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898 >RETORNADOS< IN PoRTUGAL

Noch war auch das Gefühl verbreitet, im Exil zu leben. Dennoch hatten sich bereits Mitte der 1950er Jahre klare Tendenzen einer weit- reichenden sozialen Integration der postkolo- nialen Zuwanderer in den Niederlanden ge- zeigt. Die Hälfte der Zuwanderer, Männer wie Frauen, hatte einheimische Niederländer ge- heiratet. Dieser Anteil stieg in den folgenden Jahren und Generationen rasch an. Vor allem jungen Familien mit Kindern bereitete die An- passung kaum Schwierigkeiten; sie folgten niederländischen Erziehungsstilen. Dennoch hielten sie an manchen mitgebrachten kultu- rellen Normen und Werten fest. In den 1980er und 1990er Jahren geriet diese Strategie einer möglichst weitreichenden äußeren Anpas- sung in die Kritik: Viele Stimmen verlangten von der Elterngeneration nachdrücklich eine Rückbesinnung auf die Geschichte der eige- nen Familie und damit auf das kulturelle Erbe ihrer durch die niederländische Kolonialge- schichte geprägten Vorfahren. Die Gruppe der Niederländer indonesi- scher Herkunft umfaßt zu Beginn des 21. Jahr- hunderts 582.000 Menschen der ersten und zweiten Zuwanderergeneration. Etwa 458.000 von ihnen leben in den Niederlanden, wo sie 3 Prozent der Bevölkerung ausmachen, 124.000 in anderen Ländern. Die sozio-demo- graphische Entwicklung dieser Gruppe seit ihrerAnkunft in den Niederlanden ergibt kein eindeutiges Bild: Sie wurde nie offiziell als Minderheit anerkannt und damit auch nicht Teil der damit verbundenen staatlichen Förde- rungsmaßnahmen, nur selten war sie Gegen- stand soziologischer Untersuchungen. Nahe- zu die Hälfte dieser Zuwanderer lebt in den Provinzen Nord- und Südholland im Städte- gürtel im Westen des Landes (>Randstad<). Darin spiegelt sich die Situation der 1950er Jahre, als sich die meisten Neuankömmlinge -ungeachtet der staatlichen Bemühungen um eine Verteilung auf das ganze Land -schwer- punktmäßig hier ansiedelten. In dieser Hin- sicht gleichen sie anderen Zuwanderergrup- pen, die sich ebenfalls in den urbanen Ballungsräumen der Niederlande konzentrie-

Niederlande; Molukker in den Niederlan- den seit 1951.

Lit.: Gijs Beets u.a., De demografische geschiede- nis van de Indische Nederlanders, Den Haag 2002; Ulbe Bosma/Remco Raben/Wim Willems, De ge- schiedenis van Indische Nederlanders, Amsterdam 2006; Wim Willems u.a. (Hg.), Uit Indie geboren. Vier eeuwen familiegeschiedenis, Zwolle 1997; Wim Willems, No Sheltering Sky: Migrant Identities of Dutch Nationals from Indonesia, in: Andrea L.

ren

Smith (Hg.), Europe's Invisible Migrants, Amster- dam 2003, S. 33-59; Wim Willems, De Uittocht uit Indie, 1945-1995, Amsterdam 2001.

WIMWILLEMs

>Retornados< aus den ehemaligen Kolonien 1 in Portugal seit den 1970er Jahren

I

Der Begriff •Retornado<, wörtlich >der Zu- rückgekehrte<, bezieht sich auf alle Zuwande- rer, die während und unmittelbar nach der Dekolonisationsphase in den Jahren 1974- 1978 aus den ehemaligen portugiesischen Ko- lonien in Afrika (Mosambik, Angola, Kap Verde, Guinea-Bissau, Säo Tome und Princi- pe) nach Portugal kamen. Viele der Retorna- dos waren europäischer, afrikanischer, asiati- scher oder gemischter Abstammung, die niemals in Portugal gelebt hatten, nach der Unabhängigkeit aber aus Afrika flohen, weil sie zum Beispiel mit den Kolonialherren kol- laboriert hatten oder als weiße Siedler uner- wünscht waren. Der Begriff bürgerte sich in der zeitgenössischen Presse, in amtlichen Do- kumenten und im alltäglichen Sprachge- brauch ein und ist auch noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Gebrauch. Er dient der Definition und Kennzeichnung einer hetero- genen, von der portugiesischen Gesellschaft als >Fremde< wahrgenommenen postkoloni- alen Zuwanderergruppe. Das Regime des portugiesischen Diktators Ant6nio de Oliveira Salazar (1932-1968; Nach- folger bis 1974: Marcello Caetano) öffnete in den 1950er und 1960er Jahren die Kolonien für neue Siedler, deren Zahl in den späten 1960er Jahren rapide anstieg. Portugal reagierte da- mit auf den wachsenden Widerstand unter der einheimischen Bevölkerung gegen das Kolonialregime und versuchte die koloniale Wirtschaft zu stärken. Im amtlichen Sprachge- brauch galten Portugal und seine Kolonien die als Uberseeprovinzen bezeichnet wurden, als eine >unteilbare Nation<; auch die Bevölke- rung der von Portugal abhängigen über- seeischen Gebiete wurde als Teil dieses >transkontinentalen< und >multiethnischen< Staatskonstrukts verstanden. Mit der >Nelkenrevolution< von 1974 ende- te in Portugal die Diktatur und in Afrika die portugiesische Kolonialherrschaft Nach den Bürgerkriegen in den afrikanischen Kolonien und der Übertragung der Regierungsgewalt auf die afrikanischen Befreiungsbewegungen standen 1974 viele Menschen in Afrika vor der Entscheidung, entweder unter dem Schutz

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der neuen Machthaber zu bleiben oder nach Portugal abzuwandern: Innerhalb eines Jah- res verließen fast eine halbe Million Menschen die ehemaligen portugiesischen Kolonien. Die ersten Abwanderungen aus den Kolonien setzten bereits 1973 ein, also noch vor dem Regimewechsel in Portugal. Anfang 1974 schnellte die Zahl der Retomados in die Höhe, Plätze in den Flugzeugen, die nach Lissabon starteten, wurden knapp. Deshalb richteten die portugiesischen Behörden eine Luftbrük- ke zwischen Angola und Portugal ein. Die großen Menscherunengen im Flughafen von Lissabon und die täglichen Presseberichte über die mittellosen Ankömmlinge erschüt- terten das Bild von einer vorbildlich organi- sierten Dekolonisierung, das die Regierung zu vermitteln suchte. Die Volkszählung von 1981 in Portugal ver- zeichnete 471.427 Zuwanderer aus den ehe- maligen Kolonien, die zu 62 Prozent aus An- gola, zu 34 Prozent aus Mosambik und zu 4 Prozent aus anderen afrikanischen Ländern kamen. Die Bevölkerung Portugals war da- durch um etwa 6 Prozent gewachsen. Rund 20.000 Portugiesen (einschließlich der angola- rusch-portugiesischen >mesti<;<;>,s<) entschlos- sen sich, in Angola zu bleiben. Uber sie liegen nur unzureichende Informationen vor. Es handelte sich überwiegend um Städter, die in einer durch Rassendiskriminierung zerrisse- nen, von schwerwiegenden wirtschaftlichen und sozialen Problemen gezeichneten Gesell- schaft zurückblieben: Preise explodierten, Ex- porte brachen e~,die Entwicklungspläne aus der kolonialen Ara wurden aufgrund fehlen- der finanzieller und personeller Mittel ge- stoppt, (Wohnungs-)Bauprojekte eingestellt, viele halbfertige Gebäude standen nun leer. Unter den Zuwanderern erhielten nur jene die portugiesische Staatsangehörigkeit, die in Portugal geboren oder eingebürgert worden waren. Hinzu kamen in den ehemaligen Ko- lonien Geborene mit portugiesischen Eltern oder Großeltern sowie im Ausland Geborene mit portugiesischen Eltern. In den ehemaligen Kolonien Geborene ohne portugiesische Vor- fahren konnten erst dann Anspruch auf die portugiesische Staatsange~örigkeit erheben, wenn sie länger als 5 Jahre m Portugal gelebt hatten. Infolge dieser Regelungen konnte die überwiegende Mehrheit der Schwarzafrika- ner unter den postkolonialen Zuwanderern die portugiesische Staatsangehörigkeit nur i~ Ausnahmefällen beantragen; das betraf bei- spielsweise auch Veteranen der ~ortugiesi­ schen Kolonialarmee oder ehemalige Ange-

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hörige der Kolonialverwaltung. Damit gründete das portugiesische Staatsangehörig- keitsrecht nicht mehr auf dem imperialen Prinzip des >ius soli<, sondern verstand die Nation auf der Basis des >ius sanguinis< als Abstammungsgemeinschaft. Auch wenn 63 Prozent der erwachsenen und 40 Prozent der jugendlichen Retomados in Portugal geboren worden waren, galten viele von ihnen in der Fremdbeschreibung als Afrikaner. Die Mehrheit der Retornados war männlich, die meisten von ihnen im erwerbs- fähigen Alter. Sie ließen sich überwiegend in großstädtischen Räumen wie Lissabon (32 Prozent), Porto und Serobai nieder, wahr- scheinlich aufgrund der besseren Chancen, Arbeit und Wohnungen zu finden. Die starke Zuwanderung junger Menschen balancierte zumindest zeitweilig einige Asymmetrien in der Altersstruktur Portugals aus. Die verfüg- baren Statistiken lassen jedoch keine genaue- ren Angaben über Heiratsmuster und Endo- gamieraten zu. Die schulischen und berullichen Qualifika- tionen der Zuwanderer lagen über dem natio- nalen Durchschnitt: 1981 verfügten lediglich 17 Prozent von ihnen nicht über eine abge- schlossene Grundschulausbildung, während diese Rate für die portugiesische Gesamtbe- völkerung bei 51 Prozent lag. Unter den Por- tugiesen mit abgeschlossener Berufsaus- bildung zählten 16 Prozent, unter den Hochschulabsolventen 11 Prozent zu den Re- tornados. Einige der Zuwanderer fanden Zu- gang zu qualifizierten Berufen, zum Manage- ment in der Wutschaft oder zur politischen Elite, letzteres allerdings zumeist nur auf lo- kaler Ebene. 1981 machten die Retomados mehr als 15 Prozent aller Beschäftigten im pro- duzierenden Gewerbe aus. Die entsprechen- den Raten lagen bei 12 Prozent in den Berei- chen Banken, Finanzen und öffentliche Verwaltung (überproportional häufig im Landwirtschaftsministerium, weil viele Zu- wanderer aus der Landwirtschaft kamen), bei 6 Prozent im Bereich der öffentlichen Sicher- heit und bei ebenfalls 6 Prozent im Kleinge- werbe, oft Gaststätten. Daß bei insgesamt niedriger portugiesischer Arbeitslosigkeit 1981 Retomados beiderlei Geschlechts über- durchschnittlich häufig davon betroffen wa- ren, läßt Tendenzen der ökonomischen und sozialen Marginalisierung eines Teils der Gruppe erkennen. Die weitreichende wirtschaftliche Integra- tion der Retomados darf nicht über vorhande- ne Spannungen zwischen den Einheimischen

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und den Zuwanderern hinwegtäuschen. Zwar verfügten die meisten Retornados über die portugiesische Staatsangehörigkeit; aus der Sicht vieler Einheimischer verband sich damit aber keineswegs ein Recht auf Aufenthalt im Land. Daß weite Teile der portugiesischen Be- völkerung die Ankunft und Niederlassung der Retornados als >Invasion< betrachteten, wurde im Alltag und in den Medien immer wieder zum Ausdruck gebracht. Die Zuwan- derer kamen nach Portugal in einer Situation großergesellschaftlicher Verunsicherung nach dem Regimewechsel. Sie wurden für Woh- nungsknappheit,Arbeitslosigkeit und die Be- lastung der Sozialsysteme verantwortlich ge- macht. Aufgabe verschiedener staatlicher Institutionen, wie zum Beispiel das >lnstituto de Apoio aos Retornados Nacionais< (IARN; >Amt zur Unterstützung von Staatsangehöri- gen bei der Rückkehr<) und der >Comissäo Interministerial de Financiamento a Retorna- dos< (CIFRE; >Interministerieller Rat zur Fi- nanzierung der Retornados<), war es, die Re- patriierung der Retornados zu organisieren und ihre Integration zu erleichtern. Einige Banken gewährten Kredite für den Erwerb oder den Bau von Häusern, und CIFRE vergab Bürgschaften für Kredite, die dem Auf- oder Ausbau von Unternehmen dienen sollten. Die Retornados trugen zur sprachlichen, ethnischen und religiösen Pluralisierung der portugiesischen Gesellschaft bei. Sie brachten neue Wörter, afrikanische Gerichte, eine an- dersartige Kleidung und Musik ins Land. In den 1980er Jahren entstanden Selbstorganisa- tionen wie zum Beispiel die >Vereinigung der ehemaligen Überseekämpfer< und die >Alli- anz der portugiesischen Uberseerückwande- rer<, die sich für die Rechte der Retornados einsetzten (zum Beispiel bei Schadensersatz- ansprüchen) oder jährliche Zusammenkünfte bestimmter Gruppen unter den Retornados organisierten, wie beispielsweise von Rück- kehrern aus Angola. Verlauf und Ausmaß der Integration der Retornados werden unterschiedlich beurteilt. Sie wird von manchen als beispiellose Erfolgs- geschichte verstanden, andere halten sie für nur oberflächlich. Den optimistischen Ein- schätzungen zufolge sprechen alle Indikato- ren für eine erfolgreiche Integration, so zum Beispiel die räumliche Verteilung der Zuwan- derer, ihre beruflich-soziale Positionierung und die Tatsache, das Integrationshilfen we- niger durch Migrantenorganisationen als durch verwandtschaftliche Netzwerke und Freunde gegeben wurden. Eine Implantie-

rung spezieller Förderungsprogramme, bei- spielsweise Quotenregelungen bei der Beset- zung offener Stellen, sei nicht erforderlich. In der Zuwanderergruppe selbst werden demgegenüber in der Regel eher kritische Stimmen laut, die zumeist auf das ihnen oft entgegengebrachte negative Fremdbild ver- weisen. Die Retornados, die sich selbst als Teil der portugiesischen Nation sehen, gelten oft als ein >fremdes< Element, das für ein vergan- genes Zeitalter kolonialer Ausbeutung stehe und für die sozialen Probleme des Landes ver- antwortlich sei. Viele sehen in einer derartigen Ausgrenzung die Ursache für eine nur ober- flächliche oder sogar gescheiterte Integration. Diese Sichtweise wiederum bestärkt viele Por- tugiesen in der Auffassung, die Retornados seien keine >echten< Portugiesen, sondern re- präsentierten ein >anderes<, nicht erwünschtes

Spanien und Portugal; Angolanische und mosambikanisehe Arbeitswanderer in Portu- gal seit den 1970er Jahren.

Lit.: Ant6nio Barreto (Hg.), ASitua<;äo Social em Portugal, 1960-1995, Lissabon 1996; ]ose Ferreira, A Descoloniza<;äo: seu processo e consequencias, in:

]ose Mattoso (Hg.), Hist6ria de Portugal, Bd. 8, Us- sabon 1994, S. 53-101; Rui Pires, 0 Regresso das Col6nias, in: Francisco Bethencourt/Kirti Chaud- huri (Hg.), Hist6ria da Expansäo Portuguesa, Bd. 5, Navarra 1999, 5. 182-196; Andrea Smith <Hg.}, Europe's Invisible Migrants, Amsterdam 2003.

CARMENMAau

Russische Elite in den baltischen Staaten seit der Frühen Neuzeit

Die heutigen baltischen Staaten Estland, Lett- land und Litauen entstanden zwischen 1918 und 1920. Bis dahin bildeten deren Territorien Provinzen oder Teile von Provinzen des Za- renreichs. Der Begriff >russische Elite< kann sich auf ganz unterschiedliche Phänomene beziehen. Vor allem ist nach der Eigen- und Fremdwahrnehmung zu unterscheiden. So konnten sich >Russen< zwar als Elite im Zaren- reich oder der Sowjetunion verstehen, genos- sen jedoch in den baltischen Ländern bzw. Staaten selbst einen minderrechtlichen Status. Darüber hinaus fehlen bis heute klare Kriteri- en, wer als >russisch< gelten soll. Für das Za- renreich taugen Faktoren wie Sprache, Religi- on oder Nationalgefühl nur bedingt als Definitionskriterien, im sowjetischen Kontext gilt das um so mehr, sieht man von Eintragun- gen im Paß ab. Hinzu kommt das Problem, daß in den baltischen Ländern bzw. Staaten für das, was als >russisch< gilt, andere Kriteri-

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