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Alan Posener

Wir sind Papst!

Kai Diekmann hat ein Buch angekündigt. Der Titel, "Der große Selbstbetrug",
scheint zutreffender zu sein, als dem Autor lieb sein kann.

Kai Diekmann, Chefredakteur der Bildzeitung, hat ein Buch geschrieben. Was an und
für sich nichts Besonderes ist. Dieter Bohlen hat auch ein Buch geschrieben.

Interessant ist jedoch der Inhalt. Diekmann sagt, so die Vorschau des Piper-
Verlags, „was Sache ist“. Und zwar so:

„Meine Generation betrügt sich selbst. Wir wollen Reformen, aber ändern soll sich
nichts. Wir erwarten ehrliche Politiker, wählen aber die mit den haltslosesten
Versprechen. Wir fordern Freiheit, scheuen jedoch Verantwortung.“

Hey, das klingt nach ehrlicher Selbstkritik. Endlich. Ein Berufsleben lang haben
diese Mittvierziger davon gelebt, auf die 68er einzudreschen, was sicher Spaß
gemacht, ihnen jedoch weder intellektuelle Anstrengung noch moralischen Mut
abverlangt hat. Jetzt ist Katerzeit angebrochen; jetzt wird Selbstkritik geübt,
jetzt will man sich ehrlich machen; jetzt wird mal gefragt, was diese Generation,
die Kinder der fetten Kohl-Jahre und ihrer „fröhlichen Restauration“, denn so viel
besser gemacht haben als wir Kinder von Marx und Coca-Cola.

Aber das klingt eben nur nach ehrlicher Selbstkritik. Denn gleich wird sie wieder
hervorgeholt, die gute alte 68er-Keule:

„Das Erbe der 68er hat uns in eine Sackgasse geführt. Es wird Zeit, endlich
umzukehren.“

Ah ja, klar. Die 68er haben K.D. gezwungen, Politiker zu wählen, die haltlose
Versprechen abgaben. (Wen meint er? Den Mann, dessen Autobiographie er als
Ghostwriter mitverfasste? Den Mann der „blühenden Landschaften“?) Die 68er haben
K.D. gezwungen, Verantwortung zu scheuen. (Was meint er damit?) Die 68er haben
K.D, gezwungen, als Chefredakteur der Bildzeitung nach Auffassung des Berliner
Landgerichts <em>„bewusst seinen wirtschaftlichen Vorteil aus der
Persönlichkeitsrechtsverletzung Anderer“</em> zu ziehen. Die 68er zwingen ihn noch
heute, täglich auf der Seite 1 eine Wichsvorlage abzudrucken, und überhaupt auf
fast allen Seiten die niedrigsten Instinkte der Bild-Leser zu bedienen,
gleichzeitig aber scheinheilig auf der Papst-Welle mitzuschwimmen. Die 68er
zwingen ihn, eine Kampagne gegen die einzige vernünftige Reform der Großen
Koalition zu führen, die Rente mit 67. Die 68er zwingen ihn… aber das wird
langweilig. Hier die Kurzfassung: ich bin’s nicht, die 68er sind’s gewesen. Das
ist jämmerlich.

Wenn man etwas macht, soll man dazu stehen, oder aber es lassen. Man kann nicht
die Bildzeitung machen und gleichzeitig in die Pose des alttestamentarischen
Propheten schlüpfen, der die Sünden von Sodom und Gomorrha geißelt. So viel
Selbstironie muss doch sein, dass man die Lächerlichkeit eines solchen
Unterfangens begreift.

Gegen Ende der 60er Jahre verwandte eine Arbeitsgruppe des SDS viel Zeit und jede
Menge Marx, Freud und Co. darauf, das Geheimnis der Bildzeitung zu enträtseln. Als
sie fertig waren, fiel den Amateur-Analytikern eine professionelle Analyse in die
Hand, die von der Bildzeitung in Auftrag gegeben worden und an ihre Anzeigenkunden
verteilt worden war. Die verblüfften SDSler stellten fest, dass sich die Analysen
glichen. Die Bildzeitung präsentiere die Welt als Dschungel, als einen
gefährlichen und unübersichtlichen Ort, wo „die da oben“ machen, was sie wollen,
und wo „wir hier unten“ verloren wären, wenn es nicht die Bildzeitung gäbe. Sie
spricht die Wahrheit aus, sie ist Anwalt des „kleinen Mannes“, sie sagt, „was
Sache ist“.

So macht sie das bis heute, und sie macht das sehr professionell. Wenn man ein
bisschen zynisch ist, auf miniberöckte Vorzimmermiezen großen, auf Ernsthaftigkeit
eher weniger Wert legt, kann man dort Karriere machen, und das ist völlig OK so.
Einer muss es ja machen, so wie einer den Dieter Bohlen machen muss, und einer den
Papst. Aber wenn Dieter Bohlen den Papst geben würde, müsste man auch lachen,
oder?

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