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Niklas Bender / Steffen Schneider (Hrsg.)

Objektivität und literarische Objektivierung seit 1750

Niklas Bender / Steffen Schneider (Hrsg.) Objektivität und literarische Objektivierung seit 1750
Niklas Bender / Steffen Schneider (Hrsg.) Objektivität und literarische Objektivierung seit 1750

Objektivität und literarische Objektivierung seit 1750

edition lendemains

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herausgegeben von Wolfgang Asholt (Osnabrück) und Hans Manfred Bock (Kassel)

Niklas Bender / Steffen Schneider (Hrsg.)

Objektivität und literarische Objektivierung seit 1750

Niklas Bender / Steffen Schneider (Hrsg.) Objektivität und literarische Objektivierung seit 1750

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbi- bliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Die Herausgeber danken Frau Prof. Dr. Maria Moog-Grünewald und dem Universitätsbund Tübingen e.V. der Eberhard Karls Universität Tübingen für ihre äußerst großzügige Unterstüt- zung bei der Finanzierung des vorliegenden Bandes.

© 2010 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen

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Internet: http://www.narr.de E-Mail: info@narr.de

Printed in Germany

ISSN 1861-3934 ISBN 978-3-8233-6583-9

Inhaltsverzeichnis

Niklas Bender/Steffen Schneider Einleitung

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I. VOR DER OBJEKTIVITÄT

Torsten König Transsubjektives Wissen in Naturgeschichte und Ästhetik des 18. Jahrhunderts – Buffon und Diderot

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Konstanze Baron Moral und/als Fiktion:

Zur Objektivierung des moralischen Urteils in Diderots Erzählungen

31

II. WISSENSCHAFTLICHE OBJEKTIVITÄT

Henning S. Hufnagel Entsubjektivierung und Objektivierungsstrategien in der Lyrik der Parnassiens

53

Niklas Bender Die Objektivität der modernen Lyrik (Baudelaire, Rimbaud, Mallarmé)

73

Steffen Schneider Enzyklopädie, wissenschaftliche Beobachtung, Beschreibung:

Drei Formen von Objektivität und ihre ironische Vermittlung in Jules Vernes Romanen De la Terre à la Lune und Autour de la Lune

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Georges Felten Ces obscurs objets du désir

Inszenierung und Infragestellung

mechanischer Objektivität bei Peter Weiss und Alain Robbe-Grillet

121

III. ONTOLOGISCHE OBJEKTIVITÄT

Jan Söffner Der Mensch ohne Objekte und der objektive Zufall Weltoffenheit in Bretons Nadja

139

Maria Moog-Grünewald Vom ‚objet‘ zum ‚objeu‘ Anmerkungen zur objektiven Poiesis Francis Ponges

159

Katharina Münchberg Kindheit und Sprache in Elsa Morantes La Storia

169

6

Inhaltsverzeichnis

IV. OBJEKTIVITÄT ZWEITER ORDNUNG

Barbara Ventarola „fantástico pero no sobrenatural“ Irrealisierung und Objektivität bei Jorge Luis Borges

181

Markus Messling Der ‚Tod‘ des Autors und die Willkür des Lesers Objektivierungsstrategien bei Roland Barthes

207

Veronika Thiel Von der Selbstzensur zur Selbstbehauptung Repräsentationskrise und narrative Objektivierungsstrategien in Le Temps de Tamango von Boubacar Boris Diop

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Niklas Bender und Steffen Schneider

Einleitung

Der Begriff der Objektivität besitzt eine Kernfunktion für Wissens- und Er- kenntnisformen, von denen die Literatur seit dem Beginn poetologischer Re- flexion – im Abendland also seit Platon – stets abgegrenzt wurde: die Geschichtsschreibung etwa, die Rechtsprechung oder die Naturwissen- schaften kommen ohne die Referenz auf eine transsubjektiv verbindliche Wirklichkeit nicht aus. Literatur wird dagegen auf Wahrscheinlichkeiten und das Spiel mit ihnen festgelegt – auf eine Wirklichkeit, wie sie sein könnte oder sein soll, wie sie subjektiv erlebt, erinnert und imaginiert wird, auf ihre eigene Wirklichkeit schließlich, die sie autopoetisch erzeugt und reflektiert. Zwar kann man sagen, dass auch Wahrscheinlichkeit ein Element von Verbindlichkeit enthält – ‚wahrscheinlich‘ ist, was innerhalb einer bestimmten Gesellschaft als plausibel, also möglich, erscheint – aber sie besitzt doch nicht dasselbe Maß an verpflichtender Kraft, das dem Terminus der ‚Objektivität‘ innewohnt. Die ästhetisch-poetologischen Begriffe der Subjektivität, der Fiktionalität, der Autoreferentialität, des Spiels implizieren alle einen individuellen Freiraum der Leserinnen und Leser, deren Reaktion auf das Gelesene nicht festgelegt werden kann und deren Interpretationen so vielfältig sind wie ihre Lektüren. Es liegt sicher an der angedeuteten Tradition poetologischer Reflektion, dass Objektivität in der Literaturwissenschaft nicht sehr prominent ist. 1 Im Gegenteil, gerade in den vergangenen Jahrzehnten waren es das Paradigma der Subjektivität, das nicht zuletzt in der Rezeptionsästhetik Konstanzer Prägung vorherrschte, sowie die postmoderne Präferenz für Beliebigkeit, die ein Nachdenken über Objektivität verhinderte. Auch und gerade weil diese beiden Paradigmen heutzutage (zu Recht) hinterfragt werden, schien es den Herausgebern dieses Bandes an der Zeit, das vernachlässigte Thema ‚Objek- tivität‘ in den Blick zu nehmen. Dabei knüpfen sie an gegenwärtige Entwick- lungen der literaturtheoretischen Diskussion an: Es handelt sich einerseits um wissenschaftsgeschichtliche Ansätze und andererseits um postkoloniale Fragestellungen: Beide rekurrieren nämlich auf Objektivität – im ersten Fall, indem sie nach den unterschiedlichen Verwendungsweisen von Wissen in

1 Cf. Norbert Christian Wolf: „Ästhetische Objektivität. Goethes und Flauberts Konzept des Stils“, in: Poetica. Zeitschrift für Sprach- und Literaturwissenschaft, 34/1, 2002, 125-169.

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Niklas Bender/Steffen Schneider

den Naturwissenschaften und der Literatur fragen, im zweiten, indem sie implizit oder explizit die Möglichkeit hervorheben, dass literarische Texte eine Form von kultureller Verbindlichkeit und Kohärenz erzeugen können. Es ist das Ziel der hier versammelten Beiträge, den in den untersuchten lite- rarischen Texten jeweils zu Grunde liegenden, expliziten oder impliziten Objektivitätsbegriff zu analysieren und seine Beziehung zur wissenschaft- lichen und wissenschaftstheoretischen Objektivitätsdiskussion zu erläutern. Ein weiteres zentrales Anliegen liegt in der historischen Profilierung, die dieses Vorgehen ermöglicht: Die Auseinandersetzung der Literatur mit ‚Objektivität‘ erweitert wie gesagt das Nachdenken über Fiktion über den Begriff des Wahrscheinlichen hinaus. Für diese Auseinandersetzung ist – wie gleich auszuführen sein wird – vor allem der Objektivitätsbegriff in seiner modernen Fassung relevant. Daher stellen die Texte dieses Bandes, so die Hoffnung der Herausgeber, zumindest im Ansatz heraus, welcher Art der Beitrag ist, den die Moderne zum Verständnis von Literatur, i.e. zur Einschätzung und Erweiterung ihrer Aussagefähigkeiten, geleistet hat.

Die Entscheidung, die Beziehungen zwischen Literatur und Objektivitäts- begriff zu untersuchen, brachte, wie soeben angedeutet, eine historische Begrenzung des Vorhabens mit sich: Kulturen sind zwar zu allen Zeiten auf gemeinschaftsstiftende und verbindliche Normen angewiesen; Objektivität aber ist kein Oberbegriff für Verbindlichkeit, sondern ein historischer Son- derfall; sie hat eine begrenzte und überschaubare Geschichte, die zunächst in aller Kürze skizziert sei. Das moderne Verständnis von Objektivität wurde von Alexander Gottlieb Baumgarten und Immanuel Kant geprägt. 2 Seit Baumgarten kann nämlich Objektivität als „Übereinstimmung mit der Sache unter Ausschaltung aller ‚Subjektivität‘, d.h. als Sachgemäßheit oder Gegenstandsorientiertheit“ bestimmt werden. 3 Nicht objektiv sind demnach subjektiv, also von persönlichen Stimmungen und Vorlieben, oder – schlim- mer noch – ideologisch gefärbte Urteile. Kant hat dem Begriff eine transzen- dentalphilosophische Wendung gegeben: Er behauptet also nicht mehr, dass ein Urteil der Sache an sich entspricht, denn das Ding an sich ist nach Kant dem Menschen nicht zugänglich; die Welt kann ja nur in den Kategorien des

2 Zur vormodernen Semantik des Begriffs sei nur festgehalten, dass sie der modernen fast diametral entgegengesetzt ist: In der Terminologie der scholastischen Philosophie, die ja bis in 18. Jahrhundert hinein wirksam war, ist ‚objektiv‘ seit Duns Scotus das, was dem Geist ein Objekt ist (‚objectum ut cogitatum‘ und daher ‚in mente‘). Cf. Eintrag „objektiv/Objektivität“ in: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, vier Bände, ed. Jürgen Mittelstraß, Mannheim/Wien/Zürich, Bibliographisches Institut, 1980-1996, Bd. II (H-O), 1052-1054, 1053.

3 Ibid.

Einleitung

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menschlichen Verstandes wahrgenommen werden. 4 Objektivität gibt es nach Kant gleichwohl, nämlich in dem Sinne, dass objektive Urteile allgemeine Gültigkeit haben – es handelt sich um den Unterschied zwischen Wahrnehmungs- und Erfahrungsurteilen:

Empirische Urteile, so fern sie objektive Gültigkeit haben, sind Erfahrungsurteile; die aber, so nur subjektiv gültig sind, nenne ich bloße Wahrnehmungsurteile. […] Die erstern aber erfordern jederzeit, über die Vorstellungen der sinnlichen Anschauung, noch besondere, im Verstande ursprünglich erzeugte Begriffe, welche es eben machen, daß das Erfahrungsurteil objektiv gü ltig ist. 5

Das Objekt bleibt an sich selbst immer unbekannt; wenn aber durch den Verstandesbegriff die Verknüpfung der Vorstellungen, die unsrer Sinnlichkeit von ihm gegeben sind, als allgemeingültig bestimmt wird, so wird der Gegenstand durch dieses Verhältnis bestimmt, und das Urteil ist objektiv. 6

Wichtig für die weitere Entwicklung ist, dass der Begriff bei Kant eine kriti- zistische – man könnte auch sagen: methodische – Wendung erhält; dadurch kommt ein zweiter, für die Moderne zentraler Aspekt des Objektivitäts- begriffs zum Tragen, nämlich Objektivität als Ergebnis eines bestimmten Verfahrens oder als Erfüllung bestimmter notwendiger Bedingungen. Innerhalb der Wissenschaftsgeschichte erhält Objektivität im Kantischen Sinne dann eine zugespitzte Bedeutung. Grundlegend für deren Verständnis ist die Untersuchung Objektivität von Lorraine Daston und Peter Galison. 7 Die Autoren stellen Kants Betonung von Verfahren auf den Boden wissen- schaftsgeschichtlicher Forschung und zeigen, dass sich die Naturwissen- schaftler des 19. Jahrhunderts dem Objektivitätsideal vollständig unter- warfen: Es handelt sich also nicht nur um einen abstrakten Wert, sondern um eine ‚epistemische Tugend‘, die ganz bestimmte Lebensweisen, Affekt- regulierungen, Techniken der Wissensgewinnung und -reproduktion erfor- derte. Viele der großen Naturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts verstan- den sich ganz bewusst als Heroen der Objektivität und wurden als solche sogar zu literarischen Helden, z.B. in den Texten Jules Vernes, während sich ein Großteil der Literaten und Ästheten dagegen der Pflege eines Subjek-

4 Trotz der transzendentalphilosophischen Wende bewahrt Kant die Bedeutung von ‚dem Objekt entsprechend‘ für den Begriff ‚objektiv‘: „[…] diese beiden Vorstellungen sind im Objekt, d.i. ohne Unterschied des Zustandes des Subjekts, verbunden, und nicht bloß in der Wahrnehmung (so oft sie auch wiederholt sein mag) beisammen.“ Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, in: ders.: Theorie-Werkausgabe, zwölf Bände, ed. Wilhelm Weischedel, Bd. III: Kritik der reinen Vernunft I, Frankfurt/M., Suhrkamp/Insel, 1956, Transzendentale Analytik, § 19, 143 (B 143).

5 Immanuel Kant: Prolegomena zu einer jeden zukünftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können, in: ders.: Theorie-Werkausgabe, Bd. V: Schriften zur Metaphysik und Logik I, 109-264, § 18, 163 (A 78).

6 Ibid., § 19, 164 (A 80).

7 Lorraine Daston/Peter Galison: Objektivität, aus dem Amerikanischen von Christa Krüger, Frankfurt/M., Suhrkamp, 2007.

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tivitätsideals widmeten. Ein Verdienst des Werks von Daston/Galison besteht darin, dass es ihnen gelingt, die Wandelbarkeit wissenschaftlicher Objektivität zu zeigen: Objektivität behält seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ungebrochen ihren hohen Wert für die Wissenschaften, aber sie bleibt sich nicht gleich, muss immer wieder neu und anders konzipiert und vor allem praktiziert werden. Versuchten die Pioniere der objektiven Naturwissen- schaften noch, die Natur unter Ausschaltung aller Subjektivität aufzuzeich- nen, wie sie war, ohne vorgängige Wahrnehmungsfilter, so führte dies schnell in Aporien: Ohne das geschulte Urteil von Wissenschaftlern ließen sich z.B. wertvolle Informationen gar nicht von nutzlosen trennen. Lässt man sich von dieser Studie anregen und befragt man die Literatur- geschichte danach, in welcher Weise die Literaten auf den Aufstieg der Objektivität reagieren, so zeigen sich durchaus gewisse Übereinstimmun- gen, aber auch charakteristische Differenzen 8 . Zunächst hat es den Anschein, dass die Autoren des 19. Jahrhunderts – die Parnassiens, Jules Verne, natürlich ein Autor wie Gustave Flaubert 9 aber auch, was überraschender sein dürfte, große Lyriker wie Charles Baudelaire – das neue Paradigma durchaus in mancher Hinsicht akzeptieren und es vor allem dazu einsetzen, um die Romantik hinter sich zu lassen. Hier erweist sich wissenschaftlich verstandene Objektivität als ein wesentliches Konzept in der Etablierung eines neuen Literaturverständnisses, das gerade in der Auslöschung von Subjektivität wurzelt 10 . Doch es zeigt sich bald auch, dass sich die Literatur auf die Suche nach einer eigenen Objektivitätskonzeption begibt. Insbesondere Autoren der klassischen Moderne und der Avantgarden (André Breton, Francis Ponge, Alain Robbe-Grillet, Peter Weiss) scheinen eher auf einer Objektivität der Dinge und einer dinglichen Evidenz der Sprache zu bestehen, welche die wissenschaftliche Objektivität geradezu zu unterminieren beginnt. Und schließlich verkomplizieren sich die Verhältnisse noch einmal, als sich in den avanciertesten Gebieten der Naturwissenschaft und der Erkenntnistheo-

8 Dass Daston/Gallison einen recht eingeschränkten Objektivitätsbegriff verwenden, der die geisteswissenschaftliche Geschichte des Konzepts kaum in den Blick nimmt, ist ein Mangel dieser interessanten Studie.

9 Dass Balzac, Flaubert und Zola in diesem Band nicht vertreten sind, liegt am Zufall der Themen- und Beiträgerverteilung; von zwei projektierten Flaubert-Beiträgen hat es keiner in den Band geschafft. Allerdings lässt sich die Verbindung auf Grund der evidenten Hinwendung dieser Autoren zu den exakten Wissenschaften recht leicht herstellen, so dass dieser Mangel (hoffentlich) zu verschmerzen ist.

10 So ein wesentlicher Aspekt des modernen Verständnisses von Objektivität. Vor allem dieses negative Verständnis – „Qualité de ce qui est exempt de partialité, de préjugés“ –, Objektivität als Gegenbegriff zu Subjektivität also, ist, Le Grand Robert zu Folge, der geläufige Sinn des französischen Begriffes „objectivité“ seit 1838 (der älteste hier gelieferte Nachweis im Französischen ist von 1801). Cf. Le Grand Robert de la langue française (Dictionnaire alphabétique et analogique de la langue française), sechs Bände, ed. Alain Rey, Paris, Dictionnaires le Robert, 2 2001, Bd. IV (Inco-Orga), 2043.

Einleitung

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rie die Einsicht durchsetzt, dass der Beobachterstandpunkt die Beobachtun- gen in irreduzibler Weise prägt – eine Einsicht, die zur Notwendigkeit führt, eine Objektivität zweiter Ordnung zu entwickeln. Aus dieser Perspektive beleuchtet, können einige Experimente der Literatur, die man gewöhnlich einer postmodernen ‚Beliebigkeit‘ zurechnet, viel eher als Versuch gelesen werden, zu einer der Komplexität gegenwärtiger Gesellschaften angemes- senen Form der Objektivität zu gelangen, die man als eine Objektivität zweiter Ordnung bestimmen könnte. Indem die Beiträgerinnen und Bei- träger dieses Bandes die Geschichte der Wechselwirkungen des wissen- schaftlichen und philosophischen Begriffs der Objektivität mit der Literatur nachzeichnen, geht es nicht nur um eine Frage der Rezeption von kulturel- len Entwicklungen durch literarische Texte. Vielmehr steht die Frage im Mittelpunkt, wie Literatur, in einer zweifellos unübersichtlichen Welt, eine gewisse Verbindlichkeit erreichen und durchsetzen kann bzw. deren Möglichkeit wenigstens im Modus der Fiktion zu reflektieren vermag. 11

Torsten Königs Beitrag setzt vor der Objektivität an: Er beschäftigt sich mit der Legitimation von überindividuell gültigem Wissen im 18. Jahrhundert am Beispiel von Buffon und Diderot, Vertretern zentraler Wissensbereiche der Zeit, nämlich der Naturgeschichte und der Theorie der Kunst bzw. des Schönen. Es wird gezeigt, dass für diese Zeit Objektivität als erkenntnistheo- retische Kategorie keine Rolle spielt und an deren Stelle andere epistemische Tugenden stehen; diese prägen die beiden untersuchten Wissensbereiche gleichermaßen. Mit ihrer zunehmenden Konzentration auf das Subjekt im Erkenntnisprozess erscheint die ästhetische Theorie als bestimmend für Entwicklungen, als deren Konsequenz sich die Objektivität etabliert. Konstanze Baron wendet sich Diderot als Erzähler zu: Ihr Beitrag unter- sucht die Verhandlung des moralischen Urteils in einer Reihe von Erzäh- lungen, die in den 1770er Jahren verfasst wurden, und thematisiert dabei die Rolle der Objektivität im Bereich der Ethik. Diderot vereint eine Kritik der Fiktion mit einer kritischen Philosophie; er verfolgt dabei das Ziel, die willkürliche (da subjektive) Natur jedes moralischen Urteils zu entlarven. Der Beitrag untersucht sowohl die narrativen Techniken dieser Kritik als auch die literarischen, philosophischen und ästhetischen Konsequenzen, die sich aus ihr ergeben. Zwar sucht Diderot der Moral eine objektive Basis zu geben, indem er ihren Ursprung direkt im menschlichen Charakter verortet. Dennoch kommt die Objektivität an ihre Grenze: Die Subjektivität der Erfahrung und des Urteils, die unvorhersehbare Weiterverarbeitung des Ge-

11 Hier berühren sich die Überlegungen dieses Bandes mit denen von Andreas Kablitz, der sich allerdings mit dem Problem historischer Objektivität befasst. Cf. Andreas Kablitz: „Geschichte? Tradition? Erinnerung? Wider die Subjektivierung der Geschich- te“, in: Geschichte und Gesellschaft, 32, 2006, 220-237.

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lesenen durch den aufgeklärten Leser sowie schließlich die Ironie beschrän- ken die Verbindlichkeit moralischer Überlegungen, so dass die Texte letzten Endes eine Oszillationsbewegung zwischen Subjektivität und Objektivität vollführen. Nach Diderot erfolgt ein doppelter Sprung, von der Prosa zur Lyrik und vom 18. in das 19. Jahrhundert: In Frontstellung zur Romantik streben die Parnassiens eine Erneuerung der Lyrik durch deren Entsubjektivierung an. Henning S. Hufnagels Beitrag zeigt, wie sie das Subjekt als Beglaubigungs- instanz für Wert und Wahrheit eines Gedichts ersetzen. Er arbeitet die Strategien heraus, mit denen die Parnassiens den lyrischen Diskurs zu objektivieren – u.a. durch die Inszenierung von Objektreferenz und -evidenz sowie die Integration von wissenschaftlich beglaubigten Wissensbeständen. Der Beitrag von Niklas Bender schließt an Hufnagels Reflexionen zum Thema Objektivität und Lyrik an. Einer weit verbreiteten Einschätzung zu Folge wird Lyrik entweder als die literarische Gattung der Subjektivität schlechthin oder aber als Ort rein sprachimmanenter Ästhetisierung begriffen. Dieser Beitrag hingegen versucht zu zeigen, dass Baudelaire, Rimbaud und Mallarmé, die drei Begründer der modernen Lyrik, sich gerade in ihrer Abwendung von einer romantisch geprägten Subjektivität wissenschaftlichen Modellen, Verfahren und Erkenntnissen öffnen; sie stehen folglich in überraschender Nähe zum zeitgenössischen Roman des Realismus und des Naturalismus. Wissenschaftlich verstandene Objektivität liefert, so der Schluss, einen (wenn auch nicht den einzigen) zentralen Schlüssel zum Verständnis der modernen Lyrik. Steffen Schneider hingegen wendet sich einem nur scheinbar evidenten Beispiel für die Darstellung wissenschaftlicher Objektivität in der Literatur zu: Dass das Konzept in Jules Vernes Voyages extraordinaires eine zentrale Rolle spielt, mag angesichts der Bedeutung der Wissenschaften für diesen Autor zunächst nicht überraschen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber, dass Verne souverän mit wissenschaftlicher Objektivität umgeht und ihr eine eigene Objektivität der Literatur gegenüberstellt. So lassen sich in seinen beiden Romanen De la Terre à la Lune und Autour de la Lune mehrere Formen von Objektivität nachweisen, die in einer spannungsvollen Bezie- hung zueinander stehen und sich gegenseitig erläutern. Vernes Texte inten- dieren über die bloß enzyklopädische Vermittlung von Wissen hinaus den Gegensatz von Naturwissenschaft und Literatur in der Beschreibungstech- nik – einer Form ästhetischer Objektivität – zu versöhnen: Seine Beschrei- bungen bewahren bis zu einem gewissen Grad die Exaktheit wissen- schaftlicher Aufzeichnungen, versuchen aber zugleich, die Phänomenalität der Welt in ihrer Beziehung zum wahrnehmenden Subjekt zu retten. Georges Feltens Beitrag schließlich zeigt einen Endpunkt der Objektivi- tätsdarstellung auf. Er zeigt, wie die epistemische Tugend der mechanischen Objektivität auch noch für die Konstitution der Erzählinstanz aus Peter Weiss Der Schatten des Körpers des Kutschers und Alain Robbe-Grillets La

Einleitung

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Jalousie fruchtbar gemacht werden kann. Sie wird nämlich einerseits als Beglaubigungsverfahren verwendet und anderseits von der jeweiligen auktorialen Instanz hinterfragt. Bei Weiss mutiert der im Zeichen der Selbst- vergessenheit operierende Ich-Erzähler zu einem fotomechanischen Auf- zeichnungsgerät, während die Mehrdeutigkeit der Signifikanten das von ihm verdrängte sinnliche Begehren verrät. Bei Robbe-Grillet dagegen wird ein ironisches Kippspiel inszeniert, durch das die Erzählinstanz zwischen den Funktionen ‚wissenschaftlicher Beobachter‘ und ‚eifersüchtiger Ehe- mann‘ hin- und herchangiert. Sodann unternimmt Jan Söffners Beitrag zeitlich einen Schritt zurück und greift die philosophischen Diskussionen der 1920er und 30er Jahre auf:

Für diese ist die Frage nach der ‚Weltoffenheit‘ des Menschen prägend. Entscheidend ist in dieser Diskussion, den Menschen als ein nicht fest- gelegtes Tier zu beschreiben, ein Tier, das von seinen Instinkten und Refle- xen nicht bestimmt und durch sein Milieu nicht bedingt ist: Die Freiheit des Menschen erhebt ihn über seine objektive Bedingtheit und eröffnet ihm die Welt. Die Aufgabe, die sich dieser Beitrag stellt, ist ein avantgardistisches Gegenmodell von Weltoffenheit und Freiheit nachzuzeichnen. Vor allem im Surrealismus, so die These, wird gerade die Subjektivität eines Ichs als beschränkt und unfrei wahrgenommen – die objektiven Bedingtheiten (vor allem der objektive Zufall und die psychischen Automatismen) werden hingegen als Befreiung und Öffnung theoretisiert. Dies wird an André Bretons Werk Nadja nachgezeichnet. Diese Überlegungen, die u.a. phänomenologisch und ontologisch argu- mentieren, kann man als Analyse einer intellektuellen Situation begreifen, von welcher der folgende Beitrag ausgeht: Maria Moog-Grünewald wendet sich der ganz besonderen ‚Objektivität‘ im Werk Francis Ponges zu. Trotz ihrer Eigenart vollzieht Ponge doch eine für die moderne Dichtung typische Volte: Der Dichter wendet sich in einem ersten, phänomenologisch inspirier- ten Schritt den ‚objets‘ als solchen zu. In einem zweiten Schritt jedoch rücken die Worte selbst in den Fokus des poiëtischen Verfahrens; die Versprach- lichung der Sache versachlicht die Sprache, die ein von der Referenz weitgehend unabhängiges Eigenleben entwickelt. Im Kern steht folglich ein paradoxer Sachverhalt, nämlich dass die dichterische Sprache sich immanent zu übersteigen sucht – das ‚objet‘ wird zum ‚objeu‘. Obwohl Kind und Kindheit grundlegende Themen in Elsa Morantes Werk sind, ist das Thema von Katharina Münchbergs Beitrag ganz und gar nicht dem jeu verpflichtet: In dem Roman La Storia erzählt Morante die Geschichte eines Kindes, das aufgrund einer traumatischen Kriegserfahrung psychisch zerbricht und stirbt. Sie versucht, ein ‚kindliches Schreiben‘ zu praktizieren, das sich aus der Gewalt der gesellschaftlich funktionalisierten Sprache befreit, um die Bedingungen der Möglichkeit der Sprache am Ursprung der Kindheit wieder zu finden. Morantes Frage nach dem, was Kind und Kindheit sind, verweist in eine ontologische Dimension. Kindheit

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ist das, was der Objektivität des Wissens und der Subjektivität des Fragen- den vorangeht. Die Differenz von Objektivität und Subjektivität entsteht aus der Kindheit und ist das Ende der Kindheit. In Abgrenzung gegen den nouveau roman wendet sich Elsa Morante einem neuen Realismus des erzäh- lenden Textes zu, um die kindliche Erfahrungsdichte am Nullpunkt der Sprache, der gleichzeitig der Nullpunkt von Objektivität und Subjektivität ist, zu erfassen. Von diesem Nullpunkt des Wissens wendet sich Barbara Ventarola hin zu seiner überreichen Repräsentation: Ihr Beitrag, der methodisch im Schnittfeld zwischen postkolonialer Theorie und Wissenschaftsgeschichte situiert ist, unternimmt eine Neulektüre des fantastischen Werks von Jorge Luis Borges. Ventarola führt zunächst vor, wie die zeitgenössischen natur- wissenschaftlichen Umwälzungen, vor allem die quantenphysikalische Ent- deckung einer Unbestimmtheit und ‚Fantastik‘ der Realität, einen bislang weitgehend unberücksichtigten Strang der Konzeptualisierung von Objek- tivität ermöglicht, der sich zwischen der gängigen (eurozentristischen) Alternative Objektivismus vs. Anti-Objektivismus verortet. Dies wird mög- lich, indem Objektivität, Pluralismus und Performanz zusammengeführt und so das Potential für neue Formen interkultureller Gerechtigkeit entfaltet werden. In diesen Horizont wird Borges’ Œuvre gestellt, um seine Ver- fahren der Irrealisierung einer neuen Deutung zuzuführen: Sie nun geben sich als Organon einer Textpragmatik zu erkennen, die darauf abzielt, die Leserschaft in eine neue, transklassische Objektivitätskonzeption einzuüben. Markus Messlings untersucht ebenfalls Objektivität im Rahmen (post-)- moderner Theoriebildung. Seine Untersuchung von Roland Barthes Text- theorie verhandelt Objektivität auf der Ebene der Textanalyse und geht hier- bei von einem Vorwurf gegen das Denken der Postmoderne, insbesondere die Dekonstruktion, aus: Es hätte einer interpretativen Willkür, einer „Ek- stase der Subjektivität“ (Hans Ulrich Gumbrecht) Vorschub geleistet. Gerade Jürgen Habermas hat in der Verschmelzung von Philosophie und Text- theorie im Denken von Jacques Derrida und anderen eine Vernunftkritik ausgemacht, in der das Projekt der Aufklärung aufgegeben worden sei. Messling zeigt, dass diese Haltung Roland Barthes’ nicht-hermeneutischem Projekt nicht gerecht wird. Einerseits weil Barthes mit dem ‚Tod‘ des Autors als Verständnisdeterminante einen Prozess der Demokratisierung anvisiert habe, der gerade aus einer neu gewonnenen Objektivität in der Textlektüre resultiere. Andererseits folgt Messling Tzvetan Todorov, dem zu Folge gerade in der Wende zur radikalen Subjektivität in Leçon (1977) ein Anspruch der Verobjektivierung auszumachen sei. So verabschiede sich Barthes’ Denken und Schreiben zwar von einer spezifischen Tradition europäischer Rationalität; es wolle aber einen lebensnäheren Zugang zum Subjekt finden, in dem dessen Bedingtheit und Freiheit, das ‚Eigentliche’ des Subjekts, performativ in der Spracharbeit ausgelotet und erfahren würde.

Einleitung

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Veronika Thiel schließlich wendet sich erneut der Literatur, und zwar jener der Gegenwart, zu: Ihr Beitrag thematisiert die Selbstreflexion in Le Temps de Tamango von Boubacar B. Diop. Dieser Roman bringt ein anti- mimetisches Repräsentationsverständnis zum Ausdruck: Die Korrespon- denz von Darstellung und Realität wird strikt verneint. Wahrheitsansprüche können sich somit nicht mehr auf Objektivität im Sinne der Qualität einer Aussage stützen, die sich ausschließlich auf Eigenschaften des Objektes beschränken würde. Vielmehr rückt die pragmatische Dimension in den Vordergrund der Selbstreflexion und mit ihr werden die Machtverhältnisse sichtbar, mittels derer Geltungsansprüche durchgesetzt werden. Die unweigerliche Verknüpfung von Darstellung und Macht wirft schließlich die Frage nach einer verantwortlichen Form und damit nach Strategien der Objektivierung auf, um zum einen die konstitutive Subjektivität von Re- präsentationen zu vergegenständlichen, und zum anderen zu ermöglichen, sich der der Sprache inhärenten Logik von Machtausübung zu entziehen. So zeigt sich in der Gegenwart eine Rückwendung zur Objektivität unter dem Vorzeichen moralischer Verantwortung.

Torsten König

Transsubjektives Wissen in Naturgeschichte und Ästhetik des 18. Jahrhunderts:

Buffon und Diderot

Ziel des Erkenntnisstrebens zu allen Zeiten ist es, Urteile und Wissen von universeller, d.h. überindividueller oder transsubjektiver 1 Gültigkeit zu erlangen. Das, was wir unter Objektivität verstehen, ist nicht mit diesem Ziel zu verwechseln. Objektivität ist nur ein möglicher Weg zu ihm, der ab dem 19. Jahrhundert als der erfolgversprechendste erachtet wird. Sie tritt erst in dieser Zeit als wissenschaftstheoretische Kategorie ins kollektive Bewusst- sein. In vorangehenden Epochen existiert Objektivität weder als Begriff im heute gebräuchlichen Sinne noch als äquivalentes Phänomen avant la lettre. 2 Erst durch Immanuel Kants Bestimmung von Funktionsweise und Grenze des menschlichen Erkenntnisvermögens rückt die bestimmende Rolle des Subjekts beim Erkenntnisvorgang ins wissenschaftstheoretische Bewusst- sein. Die mit einem solchen Subjekt verbundenen Probleme rufen die

1 Cf. zum Begriff „transsubjektives Wissen“ als Ziel des Erkenntnisstrebens im All- gemeinen und der Wissenschaften im Besonderen Peter Janich: Kleine Philosophie, 41sq.

2 Gleichwohl finden sich vor dieser Zeit die Begriffe ‚Objekt‘ und ‚objektiv‘, allerdings mit wandelnden Bedeutungen. Sie sind unabhängig von der ‚Objektivität‘ zu be- trachten. Vom Mittelalter bis zu Kant tauchen sie als Gegenpol zu ‚Subjekt‘ und ‚subjektiv‘, wenngleich selten und ohne eine wichtige Rolle zu spielen, in der Ontologie auf. Ihre Bedeutung ist jedoch der heutigen Verwendung genau entgegen- gesetzt: ‚Objektiv‘ ist das Ding, wie es sich dem Bewusstsein darstellt, ‚subjektiv‘ das Ding, wie es für sich, unabhängig vom Bewusstsein existiert. Erst mit Kant erfahren die Kategorien eine Renaissance, wobei bei ihm mit ‚objektiv‘ die Formen der Sinnlichkeit, also Zeit, Raum, Kausalität, als Bedingung möglicher Erfahrung bezeichnet werden. ‚Objektiv‘ ist damit dem Allgemeinen zugeordnet, subjektiv dagegen dem Einzelnen. Gewissermaßen in einer Fehlinterpretation der äußerst populären Kategorien Kants, wurden sie ab Mitte des 19. Jahrhunderts im heute geläufigen Sinne etabliert: ‚sub- jektiv‘ auf Bewusstseinsleistungen bezogen, ‚objektiv‘ auf Gegenstände, die als un- abhängig vom Bewusstsein existierend begriffen werden. Cf. zu diesen Entwicklungen Daston/Galison: Objektivität, 28-37 zur These, Objektivität werde erst ab dem 19. Jahrhundert zur zentralen wissenschaftstheoretischen Kategorie zusammenfassend ibid., 17-58 sowie vertiefend ibid., 121-326.

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Torsten König

Objektivität als epistemische Tugend auf den Plan. 3 Diese Tugend besteht in der Auslöschung bzw. Vermeidung aller Spuren, die das erkennende Subjekt auf dem Gegenstand der Erkenntnis hinterlassen kann, denn sie werden als mögliche Quelle der Verunreinigung der Erkenntnis identifiziert. Ihre Bedeutung wächst im 19. Jahrhundert soweit, dass sie mit Wissen- schaftlichkeit schlechthin identifiziert wird. 4 Die Historizität der Strategien zur Legitimierung transsubjektiven Wissens wird sichtbar, stellt man diese, aus unterschiedlichen Epochen kommend, einander gegenüber. Unter dieser Prämisse sollen im Folgenden zentrale epistemische Tugenden in den Blick gerückt werden, die im 18. Jahrhundert in Frankreich an Stelle der Objektivität das Wissenschafts- verständnis prägen. Zwei Wissensbereiche stehen dabei im Fokus der Aufmerksamkeit: einmal die Naturgeschichte bzw. histoire naturelle, also die systematische Erforschung der natürlichen Welt als entfernte Vorläuferin der Naturwissenschaft, zum anderen die Kunstkritik, la critique du goût, verbunden mit der Theorie des Schönen. Ihr Vergleich wird zeigen, dass die Wege zu transsubjektivem Wissen im angegebenen Zeitraum durch die gleichen Erkenntnisdispositive determiniert sind, was wiederum eine Reihe von Schlussfolgerungen hinsichtlich der Interdependenzen beider Bereiche zulässt. Die dem Vergleich zugrunde gelegten, exemplarischen Lektüren werden sich auf zwei Autoren konzentrieren, die in Frankreich und Europa jeweils einen der Bereiche paradigmatisch repräsentieren: Georges Louis Marie Leclerc, Comte de Buffon für die Naturgeschichte und Denis Diderot für die Theorie des Schönen und der Kunst.

I. LA VÉRITÉ PHYSIQUE – DIE WAHRHEIT DER NATURGESCHICHTE

Im Jahr 1749 erscheinen die ersten drei Bände von Buffons monumentaler Histoire naturelle, générale et particulière. Ziel des Werkes, das unter Mitarbeit von Louis Jean-Marie Daubenton in den folgenden Jahren auf sechs-

3 Ibid., 208-216. Kants Bestimmung der starken Rolle des Subjekts im Erkenntnisprozess erfolgt an prominentester Stelle in der Kritik der reinen Vernunft (1781/87) im Abschnitt über die transzendentale Ästhetik. Kant entwickelt dort seine bekannte These, man erkenne nicht das Ding an sich, sondern nur dessen Erscheinung. Insofern die Gegenstände, wie sie erscheinen, aber durch die Beschaffenheit des Anschauungs- vermögens, genauer durch die apriorischen Sinnlichkeitsformen des Erkennenden bestimmt sind, ist deren Erkenntnis eine subjektabhängige. Das Subjekt wird damit zur zentralen Instanz im Erkenntnisvorgang.

4 Der Prozess des Aufstieges der Objektivität zur zentralen Kategorie moderner Wissen- schaftstheorie und seine Determinanten werden beschrieben ibid., 121-200. Daston/Galison prägen in diesem Zusammenhang den Begriff der „mechanischen Objektivität“. Er verweist auf die Bevorzugung mechanischer Verfahren bei der Erhe- bung von Daten zur Natur mit dem Ziel die fehlbaren subjektiven Sinne hierbei auszuschalten.

Transsubjektives Wissen

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unddreißig Bände anwächst, ist eine vollständige Beschreibung der natür- lichen Welt. 5 Die Histoire naturelle birgt nicht nur Bestandsaufnahmen und Analysen zu den Phänomenen der Natur, sondern auch umfangreiche Reflexionen zu den Methoden der Naturforschung, an denen die ersten Bände von 1749 besonders reich sind. Für die hier interessierende Proble- matik sehr aufschlussreiche und repräsentative Passagen finden sich schon ganz am Anfang des Werkes, im bekannten Premier discours. De la manière d’étudier et de traiter l’histoire naturelle. Buffon erörtert dort Grundfragen des Studiums der Naturgeschichte. Naturgeschichte, daran sei noch einmal erinnert, bedeutet nicht das Studium der historischen Dimension der natürlichen Welt, sondern die systematische, ordnende Bestandsaufnahme der als statisch begriffenen Natur. 6 Zentrales Thema Buffons im Premier discours ist die Kritik am für das 18. Jahrhundert gängigen Modus dieser Bestandsaufnahme, den botanischen und zoologischen Nomenklaturen. Diese seien, so das Argument Buffons, als spekulative Systeme, die nach Identität oder Differenz einzelner, dekontextualisierter Elemente fragen, nicht in der Lage, den Gesamtzusammenhang der Natur und damit ihre Komplexität abzubilden. Renommiertester Repräsentant der taxonomischen Systeme in der Zeit ist Carl von Linné, gegen den sich Buffons Angriff denn auch richtet. Buffon schlägt im Gegenzug neue Beschreibungsmethoden vor, die der Vernetzung der Naturphänomene gerecht werden sollen und u.a. entwicklungsgeschichtliche Perspektiven implizieren. Damit weisen sie wissenschaftsgeschichtlich in die Zukunft. 7 Wenn Buffon in der Frage nach der Entwicklungsfähigkeit der Natur seinem Konkurrenten Linné voraus ist, erweist er sich in einer anderen ganz als Mann seiner Zeit, die bis zum Ende des Jahrhunderts dauern wird: Es ist die allgemeinere Frage nach der Existenz einer vom Beobachter unabhängigen Naturwahrheit und den Möglichkeiten ihrer Erkenntnis. Buffon unterscheidet bei den möglichen Wahrheiten, derer der Mensch habhaft werden kann, zwischen solchen, die ihren Ursprung ausschließlich im Verstand haben – „les vérités mathématiques“ – und solchen, die subjektunabhängig, in den Dingen liegend gegeben sind. Er nennt letztere „les vérités physiques“: „Les vérités physiques […] ne dépendent point de nous, au lieu d’être fondées sur des suppositions que nous ayions faites, elles ne sont appuyées que sur des faits […].“ Dieser Unterteilung ent- sprechend definiert Buffon die Wissenschaften, deren Erkenntnisgegenstand nicht die subjektunabhängige Wirklichkeit ist, sondern reine Ideen als „sciences abstraites“. Diejenigen dagegen, die auf die in der Natur gegebe- nen Fakten gerichtet sind, bezeichnet er als „sciences réelles“. Sein Verständ-

5 Zur Anlage der Histoire naturelle von Buffon cf. Cherni: Buffon.

6 Cf. zu den Merkmalen der Naturgeschichte im 18. Jahrhundert Wolf Lepenies: „Das Ende der Naturgeschichte.“

7 Zur Kritik Buffons an den taxonomischen Systemen cf. Candler Hayes: Reading, 26-39.