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2!2 fiske-Reader sand Points of Light Initiative«, um Bürgern aller Altersgruppen die Freiwilligenarbeit schmackhaft

fiske-Reader

sand Points of Light Initiative«, um Bürgern aller Altersgruppen die

Freiwilligenarbeit schmackhaft zu machen (A.d.Ü.).

8 Eine der eigenartigsten Stellen, an denen Bedeutungen von Ob-

dachlosigkeit zu finden sind, ist die Broschüre des Modedesigners

Christian Francis Roth zu seiner Frühjahrsmodenschau I99I in New

York Eines seiner »Themen« sind die >>HoboeS« (ein noch farbloseres

Wort für Obdachlose als »Landstreicher«), und entsprechend sind seine Kleidungsstücke mit schreienden bunten Flicken besetzt. Seine Erklärung dazu: »Bei meiner Hobo-Gruppe geht es nur darum, Klei- dungsstücke eine gewisse Dauer zu verleihen. Hat der Anzug eines Hobces Löcher, dann flickt er ilm. Wenn eine Frau ein Loch in ihrer Jacke hat, warum sollte sie dann keinen Flicken ver>Nenden? Oder sich eine von mir kaufen, die schon mit Flicken besetzt ist?« Ein noch un- verschämterer Versuch, sich die Zeichen der Obdachlosigkeit anzu- eignen, ist wohl kaum vorstellbar, aber zumindest offenbart dieses Beispiel die Extreme der Klassendifferenz, die ein Kampf um Bedeu-

tung annimmt. Ich könnte ebenso auf Bachtin (1986) verweisen, dessen Theori-

en mit jenen von VoloSinov übereinstimmen, was keineswegs über- rascht. Beide analysieren jenen sozialen Kampf auf eine sehr ähnliche

Weise, der in der Phrase »Vor den Kopf stoßen« ausgetragen v.rird. I 0 Die Arbeiten von Areher (1988), Bauman (1973) und Giddens (1979) sind hier bahnbrechend.

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Körper des Wissens

Da Macht über die gesamte soziale Ordnung verteilt ist und nicht als totalisierendes System, sondern an ihren Anwendungspunkten sowie in ihren lokalen und spezifischen Technologien existiert, müssen Veränderungen in einem Machtregime auch auf sämtlichen Ebenen und letztendlich auch auf der kleinsten Mikroebene stattfinden, also auch auf der Ebene des Körpers. Dieser Artikel beleuchtet den Kampf um den Körper, die von der imperialisierenden Macht zu seiner Übenvachung augewandten Strategien sowie die von lokalisierenden Mächten eingesetzten Taktiken, wn ihre eigenen Interessen zu wah- ren, zu verteidigen und manchmal auch zu befördern. Die Relationen zwischen »VOn oben« und »VOn unten« operierenden Mächten lassen sich nicht vorhersagen, und auch Begriffe 'Wie Widerstand, Umkeh- rung oder Vermeidung vermögen diese nicht gänzlich zu fassen. Sie müssen auf ihre Besonderheiten analysiert werden, denn das Zu- sammenspiel von Mächten lässt sich besser hinsichtlich einer Akku- mulation von unterschiedlichen Instanzen verstehen denn durch eine systematische Makroanalyse von Macht an sich. Soziale Handlungsfähigkeit - jene des Machtblocks 'Wie jene der Leute - ereignet sich am Körper, denn der Körper ist die 'Wichtigste Stelle sozialer Erfahrung. Hier wird die Gesellschaft in gelebte Erfah- rung transformiert. Um den Körper verstehen zu können, müssen wir \vissen, wer ihn in seiner Bewegung durch die Räume und Zeiten unseres Alltags kontrolliert, wer seine sinnlichen Erfahrungen prägt, seine Sexualitäten, seine Vergnügen beim Essen und Bewegen, wer seine Arbeitsleistung überwacht, sein Verhalten zu Hause oder in der Schule, und wer hauptsächlich beeinflusst, wie er gekleidet ist und auf

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welche Weise er sich in seiner PuPJetion zeigt, uns den anderen zu

präsentieren. Der Körper ist das Zentru

Am Körper treffen sich Natur und Kultur, und somit handeln 'Wir auch hier die Relationen der Differenzen und Ähnlichkeiten aus, die z\Vischen diesen bestehen. Am Körper deuten wir unser soziales, kultiviertes oder natürliches Wesen, und auf welche Weise \Vir das eine deuten, definiert 'Wiederum, "\Nie wir das andere deuten, und umgekehrt. Was natürliche Sexualität ausmacht, lässt sich beispiels- weise nur über ihre Relation zur moralischen (das heißt zur sozial kontrollierten} Sexualität definieren, und umgekehrt. »Kontrolle« ist hier ein \Vichtiges Wort, denn eine Unterscheidung z"INischen Natur und Kultur bedeutet immer auch einen Kampf um Kontrolle; ein

natürlicher Körper \vird in einer gewissen Weise immer als ein Körper

betrachtet, der sich avßer Kontrolle befindet. Da die Stabilität und der

Fortbestand von Gesellsc

hängt, ist es für Gesellschaften entscheidend, die Natur zu beherr- schen, indem sie den Körper kontrollieren. Am Körper trifft nicht nur die Natur auf die Kultur, sondern auch das Individuum auf das Soziale. Unser Körper ist die einzige Domäne der Existenz, die für jeden von uns einzigartig ist: Er ist die einzige Domäne, in der \Vir uns von allen anderen Mitgliedern unserer Spezi- es und von allen anderen Mitgliedern unserer Gesellschaft unter- scheiden. Die körperliche Differenz gerät also zu einer äußerst aus- drucksvollen Metapher für Individualität, denn die Kontrolle darüber, welche Differenzen z'Wi.schen Körpern als bedeutsam gelten, ist für die Kontrolle über unseren Sinn für Individualität und Identität entschei~ dend. Die Beziehung zwischen dem individuellen Körper und dem so- zialen Körper, dem politischen Körper, ist nicht metaphorisch, son- dern materiell. Die Kontrolle über den Körper ist ein erster Schritt in der Kontrolle sozialer Beziehungen. Soziale Beziehungen gründen auf der Gegenwart von Körpern, die sich zur selben Zeit am selben Ort befinden; und soziale Beziehungen sind die gelebte, materielle Erfah- rung dieser mehr abstrakten, strukturellen sozialen Relationen. In familiären Beziehungen werden die sozialen Relationen von Ge- schlecht und Alti:.>rjn Alltagspraktiken verwandelt. Die sozialen Rela- tionen der Arbeit sind in den Beziehungen zwischen einem Aufseher und den .Arbeitnehmern konkretisiert. Es gibt also ein Kontinuum, das sich vom BeVi!Usstsein zu den

m

unserer sozialen Erfahrung.

haften

von der Extensität ihrer Macht ab-

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Wiss_e_~~- I zrs_

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Identitäten, Körpern, Beziehungen und Relationen erstreckt und das sich nicht nur in die soziale Ordnung ausdehnt, sondern :Eir diese auch bestimmend ist. Der Körper ist hierbei zentral, nnd die Kämpfe zwischen »Von oben<< und »Von tL?lten« agierenden Kräften um die Kontrolle dieses Kontinuums haben früher oder später allesamt mit dem Körper zu tun; überdies lässt sich kein Terrain gewinnen oder halten, wenn es nicht auch das Terrain des Körpers betrifft.

DIIZIPLIN

Über Disziplin lässt sich das Be\VUsstsein und das Verhalten der Leute an die Erfordernisse der Macht anpassen, wenn diese in einer be- stimmten sozialen Organisation ausgeübt wird - Familie, Schule, Universität, Arbeitsplatz, Sportklub, Militär, Krankenhaus, Reisebus, Kirche. Um welche Institution es sich hierbei auch handeln möge, immer ist die wichtigste Stelle der Disziplinarmacht der Körper. Schulabgänger und Universitätsabsolventen sind nicht nur gebildet und talentiert, sondern auch diszipliniert. Schule tLTld Universität produzieren von Foucault (r976) so genannte »gelehrige Körper«, also Körper, die sich zu routinemäßigen Abläufen zwingen (zu bestimm- ten Zeitpunkten an bestimmten Orten zu sein) und damit auch zu ebenso routinemäßigen Verhaltens-, Denk- und Beziehungsfonnen. Die in einer Schule oder Universität gelehrten Wissensformen und Fertigkeiten entsprechen nur selten den Erfordernissen der Arbeits- welt und müssen fast ausnahmslos adaptiert und erweitert werden: In Wirklichkeit verlangt die Arbeitswelt disziplinierte Personen, denn durch Disziplin können die Arbeitnehmer ihr Wissen und ihre Fertig- keiten gemäß den Anforderungen des jeweiligen Arbeitsplatzes erwei- tern und adaptieren, was jedoch auch bedeutet~ und dies ist die Kehr- seite der Medaille-, dass sie kontreHierbar sind. Am Körper und seiner Ausweitung durch die Kleidung wird Dis- ziplin ausgeübt und hingenommen. Das Erscheinungsbild des Kör- pers kodiert das Ausmaß seiner Disziplin/Gelehrigkeit, wodurch er abschätzbar wird. Entsprechend berät Phyllis Mack:lin, die Chefin einer Outplacement-Finna, ihre Kunden über die Verhaltensweise und das Erscheinungsbild bei Vorstellungsgesprächen (MinneapoUs Star Tribune, r8. Juni 1991: rE). Ein blauer Anzug mit einem weißen Hemd ist für alle männlichen Kandidaten üblich, was aber Macklin

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2I6 fiske-Reader zufolge wirklich das Interesse des Unternehmens auf sich zieht, sind die Einzelheiten. Die Krawatte

fiske-Reader

zufolge wirklich das Interesse des Unternehmens auf sich zieht, sind die Einzelheiten. Die Krawatte sollte bis an die Gürtelschnalle oder

zeit kontrollieren kann. Eine Gewichtszunahme oder -abnahme verrät

Arbeit finden, in deren Richtlinien für männliche Angestellte folgen- des zu lesen ist:

aber bis zu deren Mitte reichen und das andere Ende durch die Lasche gezogen werden, damit sie nicht außer Kontrolle gerät und dem Inter- viewer ihr undiszipliniertes Selbst offenbart. Der Gürtel sollte nicht

))Kostlime: Bei Walt Disney Attractions bedingt eine Anstellung, dass Sie für die Einhal- tung eines angemessenen Körpergewichts und -umfangs verantwortlich sind.

nur neu sein, sondern zudem auch nicht verraten, dass die jeweilige Person zu- oder abgenommen hat. Der Körper des Kandidaten sollte gänzlich diszipliniert sein und erkennen lassen, dass man ihn jeder-

einen Körper, der sich der Kontrolle entzogen hat und wieder diszipli- niert werden muss. Die Krawatte ist auf eine symmetrische Weise auf

Haar: Ein ordentlicher, natürlicher Haarschnitt und eine gründliche Rasur sind unbedingt erforderlich. Das Haar sollte ordentlich und spitz zugeschnitten sein, damit es nicht über Ihre Ohren fällt. (Es ist nicht erlaubt, das Haar hinter die Ohren zurückzustecken.) Eine matiir!iche< oder eine >Afro<-frisur ist nur unter der Voraussetzung akzeptabel, dass sie ordentlich hält.

Koteletten: Koteletten sollten ordentlich geschnitten sein und können, so wie sie nor-

den Gürtel bezogen und schafft so einen Körper, der sich um die

malerweise fallen, b'1s an das untere Ende der Ohrläppchen heranreichen. Nach ohen fri-

vertikale und horizontale Achse ästhetisch in Balance befindet. Die

sierte

Backenhaare oder Mutronchops sind nicht gestattet(( (Harpers, Juni

1990: 40-

Ästhetik der Symmetrie- die Nachbildung und das Gleichgewichtvon

42).

Formen- repräsentiert die Beherrschung der Natur durch den Men- schen. Die Natur ist asymmetrisch, ändert und ent'Nickelt sich ständig

Der Körper des Angestellten muss buchstäblich an die vom Unter-

weiter. Die ästhetische Form hingegen ist statisc

trolliert.

Bachtin kontrastiert den grotesken Körper mit dem ästhetischen Körper und setzt den einen mit dem Gesellschaftskörper in Bezie- hung, den anderen mit der Bürokratie. Der ästhetische Körper (der Körper einer Skulptur oder einer Person) ist perfektioniert und voll- kommen. Er hat nicht nur den Höhepunkt seiner Ent\.vicklung er- reicht und bedarf damit auch keiner Veränderung mehr, sondern er ist auch der Beweis dafür, dass diese Veränderung überr1üssig ist, denn sie wäre nur zum Schlechten. Seine Schönheit ist erstarrt. Der groteske Körper ist hingegen unvollkommen, niemals bestimmt. Er ist ein erdiger, fruchtbarer Körper, der die Prinzipien des Wachstums und des Wandels verkörpert; seine Hässlichkeit ist das, was sich der sozialen Kontrolle des Schönen entzieht. Das Ästhetische ist ein ord~ nendes und damit auch ein disziplinarisches System; im Gegensatz dazu verkörpert das Groteske die Zeichen der Unordnung, die Bedro- hung des Unkontrollierten. Dies sind jedoch auch Zeichen der Frucht- barkeit und des Wachstums, denn wenn die Natur am fruchtbarsten ist, kann sie auch am wenigsten kontrolliert werden. Der Körper des Kandidaten muss ein disziplinierter Körper sein, der keine Spur eines sich in grotesker Weise außer Kontrolle befindli- chen Krawattenendes aufweist, was seine perfekte Symmetrie stören würde. Dieser Körper könnte bei der Walt Disney World Company

h.,

vollkommen, kon-

nehmen bereitgestellten Kostüme angepasst werden. Ordentlichkeit

ist das Resultat von Kontrolle und kann so als Kriterium eingesetzt

werden, mit dem sich das Ausmaß der Disziplin bewerten lässt. Or- dentlichkeit wird jedoch mit Natürlichkeit in Verbindung gebracht und kann so den natürlichen Körper zu erkennen geben- die ordent-

liche, kontrollierte Person ist also »in Wirklichkeit« die natürliche Person! Das von der Macht produzierte Individuum wird als Produkt

der Natur präsentiert. Arbeitgeber, Schulen, Universitäten rmd Familien versuchen die

Körper derjenigen unter ihre Kontrolle zu bringen, die sie disziplinie-

ren wollen. Die wohl strengste und gerraueste Kontrolle über Körper, Gesten und Verhaltensweisen findet sich in militärischen Ausbil- dungslagern, deren einziger Zweck die Disziplinierung ist, und doch kommt eine vergleichbare körperliche Disziplin zur Anwendung, wenn Kindern bei Tisch eine angemessene Körperhalhmg und ein ebensolches Verhalten beigebracht wird oder wenn es dem Kassenper- sonal meines Supermarktes gemäß Vorschrift verboten ist, Kaugum-

mi zu kauen. Überall im Land diszipliniert das Schild »No shoes, no

shirt, no service« die Körper der Konsumenten.

Für seine Fans ist der Profisport ein Teil ihrer Freizeitkultur, fUr

die Spieler jedoch ist er Arbeit. Das Footballstadium ist ein Arbeits-

platz, der \Vie alle anderen Arbeitsstätten auch die Körper und das Verhalten derjenigen diszipliniert, die dort stationiert sind. Die ameri-

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2 I 8 fiske-Reader kanischen Footballspieler bilden eine äußerst disziplinierte Arbeiter- schaft: Spiele 'Nie

fiske-Reader

kanischen Footballspieler bilden eine äußerst disziplinierte Arbeiter- schaft: Spiele 'Nie Spieler unterliegen einem straff organisiertem Spielplan, lL11.d die Kontrollinstanz diszipliniert Spieler vvie Trainer, die nicht mit ihren Kodes eines angemessenen, sportsmännischen Verhaltens konform gehen. Ein kleines Beispiel mag genügen, um diese kontrollierende Macht zu veranschaulichen (Andrews 1991). Bei einem Spiel werden überdurchschnittliche Leistungen traditioneller- weise durch ein spontanes (und also undiszipliniertes) Verhalten gefeiert. Ein entscheidendes Tackling, eine spektakuläre Ballannahme oder ein Firstdovm_ sind oft ein Grund zum Feiern und Jubeln. Touchdo\Vlls, das eigentliche Ziel des Spiels, lösen wolü die expres- sivste Verhaltensweise aus, den »Tanz in der Endzone«. Bereits 1976 berichtete das Wall Street joumal (zo Januar r976) über vermehrte endzone dances von Siegermannschaften (die auch als fancy bugaloo, juke oder dickey-doo bezeichnet werden) und über die Probleme, die ein »derartig übles Treiben« den älteren Semestern bereitete. In den

Jahren 1984 und 1991 änderte die National Football League (NFL) die

Spielregeln, um ihre Kontrolle {lese: Unterdrückung) auf ein »ausge- dehntes, exzessives oder vorsätzliches Feiern durch einzelne oder mehrere Spieler« auszuweiten. Die Begriffe »ausgedehnt« und »ex- zessiv« übervvachen die Grenzen, innerhalb derer sich »Spontaneität« abspielen darf, und »Vorsätzlich« reagiert auf die Bedrohung eines von den Spielern und nicht von den Trainern und der NFL entworfenen Kontrollsystems. Der Chicago Tribune zufolge lautet der Plan des NFL Committee folgendermaßen:

nEin spontaner Ausdruck von Überschwänglichkeit wie beispielsweise ein schne!!es Schmet- tern des Balls durch einen erfolgreichen Spieler oder ein offenkundig spontaner und kur- zer Handschlag zwischen zwei Teamkameraden nach einem gelungenen Spielzug sind 'töllig akzeptabel und im Rahmen eines sportsmännischen Verhaltens, wenn sie nicht die klare Absicht erkennen lassen, damit den Gegner zu beschämen oder zu verspotten.

Andererseits ist das Komitee einmütig gegen jedwedes ausgedehntes, exzessives oder vorsätzliches feiern durch einzelne oder mehrere Spieler. Eskapaden wie ungehemm· tes Tanzen, wildes Um-sich-Schlagen mit Armen und Beinen, simulierte Wlirfelspiele, >High- Five<-Kreise in der Endzone, das Imitieren von Revolverhelden und ähnliche Verhaltenswei- sen werden als gekünstelter Exhibitionismus betrachtet, der im Sport keinen Platz hat und mit fünf Yards fiir unsportliches Verhalten zu bestrafen ist{( (Chicago Tribune, 1991).

Hinter den Disziplinarnormen der Sportlichkeit 'IN'ird die »rassische«

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lVIacht sichtbar. Vernon Andrews hat die Dauer der Tänze in der End- zone bei den Entscheidungsspielen der Saison I99I untersucht und herausgeft.L7lden, dass die längsten und expressivsten Tänze im .AJl- gemeinen von afroamerikanischen Spielern dargeboten \iVUiden. Er untermauert dieses Ergebnis durch eine ausführliche Darstellung von Untersuchungen zur afroamerikanischen Kultur, die zeigen, dass sich der Lebensstil von Schwarzen nach anderen Normen richtet als der von Weißen und dass hier vor allem eine expressive Körpersprache und Redeweise höher bewertet YVird als in der weißen Kultur:

))Der schwarze Stil ist selbstbewusster, ausdrucksvoller, mirreilsamer, farbenfroher, intensi- ver, bestimmter, aggressiver und konzentriert sich mehr auf das Individuum als der Stil

der Gesellschaft insgesamt, in denen Schwarze

leben{{ {Kochman 1981 ).

Die Vorstellung der schwarzen Expressivität lässt sich ervveitern, wenn man sie mit der Vorstellung der Improvisation in Verbindung bringt, welche laut Jones (r986) nicht nur ein bevorzugtes, sondern auch ein notwendiges Merkmal des schwarzen Stils ist. Diese Notwendigkeit

die die ökonomi-

schen und kultlrrellen Ressourcen, die Afroamerikanern zur Verfü- gung stehen, stets beschränkt haben: Unter diesen Bedingungen wird Improvisation zur Überlebenskunst. Improvisation ist aber ebenso in der Gegenwart venvurzelt, im Hier und Jetzt, und also auch eine Lebensweise im Rahmen »des Kontexts der Unterdrückung, in dem die Zukunft unsicher und unvorhersehbar [istJ und von der sich nicht Sicherheit sagen lässt, ob sie sich überhaupt ereignen wird<< (Night- line, ABC, 3· Dezember 1990). Improvisation ist typisch für eine Kultur der Praxis statt einer Kultur der kanonischen Texte, die stets im Hinblick auf die Zukunft verfasst werden, und sie ist daher auch für untergeordnete soziale Fonnationen charakteristisch, in deren Alltag es um die Kunst geht, das Beste aus dem zu machen, was man hat. Improvisation wird so zu einer Praxis der Handlungsfahigkeit, was wiederum zeigt, dass die Auseinandersetzrmg der Leute mit einer determinierenden Struktur nicht gänzlich determiniert ist. Tatsächlich liefert sowohl im Sport als auch in jenen musikalischen Formen, die ihren Ursprung in lliLtergeordneten Kulturen haben, typischerweise die Improvisation die Höhepunl'te, nicht die Struktur. Die Spannrmg

zwischen Improvisation und Struktur ist eine Spannung zwischen einer »Von unten<< und einer »von oben<< ausgeübten Kontrolle, die

ergibt sich aus den soziohistorischen Bedingu

"'1gen,

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2 2 0 fiske-Reader sich in unserer Kultur in bestimmten Bereichen zu einer begriL11deten Quelle des

fiske-Reader

sich in unserer Kultur in bestimmten Bereichen zu einer begriL11deten

Quelle des Vergnügens entwickelt hat. Daher konnte die NFL auch nicht lL?lerwünschte schwarze Verhaltensweisen als Improvisation anerkennen und deren Legitimierung riskieren, weshalb sie diese

Verhaltensweisen auch als »Vorsätzlich<< (das gerraue Gegenteil) be- zeichnete und somit ihr Recht auf eine Kontrolle dieser Verhaltenswei- sen diskursiv rechtfertigte, nicht aber diese Verhaltensweisen selbst.

In seiner ausführlichen Untersuchung zeigt Andrews, dass sich weiße Spieler, die in den Endzonen tanzen, in Wirklichkeit einer fremden Sprache bedienen, was durch ihren Akzent verraten wird.

Durch einen weißen Akzent wird beispielsweise das Schmettern eines

Balles typischervveise aggressiv und gewalttätig, was die Aggressivität des Spiels tendenziell mit anderen Mitteln fortschreibt. Schwarz ak- zentuiert ist das Schmettern hingegen elegant und kontrolliert, ein Beispiel für eine Expressivität, die darstellt, was sie ausdrückt - schwarzes Bewusstsein, schwarze Identität und Kontrolle. In diesen

Augenblicken des Triumphes entziehen sich die sc

der Disziplin des Spielplans und bedienen sich in der Öffentlichkeit

ihres eigenen A l<zents.

pliniert noch spontan, sondern ein Körper, der seine Sprache und seine Kultur gewechselt hat. Das System, das jetzt seine Verhaltens- weisen und deren Bedeutung produziert, ;,.vird von der untergeordne- ten Macht kontrolliert, und also charakterisiert der Machtblock - in seiner Verleugnung der untergeordneten Macht - diese Verhaltens- weisen strategisc}l als »aw'?.er Kontrolle« befindlich und nicht als »an- derweitig kontrolliert«. Die schwarzen Spieler wissen jedoch, dass sie ihren Körper einen Augenblick lang der Domäne der weißen Macht entzogen und auf ihre eigene Lokalität hin bewegt haben. Diese Ver- haltensweisen erscheinen deshalb so bedrohlich, weil kein natürlicher und spontaner Ausdruck, sondern eine lokalisierte Macht geltend gemacht \Vird, und es ist diese Geltendmachung, die den weißen Machtblock provoziert. Die Diskussion dreht sich nicht darum, was sportsmännisches Verhalten ausmacht, sondern wer seine Konstituie- nmg kontrolliert. Da es nicht um Verhaltensweisen, sondern u Kontrolle geht, kann es sein, dass der Machtblock dasselbe expressive Verhalten in unterschiedlichen sozialen Verhältnissen sehr unterschiedlich sieht. In ihren Fernsehspots für die World Football League (womit die NFL den US-Football in Europa bekannter machen will) bedient sich die

hwarzen

Körper

Dieser sprechende Körper ist weder undiszi-

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Körper Dieser sprechende Körper ist weder undiszi- 111 22I NFL in der Hauptsache jener Bilder von

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NFL in der Hauptsache jener Bilder von schwarzer Expressivität, die sie in den USA zu unterdrücken sucht. Dies entspricht wahrscheinlich der Annahme der NFL, der expressive schwarze Körper signalisiere aufgrundder unterschiedlichen Rassenrelationen in Europa (nicht nur heute, sondern auch in historischer Hinsicht) nicht die Infragestel- lung von weißer Kontrolle, sondern amerikanische Überschwänglich- keit, Vitalität und Eleganz, die der europäische Sport vermissen lässt. Die Strategien des Machtblocks variieren je nach dem sozialen Ter- rain, auf dem sie operieren: Was in dem einen Set von sozialen Ver- hältrüssen die Interessen des Machtblocks bedrohen kann, lässt sich wiederum in anderen zu seinem Vorteil wenden. In den USA ist jedoch die Vitalität des improvisierenden, expres- siven schwarzen Körpers immer eine Bedrohung für die weiße Macht, und so rufen Anzeichen für diese Vitalität, die die Grenzen des »An- standes« überschreiten, die Kräfte der Disziplin auf den Plan. Der junge Elvis Presley, dessen wilde Hüftsch;,viln.ge Spuren von Schwarz- sein auf\Viesen, wurde ebenso streng diszipliniert wie irgendein belie- biger schwarzer endzone dancer und sein expressiver, bedrohlicher Körper wieder in die Normen des sozial Akzeptablen zurückgeholt. Die Untersuchung von Andrews zeigte überdies, dass die kürzes- ten Endzonentänze von Afroamerikanem oft auch als Demonstration eines »Coolen«, einstudierten Fehleus von Expressivität dargeboten wurden - wohl die Kehrseite der Improvisation als Überlebensstrate- gie. Weiße Spieler tendierten andererseits bei ihren Tänzen in der Endzone zur Zurückhaltung. Die statistische Verteilung spiegelt die soziale Positionierung \Vider: Hier \Vie da besetzen die Weißen das Zentnun und die Schwarzen die Ränder, die Weißen sind »normal«, die Schwarzen sind es nicht. Wie wir weiter unten sehen werden, halten Normen soziale Realität nicht objektiv fest, sondern sind Diszi- plinarmechanismen, und deshalb sind auch für die NFL die normali- sierenden Kategorien »ausgedehnt« und >~exzessiv« - neben jener der Vorsätzlichkeit - die Kriterien für ein unerlaubtes Verhalten in der Endzone. Football hatte diese imperialisierende Kontrolle nicht nötig, was aber nicht für die Interessen das Machtblocks galt. Die NFL wollte den stillschweigenden Verhaltenskodex nicht sehen, den die Spieler selbst entwickelt hatten, um diese Tänze zu disziplinieren. Dieser »Schrieb vor«, dass eine für Heimspiele und die eigenen Fans angemessene Expressivität bei Auswärtsspielen zu zügeln sei. Auf Tänze, die die

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2 2 2 fiske-Reader vernünftigen Grenzen des Feierns überschritten und das gegnerische Team oder dessen Fans

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vernünftigen Grenzen des Feierns überschritten und das gegnerische Team oder dessen Fans unnötig verletzten, würde auf inoffizielle aber wirkungsvolle Weise im nächsten Scri:mmage, Block oder Tackling reagiert werden. Eine imperialisierende Macht handelt jedoch, weil sie dazu imstande ist, nicht aber, weil sie handeln muss, und sie ist Umvil- lens, lokalisierten Mächten klein beizugeben, obwohl die Disziplin dieser Mächte auf ihrerneigenen Gebiet wirkungsvoller sein mag. Im Prinzip ist die Notwendigkeit von Disziplin unbestritten, denn niemand vvürde wohl in einer gänzlich undisziplinierten Gesellschaft leben wollen, wenn es denn ein derartiges Oxymoron überhaupt geben sollte. Ergeben sich Konflikte, dann betreffen sie jene Kontroll- punkte, an denen Disziplin angewandt wird, nicht aber das Diszipli- narsystem selbst. Beispielsweise sind viele Arbeitnehmer der Mei- nung, sie hätten ein Recht, mehr Kontrolle über ihren eigenen Körper auszuüben, als das System ihnen zugesteht. Beispielsweise verklagte Ms. Fischette die Continental Airlines, da man sie aufgrund ihrer Weigerung, Make-up zu tragen, entlassen hatte. Sie gewann den Pro- zess. Bei einer Jahreshauptversammlung der Safeco Corporation plä- dierte ein pensioniertet Arbeitnehmer dafür, den Männem zu gestat- ten, nicht nur weiße Hemden tragen zu müssen - seine Bitte wurde abgelehnt (Minneapolis Star Tribune, r8. Juni 1991: rE). Bärte scheinen ein v.vischen illbeitgeber und Arbeitnehmer besonders umstrittener Kontrollpunkt zu sein. Die imperialisierende Macht versucht ständig, die Ausübung ihrer Disziplin über jenes Maß hinaus auszuweiten, das für die effiziente Ausübung ihrer vorgeblichen Pflicht erforderlich ist; sie vvill mehr als nur die Macht darüber, dass die Arbeit erledigt wird, und so benötigt sie disziplinierte Individuen mit ihren gelehrigen Körpern, die ihre Bedingungen erfüllen. Eine rmersättliche Macht, die ihren Aktionsradius nur deshalb über das nötige Maß hinaus erwei~ tert, weil sie dazu imstande ist, schafft eine Disziplin, die als exzessiv v;,rahrgenommen und daher auch in Frage gestellt wird. Kein Körper ist gänzlich gelehrig, und die Vorstellung der Akteure über die ange- messenen Grenzen ihrer Gelehrigkeit muss nicht mit jener der Diszi-

plinarordnung übereinstimmen. Bevor die Disziplin so sozial extensiv wurde, vvie das heute in modernen Gesellschaften der Fall ist (und die USA versuchen mit besonderem Nachdruck, Disziplin in allen Facetten so weit als mög- lich voranzutreiben), wurde sie zuerst von der Religion lanciert und in weiterer Folge von ihrem weltlichem Ableger, dem Erziehungswesen.

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Diese beiden offiziellen Institutionen arbeiten auf eine Ausweitung ihrer Disziplin auf die weniger offizielle Institution des Zuhause hin, denn Disziplin ist bei der Erziehung von Kindern zu den von der Ge- sellschaft ervvünschten Bürgern entscheidend. Als »Jünger« bezeichnete man ursprünglich jene, die sich einem Meister unterordneten (das Geschlecht ist hier absichtlich gewählt), um nicht nur von seinem Wissen über Gott rmd das geistliche Leben profitieren und damit die Kontrolle über ihr eigenes Leben (innerlich wie sozial) auf disziplinierte Weise verbessern zu können, sondern auch, um zu lernen, wie Disziplin an andere weiterzugeben und damit auch Kontrolle in der Gesellschaft zu verbreiten sei. Disziplin trans- portiert stets die scheinbar 'Widersprüchlichen Kräfte der Unterwer- fung und Ermächtigung. Eine disziplinierte Person untenvirft sich der Macht einer bestimmten Wissens-/Verhaltensweise, damit sie an dieser Macht teilhaben, diese effek.'tiver anwenden und somit die von ihr versprochene Erfüllung und ihre Vorzüge erlangen kann. Die religiöse Disziplin, die in ihren extremeren Spielarten die totale Unterwerfung des Körpers und des Geistes des Jüngers voraus- setzte, wurde mit nur geringer Änderung in die weltliche Domäne der akademischen Welt transferiert. In einer akademischen Disziplin finden sich die Spuren ihrer religiösen Herkunft; die ersten Schulen waren nicht nur Ableger der Kirche, in denen Kirchengelehrte unter- richteten, sondern in ihnen \vurde auch die kirchliche Disziplin ge- lehrt - wohl ist der Lehrinhalt verweltlicht worden, aber die Der1kwei- se- die Disziplinierung- blieb die gleiche. Soziale Institutionen, wie beispielsweise die Religion oder das Erziehungswesen, sind immer nur relativ autonom, denn sie sind stets - um das Modell Althussers zu bemühen -in überdeterminierte Relationen eingebettet, die sie untereinander und somit auch mit der sozialen Ordnrmg unterhalten. Was die Disziplinen in diesen Institu- tionen fOrdern, kann niemals gänzlich dem widersprechen, was in anderen Institutionen gefördert wird, und auch nicht - was äußerst

sozialen Ord-

nung. Während aber diese institutionalisierten Systeme genauso in ihren überdeterminierten Dimensionen als ideologische Staatsappara- te agieren, haben sie dennoch ein bestimmtes Maß an Autonomie: Ihr Zusammenspiel untereinander und mit der sozialen Ordnung funk- tioniert nicht immer reiblli1gslos, und manchmal schafft die Reibung an ihren Berührungspunkten kritische anstatt übereinstimmende

bedeutsam ist - den Erfordernissen der u

rnfassenderen

224 Der tohn Fiske-Read~L-~·----~····

Beziehungen. Die Überdetermination ist also \Veder total noch total

na h.tlos.

an diesen Reibungsflächen entwickeln, werden typischerneise von jenen der »angemessenen« Disziplin abgelehnt und delegitimiert. Eine derartige Venveigerung eines Status als Disziplin stellt es den

neueren Wissensweisen frei, Kritik zu üben rmd auf einen Wandel zu

drängen, aber sie versperrt ihnen auch den Zugang zu den Vorteilen rmd zur Effektivität des Machtsystems. In der akademischen Welt sind neue und kritische Denkvveisen oftmals interdisziplinär, da sie sich an den Reibu.11.gsflächen der tradi- tionellen Disziplinen entwickeln und die von diesen diktierten Zwän- ge bzw. einen Teil dieser Zw-änge mngehen und damit auch ihre Autorität. Die Grenzen einer Disziplin zu durchbrechen, setzt die sicher innerhalb dieser Grenzen situierte Autorität einer Infragestel- lung und daw.it auch dem Wandel aus. Die Unantastbarkeit von Grenzen ist fur Disziplin und Macht entscheidend. In der laufenden geisteswissenschaftlichen Debatte über den Kanon (die religiöse Her-

kunft des Wortes ist hier beachtenswert) argu

nalisten folgJich mit disziplinärer Reinheit, um an der Grenze zwi- schen kanonisierter und nicht kanonisierter Kunst festzuhalten und darauf zu beharren, dass Universitäten in der Hauptsache - wenn auch nicht ausscPJießlich- den Kanon lehren. Auf diese Weise bleibt die Disziplin und ihre Autorität innerhalb ihrer sicheren und streng übenvachten Grenzen rmangefochten. Was außerhalb dieser Grenzen liegt, wird marginalisiert und erhält keinen Zugang zu jener Macht, die das Privileg einer »angemessenen« Diszipliil darstellt. Die »Multi- kulturellen« hingegen wollen die Grenzen des Kanons durchbrechen und die Macht seiner Grenzsoldaten zerschlagen, die die ehemals nicht in den Kanon Aufgenommenen von den Privilegien der Diszi- plin fernhält. Der daraus resultierende erweiterte und diversifizierte Kanon wird einer größeren Vielfalt von sozialen Formationen den Zugang zur disziplinären Macht ermöglichen. Eine Diversillzierung des Kanons wird seine »Amerikanisienmg« zur Folge haben, und zwar entgegen der Absicht der »Monokulturellen«, seine europäische Homogenität und Exklusivität zu wahren. Macht zielt strategisch auf die Sicherung ihrer Grenzen und damit auch auf die Ausschließung dessen ab, was sich außerhalb seiner Kontrolle über das Universum dessen, »Was zählt«, befindet. Streng gezogene Grenzen- auf dem Sandstrand, im Lehrplan, in den Köpfen

Aber darauf Mll sie hinaus, und alle \Vissensweisen, die sich

mentieren die Traditio-

~~

Köre!!

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von Macht. Die NFL zog ihre Grenze

zwischen jenen körperlichen Verhaltensweisen, welche auf dem Spiel- feld gezeigt und welche nicht gezeigt werden sollten; Alan Bloom zog die seine zwischen guter und schlechter Kunst; und George Bush wiederum zwischen Kuwait und Irak und somit auch zwischen den von den USA kontrollierten und den nicht von ihr kontrollierten Ölre- serven.

Der Machtblock ist immer auf der Hut und setzt seine Grenzpa- trouillen ein, um eine Verletzung seiner Grenzen zu ahnden und damit erneut seine Macht zu festigen. Diese Grenzgefechte sind mitt- lerweile typisch für die Kulturpolitik in den Vereinigten Staaten, nnd es ist ebenso faszinierend wie erschreckend, den Machtblock dabei zu beobachten, wie er sofort an Ort und Stelle ist, um Grenzverletzungen zu ahnden oder seine Grenzen zu verteidigen, und auch - was noch beunruhigender ist - um jenes Terrain wiedergutzumachen, das er einst verloren hatte. Die Abtreibungsdebatte, die Auseinandersetzun- gen um die Gesetzgebung bei der Gleichbehandlung, der Ausschluss der entmächtigten »Rassen« und Klassen von der allgemeinen Ge- sundheitsfürsorge- alldas sind materielle Versionen der Kulturkämp- fe um die Lehrpläne in den Geisteswissenschaften und um die Un- terhaltungsindustrien. Dieses Bild eines Zentrums, das sein Terrain gegen zahlreiche Grenzverletzungen zu verteidigen sucht, lässt sich in Begriffen wie Homogenität gegen Heterogenität oder, was die Debatte um die Lehrpläne anbelangt, des Monokulturellen gegen das Multikul- turelle fassen.

der Leute - sind das Produ

l<t

Disziplinen homogenisieren. Sie limitieren die Vielfalt der popu- lären Handlungsfähigkeit und lenken diese in die Richtung einer »VOn oben« agierenden Handlungsfahigkeit, die Disziplin erfordert und belohnt. Disziplinierte Akteure sind effektiv und ermächtigt, aber ihre Effektivität und Macht ist nur insoweit die ihrige, als die Disziplin erlaubt. Die disziplinierte Person kann sich nur dann zu dieser Macht und Effektivität Zugang verschaffen, wenn sie oder er jene Identität annimmt, die die Disziplin einfordert. Die Wissens- und Verhaltens- weisen, die eine Disziplin konstituieren, agieren in sozialer Hinsicht und in der Sphäre des Bewusstseins, vor allem in jener des Selbstbe- wusstseins. Das disziplinierte Individuum ist eine soziale Stelle, von der die undisziplinierten Bestandteile der Identität ausgeschlossen sind und an der disziplinierte Bestandteile der Identität produziert werden.

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DAS

2 2 6 DAS Fiske-Reader INDIVIDUUM Die Konstituienmg von Individualität ist für das gesellschaftlic he Leben

Fiske-Reader

INDIVIDUUM

Die Konstituienmg von Individualität ist für das gesellschaftlic he Leben grundlegend, und die Grenzen dieser Individualität gehören zu den am heftigsten umkämpften. Disziplinierte Individuen (oder ge- lehrige Körper) sind für die reibungslose Funktionsweise einer kom- plexen Gesellschaft unentbehrlich, m1d so sind auch die am leichtes- ten zu disziplinierenden Bestandteile der Individualität jene, die der Machtblock als diejenigen darstellt, die zählen. Umgekehrt werden jene Bestandteile, über die seine Kontrolle weniger wirksam ist, als trivial definiert, wobei ihnen eine soziale Effektivität so weit als mög- lich abgesprochen wird. Der Marxismus hat den Individualismus sofort und treffend als Diener des Kapitalismus diagnostiziert, denn seine Ausrichtung un- terstützte die Wettbewerbsfähigkeit aufgrunddessen sich der Kapita- lismus ent\Vickelt hatte, und sie verhinderte die Entwicklung eines proletarischen Klassenbewusstseins, von dem - der marxistischen Theorie zufolge- sozialer Wandel abhing. Es spricht einiges für diese Diagnose, vor allem was ihre Analyse jener Dienste anbelangt, die der Individualismus den wirtschaftlichen Interessen des Kapitalismus und somit auch den Klasseninteressen der Bourgeoisie leistet. Es war im- mer schon eine der geläufigsten und effektivsten Verteidigungsstra- tegien des Machtblocks, aufkommende Solidaritätsgefühle oder Inte- ressensgemeinschaften von untergeordneten sozialen Formationen zu vereiteln. »Stifte Unfrieden unter denen, die du beherrschen willst!« ist ein Prinzip, dessen Effektivität in der Geschichte reichlich belegt ist.

Der traditionelle Marxismus beging jedoch den Fehler, Individua- lität mit bürgerlichem Individualismus zu verwechseln, und überließ so dem Kapitalismus »das Individuum« als politisches Terrain; statt- dessen konzentrierte er seine Kräfte auf die Heranbildung eines Klas- senbewusstseins, um damit nicht nur gegen den Kapitalismus, son- dern auch gegen den Individualismus anzukämpfen. Das bei den meisten Menschen vorhandene und von diesen genossene Bewusstsein, ein Individuum zu sein, 'i-Vlirde als ein von der Ideologie geschaffenes falsches Be\VUSStsein abgetan, und so geriet die Stützung oder Ermu- tigung jeglicher Art von Individualität zu einer Weise, um am Werk jener Ideologie teilzunehmen und hierdurch in die Hände des Feindes zu spielen. Unter einem bedeutsamen historischen Kampf verstand

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man den Kampf Z\Viscl1en dem Klassenbevvusstsein und dem indivi- duellen Bewusstsein. nicht aber darum, was bei der Konstituierung des Individuums zählen sollte und wer die Macht hat, diese Bestim- mung zu treffen. Das Scheitern des Marxismus, sich in den meisten westlichen kapitalistischen Nationen, vor allem aber auch in den Ver- einigten Staaten, als breite populäre Bewegung zu etablieren, lässt sich wohl in einem hohen Maße auf die Kluft zwischen seiner Weigerung, im Individuum einen Ort der authentischen Erfahrung zu sehen, und dem Gefühl der meisten Menschen, dass es äußerst wichtig ist, was sie erleben und wie sie als Individuen denken, zurückführen. Dieses Versagen, die Politik der Individualität (und übrigens auch die der Familie) als berechtigte politische Arena zu betrachten, trennte den Marxismus von den alltäglichen Erfahrungen der Leute, und die da- raus resultierende Kluft als ein Produkt des falschen Bewusstseins der Leute zu erklären, hat nichts zu ihrer Verringerung beigetragen. Da wir unser Bewusstsein und unsere unmittelbaren sozialen Verhältnis· se so weit als möglich kontrollieren wollen, ist ein Kampf darüber notwendig, was Individualität ausmacht. Die von uns eingegangenen sozialen Beziehungen haben mit der Vorstellung zu tun, die wir uns über unsere eigene Individualität machen, und über diese sozialen Beziehungen bekämpfen wir auch für gewöhnlich die von der domi- nanten sozialen Ordnu_11g vorgegebenen sozialen Beziehungen, oder wir gehen rrüt diesen konform. Individualität steht nicht an sich im W-iderspruch zu Klasse oder anderen Relationen der Solidarität; bei manchen Formen von Individualität ist dies der Fall, andere wiederum sind ihre Voraussetzung. Foucaults (1976) Begriff der Individuierung als Effekt von Macht und Wissen lässt dieses Problem in einem etwas anderen Licht er- scheinen. Individuierung ist ein Machtprozess, der ein Individuum von anderen Individuen zum Zweck der Dokumentation, Evaluation und Kontrolle absondert. Das Endresultat dieses Prozesses ist das Stationieren - die Platzierung der individuierten Person an der von der sozialen Ordnung vorgeschriebenen Position. Die Individuierung erzeugt eine Individualität, die ausschließlich in den Datenbanken des Machtblocks existiert Der Prozess der Produktion und Dokumenta- tion von derartigen Individuen hat sich seit der Einführung von Fin- gerabdrücken und Polizeifotos im r9. Jahrhundert kontinuierlich weiterentwickelt. Heute hat der Computer die Separation und Doku- mentation von individualisierenden Daten exponentiell vervielfacht.

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2 2 8 Fiske-Reader Individuierung ist augewandte Macht »VOn oben«; ihr wiedersteht eine »Von unten« wirkende

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Individuierung ist augewandte Macht »VOn oben«; ihr wiedersteht eine »Von unten« wirkende Vorstellung von Identität. Individualität

»Von unten« ist das Produkt der jeweiligen Gesc

der familiären Bindungen und Kontinuitäten, der Beziehungen zu Freunden oder Gemeinschaften, der Vorlieben bei Freizeita l<tivitäten. Die Geschichte dessen, wie ein Individuum die Ressourcen und Struk- turen einer sozialen Ordnung genutzt hat, unterscheidet sich merklich von der Geschichte dieses Individuums, so wie sie in den Datenban- ken des Machtblocks dokumentiert ist. Derartige Identitäten »VOn unten« sind sicherlich hart erkämpft und schwer zu halten, denn die imperialisierende Macht reicht bis in die Familien. in kommtmale Beziehungen und in die Freizeit hinein. Aber dennoch sind sie er- kämpft und werden sie gehalten. In der Tat ist in Disziplinargesell- schaften die Vorstellung der Differenz zwischen jenen Individuen, die wir zu sein glauben, und denjenigen, die sie UL'1Seres Wissens nach haben wollen, ein bestimmendes Merkmal des Bewusstseins der Leu- te. Die Fähigkeit, Identität zu verschleiern oder vorzutäuschen, ist eine überlebenstaktik; dies ist eine defensive Macht, durch die die Arbeit-

nehmer ihre Identität gegenüber der von der Unternehmensleitung geforderten behaupten können, Frauen die ihrige gegenüber dem Patriarchat oder Schwule und Lesben die ihrige gegenüber dem He- terosexismus; sie ist die Macht der Kinder, geheime Bereiche der Iden- tität vor dem Wissen der Lehrer und der Eltern zu bewahren. Ich rede hier nicht der Vorstellung eines essenziellen Selbst das Wort, das die bestimmte Stelle einer wahren Identität darstellt und über der Zeitspanne unseres Lebens unverändert bleibt. Ebenso spre- che ich mich auch nicht für eine beständige Kernidentität aus, die den Mittelpunkt unserer unterschiedlichen Erfahrungen und Beziehungen bildet. Auch wenn wir bei diesen Vorstellungen die soziahistorische Dimension einbeziehen, so wird doch von beiden die Identität nicht als ein Terrain des Kampfes betont, auf dem sich Identität nur im Widerspruch zu anderen Identitäten formen lässt. Jene Identität, die

wirklic

zählt, ist die von der lokalisierenden Macht »von unten«

geschaffene, aber obzwar sie »VOn unten« produziert wird, ist sie durch ihren Kampf gegen die Manöver der Individuienmg definiert. Die Individuierung bestimmt das Individuum, vermag jedoch keine Identität zu produzieren, denn in Wirklichkeit ist sie von der Identität bedroht und arbeitet also daraufhin, diese aus der von ihr bestimmten Individualität zu entfernen.

hichte einer Person,

1,.

Identität ist also ein wesentlicher Druckpunkt im BeV-IUsstsein der unter einem Machtblock lebenden Leute. Diese Spannung besteht nicht zv.rischen einer ideologisch »von oben« produzierten Subjektivi- tät und einem materiell »VOn unten« produzierten Klassenbe\\usst- sein, denn ein derartiger Kampf- so bedeutend er auch sein mag- ist auf das Terrain des kollektiven Bewusstseins beschränkt und geht so- mit an jenem des Individuums vorbei. Der Kampf zwischen der Indivi- duierung tmd einer >>VOn unten« individualisierten Identität geht dem Kampf zvvischen sozialen Kollektivitäten voran, egal ob es sich dabei um Klasse, Geschlecht, »Rasse« oder andere Kategorien handelt. Wie wir weiter unten sehen werden, arbeitet die Individuierung auf eine Verhinderung von »horizontalen« sozialen Beziehungen hin, die sich unter der Kontrolle der an ihr Beteiligten befinden und die die einzig mögliche Gnmdlage für nach innen gerichtete kollektive Relationen bilden. Individuierung ist eine vertikale Macht, die den Körper abtrennt und stationiert, und sie arbeitet somit daraufhin, nicht nur seine Indi- vidualität, sondern auch seine sozialen Relationen zu kontrollieren. Im Gegensatz zu individuierten Identitäten gelingt es individuali- sierten Identitäten, diese Trennung zu durchbrechen und horizontale soziale Relationen zu schaffen - Relationen der Communitas.' So \Vie ich den Begriff hier verwende, ist Communitas eine soziale For- mation, deren wichtigster- wenn auch nicht einziger- Zweck es ist, Identitäten und Beziehungen zu schaffen, die sich rmter der Kontrolle ihrer Mitglieder befinden, und zwar mithilfe von Mitteln, die i.hnen von der dominanten sozialen Ordr1ung verw-eigert werden. Eine Communitas ist eine soziale Formation, die von der sozialen Ordnung weder verlangt noch erzeugt wird; als solche befindet sie sich außer- halb der Reichweite der imperialisierenden Macht und ist für diese daher stets eine potenzielle, manchmal auch eine tatsächliche Bedro- hung. Eine Communitas lässt sich nur aufgrund von Allianzen unter denjenigen erzeugen, die ihre lokalisierten Identitäten unter Kontrolle haben; sie ist die soziale Erw-eiterung der Lokalität tmd widersteht als solche notvvendigerw-eise der Individuierung. Foucault behauptet, dass jene Kontrolle wichtig ist, die über die Handlungen des Körpers in Raum und Zeit ausgeübt wird, da Be- wusstsein und soziale Relationen daraus folgen und nicht umgekehrt, wie die Theorie der Ideologie behauptet. Foucault entwickelt jedoch keinen mit »Stationierung<< vergleichbaren Begriff, da er über keine Vorsteilung von Lokalität verfügt, die diesem widerspricht. Ich habe

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seine Macht+JJ.eorie als typisch europäisch bezeichnet, weil sie sich auf die Arbeitsweise von Macht als eines relativ homogenen Systems

konzentriert, dessen Stationen wohl nur oberfläc

ren: Beispielsweise unterscheiden sich sicherlich eine Schulbank, ein Arbeitsplatz am Fließband, ein Computerterminal und die von einer Kellnerin betreuten Tische voneinander, aber sie alle fungieren gleich-

sam als Kontrollpunkte, da sie diejenigen individualisieren, die diese Stationen besetzen, um sie entsprechend ihrer Tüchtigkeit und den Grad ihrer Disziplinier-Jleit, oder mit Foucault gesprochen: ihrer »Gelehrigkeit«, belohnen oder bestrafen zu können. Obwohl Foucault

behauptet, dass Widerstand ein unausweic

ist, geht seine entsprechende Theorie oder Untersuchung über die Definition des Widerstandes als das, was von der Macht überwunden werden muss, nidlt hinaus. Weder findet sich bei ihm eine Darstel- lung der Vielfalt an Formen, die der \Viderstand annehmen kann, noch der in diesen Formen evidenten Kreativität »VOn nnten«. Seine Theorie ist eine Theorie der imperialisierenden Macht, die jene lokali- sierenden Mächte (und ich betone hier den Plural) nicht berücksich- tigt, die dieser Macht widerstehen. Stationen werden systematisch erzeugt und sind aus diesem Grunde auch relativ homogen; Lokalitä- ten werden von außerhalb des Systems produziert und sind daher äußerst unterschiedlich, jedoch auf antagonistische Weise stets auf Stationen bezogen. Ein europäischer T.neoretiker, der die Vielfalt und Kreativität der Formen des Widerstandes viel stärker betont, ist Michel de Certeau (r988). Für Bachtin (r987) ist die paradigmatische Metapher die einer vitalen Lebenskraft, für Foucault die einer Maschine, fiir de Certeau ist sie jedoch die des Guerillakrieges. De Certeau vergleicht Macht mit der Macht einer Besatzungsarmee, die Ort und Zeit unter Kontrolle hat. Innerhalb des von ihr besetzten Territoriums finden sich Men- schen, die die meiste Zeit über mit ihrer Herrschaft konform gehen und wohl ein Leben der Unterwerfung unter diese Macht leben. Aber der gesetzestreue, unterworfene Bauer kann jederzeit Zlli'TI Guerilla~ kämpfer werden. So wie Guerillabanden die Besatzungsmacht be~ kämpfen, können auch die Schwachen die Mächtigen attackieren. Diese Attacken sind flüchtig und opportunistisch; sie werden dann vorbereitet, wenn Schwachstellen auszumachen sind und sich Lücken in der Machtausübung der Armee nutzen lassen. Armeen arbeiten mit Strategien, Guerillas mit Taktiken; die Kontrolle des Machtblocks ist

hlich gesehen variie-

J.Uiches

Produkt von Macht

ist hlich gesehen variie- J.Uiches Produkt von Macht ----------~· ·--- ·-····-·------- ·-~örp.:_~-~-~s

----------~··--- ·-····-·------- ·-~örp.:_~-~-~s Wi~-~~.~2~

strategisch und \Vird von den taktischen Überfallen der Leute heraus- gefordert. Diese strategische Macht lässt sich nur über einen bestimmten Zeitraum hinweg an einem physischen Ort anwenden, egal ob es sich dabei um den Arbeitstag im Hauptquartier eines Unternehmens, in einer Universität oder um das Zuhause einer Familie handelt. Die Macht hat Ort und Zeit inne. Taktische Überfälle bedienen sich des Ortes nnd der Zeit, können diese jedoch nicht innehaben, denn sie operieren an einem Ort und in einer Zeit, denjdie der dominante Andere innehat, sie bedienen sich fremder Mittel und wenden die Ressourcen des Anderen zu ihrem eigenen Nutzen. Sie existieren allein in ihrer Praxis. La perruque (ein französischer Begriff, der so viel wie »Perücke« oder »falsche Identität« bzw. »Maskerade« bedeutet) 2 stellt für de Cer- teau ein Beispiel für-einen taktischen Überfall der Schwachen auf die am A.rbeitsplatz operierende Machtstrategie dar. La perruque kommt bei der Sekretärin zur Anwendung, die während ihrer Arbeitszeit einen privaten Brief auf einer Schreibmaschine der Firma tippt; beim Studenten, der auf einem der Computer der Universität Computer- spiele spielt, statt diesen für seine Mathematikübungen zu vervvenden; beim Arbeitnehmer, der die Arbeitszeit, \Verkzeuge und Altmateria- lien seiner Firma nutzt, um für sich selbst et\Vas zu schaffen, nicht jedoch fur »Sie«. Die Kreativität der Leute zeigt sich in der Kunst, mit den verfugba- ren Ressourcen auszukommen, die normalenveise vom dominanten Anderen bereitgestellt werden und somit von dessen Macht durch- dnmgen sind. Die Kreativität der obdachlosen Männer von Midtown zeigte sich darin, wie sie mit der kulturellen Ware von Stirb langsam auskamen, und Bills Kreativität lag in seiner Verwendung des Wortes »anständig«, das ihres ist} Die Kunst, mit etvvas auszukommen, reicht in die Kunst hinein, »Unseren« Raum an »ihrem« Ort zu schaffen. Auf diese Weise schaf- fen sich Mieter ihren Raum durch die Praktiken des Wohnens am Ort des Vermieters. Lokalitäten werden geschaffen, indem die Ressourcen »gewendet« werden, die bei »konventioneller« Nutzung Stationen erzeugen. Die Wohltäter, die das Obdachlosenheim in Midtown er- möglichten, setzten den physischen Ort als ihr Eigentum dazu ein, um seine Nutznießer zu stationieren, während diese wiederum den Ver- such tmternahmen, darin Lokalitäten zu konstruieren, über die sie

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selbst die Kontrolle hatten. Unerlaubtes Glücksspiel ist perruque -

jener Rau rn,

haben, eine Lokalität, die aus einer Station erzeugt wurde. Guerillakämpfer operieren verdeckt; ihre Macht hängt davon ab, dass sie unbemerkt bleiben. Es ist die Funktion der Perücke, das zu verheimlichen, was sie verdeck.L, seine Unsichtbarkeit und Unbe~ kanntheit zu wahren. Und hier stößt auch de Certeaus Metapher der

Kriegsfuhrung an i.~re Grenzen, denn eine Armee spielt i.h.re Macht

durch Gewaltanwendu

len Demokratien nur ein vergleichsweise geringes Maß an Macht

gewaltsam durchgesetzt wird, obwohl die Bedrohu

aus, wogegen aber zumindest in industriel-

den die Schwachen dem Ort der Mächtigen abgerungen

11g

11g

einer Gewaltan~

wendung stets präsent ist. Die Disziplin dient der Macht, indem sie eine Gewaltanwendung überflüssig macht

!ZOiiTROLLIEREIIDEI

WillEN

Das mächtigste Wissen ist disziplinär, das heißt, es \Vird von einer Disziplin erzeugt und diszipliniert (oder befehligt, kontrolliert) sein Objekt. Eine Kontrolle, die nicht auf Gewaltanwendung beruht, lässt sich also nur über ein derartiges Wissen auf die Leute ausüben. Das Bekannte kann kontrolliert werden, das Unbekannte liegt außerhalb der Kontrolle, Uild so erklärt das Macht-Wissen das außerhalb seiner selbst Befindliche für ungültig. Der v.issenschaftliche Rationalismus- wohl die bislang effektivste Macht-Wissensdisziplin - spricht stän- dig den außerhalb seines Einflussbereichs liegenden Aspekten der menschlichen Erfahrung (beispielsweise der Intuition oder der Vor- ahnung) den Status der Realität ab; er verbannt diese in das Reich des Unwirklichen, des Imaginären, des Illusorischen und definiert so »Wirklichkeit« als das ihm Bekannte und von ihm Kontrollierbare. Das Wissen, das sich über ein Individuum gewinnen lässt, produziert und kontrolliert Identität. Individuelle Handlungen, Gedanken und Vergnügen, die außerhalb des Einflussbereichs von Machtsystemen

liegen u

diesen nicht bekannt und daher von ihnen auch nicht zu

fassen sind, bilden jenes Terrain, das die untergeordnete Kontrolle verteidigen muss, wenn sie überleben Vi'ill. Eine der lebenswichtigen Funktionen der Populärkultur ist die Aufrechterhaltung und Auswei- tung jener Bereiche der sozialen Identität, die die Leute vom Einfluss des Machtblocks fernhalten können.

11d

Es ist eine Strategie der Macht, ihre Stationen so detailliert wie nur möglich zu konstruieren, mn jene Zwischenrämne zu minimie~ ren, in denen Lokalitäten errichtet werden könnten. In ihrer repres- sivsten Form - ein Beispiel dafür wird weiter unten analysiert - zielt diese Strategie auf eine Totahsierung der Station und auf einen Aus- schluss der Lokalität ab. Diese Strategie wird typischenveise vor allem am Arbeitsplatz und beim Militär angewandt. In subtileren, weniger repressiven Formen kann ein gewisses Maß an untergeordneter Kon- trolle erlaubt sein oder sogar unterstützt werden, diese darf jedoch nur innerhalb fremder Grenzen und im Rahmen fremder Zielsetzungen operieren. Eine disziplinierte Kontrolle also, aber immerhin eine Kontrolle, und Arbeitnehmer, die diese Kontrolle in ihren unmittelba~ renArbeitsverhältnissenausüben dürfen, sind häufig produktiver {ein Ziel des Unternehmens) und zufriedener {ein Ziel des Arbeitneh* mers}. Eine »gute« Disziplin zeichnet sich nicht nur durch Großmut, sondern auch durch Repression aus, aber weder das, was sie gibt, noch das, was sie nimmt, ist einheitlic.h; es ist immer das Machtsys- tem »Von oben«, das die Grenzen zieht, die Ziele absteckt und die Auswirkung der Kontrolle »VOn unten<~übervvacht.

Kontrollmaschinen

gemacht. Es geht mir hier in der Hauptsache nicht um ihre Fähigkeit, ein gerraues Wissen über die physischen oder sozialen Welten zu produzieren und somit unsere Macht auf diese Welten auszuweiten.

Be-

nutzer zu verschaffen. Sharon Dannon (r99o) liefert uns ein auf*

dieser Macht auf das von

Wir haben

unsere

Computer

zu

präzisen

Mich beschäftigt vielmehr ihre Macht, sich ein Wissen über i

11g

hre

schlussreiches Beispiel für die Anwendu

ihr erfasste und damit auch produzierte Individuum. Der Kontroll- punkt ist ein Computerausdruck der von einer von 350 Angestellten- fast durchwegs Frauen - im Reservation Center von Trans World Airlines an einem Tag geleisteten Arbeit. Nach >>aUi~en« operiert der Computer über die Zuteilung von Sitzen an die Fluggäste, nach »in- nen« über die übenvachung der Angestellten. In diesem winzigen Ausschnitt des Arbeitslebens finden sich die Spuren der Makro- machtsysteme der Individuierung und des Wissens, die Foucault als Basis einer modernen Gesellschaft betrachtet. Dieses Stückehen Pa- pier trägt die Zeichenzweier Systeme, die die A.ngestellte übenvachen, denn auf der vom Computer generierten Aufzeichnung der Arbeits- leistung finden sich auch handschriftliche Notizen der Supervisorin. Der Raum, in dem die Angestellte sitzt, ist ein zirka 300 Qua-

~24

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Der John

Fiske-Rnder

dratmeter großes »Gehege«, das von der Am'Senwelt abgeschnitten und von den restlichen Büros der Fluglinie abgetrennt ist. Die erste Operation der Macht ist immer das Abstecken ihres Territoriums, was eine Konzentration ihrer Energien ermöglicht, statt diese zu vergeu- den. Ein »Gehege« bedeutet immer auch Trennung, und zwar nicht nur die Abtrennung des »Geheges« vom restlichen System (was ja in Wirklichkeit auf eine Einlagerung in dieses System hinausläuft), sondern die bedeutsamere Trennung jener Individuen, die man darin eingeschlossen hat. Dieses »Gehege« ist somit in 350 Arbeitsbereiche aufgeteilt, die von den 350 Körpern besetzt sind, deren Verhaltenswei- sen zum Zweck der Produktion des Profits der Fluglinie überwacht werden. Jede Station ist mit einem Headset, einem Sessel und einem Computerterminal ausgestattet. Hier v:.rird der Körper zur Maschine, hier werden jegliche Unterschiede zv:.rischen Körper, Station und Indi- vidualität aufgelöst. Im Zentrum des »Geheges« befindet sich wiede- rum ein kleineres »Gehege« aus Glaswänden, in dem die Supervisorirr sitzt. Sie übenvacht die 350 Körper visuell und elektronisch, denn alle Nebenstellen sind nicht nur mit der Außenwelt, sondern auch mit ihr verbunden. Sie ist sicherlich ein etwas größeres Rädchen in der Ma- schine, das ihre Macht zu den 350 kleineren Rädchen weiterleitet, dennoch aber bleibt sie ein Rädchen. Ihre Bewegungen sind mit den Bewegungen der anderen verzahnt; die Maschine hält sie ebenso prä- zise an ihrem Platz wie die restlichen Angestellten. Ihr Verhalten 'Wird ebenso genau überwacht \Vie das ihrige. Wir leben in einer Überwachungsgesellschaft, rmd die Übenva- chrmg ist das Wesen der sozialen Disziplin. Foucaults Analyse unseres modernen Überwachungsregimes dreht sich wn die Institutionen, die zur Überwachung und Kontrolle unserer Verhaltensweisen an den sozialen Rändern entwickelt wurden, insbesondere also Anstalten für geistig Abnorme und Gefängnisse für die in ihrem Verhalten Abnor· men. Er betont jedoch, dass die an den Rändern der Gesellschaft ent- wickelten Überwachungssysteme (also w·issens- und Machtsysteme} mit sozial gesehen zentraleren Überwachungssystemen -wie beispiels- weise dem Militär, der Schule und dem Arbeitsplatz und also auch mit der sozialen Ordnung selbst zusammenhängen. Das i.11 den r78oer Jahren von Jeremy Bentham entworfene Ge- fängnis mit der Bezeichnung »Panopticon« war ein Sinnbild für ein derartiges Regime. In seinem Aufbau glich es einem Rad, mit dem Turm des Aufsehers als Nabe und den um diesen Mittelpunkt kreis-

des Aufsehers als Nabe und den um diesen Mittelpunkt kreis- förmig angeordneten I44 Zellen auf sechs

förmig angeordneten I44 Zellen auf sechs unterschiedlichen Ebenen. Jede Zelle besaß ein nach innen ausgerichtetes Guckloch, durch das der Aufseher das Verhalten und den Körper der Insassen beobachten konnte, rmd an Lhrem anderen Ende ein Fenster, wodurch die Insas- sen sichtbar wurden. Zwischen den Zellen gab es durchgängige Wän- de. Im Inneren des Aufsichtsturms war es dunkel, damit die Gefange- nen ihren Beobachter nicht sehen konnten: Sie wurden gesehen, konnten selbst aber nichts sehen, man wusste u sie, sie aber wuss- ten nichts. Im Gegensatz zu den überfüllten Gemeinschaftsverliesen des vorangegangenen Regimes war dieses Gefängnis eher menschlich denn erniedrigend. Es verkörperte das Prinzip des korrekten Drills, nicht der Bestrafung aus Vergeltung. Seine Insassen waren sauber und gut genährt, aber individuiert. Ein jeder Gefangene stand unter der ständigen Überwachung des Aufsehers, der über die für jedes Individuum angemessenen Belohnungen oder Sanktionen bestimmte. Die auf diese Weise individuierten Gefangenen konnten geprüft, an der Norm gemessen und auf einer Skala des »korrekten« Verhaltens eingestuft werden. Das Besondere an diesem System war nicht nur, dass ein Aufseher viele Gefangene überwachen konnte und damit das Verhältnis von Polizei zu Bürgern enorm verbessert vvurde, sondern auch, dass dieses Verhältnis zumindest theoretisch beinahe unbe- grenzt verbessert werden konnte. Da die Gefangenen den Aufseher nicht sehen und auch nicht wissen konnten, wann sie überwacht ViTUI- den und wann nicht, mussten sie sich so verhalten, als stüt·1den sie unent\Vegt unter Beobachtung, was bedeutete, dass sie sich selbst übernachten. Benthams Panopticon hatte r44 Zellen, die um den Aufseher gruppiert waren. Im System der Trans World Airlines sind es 350, aber das Prinzip ist das gleiche. Ursprünglich wollte Bentham jede Zelle durch Rohre mit dem Aufsichtsturm verbinden, damit der Auf· seher nicht nur sehen, sondern auch hören konnte, was er zu überwa- chen hatte; wahrscheinlich aber ließ er die Idee deshalb fallen, weil es zu jener Zeit unmöglich war, den Wissensstrom in nur einer Richtung zu lenken, denn die Gefangenen hätten den Aufseher ebenso hören können wie er sie. Die Elektronik hat dieses Problem übenvunden, und die Supervisorirr von TWA kann zuhören, ohne selbst gehört zu werden, und sie kann sehen, ohne selbst gesehen zu werden. Macht verläuft in nur eine Richtung, und diese Richtung ist im-

111

236 ~~~!~J_o"hn Fiske-Reader

mer verti

wenn sich der Strom des Wissens, der KommunL"kation und der Be- ziehungen auf eine vertikale Dimension beschränken lässt. Die Ange- stellten bei TWA können miteinander oder mit der Außenwelt nur über die Supervisorirr kommunizieren; die Gefangenen von Bentham

waren durch massiven Stein voneinander getrennt. Horizontale Wis- sensströme und die auf ihnen fußenden Beziehungen stellen Kontrol- le »Von oben« in Frage. Gefangene in einem Verlies, gemeinsam an einem Tisch lernende Schüler oder in Gruppen arbeitende Arbeit- nehmer sind besser zu kontrollieren, wenn sie individuiert sind. Eine individuierte Kontrolle erfordert Stationen, die einer Über- wachung »von oben« offen stehen und horizontal abgeriegelt sind.

Jede Station ist so eingerichtet, dass sie das erwünschte Verhalten fOrdert und Verbotenes zu vereiteln sucht, indem sie es sichtbar macht. Je vollkommener das Verhalten des Körpers überwacht, evaluiert und aufgezeichnet wird, desto genauer ist die Kontrolle über ihn. Aber Verhaltensweisen haben eine zeitliche und eine räumliche Dimensi- on. Der Computer der TWA zeichnet jeden Moment der Arbeitszeit und der arbeitsfreien Zeit zvvi.schen der SIT (Sign In Time) und der SOT (Sign Out Time) auf. Die arbeitsfreien Zeiten werden als »be- gründet« (Essenspausen) und »unbegründet« (Toilettenbesuche oder private Telefongespräche) kategorisiert und genauestens berechnet. Am Ende des Tages vergleicht sie die Supervisorirr mit einer nicht spezifizierten Norm, und im vorliegenden Fall hielt sie diese Werte für zu hoch. Die mit _Arbeit verbrachte Zeit vvird ebenso exakt überwacht. Die TNCH (Total Nurnber of Calls Handled; die Summer der abgewickel- ten Gespräche), die TATI (Total Average Talk Time per call; die

durchschnittliche Gesprächszeit pro Anruf) und die TACW (Total

After Call Work; die insgesamt durch den Anruf verursachte Schreib- arbeit) Vi-'Urden aufgezeichnet rmd daraus die Tagessummen errech- net. Jeder Takt wird bis auf das nächste Hundertstel einer Minute berechnet und bildet in Summe mit allen übrigen Takten die »prozen- tuale Nutzung«, die bis auf zwei Dezimalstellen genau eine Bewer~ tung der Effizienz des Zeiteinsatzes eines jeden Angestellten ermög-

licht.

Aber die über diese Takte gewonnenen Daten sind an sich noch kein »Wissen«; vvi.r können ihre Bedeutung nur dann ermessen, wenn wir sie in ein Normsystem einfügen. Die betreffende Angestellte hat

Kal.

Die Individuierung kann nur aufrechterhalten werden,

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beispielsweise eine prozentuale Nutzung von 93,55; an diesem Tag hat sie 79 Anrufe entgegengenommen und bearbeitet, für jeden Anruf 3,53 Minuten benötigt nnd die dadurch verursachte Schreibarbeit in 0,39 Minuten {also zirka 23 Sekunden) erledigt. Das klingt nach einem ziemlich harten Arbeitstag, was von den Normen und der Su· pervisorin anders gesehen vvurde. Die durchschnittliche prozentuale Nutzung beträgt 96,5, die normale TNCH I50 bis 2oo, und eine TACW, die über 0,3 Minuten liegt, gilt als ineffizient. Normen existie- ren nicht an sich, sondern allein als Produkte eines überwachenden Wissenssystems. Sie stellen eine der unmittelbarsten Auswirkungen der Macht dieses Wissens dar, denn ohne sie wäre das Wissen eines Individuums \veder zu evaluieren noch an einer Skala zu messen und damit auch nicht auf den individuierten Körper als Belohnungen oder Sanktionen anwendbar. Das Normale ist ein Produkt der Macht. Die abschließende handschriftliche Evaluation lautet folgender- maßen: »Ein derartig schlechtes Zeitmanagement ist nicht zu verzei- hen! Sie haben die völlige Kontrolle! Bitte leiten Sie unverzüglich die erforderlichen Verbesserungen in die Wege!« Was an diesem Kom- mentar überrascht, ist das Wort »bitte«. Das Wort >>Kontrolle« wird hier offensichtlich mit dem Akzent der Unternehmensleitung geäu- ßert, denn die Kontrolle, auf die sie sich bezieht, ist jene, die den Kör- per der Angestellten an die Normen des Systems anpasst. Wohl ge- steht die Supervisorin der Angestellten diese Kontrolle zu, das »Sie« jedoch ist das »von oben« erzeugte Individuum, in das das System seine Kontrolle projiziert. Diese individuierte Angestellte übt nur insoweit»ihre~< Kontrolle über sich selbst aus, als sie mit der Disziplin konform geht. Die Kontrolle ist nur in ihrer Vorstellung von Indivi- duierung die »ihrige«, keinesfalls aber im Sinne jener Identität, die sie als die ihrige ansehen könnte. Der individuierte Körper ist mit diesem Computerterminal ver- schmolzen. Macht übt ihre Kontrolle über diese geeinte Entität der Körper-Station oder des stationierten Körpers physisch (also in Rallill und Zeit) aus. Sie muss ihre Kontrolle zumindest in einem solchen Maße ausweiten und verfeinern, vvi.e es die Effizienz verlangt, sie kann aber auch der rmtergeord.11eten Kontrolle einen bestimmten limitier- ten Raum zugestehen {beispielsweise können private Fotos auf dem Arbeitstisch oder Postkarten auf dem schwarzen Brett erlaubt sein, nicht aber private Telefongespräche). Im Allgemeinen aber gilt das Prinzip, dass eine Disziplin dann effizient ist, wenn sie durch ihre

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geforderte Aktivität den verfügbaren Raum u

gänzlich ausfüllt, was weder der »Untätigkeit« noch der »Disziplinlo- sigkeit« Platz lässt. Das Sprichwort »r.ae devil finds work for idle hands to do« {»Der Teufel findet auch für die Untätigen Arbeit«) ist ein paradigmatisches Beispiel dafür, vvie der Machtblock seine Diszi- plin in Commonsense verwandelt. Selbst das Obdachlosenheim war eine Station, die die Männer räumlich und zeitlich disziplinierte, obwohl es keine produktive Arbeit

fJ.r sie gab. Sein Disziplinarmechanismus war jedoch weit weniger ausgefeilt und heimtückisch als jener der TWA, weshalb die Männer im Vergleich zu den Computer-Subjekten der TWA darin auch mehr Zwischenräume fmden konnten, die es ihnen erlaubten, ihre eigenen Lokalitäten zu produzieren. So weit vvir das beurteilen können, hat das »Gehege« des Reservation Center der TWA für individuelle Lokalitä- ten keinen Raum gelassen; seine Kontrolle ist total. In den USA werden 26 Millionen Arbeitskräfte individuiert und elektronisch überwacht, und während das oben beschriebene System ebenso straff organisiert ist wie alle bisherigen Systeme, ist es doch nicht untypisch. Aufgnmd von Foucaults Analyse lassen sich noch mehr Prozesse identifizieren, die diesen Computerausdruck produ- zierten, als wir bisher angeführt haben. Der so erfasste individuierte Arbeitnehmer kann nun in die Akten oder in die Datenbank aufge- nommen und als Dokumentation abgelegt werden. Mithilfe eines

dokumentierten Wissens lässt sie

sen und in einer hierarchischen Wertung von den anderen absondern, was den Zuspruch von individuell abgestimmten Belohnungen oder Sanktionen ermöglicht. Schul- und Arbeitszeugnisse, Aufzeichnungen über das Fahr- und KaufVerhalten sowie über die Kreditwürdigkeit, medizinische Atteste, Leumundszeugnisse - alle dienen mithilfe der Dokumentation einer Konstruktion dessen, was einen jeden einzelnen von uns ausmacht; hierdurch können vvir kontrolliert, eingeschätzt und verantwortlich gemacht werden. Sind wir alle das kleinste, letzte Rad im Machtrnechanismus, dann sind die Ziffern unserer Sozialver- sicherungsnummer jene Rädchen, die sicherstellen, dass Vi'ir uns im Gleichklang mit der gesamten Maschine bewegen. Disziplinierte Individuen müssen ständig kontrolliert werden. Unsere Leistung \Vird in der Schule, in der Universität und am Ar- beitsplatz geprüft, unsere Körper, Zähne und Autos werden jährlich überprüft, das Finanzamt prüft unsere Finanzen, Beamte kontrollie-

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die verfügbare Zeit

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die verfügbare Zeit ~ das Individuum an Normen mes- ··~Körpe:_J~~ Wissens i 239 ren unsere Auslandsreisen,

··~Körpe:_J~~ Wissens i 239

ren unsere Auslandsreisen, unsere Kirchen überprüfen unser Bewusst- sein und Psychotherapeuten untersuchen unsere Kindheit, unsere Ehe und unseren Orgasmus. Wir müssen uns einer Prüfung unterziehen, bevor vlir ein Auto lenken, als Anwalt arbeiten oder Staatsbürger wer- den dürfen. Je mehr Prüfungen vvir bestehen, desto normaler werden vvir und U weiter dürfen vvir in der Hierarchie nac.h. oben rücken:

Ebenso wie die Disziplin, die sie vorschreibt, sind Prüfungen notwen- dig, produktiv und umfassend, aber sie unterwerfen uns der Macht. Als britischer Staatsbürger musste »ich<< genauestens überprüft werden, bevor ich in den USA leben durfte. Das Resultat dieser Über- prüfung, das auf meiner Aufenthaltsgenehmigung mit dem Vermerk »Resident Alien« dokumentiert ist, individuiert mich gemäß »ihrer« Definition dessen, wer »ich« bin. Auf der Vorderseite finden sich ein Foto meines Gesichts und meines rechten Ohrläppchens, der Finger- abdruck meines rechten Daumens und meine Unterschrift (alles Zeichen meines Körpers und meines Verhaltens). Dann ist da noch mein Name, mein Geburtsdatum, meine atien. number, sowie Angaben zur Grenzkontrollstelle und zur Art meines Visums. Auf der Rücksei- te befinden sich 7I Ziffern, die wahrscheinlich all das Wissen kodie- ren, das das System für meine Erfassung als noi:vlendig erachtet. Ich muss diesen Ausweis ständig bei mir haben, um nachweisen zu kön- nen, wer (sie glauben, dass) ich bin. Ein Freund aus Norwegen hat ihn mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Belustigung untersucht und ernsthaft bemerkt, dass wohl kein ehemals von einer fremden Macht besetztes Land jemals eine derartige zentralisierte Dokumenta- tion seiner Bürger gestatten würde, die in den USA zum Alltag gehört. Die über das Individuum ausgeübte Macht, die das Ergebnis eines solchen gründlich dokumentierten Wissens ist, ist für die meisten Menschen und in den meisten Fällen harmlos und nicht repressiv, aber dennoch ist sie eine »Von oben<< wirkende rmd alles überwachen- de Macht, und als solche kann sie potenziell immer auch auf eine andere Weise eingesetzt zu werden. Das Paradox ZV\rischen der streng disziplinierten Natur der ehrenhaften OS-amerikanischen Gesellschaft und ihr tief verwurzelter Freiheitsglaube vvird durch den willentlichen Eintritt von Leuten in die Disziplinarsysteme dieser Gesellschaft ent- schärft. Daraus resultiert, dass das System nicht als repressiv, sondern als befähigend und lohnenswert erfahren wird. Dem scheint die Ober- zeugung zugrunde zu liegen, dass Disziplin die Freiheit nicht zu limitieren vermag, so man »aus freien Stücken« in sie einvvilligt.

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Fiske-Reader

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Die historischen Arbeiten von Bachtin und Foucault und die mehr theoretischen von de Certeau liefern uns ein komplementäres Set an Sichtweisen zur Kontrolle über den Körper. Bachtin konzentriert sich auf die Vitalität der Leute, die sich im Körper konkretisiert und die von der Bürokratie tnlterdrückt vvird. Er verfasste seine Arbeiten in der Frühzeit der UdSSR und konnte daher auch nicht explizit den Stand- ptulkt vertreten, dass jene Formen von sozialer Kontrolle, die die Vita- lität der Leute unterdrückten, eine »geschlossene« Gesellschaft her- vorbringen vvürden, die letztendlich und rmvermeidlich an ihrer Selbstbeschränkung zugrunde gehen würde. Aber das war auch nicht nötig, denn die Lebensfreude, die er bei den Leuten beobachtet, erfüllt auch seine Beschreibungen derselben, und dies ist umgekehrt auch bei seiner Missbilligung ihrer Unterdrückung der Fall. Auch Foucault analysiert die Macht- und Kontrollsysteme mit kritischem Blick. Er bringt uns und sich selbst ständig zu Bewusst- sein, dass Disziplin in einer modernen Gesellschaft erforderlich und lohnenswert ist, und dennoch meinen VYir, dass er hierbei nur kurzzei- tig jene Position verlässt, die ihm am meisten bedeutet - also jene Position, die Disziplinarmacht als repressiv und als u rJ.menschlich charakterisiert, wobei letzteres bei Foucault äußerst spürbar, wenn auch nicht konkret dargelegt ist. Foucaults analytische Energien zielen auf die Disziplinarmacht ab, jene von Bachtin auf die Natur der un- ter Kontrolle zu bringenden Disziplinlosigkeit, jene von de Certeau schließlich auf die in den Kampf mit den Mächtigen involvierte popu~ läre Kreativität - ihre Sympathie und Politik findet sich jedoch am selben Platz, nämlich auf der Seite der Leute. Aber so groß ihre Beun- rtL'h.igung angesichts der allmälüichen und energischen Unterdrü- ckung dieser undisziplinierten Lebenskraft auch sein mag, versäu- men sie es, diese Lebenskraft eingehender zu analysieren oder zu untersuchen. Für Bachtin stellt sie ein Lebensprinzip dar, das zur Nattii gehört. Sie ist buchstäblich und metaphorisch eine Kraft »Von unten«; sie wächst von der Erde in den Körper hinein und damit auch in den Ge· sellschaftskörper. Höher positionierte soziale Formationen suchen sich von der Erde, dem Körper und damit auch vom natürlichen Leben zu distanzieren. Sie unterdrücken diese Lebenskraft im Namen einer höheren Ordnung, der sie entgegensteht; und diese höhere Ordnung

ist natürlich ihre eigene Definition von Gesellschaft, weshalb sich auch von der Gesellschaft die Natur unter anderem durch eine Unter- Q>ück-ung von populären Kräften kontrollieren lässt. Es besteht die Gefahr, dass eine Beherrschung der Natur ihre Auslöschung bedeutet, und diese Auslöschung wäre Selbstmord. Auch de Certeau verortet das Leben der Leute näher an der Natur als am Machtblock. Er vergleicht die populäre Kunst des Auskom- mens, durch die die Leute eine fremde Umwelt so weit als möglich zu ihrem eigenen Vorteil wenden, mit der Anpassungsfähigkeit von Fi- schen und Tieren, die es ihnen ermöglicht, den Gefahren der Umwelt zu entgehen und deren Vorteile zu nutzen sowie ihre Lokalitäten in Habitaten zu konstruieren, über die sie keine Kontrolle haben. Es gibt überzeugende Argumente dafür, dass eine Gesellschaft auf die Aufoktroyierung von Ordnung und Disziplin auf die Natur oder das Ungeordnete, Undisziplinierte angev.riesen ist. Die begrifflichen Kategorien der Sprache und die ästhetischen Werte der Kunst zwin- gen Ordnung auf; die Landwirtschaft und die Polizeikräfte zwingen Ordnung auf; das Erziehungswesen, Familien und Flughäfen zwingen Ordnung auf. Gesellschaften funktionieren, weil sie eine Ordnung besitzen, und ihre jeweilige Lebensordnung wird durch Disziplinar- verfahren aufrechterhalten. Bringt man Kindern die Grammatik der Sprache bei, so diszipliniert man dadurch ihre Gedankenprozesse, und ebenso diszipliniert das Überwachungssystem der TWA ihre Angestellten. Dichter und Werbetexter brechen mit grammatischen Konventionen, um Dinge für uns in einem anderen Licht erscheinen zu lassen; die Überwachm1g der TWA erlaubt keine Dichter, sie gestat- tet keine Differenz. Denn Differenz bedeutet potenzielle Unord.11.ung, sie birgt die Gefahr der Disziplinlosigkeit. Wollten wir behaupten, dass es in der Natur der Menschen liege, der Natur eine Ordnnng aufzuzwingen, so \Viirden wir damit eine überstrapazierung der Bedeutung des Wortes »Natur« riskieren, da wir den Begriff nicht nur auf einen Prozess beziehen würden, sondern auch auf das Anwendungsgebiet dieses Prozesses. Daran mag nichts Falsches sein, und die Vorstellung, dass unser Verlangen nach einer Beherrschung der Natur an sich schon natürlich sei, besitzt tatsächlich einen starken imaginativen Reiz. Die Gefahr einer derartigen Vorstel- lung liegt jedoch in ihrer tendenziellen Verschleierung der mittelbar und zwangsläufig sozialen Prozesse, vermittels derer dieses Verlangen in die Tat umgesetzt wird. Produktiver ist da die Behauptung, dass die

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john Fiske-Reader

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Menschen nur deshalb zur beherrsc

worden sind, weil sie die Fähigkeit haben, unzä

sinnen, mit denen sich dieses Verlangen nach OrdntL11g in Form von Kontrolle anwenden lässt. Kontrolle ist vielleicht kein Grundprinzip der Mensch.h.eit, sicherlich jedoch eines von Gesellschaft Im Gegensatz zu Bachtin und de Certeau definiert Foucault Macht nicht im Widerspruch zu etwas >>Natürlichem« und vermeidet damit die Gefahr, die Ursprünge des Widerstands in der Natur statt i der Gesellschaft zu verorten. Für ihn operiert der Widerstand in der- selben Sphäre wie die Macht, und er ist in Wirklichkeit nicht nur eine Reaktion auf diese Mac.ht, sondern eine ihrer Vorbedingungen, denn ohne Widerstand gäbe es keine Macht, dann gäbe es nichts, wogegen sie sich wenden könnte. Widerstand ist selbst eine Form von Macht, und es ist kein wesentlicher Unterschied, der die eine Form von Macht von der anderen trennt, sondern ihre unterschiedliche Bezie-

hung zur sozialen Ordnung. Die Macht, die Foucault »Macht« nennt, ist eine Macht »von oben«, da sie einer hierarchischen sozialen Ord- nung dient, die ihren höher stehenden sozialen Formationen einen leichteren Zugang zu ihrer Macht gewährt. Sie verfügen deshalb über diesen privilegierten Zugang, weil sich das Machtsystem und die so- ziale Ordnung, die sie bevorteilt, gemeinsam entwickelt haben. Die Macht, die Foucault »Widerstand« nennt, ist die »Von rmten« operie- rende Macht derjenigen, die sich am unteren Ende der Hierarchie finden. Die zahlreichen Formen, die diese Macht annehmen kann, werden von Foucault jedoch an keiner Stelle kritisch rmtersucht, denn es ist das beachtliche Paradox seiner Arbeit, dass seine Sympathien beim Widerstand liegen, seine Energie jedoch auf eine Analyse der Macht abzielt_ Was Foucault Widerstand nennt, charakterisiere ich lieber als das Verlangen, unsere unmittelbaren Verhältnisse zu kontrollieren. Die von Foucault untersuchte Macht ist eine imperialisierende Macht, die ständig ihr Terrain ausweitet und ihren Einfluss über die kleinsten Teilbereiche des bereits von ihm besetzen Terrains vermehrt. Ihr Imperialismus erstreckt sich auf die Makro- wie auf die Mikroebene, ihre Zielsetzung ist universalistisch und monopolistisch. Die VIider- ständige Macht ist hingegen defensiv und lokalistisch. Ihr Terrain

sich auf den von ihr für eine relativ gesicherte, erfüllende

und angenehme Existenz als notwendig erachteten Raum. Aufgrund der unterschiedlichen physischen, sozialen und historischen Verhält-

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Spezies in der Natur ge-

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nisse, an die sie sich anpassen muss, um wirken zu können, kann sie eine enorme Vielfalt an Formen bilden. Sie ist tolerant statt monopo- iistisch, da sie auch andere Formen von Macht unter der Vorausset- zung zulässt, dass diese nicht in ihre begrenzte Lokalität vordringen. Eine derartige Darstellung der lokalisierenden Macht vermag eine befriedigendere Erklärung für den Jubel der obdachlosen Männer über den fiktionalen Tod des CEO und für die in der Endzone tanzenden schwarzen Körper zu bieten als die von Bachtin oder de Certeau, denn eine Verortung des Ursprungs dieser unterschiedlichen Verhaltens- weisen in der Natur leugnet ihre Systemhaftigkeit. Foucaults Darstel- lung des Widerstands als einer Vorbedingung und eines Produktes von Macht kann nicht gänzlich befriedigen, denn eine Erklärung die- ser Verhaltensweisen als Formen des Widerstands, die von jener Macht erzeugt werden, gegen die sie opponieren, leugnet die Hand- lungsfähigkeit der Widerstand Leistenden, etvi'as in den Prozess ein- zubringen, was nicht bereits ein Produkt des Machtsystems ist und

da her

lisierende Macht ist immer auf die imperialisierende Macht bezogen, aber sie vrird von dieser nie völlig eingeschlossen. Die diese Macht ausübenden Akteure bringen etwas in sie ein, das ihnen gehört, das das ProdtL"k:t ihrer Geschichte ist und das durch ihre soziale Kompetenz angewandt v.rird. Schwarze Expressivität und Improvisation sind nicht ausschließlich Produkte weißer Unterdrückung und Strukturen (ob- wohl dies teilweise der Fall ist), sondern werden an den Schnittstellen von weißer Macht und schwarzen Lokalitäten produziert, die sich die Afroamerikaner mithilfe von schlauen, subtilen und kreativen Takti-

ken außerhalb des Machtblocks (und für diesen oftmals unsichtbar) bewahrt haben. Bedeutsam an der schwarzen Expressivität ist nicht nur ihr Widerstand gegen die weiße Disziplin, sondern auch ib re Weiterführung von schwarzen lokalisierenden Mächten, über die der Machtblock keine Kontrolle hat. Durch sie wird die schwarze, sozial interessierte Handlungsfähigkeit ausgeübt. Mächte >>von oben« und Mächte »von unten<< operieren nicht in unterschiedlichen Sphären (Natur im Gegensatz zu Gesellschaft), sondern sind unterschiedliche Verlaufsformen desselben Verlangens nach Kontrolle. Populäre Formationen und jene des Machtblocks sind nicht anders motiviert, sondern unterschiedlich situiert. Das Verlan- gen nach imperialistischer Kontrolle beschränkt sich nicht auf die Formationen des Machtblocks, und das Verlangen nach lokalisierter

von diesem System in Schach gehalten werden kann. Die loka-

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Kontrolle bescP

Leute. Materielle soziale Verhältnisse bedeuten, dass die Formationen des Machtblocks eine imperialistische Kontrolle leichter ausüben kön· nen, aber sie wollen ihre unmittelbaren sozialen Verhältnisse ebenso gerrau kontrollieren, was ihnen häufig auch besser gelingt. Die Forma- tionen der Leute haben nur beschränkt Zugang zu den Mitteln der imperialisierenden Macht (obwohl sie jede Gelegenheit ergreifen, die sich ihnen hier bietet), und so konkretisiert sich aufgrundmaterieller Erfordernisse ihr Verlangen nach Kontrolle typischemeise häufiger in einer lokalisierenden Macht. Da diese Form von Kontrolle in Lokalitä- ten am effektivsten ist und ihr Verlangen hier am besten befriedigt

\"1/ird, sind die Ereignisse in Lokalitäten von größter Bedeutung. Für die Formationen des Machtblocks befriedigt die imperialisierende

die meiste Energie in sie

investieren. Für die Formationen der Leute gilt jedoch häufig das Ge- genteil, und folglich zählen auch die Ereignisse in der Lokalität am meisten, denn hier wird das Verlangen nach Kontrolle, das anderen Ortes zunichte gemacht wird, am besten befriedigt. Eine Lokalität ist jedoch auch etwas anderes als nur ein zweitrangiges Imperium, und die typischen Merkmale von lokalisierenden Kulturen bilden nicht einfach nur das Gegenteil jener der dominanten Kultur. Da Lokalitä- ten von den unterschiedlichen untergeordneten sozialen Formationen geschaffen werden und sich auf »horizontale« Gemeinschaften aus- weiten lassen, können sie die Mittel bereitstellen, mit denen sich Kulturen der Communitas und der Differenz bilden lassen. Derartige Kulturen bedrohen die imperialisierende Kontrolle, weil sie den ho-

mogenisierenden und integrierenden Strategien dieser Kontrolle v.riderstehen oder diesen entkommen. Die Vielfalt dieser Kulturen in den USA rmd die vermehrte Durchsetzung ihrer Rechte, größere Bereiche der eigenen örtlichen Verhältnisse zu kontrollieren, bedroht nicht nur die imperialisierenden Mächte in den USA, sondern auch den Anspruch europäischer Sozialtheorien, diese Kulturen adäquat erklären zu können.

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sich auch nicht ausschließlich auf jenes der

Kontrolle sicherlich mehr, weshalb sie auc

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ANMERKUNGEN

ß In meiner Verwendung des Begriffes Communitas stütze ich mich auf das Werk von Victor Turner (r989; vor allem Kapitel 3-5).

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Y~issen_:

245

Turner behauptet, dass Kultur zwei Dimensionen hat die der Struktur, die Hierarchien, soziale Rollen rmd den von Turner als Zivilisation bezeichneten Prozess der Kontrolle organisiert; und die der Communi- tas, die horizontal statt vertikal verläuft, in der wir persönliche statt soziale Beziehungen unterhalten und die mehr die Gleichheit oder .Ähnlichkeit fördert als die Hierarchie. Meiner Meinung nach proble- matischer ist seine Behauptung, die Commun.itas sei »natürlich«, nicht jedoch zivilisiert. Für Turner unterhalten diese beiden Dirnen· sionen eine harmonische Beziehung, die aber nicht widerspruchsfrei ist. Ich ziehe es vor, sie als widersprüchliche Machtdomänen zu den· ken, in denen der Machtblock die Struktur kolonialisiert hat und diese strukturelle Macht dazu nutzt, um jene Leute, die in einer Communi· tas eine lokalisierende Macht ausüben, zu überwachen, zu beschrän- ken.oder an dieser Machausübung zu hindern. Diesem Modell zufolge positioniert die Erfahrung der Communitas die Leute nicht erneut in der Struktur, sondern bietet vielmehr Gelegenheit, Identitäten Wld Beziehungen zu schaffen, die jenen der strukturellen Individuierung

ridersprechen v

der Individuierung, die Struktur hingegen fördert sie. De Certeau (r988) bezeichnet faire de l-a perruque als jene »Prak-

tik, während der Arbeit, für die man offiziell bezahlt wird, eigenen

Beschäftigungen nac

3 VgL »Für eine kulturelle Interpretation: Eine Untersuchung zur Kultur der Obdachlosigkeit« im vorliegenden Band (A.d. Ü.).

oder sich ihnen entziehen. Die Communitas widersteht

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hzugehen«

(71) (Ad. Ü.).

R'\INER \Xh::-;TER Q LOTRAR !.vfiKOS (HG.}

DIE fABRIKATION DEI POPUU.WI DER jOHN f!IKE-READER

Aus dem Englischen von Thomas Hartl

[ transcript]

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DIE fABRIKATION DEI POPUU.WI DER jOHN f!IKE-READER Aus dem Englischen von Thomas Hartl [ transcript] CUl

Die deutsche Bibliothek· CIP-Einheitsaufnahme Die Fabrikation des Populären: der )ohn Fiske-Reader j Rainer Winter; Lothar Mikos (Hg.). Aus dem Engl. von Thomas HartJ.- Bielefeld: Transcript, 2001 (Cultural studies; I)

ISBN 3·933127-65-3

© 2oor transcript Verlag, Bielefeld

Übersetzung: Tl10mas Hartl

Umschlaggestaltung & Innenlayout: Kordula Röckenhaus, Bielefeld Satz: digitron GmbH, Bielefeld Druck: Digital Print, Witten ISBN 3·933187-65-3

Inhalt

VoRWORT

Kritik und Engagement.

John Fiske und die Tradition der Cultural Studies

Rainer Winter

i

7

DER jOH~

fiSKE-READER

Die britischen Culturai Studiesund das Fernsehen I 17 Sardisches Fernsehen I 69 Fernsehen: Polysemie und Popularität I 85

Die populäre Ökonomie ! lll Cultural Studies und Alltagskultur I 139

Für eine kulturelle Interpretation:

Eine Untersuchung zur Kultur der Obdach!osigkeit ! ! 79 Körper des Wissens ! 113

O.j. Simpson: >>The Juice ls Loose« I 247

Hybride Energie: Populärkultur in einer multikulturellen, postfordistischen Weit I 285 Die Überwachung der Stadt: Weißsein, der schwarze Mann und demokratischer Totalitarismus I 309

Literatur I 339 Quellennachweise I 351 John Fiskes Schriften I 353

NACHWORT

Fernsehen, Populärkultur und aktive Konsumenten. Die Bedeutung john Fiskes für die Rezeptionstheorie in Deutschland lothar Mikos I 361