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Soziale Gerechtigkeit bei Fichte

Über den Begriff der „Erlaubnisgesetze“ bei Kant kam ich auf die Idee der sozialen Gerechtigkeit bei Fichte zu lesen, wie er in seinem Rechtsbegriff implizit enthalten ist. Heute ist es zwar selbstverständlich, dass von einer sozialen Verantwortung des Eigentums, der Arbeit, des Gewinns die Rede ist, doch vermag die Diskussion vor 200 Jahren durchaus noch Impulse zu geben, vor allem, wie ich meine, hinsichtlich der Begründung eines korrekten, methodischen, sozialpolitischen Vorgehens, wie größere Gerechtigkeit erzielt werden kann. Denn es ist eine Frage rechtspolitischer Begründung, wie soziale Gerechtigkeit durchgesetzt werden soll - ohne zu einer moralischen Verurteilung einer anderen Sichtweise zu greifen. Die Verbindlichkeit eines Rechts-Gesetzes zur sozialen Gerechtigkeit kann sich nicht aus einer sittlich-moralisierenden oder politisch-moralisierenden Position ergeben, sondern muss im Rechtsgesetz und Rechtsbegriff selber liegen und der daraus abgeleiteten praktischen Konsequenzen.

Es ist hier wieder, wie so oft, KLAUS HAMMACHER 1 eine Quelle der Erkenntnis und der Zusammenschau.

1) In den „Grundlagen des Naturrechts“ von 1796 (abk.= GNR) entfaltet Fichte den Rechtsbegriff aus Prinzipien der Vernunft und schließt weiter auf die freie Wirksamkeit des Menschen, die rechtlich garantiert sein muss. Der zentrale Gedanke der ersten Kapiteln der Rechtsphilosophie aus dem Jahre 1796 - in der Rechtslehre von 1812 wird die Vielheit der Personen schon vorausgesetzt - stellt dabei die Anerkennungslehre dar, wodurch sich für das einzelne Selbstbewusstsein die Notwendigkeit ergibt, mehrerer Personen anzusetzen, ferner die Möglichkeit der Kommunikabilität, die Möglichkeit der Leibessphäre als erste sichtbare Wirksamkeit des freien Menschen, schließlich auch die Notwendigkeit eines eigenen Besitzes oder Eigentums.

Aber wie sollte jedem Menschen ein Eigentum zukommen, noch dazu unter arbeitsteiligen Verhältnissen? Eine Arbeitsteilung muss nicht per se der Würde und Freiheit des Menschen widersprechen, sofern alle Begründung von Besitz und Eigentum ja zurückbezogen bleibt auf ein gegenseitiges, geistiges, zwischenmenschliches Rechtsverhältnis.

Die mit dem Recht inhaltlich, sozial gebundene Seite des Eigentums - konkret z. B. ausgeführt in „Der geschlossene Handelsstaat“ (SW III; siehe dort besonders die Stellen 401, 421, 441ff) - darf dabei nicht vereinnahmt werden von sozialistischen Theorien autoritärer Richtungen,

1 Klaus Hammacher, Über Erlaubnisgesetze und die Idee sozialer Gerechtigkeit im Anschluss an Kant, Fichte, Jacobi und einige Zeitgenossen, Fichte-Studien Supplementa, Bd. 7, Amsterdam 1996, 117 – 138.

dass etwa im Sinne des zu fördernden Gemeinwohls, die grundlegende Freiheitsrechte des Menschen beschnitten werden. Ebenso darf die Notwendigkeit eines Eigentums nicht von liberalistischen Staatstheorien in dem Sinne missbraucht werden, dass das Zugeständnis von Eigentum zwar gewährt wird, aber über die bloße Möglichkeit hinaus wird nichts gewährt, was zur Selbstständigkeit des Individuums etwas beizutragen könnte. Der Begriff der „Erlaubnisgesetze“ kann diese Differentiation zwischen rechtlich-sozialer Verpflichtung und Verantwortung des Eigentums, und trotzdem einzuhaltender persönlicher Freiheitssphäre, anzeigen und praktisch-logisch einfordern.

2) Bereits Kant hat hier wesentliche Vorarbeiten geleistet. 2 Die Begründung für das äußere Mein und Dein eines Besitzes in der „Metaphysik der Sitten“ v. 1797/98 geht davon aus - NB auf die feine Beobachtung Kants -, dass erst die gegenseitige rechtliche Anerkennung von Personen und ihres Willens Eigentum als Besitz ermöglicht. 3 Konsequent hat Fichte auf der Grundlage der metaphysischen und transzendentalen Deduktion des Rechtsbegriffes diese Möglichkeitsbedingung des Erwerbes von Besitz auf der Interpersonaltheorie zurückbezogen. Der erste Erwerb von etwas beruht immer auf einem geistigen Verhältnis von Personen zueinander, wodurch in weiterer Folge jemandem etwas zugehörig gedacht werden kann. Es besteht eine den Besitzverhältnissen vorlaufende Begründungsfunktion durch andere Personen, dem das Rechtsverhältnis zuerst entsprechen muss, ehe es zur vertragstheoretischen (oder wie immer handhabbaren) Regeln des Eigentums übergehen kann.

Hammacher weist darauf hin (ebd. S 122), dass der Eigentumsbegriff Kants sich wesentlich von unserem fetischistisch-gegenständlichen Eigentumsbegriff unterscheidet, und allein auf jene durch den rechtlichen

2 Manfred Riedel, Die Rehabilitierung der praktischen Philosophie, Bd. 1, Geschichte, Problem, Aufgaben, Freiburg 1972.

3 Kant, ebd., Bd. VI 268, § 17. „Nun ist noch nöthig die Erwerbung selbst, d.i. das äußere Mein und Dein, was aus beiden gegebenen Stücken folgt, nämlich den intelligibelen Besitz (possessio noumenon) des Gegenstandes, nach dem, was sein Begriff enthält, aus den Principien der reinen rechtlich-praktischen Vernunft zu entwickeln. Der Rechtsbegriff vom äußeren Mein und Dein, so fern es Substanz ist, kann, was das Wort außer mir betrifft, nicht einen anderen Ort, als wo ich bin, bedeuten: denn er ist ein Vernunftbegriff; sondern, da unter diesem nur ein reiner Verstandesbegriff subsumirt werden kann, bloß etwas von mir Unterschiedenes und den eines nicht empirischen Besitzes (der gleichsam fortdauernden Apprehension), sondern nur den des in meiner Gewalt Habens (die Verknüpfung desselben mit mir als subjective Bedingung der Möglichkeit des Gebrauchs) des äußeren Gegenstandes, welcher ein reiner Verstandesbegriff ist, bedeuten.“

Zustand zu sichernde Selbsterhaltung bezogen ist. Unsere teilweise sehr liberalistische Einstellung, wonach eine private Aneignung öffentlich erarbeiteten Mehrwerts (Habermas, Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus, 1973, S 74) ohne weiteres zulässig ist, lässt sich nämlich nicht aus der tatsächlichen Arbeit ableiten, wie Fichte dann klar herausstellen wird. 4

Ganz anders dagegen ist es, wenn der Eigenthumsvertrag einen rechtlichen Inhalt mit sich bringt. Da könnte der Titel des Besitzes einer Kritik unterworfen und gefragt werden, nicht, was besitzest du? sondern, was besitzest du mit Recht? und eine neue Theilung beginnen. (Rechtslehre 1812, SW X, 509)

3) Kant leitete aus dem Gesellschaftsvertrag ab, dass jeder stimmberechtigt ist, der rechtlich zugestandenes Eigentum besitzt, oder, wenn noch nicht zivilrechtlich abgesichert, aus dem prärogativen Recht eines Besitzes das nachweisen kann. (vgl. diverse Stellen zum Begriff des Eigentums in der Spätphilosophie der „Metaphysik der Sitten“ Bd VI, 269 f. 281f u. a.).Kant stellt aber gleichzeitig heraus, dass ein Eigentum in diesem Sinne jeder erhalten muss, wenn es zur eigentlich rechtlichen Verfassung kommen soll, da jeder Mensch nur so „eigener Herr“ (siehe ebenfalls diverse Stellen in der „Metaphysik der Sitten“ Bd. VI, 270 u. a.) sein kann bzw. die Selbstgesetzgebung, die ihm die Freiheit auferlegt, wirklich vollziehen kann. (Siehe z. B. auch „Streit der Fakultäten“ AA VII,

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Fichte hat jetzt konsequent aus dem Rechtsbegriff selbst eine soziale Verantwortung und eine soziale Gerechtigkeit abgeleitet, weil der Eigentumsvertrag bereits auf eine rechtliche Anerkennung des anderen beruht – ohne moralische Vereinnahmung des anderen. (Siehe oben das Zitat aus der RL von 1812 gegen eine liberalistischen Staatstheorie SW X, 509; oder vgl. die Studienausgabe zur Rechtslehre von 1812, fhs, 2012, Bd. 3, zum Eigenthumsvertrag, S 116 ff u. a.)

Eigentum ist ein Recht auf eine bestimmte freie Tätigkeit, da nur über die Tätigkeit, und das heißt, über die tätige Äußerung der Kräfte des Individuums der Streit entstehen kann, den der Vertrag durch arbeitsteilige

4 Man müsste das m. E. unbedingt auch auf die Ausbeutung der Rohstoffe der Erde beziehen, denn der verschwenderische Ölreichtum mancher Eliten oder anderer Rohstoffmagnaten kann nicht aus dem Rechtsbegriff der gegenseitigen Anerkennung und eines primär geistigen Verhältnisses der Personen zueinander abgeleitet werden. Wie prophetisch erkannte Fichte vor 200 Jahren, dass der Mehrwert nicht einer unregulierten Nachfrage und einer Naturzufälligkeit überlassen werden kann!

Gliederung bestimmter Wirksphären aufheben soll. Erst durch und in diesem Vertrag lässt sich ein Staat sichern. Der rechtliche Zustand soll eine gegenseitige freie Wirksamkeit der Personen ermöglichen und sichern, sodass z. B. Fichte zu dem berühmten Satz kommt, der in einer Päpstlichen Enzyklika von heute stehen könnte: Jeder Mensch hat ein „Recht auf Arbeit“, damit er davon leben kann (GNR, SW III, 212. 213).

4) M. a. W.: Fichte verbindet die aristotelische „ausgleichende“ (commutative) und „austeilende“ Gerechtigkeit, insofern einerseits von einer proportionalen (reziprozen) Gleichheit zwischen den Gleichgestellten gesprochen werden muss (z. B. durch den Vermittlungswert des Geldes),

andererseits aber auch eine „austeilende“ Gerechtigkeit (

Anspruch, Würde oder Verdienst) richtig sein mag - wie es gemeinhin in der göttlicher Gesetzgebung vorkommt. 5

Verteilung nach

Soziale Gerechtigkeit ist nach Fichte nicht eine Frage, die erst nachträglich bei der Verteilung, sei es des Besitzes, sei es des Produktes der Arbeit, einsetzt, wozu der Grund von einer außerhalb des Rechtssystems stehenden Vorstellung entlehnt werden muss, sondern soziale Gerechtigkeit liegt im Akt der Begründung des Rechtszustandes selbst. (vgl. Hammacher, ebd., S 124) Jeder besitzt sein Eigentum „nur insofern und auf die Bedingung, dass alle (…) von dem Ihrigen leben können; und es hört auf, inwiefern sie nicht leben können (…) und wird das Eigenthum jener“ (GNR, SW III, 213)

Hammacher weist in seinem Artikel darauf hin, dass die heute so populären diskurstheoretischen Ansätze zur Begründung von Recht und Gerechtigkeit bei Fichte ihre transzendentale Begründung fänden, aber, so meine These, wegen philosophiehistorischer Unkenntnis und ideologischer Verblendung die Person Fichte nicht berücksichtigt werden will.

Natürlich gibt es viele Wege der Durchsetzung von sozialer Gerechtigkeit. Nach Hammacher ist es ein „mühsamer“ Weg (ebd. S 131), wie die empirischen Sozialwissenschaften die Idee der Gerechtigkeit denken. Oder man begibt sich auf den mühsamen Weg eines technisch-praktische Verfahrens, um Gerechtigkeit und Legitimation einer Norm herbeizuführen (siehe z. B. Luhmann, Legitimation durch Verfahren, 1969). Bei Fichte wäre der Weg kürzer und vorallem einsichtiger: die Evidenz der Einsicht in einer praktische Regel muss zuerst verstandesmäßig einleuchten und kann keinem einzelnen Verstand abgenommen werden, ehe daraus eine öffentliche Meinung und in weiterer Folge, durch die Überzeugungs- und Erziehungsarbeit, ein allgemeines soziales Gesetz werden kann.

5 In einer Systemtheorie des Rechts hängt die Gerechtigkeit von vielen Faktoren der Rechtsfindung ab, von möglicher Generalisierung eines Rechts und einer spezifischen Spezifikation, von einem Schema der Suche nach Gründen oder Werten etc… Siehe dazu Luhmanns Begriff der „Kontingenzformel“ in: Das Recht der Gesellschaft, 1993, 214 – 238

Um nochmals zum Satz vom „Recht auf Arbeit“ zurückzukommen: Da sich aller Besitz als Eigentum letztlich auf ein Verhältnis zwischen intelligenten Wesen gründet, muss nach Fichtes Spätlehre das Recht auf Arbeit über die Möglichkeit hinaus, eine bestimmte Zeit leben zu können, an den Maßstab gebunden werden, Freiheit (und Muße) zu gewinnen. Ebenfalls ganz modern: „Das Leben, das durch die Arbeit sich bloß erhält, muss jenseits derselben Freiheit gewinnen, selbstständig (sich) zu äußern“ (RL, S X 559). Der Sinn der Arbeit ist damit ein doppelter, dass es das Leben erhalte, und dass es frei von Arbeit und in Muße sich entfalten und bewegen könne. Der durch Arbeit und Mehrwert erwirtschaftete Gewinn und Überschuss, so muss man weiterdenken, steht im Dienste einer sozialen Aufgabe der Förderung des Lebens und der Freiheit aller Menschen.

5) Hammacher weist darauf hin, dass Fichte von JACOBIS Wirtschaftslehre noch erheblich weiteren Gewinn hätte erzielen können, wenn er sie gekannt hätte. Jacobi sieht in seinen apercu-artigen Bemerkungen zur wirtschaftlichen Ordnung, dass beim rechtlichen Vertragsabschluss die Zeitperspektive mitreflektiert werden muss. Kein Vertrag sei denkbar, ohne das Vertrauen auf eine zukünftige Erstattung des an Arbeit oder auch an Zeit Investierten. Deshalb muss es Rechtsgarantieren geben, dass z. B. der freie Commerz rechtlich abgesichert wird. Fichte hätte hier in der wirtschaftlichen Ordnung ein rechtliches Glied finden können, wie sozialtheoretisch und effektiv die Idee der Gerechtigkeit im Rechtswesen selbst verankert werden hätte können.

Aber direkt, jetzt ohne Zuhilfenahme von Jacobis Wirtschaftstheorie, kann die Umsetzung und Anwendung einer sozialen Rechtstheorie auch vom Begriff der „Erlaubnisgesetze“, wie sie Kant formulierte, bei Fichte abgeleitet werden. Fichte knüpft an die Kantischen „Erlaubnisgesetze“ ausdrücklich an (vgl. GNR, SW III, 13) 6

„Ob Kant das Rechtsgesetz nach der gewöhnlichen Weise von Sittengesetze ableite, oder eine andere Deduction desselben annehme, lässt aus der angeführten Schrift sich nicht deutlich ersehen. Doch wird durch die Bemerkung über den Begriff eines Erlaubnissgesetzes (S.15.) wenigstens höchst wahrscheinlich, dass

6 Es wäre ein eigenes Thema, den Begriff der Erlaubnisgesetze als Mittelglied zwischen Verbotsgesetzen und Gebotsgesetzen zu ermitteln. Kant fasst in der Schrift „Zum ewigen Frieden“ (AA VIII, 347f und Metaphysik der Sitten AA VI, 222f) Erlaubnisgesetze als Befugnis auf, Verbotsgesetze einschränkend denken zu müssen, sozusagen noch als vorläufigen Mangel, ehe ein klares Verbots- oder Gebotsgesetz erlassen ist. Hammacher bezeichnet die Erlaubnisgesetze als „proskriptive“ Vorschreibungen. (ebd. S 119)

seine Deduction mit der hier gegebenen übereinstimme. Ein Recht ist offenbar etwas, dessen man sich bedienen kann, oder auch nicht; es erfolgt sonach aus einem bloss erlaubenden Gesetze: und ein solches Gesetz daher, dass ein Gesetz sich nur auf eine gewisse Sphäre einschränkt, woraus durch die Urtheilskraft gefolgert wird, dass man ausserhalb der Sphäre des Gesetzes, von dem Gesetze frei, und wenn es kein anderes Gesetz über diesen Gegenstand gebe, überhaupt bloss und lediglich an seine Willkür verwiesen sey. Die Erlaubniss liegt nicht ausdrücklich im Gesetze, sie wird nur durch die Auslegung desselben, aus seiner Beschränktheit gefolgert. Die Beschränktheit eines Gesetzes zeigt sich dadurch, dass es ein bedingtes ist. Es lässt sich schlechterdings nicht einsehen, wie aus dem unbedingt gebietenden, und dadurch über alles sich erstreckenden Sittengesetze ein Erlaubnissgesetz sollte abgeleitet werden können.“ (GNR, SW III, 13)

In den „Erlaubnisgesetzen“ liegt bereits ein Weg zu transzendentalphilosophischen Lösungen von sozialen Problemen. Da das „Erlaubnisgesetz“ nach Fichtes Interpretation von Kant nur durch „Auslegung“ Anwendung findet, ist seine verbietende Einschränkung (eines Verbotsgesetzes) von der erkannten (nicht totalitär vorgeschriebenen) Unrechtmäßigkeit eines Rechtszustandes abhängig. Es liegt also nicht ein kategorischer Imperativ im „Erlaubnisgesetz“, aber aus einem erkannten Erlaubnisgesetz kann sehr wohl eine praktisch-politische Verpflichtung werden, ein soziales Gesetz einzuführen und durchzusetzen.

Hammacher erläutert die im Begriffe der „Erlaubnisgesetze“ bei Kant enthaltenen Implikationen – die ich hier nicht schildern will (vgl. ebd. S 127 – 130) – und verweist im weiteren auf Windisch-Graetz und Jacobi. Bei Jacobi schließlich fällt das Wort von einer „Quelle der Bildung“, die die Religion bisher war, jetzt aber durch die „Quelle der Freiheit“ (Jacobis Werke, Bd. III, 463) abgelöst wurde; schließlich spricht er von einer allgemeinen Einsicht, welche die Gesetzmäßigkeit des politischen Handelns bestimmen kann. Er spricht auch von der „Herrschaft der Meinung“, weil der Mensch zwar nach Verwirklichung der Wahrheit strebt, aber sein Streben mit dem Zwang nach Veräußerlichung verbunden ist, wodurch der Mensch Begriffe und Vorstellungszusammenhänge für die wahren Lebensbedürfnisse selber nimmt.(Zitate von Jacobi, vgl. Hammacher, ebd.,S 130)

Nach Hammacher hat Jacobi damit erfasst, was heute die Soziologie als die reale Macht identitätsverbürgender Weltbilder ansieht (ebd. S 130). Er hat sie erfasst durch die Unterscheidung der Funktion der Evidenz von der der Erfahrung. Diese Evidenz liegt in dem gemeinsamen Vorteil, der allein verstandesgemäß (und nicht totalitär vorgeschrieben von einer

Partei, was Freiheit, Gerechtigkeit, Sinn etc… heißt) ausgemacht werden kann. („Die Wurzel einer Evidenz ist in dem klaren Bewußtseyn einer Wahrnehmung; „ (Jacobis Werke, Bd. VI, 200f). „Damit hat er aber bereits ein anthropologisch angemessenes Erklärungsprinzip aufgestellt, das Luhmann heute mühsam aus den empirischen Sozialwissenschaften gewinnt,(….)“ (Hammacher, ebd.,131)

Infolge der aphoristischen Denkweise Jacobis kam er nicht mehr zu einem methodisch-konsequenten Vorgehen, wie ein politisches Handeln nach dieser allgemeinen Einsicht, kombiniert mit einer Vertragstheorie gemeinsamen Vorteils, umgesetzt werden könnte. Immerhin hat er aber dieses in der verstandlichen Evidenz begründete und durch Vertragstheorie (mit einem Zeitbezug) gesicherte Gerechtigkeitsstreben in einer rechtlichen Theorie schon gefasst, ohne auf eine moralische Argumentation zurückgreifen zu müssen. Es kann ein allgemeiner Vorteil nach einem Gesetz der Gerechtigkeit erkannt werden, die rechtlich verbindlich ist. 7

Fichte sollte es sein, der dieses sozial bezogene Rechtsdenken (oder Gerechtigkeitsstreben) in seiner Rechtslehre kategorial fassen konnte, begründet im transzendentalphilosophischen Begriff der Anerkennung, der Interpersonalitätslehre und im des Leibes als sichtbare Wirksamkeit der Freiheit des Menschen. 8

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Gerechtigkeit, welches jedes andere Gesetz zum Gräuel machte“ (So nach einem Wort von Lessing, in: Jacobi, Werke Bd. II, 374.)

Es war der Mangel eines allgemeinen strengen unbeweglichen Gesetzes der

8 Hammacher, der sich wiederholt mit dem Dialektikbegriff Fichtes versus Hegel

auseinandergesetzt hat, weist darauf hin, dass stets eine Unvereinbarkeit zwischen der Wahrheit im inneren und äußeren Bewusstsein aufrecht erhalten bleiben muss, andernfalls man in einen totalitären Begriff von äußerer Wahrheit abgleitet, der sich, nach Hegel, in der Geschichte entwickelt. Letzteres Denken von Dialektik verneint das absolute Soll der Wahrheit und die Freiheit des Einzelnen.