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GENERATION PORNO

»Höchste Zeit, dass wir uns aufregen!«


Jakob Pastötter, der Präsident der Deutschen
Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche
Sexualforschung, über die Generation Porno

Herr Pastötter, warum weiß man noch immer so wenig über den
Einfluss von Pornografie auf das Verhalten von Jugendlichen?

Die Wissenschaft hat sich nicht darum gekümmert. Es galt das Diktum von
Günter Amendts »Das Sexbuch«: Pornos seien für Alte, deren Fantasie
abgeschlafft ist, Jugendliche fänden sie langweilig. Zudem wollen
Wissenschaftler nicht als repressiv gelten, deswegen ist Medienkritik
unpopulär.

Ist die Aufregung um Pornos vielleicht übertrieben?

Ganz im Gegenteil! Es ist höchste Zeit, dass wir uns aufregen, weil sie
nämlich seit mindestens 35 Jahren die Sexualaufklärung und das sexuelle
Wissen massiv beeinflussen. Aus den USA gibt es etwa Studien, die
belegen konnten, dass sich Jugendliche, die Fernseh-Soaps mit sexuellen
Inhalten sehen, in ihrem Verhalten daran orientieren.

Sind Zustände wie in Berlin-Hellersdorf eine Ausnahme oder die


Zukunft?

Sexuelle Verwahrlosung geht oft mit sozialer Verwahrlosung einher.


Letztere ist aber nicht an untere Schichten gebunden. Ursachen sind
generationenübergreifende Sprachlosigkeit und das Fehlen von Vätern
oder männlichen Vorbildern. So füllt Pornografie eine Lücke.

Manche Experten sprechen von einem »deutschlandweiten


Feldversuch«, den nur niemand auswertet. Wer sollte das tun?

Fragen Sie doch einmal beim Familienministerium nach! Die akademische


Situation der deutschen Sexualwissenschaft ist so nichtexistent, dass nur
Kinder- und Jugendinstitute bleiben. Aber die haben meines Wissens
andere Schwerpunkte. Viele Sexualberatungseinrichtungen hätten gerne
wissenschaftlich-empirische Grundlagen für ihre Arbeit, haben selbst aber
kein Geld.

Was sollte am dringendsten getan werden?

Auf jedes Pornovideo gehört ein Aufkleber und vor jeden pornografischen
Internetclip eine Warnung: »Das Betrachten von Pornografie kann Ihrer
sexuellen Gesundheit erheblichen Schaden zufügen!« Um eine solche
Warnung zu rechtfertigen, ist die Faktenlage in jedem Fall ausreichend.

Interview: Sigrid Neudecker

Quelle: http://www.zeit.de/zeit-wissen/2009/03/Aufklaerung-Kasten-
Interview