Sie sind auf Seite 1von 26

1

1

« Antizipation: mit Weitsicht die richtigen Entscheidungen treffen »

Übersicht

17. Oktober 2010

1- Perspektive

Russland und Euroland : Zwei entscheidende Akteure auf der globalen Bühne der Jahre 2011 - 2014

Russland ist der erste der global bedeutenden Akteure, der seine Transformation von einer Supermacht der Nachkriegsordnung zu einer Großmacht, die für die Welt nach der gegenwärtigen Krise gerüstet ist, vollzogen hat. Euroland hingegen ist ein neuer globaler Akteur. Er verdankt seine Entstehung einer bewussten Politik nationaler Regierungen, die die Überwindung der Nachkriegsweltordnung anstrebten. Wir können alle beinahe täglich mitverfolgen, dass Euroland als gemeinsamer Währungsraum immer bedeutender wird und de facto die wichtigen Entscheidungen innerhalb der gesamten EU vorbestimmt. Russland und Euroland gehören zu den Mächten, die durch die Krise im gewissen Sinne „neu entstanden“ sind … (Seite 2)

2- Teleskop

Umfassende weltweite Krise – LEAPs Risikobewertung für 39 Länder (USA, Euroland, China, Japan, Großbritannien, Brasilien, Deutschland, Indien, Russland, Australien, Argentinien, Schweden, Ägypten, Schweiz, Philippinen, Spanien, Italien, Mexiko, Norwegen, Süd-Korea, Marokko, Israel, Polen usw.) Die Phase der Auflösung der Welt –und öffentlichen Ordnung : Kollektiver Absturz mit jedoch unterschiedlichen Falltiefen

In dieser 48. Ausgabe des GEAB aktualisieren wir unsere jährliche erscheinende länderspezifische Risikobewertung. Zu ihrer Erstellung wurden elf Kriterien herangezogen. Dieses Hilfsmittel für die Investitionsentscheidungen hat seine Nützlichkeit bereits bewiesen, weil es die Ereignisse der vergangenen zwölf Monate verlässlich vorhergesagt hat. Diese länderspezifische Risikoanalyse kann insbs. für diejenigen interessant sein, die in einem bestimmten Land investieren, sich dort niederlassen oder sonst eine Investition tätigen wollen, deren Wert von der Entwicklung in diesem Land abhängt… (Seite 9)

3- Fokus

Die Unfähigkeit des G20, 2009 die Spielregeln der internationalen Beziehungen zu reformieren, ist Ursache des unvermeidlichen Zerfalls der Welt – und öffentlichen Ordnung(Auszug aus Franck Biancheris Buch „Nach der Krise – Auf dem Weg in die Welt von Morgen: Frankreich, Europa und die Welt in den Jahren 2010 bis 2020)

Die Unfähigkeit der Regierungen der wichtigsten Staaten, auf ihren G20-Gipfeltreffen von Ende 2008 und 2009 die zentrale Frage der bestehenden Weltordnung, nämlich die Rolle des US-Dollars als internationale Leitwährung zu behandeln, löste eine Entwicklung des Zerfalls der Welt- und öffentlichen Ordnung aus, die der grundlegende Trend der Jahre 2010 bis 2020 sein wird … (Seite 19)

Strategische und praktische Ratschläge

Devisen, Gold (Seite 23)

4- Der GlobalEurometer

Ergebnisse & Auswertung

Mit 96% herrscht bei der Präferenz für den Euro vor Dollar, Pfund und Yen beinahe Einstimmigkeit. Diese Präferenz wird auch im Verhältnis zu Gold immer ausgeprägter: Die Mehrheit, die Euros auch nicht gegen Gold tauschen möchte, steigt weiter … (Seite 25)

1

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

2

1- Perspektive

Zwei

entscheidende Akteure auf der globalen Bühne der Jahre 2011 - 2014

Russland

und

Euroland :

Die umfassende weltweite Krise prägt immer stärker die internationalen Beziehungen. Der Prozess des Entstehens von neuen weltweiten Gleichgewichten drängt die bilateralen Aspekte der Beziehungen zwischen Staaten und Staatengemeinschaften in den Hintergrund. Damit verliert mit jedem Tag die in den letzten Jahrzehnten für alle Regierungen der großen Länder außenpolitisch entscheidende Frage, welche Politik gegenüber den USA zu führen sei, an Bedeutung. Vielmehr müssen sie sich immer stärker mit der Frage beschäftigen, wie sie ihren Beitrag zum Entstehen der neuen Weltordnung leisten und ihre Interessen in der Welt nach der Krise verteidigen können. In dieser Zeit des historischen Übergangs von einer Weltordnung zu ihrer Nachfolgeordnung, die sich von 2011 bis 2014 vollziehen wird, werden nach Auffassung von LEAP 1 zwei Akteure ganz entscheidende Rollen spielen. Diese beiden Akteure sind Russland und Euroland 2 . Russland ist der erste der global bedeutenden Akteure, der seine Transformation von einer Supermacht der Nachkriegsordnung zu einer Großmacht, die für die Welt nach der gegenwärtigen Krise gerüstet ist, vollzogen hat 3 . Euroland hingegen ist ein neuer globaler Akteur. Er verdankt seine Entstehung einer bewussten Politik nationaler Regierungen, die die Überwindung der Nachkriegsweltordnung anstrebten 4 . Wir können alle beinahe täglich mitverfolgen, dass Euroland als gemeinsamer Währungsraum immer bedeutender wird und de facto die wichtigen Entscheidungen innerhalb der gesamten EU vorbestimmt 5 . Russland und Euroland gehören zu den Mächten, die durch die Krise im gewissen Sinne „neu entstanden“ sind. Um zu verstehen, wie immens die Aufgabe ist, vor denen die großen Länder in den kommenden Jahren stehen, muss man sich immer vor Augen halten, dass der Übergang zur neuen Weltordnung gelingen muss, wenn nicht das nächste Jahrzehnt Bühne ständiger weltweiter Konflikte werden soll 6 .

Unter den Zwängen der weltweiten Krise reift in Russland und Euroland das Bewusstsein, dass sie ein Mitgestaltungsrecht bei dem Aufbau der neuen Weltordnung besitzen. Sie erkennen, dass sie gemeinsam weitaus größeren Einfluss entwickeln können als wenn sie auf sich allein gestellt sind. In einer Art Marschroute zur neuen Weltordnung könnten Russland und Euroland die größten Probleme und entscheidenden Herausforderungen benennen und mögliche Lösungswege aufzeigen. Dabei ergeben sich nicht nur bei den Themen vielfältige Gemeinsamkeiten. Auch bei der Frage, wie die neue Weltordnung strukturiert werden sollte, treten immer mehr Gemeinsamkeiten zu Tage: Russen wie Europäer bevorzugen eine Kooperation in Netzwerken, wollen also in internationalen Beziehung das Entstehen von Hierarchien verhindern. Diese Vorgehens –und Organisationsweise erscheint uns für eine Welt, die sich im Übergang befindet und in der die Machtverhältnisse sehr instabil werden, besonders geeignet zu sein 7 .

1 In diese Auffassung flossen insbs. auch die Ergebnisse des 4. Seminars GlobalEurope UE-Russie ein, das Ende September 2010 in Nizza abgehalten wurde.

2 Neue staatliche Entität, in der sich die Staaten zusammenfinden, die sich die Gemeinschaftswährung Euro gegeben haben. Alle Gründerstaaten der EU gehören dazu. Euroland gewinnt seit dem Ausbruch der umfassenden weltweiten Krise innerhalb der EU immer mehr Macht und Einfluss.

3 Das ermöglicht Russland als erstes wichtiges Land, aktiv die Herausbildung einer neuen Weltordnung zu fördern. Das auffälligste Beispiel dafür ist seine Politik im Rahmen der BRIC.

4 Dank Euroland können die Gründungsmitglieder der EU wieder die Initiative in der EU übernehmen, die ihnen in den letzten zwanzig Jahren, in denen die EU überwiegend unter dem Einfluss der Briten und Amerikaner stand, entglitten war. Damit knüpft der Prozess der europäischen Integration wieder an seinen Ursprungsgedanken an, den Europäern zu ermöglichen, sich aus der Abhängigkeit der zwei Supermächte Sowjetunion und USA zu befreien und politische Selbständigkeit zu erringen. Euroland ist aber keine Alternative zur EU, sondern vielmehr das Modell für eine „neue“ EU, die auch international bereit ist, die Rolle zu spielen, die ihr aufgrund ihrer Größe und wirtschaftlichen, und geldpolitischen Bedeutung zusteht.

5 Vgl. GEAB N°45, Kapitel « Staatstreich der Eurozone » vom Mai 2010. Wir erinnern daran, dass die meisten der EU-Mitgliedstaaten Kandidaten für einen Beitritt zu Euroland sind.

6 Die Szenarien und Risiken für die Jahre 2010 bis 2020 beschreibt Franck Biancheri in seinem beim Anticipolis Verlag erscheinenden Buch „Nach der Krise – Auf dem Weg in die Welt von Morgen: Frankreich, Europa und die Welt 2010 -2020“ eingängig. Für einen Blick auf die Zusammenfassung bitte hier klicken. 7 Im Gegensatz zu hierarchisch aufgebauten Organisationen, deren Effizienz entsprechend zum Verfall der Macht bzw. der Legitimität ihres wichtigsten Mitglieds USA verfällt. Ein Blick auf die Nato oder den IWF reicht, um diese These zu belegen.

2

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

3

3 Entwicklung der Zusammensetzung der russischen Währungsreserven (2008/2009) (blau: €; grün: $) - Quelle: Econompic,

Entwicklung der Zusammensetzung der russischen Währungsreserven (2008/2009) (blau: €; grün: $) -

Quelle: Econompic, 2009

Russland – Euroland : Zwei alte „neue“ Akteure, die dabei sind, sich zu entdecken

Dafür müssen Russland und Europa jedoch zuerst ihre bilateralen Beziehungen bereinigen. Sie müssen aufhören, ihre Sicht auf den anderen für die Realität zu halten; sie müssen die andere Seite endlich als das sehen, was sie tatsächlich ist:

Die Europäer müssen verstehen, dass Russland nicht eine kleine Sowjetunion ist. Wenn man für die die heutigen Herrscher des Russlands des 21. Jahrhunderts Vergleichbares in der Geschichte finden möchte, muss man sie mit den Herrschern des alten Zarenreichs vergleichen. Das heißt, ohne sie lässt sich in Eurasien kein dauerhaftes Kräftegleichgewicht herstellen. Natürlich verfolgt das Russland von Heute auch eine ehrgeizige internationale Politik. Jedoch ist diese - und das ist der entscheidende Unterschied zur UdSSR – bar jeglicher ideologischer Hintergedanken und ohne gesellschaftliches Sendungsbewusstsein.

Die Russen hingegen müssen den Prozess der europäischen Integration verstehen lernen. Sie müssen erkennen, dass russische Europapolitik nicht nur in der Wahl der vermeintlichen Alternativen „strategische Partnerschaft mit einer komplexen, langsamen und häufig entscheidungsunfähigen EU“ oder des „Aufbaus traditioneller bilateralen Beziehungen mit Frankreich, Deutschland und Italien 8 » besteht. Es besteht nämlich inzwischen eine weitere Option, nämlich die Zusammenarbeit mit Euroland. Euroland ist zwar noch eine im Werden begriffene Staatengemeinschaft. Dennoch ist es schon heute ein sehr konkreter Faktor in den internationalen Beziehungen. Denn sein Geld liegt schon in vielfacher Milliardenhöhe in den Währungsreserven Russlands, Chinas und vieler andere Länder 9 .

Das gegenseitige Verständnis muss umgehend entwickelt werden. Die entsprechende geistige Arbeit muss geleistet, die Zahl der Zusammenkünfte und ihre Qualität müssen gesteigert werden. In einer Übergangsphase besteht die schwierigste Aufgabe darin, sich von einer untergehenden Welt und ihren obsoleten Konzepten und „Wahrheiten“ zu lösen. Diese Aufgabe müssen aber Russland und Euroland in den kommenden zwei Jahren bewältigen, wenn sie in der Welt von Morgen noch Einfluss besitzen möchten. Eine der ersten Vorbedingungen für eine solche Entwicklung ist die Abschaffung der Visapflicht zwischen Russland und der EU. Nur so kann es ausreichend Austausch im Bereich der Wissenschaft, des Handels 10 und der Kultur zwischen Russen und Europäern geben, nur so kann die Möglichkeit geschaffen werden, eine Vielzahl von gemeinsamen Initiativen anzustoßen.

8 Diese Länder sind Moskaus wichtigste europäische Partnerländer ; aber auf globaler Ebene können sie nicht ausreichend Einfluss ausüben. 9 Euroland ist in keiner Weise, weder von seinem Wesen, noch seiner Struktur oder seinen wesentlichen Anliegen, mit der EU der Jahre 2005/2006 zu vergleichen, als die ersten GlobalEurope UE-Russie-Seminare 10 Der unten aufgeführten Tabelle ist zu entnehmen, dass das Handelsdefizit Eurolands mit Russland das zweithöchste ist. Natürlich ist das Defizit gegenüber China mehr als doppelt so hoch, aber das gegenüber Japan beträgt nur die Hälfte.

3

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

4

4 Eurolands Handelsbilanz mit Russland (2003 – 2008) - Quelle: Eurostat 2009 Russland-Euroland : Partnerschaft die

Eurolands Handelsbilanz mit Russland (2003 – 2008) - Quelle: Eurostat 2009

Russland-Euroland :

Partnerschaft

die

zwei

Seiten

einer

bereits

bestehenden

strategischen

Russland und Euroland haben sich bereits an eine konkrete strategische Partnerschaft herangetastet:

- Während der „Eurokrise“ des Frühjahrs 2010, die aus der Londoner City heraus gesteuert wurde 11 , leistete Moskau der Eurozone Beistand (wie übrigens auch China) 12 . Die russische Regierung brachte ihr vollstes Vertrauen in die europäische Gemeinschaftswährung zum Ausdruck und verkaufte weiterhin Dollar, um den Euro-Anteil an seinen Währungsreserven zu steigern.

- Nach der Georgienkrise entspannten sich die Beziehungen der EU zu Russland dank der Vermittlung der drei großen EU-Mitgliedstaaten Deutschland, Frankreich und Italien relativ rasch. Wichtig dafür war auch, dass diese drei Länder Position gegen eine weitere Osterweiterung der Nato bezogen. Überhaupt empfinden es immer mehr Europäer inzwischen als ganz normal, Fragen der europäischen Sicherheit prioritär mit Russland statt mit den USA zu diskutieren. Die Amerikaner halten dies entsetzt für eine Irrweg der Geschichte. Aber ein Blick in die Geschichtsbücher könnte die amerikanische Regierung darüber aufklären, dass der russische Einfluss in Europa über Jahrhunderte die Regel war, während der übermäßige Einfluss der Amerikaner die Ausnahme ist. Überhaupt ist eines der Merkmale der Krise, dass in ihr viele Ausnahmen wieder von der Regel verdrängt werden 13 .

Vor dem Hintergrund der

- sich für 2011 abzeichnenden Niederlage der Nato in Afghanistan,

- künftigen Sparzwänge in den EU/Nato-Mitgliedstaaten (allen voran Großbritannien 14 ), die auch die Verteidigungshaushalte belasten werden

- und der wegen der US-Finanzprobleme unvermeidlichen Kürzungen des US-Militärhaushalts

werden die Europäer erkennen, dass sie auch militärisch enger mit Russland zusammenarbeiten müssen. Es ist damit sehr wohl möglich, dass Europäer und Russen bis 2014 einen entsprechenden Vertrag abschließen werden. Die russisch-europäische Zusammenarbeit bei der Bekämpfung der Piraten vor der somalischen Küste ist ein gutes Modell dafür, wie eine solche Zusammenarbeit z.B. bei der Bekämpfung des Terrorismus aussehen könnte.

11 Vgl. hierzu die GEAB-Ausgaben des ersten Halbjahrs 2010. 12 Wir erinnern wieder einmal daran, dass die Angriffe gegen den Euro ganz überwiegend von Großbritannien und den USA ausgingen. Deren Medien und „Experten“ versuchten den Euro zum Scheitern zu bringen, indem sie in Artikeln und Interviews die „Griechenlandkrise“ zu einer Eurokrise umzudeuten versuchten und das Ende des Euros ausriefen. Aber wie heißt es so schön: In schwierigen Zeiten erkennt man seine wahren Freunde. Damals ist klar geworden, dass Eurolands Freunde weder in den USA noch in Großbritannien sitzen.

14 Großbritannien erwägt inzwischen sogar, die Atomsprengköpfe Trident von Frankreich warten zu lassen. Das sagt einiges darüber aus, in welchem Zustand das Militär des Landes sich befinden muss. Quelle: Le Monde, 08/10/2010

4

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

5

Aber wegen der umfassenden weltweiten Krise gehen die Felder einer Zusammenarbeit zwischen Russland und Euroland weit über die üblichen Bereiche 15 wie Energie, Wissenschaftskooperation, Handel und Investitionen hinaus. Vielmehr müssen die beiden Akteure sich auch Gedanken machen, welchen Beitrag sie zu einem friedlichen Aufbau einer neuen Weltordnung leisten können. Nur so wird es ihnen gelingen können, kurz- und mittelfristig ausreichend den Einfluss zu wahren, den sie brauchen, um ihre strategischen Interessen zu verteidigen.

Russland und Euroland vor den großen Herausforderungen der neuen Weltordnung

Beide Akteure streben für die Welt von Morgen ein Gleichgewicht zwischen vielen globalen Machtpolen an; sie wollen nicht lediglich eine amerikanische Vormacht gegen eine chinesische Vorherrschaft eintauschen. Sie wollen ein neues Weltwährungssystem, mit dem die strukturelle Instabilität der fluktuierenden Wechselkursen beseitigt wird. Sie wollen die Entscheidungsverfahren in den großen internationalen Organisationen (VN-Sicherheitsrat, IWF, Weltbank usw.) von Grund auf reformieren. Euroland und die Europäer bevorzugen, wie man am Prozess der europäischen Integration sehen kann, in internationalen Beziehungen Kooperation vor Unterwerfung und Dominanz. Russland hat vor kurzem erkannt, dass dies die richtige Organisationsform für internationale Beziehungen ist und setzt diese neue Erkenntnis im Aufbau der BRIC um.

ist und setzt diese neue Erkenntnis im Aufbau der BRIC um. Warum mit ihnen zu rechnen

Warum mit ihnen zu rechnen ist! Der Anteil der BRIC am globalen BSP, Währungsreserven, Exporten,

Direktinvestitionen und CO²-Emissionen (in Prozent von der globalen Gesamtsumme / grün: 1995; blau: 2009 / dunkelgrün: der Anteil Chinas) - Quelle: The Economist, 04/2010

15 Die bisher angedachten oder schon konkreten EU-Osterweiterungsprojekte sind inzwischen ohne jegliche Erfolgsaussichten. Für einen Beitritt der Ukraine oder der Türkei gibt es weder in diesen Ländern noch in der EU politische Unterstützung (von Lippenbekenntnissen einmal abgesehen). Nato-Erweiterungen werden durch die Schwergewichte Eurolands, insbs. Frankreich und Deutschland, blockiert.

5

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

6

Im Gegensatz zu dem, was europäische und amerikanische Medien schreiben, sind die BRIC nicht mehr nur ein wenig greifbares Konzept oder eine vage Idee. Seit ihrem ersten Treffen 2006, das auf Initiative von Vladimir Putin abgehalten wurde, arbeitet Moskau sehr aktiv daran, die besonderen Beziehungen zwischen den vier großen Ländern Brasilien, Russland, Indien und China auch für konkrete Zielen in den internationalen Beziehungen einzusetzen. Inzwischen konzertieren sich die Länder regelmäßig zu den großen globalen Themen: Die Außenminister treffen sich genauso regelmäßig wie die Finanzminister 16 , die Botschafter bei der VN konsultieren sich einmal im Monat, und für G20-Treffen stimmen die Länder ihre Positionen ab; seit dem ersten Gipfel im Juni 2009 in Ekatarinenburg 17 treffen sich auch die Staat- und Regierungschefs (April 2010 Sao Paulo). Nach den Aussagen des russischen Präsidenten Dimitri Medwedew genießt die Zusammenarbeit im Rahmen der BRIC die zweithöchste Priorität der russischen Außenpolitik (oberste Priorität hat die Zusammenarbeit mit der EU). Wenn es beim Aufbau der neuen Weltordnung gelingen sollte, das Entstehen von rivalisierenden Blöcken zu verhindern, positioniert sich Russland mit dieser zweigleisigen Ausrichtung seiner Außenpolitik als wichtiger Akteur der neuen Weltordnung.

Eine Welt der rivalisierenden Blöcke wäre das schlechteste aller möglichen Ergebnisse des Übergangs von der alten zu einer neuen Weltordnung. Sie zu verhindern ist ein Anliegen, bei dem die russischen und europäischen Ziele deckungsgleich sind. Für die Diplomaten und Politiker Eurolands wird mit jedem Tag deutlicher, dass in fast allen großen Fragen der Weltpolitik ohne die BRIC kein Fortschritt mehr möglich ist, sei es im Nahost-Konflikt, in Afghanistan, beim Weltwährungssystem usw. Der amerikanischen Regierung wird immer weniger zugetraut, die Probleme, die sich auf dem Büro des Oval Office türmen, zu lösen.

Natürlich gibt es auch in dieser Gesamtschau der jeweiligen Interessen neben den zahlreichen Übereinstimmungen auch mehrere Themen, die von den zwei Akteuren unterschiedlich beurteilt werden. Aber es könnte sich mit dem weiteren Ablauf der Krise herausstellen, dass auch insoweit die Positionen doch nicht so weit auseinander liegen:

China : Konkurrent und Partner

In den Beziehungen zu China weichen die Positionen Russlands und Eurolands erheblich voneinander ab. Russland, obwohl es eine zukünftige Vormachtstellung Chinas verhindern möchte, setzt doch großen Ehrgeiz daran, seine Zusammenarbeit mit dem großen asiatischen Nachbarn so fruchtbar und reibungslos wie möglich zu gestalten. In Währungsfragen vertreten die beiden Länder eine identische Position: Beide fordern die Neuordnung des globalen Währungssystems und wehren sich gemeinsam gegen Versuche der USA, den Yuan zum alleinigen Sündenbock für das gegenwärtige Währungschaos zu machen. Sie erinnern daran, dass der Dollar Dreh- und Angelpunkt des aktuellen Systems ist, das die wahre Ursache der Instabilität ist. Die EU hingegen bleibt treuer Vasall der alten Weltordnung und ihres Währungssystems und unterstützt die Politik der amerikanischen Regierung mit Nibelungentreue. Aber seit der Eurokrise im Frühjahr 2010 18 setzt sich in einflussreichen Kreisen in Paris, Berlin und Frankfurt (EZB) die Einsicht durch, dass das aktuelle Währungssystem tiefgreifend reformiert werden muss. Wenn in den nächsten zwei Jahren die Amerikaner unter dem Vorwand der Konjunkturstützung soviel Geld gedruckt haben werden, dass der Dollar nur noch einen Bruchteil seines aktuellen Werts haben wird, wird sich in Euroland sicherlich die Erkenntnis durchsetzen, dass die BRIC das Problem richtig analysiert haben und die richtige Lösung vorschlagen. Dann wird auch dieser gegenwärtige Dissens zwischen Russland und Euroland ausgeräumt sein.

16 Z.B. arbeiten die BRIC daran, ihre Handelsbeziehungen immer stärker in nationalen Währungen abzuwickeln und sich vom Dollar als internationalem Zahlungsmittel zu emanzipieren. 17 Auf dessen Bedeutung der GEAB schon hinwies, als die meisten westlichen Medien ihn noch vollständig ignorierten. 18 In der Peking Euroland aktiv unterstützt hat.

6

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

7

Wenn erst im Währungsbereich zwischen Russland und Euroland Übereinstimmung herrscht, sollte es ihnen möglich sein, als Tandem mit China die für sie jeweils wichtigen Themen zu erörtern: Für die Europäer sind dies insbs. Handelsfragen, einschließlich der Fragen der Wechselkurse und ihr wachsender Widerstand gegen die chinesische Abwertungspolitik; für die Russen sind es insbs. Sicherheitsfragen. Russland und China kooperieren seit 2001 im Rahmen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit miteinander. Deren Aufgabe besteht darin, jede weitere Einmischung der Nato (oder auch der USA im Alleingang) in Zentralasien zu verhindern 19 . Aber Russland ist ganz allgemein über die wachsende Macht Chinas besorgt. China und Russland besitzen eine gemeinsame Grenze von 4.300 Kilometern Länge. Den Russen ist sehr wohl bewusst, dass alle Invasionen ihres Gebiets, die von Dauer waren, immer aus dem Osten kamen. Russland ist schon allein daher an einer intensiveren Zusammenarbeit mit Europa interessiert, um den Riesen China stärker in den Gesamtkontext der internationalen Beziehungen einzubinden. Auch würde eine solche Europapolitik Russland darüber hinaus ermöglichen, den Rohstoffreichtum und das wirtschaftliche Potential Sibiriens besser zu nutzen und zu verteidigen. Hier decken sich die sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Interessen in einer strategischen Partnerschaft zwischen Euroland und Russland in vielversprechender Weise.

zwischen Euroland und Russland in vielversprechender Weise. Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (2010) ( blau:

Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (2010) (blau: Mitgliedstaaten; lila: Beobachterstaaten; grün:

Partnerstaaten)

Der Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation (WTO) : Aber hat die WTO noch eine Zukunft?

Ein weiterer Punkt, zu dem keine Übereinstimmung herrscht, ist die bisher noch erfolglose Kandidatur Russlands zur WTO. Denn noch stellt die WTO Bedingungen, die Russland nicht erfüllen möchte:

- Die russischen Energiepreise sollen für Export und Eigenverbrauch identisch sein; - Die Cairns-Gruppe 20 fordert eine Begrenzung der staatlichen russischen Landwirtschaftssubventionen auf ein Drittel des von Russland vorgeschlagenen Niveaus.

19 LEAP hat diese These schon vor mehr als zwei Jahren aufgestellt. 20 Zusammenschluss von 17 agrar-exportierenden Ländern unter Vorsitz Australiens

7

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

8

Eine engagierte europäische Unterstützung der russischen Beitrittsbestrebungen könnte sicherlich dazu beitragen, eine Lösung zu finden. Jedoch erfordert die gegenwärtige Krise eine Neubewertung einer Kandidatur zur WTO. Denn wenn das internationale Währungssystem bis Ende 2011 tiefer im Chaos versinkt und die Länder sich in Abwertungsschlachten erschöpfen, um ihre Exporte zum Nachteil der Handelspartner zu verbilligen, und die WTO mangels Zuständigkeit diesem Treiben ohnmächtig zusehen muss, werden sich viele Länder fragen, ob es für sie überhaupt noch sinnvoll ist, Mitglied der WTO zu bleiben. Es ist absolut denkbar, dass eine neue Welthandelsorganisation gegründet wird oder die bestehende so massiv umgebaut wird, dass die russische Kandidatur zur gegenwärtigen WTO ihren Sinn verlieren wird.

Die Beziehungen zu den gemeinsamen Nachbarn : Ukraine und die Länder des Kaukasus und des Balkans

Die Beziehungen zu den gemeinsamen Nachbarn sowie ein möglicher Beitritt der Balkan-Länder zur EU sind zwei Seiten einer Medaille, die von Russland und Euroland unterschiedlich betrachtet wird. Für die russische Regierung ist der Kaukasus russisches Einflussgebiet, während die EU die Balkan-Länder als zu Europa gehörig ansehen. Dennoch wissen beide, dass auch der jeweils andere berechtigte Interessen in diesen Regionen vertritt. Aber insoweit hat die Krise auch etwas Gutes. Die geschwächten USA werden ihren Einfluss in diesen Regionen einbüßen. Durch das Ausscheiden der USA werden die Machtkonstellationen übersichtlicher. Das dürfte Russland und Euroland ermöglichen, sich über die für sie wichtigen Fragen zu einigen. Denn im Gegensatz zu den USA haben sie Interesse daran, die Probleme zu lösen, statt sie am Köcheln zu halten. So wandelt sich bereits heute die Streitfrage um einen möglichen Beitritt der Ukraine zu Nato und EU zu einem Feld möglicher Zusammenarbeit. Denn während es sicher ist, dass es zu diesen Beitritten nicht kommen wird, sind die Probleme des Landes weiterhin so akut wie zuvor.

Eine « Partnerschaft für die Modernisierung Russlands » im Austausch für eine « Partnerschaft für die Emanzipierung Eurolands »

Seit dem Ende der georgischen Krise hat sich die Zusammenarbeit zwischen der EU und Russland zu etwas entwickelt, was wir « Partnerschaft für die Modernisierung Russlands » nennen wollen. Im Austausch dafür hat Russland einen Prozess eingeleitet, den wir „Partnerschaft für die Emanzipierung Eurolands“ nennen wollen. Dafür war die Unterstützung der Gemeinschaftswährung durch Russland während der Eurokrise ein aussagekräftiges Beispiel. Beide Seiten müssen hier allerdings mit viel Vorsicht vorgehen. Genauso wie Russland sich nicht gerne vorschreiben lassen möchte, wie das Land für das 21. Jahrhundert fit gemacht werden soll, wollen die Europäer sich nicht von den Russen anhören, wie sie ihre Außenbeziehungen im Rahmen der neuen Weltordnung gestalten sollen. Aber beide müssen lernen, ihre Empfindlichkeiten zurückzustellen. Denn Russland und Euroland bleiben entscheidende Akteure beim friedlichen Übergang von der alten zur neuen Weltordnung. Dabei könnte auch helfen, dass für beide Akteure Kultur eine wichtige Grundlage der Gesellschaft ist. Diese gemeinsame Überzeugung ist eine wichtige Basis für die Definition einer gemeinsamen Politik für das nächste Jahrzehnt. Eine strategische Partnerschaft besteht nicht darin, eine Liste von gemeinsamen Problemen zu erstellen und sich zu versichern, dass es besser wäre, sie gemeinsam zu lösen. Vielmehr besteht sie in der Einsicht, dass die großen Herausforderung der Zukunft nur gemeinsam lösbar sind. Wegen der umfassenden Krise setzt sich diese Einsicht allmählich in Russland und Euroland durch und ermöglicht daher, die russisch-europäische Partnerschaft mit Leben und Inhalt zu erfüllen. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer solchen neuen Partnerschaft wäre zweifelsohne die Organisation eines Gipfeltreffens Europa-BRIC 21 , damit diese beiden Staatengruppen, denen in der neuen Weltordnung immense Bedeutung zukommen wird, offen und ehrlich über die Herausforderungen und Probleme der Zukunft und wie man sie gemeinsam bewältigen könne, beratschlagen.

21 Wir vermeiden ausdrücklich die Verwendung des Kürzels EU. Denn wir können nicht einschätzen, ob bis 2014/2015 Europa bei einem solchen Treffen vom deutsch-französischen Tandem , Euroland oder der EU vertreten würde. Aber eines ist für uns offensichtlich: Wenn die Europäer in offene und ehrliche Diskussionen mit China und auch den anderen Partnerländern eintreten wollen, haben sie alles Interesse daran, zu diesen Treffen ohne die Amerikaner zu kommen. Denn die USA haben in den Augen der chinesischen Regierung weitgehend ihre Bedeutung eingebüßt. Man sollte nicht in Verhandlungen eintreten, wenn man jemanden mit an den Verhandlungstisch bringen muss, der vom Verhandlungspartner abhängig ist. Denn genau dies ist das neue Verhältnis zwischen Washington und Peking.

8

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

9

2- Teleskop

Umfassende weltweite Krise – LEAPs Risikobewertung für 39 Länder (USA, Euroland, China, Japan, Großbritannien, Brasilien, Deutschland, Indien, Russland, Australien, Argentinien, Schweden, Ägypten, Schweiz, Philippinen, Spanien, Italien, Mexiko, Norwegen, Süd-Korea, Marokko, Israel, Polen usw.): Kollektiver Absturz mit jedoch unterschiedlichen Falltiefen

In dieser 48. Ausgabe des GEAB aktualisieren wir unsere jährliche erscheinende länderspezifische Risikobewertung. Zu ihrer Erstellung wurden elf Kriterien herangezogen. Dieses Hilfsmittel für die Investitionsentscheidungen hat seine Nützlichkeit bereits bewiesen, weil es die Ereignisse der vergangenen zwölf Monate verlässlich vorhergesagt hat. Die Erkenntnis vom Jahresanfang 2009, dass die umfassende Krise eine weitere Phase durchlaufe, nämlich die Phase des Zerfalls der Welt- und öffentlichen Ordnung, erforderte, zwei weitere Kriterien heranzuziehen. In der Risikovorschau 2009 waren es nur neun. Nur mit diesen zusätzlichen Kriterien konnten alle Trends, die die Welt von Morgen gestalten, getreulich berücksichtigt werden 22 . Zum Jahresende 2010 gehen wir nunmehr davon aus, dass alle hier analysierten Länder vor einer massiven Verschlechterung ihrer allgemeinen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Situation stehen 23 .

Indem wir die Kategorien der Länder an die Entwicklung der Krise anpassen, können wir weiterhin unsere länderspezifische Risikobewertung für die Jahre 2010 bis 2014 vorlegen 24 . Wir teilen nunmehr die Länder in vier Ländergruppen ein 25 , für die die Krise in dieser Phase der Auflösung der Welt- und öffentlichen Ordnung im Rahmen der umfassenden weltweiten Krise jeweils unterschiedliche Folgen zeitigen wird 26 .

22 Schon in der 5. Ausgabe des GEAB von Anfang 2006 hatten die LEAP/E2020-Forscher dargelegt, dass die umfassende weltweite

Krise in vier großen Phasen ablaufen werde : „Eine umfassende weltweite Krise läuft nach einem komplexen Schema ab, das man in vier Abschnitte unterteilen kann, die wiederum sich überschneiden können:

- Ein erster Abschnitt mit der Bezeichnung "Anfangsphase": In ihr treffen eine größere Zahl von bisher unabhängigen Faktoren an

einem Punkt zusammen und beginnen somit, sich gegenseitig zu beeinflussen; dieser Abschnitt der Krise ist nur für aufmerksame

Beobachter und die an vorderster Front Betroffenen erkennbar.

- Ein zweiter Abschnitt mit der Bezeichnung "Beschleunigungsphase": Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass unvermittelt für eine große Mehrheit der Beobachter und Betroffenen erkennbar wird, dass eine Krise hereingebrochen ist, da immer mehr Komponenten des Systems in Mitleidenschaft gezogen werden.

- Ein dritter Abschnitt mit der Bezeichnung "Aufprallphase": In ihr verursacht die Summe der Krisenfaktoren eine Explosion oder Implosion des Systems.

- Ein vierter Abschnitt mit der Bezeichnung "Dekantierungsphase": In ihr können die Grundzüge des neuen Systems, das sich aus

der Krise entwickelt, frühzeitig wahrgenommen werden. Source: GEAB N°5, Anfang 2009 identifizierten wir in der 32. Ausgabe des GEAB eine weitere, fünfte Phase der Krise, die wir die Phase des Zerfalls der

Welt- und öffentlichen Ordnung nannten. Sie sei die Folge des Scheiterns des G20, einen Prozess der Errichtung einer neuen, insbs. finanziellen Weltordnung zu lancieren, und werde mit Jahresende 2009 einsetzen. Diese neue Phase wurde selbstverständlich bereits im letzten Jahr in der 38. Ausgabe des GEAB in die Vorausschau des zeitlichen Ablaufs der Krise integriert.

23 Nur die Staaten, denen es gelingt, ihre Bevölkerung vor den schlimmsten sozialen und materiellen Auswirkungen der Krise zu schützen, werden in der Lage sein, die sich in den nächsten Monaten und Jahren häufenden sozialen Unruhen unter Kontrolle zu halten. Daher haben wir zwei neue Kriterien in unser Risikovorausschau aufgenommen: Zum einen die steuerliche Belastung der letzten 20 Jahre, zum anderen die Fähigkeit, einen globalen Währungskrieg überstehen zu können.

24 Als zeitliche Grenze bleiben wir beim Jahr 2014, da wir davon ausgehen, dass die Regierungswechsel, die 2012 in vielen wichtigen Ländern (China, USA, Russland, Frankreich etc.) anstehen – was innerhalb der nächsten vier Jahren der einzige Grund für Hoffnung auf eine bessere Politik sein kann – die grundsätzliche Risikoexponierung der einzelnen Länder bis 2014 nicht verändern werden. Erst nach 2014 kann eine neue, bessere Politik greifbare Erfolge aufweisen.

25 Wir analysieren 39 Länder sowie Euroland

26 Diese länderspezifische Risikoanalyse kann insbs. für diejenigen interessant sein, die in einem bestimmten Land investieren, sich dort niederlassen oder sonst eine Investition tätigen wollen, deren Wert von der Entwicklung in diesem Land abhängt.

9

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

10

10 Nachgewiesene soziale Unruhen 2009-2010 - Quelle : IILS, 09/2010 Inzwischen ist offensichtlich, dass sowohl der

Nachgewiesene soziale Unruhen 2009-2010 - Quelle : IILS, 09/2010

Inzwischen ist offensichtlich, dass sowohl der G20 als auch der IWFs bei ihren Versuchen, die internationale Staatengemeinschaft zu notwendigen Reformen des globalen Währungssystems zu bewegen, gescheitert sind. Dies zeigt, wie richtig LEAP/E2020 im März 2009, also vor dem ersten G20- Treffen, mit seiner Vorhersage lag. Wir hatten gesagt, dass dieses Treffen die einzige Möglichkeit biete, das globale Währungssystem, dessen Baumängel Hauptursachen der Krise sind, tiefgreifend zu reformieren. Wenn diese Chance verstreiche, werde die Welt ab Ende 2009 in die Phase der Auflösung der Welt- und öffentlichen Ordnung eintreten. Ende 2009 bot der Weltklimagipfel von Kopenhagen ein Schauspiel, das wie ein Fanal für den Eintritt in diese neue Epoche wirkte: Obwohl der Kampf gegen den Klimawandel als höchste Priorität von größter Dringlichkeit dargestellt worden war, zeigte sich die Staatengemeinschaft auf peinliche Weise unfähig, ein gemeinsames Vorgehen zu vereinbaren. Seither jagt Monat für Monat eine Katastrophennachricht die andere: Drohende Staatsbankrotte, drastische Sparprogramme, die wiederum soziale Unruhen auslösen 27 , internationale Gipfeltreffen, auf denen nur Einigkeit darüber erzielt wird, dass man sich auf nichts einigen kann, Handelskriege und Währungskonflikte etc. Und dies alles spielt sich vor dem Hintergrund des Zerfalls des bisherigen Zentrums des Weltsystems ab, nämlich der USA 28 .

27 Frankreich bietet dafür ein hervorragendes Beispiel mit einer Regierung, die immer neue Rekorde der Unpopularität schlägt und die sozialen Protestbewegungen nicht einzudämmen vermag. Inzwischen droht in Frankreich ein Generalstreik. (Quelle: France 24, 14/10/2010). Gleichzeitig gewinnen in ganz Europa extremistische politische Kräfte an Einfluss . Quelle: Le Point, 20/09/2010

28 Alle Indikatoren befinden sich inzwischen im roten Bereich. Der Warentransport auf den Straßen geht erneut zurück (Los Angeles

zu, während gleichzeitig das gesamte

Vertragssystem, auf das sie beruhen, immer weniger gerichtsfest erscheint; wir hatten schon vor über einem Jahr darauf hingewiesen. Das sind natürlich extrem schlechte Nachrichten für einen Immobilienmarkt, der nur noch nicht vollständig zusammengebrochen ist, weil die Fed mit extrem niedrigen Zinsen und die US-Regierung mit Subventionen ihn künstlich am Leben erhalten (CNBC, 14/10/2010; USAToday, 14/10/2010; USAToday, 11/10/2010). Den Städten sind die Schulden über den Kopf gewachsen. Allein für die Pensionen ihrer Angestellten sollen den Städten 500 Milliarden US-Dollar fehlen (CNBC/FT, 12/10/2010).

Times, 13/10/2010). Die

Zahl

der Immobilienzwangsvollstreckungen nimmt weiter

10

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

11

11 Entwicklung des Anteils der Aktiven in der Gesamtbevölkerung (1. Quartal 2009 bis 1.Quartal 2010) (Indonesien,

Entwicklung des Anteils der Aktiven in der Gesamtbevölkerung (1. Quartal 2009 bis 1.Quartal 2010) (Indonesien, Mexiko, Brasilien, Deutschland, Frankreich, Süd-Korea, Argentinien, Italien, Kanada, Großbritannien, Japan und USA) - Quelle : IILS, 09/2010

Seit einigen Monaten ist weltweit ein Währungskrieg ausgebrochen. Genau dies haben wir vor knapp zwei Jahren vorhergesagt und in unserer Chronik der zu erwartenden Ereignisse in der Phase der Auflösung der Welt- und öffentlichen Ordnung in Erinnerung gerufen 29 . Regierungen richten nunmehr ihre Politik ausschließlich nach nationalen Interessen aus. Da sind alle Versuche von IWF und G20 30 , die währungs- und handelspolitischen Spannungen beizulegen 31 , zum Scheitern verurteilt. In wenigen Wochen wird dies offensichtlich sein. Damit wird erneut ein Krümmungspunkt im Zerfall der Welt –und öffentlichen Ordnung erreicht.

Die Städte sind auf die finanzielle Unterstützung ihrer Bundesstaaten angewiesen, um überhaupt noch Leistungen der öffentlichen Daseinsvorsorge anbieten zu können (CNBC/NYT, 05/10/2010). Aber die Bundesstaaten sind inzwischen auch hoffnungslos überschuldet. Einige von ihnen müssen für Kredite höhere Zinsen bezahlen als Entwicklungsländer. Illinois bezahlt einen höheren Zinssatz als Mexiko (Bloomberg, 05/10/2010).

29 Siehe hierzu inbs. die 43. Ausgabe des GEAB.

30 Die Geschichte bietet keine zweite Chance für den, der die erste verstreichen ließ. Das war ja auch der Grund, warum wir uns so sehr in dieser Frage engagiert haben, bis hin zu einer ganzseitigen Anzeige in der Weltausgabe der Financial Times. Darin beschworen wir die Regierungen der G20, die Gelegenheit, die dieser Gipfel bot, zu ergreifen. Denn wir waren uns darüber bewusst, dass eine vergleichbare Gelegenheit sich nicht mehr bieten würde. Inzwischen sind die USA zu schwach, um noch die globalen Entwicklungen bestimmen zu können; ein Ersatz für sie ist nicht in Sicht. Also erinnert das internationale Finanzsystem immer mehr an das „« trunkene Schiff » aus dem Gedicht von Rimbaud, das die Wellen auf unbekannte Strände zutreiben. Das ist eine perfekte Beschreibung der gegenwärtigen Geschicke dieser Welt. 31 Die Staatengemeinschaft versucht eine Neuausgabe des Spektakels von Kopenhagen zu bieten: Der Westen, obwohl in unterschiedliche Währungsräumen Dollar, Pfund, Yen und Euro aufgeteilt, versucht, die Kosten für die Anpassungsversuche eines Systems, das sie erfunden haben, das aber nicht mehr funktioniert, den Entwicklungsländern (hier insbs. China mit der Landeswährung Yuan) aufzubürden. Und die Anmaßung des Westens, in diesem Spiel sowohl Spieler wie Schiedsrichter zu sein (wie man dem Ansinnen der USA entnehmen kann, der gerade neu gegründeten chinesischen Rating-Agentur die Tätigkeit auf amerikanischem Boden zu untersagen), wird die BRIC nicht davon überzeugen, dass der Westen nur Gutes für die Weltgemeinschaft wolle. Wer schon von dem Spektakel in Kopenhagen peinlich berührt war, darf sich für das G20-Treffen von Seoul auf Schlimmeres einstellen. Dass niemand an die Rettungsversuche des internationalen Währungsversuchs glaubt, lässt sich auch am massiven Anstieg des Goldpreises ablesen. Sogar die europäischen Zentralbanken haben ihre Goldverkäufe eingestellt. Quellen: New York Times, 21/09/2010; Vigile, 29/09/2010; PrisonPlanet/FT, 27/09/2010; Bloomberg, 10/10/2010; ChinaDaily, 27/09/2010

11

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

12

Weiterhin wird Großbritannien in eine soziale und wirtschaftliche Krise stürzen, wie das Land sie bisher noch nicht erleiden musste 32 . In den nächsten zwei Wochen wird die britische Regierung ihre Sparpläne bekannt geben. Die Zeit der Finten und des Versteckspielens ist nun vorbei 33 . In dieser Krise wird Großbritannien allein stehen. Denn die USA sind zu geschwächt, um dem Land helfen zu können. Und eine Teilhabe am europäischen Finanzrettungssystem hat Großbritannien abgelehnt.

Und in gerade einmal drei Wochen droht den USA weiteres Ungemach. Zum einen dürfte sich Washington nach den Novemberwahlen zum Kongress 34 in einem politischen Patt wiederfinden. Zum anderen wird die US-Zentralbank in einem weiteren Versuch, die Wirtschaft anzukurbeln, erneut Liquidität in den Geldkreislauf pumpen, indem sie die Geldpresse anwirft. Den USA bleibt keine andere Wahl. Denn einen Konjunkturplan wird die Regierung Obama nicht mehr auflegen können 35 . Zwar wird der Umfang der „quantitativen Lockerung“ nicht so groß sein wie von den Finanzmärkten erwartet. Denn auch die US-Fed hat heute keinen unbegrenzten Spielraum mehr. Wenn sie übertreibt, werden die Länder, die massive Dollareserven halten (China, Japan, Europa, erdölproduzierende Länder) 36 ihr Engagement in US-Anleihen reduzieren. Dennoch wird ausreichend Geld aus dem Nichts kreiert werden, um den Dollar einen weiteren Wertverlust zu bescheren. Dadurch werden sich die währungspolitischen Spannungen im internationalen Währungssystem noch verstärken. Entscheidend ist jedoch, dass die Fed mit ihrem eigentlichen Ziel scheitern wird. Denn die USA sind schon heute ein Land, das sparen muss, auch wenn dies bisher nur von den überschuldeten Privathaushalten praktiziert wird. Aber auch die US-Regierung wird spätestens 2011 erkennen müssen, dass sie die öffentlichen Ausgaben drastisch wird reduzieren müssen 37 .

Für die Regierungen 38 können wir die Entwicklungen der nächsten vier Jahre kurz umreißen : Letzte verzweifelte Versuche der USA, die „Welt vor der Krise“ wiederzubeleben (Konjunkturpläne, defizitärer Staatshaushalt, Gelddrucken), die aber unweigerlich scheitern 39 . Letzte Versuche der westlichen Staaten, die Krise mit den Methoden des „Washingtoner Konsens“ zu bekämpfen (Beschränkung der öffentlichen Defizite durch Sparmaßnahmen im Sozialbereich, keine Steuererhöhungen für die großen Einkommen und Vermögen, Privatisierung der öffentlichen Dienste). Dadurch werden Protestbewegungen und soziale Unruhen zunehmen. Die BRIC werden ihre Absatzbewegung aus den westlich dominierten Finanzmärkten (insbs. Wall Street und Londoner City) forcieren. Dadurch werden die Wechselkurse noch volatiler. Nicht nur werden sich die Staaten in Abwertungswettläufen erschöpfen 40 .

32 In Großbritannien nimmt vor dem Hintergrund der drastischen Sparpläne der Regierung die Angst vor sozialen und politischen Unruhen zu. Aber die Regierung hat angesichts der Auswirkungen der Finanz- und Haushaltskrise keinen Spielraum mehr. Man geht davon aus, dass bis zu einer Million Arbeitsplätze verloren gehen, dass eine soziale Krise ausbricht, dass es zu massiven Protesten kommt etc. Quellen: Independent, 02/10/2010; Telegraph, 13/10/2010; Guardian, 11/09/2010; MarketWatch, 21/09/2010.

33 Die schlechte wirtschaftliche Lage Großbritanniens ist der einzige Grund, warum im Frühjahr 2010 die « Griechenlandkrise » zur « Eurokrise » mutierte. Insbesondere die Financial Times heizte die Gerüchteküche durch tägliche Artikel an. Es ging darum, die Aufmerksamkeit von London und dem britischen Pfund abzulenken. Vgl. hierzu die Ausgaben des GEAB vom ersten Halbjahr 2010. 34 Die neuesten Äußerungen von Steve Schwarzmann, dem Vorsitzenden des Finanzriesen Blackstone, der Obamas Pläne für Steuererhöhungen für Finanzunternehmen mit Hitlers Angriff auf Polen verglich, zeigt, wie aufgebracht die Stimmung in den amerikanischen Eliten ist. Quelle: NewYorkPost, 14/10/2010

35 Wegen des Ausmaßes der aktuellen Defizite und des politischen Patts in Washington.

36 Hierzu halten wir es für hilfreich, daran zu erinnern, dass die parallelen Preisanstiege verschiedener Anlagearten, wie z.B. Aktien und Gold, kein unerklärliches Phänomen sind. Die Investoren ziehen sich aus den Aktienmärkten zurück (wie wir in der vorhergehenden Ausgabe des GEAB dargelegt haben) und legen ihre Geldmittel in Gold oder anderen Werten an. Das Vakuum, das sie an der Börse hinterlassen, füllt die Fed und ihre Partnerinstitutionen mit massiven Liquiditätszuflüssen, da nur so eine allgemeiner Zusammenbruch verhindert werden kann. Das Problem ist nur, dass dies nicht auf Dauer gut gehen kann. Und wenn die Musik zu Ende ist, werden die Aktienmärkte sich in einem katastrophalen, wenn nicht sogar tragischem Zustand befinden. Quelle:

CNBC, 08/10/2010

37 Die Lage ist inzwischen so schlecht, dass die New York Times vom 13. Oktober 2010 sich liest wie eine Ausgabe des GEAB von vor einem oder zwei Jahren. Und das will etwas heißen! Der Artikel von Michael Powell und Motoko Rich beschreibt den « Aufschwung » als eine schlichte Fortsetzung der Rezession unter einem anderen Namen, die quer durch das Land die Mittelklasse in Schwierigkeiten bringt. Und Paul Reyes bietet eine beindruckende Liste von Webseiten von Fotografen auf, die die Verheerungen der « Very Great Depression », wie LEAP die wirtschaftliche Situation der USA schon Ende 2006 nannte, sichtbar machen.

38 In seinem Buch « Nach der Krise – Auf dem Weg in die Welt von Morgen » beschreibt Franck Biancheri detailreich die beiden möglichen Szenarien für die Jahre 2010 bis 2020.

39 Quelle : SeekingAlpha, 24/09/2010

40 Die neueste Ankündigung von Singapur, größere Schwankungen seiner Währung im Verhältnis zum Dollar zuzulassen, ist das letzte Beispiel dafür (und jeden Tag gibt es neue), dass die Staaten immer stärker in die Defensive gedrängt werden. Jeder versucht, sich nach Möglichkeit gegen Überraschungen zu wappnen. Es ist auch interessant festzustellen, dass Singapurs BIP im dritten Quartal um 19% zurückgegangen ist. Das ist der Beweis dafür, dass auch Asien von der Krise sehr in Mitleidenschaft gezogen wird. Quellen: YahooFinances, 14/10/2010 ; MarketWatch, 13/10/2010

12

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

13

Sie werden auch Handelskriege anzetteln. Ab 2012 werden Regierungen an die Macht kommen, die alles daran setzen werden, auf neuen Wegen 41 aus der Krise zu kommen und ihre sozialen, wirtschaftlichen und politischen Folgen zu neutralisieren. Der Washingtoner Konsens wird dann auf dem Friedhof der Geschichte landen. Zum einen, weil es keinen Konsens mehr gibt, zum anderen, weil Washington seine Macht eingebüßt haben wird.

Dass die US-Schulden immer noch mit der Bonitäts-Höchstnote AAA versehen werden, ist ein Stück aus dem Tollhaus. Da kann es sich wunderbar zu der neuesten Erklärung der zuständigen US- Wirtschaftsbehörde gesellen, gemäß der die Rezession überwunden wäre 42 . Die wachsende Kluft zwischen den Verlautbarungen der wichtigsten Protagonisten eines im Zusammenbruch befindlichen Systems und der Wirklichkeit, wie sie von der großen Mehrheit der Menschen täglich wahrgenommen wird, ist ein untrügliches Zeichen für seinen bevorstehenden Untergang 43 . Das haben auch die Finanzmärkte erkannt. Denn inzwischen kostet eine Versicherung der US-Schulden genauso viel wie die für portugiesische oder irische Schulden. Um 28% sind die Prämien im letzten Quartal gestiegen. Damit gehören die USA heute zu den drei Ländern, bei denen die Finanzmärkte am ehesten mit sehr unangenehmen Überraschungen rechnen 44 .

mit sehr unangenehmen Überraschungen rechnen 4 4 . Vergleichende Entwicklung des US-Defizits (in Billionen

Vergleichende Entwicklung des US-Defizits (in Billionen US-Dollar) und der Gesamtsumme der bekannten Dollarwährungsreserven (1999-2009) - Quellen : Reuters/FMI/White House OMB, 10/2010

41 Für China könnte eine Lösung sicherlich darin bestehen, seine immensen Dollarreserven in die Realwirtschaft des Landes einzuschleusen. Genau dies propagiert auch die junge Riege der chinesischen Banker. Für den Dollar hätte dies allerdings dramatische Folgen. Quelle: Dallasnews, 19/09/2010

42 Die dafür zuständige Behörde ist das National Bureau of Economic Research (NBER) ; und wenn es zu dem Geschäftsbereich einer Behörde gehört, kann diese sich doch nicht irren !

43 MSNBC vom 06/10/2010 hat es sehr eindringlich beschrieben: Jeden Monat ist einmal um Mitternacht zu sehen, wie das Amerika der „Very Great Depression“ in die Supermärkte strömt, wenn die Bezieher von Lebensmittelkarten mit ihrer neuen Zuteilung einkaufen gehen. Nach einer Studie des Center for Economic and Policy Research, die am 16.09.2010 veröffentlicht wurde, reicht einem Drittel der Amerikaner ihre Einkünfte nicht mehr zum Leben. Wir reden hier von hundert Millionen Menschen!

44 Quelle: CNNMoney, 12/10/2010

13

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

14

Elf Kriterien, anhand derer aus 39 Staaten mit unterschiedlicher Entwicklung vier Ländergruppen gebildet werden

Angesichts dieses weltweiten Absturzes ins Chaos ist es verständlich, dass länderspezifische Risiken nicht ausreichend in den üblichen Analysen der wirtschaftlichen Lage eines Landes berücksichtigt werden, die die darauf spezialisierten Institute (häufig in den USA oder Großbritannien gelegen) erarbeiten. Die Welt hat sich soweit geändert, dass die alten Prüfschemata nicht mehr die entscheidenden Probleme zu Tage fördern. Beispielsweise werden sich in den kommenden Jahren Geldanlagen in Dollar in Risikoanlagen wandeln. Grund dafür ist nicht nur der Entwicklung des Dollar-Wechselkurses, sondern auch, dass niemand vorherzusagen vermag, wie es in den USA politisch weitergehen wird 45 . Diejenigen, die damit leben können, wenn ihnen Riesenstücke aus ihren Geldanlagen oder Investitionen wegbrechen, mögen sich von dem üblichen Blabla der Analysten zu länderspezifischen Risiken einlullen lassen. Den anderen legen wir ans Herz, die in dieser Ausgabe des GEAB vorgestellten entsprechenden Vorhersagen von LEAP/E2020 eindringlich zu studieren.

Wir gehen davon aus, dass das Ausmaß der Folgen der Krise in den verschiedenen Ländern davon abhängt, wie gut sie eine Explosion des internationalen Finanzsystems verkraften können, wie gut sie für die sozialen Folgen der Krise gerüstet sind, die sich unmittelbar aus den wirtschaftlichen Folgen der Krise ergeben, und ob sie auch die gegenwärtigen und zukünftigen Währungs – und Handelskriege überstehen werden. Je besser ein Land gegen diese vier Belastungen gewappnet ist, desto besser wird es durch die bevorstehenden Zeiten kommen.

desto besser wird es durch die bevorstehenden Zeiten kommen. Ein Indikator unter vielen: Entwicklung der Google-Suchen

Ein Indikator unter vielen: Entwicklung der Google-Suchen zu den Stichworten « Lebensmittelkarten », « ich suche Arbeit », „Arbeitslosengeld“, „Sozialhilfe“ (2004-09/2010) (der Zeitpunkt, zu dem in den USA die Rezession offiziell für beendet erklärt wurde, ist rot markiert) - Quelle: Zerohedge, 10/2010

45 Es ist bezeichnend, dass sogar ein etablierter Leitartikler wie Thomas Friedmann von der New York Times nicht ausschließt, dass sich 2012 eine neue Partei in der US-Parteienlandschaft etablieren könnte, weil die Menschen das Vertrauen in die beiden herrschenden Parteien verloren hätten. Das wäre das Ende des traditionellen Zwei-Parteiensystems, das Grundlage des politischen Systems in den USA ist. Quelle: New York Times, 02/10/2010

14

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

15

Wir haben die Lage von 39 Ländern und Euroland nach elf präzisen Kriterien analysiert, anhand derer wir bestimmen, wie sehr sie der Gefahr einer wesentlichen Verschlechterung der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Situation ausgesetzt sind:

1. Anteil des Finanzsektors an der Gesamtwirtschaft

2. Anteil des Dienstleistungssektors an der Gesamtwirtschaft

3. Verschuldungsgrad der Privathaushalte

4. Grad der Unsicherheit über den realen Wert der Vermögenswerte der Banken und der Privathaushalte

5. Höhe der Defizite der öffentlichen Haushalte im Verhältnis zum BSP (einschließlich der Regionen, Bundesstaaten, Kreise, Städte und Gemeinden und sozialen Sicherungssysteme)

6. Höhe der Außenhandels – und Leistungsbilanzdefizite im Verhältnis zum BSP

7. Anteil der privaten Altersvorsorge am Gesamtvolumen der landesweiten Renten und Pensionen

8. Solidität des sozialen Sicherungssystems

9. Strukturelle Abhängigkeit von der Auslandsnachfrage

10. Höhe der durchschnittlichen steuerlichen Belastung der letzten zwanzig Jahre

11. Stärke der Landeswährung, abhängig von der tatsächlichen Substanz der einheimischen Wirtschaft

Indem wir die Lage der einzelnen Staaten im Licht dieser elf Kriterien 46 bewerteten, konnten wir vier Staatengruppen bilden, die geografisch weit voneinander entfernt sein können und dennoch angesichts der Krise vergleichbare Profile aufweisen.

Um die Lesbarkeit dieser Analysen zu erleichtern, haben wir sie in dieser 48. Ausgabe des GEAB bildlich aufbereitet. Zum einen legen wir eine Weltkarte vor, in der wir die Staaten in vier unterschiedlich markierten Farbgruppen darstellen 47 ; zum anderen eine zeitliche Übersicht für 2009 bis 2014, in der wir unsere bisherigen Voraussagen aktualisieren. Die detaillierten Erläuterungen finden sich jeweils anschließend an diese Schaubilder.

46 In der Evaluierung vergeben wir bei jedem Kriterium Noten von 1 bis 5 (1 für die geringste Exponierung, 5 für die massivste). Die Länder mit vergleichbaren Gesamtergebnissen haben wir anschließend in vier Gruppen zusammen gefasst. Das Ergebnis der höchstmöglichen Exponierung ist 55, das geringstmögliche 11.

47 Weiß sind die Länder auf der Karte, von denen wir denken, nicht ausreichend Informationen zu besitzen, die uns ermöglicht hätten, eine belastbare Voraussage zu wagen.

15

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

16

16 Weltkarte der länderspezifischen Risikobewertung – Quelle: LEAP/E2020, 15/10/2009 Erste Gruppe / Hohe Risiken :

Weltkarte der länderspezifischen Risikobewertung – Quelle: LEAP/E2020, 15/10/2009

Erste Gruppe / Hohe Risiken: Die erste Gruppe (rot) fasst die Länder zusammen, für die die umfassende Evaluierung der elf Kriterien ergeben hat, dass ein hohes Risiko besteht, dass sie 2011 weitgehend den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Folgen der Krise massiv ausgesetzt sein werden (Gesamtergebnis jenseits der 35). Zu dieser Gruppe gehören insbesondere die USA, Großbritannien, Spanien, Griechenland, Lettland, Ungarn und Israel.

/ bedeutendes Risiko: Diese Gruppe (braun) umfasst die Länder, für die die

umfassende Evaluierung der elf Kriterien ergeben hat, dass 2011 ein bedeutendes Risiko besteht, dass sie den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Folgen der Krise empfindlich ausgesetzt sein werden (Gesamtergebnis zwischen 30 und 35). Zu dieser Gruppe gehören insbs. Mexiko, Türkei, Thailand, Philippinen, Ägypten, Italien, Süd-Afrika, Ukraine, Argentinien, Chile, Japan, Marokko, Tunesien und Indonesien.

Zweite Gruppe

Dritte Gruppe / Mäßiges Risiko: Diese Gruppe (gelb) umfasst die Länder mit einem Gesamtergebnis zwischen 25 und 30. Die Risiken, den sozialen Folgen der Krise und ihren politischen Auswirkungen ausgesetzt zu sein, sind nicht gering, aber können angesichts eines stabilen Systems gut abgefedert werden. Zu dieser Gruppe zählen insbs. China, Dänemark, Polen, Süd-Korea, Frankreich, Kanada, Niederlande, Schweden, Schweiz, Australien und Euroland (in einer Gesamtschau aller Länder).

Vierte Gruppe /schwaches Risiko: Diese Gruppe (grün) umfasst die Länder, deren Gesamtergebnis zwischen 20 und 25 liegt. Dazu zählen Deutschland, Norwegen, Brasilien, Russland und Indien. Sie sollten in der Lage sein, in dem genannten Zeitraum die Folgen der Krise mit überschaubarem Aufwand und ohne besondere schmerzhafte Einschnitte abzufedern.

16

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

17

17 Schätzung (2010) des staatlichen Reichtums Italiens, Deutschlands, Frankreichs, Portugals, der USA, Großbritanniens

Schätzung (2010) des staatlichen Reichtums Italiens, Deutschlands, Frankreichs, Portugals, der USA, Großbritanniens Spaniens, Irlands und Griechenland (grün: Kosten der Überalterung der Bevölkerung; hellblau: strukturelle Defizite; dunkelblau: Niveau der eigentlichen Staatsverschuldung) - Quellen: Eurostat, CBO,

FMI, Morgn Stanley, SaheHaven, 10/2010

Was den zeitlichen Ablauf angeht, haben wir es unternommen, eine Voraussage für jede einzelne Unterkrise innerhalb der Gesamtkrise zu erstellen, also jeweils für die finanzielle, die wirtschaftliche, die soziale und die politische Krise. Untenstehend stellen wir unser Voraussagen für jede einzelne dieser vorab identifizierten Gruppen vor.

17

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

18

18 Voraussage der Krisendauer 2010 bis 2014 entsprechend den Ländergruppen und ihrer Risikoexponierung - Quelle:

Voraussage der Krisendauer 2010 bis 2014 entsprechend den Ländergruppen und ihrer

Risikoexponierung - Quelle: LEAP/E2020, 10/2010

Wie letztes Jahr wurden die Voraussagen zur Dauer der vier Unterkrisen anhand von drei präzisen Kriterien vorgenommen:

1. Der von uns vorausgesehene Umfang der Krisenfolgen. Je massiver die Folgen der Krise für ein Land, desto länger dauert ihre Bewältigung.

2. Das Vorhandensein einer massiven sozialen und einer schwerwiegenden politischen Krise. Wenn diese beiden Elemente gegeben sind, wird sich die Bewältigung der Krise deutlich länger hinziehen. Denn zum einen können Gegenmaßnahmen nicht effizient beschlossen werden, wodurch sich die Krisenfolgen verstärken. Zum anderen ist solch ein Land auch noch gezwungen, seine gesellschaftliche und politische Ordnung neu zu gestalten, was in der Regel ein langwieriger und schwieriger Prozess ist.

3. Die Bereitschaft der nationalen Eliten (und zu einem geringeren Maße der öffentlichen Meinung), in der Krise die aktuelle gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung auf den Prüfstand zu stellen und anzupassen. Je geringer die Bereitschaft zu Veränderungen, desto länger wird die Krise andauern. Dieses Jahr haben wir in die Voraussage auch unsere Einschätzung über die Fähigkeit der Eliten einfließen lassen, ab 2012 eine neue Bewertung der Krise vorzunehmen und ihre bisherigen Einstellung zu den notwendigen Maßnahmen zu überdenken.

18

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

19

3- Fokus

Die Unfähigkeit des G20, 2009 die Spielregeln der internationalen Beziehungen zu reformieren, ist Ursache des unvermeidlichen Zerfalls der Welt – und öffentlichen Ordnung (Auszug aus Franck Biancheris Buch „Nach der Krise – Auf dem Weg in die Welt von Morgen Frankreich, Europa und die Welt in den Jahren 2010 bis 2020 48 )

Die Unfähigkeit der Regierungen der wichtigsten Staaten, auf ihren G20-Gipfeltreffen von Ende 2008 und 2009 die zentrale Frage der bestehenden Weltordnung, nämlich die Rolle des US-Dollars als internationale Leitwährung zu behandeln, löste eine Entwicklung des Zerfalls der Welt- und öffentlichen Ordnung aus, die der grundlegende Trend der Jahre 2010 bis 2020 sein wird. Dabei standen die mächtigsten Regierungen der Welt 2009 nicht vor der Wahl, ob sie den notwendigen Aufwand treiben wollten, die Krise zu verhindern, oder eben nicht. Denn unabhängig von ihren Beschlüssen kam die Krise. Ihre beste Option bestand nur darin, gegen die Krise Maßnahmen zu ergreifen, die ihre Dauer und ihre Auswirkungen begrenzt hätten. Sie aber ließen eine Entwicklung ihren Anfang nehmen, die die Welt in das Chaos stürzen wird. Hätten die Regierungen mit geeigneten Maßnahmen eingegriffen, hätte die Krise in drei bis fünf Jahren überwunden sein können; in den USA und Großbritannien hätte sie wohl etwas länger angedauert. So aber begann eine lange Periode der weltweiten und umfassenden Instabilität, die alle Ebenen unserer Gesellschaften erfasst: Politik, Wirtschaft, Sozialsysteme, Außenpolitik. Wir müssen damit rechnen, dass diese Krise uns nun mindestens ein Jahrzehnt begleiten wird. In den USA und Großbritannien wird sie deutlich länger anhalten.

Es mag paradox erscheinen, dass die Krise und unsere Welt so komplex sind, das Kernproblem der Krise aber sehr simpel ist. Vor etwas mehr als 60 Jahren bestand die Weltordnung im wesentlichen aus einer globalen Supermacht, deren Macht zu Ende ging, nämlich das Britische Empire, und einer weiteren Supermacht, die gerade zu globaler Bedeutung aufgestiegen war, nämlich die USA. Diese beiden Staaten beschlossen, sich zusammen zu tun, um – aus Sicht der Amerikaner – ihren Machtzuwachs zu maximieren bzw. – für die Briten – ihren Machtverfall zu minimieren. Der Rest der Welt war entweder unter Kolonialherrschaft oder durch den Zweiten Weltkrieg zu sehr geschwächt und verarmt, um in der Weltpolitik Einfluss nehmen zu können – mit einer Ausnahme: die Sowjetunion. Aber auch ihr Einfluss war begrenzt, weil ihre Wirtschaft zu schwach und ihre Herrschafts – und Organisationsstruktur zu archaisch war. Sehr schnell begriff Stalin, dass die Sowjetunion sich gegen Großbritannien und USA nicht würde behaupten können, wenn sie sich nach deren Regeln an der Weltpolitik beteiligen würde. Also grenzte die Sowjetunion ihren Einflussbereich ab, setzte dort ihre eigenen Regeln fest, und war von da an für die Welt der kommunistische „Ostblock“ 49 . Der Rest der Welt fand seinen Platz an der Seite und im Schatten der USA, in dem allmählich auch das britische Empire verschwand. In dieser neuen, nur auf sie ausgerichteten Weltordnung setzten die USA bei Währung und Wirtschaft ihr Modell weltweit durch. 1989 begann die Auflösung des Ostblocks. So blieb ab des Beginns der neunziger Jahre weltweit nur noch eine Supermacht übrig, nämlich die USA.

48 Die französische Version ist seit dem 7. Oktober 2010 beim Verlag Anticipolis erhältlich. Dort werden ab dem 1. Dezember 2010 auch die englische, deutsche und spanische Ausgabe erhältlich sein.

49 Die Sowjetunion war mächtig genug, um in einer begrenzten Einflusszone ihre Spielregeln durchzusetzen, aber nicht mächtig genug, um sich auf einen Wettbewerb mit den USA und Großbritannien weltweit einzulassen.

19

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

20

Diese Entwicklung im Vordergrund verstellte die Sicht auf zwei andere, die daher weniger bekannt sind. Nach 50 Jahren, in denen ein Teil der Welt durch eine Mauer vom weltweiten Spiel abgetrennt waren, galten mit einem Mal auf der ganzen Erde wieder die gleichen Spielregeln. Das Spielfeld war wieder größer geworden. Damit wurden die Machtfaktoren des bisher bestimmenden Spielers wie z.B. Bevölkerungsanteil, Wirtschaftskraft und Einfluss relativiert. Er konnte nicht mehr in gewohnter Weise überall auf dem Spielfeld mit dem gleichen Gewicht präsent sein. Parallel dazu führte die galoppierende technische Entwicklung (Satelliten, Internet, Verkehrsstruktur usw.) dazu, dass das Gewicht bestimmter Spieler in dem, was man „Globalisierung“ zu nennen begann, zunahm.

Dies führte zu einer weiteren Relativierung des Gewichts des dominierenden Spielers im Gesamtspiel. Dies war eine Entwicklung, die sich wie von selbst aus den veränderten Bedingungen ergab. Denn die bisher privilegierte Rolle des dominierenden Spielers und seiner Machtfaktoren wie Wirtschaft, Währung usw. war nicht etwa die Folge einer „manifest destiny“, einer gottgegebenen kulturellen Überlegenheit oder das Ende der Geschichte. Vielmehr gründete sie sich auf die Entstehungsbedingungen der Nachkriegsordnung. 1945 waren die USA eigentlich mehr als nur der dominierende Spieler. Sie waren das Spiel selbst. Sie produzierten 50% der Industriegüter weltweit und sie verfügten in einer Zeit, in der das internationale Geldsystem auf Gold aufbaute, über 90% der globalen Goldreserven. Sie waren der Banker der Welt und ihre Fabrik. Sie waren der dominierende Spieler, ihnen gehörte das Stadion, wer mitspielen wollte, musste sich ihren Regeln beugen, und ihr Geld war das Geld, mit dem alles bezahlt werden musste. Die USA waren das Maß aller Dinge.

Als also 1945 eine neue Weltordnung aufgebaut werden musste, um die alte, die in zwei Weltkriegen zerstört worden war zu ersetzen, musste man die Lösung nicht lange suchen. Denn es ging nur darum, Spielregeln festzulegen, die dem Spieler, der das Maß aller Dinge war, gefielen. Es musste sichergestellt werden, dass er auch Lust hatte, mit den anderen zu spielen, also zu produzieren, zu liefern, zu kaufen, zu finanzieren. Denn ohne ihn gab es für die anderen kein Spiel, während er nicht auf sie angewiesen war. Also wurde eine Weltordnung geschaffen, in der alles auf die Wünsche der USA zugeschnitten war.

Beim ersten G20-Gipfel am 2. April 2009 in London hätte man von den Regierungen der wichtigsten Staaten der Welt die Erkenntnis erwarten können, dass sich seit 1945 die Bedingungen radikal geändert hatten. Heute gibt es nicht mehr den alle anderen um Meilen überragenden Spieler - den Einen… und den Rest, die zweitrangig oder sogar vernachlässigbar sind, wie dies 1945 der Fall war. Heute stehen mehrere Spieler von bedeutendem Gewicht auf dem Platz. Damit das Spiel weitergehen kann, müssen heute mehrere Spieler Lust haben, mitzuspielen. Also muss das Spiel, sein Ziel, seinen Regeln und die Spielgeräte auch ihnen gefallen. Sonst werden sie nicht mitspielen. Und dabei kann kein Zweifel daran bestehen, dass ihre Weigerung zu spielen eine schwere Krise des globalen politischen, wirtschaftlichen, finanziellen und kommerziellen Systems auslösen würde.

Dieser Anspruch der neuen Stars auf dem Spielfeld spiegelt sich wieder in der Forderung Chinas, Brasilien und auch Russlands, den Entscheidungsmodus des IWFs zu reformieren ; sollten sie damit scheitern, werden sie dem IWF, der dringend neues Kapital braucht, kein weiteres Geld zur Verfügung stellen. Ein neuer Star auf dem Spielfeld ist auch die Europäische Union (bzw. Euroland). Sie hegt den Wunsch, die die Aufsichtsregeln für das internationale Finanzsystem reformieren. Vorher denkt sie nicht daran, dem Wunsch der USA nach weiteren Konjunkturprogrammen nachzukommen. Das wachsende Gewicht des G20, der allmählich Washington, das Tandem USA-Großbritannien oder auch den G7 von der Weltbühne drängt, ist nichts weiter als eine zwingende Folge der Krise, die im Rahmen der alten Weltordnung nicht erfolgversprechend bekämpft werden kann.

Wenn eine Welt entsteht, muss es immer einen Anfang geben. Zu Beginn der modernen Welt der Wirtschaft und Finanztransfers war jedoch nicht das Licht der Genesis, sondern die internationale Konferenz von Bretton-Woods und die internationale Leitwährung, auf die man sich dort einigte. Und genau da liegt der entscheidende Unterschied zu heute: In Bretton –Woods war das Problem erkannt und die nächstliegende 50 Lösung schnell gefunden, nämlich dem Dollar den Status einer globale Leitwährung zu verleihen. Im Rahmen der G20 hingegen wird über alles geredet, nur nicht über die so notwendige neue globale Leitwährung.

50 Angesichts der Ausgangslage der Verhandlungen war eigentlich keine andere Lösung möglich

20

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

21

Obwohl genau darin der Schlüssel zu allen Problemlösungen liegt. Die globale Leitwährung ist Grundlage aller Spielzüge. Sie bestimmt, wie sich die Aktionen der einzelnen Spieler auf dem Spielfeld auswirken. Wenn sie die Währung eines einzigen Spielers ist, der sie nach Belieben manipulieren kann, wird der damit unweigerlich zur dominierenden Figur auf dem Spielfeld. Alle anderen sind nur zweitrangig und seinen Manipulationen ausgeliefert. Sie können noch nicht einmal die Folgen ihrer eigenen Spielzüge voraussehen. Wenn die globale Leitwährung aber ein Korb aus verschiedenen Währungen ist, dann sind all die, deren Währung in dem Korb enthalten ist, wichtige Spieler. Und keiner kann mehr allein die Währung und damit das ganze Spiel manipulieren. Aus dem Grundsatz, die alleinige Dominanz eines Spielers zu vermeiden und möglichst vielen einen herausragende Stellung zu verleihen und also eine Korbwährung als internationale Leitwährung einzuführen, leitet sich das gesamte internationale Finanzsystem ab: Stabilität der Devisenmärkte und Rohstoffpreise einschließlich Rohöl, Aufsicht über die Finanzmärkte und letztendlich sogar ein stabiles Gleichgewicht der Mächte weltweit. Denn jeder der wichtigen Spieler hat dann ein ureigenes Interesse daran, sich an die Regeln zu halten und das Spiel fair zu spielen. Und ein Spiel wird nur auf Dauer gespielt, wenn alle Spieler wissen, dass es fair zugeht, dass das Spiel nicht zu ihrem Nachteil manipuliert wurde.

Wenn sich der G20, obwohl die Lösung auf der Hand liegt, als unfähig erweisen sollte, die Grundregel des Spiel zu ändern, weil entweder der aktuell dominierende Spieler sich einer Mitwirkung verweigert oder es den neuen wichtigen Spielern an Mut oder Selbstvertrauen fehlt, für sich eine größere Rolle einzufordern, werden sich die globalen Ungleichgewichte (wachsende Volatilität der Devisenmärkte, erratische Preissprünge bei Rohstoffen, Instabilität der Finanzplätze, Verschärfung der sozialen Krisen) noch verschärfen. Dann ist eigentlich nur eine weitere Entwicklung möglich : Jeder der wichtigen Spieler wird den Weg einschlagen, den Stalin 1949 vorausgegangen ist. Sie werden sich weigern, bei einem Spiel mitzuspielen, in denen die Regeln für den großen Gegenspieler gemacht wurden, und sich lieber auf ihr kleines Spiel in ihrem Land, ihrer Einflusszone oder ihrem Block zurückziehen 51 . Die Beziehungen unter den Blöcken werden sich dann in einer Reihe von Konflikten, ob politisch, wirtschaftlich oder militärisch, herausbilden.

Die Geschichte hat uns leider gelehrt, dass eine solche Entwicklung in der Tragödie endet. Und man bekommt von der Geschichte leider auch keine zweite Chance. Der G20 hat 2009 tatenlos zugesehen, wie sein „window of opportunity“ sich wieder schloss. Also bleibt den wichtigen Spieler in den Jahren 2010 bis 2014 keine andere Möglichkeit als auf eigene Faust zu versuchen, die Weltordnung ausschließlich nach ihren Interessen zu gestalten. Und der Anfang wird dabei immer mit dem Versuch gemacht werden, an Stelle des Dollars eine neue Leitwährung zu etablieren 52 . Wenn mehrere einflussreiche Staaten, die zusammen eine ausreichende kritische Masse in der Staatengemeinschaft erreichen, sich bis 2014 auf die großen Leitlinien einer Weltordnung für das 21. Jahrhundert einigen können, dann wird die Staatengemeinschaft die folgenden Jahre darauf verwenden, diese neue Weltordnung sukzessive und friedlich aufzubauen 53 . Wenn es jedoch nicht zu einer solchen Einigung kommen sollte, weil entweder einigen Staaten wie gerade auch denen der Eurozone und hier insbesondere Frankreich dazu der Mut fehlt, oder einige der wichtigen Staaten jegliche Kompromissfähigkeit vermissen lassen und sich von direkter Konfrontation eine bessere Wahrung ihrer Interessen versprechen, wie dies zwischen den USA und China der Fall sein könnte, dann werden in den folgenden Jahre leider vielfach massive politische und wirtschaftliche Konflikte und Handelskriege ausbrechen. Die daraus entstehende neue Weltordnung wird dann leider sehr rasch auch die Bühne von massiven militärischen Konflikten werden können.

51 Natürlich werden sich auch die USA nicht anders verhalten.

52 Im Gegensatz zum Euro, der als konkretes Geld existiert, würde eine solche internationale Leitwährung nur elektronisch existieren, zum einen als Rechnungseinheit, zum anderen als Zahlungsmittel im Geldverkehr zwischen den Staaten. Keine nationale Währung würde durch sie ersetzt.

53 Diese neue Weltordnung wäre eine ganz andere als die, die George Bush senior 1991 ausrief. Denn die sollte sich auf die USA als alleinige globale Macht stützen.

21

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

22

Zwei große Trends entscheiden über den Verlauf, den die Jahre 2010 bis 2020 nehmen werden

Diese grundlegende Problematik wird die Jahre 2010 bis 2020 in zwei Perioden teilen. Die Jahre 2010 bis

2014 sind die, in denen die bisherige Weltordnung zugrunde geht. Sie werden von einer Fortsetzung und

Verschärfung der gegenwärtigen umfassenden weltweiten Krise geprägt sein. In den Jahren 2015 bis

2020 wird sich die neue Weltordnung, die „Welt von Morgen“ etablieren. Damit Neues entstehen kann,

muss das Alte tatsächlich vergangen sein. Dies soll aber nicht heißen, dass zwischen diesen beiden Perioden eine klare Trennungslinie verlaufen wird. Der Übergang wird fließend sein, in dem Kontinuität und Brüche nebeneinander stehen können. Aber die Schwergewichte werden entsprechend verteilt sein. Die erste Hälfte des Jahrzehnts wird von Ereignisse geprägt sein, mit denen die alte Weltordnung Stück für Stück untergeht. Die zweite Hälfte wird von Ereignissen geprägt sein, mit denen die Fundamente für die Welt von Morgen gelegt werden. Das kann genauso eine neue Weltordnung sein wie eine neue Welt-„Unordnung“, in der der Boden für neue und schreckliche Kriege bereitet wäre.

Die beiden Szenarien für das kommende Jahrzehnt, die am Ende des Buches vorgestellt werden, sind ein Versuch, die beiden möglichen Gesichter der folgenden Jahre zu zeichnen. Alles hängt davon ab, wer sich auf dem Weg zur Welt von Morgen durchsetzen wird: Die, die einen neue und damit friedliche Weltordnung anstreben, oder die, die um jeden Preis die Welt von Gestern und die ihnen dadurch gewährte privilegierte Stellung erhalten wollen und damit die Welt ins Chaos stürzen. Entsprechend sind die beiden Szenarien überschrieben: Das erste Szenario heißt: Die leidensvolle Morgendämmerung der Welt von Morgen; das zweite heißt: Die tragische Abenddämmerung der Welt von Gestern.

Einige Ereignisse kommen in beiden Szenarien vor. Sie sind gewisser Maßen die Invariablen, also Auswirkungen von Trends, die in jedem Fall in den nächsten Jahren wirken werden. Diese Invariablen werden übrigens in kleinen Sonderkapiteln behandelt. Denn da sie unabhängig davon, welcher Weg eingeschlagen wird, wirksam sein werden, generieren sie Ereignisse, auf die man sich vorbereiten kann, um sich entweder davor zu schützen, oder, soweit möglich, davon zu profitieren.

22

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

23

Strategische und praktische Empfehlungen

Wie immer erinnern wir auch diesmal daran, dass unsere Empfehlungen kein Spekulationsziel oder sonstiges kurzfristiges Ziel verfolgen, dass sie nicht helfen sollen, mehr zu verdienen, sondern lediglich weniger (oder gar keine) Verluste zu erleiden. Denn in einer umfassenden weltweiten Krise wie die, die wir zur Zeit durchstehen müssen, kann nur dies ein vernünftiges Ziel jeder Investitionsentscheidung sein.

. Devisenmärkte: Wie soll man sich in einem globalen Währungskrieg verhalten – gute Nerven und Analysefähigkeiten sind notwendig Die Leser des GEAB werden sich sicherlich daran erinnern, dass LEAP/E2020 im Frühjahr 2010 zu den wenigen gehörte, die sich der anti-Euro-Hysterie entgegenstellen. Was wurde da nicht alles vorhergesagt:

Bis Ende 2010 sollte eine Wechselkursparität von Euro und Dollar erreicht sein; ja, sogar das Ende der Eurozone wurde verkündet. Einige unserer treuesten Leser hatten uns schon im Verdacht, pro-europäisch und ideologisch verblendet zu sein und der Realität nicht ins Auge sehen zu wollen. Nun sind seit dieser Krise keine sechs Monate vergangen, und nicht der Euro stürzt ab, sondern der Dollar. Der Euro ist in den letzten Wochen bis auf 1,41$ gestiegen. Wir hatten im Mai 2010 vorhergesagt, dass zum Jahresende der Wechselkurs bei 1,45$ liegen wird. Diese Marke ist schon fast erreicht und das Jahr ist noch lange nicht vorbei. Wir denken mit aufrichtiger Anteilnahme an all die, die sich nicht die Mühe machen wollten, die wichtigen Trends zu verstehen; an die, die einer enormen Manipulation aufgesessen sind; an die, denen nicht vergönnt war, die richtigen Analysen aus dem riesigen Sprung nach vorn zu ziehen, den Euroland im Mai 2010 gemacht hat, als der Euro zu einer wahrhaft stabilen Währung auf der Grundlage einer gemeinsamen Finanz – und Haushaltspolitik ausgebaut wurde. Wir denken an sie, denn sie haben mit ihren Wetten auf einen Euro für einen Dollar sicherlich viel Geld verloren. Hätten sie doch nur noch ein Quartal lang die Nerven behalten und abgewartet! Natürlich freuen wir uns, dass wir vielen Leser geholfen haben, nicht in Panik zu geraten. Angesichts des Trommelfeuers der angelsächsischen Medien gegen den Euro war dies von beiden Seiten sicherlich keine leichte Aufgabe. Aber wir halten uns vor allen Dingen so lange mit dieser Rückschau auf die Eurokrise auf, weil wir sicher sind, dass sich Vergleichbares in den nächsten Monaten und Jahren vor dem Hintergrund der Währungskriege noch vielfach wiederholen wird. Wir möchten drei Empfehlungen geben, die helfen sollen, auch an einem Devisenmarkt zu bestehen, auf dem viele das Kriegsbeil ausgegraben haben. Wir erinnern noch einmal daran, dass unsere Empfehlungen sich ausschließlich an lang –und mittelfristige Investoren wenden, nicht an Spekulanten.

Allgemein ist erst einmal anzumerken, dass Kampagnen der Meinungsmache, mit denen Hysterie erzeugt werden soll, in Zukunft noch viel häufiger vorkommen werden. Denn in einem Währungskrieg sind die wichtigsten Waffen Psychologie und Manipulation. Es wird versucht, den Glauben zu erzeugen, dass die Währung des Gegners das ist, was man glauben machen möchte, dass sie ist, also je nach der verfolgten Strategie schwach oder stark. Mehr als je zuvor müssen alle Informationen über Devisen (Trends, Reserven, Grundsätzliches…) mit viel Misstrauen gewertet werden und vor allen mit anderen Quellen gegengecheckt werden 54 . Weiterhin muss man sich auch mit den politischen und wirtschaftlichen Grundlagen der Währungen auseinander setzten. Wegen der Krise sind sie in vollem Umbruch. Da jede Krise Entwicklungen beschleunigt, geschehen diese Umbrüche sehr schnell. Schlimmer ist aber, dass sie auch sehr schwierig zu erkennen sind. Denn die intellektuelle Trägheit der Medien, der Fachleute und auch unsere eigenen, lang gehegten und lieb gewonnen Überzeugungen hindern uns daran, die Änderungen wahrzunehmen. Wir müssen uns daher angewöhnen, eine sehr kritische Grundhaltung gegenüber den traditionell vorherrschenden Meinungen über den einen oder anderen Staat, die eine oder andere Wirtschaft und natürlich auch über die eine oder andere Währung einzunehmen. Natürlich müssen wir auch unsere eigenen Überzeugungen regelmäßig auf den Prüfstand stellen. Während der Eurokrise stellten wir uns immer wieder die Frage, ob unsere Vorhersagen auf reale Trends und Fakten gegründet waren, oder doch eher die Ausgeburt unserer politischen und ideologischen Vorlieben. Letztendlich kamen wir aber zu dem Schluss, dass unsere Argumente sehr wohl rational waren und auf Fakten basierten und damit unsere Vorhersagen mit der üblichen Wahrscheinlichkeit richtig sein würden.

54 So zeigte während der Hochphase der Angriffe auf den Euro ein Blick auf die Realität , dass die Rivalität zwischen Euro und Dollar ein ganz neue Qualität bekommen hatte. Denn seit Oktober 2009 ist der Euro die weltweit überwiegend im Umlauf befindliche Währung. Seit diesem Zeitpunkt zirkulieren 792 Milliarden Euro, die mehr wert sind als die entsprechenden 859 Milliarden US-Dollar. Es ist die Analyse solcher Indikatoren, die die wichtigen Trends erkennen lässt, die ermöglichen, Medienkampagnen zu relativieren und die Nerven (und sein Geld) zu behalten. Quellen: BCE, FED, 2010.

23

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

24

Natürlich wird es in der Wirksamkeit der Trends auch gelegentlich zu Unterbrechungen kommen, die sie aber nicht neutralisieren können. Und es sind diese wichtigen Trends, die auf Dauer über das Schicksal einer Währung entscheiden. Diese Trends müssen über Jahre beobachtet werden. Aber selbst dann ist es möglich, dass die Unterbrechungen fälschlicherweise für Brüche gehalten werden, die die Trends neutralisieren oder umdrehen könnten. Dann ist es besonders schwierig, einen kühlen Kopf und analytischen Verstand zu bewahren.

Dollar: Über diese Empfehlungen zur Methodik der persönlichen Analyse hinaus sagen wir voraus, dass der Dollar weiterhin an Wert einbüßen wird. Dabei ist uns bewusst ist, dass im Februar 2011, wenn allgemein die Erkenntnis einsickert, dass die Fed den Geldhahn zudrehen muss, diese Entwicklung vorübergehend gehemmt werden könnte. Bis zu einem Wechselkurs von 1,50$ werden die Europäer nicht eingreifen. Pfund: Dem britischen Pfund steht noch im Oktober der Tag der Wahrheit bevor. Der Absturz konnte bisher noch vermieden werden, weil die neue Regierung den Eindruck zu erwecken vermochte, es werde ihr gelingen, die öffentlichen Ausgaben drastisch einzuschränken und trotzdem eine Rezession und eine Sozialkrise zu vermeiden. Die britischen Medien waren für dieses Märchen sehr empfänglich und verbreiteten es weltweit. Aber Ende Oktober ist es vorbei mit „happily ever after“ und der Absturz des Pfund wird sich fortsetzen. Yuan: Der Yuan bleibt eine sichere Währung. Im Gegensatz zu dem, was überall zu lesen ist, kann man in den Wechselstuben des Westens ohne Schwierigkeiten Yuan kaufen. Es ist schon nicht mehr ganz neu, dass Chinesen auf ihren Reisen sehr wohl Yuan mitnehmen und nicht mehr Dollar, um vor Ort die Landeswährung eintauschen zu können. Yen: Der Yen hingegen ist Gegenstand massiver Spekulation und damit eine gefährliche Währung.

. Gold : Der überragende Sieger im globalen Währungskrieg Der globale Währungskrieg, der erst an seinem Anfang steht, wird massiv dazu beitragen, dass sich der Preisanstieg von Gold fortsetzt. Gold eilt von Rekordmarke zu Rekordmarke. Unsere Empfehlungen, die wir seit beinahe drei Jahren aussprechen, haben sich insoweit als richtig erwiesen. Wir erinnern noch einmal daran, dass Gold nur als greifbares Material eine sichere Anlage ist. Gold-Zertifikate müssen ernsthafte Anleger meiden. Wie wir schon in vorhergehenden Ausgaben des GEAB schrieben, werden die Währungen, deren Zentralbanken über große Goldreserven verfügen, automatisch von dieser Entwicklung profitieren.

verfügen, automatisch von dieser Entwicklung profitieren. Entwicklung des Goldpreises im Verhältnis zum US-Dollar

Entwicklung des Goldpreises im Verhältnis zum US-Dollar

(1990-2010) - Quelle : 24hgold, 10/2010

24

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

25

4- Der GlobalEurometer 55

GlobalEurometer vom Oktober 2010 - ERGEBNISSE

   

Ja

Nein

Keine

GlobalEurometer 10-2010

%

 

%

Angaben

   

%

1.

Glauben Sie, dass ein Ständiges Sekretariat der Eurozone für Politik

 

15

 

78

7

und Wirtschaft bis Ende 2010 eingerichtet sein wird?

(63) 56

2.

Haben Sie den Eindruck, dass die Europapolitik Ihrer nationalen

     

Regierung die Erwartungen Ihrer Landsleute an die europäische Integration wiederspiegelt?

 

1

97

(97)

2

3.

Glauben Sie, dass anti-demokratische Parteien in der EU an

85

(99)

 

14

1

Bedeutung gewinnen?

4.

Würden Sie in den folgenden Monaten Euro gegen US-Dollar,

 

1

96

(96)

3

japanischer Yen oder britisches Pfund eintauschen?

5.

Würden Sie in den folgenden Monaten für Euro Gold kaufen?

 

39

59

(51)

2

6.Gehen Sie davon aus, dass die Europäische Zentralbank in den nächsten sechs Monaten ihren Leitzinssatz anheben wird ?

 

16

76

(85)

8

7.Gehen Sie davon aus, dass in ihrem Land Inflation herrscht?`

45

(49)

 

47

8

8.

Fürchten Sie, wegen der weltweiten Krise in den nächsten Monaten

 

24

69

(66)

7

Ihren Arbeitsplatz zu verlieren?

9.

Fürchten Sie, wegen der weltweiten Krise in den nächsten Monaten

85

(80)

 

12

3

Geld zu verlieren?

10.

Gehen Sie davon aus, dass der Dollar weiterhin im Verhältnis zu

63

(56)

 

14

23

den anderen großen Währungen an Wert verlieren wird?

11. Glauben Sie, dass die USA in den nächsten Monaten eine Sparpolitik vermeiden können?

 

12

82

(81)

6

12.

Gehen Sie davon aus, dass die Staatsschulden in den nächsten

83

(81)

 

3

14

Monaten eine weitere Etappe der Krise einleiten werden?

13.

Gehen Sie davon aus, dass Großbritannien in eine allgemeine

     

politische, wirtschaftliche, haushälterische und währungspolitische

94

(76)

 

2

4

Krise gerät?

   

14.

Verzeichnen Sie Anzeichen für eine wirtschaftliche Erholung in

 

27

71

(80)

2

ihrem Land?

15.

Fürchten Sie politische und soziale Unruhen in ihrem Land?

71

(88)

 

21

8

55 Jeden Monat befragt das GEAB-Team für Sie 200 europäische Meinungsführer 56 In blau die Ergebnisse des Vormonats

25

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.

26

GlobalEurometer vom Oktober 2010 - AUSWERTUNG

EU-Governance : Zunehmende Mehrheit geht davon aus, dass die Errichtung eines Ständigen Sekretariats der
EU-Governance :
Zunehmende
Mehrheit
geht
davon
aus,
dass
die
Errichtung
eines
Ständigen Sekretariats der Eurozone bis Ende 2010 nicht stattfinden wird / Weiterhin
riesige Kluft zwischen den Erwartungen der Menschen an die Europapolitik und der Politik
der europäischen Politiker / Rückgang der großen Mehrheit, die glaubt, dass anti-
demokratische Kräfte in der EU auf dem Vormarsch sind / Rückgang der starken Mehrheit,
die weiterhin davon ausgeht, dass die EZB in den nächsten sechs Monaten ihren Leitzins
nicht erhöhen werde / Erneuter Wechsel der Mehrheit bei der Frage, ob in ihrem
Heimatstaat wieder Inflation herrsche / Erneuter Anstieg der Mehrheit, die keine Sorgen
wegen eines möglichen Verlust des Arbeitsplatzes empfindet / Zunehmende Mehrheit, die
fürchtet, wegen der Krise Geld zu verlieren / Weiterer Rückgang der starken Mehrheit, die
keine Anzeichen für einen wirtschaftlichen Aufschwung ausmachen kann / Rückgang der
Mehrheit, die in ihrem Heimatstaat soziale und politische Unruhen fürchtet
Die Mehrheit hat bei der Frage, ob bis Ende 2010 eine Art Wirtschaftsregierung für die Eurozone
errichtet werde, die Seite gewechselt. Inzwischen gehen 78% davon aus, dass dies nicht geschehen
werde, wohingegen es im Vormonat noch 63% waren, die vom Gegenteil überzeugt waren. Die schon
traditionell sehr große Mehrheit, die mit der Europapolitik unzufrieden ist, bleibt auf höchsten Werten
stabil (97% im Oktober, wie schon im September). Die sehr große Mehrheit, die anti-demokratische
Kräfte in Europa auf dem Vormarsch sieht, ging diesen Monat von 99% im September auf 85% zurück.
Ebenfalls ging die große Mehrheit, die davon ausgeht, dass die EZB in den nächsten Monaten nicht ihre
Leitzinsen erhöhen werde, von 85% im September auf 76% im Oktober zurück. Und wieder einmal
wechselt die Mehrheit bei der Frage nach der Inflation die Seite: Diesen Monat sind die, die davon
ausgehen, dass in ihrem Heimatstaat Inflation herrsche, wieder in der (leichten) Minderheit (45% im
Verhältnis zu 49% im September). Aber die Ergebnisse sind alles andere als eindeutig, denn 47% gehen
vom Gegenteil aus. Dieses Hin und Her bei der Frage nach der Inflation ist schon an sich eine wichtige
Information: Die Europäer sind nicht in der Lage, sich Klarheit darüber zu verschaffen, ob Inflation
vorliegt oder nicht.
Im Oktober nahmen die Sorgen, wegen der umfassenden Krise den Arbeitsplatz zu verlieren, weiter ab ;
69% teilen diese Sorgen nicht, während es im September nur 66% waren. Dahingegen nehmen die
Sorgen, wegen der Krise Geld zu verlieren, zu; denn inzwischen äußern 85% der Befragten, diese
Sorgen zu teilen. Der wirtschaftliche Aufschwung bleibt für die Mehrheit der Europäer weiterhin
unsichtbar, aber diese Mehrheit geht weiter zurück. Nur noch 71% äußern diese Auffassung, während
es im September noch 80% waren. Die Mehrheit, die soziale und politische Unruhen in ihrem Land
fürchtet, geht ebenfalls zurück. Nur noch 71% äußern diese Befürchtung, während es im September
noch 88% waren.
Beziehungen der EU zu den großen Weltregionen: Beinahe Einstimmigkeit bei der Präferenz
für den Euro gegenüber Dollar, Yen und britischem Pfund / Weiter zunehmende Mehrheit
der Europäer, die ihre Euro auch nicht gegen Gold eintauschen wollen / Verstärkung der
Mehrheit, die einen Absturz des Dollars in den nächsten Monaten erwartet /
Gleichbleibende sehr große Mehrheit geht davon aus, dass die USA eine massive Sparpolitik
in den nächsten Monaten nicht werden vermeiden können / Gleichbleibende Mehrheit geht
davon aus, dass die Staatsverschuldung eine weitere Phase der Krise einleiten werde /
Beinahe Einstimmigkeit bei der Ansicht, dass Großbritannien vor einer umfassenden Krise
schwersten Ausmaßes stehe
Mit 96% herrscht bei der Präferenz für den Euro vor Dollar, Pfund und Yen beinahe Einstimmigkeit.
Diese Präferenz wird auch im Verhältnis zu Gold immer ausgeprägter: Die Mehrheit, die Euros auch
nicht gegen Gold tauschen möchte, steigt weiter von 51% im September auf nunmehr 59%. Mit
nunmehr wieder 63% (im Verhältnis zu 56% im September), die davon ausgehen, dass der Dollar in
den nächsten Monaten zusammen brechen werde, setzt sich allmählich wieder die bis zum Ausbruch der
„Euro-Krise“ zu Jahresanfang 2010 vorherrschende Auffassung durch. Entsprechend dazu geht auch
eine sehr große Mehrheit (82%) davon aus, dass die USA gezwungen sein werden, in den nächsten
Wochen eine massive Sparpolitik einzuleiten. Eine vergleichbare Mehrheit (gleichbleibend mit den
Werten vom September) geht davon aus, dass die Staatsverschuldung eine neue Phase der Krise
einleiten werde. Und eine stark zunehmende Mehrheit geht davon aus, dass Großbritannien vor dem
Ausbruch einer umfassenden schweren Krise stehe (94% im Verhältnis zu 76% im September).

26

Vertrauliche Mitteilung ‘GlobalEurope Anticipation Bulletin’ N°48 - 17. 10. 2010

© Copyright Europe 2020 / LEAP – 2010 - ISSN 1951-6177 - Alle Rechte vorbehalten

Jede Nutzung in seiner Gesamtheit oder Auszügen des Inhalts der Ausgaben des Global Antizipations-Bulletin, einschließlich seiner Reproduzierung, Veränderung, Vertrieb oder Veröffentlichung ohne die schriftliche Einwilligung von LEAP ist streng verboten und stellt einen strafwürdigen Tatbestand dar.