Einleitung

Die Griechen kannten für das, was wir mit dem Begriff Leben ausdrücken, kein Einzelwort, Sie gebrauchten zwei Begriffe, die morphologisch und semantisch verschieden sind, auch wenn man sie auf eine gemeinsame Wurzel zurückführen kann: zök meinte die einfache Tatsache des Lebens, die allen Lebewesen gemein ist (Tieren, Menschen und Göttern), bios dagegen bezeichnete die Form oder Art und Weise des Lebens, die einem einzelnen oder einer Gruppe eigen ist. Wenn Platon im Philebos drei Lebensarten anführt und Aristoteles in der Nikomachischen Ethik das kontemplative Leben des Philosophen (bios theöretikh) vom Leben der Lust und des Vergnügens (bios apoZatastikch) und vom politischen Leben (bios politikbs) unterscheidet, hätten sie niemals den Begriff z& gebrauchen können (dem bezeichnenderweise im Griechischen die Pluralform fehlt); und zwar aus dem einfachen Grund, weil es beiden in keiner Weise um das natürliche Leben, sondern um ein qualifiziertes Leben, um eine besondere Lebensweise zu tun war. Aristoteles kann sehr wohl von einer z& ariste kai aidios, einem höheren und ewigen Leben sprechen (Met. 1072 b, 28), aber nur, um die nicht banale Tatsache herauszustreichen, daß auch Gott ein Lebewesen ist (so wie er sich im selben Kontext des Begriffs zöf bedient, um in ebensowenig trivialer Weise den Akt des Denkens zu bestimmen); von einer zö; Politik6 der Athener Bürger zu sprechen hätte jedoch keinen Sinn ergeben. Nicht daß der Antike die Idee nicht vertraut gewesen wäre, daß das natürliche Leben, die einfache zök als solche, an sich ein Gut sei; Aristoteles druckt dieses Bewußtsein in einem Abschnitt der Politik sogar mit unübertrefflicher Klarheit aus. Nachdem er daran erinnert hat, daß der Zweck des Gemeinwesens sei, dem Guten gemäß zu leben, sagt er: »Und das [dem Guten gemäß zu leben] ist nun besonders das Ziel, sowohl für alle in Gemeinschaft als auch voneinander getrennt. Sie kommen aber auch bloß um des Lebens willen zusammen, und sie verfügen zusammen über eine politische Gemeinschaft. Vielleicht liegt nämlich schon ein Teil des Guten im Leben allein an sich [KatA t0 z&r aut& m&.zon]. Wenn die Beschwerlichkeiten des Lebens nicht zu sehr über,. 11

handnehmen [X?ata t&z bion], so ist es klar, daß viele Menschen in ihrem Verlangen nach Leben [.&] reichlich Not ertragen, als gäbe es in diesem ein gewisses Glücksgefühl [ez&merkz: schöner Tag] und eine natürliche Annehmlichkeit.« (Pol. I 278 b, 23 - 30)

In der antiken Welt ist das einfache natürliche Leben jedoch aus der polis im eigentlichen Sinn ausgeschlossen und als rein reproduktives Leben strikt auf den Bereich des c&os eingeschränkt (1 2 5 2 a, 26- 3 2). Am Anfang seiner Politik verwendet Aristoteles alle Sorgfalt darauf, den oikonsmos (Kopf eines häuslichen Unternehmens) und den despotes (Familienoberhaupt), die sich um die Fortpflanzung und Erhaltung des Lebens kümmern, vom Politiker zu unterscheiden, und verspottet diejenigen, die glauben, es handle sich um einen quantitativen Unterschied und nicht um einen Unterschied in der Art. Und wo er den Zweck der Gemeinschaft bestimmt - eine Stelle (125 2 b, 30), die für die abendländische Tradition kanonisch bleiben sollte -, tut er dies gerade, indem er die einfache Tatsache des Lebens (t6 z&z) gegen das politisch qualifizierte Leben abgrenzt (lt0 ez? &n): ginomthb m&n oh to6 ze’n hhaeken, oha de tozG eG z&z, »enstandenum des Lebens willen, aber bestehend um des guten Lebens willen« (in der lateinischen Übersetzung des Wilhelm von Moerbeke, die sowohl Thomas von Aquin wie Marsilius von Padua vor sich hatten: facta quidem igitur vivendi gratia, existens autem gratia bene vivendi). Es stimmt, daß an einer sehr berühmten Stelle desselben Werkes der Mensch als politikon $on definiert wird (1253 a, 4); hier aber (abgesehen davon, daß in der attischen Prosa das Verb bi&ai kaum im Präsens gebraucht wird) ist »politisch« nicht ein Attribut des Lebewesens als solches, sondern eine spezifische Differenz zur Bestimmung der Gattung &on. (Im übrigen wird unmittelbar danach die menschliche Politik von derjenigen der anderen Lebewesen unterschieden, weil sie durch einen sprachgebundenen Zusatz an Politizität auf einer Gemeinschaft von Gutem und Bösem, Gerechtem und Ungerechtem und nicht einfach nur von Lust- und Schmerzvollem gegründet ist). Auf diese Bestimmung bezieht sich Michel Foucault, wenn er am Schluß von Der Wille zum Wissen den Prozeß zusammenfaßt, aufgrund dessen man auf der Schwelle zur Moderne das natürliche Leben in die Mechanismen und Kalküle der Staatsmacht einzubeziehen beginnt und sich die Politik in Biopolitik
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verwandelt: »Jahrtausende hindurch ist der Mensch das geblieben, was er für Aristoteles war: ein lebendes Tier, das auch einer politischen Existenz fähig ist. Der moderne Mensch ist ein Tier, in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht.« (Foucault 1, S. 171) Foucault zufolge liegt die »>biologische Modernitätsschwellet einer Gesellschaft« dort, wo die Gattung und das Individuum als einfacher lebender Körper zum Einsatz ihrer politischen Strategie werden. Im Brennpunkt seiner Vorlesungen am Collège de France steh von 1 9 7 7 an der Übergang vom »Territorialstaat« zum »Bevölkerungsstaat<< und damit die schwindelerregend wachsende Bedeutung des biologischen Lebens und der Volksgesundheit für die souveräne Macht, die sich zunehmend in eine »Regierung der Menschen« verwandelt (Foucault 2, S. 719). Daraus ergibt sich eine gewisse Animalisierung des Menschen, die durch die ausgeklügeltsten politischen Techniken ins Werk gesetzt wird. Gleichzeitig mit der Ausbreitung der Möglichkeiten der Human- und Sozialwissenschaften entsteht nun auch die Möglichkeit, das Leben sowohl zu schützen wie auch seinen Holocaust zu autorisieren. Von dieser Seite her betrachtet wären insbesondere die Entwicklung und der Triumph des Kapitalismus ohne die disziplinarische Kontrolle nicht möglich gewesen, welche die neue Biomacht ausgeübt hat; mittels einer Reihe geeigneter Technologien schuf sie gewissermaßen die »gelehrigen Körper«, deren sie bedurfte. Auf der anderen Seite hat Hannah Arendt in The Human Conditionl bereits Ende der fünfziger Jahre (also fast zwanzig Jahre vor Der Wille zum Wissen) den Prozeß analysiert, der den homo laborans und mit ihm das biologische Leben zunehmend ins Zentrum der politischen Bühne der Moderne rückt. Sogar die Veränderung und den Niedergang des öffentlichen Raumes hat Hannah Arendt auf diesen Vorrang des natürlichen Lebens vor dem politischen Handeln zurückgeführt. Daß ihre Forschungen praktisch ohne Nachfolge geblieben sind und Foucault sein biopolitisches Feld ohne Bezug auf sie hat eröffnen können, zeugt von den Schwierigkeiten und den Widerständen, die das Denken in diesem Bereich zu gewärtigen hatte. Und ge1 Deutsche Ausgabe unter dem Titel Vita activa oder Vom tätigen Leben; der auch im Original genannte Titel der amerikanischen Ausgabe (1959) entspricht dem referierten Inhalt thematisch besser.
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rade diesen Schwierigkeiten ist wahrscheinlich sowohl die sonderbare Tatsache geschuldet, daß Hannah Arendt in The Human Condition keinerlei Anschlüsse an die tiefgehenden Analysen herstellt, die sie zuvor der totalitären Macht gewidmet hat (und in denen jegliche biopolitische Perspektive fehlt), als auch der ebenfalls merkwürdige Umstand, daß Foucault seine Untersuchungen nie auf das Feld schlechthin der modernen Biopolitik verlegt hat: das Konzentrationslager und die Struktur der großen totalitären Staaten des 20. Jahrhunderts. Der Tod hat Foucault daran gehindert, alle Implikationen des Konzepts der Biopolitik zu entfalten und die Richtung anzuzeigen, in der er die Untersuchung vertieft hätte. Doch das Eintreten der z& in die Sphäre der polis, die Politisierung des nackten Lebens als solches bildet auf jeden Fall das entscheidende Ereignis der Moderne und markiert eine radikale Transformation der klassischen politisch-philosophischen Kategorien. Es ist sogar wahrscheinlich, daß es, wenn die Politik heute eine fortwährende Finsternis zu durchqueren scheint, genau daran liegt, daß sie versäumt hat, es mit diesem Gründungsereignis der Moderne aufzunehmen. Die »Rätsel« (Furet, S. 7), die unser Jahrhundert dem historischen Verstehen aufgegeben hat und die ihre Aktualität behaupten (der Nazismus ist davon bloß das beunruhigendste), wird man nur auf dem Boden - demjenigen der Biopolitik - lösen können, auf dem sie gewachsen sind. Nur in einem biopolitischen Horizont wird man entscheiden können, ob die Kategorien, auf deren Opposition sich die moderne Politik gegründet hat (rechts/links, privat/öffentlich, Absolutismus/Demokratie etc.), die nun aber immer mehr verschwimmen und heute in eine eigentliche Zone der Ununterscheidbarkeit geraten, endgültig aufzugeben sind oder ob sie womöglich die Bedeutung wiedergewinnen können, die sie gerade in jenem Horizont zeitweilig verloren haben. Und nur eine Reflexion, die ausgehend von Foucaults und Walter Benjamins Ansätzen die Beziehung zwischen nacktem Leben und Politik thematisch befragt - eine Beziehung, die im geheimen auch die scheinbar am weitesten entfernten Ideologien regiert -, wird das Politische aus seiner Verborgenheit heraus- und das Denken zu seiner praktischen Aufgabe zurückführen.

Eine der konstantesten Ausrichtungen von Foucaults Arbeit ist die entschiedene Abkehr von den traditionellen Zugangsweisen zum Machtproblem, weg von den juridisch-institutionellen Modellen (die Definition der Souveränität, die Theorie des Staates) in Richtung einer vorbehaltlosen Analyse der konkreten Weisen, in denen die Macht selbst den Körper der Subjekte und ihre Lebensformen durchdringt. In den letzten Jahren, wie das etwa ein an der Universität von Vermont gehaltenes Seminar zeigt, scheint diese Analyse zwei gesonderte Forschungsrichtungen einzuschlagen: auf der einen Seite das Studium der politischen Techniken (wie die Polizeiwissenschaft), mit denen der Staat die Sorge um das natürliche Leben der Individuen übernimmt und in sich integriert; auf der anderen Seite das Studium der Technologien des Selbst, mittels deren sich der Subjektivierungsprozeß vollzieht, der die Individuen dazu bringt, sich an die eigene Identität und zugleich an eine äußere Kontrollmacht zu binden. Es ist offensichtlich, daß diese beiden Linien (sie folgen übrigens zwei seit Beginn von Foucaults Arbeit vorhandenen Tendenzen) sich an mehreren Punkten verknoten und auf ein gemeinsames Zentrum verweisen. In einer seiner letzten Schriften stellt Foucault fest, daß der moderne westliche Staat in einem bislang unerreichten Maß subjektive Techniken der Individualisierung und objektive Prozeduren der Totalisierung integriert hat; er spricht von einem eigentlichen »politischen double bind, das die gleichzeitige Individualisierung und Totalisierung der modernen Machtstrukturen bildet« (Foucault 3,
s. 229 - 232).

Der Punkt, in dem diese beiden Aspekte konvergieren, ist in seinen Forschungen dennoch seltsam unbeleuchtet geblieben, so daß man bemerkt hat, er habe sich einer einheitlichen Theorie der Macht konsequent verweigert. Doch wenn Foucault den traditionellen Zugang zum Machtproblem von juridischen (»was legitimiert die Macht?«) oder institutionellen (»was ist der Staat?«) Modellen her ablehnt und vorschlägt, sich »von der theoretischen Privilegierung des Gesetzes und der Souveränität« zu lösen (Foucault I, S. I I 1) und eine Analytik der Macht aufzubauen, deren Modell und Code nicht mehr das Recht ist, wo im Körper der Macht befindet sich dann jene Zone der Ununterscheidbarkeit (oder wenigstens der Schnittpunkt), in der sich die Techniken der Individualisierung und die Prozeduren

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daß die Produktion eines biopolitischen Körpers die ursprüngliche Leistung der souveränen Macht ist. ihre Natur ist nämlich bis dahin gelangt. besteht genau darin. Das Band zwischen nacktem Leben und Politik ist dasselbe. In diesem Sinn ist die Biopolitik mindestens so alt wie die souveräne Ausnahme. Die vorliegende Untersuchung betrifft genau diesen verborgenen Kreuzpunkt zwischen dem juridisch-institutionellen Modell und dem biopolitischen Modell der Macht. Wenn das zutrifft. m u ß konsequent integriert werden.wenn auch verborgenen . überhaupt noch legitim oder auch nur möglich. was durch eine Ausschließung eingeschlossen werden muß? Die Struktur der Ausnahme. ein einheitliches Zentrum. das auch die metaphysische Definition des Menschen als »Lebewesen. und als ob das. auf dessen Ausschließung sich das Gemeinwesen der Menschen gründet. wenn das Leben sich als das darbietet. sondern auch als eine einschließende Ausschließung (eine exceptio) der zök aus der polis gelesen werden. aber bestehend um des guten Lebens willen« kann nicht nur als Einbeziehung der Zeugung (ginomhz~) in das Sein (ousa). Man kann sogar sagen. Foucaults Feststellung. was politisiert werden muß. den Sinn. Und was sie als eine der wahrscheinlichen Folgerungen hat festhalten müssen. warum die abendländische Politik sich vor allem über eine Ausschließung (die im selben Zug eine Einbeziehung ist) des nackten Lebens begründet. der Mensch sei Aristoteles zufolge »ein lebendes Tier. auf den die verschiedenen Perspektivlinien seiner Untersuchungen (und allgemeiner die ganze abendländische Reflexion über die Macht) zulaufen. Tatsächlich vollzieht die Opposition im selben Zug eine Einbeziehung des ersten in das zweite. das zu sein. beinah als ob die Politik der Ort wäre. die wir im ersten Teil dieses Buches nachgezeichnet haben. die heute überall den politischen Raum verwandelt. das auch einer politischen Existenz fähig ist«. wie das bis anhin geschehen ist. wenn ein Abschnitt der Politik den eigentlichen Ort der polis im übergang von der Stimme zur Sprache ansiedelt. die man in den verschiedensten Bereichen antrifft) an das Unvordenkliche der arcana imperii an. des nackten Lebens in das politisch qualifizierte Leben. scheint in dieser Perspektive konsubstantiell mit der abendländischen Politik zu sein. der sich unendlich entzieht. Die eigentümliche Formel »Enstanden um des Lebens willen. in dem die freiwillige Knechtschaft der einzelnen mit der objektiven Macht kommuniziert? Ist es möglich. vielmehr ist es notwendig. bleibt sie ein blinder Fleck im Gesichtsfeld des Forschers oder eine Art Fluchtpunkt. allgemeiner gesagt. Indem der moderne Staat das biologische Leben ins Zentrum seines Kalküls ruckt. an dem sich das Leben in gutes Leben verwandeln muß. daß gerade die Bedeutung dieses »auch« problematisch ist. sich zu fragen. Welcher Art ist die Beziehung von Politik und Leben. daß die beiden Analysen nicht getrennt werden können und daß die Einbeziehung des nackten Lebens in den politischen Bereich den ursprünglichen . Dem nackten Leben kommt in der abendländischen Politik das einzigartige Privileg zu.Kern der souveränen Macht bildet. bringt er bloß das geheime Band wieder ans Licht. das die Macht an das nackte Leben bindet. daß man sich in einem so entscheidenden Bereich mit psychologischen Erklärungen begnügt wie jener (gewiß nicht reizlosen). die Modi und die möglichen Einteilungen des »guten Lebens« als telos des Politischen zu untersuchen. daß sie über Wahrnehmung von Leid und 17 . und knüpft auf diese Weise (gemäß einer hartnäckigen Entsprechung zwischen Modernem und Archaischem. und zwar in dem Sinn. immer schon das nackte Leben wäre. ohne ihn je erreichen zu können.der Totalisierung berühren? Gibt es. daher steht sie auch den anderen Lebewesen zu Gebote. das über die Sprache verfügt« in der Verbindung zwischenphone’ und Logos sucht: »über die Sprache aber verfügt allein von den Lebewesen der Mensch. die eine Parallele zwischen äußeren und inneren Neurosen zieht? Und ist es angesichts von Phänomenen wie der Medien-Spektakel-Macht. subjektive Technologien und politische Techniken auseinanderzuhalten? Obwohl eine solche Ausrichtung in Foucaults Forschungen logisch impliziert zu sein scheint. Die Stimme nun bedeutet schon ein Anzeichen von Leid und Freud. Es ist also kein Zufall. In der aristotelischen Definition gilt es nicht nur. dann muß man die aristotelische Defini16 tion der polis in der Opposition von leben (z&) und gut leben (eG Ah) mit erneuter Aufmerksamkeit betrachten. in dem das »double bind« seinen Ort hat? Daß es in der Genese der Macht einen subjektiven Aspekt gibt. doch welches ist der Punkt. war bereits im Begriff der servitude volontaire von La Boétie implizit enthalten.

liefert also den Schlüssel. wie der Begriff in dem von Carl Schmitt geprägten Zusammenhang in der Folge gebraucht wird. in der über die Menschheit und den lebenden Menschen entschieden wird. sondern diejenige von nacktem Leben/politischer Existenz. als der wesentlichen Struktur der metaphysischen Tradition ihre Treue zu bekunden. die einander in vielem entgegengesetzt sind und (wenigstens scheinbar) in hartem Konflikt stehen. Aber zugleich stellt uns diese vielleicht älteste Bedeutung des Begriffs sacer vor das Rätsel einer Figur des Heiligen diesseits oder jenseits des Religiösen. ist nicht so sehr die an sich uralte Einschließung der zö: in die polis noch einfach die Tatsache. aber nicht geopfert werden darf. der neue biopolitische Körper der Menschheit auf dem Spiel steht. zök und bios. als ob im Gleichschritt mit dem Prozeß der Disziplinierung. Es scheint ganz so. in dem das nackte Leben zugleich von der Ordnung ausgeschlossen und von ihr erfaßt wurde. immer mehr mit dem politischen Raum zusammenfällt und auf diesem Weg Ausschluß und Einschluß. das in der Sprache das nackte Leben von sich abtrennt und sich entgegensetzt und zugleich in einer einschließenden Ausschließung die Beziehung zu ihm aufrechterhält. Außen und Innen. schuf gerade in seiner Abgetrenntheit das verborgene Fundament. Demnach kennzeichnet sich die moderne Demokratie gegen‘9 18 . daß das Leben als solches zu einem vorrangigen Gegenstand der Berechnungen und Voraussicht der staatlichen Macht wird. sondern allgemeiner noch die Kodices der politischen Macht selbst ihre arcana enthüllen. Politik gibt es deshalb. so wie es die polis bewohnt. Recht und Faktum in eine Zone irreduzibler Ununterscheidbarkeit geraten. Denn das ist im Gegensatz zu den anderen Lebewesen den Menschen eigentümlich. ein weiterer Prozeß in Gang gekommen wäre. Die Foucaultsche These muß mithin berichtigt oder wenigstens ergänzt werden: Was die moderne Politik auszeichnet. ursprünglich am Rand der Ordnung angesiedelt. des Gerechten und des Ungerechten und anderer solcher Begriffe verfügen. dank dessen nicht nur die heiligen Texte der Souveränität. Die »Politisierung« des nackten Lebens ist die Aufgabe schiechthin der Metaphysik. der getötet werden kann. Der Protagonist dieses Buches ist das nackte Leben. Diese Prozesse. der im großen und ganzen mit der Geburt der modernen Demokratie zusammenfällt. und wenn die Moderne diese Aufgabe annimmt. insofern sie die Schwelle besetzt.Freud verfügen und das den anderen auch anzeigen können. 10-18) Die Frage: »In welcher Weise verfügt das Lebewesen über die Sprache?« entspricht genau der Frage: »In welcher Weise bewohnt das nackte Leben die polis?« Das Lebewesen verfügt über den logos. dem einzigen Ort sowohl der Organisation der staatlichen Macht als auch der Emanzipation von ihr. Die Politik erweist sich demnach als im eigentlichen Sinn fundamentale Struktur der abendländischen Metaphysik. daß das nackte Leben. Und die Gemeinschaft mit diesen Begriffen schafft Haus und Staat. entscheidend ist vielmehr. eingeschlossen wird. stimmen jedoch in der Tatsache überein.« (1253a. durch den die Staatsmacht den Menschen als Lebewesen zu seinem eigenen spezifischen Objekt erhebt. in der sich der Mensch als Lebewesen nicht mehr als Objekt. Wenn seine Grenzen bis ins Unbestimmte verschwimmen. Eine obskure Figur des archaischen römischen Rechts. tut sie nichts anderes. daß nur sie allein über die Wahrnehmung des Guten und des Schlechten. zök/bios. das ihn bewohnte. indem es das eigene nackte Leben in ihr ausgenommen sein läßt. daß in beiden das nackte Leben des Staatsbürgers. in der das menschliche Leben einzig in der Form ihrer Ausschließung in die Ordnung’ I »Ordinamento« meint im Unterschied zu »ordine« (auch »Befehl«) die »politisch-rechtliche Ordnung «. die das erste Paradigma des politischen Raumes im Abendland bildet. Das fundamentale Kategorienpaar der abendländischen Politik ist nicht jene Freund/Feind-Unterscheidung. indem es in ihm die eigene Stimme aufhebt und bewahrt. Der Ausnahmezustand. und dessen bedeutende Funktion in der modernen Politik wir zu erweisen beabsichtigen. zur Verdeutlichung steht hier bisweilen »Rechtsordnung«. Ausschluß/Einschluß. im Gleichschritt mit dem Prozeß. auf dem das ganze politische System ruhte. das heißt das Leben des homo sacer. weil der Mensch das Lebewesen ist. durch den die Ausnahme überall zur Regel wird. auf der sich die Verbindung zwischen Lebewesen und Sprache vollzieht. um das Nützliche und das Schädliche klarzulegen und in der Folge davon das Gerechte und das Ungerechte. Doch die Sprache ist da. im Staat frei und wird zum Subjekt und Objekt der Konflikte der politischen Ordnung. dann setzt sich das nackte Leben. sondern als Subjekt der politischen Macht präsentiert.

Daher rührt auch die spezifische Aporie. die Freiheit und Glückseligkeit der Menschen am selben Ort . Unsere Politik kennt heute keinen anderen Wert (und folglich keinen anderen Unwert) als das Leben. die den Bruch zwischen zö. die seither verflossen sind. Es ist der Politik in der Ausführung des metaphysischen Auftrags.dem »nackten Leben« ins Spiel bringen zu wollen. daß sie von Anfang an als eine Einforderung und Freisetzung der z& erscheint. das nackte Leben selbst in Lebensform zu verwandeln und sozusagen den bios der zö6 zu finden.über der antiken dadurch. oder ist das Politische etwa bereits als ihr wertvollster Kern in ihr enthalten? Die Biopolitik des modernen Totalitarismus auf der einen. die Massengesellschaft des Konsums und des Hedonismus auf der anderen Seite geben gewiß. die sich daraus ergeben. uns angesichts der neuen Realitäten und der unvorhergesehenen Konvergenzen dieses Jahrtausendendes zu orientieren und das Feld für jene neue Politik frei zu machen. Hinter dem langen antagonistischen Prozeß. gab er der Aporie. jede auf ihre Art. der doch ihre Verknechtung bezeichnete. der sie zunehmend die Form einer Biopolitik hat annehmen lassen. die Verbindung herzustellen. Schmitt 1. da sie endgültig über ihre Gegner zu triumphieren und den Gipfel erreicht zu haben schien.das heißt nicht mehr auf die exceptio des nackten Lebens gegründete . was ihr Endziel angeht). und bios. Das nackte Leben bleibt in diesem Bruch in der Form der Ausnahme eingefaßt. und der *schöne Tag« des Lebens wird das politische Bürgerrecht nur über Blut und Tod erlangen oder in der vollkommenen Sinnlosigkeit. wenn auch mit aller Vorsicht. IO) Die These von einer innersten Solidarität zwischen Demokratie und Totaliarismus (die wir hier. das nur durch eine Ausschließung eingeschlossen wird. sich wider alles Erwarten als unfähig erwies. die den Beginn der Demokratie markiert und sie zu einer geheimen Komplizenschaft mit ihrem erbittertsten Feind zwingt. Doch solange keine völlig neue . die der abendländischen Politik zugrunde liegt. Vorschub leisten soll. der zur Anerkennung der Menschenrechte und der formalen Freiheiten fuhrt. welche die Konzentrationslager ihren Insassen beigebracht hatten. ihre vielleicht schönste Ausformulierung. die »natürliche Annehmlichkeit« der zök zu »politisieren«? Und vor allem: Bedarf die zö6 wirklich der Politisierung. S. nicht gelöst sind. werden Nazismus und Faschismus. die ihre Geschichte und ihre Gegnerschaft kennzeichnen. Der Zeugenschaft von Robert Antelme zufolge bestand die Lektion. 21 . jedoch tötbaren Leben. denn sie allein erlaubt es. bedrohlich aktuell bleiben. wer über den Ausnahmezustand entscheidet«. haben keine anderen als vorläufige und unwirksame Lösungen gebracht. S. Carl Schmitts Definition der Souveränität (»Souverän ist. die Errungenschaften und Anstrengungen der Demokratie zu entwerten. nicht gelungen. bedeutet nicht. daß sie unablässig versucht. Trotzdem muß auf der historisch-philosophischen Ebene.« (Antelme. Wie ist es möglich. seinem nicht opferbaren. sondern ein für allemal verstehen zu wollen. warum sie in dem Moment. zwischen Stimme und Sprache hätte überwinden sollen. das heißt als etwas. wird jede Theorie und jede Praxis in einer Sackgasse steckenbleiben. zu deren Befreiung und Glückseligkeit sie alle ihre Kräfte aufgeboten hatte. aufstellen müssen) ist offensichtlich keine historiographi2 0 sche These (übrigens ebensowenig wie Leo Strauss’ These von einer geheimen Konvergenz zwischen Liberalismus und Kommunismus. steht noch einmal der Körper des homo sacer [uomo sacro] mit seinem souveränen Doppel. Der Niedergang der modernen Demokratie und ihre zunehmende Konvergenz mit den totalitären Staaten in den postdemokratischen Spektakel-Gesellschaften (was sich bereits mit Alexis de Tocqueville abzeichnet und in den Analysen Guy Debords klar zutage tritt) finden ihre Wurzel vielleicht in dieser Aporie. zu der es die Spektakel-Gesellschaft verdammt. stellt sich ein fast biologischer Anspruch auf Zugehörigkeit zur menschlichen Gattung ein. an der These entschieden festgehalten werden. und solange die Widerspruche. die darin besteht. 13) ist. Indem Aristoteles im oben zitierten Abschnitt den »schönen Tag« (euh<merta) des einfachen Lebens den »Beschwerlichkeiten« des politischen bios entgegensetzte. die ihr eigen ist. eine Antwort auf diese Fragen.Politik da ist. jene zök vor einem nie dagewesenen Ruin zu bewahren. die im wesentlichen noch zu erfinden bleibt. welche die Entscheidung über das nackte Leben zum höchsten politischen Kriterium erhoben haben. Die vierundzwanzig Jahrhunderte. darin: »Sobald das eigentliche Menschsein in Frage gestellt wird. die der Ausräumung und Einebnung der enormen Unterschiede. Diese Aporie ins Bewußtsein zu heben.

Das Problem der Souveränität war damals darauf beschränkt. Der Kampf gegen einen Feind. religiösen. mit denen es nicht gerechnet hatte. Es ist nicht weniger als der Grenzbegriff der Staats. endet früher oder später damit. mußte sich indes Problemen stellen .noch bevor man begriffen hätte. Solange der Horizont der Staatlichkeit den weitesten Kreis des Gemeinschaftslebens bildete und die politischen. Denn die Unzulänglichkeit der anarchistischen und marxistischen Kritik des Staates bestand genau darin. Aber im Verlauf der Untersuchung ist klar geworden. das anfänglich als Antwort auf die blutige Mystifikation einer neuen globalen Ordnung konzipiert worden war. diese Struktur nicht einmal erahnt und deshalb das arcanum imperii voreilig beiseite geschoben zu haben.einer rückhaltlosen Revision bedurften. juridischen und ökonomischen Lehren. Und die Theorie des Staates (und besonders des Ausnahmezustandes. wer innerhalb der Ordnung mit gewissen Machtbefugnissen ausgestattet wurde. die ihn stützten. an der die Revolutionen unseres Jahrhunderts gescheitert sind. das heißt die Diktatur des Proletariats als Übergangsphase zu einer staatslosen Gesellschaft) ist gerade die Klippe. die in ihm (da jeder Grenzbegriff die Grenze zwischen zwei Begriffen ist) an die Sphäre des Lebens anstößt und sich mit ihr vermischt. Heute. zur Regel geworden ist. keinen Bestand hätte. noch Bestand hatten. welche die Humanwissenschaften (von der Jurisprudenz bis zur Anthropologie) zu definieren glaubten oder als evident voraussetzten. wovon sie wirklich handelt. wie wenn es außerhalb der Simulakren und der Ideologien. Erster Teil Logik der Souveränität . zu einem Gemeinplatz geworden. da die großen staatlichen Strukturen in einen Prozeß der Auflösung geraten sind und der Notstand.) nicht wirklich ans Licht kommen. daß man sich mit ihm identifiziert. daß in einem derartigen Bereich keiner der Begriffe.und Rechtslehre. die ihm zur Rechtfertigung beigestellt wurden. Dieses Buch. als verbürgt anzunehmen ist und daß viele dieser Begriffe -in der Dringlichkeit der Katastrophe . ohne daß die Schwelle der Ordnung selbst je in Frage gestellt wurde.zuvorderst der Heiligkeit des Lebens -. konnte diese »äußerste Sphäre« (ebd. das Problem der Grenzen und der originären Struktur der Staatlichkeit erneut und in einer neuen Perspektive aufzuwerfen. wird es Zeit. wie das Benjamin vorausahnte. zu bestimmen. dessen Struktur einem unbekannt bleibt.

Die Präzisierung »zugleich« ist mitnichten trivial: Der Souverän. daß es kein Außerhalb des Rechts gibt. die Geltung des Rechts aufzuheben.« Es lohnt sich.sie entzieht sich der generellen Fassung. Der Souverän schafft und garantiert die Situation als 25 . der Souverän.I. Diese faktische Normalität ist nicht bloß eine >äußere Voraussetzung<. in der Rechtssätze gelten können. damit die Rechtsordnung einen Sinn hat. Das Paradox der Souveränität I. denn er ist zuständig für die Entscheidung.« Wenn derjenige souverän ist. ob die Verfassung in toto suspendiert werden kann« (Schmitt 1. auf welche sie tatbestandsmäßig Anwendung finden soll und die sie ihrer normativen Regelung unterwirft. Das Paradox der Souveränität druckt sich so aus: »Der Souverän steht zugleich außerhalb und innerhalb der Rechtsordnung. daß das Paradox auch so formuliert werden kann: »Das Recht ist außerhalb seiner selbst«. In seiner absoluten Reinheit ist der Ausnahmefall dann eingetreten. dann »steht« er in der Tat »außerhalb der normal geltenden Rechtsordnung und gehört doch zu ihr. über die dem Paradox implizite Topologie nachzudenken. die auf ein Chaos anwendbar wäre. sie gehört vielmehr zu ihrer immanenten Geltung. oder: »Ich. Die Norm braucht ein homogenes Medium. Jede generelle Norm verlangt eine normale Gestaltung der Lebensverhältnisse. in welchem Maß die Souveränität die Grenze (im doppelten Sinn von Ende und Anfang) der Rechtsordnung bezeichnet. der definitiv darüber entscheidet. Alles Recht ist Situationsrecht<. den Ausnahmezustand auszurufen und auf diese Weise die geltende Ordnung aufzuheben. I. der die legale Macht innehat. in absoluter Reinheit. S. Die Ordnung muß hergestellt sein. wenn erst die Situation geschaffen werden muß. Das bedeutet. und souverän ist derjenige. die der Jurist ignorieren kann. setzt sich legal außerhalb des Rechts. Es muß eine normale Situation geschaffen werden. dem die Rechtsordnung die Macht zuerkennt. Es gibt keine Ordnung. der ich außerhalb des Rechts stehe. ob dieser normale Zustand tatsächlich herrscht. erkläre. aber gleichzeitig offenbart sie ein spezifisch-juristisches Formelement. die Dezision. wird klar. denn erst wenn seine Struktur einmal begriffen ist. 14). Schmitt stellt diese Struktur als die Struktur der Ausnahme dar: »Die Ausnahme ist das nicht Subsumierbare.

] Die Ausnahme ist interessanter als der Normalfall. der bewiesen hat. die also richtigerweise nicht als Zwangs. braucht Bereich der Rechtswissenschaften keine Theorie der Ausnahme. kann sie Subjekt einer Prädikation werden. 19-21) Es ist kein Zufall. [. promereant«. weil die Gültigkeit des positiven Rechts im Ausnahmezustand suspendiert ist. Während diese Gott bestimmte Eigenschaften prädiziert. s. und (um es paradox zu formulieren) die Autorität beweist. Jahrhundert fähig sein kann. so kann man auch das Allgemeine nicht erklären. das die Möglichkeit von etwas wie Theologie im allgemeinen begründet. weil man das Allgemeine nicht einmal mit Leidenschaft.* 26 27 . .<« (Schmitt 1. hat es gesagt: ›Die Ausnahme erklärt das Allgemeine und sich selbst. Kann man sie nicht erklären. ist die Bedingung der Möglichkeit selbst der Gültigkeit der Rechtsnorm und mit ihr der Sinn der Staatsautorität. Der Ausnahmezustand ist also nicht das der Ordnung vorausgehende Chaos. sondern als Entscheidungsmonopol juristisch zu definieren ist. sed qui acri iudicio videt in causis ultimas factorum peristases seu circumstantias. sondern mit einer bequemen Oberflächlichkeit denkt. Die Norm wendet sich auf die Ausnahme an. Und wenn man das Allgemeine richtig studieren will. Er hat das Monopol dieser letzten Entscheidung. 1. Doch was ist das für eine »Situation«? Welches ist ihre Struktur. was außerhalb jedes möglichen Prädikats Bestand hat. der mit scharfem Urteil die Fälle betrachtet und die letzten Sachverhalte oder Umstände der Tatsachen zuerkennt. Sie ist ein Element im Recht. . Sie legt alles viel deutlicher an den Tag als das Allgemeine selbst.2. . weil die Göttlichkeit negativ als das vorausgesetzt worden ist. es gibt Ausnahmen. . um Recht zu schaffen. doch gibt es im I »Daher wird die Rechtswissenschaft nicht von dem betrieben. indem sie sich von ihr abwendet. deren das Recht für seine eigene Geltung bedarf. [. sich von ihr zurückzieht. der aus der generellen Norm ausgeschlossen ist. wobei das Wort >Entscheidung< in dem noch weiter zu entwickelnden allgemeinen Sinne gebraucht wird. deswegen nicht völlig ohne Beziehung zur Norm ist. In diesem Sinn ist die Ausnahme wirklich. Zwar hatte Giambattista Vico die Vorrangigkeit der Ausnahme in nicht allzu unähnlicher Weise als »letzte Konfiguration der Fakten« bestimmt (»Indidem iurisprudentia non censetur. nicht Recht zu haben braucht. . Denn was Schmitt zufolge mit der souveränen Ausnahme in Frage steht. . . wenn sie bloß in der Aufhebung der Norm besteht? K Vicos Opposition zwischen positivem Recht (ius theticum) und Ausnahme drückt die besondere Stellung der Ausnahme gut aus. Auf die Länge wird man des ewigen Geredes vom Allgemeinen überdrüssig. II). so schreiben Gilles De- man sich nur nach einer wirklichen Ausnahme umzusehen. Sie verhält sich zum positiven Recht. sondern eher von einem. herausgenommen (excaptum < excapere) und nicht einfach nur ausgeschlossen. Die »Souveränität«. Das Normale beweist nichts. welcher vitalen Interessen die theologische Reflexion auch im 19. welche dieser einen solch hohen Rang zuspricht. negiert und suspendiert die negative (oder mystische) Theologie mit ihrem »weder . sie bleibt im Gegenteil mit ihr in der Form der Aufhebung verbunden. daß Schmitt für seine Definition der Ausnahme sich auf das Werk eines Theologen beruft (der niemand anderes ist als Sören Kierkegaard). Hier sondert sich die Entscheidung von der Rechtsnorm. quae aequitatem sive exceptionem. quibus lege universali eximantur. ist der Umstand. Die Ausnahme ist eine Art der Ausschließung. die aus ihrer Aufhebung hervorgeht. daß das. Sie ist ein Einzelfall. die Regel lebt überhaupt nur von der Ausnahme. Und analog dazu kann das positive Recht den Normalfall nur deshalb als Bereich seiner eigenen Gültigkeit bestimmen. die Billigkeit oder eine Ausnahme von der allgemeinen Regel verdienen. der Etymologie gemäß. ist oft bemerkt worden. Kap. die Ausnahme beweist alles. sondern die Situation. sondern funktioniert bei näherem Hinsehen wie das Prinzip. Die Ausnahme dagegen denkt das Allgemeine mit energischer Leidenschaft. daß sie. Doch was die Ausnahme eigentlich kennzeichnet. was zugleich ausgeschlossen wird.Ganzes in ihrer Totalität. noch . . der mittels eines gesegneten Gedächtnisses das positive Recht oder die allgemeinen Regeln des Gesetzes meistert. wie sich die negative zur positiven Theologie verhält. Daß die juridisch-politische Ordnung die Struktur einer Einschließung dessen hat.] Ein protestantischer Theologe. Gewöhnlich merkt man die Schwierigkeit nicht. 1 De antiquissima. Durch den Ausnahmezustand »schafft und garantiert« der Souverän »die Situation«. Nur deshalb.oder Herrschaftsmonopol. sie bestätigt nicht nur die Regel. qui beata memoria ius theticum sive summum et generale regularum tenet. das über das positive Recht in Form seiner Aufhebung hinausgeht. was ausgeschlossen wird.« die Attribution jeglicher Prädikate. Der Ausnahmefall offenbart das Wesen der staatlichen Autorität am klarsten. Letztere befindet sich dennoch nicht außerhalb der Theologie. Darin liegt das Wesen der staatlichen Souveränität.

494). sie verläßt. eine nicht zu lokalisierende Zone der Ununterschiedenheit oder der Ausnahme. Sie ist in diesem Sinn die fundamentale »Ortung«. auch wenn sie die Möglichkeit der Geltung des Rechts eröffnet. nennen wir AusnahmeBeziehung.2 Festlegung einer juridischen »Ordnung« und einer territorialen »Ortung«. in dem die juridisch-politische Ordnung überhaupt gelten kann. der Ausnahme stattgibt. 5 Im Original deutsch hinter »localizzazione« beigefügt. die im Ausnahmezustand geschaffen wird. hier und später die grundsätzliche Anmerkung am Ende des Bandes.3 sondern vor allem »Einnahme des Außen«. 6 Im Original deutsch hinter »ordinamento« beigefügt. Dies ist der letzte Sinn des Paradoxes. Die äußerste Form der Beziehung. was draußen ist. zwischen normaler Situation und Chaos zu unterscheiden. Die souveräne Entscheidung über die Ausnahme ist in diesem Sinn die originäre politisch-juridische Struktur. ist jedoch noch komplexer. . das heißt eine »Innerlichkeit der Erwartung oder der Ausnahme« einzurichten. ist mithin noch komplexer. von der aus Innen und Außen in jene komplexen topologischen Beziehungen treten. Die »Ordnung des Raumes «. indem sie sich aufhebt. die Foucault in Wahnsinn und Gesellschaft beschrieben hat. denn nur in ihm öffnet sich der Raum.1 Es ist nicht die Ausnahme. 292). Erfährt das System eine Überschreitung. daß sich die 0 r d nung von der Ausnahme zurückzieht. Die Ausnahmebeziehung führt so einfach die originäre formale Struktur der Rechtsbeziehung vor. in dem die Festlegung einer gewissen Ordnung und eines bestimmten Territoriums erstmals möglich wird. besteht nun darin. Ausnahme. daß die souveräne Entscheidung. Als solcher ist er aber wesentlich unlokalisierbar (auch wenn ihm von Mal zu Mal definierte raumzeitliche Grenzen zugewiesen werden können). Denn eine Norm muß. eingeschlossen werden. was es überschreitet. und die Regel setzt sich als Regel. Das Besondere der Situation. erst seine Bedeutung gewinnt. und trotzdem auf diese Weise eine Beziehung damit herstellen. ist jedoch nicht nur »Landnahme«. S. es ist die Regel. was innen ist. eine Überschreitung zu kontrollieren oder zu neutralisieren. muß dieses zuerst durch Schaffung einer Zone der Ununterschiedenheit zwischen Innen und Außen. das voraussetzen. als vielmehr und zualI lererst um die Schaffung und Bestimmung des Raumes selbst. was sie verinnerlichen [. welche‘ die Gültigkeit der Rechtsordnung ermöglichen. eccezione« beigefügt. nicht Recht zu haben braucht«. die auf ein Chaos anwendbar wäre«. Die Ausnahme.leuze und Felix Guattari. auf diese Weise »bezeichnet es sich als außerhalb seiner selbst« (Blanchot. was aus ihr ausgeschlossen ist. sondern dazwischen eine paradoxe Schwelle der Ununterschiedenheit errichtet. von der aus das.6 der den »Nomos der Erde« konstituiert (Schmitt 2. 28 .l die sich nicht darauf beschränkt. spricht Maurice Blanchot vom Versuch der Gesellschaft. es wohnt ihm eine fundamentale Doppeldeutigkeit inne. weil sie nur durch die Aufhebung der Norm geschaffen wird. 3 Im Original deutsch hinter (ordine) »guridico« und »territoriale« beigefügt. und dem. 2 Im Original deutsch hinter »presa della terra« beigefügt. 4 Im Original deutsch hinter »›presa del fuori<. dann verinnerlicht es das. als ihn Schmitt beschreibt. »herrscht nur über das. was außen. 48). die etwas einzig durch seine Ausschließung einschließt. nicht einfach mittels eines Verbots oder einer Internierung eingeschlossen. 5 Der Nexus von Ortung und Ordnung. indem sie mit der Ausnahme in Beziehung bleibt.4 K Da es »keine Ordnung [gibt]. die. S. Faktisch ist sie deshalb nicht. mit einem Außen in Beziehung zu bleiben. um sich auf etwas beziehen zu können. welche die Struktur der Souveränität definiert. mittels eines Verbots. was außerhalb der Beziehung ist (das Beziehungslose). »um Recht zu schaffen. und im Zusammenhang mit der »großen Gefangenschaft« (le grand renfermement). Denn bei der souveränen Ausnahme geht es nicht so sehr darum. das »Außen einzuschließen« (enfermer le dehors). das heißt des Ausnahmezustandes. zwischen dem. 29 Zur Übersetzung von »abbandonare« (verlassen) und Begriffsfeld vgl. aber aus demselben Grund ist sie ebensowenig ein juristischer Tatbestand. Die besondere »Kraft« des Gesetzes rührt von dieser Fähigkeit her. das Schmitt formuliert. die sich der Regel entzieht. sondern indem die Gültigkeit der Ordnung aufgehoben wird. In seiner archetypischen Form ist der Ausnahmezustand das Prinzip jeglicher juridischen Lokalisierung. Hier wird das. S. in der für Schmitt der souveräne »Nomos« besteht. das heißt indem zugelassen wird. sie zieht dazwischen eine Schwelle (den Ausnahmezustand). Chaos und normaler Situation. daß sie weder als faktische noch als rechtliche Situation bestimmt werden kann. wenn er schreibt.] kann« (Deleuze und Guattari. die als Prinzip der unendlichen Verschiebung letzten Endes gegen 1 Im Original deutsch beigefügt. was in der Ordnung eingeschlossen und das. .

daß eine einzelne Aussage. womit sie im Ausnahmezustand potentiell verbunden bleibt. im Gegenteil muß die Norm. als es auch. schreibt Hegel in der Phänomenologie des Geistes. während die juristische Konstellation. mit dem sie in virtueller Beziehung bleiben muß (in Form einer langue. den bezeichnenden Reden Bereiche zu öffnen. daß das Strafvollzugsrecht nicht außerhalb der normalen Rechtsordnung liegt. diesem Unlokalisierbaren eine dauerhafte sichtbare Lokalisierung zu verleihen. im nämlichen Beispiel. 176): Das Paradox besteht hier darin. als es zu ihnen gehört.3. mittels deren eine Menge die eigene Kohärenz herzustellen und zu erhalten sucht. unabhängig vom Einzelfall gelten. deren aktuelle Bezeichnung unbestimmt in der Schwebe gehalten wird). Wenn man als Bei31 . aufgrund dieser Struktur ist die Sprache zugleich außerhalb und innerhalb ihrer selbst. K Hegel war der erste. in der Aufhebung jeglichen aktuellen Bezugs. unterworfen ist. die Foucault von Wahnsinn und Gesellschaft bis überwachen und Strafen gezogen hat. weil sie in der souveränen Ausnahme als reine Potenz gilt. und nicht das Gefängnis. nur insofern erlangt. daß gerade der Ausnahmezustand als fundamentale politische Struktur in unserer Zeit immer mehr in den Vordergrund rückt und letztlich zur Regel zu werden droht. Man nehme den Fall des grammatikalischen Exempels (Milner. gerade weil sie allgemein ist. Die souveräne Ausnahme (als Zone der Ununterschiedenheit zwischen Natur und Recht) ist die Vor30 1. so teilt nur die Sprache als reine Potenz der Bezeichnung.4. Die Gültigkeit einer Rechtsnorm stimmt nicht mit ihrer Anwendung auf den einzelnen Fall. kam das Konzentrationslager heraus. die den Mord verbietet) ist als vorausgesetzte Ausnahme die reine und unsanktionierbare Figur des Tatbestandes eingeschrieben. »worin die Innerlichkeit ebenso äußerlich als die Äußerlichkeit innerlich ist. das einzuschließen. und das Unmittelbare (das Nichtsprachliche) stellt sich als nichts anderes als eine Voraussetzung der Sprache heraus. »Das vollkommene Element«. wenn es selbst nicht bezeichnet. So wie ein Wort im tatsächlichen Vollzug der Rede die Macht.ihn selbst agiert.] die Sprache« (Hegel. das Kriegsrecht und der Belagerungszustand ist. Deshalb ist es nicht möglich. daß es kein Außerhalb der Sprache gibt. Sprechen ist in diesem Sinn immer ius dicere. Als man in unserer Zeit versucht hat. Eine der Thesen dieser Untersuchung ist die. eine einschließende Ausschließung ist (also dazu dient. der dieser originären Struktur des Nomos entspricht. sondern als souveräne Gewalt im Ausnahmezustand). was ausgestoßen wird). in der Sprache zu sein. unabhängig von seinem konkreten Einsatz in der Rede). indem sie sich aus jedem konkreten Redevollzug zurückzieht. so kann auch eine Norm sich nur deshalb auf einen Einzelfall beziehen. ist [. In jeder Norm. die sich in nichts von den anderen Fällen ihrer Art unterscheidet. in dem die Grenzen zwischen dem Innen und dem Außen gezogen und bestimmte Normen bestimmten Gebieten zugewiesen werden können. S. Ausnahme und Beispiel sind die beiden Modi. endgültig. das Sprachliche vom Nichtsprachlichen und erlaubt. Das Lager. die Analyse des Lagers in jene Bahnen einzuschreiben. Hier zeigt die Sphäre des Rechts ihre Wesensnähe zu jener der Sprache. der diese voraussetzende Struktur der Sprache bis ins Innerste verstanden hat. genannt zu werden. wie wir noch sehen werden. um es dann im Vollzug der Rede bezeichnen zu können. Bedeutung hat (das heißt als langue im Unterschied zu parole. wie wir gesehen haben. Die Sprache ist der Souverän. aussetzung der juridischen Referenz in der Form ihrer Aufhebung. so setzt das Gesetz das Nichtrechtliche (zum Beispiel die schiere Gewalt als Naturzustand) als das voraus. als Wort in seinem schieren lexikalischen Bestand. Sie formuliert das Band der einschließenden Ausschließung. etwa in einem Prozeß oder im Vollzug. Und so wie die Sprache das Nichtsprachliche als dasjenige voraussetzt. von diesen gerade insofern isoliert wird.). einen Ausschnitt der Wirklichkeit zu bezeichnen. Die eigentümliche Struktur des Rechts hat ihr Fundament in dieser voraussetzenden Struktur der menschlichen Sprache. oder genauer eines grammatikalischen Spiels. überein.. in denen bestimmten Worten bestimmte Bedeutungen entsprechen. Und in diesem Ausnahmeraum zerreißt der Nexus zwischen Ortung und Ordnung. der in einem permanenten Ausnahmezustand erklärt. Doch während die Ausnahme. ist der Raum. Das Lager als absoluter Ausnahmeraum ist topologisch verschieden von einem einfachen Haftraum. dem ein Ding aufgrund der Tatsache. . sondern bloß einen besonderen Bereich des Strafrechts bildet. 528f. einer Rede. der im Normalfall die Normübertretung erfüllt (wie. funktioniert das Beispiel als ausschließende Einschließung. die Tötung eines Menschen nicht als natürliche Gewalt. unter der das Lager steht. der die Krise des alten »Nomos der Erde« geprägt hat. die etwas gebietet oder verbietet (zum Beispiel in der Norm. 1. Das zeigt unter anderem die Tatsache. Wie nur die souveräne Entscheidung über den Ausnahmezustand den Raum gibt. daß Sprache stets jenseits ihrer selbst ist. S. Aus dieser Perspektive steht die Ausnahme in einer symmetrischen Position zum Beispiel und bildet ein System mit ihm.

das. die letztlich ununterscheidbar werden und jedesmal ins Spiel kommen. denn man wendet die Regel nur auf das Beispiel als Normalfall an. Es ist tatsächlich paradeigma im etymologischen Wortsinn. Es mag unangemessen erscheinen. Sie ist ein Verteidigungsinstrument des Beklagten. das bei einem Urteil die Schlüssigkeit der vom Kläger geltend gemachten Gründe neutralisieren kann. weil sie nicht dazugehört. aber genau darum fällt es im selben Moment. weil es nicht dazugehörte. zwischen Fremdheit und Vertrautheit. eine Klasse kann alles beinhalten. quod interpretatur spica. Statimque apprehensum ingulabant in ipso Jordanis transitu«). das als Ausnahme gilt. eadem littera spicam exprimere non valens. Das Beispiel ist aus dem Normalfall nicht deshalb ausgeschlossen. und dem. 44. die exzessive Allgemeinheit der zivilrechtlichen Normen zu mäßigen. dadurch erkennen. die Struktur der souveränen Macht angesichts der Grausamkeit ihrer faktischen Implikationen mittels zweier harmloser grammatikalischer Kategorien zu definieren. quae opponi actioni solet ad excludendum id. Dennoch gibt es einen Fall. als es dazugehört. den Sinn selbst der Zugehörigkeit der einzelnen. daß sie von ihnen verlangen. wenn es darum geht. Der Mechanismus der Ausnahme ist anders. Agerii factum rit neque fiat. was innerhalb. um als Beispiel fungieren zu können. was Gegenstand der klägerischen Forderung und der Verurteilung ist. ohne daß allerdings die Zugehörigkeit des Sachverhaltes zum normativen Tatbestand in Frage gestellt wäre. was »sich daneben zeigt<<. So komplex gestaltet sich. K Die exceptio des römischen Prozeßrechts gibt diese besondere Struktur der Ausnahme gut zu erkennen. Was das Exempel zeigt. 74: »Exceptio dicta est quasi quaedem exclusio. Im Schibbolet vermischen sich Beispiel und Ausnahme: Es ist eine beispielhafte Ausnahme oder ein Beispiel. in jedem logischen wie in jedem sozialen System. den Sinn ihrer Gemeinschaftsbildung zu definieren. Die souveräne Ausnahme geht darüber hinaus: Sie verschiebt den Widerstreit zwischen zwei juristischen Erfordernissen in ein Grenzverhältnis zwischen dem. sondern manifestiert einen Widerstreit zwischen zwei juristischen Erfordernissen.t. falls die normale Anwendung des ius civile sich als ungerechtfertigt herausstellen sollte. so ist die Antwort nicht einfach. um das auszuschließen. als exemplarischer Fall aus ihr heraus (im Fall eines linguistischen Syntagmas zeigt es das eigene Bedeuten und hebt auf diese Weise die Bedeutung auf). nur nicht das eigene Paradigma. ob die Regel auf das Beispiel angewandt wird. der im römischen Recht auf die Gegenüberstellung zwischen ius civile und ius honorarium verweist. das die Ephraimiter aber als *Sibbolet* aussprechen (»Dicebant ei Galaaditae: numquid Ephrataeus es? Quo dicente: non sum. in dem der Entscheidungscharakter des linguistischen Beispiels und seine Grenzverschmelzung mit der Ausnahme eine offenkundige Implikation mit der Macht über Leben und Tod aufweisen. das Verhältnis zwischen dem Drinnen und dem Draußen. und eben nicht als Beispiel. 33 . Wenn man nun fragt. interrogabant eum: dic ergo Scibbolet. Ulp. so kann die Nichtzugehörigkeit nur in ihrem Innern erwiesen werden. welche die Prozeßformel zwischen die intentio und die condemnatio einfügt und mittels deren die Verurteilung des Beklagten von der Nichtexistenz der von ihm zur Verteidigung vorgebrachten Tatsache abhängt (zum Beispiel: si in ea re nihil malo A. das Wort »Schibbolet« zu sagen. die gewöhnlich einer Klage entgegengehalten wird. das heißt mit einer Ausnahme. ist die Ausnahme gerade deswegen in den Normalfall eingeschlossen.6. da es diese zur Schau stellt. In jedem Fall (das zeigt der Disput zwischen Anomalisten und Analogisten unter den antiken Grammatikern) sind Ausnahme und Beispiel korrelierte Begriffe.« *Wenn in dieser Angelegenheit in Folge von Arglist des Aulus Agerius weder etwas geschehen ist noch geschieht«. Qui respondebat: sibbolet. In diesem Sinn ist die exceptio nicht vollständig außerhalb der Rechts. wenn es keinen Vorsatz gab). was außerhalb des Rechts ist. das heißt außerhalb der Klasse. (Es wundert daher nicht.) I 2 »Ausnahme heißt eigentlich gewissermaßen eine Ausschließung. Während das Beispiel von der Menge insofern ausgeschlossen wird. Die Römer sahen darin eine Form der gegen die Anwendung des ius civile gerichteten Ausschließung (Dig. Der technische Ausdruck verleiht der exceptio den Charakter einer negativen Bedingungsklausel. kann es einerseits nicht wie in einem normalen Kontext verstanden werden. sondern weil es seine Zugehörigkeit zur Schau stellt. in der die Gileaditer die flüchtenden Ephraimiter. quod in intentionem condemnationemve deductum est«‘). Auf diese Weise ist der Ausnahmefall aus der Anwendung des ius civile ausgeschlossen.1. Es handelt sich um die Episode im Buch der Richter 12. Und so wie die Zugehörigkeit zu einer Klasse nur durch ein Beispiel erwiesen werden kann. daß man im Ausnahmezustand gerne auf exemplarische Strafen zurückgreift. das heißt das vom Prätor eingeführte Recht mit dem Zweck.spiel eines performativen Sprechakts das Syntagma » I c h liebe dich« ausspricht.2 das heißt. ist seine Zugehörigkeit zu einer Klasse. andererseits aber muß es wie eine reale Aussage behandelt werden. die sich über den Jordan in Sicherheit zu bringen versuchen.

das präsentiert.Wähler«). und schreibt: b C a). Daß ein Glied in eine Situation eingeschlossen ist. insofern sie zu einer Gesellschaft gehören). was nicht in das Ganze eingeschlossen werden kann. die Einschließung mit der Zugehörigkeit in Übereinstimmung zu bringen. Badiou definiert ein Glied dann als normal. Was in dieser Grenzfigur hervortritt. wenn ein Glied in dem Sinn Teil einer Menge ist. Tatsächlich entspricht seine zentrale Kategorie. wenn es als ein Glied präsentiert und gezählt wird (in politischen Begriffen sind das die einzelnen Individuen. Unser gegenwärtiges Denken sieht sich in allen Bereichen mit der Struktur der Ausnahme konfrontiert. eine Art von paradoxer Einschließung der Zugehörigkeit selbst. um sie in politische Begriffe zu übersetzen. in die sie schon immer eingeschlossen ist. Sie fügt in Badious Schema eine vierte Figur ein. In der Mengenlehre unterscheidet man zwischen Zugehörigkeit und Einschließung. ist die radikale Krise jeglicher Möglichkeit. was außerhalb seiner liegt. wenn es in der Metastruktur (dem Staat) repräsentiert wird. Was wird aus der souveränen Ausnahme in diesem Schema? Auf den ersten Blick könnte man denken. welche es besetzen kann<. was draußen. Aber die Eigentümlichkeit des souveränen Anspruchs besteht eben darin. als es im Akt der Denotation bezeichnen kann. 34 . Darum erscheint dem Staat das Ereignis zwangsläufig als Exkreszenz. Er bestimmt das Ereignis als Element einer Situation derart. Und so verhält es sich bestimmt aus Badious Sicht. Alain Badiou hat diese Unterscheidung entwickelt. sagt man hingegen. Lévi-Strauss. die nur für den göttlichen Verstand auflösbar ist und die daraus resultiert. ohne eingeschlossen zu sein) (Badiou. daß es einen Überfluß von Signifikanten gibt im Verhältnis zu den Signifikaten. dazwischen eine Zone der Ununterschiedenheit einzurichten. Sie ist dasjenige. deutlich zwischen Zugehörigkeit und Einschließung. alle ihre Teile auf eine Einheit zu reduzieren. daß ein Glied zu einer Situation dazugehört. oder umgekehrt eingeschlossen sein. zu dem sie gehört. was drinnen ist. daß b eine Untermenge von a ist. insofern sie unrepräsentierbar ist. die Bedeutung mit der Denotation zur Deckung zu bringen. S. indem sie sich von ihnen in eine reine kzngue (den lingui35 I Auswuchs.I . Wucherung. Die Behauptung der Souveränität der Sprache bestünde dann im Versuch. daß sie im dritten Fall enthalten ist und somit eine Form der Zugehörigkeit ohne Einschließung darstellt. in der die Sprache mit ihren denotata in Beziehung bleibt. jedoch nicht dazugehört). Aber ein Glied kann auch zu einer Menge gehören. ohne dazuzugehören. das repräsentiert. ohne in sie eingeschlossen zu sein (die Zugehörigkeit als Grundbegriff der Mengenlehre. aber nicht präsentiert wird (also in eine Situation eingeschlossen ist. Unter dem Blickwinkel der Sprache kann man die Einschließung der Bedeutung und die Zugehörigkeit der Denotation zuordnen. zum Beispiel als . Eine Einschließung liegt vor. wenn es zugleich präsentiert und repräsentiert wird (das heißt dazugehört und eingeschlossen ist). indem er sich von ihr abwendet. zwischen dem. und nicht zu der Menge gehören kann. daß seine Zugehörigkeit zu ihr in der Perspektive der Situation selbst Unentscheidbar ist. So kann man sagen. daß ein Wort immer mehr Bedeutung birgt. auch der Struktur der Ausnahme. in der die Struktur der Situation ihrerseits als ein Glied gezählt wird (das sind die Individuen. vor allem medizinisch gebraucht. Die Ausnahme drückt gerade diese Unmöglichkeit eines Systems aus. das Ereignis. lautet: b E a). insofern sie vom Staat in Klassen neu gefaßt werden. 5. und dem. zwischen Ausnahme und Norm zu unterscheiden. das heißt. S. Genau um diesen Überschuß geht es in Claude Lévi-Strauss’ Theorie von der konstitutiven Überschreitung des Signifikanten gegenüber dem Signifikat (. Was auf keinen Fall eingeschlossen werden kann. Die souveräne Ausnahme ist mithin die Figur. N Badious Denken ist so gesehen ein rigoroses Denken der Ausnahme. als Exkreszenz’ dagegen ein Glied. 95 -1 I r ). indem sie sie verläßt [abbandonandoli]. daß alle ihre Glieder Teil der Menge sind (man sagt dann. aber nicht repräsentiert wird (das dazugehört. daß er sich auf die Ausnahme anwendet. als singulär schließlich ein Glied. 39) und in l?mile Benvenistes Lehre von der irreduziblen Opposition zwischen Semiotischem und Semantischem. aufgrund deren die Einschließung die Zugehörigkeit immer überschreitet (Theorem des Überschreitungspunktes). Dem Theorem des Überschreitungspunktes entspricht dann die Tatsache. in der die Singularität als solche repräsentiert ist. daß er das einschließt.Zwischen beiden besteht immer eine Inadäquatheit. Er läßt die Zugehörigkeit der Präsentation und die Einschließung der Repräsentation (Re-Präsentation) entsprechen. eine Schwelle der Ununterschiedenheit zwischen Exkreszenz (Repräsentation ohne Präsentation) und Singularität (Präsentation ohne Repräsentation). Darüber hinaus kennzeichnet das Verhältnis zwischen Zugehörigkeit und Einschließung nach Badiou eine fundamentale Inadäquatheit. wird in der Form der Ausnahme eingeschlossen. daß es über die Denotation hinaus einen uneinholbaren Überschuß an Bedeutung gibt.

soll ihm das gleiche geschehen« (Duod. das allen anderen hierarchisch übergeordnet ist. Diese Unmöglichkeit zu entscheiden. mit etwas in Beziehung zu stehen. Dies ist auch der letzte Grund der . Leben und Recht. in dem Faktum und Recht ununterscheidbar sind (und dennoch darüber entschieden werden muß). das I Si membrum rupsit.g.6. e.] überhaupt nur von der Ausnahme« »lebt«. es ist nicht deswegen »Norm« (im eigentlichen Sinn von »Winkelmaß«). sondern um etwas. Fest. I . um den Einfall des »wirklichen Lebens«. welche die souveräne Entscheidung über die Ausnahme kennzeichnet. setzt die Gewalt als ursprüngliche Rechtshandlung (permittit enim lexparem vindictam. wie Schmitt zu meinen scheint. kann dies letztlich nur durch die Voraussetzung seiner einschließen. daß »die Regel [. sondern stellt die Einschreibung der Äußerlichkeit in den Körper des nomos dar. das beißt auf die Bestimmung des Zulässigen oder Unzulässigen. sondern insofern es vor allem den Bereich der eigenen Referenz im wirklichen Leben schaffen und diese Referenz normalisieren muß. daß die Rechtsordnung nicht einfach mit der Sanktion einer Überschreitung steht. sondern vollzieht die Einschließung in die Rechtsordnung. die ihn beseelt und ihm Sinn verleiht. wo sich das Leben zugleich außerhalb und innerhalb der Rechtsordnung befindet. Deshalb muß die Behauptung.. durch eine Ausschließung eingeschlossen zu werden. Die Entscheidung ist hier nicht Ausdruck des Willens eines Subjekts. Die Entscheidung betrifft weder eine quaestio iuris noch eine quaestiofacti. Wenn das Recht ursprünglich die Form einer lex talionis (talio geht vielleicht auf talis zurück: »die Sache als solche«) hat. 36 heißt als Ausnahmefall. Dieser ist keine Bestrafung der ersten Handlung. dann bedeutet das. sondern sich eher mittels der Wiederholung derselben Handlung ohne jede Sanktion konstituiert. und die Überschreitung scheint dem zulässigen Fall vorauszugehen und ihn zu bestimmen. Es gibt da eine Grenzfigur des Lebens. weil es befiehlt oder vorschreibt. Deshalb nimmt die Souveränität bei Schmitt die Form einer Entscheidung über die Ausnahme an.« 37 . Die Schuld bezieht sich nicht auf die Überschreitung. ob die Schuld die Norm begründet oder die Norm die Schuld setzt. Die originäre Struktur der Norm ist aus diesem Grund . e. hat die Form des Ausnahmezustandes. den Ausschließung. sondern die Beziehung selbst zwischen Rechtlichem und Faktischem. tab. Der Souverän entscheidet nicht über das Zulässige und das Unzulässige. a u f den einfachen Umstand. 21). In diesem Sinn hat das Recht »kein Dasein für sich. ap. Das Leben.). talio esto: »Wenn er einem ein Glied bricht und sich nicht mit ihm vergleicht. buchstäblich genommen werden. das die innerste Natur des Gesetzes betrifft. eine Schwelle. in die »normale Gestaltung der Lebensverhältnisse«.: talio esto)«.stischen »Ausnahmezustand«) zurückzieht. I 5). daß Unwissenheit nicht vor Strafe schützt. Die Chiffre dieser Hereinnahme des Lebens ins Recht ist nicht die Sanktion (die keineswegs ein ausschließliches Merkmal der Rechtsnorm ist).jeder Moral fremden . sondern a u f die reine Geltung des Gesetzes. wenn sie die Unentscheidbarkeiten in der unendlichen Überschreitung über jede effektive Möglichkeit des Signifikats stellt. Das tut die Dekonstruktion. das in der Ausnahme »die Kruste einer in Wiederholung erstarrten Mechanik« »durchbricht« (Schmitt I. ins Recht einbezogen ist. Es geht hier nicht nur.insofern sie also die Bedingungen der Referenz festlegt und zugleich voraussetzt stets folgenden Typs: »Wenn (realer Sachverhalt. seine eigentümliche und ursprüngliche »Kraft«. das es durch die einschließende Ausschließung der exceptio in sich hineinzunehmen vermag: Es nährt sich davon und ist ohne es toter Buchstabe. Die »souveräne« Struktur des Gesetzes. sondern die Schuld (nicht in dem technischen Sinn. ni cum eo pacit. wovon man ausgeschlossen ist oder das man nicht vollständig annehmen kann.’ Festus 496. Das Recht lebt von nichts anderem als dem Leben. .’ hier wird ein Faktum durch seine Ausschließung in die Rechtsordnung eingeschlossen. deren das Gesetz bedarf.juridischen Maxime. sondern im ursprünglichen Sinn eines In-der-Schuld-Seins: in culpa esse). sondern über die ursprüngliche Einbeziehung des Lebewesens in die Sphäre des Rechts oder.: si membrum rupsit). . wirft ein klares Licht auf die Ununterscheidbarkeit zwischen Außen und Innen. nur in der exceptio sein. mit Schmitts Worten. Das Recht besitzt normativen Charakter. dann (juristische Konsequenz. daß sich das Gesetz auf etwas bezieht. das bedeutet eben. das auf diese Weise ob-ligat gemacht. I »Denn das Gesetz erlaubt gleichwertige Rache. und diese Schwelle ist der Ort der Souveränität. die sie als Begriff im Strafrecht hat. S. g.

sondern lediglich die zügelnde Kraft einer souveränen Macht (kat~chon). Diese Potenz (im eigentlichen Sinn der aristotelischen dynamis. die auf den ersten Blick eher moralisch als juridisch erscheinen. um ihn dagegen mit Ausdrucken zu charakterisieren. deren Residuum das Recht ist. die Stufe der dämonischen Existenz. Außen und Innen verschwimmen. Die unüberbietbare Potenz des nomos. Die Ausnahmebeziehung ist eine Beziehung des Banns. mit welcher der Verfasser jede technisch-formale Definition des Schuldbegriffs ablehnt. Ihre Entscheidung ist die Position eines Unentscheidbaren. S. nicht mit einem esse zu tun«. ist die Entschiedenheit. frei«.sein Wesen vielmehr ist das Leben der Menschen selbst« (Savigny). Was an dieser Studie sofort auffällt. etwa in den Wendungen »mensa bandita«. indem er es verläßt. Bann (das alte germanische Wort bezeichnet sowohl den Ausschluß aus der Gemeinschaft als auch den Befehl und das Banner des Souveräns). dann ist die Souveränität weder ein ausschließlich politischer noch ein ausschließlich juridischer Begriff. 46). Wenn die Ausnahme die Struktur der Souveränität ist. Die souveräne Entscheidung zieht und erneuert von Mal zu Mal diese Schwelle der Ununterschiedenheit zwischen Außen und Innen. Es läßt sich nicht sagen. freiwillig« [a proprio talento].. das den Menschen von der Schuld zu erlösen und seine natürliche Unschuld zu erweisen vermag. I K Der Bann ist eine Beziehungsform. Hervorhebung durch den Übersetzer. nicht zum Akt überzugehen) des Gesetzes. Denn Benjamin geht es gerade darum. die Potenz. nomos und physis. welche die Herrschaft des Antichristen bestenfalls hinauszögern kann. 92). die immer auch dynamis rn$ energein ist. S. reich gedeckter Tisch«. Von ihm läßt sich in einem buchstäblichen Sinn nicht sagen. Diese Struktur des Banns gilt es hier zu verstehen. Schmitt unterscheidet wie Benjamin klar zwischen Schuld und Charakter (der »Begriff der Strafschuld«. weder eine dem Gesetz äußerliche Potenz (Schmitt) noch die höchste Norm der Rechtsordnung (Hans Kelsen): Sie ist die originäre Struktur. Doch um was für eine Beziehung handelt es sich eigentlich. unbestreitbar ist jedoch. sich in der Abwendung anzuwenden. d a ß seine Definition der Schuld als ursprünglicher Rechtsbegriff. man kann es als wahren »bösen Willen« qualifizieren. )J Es ist kein Zufall. »hat es also mit einem operari. Die originäre Beziehung des Gesetzes mit dem Leben ist nicht die Anwendung. »öffentlicher. das ironisch behauptet. der ungebührlich auf die ethisch-religiöse Sphäre übertragen wurde. Denn die Schuld ist (entgegen dem alten rechtlichen Sprichwort.. und »bandito« meint sowohl »ausgeschlossen. wenn sie keinen positiven Inhalt hat und sich die Glieder gegenseitig auszuschließen (und zugleich einzuschließen) scheinen? Welche Gesetzesform druckt sich darin aus? Der Bann ist 39 38 . als er Schicksal und Charakter und Zur Kritik der Gewalt schrieb.28). es gebe »keine Schuld ohne Norm«) vornehmlich ein »Vorgang des Innenlebens*. sondern von ihm verlassen [abbundonato]. das heißt ausgestellt und ausgesetzt auf der Schwelle. S. Ausschließung und Einschließung. einem Hinweis von Jean-Luc Nancy folgend. seine originäre »Gesetzeskraft«. « Deshalb kann auch das Paradox der Souveränität die Form annehmen: »Es gibt kein Außerhalb des Gesetzes«. wo Leben und Recht. das heißt etwas wesentlich »Innersubjektives« (Schmitt 3. um sie gegebenenfalls erneut in Frage zu stellen. ob er außerhalb oder innerhalb der Ordnung ist (aus diesem Grund bedeuten im Italienischen »in bando. a bandono« ursprünglich »der Gnade überlassen. daß die erste Arbeit Schmitts ganz der Definition des rechtlichen Begriffs der Schuld gewidmet ist. was sich jedem bewußten Willen entzieht) als das Prinzip vor. ausgeliefert« [alla merci di] sowie »aus freien Stücken. verbannt« als auch »für alle offen.auch wenn sie entschlossen eine andere Richtung einschlägt. zu überwinden und den Menschen von der Schuld zu befreien (was nichts anderes als die Einschreibung des natürlichen Lebens in die Ordnung des Rechts und des Schicksals ist).7. nennen wir. mit Schmitts Auffassung genau übereinstimmt . daß er das Leben in seinem Bann hält. und »a redina bandita«. in der sich das Gesetz auf das Leben bezieht und es durch die eigene Aufhebung in sich einschließt. I 8 . ebd. I . »mit losgelassenen Zügeln«). Tatsächlich ist der Verbannte ja nicht einfach außerhalb des Gesetzes gestellt und von diesem unbeachtet gelassen. schreibt er. der »in der den Zwekken des Rechtes nicht entsprechenden Zwecksetzung« besteht (ebd. sich im eigenen Entzug zu unterhalten. ob Benjamin diesen Text kannte. Dagegen steht im Mittelpunkt von Schmitts Einforderung des rechtlichen Charakters und der zentralen Bedeutung der Schuld nicht die Freiheit des ethischen Menschen. besteht darin. wo das Leben in ursprünglicher Weise im’ Recht ausgenommen wird. Eine analoge Konvergenz liegt bezüglich des Charakters vor. sondern die Verlassenheit[l’Abbandono]. Bei Benjamin stellt sich aber gerade dieses Element (der Charakter als das.

entscheidend ist vielmehr. nach dem die Souveränität zum Gesetz gehört und der von unserer heutigen Auffassung von Demokratie und Rechtsstaat nicht zu trennen zu sein scheint. welche für die Griechen Biu und D&c. das heißt die einfache Setzung einer Beziehung mit dem Beziehungslosen. . 2. Nomos ist die Macht. ob das Politische nicht vielleicht jenseits der Beziehung. Seit der ältesten überlieferten Formulierung dieses Grundsatzes. daß es in seinem Zentrum eine skandalöse Zusammenfügung jener beiden antithetischen Prinzipien schlechthin birgt.« Der Text ist umstritten.die reine Form des Sich-auf-etwas-Beziehens im allgemeinen. dem Fragment. In diesem Sinn ist sie mit der Grenzform der Beziehung identisch. das Gewaltsamste / mit höchster Hand. 1 Das Rätsel besteht nicht so sehr darin. sind. Der Grundsatz. Die Bedeutung des Fragments klärt. sich also nur. räumt das Paradox der Souveränität keineswegs aus. tekmairomai hgoisin H%ak&os. S. d& mehrere Interpretationen des Fragments möglich sind. 1 19). I »Nomos.die Souveränität des n&zos durch eine Rechtfertigung der Gewalt bestimmt. Gewalt und Gerechtigkeit. das heißt nicht mehr in der Form eines Verhältnisses gedacht werden kann. daß der Dichter . Recht setzend. Ich beweise es / durch Herakles’ Taten. Eine Kritik des Banns muß also notwendigerweise die Beziehungsform selbst zum Problem erheben und fragen. sondern treibt es im Gegenteil auf die Spitze.1. Hier also der Text des Fragments in der Rekonstruktion Boeckhs: Nomos ho phztön basileh tbnat& te kai athatitön Ölgei dikaih th biaihzton hypertitai cbeivi. so enthält das Fragment wirklich ein Rätsel). Nomos basileus 2.daran läßt der Bezug auf Herakles’ Diebstahl keinen Zweifel . der König aller / Sterblichen wie Unsterblichen. 169 von Pindar. ist die Souveränität des Gesetzes in einer derart dunklen und doppeldeutigen Dimension angesiedelt. / lenkt. wenn man begreift. die »mit höchster Hand« die paradoxe Vereinigung der beiden Gegenkräfte bewerkstelligt (wenn man in diesem Sinn unter »Rätsel« die aristotelische Definition von ainigma als »Verbindung von Gegensätzen« versteht. daß man diesbezüglich mit gutem Grund von einem »Rätsel« gesprochen hat (Ehrenberg.

schreibt er. ein Akt der Legitimität. du aber laß dir davon das Herz nun bewegen: Höre du jetzt auf das Recht [d&?s ep&oue] und schlag die Gewalt aus dem Sinn dir [l&s d’ep. S. muß auch verschiedene Welten unterscheiden. daß er das Wort Nomos im Deutschen mit >Gesetz< wiedergibt und auf den Irrweg dieses Unglückswortes lenkt. Auch ein Abschnitt von Hesiods Werke und Tage2 . obwohl er weiß. 1. weil Erkentniß nur durch Entgegensezung möglich ist. welche die Erkenntnis begründet. das Recht und Gewalt. wenn Solon von seiner Handlung als Gesetzgeber spricht. tierische und menschliche Welt trennt. die gerade gegen jedes unmittelbare Prinzip gerichtet ist. Der Nomos im ursprünglichen Sinne aber ist grade die volle Unmittelbarkeit einer nicht durch Gesetze vermittelten Rechtskraft. S.IO.weist dem n&zos eine entscheidende Stellung im Verhältnis von Gewalt und Recht zu: Perses. »Aber auch Hölderlin«. I 5). daß das Gesetz die strenge Mittelbarkeit ist. unvermischet. x I n F r i e d r i c h Hölderlins kommentierter Übertragung von Pindars Fragmenten (von Friedrich Beißner auf 1803 datiert) lautet das besagte Fragment wie folgt (Hölderlin hatte aller Wahrscheinlichkeit nach einen im Sinne von Platons Gorgias. heilig seyn muß. In diesem Sinn enthält Pindars Fragment über den nomos basileus das verborgene Paradigma. 484 b.Wenn man im Fragment 24 von Solon k?rdtei n6mou lesen muf3 (wie das die meisten Forscher tun). emendierten Text vorliegen: biaiön t6 dikaiataton. Von allen der König. ihret selber wegen. Aber den Menschen gab er das Recht [di&] bei weitem als bestes Gut. so schreibt er. In seinem Kommentar bestimmt Hölderlin den n&nos (den er vom Recht abgrenzt) als »strenge Mittelbarkeit«: »Das Unmittelbare. sondern auf den »höchsten Erkenntnißgrund« (ebd.« (Hölderlin. Bei Pindar aber . in die Ununterscheidbarkeit drängt. präzisiert er andererseits sorgfältig. S. aber auch wenn man homou statt n6mou liest. sondern die Mittelbarkeit. weil unter ihnen kein Recht ist. »verwirrt seine Deutung der Pindar-Stelle (Hellingrath V 277) dadurch. Der Mensch. auf der Gewalt in Recht und Recht in Gewalt übergeht. 42) Schmitt mißversteht hier die Absicht des Dichters völlig. streng genommen«.). Mit einer für seine letzten Übersetzungen so charakteristischen Korrektur verschiebt Hölderlin ein politisch-juridisches Problem (die Souveränität des Gesetzes als Ununterscheidbarkeit von Recht und Gewalt) in die Sphäre der Erkenntnistheorie (die Mittelbarkeit als Macht der Unterscheidung). Schmitt kritisiert Hölderlins Interpretation des Fragments im Namen seiner Theorie von der konstitutiven Superiorität des n6mos über das Gesetz (im Sinne einer konventionellen Setzung). den er dem politischen Denken des Abendlandes als Erbe hinterläßt und der ihn gewissermaßen zum ersten großen Denker der Souveränität macht . vgl.ist der souveräne nomos dasjenige Prinzip. (v. das führt eben Darum gewaltig Das gerechteste Recht mit allerhöchster Hand. der die Legalität des bloßen Gesetzes überhaupt erst sinnvoll macht. weil himmlische Güte. »das Gerechteste erzwingend« oder: »dem Gerechtesten Gewalt antuend«): DAS HÖCHSTE Das Gesetz. Sterblichen und Unsterblichen. dann wurde die spezifische »Kraft« des Gesetzes bereits im sechsten Jahrhundert genau in der »Verknüpfung« von Gewalt und Gerechtigkeit erkannt (krd’tei / nomou b& te kai diken synharmhas: i »durch Kraft des n&nos habe ich Gewalt und Recht verknüpft«. 285) Wenn Hölderlin (wie Schmitt) einerseits im nomos basileh ein Prinzip sieht.« (Schmitt 2.hheo]! Denn ein solches Gesetz [&mos] erteilt den Menschen Kronion [Zeus]: Fische zwar sollten und wildes Getier und gefiederte Vögel fressen einer den andern.280. seiner Natur gemäß. das höher steht als das einfache Recht. Vers 274 . 42 . Romilly.diesen mochte Pindar im Sinn gehabt haben . und bei Solon birgt die »Verknüpfung« von 2%~ und Dike weder Ambiguität noch Ironie. Ursprünglicher und stärker als das Recht ist nicht (wie bei Schmitt) der n&zos als souveränes Prinzip. die Gewalt und Recht. 43 1 2 Der Text ist umstritten.280) Bei Hesiod ist der n6mos immerhin die Macht. wie für die Unsterblichen. als Erkennendes. der Gott muß verschiedene Welten unterscheiden. er ist ein konstituierendes geschichtliches Ereignis. daß der Ausdruck »König« sich hier nicht auf eine »höchste Macht« bezieht. bleibt der zentrale Gedanke derselbe. das alle folgenden Definitionen der Souveränität lenkt: Der Souverän ist der Punkt der Ununterschiedenheit zwischen Gewalt und Recht. »ist für die Sterblichen unmöglich. die Schwelle. indem es sie verbindet. 274.und das ist der Knoten.

). thhz~ und nomos). Im zitierten Abschnitt der Nomoi wird die Macht des Gesetzes als naturgemäß (kath p@sin) und als wesentlich nicht gewaltsam bestimmt. erzwingt vieles gegen die Natur«) als auch das explizite Zitat der Nomoi: »[Das Axiom. sondern lediglich sein »natürliches«. wie einmal Pindar aus Theben gesagt hat. I-IO) gelesen werden. die sowohl für die Sophisten wie (auf andere Weise) bei Pindar die »souveräne« Verwechslung und Vermischung von Bia und Dike rechtfertigte. Denn das Ähnliche ist dem Ähnlichen von Natur verwandt. daß dies gewif3 kaum gegen die Natur. Die sophistische Polemik gegen den no’mos und zugunsten der Natur (die 45 . der Sterblichen und Unsterblichen«. Die ganze Behandlung des Verhältnisses von physis und nomos im zehnten Buch der Nomoi ist darauf ausgerichtet. »was mit der Seele verwandt ist« (Intellekt. daß die Seele und alles.. die im Brennpunkt der sophistischen Debatte stand (Stier. Platon neutralisiert beides mit der Behauptung. Und in diesem Fall. @ob-c) und dann geht es bei Platon so weiter: *führt mit übermächtigster Hand.] ist unter allen Lebewesen am weitesten verbreitet und auch der Natur gemäß. die sophistische Konstruktion der Opposition ebenso wie die Behauptung von der Vorgängigkeit der Natur gegenüber dem Gesetz zu demontieren. das biaZn t6 &azötaton der am besten autorisierten Handschriften nach dem Buchstaben des Pindar-Textes (dikaih tZ. nicht durch das Gesetz [n&zos].97). S. 2. daß biaiön im Griechischen zu selten vorkommt. zur Vereinigung von Bz2 und Dike. welches ein Tyrann [tyrannos nicht basileh] der Menschen ist.b).2. König aller. Das gewichtigste Axiom aber dürfte. 95 . um die Gegenüberstellung von ph$is und nhnos außer Kraft zu setzen und die souveräne Vermischung von Gewalt und Recht auszuschließen. ursprünglicher sei als die Körper und die Elemente. ich meine die Herrschaft des Gesetzes. In diesem Licht mu13 Platons Zitat im Gorgias (484 b.< (Legg. 2. das verlangt. die sich in der politischen Kultur des Abendlandes so hartnäckig halten sollte. die ihrer Natur nach über Freiwillige und nicht mit Gewalt ausgeübt wird. das Platon im Protagoras Hippias in den Mund legt (»Ihr versammelten Männer seid alle Verwandte und Befreundete und Mitbürger von Natur. das heißt nicht gewaltsames Wesen. was Leo Strauss das »klassische Naturrechts nennt). ist die Neutralisierung der Opposition. darin und in nichts anderem besteht die »Souveränität« des nhzos. möchte ich denn doch behaupten. anzudeuten in dem Liede. hochweiser Pindar. »die sie nicht richtig mit dem Namen der Natur bezeichnen« (Legg. worin er sagt: Das Gesetz. biaibtaton) zu emendieren. Während bei Platon also das »Naturgesetz« hervortritt. Nur eine akute coniunctiwitisprofessoria hat die Philologen dazu bringen können (insbesondere den Herausgeber der mittlerweile überholten kritischen Oxforder Platon-Ausgabe). daß »das Gesetz über die Menschen herrschen soll und nicht die Menschen über das Gesetz«. sondern vielmehr die Koinzidenz von Gewalt und Recht. das sechste sein. nicht so sehr die Opposition von phjsis und nomos. Ulrich von Wilamowitz-Möllendorf hat zu Recht bemerkt (Wilamowitz. von dem Pindar spricht. Gewalt antuend dem Gerechtestenldas Gerechteste erzwingende. mein 44 In beiden Fällen ist das. muß hier in einer neuen Weise erwogen werden. Der Sinn dieser Entgegensetzung selbst. wonach der Stärkere herrscht. das Gesetz aber. der Verständige aber führt und herrscht. was Platon interessiert. wo VergeiSlichkeit vorgeschützt. S. 892c. da!3 der Unwissende Folge leistet. sondern vielmehr der Natur gemäß ist. welche die Souveränität konstituiert. Eine analoge Absicht lenkt sowohl das implizite Zitat. der PindarText jedoch bewußt verändert wird: »Auch Pindaros scheint mir das. so möchte er nicht die Souveränität des Gesetzes über die Natur behaupten. dient die Opposition den Sophisten just zur Begründung des Souveränitätsprinzips. und der Sinn des platonischen Wortspiels ist auch völlig klar: Die »Rechtfertigung der Gewalt/das Gerechteste erzwingen« ist hier im selben Maß ein »dem Gerechtesten Gewalt antun«. Wenn er sagt (und mit ihm alle Vertreter dessen. als daß man es mit einem Zupsus memoriae erklären könnte (und noch weniger mit einem Zapsus calami). denn was Platon am Herzen liegt. scheint es. was ich meine. 245 f.3.

In der klassischen Epoche des Jus Publicum Europaeum entspricht diese Zone der Neuen Welt. in dem die souveräne Macht die vom nomos als Ortung festgelegten Grenzen nicht mehr kennt. Hobbes 1. was nach Lage der Sache faktisch notwendig erscheint. das sich in dem Moment offenbart.) In seiner Souveränität ist der nomos notwendig sowohl mit dem Naturzustand als auch mit dem Ausnahmezustand verknüpft. wo man die Gesellschaft tanquam dissoluta 47 . ist er vielmehr als in jedem Sinn fundamentales Moment darin einbezogen. Der Ordnung-Ortung-Nexus enthält also in seinem Innern immer schon den eigenen virtuellen Bruch in der Form einer »Suspendierung allen Rechts«. im Kapitel über die »ersten globalen Linien«. Wichtig ist zu bemerken. ut qualis sit natura humana [. völlig bewußt. rechtsleeren Raum«. . auf das auch Montesquieu hingewiesen hat: die Statue der Freiheit oder die der Gerechtigkeit wird für eine bestimmte Zeit verhüllt. zwischen Gewalt und Gesetz. wenn man will. daf3 der Naturzustand nicht unbedingt als reale Epoche angesehen werden muß. ist die Vorrangigkeit des souveränen nbmos als konstitutives Ereignis des Rechts gegenüber jeder positivistischen Konzeption des Gesetzes als einfache Setzung und Übereinkunft. 79f. Von hier aus gesehen wundert es nicht. Was er hier um jeden Preis sichern will. d. »Zeitlich ist es durch Verkündung des Kriegsrechts am Anfang und durch einen Indemnitätsakt am Schluß von dem Zeitraum der normalen Rechtsordnung abgegrenzt. die mit dem Naturzustand identifiziert wird (John Locke: »In the beginning all the world was America«). Es gibt für diesen Vorgang ein anschauliches antikes Symbol.] recte intelligatur«. dieses lebt von ihm in demselben Sinn. der die absolute Macht des Souveräns rechtfertigt. dem »in offensichtlich analoger Weise die Vorstellung eines ausgegrenzten. Der letztere (samt der notwendigen Ununterscheidbarkeit zwischen Bia und Dike) ist ihm nicht einfach äußerlich. auch wenn in scheinbar entgegengesetztem Sinn. auch wenn vom »Nomos als Herrscher« die Rede ist. die Ununterscheidbarkeit von Recht und Gewalt legitimiert (beim starken Mann der Sophisten wie bei Hobbes’ Souverän). id est. aber wahrscheinlich schon zur Zeit der Sophistik) das In-Potenz-Sein des Rechts. S. die Wesensnähe von nbmos und Ausnahmezustand im dunkeln lassen. 2. Was dann eintritt (an dem Punkt. sondern enthält ihn virtuell. Die Souveränität stellt sich somit wie eine Einverleibung des Naturzustandes der Gesellschaft dar oder. seine Selbstvoraussetzung als »natürliches Recht«. in dem der Nomos der Erde besteht. die Hobbes seiner Konzeption der Souveränität zugrunde legt. Deshalb befindet sich der Naturzustand nicht wirklich außerhalb des &mos. daI3 Schmitt seine Theorie von der Ursprünglichkeit des »Nomos der Erde« gerade auf das Pindar-Fragment gründet und dennoch keine Anspielung auf seine These von der Souveränität als Entscheidung 46 über den Ausnahmezustand macht.sich im Verlauf des vierten Jahrhunderts immer mehr erhitzt) kann man als notwendige Prämisse für die Opposition von Naturzustand und commonwealth betrachten.« (Schmitt 2. Eine aufmerksamere Lektüre stellt diese Nähe jedoch klar heraus: Wenig später. immer eine aus dem Recht ausgeschlossene Zone impliziert. sondern eher als ein dem Staat innewohnendes Prinzip. der als einziger sein natürliches ius contra omnes bewahrt. in dem man ihn betrachtet. In beiden Fällen. wie Strauss hervorhebt. wie ein Schwelle der Ununterschiedenheit zwischen Natur und Kultur. Die Äußerlichkeit . Wenn für die Sophisten die Vorgängigkeit derp&is letztendlich die Macht des Stärkeren rechtfertigt.). verstanden als »ein zeitlich und räumlich bestimmter Bereich der Suspendierung allen Rechts«. . die das Souveränitätsprinzip. S. in dem nach Schmitt die Regel von der Ausnahme lebt. räumlich durch eine genaue Angabe des Geltungsbezirks.ist in Wahrheit der innerste Kern des politischen Systems. sie bildet einen »freien. Im übrigen war sich Hobbes.4. bildet die Antinomie physis/nomos die Voraussetzung. wie der Nexus von Ortung und Ordnung. obwohl klar abgegrenzt. »wie wenn er aufgelöst wäre« (»ut tanquam dissoluta consideretur. Er ist (sicher in der Neuzeit. innerhalb dieses örtlichen und zeitlichen Bereichs kann alles geschehen.das Naturrecht und das Prinzip der Erhaltung des eigenen Lebens . Deswegen muß Schmitt. 66f. h. freien und leeren Raumes zu Grunde« »liegt«. daß bei Hobbes der Naturzustand in der Person des Souveräns überlebt. ist es für Hobbes gerade diese Identität von Naturzustand und Gewalt (homo homini Lupus). und genau in dieser Ununterscheidbarkeit liegt das Spezifische der souveränen Gewalt. Schmitt bringt diese Zone beyond the line selbst mit dem Ausnahmezustand zusammen. zeigt Schmitt nämlich.

die wie blutige Boten den neuen nomos der Erde ankündigen. zur Regel zu werden. was geschehen ist und weiterhin vor unseren Augen geschieht: Der »rechtsleere Raum« des Ausnahmezustandes (wo das Gesetz in der Figur und etymologisch heißt das in der Fiktion . K Wollte man das Verhältnis zwischen Naturzustand und Rechtszustand. in das die Menschen zurückfielen). Es handelt sich also nicht um einen Rückfall der politischen Organisation in überwundene Formen. wo das. 3): Fig. I). Es ist das. droht er nunmehr überall mit der normalen Ordnung zusammenzufallen. Außen und Innen.betrachtet). sondern um vorwarnende Ereignisse. nicht erneut in Frage gestellt wird) dazu tendiert. was sich in Ex-Jugoslawien abspielt. sondern der Ausnahmezustand. Natur und Ausnahme.seit dem Ersten Weltkrieg in klar erkennbarer Weise . 48 . und die souveräne Macht ist genau diese Unmöglichkeit. so könnte man sich zwei Kreise vorstellen. müssen wir hingegen den Blick zu heften versuchen. 2 Fig. so wie es sich im Ausnahmezustand gestaltet. was der Souverän faktisch für notwendig hielt) hat seine raumzeitlichen Grenzen durchbrochen und. daß in Wirklichkeit der eine sich im Innern des anderen befindet (Fig. was als Außen vorausgesetzt worden ist (der Naturzustand). vielmehr ist es das Zutagetreten des Ausnahmezustandes als permanente Struktur der juridisch-politischen Ent-Ortung und Verschiebung. hat in der souveränen Ausnahme sein verborgenes Fundament. die anfangs voneinander getrennt erscheinen (Fig. sich über den ganzen Planeten auszubreiten. die dem Auge der Gerechtigkeit verborgen bleiben sollte. sondern auch Naturzustand und Recht. in der von neuem alles möglich wird. Wenn die Ausnahme dazu tendiert. nun im Innern (als Ausnahmezustand) wiedererscheint.phjsis und nomos auseinanderzuhalten. fallen die beiden Kreise absolut ununterscheidbar zusammen (Fig. indem er sich über sie hinaus ergießt. dann aber im Ausnahmezustand zeigen. auf dem er gründet. wie bei einem Möbius-Band oder einer Leidener Flasche. schematisch darstellen. der das Vorspiel zu neuen sozialen Verträgen und neuen nationalstaatlichen Ortungen wäre. 2).den konstitutiven Nexus zwischen Ortung und Ordnung des antiken nomos zersetzt und das ganze System der gegenseitigen Abgrenzungen und der Regeln des Jus Publicum Europaeum ruiniert. I Fig. in der nicht nur Ausnahme und Regel. Der Ausnahmezustand ist demnach nicht so sehr eine raumzeitliche Aufhebung als vielmehr eine komplexe topologische Figur. Genau auf diese topologische Zone der Ununterscheidbarkeit. ist in Tat und Wahrheit nicht der Naturzustand (als früheres Stadium. 3 In dieser Perspektive muß das. das Draußen und das Drinnen ineinander übergehen. und ganz allgemein die Auflösung der traditionellen staatlichen Organismen in Osteuropa nicht als eine Wiederkehr des Kampfes aller gegen alle im Naturzustand betrachtet werden.seiner Auflösung in Kraft ist und daher all das geschehen konnte. Der Prozeß (den Schmitt minutiös beschrieben hat und den wir heute noch erleben). Naturzustand und Ausnahmezustand sind lediglich die zwei Seiten des einen topologischen Prozesses. der (wenn das Prinzip. der .

in dem Paradox gefangen zu bleiben. wenn es darum geht. In einem politikwissenschaftlichen Traktat liest man darüber folgendes: »Die Erklärung dafür legt Wert darauf. In dieser Perspektive ist die berühmte These von Emmanuel Joseph Sieyes. 2 Für konstituierende Gewalt steht im deutschen juristischen Sprachgebrauch gewöhnlich verfassunggebende Gewalt. in der Folge meistens mit »Potenz« und »Akt« wiedergegeben. Sie bieten das bekannte jammervolle Schauspiel. um der Klarheit und um der Besonderheit der Argumentation willen wird die Unterscheidung zwischen »potere costituente« und »potere costituito« auch terminologisch beibehalten. Mit Worten. und druckt in dieser Form das Paradox der Souveränität am prägnantesten aus. denen sie ihr Dasein verdanken. in einigen Fällen. wenn der Verfassungstext selbst. 1gof. wodurch sie ihre Verschiedenheit legitimieren kann. »un-/vermögend« für »im-/potente«). die angemerkt werden. läuft ebenfalls Gefahr. niemals ausgeschöpft wird. Die konstituierende Gewalt befindet sich dagegen außerhalb des Staates. daß sie zu Beschlüssen. [. die das Recht setzt. I Aber die andere Auffassung (jene der demokratisch-revolutionären Tradition). Denn wenn die konstituierende Gewalt als Gewalt. hat Benjamin diese Tendenz bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg kritisiert. . Dafür bilden in dieser Zeit die Parlamente ein Beispiel. daß man aus ihrem Fluß schöpft. nicht bewußt geblieben sind. daß die Verfassung (constitution) vor allem eine konstituierende Gewalt voraussetzt.) Daher rührt die Unmöglichkeit. alles mittels Normen zu regeln) zunehmend in der Auffassung überein. mit »Fähigkeit« oder »Vermögen« (bzw. die dadurch. Das Paradox der Souveränität zeigt sich wohl nirgendwo in so klarem Licht wie beim Problem der konstituierenden Gewalt und ihrem Verhältnis zur konstituierten Gewalt. das wir hier zu beschreiben versuchen.2 Theorie wie positive Gesetzgebung haben bei der Formulierung und der Wahrung dieser Unterscheidung in ihrer ganzen Tragweite stets Schwierigkeiten bekundet. sondern auch. sondern im Kompromiß eine vermeintlich gewaltlose Behandlungsweise politischer Angelegenheiten pflegen. sie unterhält sogar ein zweideutiges und unauflösbares Verhältnis zur konstituierten Gewalt. daß die Konstitution sich selbst als konstituierende Gewalt voraussetzt. eingebürgert haben. wie das oft der Fall ist. auch wenn sich inzwischen deutsche Begriffe.] Ihnen fehlt der Sinn für die rechtsetzende Gewalt.« (Burdeau. S. als vorrechtlich oder rein faktisch beiseite zu schieben. indem er das Verhältnis zwischen konstituierender Gewalt und konstituierter Gewalt als dasjenige zwischen rechtsetzender und rechtserhaltender Gewalt [violenza] darlegt: »Schwindet das Bewußtsein von der latenten Anwesenheit der Gewalt in einem Rechtsinstitut.) weise außerhalb jeglicher konstituierten Gewalt hält.« (Benjamin 1. etwa »Vermögen« und »Verwirklichung«. so gibt es in ihr selbst doch nichts. . I . sie ist die Quelle. welche die konstituierende Gewalt gegenüber jeder konstituierten Gewalt in ihrer souveränen Transzendenz bewahren will. die Beziehung zwischen den beiden Gewalten harmonisch einzurichten. gewiß edler ist als die rechtserhaltende Gewalt. kein Wunder. nicht einfach eine Binsenwahrheit. weil sie sich der revolutionären Kräfte. 183f. stimmt man heute (ganz nach der allgemeinen zeitgenössischen Tendenz. sie schuldet ihm nichts und existiert ohne ihn. die in keiner Weise von einer bestimmten Rechtsordnung bedingt und gebeugt werden kann und sich notwendigerItalienisch »potenza« und »atto« werden. nicht gelangen. Gegen die Auffassung vom originären und irreduziblen Wesen der konstituierenden Gewalt. die konstituierende Gewalt auf die in der Verfassung vorgesehene Revisionsbefugnis zu beschränken und die Gewalt. die rechtliche Natur der Diktatur oder des Ausnahmezustandes zu verstehen. daß man die konstituierende Gewalt und die konstituierte Gewalt auf verschiedenen Ebenen ansiedeln muß. s. sie muß eher in dem Sinn verstanden werden. die seitdem nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben. . welche dieser Gewalt würdig wären. Potenz1 und Recht 3. will man der Unterscheidung [.3. die in ihnen repräsentiert ist. Konstituierte Gewalten existierten nur im Staat. . während für die konstituierte Gewalt meistens die Verfassung selbst steht. sie sind von einer vorgängigen statutarischen Ordnung nicht zu trennen und bedürfen des staatlichen Rahmens. dem ihr Vorhandensein Realität verleiht. So wie sich die souveräne Macht als Natur51 50 . der die Verfassung entsprungen ist. so verfällt es. Sie macht sich nicht nur besonders bemerkbar.] ihren wirklichen Sinn verleihen. die Revisionsbefugnis vorsieht.

absolute Souveränität< . einen Unsterblichen Gesetzgeber< und das. so doch wenigstens eine gewisse Dauerhaftigkeit und Stabilität [. die Erhaltung der konstituierenden Gewalt zu denken.] Die Entscheidungen [dieses Willens] als solche sind von den auf ihrer Grundlage normierten verfassungsgesetzlichen Normierungen qualitativ verschieden. die sich nie in der konstituierten Gewalt erschöpft (was nicht leicht ist. Aber wenn die konstituierende Gewalt. so schreibt sie. Die Analogie zwischen der Sowjetunion und Nazi-Deutschland ist um so triftiger. die diesen Abschnitt in ihrem Buch über die Revolution zitiert. dessen Macht oder Autorität imstande ist. unklar. die konstituierende Gewalt klar von der souveränen Macht zu unterscheiden. Es ist jedoch ebenso gewiß. . . »die gesamte Ausübung aller staatlichen Gewalt restlos in geschrie- . selbst wenn die revolutionären konstituierten Gewalten dann in Wirklichkeit alles getan haben.ein Begriff. Doch selbst die beiden großen Liquidatoren spontaner Räte in unserer Zeit. wenn nicht die Unsterblichkeit.82). mit dem konstituierenden Willendes Volkes oder der Nation zusammenfällt. die leninistische und die nazistische Partei.oder nationalen Souveränität zu unterscheiden erlaubt.Blackstones . die den Historikern des öffentlichen Rechts so zu schaffen gemacht hat. so sollte eine .zustand voraussetzt. 3. wie das bereits (so Schmitt selbst) seit Sieyes geschieht. die als absolutes Prinzip den legislativen Akt der konstituierenden Gewalt zu begründen imstande war. indem sie sich am Punkt ihrer Ununterschiedenheit aufhält. aber immerhin theoretisch möglich). . . 185) trotzkistischen Begriff der »permanenten Revolutionen« oder den maoistischen der »ununterbrochenen Revolution* bekannt geworden. präsentieren sich in bestimmter Weise als Bewahrer einer konstituierenden Instanz neben der konstituierten Gewalt. S. der auf diese Weise mit dem Rechtszustand in der Bann-Beziehung verbunden bleibt. sondern vielmehr. beschreibt. 75 -77). Gewiß fehlt es in unserer Zeit nicht an Versuchen. die konkrete Gesamtentscheidung i&ber Art und Form der eigenen politischen Existenz zu treffen. daß er die (mit der Nation identifizierte) konstituierende Gewalt in einen Naturzustand außerhalb des sozialen Bandes verlegt hat: »Man muß die Nationen der Erde«. wenn auch paradoxe technisch-juridische Lösung des Problems der Bewahrung der konstituierenden Gewalt.2. Doch was Robespierre brauchte. Sieyes selbst war sich dieser Implikation so weit bewußt. und das konstituierende Subjekt und das souveräne Subjekt be- Das fundamentale Problem besteht hier nicht so sehr darin.« (Arendt 1.« »Neben und über der Verfassung bleibt dieser Wille erhalte+ er ist nicht auf die Ebene der Rechtsnormen zurückführbar und theoretisch von der souveränen Macht verschieden (Schmitt 4. daß sich diese Gewalt in beiden Fallen als Ausdruck einer souveränen Macht darstellt oder sich jedenfalls nicht so leicht von dieser trennen läßt. wie er selbst es nannte.] . Und sie zeigt deutlich. weil dort die Staatspartei das Duplikat der staatlichen Organisation ist. der nicht von ihm stammt -. eine konstituierende Gewalt zu konzipieren. . und sie sind durch den ginnen verwechselbar zu werden. »als Individuen ohne gesellschaftliche Bindung [.despotische Gewalt< -der Nation Souveränität verleihen und eine absolute Immortalität der Republik.] im Naturzustand betrachten« (Sieyes 1. dann ist das Kriterium. Er bedufte. wo weder die konstituierenden Instanzen noch der Souverän ganz innerhalb oder ganz außerhalb der konstituierten Ordnung situiert werden können. .]. erscheint von da aus gesehen wie eine interessante. wie dieses (auch in der Idee vom »Höchsten Wesen« bei Robespierre vorhandene) Bedürfnis letztlich in einen Teufelskreis mündete. was er in einem anderen Kontext auch als einen . so teilt sich die souveräne Macht in eine konstituierende und eine konstituierte Gewalt und bleibt mit beiden in Verbindung. S. als in beiden Fällen die Frage »wo?« in dem Moment wesentlich wird. Hannah Arendt. S. [. die nicht mit dem Allgemeinwillen der Nation oder der Revolution zusammenfiel. Die charakteristische »duale« Struktur der großen totalitären Staaten unseres Jahrhunderts (der Sowjetunion und Nazi-Deutschlands). . in den Begriffen der Französischen Revolution gesprochen. wie in den Revolutionsvor- gängen das Bedürfnis nach einer Souveränitätsinstanz auftauchte. »war gar kein Höchstes Wesen [. K Schmitt betrachtet die konstituierende Gewalt als einen »politischen Willen. einer immer gegenwärtigen transzendenten Quelle der Autorität jenseits des politischen Raumes. sie zu eliminieren) kann aus dieser Perspektive als ein Fortleben der konstituierenden Gewalt in der konstituierten betrachtet werden. so schreibt er. Auch die Macht der Räte (die als stabile zu konzipieren nichts hindert. sehr viel schwieriger ist es.ständigen Appell an die Gerechtigkeit< bezeichnete. . Schmitt kritisiert den liberalen Versuch. das sie von der Volks.

auch wenn er nicht baut. und behauptet dagegen die Souveränität der Verfassung oder der fundamentalen charte: Die für die Verfassungsrevision zuständigen Instanzen »werden infolge dieser Zuständigkeit nicht etwa souverän [. Nur eine völlig neue Konjugation von Möglichkeit und Wirklichkeit. als die ontologischen Kategorien der Modalität in ihrer Gesamtheit neu zu denken.). daß die konstituierende Gewalt zum einen weder aus der konstituierten Ordnung emaniert noch sich auf ihre Einsetzung beschränkt und zum anderen freie Praxis sein soll.. und die ungelöste Dialektik von konstituierender und konstituierter Gewalt macht einer neuen Form der Beziehung zwischen Potenz und Akt Platz. aber der Umstand. die zeigt. von Zufall und Notwendigkeit und der anderen pathe t& Cantos. 107f. das die konstituierende Gewalt von der souveränen Macht zu scheiden erlaubte.« (Negri. dann kommen diese Merkmale tatsächlich auch der Souveränität zu. S. daß der schöpferische Akt in der Schöpfung nicht seine Eigenheit verliert. wird den Knoten zu zerschneiden vermögen. Schelling. Was er im Buch Theta der Metaphysik zu denken versucht. ja sogar jenseits von ihr zu denken. und nur wenn es gelingt. S.]. Gegen die Megariker. ein politischer Begriff im engeren Sinn zu sein. wenn man so will. Sie ist es deshalb nicht. doch die Symmetrie dieser Überschreitung zeugt auch von einer bis zur Deckungsgleichheit reichenden Nähe. was nicht weniger erfordert. Bei Aristoteles geht einerseits die Potenz dem Akt voraus und bedingt ihn. eine konstituierende Gewalt zu denken. die sich den Aporien der Souveränität entziehen könnte. die (wie heute diejenigen Politiker. Deswegen . Konstituierende Gewalt und souveräne Macht überschreiten unter diesem Blickwinkel beide die Ebene der Rechtsnorm (sogar diejenige der fundamentalen Norm). und der Baumeister seine Fähigkeit zu bauen. die punktuelle Bestimmung. und das unvermeidliche Ergebnis ist dann die Produktion »apokrypher Souveränitätsakte« (Schmitt 4. bleibt eine politische Theorie. ist und bleibt jegliche Bestimmung frei. die Politik wird wieder in ihren ontologische Rang gehoben). Sie werden ebensowenig Subjekt oder Träger der verfassunggebenden Gewalt«. Die Beziehung zwischen konstituierender Gewalt und konstituierter Gewalt ist ebenso komplex wie jene. undenkbar. befleißigt sich Aristoteles jedesmal. wie man die Existenz und die Autonomie der Potenz denkt. Nietzsche und Heidegger in diese Richtung unternommen haben) die auf dem Primat des Akts und seiner Beziehung zur Potenz gegründete Ontologie ersetzt hat. sondern auch nicht die Institution der konstituierten Gewalt: Sie ist der Akt der Wahl. die vom souveränen Bann gänzlich losgelöst ist. sagt noch nichts über ihre Verschiedenheit von der souveränen Macht aus. die (auf welche Weise auch immer) ihr von der Idee der Souveränität her zugeschrieben werden kann. wird sie erst in ihrer Radikalität gedacht. Die Souveränität dagegen tritt als Festlegung der konstituierenden Gewalt auf. in Freiheit erneuert und in der Fortführung einer freien Praxis organisiert«) sich auf keinerlei Form der konstituierten Ordnung reduzieren läßt. »ist nicht diejenige. Solange nicht eine neue und kohärente Ontologie der Potenz (jenseits der Schritte. die Beziehung von Potenz und Akt anders zu denken. daß der Kitharaspieler seine Fähigkeit zu spielen behält.3.benen Gesetzen erfassen und umgrenzen zu können«.m u ß die . weil sie sich nicht jedesmal unmittelbar in der Handlung verflüchtigt. S. 3 I) Das Problem der Unterscheidung von konstituierender Gewalt und souveräner Macht ist sicher wesentlich. die Autonomie der Potenz hervorzuheben. 3. Wenn unsere Analyse der ursprünglichen Struktur der Souveränität als Bann und Verlassenheit [bando e abbandono] zutrifft. zugleich bestreitet er. Auf diese Weise verschiebt sich das Problem von der politischen Philosophie zur Prima Philosophia (oder. so schreibt er. und letztendlich hängt sie (wie vielleicht jedes echte Verständnis des Souveränitätsproblems) davon ab. sondern einen eigenen Bestand hat . 38 3). auch wenn er nicht spielt. und sich zwangsläufig als eine Kategorie der Ontologie heraus- stellt. die Spinoza. daß die konstituierende Gewalt (definiert als »Praxis eines konstitutiven Akts. daß sie auf das Souveränitätsprinzip zurückzuführen ist. so die für ihn evidente Tatsache. Wenn die konstituierende Gewalt den konstituierenden Prozeß in Gang setzt. folglich als ihr Ende. die Potenz existiere nur im Akt (energ& mhon dynasthai). den Souveränität und konstituierende Gewalt aneinander bindet. .das heißt. deren Träger die konstituierende Gewalt ist. welche die ganze konstituierende Gewalt auf die konstituierte Gewalt reduzieren wollen) behaupten. ist mit anderen Worten nicht die Potenz als reine logische Möglichkeit. und Negri kann nirgendwo in seiner breitangelegten Analyse der historischen Phänomenologie der konstituierenden Gewalt das Kriterium finden. zwischen L&ZLZ~~S und enérgeia herstellt. weil sie nicht nur (ganz offensichtlich) keine Emanation der konstituierten Gewalt ist. sondern es sind die effektiven Modi ihrer Existenz. als Erschöpfung der Freiheit. Toni Negri hat in einem jüngeren Buch zu zeigen versucht. das radikale Dispositiv von etwas. aufhört. wird es auch möglich sein. wie die konstituierende Gewalt. die Aristoteles zwischen Potenz und Akt. andererseits scheint sie ihm aber wesentlich untergeordnet zu bleiben. die einen Horizont eröffnet. das noch nicht existiert und dessen Existenzbedingungen dafür sorgen. . Das Interesse von Negris Buch gilt aber eher der zum Schluß eröffneten Perspektive. Das Problem der konstituierenden Gewalt wird somit zum Problem der »Konstitution der Potenz« (ebd. »Die Wahrheit der konstituierenden Gewalt«.

nicht zu sein (seine adynamia). eines Widerspruchs im Denken des Philosophen. adynamia. beschreibt er den übergang zum Akt (anhand der tt+chnai und der menschlichen Fertigkeiten. 3of. sondern weil Potenz und Akt nur die beiden Aspekte des Prozesses der souveränen Selbstbegründung des Seins sind. Die Souveränität ist immer doppelt. 57 . In einem Abschnitt von De anima. Aber wie ist in dieser Perspektive der Übergang zum Akt zu denken? Wenn jede Potenz zu (sein oder tun) ursprünglich auch Potenz nicht zu (sein oder tun) ist. ihn nicht zu verwirklichen. die existiert. mit Entschiedenheit in einer lapidaren Formel: »Jedes Vermögen [potenza] ist auch ein Unvermögen [impotenza] desselben und in bezug auf dasselbe« (to& autou kai kat2 th ah pha djnamis adynamia. Das Vermögende kann erst dann zum Akt übergehen. daß er die eigene Potenz. dasselbe ist also vermögend zu sein und nicht zu sein« (th dynatbn endechetai kai einai kai mi etnai. so geschieht das nicht aufgrund einer Unentschiedenheit oder. was nicht unmöglich ist). was die gewöhnliche Lesart meint: »es wird nichts Unmögliches geben« (das heißt: möglich ist das. nennt sie »vollkommene Potenz« und führt als Beispiel die Figur eines Schreibers an. wird ein Betrachtendes im Akt. 1047 a. Und souverän ist jener Akt. weil das Sein sich selbst aufhebt. nie klar wird. wenn es die Potenz. das heißt ohne daß ihm etwas vorausgeht oder es bestimmt (superiorem non recognoscens). unter der sich die Potenz. sie muß konstitutiv auch Potenz nicht zu (tun oder sein) sein oder. hat Aristoteles in Wirklichkeit der abendländischen Philosophie das Paradigma der Souveränität gestiftet. Die Potenz. Iojob. die eine der scharfsinnigsten Leistungen seines philosophischen Genies darstellt und als solche auch oft mißverstanden worden ist: *Vermögend ist das. denn das. kann sowohl sein als auch nicht sein. durch das.). wovon man sagt. Rettung] dessen. wo Aristoteles das Wesen der vollkom- menen Potenz auch am vollkommensten ausdrückt. wie Aristoteles sagt. die Potenz wendet sich auf sich selbst zurück. ablegt. Denn der Struktur der Potenz. Aristoteles äußert dieses Prinzip. außer das eigene Nicht-sein-Können. sondern im Gegenteil ihre Erfüllung. Oder sogar noch deutlicher: »Was vermögend [potente] ist. schlimmer noch. indem er sich abwendet. der sich einfach dadurch verwirklicht.]. Dieses Ablegen der Impotenz bedeutet nicht ihre Zerstörung. nicht zu sein. ob der Primat nun tatsächlich dem Akt oder nicht doch der Potenz zukommt.« (Met. in der anderen ist es eher die Bewahrung [s&?ria. eintritt. das in gewisser Weise die Angel ist. 4r7b. was im Akt ist und sich ebenso verhält [. der sich auf die Ausnahme anwendet. der das Buch Theta der Metaphysik mit einem von den Vorurteilen der Tradition befreiten Blick liest. 2-16) Während er das authentische Wesen der Potenz beschrieb. sondern in der einen Bedeutung ist es der Untergang durch das Entgegengesetzte. entspricht jene des souveränen Banns. Met. was in Potenz ist. mit dem Akt in Beziehung bleibt.26) Die letzten drei Worte der Definition (oudbz btai adýnaton) bedeuten nicht das. sich sich selbst hingibt. sie vermag die eigene Impotenz souverän. die auch im Zentrum des Buchs Theta der Metaphysik stehen) nicht als Veränderung oder Zerstörung der Potenz im Akt. für das nichts Unvermögendes eintreten wird. um die sich die ganze dynamisTheorie dreht. sich sein läßt. um sich sich selbst zu geben. die nicht zum Akt übergehen kann (Avicenna. wegnimmt. 24. was entweder keine Veränderung ist (da es ja eine Gabe an sich selbst und an den Akt ist (oder eine andere Gattung von Veränderung. sondern als eine Selbstbewahrung der Potenz und »Gabe ihrer selbst an sich selbst«: »Auch das Erleiden ist nicht von einfacher Bedeutung. Die Potenz (in ihrem doppelten Aspekt von Potenz zu und Potenz nicht zu) ist die Weise. vielmehr bekräftigen sie die Bedingung. Sie erhält die Beziehung mit dem Akt in Form ihrer Aufhebung aufrecht.« (De an. die genau über ihr Nicht-sein-Können. I O ) . der momentan nicht schreibt). wie wird dann die Verwirklichung eines Akts möglich sein? Aristoteles’ Antwort ist in einer Definition enthalten. sie vermag [puO] den Akt. indem es als Potenz mit sich selbst in der Beziehung des Banns [bando] (oder der Verlassenheit [abbandono]) verbunden bleibt. Daher rührt die konstitutive Ambivalenz der aristotelischen Theorie der dynamis/energeia: Wenn einem Leser. Io&a. wenn die Verwirklichung dessen. auf die sich das Sein souverän gründet. . die ebenso sein wie nicht sein kann. Met. ist genau diejenige. indem sie vermag. verwirklichen kann. der darin der Absicht von Aristoteles treu ist. was die Wissenschaft [in Potenz] besitzt. .Potenz auch nicht zum Akt übergehen können. daß es über Vermögen verfüge.

Beim späten Nietzsche steht die Ewige Wiederkunft des Gleichen für die Unmöglichkeit. Deswegen ist es so schwierig. dessen Denkakt nur im Denken der eigenen Potenz zu denken besteht. so wie der Amor fati für die Unmöglichkeit. der mit seinem »ich möchte lieber nicht<c4 jeder Entscheidungsmöglichkeit zwischen Potenz z u und Potenz nicht zu widersteht. vorausgeht. und der Akt nicht mehr als Erfüllung und Manifestation der Potenz. und eine konstituierende Gewalt.: »Es handelt sich um einen eigentlichen Mythos. sie zur Umsetzung in die Tat zu zwingen). die ihn bedingen. dal3 der souveräne Staat sich auf einer »Ideologie der Gewalt« gründet. zwischen Potenz und Akt. Es genügt nämlich nicht. eine »Konstitution der Potenz« zu denken. doch gerade das ist es. nicht einmal in der extremen Form des Banns oder der Potenz. dessen Geheimnisse wir bis heute noch nicht durchdrungen haben. etwa »Negativität ohne Verwendung« oder »ohne Anstellung«. zwischen Kontingenz und Notwendigkeit zu unterscheiden. der sie an die konstituierte Gewalt bindet. Agamben übersetzt »negatività senza impiego«. das keinerlei Potenz voraussetzt und nie per transitum de potentia ad actum existiert. j>in denen das Sein gesagt wird«). Daß diese Ideologie in Wahrheit einen mythologischen Charakter hat. Müßiggang«. dem Schreiber. der kein Werk hervorbringt. 4 Im amerikanischen Original: »I would prefer not to. das Prinzip der Gewalt und die Form ihrer Ausübung. Die reine Potenz und der reine Akt sind letztlich nicht auseinanderzuhalten. daß die konstituierende Gewalt sich nie in der konstituierten Gewalt erschöpft. und genau diese Zone der Ununterscheidbarkeit ist der Souverän (in Aristoteles’ Metaphysik entspricht das dem »Denken des Denkens«. S. ohne je zum Akt überzugehen (der Provokateur ist genau derjenige. daß die Auflösung des Banns wie jene des gordischen Knotens nicht so sehr der Lösung einer logischen oder mathematischen Aufgabe gleicht. die schwierig zu übersetzende französische Originalwendung steht hier auch in Entsprechung zum nachfolgenden >>d&ceuvrement*. sagt der Verfasser selbst. das heißt einem Denken. Diese Figuren treiben die Aporie der Souveränität an die Grenze. »Untätigkeit. Der stärkste Einwand gegen das Prinzip der Souveränität steckt in Herman Melvilles Bartleby. daß jeder Definition der Souveränität ein Gewaltprinzip [principio di potenza] inhärent ist. So in der französischen Quelle. zwei Modi. 1074 b. Es gibt im modernen Denken wenige. dafür bedeutsame Versuche. die völlig losgelöst wäre vom Souveränitätsprinzip. selbst jenseits jener Grenzbeziehung. Ebenso scheint in Heideggers Verlassenheit [abbandono] und im Ereignis’ das Sein aller Souveränität ledig zu sein. die wir mit der Bann-Beziehung als Beziehung der Verlassenheit [abbandono] und der »Potenz nicht zu« ans Licht bringen wollten. endgültig gebrochen hätte.« Es ist die Struktur dieses Arkanums. doch gelingt es ihnen dennoch nicht. sich vollends aus ihrem Bann zu lösen. wozu heute viele um keinen Preis bereit sind. die der souveräne Bann ist. In diesem Sinn hat Gerard Mairet dargelegt. in der die »Potenz nicht ZU« nicht mehr unter die Struktur des souveränen Banns fällt. »die zwei Elemente einer jeden Macht. das Sein jenseits des Souveränitätsprinzips zu denken. nicht einmal in Form der Gabe seiner Selbst und des Seinlassens. sie besteht darin. hat in der négativité sans emploi2 und im d&euvrement3 eine Grenzdimension erreicht. als die Ontologie und die Politik jenseits aller Figuren der Beziehung zu denken.um sich dann als absoluter Akt zu verwirklichen (der mithin nichts weiter voraussetzt als die eigene Potenz). auf eine Einheit zurückzuführen« (Mairet. Der zentrale Gedanke ist hier der. ist weniger ein Mythologem als viel- mehr die ontologische Wurzel jeglicher politischen Macht (Potenz und Akt sind für Aristoteles vor allem Kategorien der Ontologie. Im Original deutsch. K Es ist bereits bemerkt worden. Georges Bataille. auch die souveräne Macht kann als solche in der Unbestimmtheit verharren. Met. daß die Gewalt schon vor ihrer Ausübung existiert und daß der Gehorsam den Institutionen. der gleichwohl ein Denker der Souveränität bleibt. auch im Sinn von »Werklosigkeit« als Modus des Seins.« I 2 . der versucht. 3 Französisch im Original. Sie zeigen. sondern vielmehr der eines Rätsels. Das aber würde nicht weniger bedeuten. So denkt Schelling in seiner Philosophie der Offenbarung ein absolut Seiendes. die den Bann. 75). I 5 34). Statt dessen müßte die Existenz der Potenz ohne jede Beziehung zum ImAkt-Sein gedacht werden. Doch was uns hier entgegentritt. Hier zeigt die metaphysische Aporie ihr politisches Wesen. der aber womöglich das Geheimnis jeder Macht birgt.

4. Rechtsform

4.1. In der Legende Vor dem Gesetz hat Franz Kafka die Struktur des souveränen Banns in einem beispielhaften Abriß dargestellt. Nichts - und bestimmt nicht das Verbot des Türhüters - hindert den Mann vom Lande daran, durch die Tür des Gesetzes einzutreten, außer dem Umstand, daß diese Türe schon immer offensteht und das Gesetz nichts vorschreibt. Auf diesen Punkt haben zwei jüngere Interpretationen der Legende von Jacques Derrida und von Massimo Cacciari, wenn auch in unterschiedlicher Weise, nachdrücklich hingewiesen. Das Gesetz »hütet sich, ohne sich zu hüten, gehütet von einem Türhüter, der nichts hütet, die offenbleibende Tür öffnet sich auf nichts« (Derrida 1, S. 3 56). Und Cacciari unterstreicht noch entschiedener, daß die Macht des Gesetzes’ genau in der Unmöglichkeit liegt, in das bereits Offene einzutreten, an den Ort zu gelangen, an dem man bereits ist: »Wie können wir zu >öffnen< hoffen, wenn die Tür schon offensteht? Wie können wir hoffen, ins Offene einzutreten? Das Offene ist der Ort, wo man ist, wo die Dinge gegeben sind, man kann da nicht eintreten [. . .] Wir können nur dort eintreten, wo wir öffnen können. Das Schon-Offene macht unbeweglich [. . .]. Der M ann vom Lande kann deshalb nicht eintreten, weil es ontologisch unmöglich ist, ins schon Offene einzutreten.« (Cacciari, S. 69) Aus dieser Perspektive betrachtet offenbart Kafkas Legende die reine Form des Gesetzes, in der es sich gerade an dem Punkt am stärksten erweist, wo es nichts mehr vorschreibt, das heißt reiner Bann ist. Der Mann vom Lande ist der Potenz des Gesetzes ausgeliefert, weil es nichts von ihm fordert, ihm nichts anderes auferlegt als das eigene Offensein. Nach dem Schema der souveränen Ausnahme wendet sich das Gesetz auf ihn an, indem es sich abwendet, es hält ihn in seinem Bann, indem es ihn, außerhalb seiner selbst, verläßt [abbandonandolo]. Die offene Tür, die nur für ihn bestimmt ist, schließt ihn ein, indem sie ihn ausschließt, und schließt ihn aus, indem sie ihn einschließt. Und
I Mit Majuskel (»Legge«). 60

dies ist genau die Spitze und die Wurzel jedes Gesetzes. Wenn der Geistliche im Prozeß das Wesen des Gerichts auf die Formel bringt: »Das Gericht will nichts von dir. Es nimmt dich auf, wenn du kommst, und es entläßt dich, wenn du gehst«, dann ist es die ursprüngliche Struktur des nomos, die er mit diesen Worten ausspricht.
tc In analoger Weise hält auch die Sprache den Menschen in ihrem Bann, weil er als Sprechender immer schon in sie eingetreten ist, ohne sich dessen bewußt werden zu können. Alles was man der Sprache vorausschickt (in Form von etwas Nichtsprachlichem, Unaussprechlichem etc.), ist nichts weiter als etwas von der Sprache Vorausgesetztes, das mit der Sprache gerade dadurch die Beziehung aufrechterhält, daß es daraus

ausgeschlossen wird. Stephane Mallarme hat diese selbstvoraussetzende
Natur der Sprache mit einer hegelianischen Formel ausgedrückt, wenn er schreibt, daß »das Wort’ ein Prinzip ist, das sich durch die Negation jeglichen Prinzips vollzieht «. Als reine Form der Beziehung setzt die Sprache (wie der souveräne Bann) immer schon sich selbst in der Figur von etwas Beziehungslosem voraus, und es ist nicht möglich, mit etwas in Beziehung zu treten, noch aus etwas auszutreten, das zur Form selbst der Beziehung gehört. Das bedeutet nicht, daß dem sprechenden Menschen das Nichtsprachliche verschlossen bliebe, er vermag es nur nie in Form einer nichtbezogenen oder unaussprechlichen Voraussetzung zu erreichen, sondern vielmehr nur in der Sprache selbst (Benjamin zufolge kann nur die »kristallreine Elimination des Unsagbaren in der Sprache« »auf das dem Wort versagte« hinführen [Benjamin 2, S. 127]).

4.2. Doch erschöpft diese Interpretation die Kafkasche Intention wirklich? In einem Brief an Benjamin vom 20. September 1934 definiert Gershom Scholem die in Kafkas Prozeß beschriebene Beziehung mit dem Gesetz als »Nichts der Offenbarung«; unter diesem Ausdruck versteht er »einen Stand, [. . .] in dem sie zwar noch sich behauptet, indem sie gilt, aber nicht bedeutet. Wo der Reichtum der Bedeutung wegfällt und das Erscheinende, wie auf einen Nullpunkt eigenen Gehalts reduziert, dennoch nicht verschwindet (und die Offenbarung ist etwas Erscheinendes), da tritt sein Nichts hervor.« (Benjamin und Scholem, S. 175) Ein Gesetz unter solchen Bedingungen ist Scholem zufolge nicht einfach abwesend, vielmehr erscheint es in Form seiner »Unvollziehbarkeit«. »Nicht so sehr Schüler, denen die Schrift abhanden gekommen ist«, hält er seinem Freund
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Im französischen Original »Verbe«.

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entgegen, »als Schüler, die sie nicht enträtseln können, sind jene Studenten, von denen Du am Ende sprichst.« (Ebd., S. I 58) Geltung ohne Bedeutung:* Es gibt keine bessere Definition des Banns, mit dem unsere Zeit nicht zu Rande kommt, als diese Formel, mit der Scholem den Status des Gesetzes in Kafkas Roman erfaßt. Welches ist denn die Struktur des souveränen Banns, wenn nicht die eines Gesetzes, das gilt, aber nicht bedeutet? Überall auf der Erde leben die Menschen heute im Bann eines Gesetzes und einer Tradition, die sich einzig als »Nullpunkt« ihres Gehalts erhalten und die die Menschen in eine reine Beziehung der Verlassenheit [abbandono] einschließen. Alle Gesellschaften und alle Kulturen (gleichviel ob demokratisch oder totalitär, konservativ oder progressiv) sind heute in eine Krise der Legitimität geraten, in der das Gesetz (damit ist hier der ganze Text der Tradition unter seinem regulativen Aspekt gemeint, sei das nun die jüdische Thora oder die islamische Scharia, das christliche Dogma oder der profane nomos) als reines »Nichts der Offenbarung« gilt. Doch das ist gerade die ursprüngliche Struktur der souveränen Beziehung, und in dieser Perspektive ist der Nihilismus, in dem wir leben, nichts anderes als das Auftauchen dieser Beziehung als solcher.
4.3. Die reine Form des Gesetzes als »Geltung ohne Bedeu-

tung<< erscheint in der Moderne das erste Mal bei Immanuel Kant. Was er in der Kritik der praktischen Vernunft »bloße Form des Gesetzes« nennt (Kant I, S. I 38), ist in der Tat ein auf den Nullpunkt seines Gehalts reduziertes Gesetz, das gleichwohl als solches gilt. »Nun bleibt von einem Gesetze«, so Kant, »wenn man alle Materie, d. i. jeden Gegenstand des Willens (als Bestimmungsgrund) davon absondert, nichts übrig, als die bloße Form einer allgemeinen Gesetzgebung.« (Ebd., S. 13 5 f.). Ein reiner Wille, der also nur mittels einer solchen Form des Gesetzes bestimmt, ist »weder frei noch unfrei« (Kant 2, S. 3 32), genau wie derjenige von Kafkas Mann vom Lande. Die Grenze, aber zugleich auch der Reichtum der Kantschen Ethik liegt gerade darin, die Form des Gesetzes als leeres Prinzip gelten zu lassen, Dieser Geltung ohne Bedeutung in der Sphäre der Ethik entspricht in der Sphäre der Erkenntnis das transzenI Im Original deutsch beigefügt.
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dentale Objekt. Das transzendentale Objekt ist nämlich kein reales Objekt, sondern »bloß eine Vorstellung der Verhältnisse«, die nur das Im-Verhältnis-Sein des Denkens zu einem absolut unbestimmten Gedanken ausdrückt (Kant 3, S. 671). Aber was ist eine solche »Gesetzesform«? Und wie vor allem soll man sich ihr gegenüber verhalten, wenn doch der Wille hier von keinem besonderen Gehalt bestimmt ist? Welches ist mithin die der Gesetzesform entsprechende Lebensform? Wird dergestalt das moralische Gesetz nicht zu einem »unerforschlichen Vermögen« (Kant 1, S. 162) ? »Achtung« nennt Kant die Verfassung dessen, der unter einem Gesetz zu leben hat, das gilt, ohne zu bedeuten, das heißt, ohne ein bestimmtes Ziel vorzuschreiben oder zu verbieten: »Die Triebfeder, welche der Mensch vorher haben kann, ehe ihm ein Ziel (Zweck) vorgesteckt wird, kann doch offenbar nichts anderes sein als das Gesetz selbst, durch die Achtung, die es (unbestimmt, welche Zwecke man haben und durch dessen Befolgung erreichen mag) einflößt. Denn das Gesetz in Ansehung des Formalen der Willkür ist ja das einzige, was übrig bleibt, wann ich die Materie der Willkür [. . .] aus dem Spiel gelassen habe.« (Kant 4, S. I 1) Es ist erstaunlich, wie Kant damit fast zwei Jahrhunderte im voraus und unter dem Titel eines erhabenen »moralischen Gefühls« (Kant I, S. 195) eine Verfassung beschrieben hat, die vom Ersten Weltkrieg an in der Massengesellschaft und in den großen totalitären Staaten vertraut sein wird. Denn das Leben unter einem Gesetz, das gilt, ohne zu bedeuten, gleicht dem Leben im Ausnahmezustand, in dem die unschuldigste Geste und die kleinste Vergeßlichkeit die extremsten Konsequenzen haben können. Und es ist genau ein Leben dieser Art, wie es Kafka beschreibt, in dem das Gesetz um so durchdringender ist, je mehr es ihm an jeglichem Gehalt mangelt, und ein zerstreutes Klopfen an ein Tor unkontrollierbare Prozesse in Gang setzen kann. So wie für Kant der rein formale Charakter des moralischen Gesetzes den allgemeinen Anspruch begründet, so gilt im Kafkaschen Dorf die leere Potenz des Gesetzes dermaßen, daß sie vom Leben ununterscheidbar wird. Die Existenz und selbst der Körper von Josef K. fallen am Ende mit dem Prozeß zusammen, sie sind der Prozeß. Das erkennt Benjamin klar, wenn er gegen Scholems Vorstellung einer Geltung ohne Bedeutung einwendet, daß ein Gesetz, das seinen Gehalt verloren habe, als solches zu existie63

ren aufhöre und sich nicht mehr vom Leben unterscheide: »Ob sie [die Schrift] den Schülern abhanden gekommen ist oder ob sie sie nicht enträtseln können, kommt darum auf das gleiche hinaus, weil die Schrift ohne den zu ihr gehörigen Schlüssel eben nicht Schrift ist sondern Leben. Leben wie es im Dorf am Schloßberg geführt wird.« (Benjamin und Scholem, S. 167) Um so entschlossener entgegnet wiederum Scholem (der nicht merkt, daß sein Freund den Unterschied sehr genau erfaßt hat), er könne die »Meinung, daß es eines sei, ob die ,Schrift< den Schülern abhanden gekommen ist oder ob sie sie nicht enträtseln können, [. . .] gar nicht teilen« und sehe »darin mit den größten Irrtum, der Dir begegnen konnte. Eben die Differenz dieser beiden Stände ist es, die ich mit meiner Äußerung vom Nichts der Offenbarung treffen will.« (Ebd., S. 175) Wenn unseren vorangehenden Analysen zufolge der wesentliche Zug des Ausnahmezustandes in der Unmöglichkeit liegt, das Gesetz vom Leben zu unterscheiden - das heißt. in dem Leben, wie es im Dorf am Schloßberg geführt wird -, dann stehen sich hier zwei verschiedene Interpretationen dieses Zustandes gegenüber: auf der einen Seite diejenige Scholems, die darin eine Geltung ohne Bedeutung sieht, eine Erhaltung der reinen Form des Gesetzes jenseits seines Gehaltes; auf der anderen Seite Benjamins Sichtweise, für die der zur Regel gewordene Ausnahmezustand anzeigt, daß das Gesetz dabei ist, sich aufzuzehren und mit dem Leben, das es regulieren sollte, zu verschwimmen. Einem unvollkommenen Nihilismus, der das Nichts in Form einer Geltung ohne Bedeutung unbestimmt bestehen läßt, steht Benjamins messianischer Nihilismus gegenüber, der auch das Nichts für nichtig erklärt und die Form des Gesetzes jenseits ihres Gehaltes nicht gelten läßt. Wie auch immer es um die genaue Bedeutung dieser beiden Auffassungen und ihr Zutreffen auf die Interpretation von Kafkas Text stehen mag, sicher ist, daß heute jede Forschung über das Verhältnis zwischen Leben und Recht auf sie zurückkommen und sich mit ihnen auseinandersetzen muß.
K Die Erfahrung der Geltung ohne Bedeutung liegt einer nicht unerheblichen Strömung des zeitgenössischen Denkens zugrunde. Das Verdienst der Dekonstruktion besteht heute nämlich genau darin, daß sie den ganzen Text der Tradition als Geltung ohne Bedeutung auffaßt, die im wesentlichen auf der Unentscheidbarkeit beruht, und auch gezeigt hat,

daß eine solche Geltung, wie die Tür des Gesetzes in Kafkas Parabel, absolut unüberwindbar ist. Doch gerade über den Sinn dieser Geltung (und den Ausnahmezustand, den sie eröffnet) gehen die Meinungen auseinander. Unsere Zeit steht in der Tat vor der Sprache wie in der Parabel der Mann vom Lande vor der Tür des Gesetzes.’ Das Denken riskiert hier, sich zu unendlichen und unlösbaren Verhandlungen mit dem Türhüter verdammt zu sehen oder, schlimmer noch, zuletzt selbst den Posten des Türhüters einzunehmen, der, ohne das Eintreten wirklich zu verhindern, das Nichts bewacht, auf das sich die Tür öffnet. Die Mahnung des Evangeliums, die Origenes in bezug auf die Auslegung der Schrift zitiert, lautet: ,Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, [. . .] die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein, und die hinein wollen, laßt ihr nicht hineingehen.« Sie müßte wie folgt reformuliert werden: »Wehe euch, die ihr nicht in die Tür des Gesetzes eintreten wolltet und auch nicht erlaubtet, daß sie geschlossen würde.« 4.4. Aus dieser Perspektive muß sowohl die eigenartige »Um-

kehr« gelesen werden, die Benjamin in seinem Kafka-Essay der Geltung ohne Bedeutung entgegensetzt, wie auch die rätselhafte Anspielung auf einen »wirklichen« Ausnahmezustand in der achten These über den Begriff der Geschichte. Einer Thora, zu welcher der Schlüssel verlorengegangen ist und die deshalb vom Leben ununterscheidbar zu werden droht, läßt Benjamin ein Leben entsprechen, das sich vollständig in Schrift auflöst: »In dem Versuch der Verwandlung des Lebens in Schrift sehe ich den Sinn der >Umkehr<, auf welche zahlreiche Gleichnisse Kafkas [. . .] hindrängen.« (Benjamin und Scholem, S. 167) In einer analogen Bewegung setzt die achte These dem Ausnahmezustand, in dem wir leben, einen »wirklichen«2 Ausnahmezustand entgegen, den herbeizuführen uns auferlegt sei: »Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der >Ausnahmezustand<, in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff von Geschichte kommen, der dem entspricht. Dann wird uns als unsere Aufgabe die Herbeiführung des wirklichen Ausnahmezustandes vor Augen stehen.« (Benjamin 3, S. 697) Wir haben gesehen, inwiefern das Gesetz, das reine Gesetzesform, schiere Geltung ohne Bedeutung geworden ist, mit dem Leben zusammenzufallen droht. Doch insofern das Gesetz im virtuellen Ausnahmezustand sich noch als bloße Form erhält,
I Mit Majuskel (“Legge«). 2 Im Original deutsch beigefügt.

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daß die Tür des Gesetzes (die schließlich »nur für ihn« offengestanden hat) geschlossen wird -wenn vielleicht auch um den Preis des Lebens (doch die Geschichte sagt nicht. welche die Bann-Beziehung unterschied und zusammenhielt (das nackte Leben und die Gesetzesform).« Wenn es wahr ist. die einen nicht eintreten läßt. denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Wenn man jene Strategie. Wer immer diese Gestalt auch sei (es könnte sich um den Propheten Elia handeln). an dem sie sich selbst überwindet und als Gesetz in Frage stellt (daher die messianischen Aporien des Gesetzes. das schon im Zustand der unbestimmten Aufhebung ist. Die Interpreten scheinen nämlich die Worte zu vergessen. die ein Torwächter sein könnte. und einer Tür. Kurt Weinberg hat in seiner Interpretation vorgeschlagen. wenn man nicht vergißt. der sich wie der Mann vom Lande vor einem Gesetz im Zustand der Geltung ohne Bedeutung befindet? Er kann gewiß nicht ein Gesetz erfüllen. im schüchternen. welche die Potenz des Gesetzes dazu zwingt. Vor dem Messias steht aufrecht ein Junge einen Schritt vor dem Tor und zeigt darauf.5. wo doch das Tor weit offensteht. seine spezifische »Kraft<< bildet. und daß 66 seine Ankunft. mit denen die Geschichte endet: »Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten. Jahrhunderts mit Haggadoth über »Den der kommt« zeigt die Ankunft des Messias in Jerusalem. daß die meisten Interpreten die Legende letztendlich als Lehrfabel einer Niederlage lesen. Doch wenn das wahr ist. dann können wir uns auch vorstellen. es ist jedenfalls möglich. Ihre Aufgabe scheint darin zu bestehen. Eine Miniatur in einer Handschrift des I 5. einander auf und treten in eine neue Dimension ein. ohne zu bedeuten. eines nicht wiedergutzurnachenden Scheiterns des Mannes vom Lande vor der unmöglichen Aufgabe. aber umgekehrten Bewegung vollständig in Gesetz verwandelt. der zufolge die Erfüllung der Thora ihre Überschreitung ist). sie zum Vergleich neben Kafkas Mann vom Lande zu stellen. gerade das Offenstehen die unbezwingbare Macht des Gesetzes. daß das ganze Verhalten des Mannes vom Lande nichts anderes ist als eine komplizierte und geduldige Strategie. die unentzifferbar geworden ist und sich als Leben darbietet. Provokation nennt. antwortet die absolute Intelligibilität eines in Schrift aufgelösten Lebens. durch welche die großen monotheistischen Religionen versucht haben. sondern die Grenzvorstellung dieser Erfahrung. oder wie es im Dorf am Schloßberg geführt wird). Der Undurchdringbarkeit einer Schrift. den Türhüter zum Schließen der Tür des Gesetzes zu zwingen (das Tor von Jerusalem). das gilt. um die Geltung zu unterbrechen. jedoch ein Leben entgegen. wie wir gesehen haben. aber hartnäckigen Mann vom Lande eine »verhinderte« christliche »Messiasfigur« zu sehen (Weinberg. S. I 32). daß. mit dem Problem des Gesetzes fertig zu werden. Erst an diesem Punkt heben die beiden Glieder. von denen sowohl der Römerbrief des Paulus als auch die Sabbathianische Lehre zeugen. ob Kafkas Text nicht auch eine andere Leseweise erlaubt. 4. Im wirklichen Ausnahmezustand tritt dem Gesetz. die einem Gesetz. Denn der Messias wird erst eintreten können.läßt es vor sich das nackte Leben bestehen (das Leben von Josef K. angemessen ist. das sich im Unbestimmten des Leben verliert. Der Messias erscheint zu Pferd (in anderen Illustrationen ist das Reittier ein Esel) vor dem weit aufgesperrten Tor der Heiligen Stadt. den virtuellen Ausnahmezustand wirklich werden zu lassen. daß der Messias die Figur ist. ob er wirklich tot ist. dann ist diese eine paradoxe Form der Provokation. die einzige. Und am Ende gelingt dem Mann vom Lande sein Vorhaben ja tatsächlich. das sich in einer symmetrischen. im Judentum wie im Christentum oder im schiitischen Islam. Ich gehe jetzt und schließe ihn.eine paradoxe Aufgabe. die das Gesetz ihm auferlegte. Im Monotheismus ist der Messianismus mithin nicht einfach eine Kategorie der religiösen Erfahrung unter anderen. den Eintritt des Messias vorzubereiten und zu erleichtern . was soll dann ein Messias tun. Es ist bezeichnend. der in der Miniatur vor dem Tor steht) könnte genau darin bestehen. daß er »schon am Ende« ist). weil sie zu weit offensteht. er erreicht. es heißt lediglich. Der Vorschlag kann nur dann angenommen werden. die Erfüllung und die vollständige Aufzehrung des Gesetzes bedeutet. und noch weniger es einfach durch ein anderes ersetzen (die Erfüllung eines Gesetzes ist nicht ein neues Gesetz). sich in einen Akt umzusetzen. nachdem die Geltung ohne Bedeutung aufgehört 67 . die Schließung zu erreichen. Mit Recht kann man aber fragen. das heißt. hinter dem ein Fenster eine Gestalt zu sehen gibt. nachdem man das Tor geschlossen hat. Die messianische Aufgabe des Mannes vom Lande (und des Jungen. der Punkt.

ohne daß sich ein Weg darüber hinaus auftäte: »Verlassen [abandonner] bedeutet. N Eines der Paradoxe des Ausnahmezustandes besteht darin. das erreicht. .’ welche die Geltung ohne Bedeutung mit sich bringt. überschreitet das Gesetz nicht mehr als der Soldat. mit denen der Mensch wie das Pferd Bucephalus um jeden Preis fertig werden muß. vor diesem oder jenem Gerichtsherrn zu erscheinen. ihrer Einberufung und ihrem Urteil zu überlassen. absolut unter dem Gesetz zu erscheinen. was der Norm entspricht und das. Und wie die »Tore Indiens« in Der ueue Advokat kann auch die Tür des Gesetzes als Symbol jener mythischen Kräfte betrachtet werden. am strengsten gedacht hat. Die Beraubung des verlassenen Seins mißt sich an der grenzenlosen Strenge des Gesetzes.) I Mit Majuskel (»Lege«). Ganz «. . er wird erst einen Tag nach seiner Ankunft kommen. sich nicht zu ereignen« (»un événement qui arrive à ne pas arriver«. 4. Dem Absoluten des Gesetzes ausgeliefert. wenn er nicht mehr nötig sein wird. das nach den Kabbalisten der Messias wiederherstellen muß. d a ß gerade ihr Ausgang die Möglichkeit birgt. »ein Ereignis. so ist auch hier die schrecklichste Waffe der Sirenen nicht der Gesang. 69 . im Gegenteil. Vom politisch-juridischen Standpunkt aus betrachtet ist der Messianismus folglich eine Theorie des Ausnahmezustandes. enthält keine Vorschriften und Untersagungen. daß das alte Gesetz einfach durch ein neues ersetzt wird. Das ist der Sinn des rätselhaften Satzes in Kafkas Oktavheften: »Der Messias wird erst kommen. Das ist exakt die Situation. s. der ihre Macht subvertiert.] Die Verlassenheit kann nicht umhin. sondern lediglich eine ungeordnete Ansammlung von Briefen). daß tatsächlich etwas geschehen ist. wie Derrida schreibt. die Bedeutung völlig umzukehren. in ihm restlos zusammenfallen (wer während einer Ausgangssperre spazierengeht. die Geschichte berichtet. So wie das Gesetz in der Parabel unüberwindbar ist. Die Hartnäckigkeit des Mannes vom Lande weist Analo68 gien zu Odysseus’ List auf. Derrida 1. unter einer bestimmten Gesetzesdisposition zu laufen. In einem extrem dichten Text bestimmt er deren ontologische Struktur als Verlassenheit [abbandono] und versucht konsequenterweise nicht nur unsere Zeit. sondern die ganze abendländische Geschichte als »Epoche der Verlassenheit« zu denken. S. in Ausübung des Gesetzes. trifft. so daß das. daß die Erfüllung der Thora nun mit der Überschreitung zusammenfällt. sondern am allerletzten. bemerkt zu haben. anzuvertrauen oder auszuliefern. das ursprüngliche Gesetz. tötet). vor ihrem Schweigen gewiß nicht«). das heißt ihrer Ausrufung. Man verläßt stets in bezug auf ein Gesetz. Die von ihm beschriebene Struktur bleibt dennoch innerhalb der Gesetzesform.6. daß sich jemand vor ihrem Gesang gerettet hätte. Das ist es. weil es nichts vorschreibt. sondern das Schweigen (es »ist zwar nicht geschehen. das von der Erschaffung des Menschen bis in die Tage des Messias gilt). Hier ist vielmehr gemeint.] souveränen Macht zu überlassen. genauso wie der Mann vom Lande gegenüber dem Hüter des Gesetzes. was nicht zu geschehen scheint. das Gesetz zu achten. dem Gesetz als solchem und in seiner Totalität. Diese Erfüllung bedeutet jedoch nicht. ist der Verbannte außerhalb jeder Rechtssprechung gelassen. anzuvertrauen oder auszuliefern. mit dem Gesang der Sirenen fertig zu werden. Die erste Konsequenz dieser Ankunft ist die Erfüllung und Aufzehrung des Gesetzes (den Kabbalisten zufolge jenes Gesetzes der Thora von Beria. was die radikalen messianischen Bewegungen ohne Umschweife behaupten. K Eine besondere Eigenschaft der Kafkaschen Allegorien liegt darin. [. sondern der Messias. 3 59).heißt verbannt sein nicht. und die Verlassenheit wird als überlassensein [abbandono] an den souveränen Bann [Gando] gedacht. nur wird ihn eben nicht die geltende Autorität ausrufen. daß in ihm die Überschreitung des Gesetzes und seine Ausübung nicht unterschieden werden können.* (Nancy. 149f. . Es ist ein Zwang. der ihn gegebenenfalls. einer [. sondern unter dem Gesetz schlechthin. und ihnen seine Komödie *nur gewissermaßen als Schild entgegengehalten« zu haben. die in der jüdischen Tradition (und eigentlich in jeder genuinen messianischen Tradition) bei der Ankunft des Messias eintritt. aber einfach andere Vorschriften und andere Verbote enthält (die Thora von Azilut. und der geradezu übermenschliche Verstand von Odysseus besteht genau darin. was sie verletzt. dem es sich ausgesetzt findet. das dem vorangehenden homolog ist. Desgleichen . . und die messianischen A p o r i e n d e s M a n n e s v o m L a n d e d r ü c k e n g e n a u d i e Schwierigkeiten aus. daß die Sirenen schweigen. mit dem souveränen Bann fertig zu werden.« Der letzte Sinn der Legende ist nicht. der die Erfahrung des Gesetzes. das heißt des Gesetzes. ihrem Bann. auf die unsere Zeit beim Versuch. Die Verlassenheit ist nicht eine Vorladung. er wird nicht am letzten Tag kommen. aber vielleicht denkbar. wie diejenige von Sabbathai Zwi (dessen Motto lautete: »Die Erfüllung der Thora ist ihre Überschreitung*).haben wird.es ist die gleiche Sache . Jean-Luc Nancy ist der Philosoph.

bedeutet. entläßt. das zugleich das Ende des Staates und das Ende der Geschichte zu denken und das eine gegen das andere zu mobilisieren vermöchte. Eine reine Gesetzesform ist lediglich die leere Form der Beziehung.« (Ebd. kann nicht allein in der Erkenntnis der äußersten und unüberwindbaren Form des Gesetzes als Geltung ohne Bedeutung bestehen. Auf der Höhe der Aufgabe würde sich heute nur ein Denken bewegen. ist ebenso unmöglich zu denken wie die Auslöschung des Staates ohne Erfüllung seiner historischen Formen. die sich über das Erreichen des historischen Telos hinaus erhält. Dies alles ist nicht einfach >Verfall‹. ist nicht.115) Wenn das Sein in diesem Sinn nichts anderes als das Im-BannSein des Seienden [l’essere a bandono dell’ente] ist. Kojève liberal-kapitalistisch zu aktualisieren). S. Das Problem. wenn nicht ein Gesetz. eine staatliche Souveränität.der späte Heidegger mit der Idee eines Ereignisses als einer letzten Aneignung’ zu bewegen. daß etwas (das Sein) etwas anderes (das Seiende) gehen läßt. Jedes Denken. die ihrerseits einer unmöglich gewordene Staatsform zustreben (das geschieht in der Ex-Sowjetunion und in Ex-Jugoslawien). Die Beziehung der Verlassenheit muß nun neu gedacht werden. dann zeigt sich das Paradox der ontologischen Struktur der Souveränität hier unverhüllt. in der die leere Form der Souveränität fortbesteht. denn die leere Form des Staates neigt dazu.]. S. doch die leere Form der Beziehung ist kein Gesetz mehr. dieses ihm selbst sich überläßt und es so zum Gegenstand der Machenschaft werden läßt.? Eine Erfüllung der Geschichte. das I »Ereignis« im Original deutsch beigefügt. das Sein ist nichts anderes als der Bann des Seienden: »Was ist wovon verlassen? Das Seiende von dem ihm und nur ihm zugehörigen Seyn. Das Problem ist hier dasselbe wie dasjenige. . das politisch-sozialefactum nicht mehr in Form einer Beziehung zu denken. Dies erfordert aber nicht weniger als den Versuch. ohne zu bedeuten. ein Ausnahmezustand. Das heißt nicht. Die Souveränität ist nämlich genau dieses »Gesetz jenseits des Gesetzes. Und das Seyn wird selbst wesentlich als dieses Sichentziehende Verbergen bestimmt.. S. das Sein der Verlassenheit jenseits jeder Idee von Gesetz (auch in der leeren Form einer Geltung ohne Bedeutung) zu denken. besagt: das Seyn werbirgt sich in der Offenbarkeit des Seienden. daß jetzt jedes für sich selbst herumtreibt. das heißt die sich selbst voraussetzende Macht des nomos. der die Geschichte überlebt. I I 1) I Im Original deutsch und anschließend mit »abbandono dell’ente da parte dell’essere« (Verlassenheit des Seienden durch das Sein) übersetzt. wiederholt b l o ß die ontologische Struktur. das mit dieser Verlassenheit ansteht. innerhalb des Nihilismus zu verharren und nicht bis zur äußersten Erfahrung der Verlassenheit vorzustoßen. Was angeeignet wird. Deswegen muß man sich der Idee öffnen.. um auf die Heideggersche Ableitung der Aneignung vom Ereignis hinzuweisen 71 »Dann zeigt sich: daß das Sein das Seiende verläßt. als ob Seyn nicht weste. das heißt nicht weniger als das Problem der Einheit/Differenz von Sein und Seiendem im Zeitalter der Erfüllung der Metaphysik. wird die Verlassenheit auch wirklich als solche erfahren. Im Gegenteil: Das Sein ist hier nichts anderes als die Seinsverlassenheit und das Sich-selbstüberlassen-sein des Seienden. wo sie sich von jeder Idee des Gesetzes oder des Geschicks loslöst (die Kantsche Gesetzesform und die Geltung ohne Bedeutung einbegriffen). das nichts außer sich selbst vorschreibt.Was unsere Zeit dem Denken aufgibt. das gilt. Die Beziehung als Geltung ohne Bedeutung. das heißt als überlassensein an und Verlassensein von einem Gesetz. I I I) »Seinsverlassenheit: daß das Seyn das Seiende verläßt. Das Seiende erscheint dann so. daß die Beziehung der Verlassenheit gar keine Beziehung ist. dem wir überlassen sind«. 70 . daß das Zusammensein des Seins und des Seienden nicht die Form einer Beziehung hat. die wir mit der Geltung ohne Bedeutung umschrieben haben (das erklärt die derzeitigen Versuche. ist das Sein selbst. vielmehr bestehen sie nun miteinander ohne Beziehung. . das sich Heidegger in den Beiträgen z u r Philosophie unter der Rubrik der Seinsverlassenheit’ vornimmt. die wir als Paradox der Souveränität (oder als souveränen Bann) definiert haben. sondern ist die Geschichte des Seyns selbst [. zu lesen. werden wir aus dem Paradox der Souveränität hinaustreten in Richtung einer von jeglichem Bann losgelösten Politik. Nur dort. epochale Inhalte zu erzeugen. wenn es gelingt. das sich darauf beschränkt. In diese Richtung scheint sich auch .wiewohl in ungenügender Weise . es erscheint sich als Gegenstand und Vorhandenes. sondern eine Zone der Ununterscheidbarkeit zwischen Gesetz und Leben.« (Heidegger I.cc (Ebd. Was ist ein Staat. und nur. X Alexandre Kojèves Thesen vom Ende der Geschichte und der daraus folgenden Einrichtung eines homogenen Universalstaates bieten viele Analogien mit der epochalen Situation.

was man unter d&zuvrement versteht. die des Augenblicks«. zusammenfällt. . selbstbewußtem Weisen und dem voyou dthuvr6 (den Kojève abschätzig homo quenellensis genannt hat) setzt Bataille seinerseits die Figur der im Augenblick aufgezehrten Souveränität entgegen (»la seule innocence possible. daß mit dem Ereignis’ (wie mit Hegels Absolutem in der Lesart von Kojève) die »Seinsgeschichte zu Ende« ist (Heidegger 2. fortfahren würden.). . . und folglich findet die Beziehung zwischen Sein und Seiendem ihre »Absolution«. S. die Formen von ihren Inhalten zu trennen.heißt das Prinzip. die als Summe der individuellen Tätigkeiten begriffen wird) in einem transitus de potentia in actum erschöpft. Hier hängt alles davon ab. In der Vorbemerkung zur zweiten Auflage seiner Introduction a l a lecture de Hegel von 1947 nimmt Kojève Abstand von der in der ersten Auflage vorgebrachten These. in denen der Mensch sich sich selbst gibt: [. Das bedeutet. Deshalb kann Heidegger schreiben. obwohl sie die negierende Tätigkeit im engen Sinn aufgegeben hätten. celle de l’instant«3). 2 auf S. Es kann weder die einfache Absenz des Werks [opera/ceuvre] sein noch (wie bei Bataille) eine souveräne und untätige [senza im1 Im Original deutsch. wonach das Ende der Geschichte einfach mit dem Rückschreiten des Menschen zum Tier. Die einzige kohärente Auffassung von d&wvrement wäre die einer unbestimmten Existenz der Potenz. die sich nicht (wie die individuelle Tätigkeit oder die kollektive Handlung. 391). die ontologische Differenz nicht mehr als Beziehung. Das ist die Perspektive. nicht um letztere aktiv zu verändern. 2 »Untätiger Stro1ch. sondern um eine Art von »Snobismus im Reinzustand« zu pflegen (die Teezeremonien etc. . 72 piego]’ Form der Negativität. mit seinem Verschwinden als Mensch im eigentlichen Sinn zusammenfällt (das heißt als Subjekt der negierenden Tätigkeit). 44). Das Thema des dhwurement als Figur der Fülle des Menschen am Ende der Geschichte. In seiner Rezension der Romane von Raymond Queneau sieht er andererseits in den Personen von Dimanche de vie und besonders im voyou d&a?uvre 2 die Figur des zufriedenen Weisen am Ende der Geschichte verwirklicht (Kojève. ist von Blanchot und Nancy wiederaufgenommen worden. daß er im Ereignis »das Sein ohne Rücksicht auf das Seiende« zu denken versuche. siehe auch oben Anm. der Erotik. das zum ersten Mal in Kojèves Rezension von Queneau auftaucht. was nichts anderes meint als den Versuch. Sein und Seiendes jenseits jedes möglichen Verhältnisses zu denken. Auf einer Japan-Reise im Jahr 1959 hat er die Möglichkeit einer posthistorischen Kultur behauptet. in der die Debatte zwischen Bataille und Kojève betrachtet werden muß. I »Ohne Einsatz« oder Bohne Anstellung«. 59. letzterer hat es ins Zentrum seines Buches La Communaute dksczuvr6e gestellt. der Verausgabung«. in der die Menschen. das bisher das Seiende in seinen verschiedenen Epochen und historischen Gestalten bestimmt hat. Hier sind mehrere Szenarien möglich.] dem Lachen. Hegels zufriedenem. die mit den »Formen. dem Kampf. in der genau die Figur der Souveränität im Zeitalter der Erfüllung der Menschheitsgeschichte auf dem Spiel steht. S.« 3 »Die einzig mögliche Unschuld.

Sie steht zur souveränen Gewalt in derselben Beziehung wie in der achten These der wirkliche Ausnahmezustand zum virtuellen. 120-125). Auf jeden Fall bleibt die Verbindung zwischen Gewalt und Recht auch in ihrer Ununterscheidbarkeit erhalten. Die Gewalt. 202) Die Definition dieser dritten Figur. der nazistischen »Endlösung« annähert. sondern entsetzt. und setzt es. da sie die Zulässigkeit einer sonst unzulässigen Handlung behauptet. S. wird die Dialektik zwischen rechtsetzender und rechtserhaltender Gewalt nicht wirklich aufgebrochen. Denn Benjamin liefert kein positives Bestimmungskriterium und verneint sogar. und die souveräne Entscheidung erscheint sogar bloß als Medium. die Benjamin als göttliche bestimmt.Schwelle Die vorbehaltlose Bloßlegung der irreduziblen Verknüpfung von Gewalt [violenza] und Recht macht Benjamins Kritik der Gewalt zur . wo es nicht mehr möglich ist.* (Benjamin 1. da der Inhalt des neuen Rechts nur in der Bewahrung des alten besteht). indem sie es aufhebt.notwendigen Vorbedingung jeder Untersuchung über die Souveränität. der die Möglichkeit offenhält. daß sie das Recht weder setzt noch erhält.] Dies währt so lange. trotzdem ist der Souverän genau derjenige. . daß es auch nur möglich sei. Solange der Ausnahmezustand sich vom Normalfall unterscheidet. daß die souveräne Gewalt das Recht setzt. wie er sie vermischt. welche dieses zirkuläre Auf und Ab zwischen diesen beiden Formen der Gewalt sprengt: »Dessen Schwankungsgesetz beruht darauf. daß die souveräne Gewalt mit der göttlichen Gewalt verwechselt werden darf. in dem sich der übergang vom einen zum anderen vollzieht (in diesem Sinn kann man sagen. auf der Entsetzung des Rechts samt den Gewalten. die Benjamin die göttliche Gewalt nennt. Die Wurzel der Doppeldeutigkeit der göttlichen Gewalt muß vielleicht gerade in diesem Mangel gesucht werden. durch die Unterdrückung der feindlichen Gegengewalten indirekt selbst schwächt. setzenden und rechtserhaltenden Gewalt einnehmen wurden. in der Kritik nicht vor. [.und um so mehr zwischen Gewalt und Recht . ist das zentrale Problem jeder Interpretation des Essays. deren Dialektik der Essay zu definieren beabsichtigt. mit denen Derrida in seiner Interpretation des Essays vor ihr warnt. Derrida 2. Denn ganz offensichtlich wirkt die im Ausnahmezustand ausgeübte Gewalt weder rechtserhaltend noch einfach rechtsetzend. In Benjamins Analyse stellt sich diese Verknüpfung zunächst als ein »dialektisches Auf und Ab« zwischen rechtsetzender Gewalt und rechtserhaltender Gewalt [violenza] dar. zwischen Ausnahme und Regel zu unterscheiden. wenn man sie in Beziehung zum Ausnahmezustand setzt. indem er sie. indem sie sich davon ausnimmt. auf die es angewiesen ist wie sie auf jenes. welche Stellung diese zur recht74 s. mit bemerkenswerter Verkennung. Sie offenbart die Verknüpfung zwischen den beiden Gewalten . In diesem Sinn läßt sich die souveräne Gewalt ebensowenig wie die göttliche Gewalt ganz auf eine jener beiden Formen reduzieren. und es ist nicht leicht zu sagen. . sondern entsetzt. daß die göttliche Gewalt das Recht weder setzt noch erhält.heute noch immer unerreichten .als einzigen realen Inhalt des 75 . Denn die souveräne Gewalt öffnet eine Zone der Ununterscheidbarkeit zwischen Gesetz und Natur. Doch bedeutet das wiederum nicht. Daher die Notwendigkeit einer dritten Figur. sondern nur die Auflösung der Verknüpfung von Gewalt und Recht) kann Benjamin sagen. Deswegen ist sie auch den gefährlichsten Mißverständnissen ausgeliefert (davon zeugen die Skrupel. welche die Politische Theologie begründet. deren Definition der Souveränität er fünf Jahre später in seinem Buch über das barocke Trauerspiel zitierte. Deshalb kommen die souveräne Gewalt und der Ausnahmezustand. Gewalt und Recht. Gewiß ist nur. daß jede rechtserhaltende Gewalt in ihrer Dauer die rechtsetzende. Außen und Innen. Die Definition der göttlichen Gewalt fallt sogar leichter. sie im konkreten Fall zu erkennen. bis entweder neue Gewalten oder die früher unterdrückten über die bisher rechtsetzende Gewalt und damit ein neues Recht zu neuem Verfall begründen. kannte er aller Wahrscheinlichkeit nach Schmitts Politische Theologie nicht. zwischen ihnen zu entscheiden. Als Benjamin 1920 an Kritik der Gewalt arbeitete. Deswegen (das heißt insofern sie nicht eine Art von Gewalt unter anderen ist. sondern sie erhält das Recht. Auf die Durchbrechung dieses Umlaufs im Banne der mythischen Rechtsformen. begründet sich ein neues geschichtliches Zeitalter. ist indes in einer Zone angesiedelt. und es zugleich erhält. und zwar im selben Maß. welche in ihr repräsentiert ist. zuletzt also der Staatsgewalt.

nicht nur dieses Prinzip nicht kannte. Das Prinzip der Heiligkeit des Lebens ist uns so vertraut geworden. wie Benveniste erklärt. im Augenblick der Einsetzung des Bezweckten als Recht aber die Gewalt nicht abdankt. heilig wurde es nur mittels einer Reihe von Ritualen. . das in späteren Epochen zu einem guten Aquivalent für unseren »Körper« wird. muß es. daß das. die wir mit dem einzigen Wort »Leben« bezeichnen. die wie das alte Griechenland Opfer feierten und gelegentlich auch Menschenleben darbrachten. . 199f. die Herrschaft des Rechts über das Lebende in Frage zu stellen. deren Zweck gerade darin bestand. S. sondern auch kein Wort. wann und auf welche Weise ist dann ein menschliches Leben zum ersten Mal für sich selbst als heilig betrachtet worden? Bislang haben wir uns mit dem Aufzeigen der logischen und topologischen Struktur der Souveränität beschäftigt. enthält nichts.] auf die Verschuldung des bloßen natürlichen Lebens zurück. »aus der Welt der Lebenden ausgeschlossen werden und [. nichts bei. »Dem Ursprung des Dogmas von der Heiligkeit des Lebens nachzuforschen möchte sich verlohnen. nicht aber von einer Schuld. wie wenn das Leben an sich. das unsere Zeit dem menschlichen Leben und sogar dem tierischen Leben überhaupt zuschreibt. . was als Recht eingesetzt wird. die doch so entscheidend ist für die Anfänge der abendländischen Politik. sondern auch die »Auslösung der Rechtsgewalt«. Wenn das zutrifft. von z&r und ez2 zZn (das heißt von Leben im allgemeinen und der qualifizierten. sondern notwendig und innig an sie gebundenen Zweck als Recht unter dem Namen der Macht einsetzt.] die Schwelle überschreiten. genau das ist. indem sie nicht einen von Gewalt freien und unabhängigen.«* (Benjamin 1. sondern sie nun erst im strengsten Sinne und zwar unmittelbar zur rechtsetzenden macht. was dem mythischen Denken nach »der gezeichnete Träger der Verschuldung ist: das bloße Leben«. S. S. das Leben an sich nicht als heilig betrachtet. das homerische Griechisch verfugt nicht einmal über ein Wort für den lebenden Körper.) Es ist darum kein Zufall. »geht [. Das Wort &za. daß das alte Griechenland. erst nach dem Tod eine Einheit darstellte. stellt eine wesentliche Verknüpfung zwischen dem bloßen Leben und der rechtlichen Gewalt her. wie wenn es zwiI Im Original »sühnt« und -entsühnt« deutsch beigefügt. daß wir zu vergessen scheinen. »ist nämlich zwiefach in dem Sinne. die die beiden Welten trennt: dies ist der Zweck der Tötung« (Benveniste. Im übrigen wurde in Gesellschaften. Benjamin zufolge trägt das Prinzip der Heiligkeit des Lebens. 198f. den Heiligen. was in gewissem Sinn das Ziel des Essays ist. 76 schen der Heiligkeit des Lebens und der Macht des Rechts eine geheime Komplizenschaft gäbe. daß die Rechtsetzung zwar dasjenige. was aber wird von ihr ausgenommen und zugleich in sie 77 . an dem sich der Essay so etwas wie einer Definition der souveränen Gewalt nähert. 441).Rechts. »Die Funktion der Gewalt in der Rechtsetzung«. Die Opposition von z& und bios. den sie verlor.und auch wohl den Schuldigen entsühnt. s. deren entscheidende Funktion in der Ökonomie des Essays bislang ungedacht geblieben ist. um die ganze Komplexität der semantischen Sphäre auszudrücken. was hier heiliggesprochen wird. es aus seinem profanen Kontext herauszulösen. sondern vom Recht. wenn sich Benjamin.« (Benjamin 1. als ihren Zweck mit der Gewalt als Mittel erstrebt. den Menschen eigenen Lebensart). Die Analyse dieser Figur. Vielleicht. . die dieses bloße oder nackte Leben und die souveräne Macht aneinander bindet. ja wahrscheinlich ist es jung. schreibt Benjamin am einzigen Punkt. Nicht nur ist die »Herrschaft des Rechtes über den Lebendigen« dem bloßen Leben koextensiv und hört mit diesem auf. bedeutet ursprünglich bloß »Kadaver«. zur Klärung dieser Beziehung wie auch zu jedem Versuch. 202) Genau an diesem Ursprung werden wir mit unserer Untersuchung beginnen. in einer scheinbar brüsken Bewegung dem Träger der Verknüpfung von Gewalt und Recht zuwendet. im kosmologisch Undurchdringlichen zu suchen. den er »bloßes Leben« nennt. was an ein Vorrecht oder eine Heiligkeit des Lebens als solchen denken ließe. Damit das Opfer heilig wird. das sich für die Griechen in eine Vielzahl von Aspekten und Elementen auflöst. Für ihn ist es verdächtig.« (Benjamin 1. anstatt die göttliche Gewalt zu definieren. diese Hinweise zu entwickeln und die Beziehung zu analysieren.) Auf den folgenden Seiten werden wir versuchen. dem wir den Großteil unserer ethisch-politischen Konzepte verdanken. welche den Lebenden unschuldig und unglücklich der Sühne überantwortet. als die letzte Verirrung der geschwächten abendländischen Tradition. die seine Verschuldung >sühnt< .

hineingenommen. wer ist der Träger des souveränen Banns? Benjamin wie Schmitt weisen das Leben (das »bloße Leben« bei Benjamin. das »die Kruste einer in Wiederholung erstarrten Mechanik« »durchbricht«) als Element aus. Und diese Beziehung gilt es nun zu klären. bei Schmitt das »wirkliche Leben«. das in der Ausnahme mit dem Souverän in engster Beziehung steht. Zweiter Teil Homo sacer .

Schon Harold Bennett bemerkte 1930 in einer Studie. und es ist nicht erlaubt. Der Widerspruch wird noch durch den Umstand verstärkt. Der Definition des Hei- ligen Berges. I »Sacer aber ist derjenige. den jeder straflos töten konnte. autorisiert sie (oder genauer: sie erklärt für nicht strafbar) deren Tötung (welcher Etymologie des Begriffs parricidium man auch immer folgt. wird nicht wegen Mordes verurteilt. wer ihn jedoch umbringt. der aufgrund eines Plebiszits sacer ist. daß derjenige. 7). Homo sacer I . in der manche »die frühste Strafe des römischen Strafrechts« (Bennett. parricida ne sit«.1 (De sign.) Der Sinn dieser rätselhaften Figur. dann wird er nicht als Mörder betrachtet<. dieser bezeichnet ursprünglich einen Mord an einem freien Mann). occiderit.« . den die Plebs im Augenblick ihrer Sezession Jupiter weihte. sed qui occidit. nicht durch die vom Ritus vorgegebenen Formen zu Tode gebracht werden durfte (neque fas est eum immolari. nam lege tribunicia prima cavetur »si quis eum. Der Traktat Über die Bedeutung der Wörter von Sextus Pompeius Festus bewahrt uns unter dem Lemma sacer mons das Gedächtnis einer Figur des archaischen römischen Rechts. S. verb. Ex quo quivis homo malus atque improbus sacer appellari solet. daß sie auf den ersten Blick widersprüchliche Züge trägt. denn im ersten tribunizischen Gesetz ist festgelegt: >Wenn einer denjenigen umbringt. neque fas est eum immolari. 5) sehen wollten. zu negieren scheint« (ebd. ist viel diskutiert worden. in der sich die Heiligkeit zum ersten Mal mit einem menschlichen Leben als solchem verbunden findet. daß die Definition von Festus »die Sache selbst. qui eo plebei scito sacer sit. fügt Festus unmittelbar an: At homo sacer is est. parricidi non damnatur.I. immolari bezeichnet das Bestreuen des Opfers mit der mola salsa vor der Tötung). Daher pflegt man einen schlechten und unreinen Menschen sacer zu nennen. I . S. während sie die Heiligkeit einer Person verkündet. ihn zu opfern. den das Volk wegen eines Delikts angeklagt hat.. die das Wort impliziert. doch ihre Interpretation wird dadurch kompliziert. quem populus iudicavit ob maleficium.

wie das allzu oft geschehen ist. kann nicht mehr Gegenstand eines sacrificium. sie nehmen ihn nicht als Geschenk. Anstatt das Spezifikum des homo sacer in einer behaupteten ursprünglichen Ambiguität des Heiligen nach dem Muster des ethnologischen Tabubegriffs aufzulösen. in der das religiöse Recht und das Strafrecht noch nicht unterschieden wurden und man das Todesurteil als Opfer an die Gottheit verstand. heilige Dinge zu verletzen. außerhalb des menschlichen wie des göttlichen Rechts? Alles deutet darauf hin. daß. Ludwig Lange. Warde Fowler). man begreift jedoch überhaupt nicht. James Leigh Strachan-Davidson). um einer Erklärung zu bedürfen. 61). werden. Keine der beide Positionen vermag den beiden Merkmalen. 1. 3 Straflos getötet werden. warum dann jeder den homo sacer umbringen kann. Kerényi. weil er »schon den Besitz der unterirdischen Götter [bildet]. Licht auf ihre gegenseitigen Grenzen zu werfen. aber vielleicht erlaubt er. 2 Grabsäule. Ersteren gelingt es zwar. Im Innern dessen. von den Verhältnissen jener Menschen zu handeln. als Opfer an«. die Weihung für die unterweltlichen Götter. ohne sich zu beflecken oder ein Sakrileg zu begehen? Und wenn er andererseits wirklich Opfer eines archaischen sacrificium oder eines Todesurteils war. wo Macrobius. während es ansonsten verboten ist. belegt zweifelsfrei ein Abschnitt der Saturnalien (11I7. das impune occidi zu begründen (wie das zum Beispiel Mommsen in Begriffen einer Popolaren oder stellvertetenden Vollstreckung eines Todesurteils tut). daß es manchen sonderbar erscheint [mirum videri]. denn ich weiß wohl. die Macrobius an diesem Punkt schuldig zu sein glaubt. letzteren zwar das neque fas est eum immolari verständlich (der homo sacer. den homo sacer zu töten. der als solcher schwerlich eine befriedigende Erklärung findet.8). wonach man die Seelen der homines sacri deshalb auf schnellstem Weg in den Himmel befördern wollte. daß die Heiligkeit in seinen Augen problematisch genug war. auf der anderen Seite diejenigen (wie Karl Kerényi und W.3 . die darin eine archetypische Figur des Heiligen erblicken. die sacratio als autonome Figur zu interpretieren. so Kerenyi. weil sie diis debitae’ waren). sicher ist. warum war es dann nicht fas. analog zum Doppelsinn des ethnologischen Tabubegriffs: erhaben und verflucht. wie konnte ihn dann jedermann umbringen. Der Perplexität der antiqui autores antwortet die Divergenz der modernen Interpretationen. die das Geopferte zum sacer macht«.« Was immer auch das Gewicht dieser Interpretation sein mag. was für die Götter bestimmt ist. was wir von der juridischen und religiösen Ordnung (sowohl vom ius divinum wie vom ius humanum) wissen. wenn es am Kreuzpunkt der zulässigen Tötung und der verbotenen Opferung angesiedelt ist. die in der sacratio das abgeschwächte und säkularisierte Residuum einer archaischen Phase sehen. sie haben jedoch keine überzeugende Erklärung für das Opferverbot. werden wir vielmehr versuchen. Harold Bennett. und wir werden I Den Göttern geweiht/verfallen. 82 83 . hinzufügt: »An diesem Punkt ist es nicht fehl am Platz.2.Worin besteht also die Heiligkeit des homo sacer [uomo sacro] ? Was bedeutet der Ausdruck sacer esto. deren Juxtaposition nach Festus gerade das Spezifische des homo sacer ausmacht. solange man im Innern des ius divinum und des ius humanum verbleibt. verehrungswürdig und schreckenerregend. die das Gesetz zu bestimmten Göttern Geweihten [sacros] erklärt. ihn in vorgeschriebener Form zu Tode zu bringen? Was ist mithin das Leben des homo sacer. scheinen die beiden Wesenszüge in der Tat schwerlich vereinbar zu sein: Wenn der homo sacer unrein (Fowler: tabu) oder im Besitz der Götter war. es doch erlaubt sei.l der mehrmals in den königlichen Gesetzen vorkommt und schon in der archaischen Inschrift auf dem rechteckigen cippus2 des Forums auftaucht. einer »Handlung. auf ökonomische Weise gleichzeitig Recht zu verschaffen: der Straflosigkeit seiner Tötung und dem Verbot der Opferung. wenn er zugleich das impune occidi3 und den Ausschluß vom Opfer formuliert? Daß dieser Ausdruck auch den Römern dunkel erschien. nachdem er das als sacrum definiert hat. Umgekehrt wird in der Perspektive der I Er soll sacer sein. daß wir es hier mit einem Grenzbegriff der römischen Gesellschaftsordnung zu tun haben. ohne ein Sakrileg zu begehen (von daher rührt die nicht schlüssige Erklärung von Macrobius. Auf der einen Seite finden sich diejenigen (wie Theodor Mommsen. S.

Jahrhunderts entstanden ist und die humanwissenschaftlichen Forschungen auf einem besonders heiklen Gebiet nachhaltig auf den Holzweg gebracht hat. der Priester und Häuptlinge und überhaupt aller Personen und Dinge. wenn man daran denkt. die jeden Bezug zu ihrer religiösen Tradition verloren hatte. Dieses Mythologem. Personen.1. Daß es zum ersten Mal 1889 in den Lectures on the Religion of the Semites von William Robertson Smith formuliert wurde . Frauen nach der Geburt eines Kindes. ob sie nicht zufällig Licht auf eine originäre politische Struktur wirft. die der Unterscheidung zwischen Heiligem und Profanem. finden wir noch eine andere Form des Tabu. daß es nach der Kompromittierung von Batailles Untersuchungen über die Souveränität auch noch in jenem linguistischen Meisterwerk des 20. müssen wir zuerst ein Mißverständnis ausräumen.uns fragen. »als gleite man in einer Gondel dahin«) -. sagte dieser. überrascht nicht. In diesem Buch tritt der ethnographische Begriff erstmals aus dem Bereich der primitiven Kulturen heraus und dringt ungehindert ins Innere der Forschung der biblischen Religion. indem sie die Unverletzlichkeit der Götterbilder und Heiligtümer. die genau den Regeln der Heiligkeit entsprechen. daß die Lectures zu einem Zeitpunkt erschienen sind. die mit einem toten Körper in Be. der am Ende des 19. die zu den Göttern und ihrem Cultus in Beziehung stehen. Indoeuropäische Institutionen.es handelt sich um jenes Buch. das einen so maßgeblichen Einfluß auf Sigmund Freuds Totem und Tabu haben wird (»man liest es«. um mit seiner Ambiguität die abendländische Erfahrung des Heiligen unwiderruflich zu prägen. da eine Gesellschaft. ihr eigenes Unbehagen zu beklagen begann. Auf den Interpretationen sozialer Phänomene und ins besondere des Problems vom Ursprung der Souveränität lastet noch immer ein wissenschaftlicher Mythos. 2. die bei den Semiten ihre Parallele in den Gesetzen über die Unreinheit hat. Aber sein Einfluß auf die Zeit und seine Übertragung auf die anderen Disziplinen sind dermaßen hartnäckig gewesen. In der vierten Lektion heißt es: *Neben diesen Formen des Tabu. Religiösem und Politischem vorausliegt. Die Ambivalenz des Heiligen . die sich in einer Zone befindet. Jahrhunderts von Benveniste. 2. Doch um uns dieser Zone anzunähern. das wir hier vorläufig »Theorie der Ambivalenz des Heiligen« titulieren können. gegenwärtig ist. und in den ersten Jahrzehnten des 20. 85 . bildet sich anfänglich in der spätviktorianischen Anthropologie heraus und überträgt sich unmittelbar danach auf die französische Soziologie.

z6). worin der »Zweideutigkeit des Begriffs des Heiligen« ein ganzes Kapitel gewidmet ist. In der ältesten Zeit der Hebräer bezeichnet es jedoch die völlige Vernichtung. Ein solcher Bann ist ein Tabu. welche die archaischste Phase der Menschheitsgeschichte kennzeichneten. Die von ihm ausgehende Gefahr ist ebenso wie beim Tabu übertragbar (Deut.13). .dem Tabu angeglichenen . jene Mischung von Ehrfurcht und Abscheu. S. und die Furcht. die heilbringenden [faste] und die unheilbringenden [nefaste]. Die dem Tabu unterworfene Person wird in solchen Fällen nicht als heilig betrachtet [. 28f. I 17). .]. Bei den meisten wilden Völkern scheinen die beiden eben bezeichneten Arten des Tabu nicht scharf unterschieden zu werden. I I 1) ren. Emile Durkheim. S. 26. Jos. War die Theorie von der Ambivalenz des Heiligen erst einmal formuliert. die in der Formel »heilige Scheu« Karriere machen wird.] Das Reine und das Unreine sind also nicht zwei getrennte Arten. ohne auf Widerstand zu stoßen. s.rührung gekommen sind.« (Robertson Smith. und die gebannte Stadt durfte nicht wieder aufgebaut werden (Deut. hat im allgemeinen auch achtungsgebietende Züge. Jos. 7). 6. Sieben Jahre später druckt der Tabubegriff im zweiten Band von Wilhelm Wundts Völkerpsychologie über Mythus und Religion gerade die ursprüngliche Ununterschiedenheit von heilig und unrein aus. die alle heiligen Dinge umfaßt. impliziert die Doppeldeutigkeit des letzteren. trat Wundt zufolge auch der Gegensatz von heilig und unrein an die Stelle der ursprüngliche Ambivalenz. das »in den höher stehenden Religionen der Semiten eine schwankende Stellung zwischen dem Bereich des Heiligen und Unreinen« einnimmt. I 3.. das ausschließt. die R. I 5). 195). daß es »unmöglich ist. sind für eine gewisse Zeit Tabu und von der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen. Unreinheit und Tabu« zählt Robertson Smith eine neue Reihe von Beispielen der Doppeldeutigkeit auf (darunter das Verbot des Schweinefleischs. wie auch in der semitischen Religion solche Personen als unrein gelten. .24. Abscheu und das Grausen eine andere. nachdem sie durch Feuer gereinigt waren. Bedeutsam ist. S. das durch die Furcht vor übernatürlichen Strafen veranlasst ist (1 Kön. besonders wenn er sehr groß ist. um sodann zu behaupten. 6. zuweilen bedeutet es . 1 Sam. sondern zwei Varianten ein und derselben Art. 2. Hier unterteilt er die »religiösen Kräfte« in zwei gegensätzliche Kategorien. [. Der Bann ist eine Form der Weihung für die Gottheit: das Verbum für >bannen< wird zuweilen mit >weihen< wiedergegeben (Micha 4. indem es einschließt.).geloben< (Lev. ein und dasselbe Objekt kann sich vielmehr von 87 .. dürfen die ausgedruckten Gefühle ihrer Natur nach nicht verschieden sein. Wer ein gebanntes Ding in sein Haus bringt. In der Tat gibt es Grausen im religiösen Respekt. sondern auch die seines Eigentums. S.Banns ist von Anfang an maßgebend für die Genese der Lehre von der Doppeldeutigkeit des Heiligen: Die Doppeldeutigkeit des erste86 »Zweifellos sind die Gefühle. die »heilbringenden« und die »unheilbringenden«: In einer der zweiten Ausgabe der Lectures hinzugefügten Anmerkung mit der Überschrift »Heiligkeit. Selbst in höher entwickelten Völkern berühren sich vielfach die Begriffe der Heiligkeit und der Unreinheit. die die beiden erwecken. Zehn Jahre nach den Lectures eröffnen Henri Hubert und Marcel Mauss ihren zum Klassiker der französischen Anthropologie gewordenen Essai sur la nature et Ia fonction du sacrifice (1 899) ausgerechnet mit der Beschwörung der »Doppeldeutigkeit der heiligen Dinge. sondern einfach getötet. 7. ebd. I 14).2. durch den böswillige Sünder und Feinde der Gemeinschaft und ihres Gottes der gänzlichen Vernichtung geweiht werden. IISf. die semitische Auffassung der Heiligkeit und der Unreinheit von dem System des Tabu zu sondern« (ebd. nicht nur der vom Bann betroffenen Person. nicht identisch: Respekt ist eine Sache. 24. ist der Bann (hérem). Und zwischen diesen beiden entgegengesetzten Formen gibt es nicht nur keinen Bruch. nur Metalle wurden. Smith so bewundernswert ans Licht gebracht hat« (Hubert und Mauss. verfallt selbst dem Banne. Es gibt iwei Arten des Heiligen. als die ältesten dämonischen Mächte den Göttern wichen. in allen Bereichen der Humanwissenschaften aus -wie wenn die europäische Kultur das Phänomen zum ersten Mal entdeckt hätte.« (Ebd. die die bösen Mächte erwecken.) Die Untersuchung des . dem Schatz des Heiligtums beigefügt (Jos. 27. der hier erwähnt werden kann. breitete sie sich.. . 7. 16. daß Robertson Smith zu den Zeugnissen dieses doppeldeutigen Vermögens auch den Bann zählt: »Ein anderer hebräischer Brauch. Erst in einer späteren Phase. 34). Die elementaren Formen des religiösen Lebens. Damit aber die Gesten in beiden Fällen die gleichen sind. 1912 veröffentlicht der Onkel von Mauss.16. Auch das Vieh wurde nicht geopfert.

der ein paar Jahre später im Umkreis der Marburger Theologie mit dem Buch von Rudolf Otto über Das Heilige (1917) seinen Abschluß fand. ohne seine Natur zu verändern. Linguistik und Soziologie in der Sache des Heiligen zu verfolgen. worin das europäische Bildungsbürgertum sein Unbehagen gegenüber religiösen Tatsachen verrät). sanktioniert der Dictionnaire étymologique de Ia langue latine von Alfred Ernout und Antoine Meillet die »doppelte Bedeutung« mit einem Verweis auf den homo sacer: »Sacer bezeichnet denjenigen oder dasjenige. der jeglicher Sinn für das offenbarte Wort abhanden gekommen ist. In der Möglichkeit dieser Umwandlungen besteht die Zweideutigkeit des Heiligen. wie Freud nicht versäumt hervorzuheben. Dennoch tritt erst mit diesem Buch eine eigentliche allgemeine Theorie der Ambivalenz ans Licht. . »heilig und verflucht« (Freud. 219). Ein Schuldiger. die als erste die Theorie von der Ambivalenz des Heiligen entwickelten. die es Fowler (eine Anregung von Robert Marett aufnehmend) erlaubt. 42).] Ursprünglich kann das Wort einfach tabu bedeutet haben.<* (Caillois.« (Durkheim. Was Meillet betrifft. der explizit auf die Theorie der Ambivalenz von Durkheim eingeht (so wie das bereits Fowler mit Robertson Smith getan hatte). so erinnert Huguette Fugier an die engen Beziehungen. In diesem Prozeß spielt gerade der homo sacer eine entscheidende Rolle. findet sich auch. und umgekehrt. aus dem Bereich des profanum gewiesen. das lateinische sacer mit 88 ’ der Kategorie des Tabu zu verkoppeln (»sacer esto ist tatsächlich ein Fluch. ihre Vereinigung in einer Vorstellung des Heiligen. Als Freud Totem und Tubu verfaßt. was man nicht berühren kann. auf welche Weise die Lehre von der Doppeldeutigkeit in den Bereich der Sprachwissenschaft eindringt und dort schließlich ihre Hochburg findet (Fugier. die der Linguist zu den Pariser Soziologen unterhielt (besonders mit Mauss und Durkheim). wo er ihm mit seiner Theorie über das Fehlen des Widerspruchsprinzips in den Träumen verband. ohne verunreinigt zu werden oder zu verunreinigen. die Abel im Anhang auflistete. von daher der Doppelsinn von >heilig< oder >verflucht< (ungefähr). Freud hat 1910 den Aufsatz über den Gegensinn der Urworte des heute diskreditierten Linguisten Karl Abel gelesen und in einem Artikel rezensiert.sich aus in die andere verwandeln. Seltsamerweise erwähnten die Anthropologen. Eine rätselhafte Figur des archaischen römischen Rechts. Während die zweite Auflage des Lateinischen etymologischen Wörterbuchs (1910) von Alois Walde noch keine Spur der Ambivalenzdoktrin aufweist. der lateinische Begriff sacer. 2. die bei den Religionswissenschaftlern sofort Widerhall fand. 1 7.5 5 1) Hier ist bereits jener Prozeß der. [. ohne besonderen Bezug auf eine Gottheit. das ist die Trivialität. kann er direkt von einer scheinbar nun gesichterten lexikalischen Gegebenheit ausgehen: »In Rom bezeichnet das Wort sacer nach der Definition von ErnoutMeillet: . Unter den Worten des Gegensinns. gr.23).Wer oder was nicht berührt werden kann. sondern auch auf der Linguistik basiert. und eine Philosophie. tabuisiert. und der homo sacer. in der Arbeit von Huguette Fugier die Geschichte des Austauschs zwischen Anthropologie. ist der Boden schon genügend bereitet. auf den dieser Fluch fällt. in dessen Zentrum eine Interpretation des homo sacer steht. Hier feiern eine Theologie. 238 -240). ist heilig (sacer esto: vgl. S. Psychologisierung von religiöser Erfahrung am Werk (der »Abscheu« und das »Grausen«. S. Hier ist es die in der Definition von Festus implizite Doppeldeutigkeit des Heiligen. K Es ist interessant. ein Verbannter. die nicht nur auf der Anthropologie und Psychologie. S. findet auf diese Weise 89 . i. Aus dem Reinen kann man Unreines machen. 548 .3. Daß das Religiöse vollständig in die Sphäre der psychologischen Emotion falle und daß es ganz wesentlich mit dem Schauder und der Gänsehaut zu tun habe. die römische sacratio nicht. Als Roger Caillois 1939 L’homme et le sacré veröffentlicht. Fowler. hagios)«. S. aber je nach den Umständen ›heilig< oder verflucht*. den man den unterweltlichen Göttern weiht. die nunmehr eins ist mit dem Dunklen und Undurchdringlichen. . S. die in sich widersprüchliche Züge zu vereinen scheint und deswegen selbst erklärungsbedürftig war. gefährlich. Huguette Fugier hat in einer gut dokumentierten Studie gezeigt. Zwischen der zweiten Auflage des Wörterbuchs von Walde und der ersten Auflage desjenigen von Ernout und Meillet war im Pauly-Wissowa der von Richard Ganschinietz gezeichnete Lexikonartikel Sacer erschienen. ist ein Ausgestoßener. e. welcher der Neologismus »numinos« den Anstrich von Wissenschaftlichkeit verpassen soll. die angesichts des Gefühls alle Nüchternheit verlassen hat. ohne verunreinigt zu werden oder zu verunreinigen. 191 1 ist jedoch Fowlers Aufsatz »The Original Meaning of the Word Sacer« erschienen.

in einem vollendeten Zirkel . die der homo sacer verkörpert. In gewisser Weise analoge Betrachtungen könnte man über den Gebrauch und die Funktion des Tabu und des Heiligen im Diskurs der Humanwissenschaften zwischen 1890 und 1940 anstellen.1. S. und zwar in einem Moment. 32 -41). das für sich nicht nur nichts erklärt. insofern es die Anwendung des Numa Pompilius zugeschriebenen Gesetzes über den Mord aufhebt (si quis hominem liberum dolo sciens morti duit. Die ältesten uns bekannten Formen der Vollstreckung der Todesstrafe (die schrecklichepoena cullei. Das Verbot der Opferung schließt nicht nur jede Angleichung zwischen dem homo sacer und einem geweihten Opfer aus. nicht von einem wissenschaftlichen Mythologem verdeckt wird.’ Dieselbe von Festus wiedergegebene Formel (qui occidit. die das politisch-juridische Phänomen erklären kann. ohne in die göttliche überzugehen. 3. wie der Begriff mana als überschreitender Signifikant funktioniert. einem Hund und einem Hahn in einen Sack gesteckt und ins Wasser geworfen wurde. die Tötung des homo sacer von den rituellen Reinigungen zu unterscheiden und die sacratio entschieden aus dem im eigentlichen Sinn religiösen Bereich auszuschließen. als das Übermaß der signifikanten Funktion über die Signifikate zu bezeichnen (Levi-Strauss. übergehen läßt (Fowler. wie Macrobius mit einem Zitat von Trebatius sagt. parricida esto). nur eine jeweils sorgfältige Abgrenzung der Sphären des Politischen und des Religiösen erlaubt es. daß die consecratio üblicherweise einen Gegenstand vom ius humanum ins ius divinum. Bei den religiösen Phänomenen fällt dieser Moment mit der Geburt der modernen Anthropologie.Widerhall in der religiösen Kategorie des Heiligen. Es ist nicht eine angebliche Ambivalenz der allgemeinen religiösen Kategorie des Heiligen. Vor allem das impune occidi stellt eine Ausnahme vom ius humanum dar. daß der vor Gericht gestellte Totschläger sich gegen die Anklage auf die Heiligkeit des Opfers berufen kann. Aber auch das neque fas est eum immolari stellt genaugenommen eine Ausnahme dar. oder der Sturz vom Tarpeischen Felsen) sind in Wirklichkeit eher Reinigungsriten als Todesstrafen im modernen Sinn: Demnach wurde das neque fas est eum immolari gerade dazu dienen. sondern. für die nicht zufällig doppelsinnige Begriffe wie mana. Die Struktur der sacratio ist sowohl nach den Quellen wie nach der übereinstimmenden Meinung der Forscher das Resultat der Vereinigung zweier Wesenszüge: der Straflosigkeit der Tötung und der Ausschließung vom Opfer. bei welcher der Verurteilte. tabu und sacer im Zentrum stehen. Levi-Strauss hat aufgezeigt. im Fall des homo sacer dagegen eine Person lediglich außerhalb der menschlichen Rechtsprechung gesetzt wird. sondern selbst erklärungsbedürftig ist. Und in Verbindung mit dem ethnologischen Begriff des Tabu wird die Doppeldeutigkeit ihrerseits herangezogen. in dem sie ihre unmittelbare Intelligibilität verlieren und wie jedes leere Wort sich mit widersprüchlichen Bedeutungen aufladen können. diesmal jedoch vom ius divinum und von jeder Form der rituellen Tötung. S. im Gegenteil. um . kann er als Mörder betrachtet werden. Das heilige Leben 3. der keinen anderen Sinn hat.die Figur des homo sacer zu erklären. die Geschichte ihrer Verflechtung und ihrer komplexen Beziehungen zu begreifen. zusammen mit Schlangen. Im Leben der Begriffe gibt es einen Moment. vom Profanen ins Heilige. auf das sich die älteste Bedeutung von sacer bezieht. Es ist bemerkt worden. am Ende des letzten Jahrhunderts zusammen. daß die ursprüngliche juridischpolitische Dimension. I »Wenn jemand absichtlich einen freien Mann tötet. die sie entgegengesetzte Bedeutungen annehmen läßt.« 91 . Auf jeden Fall aber ist es wichtig. parricidi non damnatur) bildet sogar in gewisser Weise eine eigentliche exceptio in dem technischen Sinn. da diese selbst eine unwiderrufliche Desemantisierung erfährt. den Kopf mit einem Wolfsfell bedeckt. I S).

Der politische Raum der Souveränität hätte sich demnach durch eine doppelte Ausnahme als Exkreszenz des Profanen im Religiösen und des Religiösen im Profanen konstituiert. Was die Verfassung des homo sacer bestimmt. das nicht geopfert werden kann und dennoch getötet werden darf. Crifo 1.die nicht sanktionierbare Tötung. und heilig. die man heute gegen die souveräne Macht als Menschenrecht in jedem fundamentalen Sinn geltend machen möchte. ohne einen Mord zu begehen und ohne ein Opfer zu zelebrieren. die das Recht im Ausnahmezustand aufhebt und so das nackte Leben in I ihn einbindet. in die er sich von der Gewalt. Wenn sie sich den sanktionierten Formen des menschlichen und des göttlichen Rechts entzieht. ist das Leben. S. das heißt tötbar und nicht Opferbar. die weder in diejenige des sacrum facere noch in die der profanen Handlungen gehört. den homo sacer ZU töten. Die Unantastbarkeit des Tribuns gründet allein auf der Tatsache. der er ausgesetzt ist.ist weder als Opfer noch als Mord noch als Vollstreckung eines Urteils noch als Sakrileg einzustufen.2. das getötet. mittels deren sich die politische Dimension konstituiert hat.die Zulässigkeit der Tötung implizierte. daß die Plebejer anläßlich der ersten Sezession geschworen haben. das beißt tötbar. aber nicht Opferbar. das den ersten Inhalt der souveränen Macht bildet. hominem sacrum ius fuerit occidil). Die topologische Struktur. Dies ist der Bereich der souveränen Entscheidung. so stellt er die ursprüngliche Figur des in Bann genommenen Lebens dar und bewahrt das Gedächtnis der ursprünglichen Ausschließung. Wir sind bereits auf einen Grenzbereich des menschlichen Handelns gestoßen. die mehr als eine einfache Analogie mit der Struktur der souveränen Ausnahme darstellt (daher die Stichhaltigkeit der These derjenigen Forscher. ist ein menschliches Leben. und diese Sphäre müssen wir hier zu begreifen versuchen. in der man töten kann. sowohl vom ius humanum als auch vom ius diuinum. die übrigen heiligen Dinge zulässig. dann verfügen wir auch über eine grundlegende Antwort auf die Benjaminsche Frage nach dem »Ursprung des Dogmas von der Heiligkeit des Lebens«. das in diese Sphäre eingeschlossen ist. Diese Gewalt . die diese doppelte Ausnahme aufweist. sowohl vom religiösen wie vom profanen Bereich. die wie Giuliano Crifo die sacratio in substantieller Kontinuität mit dem Ausschluß aus der Gemeinschaft interpretieren. versetzt findet. ist ursprünglich das Leben im souveränen Bann. ist es plebejischen Tribunen zusteht. meint ursprünglich gerade die Unterwerfung des Lebens unter eine Macht des Todes. der nur in einer Ausnahmebeziehung besteht. Nun kann man auch eine erste Antwort geben auf die Frage. daß die ihm zugefügte Gewalt kein Sakrileg war. seine unwiderrufliche Aussetzung in der Beziehung der Verlassenheit [abbandono]. Souverän ist die Sphäre. ist die eines doppelten Ausschlusses und einer doppelten Einnahme. dann bildet die sacratio eine doppelte Ausnahme. Wenn das stimmt. 460-465).« ZU verletzen. die Vergehen an ihren Vertretern dadurch zu rächen. daß sie den Schuldigen als homo sacer betrachteten. Denn so wie bei der souveränen Ausnahme das Gesetz sich auf den Ausnahmefall anwendet. Der Begriff lex sacrata. Wir müssen uns also fragen. ob die Struktur der Souveränität und die Struktur der sacratio nicht irgendwie verknüpft sind und sich dadurch wechselseitig beleuchten können. Heilig. die wir uns beim Aufzeigen der formalen Struktur der Ausnahme gestellt haben: Was unter den souveränen Bann fällt. Das Leben. Wir können sogar eine erste Hypothese dazu aufstellen: Rückt man den homo sacer an seinen eigentlichen Ort jenseits des Strafrechts wie des Opfers. ist also nicht so sehr die vermeintlich ursprüngliche Doppeldeutigkeit der Heiligkeit als vielmehr die Eigentümlichkeit der doppelten Einschließung. aber nicht geopfert werden kann: der homo sacer. der fälschlicherweise (die Plebiszite wurden ehedem klar von den 93 92 . wie das bei den res sacrae der Fall ist (cum cetera sacra violari nefas sit. indem es sich abwendet und zurückzieht. 3. Die Heiligkeit des Lebens. ist das heilige Leben. und die Produktion des nackten Lebens ist in diesem Sinn die ursprüngliche Leistung der Souveränität. die jeder ihm gegenüber verüben kann . Wenn wir nacktes oder heiliges Leben dasjenige Leben nennen. öffnet sie eine Sphäre des menschlichen Handelns. die in Rom den )J Die Verknüpfung zwischen der Verfassung einer politischen Ge- »Während es verboten ist. so ist der homo sacer der Gottheit in Form des Nichtopferbaren übereignet und in Form des Tötbaren in der Gemeinschaft eingeschlossen. die eine Zone der Ununterschiedenheit zwischen Opfer und Mord bildet. walt und der sacratio belegt auch diepotestus sacrosancta.

So komplex ist die originäre Struktur. Die Vergehen. S. insofern es in der einschließenden Ausschließung der souveränen Ausnahme als Bezugsgröße dient. die dieselbe Struktur haben und korreliert sind: Souverän ist derjenige. ist nicht einfach das säkularisierte Residuum des ursprünglich religiösen Charakters jeder politischen Macht noch der bloße Versuch. Verberatio parentis: Gewalt des Sohnes gegenüber den Eltern. vom nomos wie von der physis ausnimmt. vielmehr bezeichnet es ein absolut tötbares Leben. in die politische Ordnung eingeschlossen wird. Sacer esto ist keine religiöse Fluchformel. Nicht der Akt der Grenzziehung. aber sie bildete dennoch eine politische Macht. oder der Betrug des Patrons gegenüber einem Klienten). sie ist statt dessen die ursprüngliche politische Formulierung. Diese Symmetrie zwischen sacratio und Souveränität wirft eine neues Licht auf die Kategorie des Heiligen. insofern es in der souveränen Ausnahme erfaßt wird. sondern ihre Tilgung oder Negierung (wie das übrigens der Gründungsmythos von Rom auf seine Weise. hatte ursprünglich keinen anderen Sinn als die Bestimmung eines tötbaren Lebens. die den Quellen zufolge die sacratio nach sich ziehen (wie terminum exarare: Tilgung der Grenzen. die mehrmals festgestellt und unterschiedlich motiviert worden ist. Beide sind in der Figur eines Handelns verbunden. das unsere Analyse aufgespannt hat: Es enthält weder eine widersprüchliche Bedeutung im Sinne von Abel noch eine allgemeine Doppeldeutigkeit im Sinne von Durkheim. hätten demnach nicht den Charakter einer Normübertretung. aber in aller Klarheit sagt) ist der Gründungsakt der Staates. dieser das Prestige einer theologischen Sanktion zu sichern. Diese doppelte Entziehung öffnet zwischen dem I »So soll ich auf ewig sakrosankt sein. die das Unheimliche. )c Betrachten wir das Bedeutungsfeld des Begriffs sacer. der dem Leben als solchem auf unerklärliche Weise inneI wohnen würde. das. die in gewissem Sinn ein Gegengewicht zur souveränen Macht war. das heißt zugleich erhabenen und verfluchten Charakters. Das Gesetz von Numa über den Mord (parricida esto) bildet mit der Tötbarkeit des homo sacer (parricidi non damnatur) ein System und kann nicht davon abgelöst werden. das heißt das Leben. und homo sacer ist derjenige. Heilig ist das Leben nur. auf welche die entsprechende Sanktion folgt. et quoad viverem tribunicia potestas mihi tribuetur. An den beiden äußersten Grenzen der Ordnung stellen der Souverän und der homo sacer zwei symmetrische Figuren dar.« Im Original deutsch. in dem Augustus die potestas tribunicia übernimmt und also sacrosanctus wird (Sacrosanctus in perpetuum ut essem.’ heißt es in den Res gestae). Wenn unsere Hypothese richtig ist. dem gegenüber alle Menschen potentiell homines sacri sind. der sowohl vom religiösen wie vom profanen Bereich. dem gegenüber alle Menschen als Souveräne handeln. Hier entfaltet die strukturelle Analogie zwischen souveräner Ausnahme und sacratio ihre volle Bedeutung. und die Verwechslung eines juridisch-politischen Phänomens (die nicht opferbare Tötbarkeit des homo sacer) mit einem genuin religiösen Phänomen ist die Wurzel der Mißverständnisse.3.leges unterschieden) das bezeichnete. indem es sich sowohl vom menschlichen Recht wie vom göttlichen Recht. in einem bestimmten Sinn den ersten eigentlichen politischen Raum absteckt. vielmehr sind sie die ursprüngliche Ausnahme. die sowohl die Sphäre des Rechts als auch jene des Opfers überschreitet. einer Sache sanktionieren würde. und das Syntagma homo sacer benennt etwas wie die ursprüngliche »politische« Beziehung. Deshalb bezeichnet nichts das Ende der alten republikanischen Verfassung so klar wie der Augenblick. was eigentlich bloß eine »geschworene Charta< der revoltierenden Plebs war (Magdelain. sondern auch noch die jüngsten Untersuchungen über die Souveränität. Die Nähe zwischen der Sphäre der Souveränität und der Sphäre des Heiligen. von der natürlichen Ordnung wie von der normalen Rechtsordnung abgegrenzt ist. auf der die souveräne Macht gründet. 95 94 . die in unserer Zeit sowohl die Studien über das Heilige wie über die Souveränität geprägt haben. dann ist die Heiligkeit vielmehr die ursprüngliche Form der Einbeziehung des nackten Lebens in die juridisch-politische Ordnung. ebensowenig ist sie aber die Konsequenz eines »heiligen«.’ zugleich Erhabene und Entsetzliche. 3. das einer bedingungslosen Tötbarkeit ausgesetzt ist. solange ich lebe. und die tribunizische Macht soll mir zugestanden werden. 57). die das souveräne Band auferlegt. in der das menschliche Leben. das Objekt einer Gewalt. dessen Doppeldeutigkeit nicht nur die moderne Forschung der religiösen Phänomenologie so hartnäckig geleitet hat.

die der doppelten Ausnahme entsprang. ist eben die Wendung vitae necisque potestas. Während letztere beiden Gewalten die häusliche Rechtsprechung durch das Familienoberhaupt betreffen und so gewissermaßen im Bereich der domus bleiben. Wenn die römischen Dichter die Liebenden als sacri bezeichnen (sacros qui ledat amantes. quisque amore teneatur. die in keiner Weise die souveräne Macht bezeichnet.« (Foucault I. sondern bloß tötbar). 1. daß in dieser Formel que keinen disjunktiven Wert hat und vita bloß ein Zusatz zu nex. sie ist weder als Sanktion einer Schuld noch als Ausdruck der allgemeinsten Macht. Demnach erscheint das Leben im römischen Recht nur als Gegenstück einer Macht. rein. S. und noch weniger mit der Gewalt des dominus über seine Diener.2. In dieser Perspektive lösen sich viele der scheinbaren Widerspruche des Begriffs *heilig« auf. ist (Thomas. I. Dagegen bezeugt Varro (De re rustica 114. in dem das Wort vita einen spezifisch juridischen Sinn annimmt. der es. kommt die vitae necisque potestas jedem freien männlichen Bürger bei seiner Geburt zu und scheint so das Modell der politischen 97 . das dem Gatten oder dem Vater über die Gattin oder die Tochter zusteht.zTib. Vitae necisque potestas 4.« »Wer verliebt ist. deswegen darf sie nicht mit dem Recht zu töten verwechselt werden. Im römischen Recht ist vita kein juridischer Begriff. 4. er bezeichnet wie im gewöhnlichen lateinischen Gebrauch die einfache Tatsache zu leben oder eine besondere Lebensweise (das Lateinische vereinigt die Signifikate von zök und bios in einem Begriff ). wo sacer einfach ein tötbares Leben meint (vor dem Opfer war das Ferkel noch nicht »heilig« im Sinne von »den Göttern geweiht«. sondern die bedingungslose Gewalt des pater über die Söhne.). deren Bedeutung wir eben zu-bestimmen versucht haben. denn das bedeutet eigentlich necare im Gegensatz zu mactare). Weit entfernt von einem Widerspruch mit dem Opferverbot des homo sacer deutet der Begriff hier auf eine ursprüngliche Zone der Ununterscheidbarkeit hin.16). da der Vater den Sohn anerkennt.Profanen und dem Religiösen eine Zone der Ununterscheidbarkeit. Auf die Wendung »Recht über Leben und Tod« stoßen wir jedoch in der Rechtsgeschichte das erste Mal in der Formel vitae necisque potestas.6.’ Prop. die sie zehn Tage nach der Geburt für Opferbar hielten. 161) Diese Behauptung Foucaults am Ende von Der Wille zum Wissen klingt völlig trivial. So nannten die Römer die Ferkel. die dem pater als Oberhaupt der domus (des Hauses) zukommt. eat tutusque sacerque.« Macht war lange Zeit das Recht über Leben und Tod. sondern weil sie sich von den übrigen Menschen abgesondert und in eine Sphäre jenseits des göttlichen wie des menschlichen Rechts begeben haben. »Eines der charakteristischsten Privilegien der souveränen I 2 »Wer immer die heiligen Liebenden verletzt. der Macht zu töten. Es war ursprünglich jene Sphäre. S. gedacht: Sie entspringt unmittelbar und allein der Vater-Sohn-Beziehung (im Augenblick. 3. Yan Thomas hat in einer exemplarischen Studie gezeigt. wenn sie beim Ehebruch in flagranti ertappt werden. erwirbt er über ihn die Macht über Leben und Tod). weil sie den Göttern geweiht oder-verflucht waren. indem er ihn vom Boden hochhebt. die mit dem Tod droht (genauer mit dem Tod ohne Blutvergießen. soll geschützt und heilig sein. 508f. zu einem eigentlichen terminus technicus macht. Der einzige Fall.27). dann nicht deshalb. Diese Macht ist absolut. daß in der Antike die opferbaren Schweine sacres genannt wurden. 2. der das heilige Leben ausgesetzt war.

Macht im allgemeinen zu liefern. Nicht das einfache natürliche Leben, sondern das dem Tod awsgesetzte Leben (das nackte oder heilige Leben) ist das ursprüngliche politische Element. Tatsächlich empfanden die Römer eine so wesentliche Verwandtschaft zwischen der vitae necique potestas des Vaters und dem imperium des Magistraten, daß die Register des ius patrium und der souveränen Macht schließlich eng verflochten waren. Das Thema des pater imperiosus, der wie Brutus oder Manlius Torquatus die Eigenschaft des Vaters und das Amt des Magistraten auf sich vereinigt und nicht zögert, den des Verrats schuldigen Sohn dem Tode zu überantworten, spielt eine wichtige Rolle in der Anekdotik und in der Mythologie der souveränen Macht. Doch ebenso entscheidend ist die umgekehrte Figur, das heißt der Vater, der seine vitae necisque potestas gegenüber einem Sohn, der Magistrat ist, ausübt wie im Fall des Konsuls Spurius Cassius und des Tribuns Caius Flaminius. Valerius Maximus berichtet, wie letzterer, während er sich über die Macht des Senats hinwegzusetzen versuchte, von seinem Vater von der Rostra heruntergeschleift wurde, und definiert die potestas des Vaters bezeichnenderweise als imperium privatum. Yan Thomas hat aufgrund seiner Analysen dieser Episoden schreiben können, daß die patria potestas in Rom als eine Art von öffentlichem Amt und in gewisser Weise wie ein nirreduzibler Rest der Souveränität« (ebd., S. 528) empfunden wurde. Wenn wir schließlich in einer späten Quelle lesen, daß Brutus, als er seine Söhne dem Tode überantwortete, »an ihrer Stelle das römische Volk adoptierte« (ebd,, S. 5 3 1), so ist es ein und dieselbe Macht über den Tod, die sich mittels des Bildes von der Adoption nun auf das gesamte römische Volk überträgt; so bekommt das hagiographische Epitheton »Vater des Vaterlandes« (ebd., S. 53 1 f.), das zu allen Zeiten den mit der souveränen Macht ausgestatteten Oberhäuptern vorbehalten war, wieder seine ursprüngliche, finstere Bedeutung. Die Quelle liefert uns also eine Art genealogischen Mythos der souveränen Macht: Das imperium des Magistraten ist nur die Ausweitung der vitae necisque potestas des Vaters auf die gesamte Bürgerschaft. Es könnte nicht klarer gesagt werden, daß das erste Fundament der politischen Macht ein absolut tötbares Leben ist, das durch seine Tötbarkeit selbst politisiert wird.
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4.2. Aus dieser Perspektive wird der Sinn des alten römischen Brauchs, von dem Valerius Maximus berichtet, wonach nur der noch nicht geschlechtsreife Sohn sich zwischen dem mit dem imperium ausgestatteten Magistraten und dem Liktor, der vor ihm hergeht, plazieren durfte. Die physische Nähe zwischen dem Magistraten und seinen Liktor-en, die ihn stets begleiten und die schrecklichen Insignien der Macht tragen (die fasces formidulosi und die saeves secures) druckt die Untrennbarkeit des imperiums von einer Macht über den Tod förmlich aus. Der Sohn kann sich deshalb zwischen den Magistraten und den Liktor stellen, weil er in bezug auf den Vater bereits ursprünglich und unmittelbar einer Macht über Leben und Tod unterstellt ist. Der puer Sohn sanktioniert auf symbolischem Weg genau diese Konsubstantialität der vitae necisque potestas zur souveränen Macht. An dem Punkt, wo sie zusammenzufallen scheinen, tritt der besondere - das heißt an dieser Stelle eigentlich nicht mehr so besondere - Umstand zutage, daß jeder freie männliche Bürger (der als solcher am öffentlichen Leben teilnehmen kann) sich unmittelbar in einer Verfassung der virtuellen Tötbarkeit befindet und in bezug auf den Vater gewissermaßen sacer ist. Die Römer waren sich des aporetischen Charakters dieser Macht vollkommen bewußt; sie machte eine auffallende Ausnahme gegenüber dem Prinzip des Zwölftafelgesetzes, wonach kein Bürger ohne Urteilsspruch (indemnatus) zu Tode gebracht werden durfte, und bildete gleichsam eine unbegrenzten Autorisierung zu töten (lex indemnatorum interficiendum). Und auch das andere Merkmal, welches das heilige Leben als Ausnahme kennzeichnet, das heißt die Unmöglichkeit, in den sanktionierten Formen des Ritus zu Tode gebracht zu werden, findet sich in der vitae necisque potestas wieder. Yan Thomas zitiert den von Calpurnius Flaccus als rhetorische Übung vorgeschlagenen Fall eines Vaters, der kraft seiner potestus den Sohn dem Henker übereignet, damit ihn dieser zu Tode bringe; der Sohn widersetzt sich und verlangt zu Recht, daß ihm der Vater den Tod geben müsse (vult manu patri interfici; ebd., S. 540). Die vitae necisque potestas erfaßt das nackte Leben des Sohnes unmittelbar, und das impune occidi, das sich davon ableitet, kann in keiner Weise der rituellen Tötung bei der Vollstreckung eines Todesurteils angenähert werden.
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4.3. An einem bestimmten Punkt seiner Untersuchung der vitae necisque potestas fragt Yan Thomas: »Welches ist dieses unvergleichliche Band, für welches das römische Recht keinen anderen technischen Ausdruck zu finden vermag als den Tod?« (Ebd., S. 5 IO) Die einzige mögliche Antwort ist die, daß dasjenige, wovon in diesem »unvergleichlichen Band« gehandelt wird, die Einbeziehung des nackten Lebens in die juridischpolitische Ordnung ist. Es verhält sich, wie wenn die männlichen Bürger für ihre Teilnahme am politischen Leben mit einer bedingungslosen Unterwerfung unter eine Macht über den Tod bezahlen müßten und das Leben nur in der doppelten Ausnahme der Tötbarkeit und der Opferbarkeit in das Gemeinwesen eintreten könnte. Deswegen kommt die patria potestas sowohl an der Grenze der domus wie des Staates zu liegen: Wenn die antike Politik der Trennung dieser beiden Sphären entspringt, dann ist das tötbare und nicht opferbare Leben das Scharnier, das sie verbindet, und die Schwelle, auf der sie kommunizieren, indem sie sich ins Unbestimmte auflösen, Das heilige Leben, weder politischer bios noch natürliche zök, ist die Zone der Ununterscheidbarkeit, in der bios und z& sich wechselseitig einbeziehen und ausschließen und sich gerade dadurch konstituieren. Es ist sehr richtig erkannt worden, daß der Staat nicht in einer sozialen Bindung gründet, deren Ausdruck er wäre, sondern in der Auflösung (de-liaison), die er untersagt (Badiou, S. I 25). Wir können nun diese These um eine weitere Bedeutung erweitern. Die déliaison darf nicht als Auflösung eines bereits vorher bestehenden Bandes verstanden werden (das die Form eines Pakts oder Vertrags haben könnte). Vielmehr hat das Band selbst ursprünglich die Form einer Auflösung oder einer Ausnahme, in der das, was eingebunden wird, zugleich ausgestoßen wird; und das menschliche Leben politisiert sich nur durch das Überlassensein [abbandono] an eine unbedingte Macht über den Tod. Ursprünglicher als die Bindung einer positiven Norm oder eines sozialen Pakts ist das souveräne Band, das aber in Wahrheit nur eine Auflösung ist; und das, was diese Auflösung impliziert und produziert - das nackte Leben, das im Niemandsland zwischen dem Haus und dem Staat wohnt -, ist von der Warte der Souveränität aus gesehen das ursprüngliche politische Element.

5. Souveräner Körper und heiliger Körper

5. I . Als Ernst Kantorowicz Ende der fünfziger Jahre in den Vereinigten Staaten Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters veröffentlichte, wurde das Buch nicht nur von Mediävisten, sondern auch und vor allem von Historikern der Neuzeit sowie Politikwissenschaftlern und Staatstheoretikern vorbehaltlos begrüßt. Es war in seiner Gattung zweifellos ein Meisterwerk, und die Vorstellung eines »mystischen Körpers« und eines »politischen Körpers des Königs«, die es ans Licht brachte, bildete gewiß (wie Jahre später Kantorowicz’ brillantester Schüler, Ralph E. Giesey, festhielt) eine »wichtige Etappe in der Entwicklungsgeschichte des modernen Staates« (Giesey 1, S. 9); doch solch eine ungeteilte Gunst auf einem so heiklen Gebiet verdient einige Überlegungen. Kantorowicz weist im Vorwort selbst darauf hin, daß das Buch, das aus einer Studie über mittelalterliche Vorläufer des Rechtssatzes von den zwei Körpern des Königs hervorgegangen war, weit über die ursprüngliche Absicht hinausging. Der Verfasser, der Anfang der zwanziger Jahre die politischen Wechselfälle in Deutschland mit intensiver Teilnahme erlebt hatte, als er in den Reihendes nationalistischen Freikorps den Spartakusaufstand in Berlin und die Münchner Räterepublik bekämpfte, konnte die Anspielung auf die »politische Theologie«, unter deren Fahne Schmitt 1922 seine Souveränitätslehre gestellt hatte, nicht bedacht haben. Fünfunddreigig Jahre später, nachdem der Nationalsozialismus seinem Leben als assimilierter Jude einen unheilbaren Bruch zugefügt hatte, befragte er jenen »Mythus des Staates«, den er in jungen Jahren so feurig geteilt hatte, aus einer ganz anderen Perspektive. Das Vorwort macht darauf aufmerksam und bestreitet zugleich vielsagend, daß es »zu weit [ginge], wollte man annehmen, der Verfasser habe sich der Erforschung der Ursprünge einiger Idole moderner politischer Religionen nur aufgrund der furchtbaren Erlebnisse unserer Zeit zugewandt, in der ganze Völker, die größten wie die kleinsten, den unsinnigsten Dogmen zum Opfer fielen und politische Theologismen zu regelrechten Besessenheiten« wurden. Und mit derselben beredten Bescheidenheit weist der Verfasser den
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Anspruch zurück, *das Problem des sogenannten >Mythus des Staates< (Cassirer) vollständig erfaßt zu haben« (Kantorowicz, s. 22 f.). In diesem Sinn hat man das Buch nicht grundlos als einen der großen kritischen Texte unserer Zeit über den Konsens gegenüber dem Staat und über die Techniken der Macht lesen können. Wer jedoch die geduldige Analysearbeit verfolgt hat, die ausgehend von den Reports Edmund Plowdens und der makabren Ironie in Richard II zur Rekonstruktion der Entstehung der Lehre von den zwei Körpern des Königs in der mittelalterlichen Jurisprudenz und Theologie gelangt, der kann sich nicht nicht fragen, ob das Buch allein als Demystifizierung der politischen Theologie gelesen werden kann. Tatsache ist, daß im Gegenzug zu der von Schmitt beschworenen politischen Theologie, die wesentlich den absoluten Charakter der souveränen Macht ins Auge faßte, Die zwei Körper des Königs sich ausschließlich mit dem anderen, harmloseren Aspekt beschäftigt, der nach der Definition Jean Bodins die Souveränität charakterisiert (puissance absolue etpe@tueZZel), nämlich ihre ewige Natur, aufgrund deren die königliche dignitas die physische ihres Trägers überlebt (Ze roi ne meurtjamais2). Die ,christliche politische Theologie& war hier einzig darauf ausgerichtet, durch die Analogie mit dem mythischen Körper Christi die Kontinuität jenes corpus morale et politicum des Staates zu sichern, ohne den keine stabile politische Organisation denkbar ist. Und in diesem Sinn kann man sagen, daß »ungeachtet einiger Ähnlichkeit mit zusammenhanglosen heidnischen Begriffen [. . ,] die >zwei Körper des Königs< ein Produkt christlichen theologischen Denkens [sind] und [. . .] folglich einen Markstein christlicher politischer Theologie [bilden]« (ebd., S. 496).
5.2. Mit der Entschiedenheit dieser Schlußthese hebt Kantorowicz das Element hervor (um es gleich wieder beiseite zu schieben), das die Genealogie der Lehre von den zwei Körpern in eine weniger beruhigende Richtung gelenkt hätte, wenn er es nämlich mit dem zweiten und obskureren Arkanum der souveränen Macht in Verbindung gebracht hätte: Zu puissance absolue. Das
I *Absolute und ewige Macht«. 2 *Der König stirbt nie.*

VII. Kapitel beschreibt das eigentümliche Bestattungszeremoniell der französischen Könige, bei dem die effigie cerea eine wichtige Rolle spielte und das wächserne Abbild, aufgebahrt auf einem lit d’honneur, ganz wie die lebende Person des Königs behandelt wurde. Als möglichen Ursprung nennt Kantorowicz die römische Kaiserapotheose; auch hier wurde, nachdem der Souverän gestorben war, seine imago aus Wachs »wie ein kranker Mensch behandelt und lag auf einem Bett. Senatoren und Krankenpflegerinnen standen zu beiden Seiten, Ärzte markierten Pulsfühlen und medizinische Behandlung, bis nach sieben Tagen die Figur >starb <.« (Ebd., S. 422f.) Kantorowicz zufolge hatte das heidnische Vorbild trotz aller Ähnlichkeit das französische Bestattungsritual nicht direkt beeinflußt; auf jeden Fall sei es sicher, daß das Vorhandensein des Abbildes noch einmal mit der »nie sterbenden* legalistischen Dignität des Königs in Beziehung zu setzen sei. Daß die Ausklammerung des römischen Vorbilds nicht einer Vernachlässigung oder Unterbewertung entsprang, zeigt die Beachtung, die ihm Giesey mit der vollen Zustimmung seines Lehrers in seinem Buch The Royal Funeral Ceremony in Renaissance France (1960) geschenkt hat, das als eine angemessene Ergänzung der Zwei Körper des Königs betrachtet werden kann, Giesey konnte nicht übergehen, daß namhafte Gelehrte wie Julius Schlosser und weniger bekannte wie Elias Bickermann einen genetischen Zusammenhang zwischen der kaiserlichen consecratio der Römer und dem französischen Ritus hergestellt hatten; seltsamerweise setzt er sein Urteil über die Sache aus (»was mich betrifft«, schreibt er, »so ziehe ich es vor, keine der beiden Lösungen zu wählen«; Giesey 2, S. 128), um die Kantorowiczsche Interpretation der Verbindung zwischen dem Abbild und dem Fortbestand der Souveränität resolut zu bekräftigen. Es gab für diese Wahl einen offensichtlichen Grund: Wenn die Hypothese von der heidnischen Ableitung des Abbildzeremoniells zugelassen worden wäre, dann wäre Kantorowicz’ These von der »christlichen politischen Theologie« zwangsläufig umgestürzt oder hätte zumindest noch einmal vorsichtiger reformuliert werden müssen. Doch es gab auch noch einen zweiten - und heimlicheren - Grund: daß eigentlich nichts an der römischen consecratio es erlaubte, das Abbild des Kaisers mit dem leuchtendsten Wesenszug der Souveränität, der ihre
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bringt er die kaiserliche Bildbestattung mit dem Ritus in Zusammenhang. S. Das iustitium [die öffentliche Trauer] beginnt hier erst nach der Beerdigung.]./ fuerit k . um beinah mit ihm zu verschmelzen. . wenn auch ohne alle Konsequenzen zu ziehen. Der Augenzeuge Dio erzählt. [. An Deutlichkeit lassen all diese Nachrichten nichts zu wünschen übrig. Hier unternimmt Bickermann eine wertvolle Annäherung. Herodian fügt sogar hinzu. die in einem kurzen. daß ein Sklave mit seinem Wedel Fliegen vom Gesicht der Wachspuppe des Pertinax abwehrte. in der sie sich zu vermischen scheinen. mit Ärztebesuchen. Elias Bickermann. Das Wachsbild. die spezifische Aporie auf. welchen die . auf seinem Paradebett liegend .]. Dort nämlich schien der politische Körper des Königs sich dem tötbaren und nicht opferbaren Körper des homo sacer anzunähern. veröffentlichte 1929 im Archiv für Religionswissenschaft eine Studie über die »römische Kaiserapotheose«.Lex collegii cultorum Dianae et Antinoi< vor: quisquis ex hoc collegio servus defunctus fuerit et corpus eius a domino iniquo sepulturae datum non [. Ein junger Antikeforscher. bei dem ein Abbild zuerst wie eine lebende Person behandelt und danach feierlich verbrannt wurde.] Die Leiche des Kaisers wird zwar prunkhaft. Ein Vierteljahrhundert vor der Bestattung des Antoninus Pius schreibt die . Giesey erklärt sogar ohne Umschweife. und der staatliche Leichenzug setzte sich in Bewegung. . die in dieser Wachsbild-Bestattung liegt: *Jeder gewöhnliche Mensch wird nur einmal begraben. weist in eine dunklere und ungewissere Zone. Bei der Bestattung des Antoninus Pius wird aber alles dem üblichen Brauch entgegen ausgeführt. der dem Verstorbenen nachgebildeten Wuchspuppe. wie er nur einmal stirbt. um den fehlenden Körper zu vertreten.3.4.Ewigkeit ist. . [.« 105 .] D ieses Scheinbild wird [. Hier genüge nur ein italisches Beispiel vom Jahre 136. wie wir aus Dios und Herodians Berichten von den späteren Konsekrationen erfahren. Gesundheitsbulletins und Todesfeststellung. Und hier ist es.] als wirklicher Menschenkörper angesehen und behandelt.’ Die Satzung gebraucht dabei denselben Ausdruckfunus imaginarium. Septimius Severus gab ihr dann auf dem Scheiterhaufen den Abschiedskuß. dessen Leben durch diese oder vielleicht noch andere magische Handlungen in die Wachspuppe überführt ist. . 5. dem Toten >in allem ähnlich<. im Kaiserzeremoniell tritt es dagegen neben ihn. verwendet. . um die von Dio gesehene Bestattung des Pertinax-Wachsbildes zu bezeichnen. der sich vor einer Schlacht feierlich den Manen geweiht hat und im Kampf nicht gefallen ist (Bickermann 2. aber nicht von amtswegen verbrannt und die überteste im Mausoleum beigesetzt.Historia Augusts<. 4-6) Entscheidend für das Verständnis des ganzen Rituals ist jedoch die Funktion und das Wesen des Bildes. . mit seinen Kleidern umhüllt. 5. der an demjenigen vollführt werden muß.* (Ebd. . . dann in effigie. sf. Bei seiner sorgfältigen Rekonstruktion des Ritus der Konsekration aufgrund der schriftlichen Quellen und der Münzen spürt Bickermann. doch beide umgehen dennoch stillschweigend den zentralen Punkt von Bickermanns Analyse. der sein eigenes Leben den Göttern der Unterwelt weiht. Nach der jlex collegii< wie in allen sonstigen Parallelen dient aber das Bild. S. und zwar einmal in corpore. .« (Bickermann 1.. verdoppelt die Leiche und ersetzt sie nicht.das ist der Kaiser selbst. so soll eine Bild-Bestattung ausgeführt werden. als die Leichenreste schon im Grabmal ruhten! Und zwar gilt dieses funus publicum. . aber detaillierten Anhang das heidnische Bildzeremoniell (funus imaginarium) ausdrücklich zu den Bestattungsriten der englischen und französischen Souveräne in Beziehung setzt. . ei funus imaginarium jiet. der makabre und groteske Ritus. S. in Verbindung zu bringen. um die Stadt vor einem I »Wenn ein Sklave dieses Kollegiums stirbt und von seinem ungerechten Herrn nicht begraben wird. Der Figur des homo sacer haben die Forscher schon seit langem die des devotus an die Seite gestellt. wo der Körper des Souveräns und der Körper des homo sacer in eine Zone der Ununterscheidbarkeit gelangen. daß die 104 Puppe des Septimius Severus sieben Tage vordem im Palaste als Kranker behandelt wurde. 22). die das Zeremoniell in eine neue Perspektive zu rucken erlaubt: »Die Parallelen für derartigen Bilderzauber sind zahlreich und in der ganzen Welt zu treffen.) Als Bickermann 1972 mehr als vierzig Jahre später auf das Problem zurückkommt. Kantorowicz und Giesey zitieren beide diese Studie. die wir nun zu erkunden versuchen. Der in der Antoninenzeit konsekrierte römische Kaiser wurde aber zweimal auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Im allgemeinen pflegt die öffentliche Trauer in diesem Augenblicke zu schließen [. daß die Lektüre des Textes am Ursprung seiner Arbeit gestanden hat.

nicht unbedingt sich selbst. beiden Heeren sichtbar. oder genauer in stellvertretender Ausführung des nicht erfüllten Gelöbnisses. ob er es mit einem Opfertier oder sonstwie tun möchte. . 11-13) Die Analogie zwischen devotus und homo sacer scheint hier nicht über den Umstand hinauszugehen. von dem Livius spricht. Der Zweck der Bestattungsriten besteht darin. das den Platz des fehlenden Leichnams in einer Bestattungper imaginem einnimmt. Vater Mars.« (VIII 9. wie Decius sich dem Tod geweiht hat. also zu sprechen: >Janus. der wir bereits im funus imaginarium des Kaisers begegnet sind und die den Körper des Souveräns und des Geweihten in einer Konstellation zu vereinigen scheint. sondern jeden beliebigen Bürger aus einer ausgehobenen römischen Legion dem Tod zu weihen. . die psyche. wenn er die Legionen der Feinde dem Untergang weiht. nichts anderes als der »Koloß« des Geweihten ist. und wenn er dann nicht fällt. »erlaubt er es. die ihr die Macht habt über uns und die Feinde. die Legionen und die Hilfstruppen des römischen Volkes der Quiriten die Legionen und Hilfstruppen der Feinde mit mir den vergöttlichten Geistern der Toten und der Tellus. Das römische Heer stand vor der Niederlage. den Pontifex um Beistand beim Vollzug des Ritus bat: »Der Pontifex forderte ihn auf. S. das sich in anormalen Umständen befindet.] gürtete sich auf gabinische Art. dessen Sinn es gerade zu verstehen gilt. ihr alteingesessenen Götter. wie Robert Schilling in einer exemplarischen Studie festgestellt hat. die sich 340 v. Chr. zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten wieder korrekte Verhältnisse herzustellen« (Vernant. sowohl aus der profanen Welt als auch aus der heiligen Welt ausgeschlossen wird.4-10) Wo dieses Bildnis vergraben ist. für das Heer. Er könnte auf keinem Weg wieder der profanen Welt zurückgegeben werden.« (VIII IO. der 107 I . gezwungen sieht? Welches ist der Status dieses lebendigen Körpers. Fällt der Mann. als der Konsul Publius Decius Mus. auch wenn (trotz des Vergleichs von Livius) nicht in der technischen Form des Opfers. daß das sieben Fuß hohe signum. Wir wissen. das mit dem Aussehen des Verstorbenen dessen gewohnte Orte heimsucht und weder der Welt der Toten noch der Welt der Lebenden angehört. JeanPierre Vernant und Benveniste haben die Funktion des Kolosses im allgemeinen aufgezeigt: Indem er ein Doppel auf sich zieht und festhält. fällt er nicht. da8 es dem Konsul und dem Diktator sowie dem Prätor erlaubt ist. daß sie sich zur Ausführung eines komplexen Rituals. Quirinus. den man unter seine Füße gelegt hatte. die Verwandlung dieses unbequemen und ungewissen Wesens in einen wohlmeinenden und mächtigen Vorfahren zu garantieren.« (Schilling. geschieht dies deshalb. schwang sich bewaffnet auf sein Pferd und stürzte sich mitten unter die Feinde. Livius hat uns eine lebhafte und minutiöse Schilderung einer devotio überliefert. dort darf ein römischer Magistrat nicht hintreten. daß beide irgendwie den Göttern geweiht sind und den Göttern gehören. dann hat die Sache offensichtlich einen richtigen Verlauf genommen. S. ihr Götter. ihr neu aufgenommenen Götter.schweren Unheil zu bewahren. Wenn er aber sich selbst dem Tod weihen will. da dank seiner >Weihung< ja die ganze Gemeinschaft der ira deum entrinnen konnte. das heißt sein Doppel. wie vom Himmel gesandt als ein Sühneopfer für allen Zorn der Götter. auf einem Speer stehend. das ez’dolon oder das phhma der Griechen). Livius erwägt jedoch eine Hypothese. viel hehrer als eine menschliche Erscheinung. euch bete und flehe ich an und bitte euch inständig um die Gnade. .( [. Wie ich es mit meinen Worten ankündige. »weil dieser Mann sacer ist. der nicht mehr zur Welt der Lebenden zu gehören scheint? Wenn der überlebende Geweihte. 337). 9 56) Aus dieser Perspektive müssen wir die Funktion der Statue betrachten. ihr Laren. während der Schlacht von Veseris zugetragen hat. so weihe ich [devoweo] für den Staat des römischen Volkes der Quiriten. die ein besonderes Licht auf diese Einrichtung wirft und einen engeren Vergleich der beiden Lebendes devotus und des homo sacer erlaubt: »Ich glaube noch hinzufügen zu müssen. . die purpurverbrämte Toga anzulegen und mit verhülltem Haupt. eine Hand unter der Toga zum Kinn emporgestreckt. 106 Warum bildet das Überleben eines Todgeweihten für die Gemeinschaft eine solch heikle Angelegenheit. kann er weder für sich noch für den Staat eine Kulthandlung gültig vollziehen. dann muß man ein mindestens sieben Fuß hohes Bildnis [signum] in der Erde vergraben und zur Sühne ein Opfertier schlachten. Jupiter. der zusammen mit seinem Kollegen Titus Manlius Torquatus die Legionen befahl. und ihr vergöttlichten Geister der Toten.] Er [. der dem Tod geweiht worden ist. Schrecken und Tod bringt. daß ihr dem römischen Volk der Quiriten Macht und Sieg verleiht und den Feinden des römischen Volkes der Quiriten Furcht. Bellona. Denn die erste Folge des Todes ist die Freisetzung eines vagen und bedrohlichen Wesens (die lateinische larva.

und hier noch bedingungsloser.6). welche die richtige. der dem Tod geschuldet ist und. Es ist mithin kein Zufall. indem es sich in einer doppelten Ausschließung vom realen Kontext der profanen wie der religiösen Lebensformen ausnimmt. angefertigt werden kann.« (Ebd. aber unmittelbarer und allgemeiner. tötbar und nicht Opferbar zu sein.5. der wird sich auflösen und verschwinden. Der Körper des homo sacer selbst ist in seiner Eigenschaft. Während der Eid gesprochen wurde. sie waren nichts anderes als die Kolosse derer. Das heilige Leben ist ohne Opfermöglichkeit und jenseits jeglicher Erfüllung geweiht. Zeus geweiht wurden. der überlebt hat? Wo es keinen Toten gibt. Das Fehlen des Leichnams (oder in manchen Fällen seine Verstümmelung) können jedoch die ordentliche Ausführung des Bestattungsritus verhindern. das zwar ein normales Leben weiterzuführen scheint. der diese Ordnung stört. allein durch sein Eintreten in eine engste Symbiose mit dem Tod definiert wird. das lebende Pfand seiner Unterwerfung unter eine Macht über den Tod. S. ist der homo sacer sozusagen eine lebende Statue. I »Die Seelen der geweihten Männer. auf dem sich die souveräne Macht gründet. das. I 57). sein Stamm und seine Güter. den in Thera (Santorin) die Kolonisten bei ihrer Abfahrt nach Afrika und die in der Heimat bleibenden Bürger auf die wechselseitigen Verpflichtungen zu leisten hatten. wenn Macrobius in einem Text (Sat. ist der Geweihte ein paradoxes Wesen. welche die Griechen zanas nannten«. in diesen Fällen kann unter bestimmten Bedingungen ein Koloß an die Stelle des Leichnams treten und die Durchführung einer stellvertretenden Bestattung ermöglichen. der den Interpreten lange dunkel und korrupt schien. Solange dieser Ritus nicht vollzogen ist (der. Trotzdem besagt eine in Kyrene gefundene Inschrift. Entscheidend ist jedoch. das Doppel oder der Koloß seiner selbst. jenen Teil der lebenden Person dar. Was geschieht mit dem Geweihten. kann man nicht im eigentlichen Sinn vom Fehlen eines Leichnams sprechen.l Insofern seine Person die Elemente verkörpert. 329) Der Koloß ist folglich kein einfacher Stellvertreter des Leichnams. sondern die absolute und bedingungslose Unterwerfung. Wenn wir nun aus dieser Perspektive das Leben des homo sacer erneut betrachten. den er vertreten soll. daß dieses heilige Leben von Beginn an einen eminent politischen Charakter besitzt und eine wesentliche Bindung mit dem Boden offenbart. Versnel gezeigt hat. das in der Antike die Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten regelt. die gewöhnlich mit dem Tod verbunden sind. für den eine Ersatzsühnung oder eine Stellvertretung durch einen Koloß nicht mehr möglich ist. sondern sein Ausbleiben. In bestimmten Fällen ist es gleichwohl nicht der Tod. das sich virtuell bereits im Augenblick des Gelöbnisses von ihm abgesondert hat. warf man aus Wachs gefertigte kolossoiins Feuer und sprach: »Der diesem Schwur untreu wird. durch den Hinschied gestörte Verbindung zwischen Lebenden und Toten wiederherstellen. so können wir seine Lage mit derjenigen eines überlebenden Geweihten vergleichen. er. quos zanas Graeci vocant). sich in Wirklichkeit aber auf einer Schwelle bewegt. die den eidbrüchigen Athleten auferlegt wurden. vom normalen Umfeld der Lebenden abgetrennt werden muß./ sacratorum hornintim. ohne aber bereits der Welt der Verstorbenen anzugehören.. 109 . die weder zur Welt der Lebenden noch zur Welt der Toten gehört: Er ist ein lebender Toter oder 108 toter Lebender. . sondern eine Ersatzerfüllung des Gelöbnisses ist. Versnel. er ist in Wahrheit eine larva. Und in der Figur dieses »heiligen Lebens« tauchte in der abendländischen Welt so etwas wie ein nacktes Leben auf. Sowohl beim Körper des Geweihten als auch. und zur Wiederherstellung der Ordnung ist die Fertigung des Kolosses notwendig. Im komplexen System. stellt er analog zum Leichnam.dann endgültig zur Totenwelt gehört und mit dem man rituell definierte Verbindungen pflegt. die samt dem Ertrag aus den Bußen. weil er die Schwelle zwischen den zwei Welten unheilvoll besetzt. den homo sacer mit den Statuen (Z&zes) vergleicht. nicht so sehr eine stellvertretende Bestattung. diese Unterwerfung ist jedoch nicht die Erfüllung des Gelöbnisses. 5. Diese Trennung wird gewöhnlich im Moment des Todes durch die Bestattungsriten vollzogen. Die Inschrift gibt den Text des Eides wieder. und der Koloß repräsentiert genau jenes geweihte Leben. daß ein Koloß auch zu Lebzeiten dessen. wie Hendrik S. bei dem des homo sacer stößt die antike Welt zum ersten Mal auf ein Leben. III7. die den Eid gebrochen hatten und sich durch einen Stellvertreter der göttlichen Gerechtigkeit übergaben (animas L.

»daß man hierzulande sagt. Deshalb kann Bodin. der diesen Überschuß offenbart. Die Formeln le mort saisit le ~$1 und Ze Roi ne meurt jamais müßten viel buchstäblicher verstanden werden.6.« 111 . auf den Nachfolger übertragen wird. daß der Tod des Kaisers (obwohl sein Leichnam. der dieses heilige Leben freisetzt. wie sie mittels der dunklen Bindung an ein tötbares und nicht opferbares Leben deren Absolutheit ausdrücken. im Fall des englischen oder französischen Ritus. aber nicht geopfert werden darf . Und wenn es beim überlebenden Geweihten der verpaßte Tod ist. der König stirbt nie. den homo sacer und den Souverän zu einem einzigen Paradigma vereint. mit der menschlichen Welt unvereinbar geworden ist. verherrlicht. sondern vor allem den Überschuß des heiligen Lebens des Kaisers. S. beim homo sacer schließlich stehen wir vor einem irreduziblen Rest an Leben. das aus seinem Kontext herausgelöst worden und. und aus dem Symbol der Ewigkeit der dignitas wird die Chiffre des absoluten und nichtmenschlichen Wesens der Souveränität. die das Individuum dem normalen Leben zurückerstattet. Aber damit ändert sich der Sinn der Metapher vom politischen Körper. Allem Anschein nach hat also der Kaiser nicht zwei Körper in sich. so bedeutet dies. 3 I . die Maxime. dann ändert sich die Theorie selbst von Grund auf. im Fall des römischen Ritus. die nach Kantorowicz die Ewigkeit der politischen Macht ausdrückt. immer vitae necisque potestas und gründet sich stets auf die Absonderung eines Lebens.sie ist. vorhanden ist) einen Überschuß an heiligem Leben freisetzt. In allen drei Fällen ist das Leben in gewisser Weise an eine politische Funktion gebunden. ist der Umstand.5. der scharfsinnigste Theoretiker der modernen Souveränität. Im Fall der höchsten Macht . der überlebt hat. wie wenn sie aufgrund einer eigentümlichen Symmetrie die Aufnahme des heiligen Lebens in die Person selbst. beim Kaiser erlaubt das doppelte Begräbnis die Fixierung des heiligen Lebens. dessen Überreste rituell begraben werden. der ausgeschlossen und dem Tod als solchem ausgesetzt werden muß. ein natürliches Leben und ein heiliges Leben. mit den Worten Plowdens »nicht sehen oder anfassen kann«. daß unser Königtum zu keiner Zeit ein Wahlkönigtum gewesen ist und der König sein Zepter weder vom Papst. als man zu denken pflegt: Beim Tod des Souveräns ist es das heilige Leben. er scheint als solcher der höchsten Macht innezuwohnen. mittels eines Kolosses neutralisiert werden muß. implizierte. daß wir uns jedesmal vor einem nackten Leben befinden. Was den überlebenden Geweihten. das klar beweist. fungiert die Bildbestattung als Ersatzerfüllung des Gelöbnisses. das letztere überlebt das erstere trotz des ordnungsgemäßen Bestattungsritus und kann erst nach dem funus imaginarium in den Himmel aufgenommen und vergöttlicht werden. weil es sozusagen den Tod überlebt hat. ohne daß irgend ein Ritus oder ein Opfer es wieder einlösen kann. Wenn die Verbindung mit der heidnischen Kaiserkonsekration nicht mehr ausgeklammert werden kann. In diesem Licht müssen wir den Abbildritus in der römischen Kaiserapotheose sehen. welche die Macht innehat. der durch das Bild. der überlebt hat. schreibt er im sechsten Buch seiner Republique. und genau deswegen kann er nicht einfach (wie Kantorowicz und Giesey meinen) die Beständigkeit der souveränen Macht repräsentieren. noch vom ErzI »Der Tote ergreift den Lebenden. ein altes Sprichwort. Verglichen mit der Interpretation von Kantorowicz und Giesey erscheint die Lehre von den zwei Körpern des Königs nun in einem anderen und weniger harmlosen Licht. Kantorowicz. sich 110 und die anderen als tötbares und nicht opferbares Leben zu konstituieren. wie wenn diese letztlich nichts anderes wäre als die Fähigkeit. auf das sich die souveräne Macht gründet. das getötet. Das heilige Leben kann in keinem Fall im Gemeinwesen der Menschen wohnen: Beim Geweihten. Die beiden Formeln sprechen nur in dem Maß von der Kontinuität der souveränen Macht. in bezug auf ihre absolute Natur interpretieren: »Daher kommt es«. der »völlig frei von Kindheit und Alter« ist und der den sterblichen Körper. mit dem er sich verbindet. Der politische Körper des Königs (»den man«. wie wir gesehen haben.33) stammt letztlich vom Koloß des Kaisers ab. der wie im Fall des Geweihten. so ist es beim Souverän hingegen der Tod. Wenn der Koloß im dargelegten Sinn stets ein todgeweihtes Leben vertritt. das in der Apotheose eingeholt und vergöttlicht werden muß.verhält es sich. abgesondert und in den Himmel aufgenommen oder. mit der die Person des Nachfolgers bekleidet wird. sondern zwei Leben in einem einzigen Körper.

sondern darin.7. am 2 I . daß in beiden Fällen die Tötung nicht den Tatbestand eines Mordes erfüllt. In den Debatten i m Konventvon 1792 waren die Jakobiner dafür.). S. müßten wir eigentlich auch Analogien und Entsprechungen im juridisch-politischen Status dieser scheinbar so weit voneinander entfernten Körper finden. Wenn wir noch in der Satzung Karl Alberts von Savoyen lesen können. ohne einen Mord zu begehen. das heißt die Unmöglichkeit. Michael Walzer hat dargelegt. In der 112 amerikanischen Verfassung zum Beispiel verlangt das impeachment ein besonderes Urteil des vom Chief justice präsidierten Senats. Nun gibt es eben auch keine Rechtsordnung (auch nicht unter denjenigen. Eine erste und unmittelbare Übereinstimmung liefert die Sanktion. wonach das Staatsoberhaupt nicht einem gewöhnlichen Gerichtsverfahren unterzogen werden kann. und das nicht den sanktionierten Exekutionsformen unterzogen werden kann. trieben sie das Prinzip der Nichtopferbarkeit des heiligen Lebens. daß der König ohne Prozeß einfach nur umgebracht wurde. die Mord durchweg mit der Todesstrafe vergelten). Sie stellt ein besonderes Delikt dar. in den vom Ritus oder vom Gesetz vorgesehenen Formen geopfert zu werden. daß die Tötung des homo sacer nicht als Mord gilt (parricidi non damnatur). das jeder erschlagen kann. daß »die Person des Souveräns heilig und unantastbar ist«. nicht so sehr darin bestand. Wenn die Symmetrie zwischen dem Körper des Souveräns und dem des homo sacer. das der homo sacer verkörpert. findet seine genaue Entsprechung im Vergleich mit der Person des Souveräns. in der die Tötung des Souveräns einfach als Mord rubriziert würde. sondern allein von Gott empfängt. das (nachdem man von Augustus an den Begriff maiestas immer enger mit der Person des Kaisers verbindet) als crimen lesae maiestatis definiert wird. das nur für »high crimes and misdemeanors« gesprochen werden kann und lediglich Amtsenthebung und keine gerichtliche Strafe nach sich zieht. noch vom Volk. den die Enthauptung Ludwig XVI.bischof von Reims. und zwar im Prinzip. S. d a ß er einem Prozeß unterworfen und in Vollstreckung eines Todesurteils hingerichtet wurde (Walzer. daß die Tötung des homo sacer für weniger und die Tötung des Souveräns für mehr als einen Mord gehalten werden kann. . Von unserem Gesichtspunkt aus spielt es keine Rolle. 184f. dann m u ß man noch in diesen merkwürdigen Adjektiven den Widerhall jener Heiligkeit des tötbaren Lebens vernehmen. ins Extrem. wohl ohne sich dessen bewußt zu sein. 436) 5. Noch in den modernen Verfassungen überlebt eine säkularisierte Spur der Unmöglichkeit. daß ein Monarch getötet wurde.« (Bodin. Aber auch das zweite Merkmal. Wir wissen. daß in den Augen der Zeitgenossen die Ungeheuerlichkeit des Bruchs. das Lebens des Souveräns zu opfern. wie wir sie bis hier aufzuzeigen versucht haben. welches das Leben des homo sacer definiert. welche die Tötung des Souveräns trifft. richtig ist. Januar I 793 bedeutete. wichtig ist.

Es ist das Leben des loup garou. Daß er als Wolfsmensch und nicht einfach als Wolf bestimmt wird (die Wendung caput lupinum hat die Form eines rechtlichen Statuts).. des Werwolfs.* 5 »Wer auf die Strafe des Todes aus der Stadt verbannt ist. halb Mensch. dem Wolfsmenschen.kein Stück wilder Natur ohne jede Beziehung zum Recht und zum Staat. mittels dessen Hobbes die Souveränität begründet. der aus der Gemeinschaft verbannt worden ist. so gebrauchen das Salische und das Ripuarische Gesetz die Formel wargus sit. die paradoxerweise in beiden Welten wohnt. Nur in diesem Licht tritt der eigentliche Sinn des Hobbesschen Mythologems vom Naturzustand hervor.] das altgermanische und altnordische Altherturn bietet uns in dem Friedlosen und Waldgänger (dem wargus. daß sie nicht auf dem Boden eines geordneten Rechtszustandes gewachsen ist. sondern ein ihm innewohnendes Prinzip.2 wie sie der Germanist Wilhelm Eduard Wilda um die Mitte des 19. [ist] für das germanische Alterthum eine zweifellose Wirklichkeit gewesen [. zwischen physis und nomos. daß ihm jeder Gewalt antun kann. 3 Im Original deutsch. Im Original deutsch. S. Ausschließung und Einschließung. 4 »Jemanden zu verbannen heißt. im Wolf ein Echo des wargus und des caput lupinum aus den Gesetzen von Eduard dem Bekenner zu vernehmen wissen: Er ist nicht einfach fera bestia und natürliches Leben. der sich im kollektiven Unbewußten als hybrides Monster. der an das sacer esto erinnert. was man für das römische Alterthum als eine Unmöglichkeit betrachtet: die Erschlagung des Geächteten ohne Urtheil und Recht.) Rudolf von Jhering war der erste. lateinisch garulphus. halb Tier. I. sondern vielmehr eine Zone der Ununterscheidbarkeit zwischen dem Menschlichen und dem Tierischen.« Mit Majuskel (»Città«).« (Jhering. Er rückte damit die sacratio vor den Hintergrund der Lehre von der Friedlosigkeit. Der Bann und der Wolf 6. Jahrhunderts entwikkelt hatte. muß wie ein Toter behandelt werden. »Der ganze Zuschnitt der Sazertät weist darauf hin. das sich in dem Moment offenbart. der somit friedlos3 wurde und von jedem ohne Mord erschlagen werden konnte. ist der Naturzustand keine reale Epoche. . Wie wir gesehen haben. Im Original deutsch. S. auch mit religiöser Betonung: Wolf im Heiligthum vargr i veum) den unzweifelhaften Bruder des römischen homo sacer. der mit diesen Ausführungen die Figur des homo sacer mit dem wargus. . Demnach gründete das altgermanische Recht auf dem Begriff des Friedens und auf der entsprechenden Ausschließung des Übeltäters.l Der Werwolf. 115 114 . 42) oder wurde sogar bereits als Toter betrachtet (exbannitus ad mortem de sua civitate debet haberi pro mortuo.5 ebd. 6. So müssen wir auch beim Verweis auf den homo homini lupus.6. . das. der weder Mensch noch Bestie ist. Germanische und angelsächsische Quellen unterstreichen die Grenzverfassung des Verbannten. .« I italienisch lupo mannaro). [. so). wenn sie ihn als Wolfsmenschen bezeichnen (Werwolf: wargus. niederschlagen sollte. die der Gründung des Staates2 chronologisch vorausliegt. Werwolf I 2 2 »Er trägt einen Wolfskopf vom Tag seiner Ausstoßung an. es ist die Schwelle der Ununterschiedenheit und des Übergangs zwischen ‘Tier und Mensch. und dem Friedlosen’ des altgermanischen Rechts zusammenbrachte. dem Wolf. ohne der einen oder der anderen anzugehören. halb in der Stadt und halb in der Wildnis lebt. Sie ist ein Stück aus der Urzeit der indogermanischen Völker.] das. [. hoc est expulsa in einem Sinn. ist hier entscheidend: Das Leben des Verbannten ist . quod ab anglis wulfesheud vocatur).wie dasjenige des homo sacer [uomo sacro] . . was die Engländer wulfesheud nennen. S. Auch der mittelalterliche Bann weist ähnliche Merkmale auf: Der Verbannte konnte umgebracht werden (bannire idem est quod dicere quilibet possit eum offendere.]. und die Gesetze Eduard des Bekenners (I I 30-1 I 3 5) definieren den Verbannten als wulfesheud (wörtlich: Wolfskopf) und setzen ihn mit dem Werwolf gleich (lupinum enim gerit caput a die utlagationis suae. das die Tötbarkeit des homo sacer [uomo sacro] sanktionierte. ist also ursprünglich die Figur dessen. davon abgeleitet französisch loup garou. sondern in die Periode des vorstaatlichen Lebens hinaufreicht. vargr.4 Cavalca. 281 f.2. einer Kreatur. in dem man den Staat tanquam dissoluta (mithin als eine Art von Ausnahmezustand) betrachtet. .

) belegte Detail. mit denen sich der Werwolf. der dann ihr Liebhaber wird.). und folglich kann man auch nicht sagen. was wir Modernen uns als politischen Raum in Begriffen der Bürgerrechte. Seiner Frau. Die Verwandlung in einen Werwolf entspricht exakt dem Ausnahmezustand. Hobbes’ Naturzustand ist kein vorrechtlicher. und zwar (die ihm durch das natürliche Gesetz gezogenen Grenzen ausgenommen) so vollständig wie im reinen Zustand der Natur und des Kriegs eines jeden gegen seinen Nachbarn. Das Lai erzählt von einem Baron. denn es »kann von niemandem angenommen werden. für drei Tage in einen Werwolf (bisclavret) vewandelt und im Wald von Beute und Raub lebt (alph esph de la gaudine / s’i vif de preie e de ravine). A. gelingt es. Darüber hinaus stößt man in der Geschichte auf die Notwendigkeit von bestimmten Formalitäten.nicht übertragen* -. wurde sie den Mann noch ganz als Wolf erblicken. Bedeutsam ist hier das bereits bei Plinius in der Sage von einem Mann aus dem Geschlecht eines Anthus (Nat. in der Person des Souveräns dauerhaft den Staat. Mensch. wenn nicht den Gehorsam zu verweigern. daß er. die den Eintritt in die . ihm Gewalt anzutun« (ebd. Und die Verwolfung des Menschen und Vermenschlichung des Wolfs ist in jedem Augenblick des Ausnahmezustands. der sich in den Menschen zurückverwandelt. ist die stets gegenwärtige und tätige Voraussetzung der Souveränität. bewohnt der Werwolf. der sich in einen Wolf verwandelt. darf die Frau nicht aufmachen. in diesem Sinn die erste und unmittelbare Referenz der souveränen Macht ist. der dissolutio civitatis. So wurde es allein ihm überlassen . die ihn konstituiert und bewohnt. entwendet die Frau die Kleider aus dem Versteck.Zone der Ununterscheidbarkeit zwischen dem Tierischen und dem Menschlichen markieren (das entspricht der klaren Ausrufung des von der Norm formal unterschiedenen Ausnahmezustandes). der seinem König besonders nahesteht (de sun seinur esteit privez. würde er die Kleider verlieren oder im Augenblick des Ankleidens überrascht werden. sondern darin. gegenüber jedem alles zu tun. und der Baron bleibt auf ewig ein Werwolf. Die souveräne Gewalt gründet in Wahrheit nicht auf einem Vertrag. »ist der Grund des in jedem Staat ausgeübten Strafrechts. ihm das Bekenntnis seines geheimen Lebens zu entlocken. an der Tür zu erkennen geben muß. VIII 81f. sie gründet in der ausschließenden Einschließung des nackten Lebens in den Staat. er ist nicht so sehr Krieg aller gegen alle als vielmehr eine Lage. der Wolfsmensch des Menschen.« (Hobbes 2.eben. sich aber jede Woche. entspricht das Vermögen der Untertanen. nur durch die Aufgabe ihres Rechtes räumten sie ihm die Macht ein. nachdem er seine Kleider unter einem Stein versteckt hat. der Gewalt keinen Widerstand zu leisten. einem der schönsten Lais der Marie de France. so doch der Gewalt gegen die eigene Person Widerstand zu leisten.oder den Austritt aus der . des freien Willens und des Gesellschaftsvertrags vorzustellen gewohnt sind. S. möglich. Denn die Untertanen gaben dem Staat dieses Recht nicht. Deswegen muß bei Hobbes das Fundament der souveränen Macht nicht in der freiwilligen Abtretung des Naturrechts von seiten der Untertanen gesucht werden. und er läßt sich überreden. homo sacer. Und so wie jenes tötbare und nicht opferbare Leben. bevor sie ihm geöffnet wird: »Wenn sie das erste Mal an die Haustür klopfen. 19). ihr das Kleiderversteck zu verraten. dem Recht des Staates gleichgültiger Zustand. während dessen (notwendig begrenzter) Dauer das Gemeinwesen aufgelöst ist und die Menschen in eine Zone der Ununterscheidbarkeit mit den Tieren geraten. sondern die Ausnahme und Schwelle. K Im Bisclavret. 116 . der zu einem Menschen wird: Er ist ein Verbannter. Mit Hilfe eines Komplizen. sondern das nackte oder heilige Leben. mit außerordentlicher Lebhaftigkeit zum Ausdruck. tierischer und menschlicher Welt sowie die enge Bindung zwischen ihm und dem Souverän. v. er wurde sie verschlin117 Hervorhebungen von G. in der jeder für den anderen nacktes Leben und homo sacer ist. v. obwohl er weiß. daß der Souverän sein Naturrecht bewahrt. dessen Paradigma der homo sacer bildet. kommen das eigentümliche Wesen des Werwolfs als Schwelle und Übergang zwischen Natur und Politik. für immer ein Wolf bleiben müßte (km si jes eüsse perduz / e de ceo feusse uparceüz / biscfavret sereie CE tuz jurs. 237) Diesem besonderen Status des ius puniendi. Im Gegensatz zu dem. die menschliche Kleidung unbeobachtet abzulegen und wieder anzuziehen. die weder das einfache natürliche Leben noch das soziale Leben ist. was sich dann als Recht zu strafen darstellt. »Und dies« schreibt Hobbes. sein eigenes Recht nach seinem Gutdünken zum Schutz aller anzuwenden. ist vom Standpunkt der Souveränität aus gesehen allein das nackte Leben in authentischer Weise politisch. Wenn sie öffnete. 65 -75). gerit caput lupinum. in dem der Naturzustand als Herzstück des Staates überlebt. das heißt wargus. daß die Metamorphose vorübergehend ist. I er habe einem anderen das Recht gegeben. die etwas ahnt. daß er vertraglich verpflichtet sei. Auch in der zeitgenössischen Folklore wird diese Notwendigkeit etwa von den drei Schlägen bezeugt. gebunden an die Möglichkeit. Nur diese Schwelle. Hist. und Wolf.

119 . aber noch mit einem Wolfskopf sehen. das Urphänomen1 der Politik darstellt: Doch dieses Leben ist nicht einfach das natürliche reproduktive Leben. der den Wechsel von der Natur zum Staat2 eindeutig und endgültig markieren wurde. sondern bleibt im bürgerlichen Staat in Form der souveränen Entscheidung fortwährend wirksam. . Der Bann ist wesentlich die Macht. darf die Frau noch immer nicht aufmachen. weil das. entweder durch seine Feinde unterzugehen oder ein Tyrann und also aus einem Menschen ein Wolf zu werden?« 6. Die Nähe zwischen Tyrann und Wolfsmensch trifft man auch in Platons Politeia an (565d-e). läuft er auf ihn zu. wo Bisclavret lebt. . dasselbe zu tun. die Beziehung mit einem vorausgesetzten Beziehungslosen aufrechtzuerhalten. daß die endliche Zurückverwandlung Bisclavrets in einen Menschen auf dem Bett des Souveräns stattfindet. sie würde ihren Mann bereits in einem menschlichen Körper. es ist vielmehr das nackte Leben des homo sacer und des wargus. Erst beim dritten Klopfen kann man öffnen: dann sind sie schon ganz verwandelt.] / ich werde dem Tier meinen Frieden geben / denn heute werde ich nicht mehr jagen«. Sämtliche Vorstellungen vom originären politischen Akt als Vertrag oder Übereinkunft.] Daß wer menschliches Eingeweide gekostet hat. was unter Bann gestellt wird. Doch wichtig ist.) Auch die besondere Nähe zwischen dem Werwolf und dem Souverän belegt die Geschichte von Bisclavret: Eines Tages. Sobald Bisclavret den König erblickt hat. wenn dergleichen von anderen Opfertieren mit hineingeschnitten ist.3. was der Bann zusammenbindet. wenn es sich dem Problem der souveränen Macht zu stellen galt. zwischen Natur und Kultur. Es folgt die unvermeidliche Begegnung mit der Exfrau und ihre Bestrafung. Statt dessen gibt es hier eine weitaus komplexere Zone der Ununterscheidbarkeit zwischen physis und nomos. Diese Mißdeutung des Hobbesschen Mythologems in Begriffen des Vertrags anstatt des Banns hat die Demokratie jedesmal. . klammert sich an den Steigbügel und küßt ihm die Beine und Füße. [. daß nichts schwieriger ist. und der Mensch ist wieder zum Vorschein gekommen. zur Ohnmacht verdammt und sie zugleich konstitutiv unfähig gemacht. . Deshalb ist die am Ende des ersten Teils auf der logisch-formalen Ebene aufgestellte These. in dem der Staat für einen Augenblick (der zugleich ein chronologisches Intervall und ein atemporales Moment ist) tanquam dissoluta erscheint. etwas sich selbst zu überlassen. sich einheimischen Blutes nicht enthält [. die zök der Griechen. jagt der König in dem Wald. sondern hat substantiellen Charakter. wo die Verwandlung des Volksvorstehers in einen Tyrannen mit dem arkadischen Mythos vom Lykäischen Zeus verglichen wird: »Welches ist also der Anfang dieser Umwandlung aus einem Volksvorsteher in einen Tyrannen? Ereignet sie sich nicht offenbar dann. das heißt die Macht. wo sie unzertrennlich werden. S. entlassen und gleichzeitig festgesetzt. Andererseits bezieht sich die 118 souveräne Entscheidung ihrerseits unmittelbar auf das Leben (und nicht auf den freien Willen) der Bürger. und die losgelassenen Hunde spüren den Wolfsmenschen bald auf.« (Levi. zugleich ausgeschlossen und eingeschlossen. als sich von ihr zu lösen. sind rückhaltlos zu verabschieden. Die alte I Im Original deutsch.] Ist es nun nicht ebenso. Der Naturzustand ist in Wahrheit ein Ausnahmezustand. Die Gründung ist mithin kein ein für allemal in illo tempore geschehenes Ereignis. den Mythos von der Gründung des modernen Staates von Hobbes bis Rousseau noch einmal von vorn zu lesen. als flehte er um Gnade. notwendig zum Wolfe wird. eine nichtstaatliche Politik der Moderne wirklich zu denken. daß dann einem solchen von da an bestimmt ist. v. . wenn ein Volksvorsteher.]. die von dem Arkadischen Tempel des Lykäischen Zeus erzählt wird? [. ist der eigenen Abgesondertheit überlassen und zugleich dem ausgeliefert. das somit das originäre politische Element. Zone der Ununterschiedenheit und des Übergangs zwischen Mensch und Tier. Doch die Beziehung des Banns und der Verlassenheit [abbandono] ist in der Tat dermaßen doppeldeutig. wenn der Vorsteher angefangen hat. Nun ist es also an der Zeit. 154-160) und nimmt es zu sich an den Hof. Wenn sie zum zweiten Male klopfen. . 2 Mit Majuskel (*Stato*). Dasjenige. wie jener in der Fabel. . so erzählt der Lai. das nackte Leben und die souveräne Macht sind. der Wolf ist verschwunden. in der das staatliche Band in der Form des Banns immer schon Nichtstaatlichkeit und Pseudonatur ist und die Natur immer schon als nomos und Ausnahmezustand erscheint. der es verbannt und verläßt.gen und für immer in den Wald flüchten. roof. der die Menge sehr lenksam findet. . Der König ist erstaunt über die Menschlichkeit des wilden Tieres (*dieses Tier hat Menschenverstand / [. auch nicht der bios als qualifizierte Lebensform. . nicht nur eine These über die formale Struktur der Souveränität. daß die originäre juridisch-politische Beziehung der Bann ist.

Die Extrarietät dessen. liberamente]« heißt.] Standardum. der aufgrund eines begangenen Mordes ins Exil geht oder seine Bürgerschaft verliert. »öffentlicher. 34). dann ist das nur deshalb möglich. das heißt qui extra focum sacramentum iusque sit. zu erkennen lernen. . Muratori. I I) Lage desjenigen. sedperfugiumportusque supplicii. 120 . auf die Weise zu verwenden). und dem extraneus. die es dagegen als Recht und Schutz betrachten (schon am Ende der Republik dachte Cicero das Exil in Gegenüberstellung mit der Strafe: exilium enim non supplicium est. Biopolitik geworden ist). etwa in den Wendungen »mensa bandita«. die ursprüngliche Verräumlichung. weil die Bannbeziehung von Anfang an die der souveränen Macht eigene Struktur bildete. verbannte als auch »für alle offen. in der das Leben des Exilierten oder des aqua et igni interdictusz an das tötbare und nicht opferbare Leben des homo sacer grenzt. aber sehr realen Sinn alle Bürger als homines sacri erscheinen. S. in denen wir auch heute noch leben.] appellatus fuit [. a bandono« ursprünglich »der Gnade überlassen. frei«. Sie ist der souveräne nomos. welche die beiden Pole der souveränen Ausnahme verbindet: das nackte Leben und die Macht. Auf diese Weise wird die bereits erwähnte semantische Doppeldeutigkeit verständlich. Die Bannung des heiligen Lebens ist im Staat innerlicher als jede Interiorität und äußerlicher als alle Extraneität. Guntfanonum.« 2 »Der dem Feuer und dem Wasser untersagte«. reich gedeckter Tisch«. ausgeliefert [alla merce di]« sowie »aus freien Stücken. »der aus einem anderen Land stammt und gleichsam ein Ausländer ist«. Sowohl in Griechenland als auch in Rom belegen die ältesten Zeugnisse. Nur deswegen kann der Bann sowohl das Banner der Souveränität (»Bandus [. . Mitbürger und Fremdem. den homo »Das Exil ist nämlich keine Strafe. Italice ConfaZone«. wenn in unserer Zeit in einem besonderen. quod postea [. . hat ihre Wurzeln in dieser Doppeldeutigkeit des souveränen Banns. Der Bann ist im strengen Sinn die zugleich anziehende und abstoßende Kraft. . sondern eine Zuflucht und ein Hafen vor ihr. Diese Zone der Ununterschiedenheit. und »bandito« meint sowohl »ausgeschlossen. die von Festus aufgestellte Opposition zwischen dem extrarius.Diskussion in der Rechtsgeschichte zwischen denen. »mit losen Zügeln«.3 der ex altera terra. Und wenn das Leben in der Moderne immer deutlicher ins Zentrum der staatlichen Politik rückt (die. die ursprünglicher ist als die Schmittsche Opposition zwischen Freund und Feind. freiwillig [a proprio talento. ursprünglicher ist als die Opposition zwischen Recht und Strafe. der jede weitere Norm bedingt. und »a redina bandita«.1 Pro Caec. quasi exterraneus ist. I sacer und den Souverän. 3 »Der außerhalb des Herdes. weil er Bürger einer das ius exilii genießenden civitas foederata wird. 442) als auch den Ausschluß aus der Gemeinschaft bedeuten. . die jegliche Lokalisierung und Territorialisierung ermöglicht und lenkt. markiert die originäre politische Beziehung. die das Exil als Strafe auffassen und denen. S. . ist innerlicher und primärer als die Extraneität des Fremden [straniero] (wenn es erlaubt ist. mit Foucaults Begriff.]. daß die »weder als Ausübung eines Rechts noch als Strafsituation qualifizierbare« (Crifo 2. aufgrund deren im Italienischen »in bando. Diese Struktur des Banns müssen wir in den politischen Beziehungen und den öffentlichen Räumen. des Opfers und des Rechts steht«. der im souveränen Bann steht.

l Nicht daß Bataille die Unzulänglichkeit des Opfers und sein Wesen. das in der extremen Dimension des Todes. welche die maßgebenden. 336). S.Schwelle Wenn das originäre politische Element das nackte Leben ist. daß er dessen Erfahrung eingeklagt hat. mit dem Prestige des Opferkörpers. »hat wenig mit jener der Staaten zu tun«. dem Impuls folgte. und gleichzeitig das wesentliche Band dieser Figur mit der souveränen Macht hat ungedacht lassen können (die »Souveränität. um mit der Frage der Gewalt in der modernen Biopolitik fertig zu werden. Indem er damit. dem sie sich jedesmal in privilegierten und mysteriösen Augenblicken schenkt. ist ganz offensichtlich jenes nackte (oder heilige) Leben selbst. Auf diesem Weg war lediglich eine Wiederholung des souveränen Banns möglich. rein und schmutzig. von der ich rede«. Wenn es Batailles -wenn auch unwissentliches -Verdienst ist. mißdeuten. ohne sich dessen bewußt zu sein. von seinem Freund Caillois aufgenommenen Schemen der zeitgenössischen Anthropologie als ursprünglich doppelsinnig. ist genau (wie das die Faszination zeigt. Bataille 1. abstoßend und faszinierend. nicht sieht (»beim Opfer identifiziert sich der Opfernde mit dem totgeschlagenen Tier. macht seinen Versuch trotz allem einzigartig. und die Tatsache. und in unserer Kultur setzt die Bedeutung des Wortes »heilig« die semantische Geschichte des homo sacer und nicht die des Opfers fort (weshalb die trotzdem richtigen Demystifikationen der Opferideologie. das die Referenz der souveränen Gewalt bildet. die er in Die Tränen des Eros ausführlich kommentiert) das nackte Leben des homo sacer. welche die Bilder des gemarterten Chinesenjungen auf ihn ausübten. und irgendwie sogar durch seinen eigenen Willen. Doch anstatt den eminent politischen (gar biopolitischen) Charakter zu erkennen. sei es 122 real oder als Farce. ist ursprünglicher als die Opposition »tötbar/nicht opferbar« und verweist auf eine Idee der Heiligkeit. mit der Opferwaffe versöhnt. I »Sie arbeiten für den Faschismus. schreibt er im gleichnamigen. Es ist das Verdienst von Jean-Luc Nancy. In beiden Fällen. das letztlich komödiantischen Charakters ist. das der Begriffsapparat des Opfers und des Eros nicht auszuloten vermögen. indem er sich sterben sieht. Was Bataille zu denken versucht. der in die Logik der Ausnahme eingeschrieben ist. Doch wenn unsere Analyse wirklich ins Schwarze trifft und Batailles Definition der Souveränität durch die Überschreitung dem tötbaren Leben im souveränen Bann unangemessen bleibt. so bleibt das Leben da doch gänzlich im doppeldeutigen Zauberkreis des Heiligen gefangen. und man versteht. die das Opfer kannten. den Nexus zwischen nacktem Leben und Souveränität ans Licht gebracht zu haben. In der Moderne hat sich das Prinzip der Heiligkeit des Lebens vollständig von der Opferideologie emanzipiert. wie Bataille die vollendete Figur der Souveränität in einem Leben hat suchen können. versuchte er das nackte Leben selbst zur Figur der Souveränität zu erheben. keineswegs obskure) Begriffspaar »Tauglichkeit zum Opfer/Opferung nach den rituell vorgeschriebenen Formen«. als dritte Abteilung von Der verfemte Teil geplanten Buch. daß Benjamin (nach dem Zeugnis Pierre Klossowskis) die Forschungen der AciphaleGruppe mit der kategorischen Formel stigmatisieren konnte: Vous travailler pour le fascisme. definiert sich das souveräne Leben für ihn durch die augenblickliche Überschreitung des Tötungsverbots. So stirbt er. beim rituellen Opfer wie beim individuellen Exzeß. der in der Moderne das Leben als solches zum Einsatz der politischen Kämpfe macht. Denn der homo sacer ist eben nicht Opferbar und darf dennoch von jedem getötet werden. zum anderen dem Innern des Subjekts. schreibt er die Erfahrung des nackten Lebens zum einen der Sphäre des Heiligen ein.« 123 . 247). die nicht mehr vollständig definierbar ist durch das (für Gesellschaften. S. nicht genügen können). dann genügt der Begriff der »Nichtopferbarkeit« ebensowenig. der Erotik. doch womit er nicht zu Rande kommt. der statt dessen von der Logik der Überschreitung bestimmt wird. die Doppeldeutigkeit von Batailles Opferdenken aufgedeckt und den Begriff einer »nicht opferbaren Existenz« mit Nachdruck und gegen jede Opferversuchung formuliert zu haben. die heute von mehreren Seiten unternommen werden. das in der Bannbeziehung die unmittelbare Referenz der Souveränität bildet. des Heiligen und des Luxus erfahrbar wird. Die Dimension des nackten Lebens. Aber es ist eine Komödie!« Bataille 2. Auf diese Weise verwechselt Bataille unvermittelt den absolut tötbaren und absolut nicht opferbaren politischen Körper des homo sacer [uomo sacro]. dann wird verständlich.

Unter dem Nazismus ist der Jude die privilegierte Negativreferenz der neuen biopolitischen Souveränität und als solcher ein flagranter Fall von homo sacer. sondern die Verwirklichung einer schieren »Tötbarkeit«. Wenn es wahr ist. das dennoch in einem unerhörten Maß tötbar geworden ist. daß die Juden nicht im Verlauf eines wahnsinnigen und gigantischen Holocaust. daß die Figur. sondern buchstäblich. der Vernichtung der Juden mit dem Begriff »Holocaust« eine Aura des Opfers zu verleihen. in der die Vernichtung stattgefunden hat.Denn was wir heute vor unseren Augen haben. die eines nicht opferbaren Lebens ist. weder den Vollzug eines Todesurteils noch eines Opfers dar. ist ein Leben. Dritter Teil Das Lager als biopolitisches Paradigma der Moderne . im Sinn eines tötbaren und nicht opferbaren Lebens. die doch gerade in den banalsten und profansten Formen auftritt. ist ganz offensichtlich bloß eine antiphrastische Definition (La Cecla. ist weder die Religion noch das Recht. Wenn es heute keine vorbestimmbare Figur des homo sacer [uomo sacro] mehr gibt. »wie Läuse«. wie wir sehen werden. S. Von diesem Standpunkt aus gesehen ist die Absicht. sondern die Biopolitik. Die Heiligkeit ist eine noch immer präsente Fluchtlinie in der gegenwärtigen Politik. ganz Hitlers Ankündigung gemäß. ist. die uns unsere Zeit vorsetzt. das als solches einer nie dagewesenen Gewalt ausgesetzt ist. von einer unverantwortlichen historiographischen Blindheit. so vielleicht deshalb. die nicht mit Opferschleiern zu verhüllen wir gleichwohl den Mut haben müssen. Die Dimension. in dieser Hinsicht von einer »Sakralität der Leitplanke« zu sprechen. um schließlich mit dem biologischen Leben der Bürger selbst zusammenzufallen. Deswegen stellt seine Tötung. als solche bewegt sie sich in zunehmend vagere und dunklere Zonen. Unser Zeitalter ist dasjenige. dann betrifft uns das Leben des homo sacer in besonderer Weise. Die für die Opfer selbst schwer zu akzeptierende Wahrheit. das heißt als nacktes Leben vernichtet worden sind. in dem ein Ausflugswochenende auf den europäischen Autobahnen mehr Tote produziert als eine Kriegsaktion. weil wir alle virtuell homines sacri sind. die der Bedingung des Juden als solcher inhärent ist. I I 5).

Die Politisierung des Lebens I . die mit der Rekonstruktion des grand renfermement in den Hospitälern und in den Gefängnissen begonnen hatte. das eigene Selbst zu objektivieren und sich als Subjekt zu konstituieren. das als Ort der modernen Biopolitik schlechthin gelten konnte: die Politik der großen totalitären Staaten des 20.Prozesse der Subjektivierung« zu erforschen. auf jenes Gebiet. die im Übergang von der alten zur modernen Welt den einzelnen dahin bringen. den Prozeß. Hannah Arendt erkennt die Verknüpfung zwischen der totalitären Herrschaft und jener besonderen Lebensbedingung. sondern 127 . wie wir gesehen haben. das auch einer politischen Existenz fähig ist. in einer exemplarischen Formel zusammen: »Jahrtausende hindurch ist der Mensch das geblieben. während er an der Geschichte der Sexualität arbeitete und auch in diesem Bereich die Dispositive der Macht aufdeckte. In den letzten Jahren seines Lebens. in dem auf der Schwelle zum modernen Zeitalter das Leben zum Einsatz der Politik wird.« Trotzdem fuhr Foucault bis zuletzt hartnäckig fort. das heißt die wachsende Einbeziehung des natürlichen Lebens des Menschen in die Mechanismen und das Kalkül der Macht. Auf der anderen Seite haben die tiefgehenden Untersuchungen. ganz klar: »Das oberste Ziel aller totalitären Regierungen«. Er verlagerte sein Arbeitsfeld nicht. indem er sich gleichzeitig an eine äußerliche Kontrollmacht bindet. was er für Aristoteles war: ein lebendes Tier. die . die Hannah Arendt in der Nachkriegszeit der Struktur der totalitären Staaten gewidmet hat.I. in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht. schloß nicht mit einer Analyse des Konzentrationslagers. »ist nicht nur das langfristige Streben nach globaler Lenkung. die das Lager ist. trieb Michel Foucault seine Forschungen mit zunehmendem Nachdruck in Richtung dessen.I. was er Bio-Politik nannte. dem freiwillig nachgegeben wird. Am Schluß von Der Wille zum Wissen faßt er. Jahrhunderts. ihre Grenzen genau im Mangel jeglicher biopolitischen Perspektive. Der moderne Mensch ist ein Tier. Die Forschung. wie man es auch hätte erwarten können. schreibt sie 1950 in einem sozialwissenschaftlichen Projekt zur Erforschung der Konzentrationslager.

bahnen jedesmal zugleich eine stille. 173) Die Sache ist die. die das politische Problem unserer Zeit wohl am schärfsten gedacht haben. welche die Individuen in ihren Konflikten mit den zentralen Mächten erlangen. hat er bereits unterirdisch. daß seine Analyse nicht leicht ist. Die Konzentrationslager sind die Laboratorien für das Experiment der totalen Herrschaft. S. ist sie erst einmal symbiotisch mit dem nackten Leben verwoben. Und nur weil das biologische Leben mit seinen Bedürfnissen überall zum politisch 129 . der den fundamentalen Charakter der Politik der totalitären Staaten als »Politisierung des Lebens« definiert und von diesem Gesichtspunkt aus zugleich den Berührungspunkt von Demokratie und Totalitarismus bemerkt hat: sten Lebensgebiete. wenn man ihren politischen Charakter nicht wahrnimmt. »Das >Recht< auf das Lebens. auf den Körper. auch der scheinbar neutral128 Der Berührungspunkt von Massendemokratie und totalitären Staaten hat gleichwohl nicht (wie Löwith hier auf Schmitts Spuren zu denken scheint) die Form eines plötzlichen Umschlags: Bevor der Strom der Biopolitik. die man unmöglich durchdringen kann. »das >Recht< auf die Wiedergewinnung alles dessen. auf die Gesundheit. wo sie nun in ihr Gegenteil umschlägt: in eine totale Politisierung aller.« (Löwith. was man ist oder sein kann . was sie ist. die Rechte. 3 3) »Diese Neutralisierung der politisch maßgebenden Unterschiede und das Hinausschieben ihrer Entscheidung hat sich seit der Emanzipation des dritten Standes und der Ausbildung der bürgerlichen Demokratie und ihrer Weiterbildung zur industriellen Massendemokratie bis zu dem entscheidenden Punkt entwickelt. der außer der nationalen Arbeit auch den Dopolavoro und das gesamte geistige Leben normiert. aber wachsende Einschreibung ihres Lebens in die staatliche Ordnung an und liefern so der souveränen Macht. nur unter den extremen Bedingungen einer menschengemachten Hölle erreicht werden. Wir werden versuchen. daß der Prozeß gewissermaßen umgekehrt verläuft und daß es gerade die radikale Transformation der Politik in einen Raum des nackten Lebens (das heißt in ein Lager) ist. da die menschliche Natur das ist. wie wenn von einem bestimmten Zeitpunkt an jedes entscheidende politische Ereignis ein doppeltes Gesicht angenommen hätte: Die Räume. Daß es Hannah Arendt und Foucault. ein neues und noch furchterregenderes Fundament. welche die Sexualität als Thema der politischen Auseinandersetzungen gewonnen hat. S. dgl. umgekehrt verliert die moderne Politik. welche die totale Herrschaft legitimiert und notwendig gemacht hat. diese beiden Perspektiven im Fokus des Begriffs vom »nackten« oder »heiligen Leben« konvergieren zu lassen. so ungestüm ans Licht unseres Jahrhunderts tritt. dieses für das klassische Rechtssystem so unverständliche >Recht< war die politische Antwort auf all die neuen Machtprozeduren. in den totalitären Staaten dagegen zum entscheidenden politischen Kriterium und zum Ort souveräner Entscheidungen schlechthin wird.der mehr und intensiver staatlich ist als jemals ein Staat der absoluten Fürsten [Schmitt]. ihre beiden Perspektiven zu kreuzen. um die Bedeutung zu erklären. auf das Glück. Dem nackten Leben und seinen avataren der Moderne (dem biologischen Leben.) eignet eine Opazität. Darin sind Politik und Leben dermaßen eng verflochten. deutet auf die Schwierigkeit dieses Problems hin. die Intelligibilität. und im nationalsozialistischen Deutschland ein völlig durchorganisierter Staat. von der sie sich eigentlich freizumachen gedachten. die Freiheiten.der nie erlaubte und sofort umgesetzte Versuch der totalen Herrschaft über den Menschen. nicht gelungen ist.« (Foucault 1.2. Es ist gleichsam. So entstand im marxistischen Rußland ein Arbeiterstaat. Karl Löwith war der erste. die ihrerseits auch nicht mehr auf dem traditionellen Recht der Souveränität beruhen. Nur weil die Politik in unserer Zeit vollständig Biopolitik geworden ist. aber beharrlich seinen Lauf genommen. im faschistischen Italien ein korporativer Staat. hat sie sich in bis anhin nicht gekanntem Maß als totalitäre Politik konstituieren können. . der Sexualität etc. schreibt Foucault.jenseits aller Unterdrückungen und >Entfremdungen -. I . politisiert. auf die Befriedigung der Bedürfnisse<. 240) Aber es entgeht ihr. S. daß ein und dieselbe Einforderung des nackten Lebens in den bürgerlichen Demokratien zu einem Vorrang des Privaten gegenüber dem Öffentlichen und der individuellen Freiheiten gegenüber den kollektiven Pflichten führt. der auch noch das bisher privat gewesene Leben durch Rassengesetze u. der das Leben des homo sacer mit sich trägt. die für uns noch das juridisch-politische Gefüge der klassischen Politik zu kennzeichnen scheint.« (Arendt 2. denn dieses Ziel kann.

genießen sollten. wie sich im Gleichschritt mit der Durchsetzung der Biopolitik auch die Entscheidung über das nackte Leben. die Kontrolle und den Genuß des nackten Lebens am wirksamsten erweisen wurde. Jahrhundert an. welche Organisationsform sich für die Pflege. die eine unverständliche Einmischung biologischwissenschaftlicher Prinzipien in die politische Ordnung darzustellen scheinen (wie die nationalsozialistische Eugenik mit ih130 rer Vernichtung des »lebensunwerten Lebens« oder die aktuelle Debatte um die normative Festlegung der Kriterien des Todes). 1.3. eingesperrt. Artikel 29. wenn sie wieder in den gemeinsamen biopolitischen (oder thanatopolitischen) Zusammenhang gestellt werden. die zwei klar unterschiedene Bereiche trennt. bemerkenswert ist. der die physische Freiheit der Untertanen garantieren soll. wandte er sich an die »Erzbischöfe. dem sie auch entstammen. Beamten und an die Gerichtsdiener«. nee super eum mittimus]. privat und öffentlich) ihre Klarheit und Intelligibilität und treten in eine Zone der Unbestimmtheit. daß sie »ihre alten Freiheiten und freien Bräuche« und diejenigen. Tatsächlich kann man beobachten. wo der Souverän immer mehr nicht nur mit dem Juristen. In dieser Perspektive wird das Lager. Wenn das nackte Leben zur fundamentalen Referenz geworden ist. Vögte. dieser reine. Bischöfe. daß einige der fundamentalen Ereignisse in der politischen Geschichte der Moderne (wie die Erklärung der Menschenrechte) und andere. in der die Souveränität bestand. die sonst unerklärliche Geschwindigkeit zu begreifen. welche die Akte 131 . wir werden nicht die Hand auf ihn halten noch halten lassen [nee super cum ibimus. Welches auch immer der Ursprung der Formel sein mag . absolute und unübertroffene biopolitische Raum (insofern er einzig im Ausnahmezustand gründet). Die erste Registrierung des nackten Lebens als neues politisches Subjekt findet sich implizit schon in jenem Dokument. dann erweist sich diese Linie heute nicht mehr als feste Grenze.« Analog dazu trägt ein alter writ. die den Punkt bezeichnet. verhaftet. wo die Politik sich schon seit längerem in Biopolitik verwandelt hatte und wo der Einsatz nunmehr bloß darin bestand. Grafen. wenn nicht aufgrund eines rechtmäßigen Urteils von seinesgleichen und nach dem Gesetz des Landes. verschiebt und über die Grenzen des Ausnahmezustands hinaus ausbreitet. das man gemeinhin der modernen Demokratie zugrunde legt: dem writ des Habeas corpus von I 679. ihre wahre Bedeutung nur dann entfalten. Auch das plötzliche Abdriften der herrschenden Klassen des Exkommunismus in den extremsten Rassismus (wie in Serbien mit den Programmen der »ethnischen Säuberung«) und die Wiedergeburt des Faschismus in neuen Formen in Europa haben hier ihre Wurzeln. dessen Metamorphosen und Maskierungen zu erkennen wir lernen müssen. die Rubrik de homine replegiando (oder repigliando). Auf den folgenden Seiten werden wir aufzuzeigen versuchen. die er nun besonders anerkennt. lautet: »Kein freier Mensch [homo liber] darf. Barone. sondern auch mit dem Arzt. »an die Städte. als verborgenes Paradigma des politischen Raumes der Moderne erscheinen. Liberalismus und Totalitarismus. seiner Güter beraubt noch außerhalb des Gesetzes gestoßen [urlugetur] noch irgendwie belästigt werden. welcher der Habeas-corpus-Akte vorausgeht und die Anwesenheit des Angeklagten beim Prozeß sichern sollte. als sie die physische Präsenz einer Person vor Gericht sicherte -. sondern schlicht und einfach das corpus. mit der in unserem Jahrhundert die parlamentarischen Demokratien in totalitäre Saaten haben umstürzen und die totalitären Staaten sich beinah ohne Übergangslösung in parlamentarische Demokratien haben umwandeln können. Man betrachte dagegen die Formel des writ. Äbte. dem Wissenschaftler.man trifft sie bereits im 13. an dem die Entscheidung über das Leben zur Entscheidung über den Tod und die Biopolitik somit zur Thanatopolitik wird. verlieren die traditionellen politischen Unterscheidungen (wie jene zwischen rechts und links. Burgen und Dörfer« und allgemeiner noch »an die freien Menschen unseres Königreichs«. Vicomtes. zu bestimmen. dem Experten und dem Priester symbiotisiert. In beiden Fällen vollzogen sich die Umbrüche in einem Umfeld. besteht überhaupt die Möglichkeit. daß im Zentrum der Habeas-Corpus-Akte weder das alte Subjekt der feudalen Beziehungen und Freiheiten noch der künftige citoyen steht. Wenn es in jedem modernen Staat eine Linie gibt. Sie ist beweglich und verschiebt sich in immer weitere Bereiche des sozialen Lebens. Als I 2 I 5 Johann ohne Land mit der Magna Charta seinen Untertanen Freiheitsrechte einräumte.entscheidenden Faktum geworden ist.

Und hier liegt die Wurzel ihrer geheimen biopolitischen Bestimmung: Derjenige. ist einmal mehr der Körper des homo sacer und einmal mehr das nackte Leben. hier vor uns in Westminster gezeigt wird. der dem corpus in der Philosophie und Wissenschaft des Barock. sed etiam civitatis./ whatsoever name he may be called there in). du mußt einen Körper vorzuzeigen haben. Corpus ist ein doppelgesichtiges Wesen. daß das Gesetz für seine Geltung eines Körpers bedarf. ist sicher zufälligen Umständen geschuldet. daß er sich dem Urteil entzieht. daß er die souveräne Ausnahme wiederholt und in sich selbst corpus. das als solches in den souveränen Bann genommen wird (so auch noch in den modernen Formulierungen des writ: the body of being takten by [.r Es gibt nichts. das nackte Leben in seiner Namenlosigkeit. sondern zersplittert es. kann sich als solches nur dadurch konstituieren. wie immer sein Name darin lauten mag. der sich. während sie doch in der neuen und definitiven Form umgekehrt den Sheriff verpflichtet. das sowohl Träger der Unterwerfung unter die souveräne Macht als auch der individuellen Freiheit ist. . Die Tatsache. una cum causa captionis et detentionis. um apud Westminster ausgestellt zu werden. S. und die Geburt der modernen Demokratie ist genau diese Einforderung und Ausstellung dieses »Körpers«: habeas corpus ad subjiciendum. Wenn es richtig ist. die sowohl die natürliche Gleichheit der Menschen wie die Notwendigkeit des Commonwealth begründet: »Wir befehlen dir. Diese neue Zentralität des *Körpers« im Bereich der politisch-juridischen Terminologie ist mithin innerhalb des allgemeineren Prozesses anzusiedeln. die der modernen Demokratie zugrunde liegt. um es zum Einsatz in den politischen Konflikten zu machen. ut dicitur. sondern corpus ist das neue Subjekt der Politik. das heißt sozusagen Teil des Politischen. ad subjiciendum. das was zugleich unten und am höchsten ist) präsentieren wird.’ Hobbes 3. sich dieses Körpers anzunehmen. das nackte Leben. daß der Körper X. apud Westminster. besser ermessen ließe als die Formel: Nicht der freie Mensch mit seinen Eigenschaften und seinen Statuten. id est [ut ita loquar] corporis politici pars. daß De homine im Menschen einen natürlichen und einen politischen Körper unterscheidet (homo enim non modo corpus naturale est. daß auf diese Weise die im Entstehen begriffene europäische Demokratie nicht bios. isoliert. Wenn es stimmt. . so ist es in De cive gerade die Tötbarkeit des Körpers. Daß von den verschiedenen gerichtlichen Verfahren zur Wahrung der individuellen Freiheit ausgerechnet dieses Habeas corpus die Form eines Gesetzes erhielt und damit von der Geschichte der abendländischen Demokratie nicht mehr abzulösen sein wurde. in custodia vestra detentum. . Das ist die Stärke und zugleich der innerste Widerspruch der modernen Demokratie: Sie schafft das heilige Leben nicht ab. wenn man in diesem Sinn von einem »Verlangen des Gesetzes nach einem Körper« sprechen kann. habeas coram nobis. Was da aus dem Verlies ans Licht tritt. sondern zök. doch ebenso gewiß ist. in eurer Verwahrung befindet.* I »Der Mensch ist nicht nur ein natürlicher Körper. Doch in der politischen Reflexion behält corpus auch dann. quodcumque nomine idem X censeatur in eadem. . einen engen Bezug zum nackten Leben. I). den Hobbes davon macht. und nicht einmal schlicht homo. ins Zentrum ihres Kampfes gegen den Absolutismus stellt. das qualifizierte Leben des Bürgers. den Körper des Angeklagten vorzuführen und dessen Haft zu begründen. verstreut es in jedem einzelnen Körper. Diesbezüglich lehrreich ist der Gebrauch. daß die Habeas-Corpus-Formel ursprünglich die Anwesenheit des Angeklagten beim Prozeß verbürgen und folglich verhindern sollte. läßt die Ambivalenz (oder Polarität) der Demokratie um so klarer hervortreten. eine derart privilegierte Position zuweist. von Descartes zu Newton und von Leibniz zu Spinoza. sondern auch ein Körper des Staates. dann antwortet die Demokratie auf dieses Verlangen damit. ebenso der Grund der Verhaftung und der Verwahrung. wenn es im Leviathan und im Contract social zur zentralen Metapher der politischen Gemeinschaft wird.« 133 132 . daß sie das Gesetz verpflichtet.von 1679 verallgemeinert und in ein Gesetz verwandelt: Praecipimus tibi quod Corpus X. was den Unterschied zwischen der antiken und mittelalterlichen Freiheit und derjenigen. der sich später als Träger der Menschenrechte und mit einem merkI würdigen Oxymoron als das neue souveräne Subjekt (subiectus superaneus. wie es heißt.

außer daß sie immer noch Menschen waren. gewinnt aus dieser Perspektive eine ungeahnte Tiefe. In der Nachkriegszeit haben die instrumentelle Emphase der Menschenrechte und die Vervielfältigung der . und. muß in diesem Licht gelesen werden. Hier ist unklar. Diese bemerkenswerte Formel. die den Menschen der Menschenrechte schlechthin hätte verkörpern sollen. der auf einer angenommenen Existenz des Menschen als solchen basiert. sind gleich. Die Menschenrechte und die Biopolitik Die großartige Metapher des Leviathan. Stärke und Weisheit des Menschen vergeht). »Der Begriff der Menschenrechte. daß irgend jemand im Vertrauen auf seine Kraft sich anderen von Natur überlegen dünken kann. statt dessen die radikale Krise dieser Konzeption bezeichnet. In ihrem Totalitarismus-Buch hat Hannah Arendt das fünfte. scheint die Idee einer inneren und notwendigen Verknüpfung zu implizieren.»Denn betrachtet man die erwachsenen Menschen und sieht man. Aber die. die das Größte vermögen. vom Imperialismus handelnden Teils mit »Der Niedergang des Nationalstaates und das Ende der Menschenrechte« überschrieben. von dem sie hier ausgeht. die wirklich alle ihre anderen Eigenschaften und spezifischen Beziehungen verloren hatten . wie leicht es selbst dem Schwächsten ist. sobald sie nicht als Rechte eines Staatsbürgers zu handhaben sind. im letzteren Fall. ob die beiden Glieder zwei autonome Realitäten benennen oder ein einheitliches System bilden. Edmund Burkes boutade. 2. den Stärksten zu töten: so versteht man nicht. wonach er den unveräußerlichen Menschenrechten seine »rights of an Englishman« bei weitem vorziehe. dessen Körper aus sämtlichen Körpern der einzelnen geformt ist. wesentliche Punkte hinaus. so ist dies bereits in der Ambiguität des Titels der Erklärung von 1789 angelegt: Declaration des droits de l’homme et du citoyen. nämlich zu töten. Denkt man genauer darüber nach. und so sind ihre Hinweise nicht weiterverfolgt worden. welche die Verfasserin jedoch unerläutert läßt. Es sind die absolut tötbaren Körper der Untertanen. Die einander Gleiches tun können. als bar allen Schutzes und aller Realität. 295). brach in dem Augenblick zusammen. als diejenigen.« (Arendt 3. dem Flüchtlingsproblem gewidmete Kapitel des zweiten. S. besteht darin. Im System des Nationalstaates erweisen sich die sogenannten heiligen und unveräußerlichen Menschenrechte. in dem das erste immer schon im zweiten enthalten und verborgen ist. welcher Typ von Beziehung zwischen den beiden besteht. können Gleiches tun. S.« (Hobbes I. daß die Figur .1. die sich zum Glauben daran bekannten. die das Geschick der Menschenrechte an das des Nationalstaats bindet. Das Paradox.der Flüchtling -. zum ersten Mal mit Leuten konfrontiert waren. Hannah Arendts Ausführungen zur Verknüpfung von Menschenrechten und Nationalstaat reichen nicht über wenige. die den neuen politischen Körper des Abendlandes bilden. wie gebrechlich der Bau des menschlichen Körpers ist (mit dessen Verfall auch alle Kraft. 93) 2.

wenn man vergißt. in einen »Bürger« verwandelt. das sich als Quelle und Träger des Rechts präsentiert.« ‘37 136 . den die Geburt [nascita. Das Prinzip der Nativität und das Prinzip der Souveränität. so daß es zwischen den beiden Begriffen keinen Abstand geben kann. Die Erklärung der Menschenrechte muß mithin als Ort angesehen werden. Die Erklärung der Menschenrechte stellt die originäre Figur der Einschreibung des natürlichen Lebens in die juridisch-politische Ordnung des Nationalstaates dar. wird nun erstrangig in der Struktur des Staates und bildet sogar das irdische Fundament der staatlichen Legitimität und der Souveränität. und 20. »naissent et demeurent libres et egaux en droits«l (die strengste aller Formulierungen ist unter diesem Gesichtspunkt diejenige des Entwurfs von La Fayette: »tout homme nait avec des droits inalienables et imprescriptibles+. das im Ancien regime politisch belanglos war und als kreatürliches Leben Gott gehörte und das in der antiken Welt (wenigstens dem Anschein nach) als z& klar vom politischen Leben (bios) abgegrenzt war. Jenes natürliche nackte Leben. gleich wieder in der Figur des Bürgers. Sie sichert die exceptio des Lebens in der neuen staatlichen Ordnung. daß es genau das natürliche nackte Leben. in dem sich die Rechte »bewahrt« finden (Artikel 2: »le but de toute association politique est la conservation des droits naturels et imprescriptibles de l’homme«3). bedeutet. um ihre reale historische Funktion bei der Herausbildung des modernen Nationalstaates zu betrachten. »Les hommes«. Es ist nicht möglich.« »Jeder Mensch wird mit unveräußerlichen und unantastbaren Rechten geb oren.2. kann sie an diesem Punkt die Souveränität auch der »Nation« zuschreiben (Artikel 3: »le principe de toute souverainete reside 2 essentiellement dans la nation«‘). ihre Entwicklung und ihre Metamorphosen in unserem Jahrhundert zu erfassen. .Erklärungen und Konventionen übernationaler Organisationen schließlich dazu geführt. Schon eine einfache Untersuchung des Textes der Erklärung von 1789 zeigt. damit aufzuhören. »Die Menschen werden gleich an Rechten geboren und bleiben es.« I I »Das Prinzip der Souveränität liegt seinem Wesen nach beim Volk. wie bemerkt worden ist. Gleichzeitig verschwindet das natürliche Leben. das mit der Eröffnung der modernen Biopolitik die Basis der Rechtsordnung stiftet. markierte) getrennt waren. die Erklärungen der Menschenrechte als wohlfeile Proklamationen von ewigen metajuridischen Werten anzuschauen. sondern vor allem sein nacktes Leben. Nun ist es an der Zeit. deren biopolitische Folgen wir heute erst zu ermessen beginnen) zum unmittelbaren Träger der Souveränität wird. ist es auch möglich. die auf den Zusammenbruch des Ancien regime folgt. frz.« 3 »Der Endzweck aller politischen Vereinigung ist die Erhaltung der natürlichen und unantastbaren Rechte. des Untertans. naissance] des Menschen geöffnet hat. so lautet der erste Artikel. daß die Nativität unmittelbar Nation wird. Jahrhunderts zu verstehen.das heißt. daß ihm nicht der Mensch als freies und bewußtes politisches Subjekt zugrunde liegt. vereinigen sich nun unwiderruflich im Körper des »souveränen Subjekts*. die als solche im Übergang vom Untertan zum Bürger vom Prinzip der Souveränität eingesetzt wird. So schließt die Nation. das natürliche nackte Leben als solches . daß ein wirkliches Verständnis der historischen Bedeutung des Phänomens ausgeblieben ist. Und weil die Erklärung das native Element ins Herz der politischen Gemeinschaft selbst eingeschrieben hat. daß die Geburt . Wenn nach der Erschütterung der geopolitischen Ordnung in der Folge des Ersten Weltkriegs der verdrängte Abstand zwischen Nativität und Nation als solcher 2. als er das unmittelbarwieder verschwindende (oder vielmehr gar nie als solches ans Licht tretende) Fundament des Bürgers abgibt. die im Ancien regime (wo die Geburt bloß das Vorhandensein des sujet. an dem sich der übergang von der königlichen Souveränität göttlichen Ursprungs zur nationalen Souveränität vollzieht. die einfache Geburt. den Kreis. die (in Wirklichkeit ohne viel Erfolg) den Gesetzgeber zu Respekt vor ewigen ethischen Prinzipien verpflichten sollen. die »nationale« und biopolitische Entwicklung und Bestimmung des modernen Staats des 19. das heißt das reine Faktum der Geburt ist. Die implizite Fiktion besteht darin. Die Menschenrechte werden dem Menschen zugeschrieben (oder entspringen ihm) nur in dem Maß.zum ersten Mal (mittels einer Transformation. Daß sich dadurch der »Untertan«. die etymologisch von nascere abstammt. um das Fundament des neuen Nationalstaats zu bilden. Nur wenn man diese wesentliche historische Funktion der Erklärung der Menschenrechte versteht.

so paradox das erscheinen mag. Wir sind daran gewöhnt. beginnt nun. daß Blut und Boden das Wesentlichste des Deutschtums ausmachten. . aber [. Nur diese Verbindung zwischen den Menschenrechten und der neuen biopolitischen Bestimmung der Souveränität erlaubt es. die seit dem römischen Recht dazu dienten. die Rousseau zur Äußerung veranlaßt.]. Was bis dahin kein politisches Problem dargestellt hatte (die Fragen: »Was ist ein Franzose? Was ist ein Deutscher?«). . auf das er verfällt. Als Alfred Rosenberg die Weltanschauung seiner Partei auf eine Formel bringen will. als er am 23. les membres du souverain. daher I Im Original deutsch beigefügt. . dürfen keinen aktiven Einfluß auf das Gemeinwesen nehmen. durch die sich die Gesellschaft bildet. welche die membres du souverain definiert. S. . sondern bloß eines unter anderen Themen war. im Syntagma »Blut und Boden«’ das Wesen der nationalsozialistischen Ideologie zusammenzufassen. daß »kein Autor in Frankreich [. 242) Doch man hat nur allzuoft vergessen. September 1792 im Konvent verlangt. sie unterliegt als solche einer fortwährenden Arbeit der Redefinition. . bis im Nationalsozialismus die Antwort auf die Frage: »Wer oder was ist ein Deutscher?« (und folglich auch: »Wer oder was ist es nicht?«) unmittelbar mit der höchsten politischen Aufgabe zusammenfällt. daß im unmittelbaren Zusammenhang mit der Erklärung der angeborenen. eine wesentliche politische Frage zu werden. weil sie lediglich ein Untertanenverhältnis ausdrückten. unveräußerlichen und unabdingbaren Rechte die Menschenrechte im allgemeinen in aktive und passive unterteilt wurden. tauchen mit dem Faschismus und dem Nazismus zwei im eigentlichen Sinn biopolitische Bewegungen auf. die in den philosophischen Anthropologien diskutiert wurden. Sie ist nichts weiter als der gedrängte Ausdruck der beiden Kriterien. und welche die Kreise des ius soli und des ius sanguinis verdeutlichen und schrittweise einschränken sollten. von den Historikern der Französischen Revolution mehrfach bemerkte Phänomen richtig zu deuten. zu deren Wahrung und Entwicklung die Gesellschaft gegründet worden ist. die Bürgerschaft festzustellen (das heißt die primäre Einschreibung des Lebens in die staatliche Ordnung): ius soli (die Geburt in einem bestimmten Territorium) und ius sanguinis (die Geburt von Bürgereltern). zumindest im jetzigen Stadium. die präzisieren sollten.« (Rosenberg. das eigenartige. Es ist um der Klarheit des Ausdrucks willen besser.« (Sieyes 2. ganz verstehbar. S. Die Bürgerschaft bedeutet nun nicht mehr einfach nur eine allgemeine Unterwerfung unter die königliche Autorität oder ein bestimmtes System von Gesetzen noch verkörpert sie einfach (wie Chalier meint. die erste Art passive. welcher Mensch nun Bürger sei und welcher nicht. gewinnen schon mit der Französischen Revolution eine neue und entscheidende Bedeutung. die Kinder.] den wahren Sinn des Wortes >Bürger< verstandene habe. ist es auch tatsächlich dieses Hendiadyoin. . Daher rührt die Zentralität (und die Ambiguität) des Begriffs der »Bürgerschaft« im politischen Denken der Moderne. 2 5 1) Und Lanjuinais fährt nach der oben zitierten Wendung.zutage tritt und der Nationalstaat in eine dauerhafte Krise gerät.] nicht alle sind Aktiv-Bürger. . die Ausländer und auch diejenigen. »Die nationalsozialistische Weltanschauung ging aus von der Überzeugung. mit folgenden Wor139 138 . . daß die traditionelle Anrede monsieur oder sieur in jedem öffentlichen Akt durch die des Bürgers ersetzt werde) das neue egalitäre Prinzip: Sie steht für den neuen Status des Lebens als Ursprung und Fundament der Souveränität und bezeichnet somit buchstäblich. den die nationale Souveränität und Menschenrechte eröffnet haben. Diese beiden traditionellen juridischen Kriterien. die nichts zu den öffentlichen Einrichtungen beitragen. mit Lanjuinais’ Worten im Konvent.und Staatspolitik getrieben werden müßten. die politische Rechte dagegen diejenigen. nur vor dem biopolitischen Hintergrund. daß diese politisch so eindeutig geprägte Formel in Wahrheit einen harmlosen Rechtsursprung hat. die zweite aktive Rechte zu nennen. daß von diesen beiden Gegebenheiten aus Kultur. Die Frauen. Schon Sieyes unterscheidet in seinen Pr&%naires de la Constitution klar.] Alle Einwohner des Landes müssen in ihm die Rechtepassiver Bürger besitzen [. die im Ancien rc5gime keine wesentliche politische Bedeutung hatten. [. »daß die natürlichen und gesellschaftlichen Rechte diejenigen sind. Faschismus und Nazismus sind vor allem eine Redefinition des Verhältnisses zwischen Mensch und Bürger und werden. rührt aber auch die bereits im Verlauf der Revolution einsetzende Vervielfältigung der normativen Anordnungen. die das natürliche Leben zum Ort der biopolitischen Entscheidung schlechthin machen.

war die. wo die Naturalisation von Bürgern wiederrufen wurde. weil sie die Kontinuität zwischen Mensch und Bürger. 1926 erließ das faschistische Regime ein analoges Gesetz gegen Bürger. wie das heute nunmehr geschehen ist. seine Figur politisch zu bestimmen. und die beiden Glieder beginnen zu zeigen. »der Mensch der Menschenrechte«. die sich in Bewegung befindet und unablässig neu gezogen werden muß. daß die Bürgerschaft etwas war. Denn vom Ersten Weltkrieg an ist der Nexus Geburt-Volk nicht mehr imstande. die es ermöglichen werden. »Staat<. müssen die Verbindungen und Schwellen neu bestimmt werden. Und wenn. Auf der einen Seite betreiben die Nationalstaaten eine massive Neueinsetzung 141 140 . das zum Fundament der Souveränität geworden ist. daß der Nexus Nativität-Nationalität. daß die Juden erst nach der vollständigen Entnationalisierung (also auch der Restbürgerschaft. 500 ooo Bulgaren. der den Abstand zwischen Geburt und Nation zur Schau stellt. zwischen Nativität und Nationalität. Einer der wesentlichen Züge der modernen Biopolitik (der in unserem Jahrhundert rasen wird) ist die Notwendigkeit.ten fort: »Demnach wurden die Kinder. welche die Erklärung politisiert hat. Doch genau darum ist es so schwierig. verschieben sich diese Schwellen. an die sich die Nazis im Verlauf der »Endlösung« dauerhaft hielten. seine legitimierende Funktion im Innern des Nationalstaates auszuüben. 1933 war die Reihe an Österreich. bis sie schließlich einen nicht zu vernachlässigenden Teil der Menschheit ausmachten) in der Ordnung des modernen Nationalstaates ein derart beunruhigendes Element darstellen. die das Leben vom Tod trennen. sen erste und einzige reale Erscheinung diesseits der Maske des Bürgers. indem sie die deutschen Staatsangehörigen in vollwertige Bürger und Bürger zweiter Klasse unterteilten und zum Prinzip erhoben. die in schreiendem Widerspruch mit Geist und Buchstaben der Erklärung steht. was draußen ist. was drinnen. die zu Leibesstrafe oder Infamie Verurteilten [. In diesem Sinn ist er tatsächlich. die während des Krieges »antinationale Straftaten« begangen hatten. bis die Nürnberger Gesetze über die »Reichsbürger« und zum »Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre« diese Entwicklung ins Extrem trieben. dessen man sich würdig erweisen mußte. aufbrechen und damit die Ursprungsfiktion der modernen Souveränität in eine Krise stürzen.Phänomene zeigen. nicht mehr von selbst funktionierte und seine Macht der Selbstregulation verloren hatte. das deren geheime Voraussetzung ist. daß sie sich unwiederbringlich voneinander abgekoppelt haben. wie Hannah Arendt meint. bringt auf der politischen Bühne für einen Augenblick jenes nackte Leben zum Vorschein. Ungarn und Rumänen ihr Ursprungsland) ist zusammen mit den gleichzeitig in vielen europäischen Staaten eingeführten Normen. auf den die Erklärung der Menschenrechte von I 789 die neue nationale Souveränität gegründet hatte. Und eine der wenigen Regeln. die Frauen. die Minderjährigen. Diese beiden . diesem folgte 1922 Belgien. das hervorstechendste Phänomen. die Verrückten. . welche die massenhafte Entnaturalisierung und Entnationalisierung der eigenen Bürger erlauben. In der z&. 105) Anstatt in diesen Unterscheidungen eine einfache Einschränkung des demokratischen und egalitären Prinzips zu sehen. hinaus. einen neuen homo sacer [uomo sacro]. Wenn das unpolitische natürliche Leben. Die Überflutung Europas durch Flüchtlinge und Staatenlose (in einer kurzen Zeitspanne verlassen I 500 ooo Weißrussen. verbindet und trennt. das natürliche Leben vollständig in die pdis einbezogen ist.übrigens eng verknüpften . S. die ihn ständig verdeckt. die sich »der italienischen Staatsbürgerschaft unwürdig« gezeigt hatten. so verwandelt es sich gleichzeitig in eine Linie. und so ging es weiter.« (Sewell. Das Beispiel gab 1915 Frankreich gegenüber den naturalisierten Bürgern »feindlicher« Herkunft. 700 ooo Armenier. einmal aus den Mauern des oikos heraustritt und immer tiefer in die Stad? vordringt.] keine Bürger sein. um einen neuen lebenden Toten zu bezeichnen. Der Flüchtling.3. desI Kitts«: im Sinn von »Gemeinwesen«. 2. . muß man vielmehr die Kohärenz der biopolitischen Bedeutung zu erfassen wissen. dann vor allem deshalb. im Leben laufend die Schwelle neu zu ziehen. und das. ein heiliges Leben abzusondern. die das. und die daher jederzeit in Frage gestellt werden konnte. Geburt und Volk. über die dunklen Grenzen. wie wir sehen werden. I ooo ooo Griechen und Hunderttausende Deutsche. die ihnen nach den Nürnberger Gesetzen zukam) in die Vernichtungslager geschickt werden konnten. Wenn die Flüchtlinge (deren Zahl in unserem Jahrhundert nie aufgehört hat zu wachsen.

auf der die Souveränität gründet. Just in dem Moment. das heißt. dessen Engagement gemäß den Statuten nicht politisch.4. nämlich nicht weniger als ein Grenzbegriff.’ das Sade in der Philosophie dans le boudoir den Libertin Dolman& lesen läßt. der Völkerbund und später die Vereinten Nationen versucht haben. sondern überhaupt in angemessener Weise mit ihm umzugehen.des natürlichen Lebens. im Hinblick auf eine Politik. diese Organisationen wie die einzelnen Staaten trotz ihrer feierlichen Anrufungen der »heiligen und unveräußerlichen« Menschenrechte sich nicht nur als gänzlich unfähig erwiesen haben. Die »flehenden Augen« des ruandischen Kindes. daß jedesmal. ist das erste und vielleicht radikalste biopolitische Manifest der Moderne. ist das biopolitische Paradigma. das physiologische Leben der Körper selbst sich als pures politisches Element präsentiert. insbesondere aber in Les cent vingt joumkes de Sodome) das theatrum politicum als Theater des nackten Lebens. Die Widersprüchlichkeit dieser Prozesse gehört bestimmt zu den Gründen. wenn ihr Republikaner sein wollt«. das man aber »jetzt schwerlich noch lebend antreffen wird«. da die Revolution die Geburt das heißt das nackte Leben . lediglich wiederholen. die das nackte Leben nicht mehr in der staatlichen Ordnung absondert und ausstößt. um dann wieder in einer neuen nationalen Identität rekodifiziert zu werden. die sie bekämpfen sollten. die er repräsentiert) entschlossen von dem der Menschenrechte ablösen und Hannah Arendts These ernst nehmen. der die fundamentalen Kategorien des Nationalstaates. Der Flüchtling muß als das angesehen werden. die wir heute erleben. und das Lager. wie es mittlerweile immer häufiger geschieht. ein nacktes Leben zu repräsentieren und zu schützen. deren die humanitären Organisationen in einem exakt symmetrischen Verhältnis zur staatlichen Macht bedürfen. 143 . abgetrennt und außerhalb des Kontextes der Bürgerschaft verwendet. mittels der Sexualität. mit dem er nicht zu Rande kommt. Ein Blick auf die jüngsten Werbekampagnen zur Spendensammlung für Ruanda genügt. dem Problem der Flüchtlinge und der Wahrung der Menschenrechte zu begegnen. in dem. auf der anderen Seite werden die Menschenrechte zunehmend von den Bürgerrechten. indem sie in dessen Innerem ein sozusagen authentisches Leben und ein nacktes Leben ohne jeden politischen Wert unterscheiden (der Rassismus und die nazistische Eugenik werden nur verständlich. um sich klarzumachen. mittels deren die Staaten. das Problem zu lösen. vom Nexus Nativität-Nationalität zu demjenigen von Mensch-Bürger. Die Trennung zwischen Humanitärem und Politischem.zum Fundament der Souveränität und der Menschenrechte macht. sind die vielleicht prägnanteste Chiffre des nackten Lebens in unserer Zeit. wenn die Flüchtlinge nicht mehr individuelle Fälle. das in Wachsendern Maß an den Rändern der Nationalstaaten anfällt. so daß der Untergang und die Krise des letzteren notwendig auch die ersteren obsolet werden läßt. ein Massenphänomen darstellen. in eine radikale Krise stürzt: So wird es möglich. Wesentlich ist. mit dessen Fotografie man Geld sammeln möchte. als deren Voraussetzung sie allein Sinn ergaben. Man muß den Begriff des Flüchtlings (und die Figur des Lebens. Der vom Politischen abgetrennte Humanitarismus kann die Absonderung des nackten Lebens. sondern. was er ist. hier werI »Franzosen. K Das Pamphlet Franca& encore un effort si vom voulez h-e republicains. vom Bureau Nansen (1922) bis zum noch bestehenden Hohen Kommissariat für Flüchtlingsfragen (195 1). die zum Scheitern der Anstrengungen der diversen Komitees und Organisationen geführt haben. Letztlich können die humanitären Organisationen. das Feld für eine nunmehr unaufschiebbare kategoriale Erneuerung zu räumen. der reine Raum der Ausnahme. mit dem angeblichen Zweck. ist die extreme Phase der Entfernung zwischen den Menschenrechten und den Bürgerrechten. das menschliche Leben jedoch nur in der Figur des nackten Lebens oder des heiligen Lebens erfassen und unterhalten deshalb gegen ihre Absicht eine geheime Solidarität mit den Kräften. inszeniert Sade (in seinem ganzen Werk. die heute mehr und mehr zu den übernationalen Organen aufrücken. wenn man sie in diesen Kontext zurückstellt). 2. noch eine Anstrengung. und nur als solches zum Objekt der Hilfe und des Schutzes wird. sondern nausschließlich humanitär und sozial« sein kann. welche die Geschicke der Menschenrechte an die des Nationalstaates bindet. daß hier das menschliche Leben (und dafür gibt es gewiß 142 Grunde) ausschließlich als heiliges Leben betrachtet wird. auch nicht mittels der Figur der Menschenrechte. Doch in keinem anderen Werk ist die Einforderung des Politischen seines Projekts so explizit wie in diesem Pamphlet. das heißt insofern es tötbar und nicht Opferbar ist.

1 oof. als den lebenden Menschen als Souverän über sein Dasein I: . sich dazu veranlaßt sieht. Die Aktualität von Sade besteht nicht darin. wenn er geil ist. um die Straflosigkeit des Selbstmordes zu erklären. daß hier zum ersten Mal eine normale und kollektive (mithin politische) Organisation des menschlichen Lebens gedacht worden ist.den die maisons.die Notwendigkeit ab. daß er mit diesem beunruhigenden AusI Im Original deutsch. auch die Symmetrie zwischen homo sacer und Souverän findet sich hier in der Komplizität. der sich mit Fragen der Ethik seines Berufs beschäftigte. die einzig und allein auf dem nackten Leben gründet. einerseits nicht als Delikt (wie beispielsweise die Verletzung einer Pflicht gegenüber sich selbst). während des Druckes verstorben ist und diese »Abhandlung« also der letzte Akt seiner »tiefen Menschenliebe« gewesen sei).. Sie glaubt sie dem Täter nicht verbieten zu dürfen«. seine Wurzeln in der Tatsache. »qui ne veuille &re despote quand il bande«‘). zum politischen Ort schlechthin. Und nicht nur die Analogie mit der souveränen Macht wird von Sade bewußt gezogen (»il n’est Point d’homme«./ zu betrachten« (Binding. denn der Sadomasochismus ist genau diejenige Technik der Sexualität. Das Buch interessiert uns hier aus zwei Gründen. I 3). und Alfred Hoche. welche die Rechtsordnung daher weder aus.« . schreibt er. der nicht Despot sein will. weder verbieten noch erlauben kann (die »Rechtsordnung«. im Projekt von Dolman& hat das boudoir die cite vollständig ersetzt. daf3 Öffentliches und Privates. die den Masochisten an den Sadisten und das Opfer an den Henker bindet. Die wachsende Bedeutung des Sadomasochismus in der Moderne hat ihre Wurzeln in diesem Tausch. im Gegenteil.noch einschließen.1. Der erste besteht darin. . sondern auch und vor allem die Politik hat das Sieb des boudoir passiert. Ebenso wie in den Konzentrationslagern unseres Jahrhunderts hat der Totalitarismus der Organisation des Lebens im Schloß Silling mit seiner minutiösen Reglementierung.« K.). »nimmt die Handlung trotz ihrer vielleicht empfindlichen Wirkungen auf sie selbst ruhig hin. daß Binding. Lebensunwertes Leben 3. Rat« und »Prof. andererseits aber auch nicht als juristisch indifferente Handlung begriffen werden kann. 3. die das nackte Leben des Partners zutage fördert. S. eine Schwelle der Ununterscheidbarkeit zwischen Exteriorität und Interiorität. nacktes Leben und politische Existenz die Plätze tauschen. S. jur. mehr noch. »bleibt eben dem Rechte nichts übrig. diesen als Ausdruck einer Souveränität des lebenden Menschen über seine eigene Existenz zu begreifen. ebd.l Die Autoren waren Karl Binding. ein Professor der Medizin. daß er die unpolitische Vorherrschaft der Sexualität in unserer unpolitischen Zeit angekündigt hat. eine blaugraue @querte. Im Jahr 1920 veröffentlichte Felix Meiner. so argumentiert er. wo jeder Bürger jeden anderen Bürger öffentlich aufrufen und ihn zur Befriedigung seiner eigenen Begierden zwingen kann. Die Souveränität des Lebenden über sich selbst bildet.und das ist der zweite und dringendere Grund unseres Interesses . Dr. wie die souveräne Entscheidung über den Ausnahmezustand. Von dieser besonderen Souveränität des Menschen über die eigene Existenz leitet Binding jedoch . schreibt Binding. 145 I >>Es gibt keinen Mann. S. et phil. 14). und zwar in dem Ausmaf3. seine Modernität besteht in der unvergleichlichen Zurschaustellung der absolut politischen (das heißt »biopolitischen«) Bedeutung der Sexualität und des physiologischen Lebens selbst. die den Titel trug: Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. B. daß der »Geh. Nicht nur die Philosophie (Lefort. die »Vernichtung des lebensunwerten Lebens« zu autorisieren. die keinen Aspekt des physiologischen Lebens (nicht einmal die obsessiv kodifizierte und ausgestellte Verdauungsfunktion) außer acht läßt. schon damals einer der Seriösesten deutschen Verleger der Geisteswissenschaften. Der Umstand. Da der Selbstmord. ein angesehener Strafrechtsspezialist (eine im letzten Moment hinter dem Titelblatt eingeklebte Einlage informiert die Leser darüber.

die Entscheidung über den Wert (oder den Unwert) des Lebens als solches . . S.« Auch in diesem Fall erkennt Binding »weder vom rechtlichen. »Liberazione«. »haben weder den Willen zu leben. schreibt Binding. die Neuheit und die entscheidende Wichtigkeit dieses Begriffs.. daß etwas zum Gebiet der Werte gehört« und »die Verneinung [. S. um lebensunwerte Leben so lange zu erhalten. eine Antwort auf die juristische Frage zu finden. noch vom religiösen Standpunkt aus schlechterdings keinen Grund. die er zu stellen gedenkt: *Soll die unverbotene Lebensvernichtung. wie verschwenderisch wir 146 Der Begriff des »wertlosen« (oder »lebensunwerten«) Lebens kommt-vor allem bei Individuen zur Anwendung. der ihn in seiner Theorie des Partisanen im Kontext einer Kritik an der Einführung des Begriffs des Wertes ins Recht zitiert. S. die infolge von Krankheit oder Verletzung als »unrettbar Verlorene« betrachtet werden müssen und die. »Der Wertsetzer«.sie der letzten Möglichkeit der Fortdauer beraubt.. die so stark die Eigenschaft des Rechtsgutes eingebüßt haben. daß ihre Fortdauer für die Lebensträger wie für die Gesellschaft dauernd allen Wert verloren hat?« »Man braucht sie nur zu stellen«. »setzt mit seinem Wert eo ipso immer einen Unwert. 27) des Wertes. Bund ein beklommenes Gefühl regt sich in jedem. 3 I f. in Klammern folgt die sich für die deutsche Leserschaft erübrigende Erläuterung: »Binding bedient sich des Wortes . noch zu sterben.« (Ebd. die er kritisiert. dem lebenswerten Leben. wie die Logik mit dem wertvollsten. .). nach der das wahre Leben der Regel die Ausnahme ist.« 3 Im Original deutsch beigefügt.2. und welch Maß von oft ganz nutzlos vergeudeter Arbeitskraft. J. weil er ihm erlaubt. Er nimmt mit Schmerzen wahr. Diese Menschen.] das Kriterium dafür [ist]. gern8 der buchstäblich möglichen Bedeutung. bis die Natur . . noch vom sozialen.« Bindings Theorien vom lebensunwerten Leben stellt er die These von Heinrich Rickert an die Seite. sondern negativ zu Wertender Existenzen auf der anderen Seite. der sich gewöhnt hat. S. .] der eigentlich Akt der Wertung« ist (Schmitt 6. Ihr Leben ist absolut zwecklos. der gebrochen werden müßte. Die fundamentale biopolitische Struktur der Moderne .. die Tötung dieser Menschen. zusammen mit seinem impliziten und vertrauteren Korrelat. und stellt man in Gedanken unsere Idioteninstitute mit ihrer Sorgfalt für ihre lebenden Insassen daneben-und man ist auf das tiefste erschüttert von diesem grellen Mißklang zwischen der Opferung des teuersten Gutes der Menschheit im größten Maßstabe auf der einen und der größten Pflege nicht nur absolut wertloser. das nicht wert ist.« (Ebd. der Sinn der Unwertsetzung ist die Vernichtung des Unwertes. daß der Aufsatz von Binding die Aufmerksamkeit von Schmitt geweckt hat. freizugeben. Geduld. andererseits stößt diese auf keinen Lebenswillen.vom Notstand abgesehen -. schreibt er. X Es erstaunt nicht. Der Begriff des *lebensunwerten Lebens« ist für Binding deshalb wesentlich. sie »besteht aus den unheilbar Blödsinnigen . I 2 147 . . daß die Initiative des AnBei Agamben »wertvollstes Leben« deutsch beigefügt. Denkt man sich gleichzeitig ein Schlachtfeld bedeckt mit Tausenden toter Jugend. oder ein Bergwerk. so schlägt Binding vor. soll nicht dazu führen. 5) Die Lösung des Problems hängt in der Tat ab von der Antwort auf die Frage: »Gibt es Menschenleben. der auf diese Weise zum ersten Mal auf der juridischen Bühne erscheint. S. Vermögensaufwendung wir nur darauf verwenden.) Was das Problem der Entscheidungsgewalt über die Freigabe der Vernichtung angeht. oder soll sie eine gesetzliche Erweiterung auf Tötungen von Nebenmenschen erfahren?« (Ebd.einerlei ob die so geboren oder etwa wie die Paralytiker im letzten Stadium ihres Leidens so geworden sind«. zu leben).Erlösung<. wonach *der Bezug zur Negation [. seiner Theorie der Souveränität gleicht..« (Ebd. den Wert des einzelnen Lebens für den Lebensträger und für die Gesamtheit auszuschätzen. noch vom sittlichen. fährt Binding fort. So gibt es ihrerseits keine beachtliche Einwilligung in die Tötung. das zum religiösen Vokabular gehört und unter anderem predenzionec bedeutet. vom stärksten Lebenswillen und der größten Lebenskraft erfüllten und von ihm getragenen Leben’ umgehen.druck lediglich das Problem der Zulässigkeit der Euthanasie benennt. die das furchtbare Gegenbild3 echter Menschen bilden L . 29)2 Problematischer ist die Lage der zweiten Gruppe. *im vollen Verständnis ihrer Lage den dringenden Wunsch nach Erlösung besitzen und ihn in irgendeiner Weise zu erkennen gegeben haben. gelebt zu werden. oder auch. worin schlagende Wetter Hunderte fleißiger Arbeiter verschüttet haben. zu unterschätzen: das »lebensunwerte Leben« (das Leben. Schmitt scheint hier nicht zu bemerken. wie nach heutigem Rechte .findet mithin seine erste juristische Formulierung in einem gutgemeinten Pamphlet zugunsten der Euthanasie. 3. auf die Selbsttötung des Menschen beschränkt bleiben.oft so mitleidlos spät . aber sie empfinden es nicht als unerträg1ich. 80f.

wenngleich in einer wenigstens dem Anschein nach anderen Richtung. So erfolgte die Durchführung des »Euthanasie-Programms für unheilbare Kranke«1 unter Bedingungen . ist mit dieser tristen Sache verbunden geblieben. aber ähnliche Anstalten gab es auch in Hadamar (Hessen). wie ja auch Binding und Hoche von ihrem Gesichtspunkt aus den Begriff des »lebensunwerten Lebens« bestimmt in gutem Glauben vortrugen. sofort nach der Machtergreifung ein Euthanasie-Programm auszuarbeiten. Dr. hier zum schwierigen ethischen Problem der Euthanasie. sich in der abendländischen Geschichte immer nur ausgedehnt hat und heute . fest steht jedoch. Interessanter ist aus unserer Perspektive die Tatsache.notwendigerweise durch das Innere jedes menschlichen Lebens und jedes Bürgers geht. der Kleinstadt in Württemberg. die Hitler und Himmler dazu brachten.4. seinem Euthanasie-Programm keine eigentliche Rechtsform zu verleihen. daß das Wiederauftauchen der von Binding geprägten Formel zur rechtlichen Einbürgerung des »Gnadentods« (so der unter den Gesundheitsfunktionären des Regimes gängige Euphemismus) mit einer entscheidenden Wende in der Biopolitik des Nationalsozialismus zusammenfällt. 3. getroffen habe. interessiert uns hier nicht. und daß die letzte Entscheidung bei einer staatlichen Kommission liegt. Stellung zu beziehen.trags stets vom Kranken selbst ausgehen mui3 (falls er dazu in der Lage ist). daß die Souveränität des lebenden Menschen über sein Leben unmittelbar mit der Festlegung einer Schwelle zusammentrifft. denn Hitler hat es vorgezogen. darunter der zu erwartende Widerstand der kirchlichen Kreise. ohne daß ein Mord begangen wird. doch hing die Verwandlung (im Verlauf der fünfzehn Monate. jenseits deren das Leben keinen rechtlichen Wert mehr besitzt und daher getötet werden kann. wurde von dem Programm wenig in die Tat umgesetzt. Während des Nürnberger Ärzteprozesses berichtete ein Zeuge. Es scheint so. Die Information war nicht ganz richtig. daran zu zweifeln. Die neue Kategorie eines »wertlosen« oder »lebensunwerten Lebens« entspricht exakt.im neuen biopolitischen Horizont der Staaten mit nationaler Souveränität . sondern bewohnt den biologischen Körper jedes Lebewesens. I Im Original deutsch.3. in gutem Glauben angestellt wurden. Die Aussagen. Jede Gesellschaft legt diese Grenze fest. als ginge jede Wertung und jede »Politisierung« (wie sie der Souveränität des einzelnen über seine eigene Existenz letztlich implizit ist) zwangsläufig mit einer erneuten Entscheidung über die Schwelle einher. Der Name von Grafeneck. Fritz Mennecke. oder dann von einem Arzt oder einem nahen Verwandten. um nur mehr »heiliges Leben« zu sein und als solches straflos eliminiert werden zu können.entscheidet darüber. bestehend aus einem Arzt. die Irrtümer und Mißbräuche begünstigen konnten. er habe bei einer vertraulichen Versammlung in Berlin im Februar 1940 die Doktoren Hefelmann. jede Gesellschaft . wo eines der Hauptzentren operierte. welches ihre homines sacri [uomini sacri] sind. Das nackte Leben ist nicht mehr an einem besonderen Ort oder in einer definierten Kategorie eingegrenzt. von der die Politisierung und die exceptio des natürlichen Lebens in der staatlichen Rechtsordnung abhängt. daß die Reichsregierung soeben Vorkehrungen zur Autorisierung der »Vernichtung lebensunwerten Lebens«. 148 3. daß diese Grenze. Es gibt keinen Anlaß. Bohne und Brack mitteilen hören. mit besonderem Bezug auf die unheilbaren Geisteskranken.wie der Kriegswirtschaft und der Vervielfachung der Konzentrationslager für Juden und andere Unerwünschte -. die es dauerte.auch die modernste . auch die Radikalität. und erst Anfang 1940 beschloß Hitler. einem Psychiater und einem Juristen. daß die »humanitären« Erwägungen. keine Verzögerung mehr zu dulden. Es ist nicht unsere Absicht. 149 . jenseits deren das politisch relevante Leben aufhört. Hartheim (bei Linz) und an anderen Orten des Reiches. dem nackten Leben des homo sacer und kann leicht über die von Binding vorgestellten Grenzen hinaus erweitert werden. bis Hitler im August 1941 wegen wachsender Proteste der Bischöfe und Familienangehöriger die Beendigung anordnete) eines theoretisch humanitären Programms in eine Operation der Massenvernichtung keineswegs nur von den Umständen ab. über das noch heute die Meinungen auseinandergehen und das in den Mediendebatten beträchtlichen Raum beansprucht. Aus verschiedenen Gründen. Es ist sogar möglich. mit der Binding zugunsten einer verallgemeinerten Zulässigkeit der Euthanasie Stellung bezieht.

In anderen Anstalten (zum Beispiel in Hadamar) brachte man sie mit einer starken Dosis Luminal.5. um sich in die Macht über die Entscheidung zu transformieren. es ist vielmehr ein politischer Begriff. als stünde in dieser Entscheidung der letzte Bestand der souveränen Macht auf dem Spiel. waren die dem Programm unterworfenen unheilbaren Kranken Kinder und Alte. Daß das »lebensunwerte Leben« kein ethischer Begriff ist. das mit der Erklärung der Menschenrechte als solches zum Prinzip der Souveränität erhoben worden ist. und dann wurden sie in eine Gaskammer gesteckt. Warum also wollte Hitler. Das Leben. daß das Programm an wirtschaftliche Erwägungen geknüpft war. dann deswegen. gramms völlig bewußt war. dann stellt sich nicht nur. Größtenteils wurden die Kranken innerhalb von 24 Stunden nach der Ankunft in Grafeneck getötet. der die Erwartungen und legitimen Wünsche des einzelnen betrifft. zuerst wurde ihnen eine Dosis von 2 ml Morphium-Scopolamin verabreicht. die ohnehin nicht in der Lage waren. weil hier ein Mensch in der Situation befindet. Die Anstalt erhielt jeden Tag etwa siebzig Personen (im Alter zwischen 6 und 93 Jahren). die für das Programm in Grafeneck verantwortlich waren. darüber zu entscheiden. in einem anderen Menschen die zök vom bios zu trennen und so etwas wie ein nacktes. Wenn das Leben zum höchsten politischen Wert wird. obwohl er sich der Unpopularität des ProI Im Original deutsch. die Euthanasie in einen juridisch-politischen Begriff zu verwandeln (das »lebensunwerte Leben«). In der modernen Biopolitik ist derjenige souverän. ob sie die vom Programm verlangten Voraussetzungen erfüllten. an dem die Biopolitik zwangsläufig in Thanatopolitik umkippt. die unter den unheilbaren Geisteskranken der verschiedenen deutschen Irrenhäuser ausgewählt wurden. welches Leben getötet werden kann. Darüber hinaus gibt es keinerlei Hinweise. da die staatliche Maschinerie voll vom kriegerischen Kraftakt beansprucht wurde. im Gegenteil. sondern es scheint. zu allen Zeiten zukommt. tötbares Leben abzusondern.welche die Angeklagten und Zeugen im Nürnberger Prozeß gemacht haben. die Hartnäckigkeit. Veronal und Morphium um. sich fortzupflanzen (vom eugenischen Gesichtspunkt aus zählt ja ganz offensichtlich nicht die Vernichtung des Phänotyps. Wenn die Euthanasie sich für diese Verwechslung anbietet. Aber aus der Perspektive der modernen Biopolitik steht die Euthanasie an der Kreuzung zwischen der souveränen Entscheidung über das tötbare Leben und der Übernahme der Sorge um den biopolitischen Volkskörper und markiert den Punkt. eine fundamentale Frage erfaßte. liegt klar auf der Hand. es erforderte einen nicht unerheblichen organisatorischen Aufwand zu einem Zeitpunkt. sondern nur des genetischen Erbgutes). unterzogen die Kranken einer oberflächlichen Untersuchung und entschieden. das der homo sacer verkörpert und auf dem sich die souveräne Macht gründet. es um jeden Preis in die Tat umsetzen? Es bleibt keine andere Erklärung als jene. 3. mit der Hitler die Verwirklichung seines Euthanasie-Programms1 unter nicht sehr günstigen Umständen verfolgte. daß auf diese Weise etwa 60000 Personen vernichtet worden sind. Hier sieht man. daß schon die Gesetze zur *Verhütung erbkranken Nachwuchses« und zum »Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes« genügend Schutz boten. ohne daß ein Mord begangen wird. wird 151 150 . wie Schmitt meint. Die Doktoren Schumann und Baumhardt. wonach es unter dem Deckmantel eines humanitären Problems eigentlich . insofern er über den Ausnahmezustand entscheidet. mit den eugenischen Prinzipien der nationalsozialistischen Biopolitik zu erklären. dann tendiert diese Macht im Zeitalter der Biopolitik dazu. wie der Versuch von Binding. politisch relevant zu sein. geben uns mit ausreichender Genauigkeit Auskunft über die Organisation des Programms von Grafeneck. der über den Wert oder Unwert des Lebens als solches entscheidet. an welchem Punkt das Leben aufhört. der die extreme Metamorphose des tötbaren und nicht opferbaren Lebens betrifft. Man hat versucht. Doch unter einem strikt eugenischen Gesichtspunkt bestand für die Euthanasie gar keine besondere Notwendigkeit: Abgesehen davon.im Horizont der neuen biopolitischen Bestimmung des nationalsozialistischen Staates -um eine Einübung der souveränen Macht in die Entscheidungsgewalt über das nackte Leben ging. Man rechnet. sich vom Ausnahmezustand zu emanzipieren. Wenn es dem Souverän. von selbst die Frage nach dem Unwert des Lebens.

die sich damals wohlverstanden nur auf die liberalen Formen und Prinzipien stützen konnten. . ihre vollendete Form anzunehmen beginnt. die Straflosigkeit zusicherten. in dem es auch angesiedelt ist. weil sich das Problem der Euthanasie von neuem stellen wurde. den er auf 1061 Milliarden Mark schätze. in Deutschland darauf gekommen. 3 1) 1 »Staat und Gesundheit«. Im Original deutsch. an dem die gegenseitige Integration von Medizin und Politik. daß es im Gegenzug zu diesem materiellen Reichtum einen lebendigen Reichtum gebe. h. auch nicht auf seine Bitte hin. wurden die großen Konflikte zwischen Völkern mehr oder minder durch die Notwendigkeit verursacht. daß sich die souveräne Entscheidung über das nackte Leben verschiebt. haben nach dem Urteil erklärt. in der die Politisierung (oder der politische Wert) des biologischen Lebens und damit die Verwandlung des gesamten politischen Horizonts am deutlichsten thematisiert wird. [. erklären.Definitionen. Ihre Voraussicht war unbestritten. auch an folgenden Stellen. . daß das nationalsozialistische Reich den Zeitpunkt markiert. und darum lassen sich gewisse scheinbar verruckte und widersprüchliche Züge des Euthanasie-Programms2 nur im biopolitischen Kontext. . dessen sich der Nazismus als erster radikal biopolitischer Staat nicht nicht annehmen konnte. das Beiträge der maßgebenden deutschen Fachleute (wie Eugen Fischer und Otmar von Verschuer) und der Hauptverantwortlichen der Gesundheitspolitik des Reiches (wie Leonardo Conti und Hans Reiter) versammelt. [. so schreibt Reiter: »In den Jahrhunderten. die Besitztümer des Staates zu sichern wobei das Wort ›Besitztum< nicht nur die Oberfläche des Landes. 1942 beschloß das Institut Allemand in Paris.] Auch Zahn nimmt als Grundlage seiner Spekulation die Summe von 310 Milliarden Mark. die französischen Freunde und Verbündeten über das Wesen und die Verdienste der nationalsozialistischen Politik in Sachen Gesundheit und Eugenik zu informieren. bemerkt aber. »Politik. die als Verantwortliche des Programms in Nürnberg zum Tod verurteilt worden sind. Darum ist das Problem der Euthanasie auch ein spezifisch modernes Problem. eine Publikation zu verbreiten. ein tödliches Gift verabreichen oder auch nur dazu raten«. auf die wir zuruckkommen werden . Erst zu Beginn unseres Jahrhunderts ist man auf der Grundlage von Lehren. welche die Ökonomie beherrschten. Die Ärzte Karl Brand und Viktor Brack. wo der Souverän und der Arzt die Rollen zu tauschen scheinen. I 2 Im Original. da keine gesetzlichen Vorkehrungen getroffen wurden.1 Von den offiziellen und halboffiziellen Publikationen des Regimes ist diese vielleicht diejenige. S. d. mit dem Zweck. Der »Führer«’ repräsentiert das Leben selbst. die dem unseren vorangegangen sind. interessanter ist jedoch die Frage. insofern er über den eigenen biopolitischen Bestand entscheidet.« (Verschuer 1. in eine heikle Rechtssituation geraten (dieser Umstand gab denn auch Anlaß zu Protesten seitens der Juristen und Anwälte).] Helferich hat den nationalen Reichtum in Deutschland auf ungefähr 310 Milliarden Mark geschätzt. Darum ist auch sein Wort -gemäß einer den Nazijuristen teuren Theorie. Nicht nur widerspricht das Euthanasie-Programm dem Passus des Hippokratischen Eides: »Ich werde niemandem. die daran beteiligten Ärzte konnten auch. sie bewegt sich weg von streng politischen Motivationen und Bereichen und begibt sich auf ein ambivalentes Terrain. I. Das bedeutet. . daß sie sich nicht schuldig fühlen. die deutlich vom Liberalismus geprägt sind. warum es damals. die einen der wesentlichen Züge der modernen Biopolitik darstellt. 4. Bisweilen war auch die Furcht. Tatsache ist. in denen keine Rücksicht auf die Individuen genommen wurde. auch den Wert des Menschen in Betracht zu ziehen und zu definieren . die Gestaltung des Lebens der Völker« 4. den Nachbarstaat territorial anwachsen zu sehen.nun selbst zum Ort einer souveränen Entscheidung. Ursache dieser Konflikte. trägt den vielsagenden Titel Etat et santé. Bischöfen an die Öffentlichkeit gebracht wurde. Das Buch.unmittelbar Gesetz. seitens der medizinischen Organisationen keine Proteste gab. als das Programm von den . deutsch. die sozusagen bloß als Mittel zur Erreichung der verfolgten Ziele dienten. . sondern zugleich den materiellen Inhalt meint.

die der nationalsozialistischen Biopolitik als konzeptuelle und strukturelle Referenz dient. so sehr es überraschen mag. 40f. S. d a ß es gerade die genetische Forschung dieser Zeit mit der frisch entdeckten Lokalisierung der Gene in den Chromosomen ist (jene »Gene«. eine nach dieser Definition reine Rasse zu bestimmen (insbesondere bilden weder die Juden noch die Deutschen in diesem eigentlichen Sinn eine Rasse -dessen ist sich Hitler.. »auf den Chromosomen wie Perlen auf der Schnur aufgereiht sind«. sie steht heute noch am Anfang. schreibt Fischer. ebenso bewußt wie dann. 92).] wir Daher rührt die radikale Transformation der Bedeutung und der Aufgaben der Medizin. Verschuer 1. während er Mein Kampf schreibt. daß der Arzt an der rationalisierten menschlichen Ökonomie mitarbeitet und im Standard der Volksgesundheit die Bedingung des ökonomischen Ertrags erblickt [. die sich zunehmend tiefer in die Funktionen und Organe des Staates integriert: »So wie der Ökonom und der Kaufmann für die Ökonomie der materiellen Werte verantwortlich sind. 48) q* . besonders jener der Genetik. S. als er die Endlösung beschließt). in dem die nunmehr Biopolitik gewordene Polizeiwissenschaft ihre Wirkung entfalten soll.* (Ebd. wo sich die 155 . die anderen Gruppen fehlen«. Sowohl Fischer als Verschuer wissen jedoch. Jahrhunderts an liefert das Werk von Francis Galton den theoretischen Rahmen. die man zum Beispiel mit Hilfe einer Farbenskala messen könnte. die Experimente von Thomas H.] Die Rasse ist Vererbung und nichts als Vererbung. S.. S. 86). sie bewegt sich vielmehr in einem Horizont. S. 84) Es erstaunt folglich nicht. und zugleich beunruhigender.Vom Ende des 19. S.und Lebenswissenschaften jener Zeit. . »ist nicht durch die Zusammenstellung dieser oder jener Eigenschaften bestimmt.] Es ist unerläßlich.]. »Die Rasse«.. die er brauchte. Ein Blick auf die Beiträge von Verschuer (der. daß die Forschungen. S. die Beziehung zwischen der nationalso154 zialistischen Ideologie und der Entwicklung der Sozial. . die eine bestimmte Kombination von homozygoten Genen aufweisen. Das Wort »Rassismus« (wenn man Rasse streng biologisch versteht) ist deshalb nicht die korrekteste Charakterisierung für die Biopolitik des Dritten Reiches. [.« (Ebd. die wissenschaftlichen Konzepte. die nun für die Interessen und Kalküle des Reiches erstrangig werden und die Basis für eine neue Politik schaffen. mit Nicolas Delamare. daß im Gegensatz zu einem verbreiteten Vorurteil der Nazismus sich nicht einfach darauf beschränkte.. S. [. die vom 18. verstanden als Wissenschaft der genetischen Vererbung eines Volkes.« (Ebd. [. die. . diese Synthese immer enger zu führen. Es ist wichtig zu sehen. . S. ist enger und komplexer. I 59 -161).. daß es eben diese lebenden Schätze sind. Morgan und John B. auch nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches weiterhin Genetik und Anthropologie an der Universität Münster lehrte) undvon Fischer (Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie in Berlin) zeigt jenseits aller Zweifel.) Die Grundsätze dieser neuen Biopolitik werden von der Eugenik diktiert. So wird der Begriff der Rasse in Übereinstimmung mit den genetischen Theorien der Zeit als »eine Gruppe von menschlichen Wesen. Haldane über die Drosophila sind und allgemeiner jene Arbeiten der angelsächsischen Genetik.Die große Neuerung des Nationalsozialismus besteht nach Reiter darin. daß diese Begriffe nicht wie äußerliche (wenn auch bindende) Kriterien einer politischen Entscheidung gehandhabt werden. auf die sich Fischer wie Verschuer beziehen. Johann Peter Frank und Johann Heinrich Gottlob von Justi macht sie sich die Sorge um die Bevölkerung in all ihren Belangen zum ausdrücklichen Ziel (Foucault 3.. Jahrhundert an der Polizeiwissenschaft zukommt.] die Politik wird imstande sein müssen. die in ebendiesen Jahren zur Aufstellung einer ersten Karte des X-Chromosoms im Menschen und zum ersten sicheren Nachweis von pathologischen Erbveranlagungen führten. Foucault hat die wachsende Bedeutung untersucht. so ist der Arzt für die Ökonomie der menschlichen Werte verantwortlich. . 5 1) schreitet: nähern uns immer mehr einer logischen Synthese der Biologie und der Ökonomie an. die mit der Aufstellung der »Bilanz der lebenden Werte eines Volkes« (ebd. 34) beginnt und zur Pflege des »biologischen Körpers der Nation« (ebd. . Das Neue daran ist indes. so Fischer. . definiert (ebd. zu verwenden und für die eigenen politischen Zwecke zu verformen. daß es praktisch unmöglich ist. . sie sind vielmehr als solche unmittelbar politisch. Die Oszillationen der biologischen Substanz und der materiellen Bilanz eines Staates verlaufen im allgemeinen parallel. erlaubt jedoch bereits. . die gegenseitige Abhängigkeit dieser beiden Kräfte als unabwendbare Tatsache zu erkennen.

»Die nationalsozialistische Revolution«. Sie strebt also danach. »zeigen wir uns aber als Meister dieses Schicksals. welche die Eugenik betreffen. die diese Worte zwischen Politik und Leben herstellen. Wenn der Nazismus uns immer noch als Rätsei erscheint und wenn seine Verwandtschaft mit dem Stalinismus (worauf Hannah Arendt so bestanden hat) noch unerklärt bleibt. wenn man nicht sieht. dazu tendieren. 4. 9). ohne die er unverstanden bleibt. 7) Einzig in dieser Perspektive nimmt die Vernichtung der Juden. Am 14. das Phänomen des Totalitarismus in seiner Gesamtheit im Horizont der Biopolitik zu situieren. das Erbe der Polizeiwissenschaft des I 8. [. I I) Nichts druckt das Paradox der nazistischen Biopolitik und die Notwendigkeit. weil wir es unterlassen haben. Juli 1933. letzterer eine positive (die Pflege und das Wachstum des Lebens der Bürger). »>Der neue Staat kann keine andere Aufgabe kennen als die sinngemäße Erfüllung der zur Forterhaltung des Volkes notwendigen Bedingungen. die für die ganze europäische Zivilisation von vitaler Bedeutung sind. in der sie sich befindet. »appelliert an die Kräfte. dann wird alles Leben heilig und alle Politik Ausnahme: 4. »Erbanlage ist wohl Schicksal«. aber erst ein Staat. S. S. Ein paar Jahre zuvor hat Verschuer eine Broschüre veröffentlich. Die Neuerung der modernen Biopolitik besteht darin.« (Verschuer 1. Das Fundament des Totalitarismus unseres Jahrhunderts Liegt in dieser dynamischen Identität von Leben und Politik. Man kann die nationalsozialistische Biopolitik (und mit ihr einen guten Teil der modernen Politik auch außerhalb des Dritten Reiches) nicht verstehen. indem wir Erbanlage als uns gestellte Aufgabe ansehen. »d. . ihre volle Bedeutung an. identisch zu werden. S. besser aus als diese Verwandlung der natürlichen Vererbung als solcher in Politik.. in der Polizei und Politik. die es nur zu schützen gälte. « (Ebd. wird nun das Subjekt-Objekt der staatlichen Politik (die sich deswegen auch zunehmend als »Polizei« verhält). eugenische und ideologische Motive. der im Innersten auf dem Leben selbst des Volkes gründet.»Sorge um das Leben«. daß die biologische Gegebenheit unmittelbar politisch wird und umgekehrt. das Leben selbst einer unablässigen Mobilisierung zu unterwerfen. ins Absolute steigert. dann deshalb. Das Leben. Die in diesen Vorträgen behandelten Probleme betreffen nicht nur ein einzelnes Volk. . daß eine natürliche Gegebenheit sich unmittelbar als politische Aufgabe darzustellen sucht.2. beruht nicht (wie eine verbreitete. das mit der Erklärung der Menschenrechte zum Fundament der Souveränität geworden ist. Jahrhunderts. In seiner Unterscheidung zwischen »Politik« und »Polizei« weist von Justi ersterer eine rein negative Aufgabe zu (die Bekämpfung der inneren und äußeren Feinde des Staates). welche die Ausschließung der Faktoren biologischer Entartung und den Erhalt der Erbgesundheit des Volkes fördern. wie wenn die Rasse eine einfache natürliche Gegebenheit wäre.< Dieses Wort des Führers bringt zum Ausdruck. wenige Wochen nach Hitlers Aufstieg zur Macht. »Politik«. Wenn Leben und Politik.« (Verschuer 2. daß sie das Schwinden der Unterscheidung zwischen den beiden Gliedern impliziert: Die Polizei wird nun Politik. indem sie mit eigentlich eugenischen Bestrebungen verschmilzt. die Sorge um das Leben und der Kampf gegen den Feind gänzlich ununterscheidbar werden. schreibt Verschuer.3. die wir zu erfüllen haben. konnte die Gestaltung und Pflege des »Volkskörpers« zu seiner vorrangigen Bestimmung erheben. die dem biologischen Erblühen der Nation schaden. die Gesundheit der Gesamtheit der Bevölkerung zu stärken und jene Einflüsse zu vernichten.] Wir wissen heute: Das Leben eines Volkes ist nur garantiert. in der die nationalsozialistische Ideologie vielleicht ihre rigoroseste biopolitische Formulierung findet. die das nationalsozialistische Regime erlassen hat. so fährt Verschuer fort. Daher rührt der scheinbare Widerspruch. warum die ersten Gesetze. Nur in dieser Perspektive begreift man. 5) gemessene Interpretation des Rassismus meint) auf einer rein instrumentellen Beziehung. die ursprünglich voneinander getrennt und durch das Niemandsland des Ausnahmezustands miteinander verbunden waren.] die Gestaltung des Lebens der Völker« (Verschuer 2. gerade diejenigen sind. liest man in der Einleitung zu Etat et sante. sie werfen Fragen auf. aber völlig unan156 . h. wird das »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« 157 Die Verbindung. und die Sorge um das Leben fällt mit dem Kampf gegen den Feind zusammen. [. . S. . wenn rassische Eigenart und Erbgesundheit des Volkskörpers erhalten bleiben. daß alle Politik des nationalsozialistischen Staates dem Leben des Volkes dient.

Auf der Grundlage eines neuen Reichsgesundheitsgesetzes hätten die Familien dieser Personen nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen können und ihnen wäre die Fortpflanzung untersagt gewesen. ihre Unmenschlichkeit zu ermessen. Licht auf den Skandal der Philosophie des 20. Oktober 193 5 folgt das »Gesetz zum Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes«. Subjekt und Eigenschaft) schwinden.] die Gestaltung des Lebens der Völker«). Nur wenn man sie in der Perspektive der modernen Biopolitik betrachtet (was sowohl die Ankläger wie die Apologeten unterlassen haben). und im übrigen wurde festgelegt. S. und doch ist ein volles Verständnis nur möglich. daß seine Nachkommen an schweren körperlichen oder geistigen Erbschäden leiden werden. h. zwischen Leben und seiner wirklichen Situation.* aufgrund deren etwas in einer bestimmten Weise und an einem bestimmten Ort ist. versteht man nicht. wenn man sie auf der bedingungslosen Annahme einer biopolitischen Aufgabe.). 395 f. mit denen das Regime die Juden in Bürger zweiter Klasse verwandelte. Jahrhunderts zu werfen: die Beziehung zwischen Heidegger und dem Nazismus. Wie die Veröffentlichung der Vorlelogie bei Heideggervon Anfang an als Hermeneutik des faktischen Lebens dar. / c) wenn einer der Verlobten. beweist ein von Hitler vorgeschlagenes Projekt der letzten Kriegsjahre. daß eine »Ehe nicht geschlossen werden [darf]. und nur wenn man sie in ihren »humanitären« Zusammenhang stellt. Ich und Welt. 159 . stellt sich die Onto- wesentlichen Erfahrung des faktischen Lebens. Die Gesetze zur Diskriminierung der Juden haben die Aufmerksamkeit der Forscher der Rassenpolitik des Dritten Reiches fast durchgängig monopolisiert. wenn man sie in den allgemeinen Zusammenhang der biopolitischen Gesetzgebung und Praxis des Nationalsozialismus zurückstellt. Was mit ihnen geschehen sollte. Entscheidend ist. ist es möglich. Bis zu welchem Punkt das Nazireich gegenüber sämtlichen Bürgern zu gehen bereit war. sollte Sache weiterer Entscheidungen seitens des Führers sein (vgl. mit der sie erlassen wurden. Empfindung und Bewußtsein. Nach einer nationalen radiologischen Untersuchung sollte der Führer eine Liste aller kranken Personen erhalten. aber I Im Original deutsch. insbesondere derjenigen mit Nieren. Die Zirkelstruktur des Daseins. daß sie für die Nazis unmittelbar politischen Charakter hatten. d. ist bloß eine Formalisierung der den Bereich Eugenik einschränkt. es verfügt. die eine erhebliche Schädigung der Gesundheit des anderen Teiles oder der Nachkommen befürchten läßt. wenn nach den Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist. kann durch chirurgischen Eingriff unfruchtbar gemacht (sterilisiert) werden. Diese lassen sich weder auf die Nürnberger Gesetze noch auf die Deportation in die Konzentrationslager und auch nicht auf die Endlösung beschränken: Diese entscheidenden Ereignisse unseres Jahrhunderts haben ihr Fundament in 158 sungen der frühen zwanziger Jahre nun gezeigt hat. das festlegt: »Wer erbkrank ist.und Herzfunktionsstörungen. Die zentrale Kategorie der Faktizität ist für Heidegger nicht (wie noch für Edmund Husserl) die Zufälligkeit. als sein biopolitisches Programm sein thanatopolitisches Gesicht zeigte. / a) wenn einer der Verlobten an einer mit Ansteckungsgefahr verbundenen Krankheit leidet. dem »Reichsbürgergesetz« und dem »Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre«.« Am 18.’ für das in seinen Seinsweisen sein Sein selbst auf dem Spiel steht.« Die Bedeutung dieser Gesetze und die Geschwindigkeit. die die Ehe für die Volksgemeinschaft unerwünscht erscheinen läßt. zwischen dem Sein und seinen Seinsweisen zu unterscheiden. das die eugenische Gesetzgebung auf die Ehe erweitert. in der Leben und Politik identisch sind (»Politik. . ohne entmündigt zu sein. / d) wenn einer der Verlobten an einer Erbkrankheit im Sinne des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses leidet. an einer geistigen Störung leidet. . / b) wenn einer der Verlobten entmündigt ist oder unter vorläufiger Vormundschaft steht. Denn die große Neuerung des Heideggerschen Denkens (was in Davos den aufmerksameren Beobachtern wie Franz Rosenzweig und Emmanuel Lévinas nicht entging) war seine radikale Verwurzelung im Faktischen. Als solche sind sie nicht zu trennen von den Nürnberger Gesetzen. in der es unmöglich ist.verabschiedet. und in der sämtliche Unterscheidungen der traditionellen Anthropologie (wie die zwischen Geist und Körper. verboten wurde unter anderem die Eheschließung zwischen Juden und vollberechtigten Staatsangehörigen. daß auch Staatsangehörige deutschen Blutes sich der deutschen Ehre als würdig erweisen müssen (womit implizit über jedem die Möglichkeit der Entnationalisierung schwebte). Arendt 3. 2 Im Original deutsch. [. gewinnt diese Beziehung ihre eigentliche Bedeutung. K Genau diese unmittelbare Einheit von Politik und Leben erlaubt es.

In einem Text von 1934 (»Q uelques reflexions sur Ia philosophie de l’Hitléisme«).« (Heidegger 3. was Hingabe war. insbesondere in der Heideggerschen Ontologie hat: »eine Möglichkeit. I 59). die ein aufmerksamer Leser gleichwohl zwischen den Zeilen hätte lesen sollen. der sich gegen den Körper auflehnt. sich selbst zu entkommen. an die er ehedem gebunden ist.auch anderswo und anders sein könnte. . die einem souveränen und freien Ich zur Lösung vorliegen. ist die Basis einer neuen Konzeption des Menschen. das macht seine Fischzüge in diesen trüben Gewässern der ›Werte< und der ›Ganzheiten<. das nichts anderes ist und zu sein hat als seine Seinsweisen selbst. welche die Faktizität daran hinderten. und keine Metapher wurde es schaffen. der uns mit der unerbittlichen Welt der Materie in Beziehung setzt seine Adhärenz zum Ich erfolgt aus ihm selbst. zufällig in einer bestimmten Weise und in einer bestimmten Situation zu sein. nie erlauben. Es ist eine Adhärenz. kommt so in eine Zone der Ununterscheidbarkeit gegenüber allen traditionellen Bestimmungen des Menschen zu liegen und markiert dessen endgültigen Untergang.] An seinen Körper gekettet verweigert sich der Mensch der Macht. daß nämlich der Nazismus als *elementares Übel« seine Bedingung der Möglichkeit in der abendländischen Philosophie selbst. Das Biologische samt allem.sie besteht in einem Drama. welche diesem Gefühl des Körpers. wird der Name Heidegger nicht erwähnt. mit denen kein Umgang mehr gefunden werden kann. [. setzt nach Levinas die Philosophie des Hitlerismus (darin dem Marxismus ähnlich) auf die bedingungs. wie Heidegger in der Vorlesung Einführung in die Metaphysik von 193 5 diese enthüllenden Worte hat schreiben können: »Was heute vollends als Philosophie des Nationalsozialismus herumgeboten wird. verlieren ihre Eigenschaft als Probleme. die Tatsachen enthält. Dieses Gefühl der Identität zwischen dem Ich und dem Körper [. ›dem es in seinem Sein um dieses Sein selbst geht<‘* (Levinas 2. Der Mensch gibt sein Ja und sein Nein unter dem Gewicht seiner ganzen Existenz. der doch in einem Augenblick geschrieben wurde. Zitat im Zitat deutsch. Die Wichtigkeit. anläßlich der Wiederveröffentlichung in den Cahiers de I’Herne. Die Faktizität bedeutet nicht einfach nur. .’ die ein Sein charakterisiert. hinzugefügte Anmerkung keinen Zweifel an der These. Man kann es nicht klarer sagen. die begrifflichen Kategorien erarbeitet zu haben. auf dem Grund dieser Einheit die Dualität eines freien Geistes wiederzufinden. was es an Fatalität mit sich bringt. hat der Nazismus das faktische Leben in einer objektiven RassenI Im Original deutsch. sondern die Verfallenheit. . es wird zu dessen Herz. physischen und materiellen Situation. sondern in einer Art von Gebundenheit. . in die er von Mal zu Mal gerät. 205 -207) Im ganzen Text. 161 160 . Es wird von ihnen konstituiert. . die als unlösbare Einheit von Geist und Körper. die Erfahrung der Faktizität in einen biologischen »Wert « verwandelt zu haben (daher die Verachtung. in der das. in dem der Mensch selbst der Schauspieler ist. I 52) Der Irrtum des Nationalsozialismus. daß man sie mit der Gegenwart eines äußeren Objekts verwechselt.] Das Wesen des Menschen liegt nicht mehr in seiner Freiheit. . bestünde aus der Sicht Heideggers darin. Die Wahrheit ist für ihn nicht mehr die Anschauung eines fremden Schauspiels . die Anrufungen der Vererbung und der VergangenI heit. mit der sich Heidegger mehrmals auf den Biologismus Rosenbergs bezieht). in Aufgabe verwandelt werden muß. sondern die entschiedene Annahme dieser Situation. bedeutet Verrat an der Ursprünglichkeit des Gefühls selbst. der seine ›innere Wahrheit< verraten hat. Für sie besteht im Gegenteil das Wesen des Geistes gerade in dieser Ankettung. an den er gekettet worden wäre. aber mit der inneren Wahrheit und Größe dieser Bewegung (nämlich mit der Begegnung der planetarisch bestimmten Technik und des neuzeitlichen Menschen) nicht das Geringste zu tun hat. Während die eigenste Leistung von Heideggers philosophischem Genius darin bestand. der ihm irreduzibel fremd bleibt.« (Levinas 1. der vielleicht noch heute den wertvollsten Beitrag zum Verständnis des Nationalsozialismus darstellt. Das Dasein. [. das Sein.und vorbehaltlose Annahme der historischen. Während sich das jüdisch-christliche und das liberale Denken durch die asketische Befreiung des Geistes aus den Fängen der sinnlichen und historisch-sozialen Situation auszeichnen.des Seins. denen der Körper als rätselhaftes Vehikel dient. »Der Körper ist nicht bloß ein unglücklicher oder glücklicher Zwischenfall. Natur und Kultur betrachtet wird. als der Beitritt seines Freiburger Lehrers zum Nazismus noch heiß war. das sein Da ist. sich als Faktum auszugeben. Die mysteriösen Stimmen des Blutes. mit dem sich der abendländische Geist nie hat begnügen wollen. die von ihm ausgehen wollen. von dem richtigerweise auszugehen ist. die sich in die Ontologie des ums Sein besorgten Seins einschreibt . zugeschrieben wird. von der aus das Denken Heideggers sich bewegt und das er in seiner »Rektoratsrede* in die Formel gedrängt hat: »Das eigene Dasein wollen oder nicht wollen«.] wird denen. Hingegen läßt eine 1991. der man nicht entkommt. getrenntes Reich der Vernunft unterscheiden. S. nichts vermag dieser Einheit den tragischen Geschmack der Endgültigkeit zu nehmen. wird mehr als ein Obiekt des geistigen Lebens. Nur durch diese ursprüngliche Nähe wird verständlich. daß der Nazismus in derselben Erfahrung der Faktizität wurzelt. Das Ich trägt dazu nur die Unbekannten dieser Probleme selbst bei. hat Levinas als erster den Akzent auf die Analogien zwischen dieser neuen ontologischen Bestimmung des Menschen und einigen Zügen der dem Hitlerismus impliziten Philosophie gesetzt. Ihn von den konkreten Formen zu trennen. und damit im Menschen und in seiner Welt ein vom Körper. S. S.

an Himmler. das mit einem 37jährigen Juden als VP »in gutem Allgemeinzustand« unter einem Druck. mit der Bitte. der seit langem Forschungen über die Rettung in großen Höhen anstellte. *begann VP zu schwitzen und mit dem Kopf zu wackeln. angestellt worden ist: »Bei 4 Minuten*. außerdem Schaum vor dem Mund. I . Am I 5. Bei 5 Minuten traten Krämpfe auf. und wenn die unter Druck sacer. Das Endergebnis des Briefwechsels zwischen Rascher und Himmler (der vollständig erhalten ist) bestand in der Installation einer Druckkammer in Dachau. 2 *Da* und »Da-sein« im Original deutsch. mit nachfolgender Übersetzung. 163 . damit die Experimente an einem Ort fortgesetzt werden konnten. von I I Minuten bis 30 Minuten verlangsamte sich die Atmung bis 3 Atemzüge pro Minute. an dem die VP besonders einfach zu beschaffen waren. um dann ganz aufzuhören. und da die Experimente nicht nutzbringend mit Tieren durchgeführt werden könnten .« Es folgt der Bericht der Sektion zur Feststellung allfälliger organischer Verletzungen. der das Gegenstück des Souveräns war. auf welche die Macht keinerlei Zugriff mehr zu haben scheint. der einer Höhe von 12 ooo Metern entspricht. Ne1 Im Original deutsch.in Anbetracht der Bedeutung. I Im Original deutsch. ob man ihm . Im Nürnberger Prozeß wurden die von den deutschen Ärzten und Forschern in den Konzentrationslagern angestellten Experimente von aller Welt als eines der infamsten Kapitel in der Geschichte des nationalsozialistischen Regimes betrachtet. Wir besitzen ein (mit 94 Fotografien ausgestattetes) Protokoll des Experiments. stehende Kabine in diesen Verhältnissen beschädigt wurde oder der Pilot mit dem Fallschirm abspringen mußte. in eine Existenz. so lesen wir. zwischen 6 und IO Minuten wurde die Atmung schneller. und des tödlichen Risikos. Sigmund Rascher. 3 Im Original deutsch. war das Todesrisiko erhöht.nicht »zwei oder drei Berufsverbrecher« zur Verfügung stellen könne. Der Luftkrieg war mittlerweile in die Phase der Flüge in großer Höhe getreten. VP bewußtlos.bestimmung eingekerkert und somit seine ursprüngliche Inspiration auf- 5. die seinen Experimenten für das Leben der deutschen Piloten zukomme. V P 5. Zwischendurch trat stärkste Cyanose auf. welche die Experimente für die VP (Versuchspersonen)’ mit sich brächten. damit die Experimente fortgesetzt werden könnten. Mai I 94 I schrieb Dr.

welche die Experimente zur Trinkbarmachung von Meerwasser leiteten. daß im Verlauf des Experiments die VP einen solchen Prostrationsgrad erreichten.l einer chemische Substanz. und die dritte Meerwasser mit »Berkazusatz«. Süßwasser aus einem Bodenlappen zu saugen.2. eine sonderbare Aussage. daß in einem Fall die VP zu sexuellem Verkehr fähig war. 5. Für exemplarisch galten in der Fachliteratur über Pellagra die Experimente. während die Forscher sorgfältig die Schwankungen der Körpertemperatur und die Möglichkeiten der Wiederbelebung untersuchten (besonders grotesk nimmt sich darunter die sogenannte Wiederbelebung »durch tierische Wärme« aus. Das ist leider nicht möglich. Sie wurden in drei Gruppen aufgeteilt. Straferlaß versprochen hatte. vor Gericht. was den Erholungsprozeß erleichterte). an. eine Gruppe von Wissenschaftlern bei einem internationalen Kongreß eine Petition einreichte. damit jene nicht verwechselt wurden mit anderen kriminellen Ärzten. die Joseph Goldberger mit zwölf zum Tod verurteilten US-amerikanischen Häftlingen angestellt hat. Entschieden beschämender ist dann der Umstand (das geht unmißverständlich aus der wissenschaftlichen Literatur hervor. der bis vor wenigen Jahren in der Gynäkologie noch in ständigem Gebrauch war. wo die Lebensbedingungen am härtesten waren. Professor für medizinische Chemie an der Universität Frankfurt und der Sympathie mit dem Nazi-Regime unverdächtig. in der Absicht. war unter anderem der Erfinder des nach ihm benannten »Tests« zur Wirkungsweise von Progesteron. der Verantwortliche des Sterilisationsprogramms. die nichts mit wissenschaftlicher Forschung zu tun haben. Impfstoffe gegen diese beiden Krankheiten zu entwickeln. Die Experimente zur »Trinkbarmachung« des Meerwassers wurden dagegen an Häftlingen mit schwarzem Dreieck (das heißt Zigeuner . Im ersten Fall hielt man die VP bis zur Bewußtlosigkeit in Wannen mit kaltem Wasser getaucht. bei der die VP auf eine Liege zwischen zwei nackte Frauen gelegt wurden. daß die Versu- I Im Original deutsch. besonders in den Vereinigten Staaten (in dem Land also. Carl Clauberg zum Beispiel. die der eugenischen Politik des Regimes dienen sollten. insbesondere die Gesundheit der Reichssoldaten bedrohten. aus dem der Großteil der Richter des Nürnberger Prozesses stammte). die an der Front. der Zeugenaussagen der Angeklagten und in einigen Fällen der Protokolle ist eine dermaßen entsetzliche Erfahrung. eine andere trank nur Meerwasser. denen man. in der Absicht. die eine mußte sich einfach des Trinkens enthalten. in der Wissenschaft ziemlich bekannte Forscher: Prof. Massenhaft und für die Patienten äußerst schmerzhaft waren die Versuche zur nichtchirurgischen Sterilisation mittels chemischer Substanzen oder Bestrahlung. wenn man bedenkt. 164 165 . sollten sie überleben.ben denjenigen zur Rettung in großen Höhen wurden in Dachau auch Experimente (auch diese sollten die Rettung von ins Meer gefallenen Matrosen und Piloten ermöglichen) im Hinblick auf die Überlebenschance in eisigem Wasser und die Trinkbarkeit von Meerwasser angestellt. eher gelegentlich stellte man Experimente zur Nierentransplantation. daß sie zweimal versuchten. daß 1948. Die Lektüre der Zeugnisse der überlebenden VP. chung sehr groß ist. die von der Verteidigung beigebracht und von den Sachverständigen des Gerichts beglaubigt worden ist). Ein anderer wichtiger Versuchssektor war die Einimpfung von Fleckfieberbakterien und Viren der Hepatitis endemica. daß in unserem Jahrhundert Experimente mit Häftlingen und zum Tod Verurteilten mehrfach und in großem Maßstab durchgeführt worden sind. es ist belegt. So sind in den zwanziger Jahren 800 Häftlinge in den Gefängnissen der Vereinigten Staaten mit dem Plasmodium der Malaria infiziert worden. daß vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen die Vorbereitung dieser Experimente tadellos gewesen sei. neben dem gelben Stern auch dieses Symbol des Genozids an einem wehrlosen Volk in Erinnerung zu rufen) vorgenommen. nach dem Urteil. Die Professoren Oskar Schröder.es ist richtig. ein Mittel gegen das Sumpffieber zu finden. zu zellularen Entzündungen etc. genossen eine so gute wissenschaftliche Reputation. auch sie jüdische Häftlinge aus den Lagern. diese Experimente einzig als sadistischkriminelle Taten zu betrachten. Und während des Prozesses bezeugte Franz Volhard. die in Nürnberg verurteilt wurden. welche die Experimente angestellt hatten. Hermann Becker-Freyseng und Wilhelm Beiglböck. Zunächst einmal waren einige (gewiß nicht alle) der Ärzte. von der die Forscher eine Minderung der Schäden durch das Meerwasser erwarteten.

S. .Außerhalb der USA hat Richard Pearson Strong Forschungen über die Beri-Beri-Krankheit und über die Pestbakterien mit zum Tod Verurteilten in Manila durchgeführt (die Protokolle der Experimente erwähnen nicht. daß die Experimente der Lager nicht ohne Vorläufer in der medizinisch-wissenschaftlichen Praxis waren. daß man. abhängen konnte. tödliche oder sonstige. es ist hingegen klar. einzugestehen. Es ist ebensowenig möglich. [. . wie schmerzlich es war.] von aller Verantwortung. wendet an diesem Punkt ein: »Wo Strong gegen Elend und Tod von der Art einer Naturkatastrophe zu schützen suchte. . Mitscherlich.und Beri-Beri-Kranken. endlose Diskussionen widmen. I 2) Als historisch-politisches Urteil ist diese Sichtweise richtig. Die einzige ethisch korrekte Position wäre gewesen. Angesichts der Deutlichkeit dieser Dokumente mußten die Richter der Festlegung von Kriterien. Als Zeugnis dafür. d a ß die ethisch-juridische Zulässigkeit der Experimente in keiner Weise von der Nationalität der Personen. .« (Mitscherlich. um deren Behandlung es Strong mit seinen Forschungen zu tun war. die durch diese Experimente verursacht sein mögen. meine persönlichen Vertreter und Bevollmächtigten entbinde ich hiermit die Universität von Chicago [. in der es unter anderem hieß: *Ich übernehme hiermit alle Gefahren dieser Experimente. kann man eine Überlegung von Alexander Mitscherlich zitieren. dem man auch Angesichts der offenkundigen Heuchelei solcher Dokumente kann man nur perplex sein. . . die von der Verteidigung beigebrachten Präzedenzfälle als rechtlich relevant anzuerkennen und dagegenzuhalten. die Experimente deswegen nicht als ethisch annehmbar hätte betrachten müssen.« Zustimmung« für einen in Dachau Internierten. daß der Begriff »freiwillige I Im Original deutsch. Prof. Diese rechtschaffene Emphase des freien Willens weigert sich zu sehen. indem er die analogen Experimente ins Feld führte. und für meine Erben. unter denen sie sich die Krankheit zugezogen hatten. . von freiem Willen und Zustimmung zu sprechen. noch von den Umständen. in dem man allgemein übereinstimmte. der auf das Versprechen der Begnadigung hin mit Lepra infiziert worden ist und in der Folge des Experiments verstorben ist. ob es sich um Freiwillige handelte oder nicht). ist zumindest problematisch. mit den Pest. Das äußerste Kriterium.] den Direktor des staatlichen Zuchthauses [. ferner die Regierung der Vereinigten Staaten Amerikas des Staates Illinois. nur die Verbesserung seiner Lebensbedingungen vorgegaukelt hätte. aufgrund deren wissenschaftliche Experimente mit menschlichen Versuchsobjekten zugelassen werden konnten. der sich auch durch die Nüchternheit seiner Kommentare auszeichnet. wären derartige von Häftlingen unterzeichnete Erklärungen in den Lagern1 gefunden worden. der eine schwere Strafe verbüßt. operierten Forscher wie der Angeklagte Rose im Dickicht der unmenschlichen Methoden einer Diktatur für die Aufrechterhaltung ihrer Sinn1osigkeit. Im weiteren zitierte die Verteidigung den Fall des zum Tod verurteilten Keanu (Hawaii).] und alle Techniker und Assistenten. schlicht eines Sinns entbehrte und daß unter diesem Gesichtspunkt die Unmenschlichkeit der Experimente in beiden Fällen substantiell gleich war. Tatsächlich war es in den USA die allgemeine Praxis (wie aus einem im Staat Illinois verwendeten Formular hervorgeht. und sicher ist. war die Notwendigkeit einer freiwilligen Zustimmung seitens des Subjekts. das dem Experiment unterzogen werden sollte.] und alle Angestellten [. die an Fleckfieber starben. Das hätte jedoch bedeutet. dem Arzt. daß sie die Verantwortlichkeit der Angeklagten um nichts verringerten. die an obengenannten Untersuchungen teilnehmen. und verglich die deutschen Soldaten. die Verschiedenheit der Zwecke in Anschlag zu bringen. die Strong in Manila mit zum Tod Verurteilten angestellt hatte. das den Richtern vorgelegt wurde). Gerhard Rose. der wegen der Experimente zur Fleckfieberimpfung angeklagt war (die zum Tod von 97 von 392 VP geführt hatten) verteidigte sich. einen finsteren Schatten auf die gängigen Praktiken der modernen medizinischen Forschung zu werfen (seitdem sind noch viel aufsehenerregendere Massenexperimente 167 166 . daß der Verurteile eine Erklärung unterzeichnen mußte. um die unterschiedlichen und spezifischen Verantwortlichkeiten in den fraglichen Fällen abzuwägen. Im Fall eines zum Tod Verurteilten oder eines Häftlings. für die der Impfstoff bestimmt war. der zusammen mit Fred Mielke 1948 den ersten Bericht des Nürnberger Ärzteprozesses publiziert und kommentiert hat. Ich verzichte folglich auf alle Ansprüche und Prozesse oder Gewohnheitsrechte [equity] für alle Verletzungen oder Krankheiten. .

wie war es dann möglich. die wir gewöhnlich mit der menschlichen Existenz verbinden. Neben dem klassischen Koma. Reflexe) und durch den Fortbestand des vegetativen Lebens (Atmung. Genau darum. . halten sie sich in einer Grenzzone zwischen Leben und Tod. denjenigen des coma depasse’ [. in dem zur totalen Aufhebung der relafonalen Lebensfunktionen L. Der Zeitraum zwischen dem Todesurteil und der Vollstreckung und das eingezäunte Gebiet des Lagers’ errichten eine extratemporale und extraterritoriale Schwelle. daß derartige Experimente bei den Forschern und Funktionären im Innern eines totalitären Regimes.] eine ebenso totale Aufhebung der vegetativen Lebensfunktionen kommt. als das nunmehr von jeder Nervenzuleitung unabhängige Myocardium noch fähig war. der Arzt und der Wissenschaftler sich in einem Niemandsland bewegen. einem Leben. folgten nun der unverzügliche kardiovaskuläre Kollaps und das Aufhören jeglicher Atembewegung. Hier interessiert uns im speziellen aber. daß das Ultrakoma gänzlich die Frucht (die Autoren nennen es rancon. S. dem er bereits gehört. das sich erklärtermaßen in einem biopolitischen Horizont bewegte. Mithin werden die zum Tod Verurteilten und die Lagerbewohner in gewisser Weise unbewußt den homines sacri angenähert. daß im biopolitischen Horizont. 4) Die gewollt paradoxe Formulierung (ein Stadium des Leben jenseits des Aussetzens aller Lebensfunktionen) gibt zu verstehen. das durch den Verlust der relationalen Lebensfunktionen (Bewußtsein. Pierre Mollaret und Maurice Goulon. in der sie zur bis dahin bekannten Phänomenologie des Kornas eine neue und extreme Figur hinzufügten. Kreislauf. und ein coma carus mit einer schweren Störung der vegetativen Lebensfunktionen. wo sie nichts weiter mehr waren als nacktes Leben. Thermoregulation) charakterisiert wird. keine ethischen Probleme aufwarfen.1. welches das tiefe Koma definierte. Denn das Überleben des Ultrakomatösen hörte mit der Unterbrechung der Reanimationsmaßnahmen automatisch auf: Auf das vollständige Ausbleiben von Reaktionen auf äußere Reize. ohne daß ein Mord begangen wird. das getötet werden kann. das sie als coma dkpassk definierten (was man auch mit Ultrakoma übersetzen könnte). eine kurze Studie veröffentlicht. 6. in das einzutreten den endgültigen Ausschluß aus der politischen Gemeinschaft bedeutete). das Experiment kann ihn wie ein Sühneritual dem Leben zurückerstatten (Begnadigung oder Straferlaß sind. Mobilität.« (Mollaret und Goulon. zum Beispiel zur Erforschung der Wirkungen nuklearer Strahlung). weil sie aller Rechte und aller Erwartungen. Wurde die Reanimationsbehandlung trotzdem fortgesetzt. sich mit einem Rhythmus und einer Energie zusammenzuzie169 . so konnte das Überleben sich so lange hinziehen. theoretisch betrachtet. Kontrolle des Kreislaufs durch ständige intravenöse Perfusion mit Noradrenalin. »Diese drei traditionellen Grade des Kornas«. verständlich ist. »schlagen wir vor. Wenn es denn. Sensibilität. Techniken zur Kontrolle der Körpertemperatur etc.]: Koma. wo der menschliche Körper von seinem normalen politischen Status losgelöst ist und so in einem Ausnahmezustand den extremsten Wechselfällen überlassen wird [e abbandonato]. in das einst nur der Souverän vorstoßen konnte. in dem der Verlust der Relationsfunktionen nicht vollständig ist. . was »Lösegeld« oder den überzogenen Preis für eine Sache bedeutet) der neuen Technologien der Reanimation war (künstliche Beatmung. schreiben Mollaret und Goulon provokativ. der die Moderne kennzeichnet. daß in beiden Fällen die besondere Bedingung der VP entscheidend gewesen ist (zum Tod Verurteilte oder Häftlinge in einem Lager. . um einen vierten zu ergänzen. Manifestationen der souveränen Macht über Leben und Tod) oder endgültig dem Tod übereignen. beraubt und dennoch biologisch noch am Leben sind.). Politisierung des Todes 1 Im Original deutsch. zwischen Innen und Außen auf. unterschied die medizinische Literatur jener Zeit auch ein coma vigile (Wachkoma). daß in einem gewissen Maß ähnliche Experimente in einem demokratischen Land angestellt werden konnten? Die einzige mögliche Antwort ist. daran muß man erinnern.mit ahnungslosen amerikanischen Bürgern nachgewiesen wor- den. Im Jahr 1959 haben zwei französische Neurophysiologen. 6.

Denn auf der einen Seite ersetzt der Hirntod als einziges rigoroses Kriterium den für ungenügend gehaltenen systemischen oder somatischen Tod.« (Ebd.sich die Fortschritte der Reanimationstechniken. auch wenn er dank der Reanimationstechniken weiter atmete. 14) Mollaret und Goulon waren sich sofort bewußt. so beginnt der Harvard Report. Hatten geeignete medizinische tests erst einmal den Tod des gesamten Gehirns (nicht nur des Neocortex. ein vorbehaltloser Fürsprecher des Hirntodes. 6. indem es zwischen dem Koma und dem Tod ein Niemandsland öffnete. ohne daß sich das leiseste Erwachen bemerkbar macht. gleichzeitig mit der Entwicklung und Verfeinerung der Transplantationstechnologien vollzogen.. Aber handelte es sich tatsächlich um ein »überleben«? Was war jene Zone des Lebens. oder ob das letzte Wort den traditionellen Kriterien überlassen werden soll. nachdem er 171 170 . Harvard (Tbc Ad Hoc Committee of the Harvard Medical School) die neuen Kriterien des Todes fest und prägte jenen Begriff des »Hirntodes« (brain death).2. S. und die Versuchung des befreienden Knopfdrucks wird zum stechenden Schmerz.« (Lamb. sondern auch des brain stem) nachgewiesen. der ihn anhand von traditionellen Kriterien feststellte. Die dunkle Zone jenseits des Kornas. mußte der Patient als tot betrachtet werden. der diese Widersprüche dennoch bemerkt hat. daß die Bedeutung des coma dkpasse weit über das technisch-wissenschaftliche Problem der Reanimation hinausgeht: Es stand nicht weniger als die Neudefinition des Todes auf dem Spiel. Die Frage wurde noch dringender und verwickelter durch die Tatsache. in größter Unbestimmtheit von einem Pol zum anderen oszilliert und dabei einen geradezu mustergültigen Teufelskreis beschreibt. daß die Verfechter des Hirntodes gutgläubig schreiben können. Der Zustand der Ultrakomatösen war die ideale Bedingung für die Organentnahme. 1968 legte der Bericht einer Sonderkommission der Universität von 6. der sich von da an in der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft zunehmend durchsetzte (wenn auch nicht ohne lebhafte Polemiken) und Eingang fand in die Gesetzgebung vieler amerikanischer und europäischer Staaten. die Mollaret und Goulon unbestimmt zwischen dem Leben und dem Tod schwanken ließen. weit entfernt davon. ob sie zufällig zustande kommen oder nicht . der die Transplantation vornahm. die das coma depassb zum Vorschein gebracht hatten. dehnt sich das Problem aus »bis zur Diskussion der letzten Grenzen des Lebens und weiter noch bis zur Vorstellung eines Rechts auf Festlegung des Zeitpunktes des legalen Todes« (ebd. S.3.hen. verkörpern. nicht des Mordes angeklagt werden konnte. an denen Hirntod diagnostiziert worden war und die mithin schon tot waren. die jenseits des Kornas lag? Wer oder was war der Ultrakomatöse? »Vor diesen Unglücklichen«. daß der Zeitpunkt des Todes mit Sicherheit festgelegt werden mußte. Man kann sich jedoch des Eindrucks nicht erwehren. daß die ganze Diskussion in unlösbare logische Widersprüche verwickelt ist und daß der Begriff »Tod«. die auch für die Vaskularisation der anderen inneren Organe ausreichten (in der Regel nicht länger als ein paar Tage). die seit Jahrhunderten im wesentlichen die gleichen waren: Aufhören des Herzschlags und Stillstand der Atmung. Wie die beiden Neurophysiologen schreiben. damit der Arzt. S. liefert nun genau das neue Todeskriterium (»Unser erstes Ziel ist es«. Das Ultrakoma verabschiedete gerade diese beiden uralten Kriterien zur Feststellung des Todes und machte. 56) David Lamb. exakter zu werden. von denen man nicht sagen kann. daß der »Hirntod« »unvermeidlich in kurzer Zeit zum Tod führt« (Walton. Bis dahin war die Diagnose des Todes dem Arzt anvertraut. »starben innerhalb eines Tages. die wir unter dem Begriff >coma depass& gefaßt haben. »welche diese Zustände. ob er ein notwendiges und hinreichendes Kriterium für die Todesfeststellung bildet oder nicht. daß-aufgrund einer jener historischen Koinzidenzen. so schreiben die Autoren. die Bestimmung neuer Kriterien und Aufstellung neuer Definitionen notwendig. auf der anderen Seite ist es wiederum dieser letztere. der in mehr oder weniger bewußter Weise aufgerufen ist. 3 37). 4). das entscheidende Kriterium abzugeben. wenn ihr Herz Tag für Tag weiterschlägt. So überrascht es. S. S. bezwingt Hoffnungslosigkeit schließlich das Mitleid. doch das bedeutete. »das irreversible Koma als ein neues Kriterium des Todes zu definieren«. 5 1) oder (wie im Bericht des finnischen Gesundheitsamtes): »Diese Patienten«. schreibt seinerseits. Es ist selbstverständlich nicht unsere Absicht. auf die Streitpunkte der wissenschaftlichen Debatte über den Hirntod einzugehen.

sind bewegliche Grenzen. daß jemand. obwohl sie im Koma blieb. tot ist. von denen Mollaret und Goulon sprechen (Mollaret und Goulon. 189). I 5). deutet darauf hin. sondern die Entfernung des Herzens im Zustand des Hirntodes durch den Chirurgen Norman Shumway. der Ultrakomatöse und der faux vivant zwischen Leben und Tod schwanken. ein paar Merkmale des Lebens bewahren könnten: »Sie wären warme. das ihn hätte ersetzen sollen.der eben noch als gültiges Kriterium zurückgewiesen worden ist -wieder auf. in dem gerade die Redefinition dieser Grenzen auf dem Spiel steht.63) Mit einer augenfälligen logischen Inkonsequenz taucht der Herzstillstand . Lyons. 75) Jeder vernünftigen Logik zufolge müßte das implizieren.4. Auf Antrag der Eltern gewährte am Ende ein Gericht. daß heute (wie das die Bemerkung von Peter B. von einem Hirntod-Verfechter als faux viuant2 definiert worden. Die »beklemmenden. nicht ohne Unbehagen lesen: »Ich sage. die den gesetzlichen Status von Leichen haben. Das bedeutet. aber. wenigstens unter diesem Aspekt. daß die Ausübung der souveränen Macht mehr denn je über diese Grenzen abläuft und erneut die medizinischen und biologischen Wissenschaften durchquert. Der Reanimationsraum. einem amerikanischen Mädchen. da das Mädchen als tot zu betrachten sei. daß »die Diskussionen über die Bedeutung der Wörter >Leben( und ›Tod< in der Biologie ein Indiz für ein Gespräch auf niederem Niveau« ist) Leben und Tod nicht eigentlich wissenschaftliche Konzepte sind. daß. dem Ausnahmezustand. Das ist das einzige Kriterium. daß der Herzstillstand wenige Tage auf die Diagnose des Hirntodes folgt: »In den meisten dieser Studien gab es kleinere Variationen bei den klinischen Tests. in den Eingriffe rückhaltlos erlaubt seien (Dagognet. S. in dem der neomort. Der Verteidiger von Andrew D. das universell anwendbar wäre. Es ist 172 offensichtlich. zwischen medizinischer und legaler Entscheidung wider. An diesem Punkt fing Karen. einen Mann mit einem Pistolenschuf3 getötet zu haben.* (Lamb. Auf diese Weise wird der Tod zu einem Epiphänomen der Transplantationstechnologien. und die Tatsache.. atmende. der 1974 von einem kalifornischen Gericht angeklagt wurde. das in tiefes Koma gefallen war und während Jahren mittels künstlicher Beatmung und Ernährung am Leben gehalten wurde. hypothetisch gesehen auch der Hirntod von dem Tag an kein solches mehr wäre. die künstliche Beatmung abzuschalten. sondern politische. In einem brillanten Artikel hat Willard Gaylin das Gespenst von Körpern . im Hinblick auf mögliche Verpflanzungen. sondern um eine extreme Inkarnation des homo sacer (man hat den Komatösen 1 Neutote.und Transplantationstechnologien kein gültiges Kriterium mehr darstellt. bildet einen Raum der Ausnahme. Dieses Schwanken des Todes in der Dunkelzone jenseits des Kornas spiegelt sich auch in einer analogen Oszillation zwischen Medizin und Recht. Shumway wurde nicht angeklagt. Falsche Lebende. daß Karen Quinlans Körper in Wirklichkeit in eine Zone der Unbestimmtheit getreten war. pulsierende. weil es biopolitische Grenzen sind. 6.« (Ebd. dem Jahr ihres natürlichen »Todes<<. mit der er das Gericht von seiner eigenen Unschuld überzeugte. S. ausscheidende Körper« (S. daß der Grund des Todes nicht das abgefeuerte Projektil seines Klienten gewesen sei. S. wieder natürlich zu atmen an und »überlebte« mit künstlicher Ernährung bis 1985. doch man kann die Erklärung. die als solche nur durch eine Entscheidung eine präzise Bedeutung annehmen. der im Reanimationsraum liegt. um die Richtigkeit des Kriteriums zu beweisen. wandte ein. da der Herztod seit der Entdeckung der Reanimations.eine Reihe von Studien zitiert hat. die zeigen. Dr. In einem Gegenlager ist der Körper.heraufbeschworen. an dem die erste Hirnverpflanzung gelänge. in dem das nackte Leben im Reinzustand erscheint. in der die Wörter »Leben« und »Tod« ihre Bedeutung verloren hatten und die. in dem das nackte Leben wohnt. 173 2 . zum ersten Mal vollständig vom Menschen und seiner Technologie kontrolliert. Medawar impliziert. Ein perfektes Beispiel für dieses Schwanken des Todes ist der Fall von Karen Quinlan. weil das Gehirn das einzige Organ ist. 5. Und weil es sich eben nicht um einen natürlichen Körper handelt. daß heute ein umfassender Prozeß im Gange ist. nicht unähnlich ist. trotzdem bewiesen sie alle die Unvermeidlichkeit des somatischen Todes als Folge des Hirntodes. dessen Hirn tot ist. der eine Transplantation vornahm. aber unentwegt verschobenen Grenzen«. 26). das nicht transplantiert werden kann.er nennt sie neomorts’ .

Entscheidend ist dabei. Das Lager als nomos der Moderne 7. Die Historiker diskutieren darüber. Das Lager ist schlicht der Ort. in dem wir auch heute noch leben.* ein Rechtsinstitut preußischer Herkunft. sondern die »Schutzhaft«. 7. 2 Im Original. an dem sich der höchste Grad der conditio inhumana verwirklicht hat. wie man es früher tat. »Man m u ß deshalb die Definition des Endes nach vorne verschieben und sich nicht mehr. . Eingriffe am faux vivant vorzunehmen. daß die Biopolitik eine neue Schwelle passiert hat) in den modernen Demokratien ist es möglich. daß es sich in beiden Fällen um die Ausweitung eines mit einem Kolonialkrieg verbundenen Ausnahmezustandes auf eine gesamte Zivilbevölkerung handelt. übersteigt den rechtlichen Begriff des Verbrechens dermaßen. die (wenngleich unter Umständen immer noch anzutreffen) der Vergangenheit angehört. um den Aufstand der kolonialen Bevölkerung niederzuschlagen.] Daraus ergibt sich die Möglichkeit.« Denn: »Die Organe gehören der öffentlichen Gewalt (man nationalisiert die Körper) (Les organismes appartiennent a la puissance publique [on nationalise les corps])« (ebd. öffentlich zu sagen. was die nazistischen Biopolitiker nicht zu sagen wagten. aber (ein klares Zeichen.. werden wir uns vielmehr Fragen: Was ist ein Lager? Was ist das für eine juridisch-politische Struktur. Es ist bekannt. Anstatt die Definition des Lagers aus den dort stattgefunden Ereignissen zu deduzieren.): Weder Verschuer noch Reiter sind je so weit gegangen auf dem Weg der Politisierung des nackten Lebens. die spezifische juridisch-politische Struktur zu betrachten. was für die Opfer und für die Nachfahren zählt. aus einer Verwandlung und Entwicklung des Strafvollzugsrechts). Die Lager gehen also nicht aus dem gewöhnlichen Recht hervor (und noch weniger. Wir werden hier entschlossen die umgekehrte Richtung einschlagen. . das die I Im Original deutsch. sondern sich allein an den Hirntod halten. Was in den Lagern geschehen ist. daß die rechtliche Grundlage der Internierung nicht das gemeine Recht ist. die solche Ereignisse möglich macht? Das wird dazu führen. in der diese Ereignisse stattgefunden haben. 189f. ohne daß ein Mord begangen wird (und das wie der homo sacer in dem Sinn »nicht opferbar« ist. 1 deren Ursprung und Rechtssystem gut dokumentiert ist. auch an späteren Stellen. Nur der Staat darf und sollte das tun. deutsch. als nomos des politischen Raumes. 175 . [. Es erstaunt daher nicht. daß sich unter den hitzigsten Partisanen des Hirntodes und der modernen Biopolitik solche finden. S. wie man hätte vermuten können. die nach dem Eingreifen des Staates rufen. die es auf Erden je gegeben hat: Das ist es letztlich. daß es ganz offensichtlich nicht durch Vollstreckung einer Todesstrafe zu Tode gebracht werden könnte). Noch evidenter ist das für die nazistischen Lager. oder in den concentration camps. I. daß der faux vivant im Reanimationsraum schrankenlos den Eingriffen preisgegeben werden kann.auch als »Mittelwesen« zwischen Mensch und Tier bezeichnet). steht einmal mehr die Definition eines Lebens auf dem Spiel. ob die erste Erscheinung der Lager in den campos de concentraciones zu suchen ist. daß man es oft einfach unterlassen hat. passiv auf die Totenstarre und noch weniger auf die Zeichen der Verwesung stützen. sondern aus dem Ausnahmezustand und dem Kriegsrecht. welche die Spanier I 896 in Kuba errichtet haben. in denen die Engländer zu Beginn des Jahrhunderts die Buren zusammengepfercht haben. das getötet werden kann. damit er über den Tod entscheidet und zuläßt. das Lager nicht als eine historische Tatsache und als eine Anomalie anzusehen. sondern in gewisser Weise als verborgene Matrix.

Die nationalsozialistischen Juristen waren sich der Besonderheit einer solchen Situation so bewußt.und Fernsprechgeheimnis betrafen. und sie haben 1923. die den Notstand kennzeichnet. Am Ursprung der Schutzhaft steht indes das preußische Gesetz vom 4. 123. I 17. die freie Meinungsäußerung.] Bartholomäusnacht« genannt werden kann (Drobisch und Wieland.. sondern in Cottbus-Sielow auch ein »Konzentrationslager für Ausländer«’ geschaffen. noch früher. 28) 7. Das rechtliche Fundament der Schutzhaft war die Ausrufung des Belagerungs. Es gab gleichwohl eine wichtige Neuerung. schreibt Werner Spohr. Im Lager erhält der AusnahmezuI Im Original deutsch. Individuen »in Schutz zu nehmen«. wenn im Deutschen Reiche die öffentliche Sicherheit und Ordnung erheblich gestört oder gefährdet wird. beide haben während des Ersten Weltkriegs und in den Unruhen. so lautete der erste Paragraph. das vor allem geflüchtete Ostjuden aufnahm und somit als erstes Lager für die Juden in unserem Jahrhundert betrachtet werden kann (auch wenn es offensichtlich kein Vernichtungslager war). S. mit der Norm selbst verwechselt ZU werden. Dieser konstitutive Nexus zwischen Ausnahmezustand und Konzentrationslager kann für ein richtiges Verständnis der Natur des Lagers gar nicht überschätzt werden. Februar 193 3 die »Verordnung zum Schutz von Volk und I Staat« erließen. 26). welche die persönliche Freiheit. die zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nötigen Maßnahmen treffen. die auf unbestimmte Zeit die Artikel aufhob. eine Gefährdung der Staatssicherheit zu vermeiden. daß die ersten Konzentrationslager nicht das Werk des Naziregimes waren. . daß sie sie mit einem paradoxen Ausdruck als »einen gewollten Ausnahmezustand« definierten. er enthielt jedoch in keinem Punkt den Ausdruck »Ausnahmezustand«. »werden bis auf weiteres außer Kraft gesetzt«). I 24 und I 5 3 festgesetzten Grundrechte ganz oder zum Teil außer Kraft setzen. Der Ausnahmezustand ist damit nicht mehr auf eine äußere und vorläufige Situation faktischer Gefahr bezogen und tendiert dazu. Aus rechtlicher Sicht gründete der Text der Verordnung implizit auf Artikel 48 der noch geltenden Verfassung und kam ohne Zweifel einer Ausrufung des Ausnahmezustandes gleich (»Die Artikel I 14. unabhängig von jedem strafrechtlich relevanten Verhalten und einzig mit dem Zweck. erforderlichenfalls mit Hilfe der bewaffneten Macht einschreiten. wenn der Ausnahmezustand zur Regel zu werden beginnt. So lautete der Artikel 48 der Weimarer Verfassung denn auch: »Der Reichspräsident kann. nicht zu vergessen. insofern es erlaubte. Post-. ist ironischerweise Schutz gegen jene Aufhebung des Gesetzes. Juni I 8 5 I über den Belagerungszustand. I 17.oder des Ausnahmezustandes mit der entsprechenden Aufhebung derjenigen Artikel der deutschen Verfassung. I I 5. welche die persönlichen Freiheiten garantierten. Februar 1850. nach der Ausrufung des Ausnahmezustandes. die Unverletzlichkeit der Wohnung und das Brief-. Man tut gut daran. haben sie eigentlich nur eine bereits von den vorangehenden Regierungen gefestigte Praxis weiterverfolgt. I 24 und I 5 3 der Verfassung des Deutschen Reiches«. I I 5. der sich bis zu fünf Monate hinauszog (zum Beispiel von September 1923 bis Februar 1924). losgelöst wird und in der normalen Situation Geltung erlangt. das Gesetz »zum Schutz der persönlichen Freiheit« vom 12. Zu diesem Zweck darf er vorübergehend die in den Artikeln I 14.2. das Versammlungsrecht. I 23. sondern der sozialdemokratischen Regierungen. S. nicht nur auf der Grundlage der Schutzhaft Tausende militanter Kommunisten interniert.’ De facto ist die Verordnung bis zum Ende des Dritten Reiches in Kraft geblieben. der 1871 auf ganz Deutschland ausgedehnt worden ist (mit Ausnahme von Bayern) und. die in Deutschland dem Abschluß des Friedensvertrags folgten. das in diesem Sinn treffend eine »zwölf Jahre wahrende [. .Nazijuristen bisweilen als präventive Polizeimaßnahme klassifizierten. Die Neuerung besteht darin. Telegraph. Als die Nazis die Macht ergriffen und am 28. I I 8. Der »Schutz« der Freiheit. Das Lager ist der Raum. »schafft durch die Außerkraftsetzung von Grundrechten einen gewollten Ausnahmezustand zugunsten der Durchführung des nationalsozialistischen Staates.« Von 1919 bis I 924 haben die Weimarer Regierungen mehrere Male den Ausnahmezustand ausgerufen. daß nun dieses Institut vom Ausnahmezustand. ‘77 176 . der sich öffnet. breite Anwendung gefunden. der bei der Schutzhaft in Frage steht.« (Ebd. auf dem es gründete. Im Original deutsch. »Die Verordnung«. I I 8.

in dem die beiden Glieder ununterscheidbar geworden sind. konnte der Chef der Gestapo. 30) Dachau und die anderen Lager. ist es sofort der SS anvertraut und mittels der Schutzhaft außerhalb der Regeln des Strafrechts und des Strafvollzugsrechts gesetzt worden. Nur weil die Lager im hier dargelegten Sinn einen Ausnahmeraum bilden.. deswegen jedoch nicht einfach Augenraum ist.3. Wenn man diese besondere juridisch-politische Struktur der Lager nicht versteht. das die totalitäre Herrschaft trägt und das der gesunde Menschenverstand anzuerkennen sich hartnäckig weigert. nämlich das Prinzip. das heißt. in welcher die Be179 178 . in dem die Norm von der Ausnahme ununterscheidbar wird. weil die Lager ihren Ort in einem solchen eigentümlichen Ausnahmeraum hatten. daß in den Lagern das Prinzip. wurde ihre absolute Unabhängigkeit von jeder gerichtlichen Kontrolle und jedem Bezug zur normalen Rechtsordnung ständig bekräftigt. deren Einrichtung unmittelbar folgte (Sachsenhausen. heißt das. I 7. Wer das Lager betrat. was variierte. wie das noch im Sinn der Weimarer Verfassung war: Indem er die innerste Struktur des Banns bloßlegt. Deshalb. ist die Struktur. auch an späteren Stellen. die Anwendung der Schutzhaft in der größtmöglichen Unbestimmtheit zu belassen. S. völlig unbegreifbar. mit denen es weder damals noch in der Folge je etwas zu tun hatte. durch die nach der Verordnung vom 28. Februar sowohl die zentralen Autoritäten des Reiches als auch der einzelnen »Länder«’ darauf hinwirkten. 27). bleibt das Unglaubliche. Zulässigem und Unzulässigem. S. Rudolf Diels. der vom Wesen her eine zeitliche Aufhebung der Rechtsordnung auf der Basis einer faktischen Gefahrensituation war. Das Lager. war der Bestand ihrer Bevölkerung (die sich in gewissen Perioden. in dem nicht nur das Gesetz gänzlich aufgehoben ist. die Ausnahme dauerhaft zu verwirklichen.. sie wurden nicht gegründet. Als Himmler im März 1933. Denn insofern der Ausnahmezustand »gewollt« ist. vor allem zwischen 1935 und 1937. die als solche jedoch ständig außerhalb der normalen Ordnung bleibt. Anweisungen und Telegrammen. das dort geschehen ist. die seine Macht kennzeichnet. behaupten: »Für die Entstehung der Konzentrationslager gibt es keinen Befehl und keine Weisung.« (Ebd. das außerhalb der normalen Rechtsordnung gesetzt wird. Was in ihm ausgeschlossen wird. sondern überdies Recht und Faktum sich restlos vermischen. voll ans Licht kommt.stand. sind virtuell immer in Betrieb geblieben. Im Original. beschloß. Ausnahme und Regel. 2 Im Original deutsch. schlicht sinnlos. sie waren eines Tages da. und demnach ist jede Frage nach der Legalität oder Illegalität dessen. bis auf 7500 Personen verringerte): Doch das Lager als solches war in Deutschland eine dauerhafte Realität geworden. sondern war eine »unmittelbare Auswirkung der nationalsozialistischen Revolution« (ebd. stellt er nunmehr die faktische Situation als Folge der Entscheidung über die Ausnahme erst her. Gemäß den neuen Auffassungen der nationalsozialistischen Juristen (darunter an Vorderster Front Carl Schmitt). Man muß den paradoxen Status des Lagers von seiner Eigenschaft als Ausnahmeraum her denken: Es ist ein Stück Land. eine dauerhafte räumliche Einrichtung. ist in ihnen wirklich alles möglich. über die Ausnahme aufgrund der Erkennung einer faktischen Situation (der Gefahr der öffentlichen Sicherheit) zu entscheiden. bedurfte die Schutzhaft im übrigen gar keines rechtlichen Fundaments in den vorhandenen Institutionen und geltenden Gesetzen. daß »alles möglich ist«.die Möglichkeit der Entscheidung. Lichtenberg). Buchenwald. ist der Ausnahmezustand selbst. begründet er ein neues juridisch-politisches Paradigma. was dort geschieht. bewegte sich in einer Zone der Ununterscheidbarkeit zwischen Außen und Innen. Hannah Arendt hat einmal bemerkt. Was aber auf diese Weise vor allem in die Ordnung hineingenommen wird. bevor die Deportation der Juden einsetzte. auf die sich die souveräne Macht gründet . welche die primäre und unmittelbare Quelle des Rechts im Befehl des Führers2 erkannten. deutsch. deren Bestimmung es ist.normal realisiert wird. Deshalb ist im Lager genaugenommen die quaestio iuris überhaupt nicht mehr zu unterscheiden von der quaestio facti. Das Lager ist ein Hybrid von Recht und Faktum. gleichzeitig mit den Feierlichkeiten zu Hitler-s Wahl zum Kanzler. eingeschlossen mittels seiner eigenen Ausschließung. ist nach der etymologischen Bedeutung von exceptio herausgenommen (ex-capere). in Dachau ein »Konzentrationslager für politische Gefangene« zu errichten. in welcher der Ausnahmezustand . Trotz der Verbreitung von oft widersprüchlichen Rundschreiben. Der Souverän beschränkt sich nicht mehr darauf.

»wichtiger Grund«. Nur in dieser Perspektive zeigt die nationalsozialistische Theorie. wie es möglich gewesen ist. . in dem die Macht nur das reine Leben ohne jegliche Vermittlung vor sich hat. zu entfernen. ohne den »der nationalsozialistische Staat nicht bestehen« könnte »und sein Rechtsleben nicht denkbar« wäre. Niemand hat diese besondere Natur der neuen fundamentalen Kategorien der Biopolitik mit größerer Klarheit ausgedruckt als Schmitt. S. Begriffe wie »Gute Sitten«.5. welche die deutsche und europäische Gesetzgebung des 20. ehrlicher und vor allem nützlicher wäre es. »So betrachtet«.« (Schmitt 7. ist indes kein natürliches extrapolitisches Faktum. welche die Sicherheit und Berechenbarkeit aus der Norm hinaustreiben. Unter der Wirkung dieser Klauseln. die in der absoluten Ununterschiedenheit wirkt. geschichtlich längst überwundenen. gewissenhaft zu untersuchen. es ist vielmehr im dargelegten Sinn eine Schwelle. und zwar genau in dem Punkt. »Gefährdung« »Notlage«. zum Zeitpunkt der »Endlösung«. Man kann das Spezifische des nationalsozialistischen Rassenbegriffs . werden alle rechtlichen Begriffe unbestimmt. die ihn zugleich kennzeichnen -nicht verstehen. der »Artgleichheit«) funktioniert wie eine Generalklausel (analog zu »Gefährdung« oder »Gute Sitten«). die nicht an eine Norm. ununterscheidbar zu werden. in das sie verwandelt worden sind. ist das Lager auch der absoluteste biopolitische Raum. der je in die Realität umgesetzt worden ist. sondern einen unvermittelten Zusammenfall von Faktum und Recht herbeifuhrt. mit den »Generalklauseln und unbestimmten Begriffen« vergleicht. Vor den in den Lagern begangenen Greueltaten ist die Frage.samt der eigentümlichen Vagheit und Inkonsistenz. 180 Volk den Begriff der R asse. der jedoch nicht auf eine äußere faktische Situation verweist. »öffentliche Sicherheit und Ordnung«. die Illusion eines Gesetzes. wer zudem Jude war. auf der das Recht jedesmal ins Faktische und das Faktum ins Rechtliche übergeht und wo die Ebenen dazu tendieren.griffe selbst von subjektivem Recht und rechtlichem Schutz keinen Sinn mehr hatten. »gibt es heute überhaupt nur noch unbestimmte< Rechtsbegriffe. 7. wo die Politik zur Biopolitik wird und der homo sacer sich virtuell mit dem Bürger vermischt. der doch gleichzeitig auch der Boden der richterlichen Unabhängigkeit ist. hatte bereits seit den Nürnberger Gesetzen sein Bürgerrecht verloren und sah sich später.4. bis es keine Handlung mehr gab. hätten. Darum ist das Lager das Paradigma des politischen Raumes. der das neue fundamentale politische Subjekt konstituiert. gänzlich entnationalisiert. Das nackte Leben. solch entsetzliche Verbrechen an menschlichen Wesen zu begehen. der Funktionär oder wer immer mit diesem Begriff zu tun hat. weder eine quaestio facti (zum Beispiel die Identifizierung eines bestimmten biologischen Körpers) noch eine quaestio iuris ist (die Identifizierung einer bestimmten Anwendungsnorm). durch welche juridische Prozeduren und welche politischen Dispositive menschliche Wesen so vollständig ihrer Rechte und Eigenschaften haben beraubt werden können. Insofern seine Bewohner jedes politischen Status entkleidet und vollständig auf das nackte Leben reduziert worden sind. [. sondern die Setzung einer souveränen politischen Entscheidung. mit der Schmittschen Wendung. formalistischen Gesetzesaberglauben kommt ebensowenig in Betracht. Bewegung. sondern an eine Situation gebunden sind und invasionsartig in die Norm eindringen. wenn man vergißt. 42 -44) Ein Begriff wie jener der nationalsozialistischen Rasse (oder.] So steht die gesamte Gesetzesanwendung zwischen Scylla und Charybdis. daß der biopolitische Körper. . so Schmitt. 7. heuchlerisch. Der Richter. zwischen Tatsächlichem und Rechtlichem buchstäblich keinen Sinn mehr ergibt. die das Wort des Führers als unmittelbare und in sich 181 . orientiert sich nicht mehr an einer Norm oder einer faktischen Situation. durch seine ausschließliche Bindung an die Rassengemeinschaft mit dem deutschen Volk und dem Führer bewegt er sich in einer Zone. überflüssig gemacht. schreibt Schmitt. »unbillige Härte«. der Weg zurück in einen als sinnlos erkannten. wenn er 1933 in seinem Essay Staat. in der die Unterscheidung zwischen Leben und Politik. Jahrhunderts immer tiefer durchdrungen hätten. das a priori alle Fälle und Situationen regle und vom Richter nur noch angewandt zu werden brauche. welches das Recht nur feststellen oder anerkennen muß. die an ihnen zu vollziehen noch als Verbrechen erschienen wäre (an diesem Punkt war in der Tat alles möglich). Der Weg vorwärts scheint ins Uferlose zu führen und sich immer weiter vom festen Boden der Rechtssicherheit und der Gesetzesgebundenheit.

jeder Vorfall im Lager. sowohl das »Konzentrationslager für Ausländer«r in Cottbus-Sielow. bevor sie sie zurückgeschafft hat. obwohl sie formal in Kraft bleibt.. so wie die Anwendung der Norm seine Produktion ist. die sich daraufhin in eine Norm verwandelt. Ein Lager ist dann sowohl das Stadion von Bari. als auch die zones d’attentez in den internationalen Flughäfen Frankreichs. Herstellung des Rechts und seine Anwendung in keiner Weise mehr unterscheidbar. die wie Adolf Eichmann nichts anderes getan haben. S. wo dennoch unablässig darüber entschieden wird. zwi182 schen Faktum und Recht. deswegen kann er ohne Widerspruch behaupten: »Es ist eine grundlegende Erkenntnis der politisch gegenwärtigen deutschen Generation. in spezischer Weise eine politische Entscheidung darstellt.vollkommene Quelle des Gesetzes nimmt. 7. S. nach der pythagoreischen Definition des Souveräns. Die radikale Neuheit. wenn eine solche Struktur geschaffen wird. Die Absonderung des jüdischen Körpers ist unmittelbar Produktion des eigentlichen deutschen Körpers. Das Lager ist der Ort dieser absoluten Unmöglichkeit. die diese Konzeption impliziert.6. im Gegenteil. ein lebendes Gesetz (Svenbro. auf welche die Norm verweist. zwischen Ausnahme und Regel zu entscheiden. das über ihre Anwendung entscheidet. wonach das Prinzip der »Führung« »ein Begriff unmittelbarer Gegenwart und realer Präsenz« ist (Schmitt 7. zurückgehalten werden. zwischen Norm und Anwendung. Benjamin 4. in das die Weimarer Regierung die ostjüdischen Flüchtlinge gesteckt hat. mehr noch: in ihm (wie das Benjamin begriffen hat. das biologisch der jüdischen Rasse zugehört). 249) sind Normgebung und Vollstreckung. Was der Aufseher oder der Funktionär vor sich hat. daß gerade die Entscheidung darüber ob eine Angelegenheit oder ein Sachgebiet unpolitisch ist. In all diesen Fällen grenzt ein scheinbar harmloser Ort (zum Beispiel das Hotel Arcades in Roissy) in Wirklichkeit einen Raum ab. in dem die normale Ordnung de facto aufgehoben ist. Nicht nur ist das dem Führer entströmende Gesetz weder als Regel noch als Ausnahme. und daher rührt auch die Schwierigkeit. die über das Faktum entscheidet. eine Entscheidung treffen muß. wenn er die Schmittsche Theorie der Souveränität auf den barocken Monarchen projiziert. 17) Die Politik ist nun buchstäblich die Entscheidung über das Unpolitische (das heißt das nackte Leben). eine Entscheidung zu treffen. auf die es das discrimen der nationalsozialistischen Norm anzuwenden gilt. in dem 1991 die italienische Polizei vorübergehend die illegalen Einwanderer aus Albanien zusammentrieb. weder als Recht noch als Faktum definierbar. nach normalen rechtlichen Kriterien abzuurteilen. tatsächlich ein nhzos hnpsychon. und wie immer es auch genannt und topographisch gestaltet sei. ihren Sinn. als das Wort des Führers wie ein Gesetz auszuführen. 183 . und es ist der Ort. des lebensunwerten und des vollwertigen Lebens) keine neutrale biologische Voraussetzung. in dem das nackte Leben und die Norm in einen Schwellenraum der Ununterschiedenheit treten. welche die Anerkennung des Flüchtlingsstatus verlangen. unabhängig von der Art der Verbrechen. in dem die Vichy-Behörden die Juden vor der Übergabe an die Deutschen gesammelt haben. (Aus diesem Grund verliert hier die Gewaltentrennung. ist kein außerrechtliches Faktum (ein Individuum. die den deutschen biopolitischen Körper verwirklicht. ist von den Rechthistorikern nicht genügend beachtet worden. als auch das Velodrome d’Hiver. 149). so ist der Körper (in der zweifachen Ausführung des jüdischen Körpers und des deutschen Körpers. Wartezonen. S. setzt die Entscheidung über das nackte Leben ins Werk. wir uns virtuell in der Gegenwart eines Lagers befinden. die da verübt werden. in dem es nicht vom Recht abhängt. 42). wo die Ausländer.« (Ebd. ob mehr oder weniger Grausamkeiten begangen I 2 Im Original deutsch. sondern gleichzeitig Norm und Kriterium ihrer Anwendung: Norm. Genauso wie das Wort des Führers keine faktische Situation ist. bei dem die »Geste der Vollstreckung« konstitutiv wird und der in der Unmöglichkeit. dann müssen wir annehmen. S. Der Führer ist. die den demokratischen und liberalen Staat kennzeichnet. vom gewöhnlichsten bis zum außerordentlichsten.) Dies ist die letzte Bedeutung der Schmittschen These. seine volle Bedeutung. wenn das Wesen des Lagers in der Materialisierung des Ausnahmezustandes besteht und in der daraus erfolgenden Schaffung eines Raumes. jede Geste. Wenn dies stimmt. daß jedesmal. jene Funktionäre.

daß das System funktioniert. Das politische System ordnet nicht mehr Lebensformen und Rechtsnormen in einem bestimmten Raum. von der jede Lebensform und jede Rechtsnorm virtuell erfaßt werden kann. die diese Einschreibung regelten. in dem das Gesetz aufgehoben ist) entspricht nun eine Ortung ohne Ordnung (das Lager als dauerhafter Ausnahmeraum). Nun tritt dieses Prinzip in einen Prozeß der Verschiebung und der Abdrift. Es ist das vierte unablösbare Element. ist dieser Abstand.7. das in Wachsendern Maß I 2 Im Original deutsch hinter »localizzazione« beigefügt. sondern birgt in seinem Innern eine das System überschreitende entartende Verortung [localizzazione dislocante]. dann vollzieht sich der Bruch des alten nomos nicht in den beiden Achsen. Einer Ordnung ohne Ortung (der Ausnahmezustand. das auf dem funktionalen Nexus zwischen einer bestimmten Lokalisierung (dem Territorium) und einer bestimmten Rechtsordnung (dem Staat) gründete und von automatischen Regeln der Einschreibung des Lebens (der Nativität oder Nationalität) gesteuert wurde.oder vielmehr das Zeichen der Unmöglichkeit. das den politischen Raum der Moderne als solchen in entscheidender Weise prägt. das zur alten Trinität von Staat. sondern von der Zivilität und dem ethischen Sinn der Polizei. Der Ausnahmezustand.werden. was wir Lager nennen. nicht mehr in die Ordnung eingeschrieben werden kann. in der jenes nackte Leben wohnt. das heißt eine einfache Wiederholung der Prozesse. weil das Prinzip der Geburt. Es taucht zu einem Zeitpunkt auf. Daher die entscheidende Bedeutung der Lager der ethnischen Vergewaltigung. In dieser Perspektive müssen wir das Wiederauftauchen der Lager in einer in gewissem Sinn noch extremeren Form in den Territorien von Ex-Jugoslawien sehen. sondern an der Stelle. die da vorübergehend als Souverän agiert (beispielsweise in den vier Tagen. die zwischen 1915 und 1933 von fast allen europäischen Staaten erlassen wurden). welche die Einschreibung des nackten Lebens in deren Inneres bezeichnet (dem Nativen. eine Redefinition des alten politischen Systems nach neuen ethnischen und territorialen Arrangements. die zur Bildung der europäischen Nationalstaaten geführt haben. das dadurch zum Nationalen wird). sondern auch die Gesetze zur Entnationalisierung der Bürger. Etwas funktioniert nicht mehr an den traditionellen Mechanismen. wie interessierte Beobachter zu erklären sich beeilt haben. Die zunehmende Entkoppelung von Geburt (nacktem Leben) und Nationalstaat ist das neue Faktum der Politik unserer Zeit. Wenn die Nazis nie daran gedacht haben. sondern auch mit immer neuen und zunehmend deliranteren normativen Definitionen der Einschreibung des Lebens in 185 184 . ohne sich in eine tödliche Maschine zu verwandeln. das die Einschreibung des Lebens in die nationalstaatliche Ordnung sicherte. in den zones d’attente unserer Flughäfen wie in manchen Peripherien unserer Städte. und das. Wenn der Nationalstaat mithin durch die drei Elemente Land. dann deshalb. die ihn Schmitt zufolge konstituieren (die »Ortung~1 und die »Ordnung«2). in dem der Mechanismus in aller Deutlichkeit scheitert und in dessen Fortgang wir nicht nur mit neuen Lagern rechnen müssen. Geburt definiert wird. Im Original deutsch hinter »ordinamento« beigefügt. in der wir auch heute noch leben und die wir durch alle Metamorphosen hindurch zu erkennen lernen müssen. 7. ist mitnichten. und das Lager ist der neue verborgene Regulator der Einschreibung des Lebens in die Ordnung . die Sorge um das biologische Leben zu einer seiner direkten Aufgaben zu machen. Ordnung. während deren die Ausländer bis zur gerichtlichen Einschaltung in der zone d’attente aufgehalten werden können). Nation (Geburt) und Territorium hinzugekommen ist und sie aufgesprengt hat. Was dort geschieht. daß die Lager zusammen mit den neuen Gesetzen über die Bürgerschaft und die Entnationalisierung auftreten (nicht nur die Nürnberger Gesetze über die Reichsbürgerschaft. Das Lager als entortende Verortung ist die verborgene Matrix der Politik. Vielmehr handelt es sich um einen unheilbaren Bruch mit dem alten nomos und . der im wesentlichen eine zeitliche Aufhebung der Rechtsordnung war. Die Geburt des Lagers in unserer Zeit erscheint aus dieser Sicht wie ein Ereignis. in eine fortdauernde Krise gerät und der Staat beschließt. eine Verschiebung [dislocazione] der Bevölkerungen und der menschlichen Leben entlang völlig neuer Fluchtlinien. die »Endlösung« durch Schwängerung der jüdischen Frauen in die Tat umzusetzen. wird nun eine stabile räumliche Einrichtung. da das politische System des modernen Nationalstaates. noch irgendwie funktionierte. Es ist bezeichnend.

die keinen Rest duldet. auf der anderen Seite die Untermenge »volk« l als fragmentarische Vielfältigkeit von bedürftigen und ausgeschlossenen Körpern. sondern eine dialektische Oszillation zwischen zwei entgegengesetzten Polen: auf der einen Seite die Menge »Volk« als integraler politischer Körper. der Sprache. Das Lager. les malheureux m’applaudissent. bezeugt die entscheidende Rolle. die das Mitleid für das als ausgeschlossene Klasse verstandene Volk dabei spielte. Ausschließung und Einschließung. inhärente Amphibolie widerspiegeln. ist der neue biopolitische nomos des Planeten. I Schöffe. dort eine Ausschließung. es ausdrückte« (Arendt 1. am Gegenpol. es ist das. einer der weniger sentimentalen und nüchternsten Figuren der Revolution. Auch das englischepeople. 4 Volk als Ganzes. am anderen Ende die Bannmeile . doch wenn Abraham Lincoln in seiner Gettisburgh-Rede ein »Government of the people by the people for the peopleu anruft. Wie wenn das. wörtlich »Volksrichter«. Geschworener. Eine dermaßen verbreitete und beständige semantische Ambiguität kann nicht zufällig sein: Sie muß eine der Natur und der Funktion des Begriffs *Volk«. 3 Volksfront. so setzt die Wiederholung implizit ein Volk vom anderen Volk ab. die sich dem Volk zuwendet und zugleich seine Abschaffung anstrebt). I 186 187 . der auf eine doppelte Bewegung und eine komplexe Beziehung zwischen den beiden Extremen hindeutet. sich mit seinem Gegenstück negieren muß (daher auch die spezifischen Aporien der Arbeiterbewegung.u. 2 Bandita. 5 Die kleinen Leute. S. hier eine Einschließung. »popular« und die spätlateinischen populus und popularis. 2 Stadtviertel des niederen Volkes. . in die sie immer schon eingeschlossen ist. Wie wesentlich diese Doppeldeutigkeit auch während der Französischen Revolution war (das heißt genau in dem Moment. daß die Konstituierung der menschlichen Gattung in einem politischen Körper sich mittels einer fundamentalen Spaltung vollzieht und daß wir im Begriff »Volk« ohne Schwierigkeiten die kategorialen Paare ausmachen können. die keine Hoffnung kennt. Dasselbe Wort benennt mithin sowohl das konstitutive politische Subjekt als auch die Klasse. dann mit Minuskel (*popolo«). zöe’ und bios. »rione popolarea. Es ist das. da das Prinzip der Volkssouveränität eingefordert wird). wie Robespierre zu sagen pflegte. Enterbten und Ausgeschlossenen bezeichnet. Oder dann. das französische peuple. ist das Volk das. wie selbst Sieyes. im Kapitel über die als Demokratie oder Etatpopulaive definierten République. Das *Volk« trägt also den fundamentalen biopolitischen Bruch immer schon in sich. die sich jedoch fortlaufend mittels der Ausschließung. So heißt es in der amerikanischen Verfassung ohne weitere Unterscheidung: »We people of the United States . eingeschlossen werden kann und nicht zur Menge gehören kann. Von Mal zu Mal blutiges Banner der Reaktion oder unsichere Insignie der Revolutionen Zuvor mit Majuskel (*Popolo*). so doch faktisch. Das heißt aber auch. das die Weisheit von der politischen Macht auszuschließen empfiehlt. die. was wir Volk nennen. »populaire«. von der Politik ausgeschlossen ist.den Staat [Citta]. wenn nicht rechtlich. wenn es auf der politischen Bühne heraufbeschworen wird. frz. EC Jede Interpretation der politischen Bedeutung des Wortes »Volk« muß von der bemerkenswerten Tatsache ausgehen. die für uns die originäre politische Struktur definiert haben: nacktes Leben (volk) und politische Existenz (Volk). der Begriff ein doppelter: Dem peuple en covps4 als Träger der Souveränität steht das menu peuple5 gegenüber.Cour des Miracles’ oder Lager der Miserablen. dasselbe gilt im folgenden für die Unterscheidung von *Volk« und *volk«. das sich mittlerweile fest in seinem Inneren eingelassen hat. Ein einziger und kompakter Referent des Wortes »Volk« existiert in diesem Sinn nirgendwo: Wie viele fundamentale politische Begriffe (darin sind sie den »Urworten«4 von Abel und Freud oder den hierarchischen Beziehungen von Louis Dumont ähnlich) ist »Volk« ein polarer Begriff. 4 Im Original deutsch beigefügt. bewahrt noch die Bedeutung von ordinary people im Gegensatz zu den Reichen und Vornehmen. dessen Teil es ist. in Wirklichkeit kein einheitliches Subjekt wäre.le peuple. »daß die Definition des Wortes selbst aus dem Mitleiden geboren war und zum Äquivalent für Mißgeschick und Unglück wurde . wie er in der abendländischen Politik vorkommt. 70). was nicht ins Ganze. des Blutes. vor allem in Paris. . oder: le peuple toujours malheureux. Daher rühren die Widerspruche und Aporien.2 front populaire3). banlieu. In einem entgegengesetzten Sinn ist schon bei Bodin. am einen Ende der Gesamtstaat [stato totale] der souveränen und integrierten Bür2 ger. 3 Stadtviertel der Bettler und Diebe. um zu sein. des Bodens redefinieren und reinigen muß. was wesentlich an sich selbst mangelt und dessen Verwirklichung deshalb mit der eigenen Abschaffung zusammenfällt. was. es ist die reine Quelle jeder Identität. Hannah Arendt erinnert daran. Das italienische popolo. was immer schon ist und sich dennoch verwirklichen muß. von denen alle abstammen) bezeichnen in der Gemeinsprache wie im politischen Wortschatz zugleich die Gesamtheit der Bürger als politischer Einheitskörper (wie bei »popolo italiano« und »giudice popolare«1) und die Angehörigen der unteren Klassen (wie bei homme dupeuple. Es ist das. der Unterdruckten und Besiegten. das spanische pueblo (sowie die entsprechenden Adjektive »popolare«. wörtlich »inkorporiertes Volk«. dessen Sinn weniger differenziert ist. zu denen es jedesmal Anlaß gibt. daß es in den modernen europäischen Sprachen immer auch die Armen.

mit der das deutsche Volk’ als Repräsentant schlechthin des integralen politischen Körpers die Juden für immer zu vernichten versuchte. der »Volk« und »volk« teilt. Und in der blanken Raserei. das den ursprünglichen biopolitischen Bruch ausgefüllt hat (deswegen wiederholen die Nazioberen so hartnäckig.3 könnte man sagen. 2 . verwandelt sich das »volk« in eine beschämende und elende Präsenz. Aber als von der Französischen Revolution an das »Volk« zum alleinigen Bewahrer der Souveränität wird. rechtlich sanktioniert. der endlos gereinigt werden muß (durch die Vernichtung der Geisteskranken und der Träger von Erbkrankheiten). Der Bruch. haben in Wirklichkeit eine politische. Im Original deutsch. nach verschiedenen Modalitäten und Horizonten. In einer davon verschiedenen. 188 Repräsentanten schlechthin und beinah das lebendige Symbol des »volkes«. einen unaufhörlichen Bürgerkrieg. sind die Juden die 1 »Minuto« bedeutet »klein«. einem Paroxysmus gleichende Beschleunigung erfahren.T oder Volksfronten. Die Vernichtung der Juden in Nazi-Deutschland nimmt in diesem Licht eine radikal neue Bedeutung an: Als Volk. die politische Bühne des Abendlandes von diesem unerträglichen Schatten zu befreien. In der Moderne sind Elend und Ausschließung nicht nur ökonomische und soziale Begriffe. Wenn es richtig ist. hier »mager« im Gegensatz zu »grasso«: » f ett«.Projekt. der die Völker und die Staaten teilt. 1 Im Original deutsch. daß die moderne Biopolitik vom Prinzip ge4 leitet wird: »Wo nacktes Leben ist. zugleich aber zusammenhält und fester begründet als jede Identität. Wenn man genau hinsieht. daß sie mit der Ausrottung der Juden und der Zigeuner in Wahrheit auch für die anderen europäischen Völker arbeiten).letzten Endes vergeblichen. die Rechte und die Linke. sie finden sich vereint im . dem Tod geweihtes Leben und in einen biologischen Körper. wird nacktes Leben sein«. 3 Im Original deutsch. soll ein Volk werden«. Denn auch wenn der Kampf zwischen zwei »Völkern« gewiß schon immer im Gange war. wenn in der klassenlosen Gesellschaft oder im messianischen Königreich »Volk« und »volk« zusammenfallen und es im eigentlichen Sinn kein Volk mehr gibt. das die Moderne zwangsläufig in einem Innern erzeugt. Die Obsession der Entwicklung ist in unserem Zeitalter deshalb so wirksam. die Spaltung. obwohl es substantiell unbestimmt bleibt. sondern eminent politische Kategorien (der ganze Ökonomismus und der »Sozialismus«. daß das Volk in seinem Innern notwendig den fundamentalen biopolitischen Bruch birgt. vorausgesetzt man fügt sogleich hinzu. birgt das Volk auf jeden Fall eine ursprünglichere Spaltung als jene zwischen Freund und Feind. die das Volk teilt. müssen wir die extremste Phase jenes inneren Kampfes sehen. so wie im Mittelalter die Unterscheidung zwischen popolo minuto und popolo grasso’ einer genauen Gliederung verschiedener Handwerke und Berufe entsprach. kapitalistische und sozialistische Länder. jenes nackten Lebens. so hat er in unserer Zeit doch eine letzte. Mit der Endlösung (die nicht zufällig auch die Zigeuner und andere Nichtintegrierbare mit einbezieht) versucht der Nazismus auf finstere und nutzlose Weise. dann ist sogar das. Mit einer Paraphrase von Freuds Postulat zur Beziehung zwischen Es und Ich. 5 Mit Majuskel. Nur eine Politik. aber analogen Weise reproduziert das demokratisch-kapitalistische Projekt. wird diese Oszillation anhalten können und dem Bürgerkrieg. nichts anderes als dieser Krieg im Innern des Körpers. sondern verwandelt alle Bevölkerungen der Dritten Welt in nacktes Leben. In Rom war die innere Spaltung des Volkes durch die klare Trennung in populus Undplebs. aber in allen industrialisierten Ländern teilweise realisierten . durch die radikale Eliminierung des »voIks« der Ausgeschlossenen zu schließen. aber dessen Präsenz sie auf keine Weise mehr ertragen kann. ein Ende setzen. der jedes Volk teilt und erst enden wird. dann kann man auch einige entscheidenden Seiten der Geschichte unseres Jahrhunderts neu lesen. die der fundamentalen biopolitischen Spaltung des Abendlandes Rechnung trägt. als das Volk. weil sie mit dem biopolitischen Projekt der Herstellung eines bruchlosen Volkes zusammenfällt. 4 Mit Majuskel. Aus dieser Perspektive betrachtet ist unsere Zeit nichts anderes als der-unerbittliche und methodische -Versuch. reproduziert sich so aufs neue und verwandelt das gesamte deutsche Volk in heiliges. der es radikaler teilt als jeder Konflikt. sich in den nationalen politischen Körper zu integrieren (denn man nimmt an. Dieser Versuch verbindet. daß dieses Prinzip auch in der umgekehrten Formulierung gilt: »Wo ein Volks ist. ein einiges und ungeteiltes Volk herzustellen. nicht nur in seinem eigenen Innern das »volk« der Ausgeschlossenen. und Ausschließung erscheint zum ersten Mal als ein in jedem Sinn untragbarer Skandal. welche die moderne Politik zu beherrschen scheinen. einen derart zentralen Platz in seinem Denken einnimmt. daß jede Assimilation in Wahrheit nur simuliert ist). ja biopolitische Bedeutung). was Marx Klassenkampf nennt und. die je eigene Institutionen und Magistraten hatten. um endlich das deutsche Volk2 herzustellen. das sich weigert. mittels Entwicklung die armen Klassen zu eliminieren. den man durch die Vernichtung des »volkes« (dessen Symbol die Juden sind) ausgefüllt zu haben glaubt.

z& und bios. sich zu kleiden oder zu gehen. geht die Metaphysik (das Denken) in Politik (in Wirklichkeit) über. 190 könnte man auch wie Schelling von jenem sagen. mit dem nackten Leben. Das Lager und nicht der Staat ist das biopolitische Paradigma des Abendlandes. findet auf der anderen Seite in dem. Trotzdem scheinen gerade diese leeren und unbestimmten Begriffe den Schlüssel zum historisch-politischen Schicksal des Abendlandes standhaft zu hüten. Das reine Sein. der flamen Dialis sei quotidie feriatus und assiduus sacerdos. Schließlich wirft die dritte These einen dunklen Schatten auf die Modelle. wenn wir die theoretischen Implikationen des nackten Lebens verstehen. Darum sagten die Römer. Folglich gibt es keine Geste und kein Detail seines Lebens. scheinbar menschlicherer Form) immer noch das nackte Leben steht. Die fundamentale Leistung der souveränen Macht ist die Produktion des nackten Lebens als ursprüngliches politisches Element und als Schwelle der Verbindung zwischen Natur und Kultur. das nackte Leben-was steckt in diesen beiden Begriffen. 191 . Was auf der einen Seite den Menschen als denkendes Tier konstituiert. in denen Metaphysik und Politik. was ihn als politisches Tier konstituiert. Jahrhunderts bestimmt hat. wohl die Metaphysik wie die Politik des Abendlandes in ihnen und nur in ihnen ihr Fundament und ihren Sinn finden läßt? Worin besteht die Verknüpfung dieser beiden konstitutiven Prozesse. die politischen Freiheiten auf den Bürgerrechten zu gründen. zu Rande kommen. beflissener. sein exaktes Gegenstück. daß es in keinem Augenblick zu unterscheiden ist von den kultischen Funktionen. beschrieben. die er erfüllt. Georges Dumézil und Karl Kerényi haben das Leben des flamen Dialis. zugleich an eine undenkbare Grenze und undurchdringlich wie das hapl& Sein. seiner Art. national. im anderen Fall geht es um die Absonderung des nackten Lebens von der Vielfalt der konkreten Lebensformen. das die Biopolitik der großen totalitären Staaten des 20. das so- 2. die Urbanistik und die Architektur heute den öffentlichen Raum der Staaten dieser Welt zu denken und zu organisieren versuchen. ohne sich darüber im klaren zu sein. Im einen Fall handelt es sich darum. zugleich auch jede Möglichkeit. das für unsere Unterwerfung unter die politische Macht steht. Ausschließung und Einschließung).Schwelle Als vorläufige Schlußfolgerungen sind in dieser Untersuchung drei Thesen aufgetaucht: I .i das heißt jeden Moment in einer ununterbrochenen Festlichkeit handelnd. Die Besonderheit seines Lebens liegt darin. welche die fundamentale Leistung der abendländischen Metaphysik bildet. die nicht eine genaue Bedeutung haben 1 *Jeden Tag festlich«. wenn wir die politische Bedeutung des reinen Seins entziffern können. An der Grenze des reinen Seins angekommen. religiös oder sonstwie begründet sei). Die Absonderung der Sphäre des reinen Seins. »Nackt«: im Syntagma »nacktes Leben« entspricht hier dem griechischen Wort bapZ&. mit denen die Humanwissenschaften. der politischen Gemeinschaft so etwas wie eine »Zugehörigkeit« zugrunde zu legen (gleichviel ob diese völkisch. so wie wir umgekehrt erst dann. beständiger Priester*. daß in deren Zentrum (wenn auch in verwandelter. Die zweite impliziert. Und vielleicht werden wir erst dann. bleibt tatsächlich nicht ohne Analogien zu der Absonderung des nackten Lebens im Bereich der abendländischen Politik. so daß sich jeder Versuch. Die erste dieser Thesen stellt jede Theorie vom vertraglichen Ursprung der staatlichen Macht in Frage. wenn sie ihr eigentliches Element absondern. die Soziologie. Die originäre politische Beziehung ist der Bann (der Ausnahmezustand als Zone der Ununterscheidbarkeit zwischen Außen in Innen. eines der höchsten Priester im alten Rom. das Rätsel der Ontologie werden lösen können. mit dem die Prima Philosophia das reine Sein definiert. als nichtig erweist. so wie die Politik auf der Schwelle des nackten Lebens sich selbst zur Theorie hin überschreitet. daß der Verstand es allein im Staunen zu denken vermag. *beharrlicher. von den vielfältigen Bedeutungen des Wortes »Sein« (das nach Aristoteles »auf viele Arten gesagt wird«) das reine Sein (6n hapZ&) abzusondern. daß die abendländische Politik von Anfang an eine Biopolitik ist. und wie von diesem stoßen? Denn das nackte Leben ist gewiß ebenso unbestimmt 3.

ist dasjenige des Führers kein Amt im Sinn des traditionellen öffentlichen Rechts mehr. 192 193 . und er darf keinen Schwur leisten. Der Führer ist die politische Form dieses Lebens. sein Kleid darf keinen Knoten und keine geschlossenen Ringe haben. deshalb fordert er vom deutschen Volk nichts anderes als das. insofern sie mit dem Leben des deutschen Volkes zusammenfällt. 679).. im Leben des flamen Dialis so etwas wie ein nacktes Leben abzusondern. das er nur auf der endlosen Flucht oder in der Zuflucht eines fremden Landes retten kann. da jeder ihn erschlagen kann. wo zök und bios.2 wie Eichmann in seinem Prozeß in Jerusalem zu wiederholen nicht müde wurde). die ihm aufgrund der von der Weimarer Verfassung vorgesehenen Verfahren verliehen wird. 2 Der dem Feuer und dem Wasser Untersagte. In diesem Sinn. und die zwei Körper drängen sich in drastischer Form ineinander.und in ein Netz von Vorschriften und minutiös verzeichneten Wirkungen geknüpft sind. Während das Amt des Reichskanzlers eine öffentliche dignitus ist. seine ganze z& ist bios geworden. Wenden wir uns nun dem Leben des homo sacer oder den in vielen Belangen ähnlichen Leben des Verbannten. Deswegen kann Plutarch (mit einer Formel. die an die griechische und mittelalterliche Definition des Souveräns erinnert) von ihm sagen. trifft er auf seinem Weg auf einen Gefangenen in Ketten. er muß sich des rohen Fleisches und jeglicher Art von gesäuertem Brotteig enthalten und peinlichst Bohnen. Zum Beweis der assiduitas seiner Priesterfunktion darf sich der flamen nicht einmal im Schlaf seiner Insignien entledigen. vielmehr ist seine Macht insofern viel unbegrenzter. 2 Im Original deutsch. die abgeschnittenen Haare und Fingernägel müssen umgehend unter einem arbor felix (das heißt einem Baum. daß seine Existenz als solche unmittelbar politischen Charakter hat. die private Sphäre und die öffentlichen Funktionen stimmen restlos überein. . deshalb ist sein Wort Gesetz. hierbn agalma. befindet er sich in fortwährender Verbindung mit der Macht. weder privaten noch öffentlichen Körper. In seiner Person gehen das eine und das andere unablässig ineinander über. ist kein Leben »politischer« als das seine. biologischer und politischer Körper zusammenfallen. Er ist reine z&. Gewiß kann er auch ein Privatleben führen. Es ist nicht möglich. eine belebte heilige Statue. und gerade insofern er in jedem Augenblick einer unbedingten Todesdrohung ausgesetzt ist. aller Rechte entkleidetes Leben reduziert. sondern etwas. was es in Wahrheit bereits ist. Ziegen und Efeu meiden. Gleichwohl. muß in jedem Moment mit ihm rechnen und Wege finden. 4 Ehrlos im Sin von »zeugenschaftsunfähig«. und er ist »der zu seinem Befehl sich bekennende Führer« (Schmitt 7. als er sich mit dem biopolitischen Leben des deutschen Volkes selbst identifiziert (»Führerworte haben Gesetzeskraft«. ohne einen Mord zu begehen. die ihn verbannt hat. dessen Leben in sich selbst im höchsten Grad politisch ist. 1 Im Original deutsch. so müssen diese gelöst werden. Seine Autorität ist nicht die eines Despoten oder Diktators. Darüber hinaus.). er sei hösper émpsychon Ku. ist seine ganze Existenz auf ein nacktes. S. der nicht den unterirdischen Göttern gehört) vergraben werden. ihm auszuweichen und ihn zu täuschen. Hunde. das wissen die Verbannten und Geächteten. 3 Ehrlos. des Friedlosen’ und des aquae et igni interdictus2 zu. Man betrachte nun die Person des Führers des Dritten Reiches. das unvermittelt seiner Person entspringt. er darf nicht in eine Weinlaube mit überhängenden Ranken treten. doch seine z& steht als solche im souveränen Bann. Er ist also an einem Punkt angesiedelt. Der Führer hat sozusagen einen integralen. ist. S. Die traditionelle Unterscheidung zwischen politischem und physischem Körper des Souveräns (deren Genealogie Kantorowicz sorgfältig rekonstruiert hat) schwindet hier. 41 f. und er I Im Original deutsch.* Er repräsentiert die Einheit und Artgleichheit des deutschen Volkes. die sich von außen dem Willen und der Person der Untertanen aufdrückt (Schmitt. Er ist aus der religiösen Gemeinschaft und von jedem politischen Leben ausgeschlossen: Er kann weder an den Riten seiner genr teilnehmen (wenn für infamis3 oder intestabiZis4 erklärt worden ist) noch irgendeine gültige Rechtshandlung vollziehen. aber was ihn zum Führer bestimmt. Nebenbedeutung: »ohne Hoden*.

Paul Rabinow erzählt den Fall des Biologen Edward O. dann stellt die Physiologie »eine Anatomie in Bewegung« dar. denn nur als eigener Körper kann er die Grenzen übertreten. Es ist leicht zu erkennen. völlig abgetrennt: Es ist (oder scheint es zumindest zu sein) reine zöe. Wilson. in dem der Körper von Karen Quinlan oder derjenige des Ultrakomatösen oder des neomort liegt und darauf wartet. da er in ein Labor transformiert wurde. der Schrecken und die Angst jedes Bewußtsein und jede Persönlichkeit abgeschnitten haben. Ein Leben. er war nicht nur. Für ihn gilt Hölderlins Satz. da er entdeckt hat. er ist auch nicht mehr öffentlich. es sei reine zök? Aber in ihm gibt es nichts »Natürliches« und »Gemeines«. als jüdisches Leben. die im Jargon des Lagers »Muselmann« genannt wurde. daß der Muselmann sich in einer absoluten Ununterscheidbarkeit von Faktum und Recht. Jahrhunderts in der Geschichte der medizinischen Wissenschaften die Physiologie auf den Plan tritt.nicht eine unerhörte Form von Widerstand sei. Leben und Tod jetzt nur noch biopolitische Konzepte sind. ob das Verhalten des Muselmannes . der von dem Augenblick an. daß er an Leukämie erkrankt ist. buchstäblich. und genau diese Ununterscheidbarkeit bedroht die lex animata des Lagers. dem er einst zugehörte.] nemlich nichts mehr. der sich in einem sehr spezifischen Sinn so weit auf die eigene zö6 konzentriert hat. Als gegen Mitte des I 7. eine Menge von Funktionen. Ihr Leben wird allein durch die Wirkung der Reanimationstechniken auf der Basis einer juridischen Entscheidung erhalten. die den Namen Karen Quinlan trug. ohne Gedächtnis und ohne Trauer. . das die Maschinen durch Luftzufuhr in die Lungen. Gerade deswegen scheint der Aufseher ihm gegenüber bisweilen plötzlich machtlos zu sein. Antelme berichtet. daß der Lagerbewohner nicht mehr imstande war. deren Ziel nicht mehr das Leben eines Organismus ist. nichts Instinktives und nichts Tierisches. nicht einmal mehr jener bedrohlichen und prekären der Lagerbewohner. daß ihm die Organe entnommen werden. ist hier von der Lebensform. es ist nicht mehr Leben. Das biologische Leben. bis zur totalen Apathie (daher seine ironische Bezeichnung). in dem die Demütigung. mit der Rabinow Wilsons Leben definiert. wie wenn er für einen Augenblick zweifeln würde. sich ganz in Gesetz zu verwandeln. . sie ist die Erklärung der Organfunktionen im lebenden Körper. Wenn wir diese Feststellung wörtlich auf ihn anwenden (*Kälte. Primo Levi hat die Figur beschrieben.und Experimentierlabor ohne Grenzen zu machen. er war überdies in keiner Weise mehr Teil der Menschenwelt. daß er von ihr nicht mehr zu unterscheiden ist. aus seinem Körper und aus seinem 194 Leben ein Forschungs. welche die Moral und das Gesetz dem Experimentieren setzen. bestimmt sie sich im Verhältnis zur Anatomie. Mit dem Verstand sind zugleich seine Instinkte ausgelöscht worden. Er war nicht nur wie seine Gefährten vom politischen und sozialen Umfeld ausgeschlossen. welche die Entstehung und Entwicklung der modernen Medizin beherrscht hat. die ethischen und rechtliche Barrieren verschwinden. daß »in der äußersten Gränze des Leidens [. Da aber. Karen Quinlans Körper ist tatsächlich bloß eine Anatomie in Bewegung. das danach strebt. Treten wir ein in den Reanimationsraum. können wir sagen. zwischen dem Biß der Kälte und der Grausamkeit der SS zu unterscheiden. ist der Körper von Karen Quinlan. Denn er ist nur sich selbst gegenüber verantwortlich. und die wissenschaftliche Forschung kann frei und restlos mit der Biographie zusammenfallen. das in jedem Punkt mit der Norm verschwimmt. sondern ein Tod in Bewegung. Wenn die Anatomie (die auf der Sektion der Leiche basierte) die Beschreibung der unveränderlichen Organe gewesen ist. Leben und Norm. Blut in die Arterien pumpend und durch die Regulation der Körpertemperatur erhalten. nicht weniger ein rechtliches 195 . der dem Fortschritt der Medizin und dem Wechsel der juridischen Entscheidungen folgend zwischen Leben und Tod schwankt. SS«). Sein Körper ist nicht mehr privat. als die Bedingungen der Zeit oder des Raums [bestehet]«. daß das experimental life ein bios ist. beschließt. ein Wesen.der nicht zwischen der Kälte und einem Befehl unterscheidet . Experimental life ist die Wendung. einem mehr oder weniger nahen Tod geweiht. Stumm und völlig allein ist er in eine andere Welt übergegangen. Was ist das Leben des Muselmannes? Kann man sagen.Nun stelle man sich die extremste Figur der Lagerbewohner vor. steht hier vor einem Leben. das nicht lebenswert war. wie wir gesehen haben. von Natur und Politik bewegt. die ihn von Anfang an vergessen haben.

oder. in dem die Moderne ihr Geheimnis und ihre Befreiung zu finden glaubte. In seiner extremen Form stellt sich der biopolitische Körper des Abendlandes (diese letzte Verkörperung des Lebens des homo sacer) vielmehr als Schwelle der absoluten Ununterscheidbarkeit zwischen Faktum und Recht. Jeder Versuch. S. das behauptet. und dem Menschen als politischem Subjekt. nachdem er sich von jenem Komplex des Sexes und der Sexualität distanziert hat. muß von dem klaren Bewußtsein ausgehen. Da wäre der Körper der bosnischen Frau von Omarska. Die Auswahl dieser kurzen Serie von »Leben« mag extrem. was nicht mitteilbar und stumm. indem er von einer »anderen Ökonomie der Körper und der Lüste« spricht (Foucault 1. so wenig kann er zugunsten eines anderen Körpers überwunden werden. Der bios liegt heute genauso in der z&. das den Anspruch erhebt. So wenig wie der biopolitische Körper des Abendlandes einfach dem natürlichen Leben des &os zurückerstattet werden kann. 190). wie der des Sexes und der Sexualität. wie nach der Heideggerschen Definition des Daseins’ das Wesen in der Existenz liegt. Von den Lagern gibt es keine Rückkehr zur klassischen Politik. von diesen unwegsamen Zonen der Ununterschiedenheit aus müssen die Mittel und Wege einer neuen Politik gedacht werden. zwischen unserem biologischen Körper und unserem politischen Körper. auf die Analogien zu achten. welche die Politik mit der epochalen Situation der Metaphysik aufweist. den möglichen Horizont einer anderen Politik an. der nur seine z& ist. Ein Recht. Ein 196 Gesetz. das mit dem Tod zusammenfällt. Auch hier gilt es. Wir sind nicht nur. deutet Foucault. über das Leben zu entscheiden. zu unterscheiden. In der Person des Führers geht das nackte Leben unmittelbar in Recht über. daß wir von der klassischen Unterscheidung zwischen z& und bios. das seinen Ort im Haus hat. 2 Im Original »liegt« deutsch beigefügt. die militärischen Interventionen aus humanitären Gründen. ‘97 . aber eigentlich analogen Sinn. Die Schlußfolgerungen unserer Untersuchung drängen uns dazu. ist uns ein für allemal genommen. nichts mehr wissen. was mitteilbar und sagbar ist. und nichts in diesem Körper und in der Ökonomie seiner Lüste scheint uns einen festen Boden und Halt gegen die Ansprüche der souveränen Macht zu gewähren.2 Schelling drückte die äußerste Figur seines Denkens in der Idee eines Seins aus. in deren Politik es um ihr Leben als Lebewesen geht. zwischen dem. mit Foucaults Worten. Norm und biologischem Leben dar. nur eine kritische Bedeutung haben. steht heute immer öfter einem zur Norm entseelten und mortifizierten Leben gegenüber. zwischen dem Menschen als einfachem Lebewesen. so wie in der Person des Lagerbewohners (oder des neomort) das Recht ins Unbestimmte des biologischen Lebens übergeht. Doch die Liste hätte sich leicht mit nicht weniger extremen und dennoch nunmehr vertrauten Fällen fortsetzen lassen. Daher kann die Restauration der klassischen politischen Kategorien. im Lager sind Staat und Haus ununterscheidbar geworden. noch vorsichtiger zu sein: Auch der Begriff des »Körpers << ist. immer schon in ein Dispositiv eingefaßt und sogar immer schon biopolitischer Körper und nacktes Leben. in einem scheinbar entgegengesetzten. ist in einem Leben verkörpert. aus dem nackten Leben selbst den Ort machen. während sie doch nur ein Dispositiv der Macht umklammerte. wie sie Leo Strauss und in einem anderen Sinn Hannah Arendt vorgeschlagen haben. das nur das rein Seiende ist. den politischen Raum des Abendlandes neu zu denken. in deren natürlichem Körper ihre Politik selbst in Frage steht. sondern umgekehrt auch Bürger. zwischen privatem Leben und politischer Existenz. Vielmehr muß man aus dem biopolitischen Körper. eines technischen oder vollständig politischen oder gloriosen Körpers. Am Ende von der Wille zum Wissen. Von diesen ungewissen und namenlosen Terrains.Wesen als ein biologisches Wesen. das seinen Ort im Staat hat. und dem.ebenfalls ein schlagendes Beispiel der Unentscheidbarkeit zwischen Politik und Biopolitik. wenn nicht gar einseitig provokativ erscheinen. und die Möglichkeit. ganz in Leben aufzugehen. ein perfektes Beispiel für die Schwelle der Ununterschiedenheit zwischen Biologie und Politik. an dem sich eine gänzlich in nacktes Leben umgesetzte Lebensform herausbildet und ansiedelt. Tiere. bei denen kriegerische Operationen mit biologischen Zielen wie Ernährung oder Seuchenbekämpfung unternommen werden . Aber auf welche Weise 1 Im Original deutsch. in dem eine andere Ökonomie der Lüste und der Lebensfunktionen die Verflechtung von z& und bios ein für allemal löst. ein bios.

den zuerst Jean-Luc Nancy fruchtbar gemacht hat und der eine tragende Verbindung mit Heideggers »Verlassenheit« (frz. »Verlassensein« oder »überlassensein« und den entsprechenden Ableitungen übersetzt. wird die italienische Formulierung in Klammern hinzugefügt. Trotz des eindeutigen Bezugs auf Walter Benjamins bloßes Leben wurde. Hingabe). wie sich ein Forschungsfeld eröffnet. Aufgeben. hornher sacri) italienisch »uomo sacro« (bzw. die der Schnittpunkt von Politik und Philosophie. Der (etymologische) Zusammenhang von bando (Bann) und abbandono (Verlassen. Religions. das jenseits der Forschungen liegt.kann ein bios nur seine zök sein? Wie kann eine Lebensform jenes hapl& erfassen. 3.und Rechtswissenschaft). it. »abandon«. »essere abbandonato« werden stets mit »Verlassenheit «. wie die Kapitel »Die Ambivalenz des Heiligen« und *Das heilige Leben« aufzeigen. In den italienischen Wörtern sacro und sacerta ist die in diesem Buch problematisierte Polysemie von lat. Doch zunächst muß man verfolgen. An den wenigen Stellen. über die sie nicht hinausgehen können. in der Folge werden »sacro« und »sacerta« konsequent mit »heilig« und »Heiligkeit« wiedergegeben. Anmerkungen zur Übersetzung und zur Zitierweise Als kommentierungsbedürftig haben sich drei Begriffskomplexe erwiesen: I. 199 . Verlassenheit. »Lebensform« [forma-di-vita] nennen. 2. »abbandono«) herstellt. das nur seine nackte Existenz ist. sacer: »heilig« im Sinn von »geweiht« und »verflucht« (beides auch im Sinn von »unberührbar«) noch vorhanden. wie innerhalb der Grenzen dieser Disziplinen etwas wie das nackte Leben hat gedacht werden können und auf welche Weise sie im Verlauf ihrer historischen Entwicklung schließlich an eine Grenze gestoßen sind. »abbandonare«. »uomini sacri«) steht. Anthropologie. Leben. nach Abwägung der Bedeutungsfelder und zur Unterstreichung der eigenständigen Entwicklung und Prägung des Begriffs durch den Autor. wo der einmal angemerkte Zusammenhang nicht unmittelbar deutlich ist. wo anstelle des lateinischen homo sacer (bzw. l a nuda vita mit das nackte Leben übersetzt. Verlassensein. ohne eine beispiellose biopolitische Katastrophe zu riskieren. kennt keine angemessene deutsche Übersetzung auf der Basis von »Bann«. da es im Deutschen kein in ähnlichem Maß gebräuchliches Wort gibt (»Sazertät« existiert als Fachausdruck der Ethnologie. »Abbandono «. dann sehen wir. das zugleich die Aufgabe und das Rätsel der abendländischen Metaphysik bildet? Wenn wir dieses Sein. Die von Agamben untersuchte »Heiligkeit« ist weder mit der religiösen Kategorie des Heiligen noch mit dem heute vor allem durch Freud bekannten ursprünglichen Doppelsinn von sacer gleichzusetzen. medizinisch-biologischen Wissenschaften und Rechtswissenschaften definiert. wird auf den lateinischen Ausdruck zuruckgegriffen und der italienische in Klammern hinzugefügt. das seine Form ist und untrennbar von ihr bleibt.

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