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Hans Werner Henze *1926 Phaedra (2007) Konzertoper in zwei Akten nach einem Text von Christian Lehnert

Konzertante Aufführung in deutscher Sprache

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Das Libretto

Erster Akt: Am Morgen

I. Das Labyrinth

Dunkel. Maske und Tanz des Minotauros

Hippolyt, Artemis, Phaedra, Aphrodite Echos jagen durch das Labyrinth, im Gestein ohne Ausweg, gefangen in erdwarmen Röhren, trifft ein Schrei auf sich selbst: MINOTAUROS! Schwarz und der Widerhall von Schlägen, Schwarz und der hochgehetzte Puls verschwimmen, eindringende Nacht: MINOTAUROS! Er kniete nackt vor dem Krampf des Tieres, hier war die blutgetränkte Schwelle, hier kehrte das Echo zurück zu sich selbst: THESEUS! Tief war er in die Felsengänge gestiegen. Er barg sich in Grotten, leckte das tropfende Wasser von den Wänden und kroch, nach Gehör, auf den dunklen Atem zu, das Grollen:

BIST DU ES NOCH? MINOTAUROS? Nie hätte er heimkehren können aus der Einsamkeit. Nie hätte er heimkehren können aus dem Töten. Er trank die Kühle, lag auf dem Bauch und trank gierig den Tau in der innersten Höhle.

Der Sieger Theseus, in seiner Hand das Haupt des Minotauros, steht er, wie ein Name, in Stein gemeißelt, in einer toten Sprache, in einem neuen Text.

Echos hallen über den leeren, zerfallenen Schächten: Phaedra. Echos wehen über die Trümmer des Labyrinths: HIPPOLYT.

II. Waldrand

Früher Morgen. Geröll. Phaedra und Hippolyt, ohne einander zu begegnen.

1) Schatten

Hippolyt (zieht aus zur Jagd) Ich trete in die Schatten der Akazienbäume, in ihre ersten langgestreckten Schatten am Morgen, um meinen Fluchtpunkt zu finden: den fließenden Atem des Waldes und die Gerade des Pfeils. Ich laufe über das Gras und spüre die Blicke der Göttin mir folgen, sie schaut mich an von allen Seiten, und ich taste mich vorwärts, als hätte ich bei jedem Schritt Angst, Augen zu zertreten: Augen des Baumes, der seine Wurzeln ineinander krümmt, Augen des Ginsters,

des eingerollten Farns

über ihre Schatten im ersten Sonnenlicht.

Sie stehen still und staunen

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Phaedra (irrt umher. Aphrodite folgt ihr wie ein Schatten) Strahlt das Licht zu grell oder ist es zu dunkel? Ich höre den Ostwind über die Akazienbäume wehen wie das leise Sirren eines Pfeils, und kann nichts sehen:

Wo ist der Jäger? Kalter Flügel, der mein Gesicht streift. Ist es die Sonne, die mich blendet? Nein, es ist Nacht.

Es ist Tag, man hat mich aufgebahrt in seidenem Gewand, das Haar gekämmt, wie einer Toten ihren Schmuck und Blumen beigegeben. Seht diese Arme: kalte, weiße Vipern. Seht diese Krallen, die mich kratzen, greifen. Ich habe mein Gesicht einer hungrigen Krähe zugeworfen, die es zerhackt. So leicht scheint es plötzlich, eine Sehnsucht zu beenden:

nur eine Frage des Werkzeugs und der Anatomie. (Phaedra versucht sich mit einer Scherbe die Pulsadern aufzureißen.)

Aphrodite (hält Phaedra fest) Zwei im gleichen Augenblick auf der Welt:

Hast du dein Du vergessen? Die Augen, die dich lehrten, nichts zu sagen und, Pupille in Pupille, eins mit ihm zu sein, zu träumen, von einer dunkelblauen Iris umfangen wie vom nächtlichen Meer. Die sanften Schläfen:

Hippolyt! Sein Bild willst du verlöschen lassen?

Phaedra (reißt sich los) Ist er fern, so bin ich leer und kann doch ruhig atmen.

2) Herbstwind

Phaedra Ich trieb im frühen Herbst vor seine Füße, ein Samenkorn mit einem weißen Segel. Ich weiß den Grund nicht, der mich hierher zwingt, ob mich ein Spiel nach unbekannter Regel

in seine Nähe setzt, ob ich verschwimme in einem fremden Traum, wo mir kein Ort, mich festzuhalten bleibt und keine Stimme. Er atmet aus: das Samenkorn treibt fort.

3) Aphrodite, das Gurren der Tauben

Aphrodite (zu sich selbst) Ich liebe Hippolyt, und Phaedra liebt mit meiner Sehnsucht, meinem Gram, mit feuchten Fingern verreibt sie ihre Seufzer. Sein Schritt hat mich entmachtet, eisige Linie ohne Umweg. Ihn lockte nichts an mir, er folgte Artemis allein, ein Speer, ein atmendes Geschoss. Er streifte mich, verwundete das Wild, das hechelnd ins hohe Gras sich duckte. Ich schrie

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nach ihm, ich schrie und schwor ihm, nach dem alten Ritus der Sehnsucht und der Tötung, den Untergang durch Liebe, auch wenn er sie nicht fühlt.

Hippolyt Wem der Tag gnädig ist, der zieht gelassen durch die Wälder, wie einen Kreisel hält ihn der Tod im Gleichgewicht.

Phaedra

Flirrende Bläue, flirrendes Gras in Felslöchern:

Alles entfernt sich, wie ein Tropfen Öl

auf einer Wasserlache auseinanderfließt

HIP-PO-LYT

Hippolyt!

leere Silben in mir.

(lauscht, richtet sich auf )

Taubengurren

Ich laufe in den Tag und erwarte seine Wunder.

Es gibt einen Grund zur Hoffnung?

III. Dickicht

Bezirk der Artemis im Wald. Hippolyt sitzt schlafend an einen Felsen gelehnt. Phaedra, gefolgt von Aphrodite.

4) Hörst du mein Flüstern?

Aphrodite (zu Phaedra, deren Kleider zerrissen sind) Dickicht, die Wurzeln der Lianen, die Winden schließen mich ein. Ich friere, fiebrig, suche den Weg (Sie treffen auf den schlafenden Hippolyt.) Schau weg und flieh, dort schläft er, Hippolyt!

Phaedra (kauert vor dem Schlafenden)

Du schläfst, die Lippen offen und dein Haar fällt über die rissige Erde.

Ich bin die Gefahr,

die deinen Herzschlag treibt, der Widerhall deiner Seufzer, bin das Labyrinth, aus dem dein Atem dringt, ich bin der Traum, der dich verwirrt, die Blume, die beginnt, sich dir zu öffnen

Hörst du mein Flüstern?

Hippolyt (erwacht) Phaedra? Stiefmutter? Warum bist du nackt? Was suchst du hier?

Phaedra Vergessen sind die Grenzen meines Namens, vergessen, was mich zwang zu schweigen:

Dein Blick traf mich einst im Tempel beim Erheben des Opfers ins Feuer. Ich selbst war verwundet, bäumte mich auf und schloss die Augen,

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aber es brannte, dein Bild, geätzt

in die Seele, der Rauch

ließ Hass, ließ Liebe wachsen und ersterben: Hippolyt! Ich hause auf der Halde, auf dem Schutt meines Stamms, als sei ein Krieg geschehen, eine Dürre. Ich liebe dich, bin dein Mond, der dich umkreist. (klammert sich an Hippolyt.)

ein unbekannter Puls

Artemis (tritt aus dem Hintergrund zu Hippolyt) Flieh, diese Worte werden dich löschen wie die Meerswellen die Linien im Sand, flieh, du wirst deinem Namen in ihrem Mund nicht entkommen.

Hippolyt

Schwer liegst du und krallst dich an mir fest, Phaedra, wie im Ozean eine Ertrinkende an einer Planke? Gebleckte Zähne, die Feuchte aus den Achselhöhlen, der Scham, und du weinst, deine Augäpfel treten heraus: so weiß,

ohne zu sehen

(Er steht auf und stößt Phaedra mit dem Fuß fort.)

Erkennst du mich?

Phaedra (steht taumelnd auf ) Lässt die Liebe die Liebe verlöschen, um über sich hinaus zu gehen in die Einsamkeit? Was hast du gesagt?

Hippolyt (wendet sich ab) Ich fühle die glatte Biegung meines Bogens,

den geschliffenen Stein am Speer. Ich spüre

das Zittern der Sehne, sonst nichts

ich will gehen und schweigen, Frau des Theseus, meines Vaters, schweigen von dir.

Phaedra,

5) Auslöschen!

Phaedra Was rede ich?

Phaedra und Aphrodite (sie verschwimmen in ihrer Wut) Ausweiden, das Unwesen! Hippolyt! Das feig sich krümmt! Hunger lasse ihn fiebrig in die Nacht stieren! Seine Asche verwehe wie klebriger Pollen! Auslöschen:

dass nichts von ihm bleibt als die Seuchenklappe!

Artemis Geräusch ohne Sinn, wie Schneckenhäuser zerknacken, wie Schaum zerfällt Hörst du, in welcher Enge sie ringen um Luft, zu atmen, und enden in diesem Geröchel. Hippolyt, komm zu mir!

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Hippolyt Gerader Weg, ich irre nicht. Ich schweige, ich folge meiner Göttin. Sie allein ist heilig, Macht, vor der ich mich verneige und bete: Lass die Welt mir heimisch sein!

Phaedra (greift nach dem Jagdmesser Hippolyts) Eichenstamm, Artemis Baum, ich ritze meinen Namen in deine Rinde. Zerschneiden will ich, was er benennt: Wenn ich verblutet bin, wird es leichter sein zu spüren, was wirklich ist.

Aphrodite, Artemis, Phaedra, Hippolyt Leerer Körper, leeres Herz, wie ein Messer kalt! (Phaedra versucht sich die Pulsadern aufzuschneiden.)

Aphrodite, Artemis Hippolyt, komm zu mir! (Hippolyt folgt seiner Göttin Artemis. Sie ziehen tiefer in den Wald.)

Aphrodite (hält Phaedra fest) Nicht allein die Liebe führt Fleisch und Fleisch zusammen: Hab Geduld mit dem Tod.

IV. Die Schlinge

Palast des Theseus. Die Fenster verdunkelt. Phaedra, in ihrer Nähe Aphrodite.

6) Der Brief

Phaedra (auf ihrem Lager, schreibt einen Brief ) Ich zeichne die Buchstaben: Alpha wie das Dach

des Palastes, Omega die Schlinge

ich schreibe: »

und zu Boden zwang, wie sein heißer Atem

mich berührte, wie seine Hand mein Flehen

erstickte, als er in mich drang

Seitdem blicke ich in einen dunklen Spiegel:

verborgenes Gesicht

wenn ich rede? Die weint, wenn ich lache? Die von Scham gelähmt ist, wenn ich weiterschreibe? (liest:)

»Das sollst du wissen Theseus, mein Gemahl, was dein Sohn getan und was mich zwingt,

vor dir zu fliehen

Anfang und Ende,

Wie er mich griff

«

Wer bist du, die schweigt,

«

Phaedra Ich sehe außer Mauern nur noch Glas - zerbrechlich, klar und kalt wie der Gedanke an Hippolyt: erstarrter Fluss. Ich schwanke von Wand zu Wand im engen Raum. Ich las den Brief noch einmal, sah in fremde Züge:

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Hing dort der alte Schleier einer Braut, an einem Nagel? Falten? Angestaut, was nie geschah? Die lebenslange Lüge?

Ein Lichtreflex ist alles, was ich liebe, gebrochene Fragmente: Theseus’ Sohn

verlischt

den niemand hört? Ein Brief, den niemand schriebe?

ein Feuer unter Null, ein Ton,

Aphrodite

Gebrochene Fragmente:

Theseus’ Sohn

verlischt

den niemand hört

ein Feuer unter Null

ein Ton,

7) Ein Vormittag, an dem nichts geschah

Hippolyt (in der Ferne) Ich schaue zurück und erinnere die Ereignisse eines Vormittages, an dem nichts geschah:

das emsige Wimmeln der Ameisen auf ihrem Hügel, mein Puls, der sehr schnell ging, der endlose Wald, in dem die Wege anfangen und gleich wieder aufhören, das Gesicht, das wegschaut im Spiegel eines Teiches, als fürchte es ein Wiedererkennen, der Zenit der Sonne und die Erwartung ihres Sinkens, in der Eiche die Nisthöhle, die leer blieb.

V. Tod des Hippolyt

Im Palast des Theseus.

Artemis Ich sah den Steilhang, aufgewühlt das Meer. Das Rollen der Steine, ein Beben, drang aus der Tiefe, wie die Stimme des Theseus:

»Poseidon, den Unberechenbaren, rufe ich um Hilfe an, zu häuten, zu zerreißen das Fleisch von meinem Fleisch, Hippolyt, der meine Frau sich nahm wie ein Stück Vieh.« Steine, in gewaltigen Spalten, als würden Köpfe geboren, vibrierten, sie raunten: »Pulsende Flut, die Flut, sie naht!« Unbewohnbares Erinnern, wie eine Wassersäule in den Himmel stieg, Gischt und Nebel wehten wie Demenz ins Hirn des gehetzten Hippolyt. Der plötzliche Schmerz war nicht zu orten. Grollen im Ohr, rollende Granitbrocken – aus den Wogen brach, halb Stier, halb Mensch, der Minotauros, heimzukehren in den Kreislauf des Blutes. (Die Maske des Minotauros erscheint.)

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Der Wagen Hippolyts zerbrach, die Pferde scheuten, rasten fort und schleiften ihn, gefesselt von den Riemen, über das Geröll.

Hippolt taumelt schwer verwundet auf Artemis zu, bricht zusammen. Schlag einer Falltür, Phaedra hängt an einem Seil.

Aphrodite, Artemis, Phaedra, Hippolyt (Artemis hält den toten Hippolyt wie auf einem Vesperbild in den Armen.) Geliebt? Geschunden? Liebend? Kampf und kommender Kampf unter dem reglosen Augenlid:

Seht, ein Mensch! Seht, die von der Flut hinterlassenen Steine!

Zweiter Akt: Am Abend I. Erinnerst du dich daran, wer du warst?

Tempel am See von Nemi. Artemis, mit dem Zeichen der Mondsichel auf dem Haupt, ihr stummer Gehilfe und der verwundete Hippolyt.

1) Die Heilung

Artemis (arbeitet an dem Körper Hippolyts, zu ihrem Gehilfen) Gib mir den Arm! Die Schrauben! Das Messer! Schau an, ein kleiner Schlauch und schon beginnt das Herz zu tanzen. Die Sekunden wachsen zu ihrer ganzen Größe

Hippolyt (in einem kurzen zuckenden Reflex) Die Unruhe der Uhr ist zersprungen!

Artemis Dem Hirn fehlt Luft, damit es arbeitet, wie ich es will. Ritze auf der Haut, hineingestreut das Knochenpulver eines Luchses! Wenn das nicht hilft, muss ich den Kopf aufbohren und durchsuchen nach Steinen.

Hippolyt (zuckt) Strahlt das Licht zu grell oder ist es dunkel?

Artemis (zu ihrem Gehilfen) Merkst du? Nicht umsonst haben wir ihn über das Meer getragen, hierher in mein Heiligtum nach Nemi! (packt ihren Gehilfen zu einem Tanz um den Verwundeten) »Wie die Beinrenke, so die Blutrenke, so die Gliedrenke: Bein zu Beine, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, als ob sie aneinandergeleimt seien.« (zum Gehilfen:) Den Trichter! (tröpfelt Flüssigkeiten in die Nase und die Ohren des Verwundeten)

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Wegerichwurzeln, weichgekochte Weizenkörner, Mispelzweige, Quendel, Habichtskraut und Ysop, Königskerze, Sanikel, Betonika und Petersilienhonig Kräuter breiten ihre duftenden Schwingen aus und kreisen über dem toten Körper. Ätherische Boten aus der Erde

Hippolyt Wer bin ich?

Artemis Du bist erwacht, in der Obhut deiner Göttin Artemis. Sie hat dich nachgebildet, während du auf die Rückkehr der Zeit wartetest. (Sie beginnt ihm Elektroden aufzukleben. Hippolyt reißt sich los.)

Hippolyt Sag mir, wer bin ich?

Artemis (legt ihm eine Atemmaske an) Du atmest meinen Atem. Ich will dich bei mir haben, wo immer ich bin:

Virbius soll von heute an dein Name sein.

2) Der Käfig

Artemis schiebt Hippolyt in einen großen Käfig, den ihr Gehilfe herbeigebracht hat. Hippolyt beginnt darin auf und ab zu laufen.

Artemis Ein gelungener Körper

Du wirst wissen, wer du bist, wenn du mich ansiehst.

Mein Virbius!

Phaedra (flattert als ein Vogelwesen heran und umkreist den Käfig) Leer trieb der Kahn über den Fluss, und ich wartete auf ihn, den Schatten meines Schattens in der Unterwelt: Hippolyt (lacht) Er sitzt gezähmt in einem Käfig! Wo ist das Rad, auf dem du rennst? Wo ist der Futterautomat? (Hippolyt versucht sie von innen fortzuscheuchen.) Die Jagdgöttin ist alt geworden, jetzt übt sie sich in Käfighaltung:

zwei Quadratmeter Fläche für einen Menschen, bis er frei gelassen wird zur Schlachtung. (Hippolyt versucht sie unentwegt fortzuscheuchen.) Erinnerst du dich daran, wer du warst? Wie du die Pferde lenktest, Hippolyt? Jetzt wird getestet, ob du gelungen bist. Funktioniert dein Hirn korrekt oder kippst du beim Laufen zur Seite? (Phaedra flattert davon. Hippolyt hockt verstört auf dem Boden.)

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II. Wann nahen dir die Toten, Hippolyt?

Tempel am See von Nemi. Hippolyt in seinem Käfig. Ein Gewitter naht. Phaedra, das Vogelwesen, pickt im Hintergrund in der Erde.

3) Das Gewitter

Aphrodite (tritt auf im Strahlenkranz der Göttin)

Leicht wie ein Vogel auffliegt und sich niedersetzt auf einem ferneren Zweig, ohne die Trauer

zu empfinden, das er hinterlässt

so könnte Hippolyt der Ordnung der Götter entkommen? Die Götter vermissen dich, Hippolyt, und deinen zu Tode verwundeten Körper! Du gehörst in die Unterwelt! (Sie winkt Phaedra heran.) Holen wir ihn aus seinem Käfig!

Meinte jemand,

Sie umkreisen den Käfig, mal näher, mal ferner. Abwechselnd versuchen sie Hippolyt im Inneren des Käfigs mit kleinen Leckerbissen zu füttern.

Phaedra Wann nahen dir die Toten, Hippolyt? Nachts, wenn du nicht schlafen kannst? Wenn plötzlich dein Herzschlag nur noch ein Echo der Geräusche im Dickicht ist? Was liest du in ihren Gesichtern? Sorge? Drohungen? Angst?

Aphrodite Gleichen die Züge der Toten noch dem letzten Anblick, der dir begegnete, bevor sie starben? Oder sind sie weiter verfallen? Ausgedünnt? Sind die Blutergüsse am Hals von der Schlinge verschwunden?

Artemis (kommt zum Käfig, um nach Hippolyt zu schauen) Locken dich die Toten mit den Farben des Kindheitslandes? Oder mit dem Rauschen der Götter, in dem Hoffnung und Verlöschen dasselbe meinen?

Phaedra Sprechen die Toten von der Vergangenheit? Von einem Leben, für das keine Zeit mehr war? Oder von den Farben des Lichts über dem See? Vom Nebel? Erzählen sie, woher sie kommen? Wohin du gehen sollst?

Aphrodite Und du? Versuchst du zu schweigen? Gelingt es dir, dich abzuwenden in den Schlaf? Und dich am Morgen an dich selbst zu erinnern? Dich zu vergewissern, dass du es bist, der lebt?

Hippolyt Lasst mich! Haut ab! Moderblasen, Gestalten aus der Unterwelt! Ich will nichts hören!

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Artemis (springt plötzlich zu dem Käfig, fängt Hippolyt in einem Netz und zerrt ihn fort) Virbius! Schnell! Ich will dich in einer Höhle verstecken, wo in der Tiefe eine Quelle ist. Dort sollst du warten auf das Vergessen, den natürlichen Zustand, wenn selbst für die Götter nichts mehr zu lesen ist im Staub

4) Allein

Hippolyt (geistesabwesend) Bin ich ein Vogel, der seinen Schwarm verloren hat und nun allein rastet vom Flug? Ein Vogel, der seinen Schnabel öffnet, aber da ist kein Laut? Ich zittere in deiner Hand, Artemis, und fliege nicht mehr fort.

III. Die Höhle

Dunkel der Felshöhle. Hippolyt hockt, noch halb verfangen im Netz, an der Quelle in ihrem Inneren. Im Hintergrund stehen zwei Statuen: Aphrodite und Artemis.

5) Verschüttet

Hippolyt Adern aus Stein, ich schmiege mich hinein wie ein Säugling in die Plazenta. Ich spüre nur die warmen Flechten, die am Boden wuchern, dichter hin zum Saum der Quelle. Artemis, ich liebe dich, wo bist du? (Er schaut in die Quelle.) Hippolyt, er ist tot, und ich bin Virbius?

6) Der Traum vom Garten

Hippolyt Ich sehe Pflanzen vor mir, ich war wie sie War es ein Käfig oder ein Garten, wo ich hauste?

(singt am Klavier) Ölbäume, gekeimt vor dem Anbruch der Geschichte, ihre Stämme sind handgeschrieben vom Westwind. Die Wurzeln, verholzte Wasserfälle, sickern wie die Marginalien namenloser Kopisten in den Text, unleserlich, der Erde.

So beginnen im Laub die Erinnerungen, betäubender Herbst. Der Mandarinenbaum, orange Inseln im Regen, er rauscht:

Es gibt keinen anderen Garten als den, den du vergessen hattest, den du in dir trägst.

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Blass blüht die Zeit auf, wandert in einem langen Stengel aus der Erde und öffnet sich wie die Augen eines Säuglings, die Augen eines Greisen:

Um was zu sehen, Herbstzeitlose? Wie der lila Schimmer der Vergänglichkeit vergeht?

Phaedra (singt zunächst noch unsichtbar zusammen mit Hippolyt, schlendert dann auf ihn zu) Um was zu sehen, Herbstzeitlose? Wie der Rauch verweht? Aus der Asche erwacht ein Lächeln, fleischiger Mund:

Er lockt dich, Geliebter? Er zuckt? Öffnet sich leicht? Dein Körper und mein Schatten suchen sich.

Willst du einen Apfel, der die Spuren meiner Zähne trägt? Oder eine Zigarette, die ich zwischen meinen Schenkeln rollte? (Hippolyt weicht zurück zur Quelle.)

7) Beben

Hippolyt (kauert sich zusammen und starrt ins Wasser.) Geliebter? Gesicht wie ein Samenkorn in nasser Erde, es verlischt und wird leben? Leben! Nicht als Machwerk einer Göttin, kein Schattenwurf fremden Begehrens! Ich sehe ein Gesicht, das noch niemand kennt. Ich muss fort von mir.

Phaedra (tritt zu ihm, reißt ihn abrupt von seinem Spiegelbild im Wasser fort und schaut ihm ins Gesicht.) Bist du es? Bin ich’s? Trink ein Gläschen mit mir! Mein Püppchen, dein Püppchen, ich bin

formbar

Bist du dir immer noch selbst genug? Und deiner Göttin? Ein Versuchstier? Ein Glaubender?

Vergiss, was war!

Hippolyt Der Tod nimmt vom Körper die Masse und rammt sie in die Erinnerung

Hippolyt stößt Phaedra fort und versucht, aus der Höhle zu brechen. Die Statuen der Artemis und Aphrodite, die ihm im Weg stehen, wirft er um. Er kämpft sich durch die Trümmer. Ein Beben erschüttert den Fels.

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IV. König der Wälder

Stille Stunde am Morgen, kurz bevor die Sonne aufgeht. Hippolyt, auf einen Stock gestützt, läuft durch den Hain am See von Nemi, ein Waldgott. Im Hintergrund tanzt der Minotauros. Hippolyt wird von seinem Tanz erfasst.

Minotaurus Der Tag rinnt über das Gebirge, Erscheinung eines unvollendeten Sees, dunstiger Spiegel.

Hippolyt Still wohnt die Sonne ein. Blätter öffnen sich wie grüner Staub im Wind aufwirbelt. Das Licht greift über die Berge und lässt ein Gitter von Schatten im Schilf am See tanzen. Ich bin hier an meinem Anfang.

Phaedra Pulsschlag des Gebirges, wenn die Toten wandern. Lawinen ins Tal rollen. In der Rohheit eines Entwurfs liegt der Wald am Hang. Die höchsten Äste schillern im Licht, wo ich unten im Dunkel noch steh.

Artemis Er ist auferstanden, wahrhaftig auferstanden. Gäbe es den See nicht, den ruhenden Krater in den Bergen, wäre alles ein Strömen.

Aphrodite Gegrüßt seiest du, König der Wälder! Hier ist dein heiliger Hain am See! Ach, er rollt sich zusammen wie ein Kind, legt seinen Kopf auf die Arme, schaut und wartet. Noch ist nichts geschehen. Er trinkt die Kühle, liegt auf dem Bauch. und trinkt gierig den Tau auf dem Farn.

Minotaurus Der Tag rinnt über das Gebirge, Erscheinung eines unvollendeten Sees, dunstiger Spiegel. Wir sind nackt geboren. Wir dringen zur Sterblichkeit vor und tanzen. Wir drehen uns, drehen, wie ein Uhrwerk, wie ein Vogel kreist, der den Widerstand des Todes unter den Schwingen fühlt und schlägt, singt und schlägt, wilder als alles Vergängliche.

Ende

© Edition Wilhelm Hansen Hamburg (Sikorski)

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Die Handlung

Erster Akt: Am Morgen

I. Das Labyrinth

Echos hallen durch die Trümmer des Labyrinthes, in dessen Tiefe The- seus den Minotauros besiegt hat und werden zu Stimmen einer neuen Geschichte: Phaedra und Hippolyt.

II. Der Waldrand Hippolyt ist zur Jagd ausgezogen. Phaedra irrt durch die Morgen- dämmerung. Sie ist getrieben von Begehren und Scham, von Liebe zu ihrem Stiefsohn Hippolyt und Selbstekel. Sie sucht den Tod. Als sie versucht, sich mit einer Scherbe die Pulsadern aufzuschneiden, hält die Göttin Aphrodite sie zurück. Aphrodite, selbst in Hippolyt verliebt, ist gekränkt von der Ausschließlichkeit, mit der Hippolyt die Jagdgöttin Artemis verehrt, und will sich an ihm rächen. Ihr gelingt es, Phaedra zu beruhigen.

III. Dickicht

Phaedra, begleitet von Aphrodite, trifft bei ihrem ziellosen Streifzug durch Geröll und Dickicht auf den schlafenden Hippolyt. Sie kniet vor ihm nieder und singt von ihrer Liebe. Hippolyt erwacht. Phaedra gesteht

ihm offen, was sie fühlt. Artemis tritt aus dem Wald, um Hippolyt zu warnen. Hippolyt, entrüstet über seine Stiefmutter, stößt sie brutal von sich. Phaedras Empfindungen verwandeln sich in plötzlichen Hass. Aphrodite und Phaedra vereinen sich in ihrer Wut. Hippolyt aber hört nur auf den Ruf der Artemis und wendet sich ungerührt ab. Phaedra greift nach Hippolyts Messer und versucht erneut, sich die Adern auf- zuschneiden. Wieder hält Aphrodite sie zurück.

IV. Die Schlinge

Phaedra liegt auf ihrem Lager im Palast und schreibt einen Brief an Teseus, in dem sie ihren Stiefsohn verleumdet: Hippolyt hätte sie ver- gewaltigt, Hippolyt kehrt sorglos von der Jagd heim.

V. Tod des Hippolyt

Artemis tritt in den Palast. Sie berichtet: Theseus schenkte Phaedras Brief Glauben. Im Entschluss, seinen Sohn zu töten, bat er Poseidon

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um Hilfe. Als Hippolyt mit seinem Pferdegespann an der Küste entlang fuhr, ließ Poseidon den wieder zum Leben erweckten Minotauros aus dem Meer steigen. Die Pferde scheuten und schleiften Hippolyt über die Felsen. Während Artemis singt, taumelt der zu Tode verwundete Hippo- lyt auf sie zu und bricht zusammen. Man hört den Schlag einer Falltür. Phaedra hängt an einem Seil. Im Hintergrund tanzt der Minotauros.

Zweiter Akt: Am Abend

I. Erinnerst du dich daran, wer du warst?

Artemis, die Jagdgöttin, hat Hippolyt in ihren Hain nach Nemi in Italien gebracht. Mit seinem Gehilfen arbeitet sie an Hippolyts Körper, um ihn wieder zum Leben zu erwecken. Als es gelingt, sperrt sie ihn in einen Käfig und gibt ihm einen neuen Namen: Virbius. Phaedra, als ein Vogel- wesen aus der Unterwelt, flattert um den Käfig und verspottet Hippolyt

als Machwerk und Haustier der Göttin.

II. Wann nahen dir die Toten, Hippolyt?

Ein Gewitter zieht auf den Hain in Nemi zu. Aphrodite tritt im Strah- lenkranz auf und fordert das Recht der Götter ein: Hippolyt gehört in die Unterwelt. Phaedra und Aphrodite umkreisen den Käfig Hippolyts, um sich seiner zu bemächtigen. Sie singen von den Toten und locken Hippolyt zugleich wie ein Tier. Artemis fängt Hippolyt in einem Netz ein und versteckt ihn in einer Höhle.

III. Die Höhle

Hippolyt hockt verstört an einer Quelle in der Höhle. Er betrachtet sein Spiegelbild im Wasser. Er weiß nicht, wer er war. Er träumt von einem fernen Garten. Phaedra schlendert wie eine Bardame auf ihn zu, um ihn in die Unterwelt zu locken. Hippolyt, verängstigt und verwirrt, stößt

Phaedra fort und kämpft sich aus der Höhle. Ein Beben erschüttert sie.

IV. König der Wälder

Hippolyt ist als Waldgott auferstanden. In der Morgendämmerung läuft er durch den Hain von Nemi. Was war und was wird, verschwimmt in

einem Tanz.

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Hans Werner Henze: Phaedra

»Alles bewegt sich auf das Theater hin und kommt von dort her zurück.« Mottohaft prangt diese Aussage über dem Œuvre des 1926 in Güters- loh geborenen Komponisten Hans Werner Henze; eine Aussage, die Henze, Schüler von Wolfgang Fortner und René Leibowitz, einmal selbst getätigt hat: in dem Vortrag Über Instrumentalkomposition, gehalten im Januar 1963 an der Technischen Universität Berlin. Eingangszitat und Titel des Vortrags benennen zusammengelesen wesentliche Aspekte von Henzes Musik. Diese, gleich ob eigens für die Bühne oder speziell für den Konzertsaal geschrieben, hat seiner Meinung nach stets kom- munikative Prozesse freizulegen und soll geistvolle Unterhaltung (ver-) schaffen, auch wenn sie keine gesetzt szenischen Anteile aufweist. Es geht Henze immer um ein imaginäres Theater; ein Theater, das im Kopf des Publikums entstehen soll. Seit den 1950er Jahren, seit Henze seinen Wohnsitz von Deutsch- land nach Italien verlegte, hat er, der bis 1991 Kompositionsprofessor an der Kölner Musikhochschule war, mehr als zwanzig Musiktheaterwerke geschaffen, inklusive Ballette mit Handlungen und Bühnenmischfor- men. Vorwiegend geht es in diesen Formen eines nun konkreten Thea- ters, sei es Musik mit Sprache und Gestik oder sei es Musik mit Bewegung allein, um die Liebe, um verschiedenste Ausprägungen, Verhandlungen, Konstellationen und Möglichkeiten von Liebe und Begehren. Gerne griff Henze, der auch als Dirigent von Aufführungen meist eigener Werke hervorgetreten ist, dabei auf Stoffe aus den Weltmythen und Märchen zurück. Solche auf griechisch-römischen, indischen oder arabischen Überlieferungen basierenden, von Henze und seinen Librettisten neu gelesenen, von Heute aus interpretierten und teils weitergedachten Erzählungen bilden die Grundlage seiner ersten Oper König Hirsch von 1956, seines ersten großen Balletts Undine von 1958, seines Musikthe- aters Die Bassariden von 1966, seines Tanzdramas Orpheus von 1979, seines Bühnenstücks Venus und Adonis von 1997 sowie seines Singspiels L’Upupa und der Triumph der Sohnesliebe von 2003. All diesen Stücken gemeinsam ist, dass die Liebe, in welcher Art und Weise sie sich nun im einzelnen artikuliert, auf die Probe gestellt wird – oder auch in Frage. Liebe ist ein, wenn nicht das Lebensthema, und gerade die Oper scheint, nahezu seit ihrer fast fünfhundertjährigen Erfolgsgeschichte, das dazu geeignete Medium der Erörterung zu sein. Wahrscheinlich ist das auch der entscheidende Grund ihres bis heute anhaltenden Erfolgs.

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Phaedra – Hans Werner Henzes jüngste Bühnenproduktion, an der er, mit teils längeren gesundheitsbedingten Unterbrechungen, von 2004 bis 2007, bis kurz vor der Premiere im September 2007 an der Berliner Staatsoper Unter den Linden, gearbeitet hat – ist ebenfalls ein Werk der Liebe, ein Stück des Mythos, ein musikalisches Spiel mit ima- ginären wie konkreten Theaterelementen. Phaedra, zweite Frau des König Theseus, jüngere Schwester seiner Jugendliebe Ariadne, begehrt ihren Stiefsohn Hippolyt – vergeblich. Der einzige Sohn von Theseus und seiner ersten Frau Hippolyte hat sich ganz der Göttin Artemis verschrieben und durchstreift zusammen mit ihr die Wälder. Er hat so gar keinen Sinn für Liebe und Erotik (grundlos, nirgends wird erklärt, weshalb eigentlich). Diese Haltung verletzt die Liebesgöttin Aphrodite derart, dass sie Rache sucht. So stiftet sie Phae- dra an, sich in den Stiefsohn zu verlieben und bekennt ihm ihre Zunei- gung, die er schroff von sich weist. Daraufhin bricht sie zusammen, sieht für sich keine Zukunft mehr und begeht Selbstmord. Zuvor aber schreibt sie ihrem Gatten einen Abschiedsbrief, in dem sie behauptet, Hippolyt habe sie vergewaltigt, was nicht der Fall war. Theseus aber glaubt ihr, ist außer sich vor Schmerz und will den angeblichen Miss- brauch rächen. Er bittet den Meeresgott Poseidon um Hilfe. Und dieser entsendet einen riesigen Stier, der just dann aus dem Wasser steigt, als Hippolyt mit seinem Streitwagen an der Meeresküste entlangfährt. Angesichts des Stieres scheuen die Pferde, die Wagenräder zerbrechen, Hippolyt verfängt sich in den Zügeln, er wird über Sand und Steine geschleift, bis er tödlich verwundet liegen bleibt. Man findet ihn und bringt in den Palast, wo er in Theseus’ Armen stirbt; der Vater erkennt seinen Irrtum zu spät. So die kurze Zusammenfassung der griechischen Sage, wie sie Euripides um 428 vor unserer Zeitrechnung in seiner Tragödie Der bekränzte Hippolytos überliefert hat, die der römische Dichter Seneca dann kurz vor Beginn unserer Zeitrechnung in seiner Tragödie Phaedra neu- und weitergeschrieben hat. In der römischen Fortsetzung findet sich Halbgöttin Artemis nicht mit dem Tod ihres asexuellen Geliebten, ihres Gefährten Hippolytos ab. Sie wendet sich an den Arzt Asklepios und gemeinsam mit ihm und mit Hilfe von allerlei Heilkräutern gelingt es, den Gestorbenen wieder zum Leben zu erwecken. Doch das gefällt den Göttern ganz und gar nicht: Aus dem Hades darf kein Sterblicher

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zurückkehren. Den Zorn fürchtend, versteckt Artemis den Wiederge- borenen in einer dichten Wolke, lässt seinen Körper aussehen wie den eines Greisen und bringt ihn nach Italien, wo er, nun unter dem neuen Namen Virbius, in einer Grotte im Wald am Nemi-See lebt. Hier weiht der ehemalige Hippolytos der Artemis einen Hain und wird fortan selbst als Gott und König der Wälder verehrt. Diese fortgesponnene Erzählung inspirierte dann gut 1500 bis 1700 Jahre später verschiedene Dichter zur dramatischen Neube- lebung des Stoffes. Am bekanntesten ist die 1677 verfasste Version Phaedra von Jean Racine, die Friedrich Schiller 1805 ins Deutsche übersetzte. Mit diesen und auch weiteren Quellen haben sich Hans Werner Henze und sein Librettist, der 1969 in Dresden geborene Dichter und Religionswissenschaftler Christian Lehnert, intensiv beschäftigt und sowohl den griechischen als auch den römischen Erzählstrang in eine zweiaktige Oper gegossen, genauer gesagt: in eine »Konzertoper in zwei Akten«, wobei der erste (Am Morgen) mit fünf Szenen in griechi- scher, der zweite (Am Abend), mit vier Szenen, in römischer Umgebung angesiedelt ist. Der Neologismus, die Setzung der Hybridgattung Kon- zertoper markiert, dass das Stück auch ohne große Ausstattung reali- siert werden kann, aber nicht muss. Henze und Lehnert – beide Künstler haben nach eigenen Aussagen sehr gut miteinander und füreinander gearbeitet; übrigens in dieser Kombination erstmals – haben sich weitestgehend an den mythischen Plott gehalten, ihn aber um einige Zutaten erweitert, Varianten und entlegenere literarische Motive eingeflochten. So taucht die Figur des Minotaurus auf, der in der Vorgeschichte des Phaedra-Sujets mit der komplizierten Personal-Konstellation verbunden ist, Phaedra erscheint im zweiten Akt erneut, diesmal als vogelhaftes Gespenst und Aphrodite ist ebenfalls zugegen. Zudem erscheint gen Ende des Werkes als stum- mer Mime der Mörder des Königs der Wälder, denn eine Mär will, dass der jeweilige König der Wälder zu irgendeinem Zeitpunkt von einem jüngeren Mann aufgesucht wird, der ihn tötet und mit Tat zum neuen König der Wälder wird, bis irgendwann ein neuer Mann auftaucht, dann irgendwann wieder ein Neuer und so weiter. Im faszinierenden Finale von Henzes Phaedra ist allerdings nur ein Nachfolger, der mit dem blutigen Schwert in der Hand neben dem Toten steht.

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Überhaupt gehören die finalen Szenen der Konzertoper zu den

ergreifendsten und dramatischsten Momenten des Werkes: Hippolytos spricht »Ich muss fort von mir«; er singt die Worte nicht, er weiß nun, dass er, wie auch Phaedra, aufgerieben wurde im Machtkampf zwischen Aphrodite und Artemis; beide erkennen ihre von den Göttern bestimm- ten Schicksale; der zuvor stumm-mimische Minotaurus singt erstmals in dem Werk; er, Aphrodite, Phaedra, Artemis und Hippolyt besingen ein heiteres Leben in der Zukunft: »Wir dringen zur Sterblichkeit vor und tanzen. Wir drehen uns, drehen, wie ein Uhrwerk, wie ein Vogel kreist,

der den Widerstand des Todes unter den Schwingen fühlt

Henzes Phaedra-Geschichte, die übrigens ohne groß Vorgeschicht- liches beginnt, die einsetzt im Labyrinth des Lebens und des Mythos samt ihrer nachgeschichtlichen Echos, hier begegnen sich Phaedra und Hippolytos, ist ohne das Ensemble Modern undenkbar. Ziemlich früh waren die Frankfurter Musikerinnen und Musiker in den Entstehungs- prozess des Werkes involviert, und ihre Möglichkeiten und Fähigkei- ten haben Henze denn auch beim Komponieren beeinflusst. So stand ziemlich früh fest, dass sie viele Aufgaben zu übernehmen haben, dass sie über große Passagen hinweg auswendig spielen müssen, dass sie vielfach zwischen ihren »Haupt« und »Neben«-Instrumenten wechseln müssen. Insgesamt stehen den fünf Sängerinnen und Sängern 24 Ins- trumentalisten zur Seite: zwei Schlagzeuger mit vielen perkussiven Klangwerkzeugen, darunter viele aus dem nahen und fernen Osten; zweifach besetzte Bläser (Flöten mit Piccolo und Altflöte; Klarinetten, auch Bassklarinette, Sopran- und Altsaxophon; Oboe, auch Englisch- horn; Fagott, auch Kontrafagott; Hörner, auch Wagnertuben; Posau- nen, Alt, Tenor und Bass; Trompeten); einfach besetzte Geige, Bratsche, Cello, Kontrabass, Harfe, Celesta und Klavier. Zudem verwendet Henze – er spricht von »Bruitage« – auch zuvor fixierte, elektroakustische Zuspielaktionen über Lautsprecher; die Sounds von Stürmen und Gewittern sowie andere Naturlaute erklingen, zudem Geräusche aus dem Operationssaal. Gemäß der Idee eines imaginären Theaters, das in der Personage von Phaedra bereits konkret geworden ist, hat Henze die ausgemachten Charakterzüge der Protagonisten mit ihm passend erscheinenden Ins- trumentalfarben und -eigenschaften flankiert. Phaedra (Mezzosopran) und Aphrodite (Sopran) finden ihre Entsprechung in den Blechbläsern,

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Hippolyt (Tenor) und Artemis (Altus) stehen die Holzbläser zur Seite. Diese Dualität, die wegen der großen Anzahl verschiedener Blech- und Holzblasinstrumente mannigfache Schattierungen und Schattenkom- binationen erlaubt, lotet Henze aufs Feinste aus, nutzt die Vielfarbigkeit im Spektrum gleicher Farben. Diese fungieren oft auch als Schatten der Sänger und Sängerinnen, ihrer Partien; teils führen sie diese aber auch sprachlos fort oder kommentieren sie – wie ein innerer Monolog. Am

Ende des ersten Akts, als Hippolytos stirbt und auch zuvor als Phaedra stirbt, klingen, zitathaft als Klangzeichen des Todes, aber auch der Liebe, Glocken; und kurz, am Ende der dritten Szene im ersten Akt, als Phaedra erstmals versucht sich die Pulsadern aufzuschneiden, was Aphrodite aber verhindert, zitiert Henze notengetreu aus Johann Sebastian Bachs Kantate »O Ewigkeit, du Donnerwort« BWV 60 den Anfang des Schluss- chorals »Es ist genug«. »Hab Geduld mit dem Tod« singt, Phaedra fest- haltend, Aphrodite. In Hans Werner Henzes Spätwerk Phaedra lassen sich, so der Ham- burger Musikwissenschaftler und Henze-Experte Peter Petersen, kaum Merkmale eines Alterwerks ausmachen: »Findet man bei Kunstwer- ken, die in hohem Alter gemacht wurden, häufig Themen um Tod und Abschied, die Neigung zu Vermächtnis und Bilanz, reflexive und kon- templative Haltungen, religiöse und mythische Themen, der zeichen- hafte Umgang mit Konventionen und Traditionen, die Neigung zu Ab- straktion und Verallgemeinerung, so dominieren in diesem Fall die Lust an dramatischen Turbulenzen und ungewöhnlichen Konstellationen.« Und Henze selbst notierte im April 2004 in seinem Phaedra-Werkbuch, das er während des Entstehungsprozesses geführt hat und das 2007 im

Klaus Wagenbach Verlag (Berlin) erschienen ist: »[

das Schlagwerk ein Instrumentarium zusammengestellt von chinesisch-

] wir haben jetzt für

japanischen und ähnlichen exotischen Instrumenten, auch, um meinen Klangvorstellungen aus der Tradition meines eigenen Schreibens so viel wie möglich wegzunehmen, in anderen Worten: um Routine zu vermei-

den. Es ist die Angst, sich zu wiederholen [

Unwillen: Das macht man nicht, sich wiederholen, auch wenn es einige in unserem show business gibt, die gedacht haben, sie seien so doll wie der alte Bach und sich irrtümlich und pausenlos wiederholen.« Gleichwohl, und vielleicht ist Phaedra deshalb doch ein nicht allein an Henzes Alter festzumachendes Alterswerk, ist die Nähe des Sujets

vielleicht nicht Angst, aber

],

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zur eigenen Lebenssituation unübersehbar. Henzes Wohnsitz liegt in der Nähe des Nemi-Sees, wo der zweite Akt angesiedelt ist. Es könnte durchaus sein, dass Henze wegen und in dieser geografischen Nähe auch die thematische Nähe zu Phaedra und Hippolytos schon lange gespürt hat. Denn weshalb er gerade auf diesen Stoff kam, als er über die Story und den Inhalt eines neuen Musiktheaters nachdachte, das hat er bisher nicht gesagt. Es lag vielleicht einfach in der Luft, in der Landschaft, deren Beschaffenheit Zeugnis ablegt von urzeitlicher Exis- tenz und Präsenz. Henze hat sie wissend-unwissend über viele Jahre hinweg gelesen, inhaliert, gedeutet; nun ist sie, mehrfach gefiltert und destilliert, gestalteter Klang und somit Musikgeschichte geworden.

Ben S. Dersche