter dem Namen des heiligen Servatius gehender Henkelkelch in der
Servatiuskirche zu Maastricht sowie ein legendenhafter Henkelkelch des hei-
ligen Gerard vonToul ("fop/i) im Kloster des heiligen Mansuetus daselbst, doch
liegen von den drei letztgenannten noch Abbildungen, die uns ihre formale Be-
schaffenheit erkennen lassen, vor.
Was wir über den Kelch zu St-Omer hören, (50) gibt uns keinen Aufschluß über die
genauere Form desselben.
Der Kelch zu St-Josse-sur-Mer bestand aus balbeiförmiger, oben leicht nach außen ge-
krümmter Kuppa mit von romanischen Ranken gebildeten Henkern, einem leicht konkav
konischen Fuß und abgeplattetem kugeligem Nodus, der vom Fuß und der Kuppa durch
einen Perlstab getrennt wurde. Die Ikonographie des Bildwerkes, mit dem Kuppa und Fuß
geschmückt waren, Form und Inhalt der an diesen sich findenden Inschriften, der Cha-
rakter des Ornamentes an Kuppa und Nodus sowie besonders auch die Bildung der Henkel
lassen deutlich genug erkennen, daß der Kelch nicht schon im 7., sondern erst im 12. Jahr-
hundert entstand. (51)
Der angebliche Kelch des heiligen Servatius war zufolge der noch von ihm vorliegenden
Skizze ein bauchiger, nach oben zu sich etwas verengernder Becher mit zwei ringförmigen
Henkeln und niedrigem, konischen, mit Horizontalrand versehenen Fuß, der von der
Kuppa durch einen Wulst getrennt wurde. Die Kuppa war oben, der Fuß unten mit einem
Kranz mandelförmiger Rillen verziert. (52) Daß der Kelch ebensowenig vom heiligen Ser-
vatius herrührte, wie ein kleiner noch vorhandener Kelch des i/j. Jahrhunderts im Schatz
der Kirche, der als der Alltagsmeßkelch des Heiligen angesehen wurde, braucht kaum ge-
sagt zu werden. Immerhin mochte er noch in das erste Jahrtausend zurückreichen.
Der angebliche Kelch des heiligen Gerhard zu Toul war, wie die von ihm noch vorhan-
dene Abbildung bekundet, ein Erzeugnis der Goldschmiedekunst des frühen i3-, und nicht
schon des 10. Jahrhunderts. Die Halbkugelform der Kuppa, der zierliche, schlanke Fuß,
der melonenartig gerippte Nodus, die Form der Henkel wie auch die stilistische Beschaffen-
heit des Ornaments und des figuralen Schmuckes des Kelches stellen das außer Frage. (53)
Auch von den Henkelkelchen, die sich 127Ö im Schatz des Domes zu Monza befanden,
heute aber alle verschwunden sind, haben sich teilweise Abbildungen erhalten auf dem etwa
der Mitte des i3. Jahrhunderts entstammenden Bogenfeld des Portales des Domes, auf

(49) Vgl. über den Kelch zu Wüten auch Jahrb. der k. k. Zentralkommission IV (1860) 24
mit Abb., über den Mariensterner Kd. von Sachsen, Aiatsh. Kamentz-Land 191 f. und Bratc,
Meisterwerke II, 11 und Tfl. 58. (50) Mart. et Dcrasd, Voyage II, 183.
(51) Wiedergabe der Abb. des Kelches bei Roh. IV, TU. 311.
(521 Abb. nach der Skizze Heylerhoffs (vgl. oben S. 38) bei Roh. IV, 287.
(53) Wiedergabe der Abb., die sich gleich der des Kelches zu St-Josse-sur-Mer in der
Nationalbibliothek zu Paris im Nachlaß Montfaucons erhalten haben.
VIERTES KAPITEL. FORM, II, DER HENKELKELCH 63

einem dem it\. Jahrhundert angehörenden Relief im Dom, das eine Königskrönung dar-
stellt, und auf einem Gemälde des ausgehenden i5. Jahrhunderts. (54) Dieselben sind in-
dessen so ungenau und weichen derart voneinander ab, daß sie weder für die Datierung
der Kelche, noch für die. genauere Feststellung ihrer Form von Wert sind. (55) Am zuver-
lässigsten erscheinen noch die zwei auf dem vorhin erwähnten Gemälde abgebildeten Hen-
kelkelche, Kelche mit hoher Kuppa, die sich zunächst von oben nach unten zu verengert,
dann sich ausbaucht und auf der Ausbauchung Rippen aufweist, mit verhältnismäßig nied-
rigem, aus Nodus und aus konischem Fuß bestehenden Ständer, sowie mit langen, S-förmi-
gen Henkeln, die bei einem der Kelche die Form eines Delphins zeigen, bei dem andern
gleich der Kuppa dieses Kelches mit Steinen besetzt sind. Wie weit die beiden Kelche über
das Inventar von 1273 zurückreichen, muß dahingestellt bleiben.

Das wenige, was uns die Bildwerke über die formale Beschaffenheit des
Henkelkelches in den Riten des Ostens zu sagen wissen, erfährt eine höchst-
willkommene Ergänzung durch eine größere Zahl von Henkelkelchen des grie-
chischen Ritus im Schatz von S. Marco zu Venedig, zumeist Beutestücke der
Venezianer bei der Eroberung von Konstantinopel. (56)
Keiner der Kelche hat eine Kuppa aus Metall. Bei vier Kelchen besteht dieselbe aus
Onyx, bei einem aus Kristall, bei vier aus Glas, bei einem aus Ghalzedon, bei einem aus
Serpentin. Was die Form der Kuppa anlangt, so zeigen nur zwei Kelche eine Kuppa des
früher erwähnten zweiten Typus der Kuppa der Henkelkelche, ein Kelch aus graugrünem
Serpentin und ein Kelch aus Glas. Ursprünglich, wie es scheint, ohne förmlichen Fuß und
nur mit einer Platte als Untersatz ausgestattet, erhielt der erstere (Tafel 5) seinen heutigen
Fuß erst im i/|. Jahrhundert zu Venedig. (57) In ihrem oberen Teil achtpaßartig sich aus-
buchtend, verengert sich seine Kuppa bis etwa zu ihrer halben Höhe, um sich dann nach
unten auszubauchen. Ihre gleich dem Untersatz aus dem einen Steine geschnittenen Henkel
stellen aufrechtstehende Leoparden dar. Den Ausbuchtungen der Kuppa sind an der einen
Seite Christus zwischen den Heiligen Nikolaus und Johannes Chrysostomus sowie den Erz-
engeln Raphael und Uriel, an der andern Maria zwischen dem heiligen Basilius, einem un-
genannten Bischof und den Erzengeln Gabriel und Michael eingraviert. Daß der formal
so eigenartige Kelch ein eucharistischer Kelch war, erhellt aus der um seinen Rand herum
eingeschnittenen, allen Zweifel an seiner Verwendung bei der Meßfeier ausschließenden
Inschrift, einer Wiedergabe der Worte der Konsekration des Weines. Die Kuppa des aus
Glas bestehenden Kelches ist in ihrem oberen Teile umgekehrt konisch, in ihrer unteren
Hälfte ebenfalls bauchig. Ihre mit Filigran und Steinen geschmückten Henkel reichen von
der Randborte bis zum Fuß. Der niedrige, gleichfalls mit Filigran und Steinen verzierte
Fuß besteht aus achtseitiger Fußplatte, die mit hoher, von miniaturartigen Filigranarkaden
gebildeten Zarge versehen ist, und niedrigem konischen Hals. Henkel und Fuß sind gleich der
den Rand der Kuppa umziehenden, mit Filigran und Steinen ausgestatteten Borte abend-
ländisch (venezianisch), (58)
Die meisten der im Schatz von S. Marco befindlichen Henkelkelche aus Byzanz haben
eine Kuppa des ersten Typus, jedoch in mehrfacher Abwandlung. Hier halbeiförmig, dort
schalenförmig, hat diese bei andern die Gestalt eines abgestutzten, umgekehrten Kegels
oder eines kleinen Eimers. (59) Bei der Mehrzahl der Kelche sitzt sie nur auf einem nied-
rigen, von einem nach unten zu sich erweiternden Ring oder einer mäßig starken runden
Platte gebildeten Untersatz (Tafel 6). Nur bei zwei Kelchen weist sie einen aus schwach

(54) Bullet, mon. 47 (1881) 746f.


(55) Eine Zusammenstellung der Abbildungen bei Ron. IV, Tfl. 281.
(56) Beschreibung dieser Kelche bei Pasini 5öff. nebst Abb. derselben Tfl. XXXV ff., auf
die des Näheren wegen verwiesen sei, da hier nur eine zusammenfassende Behandlung der-
selben möglich ist. (57) Pasim, Tfl. XXXV, n. 62. (58) Pasihi, Tfl. L, n. 112.
(59) Pasisi, Tfl. 39, n. 76, 77; Tfl. 40, n. 79, 81; Tfl. 41, n.83; Tfl. 42, n. 84, 85, 86;
Tfl. 44, n. 93.
64 VASA SACRA. ERSTER ABSCHMTT, DER KELCH

konisch ansteigendem Fuß und kurzem, in der Mitte nodusartig sich verdickenden Schaft
bestehenden Ständer als Träger auf (Tafel 7). Daß es sich auch bei den ersteren trotz ihrer
ungewöhnlichen, sehr befremdenden Form um eucharistische Kelche handelt, beweist die
Inschrift, die bei vier derselben auf der ihren oberen Rand umziehenden Borte angebracht
ist. Bei drei Kelchen lautet sie nämlich: -f IBere i% ofaou -dvre;, tottrf Jon to oljui|tot> to xlfi
■iiiiffi ivxHfxtfi, bei dem vierten: Xpwri; Öiäowtv ayia to &nr,v tpipov. Ohne diese Inschriften würde
man in den fraglichen Kelchen kaum eucharistische Kelche vermuten. Die Henkel, mit
denen die Kelche der zweiten Gruppe versehen sind, sind teils so lang, daß sie bis zum un-
teren Ende der Kuppa reichen, teils gehen sie nur bis etwa über die Mitte derselben herab.
Die Henkelkelche im Schatz von S. Marco gehören dem 10.—12. Jahrhun-
dert an; ein hervorragend schöner später Kelch der gleichen Art, der um i/joo
entstand, hat sich im Watopädikloster auf dem Athos erhalten. Er ist ein Ge-
schenk des Michael Paläologos (i3gi—i£a5). Seine schalenförmige, 20cm
weite, aber nur 5 cm tiefe Kuppa besteht aus durchscheinendem Jaspis. Der
Ständer verrät in seiner formalen Bildung Einfluß aus dem Westen. Der mäßig
ansteigende Fuß ist achteckig und hat leicht nach innen gekrümmte Seiten. Der
Schaft ist gleichfalls achtseitig, verjüngt sich nach oben zu und zeigt in der
Mitte einen achtseitigen Nodus. Von dem Fuß ist er durch einen Ring getrennt,
den Übergang vom Schaft zur Kuppa bewerkstelligt ein rundes, profiliertes,
scheibenartiges Zwischenstück. Die Henkel werden von je einem kühn ge-
schwungenen Drachen gebildet, der mit den Füßen und dem aufgerissenen
Maul sich am Kupparand festhält, mit dem Schwanzende sich auf den Nodus
stützt. (60) Der Kelch dürfte selbst im Osten einer der spätesten seiner Art
sein. Seine eucharistische Bestimmung ist durch die Inschrift gewährleistet,
die auf der den Rand des Kelches umsäumenden Borte angebracht ist: "Kö/exs
toü &rtoi€ aoxou uaÖTjtaTi; xal &rcoor6Xot? el-aiv: IKsts s£ cuVtoÜ ^ävTss, toüto soti to
atua u-GO tq xatvijs Stecdpcif? tÖ ör.kp ifiäiv xal TcoÄXtüv sx^uvousvw sU orosoiv &papxi&«.
Man hat in den Henkelkelchen vielfach lediglich Spendekelche gesehen, doch
unzutreffenderweise. Wohl sind auch Kelche dieser Art zur Ausspendung des
heiligen Blutes gebraucht worden, doch keineswegs allgemein und ausschließ-
lich. Wurde das heilige Blut den Kommunizierenden durch Darreichung des
Kelches gespendet, war es sogar weniger zweckmäßig, dabei sich eines Henkel-
kelches zu bedienen und kaum anders verhielt es sich, wenn die Spendung
des heiligen Blutes an sie erfolgte, indem der Priester die konsekrierte Brot-
partikel in den konsekrierten Wein eintauchte, bevor er sie ihnen zum Genuß
in den Mund legte. Am meisten empfahl sich noch der Henkelkelch, wenn die
Kommunizierenden mittels eines Saugröhrchens (61) das heilige Blut aus dem
Kelche tranken, doch nur, wenn eine erhebliche Zahl von Gläubigen zum Tisch
des Herrn ging und deshalb ein größerer Kelch, der die erforderliche Menge
desselben zu fassen imstande war, benutzt werden mußte, da einen solchen
Henkel handlicher machten. Empfingen nur wenige das heilige Blut, wie na-
mentlich in Privatmessen, so diente zur Ausspendung des heiligen Blutes der
Kelch, den der Priester zur Konsekration benutzt hatte, der Meßkelch, ein
Henkelkelch also nur, wenn ein Kelch dieser Art als Konsekrationskelch ver-
(60) Vgl. H. Brockhaus, Die Kunst in den Athosk los lern (Leipzig 1881) 48. Abb. bei
Nik. Kokdakow, Die Kunst auf dem Athos (St. Petersburg 1902) Tfl. XXX.
(61) Vgl. unten II, 3. Kap.
VIERTES KAPITEL. FORM. II. DER HENKELKELCH 65

wendet worden war. Ausdrücklich bezeugen die Verwendung des Henkelkel-


ches als Konsekrationskelch der i., 2. und 3. römische Ordo Mabillons, (62)
derPalliotto in S. Ambrogio zu Mailand mit dem Bild, Messe des hl. Ambrosius,
die Elfenbeinplatte mit der Darstellung der Messe in der Frankfurter Stadt-
bibliothek, eine Miniatur des Drogosakramentars, ein Relief der dessen Deckel
schmückenden Elfenbeintafeln, die Miniatur eines Sakramentars von St-Denis,
ein Fresko in der Unterkirche von S. demente in Rom, (63) eine früher schon
erwähnte Anzahl yoh Darstellungen des Opfers Melchisedechs und des Letzten
Abendmahles; (64) denn der auf ihnen wiedergegebene Kelch ist zweifellos
ebenso dem christlichen Konsekrationskelch nachgebildet, wie das Gerät, auf
dem er steht, dem christlichen Altar. Ein Henkelkelch aus dem späten 12. Jahr-
hundert, der sicher die Bestimmung hatte, als Konsekrationskelch zu dienen,
ist der kleine Reisekelch im Dom zu Cividale (Tafel 5), doch waren auch an-
dere, wie der Henkelkelch im Stift Wüten, im Kloster Marienstern, in der
Reichen Kapelle zu München und der Sugeriuskelch aus St-Denis in amerika-
nischem Privatbesitz jedenfalls vornehmlich und in erster Linie Kelche, die zum
Konsekrieren benutzt wurden, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß es
Henkelkelche gegeben habe, die nicht sowohl zum Konsekrieren, als vielmehr
zum Ausspenden des heiligen Blutes dienten. Ein Kelch dieser Art mag der
Henkelkelch in St. Peter zu Salzburg gewesen sein; denn er war wohl einer von
den drei Kelchen in St. Peter zu Salzburg, von denen es in zwei Inventaren
von i46a und 1.478 heißt: Item tres magni caiices, quondam usi in coena Do-
mini pro populo communicando cum suis magnis patenis et duabus cannis. {60)
Allein wenn dem auch so war, so bleibt noch immer die Frage offen, oh der
Kelch von Anfang an als Spendekelch für die Kommunion am Gründonnerstag
benutzt und ob er als solcher eigens für sie geschaffen wurde.
Werfen wir einen Rückblick auf die bisherigen Ausführungen und fassen
wir das in ihnen Gesagte kurz zusammen, dann ergeben sich bemerkenswerte
Feststellungen. Zunächst die, daß in dem lateinischen Westen ein eucharistischer
Kejch in Form eines Doppelhenkelkelches seit alters bis in das i3. Jahrhundert
in Gebrauch war, dann aber aus diesem verschwand. Neue Kelche dieser Art
wurden daselbst seit etwa dem zweiten, spätestens dritten Viertel des i3. Jahr-
hunderts nicht mehr angefertigt. Wenn noch in späterer Zeit vereinzelt in den
Inventaren zweihenkelige Kelche vermerkt werden, so sind das Erbstücke aus
älterer Zeit, die aber nicht mehr als Konsekrations- oder Spendekelche benutzt
wurden, sondern, soweit sie überhaupt noch gebraucht wurden, zu anderen
goltesdienstlichen Zwecken verwendet wurden. So vernahmen wir im Inventar
von WTestminster zu London von i388 von einem mit zwei Henkeln versehenen
Kelch, der zur Entgegennahme der Weinoblationen bestimmt war, und im In-
ventar des Prager Domes von einem Henkelkelch, der am Karfreitag zur Auf-
bewahrung der heiligen Hostie benutzt wurde. (66) Anderswo mögen sie später
zur Ausspendung des Ablutionsweines nach der Osterkommunion gedient haben.
Im Osten erhielt sich der Henkelkelch länger im Gebrauch, wie das Beispiel
(62) Vgl. oben S.55. (63) Vgl. oben S.56. (64) Vgl. oben S.55f.
(65) Kunsttopographie, Salzburg, St.Peter (Wien 1913) 45. (66) Vgl. oben S.55.
BRACH, DAS C1IRISTI.ICHE ALTARGERÄT 5
66 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

eines solchen aus der Zeit um i4oo im Watopadikloster auf dem Athos be-
kundet. (67)
Im Westen kommt der Henkelkelch um etwa dieselbe Zeit außer Gebrauch, zu welcher
dort auch der Empfang der Kommunion unter beiden Gestalten aufzuhören beginnt. Es
ist das indessen ein bloß zeitliches Zusammentreffen; es wäre nicht richtig, wollte man
das Außerbenutzungkommen des Henkelkelches als eine Folge des Verschwindens des Laien-
kelches deuten. War ja doch der Henkelkelch nicht ausschließlich Spendekelch, sondern
auch, ja vor allem Konsekrationskelch. Die Sache würde sich freilich anders verhalten, wenn
der Henkelkelch einzig zur Spendung des heiligen Blutes an die Gläubigen gedient hätte.
Dem war aber zu keiner Zeit so, auch nicht im i3. Jahrhundert. Nicht das Aufhören der
Kommunion unter beiden Gestalten brachte dem Henkelkelch sein Ende, sondern die hand-
lichere Bildung, die sein Ständer in Angleichung an den des henkellosen Kelches erhielt,
infolgedessen es weiterhin keinen Zweck mehr hatte, ihn mit Henkeln zu versehen.
Was dann zweitens seine formale Beschaffenheit anlangt, so tritt der Henkel-
kelch jedenfalls schon in altchristlicher Zeit in zwei Typen auf, die sich
durch die Bildung der Kuppa unterscheiden, während die des Ständers keinen
bemerkenswerten Unterschied aufweist. Bei dem einen becherartig, verengert
sie sich bei dem andern vasenartig von dem Rand nach der Mitte zu, um sich
dann mehr oder weniger auszubauchen. Eine formale Entwicklung des Henkel-
kelches hat, wenigstens soweit das vorhandene Material an Bildwerken und an
noch erhaltenen Kelchen ein Urteil darüber gestattet, bis in das 12. Jahrhun-
dert kaum stattgefunden und zwar ebensowenig beim Ständer wie bei der
Kuppa. Dann wird der erstere freilich entsprechend dem der gleichzeitigen
henkellosen Kelche höher und schlanker und gleicht sich die Kuppa des ersten
Typus der schalenförmig gestalteten halbkugeligen Kuppa an, wie sie in der
zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts bei dem henkellosen Kelche sich einbür-
gert. Würde der Henkelkelch nicht im i3. Jahrhundert außer Gehrauch ge-
kommen sein, würden wir auch wohl bei ihm eine ähnliche formale und stili-
stische Wandlung zu verzeichnen haben, wie wir sie sich mit dem henkellosen
Kelch im iß. und 15. Jahrhundert sowie der nachmittelalterlichen Zeit voll-
ziehen sehen.
Im griechischen Ritus — und so mag es auch in andern Riten des Ostens sich
verhalten haben — tritt zu den beiden vorgenannten Typen noch ein dritter, bei
dem die Kuppa statt mit einem förmlichen, wenn auch nur mäßig hohen Stän-
der bloß mit einem Ring oder einer Platte als Untersatz versehen ist, eine
Henkelkelchart, die sich besonders als Spendekelch eignete. Ob es auch im
Westen je Henkelkelche dieses Typus gegeben habe, läßt sich nicht sagen.
. In welchem numerischen Verhältnis die Henkelkelche zu den henkellosen
standen, läßt sich bei den unzureichenden Angaben, die wir nicht bloß, für die
altchristliche Zeit, sondern auch noch für das frühere Mittelalter über die Ver-
wendung jener wie dieser erhalten, nicht bestimmen. Die Gabenverzeichnisse,
Inventarc und ähnliche Quellen erwähnen nur sehr selten Henkelkelche, doch
beweist das keineswegs, daß die in ihnen verzeichneten Kelche allesamt henkel-
los waren, vielmehr mögen manche derselben im Gegenteil Henkelkelche ge-
wesen sein. Kelche mit Henkeln boten so wenig Auffallendes, daß man es für
(67) Vgl. oben S. 64.
VIERTES KAPITEL. FORM. 11t. DER HEXKELLOSE KELCH 67

gewöhnlich nicht für notwendig erachten mochte, sie ausdrücklich in den Ga-
benverzeichnissen und Inventaren, bei deren Abfassung, wie dieselben zeigen,
man sich der äußersten Kürze zu befleißigen pflegte, als solche zu charakteri-
sieren. In älterer Zeit mögen henkellose und Henkelkelche in annähernd glei-
cher Zahl in den Kirchen vorhanden gewesen und zur Verwendung gekommen
sein. So hörten wir im Testament des Abtes Aredius von vier Kelchen, von
denen zwei henkellos, zwei mit Henkeln versehen waren. (68) Später begann
dann freilich der henkellose Kelch zu überwiegen, so jedenfalls in nachkaro-
lingischer Zeit.

UL DER HENKELLOSE KELCH


Während der zweihenkelige Kelch bis ins 12. Jahrhundert hinein keine be-
merkenswerte formale Entwicklung zeigt, dann aber, gerade als er begonnen
hatte, an der formalen Entwicklung des henkellosen Kelches teilzunehmen,
außer Gebrauch kommt und damit von aller weiteren formalen Ausgestaltung
ausgeschlossen wird, verhält es sich wesentlich anders beim henkellosen Kelch.
Auch bei diesem macht sich zwar bis ins 12. Jahrhundert hinein eine formale
Wandlung kaum bemerkbar; in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts beginnt
dann jedoch eine lebhafte Umbildung der Form des Kelches. Eine andere ist
diese nun in der Zeit und unter dem Einfluß des spätromanischen und früh-
gotischen Stiles, eine andere in der Zeit und unter dem Einfluß der Hochgotik
und Spätgotik, eine andere endlich in der Zeit und unter dem Einfluß der
Renaissance, des Barocks und dessen letzten Ausläufers, des Klassizismus.
Dann hört freilich die Entwicklung auf. Was das 19. und 20. Jahrhundert her-
vorbrachten, war nicht mehr die Frucht eines ruhig fortschreitenden Wandels,
bei dem jede folgende Formstufe im inneren Zusammenhang mit der vorauf-
gehenden stand und von dieser ausging, sondern entweder das Ergebnis einer
eklektizistischen Erneuerung der Kelchformen früherer Entwicklungsstufen
oder aber das Werk subjektivistischer, zu oft aller Empfindung für harmonische
Verhältnisse barer eigenmächtiger Versuche einer Neugestaltung der Kelchform,
von denen von vornherein nichts Bleibendes, allgemein in Aufnahme Kommen-
des zu erwarten war.
Um ein möglichst klares und übersichtliches Bild der formalen Beschaffen-
heit des Kelches in den verschiedenen Zeitspannen ihrer Entwicklung zu ge-
winnen, empfiehlt es sich, diese nach ihren verschiedenen Stufen in ihrer zeit-
geschichtlichen Folge einer Betrachtung zu unterziehen. Für alle gilt, daß uns
die schriftlichen Quellen über sie so gut wie keinen Aufschluß geben, die Bild-
werke aber kommen nur für die erste Entwicklungsstufe in Betracht.
A. Die Form des henkellosen Kelches bis zum aasgehenden 12. Jahrhundert
Darstellungen des henkellosen eucharistischen Kelches sind bis ins 12. Jahr-
hundert wenig zahlreich. Aus der dem 6. Jahrhundert vorausgehenden Zeit
ist mir keine bekannt geworden. Aus dem 6. Jahrhundert finden sich solche
auf einem der Mosaiken in S. Vitale zu Ravenna (Tafel 6), einem Fresko zu
(68) Vgl. oben S. 53.
68 VASA SACRA. ERSTER ABSCHMTT. DER KELCH

Bawit in Oberägypten, auf einer zu Riha in Syrien gefundenen Schüssel und


auf einer Miniatur einer Münchener Handschrift. (69) Das Mosaik in S. Vitale
zeigt die Kaiserin Theodora mit einem Kelch in den Händen, den sie der Kirche
zu opfern im Begriff steht. (70) Das Fresko zu Bawit stellt die Kirche in Ge-
stalt einer Frauenfigur, die einen Kelch hält, dar, das Relief der Patene von
Riha (Tafelöl) die Kommunion der Apostel beim Letzten Abendmahl, die
Miniatur der Münchener Handschrift das als eucharistisches gedachte Mahl der
Emmausjünger. Wiedergaben henkelloser Kelche aus dem 7. Jahrhundert be-
gegnen uns auf einer zu Stüma in Syrien gefundenen Patene im Ottomanischen
Museum zu Konstantinopel mit der Darstellung des Letzten Abendmahles, (71)
auf einer der Miniaturen des dem Beginn desselben entstammenden Evangeliars
im Corpus-Christi-Kolleg zu Cambridge, die ebenfalls das Abendmahl, (72)
sowie auf einer Miniatur des Ashburnham-Pentateuchs, die den von Moses er-
richteten Altar mit Opfergaben bedeckt zeigt. (73) Allerdings handelt es sich
bei diesen Bildwerken nicht um eine Darstellung des eucharistischen Opfers,
doch werden wir wieder mit der Annahme nicht fehlgehen, daß der auf ihnen
uns entgegentretende Kelch ebenso sein Vorbild hatte in dem bei diesem zur
Verwendung kommenden Kelche wie der Henkelkelch auf den Bildwerken, von
denen früher die Rede war. (74) Seiner Form nach erscheint er überall als
ein aus Kuppa und Ständer sich zusammensetzendes Trinkgefäß. Die Kuppa
ist bald fast halbkugelig, bald halbeiförmig; der Ständer setzt sich, wo immer
er genügend sichtbar ist, aus einem kegelförmigen Fuß und einem zwischen
Fuß und Kuppa eingeschobenen kugelartigen Nodus zusammen.
Häufiger werden Darstellungen des henkellosen Kelches seit dem 9. Jahrhun-
dert. So begegnen wir solchen auf einer Miniatur eines Sakramentars von Autun,
einer Wiedergabe der Weihestufen, (76) in einer Initiale eines Sakramentars
der Bibliothek zu Tours aus dem Ende des 9. Jahrhunderts, (77) auf zwei
Miniaturen der Apokalypse von Gerona aus dem 10. Jahrhundert, (78) auf
einer Miniatur der um 1000 geschriebenen sogenannten Rodabibel, (79) einer
Miniatur des Utacodex in der Staatsbibliothek zu München aus dem frühen
11. Jahrhundert, (80) auf einer Miniatur des Benediktionale Ethelwolds von
Winchester (f 98/i), (81) auf einer Abendmahlsdarstellung des um 1000 ent-
standenen Wreihkessels aus Kranenburg in der Sammlung Pierpont Morgan
zu New-York, (82) einer Elfenbeintafel aus dem 10.—11. Jahrhundert in Lon-
doner Privatbesitz (83) und einer Elfenbeintafel aus der zweiten Hälfte des

(69) Cod. lat. 23631 Cim 2.


(70) Abb. bei G. de Jerpha.-üos, Le calice d'Antiochia (Roma 1926) 69.
(71) Abb. in Revue archeol. 4ser. XVII (1911) pl. VIII. übrigens sei schon hier bemerkt,
daß es sich empfiehlt, bezüglich der Anerkennung der Echtheit der Patene von Riha und
Stoma einige Zurückhaltung zu Üben. (72) Abb. bei Garucci, Tfl. 141.
(73) O. YOH Gebhardt, The miniat. of the Ashbumham Pentateuch (London 1883) Tfl. 20.
(74) Vgl. oben S. 55 f. (76) Abb. bei Leroquais, pl. 5 und Brau», Gewandung 62.
(77) Ron. I, 7 (Darstellung der Messe).
(78) Abb. bei W. Neuss, Die katalanische Buchmalerei (Bonn 1922) Fig. 49 und 62.
(79) Ebd. Fig. 112. (80) Abb. bei G. Swauzekski, Reeensburger Buchmalerei (Leipzig
1901) Tfl. 13. (81) Ron. VII, Tfl. 569.
(82) An. GoLDSCHMinT, Die Elfenbeinskulpturen aus der Zeit der karolingischen Kaiser II
(Berlin 1918) Tfl. XXIII. (83) Ebd. Tfl. XXIX.
VIERTES KAPITEL. FORM, III. DER HENKELLÖSE KELCH 69

ii. Jahrhunderts im Kunstgewerbemuseum zu Straßburg, (84) auf zwei Minia-


turen des Wischerader Evangeliars aus dem späten 11. Jahrhundert in der Uni-
versitätsbibliothek zu Prag, (85) auf zwei Miniaturen der Miracula s. Bene-
dicti aus dem n. Jahrhundert in der Bibliothek zu Troyes, (86) auf einer in
Niello ausgeführten Darstellung der Messe auf der Oberseite des um noo ent-
standenen Tragaltars im Dom zu Paderborn, (87) auf einer Elfenbeintafel aus
dem io.— 11. Jahrhundert im Louvre zu Paris mit der gleichen Darstellung, (88)
auf einer Miniatur des Antiphonars in St. Peter zu Salzburg aus dem xa. Jahr-
hundert, Messe des heiligen Martin von Tours, (89) auf dem Apsismosaik in
S. Ambrogio zu Mailand (12. Jahrhundert), Messe des heiligen Ambrosius. (90)
Ein bemerkenswertes byzantinisches Bildwerk aus dem 9.—10. Jahrhundert,
auf dem der henkellose eucharistische Kelch dargestellt ist, ist die früher schon
erwähnte Miniatur eines Psalters im Pantokratoroskloster auf dem Athos (Ta-
fel 10), (91) andere spätere aus den Riten des Ostens sind beispielsweise Mo-
saiken in der Kathedrale und im Michaelskloster zu Kiew sowie Fresken zu
Achtala und Bethania in Georgien. (92)
Die Form, die dem Kelch auf diesen Bildwerken eignet, ist die gleiche, wie auf denjeni-
gen der vorkarolingischen Zeit, nur daß die Kuppa in der Regel halbeiförmig ist. Eine
Ausnahme hiervon macht bloß der Kelch auf der Darstellung der Messe, die den Pader-
borner Tragaltar schmückt. Bei ihm verengert sich nämlich die Kuppa nach der Mitte zu,
um sich dann nach unten hin zu einem mit Vertikalrippen versehenen Bauch zu erweitern.
Auf den älteren Abbildungen Henkelkelchen eigen, kommt dieser Kelchtypus bei bildlichen
Darstellungen henkelloser Kelche nur auf dem Portatile im Dom zu Paderborn vor. Be-
schrieben wird die Herstellung von Kuppä dieser Form um die gleiche Zeit, in der der
Tragaltar entstand, von dem sich Theophilus presbyter nennenden Verfasser der Schedula
diversarum artium, den man daher auch in dem Goldschmied, der den Tragaltar schuf,
dem Mönch Rogkerus von Helm war dshausen (Helmershausen), hat erkennen wollen. Henkel-
kelch und henkelloser Kelch unterscheiden sich nach Theophilus nur dadurch, daß jener
mit Henkeln ausgestattet ist, dieser nicht. Die Form der Kuppa ist nach ihm bei beiden
die gleiche, die gleiche auch, gleichviel ob es sich um einen großen oder um einen kleinern
Kelch handelt. Henkellose Kelche von der Art, wie sie uns auf den Bildwerken fast aus-
schließlich begegnen, d. i. henkellose Kelche mit halbkugeliger oder halbeiförmiger Kuppa
kennt die Schedula nicht. (93) Der Ständer der henkellosen Kelche setzt sich auf den Bild-
werken der karolingischen und nachkarolingischen Zeit regelmäßig aus einem konischen
Fuß und einem kugelförmigen zwischen Fuß und Kuppa angebrachten Nodus zusammen,
der fast nur auf dem Relief der Elfenbeintafel im Loavre und der Miniatur des Athos-
psalters fefalt. Wenn der Fuß auf den Miniaturen des Prager Evangeliars plattenartig er-
scheint, so ist das wohl auf Rechnung des Malers zu setzen. Von Schaftstücken zwischen
Fuß und Nodus bzw. zwischen Nodus und Kuppa ist auf keiner der Abbildungen etwas zu
sehen, weshalb denn auch der Kelch auf allen gedrückt aussieht.

Henkellose eucharistische Kelche, die uns Aufschluß über deren damalige


Form geben, haben sich im Westen aus der Zeit vor 900 nur in sehr geringer
(84) Ebd. Tfl. XXVI. (85) Abb. bei LEHNER,Ceska scola malirskä (Prag 1902) Tfl. XV
und XIX. (86) Roh. I, Tfl. 10 und iL (87) Braus, Altar I, Tfl. 89. (88) Roh. I, Tfl. 9-
(89) G. Swarze.nski, Die Salzburger Malerei (Leipzig 1908) Tfl. 106.
(90) Roh. Tfl. 17 und Max Zimmermann, Oberitalische Plastik (Leipzig 1897) 177.
(91) Heihr. Brockhaus, Die Kunst in den Athosklöstern (Leipzig 1891) Tfl. 17. Vgl.
oben 5.51. (92) Roh. IV, 260; Ausstellung georgischer Kunst zu München 1930.
(93) C. 26 und 27; ed. Ilg (Wien 1874) 180ff.
70 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Zahl erhalten. Es sind ein 1875 bei Lamon gefundener, (94) heute zu Feltre be-
findlicher Kelch, der sogenannte Chrodegangskelch in der ehemaligen Samm-
lung Basilewsky, der Tassilokelch zu Kremsmünster, ein. 1879 zu Petöhäza
(Comit. ödenburg) in einem Grab entdeckter Kelch im Museum zu ödenburg
und der Ludgeruskelch zu Werden. (95) Nur mehr durch Beschreibung und
eine aus dem 17. Jahrhundert stammende gute Abbildung (96) kennen wir einen
goldenen, außen um die Kuppa herum, ausgenommen ihre untere Rundung,
mit Zelleneinlage völlig überkleideten Kelch im Kanonissenstift zu Chelles
(Seine-et-Marne), der der Überlieferung nach vom heiligen Eligius (■{- 65$)
der heiligen Bathildis (-{■ um 680) geschenkt wurde, 1792 aber ein Opfer der
französischen Revolution wurde, nachdem die zu ihm gehörende, gleichfalls
goldene Patene schon im i5. Jahrhundert zur Herstellung eines Schreines der
heiligen Bathildis verwendet worden war. (97)
Der Kelch zu Feltre ist 21 cm hoch. Er besteht aus einem
konkav-konischen Fuß, einem Nodus in Form einer abge-
platteten Kugel, einem niedrigen, glatten, den Nodus von
der Kuppa trennenden Ring und einer halbeiförmigen
Kuppa von ca. n,5 cm Höhe und i^cm Weite, die so ge-
räumig ist, daß sie eineinhalb Liter zu fassen vermag und
um den Rand herum die von einem Stäbchen oben und
unten begrenzte Inschrift zeigt; -f- De donis Dei Ursus
diaconus sancto Petro et sancto Paulo obtulit. De Rossi
glaubte den Kelch dem 6. Jahrhundert zuweisen zu sollen,
doch findet eine solche Datierung weder in seiner Form
noch in seiner Inschrif t, die selbst noch im 8. oder 9. Jahr-
hundert Parallelen aufzuweisen hat, eine genügende Be-
gründung. (98) Man wird ihn zutreffender wohl in das
8. Jahrhundert zu setzen haben.
Dem frühen 8. Jahrhundert gehört auch der ohne
Grund dem Bischof Chrodegang von Seez zuge-
schriebene, aus St-Martin des Champs stammende
Bild 1. Kelch aus Lamon, Feltre Kelch der ehemaligen Sammlung Basilewsky an, der

(94) Nicht Zaraon, wie es im Bullet. 1879, 159 heißt und andere, auch Leclercq in Ca-
brol II, 1633, unbesehen nachgesehrieben haben.
(95) Nach Rohault de Fleury wäre ihnen auch noch hinzuzufügen ein silberner, mit
niedrigem Ring als Untersatz versehener, zylinderförmiger Becher von 9 cm Höhe und
7,8 cm Weite, der sich im Museo cristiano des Vatikans befindet, um den Rand die ver-
stümmelte Inschrift zeigt: Petibi et aeeepi, votum sol(vi), also auf Grund eines Gelübdes
von jemand gestiftet wurde, und von Rohault dem 5. Jahrhundert zugeschrieben wird. (96)
Ob der Becher wirklich in diese Zeit zurückreicht, mag auf sich beruhen bleiben; daß er als
eucharistischer Kelch anzusehen ist, darf man jedoch füglich verneinen. Es liegt kein Grund
vor, ihn als solchen zu deuten. Insbesondere enthält auch seine Inschrift nichts, was ihn als
eucharistischen Kelch erwiese. Schlechthin ausgeschlossen ist, daß der 11 cm hohe Holz-
kelch in S. Michele zu Pavia ein Meßkelch aus dem 5. Jahrhundert ist. Er gehört weder dem
5. Jahrhundert an, noch ist er je zur Feier der Messe benützt worden. Vgl. oben S. 38.
(96) La messe IV, 64 nebst Abb. auf Tfl. 307. Vgl. auch Cabrol II, 2, 1632.
(97) Abb. und Beschreibung des Kelches hei A. du Saussay, Panoplia sacerdotalis (Paris
1653) 199f.; hiernach in Farben rekonstruiert bei Cu. de Limas, Les origines de l'orfßvrerie
cloisonne III (Paris 1887) und Cabrol 112, 1624. Vgl. auch über den Kelch Maut, et Durand
H (Paris 1724) 4 und Roh. IV, 83.
(98) Vgl. z. B. die Inschrift eines ehemaligen Altarziboriums in S. Giorgio zu Valpoli-
cella bei Verona (um 725) und in S. Pietro zu Bagnocavallo (8.-9. Jahrhundert) bei Braun,
Altar II, 197, 206.
VIERTES KAPITEL. FORM. 111. DER HENKELLOSE KELCH 71

der sich heute in der Eremitage zu Leningrad befindet. Aus Kupfer gegossen,
hat er eine Höhe von i5 cm und eine Kuppaweite von g cm. Die Höhe der
Kuppa beträgt 8 cm, die des Ständers, der sich aus konischem, am Rand um-
gekremptem Fuß, fast kugeligem, in der Mitte von einem Reifen umzogönen
Nodus und schmalem ringförmigem Zwischenstück zwischen Nodus und Kuppa
zusammensetzt, 7 cm. Die Kuppa ist halbeiförmig. Um ihren Rand zieht sich
eine geperlte Einfassung und die Inschrift: In nomine Domini omnipotentis
Gimfredus prb. Zwischen Fuß und Nodus ist ein Perlstäbchen eingeschaltet;
auf dem Horizontalrand des Fußes steht eine zweite Inschrift, von der jedoch
nur mehr a fieri rogavit lesbar ist. Kuppa und Fuß sind mit aufgehämmerten
Silberplättchen verziert, die in zwei Reihen übereinander angeordnet sind. Die
Plättchen der einen Reihe stellen ein langgezogenes Dreieck dar, dessen Spitze
in ein, mit eingravierter Rosette verziertes Rundscheibchen endet, die der zwei-
ten, die zu denen der ersten Reihe versetzt angeordnet sind, Rundscheibchen
mit eingravierter Rosette. An der Kuppa sind jene oben, diese unten angebracht;
am Fuß verhält es sich umgekehrt (Rild 3). (99)
Der Kelch zu Kremsmünster (Tafel 1) ist laut der den Rand des Fußes entlang laufenden
gravierten Inschrift; -J- Tassilo dux fortis Liutpirg virga regalis eine Stiftung des Herzogs
Tassilo von Bayern (7^9—788) und seiner Gemahlin Liutpirg, der Tochter des Langobar-
denkönigs Desiderius, und demnach im dritten Viertel des 8. Jahrhunderts entstanden. Er
ist aus Kupfer gegossen und 2 5 cm hoch. Sein aus konischem Fuß und abgeplattetem kuge-
ligem Nodus bestehender Ständer ist nur um ein geringes niedriger als die 10 cm im Durch-
messer haltende, halbeiförmige Kuppa. Zwischen Fuß und Nodus sowie zwischen diesem
und der Kuppa ist ein derber Perlring eingeschaltet. Die außerordentlich reiche Ornamen-
tierung des Kelches, bei der kein Fleckchen ohne Schmuck blieb, ist teils in tief einschnei-
dender Ziselierung, teils in Tauschierarbeit, teils in Niello ausgeführt und verrät stilistisch]
unverkennbaren irischen Einfluß. An der Kuppa sind in runder Umrahmung die Halb-
figuren Christi und der Evangelisten samt deren Symbolen, am Fuße in gleicher Einfassung
die Halbfiguren Johannes des Täufers und dreier anderen Heiligen angebracht, alles sehr
primitive, roh gezeichnete Figuren. (100)
Dem Tassilokelch gleichaltrig erscheint der zu Petöhäza gefundene Kelch. Er ist, abge-
sehen davon, daß er fast schmucklos und erheblich kleiner ist — seine Höhe beträgt nur
12,2 cm, die Weite seiner Kuppa nur 8,9 cm —, das getreue Gegenstück des Kelches zu
Kremsmünster. Auch bei ihm ist der Ständer nur um wenige Millimeter niedriger als die
Kuppa. Ein Perlstab ist nur zwischen Nodus und Kuppa angebracht. Die Verzierung des
Kelches beschränkt sich auf ein den Rand der Kuppa und des konischen Fußes umziehendes
Band aus Flechtwerk und vier gleichartige von oben nach unten bzw. von unten nach oben
verlaufende Streifen an Kuppa und Fuß. Eine Inschrift am Nodus: f Gundpald fecit, ver-
rät uns den Schöpfer oder Stifter des Kelches. (101)
Aus dem Ende des 8. Jahrhunderts stammt der kleine Kelch des heiligen Ludgerus
(f 809) (Tafel 1) in der ehemaligen Abteikirche zu Werden. Aus Kupfer gegossen und
vergoldet, ist er, bei einem Kuppadurchmesser von 7 cm, 12 cm hoch. Der konische Fuß,
dessen Wandung nur im unteren Teil leicht einwärts gekrümmt erscheint, hat mitsamt dem
stark abgeplatteten kugeligen Nodus, der bloß von der Kuppa, nicht aber auch vom Fuß
durch ein Stäbchen getrennt wird, eine Höhe von 6,5 cm gegenüber einer Kuppahöhe von
nur 5,5 cm. Um den Rand der Kuppa läuft die tief emziseh'erte Inschrift: f Agitur haec

(99) Abb. bei Roh. IV, 292; vgl. S. 91.


(100) Vgl. auch Bkaük, Meisterwerke I, Tu. 1 und S. 1 sowie Mitt. IV (1859) 6ff.
(101) Vgl. auch Jos. Hampel, Altertümer des frühen Mittelalters in Ungarn II (Braun-
schweig 1905) 423 und Tf I. 324.
72 VASA SACRA. ERSTEH ABSCHNITT. DER KELCH

summus per pocla triumphus; um den Rand des Fußes herum sind in gleicher Technik die
Worte angebracht: -j- Hie calix sanguinis Domini nostri Ihesu XPI; Inschriften, welche klar
die Bestimmung des Gefäßes zum Ausdruck bringen.
Der Kelch zu Chelles, dessen Untergang sehr zu bedauern ist, hatte eine Höhe von 27 cm,
von denen 18 cm auf die Kuppa und 9 cm auf den Ständer kamen. Die Kuppa hatte die
Form eines umgekehrten, nach unten mäßig sich verengernden Kegels von i5 cm oberem
Durchmesser, Sie wies zehn breite, durch einen Perlstab voneinander getrennte, nach oben
sich allmählich verflachende Rippen auf. Der Ständer bestand aus niedrigem runden, konkav-
kegelförmigem, mit schräger Zarge versehenem Fuß und abgeplattetem kugeligem, von
einem durch Zelleneinlagen gebildeten Bändchen umzogenem Nodus, der sowohl vom Fuß
wie von der Kuppa durch einen geperlten Ring getrennt war. Bemerkenswert war sowohl
die Form wie auch die große Höhe der Kuppa. Eine Kuppa ähnlicher Art zeigt ein byzan-
tinischer Kelch im Schatz von S. Marco zu Venedig (Tafel 9).
Aus dem neunten Jahrhundert hat sich kein henkelloser liturgischer Kelch erhalten, es
müßte denn der um 1770 zu Trewhiddle in Gornwall gefundene, jetzt im Britischen Mu-
seum aufbewahrte, ein liturgischer Kelch sein, was jedoch wenig wahrscheinlich ist. Denn
die profanen Schmucksachen, die er zugleich mit 11& Geldstücken enthielt, als er zu Tage
trat, weisen — auch wenn man der etwas eigenartigen und nicht gewöhnlichen Bildung des
Ständers keine Bedeutung beilegen will — allein schon deutlich genug darauf hin, daß er
ein profaner Trinkbecher war. Da die zwei jüngsten der in ihm gefundenen Münzen solche
Alfreds d. Gr. (■{■ 901) waren, dürfte er etwa aus der Wende des 9. Jahrhunderts stam-
men. Aus Silber gemacht, hat er bei einer Höhe von 12,7 cm einen Kuppadurchmesser von
11,4 cm und eine Kuppatiefe von ca. 7,5 cm. Die Kuppa ist halbeiförmig; der Ständer be-
steht aus einem gewölbten, mit Horizontalrand versehenen, 2,6 cm hohen Fuß und einein
gleichbohen aus zwei konischen Schaftstücken und abgeplattetem kugeligem Knauf sich zu-
sammensetzenden Schaft. (102)
Ein vorzügliches Bild der formalen Beschaffenheit, die der henkellose Kelch
im späten 10. und 11. Jahrhundert zeigte, geben uns der goldene, noch mit
seiner Patene versehene Miniaturkelch, der im Grabe Poppos von Trier (j 10/17)
entdeckt wurde und heute sich in St. Gervasius zu Trier befindet, (103) ein
ähnlicher kleiner Kelch aus Silber, den man nebst seiner Patene im Grabe des
Erzbischofs Udo von Trier (7 1078) antraf, (104) die fünf silbernen Miniatur-
kelche, die samt den zu ihnen gehörenden Patenen in den Gräbern der Bi-
schöfe Osdag (7 989), Diethmar (7 io4/(), Hezilo (7 1079) und Udo (f 1 n4)
sowie eines nicht näher bestimmbaren Bischofs in der Krypta des Domes zu
Hildesheim aufgefunden wurden und jetzt im Hildesheimer Domschatz auf-
bewahrt werden (Tafel 11), (105) der Miniaturkelch des Bischofs Adalvard
(7 um 1072) in der Domkirche zu Skara (Tafel 11) (106) und der noch mit sei-
ner Patene ausgestattete Miniaturkelch des Bischofs Bernulf von Utrecht (gest.
io54) im Rijksmuseum zu Amsterdam. (107)
(102) Proceedings of the society of Antiqu. of London 2 ser. XV (1903—1907) 48f. Abb.
auch in British Museum, guide to the early Christian and byz. antiquities (London 1921) 67.
(103) Braun, Altar I, 438. (104) J. N.TOM Wilmowsky, Die Grabstätten der Erzbischöfe
im Dom zu Trier (Trier 1876) 14 und Tfl. III. (105) Dr. A. Bertram, Hildesheims Dom-
gruft (Hildesheim 1897) 38f. und Tfl. I.; Braus, Altar I, 438.
(106) Haks Hildebramj, Sveriges Medeltid III (Stockholm 1898—1903) 650. Eine Photo-
graphie und zugleich eine Vertikalschnittaufnahme des höchst interessanten Kelches nebst
Angabe der Maß Verhältnisse erhielt ich durch die Liebenswürdigkeit des Herrn Direktors
des Nationalmuseums zu Stockholm, Dr. Bengt Thordeman, wofür ihm auch an dieser Stelle
aufrichtig gedankt sei. (107) Eine Abbildung des gleichfalls sehr bemerkenswerten Kel-
ches, dessen Fuß leider erheblich gelitten hat, übersandte mir freundlichst Frl. C. J. Hudig,
Konservatorin des Museums, unter Beifügung der Maß Verhältnisse und Auskunft über alles
sonstige Wissenswerte. Auch ihr möchte ich an dieser Stelle meinen Dank aussprechen.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 73

Alle diese Miniaturkelche waren ursprünglich Reisekelche, die zu den kleinen Portatilien
gebraucht wurden, deren man sich auf Reisen bediente. Daran kann kein Zweifel sein bei
dem aus Gold hergestellten Miniaturkelch aus dem Grabe des Erzbischofs Popp», da man
für diesen sicher nicht eigens einen Grabkelch aus Gold gemacht hätte. Gilt das aber vom
Kelche Poppos, so gilt das auch von den übrigen aus Silber gemachten, zum Teil im Innern
der Kuppa vergoldeten Kelchen. Daß man aber gerade diese kleinen Reisekelche dem Toten
ins Grab beifügte — nur von dem Kelch des Adalvard ist das nicht sicher —, (108) ist leicht
begreiflich. Erstens hatte man sie zur Hand, war also der Mühe und Unkosten überhoben,
welche die Anfertigung eines besonderen Grabkelches, die sogar bisweilen wegen mangeln-
der Zeit geradezu untunlich sein mochte, gemacht haben würde. Zweitens war für die
kleinen Reisekelche am leichtesten und ohne große Ausgaben Ersatz zu schaffen. Drittens
hatte — und das war wohl bei den tiefgläubig gegründeten religiösen Anschauungen jener
Zeit der hauptsächlichste und entscheidende Grund — der Tote bei seinen Lebzeiten den
Kelch zur Darbringung des heiligen Opfers gebraucht und mußte es darum passend er-
scheinen, gerade ihn und nicht etwa einen unkonsekrierten, nie zu jenem Zwecke benutzten
Kelch der Leiche beizulegen. (109)
Alle angeführten Kelche zeigen im wesentlichen formal den gleichen Typus: sie bestehen
alle aus einem konischen Fuß, einem Nodus von der Gestalt einer abgeplatteten Kugel,
einem schmalen, ringförmigen Stäbchen zwischen Nodus und Kuppa und endlich der
Kuppa. Der Fuß zeigt bald eine geradlinige, bald eine leicht nach innen gekrümmte Wan-
dung. Durch ein Stäbchen vom Nodus geschieden ist er nur beim Adalvarduskelcli; bei den
übrigen schließt sich der Nodus ohne trennendes Glied an den Fuß an. Der Ring, der zwi-
schen Nodus und Kuppa eingeschaltet ist, ist bei dem Bernulfskelch und einem der Hildcs-
heimer Kelche mit horizontalen Rinnen verziert, beim Poppokelch und dem Hildes heim er
Hezilokelch geperlt, beim Hildesheimer Osdag- und Diethmarkelch seilförmig. Reim Adal-
varduskelch zeigt er eine scharfe Kante, beim Hildesheimer Udokelch ist er schmucklos.
Die Kuppa ist im vertikalen Mittelschnitt entweder halbeiföraiig oder parabolisch. Beim
Bernulfskelch ist sie am Rand leicht ausgebogen; beim Hildesheimer Diethmarkelch zieht
sich etwas unterhalb des Randes um die Kuppa ein Stäbchen, beim Adalvarduskelch umgibt
den Rand die oben und unten von einem Stäbchen eingefaßte Inschrift: Adalvardus peccator.
Bemerkenswert ist das Höhen Verhältnis, in dem die Kuppa und der Ständer der Kelche
zueinander stehen. Beim Adalvarduskelch und dem Poppokelch ist der Ständer etwas nied-
riger als die Kuppa, bei dem Bernulfskelch, sind beide gleich hoch. Dagegen ist bei den
Hildesheimer Kelchen der Ständer um einige Millimeter höher als die Kuppa; beim Udo-
kelch sogar um acht Millimeter.
Einen Horizontair and zeigt am Fuß nur der Hildesheimer Osdagkelch; beim HezÜo-,
Diethmar- und Adalvarduskelch ist der Rand des Fußes stäbchenartig verdickt.

Außer den genannten gibt es nur noch einen Kelch, der dem 11. Jahrhundert
entstammt, ein laut Inschrift von Abt Dominikus (ioii —1073) gestifteter
Kelch im Kloster Santo Domingo de Silos bei Burgos in Spanien. Denn ein
aus Zinn gegossener Kelch in St. Mauritz zu Münster, der im Grabe des Bi-
schofs Friedrich I. (f 108/;) gefunden worden sein soll, gehört unmöglich dem
11. Jahrhundert an. Seine stark sich weitende, geradwandige Kuppa, eine
Kuppa, wie sie uns erst in der Zeit der Spätgotik beim Kelch begegnet, sein im
Profil karniesförmiger, glockenähnlich geschweifter Fuß, sein für das elfte
Jahrhundert zu schlanker Schaft, das zwischen Kuppa und Gesamthöhe be-
stehende Maßverhältnis von 1 zu 3, sowie das auf dem Fuß angebrachte, im

(108) In einem Inventar der Domkirche von Skara von 1729 heißt es bezüglich des Kel-
ches, er sej, wie berichtet werde, früher benutzt worden, um dem Scharfrichter die Kom-
i reichen. (109) Vgl. auch Bbavn, Altar I, 438.
74 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

ii. Jahrhundert noch nicht nachweisbare Kreuzchen schließen eine solche Da-
tierung schlechthin aus. Auch das Material des Kelches spricht durchaus für
eine spätere Zeit. (110)
Der Kelch in Santo Domingo de Silos weicht von der üblichen Form dadurch ab, daß sein,
übrigen» mit Horizontalrand versehener runder Fuß nicht, wie gewöhnlich, kegelförmig,
■ondern halbkugelig ist, daß die zwischen Nodus und Fuß sowie zwischen Modus und Kuppa
sonst häufig eingeschobenen, schmalen, geperlten oder glatten Ringe bei ihm schon zu
förmlichen, wenn auch erst niedrigen Schaftstücken geworden sind und daß der Nodus volle
Kugelgestalt hat. Er ist 3o cm hoch und hat bei einer Kuppaweite von 19 cm eine Kuppa-
tiefe von ca. i3 cm. Weite der Kuppa und Höhe des Ständers verhalten sich also wie 1: 17s.
Wenn der Kelch trotzdem keineswegs schlank erscheint, so hat das seinen Grund in der
Plumpheit sowohl des Fußes, wie des fast 5 cm im Durchmesser starken Schaftes. Eigen-
artig ist seine reiche Ausstattung mittels Filigran, das freilich, was seine Ausführung an-
langt, recht minderwertig ist. Kuppa und Fuß umzieht eine Folge derber, von gewundenem
Draht eingefaßter, an den Bogen wie den Stützen mit Filigran gefüllter Rundbogen arka-
den, unter dem sich unten wie oben ein breiter Filigranfries herzieht. Innerhalb der Arka-
den des Fußes sind aus Filigran herzförmige Gebilde zur Belebung der von ihnen einge-
schlossenen Fläche angebracht. Der Nodus ist mit Filigran in Form von sieben teils breite-
ren, teils schmäleren horizontal verlaufenden Bändern völlig überkleidet, das Schaftstück
über und unter ihm dagegen schmucklos. Die unter dem Horizontalrand des Fußes ange-
brachte, in eckigen westgotischen Kapitalen ausgeführte Inschrift lautet: -j- In nomine
Domini ad honorem saneti Sebastian! Dominico abbas fecit (Bild 4)- (Hl)

Henkellose Kelche aus dem 12. Jahrhundert gibt es noch in der Kathedrale
zu Braga, in S. Isidoro zu Leon und in dem Museum zu Coimbra, im Louvre zu
Paris, in St. Peter zu Salzburg, im Nationalmuseum für alte Kunst zu Lissabon,
in der Stiftskirche N.-Senhora da Oliveira zu Guimaräes in Portugal, im Dom
zu Calocsa und im Bruckenthalsmuseum zu Hermannstadt. Sie werden teils
durch Inschriften, teils durch ihre formale Beschaffenheit als Arbeiten des
12. Jahrhunderts erwiesen. Auch die beiden romanischen Kelche zu Tremessen
sowie ein Kelch zu Frauenberg (Kr. Euskirchen) dürften noch dem späten
12. Jahrhundert angehören. Fast ganz hatte seinen Fuß verloren ein kleiner
BÜberner Kelch, den man im Grab Adalberts I. von Mainz (f n3']) fand. Ein
Grabkelch aus Holz aus dem Schluß des 12. Jahrhunderts trat im Grabe des
Wormser Bischofs Konrad von Sternberg (f 1192) zutage.
Der Kelch in der Kathedrale zu Braga (Tafel 10) dürfte wohl nicht als liturgischer Kelch
angefertigt worden sein, sondern als profaner Pokal. Das Ornament, mit dem die Kuppa
ausgestattet ist, phantastische Tier ungeheuer, die einer schweren, medaillon artig sie um-
rahmenden Ranke eingefügt sind, der seltsame, aus einer runden, den Fuß bildenden Platte
und e'inem derb ornamentierten, in der Mitte knaufartig verdickten, über und unter der
Verdickung mit fensterartigen, im Hufeisenbogen schließenden Durchbrüchen versehenen
Schaft sich zusammensetzende Ständer, sowie namentlich die anscheinend nicht eine Stifter-
sondern eine Besitzerinschrift darstellende, um den Rand des Fußes sich hinziehende In-

(110) Nach Herm. Kock, der das Chronicon Monasteriense als seine Quelle angibt (Series
episcoporum Monast. I [Monast. 1801] 37), bestand der Kelch, der sich im Grabe Friedrichs
befand, aus Silber. Aus dem Grabe herausgenommen wurde ein goldener mit einem Sma-
ragd geschmückter Ring, der, von einem kugeligen Behälter aus Jaspis umschlossen, in dem
Kelch vorgefunden worden war. Daß auch der Kelch dem Grabe entnommen worden wäre,
davon ist keine Rede. '
(111) Vgl. auch Dom E. Roulim, L'ancien tresor de Silos (Paris 1901) 31f. wo auch Abb.
VIERTES KAPITEL, FORM. HI. DER HENKELLOSE KELCH 75

schrift: In nomine Domini Menendus Gundisaius et Tuda Domna sum, lassen das vermuten.
Später, als er in den Besitz der Kathedrale gekommen war, wird er dann freilich als Kelch
gebraucht worden sein. (112) Seine Höhe beträgt io,5 cm, der Durchmesser der Kuppa 7 cm,
der der Fußplatte 7,4 cm. Der Kelch führt den Namen Geralduskelch, weil Bischof Geral-
dus (-[• 1109) ihn benützt haben soll, eine legendäre Angabe, die nicht mehr Wert hat wie
zahlreiche andere ähnlicher Art. Er ist eine arabische Arbeit.
Ein Prachtstück ist der Kelch in S. Isidoro zu Leon (Tafel ia). Er wurde laut Inschrift
oben am Fuß von Ferdinand II. (1157—1188) und seiner Gemahlin ürracca gestiftet, nicht
schon von Ferdinand L, dem Großen, gehört also nicht dem 11., sondern dem dritten
Viertel des 12. Jahrhunderts an. Kuppa und Fuß besteben aus Achat. Oben um die Kuppa
zieht sich ein mit Filigran und Edelsteinen besetzter Fries. Der schwere, gleichfalls auf das
reichste mit Steinen und Filigran verzierte Nodus in Form einer abgeplatteten Kugel wird
von der Kuppa wie vom Fuß durch einen schmalen geperlten Ring geschieden. Den flachen
konischen Fuß schließt oben ein Band mit der Inschrift: In nomine Domini Urracca Fredi-
nad ab; unten zeigt er einen aus einer Folge von Filigranarkaden bestehenden, durchbro-
chenen Hochrand.
Der Kelch in dem Museum zu Coimbra (Tafel 12) hat eine Höhe von 17 cm, von welchen
auf die Kuppa 7 cm, auf den aus hohem, schwach konkav-konischem Fuß, abgeplattetem,
kugeligem Nodus und zwei schmalen, diesen von Kuppa und Fuß scheidenden Ringen be-
stehenden Ständer 10 cm kommen. Die mit ziselierten, unter Rundbogenarkaden stehenden,
in Flachrelief aus dem Grund vortretenden Figuren der Apostel geschmückte Kuppa ist fast
halbkugelförmig. Der Nodus ist mit Filigran völlig bedeckt. Auf dem Fuß sind, von roma-
nischen Ranken umgeben, die ziselierten Reliefdarstellungen der Evangelistensymbole als
Ornament angebracht. Die um seinen Rand sich herumziehende Inschrift nennt den Stifter
und das Jahr der Anfertigung: f Geda Menendiz me fecit in onorem saneti Michaelis era
MCLXXXX (= n5a). (113)
Der aus Toledo stammende Kelch im Louvre zu Paris gehört dem späten 12. Jahrhun-
dert an. Er hat eine Höhe von i£ cm. Der Ständer ist 7,7 cm, die 10 cm weite, noch becher-
förmige Kuppa 6,3 cm hoch. Der gegossene Nodus ist mit Flechtwerk verziert, das die
Evangelistensymbole umschließt; er wird von Kuppa und Fuß durch je einen schmalen, mit
kleinen Kreischen belebten Ring geschieden. Der Fuß ist rund und besteht aus einer mit
schräger Zarge versehenen Platte und konkav-konischem, ein wenig vom Rand derselben
zurücktretendem Fußhals, den etwas unterhalb seiner Mitte die gravierte Inschrift: f Pela-
gius abbas me fecit ad honorem saneti Jacobi apostoli umzieht. (114)
Der Kelch in St. Peter zu Salzburg ist 12 cm hoch. Seine 10 cm weite, 5,5 cm hohe
Kuppa ist fast halbkugelförmig. Der Ständer ist 6,5 cm hoch. Nahe dem Rande ist der
Kuppa an einer Seite ein kleines Kreuzchen eingraviert. Von dem abgeplatteten Nodus ist
sie durch einen derben geperlten Ring geschieden. Den mit glatter Zarge versehenen Fuß
umzieht nahe dem Rand die Inschrift: f Hoc tibi devotus dat munus Ghriste Gerhohus,
welleicht der Propst Gerhoh von Reichersberg (f 1169), der sich viel um die religiöse He-
bung Salzburgs bemühte. Jedenfalls entstammt der Kelch noch dem späten 12. Jahrhun-
dert. (115)
Den Nodus hat verloren der kleine in den Ruinen einer romanischen Kirche zu Bären-
dorf in Siebenbürgen gefundene, jetzt im Bruckenthalsmuseum zu Hermanustadt befind-
liche, aus vergoldeter Bronze bestehende Kelch. Er hat eine Höhe von nur n cm, von denen
5 cm auf die 7,3 cm weite, noch ausgesprochen becherförmige Kuppa kommen. Der konkav-

(112) Joaquim de Vascoscellos, Arte religiosa em Portugal I (Porto 1914/15); Roh. IV,
127 und Tfl. 314; die Abbildung bei Rohault ist sehr ungenau.
(113) Vgl. auch Roh. IV, 126 und Tfl. 315, der den Kelch irrig dem Jahre 1228 zuweist.
(114) Abb. in Victoria and Albert Muaeum, Catalogue o£ Cbalices Tfl. 6, nach einer im
Besitz des Museums befindlichen genauen Nachbildung.
(115) Kunsttopogr., Salzburg, St. Peter 46 mit Abb. und Mitt. XIII (1868) LH.
76 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

konisch ansteigende Fuß ist noch ohne Hochrand. Der Kelch dürfte dem dritten, spätestens
dem letzten Viertel des 12. Jahrhunderts entstammen. (116)

Eine sehr fortgeschrittene Form zeigt der Kelch in der Stiftskirche zu Gui-
maräes.
Seine Höhe beträgt 17 an; seine schalenförmige Kuppa hat gleich dem Fuß 16 cm im
Durchmesser, aber nur eine Höhe von 7 cm. Der flach-konische, nur in der Mitte anstei-
gende Fuß ist nur etwa 6 cm hoch. Der stark gedrückte Nodus ist melonenartig gerippt;
wenn ursprünglich, wäre er heute das früheste Beispiel dieser später so heliebten Art von
Nodus. Zwischen Nodus und Fuß bzw. Nodus und Kuppa ist ein niedriges sechsseitiges,
an den Seiten mit graviertem Flechtwerk belebtes Schaftstück eingeschaltet. Den Fuß
schmücken mit Rosetten und Tierfiguren gefüllte getriebene RundmedailIons; sein Hals ist
in Gravierung mit einem Kranz abwärts gerichteter, lanzettförmiger Blätter belebt. (117)
Die Form des Kelches ist so fortgeschritten, daß man ihn ohne Bedenken dem i3. Jahrhun-
dert zuweisen würde, wenn nicht die der Zarge des Fußes eingravierte Inschrift: f Rex
Sanci et regina Dulcia offerunt calicem istum sancte Marine de Costa era "MCCXXV uns be-
lehrte, daß er aus dem Jahre 1187 stammt. Indessen mag sie bloß mehr von dem Fuß gelten.
Kuppa und Schaft scheinen im i3. Jahrhundert erneuert worden zu sein. Darauf weist
auch ein gleichzeitig von derselben Königin Dulcia dem Kloster Alcobaca geschenkter Kelch
ün Nationalmuseum zu Lissabon hin, der ein wesentlich anderes Bild zeigt. Er ist 21,25 cm
hoch. Seine Kuppa hat eine Weite von 17 cm und eine Höhe von 8,5 cm, ist also noch fast
becherförmig. Der abgeplattete Nodus ist mit Filigran, dem Steine eingefügt sind, über-
zogen. Ein Schaft fehlt. Nodus und Kuppa bzw. Nodus und Fuß sind nur durch einen
schmalen Ring voneinander getrennt. Der runde konische, fast geradseitig aufsteigende Fuß
ist schmucklos und ohne Zarge. An einer Seite ist ihm ein Kreuichen aufgeheftet, das je-
doch seiner Form nach nachträglich angebracht worden zu sein scheint. (118) Vermutlich
zeigte der Kelch von Guimaräes ursprünglich eine ähnliche formale Beschaffenheit, wie
der gleichfalls von Dulcia gestiftete Kelch zu Lissabon.
Der Kelch zu Frauenberg ist leider nicht mehr ganz in seinem ursprünglichen Zustande,
da zu Anfang des 19. Jahrhunderts sein Nodus durch den heutigen ersetzt und zwischen die
Kuppa und den oberen polygonalen Schaftring ein rundes Zwischenstück eingeschoben
wurde. Alt sind demnach nur Kuppa und Fuß. Die Kuppa ist 12,4 cm weit und 7 cm hoch,
also etwas über halbkugelig. Sie ist in ihrem oberen Teile in Gravierung mit Rundbogen-
arkaden, unter denen Halbfiguren der Apostel angebracht sind, in ihrem untern, mit eben-
sovielen am oberen Ende abgerundeten Langbuckeln, die mit graviertem Rankenornament
auf gepunztem Grund belebt sind, verziert. Der Fuß hat 14 cm im Durchmesser, ist 6,6 cm
hoch, konkav-konisch und mit Zarge versehen. Als Schmuck weist er Buckel von der Art
derjenigen an der Kuppa auf, die bei ihm jedoch umgekehrt verlaufen. Der Kelch dürfte
dem letzten Viertel des 12. Jahrhunderts entstammen und ist die Arbeit eines Kölner Gold-
schmiedes, wie es scheint, und zwar vielleicht des Meisters des Kuppeire)iquiars aus Hoch-
elten im Viktoria-und-Albert-Museum zu London. (119)
Von den beiden Kelchen in der Pfarrkirche zu Tremessen, einer ehemaligen Kloster-
kirche, hat der eine, der an der Kuppa und am Fuß mit Niellobildern, am Nodus mit Treib-
arbeiten verziert ist (Tafel 12), eine becherförmige Kuppa von 12,5 cm Weite und 7 cm
Tiefe, der andere, der an der Kuppa und dem Fuß mit getriebenen Reliefs, am Nodus mit
getriebenen Ranken geschmückt ist, eine fast halbkugel förmige von der gleichen Weite, aber
von nur 6 cm Tiefe. Der konkav-konische Fuß ist bei beiden Kelchen mit einer Zarge aus-

(116) Abb. bei Viktor Roth, Kunstdenkmäler aus den sächsischen Kirchen Siebenbür-
gens (Hermannstadt 1922) TU. 2.
(117) Abb. bei Joaqitim de Vascoscellos, Arte religiosa em Portugal I (Porto 1914) 15.
(118) Abb. des Kelches bei M. Creltz und Herm. Lüer, Geschichte der Metallkunst II
(Stuttgart 1909) 259, wo er jedoch irrig als Kelch von Silos bezeichnet wird, sowie bei
Roh. IV, 312. (119) Abb. bei aus'm Weerth, TfL L, II.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 77

gestattet. Den des zweiten umzieht in der Mitte ein gewundenes Stäbchen, das ihn in zwei
Zonen teilt und zugleich die in der untern angebrachten Reliefs oben abschließt. Der No-
dus der beiden Kelche von der Form einer abgeplatteten Kugel wird von der Kuppa wie
vom Fuß durch einen geperlten Ring geschieden. (120) Wenn die Kelche noch dem
13. Jahrhundert angehören, entstammen sie jedenfalls erst dem Ausgang desselben.
Der dem dritten oder letzten Viertel des 12. Jahrhunderts angehörende kleine silberne
Reisekelch, der in einem Bischofsgrab des Domes von Kalocsa als Beigabe der Leiche ge-
funden wurde, ist nur 8,5 cm hoch, wovon 4 cm auf die Kuppa, 4,5 cm auf Fuß und Mo-
dus entfallen. Die 8 cm im Durchmesser haltende Kuppa nähert sich schon unverkennbar
der Form, welche der Kuppa im i3. Jahrhundert eigen ist. Der konische Fuß ist zur Er-
höhung der Standfestigkeit mit breitem Horizontalrand versehen worden. Der Nodus stellt
eine stark zusammengedrückte Kugel dar und ist sowohl von der Kuppa wie von dem Fuß
durch einen Perlstab geschieden. (121)
Der im Grab des Mainzer Erzbischofs Adalbert I. (7 1187) zu Tage gekommene Kelch
hatte eine becherartige Kuppa. Der abgeplattete kugelige Nodus war von dcrTCuppa durch
einen schmalen Ring getrennt. Zwischen dem Fuß, von dem nur mehr der obere Teil des
Halses erhalten war, und dem Nodus fehlte ein solcher. Die Kuppa hatte eine Weite von
nur 7,5 cm. Auch in diesem Falle handelt es sich also um einen Reisekelch. (122)
Der Kelch, den man im Grabe des Wormser Bischofs Konrad II. (7 1192) antraf, war,
weil aus Holz gemacht, nie Meßkelch, sondern nur Grabkelch; trotzdem verdient er hier ge-
nannt zu werden, weil er die Form der Kelche seiner Zeit aufweist. Er bestand aus einer
halbkugeligen Kuppa von 9 cm Durchmesser, einem konkav-konischen Fuß von 10 cm
Durchmesser und 3,7 cm Höhe und einem nur wenig abgeplatteten kugeligen Nodus von
2,4 cm Höhe. (123)
Die formale Entwicklung des Kelches, die im 12. Jahrhundert einzusetzen
begann, tritt deutlich in die Erscheinung, wenn man die Kelche, welche das
12. Jahrhundert hinterlassen hat, zumal die seiner Spätzeit entstammenden, den
Kelchen der früheren Zeit gegenüberstellt. Es bereitet sich die Kelchform des
i3. Jahrhunderts vor, bei Kelchen aus dem ausgehenden 12. Jahrhundert ist
dieselbe schon fast ganz ausgebildet. Auf den bildlichen Darstellungen der
Kelche macht sich diese Entwicklung freilich nicht oder kaum bemerkbar, eine
um so deutlichere Sprache reden dafür die noch vorhandenen Kelche des
12. Jahrhunderts. Die Kuppa weitet sich und verliert gleichzeitig an Tiefe, so
daß sie fast halbkugelig, ja bisweilen zur förmlichen Halbkugel wird. Der Stän-
der wird schlanker, leichter, zierlicher. Auch ist er nunmehr stets merklich
höher als die Kuppa. Einen ausgebildeten Schaft weist er jedoch noch nicht
auf. Höchstens, daß der Ring, der zwischen Nodus und Kuppa sowie zwischen
Nodus und Fuß oder doch wenigstens zwischen Nodus und Kuppa als vermit-
telndes und zugleich als trennendes Glied eingeschaltet zu werden pflegte, eine
etwas größere Höhe erhält, ohne dadurch indessen zu einem förmlichen Schaft-
stück zu werden. Wenn der Kelch von Guimaräes einen förmlichen, wenn auch
nur kurzen, sechsseitigen Schaft aufweist, so ist das wohl die Folge einer Er-
neuerung, der der Kelch im i3. Jahrhundert unterzogen wurde, wie früher ge-
sagt wurde. Die Form des Nodus erleidet keine Veränderung; denn von dem
(120) Abb. und Beschr. in Kd. von Posen IV, 64f.
(121) Eine Photographie des Kelches neb3t Angabe seiner Maße erhielt ich durch die
Güte des Hochw. Herrn Weihbischofs von Kalocsa, Exz. Dr. Viktor Horvath, dem auch hier
wSrmstens zu danken ich mich gedrängt fühle.
(122) Abb bei Bar, Geschichte der Abtei Eberbach Tfl. II und bei Roh. IV, Tfl. 320.
wo aber der Fuß verkehrt rekonstruiert ist. (123) Bonner Jahrb. LXXXV (1888) Tfl. V.
78 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

vertikal gerippten melonenartigen Nodus des Kelches zu Guimaräes gilt ver-


mutlich das gleiche, was von dem Schaft seines Ständers gesagt wurde. Der
Erweiterung der Kuppa entspricht eine stärkere Ausladung des Fußes. Eine
solche war nötig, um dem Kelch die erforderliche Standfestigkeit zu geben.
Architektonisches Empfinden verrät es, wenn man, wie es bei einigen Kelchen
des 12. Jahrhunderts bereits geschehen ist, den Fuß mit einem Hochrand
(Zarge) versah, der dann im weiteren Verlauf der Entwicklung Regel wird.
Als die ältesten henkellosen Kelche, die sich aus dem Osten erhalten haben,
galten bis vor wenigen Jahrzehnten die aus Konstantinopel stammenden, i ao4
von den Venezianern als Beute in die Heimat geschleppten Kelche dieser Art
in S. Marco zu Venedig. Sie stammen aus dem 10., n. und 12. Jahrhundert.
Indessen ist inzwischen eine verhältnismäßig beträchtliche Anzahl syrischer
Kelche auf den Plan getreten, die alle angeblich bei Antiochien und Aleppo,
also auffallenderweise in geringer Entfernung von einander, durch Zufall ge-
funden wurden und den Anspruch erheben, der altchristlichen oder doch einer
dieser nahestehenden Zeit anzugehören. Es sind zwei Kelche in der Sammlung
Kouchakji zu New-York, die angeblich in der Nähe von Antiochien bei ge-
legentlichen Ausschachtungen mitsamt vier anderen Stücken und einem Hau-
fen von silbernen Fragmenten entdeckt wurden, ein Kelch im Kloster der
Weißen Väter zu Jerusalem (Tafel 11), der zu Karah, einem Dorf westlich
von Hama, gefunden worden sein soll, drei Kelche in der Sammlung Abukasem
zu Pord Said, die angeblich aus dem gleichen Funde stammen, wie die Kelche
der Sammlung Kouchakji, ein, wie es heißt, zu Riha bei Aleppo ausgegrabener
Kelch in der Sammlung Tyler zu Paris, sowie ein Kelch der gleichen Art, der
ebenfalls in Syrien zu Tage getreten sein soll, im Britischen Museum zu Lon-
don. (124)
Der zweite Kelch der Sammlung Kouchakji (Tafel 10), die drei Kelche
der Sammlung Abukasem, der Kelch der Weißen Väter, der Londoner Kelch
sowie der Kelch der Sammlung Tyler sind formal so gleichartig, formal in
einem solchen Maße Gegenstücke, daß man in ihnen Arbeiten derselben Werk-
stätte sehen möchte. Die bauchige, nach oben zu sich etwas einziehende Kuppa
zeigt mit dem Fuß verglichen eine auffallende Weite; beträgt doch ihr Durch-
messer zum wenigsten das Eineinhalbfache, das Eindreifünftelfache, ja das
Doppelte desjenigen des Fußes. Um ihren Rand zieht sich, von einer vertieften
Linie beiderseits begrenzt, bei sechs Kelchen eine griechische Widmungsin-
schrift, bei einem, dem Kelch der Sammlung Tyler, der Schlußsatz der Ana-
mnese der Chrysostomusliturgie: Ta aä ix t<Sv <j<5v aolitpoa^3po|i.sv, Kupts. Der Stän-
der der Kelche besteht aus einem konkav-konischen Fuß, einem abgeplatteten
kugeligen Nodus, der nur bei einem der Kelche der Sammlung Abukasem
(124) Vgl. über einen der Kelche der Sammlung Kouchakji, den sogenannten Antiocheni-
schen Kelch, oben S. 31; Ober die Kelche der Sammlung Abukasem Ch. Diehl, Un noveau
tresor d'argenterie syrieime in Syria VII (1926) 105 f.; über den zweiten Kelch der Samm-
lung Kouchakji Zeitschrift für bild. Kunst N. F. XXXII (1921) 112; über den Kelch der
Sammlung Tyler Gazette des Beaux-Arts LXII 1 (1920) 176. Der Kelch im Kloster der
Weißen Vater zu Jerusalem ist noch nicht veröffentlicht worden. Ich verdanke eine Photo-
graphie desselben und nähere Angaben über ihn Prof. Dr. Rückert zu Münster i. Westf.
Eine Abbildung des Londoner Kelches in Brit. Museum 108.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 79

fehlt, und einem runden, leicht einwärts gekrümmten Schaftstück zwischen


Nodus und Kuppa. Fuß, Nodus und Zwischenstück sind aus demselben Silber-
blech getrieben, nicht für sich gearbeitet und zusammengesetzt. Einer der
Kelche der Sammlung Abukasem ist an der Kuppa in Treibarbeit mit vier Apo-
stelfiguren und zwei Kreuzen, die unter rundbogigen Arkaden stehen, am No-
dus des Ständers mit drei übereinander denselben umgebenden Blattkränzen,
am Fuß mit einer Folge nach unten zu sich verbreitender, unten rund ab-
schließender, scharfkantig zusammenstoßender Rinnen (Tafel 10) verziert.
Alle übrigen sind bis auf die Inschrift am Rande der Kuppa völlig schmucklos.
Der gleiche Typus, wie den sieben Kelchen, eignet auch einem der byzantini-
schen Kelche in S. Marco zu Venedig aus dem n.—12. Jahrhundert, der aber
gefälligere Verhältnisse zeigt, der einzige Kelch seiner Art unter den vielen
byzantinischen Kelchen des Schatzes. Dieselbe bauchige Form, wie die Kuppa
aller sieben Kelche, weist auch eine Kelchkuppa aus dem frühen Mittelalter auf,
die in den Ruinen von Pergamon gefunden wurde und heute im Besitz des
Kaiser-Friedrich-Museums ist. (125) Dargestellt sehen wir einen Kelch vom
Typus der sieben Kelche auf einer dem 9.—10. Jahrhundert entsammenden
Miniatur eines Psalters auf dem Athos (Tafel 10).
Die sieben Kelche würden für die Geschichte des Kelches im Osten von großer Bedeutung
sein, wofern sich nicht gegen sie Bedenken geltend machten, die angesichts der oft auf
das raffinierteste und mit dem größten Geschick ausgeführten, selbst für den Fachmann
häufig nur sehr schwer als solche erkennbaren Fälschungen alter Kunstwerke, wie sie heute
in Menge in den Handel gebracht werden, zur Vorsicht mahnen.
Schon das geheimnisvolle Dunkel, das über der Auffindung und den weiteren Geschicken
der Kelche schwebt, sowie die ungenauen unkontrollierbaren, zum Teil einander wider-
sprechenden Angaben, die betreffs des Ortes und der Weise ihrer Entdeckung, ihrer ferneren
Geschicke und ihres endlichen Landens bei einem Altertumshändler oder Sammler gemacht
werden, sind nicht gerade geeignet, Vertrauen in ihre Echtheit einzuflößen. (126) Bedenk-
lich ist weiter die rasche Folge, in welcher die Kelche im Verlauf von noch nicht zwei
Jahrzehnten nacheinander zu Tage gefördert wurden, gerade wie wenn man mit einer Wün-
schelrute Syrien durchzogen und im Boden vergrabene Schätze aus alter Zeit aufgespürt
hätte, sowie die auffallende formale Gleichartigkeit aller sieben Kelche, die den Eindruck
erweckt, als ob alle aus einer Werkstatt stammten, verglichen mit der außerordentlichen
Mannigfaltigkeit, welche die zahlreichen byzantinischen Kelche in S. Marco zu Venedig be-
züglich ihrer formalen Beschaffenheit zeigen. Bedenklich ist ferner, daß nicht weniger denn
sechs Kelche mit geradezu schablonenhaften Stifterinschriften versehen sind und daß diese
Inschriften im Widerspruch zu der im Osten nach Ausweis aller mit Widmungsinschrift
ausgestatteten alten Kelche von zweifelloser Echtheit, die aus demselben bekannt sind,
bestehenden Gepflogenheit um den Rand der Kuppa herum angebracht sind. Von den mehr
denn zwei Dutzend byzantinischen Kelchen im Schatz von S. Marco zeigen nur drei eine
Stiftcrinschrift. Bei zwei Kelchen steht diese auf dem Fuße, bei einem an der unter der
Kuppa angebrachten, zum Schaft überleitenden Platte, bei keinem um den Rand der Kuppa
herum. Die hier bei einer erheblichen Zahl von Kelchen des Schatzes angebrachte Inschrift
gibt mit Ausnahme nur eines derselben, bei dem sie jedoch ebenfalls religiösen Charakter
hat und auf seinen heiligen Inhalt hinweist, (127) bei allen andern die Worte wieder, die
(125) Abb. bei O. Wulff, Altchristi, und mittelalterl. Bildwerke (Berlin 1911) Tfl. XVI,
n. 1983. (126) Bezüglich des schon erwähnten Antiochenischen Kelches, so vom Besitzer ge-
nannt, weil er angeblich zu oder bei Antiochia gefunden wurde, bemerkt P. JjerphakionS.J.
in den Echos de 1'Orient, Jahrgang 1929, Juniheft: Une seule chose me paralt sure: le calice
d'Antioche ne vient pas d'Antioche. (127) Vgl. oben S. 64.
80 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

der Herr sprach, als er beim Letzten Abendmahl den Jüngern sein heiligstes Blut reichte,
d. i. die Worte der Konsekration des Weines, und so verhält es sich auch bei der in den
Ruinen von Pergamon gefundenen Kelchkuppa, bei dem von Manuel Paläologus gestifteten
Henkelkelch im Watopädiklostcr auf dem Athos, bei einem Kelch des i3. Jahrhunderts in
der Kathedrale zu Percjaslawl, bei zwei Kelchen in der Kathedrale zu Moskau, die von dem
Bischof Antonius Romanus (erste Hälfte des ia. Jahrhunderts) herstammen sollen, in Wirk-
lichkeit aber erst dem späten Mittelalter angehören (128) und noch bei einem goldenen mit
Email und Steinen reich geschmückten Prachtkelch vom Jahre 1680 in der gleichen Kathe-
drale. (129)
Sonder bedenken erregen hinsichtlich ihrer Echtheit die drei Kelche der Sammlung Abu-
kasem, der im Besitz der Weißen Väter zu Jerusalem befindliche Kelch, der Kelch im Briti-
schen Museum sowie namentlich der Kelch der Sammlung Tyler. Die drei Kelche der
Sammlung Abukasem, weil sich unter den angeblich zugleich mit ihnen gefundenen son-
stigen liturgischen Silbergeräten auch solche befinden, die doch wohl unbedenklich als
verdächtig bezeichnet werden dürfen, vier Löffel, die als eucharistische Löffel gedeutet
worden sind (130) und in der Tat kaum anders gedeutet werden können, sowie zwei Leuch-
ter. (131) Denn wenn die Echtheit dieser Stücke zweifelhaft ist, ist es auch um das Ver-
trauen in die Echtheit der drei angeblich zusammen mit ihnen ausgegrabenen Kelche ge-
schehen. Dazu kommen bei dem mit figuralem und ornamentalem Schmuck ausgestatteten
Kelch der Sammlung Abukasem noch als Grund zu weiteren Bedenken die stilistische Be-
schaffenheit seines Figurenwerks und Ornaments sowie befremdende ikonographische Eigen-
tümlichkeiten; der Kelch der Weißen Väter zu Jerusalem (Tafel 11) und des Britischen
Museums wegen völligen Mangels der den übrigen Kelchen eigenen, noch nach Reinigung
an den zurückgebliebenen Spuren deutlich erkennbaren Oxydation, obwohl doch auch sie
Jahrhunderte lang im Boden gelegen haben sollen; (132) der Kelch der Sammlung Tyler
wegen der rings um den Rand seiner Kuppa herum angebrachten, dem Schluß der Ana-
mnese der Chrysostomusliturgie entlehnten Inschrift. Denn diese Liturgie hatte zur Zeit,
der die Kelche zugeschrieben werden und ersichtlich zugeschrieben werden wollen, noch
keinen Eingang im Patriarchat von Antiochien gefunden; vielmehr bedienten sich damals
nicht nur die monophysitischen, sondern auch die rechtgläubigen Antiochener (Melchiten)
gleicherweise der Jakobusliturgie, welche jenen Passus in ihrer Anamnese nicht kennt.
Die Chrysostomusliturgie beginnt erst seit dem 10. Jahrhundert, d. i. nach der Wieder-
eroberung Antiochäens, das 638 in die Gewalt der Araber gefallen war, durch Phokas bei
den syrischen Melchiten Fuß zu fassen. Noch zur Zeit des heiligen Johannes von Damaskus
(f um 7Öo) war die Jakobusliturgie bei ihnen in Gebrauch. Herrschend wurde sie bei ihnen
erst seit dem Ende des 13. Jahrhunderts durch die Bemühungen des orthodoxen antiocheni-
schen Patriarchen Theodor Balsamon (-{■ ca. 1200). (133) Wie will man angesichts dieses
späten Eindringens der Chrysostomusliturgie bei den Melchiten Syriens das Vorkommen
der ihr entnommenen Inschrift am Kelch der Sammlung Tyler erklären? Muß nicht wegen
dieser so befremdenden, weil zeitwidrigen Inschrift dessen Echtheit zum wenigsten als zwei-
felhaft bezeichnet werden?
Vielleicht, daß sich die Bedenken beheben lassen. Wenn ja, wird das jeder Archäologe
freudig begrüßen. Bis dahin wird man jedoch im Interesse der archäologischen wie der

(128) Antiquites de l'empire de Russie I (Moskau o. J.) TU. 68. (129) Ebd. Tfl. 66.
(130) Syria VII (1926) 110. (131) Näheres im zweiten Abschnitt des ersten Teiles
(F.ncharistischer Löffel).
(132) Man vergleiche nur das Bild des Kelches der Weißen Väter, Tafel 11, mit dem des
Kelches der Sammlung Kouchakji (Tafel 10). Hier in aller Deutlichkeit die Spuren der
durch die Oxydation verursachten Zerstörung der Oberfläche, dort tadellose Erhaltung und
völlige Glätte derselben.
(133) A. Baumstark, Die Messe im Morgenland (Kempten 1906) 58; Assemant, Cod.
liturg. I. 4, pars 2 praef. (Romae 1752) XXV; Cyrili.e Charon, Le rite byzantin et la litur-
gie Chrysostomienne dans les patriarchats melkites in Studi e ricerche intorno a s. Gio-
vanni Crisostomo (Roma 1908) 499; A. Bal-mstark, Die Chrysostomusliturgie und die syri-
sche Liturgie des Nestorius (ebd. 773, Note 2) ; Brichtmas I, 481—487.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 81

kunsthistorischen Wissenschaft gut tun, gegenüber den Kelchen die nötige Zurückhaltung
zu üben und sie keineswegs schlechthin als sichere Erbstücke der altsyrisehen Edelschmiede-
kunst und der altsyrisehen Liturgie zu betrachten und auszugeben. Unsere Sammlungen
sind nur zu reich an Fälschungen. Die hohen Preise, welche heute für die Altertümer be-
zahlt werden, laden geradezu zum Fälschen ein. Die Geschicklichkeit mancher Fälscher ist
so groß und ihre Kunst oft so raffiniert, daß es, wie schon gesagt wurde, selbst für den
geschulten Fachmann nicht immer leicht, ja kaum möglich ist, eine Fälschung als solche
zu erkennen. (134) Unter solchen Umständen erscheint es zum Frommen der Wissenschaft
besser, gegebenenfalls auf ein Werk alter Kunst, das irgendwie Anlaß zu Bedenken gibt,
zu verzichten, selbst auf die Gefahr hin, damit ein echtes Stück preiszugeben, als allzu ver-
trauensselig in Bezug auf ihre Herkunft nicht genügend kontrollierbare Fundslücke, die
in den Altertumshandel gebracht werden, als echt hinzunehmen.

Ganz anderer Art als die sieben Kelche ist der sogenannte Antiochenische
Kelch der Sammlung Kouchakji. Seine in. der Mitte etwas ausgebauchte Kuppa
ist merklich höher als weit. Heute etwas zusammengedrückt, hatte sie oben
einen Durchmesser von etwa i5,25 cm, in der Mitte etwa iß,5o cm. Der Fuß
zeigt demgegenüber einen Durchmesser von bloß 7,4 cm, also noch nicht die
Hälfte des Kuppadurchmessers. Hoch ist der Kelch 19,2 cm, von denen nur
3,3 cm auf den aus flachem Fuß mit niedrigem, gekehltem Hals und abgeplat-
tetem Nodus bestellenden Ständer fallen. Aber nicht nur durch Maße und Form
unterscheidet sich der Kelch von den sechs andern, sondern auch dadurch, daß
er eine doppelte Kuppa hat, (135) eine mit umgekremptem Rand versehene
innere, eine Einsatzkuppa, und eine die Hülle und den Behälter der herausnehm-
baren fußlosen inneren bildende äußere, die, abgesehen von einem schmalen
Streifen am oberen Rand, mit ziselierten, durchbrochen gearbeiteten Wein-
ranken verziert ist, denen nicht nur Vögel und Vierfüßler sowie anderes Getier,
sondern auch, auf zwei Reihen verteilt, zweimal die thronende Figur des bart-
losen Christus und zehn thronende, die Rechte wie zur Akklamation erhebende
Apostelfiguren eingefügt sind. (136)
Für die Geschichte des Kelches in den Riten des Ostens hat der sogenannte antiochenische
Kelch noch weniger Bedeutung als die sieben vorhin behandelten angeblich syrischen
Kelche. Denn hei ihm steht nicht nur die Echtheit in Frage, (137) es ist auch keineswegs
sicher, daß er, wenn echt, als eucharistischer Kelch zu deuten und anzusehen ist. Seine Be-
schaffenheit läßt daran ernstlich zweifeln. Für einen eucharistischen Kelch fehlte es ihm
bei der Hohe und Weite seiner Kuppa einerseits und dem so geringen Durchmesser seines
Fußes andererseits an der gerade für einen solchen unumgänglich erforderlichen Stand-
festigkeit, beim Mangel an Henkeln und der minimalen Höhe seines Ständers, wegen der
dieser zum Anfassen schlechthin ungeeignet war, an der nötigen Handlichkeit. Die unge-
schickte Weise aber, in der die Einsatzkuppa der äußeren eingefügt ist, machte es kaum
möglich, das heilige Blut ohne Gefahr einer Verunehrung desselben aus dem Kelche zu ge-
nießen, wie es zur Zeit, zu der der Kelch, wenn echt, entstand, noch allein im Osten Brauch
war. Denn es mittels eines Löffels zu empfangen, war damals noch nicht in Übung, sondern
bürgerte sich erst weit spater ein. Kein Beweis, daß wir in dem Kelch einen eucharistischen

(134) Man denke z. B. nur an die bekannte Tiara des Saitaphernes im Louvre., an den
Goldschatz des Giancarlo Rossi, den selbst ein Giovanni de Bossi für echt hielt, an das
gotische silberne Meßpültchen der ehemaligen Sammlung Oppenheim, an dessen Echtheit
die gewiegtesten Kenner nicht zweifelten. (135) Vgl. oben S. 31.
(136) Nicht zur Konzelebration, von der hier keine Rede sein kann, wie man irrig ge-
meint hat (Cabrol VII, 400). (137) Vgl oben S. 31 f.
BRAUN, DAS CHRISTLICHE ALTARGERAT
82 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Kelch zu sehen haben, sind die Weinreben, an (leren Trauben Vögel picken, sowie die Figu-
ren Christi und der Apostel, welche die äußere Kuppa schmücken. Denn mit religiösen Dar-
stellungen wurden auch nichteucharktische Geräte, ja Geräte des Alltags verziert, (138) den
Weinranken aber sind nicht nur Vögel eingefügt, die an deren Trauben picken, sondern
auch ein Hase, eine Heuschrecke und Schnecken, ein Zeichen, daß sie, wie in vielen andern
Fällen auf altchristlichen Monumenten, nicht als Symbol, sondern nur als Ornament ge-
dacht sind und aufgefaßt sein wollen, übrigens würde der sogenannte antiochenisebe Kelch,
selbst wenn er echt sein und zur Feier der Eucharistie gebraucht worden sein sollte, für die
Geschichte der formalen Entwicklung des Kelches schon darum von geringer Wichtigkeit
sein, weil er ganz vereinzelt für sieb dastände, als eine Merkwürdigkeit freilich, für die man
jedoch unter all den eucharistischen Kelchen, die sich aus der ganzen Vergangenheit, ange-
fangen von der altchristlichen Zeit im Osten und Westen erhalten haben, trotz ihrer überaus
großen Zahl vergeblich ein Gegenstück suchen wird. (139)

Auf sicherem Boden stehen wir bei der in den Ruinen von Pergamon gefun-
denen, 7 cm hohen, u cm weiten, am Hand mit der Inschrift IIists k£ aütou
t:«vts; tqütö sotiv to £|a<x u(oo), an der Ausbauchung mit einem vierfach sich wie-
derholenden, von CwTj und y&s gebildeten Monogramm versehenen, ihres Stän-
ders leider entbehrenden Kelchkuppa im Kaiser-Friedrich-Museum, von deren
Form schon die Rede war, (140) sowie bei den zahlreichen henkellosen byzan-
tinischen Kelchen im Schatz von S.Marco zu Venedig, die aus der Zeit vor i2o4
stammend, zum Teil bis in das io. Jahrhundert zurückreichen. Es sind ihrer,
wenn wir von einigen absehen, die zwar als Kelche bezeichnet werden, in Wirk-
lichkeit das aber nicht sind, im ganzen vierzehn. Nur bei einem besteht die einst
reich mit figürlichem und ornamentalem Zellenschmelz verzierte Kuppa aus
Metall, bei allen übrigen aus Achat, Kristall, Alabaster, Jaspis oder Onyx.
Die Kuppa hat bei fast allen Kelchen Becherform. Bei einem der Kelche ver-
engert sie sich von oben nach unten bis zu etwa ein Viertel ihrer Höhe, um sich
dann jedoch bauchig zu erweitern. In ihrem oberen Teil vergoldetes Silber, be-
steht dieselbe in ihrem bauchigen Teil aus grünem Jaspis. Bei vier der Kelche
zeigt sie parabolische Form, bei einem ist sie ein Gegenstück zu der Kuppa der
vorhin beschriebenen syrischen Kelche, nur ist sie eleganter, ebenmäßiger, we-
niger plump und schwerfällig als diese (Tafel 9).
Bei allen Kelchen, ausgenommen der letztgenannte, umzieht den Rand der
Kuppa eine breite, mit einer Inschrift (Tafel 1 und 9), mit Steinen (Tafel 8)
oder Emailbildchen (Tafel 9), bei einigen der Kelche sehr reich ornamentierte,
beiderseits von einer Perlenschnur eingefaßte (Tafel 1, 8, 9) Borte, die durch
drei oder vier, bald schlichte, bald mit Perlen, bald mit Steinen und Email-
medaillons besetzte Vertikalbänder mit einer die Kuppa unten abschließenden
(138) Vgl. oben S. 11.
(139) Kein eucharistiseher Kelch ist ein ein»erförmiges, mit minimalem Fuß versehenes
silbernes Trinkgefäß, das mitsamt einer Silberschale, die man irrig für einen liturgischen
Diskos ausgegeben hat, und anderen Gegenständen, darunter eine Reibe von Löffeln, zu
Lampsakus gefunden wurde und heute nebst den andern Stücken im Besitz des Britischen
Museums zu London ist. Ihn als liturgischen Kelch und die Schale als liturgischen Diskos
zu deuten, davon hätte nicht nur deren formale Beschaffenheit abhalten sollen, sondern
ebenso der profane Charakter der zugleich mit denselben gefundenen Gegenstände, zumal
der mit Inschriften aus Virgils Eklogen sowie Sprüchen Solons, Bias', Chitons und Pitta-
kus' geschmückten Löffel (Abb. des Trinkgefäßes und der Schale in Guide to the early Chri-
stian and byzantine antiquities [London 1921] TH, VIII). (140) Vgl. oben S.79.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 83

und zum Ständer überleitenden schmäleren Borte verbunden ist. An ihrem


unteren Rand sind bei einigen der Kelche kleine Ösen angebracht, in denen
einst Zierhehänge angebracht waren. Bei dem Kelche, dessen Kuppa aus Me-
tall besteht, treten aus der Randborte drei halbkreisförmige, an Miniaturhenkel
erinnernde, mit Perlen und Zellenschmelz verzierte Ansätze heraus. Die In-
schrift, welche die Randborte einiger Kelche umzieht (Tafel i und 9), gibt die
Konsekrationsworte des Weines in längerer oder kürzerer Form wieder: IKste
££ aixoü tc&nsi *tX. Sie weist auf den Zweck und die Bestimmung des Kelches hin.
Der aus rundem Fuß, abgeplattetem kugeligem Nodus und niedrigem, stets
rundem, zwischen Nodus und Kuppa eingeschalteten Schaftstück bestehende
Ständer bildet bei den meisten Kelchen ein einziges Stück. Er ist bei einem der
Kelche aus dem gleichen gelbgestreiften Alabaster, aus dem die Kuppa herge-
stellt ist, angefertigt. Der Fuß ist mit Ausnahme eben dieses Kelches, bei dem
er eine mit breiter flacher Kehle profilierte Platte darstellt, konisch und zwar
meist konkav-konisch, zwei Kelche ausgenommen, bei denen er geradlinig an-
steigt (Tafel g). Der Fuß eines der Kelche ist leicht gewölbt, bei verschiedenen
zeigt er einen mehr oder weniger breiten, horizontal umgebogenen Rand. Mit
einem Hochrand (Zarge) ist nur der Fuß des vorhin erwähnten Kelches mit
Kuppa aus Metall versehen. Er besteht aus einer Folge dicht zusammengestell-
ter, von Filigran gebildeter Miniaturarkaden. Der am Fußhals durch acht von
oben nach unten verlaufende gewundene Stäbchen in acht Felder aufgeteilte,
mit Edelsteinen auf das reichste besetzte Fuß scheint übrigens erheblich jünger
als die Kuppa und westliche (venezianische) Arbeit zu sein. Vermutlich war
der ursprüngliche Fuß verlorengegangen oder so beschädigt, daß man es für
zweckmäßig hielt, ihn zu erneuern. Nicht bei allen Kelchen ist der Fuß so reich
ornamentiert worden. Bei der Mehrzahl ist lediglich den Rand entlang ein aus
Steinen oder aus Steinen im Wechsel mit runden, von einer Perlenschnur um-
rahmten figürlichen Zellenschmelzplättchen bestehender Fries als Schmuck an-
gebracht (Tafel 1 und 9). Den Rand des Fußes eines Kelches umzieht eine Borte
mit der in Email ausgeführten Stifterinschrift: ■{• Kopts, forftsi Pcu[iav(i> äp&oS£(£<o)
(8e)<nc4n, am Hals des Fußes aber sind drei Rundmedaillons in Zellenschmelz
mit den Brustbildern der heiligen Kosmas und Serapion sowie eines Erzengels
angebracht. Bei einem andern Kelche umgibt nicht nur den Rand, sondern
auch das obere Ende des Fußes eine mit Zellenschmelzrosetten gemusterte, bei-
derseits von einer Perlenschnur eingefaßte Borte, der Zwischenraum zwischen
den beiden Borten aber ist mit vier trapezförmigen, die Halbfigur eines Hei-
ligen aufweisenden Zellenschmelzplättchen, die durch eine vertikal verlaufende
Schnur von Perlen getrennt sind, ausgefüllt (Tafel 9). Ganz unverziert ist der
Fuß nur einiger Kelche. Der Schmuck des Fußes eines Kelches beschränkt sich
auf ein paar dem Hals desselben aufgesetzte Steine. Bei dem Fuß eines anderen
Kelches kommen zu den seinen Rand schmückenden Steinen als weitere Ver-
zierung am Hals die hier eingravierten Konsekrationsworte (Tafel 9).
Der Nodos ist bei allen Kelchen völlig schmucklos, zwei ausgenommen. Bei
einem dieser beiden ist er mit einigen Steinen besetzt, bei dem andern — es ist der
mit metallener Kuppa versehene Kelch — ist er in Filigran hergestellt: ringsum
84 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

ein aus Filigranschlingen bestehendes Band, oben und unten Filigranranken.


Von dem Fuß ist der Nodus nur bei einigen Kelchen durch ein geperltes Stäb-
chen getrennt.
Ein Schaftstück eignet unterhalb des Nodus nur einem der Kelche; es ist der
Kelch, dessen Ständer gleich der Kuppa aus Alabaster besteht. Bei den übrigen
sitzt der Nodus unmittelbar auf dem Hals des Fußes. Oberhalb des Nodus zeigt
nur ein Kelch kein ihn von der Kuppa trennendes Schaftstück (Tafel 9), bei
allen übrigen fehlt es nicht. Es ist bald höher, bald niedriger. Die Form eines
abgestumpften, umgekehrten Kegels hat es bei dem eine Kuppa aus Metall auf-
weisenden Kelch, bei den übrigen ist es walzenförmig.
Beachtung verdienen auch die Maßverhältnisse der Kelche. Der Durchmesser
des Fußes ist nur bei einem größer als der der Kuppa; bei den andern ist er ura
1 bis 6 cm geringer. Bei ein paar Kelchen beträgt er sogar nur wenig mehr als
die Hälfte des Kuppadurchmessers, doch ist er auch bei diesen noch genügend
standfest. Die Kuppa zeigt bei einem der Kelche die gleiche Höhe wie der Stän-
der; bei einem andern ist sie um ca. 2,5 cm niedriger; sonst aber ist sie um
1 bis 3 cm höher. Die Gesamthöhe des Kelches verhält sich zur Weite der
Kuppa bei zwei der Kelche wie 1 :l/2, bei den übrigen schwankt das Verhältnis
zwischen 1:2/3, 1:3/*» 1 ■ Vs-
Einer der Kelche ist durch die vorhin angeführte Widmimgsinschrift, die uns auch auf
einem der Henkelkelche in S. Marco begegnet — sie befindet sich hier an der Platte, die
unter der Kuppa als Überleitung zum Schaft angebracht ist — einigermaßen datiert. Leider
ist nicht festzustellen, ob der Schenkgeber Romanos Lakapenos (920—9-/i./i), Romanos Ar-
gyros {1028—io3i) oder Romanos Diogenes (1068—1071) ist, doch spricht die größere
Wahrscheinlichkeit für den ersteren. Wenigstens weiß uns der Chronist von ihm zu berich-
ten, er habe mehrere Kirchen und Klöster erbaut und sie mit golddurchwirkten Altarbeklei-
dungen und mit 3wxoKo-r^sict (Kelchen mit zugehörigem Diskos) (141) h'-< '. i i.- [';■■■
schaffenheit der beiden Kelche, die zu den reichstgeschmücktesten des Schatzes gehören,
steht mit einer Zuweisung derselben an Romanos Lakapenos nicht im Widerspruch.
Vergleicht man die henkellosen Kelche im Schatz von S. Marco mit den Kel-
chen, die sich aus dem 10.—13. Jahrhundert im Westen erhalten haben, so
ergibt sich, daß sie sowohl was die Form der Kuppa und des Ständers, als auch
was die Größenmaße derselben anlangt, im wesentlichen die gleiche Erschei-
nung darbieten. Nur sind die Kelche in S. Marco insoweit etwas fortgeschrit-
tener, als sie zwischen Nodus und Kuppa bereits fast ausnahmslos ein Schaft-
stück aufweisen.

B. Die Form des henkellosen Kelches im ausgehenden 12. und 13. Jahrhundert
Die Form des henkellosen Kelches bietet im ausgehenden 12. und i3. Jahr-
hundert ein von der früheren Kelchform merklich abweichendes, neuartiges
Bild. Die Anfänge dieses Formwandels reichen in das 12. Jahrhundert zurück,
in dessen zweitem Viertel er vorbereitet wird. Im ersten Viertel des i3. Jahr-
hunderts steht die neue Form in ihrer ganzen Eigenart fertig vor uns. Sie be-
hauptet sich bis in das späte i3. Jahrhundert. Dann beginnt ein neuer Abschnitt
in der formalen Entwicklung des Kelches.
(141) N. 44 (Mg. 109, 448).
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 85

Die Zahl der Kelche des 13. Jahrhunderts, die sich erhalten haben, ist sehr
groß. Es sind reich ornamentierte und schlichte Kelche; Kelche von sehr er-
heblichen und von geringeren Größenmaßen; Kelche nicht bloß aus Deutsch-
land, sondern auch aus Frankreich, den Niederlanden, Schweden, England,
Spanien, ja aus Island. Alle aber zeigen den gleichen, für den Kelch des
i3. Jahrhunderts charakteristischen Typus.
Weitaus die Mehrzahl dieser Kelche — mehr denn dreißig — findet sich auf deutschem
Boden, ist deutschen Ursprungs. Es sind ein Kelch in der Apostelkirche zu Köln (142)
(Tafel 8), ein aus dein ehemaligen Kloster Mariensee bei Hannover stammender Kelch im
Germanischen Museum zu Nürnberg, (143) ein Kelch auf dem Moritzberge (144) und in
St. Godehard zu Hildesheim (Titelbild), (145) ein Kelch in der Katharioenkirche zu Osna-
brück (Tafel i3), (146) ein Kelch in der Stiftskirche zu Fritzlar, dessen Schaft und Nodus
jedoch im il\. Jahrhundert erneuert wurden, (147) ein Kelch zu Rathenow (Tafel i3), (148)
ein Kelch in der Marienkirche zu Bergen auf Rügen, (149) der sogenannte Ülrichskelch in
St. Ulrich zu Augsburg, (150) ein Kelch zu Ottobeuren (Tafel iö), (151) ein aus Ottobeuren
stammender, dem dortigen gleichartiger Kelch zu Wörishofen, (152) der sogenannte Willi-
brorduskelch zu Emmerich, (153) ein Kelch in der Marienkirche zu Bielefeld, (154) ein
schlichter, aber formschöner Kelch aus dem späteren 13. Jahrhundert in der Johannis-
kirche zu Herford (Tafel 16), (155) ein Kelch aus Alt-Lomnitz im Schlesischen Museum für
Kunstgewerbe und Altertümer zu Breslau, ein Kelch aus Kieslingswalde im Görlitzer
Kaiser-Friedricb-Museum, ein Kelch zu Kissenbrück in Braunschweig, (156) ein im i5. Jahr-
hundert mit höheren Schaftstücken versehener Kelch zu Engelnstedt in Braunschweig, (157)
zwei «diücLte ki'lchi; zu (Irremu un:l iVi}Hn:^;i. : .: ,".-.-) ein kk'in!.'!- ii-Ach :.:n l.w.hniwii-w.i
zu Darmstadt, ein Kelch im Dom zu Limburg a. d. L., je ein Kelch in St. Marien zu Rostock,
in Heiligkreuz daselbst und zu Dobbertin, (159) zwei reich ornamentierte Kelche zu Marien-
stern bei Kamentz, (160) der goldene Fürsten bergische Kelch zu Villingen, (161) ein Kelch
zu Zehdenik, (162) ein Kelch im Dom zu Regensburg, der sogenannte Ulrichskelch zu
Füssen (163) und ein Kelch in der Marienkirche zu Prenzlau (Tafel ii). (164) Der Wende
des i3. Jahrhunderts gehört ein Kelch im Walburgiskloster zu Eiclistätt (Tafel 16), (165)
ein Kelch im Schnütgenmuseum zu Köln, ein Kelch in der Marienkirche zu Naugard (166)
sowie ein Kelch zu Wesenberg in Mecklenburg-Strelitz (Tafel 16) an.
Nicht mehr vorhanden und nur mehr durch eine Abbildung bekannt ist ein Kelch des
frühen i3. Jahrhunderts zu Weingarten in Württemberg, (167) laut Inschrift eine Arbeit
eines Konrad von Huse. Ein dem Wörishofener gleichartiger und wie dieser aus Ottobeuren
stammender Kelch befand sieb zu Ende des vorigen Jahrhunderts in der Sammlung Stein
(142) Braun, Meisterwerke 12 und Tfl. 56. (143) Abb. bei A. Essekwein, Kunst- und
kulturgeseh. Denkmale des Germ. National-Museums (Nürnberg 1877) Tfl, 12.
(144) Cahier, Nouveaux melanges, Deeorations d'eglises (Paris 1875) 249 f., nebst Abb.
(145) BraüH, a.a.O. 13 und Tfl.62. (146) Kd. von Hannover IV1, 163.
(147) Kd. von Hessen-Kassel, Kr. Fritzlar, Tfl. 112 und 113. (148) A. Bergau, Kd. von
Brandenburg 622. (149) Prüfer, Archiv II, Tfl. XVII. (150) M. Hartig, St Ulrich zu
Augsburg (Augsburg 1923) 71. (151) Jahrbuch des bist Vereins für Sehwaben 1851/52,12
mit Abb. (152) A. vo;* Steichele, Das Bistum Augsburg II (Augsburg 1864) 399.
(153) Kd. der Rheinpr., Kr. Reea 50. Er wird von E. .trs'w Weerth in Kunstdenkmäler
des christl. Mittelalters in den Rheinlanden I (Leipzig 1856) 6 irrig dem 11. Jahrhundert
zugeschrieben. (154) Kd. von Westfalen, Kr. Bielefeld, Tfl. 8.
(155) Kd. von Westfalen, Kr. Herford, 45. (156) Kd. von Braunschweig III, 60 mit Abb.
(157) Ebd. III, 315 mit Abb. (158) Mithoff III, 81 und IV, 286.
(159) Kd. von Mecklenburg-Schwerin I, 62, 234; IV, 367. (160) Kd. von Sachsen XXXV,
195—196. (161) Kd. von Baden, Kr. Villingen, 122 nebst Abb.
(162) Kd. von Brandenburg 799 und Zeitschr. für ehristl. Archäologie u. Kunst II, Tfl. 7.
(163) A. VOM Steichele, Das Bistum Augsburg IV (Augsburg 1883) 444.
(164) A Beroai-, Kd. der Prov. Brandenburg 608. (165) Kd. von Bavern, Sadt Eichstatt,
226 und Tfl. XXXII. (166) Kd. von Pommern, Rgb. Stettin, Kreis Naugard 119.
(167) Abb. in Gerbert, Liturgia aleman. I (St. Blasien 1776) Tfl. 3.
86 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT, DER KELCH

zu Paris. (168) Deutscher Herkunft waren auch zwei Kelche des i3. Jahrhunderts in der
ehemaligen Sammlung Basilewsky (169) sowie ein Kelch in der ehemaligen Sammlung
Spitzer (Bild 5). (170)
Nicht vollständig erhalten haben sich von Kelchen des i3. Jahrhunderts ein Kelch in der
Pfarrkirche zu Hochelten, ein Kelch in der Pfarrkirche zu Haffen am Niederrhein, ein
Kelch in der ehemaligen Stiftskirche zu Lüdinghausen in Westfalen, ein Kelch in der Pfarr-
kirche zu Zimmerbach (OA. Gmünd) in Württemberg, ein Kelch in der evangelischen
Hofkirche zu Dresden, ein Kelch in der Kreuzklosterkirche zu Braunschweig, ein Kelch im
Erzbischöflichen Museum zu Köln sowie ein Kelch im Stift Lambach in Österreich. (171)
Von den beiden letztgenannten ist nur mehr die Kuppa übrig. Der Lüdinghauser Kelch
wurde im 17. Jahrhundert in ein Ziborium umgewandelt, wobei die Kuppa erneuert, der
Fuß aber durch eine unter ihm angebrachte zweitePlatte erhöht und vergrößert wurde. (172)
Von dem Kelche zu Hochelten ist bloß noch der Fuß, von dem zu Haffen Fuß und Nodus
erhalten. Alles übrige wurde bei ihnen Im späten Mittelalter erneuert. Von den Kelchen in
der Kreuzklosterkirche zu Braunschweig und der evangelischen Hof kirche zu Dresden (173)
erhielt sich der ganze Ständer, von dem zu Zimmerbach lediglich der mit Filigran verzierte
Nodus und der in gleicher Weise ausgestattete Fuß; Kuppa, Schaft und Zarge des Fußes
sind moderne Arbeiten. (174)
Grabkelche des i3. Jahrhunderts, die den in diesem herrschenden Typus zeigten, wurden
gefunden in den Domen zu Magdeburg und Trier, dort in einem nicht näher bestimmbaren
Bischofsgrab des i3. Jahrhunderts, (175) hier in den Gräbern der Erzbischöfe Theodorich
von Wied (y 12^3) und Heinrich von Finstingen (7 1286). (176) Einen weiteren entdeckte
man in einem Bischofsgrabe des Domes zu Mainz. (177)

Die Zahl der Kelche, die sich außerhalb Deutschlands aus dem i3. Jahrhun-
dert erhalten haben, ist, wenn auch bei weitem nicht so bedeutend, wie die der
noch vorhandenen deutschen Kelche der gleichen Zeit, immerhin keineswegs
unbeträchtlich. Es sind zum nicht geringen Teil Kelche, die in Gräbern des
i3. Jahrhunderts, zumeist Bischofsgräbern, gefunden wurden, in die sie der
Leiche bei deren Bestattung beigegeben worden waren; schlichte Kelche, die
jedoch insofern von besonderem Wert sind, als sie zeigen, daß nicht nur bei
reichen, sondern auch bei einfachen, nur wenig mit Schmuck bedachten oder
gar völlig schmucklosen Kelchen die für den henkellosen Kelch des i3. Jahr-
hundert charakteristische Form herrschend war.

(168) Er war schon 1786 nicht mehr zu Ottobeuren, sondern auf Schloß Stain, das 1746
vom Kloster Ottobeuren gekauft worden war (Jahresb. des hist. Vereins von Schwaben
1851/52 [Augsburg 18531 12)- E^e nur teilweise genügende Abb. bei Roh. IV, Tfl. 315.
(169) A. Darcel, La collect Basilewsky (Paris 1874) Catalogue n. 143 und 144; einer,
eine überaus reiche Arbeit, abgeb. bei Ron. IV, Tfl. 316.
(170) La Collect Spitzer, Orf6vrerie relig. n. 72 nebst Abb. Wo der letztgenannte sowie
der Kelch der Sammlung Stein sich heute befinden, ist mir nicht bekannt, die beiden Kelche
der Sammlung Basilewsky werden jetzt wohl in der Eremitage zu Leningrad stehen.
(171) Mitt XIII (1868) XXIII mitAbb. (172) Kd. v. Westfalen, Kr. Lüdinghausen, Tfl. 52.
(173) Kd. von Sachsen, Stadt Dresden, 155. (174) Kd. von Württemberg, Jagstkreis, 432.
(175) Abb. bei Rosekthal, Der Dom zu Magdeburg (Magdeburg 1852), Lief. V, Tfl. I;
der eine Höhe von nur 8 cm und einen Kuppadurchmesser von bloß 6,5 cm aufweisende, aus
Silber gemachte Kelch hatte wohl vordem als Reisekelch gedient.
(176) Abb. bei v. Wilmowsky, Die Grabstätten der Erzbischöfe im Dom zu Trier (Trier
1876) Tfl. III und Text S. 14, doch ist zu bemerken, daß späteren Feststellungen zufolge
das angebliche Grab des Erzbischofs Theodorich in Wirklichkeit das des Erzbischofs Otto
von Ziegenhain (■f 1430) war; als das Grab Theodorichs ergab sich das von v. Wilmowsky
irrtümlich als das Grab des Erzbischofs Boemunds IL (7 1367) bezeichnete.
(177) Fr. Schneider, Die Gräberfunde im Ostchor des Domes zu Mainz (Mainz 1874)
mit Abbildungen.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 87

In Belgien befindet sich ein Kelch aus dem ersten Viertel des i3. Jahrhunderts im Schatz
der Notre-Dame-Schwestern zu Namur (Tafel i5); er ist eine Schöpfung des als Gold-
schmied so hervorragenden Hugo von Oignies, wie die Inschrift am Fuß: 7 Hugo me fecit:
orate pro eo : calix ecclesie beati Nicholai de Ognies bekundet. Ein Kelch des i3. Jahrhun-
derts zu Afftighem mit niedrigen Schaftstücken, die mit Filigran übersponnen sind, ver-
tikal geripptem, mit fünf flachen runden Zapfen besetztem Nodus und rundem, mit Ran-
ken- und Figurenwerk, Rundmedaillons und Jessebaum, reich verziertem Fuß, erhielt im
16. Jahrhundert nicht nur eine neue Kuppa, es wurde auch unter dem Fuß eine zweite,
achtpaßförmige Fußplatte angebracht. Im Rijksmuseum zu Amsterdam gibt es zwei Kelche
des i3. Jahrhunderts, von denen einer, dessen Kuppa jedoch nicht mehr ursprünglich ist,
aus Wierseloo, der andere aus St. Peter zu Utrecht stammt.
Einen von dem Herzog Konrad von Masovien (1191—13^7) gestifteten Kelch des Typus
bewahrt der Dom zu Plock in Polen, In der Schweiz hat sich ein durch einen prachtvollen
Filigrannodus ausgezeichneter Kelch des i3. Jahrhunderts im Museum zu Basel erhalten;
er stammt aus dem dortigen Dom (Tafel i3). (178) Ein anderer kleiner Kelch, der dem
heiligen Germanus, Abt von Grandval, angehört haben soll, in Wirklichkeit aber erst dem
i3. Jahrhundert entstammt, hat sich zu Delsberg im Schweizer Jura gerettet.
Einen prachtvollen Kelch des Typus aus der Frühe des i3. Jahrhunderts besitzt in Frank-
reich die Kathedrale von Reims (Tafel i3). Nicht mehr ganz in seinem ursprünglichen Zu-
stand ist ein französischer Kelch des :3. Jahrhunderts im Viktoria-und-Albert-Museum zu
London, da seine Kuppa und sein oberes Schaftstück im i£. oder i5. Jahrhundert erneuert
wurden. (179) Was wir sonst an französischen Kelchen des Typus aus dem i3. Jahrhundert
kennen, sind Grabkelche, ein Kelch, den man im Grabe des Bischofs Herväus von Troyes
(f 1223) fand, (180) ein Kelch aus dem Grabe des Bischofs Michael von Villoiseau (7 1260)
in der Kathedrale zu Angers (181) und ein zinnerner Grabkelch im Schatz der Kathedrale
zu Sens. (182)
Daß auch in Spanien die Form, welche allen bisher genannten Kelchen eigen ist, im
i3. Jahrhundert bei den Kelchen heimisch war, lehrt der Kelch, den man im Grabe des
Bischofs Bernard Calvus von Vieh (f i2.'(o) antraf. (183)
Für England bezeugen das gleiche ein silberner Kelch aus St. James zu Berwick (Wilt.)
im Britischen Museum sowie eine größere Zahl von Kelchen, die in englischen Bischofs-
gräbern des i3. Jahrhunderts gefunden wurden: ein Kelch aus dem Grabe des Bischofs
Robert Grosseteste von Lincoln (7 1253), der leider seinen Fuß eingebüßt hat, (184) ein
Kelch aus einem Bischofsgrab des frühen i3. Jahrhunderts in der Kathedrale zu Canter-
bury {Tafel i5), (185) ein Kelch aus dem Grabe Richards von Gravesend (7 1279) in der
Kathedrale zu Lincoln, (186) ein Kelch aus einem Bischofsgrab der Kathedrale zu York
von ca. i25o, (187) ein zweiter Kelch aus einem Bischofsgrab des späten i3. Jahrhunderts
in der gleichen Kathedrale, (188) ein Kelch aus einem der zweiten Hälfte des i3. Jahrhun-
derts angehörenden Bischofsgrab in der Kathedrale zu Chichester, (189) ein Kelch aus einem
Bischofsgrab des späten i3. Jahrhunderts in der Kathedrale zu Salisbury, (190) ein bei
Dolgelly in Wales gefundener, jetzt im Kronbesitz befindlicher Kelch (Tafel i5), (191)
zwei Grabkelche aus Bischofsgräbern des i3. Jahrhunderts in der Kathedrale von St. Da-
vids, (192) ein Grabkelch aus dem Grabe des Abtes Heinrich von Worcester (f ia63) in der
Abteikirche zu Evesham (193) sowie ein Grabkeleh aus einem Bischofsgrab in der Kathe-
drale zu Hereford. (194)
(1781 Mitth. der Gesellschaft für vaterländische Altertümer in Basel IX (1862) 10 mit Abb.
(179) Abb. Victoria and Albert Museum, Catalogue of chalices pl. 8, n. 1.
(180) Ron. IV, 139. (181) Revue LV (1905) 188 mit Abb.
(182) E, Chartraire, Inventaire du tresor de l'eglise primatiale de Sens (Sens 1897) 76.
(183) J. Gkdiol y Citnii.l, El mobiliar liturg. (Vieh 1920) 27. (184) Jackson I, 99.
(185) Vetusta Monumenta VII1 (Westminsrer 1893) 7, nebst Abb. (186) Jackson I, 103.
(187) Ebd. 102. (188) Ebd. 334. (189) Ebd. 104. (190) Ebd. 335.
(191) Revne LX (1910) 142 und Victoria and Albert Museum, Catalogue of chalicca pl. 7.
(192) Archaeologia LX2, 490. (193) Archaeologia XX, 566 und The archaeolog. Jour-
nal III (1846) 136. (194) Ebd. 136.
88 VASA SACRA. ERSTER ABSCHMTT. DER KELCH

Auch in Schweden haben sich noch einige Kelche des i3. Jahrhunderts erhalten. Ein
Gegenstück zu dem in Dolgelly gefundenen Kelch besitzt die ehemalige Klosterkirche zu
Dragsmark. Wohl um die Mitte des i3. Jahrhunderts entstanden, ist er zweifellos eng-
lische Arbeit. (195) Dem ausgehenden i3. Jahrhundert gehören an ein Kelch aus dem Dom
zu Linköping (196) sowie ein derselben Zeit entstammender Kelch aus dem Dom zu Ve-
steräs, (197) beide heule im Historischen Museum zu Stockholm. Dazu kommt ein auf dem
Kirchhof zu Hsbo in Hälsingland gefundener, wohl noch aus der ersten Hälfte des i3. Jahr-
hunderts herrührender Kelch in demselben Museum. Er ist aus Blei gemacht. (198)
Einer der hervorragendsten Kelche des i3. Jahrhunderts befindet sich zu Borgä in Finn-
land (Tafel i&), wohin er von Wiborg kam, doch wurde er auch wohl für Wiborg nicht
angefertigt, vielmehr scheint er als Beutestück aus Deutschland dorthin verschleppt wor-
den zu sein. Eine Inschrift am Kelch: Sifridus me fecit, bezeichnet einen Goldschmied Si-
fridus als den Meister des Kelches, falls nicht der Stifter gemeint ist. Aus dem höchsten
Norden, aus Island, endlich stammt ein um die Mitte des i3. Jahrhunderts entstandener
Kelch im Viktoria-und-Albert-Museum zu London (Tafel 16). In seiner Form den andern
Kelchen seiner Zeit gleich, ist er ein sprechender Beweis für deren außerordentlich weite
Verbreitung.
In Italien sind aus dem i3. Jahrhundert keine Kelche vom Typus der Kelche dieser Zeit
auf uns gekommen. Ein Kelch in S. Francesco zu Assisi, eine Stiftung des ersten Franzis-
kanerpapstes Nikolaus IV. (1288—1292) zeigt schon fast vollentwickelt die die italieni-
schen Kelche des i!x. Jahrhunderts kennzeichnende formale Beschaffenheit.

Das Bild, das alle diese Kelche, nach ihrer formalen Beschaffenheit betrach-
tet, bieten, ist im wesentlichen ein völlig einheitliches. Eine Ausnahme machen
bis zu einem gewissen Grad einige Kelche aus der Spätzeit des i3. Jahrhunderts,
wie der Eichstätter Kelch, der Kelch des Schnütgenmuseums, der Kelch zu
Wesenberg und Naugard, die bei allem Festhalten am Typus der Kelche des
i3. Jahrhunderts doch schon deutlich den Übergang von diesem zu dem des
ili. Jahrhunderts verkörpern, hier in der Bildung des Schaftes, dort in der der
Kuppa.
Die Kuppa. Was an der Kuppa der Kelche des i3. Jahrhunderts auf den
ersten Blick auffällt, ist ihre bedeutende Weite. Sie ist von ungleich größerem
Durchmesser als die Kuppa der früheren Kelche. Ihre Weite tritt besonders
zu Tage, wenn man diese mit der Gesamthöhe des Kelches vergleicht. Bei einem
der Kelche, die in Bischofsgräbern der Kathedrale zu York gefunden wurden,
ist der Durchmesser der Kuppa geradezu gleich seiner Gesamthöhe. Die Höhe
des Kelches aus Berwick und des Kelches aus dem Grab des Bischofs Gravesand
in der Kathedrale zu Lincoln übersteigt nur um einen Zentimeter die Weite der
Kuppa. Bei andern Kelchen — und so verhält es sich am häufigsten — schwankt
das Minus des Kuppadurchmessers zwischen 2 und 3 cm, wie z. B. bei dem in
einem Bischofsgrab der Kathedrale zu Canterbury zu Tage getretenen Kelch,
den Kelchen zu Marienstern, dem Kelche des Hugo von Oignies zu Namur, dem
bei Rohault de Fleury abgebildeten Kelch der ehemaligen Sammlung Basi-
lewsky, dem Kelch zu Dragsmark, dem Kelch zu Kissenbrück, dem Kelch aus
dem Grab des Bischofs Herväus von Troyes, den Kelchen zu Wörishofen und
Ottobeuren, dem Kelch im Germanischen Museum zu Nürnberg, dem Kelch in
(195) Abb. bei Hii.debhand III, 653 und Revue LXII (1912) 135.
(196) Abb. bei Hildebrasü III, 652. (197) Abb. ebd. 657. (198) Eine Abbildung des
Kelches verdanke ich der Güte des Direktors des Museums, Dr. Bengt Thordeman.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 89

der Katharinenkirche zu Osnabrück, in der Marienkirche zu Bielefeld, in der


Martinskirche zu Emmerich, dem Kelch im Museum zu Basel, dem Kelche zu
Borgä u. a. Größer als 3 cm ist der Unterschied zwischen Gesamthöhe und
Kuppaweite nur bei wenigen Kelchen, wie z. B. bei dem Kelch in der Johannis-
kirche zu Herford (3,5 cm), dem Kelch zu Wesenberg (4 cm), dem Kelch in
St. Godehard zu Hildesheim (4 cm), dem Kelch in der Marienkirche zu Ber-
gen (4 cm), dem Kelch zu Zehdenik (4 cm), dem Kelch im Dom zu Limburg
(5 cm) und dem Kelch zu Rathenow (5 cm), aber selbst bei den letztgenannten
beträgt die Gesamthöhe nur 18,5 cm bzw. 19 cm gegenüber einem Kuppa-
durchmesser von i3,5 cm bzw. i4 cm. Ein paar Kelche des ausgehenden
i3. Jahrhunderts, bei denen der Unterschied zwischen Kelchhöhe und Kuppa-
weite 5 cm etwas überschreitet, sind schon auf dem Weg der Umbildung zur
Kelchform des i4- Jahrhunderts.
Ihrer Form nach ist die Kuppa der Kelche des i3. Jahrhunderts nicht mehr
becher-, sondern schalenförmig. Ihrer Weite entspricht eine andere Tiefe als
noch bei den Kelchen des 12. Jahrhunderts. Nur in Ausnahmefällen, die selbst
noch in der Spätzeit des Jahrhunderts als vereinzelte Erscheinungen dastehen,
übersteigt die Tiefe der Kuppa die Hälfte ihres Durchmessers, wie z. B. beim
Kelch der Schnütgensammlung, dem Kelch im Walburgiskloster zu Eichstätt
und dem Kelch aus Alt-Lomnitz im Schlesischen Museum zu Breslau. Bei Kel-
chen aus dem späten i3. Jahrhundert offenbart sich in der den halben Durch-
messer überschreitenden Höhe der Kuppa der Beginn einer Rückkehr zur
Becherform, die im i4. Jahrhundert die schalenförmige Kuppa des i3. wieder
verdrängt, hier bald, dort langsamer.
Der Regel nach ist bei den Kelchen des 13. Jahrhunderts die Tiefe der Kuppa
der Hälfte ihres Durchmessers höchstens gleich, nicht selten sogar merklich
geringer als sie. Der Unterschied zwischen der Weite und der Tiefe der Kuppa
ist bei einzelnen Kelchen so groß, daß sich jene zu dieser verhält wie 3 :1 oder
doch wie 21/2 :1 statt wie 2 :1. Lehrreiche Beispiele bieten die Kelche in Heilig-
kreuz zu Rostock, zu Dragsmark, zu Plock, zu Namur, in der Johanniskirche
zu Herford, in der Kathedrale zu Reims (Tafel i3), der aus Berwick stammende
Kelch im Britischen Museum, der in einem Bischofsgrab der Kathedrale zu
Canterbury gefundene Kelch (Tafel io), der Kelch aus Dolgelly im englischen
Kronschatz (Tafel i5), der im Grab des Trierer Erzbischofs Heinrich von Fin-
stingen entdeckte Kelch u. a. Je nach ihrer Tiefe hat die Kuppa bald die Form
einer halben Vollkugel, bald dagegen die der Hälfte einer mehr oder weniger
abgeplatteten Kugel. Im ersten Fall zeigt sie das Profil eines Viertelkreises, im
zweiten das des Viertels eines liegenden Ovals. Immer weist sie die zweite Form
bzw. das zweite Profil auf, wenn ihre Höhe geringer ist als ihr halber Durch-
messer. Die vorhin angeführten Beispiele bieten dafür Belege.
Eine Eigentümlichkeit der Kuppa zahlreicher Kelche des i3. Jahrhunderts
ist, daß ihr Rand sich ein wenig nach außen umbiegt. So verhält es sich bei-
spielsweise mit der Kuppa des Kelches aus Berwick im Britischen Museum, der
Kelche in der Johanniskirche zu Herford, im Schatz der Schwestern U. L. Frau
zu Namur, zu Dragsmark, in der Marienkirche zu Bergen, im Landesmuseum
90 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

zu Darmstadt, im Dom zu Linköping, im Museum zu Basel, in der Apostel-


kirche zu Köln, in der Stiftskirche zu Fritzlar, in der Marienkirche zu Rathe-
now, des zu Dolgelly gefundenen Kelches, des in einem Bischofsgrab der Ka-
thedrale zu Canterbury entdeckten Kelches u, a. Der Zweck, den man mit die-
ser leichten Umbiegung des Randes der Kuppa verfolgte, dürfte gewesen sein,
durch sie diesen angesichts der großen Weite der Kuppa zu verstärken. Im
i&. Jahrhundert verliert sie sich, weil sie bei der nunmehr anders gestalteten
Form der Kuppa entbehrlich, ja zwecklos war. Erst in der Zeit des Spätbarocks
trat von neuem die Randumbiegung an der Kuppa der Kelche auf, doch hatte
sie ihren Grund nunmehr nicht in praktischen, sondern lediglich in stilistischen
Rücksichten. Sie war darum auch bei den Spätbarockkelchen ausgesprochener,
stärker, so daß die Kuppa derselben durch sie die sogenannte Tulpenform er-
hielt.
Der Ständer der Kelche des i3. Jahrhunderts besteht nur in sehr wenigen,
ganz vereinzelten Fällen lediglich aus Fuß und Nodus, wie z. B. bei dem in
einem Bischofsgrab der Kathedrale zu Canterbury (Tafel i5), dem im Grabe
des Trierer Erzbischofs Otto von Ziegenhain (199) gefundenen Kelche und bei
dem dem frühen 13. Jahrhundert entstammenden Prachtkelch in der Kathe-
drale zu Reims (Tafel i3). Bei den andern kommen zum Fuß und Nodus noch
zwei Schaftstücke, von denen das eine zwischen Nodus und Fuß eingeschaltet
ist, das zweite zwischen Nodus und Kuppa. Ihr Zweck war, den Kelch hand-
licher und greifbarer zu machen. Sie sind meist noch recht niedrig. Sind sie
doch in der Regel nur 1—l1/s cm, ja in einzelnen Fällen noch nicht einmal
einen ganzen Zentimeter hoch. Schaftstücke von 2 cm Höhe, wie sie der Kelch
des Hugo von Oignies zu Namur aufweist, sind bei den Kelchen aus dem frühe-
ren i3, Jahrhundert noch eine Ausnahme; erst bei Kelchen gus der Spätzeit
desselben werden solche etwas häufiger. Bei dem Kelch in St. Aposteln zu
Köln, der oberhalb des Nodus ein unverhältnismäßig hohes Schaftstück auf-
weist, ist von letzterem nur der untere mit Filigran verzierte Teil ursprünglich;
der doppelt so hohe, glatte obere ist eine Zutat aus jüngerer Zeit. Beim Kelch
zu Ottobeuren wurde nachträglich das untere Schaftstück erhöht. Ein Ver-
gleich mit den beiden gleichartigen Kelchen zu Wörishofen und in der ehemali-
gen Sammlung Stein läßt daran keinen Zweifel.
Ihrer Form nach sind die Schaftstücke entweder rund oder mehrseitig. Die
runden sind das Gewöhnliche; sie sind bald mit ziseliertem oder in Relief aus-
geführtem Ornament, bald mit Filigranranken oder Filigranarkaden ge-
schmückt. Wenn mehrseitig, zeigen sie meist leicht nach innen gekrümmte Sei-
ten wie bei dem Ottobeurener Kelch (Tafel i5), dem Kelch in der Johannes-
kirche zu Herford (Tafel 16), einem der Kelche zu Marienstern, dem Kelch
zu Borgä (Tafel i4) und dem Kelchfuß zu Lüdinghausen. Gerade Seiten haben
die Schaftstücke des Kelches zu Zehdenik, des Kelches in der Katharinenkirche
zu Osnabrück (Tafel i3) und des Kelches zu Kissenbrück. Die Zahl der Seiten
ist sehr verschieden.
(199) Vgl. oben 5.86. Er stammte nicht erst aus der Zeit Ottos, sondern war v
Form bekundet, ein Kelch des 13. Jahrhunderts.
VIERTES KAPITEL. FORM, III. DER HENKELLOSE KELCH 91

Der Nodus. Sehr interessant und zugleich sehr lehrreich ist ein Blick auf den
Nodus der Kelche des i3. Jahrhunderts. Er gibt uns nicht nur Aufschluß über
seine damalige formale Beschaffenheit, sondern auch über die Entwicklung,
die sich mit ihm seit etwa 1200 vollzog.
Es lassen sich bei den Kelchen des i3. Jahrhunderts vier Typen des Nodus
unterscheiden. Der Nodus des ersten Typus stellt eine gedrückte Kugel dar.
Er ist ein Erbstück aus dem 12. Jahrhundert und behauptet sich das ganze
i3. hindurch. Freilich sind es zumeist nur einfache Kelche, bei denen er noch
auftritt, wie der Kelch zu Berwick, die beiden Kelche, die in Bischofsgräbern
der Kathedrale von St. Davids gefunden wurden, der Kelch aus einem Bischofs-
grab in der Kathedrale zu Chichester, der Kelch in der Marienkirche zu Ro-
stock, der Kelch aus Island im Viktoria-und-Albert-Museum zu London u. a.
Doch kommt der Typus auch bei reichst ausgestatteten Kelchen vor, wie z. B.
bei dem Kelch in der Katharinenkirche zu Osnabrück (Tafel i3), bei dem so-
genannten Ulrichskelch zu Augsburg und in durchbrochenem Filigran ausge-
führt bei dem Kelch in St. Aposteln zu Köln (Tafel 8), dem Kelch zu Zimmer-
bach in Württemberg, dem Kelch in der Marienkirche zu Bergen, dem Rathe-
nower Kelch (Tafel i3) und dem Kelch im Historischen Museum zu Basel
(Tafel i3), alles Kelche aus dem zweiten, jawohl, wenigstens zum Teil, schon aus
dem ersten Viertel des i3. Jahrhunderts. Figürliche Darstellungen in runder
Umrahmung zeigen am Nodus die Kelche zu Ottobeuren (Tafel i5) und Wöris-
hofen, der aus Ottobeuren stammende Kelch der ehemaligen Sammlung Stein
zu Paris sowie der bei Rohault de Fleury wiedergegebene Kelch der Sammlung
Basilewsky. Die Medaillons sind jedoch keine äußerliche Zutat, sondern bilden
einen Bestandteil des getriebenen Ornamentes, mit dem der Nodus verziert ist.
Beim zweiten Typus, dessen älteste Vertreter dem ersten oder zweiten Viertel
des i3. Jahrhunderts angehören, ist der Nodus in der Mitte ringsum mit run-
den oder rautenförmigen Scbeibchen ausgestattet, die jedoch noch nicht zapf en-
artig aus ihm hervortreten, die also in ähnlicher Weise an ihm angebracht sind,
wie man auf dem Fuß der Kelche solche Scheibchen als Schmuck anzubringen
liebte. Beispiele bieten der Prachtkelch in der Kathedrale zu Reims (Tafel i3),
der Kelch auf dem Moritzberg zu Hildesheim, der Kelch zu Borgä (Tafel id),
der Marienseer Kelch im Germanischen Museum zu Nürnberg, der Kelch aus
dem Dom zu LinkÖping im Historischen Museum zu Stockholm, der schlichte
Kelch zu Dobbertin in Mecklenburg, der Kelch aus dem Dom zu Vesteräs im
Stockholmer Museum, der Kelch zu Kissenbrück in Braunschweig u. a.
Beim dritten Typus sind an die Stelle von Zierplättchen, die dem Nodus auf-
gesetzt sind, runde, ovale oder rautenförmige Zapfen getreten, die aus dem
Nodus herauswachsen, ohne jedoch, jedenfalls nicht erheblich, seine herkömm-
liche Form zu beeinflussen. Die Kelche mit derartigem Nodus gehören alle dem
ausgehenden i3. Jahrhundert an wie der Kelch im Dom zu Regensburg, einer
der Mariensterner Kelche, die Kelche zu Villingen und in St. Walburg zu Eich-
stätt (Tafel 16), der Kelch der Schnütgensammlung und der Kelchfuß in der
evangelischen Hofkirche zu Dresden. Mit dem dritten Nodustypus war für
den Kelchnodus die Form geschaffen, welche im i4- und i5. Jahrhundert die
92 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

vorherrschende sein sollte, freilich erst in ihrem Anfang. Wie sie sich heraus-
gestaltet hat, ist nach dem Gesagten unschwer verständlich. Sie ist nur eine
Weiterbildung des zweiten Typus, dieser aber seinerseits eine Bereicherung
dos ersten.
Anderer Art als diese drei Typen ist ein vierter, bei demderNodus zwar auch
noch als Grundform die Gestalt einer abgeplatteten Kugel zeigt, jedoch in eine
Summe von Rippen, die von oben nach unten verlaufen und durch mehr oder
weniger tiefe, meist eckige, doch auch wohl rundliche Rinnen von einander
getrennt sind, aufgelöst ist und infolgedessen ein an eine gerippte Melone er-
innerndes Gebilde darstellt. Die Rippen sind bald breiter, bald schmäler, hier
abgerundet, dort scharfkantig, anderswo flach oder wenigstens abgestumpft.
Gewöhnlich wechseln Hauptrippen und Nebenrippen sowie Rippen verschie-
dener Form miteinander ab, so daß sich eine ungemein große Mannigfaltigkeit
in der Bildung des Nodus kund tut. Meist sind die Rippen schmucklos; doch
finden sich auch Nodi des Typus, bei denen sie mit einem Perlstäbchen, gra-
vierten Ranken oder ähnlich verziert sind. Ein eigentümliches Ornament zeigen
die Hauptrippen des Nodus bei dem Kelche des Hugo von Oignies zu Namur
(Tafel i5), einem Kelch der ehemaligen Sammlung Spitzer (Bild 5) und dem
Kelch zu Engelnstedt in Braunschweig. Es besteht aus reifenförmig übereinan-
der angebrachten, waagerecht verlaufenden Fältelungen. Die Rippen am Nodus
des Kelches zu Dragsmark verlaufen schräg zur Mittellinie desselben.
Die Zahl der Kelche des i3. Jahrhunderts, welche diesen melonenartig ge-
stalteten Knauf aufweisen, ist sehr erheblich. Als Beispiele seien genannt der
in einem Bischofsgrab der Kathedrale zu Canterbury gefundene Kelch (Ta-
fel 15), der Kelch von Dolgelly (Tafel i5), die schon erwähnten Kelche zu
Namur, Engelnstedt und der Sammlung Spitzer, der Kelch aus dem Grabe des
Bischofs Herväus von Troyes, der Kelch in Heiligkreuz zu Rostock, der Kelch
aus dem Grab des Bischofs von Angers, Michael von Villoiseau, einer der Kelche
zu Marienstern, der Kelch aus einem Bischofsgrab der Kathedrale von Sens, der
Kelch in St, Martin zu Emmerich, der Kelch zu Dragsmark in Schweden, der
Kelch aus dem Grabe des Bischofs von Lincoln, Richard von Gravesend, ein
Kelch aus einem Bischofsgrab in der Kathedrale von York, der Kelch im Mu-
seum zu Darmstadt, Grabkelche aus Bischofsgräbern in den Domen von Magde-
burg und Trier u. a. Sie bekunden nicht nur die große Beliebtheit des Typus,
sondern auch seine weite Verbreitung. Die frühesten bekannten Beispiele sind
der im Grabe des Bischofs Herväus von Troyes gefundene Kelch (i223), der
Kelch zu Namur (um I22Ö) und der in einem Bischofsgrabe der Kathedrale
von Canterbury gefundene Kelch (Frühe des i3. Jahrhunderts). (200) Sie be-
weisen, daß der Typus bis in das erste Viertel des i3. Jahrhunderts zurück-
reicht. Auch dieser Typus wird als Erbstück des 13. Jahrhunderts vom i4.
übernommen und von diesem dann auch noch dem i5. überliefert, doch erlangt
er weder in jenem noch in diesem je die Bedeutung des vorhin genannten drit-
ten Typus.
(200) Der Nodus des Kelches in der Stiftskirche zu Guimaräes, von dem früher bei den
Kelchen des 12. Jahrh. die Rede war {vgl. oben S. 76), ist wohl eine spätere Erneuerung.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 93

Eine Verquickung des vierten Typus mit dem dritten zeigen der Nodus des
Kelches zu Afflighem sowie der der Kelche zu Zehdenik, in der Marienkirche
zu Bielefeld und in der Johanniskirche zu Herford (Tafel 16). Zu einem Ty-
pus isi dies!.' \Iis;'h;jii(inng nicht geworden. Ehenso hat sich zu keinem Typus
der Nodus des Kelches im Dom zu Limburg entwickelt, ein kristallinisches, aus
polygonalen Feldern, acht Sechsecken in der Mitte und je acht Fünfecken oben
und unten zusammengesetztes Gebilde (Bild 6). (201) Einen frühen Versuch,
den Nodus architektonisch zu gestalten, stellt der Nodus des Kelches zu Prenz-
lau (Tafel 14) dar. Laternenartig, besteht derselbe aus einem Kranz von zwölf
Giebelbauten, die durch runde beringte, oben mit einem Knäufchen abschlie-
ßende Pfosten von einander getrennt werden und abwechselnd von zwei oder
drei langen, schlitzartigen Fenstern durchbrochen sind. Seine kuppelartig sich
wölbende Oberseite ist mit getriebenem romanischen Blattwerk verziert. Der
eigenartige Nodus hat im i3. Jahrhundert wohl kaum Nachfolger gefunden.
Heute steht er jedenfalls als eine vereinzelte Erscheinung da.
Der Fuß. Der Fuß der Kelche des i3. Jahrhunderts ist stets rund und mit
einem Hochrand (Zarge) versehen. Durch den Hochrand, der sich im späteren
12. Jahrhundert bei dem Kelchfuß einbürgert, bis zum i3. Jahrhundert aber
eine vereinzelte Erscheinung bleibt, erhält der Fuß eine neue Form. Er besteht
nun aus zwei voneinander deutlich sich abhebenden Bestandteilen, der Fuß-
platte und dem von dieser aufsteigenden Fußhals.
Die Zarge ist bald vertikal, bald schräg, bald, jedoch nur vereinzelt, leicht
gekehlt. Meist ist sie schmucklos. Eine Inschrift zeigt sie bei dem Kelch zu
Namur, den Kelchen in St. Ulrich zu Augsburg und zu Engelnstedt, bei dem
Eichstätter Kelch (Tafel 16) sowie bei dem Kelch zu Borgä (Tafel i/i), ein gra-
viertes geometrisches Ornament bei dem Isländer Kelch im Viktoria-und-Albert-
Museum zu London (Tafel 16), dem in der Kathedrale von Canterbury gefun-
denen Grabkelch (Tafel i5) und dem Kelch in St. Godehard zu Hildesheim
(Titelbild), eine Folge gestanzter Rosetten bei dem Kelch im Dom zu Regens-
burg. Mit fensterartigen Durchbrüchen ist sie bei dem Kelche in der Marien-
kirche zu Bergen belebt, mit einem durchbrochenen Fries von Miniaturarkaden
bei den Kelchen in der Marienkirche zu Rathenow (Tafel i3) und in der Niko-
laikirche zu Berlin. Ein Vierpaßfries, wie er im i!\. und i5. Jahrhundert so
häufig an der Zarge des Fußes der Kelche dieser Zeit vorkommt, begegnet uns
im i3. bei dem Kelchfuß in der Kreuzklosterkirche zu Braunschweig, dem
Kelch zu Kissenbrück, dem Kelch aus Linköping im Historischen Museum zu
Stockholm und dem Kelchfuß in der Evangelischen Hofkirche zu Dresden,
alles Schöpfungen der Spätzeit desselben. Am Fuß des Kelches im Dom zu
Fritzlar dürfte er erst der gleichen Zeit angehören wie der Nodus und Schaft
des Kelches, die einer Restaurierung des Kelches im i/t- Jahrhundert entstam-
men. Häufig umzieht den unteren Rand der Zarge ein feines Leistchen, nicht
jedoch schon ein aus dem Rand der Zarge herauswachsender Horizontalrand,
der erst bei den Kelchen des i5. Jahrhunderts an ihr auftritt, aber hervor-
(201) Ein Kelch mit ähnlichem Nodus befand sich auch in der Sammlung Basilewsky
(Darcel, Catalogue n. 144).
94 VASA SACRA. ERSTER ABSCH.MTT. DER KELCH

gegangen ist aus jenem Randleistchen, das bereits die Zarge der Kelche des
i3. Jahrhunderts oft aufweist und das wohl nicht bloß ästhetischen Zwecken,
sondern auch der Absicht, den Rand der Zarge zu verstärken, seine Entstehung
verdankt.
Der Hals des Fußes ist in der Regel gleich der Fußplatte rund. Nur bei einer
gewissen Gruppe von Kelchen entwickelt er sich mittels lanzettförmiger Blät-
ter, die ihn. von oben nach unten verlaufend, rings bedecken, in seinem oberen
Teil zu einem Acht-, Zehn- oder Zwölfseit, so bei dem Kelch aus Dolgelly
(Tafel i5), dem in dem Bischofsgrab der Kathedrale zu Canterbury (Tafel i5)
gefundenen Kelch, dem Kelch zu Dragsmark, dem Kelch aus dem Grabe des
Bischofs Herväus von Troyes, einem Kelch aus einem Bischofsgrab der Kathe-
drale zu York, dem Kelch aus einem Bischofsgrab der Kathedrale zu Chichester,
dem Kelch aus einem Bischofsgrab der Kathedrale von Salisbury, dem Kelch,
den man im Grabe des Trierer Erzbischofs Heinrich von Finstingen ("j- 1286)
antraf. Die Kelche zeigen eine auffallende formale Verwandtschaft, an eine
Herkunft derselben aus einander nahestehenden Werkstätten läßt sich aber
wohl nur bei den in England gefundenen Kelchen und dem Dragsmarker Kelch,
der allem Anschein englischer Herkunft ist, denken, nicht aber bei den Grab-
kelchen zu Trier und Troyes. (202)
Bei einer erheblichen Anzahl von Kelchen hat man den Fußhals nicht schon
gleich vom Rande der Fußplatte an in der herkömmlichen Weise, d. i. konkav-
konisch ansteigen, sondern ihn erst in einem Abstand vom Rand von etwa zwei
Drittel des Radius der Fußplatte in kräftiger Krümmung steil aus dieser her-
auswachsen lassen. Da es sich bei ihnen um Kelche handelt, deren Fuß mit
figürlichen Darstellungen, zumai mit Figurenwerk enthaltenden Medaillons
geschmückt ist, hat man das ersichtlich nur getan, um reichlicheren und geeig-
neteren Raum zur Anbringung von Bildwerk zu gewinnen.
Bemerkenswert ist die Größe des Fußes der Kelche des i3. Jahrhunderts.
Sie entspricht der Weite der Kuppa derselben. Nur bei wenigen erreicht der
Durchmesser des Fußes nicht ganz den der Kuppa, doch ist der Unterschied
gering, da er höchstens einen Zentimeter beträgt. Häufiger zeigen Fuß und
Kuppa die gleiche Weite, wie z. B. bei dem Kelch zu Berwick, einem der Grab-
kelche von St. Davids, den Kelchen zu Ottobeuren und Wörishofen, dem in der
Kathedrale zu Canterbury gefundenen Grabkelch, dem Kelch zu Engelnstedt,
dem Kelch in der Kathedrale zu Reims, dem sogenannten Ulrichskelch in Sankt
Ulrich zu Augsburg, den Kelchen zu Kissenbrück und zu Bergen auf Rügen,
dem sogenannten St. Magnuskelch zu Füssen und dem Kelch im Dom zu Lim-
burg. Gewöhnlich aber überschreitet der Durchmesser des Fußes den der Kuppa
um ein oder zwei Zentimeter, um drei Zentimeter jedoch nur ausnahmsweise.
Auffallend erscheint gegenüber der großen Weite des Fußes seine geringe
Höhe. Sie tritt noch mehr in die Augen als die verhältnismäßig geringe Tiefe
der Kuppa. Denn von fünfunddreißig Kelchen, die Gegenstand eines Verglei-
ches waren, verhielt sich die Höhe des Fußes zu dessen Durchmesser nur bei
(202) Einen Kelch mit gleichartigem Fuß aus dem frühen 14. Jahrhundert gibt es i:
Servatiuskirche zu Maastricht.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HEXKELLOSE KELCH 95

drei wie 1:2. Das Gewöhnliche war ein Verhältnis von etwa 1:3 (i3 Kelche)1
oder 2:5 (17 Kelche). Geringer, 1:4, war es freilich nur bei zwei Kelchen.
Die Kelche des i3. Jahrhunderts sind gekennzeichnet durch eine ausgespro-
chene Entwicklung in die Breite, in das Runde, in das Volle. Sie äußerte sich
vor allem bei der Kuppa, der dann aber naturgemäß auch der Fuß auf dem
gleichen Wege folgte. Die Kelche wurden aber dadurch keineswegs ungefällig.
Im Gegenteil dürften zu keiner anderen Zeit so formschöne, so ebenmäßige
und so wirkungsvolle Kelche geschaffen worden sein, wie gerade im i3. Jahr-
hundert.
Man hat die auffallende Weite der Kuppa der Kelche des i3. Jahrhunderts
in Beziehung gebracht zur Laienkommunion. Man soll ihr ihre große Weite
gegeben haben, um sie als Spendekelche zu benutzen. Mit Unrecht. Die weite
Kuppa findet sich bei allen Kelchen, auch bei solchen, die, wie ihre mäßige, ja
geringe Größe bekundet, lediglich als Konsekrationskelche haben dienen kön-
nen. Außerdem aber war die Laienkommunion im i3. Jahrhundert, wenn auch
noch nicht ganz außer Brauch, doch schon in der ersten Hälfte desselben dem
Absterben nahe und kam ihm in seinem weiteren Verlauf immer naher. Die
weitkuppige Kelchform aber wird darum keineswegs seltener, sie bleibt viel-
mehr durch das ganze i3. Jahrhundert herrschend. Übrigens darf man auch
wohl fragen, warum erst im i3. Jahrhundert die auffallend weite Kuppa sich
beim Kelch einbürgerte, wenn sie Ursprung und Einführung der Laienkommu-
nion verdankt, und warum trat diese Kuppaform nicht schon in einer Zeit auf,
in der die Laienkommunion noch in voller Blüte stand?
Die formale Entwicklung, die sich mit dem Kelch seit dem Ausgang des
12. Jahrhunderts vollzieht, und die neue Form, die er dabei gewinnt und die
bis zum Ende des i3. Jahrhunderts allenthalben die vorherrschende bleibt, ist
zweifellos auf einen Einfluß der hochromanischen Architektur zurückzufüh-
ren. Nicht als ob dieser zu einer architektonischen Umbildung des Kelches ge-
führt hätte, wie im ih- und im i5. Jahrhundert der Einfluß der Gotik, wohl
aber hat man die dem hochromanischen Stile eigene Vorliebe für runde, volle,
ruhig eindrucksvolle Formen auch auf den Kelch übertragen.
C. Die formale Entwicklung des Kelches im iU. und 15. Jahrhundert
Mit dem i4- Jahrhundert oder genauer schon im späten i3. tritt die Form
des Kelches in ein neues Entwicklungsstadium. Denn schon bei Kelchen aus
der Spätzeit des i3. Jahrhunderts offenbaren sich die Anfänge der im i4. und
15. Jahrhundert sich vollziehenden, formalen Umgestaltung des Kelches. Die
runden, vollen Formen desselben werden aufgegeben und mit ihnen zugleich
die für die Kuppa des Kelches des i3. Jahrhunderts kennzeichnende Weite.
An Stelle vornehm ruhiger Formen treten die lebensvolleren, bewegteren der
Gotik, an die Stelle einer Entwicklung in die Breite eine langsam aber stetig
zunehmende Steigerung der Höhe. Außerdem aber bleibt es nicht bloß im all-
gemeinen hei einer Angleichung an die Formensprache der Gotik und an die
diese beherrschende Höhentendenz, es erhalten auch ausgesprochen architek-
tonische Elemente, wie bei anderen Erzeugnissen der damaligen Goldschmiede-
96 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

kunst, Kreuzen, Pyxiden, Reliquiaren, Leuchtern, Rauchfässern so auch bei


den Kelchen Eingang, die infolgedessen je nach der mehr oder minder reicheren
Verwendung derselben ein mehr oder weniger ausgeprägtes architektonisches
Gepräge bekommen.
Übrigens geht die Entwicklung nicht überall in gleichem Schritt vor sich.
Am frühesten beginnt sie und am raschesten vollzieht sie sich in Italien, wo sie
bereits um die Mitte des i4. Jahrhunderts im wesentlichen abgeschlossen er-
scheint, während sie z. B. in Deutschland um die gleiche Zeit noch erst in ihren
Anfängen steht; auffallend genug angesichts der Sprödigkeit, welche die ita-
lienische Architektur gegenüber der Gotik bewies, doch erklärlich durch den
hemmungslos auf das Dekorative und Malerische gerichteten Sinn der italieni-
schen Kunst, dem gerade in der Goldschmiedekunst die gotische Formenwelt
reichliche Motive zu seiner Betätigung bot.
Die Kelche des i3. Jahrhunderts gewähren allenthalben ein sehr einheit-
liches Bild. Nicht so verhält es sich mit denjenigen der Folgezeit. Ihre Bestand-
teile, Kuppa, Schaft, Nodus und Fuß zeigen je nach Ort und Zeit ihrer Ent-
stehung eine große Mannigfaltigkeit. Wohl gibt es allenthalben zahlreiche
Kelche derselben formalen Bildung, des gleichen Typus, aber zu einem allge-
mein maßgebenden, andere ausschließenden oder auch nur zu einem allgemein
vorherrschenden Typus ist es nicht gekommen, nicht zum wenigsten dank dem
Einflüsse, den jeweils die Persönlichkeit des Goldschmiedes, Sondergepflogen-
heiten der Goldschmiedewerkstätten und örtliche Kunstanschauungen oder
Kunstrichtungen auf die Gestaltung des Kelches ausübten. Man kann daher
zwar von gotischen Kelchtypen reden, nicht aber, oder doch nur in sehr weiter
Bedeutung, von einem gotischen Kelchtypus.
Die Zahl der Kelche, die sich aus dem i4., namentlich aber aus dem i5. und
dem beginnenden 16. Jahrhundert, das bezüglich der formalen Behandlung
des Kelches sich noch ganz in den Geleisen der Spätgotik hält, gerettet haben,
ist so groß, daß es schlechthin unmöglich ist, hier ein Verzeichnis auch nur
der bemerkenswertesten derselben zu geben. Es muß genügen, im Verlauf der
Darlegung der Entwicklung, die sich mit dem Kelch während des i4-, i5. und
frühen 16. Jahrhunderts vollzog, die diesbezüglichen Ausführungen durch Hin-
weise auf besonders charakteristische Beispiele zu belegen und zu beleuchten.
Die Kuppa. Die Kuppa der Kelche des i3. Jahrhunderts zeigt allgemein den
Typus einer Schale. Im i4. Jahrhundert kehrt man zur becherförmigen Kuppa
zurück, die bald allenthalben vorherrschend wird und dann bis in das 16. Jahr-
hundert vorherrschend bleibt, ohne freilich die schalenförmige Kuppa mit
einem Schlage ganz zu verdrängen. Im 15. Jahrhundert dürften allerdings nur
sehr wenige Kelche mit schalenförmiger Kuppa mehr angefertigt worden sein,
im i4- begegnen uns deren jedoch noch manche.
Genannt seien z. B. der prächtige, mit Bildwerk am Fuß, Schaft und Nodus reich ver-
zierte Kelemankelch im Dom zu Osnabrück (Tafel 17), ein Kelch in der Jakobiklrche zu
Lippstadt, (203) zwei Kelche in der Marienkirche daselbst, (204) Kelche in der Petrokli-
(203) Kd. von Westfalen, Kr. Lippstadt, Tfl. 72. (204) Ebd. Tfl. 66.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 97

kirche zu Soest, (205) zu Ottenstein, (206) in der Münsterkirche zu Herford, (207) zu


Wewer, (208) ini Dom zu Paderborn, (209) zu Iburg (sog. Bennokelch) und zu Beckum, (210)
ein Kelch in der Katharinenkirche zu Osnabrück, (211) zu Stadtilm, (212) zu Malchow (213)
und zu Neuenkirchen, (214) der Kelch zu Ostdorf in Württemberg, (215) ein Kelch aus
Asarp im Hist. Museum zu Stockholm, (216) ein Kelch zu Trosa in Schweden, (217) ein in
einem Bischofsgrab des i£. Jahrhunderts in der Kathedrale zu York gefundener Kelch, (218)
ein Kelch zu Hamstall Ridware (Stafford) (219) sowie ein Kelch zu Biville, der irrig dem
seligen Thomas von Biville (-{* 1275) zugeschrieben wird. (220) Die letztgenannten Beispiele
bekunden, daß schalenförmige Kuppä im i!\. Jahrhundert nicht bloß auf deutschem Bo-
den, sondern auch außerhalb Deutschlands noch vorkamen. Ein Beispiel aus dem i5. Jahr-
hundert bietet ein Kelch aus Visborg im Historischen Museum zu Stockholm. (221) Bei
Kelchen des späten Mittelalters, die aus protestantischen Kirchen stammen oder sich noch
in solchen befinden, ist die Kuppa häufig nicht mehr die ursprüngliche. Weil für einen
Abendmahlskelch zu klein, wurde diese in nachmittelalterlicher Zeit oft in größerer Form
erneuert. Man muß das beachten, wenn man sich nicht der Gefahr irriger Folgerungen
aussetzen will und darum im einzelnen Falle zusehen, wie die Sache sich verhält. Eine
bemerkenswerte Wiedererweckung erfuhr die schalenförmige Kuppa in England im späten
i5. und im Beginn des 16. Jahrhunderts, w-ie verschiedene englische Kelche aus dieser Zeit
zeigen, so ein Kelch im Trinity College zu Oxford von 1327/28, (222) ein Kelch zu Bacton
und zu Leominster (Herford), (223) ein Kelch zu Goathland (York) und zu Nettlecombe
(Somersett) aus der zweiten Hälfte des i5. Jahrhunderts, (224) ein Kelch im Viktoria-und-
Albert-Museum zu London von 1537/28 (225) u. a.
Übrigens ist die schalenförmige Kuppa des i4- Jahrhunderts und der Folge-
zeit keineswegs mehr ganz die gleiche, wie die des vorausgehenden i3-, deren
Nachfahre sie ist. Es fehlt ihr fast immer die kräftige Ausbauchung, welche die
schalenförmige Kuppa des i3. kennzeichnet. Nie zeigt sie im Profil die Form
eines halben liegenden Ovals, eine förmliche Halbkugel aber stellt sie nur sel-
ten dar, selbst wenn ihre Tiefe die Hälfte ihres oberen Durchmessers beträgt.
Denn auch dann zeigt sie im Profil meistens anstatt der Gestalt eines Halbkreises
die eines umgekehrten, stark gedrückten, oben abgestumpften Spitzbogens;
ohne Zweifel dank dem Einfluß der Gotik, der die runden, vollen, weich
fließenden Formen des romanischen Stiles nicht mehr benagten.
Aber auch darin weicht die schalenförmige Kuppa des i4- Jahrhunderts von
der des i3. ab, daß sie am oberen Rand nicht mehr die leichte Ausbiegung auf-
weist, die uns an so vielen Kuppä des i3. Jahrhunderts begegnet. Begreiflich
übrigens, daß man auf sie verzichtete. An der stark sich ausbauchenden Kuppa
des vorausgehenden Jahrhunderts am Platz, paßte sie nicht mehr zu der in
leichlerer Krümmung nach oben zu sich erweiternden schalenförmigen Kuppa
des i4. Jahrhunderts.
Der Typus der Kelchkuppa, der schon im i£. Jahrhundert bei weitem vor-
herrschte, im i5. aber so gut wie alleinherrschend war, ist, wie vorhin gesagt
(205) Ebd. Kr. Soest 106. (206) Ebd. Kr. Ahaus 60. (207) Ebd. Kr. Herford, Tfl. 32.
(208) Ebd. Kr. Paderborn 151. (209) Ebd. Tfl. 59. (210) Ebd. Kr. Beckum, Tfl. 12.
(211) Kd. von Hannover IV 1, 163. (212) Kd. von Schwarzburg-Rudolstadt, Bez. Stadt-
ilm 172. (213) Kd von Mecklenburg-Schwerin V, 441. (214) Ebd. IV, 102.
(215) Pazaurek, Tfl. IV. (216) Htldebrand III, 660.
(217) Sigurd Curman, UtstSllingen af Sldre kyrklig konst i Stragnfis 1910 (Stockholm
1913) II, 142. (218) Jacksox I, 107. (219) Ebd. 113. (220) Ann. archeol. IV (1846) 109.
(221) Hildebrand III, 664. (222) Jackson I, 342. (223) Ebd. I, 142.
(224) Ebd. 128 und 133. (225) Victoria and Albert Museum, Catalogue of chalices pl. 21.
BRAUN, DAS CHRISTLICHE ALTARGERÄT 7
98 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

wurde, wieder die Becherform. Sie tritt bei den einzelnen Kelchen in mannig-
fachen Abwandlungen auf, doch lassen sich alle Einzelbildungen in drei Unter-
typen scheiden, in becherförmige Kuppä mit umgekehrt spitzbogig gekrümm-
tem Profil, in becherförmige Kuppä von der Form eines auf den Kopf gestellten
Kegels und in becherförmige, unten breite, nach oben zu nur sehr mäßig sich
erweiternde Kuppä. Becherförmige Kuppä von der Gestalt eines halben Eies
treten erst wieder im 16., frühestens aber im ausgehenden i5. Jahrhundert auf.
Gemeinsam ist allen diesen Untertypen, daß die Tiefe der Kuppa größer ist als
der halbe obere Durchmesser derselben. Der Unterschied zwischen beiden ist
bei manchen Kelchen erheblich; beträgt doch die Tiefe ihrer Kuppa selbst
das Eineinhalb-, das Einzweidrittel- ja fast das Zweifache der halben Weite
derselben. Besonders ist das bei Kelchen des späten i5. Jahrhunderts der Fall,
doch fehlt es auch schon vorher nicht an manchen Beispielen. Namentlich
macht sich bereits bei italienischen Kelchen des i4. Jahrhunderts nicht selten
eine im Vergleich zum Durchmesser auffallende Tiefe der Kuppa bemerklich.
Der erste Uotcrtypus der becherförmigen Kuppa scheint eine Umbildung des Typus der
schalenförmigen au sein. Er unterscheidet sich von diesem nur durch geringere Weite und
größere Tiefe der Kuppa. Die spitzbogenförmige Krümmung des Kuppaprofils ist bei ihm
bisweilen so schwach, daß sie bei oberflächlichem Zusehen statt bogenförmig fast gerad-
linig erscheint. Kelche des Typus begegnen uns allenthalben in großer Zahl, vorherrschend,
wie man vielleicht glauben möchte, ist er jedoch nie und nirgends geworden. Insbesondere
hat er in Italien, soweit die heute noch vorhandenen mittelalterlichen italienischen Kel-
che darüber ein Urteil gestatten, nur sehr wenig Boden gefunden. Als Beispiele, welche
den ersten Untertypus gut zu illustrieren geeignet sind, seien von den vielen Kelchen seiner
Art nur ein Kelch im Dom zu Sahburg, ein Kelch zu Stahle in Westfalen (Tafel 26), ein
Kelch in der Petrikirche zu Soest (Tafel 3o), der sogenannte Bernwardskelch im Dom zu
Hildesheim (Tafel 32), ein Kelch im Dom zu Minden (Tafel 3o), ein Kelch zu Schalkstetten
in Württemberg (Tafel 18), ein Kelch in der Pfarrkirche zu Kaiserswerth (Tafel 17) sowie
ein Kelch in der Kathedrale zu Toledo (Tafel 19) genannt
Am verbreitetsten war der zweite Untertypus. Die frühesten Beispiele bieten italienische
Kelche. Begegnet er uns doch schon bei dem Kelch, den der Franziskanerpapst Nikolaus IV.
(1288—1292) der Franziskusbasilika zu Assisi (Tafel 28) stiftete. In der Folge ist er in
Italien bis gegen Ausgang des Mittelalters, wenn nicht geradezu der allein herrschende, so
doch wenigstens der bei weitem vorherrschende Typus. Immer und immer wieder weisen die
italienischen Kelche des ih. wie des i5. Jahrhunderts ihn auf. Hier steigt die Wandung der
Kuppa steiler an, dort minder steil, in dem einen wie dem andern Fall aber stellt dies»
einen umgekehrten, an der Spitze abgerundeten Kegel mit starren, geraden Seiten dar
(Tafel 28, 29, 3o). Nur selten, daß die Härte des Profils durch eine ganz leichte Krüm-
mung gemildert erscheint, doch bewahrt auch in solchen Fällen die Kuppa noch zur Genüge
die typische Kegelform. Erst unter den italieniseilen Kelchen, die sich aus dem späteren i5.
(Tafel 39, Kelch im Dom zuMonza) und dem beginnenden 16. Jahrhundert erhalten haben,
finden sich Kelche des ersten der becherförmigen Untertypen, d. i. Kelche mit spitzbogig
gekrümmter Kuppawandung.
Außerhalb Italiens tritt die kegelförmige Kuppa erst im Lauf des i£. Jahrhunderts auf
den Plan. Ein frühes Beispiel einer Kuppa dieser Art zeigt der formschöne, reich mit
Steinen besetzte, laut Inschrift i33^ angefertigte Kelch im Stift KI oster neuburg. (226)
Andere bieten ein Kelch in der Marienkirche zu Soest (Tafel 3i), zu Neuruppin (Tafel 22),
zu Lockwitz in Sachsen, (227) zu Colditz in Sachsen, (22S) zu Crimmitschau in Sachsen (229)
und zu Frauenprießnitz in Sachsen-Weimar-Eisenach, (230) ein Kelch im Germanischen
(226)TÄbb. in Mitt. VI (1861) 269. (227) Kd. von Sachsen XXIV, 78. (228) Ebd. XIX, 39.
(229) Ebd. XII, 14. (230) Kd. von Sachsen-Weimar-Eisenach, Bez. Apolda 51.
VIERTES KAPITEL. FORM. 1U. DER HENKELLOSE KELCH 99

Museum zu Nürnberg, (231) ein Kelch zu Schroda, (232) ein im Grab des Bischofs Golan-
czewski von Kujawien (f i365) zu Wioclawek (Polen) gefundener silberner Kelch, (233) ein
Kelch zu Wetzhausen in Unterfranken, (234) ein prachtvoller, mit durchsichtigem Email
auf das reichste geschmückter, spanischer, aber italienisch beeinflußter Kelch der ehemali-
gen Sammlung Spitzer, der sich jetzt im Louvre befindet (Tafel 17), der sogenannte Tor-
quatuskelch in der Stiftskirche zu Guimaräes in Portugal (Tafel 19), ein Kelch in der
Pfarrkirche zu Longares, Provinz Saragossa, und ein Kelch in der Pfarrkirche zu Caspe,
Prov. Saragossa (Tafel 18), welch letztere bekunden, daß der Typus auch in Spanien und
Portugal heimisch war. Größere Verbreitung dürfte dieser übrigens außerhalb Italiens
erst im späteren i/|. Jahrhundert gewonnen haben; im i5. aber wird er auch hier bis in die
Spätzeit desselben der vorherrschende Kuppatypus, wie die in großer Zahl aus dem 15. Jahr-
hundert noch vorhandenen Kelche bekunden. (235)
Der dritte Untertypus der becherförmigen Kuppa entstammt erst dem ausgehenden
Mittelalter, Die Kuppa ist bei ihm noch ausgesprochener wie bei den beiden andern Typen
zum Becher geworden. Was sie kennzeichnet und von der Kuppa des ersten und zweiten
Typus sofort bei einem Vergleich auffallend unterscheidet, ist ihre oft schwache, stets
aber nur sehr mäßige Verbreiterung von unten nach oben, infolge deren ihre obere Weite
nur um ein Geringes die untere übertrifft, und als Folge hiervon die den beiden andern
Typen unbekannte erhebliche Breite des konkaven Kuppahodens. Die Wandung der Kuppa
steigt meist wie beim zweiten bech er förmigen Typus in gerader Linie an, doch kommen
auch Kuppä vor, deren Wandung sich nach dem Rand hin in allmählicher Krümmung
mehr oder weniger nach außen ausbiegt, wie beim Kelche in der Johanniskirche bei Posen
(Tafel 25), in St. Leonhard zu Frankfurt a. M. (Tafel aS) und in der Pfarrkirche zu
Fraustadt (Tafel 26). Der dritte Typus ist eine Umbildung des zweiten, die wahrscheinlich
durch die Erwägung veranlaßt wurde, daß bei einer Kuppa desselben weniger Gefahr für
ein Verschütten des heiligen Blutes beim Genuß desselben bestehe als bei der Kelchkuppa
der beiden andern Typen. In der Tat war eine Kelchkuppa des dritten Typus für den Ge-
brauch praktischer als namentlich eine solche des zweiten. Daher denn auch die große Be-
liebtheit, die dieser jüngste Typus bereits um die Wende des i5. Jahrhunderts erlangt hatte.
Die ältesten der noch vorhandenen Kelche mit einer becherförmigen Kuppa des dritten
Untertypus gehören der zweiten Hälfte des i5. Jahrhunderts an. Bemerkenswert ist die
rasche Verbreitung, die dieser gefunden haben muß. Hatte er sich doch bald selbst schon
in Spanien und Portugal eingebürgert, wie z. B. ein Prachtkelch in der Kathedrale zu Se-
govla (Tafeiao), Kelche zu Alborga bei Saragossa (Tafel 20), zu Mumiesa bei Teruel
(Tafeiao) und zu Junquera in Katalonien, zwei Kelche aus Avila im Viktoria-und-Albert-
Museum zu London, (236) ein spanischer Kelch in englischem Privatbesitz (Tafel ai), (237)
ein Kelch der ehemaligen Sammlung Spitzer, (238) ein Kelch von iöoo in der Kathedrale
zu Braga (Tafel ai) (239) sowie verschiedene Kelche im Nationalmuseum zu Lissabon (Ta-
fel 19 und 21) bekunden. (240) Auch in Italien war er um die Wende des iö. Jahrhunderts
nicht mehr unbekannt, wie ein prachtvoller venetianischer Kelch im Viktoria-und-Albert-
Museum (Tafel 28) (241) und ein italienischer Kelch im Schnütgenmuseum zu Köln zeigen.

(231) A. Essenwein, Kunst- und kulturgesch. Denkmale i


1877) Tfl. 23. (232) Kd. von Posen, Kr. Schroda 283. (23:
f2341 Kd. von Bayern, Unterfranken, BA. Hofheim 112.
(235) Besonders reich an Kelchen des 15. Jahrhunderts und deshalb, wie wenige andere
Sammlungen, geeignet, ein Bild der formalen Beschaffenheit des Kelches des ausgehenden
Mittefalters zu vermitteln, ist das Schnütgenmuseum zu Köln. Neben Kelchen deutscher
Herkunft, meist rheinischen und westfälischen Kelchen, enthält es auch eine lange Reihe
italienischer. (236) Catalogue of chalices pl. 16. (237) Jackson I, 343.
(238) La collection Spitzer I, Orfevr. relig. n. 163.
(239) Joaouim de Vasconcellös, Arte relig. em Portugal I (Porto 1914).
(240) Photographien und Angaben über die Kelche erhielt ich durch die Liebenswürdig-
keit des Assistenten Dr. Joäo Rodriguez da Silva Couto, für die ihm auch an dieser Stelle
herzlichst gedankt sei. Ein lehrreicher Aufsatz desselben über ältere portugiesische Kelche
in Esmeralda 1927, n. 24—30. (241) Catalogue of chalices pl. 13.
100 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Besonders verbreitet aber war der Typus im Osten Deutschlands, in Polen und in Ungarn,
wie die große Zahl der Kelche des Typus beweist, die sich bis heute dort aus dem Ende des
i5. und, der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts erhalten haben, wie z. B. im Diözesao-
inuseum zu Breslau (Tafel 3o), zu Lissewo, Löbau und Dirschau (Tafel 24), Fraustadt
(Tafel 26), (242) in der Johanniskirche bei Posen (Tafel sä), im Dom zu Gran (Tafel 27),
im Dom zu Krakau (Tafel 26, 27 und 32), in der Pfarrkirche zu Heltau in Siebenbürgen,
im Stift Klosterneuburg (243) u. a. Namentlich gehören dem Typus an alle mit Drahtemail
oder mit ungarischem Filigran verzierten Kelche (Tafel 27, 3a). Übrigens entstanden auch
im Westen Deutschlands manche spätgotische Kelche mit Kuppa des dritten Untertypus.
Polnischer Herkunft ist vermutlich ein aus der Riddarholmskirche zu Stockholm stam-
mender Kelch mit Kuppa dieser Art im Historischen Museum daselbst. Ein französischer
Kelch, dessen Kuppa den Typus vertritt, befindet sich im Besitz der Stadt Attendorn
(Tafel 34).

Der erste und zweite Typus der becherförmigen Kuppa verschwindet seit
dem Ende des 10. Jahrhunderts bald vom Schauplatz; der dritte behauptet sich
nicht nur, er wird sogar in der Folge zum schlechthin herrschenden Typus.
Eine Eigentümlichkeit der Keichkuppa des i!\. und i5. Jahrhunderts ist der
sogenannte Korb (französisch fausse coupe, englisch calyx), in den sie häufig
eingebettet erscheint. Er hatte einen praktischen und zugleich einen ästhetischen
Zweck. Einen praktischen: denn er diente dazu, der Kuppa größere Festigkeit
zu geben. Einen ästhetischen, weil er ein gewisses Gegengewicht gegenüber dem
Nodus bilden, vom Schaft in gefälliger Weise zur Kuppa überleiten und für
diese etwas ähnliches sein sollte, was der eine Blume unten umhüllende Blüten-
kelch für die Blume ist. Außerdem war er als Schmuck der ohne ihn völlig
glatten und schlichten Kuppa gedacht. Das i3. Jahrhundert hat den Kuppa-
korb noch nicht gekannt. Denn das romanische durchbrochene Blattwerk, mit
dem die Kuppa eines Kelches in der Katharinenkirche zu Osnabrück (Tafel i3)
bis nahe zum Rande bekleidet ist, hat noch nicht den Charakter eines Korbes;
es ist vielmehr wie auf dem Fuß des Kelches, der gleichfalls mit ihm überzogen
ist, lediglich Ornament, Ersatz für Treibwerk, mit dem man sonst die Kuppa
reicher romanischer Kelche zu beleben liebte.
Am frühesten tritt der Korb der Kuppa bei den italienischen Kelchen auf.
Begegnet er uns doch schon bei dem von Nikolaus IV. (j* 1292) gestifteten
Kelch in S. Francesco zu Assisi( Tafel 28). Er ist bei ihnen heimisch geworden,
wie sonst nirgendwo. Unter der großen Zahl italienischer Kelche des i4- und
10. Jahrhunderts, die sich bis in die Gegenwart erhalten haben, wird man nur
sehr wenige antreffen, die mit ihm nicht ausgestattet sind. Selbst die italieni-
schen Kelche, die dem 16. Jahrhundert angehören, zeigen gewöhnlich noch
den Korb. Seine Höhe ist verschieden; bald beträgt diese nur 1f7, bald y5, 1/i
oder 1/3 der Höhe der Kuppa. Oben schließt er regelmäßig mit Zacken ab, hier
mit niedrigeren, dort mit höheren. Ihrer Form nach sind die Zacken bald spitz-
winklig, bald rund, bald spitzbogig, bald kielbogig, bald kleeblattbogig. Ge-
wöhnlich wechseln Zacken verschiedener Form miteinander ab. Eine Ausnahme
bildet der venetianische Kelch im Viktoria-und-Albert-Museum (Tafel 28),
bei dem der Korb sich aus drei versetzt übereinander angebrachten Reihen von
(242) Abb. in Kd. von Posen III, 177. (243) Abb. in Mitt. VI (1861) 270.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 101

Engeln zusammensetzt. Unitalienisch und im Sinn des Korbes spätgotischer


deutscher Kelche gedacht ist der Korb eines reichen, auch im übrigen deutschen
Einfluß verratenden spätgotischen Kelches in S. Marco zu Venedig, (244) sowie
der von Blattwerk gebildete, oben von einem Kranz von Engelfiguren bekrönten
Korb der Kuppa eines Prachtkelches im Dom zu Capo d'Istria.
Von den zahlreichen deutschen Kelchen, die sich aus dem i4. Jahrhundert
erhalten haben, weisen nur zwei an der Kuppa einen Korb auf, ein Kelch zu
Stahle in Westfalen (Tafel 26) und ein Kelch zu Schroda bei Posen von etwa
1370. Denn auch diesen dürfen wir wohl angesichts seiner auffallenden Ver-
wandtschaft mit sächsischen Kelchen als deutsch ansprechen, sei es als Ein-
fuhr aus Deutschland, sei es als Arbeit eines deutschen Meisters. Allerdings
zeigt auch die im il\. erneuerte Kuppa eines Kelches des i3. Jahrhunderts zu
Hochelten einen sie unten umgehenden Kranz von Blattwerk, doch ist dieser
so niedrig und so unscheinbar, daß man ihn nicht wohl Korb nennen kann. Bei
dem Kelch zu Stahle setzt sich der Korb aus einer Folge aufrecht gestellter
palmettenartiger Blätter zusammen, bei dem zu Schroda aus einem Kranz
stehender Lilien. In größerer Zahl sind Kelche mit Korb an der Kuppa im
i4- Jahrhundert in Deutschland ersichtlich nicht geschaffen worden, da sich
andernfalls zweifelsohne mehr derselben erhalten hätten. Wie im ii- so hat
es sich daselbst aber auch noch in der ersten Hälfte des i5. Jahrhunderts ver-
halten.
Dann ändert sich freilich die Sache. Im Westen und Norden Deutschlands
findet allerdings auch jetzt noch der Korb an der Kuppa des Kelches nur wenig
Eingang. Weisen doch von den überaus zahlreichen spätgotischen Kelchen, die
sich in Mecklenburg-Schwerin erhalten haben, bloß ein paar an der Kuppa
einen solchen auf, und nur wenig besser verhält es sich im Rheinland, in West-
falen und in Hessen. Sehr beliebt wurde es dagegen, bei reicheren Kelchen die
Kuppa mit einem Korb auszustatten, im mittleren und Östlichen Deutschland, in
Polen sowie namentlich auch in Ungarn. So gibt es allein im Dom zu Bautzen
fünf Kelche dieser Art. Aber auch formal zeigt sich zwischen dem Korb, wie er
im Westen und Norden Deutschlands gestaltet war, und dem Korb, wie er in
Mitteldeutschland, im Osten Deutschlands, in Polen und Ungarn beliebt war, ein
bemerkenswerter Unterschied. Dort besteht er regelmäßig aus einem die Kelch-
kuppa unten einfassenden Kranz stehender spätgotischer Blätter (Tf 1.17). (245)
Hier kommen zwar auch Kelche mit einem nur von einem Blattkranz gebildeten
Kuppakorh vor, doch sind sie nicht das Gewöhnliche. In der Regel besteht hier
der Korb vielmehr aus einer förmlichen, bald niedrigen, bald höheren orna-
mentierten äußeren Kuppa, die oben von einem gewundenen oder glatten Stäb-
chen begrenzt und über diesem von einem reicheren oder einfacheren Blatt-
kamm bekrönt wird. Von Kelchen mit einer derartigen Kuppa hat sich eine
große Zahl erhalten. Sie stammen alle aus dem Ende des i5. und der ersten
(244) Abb. bei Pasim, TU. XL VI.
(245) Ein Kelch zu Heessen i. Westf., Kr. Beckum, dessen Korb den Typus des für den
Osten kennzeichnenden Korbes zeigt, ist, wie auch aus seiner übrigen Beschaffenheit mit
Bestimmtheit erhellt, nicht einheimisches Erzeugnis, sondern Import aus dem Osten. Abb. in
Kd. von Westfalen, Kr. Beckum, TfL 29.
102 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Hälfte des 16. Jahrhunderts. Als Beispiele seien von den vielen nur genannt ein
Kelch zu Fraustadt (Tafel 26), ein mit Drahtemail verzierter sowie ein mit
Filigran geschmückter Kelch aus dem Dom zu Krakau (Tafel 27 und 82), ein
Kelch in der Pfarrkirche zu Dirschau (Tafel 24) und ein durch seinen außer-
ordentlichen Reichtum an figürlichen Darstellungen wie auch durch die eigen-
artige Bildung des Fußes hervorragender Kelch im Dom zu Gran (Tafel 27).
Besonders war es Ungarn, wo man die Kuppa des Kelches gern mit einem Korb
versah. Eine lange Reihe spätgotischer Kelche dieser Art hat sich allein in den
nichlkatholischen Kirchen Siebenbürgens erhalten. (246)
Welche Verbreitung der spätmittelalterliche Brauch, die Kuppa des Kelches
mit einem Korb zu versehen, in den Niederlanden ^gewann, ist nicht mehr zu
bestimmen. Jedenfalls fand er auch dort Eingang. Ein Kelch in der Erzbischöf-
lichen Kapelle zu Hecheln von i4o,3, ein Kelch in St-Jacques zu Lüttich von
i5aS, einKelch zu Hünsterbilsen, ein flämischer Kelch im Viktoria-und-Albert-
Museum zu London u. a. bekunden das.
In Engtand scheint der Korb an der Kelchkuppa nie sich eingebürgert zu
haben. Wenigstens ist unter den in nicht unerheblicher Zahl noch vorhandenen
spätgotischen englischen Kelchen meines Wissens keiner, dessen Kuppa einen
solchen aufwiese. Vereinzelte Beispiele von Kelchen dieser Art in Schweden
sind ein Kelch von i4g4 zu Häggesled (247) und der Kelch aus der Riddar-
holmkirche zu Stockholm im Historischen Museum daselbst. Bei jenem aus
einem Blattkranz bestehend, zeigt er bei diesem, der wahrscheinlich aus Polen
stammt, den Typus einer mit Stäbchen und Blattkamm abschließenden nied-
rigen äußeren Kuppa.
Inwieweit man in Frankreich in der Zeit der Spätgotik die Kelchkuppa mit
einem Korb zu versehen pflegte, läßt sich nicht feststellen. Daß es in Spanien
infolge des Einflusses, den die italienische Goldschmiedekunst auf die spa-
nische im i4- Jahrhundert auszuüben begann, wenigstens vereinzelt schon im
i4- Jahrhundert vorkam, bekunden der jetzt im Louvre befindliche Kelch der
ehemaligen Sammlung Spitzer (Tafel 17) sowie je ein Kelch zu Longares und
Caspe bei Saragossa (Tafel 18). Ein Beispiel aus dem frühen 10. Jahrhundert
ist ein Prachtkelch in der Kathedrale zu Tortosa, ein Geschenk des Gegen-
papstes Pedro de Luna und Arbeit eines Goldschmiedes zu Barcelona. Spa-
nische Kelche mit Korb um die Kuppa aus dem ausgehenden i5. und dem
frühen 16. Jahrhundert sind die oben S. 96 aufgeführten Kelche. Weitere fin-
den sich im Bischöflichen Museum zu Vieh. Kelche in der Kathedrale zu Braga
(Tafel 21), im Museum zu Lissabon (Tafel 21) und im Museo de arte religiosa
zu Coimbra (Tafel 20) belehren uns, daß auch in Portugal um die Wende des
15. Jahrhunderts der Brauch, die Kelchkuppa mit einem Korb auszustatten,
eingedrungen war. Der Korb der Kuppa des Kelches im Louvre sowie der der
Kelche zu Longares und Caspe, von denen der letztgenannte zu Avignon, der
(246) Vgl. Viktor Roth, Kunstdenkmäler in den sächsichen Kirchen Siebenbürgens
{Hennannstadt 1922). Bemerkenswert ist, daß bei keinem der hier verzeichneten Kelche
des 14. und frühen 15. Jahrhunderts an der Kuppa ein Korb auftritt; er erscheint an ihr erst
bei Kelchen des späten 15. und des 16. Jahrhunderts.
(247) Sigurd Curman, Konsthist. Invent. I, Västergötland, 310.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 103

Kelch zu Longares aber seinem Stempel zufolge zu Saragossa angefertigt


wurde, weisen den Typus des Kuppakorbes der italienischen Kelche auf, ein
deutliches Zeichen des von diesen auf sie ausgeübten vorbildlichen Einflusses.
Bei anderen, wie den Kelchen zu Tortosa, Braga und Coimbra bildet er eine
förmliche, bis zu zwei Drittel der Höhe der Kuppa aufsteigende, mit ornamen-
talem und figürlichem Schmuck reich ausgestattete äußere Halbkuppa, die bei
dem Kelch zu Tortosa von einem Blattkamm bekrönt wird. Bei den übrigen be-
steht er aus einer oder zwei Reihen aufrecht gerichteter Blätter (Tafel 20,21).
Dem Korbtypus, wie er uns besonders häufig an der Kuppa spätgotischer
Kelche aus der Mitte und dem Osten Deutschlands, aus Polen und Ungarn be-
gegnet, das ist ein Korb in Form einer äußeren Halbkuppa, war es nicht nur
beschieden, in der Zeit der Renaissance und des Barocks allgemein Verbreitung
zu finden, sondern auch geradezu der Typus des Kuppakorbes zu werden und
als solcher sich bis ins 19. Jahrhundert zu behaupten.
Schaft und Nodus. Was den Schaft der Kelche des ik. und id. Jahrhunderts
gegenüber dem der Kelche des i3. kennzeichnet, ist nicht bloß seine größere
Höhe, sondern auch sein durchaus anders geartetes Verhältnis zum Fuß. Der
Schaft der Kelche des i3. Jahrhunderts bestand, wenn wir von einigen Kelchen
der Spätzeit absehen, bei denen die Sache sich bereits zu wandeln beginnt, aus
zwei zwischen Nodus und Fuß sowie zwischen Nodus und Kuppa eingescho-
benen kurzen Zwischenstücken, die weder zueinander noch zu dem Fuß eine
ideelle Beziehung hatten, das ist weder miteinander, noch mit dem Fuß ideell
und organisch ein Ganzes darstellten. Bei den Kelchen des i4- und io. Jahr-
hunderts hat sich das geändert. Der Schaft ist, von gewissen späten Ausnahmen
abgesehen, bei ihnen als einheitliches, durch den Nodus in zwei Teile geschie-
denes Ganze gedacht, der Nodus aber, der vordem das hauptsächlichste Zwi-
schenstück zwischen Fuß und Kuppa war, zu einer Art von Cäsur geworden.
Außerdem sind Fuß und Schaft in eine organische Verbindung getreten. Der
Schaft ist zur Fortsetzung des Fußhalses geworden, selbst wenn er, wie zumal
bei späteren Kelchen nicht selten, durch ein Zwischenstück von diesem getrennt
wird; er wächst gleichsam aus dem Fuß heraus. Ist der Fuß rund, so ist darum
auch der Schaft der Regel nach rund, ist jener mehrseitig, so ist auch dieser
in der Regel mehrseitig, bei sechsseitigem oder sechspaßförmigem Fuß z. B.
also sechsseitig. In der Regel; denn es kommt immerhin auch vor, daß der Fuß
rund, der Schaft aber mehrseitig ist und umgekehrt. Indessen hat man in einem
solchen Falle gewöhnlich dadurch, daß man bei rundem Fuß den Fußhals ins
Mehrseit, bei mehrseitigem ins Rund hat übergehen lassen, eine Vermittlung
zwischen Fuß und Schaft und einen Übergang von jenem zu diesem geschaffen.
Im i4- Jahrhundert ist bis gegen die zweite Hälfte desselben der Schaft bei
Kelchen deutscher Herkunft regelmäßig, in der Spätzeit desselben aber noch
immer wenigstens vorherrschend rund. Ein frühes Beispiel eines deutschen
Kelches mit mehrseitigem Schaft ist der Kelemankelch im Dom zu Osnabrück
(Tafel 17). Mit Vorliebe mehrseitig gestaltet wird der Schaft bei den Kelchen
deutschen Ursprungs entsprechend dem nun zumeist mehrpassigen oder mehr-
seitigen Fuße erst im i5. Jahrhundert, wenn auch jetzt noch immer wieder
104 V.ASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

solche mit rundem Schaft vorkommen. Im i5. dürfte überhaupt allenthalben


der mehrseitige Schaft das Gewöhnliche, wenn auch nicht die alleinige Schaft-
form geworden sein. So war es jedenfalls in England, in Schweden, in Polen
und Ungarn, in Spanien sowie, wenigstens wahrscheinlich, auch in Frankreich
und den Niederlanden der Fall.
Sehr früh tritt der mehrseitige Kelchschaft bei den italienischen Kelchen auf.
Erscheint er doch schon völlig ausgebildet bei dem von Nikolaus IV. (f 1292)
der Basilika des heiligen Franziskus zu Assisi geschenkten Kelche (Tafel 28).
Die italienischen Kelche, die sich aus dem i4- Jahrhundert erhalten haben, wei-
sen ihn alle ebenso auf, wie die zahlreichen Kelche italienischen Ursprunges
aus dem 15. Jahrhundert. Der mehrseitige Schaft dürfte demnach in Italien
bereits im i4- Jahrhundert das Übliche gewesen sein; auffallend genug, wenn
man vor Augen hält, wie lange es diesseits der Alpen, trotzdem hier die Gotik
alle Gebiete des künstlerischen Schaffens beherrschte, gedauert hat, bis der
runde Schaft durch den mehrseitigen ersetzt wurde. Wenn bei spanischen Kel-
chen des späten i4. Jahrhunderts uns bereits wiederholt ein mehrseitiger Schaft
begegnet, wie bei dem der ehemaligen Sammlung Spitzer entstammenden Kelche
im Louvre sowie den Kelchen zu Longares und Gaspe, so mag das auf vorbild-
lichen Einfluß italienischer Kelche zurückzuführen sein, der sich ja bei diesen
Kelchen auch in andern Einzelheiten bemerklich macht.
Daß man den runden Schaft durch den mehrseitigen ersetzte, dürfte vor-
nehmlich seinen Grund in dem Bestreben haben, den Kelch architektonisch zu
gestalten. Das kommt auch darin zum Ausdruck, daß man gern die Seiten des
Schaftes mit gravierten Maßwerkfenstern verzierte, sie mit Maßwerk belegte,
sie in förmliche, spitzbogige Arkaden oder Nischen auflöste, die man mit Mi-
niaturstatuettchen wie auch wohl mit Emailfigürchen füllte, daß man den
Ecken des Schaftes Strebepfeilerchen vorlegte oder sie mit bald runden bald
gewundenen Stäbchen, ja mit freistehenden Säulchen besetzte.
Ein sehr frühes Beispiel eines Kelches, dessen Schaft Stäbchen an den Ecken aufweist, ist
ein im Besitz der Stadt Perugia befindlicher Kelch aus der ersten Hälfte des i4- Jahrhun-
derts (Tafel 29), ein etwas jüngeres ein besonders auch durch die Bildung seines Nodus be-
merkenswerter Kelch zu Bleicherodc in der Provinz Sachsen (Tafel 22), ein spätes ein Lon-
doner spätgotischer Kelch von 1527/28 im Trinitj College zu Oxford. Mit freistehenden
Säulchen an den Ecken des Schaftes besetzte Kelche entstanden erst im späten i5. und im
frühen 16. Jahrhundert. Was sich an solchen erhalten hat, sind zumeist Kelche aus dem
Nordosten Deutschlands und aus Polen, wie z. B. ein Kelch im Dom zu Marienwerder
(Tafel 25), Kelche zu Rosenthal, Kobbelgrube, Rambeltsch und Rumian in Westpreußen,
zu Fraustadt, Lissa, Maniewo, Königsdorf, Warnersdorf (248) sowie in der Johanniskirche
bei Posen (Tafel 20) in der ehemaligen Provinz Posen, zu Höckendorf in Pommern (249) u. a.
Streben an den Ecken des Schaftes zeigen schon ein reich mit Emailbildern geschmückter
Kelch französischen Ursprunges im Nationalmuseum zu Kopenhagen, (250) der etwa der
Mitte des i4. Jahrhunderts entstammt, ein Kelch aus östra Ny von i34i im Historischen
Museum zu Stockholm, (251) der Kelemankelch im Dom zu Osnabrück (Tafel 17) aus etwa
derselben Zeit, der spanische Kelch im Louvre aus dem späten i4- Jahrhundert (Tafel 17)

f248) Abb. in Kd. von Westpreußen und Posen.


(249) Kd. von Stettin, Kr. Griefenhagen 57. (250) M. Mackkprasg, Vases sacr6s email-
Ies d'origine francaise du 14e siecle (Kopenhagen 1921) mit Abb. (251) Hildebrand III, 658.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER ÜENKELLOSE KELCH 105

sowie ein Kelch zu Sorau in Brandenburg von i384. (252) Etwas häufiger werden Kelche
mit Streben an den Ecken des Schaftes erst in spät- und spätestgotischer Zeit Beispiele bie-
ten ein Kelch Londoner Arbeit von 1575 in englischem Privatbesitz, (253) ein spanischer
Kelch in englischem Privatbesitz (Tafel a i), (254) der Kelch zu Alborga (Tafel 20), ein spa-
nischer Kelch der ehemaligen Sammlung Spitzer, (255) ein Kelch im Dom zu Monza (Ta-
fel 29), der venetianische Kelch im Viktoria-und-Albert-Museum (Tafel 28), ein spanischer
Kelch im gleichen Museum, (256) Kelche, die bekunden, daß auch in England, Italien und
Spanien Kelche mit Streben an den Ecken des Schaftes entstanden, ein Kelch in der Marien-
kirche zu Danzig (Tafel 23) (257) u. a. Ein Kelch mit rundem Schaft, der mit Streben aus-
gestattet ist, eine vereinzelte Erscheinung, hat sich zuWerdau in Sachsen erhalten (Tafel 23).
Mit Arkaden, Nischen, Säulchen, Stäbchen oder Streben belebte und architektonisch aus-
gestaltete Schäfte kommen übrigens nur bei reicher ausgestatteten Kelchen vor. Bei den
dem Alltagsgebrauch dienenden, schmückender Zutaten überhaupt ganz oder fast ganz ent-
behrenden Kelchen, wird man derartige Behandlung des Schaftes vergeblich suchen. Höch-
stens daß man bei diesen seine Seiten in Gravierung mit ein- oder zweiteiligen Maß-
werkfensterchen oder Vierpässen verzierte. Von eigentümlicher Bildung ist der Schaft eines
schon den Einfluß der Renaissance bekundenden Kelches in St. Leonhard zu Frankfurt a. M.
Er besteht aus drei schlanken Säulchen, die von einem auf dem Hals des sechspaßförmigen
Fußes ruhenden Sockel aufsteigen, oben durch Spitzbogen verbunden sind, in der Mitte von
einem aus versetzten Dreiecken gebildeten Knauf durchschnitten werden und oben in Fia-
len, die sich der Kuppa anschmiegen, auslaufen (Tafel 25).

Wurde der Nodus durch ein tempiettoartiges Gebilde ersetzt, eine Erschei-
nung, die uns häufig bei spätgotischen deutschen Kelchen, besonders solchen
aus der Mitte und dem Osten Deutschlands, aber auch bei spanischen, portu-
giesischen und italienischen Kelchen der Spätzeit begegnet, so hat man den
Schaft bisweilen entweder ganz oder doch wenigstens oben bzw. unten weg-
gelassen, indem man das obere Schaftstück durch das Pyramidendach des Tem-
pelchens, das untere durch einen Unterbau von der Form einer umgekehrten
mehrseitigen Pyramide ersetzte. Beispiele bieten, um nur einige zu nennen,
Kelche in der Pfarrkirche zu Lissewo und Löbau (Tafel %k)> zu Pobethen in
Ostpreußen, zuWiskowo imPosenschen, in der Pf arrkirche zu Marienburg, (258)
in der Marienkirche zu Krakau, (259) in S. Marco zu Venedig u. a., alles spät-
gotische Kelche aus dem endenden i5. und der ersten Hälfte des 16. Jahrhun-
derts. (260)
Der Nodus fehlt nie bei den Kelchen des späten Mittelalters. In seiner Bil-
dung zeigt sieb eine sehr große Mannigfaltigkeit, ausgenommen allerdings bei
den italienischen Kelchen, bei denen er nicht nur im il\-, sondern auch noch im
ganzen i5. Jahrhundert im wesentlichen den gleichen Typus aufweist. Unter
den sehr zahlreichen italienischen Kelchen des i4- und 10. Jahrhunderts, die
sich erhalten haben, wird man nur sehr wenige antreffen, deren Nodus nicht
der herrschenden Form entspricht; es sind das alles Kelche der Spätzeit. Am
weitesten weichen von ihr ab einige Kelche, deren Nodus ein architektonisches
Gebilde darstellt, wie ein Kelch in S. Marco zu Venedig, im Dom zu Monza
(Tafel 29) und ein venetianischer Kelch im Viktoria-und-Albert-Museum zu
(252) Bergau 718. (253) Jacksos I, 156. (254) Ebd. I, 343. (255) Abb. in La collec-
tton Spitzer, Orfevr. I, n. 163. (256) Abb. in Catalogue of chalices Tfl. 16, n. 27.
(257) Czihak II, Tfl. 1. (258) Abb. in den Kd. von Westpreußen, Ostpreußen und Posen.
(259) Essenweis 162. (260) Vgl. auch die portugiesischen Kelche auf Tafel 21.
106 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

London (Tafel a 8). Von diesen und einigen andern Ausnahmen abgesehen,
stellt der Nodus der italienischen Kelche regelmäßig eine meist nur mäßig zu-
sammengedrückte, ringsum mit Medaillons besetzte, oben und unten mit Blatt-
werk verzierte Kugel dar. Die Medaillons sind häufig so tief in den Nodus ein-
gebettet, daß sie nur schwach aus ihm heraustreten. Förmliche, weit vorsprin-
gende Zapfen stellen sie kaum je dar, selbst wenn sie dem Nodus nicht einge-
senkt, sondern aufgelegt sind. Die bei reicheren Kelchen mit Emailbildchen,
bei einfacheren mit graviertem Figurenwerk oder graviertem Ornament gefüll-
ten Medaillons sind bald — und zwar am gewöhnlichsten — rund, bald vier-
paßförmig, bald sechspaßförmig. Mandelförmig sind sie bei einem Prachtkelch
in S. Panfilio zu Solmona (Tafel 28). Das den Nodus oben und unten über-
ziehende, bis in die Zwickel der Medaillons hineinreichende und sie füllende
Blattwerk ist meist reliefartig aus dem Grund herausgehoben. Bei reicheren
Kelchen ist es bisweilen durch Emailscheibchen ersetzt, wie z. B. bei einem
mit durchsichtigem Email auf das glänzendste geschmückten Kelch zu Perugia
(Tafel 3o). Kennzeichnend für die italienischen Kelche ist durchweg die im
Verhältnis zur Bildung des Fußes und der Kuppa übertriebene Massigkeit und
Schwere des Nodus, der sich oft genug geradezu als die Hauptsache geltend zu
machen scheint.
Die Einheitlichkeit in der Bildung des Nodus, die für die italienischen Kelche
des i4- und i5. Jahrhunderts geradezu charakteristisch ist, fehlt bei den gleich-
zeitigen Kelchen diesseits der Alpen. Häufig begegnet uns hier bei Kelchen des
i4. Jahrhunderts als Erbstück des i3. Jahrhunderts der vertikalgerippte, me-
lonenartige Nodus. Er kommt nicht nur bei deutschen, sondern auch bei engli-
schen, schwedischen, ungarischen und französischen Kelchen des i4- Jahrhun-
derts vor. Es sind zumeist schlichte, aber in ihrem schlanken Aufbau und in
ihren guten Verhältnissen sehr gefällige Kelche. Bei Kelchen des i5. Jahrhun-
derts begegnet er uns im ganzen nur mehr selten, so bei einem Kelch zu Nieder-
salwey bei Eslohe in Westfalen, einem Kelch zu Gingen (Tafel 18) und einem
Kelch zu Schalkstetten (Tafel 18) in Württemberg. (261)
Bei manchen der Kelche, die einen melonenartig gerippten Nodus aufweisen, sind, wie
das schon im späten 13. Jahrhundert vorkam, damals freilich nur erst vereinzelt, dessen
Rippen alle oder zum Teil in der Mitte mit einem Zapfen, mit Zierscheibchen oder mit
einem Steine besetzt, wie beispielsweise an einem Kelch zu Schwaan, im Hospital zu Bützow
und zu Slate in Mecklenburg-Schwerin, (262) bei einem Kelche in der Jakobikirche zu
Greifswald, (263) im Kunstgewerbemuseum zu Düsseldorf und zu Frauenprießnitz bei
Apolda, (264) einem um 1400 vom Sohn der heiligen Birgitts gestifteten Kelch zu Vad-
stena (265) sowie einem schönen Kelch zu Neuruppin (Tafel aa). Spiralartig gerippt ist der
Nodus eines Kelches in der Münsterkirche zu Herford (266) und eines Kelches zum Ham-
stall Ridware (Stafford). (26?) An dem Nodus eines Kelches aus Äsarp im Historischen Mu-
seum zu Stockholm sind die Rippen fast zu kugelförmigen Gebilden geworden. (268)

(261) Kd. von Württemberg, Donaukreis I, 785, 810. (262) Abb. in Kd. von Mecklenburg-
Schwerin IV, 14, 69, 500. (263) Prüfer, Archiv II (1876) 55. (264) Kd. von Saehsen-
Weimar-Eisenach, Bez. Apolda, 51.
(265) Abb. bei Hildebrand III, 661. Den breiteren Rippen ist hier ein Zapfen, den sehma-
leren eine Art Beere aufgesetzt. Die heutige Kuppa des Kelches stammt von 1673.
(266) Kd. von Westfalen, Kr. Herford, Tfl. 32. (267) Jacksos I,. 113.
(268) Abb. bei Hildebrand III, 660.
VIERTES KAPITEL, FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 107

Die Blütezeit des melonenartig gerippten Nodus fällt in das i3. Jahrhundert;
das i/i. ist für ihn nur eine Zeit der Nachblüte; im Lauf des i5. verliert er sich.
Ein gewisses Seitenstück zum melonenartig gerippten Nodus ist ein Nodus-
typus, der uns bei spätgotischen ungarischen Kelchen aus dem Ende des i5. und
dem 16. Jahrhundert nicht selten begegnet, der jedoch keine weitere Verbrei-
tung fand, sondern auf seine Heimat beschränkt blieb. Statt vertikaler Rippen
gliedern den ungewöhnlich massigen, nur wenig abgeplatteten Nodus in verti-
kaler Richtung sechs ornamentierte, beiderseits von einem Bändchen eingefaßte
Streifen, die zwischen diesen befindlichen mandorlaförmigen Flächen aber sind
mit Filigran oder Rankenwerk, wozu sich bisweilen Steine gesellen, gefüllt.
Glänzende Beispiele eines geradezu übertrieben prunkvollen derartigen Nodos bieten ein
Kelch im Dom zu Gran (Tafel 27), bei dem der Zwischenraum zwischen den vertikalen
Keifen mit Nischen, in denen Statuettchen musizierender Engel stehen, gefüllt ist, sowie
ein Kelch im Nationalmuseum zu Pest, {269) der in den Zwischenräumen üppiges Blatt-
werk aufweist. Einfacher ist der Nodus des gleichen Typus bei dem auf Tafel 3a wieder-
gegebenen Kelch im Dom zu Krakau, bei einem in ungarischem Privatbesitz befindlichen
Kelch, von dem das Viktoria-und-Albert-Museum zu London eine galvanoplastische Nach-
bildung besitzt, (270) einem Kelch in der Pfarrkirche zu Villingen, einem Import aus
Ungarn, sowie Kelchen der gleichen Art in verschiedenen sieben bürgischen Kirchen. (271)

Eine abgeplattete Kugel ohne Rippen oder sonstige den Typus ändernde
Zutaten stellte der Nodus diesseits der Alpen, besonders in Deutschland, zwar
auch wohl noch im i4. und 10. Jahrhundert dar, jedoch im Ganzen nur mehr
selten. Bisweilen setzte er sich, wie übrigens vereinzelt schon im r3. Jahrhun-
dert, aus zwei Kugelkalotten zusammen, die unter scharfer Kante zusammen-
stießen, so daß ihr Vertikalschnitt statt Oval- Mandorlaform zeigte. So bei
einem Kelch aus Sant Andreu de LIevanares im Bischöflichen Museum zu
Vieh, (272) bei dem am Nodus und Fuß mit figürlichen Darstellungen in durch-
sichtigem Schmelz verzierten Kelch französischer Herkunft von 133o im Natio-
nalmuseum zu Kopenhagen und bei einem Kelch zu Neuenkirchen in Mecklen-
burg-Schwerin, bei dem der Nodus von durchbrochenem, auf beiden Hälften
in zwei Zonen angeordnetem Rankenwerk gebildet wird, so bei einem Miniatur-
kelch in der ehemaligen Fürstlich Hohenzollerischen Sammlung zu Sigmarin-
gen. Durch einen ornamentierten Ring, der zwischen sie eingefügt ist, sind die
beiden Kalotten zugleich getrennt und verbunden beispielsweise beim Nodus
eines Kelches im Stift Admont in Steiermark und einem mit Drahtemail am
Korb der Kuppa, am Fuß und am Nodus reich geschmückten Kelch im Dom zu
Krakau (Tafel 27), was übrigens auch schon bisweilen bei den von zwei Kalot-
ten gebildeten Nodi im i3. Jahrhundert vorkam, wie z. B. bei einem kleinen
mit Filigran und Steinen geschmückten Reisekelch rheinischen Ursprungs in
Lausanncr Privatbesitz und dem Kelch zu Rathenow (Tafel i3).
Die größte Verbreitung hatte schon im 14. Jahrhundert, wenn vielleicht
nicht allenthalben diesseits der Alpen, so doch jedenfalls in Deutschland, ein
(269) Abb. in Mitt. XII (1867) 111. (270) Catalogue of chalices, Tfl. 17, n. 84.
(271) Abb. bei Viktor Roth, Kunstdenkmäler in den sächsischen Kirchen Siebenbürgens
(Hermannstadt 1922). (272) Abb. bei J. Gudiol y Ci:nill, El mobiliar liturgich (Vieh 1920)
27, wo der Kelch jedoch irrtümlich dem 12. Jahrhundert zugeschrieben wird.
108 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Nodtis, dessen Anfänge uns bereits bei Kelchen aus dem späteren i3. Jahr-
hundert begegnen und der noch im i5. Jahrhundert der vorherrschende bleibt.
Er war es, der vornehmlich den letztgenannten Nodustypus, dessen Weiter-
entwicklung er darstellte, verdrängte. Was ihn von diesem unterscheidet und
ihn kennzeichnet, sind die Zapfen, mit denen er ringsum in der Mitte besetzt ist.
Denn an sich besteht auch er entweder in einer abgeplatteten Kugel oder in
einem aus zwei miteinander verbundenen Kugelkalotten sich zusammensetzen-
den Gebilde. Die Zapfen treten bald schwächer, bald stärker aus dem Nodus
hervor; bisweilen so sehr, daß dieser verkümmert und nur als eine verbindende
Brücke zwischen den Zapfen und als bloße Füllung der von diesen gebildeten
Winkel erscheint, wie beispielsweise bei einem Kelch zu Alt-Mügeln im Frei-
staat Sachsen, einem Kelch zu Schroda im Posenschen, (273) einem Kelch
aus östra Ny im Historischen Museum zu Stockholm, (274) zwei Kelchen in der
Marienkirche zu Lippstadt (275) sowie besonders bei einem Kelch zu Crim-
mitschau (Tafel 23) und zu Werdau, (276) bei denen der Nodus auf das ge-
ringste Maß zusammengeschrumpft ist (Tafel 23).
Die Form der Zapfen ist mannigfaltig. Hier rund, sind sie anderswo rauten-
förmig, vierpaßförmig oder sechspaßförmig, quadratisch oder mandelförmig
dagegen nur ausnahmsweise. (277) Am gewöhnlichsten haben sie Rautenform,
namentlich bei Kelchen des i5. Jahrhunderts. Bisweilen sind sie ganz oder teil-
weise durch Steine in Kapselfassung oder durch Rosetten ersetzt. Bei zwei Kel-
chen in der Marienkirche zu Gardelegen in Sachsen, (278) Schöpfungen aus
dem Ende des i4- oder dem Beginn des i5. Jahrhunderts und Arbeiten, wie es
scheint, desselben Meisters, umgibt an Stelle von Zapfen den gedrückt kugel-
förmigen Nodus ein Kranz dicht aneinandergereihter zierlicher Giebelbauten.
Immer erscheinen die Zapfen, anders wie bei einer Abart des Typus, von der
weiter später die Rede sein wird, als zum Nodus in keiner inneren Beziehung
stehende, ihm bloß äußerlich aufgesetzte oder eingefügte Zutat. Bisweilen sind
ihrer nur vier, häufiger acht, gewöhnlich aber sechs am Nodus angebracht. Oft
ist zur Ausfüllung des Zwischenraumes zwischen sie und in einer Reihe mit
ihnen ein Stein, ein Rosettchen oder ein kleines Zierplättchen eingefügt.
Die Flächen des Nodus oberhalb und unterhalb der Zapfen blieben selten
schmucklos. Bei je einem Kelch zu Proseken und in St. Jürgen zu Wismar sind
dort kleine Medaillons mit einer Miniaturdarstellung Christi am Kreuze ange-
bracht, (279) bei einem Kelch zu Weil der Stadt in Württemberg Emailbild-
chen (Fabeltiere). (280) Bei andern Kelchen, wie z. B. bei einem Kelch in der
Marienkirche und in der Jakobikirche zu Lippstadt (281) und einem Kelch in
der Marienkirche zu Soest (282) sind sie von Drei- oder Vierpässen, bei einem
Kelch zu Malchow in Mecklenburg-Schwerin (283) von Dreipässen und Krei-
sen durchbrochen. Häufiger dient graviertes, aus dem Grund herausziseliertes
(273) Kd. von Posen, Kr. Schroda, 283. (274) Hildebrand III, 658.
(275) Kd von Westfalen, Kr. Lippstadt, Tfl. 66. (276) Kd. von Sachsen XII, 14, 71.
(277) Vgl. die Abb. auf Tfl. 17 bis 31. (278) Kd. der Prov. Sachsen, Kr. Gardelegen, 75.
(279) Kd. von Mecklenburg-Schwerin II, 112, 328. (280) Pazairek, Tfl. 24.
(281) Kd. von Westfalen, Kr. Lippstadt, Tfl. 66, 72. (282) Ebd. Kr. Soest, Tfl. 83.
(283) Kd. von Mecklenburg-Schwerin I, 411,
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 109

oder aufgelegtes Blattwerk zur Füllung der oberen und unteren Fläche des
Nodus; am gewöhnlichsten sind zu diesem Zweck jedoch lanzettförmige, meist
kräftig vortretende, mit gravierten oder durchbrochenen Maßwerkfenstern ver-
sehene Buckel verwendet, von denen die der oberen Nodusflache nach unten,
die der unteren nach oben gerichtet sind; ein Füllmotiv, das uns insbesondere
auf dem Nodus der Kelche aus dem i5. Jahrhundert immer wieder begegnet.
In der Begel stehen die Buckel senkrecht, minder oft schräg zur Mittellinie,
wie z. B. bei einem Kelch zu Neumark in Westpreußen (Tafel a4) und zu
Werdau (Tafel a3), einem Kelch zu Großebersdorf, (284) Kelchen im Bayeri-
schen Nationalmuseum zu München u. a.
Eine Sonderart des Typus zeigt die Eigentümlichkeit, daß die Zapfen dem
Nodus nicht lediglich aufgesetzt oder wie eingefügt sind, sondern sich gewisser-
maßen organisch aus ihm entwickeln. Als melonenartig gerippten, mit Zapfen
besetzten Nodus kann man einen so beschaffenen Nodus nicht bezeichnen, doch
mag der Typus des melonenartig gerippten Nodus auf die Entstehung dieser
Art von Nodus nicht ohne vorbildlichen Einfluß gewesen sein. Im i4. Jahrhun-
dert noch selten — ein frühes Beispiel bietet der Kelemankelch im Dom zu
Osnabrück (Tafel 17), ein etwas jüngeres ein Kelch im Schnütgenmuseum zu
Köln —, werden Kelche, die einen Nodus dieser Sonderart aufweisen, erst im
i5. häufiger.
Kelche mit sechsseitigem Nodus kommen ziemlich selten vor; auffallend ge-
nug, da einem sechsseitigen Schaft ein gleichartiger Nodus sehr gut entsprochen
hätte. Der sechsseitige Nodus begegnet uns in zwei Abwandlungen. Bei der er-
sten besteht er aus zwei flachen, abgestumpften sechsseitigen Pyramiden, die
ohne verbindendes Zwischenstück scharfkantig zusammengelötet sind. Beispiele
bieten ein Kelch zu Goathland (York), (285) ein aus Fritzlar stammender Kelch
zu Schmalkalden(286) sowie fünf Kelche im Bischöfl. Museum zu Vieh. (287)
Bei dem zweiten ist zwischen die beiden Pyramiden ein sechsseitiger Ring ein-
gefügt, so bei dem Nodus eines Kelches zu Mauker in Brandenburg (288) und
dem sogenannten Torquatokelch zu Guimaräes in Portugal (Tafel 19). Einen
eigenartigen Nodus der zweiten Art, der jedoch kein Sechsseit, sondern einen
aus acht Seiten bestehenden viereckigen Stern darstellt, zeigt ein Kelch zu Jun-
quera in Katalonien. (289)
Aus einem zwölfseitigen Topas besteht der Nodus des dem Ende des i4. Jahr-
hunderts entstammenden sogenannten Bernwardskelches im Hildesheimer Dom-
schatz (Tafel 22), aus einem achtseitigen Topas der goldene Kelch des Bischofs
Gerhard (f i3g8) im gleichen Schatz. Ein Sechsseit mit nach innen gekrümm-
ten Seiten stellt der Nodus eines spätgotischen Kelches von i55i in St. Andreas
zu Köln dar, einen sechseckigen Stern der ganz vereinzelt dastehende, von je
zwei einander durchschneidenden, in fünf Lagen übereinander angebrachten
dreiseitigen Platten gebildete Nodus eines Kelches in St. Leonhard zu Frank-
(284) Kd. von Sachsen-Weimar-Eisenach, Bez. Neustadt, 282. (285) Jacksox I, 128.
(286) Kd. von Kassel, Kr. Fritzlar, Tfl. 123. (287) Catalogo del museo episcopal de
Vieh (Vieh 1893) 163f. (288) Kd. von Brandenburg, Kr. Ruppin, 158. (289) Album de
la Secciön arqucol. de la exposieiön universal de Barcelona (Barcelona (1888), TIL 14.
110 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT, DER KELCH

fürt a. M., dessen ungewöhnlichen Schaftes bereits früher gedacht wurde


(Tafel 25).
Zahlreich sind die Kelche, deren Nodus von einem sechsseitigen Tempelchen
mit Nischen, Strebepfeilern, Baldachinchen, Fialen, Giebelkrabben und Kreuz-
blumen, sowie sehr oft auch mit Miniaturstatuettchen in den Nischen gebildet
wird. Sie kommen nicht bloß auf deutschem Boden vor, es gibt auch noch un-
garische, italienische, spanische und portugiesische Kelche, welche einen der-
artigen Nodus aufweisen, wie z. B. in der Marienkirche zu Krakau, die deren
zwei besitzt, (290) im Dom zu Kaschau, im Nationalmuseum zu Budapest, zu
Wiskowo im Posenschen, (291) zu Burgberg, Petersberg, Kreisch und Stolzen-
burg in Siebenbürgen, (292) im Dom zu Monza (Tafel 29) und in S. Marco zu
Venedig, (293) in den Domen zu Capo dTstria, Tarnow, Preßburg, im Museum
zu Lissabon (Tafel 21), in den Kathedralen zu Segovia (Tafel 20) und Braga
(Tafel 21) sowie im Museo de arte religiosa zu Coimbra (Tafel 20), Kelche, die
zum Teil schon früher erwähnt wurden. Ein spanischer und ein venetianischer
Kelch (Tafel 28) mit Nodus in Tempelchenform befinden sich auch im Viktoria-
und-Albert-Museum zu London (294). In Schweden hat sich ein Kelch mit
einem solchen Nodus zu Vreta Kloster (östergötland) erhalten, ein Zeichen, daß
auch dort dieser Nodustypus nicht unbekannt war.
Auf deutschem Boden finden sich hervorragende Beispiele zu Bleicherode in der Provinz
Sachsen (Tafel 22), in der Peterskirche zu Görlitz, (295) in der katholischen Pfarrkirche zu
Dirschau (Tafel 26), (296) in der Pfarrkirche zu Löbau (Tafel 2 .'4), (297) in der Pfarrkirche
zu Lissewo, (298) in der Pfarrkirche zu Pobethen, (299) in der Pfarrkirche zu Marienburg,
Jn der Marienkirche zu Danzig (Tafel 23), zu Maria Rast in Steiermark (300) und im Dom
zu Osnabrück, der letztgenannte Kelch laut Inschrift eine Arbeit des Koesfelder Goldschmie-
des Engelbert Hofftege aus dem Jahre i<168. Die deutschen Kelche gehören zumeist dem
Osten an, wo man überhaupt mehr Gewicht auf eine möglichst prunkvolle Ausstattung des
Kelches als auf eine gefällige, vornehme Form desselben legte. Daß diese Prachtkelche mit
ihren vielen Ecken und Spitzen am Nodus recht unhandlich waren, darauf kam es, wie es
scheint, wenig an. Im Westen Deutschlands hat der Osnabrücker Kelch keinen Nachfolger
gefunden; wenigstens ist er unter den vielen mittelalterlichen Kelchen, die sich dort erhal-
ten haben, der einzige seiner Art. Einen Schaft hatten die Kelche mit Nodus in Form eines
Tempelchens vielfach nicht. Er wurde in diesem Fall ersetzt durch den trichterförmigen
Unterbau, der den Nodus trug und zum Fuß überleitete, sowie durch das pyramidenförmige
Dach des Tempelchens, das den Nodus mit der Kuppa verband. (301) Das früheste Beispiel
des Typus bietet der aus dem Beginn des 15. Jahrhunderts stammende Kelch zu Bleicherode.
Alle andern, auch die spanischen und italienischen, gehören erst dem späten i5. oder der
ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts an. Interessante Beispiele aus Portugal aus der Zeit der
eindringenden Renaissance bieten ein prachtvoller Kelch in englischem Privatbesitz (Ta-
fel 21) und zwei Kelche im Museo de arte religiosa zu Coimbra, von denen einer schon
ganz in die Formen der Platercske gekleidet ist. (302)

(290) Essenweik 162 f. (291) Kd. von Posen, Kr. Wiskowo, 139.
(292) Viktor Roth, Kunstd. in den sächs. Kirchen Siebenbürgens (Hermannstadt 1922).
(293) Pasini, II tesoro di s. Marco, Tfl. XL VI. (294) Catalogue of chalices Tfl. 13,
n. 21; Tfl. 16, n. 28. Auch in der ehemaligen Sammlung Spitzer gab es einen Kelch mit archi-
tektonisch in Form eines Tempels gestalteten Nodus. (295) Kd. von Schlesien III, 652.
(296) Kd. von Westpreußen, Pomerellen 170. (297) Ebd. Kreis Löbau 56.
(298) Ebd. Kr. Kulm, Tfl. 9. (299) Kd. von Ostpreußen, Samland 125.
(300) Grazer Kirehensehrauck XIV (1883). (301) Vgl. oben S. 105. (302) Abb. bei Joa-
qtim de Vascoscellos, Arte religiosa em Portugal I (Porto 1914/15).
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 111

Auf ganz vereinzelt vorkommende Sonderformen des Nodus bei Kelchen der späten
Gotik hier einzugehen, ist nicht möglich, aber auch nicht vonnöten. Denn für die Ge-
schichte der formalen Entwicklung des Kelches sind nur die irgendwie typisch gewordenen
und daher mehr oder weniger häufig wiederkehrenden Bildungen des Nodus von Bedeu-
tung. Nur bezüglich dreier Kelche, deren eigenartiger Nodus wenigstens eine kurze Erwäh-
nung verdient, sei eine Ausnahme gemacht. Der erste ist der sogenannte Nesterkelch in der
Peterskirche zu Soest (Tafel 26). Sein Nodus besteht aus drei durch Zapfen getrennten, unten
von Eichenlaub, das dem Schaft entsprießt, umrankten Vogelnestern, in denen ein Adler,
ein Pelikan und ein Phönix sitzen. Der zweite ist ein Kelch im Diözesanmuseum zu Breslau
{Tafel So), dessen Nodus von sechs weit vorspringenden, an der Front mit je zwei Statuett-
chen geschmückten, kapellenartigen Bauten, die unmittelbar vom Schaft ausstrahlen, somit
lediglich von sechs Zapfen gebildet wird. Der dritte Kelch, der sich im Besitz des Freiherrn
von I leerem an-Zuydwyk zu Surenburg bei Tecklenburg befindet, ist dadurch bemerkens-
wert, daß sein Scbaft und sein Nodus durch ein Kreuz ersetzt sind, dessen Vertikalstamm
als Schaft und dessen Querbalken als Nodus dient. (303) Wird seine Kuppa abgeschraubt
und in zwei beweglichen Bingen in einem Gestell, das an ihrer Stelle oben auf dem Kreuz
befestigt ist, angebracht, so ist er ein Schiffskelch.

Als unterer Abschluß des Schaftes und als Mittelglied zwischen diesem und
dem Fuß ist bei den italienischen Kelchen des i4. und i5. Jahrhunderts sehr
häufig, um nicht zu sagen gewöhnlich, ein Zwischenstück eingeschaltet. Es be-
gegnet uns schon bei dem Kelch Nikolaus' IV. zu Assisi (Tafel 28), seine Ver-
wendung reicht also wenigstens bis in das Ende des i3. Jahrhunderts zurück.
Der Form des Schaftes angepaßt, also sechsseitig oder achtseitig, je nachdem
dieser sechs- oder achtseitig ist, ist es von mäßiger Hohe, oben und unten mit
einem Simschen versehen und zwischen diesen Simschen mit einer Inschrift
oder einem ornamentalen Fries in Email oder Gravierung belebt, doch be-
schränkt es sich auch wohl auf eine über Schaft und Fußende mit ihrem Profil
kräftig vortretende Platte.
Der älteste der noch vorhandenen mittelalterlichen deutschen Kelche, welcher
ein Zwischenstück zwischen Schaft und Fuß aufweist, ist ein Kelch zu Sig-
maringen; es besteht hier in einem netzartig gravierten Ring. (304) Ein um
einige Jahrzehnte jüngeres Beispiel bietet der Kelemankelch im Dom zu Osna-
brück (Tafel 17). Hier ergänzt das Zwischenstück, das mit Streben an den
Ecken sowie mit Arkaden und Statuettchen an den Seiten ausgestattet ist, den
nur schwach aus der Fußplatte aufsteigenden Fußhals, ähnlich wie es bei einem
aus der ersten Hälfte des i5. Jahrhunderts stammenden Kelch zu Werdau in
Sachsen der Fall ist. (305) Eine größere Verbreitung hat das Zwischenstück
bei den Kelchen deutscher Herkunft nie gefunden. Es sind im ganzen nicht ge-
rade zahlreiche der noch vorhandenen mittelalterlichen deutschen Kelche, die
ein Zwischenstück aufweisen. So findet sich bei den vielen Kelchen, die sich in
Mecklenburg-Schwerin erhalten haben, nur ein Beispiel, ein Kelch in St. Marien
zu Wismar (306) und nicht viel besser steht es bei den mittelalterlichen Kelchen
in der Provinz Sachsen (Bleicherode) und im Freistaat Sachsen (Werdau,
Ehrenfriedersdorf). Kaum mehr als fünf Kelche mit Zwischenstück haben sich
(303) Kd. von Westfalen, Kr. Tecklenburg, 92.
(304) Abb. bei von Falke und Fraiberger, Deutsche Schmelzarbeiten (Frankfurt a.M.
1904), Tfl. 111. (305) Kd. von Sachsen XII, 71.
(306) Kd. von Mecklenburg-Schwerin II, 63.
112 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

in Westfalen erhalten (Anrechte, Beleke, Pctrikirche zu Soest, Klosterkirche zu


Werne, Barop), nur etwa ein halbes Dutzend im Rheinland (Wesel, Kaisers-"
werth, Maria-Himmelfahrt, Dom, Groß St. Martin und St. Johann zu Köln).
Auch unter den vielen Kelchen rheinischer und westfälischer Herkunft im
Schnütgenmuseum zu Köln gibt es nur einige wenige mit Zwischenstück. Bei
den ungarischen Kelchen dient als solches oft nur eine stark vorkragende Platte,
wenn sie Oberhaupt ein Zwischenstück aufweisen (Tafel 26 und 32). Auffallend
ist, daß von den Kelchen, die sich in West- und Ostpreußen erhalten haben,
kaum welche mit einem Zwischenstück versehen sind.
Größere Verbreitung als in Deutschland scheint das Zwischenstück bei den
spanischen Kelchen des i4- und i5. Jahrhunderts gefunden zu haben, wohl
infolge vorbildlichen Einflusses von Italien her. Beispiele bieten der mit Email
reich verzierte Kelche der ehemaligen Sammlung Spitzer im Louvre (Tafel 17),
Kelche zu Longares, Caspe (Tafel 18), Alborga, Mumiesa (Tafel ao) und Jun-
quera, ein spanischer Kelch der ehemaligen Sammlung Spitzer, ein spanischer
Kelch in englischem Privatbesitz (Tafel ai), ein Kelch in der Kathedrale zu
Tortosa u. a. Von mittelalterlichen schwedischen Kelchen zeigen das Zwischen-
stück ein Kelch aus Visborg und ein Kelch aus Misterhult im Historischen Mu-
seum zu Stockholm, (307) letzterer jedoch in sehr abgeschwächter Form.
Eingeführt wurde das Zwischenstück wohl als Gegenstück zum Korb der
Kuppa. Wie dieser das Mittelglied zwischen Schaft und Kuppa bildet, so sollte
das Zwischenstück vom Schaft zum Fuß überleiten. Darauf weist der Umstand
hin, daß das Zwischenstück sich besonders bei solchen Kelchen findet, deren
Kuppa mit einem Korb versehen ist und zwar verhält es sich so schon bei seinem
ersten Auftreten. Nur in wenigen Fällen bildet es eine Ergänzung des allzu
niedrigen, nur schwach aus der Fußplatte herauswachsenden Fußhalses.
Der Kelchfuß. So groß die Mannigfaltigkeit des Nodus bei den Kelchen des
i4- und i5. Jahrhunderts ist, sie wird noch übertroffen durch die des Fußes.
In einem stimmen allerdings alle Kelche dieser Zeit überein. Bei allen besteht
nämlich der Fuß aus Fußplatte mit Zarge, d. i. mit Hochrand, die bei den Kel-
chen der Spätzeit sogar häufig zweistufig ist, in zwei Absätzen sich gliedert,
und Fußhals. Nicht sehr mannigfaltig ist die Gestaltung des Fußhalses. Das
gleiche gilt von der Bildung der Zarge. Der Unterschied, der sich bezüglich
ihrer zwischen den Kelchen des i4- und denen des i5. und 16. Jahrhunderts
bemerklich macht, betrifft nur die Art ihrer Ornamentation. Anders wie mit
Fußhals und Zarge verhält es sich dagegen mit der Fußplatte. Sie zeigt bei den
Kelchen des späten Mittelalters, zumal bei denen des i5. Jahrhunderts, nicht
nur in sich betrachtet, formal eine große Mannigfaltigkeit, sie ist auch nach Zeit
und Ort formal mannigfach verschieden. Immerhin lassen sich, von vereinzelt
dastehenden Sonderbildungen abgesehen, bezüglich der Form der Fußplatte
bestimmte Hauptgruppen unterscheiden: Runde Fußplatten, mehrseitige Fuß-
platten und Fußplatten, deren Umriß sich aus einer Folge von Pässen zusam-
mensetzt. Die letztgenannte Gruppe aber zerfällt wiederum in Fußplatten, bei
(307) Hildebrand III, 6631
VIERTES KAPITEL. FORM, III. DER HENKELLOSE KELCH 113

denen sich die Pässe ununterbrochen ohne Zwischenstück aneinander reihen,


und in Fußplatten, bei denen zwischen die Pässe ein trennendes Mittelglied ein-
geschaltet ist.
Die runde Fußplatte ist ein Erbstück des i3. Jahrhunderts. Bei den italienischen Kelchen
schon im i£. Jahrhundert kaum mehr üblich — bereits die Fußplatte des von Nikolaus IV.
gestifteten Kelches in S. Francesco zu Assisi hat die Form eines Sechzehnpasses —, bleibt sie
in Deutschland bis gegen das i5. Jahrhundert wenn auch nicht alleinherrschend, so doch
wenigstens bei weitem vorherrschend. Was sich dort an Kelchen des i.'i. Jahrhunderts erhal-
ten hat, zeigt in weitaus den meisten Fällen nach wie vor einen runden Fuß. So Kelche zu
Gladbeck, Liesborn, Beckum, Wewer, Paderborn {Gaukirche), Geseke, Lippstadt (Marien-
und Jakobikirche), Dortmund (Marienkirche), Soest (Patroklikirche), Ottenstein, Herford
(Münsterkirche) in Westfalen, ferner Kelche zu Iburg und Osnabrück (Dom und Katha-
rinenkirche) in Hannover, zu Helmstedt (St. Walburgis) in Braunschweig, zu Zeitz in der
Provinz Sachsen, zu Golditz, Lockwitz und Altmügeln im Freistaat Sachsen, zu Frauen-
prießnitz und Großebersdorf in Sachsen-Weimar-Eisenach, zu Stadtilm in Schwarzburg-
Rudolstadt, zu Neuruppin und Brandenburg (Paulikirche) in Brandenburg, zu DemmJn in
Pommern, zu Tempzin, Neuenkirchen, Malcliow in Mecklenburg-Schwerin, zu Neuenkirchen
und Katingen in Schleswig-Holstein, zu Schauern in der Rheinprovinz, zu Bonneland und
Wetzhausen in Unterfranken, zu Ortenburg in Niederbayern, zu Nürnberg (Germanisches
Museum), zu Mainz (Dom), zu Köln (Kunstgewerbemuseum) u. a. Daß aber auch außer-
halb Deutschlands der runde Fuß noch bis tief ins i.'i. Jahrhundert sein Dasein behauptete,
zeigen ein Kelch zu Schroda im Posenschen, der Kasimirkelch zu Tremessen, der Kelch des
Bischofs Golanczewski (yi 365) zu Wloclawek, der Kelch aus Asarp und öfver Gran im
Historischen Museum zu Stockholm, ein Kelch zu Trosa und zu Vadstena in Schweden, ein
in einem Bischofsgrab der Kathedrale zu York gefundener Kelch, der sogenannte Servatius-
kelcfi in der Servatiuskirche zu Maastricht, ein Kelch zu Nuria in Katalonien, ein Kelch zu
Biville (Manche) in Frankreich, Kelche zu Alzan, Hahnbach, Hammersdorf, Michelsberg in
Siebenbürgen.

Im i5. Jahrhundert änderte sich dann freilich die Sache. Zwar entstanden
auch in diesem noch immer Kelche mit runder Fußplatte, doch wird nun dieser
Typus des Fußes durch andere, die jetzt tonangebend wurden, durchaus in den
Hintergrund gedrängt, zumal durch die mehrseitige und die am Rand in drei
oder mehr Pässe aufgelöste Fußplatte. So vollzog sich, was in Italien schon im
i4- Jahrhundert Brauch und Regel geworden war, im i5. auch außerhalb Ita-
liens, soweit hier nicht etwa bereits im ik-, wie etwa in Spanien infolge vorbild-
lichen Einflusses der italienischen Kelche der Typus der ruuden Fußplatte hin-
ter einem andern hatte zurücktreten müssen.
Die mehrseitige Fußplatte tritt in zwei Untertypen auf. Bei dem einen sind
ihre Seiten leicht nach innen gekrümmt, bei dem andern dagegen gerade.
Beide Untertypen kommen schon im ilx. Jahrhundert vor, wenngleich nur erst vereinzelt.
Beispiele des ersten bieten aus diesem ein Kelch zu Hamstall Ridware (Staffordsh) in Eng-
land, (308) ein Kelch zu Bellpuig de les Avellanes in Katalonien, ein Kelch zu Wallendorf
in Siebenbürgen, ein von KarlV. von Frankreich (f i38o) gestifteter Kelch zu St-Denis,
den wir leider nur mehr durch eine Abbildung kennen, (309) sowie zwei Kelche im Schnüt-
genmuseum zu Köln. (310) Bei den beiden letzteren ist die Fußplatte achtseitig, bei den
übrigen ist bzw. war sie sechsseitig. Es sind nur wenige Beispiele. Alle entstanden erst im
späten i!x. Jahrhundert, Unter den Kelchen, die sich aus der früheren Zeit desselben ,er-
(308) Jackson I, 183. (309) Mich. Felibien, Histoire de l'abbaye de St-Denys (Paria
1706), Tfl. IV. (310) Witte, Tfl. 3.
BRAUS, DAS CHRISTLICHE ALTARGERÄT 8
114 VASA SACRA. ERSTEH ABSCHNITT. DER KELCH

halten haben, findet sich kein Kelch mit mehrseitiger Fußplatte des ersten Untertypus. Wir
werden daher wohl nicht fehlgehen, wenn wir das Auftreten des letzteren in die zweite
Hälfte des i '\. Jahrhunderts setzen.
Eine größere Verbreitung erlangten die Kelche mit mehrseitiger Fußplatte des ersten
Untertypus im i5. Jahrhundert. Kelche dieser Art mit sechsseitiger Fußplatte haben sich
aus ihm in Deutschland beispielsweise erhalten im Dom zu Minden, in der Petri- und
Höhenkirche zu Soest, in der Nikolaikirche zu Rostock, in der Stadtkirche zu Malchow in
Mecklenburg-Schwerin, im Schnütgcnmuseum zu Köln u.a. In Spanien begegneten mir
zwei Kelche der gleichen Art aus dem 15. Jahrhundert im Bischöflichen Museum zu Vieh.
Beliebt müssen damals Kelche mit sechsseitiger Fußplatte des ersten Untertypus besonders
in England gewesen sein. Zeigt doch von den Kelchen englischen Ursprunges, die noch aus
dem i5. Jahrhundert vorhanden sind, bemerkenswerterweise die Mehrzahl eine Fußplatte
eben dieser Form, so drei Kelche im Viktoria-und-Albert-Museum zu London, ein Kelch
zu Goathland (York), Nettlecombe (Somerset), Hornby (Lancaster), Bacton und Leominster
(Herford), Angleforth (York) und Little Farringdon (Oxford). (311) Häufig entstanden im
i5. Jahrhundert auch Kelche mit achtseitiger Fußplatte des ersten Untertypus. So gibt es
deren noch zu Fernyhalgh (Lancaster), (312) zu Bocholt, Meschede, in der Wiesen- {Ta-
fel 19) und Marienkirche (Tafel 3i) zu Soest, zu Niedersalwey (Kr. Meschede) sowie zu
Lippstadt (Jakobikirche) in Westfalen, auf Föhr in Schleswig-Holstein (Nikolaikirche), in
der Abtei Marienstatt im Wresterwald, im Schnütgenmuscum zu Köln u. a. Von der gleichen
Art ist auch ein von Jackson veröffentlichter irischer Kelch aus dem Jahre x4o,4. (313) Ein
Kelch mit Fußplatte des ersten Untertypus, der nur fünf Seiten aufweist, befindet sich in
der Pfarrkirche zu Schwaan in Mecklenburg-Schwerin; (314) zehn nach innen gekrümmte
Seiten zeigt die Fußplatte eines Kelches zu Nienstedten in Schleswig-Holstein, (315) zwölf
die eines Kelches zu Neumark in Westpreußen (Tafel 26).
Die mittelalterlichen Kelche mit mehrseitiger Fußplatte, deren Seiten geradlinig ver-
laufen, also mit Fußplatte des zweiten Untertypus, zeigen, soweit solche mir bekannt ge-
worden sind, fast alle eine sechsseitige Fußplatte, keiner eine achtseitige. Der älteste der-
selben ist der Kelemankelch im Dom zu Osnabrück (Tafel 17). Er bekundet, daß der Typus
schon der ersten Hälfte des i!\. Jahrhunderts nicht mehr fremd war. Alle anderen Kelche
der gleichen Art gehören jedoch erst dem i5. Jahrhundert, wie z. B. ein Kelch in St. Maria
im Kapitol zu Köln, im Dom zu Minden (Tafel 3o), in der Nikolaikirche zu Greifenhagen
in Pommern, welch letzterer laut Inschrift 1/189 angefertigt wurde, (316) in der Kirche zu
Roggow in Pommern (317) sowie ein italienischer Kelch im Schnütgenmuscum zu Köln,
der bekundet, daß es auch in Italien damals Kelche mit sechsseitiger Fußplatte des zweiten
Untertypus gab. Besonders zahlreich sind die Kelche dieser Art in Mecklenburg-Schwerin.
Sie stellen einen so erheblichen Bruchteil aller noch vorhandenen mittelalterlichen meck-
lenburgischen Kelche dar, daß sie als einer der Haupttypen derselben bezeichnet werden
müssen. Es finden sich ihrer z. B. zu Neukloster, Lichtenhagen, Rostock (Petrikirche),
Wismar (St. Jürgen), Hornstorf, Lübow. Bei mehreren dieser Kelche umgibt nicht nur den
Fuß unten ein breiter Horizontalrand, es sind auch dessen Ecken mit einem zylinderförmi-
gen, oben mit einem Blatt verzierten Ansatz ausgestattet, eine eigenartige Erscheinung, so
Bei einem Kelch zu Warsow, Camin, Güstrow, Woserin, Proseken (Tafel 28) sowie bei je
zwei Kelchen in St. Nikolai und St. Jürgen zu Wismar. Noch im Verlauf des 16. und im
Beginn des 17. Jahrhunderts entstanden in Mecklenburg verschiedene Kelche der einen wie
der andern Art, so zu Gressow (i55& und 1^57), Holzendorf (16. Jahrhundert), Prestin
(i58o) und Möllenbeck (1606). In St. Nikolai zu Wismar gibt es deren sogar zwei, die erst
den Jahren i632 und 1657 entstammen; ein Zeichen, welche Beliebtheit dieser Fußplatten-
typus im Mecklenburgischen erlangt und wie sehr er sich daselbst eingebürgert hatte. Von
(311) Jackson I, 1281; 337 f. (312) Ebd. 341. (313) Ebd. 340.
(314) Kd. von Mecklenburg-Schwerin IV, 14. (315) Kd. von Schleswig-Holstein II, 659.
(316) Kd. von Pommern, Reg. Stettin, Kr. Greifenhagen, 51. F,in Beispiel aus Schweden
bietet der Kelch zu Vetra in östergötland. (317) Ebd. Kr. Regenwalde, 100.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 115

Mecklenburg aus verbreitete er sich in das anstoßende Westpommera, wie noch heute
manche Kelche bekunden, die sich in dortigen Kirchen erhalten haben, wie zu Stralsund
(Marienkirche), Schaprode, Nossendorf, Richtenberg, Sassen, Behrenhof, Pinnow, Schlem-
min u. a. Ausnahmsweise fünfseitig ist ein Kelch in der Jakobikirche zu Greifswald. (318)
Zylinderförmige Ansätze an den sechs Ecken des Fußes zeigt ein Kelch zu Poseritz auf
Rügen von i48g. Aus dem benachbarten Mecklenburg stammt auch wohl ein Kelch mit
sechsseitiger Fußplatte des zweiten Untertypus in der Lambertikirche zu Lüneburg, der laut
Inschrift 1698 angefertigt wurde.
Als Anlaß für die Umwandlung der runden Kelchfußplatte in eine mehr-
seitige hat man den im Mittelalter hier und dort bestehenden Brauch bezeich-
net, den Kelch nach dem Genuß des Weines, der nach der Kommunion zur Ab-
lution des Kelches in diesen gegossen worden war, so umzulegen, daß seine
Kuppa auf der Patene ruhte. Die Erklärung erscheint bei oberflächlicher Be-
trachtung ansprechend und annehmbar, in Wirklichkeit ist sie das jedoch nicht.
Denn erstens vollzieht sich jene Umwandlung erst im ii. Jahrhundert, jener Brauch
aber bestand bereits zwei Jahrhunderte früher, da schon die Usus ordinis Cistercien-
sium (319) sich veranlaßt sahen, ihn zu verbieten. Im i3. Jahrhundert aber bezeugen ihn
bereits ein mitlndutussacerdosplaneta beginnender Meßordo, der sich in verschiedenen Mis-
salien des späteren Mittelalters findet und auch noch in gedruckte Missalien des 16. Jahr-
hunderts überging, (320) sowie Durandus, nach dem er symbolisieren sollte, daß Christus aus
dem Grabe erstand und dieses darum leer war. (321) Zweitens war der Brauch niemals all-
gemein, ja nicht einmal zu irgend einer Zeit weit verbreitet; er war vielmehr örtlich sehr
beschränkt, während doch die sechsseitige Fußplatte seit dem späten i/{. Jahrhundert sich
weithin beim Kelch einbürgerte und zwar auch an Orten, wo das Bestehen des Brauches für
jene Zeit durch nichts sich nachweisen läßt. Daß aber dieser keine große Verbreitung ge-
habt, steht außer Zweifel. Es sind nur wenige Missalien des i£. und i5. Jahrhunderts, die
ihn kennen und nicht anders verhält es sich mit den Bildwerken aus dieser Zeit, welche die
Feier der Messe wiedergeben. Aus dem ii. Jahrhundert ist mir keines bekannt geworden,
aus dem i5. nur eines, eine Miniatur des Gundekarpontifikales zu Eichstätt aus dem Jahre
i4o6, auf der aber der auf ihr dargestellte, mit der Kuppa auf der Patene liegende Kelch
bemerkenswerterweise keinen mehrseitigen, sondern einen runden Fuß aufweist. Ausdrück-
lich sagt Durandus, daß lediglich gewisse, also nicht viele, den Kelch nach dem Genuß der
Ablution umkippten. (322) Drittens bestand kein Grund, jenem Brauch zulieb die Form
des Fußes des Kelches zu ändern. Auch wenn dieser rund war, bot es, wie ein Versuch be-
weist, weder Schwierigkeit noch Unzuträglichkeiten, den Kelch auf die Patene umzulegen.
Es war darum keineswegs vonnöten, ihm zu diesem Ende einen mehrseitigen Fuß zu geben.
Andernfalls wäre ja auch dieser Fußtypus sicher nicht erst im i£. Jahrhundert, sondern
bereits weit früher auf den Plan getreten.
Was im i&. Jahrhundert dazu führte, dem Fuß des Kelches die Form eines Sechsseits zu
geben, war das Bestreben, ihn reicher, zierlicher, bewegter zu gestalten; ein Bestreben, das
in Italien, wo nach den zahlreichen italienischen Missalien des i<5. und i5. Jahrhunderts zu
urteilen der Brauch, den Kelch nach der Ablution auf die Patene umzukippen, kaum be-
standen hat, (323) schon im frühen ifi. Jahrhundert dazu führte, der Fußplatte des Kel-
ches die Form eines Sechspasses mit spitzen Zacken in den Winkeln zwischen den Pässen zu

(318) Prüfer, Archiv II (1876) 55. (319) C 53 (M. 166,1427): Quo hausto ponit illum (ca-
licem) non reclinatum super altare iuxta patenam. Similiter nee ad missas privatas reclmetur.
(320) Vgl. Legg 188 nach einem Druck von 1507. (321) Rationale 1. 4, c. 55, n. 2.
(322) L. c. Ad hoc quidam hausta purificatione inclinant calicem.
(323) Vgl. die zahlreichen, von Ebner im Iter italicum beschriebenen italienischen Mis-
salien des 14. und 15. Jahrhunderts, von denen nur drei den Meßordo Indutus saeerdos pla-
neta enthalten sowie den Meßordo im 14. der römischen Ordines Mabillons c.53 (M. 78,1168).
116 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Weit größere Bedeutung als die mehrseitige Fußplatte hatte für die Verdrän-
gung der runden der Typus der am Rand in Pässe aufgelösten. Wie schon ge-
sagt wurde, lassen sich auch bei ihm zwei Untertypen unterscheiden. Bei dem
ersten schließen sich die Pässe unmittelbar aneinander an, bei dem zweiten ist
zwischen sie ein sie scheidendes Zwischenstück eingeschoben.
Kelche mit Fußplatte des ersten Untertypus entstanden schon in der ersten
Hälfte und um die Mitte des ik- Jahrhunderts. Beispiele bieten ein Kelch zu
Ludwigslust in Mecklenburg von etwa i3io, der zwar aus Schweden stammt,
wahrscheinlich aber französischer Herkunft ist, ein Kelch französischen Ur-
sprungs im Nationalmuseum zu Kopenhagen, ein aus der Sammlung Spitzer
stammender spanischer Kelch in der Sammlung des Louvre zu Paris sowie ein
Kelch in der Nikolaikirche zu Nordhausen, der laut Inschrift am Nodus i35i
angefertigt wurde. (324) Dem späten i&. Jahrhundert gehört ein Kelch zu
Longares bei Saragossa mit Fußplatte des ersten Untertypus an, dem ausgehen-
den i4. oder beginnenden i5. je ein gleichartiger Kelch zu Gardelegen (325)
und Bleicherode (Tafel a3) (326) in der Provinz Sachsen, der Frühe des iö.
ein Kelch mit Fußplatte des Typus zu Werdau in Sachsen (Tafel a3). Im gan-
zen weisen nur wenige der Kelche, die sich aus dem i4- Jahrhundert erhalten
haben, eine Fußplatte des ersten Untertypus auf, doch werden der Kelche dieser
Art damals zweifellos mehr entstanden sein. Auf alle Fälle bekundet, was an
solchen Kelchen noch vorhanden ist, daß dieser Fußplattentypus sich bis in die
erste Hälfte des i4. Jahrhunderts zurückverfolgen läßt und daß er schon da-
mals nicht bloß in Deutschland, sondern auch in Frankreich und Spanien bei
Kelchen zur Anwendung kam.
Aus dem i5. und dem frühen 16. Jahrhundert hat sich eine außerordentlich
große Zahl von Kelchen mit Fußplatte des ersten Untertypus erhalten. In
Deutschland wurde dieser seit der Mitte des i5. Jahrhunderts, besonders aber
im letzten Viertel desselben geradezu für die Fußplatte neuer Kelche die vor-
herrschende Form und nicht anders verhielt es sich in Polen, Ungarn, Schwe-
den und den Niederlanden. In England kam er seit etwa der Wende des
i5. Jahrhunderts zur Herrschaft. Als Beispiele englischer Kelche aus dieser
Zeit, deren Fußplatte ihn zeigt, seien genannt ein goldener Kelch im Corpus*
Christi-Kolleg zu Oxford, von 1507/8, ein Kelch zu Leyland (Lancaster) von
i5i8, zwei in englischem Privatbesitz befindliche von Jackson veröffentlichte
Kelche von i5i5 und i5a5 (327) sowie ein englischer Kelch im Viktoria-und-
Albert-Museum zu London. (328) Welche Verbreitung er in Frankreich gewann,
läßt sich bei der sehr geringen Zahl der spätmittelalterlichen Kelche, die sich
dort erhalten haben, nicht sagen. Als Beispiele französischer Kelche aus der
ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, deren Fußplatte ihn aufweist, seien ge-
nannt ein Kelch im Hospiz zu Limoges, ein gleichartiger Kelch französischer
Herkunft im Dom zu Solothurn, ein Kelch im Couvent du Refuge zu Tours, ein
Kelch französischen Ursprungs im Viktoria-und-Albert-Museum (329) sowie
{324) Kd. der Prov. Sachsen, Stadt Nordhausen, 133. (325) Ebd. Kr. Gardelegen, 75.
(326) Ebd. Kr. Hohenstein, 33. (327) Jacksok I, 152f. (328) Catalogue oi chalices,
Tfl 21 n. 39. (329) Ebd. Til. 23, n. 48.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 117

ein französischer Kelch im Besitz der Stadt Attendorn (Tafel 34). In Italien
erlangte der Typus nie größere Bedeutung, auch nicht im späten i5. Jahrhun-
dert. Zwar entstanden auch dort.Kelche, deren Fußplatte ihn zeigte. Ein Kelch
dieser Art in S. Nicola zu Bari, in S. Marco zu Venedig, in der Abteikirche zu
Gasa Mari bei Veroli (Tafel 29), im Dom zu Monza (Tafel 29), drei italienische
Kelche im Schnütgenmuseum zu Köln (330) sowie zwei italienische Kelche im
Viktoria-und-Albert-Museum zu London (Tafel 28) (331) bekunden das. Eine
größere Bedeutung aber erlangte der erste Untertypus in Italien nicht; hier war
der zweite Untertypus herrschend. Ähnlich wie in Italien verhielt es sich in
Spanien und Portugal. Auch hier bevorzugte man noch im ausgehenden i5.
und im frühen 16. Jahrhundert den zweiten Untertypus. Mehrere spätgotische
Kelche mit Fußplatte des ersten finden sich im Bischöflichen Museum zu Vieh,
andere in der Pfarrkirche zu Mumiesa (Tafel 20) in der Provinz Teruel, im
Museo de arte antija zu Lissabon und im Museo de arte religiosa zu Goimbra.
Die den ersten Untertypiis aufweisende Fußplatte ist in der Regel seclispaßförmig. Drei-
und vierpaß form ige sind seltene Ausnahmen. Nur dreipaßförmig ist beispielsweise die Fuß-
platte eines spätgotischen, erst dem frühen 16. Jahrhundert entstammenden Kelches im
Schloßmuseum zu Berlin, der auch insofern bemerkenswert ist, als Schaft, Nodos und Korb
derKuppa die Fortsetzung der Weinranken bilden, mit denen der Fuß ornamentiert ist. (332)
Vierpaßförmig ist die Fußplatte eines Kelches zu Kloster Neuendorf in Sachsen. (333) Häu-
figer kommen Kelche mit acktpaßförmiger Fußplatte vor. Die acht Pässe sind entweder alle
gleich oder es wechselt je ein breiterer mit je einem schmäleren ab. Das erstere ist das Ge-
wöhnlichere. Beispiele bieten Kelche mit aehtp aß förmiger Fußplatte dieser Art in der
Pfarrkirche zu Anröchte und zu Werne in Westfalen, in der Maria-IIimmelfahrts-Kirche zu
Köln, im Schnütgenmuseum daselbst, in der Münsterkirche zu Einbeck in Hannover, zu Col-
mnitz in Sachsen, zu Wittenburg in Mecklenburg-Schwerin, die vorhin genannten französi-
schen Kelche zu Limoges, Tours, Solothurn und Attendorn u.a. Breitere und schmälere
Pässe wechseln beispielsweise bei der Fußplatte eines Kelches zu Perlin und Varchentin in
Mecklenburg-Schwerin. (334) Eine zwölf paß förmige Fußplatte zeigt ein Kelch im Museo
de arte antija zu Lissabon.
Ihrer Form nach sind die Pässe der Fußplatten des ersten Untertypus in der Begel rund,
doch gibt es auch Kelche, bei denen dieselben kielbogig sind. Ein frühes Beispiel bietet
der aus der ehemaligen Sammlung Spitzer in die des Louvre übergegangene spanische
Kelch (Tafel 17). Aus dem i5. Jahrhundert gibt es Kelche, deren Fußplatten kielbogige
Pässe aufweisen, zu Allendorf in Westfalen, in der Marienkirche zu Soest, in der Nikolai-
kirche zu Stralsund, sowie zu Lüssow und in der Marienkirche zu Stolp in Pommern, (335)
aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts im Trinity-College zu Oxford und zu Wylye (YVilt)
in England. (336) Kielbogenförmig sind auch die Pässe der Fußplatte eines Kelches zu
Mumiesa (Provinz Teruel), doch sind sie hier durch einen halb kreis förmigen Ausschnitt
von einander geschieden (Tafel 20). Abgestumpft ist die Spitze der kielbogigen Pässe der
Fußplatte eines um r5oo entstandenen Kelches im Historischen Museum zu Frankfurt a. M.
Durch einen halbkreisförmigen Ausschnitt ist sie beseitigt bei den gleichartigen Pässen
der Fußplatte des Kelches zu Longares (Tafel 18) sowie des mit Passionsdarstellungen in
durchsichtigem Email auf dem Fuß geschmückten Kelches französischen Ursprungs im Natio-

(330) Witte, TU. 10. (331) Catalogue of chalices, Tfl. 13,n. 21; Tfl. 19, n. 20.
(332) Abb. bei M. CaeUTZ und G. Iaer, Gesch. der Metallkunst II (Stuttgart 1909), 262.
(333) Kd. von Sachsen XX, 116.
(334) Vgl. bezüglich dieser und der vorgenannten Kelche die betreffenden Denkmäler-
statistiken, bezüglich des Kelches des Schniitgenmuscums Witte, TEL 6.
(335) Vgl. die betreffenden Denkmälerstatistiken. (336) Jackson I, 159.
118 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

nalmuseum zu Kopenhagen. (337) Pässe in Form geschweifter, spitzer Kleeblattbogen zeigt


die Fußplatte des prachtvollen, aus Schweden stammenden, jedoch wohl nicht hier, sondern
in Frankreich angefertigten Kelches von etwa i3'io zu Ludwigslust in Mecklenburg-
Schwerin, (338) Pässe in Form doppelt gezackter Bogen der gleichen Art ein Kelch im
Dom zu Monza (Tafel 39). Die Gestalt einer sechsblätterigen Rosette hat die Fußplatte
eines Kelches in der Pfarrkirche zu Wipperfürth flämischer Herkunft aus dem Beginn des
i5. Jahrhunderts, je eines Kelches in der Wiesen- und in der Petrikirche zu Soest (Tafel 3o),
in St. Andreas zu Köln und in der Pfarrkirche zu Junquera bei Gerona in Katalonien,
Schöpfungen des späten i5. Jahrhunderts. Trapezförmig sind die sechs Pässe der Fuß-
platte eines spätgotischen Kelches in der Johanniskirche bei Posen (Tafel a5), eines Kel-
ches im Schnütgenmuseum zu Köln aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts, eines Kelches
des späten i5. Jahrhunderts im Museo de arte antija zu Lissabon (Tafel 19), sowie eines
Kelches des frühen 16. Jahrhunderts im Museo de arte religiosa zu Coimbra. Runde Pässe
wechseln mit halbmondförmigen ab bei einem Kelch mit zwölf paß förmiger Fußplatte im
Museo de arte antija zu Lissabon (Bild 7).
Auch der zweite Untertypus der am Rand in Pässe aufgelösten Fußplatte,
der sich von dem ersten dadurch unterscheidet, daß die Pässe bei den ihn auf-
weisenden Fußplatten durch kleinere spitzwinkelige, spitzbogige oder rund-
bogige Zwischenstücke geschieden werden, erscheint schon im frühen 1/1. Jahr-
hundert auf dem Plan. Er ist nicht, wie es scheinen könnte, eine Weiterbildung
des ersten Untertypus, sondern eine selbständige Bildung. Tritt er doch nicht
erst im Anschluß an diesen, sondern bereits vor ihm oder wenigstens gleich-
zeitig mit ihm auf. Ein Kelch im Besitz der Stadt Perugia (Tafel 29) bekundet
das. Geradezu herrschend wurde er bei den italienischen Kelchen. In Italien
war er nach Ausweis der zahlreichen italienischen Kelche, die sich aus dem
itl. Jahrhundert erhalten haben, schon damals sehr verbreitet, hier erscheint er
das ganze i5. Jahrhundert hindurch als so gewöhnlich, daß er geradezu eines
der die italienischen Kelche dieser Zeit kennzeichnenden Merkmale bildet. Es
war wohl die Rücksicht auf die ihm eigene dekorative Wirkung, die ihm so
große Verbreitung in ganz Italien verschaffte; eine Rücksicht, die überhaupt bei
allen Einzelbestandteilen der italienischen Kelche des i4. und i5. Jahrhunderts
als ihre Form bestimmend zu Tage tritt. Der Sinn für eine schlichte, ebenmäßig
sich aufbauende, organisch gestaltete Kelchform scheint den italienischen Gold-
schmieden gefehlt zu haben.
Die Zahl der italienischen Kelche mit Fußplatte des zweiten Typus, die sich aus dem
ii. sowie namentlich aus dem i5. Jahrhundert erhalten haben, ist sehr groß. Alle irgend-
wie bedeutenden Sammlungen und Museen besitzen einen oder mehrere derselben. Das
Schnütgenmuseum hat ihrer sogar zwölf, einige zwanzig gibt es im Viktoria-und-Albert-
Museum zu London. Aber auch in italienischen Kirchen befinden sich noch manche, wie die
1898 zu Turin ausgestellten Beispiele beweisen. Hervorragend reiche und schöne gibt es
namentlich zu Randazzo auf Sizilien, zu Bologna (S.Giovanni in Monte), Monteftascone,
Solmona (S. Panfilio) (Tafel 28), Barga (Dom) und Colle di Val d'Elsa bei Siena (Tafel 29).
Eine Stiftung des Kardinals Nikolaus von Cues ist ein italienischer Kelch mit Fußplatte
des zweiten Untertypus im Hospital zu Cues an der Mosel.

Nächst Italien fand der zweite Untertypus seine größte Verbreitung bei der
Fußplatte des Kelches in Spanien und Portugal, in Spanien wohl als Import
(337) M. Mackepra>g, Vases sacres emailles d'origine francaise du 14 siede (Kopen-
hagen 1921). (338) Kd. von Mecklenburg-Schwerin III, 247 mit Abb.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 119

aus Italien, da die italienische Goldschmiedekunst des i4- Jahrhunderts die


spanische ebenso beeinflußt hat, wie die italienische Malerei jener Zeit die
spanische. Die ältesten der spätmittelalterlichen Kelche in Spanien, deren Fuß-
platte den Typus aufweist, sind ein Kelch in der Kathedrale zu Toledo (Tafel 19).
aus der zweiten Hälfte des i4- Jahrhunderts, sowie ein Kelch in der Pfarrkirche
zu Caspe (Prov. Saragossa) aus dem Ende des i4- Jahrhunderts (Tafel 18), der,
eine Stiftung des Johannitergroßmeisters Juan de Heredia ("f 1396), laut der
auf ihm angebrachten Marke ausAvignon dorthinkam. Das älteste Beispiel eines
Kelches mit Fußplatte des Typus, das sich in Portugal erhalten hat, ist der dem
späteren i4. Jahrhundert entstammende sogenannte Torquatokelch zu Guima-
räes (Tafel 19). Er zeigt keine Verwandtschaft mit italienischen Kelchen. Zahl-
reiche spanische und portugiesische Kelche, deren Fußplatte den Typus auf-
weist, haben sich aus dem späten x5. und dem frühen 16. Jahrhundert erhal-
ten, wie z. B. ein Kelch zu Alborga (Prov. Saragossa) (Tafel 20), ein Kelch in
der Kathedrale zu Tortosa, ein spanischer Kelch der ehemaligen Sammlung
Spitzer, (339) ein Kelch im Museo de arte religiosa zu Coimbra (Tafel 20), ein
Kelch in der Kathedrale zu Braga (Tafel 21), dessen Fußplatte anstatt run-
der, trapezförmige Pässe aufweist, ein Kelch in der Kathedrale zu Segovia (Ta-
fel 20), bei dessen Fußplatte die halbrunden Passe durch kielbogige, an der
Spitze mit einem halbrunden Ausschnitt versehene ersetzt sind, sowie ein spa-
nischer Kelch mit Fußplatte derselben Bildung im Viktoria-und-Albert-Museum
zu London, (340) ein spanischer Kelch in englischem Privatbesitz (Tafel 21) mit
runden, statt spitzen Zwischenstücken zwischen den Pässen der Fußplatte, (341)
ein Kelch im Museo de arte antija zu Lissabon (Tafel 21), sowie ein reicher por-
tugiesischer Kelch in englischem Privatbesitz (Tafel 21). Selbst ein schon ganz
und gar von der Formensprache der Frührenaissance beherrschter Kelch in der
Kathedrale zu Valencia (Tafel 35) hat in der Bildung der Fußplatte nach wie vor
an dem in der Form der Fußplatte der angeführten Kelche verkörperten Typus
festgehalten.
Inwieweit der zweite Untertypus bei der Fußplatte der Kelche in Frankreich
und England zur Anwendung kam, läßt sich beim völligen Mangel an spät-
mittelalterlichen französischen und englischen Kelchen, die uns darüber Auf-
schluß zu geben vermöchten, nicht sagen. Unter den vielen Kelchen, die sich
in Ungarn und Polen aus dem späten Mittelalter erhalten haben, findet jsich
meines Wissens kein Kelch mit Fußplatte des zweiten Untertypus, unter den so
überaus zahlreichen deutschen Kelchen, die aus dem i4- und io. Jahrhundert
auf uns gekommen sind, gibt es nur wenige, alle Schöpfungen des i5. Jahrhun-
derts : ein Kelch in der Peterskirche zu Görlitz, ein Kelch zu Neumark in West-
preußen (Tafel 24), ein Kelch zu Siden-Brünsow in Pommern (Kr. Demmin),
ein Kelch im Schnütgenmuseum zu Köln (342) und ein Kelch in der Nikolai-
kirche zu Bielefeld, dessen Fußplatte Pässe in Form von gedrückten Kielbogen
und Zwischenstücke in Form von Spitzbogen aufweist. Weitere Beispiele sind
der sogenannte Nesterkelch in der Petrikirche zu Soest (Tafel 26), bei dem die
(339) La collection Spitzer, I Orfevr. relit n. 163. (340) Catalogue of chalices Tfl. 16,
Ji.28. (341) Jacksos I, 343. (342) Witte, Tfl. 5.
120 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

die geschweiften Pässe der Fußplatte trennenden spitzwinkeligen Zwischen-


stücke jedoch so schwach sind, daß sie nur wenig zur Geltung kommen, sowie
ein Kelch zu Sorau in Brandenburg, die Stiftung des Plebans Nikolaus Slevitz
und seines Bruders Bernhard aus dem Jahre i38/(. (343)
Ein schwedischer Kelch mit Fußplatte des zweiten Typus aus dem Jahre 1341
befindet sich im Historischen Museum zu Stockholm; er stammt aus östra
Ny, (344) ein jüngerer schwedischer Kelch der gleichen Art zu Vagnhärad, (345)
ein flämischer Kelch mit Fußplatte des zweiten Typus aus dem Beginn des
i5. Jahrhunderts im Museum des Parc du Cinquantenaire zu Brüssel. Sowohl
bei diesen wie bei den schon vorhin genannten deutschen Kelchen kann die
Form der Fußplatte nicht auf einen vorbildlichen Einfluß italienischer Kelche
zurückgehen, da sich auch im übrigen von einem solchen Einfluß derselben bei
allen keine Spur bemerklich macht. Bei dem Kelch aus östra Ny zu Stockholm
schließt schon das Datum seiner Entstehung jeden Einfluß seitens italienischer
Kelche aus.
Die Zahl der Pässe der Fußplatte des zweiten Untertypus beträgt bei fast allen noch vor-
handenen Kelchen, die eine solche aufweisen, sechs. So bei den vielen italienischen Kelchen,
so bei den spanischen, portugiesischen, deutschen und schwedischen. Nur bei sehr wenigen
Kelchen ist die Fußplatte mit acht Pässen ausgestattet wie z. B. bei einem der Kelche zu
Perugia (Tafel 39) und einem Kelch spanischer Herkunft im Viktori a-und-Alber t-Muse um
zu London. (346) Zwölf Pässe zeigt sie bei einem mit Fußplatte des zweiten Untertypus
ausgestatteten Kelch in der Kathedrale zu Toledo (Tafel 19).
Der Form nach sind die Pässe der Fußplatte bei weitaus den meisten Kelchen mit Fuß-
platte des zweiten Typus rundbogig. Einen spitzen Kleeblattbogen stellen sie dar bei dem
vorhin genannten Kelch zu Perugia, einen geschweiften Kleeblattbogen bei dem Nester-
lteich in der Peterskirche zu Soest, einen flachen Kielbogen bei einem Kelch in der Nikolai-
Idrche zu Bielefeld, ein Trapez bei einem zweiten Kelch zu Perugia (Tafel 3o) und einem
Kelch in der Kathedrale zu Braga (Tafel 21).
Die die Pässe scheidenden Zwischenstücke haben gewöhnlich die Gestalt von spitzwinke-
ligen Zacken. Rundbogig sind sie bei dem ersten der beiden Kelche zu Perugia (Tafel 29)
sowie bei einem spanischen Kelch in englischem Privatbesitz (Tafel 21), spitzbogig bei einem
Kelche in S.PanfÜio zu Solmona (Tafel28), beim zweiten Kelch zu Perugia, einem Kelch
im Museo de arte religiosa zu Coimbra (Tafel 20), einem Kelch im Museo de arte antija
zu Lissabon (Tafel ai) sowie dem Kelch in der Nikolaikirche zu Bielefeld. Es fehlen noch
die Zacken zwischen den sechzehn, durch einen kleinen Zwischenraum voneinander getrenn-
ten halbkreisförmigen Pässen, die aus dem Rand der runden Fußplatte des von Nikolaus IV.
gestifteten Kelches in S. Francesco zu Assisi, der Schöpfung eines Sieneser Goldschmiedes,
herauswachsen. Die Fußplatte mutet wie eine Vorstufe der Fußplatte des zweiten Unter-
typus an (Tafel 28).
Nie fehlt bei den Kelchen des i!\. und i5. Jahrhunderts der Fußplatte die
Zarge, das ist ein Hochrand. Sie ist bald schräg, bald senkrecht, bald gekehlt
(343) Berg.«:, Kd. von Brandenburg 718. Nicht dagegen gehört hierher ein Kelch in der
Nikolaikirche zu Rostock mit einer aus vier Rundpässen im Wechsel mit vier rechtwinkligen
Dreiecken sich zusammensetzenden Fußplatte; denn die letzteren sind nicht lediglich tren-
nende Zwischenstücke, sie sind vielmehr den Rundpässen gleichwertig, infolgedessen die
Fußplatte keinen Vierpaß mit Zacken zwischen den Pässen, sondern einen von runden und
eckigen Passen gebildeten Achtpaßfuß darstellt. Es ist eine Fußplatte ähnlich der eines
Kelches zu Engsö in Schweden, dessen Fußplatte vier rundbogige Pässe im Wechsel mit
vier spitzbogigen zeigt. (344) Abb. bei Hildebhand III, 658. (345) Sigurd Cbrman,
Ütställingen af äldre kyrklig konst Strängnäs 1910 II (Stockholm 1913) 145. (346) Cata-
logue of chalices Tfl. 16, n. 28.
VIERTES KAPITEL. FORM, III. DER HENKELLOSE KELCH 121

profiliert. Irgend eine Regel laßt sich für die Form ihrer Profilierung weder
nach Ort noch nach Zeit feststellen. Am gewöhnlichsten verläuft sie senkrecht.
Schräg oder gekehlt erscheint sie fast nur bei Kelchen aus dem späten i5. und
dem frühen 16. Jahrhundert. Beliebt war es, sie oben und unten oder doch we-
nigstens unten mit einem mehr oder weniger vorspringenden Leistchen auszu-
statten, bei den italienischen Kelchen aber gliederte man aus dekorativen Rück-
sichten die Zarge gern von oben bis unten, indem man dabei das untere Rand-
leistchen verstärkte, damit es kräftiger hervortrete. Den Zwischenraum zwischen
den beiden Randleistchen belebte man gern mit einem gestanzten, gepunzten,
ziselierten Ornament, besonders häufig aber mit einem aus durchbrochenen
Dreipässen, Rauten und Vierpässen, aus durchbrochenen Fischblasen sowie
auch wohl aus einer Folge von Miniaturarkaden sich zusammensetzenden Fries,
ausgenommen in Italien, wo man im Interesse einer reicheren Gliederung des
Hochrandes auf Anbringung eines solchen durchbrochenen Frieses an dem-
selben meist verzichtete. Durchbrochenes Rankenwerk kommt als Füllung des
Zwischenraumes zwischen den Randleisten erst bei spätgotischen Kelchen aus
der zweiten Hälfte des x5. und der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts vor, in-
dessen sind Kelche mit durchbrochenem Rankenfries an der Zarge selbst in
dieser Zeit keineswegs sehr häufig. Als Beispiele seien genannt ein Kelch in der
Stiftskirche zu Kaiserswerth (Tafel 17), ein Kelch zu Marienwerder (Tafel 20),
ein Kelch zu Proseken (Tafel 28) und der ihm gleichartige Kelch in St. Jürgen
zu Wismar, ein Kelch in der Marienkirche zu Wismar, ein am Fuß, am Nodus
und an der Kuppa mit Rankenwerk überzogener Prachtkelch in der Ulrichs-
kirche zu Braunschweig (Tafel 27), Kelche im Dom zu Krakau (Tafel 26), ein
Kelch im Dom zu Gran (Tafel 27) u. a.
Zu dem unteren Randleistchen der Fußplatte gesellt sich im i5. Jahrhundert
häufig ein mehr oder weniger breiter Horizontalrand. Bei Kelchen des i4- Jahr-
hunderts begegnet er uns noch nicht oder doch erst in seinen Anfängen; bei den
italienischen Kelchen hat er sich bis zum Ende des i5. Jahrhunderts nie einge-
bürgert, höchstens daß man bei ihnen die untere Randleiste etwas stärker vor-
treten ließ. Erst dann entstehen vereinzelt auch italienische Kelche mit Hori-
zontalrand unten an der Fußplatte. Daß dieser auch bei spätgotischen flämi-
schen Kelchen an ihr zur Anwendung kam, zeigen einige Kelche flämischer
Herkunft im Viktoria-und-Albert-Museum zu London. (347) Beispiele spani-
scher Kelche des 15. Jahrhunderts mit Horizontalrand am Fuß bieten die Kelche
zu Alborga und Mumiesa (Tafel 20), Beispiele schwedischer Kelche aus Vis-
borg, Hagby und Misterhult im Historischen Museum zu Stockholm, ein Kelch
zu Norra Kedum u. a.
Aus dem Horizontalrand wurde um das Ende des i5. Jahrhunderts eine zweite
untere Zarge, die indessen abweichend von der oberen stets abgeschrägt oder
gekehlt erscheint. Kelche, die auf diese Weise eine aus zwei Stufen bestehende
Fußplatte erhalten haben, sind sehr zahlreich, besonders in Mittel- und Ost-
deutschland, in Polen und Ungarn. Weniger gibt es deren im Norden Deutsch-
lands, wie in Mecklenburg und Brandenburg, sowie im Westen, in Rheinland
(S477Catalogue of chalices Tfl, 11, n. 14,15; Tfl. 12. n. 17; TU. 15, n. 16, 47.
122 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

und Westfalen, wo dieser Fußtypus ersichtlich nicht recht heimisch zu werden


vermochte. So finden sich unter den zahlreichen spätgotischen Kelchen West-
falens nur vier Kelche mit doppelstufiger Fußplatte, auf Haus Westrich zu
Büderich (16. Jahrh.), zuBeleke(i5oo), in der Nikolaikirche zu Höxter (frühes
16. Jahrh.) und zu Barop (i5s4); denn ein fünfter Kelch dieser Art zu Heessen
ist nicht heimisches Erzeugnis; er stammt vielmehr zweifellos aus Ost- oder
Mitteldeutschland. Von der langen Reihe Mecklenburger spätgotischer Kelche
aus dem Ende des i5. und der Frühe des 16. Jahrhunderts aber weisen eine
zweistufige Fußplatte z.B. nur auf ein Kelch zu Dömitz {Anfang des 16. Jahrh.),
Kammin (i5o3), Schwaan (iöao), Malchow (1527?), Röbel, St. Marien (i533)
und Röbel, St. Nikolai (um iooo). (348) Von den zahlreichen, zumeist aus dem
Rheinland und aus Westfalen stammenden spätgotischen Kelchen des Schnüt-
genmuseums haben bloß zwei eine doppelstufige Fußplatte. (349)
Bei den englischen spätgotischen Kelchen scheint die doppelstufige Fuß-
platte keinen Eingang gefunden zu haben. Als Beispiele belgischer Kelche, die
eine solche aufweisen, seien angeführt ein Kelch in der erzbischöflichen Haus-
kapelle zu Mecheln von i4?,3 (Bild n) und ein Kelch in St-Jacques zu Lüttich.
Wie es sich mit ihr bei den spätgotischen Kelchen in Frankreich verhalten hat,
läßt sich nicht bestimmen. Von den noch vorhandenen spätgotischen italienischen
Kelchen zeigt kaum einer eine zweistufige Fußplatte, ausgenommen etwa ein
auch im übrigen wenig italienischer Kelch im Viktoria-und-Albert-Museum zu
London (Tafel 28). Daß die doppelstufige Fußplatte auch in Schweden nicht
ganz unbekannt war, zeigen ein Kelch zu Häggesled sowie ein Kelch aus der
Riddarholmkirche zu Stockholm im Historischen Museum daselbst, von denen
jedoch der letztere seiner ganzen Beschaffenheit nach ein Import aus Polen
oder Westpreußen sein dürfte. In Spanien scheint der Typus der zweistufigen
Kelchfußplatte kaum, in Portugal dagegen mehr Boden gefunden zu haben.
Ein spanischer spätgotischer Kelch, der mit einer solchen ausgestattet wäre, ist
mir nicht bekannt geworden. Portugiesische mit zweistufiger Fußplatte finden
sich in der Kathedrale zu Braga (Tafel 21), im Museo de arte religiosa zu
Coimbra (Tafel 20), sowie im Museo de arte antija zu Lissabon (Tafel 19
und 21); alles Prachtkelche.
Die untere Stufe ist, wie vorhin gesagt wurde, eine Umbildung des Horizontalrandes.
Zu bestimmen, wo diese sieb zuerst vollzog, ob in Mittel- oder Ostdeutschland, in Preußen
oder in Ungarn, ist, so lange wir noch keine chronologische Zusammenstellung aller Kelche
mit zweistufiger Fußplatte haben, nicht möglich. Jedenfalls ist nicht der Norden und We-
sten Deutschlands seine Heimat. Das beweist nicht nur die um vieles geringere Zahl der
Kelche dieser Art, die sieb hier erhalten haben, sondern auch der Umstand, daß der Typus
hier durchweg weit weniger entschieden und klar ausgebildet erscheint. Zu beachten ist
auch, daß es vornehmlich Kelche mit Korb an der Kuppa sind, die einen doppelstufigen
Fuß aufweisen, was wiederum auf den Osten als Heimat des Typus hinweist.
Ihren Grund hatte die Umbildung des Horizontalrandes zu einer unteren Stufe des Fußes
wohl in der Absicht, dem Fuß eine größere Höhe zu geben, ohne den Fußhals allzu sehr
aufsteigen zu lassen, aber auch, um ihn kraftvoller, mächtiger zu gestalten, eine Tendenz,

_ __i Westfalen und Mecklenburg-Schwerin.


Vitte, TfL 4 und 6.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 123

die mit ihr sich zu betätigen beginnt, um dann im Barock ihren Höhepunkt zu erreichen.
Übrigens bleibt auch bei Kelchen mit doppelstufiger Fußplatte die obere Zarge die Haupt-
stufe, weshalb für gewöhnlich, wenngleich nicht ausnahmslos, auch nur sie ornamentiert
zu werden pflegt, Ist sie die Basis der Fußplatte, so kann die untere Stufe als der Sockel
derselben bezeichnet werden.
Die zweistufige Fußplatte findet sich nur bei spätmittelalterlichen Kelchen, deren Fuß-
platte am Bande in Pässe aufgelöst ist und zwar fast ausschließlich bei sechspaßförmigen
Fußplatten des ersten Untertypus dieser Fußplattenart. Da die untere Stufe bei denselben
konzentrisch zur oberen verläuft, zeigen die Winkel zwischen den Pässen leicht eine zu
große Tiefe. Um diese zu verdecken und für das Auge weniger merkbar zu machen, hat
man bisweilen die Winkel mit einer Rosette, mit Blattwerk oder einem Wappen gefüllt
(Tafel ai, 25, 26, 27). Eine eigenartige Füllung zeigen sie bei einem Prachtkelch im Dom
zu Gran. Dieselbe besteht hier aus miniaturartigen, Statuettchen enthaltenden Giebelbauten,
dio bis zum Rande der unteren Stufe vortreten (Tafel 27). Ein gutes Beispiel eines Kel-
ches mit sechspaßförmiger zweistufiger Fußplatte des zweiten Untertypus bietet ein Kelch
in der Kathedrale zu Braga (Tafel 21), ein anderes ein Kelch im Museum zu Lissabon, bei
dem die untere Stufe wulstförmig profiliert erscheint.
In der Regel verlaufen die obere und die untere Stufe konzentrisch, das Gegenteil ist
Ausnahme. Als Beispiel sei genannt ein Kelch in der evangelischen Kirche zu Isny in Würt-
temberg, bei dem die obere sechspaß förmig, die untere dagegen rund ist (Bild 9).
Das Motiv der doppelstufigen Fußplatte verschwindet um die Mitte des 16. Jahrhunderts
keineswegs vom Plan, es behauptet sich auch noch lange in der Folgezeit, und zwar nicht
bloß bei vielen noch gotisierenden Kelchen des späten 16. und des 17. Jahrhunderts, son-
dern auch, wenngleich entsprechend umgebildet, bei Kelchen der Renaissance und des Ba-
rocks.

Der Hals des Fußes entspricht nach seiner Form bei den Kelchen des i4-, i5.
und frühen 16. Jahrhunderts in der Regel der Form der Fußplatte. Ist diese
rund, so ist es auch der Fußhals; ist sie mehrseitig oder mehrpassig, so ist auch
er mehrseitig. Sind die Pässe der Fußplatte durch Zwischenstücke getrennt,
wie z. B. bei den italienischen Kelchen, so bestimmt die Zahl der Pässe die Zahl
der Seiten des Halses. Nicht immer richtet sich indessen die Form des Halses
nach der der Fußplatte. Es ist auch wohl der Fall, daß jener rund ist, dieser
polygonal oder mehrpassig und umgekehrt, jener mehrseitig, dieser rund, doch
ist das nicht das Gewöhnliche. Nie kommt bei den vielen noch erhaltenen italie-
nischen Kelchen ein solcher Wechsel der Form vor. Für sie ist die ausnahms-
lose formale Übereinstimmung von Fußplatte und Fußhals geradezu charak-
teristisch.
Den Fußhals ließ man bald schon am Rande der Fußplatte beginnen, bald, und zwar
wenn auch nicht ausschließlich, so doch besonders dann, wenn man oben auf der Fußplatte
eine das Anbringen von Bildwerk erleichternde, möglichst ausgedelinte Fläche schaffen
wollte, wie namentlich z. B. bei den italienischen Kelchen, erst in größerer oder geringerer
Entfernung vom Rande. In diesem Falle wächst er entweder allmählich in einer Krüm-
mung aus der Oberfläche der Fußplatte heraus oder er steigt, mit ihr einen förmlichen
Knick bildend, aus ihr heraus (Tafel 2/1). Die erste Weise ist die zierlichere, gefälligere
und darum auch die beliebteste und gewöhnlichste. Die zweite läßt einen organischen Zu-
sammenhang zwischen Fußplatte und Fußhals vermissen, der bei ihr nicht sowohl als das,
was er sein sollte, als ein mit der Fußplatte innerlich verwachsener Bestandteil des Fußes,
sondern als etwas der Platte lediglich äußerlich Aufgepfropftes erscheint.
Im Profil erscheint der Fußhals in der Regel mehr oder weniger nach innen gekrümmt
Bildungen, bei denen er einen geradseitigen Kegel oder eine geradseitige polygonale Pyra-
124 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

mide darstellt, sind nicht häufig. Sic finden sich besonders da, wo der Fußhals in einem
Knick von der Fußplatte aufsteigt. Nie begegnen sie uns bei den spätgotischen italienischen
Kelchen.
Um das obere Ende des Fußhalses legt sich bei Kelchen aus dem ausgehenden i5. und
dem frühen 16. Jahrhundert bisweilen als bekrönender Abschluß ein aus einer Folge zacki-
ger Blätter oder Lilien bestehender Hängekamin. Es sind vornehmlich Kelche deutschen
Ursprungs, die ihn aufweisen. Kelche, die einen solchen Hängekamm oben am Fußhals
zeigen, gibt es beispielsweise in St. Gereon zu Köln, im Dom zu Paderborn, in der Mün-
sterkirche zu Herford, zu Härtensdorf, Colmnitz und Colditz in Sachsen, zu Schleiz und
Frisau in Thüringen, zu Großkochberg in Sachsen-Meiningen, zu Lärz in Mecklenburg-
Schwerin, zu Marienwerder (Tafel 25) und Löbau (Tafel 24) in Westpreußen u. a. Bei einem
Kelch zu Fraustadt im Posenschen (Tafel 26) schließt den Fußhals ein Kranz von Balda-
chinchen ab, und ebenso verhält es sich bei einem Prachtkelch im Dom zu Preßburg; bei
einem Kelch im Dom zu Gran (Tafel 27) umgibt sein oberes Ende ein Kranz von zierlichen
Nischen, die Halbfiguren enthalten. Es sind das alles spätgotische Kelche aus dem Ende des
i5. und der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.
In Belgien haben sich spätgotische Kelche, die oben um den Fußhals herum einen Hänge-
kamm zeigen, beispielsweise erhalten in St-Jacqnes zu Lüttich und in der erzbischöflichen
Hauskapellc zu Mecheln (Bild n). Sie bekunden, daß man auch dort wohl den Fußhals
der Kelche mit einem solchen ausstattete.

Es erübrigt noch, kurz einen Blick auf die Maßverhältnisse der Kelche der
Spätgotik zu werfen; denn auch in ihnen offenbart sich gegenüber den Kelchen
der vorausgehenden Zeit ein bemerkenswerter Wandel und eine zumal bei den
Kelchen der Spätzeit fast greifbar in die Erscheinung tretende Weiterentwick-
lung. Es sind besonders die deutschen Kelche des i/;., 10. und frühen 16. Jahr-
hunderts, an denen wir diese verfolgen können, nicht als ob in den außerdeut-
schen Ländern sie sich in minder sinnfälliger Weise vollzogen hätte, sondern
weil für die Feststellung des Wechsels in den Maßverhältnissen bei den deut-
schen Kelchen eine Fülle von Material vorliegt, während dieses für die anderen
Länder, von Italien abgesehen, sehr lückenhaft ist.
Am meisten fällt bei einem Vergleich der deutschen Kelche des i\., i5. und
frühen 16. Jahrhunderts der Wechsel auf, der sich hinsichtlich des Verhält-
nisses der Weite der Kuppa zur Hohe des Kelches im Verlauf dieser Zeit voll-
zieht. Es ist ein ganz anderes Bild, welches sie am Schluß dieser Periode zeigen,
als das, welches die dem i4- Jahrhundert entstammenden Kelche deutscher
Herkunft bieten. Bei den letzteren schwankt das Verhältnis der Kuppaweite zur
Höhe des Kelches zwischen 1 : l»/4, 1: VjB, 1:1% und 1: l1/2. Am gewöhnlich-
sten verhalten sich bei ihnen diese zueinander wie 1: 1*/Ä, doch ist auch ein
Verhältnis derselben von 1: l*/4 nicht selten. Weniger häufig zeigen sie ein
Verhältnis von 1 : iye und 1 : l2/6. Kelche des ik- Jahrhunderts, bei denen die
Höhe ls/5, 1% oder gar l3/i des Durchmessers der Kuppa beträgt, sind Aus-
nahmen. Bei den deutschen Kelchen des i5. Jahrhunderts verhält sich die
Kuppaweite zur Kelchhöhe nur mehr in vereinzelten Fällen wie 1: l1/2, häufi-
ger wie 1: l8/5 und 1 : ls/8, in der Regel aber stehen beide, zumal bei Kelchen
der Spätzeit des Jahrhunderts, zueinander in einem Verhältnis von 1: l3/*
oder l:l4/s» das sogar im ausgehenden i5.Jahrhundert und noch mehr im
frühen 16. auf 1: 2, ja auf 1: 21/i steigt, ein Verhältnis, das dann von den Kel-
VIERTES KAPITEL. FORM, III. DER HEXKELLOSE KELCH 125

chen der Renaissance nicht nur übernommen, sondern sogar noch weiter zu
Gunsten der Höhe des Kelches und zu Ungunsten des Kuppadurchmessers ent-
wickelt wird.
Das Verhältnis zwischen dem Durchmesser der Kuppa und der Höhe des Kel-
ches, das sich bei den deutschen Kelchen erst am Ausgang des iö. Jahrhunderts
als Endergebnis einer durch das i4- und i5. Jahrhundert sich hinziehenden
langsamen, aber stetigen Entwicklung herausbildet, begegnet uns bei den italie-
nischen Kelchen bereits um die Mitte des i£. Jahrhunderts. Auch kann kaum
bei ihnen von einem Entwicklungsprozeß, der jenes Verhältnis gezeitigt hätte,
die Rede sein. Verhalten sich doch schon bei dem von Nikolaus IV. gestifteten
Kelch zu Assisi aus dem Ende des i3. und einem der Kelche zu Perugia aus der
ersten Hälfte des i4. Jahrhunderts Kuppaweite und Höhe zueinander wie 1: l8/^-
Seit der zweiten Hälfte des i4. Jahrhunderts beträgt dann bis zum Einsetzen der
Renaissance die Höhe der italienischen Kelche andauernd das Doppelte des
Kuppadurchmessers, bisweilen sogar zwei und ein Viertel oder zwei und ein
Drittel, in einzelnen Fällen selbst zwei und zwei Drittel desselben.
Was sich an spanischen Kelchen aus dem i4- und io. Jahrhundert erhalten
hat, reicht nicht aus, um uns den Entwicklungsgang erkennen zu lassen, den in
Spanien bei dem Kelch das Verhältnis von Kuppaweite und Kelchhöhe zueinan-
der nahm. Immerhin läßt sich zur Genüge feststellen, daß er dort rascher ver-
lief als in Deutschland. Verhalten sich doch schon bei dem aus dem Ende des
ilx. Jahrhunderts stammenden Kelch zu Longares (Tafel 18), der den Stempel
von Zaragoza tragt, Durchmesser der Kuppa und Höhe des Kelcbes zueinander
wie 1: l4/5, bei dem stark italienisch beeinflußten, der gleichen Zeit angehören-
den Kelch zu Caspe, der die Marke von Avignon zeigt, sogar bereits wie 1:2;
ein Verhältnis von Kuppadurchmesser und Kelchhöhe, das auch der aus der
Sammlung Spitzer stammende Kelch im Louvre zeigt. Im Verhältnis von 1: l4/5
stehen beide zueinander bei dem Kelch zu Alborga (Prov. Saragossa) aus dem
zweiten Viertel des i5. Jahrhunderts, bei einem Kelch zu Mumiesa aus der glei-
chen Zeit aber erscheint das Verhältnis sogar schon auf 1: 2l/s gesteigert. Bei
Kelchen aus dem Ende des i5. und dem frühen 16. Jahrhundert, wie bei zwei
spanischen Kelchen im Viktoria-und-AIbert-Museum zu London, (350) einem
spanischen Kelch in englischem Privatbesitz (351) u. a., wie auch bei portu-
giesischen Kelchen der gleichen Zeit in der Kathedrale zu Braga und im Mu-
seum zu Coimbra beläuft sich die Höhe derselben auf das Zweiundeinhalbfache
des Durchmessers der Kuppa. Auffallend konservativ scheint man bis in die
erste Hälfte des 16. Jahrhunderts hinein in England gewesen zu sein. Verhalten
sich doch nicht nur bei englischen Kelchen aus der zweiten Hälfte des id. Jahr-
hunderts, sondern selbst noch bei solchen aus der ersten Hälfte des 16. deren
Höhe und die Weite ihrer Kuppa zueinander wie 1: l1/» und 1 : la/.B Ganz ver-
einzelt steht ein Kelch zu Fernyhalgh (Lancaster) da, dessen Höhe das Doppelte
des Kuppadurchmessers beträgt. (352) Um den Anfang des 16. Jahrhunderts
standen, etwa von England abgesehen, wohl allgemein die Höhe der Kelche und
der Durchmesser ihrer Kuppa im Verhältnis von etwa 1: l*/s oder 1:2 zueinander.
(350) Catalogue of chalices TfL 16, n. 27und28. (351) Jackson 1,343. (352) Jackson341,
126 VASA SACRA, ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Der für das Gesamtbild der Kelche bedeutsame Wandel in dem zwischen ihrer Kuppa-
weite und ihrer Höhe bestehenden Verhältnis, infolgedessen sie leichter, schlanker erschei-
nen, energischer aufwärts streben, ist die Folge von Veränderungen, die mit der Kuppa,
dem Schaft und dem Fuß des Kelches im ii- und i5. Jahrhundert vor sich gingen. Die
Kuppa verlor an Weite, hier bei gleichbleibender, dort bei wechselnder Tiefe; so nament-
lich bei den italienischen Kelchen, deren Kuppa bisweilen eine Tiefe aufweist, die nur um
ein weniges geringer ist als deren Weite, aber auch bei Kelchen deutscher Herkunft, bei
denen namentlich im i5. Jahrhundert die Tiefe der Kuppa das Ein- bis Eineinhalbfache
des halben Durchmessers derselben darstellt. Schaft und Fuß aber nehmen nicht nur in sich
an Höhe zu, es kommt zu jenem oft auch noch ein zwischen ihn und den Fuß sich einschie-
bendes Zwischenstück und zu diesem, als eine Art Sockel, eine untere zweite, meist sehr
kräftig ausgebildete Zarge. Nicht immer wirkten freilich alle diese Umstände zusammen,
wie auch die Veränderungen, welche mit Kuppa, Schaft und Fuß vor sich gingen, nicht
überall im gleichen Schritt erfolgten. Sehr früh, schon in der ersten Hälfte des i4. Jahr-
hunderts, treten sie, wie schon gesagt wurde, bei den italienischen Kelchen auf, nur in
langsamem, aber nachhaltigem Umbildungsprozeß bei den Kelchen deutschen Ursprungs,
bei denen deshalb auch erst um das Ende des i5. Höhe und Kuppadurchmesser in einem
Maßverhältnis zueinander standen, wie es bei den italienischen Kelchen schon einundein-
halb Jahrhundert früher die Regel geworden war.
Ihren Grund hatten die Veränderungen, die mit Kuppa, Schaft und Fuß des Kelches und
damit zugleich mit dem für dessen Höhenwirkung so bedeutsamen Verhältnis von Kuppa-
durchmesser und Kelchhöhe im i!\., i5. und frühen 16. Jahrhundert vor sich gingen, eben-
sowenig in Wandlungen der Liturgie, wie die formale Umgestaltung, die um das Ende des
12. Jahrhunderts mit dem Kelche vor sich ging, eine Umgestaltung, deren Ergebnis dann
im i!\. durch einen neuen Umbildungsprozeß verdrängt wurde. Insbesondere wäre es durch-
aus verfehlt, wollte man das Aufgeben der für die Kelche des i3. Jahrhunderts kennzeich-
nenden Schalenform der Kuppa und die Wiedereinführung der Becherform mit dem Auf-
hören der Kommunion unter beiden Gestalten in Verbindung bringen, sie als deren Folge
ansehen. Becherform der Kuppa und Laienkelch haben miteinander nichts zu schaffen.
Wohl war bei einer größeren Zahl von Kommunizierenden ein Kelch mit einer entspre-
chend großen Kuppa erforderlich; was aber die Form anlangte, so konnte diese ebensowohl
becher- wie schalenförmig sein, wie denn auch zur Zeit, da die Kommunion unter beiden
Gestalten noch in voller Blüte stand, der Kuppa des Kelches nicht die Schalen-, sondern die
Becherform eigen zu sein pflegte. Der Umbildungsprozeß, der sich im i£. und i5. Jahr-
hundert mit der Form und den Maß Verhältnissen des Kelches vollzieht, ist lediglich eine
der Stufen in der formalen Entwicklung desselben; einer Entwicklung, die im Gegensatz
zur vorausgehenden Zeit, in der von einer solchen kaum etwas zu bemerken ist, im 12. Jahr-
hundert anhob, erst in der Zeit des Spätbarocks abschloß und auf jeder ihrer Stufen durch
die jeweils herrschende religiöse Kunst, deren Formensprache und den sie beseelenden
Geist in ihrer Richtung, ihrer Betätigung und ihren Auswirkungen bestimmt wurde. So ver-
hielt es sich auch im i"4. und i5. Jahrhundert unter der Herrschaft der späteren und spä-
testen Gotik. Die formale Beschaffenheit von Fuß, Schaft, Nodus und Kuppa der Kelche,
die damals entstanden, läßt das, wenn man letztere mit andern gleichzeitigen Schöpfungen
der Gotik, zumal den Werken der Goldschmiedekunst, vergleicht, in aller Klarheit zu Tage
treten.
Unter den Kelchen des 14. und i5. Jahrhunderts bilden die italienischen eine durch die
ihnen gemeinsamen Eigentümlichkeiten gekennzeichnete Sondergruppe, eine Gruppe, in der
zudem nicht nur die dem i.'t. Jahrhundert angehörenden Kelche, sondern auch noch die des
i5. formal wesentlich dasselbe Bild zeigen. Was die späteren von 6en früheren unterschei-
det, ist lediglich der Charakter des Ornaments, das bei den Kelchen des späteren i5. Jahr-
hunderts schon stark durch die Frührenaissance beeinflußt ist. Kennzeichnend für alle ist
die stets kegelförmige, im Verhältnis zur Weite meist sehr tiefe Kuppa, der niedrige, becher-
artige, nie einen Blätterkranz darstellende, oben geschweift oder zackig abschließende
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 127

Kuppakorb, der nie fehlt, der gedrungene, oft schwere Schaft, ein nicht minder schwerer,
nicht selten geradezu plumper, bei allem Ornament lebloser Kodus, weiterhin ein Zwischen-
stück zwischen Schaft und Fuß und endlich ein gleicherweise bei frühen und späteren Kel-
chen sechs-, selten achtpaßförmiger, mit Zacken zwischen den Pässen versehener und hoher,
meist überreich profilierter Zarge ausgestatteter Fuß. Wenn es irgendwelche Kelche gibt,
die dem Beschauer auf den ersten Blick ihre Herkunft verraten, dann sind das die italieni-
schen Kelche des i.'i. und r5. Jahrhunderts.

IV. DIE KELCIIFORM IN NACIIMITTELALTERLICHER ZEIT


Die Renaissance brachte, als sie auch beim Kelch eindrang, keineswegs sofort
eine formale Umbildung desselben. So verhielt es sich selbst in Italien, dem
Heimatland der Renaissance. Auch hier ist es zunächst nicht die Form des Kel-
ches, die durch sie eine Umwandlung erfährt, es sind das vielmehr das Ornament,
die Profilglieder der Fußplatte und des zwischen Fuß und Schaft eingeschal-
teten Zwischenstückes sowie das Blatt- und Rankenwerk, das Fuß, Schaft, No-
dus und Kuppa schmückte. Noch länger dauert es mit einer formalen Um-
gestaltung des Kelches dort, wo die Gotik anders als in Italien, den Künstlern
gleichsam in Fleisch und Blut übergegangen war und sich aufs tiefste in die
künstlerischen Anschauungen und das künstlerische Empfinden verankert hatte,
wo sie die traditionelle, alles künstlerische Schaffen, auch das Kunstgewerbe
beherrschende Sprache, die Renaissance aber eine aus dem Süden eingeführte
Neuerung, etwas Fremdes war. Hier tritt ein durchgreifender Wandel in der
Form des Kelches, von zunächst vereinzelt bleihenden Erscheinungen abge-
sehen, nicht schon unter dem Einfluß der früheren Renaissance, sondern erst
in der Zeit der Spätrenaissance und des Barocks ein, um dann im Spätbarock
die Form des Kelches, wie sie sich um das Ende des i5. Jahrhunderts heraus-
gestaltet hatte, allgemein zu verdrängen. Wiederum sind es auch in nachmittel-
alterlicher Zeit die Kelche deutscher Herkunft, die dank dem Umstand, daß sich
ihrer nicht nur aus dem 18., sondern nicht minder aus dem 16. und 17. Jahrhun-
dert eine fast unübersehbare Zahl erhalten hat, vornehmlich die durch das gegen-
seitige Durchdringen zweier so ganz verschieden gearteter Stile charakterisierte
formale Entwicklung des Kelches in nachmittelalterlicher Zeit widerspiegeln.
Vergleichen wir die irgendwie von der Renaissance und dem Barock beein-
flußten Kelche des 16., 17. und 18. Jahrhunderts mit den spätgotischen Kel-
chen des ausgehenden i5. und der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, so lassen
sich leicht drei Gruppen derselben unterscheiden: Erstens Kelche, die formal
noch ganz im Sinne der spätgotischen Kelche gebildet sind und nur in ihrem
Ornament hier mehr, dort weniger fremde ungotische Elemente aufgenommen
haben, zweitens Kelche, die darüber hinaus auch schon in der formalen Aus-
gestaltung der neuen Kunstsprache mehr oder weniger Rechnung tragen, im
großen und ganzen aber noch das Bild der spätgotischen Kelche bewahrt haben,
und drittens endlich Kelche, die nicht bloß ihren ornamentalen Schmuck ganz
der Renaissance oder dem Barock entlehnt haben, sondern auch in ihrer Form-
bildung unter völliger Aufgabe der gotischen Form oder doch nur unter Bei-
behaltung unwesentlicher Erinnerungen an dieselbe die Beschaffenheit ausge-
sprochener Renaissance- oder Barockkelche zeigen.
128 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Erste Gruppe. Sie umfaßt die gotisierenden Kelche. Als gotisierend dürfen
die ihr zugehörigen Kelche bezeichnet werden, weil sie bei allen Zugeständ-
nissen, die sie der Renaissance hinsichtlich ihrer ornamentalen Ausstattung
machen, formal bewußt und mit Absicht noch als Kelche von der Bildung spät-
gotischer Kelche gedacht und gewollt sind. Freilich ist es keine schöpferische
Gotik mehr, was uns in den Kelchen dieser Art entgegentritt. Es ist vielmehr
eine Gotik, die lediglich fortführt, was sie überkommen hat, also lediglich eine
traditionelle Gotik, ohne tieferes Verständnis für den Geist des Stiles und oft
genug ohne Sinn für fein abgewogene Verhältnisse, leichte, gefällige Linien-
führung und lebensvolle Formen. Die Kuppa hat in der Regel die Form eines
breitbodigen, nur mäßig nach oben zu sich erweiternden Bechers. Häufig sitzt
sie in einem oben mit einem Stäbchen und niedrigem Zackenkamm abschließen-
den, in der Sprache der Renaissance ornamentierten Korb. Der Schaft ist zu-
meist sechsseitig, seltener achtseitig oder rund. Am Nodus sind die Zapfen oft
durch flache rautenförmige Feldchen, durch Rosetten oder durch Engelsköpf-
chen ersetzt. Die den Nodus der spätgotischen Kelche oben und unten beleben-
den langgezogenen, mit Maßwerk verzierten Buckel sind zu kraft- und aus-
druckslosen flachen rundlichen (Tafel 3i und 3a) oder dreiseitigen Gebilden
geworden. Die Fußplatte ist in der Regel sechspaßförmig, seltener rund,
mehrseitig nur mehr vereinzelt, ausgenommen in Mecklenburg, wo noch im
17. Jahrhundert manche gotisierende Kelche mit mehrseitiger Fußplatte ent-
standen. (353) Zacken zwischen den Pässen weist ein Kelch in der Stadtkirche
zu Bützow in Mecklenburg-Schwerin auf (Tafel 32), häufiger kommen solche
noch zwischen den Pässen am Fuß gotisierender italienischer Kelche vor. Der
Fuß ist nicht selten übermäßig hoch, auch wenn er nicht zweistufig ist, wie das
gewöhnlich der Fall ist. Mit dem Schaft steht er nicht immer in organischem
Zusammenhang. Die Höhe der Kelche beträgt regelmäßig wenigstens das Dop-
pelte des Durchmessers der Kuppa. Das Ornament, mit dem Fuß, Schaft, Nodus
und Kuppakorb ausgestattet sind, ist bald ein Gemisch von Renaissance- und
mehr oder weniger entarteten gotischen Motiven (Tafel a5, 3i, 3a), bald aus-
schließlich der Renaissance entnommen (Tafel 3i, 3a, 33).
Am frühesten begegnen uns Kelche der ersten Gruppe in Italien; finden sich daselbst
doch deren bereits in der zweiten Hälfte des i5. Jahrhunderts, wenn nicht bereits früher,
was allerdings bei der Bedeutung, welche die Renaissance dort für alle Gebiete des künst-
lerischen Schaffens schon damals erlangt hatte, nicht Wunder nehmen kann. Eher könnte
auffallen, daß ihr Einfluß beim Kelch zunächst nur erst in einem Wandel des Orna-
ments, nicht aber auch alsbald in einer Umbildung seiner Form sich äußerte. Gotisierende
Kelche entstanden in MittelOiorditah'en bis tief in das 16. Jahrhundert hinein. Ein sehr be-
merkenswertes Beispiel aus dieser Zeit im Dom zu Nocera (Prov. Perugia) hat nicht nur
einen Fuß und eine Kuppa von ganz der herkömmlichen Bildung, er ist sogar noch mit
einem tempiettoartigen, wenn auch in die Formen der Renaissance gekleideten Nodus aus-
gestattet (Bild n).
Ungemein viele gotisierende Kelche wurden in Deutschland geschaffen. Es haben sich
deren hier noch allenthalben erhalten, im Westen wie im Osten, im Norden wie im Süden,
besonders aber in Pommern, Mecklenburg (Tafel 3a), Braunschweig, Brandenburg, Thürin-

| Vgl. oben S. 114.


Bild 2. Henkelkekb aus Gourdon. Bild 3. Kelch. Leningrad,
Paris. C';ihiin'i des Medailles. Eremitage.

~~yzma

Bild 4. Keleh. Silos. Bild ,"i. Kelch.


Santo Domingo. Ehemalige Sammlung Spitzer.
BildR KrfA. Medreln, erzbisAöflidie Hamkapelle. Bild9.Keldi. Isiiy.evuiigelisdu'I'farrkirdie.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 129

geii, Schlesien (Tafel3i und 3a), Sachsen (Freist.), Württemberg (Tafel 3a), Bayern, West-
preußen (Tafel 3i) und Ostpreußen (Tafel 33). Auch in Ungarn und Siebenbürgen gibt
es noch eine sehr erhebliche Zahl gotisierender Kelche. (354) Einzeln aufzuführen, was an
gotisierenden Kelchen deutschen Ursprungs noch vorhanden ist, ist wegen der überaus
großen Zahl derselben hier nicht angängig, aber auch nicht vonnöten, da die Denkmäler-
statistiken alle Auskunft über den heute noch vorhandenen Bestand an solchen bieten. In die
erste Hälfte des 16. Jahrhunderts reichen sehr wenige zurück. Auch tritt bei diesen wenigen
das Benaissanceornament nur erst sehr bescheiden auf. Weitaus die Mehrzahl gehört dem
späten iß. und dem frühen 17. Jahrhundert an. Seit der Mitte dea 17. Jahrhunderts ent-
standen dann freilich nur mehr vereinzelte. Wie die zahlreichen gotisierenden Kirchen, die
nicht bloß noch im ausgehenden 16. Jahrhundert, sondern selbst noch bis in den Beginn des
18. Jahrhunderts auf deutschem Boden entstehen, beweisen auch die vielen gotisierenden
Kelche dieser Zeit sinnfällig, wie tief gerade in Deutschland die Gotik Wurzel gefaßt hatte,
wie fest sie sich hier im künstlerischen Betrieb wie im künstlerischen Volksempfinden ver-
ankert hatte. Nirgendswo anders war es ihr vergönnt, in nachmittelalterlicher Zeit allen
Einflüssen von seiten der Renaissance und des Barocks zum Trotz ein so langes Nachlehen
zu führen wie in Deutschland. Bemerkenswert ist, daß es vornehmlich die nichtkatholischen
Gegenden Deutschlands waren, in denen bis in das 17. Jahrhundert hinein gotisierende
Kelche entstanden.
Auch in Spanien, Portugal und Frankreich haben sich vereinzelt gotisierende Kelche aus
dem 16. Jahrhundert erhalten, doch wurden solche hier rascher und gründlicher, wie es
scheint, durch Kelche der beiden andern Gruppen abgelöst. In Belgien gibt es einen goti-
sierenden Kelch aus der Zeit um 1600 noch in St. Waudru zu Mons, einen anderen von
etwa i63i in St-Boniface zu Ixelles. (355) In England finden sich zwei gotisierende Kelche
von 1660 und 1661 in der St. Georgskapelle zu Windsor, ein anderer mit achtseitigem Fuß
von 1676 zu Ashby de la Zouch (Leicester). (856)

Zweite Gruppe. Zar zweiten Gruppe zählen jene Kelche des 16. und des
17. Jahrhunderts, bei denen nicht nur das Ornament Renaissance- oder Barock-
charakter trägt, sondern auch die Form schon mehr oder weniger im Sinne der
Renaissance oder des Barocks umgestaltet erscheint, jedoch so, daß sie als Gan-
zes betrachtet noch immer bis zu einem gewissen Grade deutlich das traditio-
nelle Bild eines gotischen Kelches zeigt. Die zu ihr gehörenden Kelche nehmen
eine Mittelstellung ein zwischen denen der ersten und denen der dritten Gruppe.
Gotisierend können sie nicht mehr genannt werden, weil sie nicht nur in ihrer
ornamentalen Ausstattung, sondern auch in ihrer formalen Bildung zuviel des
Ungotischen zeigen und ihre Form fast nur mehr in ihrer Gesamterscheinung
an die Gotik erinnert. Der dritten Gruppe aber können sie nicht zugerechnet
werden, weil sie formal sich nur erst teilweise, nicht in allem, den ausgespro-
chenen Renaissance- und Barockkelchen angeglichen haben. Ihre Eigenart zeigt
sich besonders in der Bildung des Schaftes, des Nodus und des Fußes. Die
Kuppa beharrt wenigstens bei den älteren Kelchen der Gruppe bei der gerad-
wandigen, breitbodigen Becherform der Kuppa der spätgotischen Kelche; eine
Krümmung nach außen zeigen durchweg erst die späteren, nicht mehr von der
Renaissance, sondern vom Barock beeinflußten Kelche. Die über und unter dem
Nodus angebrachten Schaftstücke bauchen sich entweder aus, wie z. B. bei einem
Kelch im Priesterseminar zu Brügge (Tafel 33) und einem gleichartigen Kelch
(354) Vgl. Viktor Roth, Kunstdenkraäler in den sächsischen Kirchen Siebenbürgens
(Herraannstadt 1922). (355) L. und F. Croot, L'orfövr. relig. en Belgique depuis la fin du
XV. siede (Bruaelles 1911) pl. III und VII. (356) Jacksos f, 429, 433.
BRACX, DAS CHRISTLICH!: ALTARGERÄT 9
130 VASA SACRA. ERSTER ABSCHMTT, DER KELCH

in St. Pholien zu Lüttich (Tafel 34) sowie im Museo archeologico zu Mailand,


bei denen Schaft und Nodus erst auf dem Wege der Umbildung zum Vaseir-
schaft der Renaissance- und Barockkelche stehen, einem goldenen Kelch in der
Kathedrale zu Evora von 1587 und einem Prachtkelch im Museo de arte reli-
giosa zu Coimbra, um auch portugiesische zu nennen, oder sind in Einziehungen
und Ringe aufgelöst, wie bei einem Kelch im Landeshospital zu Paderborn.
Zwei achtseitige Tempelchen in Renaissanceformen stellen die beiden Schaft-
stücke eines eigenartigen, keineswegs wohlgestalteten Kelches in Couvent du
Refuge zu Tours dar, ein größeres mit Relieffiguren besetztes unterhalb des
runden, mit acht Zapfen ausgestatteten Nodus und ein kleineres ohne Figuren-
schmuck oberhalb desselben. (357) Zu einer Vase verschmolzen sind Schaft und
Nodus schon bei einem Kelch der zweiten Gruppe im Museum zu Lissabon, der
an dem Nodus die Jahreszahlen i546 und i5^7 zeigt, und einer der frühesten
Kelche dieser Art sein durfte. (358) Als Kelche der zweiten Gruppe mit vasen-
förmigem Schaft aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts seien beispiels-
weise genannt ein Kelch von i6i5 im Dom zu Salzburg, (359) ein Kelch von
1627 in der ehemaligen Jesuitenkirche zu Paderborn (Tafel 33), ein Kelch mit
seltenem sechsseitigen Fuß in der Reichen Kapelle zu München, ein schmuck-
loser, aber formschöner Kelch im Landeshospital zu Paderborn, (360) sowie
ein mit Drahtemail und Edelsteinen prächtig geschmückter Kelch im Dom zu
Neutra (Tafel 38). Eine grobe Geschmacklosigkeit und Verirrung ist es, wenn
bei zwei Kelchen der zweiten Gruppe zu Gressow und Lübtheen in Mecklen-
burg-Schwerin der Nodus einen Totenkopf darstellt. (361) Bei spanischen Kel-
chen, wie z. B. bei einem Prachtkelch in der Kathedrale zu Valencia (Tafel 35)
und einem aus dem Jahre i54o, stammenden Kelch im Viktoria-und-Albert-
Museum zu London (362) sind Schaft und Nodus ähnlich wie bei späteren spa-
nischen Barockkelchen zu einem Gebilde geworden, das an den Schaft eines
plateresken Kandelabers erinnert. Das Zwischenstück zwischen Schaft und Fuß
ist bisweilen durch eine runde, wulstig profilierte Scheibe ersetzt (Tafel 33).
Die Fußplatte ist gleich der der spätgotischen Kelche auch bei den Kelchen der
zweiten Gruppe gewöhnlich sechspaßförmig, seltener rund oder achtpaßförmig,
sechsseitig aber nur ausnahmsweise. Einen Vierpaß mit spitzen Zacken zwischen
den Pässen stellt ebenfalls als Ausnahme die Fußplatte der beiden Kelche im
Landeshospital zu Paderborn dar. Sie ist in der Regel zweistufig, doch ist in
diesem Fall die Zarge der unteren Stufe nicht mehr gekehlt, sondern wulst*-
artig. Auch ist die untere Stufe dann meist nicht mehr Nebenstufe, sondern
Hauptstufe, die obere aber ist zur Nebenstufe, oft sogar zu einem niedrigen,
schwachen Trennungsglied zwischen der neuen Hauptstufe und dem Fußhals
verkümmert (Tafel 36). Hauptstufe und Fußhals verleihen in solchen Fällen
zusammen dem Fuß eine glockenförmige Gestalt. Aber auch dann, wenn die
Zarge der Fußplatte unverändert blieb, gab man gern dem von der Fußplatte
(357) Leon Palistbe, Melange» d'art et archeol. (Tours 1889) pl. VI.
(858) Abb. in Esmeralda, Jahrg. 1927, n. 29, S. 4. (359) Abb. bei We^g artner 216.
(360) Kd. von Westfalen, Kr. Paderborn, 120, wo auch der vorhin genannte Kelch des
Landeshospitals abgebildet ist. (361) Kd. von Mecklenburg-Schwerin II, 310; III, 147.
(362) Catalogue of chalices Tf 1. 22, n. 45.
VIERTES KAPITEL. FORM. 111. DER HENKELLOSE KELCH 131

aufsteigenden Fußhals anstatt des bei den spätgotischen und auch noch bei den
gotisierenden Kelchen üblichen Profils eines gerad- oder konkavseitigen Kegels
ein karnies- oder glockenförmiges Profil (Tafel 34).

Ihrer Form nach sind die Kelche der zweiten Gruppe, wie vorhin gesagt wurde, ein Mit-
telding zwischen denen der ersten und denen der dritten Gruppe. Es wäre aber unzutref-
fend, in ihnen eine Vorstufe für die Kelche der dritten zu sehen. Sie sind vielmehr eine
mehr oder weniger umfassende Angleichung an diese letzteren. Sie stehen darum auch zeit-
lich betrachtet nicht zwischen den Kelchen der ersten und dritten Gruppe, sie treten viel-
mehr etwas später als diese letztere auf, gehen ihr aber dann parallel, so daß neben Kel-
chen der ersten und dritten Gruppe auch solche der zweiten entstehen. ^\"ur behaupten sich
diese letzteren etwas länger als die gotisierenden Kelche. Werden ihrer doch noch bis ins
18. Jahrhundert manche geschaffen.
Die Maßverhältnisse der Kelche der zweiten Gruppe sind die gleichen wie die der Kelche
der ersten. Auch bei ihnen verhält sich die Weite der Kuppa zur Kelchhöhe wie 1: 2,1: 21/*
oder 1: 2y3. Ihr Fuß erscheint infolge seiner glockenförmigen Bildung meist schwerer und
massiger als der der Kelche der ersten Gruppe.
Beispiele von Kelchen der zweiten Gruppe finden sich nicht bloß in Deutschland, sondern
wie von denen der ersten allenthalben, wo es eine gewisse Weile gedauert hat, bis die Gotik
nicht nur in der Sprache des Ornaments, sondern auch in der formalen Gestaltung des Kel-
ches überwunden war, aber darum freilich vor allem in Deutschland, wo sie unter den
Kelchen, die dort bis ins frühe 18. Jahrhundert entstanden, in großer Zahl vertreten sind.
Von nichtdeutschen Ländern sind Ungarn und Siebenbürgen am reichsten an Kelchen der
zweiten Gruppe. 'Beispiele in Belgien wurden schon im "Vorausgehenden erwähnt.

Dritte Gruppe. Sie umfaßt die Renaissance- und Barockkelche, das ist alle
jene Kelche des 16., 17. und 18. Jahrhunderts, bei denen die Renaissance und
das Barock voll zum Durchbruch gekommen sind, die also nicht wie die Kelche
der ersten Gruppe, lediglich im Ornament, in ihrer formalen Bildung aber ent-
weder noch gar nicht oder, wie die der zweiten, nur erst teilweise von denselben
beherrscht werden. Sie treten, wie übrigens begreiflich, am frühesten in Italien,
dem Mutterland der Renaissance, auf und zwar werden die ersten ihrer Art
wohl noch in das rö. Jahrhundert zurückgehen. Zeigt doch schon ein Kelch im
Museum zu Lissabon, der laut Inschrift i5i3 von Georg von Almeida, Bischof
von Coimbra, seiner Kathedrale geschenkt wurde (363) und entweder aus Ita-
lien stammt oder doch auf italienische Vorbilder zurückgeht, den Typus voll aus-
gebildet. Ein frühes italienisches Beispiel ist ein Kelch von um i5oo in Sa. Agata
zu Cremona. Allerdings war auch in Italien der Wandel kein plötzlicher, viel-
mehr entstanden, w'ie schon gesagt wurde, eine geraume Zeit lang auch noch
Kelche der ersten und zweiten Gruppe, zumal in Venedig wie überhaupt in
Norditalien, wo man von der Wiege des neuen Stiles weiter entfernt und zu-
gleich von der diesseits der Alpen herrschenden deutschen Spätgotik stärker
beeinflußt war, als im mittleren und südlichen Italien. Kennt doch noch die
Instructio fabricae ecclesiae des heiligen Karl Borromäus Kelche mit acht- und
sechswinkeligem Fuß, das ist Kelche mit Fuß wie er im x§. und i5. Jahrhun-
dert die Regel gewesen war. Auf das gleiche weist auch hin, was sie über die
(363) Abb. in Esmeralda 1927, n. 29, S. 4.
132 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Form der Kuppa sagt. (364) Im endenden 16. Jahrhundert hatte indessen je-
denfalls allenthalben auf italienischem Boden die Renaissance beim Kelch nicht
nur die frühere Ornamentationsweise, sondern auch die zwei Jahrhunderte hin-
durch andauernd für ihn maßgehende Formgestaltung verdrängt.
Außerhalb Italiens dürfte die neue Kelchform das ganze 16. Jahrhundert
hindurch nur wenig Verbreitung gefunden haben, selbst in Portugal, obwohl
hier bereits der i5i3 vom Bischof Georg von Almeida seiner Kathedrale ge-
stiftete Kelch sie aufwies. Gehören doch ein goldener Kelch im Museum zu
Coimbra, den Bischof Johannes Soares (f löya) seiner Kathedrale stiftete,
ein Kelch von i546/47 im Museum zu Lissabon, (365) sowie ein zweiter Kelch
im gleichen Museum, der etwa derselben Zeit entstammt, alles Prachtkelche,
noch der vorhin behandelten zweiten Gruppe an. Am längsten währte es in
Deutschland, bis dort die Renaissance in aller Beziehung, also nicht nur hin-
sichtlich des Ornaments, sondern auch hinsichtlich der formalen Gestaltung
unter völliger Verdrängung der herkömmlichen spätgotischen Form beim Kelch
durchdrang. Während in Frankreich, Spanien und Belgien der neue von Italien
her eingedrungene Stil wohl schon im zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts all-
gemein Ornament und Form des Kelches bestimmte, kam er dort bei demselben
erst im späten 17. Jahrhundert voll zur Herrschaft, also erst zu einer Zeit, da
die Renaissance schon längst durch den Barock abgelöst worden war. Allerdings
entstanden auch in Deutschland bereits seit der Frühe des Jahrhunderts Kelche,
bei denen alle Erinnerung an die Gotik verschwunden war, Kelche, die ganz, auch
formal im Geist und in der Sprache der Renaissance gedacht und ausgeführt
sind. So ein Kelch von 1602 zu Stuhm in Westpreußen, (366) ein Kelch von
1608 im Domschatz zu Breslau (Tafel 38), ein Kelch von 1609 in der Kirche zu
Goldberg in Mecklenburg, (367) ein Kelch von 1612 in der Stiftskirche zu
Aschaffenburg (368) und ein durch sein Email bemerkenswerter Kelch von
1621 im Stift St. Peter zu Salzburg. (369) Allein häufiger werden solche in
Deutschland erst gegen die Mitte des 17. Jahrhunderts, doch steht auch jetzt
noch ihre Zahl im Vergleich zu den Kelchen der ersten und zweiten Gruppe er-
heblich zurück. Anders wird die Sache dann freilich im letzten Viertel des Jahr-
hunderts. Zwar entstehen, wie schon gesagt wurde, auch noch im 18. Jahrhun-
dert Kelche, die mehr den Typus der Kelche der zweiten Gruppe als den eines
Barockkelches verkörpern, doch verschwinden solche Nachblüten vollständig
in der Menge der Barockkelche, wie sie nun allenthalben in Deutschland ge-
schaffen wurden, nicht zum wenigsten dank dem vorbildlichen Einfluß, den die
überaus zahlreichen Kelche dieser Art, welche in den Goldschmiedewerkstätten
Augsburgs und Wiens, den damaligen Hauptsitzen der deutschen Goldschmiede-
kunst, entstanden und von dort in alle Teile Deutschlands wanderten, weithin
ausübten.
(364) AA. Eccl. Mediol. (Milano 1599): Pes ampla pro illius amplitudine ita pateat, nt
cadere non queat; forma autem aut octangula aut sexangala aut alia eiusmodi sit... Cupa
aliquantulum in fundo angusta sensim usque ad summ um labrum latior fiat. Labrum sit
eiusmodi, ut neque extrinsecus neque intrinseeus ullo modo reflectatur,
(365) Abb. in Esmeralda 1927, n. 29 S. 4. (366) Kd. von Westpreußen III. 391.
(367) Kd. von Mecklenburg-Schwerin IV, 348. (368) Kd. von Bayern, Unterfranken.
19, 101. (369) Abb. bei Weing artner 187.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 133

Der Typus, den die Kelche der dritten Gruppe in formaler Hinsicht zeigen,
ist von Anfang an bis zu den letzten Beispielen aus dem Beginn des 19. Jahr-
hunderts im wesentlichen nur einer, so verschieden auch auf den ersten Blick
die Renaissancekelche, die Kelche des Barocks, des Rokokos, des Klassizismus,
und des Empire anmuten.
Charakteristisch ist für alle Kelche der dritten Gruppe, gleichviel welchem Sonderstil sie
angehören, das Verhältnis, in dem Kelchhöhe und Weite der Kuppa zueinander stellen.
Schon bei den Renaissancekelchen beträgt jene regelmäßig wenigstens das Doppelte des
Durchmessers der Kuppa. Bei den Barockkelchen aber steigert sich dann das Verhältnis bei-
der noch mehr zugunsten der Höhe des Kelches. Kuppaweite und Kelchhöhe verhalten sich
nun zueinander wie 1: 21/s, 1: 23/i, ja nicht selten wie 1: 3 oder gar wie 1: Q/i und so
bleibt es bis in den Beginn des 19. Jahrhunderts. Die absolute Höhe der Kelche der dritten
Gruppe schwankt für gewöhnlich zwischen 20 und 25 cm, doch sind auch Kelche von 27 bis
3o cm Höhe nicht selten. In einzelnen Fällen beträgt diese sogar, und zwar schon bei Kel-
chen aus dem Ende des 17. Jahrhunderts, noch weit mehr wie bei einem 38 cm hohen Kelch
in Notre-Dame zu Courtrai, das ist das Doppelte der Nonnalhöhe der Kelche des il\. und
i5. Jahrhunderts.
Die Kuppa ist entweder, doch seltener, halb ei form ig (Tafel 38, Bild 9), oder, und zwar am
gewöhnlichsten, von der Gestalt eines mit breitem, abgerundeten Boden versehenen, nur
mäßig nach oben sich erweiternden Bechers vom Typus der Kuppa, wie er sich bei den spät-
gotischen Kelchen um den Ausgang des Mittelalters einbürgerte. (370) Im zweiten Fall biegt
sie sich häufig, zumal bei Kelchen des 18. Jahrhunderts, mehr oder weniger auswärts, so
daß ihr Profil statt eine gerade Linie eine flache Welle darstellt. Kelche mit Kuppa, die
sich oben stark nach außen krümmt, hat man wegen der Ähnlichkeit der letzteren mit einer
voll aufgeblühten Tulpe Tulpenkelche genannt. Es waren keine praktischen Erwägungen
und Zwecke, welche diese Kelche schufen — bei stärkerer Ausladung der Kuppa war die-
selbe sogar zum Gebrauch wenig geeignet —, sondern lediglich ästhetische und stilistische.
Man wollte die Kuppa dadurch, daß man ihr ein geschweiftes Profil gab, den bewegten
Formen des Fußes einigermaßen angleichen.
Sehr gewöhnlich ist die Kuppa mit einem Korb versehen. Selbst bei einfachen Kelchen
ist sie nicht selten mit einem solchen ausgestattet, bei reicheren fehlt er kaum je. Von dem
Kuppakorb spätgotischer Kelche unterscheidet sich derjenige der Renaissance- und Barock-
kelche oft dadurch, daß er sich nicht eng an die Form der Kuppa anschließt, sondern sich
bald stärker, bald schwächer ausbaucht (Tafel 34ff.). Insbesondere sind es die Barockkelche
des 18. Jahrhunderts, bei denen der Korb eine solche Ausbauchung zeigt (Tafel 34,36,37). Sie
ist bisweilen so stark, daß die Kuppa geradezu an die nach unten zu sich ausbauchende Kuppa
der Kelche älterer Zeit erinnert, nur ist im Unterschied von dieser nur der Korb, nicht die
Kuppa selbst ausgebaucht. Der Korb ist bald durchbrochen, bald undurchbrochen und reicht
bis etwa zum oberen Drittel der Kuppa. Bei den Kelchen der Renaissance und des frühen
Barocks schließt er gewöhnlich oben mit einem Stäbchen oder Riemchen, zu denen meist
noch eine Art von Kamm kommt, ab (Tafel 36, 37, 38, 3g), ähnlich wie bei vielen spät-
gotischen Kelchen, seit dem zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts jedoch, zumal zur Zeit
des Rokoko mit willkürlich bewegter, bald auf- bald niedersteigender, aus der Form des
Ornamentes der Kuppa sich ergebender Kontur (Tafel 36, 3g). Erst in der Zeit des späten
Klassizismus und Empire nimmt der obere Abschluß des Korbes wieder eine ruhigere, regel-
mäßigere Gestalt an (Tafel 4o).

Nodus und Schaft sind bei den Kelchen der dritten Gruppe stets zu einem ein-
heitlichen Gebilde verwachsen, das bei spanischen Kelchen oft an den Schaft
eines Kandelabers erinnert (Tafel 35), sonst aber das Bild einer Vase bietet,
(370) Vgl. oben S.W.
134 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

dergestalt, daß aus dem unteren Schaftstück der Fuß derselben, aus dem oberen
ihr Hals, aus dem Nodus ihr Bauch geworden ist. Fuß und Hals der Vase sind
bald schlanker, bald gedrungener, bald reicher, bald einfacher gegliedert. Ab-
gesehen von den Kelchen des Rokokos sind beide der Regel nach rund. Der
Bauch der Vase ist mannigfaltig gestaltet. Hier gedrückt kugelig, herzförmig
oder oval, zeigt er anderswo und zwar mit Vorliebe Birnenform mit bald tief-
einschneidender, bald nur schwacher Einziehung, bei Kelchen des Spätbarocks
aber ist er oft drei- oder vierseitig' mit kräftig vortretenden Ecken (Tafel 34
und 3g). Ein frühes Beispiel eines Kelches mit dreiseitigem Vasenschaft bietet ein
von Kaiser Ferdinand III. gestif teter Prachtkelch im Kloster Montserrat (Bild 12).
Das den Schaft von dem Fuß scheidende Trennungsglied ist sehr häufig zu
einer Fußplatte der Vase geworden. Bei den Renaissancekelchen zeigt die Vase
eine vornehme, ruhige, ebenmäßig sich aufbauende Bildung (Bild i5). Bei den
Barockkelchen ist die Vase freier, bewegter, wenn auch noch nicht gesetzlos ge-
staltet. Erst das einer sachlichen Struktur abholde Rokoko sprengt alle Fesseln
und Regeln. Die Vasenform verkümmert in ihm nicht selten fast bis zur Un-
kenntlichkeit, wird zu einem willkürlichen Gebilde phantastischer Muschel-
schnörkel, die ohne Trennung in regellosem Spiel aus dem Fuß zur Kuppa auf-
steigen und nur noch durch eine Schwellung an den Nodus erinnern (Tafel 39).
Es sind übrigens fast nur süddeutsche Kelche, bei denen uns diese äußerste Ent-
artung des vasenförmigen Schaftes begegnet. Eine lange Dauer war dem Trei-
ben des Rokokos allerdings nicht beschieden; denn der schon bald einsetzende
Klassizismus räumte auch in der Bildung des Schaftes mit den Willkürlich-
keiten des Rokokos wieder auf (Tafel 3p, und 4o). Schaft und Nodus werden
wieder, wie im Barock, zu einer organisch sich aufbauenden Vase. Unter der
Herrschaft des nüchternen Empires entstanden Kelche, deren Schaft ein säulen-
artiges Gebilde, bei dem das Kapitell den Nodus vertrat, darstellte.
Was den Fuß der Renaissance- und Barockkelche von dem der gotischen
Kelche unterscheidet und ihn kennzeichnet, ist die Eigentümlichkeit, daß er
nicht mehr wie diese die Form eines gerad- oder konkavseitigen Kegels darstellt,
sondern glockenförmig gewölbt ist, das Profil eines verkehrt fallenden Karnies
zeigt, hier, wie bei italienischen (Tafel 35, Bild 15) und spanischen Kelchen
(Tafel 35) eines niedrigen, flacheren, anderswo, wie bei den deutschen, französi-
schen (Tafel 37, Kelch im Dom zu Köln), belgischen und ungarischen eines höher
schlanker ansteigenden Karnies (Tafel 34,36,37). (371) Erst bei Empirekelchen
(Tafel 4o) stellt sich wieder der kegelförmig gestaltete Fuß ein. Schon bei
Kelchen der zweiten Gruppe begegnet uns ein glockenartig gebildeter Fuß, je-
doch noch nicht als Regel wie bei denen der dritten. Unten schließt den Fuß ein
Horizontalrand oder ein zargenartiger, schräger, im Sinne der Renaissance und
des Barocks, bei Kelchen des Spätbarocks und des Rokokos oft in der üppigsten
und willkürlichsten Weise profilierter Hochrand ab. (372)
(371) Vgl. auch Witte, Tfl. 8 und 9, wo eine größere Zahl im Scfmütgenmuseum befind-
licher, zumeist dem Westen Deutschlands entstammender einfacher Kelche der gleichen Art
abgebildet ist. (372) Beispiele für beides auf Tafel 34ff.
VIERTES KAPITEL. FORM. 111. DER HENKELLOSE KELCH 135

Seiner Form nach ist der Fuß der Kelche der dritten Gruppe bald rund, zumal bei fran-
zösischen, italienischen und spanischen Reichen der Renaissance und des frühen Barocks,
sowie später wieder bei Kelchen des Empires, bald, bei deutschen Kelchen am gewöhnlichsten,
in Erinnerung an den Fuß der spätgotischen Kelche sechs- oder achtpaßförmig, nur daß
die Pässe nunmehr flacher, ausdxucks- und kraftloser sind, wenn aber rund, nur mehr
Kreissegmente darstellen, bald endlich besteht sein Rand aus willkürlich geschweiften, durch
kürzere geradlinige, gekrümmte oder winkelige Zwischenstücke getrennten Abschnitten. So
besonders in der Zeit des Spätbarocks und des Rokokos, in der oft genug nicht mehr die
Form des Fußes für die Art seiner ornamentalen Ausstattung bestimmend war, sondern
umgekehrt das aller Regelhaftigkeit bare Ornament dem Umriß des Fußes seine Gestalt gab.
Die Abbildungen auf Tafel 34—3g bilden für das Gesagte reichlich Belege. Wie willkür-
lich man unter der Herrschaft des Spätbarocks und des Rokokos vorging, zeigen manche
Kelche dieser Stile, bei denen der Hoehrand des Fußes ganz anders gestaltet ist, als dieser
selbst (Tafel 35, 36, 39). Bemerkenswert ist die starke Ausladung, welche der Fuß beson-
ders bei den Barockkelchen des späten 17. und des 18. Jahrhunderts gegenüber der Kuppa
zeigt. Beträgt doch sein Durchmesser regelmäßig wenigstens das Eineinhalbfache, ja oft
das Einzweidrittelfache oder Ein dreifünftel fache, nicht selten sogar das Einvier fünftelfache
oder das Doppelte des Durchmessers der Kuppa. (373) Ihren Grund hatte diese starke Aus-
ladung des Fußes in der großen Höhe der Kelche. Um angesichts dieser Höhe dem Kelch
die nötige Standfestigkeit zu geben, verbreiterte man entsprechend den Fuß, indem man
ihm einen größeren Durchmesser gab, freilich auf Kosten einer gefälligen Wirkung des
Kelches. Stand doch bei Kelchen dieser Art der breite und dazu oft noch überhoch sich wöl-
bende, wie aufgedunsene Fuß in keinem Verhältnis mehr zu der den Schaft bekrönenden
kleinen Kuppa. Zu keiner Zeit sind Kelche von so unschönen, ungefälligen Maß Verhältnissen
geschaffen worden, wie unter der Herrschaft des Spätbarocks und des Rokokos. Man suchte
die Wirkung des Kelches in etwas anderem, als in einer edlen, harmonisch gestalteten Form,
in einer möglichst prunkvollen ornamentalen Ausstattung nämlich. Sie ist es darum auch,
nicht die Form, welche den Renaissance- und Barockkelchen ihren künstlerischen Wert ver-
leiht, wofern nur das Ornament der Form sich genügend unterordnet, in maßvollen Gren-
zen sich hält und sich vor wilden, wirren Bildungen hütet. Der Wechsel, der sich in der for-
malen Bildung der Kelche der dritten Gruppe im Laufe des 16., 17. und 18. Jahrhunderts
vollzieht, schafft keine neuen Typen, sondern ist nur eine Abwandlung der einen vorhin
skizzierten Grundform; eine Abwandlung, die freilich von einer Mannigfaltigkeit ist, wie
sie uns bei den mittelalterlichen Kelchen nie entgegentritt. Diese Mannigfaltigkeit offen-
baren aber, wenn nebeneinandergestellt, nicht bloß die Kelche verschiedener Entstehungs-
zeiten, sondern auch die Kelche von gleichem oder annähernd gleichem Datum. Ihren
Grund hat sie zum Teil in dem im 16., 17. und 18. Jahrhundert allzu rasch sich vollziehen-
den Stilwandel, der mit der Renaissance beginnend, über das Frühbarock, das Spätbarock
zum Rokoko führend, zuletzt mit dem Klassizismus und Empire endete; doch keineswegs
in ihm allein, sondern ebensosehr in der schrankenlosen Freiheit und Willkür, mit der die
Goldschmiede jener Zeit, zumal die des Spätbarocks und des Rokokos, die jeweils herrschen-
den Stilwandel, der mit der Renaissance beginnend, über das Frühbarock, das Spätbarock
jektiven Empfindung behandelte und umgestaltete, ohne freilich im wesentlichen den Bo-
den des betreffenden Stiles zu verlassen. Dabei ist für die Kelche des deutschen Rokokos
das Bestreben, die einzelnen Teile des Kelches auf Kosten des struktiven Gedankens ohne
Trennung ineinander übergehen zu lassen, den Fuß in den Schaft, den Schaft in die Kuppa,
kennzeichnend. Bisweilen äußert es sich in einem Maße, daß der Kelch geradezu eine bizarre
Gestalt erhält. Daß auch die Eigenarten, welche Renaissance, Barock und deren Ausläufer
in den verschiedenen Ländern zeigten, Eigenarten, die bei den nachmittelalterlichen Stilen
stärker sich ausprägten, als je bei den mittelalterlichen, einen nicht geringen Einfluß auf
die so weehselvolle Gestaltung des nachmittelalterlichen Kelches hatten, braucht kaum ge-
sagt zu werden.

(373) Vgl. die Abbildungen auf Tafel 34 ff.


136 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Eine besondere Entwicklung nahm der Kelch bei den Reformierten. Während
die Lutheraner an der traditionellen Form des Kelches festhielten, nur daß sie
wegen der Abendmahlsfeier unter beiden Gestalten der Kuppa größere Abmes-
sungen gaben, wandelte sich bei jenen der Kelch in einen, den profanen Pokalen
nachgebildeten, oft mit Deckel versehenen Pokal um (Tafel ßo). Der Deckel
aber war nicht selten so beschaffen, daß er als Patene benutzt werden konnte;
eine Einrichtung, die besonders bei englischen Abendmahlskelchen des 17. und
18. Jahrhunderts häufig ist. Nach lutherischer Lehre ist Christus zwar nicht
schon durch die Konsekrationsworte und vor dem Genuß des Abendmahlsweines
in diesem wirklich und substanziell gegenwärtig, wohl aber im Augenblick des
gläubigen Empfanges desselben. Für die Lutheraner hatte darum der Kelch
immer noch einen gewissen sakralen Charakter als Mittel nämlich zum wirk-
lichen Empfang Christi. Nach der Lehre der Reformierten kann dagegen in
keiner Weise von einer wirklichen Gegenwart im Sakrament die Rede sein. Die
Feier des Abendmahles ist vielmehr nur Gedächtnismahl, nur Bekenntnis der
Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft, Ausdruck des Gemeinschafts-
geistes — poculum charitatis steht darum auf einem englischen Kelch—, (374)
nur Pfand der Gnade für die Brot und Wein gläubig Genießenden. Der Kelch ist
darum auch in der Abendmahlsfeier der Reformierten nicht weiter mehr ein sa-
krales Gerät, sondern letztlich nicht viel mehr und nicht viel anders als ein
profaner Pokal.
Mit der Form, welche der Kelch im Spätbarock, im Klassizismus und Empire
erhielt, hatte die formale Entwicklung des Kelches ihr Ende erreicht. Die Folge-
zeit hat keinen neuen Kelchtypus geschaffen. Man beschied sich vielmehr zu-
nächst damit, den aus dem 18. Jahrhundert überkommenen Typus im wesent-
lichen unverändert weiterzuführen und so ist es in Italien, Spanien und Portugal
sowie in den von den letztern vordem abhängigen Gebieten Mittel- und Süd-
amerikas bis heute geblieben. In Frankreich, England, Belgien und Deutschland
setzte dann freilich um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine lebhafte Bewegung
ein, die zum Ziele hatte, sich von der durch Renaissance und Barock geschaf-
fenen Kelchform frei zu machen, nicht freilich durch Weiterentwicklung der-
selben zu einem neuen Typus, die allerdings auch sehr schwierig, um nicht zu
sagen unmöglich gewesen wäre, sondern durch Wiederaufnahme der mittel-
alterlichen Kelchform. Zu einem herrschenden Typus führte sie jedoch nir-
gends; konnte sie ja nicht einmal da, wo sie eingesetzt hatte, trotz großer Er-
folge allgemein werden, alle Kreise erfassen. Begreiflich übrigens. War die
Wiedererneuerung der mittelalterlichen Kelchform ja doch keine Frucht einer
natürlichen Entwicklung, sondern lediglich ein künstlicher Versuch, eine bes-
sere Kelchform einzuführen. Außerdem aber war es nicht ein bestimmter der
mittelalterlichen Kelchtypen, den man wiederzuerneuern suchte, kein Typus,
der den Ausgangspunkt für eine weitere Entwicklung hätte bilden können, son-
dern bald der eine, bald der andere, je nachdem man sich mehr für diesen oder
jenen erwärmte. Bald war die allerdings klassische Kelchform des späten 12.
und i3. Jahrhunderts vorbildlich, bald schloß man sich an eine der Kelch-
(374) Catalogue of chalices Tfl. 4, b.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 137

formen des i4- und des frohen i5. Jahrhunderts an, bald endlich wiederholte
man diejenigen des späten i5. und des beginnenden 16. Jahrhunderts, ein
Eklektizismus, der besonders darum auch das Entstehen von Typen erschweren
mußte, weil er vielfach mehr von subjektiven Momenten als von zielbewußten
Grundsätzen und Normen bestimmt wurde und weil die Nachahmung der mittel-
alterlichen Kelchformen oft genug von wenig Verständnis derselben begleitet
wurde und auch deshalb häufig eine recht willkürliche und eine bloß äußer-
liche war. Noch mehr aber als dieser Eklektizismus mußte die Bildung be-
stimmter Typen der Umstand hindern, daß, wie die Herstellung so vieler an-
derer kirchlicher Geräte, so namentlich auch die der Kelche in der zweiten
Hälfte des Jahrhunderts im weitesten Umfang industrialisiert und mechanisiert
wurde, daß sie aus den Goldschmiedewerkstätten in die Fabriken und die soge-
nannten Anstalten für kirchliche Kunst überging und die Kelche infolgedessen
Handels- und Dutzendware wurden.
Das ausgehende ig. und das beginnende 20. Jahrhundert werden durch die
Suche nach neuen Kelchformen gekennzeichnet, die sowohl die noch immer
nicht ausgestorbene Barockkelchform, wie die neumittelalterlichen Kelchfor-
men ersetzen sollten. Formen, die irgendwelche Aussichten haben, sich all-
gemeiner durchzusetzen, wurden jedoch nicht geschaffen. Die einen zeigten im
Grunde nur mit neuzeitlichem Ornament verbrämte oder formal verballhornte
mittelalterliche, andere aus Neuerungssucht, die man mit schönem Mäntelchen
zu verdecken sich bemühte, geborene, über die traditionelle Kelchform selbst-
herrlich sich wegsetzende, meist in hohem Maße an Sinn für edle Verhältnisse
und vornehmen, gefälligen Linienfluß krankende Formen. Man vergaß oder
wollte nicht einsehen, daß neue Formen, die Aussicht auf Bestand und all-
gemeine Aufnahme haben, nur auf dem Wege einer langsamen gesunden, auf
der Überlieferung beruhenden Entwicklung, nicht aber durch künstlerischen,
ganz und gar in eigenen Geleisen gehenden Subjektivismus geschaffen werden
können. Die ganze Vergangenheit, an der man so selbstbewußt vorübergeht, als
hätte sie nichts zu sagen, nichts zu lehren, beweist das. Sie 2eigt, daß die ganze
Geschichte der Kelchform nichts anderes ist als eine stetige Folge neuer Ent-
wicklungsstufen.
D. DIE FORM DES KELCHES IN DEN RITEN DES OSTENS IM SPÄTEREN
MITTELALTER UND IN NACHMITTELALTERLICHER ZEIT
Über die Entwicklung, die sich im späteren Mittelalter in den Riten des Ostens
hinsichtlich der Form des henkellosen Kelches vollzog, läßt sich nichts sagen,
da es zu ihrer Feststellung durchaus am genügenden Quellenmaterial fehlt. Was
uns gelegentlich auf byzantinischen, syrischen und armenischen Bildwerken an
Darstellungen des Kelches begegnet, ist nicht nur wenig, sondern dazu noch un-
zuverlässig. An Kelchen aber, die sich aus dem späteren Mittelalter im Bereich
der Riten des Ostens erhalten hätten, ist so gut wie nichts bekannt geworden und
auch wohl kaum mehr viel vorhanden. Ein Kelch in der Kathedrale zu Pereja-
slawl, südöstlich von Kiew, der bei Rohault de Fleüry abgebildet ist, (375)
(875) La meswe IV, TU. 322. ...
138 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

eine Arbeit des i3. Jahrhunderts, zeigt in allem so sehr die damals im ganzen
Westen herrschende Kelchform — fehlt doch nicht einmal der melonenartig
gerippte Nodus und das lanzettförmige Buckelwerk auf dem Fuß —, daß er
entweder als Import aus dem Westen oder als Schöpfung eines aus diesem
stammenden, nach Rußland gewanderten Goldschmiedes zu gelten hat. Die sla-
vische Inschrift, die den Rand der weiten, schalenförmigen Kuppa umzieht, ,und
die gravierten Medaillons, die deren Außenseite schmücken, dürften für das
letztere sprechen. Einfluß vom Westen her verraten auch zwei Kelche aus dem
späteren Mittelalter in der Kathedrale zu Moskau. (376) Der eine derselben
stammt vielleicht noch aus dem späteren i3. Jahrhundert. Seine Kuppa ist aus
Achat gemacht, hat im Vertikalschnitt die Form eines umgekehrten Spitzbogens
und ist von einer breiten Borte umrandet, die mit einer die Konsekrationsworte
wiedergebenden Inschrift, mit Filigran und Steinen geschmückt ist. Sein Stän-
der besieht aus einem runden Fuß mit Hochrand, Horizontalrand und mäßig
hohem, konkav-konischem Fußhals und aus einem runden, vom Fuß durch ein
Zwischenstück getrennten Schaft mit melonenartig geripptem Nodus. Der Hoch-
rand des Fußes und das Zwischenstück zwischen diesem und dem Schaft sind
mit einer Folge von Miniaturfensterchen belebt. Die Weite der Kuppa verhält
sich zur Höhe des Kelches wie 1: iys. Der zweite Kelch entstammt erst dem
ausgehenden Mittelalter, wenn nicht erst dem 16. Jahrhundert. Seine um den
Rand herum gleichfalls mit einer Inschrift, den Konsekrationsworten, verzierte
Kuppa zeigt die Form der spätgotischen, breitbodigen, becherförmigen Kuppa.
Sein Ständer setzt sich aus einem vierpaßförmigen, mit Zacken zwischen den
Pässen versebenen Fuß mit rundem Fußhals und aus rundem Schaft mit kugel-
förmigem, durch Rinnen vertikal viergeteilten Nodus zusammen. Die Höhe des
Kelches beträgt seiner Entstehungszeit entsprechend das Zweieinhalbfache des
Durchmessers der Kuppa.
Aber auch über die formale Entwicklung des Kelches der Riten des Ostens in
nachmittelalterlicher Zeit sind wir so gut wie nicht unterrichtet. Ein Holzkelch
im Dreifaltigkeitskloster bei Moskau, den man dem i!\. Jahrhundert zuschreibt,
der aber sicher späteren Datums ist, hat einen runden, schwach konisch anstei-
genden Fuß, einen runden, mit ringförmigem Nodus versehenen Schaft und
eine becherförmige, breitbodige Kuppa. (377) Ein spätgotischer Kelch in der
Kathedrale zu Seres in Mazedonien aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
ist ungarische oder siebenbürgische Arbeit; sowohl seine Form wie seine Aus-
stattung lassen daran kaum einen Zweifel. (378) Dasselbe gilt von einem gleich-
artigen Kelch auf dem Berge Athos (379) und einem gotisierenden Kelch ver-
wandter Bildung im Kloster des heiligen Johannes des Täufers bei Seres. (380)
Ob solche aus der Fremde eingeführte Kelche auf die Formgestaltung der an
Ort und Stelle geschaffenen Kelche einen vorbildlichen Einfluß ausgeübt haben,
und welchen, wissen wir nicht.

(376) Abb. in Antiquites de Rusaie I. Tfl. 68. (377) Abb. bei Roh. IV, 135.
(378) N. P. Kondakow, Makedonija (St. Petersburg 1909) (379) Ron. IV, 145.
(380) Kohdakow, a.a.O. 167.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. DER HENKELLOSE KELCH 139

Kelche des 17. und 18. Jahrhunderts, die sich in Rußland, Rumänien und
anderswo im Rereich der Riten des Ostens erhalten haben, zeigen eine den
Barockkelchen des Westens mehr oder weniger formale Bildung, (381) nur ist
die Kuppa weiter und größer als bei jenen. Welche Verbreitung solche Barock-
kelche im Bereich der Riten des Ostens fanden und inwieweit sie die einhei-
mischen Kelchformen verdrängten, läßt sich nicht feststellen. Daß in Rußland
Kelche in der Art der Barockkelche des Westens entstanden, kann nicht wunder
nehmen. Stand doch die russische Kunst seit dem späten 17. Jahrhundert in
hohem Maße unter dem Einfluß des Rarocks, der zunächst von Frankreich aus
in Rußland eindrang, dann aber auch von Deutschland aus. Ein Bild des Kel-
ches, wie er im koptisch-äthiopischen Ritus um 1700 in Gebrauch war, gibt ein
im britischen Kronschatz befindlicher, aus Gold angefertigter Kelch (Tafel 4o).
Sein Fuß ist rund, leicht gewölbt, in drei Absätze gegliedert und init Horizontal-
rand versehen. Sein kräftiger, gleichfalls runder Schaft erweitert sich behufs
Überleitung zum Fuß und zur Kuppa am oberen wie am unteren Ende. Der
Nodus ist ersetzt durch drei getrennt übereinander angebrachte Scheiben, von
denen die untere und obere schwächer, die mittlere stärker ausladet. Die mit
horizontalem Rand ausgestattete Kuppa hat die Form einer ziemlich flachen
Schale. Die Höhe des Kelches und der Gesamtdurchmesser der Kuppa sind
gleich; beide betragen zirka 20,8 cm. Ein anderer koptisch-äthiopischer Kelch
ist abgebildet in dem Führer zu den altchristlichen und byzantinischen Alter-
tümern des Britischen Museums. Sein leicht konisch ansteigender, eines Halses
entbehrender Fuß ist rund, sechsseitig der oben, unten und in der Mitte mit
wulstigen, runden Ringen geschmückte Schaft. Die Kuppa ist halbkugelförmig
und rings am Rand horizontal umgekrempt. (382)
Werfen wir zum Schluß einen Rückblick auf das über die Form des Kelches
bisher Gesagte. Eine formale Entwicklung des Kelches, und zwar sowohl des
Henkelkelches wie des henkellosen Kelches, macht sich im Westen bis in das
spätere 12. Jahrhundert nicht bemerklich. Weder die Darstellungen von Kel-
chen auf den Rildwerken aus der vorausgehenden Zeit, noch die Kelche, die
sich aus derselben erhalten haben, lassen eine solche erkennen. Sie beginnt dann
aber in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, tritt allenthalben gleichzeitig
auf und äußert sich vornehmlich in einer Umbildung der Kuppa, die die Ge-
stalt einer weiten, wenig tiefen Schale erhält, sowie in der Einführung von Zwi-
schengliedern zwischen Nodus und Kuppa bzw. zwischen Nodus und Fuß, die
sich dann allmählich zu einem förmlichen Schaft ausgestalten. Zunächst und
vor allem betrifft sie den henkellosen Kelch, doch bleibt auch der freilich schon
im Aussterben begriffene Henkelkelch von ihr in seiner formalen Rildung nicht
unbeeinflußt. Der Typus, den sie schafft, beherrscht den Kelch bis in das späte
i3. Jahrhundert hinein. Dann setzt eine weitere Entwicklungsphase ein, an der
jedoch der Henkelkelch, weil mittlerweile aus dem Gebrauch ausgeschieden,
(381) Vgl. z. B. A. S. Uvarov, Katalog der Schatzkammer des Preobrachenskikl osters zu
Jaroslawl (Moskau 1887) ; A. Recmenskjm, Sammlung alter kirchlicher Denkmäler in Moskau
(Moskau 1813); Steliax Petrescu, Üdoarele dela Neamtu si Secu (Bukarest 1911); Anti-
quites de Russie I, TU. 66 und den Katalog der Kelche des Viktoria-und-AIbert-Museum zu
London, pl. 27. (382) Guide to the early Christian and byzantine antiquities (Londonl921) 156.
140 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

nicht mehr teilnimmt. Am raschesten schritt sie voran in Italien. Hier zeigt
sich schon in der ersten Hälfte des ik- Jahrhunderts ein neuer, von der Kelch-
form des i3. Jahrhunderts in der Bildung aller seiner Bestandteile abweichen-
der Typus, bei dem insbesondere auch das Höhenverhältnis, den Durchmesser
der Kuppa als Einheit genommen, ein anderes als vordem geworden ist und
der dann nicht nur sich ohne namhafte Veränderungen bis zum Ausgang des
i5. Jahrhunderts in Italien behauptet, sondern auch in Spanien eindringt.
Diesseits der Alpen vollzieht sich der Entwicklungsprozeß zum Teil wegen
der Nachwirkung, die die Kelchform des i3. Jahrhunderts hier ausübte, weit
langsamer; dauert er daselbst doch bis ins späte i5. Jahrhundert fort. Seine
Wirkung ist ein langsam, aber stetig fortschreitender Wandel in der relativen
Höhe des Kelches, das ist in dem Verhältnis seiner Höhe zur Weite der Kuppa.
Dagegen schafft er keine einheitliche Kelchform, sondern verschiedene mehr
oder weniger verwandte Typen. Eine größere Einheitlichkeit tritt erst um das
Ende des i5. Jahrhunderts ein, als sich beim Fuß fast allgemein die Sechspaß-
form einbürgert, die Kuppa aber statt der gewöhnlicheren Kegelform die eines
breitbodigen, nur mäßig nach oben sich erweiternden Bechers erhält.
Das Auftreten der Renaissance hat keineswegs sogleich eine Umbildung der
Form des Kelches zur Folge. Es ändert sich zunächst nur das Ornament. All-
mählich aber greift dann der Wandel auch auf die Form über. Außer und
neben gotisierenden Kelchen, die selbst bei reichlichster Aufnahme von Re-
naissanceornament an der überkommenen gotischen Form festhalten, entstehen
nicht nur andere, die überlieferte formale Elemente mit solchen der Renaissance
verquickt zeigen, formal eine Zwitterstellung zwischen alt und neu einnehmen,
sondern namentlich auch solche, bei denen der neue Stil auch in der Form
völlig zum Durchbruch gekommen ist; in Italien und Portugal schon zur Zeit
der Frührenaissance, anderswo, wie namentlich in Deutschland, erst in der Zeit
des Barocks. In Kuppa, Schaft und Fuß sind bei diesen alle Erinnerungen an
den mittelalterlichen Kelch ausgeschieden, das relative und absolute Höhen-
verhältnis aber, wie es sich bei den Kelchen des ausgehenden Mittelalters her-
ausgebildet hatte, behauptet sich nicht nur, es schreitet sogar bis zum Äußersten
weiter. Mit der von der Renaissance geschaffenen und dann von dem Barock
übernommenen und im Sinne des Barocks weitergestalteten Kelchform hat dann
die formale Entwicklung des Kelches ihr Ende erreicht. Die Folgezeit hat kei-
nen neuen Typus hervorgebracht.
Über die formale Entwicklung des Kelches in den Riten des Ostens Hegt zu
wenig Quellenmaterial vor, als daß sie sich verfolgen ließe. Daß es aber auch
dort an einer solchen nicht gefehlt hat, daran läßt schon das wenige, was an
Quellenmaterial vorhanden ist, nicht zweifeln.

IV. Die Größe des Kelches


Die Größe des Kelches, vor allem und zunächst der Kuppa, wurde zu allen
Zeiten durch die jeweiligen Bedürfnisse und den Gebrauch bestimmt. Solange
die Kommunion noch unter beiden Gestalten allen Gläubigen ausgespendet
wurde und diese den konsekrierten Wein empfingen wie er war, nicht ergänzt
FÜNFTES KAPITEL. FORM. IV. GRÖSSE DES KELCHES 141

durch Nachgießen von unkonsekriertem, bedurfte es, so oft die Zahl der Kom-
munikanten eine namhafte war, eines entsprechend großen Konsekrations-
kelches, während bei einer geringeren Anzahl derselben ein kleinerer Kelch zum
Konsekrieren genügte. Ein kleiner Konsekrationskelch reichte auch aus, als es
Brauch wurde — zu Rom bestand die Sitte schon im 8. und 9. Jahrhundert,
wie der 1., 2. und 3. der römischen Ordines Mabillons bezeugen — an die Gläu-
bigen das heilige Blut vermischt mit geopfertem, aber nichtkonsekriertem Wein
auszuspendcn, wobei nur ein wenig des konsekrierten Weines in diesen gegossen
wurde. Kleinere Spendekelche genügten, wenn wegen der großen Zahl der
Kommunikanten die Spendung des Sakramentes unter der Gestalt des Weines
durch mehrere Priester oder Diakone zu gleicher Zeit erfolgte, wie es in sol-
chen Fällen zu Rom geschah, und darum mehrere Kelche zugleich benützt wur-
den. Ein größerer war erforderlich, wenn man sich trotz einer erheblichen An-
zahl von Kommunizierenden nur eines Spendekelches bediente, sei es eines aus-
schließlich zu diesem Zweck bestimmten, sei es, wie namentlich in späterer Zeit,
des Konsekrationskelches. (383) Für Privatmessen wie überhaupt für alle Mes-
sen, in denen die Kommunion nicht oder nur wenigen ausgeteilt wurde, genügte
ein kleiner Konsekrationskelch, der, wenn nötig, zugleich als Spendekelch
dienen konnte; man wird darum auch zu aller Zeit in der Regel bei denselben
einen kleinen Kelch benutzt haben.
Was sich an Kelchen aus der Zeit, in der die Kommunion unter beiden Ge-
stalten noch voll in Übung war, erhalten hat, das ist aus der Zeit vor dem
13. Jahrhundert, zeigt sehr verschiedene Größenverhältnisse. Mit dem Aus-
sterben des Laienkelches im i3. Jahrhundert ändert sich das jedoch allmählich.
Schon im i4- Jahrhundert sind die Abmessungen aller Kelche, von kleineren
Schwankungen und vereinzelten Ausnahmen abgesehen, die gleichen und so
bleibt es dann in der weiteren Folgezeit, soweit die Kelche der gleichen Ent-
stehungszeit in Frage kommen. Denn verglichen mit den Kelchen des i4- Jahr-
hunderts zeigen schon die des i5. eine, wenn auch nicht sehr erhebliche Ver-
minderung der Größe; stärker wird sie bei den Kelchen der Renaissance und
namentlich des späten Barocks, deren Kuppa nicht selten eine Weite von nur
9. 8V2» Ja § cm oat-
Außerordentlich große Konsekrationskelcke begegnen uns in großer Zalil in des Papst-
buches Biographien der Päpste des 4-, 5. und 6. Jahrhunderts. So schenkte Konstantin, um
nur einige Beispiele aufzuführen, der Laterankirche sieben goldene Kelche zu je 10 librae
(=3,275 kg), einen Kelch ex metallo coralli von 20 librae, 3 unciae (= 6,63 kg), sowie
zwanzig silberne Kelche zu je i5 librae (= 4,912 kg); der Peterskirche drei goldene Kelche
zu je 12 Jibrae (= 3,928 kg) und zwanzig silberne zu je 10 librae (= 3,275 kg); der Ba-
silika des heiligen Laurentius einen goldenen Kelch von 10 librae (= 4,912 kg) und zwei
silberne zu je 10 librae (= 3,275 kg). Damasus (366—384) stiftete der von ihm gegrün-
deten Kirche des heiligen Laurentius (heute S. Lorenzo in Damaso) einen mit plastischem
Schmuck ausgestatteten Kelch von io librae (= 3,275 kg), Innocentius I. (4oi—417) der
von ihm erbauten Basilika der heiligen Gervasius und Protasius zwei süberne Kelche von
ebenfalls je 10 librae, Gölestin (422—432) der Basilika Julii (S. Maria in Trastevere) zwei
(383) Der Priester ließ im letzteren Fall bei der Kommunion von dem konsekrierten Wein
einen Teil übrig, dem dann für die Kommunion der Gläubigen, soweit notwendig, nicht kon-
sekrierter Wein beigefügt wurde.
142 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

silberne Kelche zu je 8 librae (= 3,62 kg), Xystus III. (433—44o) der Basilika Maria
Maggiore einen goldenen Kelch von 12 librae (= 3,925 kg) und fünf silberne von je
10 librae, Hilarus (46i—468) ließ für jede der fünfundzwanzig Stationskirchen je einen
silbernen Kelch von 10 librae und dazu für alle insgesamt einen goldenen von 8 librae
(=" 2,62 kg) anfertigen. Die Vita des Papstes Hormisdas berichtet von zwei goldenen Kelchen
von je 8 librae, die aus Griechenland gekommen waren. (384) Auch in den Biographien
der Päpste des 8. und 9. Jahrhunderts finden sich noch Riesenkelche verzeichnet. So ließ
Gregor II. (715—-;3i) einen goldenen Kelch von 3o librae (= 9,825 kg) herstellen, Gre-
gor III. (731—741) einen goldenen Kelch von 29 librae (= 9,497 kg). Ein goldener Kelch,
den Papst Hadrian (772—795) der Peterskirche schenkte, wog mitsamt seiner Patene
24 librae (= 7,86 kg); zwei andere goldene Kelche, die er der Basilika Maria Maggiore und
der Paulusbasilika spendete, hatten zusammen mit ihrer Patene ein Gewicht von je 20 librae
(—■ 6,55 kg). Unter Leo III. (790—816) stiftete Karl der Große der Peterskirche je einen
Kelch von 18, von 37 und 36 librae (= 2,62,12,117 una" r 1.79 I*g)- (385) Im ganzen sind
freilich Kelche solcher Größe, die zweifellos Henkelkelche waren, da sie sonst unhandlich
gewesen wären, in den späteren Papstbiographien seltener geworden.
Die Kelche, von denen der Liber Pontificalis berichtet, sind so riesenhaft, daß man fast
zu fragen geneigt sein könnte, ob seine Angaben zuverlässig seien und Vertrauen verdienen.
Indessen liegt um so weniger ein Grund vor, an ihrer Richtigkeit zu zweifeln, als wir auch
anderswo von ähnlich großen Kelchen hören und zwar selbst noch in weit späterer Zeit.
So berichtet Wilhelm von Malmesbury von einem goldenen Kelch, der von König Ina um
700 dem Kloster Glastonbury geschenkt wurde und samt seiner Patene 10 librae wog, (386)
ein Inventar des Klosters Abdinghof zu Paderborn aber aus dem Jahre io3i verzeichnet
zwei silberne Kelche, von denen einer 3o Mark (= ca. 7 kg), der andere 22 Mark (= ca. 5 kg)
wog, (387) Ein Kelch, den Bischof Brithwold von Salisbury dem Kloster Glastonburv spen-
dete, hatte ein Gewicht von 20 Mark Silber und 4 Mark Gold (= ca. 6 kg). (388) Ein gol-
dener Kelch, den Bischof Bernward dem Dom zu Hildesheim verehrte, war 20 Mark (etwa
4,25 kg) schwer. (389) Ein Inventar von S. Liberatore zu Chieti von 1019 vermerkt einen
Kelch von ca. 6 librae (= 1,96» kg). Ein Gewicht von 4o Mark (= ca. 9,5o kg) hatte ein
goldener Kelch, den ein gewisser Wilhelmus Brivare (f 1227) der Kathedrale zu Rochester
stiftete. (390) Papst Anastasius IV. (n53—Ii54) spendete der Laterankirche eine 28 librae
(= 9,17 kg) schweren Kelch, (391) im Schatz des Mainzer Domes aber befanden sich um
u5o zwei goldene Kelche, von denen einer 18 Mark (= ca. 4 kg), der andere sogar 4g Mark
(= 11,75 kg) wog. Die Wände des letzteren waren fingerdick, sein Gewicht so groß, daß
ihn nicht jedermann leicht aufheben konnte. Zur Feier der Messe konnten beide Kelche,
weil zu schwer, nicht benutzt werden, wie der Chronist bemerkt. (392) In St. Alban zu
Mainz gab es im frühen 12. Jahrhundert einen goldenen Kelch von 36 Mark (= ca. 8,5o kg)
Gewicht. Erzbischof Adalbert I. (im—1137) entnahm ihn dem Schatz der Kirche. (393)
Sogar zu Ende des i4- Jahrhunderts ist noch im Inventar Karls V. von Frankreich aus dem
Jahre i38o von einem solcher Riesenkelche die Rede. Er bestand aus Silber, war mit Email
verziert und wog 25 Mark (= ca. 6 kg). (394) Eine praktische Verwendung beim Gottes-
dienst fanden diese Kelche der spateren Zeit nicht mehr. Sie waren Prunkstücke, Wert-
stücke, die gegebenenfalls als Pfandobjekt dienten.
Das gerade Gegenteil solcher Riesenkelche waren die zu Miniaturkelchen zusammen-
geschrumpften Reisekelche, von denen bereits früher die Rede war. (394a) Wie jene das
Maximum eines Kelches darstellten, so diese das Minimum, unter das herabzugehen schlecht-
(384) Duch. L. P. I, 173, 176, 181, 212, 220, 230, 232, 244, 271.
(385) L. c. I, 410, 419, 512; II, 8. (386) De antiq. Glaston. eccl. (M. 179, 1705).
(387) M. G. SS. XI, 156. (388) Wilh. Mai.mesbi.r., De antiq. Glaston. eccl. (M. 179,1723).
(389) Thakghmari, Vita s. Berwardi n. 8 (M. G. SS. IV, 761). (390) Revue XXXVII (1887)
333. (391) Joh. Diac, De eccl. Lateran, c. 11 (M. 78, 1388) (892) Christiani, De calami-
tate eccl. Moguntinae n.3 (M.G.SS.XXV, 240). Der zweite Kelch wurde 1163 von Bischof
Konrad I. verpfändet; er wird in der diesbezüglichen Urkunde als 49 Mark schwer bezeich-
net (GunENüs, Cod. dipl. I, 242). (393) Ebd. II, 743. (394) Labarte 126. Dem König war
der Kelch vom Bischof von Paris geschenkt worden. (394a) Vgl. oben S.72.
FÜNFTES KAPITEL. FORM. IV. GROSSE DES KELCHES 143

hin unmöglich war. Es sind außerordentlich geringe Abmessungen, die sie zeigen. So be-
trägt die Höhe des goldenen Miniaturkelches, den man zu Trier im Grabe des Erzbischofs
Poppo (■(■ 10^7) fand, nur 4,6 cm, der Durchmesser seiner Kuppa bloß 5 cm; die entspre-
chenden Maßt; des kleinen silbernen, innen vergoldeten Kelches, den man im Grabe des
Trierer Erzbischofs Udo {f 1078) antraf, betrugen 6,5 bzw. 4,7 cm. Der Adalvarduskelch
zu Skara (Tafel 11) zeigt bei einer Höhe von 6,4 cm eine Kuppaweite von 3,4 cm, der
Bernulphuskelch im Rijksmuseum zu Amsterdam bei einer Höhe von etwa 7,5 cm eine
Kuppaweite von 5 cm. Von den fünf Miniaturkelchen im Dom zu Hildesheim ist der dem
Grab des Bischofs Osdag (f 989) entstammende 9 cm, der dem Grab des Bischofs Dithmar
entnommene (f io44) 6,3 cm, der Kelch aus dem Grabe des Bischofs Hezilo (f 1079)
6,2 cm (Tafel 11), der im Grabe des Bischofs Udo (•{• 1114) gefundene 7,2 cm, der in einem

Bild 14. Zerlegbarer Kelch. Klostemeuburg, Stiftskirche (nach Mitt.).

nicht näher bestimmbaren, der Frühe des Jahrtausends angehörigen Grabe entdeckte 5,9 cm
hoch. Der Durchmesser der Kuppa beträgt beim ersten dieser Miniaturkelche 5,4 cm, beim
zweiten 3,8 cm, beim dritten 5 an, beim vierten 4,3 cm, beim fünften !\,i cm. Ein aus dem
Dom zu Köln oder zu Trier stammender, am Fuß und Nodus mit Filigran, Steinen und
Perlen, an der Kuppa mit einem gravierten Widmungsbild verzierter Miniaturkelch aus dem
frühen i3. Jahrhundert, der sich zur Zeit in Lausanner Privatbesitz befindet, hat bei einer
Kuppaweite von 6,5 cm eine Höhe von 8,3 cm. Der mit Henkeln versehene Reisekelch im
Dom zu Cividale (Tafel 5) ist, bei einem Kuppadurchmesser von 5,5 cm, 9 cm hoch. Ein im
Dom zu Magdeburg in einem Bischofsgrab des i3. Jahrhunderts gefundener Kelch hatte
eine Höhe von 8 cm und eine Kuppaweite von 6,5 cm, Maße, wie sie ähnlich ein in einem
Bischofsgrab des Domes zu Calocsa entdeckter Kelch aufwies. Sind die beiden letzten Kelche
auch etwas größer als die vorher genannten, so sind doch auch sie noch immer Müiiatur-
kelche. Der jüngste Kelch dieser Art, der mir bekannt wurde, entstammt erst dem i4- Jahr-
hundert Er ist 9 cm hoch, hat eine 5,8 cm weite Kuppa und kommt aus der Fürstlich
Hohenzollerischen Sammlung zu Sigmaringen. (395) Die äußerst geringen Maßverhältnisse
(395) Eine Photograhie des interessanten Kelches verdanke ich der Güte des derzeitigen
Besitzers, des Antiquitätenhändlers Herrn Goldschmidt zu Frankfurt
144 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

dieser Kelche erklären sich nicht bloß aus ihrer Bestimmung, auf Reisen zur Meßfeier ge-
braucht zu werden, sondern besonders auch aus den kleinen Abmessungen des Steines des
Portatiles, zu dem sie gehörten. {396)
Zerlegbare Kelche scheinen erst im späten Mittelalter aufgekommen zu sein.
Ein Beispiel eines solchen wird in einem Inventar von St-Denis von i5o4 er-
wähnt : Un calice de 7 pieces fermant ä viz y comprenant l'escroue et la ves et
sa patene- Le tout est d'argent dore et esmaiüe- de basse taille. (396a) Der Kelch
war eine Stiftung Karls V. (j- i38o), stammte also aus dem späten 14- Jahr-
hundert. Da von den andern Kelchen des Inventars keiner als zerlegbar bezeich-
net wird, scheint er in ihm der einzige seiner Art gewesen zu sein. Ein anderes
Beispiel wird im Inventar der Moranduskapelle im Stephansdom zu Wien von
1^26 aufgeführt. (397) Erhalten hat sich ein zerlegbarer Kelch aus dem späten
i4- oder frühen id. Jahrhundert im Stift Klosterneuburg. (398) Er läßt sich
in drei Stücke, Kuppa, Nodus und Fuß auseinandernehmen. Zusammengesetzt
wird er mittels einer Schraube, die oben am Fuß, in dem der Behälter für die
Hostien eingeschlossen werden kann, angebracht ist (Bild i4)-

FÜNFTES KAPITEL
DIE ORNAMENTALE AUSSTATTUNG DES KELCHES
I. ALLGEMEINES
Das, worauf es bei Herstellung des Kelches vor allem ankommt, und was in
erster Linie Ziel sein muß, ist, ihm eine seiner würdige Form zu geben, also eine
Form, die ihn als ein gefällig sich aufbauendes organisches Gebilde erscheinen
läßt, dessen einzelne Bestandteile in einem inneren struktiven Zusammenhang
miteinander und in einem harmonischen Verhältnis zum Ganzen wie zueinander
stehen, und die zugleich derartig ist, daß sie ihn aus der Reihe der profanen
Geräte heraushebt und ihn als sakrales Gerät kennzeichnet. Weil aber der
Kelch das Gefäß ist, in dem sich bei der Feier des eucharistischen Opfers durch die
Konsekrationsworte die Transsubstantiation des Weines in Christi heiliges Blut
vollzieht und infolgedessen nach den Wandlungsworten Christus zunächst mit
seinem Blut, dann aber auch wegen der unlösbaren, lebendigen Verbindung von
Christi Blut mit Christi Leih, Seele und Gottheit, ganz und ungeteilt mit Gott-
heit und Menschheit, wahrhaft und wirklich in ihm zugegen ist, ist es begreif-
lich, daß man es nicht dabei bewenden ließ, ihm eine seinem erhabenen Zwecke
entsprechende Form zu geben, sondern ihn obendrein schon früh mit ange-
messenem Schmuck ausstattete. Befanden sich doch bereits unter den Kelchen,
mit denen Kaiser Konstantin nach dem Papstbuch die Lateranbasilika und an-
dere Kirchen begabte, mit Edelsteinen reich besetzte.
Leider sind wir über die Weise, wie man den Kelch verzierte und die Schmuck-
mittel, deren man sich dazu bediente, für die Zeit des ersten Jahrtausends und
selbst noch für das 11. Jahrhundert nur sehr mangelhaft unterrichtet. Der
(396) Vgl. Braus, Altar I, 438t (396a) Omost 18. (397) Vgl. oben S. 29.
(398) Mitt. VI (1861) 268.
ßiltl 12. Kelch. M Bild 13. Kvkh. München,
BavcrisHifs Natittnalmuscmri.
PATENE. ZIBORIUM. MONSTRANZ

In—
' Je? r? ". ■'

Bild 15. Schüssel aus Gourdon.


Paris, Cabinet des Meduilles.

Bild 17. Früakichiimnspro Bild 18. Monstranz. Les-Deus-Aei


(Hamketduraog). London. ITarrkirdie.
Britisdics Museum.
FÜNFTES KAPITEL. ORNAMENTALE AUSSTATTUNG. II. SCHMUCKMITTEL 145

Kelche, die uns darüber Aufschluß geben könnten, sind allzuwenige. Was uns
die Bildwerke darüber sagen, ist nicht nennenswert. Was aber die schriftlichen
Quellen bis zum 12. Jahrhundert uns über die Ausstattung des Kelches berich-
ten, sind nur gelegentliche, allzu allgemein gehaltene Bemerkungen. Das gilt
insbesondere auch von den stets äußerst knapp abgefaßten Inventaren und
Gabenverzeichnissen aus jener Zeit, von denen wir noch am ehesten Auskunft
erwarten dürften. Für das 12., sowie namentlich das i3. und die folgenden
Jahrhunderte sind wir dann freilich über die ornamentale Ausstattung des Kel-
ches besser unterrichtet, nicht bloß, weil die Inventare gesprächiger werden,
sondern vor allem infolge der Fülle mehr oder weniger reich ornamentierter
Kelche, die sich aus jener Zeit erhalten haben und uns über die Art des
Schmuckes, mit dem man die Kelche versah, so umfassenden und allseitigen Auf-
schluß geben, daß dieser kaum mehr einer Ergänzung durch die Angaben der
Inventare bedarf.
In welchem Verhältnis die Zahl der reicher ornamentierten Kelche zu der aller schmücken-
den Zutaten entbehrenden oder doch nur in geringem Maß mit solchen bedachten steht, läßt
sich nicht einmal für das spätere Mittelalter und die nachmittelalterliche Zeit feststellen. Es
bietet dafür weder eine genügende Unterlage, was sich an Kelchen erhalten hat, noch was
uns die vielfach wenig einlässigen Inventare über die in ümen verzeichneten Kelche sagen.
Sicher ist, daß jedenfalls im späteren Mittelalter und in nach mittelalterlicher Zeit eine
überaus große Menge reich, ja reichst ornamentierter Kelche entstand, aber auch, daß diese
nur den bei weitem kleineren Teil aller Kelche, die damals geschaffen wurden, bildeten.
Weitaus die Mehrzahl war schmucklos oder nur sehr mäßig mit Ornament ausgestattet.
Waren doch auch sehr viele, um nicht zu sagen die meisten Kirchen, zumal die Landkirchen,
nicht eben in der günstigen Lage, reich ornamentierte Kelche zu beschaffen, teils weil
ihnen bei allem guten Willen die dazu nötigen Mittel mangelten, teils weil es an einem
Goldschmied fehlte, der imstande gewesen wäre, solche herzustellen. Man mußte schon
zufrieden sein, wenn es gelang, wenigstens für festliche Gelegenheiten einen ausgiebiger
mit Schmuck bedachten Festkelch anfertigen zu lassen. Aber auch der Umstand, daß man
sich reich ornamentierter Kelche nur aus Anlaß besonderer Feiern bei der Messe zu bedienen
pflegte, sowohl um sie vor den bei häufigem Gebrauch unvermeidlichen Beschädigungen
zu bewahren, als auch um den Feiercharakter der Gelegenheiten, bei denen man sie benutzte,
zum sinnfälligen Ausdruck zu bringen, an gewöhnlichen Tagen und bei Privatmessen aber
einfache Kelche zur Messe verwendete, mußte notwendig zu einem zahlenmäßigen Über-
wiegen dieser letzteren führen.

Bezeichnend ist nicht bloß für die Kelche der älteren Zeit, sondern auch noch
für die des i4- und des früheren i5. Jahrhunderts das wohl abgewogene, fein
empfundene Verhältnis, in dem Schmuck und Form zueinander stehen. Auch
wo die schmückenden Zutaten derart gehäuft sind, daß ihre Fülle an die Grenze
des Zulässigen streift, ja diese bisweilen überschreitet, bleiben sie der Form
untergeordnet, stören sie diese nicht, erscheinen sie nur als Beigabe, nicht als
Hauptsache. Erst in der Zeit der Spätgotik, zumal im ausgehenden i5. Jahr-
hundert, tritt darin nicht nur in Deutschland, zumal in Mittel- und Ostdeutsch-
land, sondern auch anderswo, namentlich in Spanien und Portugal, ein teil-
weiser Wandel ein. Der Korb der Kuppa wird in einer Weise ausgebildet und
mit Ornament überladen, daß die Kuppa gegen ihn an Bedeutung zurücktritt.
Schaft und Nodus werden aus Freude am Prunk zu einem oft überreichen, un-
BRAUN, das christliche altargerat 10
146 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

handlichen Tempelchen umgestaltet, der Fuß aber wurde so mit Ornament


überladen und dabei nicht selten, namentlich in Spanien und Portugal, so will-
kürlich gegliedert, daß sein Charakter als Fuß kaum mehr zur Geltung kam.
In der Zeit der Renaissance wird dann, was in der Spätgotik im großen und
ganzen doch nur erst seltenere Erscheinung war, schon häufiger, besonders in-
folge der Umwandlung des ausgesprochen struktiv gedachten Schaftes und
Nodus in ein ebenso ausgesprochen ornamental wirkendes vasen- oder kande-
laberartiges Gebilde. Im Barock aber wird das Vorherrschen des Ornaments
auf Kosten einer harmonisch gestalteten, struktiv sich aufbauenden Form ge-
radezu Tendenz. Die Form ist nicht mehr die Hauptsache, sondern eine mög-
lichst prunkvolle ornamentale Ausstattung.

H. SCHMUCKMITTEL

Die Schmuckmittel, deren man sich zur Ausstattung der Kelche bediente,
sind zahlreich, wenn auch nicht alle zu aller Zeit und überall in gleichem Aus-
maß zu ihr verwertet wurden, da die Vorliebe der Zeit und der örtlichen Ge-
pflogenheit für dieses oder jenes Schmuckmittel, wie überhaupt bei den Gold-
schmiedearbeiten, so auch beim Kelch jeweilig für ihre Verwendung bestimmend
war. Es sind: Edelsteine und Perlen, Filigran, Email und Niello, Tauschierung,
Gravierung und Ziselierung, Treib- und Gußarbeit.
i. Edelsteine und Perlen. Den Kelch mit Edelsteinen zu schmücken, war
schon frühzeitig Brauch. Befanden sich doch unter den Kelchen, welche Kon-
stantin der Peterskirche schenkte, auch drei goldene, die mit je ko Edelsteinen,
Smaragden und Hyazinthen, geschmückt waren. Ebenso war unter den Kelchen,
mit denen der Kaiser die Lateranbasilika ausstattete, ein mit Edelsteinen ver-
zierter Kelch. (1) Im Jahre 451 wird ein mit Edelsteinen besetzter Kelch von
hohem Wert in den Akten der Synode von Chalcedon bei Gelegenheit der Ver-
handlungen gegen Ibas von Edessa erwähnt, (2) Ö20 schickte Epiphanius von
Konstantinopel dem Papst Hormisdas einen goldenen mit Edelsteinen einge-
faßten Kelch. (3) Kaiser Justinian sandte der Peterskirche unter Johannes II.
(533—535) einen goldenen mit grünen Edelsteinen geschmückten Kelch, (4)
König Recared aber schenkte Gregor d. Gr. einen mit Edelsteinen geschmück-
ten Kelch. (5) Mit Edelsteinen verziert waren auch die sechzig goldenen Kelche,
die Childebert als Beute aus Spanien ins Frankenland brachte und hier Kirchen
und Basiliken zum Geschenk machte, (6) desgleichen der aus reinstem Gold ge-
machte Kelch, den die Königin Ingundis dem Bischof Desiderius von Auxerre
(6o3—6a3) für die dortige Stephanskirche spendete. (7) Ein Kelch, den die
Königin Bugge, die Gemahlin Inas, Königs von Wessex, einer von ihr gestif-
teten Basilika schenkte, war so reich mit Edelsteinen besetzt, daß Aldhelm,
Bischof von Sherborne (f 709) ihn wegen der Fülle derselben mit dem mit
(1) Duch. L. P. I, 271. (2) H. II, 518. (3) M. 63, 499; es ist wohl der scyphus aureus
cum gemmis, den der Liber Pontilicalis in der Vita Hormisdae unter den goldenen und sil-
bernen Gefäßen nennt, die zu Lebzeiten dieses Papstes aus Griechenland nach Rom kamen.
(Duch. L. P. 1, 271.) (4) Ebd. I. 285. (5) Ep. 1. 9, n. 61 (M. 77, 998). (6) Greg. Thron.,
Ilist. Franc. I. 3, c. 10 (M. 71 250). (7) Gesta episc. Autiss. c. 20(M. 138, 240).
FÜNFTES KAPITEL. ORNAMENTALE AUSSTATTUNG. II. SCHMUCKMITTEL 147

funkelnden Sternen besäten Himmelsgewölbe vergleicht. (8) Wiederholt ist


auch in den Biographien der Päpste des 8. und 9. Jahrhunderts von Kelchen die
Rede, die mit Edelsteinen verziert waren. (9) Besonders kostbar muß ein Kelch
gewesen sein, der von Kaiser Michael Nikolaus IV. (858—867) geschenkt
wurde und ringsum nicht bloß mit Edelsteinen besetzt, sondern auch um die
Kuppa herum mit Hyazinthen, die los an einem Goldfaden herabhingen, ver-
ziert war. (10) Von einem Kelch, der außer mit Edelsteinen auch mit Perlen
geschmückt war, hören wir nur einmal. Es ist der Kelch, den Kaiser Justiniau
der Peterskirche schenkte. Kelche aus altchristlicher und frühmittelalterlicher
Zeit, welche die Angaben der schriftlichen Quellen bezüglich der Verwendung
von Edelsteinen und Perlen als Schmuck der Kelche bestätigten und illustrier-
ten, haben sich nicht erhalten. Der Kelch von Chelles (11) wies oben nahe dem
Rande sowie unten oberhalb des Bodens inmitten von Zelleneinlagen Edelsteine
als Zierat auf. Altchristliche Darstellungen eines mit Edelsteinen verzierten
Kelches begegnen uns auf zwei Mosaiken, von denen schon anderswo die Rede
war. (12) Auf einem handelt es sich um einen mit Henkeln versehenen, auf dem
andern um einen henkellosen Kelch. Bei beiden ist die Kuppa außen reich mit
Steinen verziert.
Die Verwendung von Steinen und Perlen dauerte auch in der Folge fort. Zu
den diesbezüglichen Angaben der schriftlichen Quellen, zumal der seit dem
i3. Jahrhundert mitteilsamer werdenden Inventare gesellt sich seit dem 10. Jahr-
hundert eine namhafte Zahl von Kelchen, welche das bezeugen, wie der Kelch
in der Kathedrale zu Nancy (Tafel 5), in der Kathedrale zu Reims (Tafel i3),
in S. Isidoro zu Leon (Tafel 12), der sogenannte Heinrichskelch in der Reichen
Kapelle zu München (Tafel 2), der Henkelkelch im Kloster Marienstern (Ta-
fel 4). der aus St-Denis stammende Kelch in amerikanischem Privatbesitz
(Tafel 3), der Henkelkelch in St. Peter zu Salzburg (Tafel 8), ein Kelch in
St. Godehard zu Hildesheim (Titelbild), ein Kelch in der Nikolaikirche zu Ber-
lin, ein Kelch in St. Walburgis zu Eichstätt (Tafel 16), ein Kelch zu Villingen,
ein Kelch in der Marienkirche zu Prenzlau (Tafel i4) u. a.
Die Zahl der Steine war hier geringer, dort größer, je nachdem man deren,
nur am Nodus oder nur auf dem Fuß, an beiden oder obendrein auch noch an
der Kuppa anbrachte. Ungewöhnlich reich mit Steinen besetzt ist der Nodus
eines Kelches aus dem Jahre 1387 im Stift Klosterneuburg; gibt es doch an
demselben nicht weniger als 70, wozu noch 12 weitere am Schaft kommen. Per-
len begegnen uns in außerordentlich großer Zahl an manchen der byzantini-
schen Kelche im Schatz von S. Marco zu Venedig. Sie sind hier zu förmlichen
Schnüren aneinandergereiht, welche die den Kelch schmückenden Emails um-
rahmen und die die Kuppa umziehenden Borten ohen und unten begleiten
(Tafel 1, 6, 8, 9). Unter den abendländischen Kelchen des Mittelalters gibt es
keinen, der auch nur entfernt eine so ausgiebige Verwendung von Perlen auf-
wiese.
(8) De basilica aedificata a Bugge (M. 89, 290). „ „ „«,
(9) Vel z B. die Vita Gregorii II. (715—731), Gregorii III. (731—741), Stephan! IV.
(816-817), Benedict! III. (855-858). (Doch. L. P. I, 410, 417, 419;""II, 49, 147.)
(10) Ebd. II, 154. (11) Vgl. oben S. 72. (12) Vgl. oben S. 55 und Tafel 6.
148 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Die Menge der Steine und Perlen ist an einigen der mittelalterlichen Kelche sehr groß.
So zeigt der Fürstenbergs che Kelch zu VÜIingen allein auf dem Fuß etwa 80. Der Kelch zu
Ludwigslust weist auf dem Fuß 84 Steine und Perlen auf, der Kelch in der Nikolaikirche
zu Berlin 126. Bei dem vorhin genannten Kelch im Stift Klosterneuburg beläuft sich die
Gesamtzahl der Perlen und Steine auf etwa i5o. Mit einer außerordentlichen großen Fülle
von Steinen und Perlen war ein dem Erzbischof Albrecht von Mainz gehörender Kelch ge-
schmückt, den wir heute nur mehr durch eine Abbildung des Haller Heiltunisbuches kennen
(Tafel 37). Fuß, Nodus und Korb der Kuppa waren dicht von ihnen besetzt, der Korb der
Kuppa sogar in einem Ausmaß, daß er lediglich aus Steinen und Perlen zu bestehen schien.
Übrigens wurden schon im i3. Jahrhundert und noch mehr im i4- und i5. Steine und
Perlen bei Ausschmückung der Kelche mit Vorliebe durch andere, dem Zeitgeschmack ent-
sprechende Schmuckmittel, zumal durch figürliche Reliefs, aufgelegtes oder in Treibarbeit
herausgearbeitetes Blattwerk und Emailbildchen, verdrängt. Sehr lehrreich sind in dieser
Beziehung die oft aufs reichste mit Schmelzen geschmückten italienischen Kelche des 1/4-
und i5. Jahrhunderts, von denen Steine als Schmuck geradezu wie verbannt erscheinen,
sehr lehrreich auch die französischen Inventare derselben Zeit, aus denen gleichfalls her-
vorgeht, daß die mit Emails verzierten Kelche fast immer des Schmuckes von Steinen und
Perlen entbehrten, (13) sehr lehrreich die geradezu an einem Übermaß plastischen Schmuckes
krankenden, des Schmuckes von Steinen und Perlen aber ebendarum völlig entbehrenden
Spanischen und portugiesischen spätgotischen und gotisierenden Prachtkelche aus dem Ende
des i5. und der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Auch in Deutschland war es vornehm-
lich die Vorliebe für plastischen Schmuck, welcher die Verwendung von Steinen und Perlen
zur Verzierung des Kelches im 1/1. und r5. Jahrhundert so sehr verdrängte, daß unter der
Fülle der aus ihnen heute noch vorhandenen deutschen Kelche sich nur eine verhältnis-
mäßig sehr geringe Zahl befindet, die irgendwie reicher mit Steinen und Perlen verziert sind.
Die Steine, mit denen man im Mittelalter die Kelche schmückte, waren übrigens keines-
wegs immer wirkliche Edelsteine, wiewohl auch solche unter ihnen nicht fehlten. Sehr oft
waren es nur Halbedelsteine, Achate, Amethysten, Hyazinthen, Topase u. a., die freilich da-
mals einen weit höheren Wert als heute hatten.

In der Zeit der Renaissance macht sich gegenüber der Spätgotik eine gewisse
Steigerung in der Verwendung von Steinen und Perlen zur Ausstattung des
Kelches bemerklich, ohne jedoch schon erheblich zu werden. Das wird sie dann
jedoch im Barock. Seit Ausgang des 17. Jahrhunderts sind Steine und Perlen
nicht nur ein sehr gewöhnlicher und beliebter Schmuck reich verzierter Kelche,
sie werden auch oft in einem Ausmaß an denselben angebracht, das zum Über-
maß, zum geistlosen Prunk geworden ist. Barockkelche, an denen sich hundert
bis zweihundert Steine finden, sind keine Seltenheit. Ein 1699 angefertigter
Kelch in St. Peter zu Salzburg ist sogar mit 7/17 Steinen besetzt, ein Barock-
kelch im Dom zu Limburg aber weist nicht weniger als 991 auf. Allerdings
waren die Steine, mit denen der Barock die Kelche schmückte, vielfach nur ein
Surrogat echter Steine, nur Imitationen in Gestalt farbiger Glaspasten. Jedoch
wurden auch wirkliche Edelsteine und Halbedelsteine reichlich zum Schmuck der
Kelche verwendet. Unter den 7^7 Steinen des Salzburger Kelches gibt es keine
unechten und nur 9 Halbedelsteine (5 Hyazinthen und 4 Amethysten), die übrigen
bestehen in 201 Diamanten, 522 Rubinen, 5 Saphiren und 10 Smaragden (14)
und ähnlich verhält es sich mit dem Steinschmuck des Limburger Kelches.
(13) Man vgl. z. B. das Inventar Karls VI. von Frankreich von 1418 (Douet d'Arcq II,
3791), des Herzogs Jean von Berry von 1401—1403 (Guiffkey II, 2f.) und Karls V. von
Frankreich von 1379/80 (Labarte 511, 126f.).
(14) Kunsttopogr. Salzburg, St. Peter 48 mit Abb.
FÜNFTES KAPITEL. ORNAMENTALE AUSSTATTUNG. II. SCHMUCKMITTEL 149

2. Filigran. Filigran wurde zu drei verschiedenen voneinander unabhängigen


Zeiten zur Ausschmückung des Kelches verwendet; zunächst vom 10. Jahrhun-
dert an — ob auch schon früher, läßt sich nicht feststellen — bis etwa zur Mitte
des 13. Jahrhunderts. Da das Filigran damals allenthalben ein beliebtes Schmuck-
mittel für Goldschmiedearbeiten war, kann es kein Wunder nehmen, daß man
es in jener Zeit auch zur Verzierung der Kelche verwertete. Das bekunden aber
auch die mit Filigran geschmückten Kelche, die sich aus dem io., n.( 12. und
frühen i3. Jahrhundert erhalten haben.
Der älteste derselben ist der um o5o entstandene Gauzclinuskelch in der Kathedrale zu
Nancy (Tafel 5). Dem 11. Jahrhundert entstammende Kelche mit Filigran sind der so-
genannte Heinrichskelch in der Reichen Kapelle zu München (Tafel 2) und der Kelch in
der Klosterkirche zu Silos bei Burgos und wohl auch der zu Ardagh gefundene altirische
Henkelkelch (Tafel /1); dem 12. Jahrhundert angehörende der von Ferdinand II. gestiftete
Kelch in S. Isidoro zu Leon (Tafel 12), ein jetzt in amerikanischem Privatbesitz befind-
licher Kelch aus St-Denis, den Abt Suger um u45 anfertigen ließ (Tafel 3), ein Kelch im
Museum für kirchliche Kunst zu Coimbra (Tafel 12), ein Kelch aus Alcobaca im National-
museum zu Lissabon, eine Stiftung der Königin Dulcia, sowie der Henkelkelch in St. Peter
zu Salzburg (Tafel 8); um die Wende des 12. und in der ersten Hälfte des i3. entstandene
ein Kelch in der Kathedrale zu Reims (Tafel i3), ein aus dem Münster zu Basel kommender
Kelch im Historischen Museum daselbst (Tafel i3), Kelche in der Apostelkirche zu Köln
(Tafel 8), der Marienkirche zu Prenzlau (Tafel i4), der Pfarrkirche zu Hochelten am
Niederrhein, der Marienkirche zu Rathenow (Tafel i3), der Marienkirche zu Bergen auf
Rügen, der Kirchs auf dein Moritzbera hei llüdi^ieim, dei- Kirch*; zu Zi?n:nei'b:ii'h in Bu-
den, ein Kelch in St. Godehard zu Hildesheim (Titelbild), sowie ein aus dem Kloster Ma-
riensee in Hannover stammender Kelch im Germanischen Museum zu Nürnberg.
Deutlich spiegelt sich die Entstehungszeit in der formalen Bildung des Filigrans wider.
Bei den ältesten Kelchen ein krauses Gewirre, sogenanntes Wurm eben filigran, wird es bei
den Kelchen des ausgehenden 12. Jahrhunderts, bei dem Kelch aus St-Denis aber bereits
gegen die Mitte desselben zu zierlichen, organisch sich entwickelnden, harmonisch verlau-
fenden, in den Enden der Windungen meist ein Perlchen umschließenden Ranken. Durch
Einfügung von Blättchen und Blümchen wird dieses sogenannte Ranken filigran dann zu
dem reicheren Blümchenfiligran, wie es uns z. B. bei dem Moritzberger Kelch, dem Kelch
in St. Aposteln zu Köln und besonders bei dem aus Deutschland stammenden Kelch zu
Borga in Finnland begegnet, und dieses schließlich zu dem an dem prachtvollen Kelch in
St. Godehard zu Hildesheim in reichstem Ausmaß sich findenden sogenannten Schnecken-
filigran, bei dem die inneren Windungen sich vom Grund losgelöst haben und frei über
diesem aufsteigen, der jüngsten und letzten Bildung des Filigrans. Eigenartig ist das Fili-
gran, welches den Rand der Kuppa des Ardaghkelches schmückt. Statt aus Ranken besteht
es abwechselnd aus Flechtwerk und aus kunstreich durcheinander geschlungenen Drachen;
irische Miniaturen sind ersichtlich seine Vorbilder gewesen. Sogenanntes Filigran ä jour,
das ist Filigran ohne Boden, dem es aufgelötet ist, und das darum durchsichtig ist, be-
gegnet uns in vorzüglicher Ausführung beim hervorragend schönen Nodus der Kelche in
St. Aposteln zu Köln (Tafel 8), im Historischen Museum zu Basel (Tafel i3), in der Ma-
rienkirche zu Rathenow (Tafel i3) und in der Marienkirche zu Bergen auf Rügen.
Das Ausmaß, in dem Filigran am Kelch angebracht ist, ist verschieden. Hier schmückt es
nur den Nodus wie z. B. bei den Kelchen in der Kathedrale zu Coimbra und im National-
museum zu Lissabon, anderswo, wie bei dem Moritzberger Kelch, dem Kelch im Germani-
schen Museum sowie den Kelchen in der Apostelkirche zu Köln und im Museum zu Basel
Nodus und Schaft. Nur an der Kuppa weist Filigran auf der Ardaghkelch, nur am Fuß
zeigen solches der Heinrichskelcb in der Reichen Kapelle zu München, der Henkelkelch jn
St. Peter zu Salzburg, der Kelch in der Pfarrkirche zu Hochelten und in besonders reicher
150 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Ausführung der Kelch in der Marienkirche zu Prenzlau (Tafel i&), am Fuß und am Nodus
der Kelch zu Zimmerbach, an Kuppa und Fuß, nicht aber am Nodus der Gauzelinuskelch
zu Nancy (Tafel 5), an Nodus, Schaft und Fuß der Kelch zu Rathenow (Tafel i3). An
Kuppa, Nodus und Fuß ist Filigran als Schmuck angebracht bei den Kelchen in S. Isidoro
zu Leon (Tafel za) und zu Silos, dem aus St-Denis stammenden Kelch in amerikanischem
Privatbesitz (Tafel 3), dem Kelch in der Kathedrale zu Reims (Tafel i3), dem durch die
Pracht seines Filigran ausgezeichneten Kelch in St. Godehard zu Hildesheim und dem Kelch
in der Marienkirche zu Bergen, vielleicht dem vorzüglichsten Beispiel eines mit Filigran
ausgestatteten Kelches, nicht nur wegen der Fülle und des Reichtums seines Filigran-
schmuckes, sondern ebensosehr wegen der hervorragend schönen und edlen Ausführung
des Filigrans.

Um die Mitte des i3. Jahrhunderts stirbt die Verwendung von Filigran bei
Ausschmückung der Kelche bald für lange Zeit aus. Erst um das Ende des
i5. Jahrhunderts kommt es zu diesem Zwecke wieder in Gebrauch, diesmal je-
doch nicht allgemein, sondern nur in einem engeren Bezirk, in den Gold-
schmiedewerkstätten Ungarns und Siebenbürgens. Gekennzeichnet wird das
Filigran der in diesen geschaffenen Kelche dadurch, daß es nicht durch gekörn-
ten, sondern durch fein gewundenen Draht gebildet wird und daß es statt aus
Rankenwerk ausschließlich aus Miniaturkreischen besteht, die bald lediglich
aneinandergereiht, bald innerhalb eines größeren Kreises zu Gruppen vereinigt
erscheinen und durch eingestreute Perlchen belebt werden. Angehracht ist es
am Fuß des Kelches, am Nodus und an dem Korb der Kuppa, die oft völlig mit
ihm wie übersponnen sind.
Beispiele von Kelchen, die diese Art von Filigran als Schmuck aufweisen, sind noch
heute nicht selten. So finden sich deren z. B. im Domschatz zu Preßburg, im Dom zu Gran,
im Dom zu Krakau (Tafel 3a), in den Kirchen zu Bogeschdorf, Meschen, Mettersdorf,
Tartlau und Hetzeldorf in Siebenbürgen, (15) zu Boleslav bei Tarnow in Galizien, zu
Ebenfurth in Niederösterreich, in der Johanneskirche zu Lissa, im Münster zu Überlingen
in Baden und anderswo, in den zuletzt genannten Kirchen als Import aus Ungarn. Selbst
auf dem Athos gibt es ein Beispiel. (16) Außerhalb Ungarns und Siebenbürgens wurde das
ungarische Filigran in den Goldschmiede werkstatten nicht gebräuchlich. Was sich dort an
Kelchen, die solches aufweisen, findet, stammt aus Ungarn, ist nicht das Werk einheimi-
scher Goldschmiede. In Ungarn fand es als Schmuck der Kelche Pflege bis in den Beginn
des 17. Jahrhunderts. Der Kelch zu Überlingen trägt das Jahresdatum 1396.

Zum dritten und letzten Mal erscheint Filigran um den Beginn des 18. Jahr-
hunderts als Mittel zur Verzierung des Kelches auf dem Plan. Anderer Art als
das Filigran der romanischen Zeit und als das ungarische Filigran des späten
10. und des 16. Jahrhunderts, stellte es nun barocke, sich breit entfaltende
Blätter, Blumen und Ranken dar mit kräftiger Kontur aus dickerem glatten und
luftiger Fällung aus feinstem gekörnten Silberdraht, wie ein Kelch aus St. Ge-
reon zu Köln (Tafel 37) zeigt, spitzenähnliche Gebilde, für welche die damals
so beliebten duftigen Klöppelspitzen Vorbild gewesen sein mögen, nur daß sie
nicht aus Fäden, sondern aus Draht hergestellt waren und die bisweilen ge-
radezu wie eine Art Schleier Fuß, Nodus und den unteren Teil der Kuppa um-
hüllten, wie z. B. bei einem Kelch in der Nikolauskirche zu Prag. (17) Es sind
(15) Viktor Roth, Kunstdenkm. in sächs. Kirchen Siebenbürgens (Hermannstadt 1922).
(16) Abb. bei Roh. IV, 145. (17) Abb. bei Weingartker 198. Ein anderes gutes Beispiel
findet sich im Benediktinerstift Raigern.
FÜNFTES KAPITEL. ORNAMENTALE AUSSTATTUNG. IL SCHMUCKMITTEL 151

besonders Kelche Augsburger Herkunft, die dies Filigran als Schmuck auf-
weisen. Großen Anklang hat es nicht gefunden. Schon bald ist es als Schmuck
der Kelche wieder von der Bildfläche verschwunden.
3. Zelleneinlage, Email, Niello. Zelleneinlage, das ist Glaspasten oder Halb-
edelsteine, namentlich Almandine und Türkise, die in kleinen von Stegen ge-
bildeten, meist viereckigen, doch auch andersgeformten Zellen eingelassen sind,
ein namentlich in merowingischer Zeit sehr beliebter und gepflegter Schmuck
von Goldschmiedearbeiten, kommt nur an einem Kelche vor, dem Ardaghkelch
im Nationalmuseum zu Dublin, einem der jüngsten Werke, welche solche
noch aufweisen. Völlig bekleidet war mit ihr rings um die Kuppa der sogenannte
Eligiuskelch zu Chelles. (18) In Verbindung mit Ranken zeigt Zelleneinlage
der kleine Kelch vonGourdon. (19) Selbst wenn beide keine liturgischen Kelche
gewesen sein sollten, zeigen sie immerhin, wie man in merowingischer Zeit auch
diese mit ihr geschmückt haben wird. Denn bei der großen Beliebtheit und
Pflege, deren sich die Zelleneinlage damals erfreute, wird man auch wohl
Kelche mit ihr verziert haben.
Email scheint bis zum ausgehenden i3. Jahrhundert im Abendland nur sel-
ten und nur in geringem Ausmaß zur Ausschmückung der Kelche verwendet
worden zu sein. Auffallend genug gegenüber der so ausgiebigen Verwendung,
welche es bei sonstigen kirchlichen Arbeiten der Goldschmiedekunst, die gleich-
zeitig mit ihnen entstanden, gefunden hat. Der überaus langen Reihe von Reli-
quienschreinen, Reliquiaren, Tragaltären, Pyxiden und sonstigem mit Email
verziertem liturgischen Gerät stehen nur wenige Kelche der gleichen Zeit gegen-
über, die Emailschmuck zeigen, keiner, bei dem dieser in ausgiebigerem Aus-
maß vorkäme. Einige ornamentale Zellenschmelzplättchen finden sich am Gau-
zelinuskelch zu Nancy (Tafel 5), einige ornamentale Grubenschmelzplättchen
an dem Kelch in S. Isidoro zu Leon (Tafel 12) und dem Kelch in der Kathe-
drale zu Reims (Tafel i3). Figürliche in Email ausgeführte Darstellungen be-
gegnen uns bis in das späte i3. Jahrhundert im Westen an keinem Kelche.
Anders wie im Westen verhielt es sich zu gleicher Zeit im Osten, wie die zahl-
reichen Kelche byzantinischer Herkunft im Schatz von S. Marco zu Venedig
bekunden. Wer immer von diesen eine reichere Ausstattung aufweist, zeigt als
Hauptschmuck Schmelzarbeiten in Gestalt von Inschriften (Tafel 1 und 6), von
ornamentalen Gebilden sowie namentlich von figürlichen Darstellungen, welch
letztere entweder Medaillons füllen oder aneinandergereiht einen, den Rand
der Kelchkuppa, sowie auch wohl den des Fußes umziehenden und einfassenden
Fries bilden; alles ausgeführt in kunstvollem, vergoldeten Goldzellensckmelz
(.Tafel 8 und 9).
Im Westen wurde Email erst seit dem späten i3. Jahrhundert ausgiebiger
xur Verzierung des Kelches verwertet. Vor allem fand es nun zu diesem Zwecke
ausgedehnte Verwendung in Italien, wo im i4« und 10. Jahrhundert Email,
zumal in Gestalt von Medaillons und sonstigen Zierplättchen den Hauptbestand-
teil des Schmuckes reicherer Kelche darstellte, wie eine sehr große Zahl italie-
nischer Kelche, die sich aus jener Zeit erhalten haben (Tafel 28f.), bezeugt,
(18) Vgl. oben S.72. (19) Vgl. oben S.58.
.152 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

doch auch in Frankreich, in Spanien und in Flandern, weniger dagegen in


Deutschland, wo die aus dem i3. Jahrhundert übernommene Vorliebe für Re-
lief auch noch im i4. und i5. Jahrhundert fortdauerte. Allgemeine Verwen-
dung fand es dort nur an den Zapfen des Nodus der Kelche in Gestalt schlich-
ten Grubenschmelzes.
Das Email, das im i\. und i5. Jahrhundert in Italien zur Verzierung des Kelches diente,
war das Reliefemail oder durchsichtige Email (email translucide); Relief email genannt
wegen seiner reliefartigen Wirkung, durchsichtiges Email wegen seiner Durchsichtigkeit.
Auch in Spanien, in Frankreich und in Flandern war es, wie es scheint, vornehmlich eben
diese Art von Email, die man hei Kelchen zur Anwendung brachte. Ein sehr hervorragendes
Beispiel italienisch-spanischen Ursprungs ist der Kelch aus der ehemaligen Sammlung
Spitzer im Louvre (Tafel 17), der nicht nur auf dem Fuß, am Schaft und am Nodus mit
durchsichtigem Email geschmückt ist, sondern auch an der Kuppa, die ganz mit durchsich-
tigem grünen, von Ranken belebten Schmelz überzogen ist. Andere Beispiele mit durch-
sichtigen Schmelzen verzierter spanischer Kelche sind der Kelch zu Longares (Tafel 18),
sowie ein Prachtkelch in der Kathedrale zu Tortosa. Französischen Ursprungs ist ein mit
figürlichen Schmelzen dieser Art reich ausgestatteter Kelch im Kationalmuseum zu Kopen-
hagen. In welch großer Zahl in Frankreich Kelche mit durchsichtigen Schmelzen ge-
schmückt waren, ergibt sich aus den französischen Inventaren des i4- und i5. Jahrhun-
derts; denn die Emails, mit denen die in ihnen verzeichneten Kelche ausgestattet waren,
können nur durchsichtige Emads gewesen sein. Einen Kelch flandrischer Herkunft mit
figürlichen Darstellungen in Reliefschmclz besitzt die Pfarrkirche zu Wipperfürth.
Auch in Deutschland entstanden Kelche mit Relief schmelzen. Beispiele sind ein Kelch,
im Dom zu Mainz (Tafel 23), ein Kelch im Fürstlich Hohenzollerischen Museum zu Sig-
maringen, ein Kelch im Germanischen Museum zu Nürnberg, in der evangelischen Kirche
zu Wimpfen am Berg und im Stift Klosterneuburg. Meist bediente man sich dort jedoch zur
Ausschmückung des Kelches nach wie vor nicht des zwar vornehm wirkenden, aber schwierig
auszuführenden durchsichtigen Schmelzes, sondern des schlichten einfarbigen Gruben-
schmelzcs, bei dem das Muster, Ornament oder Figur aus dem Metall ausgespart und nur
der noch übrig bleibende Grund mit Email gefüllt wurde, der einzigen der verschiedenen
Arten des Grubenschmelzes, die das i3. Jahrhundert überdauert hatte. Ein vorzügliches
Beispiel seiner Verwendung bietet der schone Kelch in der Pfarrkirche zu Stahle bei Höxter
mit sechs in einfarbigem Grubenschmelz ausgeführten Medaillons (Verkündigung, Geburt,
Abendmahl, Kreuzigung, Auferstehung und Gericht) auf dem Fuß und acht in gleicher
Technik gearbeiteten Köpfen an den acht Zapfen des Nodus (Tafel a6). Kelche ähnlicher
Art gibt es zu Wittstock in Brandenburg, zu Lockwitz in Sachsen, sowie in der katholischen
Pfarrkirche zu Weil der Stadt in Württemberg.
Aus Schweden stammt ein heute zu Ludwigslust in Mecklenburg-Schwerin befindlicher
prachtvoller Kelch mit figürlichen Darstellungen in Gold auf Emailgrund als Schmuck des
Fußes, Er war nicht der einzige schwedische Kelch seiner Art. Zwei andere befinden sich
gegenwärtig im Historischen Museum zu Stockholm. Einer derselben, der aus dem Dom.
zu Vesteräs kommt, zeigt auf dem Fuß auf blauem Grubcnschmelzgrund ausgeführte Dar-
stellungen aus dem Leben des Herrn, an den runden Zapfen des Nodus in gleicher Technik
gearbeitete Bildchen der Evangelisten, eines Engels und eines Heiligen. Noch ausgiebiger ist
Grubenschmelz am zweiten Kelch, der aus östra Ny stammt, zur Verwendung gekommen.
Denn hier weisen nicht bloß die Rundmedaillons, die auf dem Fuß angebracht sind und
die sechspaßförmigen Zapfen des Nodus figürliche Darstellungen auf blauem Gruben-
schmelz auf, sondern auch die spitzbogigen Miniaturarkaden, mit denen die sechs Seiten
des Schaftes oberhalb und unterhalb des Nodus ausgestattet sind. (20) An den Zapfen des
Nodus erhielt sich der Grubenschmelz bei den deutschen Kelchen wie auch anderswo bis
weit ins 16. Jahrhundert hinein.
(20) HlLDEBRAKD III, 657, I
FÜNFTES KAPITEL. ORNAMENTALE AUSSTATTUNG. II. SCHMUCKMITTEL 153

Eine an den Kelchen erst seit dem Ausgang des i5. Jahrhunderts auftretende
Sonderart des Emails ist das sogenannte Drahtemail. Es hat mit dem byzantini-
schen Zcllenschmelz insofern eine gewisse Verwandtschaft, als auch bei ihm
das Email in Zellen eingeschmolzen wird, die nicht in den Grund eingegraben,
sondern durch aufgesetzte Stege hergestellt sind. Es unterscheidet sich aber von
ihm erstens dadurch, daß diese Stege nicht aus dünnen, schmalen, auf die Kante
gestellten Metallriemchen bestehen, sondern aus gewundenem Draht, dann da-
durch, daß nur der Boden der Zellen mit Schmelz bedeckt, die Zellen also mit
ihm nicht bis oben gefüllt sind, und endlich dadurch, daß das Email nach dem
Einschmelzen nicht glatt geschliffen und poliert, sondern so belassen wurde,
wie es nach dem Erkalten war. Bei weitem nicht so vollendet wie Zellenschmelz
und ungleich derber, ist es, wenn sauber, sorgfältig und mit kräftig gefärbtem
Email ausgeführt, immerhin eine wirkungsvolle Technik.
Das Drahtemail tritt, wie vorhin gesagt wurde, an den Kelchen um das Ende
des i5. Jahrhunderts auf, es behauptet sich an ihnen bis in das Barock hinein.
Es war wie das Drahtfiligran eine Sondertechnik der ungarischen und sieben-
bürgischen Goldschmiedewerkstätten. Was sich über die Grenzen Ungarns und
Siebenbürgens hinaus, wie namentlich in Polen und Westpreußen an Kelchen,
die mit ihm verziert sind, findet, ist entweder Export aus Ungarn-Siebenbürgen
oder eine Arbeit im Ausland versprengter Goldschmiede von dort. Eingebürgert
hat es sich, wenigstens dauernd, außerhalb seiner Heimat ebensowenig wie das
Drahtfiligran. (21)
Zur Verzierung von Kelchen muß das Drahtemail in seiner Heimat mit Vorliebe ange-
wendet worden sein. Das bezeugen die vielen mit ihm geschmückten Kelche, die sich erhal-
ten haben. So gibt es deren in Ungarn im Dom zu Gran, in der Kathedrale zu Neutra (Ta-
fel 38), im Dom zu Raab, in der Zipser Kathedrale, im Dom zu Kaschau, in der Burgkirche
zu Neusohl, im Dom und im Franziskanerkloster zu Preßburg, in der katholischen Kirche
zu Trenczen, zu Bars-Szent-Kereszt, in Siebenbürgen in den protestantischen Kirchen zu
Großschenk, Klein-Bistriz, Nadesch, Jaad, Stein, Petersdorf bei Mühlbach, Großprobstdorf,
Schonburg, Eibesdorf, Kronstadt, Kleinschalken, Bogeschdorf und Meschen. (22)
Außerhalb Ungarns Grenzen finden sich gute Beispiele im Dom zu Frauenburg (Ta-
fel 3i), im Dom (Tafel 27) und in der Marienkirche zu Krakau, zu Tarnow, im Stift Klo-
sterneuburg, zu Eggenburg in Niederösterreich, zu Knittelfeld, Grdßlobming und Schön-
berg in Steiermark, im Dom zu Prag, in der Adalbertskirche zu Posen, zu Lissewo in West-
preußen, zu Krummin in Pommern, in der Marienkirche zu Zwickau, in der Nikolaikirche
zu Ehrenfriedersdorf sowie zu Groß-Walbur in Sachsen, im Dom zu Breslau (Tafel 25), im
Museum für Kunst und Gewerbe zu Hamburg, im Münster zu Aachen u. a., alles noch
gotische oder doch gotisierende Kelche. Einen prachtvollen, am Fuß, dem vasenförmigen
Schaft und dem Korb der Kuppa völlig mit reichstem Drahtemail überkleideten Barock-
kelch besitzt der Dom zu Pelplin (Tafel 3g).
Die Technik des rein koloristischen Emails, d. i. die teilweise Bemalung der plastischen
Ornamente eines Goldschmiedewerkes mittels farbigen Emails, die in der Zeit der Re-
naissance bei Goldschmiedearbeiten profaner Art häufig angewandt wurde, um der plasti-
schen Wirkung auch noch die der Farbe hinzuzufügen, ist bei Kelchen nur selten zur An-
wendung gekommen. Ein glänzendes Beispiel bietet ein mit Renaissanceornament geradezu

(21) Vgl. Ober das Drahtemail besonders Joset-ii Hampel, Das mittelalterliche Drahtemail
(Budapest 1888) und Zeitschrift XXII (1909) 149. (22) Virtor Roth, Kunstdenkmäler in
den sächsischen Kirchen Siebenbürgens (Hermannstadt 1922).
154 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

überladener, der Form nach noch gotischer Kelch der ehemaligen Sammlung Rothschild
von etwa 1600 (Tafel 33), etwas einfachere ein Kelch in der ehemaligen Jesuitenkirche zu
Paderborn (Tafel 33), ein Kelch im Dom zu Neutra (Tafel 38), beide formal Kelche ge-
mischten Stiles, sowie ein Barockkelch von 1621 in St. Peter zu Salzburg (23) und ein Ba-
rockkelch im Kloster Montserrat in Spanien von i63g, eine deutsche Arbeit, ein Geschenk
Kaiser Ferdinands III. (Bild 11).
Eine Besonderheit der Barockkunst sind die an zahlreichen spätbarocken und Rokoko-
Kelchen vorkommenden kleinen, meist ovalen Kupferplättchen, die mittels aufgemalter
und aufgebrannter Emailfarben mit figürlichen religiösen Darstellungen, Szenen und Ein-
zelfiguren auf weißem Emailgrund, geschmückt, oft von Steinen rings eingefaßt, dem Fuß
und dem Korb der Kuppa sowie auch wohl dem Nodus aufgesetzt sind (Tafel 3.'i, 36, 37).
Diese mit sogenanntem Maleremail versehenen Zierplättchen sind als Schmuck der Kelche
eine Eigentümlichkeit deutscher Kelche und zwar bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Be-
sonders waren es die GoldscluniedeWerkstätten Augsburgs und Wiens, aus denen mit ihnen
geschmückte Kelche hervorgingen, um weithin in Deutschland Verbreitung zu finden.

Niello, das ist Gravierungen, die mit eingeschmolzenem schwarzem oder grau-
schwarzem Schwefelsilber ausgefüllt sind, kommt an den Kelchen, die sich aus
dem i4- und i5. Jahrhundert sowie aus der Zeit der Renaissance und des Ba-
rocks erhalten haben, meines Wissens nicht vor, jedenfalls nicht in irgendwie be~
merkenswertem Ausmaß. Das früheste Beispiel eines mit Niello verzierten Kel-
ches ist der Tassilokelch zu Kremsmünster (Tafel 1). Nielliert sind an ihm die
der Kuppa und dem Fuß aufgehämmerten Medaillons mit Halbfiguren Christi,
der vier Evangelisten, des heiligen Johannes des Täufers und dreier anderer
Heiligen. Der Kelch bekundet, daß Niello schon im 8. Jahrhundert zur Aus-
stattung der Kelche verwendet wurde. (24) Ein Beispiel aus dem 11. Jahrhun-
dert ist der sogenannte Heinrichskelch in der Reichen Kapelle zu München,
der auf dem seinen Fuß umgebenden breiten Horizontalrand sechs, durch Steine
getrennte Nielloplättchen als Schmuck aufweist. Was sonst noch an Kelchen,
die mit Niello geschmückt sind, vorhanden ist, gehört dem späten 12. und dem
i3. Jahrhundert an, eine Kelchkuppa im Erzbischöflichen Museum zu Köln, ein
Kelch zu Afflighem in Belgien, der von Hugo von Oignies angefertigte Kelch
im Schatz der Schwestern von Notre-Dame zu Naraur (Tafel i5), ein Kelch zu
Ottobeuren (Tafel i5), ein aus Ottobeuren stammender Kelch in der ehemaligen
Sammlung Stein zu Paris, ein gleichfalls aus Ottobeuren kommender Kelch zu
Wörishofen, der aus Kloster Mariensee im Hannoverischen herrührende Kelch
im Germanischen Museum zu Nürnberg und als Krone aller ein Kelch zu Tre-
messen im Posenschen (Tafel 12) und der Henkelkelch in Stift Wüten (Tafel 7),
zwei Kelche, die überhaupt zu den hervorragendsten und bemerkenswertesten
unter allen, die uns das Mittelalter hinterlassen hat, gehören.
Der Kelch zu Namur weist Niello auf dem Fuß und am Nodus auf, dort zehn von Ran-
kenwerk umgebene figürliche Darstellungen, hier Ornament. Auch die Inschrift an der
Zarge des Fußes, die uns über den Schöpfer des Kelches Aufschluß gibt: -j- Hugo me fecit;
orate pro eo; calix ecclesie beati Nicolai de Ognies ist nielliert. Der Kelch zu Afflighem,
wohl der jüngste von allen, zeigt auf dem Fuß vier größere nieliierte Medaillons, an den

(23) Abb. bei Weiing artner 187.


(24) Ob auch die geometrischen Gravierungen der Silberplfittchen an dem gleichfalls dem
S. Jahrhundert angehörenden Chrodegangskelch nielliert sind, ist aus der Beschreibung bei
Roh. IV, 92 nicht mit Bestimmtheit zu ersehen.
FÜNFTES KAPITEL. ORNAMENTALE AUSSTATTUNG. IL SCHMUCKMITTEL 155

fünf Zapfen des Modus fünf kleinere. (25) Der Kelch zu Ottobeuren und seine beiden
gleichartigen Genossen enthalten an der Kuppa Niellodarstellungcn, die Figuren Christi
und der Apostel unter rundbogigen Arkaden; auf dem Fuß sind die Inschriften in Niello
ausgeführt. Der Kelch im Germanischen Museum zu Nürnberg zeigt auf dem Fuß vier
größere und vier kleinere Niellobildchen, von denen jene Christus am Kreuz, Abrahams
Opfer, Abel und Melchisedech, diese vier Propheten darstellen, auf den sechs den Nodus
schmückenden Kundscheibchen sechs, Christus, die Male zeigend, das Lamm Gottes und die
Evangelisten Symbole. (26) Der Kelch zu Tremessen ist, abgesehen vom Nodus, der getriebe-
nes Ornament aufweist, ganz mit Niellohildwerk geschmückt, das sowohl an der Kuppa
wie am Fuß in zwei durch eine emaillierte Inschrift geschiedene Zonen angeordnet ist und
dort in der oberen Zone den brennenden Dornbusch, die Verkündigung, den blühenden
Stab Aarons, die Geburt und die Taufe des Herrn sowie das Letzte Abendmahl, in der nied-
rigeren unteren die Evangelistensymbole, hier oben unter Rundbogenarkaden die vier Kar-
dinaltugenden, unten unter rundbogiger Architektur acht allegorische Frau engestalten, die
acht Seligpreisungen, wiedergibt. Ebenso sind die über und unter der oberen Zone der
Kuppa sich hinziehenden, das darunter befindliche Bildwerk erläuternden Inschriften sowie
die an der Zarge des Fußes angebrachte: *f- Gaudia summorum qui quaeris habere polorum —
Hamm seetator virtutum sis et amator (27) in Niello ausgeführt. Auch beim Wiltener Kelch
sind Kuppa und Fuß ganz mit NiellodarStellungen geschmückt, der Fuß mit fünfzehn alt-
testamentlichen Szenen, die Kuppa mit zwanzig neutestamentliehen bis zur Kreuztragung
einschließlich. (28) Die Darstellungen stehen in runden Feldern, deren Einfassung an der
Kuppa durch einander überschneidende, am Fuß durch einander umschlingende Bänder,
die Kuppa und Fuß umziehen, gebildet wird. Die Kuppa zählt zwei Reihen von Darstel-
lungen, der Fuß, bei dem die Felder versetzt zueinander angeordnet sind, drei. Die Zwickel
zwischen den Feldern sind am Fuß mit niellierten Vögeln und Ranken, an der Kuppa mit
Halbfiguren in Niello gefüllt. Das obere Ende des Halses des Fußes umgeben niellierte Halb-
figuren der Kardinaltugenden wie am Kelch zu Tremessen. Den Rand der Kuppa und die
Zarge des Fußes umzieht eine in Niello ausgeführte, auf das Bildwerk der Kuppa und des
Fußes sich beziehende Inschrift. Wie beim Kelch zu Tremessen ist nur der Nodus ohne
Nielloschmuck geblieben. Er ist wie bei jenem so auch beim Wiltener Kelch in Treibarbeit
mit den allegorischen Figuren der Paradies flu sse verziert. (29)

4. Gravierungen und Ziselierungen. Gravieren und Ziselieren sind entweder


nur Hilfstechniken, wie z. B. das nachträgliche Bearbeiten von Trieb- und Guß-
arbeiten mittels des Stichels und Meißels und das Ausheben der Vertiefungen
zur Aufnahme des Emails oder Niellos bei Grubenschmelz- und Nielloarbeiten,
oder selbständige Techniken. Hier kommen sie nur im zweiten Sinn in Betracht.
Sie sind die einfachsten, aber keineswegs ästhetisch unwirksame Techniken und
darum seit alters zur Verzierung des Kelches verwendet worden. In welchem
Ausmaß freilich das bis in das 12. Jahrhundert geschehen ist und inwieweit
insbesondere Gravierung und Ziselierung bis dahin benutzt wurden., um die
Kelche mit figürlichen Darstellungen zu schmücken, läßt sich bei der geringen
Zahl der Kelche, die sich aus der ihm vorausgehenden Zeit erhalten haben, nicht
feststellen. Unter den Kelchen, die aus dem 12. und r.3. Jahrhundert auf uns
gekommen sind, finden sich manche, die mit Gravierungen ornamentalen wie
(25) Die unter dem Fuß heute sich findende achtpaßförmige Platte ist nicht ursprünglich
und ihm erst im 16. Jahrhundert angefügt. (26) Abb. bei A. EsSEHWEQf, Kunst- und kultur-
geschichtliche Denkmale des Germ. Nationalmuseums (Nürnberg 1877), Tfl. 12.
(27) Kd. von Posen IV, 64. (28) Seine Fortsetzung findet der Zyklus der neutestament-
lichen Darstellungen auf der zum Kelch gehörenden, gleichfalls nieliierten Patene.
(29) Ausführliche Beschreibung nebst Abb. des Kelches im Jahrbuch der k. k. Central-
kommission IV (Wien 1860) 24f.
156 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

namentlich auch figuralen Charakters geschmückt sind. Ein vorzügliches Bei-


spiel letzterer Art aus dem 12. Jahrhundert ist ein Kelch im Museum für reli-
giöse Kunst zu Goimbra (Tafel 12) aus dem Jahre nöa, der in schwachem,
durch leichtesAusheben desGrundes erzielten Relief an derKuppa unter Rund-
bogenarkaden die stehenden Figuren der Apostel, am Fuß die Evangelisten-
symbole inmitten romanischer Ranken aufweist. Halbfiguren der Apostel am
oberen Teil der Kuppa und prächtiges Rankenwerk auf den Buckeln der unte-
ren Hälfte derselben sowie auf denen des Fußes, alles in Gravierung, schmücken
den Kelch zu Frauenberg bei Euskirchen.
Treffliche Beispiele aus dem i3. Jahrhundert sind unter andern namentlich der Kelch
in der Apostelkirche zu Köln (Tafel 8), der an der Kuppa in Gravierung eine Folge von
Kleeblattarkaden mit den Halbfiguren der Apostel zeigt; der Kelch in der Kirche auf dem
Moritzberg bei Hildesheim mit den gravierten Figuren der Apostel an der Kuppa und mit
vier, alt testamentliche Vorbilder (Abrahams Opfer, Abel und Melchisedech, Heimkehr
der Kundschafter, eherne Schlange) enthaltenden Rundmedaillons und Halbfigurcn von En-
geln in gleicher Technik auf dem Fuß; der Kelch zu Rathenow (Tafel i3) mit vier gravier-
ten Rundmedaillons (Sündenfall, Abrahams Opfer, eherne Schlange, Melcbisedech) und mit
vier zwischen diesen über einem sie verbindenden ornamentierten Fries angebrachten gra-
vierten Halbfiguren von Engeln an der Kuppa; einer der drei Kelche im Zisterzienserinnen-
kloster Marienstern bei Kamenz mit vier gravierten Rundmedaillons (Abendmahl, Kreuz-
tragung, Christus am Kreuze, Frauen am Grabe) und vier gravierten Prophetenfiguren in
deren oberen Zwickeln als Schmuck der Kuppa; endlich ein von Herzog Konrad von Maso-
vien gestifteter Kelch im Dom zu Plock mit gravierten Rundmedaillons an der Kuppa (Ver-
kündigung, Geburt, Anbetung durch die Dreikönige, Flucht und Kindermord) sowie den
gravierten Figuren des Gekreuzigten, des heiligen Johannes des Täufers, Abrahams, Moses'
und der Propheten Jeremias, Isaias, Elias auf dem Fuß.
Auch unter den Kelchen, die sich aus dem i4. und i5. Jahrhundert erhalten haben,
fehlt es nicht an solchen, die gravierten Schmuck, Inschriften, Architekturen, Blattwerk
sowie namentlich auch graviertes Bildwerk, szenische Darstellungen wie Einzelfiguren, auf-
weisen. Es sind vornehmlich Kelche deutscher Herkunft, auf denen uns graviertes Figuren-
werk begegnet. Auf italienischen Kelchen des i£. und i5. Jahrhunderts wird man es selten
antreffen, da in Italien die figürlichen Darstellungen, mit denen man die Kelche aus-
stattete, vornehmlich in Email ausgeführt zu werden pflegten. Ein Beispiel ist ein italieni-
scher Kelch des iö. Jahrhunderts im Viktoria-und-Albert-Museum zu London, der auf dem
Fuß statt Emailbildchen sechs gravierte Rundbildchen mit den Szenen des Begräbnisses und
der Auferstehung des Herrn, sowie die Figuren der vier großen Kirchenlehrer zeigt. Ein
spanischer Kelch des lil. Jahrhunderts, dessen Fuß reich mit gravierten Ganzfiguren von
Heiligen und Halbfiguren von Engeln verziert ist, befindet sich in der Kathedrale zu To-
ledo (Tafel 19). Übrigens war es im i4. und i5. Jahrhundert oft nur der Fuß, den man
mit graviertem Figurenwerk versah. Als Beispiele hiefür seien etwa angeführt ein Kelch
zu Kissenbrück in Braunschweig, ein Kelch in der Walburgiskirche zu Helmstedt, (30) ein
Kelch zu Crimmitschau in Sachsen, (31) je ein Kelch zu Dirschau und zu Löbau in West-
preußen (Tafel a4), (31a) sowie ein Kelch zu Ludmannsdorf in Kärnten von i5a4. (32)
Bei den drei letztgenannten spätgotischen Kelchen ist das Figurenwerk unmittelbar dem
Fuß eingraviert, bei den drei ersten, die dem ii. Jahrhundert angehören, nach Weise von
Reliefs runden dem Fuß aufgesetzten Scheiben. An der Kuppa zeigen figürliche Darstel-
lungen ein Kelch zu Werdau (Tafel a3) und ein Kelch im Diözesanmuseum zu Breslau
(Tafel 3o); am Fuß, am Nodus und an der Kuppa der sogenannte Bernwardskclch im Dom-

(30) Abb. in Kd. von Braunschweig IH, 60 und I, 79.


(31) Abb. in Kd von Sachsen XII, 14. (31a) Kd. von Westpreußen, Pommercllen 170
und Kr. Löbau 56. (32) Abb. in Kd. von Kärnten 185.
FÜNFTES KAPITEL. ORNAMENTALE AUSSTATTUNG. IL SCHMUCKMITTEL 157

schätz zu Hildesheim, der in Gravierung am Fuß mit sieben Szenen aus dem Leben Jesu, an
den den Nodus, einen Topas, unten einfassenden sechs Goldplättchen mit Figuren heiliger
Jungfrauen und an der Kuppa mit einer Darstellung des Letzten Abendmahles geschmückt
ist (Tafel 22). Häufiger als Bildwerk findet sich an der Kuppa von Kelchen des i/i. und
i5. Jahrhunderts eine ihr eingravierte Inschrift und zwar begegnet uns eine solche nicht
bloß bei Kelchen deutschen Ursprungs, sondern auch bei spätgotischen spanischen, portu-
giesischen, englischen und schwedischen, ja vereinzelt selbst bei italienischen Kelchen, wie
denn überhaupt die Inschriften, die man am Kelch anbrachte, meist in Gravierung ausge-
führt zu werden pflegten. Wollte man den Fuß des Kelches mit graviertem Bildwerk ver-
zieren, so begnügte man sich nicht selten mit nur einer Darstellung, am gewöhnlichsten mit
dem Bilde des Gekreuzigten oder einer aus Christus am Kreuz, Maria und Johannes be-
stehenden Kreuzigungsgruppe, auf einem sechsteiligen oder achtteiligen Kelchfuß aber
ließ man gern graviertes Figurenwerk sei es mit graviertem Blatt- und Rankenwerk, sei es,
wie bei einem spätgotischen Kelch in der Stiftskirche zu Kaiserswert (Tafel 17), mit Re-
liefs abwechseln, statt alle Seiten gleicherweise mit gravierten figürlichen Darstellungen
auszustatten.

Auf den gotisierenden Kelchen des 16, und 17. Jahrhunderts wird graviertes
Figurenwerk selten, noch seltener auf Renaissancekelchen. Von den Barock-
kelchen ist es fast ganz verschwunden. Getriebene oder gegossene Reliefs sowie
später auch die mit Email bemalten Kupferplättchen haben es von ihnen ver-
drängt. In der Tat hatte es zu wenig zu dem bewegten, auf starke Wirkung aus-
gehenden plastischen Ornament, mit dem man die Barockkelche ausstattete,
gepaßt. Von einer selbständigen ornamentalen Technik ist die Gravierung auf
diesen lediglich zur bloßen Hilfstechnik herabgesunken.
5. Tauschierang und Ausschnittarbeit. Tausckierung, das ist die Verzierung
von Metallgegenständen durch eingelegtes und eingehämmertes Ornament aus
dünnerem, andersfarbigem Metallblech, ist nur an zwei Kelchen des S. Jahr-
hunderts zur Ausschmückung derselben angewendet worden, dem sogenannten
Chrodegangskelch der ehemaligen Sammlung Basilewsky (32 a) und dem Tas-
silokelch zu Kremsmünster (Tafel 1). Während der erste nur mäßig tauschiert
wurde, ist das beim zweiten in sehr ausgiebiger Weise geschehen. Sind doch
nicht bloß die bogen- und giebelförmigen Bänder des den Rand der Kuppa um-
ziehenden Frieses, der Fries am Rand des Fußes mit der Stifterinschrift und
die Einfassungen der Medaillons an der Kuppa und dem Fuß, sondern auch
diese Medaillons mit den nieliierten Halbfiguren Christi, der Evangelisten, des
heiligen Johannes des Täufers und drei anderer Heiligen sowie die Rauten in
der Mitte des Nodus in Tauschierarbeit ausgeführt. Bei der Beliebtheit, die sich
'diese in der Merowingerzeit erfreute, mögen die beiden Kelche kaum die ein-
zigen ihrer Art gewesen sein.
Ausschnittarbeit, von Theophilus in seiner Schedula diversarum artium opus
interrasile genannt, zeigt von den älteren Kelchen nur einer, ein Kelch aus dem
frühen i3. Jahrhundert in der Katharinenkirche zu Osnabrück (Tafel i3). Sie
besteht hier in prächtigem, aus Silberblech ausgeschnittenem und dann getrie-
benein romanischen Blattwerk und findet sich nicht nur am Nodus des Kelches,
sondern auch an der Kuppa und am Fuß desselben, von denen dieser ganz, jene
bis zu zwei Drittel ihrer Höhe ringsum völlig mit ihr überkleidet ist. Bei spät-
(32 a) Vgl. oben S. 70.
158 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

gotischen, gotisierenden und Renaissancekelchen ist der Korb, mit dem die
Kuppa derselben ausgestattet ist, bisweilen in Ausschnittarbeit ausgeführt, bei
Kelchen des Barocks aber ist das oft der Fall (Tafel 34, 36). Ein gotisierender
Kelch zu Waldau (BA. Vohenstrauß) in Bayern zeigt Ausschnittarbeit nicht nur
am Korb der Kuppa, sondern auch auf dem Hals des Fußes (Tafel 36).
6. Treib- und Gußarbeit. Reiche Verwendung zur Verzierung des Kelches
fand seit wenigstens dem 12. Jahrhundert Treibarbeit, getriebene geometrische
und architektonische Gebilde, getriebenes Ranken- und Blattwerk sowie na-
mentlich auch getriebenes Figurenwerk. Daß sie auch schon früher zum glei-
chen Zwecke verwertet wurde, kann nicht zweifelhaft sein, da sie ja schon in
der antiken Goldschmiedekunst zur Ausschmückung profaner Trinkgefäße eine
große Rolle spielte, in welchem Umfang jedoch wissen wir nicht. Nur einige
Male ist in den schriftlichen Quellen die Rede von Kelchen mit getriebenem
Schmuck. So schon in der Vita Silvestri, in der von einem calix argenteus ana-
glyfus berichtet wird, den ein gewisser Gallicanus der Basilika zu Ostia stif-
tete (33) und in der Vita des Papstes Damasus (366—386), derzufolge dieser
der von ihm gegründeten Laurentiusbasilika zu Rom außer anderen liturgi-
schen Geräten einen scyphus anaglyfus von zehn römischen Pfund, einen mit
Reliefs verzierten Konsekrationskelch schenkte; (34) so im 9. Jahrhundert in
der Vita des heiligen Ansegisus, Abtes von Fontanelle, der dem Kloster Luxeuil
calices argentei tres deaurati, anaglifico opere parati, dem Kloster Fonta-
nelle aber außer einem goldenen, mit Edelsteinen besetzten Kelch auch noch
einen calix argenteus anaglifico opere factus spendete; (35) so um 810 im In-
ventar von Staffelsee: Sunt ibi calices argentei duo, quorum unus de foris
sculptus et deauratus, (36) da in allen diesen Stellen zweifellos Kelche mit
Treibarbeit gemeint sind. (37) So wenig das ist, so geht doch aus ihm zur Ge-
nüge hervor, daß schon seit alters Kelche auch mit getriebenem Schmuck ver-
sehen wurden.
Von allen Kelchen, die sich aus dem ganzen ersten Jahrtausend und selbst
noch aus dem 11. Jahrhundert erhalten haben, weist nur einer Treibarbeit auf,
einer der syrischen Kelche der Sammlung Abukasem, (37a) vier stehende Figu-
ren von Aposteln und zwei Kreuze unter rundbogigen Arkaden; leider unter-
liegt dessen Echtheit Bedenken. Aus dem späten 12. und dem i3. Jahrhundert
haben sich zahlreiche, bald ausgiebiger, bald weniger ausgiebig mit getriebenem
Schmuck, hier bloßem Blattwerk, dort auch figürlichen Darstellungen, ver-
sehene Kelche erhalten.
Zu den ersteren gehört namentlich eine Gruppe von Kelchen, welche die Eigentümlichkeit
zeigen, daß sich, vom Schaft beginnend und nach unten verlaufend, um den Hals des Fußes
nach Art eines umgekehrten Blumenkelches ein Kranz lanzettförmiger, aus dem Grund
herausgetriebener Blätter legt, der ihn ganz bedeckt; eine Verzierungs weise des Kelchfußes,
die weite Verbreitung gefunden haben muß. Begegnet sie uns doch bei dem im Grabe des
Bischofs Herväus von Troyes gefundenen Kelche, dem Kelche, den man in einem Bischofs-
grab der Kathedrale zu Canterbury entdeckte (Tafel i5), einem Kelch, den man in einem
(33) Dich. L. P. I, 184. (34) Doch. L. P. I, 212. (35) N. 6 (M. 105, 738).
(36) M. G. Leg. sect. II, I, 251. (37) Vgl. auch De Cange I. 237 unter anaglyphus.
(37a) Vgl. oben S. 79.
FÜNFTES KAPITEL. ORNAMENTALE AUSSTATTUNG. U. SCHMUCKMITTEL 159

Bischofsgrab der Kathedrale zu Cbichester antraf, dem 1890 zu Dolgelly in Wales gefun-
denen Kelch (Tafel i5), einem Kelch in der Klosterkirche zu Dragsmark in Schweden,
dem Kelch des Hugo von Oignies zu Namur (Tafel i5), einem Kelch deutscher Herkunft in
der früheren Sammlung Spitzer (Bild 5), einem Kelch zu Wesenberg in Mecklenburg-Strelitz
(Tafel 16), einem Kelch in der Martinskirche zu Emmerich, einem Kelch aus einem Bi-
schofsgrab im Dom zu Mainz, (38) einem Kelch aus dem Grabe des Erzbischofs Heinrich
von Finstingen (-}■ 1286) im Dom zu Trier, einem Kelch aus einem Bischofsgrab des
i3. Jahrhunderts im Dom zu Magdeburg und dem Kelch in der Pfarrkirche zu Frauenberg
bei Euskirchen; also in Frankreich, England, Schweden, Belgien, Deutschland. Beispiele
dieser Verzierungsweise des Fußes aus dem frühen i4- Jahrhundert bieten ein Kelch im
Dom zu Salzburg, (39) zu Gramzow in Pommern, (40) in der Stepbanskirche zu Zeitz (41)
und zu Stadtilm. (42) Dann freilich verschwindet sie von der Bildfläche, doch findet sie sich
vereinzelt noch einmal an einem Kelch im Museum zu Oldenburg. (43) Meist umhüllt den
Hals des Fußes nur eine Reihe von Blättern. Bei zwei Reihen, wie z. B. bei dem Kelch von
Dolgelly und Dragsmark oder bei drei, wie bei dem Emmericher Kelch, sind die Reihen
versetzt zueinander angeordnet.

Bei den Kelchen des 12. und i3. Jahrhunderts, die mit getriebenem Bildwerk
geschmückt sind, ist dieses meist nur auf dem Fuß angebracht und zwar in der
Regel in Gestalt von Medaillons, die entweder aus demselben herausgetrieben
oder ihm aufgesetzt sind. So bei zwei der drei Kelche im Zisterzienserinnen-
kloster zu Marienstern bei Kamenz, den Kelchen zu Zedhenik, Prenzlau (Ta-
fel ifi) und Rathenow in Brandenburg (Tafel i3), bei welch letzterem die
Kuppa gravierte Darstellungen aufweist, einem Kelch in der Marienkirche zu
Bielefeld und der Johanniskirche zu Herford, dem Kelchfuß in der Pfarrkirche
zu Lüdinghausen, Kelchen zu Haffen und zu Hochelten am Niederrhein, einem
Kelch in St. Walburg zu Eichstätt (Tafel 16), dem Kelch in der Apostelkirche
zu Köln (Tafel 8), einem Kelch in der Stiftskirche zu Guimaräes in Portugal,
dem aus dem Baseler Münster stammenden Kelch im Historischen Museum zu
Basel (Tafel i3) u. a. Am Fuß und am Nodus zeigen beispielsweise getriebenen
figürlichen Schmuck die Kelche zu Ottobeuren (Tafel i5), Wörishofen sowie
der ihnen gleichartige Kelch der ehemaligen Sammlung Stein zu Paris, nur an
der Kuppa der Henkelkelch im Zisterzienserinnenkloster Marienstern (Tafel 4),
dessen Fuß mit gegossenem und aufgesetztem Figurenwerk ausgestattet ist, an
Kuppa und Fuß ein Kelch in der Stiftskirche zu Fritzlar, in St. Godehard zu
Hildesheim (Titelbild), ein Kelch zu Tremessen und der Henkelkelch in Sankt
Peter zu Salzburg (Tafel 8). Auch bei diesen Kelchen ist das Figurenwerk meist
in Medaillons angebracht. Eine Ausnahme machen das Bildwerk an der Kuppa
des Kelches zu Fritzlar, die Apostel auf Thronen unter rundbogigen Arkaden,
das der Kuppa und des Fußes des Kelches zu Tremessen, eine Folge szenischer,
durch Säulchen geschiedener Darstellungen, sowie die auf langgezogenen
Buckeln angebrachten Propheten- und Apostelfiguren an der Kuppa und dem
Fuß des Henkelkelches in St. Peter zu Salzburg.
Gußarbeit scheint noch im i3. Jahrhundert nur erst wenig als Mittel zur
Ausschmückung der Kelche verwendet worden zu sein. Theophilus läßt in sei-
(88) Friedr. Schneider, Die Graberfunde im Ostchor des Domes zu Mainz (Mainz 1874).
(39) Weingartser 211. (40) Kd. von Pommern, Kr. Anklam, 111. (41) Kd. der Prov.
Sachsen, Kreis Zeitz, 55. (42) Kd. von Sehwarzburg-Rudolstadt, Bez. Stadtilm, 172.
(43) Zeitschrift XXV (1912) 275.
160 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

ner Schedula nur die Henkel des Henkelkelches m Guß hergestellt werden. Von
den Kelchen, die sich aus dem i3. Jahrhundert erhalten haben, ist nur einer
ausgiebiger mit Gußarbeit geschmückt, der Henkelkelch im Zisterzienserinnen-
kloster Marienstern (Tafel 4). Ausgeführt ist bei ihm in Guß nicht nur der mit
Drachen prächtig ornamentierte durchbrochene Nodus, sondern auch das reiche,
in zwei Zonen übereinander angeordnete, dem Fuß aufgelötete Figurenwerk.
Bei einein spanischen Kelch des i3. Jahrhunderts im Louvre ist der durch-
brochene, aus Rankenwerk, dem die Evangelistensymbole eingefügt sind, be-
stehende Nodus gegossen.
Häufiger wird Gußarbeit zur Verzierung des Kelches seit dem i4- Jahrhun-
dert gebraucht und zwar nicht bloß zu Ornament, sondern namentlich auch zu
figürlichen Darstellungen, während Treibarbeit zu diesem Zweck immer mehr
in Abgang kommt. Von den Kelchen, die sich aus dem il\. Jahrhundert erhalten
haben, zeigen noch verschiedene, zumal Kelche deutschen Ursprunges, nach
wie vor getriebenen Schmuck, auch getriebenes Figurenwerk, doch gibt es auch
schon manche, bei denen die Treibarbeit durch Guß ersetzt ist. Ein hervorragen-
des Beispiel, wohl geradezu das hervorragendste aus dem i4- Jahrhundert, ist
der Kelemankelch im Dom zu Osnabrück (Tafel 17) mit den sechs unter be-
nasten Rundbogen angeordneten figurenreichen Gruppen am Fuß und den
achtzehn in Nischen angebrachten Statuettchen am Zwischenstück zwischen Fuß
und Schaft sowie am Schaft selbst.
An den Kelchen des id. Jahrhunderts findet sich nur wenig getriebener
Schmuck mehr. Was sie an plastischem Ornament und Figurenwerk aufweisen,
ist nun vorherrschend, bei den gotischen Kelchen der Spätzeit desselben und
des frühen 16. Jahrhunderts sogar fast alles Gußarbeit. (44) Bei den Renais-
sancekclchen und den ornamental von der Renaissance beeinflußten gotisieren-
den Kelchen tritt jedoch ein Wechsel ein. Sowohl im ornamentalen wie im figu-
ralen Schmuck derselben kommt immer mehr wieder Treibarbeit zur Gel-
tung. (45) Auf den Kelchen aus der Zeit des Barocks aber erscheint in dem
einen wie dem andern die Gußarbeit zu Gunsten der Treibarbeit fast ganz ver-
drängt, hauptsächlich wohl wegen der größeren Freiheit, Ungebundenheit und
Beweglichkeit, die sie dem Goldschmied bei seiner Arbeit gewährte. Überaus
zahlreiche Kelche, die sich aus dem späten 17. und dem 18. Jahrhundert erhal-
ten haben, legen davon Zeugnis ab. (46) Zur Verzierung der Kelche des Klassi-
zismus sowie namentlich des Empire kam dann jedoch auch Gußarbeit wieder
ausgiebiger zur Verwendung (Tafel 4o).
7. Zierbehänge. Ein eigenartiger Schmuck des Kelches sind die Zierbehänge,
mit denen man in Byzanz reicher behandelte Kelche ausstattete, Edelsteine, die
an einem Metallfaden frei von der die Kuppa umziehenden Borte herabhingen.
Mit solchen Behängen, Hyazinthen, die an einem Goldfaden befestigt waren,
war der goldene, mit Edelsteinen ringsum eingefaßte Kelch, den Kaiser Michael
nebst anderem kostbarem liturgischem Gerät durch seine Gesandten dem Papst
Nikolaus (858—867) als Weihegabe für den heiligen Petrus überbringen Heß,
(44) Beispiele auf Tafel 26, 27, 28, 30, 32. (45) Beispiele auf Tafel 31, 32, 33, 34.
(46) Beispiele auf Tafel 34 ff.
FÜNFTES KAPITEL. ORNAMENTALE AUSSTATTUNG. IL SCHMUCKMITTEL 161

am Rande verziert: calicem de auro, ex lapidibus circumdatum et in circuitu,


pendentes iaquinthas in filum aureum. (47) Beispiele so ausgestatteter Kelche
finden sich noch heute unter den aus Byzanz stammenden Kelchen im Schatz
von S. Marco mehrere. Freilich fehlen die Behänge seihst gegenwärtig, vor-
handen aber sind an den den Kupparand umziehenden, mit Emailplättchen,
einer Emailinschrift oder Steinen geschmückten Borten noch die Ösen, in denen
sie befestigt waren, sowie an zwei Kelchen noch Überreste der Metallfäden, an
denen die Steine hingen (Tafel i, 8, 9). (48) Die Zahl der Behänge schwankte.
Hier sechs, waren ihrer an andern Kelchen acht, an einem gar zwölf angebracht.
Die Kelche bekunden, daß sich der Brauch, den Kelch mit Behängen zu
schmücken, in Byzanz bis wenigstens in die Frühe des zweiten Jahrtausends
erhielt.
Kelche mit Zierbehängen nach Art der byzantinischen Kelche dieser Art hat
der Westen nicht gekannt — Behänge mit Reliquien zeigt der Kelch zu Otto-
beuren (Tafel i5), doch sind dieselben schwerlich ursprünglich—, wohl aber
Kelche, an deren Kuppa Glöckchen angebracht waren. Dieselben entstammen
jedoch einer weit späteren Zeit als jene byzantinischen, dem Ende des 10. und
der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts nämlich. Allerdings zeigte man im
frühen 18. Jahrhundert zu Clairvaux einen mit vier Glöckchen an der Kuppa
verzierten Kelch, dessen sich angeblich der 1148 zu Clairvaux gestorbene hei-
lige Malachias bei der Feier der Messe bedient haben sollte, der also, im Fall der
Richtigkeit dieser Angabe, nur wenig später als die byzantinischen Kelche mit
Zierbehängen in S. Marco entstand. Allein was wir über ihn in einem Inventar
von 15o4 finden, läßt keinen Zweifel, daß derselbe damals noch keineswegs als
Kelch des heiligen Malachias galt: Alius (calix) sat altus cum patena et ampullis
et quatuor campanulis pendentibus circa oram ipsius cuppae, (49) ist alles, was
es uns von dem Kelch zu sagen weiß. Allem Anschein nach stammte der Kelch
erst aus dem späten Mittelalter. Das läßt sowohl die Angabe des Inventars, die
ihn als sal altus bezeichnet, als namentlich ein Schreiben Galmets an Montf aucon
aus dem Jahre 1726 vermuten, in dem ein Kelch zu Clairvaux, den man dem
heiligen Bernhard zuschrieb, als fort bas bezeichnet wird, während es von dem
hier in Frage stehenden Kelch in ihm heißt, er sei beaucoup plus eley6 und habe
ungefähr die Höhe der Kelche d'aujourd'huy. (50) Der Kelch ist leider wie so
zahllose andere in den Stürmen der französischen Revolution zu Grunde gegan-
gen. Erhalten aber haben sich noch Kelche der gleichen Art und aus etwa der
gleichen Zeit, das ist aus dem Ende des i5. und dem frühen 16. Jahrhundert, in
Portugal; so in der Kathedrale zu Braga (Tafel 21), im Museo de arte religiosa
zu Coimbra, im Kloster von Arouca, sowie im Museo de arte antija zu Lissabon
(Bild 7), das ihrer mehrere besitzt. Kelche mit Glöckchen, die durch jede
Bewegung des Kelches, zumal aber bei der Elevation, zum Klingen gebracht
wurden, scheinen damals in Portugal recht beliebt gewesen zu sein. Denn auch
in englischem Privatbesitz gibt es einen portugiesischen Prachtkelch mit Glöck-
chen aus dem frühen 16. Jahrhundert (Tafel 21). Die Glöckchen sind bei den
(47) Duch. L. P. II, 154. (48) Vgl. auch Pasisi, II tesoro di S. Marco n. 69, 72, 83, 93,
96, 98, 113. (49) Roh. IV, 122. (50) Ebd.
BRAUN, DAS CHRISTLICHE ALTARGERAT
162 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Kelchen zu Braga, Coimbra und in englischem Privatbesitz unten an der Kuppa


angebracht. Ihre Zahl beträgt bei allen diesen sechs. Der Kelch von Arouca war
mit zwei Reihen von Glöckchen ausgestattet. Die obere zählte deren zwölf und
befand sich in der Mitte der Kuppa; die untere bestand aus sechs und hatte
ihren Platz am Boden derselben. Man kann die mit Glöckchen an der Kuppa
ausgestatteten Kelche, insofern die Glöckchen auch, wenngleich nicht lediglich
als Schmuck des Kelches gedacht waren, als eine Art von Gegenstücken zu den
mit Zierbehängen an der Kuppa versehenen byzantinischen Kelchen bezeichnen,
in einem Zusammenhang mit diesen stehen sie jedoch nicht, sie sind nicht Nach-
bildungen derselben. Anderswo als in Portugal wurde es nicht Brauch, an der
Kuppa des Kelches Glöckchen anzubringen; auch nicht in Frankreich. Denn
der Kelch zu Clairvaux, von dem vorhin die Rede war, dürfte dort schwerlich
ein Gegenstück gehabt haben. Er ist der einzige Kelch seiner Art, der in fran-
zösischen Inventaren des ausgehenden Mittelalters und des 16. Jahrhunderts er-
wähnt wird.

HI. SYSTEM DER ANORDNUNG DES SCHMUCKES

Die Anordnung des Schmuckes konnte in mehrfacher Weise erfolgen. Man


konnte sich damit begnügen, die Kuppa, den vornehmsten Bestandteil des Kel-
ches mit solchem auszustatten, konnte Kuppa und Ständer mit passendem Zierat
ausstatten, konnte davon absehen, die Kuppa zu verzieren und nur den Ständer
mit Ornament versehen, konnte bei Ausschmückung des Ständers sich darauf
beschränken, Fuß und Nodus auszustatten, nicht den Schaft, oder gar lediglich
den Nodus durch Schmuck hervorzuheben und auszuzeichnen. Alles Möglich-
keiten, die, wie die aus der Vergangenheit noch vorhandenen Kelche beweisen.,
nicht bloß Möglicbkeiten blieben, sondern zur Wirklichkeit wurden.
Wie man es in altchristlicher Zeit und im früheren Mittelalter mit der Anordnung des
Schmuckes des Kelches gehalten und wo man ihn an diesem angebracht hat, darüber sind
wir nur recht mangelhaft unterrichtet. Die schriftlichen Quellen aus dieser Zeit sagen uns
nichts Genaueres darüber. Der Henkelkelch auf dem Mosaik »Melchisedechs Opfer- in
S. Vitale zu Ravenna zeigt nur an der Kuppa Schmuck und nicht anders steht es um den
henkellosen Kelch auf einem zweiten Mosaik daselbst, »Theodora mit ihrem Hofstaat, einen
Kelch als Weihegabe darbringend*. Wir wissen aber nicht, inwieweit das auf Rechnung des
Mosaizisten zu setzen ist und den Abbildungen die Wirklichkeit entsprach. Von den in
Syrien gefundenen Kelchen — ihre Echtheit einmal angenommen (der sogenannte antio-
chenische Kelch scheidet hier aus) —, weist einer (Tafel 10) an der Kuppa, am Nodus und
am Fuß Ornament auf, an der Kuppa sechs Rundbogenarkaden, unter denen in Relief vier
stehende Ganzfiguren und zwei Kreuze angebracht sind, am Nodus drei horizontale Reihen
von Lorbeerblättern, am Fuß einen Kranz von Rillen in Form eines umgekehrten Blumen-
kelches. Die übrigen sind bis auf eine den Kupparand umziehende Inschrift schmucklos.
Der kleine Kelch, vielleicht besser Becher, von Gourdon, ist an der Kuppa mit Ranken und
Zellen ein lagen, am Fuß mit von oben nach unten verlaufenden Rillen ornamentiert. Der
sogenannte Eligiuskelch zu Chelles war an der Kuppa bis zum Beginn des Bodens ganz mit
Zelleneinlage, der oben und unten einige Edelsteine eingefügt waren, bekleidet, am Fuß
und Nodus mit schmalen, gleichfalls Zelleneinlagen enthaltenden Bändern geschmückt. Der
Kelch zu Lamon weist als einzigen Schmuck oben am Rand der Kuppa eine Inschrift auf;
beim Ludgeruskelch zu Werden kommt zu einer Inschrift an der Kuppa als weiterer
Schmuck noch eine zweite, die den Rand des Fußes umzieht. Der zu Petöhäza gefundene
FÜNFTES KAPITEL. ORNAMENTALE AUSSTATTUNG. III. SYSTEM 163

Kelch weist als Verzierung am Rand der Kuppa und des Fußes einen aus graviertem Flecht-
werk bestehenden Fries, zu dem hier wie dort vier gleichartige, vertikal verlaufende
Zierstreifen kommen, am Nodus eine Inschrift auf. Beim sogenannten Chrodegangkelch
der ehemaligen Sammlung Basilewsky gesellt sich zu den Inschriften am Rand der Kuppa
und des Fußes als weiterer Schmuck noch ornamentale Tauschierarbeit auf Fuß und Kuppa
sowie ein ornamentierter Ring in der Mitte des Nodus. Ganz mit ornamentalem und figu-
ralem Schmuck in Gravierung, Tauschierarbeit und Niello sind ausgestattet Kuppa, Nodus
und Fuß des Tassilokelches (Tafel i). Nur an der Kuppa, den Henkeln und dem Fuß zeigt
Verzierung der Gauzelinuskelch zu Nancy (Tafel 5), nur am Fuß der sogenannte Heinrichs-
kelch in der Reichen Kapelle zu München (Tafel 2). An der Kuppa, dem Fuß und dem
Schaft — ein Nodus fehlt — ist ornamentiert der zu Ardagh gefundene Henkelkelcb zu
Dublin (Tafel h), an der Kuppa, dem Nodus und Fuß, nicht aber am Schaft, der schmuck-
los belassen wurde, der Kelch in Santo Domingo zu Silos bei Burgos. Von den byzan-
tinischen Kelchen in S. Marco zu Venedig ist ein Teil nur an der Kuppa mit Ornament aus-
gestattet, andere zeigen außer an der Kuppa auch auf dem Fuß Schmuck (Edelsteine und
Emails), einer ist mit solchem nur auf dem Fuß versehen. Nodus und Schaft sind, wo ein
solcher vorhanden ist, bei ihnen unverziert belassen worden, ausgenommen zwei Kelche,
bei denen der Nodus, nicht jedoch auch der Schaft mäßig ornamentiert ist.

Irgend eine feststehende Regel in der Ornamentation des Kelches hat es,
selbst nach dem wenigen, was wir über sie wissen, bis über die Wende des ersten
Jahrtausends hinaus nicht gegeben. Nur war man darauf bedacht, vor allem die
Kuppa als den bedeutsamsten Teil des Kelches irgendwie, hier ausgiebiger, dort
in schlichterer Weise, mit Schmuck zu versehen, wenn anders man den Kelch
überhaupt mit solchem bedachte und so hielt man es auch weiterhin bis tief
ins i3. Jahrhundert hinein. Der Henkelkelch in St. Peter zu Salzburg (TafelS),
der Kelch des Geda Menendiz im Museum zu Goimbra (Tafel 12), der aus
St-Denis stammende Kelch in amerikanischem Privatbesitz, das Werk des Abtes
Suger (Tafel 3), die Kelche zu Frauenberg bei Euskirchen, zu Tremessen (Ta-
fel 12), in St. Aposteln zu Köln (Tafel8), zu Borgä in Finnland (Tafel i(\), im
Zisterzienserinnenkloster Marienstern (Tafel k), in der Stiftskirche zu Fritzlar,
zu Ottobeuren (Tafel i5) und Wörishofen, in der Katharinenkirche zu Osna-
brück (Tafel i3), zu Rathenow, in der Kathedrale zu Reims (Tafel i3), zu Ber-
gen auf Rügen, in St. Godehard zu Hildesheim (Titelbild) und auf dem Moritz-
berg bei Hildesheim, der in einem Bischofsgrabe der Kathedrale zu Canterbury
gefundene Kelch (Tafel i5) u.a. bezeugen das zur Genüge.
Von den Kelchen, die noch aus der zweiten Hälfte des i3. Jahrhunderts vor-
handen sind, zeigt kaum einer mehr an der Kuppa Ornament. Es sind nur mehr
der Fuß, der mittlerweile allgemein eingebürgerte Schaft und der Nodus, ja
nur der Fuß mit solchem ausgestattet. Es ist das System der Ornamentatioai
des Kelches, das dann im i£. und i5. Jahrhundert allgemein herrschend wurde.
Zwar kommen auch in diesen noch Kelche vor, deren Kuppa mehr oder weni-
ger mit Schmuck bedacht wurde wie z. B. der aus der Sammlung Spitzer stam-
mende Kelch im Louvre (Tafel 17), dessen Kuppa ganz mit Rankenwerk auf
grünem Emailgrund überzogen ist, ein Kelch zu Werdau in Sachsen (Tafel 23),
dessen Kuppa gravierte Prophetenfiguren schmücken, ein an der Kuppa in Gra-
vierung mit drei Reihen versetzt zueinander angeordneter Halbkreise, inner-
halb deren Blattwerk angebracht ist, verzierter Kelch in der Katharinenkirche
164 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

zu Osnabrück, ein mit durchbrochenem Rankenwerk, dem in zwei Zonen über-


einander Passionsszenen eingefügt sind, ganz bekleideter Prachtkelch in der
Ulrichskirche zu Braunschweig (Tafel 27), zwei ähnliche Kelche in der Stadt-
kirche zu Schleiz von 1^96 und in der Pfarrkirche zu Friesau in Thüringen, bei
denen jedoch die Ranken nicht bis zum Rande der Kuppa reichen, sondern
mehr den Charakter eines Korbes zeigen, der an der Kuppa mit einer gravierten
Darstellung des Letzten Abendmahles verzierte sogenannte Bernwardskelch im
Dom zu Hildesheim (Tafel 22) sowie namentlich auch der prachtvolle, in zwei
Zonen mit Rankenwerk, dem in der oberen symbolische Tierfiguren eingefügt
sind, ganz übersponnene Kelch des Goldschmiedes Engelbert Hofftege von
i468 im Dom zu Osnabrück, allein ihre Zahl ist in der großen Menge der
Kelche, die sich aus dem i4- und iö. Jahrhundert erhalten haben, verschwin-
dend klein. Selbst Kelche, deren Kuppa auch nur eine Inschrift eingraviert ist,
sind unter diesen sehr selten, nur ganz vereinzelte Erscheinungen.
Eine ornamentale Ausstattung erhielt damals der Kelch demnach, wenn anders man ihn
nicht schmucklos ließ, nur am Fuß, an dem jedoch gern auch die Zarge mit einer Folge
von bald durchbrochenen, bald nur ausgetieften Vierpässen, Dreipässen oder Fischblasen
sowie in der Spätgotik auch wohl mit durchbrochenem oder aufgelegtem Rankenwerk ver-
ziert wurde, am Zwischenstück zwischen Fuß und Schaft, wo ein solches vorhanden war,
am Schaft, der bisweilen mit Statuettchen unter Arkaden oder in Nischen versehen wurde
und am Nodus, der häufig eine sehr reiche Ausstattung erhielt. War die Kuppa in einen
Korb eingebettet, der den Zusammenhang von Schaft und Kuppa vermittelte, was in Italien
schon im il\. Jahrhundert die Regel war, in Deutschland aber erst im späten 10. Jahrhun-
dert häufiger wurde, (51) so wurde auch dieser stets mehr oder weniger ausgiebig mit Orna-
ment bedacht. Bei einfacher ornamentierten Kelchen beschränkte sich der Schmuck des
Fußes auf ein ihm aufgesetztes oder eingraviertes Kreuzchen oder sonst eine vereinzelt auf
ihm angebrachte bildliche Darstellung, eine Inschrift, das Wappen des Stifters oder Be-
sitzers und ähnliches, der Schmuck seiner Zarge auf einen Vierpaß- oder Rautenfries, die
Verzierung des Schaftes auf Inschriften, gravierte Maß werk fenster oder aufgelegtes Maß-
werk, die des Nodus auf eine Inschrift oder kleine in Relief oder Email ausgeführte Köpfe
oder Brustbilder an den an ihm so beliebten Zapfen und Blattwerk bzw. längliche Buckel
mit eingraviertem Maßwerkfensterchen oben und unten auf ihm zwischen den Zapfen.
Das System der Ornamentation, wie es bei den spätgotischen Kelchen typisch
geworden war, bleibt auch für den gotisierenden, den Renaissance- und den
Barockkelch maßgebend, nur wurde bei dem vasenförmigen Schaft der Re-
naissance- und Barockkelche oft bloß der den Bauch der Vase bildende Nodus
ornamentiert, während die zum Fuß und Hals der Vase gewordenen Schaft-
stücke unverziert blieben. Die Kuppa zeigt nur in seltenen Ausnahmefällen
Schmuck. Beispiele bieten ein prächtiger gotisierender Kelch zu Dornburg (52)
von etwa 1600, ein gleichfalls gotisierender Kelch in der Ulrichskirche zu Halle
von i654 (53) und ein Renaissancekelch in der Reichen Kapelle zu Mün-
chen, (54) die alle an der Kuppa mit reichem, in Email ausgeführtem Renais-
sanceornament, zu dem sich am Münchener Kelch auch figürliche Darstellun-
gen gesellen, ausgestattet sind. Sonst ist die Kuppa stets schmucklos. Ist sie,

(51) Vgl. oben S. 100. (52) Abb. Kd. von Sachsen-Weimar-Eisenach, Bez. Apolda, 26.
(53) Abb. bei Ferd. Lütiimer, Gold und Silber (Leipzig 1888) 231.
(54) Abb. bei Bruno Bücher, Geschichte der technischen Künste (Berlin 1886) II, 348.
FÜNFTES KAPITEL. ORNAMENT ALB AUSSTATTUNG. IV. INSCHRIFTEN 165

wie das bei den Barockkelchen die Regel ist, mit einem Korb versehen, so ist es
eben dieser, der ornamentiert erscheint.
Von Reliquien, mit denen man den Kelch ausgestattet hatte, hören wir nur in
einigen, sehr wenigen Fällen. So gab es in St-Jacques zu Lüttich im Beginn des
18. Jahrhunderts einen Kelch, ein Geschenk des heiligen Ludwig, in dessen
Fuß eine Partikel des heiligen Kreuzes eingeschlossen war. (55) Ein Kelch zu
Lichtfelde in Westpreußen aus dem frühen i5. Jahrhundert zeigt auf dem run-
den Fuß eine spitzovale Kapsel mit einer Reliquie. (56) Im kapellenartigen No-
dus enthalten hinter Glas Reliquien ein Kelch in der Marienkirche zu Danzig
von i4a6 (Tafel 23) und ein aus dieser stammender Kelch zu Marienburg von
etwa i45o. Im Nodus eines Kelches in der Paulikirche zu Rrandenburg (Ta-
fel a3) ist eine Reliquie des heiligen Paulus eingeschlossen.

IV. INSCHRIFTEN

Schon in altchristlicher Zeit sind Inschriften auf Kelchen bezeugt. Häufiger


begegnen uns solche auf den mittelalterlichen Kelchen. Besonders beliebt wa-
ren sie auf ihnen im 12., i3., il\- und 15. Jahrhundert. Dann freilich ver-
schwinden sie bald fast ganz von ihnen. Auf den gotisierenden Kelchen des
16. und 17. Jahrhunderts und den Renaissancekelchen kommen sie nur mehr
selten vor, auf den Kelchen des Barocks kaum mehr, ausgenommen freilich auf
protestantischen Kelchen, auf denen sie auch noch in nachraittelalterlicher Zeit
gern angebracht wurden. Man braucht, um sich davon zu überzeugen, beispiels-
weise nur die Kunstdenkmälerstatistiken Mecklenburgs durchzusehen, sie bieten
manche interessante Belege. Freilich sind sie auf ihnen oft genug nicht mehr
als Schmuck gedacht, sondern lediglich als Dokument, das die Namen der Stif-
ter, des Pfarrers, unter dem der Kelch beschafft wurde, der damaligen Kirchen-
ältesten u. a. für die Zukunft verewigen sollte.
Die Inschriften auf den mittelalterlichen Kelchen sind fast immer ebenso als
Schmuck beabsichtigt, wie alle andere ornamentale und figurale Zierat, mit
der man den Kelch ausstattete. Das beweist nicht nur ihre sorgsame Ausfüh-
rung, die der des übrigen Ornamentes nicht nachsteht und die Mannigfaltigkeit
der Techniken, in der sie gearbeitet sind, Tiefgravierung, Hochschnitt, Email,
sondern namentlich auch die Art ihrer Anordnung. Schmuck sollen sie ersicht-
lich sein, wenn sie den Rand des Fußes oder der Kuppa oder gar den Rand bei-
der nach Weise und als Ersatz eines Zierfrieses einfassen und begrenzen, wenn
sie die Kuppa in der Mitte als zierendes Band umziehen, wenn sie statt sonstigen
Ornaments auf der Umrahmung figuraler Darstellungen angebracht sind, mit
denen der Fuß und die Kuppa ausgestattet erscheinen, und ebenso sollen sie
Schmuck sein, wenn sie, wie so häufig im i&. und i5. Jahrhundert, den Schaft
des Kelches umgeben oder als Ersatz für Bildwerk an den Zapfen des Nodus
sich finden. Die Inschriften freilich, die bei spätmittelalterlichen und mittel-
alterlichen Kelchen bisweilen unter dem Fuß stehen, Inschriften, die meist das
Gewicht des Kelches angeben, haben natürlich keinen ornamentalen Charakter.
(55) Mart. et DüRAHD II, 182. (56) Kd. von Westpreußea III, 285.
166 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Wie sehr aber auch die Inschriften der Kelche, die letztgenannten ausgenom-
men, die Bedeutung von Schmuck haben, so dürfen sie doch nicht lediglich
unter diesem Gesichtspunkt gewertet werden, sie wollen auch über ihre ledig-
lich formale Seite als Ornament hinaus gegenständlich, das ist nach ihrem In-
halt betrachtet sein. Sie stehen den figuralen Darstellungen gleich, die ja auch
nicht bloß Schmuck sind, sondern auch gegenständlich dem Beschauer etwas
sagen wollen. Nach ihrem Inhalt aber betrachtet, lassen sich die Inschriften in
vier Gruppen scheiden, in Inschriften, welche auf den Zweck und die Bedeu-
tung des Kelches hinweisen, in Inschriften, welche das auf einem Kelch ange-
brachte Bildwerk erläutern, in Stifter-, Künstler- und Besitzerinschriften und
endlich in Inschriften, welche lediglich eine Lobpreisung oder Bitte allgemei-
ner Art enthalten.
Erste Gruppe. Ist der Kelch das Gerät, in dem der Opferwein konsekriert
wird, in dem also nach der Wandlung Jesus Christus wunderbar, aber wirklich
zugegen ist und das Opfer des Neuen Bundes, die unblutige Erneuerung des
Kreuzesopfers, gefeiert wird, durch das den Gläubigen die vom Erlöser durch
seinen Sühnetod am Kreuz erworbenen Gnaden zugewendet werden, dann kann
es nicht auffallen, daß uns am Kelch Inschriften begegnen, die in der einen
oder andern Weise auf das heilige Geheimnis Bezug nehmen, das sich in ihm
vollzieht. Sie sind zugleich ein Bekenntnis des Glaubens an dasselbe wie des
festen Vertrauens auf die in der Eucharistie geborgene und aus ihr zum Heil der
Menschen hervorfließende übernatürliche Gnadenkraft.

Inschriften dieser Art hat man schon in altchristlicher und frühmittelalterlicher Zeit auf
dem Kelch angebracht, wie die Inschrift bekundet, die sich auf einem vom heiligen Remi-
gius (7 533) gestifteten Kelch in der Kathedrale zu Reims befand, den Erzbischof Hinkmar
(f 88a) einschmelzen ließ, um mit dem Erlös die Gefangenen loszukaufen, welche die Nor-
mannen mit sich fortgeschleppt hatten. (57) Sie lautete: Hauriat hinc populus vitam de
sanguine sacro — Iniecto aeternus quem fudit vulnere Christos — Remigius reddit Domino
sua vota sacerdos. Am Rand der Kuppa des Ludgeruskelches zu Werden lesen wir: 7 Hie
calix sanguinis Domini nostri Jesu XPI, am Rand des Fußes: y Agitur baec summus per
pocla triumphus. Auf einem Kelch des Erzbischofs Adalbero von Reims (j 988) stand das
Distichon: Hinc sitis atque fames fugiunt: Properate fideles — Dividit in populos has pre-
sul Adalbero gazas, (58) auf einem dem heiligen Jodocus (f 669) zugeschriebenen, in Wirk-
lichkeit aber erst dem n.—12. Jahrhundert entstammenden Kelch in St-Josse-sur-Mer die
in Ieoniniscben Hexametern abgefaßte Inschrift: 7 Cum vino mixta fit XPI sanguis et
unda — Talibus his sumptis salvatur quisque fidelis. Die Kuppa des Henkelkelches in Sankt
Peter zu Salzburg umziehen oberhalb der Prophetenfiguren, mit denen dieselbe in ihrem
unteren Teile verziert ist, die leoninischen Verse: f Praescia priscorum suspirant vota pio-
rum — Ut sacer hie sanguis restaurat, quod necat anguis. Ein Kelch der ehemaligen Samm-
lung Basilewsky, jetzt im Museum der Eremitage zu Leningrad, weist rings um den Rand
des Fußes die Worte auf: 7 Qui manducat carnem meam et bibit sanguinem meum, in me
manet et ego in eo, dicit Dominus. Am Schaft des aus Ottobeuren stammenden Kelches zu
Wörishofen findet sich die Inschrift: 7 Ave benigne Deus, ein Gruß an den im hochheiligen
Sakrament gegenwärtigen Gottmenschen, am Fuß des sogenannten Ulrichskelches in Sankt
Ulrich zu Augsburg lesen wir: 7 Hie datur antidotum, quod curat iam moriturum — Lege

(57) Flodoardi, Bist. eccl. Rem. I. 1, c. 10 (M. 135, 44). (58) Adalberoms Epistolae
n. 24 (M. 137, 513).
FÜNFTES KAPITEL. ORNAMENTALE AUSSTATTUNG. IV. INSCHRIFTEN 167

sacerdotis stetit hoc vas pectore patris. (59) Ein isländischer Kelch des i3. Jahrhunderts
im Viktoria-und-Albert-Museum zu London hat um den Rand der Kuppa herum den Hexa-
meter: -f Sumitur hinc munda divini sanguinis unda (Tafel 16).
Auch im späteren Mittelalter begegnen uns nicht selten Inschriften an den Kelchen, die
auf deren heiligen Inhalt hinweisen. Auf einem Kelch aus Sunby im Nationalmuseum zu
Stockholm heißt es: De vera vite fert hoc vas pocula vite. Um den Rand der Kuppa des
jetzt im Louvre befindlichen Kelches der ehemaligen Sammlung Spitzer zieht sieh eine Lob-
preisung des heiligsten Sakramentes: Ave verum corpus natum ex Maria virgine, um die
Mitte der Kuppa eines Kelches zu Schroda im Posenschen die dem Ruch der Sprüche (9, 5)
entlehnte Einladung: Venite, comedite panem et bibite vinum, quod miscui vobis. Den Fuß
eines Kelches zu Kotig in Sachsen schmückt die fromminnige, glaubensvolle Regrüßung des
im heiligsten Sakrament gegenwärtigen Gottmenschen: Ave salus mundi, verbum Patris,
hostia vera — Viva caro, deitas itemque verus homo, den Nodus eines Kelches zu Mauker
in Rrandenburg die Verheißung: Participes huius calicis vivent cum domino. Auf das Kreuz-
opfer Christi, dessen unblutige Erneuerung das Meßopfer ist, weist die Inschrift auf dem'
Fuß eines Kelches zu Großebersdorf in Sachsen-Weimar-Eisenach hin: Vere languores
nostros ipse abstulit et infirmitates nostras ipse portavit. Am Rand der Kuppa eines Kel-
ches zu Werdau (Tafel a3) in Sachsen lesen wir: Calicem salutaris aeeipiam et nomen Do-
mini invocabo, dem Psalm n5 entlehnte Worte, welche der Priester vor Genuß des hei-
ligsten Blutes betet. Eine Inschrift an der unteren Stufe des Fußes eines Kelches im Dom zu
Gran jubelt: Ave vas clemencie, scrinium dulcoris, sacramentum gracie, pabulum amoris,
pignus vite, delicie celi. Ein Kelch zu St. Peter bei Freiburg von r5aa zeigt auf einem
Spruchband, das sich durch den Korb der Kuppa hindurchwindet, die Sakramentsantiphon:
0 sacrum convivium, in quo Christus sumitur, recolitur memoria passionis eius, der Kuppa
eines Kelches zu Lissewo aber ist der dem Sanktus entnommene Spruch eingraviert: Bene-
dictus, qui venit in nomine Domini. Die Kuppa eines Kelches in der Kathedrale zu Braga
(Tafel 21) umziehen oberhalb des Korbes derselben die Einsetzungsworte: Hie est calix
sanguinis mei, novi et eter(ni testamenti): Auf die Gewalt des Priesters, durch die Kon-
sekrationsworte Brot und Wein in Christi Leib und Blut zu wandeln, weist die Inschrift
auf dem Fuß eines Kelches zu Neumark in Westpreußen (Tafel a&) hin: Ille qui creavit
te, dat tibi creare se; o precelsa dignitas. Heilige Freude über die im heiligsten Sakrament
dem Empfänger desselben zuteil werdende Gnadenkraft spricht sich in den Worten aus, die
auf dem Fuß eines Kelches von etwa i5oo zu Alt-Falkenberg in Pommern (Regb. Stettin)
angebracht sind: Aspicio hunc quoties calicem vinumque sacratum — Gaudeo me refici
sanguine, Christe, tuo.

Indessen mag es bei den angeführten Beispielen, denen noch manche weitere
angefügt werden könnten, sein Bewenden haben. Sie genügen ja völlig zur
Charakterisierung der Inschriften der ersten Gruppe. Bemerkenswert ist ihre
große Mannigfaltigkeit. Nur selten wiederholt sich die gleiche Inschrift an ver-
schiedenen Kelchen. Bemerkenswert aber ist auch die allgemeine Verbreitung,
der sich diese Art von Inschriften erfreute. Sie sind nicht auf bestimmtes Land
beschränkt, sondern begegnen uns allenthalben, wie ja auch der Glaube an
Christi wirkliche Gegenwart im heiligsten Sakrament und dessen Bedeutung als
übernatürliche Seelenspeise ein allgemeiner war.
(59) Nach dem letzten der beiden Verse wäre der Kelch im Sarge des heiligen Ulrich auf
dessen Brust stehend gefunden worden, doch kann das nicht von dem Kelch in seiner heu-
tigen Gestalt gelten. In dem von eitlem Zeitgenossen herrührenden zuverlässigen Bericht
über die Erhebung des Heiligen im Jahre 1183 fand sich bei der Leiche kein Kelch, sondern
eine Pyxis vor (Inventio corporis s. üdalrici c. 1 [AA.SS. 4. Jul., II, 1311). Vermutlich ist
diese Pyxis im 13. Jahrhundert in einen Kelch, den heutigen Ulrichskelch, umgearbeitet
worden.
168 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Zweite Gruppe. Erläuternde Inschriften, das ist Inschriften, die dem Bild-
werk, mit dem der Kelch geschmückt erscheint, des besseren Verständnisses
halber beigefügt wurden, kommen als Beigaben zu Einzelfiguren schon auf dem
Tassilokelch vor. Auf den byzantinischen Kelchen in S. Marco zu Venedig sind
die in Email ausgeführten Halbfiguren von Heiligen regelmäßig von einer den
Namen des betreffenden Heiligen angebenden Beischrift begleitet, die beider-
seits von der Figur zugleich als Belebung des Grundes angebracht ist. Bei dem
Kelch des Geda Menendiz zu Coimbra von n5a sind die Namen der an der
Kuppa unter rundbogigen Arkaden stehenden Apostel dem über ihnen den
Hand der Kuppa umsäumenden Fries eingraviert. Auf einer Kelchkuppa im
Stift Lambach ist der Engel der Verkündigung von der Inschrift begleitet:
-j- Ave Maria gra(tia) plena, Maria von den Worten: f E(cce) ancilla Domini
f(iat) mi(hi), der heilige Evangelist Johannes und der heilige Kilian von ihren
Namen: "j* S. Joh(annes) Evangelista Domini bzw. -J* S. Khylianus episcopus et
martyr. Die Umrahmung der Darstellungen des Gekreuzigten, der heiligen
Walburgis, des heiligen Willibald und des heiligen Wunibald auf dem Fuß
eines Kelches im Walburgiskloster zu Eichstätt (ausgehendes i3. Jahrhundert)
enthält die eingravierten erklärenden Inschriften: JesusChristu(s), saneta Wal-
burgis, s. Wilebaldus, s. Wunebaldus. Das Fehlen von Abzeichen machte in
älterer Zeit die Beifügung der Namen zu Darstellungen von Einzelfiguren not-
wendig, wenn anders diese als die, welche man wiedergeben wollte, erkannt wer-
den sollten. Später, als man anfing, die Heiligen durch Abzeichen zu charak-
terisieren, konnte man auf eine Beischrift zu den Heiligenfiguren verzichten.
Inschriften, die szenische Darstellungen als Erläuterung derselben begleiten,
sind eine Besonderheit der Kelche des 12. und i3. Jahrhunderts. Sie stehen
bald auf der die Darstellung umrahmenden Einfassung, wie z. B. bei dem Kelch
auf dem Moritzberg bei Hildesheim, dem Kelch in St. Godehard zu Hildesheim,
dem Kelch zu Borgä in Finnland, zwei Kelchen im Kloster Marienstern bei
Kamcnz, einem heute leider großenteils zerstörten Kelch zu Werben, dem
Kelch zu Rathenow, dem nur mehr durch eine Abbildung bekannten Kelch zu
Weingarten, (60) bald, jedoch seltener, auf einem nur die Kuppa bzw. den Fuß
oder beide umziehenden Fries, wie bei dem Henkelkelch im Stift Wilten bei
Innsbruck, den Kelchen zu Tremessen und dem Marienseer Kelch im Germani-
schen Museum zu Nürnberg.
In der Regel hat jede der Darstellungen ihre besondere Inschrift. So sind auf dem Mo-
ritzherger Kelch die auf einem Medaillon vereinigten Figuren Melchisedechs und Abels von
der Inschrift begleitet: Melchisedech vinum dat, Abel libamen ovinum, zur Darstellung des
Opfers Abrahams heißt es: Progeniem Sare pater Abraham destinat are, zu denen der eher-
nen Schlange und der Kundschafter mit der Traube: Qui contemplatur anguem vite repa-
ratur bzw. Botrum legati referunt in vecte probat!. Die Inschriften, welche auf dem Fuß
des Kelches in St. Godehard die dort angebrachten Darstellungen: Ezechiel vor der ver-
schlossenen Pforte, Melchisedechs Opfer, Eherne Schlange und Aaron als Hoherpriester he-
gleiten, lauten: Porta negans aditum gremium notat inviolatum — Exemplo Christi vic-
toria congruit isti — In cruce dum patitur, hoc Christus in angue notatur — Differt in
specie, sed ad unum spectat utrumque. Der Kelch zu Borgä zeigt an der Kuppa die In-
(60) Abb. bei Gehbert, Vetus liturgia alemannica I (St. Blasien 1776), Tfl. 3.
FÜNFTES KAPITEL. ORNAMENTALE AUSSTATTUNG. IV. INSCHRIFTEN 169

Schriften: Ense probat senior, quantus domini sit amator — Hi sunt invicti palmaque ge-
runt benedicti — Hie Petrus arguitur fideique petra stabilitur — Ultra non dubitat Thomas,
dum vulnera palpat. Die Darstellungen, welche diese Inschriften umziehen, sind: Abrahams
Opfer, zwei heilige Märtyrer, deren Namen leider nicht angegeben sind, Petri Bekenntnis
am See Genesareth und Thomas, Christi Wundmale berührend. Bei den Darstellungen auf
seinem Fuß, Verkündigung und Geburt des Herrn, Christus am Kreuz und Besuch der
Frauen am Grabe, fehlen sie umrahmende Inschriften, doch nimmt die Inschrift, welche
der Zarge des Fußes eingraviert ist, teilweise auf sie Bezug. Sie beginnt: Virgo salutata
Christum parit inviolata — Agla(= Atha) gibbor leolam adonai (Du bist stark auf ewig,
Herr) — 0 quam mors fortis, quae mors erat in cruce mortis und schließt mit der Mah-
nung: Cor gere devotum, cor ab omni crirnine lotum — Et sie antidotum mortis vite bibe
potum. Die Umschrift, welche den Fuß des Marienseer Kelches zu Nürnberg umrandet, be-
zieht sich nur auf eine der vier auf ihm angebrachten Darstellungen, eine Kreuzigungs-
gruppe. Sie setzt sich aus vier bruchstückweise angeführten prophetischen Aussprüchen zu-
sammen: Sic ovis ad occisionem ducit(ur) — Foderunt manus — XPC factus est obediens —
Ecce quomodo moritur iustus. Besonders reich an Inschriften ist einer der Kelche zu Marien-
stern. Denn zu den Umschriften der Medaillons auf Fuß und Kuppa gesellen sich bei ihm
noch in den Zwickeln der Medaillons an der Kuppa auf Spruchbändern, die von Propheten
gehalten werden, vier auf Christi Tod und Auferstehung bezügliche Inschriften. (61)
Den gesamten bildlichen Schmuck der Kuppa und des Fußes fassen in seiner Bedeutung
zusammen die Inschriften, die sich am Henkelkelch zu Wüten oben um die Kuppa und
unten um den Fuß ziehen, während die einzelnen Darstellungen einer Erläuterung ent-
behren und nur die Paradiesflüsse am Nodus durch die beigefügten Namen Geon, Fyson,
Tygris, Euphrates und die aBegorischen Figuren der Kardinaltugenden am Hals des Fußes
durch die Beischriften Prudentia, Fortitudo, Temperantia, Justitia näher gekennzeichnet
sind. Die Inschrift der Kuppa, die mit einer Folge neutestamentlicher Bilder geschmückt
ist, lautet: Hie quodeumque vides, res signat spirituales — Spiritus est qui vivificat, sed caro
nil prodest. Des Herrn Leben, Wirken und Leiden wollen im Glauben erfaßt sein, der allein
Leben bringt; die Sinne genügen dazu nicht. Die Bedeutung der alttestamentlichen Dar-
stellungen am Fuß des Kelches kleidet die diesen unten umziehende Inschrift in die Worte:
7 In testamento veteri quasi sub tegumento — Clausa latet nova lex, novus in cruce quam
reserat rex. Im Alten Bunde, will sie sagen, war der Neue wie unter einer Hülle verborgen,
bis Christus, der neue König, am Kreuz diese wegnahm. Nur das auf dem Fuß angebrachte
Bildwerk, die Figuren der Kardinaltugenden in der oberen und die acht Seligpreisungen
in der unteren Zone desselben, faßt die an der Zarge des niellierten Kelches zu Tremessen
angebrachte Nielloinschrift zusammen, wenn sie malmt: Gaudia summorum qui quaeris
habere polorum — Harum seetator virtutum sis et amator. Beischriften zu szenischen Dar-
stellungen verlieren sich seit dem späteren i3. Jahrhundert fast ganz von den Kelchen,
während solche Darstellungen selbst sich länger auf ihnen behaupten. Ein Beispiel aus dem
i4. Jahrhundert ist noch der sogenannte Bernwardskelch im Dom zu Hildesheim. Die gra-
vierte Darstellung des Letzten Abendmahles, mit der er an der Kuppa geschmückt ist, wird
begleitet von der unterhalb ihrer diese umziehenden Inschrift: Rex sedet in cena, turba
cinetus duodena — Se tenet in manibus, se eibat ipse eibus. Was sonst noch an Bildwerk am
Kelch sich findet, ist ohne Beischrift belassen worden. Ein anderes aus dem ii. Jahrhun-
dert ist ein Kelch in der Kirche zu Lfttzow in Mecklenburg, dessen Fuß zu der auf vier
Reliefs verteilten Darstellung der Anbetung des Jesuskindes durch die Dreikönige, mit der
er verziert ist, die Inschrift zeigt: Jasper fert mirram, tus Melchior, Baltasar aurum. Ein
etwas jüngeres ist ein Kelch zu Lockwitz in Sachsen, der am Fußbals oberhalb der sechs
Rundmedaillons (Einzug, Abendmahl, Gebet am ölberg, Christus vor Pilatus, Kreuztragung
und Kreuzigung), die den Fuß zieren, drei Propheten mit den auf den Einzug des Herrn,
die Kreuztragung und die Kreuzigung bezüglichen Beischriften aufweist: Ysaias: dicite filie
sion ec(ce) — J(er)emias: ego quasi agnus ma(nsuetus) — Arnos: in die üla oeeidet sol.
(61) Vgl. die Wiedergabe der z. T. heute unleserl. Inschriften in Kd. v. Sachsen XXXV, 194.
170 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Selbst zu Einzelfiguren gesellt -sich auf den Kelchen des i!\. und i5. Jahr-
hunderts im ganzen nur mehr selten eine ihren Namen angebende Beischrift.
Das Abzeichen, mit dem man die Heiligen versah, machte eine solche entbehr-
lich, wie schon vorhin gesagt wurde.
Dritte Gruppe. Sie umfaßt die Stifter- oder Widmungs-, Künstler- und Be-
sitzerinschriften. Sehr beliebt waren die ersten. Daß man schon in altchrist-
licher Zelt Stifterinschriften auf dem Kelch anbrachte, bezeugt ein bis zur fran-
zösischen Revolution in der Stiftskirche zu Brive {Dep. Correze) vorhandener
Kelch, der die Inschrift trug: Valentinianus Augustus — Valentinian III. (gest.
/j55) — Deo et sancto martyri Martino Brivensi pro se suisque omnibus votuni
vovit et reddidit, die schon angeführte Inschrift auf einem vom heiligen Reini-
gius seiner Kathedrale gestifteten Kelch (61a) sowie die Inschrift: Offero
sancto Zachariae Galla Placidia am Rand der Kuppa eines von Galla Placidia
(■J*45o) der Kirche des heiligen Zacharias zuRavenna geschenkten Kelches. (62)
Der zwar nicht mehr aus altchristlicher Zeit, jedoch noch aus dem frühen Mit-
telalter stammende Kelch zu Lamon im Trentino weist um den Rand der Kuppa
die Stifterinschrift auf: -f- De donis Dei Ursus diaconus sancto Petro et sancto
Paulo. Von der Stifterinschrift des Tassilokelches war schon die Rede. (63)
Das Papstbuch berichtet von zwei mit dem Namen Leos IV. (8/1.7—855) be-
zeichneten Kelchen, die dieser der Marienkirche im Viertel der Sardinier spen-
dete. (64) Auf dem Fuß des Kelches, den Karl III. von Frankreich (*j- 929) der
Abtei St-Denis schenkte, war zu lesen: Hoc vas, XPE, tibi mente (devota) di-
cavit — Tertius in Francos regimine Karlus. Den Stifter des Kelches im Kloster
Silos bei Burgos, den Abt Dominikus (io4i —1073), verrät die am Rand des
Fußes des Kelches angebrachte Inschrift: j- In nomine Domini ob honorem
sancti Sebastiani Dominico abbas fecit. Den Rand des Fußes eines Kelches im
Museum zu Coimbra umzieht die Stifterinschrift: Geda Menendiz me fecit in
honorem sancti Michaelis era MCLXXXX (= 115a), den Fuß eines Kelches spa-
nischer Herkunft im Louvre die Widmung: -j- Pelagius me fecit ad honorem
sancti Jacobiapostoli, die Zarge des Fußes eines von König Sancho und der Kö-
nigin Dulcia gestifteten Kelches in der Stiftskirche zu Guimaräes in Portugal
die die Stifter angebende Legende Rex Sanci et regina Dulcia offerunt calicem
istum sancte Marine de Costa era MGCXXV (= 1187). Der von Ferdinand II-
und seiner Gemahlin Urracca der Kirche des heiligen Isidor zu Leon geschenkte
Kelch zeigt oben um den Hals des Fußes die in Filigran ausgeführte Widmung:
■j- In nomine Domini Urracca Fredinad. Ein kleiner Kelch in St. Peter zu Salz-
burg hat auf dem Fuß die Stifterinschrift: -j- Hoc tibi devotus dat munus Christe
Gerhohus. Die den Fuß des aus dem Baseler Münster stammenden romanischen
Kelches im Historischen Museum zu Basel: f Calicem istum dedit Gotfridus de
Eptingen beate Marie belehrt uns, daß der Kelch ein Geschenk des Vogtes Got-
fried von Eptingen war. Eine in Deutsch abgefaßte Stifterinschrift am Fuß des
Fürslenbergischen Kelches zu Villingen führt den Kelch redend ein: f Ich
keilch biu geiben durch grave h. von Fürstenberg und durch Agnesen sin wip
(61 a) Vgl. oben S. 166. (62) Agkblli, Liber Pontif. Rav., Vita s. Joh. Angelopti (M. 106,
536). (63) VgL oben S. 71. (64) Dich. L. P. II, 127.
FÜNFTES KAPITEL- ORNAMENTALE AUSSTATTUNG. IV. INSCHRIFTEN 171

und durch ir kinde sibeniu. Die Inschrift am Rand der Kuppa des von Herzog
Konrad von Masovien (1191 —12^7) gestifteten Kelches in der Kathedrale zu
Plock nennt lediglich den Stifter und seine Angehörigen: f Dux Conradus, dux
Boleslaus, EmomizI, Mesco, Ludmilla, Salomea, Judita.
Zahlreich sind die Kelche aus dem späten i£. und dem i5. Jahrhundert, die eine Stifter-
inschrift aufweisen. Manche dieser Inschriften sind nun, zumal auf deutschen Kelchen, in
der Volkssprache abgefaßt. Als Beispiel und Probe der vielen sei die Stifterinschrift auf dem
Fuße eines Kelches in der Nikolaikirche zu Greifenhagen in Pommern wiedergegeben:
MGCCCLXXXIXt jare heft laten maken bans knvst vnde sine frue gerde dessen kelk in die
ere gades. (65) Die Stifterinschrift ist bisweilen, wie z. B. auf einem Kelch in der Nikolai-
kirche zu Bielefeld, von einer Darstellung des Donators (66) oder von dem Wappen des
Stifters begleitet, wie beispielsweise auf einem von Birger, dem Sohn der heiligen Birgitta,
gestifteten Kelch zu Vadstena. (67) War der Kelch einem bestimmten Altar zugedacht, so
pflegt das in der Inschrift ausdrücklich bemerkt zu werden. So heißt es auf einem Kelch
zu Barlt in Schleswig-Holstein: Ad altare s. Michaelis et sanete Gaterine in dominica ecclesia
Barlete istum caücem procuravit Johannes Fabri fundator (68) und auf dem vorbin genann-
ten Kelch zu Vadstena: Birgerus miles, filius sanetae Birgittae dedit me ad altare beate vir-
ginis. Auch über den Gebrauch des Kelches enthalten die Inschriften bisweilen eine Angabe.
So las man nach einem Inventar von St-Denis aus dem Jahre i5o5 auf dem Fuß eines von
Karl V. (*{• i38o) für die Johanniskapelle gestifteten Kelches: Je fuz donne par le roy
Charles, filz du roy de France Jehan, en sa chapelle, qui est fondee en l'honneur de sainet
Jehan dedans de l'eglise Sainet Denis, oü chaeun jour ordinal rem ent doivent pour luv
chanter deux messes ä tousjours perpetuellement, (69) ein Kelch zu Dargun in Mecklenburg
aber trägt rings auf dem Fuß die Inschrift: Gheze gbaf dessen kellik on der scal me alle
daghe mede misse holden, dat er god gnedich sy. Die am Fuß eines Kelches im Stift Kloster-
neuburg angebrachte Stifterinschrift enthält Interessante Angaben über dessen Entstehung:
f Anno domini MCCGXXXVII hie calix beatae Mariae virginis comparatus et inchoatus
ex antiquo calice pondere habito iyg marcam 6 lot, quam Babo quondam praepositus com-
paravit.
Nicht selten sind die Stifterinschriften mit einer Bitte verbunden. Frühe Beispiele bietet
die Inschrift eines nicht mehr vorhandenen Kelches, den Honorius II. (1126—n3o) oder
Honorius III. (1216—1227) der Basilika des heiligen Paulus zu Bom schenkte: Nominis
excelsi vas nobile suseipe Paule — Vas in honore tuae quod praesul Honorius aulae —
(Do) ut tua regna piis preeibus mihi des pietatis — Et satur(er) pacis requie iungarque
beaüs (70) sowie die Legende, die der Henkelkelch im Stift Wüten auf der Zarge des Fuße3
zeigt: -f Parce calix iste per quos datus est tibi XPE — Bertholdi monitis, cui sis mitissime
mitis. (71) Ein schönes Beispiel aus der zweiten Hälfte des 1/4. Jahrhunderts ist die auf dem
Rand des Fußes angebrachte Inschrift des Kelemankelches im Dom zu Osnabrück: Hoc vas
dat, Christe, Gerhart tibi Keleman iste — Quem corpus sanguis foveat tuus, ut vetus an-
guis — Non possit plenum sibi nunc praebere venenum. Ein Kelch zu Burg im Dithmarschen
von i43i hat die Inschrift: Istud vas datum fac quod Jhcsu sit tibi gratum — In laudem
crucis da danti gaudia lucis. Auf dem Fuß eines Kelches im Dom zu Halberstadt liest man:
Tuam deposeimus pietatem ut nobis tribuere digneris lucidas et quietas mansiones. Frater
Matthias indignus episcopus Gadensis. Meist ist die Bitte übrigens nur in wenige Worte ge-
kleidet. Haseke von den Wolde, miserere mei Deus, lesen wir beispielsweise auf einem Kelch
der Nikolaikirche zu Bielefeld; Kord proyte vnde alheit zyne husvrowe gheven dessen kelk
(65) Kd. von Pommern, Kr. Greifenhagen, 51. (66) Abb. in Kd. von Westfalen, Kr. Biele-
feld 18. (67) Hildkbraso III, 661. (68) Kd. v. Schleswig-Holstein 1,112. (69) Omost 18.
(70) Bull, di arch. crist. 1879, 161. (71) Berthold ist Berthold IV., Graf von Andechs
(t 1206). Er hatte nicht selbst den Kelch herstellen lassen und dem Kloster gespendet, viel-
mehr hatten andere, wohl seine Nachkommen, das getan, jedoch Bertholdi monitis, d. i. wie
es scheint, auf Grund seines letzten Willens. Der Kelch entstand demnach erst nach den»
Tode Bertholds, also nach 1206.
172 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

dorch got, o(ra) p(ro) eis auf einem Kelch der Petrikirche zu Rostock; Orate pro animabus
Johis Porpyll et Johannae uxoris auf einem Kelch zu West Drayton in England (72) und so
ähnlich in manchen anderen Fällen. Statt einer Bitte ist der Stifterinschrift an der Zarge
eines Kelches zu Stadtilm in Schwarzburg-Rudol Stadt eine Begrüßung Marias angefügt:
■j- Kunrat von Kungesse et soror eius Bertath. Ave Maria.
Die Inschriften, denen Bitten beigefügt sind, geben uns Aufschluß über den Sinn über-
haupt, den man mit den Stifterinschriften verband. Sie sollten nicht lediglich das Andenken
an die Stiftung des Kelches verewigen, die Stifter wollten dadurch, daß sie ihre Namen an
dem Kelch anbringen ließen, sich auch für alle Zeit in die heiligen Opfer empfehlen, zu
denen derselbe gehraucht werden würde. Schön kommt das in der Inschrift eines von Bi-
schof Heinrich Spiegel zum Dcsenberg (i36o—i38o) gestifteten Kelches zu Dörnhagen bei
Paderborn zum Ausdruck, wenn es in ihr heißt: Qui panem vite traetas cum sanguine vite —
Presulis Henrici recolens sis mente fideli. So oft man mit dem Kelche die Messe feiere,
möge man, bittet Bischof Heinrich, treuen Sinnes seiner gedenken; schön auch in der rüh-
renden Inschrift eines Kelches in der Lambertikirche zu Lüneburg: Missam qui dicis in
honore Dei Genitricis — Hoc vas pro dante tu post orabis et ante. Amen. (73)

Seit Ausgang des i5. Jahrhunderts verschwinden die Stifterinscliriften fast


ganz von Kelchen des katholischen Kults, etwa noch vorkommende aber sind nun
meist auf der Unterseite des Fußes angebracht, wie die Inschrift eines Kelches
in der Andreaskirche zu Köln, die uns über dessen Herstellung und Herstel-
lungskosten interessanten Aufschluß gibt: Int Jor i55i haat Jonfer Elisabet a
Hokingen disen alden Kelch neu gissen lassen. Kost eir aen golt, silver und
machlo in 5a gülden. Auf dem Fuß befindet sich die Stifterinschrift eines
prächtigen Barockkelches französischen Ursprungs von 1616 in der alten katho-
lischen Kirche zu Leipzig: Orate pro F. Petro de Lamore, doctore theol., pro-
vinciali Franciae. Anno 1616.
Inschriften, die den Künstler nennen, welcher den Kelch schuf, lassen sich
vor dem i3. Jahrhundert auf Kelchen nicht mit Sicherheit nachweisen. Wenn
es auf dem Nodus des zu Petöhaza gefundenen, dem 8. Jahrhundert angehören-
den Kelches heißt: Gundbald fecit, so ist nicht klar, ob fecit hier besagt: hat
angefertigt oder hat anfertigen lassen. Die ältesten mir bekannten Inschriften,
die zweifellos Künstlerinschriften darstellen, entstammen erst der Frühe des
i3. Jahrhunderts, Es sind die Inschrift an der Zarge des von Hugo von Oignies
angefertigten Kelches im Schatz der Notre-Dame-Schwestern zu Namur: -f Hugo
nie fecit: orate pro eo: calix iste ecclesie beati Nicholai de Ognies, und die In-
schrift an der Zarge des Fußes eines heute nur mehr durch eine Abbildung be-
kannten Kelches des frühen i3. Jahrhunderts, der sich vordem im Kloster Wein-
garten in Württemberg befand: Cuonradus de Huse argentarius me fecit, (73a)
doch ist ihnen wohl auch die Inschrift am Kelche zu Borga zuzuzählen: Sifridus
me fecit, da sie am ehesten auf dessen Schöpfer, nicht auf seinen Stifter zu deu-
ten sein dürfte. (74) Eine Künstlerinschrift aus etwa der Mitte des i3. Jahr-
hunderts ist die der Inschrift am Kelch zu Namur völlig gleichartige und darum
(12) Jacksos I, 339. (73) Mithoff IV, 151.
(73a) Vgl, oben S. 85. Konrad von Huse ist vielleicht eins mit dem Meister Konrad von
Lindau, der um 1200 den Behälter des »wunderbaren Gutes« in Heiligkreuz zu Augsburg
anfertigte. (74) Der Kelch ist wohl deutscher Herkunft. Ein Sifridus ist inschriftlich an
an dem Prudentiaschrein zu Beckum, der dem Kelch zu Borgä gleichzeitig ist, als einer der
drei Goldschmiede, die den Schrein schufen, bezeugt.
FÜNFTES KAPITEL. ORNAMENTALE AUSSTATTUNG. IV. INSCHRIFTEN 173

zweifellos ebenfalls als Künstlerinschrift zu betrachtende Inschrift an der Zarge


des Kelches zu Engelnstedt in Braunschweig: Fridericus me fecit. Calix s. Ma-
rie in valle.
Mehrfach begegnen uns an italienischen Kelchen des i4- Jahrhunderts In-
schriften, in welchen sich der Meister derselben verewigt hat. Sie wurden gern
an dem zwischen Schaft und Fuß eingeschobenen Zwischenstück angebracht.
Beispiele bieten der Kelch Nikolaus' IV. in S. Francesco zu Assisi: Guccius Ma-
naie de Senis fecit, ein Kelch im städtischen Besitz zu Perugia: Catalutius Petri
de Tuderto me fecit, ein Kelch der ehemaligen Sammlung Spitzer: j- Andreas Ar-
diti de Florentia me fecit, sowie ein Kelch im Viktoria-und-Albert-Museum zu
London: y Frate Jachomo Mondusi de Sena me fecit. An einem Bing unter der
Kuppa befindet sich die Meisterinschrift bei einem italienischen Kelch der
Sammlung Spitzer: -f Pavolo di Giovanni e Jacomo de Seni, am Nodus bei dem
Kelch in der Kathedrale zu Solmona: Hoc opus fecit Ciccarellus Francisci. An
deutschen Kelchen des späten Mittelalters wie z. B. einem Kelch zu Gardelegen,
zu Klosterneuendorf (Prov. Sachsen) und zu Schleiz (Beuß jung. Linie) haben
die Meister ihren Namen meist bescheiden unter dem Fuß angebracht.
Besitzerinschriften kommen an den Kelchen schon im i3. Jahrhundert vor.
Die Inschriften des Kelches des Hugo von Oignies und des Kelches zu Engeln-
stedt bekunden das. Häufiger werden sie erst im ausgehenden Mittelalter. Als
Beispiele mögen dienen die um den Fuß eines Kelches in der Jakobikirche zu
Greifswald sich ziehende Inschrift: Diese kellik hört der broderschap tome
hilgen Iicham, miserere mei, die eines Kelches aus Misterhult im Historischen
Museum zu Stockholm: Inventarium convivii (Gilde) saneti Georgii in monte
cupri sowie die das Monogramm Christi umrahmende Inschrift auf dem Fuß
eines Kelches zu Löbau in Westpreußen: Pro parochiali ecclesia Novoloboviensi.
An italienischen Kelchen bot das Zwischenstück zwischen Fuß und Schaft wie
für Künstlerinschriften so auch für Besitzerinschriften eine passende Stelle.
So liest man hier auf einem Kelch Pisaner Herkunft im Viktoria-und-Albert-
Museum zu London den Vermerk: -f Questo clialice e di san Paolo a ripa
d'Arno di Pisa, auf einem andern im gleichen Museum: f Anno D. i365 jiste
calix est societatis saneti Michaelis angeli; Johannis Buci prioris in tempore
suis, auf einem dritten daselbst: ■f Calix ecclesie Montis Olivarum. (75)
Ganz vereinzelt steht die Inschrift auf dem romanischen Kelch in der Kathe-
drale zu Reims (Tafel i3) da. Sie droht den Bann allen an, die sich vermessen
würden, den Kelch in Pfand zu geben oder auf sonst eine Weise der Reimser
Kathedrale zu entfremden: j- Quicumque hunc calicem invadiaverit vel ab hac
ecclesia remensi aliquo alienaverit, anathema sit. Fiat. Amen. Ein Chrono-
gramm ist die Inschrift eines Kelches aus dem Jahre 1/426 in der Marienkirche
zu Danzig. Ihr Entstehungsjahr ergaben ihre vergoldeten Buchstaben, wie sie
selbst bemerkt: Fulgidas ille calix, divine porcio mense — Aurea quo factus
annus per grammata cense, lautet sie nämlich.

(75) Catalogue of chalices 11. 7, 8,12.


174 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Die Inschriften der dritten Gruppe sind von besonderer Wichtigkeit. Sind
sie doch Urkunden und zwar Urkunden, an deren Zuverlässigkeit kein Zweifel
bestellt, Urkunden, die es ermöglichen, nicht nur die Kelche, an denen sie sich
finden, sondern auch andere nach Form und Ausstattung gleichartige oder ver-
wandte mit mehr oder weniger Sicherheit genau oder doch annähernd zu da-
tieren. Außerdem aber bilden sie darüber hinaus auch noch sehr wertvolle Bei-
träge zur Geschichte der Goldschmiedekunst überhaupt, namentlich jene, welche
den Künstler nennen, der den Kelch schuf.
Vierte Gruppe. Sie ist von geringer Bedeutung. Es gehören zu ihr die In-
schriften, die eine Anrufung, eine Empfehlung oder eine Begrüßung zum Aus-
druck bringen. Eine Anrufung besagt z. B. die Inschrift am Fuße des Kelches
zu Ottobeuren: f Lumina septena de vero sole serena — Vas operis clari dantes
orate beari, in der die in Form von getriebenen Halbfiguren auf dem Fuß dar-
gestellten sieben Söhne der heiligen Felicitas um ihre Fürbitte für den Schenk-
geber des Kelches gebeten werden; die Inschrift auf dem Kelch zu Wörishofen:
Dantibus hoc donum regnum da Christe polorum, in der Christus angefleht
wird, den Stiftern des Kelches zum Lohn das Himmelreich zu geben; die In-
schrift auf einem Kelch des frühen i5. Jahrhunderts zu Delitzsch (Prov. Sach-
sen) : >-{- Wer zeu desem kelche hat gegeben, dem helfe Got vnde min herre sente
Petir in das ewige Leben«, sowie die Inschrift an der Kuppa eines englischen
Kelches in englischem Privatbesitz: Pater de celis Deus, miserere nobis, zu der
sich auf dem Fuße die weitere Anrufung gesellt: Sancta Maria, ora pro nobis.
Empfehlung ist die schöne Inschrift an der Zarge des Fußes des Kelches in
St. Walburg zu Eichstatt: In gremio matris residet sapiencia Patris — Tu michi,
Nate, pater et tu michi, fili(a mater). Eine nicht selten an spätmittelalterlichen
Kelchen vorkommende Begrüßung ist der Engelsgruß an Maria: Ave, Maria
gratia plena. Auch die so oft an den Zapfen des Modus und am Schaft der
Kelche des iß., i5., wie auch noch des 16. Jahrhunderts angebrachten Namen
Jhesus und Maria, seltener Christus, wollen in erster Linie als eine Begrüßung
verstanden sein.
Auch den Kelchen des griechischen Ritus sind Inschriften nicht fremd. Von
besonderer Wichtigkeit ist die Inschrift, welche, hier in Email, dort in Gravie-
rung ausgeführt, den Rand der Kuppa einer größeren Zahl der byzantinischen
Kelche des Schatzes in S. Marco zu Venedig umzieht. Die Konsekrationsworte
des Weines wiedergebend, bekundet sie mit Sicherheit, daß alle Gefäße, an
denen sie sich findet, wirkliche Kelche sind, was ohne jene Inschrift bei ver-
schiedenen derselben, die sehr wenig kelchartig aussehen, zum mindesten zwei-
felhaft sein würde. Man hat mit einer gewissen Vorliebe jene Konsekrations-
worte als Schmuck an der Kuppa der Kelche angebracht. Denn sie begegnen
uns auch an der dem frühen Mittelalter entstammenden Kelchkuppa im
Kaiser-Friedrich-Museum zu Berlin, die in den Ruinen von Pergamon gefunden
wurde, sowie an der Kuppa eines dem i3. Jahrhundert entstammenden Kelches
in der Kathedrale zu Perejaslawl, (76) des von Manuel Paläologus gestifteten
Henkelkelches im Watopädiklostcr auf dem Athos und der beiden früher er-
(76) Vgl. oben S. 137.
fünftes kapitel. Ausstattung, v. das kreuzchen auf dem fuss 175
wähnten Kelche in der Kathedrale zu Moskau, (77) eines Prachtkelches von
1680 daselbst und eines Kelches von i685 im Preobrachenskikloster zu Je-
roslawl.
Stifterinschriften gibt es an drei der byzantinischen Kelche in S. Marco. An
zwei von ihnen hat sich Kaiser Romanos durch die Inschrift verewigt: -f Kopie,
ßovj&si Ptoitavw &p9o5ö£ii) osa^ä-r^. die bei einem unten den Fuß umrahmt, bei dem
andern sich an der unter derKuppa angebrachten Platte findet. Der dritte Kelch
zeigt um den Rand des Fußes herum die in Gravierung ausgeführte Inschrift:
KtipiE, poijfrsi l'iaiwua 7caipmo> x(al) vsvtxü) KotoHrQ, die ihn als die Stiftung eines
Patriziers und Logotheten Sisinnios erweist, von dem jedoch sonst nichts be-
kannt ist. Beispiele von Beischriften zu bildlichen Darstellungen behufs Kenn-
zeichnung derselben bieten in großer Zahl die Kelche in S. Marco.
Eine Widmung am Rande des Fußes eines griechischen Kelches aus dem
Jahre 1756 im Viktoria-und-Albert-Museum zu London lautet: »Du bist wahr-
haft der Kelch des Heiles; du birgst in dir, du dreimalgesegneter, des Meisters
Blut und den Meister selbst. Ihm opfere ich, Gabriel von Nikomedia, dich.
I. Oktober 1756.« Die Inschriften am abessinischen Goldkelch im englischen
Kronscbatz besagen unter anderm, daß er von König Josua (1682—1706) und
seiner Gemahlin dem Heiligtum von Quesquäm geschenkt wurde. (78)

V. DAS KREUZCHEN AUF DEM FUSS DES KELCHES


Häufig ist heute auf dem Fuß des Kelches ein Kreuzchen angebracht. Es ist
meist demselben eingraviert, doch auch wohl aufgelötet und hat gewöhnlich die
Form der sogenannten crux quadrata, das ist eines Kreuzes mit vier gleich-
langen Armen. Mit einem Kruzifixus ist es nur ausgestattet, wenn es die Gestalt
eines sogenannten lateinischen Kreuzes hat, das ist eines Kreuzes mit verlänger-
tem unterem Arm. Eine Vorschrift, auf dem Fuß des Kelches ein Kreuzchen
anzubringen, besteht nicht. Vor allem gibt es keine allgemein verpflichtende,
aber auch von einer partikularrechtlichen, für die eine oder andere Diözese er-
lassenen, ist mir nichts bekannt geworden. Es ist durchaus unzutreffend, wenn
gesagt wird, daß es niemals auf dem Fuß des Kelches fehlen dürfe. (79) Ein
Kreuzchen auf diesem anzubringen, ist nicht einmal allgemeiner Brauch. Es
hängt somit ganz vom Belieben des Bestellers ab, ob der Fuß des Kelches mit
einem Kreuzchen versehen werden soll.
Man hat das Kreuzchen auf dem Fuß des Kelches signaculum, Weihekreuz-
chen genannt, indem und weil man es als Zeichen der vollzogenen Konsekration
des Kelches deutete. Durchaus mit Unrecht. Die Bezeichnung des Kreuzchens
als signaculum, als Weihekreuzehen, ist völlig unzutreffend, völlig unbegründet.
Denn das Kreuzchen ist kein Zeichen, daß der Kelch konsekriert wurde, kann
es nicht sein. Das beweist zur Genüge der Umstand, daß nicht nur keine Vor-
schrift, sondern nicht einmal ein allgemeiner Brauch besteht, den Kelchfuß mit
einem Kreuzchen zu versehen, was doch sicher der Fall wäre, ja sein müßte,
wenn dasselbe Zweck und Bestimmung hätte, die Konsekration des Kelches zu
(77) Vgl. oben S. 64. (78) Catalogue of chalices 64 und Tfl. 27, 28.
(79) Fr. Bock, Das heilige Köln, St. Gereon, S. 21.
176 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

dokumentieren. In diesem Falle dürfte es ja auf keinem konsekrierten Kelch


fehlen. Außerdem wird bei der Konsekration eines Kelches stets ausschließlich
und allein das Innere der Kuppa mit Chrisam gesalbt, nie das Äußere derselben
und noch weniger der Fuß, auch nicht wenn ein Kreuzchen auf ihm angebracht
ist. Wäre dieses das signaculum, als was man es deutet und wie man es nennt,
würde es doch auch wohl bei der Konsekration ebenso gesalbt werden, wie die
Kreuzchen der Altarmensa bei der Konsekration des Altares.

Die Bezeichnung des Kreuzchens als signaculum auf dem Fuß des Kelches ist übrigens
sehr jungen Datums. Nie kommt in den mittelalterlichen Quellen signaculum in dieser Be-
deutung vor, was doch unverständlich wäre, wenn man schon damals dein Kreuzchen auf
dem Kelch den Sinn eines signaculum, eines Weihekreuzchens, beigelegt hätte. Aber auch
in nachmittelalterlicher Zeit verhält es sich bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts nicht
anders. Insbesondere weiß weder der heilige Karl Borromäus in seiner so einflußreichen
Instructio fabricae ecclesiae, in der er eingehend auch den Kelch behandelt, noch der be-
züglich der Beschaffenheit des Kelches gleichfalls sehr ausführliche Ornatus ecclesiasticus
des Regensburger Generalvikars Jakob Myller irgend etwas von einem signaculum des Kel-
ches von der Gestalt eines Kreuzchens auf dem Fuß desselben. Sie sagen lediglich, es
könne der Fuß bzw. Fuß und Kuppa des Kelches mit religiösen Darstellungen, zumal Pas-
sionsbildern und Passionssymbolen, geschmückt werden, die aber für die Handhabung des
Kelches nicht hinderlich sein dürften. Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts taucht das
Wort signaculum als Bezeichnung des Kreuzchens auf dem Fuß des Kelches auf. Wer dieses
zuerst so genannt hat, ist kaum festzustellen. (80) Aufnahme und Verbreitung fand der neue
Terminus nur bei Kunststatistikern und Kunsthistorikern. Weil er ohne Sinn ist, dürfte es
nachgerade dringendst geraten sein, ihn nicht länger zu gebrauchen.

Der Brauch, auf dem Fuß des Kelches ein Kreuzchen, sei es mit, sei es ohne
Kruzifixus anzubringen, läßt sich bis ins i3. Jahrhundert zurückverfolgen.
Allerdings findet sich ein solches bereits auf einem Zinnkelch in St. Mauritz zu
Münster, der im Grabe des Bischofs Friedrich I. (-J- io84) gefunden worden
sein soll, sowie auf einem Kelch des späten 12. Jahrhunderts im National^
museum zu Lissabon. Allein der erstere ist nicht der im Grabe gefundene, er
stammt vielmehr erst aus dem späten Mittelalter, (81) dem Lissaboner Kelch
aber ist das seinem Fuß aufgelötete Kreuzchen wohl nicht ursprünglich, wie
seine Form bekundet, sondern eine nachträgliche Zutat.
Von den vielen Kelchen, die sich aus dem i3. Jahrhundert erhalten haben,
wiesen bzw. weisen nur erst wenige ein Kreuzchen auf dem Fuß auf. So der
Kelch in der Katharinenkirche zu Osnabrück, bei dem das Kreuzchen von fünf
Steinen gebildet wurde, die dem Blattwerk, mit dem der Fuß bekleidet ist,
eingefügt waren, ein Kelch, den man im Grabe des Bischofs Michael von Vil-
loiseau von Angers (f 1260) fand — das bei diesem dem Fuß aufgelötete
Kreuzeheu war doppelarmig —, der Kelch im Kloster Ottobeuren, ein Kelch
aus dem Ende des i3. Jahrhunderts in St. Marien zu Rostock, ein Kelch zu
Engelnstedt in Braunschweig sowie der Kelch in St. Walburgis zu Eichstätt. Sie
werden freilich nicht die einzigen Kelche mit Kreuzehen auf dem Fuß gewesen
sein, die in damaliger Zeit geschaffen wurden, erheblich aber durfte die Zahl
(80) Vermutlich war es Fr. Bock, der überhaupt sehr erfindungsreich in der Bildung
neuer archäologischer Termini war. (81) Vgl. oben S. 73.
FÜNFTES KAPITEL. AUSSTATTUNG. V. DAS KREUZCHEN AUF DEM FUSS 177

der im i3. Jahrhundert entstandenen Kelche dieser Art noch nicht gewesen sein.
Bemerkenswert ist, daß die meisten der vorhin genannten Kelche erst der zwei-
ten Hälfte des i3. Jahrhunderts angehören.
Unter den Kelchen, die aus dem i^. Jahrhundert auf uns gekommen sind,
befinden sich bereits zahlreiche, die auf dem Fuß ein Kreuzchen aufweisen.
Genannt seien von den vielen als Beispiele nur ein Kelch zu Neuenkirchen und
zu Malchow in Mecklenburg, zu Frauenprießnitz in Sachsen-Weimar-Eisenach,
sowie in der Nikolaikirche zu Nordhausen, welch letzterer an den Zapfen des
Nodus das Datum Anno Domini MGCCLI zeigt, ferner ein Kelch in der Jakobi-
kirche und in der Marienkirche zu Lippstadt, ein Kelch zu Iburg in Hannover,
zu Beckum, im Dom zu Minden, zu Gladbeck und zu Wewer in Westfalen, in
der Gaukirche zu Paderborn, ein in der Kathedrale zu York in einem Bischofs-
grab des i'|. Jahrhunderts gefundener Kelch, ein Kelch aus öfver Gran im
Historischen Museum zu Stockholm und ein Kelch zu Nuria in Katalonien. Die
drei letztgenannten bekunden, daß der Brauch, auf dem Fuß des Kelches ein
Kreuzchen anzubringen, im i4- Jahrhundert auch schon in England, Schwe-
den und Spanien geübt wurde. Allgemein war er freilich damals nicht einmal in
Deutschland. Bilden doch die Kelche mit Kreuzchen auf dem Fuß nur den klei-
neren Teil der deutschen Kelche, die sich aus dem i4- Jahrhundert erhalten
haben. Überhaupt wurde die Gepflogenheit, auf dem Fuß des Kelches ein
Kreuzchen anzubringen, im Mittelalter nie allgemein, selbst nicht im i5. Jahr-
hundert, welcher Verbreitung sie sich auch gerade in diesem erfreute.
Im iti. und i5. Jahrhundert wurde das Kreuzchen bald dem Fuß eingraviert, bald, und
zwar mit Vorliebe, ihm aufgelötet oder aufgenietet. Wenn dem Fuß eingraviert, hat es
meist die Form einer crux quadrata, wenn ihm aufgesetzt, umgekehrt gewöhnlich die eines
lateinischen Kreuzes, d. i. eines Kreuzchens mit verlängertem unterem Arm. Hat es diese
letztere Form, so ist es regelmäßig mit einem Kruzifixus versehen, mag es nun eingraviert
oder aufgesetzt sein. Auch hat man es in diesem Falle bisweilen durch Beifügung von
Maria und Johannes zu einer förmlichen Kreuzesgruppe erweitert, wie z. B. auf einem
Kelch zu Achim in Braunschweig, zu Löbau in Westpreußen (Tafel 2I1), zu Fraustadt (Ta-
fel a&) u. a. Vereinzelt hat man sich unter Weglassung eines Kreuzchens damit begnügt,
dem Fuß einen Kruzifixus aufzuheften, wie bei einem Kelch zu Neumark in Westpreußen
(Tafel nt\) und einem Kelch zu Nettlecombe (Somerset) in England. Auf dem Fuß eines
Kelches in St. Andreas zu Köln ist es durch eine Darstellung des sogenannten Gnaden-
stuhles, Gott Vater mit dem Gekreuzigten in den Händen, ersetzt, auf einem Kelch zu
Tempzin in Mecklenburg durch eine Pieta, anderswo, wie auf einem Kelch zu Goathland
(York) in England durch das Monogramm des Namens Jesu. Auf dem Kelch der Nikolai-
kirche zu Nordhausen wird das Kreuzchen von fünf Edelsteinen gebildet.
Auf den Benaissance- und Barockkelchen ist das Kreuzchen, falls ein solches auf ihnen
vorhanden ist, dem Fuß gewöhnlich eingraviert und zwar in Form einer crux quadrata.
Was aber führte zu dem Brauch, auf dem Fuß des Kelches ein Kreuzchen
anzubringen? Nun zunächst und vor allem die Absicht, Kelchen, die reich zu
verzieren man nicht in der Lage war, wenigstens irgend einen, wenn auch nur
sehr bescheidenen religiösen Schmuck zu geben und sie nicht zwar als geweiht,
aber als heiligen, gottesdienstlichen Zwecken dienenden Gegenstand zu kenn-
zeichnen. Dann aber hat man, und zwar wohl in erster Linie, den Fuß des Kel-
ches mit einem Kreuzchen versehen, um eine der Seiten des letzteren als die*
BRAUN, DAS CHRISTLICHE AI.TARGERÄT 12
178 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Vorder- und Hauptseite, als die beim Genuß des heiligsten Blutes bei der Kom-
munion und der Ablution nach derselben zu benutzende vor den übrigen her-
vorzuheben und kenntlich zu machen. Daß man aber zu diesem Zwecke ein
Kreuzchen und nicht irgend ein anderes Symbol auf dem Kelchfuß anbrachte,
geschah zweifellos, weil es ein sinnvoller Hinweis auf das heilige Geheimnis
war, zu dessen Vollziehung der Kelch diente, die unblutige Erneuerung des
Kreuzesopfers des Herrn.

SECHSTES KAPITEL
DIE IKONOGRAPHIE DES KELCHES
I. DAS BILDWERK DER MITTELALTERLICHEN KELCHE IM ALLGEMEINEN
Es erübrigt noch, auf die Ikonographie des Kelches einzugehen. Kelche aus
altchristlicher Zeit, die mit figürlichen Darstellungen geschmückt sind, haben
sich im Westen nicht erhalten. Daß es schon damals solche gegeben hat, kann
indessen bei der Vorliebe der alten Christen, selbst das Trinkgerät des gewöhn-
lichen Lebens mit religiösen Bildern zu verzieren — schon Tertullian spricht
von profanen Kelchen aus Glas mit der Figur des guten Hirten (1) —, nicht be-
zweifelt werden. Das früheste Beispiel eines mit Bildwerk versehenen Kelches,
das im Westen auf uns gekommen ist, reicht nur bis in das Ende des 8. Jahr-
hunderts zurück. Es ist der bereits mehrfach erwähnte Tassüokelch. Er ist aber
nicht nur das früheste Beispiel, das sich daselbst erhalten hat, sondern aus der
Zeit vor dem 12. Jahrhundert heute auch das einzige seiner Art. Denn ein mit
graviertem Figurenwerk ausgestatteter, wohl noch dem 11. Jahrhundert ent-
stammender Kelch, der sich im 18. Jahrhundert zu St-Josse-sur-Mer befand,
ist gegenwärtig verschollen und uns nur mehr durch eine Zeichnung in der Pa-
riser Nationalbibliothek bekannt. (2) Selbst unter den Kelchen, die sich aus
dem 12. Jahrhundert im Westen gerettet haben, befinden sich nur erst wenige,
die mit bildlichem Schmuck ausgestattet sind, ein aus St-Denis stammender
Kelch in amerikanischem Besitz (Tafel 3), ein Kelch im Museum zu Coimbra
Tafel 12), ein Kelch in der Stiftskirche zu Guimaräes in Portugal und der Henkel-
kelch in St. Peter zu Salzburg (Tafel 8). Dann gestalten sich die Dinge freilich
anders. Schon unter den Kelchen, die sich aus dem i3. Jahrhundert erhalten
haben, sind die mit Bildwerk ausgestatteten Kelche so zahlreich, daß sie uns,
wenn zwar kein erschöpfendes, so doch ein im wesentlichen vollständiges Bild
des figuralen Schmuckes vermitteln, mit denen man damals die Kelche be-
dachte. Noch weit größer ist dann die Reihe der mit Bildwerk ausgestatteten
Kelche des i4- und i5. Jahrhunderts.
Daß man auch im Osten den Kelch mit Bildwerk zu schmücken liebte, zeigen,
um von dem angeblich syrischen Kelch der Sammlung Abukasem zu Port Said,
der an der Kuppa mit zwei Kreuzen und vier stehenden Apostelfiguren verziert
ist, und dem sogenannten Antiochenischen Kelch der Sammlung Kouchakji
(1) Vgl. oben S. 33. (2) Vgl. oben S. 62.
SECHSTES KAPITEL. IKONOGRAPHIE. I. ALLGEMEINES. II. CHRISTUS 179

wegen der gegen ihre Echtheit sich erhebenden Bedenken abzusehen, (3) eine
Anzahl der aus Byzanz stammenden, dem 10.—12. Jahrhundert angehörenden
Kelche im Schatz von S. Marco, ein Kelch aus dem i3. Jahrhundert in der Ka-
thedrale zu Perejaslawl und zwei Kelche in den Athosklöstern, darunter der
von Manuel Paläologos gestiftete Henkelkelch im Watopädikloster.
Das Bildwerk, mit dem die mittelalterlichen Kelche geschmückt erscheinen,
ist sehr mannigfaltig. Gemeinsam ist ihm irgendwie eine Beziehung auf das hei-
lige Geheimnis, das sich bei der Feier des eucharistischen Opfers im Kelch
vollzieht und in ihm nach der einen oder andern Seite seinen sinnfälligen Aus-
druck findet; hier in seinem Werden durch die Wesenswandlung des im Kelch
befindlichen Weines oder in seinem Sein als das Sakrament, in dem der im
Himmel thronende verklärte Christus unter der Gestalt des Weines wahrhaft,
wirklich und wesentlich als Gott und Mensch gegenwärtig ist; dort in seiner
Eigentümlichkeit als das Opfer des Neuen Bundes und als unblutige Erneue-
rung des Kreuzopfers oder in seinem Zweck, den Menschen die Gnaden des
Erlösungstodes zuzuwenden und übernatürliche Seelenspeise auf der irdischen
Pilgerfahrt zum himmlischen Vaterland sowie zugleich Unterpfand ewigen Le-
bens für dieselben zu sein; anderswo endlich in seinen herrlichen Wirkungen
und Früchten, als deren glänzendste Verkörperung die auf den Kelchen ab-
gebildeten Heiligen erscheinen. Nur bei Berücksichtigung aller dieser Gesichts-
punkte wird man zu vollem Verständnis des so ungemein mannigfaltigen Bild-
schmuckes, wie er uns auf den mittelalterlichen Kelchen entgegentritt, gelangen
können und gelangen. Weniger mannigfaltig, weil weniger reichlich als auf
den mittelalterlichen Kelchen ist das Bildwerk auf den nachmittelalterlichen.
Seinein Gegenstand nach besteht das Bildwerk der mittelalterlichen Kelche
bald in alttestamentlichen Darstellungen, bald in Bildern Marias und in Engel-
bildern, bald in Prophetenfiguren sowie in Darstellungen der Apostel und
Evangelisten, bald in Bildern von Heiligen, bald endlich, und zwar vornehm-
lich, in Darstellungen Christi und seines Erlösungswerkes.
II. DARSTELLUNGEN CHRISTI

Die Darstellungen Christi sind die vornehmsten und hauptsächlichsten auf


den mittelalterlichen Kelchen. Sie bestehen bald in einem Symbol oder in einer
Einzelfigur des Herrn, bald geben sie eine Begebenheit aus dem Leben, dem
Leiden und der Verherrlichung desselben wieder. Darstellungen der einen wie
der andern Art können auf dem Kelch nicht auffallen, im Gegenteil wäre es
verwunderlich, wenn sie auf ihm fehlten. Symbolische Darstellungen Christi,
wie das Lamm, Symbol sowohl des am Kreuze für das Heil der Welt hinge-
opferten wie auch des verherrlichten Gottmenschen, der Pelikan, der seine
Jungen, wie man meinte, mit seinem Blute belebt und nährt, Symbol des Er-
lösers, der am Kreuz sein Blut für das Heil der Menschen vergoß, wie auch des
eucharistischen Christus, der sich selbst, seinen Leib und sein Blut, den Gläu-
bigen zur Speise gibt, der zur Sonne emporfliegende Adler, Symbol des zum
Himmel auffahrenden Gottmenschen, der sich auf seinem Nest verbrennende
~W VgL oben S. 79 f.
180 VASA SACRA. ERSTER ARSGÜNITT. DER KELCH

und dann aus seiner Asche verjüngt sich erhebende Phönix, Symbol des dem
Grab zu neuem, verklärtem Leben entsteigenden Erlösers und der Löwe, der
durch seinen Hauch oder sein Brüllen die totgeborenen Jungen am dritten Tag
zum Leben erweckt, Symbol Christi, der der dem Tode der Sünde verfallenen
Menschheit das Leben der Gnade wiederschenkte, sind an den Kelchen nicht
allzu häufig. Auch kommen sie bloß am Nodus sowie allenfalls am Fuß vor.
Eine Ausnahme macht nur das Lamm, sofern es uns wenigstens einmal auch
an der Kuppa begegnet, bei dem heute nicht mehr vorhandenen Henkelkelch
zu St-Josse-sur-Mer. Berühmt ist die Darstellung des Pelikans, des Adlers und
des Phönix am Nodus des sogenannten Nesterkelches in der Peterskirche zu
Soest (Tafel 26); so genannt, weil sein Nodus aus drei von Eichenlaub umrank-
ten Vogelnestern, in denen ein Pelikan, ein Adler und ein Phönix stehen, ge-
bildet wird. Eine Darstellung des Einkorns, Sinnbild Christi, des Eingeborenen
des Vaters wie Marias, findet sich am Nodus eines Kelches des i!i. Jahrhun-
derts in der evangelischen Kirche zu Wimpfen am Berg und des aus der Ste-
phanskirchc stammenden, mit Schmelzbildern geschmückten Kelches im Dom
zu Mainz (Tafel 22) sowie an der Kuppa des Kelches des Meisters Hofftege
von 1&68 im Dom zu Osnabrück.
Auch die Evangelistensymbole sind am Kelch ein Symbol Christi. Denn mö-
gen sie auch zunächst die Evangelisten symbolisieren, so ist es doch Ietzlich
nicht sowohl die Person derselben, was sie sinnbilden, es sind das vielmehr die
von den Evangelisten geschriebenen Evangelien oder genauer der Inhalt der-
selben, das ist Christus, der das Eins und Alles der Evangelien ist, in dem alles,
was sie berichten, einbeschlossen ist, der in ihnen vor unsern Augen Mensch
wird, lebt und wirkt, leidet und stirbt, seine Kirche gründet und sie mit dem
Schatz seiner Geheimnisse ausstattet, darunter ganz besonders der heiligen
Eucharistie, der unblutigen Erneuerung des Kreuzesopfers und der übernatür-
lichen Speise der Seele, der uns in den Evangelien gleichsam als der zum Wort
gewordene, im Wort verkörperte Christus entgegentritt. Es ist darum nicht
ohne Grund und ohne Bedeutung, wenn auf den Kelchen gerade die Evange-
listensymbole nicht selten einer Figur Christi, wie schon an der Kuppa des
Tassilokelches, oder einer Darstellung des Gekreuzigten wie auf manchen Kel-
chen des i3., i4- und i5. Jahrhunderts, so beispielsweise auf dem Kelch zu
Hochelten, Kelchen zu Crimmitschau, Döbeln und Werdau (Tafel 23) in Sach-
sen, zu Ostdorf in Württemberg, zu Altmark in Westpreußen sowie auf einem
Kelch in der Jakobikirche zu Greifswald als ergänzende Begleitung beigegeben
sind. In der Regel sind die Evangelistensymbole auf dem Fuß des Kelches an-
gebracht, doch finden sie sich auch nicht selten am Nodus, wie z. B. an den
romanischen Kelchen zu Ottobeuren (Tafel i5) und Wörishofen, an Kelchen
zu Lockwitz und Colditz in Sachsen, zu Zehdenik in Brandenburg, an dem mit
Emailbildern verzierten Kelch im Dom zu Mainz, am Kelemankelch im Dom
zu Osnabrück (Tafel 17), am Kelch in St. Walburgis zu Eichstätt (Tafel 16) u. a.,
an der Kuppa dagegen nur vereinzelt wie beim Tassilokelch und einem der
Kelche zu Tremessen (Tafel 12), bei dem sie von der Nielloinschrift begleitet
sind: Concordes isti f antur magnalia Christi.
SECHSTES KAPITEL. IKONOGRAPHIE. II. CHRISTUS 181

Die vier Paradiesf lasse, die am Nodus des mit Niellodarstellungen geschmück-
ten Kelches zu Tremessen — hier als Parallele zu den an der Kuppa des Kelches
sich findenden Evangelistensymbolen —, sowie an dem des Henkelkelches im
Stift Wüten (Tafel 17) angebracht sind, Männer, die aus Urnen Wasser her-
vorfließen lassen, sollten zunächst die übernatürlichen Gnadenströme, die von
Christus zum Heil der Welt ausgehen und sich segen- und fruchtspendend
über die ganze Welt ergießen, wie auch und zwar schon nach altchristlicher
Auffassung, die vier Evangelien, durch welche sich das in Christus den Men-
schen gewordene Heil nach den vier Himmelsgegenden über die Erde hin ver-
breitete, symbolisieren. In der einen wie in der anderen Bedeutung wollten sie
dann aber auch auf Christus, den Felsen, dem das lebendige Wasser entspringt
(1. Cor. 10, 4), und den Urheber der Erlösung und Wriederbegnadigung des
sündigen Menschengeschlechtes hinweisen.
Als Einzelfigur ist Christus am Kelche bald in Büstenform, bald als Halb-
figur, bald als Ganzfigur wiedergegeben, als Ganzfigur jedoch gewöhnlich nur,
wenn er am Kreuze hängend als der Gekreuzigte, thronend in Gestalt der Maje-
stas oder, freilich nur selten, wie z.B. am Nodus des Kelches des Meisters
Hofftege im Dom zu Osnabrück, stehend als Salvator dargestellt ist. In Büsten-
form ist Christus nur an den Zapfen oder auf den Zierscheibchen des Nodus
abgebildet. Den italienischen Kelchen des i4. und i5. Jahrhunderts ist die
Darstellung des Schmerzensmannes, Pietä, in der in der italienischen Kunst be-
liebtsn Gestalt eigentümlich. Sie zeigt Christus, nur mit einem Lendentuch be-
kleidet, auf dem Haupt die Dornenkrone, die Wundmale der Hände weisend, in
halber Figur aus einem Sarkophag herausragend und kommt seit dem ifa. Jahr-
hundert überaus häufig an ihnen vor. Gibt es doch unter den etwa fünfund-
zwanzig italienischen Kelchen aus dem i4-, i5. und frühen 16. Jahrhundert
im Vikloria-und-Albert-Museum zu London nicht weniger denn dreizehn, auf
denen sie angebracht erscheint, hier am Nodus, dort am Fuß. Eine Darstellung
des Gnadenstuhles, das ist Gott Vater thronend, ein Kreuz mit dem Gekreuzigten
in den Händen haltend, die Taube des Heiligen Geistes zwischen Gott Vater und
Kreuz, findet sich, wie schon früher gesagt, eingraviert als Ersatz für ein Kreuz-
chen auf dem Fuß eines spätgotischen Kelches in St. Andreas zu Köln. Es ist das
einzige Beispiel an einem Kelch, das mir bekannt geworden ist. (4)
Darstellungen von Begebenheiten aus dem Leben des Herrn finden sich auf
den Kelchen, die sich aus dem Mittelalter erhalten haben, häufig. Von den Kel-
chen freilich, die über das i3. Jahrhundert zurückreichen, zeigt keiner solche,
was jedoch bei ihrer geringen Zahl nicht beweist, daß man nicht auch schon vor
diesem den Kelch mit Wiedergaben von Geheimnissen aus Christi Leben ge-
schmückt habe. Von den Kelchen des i3. Jahrhunderts weisen manche derartige
Darstellungen auf und nicht anders verhält es sich noch mit denjenigen des
i4. Jahrhunderts. Von den Kelchen des i5. Jahrhunderts werden dann jedoch
Szenen aus Jesu Leben und Leiden, abgesehen von der Darstellung Christi am
Kreuze zwischen Maria und Johannes, die sich behauptet, infolge der Zunahme
(4) Über die gleiche Darstellung auf Tragaltären des 12. Jahrhunderts, die zu den frühe-
sten bekannten Beispielen derselben zählen, vgl. Braun, Altar I, 507.
182 VASA SACRA. ERSTER ABSCHMTT. DER KELCH

von Heiligenfiguren fast ganz von den Kelchen verdrängt Wo sie aber auf-
treten, handelt es sich nur mehr um die eine oder die andere Darstellung, nicht
um einen Zyklus, eine größere oder kleinere Folge solcher. Um die italienischen
Kelche stand es so schon im i/j. Jahrhundert. Auf ihnen traten bereits in diesem
vor lauter Heiligendarstellungen Wiedergaben von Ereignissen aus dem Leben
des Herrn, ausgenommen die des Gekreuzigten, so gut wie ganz in den Hinter-
grund.
Die Zyklen von Darstellungen aus dem Leben des Herrn, die uns auf vielen
Kelchen des i3. und i!\. Jahrhunderts begegnen, bestehen ihrer Zahl nach ge-
wöhnlich aus vier, fünf oder sechs, doch auch wohl aus sieben oder acht, selten
aber nur aus drei Szenen. Am zahlreichsten sind sie beim Henkelkelch im Stift
Wüten. Sie bilden hier fast ein förmliches Leben des Herrn im Bild. Ange-
bracht sind sie bei einem Kelch der ehemaligen Sammlung Basilewsky am No-
dus, sonst aber an der Kuppa oder gewöhnlicher am Fuß.
Ihrem Gegenstand nach sind die Zyklen sehr mannigfaltig, immerhin lassen
sich unschwer vier Typen derselben unterscheiden. Der erste besteht nur aus
Szenen, die dem Jugendleben und dem Leiden des Herrn entnommen sind.
Beispiele bieten der von Konrad von Masovien gestiftete Kelch zu Plock (Verkündigung,
Geburt, Anbetung durch die Weisen, Flucht, Kindermord, Christus am Kreuze), der Kelch
zu Afflighem bei Brüssel (Verkündigung, Geburt, Anbetung, Christus am Kreuze), ein
französischer Kelch des i3. Jahrhunderts im Viktoria-und-AIbert-Museum zu London (Ver-
kündigung, Geburt, Geißelung, Christus am Kreuze), (5) ein von dem Wiener Bürger Kon-
rad von Regensburg gestifteter, heute ebendort befindlicher Kelch des 14. Jahrhunderts
(Verkündigung, Geburt, Darstellung im Tempel, Christus am Kreuze), (6) der vorhin er-
wähnte Kelch der Sammlung Basilewsky (Verkündigung, Geburt, Taufe, Christus am Kreuze),
ein Kelch in der Marienkirche zu Danzig von 1426 (Verkündigung, Geburt, Maria mit
Kind, Geißelung, Dornenkrönung, Christus am Kreuz), ein Kelch in der Walburgiskirche
zu Helmstedt (Verkündigung, Geburt, Maria mit Kind, Christus am Kreuz) (7) und ein
Kelch zu Wusterhausen in Brandenburg (Verkündigung, Geburt, Geißelung, Kreuziragung,
Christus am Kreuze). (8) Der glänzendste Vertreter des ersten Typus ist der Henkelkelch im
Stift Wilten bei Innsbruck mit nicht weniger denn siebzehn, in zwei Zonen die Kuppa rings
umgebenden Darstellungen, sechs Begebenheiten aus dem Jugendleben des Herrn, zu denen
sich zwei Szenen aus dem Beginn seines öffentlichen Lebens gesellen, sowie acht weitere
aus seinem Leiden: der Verkündigung, der Heimsuchung, der Geburt, der Verkündi-
gung der Geburt, der Anbetung des Jesuskindes durch die Dreikonige, der Darbringung im
Tempel, der Taufe und der Hochzeit zu Kana in der unteren Zone, der Beauftragung des
Petrus und Johannes, das Ostermahl zu bereiten, des Einzugs in Jerusalem, der Fuß-
waschung, des Letzten Abendmahles, des Gebetes des Herrn am ölberg, des Verrates, des
Verhörs durch Pilatus, der Geißelung und der Kreuztragimg in der oberen. (9) Unvoll-
ständig ist der Typus bei dem nieliierten Kelch zu Tremessen (Verkündigung, Geburt,
Taufe, Abendmahl), weil hier durch Aufnahme zweier alttes tarn entlicher Vorbilder zur
Verkündigung (brennender Dornbusch) und Geburt (blühender Stab Aarons) kein Platz
mehr für eine Darstellung des Gekreuzigten blieb, mit drei Heiljgendarstellungen verbun-
den und infolgedessen auf drei Szenen verkümmert (Geburt, Kreuzigung, Maria mit Kind)
auf einem Kelch zu Colmnitz in Sachsen von 148o, einem sehr späten, für diese Zeit verein-
zelt dastehenden Beispiel des Typus. Regelmäßige Bestandteile des Typus sind Verkündigung

(5) Catalogue of chalices Tfl. 8, n. 1. (6) Ebd. S. 47. (7) Kd. von Braunschweig 1,79.
(8) Kd. von Brandenburg, Kr. Ruppin, Tfl. 24. (9) Die Darstellung des Gekreuzigten
und die Glorifikationsszenen sind auf der Patene angebracht.
SECHSTES KAPITEL. IKONOGRAPHIE. U. CHRISTUS 183

(abgesehen vom Colmnitzer Kelch), Geburt und Christus am Kreuze. Die Darstellung der
Gottesmutter mit dem Kind auf dem Colmnitzer Kelch ist eine Abkürzung der Szene der
Anbetung des Jesuskindes durch die Dreikönige.
Der zweite Typus ist der häufigste. Er unterscheidet sich von dem ersten da-
durch, daß bei ihm zu den Darstellungen aus dem Jugendieben und Leiden
Christi noch die eine oder andere Glorif ikationsszene, wie die Frauen am Grabe,
die Auferstehung, die Himmelfahrt oder Christus als Weltrichter hinzutritt.
Auf dem Kelch in St. Godehard zu Hildesheim (Titelbild), dem Kelchfuß zu Lüding-
hausen und einem Kelch zu Haffen am Niederrhein gesellt sich zu den Darstellungen der
Verkündigung, der Geburt und des Gekreuzigten die Szene des Besuches der Frauen am
Grabe, auf dem Kelch zu Zehdenik und einem Kelch in der Marienkirche zu Bielefeld
kommt zu den gleichen Darstellungen die Auferstehung hinzu. Auf einem Kelch in der
Johanniskirche zu Herford besteht der Zyklus aus den Bildern der Verkündigung, der
Gottesmutter mit dem Kind, hier als Ersatz der Geburt, des Gekreuzigten und der Auf-
erstehung. Die fünf Darstellungen auf dem Fuß eines Kelches in der evangelischen Kirche
zu. Wimpfen am Berg geben die Verkündigung, die Gottesmutter thronend mit dem Kind
(= Geburt), die Geißelung, die Kreuzigung und die Auferstehung wieder; die sechs des
Kelches zu Kissenbrück in Braunschweig die Verkündigung, die Geburt, die Taufe des
Herrn, den Gekreuzigten, die Auferstehung und die Himmelfahrt; die sechs eines Kelches
aus dem Dom zu Vesteras im Historischen Museum zu Stockholm die Verkündigung, die
Geburt, Jesus vor Pilatus, die Geißelung, den Gekreuzigten und die Auferstehung. Auf dem
Fuß des Kelches zu Stahle bei Höxter begegnen uns die Verkündigung, die Geburt, das
Letzte Abendmahl, die Kreuzigung, die Auferstehung und der Weltrichter; die Schmelz-
bilder auf dem Fuß des Kelches in der Sammlung zu Sigmaringen stellen dar die Verkündi-
gung, die Geburt, das Gebet am ölberg, die Kreuztragung, die Kreuzigung und die Auf-
erstehung. Ein Kelch zu Wittstock in Brandenburg zeigt auf dem Fuß die Verkündigung,
die Geißelung, die Kreuztragung, den Gekreuzigten, die Auferstehung und als etwas nicht
Gewöhnliches die Krönung Marias. Als GlorifikationsdarsteUungcn gesellen sich auf dem
Fuß des sogenannten Bernwardskelches im Dom zu Hildesheim zu den Jugendszenen (Ver-
kündigung, Anbetung durch die Weisen und Darbringung im Tempel) sowie dem Bild der
Kreuzigung die Auferstehung, die Himmelfahrt und die Sendung des Heiligen Geistes, am
Kelch zu Borgä zur Verkündigung, Geburt und Kreuzigung der Besuch der Frauen am Grab
und zwei Erscheinungen des Auferstandenen (Christus und Thomas, sowie Christus und
Petrus am See Genesareth). Auch bei diesem zweiten Typus fehlen, wie aus Gesagtem er-
hellt, nie die Verkündigung und die Darstellung des Gekreuzigten, die man ersichtlich als
die beiden Hauptbilder betrachtete; nur selten hat man die Geburt des Herrn ausgelassen.

Der dritte Typus weist ausschließlich Passionsszenen auf. Ihn vertreten z.B.
der mit Schmelzbildern geschmückte Kelch im Dom zu Mainz (Tafel 22), bei
dem die Folge der Darstellungen auf dem Fuß mit der Gefangennahme beginnt
und mit der Abnahme vom Kreuze schließt, ein Kelch zu Malchin in Mecklen-
burg mit den Bildern des Verrates, der Verurteilung durch Pilatus, der Geiße-
lung, der Dornenkrönung, der Kreuztragung und des Gekreuzigten, ein Kelch
zu Lockwitz in Sachsen mit den Emaildarstellungen des Einzuges Christi, des
Letzten Abendmahles, des Gebetes am ölberg, der Verurteilung durch Pilatus,
der Kreuztragung und Kreuzigung sowie ein Kelch des frühen i5. Jahrhunderts
zu Delitzsch (Prov. Sachsen) mit den Reliefs der Geißelung, der Kreuztragung
und des Gekreuzigten. Beispiele des dritten Typus auf Kelchen nichtdeutschen
Ursprunges bieten der mit Passionsszenen in durchsichtigem Email verzierte
spanische Kelch der ehemaligen Sammlung Spitzer im Louvre (Tafel 17), ein
184 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

gleichfalls mit Passionsdarstellungen in durchsichtigem Schmelz ausgestatteter


Kelch im Nationalmuseum zu Kopenhagen, sowie ein Kelch aus östra Ny im
Historischen Museum zu Stockholm mit Passionsbildern in Relief. Sie zeigen,
daß der Brauch, den Kelch mit einer Folge von Passionsszenen zu schmücken,
keineswegs nur in Deutschland heimisch war.
Bei dem vierten Typus endlich kommen zu den Passionsbildern die eine oder
die andere Glorifikationsszene. So hat man an der Kuppa eines der Kelche im
Zisterzienserinnenkloster zu Marienstern den Darstellungen des Letzten Abend-
mahles, der Kreuztragung und des Gekreuzigten, die Szene des Besuches der
Frauen am Grab beigefügt; auf dem Fuß des Kelches von 1338 im Stift Kloster-
neuburg der Geißelung, Kreuztragung und Kreuzigung die Darstellungen der
Auferstehung und des Weltrichters. Auf dem Fuß des Kelemankelches im Dom
zu Osnabrück schließt sich den Passionsszenen (Gefangennahme, Verurteilung,
Geißelung, Kreuztragung, Christus am Kreuz) ebenfalls die Auferstehung an;
an dem ebendort befindlichen Prachtkelch des Meisters Hofftege gesellt sich
zu den Darstellungen des Gebetes am ölberg, der Geißelung, der Kreuztragung
sowie der Annagelung an das Kreuz und des Gekreuzigten als Beschluß der Welt-
richter. Von den acht in durchsichtigem Schmelz ausgeführten Bildchen auf
dem Fuß eines Kelches aus der Zeit um i^oo in der Pfarrkirche zu Wipper-
fürth (Rheinland) geben nur zwei eine Passionsszene wieder, die Kreuzigung
und die Abnahme vom Kreuze, alle anderen Glorifikationsszenen, nämlich die
Auferstehung, den Besuch der Frauen am Grabe, Christus und Maria Magda-
lena, Christus und Thomas, die Himmelfahrt und die Sendung des Heiligen
Geistes. Keiner der mittelalterlichen Kelche ist so reich an Glorifikationsdar-
stellungen wie der Wipperfürther.
Die Bedeutung, die die an Kelchen angebrachten Darstellungen von Begebenheiten ans
Christi Leben haben und um derentwillen man mit solchen den Kelch ausstattete, liegt zu
Tage. Sie sollten ein sinnfälliger Hinweis auf das heilige Geheimnis sein, zu dessen Feier
der Kelch diente. Den Szenen der Verkündigung und Geburt entsprechen in der Messe der
Akt der Konsekration und deren Ergebnis, die durch die Worte der Konsekration bewirkte
Wesenswandlung des Opferbrotes und des Opferweincs. Wie der Sohn Gottes infolge der
Botschaft des Engels im Schoß Marias Fleisch annahm und dann bei der Geburt als der
Mensch gewordene unter den Menschen erschien, so wird bei der Wandlung der Gottmensch
auf dem Altar von neuem unter diesen wahrhaft, wirklich und wesentlich, wenn auch für
die Sinne nicht wahrnehmbar, gegenwärtig. Die Darstellung der Anbetung des Neugeborenen
durch die Dreikönige oder deren Abriß, die thronende Gottesmutter mit dem Kinde, wollte
daran erinnern, daß demjenigen, der durch die Konsekration auf dem Altar seinen Thron
aufgeschlagen hat, alle Ehre, Verherrlichung und Anbetung gebührt, daß er derjenige ist,
in dessen Namen nach des Apostels Worten sich beugen müssen alle Knie derer, die im
Himmel, auf Erden und unter der Erde sind und daß darum alle sich gleich den Drei-
königen anbetend vor ihm niederwerfen müssen. Die Passionsszenen, vor allem die Dar-
stellung Christi am Kreuze, sollten den Beschauer darauf hinweisen, daß die Eucharistie-
feier die wahrhafte, wenngleich unblutige und geheimnisvolle Erneuerung des Opfertodes
des Herrn, durch den dieser für uns Genugtuung leistete und uns aus dem Sünden verderben
erlöste, und als solche das immerwährende Opfer des Neuen Bundes ist, in dem der auf dem
Altar gegenwärtige Gottmensch durch den Priester als seinen Stellvertreter sich selbst und
seinen Kreuzestod immer wieder dem Vater als Opfergabe darbringt. Die Glorifikations-
szenen endlich gemahnen an die Früchte der Erlösung, die Christus den Seinen durch die
SECHSTES KAPITEL. IKONOGRAPHIE. III. VORBILDER, PROPHETEN 185

Erneuerung des Kreuzopfers zuwendet, vor allem an die himmlische Herrlichkeit, die er
uns wieder verdient hat und die er allen denen verheißen hat und spenden wird, welche
sich die Früchte des Kreuzesopfers zu eigen machen, mit ihm eins werden und von der im
eucharistischen Opfer bereiteten Seelenspeise genießen, damit sie mit ihm im Himmel herr-
schen in alle Ewigkeit. Nichts konnte in der Tat ein angemessenerer und sinnvollerer
Schmuck für den Kelch sein, als Darstellungen aus Christi Leben, Leiden und Verherr-
lichung. Dabei waren die Passions- und Glorifikalionsszenen zugleich eine Illustration des
im Kanon an die Wandlung unmittelbar sich anschließenden Anamnesegebetes Unde et

HL ALTTESTAMENTLrCHE DARSTELLUNGEN: VORBILDER, PROPHETEN


Die alltestameiitlichen Darstellungen, die uns an den mittelalterlichen Kel-
chen begegnen, sind beinahe ausnahmslos Vorbilder. Bemerkenswert ist, daß
sich solche fast nur an Kelchen des i3. Jahrhunderts finden. Ein ganz verein-
zeltes Beispiel aus spätgotischer Zeit bietet ein Kelch aus der ehemaligen TJ1-
richskirche zu Braunschweig. Sie sind in der Regel auf dem Fuß angebracht.
Die Vorbilder, welche der Fuß des romanischen Kelches auf dem Moritzberg
bei Hildesheim zeigt, sind: Melchisedech und Abel mit ihren Gaben, Abrahams
Opfer, Moses und die eherne Schlange sowie die Kundschafter mit der Traube.
Auf dem Fuß eines der Kelche zu Marienstern bei Kamenz sehen wir Jonas, der
vom Fisch ausgeworfen wird, den brennenden Dornbusch, den Propheten Eze-
chiel vor der verschlossenen Pforte (Ezech. kh> 2) und Moses mit der ehernen
Schlange; auf dem Fuß des Marienseer Kelches im Germanischen Museum zu
Nürnberg die Opfer Abrahams, Abels und Melchisedechs. Den Fuß des Kelches
in St. Godehard zu Hildesheim (Titelbild) schmücken Ezechiel vor der ver-
schlossenen Pforte, Melchisedech mit Kelch und Brot, Aaron als Hoherpriester
und Moses mit der ehernen Schlange. An der Kuppa des Kelches zu Werben
waren dargestellt das Opfer Melchisedechs, das Opfer Abrahams, Moses mit
der ehernen Schlange und die Witwe von Sarepta, auf seinem Fuß als zugehörig
zu einem Bilde der Verkündigung und als deren Typus der brennende Dorn-
busch und das Vließ Gedeons. An der Kuppa eines Kelches aus Alt-Lomnitz
im Schlesischen Museum für Kunstgewerbe finden sich neben der Kreuzigung
die Typen derselben, Abrahams Opfer, die eherne Schlange und die Kundschaf-
ter mit der Traube. Auf dem Fuß eines Kelches der ehemaligen Sammlung
Basilewsky sind abgebildet der Sündenfall, der brennende Dornbusch, der blü-
hende Stab Aarons und die Arche Noes, an der Kuppa des mit Niellobildern
verzierten Kelches zu Tremessen (Tafel 12) der brennende Dornbusch und der
Stab Aarons, an der Kuppa des Kelches zu Rathenow der Sündenfall, das Opfer
Abrahams, Moses mit der ehernen Schlange und das Opfer des Melchisedech.
Auf dem Fuß des heute verschollenen, von Gerbert veröffentlichten Kelches
zu Weingarten sah man den blühenden Stab Aarons, die Arche Noes und die
Aufrichtung der ehernen Schlange. (10)
(10) Liturgia alemannica I, TfL III. Was das vierte Bild wiedergab, ist aus der Abbil-
dung nicht festzustellen. Wenn Rohault de Flk«ry (La messe IV, 133) meint, es habe die Be-
strafung des Ozias dargestellt, so beruht das auf einer kritiklosen Übernahme einer ganz
unbegründeten Vermutung Caihers (Nouveaux melanges, Decorations des eglises [Paris
1875) 257).
186 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Stellen wir die alttestamentlichen Typen, wie sie uns auf den mittelalterlichen Kelchen
begegnen, zusammen, so sind es folgende: der Sündenfall Adams, der brennende Dorn-
busch, der blühende Stab Aarons, das Vließ Gedeons, die verschlossene Pforte, Abel, Abra-
ham, die eherne Schlange, die Arche Noes, Jonas, Melchisedech, der Hohepriester Aaron, die
Kundschafter mit der Traube und die Witwe von Sarepta. Was sie an den Kelchen besagen,
erhellt aus ihrer Bedeutung. Adam, der Stammvater des sündigen Menschengeschlechtes,
der durch den Genuß der Frucht des Baumes der Erkenntnis auch seine Nachkommenschaft
dem Sünden verderben überantwortete, ist antithetisch Typus des neuen Adam, Christus, der
durch seinen Tod am Kreuze, dem wahren Lebensbaum, die Menschheit von Sündenschuld
und Sündenstrafe erlöste und zum übernatürlichen Leben wiedererweckte, die Frucht, die
ibm und seinen Nachkommen den leihlichen und übernatürlichen Tod brachte, antithetisch
der Typus der wunderbaren Seelenspeise, die Christus den Seinen im heiligen Opfer be-
reitet zugleich als Nahrung zum ewigen Leben und als Unterpfand desselben.
Der brennende Dornbusch, der blühende Stab Aarons, Gedeons Vließ und die verschlos-
sene Pforte haben als Vorbilder der wunderbaren Menschwerdung und Geburt Christi am
Kelch die gleiche Bedeutung, wie die Szenen der Verkündigung und der Geburt des Herrn,
die sie als deren Vorbilder zu begleiten pflegen. Auch sie sollen auf das Wunder der We-
senswandlung hinweisen, das sich mit Brot und Wein durch die Konsekrationsworte, durch
die der Gottmensch wahrhaft, wirklich und wesentlich unter den Gestalten der Opfergaben
auf dem Altar gegenwärtig wird, in geheimnisvoller, den Sinnen unfaßbarer Weise vollzieht.
Das Opfer Abels, Abraham, der dem Befehl Gottes gehorchend, sich anschickte, seinen
Sohn Isaak zu opfern, die eherne Schlange, deren Anblick die von den feurigen Schlangen
Gebissenen heilte, sind Typen des Sühnopfers Christi am Kreuze, am Kelch aber ange-
bracht, zugleich ein Hinweis auf die unblutige Erneuerung desselben bei der Feier der
Eucharistie. Auch die Arche Noes bat letztlich an den Kelchen diese doppelte Bedeutung,
mag man sie nun mit dem herrlichen Kreuzeshymnus des Venantius Fortunatus als Typus
des Kreuzes des Herrn (11) oder mit der Inschrift des Weingartner Kelches: Area Noe pro
diluvio baptismo figurat als Typus der Taufe auffassen. Denn auch das Sakrament der
Taufe, durch das der Mensch Christus angegliedert wird, Christus anzieht, wie der Apostel
sagt, (12) ist eine der Früchte des Kreuzesopfers, ohne das es keine Taufe _geben wurde,
weshalb auch die Väter das Wasser, das der Seitenwunde Christi entfloß, ebenso auf das
Sakrament der Taufe deuten, wie das Blut, das ihr entströmte, auf das der Eucharistie.
Die Jonasszene hat unter den alttestamentlichen Vorbildern, mit denen man den Kelch
schmückte, Aufnahme gefunden, weil Jonas auf Grund von Matth. ia, 4o als Typus des
Auferstandenen, sein Ausgeworfen werden als das der Auferstehung galt, man in der Jonas-
szene somit auch einen Hinweis auf die Wirkung der eucharistischen Speise sah; eine Wir-
kung, die Christus selbst in den Worten ausgesprochen hatte: -Wer mein Fleisch ißt und
mein Blut trinkt, bat das ewige Leben und ich will ihn auferwecken am Jüngsten Tage«
(Joh. 6, 55).
Melchisedech und Aaron sind bekannte Typen des eucharistischen Opfers. Ihre Verwen-
dung als Schmuck des Kelches legte sich daher sehr nahe, ergab sich ohne weiteres. In der
Traube, welche die Kundschafter aus dem Lande Kanaan mit sich zurückbrachten, sah man
schon früh ein Bild des Erlösers am Kreuze, indem man die Rebe auf Christi Kreuz, die
an ihr hängende Traube, ihre kostbare Frucht, auf den Gekreuzigten deutete. Am Kelch
angebracht, sinnbildete die Darstellung demgemäß zunächst die in der Messe sich voll-
ziehende unblutige Erneuerung des Kreuzestodes und Kreuzesopfers, doch sollte sie auch
auf den unter der Gestalt des Weines gegenwärtigen eucharistischen Gottmenschen hin-
deuten. Ein Hinweis auf das himmlische Brot endlich, das Christus bei der Feier des eucha-
ristischen Opfers immerfort bis zum Ende der Zeiten den Menschen als übernatürliche
Speise der Seele bereitet und spendet, war die Darstellung der Witwe von Sarepta, die dem
(11) Sola digna tu fuisti — Ferra mundi victimam — Atque portum praeparare — Area
mundo naufrago — Quam sacer cruor perunxit — Fusus agni corpore.
(12) Gabst 3, 27: Quicumque baptizati estis, Christum induistis.
SECHSTES KAPITEL. IKONOGRAPHIE. III- VORBILDER, PROPHETEN 187

hungernden Elias mit ihrem letzten Mehl und Öl einen Kuchen bereitete und dafür durch
andauernde wunderbare Vennehrung des Mehles und Öles belohnt wurde.
Sehr zahlreich sind die alttestamentlichen Bilder auf dem Fuß des Henkelkclch.es im
Stift Wilten. Außer den Darstellungen des Sündenfalles, des Opfers Abels, zu dem sich hier
auch das Kains gesellt, der Arche Noes, dem Opfer Abrahams und Melchisedechs sowie der
ehernen Schlange, finden sich auf ihm weiter noch wiedergegeben das Schöpfungswerk,
die Erschaffung der Eva, die Vertreibung aus dem Paradies, die Ermordung Abels, Noes
Opfer, die Schlachtung des Osterlammes sowie Moses, vor den Juden Wasser aus dem Felsen
schlagend. Die Darstellungen wollen hier indessen nicht sowohl als Einzeltypen, sondern in
ihrer Gesamtheit gegenüber der Gesamtheit der an der Kuppa des Kelches angebrachten
neutestamentlichen Darstellungen typisch gewertet sein, wie die den Fuß umziehende In-
schrift besagt: In testamento veteri quasi sub tegumento — Clausa latet nova lex novus in
cruce quam reserat rex.

Eigenartig und ohne Parallele sind die alttestamentlichen Darstellungen an


dem mit Reliefbildern geschmückten Kelch zu Tremessen; (13) am Fuß: Sa-
muel wird als Kind dem Herrn geopfert, seine Auserwählung zum Propheten,
Salbung Sauls durch Samuel, David und Goliath, David vor der Bundeslade
tanzend, David ißt die Schaubrote; an der Kuppa: David wird zum Könige ge-
salbt, David übergibt Salomon das Reich, Elias erweckt einen toten Knaben,
Aufnahme des Elias, Eliseus macht das Wasser trinkbar, er holt aus dem Jor-
dan das in diesen gefallene Beil hervor. Der Sinn der Darstellungen erhellt aus
der den Rand der Kuppa des Kelches umziehenden Inschrift: Unctio tarn regum
quam virtus mystica vatum — Omnibus indutis Christum sunt signa salutis.
Für alle, die Christum angezogen, das heißt mit ihm in Einheit verbunden sind,
zunächst durch die Taufe, dann aber auch durch den Genuß seines heiligen
Fleisches und Blutes im heiligen Sakrament, sind die Salbung der Könige und
die den Propheten zuteilgewordene Wunderkraft Vorbilder des eigenen Heiles,
das sie in Christus gefunden haben, des geistigen Königtums, zu dem sie in ihm
und durch ihn erhoben wurden, und der übernatürlichen Gnadenkraft, mit der
sie durch die Vereinigung mit ihm erfüllt wurden.
Eine Darstellung des Jessebaumes findet sich auf dem Fuß des Kelches zu
Afflighem. Er ist in den Zwickeln der Medaillons angebracht, die derselbe als
Hauptschmuck aufweist.
Bilder von Propheten kommen nur auf wenigen Kelchen vor. Auf dem Fuß
des Kelches im Dom zu Plock sind Johannes der Täufer, der letzte derselben,
Jeremias, Isaias, Moses und Elias dargestellt. An der Kuppa eines der Kelche
im Zisterzienserinnenkloster zu Marienstern sind in den Zwickeln der vier Me-
daillons mit den Bildern des Abendmahles, der Kreuztragung, der Kreuzigung
und des Besuches der Frauen am Grabe, mit denen dieselbe geschmückt ist, die
Halbfiguren des Isaias, David, Jeremias und Moses abgebildet, in den Händen
ein Spruchband mit einer auf die Szene, zu der sie gehören, sich beziehenden
Inschrift. Beispiele von ähnlich angeordneten Prophetenbildern bieten der Kelch
aus Mariensee im Germanischen Museum zu Nürnberg und ein Kelch zu Lock-
witz in Sachsen. An einem Kelch zu Werdau (Tafel a3) in Sachsen sind rings
um die Kuppa unter rundbogigen benasten Arkaden als Halbfiguren und durch

<13) Kd. von Posen IV, 65.


188 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Beifügung ihres Namens gekennzeichnet David, Jonas, Isaias, Jeremias, Daniel


und Habakuk abgebildet. Die Kuppa des Henkelkelches in St. Peter zu Salz-
burg ist mit zwölf getriebenen Ganzfiguren von Propheten verziert, von denen
einer durch seine Krone als König David charakterisiert ist, die anderen jedoch
in keiner Weise näher kenntlich gemacht sind. Sie bilden das Gegenstück zu
den zwölf getriebenen Apostelfiguren auf dem Fuß des Kelches. Nur in den
beiden letzten Fällen haben die Prophetenfiguren den Charakter von Haupt-
darstellungen. An den übrigen der angeführten Kelche sind sie Nebendarstel-
lungen, Zutat zu szenischen Bildern und zugleich Füllwerk der leeren Zwickel-
flächen.

IV. MARIA, ENGEL, APOSTEL, EVANGELISTEN, HEILIGE, STIFTERBILDER


1. Maria. Darstellungen Marias kommen selbst noch auf den Kelchen, die sich
aus dem i3. Jahrhundert erhalten haben, fast nur insoweit vor, als sie einen
Bestandteil eines der früher behandelten Bilderzyklen aus Christi Lehen, Lei-
den und Verherrlichung bilden. In diesen fehlen sie freilich entsprechend
Marias Stellung im Heilsordnungsplane Gottes nie, doch sind sie in ihnen nicht
sowohl Darstellungen Marias als vielmehr Darstellungen Christi. Auf der Hand
liegt das nicht nur bei den Bildern der Verkündigung, der Heimsuchung, der
Geburt, der Anbetung des Jesuskindes durch die Dreikönige sowie des Gekreu-
zigten mit Maria und Johannes zur Seite, sondern auch bei dem Bilde der thro-
nenden Gottesmutter mit dem Kinde, das in den Zyklen bisweilen die Szene der
Geburt oder der Anbetung des Jesuskindes durch die Könige vertritt. Denn
auch bei ihm ist nicht Maria die Hauptperson, sondern das Kind, das sie auf
ihrem Schoß hält oder das, wie auf dem Fuß eines Kelches zu Wittingen in
Hannover, neben ihr steht. Marianiscb ist nur die Darstellung der Krönung
Marias, die sich jedoch bloß auf dem Kelch zu Wittstock in Brandenburg als
Abschluß eines Zyklus des zweiten Typus (14) findet. Eine für sich, das ist
ohne inneren Zusammenhang mit dem übrigen Bildwerk dastehende Darstel-
lung der Verkündigung begegnet uns nur an einer dem i3. Jahrhundert ent-
stammenden Kelchkuppa im Stift Lambach. Als Ergänzung einer Darstellung
des Gekreuzigten auf einem der lanzettförmigen Blätter, mit denen der Fuß
des von Hugo von Oignies im ersten Viertel des i3. Jahrhunderts angefertigten
Kelches im Schatz der Schwestern U. L. Frau zu Namur verziert ist, dient, wie
die Figur Johannes des Evangelisten auf einem zweiten, so auch die Marias auf
einem dritten Blatt.
Häufiger werden Darstellungen Marias im Zusammenhang mit einer Zu-
nahme der Heiligenbilder auf den Kelchen des i4. und i5. Jahrhunderts; es
handelt sich aber bei denselben, wenn wir von der Darstellung Marias mit Jo-
hannes neben dem Kreuz ihres göttlichen Sohnes absehen, die uns allerdings
des öfteren auf dem Fuß der Kelche jener Zeit begegnet, nun meist nur um
eine Einzelfigur Marias, nicht um Wiedergabe einer Begebenheit aus ihrem
Leben. Dargestellt aber ist Maria in der Regel nicht lediglich als Heilige, son-
dern als Gottesmutter, das ist mit dem Jesuskind auf dem Schoß, wenn sie thro-
(14) Vgl. oben S. 183.
SECHSTES KAPITEL. IKONOGRAPHIE. IV. MARIA, ENGEL 189

nend, auf dem Arme, wenn sie stehend abgebildet ist. Ohne Kind erscheint sie
fast nur, wenn sie die Schmerzensmutter wiedergibt, oder wenn der Raum die
Beifügung des Jesuskindes nicht gestattete und man sich damit bescheiden
mußte, sie in Brustbildform abzubilden, wie das namentlich der Fall war, wenn
sie am Nodus dargestellt werden sollte. Als Immakulata, das ist auf dem Mond
stehend, kommt Maria oft auf Kelchen der Spätzeit vor. Auf italienischen mit
Emailbildchen geschmückten Kelchen des i4- und i5. Jahrhunderts gesellte
man zur Darstellung des Schmerzensmannes (15) gern als Ergänzung die Bilder
der Schmerzensmutter und des heiligen Johannes oder doch wenigstens ein
solches Marias. Die Einhornjagd, eine Allegorie der Menschwerdung, ist als
einziges Beispiel derselben an einem Kelche, eingefügt in dicht verzweigtes
Rankenwerk, an der Kuppa eines Kelches in der Stadtkirche zu Schleiz vom
Jahre 1496. (16)
Daß man Maria nicht bloß bei Wiedergaben von Geheimnissen aus dem Leben und Lei-
den des Herrn, sondern auch als Einzelfigur am Kelche darstellte, bedarf keiner Begrün-
dung. Wenn irgend jemand außer dem Heiland es verdiente, am Kelche abgebildet zu wer-
den, war es zweifellos Maria, die Mutter Christi nach dessen menschlicher Natur. Ist doeb
der Kelch, in dem der verklärte Gottmensch durch die Konsekration des Opferweines als
Gott und Mensch gegenwärtig wird, gewissermaßen ein Gegenstück des Schoßes der alier-
seligsten Jungfrau, in dem der Sohn Gottes einst die Menschennatur annahm und auf dem
er nach seiner Geburt wie auf seinem Throne ruhte.

2. Engel. Die an den mittelalterlichen Kelchen oft vorkommenden Engel-


figuren sind häufig bloß Nebendarstellungen und kaum mehr als Füllwerk, zu-
mal der Zwickel der an der Kuppa oder auf dem Fuße angebrachten Medaillons.
Eines der schönsten Beispiele bietet ein Kelch in der ehemaligen Fürstlich
HohenzoIIerischen Sammlung zu Sigmaringen. (17) Indessen erscheinen sie
denn doch auch wohl als Hauptdarstellungen, als die himmlischen Thron-
assistenten des auf dem Altar im Kelche als seinem Thron ruhenden Gottmen-
schen und als Sinnbilder der Engelchöre, die Christi Erscheinen auf dem Altar
jubelnd mit dem Trishagion: Sanctus, Sanctus, SanetusDominus DeusSabaoth.
Pleni sunt coeli et terra gloria tua. Hosanna in excelsis! Benedictus qui venit in
nomine Domini, Hosanna in excelsis! begrüßen. So auf dem in vier zwölfpaß-
förmigen Stufen sich aufbauenden Fuß eines Kelches der Kathedrale zu Toledo,
auf dessen unterer Stufe der Chor der Apostel dargestellt ist, dessen beide
mittlere Stufen aber je einen Engelreigen als Schmuck aufweisen; an dem mit
zwei Reihen von getriebenen Engelfiguren, die Leidenswerkzeuge halten, ver-
zierten Korb der Kuppa eines spätgotischen Prachtkelches in der Kathedrale zu
Braga (Tafel 21) und im Museo de arte antija zu Lissabon (Tafel 21); an dem
mit Halbfiguren betender Engel zwischen Blattwerk geschmückten Korb der
Kuppa eines spätgotischen Kelches im Museo de arte religiosa zu Coimbra (Ta-
fel 20); an der Kuppa eines Kelches im Kloster von Arouca, an der Engel mit
Musikinstrumenten dargestellt sind; auf dem Fuß eines Kelches aus dem Dom
zu LinkÖping im Historischen Museum zu Stockholm; an dem Korb der Kuppa
eines Kelches von i4o4 in S. Panfilio zu Solmona (Tafel 28), eines Geschenkes
Ü5) Vgl. oben S. 181. (16) Abb. in Kd. des Fürstentums Reuß j. L. II, 49.
(17) Abb. bei von Falke und Fhauberger, Deutsche Schmelzarbeiten TU. 111, 112.
190 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

Innozenz' VII.; an dem mit drei Reihen von Engeln besetzten Korb der Kuppa
eines venetianischen Kelches des iö. Jahrhunderts im Viktoria-und-Albert-
Museum zu London (Tafel 28); am Korb der Kuppa von zwei anderen italieni-
schen Kelchen im gleichen Museum und schon auf dem mit sechs einen Stab und
Kugeln haltenden Engeln in mandelförmigen Medaillons geschmückten Fuß des
romanischen Kelches in der Stiftskirche zu Fritzlar. Das Lamm anbetend waren
zwei Engel an der Kuppa des Kelches zu St-Josse-sur-Mer dargestellt. Im gan-
zen ist die Zahl der noch erhaltenen mittelalterlichen Kelche, auf denen Engel
nicht lediglich als Füllwerk angebracht sind, nicht groß.
3. Apostel und Evangelisten. Oft finden sich unter dem figürlichen Schmuck
der mittelalterlichen Kelche Apostelfiguren und zwar sind die Apostel in die-
sem Falle entweder in ihrer Zwölfzahl als das Kollegium der heiligen Zwölf-
boten dargestellt oder es sind nur einzelne derselben abgebildet. In ihrer Ge-
samtheit als Kollegium begegnen sie uns namentlich an Kelchen des 12. und
i3. Jahrhunderts. Beispiele bieten der Kelch des Geda Menendiz im Museum
zu Coimbra (Tafel 12), der Henkelkelch in St. Peter zu Salzburg (Tafel 8), der
Kelch in St. Aposteln zu Köln (Tafel 8), der Kelch zu Wörishofen, zu Otto-
bcuren (Tafel i5) und der der ehemaligen Sammlung Stein, der Kelch in der
Stiftskirche zu Fritzlar sowie der Kelch zu Frauenberg. Stehende Ganzfigu-
ren auf dem Kelch zu Coimbra, thronende auf dem Kelch zu Fritzlar, erscheinen
sie bei den übrigen Kelchen als Halbfiguren. Mit ihren Symbolen ausgestattet sind
sie nur erst bei dem Kölner Kelch. Angebracht sind sie bei dem Salzburger
Kelch auf dem Fuß, sonst aber, und zwar sinnvoller, rings um die Kuppa her-
um. War es wegen Platzmangel nicht möglich, das ApostelkoIIegium vollständig
am Kelch wiederzugeben, so begnügte man sich damit, wenigstens so viele seiner
Mitglieder zur Darstellung zu bringen, als nur immer der verfügbare Raum ge-
stattete und als nötig waren, um sie noch als Abbild des Apostelkollegiums er-
scheinen zu lassen. Als Beispiel sei genannt der Kelch des Hugo von Oignies zu
Namur. Immer befanden sich darum dann unter denselben die Apostelfürsten
Petrus und Paulus.
Von den Kelchen, die sich aus dem i£. und i5. Jahrhundert erhalten haben,
zeigt bloß einer das ApostelkoIIegium an der Kuppa, der sogenannte Bern-
wardskclch im Dom zu Hildesbeim (Tafel 22). Es ist hier durch Beifügung
einer Figur des Herrn und des Abendmahlstisches zu einer Darstellung des
Letzten Abendmahles geworden. Auf dem Fuß sind die zwölf Apostel wieder-
gegeben bei einem Kelch des i.'j. Jahrhunderts in der Marienkirche zu Lipp-
stadt und einem Kelch des i5. in St. Jürgen zu Wismar, hier zu zwei oder drei
auf Plättchen mit emailliertem Grund als Hauptbilder des Fußes, dort als Füll-
sel in den Zwickeln der Rundmedaillons mit Szenen aus dem Leben Christi, mit
denen der Fuß besetzt ist. Am Schaft begegnen uns in Form von Statuettchen
die heiligen Zwölfboten beim Kelemankelch im Dom zu Osnabrück sowie bei
einem Kelch des i5. Jahrhunderts in der Pfarrkirche zu Dirschau in West-
preußen. Im ganzen kommt die Darstellung der Apostel in ihrer Gesamtheit
auf den Kelchen des ik- und i5. Jahrhunderts nur mehr selten vor. Bevorzugt
SECHSTES KAPITEL- IKONOGR. IV. APOSTEL, EVANGELISTEN, HEILIGE 191

wurde nunmehr auf ihnen die Wiedergabe bloß des einen oder anderen der
Apostel, besonders der Apostel Petrus, Paulus und Johannes.
Die Darstellung der sogenannten Traditio legis, das ist der Übertragung der
Schlüsselgewalt an Petrus und der Beauftragung Pauli mit der Verkündigung
des Evangeliums durch Christus, die noch im n. und 12. Jahrhundert an litur-
gischem Gerät nicht selten war, fand sich an dem heute verschollenen Kelch 2u
St-Josse-sur-Mer, dem einzigen Kelch mit dieser Szene, der mir bekannt gewor-
den ist. An dem Ardaghkelch zu Dublin ist die Wiedergabe des Apostelkolle-
giums durch die rings um die Kuppa herum angebrachten Namen der heiligen
Zwölfboten ersetzt.
Daß man die Apostel am Kelch darstellte und zwar besonders auch in Gestalt des Apo-
stelkollegiums ist unschwer verständlich und bedarf kaum einer Begründung. Waren es
doch, um von allen andern Erwägungen abzusehen, die Apostel, mit denen der Herr das
Letzte Abendmahl feierte, denen er zuerst von allen und noch vor seinem Leiden bei dem-
selben seinen Leib zur Speise und sein Blut zum Trank reichte, und zugleich die Gewalt
verlieh, zu tun, was er seihst getan, die er beauftragte, zu seinem Gedächtnis immerfort zu
wiederholen, was sie ihn hatten tun sehen, und die dann, gleichwie sie den Mensehen das
Evangelium des Heiles und die durch den Kreuzestod des Gottmenschen der Welt gewor-
dene Erlösung verkündeten, so auch in treuer Ausführung des letzten Willens des Herrn,
dessen kostbares Vermächtnis, das Geheimnis seines Leibes und Blutes, als die immer-
währende unblutige Erneuerung des einen Sühneopfers am Kreuze und als die nach der
wunderbaren Brotvermehrung von Christus verheißene, übernatürliche Gnadenkraft und
übernatürliches Leben spendende Seelenspeise für alle Zeiten übermittelten.

Eine figürliche Darstellung der Evangelisten kommt schon an der Kuppa des
Tassilokelches vor. Sie hat aber nur sehr selten auf den mittelalterlichen Kelchen
ein Gegenstück gefunden. Wo immer die Evangelisten als solche dargestellt
werden sollten, geschah das mittels ihrer Symbole, von denen bereits die Rede
war. Die Bedeutung der Figuren der Evangelisten war die gleiche, wie die ihrer
Symbole.
U. Heilige. Darstellungen von Heiligen begegnen uns nicht erst auf den Kel-
chen des ik- und des i5. Jahrhunderts. Der Tassilokelch mit Brustbildern des
heiligen Johannes des Täufers und dreier anderer nicht näher bestimmbarer
Heiligen, der früher zu St-Josse-sur-Mer befindliche Kelch mit den Halbfigu-
ren der heiligen Martinus, Vedastus, Benediktus und eines Priesters, wohl des
heiligen Jodokus auf dem Fuß, der Kelch zu Ottobeuren mit den Brustbildern
der sieben Söhne der heiligen Felicitas als Schmuck des Fußes, der Kelch zu
Wörishofen mit den Brustbildern der heiligen Alexander, Theodor, Johannes
der Täufer, Gallus und Othmar auf dem Fuß, die Kelchkuppa im Stift Lam-
bach mit der Darstellung des heiligen Kilian sowie der Kelch in St. Walburg
zu Eichstätt mit den Bildern der heiligen Willibald, Wunibald und Walburgis
auf dem Fuß bezeugen das. Häufiger werden indessen Darstellungen von Hei-
ligen erst auf den Kelchen im i4. und i5. Jahrhundert, ja so häufig, daß sie
auf manchen Kelchen geradezu den Hauptbestandteil des Bildwerkes bilden,
mit dem man dieselben ausgestattet hat. Sie finden sich nicht nur auf dem Fuß
der Kelche, sondern auch wohl am Schaft und am Nodns, an dem Korb der Kuppa
jedoch fast allein bei italienischen. Außerordentlich reich an Heiligenbildern
192 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DER KELCH

ist ein Kelch im Diözesanmuseum zu Breslau (Tafel 3o); es hat dieser deren nicht
bloß am Fuß und am Nodus, sondern auch am Korb der Kuppa. Am häufigsten
sind die Heiligen in Form von Halbfiguren und Brustbildern dargestellt, doch
erscheinen sie auch oft genug in Gestalt von Ganzfiguren. Gekennzeichnet sind
sie durch ein Attribut, wenn ihnen ein solches eignete, seltener durch eine In-
schrift, doch fehlt oft auch jede besondere Charakterisierung. Darstellungen
von Begebenheiten aus dem Leben der Heiligen hat man nur selten auf den
Kelchen angebracht, einen förmlichen Zyklus von Geschehnissen aus ihrem
Leben aber kaum jemals.

Für die Wahl der am Kelch abzubildenden Heiligen gab es keine Regel. Bestimmend bei
ihr war letztlich der Wille und Wunsch desjenigen, der den Kelch anfertigen ließ. Im all-
gemeinen waren eä die jeweilig an Ort und Stelle vor allem verehrten Heiligen, deren Bild
man auf den Kelchen anbrachte, die aber zum größten Teil sich nicht lediglich einer ört-
lichen, sondern eines mehr oder weniger allgemeinen Kultes erfreuten, weshalb auch viel-
fach die gleichen Heiligen allenthalben auf den Kelchen wiederkehren. Im besonderen
waren es namentlich die Darstellungen der Patrone der Kirchen, Kapellen und Altäre, für
die der Kelch bestimmt war, der Ordensheiligen, wenn es sich um einen Kelch für die
Kirche eines Ordens handelte, der Patrone der Zünfte und Bruderschaften, wenn diese den
Kelch herstellen ließen, sowie des oder der Patrone des Stifters des Kelches, mit denen man
diesen zu schmücken pflegte. Die Heiligen auf den Kelchen darzustellen, war durchaus be-
rechtigt. Sind sie doch gleichsam die herrlichsten Früchte sowohl des Kreuzopfers, das auf
dem Altar unblutigerweise erneuert wird, und des Meßopfers, durch das uns die Kreuzes-
gnaden zufließen, vermittelt werden, wie nicht minder der wunderbaren Seelenspeise des
Leibes und Blutes des Herrn, die dieser den Seinen als vorzüglichsten Quell aller Gnade
und Heiligkeit und als wirkungsvollste Stärkung und Förderung des übernatürlichen
Gnaden- und Tugendlebens im eucharistischen Opfer immer wieder bereitet. Und sind sie
ja doch zudem zusammen mit den Scharen der Engel gewissermaßen der himmlische Hof-
staat eben jenes verklärten Gottmenschen, der bei dem heiligen Meßopfer wahrhaft wirk-
lich und wesentlich auf dem Altar und im Kelch seinen Sitz aufschlägt, wie auch die mäch-
tigen Fürbitter der armen Menschheit, die als Sachwalter derselben am Throne Gottes mit
und durch Cliristus, dem höchsten Mittler, in dem alle andere Mittlerschaft ihren Grund
hat, für sie um Gnade, Hilfe und Erbarmen flehen. Wie man aus diesen Erwägungen heraus
an den Tragaltären, auf den Antependien und in den Retabeln auch Bilder der Heiligen
anzubringen liebte, so war es darum in der Tat durchaus entsprechend, auch am Kelch diese
darzustellen als Hinweis auf die Gnaden fr üchte des euchar istischen Opfers, das sich in ihm
vollzieht, auf die durch die Konsekration bewirkte wirkliche Gegenwart des verklärten Gott-
menschen unter der Gestalt des Weines und auf die fürbittende .Mittlerschaft der Hei-
ligen. Es begegnen uns deshalb auch Heiligendarstellungen nicht bloß auf Kelchen des We-
stens, sondern auch, ja weit ausgiebiger noch als auf diesen auf Kelchen der Riten des
Ostens. Sehr lehrreich sind in dieser Hinsicht die byzantinischen Kelche im Schatz von
S. Marco, auf denen die Heiligendarstellungen nicht nur relativ die Mehrzahl bilden, son-
dern auch absolut genommen alle anderen Darstellungen zusammen an Zahl erheblich über-
treffen.

5. Allegorische Darstellungen. Allegorische Darstellungen kommen auf den


mittelalterlichen Kelchen nur vereinzelt vor. Allegorische Gestalten der Liebe
und der Gerechtigkeit finden sich auf dem Fuß eines dem i!\- Jahrhundert
entstammenden italienischen Kelches der ehemaligen Sammlung Spitzer zu-
sammen mit dem Bilde des Gekreuzigten und als Ergänzung desselben. Sie wol-
len besagen, daß der Erlösungstod des Herrn zugleich Ausfluß der göttlichen
SECHSTES KAPITEL. IKONOGRAPHIE. IV. ALLEGORISCHE FIGUREN 193

Gerechtigkeit wie auch der göttlichen Liebe war; der göttlichen Gerechtigkeit,
sofern diese ihn als Genugtuung und Söhne für die Sünden der Menschen for-
derte, der göttlichen Liebe, sofern der Ratschluß, die Menschen zu erlösen und
die Verwirklichung desselben durch die Menschwerdung und den Kreuzestod
des Sohnes Gottes der Ausfluß der erbarmenden Liebe Gottes zu den Men-
schen war.
Allegorische Figuren der Kardinaltugenden der Klugheit, der Gerechtigkeit,
der Mäßigung und des Starkmuts sowie der durch Spruchbänder mit Inschrif-
ten als solche gekennzeichneten acht Seligkeiten sind auf dem Fuß des mit
Niellobildern geschmückten Kelches zu Tremessen angebracht. Jene, weibliche
Halbfiguren, nehmen die obere der beiden Bildzonen des Fußes ein, diese, ste-
hende weibliche Ganzfiguren, die untere. Ihren Sinn enthüllt die die Zarge des
Fußes umziehende Inschrift: Gaudia summorum, qui quaeris habere polo-
rum — Harum sectator virtutum sis et amator. Wer die himmlischen Freuden
erlangen will, muß den Weg der auf dem Fuß des Kelches dargestellten Tu-
genden und Seligpreisungen wandeln. Übrigens dürften die Gestalten der Kar-
dinaltugenden, weil unmittelbar unter den am Nodus befindlichen Paradies-
strömen angebracht, wohl auch als ein Hinweis auf die aus dem Meßopfer als
der Erneuerung des Kreuzesopfers hervorgehenden übernatürlichen Tugend-
gnaden zu deuten sein; ein Sinn, den auch die Gestalten der Kardinaltugeii-
den am Hals des Fußes des Henkelkelches im Stift Wüten haben werden. Denn
auch unmittelbar über diesen sehen wir die Figuren der Paradiesströme darge-
stellt. Eine Mahnung zu werktätiger Nächstenliebe im Geiste und in der Nach-
folge Christi, der im Kreuzopfer Leben und Blut für die dem Sündenverderben
verfallenen Menschen hingab, sind die Darstellungen der Werke der Barmher-
zigkeit auf dem Fuß eines Kelches in der Paulikirche zu Brandenburg (Ta-
fel 23). (18)
6. Stifterdarstellungen. Stifterdarstellungen kommen schon an zwei Kelchen
des i3. Jahrhunderts vor, dem Ottobeurener Kelch und dem Henkelkelch im
Kloster Marienstern, hier wie dort auf dem Fuß. An jenem sind der Stifter und
die Stifterin in Büstenform abgebildet, an diesem kniend und begleitet von
ihren Kindern, die beiden jüngsten auf den Händen haltend und dem Herrn
weihend. Übrigens sind noch auf den Kelchen aus dem i4. und i5. Jahrhundert
Donatorenbilder auf den Kelchen nicht eben häufig. Dargestellt sind die Stifter
auf diesen regelmäßig kniend.
Häufiger als Stifterbilder treffen wir auf den Kelchen des i&. und i5. Jahr-
hunderts die Wappen der Stifter. Aus der früheren Zeit ist mir kein Kelch be-
kannt, der solche aufwiese. Ikonographisch bilden sie nichts Bemerkenswertes,
weshalb es nicht vonnöten ist, sie hier näher zu behandeln. Ihr Wert liegt viel-
mehr darin, daß sie einen wichtigen Anhalt für die Feststellung der Entstehungs-
zeit und der Herkunft des Kelches, auf dem sie sich finden, bilden.
7. Ikonographie der griechischen Kelche. Von einem Eingehen auf die Ikono-
graphie des Kelches in den Riten des Ostens muß abgesehen werden, da es da-
für entweder völlig an Material fehlt, wie für die Ikonographie der syrischen,
~~ln) Kd. der Stadt Brandenburg 108 und T«. 29.
BRACH, das christliche altargerät !3
194 VASA SACRA. ERSTER ABSCHMTT. DER KELCH

armenischen, koptischen und nestorianischen Kelche, oder doch dafür nur


ganz unzulängliches Material vorliegt, wie für die der Kelche des griechischen
Ritus. Denn selbst das, was wir den mit Bildwerk geschmückten griechischen
Kelchen, die sich aus dem Mittelalter erhalten haben, bezüglich ihrer Ikono-
graphie entnehmen, geht nicht über einige wenige Wahrnehmungen und Fest-
stellungen hinaus. So beschränken sich die Darstellungen Christi an ihnen auf
ein von den Buchstaben A und ü begleitetes Brustbild desselben. Begeben-
heiten aus dem Leben des Herrn weist keiner der Kelche auf, ja nicht einmal ein
Bild des Gekreuzigten. Ebenso fehlen auf ihnen vollständig Darstellungen alt-
testamentlicher Typen des Kreuz- sowie des Meßopfers. Maria ist wie Christus
nur in Form eines Brustbildes dargestellt. Unter den auf ihnen angebrachten
Engelbildern finden sich nicht nur die Erzengel Michael, Gabriel und Raphael,
von denen der erste uns auf den mittelalterlichen Kelchen des Westens nicht
gerade oft begegnet, Gabriel nur in der Szene der Verkündigung, Raphael über-
haupt nicht, sondern auch der apokryphe Erzengel Uriel, wie auf einem der bei-
den von Romanos gestifteten Kelche im Schatz von S. Marco zu Venedig und
einem aus grünem Serpentin bestehenden Henkelkelch (Tafel 5) daselbst. Über-
aus ausgiebig sind, wie schon früher bemerkt wurde, Jieiligendarstellungen auf
ihnen angebracht. Sie finden sich schon auf Kelchen aus dem 10. und 11. Jahr-
hundert in einem Ausmaß, das dieselben auf den abendländischen Kelchen
allenfalls erst im i5. Jahrhundert erreichten. Auch sie erscheinen fast nur in
Gestalt eines Brustbildes.

V. DAS BILDWERK DES KELCHES IN NACHMITTELALTERLICHER ZEIT

Über die Ikonographie des Kelches in nachmittelalterlicher Zeit bleibt wenig


anzufügen. An figürlichem Schmuck fehlt es auch auf den nachmittelalter-
lichen Kelchen nicht; er tritt uns sogar nicht selten in reichlichem Ausmaß auf
ihnen entgegen. Was aber auffällt, ist, daß mit dem Eindringen der Renais-
sance zwischen ihm und dem bloß ornamentalen Dekor, mit dem die Kelche
bedacht wurden, sich ein anderes Verhältnis auszubilden beginnt, als das, was
auf den mittelalterlichen Kelchen zwischen Figurenwerk und Ornament be-
stand. Es ist ein Wandel, wie wir ihn ähnlich beim nachmittelalterlichen Re-
tabel vor sich gehen sehen. Wie beim mittelalterlichen Retabel, so war auch
bei den Kelchen des Mittelalters das Bildwerk die Hauptsache, das Ornament
nur ergänzende Zutat, nur Füllwerk des Raumes zwischen, über und unter den
figürlichen Darstellungen. Wie aber dann beim nachmittelalterlichen Retabel
infolge Überwucherns der Architektur und des Ornamentes das Figurenwerk
aus seiner beherrschenden Stellung verdrängt und dienend wurde, so verlor
auch an den nachmittelalterlichen Kelchen der figurale Schmuck die über-
ragende Bedeutung, die er vordem an ihnen hatte. Nicht er mehr ist die Haupt-
sache, sondern das Ornament, mit dem Fuß, Nodus und Korb der Kuppa nun
wie übersponnen werden. Was an Figurenwerk auf und an denselben sich fin-
det, wird nicht sowohl um seiner selbst willen mehr an ihnen angebracht, es ist
vielmehr zumeist nur noch eine Zutat zu dem für sich allein trotz seiner Üppig-
SECHSTES KAPITEL. V, l\ NACHMITTELALTERLICHER ZEIT 195

leeit zu eintönig wirkenden Ornament, bestimmt, größeren Wechsel und größere


Mannigfaltigkeit in dasselbe zu bringen.
An den gotisierenden Kelchen bewahrt freilich der figürliche. Schmuck, wo
solcher an denselben angebracht wird, noch durchweg seinen bisherigen Cha-
rakter. Noch in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, ja selbst, wenn auch
nur vereinzelt, noch in der ersten Hälfte des 17. entstanden gotisierende Kelche,
die wie bezüglich der Form so auch bezüglich der Art der Verwendung des Bild-
werkes die herkömmlichen Wege gehen. So, um das eine oder andere Beispiel
zu nennen, ein Kelch von i555 in der Stadtkirche zu Bützow in Mecklenburg
(Tafel 3a), der an der Kuppa mit sechs getriebenen unter rundbogigen Arkaden
angeordneten Passionsdarstellungen, auf dem Fuß mit den stehenden Relief-
figuren von sechs Aposteln geschmückt ist; ein Kelch von i5oi in der altstädti-
schen Kirche zu Königsberg (Tafel 33), der noch am Schaft Statuettchen der
zwölf Apostel und auf dem Fuß Reliefbilder der Taufe Jesu, des Abendmahles
und der Auferstehung samt deren alttestamentlichen Vorbildern aufweist; ein
Kelch von i636 in derselben Kirche, eine freie Kopie des Kelches von i5oi,
dessen Fuß in flachem Relief eine ölbergszene, die Geißelung, die Dornen-
krönung, die Kreuztragung und die Auferstehung zieren; ein Kelch in Sainte-
Waudru zu Herenthals in Belgien mit Darstellungen aus dem Leben und Leiden
des Herrn auf dem Fuß und der Kuppa; der Kelch des Meisters Eisenhoit zu
Herdringen von i588 mit sechs alttestamentlichen Typen auf dem Fuß (Abra-
hams Opfer, Osterlamm, Mannaregen, Moses schlägt Wasser aus dem Felsen,
Jonas vom Walfisch ausgeworfen, eherne Schlange) und Statuettchen in den
Nischen des architektonisch gestalteten Nodus, der von Eisenhoit begonnene,
von einem Schüler i6o4 vollendete Kelch zu Herdringen, der gleichfalls alt-
testamentliche Bilder auf dem Fuße zeigt u. a. Selbst unter den Kelchen, die
nicht bloß hinsichtlich ihres Ornaments, sondern auch schon hinsichtlich ihrer
Form der Renaissance angehören, findet sich der eine oder andere, auf dem das
Bildwerk noch nicht zu einer bloßen Ergänzung des ornamentalen Dekors ge-
worden ist. Beispiele bieten ein Kelch des 17. Jahrhunderts in der Kathedrale
zu Reims, ein Kelch französischen Ursprungs in der katholischen Pfarrkirche
zu Leipzig, ein Kelch zu Rahrbach (Kr. Olpe) in Westfalen sowie ein Kelch in
der Kathedrale zu Evora in Portugal und im Museo de arte religiosa zu Coimbra.
Durchgreifend aber offenbart sich dann der Wandel bei den Kelchen des Ba-
rocks. Zahlreiche Belege bieten namentlich die süddeutschen Barockkelche mit
ihrer Fülle ornamentalen Schmuckes, dem gegenüber die demselben eingefüg-
ten Emailplättchen mit aufgemalten farbigen Bildchen nur eine nebengeordnete
oder besser untergeordnete Rolle spielen. Es ist geradezu eine Ausnahme, wenn
noch auf einem Kelch von 1736 im Dom zu Köln, der wohl französischen Ur-
sprungs ist, das Bildwerk vor dem Ornament den Vorrang hat.
Was den Gegenstand der Darstellungen anlangt, so fällt auf, daß die nachmittelalterliche
Zeit, wenn sie den Kelch mit Bildwerk schmückt, anders wie das späte Mittelalter wieder
Szenen aus dem Leben des Herrn Bildern von Heiligen vorzieht. Nicht als ob diese nun ganz
von den Kelchen verschwänden, sie treten aber merklich gegenüber jenen zurück. Von Er-
eignissen aus des Herrn Leben aber kommen fast nur mehr solche zur Darstellung, die auf
196 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DIE VATEHE

die Eucharistie als Erneuerung des Kreuzesopfers und als übernatürliche Seelenspeise un-
mittelbar hinweisen, das Letzte Abendmahl und Leidensszenen, einsehlicßlich ihres Ab-
schlusses, der Auferstehung. Die gleichen Gesichtspunkte wie für die neutestamentlichen
waren maßgebend für die alttestamentlichen Darstellungen. Von den symbolischen Darstel-
lungen Christi, die uns auf mittelalterlichen Kelchen begegnen, erhielten sich nur das Ij>mm
und der Pelilcan. Sehr beliebt wurden die Leidensmerkzeuge. Sie finden sich sehr oft auf
nachmittelalterlichen Kelchen und zwar nicht erst auf den Renaissance- und Barockkelchen.

Die Bilder Marias auf nachmittelalterlichen Kelchen bieten nur insofern


etwas Neues, als die Immakulata nun meist für sich allein, ohne das Jesuskind
auf den Armen, auf diesen wiedergegeben wird. Darstellungen der Apostel in
ihrer Gesamtheit finden sich nur noch auf gotisierenden Kelchen, aber selbst
auf diesen nur sehr vereinzelt. Auf Renaissance- und Barockkelchen wird man
die Apostel als Kollegium kaum je mehr antreffen. Es pflegt nur mehr der eine
oder andere der Apostel einzeln für sich auf ihnen dargestellt zu sein. Die Sym-
bole der Evangelisten, die auf den mittelalterlichen Kelchen als Ersatz für Evan-
gelistenbilder eine so große Rolle spielen, verlieren in nachmittelalterlicher Zeit
als Schmuck der Kelche erheblich ihre ehemalige Beliebtheit, während Bilder
der Evangelisten auf diesen etwas häufiger werden. Ein ausgiebig an den nach-
mittelallerlichen zur Verwendung kommender Dekor werden unter dem Ein-
fluß der Renaissance an Stelle der mittelalterlichen Halbfiguren von Engeln
geflügelte Engelköpfchen. Sie sind schon an den noch gotisierenden Kelchen
nicht mehr selten, bei denen sie besonders am Nodus angebracht sind, sei es als
Ersatz der Zapfen desselben, sei es zwischen den Zapfen. Auf den Renaissance-
und Barockkelchen sind sie eine überaus häufige, immer wiederkehrende Er-
scheinung, zumal am Nodus, doch kaum minder auch am Korb der Kuppa und
auf dem Fuße derselben. Auch kommen nicht selten Engelchen in Form nackter
geflügelter Putti auf diesen vor, namentlich als Träger der Leidenswerkzeuge
(Tafel 36, 37). Unter den Heiligen, die an den Kelchen abgebildet werden, je-
doch, wie schon gesagt wurde, nicht mehr in dem gleichen Ausmaß wie im
späten Mittelalter, begegnet uns nun besonders auch infolge der Steigerung sei-
ner Verehrung der heilige Joseph, der Nährvater Jesu. Allegorische Darstel-
lungen der Tugenden in Form von Frauengestalten, sind auch den nachmittel-
alterlichen Kelchen als Schmuck nicht ganz fremd, doch keine häufige Erschei-
nung auf denselben.
Im großen und ganzen offenbart sich im figürlichen Schmuck der nach-
mittelalterlichen Kelche gegenständlich unverkennbar eine gewisse Verein-
fachung und zugleich etwas Schablonenhaftes.
ERSTES KAPITEL. HEUTIGER BRAUCH 197

DIE PATENE

ERSTES KAPITEL

DIE PÄTENE NACH HEUTIGEM BRAUCH


DIE Patene ist eine bei der Eucharistiefeier zur Verwendung kommende litur-
gische Schüssel. Sie ist das Gegenstück des Kelches und für das zu konsekrie-
rende und konsekrierte Brot das, was dieser für den zu konsekrierenden und
konsekrierten Wein, mit dem Unterschied freilich, daß die Patene nicht in glei-
chem Maße unentbehrlich ist wie der Kelch, ein Unterschied, der sich aus der
verschiedenen Beschaffenheit der beiden eucharistischen Elemente ergibt, und
daß im Zusammenhang damit ihre Verwendung bei der Opferfeier eine be-
schränktere ist.
Die Patene des lateinischen Ritus ist von runder Form und entweder leicht
konkav oder eben, jedoch ist sie im letzteren Fall mit einer heute meist runden
Vertiefung zur Aufnahme der Hostie versehen. Ihr Durchmesser beträgt etwa
12—20 cm. Größere oder kleinere Patenen sind Ausnahmen. Von ihrem Ma-
terial gilt das gleiche wie von der Kuppa des Kelches. Sie kaim demnach aus
Gold, aus Silber, sowie im Notfall aus Zinn bestehen, soll aber, wenn sie aus
Silber oder Zinn gemacht ist, auf der Oberseite vergoldet sein. (1) Wie der
Kelch muß auch die Patene konsekriert sein, um bei der Messe gebraucht wer-
den zu können. Wird sie neu vergoldet, bedarf sie keiner neuen Konsekration. (2)
Ornamentalen oder figuralen Schmuck erhält die Patene im Interesse einer
leichteren und besseren Purifizierung nach erfolgtem Gebrauch heute auf der
Oberseite nicht mehr, nur wird ihr gewöhnlich, wenngleich keineswegs vor-
schriftsmäßig, nahe dem Rand ein Kreuzchen eingraviert.
Die Patene in den Riten des Ostens (griechisch Bioxo?) ist von runder Form
wie die abendländische, sie ist aber größer als diese und mit einem niedrigen
Untersatz, im russisch-griechischen Ritus sogar mit einem förmlichen Fuß ver-
sehen. Im nestorianischen und äthiopisch-koptischen Ritus ist sie muldenförmig,
in den übrigen Riten des Ostens zeigt sie in der Mitte gleich manchen Patenen des
lateinischen Ritus eine runde Vertiefung. Im griechischen Ritus, zumal im
russisch-griechischen, wird sie auf der Oberseite gern mit figuralen Darstel-
lungen ausgestattet, namentlich mit einer zwischen zwei Engeln mit Fächern
stehenden patenenartigen Krippe, in dem unter einem Asterikos das Jesuskind
Hegt. Hinsichtlich des Materials bestehen in den Riten des Ostens keine Vor-
schriften ; sie ist darum nicht immer aus Silber, sondern selbst aus Holz oder,
wie bei den Kopten, aus gebranntem glasiertem Ton gemacht. (3)
Die Verwendung, welche die Patene im lateinischen Ritus findet, ist be-
schränkter als in den Riten des Ostens, sofern dieselbe in ihm zwar ebenfalls
bis nach der Darbringung der Hostie als deren Träger dient, dann jedoch als
(1) Ritus serv. in celebr. missae I, 1; De defectibus in missa oecurr. X, 1.
(2) C.I.C. can. 1305, §2. (3) Johann Georg, Herzog zu Sachsen, Neue Streifzüge durch
die Klöster und Kirchen Ägyptens (Leipzig 1930) 5 und Abb. 5.
198 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DIE PATENE

solcher erst wieder nach der Beendigung des Pater noster verwendet wird, also
nicht wie in jenen auch in der Zwischenzeit. In dieser ruht sie nämlich nach
lateinischem Brauch nicht auf der Patene, die seit der Opferung bis zu dem
an das Paler noster sich anschließenden Embolismus bei nichtfeierlichen Mes-
sen unbenutzt rechts unter dem Korporale liegt, halb von diesem verdeckt, bei
feierlichen Ämtern aber bis dahin vom Subdiakon gehalten wird, sondern auf
dem Korporale, während sie nach den Riten des Ostens sich von Beginn an bis
zur Kommunion ohne Unterbrechung auf der Patene befindet.

ZWEITES KAPITEL

BENENNUNGEN DES GERÄTES


Die Zahl der Benennungen der eucharistischen Schüssel ist sehr gering. Im
Westen heißt diese seit altchristlicher Zeit fast nur patena. Wenn in den schrift-
lichen Quellen von ihr die Rede ist, erscheint sie von jeher immer wieder unter
diesem Namen. Belege anzuführen, ist nicht vonnöten. Aus dem Latein ist die
Bezeichnung auch in die meisten westlichen Volkssprachen übergegangen: pa-
tena (italienisch, spanisch), paten (englisch), Patene (deutsch), patene (fran-
zösisch). In französisch abgefaßten Inventaren des späten Mittelalters wie selbst
noch nachmittelalterlicher Zeit wird das Gerät oft verderbt platine genannt. So
heißt es z. B. in einem Inventar Karls VI. von Frankreich aus dem Jahre 1420:
Item un calice d'or... et en la platine un rout esmaille d'azur et dedans une
main qui seigne ä la croix; (1) in einem Inventar von St-Denis von i5o5: Un
calice... et sa platine, Ie tout d'argent dore; (2) in einem Inventar der Kathe-
drale zu Reims von 1669: Item une platine d'argent dore (3) und manchen an-
dern Inventaren. In einem englischen Inventar von St. Stephan, Coleman street
zu London von 1&66, wird die Patene patent genannt: In the patent therof an
ymage of the trinity. (4) Die Deminutivbezeichnung patella führt sie im Inven-
tar der Kapelle des Schlosses Giroussens von i443: Item unum calicem cum sua
patella argenti supra deaurati. (5)
Im klassischen Latein hatte patena (patina) die Bedeutung von Schüssel. Betreffs der
Etymologie des Wortes sagt Isidor von Sevilla: Patina, tjuod dispansis patentibusque oris Sit
lancis. (6) Die Liturgiker des Mittelalters haben diese Herleitung von patena von ilun über-
nommen. Patena dicitur eo, quod pateat; corda ampla cliaritate significat, belehrt uns z.B.
Amalar von Metz. (7) Patena a patendo, quod patula sit, lesen wir bei Walafried Strabo. (8)
A pateo dicas patenam, sagt Johannes von Garlandia in seinen Synonyma. (9) Die Ableitung
des Wortes patena von pateo (offen, weit sein) ist eine der vielen rein äußerlichen etymolo-
gischen Spielereien, denen wir im Mittelalter begegnen, die aber damals gefielen, weil man
an sie eine mystische Deutung anknüpfen konnte. In Wirklichkeit hat patena mit pateo
nichts zu tun; patena ist vielmehr ein Lehnwort aus dem Griechischen, das latinisierte
meriv)}, Schüssel.

(1) L. Douet d'Abcq II, 379. (2) Omoist 18. (3) Phosper Tarbe. Tresor des eglises
de Reims (Reims 1843) 70. (4) Archaeologia L, 46. (5) Revue XLI (1892) 500.
m Etym. 1. 20, c. 4 (M. 82, 715). (7) De eecl. o«. 1. 3, c, 27 (M. 105, 1147).
(8) De exordiis et inerementis quarundam in observationibus eccl. rertimc.24 (M. 114,951)-
(9) D. C. VI, 208.
ZWEITBS KAPITEL. BENENNUNGEN 199

Übrigens kommt das Wort patena in den schriftlichen Quellen nicht bloß als Bezeich-
nung der eucharistischen Patene vor, es sind auch wohl mit ihm andere, liturgischem Ge-
brauch dienende Schüsseln gemeint. So ist in der Vita s. Silvestri des Papsthuches von einer
patena argentea auro clusam chrismalem pens. 1. 5 und in der Vita Innocentü I. von pa-
tenae 2 ad chrismam pens. sing. 1. 3 die Rede, Schüsseln zur Aufnahme des Chrisams bei
der auf die Taufe folgenden Spendung der Firmung. (10) In den Gollectanea des iri-
schen Bischofs Tirechan (zweite Hälfte des 7. Jahrb.) wird von patini quadrati erzählt, die
Bischof Assicus, ein Schüler des heiligen Patrick, ein Kupferschmied, anfertigte. Tirechan
sah selbst noch drei derselben in der Patrickskirche zu Ardd-Macham, in der Kirche zu Alo-
find und in der Kirche zu Saeoli auf dem Altar des heiligen Bischofs Feiartus. (11) Da die
patini in der irischen Vita tripartita nüass (= mensa) genannt werden, handelt es sich wohl
bei ihnen um Portatilien, (12) worauf auch ihre quadratische Form hinzuweisen scheint.
Auf keii>en Fall sind unter ihnen Patenen zu verstehen, da deren irischer Name teisc war.
Eine Schüssel zum Auffangen des Wassers bei der liturgischen Händewaschung ist unter
patena verstanden, wenn in einem Inventar der Kathedrale zu Glermont-Ferrand aus dem
10. Jahrhundert vermerkt wird: Urceolus unus cum patena. Die hier als Zubehör zum ur-
ceolus, dem Gießgefäß bei der Händewaschung, erscheinende Patena ist das Becken, das
sonst in den Inventaren aquamanile genannt zu werden pflegt. In einem Inventar von
St-Ame zu Douai von i53g führen den Namen patenae die beiden im Mittelalter und auch
noch darüber hinaus viel zur liturgischen Händewaschung gebrauchten Becken, von denen
eines, das mit einem kurzen Ausflußrohr versehen war, als Gießgefäß, das andere zur Auf-
nahme des über die Hände gegossenen Wassers diente: Duae patenae argenteae in medio
solibus deauratis insignitae, quibus usus est cotidie ad magnum altare lavandis manibus,
quarum altera habet parvum canalem per quam aqua effunditur in alteram patenam. (13)
Die Kännchenschüssel heißt patena in Inventaren der Pfarrkirche von Mimsterberg und
von Frankenstein in der Diözese Breslau aus dem Jahre i65i. (14)
Nur sehr vereinzelt kommen in mittelalterlichen Quellen als Benennungen
des Geräts anstatt patena patera und paropsis vor. So heißt es patera in einem
Inventar von S. Liberatore zu Chieti von 1019: Unum calicem de optimo ar-
geuto cum duobus pateris (15) und in einem Inventar der dem Kloster S. Julian
de Samos 922 von König Ordofio II. gemachten Geschenke: calices duas ar-
genteas, pateras duas argenteas. (16) Paropsis (griechisch ■napo^t;) ist dem
Abendmahlsbericht des Evangelisten Matthäus (26, 23) entlehnt. Das Wort
wird zur Bezeichnung der eucharistischen Patene gebraucht in einem Verzeich-
nis der von Bischof Sisnandus von Gompostela dem Kloster S. Sebastian in
monte Hinico 914 gespendeten liturgischen Geräte, unter denen auch genannt
wird ein calix argenteus cum sua paropside. (17) Dagegen ist das vas de calzia-
donio factum ad modum paropsidis cum gemmis 22 desuper per orlum in einem
Inventar von S. Giovanni zu Monza von 1277 durch nichts als solche bezeugt,
wenn es sich auch bei ihm zweifellos um eine liturgischen Zwecken dienende
Schüssel handelt. (18)
Das dem Griechischen entlehnte lateinische discus kommt zur Bezeichnung
der Patene nicht vor, wohl aber begegnet es uns umgebildet in disc im Angel-
sächsischen, wie in einem Inventar der Kirche von Sherburn (York) aus dem
(10) Duch. L. P. I 170, 220. (11) Stokes, The tripartite life of Patrick I, 313.
(12) A.a.O. 97. (13) Gav A4.
(14) JusgnitzI, 245, 254. (15) Muratohi, Antiq. Ital. medii aevi IV (Milano 1741) 767.
(16) A. de Yepes, Coroniea general de la Orden de s. Benito III (1610), app. 20.
(17) Yepes, l.c.IV (1613) 430. (18) Bullet monum. 1881, 145. In einem Inventar von 1275
(ebd. 1880, 630) ist sie beschrieben als scutella cum viaculo et calcedonio, omata multis gem-
mis et perlis cum pede aureo et circulo aureo gemmato.
200 VASA SACRA. ERSTER ABSCH.MTT. DIE PATENE

Anfang des 10. Jahrhunderts: i calic et i disc, (19) sowie umgebildet in teisc
im Irischen, wie in der Vita tripartita des heiligen Patrick. (20)
Im griechischen Ritus heißt die eucharistische Schüssel nicht, wie man viel-
leicht erwarten möchte, der aus dem Griechischen stammenden Bezeichnung
patcna entsprechend TaTtxvvj, sondern 8(0x05. Sie führt in ihm diesen Namen
nicht nur seil alters, er ist auch ihr einziger. Denn das Wort öioxapiov, mit dem
sie im Chronicon paschale (7. Jahrh.) bezeichnet wird, (21) ist Deminutiv von
oEoxo? und findet sich zudem nur hier. Auch Espöc xivoZ wird sie lediglich ein-
mal in den schriftlichen Quellen genannt, bei Nikolaus Cabasilas (-J-13^1) näm-
lich. (22) Aus dem Griechischen ging die Bezeichnung otjxos auch in das Kop-
tische und Slavische über. Kelch (-oTijpiov)und eucharistische Schüssel zusam-
mengedacht, nannte man ötoxoTco-Tjfiiov. (23) Im armenischen Ritus heißt die
eucharistische Schüssel maghzmah, im syrischen pinco, im nestorianischen pe~
läsa oder päthüra.

DRITTES KAPITEL

DAS MATERIAL DER PATENE


Kelch und Patene sind zwei der Form und dem Zweck nach zwar verschie-
dene, nach ihrem liturgischen Charakter aber völlig gleichgeartete, auf einer
Stufe stehende und einander ergänzende gottesdienstliche Geräte. Beide sind
eucharistisch, bestimmt für die Feier des eucharistischen Opfers und des eucha-
ristischen Mahles, jener zunächst als Behälter des zu konsekrierenden Weines
und dann nach vollzogener Konsekration als der des Blutes Christi unter den
Gestallen des Weines, dieser zunächst als Träger des zu konsekrierenden Brotes
vor und bei der Opferung und dann als der des Leibes des Herrn unter den Ge-
stalten des Brotes nach dem Pater noster. Es kann darum auch nicht auffallen,
wenn die Geschichte des Materials der Patene parallel geht mit der des Mate-
rials des Kelches.
Aus welchem Stoff die Schüssel gemacht war, die beim Letzten Abendmahl zur Verwen-
dung kam, wissen wir nicht. Eine kleine Schüssel aus Marmor, deren sich der Herr bei dem-
selben bedient haben sollte, sah Antonius von Novgorod im 12. Jahrhundert im Schatz der
Sophienkirche zu Konstantinopel. (l) Eine Abendmahlschüssel aus einem blauen Glasfluß,
den man früher für einen Saphir hielt, der sacro eatino, findet sich noch heute in S. Lo-
renzo zu Genua, eine andere im Dom zu Valencia. Legendenhafte Stücke, geben sie uns
über die wirkliche stoffliche Beschaffenheit der beim Letzten Abendmahl bei Einsetzung
des Sakramentes der Eucharistie gebrauchten Schüssel keinen Aufschluß.

I. DAS MATERIAL DER PATENE IN VORKAROLINGISCIIER ZEIT


Audi für das Material der Patene gab es bis zur karolingischen Zeit keine
kirchlichen Vorschriften, nicht einmal partikularrechtliche. Nach Walafried
Strabo soll allerdings Papst Zephyrinus (7 217) den Gebrauch gläserner Pate-
rn) Raise 142. (20t Stokes, The tripartite life of s. Patrick I (London 1887) 109.
(21) Ad a. 624(Mgr. 92, 1001). (22) Liturgiae expositio n. 5 (Mg. 150, 380).
(23) Vgl. oben S. 23. (1) Riant, Exuviae sacrae Constant. II (Genf 1878) 219.
DRITTES KAPITEL. MATERIAL. I. IN VORKAROLISGISCIIER ZEIT 201

nen bei der Messe vorgeschrieben, aber schon sein zweiter Nachfolger Urban
(f 23o) statt gläserner silberne eingeführt haben, (2) was dann in der Folge
bis in die neuere Zeit von andern kritiklos wiederholt wurde. Allein Zephyrinus
erließ, vorausgesetzt, daß die diesbezügliche Angabe der Vita Zephyrini im
Papstbuch (3) überhaupt zuverlässig ist, nur eine Verordnung über eine be-
stimmte Art der Verwendung gläserner Patenen beim Pontifikalgottesdienst.
Daß er solche schlechthin für die Meßfeier vorgeschrieben oder gar als der erste
gläserne Patenen bei dieser eingeführt habe, davon sagt die Quelle ebensowenig,
wie die Vita Urbani (4) von einer erstmaligen Einführung silberner Patenen
durch Urban etwas weiß, sondern lediglich berichtet, der Papst habe außer an-
dern heiligen Geräten, die alle aus Silber hergestellt waren, auch fünfundzwan-
zig Patenen aus Silber machen lassen. Eines folgt freilich aus den beiden An-
gaben des Papstbuches, vorausgesetzt ihre Zuverlässigkeit, an der zu zweifeln
die Sache selbst keinen Anlaß bietet, daß nämlich in frühchristlicher Zeit die
Patene auch wohl aus Glas, aber ebenso aus Silber bestand.
Daß man sich in altchristlicher Zeit auch gläserner Patenen bei der Feier
der heiligen Geheimnisse bediente, kann angesichts der ausgiebigen Verwen-
dung, die Schüsseln dieser Art damals im profanen Leben fanden, nicht auf-
fallen. Von einer Patene aus einem blauen Glasfluß zu Tours, die Kaiser Maxi-
mus dem heiligen Martinus schenkte, (5) sowie einer von dem Heiligen gespen-
deten kristallenen Patene zu Candes (Indre-et-Loire), erzählt Gregor von Tours.
Erhalten hat sich keine der altchristlichen gläsernen Patenen. Man hat aller-
dings in einigen Glasschüsseln des 3. und 4. Jahrhunderts Patenen erkennen
wollen, doch ohne Grund. Nichts beweist, daß sie das waren, weder eine In-
schrift, noch die Umstände des Fundortes, noch endlich die biblischen und son-
stigen religiösen Darstellungen, mit denen sie geschmückt waren. Denn Dar-
stellungen dieser Art waren bei den alten Christen keineswegs den liturgischen
Geräten vorbehalten, sondern bei ihnen nicht minder beliebt als Dekor der Ge-
räte des Alltagslebens.
Von Patenen aus Holz oder Kupfer hören wir in den vorkarolingischen Quel-
len nie, was freilich bei der Spärlichkeit der Angaben, die sie überhaupt hin-
sichtlich des Materials der Patene enthalten, nicht ausschließt, daß in alt-
christlicher und frühmittelalterlicher Zeit nicht auch solche zur Verwendung
gekommen sind, da ja noch keine Vorschriften bezüglich des Materials der
Patene bestanden. Hat es deren ja doch selbst noch später gegeben, öfters wird
in den vorkarolingischen Quellen von Patenen aus Gold berichtet und zwar be-
zeugen dieselben, daß man schon wenigstens im k- Jahrhundert auch solche
herstellte, was bei dem erhabenen Zweck, dem die Patene dient, allerdings leicht
verständlich ist.
So schenkte bereits Konstantin der Basilika Santa Croce, den Basiliken der heiligen
Agnes und des heiligen Laurentiiis sowie der Basilika der heiligen Petrus und Marzelliiuis,
zum Teil zugleich mit silbernen, je eine Patene aus Gold, der Lateranbasilika aber sieben. (6)
Aus Gold gemacht waren auch die Patenen, die Ö20 Epiphanius von Konstantinopel (7) und
(2) De exordiis et incrementis rer. eccl. c. 24 (M. 114, 851). (3) Dich. L. P. I, 138.
(4) Ebd. I, 143. (5) Vita s. Martini 1.4, c. 10 (M. 71, 995). (6) Dwe. L. P. I, 176f.
(7 M.6S, 499.
202 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DIE PATENE

um dieselbii Zeit Kaiser Justinus zusammen mit einem goldenen Kelche dem Papst Hör-
misdas (5i4—5a3) zum Geschenke sandte, sowie auch die Patene, welche der Kaiser dessen
Nachfolger Johannes (5s3—5aG) spendete. (8) Gregor von Tours berichtet von einer aus
Gold bestehenden Patene, welche ein Kaiser Leo zum Dank für die Heilung seiner Tochter
nebst einem goldenen Kelch und einem kostbaren Evangelienbchälter für die Kirche von
Lyon anfertigen ließ. (9) Papst Sergius {687—701) ließ für St. Peter zu Rom eine goldene,
um den Rand herum mit Steinen und Perlen, in der Mitte mit einem von Hyazinthen und
Smaragden gebildeten Kreuz verzierte Patene anfertigen. (10) König Ina von Wessex
schenkte um 700 der Abtei Glastonbury eine Patene und einen Kelcb aus Gold. (11) Papst
Konstantin (708—715) ließ eine goldene Patene von 12 1., Papst Gregor IL (715—781)
eine solche gar von ag,5 1. Gewicht herstellen. (12) Erhalten hat sich keine der goldenen
Patenen vorkarolingischer Zeit, es müßte denn die rechteckige, 19,5 cm lange, ia,5 cm
breite, mit s cm breitem Rande, 1,8 cm hoher Fußleiste sowie vertieftem Mittelfeld ver-
sehene Schüssel, die zusammen mit dem früher erwähnten Miniaturhenkelkelch zu Gourdon
gefunden wurde und heute im Cabinet des Medailles zu Paris aufbewahrt wird, eine eucha-
rislische Patene sein, was aber trotz des in Zelleneinlage gearbeiteten Kreuzes, mit dem sie
in der Mitte verziert ist, keineswegs sicher ist. Denn aus dem auf ihr sich findenden Kreuz
allein, das auch auf profanen Zwecken dienendem Gerät angebracht wurde, läßt sieb ihr
eucharistischer Charakter nicht beweisen, ihre Form aber spricht eher für eine profane,
als für eine eucharistische Schüssel (Bild i5). (13)
Häufiger als goldene Patenen werden in den altchristlichen, und frühmittel-
alterlichen Quellen Patenen aus Silber erwähnt. Wie es scheint, wurden diese
schon früh, jedenfalls aber in nachkonstantinischer Zeit, wo immer die Mittel
vorhanden waren, mit Vorzug aus Silber hergestellt. Aus Silber sind denn auch
die als Patenen gedeuteten Schüsseln, die zu Riha und Stüma (Tafel 4i) gefun-
den wurden, drei patenenartige Schüsseln angeblich gleichfalls syrischer Her-
kunft in der Sammlung Abukasem zu Port Said (Tafel 4i), eine patenenartige,
auf Zypern gefundene Schüssel im Britischen Museum und die als eucharisti-
sche Patene bezeichnete Schüssel der ehemaligen Sammlung Stroganoff. (14)
Ob alle diese Schüsseln, ja selbst nur eine derselben, wirklich als eucharistische
Patenen gedient haben, muß dahingestellt bleiben, auch bei Annahme ihrer
Echtheit, die indessen keineswegs bei allen, wie bei den zu Riha und Stüma ge-
fundenen Schüsseln, den Schüsseln der Sammlung Abukasem und der Schüssel
aus Kerynia im Britischen Museum über alle Bedenken erhaben ist. (15)
Sicher war keine Patene, ja überhaupt keine liturgische Schüssel eine in einem Grab bei
Perugia entdeckte Schüssel mit dem Bild einer Kampfszene und der Inschrift: De donis Dei
et domni Petri utere felix cum gaudio, sondern eine vom Papst geschenkte profane Ehren-
schüssel. Keine eucharistisehen Patenen waren auch die zwei mit den Köpfen der Heiligen
Petrus, Paulus, Justus und Hermes auf dem Rande, in der Mitte aber mit einem nimbier-
(8) Doch. L. P. I. 271, 276. (9) De gloria conf. c. 63 (M. 71, 874). (10) Duck. L. P. I 375.
(11) Wilh. Malmesbi-r., De antiquitate Glaston. eccl. (M 179, 1705).
(12) Duch.L, P. I, 391, 410. (13) Abb. in Farbe bei CabrolII2, 1628.
(14) Abb. der jetzt in der Sammlung Kalebdjian zu Paris befindlichen, mit der Darstel-
lung des Abendmahles geschmückten Schüssel von Riha in Syria II (1921) pl. XIV sowie bei
W. Neuss, Die Kunst der alten Christen (Augsburg 1926) Tfl. 69; Abb. der drei zu Stüma
entdeckten, jetzt im Museum zu Konstantinopel aufbewahrten Schüsseln, von denen eine
ebenfalls eine Darstellung des Abendmahles aufweist, die beiden andern nur mit einem ein-
gravierten Kreuz verziert sind, in Revue archeol. IVe serie XVII (1911) pl. VIII und S. 411;
Abb. der drei Schüsseln der Sammlung Abukasem in Syria VII (1926) pl. XXV—XXVII;
Abb. der Patene aus Kervnia auf Zypern im Britischen Museum in Archaeologia LVII 1,
160; Abb. der Schüssel der Sammlung Stroganoff in Bullett. di arch. crist. 1871, Tfl. IX und
bei Gariuxci VI, Tfl. 460. (15) Vgl. das S. 79 f. über die angeblich syrischen Kelche Gesagte.
DRITTES KAPITEL. MATERIAL. II. BIS ZUM 16. JAHRHUNDERT 203

ten Kopf geschmückten silbernen Schüsseln von •>- 1. Gewicht, die zusammen mit zahlreichen
anderen profanen Silbergeräten, darunter io bis zu 20, ja 2/11. schweren Schüsseln, acht
runden und zwei viereckigen, 1637 im Garten des Noviziates der Jesuiten zu Trier gefunden
wurden, heute aber nicht mehr vorhanden sind. (16) Ebenso handelt es sich nicht um eine
eucharistische Patene bei einer zu Grigorowskoje im Gouvernement Perm gefundene, jetzt
in der Eremitage zu Leningrad befindlichen syrischen Schüssel aus Silber mit Darstellungen
alt- und neu testamentlich er biblischer Szenen. (17)

IL DAS MATERIAL DER PATENE SEIT DER KAROLINGISCHEN ZEIT BIS ZUM
SECHZEHNTEN JAHRHUNDERT
Die erste Verordnung bezüglich des Materials der Patene erließ die Synode
von Calechyt in England vom Jahre 785 bzw. 787. Sie beschränkte sich jedoch
lediglich auf das Verbot, sie aus Hörn herzustellen, wie sie ein gleiches auch
hinsichtlich des Kelches untersagt hatte, mit der Begründung, quod de sanguine
sunt, das ist weil Hörn tierischen Ursprunges ist. Die Admonitio synodalis un-
tersagt Kelche aus Holz, Glas oder Blei zur Meßfeier zu benutzen, (18) spricht
aber nicht vom Material der Patene, wie denn auch die vielen Synodalstatuten,
die sich in der Folge mit dem Material des Kelches beschäftigen, bis zum Ende
des Mittelalters zumeist betreffs des Materials der Patene schweigen. Der Grund
dürfte gewesen sein, daß die Verordnungen hinsichtlich des Materials des Kel-
ches ohne weiteres auch als für die Patene geltend betrachtet wurden. Freilich
galten nicht alle Gründe, welche dazu führten, die Verwendung bestimmter Ma-
terialien zur Herstellung des Kelches zu verbieten, in gleichem Maße auch von
der Patene. So war Bildung von Grünspan bei Patenen aus Kupfer oder Bronze
bei weitem nicht so zu befürchten wie beim Kelche; indessen war ja die Patene
gewissermaßen eine Ergänzung des Kelches und zuletzt ein gleich ehrwürdiges
und heiliges Gefäß wie dieser. Es war darum natürlich, daß man es ebensosehr
für ungeziemend ansah, die Patene aus minderwertigem oder gebrechlichem
Material herzustellen, wie man die Anfertigung des Kelches aus solchem seiner
Würde nicht für entsprechend hielt.
Ausdrücklich untersagt die Synode vonTribur des Jahres 890, sich zur Feier der
Messe hölzerner Patenen zu bedienen. Denn unter den lignea vascula, deren Ge-
brauch sie bei derselben verbietet, versteht sie, wie aus dem einleitenden Satz der
betreffenden V erordnung: Vasa, quibus sacrosaneta conficiuntur mysteria calices
sunt et patenae, hervorgeht, nicht bloß den Kelch, sondern auch die Patene. (19)
Eine andere ausdrückliche Vorschrift aus karolingischer Zeit bezüglich des zur
Patene zu verwendenden Materials begegnet uns im 67. Kanon der 906 entstan-
(16) Vgl. den Bericht Ai.. Wilthkims Luciliburgenaia (Luxemburg 1842) 120.
(17) Abb. bei A. N. Smirmov, Materialien zur russischen Archäologie (St, Petersburg 1898)
n. 22. Zutreffend bemerkt Daltox (Archaeologia LX 1, 20) bezüglich der Funde zu Kerynia—
was er aber sagt, gilt auch von ähnlichen —: Tnere is nothing which absolutely proves, that
any of the objeets were originally made for religious uses... The decoration of domestic
plate with biblical subjeets must have been by no means uausual a the time, when Christian
designs loomed so large alike in the major and minor arts. The facts, that the treasure was
found in the immediate neigbourhood of a religious house proves little; for secular plate was
sometimes bequeathed or presented to the church and again it is quite possible, that the
treasure may have been taken to the monastery in the hope, of its proving a comparatevely
safe place in a time of danger. (18) M. 115, 677. (19) C. 18 (Hard. VI 445): Statuimus,
ut deineeps nullus sacerdos sacrum mysterium corporis et sanguinis Jesu Christi Domini
nostri in ligneis vasculis ullo modo conficere praesumat.
204 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DIE PATENE

denen Kanonessammlung Reginos von Prüm, der in der Überschrift als Kanon
einer Synode von Reims bezeichnet wird, von der nichts weiteres bekannt ist,
die jedoch erst im Verlauf des 9. Jahrhunderts abgehalten worden sein kann (20) :
Ut calix Domini cum patena, si non ex auro omnimodis ex argento fiat... Si
quis autem tarn pauperrimus est, saltem vel stanneum calicem habeat. Mit dem
Kelch, so verordnet er, soll auch die zu ihm gehörende Patene aus Gold oder
doch jedenfalls aus Silber gemacht sein, aus Zinn aber nur im Falle großer
Armut der Kirche. Verboten wird in ihm, die Messe mit Kelchen aus Holz,
Bronze und Messing, also auch mit Patenen aus dem gleichen Material, zu
feiern. Seinen Widerhall findet er in einem Statut des Bischofs Riculf von
Soissons aus dem Jahre 889, demzufolge Kelch und Patene, wenn möglich, aus
Silber oder doch aus irgend einem durchaus sauberen Metall gemacht werden
sollen. (21)
Von Bedeutung für die Folgezeit wurde, daß der Kanon aus Reginos Samm-
lung im Beginn des 11. Jahrhunderts in die Kanonessammlung Burchards von
Worms, (22) in das Decretum (23) und die Panormia (24) Ivos von Chartres
sowie in Gratians Dekretum (25) überging. Erlangte er auch durch Aufnahme
in diese, eines amtlichen Charakters entbehrenden Sammlungen an sich noch
keine allgemein verpflichtende Kraft, so war dieselbe jedoch Anlaß, daß er über
seinen ursprünglichen engen Geltungsbereich sich immer weiter einbürgerte und
durch Gewohnheit auch andererorten Rechtskraft erhielt. Was darum in Syn-
odalstatulen des späteren Mittelalters über das Material der Patene bestimmt
wird, ist sachlich nichts Neues. So wenn die Lütticher Synode von 1267 vor-
schreibt: Calix et patena, in quibus conficitur corpus Christi, sint argentea vel
aurea, (26) eine Verordnung, die dann von einer um i3oo zu Cambrai abgehal-
tenen Svnode wörtlich wiederholt wurde, (27) oder wenn die Trierer Synode
von i3io an das Verbot von Holz, Glas, Zinn, Blei, Hartzinn, Messing und
Bronze als Material zur Herstellung des Kelches (und der Patene) die Weisung
anfügt: Igitur unaquaeque ecclesia calicem saltem argenteam cum patena ha-
beat. (28) Ein aügemeinv verpflichtendes Gebot, die Patene gleich dem Kelch
nur aus Gold oder Silber sowie im Notfall wenigstens aus Zinn herzustellen,
wurde auch noch im späten Mittelalter nicht erlassen. Indessen war ein solches
auch kaum vonnöten, da dank dem Einfluß des Gratianischen Dekretes der ur-
sprünglich nur partikularrechtliche Kanon der Reimser Synode in der Kanones-
sammlung Reginos fast allgemein im Bereich des lateinischen Ritus, wenn auch
nicht überall als streng bindend, so doch als direktiv Aufnahme gefunden hatte.
Das Gewöhnliche war es seit der Karolingerzeit, wo immer das möglich war,
die Patene gleich dem Kelch aus Silber herzustellen, weshalb auch Theophilus
in seiner Schedula diversarum artium nur Silber als Material der Patene
nennt. (29) Das bekunden aber auch die mittelalterlichen Inventare, in denen
uns außer Patenen aus Gold nur sehr selten andere als aus Silber hergestellte
begegnen. Von Patenen aus Kupfer hören wir z. B. in einer Schenkungsurkunde
(20T~Hartzh. II, 452. (21) C. 7 (M. 131. 17). (22) L. 3, c. 96 (M. 140, 692.)
(23) P. 2, c. 131 (M. 161, 197). (24) L. 1, c 160 (ebd. 197). (25) Dist. 1, De consecr.
c. 45. (26) c.5, n. 12 (Hartzii. III, 690). (27) Tit. de euch. (ebd. IV, 71).
(28) C. 68 (ebd. IV, 142). (29) C. 44 (Ilg 215).
DRITTES KAPITEL. MATERIAL. II. BIS ZUM 16. JAHRHUNDERT 205

der Äbtissin des Klosters Milz von etwa 800, in der drei Patenen aus Kupfer
vermerkt sind, (30) und selbst noch in einem Inventar von St. Peter zu Rom von
i43G, in dem fünf patenae de aere deauratae, und von 1454/55, in dem 4 pa-
tenae aereae aufgeführt werden (31) sowie in einem Schatzverzeichnis der La-
terankirche von i455, das neben 17 silbernen Patenen auch zwei patenae
aereae deauratae verzeichnet. (32) Wenn aus Kupfer gemacht, waren die Pa-
tenen wohl meist vergoldet, was auch in den Inventaren mehrfach ausdrücklich
angegeben wird. Von einer Patene aus Elfenbein sprechen anscheinend das
Testament des Grafen Everard von Friaul aus dem Jahre 867: Calicem ebur-
nemn cum patena, auro paratum, (33) ein Inventar von Neumünster zu Würz-
burg von 1238: calix... et eburneum patina (sie) (34) sowie das Inventar
Karls VI. von Frankreich aus dem Jahre i4i8: Item une platine d'ivire, Ie fons
garny d'or. (35) Von Patenen aus Glas, Achat oder ähnlichem Material ist in
den Inventaren niemals die Rede, nicht einmal in der Karolingerzeit. Freilich
sind in ihnen auch kaum je Patenen aus Zinn vermerkt. Indessen kann das nicht
auffallen, gab es solche doch fast nur in armen Kirchen; was wir aber noch an
mittelalterlichen Inventaren besitzen, das sind fast alles Inventare größerer Kir-
chen, in denen man Patenen aus Zinn nur ausnahmsweise verwendet und in die
Schatzverzeichnisse aufzunehmen nicht für nötig befunden haben wird.
Häufig hören wir auch noch in und seit der Karolingerzeit in den mittelalterlichen Quel-
len von Patenen aus Gold. So berichtet das Papstbuch von zwei goldenen Patenen, die
Leo III. {795—816) für St. Peter anfertigen ließ, sowie von einer kostbaren, mit Edel-
steinen geschmückten Patene aus Gold, die Kaiser Michael 860 dem Papst Nikolaus (858
bis 867) zum Geschenke übersandte. (36) Im Inventar von St-Riquier aus dem Jahre 83i
werden zwei goldene Patenen vermerkt, (37) im Testament des Grafen Everard von 8G7
eine, (38) im Inventar von Prüm aus dem Jahre ioo3 sogar fünf. (39) Thietmar von Merse-
burg '(-j- 1018) erzählt von einem goldenen Kelch und der zugehörigen Patene, die Hein-
rieh IL dem Dom zu Merseburg spendete, (40) Hugo von Flavigny von einer goldenen Pa-
tene, die der Kaiser dem Kloster des heiligen Vitonus zu Verdau schenkte. (41) In einem
Inventar von Enger aus dem 11. Jahrhundert sind zwei goldene, mit Edelsteinen und Per-
len verzierte Patenen verzeichnet, (42) je eine im Inventar des Laurentiusklosters zu Lüt-
tich von io3r'i, (43) im Inventar des Klosters Abdinghof von no5, (44) im Verzeichnis der
Gaben Ferdinands für S. Isidoro zu Leon von io63 (45) sowie im Inventar der Kathedrale
zu Ely von 1079, (46) zwei in einem Inventar des 12. Jahrhunderts von Altmünster zu
Mainz, (47) drei, von denen zwei am Hand mit Edelsteinen besetzt waren, im Inventar des
Mainzer Domes von ca. u5o,(48) vier im Inventar von St. Paul zu London von ia45._(49)
Aber auch noch im i.'i. und i5. Jahrhundert begegnen uns in den schriftlichen Quellen,
zumal den Inventaren, manche goldenen Patenen. So z. B. in einem Inventar der Kathedrale
zu Canterbury von i3iö, (50) im Inventar von N.-Dame zu Paris von i343, (51) im Testa-
ment des Bischofs von Tournai, Philipp von Arbois aus dem Jahre i356, in dem Inventar
(30) Schahsat, Corpus 69: calices eunrini cumpatenis tribus. (31) Mv.vrz59,91.
(32) Melanges d'arch. et d'hist. IX (1889) 166. (33) Dehaishes. Doc. 10. "(34) Archiv
des Hist. Vereins von Unterfranken und Aschaffenburg XVI (1863) 251. (35) Douet «'Anco
II, 382. (36) Dich. L. P. II, 17,26,154. (37) Hariulfi, Chron. Centul. 1. 3 c. 3 (M. 174,1257).
(38) Deiiaisses, Doc. 10. (39) Beyer I, 717f. (40) Chron. I. fl, n. 61 (M. 139, 1361).
(41) Chron. Virdun. (M. 154, 210). (42) W. Diekamp, Weatf. Urkundenbuch 92.
(43) Jules Helbig. La sculpture au pays de Liege (Bruges 1890) 8. (44) Makt. et
Duuasd II, 241. (45) Florez, app. CLXXXIX. (46) Durale I (1846) 477. (47) Sera-
peum XVIII (1857) 363. (48) Christia:«, De calamit. eccl. Moguntin. n. 3 (M. G.SS.
XXV, 240). (49) Archaeologia L (1887) 464. (50) Jackson I, 350. (51) Revue areheol.
XXVII (1874) 250.
206 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DIE PATENE

Karls V. von Frankreich von 1879/80, (52) in einem Schatz Verzeichnis des Domes zu Hil-
desheim von 1609, {53} im Inventar des Herzogs Jean von Berry von i4oi—1/|03, (54) in
einem Inventar des Domes zu Freising von i456, (55) in einem Seil atz Verzeichnis der Ka-
thedrale zu York von ca. i5oo, (56) im Inventar der Kathedrale zu Lincoln aus der Zeit
ihrer Beraubung durch Heinrich VIII. (57) u.a.
Die Patenen, die sich aus dem 10.—16. Jahrhundert erhalten haben —- aus dem 9. Jahr-
hundert ist keine mehr vorhanden (58) —, sind zum weitaus grüßten Teil aus Silber ge-
macht. Auch sie bestätigen also, daß man schon damals zu ihnen vornehmlich Silber ver-
wendete. Patenen aus Gold sind nur in geringer Zahl aus dem Mittelalter auf uns gekom-
men. Es sind die Prachtpatene des heiligen Gauzelinus (j 96a) in der Kathedrale zu Nancy
(Tafel 5), die Miniaturpatene in St. Gervasius zu Trier aus dem Ende des 10. Jahrhun-
derts, (59) eine mit Gravierungen verzierte Patene aus der Mitte des i3. Jahrhunderts zu
Marienstern bei Kameriz (Tafel 43) sowie zwei Patenen im Domschatz zu Hildesheim, die
zum Kelch des Bischofs Gerardus (j i3g8) gehörende Patene und die etwas jüngere so-
genannte Bernwardspatene (Tafel 46). Aus Kupfer bestehende Patenen sind unter den noch
vorhandenen mittelalterlichen Patenen selten. Ein gutes Beispiel bietet eine Patene zu Bin-
dern in Westfalen mit Inschrift auf dem Rand und zwei Vertiefungen, von denen die
äußere rund, die innere zehnpaß förmig ist. Mittelalterliche Patenen aus Zinn haben sich
nicht erhalten.

IB. DAS MATERIAL IN NACHMITTELALTERLICHER ZEIT


In dem 1596 herausgegebenen römischen Pontifikale heißt es im Ordo ad
synodum bezüglich des Materials der Patene: Calix et patena sint aurei vel ar~
gentei, non aerei aut aurichalcei, vitrei ve! lignei. Hiernach soll also gleich dem
Kelch auch die Patene nicht aus Kupfer, Messing, Glas oder Holz, sondern aus
Gold oder Silber bestehen. Daß sie nicht aus Zinn gemacht sein dürfe, wird im
Pontifikale nicht gesagt, freilich ebensowenig Zinn ausdrücklich als zulässiges
Material für sie bezeichnet. Unklar läßt das Pontifikale es auch, ob Patenen aus
Kupfer oder Messing seihst dann nicht zum Gebrauch bei der Messe geeignet
sind, wenn sie ganz vergoldet sind. Nach dem römischen Missale erscheinen Pa-
tenen aus Zinn nicht schlechthin verboten. (60)
In den Synodalstatuten des 16. und 17. Jahrhunderts — es sind zumeist
deutsche, flandrische und niederländische — herrscht keine Übereinstimmung
hinsichtlich des Materials der Patene. Nach der Instructio fabricae ecclesiae des
heiligen Karl Borromäus muß die Patene aus Gold oder Silber gemacht und,
wenn aus Silber hergestellt, ganz vergoldet werden. (61) Nach ihr waren also
Patenen aus Zinn wie aus Kupfer und Messing, selbst wenn vergoldet, nicht zu-
lässig. Weiter als der heilige Karl geht der Regensburger Generalvikar Myller
in seinem Ornatus ecclesiasticus von 100,1. Erlaubt sind nach ihm nicht bloß
Patenen aus Gold und Silber, sondern auch zinnerne; kapferne aber müssen
vergoldet sein, um als benutzbar gelten zu können. Die Synode von Breslau aus
dem Jahre i58o schreibt ähnlich wie später das römische Pontifikale in An-
(52) Labarte 51. (53) Anzeiger für Kunde deutscher Vorzeit XXV (1878) 207.
(54) Guiffrey I. 297; II. 7, 14, 59, 60, 139, 172. (55) Anzeiger XV (1868) 15.
(56) Raine 215. (57) Jacksok I. 353. (58) Die 4.5 cm hohe, 19,7 cm weite Silberschale
in der Stiftskirche zu Werden, die man als die zum Ludgeruskelch gehörende Patene ge-
deutet hat, ist nicht, was man in ihr hat sehen wollen, sondern eine Trinkschale.
(59) Abb. bei Braus, Altar I, 438. (60) De defectibus in missa oecurr. X, 1.
(61) AA. eccl. Mediol. 628.
DRITTES KAPITEL. MATERIAL. III. IN NACHMITTELALT. ZEIT 207

Schluß an die Synodalermahnung der späteren mittelalterlichen Pontifikalien


vor: Calix et patena sint aurei vel argentei, non plumbei, non aerei aut aurir
chalcei, vitrei vel lignei. Wie es bezüglich 2innerner Patenen und der aus Kupfer
und Messing gemachten, aber vergoldeten Patenen zu halten sei, gibt sie nicht
an. Nach der Ermländischen Synode von 1610, (62) der Synode von Ypern von
1629 (63) und der Synode von Sitten aus dem Jahre 1626 (64) muß die Patene
schlechthin aus Silber bestehen; auch soll sie den beiden ersten dieser Synoden
zufolge wenigstens auf der Oberseite vergoldet sein. Die Synode von Osna-
brück begnügt sich wie die Breslauer von i58o damit, wörtlich zu wiederholen,
was die Synodalermahnung des römischen Pontifikales bezüglich des Materials
der Patene angibt. (65) Die Cambraier Synode von i6o4 verlangt nur, daß die
Patene vergoldet sei. Von der Prager Synode des Jahres i6o5 werden außer
goldenen und silbernen Patenen ohne Einschränkung auch kupferne als zu-
lässig bezeichnet, wofern sie nur ganz vergoldet seien. (66) Patenen aus Zinn
erscheinen in den Statuten der Synode von Arras aus dem Jahre iö^o ebenso
schlechthin erlaubt wie goldene und silberne, (67) in den Synodalstatuten des
17. Jahrhunderts werden sie dagegen nur mehr bedingungsweise zugelassen,
nur dort nämlich, wo Armut die Beschaffung einer silbernen Patene nicht mög-
lich macht oder Gefahr für Raub und Plünderung vorhanden ist. So in denen
der Synode von Münster von i655, (68) der Kölner Synode von 1601 (69) u. a.
Übrigens war es auch in nachmittelalterlicher Zeit das Gewöhnliche, die Pa-
tene aus Silber herzustellen, wie ja auch die Kelche oder doch wenigstens deren
Kuppa, wo immer die Umstände das gestatteten, aus Silber gemacht wurden.
Aus Gold wurde die Patene gleich dem Kelch nur gemacht, wo reiche Mittel
hierzu zur Verfügung standen, (70) aus Zinn oder vergoldetem Kupfer fertigte
man sie wie den Kelch nur in Notfällen an, die freilich im 16. und 17. Jahrhun-
dert, zumal in Deutschland und in den Niederlanden, keineswegs selten waren.
Beispiele von zinnernen Patenen aus dem 18. Jahrhundert finden sich im Erz-
bischöflichen Diözesanmuseum zu Köln.
In den Riten des Ostens bestehen, wenigstens soweit sie nicht mit Rom ver-
einigt sind, noch heute keine Vorschriften über das Material der eucharistischen
Schüssel, (71) es wird also erst recht solche nicht in der Vergangenheit gegeben
haben. Aus Alabaster gemacht ist ein kostbarer eucharistischer Diskos des
griechischen Ritus, eine Schöpfung byzantinischer Goldschmiede des 11. oder
12. Jahrhunderts, im Schatz von S. Marco zu Venedig (Tafel 62). Mit vertief-
tem Achlpaß versehen und ringsum mit einer goldenen, mit Steinen besetzten
und von Perlen eingefaßten Borte geschmückt, weist er in der Mitte eine
Scheibe mit einer in Zellenschmelz ausgeführten Halbfigur Christi auf. Die
diese umrahmende Inschrift: Aapexe, <pä?£TS, ?oÜ-u6 ja-oo eoti 10 otöfia läßt an dem
eucharistischen Charakter des Diskos keinen Zweifel. (72) Von einem griechi-
(62) Tit. de sacril missae (Hartz». IX, 117). (63) C.6, §5 (ebd. IX, 391). (64) Tit.
de sacr. c. 26 (ebd. IX, 498). (65) Hartz». IX, 508. (66) C. 13 (ebd. VIII, 692).
(67) C. 8 (ebd. VIII, 252). (68) Tit. 7 (Hartz». IX, 825).
(69) C. 8 (ebd. IX, 747). (70) Vgl. oben S. 41f. Beispiele goldener Patenen aus nach-
mittelalterlicher Zeit bieten die zu den dort genannten Kelchen gehörenden Patenen.
(71) Vgl. oben S. 197. (72) Ob von den übrigen aus Alabaster, Achat sowie namentlich
Glas bestehenden Schüsseln byzantinischer Herkunft im Schatz von S. Marco noch weitere
208 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DIE PATENE

sehen eucharistischen Diskos aus Kristall, der sich noch in der Frühe des
18. Jahrhunderts im Schatz der Kathedrale zu Amiens hefand, heute aber nicht
mehr vorhanden ist, hören wir in einem Briefe Calmets an Montfaucon aus dem
Jahre 1726. (73) Zweifellos ein Erbstück aus dem Mittelalter, wurde auch er
als eucharistisch gekennzeichnet durch die seinen Kand umziehende Inschrift:
AäßsTs <?&.■*$■?& xtX.

VIERTES KAPITEL
FORMALE BESCHAFFENHEIT DER PATENE
I. FORMALE BESCHAFFENHEIT DER PATENE IN ALTCHRISTLICHER ZELT UND IM
FRÜHEN MITTELALTER

Über die Form, welche der Patene bis zum 10. Jahrhundert eigen war, sind
wir sehr mangelhaft unterrichtet. Die Schüsseln, welche im häuslichen Leben
gebraucht wurden, hatten zumeist runde Form. Allerdings hatte man auch
Schüsseln von Rechteckform, doch waren solche ebensowenig das Gewöhnliche
wie sie das heute sind. Gibt es doch unter den zahlreichen profanen Schüsseln
aus altchristlicher und frühmittelalterlicher Zeit, die bisher aufgefunden wur-
den, nur sehr wenige von Rechteckform. Als Beispiele seien genannt eine auf
dem Rand mit Szenen aus dem Landleben, in der Mitte der Vertiefung mit einer
Jagdszene geschmückte, 1736 im Park von Risley (Derby) gefundene Schüssel
mit der Inschrift: Exsuperius episcopus ecclesiae Bagiensi dedit, (1) eine auf
dem Rand mit einer Weinranke, in der Vertiefung mit mythologischen Gestal-
ten wie Apollo, Diana, Minerva, Juno und anderen Götterfiguren verzierte
Schüssel im Besitz des Herzogs von Northumberland, die im frühen 18. Jahr-
hundert in der Umgebung von Corbridge am Tyne zu Tage kam, (2) sowie zwei
der Schüsseln, die 1637 im Garten des Trierer Jesuitennoviziats ausgegraben
wurden. (3) Es kann darum auch kaum zweifelhaft sein, daß auch die eucha-
ristische Schüssel oder Patene, wenigstens seitdem es ausschließlich für die
Eucharistiefeier bestimmte Schüsseln gab und man nicht mehr genötigt war,
sich zu ihr irgend einer gerade zu Gebote stehenden zu bedienen, jedenfalls der
Regel nach Rundform hatte, zumal diese später schlechthin typisch für sie war;
nicht bloß weil sie die praktischste Form der Patene war, sondern wohl nicht
minder, weil man sie als die traditionelle überkommen hatte.
Das Beispiel einer rechteckigen Patene soll die kleine viereckige Goldschüssel von Gour-
don (Bild 17) sein, doch ist es, wie früher gesagt wurde, nicht sicher, daß es sich bei ihr um
eine liturgische Patene handelt. Daß sie in der Mitte der Vertiefung ein Kreuz aufweist,
beweist das nicht, da ein Kreuz auch auf Schüsseln angebracht wurde, die Schüsseln des
Hausgebrauchs waren. Von einer achteckigen Patene, die zu einem gleichfalls achteckigen
Kelch gehörte, berichtet das Papstbuch in der Vita Gregorii IV. (837—844): Fecit in eccle-
sia beaÜ Marci patenam octogoni exauratam, habentem in medio vultum Domini Dei nostri
Diskoscharakter haben, ist mindestens zweifelhaft. Einige sind, obwohl als Disken gedeutet,
sicher keine solche, sondern Schüsseln zum Auffangen des Wassers bei der Hände-
waschung. (7S) Roh. IV, 163. (1) A. Odobesco, Le trtsor de Petrossa (Paris 1889) 199.
(2) Ebd. 111. (3) Ax. Wh-theim, Luciliburgensia (Luxemburg 1842) 120.
VIERTES KAPITEL. FORM. I. IN V0RKAR0LHVG1SCHER ZEIT 209

et a duobus lateribus vultum ipsius heati Marci atiuie eiusdem jpracsulis, (4) wenn nicht
etwa octogoni besser als Name des Materials des Kelches zu verstehen ist.
Ob die Patene in altchristlicher und frühmittelalterlicher Zeit, wie im Westen
jedenfalls seit wenigstens dem 10. Jahrhundert bis zum Ende des Mittelalters,
stets Tellerform hatte, das ist mit Horizontalrand und Vertiefung in der Mitte
versehen war, oder ob auch beckenförmige Patenen, vertiefte Schüsseln ohne
Horizontalrand, in Gebrauch waren, muß dahingestellt bleiben. Da indessen die
profanen Schüsseln beide Formen zeigten, wird es auch wohl eucharistische
Patenen der einen wie der anderen Art gegeben haben. Wirklich fehlt bei der
Patene, die Kaiser Justinian auf einem Mosaik in S. Vitale zu Ravenna als
Weihegabe in den Händen hält, der Horizontalrand. Denn daß die fragliche
Schüssel, das Gegenstück des Kelches, den die Kaiserin Theodora auf einem
zweiten, gegenüber befindlichen Mosaik als Weihegabe darbringt, eine eucha-
ristische Schüssel darstellen soll, ist nicht zweifelhaft. Höchstens könnte man
fragen, ob die Schüssel in den Händen des Kaisers genau die eucharistische
Schüssel, wie sie damals in Gebrauch war, wiedergebe und oh nicht etwa das
Fehlen eines Horizontalrandes lediglich auf Rechnung des Mosaizisten zu setzen
sei.
Mit Henkeln versehen, wie man gemeint hat, (5) waren selbst Patenen von
der Größe der in den Vitae des Papstbuches aufgeführten Patenen wohl nicht.
Sind doch auch die profanen Schüsseln aus Silber oder Gold, die sich aus alt-
christlicher Zeit erhalten haben, trotzdem sie zum Teil bis zu io Kilo wiegen,
henkellos, wie denn auch die bis zu 20, ja 24 Pfund schweren, 1637 zu Trier
gefundenen Schüsseln anscheinend der Henkel entbehrten, da andernfalls
Wiltheim in seiner Beschreibung derselben die Henkel erwähnt haben würde.
Dagegen dürften die liturgischen Patenen häufig mit einem niedrigen ringför-
migen Untersatz versehen gewesen sein, wie ihn die profanen antiken Schüsseln
oft zeigen und wie er noch heute dem Diskos des griechischen Ritus eigen zu
sein pflegt.
Patenen von Hundform haben sich im Westen weder aus al (christlicher Zeit noch aus dem
frühen Mittelalter erhalten. Denn die altchristlichen Glasschüsseln, die man wegen ihres Bild-
werkes als Patenen gedeutet bat, (6) lassen sich in keiner Weise als eucharistische Patenen
erweisen. (7) Daß es sich bei der sogenannten Perugiaschüssel um keine eucharistische Pa-
tene handelt, wurde bereits S. aoa gesagt. Die ältesten Patenen, die im Westen auf uns ge-
kommen sind, gehören erst dem io. Jahrhundert an, die Gauzelinuspatene in der Kathe-
drale zu Nancy und die Miniatur patene in St. Gervasius zu Trier, die ursprünglich wohl zum
Andreasportatile des Erzbischofs Egbert (f 993) gehörte. Auf Bildwerken ist die Patene bis
ins 10. Jahrhundert im Westen nur zweimal dargestellt, auf dem schon angeführten Mosaik
in S. Vitale zu Ravenna aus dem 6. Jahrhundert und auf der Frankfurter Elfen bei nta fei
mit der Wiedergabe der Messe aus dem 9.—10. Jahrhundert. Auf letzterer hat sie teller-,
nicht beckenartige Gestalt, also die in der Folge im Westen für die Patene typische Form.
Unklar ist, ob die Rundscheibe, die auf einer Miniatur des 6. Jahrhunderts in G. a363r
der Staatsbibliothek zu München, einer der Eucharistiefeier sich angleichenden Darstellung
des Mahles zu Emma US, auf dem altarihnlichcr 7"s:-i-. ;,i>j..;!i ..-inrir-. WAck :::>::!. :;iu.> u:u
Ilorizontalrand versehene, in der Mitte vertiefte Schüssel oder ein Brot wiedergeben soll. (8)
(4) Dm» L. P. II, 77. (5) Witte 28. (6) Ebd. 29. (7) Vgl. oben S. 201.
(8) Abb. bei J. H. von Hefseh-Alteneck, Trachten, Kunstwerke und Gerätschaften I
(Frankfurt 1879) 12.
BRAUS, HAS CHRISTLICHE ALTARGERÄT 14
210 VASA SACRA, ERSTER ABSCHNITT.. DIE PATENE

Von den schon früher erwähnten, im Osten gefundenen, als Patenen gedeuteten Silber-
schüsseln, (9) denen noch zwei weitere, bei Kervnia entdeckte, die sich heute im Museum zu
Nikosia befinden, angereiht werden müssen, (10) sind die meisten beckenförmig (Tafel ii).
Mit förmlichem Horizontalrand verseben sind nur zwei Schüsseln von Stoma im Museum
zu Konstantinopel, von denen eine in der Vertiefung die Darstellung des Letzten Abend-
mahles, die andere ein eingraviertes Kreuz aufweist (Tafel In), sowie die Patene von Riha
in der Sammlung Kalebdjian (Tafel/u), doch ist der Rand bei allen nur so breit, daß er
gerade eine Inschrift aufnehmen konnte. Eine bildliche Darstellung der Patene zeigt die
Wiedergabe des Letzten Abendmaldes auf der Patene von Riha sowie auf einer Miniatur des
Athospsalters aus dem 9.—10. Jahrhundert (Tafel 10). Ist sie dort von runder Form, so er-
scheint sie hier viereckig; in beiden Fällen ist sie jedoch mit einem Fuß, nicht aber mit
Horizontair and versehen. (11)

II. FORMALE BESCHAFFENHEIT DER PATENE VOM ZEHNTEN BIS ZUM SECHZEHN-
TEN JAHRHUNDERT
über die Form, welche der Patene im Westen vom 10. bis zum 16. Jahrhundert
eignete, sind wir nicht bloß genügend, sondern dank der vielen Patenen, die
sich aus dieser Zeit erhalten haben, im wesentlichen geradezu erschöpfend un-
terrichtet. Aus dem 10., 11. und selbst noch dem 12. Jahrhundert ist freilich
die Zahl derselben noch nicht groß, seit dem i3. aber liegen sie in einer Fülle
vor, die kaum noch etwas zu wünschen übrig läßt. Die Patene zeigt in der hier
in Frage stehenden Periode im Westen stets Rundform. Nur scheinbar macht
eine Ausnahme eine eigenartige, am Rand acht flache Pässe zeigende, rosen-
förmige Patene in der Kathedrale zu Tortosa in Spanien; denn Achtpaßform
hat man lediglich ihrem Rand gegeben; die Vertiefung, die sie zeigt, ist rund.
Von einer quadratischen Patene hören wir anscheinend in einem Inventar der Kathedrale
von Cambrai aus dem Jahre i35g: Un calisce a pate (Fuß) quaree et le patene quaree, tout
dore, a un crueifiement d'esmaillure en le pate devant. Vielleicht war die Quadratform des
Fußes Anlaß, auch der Patene die gleiche Gestalt zu geben, wahrscheinlicher ist jedoch an-
gesichts der höchst mangelhaften Rechtschreibung und der überaus zahlreichen Schreib-
fehler des Inventars, daß entweder statt patene wiederum pate (Fuß) zu lesen ist, oder
quarr ee irrtümlich wiederholt wurde. (Ha) Als eine mit zwei Handhaben ausgestattete Pa-
tene hat man die oben auf dem Tragaltar des Rogkerus im Dom zu Paderborn dargestellte
Patene gedeutet Doch sicher zu Unrecht. Welchen Sinn hatten Handhaben an einer Patene,
die nur wenig größer erscheint als die heutige? Waren sie doch an einer solchen kleinen Pa-
tene nicht nur höchst überflüssig, sondern sogar völlig unzweckmäßig, weil unpraktisch.
Wir vernehmen aber auch nie etwas von Patenen mit Handhaben, insbesondere auch nicht
in des Theophilus Scbedula, die am Kelch zwar ansäe kennt, nicht aber an der Patene, deren
Herstellung und Form sie doch genau beschreibt. Man hat darum auch in der auf dem
Tragaltar wiedergegebenen Patene statt eine Patene mit Handhaben eine vierpaßförmige
Patene gesehen. Indessen wäre denn doch selbst eine Patene dieser Art allzu auffällig und
so wird man wohl zutreffender die eigenartige Form der fraglichen Patene auf Mangel-
haftigkeit der Zeichnung oder auf eine künstlerische Lizenz des Nielloarbeiters zurückzu-
führen haben.

Wie die Rundform, so ist auch die Tellerform für den Westen wenigstens
seit dem 10. Jahrhundert typisch. Alles, was sich dort an mittelalterlichen Pa-
(9) Vgl. oben S. 202. (10) ArcbaeologiaLXl,if. (11) Betreffs des liturgischen Charak-
ters und der Echtheit der vorhin genannten syrischen und zyprischen Patenen vgl. oben S. 202.
(IIa) Deiiais.\es, Doc. 402.
VIERTES KAPITEL. FORM. 11. BIS ZUM IG. JAHRHUNDERT 211

tenen seil dieser Zeit erhalten hat, zeigt immer wieder Tellerform. Eine frühe
Darstellung einer tellerförmigen Patene findet sich auf der dem 9.—10. Jahr-
hundert entstammenden Elfenbeintafel in der Stadtbibliothek zu Frankfurt
(Tafel 6). Werk der Phantasie ist die auf einer auch sonst an Verzeichnungen
reichen Miniatur eines Sakramentars von St-Denis aus dem 11. Jahrhundert,
einer Darstellung der Kommunion des heiligen Dionysius und seiner Gefährten,
wiedergegebene Patene, ein tiefes mit Fuß und Henkel versehenes Becken. (12)
Die Breite des Horizontalrandes der tellerförmigen Patenen ist sehr schwan-
kend. Irgendeine Norm hat es für sie ersichtlich nicht gegeben. Vereinzelt fast
ein Viertel, etwas häufiger ungefähr ein Fünftel des Gesamtdurchmessers der
Patene, verhält sie sich dagegen anderswo zu diesem nur etwa wie 1:9 oder 1: 10.
Am gewöhnlichsten steht die Breite des Randes zum Gesamtdurchmesser der
Patene in einem Verhältnis von etwa 1:6, 1:7 oder 1:8. Für die Größe, das ist
den Durchmesser der Vertiefung, gab es schon bei Patenen des 10. Jahrhun-
derts, eine wenn auch wohl noch nicht in allen Fällen beobachtete Norm, nach
der der Durchmesser der Vertiefung der Patene dem der Kuppa des Kelches
entsprach. Allgemein wurde dieselbe, als es Brauch wurde, die Patene auf den
Kelch gelegt zum Altare zu bringen; eine Gepflogenheit, die bei den Cluniazen-
sern bei den Privatmessen schon wenigstens im n. Jahrhundert, (13) später
aber nach Aufhören der Naturaloblationen allenthalben üblich war. Die Ver-
tiefung der Patene war durchweg schwach; belief sich ihre Tiefe doch zumeist
nur auf wenige Millimeter. Ihr Boden war fast immer eben, nur sehr selten
erscheint er bei den Patenen, die sich aus dem Mittelalter erhalten haben, ein
wenig konkav gekrümmt. Mit dem Horizontalrand ist er gewöhnlich durch eine
hier steilere, dort flachere Schräge, seltener durch ein vertikales Zwischen-
stück oder eine Kehle verbunden.
Von großer Mannigfaltigkeit war im Mittelalter die Form der Vertiefung.
Bei weitem am häufigsten war diese freilich rund (Tafel 20, 45, 46)) doch gab
es auch zahlreiche Patenen, bei denen sie vier-, sechs- oder achtpaßförmig war.
Eine fünfpaßförmige Vertiefung zeigt die Gauzelinuspatene zu Nancy (Tafel 5),
eine zelmpaßförmige hatte eine in einem Bischofsgrab aus dem i3. Jahrhun-
dert im Dom zu Mainz gefundene Patene, (14) eine dreizehnpaßförmige hat
die zum Henkelkeloh in St. Peter zu Salzburg gehörende Patene. Anlaß, der
Verlief ung der letzteren die ungewöhnliche Form eines Dreizehnpasses zugeben,
war die ihrem Boden eingravierte Darstellung des Letzten Abendmahles. (15)
Beispiele von Patenen mit schlicht runder Vertiefung anzuführen, ist nicht vonnöten;
ihre Zahl ist zu groß. Erwähnt sei nur, daß zu ihnen auch die fünf in Bischofsgräbern des
Hildesheim er Domes gefundenen Miniaturpatenen (Tafel 11), die goldene Miniaturpatene
in St. Gervasius zu Trier und die silberne aus dem Grabe des Erzbischofs Udo von Trier
(+ 1078) (16) sowie die Miniaturpatene im Rijksmuseum zu Amsterdam zählen, die alle
gleich den Miniaturkelchen, zu denen sie gehören, ursprünglich für Portatilien gemacht
worden waren.
(12) Abb. bei V. Leroquais, pl. 32. (13) Wilh. Hirsauc, Const. Hirsaug. 1. 1, c. 86
(M. 150, 1015); Udalrict. Constit. Clun. 1. 2, c. 30 (M. 149, 724).
(14) Fb. Schneider, Die Gräberfunde im Ostchor des Domes zu Mainz (Mainz 1874).
(15) Abb. in Brai\, Meisterwerke II, Tfl.60. (16) J.N.von Wilmüwskv, Die Grab-
statten der Erzbischöfe im Dom zu Trier (Trier 1876) 15 und Tfl. 3.
212 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DIE PATENE

Eine vierpaß förmige Vertiefung eignet beispielsweise einer Patene im Dom zu Paderborn
aus dem i/|. Jahrhundert, einer Patene in der Wiesenkirche zu Soest aus dem i5., der im
Grabe des Bischofs Villoiseau von Angers (f 1260) gefundenen Patene, sowie einer Patene
aus Asarp im Historischen Museum zu Stockholm (i4- Jahrb..). Manche andere finden sich
noch in mecklenburgischen und sächsischen Kirchen. Beispiele von sechspaßförmiger Ver-
tiefung bieten unter andern eine Patene zu Gimbte in Westfalen (i4. Jahrh.), eine Patene
in der Wiesenkirche zu Soest (id. Jahrh.) und in der Kirche zu Saalhausen in Westfalen
(frühes 16. Jahrh.), eine Patene zu Dragsmark in Schweden (i3. Jahrh.) und eine Patene
Londoner Herkunft (frühes 16. Jahrh.) im Viktoria-und-AIbert-Museum zu London; (17)
Beispiele von achtpaß förmiger eine Patene in der Martinskirche zu Emmerich (i3. Jahrh.),
die sogenannte Bemhardspatene in St. Godeba.■:■ .--u i iii' ■ ■:■. in, ..'■'. JührL': i;Tl:?li:il<r.:.
eine Patene im Dom zu Imola (i3. Jahrh.), eine Patene spanischen Ursprungs im Louvre
zu Paris aus dem späten 12. Jahrhundert (Tafel 43) sowie eine Patene aus dem Dom zu
Linköping im Historischen Museum zu Stockholm (spätes i3. Jahrb.). Auch die Patene, die
auf einem der aus dem späten 11. Jahrhundert stammenden Fresken in der Unterkirche
von S. Clemente zu Rom dargestellt ist, zeigt eine Achtpaß Vertiefung. Vierpaßförmige Ver-
tiefungen, bei denen zwischen den halbrunden Pässen ein rechtwinkliger Ausschnitt einge-
fügt ist, begegnen uns auf einer Patene in St. Servatius zu Maastricht (i4- Jahrh.), einer
Patene zu Gronau in Hannover (i4. Jahrh.), einer Patene zu Gladbeck in Westfalen (Ta-
fel 47) aus dem i4. Jahrhundert und der im Grabe des Bischofs Richard von Gravesend
in der Kathedrale zu Lincoln (f 1279) gefundenen Patene.
Sehr zahlreich sind die Patenen, bei denen sich zu der runden Vertiefung eine zweite
innere vier- oder mehrpaßförmige gesellt. Eine vierpaßförmige findet sich innerhalb
der runden bei einer Patene zu Wusterhausen in Brandenburg (i5. Jahrh.), bei einer Pa-
tene zu Liesborn in Westfalen (von i366) und in der Marienkirche zu Soest (i5. Jahrh.),
bei der Patene aus Kloster Mariensee im Germanischen Museum zu Nürnberg (i3. Jahrh.),
der im Grab des Erzbischofs Johann von Bayern (j 1^70) im Dom zu Magdeburg gefun-
denen Patene, den Patenen aus Hagby (i5. Jahrb.) und Hätuna (i3. Jahrh.) im Histori-
schen Museum zu Stockholm, den Patenen, die in einem Bischofsgrab in der Kathedrale zu
Chichester (i3. Jahrb.), im Grab des Bischofs Walter von Cantilupe (f 1266) in der Kathe-
drale zu Worcester sowie im Grabe des Bischofs Grosseteste (f 1253) in der Kathedrale zu
Lincoln zu Tage kamen, (18) einer in einem Grabe in dem Münster von York aufgefun-
denen Patene (i4. Jahrh.) (19) u. a. Besonders häufig sind Patenen mit runder äußerer und
sechspaßförmiger innerer Vertiefung. Genannt seien als Beispiele zwei Patenen in der
Stiftskirche zu Guintaräes in Portugal aus dem späten 13. und dem i4- Jahrhundert (Ta-
fel 19), Patenen zu Hochelten (i3. Jahrh.), Perugia (Tafel 3o) aus dem i4- Jahrhundert,
Marienstadt (14. Jahrh.) und Geseke in Westfalen (i3. Jahrh.), eine zu Dolgelly in Wales
gefundene Patene (Tafel 44) aus dem r3. Jahrhundert, eine Patene im Nationalmuscum
zu Kopenhagen von i333 (Tafel 45), eine Patene englischen Ursprungs im Viktoria-und
Albert-Museum zu London, (20) eine in einem Bischofsgrab des i4- Jahrhunderts in der
Kathedrale zu York entdeckte Patene, (21) Patenen englischen Ursprungs zu Nettlecombe
von 1^79 (Somerset), zu Bacton in Herford (um i5oo), zu Bishops Sutton in Hants (um
i45o), in All Saints zu Bristol (i5. Jahrh.), zu Happisburgh in Norfolk von i5o4/5, zu
Hanworth und Merton in Norfolk (frühes 16. Jahrh.), zu Cliffe at Hoo in Kent (etwa
i5a5), (22) eine Patene zu Vastra Vingaker in Schweden (um i3oo) u.a. Bei einer Patene
im Stift Klosterneuburg von i337 haben die Pässe der sechspaßförmigen inneren Vertie-
fung als ganz vereinzelt dastehende Erscheinung Kleeblattform (Tafel 46).
Eine Achtpaß Vertiefung weisen innerhalb der runden auf eine Patene aus Hemse
(i3. Jahrh.) im Historischen Museum zu Stockholm, (23) eine Patene im Dom zu Mainz au3

(17) Abb. in Catalogue of chalicea Tfl. 21.


(18) Jacksox I, 98f. (19) The archaeol. Journal III (1846) 137. (20) Catalogue of
chalices Tfl. 14. (21) The archaeol. Journal III (1846) 137. (22) Jacksow I. 133f.; 346t.,
wo auch noch andere Beispiele angeführt werden. (23) HiLnEBHAND IH, 701.
VIERTES KAPITEL. FORM. II. BIS ZUM 16. JAHRHUNDERT 213

dem it\. Jahrhundert (Tafel 45), die auf dem Rand mit Filigran und Edelsteinen ge-
schmückte Patene im Kloster Silos bei Burgos aus dem n. Jahrhundert (Tafel 4a), eine
Zelm paß Vertiefung eine Patene zu Buldcrn in Westfalen (i4- Jahrh.), eine Zwölf paß Vertie-
fung je eine Patene in der Kathedrale zu Toledo aus dem i4. Jahrhundert (Tafel 19), zu
Randazzo in Sizilien ebenfalls aus dem i4. Jahrhundert und in der Stiftskirche zu Fritzlar
aus dem frühen i3. Jahrhundert (Tafel 43). Eine dreifache Vertiefung zeigt eine Patene
zu Wykc bei Winchester (i3, Jahrh.) und die goldene Patene im Kloster Marienstern bei
Kamenz (Tafel 43). Die äußere hat bei beiden Rundform, desgleichen die innere dritte, die
mittlere zweite bei jener Achtpaß-, bei dieser Vierpaßform. Eine nicht gewöhnliche Erschei-
nung bot eine in einem Bischofsgrab des i3. Jahrhunderts in der Kathedrale zu York ge-
fundene doppeltvertiefte Patene, bei der abweichend von der sonst üblichen Anordnung
die äußere Vertiefung statt rund zehnpaßförmig, die innere dagegen rund war. (24)
Bisweilen hat man von einer zweiten Vertiefung abgesehen und als Ersatz einer solchen
dem Boden der runden Vertiefung einen Sechspaß eingraviert, wie z. B. bei der von Herzog
Konrad von Masovien gestifteten Patene im Dom zu Plock (erste Hälfte des i3. Jahrh.),
einer Patene in St. Peter zu Salzburg, laut Inschrift Gabe eines Heinrich, eines Syrus und
einer Ita (12. Jahrb.), einer Patene aus Öfver-Gran, sowie einer gleichartigen Patene aus
Ekebvborna (beide i4. Jahrh.) im Historischen Museum zu Stockholm.
Die im Vorstehenden angeführten Beispiele von Patenen mit vier- oder mehr-
paßförmiger Vertiefung, sei es als die einzige anstatt einer runden, sei es zu-
gleich mit einer solchen, beweisen, daß solche die ganze uns hier beschäftigende
Periode, das ist vom 10. Jahrhundert an bis in das 16. hinein, sehr beliebt
waren und häufig angefertigt wurden. Zugleich bekunden sie, daß derartige Pa-
tenen keineswegs sich auf ein bestimmtes Gebiet beschränkten, daß sie vielmehr
im ganzen Westen verbreitet waren, in Deutschland wie in Frankreich, in Spa-
nien wie in England, im Norden wie in Jtalien, wenn auch hier mehr, dort we-
niger. Daß der Brauch, der Vertiefung der Patene statt einer runden eine aus
Pässen sich zusammensetzende Form zu geben, jedenfalls bis ins 10. Jahrhun-
dert zurückreicht, beweist die Gauzelinuspatene zu Nancy. Ob er auch schon
vorher in Übung war oder erst im 10. Jahrhundert entstand, läßt sich nicht
feststellen. Bemerkenswert ist, daß das früheste Beispiel einer Patene mit Ver-
tiefung, die von Pässen umrandet ist, zeitlich fast genau zusammenfällt mit dem
Auftauchen der Gepflogenheit, oben vertiefte Altarmensen in der Vertiefung
dem Rahmen derselben entlang mit einem Bogenfries zu umranden. (25) Ob es
da nicht naheliegt, an irgend einen, freilich nicht näher bestimmbaren Zusam-
menhang zwischen dem einen oder andern Brauch zu denken, zumal beide an-
scheinend in Frankreich ihren Ursprung haben? Die Mensen mit Bogenfries als
Einfassung der oben auf ihnen angebrachten Vertiefung haben allerdings über
ihr Ursprungsland hinaus so gut wie keine Verbreitung gefunden; auch war
ihre Zeit schon mit dem 12. Jahrhundert dahin. Anders die Patenen mit von
vier oder mehr Pässen umrahmter Vertiefung. Sie kamen nicht bloß allgemein
in Gebrauch, sondern behaupteten sich auch die ganze Folgezeit hinaus bis zum
Ende des Mittelalters, ja noch bis ins 16. Jahrhundert hinein.
Einen praktischen Zweck hatten die Pässe der Vertiefung der Patene ebensowenig, wie
der Bogenfries, wo dieser eine oben auf der Altarmensa befindliche Vertiefung umgab.
Sie hatten gleich diesem nur ornamentalen Charakter. Es wäre auch unmöglich, irgend
~~<24) The archaeol. Journal III (1846) 137. (25) Betreffs der Mensen dieser Art vgl.
Braun, Altar I, 269f.
214 VASA SACRA. ERSTER ABSCHNITT.DIE PATENE

einen liturgischen Zweck zu finden, dem sie gedient haben könnten. Allerdings meint
Rohault de Fi.el'ry, die Pässe der Vertiefung hätten vielleicht angeben sollen, wohin die
Hostien auf der Patene zu legen und wie sie auf ihr anzuordnen seien, zum wenigsten für
die Kommunion der Gläubigen. (26) Einer Widerlegung bedarf indessen eine solche Auf-
fassung von der Bedeutung der Pässe nicht.
Einen symbolischen Sinn hat man mit den Pässen nie verbunden. Vergebens sucht man
bei den mittelalterlichen Liturgikern, die doch alles symbolisch zu deuten wissen, nach
einer Symholik, die man mit denselben verknüpft hätte. Sie reden nicht einmal von den
Pässen. Es ist darum ebenfalls völlig unzutreffend, wenn Rohault de Flevry sagt, die
Pässe hätten, falls sie nicht einem liturgischen Zweck gedient hätten, dann doch zweifellos
zum wenigsten eine symbolische Bedeutung gehabt. Sie hätten nämlich die den Heiland im
Kreis umgebenden und ihn anbetenden Engel sinnbilden sollen. Den Pässen diese Sym-
bolik unterschieben, gleichviel ob als Ursymbolik oder als Nachsymbolik, (27) heißt eine
selbstgemachte Symbolik als mittelalterlich ausgeben.
Mit einem Untersatz wurde die Patene nur ausnahmsweise versehen, wenn
nämlich die Vertiefung muldenförmig nach unten gekrümmt war, wie z. B. bei
einer Patene der ehemaligen Hohenzollerischen Sammlung zu Sigmaringen,
oder auf der Unterseite mit Bildwerk versehen war, wie die auf ihr in Relief
den Gekreuzigten zwischen Maria und Johannes zeigende Patene des Henkel-
kelches im Stift Wüten bei Innsbruck (Tafel 44). Immer aber bestand der Un-
tersatz nur aus einem niedrigen, wenige Millimeter hohen Ring.
Daß auch im Osten Patenen mit von Rundpässen begrenzter Vertiefung nicht
unbekannt waren, zeigen die schon früher erwähnte, aus Alabaster gemachte
byzantinische Patene in S. Marco zu Venedig mit sechspaßförmiger Vertiefung
(Tafel 42), sowie die wohl ein bis zwei Jahrhunderte jüngere, von Bischof Kon-
rad aus Byzanz mitgebrachte silberne Patene mit Achtpaßvertiefung (Tafel 42)
im Dom zu Halberstadt. Welcher Verbreitung sich derartige Patenen in den
Riten des Ostens erfreuten, läßt sich nicht bestimmen.
Sehr gebräuchlich war es im Osten, die Patene mit einem ringförmigen Un-
tersatz zu versehen, der aber für gewöhnlich nur einen oder doch nur wenige
Zentimeter hoch war. Die Patene in S. Marco hat bei einer Gesamthöhe von
5 cm einen ringförmigen Untersatz von 2 cm Höhe (Tafel 42). Einen förm-
lichen Fuß zeigt die Patene auf der Miniatur des Athospsalters (Tafel 10) sowie
auf einem Mosaik, das ebenfalls das Letzte Abendmahl zur Darstellung bringt,
in der Kathedrale und im Michaelskloster zu Kiew (12. Jahrh.). (28) Ob sich
mittelalterliche Patenen der letzteren Art erhalten haben, ist mir nicht bekannt.
Besondere Verbreitung fanden sie im russisch-griechischen Ritus. Ein Pracht-
heispiel ist eine nachmittelalterliche Patene aus Gold in der Kathedrale zu
Moskau. (29)

HL DIE FORM DER PATENE IN NACHMITTELALTERLICHER ZEIT


Die Form der nachmittelalterlichen Patene bietet wenig zu bemerken. Pate-
nen mit vier-, sechs- oder achtpaßförmiger Vertiefung sowie Patenen mit dop-
pelter Vertiefung, einer äußeren runden und einer inneren von Rundpässen
(26) La messe IV, 162. (27) Über den Unterschied von Ursymbolik und Nachsymbolik
vgl. J. Brain, Liturgisches Handlexikon (Regensburg 1924) 333. (28) Abb. bei Ron. IV,
Tfl. 260. (29) Abb. in Antiqtutes de l'empire de Russie I, Tfl. 66.
VIERTES KAPITEL. FORM. III. IN NACHMITTELALTERLICHER ZEIT 215

umrandeten, die noch im i5. Jahrhundert so beliebt waren, verlieren sich seit
dem 16. Jahrhundert immer mehr, wenn auch zumal in den lutherischen Ge-
bieten des nördlichen Deutschlands, wie die Denkmälerstatistiken von Sachsen,
Mecklenburg, Pommern und Schleswig-Holstein bekunden, selbst noch in der
Spätzeit desselben, ja noch im 17. Jahrhundert derartige Patenen entstanden.
Dauernd erhielten sich im Gebrauch Patenen mit runder Vertiefung; sie be-
haupteten sich selbst noch im späten Barock und im Rokoko. Freilich nicht als
die einzige Art der Patene. Neben ihr kam nämlich eine des Horizontalrandes
entbehrende, eine flache Mulde darstellende Patene immer mehr in Aufnahme,
die vor der mit Vertiefung versehenen Patene den Vorteil bot, daß sie sich nach
der Kommunion leichter purifizieren ließ. Der heilige Karl Borromäus hat
diese Form der Patene anscheinend noch nicht gekannt; denn die Patene, von
der er in seiner Instructio fabricae ecclesiae spricht, ist eine Patene mit Vertie-
fung in der Mitte: Patena illam mediam tenuem concavitatem habeat, quae am-
plitudinem calicis fere adaequet. Die Patena verordnet er, solle in der Mitte
eine schwache Vertiefung haben, von ungefähr demselben Durchmesser wie der
der Kuppa des Kelches; (30) eine Bestimmung, die dann von der Prager Synode
des Jahres 1600 wörtlich in ihre Statuten herübergenommen wurde. (31) Auch
der Regensburger Generalvikar Myller hat sich die Vorschrift der Instructio in
seinem Ornatus ecclesiasticus zu eigen gemacht. (32) Ausdrücklich gibt der
heilige Karl an, der runde Rand der Patene müsse an seiner Kante so dünn sein,
daß er es ermögliche, mittels der Patene etwaige auf dem Korporale zurück-
gebliebene Überrestchen der heiligen Hostie leicht und gut zu sammeln, was
dann ebenfalls sowohl von der Prager Synode, wie von Myller wiederholt wird.
Daß die Patene zum Aufsammeln etwaiger auf dem Korporale befindlicher
Partikelchen der konsekrierten Hostie geeignet sein müsse, betont auch die
Synode von Sitten des Jahres 1626. (33)
Eine bemerkenswerte Veränderung vollzog sich unter dem Einfluß des Kal-
vinismus mit der Patene im Ritus der anglikanischen Abendmahlfeier. Sie
wurde in ihm zu einer mit hohem Fuß versehenen, dem Diskos des russisch-
griechischen Ritus gleichenden Schüssel, die bis gegen Ende des 17. Jahrhun-
derts, umgekehrt auf den Kelch gestülpt, zugleich als Deckel desselben diente
{Tafel ^o), dann aber zu diesem letztgenannten Zwecke nicht weiter benutzt
wurde. (34) Bei den deutschen Reformierten wurde entsprechend deren Auf-
fassung vom Abendmahl die Patene mehrfach zu einer runden oder ovalen,
keine Spur von Ähnlichkeit mit einer Patene mehr zeigenden Brotschüssel, wie
ja auch der Kelch bei ihnen zu einem profanen Pokal wurde. Beispiele bieten
Brotschüsseln zu Neuenhaus, Nordhorn (Tafel /17) und Veldhausen in Han-
nover. (35)
IV. GROSSE DER PATENE
In altchristlicher Zeit und im frühen Mittelalter gab es Patenen von einer
Größe, die uns heute geradezu befremdet.
~(30) AA. eccl. Mediol. 1595) 628. (31) C. 13 (Hartzh. VIII, 692). (32) C. 60 (München
1591). (33) C. 6, § 5 (Hartzh. IX, 391). (34) Vgl. Victoria and AlbertMuseum, Catalogue
of chalices 45, Tf 1. 4 und 26, sowie Jacksos I, 391 f. (35)'Kd. von Hannover IV, 4.
216 VASA SACRA. ERSTER ABSCHMTT. DIE PATENE

So gab Silvester (3i4—335) der vom Priester Equitius errichteten Basilika (heute S. Sil-
vestro e S. Martmo) eine goldene Patene von ao 1. (= 6,55 kg), die er von Kaiser Konstan-
tin zum Geschenk erhalten hatte, Konstantin aber spendete der Laterankirche 7 goldene und
3o silberne Patenen, von denen jede 3o 1. (= 9,82 kg) wog, der Petersbasilika 5 silberne
Patenen von je i5 1. (= 4,9* kg), der Basilika in palatio Sessoriano (S. Croce) eine goldene
10 1. (= 3,27 kg) schwere Patene, der Basilika des heiligen Laurentius eine goldene Patene
von 20 I. (= 6,55 kg) und zwei silberne von je i5 1. (= 4,91 kg), der Basilika der heiligen
Agnes eine goldene und zwei silberne P;i! -nva m,d ji> :>ü . 1 !..":.'> k-i. der (ksiiib' dpi-11-:-ILi--
gen Petrus und Marzelh'nus, die beim Mausoleum seiner Mutter, der Kaiserin Helena, lag, eine
Patene aus Gold von 35 1. (= 11,i4 kg), der Basilika zu Ostia und der Basilika zu Albano
je eine Patene aus Silber von 3o 1. (— 9,82 kg), der Basilika zu Canua zwei Patenen von
je 20 1. (= 6,55 kg), der Basilika zu Neapel zwei Patenen von je 25 1. (— 8,18 kg). (36)
Damasus (366—384) gab der von ihm gestifteten Laurentiushasilika zu Rom eine silberne
201. wiegende Patene, Innozentius I. (4oi—4*7) der von ihm neugegründeten Basilika
der Heiligen Gervasius und Protasius zwei silberne Patenen von dem gleichen Gewicht, Boni-
fatius (4*8-—'122) dem Oratorium im Cömeterium der heiligen Felicitas an der Via Salaria
eine Patene aus Silber von 20 1. Die silberne Patene, welche Cölestm (422—-432) der Ba-
silika Julia (S. Maria in Trastevere) schenkte, wog 25 1. (= 8,35 kg). Die drei Patenen aus
Silber, die Xystus der Basilika Maria Maggiorc spendete, hatten ein Gewicht von 4o 1.
(= i3,oi kg), die drei Patenen, die er der Laurentiusbasilika vor den Mauern gab, zusam-
men ein Gewicht von 60 1. (= 19,92 kg). Unter Hormisdas (5i4—5a3) und Johannes
[ir.'.'S J:":: kamen zwei goldene mit Edelsteinen geschmückte, 20 1. schwere Patenen als
Geschenke des Kaisers Justinus aus Byzanz nach Rom. Papst Konstantin (708—715) ließ
eine 12 1. (= 3,93 kg) schwere Patene aus Gold anfertigen, Gregor II. (7T5—731) eine
goldene Patene von 29,01. (=9,66 kg), Gregor III. (731—741) eine mit Steinen besetzte
Patene aus Gold von 26 1. (=8,5i kg) Gewicht. (37)'Leo III. (790—816) stiftete in Sankt
Peter zwei Patenen aus tJold, von denen die eine so 1. (=8,18 kg), die andere 26,20 1.
(= 8,59 kg) wog. (38)
Patenen von einer Größe, wie sie ihrem Gewicht nach die im Papstbuch ver-
zeichneten Patenen gehabt haben müssen, waren in altchristlicher Zeit nichts
Auffälliges. Gab es doch auch, wie sowohl aus den schriftlichen Quellen wie
aus Funden hervorgeht, Metallschüsseln zum häuslichen Gebrauch, welche an
Größe sich mit jenen Patenen messen konnten.
So erzählt Gregor von Tours, König Chilperich habe ihm bei einem Besuch, den er die-
sem in der Villa Sogent gemacht habe, eine große, mit Edelsteinen geschmückte Schüssel
aus Gold von 00 1. Gewicht gezeigt, (39) in den Gesta der Bischöfe von Auxerre aber hören
wir von Schüsseln im Gewicht von 5o, 4o,5, 37, 35, 3o, 8,5 und 8 1., die von Bischof Desi-
derius mit zahlreichen andern häuslichen Gefäßen und Geräten den Basiliken des heiligen
Stephanus und des heiligen Germanus in seiner Bischofstadt geschenkt wurden. (40)
Was aber die als Funde zu Tage gekommenen profanen Schüsseln aus altchristlicher und
frühmittelalterlicher Zeit anlangt, so war die rechteckige Silbersrfiftssel, die man im frühen
iS. Jahrhundert bei Corbridge am Tyne fand, gut 5o cm lang, 38 cm breit und 4,22 kg
schwer. (41) Die zu Petrossa entdeckte runde Goldschüssel maß 56 cm im Durchmesser und
(36) Duca. L. P. I, 170f. (37) Duck. L. P. I, 212, 220, 227, 230, 232, 234, 271, 276, 391, 410,
419. (38) Ebd. II, 17, 29. (39) Hist. franc. 1. 6, n. 2 (M. 71, 671).
(40) C. 20 (M. 138, 237, 239). Daß es sich bei ihnen nicht, wie man irrig gemeint hat, um
sakrale, sondern um Gebrauchsgegenstände des häuslichen Lebens handelt, geht sowohl aus
dem Charakter der übrigen Geräte, die Desiderius zugleich mit ihnen den beiden Basiliken
spendete, wie aus den durchaus profanen, zum Teil mythologischen Darstellungen, mit denen
sie wie die anderen Gefäße verziert waren, "hervor. Nur ein Gerät, eine Schüssel von 8 Pfund,
wies christliches Ornament auf: Item alium missorium, pensantem 1. VIII; habet in medio
crucem cum duobus hominibus. Das Gerät diente zum täglichen Gebrauch des den beiden Ba-
siliken zugehörigen Klerus. (41) A. Odobesco, Le tresor de Petrossa I (Paris 1889/90) 109.
VIERTES KAPITEL. FORM. IV. GROSSE DER PATENE 217

wog 7,i3 kg. (42) Von den 1637 im Garten des Trierer Noviziats ausgegrabenen, meist
mit profanen Darstellungen verzierten, ersichtlich für den Hausgebrauch bestimmten run-
den Schüsseln wog eine a4 Pfund, eine zweite 20 Pfund, eine dritte 14 Pfund, zwei weitere
i3 Pfund, eine sechste 11 Pfund; von den beiden rechteckigen hatte eine ein Gewicht von
i3 Pfund, die andere ein solches von 10 Pfund. (43) Eine in einem Grab zu Kertsch ge-
fundene, jetzt im Museum zu Kertsch befindliche Silberschüssel mit griechischer Inschrift
hat einen Durchmesser von 4i cm und ein Gewicht von 3,o6 kg, eine aus Aquileja stam-
mende, im Kunsthistorischen Museum zu Wien befindliche Schüssel mit mythologischen
Darstellungen aus der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. einen Durchmesser von
üQ,5 cm. Ein Gewicht von 10 kg bei einem Durchmesser von 70 cm hat eine Schüssel mit
der Szene der Rückgabe der Briseis, die 1606 bei Avignon in der Rhone gefunden wurde
und sich jetzt im Cabinet des Medailles zu Paris befindet, einen Durchmesser von 35 cm
eine heute ebendort aufbewahrte Schüssel aus Berthouville in der IS'ormandie, ein Weihe-
geschenk an den Tempel des Merkur zu Canetum. Eine 1810 zu Constzesti am Pruth gefun-
dene, mit Jagdszenen und Köpfen auf dem Horizontalrand geschmückte Silberschüssel
in der Eremitage zu Leningrad mißt im Durchmesser 56 cm, hat also wohl ein Ge-
wicht von etwa 5 bis 6 kg. Die 1771 zu Orbetello entdeckte Ardabarschüssel aus der ersten
Hälfte des 5. Jahrhunderts in den Uffizien zu Florenz zeigt einen Durchmesser von t\i cm,
eine 1714 in der Dauphine ausgegrabene Schüssel im Gabinet des Medailles zu Paris hat bei
einem Durchmesser von 72 cm ein Gewicht von 10,67 kg. (^) Angesichts dieser profanen
Riesenschüsseln können die Patenen von ähnlicher Größe und Gewicht, von denen wir im
Papstbuch hören, nicht mehr befremden. Natürlich wurden Patenen dieser Art nicht an ge-
wöhnlichen Tagen bei der Feier der Messe gebraucht, sondern nur bei besonderen Gelegen-
heiten, bei denen viele kommunizierten, namentlich an Festen und an den Stationstagen.

In welcher Zahl Patenen von den Abmessungen der Patenen, wie sie uns im
Papstbuch begegnen, auch anderswo als zu Rom in Gebrauch waren, wissen wir
nicht, da die Quellen darüber keinen Aufschluß gehen. Daß es solche im Osten
gegeben habe, dürfen wir wohl aus den beiden Patenen schließen, die Kaiser
Justinus den Päpsten Hormisdas und Johannes für die Petersbasilika schickte.
Für Gallien bezeugt das eine Erzählung Gregors von Tours; wenn dieser näm-
lich berichtet, ein fußleidender Graf in der Bretagne habe, um gesund zu wer-
den, aus der Kirche eine Patene holen lassen und in ihr seine Füße gebadet,
so muß diese Patene doch wohl von sehr erheblichen Abmessungen gewesen
sein. (45) Unklar ist, ob die 60 cm im Durchmesser haltende Silberschüssel, die
zusammen mit elf Goldpokalen, einer Goldschale, einer Kanne und den Bruch-
stücken einer zweiten Silberschüssel, auf der ein sassanadischer König jagend
dargestellt war, 1912 im Gouvernement Poltawa gefunden wurde und sich
heute im Museum der Eremitage zu Leningrad befindet, als profane Schüssel
oder als liturgische Patene zu gelten hat, Sie zeigt in der Vertiefung ein großes
von A und £2 begleitetes Christusmonogramm, um das Monogramm herum die
Inschrift: Ex antiquis renovatum est per Paternum reverentis... epis ... no-
strum Amen, auf dem Horizontal rand aber zwischen zwei Stäben als Einfassung
eine getriebene, von vier in Zellenschmelz ausgeführten, rund umrahmten
Kreuzehen unterbrochene Weinranke, der ein Krug, ein Korb, ein Lamm, eine
Eidechse, ein Pfau, ein Hirsch, ein Fasan und anderes Getier eingefügt ist. Bi-
schof Paternus, der die Schüssel anfertigen ließ, dürfte Bischof Paternus von
(42) Ebd. 89. (43) Al. Wiltheim, Luciliburgensia (Luxemburg 1842) 120.
(44) 'A. Odobesco, Le trtsor de Petrossa I (Paris 1889/90) 1151, wo auch noch andere
große Schüsseln aufgeführt werden. (45) De gloria martjr. c. 85 (M. 71, 781).
218 VASA SACRA. ERSTER ABSCHMTT. DIE PATENE

Tomi (um 5io,) sein, die Schüssel also aus der Frühe des 6. Jahrhunderts stam-
men, worauf auch ein Stempel auf ihrer Unterseite mit der Inschrift D. N. Ana-
stasius P. Aug. (46) hinweist. Ist die Schüssel keine liturgische Patenc, wie es
allerdings am wahrscheinlichsten ist, so vermittelt sie uns immerhin eine gute
Vorstellung der Riesenpatenen des Papstbuches. (47)
Patenen von der Größe der im Papstbuch genannten waren zu keiner Zeit
irgendwo die Regel, auch nicht zu Rom. Für den gewöhnlichen Gebrauch bei
der Meßfeier waren sie zu schwer und zu unbequem. Sie waren Ausnahmen,
deren man sich bei besonderen Gelegenheiten, wie schon gesagt wurde, bediente.
Die Patenen, die für gewöhnlich zur Verwendung kamen, waren weit leichter
und kleiner als jene Riesenpatenen. Für die private Feier der Messe hatte man
kleine Patenen, wie aus einer Erzählung Gregors von Tours erhellt. Abt Maxi-
mus, so berichtet dieser nämlich, sei beim Übersetzen über den Araris (Saöne)
infolge Leckwerdens des Bootes mitsamt dem Evangelienbuch und dem alltäg-
lichen Meßgerät, einer kleinen Patene mit ihrem Kelch, die er am Halse trug,
in den Fluten versunken, aber durch Gottes Barmherzigkeit, ohne Schaden zu
nehmen und ohne etwas eingebüßt zu haben, gerettet worden. (48)
In der Tat konnte bei nicht öffentlichen Messen, bei denen außer dem Prie-
ster keiner oder doch nur der eine oder andere kommunizierte, schon in alt-
christlicher Zeit und im frühen Mittelalter, eine Patene von etwa der Größe der
Patenen des späteren Mittelalters und der nachmittelalterlichen Zeit genügen,
nicht aber bei dem Gemeindegottesdienst, wo und so lange bei demselben eine
größere Zahl von Klerikern und Laien nach dem Priester die Kommunion emp-
fingen und zu diesem Zweck eine entsprechende Zahl konsekrierter Hostien vor
Austeilung derselben auf ihr gebrochen werden mußte, da bei Verwendung zu
kleiner Patenen die Gefahr einer Verunehrung des Allerheiligsten bei der Bre-
chung nur schwer vermeidbar war. Es war deshalb auch die Patene, anders wie
im späteren Mittelalter, in dem wie heute ihr Gewicht durchweg nur etwa die
Hälfte bis ein Viertel des Kelches betrug, wohl zumeist erheblich schwerer als
der Kelch. Bestätigt wird das durch ein Schreiben Gregors des Großen an Bi-
schof Venantius von Lucca und das Testament des Abtes Aredius von Atane bei
Limoges (f5gi). Gregor gestattet in seinem Briefe dem Bischof die Konsekra-
tion der Kirche eines von diesem gegründeten Nonnenklosters, doch müsse er
außer mit anderen Meßutensilien sie versehen mit einem Kelch von 6 Unzen
(= i64 g) und einer Patene von 2 1. (= 655 g), also mit einer Patene von dem
vierfachen Gewicht des Kelches und darum natürlich auch von entsprechender
Abmessung. (49) Im Testament des Aredius aber entspricht zwei silbernen
Henkelkelchen im Wert von 3o solidi und einem silbernen henkellosen Kelch
im Wert von i3 solidi, eine silberne Patene im Wert von 72 solidi. (49a) Selbst
die Riesenpatenen des Papstbuches waren zum Teil doppelt so schwer als die zu
ihnen gehörenden Riesenkelche und darum entsprechend groß. Mit der Ein-
(46) Es ist Kaiser Anastasius II. (491—518). (47) J. Strzvgowski, Altai-Tran (Leip-
zig 1917) 47 f. Nach dem südliehen Rußland dürfte die Schussel als Beutestück oder als
Raub von Tomi gekommen sein.
(48) De gloria confess. c. 22 (M. 71, 846): ministerium quotidianum i. e. patenulam par-
vam cum calice. (49) Epp. 1. 8, n. 4 (M. 77, 909). (49a) Vgl. oben S.53
VIERTES KAPITEL. FORM. IV. GRÖSSE DER PATEISE 219

führung der kleinen Hostien im 11. Jahrhundert und dem Aufhören der Bre-
chung der für die Kommunion des Volkes bestimmten konsekrierten Hostien
fiel der Hauptgrund für die Verwendung großer Patenen fort. Zur Entgegen-
nahme des von den Gläubigen bei der Opferung dargebrachten Opferbrotes be-
nutzte man nach römischem Brauch noch in der Karolinger zeit nicht die Pa-
tene, sondern ein linnenes Tuch. (50) Nur das Opferbrot des Zelebrans wurde
auf der Patene zum Altar gebracht. Erst in dem, dem 10. Jahrhundert entstam-
menden, von nichtrömischen Elementen durchsetzten 6. Ordo Mabillons dient
die Patene auch zum Einsammeln der von den Gläubigen dargebrachten Ob-
laten. (51)
!.).■ iS nai'h :li;m ;;; Uik;ii:I>l-Jn.vi tiiiv.x tili- Ikr.'cru.' in its'lt Linli- für ili'1 Brivimn;: <!er kon-
sekrierten Hostien vor deren Austeilung da war, lehrt das Capitulare ecclesiastici ordi-
nis. (51a) Zur feierlichen Einbringung der Oblaten, die wie im griechischen Ritus so auch
im gallikanischen üblich war, wurde sie nur als Ersatz der turres, turmartiger Behälter, die
an sich dazu benutzt werden sollten, gebraucht, wenn solche turres nicht vorhanden wa-
ren. (52) Die gallikanische Patene scheint von großen Abmessungen gewesen zu sein. Denn
während man sich zur Einbringung der zu konsekri er enden Hostien je nach der Zahl der-
selben bis zu drei turres bediente, benutzte man zu diesem Zwecke, wie es scheint, stets nur
die eine Patene, auf der später die konsekrierten Hostien zur Ausspendung an die Gläu-
bigen gebrochen wurden.
Seit der Wende des ersten Jahrtausends verloren sich immer mehr Patenen
von größeren Maßverhältnissen. Erhebliche Verminderung des Kommunion-
empfanges und die Einführung der kleinen Hostien, die ein Brechen der kon-
sekrierten Hostien für die Kommunion des Volkes unnötig machten, mußten
Patenen dieser Art als überflüssig und zwecklos erscheinen lassen. Schon die
zum Gauzelinuskelch zu Nancy gehörende Patene hat nur einen Durchmesser
von [5 cm, von denen bloß iocm auf den Durchmesser der Vertiefung kommen.
Zwei sehr große Patenen gab es um i i5o im Dom zu Mainz; sie gehörten zu den beiden
Riesenkelchen, die derselbe besaß, die aber, wie der Chronist hervorhebt, wegen ihrer
Schwere und Unhandlichkeit nicht zur Feier der Messe benutzt werden konnten, was also
auch wohl von ihren Patenen galt. (53) Eine der größten Patenen, die sich aus der zweiten
Halfte des Mittelalters im Westen erhalten haben, ist die der zweiten Hälfte des n. Jahrhun-
derts entstammende Patene zu Silos bei Burgos in Spanien. Sie hat 3i cm im Durchmesser,
von denen freilich nur 18 cm auf die Vertiefung kommen, da ihr Rand 6,5 cm breit ist.
Den gleichen Durchmesser hat eine Patene zu Casa Mari bei Veroli aus dem i4. Jahrhun-
dert, doch ist hier die Vertiefung größer. (54) Der Durchmesser der zum Henkelkelch in
St. Peter zu Salzburg gehörenden Patene, wie der Kelch eine Arbeit des spaten ia. Jahr-
hunderts, mißt 27 cm, der Patene zu Imola (55) a5 cm, der Patene zu Fritzlar gleichfalls
25 cm, einer Patene in der ehemaligen Sammlung Basilewsky aus dem ii. Jahrhundert,
jetzt in der Eremitage zu Leningrad (56) »4,5 cm, einer Patene in S. Panfilio zu Solmona
aus dem i.'i. Jahrhundert a3,8 cm, der Patene des Kelcmankelches im Dom zu Osnabrück
a3,3 cm, der goldenen Patene im Zisterzienserinnenkloster Marienstern bei Kamenz aus
dem i3. Jahrhundert 21 cm, der Patene des Henkelkelches zu Wüten aus der Frühe des-
(50) Ordol, 13; 11,9; III, 12; V,8 M. 78,943,973,980,987); Ordo von St-Amand (Doch.
Orig. 459); Breviar. eccl. ordinis in Atti della Pontificia Accademia Romana di archeol., Me-
morie I p. 1 (Roma 1923) 194. (51) N. 9 (M. 78, 992). (51a) Atti I.e. 206. (52) Ebd. Cum
debent offerre, habent in sacrario praeparata oblationes in turres tres aut duas vel uns, aut
si turres non habent patenam ipsa praeparata, ubi corpus Domini confringere debent.
(53) Christian!, De ealam. eccl. Mogunt. n. 3 (M. G. SS. XXV, 240). (54) Ron. IV, 138.
(55) Ron. IV, 326. (56) Darcel. n. 185.
220 V.-1S/1 SACRA. ERSTER ABSCHNITT. DIE PATENE

selben Jahrhunderts a3,7 cm; die zu dem von König Sancho und Königin Dulcia zu Ende
des is. Jahrhunderts gestifteten Kelch in der Stiftskirche zuGuimaräes gehörende Patene hat
19,5 cm im Durchmesser. Bei den Patenen des späten Mittelalters schwankt dieser in der
Regel zwischen 1/1 und 17 oder allenfalls 18 cm.
Den Miniaturkelchen, deren man sich im 10., 11. und 12. sowie vereinzelt
noch im i/(. Jahrhundert als Zubehör zu den Reiseportatilien auf Reisen zur
Meßfeier bediente, (57) entsprechen Patenen von ähnlich geringer Abmessung.
So hat die goldene Patene, die man mitsamt dem zugehörigen kleinen Kelch im
Grabe des Trierer Erzbischofs Poppo fand, einen Durchmesser von nur 5 cm,
die etwas größere Reisepatene, die man im Grabe des Erzbischofs Udo ent-
deckte, einen solchen von bloß 7 cm. Von den aus Rischofsgräbern des späten
10., des 11. und des 12. Jahrhunderts im Hildesheimer Dom stammenden Pa-
tenen im Domschatz zu Hildesheim mißt die dem Grabe Osdags (f 989) ent-
nommene Patene im Durchmesser 7 cm, die Patene aus dem Grabe Dithmars
(■f io44) 5,2 cm, die Patene aus dem Grabe Hezilos (j- 1079) 6,9 cm, die Pa-
tene aus dem Grabe Udos (■{• 111&) ca. 6,5 cm, die Patene aus einem nicht mehr
näher bestimmbaren Grabe 6,1 cm. Etwas größer, aber auch etwas späteren Da-
tums ist die Reisepatene im Dom zu Cividale aus dem späten 12. Jahrhundert
sowie die in einem dem dritten oder letzten Viertel des 12. Jahrhunderts an-
gehörenden Rischofsgrab im Dom zu Galocsa gefundene Reisepatene, (58)
doch hat selbst die erste einen Durchmesser von nur 9 cm, die zweite von nur
9,4 cm. Rloß 8 cm beträgt dieser bei der zu dem früher erwähnten, aus dem
ii. Jahrhundert stammenden Reisekelch (59) in der ehemaligen Fürstlich
HohenzoIIerischen Sammlung gehörenden Miniaturpatene, der jüngsten mir
bekannten ihrer Art.
Nach des Theophihis Schedula diversarum artium soll die Patene so groß
sein, daß ihr Durchmesser der Höhe des Kelches gleichkommt oder nur wenig
über sie hinausgeht, ihr Gewicht aber soll etwa die Hälfte des Gewichtes des
Kelches betragen. (60) Wirklich entsprechen manche der Patenen des 11., 12.
und i3. Jahrhunderts der Anweisung der Schedula, nicht freilich als ob diese
für ihre Größe bestimmend gewesen wäre, sondern weil es allgemein Brauch
war, der Patene eine Größe von etwa der Höhe des Kelches zu geben. Belege
bieten die Patene zu Silos, die von König Sancho gestiftete Patene zu Guima-
räes, die zum spanischen Pelagiuskelch im Louvre gehörende Patene, die Pa-
tene des Hugo von Oignies zu Namur, die in einem Bischofsgrab des frühen
i3. Jahrhunderts in der Kathedrale von Canterbury gefundene Patene, (61) die
zu Dolgelly ausgegrabene Patene im englischen Kronschatz, (62) die Patene
des Kelches in St. Godehard zu Hildesheim, in St. Aposteln zu Köln, in der ehe-
maligen Klosterkirche zu Tremessen, in St. Peter zu Salzburg, im Stift Wüten
zu Innsbruck, im Zisterzienserinnenkloster Marienstern, die in dem Grabe des
Bischofs Herväus (j-1223) von Troyes gefundene Patene u. a.
Im i4- Jahrhundert tritt dann jedoch eine Änderung im Verhältnis der Größe
der Patene zur Höhe des Kelches ein. Infolge des Anwachsens des Schaftes und
(57) Vgl. oben S. 142. (58) Wegen des zugehörigen Kelches vgl. oben S. 77.
(59) Vgl. oben S.143. (60) C.26 (ed.Ii.G 1811). (61) Monumente vetusta VII p.1,8.
(62) Viktoria-und-Albert-Museum, Catalogue of chaliceß Tfl. 7.
VIERTES KAPITEL. FORM, IV. GROSSE DER PATENE 221

der Verengerung der Kuppa des Kelches erreicht nun der Durchmesser der Pa-
tene häufig, zumal seit der zweiten Hälfte des i4- Jahrhunderts, nicht mehr
die Höhe des Kelches, wenn auch der Unterschied durchweg zunächst nur erst
wenige Zentimeter heträgt. Besonders gilt das von den italienischen Patenen
des 1/4. Jahrhunderts, wenngleich es selbst unter diesen vereinzelt noch immer
solche gab, deren Durchmesser der Höhe des Kelches, zu dem sie gehörten,
gleichkam. Größer wird der Unterschied zwischen der Größe der Patene und
der Höhe des Kelches infolge der nun allenthalben eintretenden und stetig zu-
nehmenden Steigerung dieser letzteren sowie der gleichzeitigen Verengerung
der Kelchkuppa im i5. Jahrhundert. Um das Ende des Jahrhunderts ist er viel-
fach schon sehr erheblich. Häufig genug