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JACOUES RANCIERE

DER HASS DER DEMOKRATIE


Aus dem Französischen von Maria Muhle

August Verlag
Ouurage publiC auec /e soutien duCentre !\iational du Livre- AJinistJre
Franr;ais ch1iryC de Ia Cu/tun'.
Dieses Buch erscheint mit freundlicher Unterstützung des Cenrrc
National du Line- MinistE-re Fram,:ais charge de Ia Culture.
INHALT

Einleitung 7

Von der siegreichen zur kriminellen Demokratie IJ

Die Politik oder der verlorene Hirte 43

Demokrarie, Republik, Repräsentation 63

Die Gründe für einen Hass


EINLEITUNG
Eine junge Frau hält Frankreich mit der erfundenen Geschich­
te eines Überfalls in Atem;' junge Mädchen weigern sich, in der
Schule ihren Schleier abzulegen; die Sozialversicherung zeigt
gravierende Defizite; Montesquieu, Voltaire und Baudelaire ver­
düingen Racine und Corneille von den Textlisten der Baccalau­
rbt-Prüfung_; Angestellte demonstrieren für den Erhalt ihrer
Rentensysteme; eine Elitehochschule schafft ein paralleles
Auswahlverfahren;1 die Konjunktur der Realityshows, die Ho­
mosexuellen-Ehe und die künstliche Fortpflanzung- es ist un­
nötig, nach dem gemeinsamen Nenner so disparater Ereignisse
zu fragen. Denn Hunderte von Philosophen oder Soziologen,
Politikwissenschaftlern oder Psychoanalytikern, Journalisten
oder Schriftstellern haben uns in zahllosen Büchern, Artikeln
und Fernsehsendungen bereits die Antvvort gegeben. Für sie
sind all diese Ereignisse Symptome ein und derselben Krank­
heit, all diese VVirkungen haben dieselbe Ursache. Diese Ursa­
che nennt sich Demokratie, das heißt die Herrschaft der unbe­
grenzten individuellen Begierden in der moderneh Massenge­
sellschaft.
Es gilt hier genau zu untersuchen, v.'as die Besonderheit die­
ser Anschuldigung au�macht. Der I lass�"der Demokratie ist
bestimmt nichts Neues. Er ist, \Vie sich teicht zeigen lässt, viel­
mehr genauso alt wie die Demokratie selbst: Denn schon das

Di<•ses Vorkommnis hat 2004 die fram:i:isische Presst' hc�cl1äfligt: Eine 24-jährigl'
Frau gab vor, in der Pari�er Vorstadtbahn RER D mil ihn•m Baby von Jugendlichen
ang•;hlich maghn•hiniscl1er fl•:rkunft aus vorgeblich antiscmitisclwn Beweggründen
ang<-:griff<:'n worden zu �ein. EitJ<• \Velle d�'r Entrüstung nnd Solidnrit�it mit dt'm
ilngehlidwn Opfer ging durch die frilnzösisclw Ges••:bchaft und entfachte eine hef
tig.- Obkussion iiber .-\ntisemirisrnus und da� Zu5,\HJJJH�nkh,,n der j(idisch<.'n und
awbischen G•:meinschaft sowi i?Ubcr Jk Gewa!tberd:scbaft arahiseher jugendlicher.
Spät,•r stellte skh herau�, lb�s die junge Fn1u, die sel!.ht nicht jüdis("h WM. den Angrifr
nm yorg?tÜUS(ht hatte. [A.d.Ü.J
Das Jnstitut d"t."tmles l'o/itiques in P<lris hat irn Jahr 2001 wm Prsten Mal ein parallele�
Bewerbungswrbhrcn für ßewc•rb<.'r aus bildungsfernen S,hichtcn eingdtihrt, um so
den Jugendlichen mit l'vligrationshintergrund den Zugang tu E'rleichtcm. [t\.d.Üj
/)er f[,IS> der Demokratie

\Nort " Demokratie" selbst ist der Ausdruck eines Hasses.


Zunächst stand es für eine Beleidigung, die sich im alten Grie­
chenland diejenigen ausgedacht hatten, die in der namenlosen
Regierung der Masse den Ruin einer jeden legitimen Ordnung
sahen. Es ist das Synonym der Abscheulichkeit für all diejeni­
gen geb\jeben, die dachten, die Macht käme rechtmäßig den
Personen zu, die durch ihre Geburt für sie bestimmt oderdurch
ihre Fähigkeiten zu ihr berufen \-Varen. Und dies gilt heute noch
für diejenigen, die das offenbarte göttliche Gesetz als einzig
legitime Grundlage für die Organisation der menschlichen
Gemeinschaften anerkennen. Die Gc\valt dieses Hasses ist
ge-wiss aktuell. Dennoch ist sie nicht Gegenstand dieses Buches,
und zwar aus einem einfachen Grund: Ich habe mit denen, die
diese Auffassung vertreten, nichts gemeinsam und habe mithin
auch nichts mit ihnen zu diskutieren.
Neben dem Hass der Demokratie hat es in der Geschichte
auch Formen ihrer Kritik gegeben. Im Unterschied zum erste­
ren zweifelt die Kritik nicht am Existenzrecht der Demokratie,
·während sie jedoch zugleich darum bemüht ist, diese in ihre
Schranken zu v-:eisen. Vor allem Z"\vei große Formen haben sich
in der Geschichte hervorgetan: Einerseits gab es die Kunst der
aristokratischen und H'eisen Gesetzgeber, die einen Kompro­
miss mit der Demokratie eingehen wollten, da sie diese als
unumgängliche Tatsache anerkannten. Die VerfJssung der Ver�
einigten Staaten ist das klassische Beispiel für dieses Zusam­
menspiel der Kräfte und für das Gleichgevvicht der institutio­
nellen Mechanismen. Ihr Ziel war es, das Beste aus der demo­
kratischen Tatsache zu machen, sie jedoch zugleich in klaren
Grenzen zu halten, um so nvei - freilich als synonym geltende
- Güter zu bewahren: die Regierung der Besten und die Vertei­
digung der Bcsitzordnung. Auf eine ganz natürliche ·weise aber
hat der Erfolg, der diese in die Tat umgesetzte Kritik krönte,
zugleich auch den Erfolg ihres Gegenteils begründet. Dem jun­
gen Marx fiel es nicht schwer, die Herrschaft des Eigentums
hinrer der republikanischen Verfassung zu enthüllen, zu mal
die republikanischen Gesetzgebe r daraus auch kein Geheimnis
gemacht hatten. Doch zugleich hat Marx es verstanden, einen
Standard des Denkens festzulegen, der noch nicht entkräftet
ist: Die Gesetze und Institutionen der formalen Demokratie
sind smvohl der Schein, hinter dem die Macht der bürgerlichen
Klasse ausgeübt \Vird, als auch ihr I nstrument. Der Kampf
gegen diesen Schein \Var der Weg hin zu einer "realen" Demo­
kratie, in der die Freiheit und Gleichheit nicht mehr von den
Institutionen des Gesetzes und des Staates repräsentiert, son­
dern in den Formen des materiellen Lebens und der sinnlichen
Erbhrung verkörpert \VÜrden.
Der neue Hass der Demokratie, der Gegenstand dieses
Buches ist, untersteht keinem dieser Modelle, auch \\'enn er
Elemente von beiden entlehnt und miteinander verbindet.
Seine Wortführer leben allesamt in Lindern, die sich nicht nur
als demokratische Staaten, sondern ganz einfach als Demokra­
tien bezeichnen. Keines von ihnen verlangt nach einer realeren
Demokratie. Alle sagen uns im Gegenteil, dass die If emokratie
schon zu real ist. Aber keines von diesen Ländern beschwert
sich über die Institutionen, die vorgeben, die Macht des Volkes
zu verkörpern, noch schlägt eines von ihnen Maßnahmen vor,
um diese Macht einzuschränken. Die Institt; tionsmaschinerie,
die die Zeitgenossen von Montesquieu, Madison oderTocque­
ville so begeisterte, interessiert sie nicht. Sie beschvveren sich
über das Volk und seine Sitten, nicht über die Institutionen
seiner i\-lacht. Die Demokratie stellt für sie keine Form von kor­
rupter Macht dar, sondern eine Zivilisationskrise, die sich auf
die Gesellschaft und durch diese auf den Staat auswirkt. Hier
entsteht ein Hin und I i%r, das auf den ersten Blick überra­
schend erscheint. Denn genau die Kritiker, die unablässigjenes
demokratische Amerika anprangern, das unseren republika­
nischen Universalismus untergrabe und uns so das Ü bel des
Respekts der Unterschiede, der Minderheitenrechte und der
[)er 1/a.<._s der Ve11wkmth'

affirmative action beschert hahe, diese Kritiker sind die Ersten,


die applallClieren, \venn dasselbe Amerika sich anschickt, seine
Demokratie mit WaJTcngevvalt in der \Velt zu verbreiten.
Der doppelte Diskurs über die Demokratie ist gewiss kein
neu es Phänomen. Vi.,\mehr haben -wir uns daran gewöhnt zu
hören, dass die Demokratie die schlechteste Regierung sei- die
anderen gar nicht erst in Betracht gezogen. Doch das neue anti­
demokratische Gefühl liefert eine \Veitaus beunruhigendere
Version dieser FormeL Es sagt uns, die dem_okratische Regie­
rung sei schlecht, wenn sie sich durch die demokratische Ge­
sellschaft korrumpieren ließe, derzufolge alle gleich sind und
die Unterschiede respektiert werden soilen. Dagegen sei d ie
demokratische Regierung gut, \Venn sie die erschlafften Indi­
viduen der demokratischen Gesellschaft durch die Energie
eines Kriegs aufrüttelt, der die Werte der Kulturen, oder ge­
nauer: die VVerte des Kampfs der Kulturen, verteidigen soll. OCr
neue Hass der Demokratie kann in �iner einfachen These
zusammengefasst werden; Es gibt nur eine gute Demokratie,
nämlich diejenige, die die Katastrophe der demokratischen
Kultur unterdrückt. Die folgenden Seiten 'werden versuchen,
die Entstehung dieser These zu untersuchen und ihre Einsätze
aufzuzeigen. Es handelt sich nicht allein darum, eine Form der
zeitgenössischen Ideologie zu beschreiben. Vielmehr infor­
miert uns diese auch über den Zustand unserer Welt und über
das, was \'1-' ir darin unter Politik verstehen. Aufdiese Weise kann
sie uns helfen, den Skandal, der dem VVort "Demokratie" ein­
geschrieben ist, positiv zu wenden und ihrer Idee die Spreng­
kraft \viederzugeben.

w
VON DER SIEGREICHEN ZUR
KRIMINELLEN DEMOKRATIE

"Die Demokratie erhebt sich im Mittleren Osten": Unter dieser


Ü berschrift feierte eine Zeitung, die als Fackelträger des öko­
nomischen Liberalismus gilt, vor einigen Monaten den Erfolg
der Wahlen im Irak und die Anti-Syrien-Demonstrationen in
Beirut.' Bezeichnend ist, dass diese Lobrede auf die siegreiche
Demokratie ausschlieGlich von Kommentaren über die Natur
und die Grenzen dieser Demokratie begleitet \Vurde. Die
Demokratie triumphiert, so heißt es hier zunächst, und nvar
trotz der Proteste jener Idealisten, die die Demokratie als die
Regierungdes Volkes durch sich selbst ansehen, als eine Regie­
rung also, die dem Volk nicht von außen und mit ·Waffengewalt
gebracht v..'en.ien kann. Sie triumphiert, mit anderen ·warten,
wenn m;;m sie \'On einem realistischen Standpunkt aus zu be­
trachten vveiß, so dass man ihre praktischen Vorzüge \'On der
Utopie der Regierung des Volkes durch sich sel �st trennen
kann. Aber die Lehre, die den I dealisten damit eiteilt \-vurde,
verpflichtete zugleich zu einem konsequenten Realismus. Die
Demokratie triumphierte, aber man musste verstehen, vvas die­
ser Triumph genau bedeutete: Einem ande;en Volk die Demo­
kratie bringen, bedeutet nicht nur, ihm die Vorzüge des Verfas­
sungsstaats, der ·wahlen und der freien Presse zuteil werden zu
lassen. Es bedeutet auch, ihm das Durcheinander und die
Unordnung (pagai'e) zu bringen.
Man erinnere sich an die Verlautbarungen des amerikani­
schen Verteidigungsministers über die Plünderungen, die auf
den Sturz Saddam Hus ,;;."_t;i ns folgten. Wir haben, so der Kern
seiner Botschaft, den Irakern die Freiheit gebracht. Aber Frei­
heit beinhaltet auch die Freiheit, falsch zu handeln. Diese Aus-

.. Democracy stirs in the Midd!e East", in: The t:wnomist5/!l (März 2005).

"
f
Der lht�_\ der !Jenw�-rtllie

sage ist nicht einfach nur eine den Umständen geschuldete,


scherzhafte Bemerkung. Die Logik, die hier zugrunde liegt,
lässt sich aus den einzelnen Elementen der Aussage selbst re­
konstruieren: Weil dk Demokratie nicht die Idyll� der Regie- .

rung des Volkes durch sich selbst, sondern die Unordnung der
nach Befriedigung durstenden Leidenschaften ist, kann und
muss sie sogar von außen und beschützt durch die Waffen einer
Supermacht eingeführt ,,_"erden. Wobei Supermacht hier nicht
einbch einen Staat meint, derüber eine disproportionale Mili­
tärmacht verfügt, sondern allgemeiner die Macht, die demo­
kratische Unordnung zu beherrschen.
Die Kommentare zu den Expeditionen, deren Ziel es ist, die
Demokratie in der Welt zu verbreiten, rufen ältere Argumente
in Erinnerung, die ihrerseits die unaut"haltsame Ausbrei tu ng
der Demokratie heraufbeschworen haben, ,wenn auch auf eine
sehr viel \·veniger triumphale Art. Tatsächlich paraphrasieren
sie jene Analysen, die dreißig Jahre zuvor auf der Trilateralen
Konferenz unter dem Titel The Crisis of Democracy von Michel
Crozier, Samuel P. Huntington und Jöji \Vatanaki vorgestellt
worden waren, um die sogenannte Krise der Demokratie z u
untersuchen.'
Die Demokratie ethebt sich im Kiehvasser der amerikani­
schen Armeen, und das trotz der genannten Idealisten, die i m
Namen des Rechts auf Selbstbestimmung dagegen protestie�
ren. Schon vor dreH�ig Jahren klagte der Bericht der Trilatera�
lcn Kommission genau diese Idealisten an, namentlich die
"va{ue-oriented inteflectuafs", deren Oppositionskultur und ex�
zessive demokratische Aktivität fatal waren für die Autorität
des Gemeimvesens t.tnd die pragmatischen Handlungen der

Michel Crozier, S:unud P. Huntington, Jclji W,nanaki. TheCrisi> (lf Dem(lcranr Report
nn tlw l}m/emability of derrwcrades to lile Trilrlleral Commission 11\ew York: N\.'W York
University Pn,'ss 19751. Die Trilatcralt• Kommission war ein 1 972 ins Leben geruFener
runder Tbch (duh de ritlexion), dem Staat�männc•r, ExjKrten und Ge�chäftsmünner
au� den LS!\, \Vest-Eu1.;1pa l!nd Japan angehörten, und von dem ofl gesagt l"ird, hier
-'>ekn die j(\een dt'r zukünftigen ,.neut•n VVeltordnung" <Cr;trheitet ;vonleu.
hm der .1ieyreic!u:n wr kriminellen Demokratie

"policy-oriented intellectuals". Die Demokratie erhebt sich, aber


die Unordnung erhebt sich mit ihr: Die Plünderer von Ragdad,
die von der neuen demokratischen Freiheit profitieren, um sich
aufKosten des Allgemeinguts zu bereichern, erinnern aufihre
etwas primitive Art an eines der zentralen Argumente, das vor
dreißig Jahren die "Krise" der Demokratie belegen sollte: De­
mokratie, so die Berichterstatter der Trilateralen Kommission,
ist das unaufhaltsame Wachstum der Forderungen, das die
Regierungen unter Druck setzt, den Verfall der Autorität her­
beiführt und bei den Individuen und Gruppen Widerstand
gegen die Disziplin und die für das Gemeinwohl notvvendigen
Opfer vveckt.
In diesem Sinne aufschlussreich, sind die Argumente, derer
sich die Militärkampagnen bedienen, die dem Aufschv·illn gder
Demokratie i n der Wel t Vorschub leisten sollen: Denn diese
Argumente offenbaren das Paradox, das der vorherrschende
Gebrauch des Worts Demokratie verbirgt. Dem letzteren zu­
folge scheint die Demokratie Z\vei Gegner zu haben: Einerseits
steht sie einem klar identifizierten Feind gegenübtr, nämlich
der Willkürherrschaft oder der u nbegrenzten Regierung, die
man je nach historischem Moment Tyrannei, Diktatur oder
Totalitarismus nennt. Dieser eindeutige Gegensatz jedoch Yer­
deckt andererseits einen zweiten, intimerefft Gegensatz. Dt:nn
die gute demokratische Regierung ist diejenige, die in der Lage
ist, ein Übel zu beherrschen, das ganz einfach "das demokrati­
sche Leben" heißt.
Die Argumentation, die in The Crisis ofDcmocracy entwickelt
wird, lautet entsprechend: Die Krise der demokratischen Re­
gierung wird einzig und allein von der Intensität des demokra­
tischen Lebens hervorgerufen. Diese Intensität und die daraus
,.""
entspringende Bedrohung stehen j edoch unter einem doppel-
ten Vorzeichen: Einerseits identifiziert sich das "demokratische
Leben" mit dem anarchischen Prinzip, das eine Macht des Vol­
kes behauptet. Die extremen Folgen haben die Vereinigten

,,
/)er flas.1 der Demokmlie

Staaten und andere westliche Staaten in den I96Der und I970er


Jahren erlebt: ein anhaltender militanter Protest, der alle
Aspekte staatlicher Aktivität hinterfragt und allen Prinzipien
der guten Regierung - der Autorität der öffentlichen Mächte,
dem Wissen der Experten und dem Know-how der Pragmati­
ker - trotzt.
\Nenn man Aristotcles Glauben schenkt, ist das Heilmittel
gegen diesen Exzess demokratischer Vitalität bereits seit Peis­
istratos bekannt.l Es besteht darin, die fiebrigen Energien, die
auf der öffentlichen Bühne aktiviert \verden, auf andere Ziele
zu lenken, wie aufdie Suche nach materiellem Wohlstand, pri­
vatem Glück und sozialen Bindungen. Zugleich aber, und das
ist der z-weite Aspekt, hat diese gute Lösung leider eine Kehr­
seite: Denn indem sie die exzessiven politischen Energien ein­
schränkte sowie das Streben nach individuellem Glück und
nach sozialen Bindungen fOrderte, begünstigte sie gleicherma­
ßen auch die Vitalität des privaten Lebens und der Form�cn
sozialen Austauschs. Oie Folge \-var, dass sich die Ansprü�be
und Forderungen ver1lielfachten, um sodann i hrerseits eine
doppelte Wirhmg zu zeitigen: Sie machten die Bürger sorglos
im Hinblick auf das Gemeinwohl und untergruben die Autori�
tät der Regierungen, die nunmehr aufgefordert waren, auf
diese aus der Gesellschaft erwachsende Spirale von Anfotde�
rungen zu reagieren.
Derart nahm die Konfrontation mit der demokratischen
Vitalität die Form eines double binds an, der sich einfach resü�
mieren lässt: Ent\ve-der bezeichnete das demokratische Leben
eine breite Beteiligung des Volkes an der Diskussion öffentli­
cher Angelegenheiten und war damit etwas Schlechtes. Oder
es meinte eine Form des gesellschaftlichen Lebens, die ihre
Energien auf die individuellen Befriedigungen richtete, und
auch da.s war schlecht. Die gute Demokratie also musste jene

Arist0teles, Da St<IUt drr Athener, (, 16 \Stuttgart: Recbm 1oot;) S. 45-47.

'4
\{m der sieyreichm zur kriminellen Demokrafit'

Form der Regierung und des sozialen Lebens sein, die in der
Lage \var, diesen doppelten Exzess der kollektiven Aktivität und
des individuellen Rückzugs, \Vie er dem demokratischen Leben
eingeschrieben ist, zu beherrschen.
Von Expertenseite vvird das demokratische Paradox übli­
cherv..reise so dargestellt: Die Demokratie als politische und
gesellschaftliche Lebensform ist die Herrschaft des Exzesses.
Dieser Exzess nun bedeutet den Ruin der demokratischen
Regierung und muss deshalb von ihr wieder unterdrückt \-ver­
den. [n früherer Zeit hätte eine solche Quadratur des Kreises
noch die Erfindungsgabe der Verfassungskünstler gereizt;
heute allerdings \vird diese Art von Kunst kaum mehr geschätzt.
Die Regierenden kommen sehr gut ohne sie aus. Dass die De­
mokratien "unregierbar" sind, beweist nur allzu gut, wie sehr
sie einer Regierung bedürfen, und dies ist den Regierenden
eine hinreichende Legitimierung der Sorgfalt, mit der sie regie­
ren. Doch die Tugenden des Regierungsempirismus können
ausschließlich diejenigen überzeugen, die selbst regieren. Die
Intellektuellen h ingegen benötigen eine andere V ährung, vor �
allem auf dieser Seite des Atlantiks und vor allem in uriserem
Land, in dem sie i n großer Nähe zur Macht leben, von ihrer
Ausübung jedoch ausgeschlossen sind. Für diese Gruppe kann
ein empirisches Paradox nicht durch die B\\s rclcicn der Regie­
rung aufgelöst werden. Dieses Paradox gilt ihnen vielmehr als
die Folge einer ursprünglichen Verfehlung, einer Perversion
im Herzen der Zivilisation, deren Ursprung sie aufzuspüren
suchen. Worum es diesen Intellektuellen geht, ist mithin, die
Z\veideutigkeit des �amens aufzulösen, d.h. "Demokratie"
nicht mehr zugleich als den Namen eines Übels und des Guten,
das ersteres beseitigt, zu verstehen, sondern ausschließlich als
den Namen des Übels, d�s uns verdirbt.
Während die amerikanisc,hen Armeen die demokratische
Expansion im Irak vorbereiteten, erschien in Frankreich ein
Buch, das die Frage der Demokratie im Mittleren Orient in ein

'5
Der- H(i.S.I Ju- Demokrc;lie

gänzlich anderes Licht stellte. Es hieß L es penchants criminels de


l'Europe dhnoaatique [Die kriminellen Neigungen des demokrati­
schen Europa];1 Der Autor Jean-Claude Milner ent\·vickelt i n
einer subtilen und dichten Analyse eine ebenso einfache wie
radikale These: Das gegenwärtige Verbrechen der europä­
ischen,Demokratic besteht demnach darin, für den Frieden im
Mittleren Orient, d.h. für eine friedliche Lösungdes israelisch­
palästinensischen Konflikts einzutreten. Denn dieser Frieden
kann nur eines bedeuten: die Zerstörung Israels. Wenn die
europäischen Demokratien ihren Frieden zur Lösung des Kon­
Hikts anbieten, schreibt Milner, so ist dieser europäische demo­
kratische Frieden nichts anderes als das Resultat der Vernich­
tung der europäischen Juden. Das in Frieden und Demokratie
vereinte Europa war nach I945 nur aus dem einen Grund mög­
lich - weil das europäische Territorium durch den Erfolg des
nationalsozialistischen Genozids von jenem Volk befreit war,
das als einziges der Realisierung dieses Traums im VVeg stand,
den Juden. Ein Europa ohne Grenzen bedeutet l etztlich die
Auflösung einer Politik·- die es stets mit begrenzten Tota!itäten
zu tun hat - in einer Gesellschaft, die-im Gegenteil die Gren­
zenlosigkeit zu ihren Prinzip erhoben hat. Insofern bedeutet
die moderne Demokratie die Zerstörung der politischen
Grenze durch das Gesetz der Grenzenlosigkeit, das der moder­
nen Gesellschaft eigen ist. VVie Milner ausführt, stützt sich die­
ser Wille zur Überschreitung aller Grenzen auf die modernde
Erfindung schlechthin -namentlich auf die Technik, die
zugleich ihr Emblem darstellt. Dieser Wille kulminiert heute
in der Absicht, sich durch die Techniken der Genmanipulation
und der künstlichen Befruchtung von den Gesetzen der Ge­
schlechtcrtrennung, der sexuellen Fortpflanzung und der
Abstammung zu bd'reien. Die Gesellschaftsform, die diese

' )t-an-Clnude Milner, Les Penchants crimine/s dP I'Etwope Jhnocratique {P<Jris: Vt'rdier
zoo;J.
hm der ,lir•greü:hen ::ur kriminellen Demokratie

Absicht fcirdert, ist die europäische Demokratie. Um ihr Ziel zu


erreichen, so Milner, musste sie befreit werden von dem Volk,
dessen Existenzprinzip die'Absta.m mung und mütterliche Ver­
erbung ist; dem Volk, das den Namen dieses Prinzips, d.h. den
Namen Juden trägt. Das habe die europäische Demokratie
durch eine dem Prinzip der demokratischen Gesellschaft
homogene Erfindung, die technische Erfindung der Gaskam­
mer, vollbracht. Das demokratische Europa, so schlussfolgert
er, ist aus dem Völkermord geboren, und es verfolgt dessen
Ziele vveiter, \Yetln es den jüdischen Staat den Bedingungen
seines Friedens untenverfen will, die zugleich die Bedingungen
der Vernichtung der Juden sind.
Man kann diese Argumentation auf verschiedene ·weise be­
trachten. Man kann ihrer Radikalität die Vernunft des Gemein­
sinns und der historischen Genauigkeit entgegensetzen, indem
man et\Va fragt, ob das Naziregime, jenseits der Berufung auf
eine List der Vernunft oder eine unverhotTte Teleologie der
Geschichte, derart umstandslos als ein Mittel des europäischen
Triumphs der Demokratie gelten kann. Man km?n indessen
auch umgekehrt von der spezifischen Logik der Argumentation
ausgehen, um so ihre interne Kohärenz zu untersuchen - was
in diesem Fall hieße, bei einer T heorie des Namens anzusetzen,
die aufder Lacanschcn Triade des Symboll�chen, des Imaginä­
ren und des Realen gründet.'
Ich v.,rerde hier einen dritten Weg gehen und den Kern der
Argumentation vveder ausgehend von seiner Extravaganz ge­
genüber dem Gemeinsinn noch hinsichtlich seiner Zugehörig­
keit zum Begriffsfeld eines Denkers betr<Khten. Stattdessen
wähle ich einen Standpunkt, der innerhalb der täglichen Land­
schaft situiert ist, und es,�! erarr ermöglicht, die besondere Posi­
tion Milners zu rekonstruieren. Ihren Ausgang nimmt diese

· VgL dazu das lvlcistenwrk von jean·Ciaude Mi!rwr, /.i'S :Voms inJi�IÜICts (Pari�: Le
s,,uil J<Jß3L

'7
Der f{ass der Demokmlie

Rekonstruktion zunächst bei den Verschiebungen, die das


Won Demokratie innerhalb von zwei Jahrzehnten in der herr�
sehenden intellektuellen Meinung erfahren hat.
Milners�Buch fasst diese Verschiebungen in Form z\veier,
miteimmder verbundPner Thesen zusammen: Die erste stellt
einen radikalen Gegensatz zwischen dem Namen der Juden
und dem Namen der Demokratie her; die zv....eite These formu�
l.iert diesen Gegensatz als eine Aufteilung in Z\vei Menschhei�
ten - eine Menschheit, die dem Prinzip der Abstammung und
der Vererbung treu ist, und eine Menschheit, die dieses Prinzip
vergessen hat und ein Ideal der Selbsthervorbringung verf(Jlgt,
das zugleich ein fdeal der Selbstzerstörung ist. Jüdisch und
demokratisch stehen hier i n radikalem Gegensatz. Mit dieser
Behauptung ist der Umsturz dessen markiert, \-vas noch zu Zei­
ten des Sechs�Tage-Kriegs oder des Sinai-Kriegs die vorherr­
schende Auffassung von Demokratie strukturierte. Damals
rühmte man Israel dafür, eine Demokratie zu sein. Man ver­
stand darunter eine Gesellschaft, die von einem Staat regiert
wtmie, der gleichermaßen die individuellen Freiheiten \Vie
auch die Teilnahme der Mehrzahl der Bürger am öffentlichen
Leben gewährleistete. Als Satzung für dieses Gleichgewicht
zwischen der anerkannten Macht der Gemeinschaft und der
garantierten Freiheit der Individuen steht die Allgemeine
Erklärung der Menschenrechte ein. Das Gegenteil von Demo­
kratie hingegen hieB d amals Totalitarismus. Jm vorherr­
schende Sprachgebrauch wurden jene Staaten totalitär
genannt, die im Namen der Macht der Gemeinschaft die indi­
viduellen Rechte und die rechtsstaatliehen Formen der kollek­
tiven Meinungsäußerung --freie Wahlen, Meinungs- und Ver­
sammlungsfreiheit - verweigerten. Der Name Toralirarismus
soilte das Prinzip dieser doppelten Verweigerung bezeichnen.
Ein totaler Staat \V<n derjenige, der die Dualität von Staat und
Gesellschaft abschaffte, indem er die Sphäre seiner Machtaus­
übung auf das gesamte Leben einer Gemeinschaft ausv..:eitete.
hm der 1·ieyreichen zur kriminellen Demokratie

Nazismus und Kommunismus \vurden als paradigmatische


Formen von Totalitarismus verstanden, die jeweils auf einem
Begriff gründeten, der die Trennung zwischen Staat und Ge­
sellschaft aufheben sollte: d e m BegritT der Rasse und dem
Begriff der Klasse. Der nationalsozialistische Staat vvurde von
einem Standpunkt aus betrachtet, den dieser selbst bekräftigt
hatte: dem eines auf der Rasse begründeten Staats. Entspre�
chend erfüllte der Völkermord an den Juden die Absicht dieses
Staates, eine entartete und die Entartung in sich tragende Rasse
auszulöschen.
Milners Buch führt die genaue Umkehrung dieses vormals
dominierenden Glaubens vor: Die Tugend Israels besteht nun­
mehr darin, das exakte Gegenteil des demokratischen Prinzips
w bezeichnen; der BegritT des Totalitarismus hat seinen Ge�

brauch verloren, so wie das Naziregime und seine Rassenpoli­


tik jedvvede Spezifität eingebüßt haben. Dafür gibt es einen ein­
fachen Grund: Jene Eigenschaften, die gestern noch dem Tota­
litarismus als einem die Gesellschaft verschlingenden Staat
zugeschrieben wurden, sind nun zu den Eigensyhaften der
Demokratie als einer den Staat verschlingenden Gesellschaft
gc\vorden. Wenn Hitler, dessen größte Sorge ge\viss nicht die
Verbreitung der Demokratie war, als unvermuteter Agent der�
seihen gelten kann, dann hat das seinen Gillnd darin, dass die
Antidemokraten von heute gcnau dasjenige Demokratie nen­
rren, was die eifrigen Anhänger der "liberalen Demokratie" von
gestern Totalitarismus nannten- beide sprechen über dasselbe,
nur umgekehrt. Entsprechend wird, was man einst als staatli­
ches Prinzip der geschlossenen Totalität kritisierte, nun als sozi­
ales Prinzip der Grenzenlosigkeit angeklagt und Demokratie
genannt. Es \Vird auf die_?,.: Weise zum allumfassenden Prinzip
einer als historische und weltweite 'TOtalität verstandenen Mo­
derne, der sich einzig der Name Jude als Prinzip der aufrecht­
erhaltenen menschlichen Tradition entgegensetzt. Dem ame­
rikanischen Denker der "Kfise der Demokratie" ist es im Namen

'9
Der 1-/a�.<. der Demokratif

des "Kampfes der Kulturen" noch möglich, der westlich:christ­


lichen Demokratie den Islam als Synonym für den despoti­
schen Orient entgegenzustellen.6 Der französische Denker des
demokratischen Verbrechens schlägt seinerseits eine radikali­
sierte Version des Knmpfes der Kulturen vor, indem er Demo­
kratie,�hristentum und Islam geschlossen der isolierten jüdi­
schen Ausnahme entgegenstellt.
Vor diesem Hintergrund lässt sich nun in einem ersten
Schritt das Prinzip des neuen antidemokratischen Diskurses
skizzieren. Es zeichnet ein Portrait der Demokratie, dessen
Züge offenkundig einst den Totalitarismus charakterisierten;'
mit anderen -Worten, es durchläuft einen Entstel\ungsprozcss:
In dem Moment, in dem der Begriff des TOtalitarismus, zuge­
schnitten auf die Bedürfnisse des Kalten Kriegs, überflüssig
ge<,vorden war, konnte er i n seine signifikanten Elemente zer­
legt und wieder neu zusammengesetzt -..verden, um so das Por­
trät seines angebl.ichen Geg('n tcils , der Demokwtie, zu schaf­
fen. Man kann die einzelnen Etappen dieses EntsteHungs- und
Wiederherstellungsprozesses rekonstruieren: Er hatte Anfang
der Iy8oer Jahre seinen Ausgangspunkt darin, dass die Kont­
rastierung der beiden Begriffe im Zusammenhang mit der Neu�
betrachtung des revolutionären Erbes der Demokratie angc�
.
Z\Vf'ifelt wurde. Man hat zu Recht die Rolle unterstrichen, die
das 1978 erschienene ·werk Penser Ia Revolution fran�aise [Die
Französische Revolution denken J von Franc;ois Furet dabei gespielt
hat."' Doch hat man allzu selten die doppelte Bewegung erfasst,
die in diesem Buch vollzogen wird. VVenn es die Schreckens­
herrschaft (terreur) ins Herz der demokratischen Revolution
neu einschreibt, dann bedeutete dies seinerzeit, auf der sicht­
barsten Ebene jenen Gegensatz zu zerstören, der die vorherr­
schende Meinung strukturiert hatte: Totalitarismus und Demo-

Sanmd P. ! l untington, Der I<mnpftifr J<ulluren (i'vlünchcn: btb rggS).


Allf Deuc�ch cr�chi<.'!Wn als Fr;w�·oi> Fun�t, j('nSeill de.1 :\lrj!ho_,
. {t!Jmburg: funins
1989l.[A.d.Ü.]
Von Jn sieqrrichcn wr krimincllni Demokratie

kratic, so lehrt es Furet, sind keine wahren Gegensätze. Die


Herrschaft des stalinistischen Terrors \Var in der revolutionären
Schreckensherrschaft bereits angelegt; und diese \var ihrerseits
keine Entgleisung der Revolution, sondern ihrem Projekt
gleic h wesentlich sie \Var eine dem Wesen der demokrati­

schen Revolution selbst inhärente Not\vendigkeit.


Den stalinistischen Terror vom Terrorregime der Französi­
schen Revolution abzuleiten, war an sich kein neuer Ansatz.
Eine solche Analyse ließ sich umstandslos einfügen in den
klassischen Gegensatz zwischen der parlamentarisch-liberalen
Demokratie, die auf die Begrenzung der Staatsmacht und der
Verteidigung der individuellen Freiheiten gegründet ist, und
der radikal-egalitären Demokratie, die die Rechte der Indivi­
duen zugunsren der Religion der Gemeinschaft und der blin­
den Furie der Massen opferte. Die v·.riederholte Anprangerung
der terroristischen Demokratie schien also zur Neubegrün­
dung einer liberal-pragmatischen Demokratie zu führen, die
endlich von den revolutionären VVahnvorstellungen des kollek-
tiven Körpers befreit war.
1
Doch in dieser einfachen Lesart bleibt die zweifache Be\ve­
gung von Furets Argumentation unberücksichtigt. Denn die
Kritik der Schreckensherrschaft hat einen doppelten Boden.
Die sogenannte liberale Kritik, die dazu auff�ft, vom totalitären
Dogma der Gleichheit zur gelehrten Republik der individuel­
len Freiheiten und der parlamentarischen Repräsentation
überzugehen, war von Anfang an einer ganz anderen Kritik
untergeordnet, die das Vergehen der Revolution nicht in ihrem
Kollektivismus, sondern im Gegenteil in ihrem I ndividualis­
mus sah. Aus dieser Perspektive \Var die Französische Revolu�
tion nicht deshalb tetTO!istisch, weil sie die Rechte der Indivi­
duen nicht anerkannt hat, sondern gerade aus dem Grund, weil
sie diese geheiligt hat. Diese vorherrschende Lektüre, die von
den konterrevolutionären Denkern angestoßen, von de� uto­
pischen Sozialisten der ersten Hälfte des I9. Jahrhunderts wei-
Da fluss der Demokratie

tcrgeführt und am Ende desselben Jahrhunderts von der jun­


gen soziologischen VVissenschaft heiliggesprochen \-V urde, lässt
sich folgendermaGen darlegen: Die Revolution resultiert aus
dem Denken der Aufklärung und ihrem ersten Prinzip, j en er
"protestantischen" Doktrin, die das Urteil der isolierten Indi­
viduen an die Stelle der kollektiven Strukturen und Überzeu­
gungen setzt. Inderu sie die alten, von der Monarchie, dem Adel
und der Kirche über lange Zeit gewebten Solidariüiten zer­
schlug, hat die protestantische Revolution die soziale Bindung
aufgelöst und die I ndividuen zerstreut. So dass schließlich die
Schreckensherrschaft als die Konsequenz dieser Aut1ösung
smvic des Versuchs aufgefasst wird, durch Gesetze und Institu­
tionen eine Verbindung herzustellen, die doch ausschließlich
durch natürliche und historische Solidaritäten entstehen kann.
Dieser Doktrin wird in Furets Buch zu erneuter Ehre·verhol­
fen. Er zeigt, dass der revolutionäre Terror mit der Revolution
selbst gleichbedeutend war, da die gesamte revolutionäre Dra­
maturgie auf der Unkenntnis der tiefer liegenden, historischen
Realitäten begründet v,:ar, die diese Dramaturgie überhaupt
erst ermöglichten. I h r vvar nicht bekannt, dass die wahre Revo­
lution, die der Institutionen und Sitten, in den Tiefen der Ge�
sellschaft und im Räderwerk der monarchischen Maschine
bereits stattgefunden hatte. Die Revolution konnte somit nichts
anderes sein als die Illusion, be\vusst und willentlich eine
Revolution zu beginnen, die indessen längst vollzogen v·mr. Sie
konnte nichts anderes als die Schreckensherrschaft sein, die
sich bemühte, einer zerstörten Gesellschaft einen imaginären
Körper zu geben. Diese Analyse Furets beruft sich aufClaude'
LetOrts Thesen über die Demokratie als entkörperte Macht
(pouvoirdJsincorpori).R Doch noch stärker gründet sie auf einem
Denken, dem sie auch den Stoff für ihre Argumentation ent-

' Die�e Thesen wurden verötf<>ntlicht in: Ciaulk Lefort, l.'fnvention dbnocratiqi.Je: /es
Iimite-> de Ia domirwtion fola/itoire (Paris: Fayard 1981).
�-Im der sieqrrichcn zur kriwinc!lrn T'emokr,;til'

nim mt- aufder These Auguste Cochins, die aufdie Rolle der
"geistigen Gemeinschaften" {.societCs de pen.sJe) am Ursprung der
Französischen Revolution hinweist.9 Furet unterstreicht, dass
Cochin nicht nur Monarchist und Anhänger der Action Fram;:aise,
�sondern auch ein durch die soziologische \Vissenschaft durk­
heimscher Prägung geschulter Geist war. Er·war also ganz klar
ein Vertreter jener "individualistischen" Kritik an der Revolu­
tion, die von der Konterrevolution auf das "liberale" Denken
und die republikanische Soziologie übertragen wurde und die
als die eigentliche Grundlage für die Verurteilung eines revo­
lutionären "Totalitarismus" diente. Der Liberalismus, den die
französische Intelligenzija seit den 1980er Jahren zur Schau
stellt, ist eine Doktrin mit doppeltem Boden. Denn hinter der
Verneigung vor der Autldärung und der angloamerikanischen
Tradition der liberalen Demokratie und der individuellen
Rechte steht die allzu französische Anklage der individualisti­
schen Revolution, die den Gesellschaftskörper zerreißt.
Diese doppelte Bewegung der Revolutionskritik macht das
Entstehen des zeitgenössischen Anti-Demokratismps verständ­
lich und sie zeigt, iny.,riefern die Umkehrungdes Diskurses über
djc Demokratie aus dem Zusammenbruch des Sowjetischen
Imperiums hervorgeht. Einerseits \\'urde dieser Zusammen­
bruch für eine kurze Zeit als Sieg der De'fnokratie über den
Totalitarismus, als Sieg der individuellen Freiheiten über die
staatliche Unterdrückung begrliBt, und er wurde von den Men­
schenrechten symbolisiert, die die sow,ietischen Dissidenten
und die polnischen Arbeiter eingefordert hatten. Diese "for­
-malen" Rechte waren die erste Zielscheibe der marxistischen
Kritik gewesen, und das Zusammenbrechen jener Regime, die
aufdem Anspruch gründeten, eine "reale Demokratie" zu fcir-
�"".
dern, erschien \vie ihre Revanche. Doch während im Vorder-
grund die Verbeugung vor den siegreichen Menschenrechten

., t\ugu�te Cuchin, Les sociPrh de pr:n.w;r rt Ia dönocratie moderne {Paris: Copernic 19781.

'l
Drr lla�s der /)crnokrutie

und der wiedergefundenen Demokratie ausgeführt \Vurde,


vollzog sich im Hintergrund genau das GegenteiL Da der
Begrifflbtaiitarismus nun keine Amvendung mehr hatte, kam
auch der Gegensatz Z\vischen einer guten Demokratie - derje­
nigen der Menschenrechte und individuellen Freiheiten - und
der schlechten, egalitär-kollektivistischen Demokratie außer
Gebrauch. Und sogleich machte die Kritik der Menschenrec-hte
ihre Ansprüche wieJergeltend.l'vlan konntesie im Sinne Han­
tBh Arendts ausbuchstabi�:.�ren: Oie Menschenrechte sind dem­
zufolge eine I llusion, 'Seil sie die Rechte jenes nackten i'v1en­
schen sind, der keine Rechte hat. Sie sind die illusorischen
Rechte jener Menschen, die von tyrannischen Regimes aus
ihren Häusern und Ländern verjagt und jeder Staatsbürger­
schaft beraubt worden sind. Man kennt den großen Zuspruch,
den diese Analyse in letzter Zeit erhalten hat. Einerseits ist sie
genau im richtigen Moment den humanitären Einsätzen und
Befreiungskampagnen der Staaten zu Hilfe gekommen, die im
Namen einer militanten und militärischen Demokratie die
Rechte dieser Entrechteten verteidigen. Andererseits hat sie
auch die Analysen Giorgio Agambens inspiriert, für den der
"Ausnahmezustand" der wahre Inhalt unserer Demokwtie ist.m
Darüber hinaus konnte sich die Kritik jedoch auch in der
Manier eines Marxismus artikulieren, den der Zusammen­
bruch des so•vjetischen I m periums und die S(hv,rächung der
emanzipatorischen Be\v-egungen im Westen wieder in Umlauf
gebracht haben: Die Menschenrechte sind die Rechte der ego­
istischen Individuen der bürgerlichen GeseUschaft.
Die Frage ist nun, \Ver diese egoistischen Individuen sind.
Marx verstand darunter die Besitzer der Produktionsmittel, d.h.
die herrschende Klasse, deren Instrument der Menschen-

Giorgill Agatnhen, 1/omo Sucer. Dir souuertilll' Macht tmd dl)s nackt(' Ltl>en (Frankfurtil\L
Snhrkamp 2002) und jacques RanciCrc, "\Ver i�t das Subjekt der Menschenre('hte?",
in: !Jic Rc<N.>il<liau ch>r :Hcm(_henrechtt•, hg. l. Cbrls!oph rvlenh> II. Francl'.'.r;J Raimondi
(h,tnkfur!/M.: Suhrkamp. im Erscheinen).
rechtsstaat war. Die zeitgenössische gelehrte Meinung hinge­
gen sieht die Dinge anders. Und tatsikhlieh genügt es, eine
Reih e ·von kleinsten Verschiebungen vorzunehmen, um den
egois tischen Individuen ein ganz anderes Gesicht zu geben.
Ersetzen wir zunächst, das \Vird man uns umstandslos zugeste­
hen, "egoistische Individuen" durch "gierige Verbraucher". Set­
zen ·wir dann diese gierigen Verbraucher mit einer historischen
sozialen Spezies gleich, dem .,demokratischen Menschen". Und
erinnern wir uns zuletzt daran, dass die Demokratie das Re­
gime der Gleichheit ist, so ist es nicht weit zu der Schlussfolge­
rung, dass die egoistischen Individuen die demokratischen
['vlenschen sind. Letztlich lässt sich also schlussfolgern, dass die
Aus\veitung der Marktbeziehungen, deren Emblem die Men­
schenrechte sind, nichts anderes ist als die Verwirklichung des
fiebrigen Verlangens nach Gleichheit, das die demokratischen
Individuen beherrscht und das vom Staat verkörperte Streben
nach Allgemeinvmhl zerrüttet.
Lauschen wir zum Beispiel dem Tonfall jener Sätze, die uns
den traurigen Zustand beschreiben, in den uns die Herrschaft

der von Dominique Schnapper sogenannten fürsorylichen
Denwkratie (dCmocratie prouidentielle) versetzt: "Die Beziehungen
zwischen dem Kranken und dem Arzt, dem Anwalt und seinem
Klienten, dem Pfarrer und dem Gläubigeß, dem Lehrer uml
dem Schüler, dem Sozialarbeiter und dem Sozialhilfeempfän­
ger passen sich immer mehr dem Modell der vertraglich gere­
gelten Beziehungen zwischen gleichen Individuen an, das sich
seinerseits am Modell der grundlegenden Gleichheitsbezie­
hung orientiert, die zvvischen einem Dienstleister und seinem
Klienten besteht. Der demokratische Mensch wird angesichts
jeder Kompetenz ungeduldig, die seine eigene Souveränität
infrage stellt, auch bei de r des Arztes oder des Amvalts. Die
Beziehungen, die er zu den anderen unterhält, verlieren ihren
politischen oder metaphysischen Horizont. Jede professioneJlc
Tätigkeit tendiert dazu, banal zu v..rerden [... ]. Der Arzt \·vird

'5
Der [-Jas) der Demokratie

schrittv.reise zum Angestellten der Sozialversicherung; der Pfar­


rer zum Sozialarbeiter und zum Verteiler der Sakramente [ ... ].
Denn die Dimension des H eiligen - das Heilige des religiösen
Glaubens, des Lebens und des Todes, der humanistischen oder
politischen Werte- \·v·ird zusehends entkräftet. Jene Berufe, die
den kollektiven Werten eine wenn auch nur indirekte oder
bescheidene Form gaben, sind von der Erschöpfung der kol­
lektiven Transzendenz betroffen, sei sie religiös oder politisch."11
Mit dieser langen Klage soll uns der Zustand unserer VVelt
vor Augen geführt werden, so wie ihn der demokratische
,l\;1ensch verschuldet hat und zwar in seinen verschiedensten
Gesralten: als Verbraucher, der gleichgültig i\1edikamente oder
Sakramente konsumiert; als Ge•verkschaftler, der immer mehr
vom WOhlfahrtsstaat zu erhalten trachtet; als Repräsentant
einer ethnischen Minderheit, die die Anerkennung ihrer Iden­
tität verlangt; als Feministin, die sich für die Durchserzungvon
Quotenregelungen einsetzt; als Schüler, der die Schule als
Supermarkt versteht, in dem der Kunde König ist. Doch stammt
der Klang dieser Sätze, die angebJich unsere alltägliche Welt
im Zeitalter der Einkaufszentren und Realityshmvs beschrei­
ben, offensichtlich aus einer früheren Zeit: So lieferte bereits
vor 150 Jahren das Kommunistische Manifest eine "Beschrei­
bung", die der unseres Alltags im Jahr 2002 sehr ahnlieh ist: Die
Bourgeoisie "hat die heiligen Schauer der frommen Schwär­
merei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen
\Vehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung
ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert auf­
gelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohler­
worbentm Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit
gesetzt".�' Sie "hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer

Dominique Schnapper, La d<!mocratie pnwidcntielle (Paris: Ca!limard 2002), S. Hig­


!70.
i\;1rl �-brx, Kommunisti>ches Manifl?st (1848), ,\}1:.'\-V, ßc!. 4, S. 46z·�474. hiC'r S. 465
(!-lervnrhebung J.R.).

,,
Von der siegreichen zur kriminellen Demokratie

Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entklei­


det. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den
Man n der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter ver­
wan delt"'!
Offenkund ig handelt es sich hier um dieselbe Darstellung
der Phänomene. Die zeitgenössische Soziologin hat der Be­
schreibung kein e neucn Tatsachen, sondern ejnzig eine neue
Interpretation hinzugefügt, derzufolge die Gesamtheit dieser
Tatsa chen nureine einzige Ursache haben kann: die Ungeduld
des demokratischen Menschen, der jede Beziehung ausschließ­
lich nach einem Modell versteht, dem der "grundlegend egalitä­
ren Beziehungen, die Z\Vischen einem Dienstleister und seinem
Klienten bestehen".14 In Marx' Originaltext heißt es, die Bour­
geoisie habe "an die Stelleder zahllosen verbrieften und t-vohl­
envorbe nen Freiheiten die eine ge·wissenlose Handelsfreiheit
gesetzt", Somit ist die einzige Freiheit, die die Bourgeoisie kennt
die Handelsfreiheit, die auf brutaler und schamloser Ausbeu­
tung beruht, auf der grundlegenden Ungleichheit der Bezie­
hung zwischen dem Arbeiter-"Dienstleister'' und dfm Kunden,
derdessen Arbeitskraft kauft. Demgegenüber hat der neue Text
die "Bourgeoisi e durch ein anderes Subjekt ersetzt, den "demo­
"

krMischen Menschen". In der Folge dieser Ersetzung wird die


Herrschaft der Ausbeutung zur Herrschaftäer Gleichheit, und
die demokratische Gleichheit lässt sich umstandslos mit dem
"gerechten Austausch" der Marktgüter identifizieren. Der der­
art überarbeitete und korrigierte Text von Marx besagt, dass die
Gleichheit der Menschenrechte die "Gleichheit" der Ausbeu­
tungsbeziehungen übersetzt, die das voUendett� ldeal der
Träume des demokratischen Menschen ist.
Die Gleichung Demokratie Grenzenlosigkeit Gesel!-
�� =
-<t-·
schaft, die die Anklage der "Verbrechen" der Demokratie unter-

Ehd.
'' Schnapper, (<l dCmocratie providenfiel/e, S. !69- 170 (Hcrl'odwbung J.R.).
Der E-/Qs.\ der Demokrat!�:

stützt, beruht also auf einem dreifachen Vorgang: Zuerst muss


die Demokratie auf eine Gesellschaftsform reduziert werden.
ln einem nveiten Schritt >Vird tHese Gesellschaftstürm mit der
Herrschaft des egalitären I ndividuums identifiziert. Letzteres
wird als ein Begriffver<;t<1nden, dereine Reihe disparater Eigen­
schaften subsumiert - vom allgegenv,.,ärtigen Konsum über die
Gewerkschaftskämpfe bis zur Einforderung von [\i{inderheits­
rechten. Und in einem letzten Schritt \Vird der Demokratie ­
Jie in diesem Verständnis gleichbedeutend mit "individualis­
tischer Massendemokratle" ist - ein Streben nach unbegrenz­
tem Wachstum attestiert, das der Logik der kapitalistischen
Wirtschaft inhärent ist.
Bei diesem Vorgehen, das Politische, Soziologische und Öko­
nomische auf derselben Ebene anzusiedeln, beruft man sich
mü Vorliebe auf Tocqucvi1les Analysen zur Demokratie als
Gleichheit der Bedingungen. Aber diese Bürgschaft beruht auf
einer sehr vereinfachenden [nterpretation von dessen Abhand­
lung Über die Demokratie in Amerika.'' Denn Tocqueville ver­
stand unter der "Gleichheit der Bedingungen" das Ende der
alten Ständegesellschaften und nicht die Herrschaft eines nach
immer mehr Konsum gierenden Individuums. Die Frage der
Demokratie ·war für ihn zunächst die Frage nach den geeigne­
ten institutionellen Formen, die diese neue Konstellation
regeln. Um aus Tocqueville den Propheten des demokratischen
Despotismus und den Denker der Konsumgesellschaft zu
machen, muss man seine beiden Grofhverke auf zwei oder drei
Paragraphen aus einem einzigen Kapitel des Z\\'eiten Buchs
reduzieren, in dem die Risiken eines neuen Despotismus zur
Sprache gebracht werden. Und man muss zudem vergessen,
\vas Tocquevi[le fürchtete - nämlich die absolute 1\tiat..: h t eines
Ht'rrschers, der über einen zentralisierten Staat verfügte und
über eine entpolitisierte Masse herrschte, nicht jedoch die

1\)e;,:h dc- Tocqul'vil!e, Ober die Demokrutie i n Amerika (Dktzingen: Reclam 1986).
\iim drr .1ieyreic!Jen wr kriminellen Dmwkratie

Tyrannei der demokratischen Meinung, von der heute so viel


Jie Rede ist. Der gegemvärtigen Tendenz, seine Demokratie­
analyse aufeine Kritik an der Konsumgesellschaft zu reduzie­
ren, liegen verschiedenevermittelnde Interpretationen zugrun­
de.'" Vor allem aber isl sie das Resultat eines Prozesses, der die
politische Figur der Demokratie ausgelöscht hat, und der sich
aufdem VVege eines geregelten Austauschs zwischen soziologi­
scher Beschreibung und philosophischem Urteil vollzogen hat.
Die Etappen dieses Prozesses lassen sich klar benennen.
Einerse its erlebten die I980er Jahre in Frankreich die Entwick­
lung einer bestimmten soziologischen Literatur, die im Übri­
gen oft von Philosophen verfasst v.,rar, die die Allianz zwischen
der demokratischen Gesellschaft und ihrem Staat begrüßten,
die ihrerseits von den neuen Formen des Konsums und des
individuellen Verhaltens besiegelte wurde. Für diesen Kontext
vvären Bücher und Aufsätze von Gilles Lipovetsky zu nennen,
die diesen Ansatz treffend auf den Punkt bringen. Es war die
Zeit, in der sich die pessimistischen Analysen von Jenseits des
Atlantiks in Frankreich verbreiteten: namentlich die Analysen
von Autoren aus dem U mkreis der Trilateralen ommission K
oder von Soziologen \'1/ie Christopher Lasch und Daniel Bell.
Letzterer hat die Trennung der wirtschaftlichen, politischen
und kulturellen Sph�ire infrage gestellt Stincr Ansicht nach
hatte die Entwicklung des Massenkonsums zur Folge, dass die
kultureHe Sphäre ausschließlich von einem höchsten Wen, der
"Selbstvenvirklichung", beherrscht \Vurde. Dieser Hedonismus
stellte einen Bruch mit der puritanischen Tradition dar, inso­
fern diese ebenso den Aufschwung der kapitalistischen Indus­
trie V\'ie auch den der politischen Gleichheit unterstützt hatte.

'"'
l.Jberdie verschiedenen und manchmal krummen \Vege. die zum zeitgenössi'ichen
Nt'o-Tocqut>villismu� geführt haben, und V()r allf'm üher die Umkehrung der tradi­
tionaliotisc!wn katholischen lnterpretatiun Tocquevilles in t•ine po�tmoderne Sot.io­
log:it·. vg:L Serge Audier. JiJcqueville re/rouvf. Gcnt•se r/ enjeux d11 n:nml!'eilu tocql!evillien
fran�ais (Paris: Vrin 2004).
Drr lhJ.�S der Demokratie

Aus der hedonistischen Kultur ging ein unstiJlbarer Appetit


hervor, der Bell zufolge in direktert(Gegensat:t; sovvohl zu den
Zwängen der Produktion als auch zu den für das Gemeimv·ohl
der demokratischen Nation notvvendig zu erbringenden
Opfern stand.r;
Die Analysen von Lipovetsky und einigen anderen sollten
diesem Pessimismus -..vidersprechen. Ihnen zufolge v.'ar kein�
Trennung zwischen den Formen des Massenkonsums, die aus
der Suche nach dem individuellen Glück hervorgingen, und
dendemokratischen I n s ti tu ti onen, die auf einer gemeinsamen
Regel gründeten, zu befürchten. Ganz im Gegenteil brachte i n
dieser Perspektive d <J s Anwachsen des Konsumnarzissmus die
individuelle Befriedigung und die Regeln der Gemeinschaft i n
eine perfekte Harmonie. Sie riefeine größere Zustimmung her�
vor, eine existenzielle Zustimmung der Individuen zu einer
Demokratie, die nicht mehr nur als Angelegenheit vcrptlich­
tender institutioneller Formen gelebt wurde, sondern als .,eine
zweite Natur, eine Umwelt, eine Atmosphäre". So schreibt Lipo­
·vetsky: "Je mehr der Narzissmus \-vikhst, vvird er von der demo­
kratischen Legitimität übertroffen, selbst auf die coole Art. Die
demokratisdten Regime mit ihrem Parteienplura!ismus, ihren
\Vahlen und ihrem Recht aufinformation werden der persona­
lisierten GeseHschaft der Selbstbedienung, des Tests und der
kombinatorischen Freiheit immer venvandter. [ . j Selbst jene, ..

die sich nur für die private Sphäre ihres Lebens interessieren,
sind der demokratischen Funktionsvveise der Gesellschaften
durch den Personalisierungsprozess verbunden."'8

Danid Bell, Oie k!AÜ!Irelfen �Videnpn'icfle dt's Kopiti;!ismus, tihcß. v. lnge Presser
(Frankfurt/Main: Campus !99!J. Es muss hervnrgehohen wenlen. da&s dn� Strd:wn
lHKi1 der Rückkehr purit<mischcr \Verte bei Bell m i t der Sorgt• um soziale Gerechtig­
k<.'it verbunden WM, die bei denjenigen. die dksc Problematik in Fr<1nkrdrh aufge­
grifFen haben, vers<:hwunden ist.
'0 Gilles Lipov�bky, LTrr du Fide: esoai.1 mr l'indiviua!isme umtempomin (Paris: Galli­

mard 198:;), S. !45- q6.


VOn der >iegreir hen zur kriminellen Vemokmtie

Doch diese Rettung des "demokratischen Individualismus"


\Tor seinen amerikanischen Kritiken ·war in \.Yirklichkeit ein
doppelter Vorgang: Einerseits galt es, eine frühere Form der Kri­
tik an d0r Konsumgesellschaft zu begraben, nämlich die der
196oer bis 1970er Jahre, als Jean Baudrillard die pessimistischen
bzvv. kritischen Analysen der " Überflussgesellschaft", V\-'ie sie
etvva Frank Galbraiths oder David Riesmans vorgelegt hatten,
im marxistischen Duktus radikalisierte. Baudrillard kritisierte
die Illu�sionen einer vollkommen den Anforderungen des
Marktes unterworfenen "Personalisierung" und sah in den Kon­
sumversprechen eine falsche Gleichheit, die die "abwesende
Demo kratie und die unauffindbare Gleichheit" verdeckte.1'J Die
neue Soziologie des narzisstischen Verbrauchers hat die Kluft
Z\'-iischen der repräsentierten und der abwesenden Gleichheit
abgeschafft. Sie hat die Positivität jenes "Personalisierungspro­
zesses" bejaht, den Baudrillard als Täuschungsmanöver unter­
sucht hatte. Indem sie den entfremdeten Verbraucher von ges­
tern zu einem Narziss machte, der ungeZ\vungen mit den Din­
gen und Zeichen des Marktuniversums spielen konnte,
identitlzierte sie zustimmend die Demokratie it Konsum. �
Gefällig öffnete sie zugleich diese "rehabilitierte" Demokratie
einer noch radikaleren Kritik. Denn das Missverhältnis zvvi­
schen Massenimlividualismus und demokiratischer Regierung
verwies auf ein viel tiefer liegendes Übel. So wurde endgültig
festgelegt, dass die Demokratie nichts anderes als die Herrschaft
des narzisstischen Verbrauchers ist, dessen \.Yahlentscheidungen
sich genauso abvvechselten wie seine Intimfreunde.
Den fröhlichen postmodernen Soziologen ant\vorteten dar­
aufhin die ernsten Philosophen, die sich in der antiken Tradi­
tion sahen. Sie erinnerten daran, dass die Politik, so vvie die
�o;,..
Klassiker sie definiert hatten, die Kunst des Zusammenlebens

" Jean ß;wdril!ard, La Sociflf de consommutio11. Sc� mythe'i, ses structures (Paris: S.G.P.P.
1970), S. fl8 IHervorhebung j.ru.

l'
Der //,1.\S d�r Dcmokrutie

und das Streben nach dem Gemeimvohl \var; und dass das
Prinzip dieser Kunst und dieses Strcbens die klare Unterschei­
dung Z\Visc:hen dem Bereich der gemeinsamen Angelegenhei­
ten und dem der egoistischen, kleinlichen Herrschaft des Pri­
vatleb�ns und der hil usli e hen Interessen \"-lar. Das "soziolog�­
sche" Porträt der fröhlichen postmodernen Demokratie stand
so für den Ruin der Politik, die von nun an einer vom · Gesetz
des individuellen Verbrauchers regierten Gesellschaftsform
untergeordnet \var. Um die Politik \'or diesem Ruin zu retten,
m usste mit Aristoteles, Bannah J\rendt und Leo Strauss die
Bedeutung einer reinen Politik y.,riederhergestellt werden, die
vor den Anfechtungen durch den demokratischen Verbraucher
sicher wäre. In der Praxis fand dieses Verbraucherindividuum
ganz natürlich seine Entsprechung i n der Figur des Angestell­
ten, der egoistisch seine archaischen Privilegien verteidigt. Man
erinnere sich an die Flut von Literatur über die Streiks und
Demonstrationen im Herbst 1995, die diesen Privilegierten ein
Be\nJsstsein für das Zusammenleben und d e n R u h m des
öffentlichen Lebens, die sie durch ihre egoistischen Interessen
in den Schmutz zogen, in Erinnerung rufen sollten. Doch v.'ich­
tiger noch ist die solide Identifizierung zwischen dem demo7
kratischen Menschen und dem Verbraucherindividuum. Der
Konflikt zwischen den postmodernen Soziologen und den Phi­
losophen, die sich als Fortführer der antiken Tradition sehen,
etabliert diese Identifizierung umso geschickter, als die Anta­
gonisten lediglich dieselbe Gleichung in zv.,reierlei Lesarten
präsentierten, und zv•lar i n einem von jener Zeitschrift, die iro­
nischenveisc den Namen Dribat [das Streitgespräch] trägt, gut
arrangierten Duett.
\Nie bereits gezeigt, ging es in einem ersten Schritt also
darum, die Demokratie auf einen Gesellschaftsstaat zu redu �
zieren. Im zweiten Schritt dieses Prozesses, dt:'r nun zu unter­
suchen ist, \Nird aus der sokhermagen bestimmten Demokra­
tie nicht mehr nur ein Sozialstaat gemacht, der" unberechtig-
Von der -�ieyreichen zur krinwwllen Demokratie

terweise auf die politische Sphäre übergreift, sondern vielmehr


ein e anthropologische Katastrophe, eine Selbstzerstörung der
gesa mten Menschheit. Dieser Z\veite Schritt vvurde in einem
anderen geregelten Spiel zvvischen Philosophie und Soziologie
vollzogen, das zwar weniger friedlich in seinem Ablauf war,
aber zu demselben Resultat führte. Seine Bühne war der soge­
nann te "Schul-Streit" (querelle sur l'Ecole). Der ursprüngliche
Kon text dieses Streits \'>'ar die Diskussion um das Scheitern i n
der Schule, genauer: u m das Scheitern der Institution Schule,
insofern sie nicht in der Lage \Var, den Kindern aus den bil­
dungsfernen Schichten Chancengleichheit zu gewährleisten.
Es handelte sich also um die Frage, wie die Gleichheit in und
durch die Schule zu verstehen sei. Die sogenannte "soziologi­
sche These" stützte sich auf die Arbeiten von Pierre Bourdieu
und Jean-Claude Passcron, also auf die Hervorhebung der sozi­
alen Ungleichheiten, die unter den vorgeblich neutralen For­
men der schulischen Wissensvermittlung versteckt sind. Sie
wollte die Schule gleichheitlicher gest<:tlten, indem man sie aus
jener Festung holte, in die sie sich vor der Gesrllschaft in
Sicherheit gebracht hatte: indem die Formen ·schulischer
Gemeinschaft verändert und die Lehrpläne an jene Schüler
angepasst würden, die am wenigsten Anteil am kulturellen
Erbe haben. Die sogenannte "republikaniSche These" vertrat
das genaue Gegenteil dieser Auffassung: Schule und Gesell­
schaft einander anzunähern >vürde bedeuten, die Schule mit
den sozialen Ungleichheiten zu homogenisieren. Demnach
arbeite die Schule nur dann strikt für die Gleichheit, vvenn sie
sich im Schutz der Mauern, die sie von der Gesellschaft trennen,
ihrer eigenen Aufgabe \vidmen könne, nämlich der gleichmä­
ßigen Verteilung des universalen Guts des Wissens an alle, und
''"
zwar ohne den sozialen Hintergrund oder die soziale Bestim-
mung der Einzelnen zu berücksichtigen. Die Durchsetzung die­
ser Gleichheit beruht auf der notwendigervveise ungleichen
Beziehung zwischen dem, der \veiß, und dem, der lernt. Es han-
Der !las.\ dvr [J(•nwkratie

delt sich ttm eine Bestimmung der Schule, die ihr historisches
Modell in Jules Ferrys "Republikanischer Schule" hatte und die
republikanische These musste, um wirksam zu sein, dieser
Bestimmung erneut Bedeutung verleihen.
Allem Ansch�in nach besrh�lftigte sich diese Debatte also
mit deh Fonn�n der Ungleichheit und den Mitteln der Gleich­
heit. Dabei \Varcn ihre Begriffe hö<._·hst zweideutig. Die ]3.tsache,
dass das zentrale Buch in dieser Diskussion Jean-Claude Mil­
ners De l'Ecolc /Von der Schule] \-var, verstiirkt diese Zweideutig­
keit. Denn J\.1 ilners Buch sagt eigentlich etwas ganz anderes, als
man darin zu jener Zeit lesen \.vollte. I h m ging es nicht darum,
das Universale in den Dienst der Gleichheit zu stellen; vielmehr
betraf seine Sorge die Beziehung zwischen Wissen, Freiheiten
und Eliten. Und mehr noch als von Ferry wurde es von Ernest
Renan und dessen Verständnis der VVissenscliten beeinflusst,
die in einem Land, das bedroht \Vird durch den dem Katholi­
zismus inhärenten Despotismus, Garanten der Freiheit sind.10
Bei dem Gegensatz zwischen einer "r�publikanischen" und
einer "soziologischen" Doktrin handelt es sich im Grunde um
den Gegensatz z·.vischen z\vei Soziologien. Der Begriff des
"republikanischen Elitismus" aber verstellt die Sicht auf diese
Doppeldeutigkeit, anders gesagt: solange das republikanische
Universale und die sozialen Partjkularitäten und Ungleichhei­
ten einander entgegen stehen, wird der harte Ket:n
der These überdeckt. Oemrt schien die Debatte von der Frage
b�:herrscht zu sein, was die Öffentlichkeit tun konnte und sollte,
um mit eigenen Mitteln gegen die sozialen Ungleichheiten vor-

"' Renans .'\rgurnent ist ü, sein<'!ll Buch La I�Cjorme illtdlectuelle el mnmfe zusammen·
gefasst: Emest R<"nan, La R�/llrme inte/Jectue/le et 11Wmle, in: Jers.. O:"rwres Complt;tes,
Bd. l {Paris: Calmann·Lt">vy 1947), S. )25- 546. Die Tat�ache, llass dit'se Ü berkgungen
b<-i Renan mit einer spürbar!:'n Nostalgie für das mi!tei<Jitt'r!iche katholische Volk
einhergehen. Jie seine Arheit und SPinen Ghuben in den Dit•nst dergroßen Bauwerke
der Kathedralen stellt, ist kein \-Vidt.•rspruch. Die Eliten müssen �prote�tanthch",d.h.
in.Ji<·idua!istisch und mlf/;t•kliin, und das Volk muss ,katholisch", d.h. kompakt und
eher gläubig als gelehrt, �ein. So hwtet der Kern de; Denkens der Eliten im 19. Jahr�
hundert von Guizot übc•r R<.•nan his Tainc.

J4
hm der siegreichen zur kriminellen Demokratie

zuge hen. Sehr schnell konnte man jedoch sehen, \vie sich die
Perspektive neu j ustierte und die Atmosphäre veränderte. Und
während man nicht müde \Vurde, den ausgreifenden Bildungs­
mahgel zu kritisieren, so vvie er durch die alles überflutende
Supermarktkultur unabvvendbar he�orgerufen \\'ttrde, konnte
auch die VVurzel des Übels identifiziert werden: Es vvar, natür­
lich, der demokratische Individualismus. Der Feind der repu­
blikanis chen Schule \var mithin nicht mehr die ungleiche
Gesellschaft, der sie den Schüler entreißen musste, sondern der
Schüler selbst, der zum Repräsentanlen des demokratischen
Menschenpar excellence \Vurde, zum unmündigen Wesen, zum
jungen, vor Gleichheit trunkenen Verbraucher, dessen Verfas­
sung die Menschenrechte sind. Die Schule, so vvurde bald
gesagt, leide unter einem einzigen Übel, der Gleichheit, verkör­
pert von demjenigen, den sie unterrichten sollte. Auch die
Autorität des Lehrers ftihrte demnach nicht mehr zum Univer­
salen des Wissens, sondern stand im Dienste der Ungleichheit,
die m,mmehr selbst den Platz einer "Transzendenz" einzuneh­
1
mcn schien: "Es gibt keinen Platz mehr für irgendeine Trans�
zendcnz, das I ndividuum \Vird zum <Jbso!uten w t; und sollte ei
etwas Heiliges überdauern, dann nur als Heiligsprechung des
Individuums durch Menschenrechte und Demokratie [ ]. Das ...

erklärt, ·warum die Autorität des LehrerS' untergraben ·wird:


Durch diese Hervorhebung der Gleichheit \Vird er zu einem
einfachen Arbeiter, der sich Benutzern gegenüber sieht und mit
dem Schüler, der sich letztendlich zum Richter über seinen
Lehrer aufschwingt, von gleich zu gleich verhandeln muss."1'
Der republikanische Lehrer, ehemals Überbringer des
gleichmachenden, universalen Wissens an j ungfräuliche See­
len, \vird so zu einem Repräsentanten einermündigen Mensch­
g:;::
heit, die zugunsren der neralisierten Herrsch<1ft der Unmün-

)ean-Louis Thiriet "L'Eeole malade de l'fga!itC, in: Le Dt;bat 91 (NOI'l'rnber/Dezem­


ber 1996).
Der !-hiss da Demokm!ie

digkcit zu verschwinden droht. Er ist der letzte Zeuge einer


Zivilisation, die vergebJich dje "Suhtililäten" und "Komplexitä­
ten" ihres Denkens der "hohen Festungsmauer" einer Welt ent­
gegensetzt, die sich der monströsen Herrschaft der Jugend ver­
schriehcn hot. Der republikanische Lehrer entwickelt sich mitj­
hin zum desillusionierten Zuschauerder großen �ivilisatorische�
Katastrophe, deren S�/DOl1J'me Konsum, Gleichheit, Demokratie
oder Unmündigkeit sind. Dagegen ist der "Pennäler, der gegen
Kant oder Platon das Recht auf eine eigene Meinung einfordert",
der Repräsentant der unaufhaltsamen Spirale der konsumtrun.:.
kenen Demokratie, die vom Ende der Kultur zeugt, \venn nicht
sogar vom Kulturwerden afler Dinge, vom "Supermarkt der
Lebensstile", von der "Club-Mediterranisierung der \Nelt" und
vom ,.Eintritt der gesamten Existenz in die Sphäre des
Konsums":'' Es ist unnötig, auf die Details jener unerschöpfli­
chen Literatur einzugehen, die uns seit einigen Jahrzehnten
Woche um Woche vor den neuen Erscheinungen der "vorschnel­
len Begeisterung für die Demokratie" oder des "Gifts der Brü­
derlichkeit" \varnt:'1- Schüleransammlungen, die die verheeren­
den Wirkungen der Nutzer-Gleichheit verkörpern oder Anti­
Globalisierungs-Demonstrationen von j u ngen Analphabeten,
"berauscht vor frühlingshafterGroßzügigkeit";'4 Reality-TV-Sen­
dungen, die die erschreckende Realität eines Totalitarismus auf­
zeigen, wie Eitler ihn sich nicht besser hätte erträumen können;15
oder die Fabel einer jungen Frau, die sich aufgrund eines Kult

1\ir eine Ausführung diesn Thesen kann der intt:rl'ssienP Les<.'r auf die Arlwiten
von Alain FinkiPlkraut zurückgreifen, vor allem Cfmpar{ait dti prJserll (Paris: Galli111ard
2002), oder, i n kürzerer Form, aufdas interview desselben Alltors mit .rvlarcel G<Jurhct,
".'VlJbise dan� la democt;ttie. L'Ecole, Ia culture, l'individualisme", in: Le Dibat 5l
(Sl'[-lt<:mher/Oktoher 1988). Vgl. ftir eim.' hippe v·ersion im neo-L1tholischen Punk-Stil
die Vv'erke von 1Vlnurice Dantec.
Finkielb-:wr, Dmrllrjtli! du prJsenl, S. 164.
Ebd., S. 2oo.
]ean·Jncques Ddfour, "Loft Story: une ma(:hine tutalitaire", in: [.e Monde (19. Mai
200!1. Zwn selben Them;J - und im se!ben Ton - vgL Damien Le Gu<l)', LLmp{re de fa
tJh!·rCulitC: comment accroitre le "temps de cerlleau hwnain disponible·' ( Pnris: Pre�ses de !a
Re.1<dssam:c 2005).

,,
hm Jer sie;veichen wr kriminellen Demukratie

des Opfers, "der untrennbar mit der Ent\vicklung des demokra­


tischen Individualismus verbunden ist", einen rassistischen
Übergriff ausdenkt.'6 Diese endlosen Vorführungen des demo­
krati�chen Verfalls allen Denkens und aller Kultur haben nicht
nur den Vorteil, ex negativo die unschätzbare Höhe des Denkens
und die unergründliche Tiefe der Kultur derjenigen zu bewei­
sen, die sie hervorbringen - eine Bev·Nisführung, die auf direk­
tem Weg meist nicht ganz so einfach zu erbringen wäre. Sie
ermöglichen darüber hinaus, alle Ph�:i.nomene aufein und der­
selben Ebene anzusiedeln, indem sie sämtlich auf eine einzige
Ursache zurückgeführt \Verden. Die schicksalhafte .,demokrati­
sche" Gleich\vertigkeit aller Dinge ist tatsächlich zunächst das
Produkt einer Methode, die für jedes Phänomen -·· sei es eine
soziale Be\vcgtmg, ein religiöser Konflikt, ein Rassenkonflikt,
eine Modeerscheinung, eine VVerbekampagne oder etwas cmde­
res - stets nur ein und dieselbe Erklärung kennt. So ·wird die
Ursache ftir die Weigerung des jungen Mädchens, im Namen
der Religion ihrer Vorfahren ihren Schleier abzulegen, für das
Verhalten des Schülers, derdie Lehren des Koran deqen der Wis­
senschaften entgegensetzt, und für die körperlicheh Übergriffe
aufjüdische Lehrer und Schüler gleichermaßen im demokrati­
schen Individuum gesehen, das von der Gemeinschaft ausge­
g
schlossene und von jeder· l 'ranszendenz ab eschnitten ist. Und
die Figur des vor Gleichheit trunkenen, demokratischen Ver­
brauchers lässt sich so, je nach Laune und Bedarf, mit dem Ange­
stellten identifizieren, der seine Forderungen geltend macht,
ebenso mit dem Arbeitslosen, der die Büros des Arbeitsamts
besetzt, oder mit dem illegalen Einwanderer, der in die Warte­
zonen im Transitbereich der Flughäfen abgeschoben wird. Es ist

Lllci<•n Karpik, ,.Etre victime, c'e�t ehereher un restwnsable" ( lnrervkw mit Cedk
Pril'ttrl, in: Le A-fomle (22. -23. Augu�t 2004). Man kennt das Gewicht, da> die /\nprnn­
gerung der demokratischen ·ryrannei durch ihre Opfer für di<' vorherr�chende öffent·
liehe Meinung hat. Vgl . in di<:'S('OJ Ztlsanunenhang Gil!es \Vil!iam Goldnage I, Le.1
Matrymcml<>s: JPriue> Pt imposturrs de l'idc;olouie victimaire (Pari�: Pion 2004).

37
[)er /{as_; der Demokrulie

nicht erstaunlich, dass die Repräsentanten der Konsum1eiden­


schaft, die aufsehen unserer Ideologen die gröBte Wut auslösen,
im Allgemeinen dieselben sind, deren KonsumHihigkeit am ein­
geschränktesten ist. Tatsächlich lässt die Kritik am "demokrati­
schen Individualismus" ohne grof�en Aufwand Z\Vei Thesen inei�
nandet fallen: die klassische These der Besitzenden - die Armen
'>vollen immer mehr und d.ie These der feinsinnigen Eliten - es
-

gibt zu viele Individuen, zu viele Menschen, die auf das Privileg


der Individualität Anspruch erheben. Dervorherrschende intel�
lekwelle Diskurs kehrt damit zum Denken der Zensus- und YVis�
Senseliten des 19. Jahrhunderts zurück Die Individualität ist
et\YJS Gwes für die Eliten, doch sie wird zu einem Desaster Per
Zivilisation, sobald sie für alle zttgänglich ist.
1n diesem Sinne geht die gesamte Politik auf das Konto einer
Anthropologie, die nur noch diesen einen Gegensatz kennt: auf
der einen Seite eine erwuchsene Menschheit, die der Tradition,
die sie zu einer solchen macht, treu b l eibt und auf der anderen
,

Seite eine kindische Menschheit, die davon träumt, sich selbst


neu hervorzubringen, und sich dadurch zugleich selbst zerstört.
Diese Verschiebung v·,rird mit großer begrifflicher Eleganz von
Milners Les Penchants criminels de f'Europe dr!mocratique aufge­
zeichnet. Das Thema der "un begrenzten Gesellschaft" fasst aufs
Kürzeste die umfangreiche Liter;:ttur zusammen, die in der Figur
des ,.demokratischen Menschen" den Konsumenten der Ein­
kaufszentren, die Jugendliche, die sich weigert, ihren Schleier
abzulegen, und das homosexuelle Paar mit Kindenvunsch ver­
eint. Sie bringt vor allem jene doppelte Metamorphose auf den
Punkt, derzufolge man der Demokratie zugleich die Form sozi­
<�ler Homogenität bescheinigt, die einst dem Totalitarismus eig­
nete , als auch die unbegrenzte Selbststeigerung, wie sie der
Logik des Kapitals eigen ist." Der französischen Lesart des

Aus diesem Blickwinkel liest man mit Gewinn Li'Solairede 1'/J#o/: Ia thi!oriede.\ th>Ses
etde Ia nd/ur!' au XX' siCde
(Paris: Le Scui! 1997), i n dem dersdbe ;\clilner in den marxi­
stisdwn Begriffen d<�r unglücklichen Bestimmung einer "angestelht.'n Bourg<'oisie& -
) lm der si<'qr�;i(hcn zur kriminellen Dmwkmtic

demokratischen double bind ist damit ein Endpunkt gesetzt. All­


�emein betrachtet, setzt die Theorie des double bind die gute
dem okratische Regierung dem doppelten Exzess des politi­
schen demokratischen Lebens und der Massenindividualisie­
rung entgegen. Die französische Lesart indessen schafft diese
Spannung zwischen den Gegensätzen ab. Hier ·wird das demo­
kratische Leben zum apolitischen Leben des gleichgültigen
Konsumenten von Waren, Minderhcitsrechten, Kulturindustrie
und im Labor produzierten Kindern. Es identihziert sich ganz
einfach mit der "modernen Gesellschaft", die dadurch zugleich
I
zu einer homogenen anthropologischen Konfiguration w-ird.
Dabei ist es keineswegs irrelevant, dass der radikalste Kritiker
des demokratischen Verbrechens vor zwanzig Jahren eine füh­
rende Rolle in der republikanischen und laizistischen Schule
innehatte. Denn der Sinn einiger \Vortc Republik, Demokra­
tie, Gleichheit, Gesellschaft- kippte im ZuSiammenhang mit der
Bildungsdiskussion. So \vurde früher von jener Gleichheit
.
gesprochen, fi.ir die die Republikanische Schule einstand, uml
von ihrem·Bezug zur sozialen Ungleichht'it. Heute ist einzig die
'
Rede von dem Vermittlungsprozess, der vor der au'todestrukti-
ven Tendenz gerettet ·werden muss, die die demokratische
Gesellschaft in sich tdigt. VVährend es gestern darum ging, das
universale \Vissen und seine egalitäre Kraff'weiter zu geben, ist
das hetnige Interesse allein darauf gerichtet - und dafür steht
der Name Jude bei Milner - die Prinzipien der Geburt, der
Geschlechterteilung und der Abstammung zu vermitteln.
Der Vater, der seine Kinder zu "pharisäischen Studien"
anhält, kann so den Platz des republikanischen Lehrers einneh­
men, der das Kind der familiären Reproduktion einer sozialen
Ordrwng entzieht. Und die gute, der demokratischen Korrup­
ti on entgegengesetzte R;;gicnmg braucht nicht mehr den miss-

(bourgeoisw salarie), (lie für die AUS\H'itung de� Kapitalisn1u� unbrauchbar gewurden
ist, jenco Pro1esst' untersucht, die hier der LH.llt•n Emwitk!ung der demokratis·�hen
l!nb<.•gn:nzth<.'it lugeschriebcn werden.

39
verständlichen Namen der Demokratie zu tragen. Gestern hieß
sie Republik. Doch ist Republik ursprünglich nicht der Name
der Regierung des Gesetzes, des Volkes oder seiner Repräsen­
tanten. Republik ist seit Platon der Name derjenigen Regie­
rung, \velche die Reproduktion der menschlichen Herde
sicherstellt, indem sie diese vor dem Ansch\vcllen ihres Verlan­
gens nach individuellen Gütern und kollektiver i'vlacht schützt.
Sie kann daher einen anderen Namen annehmen, der die Vor­
führung des demokratischen Verbrechens auf verstohlene,
aber entscheidende VVeise durchquert: Die gute Regierung fin-'
det heute den Namen \Vicder, den sie hatte, bevor der Name
der Demokratie sich ihr in den Weg stellte� sie heißt pastorale
Regierung. Das demokratische Verbrechen findet seinen Ur­
sprung in einer Urszene -· dem Vergessen des Hirten.'A
Das hat vor kurzer Zeit ein Buch mit dem Titel Le Aifeurtre du
pasteur [Der A1ord des Hirten ] dargelegt.N Dieses Buch hat einen
unbestreitbaren Vorteil: Indem es die Logik der Einheiten und
Tot<1litäten illustriert, \Vie sie der Autor von Les Penchants crimi�
nels de l'EL!rope drhnocratique entfaltet, umreißt es zugleich eine
konkrete Figur jener auf so seltsame VVcise von den neuen
Meistem der laizistischen und republikanischen Schule bean­
spruchten ,,Transzendenz''. So zeigt der Autor, dass die Hilflo�
sigkeit der demokratischen Individuen die Hilflosigkeit von.
Menschen ist, die das Maß verloren haben, durch das das Eine
mit dem Vielen übereinkommen kann und die Einzelnen sich
zu einem Alle verbinden können. Dieses Maß kann auf keiner
menschlichen Abmachung gegründet sein, sondern einzig auf
der Sorge des göttlichen l-linen, der sich um alle seine Schafe
und um jedes einzelne von ihnen kümmert Dieser Hirte mani-

'' Milner, Les Pcm.!umts criminels dr /'Europe dimocratique, S. 2). Ich danke fcan·Claude
rvlilner fi.ir die :\ntworten, die· er cmf meirw Anrnerkungt.'n zu llen Thesen seines
Buches gegeben h<lt.
Benny Lb·y, Le Meurtre du ptüteur, Critique de Iu l'ision po/ithjW' du monde (Paris: Gras­
set-Verdier 2002\.

40
hm da sicyreic!Jen ::ur kriminellen Dmwkratie

fes tiert sich in einer Kraft, die dem demokratischen Wort auf
im mer fehlen \Vird, die Kraftder Stimme, deren Erschütterung
in der Nacht des Feuers alle Hebräer spürten, \.vährend allein
dem menschlichen Hirten Moses die Aufgabe zuteil \vurde, die
Worte de l· Stimme zu hören, zu verdeutlichen und sein Volk
gemäß ihrer Anweisung zu organisieren.
Seitdem kann alles auf einfache Art erklärt \verden - smvohl
die dem "demokratischen Menschen" eigenen Übel als auch
die simple Aufteilung zwischen einer dem Gesetz der Abstam­
'
mung trcuen und einer ihm untreuen Menschheit. Die Verlet-
zung der Gesetze der Abstammung ist zunächst die Verletzung
des Bandes zwischen dem Schaf und seinem göttlichen Vater
und Hirten. An den Platz der Stimme haben die Modernen laut
Benny U�vy den Gott-Menschen oder das königliche Volk
gesetzt, jenen unbestimmten Menschen der Menschenrechte,
mit dem der Demokratietheoretiker Lefort einen leeren Ort
besetzt hat. Anstatt von der "Stimme-an-Moses" \Verden wir
nun von einem "toten Gott-Menschen" regiert. Dieser kann nur
' regieren, indem er zum Garanten der "kleinen Freuden'' (petites
I
jouissances) wird, die unsere große Hilflosigkeit - unsere Hilflo-
sigkeit als Waisen - zu Geld machen. Denn als solche sind wir
dazu verdammt, im Reich der Leere umherzuirren, das glei­
clu�rmaßen die Herrsch aft der Demokratit�: des IndiYiduums
oder des Konsums bedeutet.3"

Ebd., S. 313.
OIE POliTIK O DE R DER
VERLORENE HIRTE

Man muss demnach verstehen, dass das Übel tieferen Ursprungs


ist. Das demokratische Verbrechen gegen die Ordnung der
menschlichen Abstammung ist zunächst ein politisches Verbre­
chen, insofern es in der Organisation einer menschlichen Ge­
meinschaft ohne jegliche Bindung zum Gottvater besteht. Mit
dem Namen Demokratie ist also die Politik selbst gemeint. Nun
istdie Politik jedoch nicht aus dem modernen Unglauben gebo­
ren. Vor den Modernen, die den Königen die Köpfe abschlagen,
um ungestört ihre Einkaufswägen im Supermarkt zu füllen, gab
es die Alten und vor allem die Griechen, die das Band zum gött­
lichen Hirten zertrennt und diesen Abschied unter dem dop­
pelten Namen der Philosophie und der Politik beschrieben
haben. Laut Benny LCvy kann die "Ermordung des Hirten" mühe­
los in den Texten Pbtons nachgelesen \Vcrden: So im Politikos, der
jene Zeit schildert, da der göttliche Hirte die menschliche Herde
b
direkt regierte. Oder im 4· Buch der JVomoi, in dem a ermals an
die glückliche Herrschaft des Gottes Kronos erinnert vvird, der
wusste, dass kein Mensch andere Menschen beherrschen kann,
ohne maßlos und ungerecht zu sdn, und def'das Probkm kbte,
indem er den menschlichen Stämmen Vertreter der höheren
Rasse der daimones als Oberhäupter zuwies. Platon jedoch, so
Levy weiter, der trotz allem Zeitgenosse jener Menschen vvar, die
vorgaben, die Macht gehöre dem Volk, und ihnen nichts als eine
"Sorge um sich" entgegenhalten konnte, die die Entfernung Z\vi­
e
schen den Einzelnen und All n zu überbrücken außerst3.nde war,
Platon habe diesen Abschied vom göttlichen Hirten gegenge-
� '
zeichnet und damit die Herrschaft von Kronos und den gö(\-
lichen Hirten selbst ins Zeitalter der Fabeln verbannt. Zugleich
habe er diese Leere mit einer anderen Fabel gefüllt: Die Fabel von
einer "Republik", die aufder "schönen Lüge" gründet, derzufolge

4)
flrr H,bs der VcnwkNtie

Gott, um die gute Ordnung der Gemeinschaft zu erhalten, Gold


in die See_lc der Regierenden, Silber in die Seele der Kriegerund
Eisen in die Seele der Hand\'ierker gelegt hätte.
Gestehen \vir es dem Repräsentanten Gottes zu: Es stimmt
natlirlich, dass die Politik sich in ihrer Absetzung vom Modell
des Hirten definiert, der für seine Herde Sorge trägt. Doch
genauso \'-.ta hrist, dass man diese Trennung zurückweisen kann
und im Namen des göttlichen Hirten und der menschlichen
Hirten, die seine Stimme i nterpretieren, die Regierung seines
Volkes fordern kann. Dann aberist die Demokratie ratsächlich
nichts anderes als das "Reich des Nichts", die letzte Gestalt der
politischen Trennung, die vom Grunde der Hilflosigkeit aus Zur
Rückkehr zum vergessenen Hirten aufruft. In diesem Fall kann
man die Diskussion schnell beenden. Aber man kann die
Dinge auch andersherum betrachten und sich ffagen, \Varum
die Rückkehr zum verlorenen Hirten die letzte Konsequenz
eines Verständnisses von Demokratie als Gesellschaft der Ver­
braucherindividuen sein soll. Dann sucht man nicht nach dem,
was die Politik verdrängt, sondern vielmehr nach dem, was aus
der Polirik selbst verdrängt \Vird, \venn man die Demokratie für
einen Zustand der Maß- und HiHlosigkeit hält, aus der nur ein
Gott uns erretten kann. UntE>r dieser Prämisse muss der plato­
nisrhe Text aus einem anderen Blickwinkel untersucht werden:
nicht aus der PerspektiYe des Abst.:hieds vom Hirten, den Platon
im Politikos verkündet, sondern im Gegenteil aus derjenigen
seiner nostalgischen Aufrechterhaltung, seiner hartnäckigen
Amvesenheit im Herzen der Republik, wo er zum Bezugspunkt
für den Gegensatz zvvischen guter und demokratischer Regie­
rung wird.
Platon macht der Demokratie zwei Vorv,..ürfe, die zünächst
konträr erscheinen, die aber eng miteinander verbunden sind.
Einerseits gilt ihm die Demokratie als Herrschaft des abstrakten
Gesetzes, die der Fürsorge des Arztes oder des H irten entgegen­
steht. Dabei kommr die Tugend des Hirten oder des Arztes auf

44
/)/(' Politik oJ('r der r'crlorene f-lwle

zweifache Weise zur Geltung: Ihre Wissenschaft widersteht


zun ächst den Begehrlichkeiten des Tyrannen, insofern sie einzig
denen zugute kommt, die sie pflegen bz\v. behandeln. Aber sie
entzieht sich gleichermaßen auch den Gesetzen der demokrati�
sehen polis, insofern sie jedes Schäfchen oder jeden Parienten als
individuellen Fall versteht und sich ihm anpasst. Demgegenüber
tendieren die Gesetze der Demokratie zur Allgemeingültigkeit.
Sie ähneln den Rezepten, die ein Arzt bei seiner Abreise für alle
Fälle hinterlässt, ganz gleich welche Krankheit es zu behandeln
gilt. Doch diese Universalität des Gesetzes ist trügerisch. Wenn
er das Gesetz als unveränderlich betrachtet, honoriert der demo­
kratische Mensch nicht das U niversale der Idee, sonelern das
Instrument seines Beliebens. Im modernen Sprachgebrauch
hieße das, dass man den ·wirklichen Menschen als universalen
Bürger der demokratischen Verfassung erkcnrien muss, d.h. als
" das egoistische Individuum der demokratischen Gesellschaft.
Das ist der \vesentliche Punkt. Platon hat die soziologische
Lesart erfunden, die wir als der Moderne eigen empfinden, jene
Interpretation, die hinter der Erscheinung der rolirischen
Demokratie eine umgekehrte Wirklichkeit aufspürt: die Wirk­
lichkeit eines Gcsellschaftszustands, in dem der egoistische Pri­
vatmann regiert. Das demokratische Gesetz ist für Platon der�rt
nur eine beliebige Laune des Volkes, Jer Au�Jrw:k der Freiheit
von Individuen, deren einziges Gesetz die verschiedenen Spiel­
arten ihrer Vergnügen und Lüste sind unJ die jedvveder kollek­
tiven Ordnung gegenüber gleichgültig sind. Das Wort "Demo­
_kratie" bezeichnet demnach nicht einfach nur eine schlechte
Form der Regierung und des politischen Lebens, sondern mehr
noch einen Lebensstil, der sich jeder geordneten Regierung der
Gemeinschaft \vidersetzt. Die Demokratie, so Platon im 8. Buch
der Paideia, ist ein politisch�s Regime, Jas keines ist. Sie hat keine
Verfassung, \Veil sie alle Verfassungen hat. Sie ist ein Basar der
Verfassungen, ein Harlekinkostüm, so wie es jene Menschen lie­
ben, deren hauptsächliche T�itigkeit der Konsum von Vergnü-

45
De.v Hass der LJemnkratw

gungen und Rechten ist. Aber sie ist nicht nur die Herrschaft der
Individuen, die alles nach Lust und Laune tun. Sie ist im eigent­
lichen Sinne die Umkehrung aller Beziehungen, die die--'mensch­
liche Gesellschaft strukturieren: Die Obrigkeiten steHen sich wie
Untergebene und UntergPhene wie Obrigkeiten an; die Frauen
sjnd den Männern gleich; ein Vater gev.,röhnt sich, dem Knaben
ähnlich zu werden; ejn Hintersasse und ein Fremder sind dem
Bürger gleich; der Lehrer zittert und schmeichelt seinen Zuhö­
rern, die sich ihrerseits nichts aus dem Lehrer machen; die Jün­
geren stellen sich den Älteren gleich und die Alten suchen, es
der Jugend gleichzutun; selbst die Tiere sind frei, und die Pferde
und Esel .sind gewöhnt, ganz frei und vornehm immer geradeaus
zu gehen, \venn sie einem auf der Straße begegnen, der ihnen
nicht aus dem Wege geht.'
Man sieht, es fehlt nichts in der Aufzählung der Übel, die
uns der Triumph der demokratischen Gleichheit zu Beginn des
3· Jahrtausends beschert: Herrschaft des Basars und seiner bun­
ten Waren, Gleichheit von Meister und Schüler, Versagen der
Autorität, Jugendku.lt, Gleichheit von M�innern und Frauen,
Minderheiten-, Kinder- und Tierrechte. Die lange Klage über
die verhängnisvollen Auswirkungen des Massenindividualis­
mus in Zeiten der Einkaufszentren und des MobilteldOns fügt
der platonischen Fabel vom unzähmbaren demokratischen'
Esel lediglich ein paar zeitgenössische Accessoires hinzu.
Man kann sich darüber amüsieren, aber vor allem kann man
sic-h darüber wundern. Werden \Vir nicht unautbörlich daran
erinnert, dass wir im Zeitalter der Technik, der modernen Staa­
ten, der tentakelartigen Städte und des Weltmarktes leben, die
allesamt nichts m i t jenen griechischen Mnrktplätzen zu tun
haben, aufdenen einstmals die Demokratie erfunden vvurde?
Die Schlussfolgerung, die wir aus dieser Tatsache ziehen sol-

'
Vgl. PJ;Jtun, Po/ilda, ßuch V l l l l561d-}63d), ülwrs� v. Fricdrich S("h!eierma<;:hcr, in:
ders. . Siimllkhe \Verkr, Bd. 2 (Reinhek: Rowohh 1994l.
Die l'ohtik oder der ! ·erlorel!e flirte

len, tautet, dass die Demokratie eine politische Form aus einer
an deren Zeit ist und unserer Zeit nicht entspricht, es sei denn
urn den Preis ernsthafter Veränderungen, insbesondere der
Einschriinkung der besagten Utopie von der Milcht des Volkes.
Doch wenn die Demokratie der Vergangenheit angehört, wie
ist es dann zu verstehen, dass die Beschreibung des demokra­
tischen Dorfes, die vor 2500 Jahren ein offe ner Gegner der De­
mokratie verfasste, heute als exaktes Porträt des demokrati­
schen Menschen zu Zeiten des Massenkonsums und der pla­
newrischen Vernetzung gelten kann? Man sagt uns, dass die
griechische Demokratie einer Gesellschaftsform angemessen
war, die mit der heutigen Gesellschaft nichts mehr gemein hat.
Doch nur, um uns direkt im Anschluss zu zeigen, dass die Ge­
sellschaft, der sie angemessen \var, genau dieselben Züge trägt
wie unsere. Wie ist diese paradoxe Beziehung Z\vischen einer
radikalen Differenz und einer perfekten Ähnlichkeit zu verste­
hen? Um dies zu erläutern, stelle ich folgende Hypothese auf:
Das immer noch zutreffende Porträt des demokratischen Men­
schen ist das Resultat eines Vorgangs, der zug[eich eine Eröff­
1
nung und eine unbegrenzte Wiederholung ist und darauf
abzielt, einen Ldschen Gebrauch zu unterbinden, derdas Prin­
zip der Politik selbst berührt. Die amüsante Soziologie eines
Volkes von unbcschwenen Verbrauchern, ,;ersperrten Straßen
und auf den Kopfgestellten sozialen Rollen beschvvön die Vor�
ahnung eines tieferen Übels herauf: die Vorahnung, dass die
unsägliche Demokratie nicht jene Gesellschaftsform ist, die der
guten Regierung widerstrebt und der schlechten Regierung
zustrebt, sondern vielmehr das Prinzip der Politik selbst, das
Prinzip also, das die "gute" Regierung auf dem Fehlen ihrer
eigenen Grundlage begründet.
�0
Um dies zu verstehen, sollten \Vir uns die Liste der Umwäl-
zungen, in denen die demokratische Maßlosigkeit zum Aus­
druck kommt, noch einmal ansehen: Die Regierenden sind wie
die Regierten, die Alten wie die Jungen, die Sklaven wie die

47
Der Has_\ der Demokratie

Herren, die Schüler \Vie die Lehrer, die Tiere vvie ihre Herren.
Alles ist umgekehrt, ge>viss. Doeh diese Unordnung ist beruhi­
gend. Wenn alle Beziehungen im se\ben Moment umgekehrt
werden, zeigt sich, dass sie alle gleicher Natur sind, dass aile
diese Umkehrungen diesellw {Jmkehrungder natürlichen Ord­
nung übersetzen und weiterhin, dass diese Ordnung folglich
existiert und die politische Beziehung Teil dieser Natur ist. Das
amüsante Porträt der Unordnung des demokratischen Men­
schen und der demokratischen Gesellschaft ist eine tviöglich­
keit, die Dinge wieder in eine Ordnung zu bringen: \Nenn - die
Demokratie die Beziehung z\vischen Regierendem und Regier­
tem umkehrt, so \.vie sie alle anderen Beziehungen verkehrt,
stellt sie umgekehrt zugleich sicher, dass diese Beziehung mit
den anderen homogen ist und dass es Z"\vischen dem Regie­
renden und dem Regierten ein Distinktionsprinzip gibt, das
genauso gewiss ist \Vie die Beziehung z>vischcn demjenigen, der
zeugt und dem, der gezeugt wird, Z\-vischen demjenigen, der
zuerst kommt, und dem, der danach kommt. Dieses Prinzip
sichert die Kontinuität z>vischen der GeselJsch<:tftsordnung und
der Ordnung der Regierung, weil es zuerst die Kontinuität ZV\'i.­
schen der Ordnung der menschlichen Bestimmung und der
Ordnung der Natur sichert.
[\ennen wir dieses Prinzip arkht'. Hannah Aremit hat damn
erjnncrt, dass dieses griechische Wort zugleich den "Anfang"
und das "Gebot" benennt. Und sie zieht die logische Konse­
quenz, dass es für die Griechen die Einheit dieser beiden Be- '
deutungen bezeichnete. Arkhe ist das Gebot dessen, was
beginnt, was zuerst kommt. Es ist die Antizipation des Herr­
sc haftsrechts im Vollzug des Anfangs und die Verifizierungder
i'vlacht, et\vas in der Ausübung des Gebots, der Herrschaft, zU
beginnen. So wird das Ideal einer Regierung definiert, mit der
jenes Prinzip realisiert \Vird, durch das die Regierungsmacht
beginnt zu existieren, eine Regierung, die die aktive Ausstel­
lung der Legitimierung ihres eigenen Prinzips ist. Demnach ist
IJie l'olilik oderder l'er/orene ll1rte

zurn Regieren geeignet, \Ver dafür die richtigen Vorausset­


zungen erfüllt, vver also dieser Rolle entspricht, und es sind
diejenigen geeignet, regiert zu werden, deren Voraussetzungen
die ersten ergänzen.
Doch hier schafft die Demokratie nun Unordnung oder ent­
hüll t vielmehr die Unordnung. Das zeigt im 3. Buch der IVomoi
ein e Liste, die als Echo aufjene Liste der gestörten natürlichen
Bezlehungen zu verstehen ist, die in der Paideia das Porträt des
demokratischen Menschen prägt.' Da es ausgemacht ist, dass
es in jeder polis Regierende und Regierte gibt, Menschen, die
das arkh& ausüben, und Menschen, die seiner Macht gehor­
chen, nimmt der Athener eine Bestandsaufnahme der Titel vor,
die dazu betlihigen, diese oder jene Position in den Stadtstaaten
und in den Häusern zu besetzen. Platon unterscheidet sieben
dieser Rechtstitel bzw. -ansprüche, von denen sich vier auf mit
der Gehurt zusammenhängende Unterscheidungen berufen:
So herrschen natürlichenveise diejenigen, die zuerst oder
höher geboren sind. Hierunter fällt die Macht der Eltern über
die Kinder, die der Alten über die Jungen, der Herr�n über die
Sklaven oder der Hochgeborenen über die Nichtsv/ürdigcn. Es
folgen zwei weitere Prinzipien, die sich nicht auf die Geburt,
sondern auf die Natur berufen. Dabei handelt es sich zunächst
um das "Gesetz der Natur", das schon Pind �"r feierte, die Herr­
schaft der Stärkeren über die Sch...vächeren. Dieser Herrschafts­
anspruch lädt sicherlich zu kontroversen Diskussionen ein: VVie
is.t der Stärkere zu bestimmen? Gorgias, der die Unbestimmbar­
keil des Begriffs in ihrem ganzen Ausmaß vor Augen gefUhrt
hJ.t, zog den Schluss, dass man diese Macht nur verstehen
könne, vvenn man sie mit der Tugend der Gelehrten gleichsetzt.
Und genau das ist der se-4}lste Titel, der hier aufgezählt \Vird:
eine Macht, die das Gesetz der Natur vol!eridet - die Autorität

'- Phtton, Nomoi lJI [69oa -69ori, liher�. v. Hieronl'nltl.'> �.liiller u. Friedrkh Schleier­
macher, in: ders., Srimtliclw �h,rke, Bd. 4 iRcinlwk; Rowoi11 t 1994).

49
Der H11�s Jer Demokratie

der Gelehrten über die Unwissenden. All diese Titel und


Rechtsansprüche erfüllen die beiden erforderlichen Bedin­
gungen: Erstens bestimmen sie eine Hierarchie der Rollen und
Positionen, und zweitens definieren sie diese Hierarchie i n Ko n ­
tinuität mit der Natur. ßci den ersten Titeln \vird diese Konti­
nuität d urch die familiären und sozialen Beziehungen ven;nit­
telt, im Fall der anderen Titel handelt es sich um eine direkte
Kontinuität. Die ersten Titel begründen die Ordnung der polis
auf dem Gesetz der Abstammung. Die zweiten Titel hingegen
gründen diese Ordnung auf einem höheren Prinzip: So soll
nicht derjenige regieren, der zuerst oder höher geboren ·wurde,
sondern einfach der Bessere. Die Politik beginnt tatsächlich,
wenn das Regierungsprinzip mit dem Prinzip der Abstammung
bricht und sich trotzdem \Veiterhill auf die Natur beruft, d.h.
>vcnn es eine Natur anruft, die etwas anderes ist als die einfache
Bezi ehu n g zum Stammesvater oder zu Gottvater.
Dort beginnt die Politik. Doch begegnet sie auf diesem Weg,
der ihre eigene Exzellenz vom ausschließlichen Geburtsrecht
trennen 'Nil], auch einem seltsamen Gegenstand, einer siebten
Legitimierungsform für die Verteilung der niederen und
höheren Plätze, einem Titel, der keiner ist und den wir trotz­
dem, so der At h ener, als den gerechtesten betwchten: es ist der
Autoritätstitel "von den Göttern geliebt" zu werden - �ie Aus­
wahl des Zufatlsgottes, das Lossystem als demokratische Pro­
zedur, durch die ein Volk von Gleichen über die Verteilungder
Plätze entscheidet
Darin liegt der Skandal: ein Skandal für die "besseren" Men­
schen, die nicht zulassen können, dass ihre Gebu rt, ihr Alter
oder ihr Wissen sich dem Gesetz des Zufalls beugen sollen. Ein
Skandal auch·fürdie Milnner Gottes, Jje natürlich wollen, dass
vvir Demokraten sind, allerdings nur dann, >venn \Vir <.m erken­
neo, dass wir dafür einen Vater oder Hirten töten mussten, dass
\Vir also unendlich schuldig sjnd und eine nicht wieder gutzu­
machende Schuld gegen diesen Vater auf uns geladen haben.

jD
Dif Politik oder der twlorwe Hirte

Doch der "siebte Titel" zeigt uns, dass der Bruch mit der Herr­
schaft der Abstammung keinerlei Opfer oder Frevel voraus­
setzt. Es reicht völlig, die Würfel entscheiden zu lassen. Der
Skandal ist ganz einfach folgender: Unter den Herrschaftstiteln
gibt es einen, der die Kette zerbricht, einen Anspruch, der sich
selbst \Viderlegt: Der siebte Titel ist das Fehlen jeglichen Titels.
Das ist die tiefe Unordnung, die das Wort Demokratie bedeutet.
Es geht hier weder u m ein großes brüllendes Tier noch um
einen stolzen Esel oder ein Individuum, das allein von seinen
Vergnügen gesteuert wird. Es zeigt sich vielmehr ganz klar, dass
diese Bilder verschiedene Weisen sind, den Grund des Pro�
blems zu verdecken. Die Demokratie ist nicht das Belieben der
Kinder, der Sklaven oder der Tiere. Sie ist das Belieben eines
Gottes, des Zufallsgottcs, d.h. das Belieben einer Natur, die sich
selbst als Legitimitätsprinzip ruiniert. Die demokratische Maß­
losigkeit hat nichts mit Konsum\vahnsinn zu tun. Sie ist einfach
nur der Verlust jenes Maßes, nach dem die Natur dem gesell­
schaftlichen Artefakt ihr Gesetz gegeben hat, indem sie die
Autoritätsbeziehungen innerhalb des sozialen Körpers struk­
turierte. Der Skandal ist der eines Herrschaftstitels, der voll­
kommen getrennt ist von der Analogie zu jenen Titeln, die die
sozialen Beziehungen ordnen, wie auch von der Analogie der
menschlichen Bestimmung zur natürliche�h Ordnung. Es ist
der Skandal einer Überlegenheit, die aufkeinem anderen Prin­
zip als dem Fehlen jeder Überlegenheit gründet.
Demokratie bedeutet also zunächst Folgendes: eine anar­
chische "Regierung", die auf nichts anderem gründet- als auf
dem Fehlen jedes Herrschaftsanspruchs. Doch es gibt verschie­
dene \.Yeisen, mit diesem Paradox umzugehen. Man kann den
demokratischen Herrschaftsanspruch einfach ausschließen,
'"
insofern er der Gegensatz jedes Herrschaftstitels ist. Ebenso
kann man den Zufall als Prinzip der Demokratie zurückweisen
und Demokratie und Losverfahren voneinander trennen, Das
tun unsere Modernen, die, wie wir gesehen haben, Experten

5'
Dn fhll's der f)rnwkmt!c

darin sind, abwechselnd mit dem Unterschied ttnd der .i\hn­


lichkeit der Zeitalter zu spielen. Sie sagen uns, das Losverfah­
ren sei den <ilten Zeiten und deren ökonomisch unterentvvi­
ckelten Marktp lä tzen angemessen gewesen. Wie könnten
unsere modernen Gesellschaftt:. n . die aus so vielen, delikat inei-.

nandecverzahnten Rädchen bestehen, von Menschen regiert


\Verden, die, ohne dass sie das not\vendige Wissen über diese
fragilen Gleichgewichtszustände besitzen, der Zufall dazu
bestimmt hat? VVir haben für die Demokratie geeignetere Prin­
zipien und Mittel gefunden: die Vertretung des souveränen
Volkes durch seine ge<w�ihlten Repräsentanten, die Sym biose
zwischen der Elite der Ge\<\'ählten u·nd der Elüe derjenigen, die
unsere Schulen und Universü�iten dazu ausgebildet haben, Gas
Funktionssystem der Gesellschaften zu durchschauen.
Gleichvvohl ist der Unterschied der Zeiten und tvlaßstäbe
nicht derGnmd des Problems.3 Wenn das Losverfahren unseren
"Demokratien" als Gegensatz zu jeder:n ernstzunehmenden
Prinzip, die Regierenden auszuwählen, erscheint, heiGt das,
dass wir zugleich vergessen haben, v·ras Demokratie bedeutete
und welche Art von "Natur" das Losverfahren stören woIIre.
Wenn u mgekehrt die Djskussjon um den Anteil, der dem Los­
verfahren zugesprochen ·wird, in den Überlegungen über die
republikanischen und demokratischen Institutionen von Pla­
ton bis Montesquieu lebendig geblieben ist, und wenn aristo­
kratische Republiken und Denker, die sich \-venig um die Fra­
gen der Gleichheit sorgten, ihm ein Recht zugesprochen haben,
dann weil das Losverfahren die Lösung für ein H'eitaus tiefer

Da Beweis hierfür wurde erbracht, als man unter t.'incr S\l'�ia!iqischen Regierung
in Frankreich auf die Idee kam, die iVlitglicder der unil'ersitiiren Kommissionen,
dt·m•n e<; obliegt, die Aufnahnwverfahren zu leiten, durch Losv•nf;1hren Hl hcstim­
men. Dieser �1af.ltl<lhme konnte kt'in praktischPs Argument entgegengesellt werden,
denu man halt<' mit ihr <eine h(·gn"nzk .'\nzahl nm Jndh•idut•n nad1 (\em Prinzip der
gleichwertigen wi.>senschaft!khen Hihigkdten vet5<lmmelt. Eirweinzigc Kompetent
war a�tlkr Acht gelassen won.!,•n, dit> ungleiche Kompeten�, da� l\1ani:ivri<>rgeschkk
im Dic•nstc bestimmkr lntere�sensgruppen. \Na� so viel hieG, wie dass dieser Ver,uch
keine Zuhmft hattt'.

,,
Die Politik oder der t'crlorme 1/.rtc

liegendes und \vahrscheinlicheres Übel \ViU, als es die Regie­


rung der Unfähigen ist: die Regierung einer bestimmten Fähig­
keit � der Fähigkeit nämlich, mit List nach der Machtergreifung
zu trachten. Das Losverfahren ist seitdem Gegenstand einer
ge\valtigen Vergessensarbeit.4 Ganz selb;;tvcrsrändlich setzen
".\'ir der Gerechtigkeit der Rep6isentation und der Fähigkeit der
Regierenden die VVillkür des Zufalis und das tödliche Risiko
der Unfähigkeit entgegen. Doch das Losverfahren hat nie die
Unfahigen vor den Fähigen hworisiert. Wenn sein Einsatz fi.ir
uns undenkbar geworden ist, dann nur, \Veil \Vir daran gewöhnt
sind, eine Idee als ganz natürlich anzusehen, die weder für Pla­
ton noch für die französischen oder amerikanischen Verf;ts­
sungsgeber vor zwei Jahrhunderten natürlich \Nar: die Idee,
dass das Begehren der Macht der erste und wichtigste Titel ist,
- um zu bestimmen, wer der Macht überhaupt ·würdig ist.
Platon weiß also, dass der Zufall sich nicht so einfach aus­
schließen lässt. Natürlich legt er möglichst viel Ironie in die
Beschreibung dieses Prinzips, das in Athen als Liebe der Götter
und als höchste Gerechtigkeit galt. Doch behält er djesen Titel,
der keiner ist, auf der Liste der MachttiteL Und er tUt dies nicht
nur, \Veil er Athener ist und als solcher nicht jenes Prinzip aus�
schließen kann, das die Organisation seiner polis regelt. Viel­
mehr gibt es zwei tiefer liegende Gründe . D�r erste Grund ist,
dass das Losverfahren als demokratischer Vorgang mit dem
Machtprinzip der Gelehrten in einem vvesentlichen Punkt
übereinstimmt: Die gute Regierung ist die Regierung derjeni­
gen, die das Regieren nicht begehren. ·wenn jemand von der
Liste derer, die zur Regierung f:.ihig sind, kategorisch ausge�
schlossen werden sollte, dann in jedem Fall die Anwärter, die
." listig nach der Macht trat.hten. Wir wissen außerdem durch
den Gorgias, dass in den Augen derer, die nach der Regierung

' Vg!. hier;cu: lkrnard t>1anin, Principcs du _qouuemement ··cprisentatif (Paris: Flamma­
rion f99b).

5)
Der fia.s� der Demokratie

trachten, der Philosoph genau die Laster hat, die dieser selbst
wiederum den Demokraten 7.uschreibt. Auch er verkörpert die'
Umkehrung aller natürlichen Autoritätsbeziehungen: Er ist der
Alte, der Kind spielt und der Jugend beibringt, V:-=iter und Leh­
rer zu missach1en; der Mann, der mlt ;:�llen Tr8rlitionen bricht,
die die'\Vohlgeborenen Männer der polis zur Führung bestim­
men und die sie einander von Generation zu Generation wei­
tergeben. Der Philosophenkönig hat mindestens einen Punkt
mit dem Volkskönig gemeinsam: Ein göttlicher Zufall muss ihn
zum König machen, ohne dass er es gewoilt hätte.
Es gibt keine gerechte Regierung, ohne dass der Zufall sei­
nen Anteil hätte, d.h. ohne Anteil dessen, .,.,--as der Identifizie­
rungder Regierungstätigkeit mitder Ausübun g ei n er begehrten
und er-oberten Macht widerspricht. Das ist das paradoxe Prin­
zip, das sich dort durchsetzt, wo das Regierungsprinzip vom
Prinzip der natürlichen und sozialen Unterschiede getrennt ist,
also dort, wo es Politik gibt. Und das ist auch der Einsatz der
platonischen Diskussion Jer "Regierung des Stärkeren". VVie
ist die Politik zu denken, wenn sie V·ieder die 'vVeiterführung der
Unterschiede ist, d.h. der natüriichen'und sozialen Ungleich­
heiten, noch der Platz, den die professionellen Machtgicrjgen
ei nnehmc'n? Doch ·wen n der Philosoph sich diese Frage stellt
bzw. damit er sie sich überhaupt stellen kann, muss die Demo­
krutie schon die logischste und unerträglichste Ant'>vort gege­
ben haben, eine Ant\vort, die nicht die Tötung eines Königs
oder Hirten voraussetzt: Um politisch zu sein, muss eine Regie­
rung die Bedingung erfüllen, auf dem Fehlen eines Herr­
schaftstitels gegründet zu sein.
Das ist der zweite Grund, \Vt�sha!b Platon das Losverfahren
nicht von seiner Liste streichen kan n . Der "Titel, der keiner ist",
wirktsich aufdje anderen Machtansprüche aus, indem er einen
Zweifel an der von ihnen etablierten Art der Legitimität weckt.
Sicher handelt es sich u m \Vahrc Hcrrschaftstitel, insofern sie
eine natürliche Hierarchie zwisch�n Regierenden und Regier-
Die Pu!itik oder der uerlurene f-lirte

ten bestimmen. Doch bleibt die Frage offen, vvas für eine Regie­
rung sie genau begründen. Dass die Wohlgeborenen sich von
den in niederer Herkunft Geborenen untersc-heiden, \.Vil! man
gerne zugeben und ihre Regierung Aristokratie nennen. Doch
Platon vvciß ganz genau, v·...as Aristoteles im Politikos sagen wird:
dass diejenigen, die man die "Besten'' in den Stadtstaaten nennt,
ganz einfach die Reichsren sind, und dass die Aristokratie nie
etv,ras anders ist als eine Oligarchie, die Herrschaft des Reich­
rums. Die Politik beginnt tats�ichlJch dort, '"'"0 man die Geburt
infrage stellt, indem die Macht der ·wohlgeborenen, die sich auf
irgendeinen Gründungsgott eines Stammes beruft, als das aus­
gestellt \Vird, \vas sie ist - als die Macht der Besitzenden. Dies
hat die Reform des Clisthenes, die die athenische Demokratie
begründet hat, gezeigt. Clisthenes hat die Stämme Athens neu
bestimmt, indem er verschiedene, geographisch voneinander
getrennte demes territoriale Bezirke -· künstlich, also durch
-

einen unnatürlichen Vorgang, vereinte.


Damit hDt er die undeutliche Machtder Aristokraten-Besitzer­
Erben des lokalen Gottes (dieu du lieu) zerstört Das Wort Demo­
kratie bezeichnet genau diese Trennung. In einem r nkt hat der J
Kritiker der "kriminellen Tendenzen" der Demokratie also recht:
Die Demokratie stellt einen Bruch tnit der Ordnung der Abstam­
mung dar. Er vergisst jedoch, dass geraLle J'fber Bruch auf die
buchstäblichste Weise das realisiert, \Vas er selbst verlangt, näm­
lich eine strukturelle Heterotopie des Herrschafts� und des
GcseHschaftsprinzips.·> Denn die Demokratie ist nicht die
moderne "Grenzenlosigkeit", und sie zerstört mithin auch nicht
die Heterotopie, derer die Politik bedarf: Sie ist vielmehr die
begründende Macht dieser Heterotopie, die erste Machtbegren­
zung für die Autoritätsformen, die den sozialen Körper regieren.
Denn selbst vvenn m;n annehmen würde, dass die Herr�
Schaftstitel nicht anfechtbar sind, stellt sich weiterhin die

; \'gl. \
1 \ilner, Les penchant-', crimirll'is de /'furope di•mocratique, S. 81.
Der flriY> der Demokr11tic

Frage, \velche Regierung der Gemeinschaft sich aus ihnen


ableiten lässt. In den Familien herrscht natürlichenveise die
Macht Jer Alteren über die Jüngeren, und diese Form der
Macht, die man korrekterweise als Gerontokratie bezeichnen
muss, kann als Modell für die Regierung des Stadtstaates die­
nen. I n den Schulen wiederum regiert zu Recht die Macht der
Gelehrten über die Umvissenden, und nach ihrem Vorbild lässt
sich eine Regierung begründen, die man Technokratie oder
Epistemokratie nennt. So kann man eine Liste von Regierungs­
formen aufstellen, die stets auf einem spezifischen Herrschafts­
titel gründen. Aber eine Regierung \vird auf dieser Liste fehlen,
die politische Regierung. VVenn politisch etwas bedeuten soll,
dann muss es etwas sein, das zu all diesen Regierungsformen
der Vaterschaft, des Alters, des Reichtums, der Kraft oder des.
\Nissens, die in den FamUien, Stämmen, YV'erkstätten oder
Schulen gültig sind und sich als Modelle für die Errichtungvon
größeren und komplexeren Formen der menschlichen Gemein­
schaft verstehen, hinzukommt. Zur Politik, sagt Plato:h, y.,rj rsJ
noch et\vas zusätzliches benötigt, eine Macht, die vom Himmel
kommt Nun sind vom Himmel aber immer nur z>vei Arten vOn
Herrschaft gekommen: ent>veder die Regierung des mythi­
schen Zeitalters, d.h. die direkte Herrschaft des göttlichen Hir­
ten, der die menschliche Herde weiden lässt, oder der daimones, ,
denen Kronos die Führung der Sülmme übertragen hat; oder1
'
aber die Regierung des göttlichen Zuf�dls, die Auslosung der
Regierenden, d.h. die Demokratie. Der Philosoph will die
demokratische Unordnung abschaffen, um die wahre Politik
zu begründen, doch ist ihm das nur auf der Grundlage dieser 1
seihen Unordnung möglich. Denn sie ist es, die die Verbindung
zwischen den StammeS\'Orsiizenden des Stadtstaats und cfen
daimones, den Dienern des Kronos, unterbrochen hat.
Das ist der Grund des Problems. Es gibt eine natürliche Ord­
nun,g der Dinge, nach der die versammelten Menschen von
denjenigen regiert \".'erden, die über die Herrschaftstitel verfii-

)6
Die l'olitik oder der verlorene /IhN

ge n. Die Geschichte kennt vor allem nvei Machtansprüche, mit


denen sich die Herrschaft über die Menschen legitimieren
lässt: Der eine beruht auf der menschlichen oder göttlichen
Abstammung, d.h. auf der Überlegenheit der Geburt; der an··
derc beruht auf der Organisation der produzierenden und
reproduzierenden Tätigkeiten der Gesellschaft, d.h. auf der
[\/J acht des Reichtums. Die Gesellschaften "\Verden ge\vöhnlich
von einer Kombination dieser beiden Mächte regiert, die in
unterschiedlichem Maße von Kraft und VVissen unterstützt
..,verden . Damit aber die Alteren nicht nur über die Jüngeren,
sonde rn auch über die Gelehrten und die Unwissenden regie­
ren können, damit die Gelehrten nicht nur über die Unwis­
senden, sondern auch über die Reichen und die Armen regie­
ren und sich den Gehorsam der Kräftigen und das Verständnis
der Umvissenden sichern können, bedarf es noch eines Zu­
satzes. Es bedarf eines zusätzlichen Titels, der jenen gemein
ist, dieall diese Titel besitzen - aber der zugleich auch denen,
die sie besitzen, und denen, die sie nicht besitzen, gemein ist
?
Doch der einzige Titel, der bleibt, ist der anarchisc e Titel, der
denjenigen zukommt, die vvcder dazu bestimmt sind zu regie­
�en, noch regiert zu werden.
Das ist es, vvas Demokratie zuerst einmal bedeutet Die De­
mokratie ist weder ein Verfassungstypus'""noch eine Gesell­
schaftsform. Die Macht des Volkes ist nicht die Macht der ver­
sammelten Bevölkerung, die seiner Mehrheit oder die der
Arbeiterklasse. Sie ist einfach nur die Macht, die denjenigen
eigen ist, die \\-'eder zum Regieren bestimmt sind, noch zum
Regiert1.-verden. Man kann sich dieser Macht nicht entledigen,
indem man die Tyrannei der Mehrheiten, die Dummheit des
großen Tieres oder die Frivolität der Verbraucherindividuen
-�
beklagt Denn dann muss man sich der Politikselbst entledigen.
Die Politik existiert nur, wenn es einen Machtanspruch gibt,
der zusätzlich zu den Titeln, die normalen\-'eise die gesell­
schaftlichen Beziehungen regeln, funktioniert Der Skandal der
Der f-fass der Demokratie

Demokratie und des Losverfahrens als ihrem Wesen istdie Ent­


hüllung, dass dieser Titel nur das Fehlen jed<:s Titels sein kann,
dass die Regierung der Gesellschaften in letzter Instanz nur auf
ihrer eigenen Kontingenz begründet sein kann. Es gibt Men­
schen, die regieren, \Veil sie die Altesten, die am besten Gebo­
renen, die Reichsten oder die Gelehrtesten sind. Es giht'Regie­
rungsmode!le und Autoritätspraktiken, die auf dieser oder
jener Verteilung der Plätze und Fähigkeiten beruhen. Das ist
dle Logik, die ich unter dem Namen Polizei zu denken vorge­
schlagen habe.6 Doch vvenn die Macht der Älteren mehr sein
soll als nur eine Gerontokratie, die Macht der Reichen mehr als
eine Plutokratie, v·;enn die Unwissenden verstehen sollen, dass
sie den Befehlen der Gelehrten gehorchen müssen, dann muss
diese Macht auf einem zusätzlichen Anspruch beruhen, auf der
Macht derer, die keinen Anspruch oder Besitz haben, die sie
mehrdazu prädisponieren würde zu regieren, anstatt regiert zu
vverden. Sie muss zu einer politischen Macht \verden. Und �ine
politische Macht bedeutet in letzter Instanz die Macht derjeni­
gen, die keine natürliche Grundlage dafür haben, über die zu
herrschen, die ihrerseits keine natürliche Grundlage zum
Beherrscht\vcrden haben. Die Macht der Besten kann sich letzt­
endlich nur durch die Macht der Gleichen legitimieren.
Das ist das Paradox, das Platon in der Herrschaft des Zufalls
sieht, und das er in seinerwütenden oder heiteren Zurückwei­
sungder Demokratie zumindest in Betracht ziehen muss, wenn
er den Regierenden zu einem Mann ohne Eigenschaften
macht, den einzig ein glücklicher Zufall an diesen Platz gesetzt
hat. Es ist dasselbe Paradox, auf das auch Hobbes, Rousseau
und all die modernen Denker des Staatsvertrags und der Sou­
veränität stoßen, vvenn sie den Fragen der Zustimmung und
der Legitimität nachgehen. Die Gleichheü 1st kcint:;� Fiktlon.

Vg!. ;acq\H'� Ranciüe, Das Un11ernehmcn. Politik und Philosophie (Frankh1rt/M : Suhr­
kamp 2002) und ders.,A11x hords du Po/itique (Paris: Gilllimard 2004).

;8
Die Politik oder der ucr/onne Hirte

Ganz im Gegenteil, erfci.hrt sie jeder Höhergestellte als die


banalste aller Realitäten. Es gibt keinen Herren, der nicht ris­
kiert, � ass �ein Sklave ihm wegläuft, während er schläft, es gibt
keinen ·Menschen, der nicht f3hig •väre, einen anderen Men­
schen zu töten, es gibt keine Kraft, die sich durchsetzt, ohne
sich legitimiere n zu müssen und die somit eine irreduzible
Gleichheit anerkennen muss, damit die Ungleichheit funktio­
nieren kann. Sobald der Gehorsam eines Legitimitätsprinzips
bedarf, sobald es Gesetze geben muss, die sich als Gesetze
durchsetzen, und Institutionen, die das Gemeinsame der
Gemeinschaft verkörpern, muss jeder Befehl eine Gleichheit
voraussetzen zwischen dem, der befiehlt, und dem, der befeh­
ligt wird. Diejenigen, die sich für besonders klug und realistisch
halten, können immer noch behaupten, dass die Gleichheit
nichts als der süße, engelsgleiche Traum der Dummköpfe und
der guten Seelen ist. Zu ihrem Unglück ist die Gleichheit
jedoch eine \Virklichkeit, die ununterbrochen und überall
belegt wird. Kein Dienst vvird geleistet, kein ·wissen vermittelt,
keine Autorität etabliert, ohne dass ein Herr, so \ve 9- ig dies auch
den Anschein haben mag, "von gleich zu gleich" h1it demjeni­
gen sprechen muss, den er befehligt oder belehrt. Die unglei­
che Gesellschaft kann nur dank einer Vielzahl gleichheitlicher
Beziehungen funktionieren. Der demokr�tische Skandal legt
diese Verquickungvon Gleichheit und Ungleichheit offen, um
auf ihr die Macht des Gemeinsamen zu begründen. Nicht nur
dass, \vie man gern sagt, die Gleichheit des Gesetzes dazu da
ist, die Ungleichheit der Natur zu korrigieren oder zu mildern.
Vielmehr verdoppelt sich die "Natur" selbst, insofern die
Ungleichheit der Natur nur unter der Voraussetzung einer
Gleichheit der Natur ay?$eübt wird, die sie fOrdert und der sie
viiderspricht Ansonsten wäre es unmöglich, dass die Schüler
die Lehrer verstehen und dass die Unwissenden der Herrschaft
der Gelehrten gehorchen. Man wird entgegnen, dafür gäbe es
Soldaten und Poliz,isten. Doch müssen auch diese zunächst die

59
Der I-Ids; der Demokratie

Befei--:l e der Gelehrten verstehen so\vie überdies den Vorteil,


der darin liegt, ihnen zu gehorchen, und immer so vveiter.
Das ist es, \Vas die Politik verlangt und die Demokratie ihr
gibt. Damit es Politik geben kann, muss es einen Ausnahmeti­
tel geben, einen Machtanspruch, der zusätzlich zu jenen exis­
tiert, durch die die kleinen und großen Gesellschaften "norma­
lenveise" geregelt vverden und die in letzter Instanz die Legiti­
mierungen durch Geburt und Reichtum sind. Der Reichtum
zielt aufsein unbegrenztes Wachstum ab, aber er hat nicht die
Macht, sich selbst zu überschreiten. Die Geburt strebt nach der
Überschreitung, aber sie erreicht sie nur um den Preis, von der
menschlichen zur göttlichen Abstammung zu springen. Sie
begründet daher die Regierung der Hirten, aber um den Preis
der Abschaffung der Politik. Übrig bleibt die einfache Aus­
nahme, die Macht des Volkes, die nicht die Macht der Bevölke­
rung oder die seiner Mehrheit ist, sondern die Macht des Belie­
bigen, die Gleich-Gültigkeit der Fähigkeiten, die Position des
Regierenden oder des Regierten einzunehmen. Die politische
Regierung hat also eine Grundlage. Diese Grundlage aber lässt
sie zugleich zu einem Widerspruch \verden: Die Politik ist die
Begründungder Regierungsmacht im Fehlen jeder Grundlage.
Die Regierung der Staaten ist nur legitim, vvenn sie politisch
ist Und sie ist nur politisch, \Venn sie auf dem Fehlen jeder
Grundlage beruht. Das genau bedeutet Demokratie, verstan­
den als "Gesetz des Zufalls". Die üblichen Klagen über die
unregierbare Demokratie ven.veisen in letzter Instanz auf fol­
gende Feststellung: Die Demokratie ist weder eine zu regie­
rende Gesellschaft noch eine Regierung durch die Gesellschaft,
sie ist streng genommen j-enes Unregicrbare, das jede Regie­
rung letztendltch als ihre Grundlage anerkennen muss.

6o
DEMOKRATIE, REPUBliK,
REPRÄSENTATION

Der demokratische Skandal besteht ganz einfach in dieser Ent­


hüllung: Unterdem Namen Politik wird es nie ein einheitliches
Gemeinschaftsprinzip geben und keine der Versammlung der
menschlichen Gemeinschaften inhärenten Gesetze, die das
J--hmdeln der Re��ierenden legitimieren könnten. Rousseau ver­
urteilt zu Recht den hobbesschen Teufelskreis, mit dem dieser,
höfische Intrigen und die Lästercien in den bürgerlichen Salons
ins Feld führend, den Beweis für die natürliche Ungeselligkeit
der Menschen zu erbringen behauptet. Doch indem er die
Natur als Abbild der Gesellschaft beschreibt, hat Hobbes zu­
gleich gezeigt, dass man den Ursprung derpolitischen Gemein­
schaft vergeblich in einer angeborenen Tugend der Geselligkeit
sucht. Die Suche nach dem Ursprung vermischt allzu gern das
Davor und das Danach, •veil sie immer nachträglich erfolgt.
Die Philosophie, die das Prinzip der guten Regier�mg oder die
Gründe, aus denen die Menschen sich Regierullgen geben,
sucht, kommt immer nach der Demokratie. Doch die Demo­
kratie ist selbst schon nachträglich, insofern sie die immer g�ll­
tige Logik unterbricht, derzufulge die G�meinschaften von
denen regiert vverden, die dazu befci.higt sind, ihre Autorität
über jene anderen auszuüben, die dafür prädisponiert sind,
diese zu erdulden.
Das Wort "Demokratie" benennt also eigentlich weder eine
Gesellschaftsform noch eine Regierungsform. Was unter "de­
mokratischer GeselJschaft" firmiert, ist nichts anderes als eine
Fantasiemalerei, dazu bestimmt, dieses oder jenes Prinzip der
�-"_,
guten Regierung zu unterstützen. Die Gesellschaften werden
heute nicht anders als früher durch das Spiel der Oligarchien
organisiert. Und ebenso \Vcnig gibt es eine dc.mokratische Re�
gierung im eigentlichen Sinne. Vielmehr regiert immer dje

6)
Der !Ia\,\ der Demoknllie

Minderheit über die Mehrheit. In diesem Sinne verhält sich


die "Macht des Volkes" zur nichtegalitären Gesellschaft ebenso
\vie zur oligarchischen Regierung notvvendigerweise heteroto­
pisch. Sie entfernt die Regierung \'On sich selbst, indem sie die
Gesellschaft von sich selbst entfernt. Und folglich trennt sie
auch die/Ausübung der Regierungsmacht von der Repräsenta­
tion der Gesellschaft.
Diese Frage wird immer vvieder vereinfacht, indem man sie
auf den Gegensatz zvvischen direkter und repräsentativer
Demokratie verkürzt. Auf diese Weise lassen sich dann ganz
bequem die zeitlichen Unterschiede smvie die Kluft Z\Vischen
\Virklichkeit und Utopie ausspielen. Die direkte Demokratie,
so sagt man, war gut für die altgriechischen Stadtstaaten oder
die Schv..reizer Kantone im Mittelalter, in denen die Gruppe der
freien f\..E inner auf einen Marktplatz passte. Unseren groGflä­
chigen Nationen und modernen Gesellschaften hingegen ent­
spreche ausschließlich die repräsentative Demokratie. Indes­
sen isc das Argument nicht so schlagend, wie es gern vväre.
Anfang des 19. Jahrhunderts hatten die französischen Reprä­
sentanten keine Schwierigkeiten damit, die Gesamtheit der
Wähler in der Kreisstadt des Kantons zu versammeln. Man
musste nur die Zahl der berechtigten Wähler gering halten,
vvas man ganz einütch dadurch erreichte, dass man das Recht,
die Repräsentanten zu \vählen, den Besten der Nation vorbe­
hielt, d.h. denen, die einen Zensus von 300 Francs bezahlen
konnten. In diesem Sinne sagte Benjamin Constant: "Die
Direktwahl ist die einzig vvahre repräsentative Regierung."'
Und noch 1963 verortete Hannah Aremit die \vahre Macht des
Volkes in der revolutionären Form der Räte, die die einzig vvirk­
same politische Elite konstituieren konnte, nämlich die vor Ort

Zit. n. Pkrn.' Ros;ltll'<lllon, l.e Swre dti citnyen. 11i;.tnirv du su_jfrage Uniuersel en Fnmce
(Parb: Gallimard !9<)2), S. 281.
Demokratie, [?.epublik, Repräsentution

selbst gewählte Elite derjenigen, deren Glück darin besteht,


sich um die ötlentlichen Angelegenheiten zu bemühen.'
Um es anders auszudrücken: Die Repräsentation ·wurde
nicht als ein System erfunden, das aufdas stetige Anwachsen
der Bevölkerungen reagieren sollte. Das repülsentative System
ist nicht die Anpassung der Demokratie an die modernen
Zeiten und die weiten Räume. Es ist vielmehr eine oligar�
chisehe Form vollen Rechts, eine Repräsentation von Minder­
heiten, die dazu berechtigt sind, sich um die Angelegenheiten
der Gemeinschaft zu kümmern. In der Geschichte der Reprä­
sentation sind es immer zuerst Stände, Orden oder Besitz­
stände, die repräsentiert werden, entweder weil sie als etwas
angesehen \Verden, das zur Machtausübung befugt, oder \veil
eine souveräne Macht ihnen gelegentlich eine beratende Stel­
lung einräumt. Genauso \Venig ist die ·wahl an sich eine demo­
kratische Form, durch die das Volk seine Stimme hörbar
machen \vürde. Ursprünglich ist sie vielmehr der Ausdruck
j
einer Zustimmung die eine höhere Macht einfordert und die
nur dann \-Virklich als Zustimmung gilt, wenn sif einstimmig
erfolgt.' Dass man die Demokratie völlig selbstvetständlich mit
einer gewählten, repräsentativen Regierungsform gleichsetzt,
ist dagegen ein historisch noch sehr j unges Phänomen, Ihrem
Ursprung nach ist die Repräsentation e entlich das genaueig
Gegenteil der Demokratie. Zu Zeiten der amerikanischen und
französischen Revolutionen ist dies auch jedermann bekannt.
Und die Gründungsviüer sowie viele ihrer französischen Nach­
eiferer sehen darin gerade das rechte Mittel für die Elite, die
Macht, die sie dem Volk zuerkennen muss - die das Volk jedoch
nicht ausüben könnte, ohne das Regierungsprinzip selbst zu

Vg!. Hannah Arendt, ()berdie Revolution {1Ylünchen: Piper 196;l, S. :141ll.


Vgl. hierzu RosanvaHon, Le Sacre du citoyen und Manin, Principcs du gouuernement
reprE.1entati(.
Der Hass der Demokratie

zerrütten , de facto im Namen des Volkes auszuüben.4 Die


-

Schüler Rousseaus lassen ihrerseits die Repräsentation nur auf


Kosten der wahren Bedeutung des Wortes gelten, d.h. auf
Kosten der Repräsentation der Privatinteressen. Der allge­
meinf' Wille ist unteilbar und die Abgeordneten repräsentieren
nur die Nation im Allgemeinen. Heute mag die "repräsentative
Demokratie'' \Vie ein Pleonasmus anmuten. Aber zuerst·war sie
ein Oxymoron.
Das bedeutet nun weder, dass man den Vermittlungen oder
Usurpationen der Repräsentation die Tugenden der direkten
Demokratie entgegensetzen muss, noch, dass man den verlo­
genen Schein der formalen Demokratie vervverfen und an die
Geltung der wirklichen Demokratie appellieren muss. Es ist
genauso falsch, die Demokratie mit der Repräsentation zu
identifizieren, wie aus der einen die Widerlegung der anderen.
zu machen. Denn tatsächlich bedeutet Demokratie, dass die
juridisch-politischen Formen der Verfassungen und der staat­
lichen Gesetze nie in ein und derselben Logik begründet sind.
Was man "repräsentative Demokratie" nennt und richtiger "par­
lamentarisches System" nennen müsste oder, wie Raymond
Aron, "pluralistisches konstitutionelles Regime", ist eine Misch­
form: eine Funktionsform des Staates, die ttrsprünglich auf
dem Privileg der "natürlichen" E liten gründet und durch die
demokratischen Kämpfe langsam von seiner Funktion abge­
lenkt vvurde. Die blwige Geschichte der Kämpfe um die Reform
des Wahlsystems in Großbritannien ist dafür sicher eines der
besten Zeugnisse, das jedoch gern hinter der Idylle einer eng­
lischen Tradition "liberaler" Demokratie versteckt wird. Das
allgemeine \Vahlrecht ist in keiner Weise eine natürliche Folge
der Demokratie. Denn die Demokratie hat keine natürlichen

' So schreibt )ohn Adam'i: Die Dcmokr.!!ie bed<.'Utet nichts <mden•s als .,der Begriff
"
eines Volkes, llns gar keine Regierung bar". Zit. n. Benlinde J.aniel. Le Mot ,.democracy
et son histoire c:wx Etats-[Jrds de q8o a t8'J6 (Saim· Etienne: Pressö Universitaires de
Saim·Etiennt• 19951, S. 65.

66
fkmoknJ!ie, Republik, Rcprilsei'ilation

Folgen, gerade \Veil sie die Teilung der "Natur" ist, das zer­
schnittene Band zwischen natürlichen Fähigkeiten und Regie­
rungs formen. Dem gegenüber ist das allgemeine VVa hlrech \
eine aus der Oligarchie geborene, durch den demokratischen
Kampf ent\vendete und von der Oligarchie immer wieder
zurückeroberte Mischform, die ihre Kandidaten der Entschei­
dung der \..Vählerschaft anbietet, ohne je das Risiko ausschlie­
ßen zu können, dass die VVählerschaft sich verhält, als würde
sie Lose ziehen,
Die Demokratie identifiziert sich niemals mit einer jpri­
disch··politischen Form. 'Nas allerdings nicht heißt, dass sie die­
sen Formen gleichgültig gegenübersteht, sondern vielmehr
dass die Macht des Volkes immer diesseits oder jenseits von
ihnen steht. Diesseits, weil diese Formen nicht funktionieren
können, ohne sich in letzter Instanz aufjene Macht der Unfa­
higen zu beziehen, die die Macht der Fähigen sov·mhl begrün­
det wie verneint, auf eine Gleichheit, die für das Funktionieren
der ungleichheitliehen Maschinerie notwendig ist. jenseits, \veil
die Machtformen selbst vom Spiel der Regierungsqwschinerie
beständig neu vereinnahmt werden und sich in die ,,natürli­
che" Logik der Regierungstitel einschreiben, d.h. in die Logik
der Ununterscheidbarkeit von Privatem und Öffentlichem.
"
?_obald die Verbindung zur Natur unterbrochen wird und die
Regierungen gezwungen sind, sich als Instanzen des Gemein­
samen der Gemeinschaft zu verstehen, d.h. getrennt von der
Logik der Autoritätsbeziehungen, die der Reproduktion des
Gesellschaftskörpers immanent sind, existiert ein öffentlicher
Raum. Dieser Raum isteiner der Begegnung und des Konflikts
,
zwischen den zwei entgegengesetzten Logiken der Polizei und
der Poll.tik, zwischen de:J;,patürlichen Regierung der sozialen
Kompetenzen und der Regierung der Beliebigen. Es ist die
spontane Praxis einer jeden Regierung, dass sie versucht, die­
sen öffentlichen Raum zu verkleinern, ihn zu ihrer Privatange­
legenheit zu machen, indem sie die Interventionen und Inter-
Der Hass der Dernokrurü•

ventionsorte der nicht staatlichen Akteure ins Privatleben


zurückdrängt. In diesem Sinne bezeichnet die Demokratie
gerade nicht die Lehensform von Individuen, die sich um �hr
privates Glück sorgen, sondern im Gegenteil den Kampf gegen
diese Privatisierung; sie bezeichnet, anders gesagt, den Envei­
terungsprozess der Öffentlichkeit. Und anders als der soge­
nannte liberale Diskurs es behauptet, ist eine solche Erweite­
rung des öffentlichen RaumeS auch nicht mit der Forderung
nach mehr staatlicher Intervention gleichzusetzen. Im Gegen­
teil: Es geht darum, gegen die Aufteilung von Öffentlichem und
Privatem zu kämpfen, die die doppelte Herrschaft der Oligar::
chie im Staat und in der Gesellschaft gewährleistet
Historisch betrachtet, bedeutet diese Ervveiterung zwei Dinge:
zum einen den Kampf um die Anerkennung derer, die das
staatliche Gesetz ins private Leben der minderen WesenM_yer­
wiesen hat, als Gleiche und politische Subjekte; und sodann
den Kampf tim die Anerkennung bestimmter Raumtypen und
Beziehungen, die der Verschwiegenheit der Macht des Reich­
tums überlassen waren, als öffentliche. Damit gingen zunächst
Kämpfe einher:, deren Ziel es war, diejenigen in die Gruppe d er
\Vähler und Wählbaren einzuschließen, die die polizeiliche
Logik ganz selbstverständlich davon ausgeschlossen hatte: all
jene also, die keinerlei Befugnis haben, am öffentlichen Leben
teilzunehmen, weil sie nicht zur "Gesellschaft" gehören, son­
dern nur zum häuslichen und reproduktiven Leben, insofern
ihre Arbeit einem Arbeitgeber oder einem Ehemann gehört.
Die Rede ist von Lohnarbeitern, die lange Zeit wie Domestiken
behandelt wurden, die von ihrem Herrn vollkommen abhängig
und deswegen unfähig waren, einen eigenen Willen zu haben,
und von Frauen, die sich dem Willen ihrer Ehemänner unter­
werfen mussten und sich allein der Sorge um die Familie und
das häusHche Leben wjdmen konnten. Weiterhin hatte die
Erweiterung des öffentlichen Raums auch Kämpfe gegen die
natürliche Logikdes \Vahlsystems zur Folge, die aus der Reprä-

68
Demokratie, Republik, Repn:isentation

sentation eine Repräsentation der herrschenden Interessen


und aus der Wah l ein Dispositiv macht, das einzig der Abseg­
nung von offiziellen Kandidaturen, von Wahlbetrug oder der
Monopolisierung von Kandidaturen dient. Zugleich aber
umschließt diese En.veiterung auch all jene Kämpfe, die den
öffentlichen Charakter der Räume, Beziehungen und Institu­
tionen herausstellen, die gemeinhin als privat angesehen wer­
den. Aufgrund ihrer Schauplätze und Gegenstände wurden sie
zumeist als soziale Bewegung beschrieben: Streitigkeiten über
Löhne und Arbeitsbedingungen, Schlachten um das Gesund­
heits- und Rentensystem. Doch diese Bezeichnung ist nveideu­
tig, denn sie setzt eine Aufteilung des Politischen und des Sozi­
?len, des Öffentlichen und des Privaten als gegeben voraus, die
zuallererst ein Einsatz im politischen Kampf um Gleichheit
_j oder Ungleichheit ist. Der Streit u m die Löhne vvar zuerst ein
Streit mit dem Ziel, die Lohnbeziehung zu entprivatisieren und
so zu zeigen, dass sie wedereine Beziehung zwischen Herr und
Diener noch ein einfacher Vertrag ist, der von Fall zu Fall zwi­
schen zwei privaten Individuen abgeschlossen wi)d. Stattdes­
sen sollte der Streit herausstellen, dass es sich hierbei um eine
öffentliche Angelegenheit handelt, die ein Kollektiv betrifft und
folglich Tei l der Formen kollektiven Handelns, der öffentlichen
Diskussion und der legislativen Regelung 1st. Das "Recht auf
Arbeit", das die Arbeiterbev,regungen des 19. Jahrhunderts ein­
gefordert haben, bedeutet zunächst gerrau das: nicht die Unter­
stützung und Absicherung durch einen "Wohlfahrtsstaat", auf
die man dieses Recht zu reduzieren versuchte, sondern die
Bestimmung der Arbeit als Struktur des kollektiven Lebens,
das sich der ausschließlichen Herrschaft des Rechts der Privat­

interessen entzieht und e m natürlichen.veise unbegrenzten
Prozess der Reichtumssteigerung eine Grenze setzt.
Denn sobald die Herrschaft aus einer ersten Ununterscheid­
barkeit herausgetreten i�J, wird sie durch eine Logik der Auf­
teilung und Verteilung von Sphären oder Bereichen ausgeübt,

6g
die selbst in sich gedoppelt ist. Einerseits gibt sie vor, den
Bereich des Öffentlichen von den gesellschaftlichen Privatin­
teressen zu trennen, I n diesem Sinne deklariert sie, dass dort,
wo sie anerkannt \vird, die Gleichheit der "Menschen" und der
" Bürger" ausschließlich im Hinblick auf die konstituierte poli­
tisch-juridische Sphäre existiere, und dass dort, wo das Vol k
der Souverän ist, e s dies n u r durch die Handlungen seiner
Repräsentanten und seiner Regierenden sei. Die Herrschaft
unterscheidet das Öffentliche, das allen gehört, vom Privaten,
in dem die Freih ei t eines jeden regiert. Doch diese Freiheit
eines jeden ist die Freiheit- d.h. die Herrschaft - derer, die über
die gesellschaftsimmanenten Mächte verfügen. Es ist die Herr­
schaft des Gesetzes zur Reichtumssteigerung. Die angeblich
von Privatinteressen gereinigte Sphäre des Öffentlichen wird
so zugleich zu einer begrenzten, privatisierten öffentlichen
Sphäre, die dem Spiel der Institutionen und dem Monopol
derer, die die Märkte bestimmen, vorbehalten ist. Diese beidel)
Bereiche werden prinzipiell nur deshalb unterschieden, Uf!!
besser unter dem oligarchischen Gesetz vereint zu werden. Die
amerikanischen Gründungsväter oder die französischen Par­
teigänger des Zensussystems (n!gime censitaire) haben n'ichts
Böses darin gesehen, die Figur des öffentlichen Menschen, der ·
sich über die kleinlichen Interessen des ökonomischen und
sozialen Lebens erheben kann, mit der Figur des Besitzers zu
identifizieren. Die demokratische Bewegung ist somit tatsäch­
lich eine doppelte Bevvegung der Grenzüberschreitung: Sie
zielt einerseits darauf ab, die Gleichheit des öffentlichen Men­
schen auf andere Bereiche des gemeinschaftlichen Lebens aus­
zmveiten und insbesondere auf all jene, die von der kapitalis­
tischen Grenzenlosigkeit des Reichtums regiert werden; und
andererseits unterstreicht sie, dass diese ohne Unterlass priVa�
tisierte öffentliche Sphäre allen und jedem gehört.
(
Hier konnte nun die oft kommentierte Dualitätvon Mensch
und Bürger ins Spiel kommen. Diese Dualität ist von ihren Kri-
Demokratie, Republik, Repnhelllation

tikern, von Edmund Burke bis Giorgio Agamben, über Karl


Marx und Hannah Are-ndt, im Namen einer einfachen Logik
angefochten worden: Wen n die Politik statt eines zwei Prin­
zipien benötigt, dann aufgrund eines Fehlers oder einer Täu­
schung. Eines dieser Prinzipien musste illusorisch sein, wenn
nicht sogar beide. Die Menschenrechte sind leer bzw. tautolo­
gisch, sagen Burke und Arendt. Denn ent\·veder sind sie die
Rechte des nackten Menschen. Doch hat der nackte Mensch,
der Mensch, der keiner konstituierten nationalen Gemein­
schaft angehört, kein Recht, und damit sind die Menschen­
rechte die leeren Rechte derjenigen, die keine Rechte haben.
Oder sie sind die_Rechte der Menschen, die einer nationalen
Gemeinschaft angehören. Dann allerdings sind sie einfach nur
die Bürgerrechte dieser Nation, die Rechte jener, die Rechte
haben, also eine reine Tautologie. Im Gegensatz dazu sieht
Marx in den Bürgerrechten die Konstitution .e iner idealen
Sphäre, deren Realität die Menschenrechte sind. Der Mensch
der Menschenrechte ist bei ihm nicht der nackte, sondern der
besitzende Mensch, der unter der Maske des gleicjlen Rechts
.
filr alte das Gesetz seiner Interessen, d.h. das Geset'z des Reich­
tums geltend macht.
Diese ' beiden Positionen haben ein qp grundlegenden
gemeinsamen Nenner: nämlich den von Platon geerbten 'Nil­
Jen, die Dualität von Mensch und Bürger auf das Paar Illusion
und Wirklichkeit zu reduzieren, so dass das Politische nur über
ein einziges Prinzip verfügt. Beide Positionen weisen die Tatsa­
che zurück, dass das "Eine" der Politik nur durch den an-archi­
schen Zusatz existiert, den das Wort "Demokratie" bezeichnet.
Man stimmt Arendt gern zu, dass der nackte Mensch keine
Rechte hat, dass er kein p,Q,litisches Subjekt ist. Doch der Bürger
der Verfassungstexte ist genauso wenig ein politisches Subjekt.
Denn die politischen Subjekte identifizieren sich \veder mit
"Menschen" oder Ansammlungen von Bevölkerungen noch
mit Identitäten, die von Verfassungstexten bestimmt \Verden.

7'
Der Hass der Oernokmtie

Sie bestimmen sich vielmehr immer durch ein Intervall zwi�


sehen den Identitäten, egal ob diese durch soziale Beziehungen
oderjuridische Kategorien bestimmt \Verden. Der "Bürger" der
revolutionären Salons ist derjenige, der den konstitutionellen
Gegem<Jtz zwischen aktiven Bürgern (die in der Lage sind, den
Zensus zu bezahlen) und passiven Bürgern zurückweist. Der
Arbeiter oder Werker ist ein politisches Subjekt, wenn er sich
aus der Zuordnung zur privaten, nicht politischen Welt löst, die
seine Bezeichnung als Arbeiter oder VVerker impliziert. Poli­
tische Subjekte existieren im Intervall zwischen verschiedenen
Subjektnamen. Mensch und Bürger sind solche Namen, sie
sind Namen des Gemeinsamen, deren Ausdehnung und Ver­
ständnis gleichermaßen umstritten sind, und die sich aus die­
sem Grund für eine politische Supplementierung eignen, für
eine Übung, die erprobt, auf \Yelche Subjekte diese Namen
angewendet werden und welche Macht sie in sich tragen. Di ;·
Dualiült von Mensch und Bürger konnte zur Konstruktion poli­
tischer Subjekte dienen, ir;t sofern sie die doppelte Logik der
Herrschaft ebenso herausgestellt vvi·e hinterfragt hat. Diese
Logik trennt den öffentlichen Menschen vom privaten Indivi­
duum, um so in beiden Sphären eine effektivere Beherrschung
zu gewährleisten. Und um zu verhindern, dass diese Dualität
mit dem Gegensatz von \Virklichkeit und Illusion gleichgesetzt
wird, muss man sie erneut teilen. Die politische Handlung
indessen setzt der polizeilichen Logik der Aufteilung der Sphä­
ren eine andere Venvendung desselben j uridischen Textes ent­
gegen, eine andere Inszenierung der Dualität von öffe ntlichem
und privatem Menschen. Sie bringt die Aufteilung der Begriffe
und der Orte durcheinander, indem sie den Menschen gegen
den Bürger und den Bürger gegen den Menschen ausspielt Der
Bürger als politischer Name setzt die Regel der Gleichheit, wie
sie vom Gesetz und se i nem Prinzip testgelegt ist, den Ungleich­
heiten entgegen, die die "Menschen" - die privaten Individuen,
die der Macht der Geburt und des Reichtums untenvorfen sind
Oemokrillic, l?.epuhlik, nepnisen'ation

- charakterisieren. Und umgekehrt geht der Vervveis auf den


"Nlenschen" damit einher, dass die gleiche Fähigkeit aller den
Privatisierungen der Staatsbürgerschaft entgegengesetzt wird,
nämlich derjenigen Privatisierung, die einen bestimmten 1��il
der Bevölkerung von der Staatsbürgerschaft ausschließt, oder
der, die einen bestimmten Bereich des kollektiven Lebens von
der geltenden Gleichheit der Bürger ausnimmt. Jede dieser
Bezeichnungen spielt also auf polemische \Veise die Rolle des
Universalen, das sich dem Partikularen entgegenstcUt. Auf
diese \Veise kann der Gegensatz von "nacktem Leben" und poli­
tischer Existenz selbst politisiert \vcrden.
Das zeigt der berühmte Syllogismus, den Olympe de Gouges
im IO. Artikel ihrer Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin
von 1791 formuliert: "Die Frau hat das Recht, das Schafott zu
besteigen; sie muss gleichermaßen das Recht haben, die Tri­
büne zu besteigen."" Dieses Argument ist aufbizarre Weise mit­
ten in die Erklärung des Rechts der Frau auf freie Meinungs­
äußerung eingefügt, die von der der Männer abgeschrieben ist:
"Niemand darf wegen seiner Überzeugungen, au9h \Venn sie
grundsätzlicher Art sincl, belangt \verden [ ] unter· der Voraus­
...

setzung, dass ihre Bekundungen nicht die durch das Gesetz


festgelegte öffentliche Ordnung stören." Doch diese Bizarrerie
+>
markiert nur zu gut die Verschiebung im Verhältnis von Leben
und Staatsbürgcrschaft, eine Verschiebung, die die Forderung
nach einer Zugehörigkeit der Frauen zur Sphäre der öffentli­
chen Meinungsäußerung begründet. Der Ausschluss der Frauen
vom Genuss der Bürgerrechte ist im Namen der Aufteilung von
öflit.•ntlicher und privater Sphäre vollzogen worden: Insofern sie
dem häuslichen Leben angehören, d.h. der VVelt des Partiku­
laren, sind sie dem UniveJ��alen der bürgcdichen Sphäre fremd.
Olympe de Gouges kehrt das Argument um, indem sie sich auf

Vgl. Olympe de Gouges: "Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin", in: Kar!
fkinz Burmeister: Olymp<' de Gouges. Die Rechtr der Fruu 1791 (ßern: Stämpfli 1999}.
- S. !60-163. [A.(\.
Ü.]

7J
Der 1/,JS.\ der Demokratie

jene These stützt, die aus der Bestrafung das "Recht" des Schul­
digen macht: Wenn die Frauen das Recht haben, "das Schafott
zu besteigen", wenn eine revolutionä-re Macht sie dazu verurtei­
len kann, dann nur, weil ihr nacktes Leben selbst politisch _ist'
Die Gleichheit des Todesurteils hebt die Selbstverständlichkeit
der Unterscheidung von häuslichem und politischem Leben
auf. Und die Frauen können so ihre Rechte als Frauen und Bür­
gerinnen einfordern, ein identisches Recht, das sich jedoch nur
in dieser Form des Zusatzes (supplement) durchsetzt.
Damit widerlegen sie defacto das Argument von Burke ?der
Arendt. Denn diesen zu folge sind entweder die Menschen­
rechte die Bürgerrechte, d.h. die Rechte derer, die Rechte
haben, und folglich eine Tautologie; oder die Bürgerrechte sind
die Menschenrechte. Da aber der nackte Mensch keine Rechte
hat, sind sie dann die Rechte derer, die keine Rechte haben und
damit eine Absurdität. Olympe de Gouges und ihre Mitstreite­
rinnen fügen jedoch in die imaginären Klemmen dieser
logischen Zange eine dritte Möglichkeit ein: Die "Rechte der
Frau und Bürgerin" sind die Rechte derjenigen, die nicht die
Rechte haben, die sie haben, und die die Rechte haben, die sie ')
nicht haben. Willkürlich vverden ihnen die Rechte vorenthal­
ten, die die Erkfärung der A'fenschenrechte unterschiedslos den
Mitgliedern der französischen Nation und der menschlichen
Gattung zuspricht. Durch ihr Handeln aberüben sie gleichzei-
tig das Recht von Bürger( innen) aus, das das Gesetz ihnen nicht
zugesreht und dadurch zeigen sü•, dass sie sehr wohl diese
ihnen venvehrten Rechte haben. "Haben" und "Nichthaben"
)
sind Begriffe, die sich verdoppeln. Und die Politik ist der Vor-
gang dieser Verdoppelung. Die junge schwarze Frau, die a n (
einem Dezembertag im Jahr I955 in Montgomery (Alabam<i) im
Autobus auf ihrem Platz sitzen blieb, der nicht ihr Patz war,
beschloss damit zugleich, dass sie als Bürgerirr der Vereinigten
Staaten von Amerika ein Recht hatte, das sie \Viederum nicht
hatte als die Bewohnerirr eines Staates, der es jedem Bürger mit
Demokratie, Republi( Rqmiwntution

mehr als I/I6 "nicht kaukasischen" Blutes verwehrte.� Und die


Sch\varzen von Montgomery, die sich anlässlich dieses Kon­
flikts zwischen einer Privatperson und einer Transportfirma
entschieden, diese Firma zu boykottieren, handelten politisch:
Insofern nämlich, als sie die doppelte Ausschluss- und Ein­
schlussbeziehung ausstellten, die der Dualität von Mensch und
Bürger eingeschrieben ist.
Denn das bedeutet der demokratische Prozess: Er bezeichnet
Handlungen von Subjekten, die auf das Intervall zwischen den
Jdentitäten einwirken und so die Aufteilungen von Privatem
und Öffentlichem, Universalem und Partikularem verändern.
Die Demokratie kann somit nicht einfach als Herrschaft des
Universalen über das Partikulare verstanden \Verden. In der
polizeilichen Logik nämlich wird das Universale unaufhörlich
privatisiert und auf die Verteilung von Geburt, Reichtum und
"Fähigkeit" reduziert, die im Staat nicht \Vcniger als in der
Gesellschaft virulent ist. Diese Privatisierung \vird gern im
Namen der Reinheit des öffentlichen Lebens vorgenommen,
die man den Besonderheiten des privaten Lebens odf rdcr sozi­
alen Welt entgegenhält. Doch ist diese angebliche RCinheit des
Politischen nichts als die Reinheit einer Verteilung der Begriffe,
die Verteilung der tatsächlichen Beziehungen, die zwischen
den sozialen Formen ökonomischer Machf' und den Formen
der staatlichen Privatisierung der Macht aller etabliert werden.
Das Argument bestätigt nur, was es voraussetzt: die Trennung
zwischen denen, die dazu "bestimmt" sind, sich um das öffent�
liehe Leben und die Verteilungvon Öffentlichern und Privatem
zu kümmern, und denen, die es nicht sind. Der demokratische
Prozess muss das Universale also permanent als polemische

Zu clen Raswngeseu.gebungen der Süllstaaten vgl. l'aLJ!i Munily (Hg.), St'-1/e�· Law�
on Raceand Color. Studies in the legal history o{tht' South (Athens: Uniwrsity ofGeorgia
Press 1997). Denen, die zu jedem Anlass Jie Fahrwdes " Kommunitarlsmus'' hoch hal­
ten. kann di<.>se Lt•ktüre einen präliseren Begriff davon geben, was der Schutz einer
Identität Jer Gemeinsch<1ft im strengen Sin11e bedeuten bnn.

75
Der Iias:. der Demokratie

Form aufs Spie! setzen. Er ist der Prozess dieses ständigen Aufs�
Spiel-Setzens, der Erfindungvon Subjektivierungsformen und
von Situationen der Erprobung oder Verifizierung, die die fort�
laufende Privatisierung des ölfentlichen Lebens stören. Demo�
kra.ti€ bedeutet in diesem Sinne sehr wohl die Unreinheit der
Politik: ? ie bedeutet, den Anspruch der Regierungen zurück�
zuweisen, ein einziges Prinzip des öffentlichen Lebens zu ver­
körpern und so das Verständnis und das Ausmaß dieses öffent­
lichen Lebens zu begrenzen. VVenn es eine "Grenzenlosigkeit"
gibt, die der Demokratie eigen ist, dann besteht sie nicht in der
exponentiellen Vervielfachung der individuellen Bedürfnisse
oder Begehren, sondern in jener Bewegung, die ohne Unterlass
die Grenzen Z'A'ischen dem Öffentlichen und dem Privaten, dem
Politischen und dem Sozialen verschiebt.
Die sogenannte republikanische Ideologie lehnt diese inhä­
rente Verschiebung der Politik ab. Stattdessen verlangt sie die
strikte Abgrenzung der politischen von der sozialen Sphäre
und begreift die Republik als die Herrschaft eines Gesetzes, das
allen Besonderheiten gegenüber gleichgültig ist. So hat sie in
den I980er Jahren im Streit über die Schulreform argumentiert:
Sie hat die einfache Doktrin einer republikanischen und lai­
zistischen Schule propagiert, die allen Schülern, ungeachtet
der sozialen Unterschiede, dasselbe Wissen vermittelt. Sie hat
die Trennung zwischen der schulischen Bildung, d.h. der Über­
mittlung von Wissen, die eine ö ffentliche Angelegenheit ist,
und der Erziehung, die Privatsache ist, als republikanisches
Dogma durchgesetzt. Schließlich hat sie darin, dass die Gesell­
schaft in die schulische Institution eingedrungen sei, die Ursa­
che für die "Krise der Schule" erkannt und die Soziologen
beschuldigt, zu Instrumenten dieser Invasion gevvorden zu sein (
- denn sie hätten Reformen vorgeschlagen, die die Venvechs­
lung von Erziehung und schulischer Bildung nachdrücklich
forciert hätten. Dieser Auffassung nach schien sich die Repu­
blik also als Herrschaft der Gleichheit zu begreifen, die in der
Demokratie. Rep1.1blik, Repräsenta•irm

Neutralität der staatlichen Institution, die den sozialen Unter­


sch ieden gegenüber gleichgültig ist, ihren Ausdruck findet.
Man könnte sich darüber \�.rundem, dass der y.,.·ichtigste Theo­
retiker der laizistischen und republikanischen Schule heute das
Gesetz der Abstammung, verkörpert vom Vater, der seine Kin­
der zum Studium der heiligen Texte anhält, als das einzige Hin­
dern is gegen den Selbstmord der demokratischen Menschheit
präsentiert. Tatsächlich aber ven.veist dieses scheinbare Para­
dox auf das Missverständnis, das in der einfachen Referenz auf
die republikanische Tradition der Trennung von Staat und
Gese!lschaft versteckt \var.
Denn das VVort "Republik" kann nicht einfach nur die Herr­
scha ft des ftir alle gleichen Gesetzes bedeuten. Republik ist ein
missverständlicher Begriff, bewohnt von der Spannung, die der
Wille, die Exzesse der Politik in die institutionellen Formen des
Politischen einzuschließen, hervorruft. Der Einschluss dieses
Exzesses bedeutet Z\Vei gegensätzliche Dinge: Einerseits bedeu­
tet er, dem Exzess selbst ein Recht einzuräumen, indem er in
den Texten und Formen der gemeinschaftlichen Institution
l
festgeschrieben vvird; andererseits wird der Exzes f,l UJ-ch sei­
nen Einschluss beseitigt, insofern die St<\atlichen Gesetze mit
den gesellschaftlichen Sitten gleichgesetzt werden. Auf der
einen Seite identifiziert sich die modermtRepublik mit der
Herrschaft eines Gesetzes, das dem Volkswillen entspringt und
den Exzess des demos mit umfasst. Aber auf der anderen Seite
verlangt der Einschluss dieses Exzesses nach einem regulativen
Prinzip: Die Republik braucht nicht nur ein republikanisches
Gesetz, sondern auch republikanische Sitten. Derart ist die
Republik ein Regime der I--Iomogenität der staatlichen I nstitu­
tionen und gesellschaftlichen Sitten. Und so betrachtet, geht
"'-'):oo
die republikanische Tradition nicht aufRousseau oder Machi-
avelli, sondern vielmehr auf die platonische politeia zurück.
Doch die politeia ist nicht die Herrschaft der Gleichheit durch
das Gesetz, d.h. der "arithmetischen" Gleichheit ZV1.rischen

77
Der f-iiJss Jer Demokratie

gleichvvertigen Einheiten. Sie ist die Herrschaft der geometri� .


sehen Gleichheit, die diejenigen, die mehr wert sind, über die
anderen stellt, die ·weniger wert sind. Ihr Prinzip ist nicht das
geschriebene Gesetz, das unterschiedslos für alle gilt, sondern
die Erziehung, die einen jeden und jede Klasse mit der Fähig�
keit aUS§tattet, die ihrem Platz und ihrer Funktion entspricht.
Die so verstandene Republik setzt nicht ihre Einheit der sozi�
alogischen Gleichheit entgegen. Denn die Soziologie ist gerade
nicht die Chronik der sozialen Unterschiede; sondern die
Vision eines homogenen Gesellschaftskörpers, der sein innereS
vitales Prinzip der Abstraktion des Gesetzes entgegenhält.
Republik und Soziologie sind in diesem Sinne Z\vei Namen
desselben Projekts: jenseits des demokratischen Risses eine
politische Ordnung wiederherzustellen, die mit der Lebens�
weise einer Gesellschaft homogen ist. Das ist es, was Platon
vorschlägt: eine Gemeinschaft, deren Gesetz nicht in toten For­
meln erstarrt, sondern als der Atem der Gesellschaft selbst gilt
- die Ratsch läge der Weisen und die von den Körpern der Bür­
ger seit ihrer Geburt verinnerlichte Bewegung, die in den tan­
zenden Chören der polis zum Ausdruck kommt. Und nach der
Französischen Revolution wird die moderne Soziologie dann
gegen den "protestantischen", individualistischen Riss des
alten, durch die Macht der Geburt organisierten, sozialen
Gewebes vorgehen; und sie \Vird der demokratischen Verstreu­
ung die Neubildung eines Gesellschaftskörpers entgegenset­
zen, dessen Funktionen und natürliche Hierarchien gut verteilt
sind und der durch gemeinsame Überzeugungen geeint ist.
Die republikanische Idee kann also nicht als Begrenzungder
Gesellschaft durch den Staat bestimmt \Verdcn. Sie impliziert
"
immer eine Erziehungsarbeit, die eine Harmonie zwischen den
Gesetzen und Sitten, dem System der institutionellen FfuJnen
und der Beschaffenheit des Gesel!schaftskörpers schafft oder
\Viederherstellt. Es gibt nvei Weisen, diese Erziehung zu den­
ken. Manche sehen sie bereits im Gesellschaftsk9rper am Werk,
Demnkralif. Reptiblik, Rcprii.1et1to1ion

dem man sie folglich nur herauslösen muss: Die Logik der
Geburt und des Reichtums bringt eine Elite der "Fähigkeiten"
hervor, die über Zeit �nd Mittel verfügt, um sich zu bilden und
derdemokratischen Anarchie das repu�likanische Maß aufzu�
nvingen. Das ist der Gedanke, der bei den amerikanischen
Gründervätern vorherrscht. Für andere hingegen ist das Sys­
tem der Fähigkeiten zerfallen, und das Wissen muss eine neue
Harmonie zwischen Staat und Gesellschaft schaffen. Dieses
Denken hat in Frankreich das erzieherische Unternehmen der
Dritten Republik begründet. Allerdings hat sich dieses Unter­
nehmen nie aufdas einfache Modell reduziert, das die ,,Repu­
blikaner" unserer Zeit entworfen haben. Denn es war ein
Kampf an nvei Fronten. Es wollte die Eliten und das Volk
sowohl der Macht der katholischen Kirche als auch der Monar­
chie, der sie diente, entreißen. Zugleich hat dieses Programm
nichts mit dem Projekt einer Trennung von Staat und Gesell­
schaft, schulischer Bildung und Erziehung gemeinsam. Die
junge Republik unterschreibt tatsächlich das soziologische Pro­
gramm, das ein homogenes soziales Gewebe neu schaffen Vl'ill,
das, jenseits des revolutionären und demokratisc en Risses, h
die Nt:�chfolge des alten Geflechts von Monarchie und Religion
antritt. Daher ist es für sie wesentlich, dass schulische Bildung
und ErLiehung ineinander greifen. Die Sähe, die die Grund­
schüler in die Welt des Lesensund Schreibens einführen, müs­
sen untrennbar mit den moralischen Tugenden verbunden
sein, die deren Gebrauch festlegen. Und am anderen Ende des
Spektrums sollen die Beispiele aus der lateinischen Literatur
ohne unnötige philologische Subtilitäten der herrschenden
Elite ihre Tugenden vermitteln.
Das ist auch der Grund, warum die republikanische Schule
"
von An�:'lng an z�,ovisch-e n"" Z\vei entgegengesetzten Visionen
gespalten ist Dem Program m von Jules Ferry liegt die Glei­
chung zugrunde, die zwischen der Einheit des Wissens und der
Einheit des Volksvvillens aufgestellt wird. Indem Ferry Repu-

79
Der fla_�_� der Dcrnokmtie

blik und Demokratie als untrennbare soziale und politische


Ordnungen gleichsetzt, verlangt er im Namen von Condorcet
und der Revolution ein Bildungswesen, das vom tiefsten bis
zum höchsten Grad homogen sein solL Auch seine Absicht, die
Grenzen zwischen Grundschule, Oberschule und Hochschule
abzusc J;affen, klingt in den Ohren vieler unserer Republikaner
eher schlecht, ebenso wie seine Parteinahme für eine Schule,
die sich nach außen hin öffnet und in der der frühe Uriterricht
eher auf dem Vergnügen des "Anschauungsunterrichts" (lec;on
de choses) als auf der Nüchternheit der Grammatikregeln be�
ruht. Nicht anders steht es mit seinem Eintreten für einen
modernen Unterricht, der dieselben Berufsaussichten \Vie der
klassische eröffnet.' Zu Ferrys Zeiten ruft sein Engagement
jedenfa!ls die Feindschaft derer hervor, die darin das Eindrin�
gender Demokratie in die Republik sehen. Diese Gegner Fer�
rys kämpfen für einen Unterricht, der die beiden Funktionen
des öffentlichen Schulsystems eindeutig voneinander trennt:
seine Aufgabe, dem Volk das beizubringen, was ihm nützlich
ist, von jener Funktion, eine Elite auszubilden, die in der Lage
ist, sich über den Utilitarismus zu erheben, zu dem die Men�
sehen des Volks verdammt sind.� Für sie muss die Verteilung
eines Wissens immer zugleich die Imprägnierung eines "Mili�

Vgl. die Discoun rt opinions dejules Ferry, hg. ""· Pau! Robiquet {Paris: Armaml Colin
189)- 1898}. Dk Bünde l l l und !V befassen sich mit den Schulgesetzen. Ferdinand
Buisso;l unterstrdcht in seiner Rede anlässlk:h der CCn;monie de Ia Sorbonne en
l'hmme,ir de }irlö Ferry du 20 drkembre I905 die pädagogischt• Radikalität des modera·
ten Ferrv und zitiert insbesondere seine Erklärung aufdem ConqrPs pediiqoqiquevom
19. April 1881: "Von nun ;;n gibt co keint't1 unüberbrückbaren Abgrund mehr zwischen
der Ohersrhule und der Grundschule, wedt•r im Hinblick auf dn.s Person;;! noch auf
die :Vlethoden.'' Man erinnere sich in diesem Zusammenh;,ng an die Kampagne der
"Republikaner'' der 198oer Jahre, die das Eindringen der Grund�rhull(•hrer als ..Lehr­
kräfte ft.lrden allgemeinen Unterricht'' in die Oberschulen verurteilten und, ohnedie
materielle \.Virklichkeit ihrer Fähigkeiten ll! untersuchen, die ,,"Vergrundschulung"
(primarisation) der Oberschulen beklagten.
' VgL Alfi-ed Fouill€e, I-es Etwiesrlassiques et Ia dfmocmtie (Paris: Armami Colin 1898).
Um die Bedeutsamkeil von Fouill€e zu jener Zeit zu verstehen, muss man sich daran
erinnern, d<1ss s<'ine Frau die Autorin des Bestsellers der republikanischen piidago­
gischen Lit<.'ratur Le Ti>ur de Prancr de deux enfant.l ist.

8o
Denwkn11ie. Republik, Repri<sentation

eus" und eines "Körpers" sein, durch die Menschen ihrer sozi­
alen Bestimmung zugeführt vverden. Das absolut Böse ist die
Vermischung der Milieus. Indessen liegt die ·wurzel solcher Ver­
mischung in einem Laster, das zwei bedeutungsgleiche Namen
hat: l:�qalitarismus und Individualismus. Die "Ltlsche Demokra­
tie", die "individualistische" Demokratie führt diesen Kritikern
zufolge die Zivilisation in ein Meervon Übeln, die Alfred Fouil­
Jee im Jahr 1905 beschreibt - in denen der Zeitungsleser von
2005 aber ohne Schvvierigkeiten die katastrophalen Folgen von
r968, der sexuellen Befreiung und der Herrschaft des Massen­
konsums erkennt: "Der absolute Individualismus, dessen Prin­
zipien die Sozialisten allzu oft übernehmen, möchte, dass die
Söhne [ ... ] sich in keiner Weise mit ihren Familien solidarisie­
ren, dass sie jeder wie ein X-beliebiges Individuum seien [ ... ]
vom Himmel gefallen, zu allem zu gebrauchen, ohne andere
Regeln als die Zufalle ihrer Vorlieben. Alles, \:VilS die Menschen
untereinander verbinden kann, scheint eine sklav_ische Verket­
tung mit der individualistischen Demokratie zu sein.
Diese beginnt, sich selbst gegen den Unterschied der
Geschlechter und gegen die Pflichten, die diese nterschiedeJ
mit sich bringen, aufzulehnen: Warum werden die Frauen
anders als die Männer erzogen, getrennt von ihnen und für
andere Berufe? Bringen wit sie alle zusamthen unter dasselbe
Regime und in dieselbe \vissenschaftliche, historische und geo­
grafische Suppe, geben wir ihnen dieselben geometrischen
Übungen; öffnen \vir allen zu gleichen Teilen dieselben Karri­
eren [ . . . j. Das anonyme, asexuelle fndividuum ohne Vorfilhren,
ohne Tradition, ohne Milieu, ohne Verbindung gleich welcher
Art, genau das - Taine hatte es vorausgesagt - ist der Mensch
der falschen Demokratie, derjenige, der wählt und dessen

Stimme für einen zählt, egal ob er Thiers, Gambetta, 1:1.ine,
Pasteur oder auch Vacher heißt. Das Individuum wird letztlich
alleine bleiben mit seinem Ich, anstelle aller ,kollektiven Geis­
ter', anstelle alle � professionellen Milieus, die im Lauf der Zeit

,,
Der Has.1 der Demokratie

solidarische Beziehungen geschaffen und die Traditionen


gemeinsamer Ehre erhalten hatten. Das wird der Triumph des
atomistischen Individualismus sein , d.h. der Triumph der
Kraft, der Zahl und der List.""
Inwiefern die Atomisierung der Individuen für den Triumph
der Zahl und der Kraft steht, könnte dem Leser unklar bleiben.
Doch ge;1au das ist der große Trick, der hinterder Verv·.rendung
des Begriffs " Individualismus" steckt. Dass der Individualismus
gerade bei den Leuten, die ansonsten ihren tiefen Ekel vor dem
Kollektivismus und dem Totalitarismus äußern, so sehr in
Ungnade gefallen ist, erscheint nur aufden ersten Blick rätsel­
haft. Es ist keinesv.'egs die Kollektivität im Ailgemejnen, die
derjenige, der _den "demokratischen Individualismus" an den
Pranger stellt, mit so viel Leidenschaft verteidigt. Ihm geht es
stattdessen um eine bestimmte Kollektivität, die eindeutig hi�­
rarchisierte Kollektivität der Körper, der Milieus und der
,.Atmosphären", die unter der weisen Führung einer Elite das
Wissen den sozialen Rängen anpassen. Und es wird dabei nicht
der Individualismus zurückgewiesen, sondern die Möglichkeit,
dass jeder Beliebige seine Vorrechte teilt. Die Verurteilung des
"demokratischen Individualismus" ist ganz einfach der Hass
der Gleichheit, durch den die herrschende Intelligenzija sich
als die Elite bestätigt, Jic für die Führung der blinden Herde
qualifiziert ist.
Es wäre ungerecht, die _l3.-e publik eines Jules Ferry mit der
von Alfred Fouillec zu verwechseln. Es ist irn Gegenzug jedoch
richtig zu erkennen, dass die "Republikaner" unserer Zeit dem
Z\·veiten näher stehen als dem Ersten. Anstatt Erben der Auf­
kti:irung und des großen Traums von der klugen und egalitären
Erziehung des Volkes, sind sie vielmehr Erben der großen
Obsession des "Zcrfa!ls", der "Auflösung" und der fatalen Ver-

Alfred Fouil!ioe, l.a D(;mocratie politique et sociale en Fn.mce (Paris: Felix Alcan 1910},
S.\3l- IJ2.
Demokratie, l?.epub!ik, Repriisent,Jtion

mischung der Bedingungen und der Geschlechter, die vom


Zusammenbruch der traditionellen Ordnungen und Körper
produziert vverden. Es ist vor allem wichtig, die Spannung zu
verstehen, die die Idee der Republik be\vohnt. Die Republik ist
die Vorstellung eines Systems von Institutionen, Gesetzen und
Sitten, das den demokratischen Exz�ss abschafft, indem sie
Staat und Gesellschaft homogenisiert. Um diese Vorstellung zu
ver\virklichen, bietet sich ganz selbstverständlich die Schule,
über die der Staat zugleich die Ausbildung der Menschen und
Bürger vorantreibt,_ als die am besten geeignete Institution an.
IJi:>nnoch gibt es keinen Grund dafür, dass die Vermittlung von
\Nissen - Mathematik oder Latein, Naturwissenschaften oder
Philosophie - eher die Heranbildung von Bürgern einer Repu­
blik als von Beratern der Prinzen oder Kleriker im Dienste
Gottes zur Folge hat. Die Verteilung von VVissen besitzt nur
insofern eine soziale Wirksamkeit, als sie zugleich auch eine
Verteilung von Positionen und Stellungen ist. Um den Bezug
zwischen diesen beiden Verteilungen auszuloten, braucht es
;:i\so eine zusätzliche VVissenschaft. Diese Königs\yi ssenschaft
hat seit Platon einen Namen. Sie heißt Politikwissenschaft So
wie man sie sich von Platon bis Jules Ferry erträumt hat, müsste
sie die Wissensformen vereinen und, ausgehend von dieser
};
Einheit, einen gemeinsamen \Villen und eine gemeinsame
Richtung von Staat und Gesellschaft bestimmen. Doch dieser
Wissenschaft wird immer das einzig Notwendige zur Regulie­
rung des konstitutiven Exzesses der Politik fehlen: die Bestim­
mung der �ichtigc Proportion zwischen Gleichheit und
Ungleichheit. Es gibt natürlich allerart institutionelle Arran­
g�ments, die es den Staaten und Regierungen ermöglichen,
den Oligarchen und De �okraten eben das Gesicht zu zeigen,
das alle sehen wollen. I m 4· Buch der Politik hat Aristotcles die
bislang unübertroffene Theorie dieser Kunst geliefert. Eine
Wissenschaft des richtigen Maßes von Gleichheit und Un­
gleichheit gibt es gleichv-mhl nicht Und es gibt sie noch weni-
Der Hass der Demokratie

ger, wenn der Konflikt zwischen der kapitalistischen Grenzen­


losigkeit des Reichtl.lillS und der demokratischen Grenzenlosig­
keit der Politik offen ausbricht. Die Republik wäre gern die
Regierung der demokratjschen Gleichheit aufbauend auf der
Wissenschaft der richtigen Proportion. Wenn allerdings der
Gott fehlt,�der die richtige Verteilung von Gold, Silber und Eisen
in den Seelen vornimmt, fehlt auch diese Wissenschaft. Und so
ist die Expertenregierung dazu verdammt, die Regierung der
"natürlichen Eliten" zu sein, in der sich die soziale Macht der
Wissenskompetenzen mit den sozialen Mächten der Geburt
und des Reichtums verbindet. Eine solche Verbindung entsteht
jedoch nur um den Preis, erneut die demokratische Unordnung
hervorzurufen, die die Grenze des Politischen verschiebt.
Wenn die neo-republikanische Ideologie diese Spannung
auflöst, die dem republikanischen Projekt der Homogenitätvon
Staat und Gesellschaft inhärent ist, löscht sie eigentlich die
Politik selbst aus. Ihre Verteidigung der öffentlichen Bildung
und der politischen Reinheit läuft dann daraufhinaus, die Poli­
tik einzig in der staatlichen Sphäre zu verorten und von den
Verwaltern des Staates zu verlangen, den Meinungen der auf­
geklärten Elite zu folgen. Die großen republikanischen Erklä­
rungen von der VViederkehr der Politik in den 1990er Jahren
haben größtenteils dazu gedient, Regierungsentscheidungen
dort zu stützen, wo sie die Auslöschung des Politischen ange­
sichts der Forderungen eines grenzenlosen Kapitals unter­
zeichneten und sodann jeden politischen Kampf gegen diese
Auslöschung als "populistische" Rückständigkeit stigmatisier�
ten. Es blieb dann nur noch, sei es JUS Naivität oder aus Zynis­
mus, die Grenzenlosigkeit des Reichtums auf das Konto des
unersättlichen demokratischen Individuums zu setzen und
diese gefräßige Demokratie zur großen Katastrophe zu stilisie­
ren, durch die die Menschheit sich selbst zerstört.
DIE GRÜNDE FÜR EINEN HASS
\'\!ir können nun zu unserem Ausgangsproblem zurückkehren:
Wir leben in Gesellschaften und Staaten, die sich "demokratisch"
nennen und sich durch diesen Begriffvon Gesellschaften unter­
scheiden, die von gesetzlosen Staaten oder einem religiösen
Gesetz regiert werden. Wie ist es dann zu verstehen, dass im Her­
zen dieser "Demokratien" eine herrschende Intelligenzija, deren
Situation alles andere als aussichtslos ist und die kaum danach
strebt, unter anderen Ge&etzen zu leben, tagaus, tagein ein ein-·
ziges von allen menschlichen Übeln beklagt - die Demokratie?
Gehen \Vir den Dingen in ihrer Reihenfolge nach. Was mei­
nen wir genau, t,.venn wir sagen, dass wir in Demokratien leben?
Im strikten Sinne ist die Demokratie keine Staatsform. Sie liegt
immer diesseits oder jenseits der Staatsformen. Sie liegt dies­
seits, insofern sie die not\vendigerweise egalitäre und genauso
not>vendigenveise verdrängte Grundlage des oligarchischen
Staats ist. Und jenseits, insofern sie die öffentliche Aktivität ist,
die der Tendenz eines jeden Staates, die gemeinsa-fle Sphäre
zu beanspruchen und zu entpolitisieren, entgegen\virkt. Jeder
Staat ist oligarchisch. Der Theoretiker des Gegensatzes von
Demokratie und Totalitarismus gibt dies gerne zu: "Es gibt kein
Regime, das nicht oligarchisch ware."' D 8ch die Oligarchie
kann der Demokratie mehr oder \Venigcr Platz einräumen, sie
ist von ihrer Aktivität mehr oder weniger begeistert. Damit ist
gemeint, dass die Verfassungsformen und die Praxis der oligar­
chischen Regierungen als mehr oder weniger demokratisch
bezeichnet \verden können. Für ge\vöhnlich versteht man die
Existenz eines repräsentativen Systems als triftiges Kriterium
für Demokratie. Doch dieses Svstem. ist selbst ein unstabiler
"""
Kompromiss, ein Resultat aus gegensätzlichen Kräften. Es ten-

Raymoml Aron, Demokratie und Totalitarismus (Hamburg: Christian Wegner 1965),


s. 93·

8)
Der Jlw;s der Demokratie

diert zur Demokratie, insofern es sich der Macht der Beliebigen


nähert. Man kann aus dieser Perspektive die maßgeblichen
Regeln für jenes Minimum aufzählen, das es einem repräsen­
tativen System erlaubt, sich als demokratisch zu verstehen:
kurze, nicht akkumulierbare und nicht erneuerbare Mandate;
das Monopol der Volksvertreter über die Ausarbeitung der
Gesetze; das den Staatsfunktionären auferlegte Verbot, zugleich
Abgeordnete zu sein; die Reduktion der Wahlkampagnen und
ihrer Kosten auf ein Minimum und die Kontrolle der Einmi­
schung ökonomischer Kräfte in die Wahlvorgänge. Solche
Regeln sind in keiner Weise außergewöhnlich, und sie sind in
der Vergangenheit von vielen Denkern oder Gesetzgebern, die
nicht im Verdacht stehen, dem Volk mit unüberlegter Zunei­
gung zu begegnen, aufmerksam untersucht worden. Leitend
dabei war die Frage, inwiefern diese Regeln als Mittel dienen
können, um das Gleichgewicht Z\Vischen Gewalten aufrechtzu­
erhalten, die Repräsentation des Allgemeinwillens von derje­
nigen der privaten Interessen zu entkoppeln und um zu vermei­
den, was man als die schlechteste aller Regierungen betrach­
tete: die Regierung derer, die die Macht lieben und geschickt
genug sind, s,ie zu erlangen. Heute dagegen reicht es schon,
diese Regeln aufzuzählen, um Heiterkeit hervorzurufen. Und
dies völlig zu Recht, denn das, \vas wir heute Demokratie nen­
nen, sind Staats- und Regierungspraktiken, die genau umge­
kehrt funktionieren: gewählte Vertreter, die unendlich im Amt
bleiben, dabei kommunale, regionale, legislative oder ministe­
rielle F'Dnktionen ansammeln oder abwechselnd ausüben, urid
die mit det Bevölkerung im Wesentlichen über die Repräsen­
tation der lokalen Interessen verbunden sind; Regierungen, die
selbst Gesetze machen; Volksvertreter, deren große Mehrheit
an einer Schule ftir Administration ausgebildet wird;2 Minister

Gemei;t ist die Ecole Natimwle d!\dministration (ENA), eine Elitehochschule zur
Ausbildung des Nachwuch,es für hoh<c- Sta<Hsi:imter, an derdie :Vlehrheit der fmnzö­
sisrhen Politiker nusgebi!det wird. [ A.d.Ü.j

88
Die Gründefiir einen Hass

oder Mitarbeiter von Ministern, die in öffentlichen oder halb­


öffentlichen Unternehmen untergebracht sind; Parteien, die
durch Hinterziehung öffentlicher Gelder finanziert werden;
Geschäftsmänner, die Unsummen investieren, u m ein poli­
tisches Mandat zu bekommen; Bosse privater Medienkonzerne,
die sich dank ihrer öffentlichen Funktionen Einfluss in den
öffentlichen Medien verschaffen. Kurz gesagt, handelt es sich
um die Aneignung der öffentlichen Sache durch eine solide
Allianz von staatlicher und wirtschaftlicher Oligarchie. Vor die­
sem Hintergrund vvird man verstehen, warum die Verächter des
"demokratischen Individualismus" diesem Raub an deröffent­
lichen Sache u n d dem öffentlichen Gut nichts vorzuwerfen
haben. Doch eigentlich sind solche Formen des Überkonsums
von öffentlichen Funktionen kein Tei l der Demokratie: Die
Übel, unter denen unsere "Demokratie" leidet, werden viel­
mehrvom unstillbaren Appetit der Oligarchen hervorgerufen.
Wir leben nicht in Demokratien. Wir leben auch nicht in
Lagern, vvie manche Autoren versichern, die uns alle dem Gesetz
des Ausnahmezustands der biopolitisch�n Regierunf untenvor­
fen sehen. Wir leben in oligarchischen Rechtssta<iten, d.h. in
Staaten, in denen die Macht der Oligarchen durch die doppelte
Anerkennung der Volkssouveränität und der individuellen Frei­
heiten begrenLt isl. Man kennt die Vot- und i\!achteile eines sol­
chen Staatstyps. Es gibt freie Wahlen. Diese sorgen dafür, dass
dasselbe herrschende Personal im Großen und Ganzen unter
anderen Etiketten reproduziert wird. Doch die Wahlurnen sind
in der Regel nicht voll, und so kann manfür diese Reproduktion
sorgen, ohne sein Leben aufs Spiel zu setzen. Die Administration
ist nicht korrupt, außer in Affären, die mit öffentlichen Geldern
zu tun haben, bei denen die Administration mit den Interessen
'�
der herrschenden Parteien verv.'echselt wird. Die Freiheiten der
Individuen werden respektiert, unter Ausnahme all d_�ssen, was
mit der Bewachung der Grenzen und der territorialen Sicherheit
zu tun hat. Die Presse ist frei: Wer ohne Hilfe der Finanzmächte

89
lJer f/as� der Dt'mokmlic

eine Zeitung oder einen Fernsehkanal gründen möchte, der


die gesamte Bevölkerung erreicht, \vird ernsthafte Schwierig­
keiten haben, aber er \vird nicht ins Gefängnis gev·mrfen. Die
Versammlungs- und Demonstrationsrechte erlauben die Orga�
nisation eines demokratischen Lebens, d.h. eines politischen:
Lebens, dc�s unabhängig von der staatlichen Sphäre existiert.
\.Yobei "erlauben" natürlich ein doppeldeutiges Wort ist. Denn
diese Freiheiten sind keine Geschenke der Oligarchen. Sie wur­
den vielmehr durch demokratische Handlungen envorben und
beziehe:1 ihre VVirksamkcit ausschließlich aus diesen Hand­
lungen. Die "Bürger- und Menschenrechte" sind die Rechte
derer, die sie venvirklichen.
Die optimistischen Geister schließen hieraus, dass der oli­
garchische Rechtsstaat das glückliche Gleichgewicht der Ge­
gensätze venvirklicht, durch das, so Aristoteles, die schlechten
Regierungen sich der unmöglichen guten Regierung nähern.
Eine "Demokratie" wäre im Grunde eine Oligarchie, die der
Demokratie genug Platz einpi umt, um ihre Leidenschaft zu
nähren. Die verdrießlichen G eister drehen das Argument um.
Die friedliche Regierung der Oligarchie nämlich mache aus
den demokratischen Leidenschaften nurmehr private Genüsse,
die dem Gemeingut gegenüber unempfindlich sind. Schauen
Sie nur, so sagen sie, wa� in Frankreich passie.rL Wir haben eine
sehr gut ausgearbeitete Verfassung, damit unser Land regiert
werden kann und glücklich darüber ist: Das sogenannte Mehr:
heitswahlrecht hält die extremistischen Parteien fer n und
ermöglicht es den "Regierungsparteien", abwechselnd zu regie­
ren; es erlaubt der Mehrheit, d.h. der stärksten Minderheit, fünf
Jahre lang ohne Opposition zu regieren und aus der Sicherheit
dieser Stabilität heraus alte Maßnahmen durchzusetzen, die
die Instabilität der Verhältnisse und die langfristige Voraus­
schau für das Gemeinwohl verlangen. Einerseits befriedigt
diese Abv,:echslung die demokratische Vorliebe ftir den Wech_­
sel. Da aber nun die Mitglieder der Regierungsparteien das-

90
Die Gründe für einen Nass

selbe Studium an denselben Schulen absolviert haben, aus


denen auch die Experten der Verwaltung des Gemeinguts kom­
men, neigen sie andererseits auch dazu, dieselben Lösungen
wie diese zu finden und zvvar solche, die das Expertenwissen
über die Leidenschaft der Masse stellen. Derart entsteht eine
Konsens-Kultur, die die alten Konflikte verneint, die gesell­
schaftlichen Probleme leidenschaftslos auf kurze und lange
Sicht objektiviert, Lösungen von den klugen Experten verlangt
und diese Lösungen mit den qualifizierten Repräsentanten der
großen gesellschaftlichen I nteressen diskutiert Doch leider
haben alle guten Dinge hier unten ihre Kehrseite: Die Masse,
derart der Sorge ums Regieren entlastet, ist nun ihren privaten
und egoistischen Leidenschaften überlassen. Die Folge ist, dass
die einzelnen Individuen dieser Masse entweder das I nteresse
am Gemeinwohl verlieren und nicht zur ·wahl gehen oder sie
verstehen die Wahlen einzig aus der Perspektive ihrer Verbrau­
cherinteressen und -launen. I m Namen ihrer unmittelbaren
Berufsinteressen antworten sie mit Streiks und Demonstrati­
onen auf Maßnahmen, die die Zukunft des Rents-nsystems
sichern sollen; im Namen ihrer individuellen Laurr::. n suchen
sie sich bei den VVahlen diesen oder jenen Kandidaten aus, der
ihnen gefallt, genauso wie sie aus den verschiedenen Brotsor­
ten auswählen, die die angesagten Bäckeref�n anbieten. Und
so bleibt schließlich nicht aus, dass die "Protestkandidaten" bei
den Wahlen mehr Stimmen bekommen als die "Regierungs­
kandidaten".
Man könnte dieser Argumentation vieles entgegenhalten.
Der unausweichliche Topos des "demokratischen Individua­
lismus" wird, hierwie überall, von den Tat'iachen widerlegt. Es
stimmt nicht, dass wir einem unaufhaltsamen Anstieg der
� "'""
SJimmenthaltungen beiwohnen. Hervorzuheben wäre viel-
mehr das be\vundernswerte Durchhaltevermögen der Bürger,
die sich weiterhin zahlreich zur Stimmabgabe mobilisieren,
um zwischen den gleichwertigen Repräs,entanten einer Staats-

,,
Der Has.s Jrr Drmokrat1e

oligarchie zu wählen, die ihre Mittelmäßigkeit - wenn nicht


Korruption - hinlänglich· unter Beweis gestellt hat. Und die
demokratische Leidenschaftj die den "Regierungskandidaten"
so sehr schadet, isr nicht die Laune von Verbrauchern, sondern
einfach der Wunsch, dass Politik ernras anderes bedeuten möge
als die W�h l zwischen austauschbaren Oligarchen. Doch weit­
aus ergiebiger ist es, das ArgUment von seinem zentralen An­
satzpunkt aus zu untersuchen. Was uns dieses Argument sagt,
ist tatsächlich einfach und richtig: Das bewundernswerte Sys­
tem, das der stärksten Minderheit die Macht gibt, ungehindert
zu regieren, und eine Situation schafft, in der Mehrheit und
Opposition sich über die umzusetzende Politik einig sind, neigt
dazu, die oligarchische Maschine selbst zu paralysieren. Es ist
der Gegensatz Z\veier Legitimitätsprinzipien, der diese Läh­
mung hervorruft: Einerseits venveisen unsere oligarchischen
Rechtsstaaten auf das Prinzip der Volkssouveränität. Dabei ist
dieser Begriff natürlich smvohl in seinem Prinzip selbst, als
auch in seiner Anwendung doppeldeutig. Die Volkssouveräni­
tät ist eine Möglichkeit, den demokratischen Exzess einzu­
schließen und das anarchische Prinzip der politischen Singu­
larität - die Regierung derer, die keine Ermächtigung zum
Regieren haben - in ein arkh& zu verwandeln. Und sie findet
ihre Anwendung im widersprüchlichen System der Repr�isen­
tation. Aber der Widerspruch hat noch nie dasjenige abge­
schafft, was die Spannung der Gegensätze selbst zum Existenz�
prinzip hat. Die Fiktion des "souveränen Volks" hat also mehr
oder \veniger gut als Bindeglied zwischen der Regierungslogik
und den politischen Praktiken gedient. Die politischen Prak�
tiken sind immer Praktiken der Teilung des Volks und der Bil­
dung eines zusätzlichen Volks, das das Supplement zu dem i n
der Verfassung festgeschriebenen, von den ParlamentariCrn
repräsentierten oder vom Staat verkörperten Volk bildet. Frü­
her wurde die Vitalität unserer Parlamente von den Arbeiter­
parteien genährt und unterstützt, die die Lüge der Repräsehta-

9'
JJie Gründefür einen !-las�

tion anprangerten. Sie wurde von der extra- oder anti�parla­


mentarischen politischen Aktion unterstützt, die aus der Politik
den Bereich widersprüchlicher Optionen machte, der nicht nur
aufMeinungen, sondern auf einander entgegengesetzte Welten
verwies. Dieses konflikt-reiche Gleichgewicht wird heutzutage
in frage gestellt. Der lange Verfall und brutale Zusammenbruch
des sovvjetischen Systems sowie das Nachlassen der sozialen
Kämpfe und der Emanzipationsbewegungen haben es ermög­
licht, dass sich die von der Logik des oligarchischen Systems
getragene Konsens-Vision durchgesetzt hat. In dieser Vision
gibt es nur eine einzige Wirklichkeit, die uns keine Spielräume
lässt, sie zu interpretieren, sondern die von uns nur angepasste,
immergleiche Antvvorten verlangt, egal, was unsere Meinungen
und Bestrebungen sind. Diese VVirklichkeit nennt sich Wirt­
schaft oder, in anderen VVorten, unbegrenzte Macht des Reich­
tums. Wir haben bereits die Schwierigkeiten untersucht, die
solche Grenzenlosigkeit für das Regierungsprinzip darstellt.
Sobald man j edoch das Problem zweiteilt, kann es gelöst •ver­
&}
den, und diese Lösung kann der oligarchischen Re erung die
KönigswissensChaft liefern, von der sie bislang utnsonst ge­
träumt hatte. Wenn die Grenzenlosigkeit der Reichtumsfluk­
tuation tatsächlich als unentrinnbare Wirklichkeit unserer der­
zeitigen und zukünftigen Welt verstanden Wird, müssen jene
Regierungen, die sich um die realistische Verwaltung der
Gegenwart und die kühne Prognose der Zukunft sorgen, die
Schranken öffnen, mit denen die nationalstaatliehen Schwer­
fäHigkeiten die freie Entwicklung des Reichtums behindern.
Do�h insofern diese Entwicklung grenzenlos ist und sich nicht
um das einzelne Schicksal dieser oder jener Bevölkerung oder
dieses oder jenes Bevölkerungsteils aufdem Territorium dieses
·-"'"�
oder jenes Staats kümmert, ist es umgekehrt die Aufgabe der
Regierungen dieser Staaten, die Ent\·vicklung zu begrenzen und
die unkontrollierbare, ubiquitäre Kraft des Reichtums den
Interessen ihrer Bevölkerungen unterzuordnen.

9)
Der f-lir�s der Demokratir

Die nationalen Beschränlcungen für die schrankenlose Aus­


dehnung des Kapitals abschaffen, die schrankenlose Ausdeh�
nung des Kapitals den Grenzen der Nation unterordnen - das
Zusammenspiel dieser beiden Aufgaben definiert die endlfch
aUfgefundene Gestalt der Königswissenschaft Es ist \Veiterhin
unmögllch, den richtigen Maßstab der Gleichheit und Ungleich-
heit zu finden, und daher aufdieser Basis auch unmöglich, die
demokratische Supplementierung, d.h. die Teilung des Volkes,
zu verhindern. Regierende und Experten indessen halten es i m
Gegenzug fü r möglich, das gute Gleichgevvicht zwischen der
Grenze und der Grenzenlosigkeit zu berechnen. Das nennt man
M_odemisierung. Es geht dabei nicht einfach nur um eine
Anpassung der Regierungen an die harte VVirklichkeit der ·weit.
Modernisierung ist auch eine Vermählungdes Reichtumsprin­
zips mitdem VVissensprinzip, die die neue oligarchische Legiti­
mität begründet. Unsere Regierenden sehen ihre \Vesentliche
Aufgabe darin, die lokalen Ausvvirkungen der globalen Notv.,ren­
digkeiten auf ihre Bevölkerung zu venvalten- zumindest in der
kurzen Zeit, die ihnen zwischen dem Kampf u m die Macht und
dem Kampf um ihren Erhalt bleibt. Dafür muss die so verwal�
tete Bevölkerung eine einzige und objektivierbare Totalität sein,
ganz im Gegensatz zum Volk der Teilungen und Metamorphe-:
sen. Das Prinzip der Entscheidungskraft des Volkes wird von
hier an problematisch. Zweifellos ist es für die Konsenslogik
unerheblich, ob die Volksentscheidung einen rechten oder
J
einen linken Oligarchen bestimmt. Doch ist es riskant, jene
Lösu,!lgen, die einzig vom Wissen der Experten abhängig sind,
dieser Entscheidung zu überlassen. Die Autorität unserer
Regierenden ist also zwischen zwei gegensätzlichen Rationali­
sierungssystemen gefangen: Einerseits wird sie durch die Kraft
der Volksentscheidung, andererseits durch ihre eigene Fähigkeit
legitimiert, die richtigen Lösungen für die gesellschaftlichen
Probleme zu finden. Nun zeichnen sich diese richtigen Lösungen
aberdadurch aus, dass über sie nicht abgestimmt werden muss,

94
Die Gründe (iir dnen /-lass

denn sie ergeben sich aus der Kenntnis der objektive-n Sachlage,
die eine Angelegenheit des Expertenwissens und nicht des
Volksentscheids ist.
Die Zeiten, in denen die Teilung des Volks aktuell genug und
das Wissen bescheiden genug waren, um die gegensätzlichen
Prinzipien in ihrer Koexistenz zu erhalten, sind vorbei. Die oli�
garchisehe Allianz von Reichtum und Wissen fordert heutzu­
tage die gesamte Macht und macht es dem Volk auf diese Weise
unmöglich, sich weiter zu teilen und zu vervielfältigen. Doch
die aus den Prinzipien vertriebene Teilung kehrtvon allen Sei­
ten zurück: so etwa mit dem Aufschwung der rechtsextremen
Parteien, der identitären Bewegungen und der religiösen Fun­
damentalismen, die sich gegen den oligarchischen Konsens
wieder auf das alte Prinzip der Geburt und der Abstammung
berufen, auf eine Gemeinschaft, die im Boden, im Blut und in
der Religion der Vorfahren verv•illrzelt ist. Sie kehrt auch in der
VielzahLder Kämpfe gegen eine globale wirtschaftliche Not­
\vendigkeit wieder, die sich .die Konsens-Ordnung zunutze
macht, um die Gesundheits- und Rentensvstem } oder das
Arbeitsrecht infrage zu stellen. Zuletzt macht sich Chese Ruck­
kehr auch im \Vahlsystem selbst geltend, wenn die einzigen
Lösungen, die sich den Regierenden und den Regierten auf­
zwingen, der umvägbaren Wahl durch die :t:'c tLteren ob l iegen .
Das kürzlich erfolgte Europäische Referendum hat den Beweis
dafür erbracht.1 lm ,Geiste derer, die die Frage durch ein Refe­
rendum beantwortet h(}hen wollten, sollte die Stimmabgabe
im primitiven Sinn der westlichen "Wahlen" verstanden wer­
den -- als eine Zustimmung, die das versammelte Volk an die­
jenigen ausspricht, die für seine Führungqualifiziert sind. Dies
war um so mehr der Fall, als die Elite der staatlichen Experten
"'
einstimmig erklärt hatte, dass die Frage sich gar nicht \Virk\ich

' Es handeh skh hicrbd um das Referendum zur Ratifizierung des Europiiischen
Verfassungsvertrags, das am 29. Mai 2005 in Frankreich abgehalten wurde. Die \Vah!
betei!igung betrug 69%, davon stimmten 55% gl'gen die Ratifizierung. [A.d.Ü.]

95
Der Hass .der Demokmtie

stellte, dass es einzig darurp ging, die Logik der bereits existie­
renden und dem allgemeinen Interesse entsprechenden Ver­
träge weiterzuverfolgen. Die große Überraschung des Referen­
dums war daher die Entscheidung der Mehrheit der Wahlbe­
rechtigten, dass diese Frage im Gegenteil eine richtige Frage
vvar, da5s � ie nicht die Zustimmung der Bevölkerung, sondern
die Souveränität des Volks betraf, und dass das Volk sie also
genauso gut mit Nein wie mit Ja beantvvorten konnte. Der Aus­
gang ist bekannt. Bekannt ist auch, dass die Oligarchen, ihre
Experten und_ihre Ideologen ft.ir dieses Missgeschick, wie für
alle Störungen des Konsenses, eine Erklärung gefunden haben:
Wen n das 'Wissen nicht in der Lage ist, seine Legitimität durch­
zusetzen, dann liegt der Grund dafür im Nichtwissen. Wen n
der Fortschritt nicht voranschreitet, sind die Nachzügler daran
schuld. Ein YVort, das ewig von den Klerikern psalmodiert wird,
bringt diese Erklärung auf den Punkt: der "Populismus". Man
will darunter alle Formen der Abspaltung vom herrschenden
Konsens einordnen, egal ob sie aus der demokratischen Affir­
mation oder den rassistisc_hen bzw. religiösen Fanatismen her­ \
vorgehen. Und man will dem derart geschaffenen Ensemble
ein einziges Prinzip geben: das Unwissen der Zur:ückgebliebe­
nen, das Festhalten an der Vergangenheit, egal ob es sich dabei
um vormalige SOL:i<:tlleislungen, revolutionäre I deale oder um
die Religion der Vorfahren handelt. Populismus ist das
bequeme Wort, hinter dem sich der heftige Widerspruch zwi­
schen Volks- und VVissenslegitimität versteckt, die Schwierig­
keit der Expertenregierung, sich mit den Erscheinungen der
Demokratie und selbst der Mischform des repräsentativen Sys­
tems abzufinden. Dieser Name verdeckt und offenhart glei­
chermaßen den großen Wunsch der Oligarchie - ohne Vol k
regieren, d.h. ohne die Teilung des Volks regieren; ohne Politik
regieren. Und er erlaubt der Expertenregierung, die alte Aporie
auszutreiben, die lautet: Wie kann das Wissen jene regieren,
die es nicht verstehen? Diese immerv.'ährende Frage trifft auf

g6
Die Gründefür einen /-fass

eine aktuellere: Wie kann man den Maßstab genau bestimmen,


dessen Geheimnis die Expertenregierung zu besitzen vorgibt,

den Maßstab zwischen dem Gut, das für die Grenzenlosigkeit
des Reichtums sorgt, imd dem Gut, das ihm eine Begrenzung
verschafft? In anderen Worten: Aufwelche Weise verbindet die
Königswissenschaft die zwei Formen derselben Absicht, die
Politik zu beseitigen - die Absicht, die an die kapitalistische
Grenzenlosigkeit des Reichtums gebunden ist, und die zweite
Form, deren Grundlage die oligarchische Verwaltungder Nati­
onalstaaten ist?
Denn trotz ihrer unterschiedlichen Motive und ihrer tasten­
den Formulierungen -berühren die Kritik der "Giobalisierung",
der VViderstand gegen die Anpassung unserer sozialen Schutz­
und Vorsorgesysteme an ihre Zwänge oder die Zurüchveisung
überstaatlicher Institutionen denselben Punkt: Was genau ist
die Notwendigkeit, in deren Namen sich diese Veränderungen
vollziehen? Man gibt gern zu, dass die Vermehrung des Kapi­
tals und die Interessen der Investoren ihre Gesetze haben, die
sich auf eine wissenschaftliche Mathematikstützen Dass diese
j
Gesetze im Widerspruch zu den Beschrimkungen·stehen, die
die nationalen sozialen Gesetzgebungssysteme durchsetzen, ist
auch klar. Aber dass es sich dabei um unhintergeh bare histo­
rische Gesetze handelt, gegen die man sich \fhgebl il: h auflehnt,
und dass sie für kommende Generationen einen VVohlstand
versprechen, der das Opfer dieser Sicherungssysteme wert ist,
das ist nicht mehr eine Wissens-, sondern eine Glaubensfrage.
Selbst den unnachgiebigsten Anhängern des totalen Laisser­
faire fällt es manchmal sclnver zu be\veisen, dass der Erhalt der
natürlichen Rohstoffe sich harmonisch durch das Spiel der
freien Konkurrenz regeln wird. Und selbst wenn man dank sta-
�;,
tistischer Vergleiche zeigen kann, dass bestimmte Flexibilisic-
rungsformen des Arbeitsrechts auf mittlere Sicht mehr Arbeits­
plätze schaffen als abschaffe n, dürfte schwerlich _ zu belegen
sein, dass der freie Verkehr von Kapitalien, die eine immer

97
Der /luss der Demokra.rie

schnellere Rentabilität verlangen, jenes Gesetz der Vorsehung


sein soll, das die gesamte Menschheit in eine bessere Zukunft
führen wird. Daran muss man glauben. Die "Unwissenheit"
also, die dem Volk vorge\vorfen wird, ist einfach nur sein feh ­
lender Glaube. I n derTat hat der historische Glaube das Lager
gewechselt. Er scheint sich heutzutage im Alleinbesitz der
Regierenden und ihrer Experten zu befinden. Denn er begüri'­
stigt ihren innersten Trieb, den natürlichen Trieb zur oligar­
chischen Regierung: den Trieb, sich vom Volk und der Politik
zu befreien. Indem sich unsere Regierungen als einfache Ver­
\Valtcr dessen verstehen, was die globale historische Notwen­
digkeit an lokalen Aus•virkungen zeitigt, bemühen sie sich flei­
Eig, den demokratischen Zusatz (supplemenl) auszuschließen.
Sie erfinden überstaatliche Jnstitut]onen, die selbst keine Staa­
ten sind und vor keinem Volk Rechenschaft ablegen müssen,
und ver•Nirklichen derart das imllianente Ziel ihrer eigene il
Praktik: die politischen Angelegenheiten zu entpolitisieren, sie
an Orte zu versetzen, die Nicht-Orte sind, die kein�n Raum
lassen für die demokratische Erfindung polemischer Orte. So
können die Staaten und ihre Experten reibungslos miteinal)der
auskommen. Die "Europäische Verfassung", die den uns be­
kannten Missgeschicken ausgesetzt war, veranschaulicht diese
Logik aufs Beste. Eine der Parteien, die für die Verfassung
waren, glaubte, den richtigen Slogan gefunden zu haben: "Der
Liberalismus braucht keine Verfassung." Zu ihrem eigenen
Unglück ho.� sie damit die Wahrheit gesagt: Der "Liberalismus",
oder, um die Dinge beim Namen zu nennen, der Kapitalismus
verlangt •veit weniger.� Damit er funktioniert, ist es nicht not-

1 Da' \·Vort "Lilwndi�mus"gibt h<.>utzutagt· allen möglichen ''-lisSH'r'itiindnisscn <;tatt.


Die l'ltropüische Linke benutzt eo, um das tabuisierte \Vort ..Kapitalismus" zu wnge­
hen. Die europiiischc Rechte matht daraus ein \Vdthild, in dem der frei<" Markt und
die Demokratie !-land in I land gehen. Die ev<�nge!istische arnedkanischc Rechte, für
die ein Liberaler ein linksextremer Zerstörer von Religion. Familie und Gesellschaft
ist, ennnert dnran, d<Jss diese bdd('n Dinge sehr unterschiedlich sind. Das Gt'wicht,
dns das "kommunistische" China, das aussicht�reich die Vorteile der Freiheit und die
!'
!
1
j Die Grülldefür einen flas\

\Vendig, dass die Verfassungsordnung auf dem "freien \Vettbc­


v./erb" gründet, d.h. auf dem unbegrenzten und freien Kapital­
verkehr. Für den Kapitalismus reicht es hin, dass der \Vettbe­
�V·..'erb funktionieren kann. Diese mystische Vermählung von
Kapital und Gemeingut ist für das Kapital unnötig. Sie dient
vielmehr der von staatlichen Oligarchien verfolgten Absicht,
zwischenstaatliche Räume zu schaffe n, die von den Zwängen
der nationalen Legitimität und der Volkslegitimität befreit sind.
Die zvvingende historische Notvvendigkeit ist in der Tat
nichts anderes als das Zusammenkommen zwcier Notvvendig­
kciten, von denen die eine der unbegrenzten Reichtumssteige­
rung eigen ist und die andere dem Anwachsen der oligarchi­
schen Macht Denn die angebliche Sch\vächung der National­
staaten im europäischen oder globalen Kontext ist eine
Schimäre. Die neue Aufteilung der Mächte zv,rischen interna­
tionalem Kapitalismus und nationalen Staaten neigt weitaus
mehr dazu, die Nationalstaaten zu stärken, <:�ls dass sie sie
b9einträchtigen \\'Ürde.' Dieselben Staaten, die ihre Privilegien
zugunsten des freien Kapitalverkehrs einschränk1n, berufen
sich sofort \Vieder auf sie, um ihre Grenzen gegen' den freien
Verkehr der Arbeit suchenden Armen dieser Welt zu schließen.
Von derselben Ambivalenz zeugt auch der Krieg gegen den
"\Vohlfahrtsstaat". Man gibt ihn bequemcr\\.reise als da� Ende
der Fürsorge und als Rückkehr der Individuen zu eigener Ver­
antwortung und zu den I nitiativen der Zivilgesellschaft aus.
Man tut so, als halte man die Vorsorge- und Solidaritätsinsti­
tutionen, die aus den ArbeiterLimpfen und demokratischen
Kämpfen geboren sind und von den Rcpi�isentanten ihrer Rei­
tragszahler gemeinschaftlich verwaltet werden, für die miss-

-<·

:e
ihres F<>hkn� kombiniert, ilufdt'm Markt des fn i n \Vetdwwerbs und in dt>r Finan­
zierung der arncrikanisc!wn Stmtbschulden lwkornmen hat, zeugt auf andl'rt' \Vt'isc
1·on die�em LnterschieJ.
Vgl. Limb VVei%, The Myth oj the powerle�s Stare: youernmq tlu: Ecoml!IIIJ in a glnlml
Era (lthaca: Poliry Press 1998).

99
Der Hass der Demokratie

bräueblichen Gaben eines väterlichen und tentakelartigen


Staats. Im Kampfgegen diesen mythischen Staat attackiert man
zugleich auch nicht staatliche Hilfsinstitutionen: Diese waren
Orte für die Ausbildung und Ü bung anderer Fähigkeiten, sich
um das Gemeinsame und die gemeinsame Zukunft zu küm­
mern, als sie in den Regierungseliten gebräuchiich \Varen. LJas
Resultat i;t die Sü-irkung eines Staats, der direkt über die
Gesundheit und das Leben der Individuen Rechenschaft able­
gen muss. Derselbe Staat, der die Institutionen des Welfare State
bekämpft, mobilisiert sich, damit einer Frau im dauerhaften
vegetativen Zustand der Ernährungsschlauch nicht abgenom­
men wird. Die Auflösung des sogenannten Wohlfahrtsstaats ist
nicht der Rückzug des Staats. Es handelt sich vielmehr um die
Umverteilungvon Institutionen und Funktionsweisen, die sich
Z\Vischen die kapitalistische Versicherungslogik und die direkte
Staatsführung gestellt haben. Der vereinfachende Gegensatz
zwischen staatlicher Betreuung und individueller Initiative ver­
deckt den doppelten politischen Einsatz dieses Prozesses und
der Konflikte, die er hervorruft: die Existenz von Organisati­
onsformen des materiellen gesellschaftlichen Lebens, die sich
der Logik des Profits entziehen; die Existenz von Orten, an
denen ohne ZugritTdurch die Expertenregierung die gemein­
samen Interessen diskutiert werden können, Man erinnere sich
daran, \vie präsent diese beiden Fragen \vährend der Streiks in
Frankreich i m Herbst 1995 waren. Jenseits der besonderen
Anliegen der streikenden Berufsstände und der Budgetkalku­
lationen der Regierung ervvies sich diese "soziale" Bewegung
als eine demokratische Bewegung, •veil die grundlegende poli­
tische Frage im Zentrum stand: die Fi:-i.higkeit der "Unfähigen",
die Fähigkeit eines jeden Beliebigen, die Beziehungen zwi�
sehen Individuen und Gemeinschaft, Gegenwart und Zukunft
zu beurteilen.
Darum hat jene Kampagne, die das Interesse der Gemein­
schaft dem rückschrittlichen Egoismus der privilegierten Be-

mo
Die Gründefür einen Hass

rufsstände entgegensetzte, zu nichts geführt, genauso wie die


"republikanische" Litanei überden Unterschied von Politischem
und Sozialem. Eine politische Bewegung ist immer eine Bevve-
4 gung, die die gegebene Aufteilung des Individuellen und des
Kollektiven und die anerkannte Grenze zwischen dem Politi­
schen und dem Sozialen stört. Die Oligarchie und ihre Exper­
ten haben das in ihrem Vorhaben, die Aufteilung der Orte und
Fähigkeiten festzulegen, immer vvieder erfahren. Doch die
Bedrängnis der Oligarchie macht auch die Schwierigkeit des
demokratischen Kampfes aus. Dass eine politische Bewegung
I unablässig die Grenzen verschiebt, dass sie das eigentliche poli­
' tische und universalistische Element aus einem privaten Inte-
ressenkonflikt an diesem oder jenen Punkt der Gesellschaft
herauszieht, bedeutet auch, dass diese politische Bewegung
beständig der Gefahr ausgesetzt ist, auf einen solchen privaten
Interessenkonflikt beschränkt zu bleiben und tatsächlich als
Verteidigung der Belange privater Gruppen in immer absei­
tigeren Kämpfen zu enden. Diese permanente Gefahr vergrö­
ßert sich, wenn die Oligarchie selbst die Konfrontation auslöst,
und wenn sie es unter ihrem zweifachen Auftreteft als souve­
räner und "machtloser" Staat tut, der die historische Notwen­
digkeit, die früher der gemeinsame t-Ioffungshorizont der ver­
streuten Kämpfe war, auf seine Seite gezoge n hat. Man kann
immer für_die Legitimität dieses oder jenes Kampfes argumen­
tieren, aber man wird dabei stets auf die Schwierigkeit treffen,
diese Legitimität mit der anderer Kämpfe zu verbinden, d.h.
einen demokratischen Raum zu schaffen, in dem ihr Sinn und
ihre Aktionen konvergieren. Denen, die für den Erhalt des
öffentlichen Dienstes, für die Arbeitsgesetzgebung, für eine
Arbeitslosenunterstützung oder ein Rentensystem kämpfen,
wird, selbst \venn ihr K�lfupf ihre Privatinteressen übersteigt,
immer vorgeworfen werden, dass ihr Engagement national
begrenzt ist und dass sie den Staat stärken, indem sie seine
Grenzen erhalten. Umgekehrt kämpfen diejenigen, die behaup-

W<
Der /-fa.\5 der Demokratie

ten, Jass die demokratische Be\vegung über diesen nationalen


Rahmen hinausgeht, und die den defensiven Kämpfen die
transnationale Bejahung der nomadischen Multitudes entge­
gensetzen, für die Konstitution Twischenstaatlicher Instituti­
onen, extraterritorialer Räume, in denen sich die Allianz von
Staats- und Fin<1nzoligarchien vollzieht.
Die intel lektuellen Demons trationen und der antidemokra­
tische Furor vverden verständlich, vvenn man sie vor diesem
Hintergrund - der Bedrängnis der Oligarchie und der Schv.,rie­
rigkeiten der Demokratie, so v..rie sie oben skizziert \vurden ­
betrachtet. Besonders lebendig ist dieser Furor in Frankreich:
,
Hier gibt es eine intellektuelle Partei, die sich als solche ver­
steht, und die dank ihrer Medienpräsenz eine sonst unge­
kannte Macht über die tägliche I nterpretation des aktuellen
Geschehens und auf die Bildung der herrschenden Meinung
ausübt. Man weiß, wie diese Macht sich nach '68 durchgesetzt
hat, als die meinungsbildenden Milieus - erschüttert von einer
Bewegung, die ihre intellektuellen Mittel überforderte - sich
fiebrig auf die Suche nach Interpreten dessen machten, was in
diesen verwirrenden neuen Zeiten und in den dunklen Tiefen
der Gesellschaft passierte.6 Durch den Wahlsieg der Sozialisten
1981 wurde der Einfluss dieser Interpreten auf die öffentliche
Meinung noch stärker, auch \.vcnn die Anzahl der zu bcsct"
zenden Pli:itze nicht hinreichte, um die Ambitionen der einen
zu befriedigen, und die anderen nicht sahen, wie sich das Inte­
resse, das die Regierung für ihre Thesen zeigte, in konkrete
Maßnahmen übersetzte. Seither beharren die Intellektuellen
auf dieser Position, mit der sie Anteil an der Verwaltung der
herrschenden Meinung haben und in den Medien allgegen�
wärtig sind, aber keinerlei Einfluss besitzen auf die Entschei-

6
Ü ber d;1s <\t!lhc-tcn dieser Figur und ihre Neuheit gegt>nüber der traditionellen
Figur des ln:elkktudkn als Sprecher cks Universellen und ckr Unterdri.ickten, vgl.
Danielk und jacgues Ranciere, "La !Cgcnde des intd!ectue!s , in: Jarqu<.'S Rancit; re,
Les ScfJJe.1 d11 peuple (Paris: !-!orlieu 200J).

!02
; '
Die Grtinde (iir einen fla�.-.

dungen der Regierenden - für ihre Leistungen geehrt und in


ihren noblen oder niederen Ambitionen gedemütigt.
Manche richten sich in dieser Hilfsfunkrion ein. Sie werden
regelmäßig aufgefordert, der Öffentlichkeit zu erklären, was
geschieht und was man darüber denken soll, und unterstützen
so mit ihrem Wissen die Bildung des herrschenden intellektu�
eilen Konsenses. Und sie tun dies umso müheloser, als sie dafür
\veder ihr Wissen noch ihre progressiven Überzeugungen ver­
raten müssen, Der Leitgedanke des Konsenses ist in der Tat,
dass die globale \Virtschaft) iche Bewegung von einer histo­
rischen Notwendigkeit zeugt, an die man sich anpassen muss
und die einzig von den Repräsentanten archaischer Interessen
und altmodischer Ideologien zurückgewiesen werden kann.
Nun gründen auf dieser Idee auch die Überzeugung und das
'Nissen der betreffenden Intellektuellen. Sie glauben an den
Fortschritt. Sie haben an das Fortschreiten der Geschichte
geglaubt, als es zur sozialistischen \Veltrevolution führte. Sie
glauben auch heute noch daran, während es zum globalen Tri­
umph des Marktes führt. Es ist nicht ihre Schuld \venn die
1
Geschichte sich geirrt hat Zudem können sie ohne Probleme
die Lektionen von damals auf die heutigen Verhältnisse amven­
den. Der Beweis, dass die Bewegung der Dinge rational und
der Fortschritt fortschrittlich ist und dass 'f1 ur die Zurückge­
blieben das nicht erkennen; und im Gegenzug der Beweis, dass
das Fortschreiten des Fortschritts unablässig diese Rückstän�
digen in die Vergangenheit zurückwirft, wodurch sie zugleich
das Fortschreiten behindern - diese Grundprinzipien der m<;J.r­
xistischen Geschiehtsauffassung lassen sich wunderbar für die
Schwierigkeiten der "Modernisierung" in Anschlag bringen.
Sie haben die Unterstützung der Regierung Juppe während der
-
Streiks von 1995 durch einen großen Teil der intellektuellen
Öffentlichkeit legitimiert und stützen seitdem die Anprange­
rung der archaischen Privilegien, die die unvermeidliche
Modcrnisicrung aufhalten, die unablässig neue Archaismen

WJ
Ver Hass der Demokratie

produziert. Der Königsbegriff dieser Anschuldigung, der Popu�


lismus, stammt selbst aus dem leninistischen Arsenal. Dank
seiner ist es möglich, im Namen der historischen Not\vendigkeit
jeden Kampf gegen die Entpolitisierung als Äußerung eines
I
rückständigen Teils der Bevölkerung oder einer überkam�
menen Ideo}ogie zu interpretieren. Doch solange es rückstän�
dige Menschen gibt, muss es fortschrittliche geben, um die
Rückständigkeit zu erklären. Die Progressiven fühlen diesen
Zusammenhang, und ihr Anti-Demokratismus \Vird davon
abgekühlt.
Andere finden sich weitaus weniger mit dieser Position ab. ­
Für sie ist der Fortschrittsglaube zu naiv und der Konsens zu
freundlich. Auch sie haben ihre ersten Lektionen im Marxis­
mus gelernt. Jedoch vvar ihr Marxismus nicht der des Glaubens
an die Geschichte und an die Entwicklung der Produktivkräfte.
Er •var, theoretisch, ein kritischer Marxismus, der die Kehrseite
der Dinge enthüllt - die Wahrheit der Strukturunter der über­
fläche der Ideologie oderdie der Ausbeutung unter dem Deck­
mantel von Recht und Demokratie. Praktisch \·var es der Mar­
xismus der gegensätzlichen Klassen oder Welten und des
Bruchs, der die Geschichte zweiteilt. Diese Menschen können
es e?tsprechend •venigcr gut ertragen, dass der Marxismus ihre
Envartungen enttäuscht hat und dass die Geschichte - die
schlechte, die, die sich nicht unterbricht - ihre Herrschaft
durchsetzt I m Hinblick hierauf, im Hinblick auf die 68er als
ein letztes großes AufHackern des Marxismus im Westen hat
sich ihr Enthusiasmus in Ressentiment venvandelt. Dennoch
haben sie sich nicht von ihrer dreib.chen Inspiration - dem
Lesen der Zeichen, der Anschuldigung und dem Bruch - ver­
abschiedet Sie haben einfach den Adressaten der Anschuldi�
gung verschoben und einen anderen zeitlichen Bruch ange�
nommen. In einem bestimmten Sinne kritisieren sie immer
noch dasselbe: Was ist die Herrschaft des Konsums anderes als
die Herrschaft der VVare? Ist nicht das Prinzip der Grenzenlo-
Die Gninde_(Ur einen Hass

sigkeit das des Kapitalismus? Das Ressentiment indessen lässt


den Mechanismus rückwärts l aufen und dreht die Logik der
Ursachen und Wirkungen um. Früher erklärte ein globales
Herrschaftssystem die individuellen Verhaltensweisen. Die
guten Geister bemitleideten den Proletarier, der als getäuschtes
Opfer des Systems, das ihn ausbeutete und zugleich mit Träu­
men fütterte, den Verführungen der Pferde.,vetten und der elek�
trisehen Haushaltsgeräte erlag. Doch weil der marxistische
Bruch nicht das vollbracht hat, was die Anschuldigung ver�
langte, kehrt die Letztere sich um: Die Individuen sind nicht
mehr die Opfer des globalen Herrschaftssystems, vielmehr
sind sie die Verant\vortlichen, insofern sie die "demokratische
Tyrannei" des Konsums stützen und verbreiten. Die Gesetze
des Kapitalzuwachses sowie die Art von Warenproduktion und
-umlauf, die sie voraussetzen, sind ganz einfach die Folgen der
Laster der Konsumenten, und ganz besonders derjenigen,
deren Konsummittel am eingeschränktesten sind. Nurweil der
demokratische Mensch ein maßloses Wesen ist, das unersätt­
lich Waren, Menschenrechte und Fernsehshows verschlingt,
t
regiert dieser Kritik zufolge das Gesetz des kapitalis ischen Pro­
fits die Welt. Es stimmt, dass die neuen Propheten sich nicht
über diese Herrschaft beschweren. Sie beschweren sich weder
über die Finanzoligarchien noch über die'-1>taatlichen Oligar­
chien. Ihr einziger Widerspruch gilt denjenigen, die diese Oli­
garchien kritisieren. Das ist leicht zu verstehen: Ein wirtschaft­
liches oder staatliches System zu kritisieren, heißt, seine Ver­
änderung zu fordern. Doch ·wer sollte das verlangen können,
wenn nicht jene demokratischen Menschen, die dem System
vorwerfen, dass ihr Appetit nicht befriedigt \Vird? Man muss
also die Logik zu Ende denken. Nicht nur sind die Laster des
Systems die Laster der Iildividuen, deren Leben es bestimmt.
Vielmehr sind die Schuldigsten, die beispielhaften Repräsen­
tanten des Laslers, diejenigen, die dieses System verändern
wollen, die die Illusion seiner möglichen Veränderung verbrei-

!05
Ver fla_\.\ der Demokratie

ten, um so noch tiefer in ihr Laster vorzudringen. Der uners,1tt­


liche demokratische Verbraucherpar excel/ence ist, wer sich der
Herrschaft der Finanz- und Staatsoligarchien widersetzt. Man
erkennt hier das große Argument der Neuinterpretation des
Mai ' 68, das von Historikern und Soziologen unendlich wieder­
holt und von Llen Erfolgsautoren illustriert worden ist: Di�
Ereignisse von '68 waren nichts anderes als eine Jugendbe\<\'e­
gung, gierig nach sexueller Befreiung und neuen Lebens­
formen. Und da die Jugend und der Freiheits-wunsch per Defi­
nition \veder wissen, vvas sie \vollen, noch, was sie tun, haben
sie das Gegente-il dessen, was sie beabsichtigt hatten, aber die
Wahrheit dessen, was sie verfolgten, hervorgebracht: die Erneu­
erung des Kapitalismus und die Zerstörung alJer familiären,
schulischen oder sonstigen Strukturen des Widerstands gegen
die unbeschränkte Herrschaft eines Marktes, der immer tiefer
in die Körper und Herzen der Individuen eindrang.
Wenn alle Politik vergessen ist, wird das Wort "Demokratie"
zum Euphemismus für ein Herrschaftssystem, das man nicht
beim Namen nennen möchte, und zugleich zum Namen des
diabolischen Subjt:>kts, das an die Stelle dieses ausgelöschten
Namens tritt: ein zusammengesetztes Subjekt, in dem das Indi­
viduum, das diesem Herrschaftssystem untenvorfen ist, mit
dem Individuum, das das Herrschaftssystem kritisiert, zusam­
menfallt. Die Polemik entwirft unter Rückgriff auf diese ver­
schiedenen Eigenschaften das Roboterporträt des demokrati­
schen Menschen: ein junger, einfaltiger Konsument von Pop­
corn, Reality-TV, Safer Sex, öffentlicher Krankenversiche-rung,
vom Recht aufDilfer·enz und von antikapitalistischen oder glo­
balisierungskritischen Illusionen. Mit ihm haben die Kritiker

in der Hand, was sie brauchen: den absoluten Schuldigen eines
unheilbaren Übels. Kein kleiner Schuldiger, sondern ein großer
Schuldiger, der nicht nur die Herrschaft des Marktes verantwor­
tet, mit der die Kritiker sich noch anfreunden können, sondern
den Niedergang der Zivilisation und der Menschheit überhaupt.

w6
Die GriJ11de (iir ei11ell Has.1

Damit setzt die Zeit der Beschwörer ein, die die neuen Formen
der Waremverbung mit den Äußerungen derer verschmelzen,
die sich ihren Gesetzen widersetzen, den lauwarmen "Respekt
flir die Differenz" mi,t den neuen Formen des Rassenhasses, den
religiösen Fanatismus mit dem Verlust des Heiligen. Aus der Ver­
bindung einer jeden Sache mit ihrem Gegenteil envächst die
fatale M anifestation dieses demokratischen Individuums, das
die Menschheit einem Verlust zuführt, den die Prediger unter
tausend Vervvünschungen beklagen, den sie jedoch noch mehr
beklagen �,-vürden, hätten sie ihn nicht zu beklagen. Man beweist,
dass dieses unheilvolle Individuum zugleich die Zivilisation der
Aufklärung zu Grabe trägt und ihr Todeswerk vollendet, dass es
gemeinschaftlich und ohne Gemeinschaft ist, dass es den Sinn
ftir Familiemverte und den Sinn ftir ihre Transgression verloren
hat, den Sinn fürdas Heilige und den fUrdas Sakrileg. Man malt
die alten erbaulichen Themen in den unheimlichen Farben der
Hölle und der Blasphemie - der Mensch kann nicht ohne Gott
leben, Freiheit ist nicht gleichbedeutend mit Zügellosigkeit, der
Friede \'enveichlicht die Charaktere, der Gcrechtigkejtsvvillen
fUhrt zum Terror. Die einen verlangen im Namen Sades die
Rückkehr zu den christlichen Werten; die anderen vermählen
Nietzsche, L€on Bloy und Guy Debord, um auf eine punkige Art
i
die Positionen der amerikanischen Evangelister "zu vertreten; die
Bewunderervon Louis-Ferdinand Celine verfolgen Antisemiten
an vorderster Front, •vobei sie einfach aH jene als Antisemiten
bezeichnen, die nicht wie sie denken.
Manche von denen, die diese Verwünschungen ausstoßen,
geben sich mit dem Ruf bitterer Klarsicht und unüberwind­
barer Einsamkeit zufrieden, den sie sich dadurch enverben,
dass sie unentwegt im Chor_,gen Refrain vom "täglich gegen das
Denken begangenen Verbrechen"i' des vergnügungssüchtigen

Maudce Danrec, Lr ThJdtre des opJratio11s: jounwl mJtaphy;-ique politique 2000-200!.


Labaratoire de catastrophe qt;nhale (Paris: Gal!iman! 200)),
S. !95·

W7
Der Elass der Demokratie

kleinen Mannes oder der vergnügungssüchtigen kleinen Frau


wiederholen. Für andere sind diese Sünden noch zu klein, u m
sie der Demokratie anzulasten. Sie brauchen richtige Verbre­
chen, die sie ihr zmveisen können oder eher noch ein einziges
Ve,rbrechen, das absolute Verbrechen. Und ebenso brauchen
sie einen \virklic,hen Bruch im Lauf der Geschichte, d.h. einen
Sinn der Geschichte, eine Bestimmung der Moderne, die sich
in diesem Bruch verwirklicht. So kam es, dass ab dem Momen , t
als das so\vjetische System zusammenbrach, nicht mehr dit
soziale Revolution, sondern statt ihrer nun die Vernichtung der
europäischen Juden als das Ereignis galt, das die Geschichte
Z\veigetei!t hat. Aber damit sie diesen Platz einnehmen konnte,
musste man zuerst den \vahren Urhebern des Verbrechens ihre
Verantwortung dafür abnehmen. Hier liegt in derTat das Para­
dox: Für diejenigen, die aus der Vernichtung der europäischen
Juden das zentrale Ereignis der modernen Geschichte machen
wollen, ist die Naziideologie keine ausreichende Ursache.
Denn schließlich ist sie eine reaktive Ideologie, die sich dem
widersetzt hat, \vas zu jener Zeit die moderne Bewegung der
Geschichte zu charakterisieren schien- Rationalismus der Auf­
klärung, Menschenrechte, Demokratie oder Sozialismus. Die
These von Erich No!te, die aus dem Nazi-Genozid eine defen­
sive Reaktion auf den Genozid im Gulag macht, der selbst wie­
derum Folge der demokratischen Katastrophe ist, löst das Pro­
blem nicht. Die Verv·/Ünschungen ausstoßenden Anklägenvol­
len tatsächlich diese vier Begriffe kurz\chließen: Nazismus,
Demokratie, Moderne und Genozid. Aber aus dem Nazismus
die direkte Vervvirklichungder Demokratie zu machen � eine
heikle Beweisfü hrung, selbst auf dem Umweg über das alte
konterrevolutionäre Argument, das im "protestantischen Indi­
vidualismus" den Grund Hir Demokratie, also für totalitären
Terrorismus sieht. Aus den Gaskammern die Verkörperung des
Wesens der Technik zu machen, die Heidegger als das tödliche
Schicksal der Mo,derne bezeichnet hat, ist hinreichend, u m

<08
Die Grtinde fiir einen !-fass

Heidegger auf die "richtige" Seite zu stellen, aber nicht, um das


Problem zu lösen: Man kann moderne und rationale Mittel für
archaische Fanatismen benutzen. Damit die Argumentation
funktioniert, muss man also eine andere radikale Lösung fin­
den - man muss jenes Element abschaffen, das die Anpassung
von Einzelteilen stört, d.h. ganz einbch den Nazismus. Dieser
\'-:ird schließlich zur unsichtbaren Hand, die am Triumph der
demokratischen Menschheit arbeitet, indem sie sie von ihrem
Intimfeind - dem Volk, das dem Gesetz der Abstammung treu
hleiht - befreit, um ihr so die Vervvi rklichung ihres Traums zu
ermöglichen: die technische Fortpflanzung im Dienste einer
entsexualisierten Menschheit. Von der zeitgenössischen
Embryonenforschung leitet man retrospektiv die Ursache für
die Vernichtung der Juden ab. Von dieser Vernichtung leitet
man ab, dass alles, \Vas mit dem Namen Demokratie zu tun hat,
nichts als die unendliche Verlängerung ein und desselben Ver­
brechens ist.
Es stimmt, dass diese Beschuldigung der Demokratie, ein
unendliches Verbrechen gegen die Menschheit zu sein, keine

sehr weitreichenden Folgen nach sich zieht. Diejeni en, die
von einer \Viederhergestellten Elitenregierung im Schatten
einer wiedergefunderien Transzendenz träumen, fmden sich
letztendlich mit dem bestehenden Sadtvethalt�tler "Demokra­
tien" ab. Und da ihre Vcrfluchungen der Dekadenz sich vorwie­
gend gegen die "kleinen Leute" richten, die diesen Stand der
Dinge anzweifeln, gesellen sie sich letztlich zu den Maßrege­
lungen der Progressiven hinzu. Derart unterstützen sie die Ver­
\valtungsoligarchen, die sich mit den Vl'iderspenstigen Launen
dieser kleinen Leute herumschlagen, die den Lauf des Fort­
schritts beh.i.;ldern, so wie die Esel und Pferde die Straßen i m
demokratischen Stadtstaat P)atons verstopften. S o radikal ihr
Dissens und so apokalyptisch ihre Rede auch sein mögen, so
gehorchen die verwünschenden Ankläger doch der Logik der
konsensuellen Ordnung: einer Ordnung, die aus dem demo-
Der 11t!S\ der Demokratie

kratischen Signifikanten einen unbestimmten Begriff macht,


der in sich alle Arten staatlicher Ordnungen und gesel!schaft�
licher Lebensformen, ein Ensemble von Seinsweisen und ein
Wertesystem vereint. Und dies selbst dann, \Venn es bedeutet,.
die Zweideutigkeit, die den ofliziellen Diskurs beherrscht, ins
Extreme zu sJeigern, im Namen der demokratischen Zivilisa�
tion die militärischen .Feldzüge der evangclistischen Plutokratie
zu unterstützen und zugleich gemeinsam mit ihr die demokra�
tische Korruption der Bevölkerung anzuprangern. Der antide�
mokratische Diskurs der heutigen Intellektuellen vervoll­
kommnet das konsensuelle Vergessen der Demokratie, an dem
die staatlichen und wirtschaftlichen Oligarchien arbeiten.
Der neue Hass der Demokratie ist also in diesem Sinne nur
eine der Formen der Verwirrung dieses Begriffs. Er verdoppelt
die konsensuelle Venvirrung, indem er aus dem Wort "Demo�
kratie" einen ideologischen Operator macht, der die Fragen des
öffentlichen Lebens entpolitisiert, um sie zu "Gese1lschaftsphä­
nomenen" zu machen, und der zugleich die Herrschafts­
formen, die die Gesellschaft strukturieren, verneint. Er ver­
deckt die Herrschaft der staatlichen Oligarchien, indem er die
Demokratie mit einer Gesellschaftsform in eins setzt, und er
verdeckt die Herrschaft der wirtschaftlichen Oligarchien,
indem er ihre Ge\valr mil den Begehrlichkeifen der "demokra­
tischen Individuen" gleichsteUt. Auf diese \"leise kann er, ohne
zu lachen, jene Phänomene, die die Ungleichheit unterstrei­
chen, dem verhängnisvollen und unumkehrbaren Triumph der
"Gleichheit der Bedingungen" zuschreiben und dem oligarchi­
schen Unternehmen seine ideologische Ehre verschaffe n: Man
muss die Demokratie bekämpfen, \Veil die Demokratie der
Totalitarismus ist.
Doch die Verwirrung ist nicht nur ein illegitimer Wortge­
brauch, der sich korrigieren lieBe. Wenn die VVorte dazu die­
nen, die Dinge in Unordnung zu bringen, dann weil die
Schlacht um die \Norte untrennbar von der Schlacht um die

HO
Die Gründe fiir einen /lass

Dinge ist. Das Wort Demokratie ist nicht von irgendeinem


Experten geschaffen vmrden, der mit der Festlegung objektiver
Kriterien für Regierungsformen und Gesellschaftstypen be­
fasst >var. Das \Nort Demokratie ist im Gegenteil als einßegriff
der Ununterscheidbarkeit erfunden worden, der henrorheben
sollte, dass die Macht einer Versammlung gleicher Menschen
nichts anderes sein kann als die Verwirrung einer unförmigen
und kreischenden Meute, d.h. dass die Demokratie in der sozi­
alen Ordnung das Gleiche wie das Chaos in der Naturordnung
ist. Zu verstehen, vvas Demokratie heißt, setzt also folglich
voraus, die Schlacht zu verstehen, die in diesem Wort geschla­
gen >Vird: nicht einfach die wütenden oder verächtlichen Ton­
lagen, mit dem es ausgestattet werden kann, sondern die Sinn­
verschiebungen und -umkehrungen, die es erlaubt und die man
sich ihm gegenüber erlauben kann. Wenn unsere Intellektu­
ellen sich inmitten der Anzeichen vvachsender Ungleichheit
über die verheerenden Aus\virkungen der Gleichheit bescl1\ve­
ren, machen sie einen Spielzug, der nicht neu ist. Bereits im r9.
Jahrhundert, unter der Zensusmonarchie (monarchi1 censitaire)
oder dem autoritären Empire, ängstig-ten sich die Eliten des
offiziellen Frankreich, das auf 2000 Männer reduziert bzw.
Gesetzen und Dekreten untenvorfen war, die alle individuellen
und öffentlichen Freiheiten beg renzLen, vJl- Uer "Uemokrati­
schen Flut", die die Gesellschaft mit sich riss. Sie sahen die
Demokratie, d� öffentlichen Leben untersagt war, in den bil­
ligen Stoffen, Omnibussen, den KahnfahrteMer Malerei unter
freiem Himmel, den neuen Allüren der jungen Frauen oder der
neuen Diktion der Schriftsteller florieren.s Aber auch damit
besch1itten sie keine neuen Wege. Die Doppelung der Demo­
kratie als starre Regierungsform und laxe Gesellschaft ist die
"'"

' Eine g\t!t' Übersicht üherdiese'!'hemengibt HyppolitcAdolphe Taine, hect opinions


Je Fridt!ric Thomas Graindorqe (P<lris: 1-lacht'tte t867l. Über die ,.D<cmokr;ltie in der
Literatur" -;iehedie Kritik von Madame Bouary von Armaml de Pontmartin in :Vmwel/es /
Cmseries du SwneJi (l'ario: Michel Very l�6o). ;'"

"'
Der Ha�s rifr Demokmlie

ursprüngliche Form, in der Platon den Hass der Demokratie rati­


onalisiert hat.
Wie \vir gesehen haben, ist diese Rationalisierung nicht ein­
fach der Ausdruck einer aristokratischen Laune. Sie dient dazu,
eine Anarchie oder eine noch furchterregendere Ununter­
scheidbarkeit al� jene der von frechen Kindern und bockigen
Eseln verstopften StraGen zu besch\.-vören: die ursprüngliche
Ununterscheidbarkeit von Regierendem und Regiertem, die
dann zum Vorschein kommt, wenn die natürliche Macht der
Besten oder der Bessergeborenen ihr Ansehen verloren hat ­
das Fehlen eines bestimmten Herrschaftstitels zur politischen
Regierung der Menschen, der etvvas anderes wäre als gerade
das Fehlen j eglichen Titels. Die Demokratie ist zuallererst
diese paradoxe Bedingung der Politik, jener Punkt, in dem jede
Berechtigung mit der Tatsache konfrontiert vvird,· selbst keine
letztgültige Berechtigung zu haben, smvie mit der egalitären
Kontingenz, die die unegalitäre Kontingenz selbst unterstützt.
Das erklärt, \varum die Demokratie nicht autbört, Hass her­
vorzurufen. Und das erklärt auch, \Varum dieser Hass immer
verkleidet auftritt: fröhlicher Humor als Reaktion auf die Esel
und Pferde zu Zeiten Platons, wütende Kritik und Schmä­
hungen als Reaktion auf die Werbekampagnen von Benetton
oder Biq Brother zu Zeiten der ermüdeten Fünften Republik.
Doch unter diesen angenehmen oder bissigen Maskierungen
hat der Hass einen sehr ernst zu nehmenden Gegenstand. Er
\.vendet sich gegen die nicht tolerierbare egalitäre Bedingung
der Ungleichheit selbst. Man kann also die professionellen
oder auch die Sonntagssoziologen beschwichtigen, die überdie
alarmierende Situation einer Demokratie räsonieren, die nun
keine Feinde mehr habe.9 Die Demokratie ist weit davon ent-

" Vgl. Ulrich Beck, Lkmocracy u:itlwut enemies (Cambridge: Polity Press Jqg8). !m deut­
schen Original vgl. :iers., Politikder C/ohalisi('nmg (Fr;wkfurt/M.: Suhrkamp 199S} . .Vgl.
;�uch Pascal ßruckn<.' r, La ,\fdancholie dimocratiqrw: Commnl/ d�·re sans ermemis? {Paris:
Seuil 199�l.
Die Griindefiir einen I-hm

fernt, sich mit der Angst eines solchen Komforts zu konfron­


tieren. Die "Regierung der Beliebigen" ist dem unendlichen
Hass all jener ausgesetzt, die Ermächtigungen zur Regierung
der Menschen Geburt, Reichtum oder Wissen - vorzuweisen
haben. Und sie ist es heute radikaler als je zuvor, weil die sozi­
ale Macht des Reichtums in ihrem unbegrenzten Wachstum
keine Hindernisse zulässt und weil überdies ihre Vcrantvmr­
tungsbcreiche jeden Tag enger mit denen des Staats ·verbunden
sind. Die europäische Pseudo-Verfassung bezeugt im Gegenteil:
Wir leben nicht mehr in Zeiten der klugen juridischen Kon­
struktionen, deren Ziel es war, den oligarchischen Verfas­
sungen die irreduzible "Macht des Volkes" einzuschreiben.
Diese Figuren des Politischen und der Politikwissenschaft liegen
heute hinter uns. Die staatliche Macht und die �t des
Reichtums vereinen sich tendenziell zu einereinzigen \vissens­
gestützten Verwaltung der Geld- und Bevölkerungsströme.
Gemeinsam bemühen sie sich, die Räume der Politik einzu­
schränken. Doch diese Räume einzuschränken und die unto­
lerierbarc, gleichwohl unverzichtbare Grundlage de1 Politi­
schen in der "Regkrung der Beliebigen" auszulöschen,� bedeu­
tet, ein neues Schlachtfeld zu eröffnen und die Macht der
Geburt und der Abstammung in einer neuen und radikalisier­
ten Gestalt wiederkehren zu sehen. Nicht meh:fdie Madil der
alten Monarchien und Aristokratien, sondern die Macht der
Völker Gottes. Diese Macht kann als islamistischerTerrorismus
gegen eine mit den oligarchischen Rechtsstaaten identifizierte
Demokratie auftreten. Oder sie kann den oligarchischen Staat
im Krieg gegen diesen Terror unterstützen, und zwar im Namen
einer Demokratie, die von den amerikanischen Evangelisten
mit der Freiheit der Familienväter, die den biblischen Geboten
-��
gehorchen und zum Schutz ihres Eigentums bewaffnet sind, in
eins gesetzt \-Vird. Bei uns kann sie als Schutz eines Prinzips der
Abstammung gegen die demokratische Perversion auftreten,
das manche in seiner Allgemeinheit unbestimmt lassen, das

"'
Der f-las,\ t/('r /Jemokmfie

andere aber umstandslos mit dem Gesetz jenes Volkes gleich�


setzen, dem Moses das Wort Gottes überbrachte.
Die Zerstörung der Demokratie im Namen des Koran, die
kriegerische Ausweitung der Demokratie als Venvirklichung
des Dekalogs, der Hass der mit der Ermordung des göttlichen
Pastors üJentifizi,erten Demokratie. All diese zeitgenössischen
Figuren haben zumindest ein Verdienst. Durch den Hass, den
sie gegen die Demokratie oder in ihrem Namen üußern, und
durch die Amalgamierungcn ihres Begriffs werden vvir gezv·.run­
gen, die singuläre Kraft \Viederzufinden, die der Demokratie
eigen ist. Die Demokratie ist v.,reder jene Regierungsform, die es
der Oligarchie ermöglicht, im Namen des Volks zu herrschen,
noch jene Gesellschaftstl1rm, die die Macht der \Varen reguliert.
Sie ist die Tätigkeit, die den oligarchischen Regienmgen unauf­
hörlich das Monopol über das öffentliche Leben und dem
Reichturn die Allmacht über das Leben aller entreißt Sie ist jene
Kraft, die heute mehr als je gegen die Verwechslung dieser
Mächte mit dem einzigen Gesetz der Herrschaft kämpft. Die
Besonderheit der Demokratie \Viederzufinden, bedeutet auch,
sich ihrer Einsamkeit bewusst zu werden. Lange Zeit wunie die
demokralische Forderung von der Idee einer neuen Gesell­
schaft getragen oder verdeckt, deren Elemente, wie es hieß, sich
im Herzen der gegenwärtigen Gesellschaft hilden würden. Das
ist es, was "Sozialismus" bedeuter hat: eine Geschichtsvision,
derzufolge die kapitalistischen Produktions- und Tauschformen
bereits die materiellen Bedingungen einer egalitären Gesell­
schaft und ihrer globalen Ausvveitung bildeten. Noch heutzu­
rage nährt sich von dieser Vision die Hoffnung auf einen Kom­
munismus oder eine Demokratie der Multitudes:'Die zuneh­
mend immateriellen Formen der kapitalistischen Produktion
und ihre Konzentration aufdas Universum der Kommunikation
würden heute schon eine nomadische Bevölkerung von "Pro­
duzenten" ncuen Typs, eine kollektive Intelligenz bilden, eine
kollektive Kraft der Gedanken, Affekte und Körperbewegungen,
Die Griindefiir einen Hass

die in der Lage sind, Grenzen des Empire einzureißen.10 Zu ver­


Stehen, \Vas Demokratie heißt, bedeutet, diesen Glauben auf­
zugeben. Die von einem Herrschaftssystem produzierte, kol­
lektive Intelligenz ist nie etvvas anderes als die Intelligenz dieses
Systems. Die nichtegalitäre Gesellschaft trägt keine egalitäre
Gesellschaft in sich. Die egalitäre Gesellschaft ist nichts als das
Ensemble egalitärer Beziehungen, die hier und jetzt durch sin­
guläre und prekäre Handlungen geformt werden. Die Demo­
kratie ist nackt in ihrem Bezug zur Macht des Reichtums,
genauso vvie im Bezug zur Macht der Abstammung, die die
Macht des Reichtums heute unterstützt oder herausfordert. Sie
ist in keinerlei Natur der Dinge begründet und \-vird durch
keine institutionelle Form gewährleistet. Sie \Vird von_ keiner
historischen Notwendigkeit getragen und trägt selbst keine in
sich. Sie ist nur der Konstanz ihrer eigenen Handlungen anver­
traut. Das kann Angst hervorrufen, also Hass bei denen, die es
ge\vohnt sind, die Macht über das Denken auszuüben. Doch
bei denen, die mit jedem Beliebigen die gleiche Macht der
Intelligenz zu teilen \vissen, kann sie im Gegenteil Mut hervor-
!
rufen, also Freude.

'" VgL Michael !-lardt und Antonio Negri, Empire: Die neue H·eltord11unq (Frankfun/,\-1./
Ncw York: Campus 20031 uml dies., ,\1u/titude. Krieg und Demokra/ir im Empire
(Frankfurt/M./New York: Campus 1004).

11'5