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Laotse

Die menschliche Vervollkommnung


Eine philosophische, mystische, politische und religiöse Lehre: »Daode jing«
Von Wen Chao Chen

Laotse, der bereits vor 2500 Jahren die gesamte chinesische Geisteswelt und Kultur beeinflusst hat, war
ein chinesischer Philosoph und berühmtester Vertreter des Taoismus. Sein philosophisches Werk
»Daode jing« sorgt auch heute noch für internationales Aufsehen, ist eines der bedeutendsten Werke
der chinesischen Literatur und gilt nach der Bibel als der meistübersetzte Text. Der Erfolg von Laotses
Werk beruht auf einer tiefgründigen Weltanschauung: Die Begriffe Dào („Sinn“) und Dé („Leben“)
spielen eine zentrale Rolle und behandeln den Sinn des Daseins, die Transzendenz des Lebens und die
Vervollkommnung des Menschen.

Laotses gottgleicher Status verdankt die im 6. Jahrhundert v. Chr. geborene Legende einem Passwärter,
der ihn bat, sein Wissen zu teilen. Mit dem Wissen über die Vorgeschichte nimmt man nun das Werk in
die Hand und wird nicht enttäuscht, wenn man sich die Sprüche des „alten Meisters“ auf der Zunge
zergehen lässt. Denn weder sind die Lehren leicht zu verstehen, noch zu interpretieren; und das bei
mehrmaligem Lesen. Ein Grund, weshalb bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. Hunderte von Kommentaren
entstanden sind. In Richard Wilhelms Übersetzung wird „Dao“ mit Sinn und „De“ mit Leben übersetzt.
Eines der Ziele, das Laotse mit seinem Werk erstrebt, ist die „innere Erleuchtung“, die erreicht werden
kann, wenn das Herz leer ist. Um sein Herz zu leeren, muss man die „Pforten zum Herz“ schließen und
dem Äußeren den Zugang verwehren. Erst dann kann es die großen Wahrheiten erfassen, denn dort,
wo der Schein aufhört, wird das „verborgene wahre Ich“ umso klarer und reiner.

Ein Merkmal des „alten Meisters“ sind seine rätselhaften Sprüche, die sich auf Andeutungen
beschränken, jedoch jedem einzelnen die Interpretation überlassen. Des Weiteren ist auffällig, dass die
Sprüche zwar kurz, aber sehr tiefgründig sind, da sie essentielle Fragen über das Dasein hinaus
aufgreifen und außerdem Lebenssituationen annehmen. Dabei gibt Laotse zu erkennen, dass die zwei
wichtigsten Wörter „Sinn“ und „Leben“ nichts mit den Weiten des Universums zu haben, sondern
einfach Erfahrungen sind, die im Laufe der Entwicklung widerlegt werden, da sich mit den Jahren die
Welterkenntnis der Menschen ändert. Genau aus diesem Grund kommen auch keine historischen
Namen in seinem Text vor, obgleich beschrieben wird, wie „der Berufene“ – so wird der Idealmensch in
der Übersetzung genannt – in jedem der 81 Sprüche dem Prinzip des „Lebens“ nach handeln würde.
All das ist gut strukturiert in nur 5000 Schriftzeichen erläutert und geschrieben worden, stets bedacht
darauf, bloß Andeutungen zu machen. Nach jedem der Sprüche bedarf der/die Leser(in) einer
Denkpause, in der man über das Rätselhafte sinnt. Doch gerade das macht das Werk des genialen
alten Mannes zu einem geschätzten Lesestoff.

Laotse: »Daode jing«, Piper Verlag 2005