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kommentar

Die Stadt, der Rhein, der Müll
Von Christoph Heim

Die Notenpresse als Wundermittel
Über John Law und die französischen Finanzkrisen im 17. und 18. Jahrhundert
Bankier und Spieler. John

In diesen Spätsommertagen wandelt die Stadt ihr Antlitz: Der Wickelsack mausert sich zum modischen Accessoire, ohne das sich der Basler, die Baslerin kaum mehr auf der Strasse zeigt. Es zieht täglich Tausende zum Rhein, wo sie sich ihrer Kleider entledigen und ein kühlendes Bad im 23 Grad warmen Wasser nehmen. Der grüne Strom ist an diesen Tagen voller oranger Farbpunkte, die zielstrebig rheinabwärts schwimmen. Der Rhein wird zur grossen Stadtbadi. Kommt hinzu, dass die Ufer voller Menschen sind, die sich beim Flanieren Kühlung vom nahen Wasser versprechen und sich bei dieser Gelegenheit gerne auch ein Getränk genehmigen. Der Rhein mitsamt Ufer wird im ganzen Jahr nie so sehr genutzt wie gerade jetzt. Uns gefällt das emsige Treiben. Nur scheinen die Stadt und ihre Betriebe, die sich ja seit Jahren mit dem Wandel bei der Rhein- und Rheinbordnutzung schwertun, mit dem Massenansturm immer noch nicht recht klarzukommen. Die endlich bewilligte Buvette bei der Kaserne ist überfordert. Die von der Expo01 geerbten Chromabfalleimer sind immer überfüllt. Die blauen Abfallcontainer desgleichen. Auf dem Rheinufer vor den Sitztreppen

Law of Lauriston (1671–1729) konnte im Frankreich des frühen 18. Jahrhunderts seine geldpolitischen Ideen ausprobieren: Er führte Papiergeld ein. Foto AKG

schmelzen dahin, sondern auch die Schulden der Regierung. Die meisten Staaten auf der Welt und in der Geschichte haben stets eine nicht mehr zu beherrschende Verschuldung weginflationiert. Auf Kosten der Bürger. Das viele Papiergeld veranlasste den Duc d’Orléans auf einen Abbau der Staatsschulden zu verzichten. Selbst die Zinsen wurden mit frisch gedrucktem Papiergeld bezahlt. Voltaire spottete, dass jede Papierwährung eines Tages ihren realen Wert erreicht, nämlich null. Die französische Währung erodierte, die Aktienmärkte explodierten. Papiergeld und Guillotine Don’t panic, but panic first. Als die Menschen realisierten, dass der labile Duc d’Orléans heimlich die Notenpresse wie eine Spielzeugmaschine angeworfen und das ganze Land mit Papiergeld überschwemmt hatte, war es zu spät. Die Menschen verbrannten ihr Papiergeld und forderten ihre Metallmünzen zurück. Zuerst waren die jüdischen Bankiers von Paris die Schuldenböcke, schliesslich einigte man sich auf den Schotten John Law, der Paris ohne Frau und Tochter verlassen musste. Er starb am 21. März 1729 kurz vor Vollendung seines achtundfünfzigsten Lebensjahres während des Karnevals in Venedig. Rund siebzig Jahre später versuchten es die Franzosen während der Französischen Revolution erneut mit Papiergeld. Sie brauchten Geld, um den «neuen Menschen» zu erscha en. Und eine Guillotine, um die Väter der Revolution hinzurichten, zusammen mit den Frauenrechtlerinnen, die übersehen hatten, dass die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der Revolution nur dem männlichen Geschlecht vorbehalten war. Das viele Papiergeld verlor an Wert, heizte die Inflation an, liess die Menschen verarmen und die Besitzenden «entreichern». Das ist der Weg des Dollars und aller Papierwährungen, die auf ungenügenden Wirtschaftsleistungen basieren. Spätestens wenn ein Tag Arbeit nicht mehr ausreicht, um ein Stück Brot zu kaufen, entstehen soziale Unruhen. Politik und Schuldenmacherei Finanzkrisen und Staatsbankrotte sind in der Geschichte alltäglich. Sie werden es weiterhin sein, und zwar immer öfter, weil der elektronische Hochfrequenzhandel jede Entwicklung rasant beschleunigt. Während der Wert aller auf der Welt jährlich produzierten Waren und Dienstleistungen 87 Billionen Dollar beträgt, liegt das Volumen von Devisengeschäften bereits bei über 900 Billionen Dollar. Leider sind reine Geldgeschäfte für die Menschheit aber nur von beschränktem Nutzen, denn sie scha en lediglich Geld aus Geld, aber kaum Arbeitsplätze oder neue Produkte, die für den Menschen einen Nutzen haben. Wie üblich gibt man den Banken die Schuld, aber nicht den institutionellen Anlegern und Privatanlegern, die gierig nach neuen lukrativen Anlagemöglichkeiten verlangen. Dass dabei auch Staaten mit Währungen zocken, geht in der ganzen Polit- und Medienheuchelei meist unter. Das Problem ist heute wie bereits zur Zeit des Sonnenkönigs die Politik. Es fehlt die Kraft des Handels. Seit den Siebzigerjahren will kein Politiker den Schwarzen Peter ziehen und den Schuldenberg abbauen. Er will nur wiedergewählt werden, und macht deshalb laufend neue Schulden, um nicht finanzierbare Wahlversprechen einzulösen. Im privaten Bereich würde man solchen Leuten einen Vormund vorsetzen, denn die Idee, dass jeder Bürger ein Fünfsternehotel haben sollte, das ist bei fortschreitender Überalterung nicht mehr zu finanzieren. Das hat nichts mit Ideologie zu tun, sondern mit Mathematik.
* Claude Cueni, Schriftsteller und Drehbuchautor, lebt in Binningen. Sein Buch «Das grosse Spiel» über


den


Papiergelderfinder John Law erschien 2006, war auf Platz 1 der Bestsellerliste, wurde in 13 Sprachen übersetzt und ist Vorlage für einen internationalen


Kinofilm.

Die einen saufen genau dort, wo die anderen sich tags darauf blutige Füsse holen.
türmen sich leere Bierdosen und Bierflaschen, die an die letzte Nacht erinnern. Man kommt sich vor wie in einem überfüllten Hinterhof. Es ist ein leidiges Thema, dieser Abfall, das gerne dazu benutzt wird, volkserzieherische Parolen zu verbreiten. So heisst es, jeder soll seinen Abfall wieder mitnehmen und die Leute hätten heute keinen Anstand mehr. Dabei ist es ganz einfach: Die Stadt ist der Ort, wo Verdichtung in jeder Hinsicht stattfindet. Hier überlagern sich die Nutzungen. Hier saufen die einen genau dort, wo am nächsten Tag die anderen aus dem Rhein heraussteigen und sich blutige Füsse und Hände holen, weil Glassplitter im Kies stecken. Hier gehen Familien mit Kindern ins Wasser, wo die anderen sich an einem FKK-Strand wähnen. Hier queren die einen schwimmend den Rhein, wo die anderen mit zehntausend Tonnen schweren Schi en den Strom hinabfahren. Der Staat muss hier Regeln aufstellen und deutlich kundtun, damit die unterschiedlichen Nutzungen möglich werden. Er muss überwachen, damit die Regeln eingehalten werden. Und er muss den Abfall, den die einen hinterlassen, beseitigen, damit die anderen das Bad im Strom gefahrlos geniessen können. Nachhilfeunterricht bietet beispielsweise «Paris Plage» in Frankreichs Hauptstadt. christoph.heim@baz.ch
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Von Claude Cueni* Ende des 17. Jahrhunderts war Frankreich bankrott. Louis XIV, der Sonnenkönig, hatte das bedeutendste Land Europas ruiniert. In zahlreichen langjährigen Kriegen wurden die Rohsto e des Landes aufgebraucht. Es gab kaum noch Metalle, um neue Münzen herzustellen. Der Handel lag still. Die Leute wichen auf Tauschhandel aus. Viele hatten keine Arbeit und kein Geld mehr, um etwas zu kaufen. Frankreich ereilte das gleiche Schicksal, das alle Länder (bis in die heutige Zeit) erleiden, wenn sie jahrelang mehr ausgeben als einnehmen. In seiner Verzweiflung gab Philippe von Orléans, der nach dem Tod von Louis XIV (1715) Frankreich regierte, dem Glücksspieler, Duellisten, Mörder, Nationalökonomen, Mathematikgenie und Womanizer John Law of Lauriston die Erlaubnis, seine Geldtheorien an einer ganzen Nation auszuprobieren. Seit zwanzig Jahren war John Law durch die Salons der Reichen getingelt und hatte beim Karten-Glücksspiel Faro, das er meisterhaft beherrschte, für seine Idee geworben, Geld aus Papier herzustellen. Dies war für die damalige Zeit revolutionär, entsprach doch der Wert einer Münze genau dem Wert des Metalls, das in ihr steckte. Und nun sollte Geld auf wertlosem Papier gedruckt werden. Das Experiment gelang zu Beginn, die Märkte wurden mit Papiergeld geflutet, der Handel erwachte aus seiner Agonie, es wurde wieder produziert, es wurden wieder Leute eingestellt, die mit ihren Löhnen wiederum Produkte kauften und so den ewigen Kreislauf beschleunigten. Richard Nixon und Vietnam 1971 hatte US-Präsident Richard Nixon ein ähnliches Problem wie im 17. Jahrhundert der Sonnenkönig. Er brauchte zusätzliches Geld für die Finanzierung des Vietnamkrieges, aber da der Dollar an das Gold gekoppelt war und sich die USA verpflichtet hatten, jeden Dollar auf der Welt jederzeit in Gold umzutauschen, waren seine Möglichkeiten beschränkt. Die USA hatten nicht genügend Gold, um es für neues Papiergeld

zu hinterlegen. Kurzerhand brach Nixon deshalb das Versprechen, Dollars jederzeit in Gold umzutauschen, und warf darauf die Druckerpresse an. Er druckte so viele Dollars, wie er für den Vietnamkrieg brauchte, der aus ökonomischer Sicht nicht finanzierbar war. Nach ihm entdeckten abwechselnd Demokraten und Republikaner die Wunderpresse zur Vermehrung des Geldes. Sie köderten ihre Wähler mit immer absurderen Versprechen, die sie nach ihrer Wahl jeweils einlösten – und mit neuen Schulden finanzierten. So sicherten die Politiker ihre Wiederwahl auf Kosten der Leute, die sie wählten. Das ist bis heute so. John Law und der Mississippi Um 1720 erfanden die Medien das Wort «Millionär». Über Nacht gab es sehr viele Millionäre in Paris. Aus ganz Europa kamen Menschen, um am Wirtschaftswunder des John Law teilzunehmen. Das viele Geld, das plötzlich im Umlauf war, floss in Aktien, ein Finanzprodukt, das damals noch recht neu war. John Law wurde zum Popstar der Finanzen. Sein Palais in Paris war gefragter als Versailles. Law wurde als protestantischer Schotte Finanzminister im katholischen Frankreich, er wurde Generalkontrolleur der Finanzen. Er erwarb Überseegebiete der französischen Krone in Louisiana und wurde Besitzer eines Drittels des heutigen Amerika. Er strukturierte die Handelsgesellschaft «Compagnie des Indes» (Mississippi Compagnie) als Aktiengesellschaft und verband diese mit dem Schicksal der französischen Staatsbank. Es begann der grösste Aktienboom aller Zeiten, weil man in den amerikanischen Kolonien märchenhafte Rohsto vorkommen erwartete. Die MississippiAktien explodierten. Der MississippiHype verhexte ganz Europa, und Angehörige aller Stände und Berufe verfielen dem Börsenfieber. In allen Tagebüchern jener Zeit wird der Irrsinn dramatisch geschildert, und man glaubt sich über weite Strecken an die Berichterstattung über die New Economy im Jahre 2000 oder die spätere Immobilienblase erinnert: Die Leute erfinden neue Worte,

um zu erklären, wieso alles, was bisher galt, nicht mehr gelten soll. Und rückblickend ist alles Humbug. Das war auch am Anfang des 18. Jahrhunderts so. Als der Duc d’Orléans vorübergehend die Herrschaft über Frankreich übernahm, entdeckte der disziplinlose Lebemann das Gelddrucken. Die Märkte erstickten förmlich in diesem frischen Papiergeld. Da das Geld immer weniger wert war, musste man für ein Stück Brot immer mehr Papiergeld aufwenden. Die Inflation «entreicherte» die französische Bevölkerung. Wer es sich leisten konnte, suchte Sicherheit in Gold und trieb den Goldpreis in ungeahnte Höhen. Also verbot Frankreich kurzerhand den Goldbesitz, wie es später zahlreiche Nationen immer wieder getan haben und auch in Zukunft tun werden. Es soll für den Bürger keinen Schutz geben, wenn der Staat seine Schuldenberge weginflationiert. Alan Greenspan und das Gold Kein Geringerer als Alan Greenspan, der von 1987 bis 2006 Vorsitzender der amerikanischen Notenbank war, schrieb 1966 in einem Aufsatz: «Die Finanzpolitik des Wohlfahrtsstaates macht es erforderlich, dass es für Vermögensbesitzer keine Möglichkeit gibt, sich zu schützen. Dies ist das schäbige Geheimnis, das hinter der Verteufelung des Goldes durch die Vertreter des Wohlfahrtsstaates steht. (...) Gold beschützt Eigentumsrechte.» Nach dem Verbot des Goldbesitzes liessen die Menschen ihre Goldmünzen einschmelzen und sich daraus goldene Kruzifixe giessen, denn der Gesetzgeber hatte der Kirche zuliebe sakrale Gegenstände von dieser Regelung ausgenommen. Also wurden auch diese verboten und die Leute stürzten sich in Silber und verursachten dort die nächste Blase. Jede Blase nährt die nächste Blase. Sowohl bei Papiergeld als auch bei Bordeaux-Weinen gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Ist zu viel Geld im Umlauf, sinkt der Wert der Währung. Hundert Franken haben plötzlich nur noch die Kaufkraft von fünfzig Franken. Doch nicht nur die Vermögen in Bargeld

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