Die Piraterie in Somalia

samt

einer kurzen Geschichte des Landes und seiner Ökonomie
JÜRGEN EHBRECHT
Göttingen, August 2011

INHALTSVERZEICHNIS: 0. Einleitung 1. Geschichte Somalias 1.1 Vorkoloniale Geschichte - meerzentriert 1.2 Geschichte des Hinterlands 1.3 Kolonialgeschichte 1.4 Das Kamel wird gemolken 1.5 Der Siyadismus 1.6 Postsiyadistische Zustände 1.7 Das Neue Jahrtausend 1.8 (Relativ) Milizenfreie Zonen 1.9 Eine informelle Ökonomie 2. Piraten 2.1 Die ersten großen Ausbrüche 2.2 Piratenfischer und Sondermüll 2.3 Die Anfäng maritimer Privatgewalt 2.4 Küstenschutzversuche 2.5 Die Zweite Welle 2.6 Modus Operandi 2.7 Die Postmoderne Armada 2.8 Rechtliche Probleme 2.9 Musterkaperungen 2.10 Somalische Piraten 3. Kurze Bemerkungen zu einer Kritik der antipiratischen Ökonomie 3.1 Fallstricke 3.2 Maritime Privatgewalt und Plündermentalitäten 3.3 Somalische Piraten II
Abkürzungen Literaturverzeichnis Abbildungen: Somalia Clanterritorien Oman und Umgebung 2 6 37 75 76

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juergen.ehbrecht@gmx.de – Weiterverbreitung ist ausdrücklich erwünscht. – Sollte der Text außerhalb der virtuellen Welt vervielfältigt werden, bitte mit dem Autor Rücksprache halten.

0. EINLEITUNG – SOMALIA UND DIE PIRATERIE
„Unsere Geschichtsbücher sagen zum Beispiel, dass Frankreich Algier eroberte, um sich gegen die Piraterie der muslimischen Gaunerkönige zu verteidigen. Aber sie sagen uns nicht, daß die nordafrikanischen Königreiche ihrerseits Opfer europäischer Piraterie waren, die sie davon abhielt, normalen Handel zu entwickeln, und sie zum Korsarentum zwang“ (Josep Fortuna).

Nach dem zweiten Weltkrieg galt die Piraterie,
wie die Dinosaurier, als ausgestorben, als Relikt aus der Ära der Segelschiffe. Noch um 1975 kannte die Welt Piraten nur als Protagonisten mehr oder minder fiktiver Geschichten aus Büchern und Filmen. Doch im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts kam es zu einer überraschenden Renaissance. Flüchtlinge aus Vietnam, Laos und Kambodscha wurden im Golf von Thailand mitten auf dem Meer ausgeraubt, und allmählich, parallel zum Schiffsverkehr, der aufgrund der Globalisierung zunahm, entwickelte sich Südostasien, insbesondere die Straße von Malakka, zu einem modernen hotspot der Piraterie. Seit ein paar Jahren hat sich der Schwerpunkt der postmodernen Piraterie nach Westen verlagert, nach Somalia. Gäbe es die somalischen Piraten nicht, Somalia könnte statt am Horn von Afrika auch auf dem Mars liegen1; so wie über den roten Planten nicht viel bekannt ist, so kennt die ¸informierte„ Öffentlichkeit nur wenige unzusammenhängende Fakten über Somalia: David Bowie ist mit einem somalischen Model verheiratet, 1977 stürmten deutsche Eliteeinheiten die Landshut auf dem Flughafen von Mogadishu, der oscarprämiierte Propagandafilm Black Hawk Down spielt in der somalischen Hauptstadt, Waris Dirie (die Wüstenblume) machte die Weltöffentlichkeit auf die (nicht nur) in Somalia übliche Praxis der Verstümmelung der weiblichen Geschlechtsorgane aufmerksam, während der Fußball-WM 2006 in Deutschland verboten Islamisten Fußballübertragungen, vor Somalia kreuzen deutsche Kriegsschiffe, und die Piraten haben sich ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gekapert.

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Dass Somalia im Sommer 2011 in einem anderen Zusammenhang als der Piraterie selbst in Lokalzeitungen zum Thema wurde, widerspricht seinem marsianischen Charakter nicht: die fürchterliche Hungersnot zählt zu den humanitären und Naturkatastrophen, von denen sich kulturindustrielle Medien nähren wie Hyänen von Aas und auf die sie niemals verzichten können. Nachrichten abstrahieren in der Regel vom politischen, gesellschaftlichen und sozialen Zusammenhang, in dem entstand, was sie der Öffentlichkeit präsentieren – dass die Hungersnot in Südsomalia seit Monaten absehbar war, weil die Menschen seit Anfang des Jahres unter einer Jahrhundertdürre litten, und dass sie soziale Ursachen hat, greifen öffentliche Medien selten auf.

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Wer sich nicht mit sporadischen Meldungen über spektakuläre Kaperungen, Geiselbefreiungen, Tote und Lösegelder zufrieden geben mag, sondern die somalische Piraterie als Ausdruck der sozialen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in Somalia (und als lokal-spezifische Reaktion auf den Siegeszug des postfordistischen Kapitalismus) zu verstehen versucht, steht vor ähnlichen Schwierigkeiten wie jene Radiohörer in New York 1938, die ein Hörspiel über einen Angriff von Marsianern auf die Erde hörten und Realität und Fiktion nicht auseinander halten konnten. „In vielerlei Hinsicht ist die somalische Gesellschaft so einzigartig, dass ohne ein Minimum an Hintergrundinformationen“ (Spilker 2008, 9) weder die aktuelle Situation noch die Piraterie am Horn von Afrika verständlich wird. Da die Piraten nicht in einem ahistorischen Vakuum operieren, sind zum (vorläufigen) Verständnis der somalischen Piraterie einige Umwege notwendig. Zuerst geht es um die Geschichte Somalias2 und die – nach westlichen oder staatsfixierten Maßstäben – ¸exotische„ Sozialstruktur Somalias, in dem Nomaden die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen. Die historische Abschweifung beginnt mit einem Ausflug in die vorkoloniale Geschichte Somalias (Kap. 1.1 und 1.2). Daran schließt eine kurze Einführung in die Kolonialzeit an (Kap. 1.3). Das nächste Kapitel schildert die erste Phase des unabhängigen Somalias, Kapitel 1.5 widmet sich der Diktatur Siyad Barres (1969-1991). Nach dem Sturz des Diktators zerfiel Somalia in drei Teile: die Geschichte der Kämpfe in Südsomalia und in Mogadishu, die bis heute andauern, kommen in den Kapiteln 1,6 und 1.7 zur Sprache, während sich Kapitel 1.8 auf die Entwicklungen in Puntland und Somaliland konzentriert, zwei seit 1991 faktisch unabhängigen Landesteilen. Im letzten Kapitel wird der Versuch gewagt, anhand unzureichender Quellen und Nachrichten die Ökonomie in einer Gesellschaft ohne Staat skizzenhaft nachzuzeichnen. Der Hauptabschnitt (Teil 2) dreht sich um die somalische Piraterie, und im letzten Abschnitt (Teil 3) wird versucht, sie in den Hauptstrom der piratischen Geschichte einzuordnen.

1. EINE KURZE GESCHICHTE SOMALIAS
1.1 VORKOLONIALE GESCHICHTE MEERZENTRIERT

Küste war bereits in ein den Die ostafrikanischeOzean umspannte. um die Zeitenwendesie „ins überregionales Seehandelsnetz integriert, das Jedeswestlichen Indischen Ab etwa 800 geriet Visier islamischer Händler“ (Ptak 2007, 144). Jahr
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„Gott schuf zuerst die Familie des Propheten Mohammed und war sehr zufrieden mit dem edlen Ergebnis seiner Arbeit. Dann schuf er den Rest der Menschheit und war erfreut. Zuletzt schuf er die Somalis und musste über das Resultat seiner Schöpfung lachen“ (somalische Legende).

wurde am Persischen Golf eine „Flotte“ (Chaudhuri 1985, 39) ausgerüstet, die Mogadishu, Malindi, Mombasa, Sansibar, Kilwa und Sofala ansteuerte; ob die Handelsschiffe „in Sichtweite der Küste blieben“ (Hourani 1995, 80) oder quer über den Indischen Ozean segelten, ist unbekannt. Arabische und persische Muslime ließen sich in Ostafrika nieder, ein indischer Einfluss war nicht zu übersehen. Die ostafrikanische Küste von Sofala bis Mogadishu, spätestens seit dem 12. Jahrhundert islamisiert, wurde von einem Gegensatz zwischen den maritimen Emporien und ihrem Hinterland geprägt, der zu Zeiten in offene Feindseligkeit umschlu, da die arabische Welt schwarze Sklaven importierte, Zanj, die zum Teil über ostafrikanische Häfen nach Norden verschifft wurden. Schriftlich erwähnt wurde Mogadishu zum ersten Mal in arabischen Quellen aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts 4: die Rede war von einer Stadt am Zanj-Meer, in der Muslime lebten, die sich von der Bevölkerung der Umgebung unterschieden. 1331 setzte Ibn Battuta von Aden nach Zeila über und segelte von dort auf einer Dhau nach Mogadishu 5. Zu dieser Zeit war die Stadt „das Zentrum eines Sultanats, das auch die Küstenstädte Merka und Brawa weiter im Süden sowie das Hinterland
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Die Geschichte Somalias wird selten rezipiert, es liegt nur wenig gedrucktes oder veröffentlichtes Material vor (zuverlässiges schon gar nicht), und zudem wird sie von zwei akademischen Disziplinen beackert: den Geschichtswissenschaften und der Ethnologie. Die neuere Geschichte der einzelnen Teile Ex-Somalias ist nur an eher entlegenen Stellen im Internet aufzuspüren: haupt- und nebenberufliche UN-Berater schreiben mehr oder minder offizielle Berichte, das Militär sponsert manchmal Forschungen (deutsche Beitrage gibt es wohl nicht), und einige kritische Stimmen sind dank des Internets nicht zu überhören. – Berichte über die Hungersnot am Horn von Afrika werden etwa in der Tagesschau regelmäßig von einer Landkarte illustriert, auf der Somalia in den nicht mehr aktuellen Grenzen von 1960 dargestellt wird. „Ein Seemannshandbuch zeigt, daß im 1. nachchristlichen Jahrhundert Händler aus Südarabien und vom Roten Meer entlang der ostafrikanischen Küste nach ¸Rhapta„ reisten, das sich irgendwo im heutigen Kenia oder Tansania befunden haben muß“ (Iliffe 2000, 74). Bereits al-Idrisi (gest. 1166) und al-Hamani (gest. 1229) sollen die Küstenstädte Südsomalias beschrieben haben. Ein italienischer Archäologe behauptete Anfang des letzten Jahrhunderts, die Ruinen einer Stadt auf dem Gebiet von Mogadishu wären die Überreste einer phönizischen Ansiedlung. Ein Historiker der Universität Kairo meint, Mogadishu wäre schon Anfang des achten Jahrhunderts von Muslimen erobert worden. Während des Kalifats von Hārūn ar-Rashid soll Mogadishu sich geweigert haben, Steuern an den Kalifen zu bezahlen; obwohl dieser eine „Strafexpedition in die Gegend schickte (…), verblieb Mogadishu in einem Zustand beständiger Rebellion“ (Mukhtar 1995, 4). Danach reiste er nach Kilwa weiter, wo seine Reise gen Süden endete. Dort war der Sultan mit einem jihād gegen die Bevölkerung des Hinterlands beschäftigt: „Er mochte bewaffnete Streifzüge durch die Länder der Zanj. Er plünderte sie aus und machte viel Beute“ (Ibn Battuta, zit. n. Hall 1988, 62) und fing Sklaven für den Export.

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kontrollierte“ (Höhne 2007a, 20). Ibn Battuta war (wie die Portugiesen zwei Jahrhunderte später) überrascht, wie wohlhabend die ostafrikanischen Emporien waren. In Nordsomalia scheint es zwar größere Küstenhandelsstädte gegeben zu haben, aber dort lebten kaum Muslime; in Zeila übernachtete Ibn Battuta nicht einmal, weil es dort fürchterlich nach Fisch und Kamelblut gestunken haben soll. In der Folgezeit geriet Mogadishu gegenüber den südlicheren Emporien ins Hintertreffen. Dennoch besuchte die Flotte von Zheng He Anfang des 15. Jahrhunderts Mogadishu, wo der berühmte chinesische Admiral „Zebras und Löwen als Tribut“ (Dreyer 2007, 88) überreicht bekam. 1415 stieß das christliche Königreich Äthiopien nach Osten auf muslimische Gebiete in Nordwestsomalia vor, eroberte das Sultanat Ifat (mit Harar als Zentrum) und machte sich die lokalen Muslime tributpflichtig. Mit der ersten portugiesischen Karavelle im Indischen Ozean brach für Ostafrika ein neues Zeitalter an. Die Portugiesen eroberten Stützpunkte rund um den Indischen Ozean und erzwangen sich mit Waffengewalt Zugang zum Seehandelsnetz, das von Südchina bis Tansania reichte. Die meisten ostafrikanischen Emporien gerieten unter portugiesische Herrschaft, Mogadishu jedoch nicht. Somalis nahmen Kontakt zu osmanischen Korsaren auf, um die Portugiesen zu bekämpfen; eine portugiesische Strafexpedition blieb erfolglos, nur Zeila wurde 1517 ausgeplündert. Zwischen 1540 und 1560 führte das Sultanat Adal – „ein wohlhabendes, weltoffenes Sultanat“ (Birnbaum 2002, 36) – Krieg gegen Äthiopien, um die Christen wieder zu vertreiben, die sich seit einem Jahrhundert in Nordwestsomalia und Eritrea festgesetzt hatten. Sie drängten diese nicht nur hinter die früheren Grenzen zurück, sondern drangen auch auf äthiopisches Gebiet vor, wo sie jedoch mit portugiesischer Hilfe6 und europäischen Kanonen besiegt wurden. Um 1580 verbündeten sich somalische und ostafrikanische Küstenstädte gegen die Portugiesen und baten erneut Korsaren um Hilfe; „dem osmanischen Kapitän Ali Bey [gelang] eine Kaperfahrt entlang der ostafrikanischen Küste“ (Rink 2007, 36), die ihn bis nach Mosambique führte. Eine gemischte Flotte vertrieb die Portugiesen aus vielen Küstenstädten. Daraufhin verlegte Portugal bewaffnete Schiffe aus Indien nach Ostafrika, und die Küstenstädte wurden zügig zurückerobert. Im zweiten Drittel des 17. Jahrhunderts tauchte eine neue Seemacht auf dem nordwestlichen Indischen Ozean auf: das Sultanat von Oman. „Ein langer und bitterer Krieg zwischen dem Estado da Ìndia und Oman folgte“ (Barendse 2002, 16), der mit einem Sieg des Omans über die Portugiesen endete 7. 1698 wurde Mogadishu von Omanis besetzt, die auch Kaperfahrten ins Rote Meer unternahmen; als sie bemerkten, dass die Stadt ihren arabischen Charakter verloren hatte, zogen sie wieder ab, verlangten (und erhielten) jedoch Tributzahlungen. Aufgrund eines Bürgerkriegs (1720-1746) und eines Angriffs der Perser auf Oman ließ die omanische Präsenz in Ostafrika nach, aber um 1750 waren die Omanis wieder da. 1785 übernahmen sie die Kontrolle über Kilwa und setzten in Hafenstädten Gouverneure ein. Als der Sultan 1840 seinen Herrschaftssitz von Oman nach Sansibar verlegte, von wo aus er eine lockere Kontrolle über Mogadishu ausgeübte, war am Horizont über dem monsunverhangenen Meer eine neue Welle europäischer Eroberer erkennbar.
1.2 DIE GESCHICHTE
DES

HINTERLANDS

„Seit der Entdeckung der Kamele, stritten sich Männer um sie“ (somalisches Sprichwort).

ist 3.300 km lang (2.000 km am Indischen Ozean), die längste Afrikas. Land Somalias KüsteBRD, wurde aber 2001 nur von etwa 6,3 Millionen Menschen bewohnt. Das Süden,ist dreimal so groß wie die ehemalige Im in den Flusstälern des Juba und Shebelle, wird Landwirtschaft betrieben, da (meist) genug Regen fällt; hier lebten 1989 etwa 25% der Bevölkerung. In Zentral- und Nordsomalia und westlich des Juba reichen die Niederschläge für sesshaften Ackerbau nicht aus; „etwa 60% der Somalis sind nomadische oder halbnomadische Weidehirten, die Vieh, Kamele, Schafe und Ziegen“ (UNEP 2005, 12) züchten und im Rhythmus der Jahreszeiten (von Januar bis März und von Juli bis September fällt kein Regen) wandern und Wasser und Weidegründe suchen. „Besonders in Nordsomalia variieren die Niederschläge von Jahr zu Jahr 8 und von Jahreszeit zu Jahreszeit. Obwohl der jährliche Zyklus von zwei trockenen und zwei regnerischen ¸Jahreszeiten„ regelmäßig eintritt, sind die Wanderungsrouten der Nomaden nicht stabil“ (Khazanov 1994, 57). Die restliche Bevölkerung lebt in Städten9. Die Nomaden sprechen Maxaatiri, die offizielle Sprache Somalias, die Sesshaften Maayi (die sich zueinander wie Portugiesisch und Spanisch verhalten).
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Zufällig befand sich der Sohn Vasco da Gamas mit Truppen und Ausrüstung in Äthiopien. Er suchte den legendären Priesterkönig Johannes, um sich mit ihm in einem heiligen Krieg gegen die Muslime zu verbünden. Europäische Christen suchten Johannes zuvor schon bei den Mongolen, aber als sich herausstellte, dass die Mongolen keine Katholiken waren, blieb nur Äthiopien als christliches Reich mit Johannes als Anführer außerhalb Europas übrig. Portugiesische Kapitäne und Anführer, die ihr Amt gekauft hatten, sahen ihre persönlichen Felle davonschwimmen und überzogen die Küste von Sansibar bis zum Golf von Aden mit maritimen Plünderzügen (MPZs), damit sich ihre Investitionen durch Beute amortisierten – kein Wunder, das die lokale Bevölkerung den Portugiesen die Unterstützung versagte. Die Variationsbreite der Niederschlagsmenge ist beträchtlich. In unregelmäßigen Abständen bleibt der Regen in der Regenzeit aus und eine Dürre überzieht das Land, seltener regnet es zwei oder drei Regenzeiten nicht. Manchmal folgen auf eine Dürre sintflutartige Regenfälle und Überschwemmungen. Alle Bevölkerungszahlen sind mit Vorsicht zu genießen; es gibt keine genauen Angaben. Zudem leben mindestens eine Million Somalis im Exil, die Bevölkerung in den Städten (insbesondere in Mogadishu) schwillt im Rhythmus ausbrechender Kämpfe an und ab, und bei einer Dürre flüchten Somalis vom Land in die Hauptstadt oder ins Ausland.

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Als die ersten muslimischen Händler nach Mogadishu segelten, lebten in Somalia verschiedene Bevölkerungsgruppen. Im Süden züchteten die mobilen Reewin (Rahanweyn) Vieh und bauten Getreide an. Neben ihnen betrieben Bantus Ackerbau, die von Süden nach Somalia eingewandert waren, und wo es zu unwirtlich für Landwirtschaft war, lebten Jäger, Fischer und Sammler. Nordsomalia wurde von mobilen Gemeinschaften bewohnt, die den Anbau von Getreide und Viehzüchtung miteinander kombinierten.-

- EXKURS: NOMADISCHE CLANS – EINST ...
„Nur hoffnungslose Armut kann einen Nomaden dazu bewegen, den Boden zu bestellen. Sowie er sich mit Vieh versorgt hat, wirft er sofort den plumpen Spaten weg, mit dem er statt eines Pflugs den Boden bestellte – und wird wieder nomadisch“ (ein russischer Ethnologe, 19. Jahrhundert).

Somalia gehört zu den wenigen Ländern auf der Welt, in denen Nomaden die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Die Gesellschaft Somalias und ihre soziale und politische Dynamik wurde (und wird) folglich von nomadischen Sozialstrukturen geprägt, die – für Sesshafte (also die überwältigende Mehrheit der heutigen Weltbevölkerung) – sonderbar anmuten. Die somalischen Nomaden gehören vier unterschiedlich verzweigten und großen Clanfamilien (CFs) an: den Dir, Darod (die größte CF), Hawiye und Isaq, dazu kommen zwei weitere CFs, die Digil und die Reewin, größtenteils sesshafte Bauern und Pastoralisten (Weidehirten). Jede CF führt ihre Existenz auf einen (mythischen) Gründervater zurück, der vor bis zu dreißig Generationen gelebt haben soll, somalische Nomaden leben also in Gesellschaften, die entlang von Verwandtschaftslinien strukturiert sind10. Eine CF besteht aus (unterschiedlich vielen) Clans, die bis zu zwanzig Generationen zurückzählen. Für die alltägliche soziale Praxis sind Clans zu groß; die ersten Bezugspunkte für ein Individuum sind sein Subclan (SC, bis zu zehn Generationen alt), sein Subsubclan und seine dia-paying-Gruppe (dpG). Diese besteht aus miteinander verwandten Männern (Frauen sind von der Mitgliedschaft ausgeschlossen), die durch Verträge (heer11) aneinander gebunden sind, in denen insbesondere das gemeinsame Bezahlen und Eintreiben von Blutgeld (auf somalisch dia) in Konflikten mit anderen Gruppen geregelt wird: sie umfasst einige hundert bis mehrere tausend Menschen. Das Fundament der nomadischen Gesellschaft besteht aus Kernfamilien, die zusammen wandern. Trotz – oder wegen – der Eingebundenheit in rigide verwandtschaftliche Strukturen sind die Nomaden von einem Drang nach Ungebundenheit beseelt, der in Musik und Poesie verherrlicht wird, und „nur unter extremen äußeren Bedingungen, etwa während Konflikten“, schließen sich „kleine Einheiten zu größeren Clangruppen zusammen“ (Little 2003, 49). Jeder Clan ist patriarchal12 strukturiert. Die Abstammung vom Vater bestimmt die Clan- und SC-Zugehörigkeit, geheiratet wird exogam: Ehefrauen wechseln vom SC ihres Vaters in den ihres Ehemanns13, bleiben aber eigentlich ihrem SC zugehörig. Der Alltag wird durch eine doppelte Arbeitsteilung bestimmt: die ‚übliche„ zwischen Männern und Frauen14 und eine weitere zwischen Männern – Jungen15 und unverheiratete Männer hüten die Kamelherden (im Süden Rinder), die Basis des Wohlstands der Nomaden, und wandern auf anderen Wegen als ihre Familien, die mit Kleintieren und einigen Transportkamelen unterwegs sind. Junge Männer arbeiten umsonst; der soziale Aufstieg ist ans Heiraten, an Kinder und an die allmähliche AkDas sieht auf den ersten Blick nicht sehr ‚exotisch„ aus, schließlich ist jeder Mensch über seine Eltern und Geschwister mit anderen Menschen verwandt. In sesshaften Gemeinschaften und Gesellschaften – je größer sie sind, um so mehr – ist die Verwandtschaft jedoch nur ein soziales Merkmal unter vielen, das in der Politik, in der Ökonomie und in großen Teilen des sozialen Alltags der meisten Menschen nur noch eine geringe Rolle spielt. Das ist bei Nomaden grundsätzlich anders – und eben deshalb für einen typischen westlichen Stadtmenschen so schwer verständlich, der sich mit dem Bruder der Nichte der Schwester seines Onkels kaum verbunden fühlt, seinen Alltag in der Kernfamilie (wo sie noch existiert) und mit Arbeitskollegen, Freunden oder Bekannten verbringt und politische Entscheidungen an ‚Fremde„ delegiert. Das heer hat einen doppelten Charakter: einerseits umfasst es Verträge, die nur für die Unterzeichner gelten, andererseits die Gesamtheit aller nomadischen Traditionen und Regeln, in denen Strafen für Vergewaltigung, Beleidigung, Mord, unzulässiges Heiraten und anderes geregelt werden. „Im Allgemeinen wird die Geburt eines Jungen gefeiert, indem man zwei Tiere schlachtet, während für ein Mädchen nur eines geschlachtet wird – oder gar keines. Für einen ermordeten Mann wird die doppelte Kompensation [dia] wie für eine ermordete Frau gezahlt“ (Gardner/El Bushra 2010, 9). „Die traditionellen Werte werden Mädchen in jungen Jahren eingeimpft; zu den Kernbotschaften gehört, dass Mädchen weniger essen, ihre Stimme senken und den Blick abwenden sollen und Jungen vor Mädchen bevorzugt werden“ (Dini 2008, 89). Alter und Status von Frauen „können an der Frisur abgelesen werden“ (Ibrahim 2004, 31); verheiratete Frauen bedecken ihr Haar mit einem schwarzen Schal, verschleiern sich aber nicht. Von allen Entscheidungen, die über die Kernfamilie hinausgehen, sind Frauen ausgeschlossen, auch wenn sie ¸informell„ konsultiert werden. Bis zur Geburt des ersten Kindes verblieb die Ehefrau im SC der Mutter und nahm nach ihrem Umzug nicht den Namen des Ehemanns an. – Die „bedeutende Beziehung“ einer somalischen Frau „zur Mutter und zur Schwester“ (Ahmed 1995b, 172) wird selten erwähnt, da Europäer Frauen in der Regel als Ehefrauen definierten; oft ist die emotionale Bindung zwischen Schwestern oder Müttern und Töchtern enger als jene zum Ehemann, insbesondere dort, wo die Polygamie praktiziert wird. In erster Linie ziehen Frauen die Kinder auf und sind für den Haushalt verantwortlich. Sie kochen, sammeln Feuerholz, produzieren Ghee, Fleisch und Milch für den Eigenverbrauch und den Verkauf auf lokalen Märkten und stellen die mobile Behausung her, eine Rundhütte aus Grasmatten und einem Gerüst aus Ästen (aqal). Auf Wanderungen sind sie für den Transport des Haushalts verantwortlich. „Wenn Jungen sechs Jahre alt sind, gesellen sie sich zu ihren Neffen und Brüdern, um in entfernten Weidegebieten auf die Kamele aufzupassen“ (Ibrahim 2004, 32); ab dem gleichen Alter hüten Mädchen die Schafe, die in der Nähe des aqal grasen. Kommen Mädchen in die Pubertät, lernen sie, einen Haushalt zu führen, und beginnen, einen eigenen aqal herzustellen.

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kumulation von Wohlstand und Ansehen gekoppelt. Gegen diese Fesseln wehrten sich junge Männer, indem sie unter einem charismatischen Anführer aus ihrer Rolle ausbrachen und Plünderzüge (PZs) unternahmen oder in den Krieg zogen und Beute machte – eine akzeptierte Abkürzung zu Ruhm und Reichtum (und Frauen). Nomadische Gruppen blieben so verteidigungsfähig und pflegten ein gewisses Kriegerideal16. Wandernde Gruppen schließen sich temporär zusammen, ihre Autoritätsstrukturen sind auf jeder Ebene der nomadischen Gesellschaftsstruktur informell und zumeist an Alter und Erfahrung gebunden. Bis auf ein paar Ausnahmen „ist ein hierarchisches Autoritätsmuster der pastoralen Gesellschaft der Somalis fremd, die in ihren gewöhnlichen Entscheidungsprozessen so demokratisch17 ist, dass sie fast an Anarchie grenzt“ (Lewis 2002, 10); „Individualität, Egalität und ein Mangel an Institutionalisierung sind die besonderen Kennzeichen“ (Bongartz 1991, 18) der nomadischen Gesellschaft. Die Egalität zwischen Männern ist tief verwurzelt, Wohlstand an sich kein Differenzierungsmerkmal. SC-Mitglieder haben innerhalb gewisser Regeln Ansprüche auf Kamele, Vieh und Vermögen von Verwandten, obwohl es kein gemeinsames Vermögen gibt. Unterschiede hinsichtlich des privaten Wohlstands waren nicht unüblich, „wechselseitige Solidaritätsund Reziprozitätsbeziehungen im Rahmen des erweiterten Familienverbandes verhinderten jedoch, daß es zu gravierenden Armuts- oder Verelendungsprozessen“ (Labahn 1990, 155) kam. Alle Somalis sind Muslime (Sunniten), hängen aber oft einem mystisch-magisch angehauchtem Islam an, organisierten sich in Sufi-Bruderschaften und verehrten Heilige. Berufene wandten sich vom Clanleben ab und wurden Scheichs, religiöse Gelehrte, die Wissen vermittelten, Gebete leiteten, Gerichte abhielten und in Konflikten vermittelten; einige Sufi-Bruderschaften gründeten im 19. Jahrhundert eigene, ‚clanlose„ Dörfer. Jeder Clan akzeptierte das islamische Gesetz, aber im nomadischen Gewohnheits- und Vertragsrecht ist nicht der Einzelne für seine (Übel-)Taten verantwortlich, sondern seine Verwandtschaftsgruppe oder dpG, so dass das islamische Recht, das individuelles Fehlverhalten bestraft, oft nicht angewendet werden kann. Es gibt keine individuelle Haftung18, sondern nur eine kollektive Verantwortung19. „Nur innerhalb von stabil verbundenen Solidaritätsgruppen können effektive Sanktionen
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Als der berühmte Dichter Ali Dhuux einmal ein paar gläubigen Männern Kamele stahl und dafür von seinem Clan heftig gescholten wurde, schrieb er zu seiner Verteidigung ein Gedicht, in dem er darauf hinwies, dass der Diebstahl von Kamelen durchaus ehrenwert wäre. Während Konflikten „wurde ein Mann, der beim Töten und Plündern mitmachte, gewöhnlich bewundert und gepriesen, ein Befürworter des Friedens hingegen verachtet und als schwach und wertlos abgeschrieben“ (Gardner/El Bushra 2004, 11). (Nicht nur) Lewis verfällt hier in einen sonderbaren Widerspruch: wie kann eine Gemeinschaft demokratisch sein, in der die Hälfte der Bevölkerung nichts zu sagen hat? Dieses Sozialverhalten beschreibt etwa ein Begrüßungsritual treffend: man fragt: „gibt es Frieden?“, worauf mit „es gibt Frieden!“ geantwortet wird. Dann wird „wer bist du?“ gefragt, aber ein Angesprochener antwortet darauf nicht mit seinem Namen, sondern indem er seinen Clan und SC nennt, damit abgeklärt wird, ob miteinander friedliche Beziehungen gepflegt werden. Gegenüber anderen CFs steht die eigene CF im Vordergrund, gegenüber anderen Clans der eigene Clan, gegenüber anderen SCs (auch des eigenen Clans) der eigene SC; bei Konflikten zwischen SCs können sich Solidaritäten ergeben, die die Zugehörigkeit zu CFs und Clans durchkreuzen. Kein Nomade hat eine feststehende Identität, sondern diese ändert sich je nach Kontext und Konflikt (bei Nomadinnen ist es noch komplizierter). Diese Struktur sorgt für einen gewissen Schutz einer Ehefrau vor häuslicher Gewalt: obwohl sie nicht in ihrem SC lebt, achtet dieser darauf, dass sie gut behandelt wird. Die „Clanidentität wirkte wie eine Lebensversicherung“ (Elmi 2010, 33): sie schützt durch die Androhung von Gegengewalt vor Gewalt.

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gegen einen Rechtsbrecher verhängt werden“ (Höhne 2002, 21). Konflikte mit dpGs, SCs und Clans wurden auf einem Treffen, einem shir, geregelt. Älteste, Sultane20 und Scheichs konnten sich einbringen und vermitteln, aber ihre Beiträge waren nicht bindend. Wurde auf einem shir keine Einigung erzielt, galten das Recht des Stärkeren und das Gesetz der Blutrache; kommt eine Spirale aus Gewalt und Gegengewalt in Gang, ist sie nur schwer zu stoppen. Konflikte konnten dazu führen, dass schwächere SCs zur Knechtschaft (oder in die Sklaverei) gezwungen wurden (minoritäre SCs mussten sich also starke Alliierte suchen). Oft milderten die gemeinsame Zugehörigkeit zur islamischen Gemeinschaft und Verbindungen zu SCs von Ehefrauen und Müttern die Unversöhnlichkeit, mit der sich Konfliktparteien gegenüberstanden: der soziale Friede war in ein kompliziertes Geflecht eingebettet, in dem die patrilineare Abstammung, die militärische Stärke, lokale Verträge, das heer, das islamische Recht, die Autorität der Ältesten und die Vermittlung von Scheichs gerade wegen der inhärenten Widersprüchlichkeiten für ein Gleichgewicht sorgten. Alle somalischen Clans hielten sich Sklaven und Abhängige; und es gab eine Art Kaste von ¸Unberührbaren„ oder ¸Unreinen„ (sab) – Jäger und Fischer, Metallarbeiter und Schuhmacher. Die somalische Gesellschaft ist bis heute von einer nomadischen Arroganz durchzogen, die an Rassismus grenzt: sesshafte, ¸schwarze„ Afrikaner und die Nachkommen von Sklaven werden zu weniger gleichen Menschen herabgewürdigt, während sich Nomaden zu ¸edle(re)n„ Menschen stilisieren21.- Wenn es genug regnete, lebten die Pastoralisten im Süden zur Zeit des Propheten friedlich nebeneinander; blieb der Regen aus, erhielt der älteste Clan oder SC bevorrechtigten Zugang zu Wasserstellen und zum besten Land (wenn das alte erschöpft war). Daher emigrierten einzelne Gruppen in Gegenden, wo sie sich selbst als ¸älteste„ etablierten. „Anfänglich war dieser Prozess sehr langsam; zwei Faktoren erhöhten jedoch seine Geschwindigkeit: (1) ein Bevölkerungsanstieg und (2) die Einführung des Kamels in Südsomalia“ (Kusow 1995, 99) um die Mitte des siebten Jahrhunderts. Das Kamel, ein neues Produktionsmittel, induzierte (auf lange Sicht) gewaltige Veränderungen. Proto-Hawiye zogen nach Norden, verdrängten dort Bevölkerungen, die keine Kamele besaßen, und gingen, um das trockene Klima optimal auszunutzen, vom Pastoralismus zu echtem Nomadismus über. Etwa im 13. Jahrhundert schlug wohl die (legendäre) Geburtsstunde der heutigen CFs, als sich die Nomaden unter dem Einfluss muslimischer Migranten ¸arabisierten„, den Islam annahmen und sich die Meinung herausbildete, dass „der pastorale Nomadismus irgendwie besonders edel“ (Ehret 1995, 250) sei. Zur gleichen Zeit verringerte sich die durchschnittliche Niederschlagsmenge pro Jahr. Weil nun weniger Menschen vom Land leben konnten, kehrte sich die Migrationsrichtung um: diejenigen, die als Weidehirten in den Norden gekommen waren, machten sich als Nomaden wieder gen Süden auf22. Zuerst wanderten Darod und Dir nach Westen und Süden, ihnen folgten die Isaq. Während ihrer Migration vertrieben sie andere Bevölkerungen oder schoben sie vor sich her, so dass diese wiederum andere verdrängten. Im 15. und im 16. Jahrhundert, als Äthiopien und die Sultanate Ifat und Adal im Norden Krieg führten, beschleunigte sich die Migration. Die meisten Bantus wurden nach Kenia abgedrängt; neben den Reewin und den Digil siedelten sich neue Clans und CFs in den fruchtbaren Flusstälern und in Südsomalia an, wobei viele jener, die sich zwischenzeitlich dort niedergelassen hatten, erneut vertrieben oder versklavt wurden; nur am Küstenstreifen südlich von Kismayo blieben nicht-somalische Bevölkerungsgruppen ansässig. Die Hawiye stürzten im frühen 17. Jahrhundert die regierende Dynastie in Mogadishu und breiteten sich entlang der Küste nördlich der Stadt und nordwestlich des Juba aus. Die nomadische Besiedelung des Südens ‚exportierte„ die Clanideologie in die Städte und Ackerbaugebiete; in den Städten entstand eine urban-nomadische Kultur. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts bildete sich das Clan-Siedlungsmuster heraus, das in etwa heute zu beobachten ist.

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Sultane, nominell Clan- oder SC-Chefs, hatten in der Regel kaum Autorität, selbst wenn das Amt erblich war; ihre Stellung entsprach in etwa der der Queen in England. Ein Sultan ist sozusagen ein auf Dauer gewählter Ältester. Wo Nomaden auf sesshafte Bauern trafen, fühlten sie sich ihnen in der Regel überlegen. Das hat möglicherweise damit zu tun, dass Nomaden eine männliche Kriegerethik pflegten und auf ihre Ungebundenheit stolz waren, ¸Tugenden„, die sie bei Sesshaften vermissten. Zum Gegensatz zwischen Sesshaften und Nomaden kam in Somalia die rassistische Abwertung von Schwarzafrikanern hinzu, gegenüber denen sich die somalischen Nomaden wie ¸Araber„ fühlten. Als sich in Britisch-Somaliland Clans darüber beschwerten, dass sie wie ¸Afrikaner„ behandelt wurden, obwohl sie doch ¸Araber„ wären, erfanden die Briten eine dritte Kategorie zwischen Weißen und Schwarzen. Die Rekonstruktion der Geschichte der Nomaden Somalias ist umstritten. Es gibt (so gut wie) keine schriftlichen Quellen, da die nomadische Kultur eine orale war; zur Verfügung stehen nur überlieferte Genealogien und Legenden, die durch linguistische Forschungen und Ausgrabungen ergänzt werden. Zumeist wird die Nomadengeschichte anders erzählt: die nomadischen CFs lebten schon immer im Norden und eroberten im Lauf der Jahrhunderte den Süden, wobei sie während ihrer Expansion alle vertrieben, die ihnen unterwegs begegneten. Dieser Theorie, die Somalias Geschichte ¸nomadisiert„, wird von einigen postkolonialen KritikerInnen ein kolonialistischer und orientalistischer Blick auf die Geschichte vorgeworfen, da sie Somalia entafrikanisiert, die Streifzüge nomadischer Krieger verherrlicht und die Legenden nomadischer Männer für bare Münze nimmt (und jene der Frauen verschweigt). Verkompliziert wird der Streit dadurch, dass das offizielle Somalia (bis 1991) dazu tendierte, im Konsens mit europäischen Historikern (wie Lewis 2002) und Ethnologen sein nomadisches Erbe hervorzuheben.

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Zwischen 1800 und 1890 importierten reiche Somalis etwa 50.000 schwarze Sklaven aus Sansibar, die in den Tälern des Shebelle Getreide und Baumwolle für den Export anbauen sollten23. Das Juba-Tal blieb relativ unberührt (dort war die TseTse-Fliege endemisch), wurde ab 1840 jedoch zur Zuflucht geflüchteter und freigelassener Sklaven; um die Jahrtausendwende lebten dort 40.000 Ex-Sklaven, deren Anzahl sich fast verdoppelte, als die Italiener die Sklaverei abschafften. Die Ex-Sklaven imitierten die nomadische Clanideologie und organisierten sich in Clans. Sie werden von den Nomaden als gosha oder jareer bezeichnet, wobei jareer ein Begriff ist, der ein ¸afrikanisches„ Aussehen und „einen minderwertigen und stigmatisierten Status“ (Besteman 1995, 48) impliziert.
1.3 KOLONIALGESCHICHTE

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„Für ein geklautes Kamel/bringst du Dutzende Landsleute um/und doch wirfst du keinen Stein/für die Befreiung deines Mutterlands“ (somalisches Gedicht).

814 rebellierte Mogadishu gegen den Sultan in Sansibar, wurde 1828 von Omanis bombardiert und kapitulierte. Nördlich von Mogadishu hatte sich das Sultanat von Obbia, am Horn von Afrika das Sultanat von Majertein gebildet. Beide befehdeten sich, hatten den regionalen Handel monopolisiert, und Schiffe wurden ausgeplündert, die strandeten oder in Seenot gerieten. Berbera war zu einem Provinznest herabgesunken, das nominell zum türkischen Reich gehörte, praktisch jedoch von einem lokalen SC der Isaq regiert wurde. 1839 unterzeichnete der Sultan von Majertein einen Freundschaftsvertrag mit den Briten, im gleichen Jahr eroberte die britische Ostindienkompanie (EIC) Aden, das 1858 zur „Kronkolonie“ (Wende 2008, 281) erklärt wurde; mit dem Oman und Sansibar unterzeichneten die Briten Verträge zur Sicherung der Seewege nach Indien. 1869 wurde der Suezkanal fertiggestellt. Als Ägypten der Staatsbankrott drohte, mischten sich die Briten unter dem Vorwand, die Interessen europäischer Gläubiger wahrzunehmen, in die inneren Angelegenheiten des Landes ein. Dagegen rebellierten Teile der ägyptischen Armee, woraufhin Großbritannien das Land besetzte, ohne es in eine Kolonie umzuwandeln. Nach der Eröffnung des Suezkanals war Ägypten südwärts expandiert und hatte die osmanische Kontrolle über Berbera und sein Hinterland erneuert. Die Briten erkannten 1877 die Oberhoheit Ägyptens über Nordwestsomalia an, was ihnen nicht sonderlich schwergefallen sein dürfte, da sie Ägypten kontrollierten. Frankreich und Italien sicherten sich Häfen am Roten Meer nördlich von Berbera24. Als 1884 im Sudan die Revolte des Mahdi ausbrach, zog sich Ägypten fluchtartig aus Nordwestsomalia zurück und überließ die Region sich selbst. Die Briten schickten Vizekonsuln, um die Versorgung von Aden mit Fleisch sicherzustellen. 1885 gab Italien bekannt, dass Eritrea unter seinem Schutz stünde; drei Jahre später einigten sich England und Frankreich auf Grenzen zwischen ihren Protektoraten Djibouti und Britisch-Somaliland. Während die europäische Herrschaft ausgebaut wurde, führten äthiopische Stoßtrupps PZs auf somalischem Clangebiet durch; gegen Handelskonzessionen und einen Friedensvertrag ließen die Briten zu, dass Äthiopien die Kontrolle über den Ogaden beanspruchte, wo viele Somalis ihr Vieh weiden ließen. Im Süden hatte die britische Ostafrikakompanie die Region um Mogadishu und Kismayo vom Sultan in Sansibar ¸gemietet„; noch 1871 hatte dieser in Mogadishu einen militärischen Außenposten einrichten und zwei Jahre später eine Festung bauen lassen. 1889 vermieteten die Briten die Küstenstädte an die königlich-italienische ostafrikanische Kompanie weiter, drei Jahre später zahlte diese Tribute an den Sultan (bis 1905); das Gebiet südlich des Juba 1895 erklärten die Briten zur Kolonie. Im gleichen Jahr unterzeichnete der italienische Konsul in Sansibar mit den Sultanaten von Obbia und Majertein Verträge, in denen diese den „Schutz und die Regierung“ (Lewis 2002, 51) Italiens anerkannten. Am 13. Januar 1905 kaufte Italien Südsomalia und erwarb das Recht, im englischen Kismayo Handel zu treiben, wenig später rebellierten die Bimal, ein Dir-Clan – sie lebten, neben der Viehzucht, auch von Ackerbau, den Sklaven für sie erledigten –, weil die Italiener die Sklaverei abschafften. Erst nach drei Jahre wurden die Nomaden besiegt. Bis 1914 hatte Italien das Hinterland von Mogadishu einigermaßen ¸pazifiziert. 1911 wurde ein Gesetz erlassen, dass Land, das von Einheimischen nicht kultiviert wurde, dem Staat gehörte; allerdings wurde es nur in den fruchtbaren Gebieten angewendet, wo sich der Anbau von Exportprodukten lohnte.-

- MUSTERKARRIEREN: DER SAYYID – DAS ERSTE AUFFLACKERN EINES SOMALISCHEN NATIONALISMUS
„Für England! Für die Heimat! Für Beute!“ (Russell Crowe als Jack Aubrey beim Entern in Master and Commander).

Kurz vor der Jahrhundertwende erklärte im Norden Somalias ein Scheich aus dem Clan der Darod – Sayyid Muhammad Abdille Hassan, der verrückte Mullah, wie ihn die Kolonialherren nannten – einen jihād25 gegen die Ungläubigen. Er schrieb (auf-

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Dem Sklavenhandel und der Plantagenwirtschaft war keine Zukunft beschieden. „Ostafrika erlebte vielmehr einen abrupten wirtschaftlichen Bruch. Sein Wirtschaftswachstum im 19. Jahrhundert erwies sich lediglich als eine tückische Art der Unterentwicklung“ (Iliffe 2000, 249) – was mit dazu beitrug, dass viele Sklaven in Somalia freigelassen wurden. 1869 kaufte eine italienische Gesellschaft eine Hafenstadt an der Küste Eritreas. Versuche, die italienische Herrschaft ins äthiopische Hinterland zu erweitern, führten zu Kriegen mit Äthiopien; im zweiten (1896) wurde Italien vernichtend geschlagen, weshalb Äthiopien unabhängig blieb. Der britische Konsul für Somaliland erhielt am 1.9.1899 einen Brief vom Sayyid, in dem dieser sich darüber beklagte, dass die Briten die Ausübung des Islam behinderten und Muslime unterdrückten. Er stellte die Engländer vor die Wahl: wenn „ihr Krieg wollt, akzep-

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rührerische) Gedichte, vertrat einen rigiden Islam 26 – er stellte das islamische Recht über die Clantraditionen und bekämpfte Magie, Mystizismus und Heiligenkulte – und verband seine religiöse Überzeugung mit einer pansomalischen, antikolonialen Agenda. Sein Aufruf zu den Waffen fiel vielerorts auf fruchtbaren Boden, seine religiösen Überzeugungen wurden jedoch nur von wenigen geteilt. Einige Muslime aus Somalia wandten sich sogar an Gelehrte in Mekka, um die religiösen Ansichten des Sayyid verurteilen zu lassen. Tatsächlich schrieben diese einen Brief zurück, in dem sie den Sayyid aufforderten, seine ¸häretischen„ Auffassungen zu widerrufen. Als ein qādi ihm den Brief vorlas, ließ er ihn kurzerhand hinrichten. Die Aufständischen (die Derwische) erhielten über Djibouti und den Majertein Waffen und überfielen Karawanen im Ogaden. Als Äthiopien reagierte und (unbeteiligte) nomadische Gruppen angriff, überfielen die Rebellen äthiopische Außenposten, attackierten Isaq-Gruppen und erbeuteten viele Kamele, woraufhin sich die Angegriffenen nach Britisch-Somaliland zurückzogen, was wiederum die britischen Behörden zum Eingreifen bewog. Die Bewegung breitete sich schnell aus und lähmte den regionalen Handel; Kämpfen mit überlegenen Kräften gingen die Rebellen aus dem Weg und zogen sich je nach Lage auf äthiopisches, englisches oder italienisches Territorium zurück. Im März 1903 gelang es den Derwischen, sich bei Eyl an der Küste festzusetzen. 1909 unternahm der Sayyid PZs auf britischem Gebiet, ein Jahr später verteilten die Briten zur Abwehr der Rebellen Waffen an die Isaq. Sie gingen davon aus, der Sayyid wäre ein ¸normaler„ Clananführer und verfeindete Clans würden ihn vertreiben. Die Isaq dachten jedoch gar nicht daran, gegen die Rebellen in die Offensive zu gehen, obwohl einige Isaq-Clans angegriffen und ausgeplündert worden waren, sondern setzten die Waffen in internen Auseinandersetzungen ein. 1913 schickten die Briten Truppen ins Hinterland. Beide Seiten erlitten heftige Verluste, die Rebellen unternahmen neue PZs und griffen das Sultanat von Majertein an, das sich daraufhin an Italien um Hilfe wandte 27. Während des ersten Weltkriegs wurde der Sayyid von der Türkei und Deutschland unterstützt. 1919 unternahmen die Briten den entscheidenden Feldzug ins Landesinnere und weiteten ihre Herrschaft über Nordwestsomalia aus. Ein Jahr später starb der Sayyid, und die Revolte war vorbei, während derer ein Drittel der Bevölkerung Somalilands ums Leben gekommen war. Bis heute wird der Sayyid in Somalia als Nationalheld verehrt (wenn auch nicht von allen Clans), seine Gedichte zählen zum kulturellen Erbe Somalias, und mancherorts gilt er als Heiliger.- Am 5. Dezember 1923 kam in Südsomalia ein neuer italienischer Konsul an, ein in der Wolle gefärbter Faschist. Ein paar Wochen später wurde damit begonnen, private Waffen einzusammeln; als einige Hawiye sich weigerten, wurden sie gezwungen. Im Juli 1924 überließen die Briten den Italienern das Gebiet südlich des Juba, in dem es immer wieder Rebellionen gegeben hatte; ein Jahr später wurden Kismayo und sein Umland formell von Italien annektiert. Ebenfalls im Sommer 1924 gab Mussolini den Befehl, in Obbia einzumarschieren. Einige Anhänger des Sultans rebellierten und fügten den Italienern zwei Niederlagen zu. Daraufhin bewaffneten die Italiener jene Hawiye aus Süd-Obbia (Gegner des Ex-Sultans), die sie kurz zuvor entwaffnet hatten; sie besiegten die Rebellen für Italien. Im November 1927 kapitulierte nach längeren Kämpfen auch das Sultanat von Majertein. Damit sich Somalia nicht zu einem Verlustgeschäft entwickelte, ließen italienische Firmen Bananen, Baumwolle, Sesam und Zuckerrohr anbauen, dennoch mussten die Faschisten regelmäßig Geld nachschießen. Sie hatten massive Schwierigkeiten, Arbeitskräfte für die Plackerei auf den Plantagen zu finden 28, also verpflichteten sie Zwangsarbeiter, wobei sie auf ExSklaven und ihre Nachkommen zurückgriffen. 1928 unterzeichneten Äthiopien und Italien einen Freundschaftsvertrag. Dennoch griffen die Faschisten am 3. Oktober 1935 Äthiopien an und reagierten auf Widerstand mit brutaler Gewalt: „Ich autorisiere Ihre Exzellenz noch einmal, systematisch mit einer Politik des Terrors und der Ausrottung gegen die Rebellen und die mitschuldige Bevölkerung zu beginnen“, so Mussolini höchstpersönlich an seinen Statthalter in Addis Abeba (zit. n. Mattioli 2007, 75); zu dieser Strategie gehörten der Einsatz von Giftgas und der Luftwaffe gegen die Zivilbevölkerung und die Vergiftung von Wasserquellen. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs besetzte Italien Britisch-Somaliland, und kurze Zeit brüstete sich Mussolini mit einer panostafrikanischen Kolonie. England schlug jedoch schnell zurück: britische Truppen eroberten im Februar 1941 Mogadishu, wo sie von vielen als Befreier begrüßt wurden, im April des Jahres Addis Abeba, und die letzte italienische Fahne wurde am 27. November 1941 in Ostafrika eingeholt.-

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tieren wir das; aber wenn ihr Frieden wollt, dann bezahlt die Strafe“ (zit. n. Lewis 2002, 70). Natürlich beugten sich die Engländer dieser Erpressung nicht. Der islamistisch anmutende Furor des Sayyid entstand nicht aus dem Nichts. Bereits 1819 hatte ein Scheich in einer Stadt am Juba den Genuss von Tabak, öffentliche Treffen zwischen den Geschlechtern und den Handel mit Elfenbein verboten, weil Elefanten ¸unrein„ wären. Erst nach einiger Zeit wurde die rebellische Stadt von Truppen des Sultans erobert und niedergebrannt; „alle Einwohner wurden getötet oder flüchteten“ (Lewis 2008, 19). Der Sultan von Majertein, der vertraglich an die Italiener gebunden war, lavierte seit Beginn des Aufstands zwischen einer Kooperation mit Italien und einer antieuropäischen Politik. Mehrere Male (1901, 1903 und 1909) bombardierten italienische Schiffe Orte an der Küste, um dem Sultan Autonomiebestrebungen und antiitalienisches Verhalten auszutreiben. Die Ältesten der sesshaften und gosha-SCs versuchten, junge Männer von der Lohnarbeit abzuhalten, da sie befürchteten, Lohnarbeiter würden sich ihrer Autorität entziehen und mit angespartem Geld die lokalen Brautpreise in die Höhe treiben, was eine von ihnen nicht gewünschte soziale Differenzierung nach sich gezogen hätte.

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- EXKURS: NOMADISCHE CLANS – IM UMBRUCH
„Ein Koreaner, der sich für einen Muslim ausgab, war in der Hauptstadt aufgetaucht, allein und unangemeldet. Obwohl er kein Wort Somalisch sprach, gelang es ihm, eine Unterkunft zu finden (…). Am zwölften Tag in Puntland pöbelte ihn eine Gruppe mit Gewehren bewaffneter Männer am hellichten Tag an, als er unbewaffnet spazieren ging (…). Dem Koreaner gelang es, sich freizukämpfen und zu flüchten. Er schaffte ein paar Meter, bevor einer der irritierten Möchtegern-Geiselnehmer ihm beiläufig ins Bein schoss“ (Jay Bahadur: Deadly Waters).

Die meisten Nomaden lebten unter den Italienern wie ihre Vorfahren, „verachteten die Landwirtschaft und das sesshafte Leben und gingen den italienischen Steuereintreibern aus dem Weg“ (Hess 1966, 186). Den Kolonialherren ging es um Profite und Ruhe, nicht um die Modernisierung des Landes, sie stützten sich vorwiegend auf die (kleine) städtische Mittelklasse. Ein ¸modernes„ Rechtssystem wurde nur in den Städten eingeführt; im Landesinneren mischten sich die Italiener nicht in die lokalen und regionalen Traditionen zur Konfliktlösung ein. Selbst wenn sie es gewollt hätten, hätten sie wohl keine Chance gehabt, der mobilen Landbevölkerung faschistische Strukturen aufzupfropfen. Indem sie einige Älteste und SC-Anführer mit staatlicher Autorität ausstatteten und ihnen bevorzugten Zugang zur Kolonialverwaltung (und ihren Ressourcen) gewährten, übten sie jedoch eine effektive indirekte Kontrolle aus und schufen sich eine Klientel aus ihnen zugeneigten Nomaden: sie hebelten das traditionelle Clansystem aus, indem sie es instrumentalisierten29. „Sie übertrieben Clanrivalitäten, indem sie bestimmte Clans bezahlten, damit sie für sicheres Geleit bei Handelswaren und für Kaufleute sorgten, und andere Clans bewusst provozierten“ (Little 2003, 26). Die indirekte Kontrolle unterminierte die Autorität der Ältesten jener Clans und SCs, die nicht mit den italienischen Behörden kooperierten, da sie nicht an den Quellen des Wohlstands der kolonialen Ökonomie partizipierten, und junge Nomaden, die in die Städte zogen, entzogen sich ihrer traditionellen Autorität. Die Autorität italophiler Ältester wurde hingegen gestärkt, da die Italiener ihnen im Einklang mit den Clantraditionen die Rechtsgewalt über alle Mitglieder ihrer SCs zustanden. Gegner der italienischen Kolonialherrschaft und der durch sie induzierten Veränderungen im Clansystem erhoben das heer zum Symbol für ihren Widerstand, „bis zum Ende der zwanziger Jahre kam es immer wieder zu militärischen Zusammenstößen zwischen somalischen Rebellen und italienischen Truppen“ (Prunier 1997). Für den Angriff auf Äthiopien wurde das italienische Heer durch 40.000 Somalis (zumeist Sesshafte) verstärkt, die mehr oder minder zum Militärdienst gezwungen wurden. Weil der Landbevölkerung Arbeitskräfte entzogen wurden, sank die Lebensmittelproduktion, wodurch die Lebensmittelpreise stiegen und sich einige Italiener billig Land aneignen konnten; um zu überleben, blieb für viele Somalis nur die Lohnarbeit auf den Bananenplantagen30, die vorher erzwungen werden musste. Die Briten gingen ein wenig anders vor. Sie stärkten die dpGs, indem sie, um Geld für die Kolonialverwaltung zu sparen, die kollektive Verantwortung der traditionellen Clanideologie in Strafen für SCs bei individuellem Fehlverhalten verwandelten. Während traditionell Konflikte auf einem shir geregelt wurden, ließen die Briten nicht mit sich verhandeln und setzten Strafen einfach fest. Clanälteste wurden so gezwungen, ihre Verwandtschaftsgruppe streng zu disziplinieren, wodurch SC- und dpGGrenzen enger und rigider gezogen wurden.- Am 3. Mai 1943 gründete sich in Mogadishu der somalische Jugendclub, der sich bald in eine politische Partei, die somalische Jugendliga (SJL), verwandelte, die die Unabhängigkeit Somalias anstrebte. Italien finanzierte nach 1945 proitalienische Gruppen und trieb damit einen Keil in die somalische Gesellschaft. Am 11. Januar 1948 demonstrierte die SJL für ihre Ziele, Italiener und italophile Somalis machten gegen die Demonstration mobil. Es kam zu Straßenkämpfen, 51 Italiener und einige Somalis starben. Trotz dieser Vorfälle und der Bedenken vieler Somalis verfügte die UN, dass eine italienische Übergangsregierung das Land auf die Unabhängigkeit vorbereiten sollte. Die Hoffnung der Somalis auf ein unabhängiges Großsomalia, das alle Gebiete umfasste, in denen Somalis lebten, erfüllte sich nicht: der Ogaden wurde im September 1948 offiziell an Äthiopien übergeben, Somaliland blieb britisch, Djibouti französisch. Italien bemühte sich um eine (bescheidene) ökonomische Entwicklung des Landes – was kaum gelang: bis zur Unabhängigkeit bestritt Italien 60% des somalischen Etats –, erlaubte Wahlen und ließ Selbstverwaltungsorgane zu, während sich die Briten kaum um ihr Protektorat kümmerten. In beiden Regionen existierten unterschiedliche Verwaltungs-, Regierungs-, Erziehungs- und Mitbestimmungssysteme, im Süden gab es das Wahlrecht für Frauen (im Norden nicht), und zwei Verkehrssprachen, Englisch und Italienisch, waren in Gebrauch.

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Die Briten handelten bis 1923 in Südsomalia und in Somaliland ähnlich. In Südsomalia trieben sie etwa einen Keil zwischen zwei Darod-Clans: der eine hatte mit den Briten nichts zu tun, während der andere praktisch britische Verwaltungsjobs monopolisierte und Soldaten stellte, die gegen andere Somalis kämpften. Was Clanälteste befürchtet hatten, trat ein: junge Männer entdeckten, dass sie sich durch Lohnarbeit von ihren Clanfesseln befreien konnten. Die Italiener unterstützten diesen Prozess nach Kräften, indem sie junge Frauen aus anderen Gegenden und Clans rekrutierten, um Ehepaare zu ¸produzieren„, die außerhalb ihrer Clans (auf den Plantagen) lebten, wodurch die traditionelle Heiratspolitik der SCs torpediert und die Autorität der Clanältesten geschmälert wurde.

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und Die italienische Übergangsregierung für Somaliainendete zum 30.6.1960,Beideüberraschend entließ die britische Regierung zum gleichen Zeitpunkt Britisch-Somaliland die Unabhängigkeit. Gebiete vereinigten sich am 1.7.1960 zum unabhängigen Somalia – ohne Djibouti, Nordkenia und den Ogaden31. Der neue Staat stand von Anfang an auf tönernen Füßen, das Land war arm und ökonomisch unterentwickelt. „Unser Unglück besteht darin, dass unsere Nachbarländer (…) nicht unsere Nachbarn sind. Unsere Nachbarn sind unsere somalischen Verwandten, deren Staatsbürgerschaft durch unbedachte ¸Grenzziehungen„ bestimmt wurde. Sie müssen künstliche Grenzen überqueren, um ihr Weideland zu erreichen. Sie leben auf dem gleichen Gebiet und betätigen sich in der gleichen Weidewirtschaft wie wir. Wir sprechen die gleiche Sprache. Wir teilen die gleichen Überzeugungen, die gleiche Kultur und die gleichen Traditionen“, so brachte der erste Premierminister Somalias die Paradoxien der Staatsgründung auf den Punkt (zit. n. Lewis 2002, 178). Der Norden, Ex-Britisch-Somaliland, fühlte sich vom Süden benachteiligt, da sich das Zentrum Somalias im Süden befand: Mogadishu, die Hauptstadt (mit der einzigen Universität und einem Nationaltheater), die fruchtbaren Gebiete und die wenigen Exportbetriebe. Die Dir und die Isaq, die mehrheitlich den Nordwesten bewohnten, hatten sich von einer Mehrheitsbevölkerung in eine Minderheit verwandelt und beklagten sich, sie wären in der Politik Somalias unterrepräsentiert. Obwohl sich die neue Regierung Mühe gab, die beiden CFs des Nordens an der Regierungsarbeit zu beteiligen, wurde die neue Verfassung Somalis, die im Süden erarbeitet wurde und sich eng an die italienische anlehnte, im Nordwesten 1961 bei geringer Wahlbeteiligung mehrheitlich abgelehnt. Eine somalische Schriftsprache zu etablieren, schlug ebenso fehl wie die Vereinheitlichung der Bürokratie und der Bildungssysteme. Als die Somalis „enthusiastisch für Dekolonisation und Unabhängigkeit eintraten, war die Intensität des Nationalismus als Fokus einer neuen Identität unübersehbar“ (Samatar 1994, 95). Der Pansomalismus übertünchte die Zerrissenheit im Land, obwohl er sich im Norden anders als im Süden ausprägte: die SJL setzte auf eine (laizistische) Modernisierung des Landes und einen vorsichtigen Ausgleich mit den Nachbarstaaten, während die Opposition im Süden und die CFs des Nordens auf einem kämpferischen Pansomalismus beharrten. In Nordkenia operierten ab 1964 somalische Guerillagruppen, die shiftas32, ¸Banditen„, die für die Unabhängigkeit von Kenia kämpften. Weil die Briten Kenia nicht vor den Kopf stoßen wollten und sich nicht an die Seite Somalias stellten, brach Somalia die diplomatischen Beziehungen zu Großbritannien ab, aber als die Regierung in Mogadishu beschuldigt wurde, shiftas auszubilden und mit Waffen zu beliefern, dementierte sie. Im Ogaden wuchsen sich Ende 1963 lokale Aufstände somalischer Exilanten, Grenzscharmützel und Schmuggel zu einem Grenzkrieg aus. Die Organisation afrikanischer Einheit33 (OAU) vermittelte einen Waffenstillstand; Kenia und Äthiopien (beide vom Westen unterstützt, was zu einer Annäherung Somalias an die UdSSR führte) schlossen einen gegen Somalia gerichteten Beistandspakt. Die pansomalische Politik hatte ins Leere geführt, und allmählich zerbrach der fragile Konsens in der somalischen Gesellschaft. Die Regierung verfolgte die gleiche Politik wie die Kolonialherren und hatte Unmengen an Geld für die Verwaltung und das Militär ausgegeben, statt die ökonomische Entwicklung zu fördern und die Armut zu bekämpfen; nach dem Scheitern des Pansomalismus war kein integratives Projekt in Sichtweite, so dass Somalias Politik durch innere Zwistigkeiten gelähmt wurde. 1967 kam ein neuer Präsident an die Macht, der eine Regierung berief, in der alle CFs vertreten waren und den fanatischen Nationalismus vorsichtig im Regierungstresor einschloss. Da der innenpolitische Kitt fehlte, schmolz die Unterstützung für die Regierung wie Schnee in der Sonne dahin.-

1.4 DAS KAMEL WIRD GEMOLKEN „Denn in der ersten Zeit des Aufstands muß getötet werden: einen Europäer erschlagen heißt zwei Fliegen auf einmal treffen, nämlich gleichzeitig einen Unterdrücker und einen Unterdrückten aus der Welt schaffen. Was übrigbleibt, ist ein toter Mensch und ein freier Mensch“ (Jean-Paul Sartre).

- EXKURS: NOMADISCHE CLANS – IM UMBRUCH
„Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Ungläubigen, den ich [aus dem Land] vertrieb, und jenem, der das Gebäude [das Parlament] besetzt hält“ (Qasim, ein somalischer Dichter).

Im parlamentarischen System erhielt die Zugehörigkeit zu einer CF, einem Clan oder einem SC eine neue Bedeutung: die meisten Parteien (außer der SJL) definierten sich weniger über ein politisches Programm, sondern über die Clanzugehörigkeit ihrer Mitglieder, und verfolgten partikulare Interessen, um den Einfluss ihres Clans zu vergrößern und Verwandtschaftsgrup-

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Djibouti wurde 1975 unabhängig; danach verbat es sich jede Einmischung Somalias in seine inneren Angelegenheiten. – Der fünfzackige Stern auf der somalischen Flagge symbolisiert die fünf Gebiete mit somalischer Bevölkerung: Nordkenia, den Ogaden, Djibouti, und die italienischen und englischen Ex-Kolonien. Im somalischen Parlament wurden Plätze für Vertreter jener Gebiete freigelassen, die noch nicht zu Somalia gehörten. Die shiftas entstanden im 19. Jahrhundert in den Bergen Nordostafrikas als lokale Miliz gegen eindringende Europäer, mutierten aber bald zu Räuberbanden. Sie spielten eine wichtige Rolle im antikolonialen Kampf, etwa 1905 in Ruanda gegen das deutsche Reich und später gegen die Besetzung Äthiopiens durch Italien, und kämpften während des zweiten Weltkriegs gegen Italiener und Briten. Weil Somalia seine Grenzen infrage stellte, isolierte es sich innerhalb der OAU, die bestehende Grenzen für unantastbar erklärt hatte, um zu verhindern, dass Afrika von einer Welle von Grenzkriegen erschüttert wird. Dass nahezu alle Grenzen in Afrika ein Erbe des europäischen Kolonialismus waren und am grünen Tisch gezogen wurden, nahm die OAU in Kauf.

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pen Zusatzeinkommen zu verschaffen. Zu den Kriterien für die Besetzung von Regierungspositionen und Verwaltungsjobs gehörte selten die Qualifikation eines Bewerbers, meist spielte dessen Herkunft eine wichtigere Rolle. Unter dem Mantel des Pansomalismus konnten Claninteressen einigermaßen in Schach gehalten werden. Als dieser jedoch im politischen Kleiderschrank verstaubte, verwandelte sich die parlamentarische Demokratie in einen Selbstbedienungsladen, und die „Aufteilung der Staatsressourcen wurde zum wichtigsten Ziel der politischen Akteure“ (Höhne 2002, 39) – „ein arges Durcheinander also, in dem politische Positionen sich nicht an Grundfragen ausrichteten, sondern durch Verwandtschaftslinien, Klanloyalitäten und regionale Interessen bestimmt wurden“ (Birnbaum 2002, 50) und Korruption und Nepotismus vorherrschten. Einige Nomaden zogen in die Städte oder wurden von ihren SCs dorthin geschickt. Wer über Verbindungen verfügte, ergatterte einen Posten in der Bürokratie oder beim Militär, um „so schnell wie möglich reich zu werden“ (Mansur 1995, 114). Seilschaften bildeten sich, an denen nicht alle Clans gleichermaßen beteiligt waren, wodurch alte Clankonflikte ausbrachen und neue geschürt wurden.- Die meisten Somalis blieben von den Auseinandersetzungen um Pfründe im Staat unberührt, während sich eine neue politische Klasse hemmungslos bereicherte; das parlamentarische System wurde auf ein Versorgungssystem reduziert, aus dem alle ausgeschlossen blieben, „die keine Kontakte zur Staatsklasse unterhielten“ (Bongartz 1991, 27). Der soziale (und politische) Graben, der sich zwischen den neuen Eliten und den Armen auftat, wurde von Clanloyalitäten überdeckt, aber zu sozialen Auseinandersetzungen oder zur Gründung sozialdemokratischer oder kommunistischer Parteien kam es nicht. Freuten sich nach der Unabhängigkeit noch viele Somalis, das junge Kamel Somalia zu melken, wie es in einem Gedicht hieß, so verbreitete sich nach ein paar Jahren somalischer Realpolitik eine tiefe Desillusionierung: „Als das geliebte Kamel Somalia/für alle Milch im Überfluss lieferte,/tranken nur wenige Menschen davon/nicht einmal, sondern oft,/und enteigneten die Hungrigen und die Tapferen,/die hart für das Kamel gekämpft hatten“ (zit. n. Mansur 1995, 113). Im März 1969 wurde ein neues Parlament gewählt, mehr als achtzig, zumeist clanbasierte Parteien traten an. Die SJL gewann die Wahlen; als der Sieger feststand, traten viele Parlamentarier umgehend der SJL bei, um sich bei der anstehenden Postenverteilung gut zu positionieren. Das gleiche war schon bei früheren Wahlen geschehen, aber nun verwischte sich der Unterschied zwischen der SJL und der Staatsbürokratie endgültig. Somalia befand sich auf dem Weg in eine Ein-ParteienAutokratie, doch nach einem erfolgreichen Attentat auf den Präsidenten am 21.10.1969 putschte die Armee und lenkte Somalia auf einen neuen Pfad in die Zukunft.
1.5 DER SIYADISMUS „Für die Seefahrt/braucht man den Steuermann/(...) um Revolution zu machen/braucht man die Ideen Mao Tse-Tungs“ (Lied aus der chinesischen Kulturrevolution).

einem gehörigen Maß an Enthusiasmus und Lobreden begrüßt“ 1995a, Der Putsch „wurde einstimmig und mitunterstützt. Niemand bemerkte, dass Soldaten nach der Macht (Ahmed die ihr 145) und von vielen Intellektuellen griffen, Handwerk von den Kolonialisten gelernt hatten (der neue Diktator Siyad Barre bewunderte Mussolini). Die Putschisten lösten die Regierung auf und bildeten einen obersten Revolutionsrat (SRC), das Parlament und das Recht auf freie Rede wurden abgeschafft, die Justiz wurde direkt dem SRC unterstellt, und das Regime setzte ein neues Gericht für Vergehen gegen die öffentliche Ordnung ein und baute Sicherheitsorgane mit weitgehenden Vollmachten auf. In einem Sondergesetz zur Sicherstellung der nationalen Ordnung wurden etwa der Besitz „umstürzlerischer“ Literatur mit bis zu 15 Jahren Gefängnis und religiöser Widerstand gegen das Regime „mit dem Tod bestraft“ (zit. n. Bongartz 1991, 65). Die Putschisten verkündeten, sie wollten sich um die ökonomische Entwicklung des Landes und die Verbesserung des Erziehungssystems kümmern und den Tribalismus34 und die Korruption bekämpfen, und tatsächlich bemühten sie sich anfangs darum, führende Positionen nicht nach Clanzugehörigkeit zu besetzen. Die Annäherung an die UdSSR wurde zum Programm erhoben, Barre bot ihr an, Berbera als Marinehafen zu ¸mieten„, und am ersten Jahrestag der ¸Revolution„ gab er bekannt, Somalia schlüge nun den Weg des wissenschaftlichen Sozialismus ein. Da es für den Begriff kein somalisches Pendant gab, wurde einer erfunden, der wörtlich übersetzt Verteilung von Lebendvieh bedeutete (was viele Nomaden aufhorchen ließ). Barre betonte, der neue Weg wäre nicht nur mit dem Islam vereinbar, sondern entspräche den ¸wahren„ Intentionen des Islam. 1972 führte das Regime eine somalische Schriftsprache ein35 und ordnete eine breite Alphabetisierungskampagne an. Da alte Lehrpläne und Schulbücher abgeschafft wurden, ohne dass Ersatz zur Verfügung stand, das Bildungsprogramm von
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Per Anordnung ließ Barre die traditionellen Begrüßungsformeln verbieten und durch die Anrede Jaalle (Genosse) ersetzen, die Todesstrafe wurde eingeführt, um die Blutrache und die Zahlung von Blutgeld zu bekämpfen (eine Maßnahme, die letztlich nur der Repression diente, den Tribalismus aber kaum einschränkte), und die Ehe wurde ¸verstaatlicht„, um sie von einer Clanangelegenheit in eine staatlich kontrollierte zu verwandeln. Bis dahin wurden die beiden somalischen Sprachen Maayi und Maxaatiri nur gesprochen. Es gab keine Schriftsprache, so dass Zeitungen, bürokratische Dokumente, Schulbücher, Bücher, Briefe auf Italienisch oder Englisch verfasst wurden. Barre entschied, dass Maxaatiri in lateinischen (westlichen) Buchstaben geschrieben werden sollte und stieß damit insbesondere gläubige Somalis vor den Kopf, die ein Somalisch in arabischer Schrift vorgezogen hätten.

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¸sozialistischen„ und regimetreuen Floskeln durchsetzt war und das Engagement im Bildungswesen nach anfänglichen Erfolgen schnell ins Stocken geriet – Studenten und Lehrer waren nicht sehr begeistert, als das Regime sie für ein halbes oder ganzes Jahr aufs Land zu den Nomaden schickte, um ihnen Lesen und Schreiben beizubringen –, sank das allgemeine Bildungsniveau trotz der Alphabetisierung. 1975 verkündete Barre die formale Gleichstellung von Männern und Frauen, aber es wurde wenig getan, das neue Gesetz durchzusetzen. Religiöse Führer protestierten lautstark, woraufhin das Regime mit harter Hand durchgriff und zehn Scheichs hinrichten ließ, und bei Teilen der ländlichen Bevölkerung stieß die verordnete Scheinemanzipation der Frauen auf Ablehnung, da sie als Angriff auf die Clantradition empfunden wurde; die Einmischung entfremdete sie von der Regierung und der urbanen Gesellschaft, in der Frauen aus den mittleren und führenden Schichten nun mehr Lebensmöglichkeiten offenstanden. Banken, Versicherungen, Fabriken und der Handel mit Leder wurden verstaatlicht, was aufgrund fehlenden Know-hows und einem Mangel an Ersatzteilen zu einem rasanten Rückgang der Produktivität führte, einige Agrargenossenschaften und landwirtschaftliche Staatsbetriebe wurden gegründet, und Barre legte ein Arbeitsprogramm für 23.000 junge Arbeitslose auf; die nomadische Pastoralökonomie und die Bananenplantagen wurden nicht angetastet. 1973-1975 litt Somalia unter einer großen Dürre; mehr als 100.000 Nomaden wurden umgesiedelt und zu Bauern oder Fischern umgeschult (als es wieder regnete, kehrten die meisten zur nomadischen Lebensweise zurück). Immer mehr Akademiker und Intellektuelle verließen das Land, ärmere Somalis emigrierten als ¸Gastarbeiter„ in die Golfstaaten und nach Saudi-Arabien. Das Geld, das sie an ihre Familien und Verwandten transferierten, überstieg bald alle anderen Einkommensquellen Somalias bis auf den Viehhandel. Auf dem Land und in kleinen Städten wurde es über private und informelle Kanäle verteilt, weil es keine Banken gab. Als der reformischere Elan nachließ und ein ökonomischer Aufschwung ausblieb (zwischen 1970 und 1978 sanken die Reallöhne um die Hälfte), kompensierte das Regime seine Misserfolge durch Nationalismus und einen gesteigerten Personenkult: Siyad Barre wurde zum Vater der Nation stilisiert, deren Mutter die glorreiche Revolution war, eine Einheitspartei, die revolutionäre sozialistische36 Partei Somalias (SRSP), wurde gegründet, und Barre verwandelte das Land in eine Militärdiktatur und einen Polizeistaat37. Außerdem zog Barre die pansomalische Trumpfkarte aus dem Hut. Schon in den sechziger Jahren „begann ein für afrikanische Verhältnisse in Quantität und Qualität gleichermaßen ungewöhnlicher Rüstungswettlauf“ (Matthies 1994, 91), der nach 1969 an Tempo gewann; Somalia wurde von der UdSSR, Äthiopien von den USA aufgerüstet (bis es in Äthiopien 1974/75 zu einem ¸sozialistischen„ Putsch kam). Während der Dürre waren über 200.000 Somalis aus dem Ogaden nach Somalia geflüchtet; in Flüchtlingslagern entstand die Befreiungsfront für Westsomalia (WSLF), die für den Anschluss des Ogaden an Somalia kämpfte. Ihre Mitglieder gehörten überwiegend den Darod an, ihre Führung rekrutierte sich zum Großteil aus Ogadeni, mit denen Barre verwandt war. 1977 zog Somalia gegen Äthiopien in den Krieg, nachdem die WSLF mit einigen tausend Kämpfern in den Ogaden einmarschiert war. Nach anfänglichen Erfolgen zeigte sich, dass der Diktator eine folgenreiche Fehlentscheidung getroffen hatte: die Führung der UdSSR kündigte das Bündnis mit Somalia auf, weil sie sich von einer Allianz mit dem inzwischen ‚sozialistischen„ Äthiopien politisch und geostrategisch mehr versprach38. Berater aus der DDR und 10.000 kubanische Soldaten verstärkten die äthiopische Armee, neuartige Waffen wurden ausprobiert, und es dauerte nicht lange, bis die somalische Armee besiegt war. Das Regime stand nach der Niederlage fast vor dem Nichts. Unmengen an Kapital waren verbrannt worden, und sein treuester Geldgeber hatte Barre im Stich gelassen. Um sich an der Macht zu halten, warf der Diktator das Steuer herum. Bereits am 18.10.1977 hatte er der GSG 9 erlaubt, auf dem Flughafen von Mogadishu die entführte Landshut zu stürmen, wofür ihn die deutsche Regierung in der Folgezeit unterstützte und mit Geld um sich warf. Ein paar Wochen später wurden alle sowjetischen Berater des Landes verwiesen, und Somalia lehnte sich an den Westen an. Am 9. April 1978 putschten Offiziere aus dem Darod-Clan der Majertein; so jedenfalls die vom Regime verbreitete Version. „Die Anführer und Unterstützer des Coups meinen hingegen, die Offiziere, die die Regierung stürzen wollten, stammten aus allen Clans, aber das Regime hätte die Gelegenheit für eigene Winkelzüge genutzt und nur einen Clan bestraft“ (Elmi 2010, 148, Anm. 6). Nach der Niederschlagung des Putsches, gründeten Flüchtlinge und Sympathisanten im Exil die demokratische Aktionsfront Somalias (SAFS), die sich 1981 mit zwei realsozialistisch ausgerichteten Oppositionsgruppen zur Demokratischen Front zur Errettung Somalias39 (SSDF) vereinigte, einer Majertein-Organisation, die wie die drei Jahre später
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Russische, chinesische, nordkoreanische und nasseritische Ideologieversatzstücke wurden miteinander kombiniert, mit dem Islam verknüpft und kräftig durchgerührt. Barre gründete eine Geheimpolizei, die Derwische – mit diesem Namen stellte er die Geheimpolizei in eine Tradition mit der Revolte des Sayyid, für den er auch ein Denkmal errichten ließ. Das Lippenbekenntnis zum ¸antiimperialistischen„ Kampf war auch als Warnung an einige CFs und Clans zu verstehen, die der Sayyid einst überfallen und bestohlen hatte. – Kaum war Barre gestürzt, wurde das Denkmal des Sayyid zerstört. Erst im Dezember 1976 war es zu einem Vertrag zwischen der UdSSR und Äthiopien über Waffenhilfe gekommen. Beim Ausbruch des Krieges versuchte die UdSSR, zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln, und schlug eine sozialistische Föderation aus Äthiopien, Somalia, dem Jemen und den autonomen Regionen Eritrea und Ogaden vor. Äthiopien wie Somalia lehnten den Vorschlag empört ab. Zu den Gründern der SSDF zählte Oberst Abdullahi Yusuf, der später noch von sich reden machen sollte. Bis zum Putsch war er im Norden Somalias stationiert und hatte kräftig an der Ausplünderung von Flüchtlingen und Isaq verdient. – Die SSDF pflegte eine mar-

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gegründete Nationale Bewegung Somalias (SNM), eine Isaq-Organisation40, von Äthiopien aus gegen Barre kämpfte. Auf die Gründung der SAFS reagierte das Regime mit gnadenloser Repression: in der Mudug-Region wurden mindestens 2.000 Menschen getötet, Frauen vergewaltigt, und barreloyale Truppen plünderten das Gebiet aus. Die Probleme des Regimes wurden durch Kriegsflüchtlinge aus Äthiopien verschärft; im Oktober 1980 wurde der nationale Notstand ausgerufen. Für Flüchtlinge, die in Lagern untergebracht waren, floss internationale Hilfe, ausgelegt auf jene Zahl an Flüchtlingen, die Barre angegeben hatte 41. Ein großer Teil der Hilfe kam jedoch nicht in den Lagern an, Nahrungsmittel wurden im großen Maßstab gestohlen, veruntreut und im Einverständnis mit lokalen Beamten auf dem freien Markt verkauft, und einen Teil der Hilfe verteilte Barre an seine Anhängerschaft. Um an westliches Geld zu gelangen, arrangierte sich Barre mit dem IWF und der Weltbank, woraufhin dem Land die üblichen Spar- und Umstrukturierungsprogramme aufgezwungen wurden. Aufgrund wohlwollender IWF-Berichte wurden Somalia Kredite vor allem aus Italien (mit mehr als einer Milliarde Dollar in den achtziger Jahren der größte Geldgeber), den USA, Großbritannien und Deutschland bewilligt. Das Regime verzögerte jedoch geforderte Privatisierungen, und kaum ein Somali investierte in die Produktion. Trotz sprudelnder westlicher Hilfe gehörte Somalia zu den ärmsten Ländern der Welt, und „die Inflation explodierte“ (Rawson 1994, 157). Der IWF und Barre führten einen sonderbaren Tanz auf: eine gewisse Zeit befolgte das Regime die Bedingungen des IWF, dann wurden sie missachtet, und der IWF zog sich aus Somalia zurück, bis sich die Lage in Somalia dramatisch verschlechterte und Barre erneut auf die Vorgaben des IWF einging 42. 1987/88 lag die Schuldenquote Somalias bei 60% der Exporterlöse (vorher lag sie bei 100%, jeder Cent landete sofort in den Taschen einer ausländischen Bank); „der Konsum übertrifft das Bruttosozialprodukt beträchtlich, Exporterlöse decken Importe nur zu etwa 25%, die Staatseinnahmen machen lediglich die Hälfte des ordentlichen Haushalts aus“ (Labahn 1990, 153), und die Pro-KopfVerschuldung gehörte 1990 zu den höchsten in ganz Afrika. Der größte Teil der ausländischen Entwicklungshilfe kam entweder dem Militär zugute, floss in (nutzlose) Vorzeige- und Großprojekte oder verwandelte sich wie durch Zauberhand in Zahlungen an Günstlinge des Regimes. Um die Versorgung der Städte mit billigen Lebensmitteln sicherzustellen, wurden Höchstpreise diktiert, eine Subventionierung der Städte auf Kosten der Kleinbauern. Viele Bauern reagierten darauf mit dem Rückzug in die Subsistenzökonomie, was eine Nahrungsmittelknappheit verursachte. Die Kredite des IWF waren zwar an die Bedingung geknüpft, Preisregulierungen aufzuheben, aber wenn die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse stiegen, hatten die Bauern auch nichts davon, weil sich ihre Produkte dann kaum jemand leisten konnte. Zudem unterminierte die Entwicklungshilfe (wie überall auf der Welt) die kleinbäuerliche Landwirtschaft, denn es wurden vorwiegend große Projekte finanziert – künstliche Bewässerung, der Anbau von cash crops (bis 1989 erhielten die drei größten Landwirtschaftsbetriebe im Jubatal 325 Millionen Dollar Entwicklungshilfe und obendrauf 50 Millionen Dollar von Barre) –, die Nahrungsmittelhilfe verdarb die Preise für Grundnahrungsmittel, und der Riss zwischen dem Norden und dem Süden wurde vertieft, da die allermeisten Entwicklungsprojekte im Süden angesiedelt waren. Die schwierige Lage der Kleinbauern nutzten Reiche aus den Städten und Günstlinge des Regimes aus und eigneten sich Land an43, zuerst fruchtbares Land in der Nähe von Märkten, dann Land im Shebelle- und später im Juba-Tal, wo ein (geplanter) Staudamm immense Wertsteigerungen für Grundbesitz versprach. Die neuen Landeigentümer blieben in den Städten; die Bewirtschaftung des Landes erfolgte durch Verwalter und Landarbeiter. Die Vertreibung und Enteignung von Kleinbauern erfolgte nur selten durch rohe Gewalt, sondern meist durch juristische Tricks. Da viele Bauern ihr Land nicht hatten registriexistische Rhetorik, propagierte ein ‚sozialistisches„ Wirtschaftsprogramm und wollte weltweit den Imperialismus bekämpfen (wozu auch ein verbalradikaler Antizionismus gehörte), also ungefähr das, was die SRSP auch vertrat. Anfang der achtziger Jahre kämpften Angehörige der SSDF auf äthiopischer Seite gegen die WSLF, die sich von der Niederlage gegen Äthiopien nicht beirren ließ. Es gibt Hinweise darauf, dass die SSDF (interne und externe) Kritiker erbarmungslos zum Schweigen brachte, es wird von Attentaten und Folterungen gemunkelt. Zunächst waren an der SNM auch Hawiye beteiligt. 1986 kam es zu Streitereien, als sich die Hawiye auf der Führungsebene der SNM unterrepräsentiert fühlten und die Isaq-Fraktion verstärkt auf eine Abspaltung Nordwestsomalias von Somalia drängte. Ende des Jahres kam es zum Bruch, und die allermeisten Hawiye verließen die SNM. Barre verbot eine offizielle Zählung der Flüchtlinge. 1979 gab es schätzungsweise 400.000 registrierte Flüchtlinge, ein Jahr später mehr als doppelt so viele, die in mehr als dreißig Lagern untergebracht waren; bei Verwandten kamen möglicherweise noch einmal 500.000 Flüchtlinge unter. Ende 1980 galt jeder vierte Somali als Flüchtling. 1980 sprang der IWF mit zwei Krediten ein. „Als Saudi-Arabien aus veterinärmedizinischen Gründen im Jahr 1983 ein Einfuhrverbot für somalisches Vieh verhängte“ (Höhne 2002, 47), stoppte das Regime alle Abkommen mit dem IWF; sofort verdoppelten sich die Staatsschulden, die Inflationsrate stieg auf 92%, und Ende 1984 waren die Schulden höher als das jährliche Bruttosozialprodukt. 1985 kam es zu einer neuen Einigung mit dem IWF; Preiskontrollen wurden beseitigt, die Wechselkurse freigegeben und viele Sektoren der Wirtschaft liberalisiert und privatisiert. 1986 litt Somalia unter einer großen Dürre, ein Jahr später brach der Diktator erneut mit dem IWF, und die Inflationsrate schnellte auf 100%. Ein Jahr später war der IWF wieder da. Dieser Prozess begann bereits nach der Unabhängigkeit Somalias, wenngleich eher als ¸Verstaatlichung„ denn als ¸Privatisierung„. „Von der Unabhängigkeit bis 1981 wurden 18% der kleinen Landbesitzer im Flusstal des Juba enteignet“ (Reno 2003, 9), in der Regel ohne Entschädigung. Dazu kamen Enteignungen, um Wasserspeicher und Dämme zu bauen, und viel Land fiel trocken, weil Wasser in Bewässerungsprojekte umgeleitet wurde. Barre beschleunigte den legalen Landraub: 1975 wurde ein Gesetz verabschiedet, nach dem alles Land in Zukunft registriert werden musste.

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ren lassen – dazu hätten sie in der Stadt die richtigen Stellen schmieren oder über Einfluss und Verwandte verfügen müssen – und über keine Landtitel verfügten, bewirtschafteten sie Land, das ihnen offiziell nicht gehörte. Reiche Städter kauften dieses Land vom Staat (dem es nicht gehörte) und nahmen es in Besitz, indem sie es auf ihren Namen registrieren ließen 44. Vertriebene Kleinbauern mussten sich als Landarbeiter zu Hungerlöhnen verdingen oder wurden auf schwer zu bewirtschaftendes Land abgedrängt. Der IWF schlug vor, dass sich der Staat regulierend in die nomadische Viehzucht einmischen und den Qathandel der Isaq im Norden unterbinden sollte. Barre tat, wie ihm geraten wurde, verbot den Anbau, den Import und den Konsum von Qat und unterstützte bestimmte Clans bei der Privatisierung und Einzäunung von Weide- und Wasserplätzen, indem der Ausbau privater Wasserstellen gefördert wurde45. Weil sich die Pastoralökonomie durch die Privatisierungen und die Einbindung in den Exporthandel mit der arabischen Welt zunehmend kommerzialisiert hatte, fielen viele nomadische Viehhirten die soziale Stufenleiter herab. Spätestens ab dem Ölboom waren die Viehexporte Somalias auf die arabische Halbinsel angestiegen. „Mit dem Wandel zur tauschorientierten Tierproduktion veränderten sich auch die Konsummuster der Nomaden, die nicht nur für den Markt produzierten, sondern von diesem zunehmend ihren Bedarf deckten. Sie wurden damit einer Preisökonomie unterworfen, die sich nur selten zu ihren Gunsten entwickelte“ (Bakonyi 2011, 97). Vieh- und Wasserhändler, die Exporte kontrollierten, wurden reich und kooperierten (zum Teil) mit dem somalischen Regime, im Gegenzug entstand eine breite Schicht armer Nomaden, die in Ansätzen zu einem „nomadischen Lohnhirtentum“ (Matthies 1994, 114) herabsanken oder in die Städte emigrierten. Andere wurden „im informellen Sektor aktiv oder schlossen sich Milizen an. Viele Angehörige leben in Flüchtlingslagern“ (de Waal 2007). In einige Weidegegenden war der Bewässerungsanbau vorgedrungen, dort gab es Konflikte zwischen Bauern und Nomaden, die auf ihre Weiden nicht verzichten wollten. 1981 führte das Regime eine fünfzigprozentige Steuer auf die Viehexporte des Nordens ein. Die Isaq widersetzten sich den Eingriffen des Regimes und wichen auf informelle Methoden aus, um ihr Vieh zu verkaufen: auf clanbasierte Geschäftsbeziehungen, da das für den Viehschmuggel (etwa über Djibouti) notwendige Vertrauen am besten zwischen miteinander verwandten Geschäftspartnern gedeiht. Gegen ihre Widerspenstigkeit – und weil die SNM eine Isaq-Organisation war – fuhr Barre die ganze Macht seines Repressionsapparats46 und des Militärs auf (ab 1982 ließen sich Militärs gern nach Norden versetzen, weil sie dort ungestraft die Bevölkerung ausplündern und sich privat bereichern durften). Zugleich schickte er Flüchtlinge aus dem Ogaden in den Norden, hetzte sie gegen die Isaq auf und schürte Konflikte, in denen es um die Kontrolle von Weidegebieten und der Transportwege für Vieh nach Berbera ging. Barre ermunterte die Flüchtlinge, sich auf Isaq-Gebiet anzusiedeln und paramilitärische Banden zu bilden, die gegen Isaq vorgehen und besetztes Land beschützen sollten – bei Burao wurden etwa 1983 durch Kämpfer der Ogadeni in einer Woche 500 Isaq getötet –, und sorgte dafür, dass sie hohe Regierungs- und Verwaltungsposition im Norden bekamen. In der letzten Phase des Regimes verließen viele Qualifizierte die Verwaltung und wechselten zu einem Job bei Hilfsorganisationen oder Entwicklungshilfeprojekten, wo sie weitaus mehr verdienten (Beamte erhielten 1989 nur noch etwa 3% des Reallohns von 1975). In Mogadishu lebten immer mehr Arme ohne Arbeit oder von Hungerlöhnen, und die Migration in die Städte nahm explosiv zu. „Bei den Migranten handelt es sich vorwiegend um junge Männer“ (Janzen 1990, 193). Tausende von obdachlosen Straßenkids trieben sich in der Nähe der großen Märkte herum und boten Marktbesuchern an, das Gekaufte nach Hause zu tragen.-

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Seit einigen Jahren hat sich dieser Prozess in einigen afrikanischen Ländern internationalisiert: multinationale Unternehmen (etwa aus China und den USA) kaufen Land auf, für das kein Landtitel existiert, und bauen dort cash crops an, wodurch die Nahrungsmittelproduktion für den einheimischen Markt sinkt und Kleinbauern verdrängt werden. Solche neokolonialen Ausbeutungsformen, die von den jeweiligen Landesregierungen toleriert und ermutigt werden (aufgrund von sanftem Druck aus Europa, China und den USA), sind mit ein Grund dafür, dass sich eine Dürre zur Hungerkatastrophe auswächst. Äthiopien gehört zu jenen Ländern, die scheinbar besitzloses Land an ausländische Investoren verkaufen. Die Förderung des Ausbaus von Wasserstellen klingt wie eine gute Maßnahme, hat aber einen gewichtigen Haken: die Herden von Nomaden, die immer über genug Wasser verfügten, wanderten nicht mehr und wuchsen überproportional schnell, was zu Überweidung, Verwüstung und Konflikten mit Bauern führte – und mit Nomaden, die ihre Tiere an privaten Wasserstellen nicht tränken durften. Nach der Gründung der SNM verschwanden viele Isaq in den Kerkern des Regimes, auf dem Land wurden Wasserquellen zerstört, Höfe verbrannt, Extrasteuern für Isaq eingeführt und Landminen (mehr als eine Million) ausgelegt. 1984 tötete das Regime 40 Isaq (Männer und Frauen), weil bei einem Attentat der SNM ein hoher Offizier ums Leben gekommen war. „Menschen wurden ohne Grund eingesperrt, und dann musste ihre Familie für die Entlassung bezahlen. Manchmal wurden Väter mitgenommen und getötet. Am nächsten Tag wurden die Älteren und die Mütter mitgenommen, und ihnen wurden die Körper ihrer Liebsten gezeigt – um uns zu erniedrigen (…). Frauen und Mädchen wurden vor ihren Familien vergewaltigt. Viele von uns hatten am meisten Angst davor, vor unseren Vätern vergewaltigt zu werden“ (zit. n. Musse 2004, 88). Ende Februar fand in Hargeisa eine Schülerdemo statt, die sich für die Freilassung von verhafteten Isaq einsetzte; die Demo wurde niedergeknüppelt und beschossen, und es gab zahllose Verletzte und einige Tote. – Während die öffentlichen Ausgaben für den Gesundheitssektor zwischen 1981 und 1985 von 4% auf 1,5% des Etats sanken, steckte Barre im gleichen Zeitraum bis zu 65% ins Militär und in die Repressionsorgane.

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- EXKURS: CLANS UNTER DER DIKTATUR
„Kaum öffne ich in der Morgendämmerung meinen Laden, sehe ich schon die Eingänge aller hier einlaufenden Gassen von Bewaffneten besetzt. Es sind aber nicht unsere Soldaten, sondern offenbar Nomaden aus dem Norden. Auf eine mir unbegreifliche Weise sind sie bis in die Hauptstadt gedrungen, die doch sehr weit von der Grenze entfernt ist“ (Franz Kafka: Ein altes Blatt).

War der SRC einst angetreten, den Tribalismus zu bekämpfen, instrumentalisierte Barre ab 1978 Clanverbindungen zur Absicherung seiner Macht, indem er Clans und CFs gegeneinander ausspielte, einige von der Macht ausschloss und einflusslosen SCs lukrative Posten verschaffte. Durch die Verteilung von Entwicklungshilfe, Staatsgeld und Posten band er bestimmte SCs an sich und schuf sich ein Schattennetzwerk, ein informelles Klientelsystem aus Personen, die ihrerseits clangebundene Gefolgschaften um sich scharten. „Junge Männer auf der Suche nach klandestinen Geschäftsmöglichkeiten“ – andere gab es kaum – „entdeckten schnell, dass die beste Gelegenheit zur Verbesserung ihrer Situation darin lag, sich einem regimetreuen Patron anzuschließen, der sie mit Waffen, Schutz und dem Zugang zu Geschäftsmöglichkeiten auf der Basis manipulierter Interclanspannungen versorgte“ (Reno 2003, 20). Der innere Zirkel der Macht stützte sich auf Darod-Clans, auf die sogenannte MOD-Fraktion: Barre gehörte zum Clan der Marehan, seine Mutter zu den Ogaden, sein Schwiegersohn zu den Dulbuhante. Mitte der achtziger Jahre hatte sich die Politik in Somalia in „kaum mehr als ein Clangeschäft“ (Samatar 1994, 117) für Günstlinge und Verwandte des Diktators und seine Clique geworden verwandelt 47. Die Staatselite und die Neureichen spielten virtuos auf der Klaviatur der Clanideologie48; stets sickerte ein Teil des erbeuteten Reichtums in alle Verästelungen der je eigenen SCs. Benachteiligte Clans, die von den Fleischtöpfen ferngehalten wurden, missinterpretierten die hemmungslose Bereicherung der Eliten als traditionelle Clanpolitik. Wie überall auf der Welt katalysierte die Stadt die Auflösung alter Vorstellungen und Bindungen. Für eine dpG war die Stadt kein geeignetes Terrain, und die der Clantradition inhärente kollektive Verantwortung war in kapitalistischen Produktionsverhältnissen fehl am Platz. Hätte sich eine Bourgeoisie nach westlichem Muster und ein formal von ihr getrennter Staat entwickelt, wären die Clantraditionen im urbanen Schmelztiegel bald zu nostalgischen Erinnerungen verblasst. Der geringe Grad der Urbanisierung und die Instrumentalisierung der Clans durch Kolonialherren und somalische Regierungen wirkten jedoch als Hemmschuh, so dass viele (neue) Städter die Bindung an ihre Verwandtschaftsgruppen auf dem Land beibehielten. „Vom Präsident abwärts, auf allen Ebenen der Regierung und der Verwaltung, haben alle, die ein modernes Leben unter städtischen Bedingungen leben, Brüder und Cousins, die als Nomaden im Landesinneren leben, und alle investieren regelmäßig in gemeinsame Viehherden“ (Lewis 2008, 56). Als die Diktatur weniger Ressourcen umverteilen konnte und die Repression zunahm, wurde die Clanideologie im doppelten Sinn gestärkt: Verwandtschaftsgruppen wirkten als ¸Lebensversicherung„ und übernahmen sozialfürsorgerische Aufgaben, und die Repression sorgte dafür, dass außer den Clans keine gesellschaftlichen Organisationen existierten, in denen sich Einzelne artikulieren und organisieren konnten, wodurch selbst dem Widerstand gegen das Regime eine Clanstruktur aufgezwungen wurde. „Wenn es kein legitimes Forum gibt, wo man seine Meinung ausdrücken kann, organisieren sich die Menschen, die in den schmalen Schubladen des Clansystems gefangen sind, entlang dessen, was sie am besten kennen“ (Ahmed 1995a, 150). Barres Clanpolitik zementierte zwar seine Herrschaft, aber indem er CFs gegen CFs, Clans gegen Clans und SCs gegen SCs ausspielte, destabilisierte er clanübergreifende Institutionen, vor allem das Militär, das sich ab 1989 in sich bekämpfende Clanmilizen aufspaltete. Barres Position als (Um)Verteiler von Geld an Günstlinge und Verwandte schwächte die Clanstruktur, wenn die Empfänger Privatgeschäften nachgingen. Fabrik-, Land- und Plantagenbesitzer, Bürokraten und Offiziere verdienten ihr Geld in der Regel außerhalb der Territorien ihrer SCs; wo sie tätig waren – persönlich und über Gefolgsleute, die mit ihnen verwandt waren oder gut bezahlt wurden –, blieben lokale SCs und Clans von den Geldflüssen ausgeschlossen. So zerstörte Barres Politik lokale Clangleichgewichte und erst recht die Beziehungen zwischen lokalen SCs und jenen, die sich auf ¸fremdem„ Territorium Geld verdienten und erplünderten. In diesen Gegenden, insbesondere im Süden49, verblasste die Autorität lokaler Ältester, da sie gegen Günstlinge des Regime nichts auszurichten vermochten und die SCs der ¸starken Männer„ nicht greifbar waren.
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„Die sogenannte nationale Partei verhält sich wie eine ethnische Partei. Sie ist im Grunde ein zur Partei erhobener Stamm. Während sie sich gern als national ausgibt, im Namen des gesamten Volkes zu sprechen behauptet, organisiert sich heimlich und manchmal offen eine regelrechte ethnische Diktatur. Wir haben es nicht mehr mit einer bürgerlichen Diktatur, sondern mit einer Stammesdiktatur zu tun. Die Minister, die Regierungschefs, die Botschafter, die Präfekten werden aus dem Volksstamm des Führers ausgewählt, manchmal sogar direkt aus seiner Familie. Die Familienregimes scheinen die alten Gesetze der Endogamie wiederaufzunehmen, und man empfindet nicht Wut, sondern Schande angesichts dieser Dummheit“ (Fanon 1981, 156). Wie Barre Clanrivalitäten instrumentalisierte, lässt sich anhand der SSDF exemplarisch beschreiben. Die SSDF bestand hauptsächlich aus Majertein, einem Clan aus Barres eigener CF. Um die Majertein zu isolieren, nutzte der Diktator seine Clanverbindungen und bewaffnete andere Darod-SCs. Die Schwäche der Majertein nutzten andere Clans und SCs dazu, ihre Machtbasis auf Kosten des ¸Verlierers„ auszubauen. Zugleich versuchte Barre, Mitglieder der SSDF, die nicht zu den Majertein gehörten, über Druck auf ihre SCs und durch Bestechung zum Verlassen der SSDF zu bewegen; er machte die SSDF zu einer Majertein-Organisation, obwohl ihre Basis anfänglich Clangrenzen überschritt. Eine Plantage oder ein Agrarprojekt mit künstlicher Bewässerung gehörte in der Regel einem Vertrauten Barres, der über geschäftliche oder politische Verbindungen verfügte, die für Barre nützlich waren. So konnte sich etwa ein Hawiye eine Plantage außerhalb seines Clanterritoriums sichern, auf der Reewin arbeiteten, die von Hawiye überwacht wurden. Die Erlöse flossen in die Taschen des Besit-

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Im rapide wachsenden städtischen Subproletariat aus Zugewanderten, Arbeitslosen und im informellen Sektor Beschäftigten verlor die Clanzugehörigkeit ihre Konturen. Wenn die Verwandtschaft keine Auswege aus dem Elend bot und die soziale und zwischenmenschliche Wärme der Clans durch die kalte Haut der Stadt abgekühlt wurde, organisierten und verhielten sich Arme und Straßenkids wie in jedem Armenviertel und Slum der Welt.- Die Reagan-Administration pumpte ab 1980 Militärhilfe ins Land, um den sowjetischen Einfluss in Ostafrika einzudämmen, vorwiegend defensive militärische Ausrüstung, weil sie keine somalische Guerilla im Ogaden finanzieren wollte. Somalia war nach dem Irak das ¸Entwicklungsland„ mit der höchsten Waffendichte und der höchsten Anzahl von Soldaten pro Kopf; die Stärke der Armee stieg von 22.000 Soldaten (1977) auf 50.000 (1981) und überschritt 1989 die Anzahl von 60.000. Ab Mitte 1985 entzog Barre aufgrund sanften Drucks der USA der WSLF allmählich seine Unterstützung, im April 1988 kam es zu Gesprächen zwischen Somalia und Äthiopien, womit sich das Barre-Regime vom Pansomalismus verabschiedete. Im Gegenzug stellte Äthiopien die Unterstützung für die SNM ein, woraufhin diese mit militärischen Angriffen auf Ziele in Nordwestsomalia begann und kurzzeitig Hargeisa und Burao besetzte. Barres Militär schlug erbarmungslos zurück, OgadeniPrivatmilizen kooperierten mit dem Regime, und andere Clans wurden bewaffnet. Ein Volksaufstand brach aus, „der mittels Kampfflugzeugen von südafrikanischen Söldnern niedergeschlagen wurde“ (Sheikh/Weber 2010, 88). Zehntausende starben, „Massaker selbst an Kindern, Festnahmen und Vergewaltigungen, Beschlagnahmungen und Plünderungen sollen in unvorstellbarem Ausmaß“ (Africa Watch, zit. n. Bongarts 1991, 52) vorgekommen sein, und offizielle Truppen wie Privatmilizen führten Selektionen durch, damit nur Isaq getötet wurden. Anhänger des Regimes plünderten gnadenlos die Städte aus, die sie unter Kontrolle brachten, selbst aus Krankenhäusern wurde abgeschleppt, was wertvoll erschien. Viele Isaq flüchteten vor Barres Schergen und bewaffneten Ex-Flüchtlingen aus dem Ogaden in den Ogaden 50. Nach der Bombardierung von Hargeisa mischten sich viele Isaq-Älteste, die bislang nicht aktiv am Kampf der SNM teilgenommen hatten, aktiv in den Bürgerkrieg ein, und im ganzen Norden bildeten sich spontan Clan- und SC-Milizen, die Waffenlager der Polizei und des Militärs ausraubten. Als das Regime die Unterstützung der WSLF einstellte, waren viele Somalis empört, und als Barre im April 1989 seinen Verteidigungsminister schasste, einen Ogadeni, kam es zu einer Meuterei: mindestens 3.000 Soldaten aus dem Clan der Ogaden desertierten und schlossen sich einer neuen Oppositionsgruppe an, der Patriotischen Bewegung Somalias51 (SPM), die sich mit der SNM verbündete. Etwa zur gleichen Zeit bildete sich eine Hawiye-Organisation aus lose verbundenen Clanmilizen, der Vereinte Somalische Kongress (USC). Zusammen rückten die SPM und der USC nach Süden vor – nach Mogadishu und in die fruchtbaren Flusstäler. Angefeuert wurde der Konflikt zwischen der SPM und dem Regime im Süden dadurch, dass viele Marehan (Verbündete Barres) in Gebiete der Ogadeni westlich des Juba emigrierten, wo durch UN-Projekte neue Wasserstellen gebaut worden waren. „Marehan-Viehhirten ¸privatisierten„ spontan Wasserstellen und angrenzende Weiden“ (Little 2003, 43), wodurch den Ogadeni die Viehzucht erschwert wurde. Als sie sich wehrten, appellierten die Marehan an Barre, der prompt die Armee schickte. Dieser Schuss ging jedoch nach hinten los; ab 1989 kontrollierte die SPM praktisch das gesamte ländliche Gebiet südlich von Mogadishu. Um den USC in Schach zu halten, ermutigte Barre die Darod, die in Mogadishu lebten, alle Hawiye zu töten, und ließ ihre Wohnquartiere bombardieren. Im ganzen Land desertierten Soldaten aus der Armee, nahmen ihre Waffen mit und kehrten zu ihren SCs zurück oder schlossen sich Clanmilizen an. 1990 soll die Stärke der Armee durch Desertationen auf 15.000 Soldaten gesunken sein. Als im Juli 1989 der katholische Erzbischof in Mogadishu ermordet wurde, brachten Sicherheitskräfte Barres mehrere Scheichs in einer Moschee um. Auf einer Spontandemostrantion erschossen Spezialeinheiten der Polizei 400 Menschen, und es kam zu Massenverhaftungen und Hinrichtungen. Im Mai 1990 unterzeichneten 114 prominente Somalis aus allen CFs ein Manifest mit Vorschlägen zur Beendigung des Bürgerkriegs, das Barre übergeben wurde. Obwohl es nicht einmal die Forderung nach einem Rücktritt des Diktators enthielt, reagierte dieser mit Verhaftungen. Als Barre im Juli bei einem Fußballspiel im Stadion von Mogadishu ausgepfiffen wurde, richtete die Geheimpolizei unter den Besuchern ein Massaker an; wie ein in die Enge getriebenes Raubtier schlug das Regime blind um sich. Am 29.12.1990 wurde in Mogadishu ein Geschäft überfallen; Nachbarschaftsgruppen verfolgten die Täter. Als bekannt wurde, dass diese sich in ein Gebäude der Präsidentengarde zurückgezogen hatten, brach spontan ein städtischer Aufstand aus, von dem die Diktatur, aber auch die oppositionellen Milizen überrascht wurden. Im Norden gelang es der SNM im Lauf des Jahres, die regierungsfreundlichen Truppen und Milizen zu vertreiben. Am 26. Januar 1991 floh Barre aus der Hauptstadt und zog sich aufs Territorium seines Clans zurück.
zers, der wiederum seine ¸Vorarbeiter„ und Wachleute auszahlte; in der Region selbst blieb außer den Hungerlöhnen für die Plantagenarbeiter nichts hängen. Dieser Krieg Barres gegen die somalische Bevölkerung wurde weltweit ignoriert. Seine Geldgeber – der IWF, die USA, Deutschland, Italien – und die UN hielten sich vornehm mit Kritik zurück, und die Weltöffentlichkeit verschloss die Augen. Hilfsorganisationen beklagten sich später, dass niemand über die Massaker an Isaq berichten wollte. Die treibende Kraft hinter der Gründung der SPM war General Omar Jess, der Flüchtlingsmilizen auf Isaq-Gebiet befehligte und sich bis 1988 kräftig an der Ausplünderung und Unterdrückung der Isaq beteiligt hatte. Als er Barre zu mächtig wurde und dieser ihn abberufen wollte, weigerte er sich, wechselte die Seite und baute mit erplündertem Geld eine eigene Miliz auf.

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1.6 POSTSIYADISTISCHE ZUSTÄNDE „ayax teg, elna reb“ [lass dich nicht davon täuschen, dass die Heuschrecken weiterziehen. Sie lassen ihre Larven zurück] (somalisches Sprichwort).

Barre Mogadishu verlassen, rief eine Fraktion des USC einen Kaum hatteAbigal (Hawiye), „ein politischer Cowboy“ (ein Exil-Somali, zit. neuen Präsidenten aus: Ali Mahdi aus dem Clan der n. Farah 2000, 12). Alle anderen Rebellen in52

terpretierten Mahdis Vorgehen als Griff der Hawiye zur Macht, und der Chef des militärischen Arms der USC, Mohammad Farah Aideed aus dem Hawiye-Clan der Habir Gedir, der die Hauptlast des Krieges gegen Barre im Süden getragen hatte, fühlte sich düpiert53. An einer Ende Februar einberufenen Nationalkonferenz nahm außer den Abigal kaum jemand teil, im Mai gründete die SNM die unabhängige Republik Somaliland (siehe Kap. 1.8). Barres Anhänger gründeten eine eigene Miliz, die Nationale Front Somalias (SNF), die Baidoa eroberte und die SPM vertrieb, die vorher vom USC daran gehindert worden war, nach Mogadishu zu marschieren. Barres Kräfte richteten in Baidoa ein Massaker an, während überall im Süden Darod als vermeintliche Barre-Anhänger gejagt und getötet wurden54. Währenddessen wurde in Mogadishu geplündert und gekämpft. Zuerst wurden, eher unorganisiert, öffentliche Gebäude gestürmt (Kasernen, Polizeigebäude, Parteibüros, Schulen) und geplündert, danach kamen die Häuser und der Besitz derer dran, die mit dem Regime in Verbindung gebracht wurden. Ziemlich schnell verwandelten sich die Plünderungen in clanbasierte Kämpfe, die Darod wurden zum Ziel von Angriffen, weil Barre aus dieser CF abstammte (obwohl viele Darod gegen Barre gekämpft hatten). Im Juli 1991 fand in Djibouti eine zweite Versöhnungskonferenz statt. Ali Mahdi wurde als Interimspräsident bestätigt und sollte eine interfraktionelle Übergangsregierung bilden. Das tat er zwar, überging aber Aideed, was dieser als Affront bewertete. Im September führte der Machtkampf zwischen Aideed und Ali Mahdi zur Spaltung des USC in zwei verfeindete Lager, die sich erbittert bekämpften55; nach dem Bruch „wurde die Gewalt rücksichtsloser, mit bislang unbekannten hässlichen Zügen“ (Farah 2000, 17). Wie ein Buschfeuer breiteten sich im Süden bewaffnete Kämpfe aus, binnen Monaten starben 10.000 Menschen, und Mogadishu zerfiel in zwei militärische Zonen, je kontrolliert von den Habir Gedir und den Abigal. Neue Milizen bildeten sich56, marginalisierte Clans und SCs griffen zu den Waffen; niemand blieb neutral. Im April 1992 rückten SNF-Milizen bis dreißig Kilometer vor Mogadishu vor wurden von Aideed zurückgeschlagen. Danach floh Barre aus Somalia nach Nigeria, wo er im Januar 1995 starb. Kurz nach Barres Sturz rückte der USC in die fruchtbaren Flusstäler ein, wo er von einst von ihrem Land Vertriebenen als Befreier begrüßt wurde. Aber die Hawiye dachten gar nicht daran, das Land an sie zurückzugeben, sondern der USC besetzte es (Aideeds Geldgeber Osman Ato organisierte die Plünderung von Bauernhöfen und finanzierte vom USC kontrollierte Plantagen), oder Aideed lobte es als ¸Belohnung„ für Gefolgsleute aus – er köderte Bewaffnete damit, ihnen später ein Stück Land zu schenken –, woraufhin sesshafte Clans zum bewaffneten Widerstand gegen den USC übergingen. Es kam es zu harten Auseinandersetzungen, in deren Verlauf Landarbeiter und Kleinbauern keine Chance gegen die Milizen hatten. Sesshafte Bantus und gosha gerieten ins Kreuzfeuer, „waren eine leichte ¸Beute„ im Rahmen der Plünderungsökonomie des Südens“ (Höhne 2002, 98), wurden gnadenlos ausgeraubt, zum Teil sogar versklavt, und „zu einem besonderen Ziel von Gewalt und Misshandlungen“ (Besteman 2007); immer wieder rollten die Front zwischen sich bekämpfenden Milizen über sie hinweg. Zehntausende Bantus flüchteten nach Kenia. Die Kämpfe beeinträchtigten die Nahrungsmittelversorgung, und als 1992 eine Dürre das Land heimsuchte, kam es zu einer Hungersnot57. NGOs wie das Rote Kreuz, das 1992 50% seines Budgets für Somalia ausgab, wurden auf die katastrophale
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Ali Mahdi war einst ein Günstling Barres. In den frühen achtziger Jahren wurde er eingesperrt (wegen angeblicher Unterstützung eines Staatsstreichs), aber 1984 rehabilitiert und stieg dann schnell zu einem mächtigen Barre-Anhänger auf; dennoch gehörte er zu den Unterzeichnern des Manifests vom Mai 1990. Er besaß viel Land und vermittelte Geschäfte, etwa Waffenlieferungen von Italien nach Somalia. Seine ¸Präsidentschaft„ beruhte nicht darauf, dass er ein geachteter Clanältester war, sondern auf der diplomatischen Unterstützung Italiens, auf seinem Reichtum, der es ihm erlaubte, Kämpfer zu kaufen, und darauf, dass er während des Bürgerkriegs ein USCBüro in Mogadishu anführte. 1988 kehrte Aideed von seinem Posten als Botschafter Somalias in Indien nach Somalia zurück, weil die Habir Gedir ihn zum Anführer ihrer Miliz gewählt hatten. Er genoss im Gegensatz zu Ali Mahdi die volle Unterstützung seines SC. Im April soll der USC in einer südsomalischen Stadt Frauen, Kinder und alte Männer, so Amnesty International, „im Stadtzentrum zusammengetrieben und nach Stammeszugehörigkeit sortiert„ (Sheikh/Weber 2010, 49) haben – wer zu den Darod gehörte, wurde (gefoltert und) getötet, wer nicht, blieb unbehelligt. Über beide Parteien kursierten Gerüchte und Vorurteile. Ali Mahdi wurde beschuldigt, mit Barre kooperiert zu haben und die Früchte eines Kampfes zu ernten, den andere gewonnen hatten, zudem warf man ihm und seiner Gruppe vor, sich persönlich zu bereichern. Umgekehrt wurden Aideeds Kämpfer als dümmliche Landeiner verlacht, als Nomaden, die sich in der Stadt nicht zurechtfanden. Auf der diskursiven Ebene verwandelte sich der Machtkampf zwischen Aideed und Ali Mahdi in eine Auseinandersetzung zwischen Nomaden und ‚modernen„ Stadtbewohnern. Eine Miliz wurde von Barres Schwiegersohn, General Morgan, angeführt, dem Schlächter von Hargeisa, der vor 1990 im Norden brutal gegen Isaq vorgegangen war. Die Marehan, die anfänglich seine Basis bildeten, wechselten bald die Seite und vertrieben Morgan aus Kismayo. Auch die SPM spaltete sich 1993. Immer wieder kam es zu Kämpfen zwischen den Milizen von Morgan, Jess, Aideed und anderen, die mal auf dieser, mal auf jener Seite und mal für sich selbst kämpften. Allein in Mogadishu sollen 1991 vierzig verschiedene Milizen operiert haben. Die heftigen Kämpfe in den Gebieten, wo sesshafte Bauern lebten, die Enteignung von Land, die unter Barre begann und von den Milizen fortgeführt wurde, die Plünderung von Bauernhöfen, die von Anfang an fehlgeleitete Entwicklungspolitik für Somalia, die in

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Situation aufmerksam, aber Hilfslieferungen gelangten häufig nicht zu den Betroffenen, da Milizen Schutzgelder erpressten und Hilfsgüter stahlen, „die auf dem freien Markt zu überhöhten Preisen angeboten wurden“ (Sheikh/Weber 2010, 50). Ende Januar 1992 reisten UN-Vertreter nach Mogadishu, um im Bürgerkrieg zu vermitteln. Der gutgemeinte Auftritt setzte eine verhängnisvolle Kette von Fehlern in Gang, da sich niemand vor Ort auskannte, die UN einen top-down-Ansatz58 vertrat, also zuerst für eine funktionierende Regierung sorgen wollte, statt alle beteiligten Gruppen ohne Vorbedingungen an einen Tisch zu bringen, und Ali Mahdi als Präsident anerkannt wurde, obwohl die große Mehrheit der Somalis nicht hinter ihm stand. Aideed lehnte jede Einmischung des Auslands ab, während Ali Mahdi die Stationierung von UN-Friedenstruppen erbat. Immerhin stimmten beide zu, im Februar Gespräche in New York zu führen, woraufhin sich andere Clans, SCs und Gruppen vor den Kopf gestoßen fühlten. Tatsächlich wurde ein Waffenstillstand ausgehandelt, der aber kaum das Papier war, auf dem er niedergeschrieben wurde. Als in Mogadishu neue Kämpfe aufflammten, forderte der UN-Generalsekretär die Entsendung von Friedenstruppen zur Überwachung des Waffenstillstands und der Verteilung von Hilfsgütern. Aideed und Ali Mahdi erklärten sich bereit, Blauhelme in Mogadishu zu dulden, andere somalische Organisationen waren strikt dagegen. Im August 1992 richtete die UN eine Luftbrücke für Hilfslieferungen ein und schickte im Rahmen der Mission UNISOM 500 pakistanische Soldaten nach Mogadishu. Kurz darauf wurde eine Erweiterung des Einsatzbefehls für die Blauhelme und eine Erhöhung des Kontingents auf 3.500 Soldaten beschlossen; Aideed erfuhr davon aus dem Radio. Milizen behinderten die Verteilung von Hilfsgütern, Flugzeuge wurden beim Entladen beschossen, und der Flughafen in Mogadishu wurde geschlossen. Zum Schutz vor Angriffen auf ihre Soldaten heuerte die UN einheimische Bewaffnete an, was der anvisierten Entwaffnung aller Milizionäre kaum dienlich war. Nur knapp ein Viertel der Hilfslieferungen erreichte die Adressaten, nur 3% der Gesamtkosten von UNISOM wurden für Lebensmittel ausgegeben. Im Herbst 1992 bot die USA an, 28.000 Soldaten unter der Flagge der UN nach Somalia zu schicken; der Vorschlag wurde Ende Dezember vom UNSicherheitsrat angenommen, obwohl die Hungersnot ihren Zenit überschritten hatte. Ali Mahdi und Aideed wurden vom USSonderbotschafter für Somalia überredet, ein Abkommen zu unterzeichnen, und marschierten Hand in Hand durch Mogadishu. Die Ankunft der US-Soldaten im Rahmen der Operation UNITAF wurde publikumswirksam im Fernsehen übertragen und von einer Friedenskonferenz in Addis Abeba begleitet. Während der Konferenz eroberte Morgan das von Aideed besetzte Kismayo. Dessen Miliz leistete keinen Widerstand, weil sie von UN-Soldaten entwaffnet worden war; da diese die Eroberung von Kismayo nicht verhinderten, fühlte sich Aideed59 hintergangen und rief zum Widerstand gegen die USA und die UN auf. Blauhelme töteten einige demonstrierende Somalis. Die Zufriedenheit der Somalis über die Verteilung von Hilfsgütern schlug in Unmut um, als militärische Vorrang vor Hilfslieferungen erhielten, keine Miliz entwaffnet wurde, sich dort, wo keine US-Truppen präsent waren, die Verteilung von Hilfsgütern schwieriger als vorher gestaltete, und die UN-Truppen nicht gerade wie Friedensengel60 auftraten. In einer neuen Resolution wurde UNISOM II verabschiedet, in der die Durchsetzung des Friedens in Somalia durch militärische Zwangsmittel abgesegnet wurde; Anfang Juni 1993 übergab die USA das Oberkommando an einen General der UN, bewahrte sich aber einen starken Einfluss auf UN-Operationen, behielt 8.000 Soldaten unter eigenem Kommando und wies Offiziere unter UNKommando an, Befehlen, die sie für sinnlos hielten, den Gehorsam zu verweigern. Am 5. Juni wurden 23 pakistanische Blauhelme getötet, als sie in Mogadishu Waffenvorräte konfiszieren wollten; eine Woche später bombardierten UN-Truppen Ziele in Mogadishu, darunter Aideeds vermeintliches Hauptquartier. Ein Krankenhaus, in dem sich Aideed versteckt haben sollte, wurde ohne Vorwarnung mit Raketen beschossen; ein Arzt meinte z ynisch, die Raketen wären die erste UN-Hilfe für das Krankenhaus gewesen. Mitte Juni erschossen Blauhelme zwanzig Somalis, darunter Frauen und Kinder, die unbewaffnet demonstrierten – gerechtfertigt wurden die Morde damit, dass Aideeds Milizen Unbeteiligte als Schutzschild benutzt hätten, um auf UN-Truppen zu feuern. Am 17. Juni wurde Aideeds Hauptquartier erneut
Großprojekte verpulvert wurde oder direkt in den Taschen von Barres Gefolgsleuten landete, und die Flucht fast aller Hilfsorganisationen und NGOs aus Somalia vor und nach Barres Sturz verwandelten die Dürre in eine Hungersnot. Erschwert wurde die UN-Politik in Somalia durch gravierende Differenzen zwischen dem Generalsekretär und seinem Sondergesandten für Somalia, der auf Gespräche zwischen allen Beteiligten setzte und dem üblichen top-down-Ansatz kritisch gegenüberstand. Außer dem Sondergesandten pochten nahezu alle internationalen Akteure darauf, „dass Frieden und Entwicklung letztlich durch die globale Übertragung der im Westen erprobten und funktionierenden Muster sozialpolitischer und ökonomischer Ordnung erreicht werden“ (Höhne 2002, 6) sollten: eine grobe Fehleinschätzung. “Aideed unterschied sich nicht sonderlich von anderen Kriegsherren, die um die Macht kämpften. Der wichtigste Unterschied bestand darin, dass er noch nicht für einen Deal mit den USA bereit war“ (Sexton 2002). Anfangs wurde Aideed von den USA umgarnt. Der US-Truppenchef mietete sein Haus von Osman Ato, der Aideed finanzierte, nutzte Aideeds Kanäle, um Geld zu wechseln, und aideedtreue Milizionäre wurden als Fahrer und Schutzleute angeheuert. Belgische Truppen begingen 268 dokumentierte Kriegsverbrechen. „Kinder wurden in Metallcontainer eingeschlossen – ein Junge starb an Überhitzung und Luftmangel, Menschen wurden hinter Panzern hergezogen, Kinder wurden in den Juba geworfen, und es gab andere Vorfälle, die zu ekelhaft sind, um sie zu erzählen. Auch die sexuelle Aggression der Fallschirmjäger verursachte in Kismayo Besorgnis“ (de Waal 1998, 135). Einige Vorfälle kamen später in Belgien vor Gericht, aber in der Regel gab es einen Freispruch oder niedrige Strafen, weil Opfer und Zeugen aus Somalia nicht vor belgischen Gericht aussagten. Ähnliches gilt für andere UN-Kontingente: italienische Soldaten plünderten Flüchtlingslager und vergewaltigten Frauen, malaysische griffen ein Krankenhaus an, und pakistanische und tunesische Soldaten erschossen ¸Banditen„.

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bombardiert, und Bodentruppen rückten vor, um es zu erobern 61. Später wurde ein Gebäude bombardiert, in dem NGOs einquartiert waren, und im Juli wurden ¸versehentlich„ Clanälteste getötet, die über ein Ende des Bürgerkriegs diskutierten. Es wurden sogar Steckbriefe von Aideed, auf den ein Kopfgeld ausgesetzt wurde, über Mogadishu abgeworfen. Im August wurden 400 army rangers, Elitesoldaten, im Schnitt 19 Jahre jung, nach Somalia abkommandiert, deren einziger Auftrag darin bestand, Aideed auszuschalten. Ihr erster Einsatz war ein peinlicher Fehlschlag: sie eroberten eine UN-Einrichtung. Am 9.September griffen Aideeds Milizionäre einen US-Panzer an; um die Soldaten zu retten, feuerte ein Hubschrauber blind in die Menge, wobei 60 Somalis getötet wurden. „Es gibt keine Außenstehenden oder Zuschauerplätze – die Menschen am Boden werden als Kombattanten betrachtet“, kommentierte ein UN-Sprecher den Vorfall (zit. n. de Waal 1998, 139). Am 3. Oktober plante die USA ein Kommandounternehmen gegen Aideed, aber zu ihrer Überraschung endete der Überraschungsangriff in einem Fiasko. Zwei Hubschrauber wurden abgeschossen 62, 18 US-Soldaten kamen ums Leben, die höchsten Tagesverluste der USA seit dem Vietnam-Krieg (Hunderte von Somalis kamen ebenfalls um, was gern vergessen wird). Als Bilder um die Welt gesendet wurden, wie Somalis Leichen von US-Soldaten durch die Straßen von Mogadishu schleiften, beugte sich die USA dem öffentlichen Druck und kündigte den Abzug aller Truppen aus Somalia zum 31. März 1994 an. Bis dahin gab es wieder einmal Friedensverhandlungen in Addis Abeba. Aideed, den die USA zuvor mit allen Mitteln liquidieren wollte, fuhr in einem gepanzerten US-Fahrzeug zum Flughafen von Mogadishu und flog in einem US-Flugzeug nach Äthiopien. Die Verhandlungen endeten wie üblich ergebnislos und wurden im März 1994 in Kenia wieder aufgenommen, ohne dass es zu einer Einigung kam. Am 1.3.1995 verließen alle Blauhelme das Land. Die UN hatte mit Osman Ato eine immense Schutzgeldzahlung ausgehandelt: seine Miliz beschützte die abziehenden Truppen und erhielt dafür dreißig Millionen Dollar und Waffen. Der UN-Einsatz ging beschämend und ergebnislos zu Ende.-

- EXKURS: POSTMODERNE CLANS
„Take my love, take my land/Take me where I cannot stand/I don‘t care, I‘m still free/ You can‘t take the sky from me/Take me out to the black/Tell ¸em I ain‘t comin‘ back/Burn the land and boil the sea/You can‘t take the sky from me/There‘s no place I can be/Since I found serenity/But you can‘t take the sky from me“ (Titelsong der Fernsehserie Serenity).

Traditionell standen ambitionierten Somalis nomadischer Herkunft zwei Wege zu Ruhm und Wohlstand offen: eine langsame, gewundene Serpentine zum Ältesten und ein schneller Umweg für Jüngere über PZs und Kriege. Die Kolonialökonomie, die Urbanisierung und die Unabhängigkeit Somalias hatten einen dritten Pfad eröffnet. Milizanführern wie Aideed oder Ali Mahdi gelang es, die ausgetretenen Pfade zu rekombinieren. Sie setzten den Dualismus zwischen beutehungrigen Nomaden und vermittelnden Ältesten außer Kraft und verwandelten sich in skrupellose ¸Politiker„ eines neuen Typs, dessen Vorformen in den Jahrzehnten vor 1991 die Geschicke Somalias gelenkt hatte. Barre hatte sie einst um sich geschart und ihnen „Ressourcen angeboten, die nicht durch die sozialen Gemeinschaften kontrolliert wurden, aus denen sie stammten“ (Reno 2003, 40). Diese Autonomie in bezug auf ihre Clanzugehörigkeit nutzten sie nach Barres Sturz weidlich zu ihren Zwecken aus. Da sie mit der Clanideologie nicht brachen, sondern sie instrumentalisierten und auf eine neue Art interpretierten, stärkten sie das Clansystem und nutzten seine Vorteile für ihre persönlichen Zwecke; im Gegenzug partizipierten ihre SCs an Macht und Beute. „Während traditionelle Anführer den Respekt und die Unterstützung von Clanmitgliedern genießen, kontrollieren die neuen Eliten die Milizen und verfügen über Geld und Waffen“ (Elmi 2010, 44), „die Kriegsherren sind keineswegs ¸traditionelle„ Clanführer, sondern vielmehr Aufsteiger, die im Krieg gegen die Diktatur (…) auf der politisch-militärischen Ebene in den Vordergrund gerückt sind“ (Prunier 1997). Ihre Position „fand in der Tradition und im Klansystem weder Vorläufer noch Entsprechung“ (Bakonyi 2011, 273). Einige vertraten politische Ziele, andere waren unpolitisch. „Manchmal tauchten neue Anführer innerhalb eines Clans auf, weil sie tiefe Brüche ausdrückten, die schon vor dem Bürgerkrieg entstanden waren; manchmal waren sie Unternehmer, die Rückendeckung von mächtigen Alliierten innerhalb ihres Subclans, von anderen Clans oder sogar von ausländischen Staaten erhielten“ (Marchal 2007, 1099). Der Bürgerkrieg produzierte ¸neue„ Clanterritorien, wodurch gegenseitige Abgrenzungen verstärkt wurden. „Die sporadischen Kontrollpunkte und die Behinderung des freien Verkehrs durch Milizanführer haben das Misstrauen zwischen Clans erhöht und wichtige Interclanbeziehungen zerstört“ (Little 2003, 13). Die ‚Modernisierung„ der Clanideologie hatte ihren Preis. Sie stärkte zwar die Vormacht der Clans, führte aber zugleich zu einem clanistischen Opportunismus und schwächte die Tradition und traditionelle Konfliktlösungsmechanismen. Die Chance

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Die UN sprach von einem ¸punktgenauen„ Angriff, wohl um anzudeuten, dass es kaum ¸Kollateralschäden„ gab. Überlebende berichteten, die UN-Truppen hätten ein Massaker angerichtet. „Videofilmaufnahmen bestätigen diese Berichte. Man sieht dort drei BlackhawkHubschrauber, die mit ihren Bordkanonen auf alles schossen, was sich bewegte. Blutüberströmte, verstümmelte Menschen krochen aus den Trümmern, überall lagen zerfetzte Leichen. Die Szenen waren so furchtbar, dass der ARD-Korrespondent sie nicht dem deutschen Publikum zumuten wollte“ (Sheikh/Weber 2010, 77). Der Einsatz wurde später in Hollywood verfilmt, der Abschuss der Hubschrauber gab dem oscarprämiierten Film den Titel: Black Hawk Down – ein Actionfilm, der sogar für den Geschmack eines beteiligten Schauspielers mit Propaganda durchtränkt war: „Die Somalis werden dargestellt, als wenn sie nicht wüssten, was läuft, als wenn sie versuchen würden, die Amerikaner zu töten, weil sie – wie alle ‚Bösen„ – alles tun würden, um die Hand zu beißen, die sie füttert. Aber die Somalis sind kein dummes Volk. Tatsächlich waren viele wütend, weil die US-Militärpräsenz Leute stützte, die mit dem korrupten Barre-Regime verbunden waren“ (Sexton 2002).

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auf Einfluss bei Friedensgesprächen63 und der Wunsch, ein zukünftiges Stück potentieller Regierungstorten zu ergattern, produzierten clanbasierte Milizen und sogar neue SCs: im Gebiet um Kismayo zählte man 1994 28 „unterschiedliche Clan- und Subclanidentitäten“, wo sieben Jahre zuvor „weniger als 10“ (Little 2003, 47) identifiziert wurden. Zur ersten Friedenskonferenz in Djibouti wurden sechs Clanrepräsentanten eingeladen, zur Konferenz 1997 in Kairo bereits 28, und danach kam man mit dem Zählen nicht mehr hinter her – so wurden Eintrittskarten für die Friedenskonferenz 2002 in Kenia auf dem Schwarzmarkt verkauft. Clans ohne Milizen wurden nicht zu Friedensgesprächen eingeladen, also stellten sie Milizen auf, damit sie als Verhandlungspartner anerkannt wurden. „Immer wenn ein Friedensprozess organisiert wurde, nahmen Clanauseinandersetzungen zu“ (Elmi 2010, 37). Die Ausübung von Gewalt war geradezu der Schlüssel zu internationalen Konferenzen über die Zukunft Somalias: eingeladen wurden bevorzugt die mächtigsten und berüchtigsten warlords, die unter anderen Umständen als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt worden wären. Da die Milizanführer auch Politiker waren und sich somit auf dem Terrain bewegten, das einst den Ältesten vorbehalten war, büßten viele Clanälteste ihre Autorität ein64, ohne dass die Loyalität eines Clans zu seiner Miliz darunter litt. „Obwohl die kämpfenden Einheiten somalischer Clans eigentlich auf die Anordnungen von Clanältesten hören sollten, stehen sie in der Regel nicht unter enger Kontrolle und Befehlsgewalt, sondern operieren eher als dezentrale, opportunistische Guerillakämpfer“ (Menkhaus 2007, 386). Nicht nur Milizanführer nahmen im Rückgriff auf alte Traditionen neue Rollen ein, auch die Milizionäre hatten mit den Plünderbanden von einst, die auszogen, um Kamele zu stehlen, wenig gemein. Die Basis der Milizen bestand aus Ex-Soldaten und bewaffneten jungen Männern, Kindern und Jugendlichen. Junge Nomaden verließen ihre wandernden Verbände und schlossen sich einer Miliz an (insbesondere Aideed brachte viele junge Nomaden aus Zentralsomalia mit nach Mogadishu), und Milizen heuerten Mooryan65 an (in anderen Gebieten Somalias hießen sie Jirri, Alalax oder Dayday), arme Jungen und junge Männer aus dem Subproletariat Mogadishus, die vor Barres Sturz als ¸Fußvolk„ für Günstlinge des Regimes arbeiteten, sich im informellen Sektor über Wasser hielten oder arbeitslos oder zugewandert waren – die „Schuhputzer der Stadt, Taschendiebe, von ihrem Land vertriebene Kinder und Jugendliche (…), kurz: Straßenkids“ (Ahmed 1995, IX). Milizionäre wurden nicht bezahlt, „ihr ¸Lohn„ bestand in der Kriegsbeute, die sie sich durch Plündern“ (Menkhaus 2008, 34) sicherten. Anfänglich wurden Regierungsgebäude und Botschaften geplündert, bald wurde alles mitgenommen und verkauft, was nicht niet- und nagelfest war. Einige autonome Jugendgangs (mit Namen wie Rasierklingen oder Klebstoffschnüffler) boten ihre Dienste jedem an, der sie bezahlte oder ihnen Beute versprach, fast immer im „Einverständnis mit der bewaffneten Splittergruppe, die das Gebiet nominell kontrollierte“ (Farah 2000, 22), in dem sie operierten66. Den Milizen, Gangs und Banden schlossen sich zusätzlich von ihrem Land vertriebene Bauern, entwurzelte Nomaden und Hungerflüchtlinge an, die aufgrund der Kämpfe in ihrer Heimat in die Stadt geflohen waren. Jede Miliz ließ Banden aus Schlägern aufmarschieren. Viele Nomaden wurden in Mogadishu bitter enttäuscht, als sie den krassen Gegensatz zwischen Stadt und Land erlebten. Oft waren Mooryan und junge Nomaden, die zum Kämpfen in die Hauptstadt kamen, kaum voneinander zu unterscheiden. Ihre Beteiligung am Bürgerkrieg enthüllte den Klassencharakter der städtischen Ökonomie – „Die Reichen und die Herrscher hatten ihre Zeit. Die Zeit für uns, die Armen, ist gekommen, und mit diesem Gewehr nehmen wir uns, was wir wollen“ (so ein Mooryan, den ein betroffener Somali zitiert, den wiederum Bakonyi 2011, 198 zitiert) –, allerdings nur kurzzeitig, denn der ¸Klassenkampf„ transformierte sich blitzschnell in blutige Clanauseinandersetzungen. Die Mooryan und die Milizionäre waren für eine Welle von Gewalt verantwortlich, die unzählige Opfer kostete; „wir wurden davon abgehalten“, so ein Mooryan (zit. n. Farah 2000, 24), „uns diszipliniert zu benehmen, und dazu ermutigt, ab und an verrückte Dinge zu tun“. Sie beteiligten sich an Gruppenvergewaltigungen, die sich wie ein Buschfeuer ausbreiteten und darin gipfelten, dass Frauen entführt und monatelang immer wieder vergewaltigt wurden67. Gangmitgliedern, die sich weigerten, an einer Vergewaltigung teilzunehmen, wurden von Anführern harte Strafen angedroht. Vergewaltigt wurden in der Regel Frauen aus verfeindeten Clans, CFs und SCs, aus minoritären Clans und aus Bevölkerungsgruppen ohne Clanbindung, „viele Frauen berichteten, dass die Vergewaltiger sie nach
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Zu internationalen Friedenskonferenzen wurden bevorzugt „erfolgreiche Gewaltspezialisten“ (Bakonyi 2011, 65f) eingeladen. Diese nutzten die ihnen gebotene Bühne, um ihre Machtbasis auszubauen, und da niemals alle am Bürgerkrieg Beteiligten eingeladen wurden, verschärfte die UN die Konkurrenz unter Clans und SCs um profitträchtige Machtpositionen in einer potentiellen neuen Regierung. In welchem Ausmaß warlords an Weisungen ihres Clans gebunden blieben, unterschied sich von Miliz zu Miliz. Während sich Aideed problemlos über die Ältesten seines SC hinwegsetzte, musste Ali Mahdi vorsichtiger agieren. Der Begriff bezieht sich auf Besitzlose, „auf eine Gruppen von Menschen, denen ihr Eigentum genommen wurde“ (Little 2003, 151) oder auf „hungrige Männer ohne Ehre und Würde“ (Farah 2000, 22), die alles dafür täten, um sich satt zu essen. Bis zum Sturz Barres hatten sie am Rand der Gesellschaft gelebt und begannen, „als die Zeit kam, einen Rachefeldzug gegen ihre Mitbürger auf der grüneren Seite des Zauns“ (Ahmed 1995, X). Ein Mooryan organisierte in einem Waisenhaus eine clanübergreifende Bande. Sie besorgten sich Autos, Qat und Waffen und ließen sich vom Finanzier Aideeds als Miliz für eine Straßensperre anheuern, wofür sie Qat, Reis, Weizen, Zucker, Öl und Zigaretten erhielten. Diese Episode ist bei Bakonyi (2011, 205f) nachzulesen. Berichte von vergewaltigten Frauen sind bei Musse (2004) nachzulesen. Die meisten Vergewaltigungen dürften niemals angezeigt worden sein, da vergewaltigte Frauen in clanbasierten Gesellschaften als stigmatisiert gelten, insbesondere wenn sie ihre Jungfräulichkeit verloren, weil sie dann nicht mehr heiraten konnten. Frauen, deren Geschlechtsorgane in früher Kindheit entfernt und bei denen die Wunde bis zur Heirat zugenäht wurde, wurden von ihren Peinigern sogar ¸aufgeschnitten„ und dann vergewaltigt. Auch in kenianischen Flüchtlingscamps wurde viele Frauen vergewaltigt, an denen zumeist somalische shiftas beteiligt waren.

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ihrer Clanzugehörigkeit fragten“ (Musse 2004, 73). Einst wurde nomadische Gewalt durch das heer und den Islam abgemildert. Ältere, Kranke, Frauen und Kinder galten als Nicht-Kombattanten und durften im Krieg nicht angegriffen werden. Kamen solche Übergriffe68 ausnahmsweise vor, gab es ausgefeilte Regeln zur Sühne des Unrechts. Davon ist im somalischen Bürgerkrieg nichts übrig geblieben; im Namen der Clantradition wurden Clanregeln mit einem Schulterzucken gebrochen. Das Ausmaß der Gewalt, insbesondere die Gruppenvergewaltigungen, war ein neues Phänomen, vor dem traditionelle Konfliktlösungsmechanismen versagten. Weil das Netz aus Interclanbeziehungen, das durch exogame Heiraten entstand, in clanbasierten Kämpfen zusammenbrach, gerieten viele Frauen zwischen die Fronten: Söhne und Ehemänner kämpften gegen Brüder und Väter, während die Männer niemals von ihrer Verwandtschaft getrennt wurden. Familien wurden auseinander gerissen, oft flüchteten Frauen mit ihren Kindern auf ¸ihr„ Clangebiet – ohne Ehemann, der dort nicht willkommen gewesen wäre – oder gingen ins Exil. Die unmögliche Wahl, vor die Frauen gestellt wurden, führte dazu, dass sich Frauen an lokalen Friedensinitiativen beteiligten, um verfeindete Verwandtschaftsgruppen auszusöhnen (des öfteren erfolgreich, jedenfalls erfolgreicher als UN-Initiativen), zudem heiraten inzwischen mehr Frauen endogam 69, und einige Frauengruppen haben sich etwas Neues ausgedacht, um am politischen Leben zu partizipieren, das traditionell Männern vorbehalten ist. Da Frauen auf einem shir nicht sprechen dürfen, versuchen Aktivistinnen, die besondere (zweideutige) Stellung der Frau in der Clantradition in einen Vorteil umzumünzen, indem sie vertreten, die Frauen wären eine eigene CF, deren Mitglieder auf shirs (also in der Politik) nicht vom Rederecht ausgeschlossen werden dürfen. „Dem Klan, und diese Erkenntnis ist trivial, haftet keine eigene soziale Praxis an“ (Bakonyi 2011, 191). In gewisser Hinsicht ist die Clanideologie im heutigen Somalia „nichts anderes als die ideologische Konstruktion einer herrschenden Gruppe, die von kolonialen Sozialingenieuren unterstützt und von aufeinander folgenden postkolonialen Regierungen verstärkt wurde“ (de Waal 2007). Die Clanidentität „ist trotz der Kontinuität der Begrifflichkeit nichts Traditionelles und kein Ballast, der aus der vorkolonialen Zeit übernommen wurde, sondern eher eine moderne (spätkoloniale und postkoloniale) Identität, die sich Somalis in ihrer Interaktion untereinander und mit kolonialen und postkolonialen Staaten im Kontext des Patriarchats und der kapitalistischen Weltökonomie geschmiedet haben“ (Kapteijns 1994, 212). „In allen somalischen Hauptclans lassen sich Subclans finden, die nicht blutsverwandt sind“ (Elmi 2010, 30), was die Clanideologie ad absurdum führt. Niemals tritt ein SC tatsächlich als Kollektiv auf, oft streiten sich die Mitglieder darum, wo ihre Loyalität liegt, und immer gibt es Clanmitglieder, die ihr eigenes Leben leben. Leider hilft die Feststellung, Clans wären konstruierte soziale Einheiten, nicht viel weiter, da ihre Dekonstruktion zwar auf dem Papier funktionieren mag, nicht aber in der Realität. Wo in Somalia relativ friedliche Verhältnisse herrschen, wurde die Clanidentität meist gestärkt, da neben zivilen Organisationen und Politikern Clanälteste die Einhaltung des sozialen Friedens überwachen. „Tatsächlich scheint es eine ¸Retraditionalisierung„ von verwandtschaftlichen und Clanstrukturen und eine Neuerfindung sozialer Strukturen insgesamt gegeben zu haben“ (Little 2003, 163). Selbst im Exil reproduziert sich die Clanideologie; viele Flüchtlinge vergessen nicht, dass sie Somalia aufgrund clanbasierter Gewalt verlassen mussten. Der Schriftsteller Nuruddin Farah (2000, 5) war schockiert „über die hitzigen Ausbrüche starker Gefühle, die leidenschaftlich in Clanbegriffen ausgedrückt wurden“, als er Exilanten in der somalischen Diaspora interviewte und das „Gift ihrer Erinnerungen“ niederschrieb. „Die wieder auflebende ¸traditionelle„ Identität ist eine Antwort auf lokale politische Ökonomien, die durch neue globale Bedingungen und Verschiebungen hin zu gewalttätigeren Formen der Akkumulation in die Marginalität abgedrängt wurden“ (Reno 2003, 45). Postmoderne Clanidentitäten – und ¸neue„ ethnische und religiöse Identitäten und Nationalismen – gehören zur Schattenseite der globalen Weltökonomie, die nur wenige Gewinner, aber viele Verlierer kennt.- Nach dem Abzug der UN-Truppen setzte eine gigantische Plünderungswelle ein, der Flughafen und der Hafen von Mogadishu wurden geschlossen. Ein paar Monate später war das ehemalige UN-Hauptquartier buchstäblich abgerissen. Durch die Erlöse aus dem Verkauf des Plünderguts und geraubtem Material stieg eine neue Generation von warlords, Anführern und ¸Geschäftsleuten„ auf, die eigene Milizen aufstellten. Aideed und Ali Mahdi verloren an Bedeutung, neue Hawiye-Milizen bildeten sich, und nach Aideeds Tod (er starb im August 1996 bei einem Feuergefecht) löste sich der USC praktisch entlang von SC-Grenzen in Clanmilizen auf. Durch diese Zersplitterung ließ die Gewalt nach, da die steigende Anzahl von Milizanführern eher mit der Konsolidierung ihrer Stellung als mit Kämpfen gegen andere Milizen beschäftigt waren. Aideeds Sohn, der in den USA zu einem Elitesoldaten ausgebildet worden und mit den US-Truppen ins Land gekommen war, trat sein Erbe an. „Anfang 1998 existierten mindestens 60 (Bürgerkriegs-)Fraktionen“ (Michler 1998, 87), die bei potentiellen Friedensgesprächen

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Eine weitere Form extremer Gewalt gegen Frauen erlebte nach 1991 eine Renaissance. Früher entführten und vergewaltigten Männer in Ausnahmefällen eine junge Frau, um sie zur Heirat zu zwingen. Nach Beginn des Bürgerkriegs kam diese Praxis, die bis dahin nahezu ausgestorben war, wieder in Gebrauch, weil viele Frauen nicht mehr unter dem Schutz traditioneller Netzwerke standen. Bei endogamen Heiraten bleiben die Frauen innerhalb des SC ihres Vaters, so dass Frauen in Clankonflikten nicht zwischen die Fronten geraten. Dafür fällt der Schutz vor häuslicher Gewalt weg, der bei exogamen Heiraten vom SC des Vaters der Ehefrau ‚garantiert„ wurde.

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und bei der Verteilung zukünftiger Regierungsposten (und Einnahmen) gebührend berücksichtigt werden wollten; Mogadishu war in fünf Zonen aufgeteilt. Im September 1995 besetzten Aideeds Milizen Baidoa und setzten eine regionale Reewin-Regierung ab, die sich im März gebildet hatte. Daraufhin wurde die Widerstandsarmee der Reewin (RRA) gegründet. 1997 litten die Flusstäler unter verheerenden Überflutungen, im Jahr darauf legte sich eine drückende Dürre übers Land. 1999 eroberte die RRA große Gebiete nordwestlich von Mogadishu und setzte eine eigene Verwaltung ein, wodurch sich die Lage in diesem Gebiet erheblich verbesserte. Es bildete sich ein Ältestenrat, unterstützt von islamischen Gerichten, und es gelang den Clans in der Region, die Milizen unter ihre Fittiche zu nehmen. Im Frühling 2002 wurde ein autonomes Südwestsomalia ausgerufen, was innerhalb der RRA zu Konflikten führte – und allmählich zu ihrem Zerfall in Clanmilizen. Bewaffnete Kämpfe flammten auf, aber die lokalen Selbstverwaltungen wurden kaum in Mitleidenschaft gezogen, als übergeordnete Strukturen implodierten. Eine andere Gruppe hat sich wenige Jahre zuvor im mittleren Juba-Tal etabliert, die Juba-Tal Allianz (JVA); ihr gelang es, Kismayo zu kontrollieren.
1.7 DAS NEUE JAHRTAUSEND „Drei Flugabwehrraketen aus dem Lager der Achäer im Süden brüllten auf der Suche nach dem sich zurückziehenden Streitwagen der Götter. Helena erhaschte einen flüchtigen Blick auf diesen Streitwagen – ein kurzes Aufblitzen, so hell wie der Morgenstern, und in seinem Gefolge die Abgase der griechischen Raketen“ (Dan Simmons: Olympos).

2000 begann in Djibouti die mittlerweile Somalia, im Im Maieine nationale Übergangsregierung (TNG).dreizehnte Friedenskonferenz fürsich ¸Politiker„,August wählten 245 Vertreter Neue entstanden Milizen, weil warlords und Geschäftsleute eine gute Ausgangsposition verschaffen wollten, um an der (geplanten) Umverteilung internationaler Hilfe durch die TNG beteiligt zu werden. Der Versuch, Frieden für Somalia zu verordnen, verpuffte wirkungslos: die TNG war unpopulär, kontrollierte nicht mehr als ein paar Straßenzüge in Mogadishu, und wurde von Hawiye-Clans dominiert (der Übergangspräsident stammte aus dem gleichen SC der Habir Gedir wie Aideed), kooperierte mit Islamisten70 und erhielt Geld von arabischen Staaten und islamischen Organisationen. Die Opposition gegen die TNG organisierte sich ebenfalls entlang von Clanlinien: im Rat zur Versöhnung und Rehabilitation Somalias (SRRC) waren praktisch nur Darod-Clans vertreten. Nach dem 11. September 2001 erklärte die USA Somalia zum potentiellen Rückzugsort für al qaida, setzte einige Somalis auf die Terrorliste, und die Rückendeckung der TNG durch den Westen bröckelte. Zwar gab es in Mogadishu Demonstrationen, auf denen Osama bin Laden bejubelt wurde, Anhaltspunkte für eine Verstrickung Somalias in Operationen von al qaida jedoch nicht. Im April 2002 rief die RRA einen südwestlichen Regionalstaat in Somalia aus. Doch im Juli brachen interne Kämpfe über das Recht aus, welcher ¸Politiker„ Straßenzölle für Lkws abkassieren durfte, die durch Baidoa fuhren. Seitdem ist immer mal wieder von Versuchen die Rede, im Gebiet nördlich von Mogadishu eine autonome Region zu etablieren. Im August 2002 begann in Kenia die nächste Friedenskonferenz, da die TNG faktisch nicht mehr existierte und ihr Mandat 2003 ausgelaufen wäre. Zwei Jahre wurde über eine neue Regierung debattiert – zwischendurch flogen auch mal die Fäuste –, bevor Yusuf (der Ex-Anführer der SSDF), der von Äthiopien 71 und Darod-Clans (also der SRRC) favorisierte Kandidat, zum neuen Präsidenten einer föderalen Übergangsregierung (TFG) gewählt wurde. Yusuf, der den Auftrag bekam, zur Versöhnung in Somalia beizutragen, überging bei der Regierungsbildung die Hawiye und ihre Alliierten; von vornherein war daher klar, dass jene Fraktionen, die die TNG gestützt hatten, sich gegen die TFG stellen würden. 2005 schlug die TFG in Baidoa ihr Hauptquartier auf, weil sie sich nicht ins von den Hawiye dominierte Mogadishu traute, ihr gelang nicht einmal die Entwaffnung ‚ihrer„ Clanmilizen. Wie die TNG wurde die TFG praktisch von niemandem anerkannt, nur die UN und die EU taten so, als wäre sie eine echte Regierung.
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Unter Islamismus wird im folgenden eine moderne islamische Strömung verstanden, die als Reaktion auf den europäischen Kolonialismus und die Vorherrschaft des Westens in der heutigen Welt eine Rückkehr zu den ¸glorreichen„ Wurzeln des Islam anstrebt. Islamisten predigen, dass die Verweltlichung des Islam zum Verlust seiner Vormacht geführt habe und nur eine neue Frömmigkeit die Würde des Islam und aller Muslime wiederherstellen würde. Zur Begründung der Reislamisierung des Islam legen sie den Koran und die islamische Überlieferung extrem einseitig aus und leugnen die vielfältigen Traditionen des Islam. Jeder Muslim soll alle religiösen Gesetze streng einhalten, auf deren Interpretation die Islamisten ein Monopol beanspruchen. „Die gesellschaftlichen Übel könnten nur durch eine Rückkehr zum Urislam geheilt werden, der theoretisch während der Lebenszeit des Propheten in Kraft war (oder kurz danach), ein Islam, der streng interpretiert, von allen späteren Anlagerungen befreit und vom verderblichen Einfluss moralischer Nachlässigkeit und anderen Verderbnissen gereinigt werden sollte“, so umschreibt Davies (1997, 38) die Lehren des Urahns des Islamismus, Muhammad bin Abd al-Wahhab (1703-1792), der in Saudi-Arabien heilige Bäume fällte und Heiligenschreine zerstörte. Jeder Muslim, der sich nicht an die wahhabitische (oder salafistische) Lehre hielt (oder hält), gilt als Ketzer. Es gibt viele islamistische Fraktionen und Richtungen, die sich bei Schiiten und Sunniten je unterschiedlich ausprägen; allen gemeinsam ist jedoch, dass sie moderne Phänomene sind und in der langen Geschichte des Islam nur eine (marginale) Tradition unter vielen darstellen. – Islamisten, die ihr Ansinnen mit der Ausübung von Gewalt verknüpfen, einen Neokreuzzug gegen den Westen propagieren und von einem grenzüberschreitenden islamischen Kalifat träumen, werden im folgenden als Jihadisten bezeichnet. Äthiopien unterstützt stets jene Fraktionen, die gegenüber dem Islamismus kritisch eingestellt sind und auf pansomalische Propaganda verzichten. Da die TNG mit Islamisten geflirtet hatte, schlug sich die äthiopische Regierung auf die Seite der Opposition gegen die TNG, die mit Waffenlieferungen unterstützt wurde. Es gibt einigermaßen gesicherte Gerüchte, dass Yusuf mit Hilfe von äthiopischen Bestechungsgeldern ins Amt gehievt wurde.

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Während der Gespräche zur Bildung der TFG hatten sich die Kämpfe in Mogadishu intensiviert; alle Fraktionen versuchten, ihre Ausgangsposition für weitere Verhandlungen zu verbessern. Neue bewaffnete Banden entstanden, und Entführungen waren an der Tagesordnung. Aus Selbstschutz bildeten sich Nachbarschaftsmilizen, und islamische Gerichtshöfe weiteten ihre Tätigkeit aus. In einer paradoxen Wendung versuchte die Opposition, die TFG nach Mogadishu zu locken, wo sie unter der Kontrolle feindlicher Milizen gestanden hätte; verfeindete Gruppen, Clanmilizen, warlords, Geschäftsleute und zivile Gruppen kooperierten, damit ein Mindestmaß an Ordnung in Mogadishu einkehrte und die TFG einen Umzug nach Mogadishu nicht hinauszögern konnte. Straßensperren und -blockaden sollten abgebaut, die Milizen vor die Stadttore verlegt und Stadträte eingesetzt werden. Als dieses Programm in der Bevölkerung auf breite Zustimmung stieß und von einer sozialen Bewegung getragen wurde, ließen die Milizen ihre Muskeln spielen und schüchterten die Bewegung ein. Im Herbst 2005 beherrschten wieder Straßensperren und qatkauende72 gunmen das Stadtbild. Einigen warlords bot die USA im Rahmen des ¸Kampfs gegen den Terror„ Geld an, wenn sie Islamisten und ¸Terroristen„ bekämpften, woraufhin diese eine neue Organisation gründeten, die Allianz zur Erneuerung des Friedens und für Gegenterrorismus (ARPCT).-

- EXKURS: ISLAMISTEN UND JIHADISTEN
„Alle organisierten Religionen sehen sich dem gleichen Problem gegenüber, einer Schwachstelle, durch die wir sie unterwandern und unseren Zielen gegenüber gefügig machen können: wie unterscheiden sie einen Frevel von einer Offenbarung?“ (Frank Herbert: Der Wüstenplanet).

Ende der achtziger Jahre waren in Mogadishu islamistische Studienzirkel und Zellen einer muslimischen Bruderschaft aktiv. Nach dem Sturz Barres gründete sich aus ihnen die Gruppe al-ittihad al-islam (AIAI), die angesichts der allgegenwärtigen Gewalt selbst zu den Waffen griff. AIAI versuchte, Kismayo zu besetzen, wurde von dort jedoch vom USC vertrieben73, ging nach Boosaaso, wo sie eine funktionierende Verwaltung einrichtete, bevor sie von der SSDF aus der Stadt gejagt wurde, und baute dann Luuq, eine Stadt am oberen Juba, zu ihrer Basis aus. In Luuq wurden islamische Gerichtshöfe 74 eingerichtet, Frauen zum Tragen des Schleiers verpflichtet, an den Schulen islamistische Inhalte gelehrt, Qat wurde verboten, und AIAI baute eine Miliz aus angeheuerten jungen Bewaffneten auf, „deren Hingabe an die Ziele des fundamentalistischen Islam vernachlässigbar war“ (Menkhaus 2002, 113). Anfangs bestand die Führung von AIAI in Luuq aus Marehan (dem regionalen Darod-Clan), aber die Gruppe wurde durch Islamisten aus anderen Clans (und einige ausländische Jihadisten) verstärkt, was eine regionale Marehan75-Miliz dazu veranlasste, AIAI als ausländische Organisation zu denunzieren. Daraufhin bezeichneten sich die Islamisten als Marehan-Organisation, obwohl sie zugleich behaupteten, sie wären clanübergreifend dem Islam verpflichtet: für Nicht-Marehan in der Region galt AIAI als Clanmiliz, für einige Marehan als unerwünschter Eindringling. Die islamistische Miliz sorgte zwar für Ruhe und Ordnung, was die lokale Bevölkerung begrüßte – die Region erschien im bürgerkriegszerrissenen Süden wie eine Oase des Friedens, was selbst internationale Hilfsorganisationen anerkannten –, aber mit der Zeit bröckelte die Unterstützung für die Islamisten. Die Milizionäre bedienten sich bei der lokalen Bevölkerung, und die islamistische Gängelung des Alltags stieß auf immer weniger Gegenliebe. 1996 wurde AIAI durch die äthiopische Armee aus Luuq vertrieben. Weil viele Islamisten es ablehnten, gegen Muslime zu kämpfen, widmeten sie sich nach 1996 dem Aufbau islamischer Schulen und Gesundheits- und Hilfszentren für die Bevölkerung, wobei sie durch finanzielle Zuwendungen aus den Golfstaa72

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Qat muss frisch gekaut werden, löst einen milden Rausch aus, macht die Erschwernisse des Alltags erträglich – und süchtig. Das Kauen von Qat ist in Somalia für Männer zu einer Art Volkssport geworden: alle tun es, vom Piraten bis zum Milizionär. In Puntland konsumiert jeder Mann ab 15 durchschnittlich 9kg Qat pro Jahr im Wert von 180 US-$. Inzwischen scheint Qat auch in Deutschland angekommen zu sein. Im Juni 2011 ging eine Meldung durch die Presse, dass die Polizei in Norddeutschland in einem Transporter Qat beschlagnahmt hätte. Aideed schickte einen Boten zu AIAI, Hassan Dahir Aweys, der eine friedliche Lösung aushandeln sollte. Aweys wechselte die Seite und flüchtete mit AIAI aus der Stadt. Er wurde zu einem der einflussreichsten Islamisten, im Juni 2009 soll er bei einem Gefecht ums Leben gekommen sein. Oft ist (nicht nur in bezug auf) Somalia von sharī’a-Gerichten die Rede, insbesondere wenn Richter an islamischen Gerichtshöfen ihre Rolle islamistisch auffassten und archaische, drakonische Strafen verhängen. Das ist jedoch ein Missverständnis, denn die sharī’a ist „die Summe der göttlichen Beurteilungen der menschlichen Handlungen“ (Bauer 2011, 158), die kein Mensch kennt und kennen kann. Das islamische Rechtsgelehrte versuchen, diese Beurteilungen herauszufinden und zu interpretieren, was aufgrund menschlicher Erkenntnisschwächen und dunkler Überlieferungen notwendig ein subjektives Unterfangen bleibt und stets zu Widersprüchen führt; es kann also nur islamische, aber keine sharī’a-Gerichtshöfe geben. Allein die Islamisten behaupten, über die wahre Interpretation des islamischen Rechts zu verfügen, da sie, ohne hinreichende Begründung, andere Interpretationen als Ketzerei verurteilen oder ignorieren. Steinigungen und Amputationen und dergleichen Unsinn sind ein (post)modernes Phänomen, das dem traditionellen Islam eigentlich fremd ist. Wenn beklagt wird, dass die Taliban Afghanistan ins Mittelalter bomben wollen, übersieht man geflissentlich, dass im mittelalterlichen Afghanistan ‚islamistische„ Strafen ungefähr so häufigt verhängt wurden wie das alttestamentarische Auge um Auge, Zahn um Zahn im bürgerlichen Staat. In Herat war „weder Musik verboten, noch wurden dort Ehebrecher gesteinigt. Zwar gab es Rechtshandbücher, in denen ein Paragraph über die Steinigung von Ehebrechern stand. Dessen praktische Umsetzung wurde aber gleichzeitig durch eine Reihe weiterer Vorschriften unmöglich gemacht“ (Bauer 2011, 60), genau so, wie das Strafrecht in Deutschland die Gültigkeit des alttestamentarische Gebots nicht antastet, sondern seine Anwendung unmöglich macht. Die Marehan in der Luuq-Region waren in sich gespalten: die dort lebenden Marehan unterstützten AIAI, jene hingegen, die aus Mogadishu in die Region geflüchtet waren – zu ihnen gehörten viele reiche und einflussreiche Anhänger Barres –, bekämpften die Islamisten.

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ten und der somalischen Diaspora unterstützt wurden76; viele zogen sich in lokale Gemeinschaften und ihre SCs zurück und rekrutierten insbesondere Geschäftsleute, die sich den Islamisten annäherten, weil islamische Gerichtshöfe eine geschäftsfreundliche Atmosphäre ohne Schutzgelder und Überfälle und die friedliche Schlichtung kommerzieller Streitfälle versprachen (und viele Geschäftsleute auf Kontakte in Saudi-Arabien und in den Golfstaaten angewiesen waren, die durch eine gewisse Religiosität erleichtert wurden). Ab 1994 entstanden an vielen Orten auf die Initiative von Ältesten und Geschäftsleuten islamische Gerichtshöfe, die lokal für Frieden sorgten. Ein Gerichtshof im Norden von Mogadishu war in ganz Somalia berüchtigt: binnen kurzem wurde ein Stadtviertel ‚befriedet„, weil die Richter drakonische Strafen verhängten; sogar im Internet kursierten Videos, auf denen zu sehen war, wie einem Dieb die Hand amputiert wurde. Die Bewohner begrüßten, dass sie sich wieder normal bewegen konnten. Einige empörten sich, dass kleine Diebe verstümmelt wurden, warlords dagegen ungestraft davonkamen, und zudem konnten die Gerichtshöfe, da sie clanbasiert waren, nur Angehörige des SC bestrafen, für den sie zuständig waren – „Gerichtshöfe mussten die Wünsche ihrer Clans und Subclans respektieren“ (Höhne 2009, 5). Als der oberste Richter des berüchtigten Gerichtshofs politische Ambitionen zur Schau stellte,kam es im März 1996 zu bewaffneten Kämpfen zwischen Ali Mahdi und Gerichtsmilizen. Einige Älteste vermittelten, aber 1998 wurde der berüchtigte Richter abgesetzt und die Macht des Gerichts beschnitten; nahezu sofort kam es zu einer erneuten Zunahme clanbasierter Gewalt. Im Jahr 2000 schlossen sich einige Gerichtshöfe aus Mogadishu zusammen. Die im gleichen Jahr gebildete TNG integrierte sie und ihre Milizen in ihr Rechtssystem, aber diese Einmischung schwächte die Gerichtshöfe. Nach dem 11. September 2001 lernten warlords und ¸Politiker„ schnell, den Islamismus als Trumpfkarte einzusetzen: wem es gelang, Gegner als Islamisten oder Jihadisten zu denunzieren, konnte sich der Unterstützung der USA und Äthiopiens sicher sein. Da die meisten islamistischen Gruppen und Gerichtshöfe in Mogadishu und im Süden Hawiye-Clans angehörten, verwandelte sich der Kampf gegen die Islamisten in eine weitere Komponente des clanbasierten Bürgerkriegs. 2004 gründeten islamische Gerichtshöfe aus Mogadishu eine übergeordnete Organisation, die Union der islamischen Gerichtshöfe (UIC), und stellten Milizen auf. Die UIC war eine lockere Gruppierung, in der sich verschiedene islamische und islamistische Strömungen zusammengetan hatten; letztere befanden sich (anfangs) in der Minderheit. Ein junger Vertrauter von Aweys stieg zum Anführer der Jugendorganisation der UIC auf, der harakat al-shabaab (HAS, wörtlich übersetzt: Jugendbewegung), in der sich clanübergreifend Jihadisten sammelten. Die UIC hingegen war eigentlich die erste Hawiye-Partei (die SCs von Aideed und Ali Mahdi stellten Anführer, wodurch die Feindschaft zwischen den Habir Gedir und den Abigal abgemildert wurde). Im Frühjahr 2006 brachen zwischen der ARPCT und der UIC bewaffnete Auseinandersetzungen aus 77. Viele Somalis unterstützten die UIC – nicht weil sie islamistisch ausgerichtet war, sondern weil Milizmitglieder „von ihren Verwandten dazu gedrängt wurden, nicht ¸für die Amerikaner„ zu kämpfen“ (Marchal 2007a). Binnen drei Monaten gewann die UIC den Krieg, und nachdem sie an die Macht gelangt war, herrschte in Mogadishu zum ersten Mal seit 1991 Ruhe. Exilanten kehrten in die Stadt zurück, die Müllabfuhr funktionierte, der Handel belebte sich, die Nahrungsmittelpreise sanken, und der Hafen und der Flughafen von Mogadishu wurden mit eritreischer Hilfe78 renoviert und wieder eröffnet. Städte und Regionen im Süden luden die UIC ein, die Macht zu übernehmen. Einige Gerichtshöfe der UIC (nicht alle) beharrten auf der Durchsetzung islamistischer Positionen: Qat wurde verboten, Übertragungen der Fußball-WM aus Deutschland, lokale Heiligenkulte und ¸pornographische„ Hollywoodfilme galten als unislamisch, es kam zu öffentlichen Hinrichtungen, und die öffentliche ‚Vermischung„ von Männern und Frauen (die einen Schleier tragen sollten) wurde untersagt. Anfänglich zahlte die Bevölkerung von Mogadishu den islamistischen Preis, aber mit der Zeit ließ die Begeisterung für die UIC nach. Als die Steuern angehoben wurden, kam es zu Protesten, Frauengruppen widersetzten sich dem Zwang, sich zu verhüllen, Hafenarbeiter streikten, und es scheint einige Demonstrationen gegen die UIC gegeben zu haben, bei denen, so Gerüchte, UIC-Milizen zumindest einmal in die Menge schossen. Aufgrund der unklaren Führungsstruktur verfolgten verschiedene Fraktionen eine unterschiedliche Politik, viele einstige Milizionäre und warlords verwandelten sich wie durch ein Wunder in fromme Muslime und kamen bei der UIC unter. Als HAS die gewaltsame Eroberung von Kismayo in Angriff nahm, verlor die UIC weiteren Rückhalt in der Bevölkerung, und zwischen der UIC und HAS traten Meinungsverschiedenheiten auf. Die Spannungen verschärften sich so sehr, dass es Attentatsversuche gegen ¸gemäßigte„ Islamisten gegeben haben

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Es scheint, als hätten sich islamistische und jihadistische Tendenzen unter somalischen Exilanten stärker verbreitet als in Somalia selbst, wo ein weniger rigider Islam vorherrschte. Auch der Anstoß zur Bildung islamistischer Gruppen unter der Diktatur kam wohl von Migranten, die in den Golfstaaten gearbeitet, von somalischen Studenten, die in Ägypten und an Koranschulen gelernt, und von einigen Kämpfern, die in Afghanistan gegen die UdSSR gekämpft hatten. Der konkrete Anlass war banal: zwei Geschäftsleute aus dem gleichen Hawiye-Clan stritten sich um die Kontrolle eines Grundstücks. Einer war mit der UIC alliiert, der andere mit den ¸Gegenterroristen„. Als der Streit vor einen islamischen Gerichtshof gebracht wurde, eskalierte der Konflikt. Eritrea, eine Diktatur, unterstützt in Somalia konsequent jene Gruppen, die von Äthiopien bekämpft werden, was zu dem Paradox führt, dass ein säkularer Staat (bis heute) Islamisten und Jihadisten mit Waffen versorgt, die in seinen eigenen Grenzen sofort im Knast landen würden.

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soll. Aus den internen Auseinandersetzungen ging HAS gestärkt hervor, weil sie ihr Anliegen mit Waffengewalt durchsetzte und sich für Jüngere und Clanaußenseiter öffnete79. Osama bin Laden schickte im Juli 2006 eine Botschaft, in der er zur Unterstützung der UIC aufrief und eigene Operationen androhte, falls das Ausland in Mogadishu intervenieren sollte, drei Monate später beschwörte sein Stellvertreter die Somalis, die TFG zu bekämpfen und die ¸Zionisten„ und ¸Kreuzfahrer„ aus dem Land zu werfen. Obwohl zwischen der UIC und al-qaida höchstens minimale Verbindungen bestanden, beschuldigten die USA und Äthiopien sie, Terroristen zu beherbergen. Al qaida scheint zwar versucht zu haben, sich in Somalia eine Basis aufzubauen, hatte aber wenig Erfolg: wie andere Versuche, von außen in Somalia zu intervenieren, scheiterte al qaida an clanbasierten Hindernissen80.- Während zwischen der UIC und der TFG verhandelt wurde, ließ die US-Regierung die äthiopische Armee Ende des Jahres „diskret wissen, sie dürfe die somalische Übergangsregierung beim Versuch, in ¸ihre„ Hauptstadt zu gelangen, unterstützen“ (Leymarie 2007), und noch als EU-Vertreter zwischen den Konfliktparteien vermittelten, setzte sich die äthiopische Armee im Dezember 2006 mit Panzern, schwerer Artillerie und 14.000 Soldaten nach Mogadishu in Marsch. Angesichts der Übermacht verließ die UIC die Hauptstadt, aber ihr Widerstand war nicht gebrochen. Ein Guerillakrieg brach aus; im März 2007 übernahmen Aufständische die Kontrolle über große Teile Mogadishus, woraufhin die äthiopische Armee ganze Stadtviertel mit Artillerie beschoss – mindestens 1.700 Somalis starben und bis zu 500.000 flüchteten. Ende Mai 2007 waren die Milizen in Mogadishu scheinbar besiegt, und viele Hawiye wurden festgenommen, die bis heute ¸verschwunden„ sind. Die TFG zog von Baidoa nach Mogadishu um, wo sie wie eine ¸normale„ Miliz ein paar Straßenzüge beherrschte, aber ansonsten keine Autorität besaß. Die UIC und andere Islamisten gründeten auf einem Kongress im September 2007 in Djibouti die Allianz zur Wiederbefreiung Somalias (ARS), die sich nach einem halben Jahr spaltete. Eine Fraktion, ARS-D (¸gemäßigte„ Islamisten), rief zum Ausgleich mit der TFG auf; bei Friedensverhandlungen in Djibouti wurden 275 Islamisten ins Übergangsparlament aufgenommen, wodurch sich seine Größe verdoppelte, und ein Ex-UIC-Anführer wurde 2009 zum Präsidenten gewählt. Die zweite Fraktion, ARS-A, beschuldigte die erste des Verrats und bekämpfte die TFG; eine neue islamistische Miliz entstand, hizbul islam (HI), die wie HAS zum bewaffneten Kampf gegen die TFG überging81. Im Frühjahr 2007 entsandte die Afrikanische Union (AU) 5000 Friedenssoldaten aus Uganda und Burundi nach Mogadishu, aber diese entschärften den Konflikt nicht, weil sie als Kombattanten wahrgenommen wurden, die für die TFG kämpften. Im Juni begann eine neue Versöhnungskonferenz, ein sinnloses Unterfangen, da weder die islamistischen Milizen noch HawiyeClans eingeladen wurden und die Ältesten einiger Clans „ihre öffentliche Opposition gegenüber der TFG“ (Hassan/Barnes 2007) erklärt hatten. Die TFG versuchte, eine Polizei aufzubauen, und mobilisierte Reewin- und Majertein-Milizen (letztere aus Puntland), die bis dahin in Mogadishu noch nicht in Erscheinung getreten waren. Dadurch wurde der Bürgerkrieg noch komplexer, weil die Hawiye befürchteten, andere Clans würden die Kontrolle über ihre Territorien übernehmen. Anfang 2008 bombardierte die US-Luftwaffe ein Dorf in Somalia und tötete zwei Anführer von HAS, danach begann ein Kommuniqué der Gruppe mit Grüßen an Osama bin Laden, und HAS änderte ihren Namen in harakat al-shabaab almudjâheddin, um ihre jihadistische Ausrichtung zu betonen. Im Januar 2009 beschossen US-Kriegsschiffe Camps vermeintlicher Islamisten, und im September wurde ein Konvoi in Südsomalia angegriffen, vier US-Hubschrauber landeten, wurden in Gefechte verwickelt und entkamen mit der Leiche eines getöteten Kenianers82. Als sich Äthiopien im Januar 2009 aus Somalia zurückzog, hatte sich nichts verändert. Bereits im November hatte HAS Teile Südsomalias zum islamischen Emirat ausgerufen, und weite „Teile Süd- und Zentralsomalias wurden von feindlichen

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An den Gerichtshöfen hatten Jüngere und Nicht-Hawiye in der Regel wenig mitzureden – ihnen bot HAS eine Alternative. Für junge Islamisten führte der Weg zu Einfluss und Macht wie bei den Nomaden eigentlich über jahrelange Arbeit. Dem kurzen Umweg über PZs entsprach bei den Islamisten der Beitritt zu HAS, zum bewaffneten Jihadismus. Zum Teil rekrutierte sie Mitglieder über Trainingscamps für Jugendliche, junge Männer und Mooryan, deren Clanidentität durch den Bürgerkrieg, durch Flucht und Armut erschüttert worden war. HAS-Milizionäre bekommen einen regulären Sold, was auf arbeitslose Somalis durchaus anziehend wirkt. – Die finanziellen Ressourcen, die für den Aufstand, die Ausbildung von Milizionären und für ihre Bezahlung notwendig sind, konnte (und kann) HAS aus lokalen und regionalen Einkommensquellen nicht stemmen (aufgrund ihrer religiösen Ausrichtung und ihrer theoretisch clanübergreifenden Organisation sind ihr Plünderprofite verschlossen): die Gruppe ist auf ¸Entwicklungshilfe„ angewiesen, auf Geld, das aus der Diaspora und von Alliierten nach Somalia transferiert wird. Al qaida-Anführer der Gruppe sollen sogar überlegt haben, SC-Anführer zu töten, um die Clanideologie aufzubrechen, aber dazu ist es nicht gekommen. – Auf ähnliche Schwierigkeiten stieß al qaida im übrigen nicht nur in Somalia. Ihre ¸internationalistische„ Ausrichtung verhinderte häufig, dass sich ihre Kämpfer wie Fische im Meer bewegten, auch und gerade unter Muslimen und Islamisten, die auf einer lokalen, regionalen und nationalen Politik beharrten. Während HAS ¸internationalistisch„ agiert (die Gruppe strebt ein somalisches Emirat als Teil eines Kalifats an, dessen Ausdehnung im Dunkeln bleibt), war HI von einem glühenden Pansomalismus durchzogen, was dazu führte, dass sich beide Milizen gegenseitig bekämpften. Der Kenianer soll für Anschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Daressalam, auf ein israelisches Hotel in Mombasa und für den versuchten Abschuss eines israelischen Passagierflugzeugs verantwortlich gewesen sein, Anschläge, für die al qaida die Verantwortung übernommen hatte.

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militanten Islamisten und Clanmilizen“ (Höhne 2009, 23) kontrolliert83. Um den Jihadisten den Wind aus den Segeln zu nehmen, beschloss das TFG-Parlament im April, das islamische Recht als Grundlage des somalischen Zivilrechts anzuerkennen, nichts weniger als die offizielle Islamisierung Somalias. Die TFG84 verwandelte sich in eine informelle Gruppe, die als Vehikel zur Durchsetzung privater Interessen diente, in eine Miliz (unter vielen) also, die sich nur durch ihren offiziellen Charakter von anderen unterschied. Sie zog Abenteurer und Geschäftsleute an, die über die TFG Zugänge zu den Fleischtöpfen internationaler Hilfe und Geschäfte erhofften, „Politiker repräsentierten einfach sich selbst oder fragmentierte und lokale religiöse“ (Weinstein 2011) Fraktionen. Trotz der Bedeutungslosigkeit der TFG schickte die EU im Mai 2010 Militärberater (darunter Deutsche) nach Kenia, um TFG-Soldaten zu trainieren. Das Mandat der TFG lief 2009 aus, wurde aber stillschweigend bis 2011 verlängert. Im Mai brachen heftige Kämpfe aus, und im Juni rief die TFG den Ausnahmezustand85 aus. Das Parlament war handlungsunfähig, weil die meisten Abgeordneten ins Exil geflüchtet waren. Neben den islamistischen Milizen im Untergrund bildete sich eine gemäßigte islamische Gruppe, ahlu sunna wal jama‘a (ASWJ), die gegen die jihadistischen Milizen kämpfte, während sich HAS und HI gegenseitig die Köpfe einschlugen: im Oktober 2009 vertrieb HAS die Konkurrenten von HI aus Kismayo, wobei es um lukrative Hafengebühren ging. Seit April 2010 bemüht sich HAS wohl aus Geldmangel darum, das piratische Lösegeldgeschäft in Harardhere anzuzapfen. Im Dezember 2010 ging HI überraschend in HAS auf, was als Niederlage der internationalistischen Fraktion innerhalb von HAS und als Sieg für „die nationalistische Fraktion“ (Weinstein 2011) zu bewerten ist. Den Ausschlag gab wohl, dass ¸ausländische„ Kämpfer den Chef des internationalistischen Flügels, dem sie selbst angehören, strategische Fehler und eine clanbasierte Politik86 vorwarfen. HAS verfügt über mehrere tausend ausgebildete Kämpfer, kontrolliert und verwaltet Städte und Gebiete in Südsomalia, setzt Selbstmordattentäter87 und ferngezündete Bomben ein und eröffnete im Februar 2011 einen eigenen Fernsehsender in Mogadishu. Eine Gruppe, die 2005 „nur aus einer Handvoll hardcore-Militanter bestand, ist ab 2009 zur vorherrschenden militärischen Kraft in Somalia geworden“ (Höhne 2009). Nach den Selbstmordattentaten im Juli 2010 in Kampala drängten Uganda und Burundi auf ein offensiveres Vorgehen in Mogadishu und schlugen vor, „zur Erzwingung von Frieden“ (Weinstein 2011a) überzugehen. Die AU-Truppen sollten mehr als verdoppelt werden – ihre Anzahl stieg schließlich auf 12.000 Soldaten –, aber die UN und der Westen weigerten sich, grünes Licht für größere militärische Operationen in Somalia zu geben, die über den Schutz der TFG hinausgehen; inzwischen schwenken sie auf eine duale Strategie um und beginnen, vorsichtig mit Puntland und Somaliland zu kooperieren. Ob die Herrschaft der islamistischen Milizen in Südsomalia und in Teilen Mogadishus auf breite Zustimmung zählt, lässt sich nicht feststellen, ist aber kaum anzunehmen; möglicherweise verläuft die islamistische Dynamik bald im Sand und wird durch „die Entropie defensiver Subclanidentitäten“ (Weinstein 2009) ersetzt. Zum Teil wird die somalische Bevölkerung eingeschüchtert: im Juni 2011 wurden 10 Kids festgenommen, weil sie Fußball spielten, Qat wurde verboten, das Hören von Popmusik und das Tragen von BHs untersagte, harte Strafen (Steinigungen, Amputationen) wurden verhängt und vollzogen und junge Männer wegen ¸Spionage„ für die TFG grausam hingerichtet. Außerdem gibt es Anzeichen dafür, dass HAS88, je mehr Macht die Gruppe ansammelt, ihre Basis gegen sich aufbringt (zum Teil kommen Kämpfer aus Kenia, Ostafrika, Tschetschenien, Pakistan, Dänemark, Schweden, England und den USA), und ein wenig scheint sich das Blatt zu wenden,

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Welche Rolle traditionelle warlords in Südsomalia (noch) spielen, ist schwer einzuschätzen. Im Mai 2010 wurde gemeldet, dass ein warlord, der die TFG nicht anerkennt, mehr als 100 deutsche Söldner (Ex-Bundeswehrangehörige) von der Firma Asgaard engagiert hat, die wahrscheinlich eine Miliz ausbilden und für ihn kämpfen sollen. Die TFG war und ist in sich zerstritten. Kurz vor dem Abzug der Äthiopier trat Yusuf, der Präsident der TFG, aufgrund von Differenzen mit dem Ministerpräsidenten von seinem Amt zurück. Am 31.10.2010 wurde ein neuer Ministerpräsident gewählt, da es erneut Meinungsverschiedenheiten über den Kurs der TFG gab, die bis heute anhalten. Der Polizeichef war von islamistischen Milizen getötet worden, bei einem Selbstmordattentat auf den Sicherheitsminister starben 34 Menschen, und ein Parlamentsabgeordneter wurde in seinem Haus erschossen. Mogadishu glich „einer Geisterstadt. Längs der großen Straßen stehen Tausende von zerschossenen Ruinen, Hunderttausende von Bewohnern haben die Stadt verlassen. Ein Großteil ihrer Wohnungen ist ebenfalls zerstört und geplündert. Geblieben sind die Armen und die Schwachen“ (Knaup 2009). Daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Konflikt um Kismayo stützte sich HI auf zwei Darod-SCs, HAS auf andere Darod-SCs, wodurch alte Milizkonflikte im islamistischen Gewand reaktualisiert wurden. Einige Hawiye aus HAS distanzierten sich von ihrer Miliz, weil sie nicht in Clankämpfe hineingezogen werden wollten. Wie die alten Milizen sind die jihadistischen clanbasiert und agieren eher lokal. Im August 2010 gab es ein Selbstmordattentat auf ein Hotel in Mogadishu mit 23 Toten. Im Juli, während der Fußballweltmeisterschaft, sprengten sich Selbstmordattentäter in Uganda vor Kneipen in die Luft, in denen gerade ein Fußballspiel übertragen wurde – 76 Menschen starben; HAS wollte Uganda einschüchtern, das Friedenssoldaten nach Mogadishu geschickt hat. Am 10. Juni 2011 wurde der Innenminister der TFG bei einem Selbstmordattentat getötet, für das HAS die Verantwortung übernahm (seine Nichte sprengte sich mit ihm in die Luft). Bei der Einschätzung von HAS ist Vorsicht angebracht. Keiner weiß Genaues; viele Analysen und Einschätzungen werden durch einen positiven Bezug auf den weltweiten ¸Krieg gegen den Terror„ bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Das fängt bereits damit an, dass niemand sagen kann, wie viele Mitglieder die Gruppe hat – und wie viele Mitglieder überzeugte Islamisten oder Jihadisten sind.

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weil die TFG und die ASWJ89 verlorenes Terrain zurückgewinnen oder zumindest den Vormarsch von HAS stoppen (so starb Anfang Juni 2011 ein hoher HAS-Funktionär bei Kämpfen mit der TFG). Im Juni 2011 wurde das Mandat der TFG ein weiteres Jahr verlängert, da die ¸Sicherheitslage„ im Land keine freien Wahlen zuließe – ein Schritt, der die Perspektivlosigkeit für Somalia unterstreicht, da sich die Verhältnisse binnen einen Jahres kaum grundlegend ändern werden. Am 9. Juni fand in Mogadishu die größte Demonstration seit langem statt, weil viele Somalis dagegen waren, dass der Präsident seinen Premierminister entlässt; als eine weitere Demo vorbereitet wurde, ließ die TFG einige Organisatoren verhaften. Einen Tag vor der großen Demo wurde im Exil sogar eine neue Partei gegründet, die Somalische Volkspartei. Selbst der brutale Bürgerkriegsalltag verblasst vor einer neuen Hungersnot 90 „katastrophalen Ausmaßes“ (so die UN): Südund Zentralsomalia (und Kenia, Djibouti, Uganda und Südäthiopien) leiden unter der schwersten Dürre seit 60 Jahren. Sogar HAS schien angesichts einer drohenden Hungertragödie umzudenken und bat (im Juli 2011) offiziell um internationale Hilfe, solange die Helfer nicht verborgene Ziele verfolgen (was auch immer HAS darunter versteht), ruderte aber eine Woche später zurück und gab bekannt, dass fast alle Hilfsorganisationen in Somalia spionierten oder verborgene Ziele verfolgten – was bedeutet, dass HAS internationale Helfer aktiv bekämpfen wird, obwohl viele Somalis im Herrschaftsbereich von HAS der Hungertod droht. Die Flüchtlingslager in Mogadishu sind hoffnungslos überfüllt, und im Flüchtlingslager Dabaab in Nordkenia, der drittgrößten ¸Stadt„ Kenias, herrschen unvorstellbare Zustände; konzipiert für maximal 90.000 Flüchtlinge leben dort mehr als 400.000 Menschen, und jeden Tag werden es mehr. Außerhalb der Flüchtlingslager sind Millionen von Somalis extrem unterernährt (so wiederum die UN), viele von ihnen irren „auf der Suche nach Wasser und Grundnahrungsmitteln durch das lebensfeindliche Klima“ (Münstermann 2011). Anfang August regnete es endlich in Mogadishu – sintflutartig, wodurch sich die Situation der Flüchtlinge in der Stadt nicht verbesserte, sondern verschlechterte. Die UN warnt inzwischen davor, in Ostafrika wären bis zu 12 Millionen Menschen von der Hungersnot betroffen (in Somalia etwa 4 Millionen). Während in Mogadishu die ersten Hilfslieferungen eintrafen, ein Tropfen auf dem heißen Stein, brachen neue Kämpfe zwischen den AU-Truppen, der TFG und HAS aus, die so tut, als ob es sich bei der Hungersnot um antiislamische Propaganda handele. Zur Überraschung aller zog sich HAS am ersten Wochenende im August jedoch kampflos aus Mogadishu zurück91. Die deutsche Regierung stellt nicht einmal die Summe zur Hilfe zur Verfügung, die der halbjährige Einsatz einer Fregatte vor Somalia kostet (pünktlich mit den ersten Hilfslieferungen in Mogadishu traf die Bayern vor Somalia ein). Sie versprach 30 Millionen Soforthilfe, knapp drei Euro pro Hungerndem in Ostafrika: ein zynischer Witz, wenn es nicht so traurig wäre.
1.8 (RELATIV)
MILIZENFREIE

ZONEN

Somaliland
„Das sogenannte britische Empire war eine Manifestation der weltweit falschen Vorstellungen über die wirklichen Machtverhältnisse und ein Beweis dafür, wie wenig die Allgemeinheit von der absoluten Weltkontrolle der Großen Piraten Notiz nahm“ (Richard Buckminster Fuller: Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde).

Häuser unbewohnbar, Nach dem Sieg über die Regierungstruppen waren in Hargeisa neunzig Prozent der schwer beschädigt oderWasserquellen vergiftet oder vermint, Brücken, Flughäfen und Kommunikationseinrichtungen zerstört und die Verwaltung, das Gesundheits- und Erziehungssystem zusammengebrochen. In Berbera trafen sich einige Isay-Clans, um den Wiederaufbau friedlich zu gestalten; auf diesem shir wurde beschlossen92, jenen Clans und SCs zu vergeben, die auf Seiten des Diktators gekämpft hatten. „Spontane Friedensschlüsse auf der Graswurzelebene ermöglichten es den somalischen Clans, einen substantiellen politischen Konsens zu erreichen, bevor ihre Anführer versuchten, eine Regierung aufzubauen“ (Lewis 2008, IXf). Auf einem zweiten shir im Mai wurde die Republik Somaliland in den alten Grenzen von Britisch-Somaliland aus-

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ASWJ soll 2010 ein Abkommen mit der TFG vereinbart haben. Ihre Zentren liegen in Zentralsomalia, am oberen Shebelle. Ende April 2011 hat ASWJ eine Stadt (Dhuusa) von HAS zurückerobert, die diese ein paar Stunden besetzt hielt. Im Juni kam es in Luuq zu Kämpfen zwischen HAS und ASWJ, die sich immer mehr zu einem ernst zu nehmenden Gegner für HAS zu entwickeln scheint. Was ASWJ genau anstrebt und inwieweit die Gruppe clanbasiert ist bleibt im Dunkeln. Die Hungersnot ist nicht allein der Dürre geschuldet. Weltweit steigen die Getreidepreise, weil an der Börse mit Getreide spekuliert wird, das noch gar nicht geerntet wurde. Äthiopien hatte etwa schon im Januar Höchstpreise für Getreide eingeführt, aber gegen den Weltmarkt hat ein einzelner (armer) Staat nicht die geringste Chance. Über die Gründe für den Rückzug lässt sich nur spekulieren. Überweisungen aus dem arabischen Raum gingen zurück, so dass Kämpfer keinen Sold mehr erhielten und desertierten, oder HAS leidet selbst unter der Hungersnot (die eigenen Leute haben nicht mehr genug zu essen, und die Miliz kann sich von anderen weder Geld noch Nahrungsmittel holen). Ob der Rückzug die politische Lage in Südsomalia nachhaltig verändert, bleibt offen. Möglicherweise geht HAS angesicht der Hungersnot nur zu einer neuen Taktik über und setzt vermehrt auf Selbstmordattentate und Angriffe mit Granatwerfern. Die SNM hatte sich über Zuwendungen aus der Diaspora finanziert, die über Clanälteste informell an die Gruppe transferiert wurden, und ab 1988 kämpfte die SNM auf ¸ihrem„ Territorium, wo Plünderungen unangebracht waren (obwohl sie vorkamen). Im Gegensatz zu den Milizen des Südens behielten Clanälteste somit Einfluss auf ¸ihre„ Kämpfer.

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gerufen93. Die meisten Ogadeni, die aus Äthiopien nach Somaliland geflüchtet waren, kehrten in den Ogaden zurück, der in drei autonome Provinzen umgewandelt worden war, die Milizen des Südens waren am Norden nicht interessiert, und man einigte sich über den Zugang zu Weiden und Wasser und die Wege nach Berbera. In den ersten Jahren nach 1991 „verursachten gut bewaffnete, manchmal traumatisierte und schlecht disziplinierte Gangmitglieder (…) Unsicherheit und übten Gewalt aus, besonders entlang der Straßen“ (Hariir/Hassan 2004, 220). Die Demobilisierung der SNM-Kämpfer wurde 1995 abgeschlossen, viele wurden in die Polizei und ins Militär integriert. Der erste Rückschlag drohte, als sich die SNM in Fraktionen aufspaltete, die sich untereinander bekämpften, doch schnell wurde ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet. 1993 drohte ein weiterer, als ein SC versuchte, den Flughafen von Hargeisa unter seine Kontrolle zu bringen. Es kam zu bewaffneten Auseinandersetzungen, aber nach kurzer Zeit wurde der Konflikt friedlich beigelegt. Auf einen großen shir übergab die SNM die Macht an ein Parlament, und ein Übergangspräsident wurde ernannt. 1995 flammten neue Unruhen auf, als die Dir im Westen eine autonome Republik ausriefen, aber auf einer Konferenz in Hargeisa (1996/7) wurde ein allgemeiner Frieden ausgerufen und der Präsident für fünf Jahre im Amt bestätigt. „Der Norden kombinierte die traditionellen Konfliktlösungsmechanismen der Clans mit den Hinterlassenschaften des britischen Common Law und begründete so eine Form originärer Demokratie“ (Prunier 2010). In Somaliland konstituierten sich ein Parlament aus gewählten Vertretern und ein ¸Oberhaus„ aus (nicht-gewählten) Clanältesten, das vom Präsidenten nicht aufgelöst werden kann. 2001 wurde in einem Referendum eine Verfassung angenommen, 2002 fanden Kommunalwahlen statt (zwei von 350 Sitzen gingen an Frauen), 2005 Wahlen zum Parlament. Ab 2004, verstärkt 2007, kam es zu bewaffneten Grenzkonflikten mit Puntland, die sich im Kern um die Zukunft Somalias drehten (im Juni 2011 flammten erneut Kämpfe auf) – Puntland gab den Anspruch auf ein vereintes Somalia nicht auf, Somaliland beharrte auf seiner Unabhängigkeit. Die Konflikte eskalierten um die Sool- und Sanaag-Region westlich von Boosaaso, die sich von der Küste bis zur Grenze zu Äthiopien erstrecken. Die dort lebenden Clans bekämpften sich untereinander, waren in der Verwaltung beider Länder vertreten, die lokale Kontrolle wurde von Clanältesten ausgeübt, und die Bevölkerung fühlt sich weder Punt- noch Somaliland zugehörig. 2005 verschärfte der Präsident Puntlands den Konflikt, als er ohne Konsultationen mit Somaliland einer ausländischen Firma die Erlaubnis erteilte, im umstrittenen Gebiet nach Bodenschätzen zu schürfen. Obwohl es nach dem Tod des ersten Präsidenten 2002 nicht zu Neuwahlen kam, sein Nachfolger Wahlen immer wieder nach hinten schob und die Regierungspartei bis 2010 ununterbrochen an der Macht blieb, sorgten eine starke Oppositionspartei, eine aktive Zivilgesellschaft, Frauengruppen und Pressefreiheit für eine (relativ) freie Atmosphäre. Im September 2009 wurde der zweite Präsident durch öffentliche Proteste und zunehmender Kritik aus dem Parlament zur Ausschreibung freier Wahlen gezwungen, obwohl er sich zuvor an einem Putsch versuchte: er hatte die Armee angewiesen, in Hargeisa einzumarschieren, aber nach einem Tag Bedenkzeit hatte sich die Armeeführung geweigert. Zu den Wahlen im Juli 2010 trat neben den beiden etablierten Parteien (Regierung und Opposition) eine neue Partei an, die sich Frauen94, Intellektuellen und Minderheitenclans öffnete, aber auch mit Islamisten flirtete. Die Wahl verlief problemlos, und der Kandidat der Opposition wurde bei einer Wahlbeteiligung von 88% der registrierten Wähler zum neuen Präsidenten gewählt. Nach der Unabhängigkeit erholte sich Somaliland allmählich auf niedrigem Niveau, obwohl der jährliche Haushalt der Regierung geradezu lächerlich niedrig und Somaliland auf Überweisungen von Exilanten angewiesen ist. Mit Viehexporten wurde Geld verdient (obwohl Saudi-Arabien immer mal wieder den Import von Vieh verbot), Pässe und eine Währung wurden eingeführt. „Bis heute ist das Land relativ friedlich geblieben“ (Sheikh/Weber 2010, 89) – und dennoch weigert sich die internationale Gemeinschaft beharrlich, Somaliland offiziell anzuerkennen. Trotz einer funktionierenden Regierung gibt es kein öffentliches „Monopol auf Gewalt“ (Hagmann/Höhne 2007, 24). Nach 1991 wurden die Waffen nicht eingesammelt, so dass in vielen Haushalten private Waffen vorhanden sind. Die Polizei greift bei Verbrechen zwar ein, aber der soziale Frieden wird eher von Lokalpolitikern und Clanältesten aufrecht erhalten, die bei Körperverletzungen oder Mord zwischen den beteiligten SCs vermitteln – Teile der Polizeiaufgaben sind sozusagen privatisiert. Mangels öffentlicher Einnahmen befinden sich Krankenhäuser, Universitäten und Schulen vorwiegend in privater Hand, und die Justiz ist selten voll funktionsfähig. Somaliland gleicht „eher einem Skelett als einem vollwertigen Körper mit funktionierenden Organen und lebendigen Strukturen“ (Ibrahim/Terlinden 2008, 63), und trotzdem ähnelt es „de facto einem klassischen Staat mehr als die Mehrheit der de jure souveränen Staaten Afrikas“ (Reno 2003, 35).

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Auf diesem shir „sprach sich die Führung der SNM – hauptsächlich ehemalige Armeeoffiziere, Politiker und Intellektuelle – nicht deutlich für eine Abspaltung“ (Höhne 2007) Somalilands von Somalia aus, wurde aber von der Basis zur Unabhängigkeitserklärung gedrängt. „Frauen haben keine Chance gegen Männer, solange der Clan die Basis des politischen Lebens in Somaliland bleibt. Männliche Kandidaten werden von ihren Clans unterstützt, Frauen nicht“ (eine Frauengruppe, zit. n. Hariir/Hassan 2004, 197). Obwohl Frauen im Friedens- und Aufbauprozess sehr präsent waren, können sie nur hinter den Kulissen agieren, da die traditionelle Clanideologie es ihnen verbietet, an shirs teilzunehmen und einen Parlamentssitz zu erlangen.

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Puntland
„Piraterie: Handel ohne törichte Verwicklungen, so wie ihn Gott erschaffen hat“ (Ambrose Bierce: Wörterbuch des Teufels).

Sturz befreit. Nahezu sofort Puntland (Nordostsomalia) wurde nach Barres und invon der SSDFGefängnis saß, und der brachen interne Kämpfe aus: der Guerilla-Anführer Yusuf, der unter Barre Äthiopien im Ex-Chef der somalischen Polizei Abshir (der trotz seines Amtes respektiert wurde), beide aus verschiedenen Majertein-Clans, kämpften um die Führung. Yusuf gelang es, Aideed auf Distanz zu halten, der puntländisches Gebiet angegriffen hatte; danach schmiedete er mit Aideed eine Allianz. Nach ihrer Vertreibung aus Kismayo hatte sich AIAI nach Boosaaso zurückgezogen, wo sie sich mit Zustimmung der SSDF eine (vorläufige) Basis aufbaute; im Juni 1992 vertrieb Yusuf die Islamisten, nachdem sich gezeigt hatte, dass die Interessen von AIAI und der SSDF nicht auf einen Nenner zu bringen waren. Viehexporte und Hafengebühren in Berbera versorgten die SSDF mit Geld, das zum Teil in den Aufbau rudimentärer Verwaltungsstrukturen investiert wurde. Durch Bemühungen von Clanältesten auf lokaler und regionaler Ebene beruhigte sich die Lage in Puntland. Auf einem von der SSDF angestoßenen shir in Garowe konstituierte sich Puntland im Mai 1998 als autonome Region. Im Gegensatz zur Gründung Somalilands war die Konstitution Puntlands kein sezessionistisches Projekt, sondern eher ein taktischer Schachzug einiger Darod-Clans, die sich einen verlässlichen Stützpunkt im Kampf um ganz Somalia verschaffen wollten. Ursprünglich waren zu dem shir nur Älteste aus Majertein-SCs eingeladen, die eher Abshir gewählt hätten. Yusuf mobilisierte jedoch auch andere Darod-Clans, insbesondere Harti-SCs, die ihm zugetan waren, und sicherte dadurch seine Wahl zum Präsidenten. Das puntländische Parlament wurde nicht gewählt, sondern SC-Älteste bestimmten je einen Vertreter, ein Verfahren, das doppelten Ärger implizierte: erstens fühlten sich einige SCs unterrepräsentiert, und zweitens verwandelten sich einige Vertreter in ¸Politiker„ (und hebelten das Rätesystem aus). Parteien wurden nicht zugelassen. Eine rudimentäre Infrastruktur entstand – Gerichte, Steuerbehörden und dergleichen, und „ein gewisses Freiheitsgefühl“ (ICG 2009, 5) machte sich breit, samt freier Meinungsäußerung und unabhängigen Medien. „Trotz fehlender Geldmittel gelang es der jungen Polizei Puntlands und ihren Kollegen von der Grenzmiliz, der darawisha, Straßensperren und Kontrollpunkte zu abzubauen und das Banditentum einzuschränken“ (Hansen 2009, 29). Yusufs Präsidentschaft endete 2001, danach proklamierte er sich selbst für weitere drei Jahre zum Präsidenten. Ein shir wurde einberufen, der Yusuf zum Rücktritt aufforderte. Clanälteste wählten einen Übergangspräsidenten, den obersten Richter Puntlands, der Wahlen im November 2001 vorbereiten sollte. Es kam zu heftigen Milizkämpfen; Yusuf hielt an seinem Amt fest und führte am 5. August 2001 persönlich einen Angriff seiner Privatmiliz95 auf den Flughafen von Boosaaso an, wurde aber von der Stadtbevölkerung vertrieben. Daraufhin erklärte er, dass er von Islamisten aus der Stadt geworfen worden war, womit er sich die weitere Unterstützung Äthiopiens und der USA sicherte. Im November wurde ein neuer Präsident gewählt, den Yusuf schlicht ignorierte: er erklärte sich zum Gegenpräsidenten. Der gewählte Präsident floh nach Libyen, der Anführer seiner Miliz, Musa Adde, bekämpfte Yusuf weiter, bis Clanälteste einen Frieden vermittelten, der eine Teilung der Macht zwischen den Kontrahenten festschrieb. Obwohl nicht gewählt, regierte Yusuf mit eiserner Hand: Kritiker wurden eingesperrt, die Medien zensiert, der Geheimdienst wurde (unterstützt von der USA) zum wichtigsten Repressionsorgan des Landes ausgebaut, und seine ¸Politik„ provozierte und beruhte auf SC-Rivalitäten96. Die darawisha und der Geheimdienst bekamen freie Hand (und eine Menge Geld, was den klammen Haushalt Puntlands belastete); (vermeintliche) Islamisten wurden gefoltert, ¸verschwanden„ oder wurden ausländischen Geheimdiensten übergeben. Bis 2004 klammerte sich Yusuf an sein Amt, dann wurde er zum Präsidenten der TFG97 ernannt und zog nach Mogadishu. Zu seinem Nachfolger wurde im Januar 2005 ein General gewählt, einst ein Feind Yusufs, der sich mit ihm aber arrangiert hatte. Der neue Präsident fand ein schweres Erbe vor, das seine Regierung nicht in den Griff bekam: die Korruption weitete sich in allen Bereichen des Alltags aus, Export- und Fischfanglizenzen (FFLs) wurden an Günstlinge und Verwandte verkauft oder verschenkt, die Armut stieg rapide an, und als die Regierung neues Geld druckte, heizte sie eine Hyperinflation an. Im Jahr 2007 schloss Puntland auf eigene Faust Verträge mit dem Jemen ab, in denen es um Fischereirechte und Flüchtlingsfragen ging. Die TFG kritisierte diesen Alleingang scharf, was in Puntland Empörung auslöste. Im Juli weigerte sich das Parlament, das Budget der Regierung abzusegnen, aber der Präsident ignorierte das Veto. Ende des Monats kam es in Boosaaso und Garowe wegen der Inflation zu Streiks und Aufständen, der Präsident wurde mit Steinen beworfen, Korruptionsskandale führten zu Meutereien in der Armee, und Kämpfe mit Somaliland brachen aus. Daraufhin bat die Regierung die TFG um Hilfe, die Yusuf, der viele puntländische Bewaffnete in die TFG-Armee integriert hatte, gern gewährte.
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Yusuf war es gelungen, nach der Vertreibung von AIAI aus Boosaaso Zolleinnahmen aus dem Hafens anzuzapfen, in die Finanzierung einer Miliz umzuleiten und Gefolgsleute zu ¸kaufen„. Da er zusätzlich Hilfe aus Äthiopien erhielt (er stilisierte sich zum AntiIslamisten), konnte er sich von der Autorität seiner Clanältesten lösen und den shir-Beschluss ignorieren. Yusuf gründete sein Regime auf den SC der Omar Mohammed, besetzte wichtige Posten nach seinem Gusto, was, wie in Südsomalia, die benachteiligten Clans und SCs gegen seinen SC aufbrachte. Yusuf und die SSDF pflegten trotz der marxistischen Rhetorik aus ihrer Guerillazeit einen gewissen Darod-Nationalismus. Da Puntland nahezu ausschließlich aus Darod-Clanterritorien besteht (bis auf die Gebiete an den umstrittenen Grenzen), spielte das in Puntland selbst kaum eine Rolle, aber da der südliche Grenzstreifen Somalias zu Kenia ebenfalls von Darod besiedelt war, zeigten Yusuf und die SSDF stets großes Interesse am Bürgerkrieg im Süden. Deshalb sagte sich Puntland nicht wie Somaliland von Somalia los, sondern setzte eher auf ein neues, vereinigtes Somalia – unter der Hegemonie der Darod.

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Im Juni 2008 verabschiedete die Regierung eine Verfassung 98, die nicht öffentlich diskutiert worden war. Clanälteste, die nicht zu den Majertein gehörten, lehnten die Verfassung ab, weil sie befürchteten, diese würden ihre Vorherrschaft juristisch legitimieren, und forderten neue Diskussionen und die Einberufung eines shir. Mitte des Jahres kam es zu einem clanbasierten Aufstand: nachdem der Präsident seinen Sicherheitsminister gefeuert hatte, erklärten sich vier Distrikte der Sool-Region zum unabhängigen Gebiet und näherten sich Somaliland an, was den Grenzkonflikt zwischen Punt- und Somaliland neu befeuerte. Im August zerstritt sich die Regierung, und viele Minister traten zurück; zudem wuchsen die Spannungen mit der TFG, und Ende 2008 verübte HAS Selbstmordattentate in Boosaaso. 2009 wurde ein neuer Präsident gewählt, Abdirahman Farole, ein Vertreter der bisherigen Opposition, der aus dem Exil in Australien nach Puntland zurückgekehrt war. Er präsentierte sich als Reformer und Außenseiter, aber es bestehen Zweifel, ob er sich sein Amt nicht gekauft hat. Im Februar 2011 meldete eine Nachrichtenagentur, dass Puntland mit der TFG gebrochen hätte, bis eine legitime Regierung für ganz Somalia gewählt worden sei. Auch an der Südgrenze Puntlands brachen Konflikte aus. HAS und andere Milizen streckten ihre Fühler nach Norden aus, und in der Mudug-Region, die hauptsächlich von einem Hawiye-SC bewohnt wird (den Sa„ad), nicht von der puntländischen Mehrheitsbevölkerung, kam es rund um Gaalkacyo zu Auseinandersetzungen zwischen Clanmilizen. Wie Mogadishu um 1992 ist Gaalkacyo praktisch in zwei Clansektoren aufgeteilt: in der Südstadt leben Sa„ad, im Norden Majertein (Darod). 2006 riefen die Hawiye eine autonome Region aus, und inzwischen hat sich eine autonome ¸Administration„ gebildet, die damit droht, jeden zu erschießen, der die ¸Sicherheit„ bedroht: neue Konflikte und Kämpfe sind vorprogrammiert. Anfang Juni 2011 starben bei Schießereien in Gaalkacyo 20 Menschen, Anfang Juli gab es 30 Tote und 75 Verletzte. Die Konflikte beschränken sich nicht auf Auseinandersetzungen zwischen zwei CFs, sondern werden zudem von Streitereien zwischen MajerteinUnterclans überlagert: ein Sub-SC stellt den Präsidenten Puntlands, die anderen Sub-SCs pochen auf Autonomie, und die Regierung Puntlands behauptet, HAS wäre in die Kämpfe involviert. In Boosaaso kam es im Juni 2011 ebenfalls zu clanbasierten Kämpfen: eine Moschee wurde beschossen, Geschäftsleute wurden ermordet und 40 Clanälteste verhaftet. Auch in Puntland ist die Aufrechterhaltung des sozialen Friedens auf lokaler Ebene zum Teil privatisiert. Die beständigen Auseinandersetzungen um die Legitimität der Regierung und die Korruption ließen regionale Selbstverwaltungsstrukturen entstehen, die relativ unabhängig von der Regierung und vom Parlament agieren und auf traditionellen Konfliktlösungsmechanismen beruhen. Bahadur (2011, 279, Anm.4) berichtet von einem Vorfall, der deutlich macht, dass sich offizielle und informelle Konfliktlösungsmechanismen nicht immer ergänzen: zwei junge Somalis wurden, als sie einen Lkw mit einer Ladung Qat ausrauben wollten, erwischt und von Polizisten erschossen. Die Clanältesten der Getöteten verlangten daraufhin als Wiedergutmachung für den Tod der glücklosen Diebe die Exekution der Polizisten. Ein Erziehungswesen und ein Gesundheitssystem kann sich der Staat kaum leisten; „Puntland ist eine der ärmsten Regionen“ (Adow 2009) Somalias. Die einzigen Ausnahmen sind die Piratenhochburgen an der Küste, die Orte und Gebiete, in denen Piraten ihr Geld investieren und einen lokalen Wirtschaftsboom auslösten, und Boosaaso, das sich seit 1991 von einem Provinznest zu einem blühenden Hafen entwickelt hat. Puntlands Präsident muss bei Geschäftsleuten um Spenden betteln, wenn eine Straße oder ein Krankenhaus gebaut oder „Verkehrsschilder ersetzt“ (Bahadur 2011, 125) werden sollen. Beide Länder werden international nicht anerkannt und finanziell und politisch von Äthiopien unterstützt, das ein starkes Interesse an einem zersplitterten Somalia und an einer Anbindung an den Indischen Ozean hat (seit der Unabhängigkeit Eritreas besitzt Äthiopien keinen Hafen mehr). Obwohl Äthiopien seine Unterstützung offensichtlich für seine eigene Politik instrumentalisiert, ist die Hilfe für Somali- und Puntland ein Segen und wirkt in den Grenzkonflikten mäßigend.
1.9
EINE INFORMELLE

ÖKONOMIE

„Die Engländer wären sehr vorbildlich, wenn sie nicht ihren ganzen Fleiß darauf verwenden würden, christliche Schiffe und Kaufleute auszurauben und zu bestehlen“ (ein Venezianer im Jahr 1653).

die öffentliche Infrastruktur , Sektoren ging die Nach 1991 kollabierte in Somaliazurück, aber andere blühten auf,nicht aber die Ökonomie. In vielen ohne Zentralbank wirtschaftliche Aktivität zwar und eine Währung kursierte, die
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stabil blieb. Es entstand eine regional unterschiedlich ausgeprägte, „„offen informelle„“ (Little 2003, 166) Ökonomie ohne staatliche Regulierung. In Somaliland, in Puntland, auf dem Land und in Regionen, für die sich Milizen kaum oder nicht inte-

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In der Verfassung wurde eine Nationalhymne und eine puntländische Flagge eingeführt, ein symbolischer Schritt auf dem Weg zur Unabhängigkeit. Es soll Parteien geben – aber nur eine begrenzte Anzahl (was zu Clanstreitigkeiten führen würde, da nicht jeder SC politisch repräsentiert wäre); die Verfassung gibt sich muslimisch: jedes Gesetz und „jede Kultur“ (Art. 9.4, zit. n. ICG 2009, 9), die sich gegen den Islam richten, sollen verboten werden, und der Präsident und der Vizepräsident praktizierende Muslime sein. „Während man heute überall hört, dass der afrikanische Staat zusammengebrochen ist, was die Vorstellung erweckt, als wären das politische Gerüst und die politischen Strukturen in einen Abgrund gefallen, kann man die Anwendbarkeit des Begriffs [Staat] auf Somalia zumindest seit 1979 mit Fug und Recht bezweifeln“ (Little 2003, 14): Somalia ist nicht 1991 zusammengebrochen, da es schon längst zusammengebrochen war. Barre hatte ein Gebilde geschaffen, dass zur Zeit seiner Flucht aus Mogadishu „kaum mehr als ein Hilfsmittel war, ausländische Hilfe in die Taschen von Klienten des Regimes und von korrupten Staatsangestellten umzuleiten“ (Murphy 2011, 5).

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ressierten, veränderte sich gegenüber der Zeit vor 1991 wenig; schon in den achtziger Jahren hatte sich der Staat von dort weitgehend zurückgezogen. In einigen Gebieten verwaltet sich die Bevölkerung selbst; Clanälteste, religiöse Anführer und zivile Gruppen – oft Frauengruppen – sorgen für lokale Inseln im Chaos. Viele Somalis leben weder im Krieg noch im Frieden, sondern in einem permanenten Zwischenzustand. Die nomadische Pastoralökonomie erwies sich als relativ resistent gegenüber dem Zusammenbruch des Staates, da sie schon immer auf dezentralen Strukturen beruhte. Der Viehhandel über Berbera und Boosaaso wurde kaum beeinträchtigt: im Norden waren die Isaq schon unter Barre dazu übergegangen, Vieh über informelle Netzwerke und Kanäle zu verkaufen, Viehexporte über Kismayo, an denen das Barre-Regime beteiligt war, schliefen ein, weil die Nomaden Südsomalias ihre Rinder seit 1991 ¸illegal„ über die kenianische Grenze treiben und auf Märkten im Nordosten Kenias verkaufen. Der Zusammenbruch des Staates betraf in weit höherem Ausmaß jene Regionen, in denen es etwas zu holen gab: die Städte, agrarisch genutzte Zonen und Rückzugsgebiete für Milizen. Dort bildete sich eine Kriegsökonomie aus; Milizanführer und ‚Geschäftsleute„ entdeckten den Bürgerkrieg als Quelle für Profite. Zuerst blühte der Handel mit geplündertem Altmetall und geklauten Maschinen jeder Art auf, die Milizen an Geschäftsleute verkauften, die sich wiederum eine goldene Nase verdienten, indem den Schrott und die Maschinen exportierten. Auf die gleiche Art wurden geplündertes Büromaterial, Schiffe, Hafenanlagen und alles, was von Plantagen und Bauernhöfen abtransportiert werden konnte, ins Ausland verkauft. Eine weitere Quelle von Profiten waren Straßensperren, an denen Milizen und warlords ‚Zölle„ erhoben. 2006 wurden allein in Mogadishu 51 Straßensperren gezählt; an einer einzigen Straßensperre konnte pro Jahr durchaus eine Million Dollar verdient werden. Eine besondere Form von ‚Zöllen„ wurde an Flughäfen und Häfen erhoben; wer diese Drehscheiben des Handels kontrollierte, hatte ein großes Los gezogen. USC-Milizen, die einen Flughafen oder eine Landebahn (von denen mehrere entstanden) kontrollierten, erhielten pro gelandetem Flugzeug bis zu 6.000$ und einen Teil der Fracht. Nach den ersten Plünderungswellen, als es nicht mehr viel zu plündern gab, verdienten Milizen und warlords kräftig an Geschäften mit Hilfsorganisationen und UN-Einheiten. Sie beschützten die Ausländer als Wachleute, organisierten den Transport von Hilfslieferungen, insbesondere ins Landesinnere (und zweigten sich ihren Teil ab), verlangten Schutzgelder (Ärzte ohne Grenzen zahlte für den Schutz eines Krankenhauses von 1991 bis 1993 400.000$, so Bakonyi 2011, 232), tauschten Geld um und vermieteten Wohnungen, Fahrzeuge, Lagerräume und Büros. Logischerweise setzte sich, wer in den Bürgerkrieg investierte oder ein Gewerbe betrieb, das im Frieden (oder in einem funktionierenden Staat) nicht hätte ausgeübt werden können, nicht für ein Ende der Gewalt ein. Auch ‚normale„ Geschäftsleute waren nicht an einer neuen Regierung interessiert: „Steuern sind ärgerlich“ (so ein somalischer Geschäftsmann, zit. n. Menkhaus 2007, 386), und alle, die sich Land gesichert (gestohlen) hatten, zeigten wenig Interesse an der Wiederherstellung geregelter Verhältnisse, da eine anerkannte Regierung das Land womöglich den ursprünglichen Eigentümern zurückgegeben hätte. Milizen verkauften ¸Schutz„ vor Gewalt und Plünderungen, für die sie mitverantwortlich waren – ein profitables Geschäft, das von Männern geleitet wurde, die zugleich warlords – „nicht die erfolgreichsten Beutejäger“ (Marchal 2007, 1099) –, Geschäftsleute und Milizanführer waren. Die Ausübung von und der Schutz vor Gewalt verschafften vielen jungen und arbeitslosen Männern einen Arbeitsplatz: so gibt es unabhängige Nachbarschaftsgruppen, die sich pro Nacht und Haus für Patrouillen bezahlen lassen. Sicherheit ist zu einer Ware geworden, Schutzgelder, Schutz, ¸Zölle„ und Entführungen sind „Wachstumsindustrien“ (Grosse-Keller 2004, 6). „Für viele junge Männer sind gewaltförmige Konflikte zur Alltagsrealität, aber auch zur Einkommensquelle geworden“ (Rudloff/Weber 2010, 38). Wenn es Geschäftsleuten gelang, die Ausgaben für Schutzgelder gering zu halten (selbst wenn ein Drittel der Kosten für Schutzgelder draufging, ließen sich noch profitable Geschäfte machen) oder eine eigene Miliz aufzubauen, bot die deregulierte Ökonomie gute Möglichkeiten zum Geldverdienen. Schnell bildeten sich Firmen, die sich um die Verteilung des für Somalia lebenswichtigen Geldes kümmerten, das Exilanten nach Somalia schickten. Inoffizielle Banken (das hawaal-System100) wurden gegründet, und um problemlose Geldflüsse über Grenzen hinweg zu ermöglichen, wurde das Telekommunikationsnetz ausgebaut (heute verfügt Somalia über eins der billigsten Handynetze der Welt und ein verblüffend breites Internet-Angebot101). Al barakaat, einst die wichtigste hawaal-Firma, verdiente in der Telekommunikation gutes Geld, produzierte Softdrinks und war der größte Arbeitgeber Somalias. Als al barakaat und al taqwa, ein weiterer Internet-Provider, im September 2001 auf die US-Terrorliste gesetzt wurden, brach kurzfristig nicht nur das hawaal-System zusammen, sondern auch der ganze Telekom100

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Das hawaal-banking (üblich nicht nur in Somalia, sondern in der ganzen islamischen Welt) funktioniert per SMS, Telefon, Post oder email. Die Nachricht über eine Geldeinzahlung in einem hawaal-Büro (etwa in den USA) wird an ein anderes (etwa in Somalia) übermittelt, und dort kann das Geld abgehoben werden, wenn Ein- und Auszahlung von vertrauenswürdigen Bürgen bezeugt wurden (Verwandte, Clanangehörige, Scheichs). Die einzelnen Büros verrechnen ihre Ein- und Auszahlungen. Das System beruht auf Vertrauen und funktioniert, weil Clans und islamische Autoritäten es stützen. Etwa die Hälfte der somalischen Bevölkerung verfügte 2004 außer dem Geld, das Verwandte aus dem Exil schickten, über keinerlei Bargeld. Ein puntländischer Minister meinte vor nicht allzu langer Zeit: „In Somalia gibt es zwei funktionierende Industrien: hawaal und Qat“ (zit. n. Bahadur 2011, 90). – Da die Milizen vom hawaalbanking profierten, zahlte keine einzige hawaal-Firma Schutzgelder. Der Aufschwung des Telekommunikationssektors wurde von der Gründung privater, unabhängiger Medien begleitet. In Mogadishu entstanden Zeitungen und Radiostationen, von denen einige jedoch als Sprachrohre für warlords gelten, und inzwischen gibt es zahlreiche websites, auf denen die Entwicklung in Somalia dokumentiert, begleitet und analysiert wird.

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munikationssektor. Allerdings sprangen schnell andere Firmen in die Bresche und führten die somalische „Revolution der Telekommunikation“ (Little 2003, 144) fort; 2005 operierten in Somalia neun globale hawaal-Firmen und eine Menge lokaler und regionaler hawaal-Unternehmen. „Somalia fand ohne staatliche Regulierung schneller Anschluss an globale Hochtechnologie und an die globalen Finanznetzwerke als so manches andere, weitaus stabilere afrikanische Land“ (Johnson 2011, 93). Aideed finanzierte sich zum Teil durch den Verkauf von Rechten zum Export von Bananen: Dole, ein Bananen-Multi, zahlte Schutzgelder und Zölle, um Bananen von Plantagen aus dem Shebelle-Tal zu exportieren. Sein Sohn (und andere, etwa die JVA) verdienten gutes Geld mit Holzkohle aus Akazien, die nach Saudi-Arabien und in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) exportiert wurde – er kassierte Transport- und Hafensteuern, Straßenzölle, Abholzungsgebühren und exportierte selbst. Nahezu alle Milizen sind am Qathandel beteiligt, und da Qat importiert werden muss, investierten einige warlords in Fluglinien, über die Qat aus Kenia oder Äthiopien nach Somalia geflogen wird – drei Mal pro Tag, damit immer frisches Qat zur Verfügung steht. Eine einzige Firma versorgt Puntland mit der Droge, die am Flughafen in Garowe an unabhängige Zwischenhändler verkauft wird. Inzwischen gibt es private Fluglinien, die Somalia ans internationale Flugnetz anbinden. Ebenso blüht (natürlich) der Waffenhandel. Äthiopien und Eritrea versorgen ihre Gefolgsleute mit Waffen, und über den Jemen und Djibouti werden Waffen ins Land geschmuggelt. Weitere lukrative Einnahmequellen bestanden darin, dass warlords (illegale) FFLs für somalische Hoheitsgewässer verkauften und sich die Erlaubnis zur illegalen Müllverklappung in und vor Somalia teuer bezahlen ließen. Wenn warlords oder ¸Politiker„ Geld brauchten, ließen sie manchmal welches drucken. Mehrere Male gelang es Somalis, ausländische Druckereien zu überzeugen, sie wären Staatsvertreter, und prompt wurde frisch gedrucktes Geld geliefert – echtes Geld, kein gefälschtes. Bereits Ali Mahdi besorgte sich 1992 frisches und legales Geld, und als die TNG 2000 gebildet wurde, ‚importierten„ sympathisierende Geschäftsleute Unmengen somalischer Shillinge, um die Wirtschaft anzukurbeln. Allerdings hatten sie nicht über ihre Nasenspitze hinausgedacht, denn prompt kam es zu einem Wertverlust der Währung und zu Demonstrationen und Protesten. Ähnliches passierte im Februar 2001, als neues Geld auf den Markt geworfen wurde, dieses Mal wohl von der Opposition, um die TNG zu destabilisieren. Ein großer Markt in Mogadishu wurde vier Tage geschlossen, und einige Somalis „randalierten, als der Shilling noch einmal 25% an Wert verlor und sich die Preise für Waren über Nacht fast verdoppelten“ (Little 2003, 146). Dennoch verschwindet der somalische Shilling nicht, obwohl er kein gesetzliches Zahlungsmittel ist und nicht von einer Zentral- oder Staatsbank ausgegeben und gedeckt wird. Unter Barre wurde der Shilling massiv abgewertet, während der neunziger Jahre verlor er hingegen kaum an Wert102. „Heute herrscht hier Marktwirtschaft total. Bei uns kann jeder Geschäftsmann tun und lassen, was er will, ohne durch Steuern oder Regierungsvorschriften gebremst zu werden“ (ein Somali, zit. n. Michler 1998, 91). In einem solchen Umfeld bilden sich nur Dienstleistungen aus, mit denen Geld zu verdienen ist; folglich liegt das Gesundheitssystem in Trümmern, und ein öffentliches Bildungssystem ist praktisch nicht vorhanden. In den neunziger Jahren gingen nur 20% der somalischen Kinder zur Schule, die meisten davon in die unteren Klassen und in der Stadt – ohne Schul- und Ausbildung bleibt vielen jungen Männern nichts anderes als das Nomadendasein oder die Arbeit in einer Miliz. Wer es sich leisten kann, vertraut auf Privatlehrer oder schickt seine Kinder auf eine teure Privatschule (oder nach Kenia); mancherorts haben Frauengruppen Schulen in Privatinitiative aufgebaut: so gibt es ein privates Bildungsnetzwerk, das aus „101 Erziehungszentren“ (Abdulle 2008, 73) mit über 50.000 Schülern besteht. Die meisten Kinder besuchen jedoch Koranschulen; das ist zwar besser als nichts, aber da dort hauptsächlich der Koran auswendig gelernt wird, ist fraglich, inwieweit sie ein öffentliches Schulsystem ersetzen. Im Gesundheitssystem sieht es noch schlimmer aus103. Das medizinische Personal verließ nach 1991 mehrheitlich das Land, so dass Somalia insbesondere auf dem Land unter einem gravierenden Ärztemangel leidet, es gab Ausbrüche von Cholera, Malaria und Viehseuchen. In den Städten entstanden einige private Kliniken, deren Dienste sich jedoch kaum jemand leisten kann. Der Exodus vieler Männer hinterließ in vielen Gruppen und Familien tiefe Spuren. Wie oft im Krieg fiel Frauen die Rolle der Ernährerin der Familie zu. In der Pastoralökonomie übernahmen sie Männeraufgaben, lokale und regionale Märkte wurden verstärkt von Frauen beschickt, und Marktstände befinden sich größtenteils in ihren Händen. Ob Frauen durch die Aufweichung der patriarchalen Arbeitsteilung mehr Einfluss auf die somalische Politik und Gesellschaft erhalten, ist jedoch zu bezweifeln. Somaliland und Puntland verfügen über eine Regierung, theoretisch also auch über einen öffentlichen Sektor, der regelnd und regulierend in die Ökonomie eingreifen könnte. Mehrere Faktoren be- und verhindern jedoch, dass sich ein nach westlichen Maßstäben funktionierender Staat ausbildete, der das Kunststück fertig brächte, seine Bürger vor unregulierter Gewalt und Ausbeutung zu beschützen, ohne die Ausbeutung an sich abzuschaffen. Erstens fehlt es schlicht an Geld; beide Länder kön102

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In Puntland bekam man 2006 für einen US-$ 14.000 somalische Shillinge, im August 2008, nach der Inflation, 35.000. Viele gefälschte Banknoten kursierten; erst nach einer Kampagne von Clanältesten und Scheichs gegen Falschgeld stabilisierte sich der Wechselkurs bei 1:29.000. Im Alltag muss man riesige Mengen Shilling-Banknoten bei sich haben; für die alltägliche Qat-Ration sind eine Menge Tausender notwendig. Private Geldwechsler fahren ihre Shillinge in Schubkarren auf den Markt, um sie gegen Dollars einzutauschen. 1995 betrug die Lebenserwartung in Somalia im Schnitt 30-35 Jahre, bis 2001 stieg sie auf 47 Jahre (zum Vergleich: in Kenia betrug sie 45, in Tansania 43 Jahre). Weniger als ein Drittel der Bevölkerung hat Zugang zu Ärzten, weniger als ein Viertel der Bevölkerung zu sauberem Wasser.

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nen einen Staatsapparat und einen öffentlichen Sektor nicht finanzieren. Zweitens beruht gerade im Vergleich zu Südsomalia ihre friedliche Entwicklung auf einer Verlagerung staatlicher Strukturen auf die lokale und regionale Ebene, wo ¸vorstaatliche„, clanbasierte Strukturen das Zusammenleben regeln 104. Drittens werden beide Länder von der internationalen Staatengemeinschaft nicht als Staaten anerkannt, was ihre Integration in die globale Ökonomie erschwert105. Importe, Exporte, ausländische Investitionen in Punt- und Somaliland und Geschäfte von Somali- und Puntländern außerhalb ihrer Enklaven werden dadurch behindert, dass beide Länder keine Verträge unterschreiben dürfen, in denen der rechtliche Rahmen für internationale Geschäfte geregelt und festgelegt wird. Sie sind sozusagen rechtsfreie Räume; wer dort Geld investiert, verzichtet freiwillig auf den Schutz durch internationale Rechtsnormen – das gleiche gilt für Somali- und Puntländer, die außerhalb ihrer Länder geschäftlich tätig werden106. Beide Länder müssen daher auf Tricks zurückgreifen, um sich an der Weltwirtschaft zu beteiligen, Tricks, die ihre Ökonomie ¸informalisieren„. Wenn das internationale Recht nicht greift, müssen grenzüberschreitende, nicht-mafiöse Geschäfte auf Vertrauen beruhen – auf Netzwerken aus Freunden und Verwandten. Ex- und Importe werden durch Clanmitglieder vermittelt, die in der Diaspora leben (etwa in Djibouti, in Saudi-Arabien und in den Golfstaaten), Clanälteste garantieren durch ihre Autorität, dass Absprachen eingehalten werden und niemand betrogen wird 107. Clanbasierte Austauschbeziehungen sind näherungsweise mit Nachbarschaftshilfe108 oder ¸Schwarzarbeit„ zu vergleichen, Tätigkeiten, die ebenfalls auf Vertrauen und nicht auf Verträgen beruhen, haben aber im Fall Somalilands mit internationaler ¸Schwarzarbeit„ – Drogen- und Waffenschmuggel und dergleichen – nichts zu tun. Wie (und ob) der somalische Staat auf informelle Geschäfte Steuern und Zölle erhebt, ist unklar. Die Engführung von Clantraditionen und Im- und Exportgeschäften schließt praktisch aus, dass sich westliches Kapital ins Land traut; Somalilands Ökonomie wird durch somalische Geschäftsleute geprägt, die über „bedeutende Verbindungen zur Diaspora-Gemeinschaft und ihrem Kapital“ (Reno 2003, 31) verfügen. Somaliland (und Puntland) kooperieren statt dessen mit Firmen und Geschäftspartnern, die auf dem ¸freien„ Weltmarkt ihrerseits wenig Chancen haben und daher jede Gelegenheit zur Expansion nutzen. Wo sich etwa westliche Ölfirmen zurückziehen oder zieren (wie im Sudan), springen chinesische Firmen in die Bresche, die von der chinesischen Regierung ermuntert und beschützt werden, aber unter ¸normalen„ Umständen nicht wettbewerbsfähig wären109. Außerdem können Somali- wie Puntländer das gleiche wie westliche Firmen tun, die Steuern sparen wollen und nach besseren Möglichkeiten zur Ausbeutung suchen: Firmen werden in die Diaspora ausgelagert, in die VAE oder nach Djibouti, wo etwa die ¸staatliche„ somaliländische Fluggesellschaft ihren Sitz hat110. Ähnlich funktioniert die Versorgung von Boosaaso mit Trinkwasser: der lokale Versorger unterhält ein Büro im Ausland und regelt von dort aus die Verträge mit Lieferanten; lokale Autoritäten und Clanälteste vermitteln bei Schwierigkeiten zwischen Verbrauchern und Wasserwerken und üben sanften Druck aus, damit die Wasserpreise nicht steigen.

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Das ist natürlich ein zweischneidiges Schwert. In Somaliland scheint die fragile Balance zwischen staatlicher Autorität und clanbasierten Entscheidungsstrukturen zu gelingen, auch wenn es immer wieder Rückschläge gab. In Puntland hingegen scheint sich die staatliche Autorität, zumindest zeitweise, in ein Vehikel zur Durchsetzung privater und Claninteressen transformiert zu haben, wodurch die Gefahr clanbasierter Kämpfe steigt. Bewohner Somali- und Puntlands besitzen etwa keine Pässe (mehr), die eine legale Einreise in ein anderes Land ermöglichen; sie sind theoretisch vom Rest der Welt isoliert. Ein andere Einschränkung betrifft so etwas Banales wie die Post. Als nicht anerkannter Staat fällt Somaliland aus dem weltweiten Postsystem heraus, da es entsprechende Verträge nicht unterzeichnen kann und darf. Eine private Firma, der größte Arbeitgeber Somalilands, sprang ein und organisierte eine Privatpost, die aufgrund einer Vereinbarung mit Äthiopien von dort aus ans internationale Postsystem angeschlossen ist. Da Emma Normalverbraucherin selten mit internationalen Rechtsnormen zu tun hat, scheint das Leben ohne sie auf den ersten Blick kaum komplizierter als mit ihnen. Doch ohne sie sind grenzüberschreitende Geschäfte ein risikoreiches Unterfangen: das Recht auf Eigentum und Privatbesitz ist nicht garantiert, Versicherungen springen nicht ein, Privatverträge sind nicht das Papier wert, auf dem sie unterzeichnet werden, die Bezahlung von Rechnungen kann nicht erzwungen werden, das Copyright gilt nicht und vieles mehr. Somaliland verfügt über kein formelles Bankensystem; Im- und Exporte werden daher finanziell über Djibouti abgewickelt. Da das traditionelle Clansystem nur kollektive Strafen kennt, wenn ein Clanmitglied gegen das heer verstößt, können Clanälteste den SC eines Betrügers, der sich im Ausland aufhält, zur Verantwortung ziehen – eine Sanktion, die ein Somali mit einem Schulterzucken abtäte, wenn er seine Clanidentität abgeschüttelt hätte (aber selbst dann wäre er für immer isoliert und könnte nie wieder Geschäfte mit somaliländischen SCs tätigen). Die informelle Struktur der somaliländischen Ökonomie hat einen willkommenen Nebeneffekt: sie mildert Clanauseinandersetzungen, da Clanälteste zur Kooperation gezwungen sind, wenn sie grenzüberschreitende Geschäfte beschützen, und verhindert das Aufkommen von warlords, autonomen ¸Politikern„ und ihren Milizen, die von der Ausplünderung lokaler Ressourcen leben. Diese Strategie führt Somaliland in einen Teufelskreis: da chinesische Firmen nur ohne formale Anerkennung Somalias konkurrenzfähig sind, dürfte die chinesische Regierung jeden Versuch Somalilands torpedieren, seine Anerkennung zu erreichen, da chinesische Firmen ansonsten eine ökonomische Nische auf dem Weltmarkt verlören. Hätte sie in Somaliland ihren Sitz, wäre sie faktisch vom Flugverkehr ausgeschlossen, da sie Flüge, Passagiere, Frachten und Gepäck nicht versichern könnte, nicht an internationale Sicherheitsstandards gebunden wäre und nicht auf internationale Buchungs- und Bezahlsysteme zurückgreifen könnte. Puntland ist per Flugzeug nur über Djibouti zu erreichen, da kaum eine Fluglinie das Land anfliegt.

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2. PIRATEN
„‘Warum bist du ein Pirat?‘ sagte sie schließlich und brach das Schweigen. ¸Warum reitest du so temperamentvolle Pferde‘? antwortete er. ¸Wegen der Gefahr, wegen dem Tempo, weil ich stürzen könnte‘, sagte sie. ¸Darum bin ich ein Pirat‘, sagte er. ¸Ja, aber ...‘ ¸Es gibt kein Aber‘“ (Daphne duMaurier: Frenchman‘s Creek).

maritimer Zentren in im Persischen Golf – „die Wo Fischer ihrem Tagwerk fernder persischen Küstenachgingen,ihre Südchina, auf Amrum,seit unvordenklichen Zeiten kleinen Fischerdörfer entlang ergänzten lächerliche Subsistenz durch Piraterie“ (Barendse 2002, 45) – , an der östlichen Adria oder in Somalia111, gehörten Armut und Hunger zum ständigen Begleiter. Eingeklemmt zwischen dem Meer und schroffem Hinterland fuhren die Menschen in kleinen Booten aufs Meer, bestellten karge Böden und hielten sich ein paar Schafe, Ziegen und Hühner; eine Missernte, kriegerische Auseinandersetzungen, ausgelaugte Böden oder ein ausbleibender Fischschwarm ließen den Magen knurren. In solchen Zeiten der Not waren die Armen der Küste gezwungen, ihren Lebensunterhalt „durch zusätzliche Formen der Ressourcenbeschaffung zu ergänzen“ (Bono 2009, 24). Ein kleiner MPZ im Morgennebel nach dem Motto Gelegenheit macht Prisen gehörte weltweit zu den legitimen Alternativen legalen Broterwerbs112, wenn dieser nicht genug abwarf. Wenn eine solche Subsistenzpiraterie keinen Erfolg versprach, blieb als letzte Zuflucht der Strandraub. Seit jeher durften Küstenbewohner behalten, was ans Ufer gespült wurde, sofern sich der rechtmäßige Besitzer nicht meldete. Der erste Schritt zum Strandräuber bestand darin, nicht zu melden, was nach einem Schiffbruch an Land gespült wurde, so dass Besitzer ihr Eigentum nicht reklamieren konnten 113. Aktivere Küstenbewohner zündeten Strandfeuer an, um ortsunkundige Schiffe nachts, bei Unwetter oder im Nebel auf Sandbänke und Riffs zu locken. Dann bargen sie die Ladung, zerlegten die Schiffe (Nägel und Holz waren wertvoll), und wenn sie guter Stimmung waren, ließen sie die Seeleute am Leben, sofern sie nicht eh ertrunken waren. Obwohl von somalischen Fischern keine kleinformatigen MPZs überliefert sind, dürften sie die Ladung aus Schiffbrüchen für sich behalten haben. „Im 19. Jahrhundert war die Beute aus gestrandeten Schiffen (manchmal wurde ein Unglück durch irreführende navigatorische Hinweise von der Küste offensichtlich absichtlich herbeigeführt) ein bedeutendes Element in der Handelsökonomie des Majertein“ (Lewis 2008, 105); möglicherweise führte die Strandbeute zu Zentralisierungsbestrebungen, aus denen die Sultanate Obbia und Majertein entstanden. Imame flehten Allah an, christliche Schiffe stranden zu lassen. Wahrscheinlich schützten sich schon die ersten ägyptischen Flotten, die ab 2500 v.u.Z. durchs Rote Meer nach Punt (Somalia oder Jemen) segelten, vor Überfällen. Die Marine von Pharao Necho II begleitete um 600 v.u.Z. ägyptische Handelsschiffe auf dem Roten Meer, um 100 v.u.Z. überfielen die Nabatäer von der arabischen Halbinsel Schiffe im Roten Meer oder lockten sie auf Riffe und raubten sie aus. Im ersten Jahrhundert n.u.Z. beschrieb Plinius der Ältere den (römischen) Handel mit Indien und erwähnte, dass auf Schiffen, die nach Indien segelten, aus Furcht vor Piraten „Bogenschützen“ (Hourani 1995, 29) stationiert waren. Vor der Ankunft der Portugiesen operierten von Sokotra aus indische Piraten, die ihre Beute „an die Bevölkerung der Insel verkauften“ (Little 2010, 237). Um 1900 überfielen Somalis Perlenfischer aus Sokotra. In den Fünzigern wurden im Golf von Aden gelegentlich Yachten gekapert, um Lösegelder zu erpressen, und britische Aufzeichnungen aus der späten Kolonialzeit Somalilands erwähnen „Angriffe gegen Dhaus und Fischerboote“ (Murphy 2011, 11).

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Der etwa 1700km lange Küstenstreifen von Boosaaso bis Mogadishu ist praktisch vom Rest Somalias abgeschnitten. Das öde Hinterland und das Fehlen von Flussmündungen und natürlichen Häfen verhinderten die Entstehung größerer Küstenorte, und die nomadische Abneigung gegen den Fischerberuf zog eine imaginäre Trennlinie zwischen den unmittelbaren Küstenregionen und dem von Nomaden genutzten Land. Obwohl Somalia über reiche Fischgründe verfügt, blieb die Fischerei bis zur Diktatur Barres ein marginales Gewerbe; kleine Fischergemeinschaften und -gemeinden beschränkten sich darauf, so viel Fisch zu fangen, wie sie brauchten, und hatten ansonsten wenig mit dem Rest Somalias zu tun. Das änderte sich erst, als Barre während der großen Dürre in den siebziger Jahren Nomaden am Meer ansiedeln ließ. Zwei bis drei Männer zogen los, „an das Leben auf dem Meer gewöhnt, kühn auf Abenteuer aus, arme Leute mit nur einem kleinen Schiffchen oder einer schlecht ausgerüsteten Brigantine: doch sie haben (...) einen Seemannskompass und auch einige Kriegsgerätschaften, nämlich einige leichte Flinten, um aus der Entfernung zu schießen. Zum Leben haben sie einen Sack Mehl und etwas Schiffszwieback, eine Ziegenhaut Öl, Honig, einige Zöpfe Knoblauch und Zwiebeln und ein wenig Salz für einen ganzen Monat. So ausgerüstet, ziehen sie auf Beute“ (Braudel 1990, II, 703). – Chinesische Fischer fanden nichts dabei, einmal im Jahr ihre Fangnetze gegen Entermesser einzutauschen: „Im Sommer, wenn der Fischfang wenig einträglich und gefährlich war, nutzten die Fischer die südlichen Winde, um nach Norden zu segeln und entlang der Küste zu plündern. Im Herbst drehte sich der Wind, und sie kehrten zurück, um erneut auf Fischfang zu gehen“ (Murray 1997, 214). Als vor der Küste Devons im Januar 2007 ein Containerschiff in Seenot geriet und etliche Container an die Strände der Umgebung gespült wurden, konnte die ganze Welt das rege Treiben der Anwohner beobachten, die teils unter den Augen der Polizei angeschwemmte Waren abschleppten. – „Wir bitten dich, o Herr, zwar nicht,/dass Schiffe stranden und umkommen im Heulen/des Sturms und im Rasen der See,/aber wenn es schon Deinem Ratschluss gefällt,/sie stranden zu lassen, dann, o Herr,/führe sie hier an den Strand/zum Wohle der armen Bewohner dieser Küste“, so betete man auf Amrum oder Norderney (zit. n. Rath 2007, 40). Ein Pfarrer, der sich weigerte, solche Gebete mit Inbrunst gen Himmel zu senden, musste seine Inselgemeinde verlassen.

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2.1 DIE

ERSTEN GROSSEN

AUSBRÜCHE

Die Piratenrunde
„Im ehrlichen Seedienst gibt es kärgliche Kost, niedrige Löhne und harte Arbeit; hier dagegen Überfluß und Reichtum, Vergnügen und Muße, Freiheit und Macht; und wer würde sein Schicksal nicht auf diese Seite der Waagschale werfen, wenn das damit eingegangene Risiko im schlimmsten Fall darin besteht, daß ihm bei der Hinrichtung der eine oder andere häßliche Blick zugeworfen wird. Nein, ein munteres und kurzes Leben soll mein Motto heißen“ (Bartholomew Roberts, Piratenkapitän).

überregional von sich Auf den BermudaDie ersten Piraten, die vor SomaliaAnteile an einem Schiff,reden machten, kamen aus der Karibik.einen englischen KaInseln kaufte Thomas Tew 1692 heuerte Seeleute an und besorgte sich perbrief, der es ihm erlaubte, französische Handelsstationen in Westafrika auszurauben. Unterwegs, auf dem Atlantik, schlug er seiner Crew vor, „einen Vorstoß auf die sagenumwobenen Reichtümer des Ostens zu unternehmen“ (Bialuschewski 1999, 10), wo europäische Ostindienfahrer, Handelsdhaus und die indische Pilgerflotte lockten, die einmal pro Jahr Pilger nach Mekka transportierte und Kaufleute mit ihren Waren zur arabischen Halbinsel brachte; wenn der Monsun einsetzte, „kehrte sie mit Gold und Silber beladen zurück“ (Rogoziński 2000, IX). Am Horn von Afrika kaperte Tews Crew im August 1693 das Flaggschiff des Großmoguls; der Anteil eines jeden an der Beute überstieg die Summe, die ein Seemann in seinem Leben mit ehrbarer Arbeit verdiente. Nach über 15 Monaten auf See kehrte das Schiff nach Newport an der nordamerikanischen Küste zurück, wo die Beute verkauft wurde. Schnell machte der Erfolg die Runde – „wir haben eine Bande Piraten hier, die Männer vom Roten Meer, die eine große Menge arabisches Gold erbeuteten“, schrieb ein New Yorker (zit. n. Konstam 2008, 253). „Die Aussicht auf sagenhafte Schätze im Osten löste einen regelrechten Goldrausch aus. Gepackt vom ¸Rotmeerfieber„ schifften sich im Sommer 1694 allein von Rhode Island aus 300 junge Männer ein“ (Kempe 2010, 198), um im Indischen Ozean Jagd auf Prisen zu machen. Im September 1695 gelang es einer Gruppe von Piraten unter Henry Avery, zwei indische Schiffe aufzubringen, darunter die Ganj-i Sawai, eine der größten Prisen der Weltgeschichte114. Die „Ladung, die die Piraten an Bord vorfanden, überstieg alles bisher Dagewesene“ (Marx 1997, 152); erneut wog ein Anteil an der Beute die lebenslange Arbeitsleistung eines Seemanns auf: Earle (2004, 129) schätzt den Wert der Beute, umgerechnet in heutige Währung, auf 200 Millionen Dollar. Weil die Geschäfte der EIC einzubrechen drohten (der Mogul machte, nicht ganz zu Unrecht, keinen Unterschied zwischen EIC- und Piratenschiffen, die unter englischer Flagge segelten, und drohte mit Repressalien gegen die EIC und ihre Kaufleute, wenn die Piraterie nicht eingedämmt würde), segelten englische Kriegsschiffe zum Schutz des europäischen und indischen Handelsverkehrs in den Indischen Ozean und vertrieben die Piraten. 1721 wurde die Piratenrunde wiederbelebt – für ein paar Monate. Ende des Jahres waren die Piraten wieder verschwunden, englische, holländische und französische Kriegsschiffe patrouillierten auf dem Indischen Ozean und warfen ein besonderes Auge auf die bevorzugten Jagdgründe der Piraten. Europäische Piraten im Indischen Ozean wurden zu einem seltenen Anblick, europäische Kriegsschiffe ein um so häufigerer.

Die Qawasim
„Bei dieser Gelegenheit wurde ein Mann getötet, und vier wurden schwer verwundet; überdies wurde ich selbst sehr grausam behandelt. Sie schnitten meine Hand am Handgelenk ab und fügten mir neun weitere Wunden am Kopf und am Körper zu, stahlen alles, was wir besaßen, selbst die Kleidung, die wir am Leib trugen. Nackt und ohne etwas zu essen oder zu trinken hielten sie uns fest. Auf diese unmenschliche Weise zwangen sie mich, an Deck zu bleiben. Aufgrund meines Blutverlusts konnte ich mich nicht bewegen und hätte eigentlich umkommen müssen“ (R. Babcock, Kapitän einer überfallenen englischen Brigg, 1804 in einem Brief an seine Vorgesetzten).

berichtet, kreuzten acht Dhaus im Im Frühjahr 1809, so wurde der EIC in IndienQishn gegen ein bewaffnetes Schiff, Golf von Aden und kaperten vier indische Schiffe. 1815 kämpften sechs Dhaus vor griffen As-Sahir (beide Städte liegen an der jemenitischen Südküste) an und kaperten zwei Handelsdhaus; zur gleichen Zeit wurden im Bab al-Mandab einige Schiffe überfallen und ausgeraubt. Ein Jahr später griff eine Flotte aus 15 Dhaus Aden an und kaperte im südlichen Roten Meer sechs Handelsschiffe, darunter zwei mit Kaffee beladene. 1818 überraschten sechs Dhaus im Hafen von Sokotra sechs indische Dhaus auf dem Weg ins Rote Meer und segelten mit ihrer Beute davon. Im Februar 1819 segelten 15 Dhaus in Richtung Jemen und Sansibar, „um zu plündern“ (Davies 1997, 319). Auf diesem MPZ wurde Berbera angegriffen und zerstört, mindestens ein Handelsschiff fiel den Angreifern zum Opfer. Gegenüber von Hormuz ragt eine Halbinsel ins Meer, die den Golf von Oman vom Persischen Golf abtrennt. An der Westküste dieser Halbinsel, zwischen der Straße von Hormuz und Dubai (etwa das Gebiet der heutigen VAE), lebten die Qawasim (auf dem Höhepunkt ihrer Macht gehörten auch Bandar Lengeh an der persischen Küste, Teile der Ostküste der Halbinsel und die Insel Qushm zu ihrem Einflussbereich). Ihr Land war unfruchtbar; sie lebten vom Anbau von Datteln, vom Fischen, vom Seehandel und in den Sommermonaten vom profitablen Perlentauchen. Sie waren hervorragende Seeleute, und

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An Bord der Ganj-i Sawai befand sich der Harem eines indischen Würdenträgers; die Frauen wurden von den Piraten vergewaltigt, einige stürzten sich freiwillig ins Meer, und indische Seeleute wurden gefoltert, um noch den letzten Wertgegenstand an Bord ausfindig zu machen.

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es gibt Anzeichen dafür, dass eine schlechte Jahresperlenernte dazu führte, dass „vermehrt Siedlungen und Schiffe anderer arabischer Gemeinschaften angegriffen und ausgeplündert wurden“ (Sweet 1964, 274). Nach der Vertreibung der Portugiesen aus dem Persischen Golf unterstand die Qasimi-Küste nominell den Omanis. In den Wirren des omanischen Bürgerkriegs und des Angriffs der Perser auf den Oman erklärten die meisten arabischen Hafenstädte im Grenzbereich zwischen dem Sultanat Oman, dem persischen Reich, der arabischen Wüste und dem osmanischen Irak ihre Unabhängigkeit, einige schlossen sich zu Föderationen zusammen, in denen kleinere Städte zwar die Oberhoheit eines Scheichs einer größeren Küstenstadt anerkannten, aber dennoch unabhängig blieben und von je unterschiedlichen Verwandtschaftsgruppen oder Stämmen besiedelt und regiert wurden. Eine der bekanntesten Föderationen bildeten die Qawasim mit ihrem Haupthafen Ras al-Khaimah (80km südlich der Straße von Hormuz). Als der Oman sich erholt hatte, versuchte der Sultan, die Südküsten des Persischen Golfs zurückzuerobern, aber die Küstenstädte wehrten sich mit Händen, Füßen und Schiffen. Zwar war die omanische Flotte überlegen, aber nicht in dem Ausmaß, dass sie etwa Ras al-Khaimah hätte erobern oder die regionalen Meere beherrschen können. Wie oft bei asymmetrischen maritimen Machtverhältnissen gingen die Unterlegenen zum Kaperkrieg über: wenn die Perlensaison vorbei war, zogen die Qawasim (und andere) auf MPZs gegen omanische und (vermeintlich) omanifreundliche Schiffe und Küstenstädte. Zwischen die Fronten in diesem Kaperkrieg gerieten eher zufällig englische und Schiffe unter englischer Flagge: 1797 wurde eines von den Qawasim gekapert, eines erfolglos angegriffen – die Prise gab der Scheich von Ras alKhaimah den Engländern zurück, und von der versuchten Kaperung distanzierte er sich. Dennoch wurden bis 1804 weitere Schiffe unter englischer und EIC-Flagge aufgebracht. 1804 bekam der innerarabische Kaperkrieg eine neue Wendung. Der Sultan von Oman starb (die Qawasim sollen ihre Hände im Spiel gehabt haben), sein Nachfolger wurde 1806 von Sayyid Sa„id getötet, und dieser brauchte, als neuer Sultan, einige Jahre, um seine Macht (und die des Omans) zu festigen; die nachlassende Präsenz der omanischen Flotte ließ den Qawasim (und anderen) größere Spielräume. Zudem kulminierte in diesen Jahren eine Entwicklung, die über 50 Jahre zuvor begonnen hatte: mitten in der Wüste Arabiens schlossen 1750 Abdul Wahhab, ein muslimischer Prediger, auf den das Etikett erster Islamist wie die Faust aufs Auge passt, und Ibn Saud, ein lokaler Stammesfürst, ein Abkommen; gemeinsam wollten sie Arabien erobern und alle Muslime zum „reinen und ursprünglichen Islam“ (Ansary 2010, 248) bekehren115. In den nächsten Jahrzehnten eroberten die wahhabitischen Saudis nahezu die gesamte arabische Halbinsel bis auf den Oman, besetzten Mekka und Medina und griffen auf irakisch-osmanisches Territorium über. Um 1804 hatte sich der größte Teil der arabischen Küstenbevölkerung des Persischen Golfs den Wahhabiten angeschlossen, einschließlich der Qawasim, die von den Wahhabiten zu MPZs gegen ¸ungläubige„ Muslime und zu Raubfahrten nach Indien und in den Golf von Aden ermuntert wurden; ein Fünftel jeder Kaperbeute verlangten sie als Tribut. Ihre wahhabitische Grundeinstellung, die das Töten ¸Ungläubiger„ zur religiösen Pflicht erklärte, und ihre beduinische Tradition (auf die sie stolz waren), die (ungezügelte) Gewalt gegen ¸Außenstehende„ eher ermunterte denn

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Wie bereits erwähnt, ist die ¸Rückkehr„ zu einem unverfälschten Islam ein ideologisches Konstrukt. – Die Saudis, der Stamm Ibn Sauds, forderten andere Stämme auf, sich zum Wahhabismus zu bekehren, was diese selten taten, da sie ja schon Muslime waren, und falls sie sich weigerten, gab Wahhab den Befehl, die ¸Widerspenstigen„ zu töten, denn in seinen Augen waren sie Ungläubige, die nach islamischem Recht getötet werden durften.

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einschränkte116, machten die Qawasim zu gefürchteten maritimen Gegnern: die Crews aufgebrachter Schiffe wurden, selbst wenn sie sich ergaben, angegriffen (oft) getötet, und Überlebende versklavt – auch Engländer und Seeleute, die unter englischem Schutz standen. Bis 1809 gerieten weitere englische, englisch-indische, arabische und persische Schiffe unter englischem Schutz zwischen die Fronten des innerarabischen Religionskriegs. Da Großbritannien nach dem Tod des Sultans von Oman eine Allianz mit dem Oman anstrebte, um die Seeroute nach Indien vor französischen Übergriffen zu schützen, wurde es „de facto zum Feind der Qawasim“ (Wombwell 2010, 93). Im November 1808 segelten 40 Qasimi-Dhaus in den Indischen Ozean, kaperten 20 Handelsschiffe und blockierten faktisch den englischen Indienhandel. „Einige Piratendhaus waren so gut bewaffnet, dass sie einer Schlacht mit Kriegsschiffen der Königlichen Marine nicht aus dem Weg gingen, und manchmal gewannen sie“ (Hall 1998, 355). Im gleichen Jahr wurde die Minerva gekapert, ein Handelsschiff; ein Überlebender berichtete, dass 55 QasimiDhaus mit 5.000 Kämpfern an Bord im Einsatz waren – zweifellos eine Übertreibung, aber eine, die den Schrecken des Augenzeugen illustriert. 45 Engländer wurden getötet, Gefangene wurden nach Ras al-Khaimah gebracht; die wenigen überlebenden Christen „wurden zum Übertritt zum Islam überredet und zwangsweise beschnitten“ (Travers 2007, 261). Das konnte und wollte sich die EIC nicht bieten lassen. Im September 1809 segelten zwei britische Fregatten und neun bewaffnete EIC-Schiffe mit 1600 Soldaten und 1000 Sepoys von Bombay nach Ras al-Khaimah, unterstützt von omanischen Kriegsschiffen (eine omanische Armee kam zu spät); die Hafenstadt wurde besetzt und verwüstet, 60 Dhaus wurden im Hafen verbrannt. Aber die Engländer zogen schnell wieder ab, und die Qasimi bauten ihre Flotte wieder auf. Im Herbst 1813 jagten Qasimi-Dhaus Handelsschiffe im Indischen Ozean, und in den Folgejahren waren Kaperschiffe der Qawasim im Persischen Golf, im Golf von Oman, auf dem Indischen Ozean und im Golf von Aden ein gewohnter Anblick. 1816 verpuffte eine britische Strafexpedition – sie beschränkte sich darauf, mit Schiffskanonen auf Ras al-Khaimah zu feuern. Danach wurde die Bedrohung durch die Qawasim so groß, dass die Briten ein Konvoisystem einführten, um das Risiko von Überfällen zu verringern. Im Oktober 1812 war die osmanische Armee in Arabien einmarschiert; sie kämpfte gegen die Wahhabiten, drängte sie allmählich in die Wüste zurück, und 1818 ging es mit dem ersten Saudi-Arabien zu Ende117. Im Dezember 1819 eroberten die Briten Ras al-Khaimah nahezu ohne Gegenwehr, zerstörten alle Befestigungsanlagen und ankernden Dhaus, und die Qawasim wurden dazu verpflichtet, Piraterie gegen britische Schiffe zu bekämpfen und keine Gefangenen mehr zu töten. Seitdem wurde es relativ still um die Qawasim.
2.2 PIRATENFISCHER
UND

SONDERMÜLL

„Somalis, wacht aus dem Schlaf auf! Eine Katastrophe hat das Land befallen, die Ungläubigen haben euch getäuscht (…). Lasst euch von ihren Geschenken nicht blenden, sie sind mit einem tödlichen Gift versetzt“ (Sayyid Muhammad Abdille Hassan).

wurde zwei aus Im Herbst 1992Schweizbekannt, dass der ¸Gesundheitsminister„ aus Ali Mahdis Übergangsregierung mitDollarFirmengiftiItalien und der Verträge zum Import europäischen Mülls unterzeichnet hatte: für 80 Millionen sollte ger Abfall in einer auf 500.000 Tonnen pro Jahr ausgelegten Sondermülldeponie entsorgt werden. Der Somali dementierte, und die Schweiz und Italien gaben bekannt, dass ihnen die beteiligten Firmen nicht bekannt waren; wahrscheinlich handelte es sich um Scheinfirmen „der italienischen Mafia (…), die etwa 30% der italienischen Müllentsorgungsindustrie kontrolliert“ (Grosse-Kettler 2004, 29). Trotzdem entstanden in Somalia drei riesige Sondermülldeponien, auf denen auch radioaktiver Restmüll ohne Sicherheitsmaßnahmen eingelagert118 wurde. Noch einfacher war es, Sondermüll vor Somalia im Meer zu versenken119. Ohne somalische Küstenwache bestand kaum ein Risiko, beim Verklappen von Giftmüll in somalischen Hoheits116

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Die Beduinen der Wüste unterschieden streng zwischen PZs gegen andere Beduinen und PZs gegen Nicht-Beduinen. Kämpfe zwischen Beduinen waren formalisiert, fast ritualisiert: das Blutvergießen wurde auf ein Minimum beschränkt, und Nicht-Kombattanten wurden nicht behelligt. ¸Außenstehende„ betrachteten sie „in größerem oder geringerem Ausmaß als minderwertig“ (Davies 1997, 263), so dass sie keine Skrupel hatten, sie zu töten oder zu versklaven. Der Wahhabismus verstärkte diese Tendenz, da er die ¸Kategorie„ der ¸Außenstehenden„ um jene Araber und Beduinen erweiterte, die sich dem Wahhabismus nicht anschlossen. – Für die negative Einschätzung der Qawasim waren in der Regel ihre Feinde und Opfer und die Gegner der Wahhabiten verantwortlich, sie ist also mit Vorsicht zu genießen. Lawrence von Arabien belebte den Wahhabismus etwa ein Jahrhundert später wieder und stachelte die Wüsten-Wahhabiten zum Kampf gegen die Osmanen an. Über verschlungene Wege entstand mit englischer Hilfe Saudi-Arabien. Bis heute hält das alte Bündnis zwischen Ibn Saud und Abdul Wahhab. Die saudischen Wahhabiten, die bis heute Frauen verbieten, sich ans Steuer eines Autos zu setzen, und weltweit versuchen, die wahhabitische Lehre zu verbreiten, werden bis heute vom Westen hofiert. – Großbritannien war also einer der Geburtshelfer des modernen Islamismus (dieses Spiel mit dem Feuer wiederholte sich bei den Mudjâheddin in Afghanistan, die vom Westen gegen die UdSSR unterstützt wurden). In Deutschland, das Saudi-Arabien mit zweihundert Panzern zur Aufstandsbekämpfung aushilft, werden salafitische Prediger (der Salafismus ist eine Abart des Wahhabismus) vom Verfassungsschutz beobachtet. Paradoxer geht„s nicht: was in Saudi-Arabien als Staatslehre gilt, wird in die Nähe ¸terroristischer„ Aktivitäten gerückt, wenn es in Deutschland umgesetzt wird. Die neokoloniale Praxis des Müllexports ist nicht auf Somalia beschränkt. 2005 verkaufte Berlusconi 136 Tonnen nuklearen Abfall für 12 Millionen Dollar an Eritrea, das auch der Iran als Schuttabladeplatz für Atommüll benutzt. „Europäische Firmen fanden es sehr billig, ihren Abfall loszuwerden – für 2,50$ die Tonne, während die Kosten für die Müllverklappung in Europa um die 1000$ pro Tonne liegen. Und es gibt Abfall verschiedener Art. Es gibt radioaktiven Uranabfall. Es gibt Blei und

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gewässern erwischt zu werden, und die hohe Gewinnspanne machte es für illegale Müllentsorger und jene attraktiv, die Lizenzen zur Müllverklappung gegen Bargeld oder Waffen verkauften. Die illegale Müllentsorgung war kein großes Geheimnis. 1997 empfahl ein Bericht der UN, „dass die somalischen Gewässer beschützt, überwacht und kontrolliert werden“ (zit. n. Eichstaedt 2010, 39), 1998 kam es zu einem Fischsterben, und nach dem Tsunami Ende 2004 wurde giftiger, gefährlicher und „nuklearer Abfall“ (Gärtner 2010) an der somalischen Küste angeschwemmt, was in Fischergemeinden zu gesundheitlichen120 und Umweltproblemen führte. Proteste gegen die Müllverklappung halfen nichts, weder erhielten Somalis Reparationen, noch wurde versucht, die Verantwortlichen für die Müllverklappung zu bestrafen und Schadensersatz einzufordern. Bislang kam die UN nicht auf die Idee, ein Spezialschiff zur Ortung und Bergung von Sondermüll nach Somalia zu schicken. Während die illegale Müllverklappung auf See wohl vor einigen Jahren eingestellt wurde, wirft die illegale Fischerei vor Somalia bis heute außerordentliche Profite ab. Die reichen Fanggründe lockten ab 1991 Fangflotten an, die ohne Genehmigung oder mit illegalen FFLs in somalischen Hoheitsgewässern fischten: sie stahlen den Somalis 121, was ihnen gehörte, und ignorierten internationale Fangquoten, wodurch das ökologische Gleichgewicht empfindlich gestört wurde. Bereits Barre hatte für 120 Millionen Dollar pro Jahr FFLs an interessierte Partner verkauft, und nach seinem Sturz blühte dieses Geschäft erst recht auf. Nach einem UN-Bericht (zit. n. Grosse-Kettler 2004, 23) erhielt der ¸Bürgermeister von Mogadishu„ zwischen 1996 und 1998 jährlich bis zu einer Million Dollar für FFLs, die er unter mächtigen warlords aufteilte. Somalische Scheinfirmen verkauften vier Monate gültige FFLs an spanische Piratenfischer für 30.000$122 das Stück, französische erhielten einen Rabatt von fünfzig Prozent. Auch die SSDF beteiligte sich am Geschäft mit FFLs, Punt- wie Somaliland stellten ‚offizielle„ FFLs aus, und sogar die EU-Hochkommissarin für Fischerei versuchte einmal, „illegale Fischlizenzen von einem somalischen warlord zu erhalten“ (Ecoterra 2010). Es scheint vorgekommen zu sein, dass Milizionäre in Schnellbooten ¸ihre„ FFLs an Fischfangschiffe verkauften, wenn diese bei Kontrollen nicht die ¸richtige„ Lizenz vorwiesen. Weil in Asien die Gewässer überfischt waren, die EU den Fischfang in europäischen Gewässern durch Fangquoten einschränkte und die weltweite Nachfrage nach Fisch stieg, nahmen IUU-Flotten (illegal, unreported, unregulated123) die Gelegenheit gern wahr, die reichen Gewässer vor Somalia zu plündern. Die Raubfischer kamen (und kommen) von nahezu überall her: aus Spanien, Italien, Frankreich, Japan, Südkorea, Taiwan, Pakistan, Saudi-Arabien und China; sie waren auf der Jagd nach Thunfisch124, Hummer, Makrelen, Schwertfisch, Rotbarsch, Seegurken, Krabben und nach Haien, bei denen nur die Flossen wertvoll sind. Delphine, Seeschildkröten und Dugongs gehen als Beifang ins Netz, und durch ihr rücksichtsloses Vorgehen zerstören IUUs den Meeresboden und Riffe, zum Teil sollen Korallenriffe mit Dynamit gesprengt worden sein. Illegal gefangener Fisch wird an Bord von IUUs, in Transportschiffen oder in Häfen auf den Seychellen, auf Mauritius oder in Kenia mit legal gefangenem Fisch vermischt – er wird sozusagen gewaschen –, so dass seine Herkunft nicht zurückzuverfolgen ist, wenn er auf den Tischen europäischer, chinesischer und japanischer Haushalte und Restaurants landet. Geldwäsche wird streng bestraft, Fischwäsche nicht. In Protein umgerechnet wurde den Somalis mehr Nahrung gestohlen, als durch Hilfslieferungen ins Land kam; „man schätzt, dass IUUs aus der EU dem Land den fünffachen Wert der EU-Hilfe an Somalia entziehen“ (Waldo 2009). Zeitweise waren vor Somalia bis zu 800 Fischraubschiffe unterwegs, die somalische Fischer zum Teil mit Gewalt vom Meer drängten; Fischer aus Puntland klagten, dass IUUs unter dem Schutz internationaler Kriegsschiffe ihre Netze ausraubten. Nachts war der Golf von Aden so hell erleuchtet wie Manhattan oder die Reeperbahn. In Interviews mit EU-Offiziellen wurde spanische Kriegsschiffe „inoffiziell beschuldigt“, „illegale Fischer zu beschützen“ (Hansen 2009, 13) – spanische Piratenfischer sind weltweit berüchtigt und wurden schon von „norwegischen, marokkanischen, irischen, kanadischen, südafrikanischen und britischen Patrouillen aufgebracht“ (Velloso 2009). Das illegale Fischen vor Somalia ist als „neokoloniale Praxis“ (Mahnkopf 2010, 66) zu verstehen; FFLs und technisches Gerät werden zum Teil aus EU-Subventionen finanziert.

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Schwermetalle wie Cadmium und Quecksilber. Es gibt auch Industrieabfälle, und es gibt Krankenhaus- und chemische Abfälle“ (ein UN-Sprecher, zit. n. Abdullahi 2008). Als 2008 bei Harardhere Giftmüll angeschwemmt wurde, traten „akute Atemwegsinfektionen, starker, trockener Husten und Blutungen im Mund, Blutungen im Unterleib, ungewöhnliche Hautreizungen“ (zit. n. Eichstaedt 2010, 38) auf, und einige Somalis starben nach dem Einatmen toxischer Substanzen. Zwischen 1995 und 2005 sanken die Erträge somalischer Fischer pro Ausfahrt etwa um die Hälfte (von 200kg auf 100kg) – ein klares Anzeichen dafür, dass das Meer vor Somalia leergefischt worden war. Die Hummerbestände sind nahezu auf null zurückgegangen. Nach Schätzungen kann ein Thunfischtrawler im Monat Fisch im Verkaufswert von zwei Millionen Dollar fangen; da fallen die Kosten für illegale FFLs kaum ins Gewicht. Unregulated bedeutet, dass Fänge nicht ordnungsgemäß gemeldet werden, unreported, dass Fischtrawler sich nicht bei den zuständigen nationalen und internationalen Behörden melden oder unter der Flagge eines Landes fahren, das nicht Mitglied in der jeweiligen Organisation zur internationalen Regelung des Fischfangs ist, illegal, dass Fischfangflotten ohne oder mit ungültigen FFLs unterwegs sind. „Ironischerweise haben die Piraten der Welt tatsächlich einen Gefallen getan. Laut dem Chef der Thunfisch-Kommission für den Indischen Ozean (…) sind die Thunfischfänge in der Region hauptsächlich deshalb zurückgegangen, weil die somalischen Piraten über den besten Thunfischgründen operieren und Thunfischfänger aus Angst vor einer Entführung dort nicht mehr hinfahren“ (Murphy 2011, 24), so dass sich der Thunfischbestand vor Somalia in den letzten Jahren erholt hat.

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Heute scheint sich das Fischen zumindest in Somaliland für einige wieder zu lohnen. Das einzige Problem, so ein Fischer aus einer Fischereikooperative, seien jemenitische Fischer 125, die ihre Netze in somaliländischen Gewässern auswerfen; zudem stehen praktisch alle somalischen Fischer unter Generalverdacht, da ihre Schiffe von Piratenschiffen kaum zu unterscheiden sind und auch Fischer bewaffnet aufs Meer fahren. Zwischen Kriegsschiffen, IUUS, Hubschraubern, ausländischen Fischern und entführten Schiffen täglich zum Fischen aufs Meer hinauszufahren, macht kaum großen Spaß. Obwohl die vor Somalia kreuzenden Kriegsschiffe (und die für den Einsatz Verantwortlichen) gebetsmühlenartig wiederholen, dass sie während der Erfüllung ihrer Aufgaben keine IUUs auf dem Meer anträfen, werden immer wieder Meldungen verbreitet, dass IUUs somalische Fischer vom Meer verdrängen oder ihre Boote überfahren. Im Juni 2011 behauptete ein Fischer, ein paar Monate zuvor wären fünf Kollegen durch IUUs ums Leben gekommen, und viele Fischer gäben das Fischen wegen der Bedrohung durch IUUs (wieder) auf. Auch die private Küstenwache Puntlands verweist das Verschwinden der IUUs ins Land der Fabel: Küstenwachschiffe wurden von IUUs beschossen, als sie kontrolliert werden sollten. 2005 hat die EU mit den Seychellen ein Fischfangabkommen unterzeichnet. Seitdem dürfen 52 europäische Thunfischfänger in der 1,4 Millionen km² großen Wirtschaftszone der Seychellen das Meer leerfischen (neben ihnen werfen Flotten aus Pakistan, dem Jemen und dem Oman ihre Netze aus); 2008 wurde die europäische Quote erhöht. Aber sie wird nicht ausgeschöpft, denn europäische Fischer haben Angst, seitdem die somalischen Piraten ihr Operationsgebiet ausgedehnt haben. „Frankreich griff kurzerhand zu einem Trick: Die im Rahmen der EU-Mission eingesetzten französischen Marinesoldaten werden seit Juli [2009] zum Teil an die Fischereiflotten ausgeliehen“ (Johnson 2009), und Spanien erlaubt seinen Trawlern, private Sicherheitsfirmen anzuheuern. 2009 wurde ein spanischer Thunfisch-Trawler gekapert, die Alican, „800 Meilen vom gesicherten Fischereigebiet entfernt, das von der spanischen Regierung für Schiffe, die unter spanischer Flagge fahren, festgesetzt worden war“ (Drang 2011). Die Kaperung führte zu einer Debatte über die Methoden spanischer Fischer, dem Kapitän wurde vorgeworfen, illegal vor Somalia gefischt zu haben – allerdings ohne Konsequenzen. Der EU-Kommissar für Fischerei versprach zwar, dass ab dem 1.1.2010 illegal gefangener Fisch in der EU nicht mehr verkauft werden dürfte, aber das Versprechen erwies sich als hohle Phrase, denn bislang hat sich nichts getan.
2.3 DIE ANFÄNGE MARITIMER GEWALT „Es ist besser, gegen das Gesetz zu verstoßen, als zu verhungern“ (chinesisches Sprichwort).
VOR

SOMALIA

Fischer fuhren in Booten nach 1991 PiraSomalische auftauchten, gerietkleinen Dhaus, Holzkanus,der Küste,und Skiffs zum Fischen aufs Meer. AlsFischfang beruhtenfischer „die Subsistenzökonomie die auf traditionellen Techniken zum te, in Gefahr“ (Weir 2010, 210). IUUs verdrängten somalische Fischer rücksichtslos aus den reichen Fischgründen; „ihre Netze wurden zerschnitten oder zerstört, kleinere Boote überfahren, wobei alle Insassen ums Leben kamen“ (Waldo 2009), ihre Boote mit kochendem Wasser übergossen, und Hummertaucher verfingen sich in Schleppnetzen (und ertranken – Piraten aus Eyl behaupten, etwa 20 Taucher wären so gestorben). Einige Fischer berichteten, sie wären von IUUs und von somalischen Milizionären an Bord von IUUs126 beschossen worden, andere, sie hätten ihren Fang zu Niedrigstpreisen an einen puntländischen Fangflotteneigentümer verkaufen müssen, der ihnen auch Schutzgelder abpresste. Der Tsunami Ende 2004 versetzte den Fischern und jenen Nomaden, die nach den großen Dürren zum Fischen übergegangen waren, einen weiteren Genickschlag: Boote und Ausrüstungen wurden zerstört, die Infrastruktur der Küste wurde beschädigt. „Viele Gemeinschaften in isolierten Gemeinden schienen sich in einer verzweifelten Lage zu befinden“ – „minderwertige Kanalisation, begrenzter oder gar kein Zugang zu medizinischer und schlechte oder gar keine Versorgung mit Trinkwasser und begrenzte Möglichkeiten zum Handel“ (Termansen 2011, 12), weil gefangener Fisch vor Ort nicht konserviert werden konnte. Die Piraterie in Somalia „entstand aus dem Wunsch armer Gemeinschaften, sich ihren Lebensunterhalt zu sichern“ (Weir 2010, 216). Wann und wo die ersten Somalis zur bewaffneten Selbsthilfe übergingen, ist kaum zu ermitteln. Interviews mit Piraten legen nahe, dass bereits in den neunziger Jahren Fischtrawler gekapert wurden (der erste dokumentierte Überfall datiert auf 1989 – ein griechisches Frachtschiff wurde gekapert, aber nach einer Woche überwältigten die Geiseln ihre Entführer und entkamen). Zwischen 1989 und 1991 entführte die SNM einige Schiffe und konfiszierte ihre Ladung, damit sie nicht an Barre geliefert wurde; am 12. Mai 1989 hatte sie öffentlich davor gewarnt, „mit dem sterbenden Regime in Mogadishu zu kooperieren“ (zit. n. Hansen 2009, 20, Anm. 49). Im Januar wurde vor Kap Guardafui ein Schiff angegriffen und angezündet.
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Stehr (2011, 11) dreht das Problem einfach um: „Unter der Piraterie leidet im übrigen die Fischerei des Jemen, allein im November 2010 kaperten Somalis drei jemenitische Fischerboote und nahmen deren Besatzung als Geiseln“; der Jemen gibt jährliche Mindereinnahmen von 150 Millionen Dollar im Fischereisektor aufgrund der somalischen Piraterie an. Ganz davon abgesehen, dass nicht einmal die Jemeniten ihrem Präsidenten über den Weg trauen, geht in solchen Einschätzungen unter, dass jemenitische Fischerboote gern und häufig illegal in somalischen Hoheitsgewässern fischten. Die Anwesenheit von somalischen Milizionären an Bord von IUUs deutet darauf hin, dass die Front nicht nur zwischen IUUs und somalischen Fischern verlief, sondern auch zwischen somalischen Fischern und warlords, die über die Köpfe der Fischer hinweg FFLs verkauften. Außerdem mussten sich die Fischer mit einem somalischen joint venture mit einer italienischen Firma auseinandersetzen, das 1983 von Barre angeschoben wurde. Die Schiffe dieser Firma fischten nach 1991 ohne Genehmigung weiter, mindestens vier wurden gekapert.

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Drei Crewmitglieder wurden getötet, die anderen über Bord geworfen (und später gerettet). Ob für diesen Angriff die SNM oder ¸autonome„ SNM-Kämpfer verantwortlich waren, ist unbekannt. 1997 kaperte die SSDF einen taiwanesischen Trawler und verlangte 800.000$ Strafe, bevor das Schiff freigelassen würde, und zusätzlich 40.000$ Strafe für den Kapitän und 10.000$ für jedes Crewmitglied; ohne Zahlung kämen die Seeleute wegen Fischdiebstahl zehn Jahre ins Gefängnis. Ein Jahr später entführte ein anderes SSDF-Kommando vier Touristen bei Boosaaso von ihrer Yacht127. Spätestens seit dem Sturz Barres fuhren viele Fischer bewaffnet zum Fischen aufs Meer. An der Küste ansässige Clans und SCs zogen manchmal imaginäre Grenzen um ¸ihre„ Fanggründe und verteidigten sie gegen andere. Wie häufig – und wie energisch – Somalis clanbasierte Auseinandersetzungen aufs Meer ausweiteten, steht in den Sternen; jedenfalls scheint bei vielen Fischern schon vor dem Auftauchen von IUUs die Bereitschaft vorhanden gewesen zu sein, sich anderen zu widersetzen, die in ihren Fanggründen wilderten. Einige Fischer reagierten auf die Aggressivität der IUUs. Sie setzten Trawler fest, verlangten Entschädigungen für zerstörte Netze und gefangene Fische und gingen dazu über, Straf- und Schutzgelder einzutreiben, woraufhin einige IUUs aufrüsteten, um gegen Angriffe gewappnet zu sein. Mwangura (2010) erwähnt, dass zwischen 1991 und 2009 IUUs aus folgenden Ländern gekapert wurden: sieben aus Taiwan, fünf aus Korea (2007 zwei, die unter der Flagge Tansanias fuhren), eines aus Kenia, zwei aus Russland, drei aus Italien, eines aus China, zwei aus Griechenland, dazu viele aus dem Jemen und einige aus der Ukraine, Indien und Ägypten (die berüchtigten spanischen Piratenfischer entkamen in der Regel). Angriffe von Somalis auf Raubfischer galten als Piraterie, obwohl es sich „eher um einen legitimen Akt des Widerstandes und der Selbsthilfe gegen ausländische ¸Fisch-Piraten„ handelte“ (Matthies 2010, 78). Bis heute tragen somalische Piratengruppen (PGs) Namen, die ihnen einen offiziellen Anstrich geben und die Legitimität ihrer Operationen betonen (sollen): Somali Marines, Central Somali Coast Guard, Defenders of Somali Territorial Waters, Ocean Salvation Corps, National Volunteer Coast Guard (NVCG128). Sie würden die Küste Somalias gegen IUUs und gegen illegale Müllverklapper verteidigen, und jedes Lösegeld wäre als Entschädigung zu verstehen. Während der Entführung eines Schiffs aus der Ukraine erklärte ein Piratensprecher: „Die Küste Somalias wurde zerstört, und wir glauben, dass dieses Geld [das Lösegeld] im Vergleich zu den Verwüstungen nicht ins Gewicht fällt“; ihre Operation wäre „eine Reaktion auf den Giftmüll, der seit nahezu 20 Jahren vor unserer Küste abgeladen wurde“ (zit. n. Abdullahi 2008). Ein anderer meinte, Piraten wären jene, die illegal fischten, Müll abluden und Waffen trügen – und auf die Frage, warum Schiff gekapert wurden, die keine IUUs waren und keinen Müll versenkten, antwortete er, sie müssten jedes Schiff kapern, dass illegal über ¸ihr„ Meer fährt. Der Sprecher einer PG, die 2005 ein WFP-Schiff gekapert hatte, variierte die Küstenwachenrhetorik, und meinte, seine Gruppe wolle die „ungerechte Verteilung von Nahrungsmitteln“ (Murphy 2011, 34) korrigieren. „Die Piraten der einen sind die Küstenschützer der anderen“, so der somalische Musiker K‟naan (2009). Für einige somalische Piraten könnte die Selbststilisierung zu offiziellen Küstenschützern handfeste Vorteile gebracht haben, jedenfalls in den 90er Jahren. Einige Crewmitglieder von Frachtschiffen, die zu den ersten Opfern somalischer Piraten zählten, erzählten, „dass der Begriff Küstenwache zum Teil aus praktischen Gründen in Gebrauch kam; (…) er erlaubte es den Piraten, Schiffe anzurufen und sie dazu zu bringen, langsamer zu fahren, indem sie behaupteten, sie gehörten der Küstenwache129 an“ (Hansen 2009, 8). Die erste Welle der somalischen Piraterie schlug keine großen Wellen. Maritime Operationen zur Erzwingung von ¸Strafzahlungen„, Entführungen von IUUs und Kaperungen kleinerer Schiffe waren selten und beeinträchtigten die internationale Schiffahrt nicht; der verursachte Schaden blieb gering, obwohl die Erträge aus den ersten Lösegeldgeschäften das Monatseinkommen der Beteiligten wohl weit überstiegen.-

- MUSTERKARRIEREN
„Wer zur See kämpft, ist zehn Mal tugendhafter als der, der auf dem Land kämpft. Das Blut des Märtyrers, das in den Wellen des Meeres zerfließt, ist wie das Blut des Märtyrers, das an Land in der Erde versickert. Allah hat den Todesengel beauftragt, sich aller Seelen anzunehmen, außer bei jenen, die als Märtyrer auf dem Meer sterben, denn um sie kümmert sich Allah persönlich“ (ein hadīth).

1988 verließ Ismail Abdullahi Ibrahim seine Heimatstadt Hargeisa, um in Mogadishu Medizin zu studieren. Kurz darauf flüchtete seine Familie nach Äthiopien, er konnte sein Studium nicht mehr finanzieren und ließ sich zum Fischer umschulen. Mit einem Freund fing er Haie; nach zwei Jahren zog er zu seiner Familie. Als Somaliland unabhängig wurde, kehrte er mit seiner Familie nach Hargeisa zurück fing wieder Haie. Ab 1992 drangen jemenitische Fischer in somalische Gewässer ein; Ismail und
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Eine Rekonstruktion der Vor- und Frühgeschichte der somalischen Piraterie ist spekulativ; weder Statistiken noch Interviews verschaffen wirklich Klarheit. Selbstaussagen von Piraten tendieren dazu, gegenwärtige Operationen im Rückgriff auf die Vergangenheit zu rechtfertigen. Es ist nicht einmal klar, ob die ersten Überfälle von Fischern oder von Milizionären durchgeführt wurden. Der Anführer dieser Gruppe rechtfertigte die Kaperung eines japanischen Frachters (Lösegeld zwei Millionen Dollar) damit, dass „es zu jener Zeit einen Mangel an illegalen Fischereifahrzeugen gab, und wir brauchten Geld, um unsere laufenden Operationen zu finanzieren“ (zit. n. Bahadur 2011, 82). 1994 wurde ein kleiner Frachter im Namen des Gesetzes gestoppt und geentert, um illegale Fischerboote aufzubringen. Tatsächlich versuchten die Enterer dann, zwei Schiffe zu kapern, die mit illegalem Fischfang allerdings nichts zu tun hatten – erfolglos. Als die Piraten gefragt wurden, warum sie Nicht-IUUs kaperten, antworteten sie, sie bräuchten ein schnelleres Schiff für ihre Patrouillen gegen wirkliche IUUs. Nachdem der Frachter ausgeplündert worden war (er hatte medizinische Hilfsgüter für Somalia geladen), wurden Crew und Schiff freigegeben.

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seine Leute brachten fünf jemenitische IUUs auf. Einmal übergossen sie zwei jemenitische Seeleute mit Öl und schickten sie mit einer Botschaft zurück: die „weißen Männer werden zu schwarzen“ (zit. n. Eichstaedt 2010, 30) – eine Anspielung auf den Rassismus weißer Araber gegenüber schwarzen Somalis. Dann kaperten sie einen deutschen Trawler. Der Kapitän bot ihnen 15.000$ an, aber das Schiff wurde nach Berbera geschleppt, wo der Fang und die Ladung – Motorräder und Taue – verkauft wurden. 2001 zog sich Ismail vom Meer zurück; inzwischen arbeitet er in Somaliland als Fahrer für die UN. Farah Ismail Eidle lernte in Mogadishu zu fischen und Boote zu reparieren. 1995 zog er nach Boosaaso, ein Jahr später nach Eyl. Bis 2004 stach er zum Fischen in See; er besaß drei Fischerboote mit einer Gesamtcrew aus 21 Männern. Der Tsunami zerstörte seine Boote; dann gewann er in einer UN-Lotterie ein neues Boot, aber als er aufs Meer fuhr, war es leer. Um nicht zu verhungern, ging er mit Freunden zu piratischen Operationen über – „niemand hörte uns zu, also entschieden wir uns, jene Schiffe anzugreifen, die illegal in unsere Gewässer eindrangen“ (zit. n. Eichstaedt 2010, 33). Doch jeder Versuch, ein Schiff zu entern, misslang; einmal war die Enterleiter zu kurz, einmal erreichten sie erst nach zwei Tagen auf See die somalische Küste. Nach seinem Umzug nach Berbera wurde er bei einer Razzia festgenommen. Jetzt sitzt er im Gefängnis. Boyah (Abdullahi Abshir), ein Piratenpionier, wurde in Eyl geboren; seine Familie war unter Barre an die Küste umgesiedelt worden. Im Alter von acht Jahren heuerte er als Koch auf einem Fischerboot an, tauchte nach Hummern und lernte das Fischen. Als IUUs die Riffe vor Eyl leerfischten, stieg Boyah ins Lösegeldgeschäft ein. 1993 (oder 1992) kaperte er sein erstes Schiff, einen Trawler, der gezwungen wurde, ein paar hundert Dollar Strafe zu bezahlen; es folgten weitere Trawler, bis diese sich bewaffneten. Deshalb ging Boyahs PG dazu über, andere Schiffe zu überfallen. Seine PG zerfiel 1994 in vier neue PGs, prompt stieg die Anzahl der Kaperungen vor Somalia im Folgejahr an. Boyah bezeichnet sich selbst nicht als Pirat, sondern als „saviour of the sea [Retter der Meere]“ (Bahadur 2009) und behauptet, in Eyl wären 500 Piraten aktiv, die eine lose Konföderation bilden. Inzwischen organisiert und finanziert Boyah Kaperungen und rekrutiert neue Piraten, die bei ihm vorsprechen müssen, bevor sie ans Werk gehen. Einen Teil ihrer Erlöse verteilen sie, so Boyah, an die Armen und Bedürftigen der Umgebung. Im Mai 2009 nahm er mit 80 Mitstreitern ein Amnestieangebot der puntländischen Regierung an und distanzierte sich auf einer öffentlichen Versammlung von der Piraterie, weil er, wie er in einem Interview erzählte, „erkannt hätte, dass sie das falsche täten“ (zit. n. Bahadur 2011, 20), und die öffentliche Unterstützung aufgrund von Kampagnen von Scheichs und Clanältesten nachließe. Möglicherweise hoffte Boyah auf eine Anstellung bei der Küstenwache Puntlands, aber diese Hoffnung zerschlug sich, Nach anderen Aussagen hatte sich Boyah trotz der Annahme der Amnestie weiterhin an der Finanzierung piratischer Operationen beteiligt. Am 20. Mai 2010 meldete die BBC, dass Boyah, der schon einmal ein Interview im „Gewand eines Clanältesten“ (Bahadur 2009) gab, im Norden Puntlands festgenommen und in ein Gefängnis überstellt worden war, wo er bis heute einsitzt. Ein anonymer Pirat aus Gaalkacyo im Binnenland Somalias arbeitete bis 2005 als Lkw-Fahrer, bevor er zu den Piraten überwechselte; im Bürgerkrieg hatte er gelernt, mit Waffen umzugehen. Er nahm an vier Angriffen auf Schiffe teil, von denen einer erfolgreich verlief. Mit 70.000$ in der Tasche kehrte der Einmalpirat in seine Heimat zurück und nahm sein altes Leben wieder auf, als ob er ein paar Monate auf Montage verbrachte hätte.- Gelegenheit macht Diebe, wie es im Volksmund heißt, aber Faktoren, die das Aufkommen von Piraterie begünstigen, erklären nicht, warum und wann tatsächlich Piraten das Meer unsicher machen. Ein lineares oder evolutionäres Modell – Fischer gehen aufgrund äußerer Störungen zu Subsistenzseeraub und bewaffneter Selbsthilfe über, aus der sich Piraterie entwickelt – erweist sich, misst man es an empirischen Daten, als irreführend, zumindest als unvollständig (aber nicht als falsch). Kaperstatistiken zeigen, dass von Anfang an neben Fischtrawlern und IUUs auch Yachten, Handelsdhaus und Frachter überfallen, gekapert und entführt wurden. Es gab keine zeitliche Abfolge in bezug auf die Art gekaperter Schiffe und die Qualität piratischer Operationen: die Erpressung von Schutzgeldern, bewaffnete Selbsthilfe, Kaperungen und Entführungen von Trawlern und IUUs und Angriffe130 auf Yachten, Frachter, Containerschiffe, Tanker und andere Schiffe sind durch keine temporale oder kausale Kette verbunden. Die Erfahrungen vieler Piraten sind zwar logischerweise linear geprägt (sie lernen aus Fehlern und verbessern ihr Handwerk), die somalische Piraterie insgesamt bestand und besteht jedoch aus einem Nebeneinander unterschiedlicher Organisations- und Operationsformen. Dennoch sind die illegale Fischerei, die illegale Sondermüllverklappung und die Armut die Ursache für die somalische Piraterie, sofern man Ursache als quasi ahistorische Unterlage versteht, die immer wieder Piraterie hervorbringt. „Ursprung, wiewohl durchaus historische Kategorie, hat mit Entstehung dennoch nichts gemein. Im Ursprung wird kein Werden des Entsprungenen, vielmehr dem Werden und Vergehen Entspringendes gemeint“ (Benjamin 1993, 28): die somalische Piraterie wäre ohne IUUs nicht entstanden, folgt aber nicht aus ihr. Illegales Fischen, Müllverklappungen und der Ärger darüber führen dazu, dass sich stets auf aufs Neue „eine küstennahe Nebenverdienstmöglichkeit“ (Roder 2010, 128) auftut, und immer wieder fahren Neulinge zum Kapern aufs Meer. Das wird so bleiben, solange sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in und vor Somalia nicht verändern.
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Die ersten Kaperungen von Schiffen, die nichts mit illegaler Fischerei oder Müllverklappung zu tun hatten, könnten durchaus zufällig geschehen sein: es fällt auf, dass vor 2005 häufig Schiffe angegriffen wurden, die mit Maschinenschaden festlagen und nicht entkommen konnten.

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2.4 KÜSTENSCHUTZVERSUCHE „Wir werden sie mit einem Schlag vernichten, grrrosses Bockshorn“ (Rotbart in Asterix als Gladiator).

Küste Puntlands Bereits 1993 versuchte die SSDF, etwas gegen IUUs vor derauszurüsten und diezu unternehmen. Yusuf beauftragte den heutigen Fischereiminister Puntlands Joaar damit, ein Boot illegale Fischerei zu bekämpfen. Dieser, wie er Bahadur (2011, 31) erzählte, heuerte 30 junge Männer an, die neun pakistanische Dhaus aufbrachten; für drei Dhaus erhielten sie ein Lösegeld. Der kurzfristige Erfolg hielt jedoch nicht lange an, da viele IUUs FFLs von warlords aus Südsomalia gekauft hatten und unter deren Schutz standen; sie ließen sich nicht in die Suppe spucken und bedrohten Joaar und seine Leute, bis sie sich aus dem Küstenschutz zurückzogen. Die Regierung Puntlands versuchte ab 1999, gegen IUUs vorzugehen (nicht zuletzt, um durch den Verkauf offizieller puntländischer FFLs Devisen einzunehmen), und engagierte über eine Privatfirma eine private Sicherheitsfirma, Hart Security Maritime Services (HSMS), die eine Küstenwache aufbauen und Polizisten trainieren sollte. Von Boosaaso aus operierten 300 Seeleute in acht privaten Küstenwachschiffen. Zum Teil finanzierte sich HSMS, indem sie selbst FFLs verkaufte; Mwangura (2010) spricht von 20 Millionen Dollar Gewinn – wahrscheinlich gab es ein Agreement zwischen HSMS und dem puntländischen Fischereiministerium, dass beide FFLs verkaufen durften. Die private Küstenwache arbeitete somit auch als Privatmiliz für IUUs mit puntländischen und HSMS-FFLs, was die örtlichen Fischer nicht begeisterte, da sie selbst sich FFLs nicht leisten konnten; das Fischereiministerium und HSMS bereicherten sich also auf Kosten der einheimischen Fischer. Ein Pirat erinnerte sich, dass seine PG Trawler mit einer von Yusuf ausgestellten Lizenz kaperte. Größere Erfolge bei der Bekämpfung von IUUs blieben aus, nur einige Schiffe wurden festgesetzt und zu Strafzahlungen wegen illegalen Fischens verdonnert131. 2001, als zwischen Yusuf und seinem Rivalen Kämpfe ausbrachen, zerbrach die Küstenwache entlang von Clanlinien in zwei Fraktionen, und HSMS zog sich aus Somalia zurück. Einige Männer hatten maritime Erfahrung gesammelt, die ihnen später nutzen sollte. Ein Nachfolgeprojekt mit der kanadischen Firma SomCan132, die wie HSMS den Verkauf von FFLs und Küstenwachschutz kombinierte, stand von Anfang an unter einem schlechten Stern. Für SomCan stachen von 2002-2005 sechs Patrouillenboote mit einer Crew aus 400 Männern in See, die 30 IUUs aufbrachten, und SomCan soll FFLs für 50.000$ pro Stück verkauft haben, ohne offizielle Stellen einzuschalten, und Schiffe mit solchen Lizenzen beschützt haben; eine thailändische Fischfangfirma, mit der SomCan herzliche Beziehungen pflegte, kaufte den ¸Küstenschützern„ sogar Uniformen. Statt puntländische Fischer gegen IUUs zu verteidigen, beschützte SomCan von ihr lizensierte ausländische Trawler vor Übergriffen puntländischer Fischer. Lukrative Posten gingen an einen SC, der mit Yusufs SC eine dpG bildete. Im März 2005 entführten SomCan-Küstenschützer einen Trawler ihres thailändischen Partners, auf dem sie stationiert waren, um Kaperungen zu verhindern, und verlangten 800.000$ Lösegeld, weil sie über Monate keinen Lohn erhalten hatten. Zufällig in der Nähe kreuzende Kriegsschiffe beendeten die Kaperung; drei somalische SomCan-Angestellte wurden in Thailand wegen Piraterie verurteilt – woraufhin vier schiffbrüchige Thais in Somalia als Geiseln festgehalten wurden, um die Freilassung der ¸Piraten„ zu erpressen (2007 wurden die Somalis nach einer Intervention des puntländischen Präsidenten vorzeitig aus der Haft entlassen). Daraufhin wurde der Vertrag mit SomCan gekündigt; da Yusuf in Mogadishu weilte, hatte SomCan ihren Protegé verloren, und es kam sogar zu einem wilden Feuergefecht zwischen SomCan-Angestellten und „der Polizei und Teilen der Armee“ (Gatehouse 2009). 2007 wurde eine saudi-arabische Firma mit dem Küstenschutz beauftragt – bis Februar 2008, als sich die saudische Firma weigerte, einen gekaperten russischen Schlepper zu befreien. Danach drehte sich der Wind, SomCan kam wieder ins Geschäft und patrouillierte mit einem 30m langen Küstenwachschiff und drei alten japanischen Schiffen; 100 Angestellte jagten für 400$ im Monat somalische Piraten133, wobei auch Ex-Piraten134 ihren früheren Genossen nachstellten. Allerdings war der Treibstoff zu teuer, so dass niemals alle Schiffe zugleich in See stachen. Ende Juni 2009 endete der Vertrag mit SomCan; schon vorher war zwischen der Firma und dem Fischereiministerium ein ernster Streit ausgebrochen. Der Fischereiminister schien FFLs auszustellen, ohne SomCan an den Erlösen zu beteiligen, woraufhin SomCan Schiffe mit solchen FFLs wie IUUs behandelte und aufbrachte; einmal griff sogar das Flaggschiff der EU-Armada ein und sorgte dafür, dass SomCan, die Küs131

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Der Eigner eines spanischen IUUs, das von HSMS festgesetzt wurde, verklagte die Firma vor einem englischen Gericht und erreichte eine (geheime) Einigung, erhielt also wohl Schadensersatz. Offensichtlich scheint vor europäischen Gerichten illegales Fischen keine sonderlich kriminelle Tat zu konstituieren, und ebenso offensichtlich erkannte der englische Richter HSMS nicht als Küstenwache an. Der Chef von SomCan, ein Somali, ging unter Barre nach Kanada ins Exil, wo er sich als Taxifahrer durchschlug. 1995 zog er nach Dubai, gründete ein Fischereiunternehmen und exportierte Seegurken nach Fernost; die Fangschiffe unterstanden einem somalischen Ex-Marineoffizier und waren schwer bewaffnet. Nach 1998 vermittelte er Kontakte zwischen Yusuf und einer thailändischen Fischereigesellschaft, wobei es nur um FFLs gegangen sein kann, und 2001 half er Yusuf beim Kampf um die Macht in Puntland. Im Oktober 2009 befreite SomCan tatsächlich einen gekaperten syrischen Frachter. Zehn Piraten wurden festgenommen und sitzen seitdem in Boosaaso im Knast. Allerdings wird dieser Erfolg dadurch getrübt, dass es sich bei der Befreiung wohl eher um einen Gefallen für einen puntländischen Minister handelte, dem die Fracht gehörte. Selbst der Gründer der NVCG schloss sich SomCan an, für die er Seeleute trainieren sollte. Das Ganze ist einigermaßen undurchsichtig: der Ex-Pirat ist mit dem Besitzer von SomCan clanverwandt, und es scheint, als ob einige Piraten einen Vorwand gesucht hätten, ihrem Gewerbe legal nachzugehen.

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tenwache, ein Schiff wieder seiner Wege ziehen ließ (die Crew des SomCan-Schiffs, so behauptet Joaar, bestand ohne Ausnahme aus Ex-Piraten aus Eyl). 2010 sicherte sich Puntland die Dienste einer südafrikanischen Sicherheitsfirma, die eine puntländische ¸Marine„ ausbilden sollte. Als sich im März 2011 herausstellte, dass der Gründer von Blackwater stiller Teilhaber dieser Firma war, wurde der Vertrag wieder gekündigt, obwohl bereits eine Antipiratenmiliz aus tausend Männern ausgebildet wurde (finanziert von den VAE). In Somaliland sieht es nicht viel besser aus: die Küstenwache besteht aus zwei Booten mit je einem Funkgerät und einem „verrosteten Maschinengewehr“ (Eichstaedt 2010, 149); neue Schiffe, eine bessere Ausrüstung und Schulungen wurden von der internationalen Gemeinschaft versprochen, aber die Zusagen nicht eingehalten. Die vom Westen anerkannte TFG unterzeichnete 2008 einen Vertrag mit einer französischen Sicherheitsfirma, die mit internationalem Geld eine somalische Küstenwache aufbauen sollte; bis heute ist nichts geschehen.
2.5 DIE
ZWEITE

WELLE

kamen mehrere die das Aufblühen eines piratischen Umfelds begünstigten: das „Fehlen In Somalia Staatsgewalt und Faktoren zusammen,lang anhaltende Gewaltkonflikte, die Verfügbarkeit von Waffen, eine vereffektiver Rechtsstaatlichkeit, armte Küstenbevölkerung, das Vorhandensein stark befahrener Schifffahrtswege in Küstennähe sowie günstige geographische Gegebenheiten in Gestalt von engen Meerespassagen“ (Matthies 2010, 76). Die „Konzentration der Produktion in bestimmten Teilen der Welt (...) erzeugte einen exponentiellen Anstieg der interkontinentalen Schiffahrt“ (Iltis 2009); Schiffe, die zwischen Asien und Europa pendeln, nehmen die Route durch den Suezkanal, die mitten durch den maritimen Vorgarten Somalias führt. Statistiken des International Maritime Bureau (IMB), einer privaten Unterorganisation der internationalen Handelskammer, belegen eine lange Inkubationszeit, bis die aktuelle Piratenwelle an Kraft gewann und die Weltöffentlichkeit aufrüttelte. Zwischen 1994 und 2004 wurden pro Jahr durchschnittlich 20 Vorkommnisse gemeldet (versuchte und erfolgreiche Kaperungen). 2005 verdoppelten sich die Angriffe auf Schiffe vor Somalia auf 45 und sanken 2006 wieder auf das Niveau der Vorjahre. Im Mai 2007 stieg die Piraterie an, „explodierte im August, als der Monsun vorbei war“ (Hansen 2009, 33), und im Herbst begann die größte Piratenwelle auf dem Indischen Ozean seit der Piratenrunde und den Qawasim. Seitdem hat sich die piratische Aktivität vor Somalia stabilisiert135. Möglicherweise gelang einigen Fischern einmal ein größerer Fischzug, wodurch sie über genug Geld verfügten, um sich eine bessere Ausrüstung zu kaufen, vielleicht besaßen einige schnelle Skiffs, die für Kaperungen wie geschaffen waren, oder in einer Miliz, die die Einhaltung illegaler FFLs überwachte, bemerkte jemand, welche Möglichkeiten das Meer bot. Einer der Piraten, die im März 2007 die Rozen kaperten, erzählte dem Kapitän während der Geiselhaft, „sie wären nicht mehr an kleinen Schiffen interessiert – ihr Hauptziel bestünde darin, Tanker und große Containerschiffe zu kapern“ (Gillan 2007). „Mein erstes Schiff habe ich vor sechs Jahren gekapert. Es war ein Fischerboot, damals haben wir 50.000 US-Dollar dafür bekommen. Mein Gott, das kam uns wie viel Geld vor“ (ein Pirat, zit. n. Engelhardt 2009); aus den Erlösen kaufte seine PG Schnellboote aus Fiberglas und baute Lkw-Motoren als Außenborder ein136. Hansen (2009, 34) entdeckte bei seinen Interviews zwei Hummerfangbetriebe, „die ihr Geschäftsmodell vollständig umgewandelt hatten und das gesamte Betriebsvermögen in der Piraterie einsetzten“. Zu den ersten Profis gehörte die Gruppe von Mohammed Abdi Hassan alias Afweyne137 (ein Ex-Beamter und alter Vertrauter von Yusuf), die ab 2003 in Hobyo und Harardhere aktiv war. Ein anonymer Interviewpartner erzählte Hansen (2009, 23f): „Afweyne begann 2003. Er fragte mich, ob ich 2000$ investieren wollte, als er Geld für seine neue Geschäftsidee sammelte. Er bettelte mich an und sagte, ¸ich habe eine sehr gute Geschäftsidee„. Ich investierte kein Geld, was ich bis heute zutiefst bereue“. Afweyne gehörte einem SC der Hawiye ohne piratische Erfahrung an, rekrutierte aber clanübergreifend erfahrene Piraten; Piratenanführer reisten nach Süden, bildeten die Gruppe aus, die Somali Marines, und mischten selbst mit. Harardhere und Hobyo entpuppten sich als nahezu perfekte Basen: sie lagen im Niemandsland zwischen Südsomalia und Puntland, und Milizen interessierten sich (noch) nicht für die abgelegene Gegend.
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„Die Etrusker waren böse. Wir wissen das, weil ihre Feinde und Auslöscher es behaupteten (...). Wer ist nicht böse für seinen Feind? (...) Doch diese reinen, sauberen Römer mit süßen Seelen, die Nation über Nation zerschmetterten, die freie Seelen von Menschen über Menschen zerquetschten und von Messalina und Heliogabal und ähnlichen Schneeglöckchen regiert wurden, sagten, dass die Etrusker böse waren“ (D.H. Lawrence).

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2007 wurden 44 Schiffe angegriffen, 2008 111, wovon 42 gekapert wurden (damit setzte sich Somalia an die Spitze der Rangliste der weltweiten Piraterie), 2009 verdoppelte sich die Zahl der Angriffe nahezu auf 217, aber nur 47 endeten erfolgreich, und 2010 blieb die Anzahl versuchter und erfolgreicher Kaperungen konstant. Alle Zahlen sind umstritten, da niemand weiß, wie viele Kaperungen kleiner Schiffe nicht bemerkt werden, es keine anerkannten Kriterien dafür gibt, wann eine Kaperung der somalischen Piraterie zugeschlagen wird, und wie viele Kaperungen nicht gemeldet werden (weltweit, so Schätzungen, werden nur 30-40% aller Überfälle auf Handelsschiffe angezeigt). – Im ersten Halbjahr 2011 wurden nach (vorläufigen) Meldungen 97 Überfälle gemeldet und 18 Schiffe gekapert. Heute ist der anonyme Pirat reich und investiert sein Geld in Puntland in Restaurants, Kneipen, Hotels und Bordelle; als er einmal im Gefängnis saß, befreiten ihn seine Verwandten mit Waffengewalt. 2009 soll Afweynes PG für die Kaperung von mindestens sieben Schiffen verantwortlich gewesen sein; im September 2009 besuchte er Libyen, wo Ghaddafi ihn vier Tage beherbergte und sich später mit den somalischen Piraten solidarisierte. – Inzwischen soll Afweynes Sohn die ¸Tagesgeschäfte„ übernommen und Afweyne Senior sozusagen in Rente gegangen sein.

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Der Wendepunkt in der somalischen Piraterie lässt sich auf 2007 datieren. Der Tsunami 2004 und die Wirtschaftspolitik der puntländischen Regierung hatten zu einer Verschärfung der ökonomischen Lage (nicht nur) der Küstenbevölkerung geführt. „Diese Gemeinschaften sind auch Opfer der Gleichgültigkeit der Regierung. Jahre der Vernachlässigung, fehlender Investitionen in die Fischerei und ein Rückgang bei den Viehherden trieben viele Anwohner dazu, sich einen anderen Lebensunterhalt zu suchen – etwa Piraterie“ (ICG 2009, 11). Nachdem die UIC im Sommer 2006 in Mogadishu die Macht übernommen hatte, weitete sie ihre Kontrolle auf das Grenzgebiet zu Puntland aus; Mitte August besetzten UIC-Milizen unter dem Befehl von Aweys Hobyo und Harardhere. Vor ihrer Ankunft flüchteten die Piraten, weil die UIC ihnen nach islamischem Recht die Todesstrafe androhte, und zogen sich ins Privatleben zurück; die UIC ließ sie in Ruhe, solange sie sich bedeckt hielten. Der Rückzug der UIC Anfang 2007 und innerpuntländische Machtkämpfe hinterließen in den Piratenhochburgen ein Machtvakuum; in Eyl lebten Angehörige vom Darod-SC der Majertein, die nicht dem gleichen Sub-SC wie der Präsident Puntlands angehörten und auf Distanz zur Regierung gingen. Ab Februar 2008 wurden in Puntland die Gehälter für Grenzmilizionäre und ab April für Polizisten nicht mehr ausbezahlt (erst nach Antritt des neu gewählten Präsidenten 2009 flossen die Gehälter wieder). Die Schwächung der Sicherheitsorgane zog Desertationen nach sich, zwang Soldaten und Polizisten dazu, sich nach Alternativen umzuschauen, und machte den Weg für Bestechungen und lokale und regionale ¸Stillhalteabkommen„ zwischen Piraten und Behörden frei – und damit für eine rapide Zunahme piratischer Operationen. Im September 2008 gestand der puntländische Minister für Fischerei ein, dass einige Polizisten mit den Piraten gemeinsame Sache machten und Soldaten desertiert waren, um sich den Piraten anzuschließen. Weder die erste noch die zweite Welle der somalischen Piraterie entstand dort, wo die Ärmsten der Armen leben, sondern dort, wo drohte, was anderswo in Somalia Realität war. Piraterie, die über Mundraub hinausgeht, erfordert eine gewisse Infrastruktur, Anfangsinvestitionen in eine Ausrüstung und überschüssige Nahrungsmittel, um die Zeit zu überbrücken, bis die ersten Verdienste eintrudeln. Wie überall auf der Welt – aktuell wie in der Vergangenheit – sprangen Investoren in die Bresche, wenn maritime Gewalt Gewinne versprach, und finanzierten gegen einen Anteil an der Beute piratische Operationen. So sonderbar es klingen mag: wo Piraten operieren und sich eine Landbasis aufbauen, darf es nicht an einer gewissen Stabilität fehlen. Soldaten, Polizisten, Elitetruppen, Richter und funktionierende Behörden, die loyal zu ¸ihrer„ Regierung stehen, sind der natürliche Feind eines Piraten, in politischen Gemeinwesen, in denen private Gruppen um die Vorherrschaft oder die Macht kämpfen (wie im Süden Somalias), wären Piraten hingegen zu sehr von ihren Kernaufgaben abgelenkt und müssten zu viel Energie und Geld zum Schutz ihrer Investitionen, Operationen und Erlöse aufwenden. In Hobyo, Eyl, Harardhere und Garacad waren Hunger, großflächige Flüchtlingsbewegungen und Milizkämpfe weitaus weniger als im Süden zu verspüren, die Bürgerkriegsparteien des Südens interessierten sich nicht für die arme Küste, und der puntländischen Regierung mangelte es an Durchsetzungskraft, finanziellen Mitteln und einer clanübergreifenden Legitimität zur ¸Befriedung„ der Region. Clanstrukturen und das heer sorgten für eine gewisse Stabilität; die vier Küstenorte sind Paradebeispiele für Orte und Regionen, in denen informelle, illegale Aktivitäten ungestört ausgeübt werden können.-

- EXKURS: PIRATISCHE BEUTE UND LÖSEGELDER
„Im fünften Jahrtausend v.u.Z. hatte sich eine globale Supermacht dazu entschlossen, in zwei, wie sie meinte, terroristischen Staaten für Wahrheit und Ordnung zu sorgen. Die Supermacht war Persien, unvergleichlich reich an Ehrgeiz, Gold und Männern. Die terroristischen Staaten waren Athen und Sparta, exzentrische Staaten, die in einer armen, bergigen und rückständigen Region lagen“ (Tom Holland: Persian Fire).

Seit Anbeginn der Zeiten zielte maritime Privatgewalt darauf ab, Beute zu machen, um sie zu konsumieren oder gegen Konsumgüter einzutauschen. Gestohlen wurde praktisch alles, was sich verkaufen ließ, wobei Gold, Silber, Münzen und Juwelen, die idealtypische Beute eines kulturindustriell deformierten Piraten, eher die Ausnahme darstellten; geläufiger waren normale Handelsgüter, die übers Meer verschifft wurden. Oft, lange Zeit etwa auf dem Mittelmeer, stand eine besondere Ware im Vordergrund: Menschen, die als Sklaven verkauft wurden. Manchmal brachten Gefangene und Entführte mehr Profite ein, wenn Verwandte, Freunde oder ihre Heimat sie ¸zurückkauften„, also ein Lösegeld zahlten; oft war es bequemer, Entführte an Ort und Stelle zu verkaufen, statt sie übers Meer zu einem Sklavenmarkt zu transportieren. Die muslimischen Barbareskenkorsaren aus Algier, Tunis, Tripolis und Salé, die gern mit den somalischen Piraten verglichen werden, machten von etwa 1520 bis zur Besetzung Algeriens durch Frankreich im Juni 1830 den Menschenhandel zu ihrer Haupteinnahmequelle. Ihre gefürchteten Schiffe kreuzten im Mittelmeer und drangen kurzzeitig bis zu den kanarischen Inseln, Island, Irland und an die englische Südküste vor; sie überfielen Küstenorte und entführten die Bewohner oder kaperten christliche Schiffe und setzten Seeleute und Passagiere fest. Die Gefangenen wurden auf riesigen Sklavenmärkten138 in den Barbareskenstädten verkauft, konnten gegen ein hohes Lösegeld jedoch freigekauft werden. Wer arme Verwandte hatte und nicht mit Geld aus Seemannskassen, karitativen Sammlungen der katholischen Kirche oder staatlichen Fonds ausgelöst wurde

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1650 lebten in Algier schätzungsweise 25.000 christliche Sklaven, zwischen 1719 und 1747 wurden 600 Seeleute allein aus Hamburg entführt, und zwischen 1622 und 1642 sollen Korsaren aus Algier 9.000 Engländer gefangen, zwischen 1613 und 1622 mindestens 963 Prisen in den Hafen von Algier geschleppt haben.

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– die Mehrheit der Entführten –, endete als Sklave in Nordafrika oder im osmanischen Reich und sah seine Heimat nie wieder139. Die Geschäftsgrundlage der somalischen Piraten ist eine andere. Sie verfügen über keine Kaperbriefe, können nicht auf die Rückendeckung einer Regierung zählen und interessieren sich weniger für die Beute, die ein gekapertes Schiff und seine Ladung darstellt, sondern für das Lösegeld für das Gesamtpaket aus Schiff, Ladung und Crew. Wenn die Ladung für die somalischen Piraten interessant war und profitabel verkauft werden konnte, wurden Prisen vor der Zahlung eines Lösegelds zwar ausgeplündert (was mangels Hafenanlagen jedoch nur bei kleineren Schiffen und bestimmten Frachten möglich war – um einen Tanker leer zu pumpen oder ein Containerschiff zu entladen, fehlt es in Puntland schlicht an der notwendigen Infrastruktur), aber im Vordergrund stehen stets die Geiseln. Niemals zuvor wurde der ¸Wert„ eines Menschen so widersprüchlich bestimmt wie in der Moderne. Kein Land und keine Reederei kann es sich leisten, Seeleute im Licht der Weltöffentlichkeit politischem Kalkül oder ökonomischen Interessen zu opfern, wodurch die Geiseln in den Händen der somalischen Piraten immens wertvoll werden; käme es bei einem Angriff auf die Piraten oder bei der Rückeroberung eines Schiffes zum Tod einiger, vieler oder aller Geiseln, ginge ein Aufschrei um die (westliche) Welt140 – was die Piraten natürlich wissen und ausnutzen: „Geiseln – insbesondere westliche – sind unsere einzigen Trümpfe“ (ein Pirat, zit. n. Shachtman 2009). Erleichtert wird das Lösegeldgeschäft dadurch, dass postmoderne Hochseehandelsschiffe Wanderer zwischen den Welten sind. Zwar gelten auf einem Schiff auf Hoher See die Gesetze des Landes, dessen Flagge es führt, aber um Tariflöhnen, hohen Steuern und Arbeitsschutzgesetzen auszuweichen, werden viele Schiffe ausgeflaggt, also in Ländern registriert, die Kosteneinsparungen ermöglichen und kaum Steuern erheben; viele Schiffe fahren daher unter der Flagge von Liberia, den Bahamas, Griechenland, Panama, Zypern, Belize, Antigua, Kambodscha, den Philippinen oder der Mongolei. Diese Praxis führt einerseits dazu, dass die Nationalität eines Schiffes und die seiner Eigentümer nicht übereinstimmen, und ermöglicht andererseits die Deregulierung von Seearbeit – das maritime Proletariat stammt längst aus Osteuropa, Indonesien, China, Sri Lanka, Singapur, Indien, Pakistan, Malaysia und den Philippinen, qualifiziertes Personal (Kapitäne, erste Offiziere) hingegen weiterhin aus den Metropolen, in denen Reedereien und Eigentümer zu Hause sind. Die potentielle Stürmung eines transnationalen Schiffes stellt die nationalstaatlich organisierte Welt vor Probleme: sollten dabei Geiseln getötet werden, sind diplomatische Verwicklungen vorprogrammiert141. Möglicherweise hat die Konzentration auf Lösegelder mit der nomadischen Clantradition zu tun. Wenn ein Nomade einen Somali aus einem anderen Clan ermordet oder schwer verletzt hat, ist sein SC für die Tat verantwortlich. Damit eine individuelle Gewalttat nicht zu einem Clankrieg eskaliert, um also eine friedliche Lösung zu ermöglichen, zahlt die dpG des Täters das dia an die dpG des Opfers. Solche Entschädigungen gehören zum nomadischen Alltag, und es liegt nahe, erpresste Lösegelder als eine moderne Form von Zwangs-diya zu interpretieren: als Entschädigung für tote Fischer, illegal gefangenen Fisch und die Versenkung von Sondermüll. Adressaten der diya-Forderungen wären innerhalb der Clanideologie die Clans oder SCs der Täter. Für Somalis wäre es irrelevant, ob diese überhaupt in Clans organisiert sind – wer Fischgründe oder SCs schädigt, gehört sozusagen einer großen außersomalischen CF an, die wie jede andere CF behandelt wird. Da sich die große CF der weltweiten nicht-somalischen Nicht-Clans traditionellen Konfliktlösungsmechanismen verweigert – weder wurden die Konflikte um IUUs auf einem shir friedlich beigelegt, noch können somalische SCs einen Krieg gegen die ganze Welt führen –, bleibt innerhalb der Clanlogik nur die Erzwingung von dia, wo sie erzwingbar ist: bei ¸Angehörigen„ Von CFs der Nicht-Clans. Ähnlich wie sich innernomadische Konflikte manchmal aufschaukeln, bis der Anlass für Krieg und PZs nahezu verblasst ist, gehen somalische Piraten dazu über, IUUs links liegen zu lassen und lohnendere Ziele anzugreifen – im Rahmen der Clantradition weder ein verwerfliches noch ein unübliches Vorgehen, bis ein shir einen neuen status quo festschreibt. Aber dazu sind
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„Daß die Barbareskenkorsaren Tausende von Europäern fingen, steht außer Frage; aber die Europäer fingen und versklavten mehr“ (Matar 2005, 113) Muslime als diese Christen, ein Kapitel der europäischen Geschichte, das kaum aufgearbeitet ist. In Livorno lebten 1603 5.000 muslimische Sklaven, auf Malta befreite Napoleon 1796 auf dem Weg nach Ägypten 2.000 Muslime. Muslimische Sklaven in Europa wurden schlechter behandelt als christliche in Nordafrika und seltener freigekauft, zudem war ihnen ein Weg in die Freiheit verwehrt, der Christensklaven in muslimischen Länder offenstand: die Konversion zum Islam. In den Barbareskenstädten lebten viele Renegaten – um 1650 allein in Algier über 10.000 (einige wurden berühmte Korsaren) – in Freiheit, da es der Islam Muslimen streng verbot, Muslime als Sklaven zu halten. Ein ähnliches Bibelgebot gibt es nicht, so dass die Konversion zum Christentum die Lage versklavter Muslime nicht verbesserte. So lobenswert die Zurückhaltung hinsichtlich eines Angriffs auf somalische Piraten auch sein mag, steht sie doch im eklatanten Widerspruch zur normalen Rücksichtslosigkeit im weltweiten kapitalistischen Alltag, in dem ein Menschenleben wenig bis nichts ¸wert„ ist: die entwürdigende Behandlung von Hartz-IV-Empfängern, Obdachlosen und Flüchtlingen in Deutschland führt zu keinem moralischen Aufschrei und nicht zur Aufstellung einer task force zur Bekämpfung der Armut und jener, die sie mitverursachen. Murphy (2011, 164) bringt den unterschiedlichen ¸Wert„ verschiedener Menschen(gruppen) im globalen Kapitalismus ungewollt und zynisch auf den Punkt, ohne dass auch nur ein Hauch von Kritik mitschwingt: die somalischen Piraten profitieren „vom großen Unterschied zwischen dem Wert eines Menschenlebens in Somalia und dem Wert eines Menschenlebens an Bord entführter Schiffe“. Die reelle Subsumtion des Menschen unters Kapitalverhältnis, wie Marx es ausgedrückt hätte, geht sonderbare Wege. Gehören Schiff, Crew und Eigentümer einer einzigen Nation an, verlieren die Geiseln an ¸Wert„ – kommen bei der Stürmung eines Schiffs Geiseln ums Leben, die aus dem gleichen Land wie die Einsatzgruppen und die Eigentümer stammen, wird der Vorfall in der Regel als interne Angelegenheit verbucht, da jede Regierung, wie Foucault es ausgedrückt hätte, über das Leben und den Tod ihrer Subjekte (frei) bestimmen darf.

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weder die UN noch die Herkunftsländer der IUUs und Müllverklappungsschiffe bereit. Boyahs Bruder, der beim Kapern erwischt wurde und in Boosaaso im Gefängnis sitzt, brachte die nomadisch-piratische Ansicht über IUUs und die kollektive Verantwortung für ihr Vorgehen in einem Interview folgendermaßen auf den Punkt: „Fischerboote sind schwer zu kapern, sie verfügen über ausgefeilte Verteidigungsmechanismen. Aber Frachtschiffe kommen aus den gleichen Ländern und sie sind die gleichen Leute [sic!]“ (zit. n. Bahadur 2011, 18).- Nachdem eine gewisse Schwelle überschritten worden war, entstand eine positive Rückkoppelung. Ein „statistisches Modell der monatlichen Anzahl von Piratenangriffen im Golf von Aden zwischen Januar 2002 und Juni 2009 zeigt, dass die Hauptdeterminanten der Anzahl der Piratenangriffe in einem bestimmten Monat die Anzahl der Angriffe der vorherigen Periode sowie die erfolgreichen Kaperungen in der Vergangenheit sind“ (Shortland 2010): erfolgreiche Kaperungen induzierten neue Kaperungen. PGs vernetzten sich, Investoren stiegen ins Geschäft ein, Spezialisten wurden angeworben, Fischer und bewaffnete junge Männer ohne maritime Erfahrung füllten die Reihen der Piraten auf. Wie viele von den 30.000 Berufs- und 60.000 Gelegenheitsfischern Somalias, die um die Jahrtausendwende aufs Meer fuhren, heute zu den Piraten gehören, weiß man nicht; sogar Soldaten aus der Armee Puntlands sollen sich den Piraten angeschlossen haben. Inzwischen bilden die PGs eine „paramilitärische Bruderschaft mit einem strengen und komplexen System von Regeln und Strafen. Sie sind als Multitude hunderter kleiner Zellen mit exzellentem Kommunikationssystem entlang der Küste organisiert“ (Müller 2009) und operieren meist nicht auf eigene Faust, sondern werden (vermutlich) von Piraten synchronisiert, die selbst nicht mehr in See stechen. Ein Londoner Anwalt, der sich im Entführungsgeschäft auskennt, meint dagegen, „die Piraten sind ein unorganisierter Haufen“ (zit. n. Bahadur 2011, 52). Der hohe Organisationsgrad zieht eine gewisse Arbeitsteilung nach sich: Ex-Fischer erledigen die maritime Arbeit, maritim unerfahrene Bewaffnete142, meist 18-25 Jahre alt, und Mooryan fahren als Schutz mit aufs Meer und stellen nach einer Entführung das Wachpersonal, ein catering-service, Köchinnen und Lieferanten versorgen die Geiseln manchmal mit Nahrung143, die täglich auf eine Prise verschifft wird (wozu Transporteure notwendig sind), und jedes gekaperte Schiff muss mindestens einmal pro Tag mit frischem Qat beliefert werden, dazu kommen Funker, Computerfachleute, Bootsmechaniker, Mutterschiffkapitäne, Übersetzer, Unterhändler, und „die meisten somalischen Piratenbanden haben sogar einen offiziellen Piratensprecher“ (Gettleman 2010). Obwohl relativ viele Piraten auf dem Meer sterben, getötet oder gefangen genommen werden, scheint es genug Freiwillige zu geben, die ihren Platz einnehmen; Boyah stellt als einzige Bedingung für Piratenrekruten, dass sie eine Waffe besitzen und „den Tod nicht fürchten“ (zit. n. Bahadur 2009). Gerüchte, dass junge Fischer zur Piraterie gezwungen werden, entbehren wohl jeder Grundlage144. Einige Piraten scheinen sich an postmodernen Managementtechniken zu orientieren: sie spezialisieren sich auf den maritimen (oder den landbasierten) Teil des Lösegeldgeschäfts; sowie gekaperte Prisen vor der Küste ankern, wird die Bewachung des Schiffs und der Geiseln und ihre Versorgung outgesourct und von einer anderen Gruppe übernommen. Für „die Einbindung der Piraten in ein komplexeres System der organisierten Kriminalität lassen sich (gegenwärtig noch) wenige Belege finden. Ein sehr großer Anteil der erpressten Lösegelder scheint in der Region zu bleiben und sich auf viele Profiteure aufzuteilen“ (Mahnkopf 2010a, 145), und es „fehlt an Belegen dafür, dass die Entführungsindustrie ein Mittel zur Ressourcenbeschaffung für den Bürgerkrieg darstellt“ (Mahnkopf 2010, 66). Die PGs sind nicht in eine globale Schattenökonomie integriert und unterhalten keine Verbindungen zur Welt des internationalen Verbrechens. Die Investoren, die in Somalia PGs finanzieren, gehören nicht zum obersten Segment der somalischen Geschäftswelt, sondern zum gehobenen Mittelstand und stammen in der Regel aus den gleichen SCs wie die Piraten. Treibstoff, Boote, Waffen (sofern in Somalia nicht vorhanden) – die Piraten haben längst aufgerüstet: neben den allgegenwärtigen Schnellfeuerwaffen verfügen sie über Raketenwerfer, Handgranaten und RPGs (Panzerfäuste) – und Ersatzteile werden meist im Jemen besorgt. Alle Beteiligten werden aus dem Lösegeld bezahlt. Jene, die nicht zum engeren Umkreis der Piraten gehören, bekommen einen fixen Lohn, Investoren und Ausrüster erhalten einen Anteil des erzielten Lösegelds (30-50%), und der Rest wird nach Abzug aller Kosten, Rücklagen (für Reinvestitionen) und Entschädigungen für Verletzte und Tote zu gleichen Teilen unter

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Der einzige Pirat, der den Angriff auf das US-Schiff Mærsk Alabama überlebte und in New York vor Gericht gestellt wurde, war 18 Jahre alt, ging eigentlich noch zur Schule, spricht Englisch und stammt aus dem Landesinneren, wo er als ältester Sohn von zwölf Geschwistern bei seinen Eltern lebte. Sein Vater ist Viehhirte, seine Mutter verkauft Milch auf dem Markt. Die Familie ist bitterarm, und er dürfte eine günstige Gelegenheit zum Geldverdienen ergriffen haben, als sie sich bot. Einer der Piraten, die in Hamburg vor Gericht stehen, „habe gewusst, dass er für eine erfolgreiche Kaperfahrt zwischen 3000 und 5000 Dollar bekommen konnte. Also habe er sich entschieden, mitzufahren“ (Lakotta 2011), da er als fischender Tagelöhner keine Arbeit fand. Häufig nehmen die Piraten Rücksicht auf die kulturellen Essgewohnheiten ihrer Gefangenen: indische Seeleute bekommen indisches Essen, indonesische indonesisches …; es sind allerdings auch Fälle bekannt, wo die Geiseln nur mit den Notwendigsten aus dem Kühlraum der Prise versorgt wurden – so sollen bei der Crew der entführten Hansa Stavanger nach der Freilassung Skorbutsymptome beobachtet worden sein. Piratische Zwangsarbeiter wären ein Widerspruch in sich: wo man sich aufeinander verlassen können muss, ist Zwang kontraproduktiv – was auch ein kurzer Blick in die Geschichte zeigt: Piraten und Freibeuter fuhren freiwillig zur See, die sehr wenigen Ausnahmen fallen nicht ins Gewicht und betrafen fast immer Spezialisten wie Segelmacher, Musikanten oder Zimmerer.

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den Piraten verteilt145, die ihr Geld meist verprassen (Qat und Geländewagen sind teuer), ihre Verwandtschaft unterstützen, und einen Teil, wie es der Islam gebietet, den Armen überlassen und, seltener, investieren. Es scheint einen Trend zu geben, jene, die die maritime Dreckarbeit erledigen und das Wachpersonal stellen, wie Angestellte zu behandeln und zu bezahlen. Die somalische Piraterie hat sich zu einem Geschäft mit deutlichen Hierarchien hinsichtlich des Einkommens, der Autorität und der Befehlsgewalt entwickelt, was die unteren Ränge in Kauf nehmen, weil sie viel Geld verdienen (können). Trotzdem soll zu Beginn jedes Tages in Eyl ein Piratenplenum stattfinden, das wohl einer Mischung aus genereller Aussprache und Einsatzbesprechung ähnelt. Es ist unwahrscheinlich, dass die Piraten ihre Anführer (wie frühere Piraten ihren Kapitän) abwählen können. Neben größeren Gruppen stechen immer wieder auch kleine oder einzelne Skiffs (bemannt etwa von einem Vater und seinem Sohn) zum Kapern in See, die über keine Basis an Land verfügen. Es scheint vorgekommen zu sein, dass Piraten, die mit ihrer Prise vor Hobyo, Harardhere oder anderen Küstenorten ankerten, mit den Piraten an Land nichts zu tun hatten; möglicherweise fehlte ihnen ein geeigneter Ankerplatz, oder sie hofften darauf, mit den einheimischen Piraten gegen einen Anteil am Lösegeld zu kooperieren. „Die Piraten in Somalia bilden eine heterogene Gruppe, und ihre Beweggründe unterscheiden sich von Pirat zu Pirat, von Gruppe zu Gruppe“ (Hansen 2009, 12) und von einem Ort zum anderen. Hochorganisierte Piratenzellen koexistieren neben Subsistenzpiraterie, und ein Piratenanführer verglich sich sogar mit Robin Hood.-

- EXKURS: SOMALISCH-PIRATISCHE ORGANISATIONSSTRUKTUREN
„Im Jahre 1688 gab eine Gruppe französischer Bukaniere bekannt, dass sie den in Aachen zwischen Frankreich und Spanien geschlossenen Friedensvertrag nicht anerkennen würden, da sie weder mitverhandelt noch das Schriftstück mit unterzeichnet hätten“ (Andreas Kammler: Piraten!).

Weder die erste noch die zweite Pirateriewelle lässt sich über einen Kamm scheren und unter einen Begriff subsumieren. Immer wieder ¸entsteht„ Piraterie, während etablierte PGs ihrem Geschäft nachgehen, und die innere Organisation der PGs deckt ein breites Spektrum diverser Gruppenstrukturen ab. Idealtypisch könnten somalische Piraten in folgende Schubladen abgelegt werden, wobei man nicht aus den Augen verlieren darf, dass keine zeitliche Evolution impliziert wird und die kategoriale Einteilung fließende Übergänge, fraktale Ränder und rhizomatische Auswüchse nicht berücksichtigt:  Fischer, die sich gegen IUUs und von Milizionären beschützte Fangschiffe wehren;  Fischer, die in kleinen Gruppen (ein bis zwei Skiffs) vom Fischen zum Selbstschutz und zum Kapern von IUUs übergehen;  Milizionäre, die Fischerboote entführen oder von ihnen Schutzgelder erzwingen, weil sie ohne oder mit falschen FFLs operieren;  Fischer, die beliebige Schiffe kapern, weil IUUs von Milizionären beschützt werden oder sich selbst verteidigen;  Waffen- und Menschenschmuggler, die im Golf von Aden neben ihrem Kerngeschäft Fischer kopieren, die Schiffe kapern;  PGs aus Fischern, (Ex-)Milizionären und anderen, die sich auf eigene Faust organisieren, ohne Investoren auskommen und die Beute unter sich aufteilen;  PGs, die sich um einen Anführer herum bilden, der sich um Investoren kümmert, die Ziele vorgibt und mehr verdient als alle anderen; solche PGs sind zumeist hierarchisch organisiert – bei den Somali Marines gab es etwa einen Flotten-, einen Vizeadmiral und einen ¸Finanzminister„ (Afweyne);  PGs aus Männern, die von Investoren oder warlords angeheuert wurden – eine Art Seemiliz, in der Piraten als Söldner dienen;  puntländische Küstenwachschiffe, die auf eigene Faust operieren, weil sich die Crews Geld zuverdienen müssen;  Subsistenzpiraterie. Einige Piratenkarrieren durchlaufen mehrere Stufen, manche nicht; einige Piraten machen das Kapern zum Beruf, manche verdienen einmal Geld und quittieren den Job dann wieder; einige PGs sind kollektiv organisiert, manche streng hierarchisch; einige clanbasiert, andere clanübergreifend. Nicht nur strukturell oder organisationssoziologisch lässt sich die somalische Piraterie begrifflich zurichten und sezieren, sondern auch geographisch, da sich die politischen und sozialen Rahmenbedingungen von Ort zu Ort und von Region zu Region unterscheiden:  Am Golf von Aden, in der Nähe von Boosaaso, operieren Schmuggler, die Waffen aus dem Jemen nach Somalia und somalische Flüchtlinge in überladenen Booten in den Jemen verschiffen. Ergibt sich eine Gelegenheit, kapern sie auch Schiffe; die Schlepperboote werden dann als Mutterschiff für piratische Skiffs benutzt 146. „Egal, ob die Piraterie
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Der erste, der ein gekapertes Schiff entert, erhält den doppelten Anteil (vgl. Harper 2009). Ein somalischer Pirat erklärte einem Reporter: Investoren erhalten 30% vom Lösegeld. „Die Piraten erhalten 50%. Die restlichen 20% gehen an die Armen und alle, die den Piraten an Land geholfen haben“ (zit. n. Adow 2009). Frauen, die für Geiseln kochen, erhalten bis zu 1.200$ pro Entführung, das Vierfache des durchschnittlichen Jahreseinkommens in Somalia. Am 21.März 2009 wurde ein überladenes und manövrierunfähiges Schiff mit 100 Flüchtlingen von der französischen Marine im Golf von Aden entdeckt. Nachdem es in den Hafen von Aden geschleppt wurde, liefen alle Passagiere auf eine Seite, woraufhin das Boot kenterte und acht Menschen ertranken; später fand man im Rumpf des Schiffs Waffen. Nach Schätzungen ertrinken jedes Jahr 2000

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ihr Haupt- oder bloß ein Nebengeschäft war, sie war zweifellos profitabel; ein Geschäftsmann aus Boosaaso beschrieb sie als ¸das Geschäft, das am meisten Einkommen bringt„“ (Murphy 2011, 30). „Im Golf von Aden stechen einzelne Skiffs mit typischerweise 5-6 Männern an Bord von der Nordküste aus in See [und] erreichen die Seerouten binnen eines Tages“ (Termansen 2011, 9), was nicht viel Vorbereitung erfordert;  Im Gebiet von Kismayo griff die NVCG, wahrscheinlich eine clanbasierte Gruppe, IUUs an; eine ähnliche PG operierte aus Merka. Diese PGs gingen eher zögerlich zum Kapern beliebiger Schiffe über. Seitdem Kismayo unter der Kontrolle islamischer Milizen steht, ist eine Renaissance der südsomalischen Piraterie kaum denkbar;  In Somalia südlich der Grenze zu Puntland organisierte Afweyne in Hobyo und Harardhere die ersten größeren PGs. Seitdem gehören die beiden Orte zu den wichtigsten Basen der Piraten, auch wenn die Bedeutung von Harardhere in jüngster Zeit nachgelassen hat;  In Eyl, Garacad und an der puntländischen Küste, wo Skiffs einfach an den Strand gezogen werden können, finden Piraten und PGs wunderbare Bedingungen für ihr Gewerbe vor; Eyl und Garacad gehören zu den piratischen Hochburgen.- Die Küste nördlich von Mogadishu blieb von gewalttätigen Clanauseinandersetzungen weitgehend verschont. Zwar organisieren sich die Piraten „entlang Clan- und Subclanlinien, aber nicht ausschließlich, da Mitglieder anderer Clans in den Gruppen akzeptiert werden“ (IEG 2008, 17); in der Regel stellt in einer PG jener SC die Mehrheit, auf dessen Territorium sich die Basis oder der bevorzugte Ankerplatz der Piraten befindet. Es gibt Berichte, dass PGs interne Ausbrüche von Clanloyalität bekämpften147; zur PG aus Harardhere „gehören Männer aus den wichtigen Clans der Küste, damit sich die Gruppe überall frei bewegen kann“ (Gebauer u.a. 2009). Zwei SCs sind deutlich überrepräsentiert; die meisten Piraten gehören zu den Majertein (ein SC des Harti-Clans der Darod) und zu den Suleiman (ein SC des Hebir Gedir-Clans der Hawiye) – jenen beiden SCs, aus denen Afweyne 2003 die erste größere PG zusammenstellte und die schon im Widerstand gegen Barre kooperiert hatten. Obwohl die Clanzugehörigkeit im piratischen Umfeld tendentiell an Bedeutung verliert, bleibt die Bindung der Piraten an ihren SC bestehen148. Nahezu alle Piraten unterstützten ihre SCs finanziell und können daher auf ihre Solidarität zählen, was es den Behörden erheblich erschwert, Piraten festzunehmen. PGs gehen Konflikten149 untereinander in der Regel aus dem Weg, indem gekaperte Schiffe vor das eigene Clanterritorium gesegelt werden und dort ankern; ansonsten vertrauen die Piraten auf das heer. Mit islamistischen und jihadistischen Milizen haben die Piraten nichts am Hut. Islamisten „sind für die Piraten eine viel größere Bedrohung, [sic!] als die bewaffneten Einheiten der internationalen Völkergemeinschaft“ (Irminger 2010, 149), da Piraterie nach dem islamischen Recht mit dem Tod bestraft werden kann. Im November 2006 kaperten Piraten die Veesham und brachten das Schiff nach Hobyo, wo UIC-Milizionäre es nach einem Feuergefecht zurückeroberten, nach Harardhere segelten und den Eigentümern übergaben150. Als die Sirius Star (ein saudischer Tanker) gekapert wurde, schien es in Harardhere Kämpfe zwischen PGs und HAS gegeben zu haben, bei denen Tote zu beklagen waren. Als im Mai 2008 eine Prise aus den VAE vor Harardhere ankerte, machten sich islamische Milizionäre auf den langen Weg, um das Schiff zu erobern; kaum hörten die Piraten davon, ließen sie das Schiff frei. Nachdem US-Scharfschützen im April 2009 den Kapitän der Mærsk Alabama aus den Händen von Piraten befreit hatten, wurden die somalischen Piraten von den islamischen Milizen jedoch gelobt. Sie wären Mudjâheddin „im Krieg mit den christlichen Ländern“ und verteidigten die Küste Somalias „gegen die Feinde Allahs“ (Gebauer u.a. 2009).
Somalis auf der Flucht in den Jemen, eine Tragödie, die es kaum in die Nachrichten schafft, da keine EU-Außengrenze betroffen ist. Einigen Somalis gelingt es, auf verschlungenen Wegen nach Libyen (und Tunesien) zu reisen, von wo aus sie seit Anfang 2011 in schrottreifen Booten Lampedusa zu erreichen versuchen. Müller (2009) meint, die Piraten wären clanübergreifend organisiert, Weber (2009) behauptet das Gegenteil. Durchbrächen die Piraten tatsächlich festgefügte Clanloyalitäten, wäre dies eine tiefgreifende Veränderung der Sozialstruktur der puntländischen Bevölkerung. Als ein Schiff mit Fracht gekapert wurde, die einem Geschäftsmann aus Mogadishu aus dem Clan der Suleiman gehörte, wurde es ohne Lösegeld wieder freigelassen. – So könnte auch erklärt werden, warum Boyah noch nicht verurteilt wurde, obwohl er seit fast einem Jahr im Gefängnis sitzt: er gehört zum „gleichen Subclan“ (Gettleman 2010) wie der Präsident Puntlands. Im Januar 2010 enterten Piraten einen Supertanker. Als sie die Kontrolle erlangt hatten, wurden sie von einer zweiten PG angegriffen, woraufhin den Piraten an Bord des Tankers Kriegsschiffe zu Hilfe eilten, die den innerpiratischen Kampf beendeten und die zweite PG verjagten. Vielleicht griffen die Kriegsschiffe ein, weil sie befürchteten, der Kampf um den Tanker hätte zu einer Umweltkatastrophe ersten Ranges führen können. – Der Kapitän der entführten Future berichtete nach seiner Freilassung, die Piraten hätten sich mit gezückten Messern um das Lösegeld gestritten, das auf dem Schiff abgeworfen wurde. Zu den streitenden Piraten gesellten sich andere, die von der Küste aufs Schiff gekommen waren. Nach sechzehn Stunden verließen Ausrüster, Kreditoren und andere Beteiligte das Schiff, danach folgten die Piraten. An Land brachen neue Konflikte aus, zwei Piratenanführer wurden getötet. – Mitte August 2011 meldete das Shebelle Media Network, dass es in Hobyo zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Piraten kam, bei denen zwei Piraten starben. Möglicherweise hatte diese Polizeiaktion der UIC gar nichts mit dem islamischen Recht zu tun, sondern damit, dass die Ladung der Veesham einem Geschäftsmann aus Mogadishu gehörte, der die UIC (finanziell) unterstützte, oder damit, dass somalische Geschäftsleute aus Dubai (die Veesham gehörte einer Gesellschaft aus Dubai) der UIC drohten, ihre Geschäftsverbindungen mit Mogadishu zu kappen.

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Im Frühling 2010 soll HAS Harardhere besetzt haben, Die Piraten verließen die Stadt, nahmen ihre Prisen mit und wurden nicht verfolgt. Im Dezember (spätestens) ankerten wieder Prisen vor Harardhere; ob die islamischen Milizionäre zwischenzeitlich abgezogen waren (und wenn ja, wann), ob sie die Piraten tolerierten (oder sie tolerieren mussten), oder ob sie mit ihnen einen Deal ausgehandelt hatten, ist unklar – es kursieren Gerüchte, nach denen lokale HAS- und HI-Milizen gegen einen Anteil am Lösegeld (5%) auf ein Vorgehen gegen die Piraten verzichteten. Am 18. Februar 2011 wurde verbreitet, die Piraten aus Harardhere hätten auf ihren Prisen die Anker gelichtet und die Küste verlassen, weil es zu Auseinandersetzungen mit Jihadisten gekommen war. HAS, die „die Stadt kontrollierte“ (Desk 2011), forderte 20% jedes Lösegelds, das die Piraten erwirtschafteten, und nahmen vier im Piratengeschäft tätige Geschäftsleute fest. Eine Woche später wurde gemeldet, HAS und die Piraten hätten sich geeinigt. Dennoch nahmen jihadistische Milizionäre Ende März 50 Piraten wegen „unislamischem Verhalten“ (Hussein 2011) fest: sie sollen Wein getrunken, Haschisch geraucht und sich Pornos angesehen haben. Entweder waren die Jihadisten mit ihrem Anteil unzufrieden, die Piraten hatten nicht gezahlt, oder eine andere HAS-Fraktion torpedierte das Abkommen zwischen den Piraten und der lokalen HAS-Miliz. Für letzteres spricht, dass am 22. Mai 2011 die Nachricht verbreitet wurde, HAS hätte Harardhere besetzt151. Wiederum ist Genaueres nicht bekannt: warum sollte eine Stadt besetzt werden, die schon besetzt ist? Höchstwahrscheinlich geht es seit Monaten darum, die Höhe des Schutzgeldes neu auszuhandeln, wobei verschiedene HAS-Fraktionen unterschiedliche Ziele verfolgen. Jedenfalls geht es nicht um antipiratische Operationen, wie es HAS immer mal wieder verspricht152. Berichte über eine enge Kooperation153 zwischen Piraten und Jihadisten entbehren jedenfalls jeder Grundlage. Sie dienen dazu, das vermeintliche Bedrohungsszenario, das von Somalia ausgeht, zu potenzieren, um Gegenmaßnahmen medienwirksam zu rechtfertigen.
2.6 MODUS OPERANDI

somalischer Piraten Phasen. Ein Beuteschiff wird Eine typische Operation die Piraten Schiff undzerfällt in mehreresie die somalische Küste an, woaufgespürt, eingeholt und geentert. Kontrollieren Geiseln, steuern die Lösegeldverhandlungen beginnen, und nach der Einigung wird das Lösegeld übergeben. Jede Phase hat ihre Tücken.

„Haben wir wirklich erwartet, dass verhungernde Somalis passiv am Strand stehen, in unserem toxischen Abfall paddeln und zusehen, wie wir ihnen den Fisch wegschnappen, um ihn in Restaurants in London, Paris oder Rom aufzuessen?“ (John Heri, ein englischer Reporter).

Die Nadel im Heuhaufen Die meisten Piraten fahren in Skiffs aufs Meer und suchen nach Beute: ein mühseliges Unterfangen, denn die abzusuchende Fläche ist groß. Bei Fischtrawlern und IUUs, die in Küstennähe fischen und sich langsam fortbewegen, ist die Suche vergleichsweise einfach; kooperieren Skiffs und halten über Funk Verbindung, verdoppelt oder verdreifacht sich die Erfolgsquote. Sich bewegende Schiffe, zumal wenn sie vergleichsweise schnell unterwegs sind, sind jedoch schwieriger aufzuspüren – es sei denn, die Piraten kennen den Ort, an dem sich ein Schiff zu einem bestimmten Zeitpunkt befindet, und die grobe Richtung, in die es fährt 154. In der Regel reicht es jedoch, dass sich somalische Piraten auf die Lauer legen, wie es Piraten und Freibeuter schon immer taten – die meisten Schiffe kommen von selbst zu ihnen. Kaum eine PG scheint ein bestimmtes Schiff zu suchen, sondern in der Regel wird das erstbeste ¸geeignete„ Schiff angegriffen
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Es ist nahezu unmöglich, über die Vorgänge während der letzten zwei Jahre in Harardhere Genaueres zu erfahren. Im Internet kursieren mehrere Alternativen – im Frühling 2010 hätte HAS Harardhere besetzt, HAS wäre bei dem Versuch einer Besetzung von einer „regierungsfreundlichen Miliz zurückgeschlagen worden“ (Hughes 2010), HI hätte Harardhere besetzt (und nicht HAS), und HAS hätte sich, nachdem sie Harardhere besetzt hatte, sofort wieder zurückgezogen, woraufhin HI in die Stadt einmarschierte. Es ist erstaunlich, dass im großen Archiv des Wissens nichts Verlässliches über eine Stadt zu finden ist, die im Fokus der Weltöffentlichkeit steht. Man weiß nicht, ob, wie viel und seit wann HAS von den Piraten Geld bekommt, und man weiß nicht, ob die mögliche Kooperation zwischen HAS und den Piraten ein lokales Phänomen ist, das auf Harardhere beschränkt ist, von der HAS-Führung abgesegnet wurde, oder ob Harardhere zum Schauplatz interner HAS-Kämpfe zwischen internationalistisch und nationalistisch eingestellten Milizionären geworden ist. Dass HAS vor dem Mai 2011 in Harardhere anwesend ist, zeigt folgender Vorfall: im März 2011 verhafteten jihadistische Milizionäre 20 Teenager, weil sie sich nicht am jihād beteiligen wollten. Es gibt noch einen weiteren Grund, der gegen eine enge Kooperation von Piraten und HAS spricht: jene Länder, in denen Lösegelder aufgetrieben werden, wird der illegale Geldexport bislang toleriert, aber das würde sich blitzschnell ändern, wenn durch die Lösegelder Operationen einer ¸terroristischen„ Organisation wie HAS finanziert würden. Die Piraten wissen, dass sie ihr Geschäftsmodell aufs Spiel setzen, wenn Jihadisten an den Erlösen beteiligt werden: „Wenn ich ein Pirat bin und Geld an al-shabaab weitergebe, kann ich mir ziemlich sicher sein, dass dies ein Amerikaner herausfindet und mir eine Bombe auf den Kopf wirft“ (so ein Somali, zit. n. Bahadur 2011, 51). Darüber wird viel spekuliert. Immer wieder wird behauptet, Piraten verfügten über Informanten in Häfen und Reedereien. Der Chef von Interpol bemerkte dazu 2009 in einem Gespräch: „Da ist das große Problem der Korruption in Reedereien. Wie finden die Piraten die Schiffe, die sie angreifen? Offensichtlich besitzen sie Insider-Informationen. Offensichtlich gibt es Unterhaltungen oder ausgetauschte Emails“ (zit. n. Eichstaedt 2010, 160f). In einem Interview mit der Zeitschrift Wired bestätigte ein Pirat, dass PGs manchmal wichtige Informationen besitzen: oft „kennen wir die Fracht eines Schiffes, seinen Besitzer und seinen Bestimmungshafen, bevor wir es entern“ (Shachtman 2008). Allerdings sind so gut wie alle Informationen über zivile Handelsschiffe frei zugänglich; zudem sind alle Schiffe, die sich Somalia nähern, verpflichtet, ihre Positionsdaten an das für den Kriegsschiffeinsatz zuständige Flottenkommando zu übermitteln.

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Radargeräte auf Schnellbooten und Mutterschiffen erleichtern die Suche, GPS-Satellitentelefone helfen bei der genauen Ortsbestimmung und der Kommunikation untereinander, und wenn genug Geld vorhanden ist, könnten sich Piraten ein teures Computersystem kaufen, das an Land installiert wird und AIS-Daten155 empfängt, ausliest und anzeigt: damit fiele die mühselige Suche nach potentiellen Beuteschiffen flach, und die Positionsdaten der Beuteschiffe würden an Mutterschiffe oder Skiffs übermittelt. So bequem hatten es Piraten noch nie. Aber die allermeisten Piraten arbeiten wohl kaum mit Computern und AIS-Daten, sondern stechen in See und lassen sich überraschen, welche Schiffe ihren Kurs kreuzen.

Ein- und Überholen Unter Segeln war das Einholen eines Beuteschiffs, sofern es nicht beim Ankern überrascht wurde, eine langwierige Angelegenheit. Die Geschwindigkeitsunterscheide waren gering; um ein Wettrennen zu gewinnen, brauchte man ein schnittiges Schiff, gute Segel und eine erfahrene Crew. Im Prinzip hat sich daran im 21. Jahrhundert nichts geändert: ohne ein schnelles Schiff sind moderne Piraten chancenlos. Sie benutzen kleine Schiffe mit Außenbordmotoren; solche Skiffs sind nicht hochseetauglich (schon bei 1,5m hohen Wellen verlieren sie ihren Geschwindigkeitsvorteil), und ihre Reichweite ist begrenzt, aber somalische Piraten wollen ja auch keine interkontinentalen Seereisen unternehmen. Ihre Crews sind Wind und Wetter schutzlos ausgeliefert, und während des Monsuns (Dezember bis März und Juni bis September) können sie auch in Küstengewässern in Schwierigkeiten geraten (daher gibt es saisonale Schwankungen bei den Kaperungen). Somalische Piraten kapern bevorzugt Schiffe, die sich negativ von durchschnittlichen Schiffen abheben, Schiffe also, die (besonders) langsam fahren, tief im Wasser liegen, ¸sorglos„, alt oder verrostet aussehen, nicht im Konvoi fahren oder den Anschluss an einen Konvoi verloren haben. Sie greifen sich aus potentiellen Zielobjekten das schwächste heraus, wenn sie die Wahl haben. Um ihr Operationsgebiet auszuweiten, kapern PGs seit ein paar Jahren Mutterschiffe156. Als Fischereifahrzeug getarnte Trawler oder Dhaus transportieren Piraten und Schnellboote auf den Indischen Ozean. Wird ein potentielles Beuteschiff entdeckt, lässt das Mutterschiff die Schnellboote zu Wasser, mit denen der Angriff durchgeführt wird. Es scheint vorgekommen zu sein, dass Skiffs auf dem offenen Meer ausgesetzt wurden, nach einer erfolglosen Kaperung ihr Mutterschiff nicht wiederfanden oder bewusst mit zu wenig Treibstoff ihre Mission begannen. Die Piraten in solchen Skiffs navigieren nach den Sternen und nach der brennenden Sonne, haben kaum Vorräte an Bord – und sind zum Erfolg verdammt, denn wenn sie kein Schiff kapern, sterben sie. Inzwischen werden auch Frachter oder Tanker als Mutterschiffe eingesetzt, wodurch der gesamte westliche Indische Ozean unsicher geworden ist. Sie „geben den Gangs eine enorme Reichweite. Nach NATO-Warnungen soll zum Beispiel der panamesische Tanker ¸Hannibal II„ unter Piratenkommando im Indischen Ozean kreuzen – ebenso die panamaische ¸Polar„, die südkoreanische ¸Golden Wave„ oder die thailändische ¸Thor Nexus„“ (Höges/Stark/Ulrich 2011) – und ein Gastanker. Die Piraten auf solchen Mutterschiffen müssen über Techniken zum Aufspüren von Prisen verfügen; ansonsten würden sie auf hoher See nach einer Nadel im Heuhaufen suchen. Aufentern Wenn Skiffs ein Opfer eingeholt haben, verwandelt sich ihr Vor- in einen gravierenden Nachteil: ihr Freibord ist so gering, dass Piraten jedes Beuteschiff von unten erklettern müssen. Bei Fischerbooten, Trawlern und tief im Wasser liegenden Schiffen fällt das nicht sonderlich ins Gewicht; enternde Piraten gelangen ohne Hilfsmittel an Bord, während die Crew vom Schnellboot aus durch bewaffnete 157 Piraten in Schach gehalten wird. Je größer die Prisen, desto schwieriger das Entern: bei einem Containerschiff ragen vor den Piraten meterhohe Stahlwände auf, die nicht so ohne weiteres zu überwinden sind. Manchmal gelingt es, über die Ankerketten an Bord zu klettern, meistens wird eine Enterleiter ausgeworfen, die sich an der Reling oder an Deck verhakt, und seltener wird versucht, die Crew mit Waffengewalt zu zwingen, die Piraten an Bord zu lassen – was, wenn sich das Deck in fünf oder zehn Meter Höhe befindet und kein Seemann zu sehen ist, wenig Erfolg verspricht. Schwere Waffen, mit denen ein Schiff sturmreif geschossen werden kann, sind die letzte Wahl – aber da die Piraten das Schiff und seine Crew brauchen, werden Panzerfäuste und Raketenwerfer eher vorsichtig eingesetzt (es sei denn, Seeleute
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Seit Ende 2000 müssen (zivile) Schiffe mit einem automatischen Identifikationssystem (AIS) ausgerüstet werden. Per GPS wird die Position ermittelt, und je nach Geschwindigkeit des Schiffs werden bis zu fünf Mal pro Minute die Positions- und andere Daten: Schiffstyp, -name, Kurs, Kursänderungen, Tiefgang, Reiseziel, Ankunftszeit in den Äther geschickt. Diese Daten kann jeder, der ein electronic chart display and information system oder einen leistungsfähigen Computer mit AIS-Entschlüsselungs- und Verarbeitungssoftware besitzt, auslesen und sich in Echtzeit alle Schiffsbewegungen anzeigen lassen. Trotz kreuzender Kriegsschiffe erbeuteten Piraten im März 2010 im Golf von Aden binnen weniger Tage 14 indische Dhaus und im April mitten auf dem Indischen Ozean an einem Tag drei thailändische Fischtrawler. Piraten sind mit einer AK 47 (Kalaschnikow) bewaffnet, einem Sturmgewehr, das nicht nur in Somalia problemlos zu besorgen ist und kaum mehr als 75$ kostet (1992 war sie schon für 15$ zu haben). Die AK 47 ist robust und auch von Unerfahrenen leicht zu bedienen. Präzisere, teure Waffen lohnen sich auf Skiffs nicht: von einem schwankenden Boot aus kann man nicht genau zielen, und Salz und Wasser verringern die Lebensdauer von Waffen. Zusätzlich sind viele Piraten mit Panzerfäusten, seltener mit Raketenwerfern unterwegs.

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oder private Wachschutzleute wehren sich). Ein Skiff längsseits zu legen 158, um eine Enterleiter auszuwerfen, erfordert Geschicklichkeit und Erfahrung, insbesondere wenn die Piraten bei der Anfahrt bemerkt wurden und die Prise beschleunigt, Ausweichmanöver fährt, in den Wind steuert oder einen Zick-Zack-Kurs einschlägt – in den Wellen, die im Kielwasser oder durch Ausweichmanöver entstehen, drohen kleine Boote zu kentern. Sowie die Piraten von einem angegriffenen Schiff bemerkt werden, stehen sie unter Zeitdruck. Wenn es ihnen nicht gelingt, mindestens eine Geisel in ihre Gewalt zu bekommen, bevor sich ein patrouillierendes Kriegsschiff nähert, müssen sie die Operation abbrechen, da sie ohne Geisel keine Chance gegen ein Kriegsschiff haben – bei erfolgreichen Kaperungen vergehen von der Sichtung der Beute bis zur Geiselnahme höchsten dreißig Minuten. Reedereien und Crews potentieller Prisen bereiten sich folglich darauf vor, Enterversuche so lange abzuwehren, bis Hilfe kommt. Neuartige Überwachungssysteme (Hochfrequenz-Radar, Rundum-Videosysteme) erschweren die unbemerkte Annäherung kleiner Schiffe; eine mit Stacheloder Elektrodraht umwickelte Reling, Schallkanonen (large range acoustic devices, die einem Angreifer unerträglich lauten Krach gerichtet um die Ohren blasen, sich aber als relativ ineffektiv erwiesen haben), Hochdruckwasserschläuche159 (die auf jedem Schiff vorhanden sind), ferngesteuerte Wasserwerfer, Verdunkelung oder Flutlichtanlagen, Vorrichtungen zum Versprühen von Schmiermitteln (antitraction gel) oder Feuerlöschschaum und im Wasser mitgeschleppte Netze, in denen sich Außenbordmotoren verfangen, sollen das Entern erschweren 160. Wie viele Piraten beim Versuch, ein Schiff zu entern, gestorben und ertrunken sind, ist unbekannt; auf jeden Fall ist das Aufentern gefährlich. Zudem wird Schiffen in der Nähe Somalias empfohlen, einen (großen) Mindestabstand zur somalischen Küste einzuhalten und im Transitkorridor im Konvoi zu fahren; Hilfe wäre dann bei Angriffen in der Nähe. Aber das Fahren im Konvoi ist unbeliebt: die Schiffe verlieren Zeit (da Zeit Geld ist, machen Konvois maritime Warentransporte teurer), und Konvois sind nur relativ sicher, Nachzügler und Ausreißer wurden bereits gekapert. Die Crews angegriffener Schiffe wehren sich (in der Regel) nicht mit Waffengewalt, obwohl einige Fachleute und Reeder ihre Bewaffnung fordern; bislang setzte sich die vernünftige Einschätzung durch, dass bewaffnete Crews die Lage auf den Meeren eher verschlimmern161. Statt dessen gehen Reedereien dazu über, Angehörige privater Sicherheitsfirmen162 an Bord zu stationieren, wenn ihre Schiffe gefährliche Gewässer durchfahren. Für Sicherheitsfirmen ist Somalia ein El Dorado; „so ist mittlerweile eine verdeckt bzw. diskret arbeitende Kleinindustrie aus spezialisierten Anwälten, Verhandlungsspezialisten und Sicherheitsteams entstanden“ (Matthies 2010, 85). Sogar die jemenitische Marine eskortierte gegen eine Gebühr von bis zu 50.000$ gefährdete Schiffe durch den Golf von Aden. Phantasien, wie sie von einigen durchgespielt werden, zivile und private Schiffe mit Antipiratenwaffen auszustatten, sind nicht durchsetzbar, da das die international verbindliche Trennung zwischen zivilen und Kriegsschiffen aushebeln würde. Als zweitbester Schutz vor Piraten hat sich ein getarnter Schutzraum erwiesen, der irgendwo im Schiffsbauch eingebaut wird und von dem aus das Schiff gesteuert und abgeschaltet werden kann. Wenn Piraten gesichtet werden und ein Entkommen unwahrscheinlich scheint, zieht sich die Besatzung in diesen Raum zurück. Dabei wird in Kauf genommen, dass Piraten das Schiff entern, aber da eine Prise ohne Geiseln nichts wert ist, stehen sie trotz erfolgreicher Kaperung mit leeren Händen da – es sei denn, sie finden den Schutzraum und können ihn aufbrechen, bevor sie von Fallschirmjägern oder maritimen Spezialkommandos angegriffen werden. Auf die Dauer werden defensive Schutzräume jedoch kaum vor Enterversuchen schützen. Einige Male wurde bereits Feuer gelegt oder Sprengstoff eingesetzt (ohne viel Erfolg), aber es wird nicht mehr lange dauern, bis die Piraten Mittel und Wege gefunden haben werden, um die Schutzräume ihrer Schutzfunktion zu berauben.
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Um längsseits zu gehen, wenden manche Piraten einen Trick an. Sie verbinden zwei Skiffs mit einem starken Tau und setzen sich dann so vor die Prise, dass sich eines back- und eines steuerbord befindet und die Prise auf das Tau zuhält. Dann drosseln die Skiffs ihr Tempo, die Prise fährt gegen das Tau, zieht es mit, und dadurch werden die Schnellboote, je eines pro Seite, ohne eigenes Zutun an die Schiffswände der Prise gedrückt. Eine andere Methode besteht darin, eine Prise zu umkreisen und an mehreren Stellen anzugreifen; die Crew kann nicht überall sein und weiß nicht, wo wirklich versucht wird, das Schiff zu entern. „Bei einem Wasserdruck von 80 Pfund auf den Quadratzentimeter beim Austritt aus dem Rohr kann man selbst über 50 Meter Distanz ein Skiff in Sekunden voll Wasser pumpen, der Schwall kann einen Mann ohne weiteres nach außenbords befördern. Die Erfahrung vieler Kapitäne (…) lehrt, dass Piraten die gezielt eingesetzten Wassermassen mindestens ebenso fürchten wie Schusswaffen“ (Stehr 2011, 35). Auf maritimen Sicherheitsmessen, die sich in den letzten Jahren von maritimen Allgemeinmessen emanzipiert haben, wird Jahr für Jahr die neueste Sicherheitstechnik zur Schau gestellt, während private Sicherheitsfirmen um Klienten buhlen. Das neueste technische Spielzeug ähnelt entfernt den Phasern, die an Bord der USS Enterprise benutzt werden: ADS (active denying system) – eine Art Satellitenschüssel produziert elektromagnetische Strahlung, die die Hautoberfläche von Menschen erhitzt und unerträgliche Schmerzen produziert, ohne die Haut zu verbrennen. Bei Piraten und bei Belagerungen befestigter Orte von der Antike bis weit in die Neuzeit galt eine goldene Regel: wehrten sich Prisen oder Belagerte, gab es nach einem Sieg kein Pardon. Die Piraten des goldenen Zeitalters holten die schwarze Flagge ein, wenn sich ein aufgebrachtes Schiff mit Waffengewalt wehrte, und setzte eine rote, die anzeigte: niemand wird verschont. Auch die berüchtigte Firma Blackwater (inzwischen in Xe umbenannt, um ihre Untaten im Irak zu vertuschen) mischt neben anderen Firmen vor Somalia mit; sie hat ein altes Vermessungsschiff in ein leicht bewaffnetes Antipiraten-Schiff umgebaut, das als Geleitschutz für Handelsschiffe gemietet werden kann. Bei entsprechender Nachfrage plante Xe die Indienststellung weiterer Antipiraten-Schiffe. Ob das Geschäftsmodell funktioniert hat, ist unbekannt; die geringe Resonanz in den Medien scheint auf einen Fehlschlag hinzudeuten.

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Der beste Schutz vor piratischen Überfällen ist Wachsamkeit. Die ist jedoch nur möglich, wenn eine Crew nicht überarbeitet oder übermüdet ist und sich genug Seearbeiter an Bord eines Schiffs befinden, um die tägliche Arbeit zu erledigen und in gefährlichen Gebieten Wache zu stehen. Dieser – banale und einfache – Schutz ist Schiffseignern und Reedern jedoch viel zu teuer: sie lassen ihre Schiffe mit unterbezahlten Minimalcrews fahren. Sind Seeleute müde, erschöpft und unzufrieden, haben Piraten eine große Chance, sich unbemerkt ihrer Prise zu nähern. Weil auf nahezu jedem zivilen Schiff die Crew ausgedünnt wurde und sich die Arbeitsbelastung für Seearbeiter erhöhte, empfahl das IMB sogar, bei der Durchfahrt durch gefährliche Gewässer Gummipuppen an der Reling aufzustellen, um Wachsamkeit vorzutäuschen.

Die Geiseln Die Geiseln sind das Kapital der Piraten, denn die stillschweigende Abmachung zwischen den Piraten und ihren Gegnern lautet: solange den Geiseln nichts geschieht, wird verhandelt und ein Lösegeld gezahlt. Meist bleiben die Geiseln bis zur Zahlung des Lösegelds auf der Prise, selten werden sie an Land geschafft oder ins Landesinnere gebracht. „Immer wieder berichten die Geiseln, sie wären von den Piraten gut behandelt worden“ (Wiese 2010, 68). Unter den Piraten kursieren Handbücher, in denen harte Strafen für Angriffe auf Geiseln angedroht werden 163. Nur wenn sich Lösegeldverhandlungen in die Länge zogen oder Angebote als lächerlich empfunden wurden, wurden Geiseln bedroht oder schlecht behandelt, um Druck auf die Verhandlungspartner auszuüben. Dass Geiseln gefoltert oder ermordet wurden, kam jedoch bis Ende 2010 sehr selten vor164. Das scheint sich zu verändern. Seit Anfang 2011 wurden mindestens drei gekaperte Schiffe von Kriegsschiffen angegriffen (beteiligt waren Südkorea, die USA, Dänemark und die Seychellen), wobei Geiseln wie Piraten ums Leben kamen165. Als ein gefangener Pirat in New York zu 33 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, drohte ein Piratensprecher der USA Konsequenzen an, wenn der Gefangene nicht freigelassen würde; ein anderer erklärte, die Tötung von Geiseln sei zukünftig „Teil unserer Regeln“. Jeder, „der versucht, Geiseln aus unseren Händen zu befreien“, wird „nur noch Leichen einsammeln“, und es „werde nie wieder vorkommen, dass Geiseln gerettet und Piraten ins Gefängnis geworfen werden“ (zit. n. Utler 2011). Offensichtlich reagieren die Piraten auf die Drohgebärden und Muskelspiele einiger Staaten und erhöhen den Preis für Angriffe auf Piraten. Hoffnungen, PGs würden Geiseln nach einer Kaperung freiwillig – kampflos und ohne Lösegeld – freigeben, weil der öffentliche oder militärische Druck auf sie steigt, dürften ins Leere laufen. Eher ist das Gegenteil der Fall. Aus der Sicht der Piraten wird zwar ein friedliches Ende jeder Operation gewünscht, aber niemals ohne Lösegeld. Die Anfangsinvestitionen in eine Kaperung und die laufenden Kosten einer piratischen Operation sind hoch – Bahadur (2011, 230) schätzt sie für eine Kaperung, die 75 Tage dauert, auf 250.000$ –, und die meisten beteiligten Piraten leben bis zur Zahlung des Lösegelds von ihrem Anteil, den sie noch gar nicht bekommen haben. Unter solchen Voraussetzungen dürften Piraten, selbst wenn sie angegriffen werden, eher bis zum bitteren Ende kämpfen statt aufzugeben. Über Lösegeldverhandlungen ... … ist naturgemäß wenig zu sagen, da kaum etwas an die Öffentlichkeit gelangt. Reedereien, Eigner, Versicherungen und andere Beteiligte hüllen sich in Schweigen. Entweder melden sich die Piraten oder ein Unterhändler über das Satellitentelefon des Schiffes oder ein eigenes Gerät bei den Eignern ...

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Piraten, die von französischen Eingreiftruppen gefangen genommen wurden, hatten ein „Handbuch für gutes Verhalten“ (Middleton 2008) bei sich: „Hundert Dollar, wenn du zu spät von einem Landgang zurückkehrst, fünfhundert Dollar, wenn du ohne Grund schießt, einen Soldaten angreifst oder nicht gehorchst. Tausend Dollar, wenn du während der Wache einschläfst, tausendeinhundert, wenn du ohne Erlaubnis an Land gehst, zweitausend, wenn du eine Geisel berührst“ (Wiese 2010, 70). Wie die Geiseln ihre Entführung erlebt haben, wird selten bekannt, über psychische Störungen und Traumata gibt es kaum Verlautbarungen. Ob sie von ihren Arbeitgebern angemessen entschädigt werden, Sonderurlaub bekommen oder eine Art Unfallversicherung einspringt – auch darüber wird nicht gern gesprochen. „Während es – zumindest in der Bundesrepublik – inzwischen selbstverständlich ist, Piloten und Zugführern, die eine gefährliche und womöglich traumatische Situation erlebt haben, psychologische Betreuung für die Bewältigung zur Verfügung zu stellen, sind derartige Hilfen für Seeleute nicht vorgesehen“ (Gerstenberger 2011, 327). Viele Apologeten der Armada beklagen, dass sich die Weltöffentlichkeit mehr um die Piraten als um ihre Opfer kümmere, aber ihre Sorge um die Geiseln entpuppt sich bei näherem Hinsehen meist als Instrumentalisierung des Leids der Geiseln. Einerseits befürworten sie eine Eskalation der Gewalt auf dem Rücken der Geiseln, andererseits verlieren sie kein Wort über die alltägliche Ausbeutung von Seeleuten, die sich in den letzten Jahrzehnten massiv verstärkt hat, damit der globale maritime Warenverkehr so billig wie möglich ist: inzwischen ist es billiger, eine Ware übers Meer von Shanghai nach Hamburg zu transportieren als irgendwie von Hamburg nach Lüneburg. Zwölf Piraten wurden in den beiden ersten Monaten des Jahres 2011 getötet, neun Geiseln starben. Von August 2008 bis zum Mai 2010 wurden mindestens 64 Piraten von der Armada getötet (danach gab der Journalist, der die Statistik führte, auf, weil er an der Informationspolitik und Öffentlichkeitsarbeit der Armada verzweifelte), und bis zum Juni 2011 sollen 62 Geiseln ums Leben gekommen sein, wobei allerdings nur wenige von den Piraten getötet wurden – die Mehrheit starb durch Armadaangriffe oder an Krankheiten (etwa an einem Herzanfall).

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… Lösegeldübergabe Die Lösegeldübergabe ist der Höhepunkt jeder piratischen Operation. Einige Male wurde das Lösegeld (vor dem 11.9.2001) ins hawaal-System eingespeist, manchmal wurde es an einem neutralen Ort (etwa in Dubai) an einen Boten oder eine Botin übergeben. Inzwischen bevorzugen die Piraten zwei Methoden: entweder nähert sich ein kleines Boot mit einem Emissär dem gekaperten Schiff, der das Lösegeld persönlich abliefert166, oder ein Hubschrauber wirft es über dem Deck der Prise ab. Private Sicherheitsfirmen organisieren die Lösegeldübergabe und verdienen pro Einsatz bis zu 500.000$. Da die Piraten nur Bargeld (Dollars) akzeptieren, ist es mit einer Umhängetasche voll Geld nicht getan: drei Millionen Dollar in Banknoten wiegen satte 45 Kilogramm. Nach der Übergabe wird das Geld gezählt; einige Piraten verfügen über Geldzählmaschinen, die Falschgeld erkennen. Die Beute wird manchmal an Deck der Prise aufgeteilt, manchmal an Land. Sind die Piraten zufrieden, verlassen sie die Prise und fahren an Land. In diesem Moment sind die Piraten Angriffen schutzlos ausgeliefert, da Schiff und Geiseln frei sind (es sei denn, einige Geiseln wurden an Land versteckt und werden erst freigelassen, wenn sich die Piraten in Sicherheit befinden). Meistens teilen die Piraten ihre Geiseln jedoch nicht auf, doch die Armada greift praktisch nie ein. Nicht immer verläuft die Lösegeldübergabe problemlos. Eigentlich sind Lösegeldzahlungen, ohne die Polizei einzuschalten, (an vielen Orten der Welt) illegal. In den Ländern, in denen das Lösegeld aufgetrieben wird, werden in der Regel beide Augen zugedrückt, in Somalia scheint sich das zu ändern: am 25. Mai 2011 wurden in Mogadishu vier vermeintliche Kuriere von der TFG-Polizei festgenommen, die mehrere Millionen Dollar in bar ins Land schmuggeln wollten. Die pro Kaperung erzielten Lösegelder stiegen Jahr für Jahr an. 2009 verdienten die Piraten im Schnitt ein bis zwei Millionen Dollar pro Prise, 2010 etwa das Dreifache; der Rekord liegt bei 9,5 Millionen Dollar für einen südkoreanischen Tanker (die Samho Dream), der im November 2010 freigelassen wurde. Mit höheren Lösegeldern gehen längere Entführungszeiten und härtere Verhandlungen einher, und wenn die Erfolgsquote bei versuchten Kaperungen weiter sinkt (wie es sich 2011 abzeichnet), werden die Lösegelder unweigerlich weiter in die Höhe schießen. Anfang März 2011 wurde jedoch gemeldet, dass die Lösegelder in den Vormonaten sanken, weil die Ankerplätze vor den Piratenhochburgen überfüllt waren und die Piraten ihre Prisen schnell loswerden mussten. Insgesamt erzielten die somalischen Piraten 2010 einen Erlös von geschätzten 240 Millionen Dollar, eine Summe, die fast dem Wert aller Exporte Somalias (300 Millionen Dollar) entspricht. Reedereien und Schiffseigner Von Anfang 2008 bis Dezember 2010 verzehnfachten sich die Versicherungsprämien, neue Spezialversicherungen werden angeboten. Lloyd„s in London stufte die Gewässer vor Somalia als Kriegszone (war risk zone) ein, was die Versicherungsprämien zusätzlich in die Höhe trieb, ein gutes Geschäft für die Versicherungen, trotz (oder besser: wegen) der Piraterie. Dazu kommen Prämien für Entführungs- und Lösegeldversicherungen und für Versicherungen, die Schäden am Schiff abdecken; die reine Frachtversicherung stieg in den letzten Jahren zwischen 25% und 100%167. Reedern und Schiffseignern entsteht in der Regel durch eine Entführung kein großer Schaden, da Versicherungen für die Unkosten einspringen. Während der Wirtschaftskrise, als der Seeverkehr einbrach, dürfte insgeheim manch ein Reeder sogar froh über eine Kaperung gewesen sein, da so mit Schiffen Geld verdient werden konnte, die ansonsten leer im Hafen gelegen hätten: eine Kaperung kann „für Schiffseigner wie für Piraten ein lukratives Geschäft sein“ (Ecoterra 2010). Einige Reeder sind dazu übergegangen, ihre Schiffe nicht mehr durch den Suezkanal zu schicken, sondern rund um Afrika fahren zu lassen. Das verteuert die Frachtkosten, nutzt jedoch nicht viel, da die somalischen Piraten ihr Operationsgebiet ausgedehnt haben. Wie Seeleute dazu gebracht werden, auf Schiffen anzuheuern, die an Somalia vorbeifahren, ist unbekannt. Die meisten dürften keine Wahl haben, da sie ohne Heuer vor dem Nichts stünden, aber möglicherweise gelingt es ihnen, Risikozuschläge herauszuholen. Zur Zeit werden 80% aller weltweit gehandelten Waren übers Meer transportiert, „etwa 93.000 Handelsschiffe mit 1,25 Millionen Seeleuten“ (Bowden 2010, 6) transportieren jährlich nahezu sechs Milliarden Tonnen Fracht. Der maritime Handel boomt, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich sein Volumen jedes Jahrzehnt verdoppelt. Weltweit betrug der Wert verschiffter Waren 2008 knapp 12 Billionen Dollar, die Verluste durch Piraterie168 werden auf zwischen 500 Millionen und 25 Milliarden Dollar geschätzt (0,005-0,2% des verschifften Gesamtwerts). Sie sind „überraschend gering“ (Patch 2008) – so gering, dass die globale Schiffahrtsindustrie auf eigene Anstrengungen zur Bekämpfung der Piraterie verzichtet; gestiegene Kosten wälzen Reedereien auf die Konsumenten ihrer Frachten ab.

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Solche Skiffs brauchen eine Basis. Da somalische Häfen dafür ungeeignet sind, wird in der Regel ein größeres Schiff gechartert, das ein kleines Boot in der Nähe der Piraten absetzt. Allerdings sind gecharterten Schiffe schon gekapert worden ... Viele Einschätzungen über die Kosten der Piraterie beruhen weniger auf verlässlichen Statistiken, sondern ähneln eher einem Horoskop oder der Methode, aus den Eingeweiden eines Opfertiers die Zukunft abzulesen: Janus Consulting (2010, 13) gibt etwa eine Steigerung der Frachtversicherungsprämien „um bis zu 350%“ an. 2009 waren knapp 16% aller überfallenen Schiffe deutsche Schiffe (ob sie unter deutscher Flagge fuhren, ist eine andere Frage, und ob der Prozentsatz so hoch bliebe, zöge man auch nicht gemeldete Überfälle in Betracht, ebenfalls), 2008 waren es 14%. „Damit ist Deutschland die am häufigsten von Piraterie betroffene Seefahrtsnation“ (Janus Consulting 2010, 77).

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Die Route vom Golf von Aden durch den Suezkanal ins Mittelmeer ist (neben dem Panamakanal und der Straße von Malakka) eines der drei wichtigsten Nadelöhre des maritimen Welthandels. Sie wird jährlich von etwa 20.000 Schiffen befahren, auf denen ein Zehntel aller weltweit gehandelten Waren transportiert werden. Trotzdem ist im Golf von Aden „das derzeitige Ausmaß der Störung gemessen am Volumen des Welthandels gering“ (Mildner/Groß 2010, 21); die Wahrscheinlichkeit für ein Schiff, von Piraten angegriffen zu werden, liegt unter einem Prozent, jene dafür, gekapert zu werden, bei 0,2%. Obwohl die Verluste durch den Diebstahl von Waren in Häfen viel höher als jene durch Piraterie sind und etwa das IISS davor warnt, die moderne Piraterie zu überschätzen – sie ähnele Kopfschmerzen, wo sie auftritt, „aber ihre tatsächlichen Auswirkungen auf den Welthandel und auf die Bewegung von Menschen sind vernachlässigbar“ (zit. n. Patch 2008) –, haben die somalischen Piraten „die größte antipiratische Militäraktion seit Pompeius Feldzug 67 v. Chr. gegen die kilikischen Seeräuber auf den Plan gerufen“ (Roder 2010, 136).
2.7 DIE
POSTMODERNE

ARMADA

„[Herzog] Parma zweifelte Philips Entschlossenheit an, die Armada zu jener Zeit des Jahres in See stechen zu lassen. Der König erwiderte jedoch, dass er sich der Gefahren wohl bewusst wäre, eine Flotte im Winter auszuschicken, aber ¸da wir es für Ihn tun, wird Gott gutes Wetter schicken‘. In einer bissigen Bemerkung warnte Parma Philip, ¸Gott wird müde, für uns Wunder zu wirken‘“ (Neil Hanson: The Confident Hope of a Miracle).

Nach dem 11.9.2001 beschloss die USA, im Rahmen der Operation Enduring Freedom Kriegsschiffe (die Combined Task Force 150) ans Horn von Afrika zu entsenden, um den maritimen Nachschub von ¸Terroristen„ zu unterbrechen;
Rechtsgrundlage war die Resolution 1368 des UN-Sicherheitsrats. Beteiligt waren bis zu 70 Nationen (darunter auch Deutschland), aber das Augenmerk richtete sich nicht auf somalische Piraten. Erst als sich diese ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit gekapert hatten, reagierte der UN-Sicherheitsrat 2008 gleich mit vier Resolutionen, in denen vor der somalischen Piraterie gewarnt und zu Gegenmaßnahmen aufgerufen wurde. Von Oktober bis Dezember 2008 lief die NATO-Operation Allied Provider – Kriegsschiffe begleiteten Schiffe mit für Somalia bestimmten Hilfsgütern –, im Januar 2009 wurde unter Führung der USA die Combined Task Force 151 aufgestellt, von März bis Juni 2009 wurde die NATO-Operation Allied Protector durchgeführt, an der fünf Kriegsschiffe beteiligt waren. Im August 2009 schloss sich die Operation Ocean Shield an; acht Kriegsschiffe aus England, Griechenland, Italien, Spanien, der Türkei und der USA wurden in den Indischen Ozean verlegt. Als Basis für die meisten Kriegsschiffe aus dem Westen dient Djibouti; seit 2002 sind dort 2.000 US-Soldaten stationiert; Djibouti ist somit „die einzige amerikanische Militärbasis“ (Leymarie 2007) auf dem afrikanischen Kontinent. Am 12.11.2008 beschloss die EU die Operation Atalanta169 (oder EUNAVFOR), den allerersten Flotteneinsatz der EU, an der sich seitdem bis zu zwölf Kriegsschiffe beteiligen, darunter auch deutsche; die jährlichen Kosten betragen 500 Millionen Euro170. Die ersten Kriegsschiffe der EU-Einsatzflotte trafen im Dezember 2008 vor Somalia ein, „ab Februar 2009 war sie voll einsatzfähig“ (Johnson 2009). Sie hatte den Auftrag, Schiffe des WFP zu beschützen171, die schätzungsweise 80% der für Somalia bestimmten Nahrungsmittelhilfe transportieren. Allerdings begleiteten die Kriegsschiffe nicht nur WFP-Frachter, sondern auch „Nachschublieferungen“ (Stehr 2011, 54) für die in Mogadishu stationierten Truppen der AU – sie beschützen also Waffentransporte, obwohl ein UN-Waffenembargo gegen Somalia in Kraft ist. Erst „in zweiter Linie sind mutmaßliche Piraten aufzugreifen und an die Strafverfolgungsbehörden zu übergeben“ (Schmidt 2010, 188). Zudem richtete EUNAVFOR in Kooperation mit anderen Flotten etwa 650 Seemeilen vor der jemenitischen Küste den international empfohlenen Transitkorridor (IRTC) ein, damit Piraten es nicht mehr so einfach haben und bei einer versuchten Kaperung schnell Hilfe herbeigerufen werden kann. Mitte August 2011 übernahm Deutschland für vier Monate (zum ersten Mal) den Oberbefehl über die EU-Flotte. Inzwischen kreuzen auch Kriegsschiffe172 unter nationalem Kommando vor Somalia, die ¸ihre„ Handelsschiffe beschützen, manchmal begleiten und Piraten jagen. Insgesamt überwachen zur Zeit etwa 40 Kriegsschiffe ein Gebiet von der Größe des
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Die EU-Bürokraten beschränkten das Operationsgebiet ihrer Kriegsschiffe auf 500 Seemeilen rund um Somalia, so dass sie piratische Mutterschiffe, die sich weiter von der somalischen Küste entfernen, eigentlich nicht verfolgen oder beschatten dürfen. Folgerichtig wurde das Operationsgebiet im Mai 2009 bis zu den Seychellen ausgedehnt, im Juni 2010 die Eingrenzung ganz aufgehoben. Würde das Geld, das die Armada verschlingt, unter UN-Ägide in Somalia in sinnvolle Projekte investiert, würde sich das Problem der Piraterie in Somalia mittel- und langfristig womöglich von selbst erledigen. Für Somalia ist jedoch kein Geld da; Geberkonferenzen betteln nahezu verzweifelt um Hilfsgelder für zivile Projekte. „Von den 213 Millionen Euro, die im April 2009 auf einer Geberkonferenz in Brüssel für Somalia gesammelt worden sind, sollen gerade einmal zwei Prozent für andere als militärische Aktivitäten ausgegeben werden“ (Mahnkopf 2010, 58). Da zwischen 2005 und 2007 WFP-Schiffe gekapert und zum Teil vor der Rückgabe ausgeplündert wurden, wurde im Herbst 2007 ein Geleitschutz eingerichtet, der weitere Kaperungen verhindern sollte. – Einige KritikerInnen, etwa Ecoterra (2010), bestreiten, dass WFP-Schiffe von somalischen Piraten gekapert wurden. Sollte dies stimmen, wäre die Agenda für den Einsatz von EU-Kriegsschiffen vor Somalia ein bloßer Vorwand, um militärische Präsenz zu zeigen. Kriegsschiffe aus folgenden Ländern wurden und sind vor Somalia eingesetzt: Australien, Belgien, Kanada, China, den Komoren, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Italien, Indonesien, Malaysia, dem Iran, Japan, Südkorea, Réunion, Madagaskar, Mauritius, den Niederlanden, Pakistan, Norwegen, Portugal, Russland, Saudi-Arabien, den Seychellen, Singapur, Spanien, Schweden, der Schweiz [!], Thailand, der Türkei, den arabischen Emiraten, der USA, Großbritannien und dem Jemen. Südafrika erwog den Einsatz eines Kriegsschiffs, „verschob die Entscheidung aber wegen der hohen Kosten“ (Bowden 2010, 16, Anm. 43).

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Mittelmeers, eine übergeordnete Koordination gibt es nicht; die Kommunikation zwischen Kriegsschiffen unterschiedlicher Nationen verläuft, wie man so sagt, suboptimal (ein chinesischer und ein US-amerikanischer Kapitän mussten sich einmal per Email miteinander abstimmen). Seit Anfang März 2010 läuft die Operation Iron Fist, bei der es vorwiegend darum geht, dass Armadaschiffe verstärkt ¸verdächtige„ Schiffe überprüfen und kontrollieren; Hubschrauber und ferngesteuerte Drohnen suchen das Meer ab, Kriegsschiffe erledigen den Rest. Binnen eines halben Jahres wurden von Armadaschiffen nahezu 80 pirate action groups (PAGs – ein Mutterschiff plus mindestens zwei Skiffs) aufgebracht, wobei offen bleibt, worin der Verdacht auf Piraterie bestand, ob er sich bestätigte und ob mutmaßliche Piraten verhaftet wurden. Die Überprüfung ¸verdächtiger„ Mutterschiffe endete des öfteren mit ihrer Versenkung, wobei es zu den üblichen ¸Kollateralschäden„ kam, die etwa aus Afghanistan bekannt sind. Wie viele Fischer bei solchen Operationen ums Leben kamen, ist unbekannt. Trotz des großen Aufwands haben die Operationen der Armada bislang nicht zu einer Verringerung erfolgreicher Kaperungen geführt (selbst misslungene Kaperungen gehen zu weniger als einem Sechstel auf das Konto von Armadaschiffen); um das gesamte Gebiet zu überwachen, in dem somalische Piraten operieren, wären nicht 40, sondern (mindestens) 500 Kriegsschiffe notwendig. Zudem reagierten die Piraten auf die größere Präsenz von Kriegsschiffen in Küstennähe mit der Ausweitung ihres Operationsgebiets und mit einem verstärkten Einsatz von Mutterschiffen. Solange die Armada nicht die gesamte Küste besetzt, wovor sie sich hütet, bleibt die Piraterie virulent. Selbst wenn die Piratennester vom Meer aus blockiert würden, träfe man die Piraten kaum, denn ihre Skiffs lassen sich überall kinderleicht an Land ziehen. Offensichtlich verfolgt die Armada vor Somalia neben ihren ¸genehmigten„ Aufgaben – Schiffe zu beschützen und Piraten zu jagen – noch andere Einsatzziele. Sie ist ein Bestandteil des ¸Kriegs gegen den Terror„, beschützt die maritimen Nachschubwege nach Afghanistan, ist ¸zufällig„ genau in der Nähe großer Erdölvorräte stationiert, zeigt in einem Gebiet Flagge, in dem der Westen gegenüber China ins Hintertreffen geraten ist, auffällig ist, dass gern Länder Kriegsschiffe entsenden, die auch Fischfangflotten vor Somalia oder im Indischen Ozean illegal oder legal fischen lassen, der gesamte Einsatz lässt sich als gigantisches Marinemanöver betrachten, um den Herausforderungen gerecht zu werden, die das 21. Jahrhundert an eine Marine stellt, und mehr und mehr gerät der Einsatz der Armada zu einer Prestigefrage. Wenn die USA bzw. der Westen schon daran scheitern, tausend somalische Piraten in ihre Schranken zu weisen, wie sollen dann die USA, der Westen oder die NATO ihre Rolle als selbsternannte Welt- und Seepolizei erfüllen können? In manchen deutschen Kreisen wird der Marineeinsatz vor Somalia dazu genutzt, über neue Aufgaben für deutsche Truppen nachzudenken, wobei die Absurdität der Aussage des Sozialdemokraten Struck, Deutschland werde „auch am Hindukusch verteidigt“, noch deutlich übertroffen wird. Da im Grundgesetz (Art. 87a) geregelt ist, dass die Bundeswehr nur zur Verteidigung dient, muss, damit deutsche Soldaten überall auf der Welt um sich schießen dürfen, „die bemerkenswerte Verengung des Blicks bei der Auslegung des Verteidigungsbegriffs“ (Stehr 2011, 62) aufgebrochen werden. Das geht in etwa so: Deutschland ist wie jeder moderne Staat in der globalisierten Welt von transozeanischen Seeverbindungen abhängig. „Wenn nun die Seeverbindungen für den Import/Export zwischen Asien und Europa von Piraten bedroht werden, wäre das Vorgehen gegen diese wie ein Akt der Verteidigung zu bewerten“ (Stehr 2011, 62), und die deutsche Marine könnte eingreifen, wo es ihr passt (die NATO beschloss schon 1999, dass ihre Streitkräfte zur Verteidigung der ökonomischen, politischen und ökologischen Interessen ihrer Mitgliedsstaaten eingesetzt werden sollten). Die Bedrohung durch ein paar Piraten, deren Beute nicht einmal an die Verluste durch weltweite Hafendiebstähle heranreicht, muss dazu allerdings gehörig aufgebauscht werden, damit nicht der (korrekte) Eindruck entsteht, man schieße mit Kanonen auf Spatzen. Um sich von UN-Mandaten, dem Grundgesetz, dem Völkerrecht, ähnlichem juristischen Firlefanz und dem gesunden Menschenverstand freizumachen, werden die somalischen Piraten flugs zu organisierten Kriminellen und Terroristen erklärt, die einen low-intensity-Krieg gegen den Westen führen. Am einfachsten wäre es, auf somalische Piraten das „Kriegsrecht“ (Stehr 2011, 129) anzuwenden: man könnte sie dann gleich erschießen, wenn sie sich der Gefangennahme widersetzen oder beim Kapern erwischt werden, und aufmüpfige Küstenorte bombardieren; Piraten könnten wie Osama bin Laden jederzeit liquidiert werden173.
2.8 RECHTLICHE PROBLEME
„Elf angeklagte somalische Piraten ließen heute in einem U.S. Gericht eine Bombe hochgehen, als sie enthüllten, dass ihre Piratengruppe eine ¸Filiale‘ von Goldman-Sachs sei. Der Piratenanführer, der sagte, er habe im vergangenen Jahr aufgrund der Arbeit für Goldman einen Bonus von 48 Millionen in Goldmünzen erhalten, erläuterte, dass die Piraten gewaltsam Schiffe attackiert hätten, die Goldman bereits ¸geshorted‘ (auf deren Verlust gewettet) hatte. ¸Wir haben wie die Investmentbanker gearbeitet, nur freitags hatten wir frei‘, sagte der Pirat“ (Huffington Post vom 28.4.2010).

der In der postmodernen Welt existiertinkein Flecken eisfreier Erde, übernicht zu einem Staat gehört. Die Kontinente werden durch (oft umstrittene) Grenzen Territorien aufgeteilt, die je eigene Rechtsordnungen verfügen, während das
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Zu solchen Überlegungen passt die angestrebte Neuausrichtung der Bundeswehr als weltweites Interventionsinstrument für ¸weltpolizeiliche„ und ¸friedenssichernde„ Aufgaben. Überall, wo Unrecht herrscht, so Jürgen Trittin, der einst im Kommunistischen Bund für die Weltrevolution eintrat, Ende Mai 2011 im deutschen Parlament, sollte und könnte die Bundeswehr als ¸Friedensbrigade„ eingesetzt werden. Was ¸Unrecht„ ist, wie es entsteht, und ob die Bundeswehr nicht zuallererst die deutsche Regierung und Jürgen Trittin selbst zum Teufel schicken müsste, wenn sie tatsächlich ‚Unrecht„ bekämpfen sollte, darüber reflektierte der Vorzeigerenegat natürlich nicht.

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Verhältnis von Staaten untereinander durch Verträge, Diplomatie, Macht und das Völkerrecht geregelt wird. Der größere Teil der Erdoberfläche, das Meer, ist hingegen herren- und grenzenlos; weil kein Staat seine Souveränität auf See durchsetzen kann, wurden die Weltmeere zu exterritorialem Gebiet erklärt. Davon ausgenommen sind Küstengewässer. Einst galt die Faustregel, die Souveränität eines Staates erstrecke sich so weit aufs Meer, wie eine Kanonenkugel fliegt; das UNSeerechtsabkommen174 (SRÜ) von 1982 regelt, dass sich das souveräne Hoheitsgebiets eines Küstenstaats zwölf Seemeilen ins Meer erstreckt. Daran schließt sich eine 12 Seemeilen breite „Anschlusszone“ (Art. 33 SRÜ) an, in der ein Staat Hoheitsrechte (etwa Zollkontrollen) ausüben darf, und zusätzlich definiert das SRÜ (Art. 57) eine ausschließliche Wirtschaftszone (aWZ, 200 Seemeilen breit): innerhalb der aWZ gilt die Meeresoberfläche als Hohe See, Fische und Bodenschätze werden hingegen quasi zum Eigentum des angrenzenden Küstenstaats erklärt. Schiffe, die das offene Meer überqueren, gelten als mobile Enklaven des Staats, dessen Flagge sie führen. Als Piraterie („Seeräuberei“) definiert das SRÜ in Art. 101 jede „rechtswidrige Gewalttat oder Freiheitsberaubung oder jede Plünderung“, die von einem Privatschiff ausgeht, gegen ein anderes Schiff (oder dessen Crew oder Passagiere) gerichtet ist und auf „Hoher See“ stattfindet (Kriegsschiffe können per definitionem keine Piraterie ausüben, es sei denn, sie werden von Meuterern geführt). Piraterie gibt es also nur außerhalb nationaler Hoheitsgewässer: was auf Hoher See als Piraterie gilt, unterliegt in einer Zwölfmeilenzone (ZMZ) den Bestimmungen nationaler Gesetze. Dieses Paradox 175 hat sich die Staatengemeinschaft selbst zuzuschreiben. Krokodilstränen darüber, dass etwa 2003 nur 27% aller gemeldeten Piraterievorfälle auf Hoher See stattfanden, 73% also mit Piraterie gar nichts zu tun hatten, sind vollkommen unangebracht, da kein Staat tolerieren will, dass in seinen Gewässern nicht sein Gesetz, sondern das SRÜ gilt.

Somalische Piraten?
Wie jeder Küstenanrainer verfügt Somalia über eine ZMZ und eine aWZ. Innerhalb der ZMZ gelten die Gesetze Somalias, und jeder Verstoß dagegen – illegales Fischen, ein Überfall auf ein Schiff, Schutzgelderpressung, eine Entführung, illegale Müllverklappung – geht außer Somalia niemanden etwas an; somalische Behörden regeln die Verfolgung von Straftätern, ihre Anklage und ihre Bestrafung. Innerhalb seiner aWZ ist Somalia dazu berechtigt, illegale Fischer zu verfolgen, festzusetzen und zu bestrafen, „festgehaltene Schiffe werden nach Hinterlegung einer angemessenen Kaution oder anderen Sicherheit unverzüglich freigelassen“ (Art. 71). Nach 1991 brach der somalische Küstenschutz zusammen, der schon unter Barre nicht sehr ausgeprägt war. Somalische Fischer und Milizen, die innerhalb somalischer Hoheitsgewässer IUUs aufbrachten, Schutzgelder erpressten oder Lösegelder für gekaperte Schiffe einforderten, taten, was eine somalische Küstenwache – legal – getan hätte176. Zwar lässt das Völkerrecht nicht zu, dass private Schiffe offizielle oder hoheitliche Aufgaben übernehmen, aber die Unterscheidung zwischen privaten und offiziellen Schiffen ist eine politische: wer über die Macht verfügt und sie so einsetzt, dass er von anderen als souveräner Staat (oder als dessen Regierung) anerkannt wird, darf Schiffe als Polizei- und Kriegsschiffe kennzeichnen. Die Bewohner eines Staates ohne souveräne Regierung oder Rebellen stehen im Regen und müssen auf die Durchsetzung ihrer Rechte verzichten oder ihre Interessen privat durchsetzen, was ihnen nach dem Völkerrecht untersagt ist. Ob es sich bei Angriffen auf Schiffe vor Somalia um Selbstjustiz handelte, ob bei den ersten Überfällen auf IUUs der Schutz der eigenen Fischbestände und die Wut über illegale Konkurrenten Kaperungen motivierte, oder ob ein neues Geschäftsmodell zur privaten Bereicherung ausprobiert wurde: in der ZMZ eines Staates „handelt es sich um Raub, Erpressung, Geiselnahme, Mord: um Kriminalität also“ (Gerstenberger 2011, 318), aber nicht um Piraterie. Wehren sich Somalis hingegen innerhalb der aWZ privat gegen IUUs, gilt dies als Piraterie, „obwohl einige Rechtstheoretiker argumentieren“, dass die aWZ nicht „als hohe See zu betrachten ist“ (Wombwell 2010, 127). Wer von somalischen Piraten spricht, solange diese die somalischen Hoheitsgewässer nicht verlassen, führt die Öffentlichkeit in die Irre. Da, wie es scheint, die meisten somalischen Piraten erst nach der ersten gegen sie gerichteten UN-Resolution zum regelmäßigen Einsatz von Mutterschiffen auf Hoher See übergingen, haftet der antipiratischen Operation unter der Ägide der UN ein paradoxes Moment an: sie richtete sich gegen Piraten, die gar keine waren, und ¸produzierte„ sie erst. Bis heute wird mit dem Begriff somalische Piraterie sorglos umgegangen: in nahezu keiner Meldung wird erwähnt, ob Somalis ein Schiff in Hoheitsgewässern, in der somalischen aWZ oder auf Hoher See gekapert haben.
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Bis jetzt haben 162 Staaten das SRÜ ratifiziert, zu denen die größte Seemacht der Welt, der USA, nicht gehört, Deutschland hat das Abkommen 1994 ratifiziert. Ein Somali, der 11,99 Meilen vor der somalischen Küste ein Schiff überfällt, ist kein Pirat; ein paar Meter weiter auf dem offenen Meer verwandelt er sich, wenn er ein Schiff kapert, wie durch ein Wunder in einen Piraten, ohne dass ein äußerer Beobachter einen Unterschied zwischen beiden Taten feststellen könnte. Mit einem GPS-Gerät kann man zwölf Seemeilen millimetergenau ausmessen, aber die modernste Technologie versagt, wenn der Anfangspunkt einer Messung nicht genau definiert ist: die Grenze zwischen Land und Meer verändert sich stetig, und als Basislinie für die ZMZ dient nicht der konkrete Küstenverlauf, sondern ein idealisierter, da jede Küste ein fraktales Gebilde darstellt, dessen Verlauf nicht wie im Geometrieunterricht zwölf Meilen aufs Meer hinaus gespiegelt werden kann. Das Problem des illegalen Fischfangs beschränkt sich nicht auf Somalia; auch andere Länder bringen illegale Fischereischiffe auf. „So hat Japan allein in den ersten neun Monaten des Jahres 1999 zwölf koreanische Fischtrawler beschlagnahmt“ (IISS 2000, 24).

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Viele PGs verstehen sich als eine Art Küstenwache und pochen darauf, ihr Tun diene dem Schutz der somalischen Gewässer. Obwohl solche Behauptungen leicht als Vorwand zu durchschauen sind, erfüllen die Piraten de facto die Aufgaben einer somalischen Küstenwache – vielleicht sogar besser als eine offizielle –, und aktuelle Schutzbehauptungen sagen nichts über die ursprüngliche Motivation jener aus, die als erste auf dem Meer Schiffe überfielen. Zur Entschärfung der Situation hätte sich die Weltgemeinschaft dafür einsetzen können, den illegalen Fischfang vor Somalia einzudämmen, die IUU-Flotten abzuziehen, ihre Kapitäne, Eigentümer, Auftraggeber und Handelspartner zu bestrafen und eine maritime task force zum Schutz der somalischen Fischbestände aufzustellen. Natürlich geschah das nicht 177; die Welt ignorierte den massiven Fischdiebstahl und die illegale Müllverklappung, und da die UN nicht mit somalischen Küstengemeinschaften kooperierte, sondern mit warlords und Milizen aus Südsomalia, wurden die Gewässer vor Somalia praktisch zum Plündern freigegeben.

Internationale Piratenjäger
Da Piraten auf Hoher See in einem rechtlosen Raum operieren, gilt bei ihrer Bekämpfung das SRÜ. Dieses verpflichtet in Art. 100 alle Staaten zur „größtmöglichen“ Kooperation im Kampf gegen die „Seeräuberei“, und in Art. 105 wird (in Verbindung mit Art. 107) jedem Kriegsschiff erlaubt, auf Hoher See ein „Seeräuberschiff“ oder „ein durch Seeräuber erbeutetes und in der Gewalt von Seeräubern stehendes Schiff“ aufzubringen, seine Crew festzusetzen und alles an Bord Befindliche zu beschlagnahmen. Wie mit gefangenen Piraten und beschlagnahmten Vermögenswerten zu verfahren ist, überlässt das SRÜ dem Flaggenstaat des Kriegsschiffs, das Piraten festgesetzt hat. Obwohl das SRÜ dazu anhält, die Piraterie zu bekämpfen, lässt sich aus ihm keine „Pflicht zur Piratenbekämpfung“ (Paech 2008) ableiten; es kennt nur die „Pflicht zur Hilfeleistung“ (Art. 98) für Seeleute und Schiffe in Not. Eigentlich ist die Definition der Piraterie im SRÜ ein Witz, da die allermeisten Schiffe nicht auf Hoher See, sondern in der Nähe von Küsten oder in Häfen, also in nationalen Hoheitsgewässern, überfallen werden. Das IMB definierte Piraterie im Gegensatz zum SRÜ realistischer „als einen Akt des Enterns“, um ein Schiff „auszurauben oder ein anderes Verbrechen zu begehen und dabei Gewalt einzusetzen“ (zit. n. Eklöf 2006, 89). Es verzichtete auf den Begriff privat178 und unterschied nicht zwischen piratischen Übergriffen auf Hoher See und in maritimer Privatgewalt in ZMZs. Letzteres empörte einige Staaten; sie fürchteten um ihren Ruf und beschuldigten das IMB, sich in ihre inneren Angelegenheiten einzumischen. Da das IMB auf die Kooperation gerade der Staaten angewiesen war, die als Brennpunkte der modernen Piraterie gelten, mottete es seine Definition ein und übernahm die Sprachregelung des SRÜ: Überfälle auf Schiffe gelten nun nur noch auf Hoher See als Piraterie, während maritime Privatgewalt innerhalb einer ZMZ als „bewaffneter Raubüberfall auf See“ bezeichnet wird. Wer Piraten bekämpfen will, hat es also schwer. Erstens sind die meisten Piraten gar keine, da sie in ZMZs operieren, zweitens erschwert das SRÜ das Aufbringen von Piraten179, wenn sie nicht gerade in flagranti erwischt werden oder zugeben, ein Schiff gekapert zu haben, drittens dürfen Piraten, wenn es ihnen gelingt, vom offenen Meer aus die unsichtbare Grenze zu einer ZMZ zu überqueren, nur vom angrenzenden Küstenstaat verfolgt werden, und viertens ist das SRÜ hinsichtlich des Einsatzes von Kriegsschiffen widersprüchlich: nur Kriegsschiffe dürfen Piraten aufbringen, aber eigentlich ist Piraterie ein zivile Straftat, für deren Verfolgung polizeiliche Organe zuständig wären180. Weiterhin darf ein Kriegsschiff nur eingreifen, während ein Schiff geentert wird. Ist ein Schiff bereits gekapert und wird von Piraten kontrolliert, muss vor einer Intervention der Flaggenstaat des gekaperten Schiffs und der Schiffseigner um Erlaubnis gefragt werden, obwohl das SRÜ ein Eingreifen ohne eine solche Erlaubnis zulässt. Zudem wird ein Kriegsschiff (zumindest vor Somalia) durch seine konkreten Einsatzbefehle eingeschränkt, die für jede Flotte anders ausfallen. Das niederländische Kriegsschiff, dass die Piraten festnahm, die in Hamburg vor Gericht stehen, musste etwa zu ihrer Festnahme den Atalanta-Verband verlassen, da die EU einen Angriff auf ein bereits gekapertes Schiff verboten hatte: der Kommandant holte die EUNAVFOR-Flagge ein und setzte statt dessen die

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Bislang wurde kein IUU-Schiff von der Armada aufgebracht, durchsucht oder zerstört, kein Fischpirat wurde festgenommen, vor Gericht gestellt oder bestraft – von den Auftraggebern und den Regierungen, die sie decken, ganz abgesehen. Der Begriff privat ist in der Definition von Piraterie wichtig, denn wenn er fehlt, könnten auch offizielle Schiffe Piraterie ausüben – und das missfällt natürlich jedem Staat mit einer Marine. Zudem legt die Definition des IMB eine empfindliche Schwachstelle des SRÜ offen: dieses enthält keiner Regeln für einen Seekrieg, definiert also nicht, wann ein Kriegsschiff ¸legal„ vorgeht, wenn es ein Schiff angreift. Um ein Schiff festzusetzen und zu durchsuchen (etwa ein Mutterschiff), muss „ein begründeter Anlass für den Verdacht“ (Art. 110.1) bestehen, dass es „Seeräuberei betreibt“; dann darf ein Boot mit einem Offizier entsandt werden, der das verdächtige Schiff „so rücksichtsvoll wie möglich“ (Art. 110.2) durchsuchen soll. Was ein begründeter Anlass für einen Verdacht ist, darüber schweigt sich das SRÜ aus. Es definiert zwar in Art. 103, was ein „Seeräuberschiff“ ist, aber diese Definition dreht sich im Kreis: ein Seeräuberschiff ist nämlich ein Schiff, das „dazu bestimmt ist“, Seeräuberei zu betreiben. Das SRÜ sagt also, ein Kriegsschiff darf Piraten festsetzen, bevor sie zu Piraten geworden sind, ohne zu erklären, woran man einen potentiellen Piraten erkennt, der noch kein Schiff überfallen hat. Das ist nicht in jedem Staat ein Problem. In Deutschland sind militärische und polizeiliche Aufgaben jedoch streng getrennt, so dass ein deutsches Kriegsschiff vor Somalia zwar bei Piratenüberfällen zu Hilfe eilen, aber eigentlich keine Piraten festnehmen darf, es sei denn, es befänden sich Polizisten an Bord.

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niederländische, so dass er nicht mehr an die EU-Regeln gebunden war, und als die Operation vorbei war, unterstellte er sich wieder dem EUNAVFOR-Kommando181. 2008 zeigte sich der UN-Sicherheitsrat „zutiefst besorgt über das jüngste Überhandnehmen seeräuberischer Handlungen und bewaffneter Raubüberfälle auf See gegen Schiffe vor der Küste Somalias“ (Nr. 1838) und beklagte, diese seien „ausgeklügelter und gewagter geworden“ (Nr. 1851). Alle Staaten wurden dazu ermuntert, in Kooperation mit der TFG Maßnahmen zu ergreifen, um Piraten von Überfällen abzuhalten; Kriegsschiffe durften „in die Hoheitsgewässer Somalias einlaufen“ (Nr. 1816) und dort in Übereinstimmung mit dem SRÜ tun, was zur Bekämpfung der Piraterie notwendig und erlaubt ist182. Im Oktober wurden „interessierte Staaten“ „nachdrücklich“ aufgefordert, „sich aktiv am Kampf“ gegen die Piraterie vor Somalia zu beteiligen und mit der TFG zu kooperieren (Nr. 1838). Im Dezember wurde diese Forderung wiederholt, und es wurde betont, dass der TFG „die Hauptrolle bei der Ausrottung der Seeräuberei und der bewaffneten Raubüberfälle auf See zukommt“; interessierte Staaten wurden ermächtigt, „in“ Somalia „gemäß dem Ersuchen“ (Nr. 1851) der TFG einzugreifen, um Piraten zu bekämpfen. Seitdem dürfen Piraten an Land gejagt werden. Die Resolutionen des UN-Sicherheitsrats definieren Notstandsgesetze. Im scheinbaren Einverständnis183 mit der TFG setzen sie die Souveränität Somalias über seine Hoheitsgewässer außer Kraft, lassen jedoch offen, wie die Kooperation zwischen der TFG und den Armada-Staaten konkret aussehen soll. So ist unklar, ob die TFG jede Operation innerhalb somalischer Hoheitsgewässer vorab absegnen, über jede Operation informiert oder nur ganz allgemein in Kenntnis darüber gesetzt werden muss, wer in der ZMZ Somalis zur Piratenjagd unterwegs ist. Da die TFG keine reale Macht in Somalia ausübt, besteht die Gefahr, dass interessierte Staaten „in den Hoheitsgewässern Somalias vollkommen unkontrolliert agieren“ (Paech 2008). Faktisch ruft die UN dazu auf, dass eine Seepolizei aus Kriegsschiffen, die von niemandem kontrolliert wird, auf Hoher See, in den Hoheitsgewässern Somalias und an Land bekämpft, was Armada-Staaten unter Piraterie verstehen. Diesen Freifahrtschein nehmen Teile der Armada gern an: statt die Piraterie – und ihre Ursachen – zu bekämpfen, führen sie einen Krieg gegen die Piraten.

Piratenjagd und Gefangennahme
Ein „begründeter“ Anfangsverdacht für das Durchsuchen oder Aufbringen eines Schiffs wird im SRÜ nicht definiert. Eigentlich ist jedes Schiff tabu, wenn nicht konkrete Hinweise auf Piraterie vorliegen. Ein prophylaktisches Vorgehen – mutmaßliche Piraten werden festgesetzt, bevor sie ein Schiff angegriffen haben – ist rechtlich nicht zulässig; strafbar ist (zumindest nach deutschem Recht) nur eine Handlung, nicht die Absicht, eine solche zu begehen. Im deutschen Recht gibt es Ausnahmen, etwa die Mitgliedschaft in einer „kriminellen“ oder „terroristischen“ Vereinigung. Wer der Mitgliedschaft in einer solchen Vereinigung angeklagt wird, kann von einem Gericht verurteilt werden, ohne dass ihm konkrete Straftaten nachgewiesen werden müssen. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass es (bislang erfolglose) Bestrebungen gibt, piratische Vereinigungen zu konstruieren, damit mutmaßliche Piraten festgenommen und bestraft werden können, bevor sie ein Schiff gekapert haben. Höflich verschwiegen wird dabei, wie man einen Piraten erkennt, der noch nichts getan hat. An Bord eines Mutterschiffs vertäute Schnellboote oder bewaffnete Crews stellen auf jeden Fall keinen hinreichenden Grund dar, ein Schiff festzusetzen184. Bewaffnete können immer behaupten, sie wollten sich oder andere vor Überfällen beschützen. In der Praxis vor Ort, von der wenig bekannt ist, da selten unabhängige Beobachter auf Armadaschiffen mitfahren, kümmert man sich wohl wenig darum, ob ein Verdacht begründet ist. Für die Armada ist jedes Schnellboot und jedes potentielle Mutterschiff verdächtig, die Beweislast kehrt sich um: somalische Fischer müssen überzeugend darlegen, dass sie keine Piraten sind.
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Dieses Vorgehen ähnelt im Kern der einst weit verbreiteten korsarischen und piratischen Praxis, je nach Situation die Flagge aufzuziehen, die potentielle Beuteschiffe am wenigsten abschreckte. Auch Schmuggler und Handelsschiffe gingen so vor; sie setzten jene Flagge, die am ehesten eine Reise ohne Belästigungen und Überfälle garantierte. Es versteht sich von selbst, dass solche Täuschungsmanöver mit Flaggen illegal waren, und das sind sie heute noch. In der Resolution 1816 wurde die Aufhebung der Souveränität Somalias in seinen Hoheitsgewässern auf sechs Monate begrenzt, aber seitdem immer wieder verlängert; in der Resolution 1838 wurde „bekräftigt“, dass die Aufhebung der Souveränität eines Staates nur für Somalia gültig ist. „Sämtliche Mandatsresolutionen des Sicherheitsrats zur Bekämpfung der Piraterie im Fall Somalia stützen sich ausdrücklich auf eine völkerrechtliche Zustimmung seitens der somalischen Übergangsregierung“ (Schaller 2010, 68). Höbe die UN die Souveränität eines Staates über sein Territorium ohne dessen Zustimmung auf, wäre dies quasi als Kriegserklärung zu verstehen. Deshalb muss die UN die TFG als legitimen Vertreter Somalias anerkennen, damit diese der Aufhebung ihrer Souveränität offiziell zustimmt. – Im Internet kursieren Hinweise, dass die Zustimmung der TFG zur Aufhebung der Souveränität Somalias in seiner ZMZ auf sehr wackligen Füßen steht; so scheint ein Brief Yusufs verschwunden zu sein, in dem die TFG (bzw. Yusuf) die UN um Hilfe bittet und vorab ihr Einverständnis zur ¸Internationalisierung„ ihrer ZMZ gibt, das somalische (TFG-)Parlament wurde übergangen und vor vollendete Tatsachen gestellt. Auch die Übereinkunft zwischen der EU und Somalia hinsichtlich der Operation Atalanta bewegt sich auf dünnem Eis: die französische Botschafterin in Kenia und ein Vertreter der somalischen TFG unterzeichneten ein Geheimpapier, das vom somalischen Parlament niemals ratifiziert wurde. Verbieten die Gesetze des Flaggenstaats eine persönliche Bewaffnung nicht, hat kein Kriegsschiff das Recht, Waffen zu konfiszieren. Selbst wenn die Rechtslage unklar ist, berechtigt nichts dazu, einen bewaffneten Seemann oder Fischer wie einen Piraten zu behandeln. Die Schlussfolgerung, dass auf dem Indischen Ozean jeder, der eine AK 47 besitzt, ein Pirat ist, dürfte vor keinem Gericht der Welt auf Zustimmung stoßen.

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Wie die Umkehrung der Unschuldsvermutung aussieht, zeigt ein Vorfall mit der Emden, einem deutschen Kriegsschiff: sie versenkte im ersten Halbjahr 2010 vor Somalia sechs Skiffs, die „mutmaßlichen Piraten wurden entwaffnet und im Anschluss jeweils mit ausreichender Nahrung und Wasser in Richtung Somalia entsendet“, wie es in einer Pressemitteilung der deutschen Marine vom 8. Juni 2010 hieß. Die Somalis waren nicht auf frischer Tat ertappt worden, und ein konkreter Überfall konnte ihnen nicht nachgewiesen werden. Offizielle Stellungnahmen verirrten sich im rechtlichen Dornengestrüpp: einerseits wurden mutmaßliche Piraten entwaffnet185, andererseits sprach die deutsche Marine unverhohlen von PAGs. Dass eine Entschädigung für die versenkten Boote gezahlt wurde, ist eher unwahrscheinlich. Ende September machte die Meldung die Runde, dass die deutsche Fregatte Köln eine PAG aufgebracht hatte. Als das Skiff flüchten wollte, wurde es beschossen; daraufhin warfen die Somalis Enterleitern, RPGs und Gewehre über Bord und ergaben sich. Das Mutterschiff und sein Skiff wurden versenkt, die Somalis an der Küste ausgesetzt; davon, dass die Somalis eine strafbare Tat begangen hatten, war in der Meldung allerdings nicht die Rede. Im November 2009 wollte ein indisches Kriegsschiff ein Schiff kontrollieren, das „wegen seiner Größe als Mutterschiff geeignet war“ (Stehr 2011, 79f). Die Crew des Trawlers weigerte sich (nach indischen Angaben), Soldaten an Bord zu lassen, und eröffnete das Feuer auf die Fregatte. Diese machte kurzen Prozess und versenkte das Schiff, einige Personen wurden verhaftet. Später wurde bekannt, dass das thailändische Schiff tatsächlich von Piraten gekapert worden war; die Crew des Trawlers wurde bis auf einen Seemann beim Angriff der indischen Fregatte getötet. Ihr Überleben war dem Armadaschiff schlicht gleichgültig. Der Kapitän der Fregatte Karlsruhe schilderte, dass während der Patrouillen seines Schiffs vor Somalia nichts Aufregendes passierte – bis auf das Anhalten einer ¸verdächtigen„ Dhau. Diese hatte, als sich ein Hubschrauber näherte, alle Lichter gelöscht und Sachen ins Meer geworfen. Als die Dhau durchsucht wurde, stellte sich heraus, dass es sich um ein Fischerboot handelte, das in somalischen Gewässern gefischt hatte und in den Jemen zurücksegelte; der Kapitän habe „glaubhaft“ (Schmidt 2010, 191) versichert, er hätte eine FFL und Angst gehabt, als der Hubschrauber das Wasser um sein Schiff herum aufwühlte. „Regelmäßig hat man die Ausrüstung beschlagnahmt, ¸überzählige„ Fahrzeuge versenkt und die Somalis mit gerade ausreichendem Treibstoff nach Hause geschickt – dies deshalb, weil es nach offiziellem Bekunden regelmäßig an ausreichenden Anhaltspunkten für die Einleitung von Strafverfahren fehlte“ (Stehr 2011, 108). Ein dänischer Marineoffizier, der vor Somalia ein Armadaschiff kommandierte, schrieb in seinem Bericht, dass ¸Verdächtige„ befragt und erkennungsdienstlich behandelt wurden (einschließlich DNA-Proben). Wenn ihnen nichts nachgewiesen werden konnte, wurden ihre „piratische Ausrüstung, die Waffen und zwei Außenbordmotoren beschlagnahmt“ (Termansen 2011, 25), ihr Schiff zerstört, und die ¸Verdächtigen„ wurden an der Küste ausgesetzt186. Wenn Armadaschiffe Skiffs und Mutterschiffe versenken und Somalis auf dem offenen Meer aussetzen, nehmen sie das Recht in die eigene Hand; sie zerstören fremdes Eigentum und gestehen dennoch ein, dass die meisten Crews zerstörter Schiffe vor Gericht freigesprochen worden wären. Armadaschiffe bestrafen Somalis ohne Gerichtsurteil für vermeintliche Straftaten, die sie noch gar nicht begangen haben 187.

Gefangene
Nach Art. 105 des SRÜ können die Gerichte des Staats, dessen Kriegsschiff Piraten erwischt hat, über Strafen gegen sie entscheiden. Statt gefangene Piraten stolz der Öffentlichkeit zu präsentieren, wie es bei spektakulären Verbrechen normalerweise der Fall ist, passiert mit Somalis, die beim Kapern oder auf einem gekaperten Schiff festgenommen wurden, etwas Merkwürdiges. Die Armada-Staaten wollen zwar unbedingt die Piraterie vor Somalia eindämmen, gefangene Piraten jedoch möglichst unter keinen Umständen vor ihre Gerichte stellen. Diese überraschende Weigerung hat zwei Gründe, einen banal-monetären (politisch-populistischen) und einen juristischen. Piraterie ist ein sonderbares Verbrechen. In nahezu allen nationalen Strafgesetzbüchern taucht Piraterie nicht auf – was nicht weiter verwunderlich ist, denn Piraterie gibt es nach dem SRÜ nur dort, wo nationale Gesetze nicht gelten. Da es kein
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Man stelle sich vor, was passieren würde, wenn die Polizei in Stuttgart die Teilnehmer eine Demonstration gegen Stuttgart 21 festnähme, Rucksäcke und Transparente zerstörte und die Demonstranten irgendwo auf dem platten Land aussetzen würde, weil sie davon ausginge, die Demonstranten wären mutmaßliche ‚Gewalttäter„. Das Armadaschiff unter dem Kommando des erwähnten Dänen bekämpfte auch vermeintliche PAGs. Einmal entdeckte das dänische Schiff per Hubschrauber am Strand bei Harardhere oder Hobyo ein Piratencamp, wo sich 125 Somalis versammelten. 10-12 PAGs, so der Offizier, bereiteten sich auf eine Operation vor. Das Armadaschiff (mit geringem Tiefgang, so dass es sich der Küste nähern konnte) versuchte, das Lager zu blockieren; als vermeintliche Mutterschiffe in See stachen, wurden sie aufgebracht. Die Crews wurden wie üblich freigelassen, die Mutterschiffe gesprengt, ohne dass es zu einer Straftat gekommen war. Ganz davon abgesehen, dass dieses Katz- und Mausspiel rechtlich umstritten ist, ist es auch sinnlos: bei der nächsten erfolgreichen Kaperung wir das Lösegeld erhöht, um die Kosten für zerstörte Skiffs und Mutterschiffe auszugleichen. Im Juni 2011 wurde auf africa.org/somalia über einen in Kenia anstehenden Prozess gegen 24 mutmaßliche Piraten berichtet. Sie wurden Mitte Mai von einem niederländischen Kriegsschiff festgenommen und an Kenia übergeben; ihr Anwalt beklagte sich über einen unfairen Prozess und beschuldigte die Holländer, sie hätten vier weitere Somalias nach Folterungen an Bord des Kriegsschiffs erschossen und ins Meer geworfen.

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internationales Gericht gibt, das für Piraterie zuständig wäre (ähnlich dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, der Kriegsverbrechen, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhandelt), müssen Piraten, so sie denn vor ein Gericht gestellt werden, wegen einer Straftat angeklagt werden, die national definiert ist. Das wäre kein großes Problem – Piraterie besteht aus Teiltaten, die nahezu überall bestraft werden: Entführung, Hausfriedensbruch, Körperverletzung, schwerer Raub, Mord, Erpressung und dergleichen (die zehn Somalis, die in Hamburg vor Gericht stehen, wurden nicht wegen Piraterie angeklagt, sondern müssen sich wegen eines Angriffs auf den Seeverkehr und versuchtem Mord verantworten). Doch ein nationales Gericht darf, wenn ein Pirat nicht wegen Piraterie, sondern wegen einer anderen Straftat angeklagt wird, nur tätig werden, wenn Opfer, Täter oder beide der Jurisdiktion des Gerichts unterstehen. Vor einem deutschen Gericht dürften Piraten also nur angeklagt werden, wenn sie Deutsche sind, Deutsche angegriffen haben oder deutsches Eigentum in Mitleidenschaft gezogen wurde. Gefangene Piraten müssten eigentlich in Somalia, im Flaggenstaat des gekaperten Schiffs oder in den Herkunftsländern entführter Seeleute oder Passagiere vor Gericht gestellt werden. Die naheliegende Lösung, Gefangene an Punt- oder Somaliland auszuliefern, verschmähen die meisten Armada-Staaten, die Herkunftsländer betroffener Seeleute wollen mit der Verfolgung von Piraten nichts zu tun haben, Länder mit einem Billigflaggenregister halten sich aus der Piratenbekämpfung heraus, und den Armada-Staaten ist ein Gerichtsverfahren gegen Piraten schlicht zu teuer188, denn sie haben panische Angst davor, dass angeklagte, verurteilte und später freigelassene Piraten einen Asylantrag stellen189. Im Rahmen der Operation Allied Protector nahmen NATO-Schiffe 28 Piraten fest – und ließen sie wieder laufen. Die dänische Marine setzte im September 2008 zehn mutmaßliche Piraten an einem somalischen Strand aus. Der bereits erwähnte dänische Marineoffizier meint lapidar: ertappte „Piraten werden dem betroffenen Staat übergeben, oder, wenn dieser sie nicht anklagen will, freigelassen, nachdem ihre Ausrüstung zerstört wurde“ (Termansen 2011, 25). Am 28. April 2009 fing ein russisches Kriegsschiff Piraten, die einen Tanker angegriffen hatten, zu ihnen gehörten auch Iraner und Pakistanis. Die russische Regierung entschied, dass die Piraten in Russland nicht vor Gericht gestellt werden. Also wurden sie ohne Treibstoff und Vorräte in einem Skiff auf dem offenen Meer ausgesetzt und gelten seitdem als vermisst (so konnte auch nicht geklärt werden, warum Pakistanis und Iraner zur Piratencrew gehörten). Wahrscheinlicher ist, dass die Piraten exekutiert und über Bord geworfen wurden. Auf deutschen Kriegsschiffen gilt deutsches Recht, und dieses regelt, dass die Überprüfung von Verdächtigen eine Aufgabe der Polizei ist. Polizeiliche Ermittler gehören jedoch nicht zum Personal der Armada 190, das für polizeiliche Aufgaben weder ausgebildet noch ermächtigt ist. Verdächtige müssen unverzüglich einem Ermittlungsrichter191 vorgeführt werden. Geschieht dies nicht, muss der Verdächtige freigelassen werden. Streng nach Vorschrift müssten also auf einem deutschen Armadaschiff Polizisten, ein Ermittlungsrichter (der einen Haftbefehl erlassen kann) und ein Anwalt mitfahren (da jeder Beschuldigte das Recht auf einen Anwalt hat); mutmaßliche Piraten, die gegen ihren Willen mehr als 48 Stunden auf einem deutschen Kriegsschiff verbringen, werden illegal festgehalten und könnten ihre Entführer verklagen. Das Problem ist bekannt – aber zu seiner Lösung wird nichts unternommen, außer über Sondermaßnahmen und Notstandsgesetze nachzudenken. Und falls somalische Piraten vor einem deutschen Gericht stehen, wie seit 2010 in Hamburg, werden sie kaum über ihre Rechte aufgeklärt und verirren sich hilflos im Dschungel des deutschen Rechts. Einige Piraten machten auf dem niederländischen Kriegsschiff, das sie gefangen nahm, Aussagen gegenüber einem Offizier, obwohl sie hätten schweigen dürfen (worauf sie niemand hinwies), aber die Aussagen dürfen trotzdem vor Gericht verwertet werden. „Die Gefangenen“, so der vorsitzende Richter (zit. n. Honnigfort 2011), „hätten eigentlich das Recht gehabt, auf dem Kriegsschiff einen Anwalt zu konsultieren. Aber auf hoher See ziemlich sinnlos [sic!]“. Damit ertappte Piraten weder freigelassen noch vor ihre Gerichte gestellt werden, gingen die Armada-Staaten dazu über, mutmaßliche Piraten zu verkaufen. Die EU schloss mit Kenia im März 2009 ein Abkommen (nachdem sich Mauritius gewei188

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Irminger (2010, 155), ein Professor und Kapitän aus Bremen, nimmt kein Blatt vor seinen rassistischen und populistischen Mund: „Bei einer Verurteilung wird es dem Steuerzahler in etwa täglich pro Pirat Kosten verursachen, die einer Übernachtung in einem 5Sternehotel entsprechen, für zehn Piraten also ca. 750.000 Euro pro verhängtem Jahr Gefängnisaufenthalt“; die Todesstrafe für Piraten (etwa in Puntland) feiert er als „Erfolg“ (wohl weil dadurch Gefängniskosten ¸eingespart„ werden). –Deutschland gibt für die Beteiligung an der Armada im Indischen Ozean jährlich 75 Millionen Euro aus. Das Ganze ist natürlich hanebüchener Unsinn: bei der hohen Zahl somalischer Exilanten und Flüchtlinge fallen Ex-Piraten nicht im geringsten auf. Zwar scheinen sich ein paar wenige Piraten mit dem Erlös einer Entführung einen Pass zu kaufen, um nach Europa oder Nordamerika auszuwandern, aber ob sie sich ihr Exil mit einigen Jahren oder Jahrzehnten Gefängnis erkaufen würden, ist doch eher zu bezweifeln. Der Verband deutscher Reeder (VDR) fordert seit Juni 2010, dass deutsche Polizisten auf deutschen Schiffen stationiert werden, wenn sie ¸Piratengebiete„ durchfahren. Da die Polizei dafür nicht ausgerüstet ist, bräuchte sie die Unterstützung der Marine. Die Alternative, der Einsatz privater Sicherheitsfirmen, ist nach deutschem Recht nahezu unmöglich, so dass der VDR damit droht, deutsche Schiffe auszuflaggen und unter Billigflaggen zu registrieren. Das deutsche Containerschiff Taipan, das von den Somalis gekapert wurde, die in Hamburg vor Gericht stehen, wurde nach seiner Freilassung nach Liberia ausgeflaggt und wird seitdem privat beschützt. – Seit Juli 2011 diskutiert die deutsche Regierung Regelungen zum Einsatz privater Sicherheitsleute auf deutschen Schiffen. „Der Festgenommene ist, sofern er nicht wieder in Freiheit gesetzt wird, unverzüglich, spätestens am Tage nach der Festnahme, dem Richter bei dem Amtsgericht, in dessen Bezirk er festgenommen worden ist, vorzuführen“ (StPO, §128, Abs., 1). Schon die Frage, welcher Richter für ein auf dem Indischen Ozean kreuzendes Kriegsschiff zuständig ist, ist nicht einfach zu beantworten.

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gert hatte), in dem geregelt wurde, dass Piraten in Kenia vor Gericht gestellt werden, wofür Kenia von der EU cash kassierte; ein ähnliches Abkommen wurde mit den Seychellen unterzeichnet. „Die mit Kenia monetär geregelte ¸Justizflucht„ dient im Grunde vor allem dem Zweck, eine potenzielle ¸Menschenflucht„ zu verhindern. Es soll der Möglichkeit vorgebeugt werden, dass beispielsweise in Deutschland verurteilte somalische Piraten, die aufgrund der Bürgerkriegssituation nicht abgeschoben werden können, einen Antrag auf Asyl stellen“ (Mahnkopf 2010, 73). Allerdings ist dieser Kuhhandel rechtlich nicht wasserdicht, da in Kenia mutmaßliche Piraten vor Gericht gestellt werden, die weder mit einem kenianischen Schiff noch mit Kenianern etwas zu tun hatten, nicht von Kenianern festgenommen wurden und oft ihre Unschuld beteuern. Es ist zu bezweifeln, dass sie vor einem kenianischen Gericht in einem fairen Verfahren192 verurteilt (oder freigesprochen) werden, und die Haftbedingungen in kenianischen Gefängnissen sind menschenunwürdig. In einem berüchtigten, auf 1.000 ‚Bewohner„ ausgelegten Knast, in dem auch Piraten einsitzen, hocken 3.500 Häftlinge aufeinander, „der größte Teil der Insassen schläft auf dem Boden, nachts kriechen Ratten und Kakerlaken über die Beine der Gefangenen, das Trinkwasser ist versalzen und Malaria verbreitet“ (Knaup/Szandar 2009). Zwischenzeitlich erkannte Kenia, dass es mit dem Deal nicht das große Los gezogen hat (versprochene Gelder blieben aus oder wurden zu spät gezahlt) – oder dass noch mehr Geld zu verdienen ist; jedenfalls weigerte sich Kenia 2010 eine Zeit lang, Piraten zu kaufen. Im Oktober 2010 ordnete ein kenianisches Gericht an, neun mutmaßliche somalische Piraten freizulassen – sie waren im März 2009 dabei erwischt worden, wie sie den Frachter Courier zu kapern versuchten193: das Gericht urteilte in erster Instanz, es wäre für die Verurteilung somalischer Piraten nicht zuständig. Zwei deutsche Anwälte klagen „im Auftrag der ¸Courier„-Angreifer vor dem Verwaltungsgericht Köln. Sie wollen den Fall aus Kenia nach Deutschland holen, weil deutsche Soldaten die Piraten gefasst haben und weil man der Justiz in Kenia kein rechtsstaatliches Verfahren zutrauen könne“ (Dahlkamp u.a. 2010). Die USA und Großbritannien laden gefangene Piraten (seit Ende 2008) ebenfalls in Kenia ab, Russland kooperiert mit Somaliland, obwohl dieses diplomatisch gar nicht existiert, und Frankreich lieferte einige Verdächtige an Puntland194 aus. Bis Ende 2010 wurden 752 Piraten verhaftet und 507 angeklagt bzw. verurteilt (Bowden 2010, 18) – der Löwenanteil davon in Somaliland, Puntland, Kenia und auf den Seychellen.
2.9 MUSTERKAPERUNGEN
„In demselben Jahr, als die Schiffe von Rostock und Wismar mit Herzog Johann nach Stockholm unterwegs waren, da ließen die von Rostock und Wismar ausrufen, daß derjenige, der auf seine freie Beute und seine eigenen Kosten sein Glück versuchen wolle, um die Reiche Dänemark und Norwegen zu berauben und zu schädigen, sich in den Städten Wismar und Rostock einfinden solle, um Kaperbriefe zu empfangen, wo es ihnen auch erlaubt sei, frei zu teilen, zu tauschen und die geraubten Waren zu verkaufen“ (eine Lübecker Chronik aus der Mitte des 16. Jahrhunderts).

MV Mærsk Alabama
Auf der Fahrt nach Mombasa wurde am 8. April 2009 das Containerschiff Mærsk Alabama (145m lang, 17.500 Tonnen Fracht) gekapert, das sechste Schiff binnen einer Woche. Es transportierte unter der Flagge der USA für eine US-Tochterfirma einer dänischen Reederei Nahrungsmittel für das WFP nach Kenia. Ein erster Angriff war fehlgeschlagen, weil die See zu unruhig war. Der zweite Versuch am nächsten Tag in ruhigerer See war erfolgreich, obwohl die Mærsk Alabama zur Abwehr des Enterversuchs beschleunigte und im Zickzack fuhr. Der erste Pirat enterte blitzschnell auf und feuerte um sich, die Crew versammelte sich im Schutzraum, zwei Seeleute versteckten sich auf dem Schiff, und der Kapitän und zwei andere blieben auf der Brücke, wo sie von den Piraten festgesetzt wurden. Einem der Seeleute, die sich versteckt hatten, gelang es, das Piraten-Skiff zu versenken, indem er durch abrupte Kursänderungen tückische Wellen erzeugte. Danach legte er das Schiff lahm, schaltete alle Maschinen ab und funkte einen Notruf. Ein Seemann auf der Brücke bot einem Piraten an, ihn zum Schutzraum zu führen, wenn er seine Waffen ablegte; der Pirat vertraute ihm, folgte ihm unbewaffnet ins Schiffsinnere – und wurde dort überwältigt. Daraufhin verhandelten beide Seiten über einen Geiselaustausch; die Piraten willigten ein, die Mærsk Alabama zu verlassen (samt 30.000 Dollar Bargeld, das sich an Bord be192

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Somalische Piraten sprechen kein kenianisch, kennen die Regeln im Gefängnis und vor Gericht nicht, und die USA und die EU finanzieren zwar Gerichte, aber keine Verteidiger. Die Anklage kann Gutachter vor Gericht laden, die Verteidigung kann sich das nicht leisten. Zudem sitzen Piraten oft illegal im Gefängnis, denn in Kenia gilt, wer nicht binnen 24 Stunden nach seiner Festnahme angeklagt wird, muss freigelassen werden, und Somalis sitzen oft länger ohne Anklage ein. Eigentlich müssten in einem fairen Piratenprozess alle Beteiligten verhört werden und als Zeugen aussagen: die Schiffscrew aus aller Herren Länder, die Armadacrew, die an der Festnahme beteiligt war, und somalische Übersetzer müssten den ganzen Prozess begleiten, aber das ist oft schlicht zu teuer. Dieser Fall war geradezu klassisch: die Courier gehört einer deutschen Reederei, ist nach Antigua ausgeflaggt, und die Crew bestand aus Philippinos und einem Burmesen. Eine deutsche Fregatte nahm die Piraten fest, wusste aber nicht, was sie mit ihnen anfangen sollte, da das Abkommen zur Piratenauslieferung mit Kenia noch nicht unterzeichnet worden war. Die Staatsanwalt in Hamburg erhob Anklage gegen die Gefangenen, und das Außenministerium fragte auf den Philippinen und auf Antigua nach, ob die Piraten dort vor Gericht gestellt werden könnten, was diese ablehnten. Noch während die Fregatte Kurs auf Mombasa nahm, wurde das Abkommen mit Kenia unterzeichnet, und Deutschland war die Piraten los. Da die puntländische Justiz offiziell das Strafrecht der Republik Somalia anwendet (die es nicht mehr gibt), können Piraten, die an Puntland überstellt oder von der Polizei Puntlands festgenommen werden, nicht wegen Piraterie verurteilt werden, da das somalische Strafrecht einen solchen Straftatbestand nicht kannte. Dennoch sitzen in Boosaaso knapp 300 Piraten in einem überfüllten Knast ein; wenn neue Piraten eingeliefert werden, werden alte Insassen begnadigt.

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fand). Als der Kapitän in ein Rettungsboot stieg, um den Somalis zu zeigen, wie es bedient wird, nahmen ihn die Piraten erneut als Geisel. Sie legten im Rettungsboot mit ihrer Geisel von der Mærsk Alabama ab, aber das Boot war für eine Flucht zu langsam. Am nächsten Tag erreichte der US-Zerstörer Bainbridge den Schauplatz des Geschehens, und ein Team des FBI, das sich an Bord abgeseilt hatte, verhandelte mit den Piraten. Am 10. April versuchte die Geisel vergeblich, sich durch einen Sprung vom Rettungsboot ins Meer zu retten. Ein weiteres Kriegsschiff kam hinzu, ein drittes war unterwegs. Am 12. April befand sich die Schiffsgruppe achtzig Kilometer vor der somalischen Küste; wahrscheinlich hatten die Piraten vor, nach Garacad zu entkommen. Durch den Einsatz von Wasserkanonen und Hubschraubern, die die See aufwühlten, drängten die US-Amerikaner die Somalis aufs offene Meer ab, navy seals sprangen aus Hubschraubern neben die Kriegsschiffe ins Meer. Als den Piraten Essen und Wasser ausgingen, brachten sie ihnen das Benötigte und nahmen einen verletzten Piraten, den 18-jährigen Anführer, mit an Bord der Bainbridge. Als die See unruhiger wurde, ließen sich die Piraten von der Bainbridge im Schlepptau in ruhigeres Wasser ziehen, wobei sich die Entfernung zwischen dem Kriegsschiff und dem Rettungsboot verringerte und die Piraten sich vom rettenden Ufer entfernten. Am nächsten Tag nutzten Scharfschützen die erste Gelegenheit, die Piraten mit gezielten Kopfschüssen zu töten. Die Geisel überlebte unverletzt, der Pirat, der sich an Bord des US-Schiffs befand, wurde vor einem US-Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt. (Nicht nur) in den USA wurde die geglückte Geiselbefreiung euphorisch gefeiert. Obama gratulierte dem Kapitän für sein vorbildliches Verhalten und ließ in einer Stellungnahme verlautbaren, er wäre ein Held: „Ich teile die Bewunderung des ganzen Landes für die Tapferkeit von Kapitän Philipps und seine selbstlose Sorge um seine Crew. Sein Mut ist vorbildlich für alle Amerikaner“ (zit. n. Eichstaedt 2010, 19). Später wurde dem Kapitän vorgeworfen, er hätte sich nicht an die Richtlinien der Armada gehalten und vor der Kaperung einen Kurs eingeschlagen, der nicht durch den IRTC führte, sondern viel zu nah an der somalischen Küste verlief. Mitte November 2009 wurde die Mærsk Alabama erneut angegriffen, aber Angehörige einer privaten Sicherheitsfirma wehrten den Angriff ab.

MV Hansa Stavanger
Am 4. April 2009 ging somalischen Piraten ein Containerfrachter ins Netz, die Hansa Stavanger (170m lang), die als Leihgabe für eine Reederei in Dubai im regionalen Linienverkehr (VAE – Kenia – Indien) eingesetzt wurde. Der Frachter fuhr unter deutscher Flagge, an Bord befanden sich 19 Seeleute aus Russland, der Ukraine und den Philippinen und fünf Deutsche, darunter der Kapitän. Der Frachter war eine perfekte Prise: langsam dümpelte er übers Meer, mittschiffs war das Freibord gering, und an Deck standen zwei hohe Kräne (was das Abseilen von SEKs aus Hubschraubern erschwert). Das entführte Schiff ging bei Harardhere vor Anker, und die Verhandlungen über das Lösegeld begannen. Die Geiseln blieben an Bord, anfangs berichtete der Kapitän von einer freundlichen Atmosphäre und von qatkauenden Piraten, aber je länger sich die Verhandlungen hinzogen, desto mehr spitzte sich die Lage für die Geiseln zu: sie bekamen wenig zu essen, wurden unter Deck festgesetzt, einige wurden krank, und es soll zu einer Scheinexekution gekommen sein. Die Piraten forderten 15 Millionen Dollar Lösegeld, später reduzierten sie ihre Forderung auf sechs Millionen Dollar. Die Reederei bot 600.000 an. Noch während die Hansa Stavanger nach Harardhere fuhr, näherte sich ihr ein deutsches Armadaschiff, die Rheinland-Pfalz, auf der ein Enterkommando stationiert war, das aber keine Geiselbefreiungen trainiert hatte. Die Piraten forderten die Rheinland-Pfalz auf, sich zu entfernen, da ansonsten die Geiseln gefährdet wären; die deutsche Fregatte ließ die Piraten also in Ruhe. Ein paar Tage später verließ die Hansa Stavanger ihren Ankerplatz vor Harardhere; wie sich herausstellte, wollten sie den Piraten zu Hilfe eilen, die in einem Rettungsboot bei der Mærsk Alabama festsaßen. Nach ein paar Stunden kehrte die Hansa Stavanger nach Harardhere zurück, da die Piraten ihr Ziel nicht gefunden hatten; auf dem Ausflug wurde das Schiff von einer zweiten Fregatte beschattet, der Mecklenburg-Vorpommern, die Verstärkung durch 18 Kampfschwimmer erhalten hatte. Währenddessen brachen im Krisenstab in Berlin Streitereien zwischen dem Innen- und dem Außenministerium aus195. Die GSG 9 meinte, sie könnte binnen 96 Stunden losschlagen, aber die Bundeswehr war nicht in der Lage, sechs Spezialhubschrauber (schnell) nach Kenia zu transportieren, so dass der Krisenstab Großraumflugzeuge mieten musste. Das Innenministerium beschwerte sich über die ¸zögerliche„ Bundeswehr und knüpfte Kontakte zur USA, die den Deutschen einen Hubschrauberträger lieh. Am Ostersonntag, den 12. April, wurde das Gerät der GSG 9 nach Mombasa verlegt. 200 Kampftaucher, Scharfschützen und Fallschirmspringer, die sich Mühe gaben, nicht aufzufallen, schlugen ihr Hauptquartier in einem TUI-Ferienhotel auf. „Sie drängeln nicht beim Buffet, sie legen sich am Pool in die zweite Reihe. Aber es sind alles Männer mit ungewöhnlich breiten Schultern, muskulösen Oberarmen und rasierter Brust. Und sie tauchen minutenlang zur Übung und kraulen in hoher
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Die Gesetzeslage in Deutschland ist kompliziert. Die GSG 9 ist eine Polizeieinheit und auf Geiselnahmen spezialisiert; einem Einsatz des Kommandos Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr müsste der Bundestag zustimmen. Die GSG 9 untersteht dem Innen-, das KSK dem Verteidigungsministerium; ein Einsatz der GSG 9 in Somalia wäre ohne Amtshilfe der Bundeswehr schlicht unmöglich.

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Geschwindigkeit durch den Pool, vorbei an älteren Damen, die sich mit Wassergymnastik beweglich halten“ (Beste u.a. 2009). Es ist unmöglich, dass die Piraten von derart auffälligen Vorbereitungen zur Stürmung ihrer Prise keine Kenntnis erhielten. Am Donnerstag nach Ostern legte der Hubschrauberträger aus Mombasa ab, begleitet von drei deutschen Fregatten und einem Versorgungsschiff; die GSG 9 flog ihre Hubschrauber heimlich an Bord. Nach drei Tagen erreichte der Konvoi Harardhere, aber es gab keinen Plan zur Befreiung der Geiseln. Schwer bewaffnete Piraten bewachten die Geiseln, die in mindestens zwei Gruppen aufgeteilt waren; einige befanden sich unter Deck, einige auf der Brücke. Im Krisenstab brachen Konflikte über das Risiko einer Geiselbefreiung aus, nach einigen Tagen blies die USA den Abgriff ab, und die GSG 9 flog wieder nach Hause. Die dreiwöchige Operation hatte mehr als „alle Lösegeldzahlungen der vergangenen Jahre“ (Beste u.a. 2009) gekostet. Anfang August warf ein kleines Flugzeug über der Hansa Stavanger 2,75 Millionen Dollar Lösegeld ab, und das Schiff wurde freigegeben. Inzwischen ist es ausgeflaggt, an Bord fahren Wachleute einer privaten Sicherheitsfirma mit.

La Somme
Mitten in einer dunklen Nacht Anfang Oktober 2009 entdeckten Piraten in zwei Skiffs 250 Meilen vor der somalischen Küste ein lohnendes Angriffsziel. Sie näherten sich dem Schiff und beschossen es, aber das angegriffene Schiff verhielt sich nicht wie eine normale Prise: es wendete und griff an. Den Piraten war ein folgenschwerer Irrtum unterlaufen – was im Dunkeln wie ein Frachter aussah, war ein bewaffnetes Versorgungsschiff aus Frankreich. Ein Skiff wurde von den Franzosen aufgebracht; die Piraten ergaben sich, nachdem sie alles an Bord Befindliche ins Wasser geworfen hatten. Das zweite Skiff entkam in die Nacht.

MV Golden Nori
Im Oktober 2007 kaperte Boyahs PG einen japanischen Chemietanker, die Golden Nori. Obwohl sich der Vorfall 14 Kilometer vor der Küste Somalias ereignete, also innerhalb der somalischen ZMZ, wurde das Schiff sofort von US-Kriegsschiffen umzingelt, die den Chemietanker aus Angst vor einer Explosion und einer Umweltkatastrophe aber nicht angriffen. Statt dessen schnitten sie ihn vom Land ab, so dass kein Nachschub auf die Prise geliefert werden konnte, und Hubschrauber kreisten über dem Schiff. Schließlich gelang es den Piraten, den Tanker nach Boosaaso zu steuern; nach zwei Monaten erhielten sie ein Lösegeld in Höhe von 1,5 Millionen Dollar. Nach der Übergabe des Lösegelds warteten am Ufer puntländische Sicherheitskräfte, um die Piraten festzunehmen. Aber US-Hubschrauber eskortierten die Piratenskiffs und ermöglichten die Flucht von Boyah und seinen Mitpiraten.

VLCC Sirius Star
Am 15. Oktober 2008 kaperten somalische Piraten die bisher größte Prise der Weltgeschichte: einen saudi-arabischen Tanker, der nach Liberia ausgeflaggt war. Das Schiff, die Sirius Star, ist 330m lang, kann zwei Millionen Barrel Rohöl (318.000t) laden und wurde mit einer Ladung im Wert von 100 Millionen Euro 850km südöstlich von Mombasa auf dem Weg in die USA entführt. An Bord befanden sich 25 Seeleute (zwei Polen und zwei Engländer führten das Schiff, die anderen kamen aus SaudiArabien, Kroatien und den Philippinen). Die Piraten fuhren das Schiff nach Harardhere und ankerten dort. Eine Woche später schaltete sich der TFGVizepräsident in die Verhandlungen ein; er gehörte zum gleichen SC wie die Piraten. Am 24. November verließen die Piraten Harardhere, weil sich HAS über die Entführung eines ¸muslimischen„ Schiffs aufregte und mit einer Befreiungsaktion drohte. Am 9. Januar gaben die Piraten das Schiff nach einer Zahlung von 3 Millionen Dollar Lösegeld frei. Auf dem Weg ans Land kenterte das Piratenboot, mehrere Piraten ertranken, und drei Piraten konnten sich ohne Geld an die Küste retten. Nach einer anderen Version sahen die Piraten am Ufer eine konkurrierende PG, und als sie ein zu abruptes Ausweichmanöver fuhren, kenterte ihr Boot. Bei der Leiche eines angespülten toten Piraten wurden 150.000$ gefunden, der Rest des Lösegelds ist verschwunden.

Le Ponant
Am 4. April 2008 wurde das französische Kreuzfahrtsegelschiff Le Ponant, ein Dreimaster, mitten im Golf von Aden gekapert – von Piraten, die ein jemenitisches Fischerboot als Mutterschiff benutzt hatten, das sie ziehen ließen, als sie das Segelschiff erblickten. An Bord befanden sich 23 Seemänner und 7 Seefrauen, aber keine Passagiere. Die Frauen versteckten sich unter Deck; als sie nach einem Tag ihr Versteck verließen, empörten sich die Piraten, dass ihnen zugetraut wurde, entführte Frauen zu belästigen. Am 7. April ankerte das Schiff vor Garacad; als es anlegte, jubelten knapp hundert Stadtbewohner (einige wurden als Wachen angeheuert). Schon nach einer Woche wurde das Lösegeld gezahlt (zwei Millionen Dollar), aber dann verfolgten französische Hubschrauber einer Antiterroreinheit, die nach Djibouti verlegt worden war, die Piraten an Land, entführten sechs Somalis196 und holten sich 200.000 Dollar vom Lösegeld zurück. Mindestens neun Somalis entkamen, die Gefangenen
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Es gibt Gerüchte, nach denen mindestens eine PG inzwischen über Hubschrauberabwehrwaffen verfügt, um derartige Operationen des Armadamilitärs in Zukunft zu verhindern.

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wurden nach Frankreich überstellt. Frankreich dementierte zwar, dass es Tote gab, aber „lokale somalische Beamte meinten, drei bis fünf ¸Ortsansässige„ wären bei einem Kampf mit Raketen und Maschinengewehren zwischen Piraten und den französischen Einsatzeinheiten ums Leben gekommen“ (Lichfield 2008). Somalis hätten beobachtet, wie französische Hubschrauber Raketen auf Autos und Menschen abfeuerten, und ein puntländischer Regionalgouverneur erklärte, dass „drei Leichen“ (Lichfield 2008) gefunden wurden. Die Operation war eine Verletzung des Völkerrechts197 – im April 2008 war noch keine UNResolution verabschiedet worden, die es den Franzosen erlaubt hätte, in die ZMZ Somalias oder gar an Land das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen. Im Herbst wurde ein weiteres französisches Segelschiff gekapert; die Entführer forderten die Freilassung der im April gefangenen Piraten. Ein französisches SEK stürmte das Schiff nach zwei Wochen; ein Pirat kam ums Leben.

MV Faina
Ende August 2008 begann der ukrainische Frachter Faina auf dem Schwarzen Meer eine Reise, die ihn nach Mombasa führen sollte. Er transportierte 33 russische T-72-Panzer, 150 Granatwerfer, Waffen gegen Flugzeuge und eine Menge Munition. Am 25. September wurde er von somalischen Piraten gekapert, die über Wurfleitern und Taue (die von der Reling hingen und von der Crew unvorsichtigerweise nicht eingeholt worden waren) an Bord geklettert waren, und nach Hobyo dirigiert. Als ans Licht kam, was heimlich, still und leise hätte abgewickelt werden sollen – ein undurchsichtiges Waffengeschäft: niemand wusste, wohin die Waffen geliefert werden sollten (der Südsudan, inzwischen unabhängig, den die USA unterstützte, war ein Favorit) –, wurde die Welt aufgeschreckt. Ein US-Kriegsschiff schob sich zwischen den ankernden Frachter und die somalische Küste, griff die Piraten aber nicht an, sondern blockierte den Zugang zur Küste, damit die Waffen an Bord blieben 198 und nicht im Nordsudan oder bei HAS landeten. Unmittelbar nach der Kaperung „gab Russland bekannt, dass es ein Kriegsschiff zum Schutz russischer Handelsschiffe in das Gebiet schicken würde“ (Wombwell 2010, 123). Die Geiseln wurden unter Deck eingesperrt, der Kapitän war beim Entern an einem Herzanfall gestorben und wurde im Gefrierraum des Schiffes aufgebahrt. Sie lebten von Wasser und Spaghetti, durften ein- oder zweimal pro Woche an Deck frische Luft schnappen, und einmal musste sich die ganze Crew an der Reling aufstellen – die Geiseln dachten, es handele sich um eine Exekution, aber die Piraten kamen einer Forderung der US-Marine nach, die Beweise haben wollte, dass es den Geiseln gut ging. Am 5. Februar, nach über vier Monaten, wurden 3,2 Millionen Dollar Lösegeld, das bis dahin höchste Lösegeld, von einem Hubschrauber aufs Deck der Faina geworfen (gefordert wurden anfänglich 20 oder 30 Millionen). Die Piraten verschwanden unbehelligt, und der Frachter lief unter Geleitschutz Mombasa an. Die Waffen landeten auf Umwegen in der südsudanesischen Hauptstadt Juba.

MV Victoria199
Am 5. Mai 2009 wurde die Victoria etwa 220 Kilometer nördlich von Boosaaso gekapert. Der deutsche Frachter fuhr im IRTC, wurde aber nicht von einem Armadaschiff begleitet; er hatte Reis geladen und war von Indien nach Djidda am Roten Meer unterwegs. Ein erster Kaperversuch war fehlgeschlagen; sieben Stunden später näherte sich erneut ein Skiff mit neun Piraten (die ein Schiff kapern mussten, da ihr Treibstoff für eine Rückkehr nach Somalia nicht mehr ausreichte) und ging längsseits. Bei einem Freibord von zwei Metern hatten die Piraten keine Schwierigkeiten, an Bord zu klettern; an Deck feuerten sie in die Luft, um die Crew einzuschüchtern. Acht Seeleute versteckten sich im Schiff, der Kapitän und zwei andere zogen sich auf die Brücke zurück und verbarrikadierten sich. Der passive Widerstand half jedoch nicht: ein türkisches Armadaschiff, das sich in der Nähe befand, hatte Anderes zu tun, und so hatten die Piraten genug Zeit, um zur Brücke zu erobern. Die Victoria fuhr nach Eyl, wo bereits drei andere Prisen vor Anker lagen. Da der Monsun bald einsetzte, war sie das letzte Opfer der Frühlingssaison. Die entführten Seeleute lebten in ihren Kabinen und auf der Brücke und durften ab und zu an Deck; sie wurden gut behandelt, aber rund um die Uhr von 20 Piraten (bewaffnet mit je einer AK 47 und zusätzlich mit zwei russischen Maschinengewehren und zwei RPGs) bewacht, größtenteils andere als jene, die das Schiff gekapert hatten. Jeden Tag brachte ein Skiff zwei bis drei Mal Vorräte, Nahrungsmittel – ein bis zwei Ziegen, die an Bord geschlachtet wurden – und Qat (als der Monsun stärker wurde, fuhr das Skiff nur noch einmal am Tag). Nach sechs Wochen gingen die Vorräte an Treibstoff, Wasser und Nahrungsmitteln zur Neige. Die Crew bekam nun ebenfalls Ziegenfleisch zu essen, und die Stromversorgung an Bord fiel aus;

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Becker (2009) feiert die Verletzung des Völkerrechts mit der verkappten Aufforderung an andere, dass man sich in Paris nicht „von den Tücken des internationalen Rechts beeindrucken“ ließ. Dabei ging es nicht um die Panzer – die hätten die Piraten gar nicht an Land schaffen können –, sondern um die anderen Waffen, von denen trotz der Blockade einige an die Küste geschafft wurden. Bahadur (2011) befand sich zufällig in Eyl, als die gekaperte Victoria dort vor Anker lag. Er hörte sich um und kam mit einigen Randfiguren der PG ins Gespräch, die für die Kaperung verantwortlich war. Später interviewte er zwei rumänische Crewmitglieder der Victoria. Die folgende Einschätzung der Infrastruktur einer Kaperung beruht auf seinen Beobachtungen und Einschätzungen.

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die Piraten warfen einen Notgenerator an und transportierten in Skiffs Diesel in kleinen Mengen aufs Schiff, damit die Prise nachts beleuchtet blieb. Am 18. Juli waren die Verhandlungen über das Lösegeld abgeschlossen. Als das Lösegeld (1,8 Millionen Dollar) von einem Flugzeug aufs Deck der Victoria abgeworfen wurde – wegen des böigen Winds fiel das Geld ins Meer und musste geborgen werden –, befanden sich 32-38 Somalis an Deck. Das Lösegeld wurde sofort verteilt; ein Pirat hatte einen Laptop dabei, auf dem eine Excel-Tabelle mit der Summe für jeden Einzelnen zu sehen war. Bevor die Piraten das Schiff verließen, plünderten sie es aus und nahmen alles mit, was tragbar war, selbst die Unterwäsche der einzigen Crewfrau. 24 Stunden nach der Lösegeldübergabe stieg der letzte Pirat in ein Skiff, und die Victoria tuckerte nach Sokotra, wo ein Schlepper auf sie wartete und in den Oman brachte. Bahadur (2011, 227) schätzt, dass der Piratenchef (der Investor und Befehlshaber) 900.000$ erhielt (die Hälfte des Lösegelds). Der Übersetzer und der ¸Buchhalter„ erhielten je 60.000$, der für die Versorgung der Prise mit Qat und Nahrungsmitteln Verantwortliche 30.000$. Der Pirat, der die Prise als erster betrat, verdiente 150.000$ und einen Geländewagen als Bonus, die anderen acht Piraten bekamen pro Kopf 41.000$. Der Koch erhielt 20.000$, jeder Wachpirat 12.000$. Nimmt man an, dass sich jeder Wachpirat zwei Drittel der Entführungszeit an Bord der Prise aufhielt, ergibt sich ein Stundenlohn von etwa zehn Dollar. Die Gesamtkosten200 der Operation, die der Investor trug, schätzt Bahadur (2011, 230) auf knapp 250.000$; für Nahrungsmittel, Qat und Transportdienste wurden stark überteuerte Preise bezahlt, da die Verkäufer die Preise bestimmen konnten und einen Risikozuschlag erhoben, da sie ihr Geld erst nach der Lösegeldübergabe erhielten.
2.10 SOMALISCHE PIRATEN

im Geschichte kulturindustrielSeitdem Daniel Defoeder Jahr 1724 eine Allgemeineund reale der Piraten veröffentlichte, vermischen sich indie über Piraten len Medien und in Öffentlichkeit Fiktion Sachverhalte. Nahezu niemand, der oder schreibt, kann sich der Faszination entziehen, die seit Anfang des 18. Jahrhunderts das Bild des Piraten formt und bestimmt; jeder neue Beitrag zur Piratengeschichte steht in dieser Tradition, die Schreibende zugleich bereichern, verändern und festschreiben. Doch selten wird versucht, Piraten als Teil der sozialen, politischen und ökonomischen Verhältnisse zu verstehen, die sie hervorgebracht haben. In vielen Büchern ist nachzulesen, welche Piraten wann wo operierten, wie viele Schiffe (und welche) sie überfielen, was sie erbeuteten, wie sie sich verhielten und wie sie endeten. Dass die piratische Gegenwelt auf einer informellen Ökonomie201 beruht, die mit der Welt verzahnt war, die Piraten hinter sich ließen, bleibt sonderbar oft unerwähnt.-

„Es ist besser, gegen das Gesetz zu verstoßen, als zu verhungern“ (chinesisches Sprichwort).

- EXKURS: DIE INFORMELLE ÖKONOMIE NEU-ENGLANDS
„Oliver Kahn (41) hat am Mittwoch wegen versuchter Steuerhinterziehung vom Amtsgericht in Landshut eine Geldstrafe von 125000 Euro auferlegt bekommen. Der frühere Nationalkeeper hatte nach einer Reise am Münchener Flughafen in Dubai gekaufte Kleidungsstücke nicht beim Zoll angemeldet“ (dpa-Meldung v. 22.4.2011).

1651 erließ England eine Navigationsakte, die mehrere Male erneuert wurde: Im- und Exporte durften nur auf Schiffen befördert werden, die auf englischen Werften gebaut worden waren und Engländern gehörten, Crews mussten zu mindestens drei Vierteln aus englischen Seeleuten bestehen, und viele Waren durften nur in England ge- und verkauft werden. Die Handelsbeschränkungen richteten sich gegen europäische Handelskonkurrenten, insbesondere gegen Holland, und gegen die eigenen Kolonien, deren einziger Nutzen darin bestünde, „dass wir das Monopol auf ihren Konsum und auf die Verschiffung ihrer Erzeugnisse haben“, so ein englischer Lord (zit. n. Dow/Edmonds 1996, 16). Dass den neu-englischen Kolonisten die Knebelung ihres Handels nicht gefiel, liegt auf der Hand. Die Navigationsakte führte zu höheren Preisen bei importierten Waren, verminderte die Anzahl von Schiffen, die nordamerikanische Häfen anliefen, schloss den Direktimport vieler Waren aus und behinderte die Exporte Neu-Englands, die nicht auf die Mutterinsel, sondern auf die Karibik ausgerichtet waren. Es dauerte nicht lange, bis in Neu-England der Schmuggel aufblühte – „niemand außer den Regierungen sah im Schmugglerberuf eine verbrecherische Tätigkeit“ (Hobsbawm 2007, 57, Anm.) –, Freibeuter und Piraten Prisen verkauften und Geschäftsleute und Kolonialbeamte Freibeuter finanzierten; der Gouverneur von New York investierte etwa in Thomas Tew. Zwischen der Geschäftswelt und der Bevölkerung und Piraten, Schmugglern und Freibeutern bildete sich eine Art Symbiose aus, die beiden Seiten Vorteile verschaffte: Piraten und Freibeuter verfügten über einen sicheren Rückzugsort, konnten prob200

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40% der Gesamtkosten gingen für die Beschaffung von Qat drauf – jeder Pirat, der sich an Bord der Prise befand, konsumierte pro Tag ein Kilogramm Qat (wer an Land weilte, zahlte sein Qat selbst – aus seinem Anteil, den er noch gar nicht bekommen hatte). Der Rest wurde für Nahrungsmittel, Diesel, Getränke, zwei gemietete Geländewagen, Waffen, Munition und Transportkosten ausgegeben. Die Aufstände in Tunesien (ab Mitte Dezember 2010) und in Algerien (im Januar 2011) – in Tunesien wurde der Diktator gestürzt, in Algerien hielt sich das Regime – entsprangen dem informellen Sektor, der in (fast) ganz Afrika das vom Staat regulierte Wirtschaftsleben übersteigt. Zum informellen Sektor gehört in der Regel ein reger Grenzhandel (¸Schmuggel„), der für die Ökonomien einiger afrikanischer Staaten „überlebensnotwendig“ (Little 2003, 6) ist. Das würde auch erklären, warum ein ökonomischer Boykott (wie gegen den Irak unter Saddam Hussein, gegen Myanmar oder gegen Libyen) nicht funktionieren kann.

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lemlos ihre Beute verkaufen und fanden bereitwillige Investoren; Kaufleute profitierten vom Weiterverkauf billig bezogener Waren, in (erfolgreiche) Kaperzüge investiertes Kapital verzinste sich hervorragend, und die Bevölkerung wurde mit Waren versorgt, die ohne informelle Aktivitäten nicht ins Land gelangt wären. Piraten und Freibeuter waren in Boston, New York und vielen kleinen nordamerikanischen Häfen gern gesehene Gäste. Diese informelle Ökonomie – natürlich nur in den Augen Englands informell – aus Schmuggel, Piraterie, Kaperwesen und ¸illegalem„ Handel überdauerte die Piratenrunde bis in die zwanziger Jahre des 18. Jahrhunderts, als das Mutterland härter durchgriff202, allerdings ohne durchschlagenden Erfolg, wie die Boston Tea Party 1773 zeigte.- In Somalia gibt es keine Eisenbahn und nur wenige ausgebaute Straßen; außerhalb größerer Städte und der Hauptstraßen, die sie verbinden, kommt man nur in Geländewagen vorwärts – und in der Regenzeit bleiben oft nur mit Kamelen und Eseln. Die meisten Fischergemeinden liegen abseits der wichtigen Verkehrswege. Strukturell ähneln sie einer alten Inselsiedlung auf Spiekeroog, in der Fischerei, Lohnarbeit auf Walfängern und Strandraub nebeneinander betrieben wurden, oder einem japanischen Fischerdorf, wie es Yoshimura (1998) in einem Roman beschreibt: in einem kleinen, von der Außenwelt nahezu abgeschnittenen Küstenort lebten arme Subsistenzfischer, die sich als Landarbeiter in der Ferne verdingten, damit im Heimatdorf keiner verhungerte, wenn es den Fischern nicht gelang, ab und an ein Schiff stranden zu lassen. Somalische Fischer sicherten das Überleben ihrer Familien und ihrer Gemeinschaft, bevor IUUs die Gewässer vor Somalia durchstreiften, indem sie fischten, Kleinvieh hielten, im Landesinneren oder in großen Küstenstädten arbeiteten und sich aneigneten, was angeschwemmt wurde. Als dieses fragile Gleichgewicht gestört wurde, veränderten sie notgedrungen ihre Überlebensstrategie – neben der Flucht (Migration) blieb nur, die neuen Akteure zu vertreiben oder sie als Einkommensquelle zu verwenden. Die meisten somalischen Fischer sind Nachkommen von Nomaden. Die nomadische Lebensweise neigte schon seit jeher dem informellen Sektor zu, ließ sich nirgendwo problemlos in ein staatliches Korsett zwängen, und in der Clanideologie Somalias galten PZs gegen Nicht-Verwandte traditionell als nichts Verwerfliches, sondern als legitimes Mittel zur Bereicherung oder zur Erlangung von Ruhm. Fischer, die vom Fischen zum Kapern übergingen, handelten also durchaus in Einklang mit ihren Traditionen. Die Bevölkerung der Küste Puntlands profitiert direkt oder indirekt von der Piraterie, die sich nach einer längeren Anlaufzeit zu einem wichtigen Zweig der informellen Ökonomie entwickelte: nicht nur die Piraten und ihre Zuträger und Unterstützer erhalten Anteile an den Erlösen aus der Lösegeldindustrie, sondern auch Verwandte203, Clanangehörige und die lokale Geschäftswelt; die Piraterie sorgt für einen wirtschaftlicheb „Aufschwung“ (Roder 2010, 139). In Harardhere gibt es sogar eine Börse, an der Anteile an piratischen Operationen gehandelt werden 204. Ein Pirat lobte sich in einem Interview dafür selbst: „Jeder kann sich einen Anteil besorgen, und jeder kann teilhaben, auf See und an Land, indem er Bargeld, Waffen oder nützliches Material zur Verfügung stellt … wir haben die Piraterie zu einer Aktivität der Gemeinschaft gemacht“ (zit. n. Ahmed 2009), und ein lokaler Sicherheitsbeamter bestätigte, dass piratisches Geld in die kommunale Infrastruktur und in den Aufbau von „Krankenhäusern und öffentlichen Schulen“ (zit. n. Ahmed 2009) geflossen ist. Ein älterer Bewohner von Eyl meinte auf Nachfrage: „Ich bezeichne sie nicht als Piraten (…). Sie beschützen unsere Ressourcen vor denen, die sie ausplündern. Sie sind keine Kriminellen“ (zit. n. Adow 2009). „Wenn du ein Schiff kaperst, empfangen dich die Leute wie einen Präsidenten. Die Piraterie ist jetzt und zukünftig etwas Schlechtes, die Leute wissen das, und ich weiß das, aber einige respektieren dich und heißen dich willkommen, aber einige beten für dich“, (ein Pirat, zit. n. Hansen 2009, 40). Andere machen aus ihrer Ablehnung der Piraten keinen Hehl und beklagen sich über eine Verrohung der Sitten, einen Verfall der Moral und darüber, dass die Piraterie zu einer Zunahme des Alkoholkonsums, zum Zuzug von Prostituierten und zu einer höheren Verbrechensrate205 geführt und Inflation erzeugt habe, außerdem sei Piraterie haram, unislamisch und durch das islamische Gesetz untersagt. Junge Männer posieren in teuren Autos und sind begehrte Heiratspartner, und die Piraterie
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Durch das harte Durchgreifen wurde die Kooperation neu-englischer Bürger mit Piraten beendet; zudem wurde das offizielle Kaperwesen zunehmend reglementiert. Der Schmuggel- und der ¸illegale„ Handel konnten indes nicht eingedämmt werden, auch wenn verlässliche Zahlen verständlicherweise fehlen. „„Ich verteilte Geld an alle, die ich traf„, sagte Siyad, ein 38-jähriger somalischer Pirat, der behauptete, in diesem Jahr [2008] 90.000$ mit Schiffsentführungen verdient zu haben. ¸Nach zwei Monaten hatte ich kein Geld mehr„“ (Karras 2010, 41). Als Vertreter der UN damit drohten, die Vermögenswerte somalischer Piraten weltweit einzufrieren, lachte Afweyne, fragte: „Welche Vermögenswerte?“ (zit. n. Gettleman 2010) und wies darauf hin, dass sich die Verwandtschaft eines erfolgreichen Piraten wundersam vermehrt. Das klingt ungewöhnlich, aber nahezu überall, wo Freibeuter, Kaperfahrer und Piraten in der Vergangenheit relativ ungestört von einer Basis oder einem Heimathafen aus operierten, konnte in maritime Privatgewalt investiert werden, nicht nur von Geschäftsleuten und zwielichtigen Gestalten, sondern auch von Witwen, Waisen und anderen, für die solche Investitionen etwa als Altersvorsorge dienten. Dass die Piraten in der Öffentlichkeit Alkohol trinken, wird des öfteren durch Journalisten bestätigt – Boyah und seine Mitstreiter weisen dieses für Somalia unerhörte Verhalten hingegen empört von sich und betonen, als Muslime rühren sie Alkohol nicht an (allerdings geben sie zu, dass Jüngere durchaus Alkohol probieren würden). Für einen Anstieg der Verbrechensrate oder eine Zunahme der Prostitution gibt es keine Belege, auch wenn beides nicht unwahrscheinlich ist, wenn man historische Belege aus vergangenen Freibeuter- und Piratenhochburgen oder großen Hafenstädten zum Vergleich heranzieht. Einige Piraten gehen wohl eine Ehe auf Zeit ein, ein Arrangement, das vom islamischen Recht gedeckt wird und nicht als Prostitution gilt.

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führte zu lokalen Preissteigerungen (Qat soll in Eyl doppelt so viel wie in Garowe kosten). Einige einheimische Scheichs riefen eine antipiratische Kampagne ins Leben (auf wie viel Zuspruch sie stößt, sei dahingestellt), und vielen Piraten wurde, wie in den alten Zeiten, eine Amnestie angeboten, wenn sie einen Eid schwörten, der Piraterie ade zu sagen206. Seit kurzem scheinen viele Somalis an piratischen Operationen beteiligt zu sein, die nicht aus der Region kommen, in der Prisen festgehalten werden; diese Beteiligung von ¸Außenseitern„ wirkt sich, wenn man einigen Berichten glauben darf, negativ auf die lokale und regionale Akzeptanz der Piraterie aus. Möglicherweise hat längst eine dritte Welle begonnen. Die Anzahl versuchter Kaperungen verharrt zwar auf dem Niveau der Vorjahre, aber die Zusammensetzung der PGs könnte sich verändert haben: viele Piraten der ersten Stunden haben sich zurückgezogen, größere PGs agieren professioneller als früher, und mehr Beteiligte stammen nicht mehr aus dem Küstenorten, die als Basis für piratische Operationen dienen. Wie sich eine solche Veränderung, so sie denn mehr als eine journalistische Phantasie ist 207, auf die Akzeptanz der Piraterie und die Integration der Piraten auswirkt, ist offen. Wahrscheinlich – genaues weiß man nicht – hängt die offizielle Verwaltung in den somalischen Piratenhochburgen (und außerhalb der größeren Städte) vom informellen Sektor ab oder ist in ihm aufgegangen, Bahadur (2011, 110) behauptet, in Eyl gäbe es gar keine staatliche Verwaltung. Im November 2008 erklärte ein UN-Bericht, somalische PGs wären besser als die Behörden Puntlands organisiert und ihre militärische Schlagkraft sei größer als jene von Polizei und Militär. Obwohl die Regierung Puntlands darauf beharrt, dass sie die Piraterie bekämpft, scheint sie (bis zur letzten Wahl; wie es heute aussieht, ist unklar) zumindest indirekt von der Piraterie profitiert und Zuwendungen von Clans und SCs erhalten zu haben, die über Zugänge zu piratischen Einkommen verfügten. Auf den unteren und mittleren Verwaltungsebenen dürften Bestechungsgelder fließen; die Piraten selbst betonen, dass sie zwar mit Informanten bei der Polizei, beim Grenzschutz und beim Militär kooperieren, jedoch kein Beamter bei Operationen beteiligt war. Die Behörden, so Boyah, fingen ab und an ein paar kleine Fische, ließen die Piraten aber in der Regel in Ruhe, und in einigen Fällen hätten puntländische Autoritäten Piraten und PGs beschützt. Doch selbst wenn die Sicherheitsorgane die puntländische Regierung hundertprozentig unterstützten und jederzeit Piraten bekämpften, wäre ein Antipirateneinsatz ein logistischer Alptraum und viel zu teuer. Die Sicherheitsorgane Puntlands sind in Garowe, in Boosaaso und in Qardho (an der Grenze zur Sool-Region) stationiert, weit entfernt von den Piratenhochburgen an der Küste. Jede größere Operation der darawisha, der Polizei oder des Militärs bekämen die Piraten so früh mit, dass sie ihr bequem aus dem Weg gehen könnten. Dennoch drücken die Behörden Puntlands nicht immer beide Augen zu. Im April 2008 irrte ein gekaperter spanischer Thunfischtrawler vor der Küste umher, weil er nirgendwo ankern durfte, und im gleichen Monat wurde in Boosaaso ein gekaperter Frachter aus Dubai gestürmt (mindestens sieben Piraten wurden zu lebenslanger Haft verurteilt). Oft fehlt es den Behörden jedoch schlicht an den notwendigen Kräften und Mitteln. Die „Menschen sind bewaffnet, und wenn es eine Konfrontation zwischen der Armee und den Piraten gibt, könnten sich die Piraten als stärker als die Armee erweisen. Und dann gibt es noch die Clans – wenn Piraten angegriffen wurden, die zu ihrem Clan gehören, steht der Clan für ihre Verteidigung ein“ (ein Pirat, zit. n. Hansen 2009, 58). Als der puntländische Minister für Häfen und Seeverkehr im Oktober 2010 einen härteren Kurs gegen Piraten ankündigte, wurde er kurzerhand entführt, nach „zwei Tagen wurde er freigegeben, angeblich ohne Lösegeldzahlung“ (Stehr 2011, 117). Trotz verstärkter Repression, Amnestieangeboten, dem Rückzug einiger Piratenpioniere ins Privatleben und nachlassendem Rückhalt in der Bevölkerung (wenn es denn so sein sollte) bewegen sich die Piraten in ihren Hochburgen weiterhin wie Fische im Wasser und nicht wie Hühner in einem Tigerkäfig. „Seit Jahrzehnten haben Somalis in Puntland und in Somaliland nahe am Subsistenzminimum gelebt (…). Jetzt bringen Piratengruppen Millionen von Dollars in die Region, die unglaublich verarmt ist, schaffen Arbeitsplätze und machen Hoffnung. Wenn man politische Beziehungen auf die Logik grundlegender Reziprozität reduziert, haben die Piraten viel mehr für Somalis in Puntland und Somaliland getan als die traditionellen Eliten“ (Geels 2009, 23). „Selbst wenn die Piraterie für andere Zwecke instrumentalisiert wird – die Piraten selbst sind vor allem junge Leute, die der Hunger treibt und die den Tod nicht fürchten. In einem Land ohne funktionierende Wirtschaft und Verwaltung, das überwiegend von der internationalen Lebensmittelhilfe abhängt, leben Tausende von Familien von dem, was die Jungen erbeuten“ (Leymarie 2008). „Was soll die junge Generation Somalias, die nur Krieg kennt und kein Gesetz, auch sonst tun, um es im Leben zu etwas zu bringen?“ (Johnson 2011, 92). Vielleicht ist die Piraterie „die Vorstufe zu einem kapitalistischen Boom 208. Diejenigen Somalis, die durch Piraterie reich geworden sind, legen jetzt in ihren Heimatstädten die Fundamente für eine selbstbestimmte ökonomische Entwicklung“ (Johnson 2011, 93). Damit träten sie ironischerweise in die Fußstapfen neu-englischer Geschäftsleute, deren entfernte Nachkommen heute zu ihren härtesten Gegnern gehören.
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Amnestien für Piraten waren ein beliebtes Mittel, für Sicherheit auf den Meeren zu sorgen. Allerdings war die Rückfallquote hoch, so dass im Endeffekt nur kurzfristige ¸Erfolge„ erzielt wurden. Ob sich durch eine Amnestie in Somalia die Anzahl der Piraten verringert, ist stark zu bezweifeln – selbst wenn einige Aktive sich zurückzögen, gäbe es genug Nachrücker, die ihren Platz einnähmen. Bahadur (2011) meinte, bei seinem Besuch in Eyl bemerkt zu haben, dass sich die Piraten, die an einer laufenden Operation beteiligt waren, und die Bewohner von Eyl eher misstrauisch beäugten; außerdem wäre in Eyl von piratischem Wohlstand nichts zu sehen. Bahadur (2011, 97) bestreitet nicht, dass Piratengeld in die lokale und regionale Ökonomie fließt, merkt aber an, dass ein Großteil für Qat und teure Autos ausgegeben wird. Viele Interviewpartner, auch Piraten, betonten, dass Lösegelder haram wären, so dass Piraten es schwer hätten, ihr Geld zu investieren. Ob sich viele Somalis weigern, piratisches Geld anzufassen, darf allerdings bezweifelt werden.

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3. BEMERKUNGEN ZU EINER KRITIK DER ANTIPIRATISCHEN ÖKONOMIE
3.1 FALLSTRICKE
„Die Erinnerung fängt die Wirklichkeit niemals ein. Die Erinnerung rekonstruiert. Alle Rekonstruktionen verändern das Original und werden zu einem äußerlichen Bezugsrahmen, der unausweichlich danebentrifft“ (Frank Herbert: Der Wüstenplanet).

so dunklen Seite Cicero sie im Piraten, als scheint es, gehörten schon immer derHeller-Roazender Macht an. der sichbezeichnetein den ersten Jahrhundert v.u.Z. „gemeinsamen Feind Aller“ (zit. n. 2009, 101), um 1400 „Generalfeind der Menschheit“ (Kempe 2010, 158) verwandelte. Cicero, römische Juristen und ihre Nachfolger erklärten Piraten zu maritimen Räubern und zu unehrenhaften Feinden, die im Gegensatz zu ehrenhaften ohne Kriegserklärung Römer auf dem offenen Meer oder außerhalb der Jurisdiktion des römischen Reichs ausraubten, entführten und töteten. Einerseits wurde Piraterie so als privates Verbrechen behandelt, das sich nur durch seine maritime Komponente von anderen Straftaten abhob. Wer Piraterie mit Raub, Körperverletzung oder Mord auf eine Stufe stellte, handelte sich jedoch einen gordischen Knoten ein, den kein juristisches Schwert durchschlagen kann, denn Piraten operierten dort, wo keine Rechtsordnung gültig war, und es kam immer wieder zu ¸internationalen„ Verwicklungen, da die Piraten der einen für andere legitime Kombattanten oder Helden waren209. Andererseits ging man das Problem zur Klärung des Status von Piraten völkerrechtlich an. Als Feind Aller verstieß der Pirat gegen den zivilisierten Umgang von Menschen und Staaten untereinander. Obwohl Piraten sich privat bereicherten, wurden sie zu einer eigenen ¸Nation„ erklärt, die gegen die ganze Menschheit, alle Menschen und alle Staaten Krieg führte. Dieser paradoxe Status – Piraten sind eine eigene ‚Nation„ und doch denational und bar jeder Flagge, und sie sind Feinde aller Menschen, obwohl sie selbst Menschen sind – machte Piraten zu Freiwild, da das Völkerrecht nur für jene gälte, die es auch befolgen. Es wurde angenommen, „dass ein Krieg gegen Piraten weder offiziell erklärt noch durch ein Abkommen beendet werde, sondern entweder mit dem Tod der Piraten oder ihrem Sieg“ (der italienische Jurist Gentili 1598, zit. n. Kempe 2010, 157). Bis heute laufen die beiden Rechtstraditionen nebeneinander her: das SRÜ definiert Piraterie als private Tat im Rahmen des Völkerrechts. Subjekte des Völkerrechts sind Staaten (oder Nationen); dass im SRÜ Piraten behandelt werden, impliziert also, sie konstituierten eine eigene ‚Nation„. Das ist jedoch erstens offenkundig Unsinn, und zweitens wird den Piraten im gleichen Atemzug jedes Recht verwehrt, das einem Staat zustände, indem ihre Taten als private deklariert werden. So unterhaltsam eine kurze Einführung in die juristischen Spitzfindigkeiten bezüglich der Piraterie auch sein mag, so verblassen die Schwierigkeiten (versuchter) Pirateriedefinitionen vor einem anderen Problem, das die Geschichte der weltweiten Piraterie bis zum Ende des 19. Jahrhunderts durchzog. Feinde der ganzen Menschheit (also jedes einzelnen Menschen) gab es nie. Im Kontinuum maritimer Privatgewalt waren Piraten, die gegen alle Flaggen und rein privat zur Bereicherung in See stachen, so selten wie ein weißer Wal. Frühere Gesellschaften konnten sich den Luxus hoher Investitionen in Kriegsschiffe nicht leisten. Daher fanden sie Wege, Kampfschiffe aufs Meer zu schicken, ohne an den Kosten zu ersticken. Prinzipiell lassen sich drei Methoden unterscheiden, legale und legitime maritime Gewalt auszuüben, ohne den eigenen Etat (zu sehr) zu belasten: ein Souverän sparte an fixem Kapital, an variablem oder gab gar nichts aus. Die Produktionskosten für Schiffe ließen sich abwälzen – Schiffe konnten requiriert, beschlagnahmt, gemietet oder aufgrund von ‚Lehnspflichten„ oder Verträgen eingefordert werden. Die Löhne für Kämpfer und Seeleute wurden Gefolgsleuten oder Küstenstädten aufgebürdet, durch einen Anteil an der Kriegsbeute aufgestockt oder ganz durch Beute ersetzt und die Crews im Frieden (und im Winter) entlassen. Selbst die englische navy, die Beherrscherin der Meere, setzte Kriegsschiffmatrosen nach der Unterschrift unter einen Friedensvertrag ohne einen Penny auf die Straße. Eine andere Alternative, die Staatskasse bei der Ausübung maritimer Gewalt zu entlasten, bestand darin, diese zu privatisieren: ein Souverän210 gewährte Privatleuten (Kaperfahrern211) mündlich oder schriftlich die Erlaubnis, mit privaten Schiffen

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Hätten die Spanier Sir Francis Drake gefangen, sie hätten ihn ohne viel Federlesen aufgehängt. Wie wir wissen, verlief die Geschichte anders: seine Königin investierte in seine MPZs, schlug ihn zum Ritter, nannte ihn zärtlich Pirat der Königin, und mit dem Erlös aus seinem größten Fischzug bezahlte die englische Krone einen großen Teil ihrer Auslandsschulden. Kaiser, Könige, abgesetzte Könige, Rebellen, Fürsten, Bischöfe, Wesire, Kalifen, islamische Gelehrte, Grafen, Regierungen, Deys, Beys, Beylerbeys, Sultane, Päpste, Ritterorden, Lords, Vizekönige, Barone, poleis, Königinnen, Scheichs, Gouverneure, Offiziere, Admirale, Tyrannen, Diktatoren, Städte, Botschafter, Konsuln – sie alle erlaubten im Lauf der Geschichte, maritime Privatgewalt in ihrem Namen auszuüben. Stets gab es Auseinandersetzungen darüber, wer dazu berechtigt war, maritime Privatgewalt zu legitimieren, ein Konflikt, der immer wieder Piraten produzierte: nämlich dann, wenn eine Seite die Legitimität einer Erlaubnis zum Kapern anzweifelte. Kaperfahrer wurden, je nach Zeit und Ort, als Freibeuter, Korsaren, Auslieger, Piraten, privateers, Beutefahrer oder gāzîs bezeichnet und unterschiedlichen Regeln unterworfen. Im folgenden werden die Begriffe synonym gebraucht und bezeichnen Privatschiffe und ihre Crews, die schriftlich, mündlich oder stillschweigend zur Ausübung von Seegewalt legitimiert sind. – Unterschiedliche Kaperregeln und -sitten erfuhr der erste Offizier auf der Shrewsbury Ende 1804 im Persischen Golf am eigenen Leib. Zuerst fiel sein Schiff französischen Korsaren zum Opfer, die ihre Gefangenen ehrenvoll behandelten und sie ohne Gegenleistung frei ließen. Zwei Wochen später segelte der Engländer auf einem Schiff nach Muskat, das unterwegs von zwei Qasimi-Dhaus überrascht wurde. Die Qawasim behandelten ihre

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in seinem Namen feindliche Schiffe zu überfallen, die von ihm zu legitimen Zielen erklärt worden waren. Die Beute ging an die Korsaren, im Gegenzug erhielt der Souverän einen geringen Anteil an der Beute und ein schlagkräftiges Instrument zur Schädigung des Schiffsverkehrs seiner Feinde, das ihn nichts kostete. Das finanzielle Risiko lag bei den Korsaren, das politische bei jenen, die sie legitimierten. Korsaren benötigten ein Schiff, Vorräte und Waffen; reichte ihr Vermögen nicht aus, sprangen Investoren ein, die eine Ausfahrt gegen einen Anteil an der Beute finanzierten. Oft war es umgekehrt: Investoren stellten Schiffe und Kapital zur Verfügung und suchten willige Partner, die die Dreckarbeit auf dem Meer erledigten212. Typischerweise wurden auf einer Kaperfahrt keine Heuern ausbezahlt, sondern alle Beteiligten erhielten einen Anteil an der Beute: warf eine Ausfahrt keinen Gewinn ab, gingen alle leer aus. Auf Englisch wird dieses Prinzip prägnant durch das Motto no prey, no pay (keine Beute, keine Kohle) ausgedrückt. Zwischen einem Freibeuter, der sich einem Souverän andiente, um sich offiziell legitimiert durch Seeraub zu bereichern, und einem Piraten, dem ein Kaperbrief (eine schriftliche Erlaubnis zum Kapern) gleichgültig war, ihn aber gern vorzeigte, falls er einen besaß oder gefälscht hatte, lag im maritimen Alltag ein seichter Graben, der manchmal ohne nachzudenken überschritten wurde, im Universum der Begriffe jedoch ein tiefer Abgrund, der voneinander trennte, was unterschiedlicher nicht sein konnte. Nicht Seeraub konstituiert das Wesen des piratischen Lebens, sondern das Bewusstsein, die Sphäre des souveränen Rechts freiwillig und konsequent zu verlassen. Ein Pirat streifte seine Untertanen- oder Bürgerhaut ab, während ein Freibeuter den Schirm, den sein Souverän über ihm aufspannte, nicht verlassen mochte. Freibeuter stellten sich gern an den Rand ihres imaginären Baldachins, Piraten bevorzugten den erfrischenden Regen. „Obwohl der Unterschied zwischen einem Freibeuter und einem Piraten ihren Opfern nicht immer einleuchtete, war er legal und sozial riesengroß. Wie ein Sklavenhändler war ein Freibeuter ein akzeptiertes Mitglied der Gesellschaft (...). Ein Pirat war hingegen ein Gesetzloser, der jedes Schiff jagte. Ein Pirat behielt den Mehrwert seiner Arbeit für sich und seine Kameraden“ (Snelders 2005, 10). Es gab noch eine weitere Form des outsourcing offizieller Gewalt. Bevor die Risiken auf den Meeren durch Seeversicherungen, Prisengerichte und internationale Rechtshilfeabkommen abgemildert wurden, blieb Opfern von Seegewalt nur ein Weg, ihre Verluste ersetzt zu bekommen: das Repressalienrecht. Ein Souverän konnte einem Untertan, der Opfer eines Diebstahls geworden war, die Erlaubnis zur Wiedergutmachung erteilen, wenn Opfer und Täter Untertanen verschiedener Souveräne waren. Mit einer mündlichen Erlaubnis oder einem Prisenbrief (letter of reprisal) durfte das Opfer eines Seeüberfalls Schiffe beliebiger Untertanen des Souveräns des Täters überfallen, bis sein Schaden und die angefallenen Kosten ersetzt waren. Offensichtlich lud diese Praxis zum Missbrauch ein, aber sie war rechtmäßig und hatte nichts mit Piraterie zu tun. Gemeinwesen und Souveräne, die mit reicheren und mächtigeren Gegnern aneinander gerieten, setzten in größerem Ausmaß auf maritime Privatgewalt als ihre Widersacher, die ihre ¸offizielleren„, ¸weniger privaten„ Schiffe und Flotten zum (einzig) legitimen Instrument zur Ausübung von Seegewalt erklärten. Auf den Meeren tobte nahezu pausenlos, was man heute als asymmetrische Kriegsführung bezeichnet: mindestens eine Seite führte einen ¸informelleren„ Seekrieg als die je vorherrschenden Seemächte, die für sich in Anspruch nahmen, über eine formale – oder besser: über eine formellere213 – Kriegsflotte zu verfügen und ihren Gegnern daher gern piratische Methoden vorwarfen. Dieses Wechselspiel aus Legitimation und Delegitimation endete mit der Abschaffung des Kaperwesens zwischen 1856 und 1898, seitdem gibt es zwei (antagonistische) Formen von Seegewalt: Piraterie und offizielle Kriegsflotten. Bis dahin machten sich Juristen zwar viele Gedanken über Piraterie, faktisch waren ihre Unterscheidungen und Definitionen jedoch „irrelevant, weil Legitimität und Illegitimität politische Konstruktionen sind, die durch jene manipuliert wurden, die genug Macht besaßen“ (Gabrielsen 2001a, 78). „Der Streit darum, wer als Pirat bezeichnet werden sollte und wer nicht, geht eigentlich darum, wer die Macht dazu hat“ (Pérotin-Dumon 2001, 31). Piraten, das waren die Anderen; wer über die Propagandamaschinerie verfügte, sie als Piraten zu denunzieren, machte sie zu Piraten. „Piraten kämpften per definitionem auf der Gegenseite“ (Wiemer 2002, 114). Wo in bezug auf Seegewalt ein Gefälle der Formalität existiert, da sind Piraten nicht fern – wie vor Somalia. Gekennzeichnete Kriegsschiffe mit bezahlten Marinesoldaten und ausgebildeten, zertifizierten Offizieren – formaler geht es nicht – kreuzen gegen informelle Boote und Schiffe, deren Crews als Piraten gelten, weil sie keiner Marine oder Seepolizei eines anerkannten Staats angehören. Dass sie sich als Küstenwache verstehen, wird mit einem Achselzucken abgetan oder ins Lächerliche gezogen, dass sie sich an ihre eigenen Gesetze – an das heer etwa – halten, ebenfalls. Somalis aus Hobyo, Eyl, Harardhere und Garacad handeln in der Regel im Einverständnis mit ihrem ‚Souverän„ (ihren SCs und Clanältesten), doch die Souveränität eines SCs
Gefangenen anders: sie töteten beim Entern, obwohl sich das Schiff ergeben hatte, und die Gefangenen verhungerten fast und sollten als Sklaven verkauft werden. Dieses Geschäftsmodell erreichte „seinen Höhepunkt, als Finanziers in Korsaren und in Seeversicherungen zugleich investierten“ (López-Nadal 2001, 131), etwa im 17. und 18. Jahrhundert; andere investierten sowohl in ihre Korsaren als auch in gegnerische. Ein geschickter Geschäftsmann diversifizierte sein Risiko und investierte in normale Handelsschiffe, in jene, die sie kaperten, und in Versicherungen, die für den Schaden durch Kaperungen aufkamen. Formale Kriegsflotten – eine stehende Marine – sind ein modernes Phänomen. Noch um 1800 wies nicht einmal die britische navy mehr als oberflächliche Ähnlichkeiten mit einer stehenden Marine auf. Alle offiziellen Kriegsflotten unter Segeln oder Riemen griffen auf informelle Methoden zu ihrer Finanzierung zurück: sie plünderten, kaperten, versklavten und erpressten Schutzgelder. Sie verhielten sich, kurz gesagt, so piratisch wie Piraten.

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oder Clanältesten wird von der geballten Armadamacht nicht anerkannt, für die nur Staaten als Souveräne gelten, obwohl in Somalia kein Staat mehr existiert. Die Armada, die gegen die somalische Piraterie aufgefahren wurde, ist, so wird tagtäglich gemeldet, im Auftrag der Allgemeinheit unterwegs; zwar bereichern sich weder Politiker, die Einsatzbefehle unterzeichnen, noch die Crews der Kriegsschiffe privat, aber die Kriegsschiffe sollen, was gern unerwähnt bleibt, dafür sorgen, dass andere (Schiffseigentümer, Aktionäre, Reedereien, Versicherungen, Kaufleute und die Eigentümer transportierter Waren) dies auf Kosten der Ausgebeuteten weiterhin in Ruhe tun können.
3.2 RECHTSETZENDE GEWALT
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PLÜNDERMENTALITÄTEN

Meer, sondern ausgeübt. Seeplünderer gebrauchten Maritime Gewalt wurde lange Zeit nicht auf dem Transportmittel,an Land schnell an FrüheZielküste brachte und nach Schiffe wie Nomaden Pferde oder Kamele: als das sie eine einem Überfall die sichere Flucht garantierte. Wie der Wind glitten sie übers Meer, wie Steppenreiter 214 schlugen sie überraschend zu und zogen sich blitzartig zurück. Frühe Staaten, in denen Sesshafte ausgebeutet wurden, waren von Grenzzonen umgeben, die an Wüsten, Steppen, Bergregionen, unzugängliche Gebiete und Meere – „glatte Räume“ (Deleuze/Guattari 1986, 61) – grenzten. Wo eine rein sesshafte Lebensweise mit hoher Bevölkerungsdichte nicht möglich war, blieben die Menschen mobil 215, organisierten sich primär egalitär (jedenfalls die Männer) in Verwandtschaftsgruppen und lebten im Vergleich zu sesshaften Bauern besser 216 – aber schlechter als staatliche Eliten und die neue Aristokratie, bei denen sich das agrarische Mehrprodukt aus der Ausbeutung von Bauern konzentrierte. Zweifellos übten dieses Reichtumsgefälle und die Leichtigkeit, mit der Bauern217 ausgeraubt werden konnten, einen gewissen Reiz auf mobile Plünderer aus. In Staaten wurde die Ausübung von Gewalt (zunehmend) formalisiert und gesetzlich geregelt, wodurch sich das Kontinuum möglicher Gewaltformen in legale, illegale und ungeregelte Gewalt aufspaltete; in ¸staatenlosen„ (mobilen) Gruppen wurde Gewalt sozial akzeptiert, wenn sie sich mit der Tradition vereinbaren ließ 218. Darin ähneln nomadische und nomadophile Gruppen den sogenannten „primitiven Gesellschaften“ (Clastres 2008, 28), in denen keine Klassen, keine institutionalisierte Ausbeutung und keine gesellschaftlichen Machtorgane existierten. Kriege, eher PZs denn moderne Kriege, verhinderten die Entstehung großer und garantierten das Fortdauern kleiner, egalitärer Gemeinschaften. „In ihrer Eigenschaft, Gesellschaftfür-den-Krieg zu sein, ist die primitive Gesellschaft eine Gesellschaft-gegen-den-Staat“ (Clastres 2008, 80). In einigen Gemeinschaften entwickelte sich aus der permanenten Kriegsbereitschaft eine Kriegermentalität. Da Anführer (wie Geronimo) nur im Krieg über Befehlsgewalt verfügten und Kriege und PZs die besten Gelegenheiten boten, Ruhm und Ehre anzuhäufen, probierten mutige Charismatiker hin und wieder, ihre Stellung in einem permanenten Kriegszustand219 zu festigen und ruhm214

„Was anders sind Reiche, wenn ihnen Gerechtigkeit fehlt, als große Räuberbanden? Sind doch auch Räuberbanden nichts anders als kleine Reiche. Auch da ist eine Schar von Menschen, die unter dem Befehl eines Anführers steht, sich durch Verabredung zu einer Gemeinschaft zusammenschließt und nach fester Übereinkunft die Beute teilt. Wenn dies üble Gebilde durch den Zuzug verkommener Menschen so ins Große wächst, dass Ortschaften besetzt, Niederlassungen gegründet, Städte erobert, Völker unterworfen werden, nimmt es ohne weiteres den Namen Reich an, den ihm offenkundig nicht etwa hingeschwundene Habgier, sondern erlangte Straflosigkeit erwirbt“ (Augustinus: Gottesstaat)

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Im Arabischen wird für das Reiten eines Kamels das gleiche Verb wie fürs Segeln eines Schiffes benutzt – woraus manchmal abgeleitet wird, muslimische Araber hätten die Wüste und das Meer metaphorisch gleichgesetzt: es gab auf dem Meer „wie in der arabischen Wüste die weit verbreitete Praxis von Plünderzügen“ (Steinberg 2001, 49). – 1878 brachten Beduinen ein Schiff, auf dem sie reisten (ein eigenes besaßen sie nicht), in ihre Gewalt und unternahmen auf dem Persischen Golf einen kleinen MPZ: sie tauschten buchstäblich ihre Kamele gegen ein Schiff ein, bevor sie mit ihrer Beute wieder in die Wüste zurückkehrten. Dafür gibt es „zahlreiche Beispiele“ (Davies 1997, 265). Man „kann annehmen, dass im Nahen Osten im dritten und zweiten Jahrtausend v.u.Z. Viehhaltung durch Hirten und halbnomadischer Pastoralismus existierten, aber auf keinen Fall gab es echten Nomadismus“ (Khazanov 1994, 99). Echte Nomaden betraten erst am Ende der Bronzezeit die sandigen und grasigen Bühnen der Weltgeschichte; antike Autoren bezeichneten sie „als ‚Milchtrinker„ und ‚Stutenmelker„“ (Khazanov 1994, 94). Die Mechanismen, die zur Errichtung zentralisierter, hierarchischer Gemeinwesen (Staaten) führten, sind umstritten (ebenso unklar ist, was einen Staat überhaupt ausmacht). Die ersten Staaten waren Oasen im Meer andersartiger Gesellschaften. Bauern arbeiteten länger als Halbnomaden, Pastoralisten, Jäger und Sammler, waren oft schlechter ernährt, „litten außerdem an gefährlicheren Krankheiten und starben im Durchschnitt früher“ (Diamond 1994, 117). Die Herausbildung des Staates ging mit einer zunehmenden Arbeitsteilung einher: Bauern sollten ihr Land bestellen, beschützt wurden sie von Soldaten oder ihren ¸Herren„. Eine solche Arbeitsteilung existierte in mobilen Gruppen nicht; bei den Nomaden war „jeder Mann nicht bloß ein Hirte, sondern auch ein Barde, ein Redner, ein Soldat, ein Historiker, ein Senator und ein Minnesänger“ (Khazanov 1994, XI). Bei den arabischen Beduinen (Wüstennomaden) wie bei den Nomaden Somalias existierte für Gewalt zwischen Stämmen, CFs, Clans und SCs eine Art Ehrenkodex oder ein traditionelles Recht (in Somalia das heer), das Frauen, Kinder, Schwache, Kranke, Alte und Gefangene vor Gewalt schützte; zudem unterschied man zwischen ¸ehrenvollen„ PZs und bloßem Diebstahl (Raub ohne Rückendeckung des Clans oder Stamms). Gewalt gegen Außenstehende – Bauern, Sesshafte, Reisende, Karawanen und Eindringlinge – unterlag hingegen selten rechtlichen oder moralischen Einschränkungen. Krieger zu werden war eine freiwillige Wahl oder eine Berufung, aber keine Pflicht. Viele Männer lehnten den permanenten Krieg ab, da sie nicht zu Unrecht befürchteten, die Dynamik der Kriegermentalität würde zu einem frühen Tod führen: tollkühne Männer, die um des Ruhmes willen ihr Leben fortdauernd aufs Spiel setzten, lebten nicht lange. Achilles hatte die Wahl, berühmt zu werden und

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süchtige Männer um sich zu scharen; dann führte nicht die Gesamtheit aller Männer hin und wieder Krieg, sondern „eine Minderheit von Männern ständig“ (Clastres 2008, 86). Von heute aus gesehen läge es nahe, Seeplünderern und Nomaden auf PZs und MPZs private Motive zu unterstellen, während in Staaten zwischen privater Bereicherung und offizieller (‚gerechter„) Gewalt unterschieden wurde. In ¸staatenlosen„ Gruppen und Verbänden existierten jedoch keine privaten und öffentlichen Sphären, die auch nur entfernte Ähnlichkeiten mit ‚staatlichen„ und modernen Vorstellungen vom privaten und öffentlichen Sektor aufwiesen. ¸Informelle„ Plünderer galten in ihrer Heimat nicht als Außenseiter, sondern handelten im Einklang mit ihren Sitten, Gebräuchen und Gesetzen: ihre (M)PZs waren weder private noch öffentliche Unternehmungen, sondern beides zugleich. Ein staatlicher Krieg hingegen galt als öffentliche Angelegenheit, Privatgewalt gehörte einer anderen Sphäre an, aber „hier gab es mannigfache Übergänge“ (Wiemer 2002, 112), denn auch Staatskriege wurden als PZs geführt. Die Kriegsführung zentralisierter Reiche mit hierarchisch aufgebauten Armeen lässt sich mit der von kleinen, mobilen Gemeinschaften ausgeübten Gewalt nicht zur Deckung bringen. In einer auf Gehorsam beruhenden Befehlsstruktur fand die Kriegermentalität keinen Platz220, und nicht-staatliche Kriegsmaschinen standen dem Militär eines Staatsapparats unversöhnlich und verständnislos gegenüber. Staaten formalisierten das Recht, die Ausübung von Gewalt und die Ausbeutung Vieler durch Wenige. Jede Form von Gewalt, die sich gegen den Staat und die von ihm tolerierte Ausbeutung richtete, wurde ¸informalisiert„, illegalisiert, umgedeutet und aus der Überlieferung gelöscht, was im „Triumphzug, der die heute Herrschenden über die dahinführt, die heute am Boden liegen“ (Benjamin 2010, 73), gefeiert wird. Schon in den ersten großen Zivilisationen galten Menschen, die zum Plündern die Grenzen zwischen der Welt ausgebeuteter Bauern und der ‚unzivilisierten„ Wildnis überschritten, als Piraten, Räuber und Banditen. Als die Römer zwischen ehrbaren und ehrlosen Feinden unterschieden, machten sie vor, wie die ¸Informalisierung„ von Gegnern funktioniert. Bis heute werden die MPZs von Wikingern, Goten, Vandalen und muslimischen gāzîs als Piraterie verhandelt, während die Grausamkeiten der Römer und vieler anderer zum Stoff der richtigen Geschichte gehören, denn sie schlachteten ihre Gegner ab und versklavten sie, ohne gegen Gesetze zu verstoßen. Da die Sichtweise der Mächtigen überliefert wurde221, herrscht bei der Schilderung früher PZs, MPZs, Grenzauseinandersetzungen und aus der Kriegermentalität resultierenden Kampfformen ein pejorativer Unterton vor, der (oft) in schieres Unverständnis oder (selten) in wehmütige Romantisierung umschlägt. Die meisten Küstengemeinschaften waren dem Zugriff sesshafter Staatseliten entzogen. See- wie landeinwärts waren sie wie isoliert: das offene Meer verband sie zwar mit anderen Küsten, wirkte aber wie eine Barriere gegen Eroberungsversuche, bergiges und unwirtliches Terrain schnitt sie oft von ihrem Hinterland ab, und es gab wenig, dass dazu verlockte, sie in ein Landreich einzugliedern. Küstenbewohner gehörten einer Zwischenwelt an: sie waren sesshaft und auf dem Meer mobil; wo die Technologie es erlaubte, seegängige Schiffe zu bauen, erleichterten MPZs die Erschwernisse des Alltags. An einigen Küsten, die vom Schicksal begünstigt wurden, verlegten sich die Bewohner auf die Produktion begehrter Waren und den Seehandel, wenn es ihnen gelang, Staatseliten in Austauschbeziehungen zu verwickeln. Meisterten periphere Küstenorte die doppelte Zangenbewegung, die sie zu zermalmen drohte: seewärtige Plünderangriffe und Vereinnahmungsversuche von Landreichen – konnten sie zu Emporien aufsteigen, andere Küsten und Häfen dominieren und ihrerseits lokale Staaten oder maritime Reiche ausbilden. Landreiche induzierten somit nicht nur Grenzzonen zwischen ¸staatenlosen„, mobilen Gemeinschaften und hierarchisch-rechtlich organisierten Staaten, sondern stießen auch an ihrer maritimen Peripherie komplexe Entwicklungen an, die zu einem maritimen Wohlstandsgefälle führten: zu (relativ) reichen Küstenemporien, bitterarmen Küsten und Hochburgen von Seeplünderern, die an reicheren Küsten Schätze und begehrte Waren raubten, an ärmeren Sklaven oder Rohstoffe. In maritimen Emporien reproduzierte sich die gesellschaftliche Ordnung benachbarter Landreiche (manchmal ‚demokratisch„ abgemildert), Privatplündern wurde delegitimiert. Die ärmsten Küsten blieben ¸staatenlos„ und (nahezu) immobil, da für
jung im Kampf zu sterben oder lange, aber ruhmlos zu leben; Homer führte die Alternative nur ein, um zu zeigen, wie bindend der Kriegerkodex für jene ist, die sich ihm unterwerfen. Während das ‚ungezügelte„ Plündern in eine rechtlose Zone abgedrängt (aber niemals ausgerottet) wurde, ergaben sich in kämpfenden Verbänden Spannungen zwischen dem disziplinierten und ‚unpersönlichen„ Charakter einer hierarchischen Kampfmaschinerie und dem Bedürfnis Einzelner, Ruhm, Ehre und Beute zu erlangen. Alexander der Große, Richard Löwenherz und viele andere kämpften in den vordersten Reihen, um ihr ‚Fußvolk„ anzufeuern und ein Beispiel zu geben, der Kult um die Ritterlichkeit im europäischen Mittelalter verweist auf ein langes Nachleben der Kriegermentalität, und der kulturindustrielle Hype um einsame Actionhelden á la Bruce Willis und James Bond ist nichts anderes als ein nostalgisch verklärter Abgesang auf die uralte Kriegermentalität. Der Sieg über die Nomaden und ihre mobilen Vorfahren „war derart vollständig, dass die Geschichte mit dem Triumph des Staates ineins fällt“ (Deleuze/Guattari 1986, 71); die „Geschichte der Völker, die eine Geschichte haben, ist, wie es heißt, die Geschichte des Klassenkampfs. Die Geschichte der Völker ohne Geschichte ist, wie man mit mindestens ebenso großer Wahrheit sagen kann, die Geschichte ihres Kampfes gegen den Staat“ (Clastres 1976, 209). Versuche, Auseinandersetzungen zwischen Sesshaften und mobilen Gruppen zu rekonstruieren, sind – unbewusst oder gewollt – parteiisch gefärbt. Der westliche Nationalstaat als vorgeblicher Endpunkt der politischen Entwicklung der Menschheit dient in der Regel als Vergleichsmodell. Man tut so, als hätte der Hegelsche Weltgeist in Mesopotamien das Licht der Welt erblickt, und dann sei der Staffelstab der Zivilisation nacheinander an verschiedene Reiche, Staaten und Regionen übergeben worden, bis der Westen, der Schlussläufer, wie vor ein paar Jahren behauptet wurde, die Ziellinie überquerte. Das ist natürlich Unsinn; nähme man Somalia als Modell für historische Vergleiche, sähe die Geschichtsschreibung ganz anders aus. Auch im historischen Materialismus – und erst recht in seinen vulgärdogmatischen Abarten – finden mobile Gemeinschaften und Nomaden keinen Platz, da sie in kein Muster dialektischer Gesellschaftsentwicklung zu pressen sind.

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den Seehandel und MPZs ein gewisses Mehrprodukt notwendig ist 222. Zwischen den beiden Extremen entstanden maritime oder maritim ausgerichtete Gemeinschaften, in denen maritime Gewalt und Seehandel, ¸öffentliche„ und ¸private„ Unternehmungen zu einem Amalgam verschmolzen. Selten war die ganze Bevölkerung mobil: sesshafte – und unterdrückte – Bauern produzierten Nahrungsmittel, eine in sich relativ egalitäre Aristokratie eiferte einem kriegerischen Ideal nach und unternahm MPZs. Um die Unterscheidung zwischen privaten MPZs einer- und Krieg und gesetzlich geregelter Gewalt andererseits scherten sich maritime Plünderer ebenso wenig wie nomadische, nomadophile und mobile Gruppen und Verbände. Zwischen Küstengemeinschaften, für die MPZs zum Alltag gehörten, und (maritimen) Machtzentren, deren Handel sie störten, tat sich ein tiefer Graben auf; zwei „sich ausschließende Ansichten darüber, was legitime Gewalt ausmachte“ (Gabrielsen 2001, 227), prallten aufeinander223. Piraterie wurde in maritimen Machtzentren definiert, und diese Definition wurde Gemeinschaften, Verbänden, Gemeinwesen und machtlosen Staaten übergestülpt. Jene ‚Piraten„, die in der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts v.u.Z. Roms Vormarsch in den Osten im Weg standen und von Pompeius bekämpft wurden, akzeptierten das Recht Roms und seine Vorstellung nicht, wie ein souveränes Gemeinwesen auszusehen hätte, und beharrten auf ihrer traditionellen „Plündermentalität“ (Gabrielsen 2001, 219), die die Dualität von privat und öffentlich transzendierte und „mit römischen Ansichten über die Weltordnung unter römischer Hegemonie nicht zu vereinbaren war“ (Rubin 2006, 12). Hätte Pompeius damals eine Zeitmaschine betreten, und hätte diese ihn auf ein Armadaschiff vor der Küste Somalias transportiert, hätte er sofort erkannt, dass sich in bezug auf die Bekämpfung der ‚Piraterie„ in über 2.000 Jahren nicht viel verändert hatte.
3.3 (SOMALISCHE) PIRATEN „Im September 1628 sollte sich der Traum aller Piraten erfüllen. Denn in diesem Monat gelang es einem 51jährigen holländischen Kommander namens Pieter Pieterszoon Heyn (…), sich mit einer Expedition (…) unbemerkt der Nordküste Kubas zu nähern. Im Hafen von Matanzas trieben sie eine mit Schätzen aus Mexiko beladene Flotte in die Enge und brachten sie in ihren Besitz. Selbst nach Abzug der immensen Kosten (…) brachte die Beute Heyns bei seiner Rückkehr nach Holland einen Gewinn von mehr als sieben Millionen Gulden ein. Fünf Tage dauerte es, bis die etlichen Tausend mit Gold, Silber und Münzen gefüllten Kisten auf mehr als tausend Eselskarren geladen worden waren“ (David F. Marley).

maritimer Privatgewalt. Maritime Durch die Weltgeschichte mäandern viele vielfältige Strömungen informeller See- undwaren, solange Schiffe von Wind Gemeinschaften, Gemeinwesen mit maritimen Verbindungen und Küstenstaaten und Muskelkraft angetrieben wurden, in maritime Privatgewalt verwickelt, setzten sie für ihre Zwecke ein und denunzierten sie bei anderen. Die somalische Piraterie steht also in einer langen und breit ausgefächerten Tradition. Mit jenen Verästelungen, mit denen sie oft verglichen wird – schon allein durch die Reminiszenzen, die der Begriff Piraterie hervorruft –, hat sie jedoch wenig zu tun. Die Piraten des Goldenen Zeitalters, die einzigen, denen das Etikett denational mit einiger Berechtigung kollektiv angeheftet werden kann, stachen etwa von 1715 bis 1726 in See. Nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekriegs (1702-1713) ließ die Nachfrage nach Seearbeit dramatisch nach, die Crews vieler Kriegs- und Freibeuterschiffe wurden demobilisiert. Kurz boomte der friedliche Seehandel, brach aber um 1715 ein; Seeleute fanden keine Arbeit mehr, jene, die auf Handels- und Kriegsschiffen unterkamen, mussten mit um die Hälfte gekürzten Löhnen und gnadenlosen Arbeitsbedingungen Vorlieb nehmen, und Lizenzen zum Kapern224 wurden in Europa und in der Karibik vorerst nicht mehr ausgestellt. Um dem Elend zu entgehen, entschlossen sich insgesamt etwa 2000 Seeleute, als Piraten ihr Glück zu versuchen – fast ohne Ausnahme Angehörige „der untersten sozialen Klassen“ (Rediker 2004, 50), die sich dagegen wehrten, dass die „„Arbeit des Seemanns„ in eine ¸Ware„“ (Rediker 1993, 75) verwandelt wurde. Ein Jahrzehnt störten sie den atlantischen und karibischen Seehandel – allein Bartholomew Roberts Crew kaperte zwischen 1719 und 1722 mehr als 400 Schiffe, allen Piraten fielen knapp 2.500 Schiffe zum Opfer –, bis England, die neue Seemacht, durch Gesetzesverschärfungen und den Einsatz von Kriegsschiffen die atlantische Piraterie und die Piraten auslöschte. Die goldenen Piraten waren auf dem Meer zu Hause; es gab zwar Häfen, wo sie Beute verkauften, sich verproviantierten und feierten, aber keinen Ort, wo sie problemlos leben konnten. Obwohl mehrheitlich Englisch sprechende Seeleute unter dem Totenkopf segelten, bestand jede Piratencrew aus Menschen unterschiedlichster Herkunft. Die im Lösegeldgeschäft tätigen Korsaren der Barbareskenküste waren nominell Untertanen des osmanischen Reiches und immer mit einer Kaperlizenz unterwegs. Da sie sich als muslimischer Grenzkämpfer im See-jihād gegen die Ungläubigen ver222

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Ein Schiff ist nicht umsonst zu haben. Man braucht Holz, Werkzeuge und anderes Material, und während der Arbeitszeit müssen die Schiffbauer ernährt und versorgt werden. „Nach Schätzung eines Fachmanns brauchten zwölf Zimmerleute, angeleitet von einem Schiffsbauer, sechs Monate, um eine bronzezeitliche Galeere zu bauen“ (Strauss 2008, 45). Ein großes einbaumartiges Boot zum Plündern auf dem Schwarzen Meer stellten 60 Kosaken um 1600 in zwei Wochen her. Jede Seemacht wandte während ihres Aufstiegs jene informellen Mittel an, die sie später ins Reich der Illegalität abdrängte, was die Analyse maritimer Privatgewalt nicht erleichtert. Ähnliches gilt für die heutigen Nationalstaaten Europas. „Im königlichen Dienst wurde von Soldaten und Seeleuten oft erwartet, dass sie für sich selbst sorgten, indem sie die zivile Bevölkerung ausraubten“ (Tilly 1985, 173) – Tilly betont, dass Staaten am Anfang ihrer Karriere in etwa das taten, was sie heute dem organisierten Verbrechen vorwerfen. Maritime Privatgewalt verschwand zwar nicht vom Meer, wie sich in den weiteren Kriegen des 18. Jahrhunderts zeigen sollte, aber sie wurde bürokratisiert und der Kontrolle des Staates unterworfen. Die europäischen Staaten achteten zunehmend darauf, Piraterie und souveräne Gewalt voneinander zu unterscheiden.

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standen, überfielen sie vorwiegend christliche Schiffe und Küsten. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts schlossen die Barbareskenstädte mit europäischen Mächten (außer Spanien) Friedensverträge, wodurch sie als völkerrechtliche Subjekte anerkannt und potentielle Kaperziele eingeschränkt wurden; allerdings ließen sich die Korsarenrepubliken für Unterschriften unter Verträge bezahlen (oder kassierten, prosaischer ausgedrückt, Schutzgelder). Niemals befanden sie sich mit allen Christen im Frieden, so dass stets legitime Prisen übers Meer segelten, und bestehende Friedensverträge wurden wiederholt gekündigt und neu ausgehandelt. Die christlichen Mächte konnten sich zu keiner kollektiven Aktion gegen die muslimischen Korsaren durchringen; da sie um den mediterranen Seehandel und um die Hegemonie in Europa konkurrierten, stand die Erwägung im Vordergrund, die je anderen würden durch die Barbareskenkorsaren mehr geschädigt als sie selbst. Offensichtlich weist die somalische Piraterie wenig Ähnlichkeiten mit den goldenen Piraten oder den Barbareskenkorsaren auf. Weder kooperieren somalische Piraten mit einer Regierung, die ihnen offiziell das Kapern erlaubt, noch sind die Meere ihre Heimat oder ihre Schiffe ihr Lebensmittelpunkt. Einen jihād führen sie nicht, und sie haben keinem Staat den Krieg erklärt. Sucht man nach Analogien, muss man weit in die Vergangenheit reisen. Antike Seemächte wie Athen trennten zwischen offizieller und privater Gewalt, die im Binnenverhältnis gesetzlichen Regeln unterworfen und im Außenverhältnis verboten (delegitimiert) war. Gemeinwesen ihrer Peripherie kannten den Unterschied zwischen Krieg und privater Seegewalt nicht; sie hatten keine staatlichen Strukturen hervorgebracht und plünderten Schiffe und Küstenorte aus, weil sie, wie sie meinten, ein ‚traditionelles Recht„ dazu hätten. Für die Opfer von Seegewalt machte es keinen Unterschied, ob sie von offiziellen Kriegs- oder informellen Plünderschiffen drangsaliert wurden225, aber die Ideologen der Seereiche und ihre Apologeten aus der Historikerzunft führten eine sonderbare Differenzierung226 ein, auf die sich Staaten bis heute berufen: jedes Schiff, das Seegewalt ausübte, ohne über einen offiziellen Status oder die Legitimation einer Regierung zu verfügen, galt als Piratenschiff, wobei die Seereiche nach Maßgabe ihrer gesellschaftlichen Struktur und Gesetze bestimmten, was eine Regierung und was ein offizieller Status war. Nachdem Rom Karthago, das griechische Festland und Spanien unterworfen hatte, schlossen sich peripheren Küstengemeinschaften Flüchtlinge, Exilanten, Kriegsopfer und Feinde Roms an, wodurch die Plündermentalität einen dezidiert antirömischen Charakter annahm. Sie wurde bis zum Zeitpunkt, als Rom alle Küsten des Mittelmeers besetzt hatte, durch Rechtsordnungen und Diskurse ins Abseits verbannt und kriminalisiert, obwohl es sich im Kern um eine politische Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Gesellschaften handelte. Die einen unternahmen MPZs und organisierten sich ohne Staat, die anderen führten Kriege, intensivierten die Ausbeutung im Inneren, externalisierten sie und setzten den Standard fest, welche Gewalt legal 227 war und welche nicht. Somalia ist in Bezirke, Regionen, Milizgebiete und Clanterritorien zerfallen, die nach den Maßstäben eines Nationalstaats informell regiert werden, wobei der Grad an Informalität von Region zu Region schwankt. Die piratischen Küstendörfer Puntlands regieren sich faktisch selbst, der Einfluss der TFG und der Regierung Puntlands ist schwach und kaum zu spüren. Somalische Piraten fühlen sich im Recht, wenn sie Lösegelder für gekaperte Schiffe einfordern; für die Weltgemeinschaft gelten sie als Verbrecher, die sich nicht an Gesetze halten. Ausgestoßene und Gejagte sind sie nur für jene, deren Schiffe sie kapern; zu Hause begegnet man ihnen meist nicht nur mit heimlicher, sondern mit offener Sympathie. Ein Somali schließt sich den Piraten an, um Geld zu verdienen. Viele junge Somalis, die nichts anderes als den Gebrauch ihrer Waffe erlernt haben, finden bei ihnen ein Auskommen, und im übrigen wäre jede andere Arbeit, mit der sie Geld verdienen könnten, kaum weniger informell. Obwohl die somalischen Piraten in einer langen maritimen Plündertradition stehen, gehört ihr Arbeitsalltag eher in eine Reihe mit informellen Arbeitsformen, in denen insbesondere in ¸schwachen„ Staaten viele Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen. Diese Informalisierung der Ökonomie, die weltweit auf dem Vormarsch ist, weil klassische Nationalstaaten immer weniger dazu in der Lage sind, die kapitalistische Ausbeutung so weit zu regulieren, dass die Ausgebeuteten zumindest formal abgesichert arbeiten oder überhaupt noch offizielle Arbeit finden, ist in Somalia in Reinkultur zu beobachten. Die Piraterie ist ein Teil davon. Die somalischen Piraten sind informelle Arbeiter in einer deregulierten Ökonomie, die in mancherlei Hinsicht einem neoliberalen Paradies wie aus dem Gesicht geschnitten ist, in anderer jedoch auf ¸staatenlose„ Gemeinschaften verweist, in der die bürgerlichen Begriffe privat, öffentlich, informell und formal sinnlos geworden sind. Die somalische Piraterie beruht auf Veränderungen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse und den Verwerfungen, die sie weltweit produziert haben; sie wurde möglich, weil Staaten ihre (idealtypische) Funktion nicht mehr erfüllen, während frühere Piraten davon profitierten, dass Staaten noch nicht funktionierten.
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In der Ilias und in der Odyssee werden (M)PZs so geschildert, als ob sie das Normalste von der Welt gewesen wären. Achilles, Agamemnon und Odysseus brüsteten sich mit (M)PZs, in den zehn Jahren der Belagerung Trojas verpflegten sich die Achäer durch (M)PZs in die Umgebung, und Odysseus schildert, wie er sich Ruhm, Ehre und Wohlstand erplünderte – von Seeräubern ist nur dann die Rede, wenn es nicht um Taten der Helden geht. Wenn ein deutscher Bundeswehroffizier einen Bombenangriff auf afghanische Zivilisten befiehlt, bei dem zweihundert Afghanen (Männer, Frauen und Kinder) ums Leben kommen, gilt das weder als Kriegsverbrechen (zumal in Afghanistan ja völkerrechtlich gar kein Krieg geführt wird) noch als Mord; die Verantwortlichen für ein solches Massaker kommen straffrei davon und werden von ihren Vorgesetzten sogar für ihre ‚Pflichterfüllung„ gelobt. Somalische Piraten, die einen Frachter versenken, würden dagegen sofort als Kriminelle, Kriegsverbrecher oder Terroristen bezeichnet und entsprechend verfolgt. Von den Reichtümern, die das römische Reich zwischen dem ersten Auftreten von Legionen auf dem Balkan und der vollständigen Eroberung des östlichen Mittelmeerraums aus dem Osten ins Zentrum nach Rom transferierte, konnten Seeplünderer nur träumen.

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Was vor der Küste Somalias passiert, ist nur die Spitze eines weltumspannenden Eisbergs. Nicht nur an ¸exotischen„ und entfernten Orten wie Somalia nimmt die Informalisierung der Arbeit zu; vielerorts bricht der formelle Sektor in sich zusammen oder wird geschwächt, und nahezu überall werden staatliche Aufgaben privatisiert. Selbst wenn es der Armada gelänge, die somalische Piraterie einzudämmen oder auszulöschen, bliebe das Grundproblem bestehen: wo der informelle Sektor den formellen in den Schatten stellt, sind ähnliche Geschäftsmodelle wie die somalische Piraterie möglich228 und wahrscheinlich. Vor einem echten Problem stünde die kapitalistische Welt jedoch erst, wenn sich die somalischen Piraten (und andere, nicht nur informelle Arbeiter und Arbeiterinnen) kollektiv organisieren und ihre Geschäftsmodelle mit einer politischen Agenda verknüpfen.
ABKÜRZUNGEN
ADS AIAI AK ARPCT ARS ARS-A ARS-D ASWJ AU aWZ CF(s) dpG(s) EIC EUNAVFOR FFL(s) FV GPS GSG HAS HI HSMS IISS IMB IRTC IUU(s) IWF JVA KSK MPZ(s) MV NGO(s) NVCG OAU PAGs PG PZ(s) RPG RRA SAFS SC(s) SEK SJL SNF SNM SPM SRC SRRC SRSP SRÜ SSDF TFG TNG
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Active Denying System al-ittihad al-islam Awtomat Kalaschnikowa (russisches Sturmgewehr) Allianz zur Erneuerung des Friedens und für Gegenterrorismus Allianz zur Wiederbefreiung Somalias Allianz zur Wiederbefreiung Somalias – Asmara (¸radikal‟) Allianz zur Wiederbefreiung Somalias – Djibouti (¸gemäßigt‟) ahlu sunna wal jama„a Afrikanische Union ausschließliche Wirtschaftszone Clanfamilie(n) dia-paying-Gruppe(n) Britische Ostindienkompanie European Union Naval Force Fischfanglizenz(en) Fishing Vessel General Positioning System Grenzschutzgruppe harakat al-shabaab, ab etwa 2008 harakat al-shabaab al-mudjâheddin hizbul islam Hart Security Maritime Services International Institute for Strategic Studies International Maritime Bureau International Recommended Transit Corridor illegal, unreported, unregulated (Raubfischer) Internationaler Währungsfonds Juba-Tal Allianz Kommando Spezialkräfte (der Bundeswehr) maritime(r) Plünderzu(ü)g(e) Motor Vessel Nicht-Regierungs-Organisation(en) National Volunteer Coast Guard Organisation afrikanischer Einheit pirate action group(s) Piratengruppe Plünderzu(ü)g(e) Rocket Propelled Grenade (Panzerfaust) Widerstandsarmee der Reewin (Rahanweyn) Demokratische Aktionsfront Somalias Subclan(s) Sondereinsatzkommando Somalische Jugendliga Nationale Front Somalias Nationale Bewegung Somalias Patriotische Bewegung Somalias Oberster (somalischer) Revolutionsrat Rat zur Versöhnung und Rehabilitation Somalias Revolutionäre sozialistische Partei Somalias Seerechtsübereinkommen (der UN) Demokratische Front zur Errettung Somalias Föderale Übergangsregierung (Somalias Nationale Übergangsregierung (Somalias)

Ostern 2011 warnte etwa der äthiopische Präsident Menes Zelawi in einem Interview, dass die anhaltenden Proteste im Jemen gegen die Regierung zu ähnlichen Strukturen wie in Somalia führen könnten. „Die Menschen im Jemen sind als gute Seefahrer bekannt (…). Wenn dieser Staat zusammenbricht und all diese Seeleute zu Piraten werden, dann wird es äußerst bedrohlich“ (zit. n. Perras 2011). – Auch in Nigeria, rund um die Mündung des Niger, finden seit einigen Jahren vermehrt piratische Überfälle auf Schiffe statt, die Ölbohrplattformen vor der Küste versorgen. Ähnlich wie in Somalia ist der Einfluss der nigerianischen Regierung auf einige Gebiete an der Niger-Mündung nahezu vernachlässigbar gering.

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UIC UNISOM UNITAF USC VAE VDR VLCC WFP WSLF ZMZ

Union islamischer Gerichtshöfe United Nations Operations in Somalia United Nations Task Force Vereinter Somalischer Kongress Vereinigte Arabische Emirate Verband deutscher Reeder Very Large Crude Carrier Welternährungsprogramm Befreiungsfront für Westsomalia Zwölfmeilenzone

LITERATURVERZEICHNIS
Den besten Überblick über die somalische Piraterie bieten Bahadur (2011), Murphy (2011) und Hansen (2009); tägliche Nachrichten aus Somalia sind auf http://allafrica.com/somalia/ zu finden.
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