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LSG Nordrhein-Westfalen, Beschluss vom 14.08.

2009, L 19 B 25/09 AS

Der Regelsatz von 345,00 EUR für Alleinstehende ist nach dem Landessozialgericht Nordrhein-
Westfalen verfassungsrechtlich nicht zu beanstanden. Ebenso unbedenklich ist das Verfahren
der Anpassung der Regelleistung, das sich am Renteneckwert orientiert. Eine entsprechend
diesen Vorgaben angepasste Regelsatzleistung auf 351,00 EUR ab 01.07.2008 ist dann nicht
verfassungswidrig.
Insbesondere lässt sich ein Verfassungsverstoß nicht daraus ableiten, dass die Höhe der
Dynamisierung der Regelleistung nicht der Preissteigerungsrate entspricht, da ein Grundrecht auf
eine kontinuierliche Anpassung der Regelleistung nach einem bestimmten Mechanismus - dem
Ausgleich der Inflationsrate - nicht besteht.

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BVerfG, Beschluss vom 06.08.2009, 1 BvR 1549/08

Einem Empfänger von SGB-II-Leistungen ist für die Begründung ihres Widerspruchs gegen
Bescheide der ARGE Beratungshilfe zu gewähren. Ihnen darf die beantragte Beratungshilfe für
die Widerspruchsbegründung gegen die entsprechenden Bescheide nicht mit der Begründung
abgelehnt werden, es sei ihnen zumutbar, selbst kostenlos Widerspruch einzulegen und dabei
die Beratung derjenigen Behörde in Anspruch zu nehmen, die zuvor den
Ausgangsverwaltungsakt erlassen hat. Eine solche Auslegung des Beratungshilfegesetzes
verletzt die Empfänger von SGB-II-Leistungen in ihrem Anspruch auf
Rechtswahrnehmungsgleichheit.

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LSG Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 16.03.2009, L 29 AS 162/09 B ER

Ein Antrag auf Grundsicherungsleistungen wirkt nicht über Zeitraum des Bewilligungsabschnittes
hinaus. Bei der Gewährung von Grundsicherungsleistungen kommt es insbesondere auf die
aktuelle Situation des Antragstellers an. Daher erlischt ein Antrag auf Grundsicherungsleistungen
auch nach Ablauf des jeweiligen Bewilligungszeitraumes. Für eine weitere Leistungsgewährung
in der Folgezeit ist ein (Weiterbewilligungs-) Antrag notwendig.

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Freundliche Grüße aus Rheine

Michael Mink
Rechtsanwalt
Fachanwalt für Familien- und Sozialrecht
Co-Moderator

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1.Die Kosten der Unterkunft beschäftigen nach wie vor die Sozialgerichtsbarkeit. Welche
Miete ist angemessen? Was geschieht, wenn die Miete zu hoch ist? Was weiter, wenn die
Abmahnung und der 6-Monats-Zetraum ohne Wohnungswechsel oder andere Maßnahmen
verstrichen ist?

Das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg hat entschieden, dass nach Ablauf des 6-Monats-
Zetraums grundsätzlich nur noch die angemessene, nicht aber mehr die tatsächliche Miete von
Leistungsträger zu zahlen sei. Eine Fortzahlung nicht angemessener Kosten der Unterkunft bzw.
Heizung komme grundsätzlich nicht in Betracht. Nach § 22 Abs. 1 Satz 3 SGB II seien zwar,
soweit die Aufwendungen für die Unterkunft den der Besonderheit des Einzelfalles
angemessenen Umfang übersteigen, sie als Bedarf des alleinstehenden Hilfebedürftigen oder der
Bedarfsgemeinschaft solange zu berücksichtigen, wie es dem alleinstehenden Hilfebedürftigen
oder der Bedarfsgemeinschaft nicht möglich oder nicht zuzumuten sei, durch einen
Wohnungswechsel, durch Vermieten oder auf andere Weise die Aufwendungen zu senken, dies
in der Regel jedoch längstens für sechs Monate.

Landessozialgericht Berlin-Brandenburg, L 29 AS 1201/09 ER, Beschluss vom 5. August 2009


Vorinstanz: S 175 AS 12655/09 ER, SG Berlin

2. Wie intensiv muss sich ein Hartz-IV-Empfänger um Arbeit bemühen? So intensiv wie
möglich, schließlich werden die wenigsten sich in der Lage einrichten wollen.

Welche Anforderungen werden aber von außen an diejenigen gerichtet? Erhebliche,


insbesondere dann, wenn der Leistungsempfänger gesteigert unterhaltsverpflichtet ist.

Ein Hartz-IV-Empfänger klagte aufgrund seiner finanziellen Situation auf Herabsetzung des von
ihm zu zahlenden Unterhalts. In der Zeit vom 31.08.2007 bis 10.10.2008 hatte er sich 88 Mal
beworben, jedoch keine Arbeit erhalten.

„Die von [dem Kläger] dargelegten Erwerbsbemühungen entsprechen nicht den Anforderungen
an intensive Erwerbsbemühungen eines arbeitslosen gesteigert erwerbspflichtigen
Unterhaltsschuldners. Gegenüber minderjährigen Kindern reicht es nicht aus, die Arbeitsfähigkeit
in bestmöglicher Weise einzusetzen und eine mögliche Erwerbstätigkeit aufzunehmen; vielmehr
erfährt diese Verpflichtung gegenüber minderjährigen Kindern […] eine Verschärfung dahin, dass
den Unterhaltspflichtigen eine noch erheblich gesteigerte Verpflichtung zur Ausnutzung seiner
Arbeitskraft trifft. Dies folgt aus der die Eltern treffenden rechtlichen und sittlichen Pflicht, ihre
Kinder am Leben zu erhalten (Brandenburgisches Oberlandesgericht, NJW-RR 2009 S. 150 –
151).

Dass sich der Kläger entsprechend dieser gesetzlichen Anforderung intensiv um eine
Erwerbstätigkeit bemüht hat, kann nicht festgestellt werden.
Abgesehen davon, dass seitens des Klägers für die Zeit nach der Beendigung [einer]
Integrationsmaßnahme [..] keine Erwerbsbemühungen dargelegt worden sind, sind auch die
vorgelegten 88 Bewerbungen nicht geeignet, intensive Erwerbsbemühungen in der Zeit vom
31.08.2007 bis 10.10.2008 zu belegen.Nach der Rechtsprechung hat sich der
Unterhaltsverpflichtete bei eigener Arbeitslosigkeit intensiv um eine neue Arbeitsstelle zu
bewerben; bei Arbeitsstellen mit geringerem Einkommen sind zusätzliche Gelegenheits- und
Aushilfstätigkeiten zu suchen. Bei der Arbeitssuche darf er sich nicht auf die Erlangung einer
Arbeit in dem erlernten oder zuletzt ausgeübten Beruf beschränken; vielmehr ist ihm
grundsätzlich anzusinnen, sich um jede Art von Tätigkeit, auch solcher, die unterhalb seines
Ausbildungsniveaus liegen, zu bewerben (Brandenburgisches Oberlandesgericht FamRZ
2008,2304,2305).

Für die Suche nach Arbeit hat er die Zeit aufzuwenden, die dem Zeitaufwand einer
vollschichtigen Tätigkeit entspricht.Diesen Anforderungen entsprechen die vorgelegten 88
Bewerbungen in einer Zeit von 13,5 Monaten zahlenmäßig nicht. Verteilt auf 13,5 Monate
ergeben sich nur 6 – 7 Bewerbungen pro Monat. Damit werden die Anforderungen an intensive
Bewerbungen nicht erfüllt.“

Oberlandesgericht Schleswig Beschluss vom 26. Mai 2009,12 WF 188/08


Freundliche Grüße aus Rheine
Michael Mink
Rechtsanwalt
Fachanwalt für Familien- und Sozialrecht

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Die Entwicklung des Arbeitsmarktes im September 2009

Durch die Herbstbelebung ist die Arbeitslosigkeit im September deutlich zurückgegangen. Dies
ist jedoch keine Trendwende. Insgesamt bleiben die Auswirkungen der Wirtschaftkrise auf den
Arbeitsmarkt weiterhin spürbar.“, so fasste der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für
Arbeit (BA), Frank-J. Weise, die Entwicklung des Arbeitsmarktes im September 2009 zusammen.

Arbeitslosenzahl im September: -125.000 auf 3.346.000

Arbeitslosenzahl im Vorjahresvergleich: +266.000

Arbeitslosenquote im September: -0,3 Prozentpunkte auf 8,0 Prozent

Die Arbeitslosigkeit ist von August auf September um 125.000 auf 3.346.000 gesunken (West:
-83.000 auf 2.307.000; Ost: -42.000 auf 1.040.000). Das Saisonbereinigungsverfahren errechnet
für den September eine Abnahme um 12.000. Für die jüngste Entwicklung hat ein Sondereffekt
infolge der Neuausrichtung der arbeitsmarktpolitischen Instrumente eine Rolle gespielt.
Berücksichtigt man die gesamte Entlastung durch Arbeitsmarktpolitik – deren aktuelle
Veränderung von diesem Sondereffekt dominiert wird – wäre die Arbeitslosigkeit saisonbereinigt
im September schätzungsweise um 10.000, im August um 13.000 und im Juli um 18.000
gestiegen. Das ist deutlich weniger als im ersten Halbjahr und angesichts der
gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen vergleichsweise moderat.

Im Vergleich zum Vorjahresmonat gab es 266.000 Arbeitslose mehr. Der Anstieg erklärt sich mit
der schweren Rezession, in der sich die deutsche Wirtschaft befindet. Entlastend wirken
Kurzarbeit und weitere arbeitsmarktpolitische Maßnahmen sowie das rückläufige
Arbeitskräfteangebot (-135.000 im Jahresdurchschnitt 2009).
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ist die Zahl der Erwerbstätigen (nach dem
Inlandskonzept) im August saisonbereinigt um 4.000 gesunken. Die sozialversicherungspflichtige
Beschäftigung hat nach vorläufigen Daten der BA, die bis Juli reichen, saisonbereinigt um 5.000
abgenommen. Damit hat sich der saisonbereinigte Rückgang in den Sommermonaten
abgeschwächt; es bleibt allerdings abzuwarten, ob sich diese Entwicklung bestätigt. Nicht
saisonbereinigt ist die Erwerbstätigkeit nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes von
Juli auf August um 43.000 auf 40,19 Millionen gestiegen. Gegenüber dem Vorjahr hat sich die
Erwerbstätigkeit um 156.000 verringert. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung lag im
Juli nach der Hochrechnung der BA bei 27,34 Millionen; gegenüber dem Vorjahr war das ein
Rückgang von 102.000. Die Abnahme wird vor allem dadurch begrenzt, dass die
Teilzeitbeschäftigung noch steigt, während die Vollzeitbeschäftigung deutlich rückläufig ist.

Die anderen Formen der Erwerbstätigkeit haben sich im Vorjahresvergleich uneinheitlich


verändert: Während die Zahl der Selbständigen sowie die Zahl der Beschäftigten in
Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung unter dem Vorjahresniveau lag, ist die
Zahl der ausschließlich geringfügig Beschäftigten leicht gestiegen.
Die nach dem ILO-Erwerbskonzept vom Statistischen Bundesamt ermittelte Erwerbslosigkeit
belief sich in Deutschland für den August auf 3,31 Millionen und die Erwerbslosenquote auf 7,6
Prozent.

Erste Schätzungen für den September signalisieren neue Anzeigen für konjunkturelle Kurzarbeit
für 90.000 bis 100.00 Personen. Dies sind etwa so viele wie im Vormonat.
Daten zur tatsächlichen Inanspruchnahme der Kurzarbeit liegen nunmehr für das zweite Quartal
vor. Demnach gab es im Juni 2009 insgesamt 1,433 Millionen Kurzarbeiter, darunter 1,416
Millionen aus konjunkturellen Gründen. Der durchschnittliche Arbeitszeitausfall über alle
Kurzarbeiter betrug im Juni 31,2 Prozent. Im Beschäftigtenäquivalent errechnen sich so 448.000
Kurzarbeiter. Bei konjunktureller Kurzarbeit gab es einen Arbeitszeitausfall von 30,5 Prozent und
ein Beschäftigtenäquivalent von 432.000 Kurzarbeitern.

Das gesamtwirtschaftliche Stellenangebot lag nach der Betriebsbefragung des IAB im zweiten
Quartal 2009 deutlich unter dem Vorjahresniveau. Auch der BA-X, der Stellenindex der BA,
signalisiert ein Nachlassen der Kräftenachfrage im Vorjahresvergleich.

Die der BA gemeldeten Stellen insgesamt, darunter auch die ungeförderten Stellen für „normale“
sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse, die besser die Marktentwicklung
widerspiegeln, haben sich im September saisonbereinigt praktisch nicht verändert. Nicht
saisonbereinigt blieb der gesamte Stellenbestand im September ebenfalls fast unverändert bei
486.000. Im Vergleich zum Vorjahr hat der Bestand um 99.000 abgenommen. Von allen
gemeldeten Stellen entfielen 271.000 auf ungeförderte Stellen für „normale“
sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse. Das waren etwa so viele wie im
Vormonat und 107.000 weniger als vor einem Jahr.

Ausführliche Informationen finden Sie im Internet unter: http://statistik.arbeitsagentur.de

Informationen zum Hörfunkservice der Bundesagentur für Arbeit finden Sie im Internet unter
www.ba-audio.de.

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Hartz IV vor dem Bundesverfassungsgericht:

Viele Fragen, kaum Antworten - die Bundesregierung blamiert sich vor dem obersten
Gericht

Darauf hatten viele Empfänger von Arbeitslosengeld II (AlG II), Sozialpolitiker und Fachjuristen
lange gewartet: am 20. Oktober 2009 befaßte sich das Bundesverfassungsgericht erstmals mit
der Frage, ob die Regelleistungen bei Hartz IV für ein menschenwürdiges Leben ausreichen.
Nachdem schon zwei Jahre vorher in einem Urteil vom 20.12.2007 der Zweite Senat des
obersten Gerichtshofes die 2005 gegründeten Arbeitsgemeinschaften aus Arbeitsagenturen und
Kommunen für verfassungswidrig erklärt hatte, droht der Hartz-IV-Reform beim Ersten Senat nun
ein ähnliches Schicksal für die Festlegung der Regelleistungen. Das ist der Betrag, den ein
Langzeitarbeitsloser und seine Angehörigen für den Lebensunterhalt bekommen, für Ermährung,
Kleidung, Möbel, Strom, Telefon, Versicherungen und alle anderen Ausgaben mit Ausnahme von
Wohn- und Heizkosten. 2005 lag der Betrag bei 345 Euro für einen Alleinstehenden, Ende 2009
bei 359 Euro. Kinder bekommen nur einen Anteil von 60 bis 80 % davon, also 215 bis 287 Euro
im Monat, abzüglich Kindergeld.

Gleich zu Beginn der Verhandlung stellte Gerichtspräsident Hans-Jürgen Papier klar: anders als
in den Medien berichtet, geht es nicht nur um die Kinder. Daß bei Kindern unter 14 die
Regelleistung einfach prozentual gekürzt wird, hatte das Bundessozialgericht bereits für
verfassungswidrig gehalten und deshalb diese Frage dem Bundesverfassungsgericht vorgelegt
(Pressemitteilung des BSG). Das Hessische Landessozialgericht ging aber noch weiter und
forderte die Kollegen in Karlsruhe auf, sämtliche Regelleistungen, auch die für Erwachsene zu
prüfen (Beschluß des HessLSG).

Und mit dieser Frage nach dem sogenannten Eckregelsatz von jetzt 359 Euro beschäftigte sich
das Gericht den ganzen Vormittag über. Der Betrag wurde auf der Grundlage der Einkommens-
und Verbrauchsstichprobe (EVS) des Statistischen Bundesamtes errechnet. Grundlage soll sein,
welche Ausgaben Haushalte im unteren Fünftel der Bevölkerung haben. Die Beträge werden
dann nach politischen Entscheidungen entweder voll oder nur teilweise anerkannt - zum Beispiel
für Nahrungsmittel nur zu 96 %. Ob die EVS überhaupt eine geeignete Grundlage ist und ob die
Übertragung auf die Hartz-IV-Regelleistungen korrekt durchgeführt wurde, war im ersten Teil der
Verhandlung die wichtigste Frage.

Die Bundesregierung erschien mit einer 28köpfigen Delegation in Karlsruhe, um darauf zu


antworten. Darunter aber kein einziges Kabinettsmitglied - sogar der noch amtierende und dafür
zuständige Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD), selbst gelernter Rechtsanwalt, mochte den
Termin nicht wahrnehmen und ließ sich von seinem kaum bekannten Staatssekretär Detlef
Scheele vertreten. Sonst bestand die Regierungsmannschaft nur aus Beamten verschiedener
Ministerien und Prof. Stephan Rixen als Anwalt der Regierung - immerhin ein anerkannter
Kommentator des AlG-II-Rechts. Aber er mußte sich sehr schnell von den Richtern sagen lassen,
dass seine Zweifel an der Zulässigkeit des Verfahrens so unbeachtlich sind, dass sich aus
Zeitgründen die anderen Beteiligten eine Antwort darauf bitte ersparen mögen. Sonst äußerte
sich fast niemand für die Regierungsseite; der Staatssekretär beschränkte sich auf ein paar
einleitende Worte und überließ das Feld den regierungsamtlichen Statistikerinnen.

Die beiden Expertinnen vom Statistischen Bundesamt und vom Bundesarbeitsministerium hatten
keinen leichten Stand. Die Richter waren gut vorbereitet. Nicht nur der Vorsitzende Prof. Papier
und der Berichterstatter Prof. Kirchhof hatten sich mit dem Thema gründlich befaßt. Wie sei es
denn möglich, so Papier, daß die erst nachträglich festgelegten prozentualen Abschläge von den
Ergebnissen der ESV punktgenau zu dem Betrag von 345 Euro führten, der bereits Monate
vorher im Gesetz festgelegt worden war? Richter Kirchhof ergänzte die Frage: sind die Zahlen
über den Daumen geschätzt, oder beruhen sie auf einer Auswertung der Haushaltsbücher der
teilnehmenden Familien an der EVS? So recht wußte niemand eine Antwort. Die Ministerialrätin
des BMAS, zu sehr Fachfrau als daß sie mit politikerüblichen Floskeln die Frage hätte
überspielen können, gab zu: man habe schon auch Kollegen gefragt "wie hoch würdet ihr den
Anteil schätzen?" Nur der Respekt vor dem Gericht verhinderte, daß das allgemeine Schmunzeln
im Zuschauerraum zu einem schallenden Gelächter wurde.

Ähnlich bei der Frage, warum die Anpassung der Regelleistungen nach den Rentenerhöhungen
erfolgt und nicht nach den Preissteigerungen: da gäbe es eben verschiedene Möglichkeiten, und
man habe sich für diese entschieden, weil das auch der Lohnentwicklung entspricht. Das Gericht
belehrte die Bundesregierung, daß dies nur teilweise zutrifft.

Bildungskosten - ein besonders heißes Eisen. Der entsprechende Anteil aus der EVS wurde für
AlG-II-Empfänger komplett gestrichen. Das läge daran, so die Regierungsvertreter, daß damit
nicht die Kosten für Schulmaterial gemeint seien, sondern für Bildungsdienstleistungen. Also
Volkshochschule, Nachhilfeunterricht, Kindergartengebühr. Die fielen bei Kindern aus Hartz-IV-
Familien gar nicht an und bei Erwachsenen würden sie im Rahmen der Arbeitsförderung
übernommen. Und außerdem sei das Ländersache. Richter Bryde hakte nach: inwieweit kann
denn der Bund garantieren, daß die Länder alle Bildungskosten übernehmen? Da müsse wohl
erst noch Klarheit hergestellt werden, meinte eine Vertreterin des Bremer Senats. Bildungskosten
kann man erst dann herausnehmen, so Gerichtspräsident Papier, wenn Länder und Kommunen
verbindlich die Kostenübernahme geregelt haben.

Mittagspause. Zwei Stunden, da im Gerichtsgebäude keine öffentliche Kantine ist und nach der
Pause alle Besucher wieder durch die Sicherheitskontrolle müssen. Aber auch Zeit genug zum
Nachdenken. Eine wichtige Sachverständige tat dies offenbar, Monika Paulat, Präsidentin des
Landessozialgerichts Berlin-Brandenburg. Als Präsidentin des Sozialgerichtstages trug sie die
Erfahrungen aus der gerichtlichen Praxis vor. In der schriftlichen Stellungnahme für das
Bundesverfassungsgericht und einen Tag vor der Verhandlung in einem SPIEGEL-Interview
hatte die renommierte Sozialrechtsexpertin noch gesagt, nur der Kinderregelsatz sei ein Problem,
beim Eckregelsatz für Erwachsene habe sich der Gesetzgeber " immerhin bemüht, deren Bedarf
realitätsbezogen zu ermitteln." Nach der Mittagspause korrigierte Paulat ihre Meinung: nachdem
sie nun aus den Aussagen der Regierungsvertreter erfahren habe, wie dieser Eckregelsatz
zustande kam, bezweifelt sie ihre eigene Stellungnahme. Offenbar gäbe es kaum Grundlagen für
die Festlegung.

Das war wohl die größte Niederlage für die Bundesregierung an diesem Tag: Paulat ist nicht
irgendwer, sie steht als gewählte Vorsitzende des Fachverbandes für die Sozialgerichtsbarkeit in
ganz Deutschland. Ausgerechnet die Regierungsvertreter selbst hatten sie dazu gebracht, ihren
Glauben an die korrekte Gesetzgebung aufzugeben. Zunächst nur für sich persönlich, aber sie
kündigte schon an, daß auch ihr Verband seine Meinung nun wohl ändern werde.

Den Anwalt der Bundesregierung, Prof. Rixen, brachte sie damit in Verlegenheit. Es war ihm
sichtlich peinlich, die Regierungsauffassung noch weiter vertreten zu müssen, aber da er das
Mandat nun einmal übernommen hatte, mußte er. "Damals", 2003, als das Hartz-IV-Gesetz
beschlossen wurde, sei die Festlegungsmethode "state of the art" gewesen, so Rixen. Aber es
handele sich um eine "lernende Gesetzgebung", mittlerweile gäbe es eine Sonderauswertung der
EVS 2003 in Bezug auf Familien mit einem Kind (vorher nur Alleinstehende), und eben deshalb
habe man zum 1.7.09 die Regelleistung für Kinder ab 6 Jahren etwas erhöht. "Wie weit ist der
Lernprozeß denn fortgeschritten? Das ist ja immer noch nur ein bestimmter Prozentsatz," fragte
der Vorsitzende Papier. Und besonders verärgert war der Senat, daß die Bundesregierung diese
Sonderauswertung geheim hält. Nicht einmal dem Bundesverfassungsgericht war sie vorgelegt
worden. "Da sind nur Informationsbrocken in den Akten", meinte Richter Kirchhoff. "Jetzt aber
möglichst schnell", ergänzte der Vorsitzende. Leider hatte keiner der 28 Regierungsvertreter die
Sonderauswertung dabei.

Auch wenn der Verlauf der Verhandlung überwiegend von ermüdenden Statistiken bestimmt war,
gab es doch einige erhellende Momente. Der 47jährige Thomas K., Kläger im Ausgangsverfahren
vor dem Hessischen Landessozialgericht, nahm selbst an dem Termin teil. Und er nutzte sein
Recht, immer wieder persönlich an das Mikrofon zu treten. Während die Statistiker über die EVS
und die Juristen über Auffangparagraphen diskutierten, trug der seit vielen Jahren arbeitslose
Thomas K. das Schicksal seiner Familie vor. Er erzählte über seine 15jährige Tochter, die mit
einem hervorragenden Abschluss die Hauptschule abgeschlossen hat. Und über seine Frau, die
sich immer darum sorgte, daß das Mädchen in der Schule nicht ausgegrenzt wird, weil die
Familie von Hartz IV lebt. Auch wenn die Familie dann auf den eigentlich vorgeschriebenen
Zuschuss für eine Klassenfahrt verzichtete. Und er fragte die Regierungsvertreter, wie er mit 700
Euro Einkommen für 3 Personen im Monat denn ein Darlehen jemals zurückzahlen könne, so wie
es Regierungsvertreter Rixen als passende Lösung vorgeschlagen hatte. Für die
Verfassungsrichter und Ministerialbeamten war das vielleicht der erste persönliche Kontakt mit
einem Betroffenen. Einfach war dies nicht für den Familienvater, seitdem bekannt ist daß er
gegen die Regelleistungen klagt wird seine Familie von Unbekannten bedroht.

Er wolle auch keine pauschalen 500 Euro als Regelleistung, wie das manche Organisationen und
Parteien fordern, sagte Thomas K. in seinem Schlußwort. Er will nur eine korrekte und gerechte
Berechnung.

Das wollen nun offenbar auch die Richter des Ersten Senates. Ihren Fragen nach zu urteilen,
dürfte die bisherige Regelung sehr wahrscheinlich als verfassungswidrig erklärt werden. Neue
Regelsätze in Heller und Pfennig, so Präsident Papier, wird das Bundesverfassungsgericht aber
nicht festlegen. Das ist Aufgabe der Bundesregierung und des Bundestages. Wahrscheinlich ist,
daß das Gericht die Politik dazu verpflichten wird, innerhalb einer bestimmten Zeit die Leistungen
neu zu berechnen. Ob das auch Auswirkungen auf die Vergangenheit hat, ob Thomas K. und
seine Familie und Millionen anderer AlG-II-Bezieher auch rückwirkend mehr Geld bekommen, ist
noch völlig offen. Ziemlich wahrscheinlich ist aber, dass die strikte Pauschalierung der Leistungen
bei AlG II gekippt wird. Wer einen höheren Bedarf hat als in der Regelleistung vorgesehen, z.B.
weil besonders hohe Kosten für die Schule anfallen, wird bisher fast immer abgewiesen. Dafür
werden die Bundesverfassungsrichter eine passende Lösung fordern, wie auch immer sie
aussehen mag.

Quelle: Erwin Denzler M.A.


Dozent für Arbeits- und Sozialrecht

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