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Edition Rechtsextremismus

Herausgegeben von
F. Virchow, Düsseldorf, Deutschland
A. Häusler, Düsseldorf, Deutschland
Die „Edition Rechtsextremismus“ versammelt innovative und nachhaltige Beiträge
zu Erscheinungsformen der extremen Rechten als politisches, soziales und kultu-
relles Phänomen. Ziel der Edition ist die Konsolidierung und Weiterentwicklung
sozial- und politikwissenschaftlicher Forschungsansätze, die die extreme Rechte
in historischen und aktuellen Erscheinungsformen sowie deren gesellschaftlichen
Kontext zum Gegenstand haben. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei transnatio-
nalen Entwicklungen in Europa.

Herausgegeben von
Fabian Virchow Alexander Häusler
Düsseldorf, Deutschland Düsseldorf, Deutschland
Wolfgang Frindte • Daniel Geschke
Nicole Haußecker • Franziska Schmidtke
(Hrsg.)

Rechtsextremismus und
„Nationalsozialistischer
Untergrund“
Interdisziplinäre Debatten,
Befunde und Bilanzen
Herausgeber
Wolfgang Frindte Nicole Haußecker
Friedrich-Schiller-Universität Jena Friedrich-Schiller-Universität Jena
Deutschland Deutschland

Daniel Geschke Franziska Schmidtke


Friedrich-Schiller-Universität Jena Friedrich-Schiller-Universität Jena
Deutschland Deutschland

Edition Rechtsextremismus
ISBN 978-3-658-09996-1 ISBN 978-3-658-09997-8 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-658-09997-8

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbi-


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Lektorat: Jan Treibel, Stefanie Loyal

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

Kapitel 1

Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien


der Rechtsextremismusforschung von 1990 bis 2013 . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
Wolfgang Frindte, Daniel Geschke, Nicole Haußecker
und Franziska Schmidtke

Kapitel 2 Unschärfen, Befunde und Perspektiven

Sonderfall Ost – Normalfall West? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99


Über die Gefahr, die Ursachen des Rechtsextremismus zu verschleiern
Matthias Quent

Trends und Ursachen des Rechtsextremismus in Ostdeutschland . . . . . . 119


Heinrich Best
6 Inhaltsverzeichnis

Rechtsextremismus und pauschalisierende Ablehnungen . . . . . . . . . . . . . 131


Alte Probleme mit neuen Herausforderungen
Kurt Möller

Ideologien der Ungleichwertigkeit und Rechtsextremismus


aus der Sicht der Theorie eines identitätsstiftenden politischen
Fundamentalismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149
Wolfgang Frindte und Daniel Geschke

Kapitel 3 „Nationalsozialistischer Untergrund“

Nicht vom Himmel gefallen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195


Die Thüringer Neonaziszene und der NSU
Stefan Heerdegen

Uwe Böhnhardt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213


Rekonstruktion einer kriminellen Karriere
Heike Würstl

Der Verfassungsschutz und der NSU . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225


Dirk Laabs

Prozesse und Strukturen der Verfassungsschutzämter


nach dem NSU . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
Thomas Grumke

Fallbeispiel Grass Lifter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277


Künstlerische Interventionen zum NSU im öffentlichen Raum in Sachsen
Franz Knoppe und Maria Gäde
Inhaltsverzeichnis 7

Kapitel 4 Gesellschaftliche Reaktionen

Rechtsextremismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 301
Herausforderungen für die ganze Gesellschaft
Anetta Kahane

„Lügenpresse“? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309
„Rechtsextremismus“ und „Rassismus“ in den Medien
Britta Schellenberg

Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt


in Brandenburg (1990-2008). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341
Zur Problematik der statistischen Erfassung politisch
motivierter Kriminalität
Dorina Feldmann, Christoph Kopke und Gebhard Schultz

Demokratieferne Rebellionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 359


Pegida und die Renaissance völkischer Verschwörungsphantasien
Samuel Salzborn

Lachen gegen den Ungeist? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367


Zum Potenzial des politischen Kabaretts am Beispiel der Thematisierung
des „NSU“-Diskurses
Frank Schilden

Kapitel 5 Prävention und Intervention

Rechtsextremismus und pauschalisierende Ablehnungen . . . . . . . . . . . . . 389


Grundlagen und Möglichkeiten der Prävention
Kurt Möller

Demokratieförderung und Rechtsextremismusprävention


in den Bundesländern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 403
Eine vergleichende Analyse der Landesstrategien
Franziska Schmidtke
8 Inhaltsverzeichnis

Deradikalisierung als Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 425


Theorie und Praxis im nationalen und internationalen Vergleich.
Trends, Herausforderungen und Fortschritte
Daniel Köhler

Wenn abstrakte Items auf die Wirklichkeit der Stammtische treffen . . . 443
Die lokale politische Kultur als begünstigender Faktor
für die Herausbildung von Rechtsextremismus
Reiner Becker

Demokratiepädagogik als präventionswirksame Idee . . . . . . . . . . . . . . . . 463


Wolfgang Beutel, Kurt Edler, Mario Förster und Hermann Veith

Sekundäre Viktimisierung durch die Polizei? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 481


Eine Studie zu den Erfahrungen von Betroffenen rechter Gewalt
Daniel Geschke und Matthias Quent

Autorenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 507
Vorwort

Deutschland ist ein Einwanderungsland

Deutschland ist ein Einwanderungsland und laut Grundgesetz, Artikel 16a, Absatz
1, auch ein Land, in dem politisch Verfolgte Asylrecht genießen. Am 21.01.2015
stellte der Bundesinnenminister Thomas de Maizière den Migrationsbericht 2013
mit den Worten vor: „Der Bericht macht deutlich, dass Deutschland im Hinblick
auf die Zuwanderung gut aufgestellt ist“ (Quelle: bmi.bund.de). Das scheinen die
Demonstrantinnen und Demonstranten, die seit Herbst 2014 auf die Straße gehen,
um als „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegi-
da) zu demonstrieren, offenbar ganz anders zu sehen. Auf den Plakaten, die die
Pegida-Leute (und wie sie alle heißen) mit sich führten, wurde nicht nur gegen
den Islam und gegen eine verfehlte Einwanderungs- und Asylpolitik gehetzt. Die
Leute sollen auf die Straße gehen, weil sie – so liest man auf der Facebook-Sei-
te von Sügida (dem südthüringer Pegida-Ableger) – die „Schnauze voll haben,
von den Lügenmärchen und den etablierten Parteien“. Auch von „Lügenpresse“,
„Lügenpropaganda“ oder von deutschen Spitzenpolitikern, die ihr eigenes Volk
verachten, ist auf den Facebook-Seiten der Pegida-Bewegungen die Rede. Nun
werden bekanntlich Begriffe wie „Systemmedien“ oder „Lügenpresse“ gern von
den rechtspopulistischen und rechtsextremen Szenen gebraucht, um die scheinbare
„Gleichschaltung“ der Massenmedien im heutigen Deutschland zu kritisieren. Die
Herkunft dieser Begriffe sollte auch den Pegida-Anhängern bekannt sein: In den
1920er Jahren nutzten die Nationalsozialisten diese Begriffe, um die linke und die
ausländische Presse zu diffamieren. Mit anderen Worten: Die patriotisch-euro-
10 Vorwort

päischen Protagonisten1 wissen, was sie sagen und tun. Es geht ihnen nur vorder-
gründig um den Kampf gegen eine „Islamisierung des Abendlandes“. Tatsäch-
lich stellen sie die demokratische Verfasstheit dieses Landes und seinen Status
als Einwanderungsland in Frage und sind insofern die eigentliche Bedrohung der
Zivilisation.
Auch wenn die Demonstrationsbereitschaft dieser Leute rapide abgenommen
hat und sich Anfang 2015 in vielen Teilen Deutschlands ein breiter Widerstand
gegen die islamfeindliche Pegida-Bewegung formierte und Tausende für mehr
Weltoffenheit auf die Straße gingen, bleibt die Frage: Was wollen die „patriotisch-
europäischen“ Islamgegner und wer sind sie? Verweisen die Demonstrationen gar
auf neue Formen des Rechtsextremismus und Rechtspopulismus? Wie sehen diese
neuen Formen aus und was kann man dagegen tun?
Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigen sich die Beiträge des vorliegenden
Sammelbandes.
Die Bewegungen, die sich entweder Pegida, Nögida, Dügida, Sügida oder mit
anderen recht kuriosen Namen bezeichnen, könnten eigentlich aus Sicht der Sozial-
wissenschaftlerinnen und -wissenschaftler als analytische Sternstunde betrachtet
werden. Nun scheint sichtbar zu werden, was bisher im scheinbaren Dunkel ano-
nymer Befragungen verschwand. Die 5-6% Antisemiten in Deutschland oder die
5-7% Rechtsextreme oder die 17-22% Ausländerfeinde, wie aus einschlägigen so-
zialwissenschaftlichen Analysen abzuleiten war, gibt es in Deutschland schon seit
Jahren. Aber so richtig wahrgenommen wurden sie selten. Denn: so genau scheint
man es dennoch nicht zu wissen, wenn man sich nur auf herkömmliches sozialwis-
senschaftliches Instrumentarium (also auf Befragungen) verlässt. Jetzt kann man
sie sehen, kann auf Facebook ihre Vorlieben oder Hobbys anschauen usw. Also:
Das, was sich da auf den Pegida- oder Sügida-Demonstrationen zeigt, ist nicht neu.
Parallel dazu stieg die Anzahl rassistischer Angriffe auf Flüchtlingsunterkünf-
te 2014 stark an (Dernbach, 2015). Im Vergleich zum Vorjahr 2013, hat sich die
Zahl der Angriffe mehr als verdreifacht; allein 67 Angriffe ereignete sich zudem
im letzten Quartal 2014. Unter den insgesamt 150 registrierten Attacken waren
Brand- und Sprengstoffanschläge, Angriffe auf deren Bewohner und volksverhet-
zende Parolen.
Nun gilt es allerdings auch zu differenzieren: Unter den Pegida-„Wutbürgern“
waren nicht nur Rechtsextremisten, Rechtspopulisten oder Anhänger der AfD.
Auch Menschen, die sich bedroht fühlen oder Angst vor etwas haben, das sie

1 Personenbezogene Bezeichnungen werden im vorliegenden Band der besseren Lesbar-


keit wegen, wenn nicht anders hervorgehoben, in der männlichen Form wiedergege-
ben.
Vorwort 11

kaum aus eigener Erfahrung kennen, nahmen an den Pegida-Demonstrationen


teil. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wird nicht nur von „randständigen“
Personengruppen geäußert, sondern Àndet sich auch in der „stabilen Mitte“, wie
Wilhelm Heitmeyer und Kollegen oder Oliver Decker, Johannes Kiess und Elmar
Brähler in ihren repräsentativen Studien seit 2002 bis 2014 zeigen konnten.
In welchem Verhältnis stehen nun aber die gruppenbezogene Menschenfeind-
lichkeit, der Rechtspopulismus und Rechtsextremismus? Auch um diese Frage
geht es im vorliegenden Band.

Theoretische Unschärfen und der Rechtsextremismus


in der Mitte der Gesellschaft

Rechtsextremistische Orientierungen setzen sich nach Heitmeyer et al. (1992) aus


einer Ideologie der Ungleichheit bzw. Ungleichwertigkeit und der GewaltafÀni-
tät (bis hin zu gewalttätigem Handeln) zusammen. Beide Dimensionen wurden in
einschlägigen Publikationen (auf die im vorliegenden Band ausführlich eingegan-
gen wird) durch Subdimensionen mit verschiedenen Facetten untergliedert und
operationalisiert. Leserinnen und Leser werden sich erinnern, nach anfänglicher
Euphorie und umfangreicher Rezeption gerieten in den 1990er Jahren sowohl die
Heitmeyersche Rechtsextremismus-DeÀnition als auch der von ihm und Kollegen
vorgelegte Erklärungsansatz in die Kritik. Nicht zuletzt angesichts der ungelösten
DeÀnitionsprobleme wurde von einigen Forschern mit überwiegend politikwis-
senschaftlicher Ausrichtung Anfang der 2000er Jahre eine „KonsensdeÀnition“
vorgeschlagen. Rechtsextreme Einstellung solle in sechs Dimensionen gemessen
werden: „Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur“, „Chauvinismus“, „Aus-
länderfeindlichkeit“, „Antisemitismus“, „Sozialdarwinismus“ und „Verharmlo-
sung des Nationalsozialismus“. Die auf dieser Basis entwickelte Skala zur Messung
von rechtsextremen Einstellungen wurde in mehreren Studien eingesetzt, zuletzt
in den Mitte-Studien von Decker, Kiess und Brähler (2014), in der Studie der
Friedrich-Ebert-Stiftung „Fragile Mitte – Feindselige Zustände“ (Zick & Klein,
2014) und im Thüringen-Monitor 2014 (Best, Niehoff, Salheiser & Salomo, 2014).
Die „KonsensdeÀnition“ lehnt sich zwar an der o. g. Rechtsextremismus-DeÀnition
von Heitmeyer und Mitarbeitern an, greift aber nur eine der zwei Dimensionen –
die „Ideologie der Ungleichwertigkeit“ auf. Auch im Langzeit-Projekt Gruppen-
bezogene Menschenfeindlichkeit (Heitmeyer, 2002 bis 2012) sollte von Anfang
an – vergleichbar mit der o. g. „KonsensdeÀnition“ – „nur“ eine der Dimensionen
empirisch beobachtet werden, die in der ursprünglichen Rechtsextremismus-De-
Ànition genannt sind – eben die Facetten (oder Elemente) der Ideologie der Un-
12 Vorwort

gleichwertigkeit. Sowohl die Befunde der Mitte-Studien als auch und besonders
die Ergebnisse aus dem Projekt Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF)
haben die scheinbare Unterscheidung zwischen den brutalen Rechtsextremisten
einerseits und der angeblich humanen Bevölkerung andererseits aufgelöst und auf
grundsätzliche Gefährdungen der deutschen Gesellschaft aufmerksam gemacht.
Die Erweiterung der wissenschaftlichen Perspektive war wichtig und notwendig,
hatte aber auch zur Folge – und das ist die These der Herausgeberinnen und Her-
ausgeber – dass die Gefährdung der Gesellschaft durch die sich in den letzten zwei
Jahrzehnten neu organisierenden rechtsextremen Milieus und Bewegungen nicht
primär im Fokus der wissenschaftlichen Analyse und Erklärung stand. Auf ein
politisches Problem dieser Fokussierung verweist Anetta Kahane:

„Das Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit hat den entschei-


denden Vorteil, dass es deutlich macht, dass GMF nicht ausschließlich ein unter
Rechtsextremisten verbreitetes Phänomen ist, sondern – die statistischen Erhebun-
gen zeigen das – in allen gesellschaftlichen Gruppen vorkommt. Zugleich kann dies
allerdings zu einer Entpolitisierung des Kampfes gegen den Rechtsextremismus füh-
ren“ (Kahane, 2012, S. 307f.).

Müssen die Rechtsextremismusforscherinnen und -forscher vor diesem Hinter-


grund möglicherweise ihre analytischen Instrumente schärfen?

Der Nationalsozialistische Untergrund

Im November 2011 wurde die rechtsterroristische Gruppierung Nationalsozialis-


tischer Untergrund (NSU) aufgedeckt. Fast 14 Jahre waren Mundlos, Böhnhardt
und Zschäpe untergetaucht. Zuvor waren die drei in der rechtsextremen Jenaer
Jugendszene und im rechtsextremen „Thüringer Heimatschutz“ aktiv, nahmen an
rechtsextremen Demonstrationen in Jena, Dresden und anderswo teil und bauten
Bomben. Gefahndet wurde nach den drei Personen noch bis Anfang der 2000er
Jahre. Seit dem 6. Mai 2013 Àndet in München der Prozess zu den Mordtaten des
Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) statt. Angeklagt sind Beate Zschäpe,
die einzige Überlebende des Mordtrios, sowie vier mutmaßliche Helfer und Unter-
stützer des NSU. Die Anklage gegen Beate Zschäpe lautet Mittäterschaft in zehn
Mordtaten, schwere Brandstiftung und Mitgliedschaft in einer terroristischen Ver-
einigung. Ermordet wurden – so die Anklage – acht türkischstämmige und ein
griechischer Kleinunternehmer sowie eine Polizistin. Am 7.6.2014 schreibt DER
SPIEGEL, dass seit Bekanntwerden der NSU-Morde rund 700 Tötungsverbrechen
Vorwort 13

durch die Ermittlungsbehörden auf ein rechtsextremes Tatmotiv überprüft werden


(Baumgärtner, Röbel & Winter, 2014, S. 34). DER SPIEGEL fragt in diesem Zu-
sammenhang: „Gab es weitere Mörderbanden nach dem Muster des NSU? Oder
gehen womöglich noch mehr Taten auf das Konto der Rechtsextremen Uwe Mund-
los, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe?“ (Baumgärtner, Röbel & Winter, 2014,
S. 34). Nach den Recherchen des Opferfonds CURA der Amadeu Antonio Stiftung
kamen seit 1990 bis 2013 184 Menschen durch die Folgen menschenfeindlicher
Gewalt ums Leben (Erkol & Winter, 2013). Die nach dem November 2011 be-
kannt gewordenen Fahndungspannen, das Vernichten von Akten bei Polizei und
Verfassungsschutz, die möglichen rechtsextremen Unterstützerinnen und Unter-
stützer des Terror-Trios und dessen Kontakte zum Verfassungsschutz beschäftigen
noch immer Untersuchungsausschüsse auf Länder- und Bundesebene. Und so ist es
nicht verwunderlich, dass die Morde des NSU, seine Vernetzung mit inländischen
und ausländischen rechtsextremen Bewegungen und die Kontakte des NSU zum
Verfassungsschutz schließlich und noch immer irritieren, verstören, hilÁos und
wütend machen können.
Gegenwärtig arbeiten in Hessen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen
parlamentarische Untersuchungsausschüsse zu den zahlreichen noch ungeklärten
Fragen wie etwa den Umständen des Mords an der Polizistin Michèle Kiesewetter
oder den auffälligen Verbindungen des hessischen Verfassungsschutzes zu dem
Mord an Halit Yozgat in Kassel. Der politische Wille für die notwendige Auf-
klärung ist allerdings begrenzt. In Hessen konnte der Ausschuss nur gegen den
Willen der schwarz-grünen Regierung eingesetzt werden, die argumentierte, der
Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags hätte bereits alle Fragen ge-
klärt. Aber ist das wirklich so?
Nein, der Vorhang ist nicht geschlossen; nach wie vor sind viele Fragen offen.
Das zeigen die in diesem Band versammelten Beiträge.

Überblick über die Inhalte dieses Sammelbandes

Ein großer Teil dieser Beiträge geht auf die 27. Jahrestagung Friedenspsychologie
zurück, die Ende Juni 2014 unter dem Titel „Nationalsozialistischer Untergrund,
Rechtsextremismus und aktuelle Beiträge der Friedenspsychologie“ in Jena an der
Friedrich-Schiller-Universität stattfand. Um die damals angestoßenen Debatten
weiterzuführen und nach Antworten auf die vielen offenen Fragen zum Rechtsex-
tremismus, zum Rechtspopulismus und zum NSU zu suchen, bieten die Buchbei-
träge sehr vielfältige Anregungen aus theoretischen, empirischen und praktischen
Perspektiven. Diese Perspektiven sind keinesfalls vollständig. Wie könnten sie
14 Vorwort

das auch sein. Überdies dokumentieren die Beiträge auch die Vielfalt, die Unter-
schiedlichkeit und manche Widersprüchlichkeit in und zwischen den Sicht- und
Handlungsweisen im Umgang mit dem Rechtsextremismus.
Im Kapitel 1 legen die Herausgeberinnen und Herausgeber ein zusammen-
fassendes, quantitatives und qualitatives Review der deutschsprachigen und
internationalen psychologischen und sozialwissenschaftlichen Forschung zum
Rechtsextremismus in den Jahren 1990 bis 2013 vor. Aufbauend auf wissen-
schaftstheoretischen Grundlagen werden wissenschaftliche Publikationen zum
Rechtsextremismus in ihrem Umfang und ihren theoretischen und empirischen
Inhalten gesichtet und jeweils zentrale Forschungsfragen, DeÀnitionsansätze, er-
klärende Theoriegebäude und Untersuchungsdesigns beispielhaft dargestellt und
DeÀzite aufgezeigt.
Das Kapitel 2 behandelt „Unschärfen, Befunde und Perspektiven“ der gegen-
wärtigen und künftigen Rechtsextremismusforschung. Im ersten Beitrag dieses
Kapitels zeigt Matthias Quent quellenreich auf, dass der Rechtsextremismus im
Osten Deutschlands eine Geschichte hat, die bereits vor 1989 begann, aber weder
ein originär ost- noch ein einzig westdeutsches Phänomen darstellt. Monokausale
Erklärungsansätze, in denen von einem „Sonderfall Ost“ und einem „Normalfall
West“ die Rede ist, sind zwar populär, aber unzureichend.
Kurt Möller beschäftigt sich in seinem Beitrag „Rechtsextremismus und pau-
schalisierende Ablehnungen – alte Probleme mit neuen Herausforderungen“
zunächst mit dem schon erwähnten Problem der begrifÁichen Unschärfen, um
anschließend die wichtigsten Befunde der letzten Jahre über das Ausmaß rechts-
extremer Tendenzen in Deutschland und deren Entwicklungen zu analysieren.
Letztlich – so Kurt Möller – ist der Rechtsextremismus ein strukturelles und kein
konjunkturelles Problem.
Heinrich Best nimmt die Befunde des Thüringen-Monitors, eine seit 2000 jähr-
lich stattÀndende repräsentative Bevölkerungsbefragung zur politischen Kultur im
Freistaat Thüringen, zum Anlass, um die bereits im Beitrag von Matthias Quent
aufgeworfene Frage zu beantworten, ob es sich beim Rechtsextremismus im inner-
deutschen Vergleich um ein speziÀsch ostdeutsches Phänomen handelt. Die Befun-
de, die der wissenschaftliche Leiter des Thüringen-Monitors präsentiert, scheinen
einer solchen Antwort zumindest nicht zu widersprechen.
Im vierten und letzten Beitrag dieses zweiten Kapitels präsentieren Wolfgang
Frindte und Daniel Geschke eine neue sozialpsychologische Theorie – die „Theo-
rie eines identitätsstiftenden politischen Fundamentalismus“ -, mit der eine er-
weiterte theoretische, empirische und potentiell auch praktische Perspektive auf
rechtsextreme Tendenzen verbunden ist. Rechtsextremismus wird zunächst als
Triple-Phänomen (Dreikomponenten-Ansatz) konzipiert: als fundamentalistische
Vorwort 15

Ideologie (der Ungleichwertigkeit), durch die Gewaltpotentiale (Gewaltakzeptanz,


-bereitschaft und -handeln) und negative Gruppenemotionen legitimiert werden
können. Die soziale Identität als IdentiÀkation mit relevanten (rechtsextremen)
Bezugsgruppen fungiert dabei als Mediator zwischen diversen Kontextbedingun-
gen und der fundamentalistischen Ideologie der Ungleichwertigkeit, den Gewalt-
potentialen und den Gruppenemotionen. Um diese Mediatorfunktion empirisch
nachzuweisen, greifen die Autoren schließlich auf Sekundäranalysen eigener Stu-
dien zurück, die im Zeitraum von 1998 bis 2011 durchgeführt wurden.
Kapitel 3 widmet sich dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ und vor allem
auch seinem gesellschaftlichen, historischen und institutionellen Kontext aus ver-
schiedenen Perspektiven: historisch, entwicklungssoziologisch, journalistisch-kri-
minalistisch, politikwissenschaftlich, sozialkonstruktivistisch und künstlerisch.
Zunächst analysiert Stefan Heerdegen als Mitarbeiter der Mobilen Beratung in
Thüringen „MOBIT“, einer Beratungsstelle zum praktischen Umgang mit extrem
rechten Erscheinungsformen, in seinem Text den Kontext der Entstehung und der
späteren Taten des NSU. Er beschreibt die Thüringer neonazistische, extrem rechte
und Kameradschaftsszene der 1990er Jahre und führt auch für die nachfolgenden
Jahre die personelle und strukturelle Einbindung des NSU-Trios in neonazistische
Netzwerke wie den „Thüringer Heimatschutz“ oder „Blood & Honour“ detailliert
aus. Sein Beitrag verweist auf die Kontinuität in rechter Ideologie, Organisierung
und Gewalt bis zur Mordserie des NSU und sieht in letzterer keine wirklich über-
raschende oder neue Qualität.
Im zweiten Text dieses Kapitels fokussiert Heike Würstl aus einer biograÀe-
forschenden, entwicklungssoziologischen Perspektive auf den individuellen Wer-
degang eines Kernmitglieds des NSU. Im Rahmen dieser lebenslauforientierten
Rechtsextremismusforschung versucht sie anhand objektiver Lebensdaten von
Uwe Böhnhardt zu erklären, welche individuellen, familiären, historischen und
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen seinen Weg zum rechtsextremen Mörder
erklären können. Sie konstatiert im theoretischen Rahmen eines Desintegrations-
ansatzes (Anhut & Heitmeyer, 2007) Böhnhardts individuelle Unfähigkeit, seine
vielfältigen AnerkennungsdeÀzite zu kompensieren. Die rechtsextreme Ideologie
und die vermeintliche Verantwortung der Nichtdeutschstämmigen für sein Schei-
tern ermöglichten es ihm demnach, ein positives Selbstbild aufrechtzuerhalten und
die Gewaltexzesse des NSU vor sich selbst zu rechtfertigen.
Im dritten Abschnitt „Der Verfassungsschutz und der NSU“ beschäftigt sich
der Journalist Dirk Laabs mit dem Umgang staatlicher Behörden mit rechtster-
roristischen Bedrohungen. Akribisch recherchiert (vgl. auch Aust & Laabs, 2014)
dokumentiert er – u. a. mittels zahlreicher Zitate aus den Untersuchungsberich-
ten verschiedener NSU-Ausschüsse und durch historische Referenzen –, dass das
16 Vorwort

Bundesamt und auch die Landesämter für Verfassungsschutz keinesfalls „auf dem
rechten Augen blind“ waren. Im Gegenteil: auf Grund zahlreicher V-Männer und
Spitzel waren sie bestens informiert und rechter Terror wurde bereits vor und in
den 90er Jahren antizipiert und für möglich gehalten. Er beschreibt auch die Kon-
kurrenz zwischen verschiedenen Behörden (wie den Bundes- und Landeskrimi-
nalämtern und den Verfassungsschutzbehörden), welche sich bis hin zur Sabotage
polizeilicher Arbeit bei der Verfolgung der Rechtsterroristen auswuchs; und auch
das Versagen der Thüringer Justiz. Für die Verfassungsschützer ging dabei (und
geht teilweise bis heute) „Quellenschutz vor Strafverfolgung“, wodurch nicht nur
die neonazistische Szene deutschlandweit gestärkt, sondern auch die Festsetzung
der Rechtsterroristen des NSU mehrfach verhindert wurde. Ohne die Unterstüt-
zung rechtsextremer Strukturen durch die Verfassungsschutzbehörden und die
gezielte Ignoranz zahlreicher Hinweise auf den NSU hätte die militante Neonazi-
szene viel früher kontrolliert oder zerschlagen und die Morde des NSU vielleicht
sogar verhindert werden können. Nicht zuletzt beschreibt Laabs auch für die Zeit
nach dem AufÁiegen des NSU die systematische Aktenvernichtung und damit kri-
minelle Verschleierung der staatlichen Verwicklung in rechtsextreme Strukturen,
welche bisher kaum personelle Konsequenzen hatte. Sein Beitrag verweist auf vie-
le offene Fragen zur Verbindung von staatlichen Behörden und Rechtsextremen.
Die Opfer des NSU, ihre Angehörigen und auch die Gesellschaft insgesamt haben
ein Recht auf die Aufklärung dieser Fragen, wobei zum Erhellen der Wahrheit ein
langer Atem gefragt ist.
Im vierten Text dieses Kapitels analysiert Thomas Grumke aus einer politikwis-
senschaftlichen Perspektive „Prozesse und Strukturen der Verfassungsschutzämter
nach dem NSU“. Er beschreibt sehr detailliert die Strukturen und das Personal die-
ser Ämter und führt aus, wie sich ihr Image im Laufe der NSU-Affäre von einem
„Frühwarnsystem der Demokratie“ bis hin zu einer „Gefahr für die Demokratie“
entwickelt hat. Die Verantwortlichen entziehen sich der Verantwortung und deren
Inkompetenz ist nicht nur individuell, sondern auch strukturell bedingt, z. B. gibt es
keine einheitlichen Personalauswahl-, Ausbildungs- und Fortbildungsstandards und
einen eklatanten Mangel an sozialwissenschaftlicher Analysekompetenz innerhalb
der für den Rechtsextremismus zuständigen Ämter. Eine penible Untersuchung von
analytischen Fehlern und fachlichen und praktischen Versäumnissen staatlichen
Handelns hält er für dringend geboten, hier sieht er die verschiedenen Untersu-
chungsausschüsse in der PÁicht. Er mahnt, dass, wenn man die Verfassungsschutz-
behörden für ein zentrales Element der wehrhaften Demokratie hält, man diese
demnach auch in einen entsprechenden personellen und materiellen Stand verset-
zen müsse. Ernüchternd konstatiert er aber, dass deren strukturelle Neuausrichtung
oder Neujustierung bisher überhaupt nicht in Sicht ist. Da Rechtsextremismus ein
Vorwort 17

gesamtgesellschaftliches Problem ist, sieht er auch alle in der PÁicht, damit erfolg-
reich umzugehen: „Aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger sind das Fundament einer
demokratischen Kultur und so der beste Verfassungsschutz“.
Im fünften und letzten Abschnitt des dritten Kapitels beschreiben Franz Knop-
pe und Maria Gäde als Kunstaktivisten und Mitglieder der Gruppe „Grass Lifter“
(also die, die das Gras ausgraben) ihre „Künstlerische(n) Interventionen zum NSU
im öffentlichen Raum in Sachsen“. Auf einer system- und kommunikationstheore-
tischen Perspektive aufbauend fragten sie sich zunächst, wie die sächsische Bevöl-
kerung und lokale Behörden nach der Aufdeckung des NSU damit umgingen, dass
die Rechtsterroristen jahrelang unter ihnen gelebt hatten und identiÀzierten hier
sehr starke Verdrängungsmechanismen. Um diese zu durchbrechen, zur ReÁexion
anzuregen und Diskurse auszulösen führten sie – inspiriert u. a. von den groß-
artigen „THE YES MEN“ um Andy Bichlbaum (vgl. http://theyesmen.org) – vier
verschiedene, sehr symbolkräftige und medienwirksame künstlerische Interven-
tionen im öffentlichen Raum durch. Im Text beschreiben sie diese Kunstaktionen,
unterlegt mit aussagekräftigen Bildern, sowie deren Logik und Grundprinzipien,
ihre künstlerischen Motivationen, Ansätze, Taktiken, Prinzipien, Theorien und
gruppendynamischen Prozesse, sowie die gesellschaftlichen Reaktionen darauf.
Mit einem Schmunzeln nimmt man als Leser oder Leserin erfreut zur Kenntnis,
wie es ihnen durch diese relativ unaufwändigen künstlerischen Aktionen gelungen
ist, das vor Ort herrschende politische Meinungsvakuum mit künstlerischen Mit-
teln zu füllen und somit einen Beitrag zum Umkonstruieren unserer immer sozial
konstruierten Realität zu leisten.
In Kapitel 4 werden gesellschaftliche Reaktionen zum Rechtsextremismus aus
verschiedenen Perspektiven vorgestellt. Hier kommen Praktikerinnen und Prakti-
ker zu Wort, die Medienberichterstattung und Reaktionen von Politikerinnen und
Politikern auf diese werden analysiert und das Potenzial des politischen Kabaretts
diskutiert. Dabei werden aktuelle Bezüge hergestellt, z. B. was Satire ist und darf –
im Hinblick auf die Mohammed-Karikaturen – und welche Protestmotivation hin-
ter der Teilnahme an Pegida-Demonstrationen steckt. Die Problematik der statisti-
schen Erfassung politisch motivierter Kriminalität wird anhand ofÀzieller Zahlen
und erweiternder Fallanalysen von Todesopfern rechtsextremer Gewalt diskutiert.
Annetta Kahane eröffnet das vierte Kapitel als Praktikerin, schildert verschie-
denste Szenen aus dem Osten und dem Westen Deutschlands und versucht damit
ein Bild zu zeichnen, was Rechtsextremismus heute ist und wie er entstand. Die
Gefahr sieht sie vor allem in der Synthese von nationalrevolutionären militanten
und populistisch rassistischen Bewegungen, die in Deutschland probiert wird.
Deshalb sollte die erste Praxis die des Schutzes von Minderheiten sein sowie die
Zusammenarbeit von allen gesellschaftlichen Bereichen.
18 Vorwort

Britta Schellenberg analysiert in ihrem Artikel die mediale Thematisierung


von Rechtsextremismus und Rassismus sowie die Debattenbeiträge von Akteuren,
die an der Medienberichterstattung Kritik üben und setzt diese in Beziehung zu
ihren jeweiligen Normvorstellungen und Problemwahrnehmungen. Dafür betrach-
tet sie den konkreten Fall „Mügeln“ und die öffentliche Debatte darüber. Ziel der
empirischen Analyse ist es, problematische Strukturen jenseits des Neonazismus
aufzuzeigen, die grundlegende Herausforderungen für eine demokratische Aus-
einandersetzung und die Strategieentwicklung im Bereich „Rechtsextremismus“
und „Rassismus“ markieren.
Dorina Feldmann, Christoph Kopke und Gebhard Schultz widmen sich im
darauffolgenden Beitrag der Frage des tatsächlichen Ausmaßes rechter Gewalt,
speziell anhand der Zahl der Todesopfer. Dafür stellen sie Auszüge aus ihrem For-
schungsprojekt vor und erläutern anhand einiger Beispiele, welche Fälle nicht sta-
tistisch in dem Bereich „Politisch motivierter Kriminalität – rechts“ erfasst werden
aber anhand verschiedener Gutachten eindeutig als solche zu kategorisieren sind.
Letztlich kommen sie zu dem Schluss, dass das staatliche DeÀnitionssystem „Poli-
tisch motivierte Kriminalität“ (PMK) gegenüber älteren an „Staatsschutz“ und
„Extremismus“ orientierten DeÀnitionsansätzen politischer Gewalt bzw. Krimina-
lität und den entsprechenden polizeilichen Erfassungssystemen unzweifelhaft eine
deutliche Verbesserung darstellt, aber das Erkennen entsprechender Motivlagen
weiterhin erhebliche Anforderungen an die Analysekompetenz der Polizei stellt.
Samuel Salzborn geht der hochaktuellen Frage nach, welche Protestmotivation
hinter der Teilnahme an Pegida-Demonstrationen zu identiÀzieren ist – nämlich
Egoismus und Demokratieferne – und diskutiert in diesem Kontext die jüngsten
empirischen Ergebnisse. Danach geht er auf das Weltbild der Verschwörungsängs-
te und auf Strategien des Umgangs damit ein und postuliert, nicht den Forderungen
der Demonstrantinnen und Demonstranten nachzugeben, sondern ihnen mit aller
Entschiedenheit entgegenzutreten. Abschließend kommt er zu dem Fazit, dass der
rassistische Ruf gegen eine „Islamisierung des Abendlandes“ in Wahrheit der Ruf
nach einer antidemokratischen und autoritären Lösung eines Problems ist, das nur
in den Ängsten und Phantasien seiner Anhänger besteht.
Das vierte Kapitel wird dann mit dem Beitrag von Frank Schilden abgeschlos-
sen, der zum Ziel hat, den Mythos der alles dürfenden Satire mindestens zu relati-
vieren, zu erklären und in den entsprechenden Kontext zu rücken, um dann auf das
Politische Kabarett näher einzugehen. Aus linguistischer Perspektive wird eine
besondere Spielart kabarettistischer Vorträge am Beispiel der Thematisierung des
„NSU“ aufgezeigt. Eine ReÁexion über das aufklärerische und didaktische Poten-
zial von Kabarett schließt den Beitrag ab.
Vorwort 19

Das Kapitel 5 stellt Analysen und Überlegungen zu Prävention und Intervention


im Kontext von Rechtsextremismus vor. Dabei verschmelzen theoretische Über-
legungen zur Angemessenheit von Prävention mit der Analyse konkreter Präven-
tionsmodelle.
Kurt Möller eröffnet das fünfte Kapitel und verbindet seine im Kapitel 2 dar-
gelegten Überlegungen nun mit Empfehlungen für eine praktische Ausgestaltung,
wie sie etwa im neu aufgelegten Bundesprogramm „Demokratie leben!“ angestrebt
sind. Dafür zeichnet er Grundzüge des biograÀschen Aufbaus rechtsextremer Hal-
tungen nach, um vor diesem Hintergrund Schlussfolgerungen für eine nachhaltig
wirksame Bearbeitung zu formulieren.
Daran anschließend stellt Franziska Schmidtke Vergleichsaspekte der von den
Bundesländern formulierten Programme zur Auseinandersetzung mit Rechtsext-
remismus und Demokratieförderung vor. Sie erläutert die inhaltliche Bandbreite
der verschiedenen Programme und überprüft kritisch die Verknüpfung von inhalt-
lichen Zielen und strukturellen Umsetzungen, sowie die Wirkfähigkeit der Pro-
gramme.
Daniel Köhler greift aus der Vielfalt von Präventionsmaßnahmen die Ansät-
ze der „Deradikalisierung“ heraus. Er erklärt die theoretischen Hintergründe der
Methode und analysiert vor dem Hintergrund internationaler Vergleichsfälle die
praktische Umsetzung in Deradikalisierungsprogrammen. Diese ordnet er sche-
matisch und formuliert so Trends und Herausforderungen, die insbesondere der
Weiterentwicklung und wissenschaftlichen Fundierung der deutschen Projekt-
landschaft dienen können.
Reiner Becker formuliert in seinem Beitrag ein Plädoyer für die Einbeziehung
der politischen Kultur im sozialen Nahraum bei der Erforschung der Ursachen
für die Herausbildung einer rechtsextremen Szene. Er erläutert kenntnisreich Ebe-
nen und Wirkungsweisen der politischen Kultur für die Entwicklung rechtsextre-
mer Haltungen und leitet daraus Anforderungen für Maßnahmen der Prävention
und Intervention ab. Schließlich untermauert er seine Argumentation durch einen
Praxisbericht aus Hessen und zeigt anhand dessen die Bedeutung tradierter Vor-
urteilsstrukturen auf.
Auch Wolfgang Beutel, Kurt Edler, Mario Förster und Hermann Veith ver-
binden ihre Fürsprache, hier für den Ansatz der Demokratiepädagogik als prä-
ventionswirksame Idee, mit konkreten Projektbeispielen. Sie entfalten die theo-
retischen Grundlagen der Demokratiepädagogik vor dem Hintergrund einer
DeÀzitanalyse der Institution Schule und zeigen anhand von Praxisprojekten die
vielfältige Einsetzbarkeit des Konzepts in verschiedenen Schulformen auf. Dieser
Blick wird zudem ergänzt und erweitert durch eine Initiative des Kompetenzzen-
trums Rechtsextremismus an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, in der alle
20 Vorwort

Bildungsbereiche aufgenommen sind und damit der Wirkungsbereich von Demo-


kratiepädagogik weiter ausgebaut wird.
Daniel Geschke und Matthias Quent wenden sich schließlich der bisher wis-
senschaftlich unterbelichteten Opferperspektive zu und präsentieren eine quantita-
tive Untersuchung zur sekundären Viktimisierung von Opfern rechter Gewalt. Sie
zeigen systematische Schwachpunkte im Umgang der Polizei mit den Betroffenen
rechter Gewalt auf und tragen damit nicht nur zu einem wissenschaftlichen, son-
dern auch gesellschaftlich dringend notwendigen Diskurs bei.
Schlussendlich wollen wir, die Herausgeberinnen und Herausgeber, uns bei all
jenen bedanken, die am Zustandekommen des nun vorliegenden Band beteiligt
waren. Unser Dank gilt natürlich zu allererst den Autorinnen und Autoren der fol-
genden Beiträge. Außerdem danken wir Lukas Erhard, Marius Meyer und Stepha-
nie Wohlt für die gründliche und schnelle Hilfe bei der manchmal nicht leichten
Korrekturarbeit am Manuskript.
Bei der Stiftung für Technologie, Innovation und Forschung des Freistaates
Thüringen bedanken wir uns für die Ànanzielle Unterstützung bei der Publikation
des vorliegenden Buches.
Das Buch erscheint als Band in der Reihe „Edition Rechtsextremismus“, die
von Fabian Virchow und Alexander Häusler betreut und herausgeben wird. Ihnen
danken wir für die Bereitschaft, auch unser Buch in dieser Reihe herauszubringen.
Mit Springer VS und dem Verlag für Sozialwissenschaften verbindet uns eine
lange und gute Zusammenarbeit. Auch diesmal hat sich der Bund bewährt. Unser
besonderer Dank gilt deshalb Herrn Jan Treibel und Frau Stefanie Loyal für die
Hilfe beim Fertigstellen des Endmanuskripts.
Wir hoffen, dass sich die Leserinnen und Leser dieses Buches sowohl von der
Pluralität der folgenden Beiträge als auch von den Differenzen zwischen den ein-
zelnen Beiträgen anregen lassen, um im Sinne der gelebten Demokratie die theo-
retische und praktische Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus und dem
Rechtspopulismus fortzusetzen.

Wolfgang Frindte, Daniel Geschke,


Nicole Haußecker & Franziska Schmidtke
Jena, im März 2015
Vorwort 21

Literatur
Anhut, R. & Heitmeyer, W. (2007). Desintegrationstheorie – ein Erklärungsansatz. Univer-
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Segen und Fluch der Komplexität. In W. Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände 10. Ber-
lin: Suhrkamp.
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Zick, A. & Klein, A. (2014). Fragile Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstel-
lungen in Deutschland 2014. Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung.
Kapitel 1
Ein systematisierender Überblick
über Entwicklungslinien
der Rechtsextremismusforschung
von 1990 bis 2013
Wolfgang Frindte, Daniel Geschke, Nicole Haußecker
und Franziska Schmidtke

1 Ausgangssituation

Ist der Rechtsextremismus ein „Phänomen“ (Zick, 2004, S. 263), das der psycho-
logischen und sozialwissenschaftlichen Beobachtung zugänglich ist, aber aus
unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven erklärt werden kann? Ist der
Rechtsextremismus gar ein „Forschungsfeld“ (Neidhardt, 2002, S. 781), das zwar
theoretisch und methodisch schwach ausdifferenziert ist, aber disziplinübergrei-
fend beforscht wird? Oder ist der Rechtextremismus ein „Modethema“ (Butter-
wegge, 2000, S. 13), dessen Erforschung Konjunktur- und Dramatisierungszyklen
folgt?
Die Antworten auf diese Fragen bestimmen letztlich auch, ob die „Rechtsex-
tremismusforschung“ einen eigenständigen Status als Forschungsfeld oder For-
schungsprogramm in den Sozialwissenschaften1 und der Psychologie besitzt oder
besitzen sollte. Um Antworten auf diese und andere Fragen zu Ànden, wurden
sozialwissenschaftliche und psychologische Publikationen, die im Zeitraum von
1990 bis 2013 zum Thema „Rechtsextremismus“ erschienen sind, analysiert. Basis
der Analyse sind a) die Datenbanken zur psychologischen Fachliteratur PsycINFO
(mit dem Schwerpunkt auf angloamerikanischen Publikationen) und PSYNDEX

1 Zu den Sozialwissenschaften werden hier all jene Wissenschaften zugerechnet, die


sich im weitesten Sinne mit der Erforschung des gesellschaftlichen Zusammenlebens
beschäftigen, wie Soziologie, Politikwissenschaft, Kulturwissenschaft, Kommunika-
tionswissenschaft, Pädagogik.

W. Frindte et al. (Hrsg.), Rechtsextremismus und „Nationalsozialistischer Untergrund“, Edition


Rechtsextremismus, DOI 10.1007/978-3-658-09997-8_1, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
26 Wolfgang Frindte et al.

(deutsch- und anderssprachige Publikationen aus dem deutschsprachigen Raum),


b) die Datenbank WISO (das Portal für Wirtschaftswissenschaften und Sozialwis-
senschaften, in dem überwiegend deutschsprachige Publikationen erfasst werden)
und c) die (englischsprachige) interdisziplinäre Datenbank Web of Science. Aus-
geklammert aus den folgenden Analysen wurden zunächst (aus arbeitsorganisato-
rischen Gründen) all jene Arbeiten, die sich ausschließlich mit Interventions- und
Präventionsprogrammen im Kampf gegen den Rechtsextremismus beschäftigen.2
Einen Überblick über den aktuellen Stand entsprechender Programme Àndet sich
im Kapitel 4 dieses Bandes.
Ausgangspunkt für die folgende Analyse ist die – im weitesten Sinne an La-
katos (1971, 1974), Herrmann (1983, S. 252) und Kuhn (1976) angelehnte – Auf-
fassung, dass Forschungsprogramme jene Menge von Folgerungen umfassen, a)
die sich aus der Festlegung sinnvoll zu bearbeitender Probleme ergeben, b) mit der
Wahl bestimmter Problemlösungen und c) geeigneter Methoden verbunden sind
und d) innerhalb von Wissenschaftsgemeinschaften getroffen werden.

2 Publikationen in den deutschsprachigen


Datenbanken WISO und PSYNDEX

Zwischen Anfang 1990 und Ende 2013 verweist die sozialwissenschaftliche Daten-
bank WISO insgesamt auf ca. 4800 wissenschaftliche Publikationen (in Fachzeit-
schriften und Büchern; Suche am 18.02.2014) zum Suchbegriff „rechtsextrem“; in
der psychologischen Datenbank PSYNDEX werden für diesen Zeitraum (Suchbe-
fehl „rechtsextrem“, 18.02.2014) 460 themenbezogene Publikationen ausgewiesen
(siehe Abbildung 1).

2 Interventions- und Präventionsprogramme lassen sich – nach Herrmann (1983, S. 274)


auch als „technologische Programme“ bezeichnen, mit denen primär ein für die nicht-
forschende Praxis unmittelbar nutzbares operatives (Hintergrund-) Wissen erarbeitet
wird. Insofern scheint die folgende Ausklammerung derartiger Programme zunächst
durchaus gerechtfertigt zu sein. Psychologische Ansätze zu Präventions- und Interven-
tionsansätzen gegen Rechtsextremismus finden sich u. a. in Ahlheim (2007), Becker
und Palloks (2013), Borstel und Wagner (2006), Elverich (2011), Frindte und Preiser
(2007), Glaser und Pfeiffer (2013), Melzer und Serfain (2013), Molthagen u. a. (2008),
Rieker (2009), Schoeps u. a. (2007).
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 27

Abbildung 1 Psychologisch und sozialwissenschaftlich relevante Publikationen zum


Rechtsextremismus in den Jahren 1990 bis 2013.

Während in den Sozialwissenschaften insgesamt eine relativ stabile und hohe Pu-
blikationsrate zum Rechtsextremismus zu beobachten ist, liegt diese Rate in der
Psychologie – erwartungsgemäß, disziplintypisch und verständlicherweise – auf
niedrigerem Niveau und scheint überdies in den 2000er Jahren leicht rückläuÀg
zu sein. Auffallend sind außerdem die relativ hohen Publikationsspitzen – sowohl
bei PSYNDEX als auch bei WISO – in den Jahren 1993 und 1994. Weitere Spitzen
zeigen sich bei WISO auch zu Beginn, in der Mitte und am Ende der 2000er Jahre.
Die folgende Abbildung 2 illustriert die im Zeitraum 1990 bis 2012 vom Verfas-
sungsschutz erfassten und berichteten rechtsextremistisch motivierten Straf- und
Gewalttaten (nach Verfassungsschutzbericht, 1990 – 2012).
28 Wolfgang Frindte et al.

Abbildung 2 Rechtsextremistische Straf- und Gewalttaten 1991 bis 2012 (Quelle: Ver-
fassungsschutz).

In den Jahren 1992 und 1993 verzeichnet der Verfassungsschutz einen bedeut-
samen Anstieg an rechtsextremistischen Straf- und Gewalttaten. Rückblickend
verweist Andreas Klärner (2008, S. 26ff.) u. a. darauf hin, dass der parteiförmige
Rechtsextremismus in den 1990er Jahren erheblich an Relevanz eingebüßt habe.
An Stelle dessen gewannen vor allem jugendkulturelle rechtsextreme Tendenzen
an Bedeutung.

„Von Ostdeutschland aus breitete sich eine Welle fremdenfeindlicher Gewalt über
ganz Deutschland aus, und die Täter stammten in erster Linie aus diesen neuen Ju-
gendkulturen“ (Klärner, 2008, S. 27).

Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang an die z. T. pogromähnlichen Ausschrei-


tungen gegen Unterkünfte von Flüchtlingen und Vertragsarbeitern im September
1991 in Hoyerswerda, im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen (vgl. z. B. Richter
& Schmidtbauer, 1993), sowie gegen Wohnhäuser türkischstämmiger Deutscher
im Oktober 1991 in Hünxe, im November 1992 in Mölln und im Mai 1993 in So-
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 29

lingen. Die in der o. g. Abbildung 1 erkennbaren Publikationsspitzen in den Jahren


1993 und 1994 könnten somit u. U. eine wissenschaftliche Reaktion auf die 1992
und 1993 erfolgte Eskalation des gewalttätigen Rechtsextremismus sein.
In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre öffnete sich die NPD für Angehörige
der verbotenen Neonazi-Organisationen und für Anhänger rechtsextremer Skin-
headgruppen. Auch Anhänger der Neuen Rechten propagierten in dieser Zeit
rechtspopulistische Losungen. Insgesamt – so Klärner (2008, S. 29) – gewann der
Rechtsextremismus in den 1990er Jahren an Breite und Vielfalt. Nicht nur die
demokratische Öffentlichkeit reagierte auf diese Entwicklungen (z. B. durch Mas-
sendemonstrationen und „Lichterketten“ im Übergang von 1992 zu 1993, vgl. auch
Kleger, 1996). Auch für die Sozialwissenschaften und die Psychologie wurde der
Rechtsextremismus zunehmend zum Gegenstand wissenschaftlicher Analysen.
Auch wenn ein Vergleich zwischen den Zeiträumen 1990 bis 2000 und 2001 bis
2012 nur bedingt möglich ist, da der Verfassungsschutz im Jahre 2001 ein neues
Verfahren zur Zählung entsprechender Straftaten einführte3, lassen sich die in der
Abbildung 2 erkennbaren Schwankungen nach 2000 relativ gut erklären: Nachdem
es im Jahre 2000 zu einer Folge aufsehenerregender Gewalttaten gekommen war
(Ermordung von Alberto Adriano im Juni 2000, Handgranatenattentat in Düs-
seldorf im Juli 2000, Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge im Oktober
2000), die deutsche Zivilgesellschaft sich gegen den Rechtsextremismus zur Wehr
zu setzen versuchte und Bundestag, Bundesrat und Bundesregierung einen Antrag
zum Verbot der NPD beim Bundesverfassungsgericht eingereicht hatten, verrin-
gerte sich in den Jahren 2001 bis 2003 die Anzahl der registrierten rechtsextremen
Straf- und Gewalttaten. Im März 2003 scheiterte das NPD-Verbotsverfahren; 2004
gelang der NPD der Einzug in den sächsischen Landtag. Und seit 2004 registriert
der Verfassungsschutz wieder ein rasantes Ansteigen rechtsextremistischer Straf-
und Gewalttaten.

3 „Die Ständige Konferenz der Innenminister und -senatoren des Bundes und der Län-
der (IMK) hat am 10. Mai 2001 die Einführung des neuen Definitionssystems „Poli-
tisch motivierte Kriminalität“ rückwirkend zum 1. Januar 2001 beschlossen (vgl. auch
den Beitrag von Feldmann, Kopke und Schultz in diesem Band). Zentrales Erfassungs-
kriterium des neuen Meldesystems ist die politisch motivierte Tat. Als politisch moti-
viert gilt eine Tat insbesondere dann, wenn die Umstände der Tat oder die Einstellung
des Täters darauf schließen lassen, dass sie sich gegen eine Person aufgrund ihrer
politischen Einstellung, Nationalität, Volkszugehörigkeit, Rasse, Hautfarbe, Religion,
Weltanschauung, Herkunft, sexuellen Orientierung, Behinderung oder ihres äußeren
Erscheinungsbildes bzw. ihres gesellschaftlichen Status richtet“ (Verfassungsschutz-
bericht, 2001, S. 35).
30 Wolfgang Frindte et al.

Die unterschiedlichen Entwicklungen der wissenschaftlichen Publikationen


zum Thema „Rechtsextremismus“ und die Entwicklung der rechtsextremistischen
Straf- und Gewalttaten in den Zeiträumen von 1990 bis 2000 und von 2001 bis
2013 legen es nahe, das Forschungsfeld des Rechtsextremismus im deutschspra-
chigen Raum für die Zeiträume 1990 bis 2000 und 2001 bis 2013 zunächst ge-
trennt zu betrachten.

2.1 Schwerpunkte der sozialwissenschaftlichen und


psychologischen Publikationen zum Rechtsextremismus
zwischen 1990 und 2000

Um die mögliche Vielfalt der aufzuÀndenden sozialwissenschaftlichen und psy-


chologischen Publikationen nach Schwerpunkten ordnen zu können, wurden fol-
gende Raster genutzt: Erstens wurde nach wissenschaftlichen Arbeiten mit Über-
blickscharakter gesucht; eine zweite Suchstrategie richtete sich auf Publikationen,
in denen der Untersuchungsgegenstand „Rechtsextremismus“ und seine DeÀni-
tionsmerkmale diskutiert werden; drittens wurde nach dominierenden Theorie-
bzw. Forschungsansätzen gefahndet, mit denen die Beschaffenheiten (Qualität
und Quantität)4, mögliche Ursachen und Folgen rechtsextremer Entwicklungen er-
klärt bzw. untersucht werden; viertens schließlich werden – vor dem Hintergrund
des ökosystemischen Ansatzes von Uri Bronfenbrenner (1979) – die wissenschaft-
lichen Publikationen danach geordnet, welche Rahmenbedingungen für rechts-
extreme Tendenzen jeweils im Fokus der empirischen Forschung stehen (mikro-,
meso- oder makrosystemische Bedingungen). 5
Tabelle 1 liefert zunächst einen beispielhaften Überblick über die Publikations-
schwerpunkte in den Datenbanken PSYNDEX und WISO für die Jahre von 1990
bis 2000. Die Erläuterungen folgen in den anschließenden Abschnitten.

4 Der Begriff Beschaffenheit wird hier in Anlehnung an Hegel benutzt: „Aber ferner
gehört die Beschaffenheit zu dem, was das Etwas an sich ist“ (Hegel, 1986, S. 134).
5 Eine solche Gliederung – angelehnt an Bronfenbrenner (1979) – ist im Umgang mit
den verschiedenen Konzeptionen zur Erklärung des Rechtsextremismus nicht unüb-
lich (siehe z. B. Birzer, 1996; Frindte, 1999; Grumke, 2001; Zick, 2004).
Tabelle 1 Schwerpunkte der sozialwissenschaftlichen und psychologischen Publikationen zum Rechtsextremismus (1990 bis 2000).
Überblicks- Begriffsdebatten: Dominierende Theo- Makro-soziale Meso-soziale Mikro-soziale
arbeiten „Rechtsextremis- rie- und Forschungs- Rahmenbedingungen Bedingungen und individuelle
mus“ – ein un- ansätze für rechtsextreme Ten- Bedingungen
scharfer Begriff denzen
z. B.: Dünkel DeÀnitionsvor- Sozialisations- und Ost-West-Vergleiche Sozialisations- Täteranalysen
& Geng, 1999; schläge Desintegrations- z. B. Frindte, Jabs & einÁüsse Müller, 1997; Wil-
Frindte, 1999; z. B.: Friedrich, theorie Neumann, 1992; Maaz, z. B. Ettrich, Krau- lems, Eckert, Würtz
Jaschke, 1994; 1992; Heitmeyer Heitmeyer, 1989; 1993; Oesterreich, 1993; se & Jahn, 1995; & Steinmetz, 1993
Jäger, 1993; u. a., 1992; Jasch- Heitmeyer u. a., 1992; Pollmer, Reissig & HeÁer, Boehnke
Otto & Merten, ke, 1994; Melzer & Heitmeyer & Müller, Schubarth, 1992 & Butz, 1999;
1993; Wasmuth, Schubarth, 1995; 1995 Hopf, Rieker,
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien …

1997; Zick, Pilz, 1994 Sanden-Marcus &


1997 Schmidt, 1995
31
32

Tabelle 1 (Fortsetzung)
Überblicks- Begriffsdebatten: Dominierende Theo- Makro-soziale Meso-soziale Mikro-soziale
arbeiten „Rechtsextremis- rie- und Forschungs- Rahmenbedingungen Bedingungen und individuelle
mus“ – ein un- ansätze für rechtsextreme Ten- Bedingungen
scharfer Begriff denzen
Generelle Kritik Kritik an der Desinte- Geschlechterunterschiede Bewegungsfor- Autoritarismus als
am Rechtsextre- grationstheorie z. B. Birsl, 1994; Knapp, schung individuelle Disposi-
mis-mus-Begriff z. B. Bommes & 1993; Niebergall, 1995; z. B. Jaschke, tion für rechtsextre-
z. B. Butterwegge, Scherr, 1992; Eckert Rippl & Seipel, 1999; 1993; Hellmann, me Orientierungen
2000; Teo, 1993 & Willems, 1996; Rommelspacher, 1993; 1995, 1998; Wil- z. B. Funke, Frindte,
Götz, 1997; König, Stenke, 1993; Utzmann- lems, 1996 Jacob & Neumann,
1997, 1998; Pfahl- Krombholz, 1994; 1999; Hopf, 1993;
Traughber, 1998; Volmerg, Bensch & Oesterreich, 1993;
Scherr, 1996; Schu- Kirchhoff, 1995; Watts, Seipel, Rippl &
mann & Winkler, 1996 Schmidt, 1995
1997; Willems u. a., Zusammenhänge von me-
1996; Winkler, 1996 dialer Berichterstattung
und Rechtsextremismus
z. B. Brosius & Esser,
1996; Funk & Weiß,
1995; Jäger & Link,
1993; Lüdemann, 1995;
Ohlemacher, 1993, 1999;
Ruhrmann, Kollbeck &
Möltgen, 1996; Scharf,
1993; Willems, 1996
Wolfgang Frindte et al.
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 33

2.1.1 Überblicksarbeiten

Überblicke über den Stand der sozialwissenschaftlichen und psychologischen


Rechtsextremismusforschung im Zeitraum von 1990 bis 2000 Ànden sich u. a. in
Benz (1994), Deutsches Jugendinstitut (1995), Dünkel und Geng (1999), Falter,
Jaschke und Winkler (1996), Frindte (1999), Heiland und Lüdemann (1996), Institut
für Sozialforschung (1994), Jaschke (1994), Jäger (1993), Kowalsky und Schroeder
(1994), Mecklenburg (1996), Otto und Merten (1993), Schubarth und Stöss (2000),
Wahl (1993), Wasmuth (1997) und Zick (1997). Uli Jäger (1993) hebt z. B. folgende
Konzeptionen hervor, die in den Sozialwissenschaften und der Psychologie zur
Erklärung des Rechtsextremismus herangezogen werden: a) „Sozialpsychologi-
sche Ansätze“, die sich — folgt man dem Autor — um die zentrale Annahme
einer zunehmenden Individualisierung der Jugendlichen (Beck, 1986; Heitmey-
er et al., 1992; siehe ausführlicher unten) gruppieren, durch die die Jugendlichen
einerseits aus den sozialen Einbettungen in traditionelle soziale Gruppen aus-
scheren, andererseits aber infolge einer bleibenden Sehnsucht nach Gemeinschaft
u. U. ihre Zugehörigkeit zu sozialen Gemeinschaften über abstrakte Kriterien und
Kategorien (wie Nation, Kultur, Rasse etc.) zu deÀnieren suchen; wobei sie sich in
diesen DeÀnitionsversuchen auf die DeÀnitionsangebote rechtsextremer Parteien
und Institutionen zu stützen vermögen. b) „Individualpsychologische Ansätze“,
die als Fortführung und Reformulierung des Ansatzes von der „authoritarian per-
sonality“ (Adorno, Frenkel-Brunswik, Levinson & Sanford, 1950) zu verstehen
seien. c) „Gesellschaftskritische Ansätze“, nach denen jugendlicher Rechtsextre-
mismus auch Ausdruck der gegenwärtigen jugendlichen Protestbewegungen sei.
d) „Ökonomische Ansätze“, die davon ausgehen, dass die Verschlechterung von
Existenzbedingungen durch tatsächliche oder drohende Arbeitslosigkeit und der
damit verbundene Mangel an materiellen Gütern rechtsextreme Einstellungen be-
fördern können. e) „Politische Ansätze“, in deren Mittelpunkt die Frage nach dem
schwindenden Vertrauen der Jugendlichen in etablierte politische Parteien und In-
stitutionen stehe. f) „Historische Ansätze“, in denen es u. a. um die Herausbildung
obrigkeitsstaatlicher politischer Systeme in Deutschland gehe.
Auffallendes Merkmal der Überblicksarbeiten (siehe Tabelle 1) ist, dass die
verschiedenen Konzeptionen meist zwar ausführlich dargestellt, mögliche Bezüge
zwischen den Konzeptionen aber in der Regel nicht thematisiert bzw. hergestellt
werden.
34 Wolfgang Frindte et al.

2.1.2 „Rechtsextremismus“ – ein unscharfer Begriff6

Neben politikwissenschaftlichen DeÀnitionen, in denen Rechtsextremismus als


Gegensatz zum demokratischen Verfassungsstaat bestimmt wird (z. B. Backes,
1989; Kowalsky, 1993), wurden im Beobachtungszeitraum zahlreiche soziolo-
gisch-psychologische DeÀnitionsvorschläge vorgelegt (z. B. Friedrich, 1992; Heit-
meyer et al., 1992; Jaschke, 1994; Melzer & Schubarth, 1995; Pilz, 1994) und auch
generelle Kritik am Rechtsextremismus-Begriff geübt (z. B. Butterwegge, 2000;
Teo, 1993, 1995). C hristoph Butterwegge (2000) präferiert z. B. den Rassismus-
Begriff, der die Vorteile habe, gesellschaftliche Strukturzusammenhänge und
historische Kontinuitäten seit dem Mittelalter (Kolonialismus) zu erfassen, ohne
ModiÀkationen und Ausdifferenzierungen (biologisch bzw. kulturell begründete
Spielarten des Rassismus) zu ignorieren (in diesem Sinne auch Teo, 1993). Bom-
mes und Scherr (1992) kritisieren die „homogenisierende Rede vom Rechtsextre-
mismus“ bei Heitmeyer und meinen damit die zu starke begrifÁiche Einengung
auf einen jugendtypischen Rechtsextremismus, der Parteien und Organisationen
außer Acht lasse.
Ulrich Druwe (1996) hat verschiedene Studien der Rechtsextremismusfor-
schung hinsichtlich des jeweils gewählten Begriffs untersucht. In den dreizehn
von ihm ausgewerteten Studien fand er elf verschiedene Bezeichnungen für das
Phänomen, die wiederum mit insgesamt 42 verschiedenen Bedeutungen versehen
waren, so dass von einer Rechtsextremismusforschung mit einem gemeinsamen
Untersuchungsgegenstand nicht die Rede sein könne.
Versuche, Rechtsextremismus über einzelne Merkmale zu bestimmen, sind da-
bei nicht selten. So versteht Siller (1997, S. 13) z. B. den Rechtsextremismus als
„Konglomerat von antidemokratischen, nationalistischen, rassistischen, autoritä-
ren, antisemitischen u.ä. Ideologien, Einstellungs- und/oder Handlungsmustern“.
An der Nützlichkeit solcher DeÀnitionen durch Aufzählung sind sicher Zweifel
angebracht, da für die Anzahl und die Beziehung zwischen den Merkmalen, mit
denen Rechtsextremismus beschrieben wird, kaum hilfreiche Kriterien angegeben
werden (vgl. Winkler, 2001). Es stellt sich also die Frage, welche der jeweils auf-
gezählten Merkmale eine Person tatsächlich besitzen muss, um als rechtsextrem
zu gelten.

6 Mit „unscharf“ ist hier zunächst, im Sinne von Frege (1998, S. 70; zit. n. Seising, 2011,
S. 150) die Abwesenheit einer „vollständigen und endgültigen“ Definition gemeint.
Fraglich ist allerdings, ob eine solche endgültige Definition generell möglich und im
speziellen Falle des Rechtsextremismus auch nötig ist.
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 35

Schlussendlich: Rechtsextremismus als monolithisches Gebäude erscheint im


Zeitraum von 1990 bis 2000 vor allem als Konstruktion (der Wissenschaftler, Poli-
tiker, der Medien, der Alltagsdiskurse; Frindte et al., 1994). Thomas Kliche (1996)
fragt deshalb, „ob es wissenschaftlich nicht sinnvoller wäre, das Konzept ,des‘
Rechtsextremismus zugunsten dadurch überzeugender zu erfassender ,Rechtsext-
remismen‘ aufzugeben“ (Kliche, 1996, S. 70).

Zugespitzt: „ErÀndet sich diese Gesellschaft also ,ihren‘ überaus funktionalen


Rechtsextremismus gerade selbst – unter tatkräftiger Mitwirkung der sozialwissen-
schaftlichen Deutungsindustrie“ (Kliche, 1996 S. 77)?

2.1.3 Dominierende Theorie- und Forschungsansätze

Dominanz der Desintegrationstheorie von Heitmeyer: Neben den o. g. Ausein-


andersetzungen über den Begriff von Rechtsextremismus dominierten in diesem
Jahrzehnt vor allem Arbeiten, in denen auf der Basis der von Heitmeyer und Kol-
leg/innen vorgelegten Sozialisations- und Desintegrationstheorie rechtsextreme
Tendenzen als Folge von individuellen Deprivationsproblemen betrachtet wer-
den (Heitmeyer, 1989, 1993; Heitmeyer et al., 1992; Heitmeyer & Möller, 1995).
Rechtsextremistische Orientierungen setzen sich nach Heitmeyer et al. (1992) aus
einer Ideologie der Ungleichheit bzw. Ungleichwertigkeit und der GewaltafÀnität
(bis hin zu gewalttätigem Handeln) zusammen. Beide Dimensionen werden durch
Subdimensionen mit verschiedenen Facetten untergliedert und operationalisiert.
Zur theoretischen Erklärung derartiger rechtsextremer Tendenzen haben Heit-
meyer und Mitarbeiter (1992) eine Desintegrationstheorie auf der Grundlage von
Becks „Risikogesellschaft“ (Beck, 1986) entwickelt. Die Autoren konstatieren
„ein generalisiertes Auftreten von Individualisierungsschüben, die im Kern aus
der Arbeitsmarktdynamik resultieren“ (Heitmeyer et al., 1992, S. 16). Diese Indi-
vidualisierungsschübe bewirken, dass „die klassischen gemeinsamen Erfahrungs-
und Deutungszusammenhänge intergenerationell weitergebender intermediärer
Instanzen damit an Wirksamkeit einzubüßen scheinen“ (Heitmeyer et al., 1992,
S. 16-17).

„Kollektive Handlungs- und Durchsetzungsformen verlieren an Bedeutung. Stabile


Solidaritätsbindungen werden sowohl überÁüssig als auch unerreichbar“ (Heitmeyer
et al., 1992, S. 19).
36 Wolfgang Frindte et al.

Als Folge werden Vereinzelungs-, Ohnmachts- und Handlungsunsicherheitserfah-


rungen beschrieben, die einer Orientierung an nationalen Kategorien Vorschub
leisten. Dies betrifft nach Heitmeyer vor allem diejenigen, denen der Übergang zu
einer autonomieorientierten Identität nicht gelingt, „weil sie nicht in ausreichen-
dem Maße Ressourcen und Bezugspunkte der Identitätsbildung zur Verfügung
haben“ (Heitmeyer et al., 1992, S. 32).
Kritik an der Desintegrationstheorie: Nach anfänglicher Euphorie und um-
fangreicher Rezeption gerieten in den 1990er Jahren sowohl die Heitmeyersche
Rechtsextremismus-DeÀnition als auch der von ihm und Kollegen vorgelegte Er-
klärungsansatz in die Kritik (z. B. Bommes & Scherr, 1992; Eckert & Willems,
1996; König, 1997, 1998; Pfahl-Traughber, 1998; Scherr, 1996; Schumann &
Winkler, 1997; Winkler, 1996). Diese Kritik bezog sich auf die zu wenig differen-
zierende Konzeption, die der Heterogenität des Untersuchungsfeldes nicht gerecht
werde.
König (1997) kritisierte das ausschließlich soziologische Verständnis des ju-
gendlichen Rechtsextremismus, den Heitmeyer auf soziale und ökonomische Des-
integrationsprozesse zurückführt, anhand eines Fallbeispiels aus der Bielefelder
Rechtsextremismus-Studie. Hopf (1994) konnte dagegen anhand der Daten einer
Untersuchung von Melzer, Schröder und Schubarth (1992), in der etwa 1500 west-
deutsche und 1300 ostdeutsche Jugendliche im Alter zwischen 15 und 24 Jah-
ren verglichen wurden, die Plausibilität der sogenannten Deprivationsthese, nach
der kumulierende Beeinträchtigungen in der sozialen Lage der Jugendlichen eine
wichtige Voraussetzung für ausländerfeindliche und rechtsextreme Einstellungen
darstellen, bestätigen.
Eckert und Willems (1996) bezweifeln die Erklärungskraft des Desintegra-
tionskonzepts. Auch die Ergebnisse von Hoffmann-Lange (1996) scheinen diese
Zweifel zu bestätigen: Die Befunde bestätigen zwar, dass erlebte soziale Benach-
teiligung und soziale Unzufriedenheit zu erhöhter sozialer Desorientierung füh-
ren, diese wiederum aber nur geringen EinÁuss auf ausländerfeindliche Einstel-
lungen haben; im Osten noch weniger als im Westen Deutschlands (Beta = 0.19
im Westen und Beta = 0.12 im Osten)7. Der EinÁuss von Normlosigkeit als einer
anderen möglichen Folge aus einer anomietheoretischen Perspektive hat dagegen
im Osten weitaus größeres Gewicht (Beta = 0.22 im Westen und Beta = 0.32 im
Osten). Da die formale Schulbildung ebenfalls in die Regressionsgleichung auf-
genommen wurde, diese auch ein starker Prädiktor ist (Beta = 0.31 im Westen

7 Beta-Werte sind standardisierte Regressionskoeffizienten, die Werte von +1,0 bis –1,0
einnehmen können und den Zusammenhang zwischen unabhängigen und abhängigen
Variablen wiedergeben.
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 37

und Beta = 0.23 im Osten), aber zudem auch ein starker Prädiktor für soziale Des-
orientierung, lässt sich vermuten, dass der tatsächliche EinÁuss von Desintegration
noch erheblich kleiner ist. Die multiple Regression klärt allerdings auch nur 26 %
Varianz der abhängigen Variable ausländerfeindliche Einstellungen auf (17 % in
der West- und 28 % in der Oststichprobe).
Gegen eine einfache Desintegrationsthese spricht auch ein Befund von Sturz-
becher (1997), der empirisch zeigen konnte, dass die Eltern sowohl gewaltberei-
ter wie auch fremdenfeindlicher Jugendlicher eine bessere Ànanzielle Situation
angeben als die von anderen Jugendlichen. Held, Horn, Leiprecht und Marvakis
(1991) und Held, Horn und Marvakis (1996) kommen zu Ergebnissen, die sogar
nahelegen, dass gerade diejenigen Personen höhere Fremdenfeindlichkeit äußern,
die bzgl. Erwerbsarbeit nicht benachteiligt sind. Auch lässt sich in ihren Unter-
suchungen kein Zusammenhang zwischen Fremdenfeindlichkeit und erlebter
gesellschaftlicher Bedrohung und Unzufriedenheit mit der Wohn-, Arbeits- und
Freizeitsituation nachweisen. Daraus folgernd charakterisieren die Autoren Rechts-
extremismus und Fremdenfeindlichkeit als „Wohlstandschauvinismus“, verbunden
mit einer „ÜberidentiÀkation mit den ‚deutschen‘ Wirtschaftsinteressen.“
Kritisch gegenüber der Desintegrationstheorie von Heitmeyer und Mitarbei-
tern äußert sich auch Birgit Rommelspacher (1992, 1993, 1995). Mit dem von ihr
geprägten Konzept der Dominanzkultur versucht Rommelspacher grundlegende
Widersprüche, die die Dynamik moderner Gesellschaften bestimmen, zu erklä-
ren. Wesentliches Merkmal dieser Widersprüche scheint die Dialektik zwischen
egalitären und demokratischen Konzepten und Bestrebungen einerseits und Do-
minanzansprüchen in Folge ethnischer oder sozialer Herkunft, Geschlecht, Leis-
tungsfähigkeit oder sexueller Orientierung andererseits zu sein. Die jeweiligen
Dominanzansprüche werden durch hierarchische Gesellschaftsstrukturen geför-
dert und reproduziert. Der Rechtsextremismus gehöre dabei zu den radikalisierten
und politisierten Formen, besagten Widerspruch einseitig zugunsten zunehmen-
der Hierarchisierung, also durch ideologisch begründete Dominanz ausgewählter
sozialer Gruppierungen gegenüber anderen Gruppierungen, zu lösen.8 Mit dieser
Auffassung wendet sich Rommelspacher explizit gegen sozialwissenschaftliche
Analysen, in denen ausschließlich nach intrapsychischen und/oder sozialen Kon-
Áikten bzw. ökonomischen Benachteiligungen innerhalb der Mehrheitsgesellschaft
als Ursachen für Rechtsextremismus gefahndet wird. Auch Heitmeyers Arbeiten
stehen somit im Fokus ihrer Kritik.

8 Ähnliche Prozesse werden auch in der Theorie der sozialen Dominanz (Sidanius &
Pratto, 1999) beschrieben, auf die später noch eingegangen wird.
38 Wolfgang Frindte et al.

Kontrovers zur Desintegrationstheorie von Heitmeyer und Mitarbeitern scheint


auch der Ansatz zu stehen, der von Norbert Götz (1997) vorgestellt und empirisch
geprüft wurde. Götz kritisiert die der Desintegrationstheorie zugrundeliegende
„Modernisierungsverlierer-Hypothese“ und geht von der These aus, dass Rechts-
extreme nicht – wie in der Desintegrationstheorie behauptet, Verlierer, sondern
Gegner der reÁexiven Moderne seien (Götz, 1997, S. 397ff.). Um diese These zu
explizieren, greift Götz auf den Ansatz des postmaterialistischen Wertewandels
(nach Inglehart, 1977) und auf neuere Erkenntnisse der Autoritarismusforschung
(Altemeyer, 1988; Oesterreich, 1993) zurück. Die empirischen Daten, mit denen
Götz seinen Ansatz zu begründen sucht, stammen aus einer Studie zum Rechts-
extremismus, die Richard Stöss (1993) in Berlin durchführte. Die Befunde sind
nicht vollständig überzeugend, verweisen aber durchaus darauf, dass rechtsextrem
orientierte Personen offenbar einerseits von den gesellschaftlichen Bedingungen
einer reÁexiven Moderne9 intellektuell und emotional überfordert sind und ande-
rerseits dies durch eine „unzeitgemäße Komplexitätsreduktion und Wirklichkeits-
konstruktion“ (Götz, 1997, S. 407) zu kompensieren versuchen.

2.1.4 Rahmenbedingungen für rechtsextreme Tendenzen

A Makro-soziale Bedingungen

Ost-West-Vergleiche:
Ein besonderer empirischer Fokus lag zunächst auf Ost-West-Vergleichen, um in
den Folgen der politischen und wirtschaftlichen Wende in Ostdeutschland mög-
liche Wirkfaktoren für rechtsextreme Tendenzen ausÀndig zu machen (kaum eine
Studie im Zeitraum von 1990 bis 2000 verzichtete auf derartige Vergleiche; als
Auswahl z. B. Aschwaden, 1995; Friedrich, 1992, 1993; Frindte, Jabs & Neumann,
1992; Maaz, 1993; Melzer, 1992; Melzer & Schubarth, 1992; Oesterreich, 1993;
Pfahl-Traughber, 2000; Seidenstuecker, 1993).
Auch Pollmer, Reissig und Schubarth (1992) berichten Ost-West-Befunde über
Zusammenhänge von subjektiven BeÀndlichkeiten, Erwartungen für die Zukunft,
Wertorientierungen, politischen Orientierungen, Rechtsextremismus, Ausländer-
feindlichkeit, Aggressivität und Gewaltbereitschaft. Die in diesen und ähnlichen
Studien erfolgte Fokussierung auf die Untersuchung von Jugendlichen, jungen Er-
wachsenen und Jugendkulturen dürfte ebenfalls eine Konsequenz aus dem Des-

9 Der Begriff der reflexiven Moderne ist eng mit den Arbeiten von Ulrich Beck und
Anthony Giddens verknüpft, die damit den Übergang von einer ersten Moderne zu
einer zweiten Moderne zu beschreiben versuchen (vgl. Beck, Giddens & Lash, 1996).
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 39

integrationsansatz von Heitmeyer sein (z. B. Frindte, 1999; Heitmeyer & Möller,
1995).

Geschlechterunterschiede10:
Dass ausgeprägte fremdenfeindliche Vorurteile und rechtsextreme Gewaltbereit-
schaft nicht nur ein Männerproblem sind, von Frauen aber fremdenfeindliche
Einstellungen subtiler bzw. geschlechterrollenspeziÀsch geäußert werden, konnte
ebenfalls in zahlreichen Untersuchungen nachgewiesen werden (z. B. Birsl, 1994;
Geng, 1998; Hopf u. a., 1995; Knapp, 1993; Niebergall, 1995; Rippl, Boehnke, Hef-
ler & Hagan, 1998; Rippl & Seipel, 1999; Rommelspacher, 1993; Siller, 1994; Sten-
ke, 1993; Utzmann-Krombholz, 1994; Volmerg, Bensch & Kirchhoff, 1995; Watts,
1996). Dieser Umstand wurde mit zuverlässiger Konstanz in allen zugänglichen
empirischen Untersuchungen des Zeitraums von 1990 bis 2000 repliziert, so bei
Birsl, Busche-Baumann, Bons und Kurzer (1995), Held et al. (1996), Hoffmann-
Lange (1996), Melzer und Schubarth (1995), Oesterreich (1993), Schumann und
Winkler (1997), Sturzbecher, Dietrich und Kohlstruck (1994), Sturzbecher (1997).
Wenn man die Befunde genauer betrachtet, so bekommt man jedoch den Eindruck,
dass die Differenzen speziÀscher Dimensionen gar nicht so stark ausgeprägt sind,
so v. a. der Bereich Ausländerfeindlichkeit bei Schubarth und Melzer (1993) und
Utzmann-Krombholz (1994). Sehr viel erheblicher dagegen sind die Unterschie-
de zwischen Männern und Frauen, wenn rechtsextrem motivierte Straftaten (vgl.
Willems et al., 1993) oder das Wahlverhalten rechter Parteien (vgl. Falter, 1994)
betrachtet werden: In diesen Fällen sind Männer viel häuÀger vertreten.
Zusammenhänge von medialer Berichterstattung und Rechtsextremismus (z. B.
Brosius & Esser, 1996; Funk & Weiß, 1995; Jäger & Link, 1993; Jäger, 1997; Lü-
demann, 1995; Ohlemacher, 1993, 1996, 1998, 1999; Ruhrmann, Kollbeck & Mölt-
gen, 1996; Scharf, 1993; Willems, 1996):
Bezüglich des EinÁusses der medialen Berichterstattung stellt Willems (1996)
im Zusammenhang mit den ausländerfeindlichen Pogromen in Deutschland An-
fang der neunziger Jahre fest, dass die Welle der Gewalt ihren ersten Kulmina-
tionspunkt nach der ausführlichen medialen Berichterstattung über die Brandan-
schläge und die Belagerung des Asylbewerberheimes in Hoyerswerda erreichte.
Auch Brosius und Esser (1996) unterstreichen die Bedeutung von spektakulären
Schlüsselereignissen und weisen in einer Zeitreihenanalyse nach, dass in einer
ersten Phase der ausländerfeindlichen Ausschreitungen (Hoyerswerda und Ros-
tock) tatsächlich eine Anstiftungswirkung von der medialen Berichterstattung des

10 Selbstverständlich könnten Geschlechterunterschiede als Sozialisationseinflüsse auch


unter der nachfolgenden Rubrik „Meso-soziale Bedingungen“ abgehandelt werden.
40 Wolfgang Frindte et al.

Fernsehens ausging (vgl. auch Ohlemacher, 1998, S. 5). Für eine zweite Phase,
die durch Taten von Einzelnen gegen schon seit langer Zeit in Westdeutschland
lebende Ausländer charakterisiert war, bei denen auch Opfer ums Leben kamen
und sich die Bevölkerung mittels Demonstrationen und Lichterketten zu Wort mel-
dete, konnten dagegen keine Nachahmungseffekte gezeigt werden. Ohlemacher
(1998, S. 15) macht sogar nach diesen Ereignissen einen negativen Trend in den
Gewalttaten gegen Fremde aus. Stereotypisierungen in der Medienberichterstat-
tung und die Reduzierung des Rechtsextremismus auf ein Randgruppenproblem in
Verbindung mit dramatisierenden Elementen in der medialen Darstellung werden
zudem häuÀg kritisiert (z. B. Hundseder, 1992, 1993; Jäger, 1999; Lamnek, 1990;
Ohlemacher, 1996; Scharf, 1993).

B Meso-soziale Bedingungen

Sozialisationseinflüsse:
Zusammenhänge zwischen schulischer und familiärer Sozialisation einerseits und
rechtsextremen Orientierungen andererseits ließen sich empirisch relativ gut nach-
weisen (z. B. Ettrich, Krause & Jahn, 1995; HeÁer, Boehnke & Butz, 1999; Hopf,
Rieker, Sanden-Marcus & Schmidt, 1995). Nahezu alle quantitativen Untersu-
chungen betonen, dass ein hoher Zusammenhang dergestalt besteht, dass vorran-
gig Hauptschüler bzw. Personen, die über einen Hauptschulabschluss als höchsten
formalen Bildungsabschluss verfügen, ausgeprägte rechtsextreme Orientierungen
aufweisen (Hoffmann-Lange, 1996; Klein-Allermann u. a., 1995; Melzer & Schub-
arth, 1995; Schumann & Winkler, 1997; Sturzbecher, Dietrich & Kohlstruck, 1994;
Sturzbecher, 1997).
HeÁer und Boehnke (1995) belegen in ihrer Untersuchung die Relevanz der
Variablen Schulerfolg und Schultyp zur Vorhersage von fremdenfeindlichen Ein-
stellungen. Die Befunde zeigen, dass Schulerfolg und die damit einhergehende
positivere Selbsteinschätzung und ein höheres Maß elterlicher Kontrolle dazu ge-
eignet waren, Ressourcen sozialen Kapitals zu schaffen, die ein Hineingleiten in
deviante Subkulturen und ein Ausleben unterschwellig vorhandener Traditionen
von Gewalt und Rechtsextremismus verhinderten.
Noack und Wild (1999) zeigen allerdings auch, dass sich hinter dem Schul-
typ als „soziale Adresse“ eine ganze Menge weiterer Variablen verbergen kön-
nen. Teils spiegele die besuchte Schule per Selektion die Zugehörigkeit zu sozialen
Schichten und damit die Bildung sowie die Ànanzielle und beruÁiche Situation der
Eltern wider; teils gehe der Schultyp mit Variationen in der zu Hause erfahrenen
Erziehung einher.
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 41

Auf eine nicht unwichtige Sozialisationsinstanz, auf den EinÁuss jugendlicher


Cliquen und Milieus, machen die Arbeiten von Bohnsack, Loos, Schäffer, Städt-
ler und Wild (1995), Farin und Seidel-Pielen (1993a,b), Geng (1998), Wetzels und
Enzmann (1999) aufmerksam.

Bewegungsforschung:
Im Kontext der o. g. kritischen Auseinandersetzung mit der Desintegrationstheorie
entwickelte sich in der ersten Hälfte der 1990er Jahre auch eine kontroverse De-
batte um den Rechtsextremismus als soziale Bewegung (vgl. zum Überblick auch
Schroeder, 2003, S. 113ff.). Basierend auf politikwissenschaftlichen und soziologi-
schen Theorien sozialer Bewegungen verweist z. B. Jaschke auf das rechtsextreme
Protestverhalten als „eine sich zur sozialen Bewegung formierende modernisie-
rungskritische Reaktion auf zwei fundamentale Veränderungen der Gesellschaft –
auf Ethnisierungsprozesse und auf Individualisierungsschübe“ (Jaschke, 1993,
S. 105, zit. n. Schroeder, 2003, S. 114; vgl. auch Hellmann, 1998; Leggewie, 1994;
Willems, 1996). Eine lesenswerte Zusammenfassung der sozial- und politikwis-
senschaftlichen Ansätze, mit denen der Rechtsextremismus als soziale Bewegung
charakterisiert werden kann, Àndet sich bei Rucht (1995) und Koopmans (1995).
Rucht deÀniert soziale Bewegungen folgendermaßen:

„Soziale Bewegungen sind ein besonderer Typus von Kollektiven, nämlich auf ge-
wisse Dauer gestellte Netzwerke von Gruppen und Organisationen, die sozialen
Wandel mit Mitteln des Protests herbeiführen, verhindern oder rückgängig machen
wollen. Die Gemeinsamkeit dieser Zielsetzung ist für kollektive Identität nicht hin-
reichend. Armeen und Friedensbewegungen mögen gleichermaßen an der Verhütung
von Kriegen interessiert sein, aber sie bilden deshalb kein übergreifendes Kollektiv.
Erst wer sich einer Bewegung als einem sozialen Zusammenhang, charakterisiert
durch bestimmte Träger sowie bestimmte Handlungs- und namentlich Protestfor-
men, zurechnet und dies möglichst praktisch bezeugt, teilt somit die kollektive Iden-
tität der Bewegung“ (Rucht, 1995, S. 11).

In diesem Sinne lassen sich soziale Bewegungen auch als soziale Milieus (Hell-
mann, 1995, S. 73) oder als Deutegemeinschaften (Frindte, 1998; S. 84ff.) verste-
hen. Deutegemeinschaften sind jene sozialen Gemeinschaften von Menschen, die
die Welt in interindividuell ähnlicher Weise beobachten, beurteilen und darüber
kommunizieren. Deutegemeinschaften erzeugen normativen Druck auf jene, die
sich den jeweiligen Gemeinschaften zugehörig fühlen und sich mit den Bedeu-
tungsräumen identiÀzieren. Nicht Fakten, sondern dieses Zugehörigkeitsgefühl
und die entsprechende IdentiÀkation erzeugen einen normativen Zwang, Gescheh-
nisse so zu beobachten und zu beurteilen, wie es die vermeintlichen prototypi-
42 Wolfgang Frindte et al.

schen Mitglieder der Gemeinschaft tun oder tun könnten. Deutegemeinschaften


sind in diesem Sinne Meinungsmacher, Mythenmacher, Allmachtsvertreter. Sie
erheben den Anspruch, mit normativer Kraft die Welt zu interpretieren und zu
verändern. In diesem Sinne versuchen Deutegemeinschaften konkurrierende Deu-
tungen von Welt zu unterdrücken und/oder aus dem gesamtgesellschaftlichen
und globalen Diskurs zu vertreiben, um an deren Stelle ihre eigenen Welt- und
Lebensbegründungen zu etablieren. In gewissem Sinne lassen sich Deutegemein-
schaften mit dem Gruppenkonstrukt vergleichen, das in der Theorie der sozialen
Identität (SIT) von Henri Tajfel, John C. Turner und anderen genutzt wird (Tajfel
& Turner, 1986; weitere verwandte Ansätze sind die Self-Categorization Theory,
Turner, Hogg, Oakes, Reicher & Wetherell, 1987; das Social Identity Model of
Deindividuation Phenomena, Reicher, Spears & Postmes, 1995). Auf diese sozial-
psychologische Betrachtung sozialer Bewegungen haben Simon (1995) und Zick
und Wagner (1995) aufmerksam gemacht. Simon weist in diesem Sinne darauf hin:

„Aus sozialpsychologischer Perspektive setzt sich eine soziale Bewegung aus Per-
sonen zusammen, die sich nicht als Individuen, sondern als Vertreter einer sozialen
Kategorie bzw. Gruppe verstehen, und die gemeinschaftlich einen sozialen Wandel
herbeiführen wollen. Selbst-Interpretation als Gruppenmitglied (d. h. Priorisierung
des kollektiven Selbst gegenüber dem individuellen Selbst) wird damit zur ent-
scheidenden sozialpsychologischen Grundlage sozialer Bewegungen“ (Simon, 1995,
S. 53).

Allerdings betont Ruud Koopmans auch die zum damaligen Zeitpunkt (1995) noch
vorhandenen empirischen DeÀzite der Bewegungsforschung in der Analyse des
Rechtsextremismus:

„Eine … Herausforderung für die Bewegungsforschung ist die Welle von Gewalt
gegen Ausländer und Asylanten, die Deutschland seit ein paar Jahren überschwemmt.
Zwar hat dieses Phänomen eine Reihe von sozialwissenschaftlichen Arbeiten ausge-
löst, aber ich kenne keine Studie, die systematisch mit einer bewegungstheoretischen
Perspektive arbeitet“ (Koopmans, 1995, S. 96).

C Mikro-soziale und individuelle Bedingungen

Täteranalysen
In ihrer vielfach zitierten Analyse fremdenfeindlicher Gewalttäter zeigen Wil-
lems et al. (1993), dass fremdenfeindliche Straftaten in neun von zehn Fällen als
Gruppentat verübt werden. Dabei spielen subkulturelle Skinheadgruppen wie auch
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 43

unterschiedliche Freundes- und Freizeitcliquen die dominierende Rolle. Die Auto-


ren verweisen auch darauf, dass „politische Vorstellungen, Motive und Strategien“
von geringerem EinÁuss sind als „ausgeprägte fremdenfeindliche Feindbilder und
Vorurteile. [...] Daneben gibt es jedoch auch jene Skins, die sich über die eigene
fremdenfeindliche und rechtsorientierte Gruppe hinaus auch für rechtsextremis-
tische Parteien und Ideologien interessieren und hier auch aktiv werden“ (Wil-
lems et al., 1993, S. 175). In diesem Zusammenhang identiÀzieren die Autoren
fünf zentrale Motive für rechtsextreme Gewalttaten: a) Action-Motive im Sinne
expressiv-hedonistischer Gewalt, b) Geltung in der Gruppe, c) fremdenfeindliche
Gewalt als Resultat allgemeiner Frustration und Orientierungslosigkeit, d) Auslän-
der- und Fremdenfeindlichkeit und e) politisch-rechtsradikale Motivation. Die im
Rahmen dieser Analyse ebenfalls durchgeführte Tatverdächtigenstudie erbrachte
überdies keinen Hinweis darauf, dass Diskontinuitäten formaler Familienstruktu-
ren der Herkunftsfamilie (Eltern geschieden, getrennt lebend, wiederverheiratet,
Eltern(teile) verstorben) als EinÁussfaktor auf fremdenfeindliche Straftaten ange-
sehen werden müssen. Für die Straftäter (Gerichtsaktenanalyse) beschrieben die
Autoren drei Konstellationen, die gehäuft auftraten: a) intakte Familienverhältnis-
se ohne Auffälligkeiten, b) formal intakte, unauffällige Familien mit starken Kon-
Áikten zwischen Eltern und Jugendlichem, oft im Zusammenhang mit nicht erfüll-
ten Leistungserwartungen der Eltern und c) „zerrüttete Familienverhältnisse“. Da
keine dieser Konstellationen besonders hervorgehoben wurde, ergibt sich somit ein
Abbild der verschiedenen familiären Varianten, wie sie auch in der „Normalbe-
völkerung“ auftreten, ohne dass die Kinder fremdenfeindliche Straftäter werden.
Dem widersprechen Heitmeyer und Möller (1995). In ihrer Analyse von Ge-
walttätern mit fremdenfeindlicher bzw. rechtsextremistischer Motivation sprechen
sie von einem signiÀkanten Unterschied im Vergleich zur übrigen Bevölkerung
(Heitmeyer & Möller, 1995, S. 43), und dies allein bereits für Merkmale der forma-
len Familienstruktur. In der vertiefenden Interviewstudie mit rechtsextremen Ge-
walttätern stellen sie fest, dass mehr als die Hälfte der befragten jungen Menschen
(25 von 45) aus so genannten ‚broken-home‘-Verhältnissen stammen (Heitmeyer
& Möller, 1995, S.125).

Autoritarismus als individuelle Disposition für rechtsextreme Orientierungen


In mehreren Untersuchungen wird bei der Erklärung rechtsextremistischer Dis-
positionen Jugendlicher in den 1990er Jahren auch auf ein revidiertes Autorita-
rismuskonzept11 rekurriert. Man könnte fast behaupten, der „Autoritarismus“

11 In seiner Arbeit „The Fortieth Anniversary of ‚The Authoritarian Personality‘“ ver-


weist Jos Meloen (1991) auf nachhaltige Resonanz des Konzepts der “autoritären
44 Wolfgang Frindte et al.

entwickelte sich in den 1990er Jahren zu einem der beliebtesten Konzepte der
Rechtsextremismusforschung; operationalisiert als Facette des Rechtsextremismus
oder als unabhängige Variable zur Erklärung rechtsextremer Orientierungen. Das
Revival des Autoritarismuskonzepts hängt natürlich auch mit der fälschlichen An-
nahme zusammen, vor allem der ostdeutsche Rechtsextremismus ließe sich durch
die nachweisbaren Zusammenhänge zwischen rechtsextremen Einstellungen und
autoritären Überzeugungen auf den nachhaltigen EinÁuss der gesellschaftlichen
Strukturen aus DDR-Zeiten zurückführen (siehe auch den Beitrag von Quent in
diesem Band). Spätestens seit den fremdenfeindlichen Gewaltaktionen zu Beginn
der 1990er Jahre in Deutschland ist dieses Erklärungskonzept dann auch wieder
in den Blickpunkt der deutschen massenmedialen und sozialwissenschaftlichen
Diskurse gerückt. Das zeitliche Zusammenfallen der Wende in der DDR mit dem
AufÁammen fremdenfeindlicher Gewalt wurde vor allem in außerwissenschaft-
lichen Kreisen kausal interpretiert: Diesem Erklärungsmuster zufolge sei das
autoritäre politische System der DDR der Nährboden für die Ausbildung auto-
ritärer Persönlichkeiten und für rechtsextreme Tendenzen (so z. B. Maaz, 1990,
1993; Pfeiffer, 1999). Stellmacher, Petzel und Sommer (2002) haben insgesamt
19 empirische Studien ausÀndig gemacht, in denen in den 1990er Jahren autori-
täre Überzeugungen in Ost- und Westdeutschland verglichen wurden. In 13 der 19

Persönlichkeit“ (Adorno et al., 1950). Die empirischen Replikationsversuche sind


mittlerweile – ebenso wie die kritischen Auseinandersetzungen mit der Theory of Aut-
horitarian Personality (TAP) – kaum noch zu überschauen (zusammenfassend Alte-
meyer, 1996; Oesterreich, 1996, 2005a; Stone, Lederer & Christie, 1993). Ein innova-
tiver Schritt in der Autoritaritarismusforschung gelang erst in den 1980er Jahren. Die
Veröffentlichung von Bob Altemeyers erstem Buch „Right-wing Authoritarianism“
(1981) gilt dabei als Zäsur und Beginn der modernen Autoritarismusforschung. Alte-
meyer stützt sich in seiner sparsamen theoretischen Konzeption auf lerntheoretische
Erklärungen zur Entstehung von Autoritarismus (Bandura, 1979). Sein größerer Ver-
dienst liegt aber vor allem in der einfacheren Operationalisierung autoritärer Überzeu-
gungen: Altemeyer reduzierte auf der Basis einer Vielzahl zweifellos konkurrenzloser
Experimente und Fragebogenstudien das ursprüngliche Konzept der TAP mit seinen
neun Dimensionen auf drei Subdimensionen: Konventionalismus (ein hoher Grad des
Festhaltens an sozialen Konventionen, die als von der Gesellschaft und den etablier-
ten Autoritäten geteilt wahrgenommen werden), autoritäre Unterwürfigkeit (ein ho-
hes Maß an Unterordnung unter Autoritäten, die als rechtmäßig in der Gesellschaft
wahrgenommen werden) und autoritäre Aggression (gegen Personen oder Gruppen
gerichtete allgemeine Aggressivität, die als von den etablierten Autoritäten sanktio-
niert wahrgenommen werden). Right-Wing-Authoritarianism ist nach Altemeyer eine
Persönlichkeitseigenschaft bzw. eine individuelle Differenzvariable, nach der Men-
schen sich mehr oder weniger Autoritäten unterwerfen, gegen Außenseiter vorgehen
und sich beständig konventionellen Normen anpassen (Altemeyer, 1996, S. 8).
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 45

Studien wurden Unterschiede gefunden; allerdings waren in sieben Studien nur


Unterschiede bezüglich einzelner Items oder einzelner Subskalen erkennbar. Zwei
weitere Studien, in denen generelle Unterschiede berichtet werden, fanden zwar si-
gniÀkante, aber nur relativ geringe Differenzen. In den drei verbleibenden Studien
werden zwar relativ große Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen berich-
tet (Dalbert, 1993; Schoebel, 1997; Lederer, 2000). Die Untersuchungen stützten
sich aber entweder auf relativ kleine Stichproben (Dalbert, 1993) oder auf eine
nur geringe Anzahl von Items (Schoebel, 1997). Und auch Gerda Lederers (2000)
Befunde sind mit Vorsicht zu genießen, da die Daten mit einem Jahr Verzögerung
zwischen Ost und West erhoben wurden. Stellmacher, Petzel und Sommer (2002,
S. 99) konstatieren deshalb, dass eine generell unterschiedliche Autoritarismus-
neigung zwischen ost- und westdeutschen Personen nur selten festgestellt wurde.
Unabhängig von vermeintlichen oder tatsächlichen Ost-West-Unterschieden in
den autoritären Überzeugungen dürfte das Autoritarismuskonzept durchaus einen
hohen Erklärungswert besitzen. Seipel et al. (1995) zeigen z. B. mittels Struktur-
gleichungsmodellierung (N = 200), dass Gefühle starker politischer Machtlosigkeit
gepaart mit ausgeprägtem Autoritarismus die Bereitschaft erhöhen, rechtspopulis-
tische Parteien zu wählen. Funke et al. (1999) belegen den engen Zusammenhang
zwischen den Facetten einer Ideologie der Ungleichwertigkeit (im Sinne der von
Heitmeyer und Kollegen vorgelegten Rechtsextremismus-DeÀnition, s. o.) und au-
toritären Einstellungen. Auch Hopf (1993) kann auf der Grundlage qualitativer
Interviews nachweisen, dass es deutliche Zusammenhänge zwischen autoritären
Dispositionen und rechtsextremen Orientierungen zu geben scheint.

2.1.5 Zwischenfazit

Die vor mehr als zehn Jahren von Friedhelm Neidhardt in einer Sammelrezension
einschlägiger wissenschaftlicher Beiträge zum Forschungsfeld Rechtsextremis-
mus (u. a. Boehnke, Fuß & Hagan, 2002; Funke, 2002; Neumann, 2001; Neumann
& Frindte, 2002; Wahl, 2002; Würtz, 2000) getroffenen Feststellungen dürften
den damaligen Status des Forschungsfeldes Rechtsextremismus für den Zeitraum
von 1990 bis 1999/2000 auch insgesamt gut beschreiben. In seinem Fazit stellt
Neidhardt (2002) u. a. fest, a) die von Heitmeyer (1992) vorgelegte DeÀnition von
Rechtsextremismus bestimme in beachtlichen Teilen die konzeptionelle Ausrich-
tung des Forschungsfeldes (Neidhardt, 2002, S. 781), biete aber b) einen Ausgangs-
punkt, um auch nach den „individuellen Bedingungen von Rechtsextremismus“
(Neidhardt, 2002, S. 783) zu fahnden; c) trotzdem existiere im Forschungsfeld
Rechtsextremismus ein „DeÀzit an Theorie“ und ein „narrativer Überschuss mit
46 Wolfgang Frindte et al.

gelegentlichen Ansätzen zu Ad-hoc-Theoretisierungen“ (Neidhardt, 2002, S. 782);


d) eine sehr große Praxisnähe vieler Beiträge fördere „die Tendenz zu subjekti-
ven Befangenheiten, die sich leicht in eine kollektive Befangenheit methodischer
und theoretischer Borniertheit“ (Neidhardt, 2002, S. 782) umsetze; e) die „auf-
fälligste Forschungslücke“ (Neidhardt, 2002, S. 783) verbinde sich mit der Frage,
„wann wird Fremdenfeindlichkeit gewalttätig – und wann werden die vorhandenen
Gewaltpotenziale fremdenfeindlich?“ (Neidhardt, 2002, S. 783); f) auch hinsicht-
lich der sozialen Kontexte (familiäre, schulische und mediale EinÁüsse), in denen
Rechtsextremismus entstehe und gefördert werde, sei die Forschung unbestimmt
(Neidhardt, 2002, S. 783f.); außerdem bestehe g) eine „extreme Deutschlastigkeit
des Forschungsfeldes“ (Neidhardt, 2002, S. 782)12; und h) eine theoretische Fun-
dierung des Forschungsfeldes Rechtsextremismus scheine „am ehesten in den so-
zialpsychologischen Beiträgen vorhanden“ (Neidhardt, 2002, S. 782).
Versucht man dennoch aus den durchaus vielfältigen empirischen Befunden ein
Erklärungsmuster abzuleiten, so ließe sich wohl formulieren: Die in den meisten
sozialwissenschaftlichen und psychologischen Studien zwischen 1990 und 2000
aufgezeigten Befunde lassen einen komplexen Zusammenhang zwischen rechtsex-
tremen Tendenzen, wahrgenommener individueller und sozialer Bedrohung (z. B.
in Folge von gesellschaftlichen und ökonomischen Umbrüchen und Modernisie-
rungsprozessen), Orientierungslosigkeit, Desintegration und autoritären Über-
zeugungen auf der Seite der rechtsextremen Akteure und Mitläufer vermuten.

2.2 Schwerpunkte der sozialwissenschaftlichen und


psychologischen Publikationen zum
Rechtsextremismus zwischen 2001 und 2013

Um wiederum die Vielfalt der sozialwissenschaftlichen und psychologischen Pu-


blikationen zum Thema aus diesem zweiten Zeitraum ordnen zu können, wurde
zunächst das bereits vorgestellte Raster angelegt, das auch für die Einordnung der
Publikationen aus dem Zeitraum 1990 bis 2000 genutzt wurde. Allerdings erwies
sich dieses Raster als nicht trennscharf genug. Zahlreiche Publikationen im Zeit-
raum 2001 bis 2013 ließen sich nicht eindeutig den verschiedenen Ordnungsclus-
tern zuordnen. Auf die Gründe wird noch eingegangen. Tabelle 2 bietet zunächst
wieder einen beispielhaften Überblick, der in den anschließenden Abschnitten er-
läutert wird

12 Verwiesen werden muss allerdings auf die vergleichende Übersichtsarbeit von Gress,
Jaschke & Schönekäs (1990).
Tabelle 2 Schwerpunkte der sozialwissenschaftlichen und psychologischen Publikationen zum Rechtsextremismus (2001 bis 2013).
Überblicks- Begriffs-debatten: Dominierende Makro-soziale Meso-soziale Mikro-soziale und
arbeiten „Rechtsextremis- Theorie- und Rahmenbedingungen Bedingungen individuelle Bedin-
mus“ – noch immer Forschungsansätze für rechtsextreme gungen
ein unscharfer Tendenzen
Begriff

z. B.: Boehnke, DeÀnitions- Dominanz der Gruppen-bezogenen Sozialisationsein- Sozial-psycho-


Fuß und Hagan, diskussionen Studien zur Menschen-feindlichkeit Áüsse logische Ansätze
2002; Frindte z. B. Decker u. a., Gruppenbezogenen z. B. Heitmeyer, 2012, z. B. Decker, Kiess in den Studien zur
& Neumann, 2010; Decker, Kiess Menschenfeind- „Mitte-Studien“ De- & Brähler 2012; Gruppen-bezogenen
2002; Klärner & Brähler, 2012; lichkeit cker, Kiess & Brähler oder im „Thü- Menschen-feindlich-
& Kohlstruck, Frindte & Neu- Heitmeyer, 2002 2012 ringen-Monitor“ keit
2006; Möller & mann, 2002; Fuchs, bis 2012 „Thüringen-Monitor“ (Best & Salheiser, z. B. Autoritarismus-
Schuhmacher, 2003; Glaser, 2012; Beobachtet wird Best & Salheiser, 2012 2012) Konzept (Zick, Hö-
2007; Schneider, Grumke, 2011, 2013; „nur“ eine der vermann & Krause,
2001; Schroeder, Heitmeyer, 2002; Dimensionen aus 2012), Theorie der
2003; Stöss, Hirscher & Jesse, der ursprünglichen sozialen Dominanz
2010; Quent, 2013; Klärner & Rechts-extremis- von Sidanius und
2012; Zick und Kohlstruck, 2006; mus-DeÀnition – Pratto (Küpper &
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien …

Küpper, 2009 Klemm, Stobl & die Ideologie der Zick, 2008), Glauben
Würtz, 2006; Quent, Ungleich-wertigkeit an die gerechte Welt
2013; Stöss, 2010; (Dalbert, Zick &
Zick & Küpper, Krause, 2010), erwei-
2009 terte Kontakttheorie
nach Pettigrew
(Christ & Wagner,
2008; Asbrock u. a.,
2012a,b).
47
48

Tabelle 2 (Fortsetzung)
Überblicks- Begriffs-debatten: Dominierende Makro-soziale Meso-soziale Mikro-soziale und
arbeiten „Rechtsextremis- Theorie- und Rahmenbedingungen Bedingungen individuelle Bedin-
mus“ – noch immer Forschungsansätze für rechtsextreme gungen
ein unscharfer Tendenzen
Begriff

z. B.: Boehnke, Bemühungen um „Mitte-Studien“ Zusammenhänge von Soziologische Einstellungs-Verhal-


Fuß und Hagan, methodischen Decker, Brähler medialer Bericht-er- Bewegungs-for- tens-Modelle Theory
2002; Frindte Konsens & Geißler, 2006; stattung und Rechtsext- schung of coercive actions
& Neumann, Decker & Brähler, Decker & Brähler, remismus Grumke, 2013; Frindte & Neumann,
2002; Klärner 2006, 2008; Decker, 2008; Decker u. a., z. B. Brosius & Klärner, 2008; 2002; Neumann,
& Kohlstruck, Weißmann, Kiess 2010; Decker, Kiess Scheufele, 2001; Esser, Klärner & Kohl- 2001
2006; Möller & & Brähler, 2010; & Brähler, 2012 Scheufele & Brosius, struck, 2006;
Schuhmacher, Decker, Kiess & 2002; Geschke, Sassen- Pfeiffer, 2002;
2007; Schneider, Brähler, 2012; Best berg, Neidhardt, 2004; Rucht, 2002
2001; Schroeder, & Salheiser, 2012; Weiß & Spallek, 2002
2003; Stöss, Kreis, 2007 Medien als Anbieter Täteranalysen
2010; Quent, von Gelegenheitsstruk- Frindte & Neumann,
2012; Zick und turen 2002; Wahl, 2002
Küpper, 2009 z. B. Klärner, 2008;
Udris, 2007, 2011
Wolfgang Frindte et al.
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 49

2.2.1 Überblicksarbeiten

Überblicke über den Stand der sozialwissenschaftlichen und psychologischen


Rechtsextremismusforschung im Zeitraum von 2001 bis 2013 Ànden sich u. a. in
Backes (2003), Boehnke et al. (2002), Braun, Geisler und Gerster (2009), Büchel,
Glück, Hoffrage, Stanat & Wirth (2009), Frindte und Neumann (2002), Goldberger
(2013), Klärner und Kohlstruck (2006), Lamnek, Fuchs und Wiederer (2002), Möl-
ler und Schuhmacher (2007), Quent (2012), Schneider (2001), Schroeder (2003),
Stiehm (2012), Stöss (2010), Virchow (2012), Wenzler, (2001), Zick (2004), Zick
und Küpper (2009).13 Andreas Zick (2004) z. B. ordnet die sozialwissenschaftli-
chen und psychologischen Erklärungsmodelle in die oben bereits genutzten, von
Uri Bronfenbrenner (1979) eingeführten Unterscheidungsebenen (Mikro-, Meso-,
und Makrosysteme) ein. Auf der Mikroebene verortet Zick Modelle, die individu-
elle Voraussetzungen rechtsextremer Einstellungen und Handlungen untersuchen.
Zu Modellen auf der Mesoebene rechnet Zick vor allem den schon erwähnten Des-
integrationsansatz von Heitmeyer und Mitarbeitern. Makroebene ist für Zick jene
Ebene, auf der wichtige Interventions- und Präventionsansätze zu Ànden sind, die
aber auch auf den anderen Ebenen Wirkung erzielen können.

2.2.2 „Rechtsextremismus“ – noch immer ein unscharfer Begriff

Auch im Zeitraum 2001 bis 2013 setzen sich die sozialwissenschaftlichen und psy-
chologischen Diskussionen und Auseinandersetzungen um den Rechtsextremis-
mus-Begriff fort (z. B. Decker, Weißmann, Kiess & Brähler, 2010; Decker, Kiess &
Brähler, 2012; Frindte, Neumann, Hieber, Knote & Müller, 2001; Frindte & Neu-
mann, 2002; Fuchs, 2003; Glaser, 2012; Grumke, 2012, 2013; Heitmeyer, 2002;
Hirscher & Jesse, 2013; Klärner & Kohlstruck, 2006; Klemm, Stobl & Würtz,
2006; Kumiega, 2013; Neidhardt, 2002; Quent, 2013; Stöss, 2010; Zick, 2004;
Zick & Küpper, 2009). Einig sind sich die meisten Autoren in der Abgrenzung

13 Auch der Bericht über die Herbsttagung des Bundeskriminalamts (2012) enthält eine
Reihe von interessanten Überblicksarbeiten, etwa den Beitrag von Armin Pfahl-Traug-
hber (2012a) über den Forschungsstand und die Forschungslücken zum Phänomen des
Rechtsextremismus. Pfahl-Traughber (Pfahl-Traughber, 2012a, S. 43) stellt u. a. fest,
„…dass die Forschung bezogen auf die gewaltorientierten Bereiche eher unterentwi-
ckelt und hinsichtlich der legalen Bereiche eher gut entwickelt ist. Eine Ausnahme
stellen hier die Untersuchungen zu fremdenfeindlicher Gewalt dar, welche in den
1990er Jahren entstanden, insofern aber auch schon wieder veraltet sind“.
50 Wolfgang Frindte et al.

des sozial- bzw. politikwissenschaftlichen Rechtsextremismus-Begriffs von ver-


fassungsrechtlichen DeÀnitionen.14
Eine Ausnahme in dieser Abgrenzung bilden die Vertreter der „vergleichen-
den Extremismusforschung“ (Hirscher & Jesse, 2013). Die theoretischen Grundla-
gen einer solchen Extremismusbetrachtung wurden bereits 1989 von Uwe Backes
(1989) gelegt (vgl. auch Backes & Jesse, 1993). Die Prämissen, Konsequenzen und
methodischen Instrumentarien der darauf aufbauenden „vergleichenden Extremis-
musforschung“ sind in den Wissenschaftlergemeinschaften nicht unumstritten, da
sie eine Gleichsetzung von Linksextremismus und Rechtsextremismus nahelegen
und so von der besonderen Problematik und Gefährlichkeit des Rechtsextremis-
mus abzulenken scheinen (vgl. z. B. Butterwegge, 2010; Decker et al. 2006; Falter,
2013; Forum für kritische Rechtsextremismusforschung, 2011; Neugebauer, 2000;
Salzborn, 2011).
Ruud Koopmans (2001) kritisiert die öffentlichen Diskussionen über den
vermeintlich einheitlichen „Rechtsextremismus“ und plädiert dafür, zwischen
Rechtsextremismus und Rechtsradikalismus zu differenzieren. Aus seiner Sicht
handelt es sich beim Rechtsextremismus um die Verknüpfung von „klassischen“,
„genuin rechtsextremistischen Zielen wie Verherrlichung des Naziregimes und
die Leugnung seiner Verbrechen, Antisemitismus, die Ablehnung der deutschen
Nachkriegsgrenzen, Demokratiefeindschaft sowie militante Angriffe gegen linke
Gruppierungen“ (Koopmans, 2001, S. 472). Quasi als Oberbegriff fungiert aus der
Sicht Koopmans der „Rechtsradikalismus“, der sich vor allem auf fremdenfeind-
liche Einstellungen und Aktionen beziehe. Aktionen mit genuin rechtsextremisti-
schen Zielsetzungen würden nur einen Bruchteil der rechtsradikalen Aktivitäten
ausmachen. Diese Aktivitäten stünden aber viel seltener im Fokus der (medialen)
Öffentlichkeit.
Für Andreas Zick (2004, S. 265) ist die o. g. von Heitmeyer und Mitarbeitern
(Heitmeyer et al., 1992) entwickelte Bestimmung des Rechtsextremismus die
„bekannteste und psychologisch interessanteste DeÀnition“. Klemm et al. (2006)
ergänzen die zwei im Heitmeyerschen Ansatz bestimmenden Dimensionen des
Rechtsextremismus (Ideologie der Ungleichwertigkeit und Gewaltakzeptanz) um

14 Der Begriff Rechtsextremismus aus der verfassungsrechtlichen Perspektive ist geprägt


durch die Staatsrechtslehre, das Grundgesetz sowie einschlägige Gerichtsurteile, etwa
die Urteile des Bundesverfassungsgerichts zum Verbot der Sozialistischen Reichspar-
tei (SRP) oder der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) in den 1950er-Jah-
ren. In dieser Tradition basiert die Vorstellung von „Extremismus“ auf dem politischen
Konzept der „wehrhaften Demokratie“, das die Bedrohung der freiheitlichen demo-
kratischen Grundordnung über Verfassungsfeindlichkeit definiert (vgl. ausführlich
Decker u. a., 2010, S. 10ff.).
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 51

eine dritte, die sie „Idealistisch-autoritäre Staatsauffassung“ nennen (Klemm et


al., 2006, S. 118). Zu dieser dritten Dimension gehören aus Sicht der Autoren die
Zustimmung zu Zentralismus und dem Führerprinzip, eine völkische Auffassung
von Nation und eine positive Einstellung zum „Dritten Reich“.
Marek Fuchs (2003) sieht dagegen eine Konzeption von Rechtsextremismus,
die neben der Einstellungsdimension (zur Ideologie der Ungleichwertigkeit) auch
die GewaltafÀnität einschließt, für nicht geeignet an, um das Rechtsextremismus-
potential Jugendlicher zu untersuchen. Decker, Brähler und Geißler (2006), De-
cker und Brähler (2008) und Decker et al. (2010, 2012) halten den Rechtsextre-
mismus-Begriff zwar auch für problematisch, arbeiten aber dennoch mit ihm und
unterscheiden zwischen rechtsextremen Einstellungen und tatsächlich gezeigtem
Verhalten (Decker et al., 2010, S. 17). In ihren Studien erfassen sie aber nur rechts-
extreme Einstellungen.
Ähnlich verfahren auch Best und Salheiser im „Thüringen-Monitor“ (2012; vgl.
auch Best, Dwars, Salheiser & Salomo, 2013), indem sie Rechtsextremismus als
Einstellungsmuster deÀnieren, das „durch die Überzeugung einer unterschiedli-
chen Wertigkeit von Menschen in Abhängigkeit von askriptiven Merkmalen, wie
Nationalität, Hautfarbe oder ethnischer Herkunft, sowie einem auf diesen Un-
gleichwertigkeitsvorstellungen aufbauenden Gesellschaftsbild“ (Best & Salheiser,
2012, S.79) gekennzeichnet ist. Die empirischen Befunde von Best und Salheiser
weisen auch auf einen schwachen Zusammenhang zwischen politischer Selbst-
einstufung auf einer Links-Rechts-Skala und der empirisch erhobenen Rechts-
extremismusafÀnität in der Thüringer Bevölkerung hin. Die Gruppe der rechts-
extremen Einstellungsträger/-innen setzte sich 2012 zu ähnlichen Anteilen aus
sich selbst politisch rechts, mittig und links einordnenden Thüringern zusammen
(vgl. auch den Beitrag von Best in diesem Band). Dies belege die theoretische und
empirische Unzulänglichkeit des Rechtsextremismus-Begriffes und habe Folgen
für die Präventionsarbeit (vgl. auch Quent, 2013, S. 8). Diese Befunde scheinen
also darauf hinzudeuten, dass zwischen den wissenschaftlichen Begriffen zum
Rechtsextremismus und den verschiedenen Operationalisierungsversuchen einer-
seits und der politischen Praxis andererseits, in der Rechtsextremismus auftritt
und sich entfalten kann, gravierende Differenzen bestehen bzw. bestehen können.
Darauf machen auch Klärner und Kohlstruck (2006, S. 14) aufmerksam, wenn sie
vorschlagen, Rechtsextremismus auf zwei Ebenen zu beobachten, nämlich als dis-
kursive Konstruktion und als soziale bzw. politische Praxis.
Wenn nun aber der Begriff „Rechtsextremismus“ nach wie vor „umstritten und
unklar“ (z. B. Stöss, 2010; Strobl, Lobermeier & Heitmeyer, 2012; u. v. a.) und un-
scharf ist, so ist zu fragen, ob ein unscharfer Begriff den Strukturkern liefern kann,
um das dazugehörige Forschungsfeld bestimmen zu können. Sicher nicht; es kann
52 Wolfgang Frindte et al.

eher davon ausgegangen werden, dass Begriffe, wie Rechtsextremismus, Rechtsra-


dikalismus etc., nicht nur im Kontext einer, wie auch immer elaborierten, Theorie,
zu bestimmen sind, sondern auch die sich verändernden gesellschaftlich-politi-
schen Kontexte reÁektieren, auf die sie sich beziehen sollen und in denen sie ge-
braucht werden. Insofern sind diese und ähnliche Begriffe und ihre Bedeutungen
auch historischen und situativen Veränderungen unterworfen.
Bemühungen um methodischen Konsens: Ungeachtet der auch im Zeitraum
2001 bis 2013 ungelösten DeÀnitionsprobleme wurde von einigen Forschern mit
überwiegend politikwissenschaftlicher Ausrichtung (angeregt von Oskar Nieder-
mayer und Richard Stöss) 2001 und 2004 eine „KonsensdeÀnition“ vorgeschlagen,
auf deren Basis eine Skala zur Messung von rechtsextremen Einstellungen ent-
wickelt wurde, die in mehreren Studien (Best & Salheiser, 2012; Best et al., 2013;
Decker & Brähler, 2006, 2008; Decker et al. 2012; Decker, Weißmann, Kiess &
Brähler, 2010) eingesetzt wurde. Die KonsensdeÀnition lautet:

„Der Rechtsextremismus ist ein Einstellungsmuster, dessen verbindendes Kennzei-


chen Ungleichwertigkeitsvorstellungen darstellen. Diese äußern sich im politischen
Bereich in der AfÀnität zu diktatorischen Regierungsformen, chauvinistischen Ein-
stellungen und einer Verharmlosung bzw. Rechtfertigung des Nationalsozialismus.
Im sozialen Bereich sind sie gekennzeichnet durch antisemitische, fremdenfeind-
liche und sozialdarwinistische Einstellungen“ (Kreis, 2007, S. 13).

Rechtsextreme Einstellung solle in sechs Dimensionen mit je fünf Items, also ins-
gesamt dreißig Items gemessen werden. Die Dimensionen wurden deÀniert als
„Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur“, „C hauvinismus“, „Ausländer-
feindlichkeit“, „Antisemitismus“, „Sozialdarwinismus“ und „Verharmlosung des
Nationalsozialismus“. Aus den von Joachim Kreis (2007) mitgeteilten Berichten
über die Tagungen, auf denen die KonsensdeÀnition erarbeitet wurde, lässt sich
nicht entnehmen, auf welchen theoretischen Prämissen oder Konzeptionen diese
DeÀnition aufbaut. Zum einen lehnt sie sich an der o. g. Rechtsextremismus-DeÀ-
nition von Heitmeyer und Mitarbeitern an; zum zweiten greift sie aber nur eine der
in dieser DeÀnition hervorgehobenen zwei Dimensionen auf (und vernachlässigt
den Gewaltaspekt); zum dritten ist die „KonsensdeÀnition“ eine DeÀnition durch
Aufzählung, ohne dass ein Kriterium angegeben wird, ob die Aufzählung vollzäh-
lig, hinreichend oder nur beispielhaft erfolgt.
Einen anderen, keinesfalls uninteressanten Zugang wählt Thomas Grumke
(2011). Mit dem Ziel, den Rechtsextremismus in den USA zu analysieren, greift
er auf die zivilisationstheoretische Untersuchung fundamentalistischer Bewegun-
gen in der Moderne von Shmuel Eisenstadt (1998) zurück. Eisenstadts Ausgangs-
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 53

punkt ist die Annahme, dass fundamentalistische Bewegungen durchaus modern


sein können, obwohl sie antimoderne und antiaufklärerische Ideen verkünden. In
dieser Paradoxie sieht Grumke (2011) nun eben auch Parallelen zwischen Funda-
mentalismus und (US-amerikanischem) Rechtsextremismus. Als Projekt und Pro-
dukt der Moderne betreibe – so Grumke (2011, S. 153) – der Rechtsextremismus
unter Rückgriff auf traditionelle Elemente der (amerikanischen) politischen Kultur
eine extreme Komplexitätsreduktion und suspendiere so jegliche PÁicht zur Be-
gründung. An die Stelle des bloßen Bewahrenwollens trete die Platzierung neuer,
eigener, umgedeuteter politischer Mythen (wie „Rasse“ oder „Nation“). Ideolo-
gisch sei der (amerikanische) Rechtsextremismus – wie auch der Fundamentalis-
mus15 – grundsätzlich antimodern, schöpfe aber in organisatorischer Hinsicht die
Mittel der Moderne voll aus. Und noch einmal auf Eisenstadt (1998, S. 84) zurück-
greifend bezeichnet Grumke (Grumke, 2011) den (amerikanischen) Rechtsextre-
mismus als militante Ideologie, die grundlegend in eine hochmoderne Struktur
eingebunden ist und so quasi die Kehrseite der Moderne darstellt.
Sehr bewusst haben wir den amerikanischen Bezug der Grumkeschen Analyse
in Klammern gesetzt, sehen wir doch durchaus Parallelen zum deutschen bzw.
europäischen Rechtsextremismus. Den Rechtsextremismus insofern als funda-
mentalistische Strömung zu konzeptualisieren und auf diese Weise empirisch zu-
gänglich zu machen, könnte eine innovative sozialwissenschaftliche Herausforde-
rung sein (vgl. den Beitrag von Frindte und Geschke in diesem Band).16

15 Der Ausdruck „Fundamentalismus“ kam im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts


in Gebrauch und bezieht sich seitdem vor allem auf eine strenge und ausschließliche
Auslegung der (zunächst christlichen) Wurzeln einer Religion. Zwischen 1910 und
1915 erschien eine Reihe von Schriften unter dem Titel „The Fundamentals“, in denen
die Rückbesinnung auf die Grundlagen der christlichen Religion gefordert wurde.
1919 fanden dazu Konferenzen der World’s Christian Fundamentals Association statt.
Allerdings hat sich die Verwendung des Begriffs Fundamentalismus in den letzten
Jahrzehnten sowohl im Alltag als auch im wissenschaftlichen Kontext stark erweitert.
In der Umgangssprache wird der Begriff nicht selten unscharf zur Bezeichnung von
konservativen und u. U. gewalttätigen Gruppierungen und Bewegungen benutzt. Im
wissenschaftlichen Kontext hat sich überdies in den letzten Jahren auch eine Begriffs-
verwendung etabliert, die sich nicht nur auf den „religiösen Fundamentalismus“ be-
schränkt (vgl. auch Meyer, 2011).
16 Uwe Backes macht darauf aufmerksam, dass die Idee, den Rechtsextremismus als fun-
damentalistische Ideologie zu begreifen, so neu allerdings auch wieder nicht sei. Ba-
ckes (2006) verweist z. B. auf die Arbeiten von Thomas Meyer (1989) oder Christian
Jäggi und David J. Krieger (1991), in denen u. a. auch der Rechtsextremismus als Form
eines säkularen Fundamentalismus beschrieben wird.
54 Wolfgang Frindte et al.

2.2.3 Dominierende Theorie- und Forschungsansätze

Dominanz der Studien zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (Heitmey-


er, 2002 bis 2012): Auch im Zeitraum 2001 bis 2013 dominierten wieder Arbeiten
von Wilhelm Heitmeyer und Kollegen das Forschungsfeld. Das groß angelegte
Forschungsprojekt Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF), das von
Wilhelm Heitmeyer geleitet wurde, hatte das Ziel, den „klimatischen“ Zustand
der Bundesrepublik durch jährliche Befragungen zu eruieren. Nicht zuletzt vor
dem Hintergrund der in den 1990er Jahren und im Übergang zum neuen Jahrtau-
send beobachtbaren menschenfeindlichen Stimmungen und z. T. zerstörerischen
Gewalttendenzen stellt Heitmeyer im ersten Bericht zur Langzeitstudie (die von
2002 bis 2012 durchgeführt wurde) u. a. fest, dass es von höchstem Interesse sei,
„welches Ausmaß an Ideologien von Ungleichwertigkeit … existiert und wie es
sich im Zeitverlauf entwickelt“ (Heitmeyer, 2002, S. 19; Hervorh. im Original).
Das heißt, mit dem Projekt Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sollte von
Anfang an – vergleichbar mit der o. g. „KonsensdeÀnition“ – „nur“ eine der Di-
mensionen empirisch beobachtet werden, die in der ursprünglichen Rechtsextre-
mismus-DeÀnition genannt sind – eben die Facetten (oder Elemente) der Ideologie
der Ungleichwertigkeit (vgl. Heitmeyer, 2008, S. 36ff.; auch Klemm et al., 2006)17.
Die Absicht dieser Fokussierung beschreibt Heitmeyer im letzten Bericht zum
Projekt: „…die ‚beruhigende‘ Unterscheidung zwischen den brutalen Rechtsextre-
misten einerseits sowie der angeblich humanen Bevölkerung andererseits aufzu-
lösen und somit den oberÁächlichen Konsens im Lande bewusst zu irritieren und
zu stören“ (Heitmeyer, 2012, S. 322).
In der ersten repräsentativen Erhebung wurden sechs Elemente der gruppen-
bezogenen Menschenfeindlichkeit operationalisiert und analysiert: Rassismus,
Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Heterophobie, Etabliertenvorrechte und
Sexismus (Heitmeyer, 2002, S. 20). Zehn Jahre später umfasste das Syndrom der
Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zwölf Facetten bzw. Elemente: Sexis-
mus, Homophobie, Etabliertenvorrechte, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Is-
lamfeindlichkeit, Antisemitismus, Ablehnung von Behinderten, Abwertung von
Obdachlosen, Abwertung von Sinti/Roma, Abwertung von Asylbewerbern und
Abwertung von Langzeitarbeitslosen (Heitmeyer, 2012, S. 17). Mit der Untersu-
chung dieser Facetten und ihren wechselseitigen Zusammenhängen etablierte sich

17 Susanne Johansson (2011, S. 278) kritisiert allerdings in einer sehr umfangreichen


Rezension (sie bezieht sich auf die Bände 1 bis 8 zum Projekt; Heitmeyer, 2002-2010),
dass das Verhältnis zwischen den Syndromen der Gruppenbezogenen Menschenfeind-
lichkeit und des Rechtsextremismus unbestimmt bleibe.
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 55

das Projekt zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit innerhalb der sozial-


wissenschaftlichen und psychologischen Erforschung von Stereotypen, Vorurtei-
len und Diskriminierungen (vgl. auch Zick, Hövermann & Krause, 2012, S. 64).
Mit der Konzentration auf nur eine der Dimensionen des ursprünglichen
Rechtsextremismuskonzepts wird allerdings – anders als mit der o. g. „Konsens-
deÀnition“ – innerhalb des Projekts Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
keine neue Auffassung von Rechtsextremismus vertreten. „Rechtsextremismus“
in seiner ursprünglichen DeÀnition durch Heitmeyer und Mitarbeiter – also als
Verknüpfung von Ideologie(n) der Ungleichwertigkeit und GewaltafÀnität – spielt
im Projekt der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit durchaus noch eine ge-
wichtige Rolle (vgl. auch Grau, 2010; Zick, Küpper & Legge, 2009). Küpper und
Zick (2008) gehen z. B. davon aus, dass „Gewalt als Mittel der Durchsetzung und
Demonstration von Machtansprüchen, Kontrolle und Dominanz … eine extreme
Form der Herstellung von Ungleichwertigkeit“ (Küpper & Zick (2008), S. 116) sein
kann. Die empirischen Befunde, die die beiden Autoren präsentieren, scheinen das
zu belegen. Soziale Dominanzorientierung und mangelnde Anerkennung erweisen
sich als starke Prädiktoren für Gewaltakzeptanz und Gewaltbereitschaft. Neben
solchen und ähnlichen empirischen Befunden aus dem Projekt Gruppenbezoge-
ne Menschenfeindlichkeit wird in den entsprechenden Publikationen auch immer
nach Möglichkeiten gesucht, die Ergebnisse mit Fallbeispielen zu illustrieren,
die auf rechtsextreme Entwicklungen in Deutschland verweisen (z. B. Heitmeyer,
2003, S. 187ff.; Heitmeyer, 2010, S. 178ff.; Heitmeyer, 2012; S. 245ff.).
Gefährdungen des friedlichen Zusammenlebens zwischen Angehörigen unter-
schiedlicher Religionen, Ökonomisierung des Sozialen, Abwertung von Homose-
xuellen und Obdachlosen, Demokratieentleerung, soziale Desintegrationsprozesse
sind die Stichworte, mit denen Heitmeyer (2012) die empirischen Befunde be-
nennt, die zeigen, wie stark Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit die Grund-
lagen der deutschen Gesellschaft zu bedrohen scheint.
„Mitte-Studien“: Auch die repräsentativen Studien, die Elmar Brähler, Oliver
Decker und Mitarbeiter im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in den
Jahren 2006, 2008, 2010 und 2012 zum rechtsextremen Potential in der „Mitte
der Gesellschaft“ durchführten, sollen auf grundsätzliche Gefährdungen der deut-
schen Gesellschaft aufmerksam machen (Decker et al., 2006; Decker & Brähler,
2008; Decker et al., 2010; Decker et al., 2012). Methodische Grundlage dieser Stu-
dien sind die o. g. „KonsensdeÀnition“ und die darauf aufbauenden Operationali-
sierungen. Das heißt, rechtsextreme Tendenzen werden in diesen Studien mittels
der sechs, bereits erwähnten, Dimensionen beschrieben: „Befürwortung einer
rechtsautoritären Diktatur“, „C hauvinismus“, „Ausländerfeindlichkeit“, „Antise-
mitismus“, „Sozialdarwinismus“ und „Verharmlosung des Nationalsozialismus“.
56 Wolfgang Frindte et al.

Auch die zur Erfassung dieser Dimensionen eingesetzten Skalen gehen auf die
Diskussionen zurück, in denen über die „KonsensdeÀnition“ verhandelt wurde.
Im Jahre 2012 konstatieren Decker et al. (2012) u. a., dass knapp 16 Prozent der
Ostdeutschen ein „geschlossenes rechtsextremes Weltbild“ (S. 114) haben und dass
dies der höchste in den „Mitte-Studien“ bisher gemessene Wert sei. Vor allem
junge Ostdeutsche Àelen durch zunehmend hohe Zustimmungswerte auf. Verant-
wortlich machen die Autoren die nach wie vor vorhandenen „Strukturprobleme in
Ostdeutschland“ (Decker et al., 2012).

2.2.4 Rahmenbedingungen für rechtsextreme Tendenzen

Das in Anlehnung an Bronfenbrenner (1979) genutzte Schema zur Beschreibung


der Rahmenbedingungen für rechtsextreme Tendenzen scheint zwar geeignet zu
sein, um eben diese Rahmenbedingungen zu ordnen; für die Einordung wissen-
schaftlicher Publikationen zum Rechtsextremismus im Zeitraum von 2001 bis
2013 erwies es sich jedoch als zu starr. Dies vor allem deshalb, weil sich in diesem
Zeitraum zahlreiche Studien Ànden lassen, in denen sowohl makro-, meso- als
auch mikro-soziale Bedingungen untersucht wurden. Trotzdem soll dieses Sche-
ma zunächst beibehalten werden.

A Makro-soziale Bedingungen

Makro-soziale Bedingungen spielen vor allem in den Studien zur Gruppenbezo-


genen Menschenfeindlichkeit (z. B. Heitmeyer, 2012), den Mitte-Studien (Decker
et al. 2012) oder im Thüringen-Monitor (Best & Salheiser, 2012) eine zentrale
Rolle. Untersucht wurden in diesen, aber auch in anderen Studien, z. B. die nach
wie vor vorhandenen Ost-West-Unterschiede in den rechtsextremen Tendenzen
(z. B. Decker et al. 2012; Krüger, Fritzsche, Pfaff & Sandring, 2003; Landua, Ha-
rych & Schutter, 2002; Oepke, 2005; Schroeder, 2003), regionale Besonderheiten
(z. B. Gabriel, Grastdorf, Lakeit, Wandt & Weyand, 2004; Geyer, 2002; Held et
al., 2008), der Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit bzw. Prekarisierung und
rechtsextremen Einstellungen (Decker et al. 2012; Sommer, 2010), Unterschiede
zwischen Männern und Frauen (z. B. Birsl, 2012; Fromm & Kernbach, 2002; Köt-
tig, 2004) oder zwischen Stadt und Land (Best & Salheiser, 2012, S. 92ff.; Held et
al., 2008; Neumann, 2001).
Auch Zusammenhänge von medialer Berichterstattung und Rechtsextremis-
mus sind unter diesem Aspekt wieder erwähnenswert (vgl. z. B. Brosius, 2002;
Dollase, 2002; Erb, 2002; König, 2008; Schellenberg, 2005).
Friedhelm Neidhardt fragt – sicher etwas polemisch:
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 57

„Auf welchen Wegen und mit welchem Erfolg erreicht der in Organisationen und
Parteien verfasste Rechtsradikalismus, dessen Strukturen und Programme jeder
Verfassungsschutzbericht ausführlich beschreibt, eine Basis gewaltbereiter junger
Leute? Welche Medien spielen dabei eine Rolle?“ (Neidhardt, 2002, S. 784).

Zwei Jahre später formuliert er die in den o. g. Fragen steckende These expliziter:

„Auch bei der Mobilisierung rechtsextremistischer Aktionen könnten Medien durch-


aus gegen ihren Willen zum Beispiel zu einer ‚discursive opportunity structure‘ (Ko-
opmans 1996; 2001) zugunsten derer beitragen, die sie scharf kritisieren, nämlich
Informationen, ‚Frames‘ und Positionen bekannt zu machen, die sich zum Beispiel
zur Rechtfertigung von Gewalt und zur Stigmatisierung von Fremden verarbeiten
lassen“ (Neidhardt, 2004, S. 337).

Brosius und Scheufele (2001) untersuchen, unter welchen Bedingungen die Be-
richterstattung der Medien einer Ausbreitung fremdenfeindlicher Straftaten Vor-
schub leistet. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass es unter bestimmten Be-
dingungen zu massiven Anstiftungseffekten durch die Berichterstattung kommen
kann. Schon die Berichterstattung über Gewalt durch Ausländer könne zu aus-
länderfeindlichen Straftaten führen (vgl. auch Esser, Scheufele & Brosius, 2002).
HäuÀg wird in der Medienberichterstattung das Handeln der Migranten selbst für
das „Ausländerproblem“ verantwortlich gemacht und negativ bewertet (Pfetsch
& Weiß, 2000). Das kann dazu führen, dass in bestimmten Gruppen die Gewalt-
bereitschaft gegenüber Ausländern/ Migranten wächst (Scheufele, 2002). So wird
die Berichterstattung von verschiedenen Rezipientengruppen unterschiedlich auf-
genommen und löst Reaktionen von ausländerfeindlicher Wut bis zu Angst vor
rechtsextremer Gewalt aus (Oemichen, Horn & Mosler, 2005).
Unter diesem Aspekt ist auch der o. g. Hinweis von Neidhardt auf die „discursi-
ve opportunity structure“ im Sinne von Koopmans zu verstehen: Verbreitungsme-
dien (im Luhmannschen Sinne) eröffnen Möglichkeitsräume (Frindte, 1998, 1999;
Geschke, Sassenberg, Ruhrmann & Sommer, 2010) oder stellen Frames bereit,
wie Wirklichkeit interpretiert werden kann. Diesbezüglich wurden verschiedenste
Aspekte der Berichterstattung in Inhalts- und Rezeptionsanalysen untersucht, wie
z. B. ereignisorientierte Thematisierung (z. B. Weiß & Spallek, 2002), Skandali-
sierung, Emotionalisierung und Stereotypisierung mit deren Wirkpotentialen und
Wirkungen (vgl. z. B. Matthes & Marquardt, 2013; Oemichen et al., 2005). Die
Rezipientenanalysen der „ARD/ZDF Studie“ (vgl. Oemichen et al., 2005) zeigen,
dass eine moderate Emotionalisierung zum einen durchaus bedeutsam sein kann,
da sie eine IdentiÀkation mit den Opfern ermöglicht und dazu anregt, sich inten-
58 Wolfgang Frindte et al.

siver mit dem Thema zu beschäftigen. Zum anderen können solche Berichterstat-
tungsmuster aber auch die Rezipienten emotional überwältigen und stark emo-
tionale, fremdenfeindliche Reaktionen auslösen (vgl. auch Schellenberg, 2005).
Pfeiffer, Jansen, Stegmann und Tepper (2002) untersuchten die Rechtsextremis-
mus-Berichterstattung in deutschen Tageszeitungen und kritisierten zum einen die
stereotype Darstellung der Rechtsextremen, die verwirrte Einzeltäter oder außer-
halb der Gesellschaft stehende Extremisten zeigt, statt das gesamtgesellschaftliche
Problem zu fokussieren. Zum anderen stellten sie fest, dass der Rechtsextremismus
im Osten den Lesern „in unangemessenem Maße als größeres Problem vermittelt
wird, jener im Westen hingegen vernachlässigt wird“ (Pfeiffer et al., 2002, S. 277;
vgl. auch Oemichen et al., 2005 für TV-Berichterstattung). Über die deutsche Be-
richterstattung hinaus, stellt Udris (2007) in den Schweizer Leitmedien von 1960
bis 2007 fest, dass auch diese von Skandalisierung und Event-Inszenierungen ge-
prägt ist und somit „punktualistisch respektive ereignisorientiert und höchst vola-
til“ (Udris, 2007, S. 3).
„Discursive opportunity structures“ oder „diskursive Gelegenheitsstrukturen“
bezeichnen die politischen Strukturen bzw. die Diskurse über solche Strukturen,
durch die sich Möglichkeiten ergeben, soziale Bewegungen zu mobilisieren (vgl.
auch Klärner, 2008; Udris, 2011). Das Konzept der Gelegenheitsstrukturen ver-
weist zunächst auf einen unscharfen Begriff (vgl. auch Klärner, 2008, S. 52), der
aus der soziologischen Bewegungsforschung stammt (siehe auch weiter unten).
Diese Perspektive steht nicht unbedingt konträr zur Rechtsextremismusauffassung
von Heitmeyer und Kollegen, sie offeriert aber u. a. einen Ansatz, um den EinÁuss
der Verbreitungsmedien in der Rechtsextremismusforschung neu zu bestimmen
(vgl. auch Braun & Koopmans, 2010; Weiß & Spallek, 200218): Verbreitungsme-
dien können u. U. Möglichkeitsräume (oder discursive opportunity structures) er-
öffnen, an die sich Rechtsextreme anzuschließen vermögen und durch die sie sich
in ihren Ideologien und Handlungsbereitschaften bestätigt sehen. Dabei sind für
den Zeitraum 2001 bis 2013 vor allem die wissenschaftlichen und journalistischen
Analysen über die Bedeutung des Internets im Kontext von Rechtsextremismus
und Rechtspopulismus hervorzuheben (vgl. z. B. Busch, 2005; Braun & Hörsch,
2004; Frindte, Jacob & Neumann, 2002; Fromm & Kernbach, 2001; Holtz & Wag-
ner, 2008; Parker, 2002; Pfeiffer, 2004, 2009; Reissen-Kosch, 2013; Wojcieszak,
2011). In einem Review liefert Daniels (2013) einen Überblick über Studien der
letzten 15 Jahre, die sich mit Internet und Rassismus beschäftigen.

18 Die Arbeit von Weiß und Spallek (2002) dürfte für künftige inhaltsanalytische Unter-
suchungen der Berichterstattung über Rechtsextremismus besonders paradigmatisch
sein.
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 59

Unbedingt erwähnenswert ist auch der aktuelle Sammelband von Michael Hal-
ler (2013) über den „Rechtsterrorismus in den Medien“. Norwegische und deutsche
Medienfachleute (Journalisten und Wissenschaftler) diskutieren in diesem Band, wie
Journalisten mit den Mordtaten von Anders Behring Breivik in Norwegen und denen
des Nationalsozialistischen Untergrunds in Deutschland umgegangen sind. Aus kom-
munikations- und medienrechtlicher Perspektive betrachtet Kujath (2013) die Medien-
öffentlichkeit im „NSU-Prozess“ (siehe auch ausführlich Kapitel 3 in diesem Band).

B Meso-soziale Bedingungen

Auch meso-soziale Bedingungen (wie SozialisationseinÁüsse oder rechtsextreme


Milieus und Szenen) werden als Prädiktoren für rechtsextreme bzw. fremdenfeind-
liche Einstellungen in den Mitte-Studien (Decker et al. 2012) oder im Thüringen-
Monitor (Best & Salheiser, 2012) untersucht.
Vor allem aber in dem sehr umfassenden Forschungsbericht über rechtsextreme
Orientierungen und rechtsextreme Szenen von Möller und Schuhmacher (2007)
spielen diese meso-sozialen Bedingungen eine wichtige Rolle. Die zentralen Er-
gebnisse dieses in seiner Anlage einzigartigen Forschungsprojekts zeigen u. a.,
dass rechtsextreme Orientierungen und Symboliken zunehmend in unterschied-
liche Jugendkulturen einwandern, rechtsextreme Haltungen immer stärker auch
öffentlich akzeptiert werden, der Anteil der Gewaltbereiten im rechtsextremen
Spektrum sich in den 2000er Jahren vervielfacht hat und Gefühle eigener Des-
integration und Missachtung, das Erleben von Konkurrenz mit Migranten und das
Aufwachsen in einem menschenfeindlich geprägten Umfeld zu den Bedingungen
gehören, unter denen rechtsextreme Tendenzen wahrscheinlich werden (vgl. auch
Wippermann, Zarcos-Lamolda & Krafeld, 2004).
Auch auf die soziologische Bewegungsforschung ist an dieser Stelle noch einmal
zu verweisen: Nachdem diese Perspektive bereits im Zeitraum von 1990 bis 2000
von mehreren Autoren in die Diskussion eingeführt wurde (s. o.), gewinnt sie im
Zeitraum von 2001 bis 2013 vor allem in den Politik- und Sozialwissenschaften stark
an EinÁuss (vgl. z. B. Grumke, 2013; Klärner, 2008; Klärner & Kohlstruck, 2006;
Pfeiffer, 2002; Pfahl-Traughber, 2003; Rucht, 2002). Innerhalb dieser Forschungs-
Community wird der Rechtsextremismus als soziale Bewegung betrachtet (was er
trivialer Weise auch ist), um die Vielfalt relativ autonomer rechtsextremer Strömun-
gen beobachten zu können. In diesem Sinne schreibt z. B. Thomas Grumke:

„In der Tat sind die eher partikularen Ansätze der Parteien- und Wahlforschung oder
der Jugend- und Gewaltforschung kaum in der Lage, das komplexe, heterogene und
mittlerweile sich internationalisierende Phänomen (des Rechtsextremismus, die Ver-
fasser) voll zu erfassen“ (Grumke, 2013, S. 29).
60 Wolfgang Frindte et al.

Und indem er sich auf Rucht (2002) bezieht, sieht Grumke (Grumke, 2013) in der
Bewegungsforschung ein Analysepotential, das C hancen für stärker integrative
Sichtweisen und Interpretationen des Rechtsextremismus zu liefern vermag. Aus
der Sicht der Bewegungsforschung ist der Rechtsextremismus nicht vorrangig als
Ideologie mit GewaltafÀnität zu betrachten, sondern als Ensemble von Gruppen
und Organisationen, die sich über Symbole, Idole und Slogans deÀnieren, Protest
mobilisieren, praktizieren und provozieren, um auf diese Weise einen grundsätz-
lichen gesellschaftlichen Wandel zu initiieren (vgl. Klärner, 2008, S. 39ff.). Aus
sozialpsychologischer Perspektive nicht unbedeutend ist die Annahme, dass sich
soziale Bewegungen nicht durch verbindliche und kodiÀzierte Programme, son-
dern durch eine kollektive Identität auszeichnen, mit der sie sich nach innen und
außen abzugrenzen versuchen (vgl. auch Grumke, 2013, S. 30; Pfeiffer, 2013). In-
sofern bietet die soziologische Bewegungsforschung durchaus interessante inter-
disziplinäre Anschlussmöglichkeiten; besonders neu sind die vorgelegten wissen-
schaftlichen Ansätze – aus sozialpsychologischer Sicht – allerdings nicht.

C Mikro-soziale und individuelle Bedingungen

Sozialpsychologische Ansätze in den Studien zur Gruppenbezogenen Menschen-


feindlichkeit:
Die im Projekt vorrangig präferierten sozialwissenschaftlichen Erklärungen
und Annahmen über die Ursachen der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit
stammen – sieht man von den soziodemograÀschen Prädiktoren, wie Geschlecht,
Alter, Bildung, Einkommen einmal ab – vor allem aus der etablierten sozialpsy-
chologischen Vorurteilsforschung.
Zu diesen Erklärungen gehören das Autoritarismus-Konzept (Altemeyer, 1988;
hier z. B. Heitmeyer & Heyder, 2002; Zick et al., 2012), die Theorie der sozialen
Dominanz von Sidanius und Pratto (1999; hier z. B. Küpper & Zick, 2008), die
Konzeption vom Glauben an die gerechte Welt (Lerner, 1980; hier z. B. Dalbert,
Zick & Krause, 2010) und die erweiterte Kontakttheorie nach Pettigrew (1998a;
hier z. B. Christ & Wagner, 2008; Asbrock, Christ, Duckitt & Sibley, 2012a).
Ulrich Wagner (2013) hebt vereinfachend zwei psychologische Erklärungsmuster
für Rechtsextremismus hervor: ein persönlichkeitspsychologisches und ein sozial-
psychologisches. Aus persönlichkeitspsychologischer Perspektive seien vor allem
Autoritarismusneigung und Dominanzorientierung als Prädiktoren für rechtsextre-
me Tendenzen interessant (siehe oben). Von sozialpsychologischem Interesse seien
dagegen die sozialen Bedingungen, in denen rechtsextreme Tendenzen entstehen
bzw. sich entfalten. Zu diesen Bedingungen gehören Prozesse in und zwischen Grup-
pen (Tajfel, 1978) oder gruppenbezogene Emotionen und deren Verhaltensfolgen.
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 61

Zwar dürfte die Einschätzung von Bornewasser (1994), dass der „Fremde“ kein
Forschungsthema in der Psychologie sei, kaum noch auf den gegenwärtigen For-
schungsstand der Sozialpsychologie zutreffen, betrachtet man nur allein die ex-
pansive Entwicklung der Vorurteilsforschung. Eine genuin psychologische Rechts-
extremismusforschung gibt es im deutschsprachigen Raum allerdings bisher nicht.
Überdies: Während autoritäre Überzeugungen in diesem Kontext bereits sehr gut
untersucht und in ihrem EinÁuss auf rechtsextreme Tendenzen weitgehend bestä-
tigt sind (siehe z. B. Best & Salheiser, 2012), Ànden sich im deutschsprachigen
Raum, außer der o. g. von Küpper und Zick (2008), kaum einÁussreiche Studien, in
denen die Variable Soziale Dominanzorientierung als Erklärung für rechtsextre-
me Tendenzen (im Sinne der ursprünglichen DeÀnition von Heitmeyer und Kolle-
gen; also als Kopplung von Ideologien der Ungleichwertigkeit und GewaltafÀnität)
geprüft und bestätigt wurde.
Zu den wenigen sozialpsychologischen Rechtsextremismus-Studien gehören
u. a. die Arbeiten von Klein und Simon (2006), Neumann (2001), Frindte und Neu-
mann (2002), Menschik-Bendele und Ottomeyer (1998) und Neumann und Frindte
(2002). Während sich die Studie von Klein und Simon (2006) zur Funktion der
sozialen Identität in die neueren Ansätze der Bewegungsforschung (siehe unten)
einordnet, versucht Neumann (2001) die von Heitmeyer und Mitarbeitern vorge-
legte Rechtsextremismus-DeÀnition sozialpsychologisch zu speziÀzieren, indem
er zwei international renommierte Theorieansätze (die Einstellungs-Verhaltens-
Modelle von Ajzen und Fishbein (1980) und die Theory of coercive actions von
Tedeschi und Felson (1995)) miteinander verknüpft.
Auch Frindte und Neumann (2002) greifen auf die Rechtsextremismus-DeÀni-
tion von Heitmeyer zurück, speziÀzieren diese DeÀnition auf der Basis eigener, vo-
rausgehender Befunde (Frindte, 1999) und verknüpfen diese SpeziÀkation mit dem
General Affective Agression Model von Anderson, Deuser und DeNeve (1995).
Trotz dieser vereinzelten Studien kann man sich nicht des Eindrucks erweh-
ren, dass die in der Rechtsextremismus-DeÀnition von Heitmeyer hervorgehobe-
nen zwei Dimensionen in der Psychologie (vor allem in der Sozialpsychologie)
zwei unterschiedliche Forschungsfelder und –traditionen markieren; zum einen
das Feld der Vorurteilsforschung und zum anderen das Feld der Aggressions- und
Gewaltforschung.
Täteranalysen: Frindte und Neumann (2002) haben in einem interdisziplinären
Projekt und in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Jugendinstitut München (vgl.
Wahl, 2002) fremdenfeindliche Gewalttäter (durchgehend männlich und zwischen
1970 und 1983 geboren) in 21 bundesdeutschen Haftanstalten interviewt. In dem
Projekt sollten die situativen und biograÀschen Bedingungen für fremdenfeind-
liches Gewalthandeln junger Menschen untersucht werden, um Vorschläge für
62 Wolfgang Frindte et al.

potentielle Prävention und Intervention ableiten zu können. Insgesamt wurden 101


Täter mittels leitfadengestütztem Interview und Fragebogen befragt. Im Ergebnis
kommen Frindte und Neumann (2002) u. a. zu dem Schluss, dass es sich bei den
Gewalttätern um multipel kriminelle und in hohem Maße aggressionsgewöhnte
und -bereite junge Männer handelt. Eine gezielt politische Funktion tritt bei die-
sen Tätern eher hinter eine jugendkulturelle maskuline Stärkepräsentation zurück.
Das gilt für ost- und westdeutsche Akteure gleichermaßen; die Täter- und Tatbe-
lastung ist allerdings bei den Gewalttätern aus den neuen Bundesländern – rela-
tiv zur Bevölkerungszahl – höher. Ostdeutsche unterscheiden sich von westdeut-
schen Tätern auch dadurch, dass sie die Taten häuÀger sowohl aus einer positiven
Grundstimmung heraus begehen als auch während der Tat positive Emotionen wie
Freude eine größere Rolle spielen als bei westdeutschen Tätern. Darüber hinaus
waren die Taten ostdeutscher Jugendlicher häuÀger mit einer erhöhten vor der Tat
bestehenden Aggressionsbereitschaft verbunden.
Helmut Willems, der schon 1993 gemeinsam mit Eckert, Würtz und Steinmetz
(Willems et al., 1993, s. o.) eine ausführliche Täteranalyse durchgeführt hat, ver-
öffentlichte 2003 eine auf Nordrhein-Westfalen bezogene Analyse zu Täter- und
OpferproÀlen (Willems & Steigleder, 2003), in der u. a. eine vereinfachte Grup-
pierung von rechten Gewalttätern präsentiert wurde: der „Mitläufer“, der deviante
„Schlägertyp“, der „Ethnozentrist“ und der „rechtsradikale Täter“. Rechtsextreme
Ideologien spielen, dieser Analyse zur Folge, vor allem bei den „rechtsradikalen
Tätern“ eine gewaltlegitimierende Rolle (vgl. auch Gamper & Willems, 2006;
Krüger, 2008).
„Nationalsozialistischer Untergrund“: Im November 2011 wurde die rechts-
terroristische Gruppierung Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) aufgedeckt.
Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe werden zehn Morde zugerechnet, die sie in den
fast 14 Jahren im Untergrund begangen haben sollen. Dabei wurden sechs tür-
kische Staatsangehörige, zwei türkischstämmige Deutsche, ein Grieche und eine
deutsche Polizistin getötet. Zuvor waren die drei in der rechtsextremen Jenaer Ju-
gendszene und im rechtsextremen „Thüringer Heimatschutz“ aktiv, nahmen an
rechtsextremen Demonstrationen teil und bauten Bomben. Im Januar 1998 war
es Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe gelungen, in den Untergrund abzutauchen.
Gefahndet wurde nach ihnen noch bis Anfang der 2000er Jahre. Die nach dem
November 2011 bekannt gewordenen Fahndungspannen, das Vernichten von Ak-
ten bei Polizei und Verfassungsschutz, die möglichen rechtsextremen Unterstützer
des Terror-Trios und dessen Kontakte zum Verfassungsschutz beschäftigen noch
immer (also zum Zeitpunkt, an dem dieses Review geschrieben wurde) diverse
Untersuchungsausschüsse auf Länder- und Bundesebene.
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 63

Die besondere Tragik dieser Pannen liegt darin, dass die Fahnder offenbar jah-
relang nicht auf die Idee kamen, die zehn Morde könnten einen rechtsextremen
Hintergrund haben und auf das Konto des gesuchten Nazi-Trios gehen. Lange Zeit
ging die Polizei von der Annahme aus, es handele sich um Verbrechen der organi-
sierten Kriminalität oder gar um Ehrenmorde. Die Sonderkommissionen der Poli-
zei hießen dann auch Soko Halbmond oder Soko Bosporus. Über Jahre wurden
auch Angehörige der Mordopfer als mögliche Täter oder Mitwisser verdächtigt.
Und in den Medien, auch in jenen, die sich als Qualitätsmedien verstehen, wie die
Frankfurter Allgemeine Zeitung oder die Neue Züricher Zeitung, schrieb man von
„Döner-Morden“ und von „Döner-Mördern“ (Spiegel Online ,4.7.2012).
An der Brutalität der Morde, die vom Nationalsozialistischen Untergrund ver-
übt wurden, kommt seit seiner Aufdeckung auch die Rechtsextremismusforschung
nicht vorbei (z. B. Backes, 2013; Baumgärtner & Böttcher, 2012; Fuchs & Goetz,
2012; Gensing, 2012, Pfahl-Traughber, 2012b; Röpke & Speit, 2013; Schmincke &
Siri, 2013; Staud & Radke, 2012; Sundermeyer, 2012; Wetzel, 2013).
Der Rechtsextremismus in Deutschland entstand nicht über Nacht und bildete
sich auch nicht erst nach 1989 aus. Tatsache ist aber auch, dass nach der Wende
in der DDR die rechtsextremistischen Gewalt- und Straftaten in ganz Deutsch-
land sprunghaft angestiegen waren (siehe auch den Beitrag von Quent in diesem
Band). So kommt Gensing (2012) zu der Schlussfolgerung, dass die Pogrome in
Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda in den Jahren 1991 und 1992 und die da-
bei deutlich gewordene Legitimierung von Gewalt gegen Migranten durch Staat
und Bevölkerung zu den Sozialisationserfahrungen der neuen Neonazis gehören.
Auch Stephan Lessenich (2013) fragt zunächst nach dem „Braunen Osten?“. Si-
cher, die Studien zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (z. B. Heitmeyer,
2012) oder die „Mitte-Studien“ (Decker et al., 2012) zeigen die nach wie vor vor-
handenen Ost-West-Unterschiede in den rechtsextremen Tendenzen. Aber worauf
verweisen diese Unterschiede? Auf „die ‚böhsen Onkelz‘ von der SED, die in den
Köpfen und Seelen der Ostdeutschen noch heute ihr Unwesen treiben“? (Lesse-
nich, 2013, S. 141). Lessenich sieht das analytischer: Mit der politisch-medialen
Debatte über die NSU-Morde sei der Rechtsextremismus erneut zum Instrument
der deutsch-deutschen Gesellschaftspolitik geworden. „Wie dem auch sei: Aus
soziologischer Warte allemal Stoff und Grund genug, der alltagspraktischen und
mikropolitischen Aufarbeitung der Vereinigungsfolgen genauer nachzugehen“
(Lessenich, 2013, S. 142).
64 Wolfgang Frindte et al.

2.2.5 Zwischenfazit

Im Zeitraum 1990 bis 2000 dominierten relativ geschlossene, umfassende und


exklusive Forschungsansätze das Forschungsfeld. Ausgehend von diesen (bzw.
besonders einem) Forschungsansatz wurde versucht, die verschiedenen Facetten
von Rechtsextremismus zu erklären (und empirisch zu begründen). Vor allem
die Sozialisations- und Desintegrationstheorie von Heitmeyer und Mitarbeitern
(Heitmeyer, 1989; Heitmeyer et al., 1992; Heitmeyer & Müller, 1995) und die im
Rahmen dieser Theorie entwickelte Rechtsextremismus-DeÀnition bestimmten
in diesem Zeitraum die Erforschung rechtsextremer Tendenzen. Konkurrierende
Ansätze (z. B. das Modell des Rechtsextremismus-Syndroms von Melzer, 1992;
bzw. Melzer & Schubarth, 1995) oder kritische Einwände (z. B. Eckert & Willems,
1996; Leggewie, 1998) haben vor allem die dezidiert makrosoziologische Fokus-
sierung des Heitmeyerschen Ansatzes als zwar notwendige, aber nicht hinreichen-
de Erklärungsperspektive hervorgehoben.
Im Zeitraum von 2001 bis 2013 Ànden sich in den Sozialwissenschaften und
der Psychologie zwar auch dominante Theorieansätze zur Erklärung des Rechts-
extremismus. Augenscheinlich etablieren sich aber zunehmend Forschungsweisen,
in denen ausgehend vom Phänomen des Rechtsextremismus theoretische Konzep-
tionen (und deren empirische Begründungen) entwickelt wurden, mit denen ihre
Konstrukteure verschiedene und z. T. auch diverse Partial-Theorien (bzw. Theo-
rien mittlerer Reichweite, Merton, 1957) zu systematisieren und zu integrieren ver-
suchen. Prototypisch Ànden derartige Integrationen im Projekt Gruppenbezogene
Menschenfeindlichkeit statt. Neben makrosoziologisch wichtigen Konzepten und
Variablen wurden im Verlauf des Langzeitprojekts mikrosoziologische und so-
zialpsychologische Theorien (z. B. das Autoritarismus-Konzept, die Theorie der
sozialen Dominanz, s. o.) genutzt, um Struktur und Bedingungen des Syndroms
der Gruppenbezogen Menschenfeindlichkeit zu erklären (und empirisch zu be-
gründen).
Auch die schon mehrfach erwähnte soziologische Bewegungsforschung (z. B.
Klärner, 2008) greift in der Erforschung des Rechtsextremismus auf diverse so-
ziologische, kommunikationswissenschaftliche und sozialpsychologische Partial-
Theorien zurück (z. B. die Dominanztheorie von Rommelspacher, 1995, 2006; der
Framingansatz, Entman, 1993; die Theorie der sozialen Identität, Tajfel & Turner,
1979).
In Anlehnung an McGuire (1986) könnten die Forschungsweisen im Zeitraum
1990 bis 2000 auch als divergente Forschungsstile bezeichnet werden; die For-
schungsweisen im Zeitraum von 2001 bis 2013 wären dagegen eher als konver-
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 65

gente Forschungsstile zu nennen.19 Die mit konvergenten Forschungsstilen ein-


hergehenden Bemühungen, diverse Partial-Theorien zu integrieren, dürften auch
ein weiterer Grund sein, warum sich das ursprünglich für die Beobachtung des
Zeitraums von 1990 bis 2000 angelegte Raster, mit dem die aufgefundenen wis-
senschaftlichen Publikationen geordnet werden sollten, für den Zeitraum von 2001
bis 2012 als zu starr erwiesen hat.
Im Ergebnis eines konvergenten Forschungsstils, in dem z. B. das Autoritaris-
mus-Konzept, Diskriminierungsansätze und makrosoziologische Konzeptionen
verknüpft, operationalisiert und als mögliche Ursachen für rechtsextreme Tenden-
zen geprüft werden, lassen sich dann Aussagen treffen, wie die folgenden aus dem
„Thüringen-Monitor 2012“:

„Über diese Analyse können als wichtigste Ursachen für rechtsextreme Einstellun-
gen autoritäre Orientierungen, ein niedriger Bildungsabschluss, die empfundene
Diskriminierung der Ostdeutschen, der verfestigte Eindruck, keinen EinÁuss auf
die Regierung zu haben, und, in geringerem Maß, die politische Eigenkompetenz-
zuschreibung benannt werden. Gemeinsam können diese EinÁussgrößen 44 Prozent
der beobachteten rechtsextremen Einstellungen unter der Thüringer Bevölkerung er-
klären“ (Best & Salheiser, 2012, S. 92; vgl. auch Decker et al., 2012).

Im Zeitraum 2001 bis 2013 hat gegenüber dem vorangehenden Jahrzehnt auch
eine weitere Verschiebung in den Forschungsperspektiven stattgefunden: Wenn
zwischen 1990 bis 2000 die rechtsextremen Tendenzen vor allem als Folge einer
wahrgenommenen individuellen und sozialen Bedrohung interpretiert und analy-
siert wurden, so scheint sich im Zeitraum 2001 bis 2013 die Forschung vor allem
auf die Bedrohungspotentiale zu richten, die vom Rechtsextremismus ausgehen.
Zumindest sind das die zentralen Botschaften, die sich aus den Ergebnissen der
großen repräsentativen Studien ableiten lassen (Best & Salheiser, 2012; Decker et
al., 2012; Heitmeyer, 2012). Und ein weiteres Merkmal scheint aus unserer Sicht
die sozialwissenschaftlichen Forschungsperspektiven im besagten Zeitraum zu
charakterisieren: Wie im Zeitraum 1990 bis 2000 spielt auch im nachfolgenden

19 William J. McGuire (1986) beschreibt in diesem Überblicksartikel die Entwicklung


der sozialpsychologischen Einstellungsforschung und unterscheidet dabei zwei For-
schungsstile, einen „convergent-style“ und einen „divergent-style“: „The … convergent
stylist typically started off with a phenomenon to be explained …and cast a wide
theoretical net to ensnare as many relevant independent variables as possible, bringing
a wide variety of explanatory notions convergently to bear on the phenomenon to be
explained“ (McGuire, 1986, S. 99). “A divergent stylist starts off with a theory … and
applies it divergently across a series of studies to a variety of … phenomena” (McGui-
re, 1986, S. 100).
66 Wolfgang Frindte et al.

Jahrzehnt die Identitätsproblematik eine zentrale Rolle; etwa wenn auf das Identi-
Àkationspotential der rechtsextremen Gruppierungen, Milieus oder Bewegungen
verwiesen wird (vgl. auch Klein, 2003).

3 Internationale Anregungen und Publikationen


in englischsprachigen Datenbanken
(PsycINFO und Web of Knowledge)

3.1 Internationale Vergleiche im deutschsprachigen Raum

Eine erste Erweiterung der o. g. Suchstrategien nach wissenschaftlichen Publika-


tionen zum Forschungsfeld „Rechtsextremismus“ geht wiederum auf eine kriti-
sche Einschätzung von Friedhelm Neidhardt (2002) zurück. Neidhardt moniert in
seinem bereits erwähnten umfangreichen Review u. a. die mangelnde Internationa-
lisierung der Rechtsextremismusforschung.
Die Frage ist, ob sich das im Zeitraum 2001 bis 2013 verändert, verbessert
hat. Ja, es hat sich etwas zum Positiven im deutschsprachigen Raum verändert:
Erschienen sind z. B. eine sehr ausführliche Buchpublikation, die von der Fried-
rich-Ebert-Stiftung (FES) herausgegeben wurde (Langenbacher & Schellenberg,
2011), in der Wissenschaftler aus Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Frankreich,
Großbritannien, Italien, den Niederlanden, aus Norwegen, Polen, Schweden, der
Schweiz, aus Spanien und Ungarn die Strukturen und die Entwicklung des Rechts-
extremismus und Rechtspopulismus in Europa analysieren. Vergleiche zwischen
den rechtsextremistischen Entwicklungen in Europa Ànden sich auch bei Backes
(2013), Greven und Grumke (2006), Melzer und Serfain (2013), Münch und Glaser
(2011) und Stöss (2010; ebenfalls von der FES herausgegeben). Und gleichfalls von
der FES herausgegeben wurde auch die Studie von Grumke und Klärner (2006),
in der ein Vergleich zwischen den rechtsextremen Entwicklungen in Deutschland
und Großbritannien versucht wird. Auch auf die umfangreiche Studie zum Rechts-
extremismus in den USA von Thomas Grumke (2001) ist zu verweisen.
Unbedingt erwähnenswert ist auch die europäische Vergleichsstudie „Die Ab-
wertung der Anderen. Eine europäische Zustandsbeschreibung zu Intoleranz,
Vorurteilen und Diskriminierung“ von Zick, Küpper und Hövermann (2011; und:
wiederum von der FES herausgegeben). Hier handelt es sich um Befunde einer
Meinungsumfrage, bei der jeweils ca. 1.000 Bürger in Deutschland, Großbri-
tannien, Frankreich, den Niederlanden, Italien, Portugal, Polen und Ungarn zur
Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit befragt wurden. Ähnlich wie im o. g.
Langzeitprojekt „Deutsche Zustände“ (Heitmeyer 2002 bis 2012) stand in dieser
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 67

Umfrage neben Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Sexismus, Homophobie auch


das Ausmaß der Islamfeindlichkeit im Analysefokus. Das heißt, es geht nicht ex-
plizit um rechtsextreme Tendenzen, eher um verschiedene Facetten der „Ideologie
der Ungleichwertigkeit“.

3.2 Publikationen in Web of Science und PsycINFO

Internationale Arbeiten, die sich dezidiert dem „Rechtsextremismus“, respektive


„right-wing extremism“ widmen, sind rar. Zumindest ist die Suche danach nicht
einfach. Der Grund dafür liegt auf der Hand und hat vor allem mit der schon mehr-
fach hervorgehobenen begrifÁichen Diversität zu tun (vgl. auch Grumke, 2001,
S. 18). Im angloamerikanischen Sprachraum wird besagtes Phänomen z. B. als
radical right (Bell, 1963) benannt oder als extreme right (Ebata, 1997; Lipset &
Raab, 1978), als racist right (Ridgeway, 1990), als far right (Coppola, 1996), oder
als survivalist right (Lamy, 1996).
In der Datenbank Web of Science sind für den Zeitraum 1990 bis 2013 im-
merhin 171 wissenschaftliche Publikationen zum Rechtsextremismus vermerkt
(Suchbefehl: „right-wing extremism“) und ca. 360 zum Stichwort „racist right“.
Dabei handelt es sich um politikwissenschaftliche, sozialwissenschaftliche und
psychologische Arbeiten20, die u. a. a) Überblicksarbeiten darstellen (Lundberg,
2011), b) sich u. a. mit den PersönlichkeitsproÀlen rechtsextremer Aktivisten be-
schäftigen und dabei auch auf die Funktion autoritärer Überzeugungen verweisen
(Van Hiel, 2012), c) Deprivationserfahrungen, Anomie und Wertorientierungen als
Prädiktoren für rechtsextreme Orientierungen thematisieren (z. B. Heyder & Gass-
ner, 2012), d) rechtspopulistische und rechtsextreme Bewegungen und Parteien in
Europa und Übersee behandeln (Arter, 2010; Guterl, 2008; Veugelers, 2000) und e)
auf die Rolle von Online-Medien und Sozialen Netzwerken für rechtsextreme Be-
wegungen hinweisen (Caiani & Wagemann, 2009; Crilley, 2001; Holtz & Wagner,
2009; Wojcieszak, 2011).

20 Diese psychologischen Publikationen werden fast alle auch in der Datenbank PsycIN-
FO aufgeführt.
68 Wolfgang Frindte et al.

In der englischsprachigen, psychologischen Datenbank PsycINFO Ànden sich


für den Zeitraum 1990 bis 2013 unter dem Suchbegriff „right-wing extremism“
nur 40 Publikationen, von denen wiederum 18 Arbeiten sich mit rechtsextremen
Tendenzen in Deutschland beschäftigen (z. B. Frindte et al. 1996; Hagan et al.
1999; Oesterreich 2005b). Erwähnenswert ist aber die Studie von Michael und
Minkenberg (2007), in der rechtsextreme Tendenzen in den USA mit solchen in
Deutschland verglichen werden.
Die Recherche in PsycINFO wurde deshalb erweitert: Statt des Suchbefehls
„right-wing extremism“ wurde in einem zweiten Schritt der Suchbegriff „Hate
Crime“ gesucht. Die Suche mittels des Suchbefehls „Hate Crime“ hängt mit einer
Orientierung der deutschen Rechtsextremismus-Forschung seit 2000 im Hinblick
auf internationale Forschungen zusammen (vgl. auch C oester 2008; Jennes und
Grattet 2002; Seehafer 2003).
Auffallend ist zunächst, dass die Anzahl der Publikationen, die unter dem
Schlagwort „Hate crime“ nachweisbar sind, nach 2001 stark ansteigt. Dieser An-
stieg von psychologischen Arbeiten zum Stichwort „Hate Crime“ scheint mit einer
Erweiterung dieses Forschungsfeldes verbunden zu sein. Nach 2001 werden unter
dem Stichwort „Hate Crime“ – neben Überblicksarbeiten (z. B. Bleich 2007; Ellis
und Hall 2010) – auch Publikationen aufgeführt, in denen fremdenfeindliche Ge-
walt (per deÀnitionem also Rechtsextremismus) gegenüber Arabern bzw. Musli-
men untersucht (z. B. Disha et al. 2011) oder TäterproÀle (McDevitt et al. 2002)
erarbeitet werden. Diese Studien sind für die Rechtsextremismus-Forschung inso-
fern interessant, weil sie zum einen die im deutschsprachigen Raum – zumindest
für den Zeitraum von 2001 bis 2013 – vernachlässigte Gewaltdimension in den
Blick nehmen und zum anderen auf die emotionale Beteiligung rechtsextremer
GewaltafÀnitäten aufmerksam machen (vgl. auch Backes, 2013; Schneider, 2001).

4 Schlussfolgerungen

Im Verlauf des Zeitraums von 2001 bis 2013 hat sich in den deutschen Sozial-
wissenschaften und der Psychologie durchaus ein differenziertes Forschungsfeld
zum Rechtsextremismus entwickelt, a) das sich durch ein wissenschaftlich artiku-
liertes Problemverständnis auszeichnet (auch wenn hinsichtlich einer DeÀnition
dieses Problems, also des Rechtsextremismus, kein Konsens zu erkennen ist), b)
sich auf empirisch bewährte theoretische Erklärungsansätze (zur Problemlösung)
zu stützen vermag, c) mit wissenschaftlich bewährten und geeigneten Methoden
bearbeitet wird und d) von etablierten und konkurrierenden Wissenschaftlerge-
meinschaften bestimmt wird.
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 69

Das so ausgezeichnete (bzw. wahrgenommene) Forschungsfeld zum Rechtsex-


tremismus lässt sich in Anlehnung an Theo Herrmann (1979) durchaus als Do-
main-Programm bezeichnen21; d. h. sozialwissenschaftliche und psychologische
Rechtsextremismusforschung fokussiert zunächst auf einen Problembereich, der
als relevant und beobachtbar angesehen wird und für den geeignete theoretische
Erklärungskonzeptionen gesucht werden.
Als geeignet für eine derartige Suche bieten sich – wie bereits erwähnt – zu-
mindest zwei Wege an: ein divergenter und/oder ein konvergenter Forschungsstil.
Ein divergenter Forschungsstil stützt sich auf eine weitgehend empirisch bestätigte
theoretische Konzeption. Eine solche Theorie-Konzeption ist der Interpretations-
rahmen, aus dem sich die methodischen Entscheidungen zur Erforschung des je-
weiligen „Untersuchungsgegenstandes“ ableiten lassen. Mit anderen Worten: Die
Theorie-Konzeption liefert das Bezugssystem, um zu prüfen, ob die Ergebnisse
der methodischen Entscheidungen inhaltlich valide sind. Darin liegt der Vorteil
eines divergenten Forschungsstils.
Aber auch die Nachteile ergeben sich daraus: Es lässt sich eben nur das empi-
risch erforschen, was im Rahmen der Theorie-Konzeption beobachtbar ist. Das,
was nicht im Rahmen der dominierenden Theorie-Konzeption bestimmt ist (z. B.
die Gewalt-Dimension als Teil des Rechtsextremismus-Konzepts), wird nicht be-
obachtet bzw. in DeÀnitionskämpfen als nicht beobachtbar behauptet. Das heißt,
dann, wenn divergente Forschungsstile ein Forschungsfeld dominieren, konkur-
rieren Wissenschaftlergemeinschaften um die „richtigen“ Sichtweisen auf den
„Untersuchungsgegenstand“. Derartige DeÀnitionskämpfe prägten u.E. auch die
Rechtsextremismusforschung im Zeitraum von 1990 bis 2000.
Ein konvergenter Forschungsstil hat dagegen den Vorteil, offen für vielfältige
Theorie-Konzeptionen zu sein, die sich zur Erklärung des „Untersuchungsgegen-
standes“ anbieten. Die Probleme dabei liegen allerdings auch in dieser Offenheit
bzw. im notwendigen Referenzrahmen, innerhalb dessen eine systematische Aus-

21 Domain-Programme lassen sich dadurch charakterisieren, dass bestimmte Problem-


felder mit einem relativ stabilen (indisponiblen) Kern von Annahmen existieren, mit
denen quasi Regeln vorgegeben werden, wie etwas verstanden werden soll. Derartige
Regeln (oder Konstruktionen) sind weder wahr noch falsch. Als Beispiel: Wenn sich
Sozialwissenschaftler dem Problemfeld oder dem Forschungsgebiet „Rechtsextremis-
mus und Fremdenfeindlichkeit“ zuwenden, dann bedeutet das, dass sie – implizit oder
explizit – einen Komplex von Annahmen akzeptieren und verwenden, den man mit
dem Etikett „Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit“ beschreiben kann (vgl.
auch Herrmann, 1979, S. 201). Dazu gehört u. a., dass es so etwas wie Rechtsextre-
mismus und Fremdenfeindlichkeit gibt, dass Rechtsextremismus und Fremdenfeind-
lichkeit interindividuell variieren können, dass wir zu wenig über diese Variationen
wissen, aber mehr darüber wissen sollten etc.
70 Wolfgang Frindte et al.

wahl der zu integrierenden Partial-Theorien möglich wird: In der o. g. „Konsens-


deÀnition“ des Rechtsextremismus, an der sich u. a. die „Mitte-Studien“ (z. B.
Decker et al., 2012) und die Erhebungen des „Thüringen-Monitor“ (Best & Sal-
heiser, 2012; Best et al., 2013) orientierten, wurden rechtsextreme Einstellungen
durch sechs Dimensionen beschrieben („Befürwortung einer rechtsautoritären
Diktatur“, „Chauvinismus“, „Ausländerfeindlichkeit“, „Antisemitismus“, „Sozial-
darwinismus“ und „Verharmlosung des Nationalsozialismus“). Hinter jeder dieser
Dimensionen stehen ganz unterschiedliche Theorie-Konzeptionen. Ein Kriterium
bzw. ein übergeordneter Referenzrahmen für diese sechs (und nicht z. B. acht oder
sechsundsechzig) Dimensionen lässt sich aus den Publikationen nicht entnehmen.
Wie also weiter?

1. Trotz der zahlreichen deutschsprachigen Überblicksarbeiten zur Rechtsextre-


mismusforschung und der im Zeitraum von 2001 bis 2013 erfolgten theoreti-
schen Integrationsbemühungen gibt es bisher keinen ernsthaften Versuch, die
zahlreichen empirischen Befunde aus nicht minder zahlreichen Einzelstudien
miteinander zu vergleichen. Im deutschsprachigen Bereich wurden zwischen
1990 und 2013 mehr als 5.200 Arbeiten zum Rechtsextremismus publiziert.
Davon sind schätzungsweise 30 Prozent empirische Studien. Aufgrund der
Unbestimmtheit des Rechtsextremismus-Begriffs werden – aus unserer Sicht –
die abhängigen und unabhängigen Variablen in diesen Studien sehr divers be-
stimmt und operationalisiert. Notwendig wäre deshalb eine fundierte und pro-
fessionelle, empirisch gestützte Metastudie.
2. Wenn sich die deutsche Rechtsextremismusforschung im Zeitraum 2001 bis
2013 vorrangig als Domain-Programm mit konvergentem Forschungsstil zu
etablieren suchte, ein Referenzrahmen bzw. ein Kriterium für die Auswahl der
zu integrierenden Theorie-Ansätze aber offenbar nicht eindeutig zu erkennen
ist, dann ist zu fragen, ob und wie sich sozialwissenschaftliche bzw. psycholo-
gische Rechtsextremismus-Studien künftig etablieren können. Ein Weg könnte
darin bestehen, die Dimension der Gewalt nicht aus dem Auge zu verlieren und
die Befunde der vor allem angloamerikanischen „Hate Crime“-Forschung zu
berücksichtigen. Dies hätte auch den Vorteil, emotionale Komponenten rechts-
extremer Tendenzen in der Forschung stärker zu berücksichtigen. Damit ließen
sich rechtsextreme Tendenzen tatsächlich auf der Basis der sozialpsychologi-
schen Einstellungsforschung und dem klassischen „Dreikomponenten-Modell“
von Rosenberg und Mitarbeitern (1960) folgend hinsichtlich ihrer kognitiven,
affektiven und konativen Komponenten erforschen. Das heißt, mit dieser Kon-
sequenz wird für die Rückbesinnung auf die ursprünglich von Heitmeyer und
Mitarbeitern (1992) vorgeschlagene Rechtsextremismus-DeÀnition plädiert. In
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 71

dieser DeÀnition (s. o.) wird Rechtsextremismus als Komplex aus einer Ideolo-
gie der Ungleichheit bzw. Ungleichwertigkeit und der GewaltafÀnität (bis hin
zu gewalttätigem Handeln) verstanden. Beide Dimensionen werden durch Sub-
dimensionen mit verschiedenen Facetten untergliedert und operationalisiert.
Für weitere Forschungen ließen sich für die Operationalisierung der Ideologie
der Ungleichwertigkeit die im Projekt Gruppenbezogene Menschenfeindlich-
keit untersuchten Einstellungselemente bzw. -facetten nutzen. Zur Erforschung
der Gewaltdimension wären die Ergebnisse der o. g. „Hate-Crime“-Forschung
einzubeziehen. Und die mittlerweile umfangreiche Forschung zu „Intergroup
Emotions“ (z. B. Mackie, Smith & Ray, 2008) böte genügend Ansätze, um die
emotionale Komponente genauer zu bestimmen.
3. Wie weiter oben schon gewürdigt, ist der Zugang, den Thomas Grumke (2011)
wählt, um sich begrifÁich dem Rechtsextremismus über den Vergleich mit dem
Fundamentalismus zu nähern, gar nicht so abwegig. Fundamentalismus und
Rechtsextremismus sind antimodern und modern zugleich. Antimodern sind
die Inhalte, modern ihre Organisationsformen. Heinrich Schäfer (2008) macht
einen interessanten Vorschlag, um auch von einem Fundamentalismus im „sä-
kularen Gewande“ sprechen zu können. Er schlägt einen „formalen Fundamen-
talismusbegriff“ vor, um „sowohl religiöse als auch säkulare Bewegungen auf
Fundamentalismus hin überprüfen“ (Schäfer, 2008, S. 24) zu können. Gemäß
dieser DeÀnition ist „eine soziale beziehungsweise religiöse Bewegung dann
fundamentalistisch, wenn sie: 1. ihre speziÀsche religiöse, ethnische oder ideo-
logische Orientierung absolut setzt – gleich ob es sich um die Bibel, den Koran,
den Mahdi, den Heiligen Geist, das serbische Volk, das Ariertum, den Markt
oder sonst etwas handelt und 2. expansiv um die Kontrolle eines ihr übergeord-
neten gesellschaftlichen Machtzentrums kämpft“ (Schäfer, 2008). Antimoder-
ne Inhalte (im religiösen Fundamentalismus ist das z. B. die absolute Geltung
religiöser Gebote und Verbote; im Rechtsextremismus z. B. die Verabsolutie-
rung von „Rasse“ oder „Nation“) werden – und auch darauf hat Grumke (2011)
verwiesen – durch den Rückgriff auf religiöse und politische Mythen legiti-
miert, mittels moderner Organisations- und Kommunikationsformen transpor-
tiert und durch Gewalt oder Gewaltandrohung durchgesetzt.
4. Wird Rechtsextremismus als fundamentalistische Ideologie beschrieben, so
bieten auch die zahlreichen (sozial-) psychologischen Studien, in denen nach
Prädiktoren für fundamentalistische Einstellungen gefahndet wird, profunde
Hinweise für entsprechende Rechtsextremismus-Studien (vgl. z. B. die Meta-
analyse von McCleary, Quillivan, Foster & Williams, 2011).
5. Um den Ausgangspunkt und einen theoretischen Rahmen zu Ànden, mit denen
eine (und nicht ausschließliche) Fokussierung auf neue Fragestellungen in der
72 Wolfgang Frindte et al.

Rechtsextremismusforschung möglich ist, lohnt sich ein Blick auf die weiter
oben formulierte Vermutung über die zwei Forschungsperspektiven in den
Zeiträumen 1990 bis 2000 bzw. von 2001 bis 2013: In beiden Dekaden (1990
bis 2000 und 2001 bis 2013) wurden rechtsextreme Tendenzen nicht nur unter
dem Bedrohungsaspekt untersucht und erklärt (wahrgenommene Bedrohung
und Desintegration z. B. durch gesellschaftliche und ökonomische Umbrüche
und Modernisierungsprozesse als mögliche Bedingungen für rechtsextreme
Tendenzen, bzw. Bedrohungspotentiale, die vom Rechtsextremismus ausge-
hen), sondern auch die Identitätsproblematik spielte eine zentrale Rolle; etwa
wenn auf das IdentiÀkationspotential der rechtsextremen Gruppierungen, Mi-
lieus oder Bewegungen verwiesen wird. Ausgehend vom Konzept der sozialen
bzw. kollektiven Identität könnte ein möglicher Referenzrahmen markiert wer-
den, innerhalb dessen der missing link zu Ànden ist, durch den makro-, meso-
und mikrosoziale Bedingungen vermittelt auf rechtsextreme Ideologien und die
damit verbundenen Gewaltpotentiale EinÁuss nehmen.
Ein systematisierender Überblick über Entwicklungslinien … 73

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Zick, A., Hövermann, A. & Krause, D. (2012). Die Abwertung von Ungleichwertigen. Er-
klärung und Prüfung eines erweiterten Syndroms der Gruppenbezogenen Menschen-
feindlichkeit. In W. Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 10 (S. 64 – 86). Berlin:
Suhrkamp.
Kapitel 2
Unschärfen, Befunde und Perspektiven

„Die Mehrheit der Menschen, die rechtsextremen Aussagen zustimmt,


wählt übrigens klassische Parteien und nicht die NPD. Ausländerfeindlichkeit ist
die Einstiegsdroge zum Rechtsextremismus“
(Elmar Brähler, Chismon 9/2005, S. 7).
Sonderfall Ost – Normalfall West?

Über die Gefahr, die Ursachen des Rechtsextremismus


zu verschleiern

Matthias Quent

Ist der sich nach der deutschen Vereinigung konjunkturell vor allem durch brutale
Gewalttaten in das öffentliche Bewusstsein drängende Rechtsextremismus eine
Spätfolge der Sozialisation und der politischen Kultur in der ehemaligen DDR?
Rostock-Lichtenhagen, Wahlerfolge der NPD, NSU und „PEGDIA“: So zuverläs-
sig, wie der innovationsfähige Rechtsextremismus (zum Innovationsbegriff: Koll-
morgen & Quent, 2014) Wege Àndet, sich als Bewegung am Leben zu erhalten, sei-
ne Feinde einzuschüchtern und zu provozieren, so zuverlässig wird auch versucht,
seine Ursachen im Vergangenen zu verorten. Am Beispiel der Debatte um den
„Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) werden in diesem Beitrag öffentliche
Argumentationsweisen der diskursiven Darstellung des Rechtsextremismus als
eine Folgeerscheinung der DDR diskutiert und diesen Diskussionssträngen einige
Befunde der empirischen Forschung gegenübergestellt.
In der autobiograÀschen Erzählung „Eisenkinder“ thematisiert Sabine Renne-
fanz (2013) das Narrativ des „braunen Ostens“:

„Verwahrlosung, höhere Gewaltbereitschaft und fremdenfeindliche Einstellungen


waren im Kern schon vor 1989 in der DDR stärker ausgeprägt als in der Bundes-
republik‘, schreibt Klaus Schroeder im Tagesspiegel. Auch er führt das Neonazi-
Potenzial auf die Vollerwerbstätigkeit der Mütter und die Einbindung in ‚staatliche
Institutionen‘ zurück. Staatliche Institutionen, das klingt, als wären Kinderkrippen
Gefängnisse gewesen. Ausbildungslager für kleine Neonazis. Das Tora-Bora des Os-
tens.“ (Rennefanz, 2013, S. 6)

W. Frindte et al. (Hrsg.), Rechtsextremismus und „Nationalsozialistischer Untergrund“, Edition


Rechtsextremismus, DOI 10.1007/978-3-658-09997-8_2, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
100 Matthias Quent

„Die DDR sei schuld, die autoritäre Erziehung, sagten die Kollegen, außerdem wisse
man ja, dass im Osten der Rechtsextremismus Mainstream sei, eine Aufarbeitung der
Nazi-Zeit habe nie stattgefunden. Mich machte das wütend.“ (Ebd., S. 7)
„Aus dem Osten kamen nur Nazis, Stasi-Leute und Arbeitslose.“ (Ebd.)
„Dönermorde, so wurden die Verbrechen verniedlichend genannt. Türken unterei-
nander meucheln sich, so klang das. Jetzt war es ein Problem der Ostdeutschen.
Wieder hatte es nichts mit den Westdeutschen zu tun. In den folgenden Tagen achtete
ich darauf, und mir Àel ein Muster auf. Es gab immer wieder den gleichen ReÁex:
Taucht ein Problem in Ostdeutschland auf, wird es gleich zum ‚typisch ostdeutschen‘
Thema. Gibt es in Westdeutschland ein Problem, ist es gesamtdeutsch.“ (Ebd.)

Anhand dieser (und weiterer) Beispiele drückt die in der ehemaligen DDR ge-
borene Autorin ihr Unbehagen mit der Etikettierung der neuen Bundesländer als
Hort des Rechtsextremismus aus – ohne die brutale Virulenz zu verharmlosen, mit
der der Rechtsextremismus dort sichtbar wurde. Nicht in der DDR-Sozialisation,
sondern in der Entsicherung, Orientierungs- und Kontrolllosigkeit der Wendejahre
sieht die Autorin die ausschlaggebenden Gründe für Wut und abweichendes Ver-
halten der „verlorenen Generation“ (DER SPIEGEL, 46/1991) der Wendejugend.
Rennefanz, ein Jahr nach dem NSU-Terroristen Uwe Mundlos geboren, wendet
sich nach der Vereinigung einer christlichen Sekte zu; zufällig, wie sie rückbli-
ckend sagt – also eine Frage der Gelegenheit:

„Nicht nur die anderen, die sich den Schädel rasierten und die Deutschlandkarte
in den Grenzen von 1939 aufhängten, waren empfänglich für einfache Wahrheiten.
Auch ich sehnte mich nach Übersichtlichkeit, nach Einfachheit, nach einer Heimat.
Ich hätte wahrscheinlich auch Islamistin, Scientologin oder vielleicht, unter beson-
deren Umständen, Neonazi werden können. Es war nur eine Frage, wer mich zuerst
ansprach.“ (Rennefanz, 2013, S. 121)

Es spricht in der Tat einiges dafür, dass für Individuen systematische Zufälle aus-
schlaggebend dafür sein können, sich einer rechten Clique anzuschließen. Denn
welche Gelegenheitsstrukturen und Sozialisationsinstanzen sich dem Einzelnen
anbieten, ist für ihn zunächst kaum zu beeinÁussen: In welchem Ort oder Stadtteil
mit Kontakt zu welchen Cliquen wächst man auf, welcher wohnortnahe Jugend-
treffpunkt wird genutzt, wer ist einÁussreich in der Peergroup? Dennoch sind diese
Gelegenheits- und Sozialisationsstrukturen politisch erzeugt, schließlich sind die
Wohn- und Versorgungsqualität sowie Infrastruktur und Ausrichtung der Jugend-
arbeit das Resultat sozioökonomischer Entwicklungen und politischer Entschei-
dungen. Bereits Birgit Rommelspacher (2006) identiÀziert Zufälligkeit als einen
Sonderfall Ost – Normalfall West? 101

Faktor für das Verständnis von Einstiegsprozessen in rechtsextreme Gruppierun-


gen und resümiert:

„Wie ‚zufällig‘ auch immer die Einzelnen in die Szene hineingerutscht sein mögen,
je mehr sie sich involvieren lassen und sich selbst engagieren, desto mehr stellt sich
die Frage, warum sie in dieser Szene bleiben und was das SpeziÀsche am Rechts-
extremismus ist, das ihn für die Jugendlichen so attraktiv macht“ (Rommelspacher,
2006, S. 570).

Eng damit verknüpft sind die Fragen, wie Akteure der rechtsextremen Szene sich
radikalisieren oder deradikalisieren; welche Faktoren eine Eskalation politischer
Gewaltbereitschaft begünstigen und was dazu führt, dass aus dem gleichen Akti-
vistenstamm NPD-Politiker, Rechtsterroristen, politisch Inaktive oder Aussteiger
hervorgehen. Die Bedeutung der Prägung von Einstellungen und Werten durch
familiäre EinÁüsse und sozialpsychologische Variablen (vor allem Autoritaris-
mus) darf dabei nicht vernachlässigt werden. Denn: „Dem Individuum obliegt ein
politischer Entscheidungs- und Handlungsspielraum darüber, wie Erfahrungen,
Wahrnehmungen, die eigene Sozialisation und speziÀsche Situationen verarbeitet
werden“ (Quent, 2012a, S. 72).
Mit der Aufdeckung des – medial häuÀg wahlweise als Jenaer oder Zwickauer
Terrorzelle bezeichneten – NSU hat die Debatte um das „braune Erbe“ der DDR
wieder an Fahrt gewonnen. Die Thüringer Allgemeine (Debes, 2013) titelte zum
Beispiel: „War die Revolution 1989 für die NSU-Morde mitverantwortlich?“ und
die Süddeutsche Zeitung meinte zu wissen: „Die Spurensuche führt zu Tugenden,
die schon die erste deutsche Diktatur zusammenhielten: Überhöhung der Gemein-
schaft, Einordnung in autoritäre Denkmuster […]“ (von Bullion, 2011).
Diese Beispiele stehen symptomatisch für zahlreiche und notwendige Versuche,
die komplexen Ursprünge des NSU in seinem zeitlichen Entstehungskontext zu
betrachten. In der Debatte um das Trio hat sich die bundesdeutsche Öffentlich-
keit jedoch vor allem in ihren Vorurteilen vom „braunen Osten“ bestätigt gese-
hen, meint der Soziologe Stephan Lessenich (2013) und beobachtet, dass sich das
Deutungsangebot, nach dem die „neuen Nazis die mentale Saat des untergegange-
nen Arbeiter- und Bauernstaats aufgehen lassen“ (Lessenich, 2013, S.141), wieder
wachsender Beliebtheit erfreur. Gesellschaftspolitisch ist dieser Diskurs hochpro-
blematisch, weil die Betonung des Sonderfalls Ost die Abgrenzung gegenüber dem
vermeintlichen Normalfall West impliziert, in dem keine speziÀschen begünsti-
genden Faktoren des Rechtsextremismus zu Ànden seien – zumindest keine, die
der Erwähnung wert wären, und die folglich auch nicht genannt, diskutiert oder
gar aufgearbeitet werden müssten. Dann dürfte allerdings beispielsweise die west-
102 Matthias Quent

deutsche Stadt Dortmund heute keine „Hochburg der autonomen Nationalisten“


(Luzar & Sundermeyer, 2010) sein. Mit besonderem Nachdruck wiederlegt auch
die Existenz von Rechtsterrorismus in der BRD vor 1989 das Bild.

Rechtsextremismus in der alten BRD

In beiden Teilen des getrennten Deutschlands existierten bereits zwischen 1945


und 1990 rechtsextreme Orientierungen, Organisationen, Gewalt und rechts-
extremer Terror. Für die alte Bundesrepublik liegen dazu ausführliche Darstel-
lungen vor (zum Beispiel Greiffenhagen, 1981; Heitmeyer, 1988; Hirsch, 1989;
zusammenfassend: Botsch, 2012; Stöss, 2010). Allein zwischen 1979 und 1988
töteten Rechtsterroristen in der BRD 27 Menschen (Rosen, 1990, S. 49), davon
13 beim Münchner Oktoberfestattentat im September 1980. Im Kontext der Ge-
nese einer neonazistischen Szene in den 1970er Jahren entwickelten sich rechts-
terroristische Strukturen, zum Beispiel die „Nationalsozialistische Kampfgruppe
Großdeutschland“, die zeitweise über 400 Personen umfassende paramilitärische
Kampfgruppe „Wehrsportgruppe Hoffmann“, die „Hepp-Kexel-Gruppe“ oder die
„Deutschen Aktionsgruppen“ um Manfred Roeder (Pfahl-Traughber, 2001, S. 85).
In den 1960er Jahren zog die NPD als neu gegründete Sammelpartei alter und
neuer Nazis in mehrere Landesparlamente ein – vor dem gesellschaftspolitischen
Hintergrund der ersten Wirtschaftskrise der Bundesrepublik und Tendenzen einer
politischen Polarisierung der Gesellschaft durch die Große Koalition. 1969 war
die NPD mit 4,3 Prozent der Stimmen einem Einzug in den Deutschen Bundestag
so nah wie nie wieder. Die Wahlen leiteten eine Trendwende ein, in deren Folge
die NPD bis Mitte der 1990er Jahre in der parlamentarischen Bedeutungslosigkeit
versank.
Die SINUS-Studie (1981) über rechtsextremistische Einstellungen bei den
Deutschen unter dem Titel „5 Millionen Deutsche: Wir sollten wieder einen Füh-
rer haben …“ lieferte erstmalig empirisches Material über das rechtsextreme Ein-
stellungspotenzial in der damaligen Bundesrepublik. Der Befund, nach dem mehr
als 13 Prozent der westdeutschen Bevölkerung über ein rechtsextremes Weltbild
verfügte, erregte große öffentliche und wissenschaftliche Beachtung. Ab Mitte der
1980er Jahre gewannen DIE REPUBLIKANER mit offen ausländerfeindlicher
Programmatik an Bedeutung; 1989 konnten sie erst- und einmalig in das Europäi-
sche Parlament einziehen.
Sonderfall Ost – Normalfall West? 103

Rechtsextremismus in der DDR

Aufgrund der Zensur in der DDR ist die Quellenlage hierzu weitaus bescheidener.
Ab 1989 erschienen die ersten ausführlichen Darstellungen zum Rechtsextremis-
mus in der DDR. Ergebnisse einer Studie des Zentralinstituts für Jugendforschung
Leipzig von 1988 konnten erst nach dem Fall der Mauer publiziert werden. Sie
erlauben einen Einblick in die Mentalitäten junger DDR-Bürger und deren Einstel-
lungen gegenüber Faschismus, Nationalismus und Migration. Durch eine Wieder-
holung der Befragung im Jahr 1990 lassen sich Veränderungen in der Wendezeit
identiÀzieren. 1988 stimmten 12 Prozent der befragten Schüler und 15 Prozent der
Lehrlinge der Aussage zu: „Der Faschismus hatte auch seine guten Seiten“. 1990
waren die Werte nur leicht erhöht (Schüler: 14 Prozent, Lehrlinge unverändert).
Deutlicher war die Zunahme chauvinistischer Einstellungen von 12 auf 23 Prozent
unter den Schülern und von 15 auf 20 Prozent unter den Lehrlingen, welche die
Einschätzung teilten, dass „[d]ie Deutschen schon immer die Größten in der Ge-
schichte [waren]“ (Heinemann, Schubarth & Brück, 1992, S. 20ff.). 1988 stimmten
44 Prozent der Schüler, 67 Prozent der Lehrlinge und 20 Prozent der Abiturienten
der Aussage „Deutschland den Deutschen!“ zu. Zwischen 12 (Abiturienten) und 46
(Lehrlinge) Prozent forderten „Ausländer raus!“ (Heinemann et al., 1992, S. 87).
Ein menschenfeindliches Fundament war bereits in der DDR vorhanden. Be-
kannt sind Schlägereien, nazistische und antisemitische Aktionen sowie Schmie-
rereien und Friedhofsschändungen (Quent, 2012b). Darüber hinaus gab es terro-
ristische Anschläge mit zumindest vermutetem „faschistischem“ Hintergrund, vor
allem gegen die sowjetische Besatzungsarmee. Die umfassende Aufarbeitung der
rechtsextremen Gewalt und der möglichen Verquickung der Staatssicherheit in
rechtsextreme Terrorgruppen der BRD (zum Beispiel des Rechtsterroristen und
Stasiagenten Odfried Hepp) steht noch aus.
In den 1970er Jahren traten die neuen subkulturell geprägten Rechtsextremen
in der DDR sichtbar in Erscheinung. Dafür ernteten sie bei ihren „Kameraden“
in der BRD Staunen und Anerkennung. Mitte der 1980 Jahre wurde in der neo-
nazistischen Publikation „Klartext“ – dem Organ der 1992 verbotenen Partei „Na-
tionalistische Front“ – über offene Verharmlosung des Nationalsozialismus durch
Fangruppen ostdeutscher Fußballvereine berichtet:
104 Matthias Quent

„Berlin (Ost): Nach dem Pokalspiel Union Berlin – C hemie Leipzig zogen Fan-
gruppen durch die geteilte Stadt. In Sprechchören forderten sie die Freiheit für
Deutschland. Unter Absingen der Nationalhymne und anderer nationalistischer Lie-
der bewiesen sie, dass nicht alle Jugendliche der Zone auf das ‚Gefasel‘ der dort
Herrschenden hereinfallen. (Genau wie hier in der ‚BRD‘) Erstaunlich für unsere
teilnehmenden Kameraden war die sehr gute Kenntnis von alten nationalsozialis-
tischen KampÁiedern, – und die außerordentliche Zurückhaltung der Ostpolizei!“
(Fromm, 1993, S. 72)

Wie in der BRD entwickelten sich in der DDR nicht konforme Jugendkulturen.
Die Punks und Skinheads differenzierten sich mit der Zeit aus – zum Beispiel
in die antirassistischen „Red-Skins“, vorgeblich unpolitische „Oi-Skins“, rechte
Skinheads und die am stärksten politisierten „Faschos“. Letztere distanzierten
sich zum Teil vom Skinlook und legten stattdessen auf ein diszipliniertes Äußeres
Wert und stellten das Politische in ihren Werten vor das Subkulturelle. Die rechten
Skinheads in der DDR waren überaus antisemitisch und ausländerfeindlich einge-
stellt. Dies wird unter anderem in ihren Gesängen deutlich. Beliebt war in Bezug
auf das NS-Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar zum Beispiel der Slogan:

„Hast du Hunger, ist dir kalt, dann geh zurück nach Buchenwald. Dort werden wir
uns ein Süppchen kochen, aus JudenÁeisch und Russenknochen. Ofen sieben, Klap-
pe acht – ach, wie hat das Spaß gemacht!“ (Heinemann et al., 1992, S. 43)

OfÀziell gab es so etwas in der DDR nicht. Noch im August 1989 behauptete die
staatliche DDR-Nachrichtenagentur ADN, Vorstellungen über neonazistische Ten-
denzen in der DDR seien „purer Unsinn“ (Siegler & Bittermann, 1991, S. 37).
Diese kategorische Abwehr geht auf den ideologischen Legitimationsmythos
der DDR und ihr orthodox-kommunistisches Faschismusverständnis in Kategorien
der 1930er Jahre zurück, welches freilich erweitert und als Monopolgruppentheo-
rie ausdifferenziert wurde. Dahinter stand die Vorstellung, der Faschismus sei „die
offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten
imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ (Dimitrov, 1935). Mit Bodenre-
form und Enteignungen, so die SED-Logik, seien die Wurzeln des Faschismus in
der DDR beseitigt worden – im Gegensatz zur BRD, wo der Kapitalismus jederzeit
wieder unmaskiert seinen faschistischen Charakter hätte offenbaren können.
Mit der realen Gestalt des Nationalsozialismus als Massenbewegung hatte die-
se Sicht wenig gemein. Auch die nicht seltenen rechtsextremen, rassistischen und
antisemitischen Vorfälle in der DDR führten nicht zu einer Revision dieser Per-
spektive. Nach dem Überfall von rechtsextremen Skinheads auf ein inofÀzielles
Punkkonzert in der Ostberliner Zionskirche im Oktober 1987 unter den Augen der
Sonderfall Ost – Normalfall West? 105

Volkspolizei, die nicht eingriff, wurde erstmals in der DDR-Presse über das The-
ma berichtet; mehrere der Angreifer wurden in der DDR verurteilt. Der Auszug
einer Anklageschrift bringt das Paradox der Verurteilung von etwas, das es nicht
geben darf, auf den Punkt:

„Wie die Anklageschrift weiter hervorhebt, wurden während der Ausschreitungen


von den Rowdys immer wieder Parolen aus der Nazizeit ausgestoßen, was in der
DDR, wo der Faschismus mit all seinen Wurzeln ausgerottet ist, unter Strafe steht.“
(Schumann, 1990, S. 47)

Im Umgang mit neonazistischen Jugendgruppen, die in den 1970er Jahren in West


wie Ost entstanden, wirkte sich die Antifaschismusdoktrin der DDR direkt aus:
Politische Tatmotive blieben unaufgeklärt, rechtsextreme Straftäter wurden als
„Rowdys“ abgeurteilt. Gegen solche wurden in den ausgehenden 1980er Jahren
zum Teil empÀndliche Freiheitsstraften verhängt. Durch den hohen Sanktions-
druck waren die einzukalkulierenden Kosten für Rechtsextreme in der DDR hoch.
Konventionelle Wege, um politisch abweichende Meinungen öffentlich zu artiku-
lieren, beispielsweise in Form von Kundgebungen oder Publikationen, standen den
Rechtsextremen in der DDR so gut wie nicht zur Verfügung. Für diese Jugend-
lichen, erörtern Bergmann und Erb (1994, S. 94), „stellten Gewaltaktionen bereits
zu DDR-Zeiten ein zentrales Handlungsschema dar. [… ] Eine hohe Gewaltakzep-
tanz und -bereitschaft war also bereits in der DDR erworben worden.“ Durch diese
Militanz, so Schumann (1990, S. 36), unterschied sich der Ost-Rechtsextremismus
von anderen „Gegenkulturen in dieser Altersgruppe“.
Inwieweit die Inhaftierung von Rechtsextremen deren Resozialisierung diente,
ist fragwürdig, wie die folgenden Fälle veranschaulichen:

„Jene, die mit dem Gesetz kollidierten, erhielten in der Szene die Aura eines Märty-
rers. Bezeichnend sich die Beobachtungen, die Oliver im Jugendstrafvollzug Ichters-
hausen machte. Er war 1988 zu zweieinhalb Jahren verurteilt worden, weil er mit
vier Freunden den jüdischen Friedhof in der Schönhäuser Allee in Berlin verwüstet
hatte. Nach seiner Entlassung antwortete er im Mai 1990 auf die Frage, ob er nicht
befürchte, von Skins oder Neonazis als rechter Heroe vereinnahmt zu werden: ‚Das
wurden wir schon im Gefängnis. Da saßen Leute, die haben sich alle Presseaus-
schnitte über uns an die Wand gepinnt. Da waren wir die dicken Vorbilder, die es den
Juden mal gezeigt haben.‘“ (Ebd.)

In einem 1990 erschienenen Leserbrief an die „Junge Welt“ gaben zwei inhaftierte
Ost-Nazis, die sich als Repräsentanten dort einsitzender „Glatzen“ präsentierten,
Einblicke in ihr Selbstverständnis als verfolgte Idealisten:
106 Matthias Quent

„Wir sind zwei Knaster, die im Jugendhaus Halle einsitzen. Beide, knapp 19 Jahre
alt, haben wir zwar keine Neger und Punks geklatscht, aber Schwule. Da wir bei-
de Deutsche sind, können wir homosexuelle Personen nicht tolerieren. Immer mehr
Ausländer überschwemmen Deutschland, vergewaltigen deutsche Frauen, doch das
wird in den Medien totgeschwiegen. Über uns Skins wird gehetzt, wir werden ge-
hasst und gejagt. Trotz allem wird eine Glatze nie aufgeben, sich für ihre Ideale und
Ziele einzusetzen. Naumann und Braun im Namen aller einsitzenden Glatzen des
Jugendhauses Halle.“ (Ebd.)

Ein beteiligter Skin des Überfalls auf die Zionskirche in Berlin, für den er zu
einer dreijährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, schilderte ebenfalls, sein Ge-
fängnisaufenthalt habe bestärkend auf seine politischen Überzeugungen und seine
emotionale Ablehnung gewirkt:

„Seit dem Knast habe ich einen dermaßen Haß auf dit ganze System hier, dermaßen
Haß auf alles was rot ist oder links ist. Das hat sich so reingefressen, also das ist im
Prinzip extrem“ (Heinemann et al., 1992, S. 53).

Spätestens mit dem Gefängnisaufenthalt, resümieren die Autoren des Buches „Der
Antifaschistische Staat entlässt seine Kinder“, begriff der Skin, „daß in der DDR
Skinhead zu sein, mehr ist als nur Mode und Protest“ (ebd.). Nach der Haftentlas-
sung setzte der Gewalttäter seine politische Karriere in der NPD fort (ebd.).
Derartige Beispiele ließen sich fortsetzen – die Dunkelziffer der Rechtsext-
remen in Ost- und Westdeutschland, welche Gefängnisse auf einer höheren Ra-
dikalisierungsebene verlassen als betreten haben, dürfte erheblich sein. Gefäng-
nisaufenthalte wurden gezielt dazu genutzt, um Netzwerke zu knüpfen und um
straffälligen Szeneangehörigen das Gefühl zu vermitteln, sie seien gesellschaft-
lich ausweglos isoliert, während einzig die rechtsextreme Szene Verständnis, Ka-
meradschaft und Unterstützung aufbringen würde. Das war auch die wichtigste
Aufgabe der 1979 in der alten Bundesrepublik gegründeten „Hilfsorganisation für
nationale politische Gefangene und deren Angehörige“ (HNG), die im September
2011 verboten wurde. Seitdem wird die Unterstützungsarbeit unter dem Namen
„Gefangenenhilfe“ mit ofÀziellem Sitz in Schweden weitergeführt – auch für Be-
schuldigte im NSU-Prozess.
Im Rahmen des Häftlingsfreikaufs wurde auch eine unbekannte Zahl inhaf-
tierter DDR-Nazis von der BRD freigekauft: darunter 1974 der aus Pößneck stam-
mende Rechtsextremist Uwe Behrendt. Im Westen suchte er Kontakt zu rechts-
extremistischen Organisationen und zur paramilitärischen „Wehrsportgruppe
Hofmann“. Im Dezember 1980 erschoss Behrendt in Erlangen den Rabbiner Shlo-
mo Lewin und dessen Frau Frieda Poeschke. Ein Jahr später beging der mithil-
Sonderfall Ost – Normalfall West? 107

fe der palästinensischen Fatah in den Libanon geÁohene Behrendt Suizid. Einige


der freigekauften DDR-Häftlinge fungierten als Vermittler zwischen Ost-Nazis
und der BRD-Szene (Bergmann & Erb, 1994, S. 84). Gründungsmitglieder des
„Thüringer Heimatschutz“ unterhielten beispielsweise Kontakte zum führenden
West-Neonazi Arnulf Priem, der in der DDR wegen neofaschistischer Betätigung
verhaftet und 1968 von der BRD freigekauft wurde.
In der DDR waren die Skingruppen spätestens ab 1988 untereinander städte-
übergreifend vernetzt, wie aus einem Bericht der Kriminalpolizei von 1990 her-
vorgeht (Schumann, 1990, S. 142ff.). Die Kripo attestierte der Szene zudem „repu-
blikweite konspirative Vernetzungen“ und ein „starkes Bestreben […], Waffen zu
erlangen, sich wehrsportlich zu trainieren, um erforderlichenfalls nicht einsichtige
‚Andersdenkende‘ zu disziplinieren sowie mit diesen Mitteln in einem National-
sozialistischen Deutschland zu agieren“ (ebd.). Nach den polizeilichen Erkennt-
nissen rekrutieren sich die „Personen der neofaschistisch orientierten Szene […]
aus allen Klassen und Schichten der Bevölkerung der DDR“. Bildungsweg und
QualiÀkation, Familie der Eltern und allgemeine Lebensumstände entsprachen
dem Querschnitt dessen, was in der Gesellschaft anzutreffen war (ebd.) – auch
Professorenkinder: zum Beispiel der Jenaer Uwe Mundlos, der bereits ab 1988,
knapp 15-jährig, mit kurz geschorenen Haaren, Bomberjacke und Springerstiefeln
in die Schule kam und im Werkunterricht Hakenkreuze ritzte. Die DDR kritisierte
er in der Schule öffentlich und stellte ihr die „guten Seiten“ des „Dritten Reichs“
entgegen.
Der vorhandene Rechtsextremismus in der DDR zeigte sich bis zu deren Ende.
Als die Bevölkerung ihrer Wut und ihrem Frust über das SED-Regime bei den
Montagsdemonstrationen vielerorts Luft machten und das Ende der DDR einläu-
teten, witterten auch rechtsextreme Gruppen Morgenluft. 1989 traten zum Beispiel
bei den Leipziger Demonstrationen massiv und offen rechtsextreme Gruppen auf
und verteilten unter anderem Materialien von NPD, DVU, REPUBLIKANERN
und der 1995 verbotenen FAP (Heinemann et al., 1992, S. 49; Schumann, 1990,
S. 93).

„Viele Möglichkeiten“

Unmittelbar nach der Wende agierten größere subkulturelle rechte Skingruppen


überall im Osten. Allein in Thüringen fanden zahlreiche rechtsextreme Konzer-
te mit bis zu 700 Teilnehmern statt. Rechte Skinbands, die aus der BRD zu den
Auftritten in die neuen Länder kamen, schätzen die Auftrittsmöglichkeiten sowie
fehlende öffentliche wie behördliche Sanktionen. Der Journalist Rainer Fromm
108 Matthias Quent

interviewte in dieser Phase die neonazistische Skinband „Kraftschlag“, die 1992


das Album „Live in Weimar“ veröffentlichte, auf dessen Cover ein Reichsadler mit
Hakenkreuz abgebildet ist. Auf der indizierten Platte des im thüringischen Wei-
mar aufgezeichneten Konzertes singen Band und Publikum unter anderem Zeilen
wie „Gegen Rassenvermischung“, „Sieg Heil!“, „Deutschland den Deutschen –
Ausländer raus!“, „Deutschland erwache“, „Scheiß auf die 6-Millionenlüge – Ju-
den raus!“, „Radikal für Deutschland ist das Gebot der Zeit, sammelt euch auf
der Straße, seid zum Rassenkrieg bereit“ und „Deutsche Frau halt dein Blute rein
vor dem Ausländerschwein“ (Kraftschlag, 1992). Im Interview mit Rainer Fromm
äußerte sich die Band „begeistert“ über einen Auftritt in Thüringen:
„Wir würden jederzeit wieder dort spielen.“ Der Unterschied zwischen neuen
und den alten Bundesländern sei,

„[d]a [im Osten, MQ] kann man seine Musik viel freier der Öffentlichkeit präsentie-
ren, die fragen da nicht so dumm. [...] In den neuen Bundesländern gibt es viele Mög-
lichkeiten für Konzerte. Dort kriegt man fast jeden Saal. Hier blocken die meisten
ab, das ist drüben anders. Da kriegen wir Hallen bis zu 2000 Personen. Das ist auch
billiger“ (Fromm, 1993, S. 106).

Neben Rechtsrockbands warben verschiedene rechtsextreme Parteien um die


Gunst der jungen Neonazis im Osten, so auch die NPD. Deren damaliger Bundes-
vorsitzender Günther Decker bereiste den Freistaat Thüringen im Februar 1992
erstmals anlässlich von Demonstrationen in Gera. Um lokale Parteistrukturen auf-
zubauen, übernahmen westdeutsche Kreisverbände der NPD „Patenschaften“ für
die NPD-Zusammenschlüsse im Osten. Verbände aus Hessen und Bayern sicher-
ten zum Beispiel den Ànanziellen, logistischen und ideologischen Aufbau der Par-
tei in Thüringen. Verbal stand die NPD der Skinszene kaum an Radikalität nach.
Die „Infozeitung“ des Thüringer Landesverbandes titelte 1992: „Asylbetrüger und
Invasoren vergiften unser Trinkwasser“ (Fromm, 1993, S. 60).
In den Folgejahren proÀtierten die Rechtsextremen von „Legitimationsgewin-
nen“ (Willems, zitiert in: Funke, 2012, S. 14) im Zuge der bundesweiten Gewalt-
eskalation gegen Asylsuchende in den Jahren 1991 bis 1993. Mit der medial und
politisch aufgeheizten Stimmung in der sogenannten Asyldebatte wurde den rech-
ten Gewaltgruppen ein neues Angriffsziel präsentiert, welches

„im Gegensatz zu bisherigen Opfern (Polen, Vietnamesen, Russen) noch weniger


integriert und noch weiter außerhalb der ‚span of sympathy‘ […] lag und in den man
die ‚Ursachen‘ für die wahrgenommenen sozialen Missstände direkt und erfolgreich
angreifen konnte“ (Bergmann & Erb, 1994b, S. 89).
Sonderfall Ost – Normalfall West? 109

Parolen wie „Ausländer raus“ und „Deutsche zuerst“ boten Lösungsmöglichkei-


ten, die in Handlungen übersetzt werden konnten und für die Gewaltakteure dop-
pelt legitimiert erschienen: einerseits durch die Zustimmung in Teilen der Bevöl-
kerung, als deren ausführendes Organ sie sich fühlten und andererseits durch die
Radikalisierung ihrer Zuwanderungsfurcht zu einer generellen Überfremdungs-
angst (Bergmann & Erb, 1994b). Diese Bedingungen ermöglichten zu Beginn der
1990er die Konsolidierung des rechtsextremen Potenzials in den neuen Ländern
sowie in den folgenden Jahren den quantitativen Anstieg und die Radikalisierung
der Bewegung.
Rechtsextreme Parteien waren bei Wahlen bis in die Mitte der 1990er Jahre in
den westlichen Bundesländern erfolgreicher als in den östlichen. Erst mit der Bun-
destagswahl 1998 verschob sich der Schwerpunkt gen Osten. Dieser Verlagerung
folgten die rechtsextremen Parteistrukturen (beispielsweise Parteizentrale und
Verlag der NPD) und Organisationsschwerpunkte (Quent, 2012c). Nach der deut-
schen Vereinigung herrschte in einigen Teilen Deutschlands eine rassistische und
ausländerfeindliche „Pogromstimmung“, wie die Investigativjournalistin Andrea
Röpke vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages erläuterte (Deut-
scher Bundestag, 2013). Während 1990 380 Gesetzesverletzungen mit rechtsex-
tremistischem Bezug (davon 128 Gewaltdelikte) erfasst wurden, lag die Zahl 1991
um das Fünffache höher. Vor allem rechtsextremistische Brand- und Sprengstoff-
anschläge nahmen zu. 1991 und 1992 kam es zu massiven rassistischen Ausschrei-
tungen: Im sächsischen Hoyerswerda wurden im September 1991 vor Asylbewer-
berwohnheimen Molotowcocktails geworfen und Polizeibeamte mit Stahlkugeln
beschossen. Die Ausschreitungen in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, wo
über 4.000 Gewalttäter und Unterstützer die Flüchtlingsunterkunft attackierten,
dauerten mehrere Tage an. Schlussendlich mussten die Asylsuchenden aus den
Unterkünften evakuiert werden. Somit hatte der rassistische Mob sein Ziel, ‚die
Ausländer zu vertreiben‘, erreicht. Im ganzen Bundesgebiet folgten Nachahmungs-
taten mit mehreren Todesopfern. Am 23. November 1992 wurden im schleswig-
holsteinischen Mölln Brandanschläge auf zwei bewohnte Mehrfamilienhäuser
verübt, in deren Folge drei Menschen starben, mehrere Personen erlitten zum Teil
schwere Verletzungen. 1993 wurde in Solingen ein von türkischen Migranten be-
wohntes Mehrfamilienhaus angezündet – zwei Frauen und drei Kinder kamen ums
Leben.
Nach der deutschen Vereinigung wurden rechtsextreme Orientierungen in Ost
und West systematisch erhoben und verglichen: Die erste bundesweite Messung
rechtsextremer Einstellungen im vereinigten Deutschland stellte im Frühjahr 1994
in Westdeutschland ein mehr als doppelt so großes rechtsextremistisches Einstel-
lungspotenzial fest als im Osten. Erst bei einer Folgeuntersuchung 1998 wurden
110 Matthias Quent

mehr rechtsextremistische Einstellungen im Osten gemessen (Stöss, 2000, S. 30).


Die repräsentativen Erhebungen der Leipziger Forschungsgruppe um Elmar Bräh-
ler und Oliver Decker weisen in den Jahren 2002, 2004 und 2006 höhere Pro-
zentwerte von Befragten mit „geschlossenem rechtsextremen Weltbild“ in den
westlichen Bundesländern gegenüber den östlichen aus (Decker, Kiess & Brähler,
2012, S. 54). Zuletzt wussten die Autoren zu berichten, dass die „HäuÀgkeit von
Menschen mit geschlossenem rechtsextremen Weltbild […] sich 2014 nicht sig-
niÀkant zwischen Ost- und Westdeutschland [unterscheidet]“ (Decker, Kiess &
Brähler, 2014, S. 57). Empirisch gesicherte Unterschiede lassen sich wiederholt vor
allem hinsichtlich der deutlich höheren Ausländerfeindlichkeit in Ostdeutschland
beobachten (ebd., S. 61).
Der Exkurs zeigt, dass der Rechtsextremismus auch nach 1990 weder im Wahl-
verhalten noch auf der Ebene der Einstellungen eine originär ostdeutsche Erschei-
nung ist. Dennoch bestehen ostdeutsche Besonderheiten.

Differenzierung ist vonnöten

Die eingangs zitierten Aussagen zum Rechtsextremismus als Folgeerscheinung


der DDR-Sozialisation sind symptomatisch für viele häuÀg zu kurz greifende Zu-
ordnungen und Interpretationen. Sie repräsentieren den Versuch, Ursachen von
Rechtsextremismus und rassistischer Gewalt unter dem Vorsatz der Aufarbeitung
zu historisieren bzw. die Verantwortung dafür einem überlebten Gesellschaftssys-
tem zuzuschreiben. Welchen Erklärungswert hat die These vom kausalen Zusam-
menhang von DDR-Diktatur und Naziterror für die Genese des NSU, des moder-
nen Rechtsextremismus und für die Beschaffenheit des gegenwärtigen Diskurses
tatsächlich?
Differenzierung ist vonnöten. Wendeerfahrungen und -folgen, wie „politische
Umwälzung“ und „Schulreform“, die unter anderen von der Mutter des NSU-Ter-
roristen Böhnhardt als Ursachen für die Radikalisierung ihres Sprösslings verant-
wortlich gemacht werden (zitiert in: Debes, 2013), liegen nicht in der Beschaffen-
heit des diktatorischen Systems der DDR begründet. Vielmehr sind sie Ausdruck
gesellschaftlicher Transformationsprozesse und der damit einhergehenden Verun-
sicherungen. Deren Auswirkungen auf die Gesellschaftsmitglieder hängen nicht
primär mit der vorherigen Verfasstheit einer (Teil-)Gesellschaft zusammen, son-
dern mit den sozioökonomischen Rahmenbedingungen, der Steuerung, Modera-
tion und Anerkennung des Wandels und des neuen Systems. Empirisch messbar
verschob sich die übergroße Rechtsextremismusbelastung in den Mentalitäten der
Bevölkerung erst dann in die neuen Länder, als klar wurde, dass die von Hel-
Sonderfall Ost – Normalfall West? 111

mut Kohl versprochenen „blühenden Landschaften“ ausblieben. Wie Individuen


Transformation wahrnehmen und bewerten, hängt dabei auch mit sozialisierten
Deutungs- und Verarbeitungsweisen zusammen.
Wird, wie mit dem Verweis auf die „DDR-Diktatur“ angedeutet, ein Kausalver-
hältnis behauptet zwischen persönlichen Erfahrungen („Töpfchen-These1“), poli-
tischen EinÁüssen („verordneter Antifaschismus“, vgl. unter anderem Heitmann,
1997, S. 93) und den Ausprägungen politischer Einstellungen und Verhaltenswei-
sen, werden systembedingte SozialisationseinÁüsse für die Bevölkerung der ehe-
maligen DDR bis 1989/1990 betont. Diese, so die Annahme, ließen sich auf die
Prägung des Alltags durch die diktatorische Gesellschaftsordnung zurückführen
und führten in der Nachwendegesellschaft dazu, dass Ostdeutsche häuÀger Af-
Ànitäten zum Rechtsextremismus zeigten als Westdeutsche. Dem sozialisations-
theoretischen Ansatz folgend habe die DDR-Sozialisation mentale Deformation
zur Folge, welche sich in antidemokratischen Einstellungen, Fremdenfeindlichkeit,
Autoritarismus und fehlender Eigeninitiative äußere. Bürger in den neuen Bundes-
ländern seien demnach aufgrund ihrer Sozialisation in der DDR deutlich autori-
tärer geprägt als im Westen Deutschlands (als Überblick: Bulmahn, 2000).
Empirisch ist diese Annahme bereits mehrfach widerlegt. So ist die Tendenz zu
autoritären Orientierungen in den alten und neuen Bundesländern ähnlich (Som-
mer, 2010). Regionale Unterschiede in der Verbreitung rechtsextremer Einstellung
resultieren nicht aus der Herkunft aus einem ost- oder westdeutschen Bundesland,
sondern sind unter anderem auf die aktuelle sozioökonomische Lage im nahen
Wohn- und Lebensumfeld zurückzuführen. Unter der Wohnbevölkerung wirt-
schaftlich abdriftender Regionen sind – unabhängig von den Ost-West-Variablen –
rechtsextreme Einstellungen stärker ausgeprägt als in stabilen und prosperierenden
Gegenden. Unterschiede in den politischen Mentalitäten können sich demzufolge
erst dann auÁösen, wenn sich die Lebensbedingungen in West- und Ostdeutsch-
land angleichen (Quent, 2012a).
Wenn es nicht um mögliche Ursachen persönlicher Einstellungs- und Verhal-
tensdispositionen in der Vergangenheit (also vor 1989) geht, sondern wie im von

1 Schochow (2013) fasst die Diskussion um die überspitzt als „Töpfchen-These“ bezeich-
nete Debatte zusamen. Zugrunde liegt eine These von C hristian Pfeiffer: „Ostdeut-
sche, so der Kriminologe Christian Pfeiffer in einem viel beachteten Spiegel-Artikel
zehn Jahre nach der friedlichen Revolution, wurden langfristig von einer DDR-spezifi-
schen Erziehungslogik geprägt. Man sei nämlich in DDR-Krippen und -Kindergärten
‚nur wenig auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen und habe zu wenig Raum für
deren Entfaltung gelassen.‘ Diese Kälte führe später zu Fremdenfeindlichkeit“ (ebd.,
S. 175). Kindergartenkinder in der DDR mussten nach Pfeiffer immer gemeinsam aufs
Töpfchen gehen, woraus ihre autoritäre Prägung erwachsen sei.
112 Matthias Quent

Brigitte Böhnhardt aufgeworfenen Beispiel um Folgen sozialer Wandlungsprozes-


se, die sich bei ihrem Auftreten unmittelbar auf die biograÀsche Lage der Indivi-
duen auswirken, ist von situativen Effekten die Rede: Reaktionen, die in der gesell-
schaftlichen Lage begründet liegen – und nicht in der Sozialisation der Personen.
‚Gelernte‘ (oder eben auch nicht gelernte) Deutungsweisen und Mechanismen zur
Verarbeitung von krisenhaften Situationen können beim Eintreten einer solchen
‚Krise‘ aktiviert oder neu adaptiert werden. ‚Verlierer‘ kapitalistischer Moderni-
sierung weisen – nach individueller und milieuspeziÀscher Lage – unterschiedli-
che Verarbeitungsmuster der eigenen Desintegration auf. Dazu kann die Unterstüt-
zung autoritärer, abwertender und rechtsextremer Axiome der Politik zählen – im
Osten und im Westen. Darauf hinzuweisen ist vor allem deswegen relevant, weil
die Transformation der bundesdeutschen Gesellschaft keineswegs abgeschlossen,
sondern eher ein Dauerprozess ist.

Problematische Entlastung

Der Verweis auf die „braunen Ursprünge“ des Rechtsextremismus im DDR-System


fungiert diskursiv entlastend gegenüber den aktuellen Ungleichheitsmechanismen,
welche heute die Entstehung des Rechtsextremismus begünstigen. Die Bedeutung
speziÀscher, in der DDR vermittelter politischer Mentalitäten prägte die Soziali-
sation der Jugendgeneration, zu der Mitglieder und Unterstützer der NSU-Gewalt-
gruppe gehörten. Für die Generation der heute unter 25-Jährigen hat sie dagegen
allenfalls Bedeutung durch die Vermittlung und Weitergabe von Erfahrungen und
Werten der Eltern- und Großelterngeneration. Dies bedeutet allerdings nicht, dass
jene gesellschaftlichen Momente, die Rechtsextremismus als individuelle Bewälti-
gungsstrategie begünstigen, ebenfalls verschwunden sind:

„Wahrgenommene Desintegration, Deprivation und Anerkennungsprobleme bilden


den Nährboden für eine Ideologie der Ungleichwertigkeit, in deren Folge Angehöri-
ge schwacher Gruppen abgewertet und/oder in diskriminierender Weise behandelt
werden“ (Mansel & Spaiser, 2010, S. 74).

Diese objektiv erfahrenen oder subjektiv erlebten Gefährdungen des eigenen so-
zialen Status haben in den vergangenen 20 Jahren nicht an Bedeutung verloren:
Die Differenz der höheren Arbeitslosenquote im Osten nimmt im Zeitverlauf
gegenüber dem Westen kaum ab, vielmehr sind Parallelentwicklungen zu beob-
achten. Es zeichnet sich ein erhöhtes Risiko dafür ab, dass sich auch Menschen in
den westlichen Bundesländern nicht mehr als geachtete und wertvolle Mitglieder
Sonderfall Ost – Normalfall West? 113

der Gesellschaft erfahren oder wahrnehmen. Sowohl in Ost- als auch in West-
deutschland und innerhalb der Landesteile hat sich die soziale Ungleichheit zwi-
schen 1993 und 2004 deutlich verschärft (Heitmeyer, 2009, S. 26). Neuere Ansätze
plädieren daher für eine mikroregionale Differenzierung, beispielsweise zwischen
abgehängten und prosperierenden Regionen, welche in Ost- und Westdeutsch-
land anzutreffen sind. Deren sozioökonomische Lage wirkt sich auf die Virulenz
rechtsextremer Einstellungen, Wahlergebnisse rechtsextremer Parteien sowie Ge-
ländegewinne informeller rechtsextremer Gruppen aus (Grau & Heitmeyer, 2013;
Legge, Reinecke & Klein, 2009; Marth, Grau & Legge, 2010; Quent, 2012a).
Weder die Wende- noch die DDR-Sozialisationserfahrungen können als maß-
geblich für die Eskalation der Gewalt des NSU im Untergrund ab 2000 angesehen
werden. Die Mitglieder und Unterstützer der Gewaltgruppe teilen ihre Transfor-
mations- und Desintegrationserfahrungen mit zehntausenden Jugendlichen, von
denen sich zwar zahlreiche der rechtsextremen Szene angeschlossen haben, aber
niemand eine vergleichbare Mordserie zu verantworten hat. Tausende Rechts-
extreme gibt es noch heute – in Ost und West. Eine NeuauÁage rechtsextremen
Terrors kann nicht ausgeschlossen werden. Umso essenzieller ist es deshalb, die
wirklichen Faktoren für die Eskalation und Rechtsradikalisierung bis zum Kulmi-
nationspunkt Terrorismus zu erforschen und zu problematisieren.

Fazit

Es wurde beschrieben, dass Rechtsextremismus weder ein originär ost- noch


ein einzig westdeutsches Phänomen darstellt. Monokausale Erklärungsansätze
sind populär, aber ungenügend. Es lassen sich Besonderheiten im ostdeutschen
Rechtsextremismus identiÀzieren, die ihre Ursache im DDR-System haben und
die rechtsextreme Bewegung nach der Vereinigung bundesweit verändert haben:
Herausstechen dabei vor allem die hohe GewaltafÀnität der meist jugend- und sub-
kulturell geprägten Rechtsextremen. Unbenommen der notwendigen Differenzie-
rungen wurde gezeigt, dass der Fall der Mauer ein Möglichkeitsfenster öffnete, in
dem die Bedingungen für ein Erstarken des Rechtsextremismus außerordentlich
günstig waren. Gleichwohl müssen sowohl die jeweils handelnden Akteure als
auch die vorherrschenden politischen Gelegenheitsstrukturen betrachtet werden,
um das Auftreten unterschiedlicher Erscheinungsformen politischer Aktionsfor-
men, beispielsweise von Gewalt, zu erklären. Mit der Asyldebatte zu Beginn der
1990er Jahre verbesserten sich die Gelegenheitsstrukturen für die Rechtsextremen
bundesweit. Insbesondere die Sanktions- und Restriktionsarmut und -unfähigkeit,
die aus der Schwäche der staatlichen Strukturen in der Übergangszeit in den neuen
114 Matthias Quent

Bundesländern und der Unterstützung durch etablierte Strukturen aus den alten
Ländern resultierte, ermöglichte der rechtsextremen Szene eine nahezu ungehin-
derte Ausbreitung.
Über 20 Jahre nach der Vereinigung existieren in ost- und westdeutschen
Regionen etablierte rechtsextreme Strukturen, deren konkrete Gestalt variiert.
Permanente Anpassungserfordernisse an die Individuen durch gesellschaftliche
Modernisierungsprozesse und vor allem die in Folge der ansteigenden weltweiten
Fluchtmigrationsbewegungen neu entfachte Asyldebatte bieten der rechtsextremen
Szene vielfältige Anknüpfungspunkte. Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft
sind gut beraten, wenn sie die neuerliche Zunahme gewalttätiger und agitatorischer
Aktivitäten gegen ‚Fremde‘ als permanente Herausforderung für die Demokratie
ernst nehmen, anstatt den Rechtsextremismus als sozialen ‚Restmüll‘ der DDR zu
historisieren.
Sonderfall Ost – Normalfall West? 115

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Trends und Ursachen
des Rechtsextremismus in Ostdeutschland1
Heinrich Best

Seit den ersten Jahren nach der deutschen Wiedervereinigung wird der Rechts-
extremismus als ein besonderes Problem Ostdeutschlands wahrgenommen. Ob-
wohl Westdeutschland keineswegs Immunität gegenüber rechtsextremen Tenden-
zen für sich beanspruchen kann, gibt es doch einige empirische Evidenz für die
Annahme, der Rechtsextremismus in Ostdeutschland sei sowohl seiner Quantität
als auch seiner Qualität nach ein speziÀsches Phänomen (vgl. Best, Salheiser &
Salomo, 2014). Dies betrifft die wiederholten Wahlerfolge rechtsextremer Parteien
und ihren Einzug in ostdeutsche Landtage, die im Vergleich zur gesamtdeutschen
Statistik in Ostdeutschland signiÀkant häuÀger dokumentierten Gewaltstraftaten
mit ausländerfeindlichen bzw. rassistischen Tatmotiven sowie die bei ostdeutschen
Befragten erhöhten Zustimmungswerte zu ausländerfeindlichen, nationalistischen
und diktaturafÀnen Positionen, die dem rechtsextremen Einstellungssyndrom
zugerechnet werden (vgl. von Berg, 1994; Borstel, 2012; Pfahl-Traughber, 2009;
Wagner, 2000). Jüngst haben islamfeindliche und europaskeptische soziale Bewe-
gungen und Parteien wie Pegida und AfD in Ostdeutschland ihre bisher größten
Mobilisierungs- und Wahlerfolge erzielt.
In den frühen neunziger Jahren galten ausgeprägte rechtsextreme Tendenzen
in Ostdeutschland jedoch als Paradox, denn in der DDR hatte die SED versucht,

1 Eine frühere Fassung dieses Beitrages wurde im Juli 2014 unter dem Titel „Trends and
Causes of Right Wing Extremism in East Germany“ auf dem Annual Scientific Mee-
ting of the International Society of Political Psychology (ISPP) in Rom präsentiert. Die
Übersetzung ins Deutsche besorgte Axel Salheiser.

W. Frindte et al. (Hrsg.), Rechtsextremismus und „Nationalsozialistischer Untergrund“, Edition


Rechtsextremismus, DOI 10.1007/978-3-658-09997-8_3, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
120 Heinrich Best

ihren Herrschaftsanspruch mit dem Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft zu


legitimieren, in welcher der „Faschismus auf deutschem Boden“ im festen Bünd-
nis mit der Sowjetunion für immer besiegt worden sei. Dies blieb der Gründungs-
mythos der DDR und ihre Staatsräson bis zum Ende der SED-Herrschaft (vgl.
Ahbe, 2007; Danyel, 1999). Allerdings war im Westen bereits vor 1990 bekannt
gewesen oder zumindest vermutet worden, dass die Herrschaftspraxis der SED
der ofÀziellen Antifaschismus-Ideologie in wichtigen Bereichen wie z. B. der Re-
krutierung des eigenen Führungspersonals widersprach (vgl. Best, 2010; Best &
Salheiser, 2006; Salheiser, 2010). Als sich nach der Wende die Aktenschränke und
Archive Ostdeutschlands für die historische und soziologische Forschung öffne-
ten, bestätigten sich jene Vermutungen. So waren beispielsweise gut ein Sechstel
der SED-Parteisekretäre in Thüringen in den fünfziger Jahren ehemalige Mitglie-
der der NSDAP gewesen, ein weiteres Drittel ehemalige Mitglieder „faschistischer
Organisationen“ (vgl. Best, 2003; Meenzen, 2010). Entgegen der Propaganda der
SED überschattete die NS-Vergangenheit nicht nur die Bundesrepublik, sondern
auch die DDR-Gesellschaft und das SED-Regime selbst. Als Anfang 1990 die
ersten freien Volkskammerwahlen in der DDR vorbereitet wurden, sahen sich die
dafür zuständigen Behörden gezwungen, „faschistische Organisationen“ von der
Wahlteilnahme auszuschließen. Sie befürchteten offenbar ein erhebliches Gefähr-
dungspotential durch einen autochthonen Rechtsextremismus der DDR unter den
Bedingungen der neu gewonnenen demokratischen Freiheitsrechte und der Ein-
Áussnahme westdeutscher rechtsextremer Organisationen und Medien.
Die oberÁächliche EntnaziÀzierungspraxis in der DDR der späten vierziger
und frühen fünfziger Jahre (vgl. Kappelt, 1997) ist jedoch keine hinreichende
Erklärung dafür, dass seit den neunziger Jahren rechtsextreme Parteien in Ost-
deutschland Wahlerfolge erzielt haben und dass fremdenfeindliche, rassistische
und antidemokratische Einstellungen überdurchschnittlich häuÀg auftreten. Die
Rechtsextremismusforschung hat stattdessen eine Vielzahl weiterer Erklärungs-
ansätze hervorgebracht, bei denen sich grundsätzlich zwei Kausalfaktoren unter-
scheiden lassen:

• die Wahrnehmung kollektiver Diskriminierung und relativer Deprivation der


Ostdeutschen in Folge der Wiedervereinigung,
• der Fortbestand antidemokratischer, antipluralistischer und antikapitalistischer
Einstellungen und Normen, die sich vor allem auf eine Sozialisation im autori-
tären Sozialismus sowjetischer Prägung zurückführen lassen.

Wenn davon auszugehen ist, dass sowohl die Gründe für die relative Deprivation
als auch sozialistische Sozialisationsmuster weiterwirken bzw. reproduziert wer-
Trends und Ursachen des Rechtsextremismus in Ostdeutschland 121

den, dann können diese beiden Kausalfaktoren zur Erklärung der langfristigen
Entwicklung des ostdeutschen Rechtsextremismus nach der Wiedervereinigung
herangezogen werden.
Nachfolgend möchte ich untersuchen, inwieweit die gerade skizzierten Ansät-
ze geeignet sind, das Auftreten rechtsextremer Einstellungen in der ostdeutschen
Bevölkerung zu erklären. Besondere Aufmerksamkeit ist dabei der Frage zu wid-
men, inwieweit rechtsextreme Einstellungen mit der Bewertung der DDR und der
sozialistischen Ordnung verknüpft sind, weil die DDR ihrem Anspruch nach und
in der Vorstellung vieler Ostdeutscher bis heute als antifaschistisches und „linkes“
Gesellschaftsprojekt gilt. Als empirische Basis meiner Untersuchung dienen die
Daten des THÜRINGEN-MONITORs, einer jährlich stattÀndenden Repräsentativbefra-
gung der wahlberechtigten Bevölkerung des Freistaates Thüringen mit jeweils ca.
1.000 Befragten (vgl. Best, 2012; Best et al., 2013). Die Datenreihe des THÜRIN-
GEN-MONITORs dokumentiert die Anteile rechtsextrem eingestellter Thüringer und
Thüringerinnen von 2001 bis 2014 fast lückenlos, nur im Jahr 2009 fand keine Er-
hebung statt. Initiiert wurde die Befragung in Folge des Brandanschlages auf die
Synagoge in der Landeshauptstadt Erfurt im Jahr 2000. Von Seiten der Politik und
der Öffentlichkeit im Freistaat hat seitdem großes Interesse bestanden, die Ent-
wicklung rechtsextremer Einstellungen im weiteren Kontext der politischen Kultur
Thüringens wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Dies wurde auch besonders
deutlich nach dem Bekanntwerden der Verbrechen des „Nationalsozialistischen
Untergrundes“ (NSU), dessen (mutmaßliche) Mitglieder alle aus der thüringischen
Universitätsstadt Jena stammen. Wobei es aus wissenschaftlicher Perspektive nicht
unproblematisch ist, die ausländerfeindlich und rassistisch motivierten Gewaltex-
zesse des NSU mit den Einstellungen in der allgemeinen Bevölkerung in Bezug zu
setzen. Seit 2012 wird der THÜRINGEN-MONITOR unter meiner Leitung am Institut
für Soziologie der Friedrich Schiller-Universität Jena erstellt und ausgewertet.
Den Kern der indikatorengestützten Messung rechtsextremer Einstellungen
bieten im THÜRINGEN-MONITOR zehn Zustimmungsitems, die zu einer Rechtsext-
remismusskala verrechnet werden. Der Grundstein für dieses Messkonzept wurde
2001 gelegt, als eine Gruppe deutscher Sozialwissenschaftler und Sozialwissen-
schaftlerinnen eine „KonsensdeÀnition“ des Rechtsextremismus erarbeitete. Die
„KonsensdeÀnition“ besitzt mittlerweile quasi-ofÀziellen C harakter, da sie von
der wissenschaftlichen Forschung ausgehend auch Eingang in die politischen Pro-
gramme zur Bekämpfung des Rechtsextremismus auf Länder- und Bundesebe-
ne gefunden hat. Demnach ist Rechtsextremismus ein Einstellungssyndrom, das
Fremdenfeindlichkeit, Chauvinismus, die AfÀnität zur (nationalen) Diktatur, die
Verharmlosung des Nationalsozialismus, Antisemitismus und Sozialdarwinismus
umfasst. Jeder dieser sechs Dimensionen – oder besser: Facetten – des Rechtsex-
122 Heinrich Best

tremismus wurden Items aus einem umfangreichen und größtenteils bis dato be-
reits forschungserprobten Fragenkatalog zugeordnet. Die Mehrheit der deutschen
Befragungsstudien zu rechtsextremen Einstellungen seit 2001 folgen der Konsens-
deÀnition insofern, dass Items aus dem vereinbarten Fragenkatalog Verwendung
fanden, die Auswahl der einzelnen Indikatoren und deren jeweilige Anzahl vari-
ierte indessen beträchtlich. Im THÜRINGEN-MONITOR werden seit 2001 die gleichen
zehn Indikatoren zur Messung rechtsextremer Einstellungen genutzt (vgl. Tabelle
1). Während in anderen Studien teilweise auch fünfstuÀge Antwortskalen einge-
setzt werden, wurde für den THÜRINGEN-MONITOR eine vierstuÀge Antwortskala2
ohne Mittelkategorie gewählt. Die aus den zehn Items gebildete Summenskala
rangiert folglich zwischen 10 und 40 Punkten. Ab einem Punktwert von 26 wur-
den Befragte als rechtsextrem eingestuft, ab einem Punktwert von 30 dem „harten
Kern“ der Personen mit verfestigten rechtsextremen Einstellungen zugerechnet.

2 Antwortkategorien: „stimme voll und ganz zu“ (4 Punkte), „stimme überwiegend zu“
(3), „lehne überwiegend ab“ (2), „lehne völlig ab“ (1).
Trends und Ursachen des Rechtsextremismus in Ostdeutschland 123

Tabelle 1 Die Messung rechtsextremer Einstellungen im Thüringen-Monitor nach der


“KonsensdeÀnition” des Rechtsextremismus (Thüringen-Monitore 2001–2014;
Zustimmungswerte 2013)
Fremdenfeindlichkeit Zustimmung
(in %)
„Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem ge- 42
fährlichen Maße überfremdet.“
„Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszu- 44
nutzen.“
„Ausländer sollten grundsätzlich ihre Ehepartner unter den eigenen 21
Landsleuten auswählen.“
Sozialdarwinismus
„Es gibt wertvolles und unwertes Leben.“ 32
„Wie in der Natur sollte sich auch in der Gesellschaft immer der 31
Stärkere durchsetzen.“
Nationalismus und Chauvinismus
„Was unser Land heute braucht, ist ein hartes und energisches 45
Durchsetzen deutscher Interessen gegenüber dem Ausland.“
„Andere Völker mögen Wichtiges vollbracht haben, an deutsche 41
Leistungen reicht das aber nicht heran.“
Verharmlosung des Nationalsozialismus
„Der Nationalsozialismus hat auch seine guten Seiten.“ 21
Antisemitismus
„Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an 15
sich und passen nicht so recht zu uns.“
Rechte Diktatur
„Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine 12
Diktatur die bessere Staatsform.“

Allerdings haben unsere eigenen Untersuchungen zur Validität und Reliabilität


einige Schwächen des Messinstrumentes offengelegt: So musste insbesondere die
Annahme zurückgewiesen werden, die zehn Items bildeten eine eindimensionale
Skala. Eine Hauptkomponentenanalyse wies zwei Faktoren aus, die ihrerseits wie-
derum auf die Existenz zweier Varianten des Rechtsextremismus hindeuteten: den
„Neo-Nationalsozialismus“ sowie den „Ethnozentrismus“. Als forschungsprakti-
sche Konsequenz dieser Erkenntnis wurde ein neuer gewichteter Mittelwertindex
berechnet, der die alte, auf der Eindimensionalitätsannahme beruhende Summen-
skala ablöst (vgl. Best & Salomo, 2014). Um die Vergleichbarkeit der Ergebnis-
se aus den älteren THÜRINGEN-MONITORen und anderen Studien zu gewährleisten,
soll an dieser Stelle zunächst die alte Summenskala interpretiert werden, die den
124 Heinrich Best

Rechtsextremismus als ein einheitliches Muster von Einstellungen und Ideologe-


men modelliert und abbildet.
Die Befragungen des THÜRINGEN-MONITORs zeigen, dass bestimmte Facetten
des Rechtsextremismus (nach der „KonsensdeÀnition“) hohe Zustimmungswerte
unter der Thüringer Bevölkerung erzielen. 2013 stimmten vier von zehn Befragten
fremdenfeindlichen und nationalistischen Aussagen zu, drei von zehn Befragten
stimmten sozialdarwinistischen Positionen zu, jeweils ein Fünftel unterstützte
Aussagen, in denen der Nationalsozialismus verharmlost und ethnisch homogene
Ehen gefordert werden. Jeweils mehr als ein Zehntel der Befragten zeigte AfÀni-
tät zu einer nationalen Diktatur und vertrat antisemitische Vorurteile. Nach Ad-
dition der einzelnen Zustimmungswerte zur Rechtsextremismusskala wurden ca.
zwölf Prozent der Befragten als rechtsextrem klassiÀziert; ein Wert, der bereits
2012 gemessen wurde. Ungefähr fünf Prozent der Befragten wurden entsprechend
ihrem Zustimmungsverhalten 2013 dem „harten Kern“ zugerechnet. Obwohl diese
Anteile gegenüber den Spitzenwerten in der ersten Dekade des Jahrhunderts auf
die Hälfte gesunken sind, werden sie dennoch mit Besorgnis betrachtet: Rechts-
extreme Einstellungen in der Bevölkerung mögen den Nährboden für Wahlerfolge
rechtsextremer Parteien bereiten oder ein gesellschaftliches Klima erzeugen, in
dem sich fremdenfeindliche und rassistische Gewalt Bahn bricht. Damit ist die
Suche nach dem Wesen und den Ursachen des Rechtsextremismus nicht nur von
akademischer oder theoretischer Bedeutung, vielmehr sollte die Forschung auch
wichtige Erkenntnisse liefern, die in die zivilgesellschaftliche Praxis (wie Landes-
programme und Aktionspläne gegen Rechtsextremismus), Demokratiepädagogik
sowie in den politischen Diskurs einÁießen können.
Eine umfassende und detaillierte Kausalanalyse zu rechtsextremen Einstel-
lungen ist möglich, weil der THÜRINGEN-MONITOR eine breite Auswahl soziodemo-
graphischer und sozialpsychologischer Variablen bietet, die als mögliche Ursachen
infrage kommen, und weil diese Variablen jedes Jahr erhoben wurden. Somit kann
auch eine valide, sinnvolle Datenakkumulation und -aggregation stattÀnden. Auf
der Basis eines Gesamtdatensatzes mit ca. 6000 Befragten aus den THÜRINGEN-
MONITORen 2001–2013 wurde eine Pfadanalyse berechnet, die die Rechtsextremis-
musskala als abhängige Variable und eine Vielzahl von Indikatoren als unabhängi-
ge Variablen einschließt (vgl. Tabelle 2). An dieser Stelle werden die Beta-Effekte
(B) solcher Erklärungs- bzw. Prädiktorvariablen dargestellt und interpretiert, die
direkt oder indirekt, also über andere Variablen vermittelt, auf die abhängige Va-
riable wirken und dabei auf dem höchsten SigniÀkanzniveau (p ” 0.001) eine subs-
tanzielle Effektstärke (B = • 0.075) aufweisen.
Trends und Ursachen des Rechtsextremismus in Ostdeutschland 125

Tabelle 2 Überblick angenommener Erklärungsfaktoren und ihr empirischer EinÁuss


auf rechtsextreme Einstellungen (Datenbasis: Thüringen-Monitore 2001–2013,
n=5.981; zur ModellspeziÀkation der Pfadanalyse vgl. Best et al., 2014, S. 157 f.).

Erklärungsfaktor Operationalisierung Beta-Effekte


direkt/indirekt
SoziodemograÀe – Geschlecht (weiblich) -
– Lebensalter (älter) -
– formales Bildungsniveau (niedriger) 0,189 / 0,200
Ökonomische Deprivation
Individuell – Arbeitslosigkeit oder -
– unsicher wahrgenommener Arbeitsplatz -
– subjektiv schlechte Ànanzielle Situation 0 / 0,147
– Eindruck, nicht den gerechten Anteil zu 0 / 0,093
erhalten
– Angst vor Statusverlust (ab 2007 er- 0,139 / 0,107
hoben)
Kollektiv – schlechte Bewertung der Thüringer -
Wirtschaft -
– negativer Vergleich Thüringens mit den -
alten
– und den neuen Bundesländern
Ostdeutsche Deprivation
Individuell – Bewertung der deutschen Einheit als -
nachteilig
Kollektiv – Wahrnehmung der Diskriminierung Ost- 0,151 / 0,154
deutscher durch Westdeutsche
Politische Entfremdung – geringe Eigenwirksamkeitsüberzeugung -
– geringes Vertrauen in politische Institu- -
tionen -
– Unzufriedenheit mit demokratischer
Praxis
Ostdeutsche Vergangenheit – positive DDR-Bewertung 0,152
(politische) Werte – Autoritarismus 0,461
Erklärte Varianz rechtsextremer Einstellungen 46 %
davon durch effektstärkstes Merkmal Autoritarismus 16 %

Zunächst zeigt die Analyse, dass die (objektive) soziale Situation der Befragten
wenig oder keinen EinÁuss auf das Antwortverhalten hat; einzig höhere formale
Bildung senkt tendenziell den Rechtsextremismus-Skalenwert. Überraschender-
weise hat Arbeitslosigkeit keinen signiÀkanten Effekt. Faktoren der subjektiven
Wahrnehmung sozialer Benachteiligung indessen erhöhen deutlich die Neigung
zu rechtsextremen Einstellungen: Dazu zählen die Angst, Verlierer der gesell-
126 Heinrich Best

schaftlichen Entwicklung zu werden; die Auffassung, im Vergleich zu anderen


weniger als den gerechten Anteil zu erhalten und die Meinung, dass Ostdeutsche
von Westdeutschen diskriminiert würden (vgl. Best et al., 2014, S. 154). Alle
diese Faktoren verweisen direkt oder indirekt auf den sozio-historischen Kon-
text Ostdeutschlands, auf die Position der Befragten in diesem Kontext und auf
ihre biographischen Erfahrungen in der postsozialistischen Gesellschaftstrans-
formation.
Von besonderer Bedeutung ist, dass rechtsextreme Einstellungen und eine
positive Bewertung der DDR positiv assoziiert sind (vgl. Best et al., 2014, S. 159).
Demnach sind Thüringer Rechtsextreme häuÀger als andere Befragte der Mei-
nung, dass die DDR mehr gute als schlechte Seiten hatte, ungeachtet des Wider-
spruchs zwischen dem legitimatorischen Antifaschismus der DDR einerseits und
der Verharmlosung des Nationalsozialismus als einer der zentralen DeÀnitions-
bestandteile des Rechtsextremismus andererseits. Bezüglich der Bewertung der
beiden unterschiedlichen historischen Diktaturen bildet sich in den Daten eine
starke positive Assoziation ab; offenbar sind in den Köpfen nicht weniger Befrag-
ter NS-Verharmlosung und DDR-Nostalgie nicht nur kompatibel, sondern mitei-
nander verknüpft. Eine Erklärung für diesen paradox anmutenden Befund liefert
möglicherweise eine weitere signiÀkante unabhängige Variable im Pfadmodell:
Autoritarismus, hier operationalisiert als (kumulative) Zustimmung zu den Aussa-
gen „Wer seine Kinder zu anständigen Bürgern erziehen will, muss von ihnen vor
allem Gehorsam und Disziplin verlangen.“ sowie „In diesen Zeiten brauchen wir
unbedingt eine starke Hand.“ Auf dieser Grundlage sind 46 Prozent der Befragten
als autoritär einzustufen. Der Faktor Autoritarismus hat mit Abstand den stärksten
EinÁuss aller unabhängigen Variablen im Modell. Beide deutschen Diktaturen ba-
sierten (neben all ihren Unterschieden) auf autoritären Prinzipien und setzten die-
se durch, womit eine Verbindung zwischen ihrer jeweiligen Verharmlosung bzw.
Idealisierung bei Teilen der Befragten plausibel erscheint.
Eine weitere paradoxale Assoziation zwischen den Bewertungen der beiden
deutschen Diktaturen manifestiert sich in der AfÀnität der entsprechenden Be-
fragten zur „sozialistischen Ordnung“ (vgl. Best et al., 2014, S. 160). 44 Prozent
der als rechtsextrem eingestuften Thüringer und Thüringerinnen befürworten eine
Rückkehr zum Sozialismus, unter nicht-rechtsextremen Befragten sind es ledig-
lich 14 Prozent. Der Anteil der DDR-Nostalgiker unter denen, die die „Rückkehr
zur sozialistischen Ordnung“ befürworten, beträgt 81 Prozent (gegenüber 42 Pro-
zent der Befragten insgesamt). Der Anteil derer, die den Nationalsozialismus ver-
harmlosen, unter denen, die die „Rückkehr zur sozialistischen Ordnung“ befür-
worten, beträgt 64 Prozent (gegenüber 11 Prozent der Befragten insgesamt; alle
Prozentangaben für 2013). Offenbar verschmelzen hier politische Positionen und
Trends und Ursachen des Rechtsextremismus in Ostdeutschland 127

Ideologeme miteinander, die im Diskurs traditionell als „typisch links“ oder „ty-
pisch rechts(-extrem)“ gelten.
Diese Inkonsistenz macht es auch plausibel, dass sich nur eine kleine Minderheit
der Befragten als rechtsextrem bezeichnet, wenn man sie zu einer Selbstpositionie-
rung im politischen Spektrum auffordert. Die große Mehrheit derer, die aufgrund
ihres Antwortverhaltens als rechtsextrem einzustufen sind, nämlich zwischen drei
Viertel und vier Fünftel der rechtsextremen Befragten, verortet sich selbst in der
politischen Mitte oder links der Mitte. In einigen Befragungswellen des THÜRIN-
GEN-MONITORs verorteten sich sogar mehr Rechtsextreme selbst im linken Flügel
des politischen Spektrums (einschließlich sehr weit links) als im rechten Flügel
(einschließlich sehr weit rechts). Es kann angezweifelt werden, dass solche wider-
sprüchlichen Selbstattributionen aus vorsätzlichen Falschpositionierungen resul-
tieren. Denn Personen, die sich selbst als rechts oder rechtsextrem einordnen und
die in der Befragung – tabubesetzte – rassistische oder neonazistische Positionen
offen vertreten, werden kaum wegen sozialer Erwünschtheit davor zurückscheuen,
sich selbst auch als rechts oder rechtsextrem zu bezeichnen. Vielmehr kann davon
ausgegangen werden, dass die Mehrheit der rechtsextrem Eingestellten sich selbst
als authentische Anhänger der politischen Mitte oder der politischen Linken auf-
fasst, weil in der Vorstellungswelt dieser Befragten heterophobe und autoritäre
Ideologeme mit egalitären Positionen verknüpft sind und sie das Gefühl haben,
einem Mainstream anzugehören.
Diese Annahme bestätigt sich auch in einer Faktorenanalyse der zehn Indi-
katoren der Rechtsextremismusskala. Wie bereits erwähnt wurde, konnten dabei
zwei Faktoren identiÀziert werden: „Neo-Nationalsozialismus“ und „Ethnozent-
rismus“. Der Faktor „Neo-Nationalsozialismus“ umfasst die Indikatoren des So-
zialdarwinismus, des (deutschnationalen) Chauvinismus, der Verharmlosung des
Nationalsozialismus, des Rassismus und teilweise auch des Antisemitismus. Der
Faktor „Ethnozentrismus“ umfasst hingegen Items, die sich auf die vermeintliche
Überfremdung Deutschlands durch massenhafte Zuwanderung, auf den vermeint-
lichen Missbrauch des Wohlfahrtsstaates durch Ausländer und auf die energische
Durchsetzung deutscher Interessen beziehen. Wenn die Items der DDR-Nostalgie
sowie der „Rückkehr zur sozialistischen Ordnung“ in die Faktorenanalyse einbe-
zogen werden, laden diese Variablen auf dem Faktor „Neo-Nationalsozialismus“.
DDR-Nostalgie und SozialismusafÀnität können demnach als Indikatoren für neo-
nationalsozialistische Einstellungen gelten.
In der Zusammenfassung dieser Befunde ist zunächst festzuhalten, dass der
Rechtsextremismus und insbesondere dessen neo-nationalsozialistische Ausprä-
gung eine signiÀkante „linke“ Komponente besitzen, wenn man die DDR und ihre
„sozialistische Ordnung“ als ein linkes Projekt betrachtet. Hinzu kommt die Tat-
128 Heinrich Best

sache, dass rechtsextrem eingestellte Befragte sich selbst mehrheitlich nicht als
rechtsextrem im politischen Spektrum verorten. Dies impliziert jedoch, dass der
öffentliche Diskurs gegen Rechtsextremismus – darunter staatliche Landespro-
gramme und Aktionspläne – einen großen Teil ihrer eigentlichen Zielgruppe ver-
fehlen: Die Mehrheit der Rechtsextremen nimmt sich selbst und ihre Einstellungen
nicht als rechtsextrem wahr. Manche von ihnen sehen sich sogar als „Antifaschis-
ten“; ungefähr ein Drittel erklärte in der Befragung 2013, dass sie sich vorstellen
könnten, an Demonstrationen gegen Neonazis teilzunehmen, fünf Prozent gaben
sogar an, dies bereits getan zu haben.
Eine weitere Frage war, ob es sich beim hier untersuchten Rechtsextremismus
im innerdeutschen Vergleich um ein speziÀsch ostdeutsches Phänomen handelt.
Eine solche Feststellung ist insofern gerechtfertigt, dass nur in Ostdeutschland das
gesellschaftliche und politische Regime des „Realsozialismus“ existierte, bis heu-
te in der kollektiven Erinnerung präsent ist und durch Sozialisationsmuster, (kol-
lektiv-)biographische Erfahrungen und normative Orientierungen fortwirkt (vgl.
Best et al., 2014, S. 163f.) Im Kollektivgedächtnis erscheint die sozialistische Ord-
nung als egalitär, homogen und autoritär – eine Assoziation, die sich auch für die
Repräsentation des Nationalsozialismus Ànden lässt. In diesem Sinne sind DDR-
Nostalgie und NS-Verharmlosung offensichtlich bei einigen (Ost-)Deutschen plau-
sibel miteinander assoziiert. Die Amalgamierung ultranationalistischer und rassis-
tischer Positionen mit Sympathien für die soziale Ordnung des „Realsozialismus“
verbindet den ostdeutschen Rechtsextremismus stärker mit der politischen Kultur
in anderen Ländern Mittel- und Osteuropas als mit der des Westens. In den Län-
dern Mittel- und Osteuropas ist die Verschmelzung linker und rechter Positionen
populär und bereitet einen Nährboden für rechtsextreme und „nationalkommu-
nistische“ Parteien und Bewegungen. Besonders in Russland treten faschistische
Kräfte auf, die sich als antifaschistisch maskieren (vgl. Kelimes, 2012). Sieben
Jahrzehnte nach dem Sieg über den Nationalsozialismus und zwei Jahrzehnte nach
dem Untergang des Kommunismus scheinen neue bedrohliche Gespenster in Mit-
tel- und Osteuropa umzugehen; beim genaueren Hinsehen erweisen sie sich jedoch
als Amalgame des Bekannten.
Trends und Ursachen des Rechtsextremismus in Ostdeutschland 129

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Rechtsextremismus
und pauschalisierende Ablehnungen

Alte Probleme mit neuen Herausforderungen

Kurt Möller

Rechtsextremismus ist in Deutschland – und nicht nur hier – ein gesellschaftli-


ches Problem, das mit unterschiedlichen Konjunkturen seit Jahrzehnten andauert
und bislang anscheinend nicht hinreichend in den Griff zu bekommen ist. Manch
eine(r) mag den Diskurs darüber kaum noch verfolgen, weil er/sie seine Beiträge
allzu häuÀg als NeuauÁage von bereits Bekanntem einstuft und die durch sie an-
geregte Bearbeitung der Rechtsextremismus-Problematik als wenig zielführend
wahrnimmt.
Ähnlich verhält es sich mit den öffentlichen und (inter)disziplinären Debatten
um die Verbreitung von weiteren, auch außerhalb des rechtsextremen Spektrums
schwelenden oder zu Tage tretenden Phänomenen wie feindselige Vorurteile
gegenüber (relativ) machtlosen Gruppierungen und ihren Angehörigen, auf sie zie-
lende Diskriminierung[sbereitschaft]en und damit verbundene Gewaltförmigkei-
ten. Auch diesbezüglich handelt es sich scheinbar um altbekannte Probleme, deren
hartnäckige Fortexistenz bzw. deren punktuelles und temporäres AufÁackern ein
demokratisches und friedvolles Zusammenleben zwar unterminieren, aber gerade
angesichts ihrer Verstetigungen im Alltag nicht selten fatalistisches Achselzucken
hervorrufen.
Wissenschaftlich betrachtet werfen diese Einschätzungen eine Reihe von Fra-
gen auf. Ohne sie selbst in Zweifel zu ziehen, ist in einem ersten Zugriff zumindest
zu klären, ob es sich eigentlich tatsächlich um ‚alte’ Probleme handelt oder ob
sich die augenscheinlich ‚alten’ Probleme nicht vielfach in erneuerter Gestalt dar-
stellen.

W. Frindte et al. (Hrsg.), Rechtsextremismus und „Nationalsozialistischer Untergrund“, Edition


Rechtsextremismus, DOI 10.1007/978-3-658-09997-8_4, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
132 Kurt Möller

Um zur Klärung dieser Frage beizutragen, versucht der vorliegende Beitrag in


einem ersten Schritt, die in Rede stehenden Phänomene begrifÁich adäquat zu
fassen. Er informiert danach im zweiten Schritt über die wichtigsten Aspekte ihres
empirischen Ausmaßes sowie über ihre Entwicklung innerhalb der letzten Jahr-
zehnte und markiert im Zuge dessen alte und neue Herausforderungen, die sie in
sich bergen.

1 „Rechtsextremismus“, „Rechtsradikalismus“,
„Rassismus“, „Neonazismus“
„Menschenfeindlichkeit“, „Vorurteile“ oder was?

Die Vorstellungen von Gegenständen und das Sprechen über sie bestimmen be-
kanntlich deren Wahrnehmung, Deutung, Bewertung und Behandlung mit. Die
Phänomene, um die es hier geht, angemessen begrifÁich zu fassen, ist mithin eine
wesentliche Voraussetzung ebenso für die tragfähige Auseinandersetzung über sie
wie für den Umgang mit ihnen.
Indem wir den Problemkomplex ‚Rechtsextremismus’ schon am Anfang dieses
Beitrags begrifÁich eingeführt haben, gilt es nun zu bestimmen, was darunter zu
verstehen ist und wieso dieser Terminus gegenüber anderweitig ins Spiel gebrach-
ten Alternativbegriffen Vorteile besitzt.
Rechtsextremismus meint in der hier vorgeschlagenen Verwendung einen Kom-
plex von Phänomenen, der inhaltlich durch sechs Komponenten bestimmt wird:

• Nationalismus bzw. nationalen Chauvinismus,


• Antisemitismus,
• Fremden- bzw. Ausländerfeindlichkeit,
• Sozialdarwinismus bzw. Rassismus,
• die Befürwortung autoritärer politischer Strukturen und
• die Verharmlosung des Nationalsozialismus.1

1 Wenn in dieser Aufzählung die Formulierung „bzw.“ auftaucht, so weist sie darauf
hin, dass auch bei den Anhänger/innen der Konsensdefinition teilweise bei Teilas-
pekten nicht immer dieselben Begrifflichkeiten benutzt werden. Festzuhalten ist
diesbezüglich insbesondere: „Rassismus“ wird hier im Gegensatz zum weiter unten
ausgeführten Verständnis „rassismuskritischer“ Wissenschaftler/innen als Teilaspekt
von Rechtsextremismus verstanden und meint die abwertende Unterscheidung von
Menschen oder Menschengruppen entlang biologischer oder angeblich biologischer
(biologistischer) Differenzen. Manche Vertreter/innen der Konsensdefinition bevor-
zugen auf dieser Dimension den Begriff des „Sozialdarwinismus“, weil er über die
Rechtsextremismus und pauschalisierende Ablehnungen 133

Diese an die sog. „Konsens-Formel“ (vgl. Stöss, 2010, S. 57f.; Decker, Brähler &
Geißler, 2006, S. 20f.; Decker u. a., 2010, S. 18; Decker, Kiess & Brähler, 2014)
angelehnte DeÀnition hat den Vorteil, sich einer weitÁächigen Übereinstimmung
innerhalb der Rechtsextremismusforschung sicher sein zu können – dies selbst
dann, wenn man seine Problematiken einräumt. Zu diesen gehören: a) die Posi-
tionierung der mit ihm beschriebenen Phänomene auf einem deutlich markierten
Pol der an sich immer weniger aussagefähigen Rechts-Links-Topographie politi-
scher Positionen, b) eine damit unterstellte Bagatellisierung und erleichterte Aus-
blendung der Existenz mancher seiner Kernelemente auch z. B. in der ‚Mitte’ des
politischen Spektrums, c) die dem Begriff als Kompositum inhärente Nutzung des
„Extremismus“-Begriffs, der ohne den Zusatz „Rechts…“ auch zur Bezeichnung
gänzlich anders gelagerter politischer Phänomene wie vor allem Islamismus und
markante linke politische Positionen Anwendung Àndet und in Gefahr gesehen
werden kann, durch diese Begriffskomponente die Suggestion einer Gleichsetzbar-
keit mit derartigen Phänomenen zu befördern und die Normalisierungen rechtsex-
tremer Haltungen zu kaschieren, d) die sicherheitsbehördliche Verwendung dieses
Terminus in einer Weise, die eher staatsgefährdende Bestrebungen sowie stärker
Verfassungs- als Personenschutz in den Mittelpunkt rückt und in dieser Einseitig-
keit mit seinem oben benannten wissenschaftlichen Gebrauch nicht deckungsgleich
ist, e) eine gewisse Substanzlosigkeit der Bezeichnung selbst, die eher eine Veror-
tung politischer Positionierung (eben am äußersten ‚rechten’ Rand des politischen
Spektrums) als eine inhaltliche Qualität zum Ausdruck bringt (vgl. u. a. zu diesen
Kritikpunkten als Überblick die Beiträge in Forum, 2011). Wenn „Rechtsextremis-
mus“ sich dennoch als Leitbegriff der thematisch einschlägigen Forschung halten
kann, dann im Wesentlichen deshalb, weil der Terminus sich als theoretisch hinrei-

Bezugnahme auf Rassendifferenz hinausragt und auch die Ablehnung, Diskriminie-


rung oder gar Vernichtung von ‚unwertem Leben’ generell beinhaltet. Der Terminus
„Chauvinismus“ wird in der Konsensdefinition gegenüber „Nationalismus“ präferiert,
meint aber wie die gängige Verwendung dieses Begriffs eine übersteigerte Bezug-
nahme auf die ‚eigene’ Nation, die über Patriotismus und nationale Gesinnungen, die
nicht demokratiewidrig sind, hinausgeht. Als exklusiver Nationalismus propagiert und
betreibt er die Überhöhung der ‚eigenen’ Nation bei Abwertung (im Extremfall bis
hin zu Auslöschung) anderer Nationen und ihrer Angehörigen. Selbst als inklusiver
Nationalismus, der sich eine Integrationsfunktion für verschiedene Teilgruppierungen
einer Gesellschaft attestiert, erhebt er ein „Loyalitäts- und Deutungsmonopol“, das
allein die Nation zum allen anderen Integrationsbezügen (Sprache, Region etc.) über-
geordneten identitätsstiftenden Referenzpunkt stilisiert (vgl. Wehler, 1987, S. 508).
„Ausländerfeindlichkeit“ erscheint als ein überholter Begriff, weil das, was mit ihm
bezeichnet werden soll, häufig auch „fremd“ erscheinende (post)migrantische Perso-
nen(gruppierungen) mit deutscher Staatsangehörigkeit trifft.
134 Kurt Möller

chend abgeklärt und empirisch gut operationalisiert darstellt und zugleich auch im
öffentlichen Raum als Problematisierungsformel verstanden wird. Wer ihn vertritt,
argumentiert jedoch zumeist mit Recht, dass der normative Rechtsextremismus-
begriff mindestens soweit ergänzt werden muss, dass auch die Gegnerschaft zum
Republik-, Bundesstaats- und Sozialstaatsprinzip erfasst werden kann (vgl. z. B.
Jaschke, 1991), rekurriert aber daneben in erster Linie auf Heitmeyers, erstmals
1987 formuliertes Verständnis des „soziologischen Rechtsextremismus“. Danach
liegt Rechtsextremismus dann vor, wenn seine zwei Kernelemente, nämlich zum
ersten Ungleichheitsideologien (bzw. -vorstellungen ‚unterhalb’ ideologisch aus-
gearbeiteter Konzepte und Ungleichbehandlung[sforderung]en; vgl. Möller, 2000)
und zum zweiten Gewaltakzeptanz, zusammenÁießen. Erst in Verbindung mit Ge-
waltakzeptanz liegt nach dem hier vertretenen Verständnis im konkreten Fall bei
Ungleichheitsvorstellungen Rechtsextremismus – gleichsam ‚im Vollbild’ – vor.
Unter ‚Gewaltakzeptanz’ ist dabei eine Orientierung zu verstehen, die die aktive
Seite von Gewaltbetroffenheit – im analytischen Gegensatz dazu steht ‚Gewalter-
leiden’ als Opfer – bezeichnet. Im Einzelnen handelt es sich dabei um eine der
folgenden Gewaltformen:

• eigene Gewalttätigkeit,
• Bereitschaft zu eigener Gewalttätigkeit,
• Drohung mit Gewalt,
• Propagierung, Stimulation, Billigung oder Duldung fremdausgeübter Gewalt in
konkreten Situationen,
• generelle, d. h. auch: nicht nur die eigene Person betreffende Befürwortung von
Gewalt als Verhaltens- bzw. Handlungsoption.

Gewalt wird dabei nicht nur als die intentionale physische Schädigung von Perso-
nen oder Sachen verstanden. Eingeschlossen ist auch eine psychische Schädigung
von Menschen. Gewalt wird zudem nicht nur als personal ausagiert und verant-
wortet gesehen, sondern ihre Akzeptanz wird auch in ihren strukturellen bzw.
institutionellen (z. B. obrigkeitsstaatlich-repressiven) Aspekten einbezogen.
Rechtsextremismus wird auch aufgrund dieser deÀnitorischen Bestimmungen
nicht (nur) als eine Einstellung begriffen. Ebenso wenig wird er – umgekehrt –
auf eine politische Verhaltensweise reduziert. Rechtsextremismus wird vielmehr
als eine Haltung verstanden, innerhalb derer Orientierungsaspekte (Einstellungs-
momente, Ressentiments, Mentalitäten2 etc.) und Aktivitätsaspekte (Verhaltens-

2 Mit Theodor Geiger (1932, S. 77ff.) sind darunter zu verstehen „die nicht systemati-
sierten oder wenig systematisierten Gefühle, Gedanken und Stimmungen…, die die
Rechtsextremismus und pauschalisierende Ablehnungen 135

weisen, Handlungen) analytisch unterscheidbar sind und zusammenÁießen (vgl.


Möller, 2000; Möller & Schuhmacher, 2007).
Werden die Begriffe „Rechtsextremismus“ und „Rechtsradikalismus“ im öf-
fentlichen Diskurs heute noch oft als Synonyme verwendet, so ist darauf zu ver-
weisen, dass der „Radikalismus“-Begriff einen etymologischen und begriffs-
geschichtlichen Ballast mitschleppt, der ihn ungeeignet erscheinen lässt, das zu
bezeichnen, was er bezeichnen soll: Zum einen spricht die etymologische Herlei-
tung des Begriffs vom lateinischen „radix“ = die Wurzel gegen eine Bezeichnung
rechtsextremer Haltungen und Bestrebungen als radikal, kann doch die ihnen zu-
grundeliegende politische Ideologie gerade dahingehend kritisiert werden, dass
sie den Dingen nicht analytisch ‚an die Wurzel’ geht. Er wurde zum anderen im
19. Jahrhundert in erster Linie von strukturkonservativer Seite zunächst – etwa
im Vormärz – gegen Demokratiebewegungen überhaupt, später dann gegen die
‚gemeingefährlichen Bestrebungen der Socialdemokratie’ und ‚C ommunisten-
Verschwörungen’ eingesetzt und erst beim Aufkommen des Nationalsozialismus
auch auf politische Gegner von rechtsaußen angewendet. Wo der „Rechtsradika-
lismus“-Begriff dennoch in wissenschaftlichen Kontexten und/oder in Praxen der
Rechtsextremismus-Entgegnung auftaucht, wird er entweder als Kennzeichnung
für ein besonders aggressives und gewaltförmiges Auftreten der extremen Rech-
ten benutzt3 oder er wird – wie bei Stöss (vgl. 2010, S. 14) – als Übergangsbereich
zwischen demokratischer Mitte und Rechtsextremismus verstanden, wobei diesem
dann, anders als dem „Rechtsextremismus“, noch Verfassungskonformität zuge-
schrieben wird. Sein Gebrauch in der Forschung ist also hochgradig inkonsistent.

gegebene Gesellschaft, Klasse, Gruppe, Profession usw. aufweist“.


3 In diesem Sinne wird „Radikalisierung“ als Prozessbegriff auch in der neueren De-
batte um Tier(rechts)schutzaktivismus, vor allem aber um Islamismus (vgl. auch die
„Initiative Sicherheitspartnerschaft“ des BMI) und Terrorismus generell verwendet,
wobei der Begriff auch hier wenig Kontur gewinnt, wenn er z. B. wie bei McCauley
und Moskalenko (2011) als „eine erhöhte Bereitschaft, sich an politischen Konflikten
zu beteiligen“ (S. 219) definiert und auf verschiedene Formen und Richtungen politi-
schen Engagements bezogen wird (vgl. im Überblick auch das Heft von „Der Bürger
im Staat“ 4/2011). Der Terminus „De-)Radikalisierung“ erhält auch im neuen Bundes-
programm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Men-
schenfeindlichkeit“ einen prominenten Stellenwert. Fast will es scheinen, als würde er
‚hinterrücks’ den undifferenzierten „Extremismus“-Begriff in neuem Gewande erneut
einführen (wollen).
136 Kurt Möller

Als Begriffsalternative bringen sich des Weiteren aktuell und teils schon seit
längerem vor allem der „Rassismus“-Begriff und die Bezeichnung „Neonazismus“
ins Gespräch.4
Forscherinnen und Forscher, die den „Rassismus“-Begriff bevorzugen, argu-
mentieren, dass er eher in der Lage ist, die Gesamtheit jener Phänomene und Di-
mensionen zu erfassen, die ihres Erachtens das damit bezeichnete Problemfeld
real aufweist (vgl. dazu z. B. Kapalka & Räthzel, 1994; Rommelspacher, 1995; Me-
cheril u. a., 2010). Mit dem „Rechtsextremismus“-Begriff werde die weit über ex-
tremistische Kreise hinausreichende, „unsere ganze Lebensweise“ prägende „Do-
minanzkultur“ der Verwendung von „Kategorien der Über- und Unterordnung“
(Rommelspacher, 1995, S. 22) ausgeblendet. Vielfach angeregt durch Arbeiten
von marxistisch orientierten Denkern wie Balibar (1990), Hall (1994) und Miles
(1991) und mit Verweis auf seine Verwendung im französischsprachigen sowie
angelsächsischen Raum wird deshalb als übergeordneter Begriff für den Terminus
des („strukturellen“; Rommelspacher, 1995 und/oder auch „kulturellen“; Balibar,
1990) „Rassismus“ (franz.: „racisme“; engl.: „racism“) plädiert. „Rassismus(kri-
tische)“-Forschung hat aus dieser Sicht gesellschaftliche Praxen zum Untersu-
chungsgegenstand zu machen, die erkennbare Differenzen zwischen Menschen
über Abstammungsmerkmale und kulturell-territoriale Zugehörigkeiten konst-
ruieren, den so entstehenden Konstruktionen einheitliche und stabile mentalitäre
Eigenschaften zuschreiben, in dieser Weise über Prozesse des „othering“ (Said,
1995) eine(n) „Andere(n)“ produzieren und ihm/ihr als negativ betrachtete Eigen-
schaften bzw. Nicht-Zugehörigkeit zuordnen. Rassismuskritische Praxis gilt dem-
gemäß als gesellschaftliche, politische und „pädagogische Querschnittsaufgabe“
(Mecheril u. a., 2010, S. 168), nicht allein als Herausforderung für den Umgang mit
politisch Randständigen.
Entgegengehalten wird dem „Rassismus“-Begriff in dieser Fassung und For-
matierung nicht nur Moralismus, Essentialismus und Reduktionismus (vgl. dazu
selbstkritisch Mecheril u. a., 2010, S. 170ff.), sondern vor allem auch eine uferlose,
zumindest aber kaum noch zu operationalisierende Ausweitung der mit dem Be-
griff belegten Erscheinungen und ihrer Hintergründe.
Erheblich kleinformatiger nimmt sich der „Neonazismus“-Begriff aus. Mit
ihm werden neben Verharmlosungs- und Verherrlichungstendenzen des Natio-

4 Der Vorschlag, statt von „Rechtsextremismus“ von der „extremen Rechten“ zu


sprechen, weicht weder terminologisch noch inhaltlich stark vom klassischen
„Rechtsextremismus“-Begriff ab, auch wenn er inhaltlich argumentiert, indem er die
Rechte als krassen Widerpart der Durchsetzung der Ideale von Freiheit und Gleichheit
betrachtet (vgl. Hüttmann, 2011).
Rechtsextremismus und pauschalisierende Ablehnungen 137

nalsozialismus Ideologien der Ungleichwertigkeit, das Ziel der Errichtung einer


‚deutschen Volksgemeinschaft’ und diesem Ziel dienende Organisationen umfasst
(vgl. z. B. Kausch & Wiedemann, 2011). In diesem Zuschnitt wird mit ihm freilich
eine Differenzierung fallengelassen, die der (wissenschaftlich benutzte wie auch
behördlich-ofÀzielle, etwa vom Verfassungsschutz gebrauchte) „Rechtsextremis-
mus“-Begriff beinhaltet, wenn er neonazistische Bestrebungen dieser inhaltlichen
Ausrichtung als Sonderform rechtsextremen Denkens und Verhaltens auffasst.
Rechtsextremismusforschung nimmt, auch wenn sie sich der Konsens-Formel
verpÁichtet sieht, aus gegebenem Anlass (aktuelle Stichworte: Flüchtlingszuwan-
derung, Pegida) zunehmend auch weitere Aspekte der Ablehnung von Minderhei-
ten bzw. relativ machtloser Gruppierungen in den Blick wie etwa Islamfeindschaft,
Asylbewerberabwertung und Antiziganismus (vgl. z. B. Decker, Kiess & Brähler,
2014). Noch weiter stellt die Forschung zur sog. „Gruppenbezogenen Menschen-
feindlichkeit“ (GMF) ihren Fokus ein, wenn sie gegenwärtig 12 Facetten dieses
„Syndroms“ untersucht und als deren verbindenden „Kern“ die „Ideologie der
Ungleichwertigkeit“ ausmacht (vgl. v. a. Heitmeyer, 2002-2012; Zick, Küpper &
Hövermann, 2011; Mansel & Spaiser, 2013; Zick & Klein, 2014):

• Rassismus (im Sinne der o. g. engen Rassismus-DeÀnition),


• Fremdenfeindlichkeit,
• Antisemitismus,
• Antiziganismus,
• Islamfeindlichkeit,
• Sexismus,
• Reklamation von Etabliertenvorrechten,
• Abwertung von Menschen mit homosexueller Orientierung,
• Abwertung von wohnungslosen Menschen,
• Abwertung von behinderten Menschen,
• Abwertung von Langzeitarbeitslosen,
• Abwertung von Asylsuchenden.

Diese als relativ stabil verstandenen und zugleich negativ wertenden „feindseli-
gen“ „Einstellungen“ werden innerhalb der GMF-Forschung auch als stark affek-
tiv verankerte „Vorurteile“ verstanden, die die fälschliche Übertragung von wahr-
genommenen bzw. unterstellten Gruppeneigenschaften auf Individuen und eine
damit verbundene generelle Tendenz zur Abwertung eint (vgl. z. B. Klein, 2014;
Zick, Küpper & Heitmeyer, 2011).
138 Kurt Möller

Das begrifÁiche GMF-Konzept wirft allerdings eine Reihe von Fragen auf. Zu
den wichtigsten gehören die folgenden drei (zur detaillierteren Kritik vgl. Möller
u. a., 2015):

• Existieren die „Gruppen“, die als Adressaten der „Feindseligkeiten“ gelten, tat-
sächlich als soziale Einheiten mit essentieller Substanz oder werden sie nicht
vielmehr erst durch Prozesse der Konstruktion zu solchen erklärt? Müssten also
nicht einmal zunächst die Prozesse der Gruppierung, also der Herstellung von
Vorstellungen über bestimmte soziale Gebilde analysiert werden? Gibt es denn
die Homosexuellen oder die Muslime als jeweilige Gruppen überhaupt? Oder
sind sie nicht vielmehr Resultate von gruppierenden Konstruktionsleistungen,
in die bereits vorhandene, nicht zuletzt schon von Ablehnungen geprägte Vor-
stellungen eingehen?
• Sind es immer unmittelbar Menschen, die abgelehnt werden? Sind es nicht
auch abstraktere Zusammenhänge, etwa Religionen wie der Islam oder Weltan-
schauungen insgesamt, oder auch Lebenspraxen, etwa von Wohnungslosen, die
Gegenstand der Ablehnung werden?
• Können zentral gesetzte Begriffe wie „Feindlichkeit“ und „Abwertung“ über-
haupt hinreichend das Spektrum von Ablehnungen erfassen, das in negativen
Generalisierungen zum Ausdruck gelangt? Was ist z. B. mit Forderungen nach
Ungleichbehandlung bestimmter Gruppierungen, die sich von Ungleichwertig-
keitsunterstellungen absetzen (Etwa: „Ich habe nichts gegen Flüchtlinge. Sie
sind Menschen wie wir. Sie sollen nur nicht in meiner Wohngegend unterge-
bracht werden.“)?

Vor dem Hintergrund solcher Fragen entsteht die Herausforderung, zunächst ein-
mal die unterschiedlichen Ausdrucksformen von solchen Ablehnungen differen-
ziert zu erfassen, die auf Pauschalisierungen beruhen und eben sie auf Prozesse
ihrer biograÀschen Konstruktion sowie deren Kontextuierung zu untersuchen. Es
stellt sich mithin die zentrale Frage: Wie ist das Entstehen und die Entwicklung
(ggf. auch – was hier allerdings nicht das Thema ist – die Distanzierung) von pau-
schalisierenden Ablehnungskonstruktionen (PAKOs) zu erklären?
Doch verschaffen wir uns zunächst einen Überblick über das Ausmaß und zen-
trale Entwicklungen von Rechtsextremismus und darüber hinausgehenden Ableh-
nungsfacetten selbst.
Rechtsextremismus und pauschalisierende Ablehnungen 139

2 Entwicklungen und neue Herausforderungen


durch Rechtsextremismus und weitere Ablehnungs-
haltungen

Die Ausmaße und wichtigsten Entwicklungen des Rechtsextremismus in Deutsch-


land lassen sich unter Berücksichtigung von vier Dimensionen für die hier verfolg-
ten Zwecke hinreichend differenziert erfassen. Es handelt sich um das Wahlver-
halten (1), das rechtsextremistische Personenpotenzial (2), die Zahl der Straf- und
Gewalttaten (3) sowie rechtsextreme Einstellungsaspekte (4).
Hinsichtlich des Wahlverhaltens (1) weisen die Daten des statistischen Bundes-
amtes den Zuspruch zu rechtsextremen Parteien seit Bestehen der Bundesrepublik
Deutschland wie folgt aus:

Abbildung 1 Wahlergebnisse rechtsextremistischer Parteien (DRP, SRP, NPD, DVU,


REP, Pro deutschland) bei Landtags-, Bundestags- und Europawahlen zwi-
schen 1949 und 2014 (kumulierte Ergebnisse über 3%), eigene Darstellung.

Bemerkenswert sind im Zusammenhang dieser Daten zunächst vorrangig drei Punkte:


Zum Ersten zeigt sich, dass Rechtsextremismus seit 1949 ein andauerndes Pro-
blem darstellt. Zum Zweiten hat dieses Problem erkennbar unterschiedliche Kon-
junkturen durchlaufen. Zum Dritten dokumentieren die Diagramm-Balken eine
deutliche Verdichtung der Problematik bei gleichzeitiger Konsolidierung und mit
besonders hohen Ausschlägen in den letzten 25 Jahren.
140 Kurt Möller

Eine etwas genauere Wähleranalyse lässt zudem erkennen, dass es – anders


als zu Zeiten der Gründung der Republik und auch noch in der zweiten Hälfte der
1960er Jahre – längst nicht mehr die sog. „Ewiggestrigen“ sind, die die Proble-
matik tragen. Stärkste Wählergruppierung der extremen Rechten sind inzwischen
vielmehr junge Leute – größtenteils solche, die nicht mehr im Nationalsozialis-
mus, aber auch nicht mehr zu Zeiten der Existenz der DDR politisch sozialisiert
worden sind. Zwei Drittel von ihnen sind männlich. Die Dimension der Problema-
tik und ihre Folgen für die Zukunft der repräsentativen Demokratie werden vor
allem deutlich, wenn man erkennt: Hätten z. B. bei den letzten Landtagswahlen in
Ostdeutschland nur die jungen Männer zwischen 18 und 24 Jahren wählen dürfen,
hätte die NPD überall etwa den drei- bis vierfachen prozentualen Stimmerfolg
einfahren können und dort vielfach deutlich den (z. T. knapp verpassten) Einzug in
die Landtage geschafft.
Wer rechtsextrem wählt, muss nicht unbedingt in rechtsextreme Kreise invol-
viert sein oder rechtsextrem konturierte Kriminalität begangen haben. Obwohl
aus wissenschaftlicher Sicht zu Recht erhebliche methodische Bedenken gegen die
Datenerhebungsmethoden polizeilicher Stellen und gegen die Rechercheweisen
des Verfassungsschutzes und damit auch ihre Resultate geltend gemacht werden
können, ist in Ermangelung vergleichbarer (Langzeit-)Studien mit wissenschaftli-
chen Standards hier in Hinsicht auf das rechtsextreme Personenpotenzial und das
Aufkommen an Straf- und Gewalttaten, die als Verdachtsfälle von extrem rechter
Kriminalität berichtet werden, Folgendes festzuhalten:
Das rechtsextreme Personenpotenzial (2) nimmt nach einem vorübergehenden
Anstieg auf einen Höchstwert im Jahre 1993, einer folgenden leichten Abschwä-
chung und einem Wiederanstieg bis 1998 kontinuierlich ab (vgl. Abbildung 2). Re-
lativ besonders stark trifft der Abschwung die rechtsextremen Parteien. Zugleich
kommen jedoch zunehmend neue Organisationsformen auf: szeneförmige Zusam-
menschlüsse von Neonazis und (subkulturell) Gewaltbereiten, etwa in Gestalt von
sog. „freien Kameradschaften“ oder „autonomen Nationalisten“. Zusammen mit
der in den letzten Jahren beobachtbaren Bündelung parteigebundener bzw. partei-
naher Kräfte in der NPD sind sie für eine qualitative Verschiebung im rechtsext-
remen Personen- und Organisationsspektrum verantwortlich zu machen, die Ba-
gatellisierungs- und Entdramatisierungseinschätzungen, die auf den quantitativen
Niedergang des rechtsextremen Personen- und Organisationspotenzials verweisen,
entgegensteht: die Zunahme von Gewaltbereitschaft, die sich nicht allein an ver-
einzelten Aktionen und Straftaten, etwa bei der Mordserie des sog. „Nationalso-
zialistischen Untergrunds“ zeigt. Vielmehr wird sie inzwischen bei rund 45% der
extrem Rechten festgestellt. Der Löwenanteil (rund 75%-90%, je nach Szene bzw.
Organisation und Funktionsniveau unterschiedlich) des rechtsextremen Personen-
Rechtsextremismus und pauschalisierende Ablehnungen 141

potenzials, mehr noch seines gewaltbereiten Teils (rund 90%), ist männlich. Etwa
drei Viertel des Letzteren sind im Alter unter Mitte 20.

Abbildung 2 Rechtsextremistisches Personenpotenzial und rechtsextreme Organisa-


tionsformen 1985 – 2013, eigene Darstellung.

Werfen wir einen Blick auf die Entwicklung der Zahlen derjenigen, die diese Be-
reitschaften bereits in Taten umgesetzt haben oder in anderer Weise rechtsextrem
straffällig wurden (3), so ist zu registrieren (vgl. Abbildung 3), dass, entgegen der
in der Öffentlichkeit weit verbreiteten Ansicht, extrem rechte Kriminalität habe
ihren Zenit in den Jahren der Ereignisse von Mölln, Rostock-Lichtenhagen und
Solingen, also 1992/93, erreicht, erst danach bis weit hinein in die 2000er Jahre
weitere Gipfelpunkte erreicht wurden. Festzustellen ist für die letzten 10 Jahre
eine Stabilisierung auf einem Niveau von rechtsextremen Straftaten, das zwischen
15.000 und 20.000 Taten jährlich pendelt.
Die Zahlen der Gewalttaten hingegen entwickeln sich so, wie zumeist ange-
nommen wird: Sie haben ihren Höhepunkt 1993 erreicht. Im Laufe der 1990er
Jahre bis heute haben sie sich allerdings auf einem Niveau stabilisiert, das um etwa
das Vierfache (bei den rechtsextremen Straftaten insgesamt ist es das rund 10-fa-
che) die Anzahl entsprechender Taten in der zweiten Hälfte der 80er Jahre in der
BRD übertrifft (bei einem Bevölkerungszuwachs um etwa ¼ durch die Vereini-
gung 1990). Allein über 180 Mordopfer – und damit ein Vielfaches der Mordzah-
len des linken Terrorismus der RAF und seiner Nachfolgeorganisationen – haben
142 Kurt Möller

rechtsextreme Täter seitdem nach einer Zählung der Amadeu-Antonio-Stiftung zu


verantworten (vgl. http://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/news/chronik-der-ge-
walt/todesopfer-rechtsextremer-und-rassistischer-gewalt-seit-1990/). Ganz aktuell
ist ein erheblicher Anstieg der Übergriffe speziell auf Asylsuchende zu registrie-
ren: 150 Übergriffe in 2014 sind dreimal so viele wie 2013 und sechsmal so viele
wie in 2012 (vgl. BDrs. 18/3964). Auch bei den Tätern fallen Merkmalsballun-
gen auf, die sich zugespitzt formuliert mit den Adjektiven skizzieren lassen: jung,
männlich, eher ungebildet. GeograÀsch betrachtet sind die östlichen Bundesländer
überproportional belastet.

Abbildung 3 Rechtsextreme Straf- und Gewalttaten 1985 – 2013, eigene Darstellung.

Zahlen über Wahlerfolge, Personenzusammenschlüsse und Straf- und Gewalt-


taten rechtsextremer C ouleur vermögen allerdings nicht das abzubilden, was an
rechtsextrem konturiertem Alltagsverhalten praktiziert wird. Hierzu liegen Daten
in Bezug auf Jugendliche vor. Nach einer großen Studie mit insgesamt über 20.000
deutschen 15- bis 16-Jährigen (Baier u. a., 2009) zeigt z. B. mehr als ein Viertel der
Neuntklässler nach eigenem Bekunden rechtsextremes Verhalten; während etwa
nur ein Zehntel von ihnen als rechtsextreme Straftäter auffällt und ca. ein wei-
teres Zehntel Gewalt anwendet, ohne bereits gerichtsauffällig geworden zu sein,
drücken die anderen doch immerhin ihre Sympathie für rechtsextreme Positionen
durch gewaltverherrlichendes Verhalten – menschenverachtende Ausdrücke, Sym-
Rechtsextremismus und pauschalisierende Ablehnungen 143

bolverwendungen (z. B. Aufnäher) und Konsum von einschlägigen Musikstücken –


aus; Jungen sind dabei um ein Vielfaches mehr belastet als gleichaltrige Mädchen.
Den zeitlich umfassendsten Überblick über das Ausmaß und die Entwicklung
rechtsextremer Einstellungen vermag aktuell die repräsentative Leipziger Zeit-
reihen-Studie zu liefern. Sie registriert für 2014 die folgenden Zustimmungen zu
Rechtsextremismus-Facetten bei ab 14-Jährigen:

Tabelle 1 Elemente rechtsextremer Einstellung in Deutschland 2014 (in %). (Quelle: De-
cker, Kiess & Brähler, 2014, S. 38)

Gesamt Ost West


(N=503) (N=1.929)
Befürwortung Diktatur** 3,6 5,6 3,1
Chauvinismus** 13,6 15,8 13
Ausländerfeindlichkeit 18,1 22,4 17
Antisemitismus 5,1 4,5 5,2
Sozialdarwinismus* 2,9 4,6 2,5
Verharmlosung Nationalsozialismus 2,2 1,2 2,5
SigniÀkante Unterschiede nach Pearson: *< .05; **p< .01

Der Vergleich der Daten über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrzehnt hin-
weg zeigt insgesamt einen Rückgang der Zustimmungswerte.

18,0
15,8
16,0

14,0

12,0 11,3
10,1 10,5
Anteil in %

10,0 9,1 7,9 9,0


9,7 8,2
9,8 7,6
8,0 8,6 7,4
8,1 8,3 5,6
6,0 7,5 7,6 7,3
6,6
4,0 5,2

2,0

0,0
2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014
Gesamt Ost West

Abbildung 4 Manifest rechtsextreme Einstellung im Zeitverlauf (Quelle: Decker, Kiess


& Brähler, 2014, S. 48)
144 Kurt Möller

Auch wenn manifest rechtsextreme Einstellungen aktuell im Rückgang beÀnd-


lich zu sein scheinen, verbleibt zum einen ein nicht unbedeutender Sockelsatz an
Menschen mit einem sog. geschlossenen rechtsextremen Weltbild, also mit Zu-
stimmungen zu allen der sechs Elemente von Rechtsextremismus, und zum an-
deren der Befund, wonach sich nach wie vor extrem rechte Einstellungsbestände
keineswegs nur bei den Sympathisantinnen und Sympathisanten rechtsextremer
und rechtspopulistischer Parteien Ànden, sondern auch bei den Anhängerinnen
und Anhängern der großen Volksparteien in etwa in dem Maße vertreten sind
wie es die in Tabelle 1 präsentierten Durchschnittswerte ausweisen. Zudem dürfte
fraglich sein, ob nicht gerade in jüngeren Generationen sich Effekte sozialer Er-
wünschtheit einstellen, wenn Befragungsstudien (wie z. B. auch die von Decker
u. a.) mit klassischen Items operieren wie beispielsweise „Der Nationalsozialismus
hatte auch seine guten Seiten“.
Nimmt man weitere GMF-Phänomene zusätzlich in den Blick, so zeigen sich
aktuell z. T. erhebliche Ablehnungsbestände innerhalb der west-, aber vor allem
innerhalb der ostdeutschen Bevölkerung (vgl. Tabelle 2).

Tabelle 2 Prozentuale Zustimmungen zu Facetten Gruppenbezogener Menschenfeind-


lichkeit in Deutschland 2014 (Quelle: Zick & Klein 2014, S. 73)

Gesamt Ost West


(n=1.915) (n=385) (n=1.483)

Abwertung langzeitarbeitsloser Menschen 47,8 55,4 46,3


Rassismus 8,7 11 8,1
Fremdenfeindlichkeit 20 26,9 18,2
Antisemitismus 8,5 11,6 7,8
Abwertung behinderter Menschen 4,1 4 4
Abwertung homosexueller Menschen 11,8 15,3 10,5
Abwertung wohnungsloser Menschen 18,7 22,9 17,1
Etabliertenvorrechte 38,1 41,6 37,6
Sexismus 10,8 10,2 10,9
Abwertung asylsuchender Menschen 44,3 52,8 42,2
Abwertung von Sinti und Roma 26,6 35,1 24,5
Islamfeindlichkeit 17,5 23,5 16

Zu denken gibt hier u. a. insbesondere, dass zum einen Ablehnungshaltungen wie


die in Tabelle 2 angeführten sich in erheblichem Ausmaß auch bei Personen Àn-
den, die sich selbst der politischen Mitte zurechnen und dass zum anderen jüngere
Menschen (16- bis 30-Jährige) in größerem Ausmaß antihomosexuelle, fremden-
Rechtsextremismus und pauschalisierende Ablehnungen 145

feindliche, islamfeindliche, rassistische und sexistische Haltungen besitzen als die


Gruppierung der 30- bis 60-Jährigen und noch stärker als die über 60-Jährigen
Langzeitarbeitslose ablehnen – offenbar aufgrund gerade bei ihnen stark ausge-
prägter ökonomistischer Einstellungen (vgl. Zick & Klein 2014, S. 75ff.). Hohe
Belastungen junger Menschen, speziell Jugendlicher von 15 bzw. 16 Jahren, stellt
auch die Studie von Baier u. a. (2009) fest: Danach sind bei über 40% von ihnen
ausländerfeindliche Einstellungen zu registrieren. Bei 12,7% dieser Gruppierung
Àndet sich außerdem Antisemitismus. Muslimfeindlichkeit weisen 37,7% auf.
Dabei sind die Jungen, vor allem unter den „sehr“ Ausländerfeindlichen und den
Personen mit antisemitischen Orientierungen doppelt so stark vertreten wie die
Mädchen (vgl. zum Komplex geschlechtsspeziÀscher Anfälligkeiten für und Aus-
prägungen von Rechtsextremismus zusammenfassend und im Überblick die Sam-
melbände von Birsl, 2011 und Claus u. a., 2010).
Alles in allem bleibt festzuhalten: Rechtsextremismus ist ein strukturelles und
kein konjunkturelles Problem. Das, was ihm auf entscheidende Weise Kontinuität
sichert, ist dabei weniger sein organisiertes Auftreten als seine Fortexistenz im
Bereich der Orientierungen – auch innerhalb der nachwachsenden Generation(en).
Die Orientierungen wiederum, also Einstellungen, Meinungen, Mentalitäten, poli-
tische Gestimmtheiten, einschlägig aufgeladene symbolische Repräsentationen
etc. scheinen sich in bestimmten Segmenten zu popularisieren und zu normali-
sieren. Gesellschaftlich kursierende Deutungsmuster mit Facetten pauschalisie-
render Ablehnungen wie Islamfeindlichkeit, (Hetero-)Sexismus u. a. stellen dabei
offensichtliche zusätzliche Begünstigungsfaktoren – und auch für sich genommen
dringlich zu bearbeitende Herausforderungen – dar. Insofern wird ein Abbau von
un- und antidemokratischen Tendenzen dieser Couleur solange erfolglos bleiben,
wie die Attraktivität dieser Orientierungen für die sie tragenden Subjekte nicht
entschlüsselt und durch funktionale Äquivalente ersetzt werden kann (vgl. dazu
Möller in diesem Band).
146 Kurt Möller

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Ideologien der Ungleichwertigkeit
und Rechtsextremismus aus der Sicht
der Theorie eines identitätsstiftenden
politischen Fundamentalismus
Wolfgang Frindte und Daniel Geschke

1 Ausgangspunkte und ein neuer Problemraum

Betrachtet man die verschiedenen Ansätze, Rechtsextremismus begrifÁich zu


fassen, so lassen sich zumindest drei „Suchstrategien“ (Klix, 1971, S. 644ff.) im
Sinne einer komplexen Problemlösung unterscheiden: A) Dominant sind im Zeit-
raum 2001 bis 2013 vor allem Strategien, mit denen der Problem- oder Suchraum
eingeschränkt wurde. Zu diesen Strategien gehören jene Ansätze, in denen auf
der Grundlage der „KonsensdeÀnition“ ausgewählte Dimensionen rechtsextremer
Einstellungen untersucht werden (z. B. Decker, Kiess & Brähler, 2012). Das heißt,
auf die Einbeziehung der Gewaltdimension zur Bestimmung und empirischen
Untersuchung rechtsextremer Phänomene wurde dabei verzichtet. Auch die Ansät-
ze, in denen auf den Rassismus-Begriff insistiert wurde (z. B. Butterwegge, 2000),
haben letztlich den Problemraum eingeschränkt. Rassismus ist sicher ein wichti-
ges Merkmal von Rechtsextremismus, aber nicht das hinreichende. Das gilt auch
für die Überlegungen, die Hate-Crime-Forschung in die Rechtsextremismus-For-
schung zu integrieren. Hass und Wut spielen in rechtsextremen Ausschreitungen
häuÀg, aber nicht immer eine tragende Rolle. B) Mit einer Erweiterung des Prob-
lemraums arbeiten schließlich jene Wissenschaftler, die sich der „vergleichenden
Extremismusforschung“ verschrieben haben (z. B. Backes & Jesse, 1993) – mit den
entsprechenden und kritisierten Folgen. C) Eine völlige NeudeÀnierung des Pro-
blemraums versucht hingegen die soziologische Bewegungsforschung (Klärner &
Kohlstruck, 2006).

W. Frindte et al. (Hrsg.), Rechtsextremismus und „Nationalsozialistischer Untergrund“, Edition


Rechtsextremismus, DOI 10.1007/978-3-658-09997-8_5, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
150 Wolfgang Frindte und Daniel Geschke

Diese dritte Suchstrategie hat aber auch ihre Tücken: Die Grenzen eines mög-
lichen Problemraums, um dem Rechtsextremismus empirisch auf die Spur zu
kommen, sind diffus und nur schwer zu erkennen. Klärner und Kohlstruck (2006)
machen auf diese Tücke aufmerksam, wenn sie schreiben:

„Der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich diese politischen wie kulturellen
Aktivitäten (des politischen Rechtsextremismus; W.F., D.G.) bringen lassen, ist der
Wille und Wunsch nach einer speziÀschen Antimoderne in der Moderne“ (Klärner
& Kohlstruck, 2006, S. 32).

In einem interessanten Beitrag beschreibt Richard Münch (1994) die antimoder-


nen Bewegungen als jene Gruppierungen, die sich wehren „gegen die AuÁösung
traditioneller Lebenswelten und Glaubensbestände durch die umfassende Öko-
nomisierung, Politisierung und Rationalisierung (Säkularisierung) des moder-
nen Lebens“ (S. 30). Als Beispiele nennt Münch u. a. kleinbürgerliche Schichten
(z. B. Bewegungen des Handwerks, die sich gegen die Industrie wehren), Arbei-
terschichten (die sich für Arbeitsplatzgarantien einsetzen), industrielle Schichten
(die sich gegen die wachsende ausländische Konkurrenz richten), Bildungsschich-
ten (die gegen die Verdrängung der Hochkultur durch die Massenkultur kämpfen)
usw.
Sicher mögen diese und andere Schichten nicht gegen den EinÁuss rechtsex-
tremer Tendenzen gefeit sein. Die „Mitte-Studien“ belegen das (z. B. Decker et
al., 2012). Ob Teile dieser Schichten aufgrund der von Münch (1994) genannten
Motive per se als rechtsextrem zu bezeichnen sind, dürfte aber bezweifelt werden.
Kurz und gut: Die Differenz von Moderne und Antimoderne scheint zunächst
nicht sonderlich hilfreich zu sein, um den Problemraum zu markieren, innerhalb
dessen der Rechtsextremismus verortet werden kann. Allerdings sprechen Klärner
und Kohlstruck (2006, S. 32) vom „Wunsch nach einer speziÀschen Antimoder-
ne in der Moderne“ (Hervorhebung, W.F., D.G.), der den kleinsten gemeinsamen
Nenner bezeichnet, durch den sich die verschiedenen rechtsextremen Bewegungen
auszeichnen. Diese SpeziÀk müsste also genauer bestimmt werden, um vielleicht
doch noch einen hilfreichen Problemraum zur Bestimmung des Rechtsextremis-
mus aufspannen zu können.
Anregungen zu einer solchen SpeziÀzierung fanden wir bei Thomas Grum-
ke (2001. Grumke analysiert den Rechtsextremismus in den USA und stützt sich
dabei auch auf die zivilisationstheoretische Untersuchung fundamentalistischer
Bewegungen in der Moderne von Shmuel Eisenstadt (1998). Die Ideologie (Eisen-
stadt spricht von „antimoderne(r) Einstellung“; 1998, S. 84) der fundamentalisti-
schen Bewegungen ist „… nicht einfach nur eine Reaktion traditioneller Gruppen
Ideologien der Ungleichwertigkeit und Rechtsextremismus … 151

auf die Verführung durch neue Lebensstile, sondern eine militante Ideologie, die
grundlegend in eine hochmoderne Struktur eingebunden ist“.
Auch hier spielt also der Widerspruch zwischen Moderne und Antimoderne
eine Rolle. „Die Grundideologie des Fundamentalismus“, so Eisenstadt (1998,
S.77), „ist antimodern, stellt eine Negation der Grundsätze der Moderne als Kultur
dar, jedoch nicht notwendigerweise ihrer technologischen und organisatorischen
Aspekte“. Eisenstadt illustriert diese Dialektik zwar überwiegend an Beispielen
des religiösen Fundamentalismus (im Islam, dem Judentum), verweist aber auch
auf Parallelen zwischen diesen Fundamentalismen und kommunistischen bzw. to-
talitären Regimes (z. B. Eisenstadt, 1998, S. 82f.). Die damit quasi angedeutete
Brücke zu politisch-fundamentalistischen Strömungen und Bewegungen könnte –
im Sinne der o. g. NeudeÀnierung des Problemraums – durchaus hilfreich sein,
einen neuen und differenzierten Blick auf den Rechtsextremismus zu werfen. Mit
der im Folgenden vorgestellten Theorie und den sich anschließenden drei empiri-
schen Sekundärstudien soll ein solcher Blick versucht werden.

2 Postulate einer Theorie eines identitätsstiftenden


politischen bzw. religiösen Fundamentalismus (TIF)

2.1 Absichten

Vorgestellt wird im Folgenden eine sozialpsychologische Theorie, mit der eine


neue und u. U. erweiterte empirische Perspektive auf rechtsextreme Tendenzen
verbunden ist. Mit dieser Theorie wird allerdings nicht der Anspruch erhoben,
generelle und über die sozialwissenschaftlichen Grenzen hinausgehende Erklä-
rungen des Rechtsextremismus Ànden zu wollen. Interdisziplinäre Anknüpfungs-
punkte und Anschlüsse sind indes erwünscht und angestrebt. Abbildung 1 illust-
riert die Grundstruktur der Theorie, die im Folgenden erklärt wird.
152 Wolfgang Frindte und Daniel Geschke

Potentielle Potentielle
P rädiktoren Potentielle Kriterien
Mediatoren

Makro-soziale
Makro-soziale G ewaltbereitschaft,-
Bedingungen für
B edingungen für akzeptanz- und
recht sextreme
recht sextre me handeln
T endenzen
T endenzen

Soziale bzw.
Meso- soziale
Kollektive Identität Fundamentalistische
Bedingungen für
als Identifikation mit Ideologien der
recht sextreme
relevanten Ungleichwertigkeit
T endenzen
Bezugsgruppen

Mikro-soziale
Negative
Bedingungen für
Intergruppen-
recht sextreme
Emotionen
T endenzen

Abbildung 1 Grundstruktur der Theorie eines identitätsstiftenden politischen bzw. reli-


giösen Fundamentalismus (TIF).

2.2 Das Explanandum: Rechtsextremismus

Die potentiellen Kriterien des Problemraums, also die zu erklärenden Variablen,


bilden rechtsextreme Tendenzen. Damit sind fundamentalistische Ideologien (der
Ungleichwertigkeit) in Verbindung mit Gewaltpotentialen und negativen Gruppen-
emotionen gemeint.

Ad 1.

Rechtsextremismus ist eine Ideologie


Ideologien werden nach wie vor produziert und konstruiert. Ihre Lebendig-
keit verdanken sie der aktuellen Relevanz des Globalen und dem vielstimmi-
gen Reden über die Globalisierung. Ideologien im nachideologischen Zeitalter
weisen zumindest folgende Merkmale auf: Sie sind gruppenspeziÀsche soziale
Bezugssysteme, um Vergangenes zu analysieren, Diagnosen über Gegenwärti-
ges zu formulieren und Prognosen über Zukünftiges zu entwerfen. Ideologien
stellen somit Konstruktionen bereit, um die Unvorhersagbarkeit von Welt zu
reduzieren.
Ideologien der Ungleichwertigkeit und Rechtsextremismus … 153

Ideologien eignen sich offenbar als „Feste Punkte“, als übergreifende Bezugs-
systeme zur Orientierung in einer komplexen Welt (vgl. auch Jost, 2006). Auch
der Rechtsextremismus scheint in diesem Sinne geeignet zu sein, als übergrei-
fendes und gruppenspeziÀsches Bezugssystem zur Orientierung in einer kom-
plexen Welt zu fungieren.

Ad 2.

Rechtsextremismus ist eine fundamentalistische Ideologie


Ideologien wirken in den jeweiligen Gruppierungen und Gemeinschaften als
Facetten des kulturellen Systems. Diverse Gruppierungen und Gemeinschaften
gehen hausieren mit ihren Ideologien, die dem gemeinschaftsinternen Konsens
und/oder den Vorstellungen ihrer Wortführer entsprechend als normative Leit-
linien von Welt- und Lebensbegründungen zu gelten haben. In diesem Sinne
versuchen Gruppierungen und Gemeinschaften u. U., konkurrierende Ideolo-
gien zu unterdrücken und/oder aus dem gesamtgesellschaftlichen Diskurs zu
vertreiben, um an deren Stelle ihre eigenen Welt- und Lebensbegründungen zu
etablieren.
Aus dieser Perspektive macht es durchaus Sinn vom „falschen Bewusstsein“
(Marx & Engels, MEW, Band 39, S. 97)1 zu sprechen, das durch Ideologie kons-
truiert wird. Falsches Bewusstsein spiegelt eine Ideologie dann wider, wenn
eine soziale Gemeinschaft a) die eigenen Leitideen oder Ideologien für allge-
mein gültig auch für andere, oder alle anderen sozialen Gemeinschaften er-
klärt, b) die Leitideen oder Ideologien anderer Gemeinschaften abwertet und c)
unter Umständen zu bekämpfen versucht. Dann wird Ideologie zum politischen
Fundamentalismus.
Rechtsextremismus ist eine fundamentalistische Ideologie im mehrfachen Sin-
ne: a) Rechtsextremismus richtet sich gegen die „Fundamente“, „die den Kern
der Moderne ausmachen und in den universellen Grundrechten ihren Ausdruck
Ànden“ (Meyer, 2011, S. 28). b) Rechtsextremismus tritt mit dem Anspruch auf,
die eigene Ideologie für allgemein gültig zu erklären. c) Diejenigen Gemein-
schaften, die sich nicht der rechtsextremen Ideologie unterordnen und die nicht

1 Fälschlicher Weise wird häufig angenommen, die Aussage von der Ideologie als „fal-
sches Bewusstsein“ sei von Marx und Engels bereits in der „Deutschen Ideologie“
(MEW, Bd. 3) getroffen worden. Tatsächlich taucht die Aussage vom „falschen Be-
wusstsein“ aber erst in einem Brief auf, den Engels am 14. Juli 1893 an Franz Mehring
geschrieben hat.
154 Wolfgang Frindte und Daniel Geschke

den rechtsextremen Norm- und Wertvorstellungen entsprechen, werden abge-


wertet, diskriminiert und u. U. mit Gewalt bekämpft.

Ad 3.

Rechtsextremismus ist eine militante Ideologie


Die militante fundamentalistische Ideologie des Rechtsextremismus dient – eben-
so wie andere Fundamentalismen – als grundlegendes Bezugssystem, mit dem
sich die Anhänger identiÀzieren (im Sinne der sozialen Identität; Tajfel & Turner,
1986) und als soziale Bewegung (Rucht, 2002) bzw. soziale Milieus organisieren.
Über den Zusammenhang zwischen rechtsextremer fundamentalistischer Ideo-
logie (operationalisiert im Sinne der Ideologie der Ungleichwertigkeit, nach
Heitmeyer und Kollegen, Heitmeyer et al., 1992) und der Gewaltdimension gibt
es in der Literatur nach wie vor unterschiedliche Auffassungen und empirische
Befunde (z. B. Fischer, 2006; Fuchs, 2003; Giddens, 1997). Möglicherweise –
so ist auf der Basis bisheriger Studien zu vermuten – wirken rechtsextreme fun-
damentalistische Ideologien im Sinne der Ideologien der Ungleichwertigkeit
einerseits als Legitimationsinstanzen für Gewalttendenzen; andererseits entfal-
ten sie ihre Wirkung vor allem dann, wenn sie funktional für die IdentiÀkation
mit relevanten Bezugsgruppen sind.

Ad 4.

Rechtsextremismus ist eine fundamentalistische und militante Ideologie und


legitimierendes Bezugssystem für Gruppenemotionen
Dass rechtsextreme Aktionen, Tendenzen und Ideologien auf der Seite der Ak-
teure mit starken Emotionen verknüpft sein können, lässt sich nicht bezweifeln
(Frindte & Neumann, 2002; Möller & Schuhmacher, 2007; Willems, Eckert,
Würtz & Steinmetz, 1993; u. v. a.). Auch die „Hate-C rime“-Forschung macht
auf die Verknüpfung von rechtsextremen GewaltafÀnitäten und emotionale Be-
teiligung aufmerksam (vgl. z. B. Disha, Cavendish & King, 2011).
Frindte und Neumann (2002) fanden in ihren Interviews mit fremdenfeindli-
chen Gewalttätern Hinweise, dass die Gewalttaten der Interviewten von starken
Emotionen begleitet werden. Quantitativ überwiegen in den Schilderungen der
Interviewten eher negative Emotionen (57 %), während ein Viertel der Befrag-
ten eher positive Emotionen berichteten. Auch in der Benennung von Einzel-
emotionen steht Hass an erster Stelle. In der Rangreihe folgen nach Spaß und
Glück Wut, Ärger und Angst. Auffällig ist auch ein signiÀkanter Unterschied
zwischen ost- und westdeutschen Tätern. In neun von zehn westdeutschen Ta-
Ideologien der Ungleichwertigkeit und Rechtsextremismus … 155

ten lassen sich Aussagen negativer Emotionen Ànden, aber nur in weniger als
der Hälfte der ostdeutschen Fälle. Knapp 30 % der ostdeutschen Täter äußern
dagegen einen mit der Tat verbundenen positiven Affekt, während dies nur je-
der zehnte Westdeutsche beschreibt.
Wenn Emotionen Begleiterscheinungen rechtsextremer Aktionen und rechts-
extremer Ideologien sind und solche Aktionen und Ideologien in der Regel
durch Gruppen oder Gemeinschaften ausgeübt bzw. vertreten werden, so ist
zu vermuten, dass die beteiligten Akteure sich mit diesen Gruppenaktionen
und -ideologien identiÀzieren. Smith (1993) hat darauf aufmerksam gemacht,
dass unter solchen oder ähnlichen Umständen die Akteure weitgehend ähnliche
Emotionen („social emotions“ oder Intergruppengefühle) teilen. Intergruppen-
gefühle sind Emotionen, die in Intergruppenkontexten ausgelöst, von den Mit-
gliedern einer Ingroup geteilt und gegenüber den Mitgliedern einer Fremdgrup-
pe geäußert werden. Dazu gehören nach Smith (1993, S. 306) sowohl mildere
Gefühle, wie Furcht und Ekel, als auch starke negative Gefühle, wie Verach-
tung, Neid, Wut oder Hass.

Zwischenfazit:
In der Konsequenz von Ad 1 bis Ad 4 wird Rechtsextremismus als Triple-Phäno-
men (Dreikomponenten-Ansatz) konzipiert: als fundamentalistische Ideologie (der
Ungleichwertigkeit), durch die Gewaltpotentiale (Gewaltakzeptanz, -bereitschaft
und -handeln) und negative Gruppenemotionen legitimiert werden können.

2.3 Makro-Meso-Mikro-Prädiktoren

Wird Rechtsextremismus als fundamentalistische Ideologie mit Gewaltpotential


und verknüpften negativen Intergruppenemotionen begriffen, so bieten die in den
letzten 25 Jahren durchgeführten empirischen Studien zum Rechtsextremismus und
zum Fundamentalismus2 sowie die Hate-Crime-Forschung profunde Hinweise auf
mögliche Prädiktoren rechtsextremer Tendenzen. Dabei handelt es sich nicht nur
um individuelle Ursachen bzw. Prädiktoren, sondern, wie Miles Hewstone (2004)
in einem Vortrag im Wissenschaftszentrum für Sozialforschung feststellte:

2 McCleary und Kollegen (2011) analysierten 28 Studien, in denen psychologische Va-


riablen und deren Zusammenhänge mit fundamentalistischen Einstellungen unter-
sucht wurden. Besonders starke signifikante Zusammenhänge zeigten sich dabei mit
Autoritarismus, Ethnozentrismus, Militarismus und generellen Vorurteilen gegenüber
Homosexuellen. Die Parallelen zum Rechtsextremismus sind also auffallend.
156 Wolfgang Frindte und Daniel Geschke

„Die Hauptursachen von Vorurteilen und Diskriminierung gegenüber Zuwanderern


scheinen wirtschaftliche Probleme bei einem gleichzeitigen Anstieg der Zuwande-
rerzahlen sowie Verhaltensweisen von Angehörigen politischer Eliten, die Minder-
heiten zu Sündenböcken machen, zu sein. Um diesen Zusammenhang noch näher zu
erforschen, bedarf es einer Analyse, in die Erkenntnisse aus den Wirtschafts- und
Politikwissenschaften, der Soziologie und der Sozialpsychologie einÁießen müssen“
(Hewstone, 2004, S. 8).

Eine solch interdisziplinäre Analyse, wie sie von Hewstone gefordert wird, kann
und soll an dieser Stelle nicht geleistet werden. Die sozialpsychologische Perspek-
tive, die mit der angestrebten Theorie eines identitätsstiftenden politischen bzw.
religiösen Fundamentalismus (TIF) eingenommen wird, schließt den EinÁuss
wirtschaftlicher, politischer und allgemeiner Faktoren auf rechtsextreme Tenden-
zen zwar nicht aus, betrachtet deren Wirkung aber (entsprechend dem methodo-
logischen Individualismus der Sozialpsychologie) als Folge individueller und/oder
gruppenspeziÀscher Wahrnehmungen, Bewertungen und Attributionen.
Für die Analyse dieser Prädiktoren wurde das an Pettigrews (1996) angelehnte
Mehrebenen-Konzept bereits eingeführt (siehe den Beitrag von Frindte et al. in
diesem Band), welches wir nun beispielhaft – und ohne Anspruch auf Vollständig-
keit – mit theoretischen Konzepten und empirischen Befunden unterlegen:
Ad 1. Auf Prädiktoren, die auf einer Makroebene angesiedelt sind, verweisen
die Befunde, in denen ökonomische und politische Kontextbedingungen als rele-
vante EinÁussfaktoren identiÀziert wurden (z. B. Vereinzelungs-, Ohnmachts- und
Handlungsunsicherheitserfahrungen in Folge individueller bzw. gruppenspeziÀ-
scher Desintegrationserscheinungen, z. B. Heitmeyer et al., 1992; Decker et al.,
2012) oder „Medien“ in ihrer Funktion als „Interpretationsrahmen“ oder „diskur-
sive Gelegenheitsstrukturen“ eine gewichtige Rolle spielen (z. B. Klärner, 2008;
Frindte & Haußecker, 2010).
Ad 2. Auf einer Mesoebene lassen sich jene sozialpsychologischen und soziolo-
gischen Prädiktoren verorten, die sich auf diverse SozialisationseinÁüsse beziehen
(z. B. HeÁer, Boehnke & Butz, 1999), das Agieren rechtsextremer Gruppierungen,
Milieus, Organisationen und Bewegungen und deren KonÁikte mit „gegnerischen“
Milieus etc. beschreiben (z. B. Möller & Schuhmacher, 2007), sich im Rahmen der
Bewegungsforschung als relevant zeigen (vgl. Grumke, 2013), bzw. im Allgemei-
nen auch als Bedingungen für Intergruppen-KonÁikte identiÀziert wurden (u. a.
die Integrated Threat Theory, Stephan & Stephan, 2000).
Ad 3. Auf der Mikroebene Ànden sich u. a. die psychologischen Prädiktoren,
die auf den EinÁuss von Selbstkonzept-Variablen (z. B. HeÁer & Boehnke, 1995),
auf die Rolle zentraler Wertorientierungen (z. B. Götz, 1997), auf „generalisierte
Ideologien der Ungleichwertigkeit und Rechtsextremismus … 157

Einstellungen“3 (wie Autoritarismus und Soziale Dominanzorientierung, vgl. z. B.


Duckitt & Sibley, 2010; Seipel, Rippl & Schmidt, 1995), auf die Verortung im
politischen Spektrum (Best et al., 2013) oder auf andere individuelle Prädiktoren
rechtsextremer Tendenzen verweisen.

2.4 Vermittlungsinstanzen oder Mediatoren

Ob und inwieweit die Prädiktoren fundamentalistische Ideologien (der Ungleich-


wertigkeit) beeinÁussen, hängt ganz entschieden davon ab, ob sich Personen mit
fundamentalistischen Gruppen, Gemeinschaften oder Bewegungen identiÀzieren
und mit diesen sozialen Gruppen, Gemeinschaften oder Bewegungen relevante
soziale Vorstellungen teilen.
Die damit angesprochenen sozialen Konstruktionen deÀniert Klandermans fol-
gendermaßen (2014):

„Social identity concerns the socially constructed cognitions of an individual about


his membership in one or more groups. Collective identity concerns cognitions
shared by members of a single group about the group of which they are a member”
(Klandermans, 2014, S. 3; Hervorh. Im Original).

Das heißt, wir haben es theoretisch zumindest mit zwei „Entitäten“, Beschaf-
fenheiten oder Konstruktionen zu tun, deren Differenzierung in der klassischen
Theorie der sozialen Identität (Tajfel & Turner, 1986) so explizit noch nicht vor-
genommen wurde, aber in neueren Arbeiten (vor allem im Kontext politischer Ak-
tionen und sozialer Bewegungen) eine wichtige Rolle spielt (z. B. Aroopala, 2012;
Klandermans, Sabucedo, Rodriguez & Weerd, 2002): a) die IdentiÀkation einer
Person mit relevanten sozialen Bezugsgruppen und b) die interindividuell mehr
oder weniger übereinstimmenden sozialen Konstruktionen der Mitglieder dieser
Bezugsgruppen. Die empirische Differenzierung beider Konstruktionen dürfte al-
lerdings – nicht zuletzt wegen den sehr unterschiedlichen Operationalisierungen –
nicht leicht sein (vgl. Ashmore, Deaux & McLaughlin-Volpe, 2004; Jackson &
Smith, 1999). Von diesen methodischen Schwierigkeiten und begrifÁichen Unter-
schieden sehen wir zunächst ab:

3 Autoritäre Überzeugungen und Soziale Dominanzorientierung werden in der sozial-


psychologischen Literatur in Anlehnung an Allport (1935) auch als generalisierte Ein-
stellungen (Six, 1996) oder als ideological beliefs bezeichnet (Jost, 2006).
158 Wolfgang Frindte und Daniel Geschke

Ad 1. Unter sozialer Identität einer Person verstehen wir – im Sinne der Theorie
der sozialen Identität (SIT, Tajfel & Turner, 1986) – die Summe der IdentiÀka-
tionen mit bestimmten sozialen Kategorien (Gruppen, Gemeinschaften, Milieus
oder sozialen Bewegungen) und die mit diesen Kategorien assoziierten Werte und
Eigenschaften. Die soziale Identität einer Person konstituiert mit der personalen
Identität (die Summe der persönlichen Fähigkeiten und Charaktereigenschaften)
das Selbstkonzept einer Person. IdentiÀkation mit sozialen Kategorien bedeutet
hier die subjektive Bedeutsamkeit diese Kategorien für die soziale Identität.
Ad 2. Entsprechend der SIT ist davon auszugehen, dass Menschen bestrebt sind,
eine positive soziale Identität zu erlangen. In Abhängigkeit vom sozialen Kontext
(und den Erfahrungen im Umgang mit den Kontextbedingungen) kann sich eine
Person mit unterschiedlichen sozialen Kategorien identiÀzieren und auf unter-
schiedlichen Abstraktionsniveaus selbst kategorisieren. Im Ergebnis der IdentiÀ-
zierungs- und Kategorisierungsprozesse wird eine positive Abgrenzung der Eigen-
gruppen (der relevanten Bezugsgruppen) zu relevanten Fremdgruppen angestrebt.
Die soziale Identität ist einerseits Ergebnis der Interaktion mit den sozialen Kon-
textbedingungen und fungiert andererseits als individuelles Bezugssystem, um
die soziale Umwelt (und die damit verbundenen Kontextbedingungen) danach zu
beurteilen und zu bewerten, inwieweit sie selbstwertdienlich oder selbstwertbeein-
trächtigend sind.
Ad 3. Die soziale Identität, die als Folge derartiger IdentiÀzierungs- und Ka-
tegorisierungsprozesse konstruiert wird, fungiert als Vermittler bzw. Mediator
zwischen den wahrgenommenen (selbstwertdienlichen bzw. selbstwertbeeinträch-
tigenden) Kontextbedingungen und den Bewertungs- und Handlungsstrategien im
Umgang mit diesen Kontextbedingungen (z. B. dann, wenn die Kontextbedingun-
gen die soziale Identität und somit auch das Selbstkonzept einer Person zu beein-
trächtigen bedrohen; vgl. auch Amiot, Terry & McKimmie, 2012).
Ad 4. Rechtsextremismus als fundamentalistische Ideologie (der Ungleichwer-
tigkeit), durch die Gewaltpotentiale (Gewaltakzeptanz, -bereitschaft und –handeln)
und negative Gruppenemotionen legitimiert werden können, betrachten wir in die-
sem Sinne als eine funktionale Ideologie. Funktional ist diese Ideologie deshalb,
weil sie (sozial geteilte) Bewertungs- und Handlungsstrategien im Umgang mit
den selbstwertdienlichen bzw. selbstwertbeeinträchtigenden Kontextbedingungen
nahelegt (die Prädiktoren auf makro-, meso- und mikrosozialer Ebene). Die sozia-
le Identität fungiert als Vermittler bzw. Mediator zwischen den wahrgenommenen
Kontextbedingungen und der fundamentalistischen Ideologie der Ungleichwertig-
keit, den Gewaltpotentialen und den Gruppenemotionen. Das heißt, welchen Ein-
Áuss die (in zahlreichen Studien nachgewiesenen) Prädiktoren auf die fundamen-
talistische Ideologie der Ungleichwertigkeit, die Gewaltpotentiale und negativen
Ideologien der Ungleichwertigkeit und Rechtsextremismus … 159

Gruppenemotionen haben, hängt nicht ausschließlich, aber im hohen Maße von


der IdentiÀkation mit relevanten Bezugsgruppen (und damit von Aspekten der so-
zialen Identität) ab.
Abbildung 2 illustriert diese Annahmen – ergänzt um mögliche Variablen,
durch die die Prädiktoren und das Explanandum operationalisiert werden kön-
nen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Die starken schwarzen Linien sollen die
angenommenen Mediatorprozesse verdeutlichen und die schwachen Linien zwi-
schen den Prädiktoren und dem Explanandum die durchaus ebenfalls zu vermu-
tenden direkten Relationen.

Potentielle
Potentielle Prädiktoren Potentielle Kriterien
Mediatoren

Wahrnehmung & Bewertungen Akzeptanz


ökonomischer Ko nt exte
Makro-soziale
Bedingungen;
Wahrnehmung & Bewertung gesellschaftlic he G ewaltpotentiale Bereitschaft
politischer K on texte Strukturen
und Proze sse
Wahrnehmung & Bewertung Handeln
medialer Kontexte

R assi sm us

Wahrnehmung und Bewertung


von Intergruppen-Wettbewerb F remden-
Meso- sozial e F undamenta- feindlichkeit
Soziale Identität als
Bedingungen: listische
Wahrnehmung und Bewertung Identifikation mit
Gruppen- und Ideologien der Antisemit ismus
von Intergruppen-Konflikte relevanten
Intergruppen- Ungleich-
Bezugsgruppen
Beziehungen wertigkeit
Isl amfeindlichkeit
Wahrnehmung und Bewertung
von Intergruppen-Bedrohungen
Abwertung von
Asy lbewerbern

Etablierten-
vorrechte
Auoritarismus

Soziale Dominanzorientierung Hass


Mikro-soziale
Bedingungen: Intergruppen-
Wertorientierungen Individuelle Wut
Emotionen
Dispositionen und
Orientierungen
Religiosität V erachtun g

Politische Or ie ntierung

Abbildung 2 Theorie eines identitätsstiftenden politischen bzw. religiösen Fundamenta-


lismus (TIF) mit Operationalisierungsmöglichkeiten.

Die Kernhypothese der TIF ist relativ simpel: Die soziale Identität als Iden-
tiÀkation mit relevanten Bezugsgruppen fungiert als Mediator zwischen den
Kontextbedingungen und der fundamentalistischen Ideologie der Ungleichwer-
tigkeit, den Gewaltpotentialen und den Gruppenemotionen.
160 Wolfgang Frindte und Daniel Geschke

Dass die soziale Identität als Prädiktor z. B. für kollektive Aktionen zu wirken
scheint, lässt sich empirisch ziemlich gut belegen (vgl. z. B. C akal, Hewstone,
Schwär & Heath, 2011). Auch dass makro-soziale Belastungen (z. B. gruppenbezo-
gene relative Deprivation in Folge gravierender gesellschaftlicher Veränderungen)
das individuelle Erleben in Abhängigkeit von der sozialen Identität beeinÁussen,
ist empirisch nachweisbar (z. B. Grant, 2008). Problematisch dürfte unsere Kern-
hypothese aber dann sein, wenn – wie wir es tun – angenommen wird, auch der
EinÁuss mikro-sozialer Bedingungen (wie autoritäre oder sozial-dominante Über-
zeugungen) auf das Ausmaß rechtsextremer Tendenzen (fundamentalistische Ideo-
logie der Ungleichwertigkeit, Gewaltpotentiale und Gruppenemotionen) werde
über die IdentiÀkation mit relevanten Bezugsgruppen mediiert. Die empirischen
Befunde scheinen eher dafür zu sprechen, dass die IdentiÀkation mit relevanten
Bezugsgruppen (z. B. die IdentiÀkation mit der eigenen Nation als nationale Identi-
tät) individuelle Variablen, wie autoritäre Überzeugungen oder soziale Dominanz-
orientierung, beeinÁusst (z. B. Liu, Huang & McFedries, 2008) bzw. die nationale
Identität nicht als Mediator-, sondern als Moderatorvariable4 wirkt.
Die Kernhypothese ist somit noch teilweise empirisch unbestimmt. Deshalb
werden im folgenden Abschnitt die Datensätze eigener Studien genutzt, um empi-
rische Belege zu präsentieren, mit denen die TIF fundiert werden kann.

3 Empirische Belege

Bei den folgenden Auswertungen handelt es sich um Sekundäranalysen von Stu-


dien, die im Zeitraum von 1998 bis 2011 durchgeführt wurden. Insofern stehen
die diesen Studien ursprünglich zugrundeliegenden theoretischen Annahmen, die
darauf aufbauenden Operationalisierungen und die methodischen Realisierungen
nicht im direkten Zusammenhang mit der Konzeptualisierung der TIF und der o. g.
Kernhypothese. Dennoch enthalten die Datensätze dieser Studien Variablen, deren
Operationalisierung genutzt werden kann, um diese Kernhypothese zu prüfen.

4 Eine Mediatorvariable vermittelt den statistischen Zusammenhang zwischen zwei


anderen Variablen, und repräsentiert dabei den ablaufenden Prozess. Zum Beispiel:
Man nimmt an, dass Menschen mit zunehmendem Alter autoritärer werden, weil sie
nach und nach mehr Verantwortung übernehmen müssen. Eine weitere Annahme lau-
tet, dass höherer Autoritarismus mit höherer Ausländer-Ablehnung einhergeht. Somit
müsste höheres Alter (Prädiktor X) zu höherer Ausländer-Ablehnung führen (Krite-
rium Y), vermittelt über den ansteigenden Autoritarismus (Mediator Z) (vgl. Riepl,
29.06.2012). Eine Moderatorvariable beeinflusst die Art des Zusammenhangs zwi-
schen einer unabhängigen und einer abhängigen Variablen.
Ideologien der Ungleichwertigkeit und Rechtsextremismus … 161

In den Studien wird die soziale Identität, die in der Kernhypothese der TIF
als Mediator zwischen den Kontextbedingungen und der fundamentalistischen
Ideologie (der Ungleichwertigkeit) konzeptualisiert ist, in drei unterschiedlich abs-
trakten Operationalisierungen genutzt: a) als IdentiÀkation mit rechten C liquen
als unmittelbare Bezugsgruppe, b) als IdentiÀkation mit rechten Subkulturen und
Milieus als übergeordnete soziale Kategorie und c) als IdentiÀkation mit der eige-
nen Nation.
In dieser Reihenfolge werden die Studien auch vorgestellt.

3.1 Fremdenfeindliche Gewalttäter


(Frindte & Neumann, 2002)

Um empirische Belege und Illustrationen der Kernhypothese der TIF zu Ànden,


haben wir in einem ersten Schritt Interviews mit fremdenfeindlichen Straftätern,
die wir in den Jahren 1999/2001 bundesweit durchgeführt haben, einer Sekundär-
analyse unterzogen. Interviewt wurden 105 fremdenfeindliche männliche Straf-
täter. Diese Interviews wurden als qualitative, leitfadenorientierte und als standar-
disierte Befragungen durchgeführt (gemeinsam mit H. Willems und K. Wahl vom
Deutschen Jugendinstitut e.V., München; vgl. auch Frindte & Neumann, 2002).

3.1.1 Eine Auswahl aus den ursprüngliche Befunden

Die individuellen Sozialisationen der Straftäter bis zur eigentlichen fremdenfeind-


lichen Gewalttat verlaufen in der Regel mehrphasig: In der familiären Sozialisation
(meist typische broken-home-Konstellationen, Heimerfahrungen) wird Gewalt als
Hauptmittel zur Regulation alltäglicher Situationen erlebt und angeeignet. Eindeu-
tige ideologische Einstellungs- und Wertaneignungen passieren in diesem Kontext
kaum. Die schulische Sozialisation zeichnet sich durch zunehmendes Leistungs-
versagen, Schulabbruch und delinquentes Verhalten aus (86 % der Interviewten
Àelen bereits bis zur mittleren Schulzeit durch Gewaltanwendung auf; multiple
Delinquenz bei ca. 95 % der Interviewten vor der Strafmündigkeit). Eine Grup-
pensozialisation in jugendlichen C liquen beginnt relativ frühzeitig und nimmt
eine zentrale Rolle ein. Durch die Integration in jugendliche Cliquen beginnt eine
zunehmende, ideologisch rechtsextreme Sozialisation. Die IdentiÀkation mit der
Clique wird zum entscheidenden Bezugssystem für die individuelle Übernahme
fundamentalistischer Ideologien der Ungleichwertigkeit und die darauf basierende
Gewaltbereitschaft. Für die Sekundäranalyse greifen wir zunächst auf die quanti-
tativen Daten der standardisierten Befragung zurück.
162 Wolfgang Frindte und Daniel Geschke

3.1.2 Methodische Vorbemerkungen

Die Interviews wurden in der Mehrzahl in den Justizvollzugsanstalten durchge-


führt und dauerten zwischen 3,5 und 8 Stunden. Für die nachfolgende Sekundär-
analyse relevant sind drei Variablen, die im standardisierten Fragebogen im Origi-
naldatensatz bereits als Operationalisierungen vorliegen, und zwar:

• Die Links-Rechts-Orientierung als politische Selbstkategorisierung auf einer


9-stuÀgen Skala (von 1 = linksradikal bis 9 = rechtsradikal).
• Fundamentalistische Ideologie der Ungleichwertigkeit (mit den Subskalen
„Manifester Antisemitismus“5 (C ronbach‘s Alpha6 = .87), „Ausländerfeind-
lichkeit“7 (Cronbach‘s Alpha = .83), „Führer-Gefolgschaft-Ideologien“8 (Cron-
bach‘s Alpha = .61), „Nationalistische Orientierungen“9 (C ronbach‘s Alpha =
.72). Mit den insgesamt 24 Items aus diesen vier Subskalen wurde zunächst eine
exploratorische Faktoranalyse mit Hauptkomponentenanalyse und Varimax-
Rotation gerechnet. Die Faktoranalyse extrahierte entsprechend dem Kaiser-
Guttman-Kriterium ƪ>1 einen Faktor, der 76,33 % Varianz aufklärt (Guttman,
1954), so dass eine eindimensionale Gesamtskala gebildet wurde (Cronbach’s
Alpha = .89).
• IdentiÀkation mit rechter Clique: Es handelt sich ebenfalls um eine eindimen-
sionale Skala, die nach Faktoranalyse (63,27 % Varianzaufklärung) aus den
Variablen „Die Clique bietet mir emotionale Unterstützung“, „Die Clique bietet
mir praktische Unterstützung“ und „Ich bin gut in der Clique integriert“ gebil-
det wurde (Cronbach’s Alpha = .71).

Für die folgenden Berechnungen wurden die so operationalisierten Variablen er-


folgreich auf Normalverteilung geprüft und anschließend z-transformiert.

5 Itembeispiel: „Es wäre besser für Deutschland, keine Juden im Land zu haben“.
6 Cronbach’s Alpha ist ein statistisches Maß für die Reliabilität (d. h. die Zuverlässigkeit)
einer Skala aus verschiedenen Items, das Werte zwischen 0 und 1 annehmen kann.
Es gibt an, inwiefern die verwendeten Items das gleiche dahinterliegende Konstrukt
messen, wobei hohe Werte (nahe 1) eine zuverlässige Messung signalisieren.
7 Itembeispiel: „In Deutschland sollten nur Deutsche leben“.
8 Itembeispiel: „Die Unterordnung unter eine Gemeinschaft ist wichtiger als die Ent-
faltung der Individualität“.
9 Itembeispiel: „Ein guter Deutscher muss bereit sein, alles für sein Vaterland zu geben“.
Ideologien der Ungleichwertigkeit und Rechtsextremismus … 163

3.1.3 Mediatoranalysen

Der Datensatz, der in der Interviewstudie mit fremdenfeindlichen Gewalttätern


erstellt wurde, ist insofern relevant, weil es sich um eine sehr exklusive Stichprobe
erwachsener fremdenfeindlicher Straftäter handelt. Die zwar begrenzte Anzahl
relevanter Variablen und deren Beziehungen zueinander sind im Hinblick auf die
Kernhypothese der TIF aus folgendem Grunde von Bedeutung: Sie erlauben die
Möglichkeit, mit der Variable IdentiÀkation mit der rechten Clique eine Media-
torvariable einzuführen, mit der der EinÁuss der Gruppen-IdentiÀkation als Teil
der sozialen Identität auf die Beziehung zwischen Links-Rechts-Orientierung und
Ideologie der Ungleichwertigkeit geprüft werden kann.
Vor dem Hintergrund dieser Frage haben wir folgende Ausgangsthese formu-
liert: Die Links-Rechts-Orientierung beeinÁusst/fördert Ideologien der Ungleich-
wertigkeit vor allem, wenn es identitätsfördernd ist, wenn also dadurch die Identi-
Àkation (mit rechten Cliquen) gestützt wird. Die IdentiÀkation mit rechten Cliquen
wird somit zum Vermittler, Mediator für die Beziehung zwischen Links-Rechts-
Orientierungen und Ideologien der Ungleichwertigkeit. Gerechnet wurde mit dem
Statistikprogramm SPSS und dem Skript „PROCESS“ von Andrew Hayes (2013;
www.afhayes.com).
Die Ergebnisse sind in der folgenden Tabelle und der anschließen Abbildung
wiedergegeben. Der Sobel-Z-Test ergab einen signiÀkanten indirekten Effekt der
Links-Rechts-Orientierung über IdentiÀkation mit C lique auf die Ideologie der
Ungleichwertigkeit, Z = 1.94, p < .05.
164 Wolfgang Frindte und Daniel Geschke

Identifikation mit
C lique
(Index; z-Wer t)

.50*** .17*

.60*** F undamentalistische
L inks-Rechts-
Ideologie der
Orientierung
Ungleichwertigkeit
(z-Wert)
(.59***) (z-Wert)

Abbildung 3 Mediation der Beziehung zwischen Links-Rechts-Orientierung und fun-


damentalistischer Ideologie der Ungleichwertigkeit über die IdentiÀka-
tion mit rechter Clique (Anmerkung: Links-Rechts-Orientierung von 1 =
„linksradikal“ bis 9 = „rechtsradikal“).

Tabelle 1 Test auf indirekte Effekte und Bootstrapanalyse

Prädiktorvariable Z p BootLLCI BootULCI


Links-Rechts-Orientierung 1.9402 .05 .0161 .2031
Anmerkungen: Z = Z-Wert der Bootstrap-Analyse; p = SigniÀkanzniveau, BootLLC I =
untere Grenze des KonÀdenzintervalls (lower level conÀdence interval);
BootULCI = obere Grenze des KonÀdenzintervalls (upper level conÀdence
interval)

3.1.4 Fazit

Die direkte Wirkung des Prädiktors (hier die Links-Rechts-Orientierung) bleibt


auch in der Mediatoranalyse erhalten. Die Analyse macht aber auch auf den si-
gniÀkanten indirekten Wirkungspfad über den Mediator aufmerksam. Die
Links-Rechts-Orientierung beeinÁusst in der Stichprobe der fremdenfeindlichen
Gewalttäter die Ideologie der Ungleichwertigkeit vor allem dann, wenn es identi-
tätsfördernd ist, wenn also dadurch die IdentiÀkation (mit rechten Cliquen) ge-
stützt wird. Die IdentiÀkation mit rechten Cliquen fungiert somit als Vermittler
für die Beziehung zwischen Links-Rechts-Orientierungen und Ideologien der Un-
gleichwertigkeit.
Ideologien der Ungleichwertigkeit und Rechtsextremismus … 165

Auch in den qualitativen Interviews, die wir mit den fremdenfeindlichen Ge-
walttätern geführt haben, stießen wir immer wieder auf die herausragende Rolle
der IdentiÀkation mit der eigenen rechten Clique: So geben fast 80 % der Befrag-
ten im Interview an, dass sie durch ihre C lique ideologisch beeinÁusst wurden.
Dass diese Ideologisierung eine solche Wirksamkeit hat, könnte vor allem damit
zusammenhängen, dass die befragten Täter etwas erfahren, was sie bislang nur
eingeschränkt erlebt hatten: soziale Unterstützung und dies vor allem im emotio-
nalen Bereich. Zwei Drittel geben an, durch ihre Clique emotionale Unterstützung
zu erhalten, womit überwiegend ein Gefühl der Zugehörigkeit, der Akzeptanz und
Anerkennung verbunden ist. Somit schätzen auch 88 % der Täter ein, dass die
Clique eine große Bedeutung für ihr Leben habe (zum Vergleich: Mutter knapp
50 %, Väter: 30 %).
Auch die Taten waren überwiegend Gruppentaten. Die Mittäter entstammten
zumeist der eigenen Clique und nahmen aktiv an der Gewalttat teil. Für eine hohe
gruppeninterne Normierung spricht die hohe IdentiÀkation mit der Gruppe wäh-
rend des Tatverlaufs. Tatbegünstigend wirkte weiterhin, dass sich die Täter von
den Opfern zumeist als anonyme Cliquenmitglieder wahrgenommen fühlten.
Die Interviewergebnisse unterstreichen somit die Bedeutung, die die C lique,
aber auch übergeordnete soziale Kategorien (Skinhead, Rechter, Nazi etc.) für das
Verhalten der Täter besitzen. Diese IdentiÀkation mit der C lique und den über-
geordneten sozialen Kategorien scheint sich zumindest auf zwei Prozesse aus-
zuwirken: Einerseits fundiert sie die Übernahme gruppeninterner Normen und
andererseits fördert sie einen Zustand von Anonymität (Depersonalisation), der es
dem Gruppenmitglied leichter ermöglicht, ohne Rücksicht auf eventuelle perso-
nale Einwände der Gruppenmeinung und -handlung zu folgen (vgl. dazu Reicher,
Spears & Postmes, 1995).

3.2 Ausgangslagen und Entwicklungen rechtsextremer


Einstellungen bei jungen Menschen (Neumann, 2001)

3.2.1 Methodische Vorbemerkungen

Es handelt sich um eine Regionalstudie, die 1998/1999 im Auftrag des Thüringer


Ministeriums für Soziales und Gesundheit und in Zusammenarbeit mit dem Insti-
tut für Sozialpädagogik und Sozialarbeit Frankfurt/Main durchgeführt wurde. Im
Rahmen dieser Studie wurden mittels standardisierter Befragung fremdenfeind-
liche und rechtsextreme Einstellungen von Jugendlichen untersucht. Insgesamt
gingen in die Analyse 1.033 verwertbare Fragebögen ein. Das Alter der Befragten
166 Wolfgang Frindte und Daniel Geschke

lag zwischen 12 und 23 Jahren mit einer Häufung bei 15 und 16 Jahren (M = 15.55;
SD = 1.77). Von den 1.033 Befragten waren 533 (52,0 %) weiblich und 492 (48,0 %)
männlich (bei 8 fehlenden Angaben). 460 (44,5 %) Befragte gingen in eine Regel-
schule, 401 (38,8 %) in ein Gymnasium und 172 (16,7 %) in eine Berufsschule.
Der in der Befragung eingesetzte standardisierte Fragebogen war zuvor bereits
in einer deutschlandweiten Studie (Frindte, 1999) getestet und erfolgreich einge-
setzt worden. Dieser Fragebogen enthielt u. a. folgende Skalen:

• „Fundamentalistische Ideologie der Ungleichwertigkeit“ mit den Subskalen


„Manifester Antisemitismus“, „Ausländerfeindlichkeit“, „Führer-Gefolgschaft-
Ideologien“, „Nationalistische Orientierungen“ (die Items der Subskalen sind
identisch mit jenen, die auch in der o. g. Studie mit den fremdenfeindlichen Ge-
walttätern eingesetzt wurden). Für die Reliabilität der Gesamtskala ergab sich
in der Regionalstudie ein Cronbach’s Alpha = .86.
• „Gewaltbereitschaft“ (Cronbach’s Alpha = .70).10
• „Allgemeine Gewaltbewertung“ (Cronbach’s Alpha = .89), bestehend aus einem
fünfstuÀgen semantischem Differential.11
• „Gewalthandeln“ (Cronbach’s Alpha = .61).12
• „Mangelnde emotionale Handlungskontrolle (in gewalthaltigen Situationen)“
mit zwei Items (r = .61), die aus der Copingskala von Carver, Scheier und Wein-
traub (1989) entnommen wurden.13
• „Autoritäre Überzeugungen“ – angelehnt an Funke (2005), Cronbach’s Alpha
= .72.14
• „Ablehnung der Demokratie“ (zwei Items; r = .67).15
• „Zufriedenheit mit der gesellschaftlichen Entwicklung“ (Single-Item).
• „Zufriedenheit mit sich selbst“ (als Aspekt des Selbstbildes, Single-Item).

10 Beispielitem: „Wenn es notwendig wäre, würde ich Gewalt anwenden“.


11 Beispiel: „Die Anwendung von Gewalt ist meiner Meinung nach… gut oder schlecht“.
12 Beispiel: „Haben Sie in den letzten 12 Monaten ... jemanden geschlagen oder verprü-
gelt?“.
13 Beispiel: „Ich gehöre zu denen, die sich vor Wut häufig nicht beherrschen können.“
14 Beispielitems: „Gehorsam und Achtung vor der Autorität sind die wichtigsten Tugen-
den, die Kinder lernen sollten“; „Die wahren Schlüssel zum guten Leben sind Ge-
horsam, Disziplin und Prinzipienfestigkeit“; „Was unser Land wirklich braucht, ist
eine starke, entschlossene Autorität, die uns sagt, was wir zu machen haben und wo es
langgehen muss“; „Was wir in unserem Land wirklich brauchen, ist eine anständige
Portion Recht und Ordnung anstatt mehr Bürgerrechte“.
15 Beispiel: „Die Idee der Demokratie ist gut.“ (umgekehrt codiert)
Ideologien der Ungleichwertigkeit und Rechtsextremismus … 167

• „Einschätzung der Ànanziellen Situation der eigenen Familie“ (Single-Item; 1


= „viel schlechter als der Durchschnitt“; 5 = „viel besser als der Durchschnitt“).
• „Links-Rechts-Orientierung“ (Single-Item: „Würden Sie sich eher als links
oder rechts bezeichnen?“, 1 = „links“, 5 = „rechts“).
• Außerdem wurden diverse soziodemograÀsche Merkmale (z. B. Alter, ange-
strebter Schulabschluss, Arbeitslosigkeit der Eltern) erhoben.

Für die Sekundäranalyse wurden aus den vorliegenden Items der Originalstudie
zwei weitere Skalen erstellt:

• Eine Skala zur Erfassung der „IdentiÀkation mit rechten Subkulturen und Mi-
lieus“ wurde gebildet, indem zunächst danach gefragt wurde, inwieweit sich die
befragten Personen mit „rechten Subkulturen“ (Faschos, Neonazis, Skinheads,
Hooligans, Nazi-Skins) identiÀzieren und zum anderen anzugeben war, inwie-
weit die Mitgliedschaft in solchen Subkulturen wichtig für die eigene Identität
ist („Mitgliedschaft spiegelt gut wieder, wer ich bin“). Aus diesen Angaben
wurde ein Index als Operationalisierung für die Skala „IdentiÀkation mit rech-
ten Subkulturen und Milieus“ gebildet.
• Eine einfaktorielle Skala „Gewalttendenzen gegenüber Ausländern“ wur-
de mit den folgenden Items erstellt: „Durch Gewalt kann man zeigen, dass
deutsche Jugendliche besser kämpfen können als Ausländer“, „Durch Gewalt
kann man Gerechtigkeit herstellen dafür, dass viele Deutsche arbeitslos sind,
während Ausländer nicht arbeitslos sind“, „Haben Sie in den letzten zwölf
Monaten Ausländer vorsätzlich geschlagen oder verprügelt?“ (Cronbach’s Al-
pha = .66).

3.2.2 Eine Auswahl aus den ursprünglichen Befunden

Rechtsextremistische Orientierungen setzen sich nach Heitmeyer et al. (1992) aus


einer Ideologie der Ungleichheit bzw. Ungleichwertigkeit und der GewaltafÀni-
tät (bis hin zu gewalttätigem Handeln) zusammen. Beide Dimensionen wurden in
einschlägigen Publikationen durch Subdimensionen mit verschiedenen Facetten
untergliedert und operationalisiert. Nach anfänglicher Euphorie und umfangrei-
cher Rezeption gerieten in den 1990er Jahren sowohl die Heitmeyersche Rechts-
extremismus-DeÀnition als auch der von ihm und Kollegen vorgelegte Erklärungs-
ansatz in die Kritik (vgl. den Abschnitt von Frindte et al. in diesem Buch).
Die von Neumann (2001) ermittelten Befunde verweisen darauf, dass die ur-
sprüngliche Annahme von zwei Dimensionen, durch die sich rechtsextreme Ten-
denzen auszeichnen, durchaus empirisch gehaltvoll und begründbar ist. Im Er-
168 Wolfgang Frindte und Daniel Geschke

gebnis einer konÀrmatorischen Faktoranalyse16 zeigte sich ein Zweifaktormodell


mit korrelierten Faktoren als das Modell, das den empirischen Daten am besten
angepasst ist (Abbildung; siehe Neumann, 2001, S. 127).

Auslä nderfeindlichkeit

.87
F ührer-Gefolgsc hafts-
.64 Ideologie
Ideologie der
Ungleichwerti gkeit
.78 Nationalistische
Orientierungen
.87

Antisemit ismus

.50

G ewaltbewertung

.73

G ewaltdimension .81 G ewaltbereitschaft

.66
G ewalthandeln

Abbildung 4 Statistisches Modell „Rechtsextremismus – korrelierte Zweifaktorstruk-


tur“ (Ƶ2= 73,386; df=13; p=.000; NFI=.995; RMSEA=.067; CFI=.996).

Es handelt sich – wie weiter oben erwähnt – um eine normale Stichprobe von
Schuljugendlichen, so dass auch wir der Neumannschen Interpretation folgen wol-
len und seine Befunde als empirischen Beleg für die zweidimensionale Rechtsext-

16 Für diese konfirmatorische Faktoranalyse wurde eine Second-Order-Analyse auf der


Basis von Strukturgleichungsmodellen mit dem Programm LISREL 8.30 durchge-
führt. Es wurden drei Modelle spezifiziert, deren Passfähigkeit mit den empirischen
Daten getestet wurde: eine Einfaktorlösung, eine Zweifaktorlösung mit unabhängigen
Faktoren und eine Zweifaktorlösung mit korrelierten Faktoren.
Ideologien der Ungleichwertigkeit und Rechtsextremismus … 169

remismus-DeÀnition von Heitmeyer und Kollegen ansehen. In dieser Regionalstu-


die Ànden sich leider keine Variablen, die sich nutzen ließen, um auch die von uns
angenommene dritte Facette rechtsextremer Tendenzen zu operationalisieren – die
negativen Intergruppen-Emotionen (s. o.).
Dass die Akzeptanz und die Orientierung an fundamentalistischen Ideologien
der Ungleichwertigkeit und den damit verbundenen Gewaltpotentialen auch mit
starkem emotionalen Involvement einhergehen, lässt sich aber nicht bestreiten. Zu-
mindest Ànden sich im besagten Datensatz dafür gewisse Hinweise. Auf der Basis
der Copingskala von Carver et al. (1989) wurde nämlich eine Variable speziÀziert,
mit der die „mangelnde emotionale Handlungskontrolle“ im Fragebogen abgefragt
werden sollte. Wie die folgende Tabelle zeigt, korreliert diese Variable signiÀ-
kant positiv sowohl mit der Gesamtskala zur Erfassung der fundamentalistischen
Ideologie der Ungleichwertigkeit, mit den entsprechenden Subskalen „Manifes-
ter Antisemitismus“, „Ausländerfeindlichkeit“, „Nationalistische Orientierungen“
und „Führer-Gefolgschaft-Ideologien“ als auch mit den Gewaltfacetten (Gewalt-
bewertung, -bereitschaft und -handeln).
170

Tabelle 2 Korrelationen zwischen Ideologie der Ungleichwertigkeit, den dazugehörigen Facetten und emotionaler Handlungs-
kontrolle
Mangelnde Ideologie Ausländer- Antisemi- Nationalis- Führer- Gewalt- Gewalt-
emotionale der feindlichkeit tismus mus Gefolgschaft bereitschaft bewertung
Handlungs- Ungleich-
kontrolle wertigkeit
Ideologie der .20**
Ungleich-
wertigkeit
Ausländer- .15** .89**
feindlichkeit
Antisemi- .17** .89** .76**
tismus
Nationalis- .17** .85** .69** .65**
mus
Führer- .20** .705** .48** .53** .50**
Gefolgschaft
Gewalt- .22** .36** .30** .33** .32** .23**
bereit-schaft
Gewalt- .25** .56** .47** .50** .49** .40** .61**
bewertung
Gewalt- .24** .30** .23** .26** .27** .23** .56** .48**
handeln
Anmerkung: Die Korrelationen sind auf dem Niveau von 0,01 (2-seitig) signiÀkant.
Wolfgang Frindte und Daniel Geschke
Ideologien der Ungleichwertigkeit und Rechtsextremismus … 171

Aus diesen Befunden zu schließen, dass die Zustimmungen zur Ideologie der Un-
gleichwertigkeit und zu ihren Facetten sowie zu den Gewaltdimensionen offenbar
mit geringerer emotionaler Handlungskontrolle einhergehen und somit emotional
negativ aufgeladen sind, ist sicher nicht unangebracht. Und vielleicht ist dieser
Befund auch ein zaghafter Hinweis auf die Verknüpfung der Ideologie- und der
Gewaltdimension mit den von uns vermuteten negativen Emotionen.

3.2.3 Mediatoranalyse – eine Prüfung der Kernhypothese der TIF

Um die Kernhypothese der TIF noch einmal in Erinnerung zu rufen: Die soziale
Identität als IdentiÀkation mit relevanten Bezugsgruppen fungiert als Mediator
zwischen den Kontextbedingungen und der fundamentalistischen Ideologie der
Ungleichwertigkeit, den Gewaltpotentialen und den Gruppenemotionen.
Um diese Hypothese am Datensatz der Regionalstudie aus den Jahren
1998/1999 zu prüfen, wurden zunächst die Variablen, die mit den o. g. Skalen bzw.
Items operationalisiert wurden, z-transformiert und auf Normalverteilung geprüft.
Anschließend wurden Mediatoranalysen gerechnet, auf die noch einzugehen sein
wird. Als unabhängige bzw. Prädiktorvariablen wurden dafür zunächst folgende
ausgewählt: Links-Rechts-Orientierung, autoritäre Überzeugungen, Ablehnung
der Demokratie, Unzufriedenheit mit der gesellschaftlichen Entwicklung, Zufrie-
denheit mit sich selbst, Ànanzielle Situation der eigenen Familie, Alter, angestreb-
ter Schulabschluss (Regelschule, Gymnasium, Berufsschule) und Arbeitslosigkeit
der Eltern. Die folgende Tabelle zeigt die Korrelationen zwischen den ausgewähl-
ten Prädiktoren und der Kriteriumsvariable Ideologie der Ungleichwertigkeit.
172

Tabelle 3 Korrelationen zwischen Ideologie der Ungleichwertigkeit und potentiellen Prädiktoren


Ideo- Links- Autor- Ab- Unzufrieden- Zufrieden- Finan- IdentiÀ- Alter Ange-
logie der Rechts- itaris- lehnung heit mit der heit mit zielle kation mit strebter
Ungleich- Orientie- mus der gesellschaft- sich selbst Situa- rechten Schulab-
wertig- rung (je Demo- lichen Ent- tion der Sub- schluss
keit höher desto kratie wicklung Familie kulturen
rechter)
Links-Rechts- .59**
Orientierung
(je höher desto
rechter)
Autoritarismus .69** .37**
Ablehnung der .14** .08* .10**
Demokratie
Unzufrieden- -.06 -.02 -.10** .03
heit mit der ge-
sellschaftlichen
Entwicklung
Zufriedenheit .11** .13** .11** -.03 -.09*
mit sich selbst
Finanzielle .06 .04 .04 .00 -,06 ,09*
Situation der
Familie
Wolfgang Frindte und Daniel Geschke
Tabelle 3 (Fortsetzung)
Ideo- Links- Autor- Ab- Unzufrieden- Zufrieden- Finan- IdentiÀ- Alter Ange-
logie der Rechts- itaris- lehnung heit mit der heit mit zielle kation mit strebter
Ungleich- Orientie- mus der gesellschaft- sich selbst Situa- rechten Schulab-
wertig- rung (je Demo- lichen Ent- tion der Sub- schluss
keit höher desto kratie wicklung Familie kulturen
rechter)
IdentiÀkation .52** ,47** .30** .16** .09* .15** .04
mit rechten Sub-
kulturen
Alter -.17** .02 -.14** -.02 .09* .03 -.03 .00

Angestrebter -.37** -.17** -.24** .11** .08* -.10* -.02 -.25** .18**
Schulabschluss
Arbeitslosigkeit .05 .00 .10** .02 -.02 -.01 -.24** .00 .05 .05
der Eltern
Ideologien der Ungleichwertigkeit und Rechtsextremismus …

Anmerkungen: ** Die Korrelationen sind auf dem Niveau von 0,01 (2-seitig) signiÀkant; * Die Korrelationen sind auf dem Niveau von
0,05 (2-seitig) signiÀkant.
173
174 Wolfgang Frindte und Daniel Geschke

Zur Vorprüfung wurde eine schrittweise Regressionsanalyse gerechnet, um die


Vorhersagekraft der ausgewählten Prädiktoren abschätzen zu können. Dabei er-
wiesen sich – siehe Tabelle 4 – nur ein Teil der ausgewählten Prädiktoren als signi-
Àkante Vorhersager für die fundamentalistische Ideologie der Ungleichwertigkeit.

Tabelle 4 Ergebnisse der Regressionsanalyse

R2 = .68 Standardisierte SigniÀkanzniveau


KoefÀzienten Beta
Autoritäre Überzeugungen .522 .000
Links-Rechts-Orientierung .364 .000
(je höher desto rechter)
Angestrebter Schulabschluss -.167 .000
Lebensalter der Befragten -.070 .001
Ablehnung der Demokratie .058 .006
Anmerkungen: Abhängige Variable: Ideologie der Ungleichwertigkeit

Die Zustimmung zu fundamentalistischen Ideologien der Ungleichwertigkeit


nimmt in der untersuchten Schülerstichprobe mit der Stärke autoritärer Überzeu-
gungen, der Demokratieablehnung und mit zunehmender Rechts-Orientierung zu
und mit der Höhe des angestrebten Schulabschlusses und dem Lebensalter ab.
Diese fünf Variablen wurden anschließend als Prädiktoren in die schon er-
wähnten Mediatoranalysen eingeführt. Die oben genannte Variable „IdentiÀkation
mit rechten Subkulturen und Milieus“ fungierte dabei als Mediatorvariable; die
Ideologie der Ungleichwertigkeit (Gesamtskala) bildete die abhängige bzw. Kri-
teriumsvariable. Gerechnet wurde wiederum mit dem Statistikprogramm SPSS
und dem Skript „PROCESS“ von Andrew Hayes (2013; www.afhayes.com).17 Die
folgende Abbildung und die anschließende Tabelle geben die Ergebnisse zusam-
menfassend wieder.

17 In der Berechnung folgten wir dem Hinweis von Hayes „If your IV has k categories,
construct k-1 dummy variables and then run INDIREC T or PROC ESS k-1 times.
With each run, make one dummy variable the IV and the other one(s) the covariate(s)”
(http://www.afhayes.com/macrofaq.html; 22.9.2014).
Ideologien der Ungleichwertigkeit und Rechtsextremismus … 175

Identifikation mit
recht en
Subkulturen
(Index; z-Wer t)
.35*** .20**
Fundamentalistische
L inks-Rec hts-
.33*** (.40***) Ideologie der
Orientierung
Ungleichwertigkeit
(z-Wert)
(z-Wert)
.12*
.45*** (.50***)
Autoritäre
Überzeugungen
(z-Wert) .08* (.10*)
.09*

Ablehnung der -.21** (-.26**)


Demokratie
(z-Wert) -.20**

-.03 n.s. (-.05 n.s.)


A ngestrebter
Schultyp
(z-Wert) -.06 n.s.

A lter
(z-Wert)

Abbildung 5 Mediation der Beziehungen zwischen fünf potentiellen Prädiktoren und


fundamentalistischer Ideologie der Ungleichwertigkeit über die IdentiÀka-
tion mit rechten Subkulturen.

Tabelle 5 Test auf indirekte Effekte und Bootstrapanalyse

Prädiktorvariable Z p BootLLCI BootULCI


Links-Rechts-Orientierung 5.8754 .0000 .2832 .3815
Autoritäre Überzeugungen 2.9184 .0035 .4070 .5052
Ablehnung der Demokratie -2.4193 .0155 -.0325 -.0048
Angestrebter Schultyp -3.4171 .0006 -.2899 -.1441
Alter 1.8907 .0687 -.0703 .0043
Anmerkungen: Z = Z-Wert der Bootstrap-Analyse; p = SigniÀkanzniveau, BootLLC I =
untere Grenze des KonÀdenzintervalls (lower level conÀdence interval);
BootULCI = obere Grenze des KonÀdenzintervalls (upper level conÀdence
interval)
Die Ergebnisse scheinen durchaus geeignet zu sein, die o. g. Kernhypothese der
TIF zu stützen. Der vermutete vermittelnde EinÁuss der Mediatorvariable „Identi-
Àkation mit rechten Subkulturen“ ist als indirekter Effekt nachweisbar. Die direk-
ten Pfade zwischen den Prädiktoren (bis auf die Altersvariable) und der funda-
176 Wolfgang Frindte und Daniel Geschke

mentalistischen Ideologie der Ungleichwertigkeit werden schwächer, bleiben aber


noch signiÀkant.
Wie lassen sich diese indirekten Effekte erklären und einordnen?

• Die politische Selbsteinordnung im Links-Rechts-Spektrum ist in zahlreichen


Studien zum Rechtsextremismus als wichtige Erklärungsvariable genutzt und
bestätigt worden (z. B. Bauer-Kaase, 2001; Decker, Brähler & Geißler, 2006;
Weiss, Mibs & Brauer, 2002). Diese Selbsteinordnung wird aber offenbar in
ihrem EinÁuss auf die Zustimmung zu Ideologien der Ungleichwertigkeit teil-
weise durch die IdentiÀkation mit rechten Subkulturen oder Milieus vermittelt.
Zumindest legen das unsere Befunde nahe.
• Auch die autoritären Überzeugungen sind in zahlreichen Studien als robus-
te Prädiktoren für rechtsextreme und fremdenfeindliche Tendenzen nachge-
wiesen worden (s. o. und z. B. Frindte & Zachariae, 2005; Seipel et al., 1995;
Van Hiel & Mervielde, 2005; u. v. a.). Dass die autoritären Überzeugungen,
wie unsere Befunde zeigen, ebenfalls mit der IdentiÀkation mit rechten Sub-
kulturen zusammenhängen und von diesen teilweise in ihrer Wirkung auf die
Ideologie der Ungleichwertigkeit mediiert werden, scheint auf ähnliche Pro-
zesse zu verweisen, wie sie etwa von Feldman (2003), Oesterreich (1996) oder
Stellmacher (2004) beschrieben und empirisch nachgewiesen wurden. Autori-
täre Überzeugungen werden in diesen Arbeiten nicht ausschließlich als sta-
bile Persönlichkeitsvariablen, sondern als situations- bzw. gruppenspeziÀsche
Reaktionen konzipiert. Stellmachers (2004) Modell eines Autoritarismus als
Gruppenphänomen scheint dabei unseren Annahmen am nächsten zu kommen.
Die Grundannahme dieses Modells ist, dass dann, wenn sich Personen stark
mit relevanten Bezugsgruppen identiÀzieren und diese IdentiÀkation für den
Einzelnen bedrohlich sein kann (z. B. durch damit verbundene Abwertungen,
Stigmatisierungen etc.), vor allem Personen mit autoritären Prädispositionen
autoritäre Reaktionen zeigen. Stellmacher geht also von bedrohlichen Situatio-
nen und von einer Interaktion zwischen autoritären Reaktionen und der Identi-
Àkation mit sozialen Bezugsgruppen aus. Auch wir meinen, dass die autoritä-
ren Überzeugungen in ihrem EinÁuss auf die Ideologie der Ungleichwertigkeit
dann bedeutsam und funktional sind, wenn dadurch wichtige Aspekte der so-
zialen Identität (hier: die IdentiÀkation mit rechten Subkulturen und Milieus)
gefördert, unterstützt bzw. geschützt werden können.
• Die Ablehnung der demokratischen Grundordnung und der Demokratie ins-
gesamt ist Teil (und u. U. auch Bedingung oder Folge) rechtsextremer und frem-
denfeindlicher Bestrebungen (vgl. z. B. Best, et al., 2013; Klein & Heitmeyer,
2012). Im Datensatz der vorliegenden Regionalstudie erweist sich die Demo-
Ideologien der Ungleichwertigkeit und Rechtsextremismus … 177

kratieablehnung zum einen als Prädiktor für die Zustimmung zu Ideologien


der Ungleichwertigkeit; zum anderen scheint die Demokratieablehnung über
die IdentiÀkation mit rechten Subkulturen die Akzeptanz von Ideologien der
Ungleichwertigkeit zu befördern.
• Der angestrebte Schulabschluss spiegelt eine wichtige Bedingung in den Er-
klärungen von Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Ideologien der
Ungleichwertigkeit wider. Die zahlreichen empirischen Befunde weisen dar-
auf hin, dass Personen mit Hauptschulabschluss offenbar eher Ideologien der
Ungleichwertigkeit zustimmen als Personen mit gymnasialem Schulabschluss
(vgl. z. B. HeÁer & Boehnke, 1995; Sturzbecher, 1997). Die Ergebnisse der Me-
diatoranalyse zeigen aber auch, dass der EinÁuss des (angestrebten) Schulab-
schlusses auf derartige Ideologien kein ausschließlicher ist, sondern durch die
IdentiÀkation mit rechten Subkulturen vermittelt wird.
• Das Alter der Befragten hat indes keinen Effekt.

Bevor wir zu einem Zwischenfazit kommen, wollen wir aber noch eine zusätzliche
Frage stellen und nach empirischen Antworten suchen. Die naheliegende Frage
lautet: Lässt sich der indirekte Pfad von der IdentiÀkation mit rechten Subkultu-
ren über die Ideologie der Ungleichwertigkeit weiter verfolgen bis zur Gewalt-
bereitschaft?
Um diese Frage zu beantworten, wurde eine zweite Mediatoranalyse gerechnet.
In diese Analyse gingen die IdentiÀkation mit rechten Subkulturen (Index) nun
als Prädiktor (UV) und die Ideologie der Ungleichwertigkeit als Mediator ein,
um die Gewaltbereitschaft gegenüber Ausländern vorauszusagen (AV; Kriterium).
Die Analyse erfolgte wieder mit z-standardisierten Werten mit dem Statistikpro-
gramm SPSS und dem Skript „PROCESS“ von Andrew Hayes (2013; www.afhay-
es.com). Die Ergebnisse der statistischen Prüfungen sind in folgender Abbildung
und der anschließenden Tabelle dargestellt.
178 Wolfgang Frindte und Daniel Geschke

Identifikation mit .28*** Gewaltbereitschaft


rechten Subkulturen gegen Ausländer
(Index; z-Wer t) (z-Wert)
(.60***)

.53*** .59***

Fundamentalistische
Ideologie
(der
Ungleichwertigkeit,
z-Wert)

Abbildung 6 Mediation der Beziehung zwischen IdentiÀkation mit rechten Subkulturen


und Gewaltbereitschaft gegenüber Ausländern über die fundamentalisti-
sche Ideologie der Ungleichwertigkeit

Tabelle 6 Test auf indirekte Effekte und Bootstrapanalyse

Mediatorvariable Z p BootLLCI BootULCI


Ideologie der Ungleichwertigkeit 12.67 .0000 .2696 .3535
Anmerkungen: Z = Z-Wert der Bootstrap-Analyse; p = SigniÀkanzniveau, BootLLCI
= untere Grenze des KonÀdenzintervalls (lower level conÀdence
interval); BootULC I = obere Grenze des KonÀdenzintervalls
(upper level conÀdence interval)

Die Ideologie der Ungleichwertigkeit fungiert als Mediator zwischen der IdentiÀ-
kation mit rechten Subkulturen und der Gewaltbereitschaft gegenüber Ausländern.

3.2.4 Fazit

Die nachfolgende Abbildung fasst die berichteten (signiÀkanten) Befunde der Se-
kundäranalyse aus dem Datensatz der Regionalstudie von 1998/1999 noch einmal
zusammen. Die als Prädiktoren für die Zustimmung zu Ideologien der Ungleich-
wertigkeit ausgewählten Variablen illustrieren ansatzweise die im eigentlichen
Modell der TIF konzipierten potentiellen Prädiktoren für fundamentalistische
Ideologien der Ungleichwertigkeit (vgl. Abbildung 2). Die Operationalisierung der
sozialen Identität als IdentiÀkation mit relevanten Bezugsgruppen (im Sinne eines
Ideologien der Ungleichwertigkeit und Rechtsextremismus … 179

potentiellen Mediators) mag man kritisieren; deutlich wird aber die postulierte
Vermittlungs- und Mediatorfunktion dieser operationalisierten Variable. Die so-
ziale Identität als IdentiÀkation mit rechten Subkulturen bzw. Milieus fungiert
zwar nicht als ausschließlicher Mediator zwischen den ausgewählten Prädiktoren
und der fundamentalistischen Ideologie der Ungleichwertigkeit, sondern vor allem
als partieller Mediator. Das heißt, neben dem vermittelnden Prozess über die Iden-
tiÀkation mit rechten Subkulturen Ànden möglicherweise noch andere mediieren-
de Prozesse statt, die hier nicht betrachtet wurden.

Identifikation mit Identifikation mit Gewaltbereitschaft


recht en Subkulturen rechten Subkulturen .28*** (.60***) gegen Ausländ er
(Index; z-Wer t) (Index; z-Wer t) (z-Wert)

.35*** .20**

Fundamentalistische .53***
Links-Rechts- .59***
Ideologie der
Orientierung .33*** (.40***) Ungleichwertigkeit
(z-Wert)
(z-Wert)
Fundamentalistische
Ideologie
.12* (der
.45*** (.50***) Ungleichwerti gkeit,
z-Wert)
A utoritäre
Überzeugungen
(z-Wert)
.08* (.10*)
.09*

Ablehnung der
Demokratie -.21** (-.26**)
(z-Wert)
-.20**

Angestrebter
Sch ultyp
(z-Wert)

Abbildung 7 Zusammenfassung der Mediatoranalysen

Wir nehmen aber an, dass diese partiellen Mediationen Hinweise darauf sind, dass
die geprüften Prädiktoren zunächst einmal in einem funktionalen oder instrumen-
tellen Verhältnis zu den operationalisierten Aspekten der sozialen Identität stehen
und über dieses Verhältnis die Zustimmung zu Ideologien der Ungleichwertig-
keit befördern. Die IdentiÀkation mit rechten Subkulturen fungiert darüber hinaus
über die Ideologie der Ungleichwertigkeit verstärkend auf die Gewaltbereitschaft
gegenüber Ausländern.
180 Wolfgang Frindte und Daniel Geschke

3.3 Identifikation mit Deutschland –


Sekundäranalyse einer Teilstichprobe aus dem Projekt
„Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“

3.3.1 Hintergrund

Der Titel dieses Abschnitts ist etwas irreführend. Es geht im Folgenden nicht um
junge Muslime, sondern um junge Deutsche und deren Vorurteile und Ideologien
der Ungleichwertigkeit im Umgang mit Muslimen. Die Grundlage der folgenden
und letzten Sekundäranalyse bildet ein Projekt, in dem junge Muslime in Deutsch-
land in einer Panelstudie zu zwei Zeitpunkten interviewt und befragt wurden (vgl.
Frindte, 2013). Die Ergebnisse wurden mit den Befunden einer parallel durch-
geführten Panelstudie mit deutschen Nichtmuslimen im Alter zwischen 14 und
32 Jahren (erste Welle mit N = 200; zweite Welle mit N = 98) verglichen. Auf
den Datensatz dieser deutschen, nichtmuslimischen Teilstichprobe bezieht sich die
folgende Sekundäranalyse.

3.3.2 Methodische und empirische Vorbemerkungen

In der Panelstudie wurden auch Vorurteile von Nicht-Muslimen gegenüber Mus-


limen, Juden und Ausländern analysiert. Dies geschah mit einer einfaktoriellen
Skala, die aus folgenden Subskalen bestand: „Vorurteile gegenüber Juden und Is-
rael“18, „Vorurteile gegen Ausländer“19 und „Vorurteile gegenüber Muslimen“20.
In einer Faktoranalyse (Hauptkomponentenanalyse mit Varimax-Rotation) zeigte
sich, dass diese drei Subskalen (erhoben in Welle 1) mit einer Varianzaufklärung
von 69,81% auf einem Faktor laden. Deshalb wurden alle drei Subskalen zu einer
Gesamtskala zusammengefasst und für die Operationalisierung der fundamenta-
listischen Ideologie der Ungleichwertigkeit genutzt (Cronbach‘s Alpha = .74). Die
mit dieser Skala operationalisierte Variable „Fundamentalistische Ideologie der
Ungleichwertigkeit“ ist das Kriterium, also die abhängige Variable, in den nach-
folgenden Mediatoranalysen. Als mögliche Prädiktoren für die Ideologie der Un-
gleichwertigkeit wurden die in folgender Tabelle aufgeführten Variablen mit den
angegebenen Items bzw. Skalen operationalisiert.

18 Beispielitem: „Es wäre besser, wenn die Juden den Nahen Osten verlassen würden“.
19 Beispielitem: „Es leben zu viele Ausländer in Deutschland.“
20 Beispielitem: „Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt wer-
den“.
Ideologien der Ungleichwertigkeit und Rechtsextremismus … 181

Tabelle 7 Reliabilität der Variablen

Variable Items Retest-Stabilitäta


fünfstuÀge Likertskala zwischen
Welle 1 &
Welle 2 bzw.
Cronbachs alpha
Mediennut- „In welchem Ausmaß nutzen Sie die folgenden ARD: .71**
zung – Einzeli- deutschen Fernsehsender, um sich über aktuelle
tems Ereignisse zu informieren (z. B. Nachrichten ZDF: .75**
oder Magazine)?“ Mit vier Unteritems: ARD,
ZDF, RTL, Sat.1; Antwortmöglichkeiten: 1 = RTL: .72**
„gar nicht“, …, 5 = „sehr häuÀg“)
Sat.1: .59**
Präferenzen für deutsches öffentliches Fernse- .76**
hen (ARD, ZDF)

Präferenzen für privates Fernsehen (RTL, Sat.1) .71**

Autoritäre Über- „Die Abkehr von der Tradition wird sich eines
zeugungen – Tages als fataler Fehler herausstellen.“
Skala mit sechs „Gehorsam und Achtung vor der Autorität sind
Items (gekürzte die wichtigsten Tugenden, die Kinder lernen Cronbachs Alpha:
RWA3D-Skala; sollten.“ .79
Funke, 2002)b „Was wir in unserem Lande anstelle von mehr
„Bürgerrechten“ wirklich brauchen, ist eine an-
ständige Portion Recht und Ordnung.“
„Tugendhaftigkeit und Gesetzestreue bringen
uns auf lange Sicht weiter, als das ständige
Infragestellen der Grundfesten unserer Gesell-
schaft.“
„Die wahren Schlüssel zum „guten Leben“ sind
Gehorsam, Disziplin und Tugend.“
„Was unser Land wirklich braucht, ist ein
starker, entschlossener Führer, der das Übel zer-
schlagen und uns wieder auf den rechten Weg
bringen wird.“
a Damit sind die Korrelationen zwischen den jeweils identischen Items oder Skalen von
Welle 1 und 2 gemeint (*: p < .05; **: p < .01).
b Aus forschungspraktischen (zeitlichen) Gründen konnten die Items zur Erfassung au-
toritärer Überzeugungen den Befragten nur in der zweiten Erhebungswelle vorgelegt
werden. Allerdings gehen wir davon aus, dass die damit gemessenen autoritären Über-
zeugungen als generalisierte Einstellungen nicht nur persönlichkeitsnahe, sondern
auch relativ zeitstabile Dispositionen darstellen (vgl. auch Duckitt, 2001; Frindte, 2013;
Frindte & Haußecker, 2010; Six, 1996).
182 Wolfgang Frindte und Daniel Geschke

Mit Hilfe von Cross-Lagged-Regression Analysen (Cook & Campell, 1979) wurde
zunächst nach Wirkungszusammenhängen (Kausalitäten) zwischen diesen Prädik-
toren und der Ideologie der Ungleichwertigkeit gefahndet. Die Befunde zeigten, je
ausgeprägter die „Autoritären Überzeugungen“ sind und je häuÀger RTL und Sat.1
zur politischen Information genutzt werden, umso negativer sind die Einstellungen
gegenüber Muslimen.

Prädiktoren für Ideologie der Ungleichwertigkeit – Kausalanalysen (Cross- Lagged):


Deutsche Nicht-Muslime (Panelstichp robe; N = 97)

Prädiktoren Indikatoren für mögliche


(Welle 1) Ideologie der Ungleichwertigkeit
(Welle 2)

Autoritäre
Überzeugungen
.18*
Vorurteile gegenüber Juden,
Muslimen, Ausländer
Präferenzen für .15*
deutsches Privat-TV

Abbildung 8 Zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse der einzelnen Cross-Lag-


ged-Panel-Analysen für deutsche Nicht-Muslime. Anmerkungen: Es sind
nur signiÀkante Pfade dargestellt. Umgekehrte Pfade wurden der Über-
sichtlichkeit halber nicht aufgeführt.

Autoritäre Überzeugungen werden im Umgang mit unsicheren, ambivalenten Situ-


ationen gelernt (siehe auch Abschnitt 3.2.). In solchen Situationen orientieren sich
Menschen an sozialen Bezugssystemen bzw. Ideologien, die – nach Oesterreich
(1996) – Sicherheit bieten können. Oesterreich nennt diese Orientierung „Flucht in
die Sicherheit“. Hinter dieser Orientierung steht – psychologisch betrachtet – das
Grundmotiv nach Ordnung, Struktur und nach Vermeidung von Unsicherheit und
in zugespitzter Weise die Intoleranz gegenüber ambivalenten Situationen. Sicher-
heit in diesem Sinne können die Familie, die Freundesgruppe, die Religion, eine
(rechtsextreme) Partei oder eine Herrschafts- und Machtideologie bieten. Ob diese
oder andere soziale Instanzen als Schutz bietende Bezugssysteme in Frage kom-
men, hängt allerdings auch davon ab, ob und inwieweit sich eine einzelne Person
über jene Schutz gewährenden Instanzen informieren kann, die nicht zum sozialen
Nahraum dieser Person gehören. Und an dieser Stelle kommt der zweite Prädiktor
für Ideologien der Ungleichwertigkeit ins Spiel: die Mediennutzung, hier: die Präfe-
renzen für die deutschen, privaten Fernsehsender, um sich politisch zu informieren.
Ideologien der Ungleichwertigkeit und Rechtsextremismus … 183

Diese beiden Variablen, autoritäre Überzeugungen und Präferenzen für deut-


sches Privatfernsehen, wurden als Prädiktoren für die anschließenden Media-
toranalysen ausgewählt. Um Aspekte der sozialen Identität, als Mediator bzw.
Vermittler, zu operationalisieren, und somit erneut die Kernhypothese der TIF zu
prüfen, nutzten wir das Item „Deutscher/Deutsche sein, ist ein wichtiger Teil, von
dem, was ich bin“ (erhoben nur in Welle 2). Mit diesem Item sollte die IdentiÀka-
tion mit den Deutschen erhoben werden. Außerdem nutzten wir das folgende Item
zur Erfassung der Gewaltbereitschaft gegenüber dem Islam (erhoben nur in Welle
2): „Die Bedrohung der westlichen Welt durch den Islam rechtfertigt, dass sich die
westliche Welt mit Gewalt verteidigt“.

3.3.3 Mediatoranalyse

Gerechnet wurde wiederum mit dem Statistikprogramm SPSS und dem Skript
„PROCESS“ von Andrew Hayes (2013). Die Prädiktor-, Mediator- und Kriteriums-
variablen wurden zuvor z-transformiert. Die Ergebnisse Ànden sich in Abbildung
9 und Tabelle 8; auf die möglichen Interpretationen gehen wir weiter unten ein.

Identifikation mit
Deutschland
(Welle 2; Index; z-
Wert)
.28** .17*
Fundamentalistische
Autoritäre
.53*** (.59***) Ideologie der
Überzeugungen
Ungleichwertigkeit
(Welle 1; z-Wert)
(Welle 2; z-Wert)
.14 n.s.
.19* (.22*)
Präferenz für
deutsches
Privatfernsehen

Abbildung 9 Mediation der Beziehung zwischen autoritären Überzeugungen und Präfe-


renz für deutsches Privatfernsehen und fundamentalistischer Ideologie der
Ungleichwertigkeit über IdentiÀkation mit Deutschland.
184 Wolfgang Frindte und Daniel Geschke

Tabelle 8 Test auf indirekte Effekte und Bootstrapanalyse

Mediatoren Z p BootLLCI BootULCI


Autoritäre Überzeugungen 1.5960 .0500 .0101 .1148
Präferenz für deutsches 1.0458 .0504 .0093 .1878
Privatfernsehen
Anmerkungen: Z = Z-Wert der Bootstrap-Analyse; p = SigniÀkanzniveau, BootLLC I =
untere Grenze des KonÀdenzintervalls (lower level conÀdence interval);
BootULCI = obere Grenze des KonÀdenzintervalls (upper level conÀdence
interval)

In einer weiteren Mediatoranalyse prüften wir, ob sich auch in diesem Fall der
indirekte Pfad von der IdentiÀkation mit Deutschland über die Ideologie der Un-
gleichwertigkeit weiter bis zur Gewaltbereitschaft verfolgen lässt?
In dieser Analyse (mit z-transformierten Werten aus der 2. Erhebungswelle)
fungierte die IdentiÀkation mit Deutschland als Prädiktor (UV) und die Ideologie
der Ungleichwertigkeit als Mediator, um die Gewaltbereitschaft gegenüber dem
Islam vorauszusagen (AV; Kriterium; siehe die Abbildung 10 und Tabelle 9).

Identifikation mit .13 n.s. (.24 *) Gewaltbereitschaft


Deutschland gegen dem Islam
(z-Wert) (z-Wert)

.19* .53**

Fundamentalistische
Ideologie (der
Ungleichwertigkeit,
z-Wert)

Abbildung 10 Vollständige Mediation der Beziehung zwischen IdentiÀkation mit


Deutschland und Gewaltbereitschaft gegen den Islam über fundamenta-
listische Ideologie der Ungleichwertigkeit.
Ideologien der Ungleichwertigkeit und Rechtsextremismus … 185

Tabelle 9 Test auf indirekte Effekte und Bootstrapanalyse

Mediatorvariable Z p BootLLCI BootULCI


Ideologie der Ungleichwertigkeit 2.1636 .0305 .0210 .2058
Anmerkungen: Z = Z-Wert der Bootstrap-Analyse; p = SigniÀkanzniveau, BootLLC I =
untere Grenze des KonÀdenzintervalls (lower level conÀdence interval);
BootULCI = obere Grenze des KonÀdenzintervalls (upper level conÀdence
interval)

Interpretation:
Auch in dieser dritten Sekundäranalyse Ànden wir empirische Hinweise, die die
Kernhypothese der Theorie eines identitätsstiftenden politischen Fundamentalis-
mus (TIF) zu stützen vermögen. Nicht nur die IdentiÀkation mit rechten Cliquen
oder mit rechten Subkulturen bzw. Milieus, auch die starke IdentiÀkation mit
Deutschland (im Sinne von „Deutschsein ist ein wichtiger Teil von mir“) spiegelt
zum einen wichtige Aspekte der sozialen Identität wider und wirkt zum anderen
als Mediator zwischen den potentiellen Prädiktoren (hier den autoritären Überzeu-
gungen und speziÀschen Fernsehpräferenzen) und der fundamentalistischen Ideo-
logie der Ungleichwertigkeit. Außerdem lässt sich auch in dieser Sekundäranalyse
ein Pfad von der IdentiÀkation mit Deutschland mediiert über die Ideologie der
Ungleichwertigkeit zur Gewaltbereitschaft gegenüber dem Islam nachweisen.
Dass die nationale Identität (als Deutsche bzw. Deutscher) Teil der sozialen
Identität sein kann, ist in verschiedenen Studien ausgiebig empirisch überprüft
worden (z. B. Esses, Wagner, Wolf, Preiser & Wilbur, 2006; Koschate, Hofmann
& Schmitt, 2012). Der EinÁuss der nationalen Identität auf Vorurteile gegenüber
Muslimen (z. B. Tausch, Spears & Christ, 2009) lässt sich ebenso nachweisen wie
der positive Zusammenhang zwischen starker IdentiÀkation mit der deutschen Na-
tion (im Sinne eines Nationalismus) und fremdenfeindlichen Vorurteilen (Schnö-
ckel, Dollase & Rutz, 1999). Auch im Thüringen-Monitor aus dem Jahre 2013
(Best et al., 2013, S. 105) erwies sich der Ethnozentrismus, also die Abwertung des
„Fremden“ bei gleichzeitiger Überhöhung der eigenen nationalen und ethnischen
Identität, als ein wichtiger Faktor für rechtsextreme Orientierungen.
Allerdings ist in diesem Kontext auch der häuÀg betonte Unterschied zwischen
nationalistischer und patriotischer IdentiÀkation mit der eigenen Nation nicht zu
vernachlässigen (vgl. z. B. Blank & Schmidt, 2003; Heyder & Schmidt, 2002). So
konnten Heyder und Schmidt (2002) in einer Erhebung im Rahmen des Projekts
„Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ empirisch belegen, dass durch natio-
nalistische IdentiÀzierungen auch antisemitische, fremdenfeindliche und islam-
feindliche Einstellungen verstärkt werden. Patriotische Einstellungen hingegen
reduzieren in dieser Studie die Abwertung von „Fremdgruppen“. Mummendey,
186 Wolfgang Frindte und Daniel Geschke

Klink und Brown (2001) sehen im Patriotismus und im Nationalismus ebenfalls


unterschiedliche Formen der kollektiven Selbstbewertung. Soziale Vergleiche mit
anderen Nationen seien eng mit Nationalismus oder „blindem“ Patriotismus ver-
knüpft. Temporale Vergleiche der eigenen Nation zu unterschiedlichen Zeitpunk-
ten hingegen würden eher dem Muster eines „konstruktiven“ Patriotismus entspre-
chen. In Kommentaren zur Arbeit von Mummendey et al. (2001) bezweifeln z. B.
Hopkins (2001) und Condor (2001) allerdings die Angemessenheit der Unterschei-
dung von Patriotismus und Nationalismus auf der Basis der untersuchten sozialen
und temporalen Vergleichsprozesse. In Anlehnung an Billig (1995) können sowohl
der Patriotismus als auch der Nationalismus als ideologisch aufgeladene soziale
Konstruktionen betrachtet werden. Manchmal fördere – so Billig (1995) – eine
solche Konstruktion die soziale Diskriminierung, manchmal verhindere sie der-
artige Ablehnungen aber auch, je nachdem wie und zu welchem Zwecke sie von
politischen Eliten eingesetzt werden. IdentiÀkation mit der Nation schließe sowohl
temporale wie soziale (also Intergruppen-)Vergleiche ein und es sei fraglich, ob
eine Trennung zwischen beiden Vergleichsprozessen ökologisch valide sei, das
heißt, außerhalb eines sozialpsychologischen Experiments überhaupt anzutreffen
ist. Letztlich habe jedes Verweisen auf eine nationale Zugehörigkeit das Potential,
als nationalistisch oder patriotisch interpretiert zu werden.
Vielleicht, so ließe sich auf der Basis unserer Befunde vermuten, hängen Vor-
urteile gegenüber Fremden (also Ideologien der Ungleichwertigkeit) nicht primär
von der (nationalistischen versus patriotischen) IdentiÀkation mit der eigenen
(deutschen) Nation ab, sondern von anderen Prädiktoren (z. B. autoritären Über-
zeugungen) und deren Mediation bzw. Vermittlung durch die nationale Identität.

4 Schlussfolgerungen

Im Sinne von Thomas Meyer (2011, S. 63ff.) betrachten wir den Rechtsextremis-
mus als eine Form des Ethno-Fundamentalismus. Rechtsextremismus ist eine
militante Ideologie, die zur Grundlage von negativen Gefühlen und Gewaltbereit-
schaft gegenüber all jenen werden kann, die diese Ideologie nicht befürworten
bzw. ablehnen.
Die Prädiktoren, also die Aussagen über die Verursachung und Entwicklung,
des Rechtsextremismus sind komplex und vielfältig. Sie Ànden sich auf den mikro-,
meso- und makro-sozialen Strukturebenen; z. B. als Beschaffenheiten autoritärer
Überzeugungen oder als EinÁuss der medialen Berichterstattung. Entscheidend
für die Wirkung dieser und anderer Prädiktoren ist aber – nach unserer Auffas-
sung – die funktionale Passung mit der Suche, Fundierung und Stabilisierung der
Ideologien der Ungleichwertigkeit und Rechtsextremismus … 187

sozialen Identität: Sofern die entsprechenden Prädiktoren nützlich sind, um die


soziale Identität der betreffenden Akteure zu stützen, haben diese Prädiktoren ver-
mittelt über die entsprechenden Aspekte der sozialen Identität (bzw. der sozialen
IdentiÀkation mit relevanten Bezugsgruppen) auch einen fördernden EinÁuss auf
die Akzeptanz der fundamentalistischen Ideologie.
Das heißt, die in den diversen Studien nachgewiesenen Prädiktoren für Rechts-
extremismus wirken. Ihre Wirkung wird aber nur verständlich, wenn sie im Kon-
text der besagten funktionalen Passung mit den Bestrebungen nach positiver sozia-
ler Identität interpretiert werden. Mit der Kernhypothese der TIF haben wir diese
funktionale Passung zu beschreiben versucht: Die soziale Identität als IdentiÀka-
tion mit relevanten Bezugsgruppen fungiert als Mediator zwischen den Kontext-
bedingungen und der fundamentalistischen Ideologie der Ungleichwertigkeit und
den Gewaltpotentialen.21
Die diesen Analysen zugrundeliegenden Studien wurden allerdings nicht vor
dem Hintergrund der TIF konzipiert. Insofern haben unsere Illustrationen auch
ihre Grenzen, die sich u. a. in den Operationalisierungen der verschiedenen Prä-
diktoren und Mediatoren zeigen. Hier ist zukünftige Forschung gefragt.

21 Inwieweit mit der fundamentalistischen Ideologie der Ungleichwertigkeit und den Ge-
waltpotentialen auch spezifische (negative) Intergruppen-Emotionen verknüpft sind,
wie in der TIF angenommen, konnten wir auf der Grundlage der vorliegenden Sekun-
däranalysen nicht prüfen.
188 Wolfgang Frindte und Daniel Geschke

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Kapitel 3
„Nationalsozialistischer Untergrund“

„Man hat zu häuÀg den Eindruck, als falle Rassismus und Fremdenfeindlichkeit
durch Rechtsextremisten den Mitarbeitern mancher Sicherheitsorgane gar nicht
weiter auf, als sei das normal und werde durch unsere Verfassung nicht ausge-
schlossen. Das ist unmöglich und muss geändert werden.“

(Herta Däubler-Gmelin, 2013).


Nicht vom Himmel gefallen

Die Thüringer Neonaziszene und der NSU

Stefan Heerdegen

1 Einleitung

Die Mobile Beratung in Thüringen (MOBIT) berät seit dem Jahr 2001 engagierte
Einzelpersonen, Initiativen und Bündnisse, politische Mandatsträger, Vereine und
Verbände, aber auch staatliche Institutionen im möglichst widerständigen Umgang
mit extrem rechten Erscheinungsformen in Thüringen. Für die Beratungsnehmen-
den besteht der Mehrwert einer Beratung oft auch in der hohen Informiertheit der
Berater/innen. In Anbetracht der Differenziertheit und Schnelllebigkeit der extrem
rechten Szene hat Recherche für die Berater/innen einen hohen Stellenwert. Über
die Jahre hat sich so eine Fachexpertise in der Bewertung der Thüringer extrem
rechten bzw. neonazistischen Szene herausgebildet, die primär den Beratungsneh-
menden zur Verfügung gestellt wird. Mit dem vorliegenden Beitrag soll deutlich
werden, dass weder die Täter noch die Taten des sogenannten „Nationalsozialis-
tischen Untergrunds“ (NSU), soweit diese bisher bekannt sind, eine „neue Quali-
tät“ darstellen. Sie sind zwar individuell eigen, jedoch auch typische, originäre
Beispiele aus der Mitte der thüringischen extrem rechten Szene der 1990er Jahre.
In den Tagen nach dem 04. November 2011 wurden sukzessive neun Morde
an Migrant/innen, an einer Polizistin, Bombenanschläge und somit die Existenz
einer über dreizehn Jahre unentdeckt agierenden Neonazigruppe, deren Eigenbe-
zeichnung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) lautete, bekannt. Vielen
Journalist/innen fehlte eine Idee eines adäquaten Umgangs; die Existenz neonazis-
tischen Terrors war schlicht nicht vorstellbar. Manche fragten, ob es sich überhaupt
um „Terror“ handelte, fehlten doch im Vergleich zu eingeübten Vorstellungen aus

W. Frindte et al. (Hrsg.), Rechtsextremismus und „Nationalsozialistischer Untergrund“, Edition


Rechtsextremismus, DOI 10.1007/978-3-658-09997-8_6, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
196 Stefan Heerdegen

Zeiten der Roten-Armee-Fraktion öffentliche Bekennerschreiben. Hier zeigt sich


eine bräsige Haltung der deutschen Mehrheitsgesellschaft, die sich nicht vorzustel-
len vermag, dass die Taten des NSU durchaus ihre öffentliche Wirkung innerhalb
der Migrant/innen-Communities1 hatten. Dabei handelt es sich bei den Taten des
NSU im Grunde um die konsequente Umsetzung ihrer extrem rechten Ideologie
(Gensing, 2012, S. 21ff). Andere wiederum wollten gern bestätigt bekommen, dass
es sich bei den ans Licht gekommenen Taten des NSU um eine neue, bisher nicht
gekannte Qualität extrem rechter Gewalt handelte, die weder die Öffentlichkeit,
noch staatliche Behörden so hätten ahnen können. Die NSU-Morde und -Anschlä-
ge weisen tatsächlich ihre eigenen SpeziÀka auf. Die Mobile Beratung in Thürin-
gen bemüht sich seit jenen Tagen in vielen Interviews deutlich zu machen, dass, bei
Kenntnis extrem rechter Ideologie, diese Taten tatsächlich nicht überraschen durf-
ten. Der vorliegende Beitrag setzt die Taten des NSU mit der extrem rechten Szene
insbesondere in Thüringen in Beziehung. Vor dem Hintergrund von ideologischer
Radikalität und praktischer Militanz behalten die Taten des NSU zwar ihre eigene
erschreckende Kontur, heben sich jedoch weitaus weniger vom gesellschaftlichen
Bild des aktuellen Neonazismus ab als oftmals angenommen. Sowenig mit der
Aufarbeitung des NSU-Komplexes Befasste an eine autonom arbeitende, exklu-
sive Zelle ohne Unterstützungsnetzwerk glauben (vgl. König & Haushold, 2014;
Oppermann, Hartmann & Högl, 2012), sowenig kann die terroristische Struktur
NSU ohne Beziehung zur neonazistischen Szene in Thüringen, im gesamten Bun-
desgebiet und zur internationalen Neonaziszene betrachtet werden.

2 Demokratiefeindlich, radikal und militant –


die Neonaziszene in Thüringen

Während die Täter/innen des NSU im Geheimen mutmaßlich ihre Anschläge und
Morde begingen, trat die Thüringer Neonaziszene öffentlich demokratiefeindlich
und menschenverachtend in Erscheinung.
Durch die 2000er Jahre hindurch fand in Thüringen jährlich eine Vielzahl von
Demonstrationen und Kundgebungen statt, bei denen auf den Transparenten der
unterschiedlichen beteiligten Gruppen, aber auch in den Redebeiträgen, immer
wieder die grundsätzliche Gegnerschaft zum „System“ bekundet wurde (vgl. Ab-
bildung 1). Hierbei bildeten in Parteien organisierte und parteiunabhängig agie-

1 Beispielsweise berichten Opfer des Bombenanschlags in der Kölner Keupstraße 2004,


dass sie gegenüber den polizeilichen Ermittlern aussagten, dass sie die Täter/innen in
Neonazi-Kreisen vermuten (Kölnische Rundschau, 2014).
Nicht vom Himmel gefallen 197

rende Neonazist/innen gemeinsam die extrem rechte bzw. neonazistische Szene in


Thüringen. Eine genaue Trennung in parteiunabhängiges und in Parteienspektrum
ist nur vereinzelt möglich.2

Abbildung 1 Neonazis bei einer Kundgebung am 16.04.2005 auf dem Erfurter Anger.
Anmerkungen: Auf dem Transparent ist zu lesen: „Das System ist der Fehler !!! Hartz IV
ein neuer Beweis ! Nationaler Widerstand Eisenach“. (Bildrechte: MOBIT)

Dabei ist die Ablehnung des „Systems“ nicht auf das politische System Demo-
kratie beschränkt. Nach extrem rechter Denkart ist eine Revision gesellschaft-
licher, humanistischer Werte, die sich seit der Französischen Revolution etab-
lierten, notwendig. Anschaulich wird das beispielsweise bei der Ablehnung des

2 Beispiele für Personalunionen sind Ralf Wohlleben (Aktivist der Kameradschaft „Na-
tionaler Widerstand Jena“ und stellvertretender NPD-Landesvorsitzender 2002-2008),
Patrick Wieschke (seit Ende der 1990er Jahre Führungsfigur der westthüringischen
Kameradschaftsszene und seit Anfang der 2000er Jahre in verschiedenen NPD-Äm-
tern, seit 2012 NPD-Landesvorsitzender) und Thorsten Heise (nach dem Verbot der
Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) einer der bundesweit führenden Initia-
toren einer Organisierung in Kameradschaften, führte selbst die Kameradschaft Nort-
heim und die Kameradschaft Eichsfeld; auch er ist seit 2004 in diversen Funktionen
für die NPD aktiv).
198 Stefan Heerdegen

Gleichheitsgrundsatzes des Artikels 3 des Grundgesetzes. Über 200 Jahre nach


der Französischen Revolution mit ihrem Leitspruch „Freiheit, Gleichheit, Brüder-
lichkeit“ ist beispielsweise der Grundsatz der Gleichwertigkeit der Menschen zum
anerkannten Allgemeingut geworden. Es gehört heute zum Standard demokrati-
scher Verfassungen und Gesetzgebungen, die Menschenrechte, hier die Gleichheit
an Würde und Rechten, durchzusetzen. Die Neonaziszene geht hingegen von einer
Ungleichwertigkeit von Menschen aus (Heitmeyer, 1993, S. 13). Dieses rassistische
Wertigkeitsgefälle in der Weltsicht legitimiert Gewalttaten gegen Migrant/innen,
politisch Andersdenkende, Behinderte, Homosexuelle und weitere abgelehnte Be-
völkerungsgruppen.3 Übergriffe gegen sie erscheinen als weniger schwerwiegend
als gegen Angehörige der eigenen Gruppe. Gewalt gilt der neonazistischen Szene
generell als legitimes Mittel des politischen Kampfes (Röpke, 2004, S.40ff). Auch
hier zeigt sich die Ablehnung gesellschaftlicher, demokratischer Konventionen, in
diesem Fall des gewaltlosen Umgangs untereinander.
In Schriften, Aufdrucken auf Textilien, Reden oder in Songtexten Ànden sich
unzählige Belege für eine Befürwortung von Gewalt zur Durchsetzung von Zielen;
Militanz und rechter Terrorismus werden sogar gloriÀziert. Dies beginnt bei der
Verherrlichung des Vernichtungskriegs von Wehrmacht und Waffen-SS und reich-
te zum Zeitpunkt der Selbstenttarnung des NSU bis zu öffentlichen Sympathie-
bekundungen für die englische Terrorgruppe „Combat18“ oder den norwegischen
Attentäter Anders Behring Breivik.

2.1 Terroristische Traditionslinien

In den 1990er Jahren, der Zeit, in der sich der „Thüringer Heimatschutz“ (THS)
als Kameradschaftsnetzwerk bildete, und in der viele bis heute in die extrem rechte
Szene Eingebundene neonazistisch sozialisiert worden waren, konnten sich auch
Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe, ebenso wie jede/r andere Szenegänger/in an der
langen und vielfältigen Tradition rechten Terrors orientieren. Es erscheint müßig,
ohne eine Aussage der Überlebenden des Trios, Beate Zschäpe, die Bezugspunkte
zu Ànden, die bei der Bildung der NSU-Terrorzelle und für deren Vorgehensweise
tatsächlich eine Rolle spielten. Auf allgemeinere Aussagen kann aber der folgende
Abschnitt hinweisen.

3 In unzähligen RechtsRock-Songs werden Mord- und Pogromstimmungen gegenüber


diversen Gruppen besungen. Drastische Beispiele sind: Landser mit „Schlagt sie tot“,
Gigi und die braunen Stadtmusikanten mit „Anne Wand“ oder SKD mit „Hängt sie
auf!“.
Nicht vom Himmel gefallen 199

Bereits seit dem Ende des Ersten Weltkrieges existiert für die extreme Rechte
eine Tradition der Militanz bestehend aus Straßenschlachten, Freikorps und poli-
tischen Morden. Auch im Laufe der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
gehörte Terror als Option politischen Handelns für die neonazistische Szene zum
Repertoire. Zu nennen sind: die „Wehrsportgruppe Hengst“ (1968-1971), die „Ak-
tion Widerstand“ (1970-1971), die „Volkssozialistische Bewegung Deutschlands“
(1971-1982), die „Wehrsportgruppe Hoffmann“ (1973-1980) und die „Deutschen
Aktionsgruppen“ (1980). Die Eigenbezeichnung „Deutsche Aktionsgruppen“
weist auf den Gedanken einer dezentralen Zellenstruktur statt großer, hierarchi-
scher Zusammenschlüsse hin. Obwohl tatsächlich nur eine Zelle bestehend aus
drei Personen Anschläge, teilweise mit Todesfolge, beging, bezifferte 1982 das
Bundesinnenministerium die Anzahl der Mitglieder auf 16 (Maegerle, 2014). Ge-
nerell war der Gedanke einer dezentralen Zellen-Struktur, abgekoppelt von der
extrem rechten Szene, hier nicht konsequent umgesetzt worden (vgl. Pfahl-Traug-
hber, 2012).
Auch in der Szene kursierende Texte belegen, dass die Vorgehensweise des
NSU-Trios keineswegs exklusiv ist. Die bereits 1978 veröffentlichten „Turner Dia-
ries“ von William L. Pierce (vgl. Sanders, Stützel & Tymanova, 2014) beschrei-
ben einen antisemitisch und rassistisch motivierten Überlebenskampf der „weißen
Rasse“. Wie Gideon Botsch (2012, S.109) schreibt, rezipierten deutsche Neonazis
Mitte der 1990er Jahre „angelsächsische Konzepte einer ‚leaderless resistance‘,
eines ‚führerlosen Widerstands‘“, dessen Gedanke durch die „Turner Diaries“ in
Form von einzelnen Einheiten in einem Netzwerk in die Neonazi-Szene einge-
führt war. Der US-amerikanische Rassist Louis Beam veröffentlichte 1992 einen
bereits 1983 geschriebenen Artikel in seiner Zeitschrift „The Seditionist“, in dem
er ein „cell system“, ein System aus einzelnen Zellen als einer hierarchischen Or-
ganisation überlegen darstellt (vgl. Beam, 1983). Konzept und Name waren also
spätestens seit Beginn der 1990er Jahre veröffentlicht und hatten in der extremen
Rechten Nordamerikas einen großen EinÁuss (Grumke, 2001, S. 90f).

2.2 Blood & Honour und der Terrorismus

In europäischen Kreisen des international agierenden Neonazi-Musiknetzwerks


Blood & Honour (B&H) verbreitet der norwegische Neonazi Erik Blücher unter
dem Pseudonym Max Hammer (Thomas, 2000) Überlegungen zu rechtem Terro-
rismus. In „The way forward“ propagiert er den terroristischen Kampf und Com-
bat18 als militanten Arm von Blood & Honour (apabiz, 2000; Hammer, 2000).
Im „Field Manual“ aus dem Jahr 2002 nutzt Blücher auch den Begriff „leader-
200 Stefan Heerdegen

less resistance“ (Hammer, 2002). Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jah-
re diskutierte die europäische Neonazi- bzw. Blood & Honour-Szene militante
Strategien (Sanders et al., 2014; Röpke, 2012, S. 51; Gensing, 2012, S.89). Nicht
nachgewiesen werden kann, ob und welche Texte Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt
und Beate Zschäpe selbst gelesen haben. Andrea Röpke (2012, S. 52) geht jedoch
von einem „intensiven Studium konspirativer Schriften (des Trios, Anmerkung
des Verfassers)“ aus. In Anbetracht der weitreichenden Vernetzung und zentralen
Einbindung der drei in den Thüringer Heimatschutz erscheint es schwer vorstell-
bar, dass sie den damaligen Strategiediskurs um Militanz, Terrorismus und ent-
sprechende Konzepte nicht wenigstens mittelbar erlebt hatten. Dies gilt auch für
andere damals schon in Thüringen aktive Neonazis, wie beispielsweise den heuti-
gen NPD-Landeschef Patrick Wieschke, Ralf Wohlleben und André Kapke. Alle
drei Neonazis prägten und prägen mit ihren legalen Aktivitäten die thüringische
extrem rechte Szene.

2.3 Neonazistische Gewalt und Militanz in Thüringen

Übergriffe auf Migrant/innen bzw. Menschen, die visuell nicht in die Vorstellung
der Neonazis vom Deutschen passen, sind in Thüringen belegt (ezra – Mobile Be-
ratung für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, siehe auch den
Text von Geschke & Quent in diesem Band).4 Damit ist die Schwelle von verbaler
Gewaltbefürwortung und -verherrlichung zur tatsächlichen Tat überschritten. Das
Spektrum reicht von Bedrohungen über Körperverletzungen bis hin zum Mord.
Die Wanderausstellung „Opfer rechter Gewalt in Deutschland seit 1990“ weist
in ihrer fünften Fassung derzeit 169 Morde, sechs davon in Thüringen, aus. Bei
einer neuen Fassung der Ausstellung dürfte ein weiterer Mord, der 2012 verübt
wurde, als siebte, belegte Tat in Thüringen aufgenommen werden (ezra – Mobile
Beratung für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, 2013). Es
lässt sich somit konstatieren, dass es auch außerhalb der NSU-Zusammenhänge
tödliche Gewalt in Thüringen gibt. Ein deutlicher Unterschied der Taten des NSU
im Vergleich zu den anderen Tötungsdelikten besteht jedoch in deren akribischer
Planung. Hier eskalierte nicht spontan die Gewalt. Die Morde des NSU-Trios wur-
den monate- bzw. jahrelang vorbereitet, dann verdeckt und kaltblütig ausgeführt.

4 Aufgrund des mehrfachen Trägerwechsels bei Thüringer Beratungsprojekten für Be-


troffene rechter Gewalt sind die Übergriffszahlen für manche Jahre nur begrenzt aus-
sagekräftig.
Nicht vom Himmel gefallen 201

2.4 Sprengstoff- und Waffenfunde

Durch die 2000er Jahre hindurch ist ebenfalls ein Interesse der neonazistischen
Szene in Thüringen an Waffen und Sprengstoff feststellbar. Bereits im Jahr 2000
verübten Mitglieder der „Kameradschaft Eisenach“ einen Sprengstoffanschlag auf
ein Imbissgeschäft eines türkischen Staatsangehörigen (Thüringer Landtag, 2001).
Zusammenhänge zum NSU sind bei dieser Tat zwar nicht erkennbar, jedoch lässt
diese Tat den Schluss zu, dass Anschläge auf von Migrant/innen geführte Ge-
schäfte kein exklusives Betätigungsfeld des NSU-Trios waren. Weitere Spreng-
stofffunde bzw. Funde von „Unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtungen“
gab es nach Auskunft der Landesregierung im Jahr 1997 in Stadtroda, 2003 in
Ronneburg, 2008 in Wutha-Farnroda und 2011 in Berga (Thüringer Landtag,
2012). Neben Sprengstoff- und Bombenfunden sind auch wiederholt Schusswaffen
bei Angehörigen der extrem rechten Szene festgestellt worden. Beim damaligen
NPD-Bundesvorstandsmitglied Thorsten Heise (aktuell stellvertretender NPD-
Landesvorsitzender) aus Fretterode im Eichsfeld wurde bei einer Hausdurchsu-
chung des Bundeskriminalamtes im Jahr 2007 beispielsweise eine Pistole, eine
zerlegte Maschinenpistole sowie ein Maschinengewehr gefunden. Lediglich bei
dem Maschinengewehr aus der Zeit des zweiten Weltkriegs wären „kleinere Ver-
änderungen“ (Spiegel Online, 2012) nötig gewesen, um es wieder funktionsfähig
zu machen. Die anderen beiden Waffen waren also funktionsfähig bzw. die Waf-
fenteile vollständig vorhanden. Festzuhalten bleibt, dass Waffenfunde in der thü-
ringischen Neonaziszene sich nicht auf Schlagwaffen und Messer beschränken.
Die gefundenen Waffen sind nicht selten Schusswaffen, deren Besitz in Deutsch-
land keiner Privatperson erlaubt ist, sondern die vielmehr unter das Kriegswaffen-
kontrollgesetz fallen.

3 Thüringer Neonaziszene damals und heute

3.1 Der lange Schatten des „Thüringer Heimatschutzes“

Mitte der 1990er Jahre bildete sich die Organisationsstruktur „Anti-Antifa-Ostthü-


ringen“ heraus, die sich mit zunehmender Ausbreitung „Thüringer Heimatschutz“
(THS) nannte (Deutscher Bundestag, 2013). Nach Aussagen des Zeugen im Parla-
mentarischen Untersuchungsausschuss Tino Brandt (ehemalige FührungsÀgur des
THS) gehörte André Kapke als damaliger Kopf der Jenaer Kameradschaft eben-
falls zum Führungszirkel des THS. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt wiederum
werden als Kapkes Stellvertreter, Zschäpe als Mitglied charakterisiert (Deutscher
202 Stefan Heerdegen

Bundestag, 2013). In Abstufungen gehören sie alle zum Kern des zwischenzeit-
lich auf ca. 120 Neonazist/innen angewachsenen Kameradschaftsnetzwerks THS.
Brandt sagte gegenüber dem Bundeskriminalamt (BKA) 2012 aus, dass der THS
eine Vernetzungsstruktur für fast ganz Thüringen darstellte (ausgenommen Mühl-
hausen und Nordhausen)5. Der „Thüringer Heimatschutz“ hat bis heute seine Auf-
lösung nicht erklärt, seine Kader traten Anfang der 2000er Jahre zunehmend als
NPD-Funktionäre auf. Daher kann davon ausgegangen werden, dass diejenigen
Neonazis, die in dieser Zeit bereits politisch aktiv waren, mit der Organisation, den
Protagonisten, aber auch den damaligen politischen, wie ideologischen Positionen
in Berührung gekommen sind. EinÁussreiche Führungspersonen, heute zumeist
mit NPD-Zugehörigkeit, entstammen in Thüringen der freien Kameradschaftssze-
ne und somit zumindest mittelbar dem Thüringer Heimatschutz. Das NSU-Mör-
der-Trio und die öffentlich und legal agierenden Personen der thüringischen ext-
rem rechten Szene haben dieselbe neonazistische Sozialisation der 1990er Jahre,
gehörten denselben Strukturen an.
Die extrem rechte Szene drückt bis heute gelegentlich ihre Verbundenheit zum
„Thüringer Heimatschutz“ aus. So wurde das bekannte Banner des THS beispiels-
weise 2006 anlässlich einer Rudolf-Heß-Gedenkdemonstration mitgeführt. Im
Jahr 2012, beim 10. sogenannten „Rock für Deutschland“ (RfD), einem seit 2003
in Gera stattÀndenden RechtsRock-Open-Air wurde sogar ein neu hergestelltes
Transparent als Bühnenhintergrund verwendet. Auch beim 12. sogenannten „Thü-
ringentag der nationalen Jugend“ (TdnJ) im Jahr 2013 in Kahla wurde es gezeigt
(Abbildung 2).

5 Brandt berichtet gegenüber dem BKA von den Mittwochsstammtischen im Gasthaus


„Zum Goldenen Löwen“ in Rudolstadt-Schwarza, zu dem nach und nach bis zu 100
Neonazist/innen zusammen kamen.
Nicht vom Himmel gefallen 203

Abbildung 2 Auf dem 12. sogenannten „Thüringentag der nationalen Jugend“ in Kahla
im Jahr 2013 drückt die extrem rechte Szene ihre Verbundenheit mit dem
Thüringer Heimatschutz aus. (Bildrechte: MOBIT)

Die Beispiele aus Gera und Kahla lassen den Schluss zu, dass nach dem öffentli-
chen Bekanntwerden des NSU durch das Zeigen dieses in Szenekreisen bekannten
Transparents eine versteckte Verbundenheit zu den NSU-Mitgliedern, die zuvor
auch THS-Mitglieder waren, zum Ausdruck kommt. Für diesen Schluss spricht
auch, dass in Kahla, das zum ehemaligen THS-Kerngebiet gehört, auch mehrere
Konzertbesucher mit „Freiheit-für-Wolle“-T-Shirts anwesend waren. Der wegen
„Rädelsführerschaft in einer terroristischen Vereinigung“ verurteilte Martin Wie-
se (Pöhner, 2010) und ein weiterer Redner trugen dieses T-Shirt ebenfalls (siehe
Abbildung 3).
204 Stefan Heerdegen

Abbildung 3 Zur öffentlichen Bekundung der Solidarität mit Ralf „Wolle“ Wohlleben
trugen sowohl Redner als auch Helfer beim Kahlaer „Thüringentag der
nationalen Jugend“ T-Shirts mit der Aufschrift „Freiheit für Wolle“. (Bild-
rechte: MOBIT)

Mit „Wolle“ ist Ralf Wohlleben gemeint, der Weggefährte von Zschäpe, Mundlos
und Böhnhardt, der neben André Kapke die zweite FührungsÀgur in der Kame-
Nicht vom Himmel gefallen 205

radschaft Jena war und nun einer der Mitangeklagten im Münchner NSU-Prozess
ist. Zwischen 2002 und 2010 war Ralf Wohlleben NPD-Mitglied, zeitweise sogar
stellvertretender NPD-Vorsitzender in Thüringen (Gamma Redaktion Leipzig,
2012, S. 85). Wohlleben war 2002 beim ersten „Thüringentag der nationalen Ju-
gend“ Versammlungsleiter und blieb dem TdnJ auch in den Folgejahren als Redner
oder Mitorganisator verbunden. Wohlleben gehörte gemeinsam mit André Kapke
und Patrick Wieschke ebenfalls zum Organisationskreis des ersten sogenannten
„Fests der Völker“ 2005 in Jena (Röpke, 2005; Gensing, 2011). Dieses Rechts-
Rock-Event hatte gegenüber dem bereits erwähnten TdnJ und dem Geraer RfD
bei der Bandauswahl und den Rednern einen deutlichen Bezug zum verbotenen
Blood & Honour-Netzwerk (Röpke, 2005). In der Person Ralf Wohlleben kumu-
liert der Facettenreichtum der Thüringer extrem rechten Szene. Er personiÀziert
ihre Charakteristika, wie die unscharfen Grenzen zwischen NPD und Kamerad-
schaftsszene, die Sozialisierung im „Thüringer Heimatschutz“, die mittlerweile
deutschlandweit ausgeprägtesten Fähigkeiten zur Organisation von neonazisti-
schen Massenveranstaltungen und eben auch Ambitionen zu bzw. Verwicklungen
in militante und rechtsterroristischen Aktionen.

3.2 Die Bedeutung von Blood & Honour in Thüringen

Auf eine vollständige Darstellung des Blood & Honour-Netzwerkes, seine Aktivi-
täten, Protagonisten etc. wird hier verzichtet. Da dieses Neonazi-Netzwerk jedoch
einerseits beim Abtauchen des Jenaer Nazi-Trios eine entscheidende Rolle spielte
und andererseits auch ein zentraler Bestandteil der Geschichte der Thüringer ext-
rem rechten Szene darstellt, sollen dennoch einige Informationen einÁießen.
Thüringen hatte seit dem Jahr 1997 bis zum Verbot des Blood & Honour-Netz-
werkes im Jahr 2000 ebenso wie Sachsen eine aktive eigene Sektion. Der Sek-
tionsleiter Thüringens Marcel Degner aus Gera fungierte auch als Kassenwart
der Blood & Honour-Division Deutschland (Haskala Jugend- und Wahlkreisbüro
Katharina König (MdL), 2010; Schäfer, Wache & Meiborg, 2012, S. 35f). Auch
die Jugendorganisation der Blood & Honour-Division Deutschland „White Youth“
wurde in Gera gegründet (Haskala, 2010). Bereits Mitte der 1990er Jahre bewegte
sich Uwe Mundlos in der Sächsischen Neonaziszene und knüpfte Blood & Ho-
nour-Kontakte (Wellsow, 2012, S. 32f). Uwe Mundlos stellte die sächsischen Blood
& Honour-Aktivisten André Kapke und Ralf Wohlleben vor (Schäfer et al., 2012,
S. 35).
Abgesehen davon, dass mit Marcel Degner eine für die bundesdeutsche Struk-
tur Blood & Honour zentrale Figur aus Thüringen stammte, spielte das internatio-
206 Stefan Heerdegen

nal agierende (Skinhead)-Musik-Netzwerk innerhalb der Thüringer Neonaziszene


eine bedeutende Rolle. Da schon der britische Gründer von Blood & Honour, Ian
Stuart Donaldson in Musik das ideale Mittel sah, um Jugendlichen den Natio-
nalsozialismus näherzubringen (Langebach & Raabe, 2013, S. 8), verwundert es
nicht, dass auch die thüringische Sektion Konzerte veranstaltete und die Szene mit
Tonträgern versorgte (ebd., S. 8). Auch nach dem Verbot von Blood & Honour in
Deutschland am 12. September 2000 waren seine Strukturen in Thüringen weiter
aktiv. Beispielsweise steuerten thüringische RechtsRock-Bands über die Hälfte der
Beiträge auf dem im Jahr 2003 erschienenen Blood & Honour-Sampler „Trotz
Verbot nicht tot“ bei. Auch kam es am 25. November 2003 und am 07. März 2006
zu Hausdurchsuchungen wegen des illegalen Fortführens von Blood & Honour
in verschiedenen Orten in ganz Thüringen. Die Strategie, über das Medium Mu-
sik für Interessent/innen attraktiv zu sein und Zulauf für die thüringische extrem
rechte Szene zu organisieren, wird in Thüringen weiterhin unter Verzicht auf allzu
deutliche Hinweise auf Blood & Honour betrieben. Die Mobile Beratung in Thü-
ringen verzeichnet seit 2007 jährlich zwischen 18 und 28 RechtsRock-Konzerte
(MOBIT e.V., 2014). Darunter fallen auch Veranstaltungen im öffentlichen Raum
wie die bereits oben benannten Großveranstaltungen. Sympathiebekundungen für
das verbotene Netzwerk können sich Besucher des Geraer „Rock für Deutschland“
zuweilen nicht verkneifen. Sie erscheinen mit T-Shirts auf denen oberÁächlich be-
trachtet das typische Blood & Honour-Logo gedruckt ist. Erst beim genauen Lesen
merkt man, dass dort „Bart & Homer“ zu lesen ist. Auch ein vom Veranstalter,
dem NPD-Kreisverband Gera, eingesetzter Ordner trug im Jahr 2012 dieses T-
Shirt (siehe Abbildung 4).
Nicht vom Himmel gefallen 207

Abbildung 4 Zwölf Jahre nach dessen Verbot bekundet ein Ordner beim neonazisti-
schen sogenannten „Rock für Deutschland“ in Gera seine Sympathie für
das international agierende Musik-Netzwerk „Blood & Honour – Division
Deutschland“. (Bildrechte: MOBIT)

4 Fazit

Zusammengefasst lässt sich belegen, dass:

• die Täter/innen des selbsternannten Nationalsozialistischen Untergrunds ge-


meinsam mit wichtigen Szene-Funktionären in der thüringischen, neonazis-
tischen Kameradschaftsszene der 1990er Jahre, im Thüringer Heimatschutz,
sozialisiert und radikalisiert worden sind,
• Waffen, Sprengstoffe, Wehrsport, Übergriffe und Mordanschläge fester Be-
standteil des extrem rechten Aktionsrepertoires sind,
• extrem rechte Ideologie in ihrer Konsequenz eine militante, terroristische und
eliminatorische Komponente aufweist,
• Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt direkte Verbindungen zu Blood & Honour-
Strukturen hatten,
• in Strategiepapieren bzw. -diskussionen von Blood & Honour die Handlungs-
weise des NSU als „Führerloser Widerstand“ vorskizziert war.
208 Stefan Heerdegen

Das terroristische Vorgehen des NSU kann bei eingehender Betrachtung der
thüringischen extrem rechten Szene nicht überraschen. In der Bereitschaft zum
brutalem Agieren statt zu Argumentieren liegt der Unterschied zwischen der
NSU-Zelle, bestehend aus Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos, und der übrigen neo-
nazistischen Szene. Der Beitrag hat nachgewiesen, dass dafür notwendige inhalt-
liche und strukturelle Voraussetzungen nicht nur zur Zeit des Untertauchens des
Jenaer NSU-Trios vorhanden waren, sondern seither auch unabhängig von Bezie-
hungen zum Nationalsozialistischen Untergrund in Thüringen weiterhin gegeben
sind. Es existiert ein mörderisches Potential, bestehend aus der Ablehnung von
universeller Menschenwürde und Demokratie, ideologisierten, (potentiellen) Tä-
ter/innen, die physische Gewalt ausüben, dem Verschaffen und vorrätig halten von
Tatwaffen, einem funktionsfähigen Netzwerk und einer nicht erst seit dem NSU
erprobten Strategie.
Nicht vom Himmel gefallen 209

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210 Stefan Heerdegen

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Nicht vom Himmel gefallen 211

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Hamburg: VSA-Verlag.
Uwe Böhnhardt

Rekonstruktion einer kriminellen Karriere

Heike Würstl

1 Einleitung

Ziel der Abhandlung ist es, den Subjektwerdungsprozess von Uwe Böhnhardt,
einem der Kernmitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), näher
zu beleuchten. Wie der Aufsatztitel erkennen lässt, sind seine rechtsextremistischen
Gewalttaten in eine kriminelle Karriere eingebettet, die sich nicht ausschließlich
auf den Phänomenbereich der politisch motivierten Straftaten beschränkt. Böhn-
hardt steigt mit Straftaten, die einen geringen Grad an Sittlichkeitsverletzung im-
plizieren (Diebstähle, Einbrüche), in die Kriminalität ein. Der Schweregrad an
sittlicher VerwerÁichkeit steigert sich zunehmend und gipfelt schließlich in der
Ermordung von mindestens zehn Menschen.
Der Werdegang Böhnhardts fügt sich in die Ergebnisse lebenslauforientierter
Rechtsextremismusforschung ein, die eine hohe AfÀnität zwischen den Lebens-
läufen von Rechtsextremisten und Kriminellen, die mit unpolitischen Straftaten
auffallen, herausgefunden haben (vgl. z. B. Kraus & Mathes, 2010, S. 91) und die in
den Daten bestätigt fanden, dass fremdenfeindliche Gewalt zuerst Gewalt und erst
dann Fremdenfeindlichkeit ist (vgl. ebd., S. 92). Willems konstatiert beispielsweise
für das Phänomen der Fremdenfeindlichkeit: „Die durchgehende öffentliche The-
matisierung der fremdenfeindlichen Jugend-Gewalt als eine rechtsextremistische,
neonazistische oder faschistische Gewalt wird (...) durch die empirischen Daten
keineswegs gedeckt.“ (Willems, 1993, S. 99). Krüger kommt in ihrer biograÀschen
Untersuchung zu dem Ergebnis, dass „vermeintlich rechte Gewalttaten entweder
gar nicht oder nur teilweise durch rechte Einstellungen motiviert werden“ (Krüger,

W. Frindte et al. (Hrsg.), Rechtsextremismus und „Nationalsozialistischer Untergrund“, Edition


Rechtsextremismus, DOI 10.1007/978-3-658-09997-8_7, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
214 Heike Würstl

2008, S. 16). Vielmehr seien es genutzte Gelegenheiten, um persönliche, soziale


und emotionale Bedürfnisse zu befriedigen.
An Hand der objektiven Lebensdaten von Uwe Böhnhardt werde ich aufzeigen,
welche biograÀschen Entscheidungen ihm innerhalb seines sozialen und histori-
schen Kontexts objektiv, d. h. unabhängig von deren subjektiv-intentionaler Reprä-
sentanz, zur Verfügung standen, welche er tatsächlich realisierte bzw. nicht rea-
lisierte und welche objektive Motivation hinter seinen Entscheidungen gestanden
haben könnte.1
Theoretisches Fundament meiner Darlegung bildet das Individuierungskonzept
der strukturalen Soziologie (vgl. Wagner, 2004a, 2004b; Oevermann, 1979, 2009).
Danach werden an das Subjekt zunächst von außen im Rahmen der sozialisatori-
schen Interaktion Strukturen herangetragen, die es ihm zunehmend ermöglichen,
sich selbst zu konstituieren und Strukturen selbstständig zu deuten. Im Verlauf
der Subjektwerdung muss es vier ontogenetisch bedingte Ablösungskrisen (Ge-
burt, Mutter-Kind-Bindung, ödipale Krise und Adoleszenz) meistern. Der Grad,
in dem dies gelingt, setzt Möglichkeiten und Grenzen für zukünftige biograÀsche
Entscheidungen.
Beginnen werde ich mit der Erörterung der familiären und historischen Kon-
textbedingungen. Sie sind nicht im Sinne einer Entscheidungsdetermination zu
verstehen. Vielmehr stecken sie den Entscheidungsraum ab, indem sie Handlungs-
alternativen eröffnen oder beschränken.

2 Generation, Herkunftsmilieu, Herkunftsfamilie

Uwe Böhnhardt wird 1977 in Jena (DDR) geboren. Sein Vater, Jahrgang 1944,
ist Ingenieur. Seine Mutter, 1948 geboren, erlernt den Beruf einer Unterstufen-
lehrerin und arbeitet im Bereich der Sonderschulpädagogik. Uwe Böhnhardt hat
zwei ältere Geschwister. Jan, der älteste Bruder, wird 1969 geboren, Peter, der
zweitälteste Bruder, 1971.
Uwe Böhnhardt gehört einer Generation an, deren Angehörige zum Zeitpunkt
ihrer Adoleszenz, die sie etwa zwischen 1992 und 1996 erleben, von den Er-
wachsenen sich selbst überlassen bleiben. Eltern, Lehrer und staatliche Akteure
beÀnden sich infolge der Transformation der ostdeutschen Gesellschaft in einer
Orientierungslosigkeit. Sie üben ihre Korrektivfunktion im Falle adoleszenzbe-
dingter Normenüberschreitung nur eingeschränkt aus, weil sie selbst nicht wissen,

1 Eine Darstellung der vollständigen Fallrekonstruktion des Subjektbildungsprozesses


von Uwe Böhnhardt findet sich in Würstl (2015).
Uwe Böhnhardt 215

was in der neuen Gesellschaft als richtig oder falsch gilt. Die Identitätsentwürfe
der heranwachsenden Generation gestalten sich infolgedessen diffus. Während
die sogenannte Wendegeneration (1970-1975 geboren) ihre Kindheit und Jugend
vollständig in der DDR erlebt, was größtenteils noch eine IdentiÀzierung als DDR-
Bürger zur Folge hat, ist die Phase der primären Sozialisation bei der hier in Frage
stehenden Generation fragmentiert. Jana Hensel, Jahrgang 1976, beschreibt sie in
ihrem Roman „Zonenkinder“ als „zwittrige Ostwestkinder“, die im Verschwinden
aufwuchsen, die weder Ostdeutsche noch Westdeutsche waren und deren Leben
aus Abschieden und Brüchen, aber nicht aus Übergängen, bestand (Hensel, 2003,
S. 74, 160). Die Generation Böhnhardts ist zu jung, um in das sozialistische System
verstrickt gewesen zu sein und zu alt, um nichts mehr mit der DDR zu tun gehabt
zu haben. Sie beÀndet sich damit in einer ähnlichen Lage wie ihre Großeltern nach
dem Krieg, die den Nationalsozialismus zwar miterlebten, aber zu jung waren,
um darin verwickelt gewesen zu sein (vgl. Bürgel, 2006, S. 171). Die sogenannte
Flakhelfer-Generation kennzeichnet einen Habitus des äußerlichen Mitmachens
bei innerer Gleichgültigkeit. Diese Indifferenz gegenüber gesellschaftlichen Er-
wartungen kennzeichnet auch die Generation Böhnhardts. Sie erlebt die Ent- und
Abwertung ostdeutscher BiograÀen, die Deklassierung der Ostdeutschen zu Bür-
gern zweiter Klasse und den darauffolgenden Rückzug ihrer Eltern in eine ro-
mantisierte Ostalgie. Dieses einschneidende Erlebnis lässt ihnen eine pessimisti-
sche Grundstimmung zu eigen werden und erschwert ihnen die Ablösung aus der
Herkunftsfamilie. Die Kinder der Einheitsverlierer rebellieren nicht gegen ihre
niedergeschlagenen Eltern, sondern solidarisieren sich mit ihnen. Ihr Generations-
habitus der Indifferenz bedeutet für die Eröffnung und Schließung zukünftiger
Handlungsräume eine schwache pÁichtenethische und solidarische Bindung an die
staatsbürgerliche Gemeinschaft.
Die Eltern von Böhnhardt sind Bildungsaufsteiger ins sozialistische Establish-
ment. Die Mutter gehört als Lehrerin dem (bürgerlich-) humanistischen Unter-
milieu an, welches durch Tugenden der protestantischen Ethik, durch gesellschaft-
liche Verantwortungsübernahme, Familien- und Traditionsbezogenheit und eine
stark ausgeprägte sozialistische Grundhaltung gekennzeichnet ist (vgl. Hofmann
2010, S. 11). Der Vater ist dem technokratischen Untermilieu angehörig. EfÀzienz-
und Erfolgsorientierung, Streben nach Perfektion und ein technokratisches Welt-
bild kennzeichnen dieses Submilieu (vgl. ebd.). Als Angehörige der sozialistischen
Funktionselite fühlen sich die Eltern der DDR verpÁichtet und verhalten sich des-
halb bis mindestens in die 1980er Jahre äußerlich systemloyal. Zumindest für den
Vater ist aufgrund seiner noch bürgerlichen Erziehung – er verlässt die Schule
noch vor der grundlegenden Schulreform 1959 – und seiner Zugehörigkeit zur
Schicht der ideologisch distanzierten technischen Intelligenz von einer nach innen
216 Heike Würstl

gekehrten systemskeptischen Haltung auszugehen. Nach der „Wende“ bricht das


Herkunftsmilieu der Eltern weg. Damit entfällt für Uwe Böhnhardt die privilegier-
te C hance, im Milieu der sozialistischen Elite zu verbleiben. Das sozialistische
Establishment rekrutierte sich ab Mitte/Ende der 1960er Jahre zunehmend aus
sich selbst (vgl. Geißler, 2008, S. 289).
Als Letztgeborenen kommt Uwe Böhnhardt in seiner Herkunftsfamilie die
Position des Benjamins zu, der von hohen Erwartungen der Eltern weitgehend ver-
schont bleibt und verwöhnt wird. Aufgrund des großen Altersabstands zu seinen
Brüdern wächst er eher als ein Einzelkind auf. Die Geschwister sind für ihn weder
Spielkameraden noch Konkurrenten, sondern tendenziell IdentiÀkations- und Be-
zugspersonen.

3 Lebenslauf

3.1 Kindheit

Uwe Böhnhardt wird 1984 im Alter von sechs Jahren eingeschult. 1988 stirbt der
mittlere Sohn von Familie Böhnhardt unter vermutlich ungeklärten Todesumstän-
den. Böhnhardt bleibt in der siebenten Klasse sitzen und muss sie wiederholen.
Ab 1992, da ist er 14 Jahre alt, fällt er zunächst mit kleinkriminellen Handlungen
auf. Er beginnt die Schule zu schwänzen. Im Frühjahr 1992 kommt er für wenige
Wochen ins Kinderheim, wird aufgrund fortgesetzter Devianz jedoch wieder nach
Hause geschickt. Nachdem er in der achten Klasse erneut sitzen bleibt, wechselt er
auf eine Lernförderschule. 1993 kommt er zum ersten Mal in Untersuchungshaft.
Bis zum Alter von zehn Jahren verläuft das Leben von Böhnhardt unauffällig.
Er wird altersgerecht mit sechs Jahren eingeschult, so dass von einem normalen
Entwicklungsstand auszugehen ist. Die Polytechnische Oberschule (POS) stellt
im zweigliedrigen DDR-Schulsystem den Normalfall dar. Die beiden wichtigs-
ten Charakteristika dieser Schulform sind eine starke ideologische Erziehung im
Sinne eines Freund-Feind-Schemas zwischen „sozialistischen Bruderstaaten“ und
„kapitalistischen Klassenfeinden“. Das zweite Merkmal ist die Fokussierung auf
naturwissenschaftliche Lehrinhalte, die für gut ausgebildete Arbeitskräfte im
Arbeiter- und Bauernstaat sorgt. Mit dem Besuch der POS stehen Böhnhardt in
der DDR alle Bildungswege offen.
1988 gibt es mit dem Tod seines Bruders einen gravierenden Einschnitt in sei-
nem Leben. Peter Böhnhardt, der mittlere der drei Geschwister, wird morgens tot
vor der Haustür der elterlichen Wohnung aufgefunden. Die genauen Todesumstän-
de gelten als nicht aufgeklärt. Todesursache ist eine Unterkühlung. Entscheidend
Uwe Böhnhardt 217

für die Persönlichkeitswerdung ist nicht der Tod an sich, sondern die subjektive
Repräsentanz dieses Ereignisses. Da die Sinninterpretationskompetenz – d. h. die
Fähigkeit, Ereignisse adäquat zu erfassen und zu deuten – von Uwe Böhnhardt
im Alter von zehn, fast elf Jahren noch nicht vollständig ausgebildet ist, bedarf er
der Deutungs- und Krisenlösungsunterstützung, vornehmlich seiner Eltern. Die
ungeklärten Todesumstände, die eine vollständige Verarbeitung des Ereignisses
innerhalb der Familie verhindern, lassen die Hypothese zu, dass der Tod nicht
adäquat bewältigt wurde und dass die sozialisatorischen Interaktionsbedingungen
spätestens ab diesem Zeitpunkt gestört sind.
Die Eltern artikulieren den Tod heute als vermeintlichen Sturz ihres Sohnes
von der Lobdeburg, einer Burgruine am Stadtrand Jenas. Auf ihr soll er mit Freun-
den umhergeklettert sein. Auch eine Fremdeinwirkung schließen sie nicht aus. Sie
berichten gegenüber einer Zeitung, ihr Sohn sei mit vielfachen Knochenbrüchen
und stark alkoholisiert aufgefunden worden. Freunde sollen ihn nach dem Sturz
von der Lobdeburg nach Hause geschafft und vor ihrem Wohnhaus abgelegt ha-
ben. An der Artikulation des Ereignisses durch die Eltern erscheint zweifelhaft,
wie und warum der im Sterben liegende Sohn durch seine Freunde transportiert
wurde. Man muss sich nur einmal vorstellen, dass ein schwerstverletzter Jugend-
licher – sagen wir mal, er wog 65-70 kg – durch seine Freunde mindestens einen
halben Kilometer durch ein Wohngebiet getragen wurde, ohne dass sie irgendwer
sah. Es war in der DDR auch nicht so, dass jeder 18-Jährige einen Pkw besaß, mit
dem der Schwerverletzte hätte gefahren werden können. Ein Transport mit einem
Moped erscheint nahezu unmöglich. Genauso unbeantwortet ist die Frage nach
dem Motiv der Ortsverlagerung. Warum haben seine Freunde nicht anonym den
Notarzt gerufen oder ihn in unmittelbarer Nähe zur Lobdeburg an eine gut ein-
sehbare Stelle gelegt, wo er hätte gefunden werden können? Letztendlich ist eine
empirisch fundierte abschließende Bewertung der Todesumstände nicht möglich,
weil die polizeilichen Akten für die Analyse nicht zur Verfügung stehen, vermut-
lich existieren sie auch gar nicht mehr. Jedenfalls wäre es in der Kriminalgeschich-
te nicht der erste Fall, indem Angehörige versuchen, die wahren Todesumstände zu
verheimlichen. Das kann aus den unterschiedlichsten Motiven geschehen: Scham,
moralische Mitschuld oder Ànanzielle Motive – um nur einige zu nennen.
Egal, ob die Eltern die wahren Todesumstände kannten oder ahnten oder ob die
Todesumstände tatsächlich ungeklärt blieben, in jedem Fall wird die traumatische
Verarbeitungskrise der Familie durch die Art und Weise des Todes verschärft. Der
Hang des technokratischen Milieus zum Pragmatischen, durch den Vater vertre-
ten, und die nahezu protestantische Ethik des bürgerlich-humanistischen Milieus,
welches die Mutter verkörpert, offerieren den Eltern eine inadäquate Bewälti-
gungsstrategie der Art „Augen zu und durch“. Sie werden mit starkem Engagement
218 Heike Würstl

ihren beruÁichen und gesellschaftlichen PÁichten nachkommen und der gemein-


samen emotionalen Verarbeitung des Traumas innerhalb der Familie wenig Raum
geben. Die Interaktion wird vom Schweigen der Eltern über den Tod geprägt sein.
Es ist zu erwarten, dass bei Uwe Böhnhardt SozialisationsdeÀzite infolge einer
inadäquaten Bewältigung auftreten werden.
Etwa zwei Jahre nach dem Tod des Bruders gibt es eine erste biograÀsche Auf-
fälligkeit. Uwe Böhnhardt bleibt in der sechsten Klasse sitzen. Dieses Ereignis
kann primär nicht mit einer Minderung in der Intelligenzleistung erklärt werden,
sondern deutet eher auf Probleme in der Subjektwerdung hin. Böhnhardts alters-
gerechte Einschulung und bis dato fehlende Schwierigkeiten mit dem Erreichen
des jeweiligen Klassenziels lassen keine kognitiven DeÀzite erkennen. Zwei Hypo-
thesen für die Motivation des schulischen Einbruchs liegen nahe. Er könnte Folge
der Transformation der ostdeutschen Gesellschaft und der daraus resultierenden
Verunsicherung der Eltern, die sich auf Böhnhardt ausgewirkt haben könnte, sein.
Dagegen spricht die durchgängige Beschäftigung der Eltern während der „Wende“.
Es sind keine biograÀschen Brüche in ihren Lebensläufen erkennbar. Der Vater
wird im neuen Gesellschaftssystem in seinem Berufsprestige und seinen Einkom-
mensmöglichkeiten eher noch aufgewertet. Eine zweite Hypothese würde dem bis-
herigen Rekonstruktionsverlauf folgen. Das Sitzenbleiben könnte durch das prog-
nostizierte SozialisationsdeÀzit, welches aus dem unbewältigten Tod des Bruders
innerhalb der Familie resultiert, motiviert sein. Das schulische Scheitern markiert
dann die individuelle Krise, in der sich Böhnhardt beÀndet und die er wegen un-
zureichender Befähigung zu autonomem Handeln nicht selbständig lösen kann. Er
verweigert sich der schulischen Leistungsethik und damit dem beruÁichen Bewäh-
rungsfeld der Mutter. Damit grenzt er sich einerseits von ihr ab, sichert sich aber
zugleich ihre Zuwendung und konterkariert damit seinen Ablösungswunsch. Die-
ser Ablösungswunsch ist Folge der vom Tod des Bruders belasteten pathologischen
familialen Interaktionsstruktur, aus der er ausbrechen will, und dem Voranschrei-
ten seiner Ontogenese. Kurz: Böhnhardt will raus aus seiner Familie, vornehmlich
aus seiner Mutterbindung, kann es aber nicht, weil ihm die Autonomiebefähigung
dafür fehlt.
An dieser Stelle des Lebenslaufs stellt sich die Frage, ob die familiale Inter-
aktion nicht schon vor dem Tod des Bruders gestört war und damit neben den
ungeklärten Todesumständen für ein Misslingen der Bewältigung des Traumas
sorgte. Der Lebenslauf von Uwe Böhnhardt bietet dafür keine Anhaltspunkte. Es
gibt jedoch einige Indizien in den familialen Kontextdaten, die dahingehend ge-
deutet werden können. Zum ersten besteht eine Hypothese hinsichtlich des großen
Altersabstands von Böhnhardt zu seinen Geschwistern (6 Jahre) in ehelichen Prob-
lemen. Dem dritten Kind wäre dann die Funktion zugekommen, die Beziehung der
Uwe Böhnhardt 219

Eltern durch die gemeinsame Erfahrung der PÁege eines Kindes zu verbessern.
Zum zweiten würde der Tod von Peter Böhnhardt, wenn es ein Selbstmord war,
dafür sprechen. Ein drittes Indiz ist der frühe Auszug des ältesten Sohnes im Alter
von 18 Jahren und seine gescheiterte Ehe.
Im September 1991 muss Böhnhardt aufgrund der Transformation des ostdeut-
schen Schulsystems die Schule wechseln. Er strebt nun den Realschulabschluss
an. Dass er sich für den Realschul- und gegen den Hauptschulabschluss entschei-
det, bekräftigt die These, dass das Sitzenbleiben nicht durch Intelligenzminderung
motiviert war, denn sonst wäre der Besuch der Hauptschule rationaler gewesen.
Durch den anvisierten Realschulabschluss ist Uwe Böhnhardt im Vergleich zum
vorgezeichneten DDR-Bildungsweg weder besser noch schlechter gestellt, was ihn
wahrscheinlich keine besonders positive oder negative Bindung an den neuen Staat
ausprägen lässt.
Ab 1992 wird Böhnhardt erneut auffällig. Er schwänzt die Schule und begeht
kriminelle Handlungen, die sich in ihrem Grad an Sittlichkeitsverletzung perma-
nent steigern. Er begeht zunächst Diebstähle, bricht Fahrzeuge auf und fährt in ge-
stohlenen Autos umher. Er prügelt sich und erpresst einen Jugendlichen. Ab 1995
fällt er mit politisch rechts motivierten Straftaten auf, die vor dem Hintergrund der
deutschen Geschichte als besonders verwerÁich gelten. Die Delinquenz lässt sich
als Ausdruck der Zuspitzung der beschriebenen Ablösungsproblematik deuten.
Insbesondere in seinen Spritztouren mit den gestohlenen Fahrzeugen fernab der
Heimat – er wurde beispielsweise einmal an der Ostsee oder in Österreich fest-
gestellt – manifestiert sich sein Wunsch, aus der Familie auszubrechen. Aufgrund
seines SozialisationsdeÀzits verfügt Böhnhardt nicht über genügend Autonomie,
um sich auf sozial adäquate Art und Weise aus seiner Herkunftsfamilie zu lösen.
Sein Dilemma besteht darin, dass er Autonomie nur erwerben kann, indem er sich
in der eigenständigen Krisenbewältigung einübt, woran ihn jedoch die starke Bin-
dung, insbesondere an seine Mutter, hindert. Die zunehmende Aggressivität in
seinen Handlungen kann als Folge seiner Verunsicherung und Frustration über
seine Ablösungsschwierigkeiten gedeutet werden. Die überwiegend gemeinschaft-
liche Tatbegehung lässt darauf schließen, dass sich Böhnhardt einer delinquenten
peer-group angeschlossen hat.
Im April 1992 kommt er für wenige Wochen in ein Kinderheim. Dieses Lebens-
datum offenbart das endgültige Scheitern der familialen Sozialisation. Böhnhardt
wird von der Mutter ins Heim abgeschoben. Er wehrt sich dagegen, indem er fort-
gesetzt die Schule schwänzt und weiterhin Straftaten begeht. Damit zeigt er, dass
er die Heimeinweisung auch subjektiv als Abschieben interpretiert. Er hätte die
Chance gehabt, im Heim seine eingeschränkte Autonomie zu erweitern und sei-
ne SozialisationsdeÀzite aufzuholen. Er wird jedoch aufgrund der devianten Vor-
220 Heike Würstl

kommnisse aus dem Heim verwiesen und kehrt in die Familie zurück. Nicht nur
die Familie, sondern auch die staatliche Jugendhilfe, die nach alternativen Betreu-
ungsangeboten hätte suchen können bzw. müssen, scheitert. Spätestens ab diesem
Zeitpunkt kann von einem endgültigen Bruch mit den Eltern, vor allem mit der
Mutter, ausgegangen werden.
Ende des Schuljahres 1991/92 bleibt Böhnhardt erneut sitzen. Er wechselt dar-
aufhin an eine Lernförderschule und wird ein weiteres Mal durch die Mutter ab-
geschoben und stigmatisiert. Die Mutter nimmt ihn nun unter die Fittiche ihres
Berufsstandes (Sonderpädagogen) und bindet ihn damit noch stärker an sich. Sie
macht ihren Sohn zum pädagogischen Fall, worin sich einmal mehr ihr Scheitern
als Mutter, aber auch als Pädagogin zeigt. Sie bringt ihrem Sohn gegenüber zum
Ausdruck, dass sie ihm nicht zutraut, sich auf einer Regelschule zu behaupten, was
der Entstehung von Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen abträglich ist und seine
Autonomieentwicklung weiter behindert. Böhnhardt reproduziert seine Fallstruk-
tur, indem er sich auch dieses Mal gegen das Abschieben in Form von Delinquenz
zur Wehr setzt. Er bricht in seine Schule ein und wird erwischt. Daraufhin wird
er von der Schule verwiesen und kommt kurz darauf zum ersten Mal in Unter-
suchungshaft.
Auch hier scheitern die staatlichen Behörden an ihm und geben ihn auf. Der Ju-
gendvollzug überstellt ihn in den Erwachsenenvollzug, weil er während der Unter-
suchungshaft erneut kriminelle Handlungen begeht (bastelt an einer Rohrbombe
mit und ist an der Misshandlung eines Mithäftlings beteiligt).
Zwischenfazit: Böhnhardts Chancen auf eine adäquate Bewältigung seines Ab-
lösungsproblems und der beginnenden Adoleszenzkrise sind als äußerst ungünstig
zu bewerten. Ihm stehen lediglich informelle, in seinem Fall deviante peer-group-
Cliquen unterstützend zur Seite. Seine Eltern sind Teil seines Problems und fallen
somit als Bewältigungsressource aus. Die staatlichen Behörden der Jugendhilfe
und des Jugendvollzugs haben ihn aufgegeben, das Herkunftsmilieu des sozia-
listischen Establishments, das ihm Solidarität hätte gewähren können, existiert
nicht mehr. Ihm bekannte formale Jugendorganisationen gibt es nach 1990 nicht
mehr und die in Westdeutschland typische Vereinsstruktur hat sich in Ostdeutsch-
land noch nicht etablieren können. Böhnhardt ist in dieser wichtigen Lebensphase
hochgradig desintegriert und ist in seiner Entwicklungskrise, zu deren adäquaten
Bewältigung ihm infolge seiner SozialisationsdeÀzite die Befähigung fehlt, auf
sich allein gestellt. Infolge seiner fragmentierten Schulkarriere und seiner Stigma-
tisierung als Sitzenbleiber und Förderschüler wird er kaum Anschluss an normale
peer-groups im Rahmen der Schule Ànden. Was bleibt, sind in erster Linie Wohn-
gebietscliquen, die in Jena-Lobeda, dem Wohnort von Böhnhardt, zu Beginn der
1990er Jahre vor allem rechtsorientiert sind, nachdem sie aus dem Stadtzentrum in
Uwe Böhnhardt 221

die Randgebiete verdrängt wurden (vgl. Thüringer Landtag, 2013, S. 181). Im Falle
Böhnhardt kommen auch Knastgruppierungen in Frage. Jaschke u. a. führen aus,
dass der Anteil an Rechtsextremen zwischen 1993 und 1995 in manchen Jugend-
haftanstalten Ostdeutschlands 30 bis 50 % betragen hat (vgl. Jaschke, Rätsch &
Winterberg, 2001, S. 101). D. h. Böhnhardt ist prädestiniert dafür, in eine rechte
Jugendclique zu gelangen.
Wie meistert Böhnhardt seine Adoleszenzkrise, nach deren Bewältigung die
Formierung seiner Persönlichkeitsstruktur vorläuÀg abgeschlossen ist? Die Ge-
sellschaft erwartet von ihm als Heranwachsenden, dass er die Sinnfrage für sich
gelöst hat und sich in den drei Bereichen individuelle Leistung/Erwerbsleben, El-
ternschaft und Gemeinwohl/Staatsbürgerschaft bewährt. Von einer gelungenen
Krisenbewältigung ist zu sprechen, wenn der Adoleszent in diesen drei Bewäh-
rungsfeldern einen Standpunkt gefunden hat, der sich von denen der Eltern absetzt
und als gesellschaftlich akzeptiert gilt.

3.2 Adoleszenz

Im Alter von 16 Jahren (1994) geht Böhnhardt eine sozio-erotische Beziehung mit
Beate Zschäpe ein. Zwischen 1993 und 1996 absolviert er ein Berufsvorberei-
tungsjahr (BVJ) und im Anschluss daran eine Lehrausbildung zum Hochbaufach-
arbeiter. Ab 1994/95 ist er Mitglied der Anti-Antifa Ostthüringen bzw. des Thü-
ringer Heimatschutzes (THS). Er nimmt an Veranstaltungen der rechten Szene
teil und begeht Propagandadelikte. Er wird verdächtigt, ab Oktober 1996 an der
Herstellung von Briefbombenimitaten und Bombenattrappen beteiligt gewesen zu
sein. 1997 wird er vom Wehrdienst ausgemustert.
Mit 16 Jahren geht Böhnhardt seine vermutlich erste längerfristige sozio-ero-
tische Beziehung ein, in der sich das Strukturmuster seiner Mutter-Kind-Bindung
reproduziert. Seine Partnerin Beate Zschäpe ist ihm hinsichtlich ihres Alters, ihrer
Reife und ihres Bildungsstandes überlegen. Sie ist wie seine Mutter stark pÁege-
risch orientiert. Zschäpe wollte Kindergärtnerin werden, bekam aber keinen Aus-
bildungsplatz. Zum Zeitpunkt des Kennenlernens absolviert sie eine Lehre zur
Gärtnerin. Sie entscheidet sich für einen Beruf in der LandschaftspÁege, nach-
dem ihr eine Ausbildung in der KinderpÁege verwehrt wurde. Es ist davon aus-
zugehen, dass Zschäpe die Partnerschaft dominiert. Das bedeutet für Böhnhardt
Einschränkungen in diesem Bewährungsfeld und eine tendenziell misslungene
Partnerschaftswahl. Er sieht Beate Zschäpe möglicherweise als die Mutter, die er
sich immer wünschte – die ihn akzeptiert und ihm die Geborgenheit gibt, die er bei
seiner Mutter nicht Ànden konnte.
222 Heike Würstl

Im beruÁichen Bewährungsfeld scheitert Böhnhardt. Es gelingt ihm nach einer


Berufsausbildung zum Hochbaufacharbeiter aufgrund seines Ablösungsproblems
nicht, eine längerfristige Anstellung zu Ànden. Er ist bis zu seinem „Abtauchen“
im Jahr 1998 mit Ausnahme weniger Wochen Beschäftigungszeit arbeitslos, was
auf der Folie seines Herkunftsmilieus mit Deprivationserfahrungen einherge-
hen muss. Mit seiner Ausmusterung vom Wehrdienst wegen psychisch bedingter
Nichteignung wird er ein weiteres Mal als geistiger „TiefÁieger“ stigmatisiert. Zu-
dem wird ihm die Möglichkeit genommen, sein Faible für Sprengstoff und Waffen
in eine sozial adäquate Form im Rahmen einer beruÁichen Beschäftigung bei der
Bundeswehr zu kanalisieren.
Im dritten Bewährungsfeld scheitert Böhnhardt ebenfalls. Er orientiert sich zu-
nächst an einem negativen Sinnentwurf, indem er sich einer rechtsextremen Grup-
pierung (Anti-Antifa/Thüringer Heimatschutz) zuwendet und politisch motivierte
Straftaten begeht. Der Sinnentwurf verfestigt sich über die Adoleszenz hinausge-
hend zu einem abweichenden, Sozialität zerstörenden Identitätsentwurf, der in der
Gründung des NSU und der Ermordung von zehn Menschen gipfelt.

4 Fazit

Uwe Böhnhardt ist in allen von Anhut und Heitmeyer vorschlagen Integrations-
dimensionen hochgradig desintegriert (vgl. Anhut & Heitmeyer, 2007).2 Bereits in
der Schule bekommt er als Sitzenbleiber keine personale Anerkennung. Auch in
seinem Beruf misslingt ihm eine seiner Herkunft adäquate soziale Positionierung.
Er Àndet nach seiner Berufsausbildung zum Baufacharbeiter keine längerfristige
Anstellung. Auch auf institutioneller Ebene ist Böhnhardt desintegriert. Er ist als
Vorbestrafter gelabelt. Die negativen Folgen von Etikettierungen sind durch die
kriminalsoziologische Forschung hinreichend untersucht worden. Der Ausschluss
vom Wehrdienst stellt vor dem Hintergrund der hegemonial-männlichkeitsorien-
tierten rechtsextremen Szene objektiv, d. h. unabhängig von der subjektiv-inten-
tionalen Bewertung des Ereignisses, ein weiteres AnerkennungsdeÀzit dar. Auf
sozio-emotionaler Ebene ist ebenfalls keine Integration erkennbar. Die emotionale

2 Nach dem Desintegrationsansatz bedarf es der Einbindung der Gesellschaftsmitglie-


der auf drei Ebenen, um soziale Integration zu sichern. Der Einzelne muss sozial-
strukturell eingebunden sein, damit er an den materiellen und kulturellen Gütern der
Gesellschaft teilhaben kann. Er muss institutionell integriert sein, was ihm ein Aus-
gleich konfligierender Interessen ohne Verletzung seiner Integrität ermöglicht. Auf
einer dritten Ebene bedarf es emotionaler Bindungen zwischen Personen, die vor einer
Orientierungslosigkeit und Identitätskrise schützen (vgl. Anhut & Heitmeyer, 2007).
Uwe Böhnhardt 223

Bindung zu den Eltern ist spätestens seit dem Abschieben ins Heim und auf die
Förderschule gestört. Die pathologische Familiensituation zeigt sich darin, dass
sich sämtliche Familienmitglieder auf unterschiedliche Weise der Familie entzie-
hen. Der mittlere Bruder durch den Tod, der älteste Bruder durch einen frühen
Auszug, der Vater durch häuÀge WanderausÁüge und selbst die Mutter Áüchtet sich
aus ihrer Mutterrolle in ihre beruÁiche Rolle als Lehrerin, indem sie ihren Sohn
Uwe zum pädagogischen Fall macht. Das Herkunftsmilieu der sozialistischen
Funktionselite existiert nicht mehr. Dass Böhnhardt aus der sozio-erotischen Be-
ziehung zu Beate Zschäpe, die strukturell eher an eine Mutter-Kind-Beziehung als
an eine gleichberechtigte Partnerschaftsbeziehung erinnert, Anerkennung erfährt,
scheint zweifelhaft.
Böhnhardt könnte diese AnerkennungsdeÀzite kompensieren, wenn er über die
entsprechenden individuellen und sozialen Kompetenzen verfügt. Infolge seines
SozialisationsdeÀzits und der damit eingeschränkten Autonomie zur Lebensbe-
wältigung kann er dies jedoch nicht. Stattdessen schiebt er die Verantwortung für
sein Scheitern den Nichtdeutschstämmigen zu. Die rechtsextreme Ideologie er-
möglicht ihm, ein positives Selbstbild aufrechtzuerhalten und die Gewaltexzesse
des NSU vor sich selbst zu rechtfertigen, von sich abzuspalten und nicht an einer
damit verbundenen Schuldproblematik zu scheitern.
224 Heike Würstl

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Der Verfassungsschutz und der NSU

Dirk Laabs

Als Uwe Mundlos im November 2011 in einem Wohnmobil in Eisenach tot auf-
gefunden wurde, war der Mann dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) seit
über 16 Jahren ein Begriff. Anfang 1995 hatte der junge Neonazi Thomas Richter
aus Sachsen-Anhalt dem Bundesamt das erste Mal von Mundlos berichtet. Richter
war kurz zuvor vom BfV als Informant geworben worden und wurde als Quelle
Corelli geführt. Corelli sprach ausführlich über das Treffen mit Uwe Mundlos, der
zu der Zeit gerade seinen Grundwehrdienst ableistete – so geht es aus dem „Treff-
bericht“ hervor, der vom BfV über das Gespräch angelegt worden ist.1 Der Soldat
Uwe Mundlos habe ihm von der „Kameradschaft Jena“ erzählt, der 30 Mitglie-
der angehörten und die sich vor allem auf „Anti-Antifa-Arbeit“ konzentriere. Das
BfV legte aufgrund der Meldung von Corelli eine Akte über Uwe Mundlos an. In
den folgenden Jahren sollten Mitarbeiter des BfV regelmäßig Neues von Mundlos
und seinen Freunden erfahren – von anderen Informanten, von der Polizei, durch
eigene Maßnahmen. Das BfV begleitete die extremistische Karriere des jungen
Thüringers über Jahre, ohne ihn und seine Komplizen zu stoppen oder stoppen zu
können.
Uwe Mundlos, Jahrgang 1973, geboren in Jena, hatte schon zu DDR-Zeiten mit
rechtsradikalen Tendenzen sympathisiert, radikalisierte sich weiter nach dem Fall

1 Zu Lebzeiten hatte Thomas Richter in Verhören durch das BKA bestritten, Quelle
dieser Meldung sein. Tatsächlich gibt es kaum einen V-Mann im NSU-Komplex, der
Meldung über Mundlos oder andere Mitglieder des NSU nach dem 04.11.2011 bestä-
tigt hat.

W. Frindte et al. (Hrsg.), Rechtsextremismus und „Nationalsozialistischer Untergrund“, Edition


Rechtsextremismus, DOI 10.1007/978-3-658-09997-8_8, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
226 Dirk Laabs

der Mauer, besuchte diverse Neonazi-Konzerte, verprügelte andere Jugendliche.


Noch vor seiner Bundeswehrzeit lernte Mundlos ältere Skinheads aus Chemnitz in
Sachsen kennen. Die Skinheads waren als besonders brutal bekannt, in den Jahren
1991, 1992 schienen sie machen zu können, was sie wollen, sie griffen Discotheken
und Flüchtlingsheime an, diverse Anzeigen verliefen im Nichts. Doch 1993 griffen
Polizei und Justiz schließlich durch, einige von Mundlos‘ Freunden wurden zu
mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Uwe Mundlos schickte ihnen Briefe ins Ge-
fängnis, während er selber weiter durchs Land reiste und andere Neonazis kennen-
lernte – wie eben jenen Thomas Richter alias Corelli. In seinem Leben sollte Uwe
Mundlos ständig auf Spitzel verschiedener Verfassungsschutzbehörden treffen, die
dann über ihn berichteten.

Das BfV war nicht auf dem rechten Augen blind

Als Mitarbeiter des BfV 1995 zum ersten Mal von Uwe Mundlos hörten, bearbei-
tete das Amt die rechtsextremistische Szene in Ost-Deutschland bereits seit eini-
gen Jahren intensiv. Mit einer kurzen Verzögerung hatte das BfV auf die rechtsex-
tremistischen Pogrome, die Angriffe auf Migranten und Andersdenkende reagiert,
die seit 1990 zum deutschen Alltag gehörten. Die für die innere Sicherheit zu-
ständigen Akteure verstanden, dass man der organisierten, rechten Gewalt etwas
entgegensetzen musste – im Westen wie im Osten. Man entschied sich für einen
klassischen nachrichtendienstlichen Ansatz: das BfV gründete eine neue Abtei-
lung, die vor allem Informanten in der Szene rekrutieren wollte, man wollte sich so
einen Überblick verschaffen – wie organisiert liefen die Angriffe auf Flüchtlings-
heime ab? Es ging um Aufklärung, nicht notgedrungen um die Unterbindung der
Straftaten, die aus der Szene heraus begangen wurden. Die Führung des Amtes re-
krutierte für diese Aufgabe in den folgenden Jahren junge Mitarbeiter – man warb
sie von Landesämtern für Verfassungsschutz ab oder stellte sie neu an, bildete
sie dann in Kompaktkursen aus. Darunter waren Bewerber, die gerade die Schule
beendet hatten. Sehr junge und unerfahrene Agenten sollten also eine Szene auf-
klären, die sich dadurch auszeichnete, dass die Mitglieder, Mitläufer und Mitge-
rissenen ebenfalls blutjung waren – schon 15-jährige begingen schwere Straftaten,
überÀelen Migranten, verprügelten den „politischen Gegner“ oder warfen Brand-
Áaschen auf Flüchtlingsheime.
Die Rekruten des BfV wurden von einem jungen Chef geführt, damals gerade
34 Jahre alt, der vom Amt den Tarnnamen Lothar Lingen bekam. Vor dem NSU-
Untersuchungsausschuss des Bundestages beschrieb Lingen seine Motivation. Vor
allem die Angriffe auf Flüchtlingsheime hätten ihn aufgeschreckt.
Der Verfassungsschutz und der NSU 227

„Ich hatte also am Thema Rechtsextremismus deshalb großes Interesse, weil ich
einen Beitrag damals, Anfang der 90er-Jahre, leisten wollte zur Bekämpfung des
Rechtsextremismus. Mag sich vielleicht ein bisschen pathetisch anhören, aber die
Tatsache, dass ich hier eingesetzt war in der sehr gesellschaftsrelevanten Bekämp-
fung des Rechtsextremismus, war mir stets auch eine große Ehre.“2

Das BfV wurde damals von Eckart Werthebach als Präsident geführt, der das
Amt wieder stärken wollte, nachdem es vor allem von Agenten des Ministeriums
für Staatssicherheit der DDR unterwandert und vorgeführt worden war. Als der
Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer von der RAF entführt wurde, hatte
Werthebach in einem Krisenstab des Innenministeriums gearbeitet. Ihn frustrierte
damals, dass eine kleine Zahl von Terroristen die Regierungsgeschäfte nahezu
zum Erliegen bringen konnte. Sein Rezept um Terrorismus in Zukunft wirkungs-
voller bekämpfen zu können: mehr und bessere menschliche Quellen zu „werben“,
Áankiert von wirkungsvolleren technischen Abhörmethoden. Daran hielte sich
auch die Abteilung von Lingen, wie er dem NSU-Ausschuss in Berlin erklärte:

„Ich habe mich damals für den Bereich Beschaffung beworben, weil dort – natürlich,
klar – ein Referatsleiter gesucht wurde und mich auch die Aufgabe gereizt hat, eben
V-Leute anzuwerben, um von ihnen Informationen zu bekommen. Das war damals
für mich Neuland, der ich fünf Jahre in der Auswertung gesessen habe. Wir haben
damals einen sehr großen Personalkörper gehabt. Wir hatten zwei ausgeprägt große
Werbungsreferate, und die Politik unserer Amtsleitung ging dahin, zunächst mal In-
formationen zu beschaffen, und das in der Breite, um dann später den Auswertungs-
bereich zu stärken. Die Abteilung 2 ist da innerhalb eines Jahres, anderthalb Jahren
um das Doppelte gewachsen.“

Die „Beschaffer“ in den „Werbungsreferaten“ rekrutierten die Informanten, die


von V-Mann-Führern abgeschöpft wurden; am Ende der Kette standen – und ste-
hen bis heute – die „Auswerter“, sprich die Analysten des BfV. Sie werteten über
Jahre zig Berichte von Informanten aus, lasen Skinzines und die Protokolle von
Abhör- und Observationsmaßnahmen, vergaben neue Aufträge zur Informations-
beschaffung. Nicht zuletzt durch das systematische Auswerten von Polizeiinfor-
mationen sammelten die BfV-Analysten einen riesigen Informationsschatz über
die rechtsextremistische Szene in Deutschland an. Da das BfV immer dann zu-
ständig ist, wenn rechte Gruppen überregional extremistisch tätig werden oder
wenn sie sich zu einer terroristischen Vereinigung entwickeln könnten, bekam das

2 Alle Zitate aus dem Protokoll der Aussage „Lothar Lingens“ vor dem NSU-
Untersuchungsausschuss des Bundestags, 5. Juli 2012.
228 Dirk Laabs

Amt von allen Landesämtern für Verfassungsschutz ebenfalls Informationen, um


die potenzielle Gefahr koordiniert bekämpfen zu können. Dazu gehörten auch Be-
richte der V-Personen, die von den Landesämtern geworben worden waren. Die
Mitarbeiter des BfV hatten so Zugriff auf eine sehr große Zahl von Spitzeln und
Informanten, die auch über die späteren Mitglieder des NSU berichteten. Warum
genau dieses Wissen nicht reichte oder nicht genutzt werden konnte, um den NSU
zu stoppen, ist ungeklärt. Eine gängige Erklärung, „die Behörden“ seien allesamt
auf dem „rechten Auge“ blind gewesen, gilt für das BfV keinesfalls.

Rechter Terror wurde antizipiert und für möglich gehalten

Nach spektakulären Terroranschlägen ist es nicht ungewöhnlich, dass eine Lesart


von interessierter Seite lanciert wird, die in etwa besagt, „diese Tat war unvorstell-
bar“, „niemand konnte das voraussehen“. Nach den Anschlägen vom 11. Septem-
ber 2001 wurde diese Sichtweise beispielsweise kolportiert, doch bald stellte sich
heraus, dass die Pläne – Flugzeuge als Waffen einzusetzen – der CIA seit Jahren
bekannt waren. Auch als nach der sogenannten Selbstenttarnung des NSU öffent-
lich wurde, wie die rechten Terroristen gemordet hatten, hieß es von staatlicher
Seite vorschnell, diese Art von Terror – gezielte Morde, ausgeführt wie Hinrich-
tungen – habe man sich nicht vorstellen können. Diese Sicht wurde von den Kri-
tikern der Behörden dankbar aufgegriffen – der Sicherheitsapparat habe in Gänze
versagt. Insbesondere der ermittelnden Kriminalpolizei wurde von verschiedenen
Seiten vorgeworfen, bei der Mordserie an Migranten nicht an rechtsradikale Täter
gedacht zu haben, Nazis diese Taten nicht zugetraut zu haben. Diese Sichtweise
überlagerte auch die Bewertung der Arbeit des zuständigen Inlandsgeheimdiens-
tes, des BfV. Die Rede war davon, das BfV habe analytisch versagt, die Bedrohung
nicht erkannt. Tatsächlich ist noch lange nicht abschließend geklärt, was das BfV
wann über den rechten Terror im neuen Jahrtausend wusste und an welcher Stelle
tatsächlich die entscheidenden Fehler gemacht wurden, wann und ob das Wissen
oder die Analyse nicht weit genug reichte.
Den entscheidenden Akteuren innerhalb des BfV war bewusst, dass es in den
1970er Jahren bis hin zum Oktoberfestattentat 1980 diverse Anschläge durch
verschiedene rechtsradikale Gruppen gegeben hat. Noch 1981 war eine rech-
te Terrorgruppe aktiv. Ende der 1980er Jahren kamen einige der Akteure dieser
Terrorphase frei. Das BfV konnte also nicht davon ausgehen, dass es nie wieder
rechtsextremistisch motivierte Anschläge in Deutschland geben würde. An diese
Erkenntnis knüpfte auch die neue Generation des BfV um Lothar Lingen an, wie
er vor dem Ausschuss des Bundestages erklärte.
Der Verfassungsschutz und der NSU 229

Weil rechter Terror immer vorstellbar war,


war das BfV kompromisslos bei der Wahl der Mittel

Eines der Haupteinsatzgebiete für die Abteilung Lingens in den frühen 1990er
Jahren waren die neuen Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen –
hier warben Lothar Lingen und andere zentrale Informanten, die über die Jahre für
das BfV und die Szene immer wichtiger wurden. Darunter jener Thomas Richter
aus Halle an der Saale, der über Uwe Mundlos berichtete (Corelli), dazu kamen
Ralf „Manole“ Marscher (Tarnname Primus), der in Zwickau lebte und Michael
See aus Thüringen (Tarnname Tarif) – See war zentralen Kadern der verbotenen
Freiheitliche Arbeiterpartei (FAP) besonders nah. Dazu gehörten Akteure, die sich
bereits als Extremisten betätigt hatten, zudem berichtete See über Kontakte mit
verurteilten Rechtsterroristen. Das BfV nimmt für sich in Anspruch, so geht es
jedenfalls aus den Aussagen der BfV-Mitarbeitern vor dem NSU-Ausschuss her-
vor, dass man die eigenen V-Männer „im Griff“ hatte; dass man sie, sobald sie
etwa Straftaten begingen, „abschaltete“, also nicht mehr mit ihnen als Informanten
zusammenarbeitete. Auch habe man nie verurteilte Gewalttäter als Quellen ge-
führt. Beide Behauptungen sind bei näherer Betrachtung nicht haltbar.
Das BfV wollte unbedingt mitbekommen, wann sich von der diffusen Szene
eine organisierte Terrorzelle abspalten würde. Um diese Informationen aus der ge-
waltbereiten rechten Szene zu bekommen, nahm die Führung des BfV daher viel
in Kauf. So galt der Informant Ralf Marschner als besonders gewaltbereit; Antifa-
schisten in Zwickau kannten und fürchteten ihn. Gegen den V-Mann Michael See
wurde wegen versuchten Totschlags ermittelt, er wurde schließlich wegen schwe-
rer Körperverletzung verurteilt, im Gefängnis radikalisierte er sich weiter. Er zog
scharfe Waffen und bedrohte damit politische Gegner – trotzdem wurde er nach
seiner Zeit im Gefängnis als Informant geworben.
Dieses Risiko zahlte sich – scheinbar – für das BfV aus. Vor allem Michael
See und Thomas Richter berichten ausführlich über die rechte Szene. Sie verrieten
Namen von Mitstreitern, Pläne für Aufmärsche und militante Aktionen. Das BfV
beobachtete in dieser Phase allerdings ebenfalls, dass Informanten anderer In-
landsgeheimdienste weniger zuverlässig waren. Das galt vor allem für Tino Brandt
aus Thüringen, Tarnname Otto, Kopf des „Thüringer Heimatschutzes“ (THS).
230 Dirk Laabs

Tino Brandt soll 1994 vom Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz (TLfV)
geworben worden sein. Er behauptete sogar in einem heimlich aufgenommenen
Gespräch, dass er sehr viel länger und schon als Minderjähriger dem Verfassungs-
schutz berichtet hatte – dafür gibt es jedoch keine Belege in den Akten des LfV
Thüringen.3
Brandt hatte mit Wissen des LfV Thüringen den „Thüringer Heimatschutz“ ge-
gründet. Durch die Beschäftigung mit dem THS stieß dann auch das Bundesamt
für Verfassungsschutz auf Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, Beate Zschäpe, Ralf
Wohlleben und Holger Gerlach – alles mutmaßliche Mitglieder und Unterstützer
des NSU, die gemeinsam in Jena aufgewachsen waren, inzwischen entweder tot
sind oder im Münchener NSU-Prozess angeklagt wurden.
Ralf Wohlleben und Beate Zschäpe können dabei als formale Gründungs-
mitglieder des THS gelten – sie beantragten im Februar 1995 unter dem Namen
„Interessengemeinschaft Thüringer Heimatschutz“ eine Demonstration durch
Jena – „zur Bewahrung Thüringer Idendität [sic] gegen die Internationalisierung
durch die EG“. Man wollte also gegen die „EG“, die Europäische Gemeinschaft,
demonstrieren, die sich damals allerdings schon EU nannte. Es ist das erste Mal,
dass der Name „Thüringer Heimatschutz“ auftaucht.
Zschäpe und Wohlleben wurden zu einem Gespräch bei der zuständigen Behör-
de geladen. Dort berichteten sie, dass man auch darüber nachdenke, eine Partei zu
gründen. Vor allem Beate Zschäpe konnte bei dem Treffen jedoch nicht verheim-
lichen, dass die Demonstration fremdenfeindliche Tendenzen haben könnte. Die
Thüringer Behörden, vor allem das Innenministerium, nahmen den Vorgang ernst.
Die Demonstration wurde verboten, das Landeskriminalamt eingeschaltet, Infor-
mationen zusammengetragen. Das Innenministerium erfuhr, das Tino Brandt eng
mit dem Anti-Antifa-Strategen Christian Worch aus Hamburg kooperiert, dass er
etwa von Worch Schriftsätze in Sachen Demonstrationsanmeldung übernommen
hat. Brandt wurde schnell als Kopf hinter der „Interessengemeinschaft Thüringer
Heimatschutz“ erkannt und so auch in einem Vermerk beschrieben. Kurz nach-
dem er V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes geworden war, hatte er also
begonnen, die Szene zu organisieren und strukturieren – und beides war den ent-
sprechenden Führungspersonen im Thüringer Innenministerium bekannt.
Die Reaktion der Thüringer Behörden auf die neue Gruppe um Brandt, Zschä-
pe, Wohlleben und andere ist durchaus typisch für die Bekämpfung der rechten
Szene – man nahm die Mitglieder, obwohl sie noch sehr jung waren, ernst, schalte-

3 Das BfV, so ergab die Beweisaufnahme des NSU-Untersuchungsausschusses des Bun-


destages, hat mindestens in einem Fall auch einen Minderjährigen in Thüringen als
V-Mann rekrutiert.
Der Verfassungsschutz und der NSU 231

te auch Behörden des Bundes ein, darunter auch das BfV – gleichzeitig verstrickte
man sich durch die Rekrutierung führender Neonazis als V-Männer indirekt als
Staat mit der Szene.
Die „Interessengemeinschaft“ und später der „Thüringer Heimatschutz“ wurde
ein behördlicher Vorgang und blieb es für viele Jahre. Fast nichts, was die jungen
Thüringer Neonazis in den nächsten Jahren machten, blieb unbemerkt. Die Be-
hörden betrieben einen gewaltigen Aufwand, um diese Szene aufzuklären – in den
Griff bekam man sie dennoch nicht. Im Gegenteil.

Wettstreit um Informanten – die „Operation Rennsteig“

Im Nachgang der Selbstenttarnung des NSU erinnerten Antifaschisten daran,


wie allein sie bei ihrem Kampf gegen die rechte Gewalt von den Behörden ge-
lassen worden seien. Niemand habe damals, Mitte der 1990er Jahre, die Gefahr
der rechten Szene erkennen wollen. Das stimmt für zwei der bekannten Mitglie-
der des NSU, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, in keinem Fall. Von Beginn
ihrer extremistischen Karriere an gerieten sie in das Visier verschiedener Behör-
den – tatsächlich ist erstaunlich, mit welchem großen Aufwand allein der junge
Uwe Böhnhardt von den Behörden beobachtet und verfolgt wurde. Durch sein
Engagement beim „Thüringer Heimatschutz“ wurde er für das BfV, den Thüringer
Verfassungsschutz und das Thüringer LKA interessant. Allerdings verfolgten die
Institutionen bei ihrem Umgang mit Böhnhardt und dem Heimatschutz mitnichten
die gleichen Ziele.
Die „Interessengemeinschaft Thüringer Heimatschutz“ nannte sich bald nur
noch „Thüringer Heimatschutz“. Ambitionen, eine Partei zu werden, hatte man
nicht mehr, Tino Brandt und die anderen verlegten sich stattdessen verstärkt auf
Anti-Antifa-Aktionen. Im Laufe des Jahres 1995 radikalisieren sich der THS und
seine Mitglieder rasant. Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpe waren bei
vielen Aktionen des THS dabei – eine wurde auch vom BfV besonders beachtet:
Zum Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges wurde in Rudolstadt, dem
Heimatort von Tino Brandt, eine Gedenkveranstaltung am „Platz der Opfer des
Faschismus“ organisiert. Bereits am Morgen hatten Heimatschützer eine Bom-
benattrappe vor einem anderen Denkmal in dem Nachbarort Saalfeld abgestellt.
An einem Feuerlöscher waren Drähte und eine Armbanduhr montiert, davor ein
Schild abgestellt: „Vorsicht Sprengarbeiten“. Uwe Mundlos beschrieb die weiteren
Aktionen des Tages später in einem der Briefe, den er an einen Freund im Gefäng-
nis schrieb:
232 Dirk Laabs

„So hörte man …dass … Jugendliche sich früh am Morgen trafen, um in Rudolstadt
und Saalfeld irgendwelche Spinner die dort den ‚Opfern des Faschismus‘ gedenken
wollten zu stören. Leider waren sie etwas spät …, so dass sie keinen mehr trafen. Nun
was sollten sie machen, schnell nach Rudolstadt und dort dieses Pack schnappen (lei-
der auch hier zu spät). Also mussten sie sich wohl damit begnügen, den Gedenkstein
mit Eiern zu bewerfen und die Kränze zu zertreten, so wie Wurfzettel zu hinterlas-
sen, auf denen Verbesserungsvorschläge wie: Umbenennung des ‚Platzes der Opfer
des Faschismus‘ in ‚Rudolf-Heß-Gedenkplatz‘ standen.“

Später Àndet die Polizei Tausende von Flugblättern in der Stadt: „Deutsche lernt
wieder aufrecht zu gehen. Lieber sterben als auf Knien leben.“, „Schluss mit dem
Holocaust oder Deutscher willst Du ewig zahlen?“
Bei dieser Aktion wurden einige Freunde von Uwe Mundlos erwischt, wie er in
seinem Brief weiter schrieb:

„Leider … war die Kripo und die Bullerei vor Ort, so dass nicht allen die Flucht
gelang. … Dummer Weise hatte man gleich in der Nähe Beate und ihren jetzigen
Freund [Böhnhardt], Kapke und Hucke verhaftet. Nun versuchen die Deppen (Skla-
ven des Systems) uns damit im Verbindung zu bringen und das mit einer ganz schö-
nen Hartnäckigkeit.“

Die Thüringer Polizeibehörden nahmen den Vorfall in Rudolstadt in der Tat ernst –
das Landeskriminalamt wurde eingeschaltet, eine Ermittlungsgruppe („Lunte“)
wurde gegründet, die später in die Sonderkommission Rex („Soko Rex“) über-
führt wurde. Ab Ende 1995 ermittelte das LKA mit großem Aufwand gegen den
„Thüringer Heimatschutz“, deren Kopf V-Mann des Thüringer Verfassungsschut-
zes war. Doch auch das BfV und die Abteilung von Lothar Lingen waren durch die
Vorfälle in Rudolstadt und das folgende Ermittlungsverfahren hellhörig geworden.
Das geht aus dem Abschlussbericht des NSU-Ausschusses des Bundestages her-
vor, der die Geheimakten des BfV zusammenfasst und die Ermittlungen nach dem
Überfall von Rudolstadt als Ausgangspunkt der „Operation Rennsteig“ und damit
als Auslöser für eine neue Rekrutierungswelle beschreibt:
Der Verfassungsschutz und der NSU 233

„Am 5. Januar 1996 bat die Projekteinheit II 2 C (Unorganisierte Militante, ins-


besondere Skinheads) im Projektbereich II 2 (Neonazistische Aktivitäten) die Be-
schaffungsprojekteinheit um die Werbung einer Quelle‚ im Bereich der militanten
rechtsextremistischen Szene im Raum Rudolstadt/Saalfeld (Thüringen), die unter
dem Namen ‚Anti-Antifa Ostthüringen‘ auftritt. Begründet wurde der Wunsch zum
einen mit der Einleitung des Ermittlungsverfahrens im Herbst 1995 wegen Bildung
einer kriminellen Vereinigung, zum anderen mit Kontakten von führenden Aktivis-
ten der Gruppierung ins Ausland. Die durch eine Quelle des LfV Thüringen (ver-
mutlich „2045“ – Tino Brandt) beschafften Informationen seien nicht ausreichend.“4

Ehemalige V-Mannführer von Brandt behaupten hartnäckig, dass sie ihren In-
formanten unter Kontrolle gehabt hätten, und betonen, dass er eine Spitzenquelle
gewesen sei. Das Bundesamt für Verfassungsschutz sah das jedoch offenbar zu
Recht anders. Der Vorfall in Rudolstadt hatte gezeigt, dass Brandt offenbar von
den Bombenattrappen und geplanten Übergriffen wusste, den Thüringer Verfas-
sungsschutz jedoch nicht rechtzeitig gewarnt hat. Das BfV wollte deshalb Quellen
rekrutieren, um unabhängig von Tino Brandt zu werden. Verschiedene Inlands-
geheimdienste, der MAD, das BfV und das Landesamt für Verfassungsschutz in
Thüringen, wollten also den THS nicht stoppen, sondern unter anderem als Re-
servoir für neue Informanten benutzen. Für das BfV schienen insbesondere die
Kontakte des THS ins Ausland interessant gewesen zu sein – um welche Kontakte
es dabei genau ging, ist bislang nicht ausreichend beleuchtet worden. In diesem
Zusammenhang sind Beziehungen von Uwe Mundlos nach Belgien interessant, die
aber bislang von den Ermittlern ebenfalls nicht erhellt werden konnten.
Der Wunsch des BfV, Informanten zu werben, die von Brandt unabhängig be-
richten konnten, löste einen verdeckten Wettstreit zwischen Polizeibehörden und
Geheimdiensten aus – die einen wollten Strafanzeigen, die anderen Informanten.

Der THS hätte rechtzeitig zerschlagen werden können

Seit der sogenannten Selbstenttarnung des NSU im November 2011 wird konti-
nuierlich diskutiert, wie Rechtsextremisten effektiver bekämpft werden können.
Mit reformiertem Verfassungsschutz, ganz ohne Verfassungsschutz, nur mit den
Staatsschutzabteilungen der Polizei? Diese Frage kann an dieser Stelle nicht ab-
schließend geklärt werden, dennoch lässt sich über die Vorphase des NSU mit
Bestimmtheit eines feststellen: man hätte die Mitglieder der Gruppe allein mit
polizeilichen Mitteln aufhalten und die Strukturen zerschlagen können. Ob sich

4 S. 106
234 Dirk Laabs

Schlüsselmitglieder des THS im Gefängnis oder danach allerdings trotzdem in


den Untergrund begeben hätten, ist heute nicht mehr zu beantworten. Dass man
aber nichts in der Hand hatte, um etwa Uwe Böhnhardt zu stoppen, oder zu be-
haupten, Mundlos und Böhnhardt seien „nur kleine Lichter“ in der Szene gewesen
und daher nicht aufgefallen, wie es einige Zeugen vor verschiedenen Ausschüssen
behauptet haben, ist absurd. Die beiden wurden gleichsam in Jena zu den „üblichen
Verdächtigen“, die fast jeder Polizist und Geheimdienstler vor Ort kannte.
Auch dem Thüringer Landeskriminalamt (LKA) waren die beiden schnell ein
Begriff, als es im Jahr 1996 immer aktiver gegen den „Thüringer Heimatschutz“
vorging. Das LKA ermittelte gegen den THS wegen der Bildung einer kriminellen
Vereinigung. Telefone wurden abgehört, Treffen der Gruppe geÀlmt, Mitglieder
observiert. Das BfV forschte parallel zig Mitglieder des THS aus, um sie als In-
formanten zu rekrutieren. Mitglieder des „Heimatschutzes“ wiederum legten meh-
rere Bombenattrappen in Thüringen ab. Eine Bombenattrappe wurde im Jenaer
Stadion während eines Bundesligaspiels unter einer Tribüne platziert, eine andere
an eine Puppe gehängt, die von einer Autobahnbrücke baumelte und an der ein
„Judenstern“ befestigt war. Die rechte Szene war für einige der erfahrenen LKA-
Ermittler, die sich zuvor mit der organisierten Kriminalität beschäftigt hatten,
dennoch nicht schwer zu knacken – die Objekte der Fahndung, die jungen Neona-
zis, waren Amateure, blutige Anfänger. Bald verzeichneten die Ermittler so erste
Fahndungserfolge. Ein Neonazi belastete Uwe Böhnhardt, ein Mitglied des THS
bot sich zudem als Informant für die Polizei an und berichtete umfassend über den
„Thüringer Heimatschutz“. Er sagte gegen Tino Brandt aus, berichtete, dass der V-
Mann Heimatschützer zu einer schweren Körperverletzung angestiftet haben soll.
Nach wenigen Monaten Ermittlungsarbeit konnte das LKA Thüringen so ein
Dossier über den THS zusammenstellen, in dem Uwe Böhnhardt, Ralf Wohlle-
ben und Beate Zschäpe namentlich erwähnt wurden. Bereits im September 1996
wurde das Dokument an das BKA und die Bundesanwaltschaft geschickt. In dem
Dossier listet die Soko auf, dass der „Heimatschutz“ in gut einem Jahr 41 Straf-
taten begangen hatte, 80 Straftäter wurden ermittelt. Zu den Taten zählte das LKA
einen Sprengstoffanschlag auf das Flüchtlingsheim in Jena, durchschnittene Kabel
von Funkantennen der Polizei in Saalfeld, die Puppentorsi und Bombenattrappen.
In dem Dossier waren Seiten aus dem Buch „Der totale Widerstand“ abgelichtet,
das sich Tino Brandt bestellt hatte, auf den exemplarischen Seiten wurde erläutert,
wie man Eisenbahnschienen sabotiert und aus Wasserleitungen Rohrbomben baut.
Tino Brandt wurde mit dem lapidaren Satz zitiert: „Die Anti-Antifa kann man ru-
hig verbieten, damit rechnen wir, wir nennen uns dann anders und machen weiter.“
Als Ziele des „Heimatschutzes“ wurden mehrere Punkte aufgeführt:
Der Verfassungsschutz und der NSU 235

„Organisation des nationalen und sozialistischen Widerstandes, Zermürbung und


Aufsplitterung der Behörden durch laufende und wiederholte Versammlungsanmel-
dungen mit Durchfechtungen in allen Rechtsinstanzen, Anzeigen und Dienstauf-
sichtsbeschwerden gegen Amtsträger, InÀltrierung der Behörden von Gesinnungs-
genossen in Sicherheitseinrichtungen wie Bundeswehr, Polizei, öffent. Verwaltung
u. a.“

Diese Ziele leitet die Soko im Wesentlichen aus einer Ausgabe des Neonazi-Blat-
tes „Sonnenbanner“ ab, das der BfV-Informant Michael See mit herausgegeben
hatte. Das LKA zitiert mehrmals in der Präsentation für das BKA aus dem „Son-
nenbanner“:

„Wir haben nicht hundert diffuse politische Forderungen – Wir haben nur ein Ziel!
Die absolute Macht! … Politische Macht dient nur einem Zweck: Die Schaffung
eines starken freien Deutschlands, das sich in allen Bereichen von Staat und Gesell-
schaft an der Idee des nationalen Sozialismus orientiert. … Nationaler Sozialismus
ist kein politischer Gedanke, er ist eine Weltanschauung. … Die Härte der Ausein-
andersetzung, die Gefahren und die abverlangten und gebrachten Opfer machen uns
zu einer Elite…“

Die Ausrichtung des THS, die Gewaltbereitschaft der Mitglieder, das Ziel, in
Deutschland erneut einen NS-Staat zu schaffen – das alles war dem LKA, dem
BKA, der Bundesanwaltschaft mit diesem Dossier im September 1996 klar. Den-
noch konnte die Thüringer Szene sich weiter radikalisieren – auch weil V-Männer
geschützt und von den VS-Behörden Ànanziert wurden.

„Es besteht die Gefahr, dass Quellen sich gegenseitig zu


größeren Aktionen anstacheln“

Das Dossier des LKA macht zudem deutlich, dass Brandt der Kopf des THS war
und dabei wiederum Weisungen von Kai Dalek erhielt, einem Rechtsextremisten
aus Bayern, der für das dortige Landesamt für Verfassungsschutz arbeitete. Den
Beamten der Soko des LKA war zu diesem Zeitpunkt keineswegs bewusst, dass
drei der in ihrem Dossier aufgeführten SchlüsselÀguren – See, Brandt, Dalek – als
V-Männer für verschiedene Dienste arbeiteten. Dem Bundeskriminalamt dagegen,
ebenfalls Adressat des Dossiers, war dagegen schon seit längerem klar, dass die
militante Neonazi-Szene in Deutschland massiv von V-Männern unterwandert
war, die insbesondere für das BfV arbeiteten. Es gab deswegen eine Krisensitzung
der Präsidenten von BfV und BKA – als Ergebnis entstand ein „Thesenpapier“
236 Dirk Laabs

des Bundeskriminalamtes, das die Problematik nahezu allgemeingültig auf den


Punkt bringt:

„Es besteht die Gefahr, dass der Quellenschutz eine frühzeitige und vollständige
Information, die zur Gefahrenabwehr erforderlich ist, behindert.… Vertrauensperso-
nen (VP)/ Quellen des Verfassungsschutzes (VS) wirken massgeblich in führenden/
exponierten Positionen an der Vorbereitung von Veranstaltungen/ Versammlungen/
Aktionen mit. Es besteht die Gefahr, dass Quellen sich gegenseitig zu größeren Ak-
tionen anstacheln. Somit erscheint es fraglich, ob bestimmte Aktionen oder innova-
tive Aktivitäten dieser Quellen überhaupt in der späteren Form stattgefunden hätten.
Auch ist der ‚Brandstifter-Effekt‘ nicht unwesentlich, da statistisch nachweisbar ins-
besondere nach sog. ‚Gedenktagen‘ ein Ansteigen z. B. antisemitischer Straftaten zu
verzeichnen ist.“5

Das BKA formuliert in dem Papier an das Bundesamt eine Erwartungshaltung:


„Quellen in maßgeblichen Schlüsselpositionen der rechtsextremistischen Szene
könnten z. B. den Ablauf von Aktionen so steuern, dass keine umfangreichen Maß-
nahmen zur Gefahrenabwehr erforderlich werden.“ Das jedoch passiert nicht. Im
Gegenteil. Auch das Thesenpapier des BKA hält fest:

„… die Mehrzahl der Quellen sind nach dem Ergebnis der Ermittlungen [des BKA]
überzeugte Rechtsextremisten. Bei diesen entsteht der Eindruck, unter dem Schutz
des VS im Sinne ihrer Ideologie ungestraft handeln zu können und die Exekutive
nicht ernst nehmen zu müssen. Es besteht die Gefahr, dass die Quellen nicht voll-
ständig und umfassend berichten, sondern wesentliche Komplexe auslassen, eigene
Tatbeteiligungen beschönigend darstellen oder auch je nach Sachlage übertreiben,
wodurch gegebenenfalls der Eindruck strafrechtlicher Relevanz erweckt wird.“

Das BKA hat eine klare Forderung:

„In den Fällen, in denen die Quelle ‚aus dem Ruder läuft‘, sollte der VS auch die
Strafverfolgung vor den Schutz der Quelle stellen.“

Am Ende des Jahres 1996 hat man beim BKA schließlich genug, es wurde ein
Treffen zwischen den Präsidenten des BKA und des Bundesamtes vereinbart. In
einem Memo über das Gespräch heißt es:

5 Alle Zitate aus dem BKA-Thesenpapier vom 03.02.1997.


Der Verfassungsschutz und der NSU 237

„Die Exekutive [also das BKA] ist über Person und Tätigkeit von Quellen in der
Regel nicht unterrichtet. Es besteht die Gefahr, dass die Zusammenarbeit zwischen
Quellen und VS im Rahmen der Ermittlungsverfahren aufgedeckt wird und somit
ggf. die VS-Maßnahme ins Leere läuft oder Ermittlungsverfahren aufgrund falscher
Quellenmeldungen eingeleitet werden.“

Mit anderen Worten: Das BKA wollte auch wissen, wer Quelle ist, um sie besser
schützen zu können. Doch das BKA kritisierte weiter, dass das BfV seine V-Män-
ner an einer zu langen Leine führt – nicht nur werden die Quellen vor Durchsu-
chungen durch die Polizei gewarnt, sie behalten das Wissen nicht für sich:

„Es war festzustellen, dass diese Warnung innerhalb der Szene ‚an gute Kameraden‘
weitergegeben wird. Es besteht die Gefahr, dass Beweismittel vor Eintreffen der Ex-
ekutive vernichtet werden.“

Das BKA führt das Beispiel von Norbert Weidner an, einem führenden Mitglied
der FAP und Vordenker der Anti-Antifa-Bewegung – ebenfalls ein V-Mann:

„In dem Ermittlungsverfahren gegen Gary Rex Lauck u. a. gab der Vater des Be-
schuldigten Norbert Weidner als Zeuge an, er habe sich schon lange gewundert, wie
gut sein Sohn über polizeiliche und justizielle Maßnahmen informiert gewesen sei.
Insbesondere vor der Durchsuchung anlässlich des FAP-Verbots am 24.02.1995 habe
sein Sohn angegeben, eine Durchsuchung stünde bevor. In der Nacht vorher habe er
mittels Reißwolf zwei Abfallsäcke voller Unterlagen vernichtet.“

Eine weitere Quelle des BfV, ebenfalls sehr jung rekrutiert, war ebenfalls auffäl-
lig – Thomas Richter alias Corelli:

„Im Rahmen der Ermittlungen gegen die NSDAP-AO wurde das BfV absprache-
gemäß über eine bevorstehende Durchsuchung bei Thomas Richter aus Halle infor-
miert. Bei der Durchsuchung am 07.09.1994 wurde Richter nicht angetroffen und
blieb auch in der Folgezeit untergetaucht.“

Schließlich stehen die Quellen in einem zu engen Kontakt mit dem Bundesamt,
bemängelt das BKA. So der Neonazi Stephan Wiesel. Das BKA schreibt:
238 Dirk Laabs

„Zu der Aktion des Wiesel am 20.04.1996 in Bonn [anlässlich des Geburtstages von
Adolf Hitler] war der VS allgemein über die Überwachungsmaßnahme des BKA
unterrichtet. Wiesel machte telefonisch seinem Quellenführer den Vorwurf, nicht
vorher gewarnt worden zu sein. Dies deutet auf eben diese geübte Praxis hin.“

Der Mann, Wiesel, wurde an dem fraglichen Tag verhaftet. Die Polizei gestattet
ihm, mit seinem Anwalt zu telefonieren. Stattdessen telefonierte er dreimal mit
seinem Quellenführer, der „massiv auf das Aussageverhalten von Wiesel EinÁuss“
nahm, wie das Bundeskriminalamt später vermerkte. Die Forderung des BKA-
Präsidenten: „Bei bevorstehenden Exekutivmaßnahmen sollen Warnungen an die
Quellen unterbleiben.“ Aber auch dieser Forderung wird das BfV nicht nachkom-
men.
Das Papier des BKA macht unmissverständlich klar, dass das BfV V-Männer
vor Durchsuchungsmaßnahmen gewarnt und damit vor einer Strafverfolgung ge-
schützt hat. Im selben Zeitraum wird auch Tino Brandt von seinen Thüringer V-
Mannführern immer wieder vor Durchsuchungen angerufen. Und obwohl Brandt
wegen schwerem Landfriedensbruchs in erster Instanz verurteilt wurde, bleibt er
auf freien Fuß – die zweite Instanz wurde dann über Jahre verschleppt, so dass
er weiter aktiv in der Szene bleiben konnte. Der „Thüringer Heimatschutz“ radi-
kalisierte sich so weiter. Die Strafverfolgung wurde in Thüringen durch den Ver-
fassungsschutz behindert. Mehrere ehemalige und noch aktive Beamte des LKA
Thüringens haben das vor dem NSU-Ausschuss des Landtages in Erfurt beschrie-
ben. Ein Beamter, der beim BKA ausgebildet worden war, konnte sich damals
schlicht nicht vorstellen, dass es in Deutschland möglich war, dass ein Akteur wie
Tino Brandt V-Mann des Verfassungsschutzes ist. Er irrte.
Die Ermittlungen des BKA und die Beweisaufnahme durch verschiedene par-
lamentarische Untersuchungsausschüsse zeigt zudem: Das Bundesamt für Verfas-
sungsschutz stellt auch weiterhin den Quellenschutz über die Strafverfolgung. Das
BfV hat weder gegenüber dem BKA noch gegenüber dem Ausschuss des Bundes-
tages eine einzige ihrer zentralen Quellen enttarnt.

Auch die Justiz versagte in Thüringen

Die rechte Szene in Thüringen konnte sich auch weiter radikalisieren, weil sich
verschiedene Verfassungsschutzbehörden einmischten. Für die Polizei wurde die
Lage Ende 1996 noch komplizierter. Ohne erkennbare Gründe wurden Ermittler
aus der erfolgreichen Soko Rex abgezogen und versetzt. Vernetztes Wissen ging
verloren. Da das LKA zu dem Zeitpunkt wegen diverser Skandale unter großem
Der Verfassungsschutz und der NSU 239

öffentlichen Druck stand, wurde von Seiten der LKA-Leitung oftmals die Ermitt-
lungstaktik über den Haufen geworfen – ohne Konzept und oftmals Anlass wurden
bei Mitgliedern des „Heimatschutzes“ Hausdurchsuchungen durchgeführt. Man
wollte um jeden Preis der Presse Ermittlungserfolge und beschlagnahmte Gegen-
stände präsentieren. Auch als Reaktion auf diese Durchsuchungen verschärfte der
„Thüringer Heimatschutz“ und hier insbesondere die „Kameradschaft Jena“ ihren
Kampf. Briefbombenattrappen wurden Anfang 1997 an verschiedene Behörden in
Thüringen verschickt, weitere Bombenattrappen tauchten in der Stadt auf, schließ-
lich wurden in einer Attrappe einige Gramm TNT gefunden. Das LKA ermittelte,
zum Teil mit neuem Personal, weiter, und stieß abermals auf Hinweise, die Uwe
Böhnhardt belasteten. Man hatte bald genügend Beweise, um Böhnhardt für lange
Zeit ins Gefängnis zu bringen.
Doch zu der Geschichte der Auseinandersetzung der Behörden mit dem NSU
und seinen Vorläufern gehört auch, dass verschiedene Ebenen der Justiz ebenfalls
versagten. Obwohl klare Hinweise von Ermittlern der Polizei zusammengetragen
worden sind, dass die Kameradschaft Jena und der „Thüringer Heimatschutz“ zu-
sammengehörten, wurden die Ermittlungen in Sachen der verschiedenen Bom-
benattrappen und die gegen den THS nicht gebündelt. Die Ermittlungen liefen
nebeneinander her. Der zuständige Staatsanwalt erkannte die Zusammenhänge
und Strukturen nicht oder wollte sie nicht erkennen. Ende 1997 hatten sich genug
Beweise angesammelt, die gereicht hätten, ein Verfahren gegen den THS als kri-
minelle oder terroristische Vereinigung zu eröffnen. So sagt der Staatsanwalt Gerd
Michael Schultz vor dem NSU-Untersuchungsausschuss in Berlin:

„Wir konnten am Ende nach diversen Maßnahmen wie Beobachtungen, Observa-


tionen letzten Endes keinen Beweis dafür erbringen, keine konkreten Beweise, dass
eine Vereinigung, der „Thüringer Heimatschutz“ oder die Kameradschaft oder wer
auch immer, gegründet worden wäre mit dem Zweck, Straftaten zu begehen. Zwar
haben einzelne Mitglieder oder einzelne Leute, die wir den Vereinigungen zuordnen,
alleine oder gemeinsam Straftaten begangen. Aber dass diese Vereinigung jetzt zu
dem Zwecke gegründet worden war, Straftaten zu begehen, haben wir nicht feststel-
len können. Es gab öfter mal Beobachtungen, dass im Wald Kriegsspiele veranstaltet
wurden oder öfter mal Treffen von Rechten waren, aber unterm Strich hatten wir
keine Personen. Zum Beispiel bei diesen Kriegsspielen im Wald hatten wir keine
Namen.“6

6 Aussage von Gerd Michael Schultz in der 49. Sitzung des NSU-Untersuchungsaus-
schusses des Bundestages am 17.01.2013.
240 Dirk Laabs

Einige der damaligen Ermittler widersprechen dieser Sichtweise vehement. Der


Staatsanwalt hat zudem nicht einmal alle Beweismittel ausgewertet, als er das Ver-
fahren gegen den THS einstellte.
Derselbe Staatsanwalt war dagegen durchaus hartnäckig, als es um eines der
wichtigsten Mitglieder der Kameradschaft Jena und des THS ging – Uwe Böhn-
hardt. Böhnhardt war seit seiner Jugend kriminell, er stahl Autos, lieferte sich da-
bei Verfolgungsjagden mit der Polizei, er erpresste andere Jugendliche, schlug sie
zusammen (siehe auch Beitrag von Würstl in diesem Band). Böhnhardt verbrachte
einige Monate im Gefängnis und sollte 1993, da ein Richter eine hohe kriminelle
Energie bei ihm ausmachte, zu drei Jahren Haft verurteilt werden. Doch die Schöf-
fen überstimmten ihn. Böhnhardt kam auf Bewährung frei – er hielt sich zurück,
was seine kriminellen Aktivitäten anbelangte, Àel aber sofort als extremes Mit-
glied des „Heimatschutzes“ auf. Auch bei dem Überfall in Rudolstadt im Septem-
ber 1995 wurde er erwischt und festgenommen. Sein Zimmer in der Wohnung sei-
ner Eltern wurde durchsucht, es wurde eine Laser-Zielvorrichtung für eine Waffe
gefunden. Das LKA übernahm die Ermittlungen. Schon im Frühjahr 1996 wurde
Böhnhardt – nur auf Bewährung auf freiem Fuß – wegen dieses Fundes zu zwei
Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Waffenexperten des LKA und der
ehemalige Leiter der Soko Rex hatten ihn schwer belastet, der Staatsanwalt, der
auch gegen den THS ermitteln ließ, blieb an der Sache dran. Im Dezember 1996, in
der zweiten Instanz, wurde dieses Urteil jedoch, ohne Nennung von Gründen, vom
Landgericht in Gera aufgehoben. Ein ungewöhnlicher Vorgang. Die Hintergründe
dieser Entscheidung sind bis heute nicht aufgeklärt, der verantwortliche Richter
musste sich bislang nicht erklären.
Das Thüringer LKA konnte in dieser entscheidenden Phase wiederholt genug
Beweise gegen den THS oder einzelne Mitglieder sammeln – doch aus verschie-
denen Gründen blieben konkrete Anklagen und Urteile aus. Auch aufgrund der
Erfahrung des BKA mit dem BfV, die in dem geheimen Thesenpapier dargestellt
wurden, besteht in Thüringen ebenfalls der Verdacht, dass gezielt Verfahren sa-
botiert wurden, um geheimdienstliche Quellen zu schützen. Auch um diesem Ver-
dacht nachzugehen, wird vom Landtag Thüringen ein weiterer NSU-Ausschuss
eingesetzt.

Gesteuertes Abtauchen in den Untergrund?

Verschiedene Problemfelder überschnitten sich 1997 – in der Hochphase des


„Thüringer Heimatschutzes“ – in Thüringen. Mehrere Inlandsgeheimdienste kon-
kurrierten um Informanten in der rechten Szene, die Polizeiermittlungen wurden
Der Verfassungsschutz und der NSU 241

behindert, vorhandene Beweismittel aus verschiedenen Gründen nicht konsequent


genutzt, um die rechtsradikalen Strukturen mit Mitteln der Justiz zu zerschlagen.
Eine Führung durch das zuständige Innenministerium fehlte oder war von frag-
würdigen Motiven – dem Quellenschutz von mutmaßlich zentralen Informanten –
fehlgeleitet.
Nur vor diesem Hintergrund kann man das Untertauchen von Uwe Böhnhardt,
Uwe Mundlos und Beate Zschäpe verstehen. Im November 1997 sollen Observan-
ten des Thüringer Verfassungsschutzes Mundlos und Böhnhardt zu einer Garage
gefolgt sein. Böhnhardt war zuvor vom Mobilen Einsatzkommando (MEK) im
Auftrag des LKA beschattet worden, obwohl er inzwischen in zweiter Instanz für
den Handel mit Nazirock zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde und kurz
vor seinem Haftantritt stand. Wer dem Verfassungsschutz warum den Auftrag ge-
geben hat, die beiden jungen Neonazis zu beschatten, konnten die zuständigen
Untersuchungsausschüsse nicht endgültig klären. Erst im Januar 1998 wurde die
Garage vom LKA durchsucht. Der Einsatz begann mit Verzögerung, die zentralen
Zeugen erinnern den Ablauf höchst unterschiedlich. Fest steht inzwischen nur,
dass Böhnhardt mit seinem Auto davonfahren konnte, obwohl er bereits mitbe-
kommen hatte, dass man Rohrbomben in der Garage gefunden hatte, die ihm zu-
geschrieben wurden. Böhnhardt konnte so mit Uwe Mundlos und Beate Zschäpe
Áiehen. Dass man Uwe Böhnhardt und die anderen bewusst hat abtauchen lassen,
wird auch von ehemaligen Mitgliedern des Thüringer NSU-Ausschusses in Er-
furt noch immer nicht ausgeschlossen. Bis zum Schluss waren die Drei mit dem
V-Mann Tino Brandt in Kontakt. Die Verfassungsschutzbehörden bekamen auch
mit, dass sich zuvor ein harter Kern des THS traf, dessen Mitgliedern die Gesamt-
gruppe zu lasch war. Zu diesen überzeugten „Kadern“ gehörten auch Böhnhardt,
Brandt und Mundlos. Bis heute ist unklar, ob Brandt von diesen Treffen die ent-
scheidenden Details berichtet hat. Brandt, so viel steht fest, hat Böhnhardt, Mund-
los und Zschäpe auf der Flucht aktiv unterstützt und – wie er es zuvor auch getan
hatte – den Verfassungsschutz bewusst desinformiert und falsche Fährten gelegt,
mutmaßlich, um die Drei zu schützen.
Auch ohne die Hilfe von Brandt wussten die Verfassungsschutzbehörden schon
nach wenigen Wochen, dass Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe nach Chemnitz ge-
Áohen waren. Sie konnten dabei auf abgehörte Telefonate, Meldungen von V-Män-
nern und Informationen, die man bei der Polizei abgeschöpft hatte, zurückgreifen.
In C hemnitz lebte Thomas Starke, der Freund von Uwe Mundlos, sowie andere
Skinheads, mit denen die „Drillinge“, wie sie behördenintern genannt wurden, seit
langem befreundet waren. Den Verfassungsschutzbehörden wurde auch schnell
klar, wer die Drei konkret unterstützte – eben Starke und vor allem Jan Werner –
die Köpfe der sächsische „Blood and Honour“-Sektion. Auf thüringischer Seite
242 Dirk Laabs

half Ralf Wohlleben seinen Freunden, was dazu führte, dass ihm das LfV Thürin-
gen und das BfV wochenlang mit einem Flugzeug folgten.
Die Drillinge gerieten durch ihre Nähe zu Starke und Werner zuvor in das Vi-
sier vieler Behörden, die gar nicht nach ihnen suchten. Diverse Landeskriminal-
ämter und Geheimdienste waren aus verschiedenen Gründen an Jan Werner, Tho-
mas Starke und „Blood and Honour“ interessiert – es ging um Verfahren wegen
Handels mit Nazirock, Volksverhetzung und anderen Delikten. 1998, in dem Jahr,
in dem Böhnhardt und die anderen nach C hemnitz kamen, liefen daher diverse
Operationen der verschiedenen Polizei- und Verfassungsschutzeinheiten parallel.
Das LfV Sachsen hatte zudem mindestens zwei V-Männer in Chemnitz und da-
mit in der Nähe des „Trios“ platziert – deren Berichte wurden aber bislang auf
parlamentarischer Ebene nicht ausgewertet, unter anderem weil die Mehrheit der
Mitglieder des sächsischen NSU-Untersuchungsausschusses keine V-Mann-Akten
beantragt hatte, da ein NPD-Abgeordneter ebenfalls Mitglied des Ausschuss war.

„Falls es nicht bald einen radikalen weißen Gegenschlag in


Form einer Endlösung gibt…“

In Chemnitz und innerhalb der rechten Szene wurde zum Zeitpunkt der Ankunft
der Drillinge aus Jena die Anwendung von Gewalt vermehrt diskutiert. Thomas
Starke hatte Mundlos bereits einmal Sprengstoff besorgt, sein ideologischer Hin-
tergrund barg zusätzliche Sprengkraft in sich: gemeinsam mit den anderen aus
dem „Blood and Honour“-Widerstand folgte er nicht mehr nur einer reinen na-
tionalistisch-sozialistischen Lehre, der Rassismus stand nun im Vordergrund, der
zu dem Schlachtruf „Race before Nation“ verdichtet wurde. Die Anhänger von
„Blood and Honour“ folgten so dem Grundkonzept des „Weißen Arischen Wider-
stands“, das vor allem einen führerlosen Widerstand vorsah.
Dem BfV war in dieser Zeit durch diverse eigene und Fremdinformanten be-
wusst, was innerhalb der „Blood and Honour“-Bewegung diskutiert wurde: Ein
bewaffneter Kampf, „Widerstand“ gegen die „ZOG“ – „Zionist Occupied Go-
vernment“, Anschläge, Überfälle auf Banken. In diversen theoretischen Papieren
wurde immer wieder zum Kampf aufgerufen – im Geiste des „Weißen Arischen
Widerstands“. So hieß es in einem Text der Bewegung:
Der Verfassungsschutz und der NSU 243

„Wir wissen, und es ist wissenschaftlich erwiesen, daß die Flut farbiger Einwan-
derer – nicht jetzt, nicht morgen, aber sehr, sehr bald – die weißen Europäer zu
einer Minderheit werden lassen. Mit anderen Worten, wir werden das letzte bisschen
Kontrolle, das wird noch über unsere eigenen Länder haben, verlieren. ... Falls es
nicht bald einen radikalen weißen Gegenschlag in Form einer Endlösung gibt, um
dieses Problem zu bewältigen, wird die oben beschriebene dunkle Zukunft unser
Ende sein.…

Glauben wir wirklich an die grenzenlose Boshaftigkeit von ZOG [Zionist Occupied
Government] und das Entstehen eines Rassenkrieges? Stehen wir hinter dem Slogan
›Sieg oder Tod‹? Oder sind das bloß bedeutungslose Texte einer White Power-Rock
CD, die auf voller Lautstärke im Beisein einiger betrunkener Freunde gespielt wird
bei ein paar Flaschen Bier ... Unsere Slogans ... sind ernst gemeinte Worte und Auf-
rufe, zu den Waffen zu greifen. Dies ist ES, und diejenigen, die nicht bereit sind,
das ultimative Opfer zu erbringen, um die Zukunft unseres arischen Ursprungs zu
sichern, sollen jetzt aufhören zu lesen!“7

Angeblich, so ein Zeuge vor dem NSU-Ausschuss in Berlin, habe man diese Dis-
kussionen innerhalb des BfV nicht ernst genommen, weil man den Zielpersonen
in Chemnitz – etwa Jan Werner – Gewalt nicht zugetraut habe. Das erklärt jedoch
nicht, warum das BfV dennoch diesen großen Aufwand betrieb, um die Gruppe
„Blood and Honour“ aufzuklären und im Griff zu behalten. Vor allem Jan Werner
wurde über Jahre fast lückenlos abgehört, verschiedene Dienste konnten mithören
und in seinen vielen SMSen mitlesen, wie er Konzerte von „Blood and Honour“-
Bands organisierte und dabei Kontakte in ganz Europa knüpfte.
Auch Thomas Starke wurde abgehört, in seinem Fall vom LKA Thüringen, das
tatsächlich auf der Suche nach den Drillingen war. Bei Starke hätten die Ermittler
Anfang 1998 allein anhand von Telefonaten und Kurznachrichten mitverfolgen
können, dass er gerade drei „Kameraden“ in C hemnitz unterbrachte und dafür
diverse andere „Kameraden“ um Hilfe bat. Trotzdem geschah nichts.
Im Fall von Jan Werner fehlen allerdings zentrale Dokumente in den Akten.
So hatten die Verfassungsschutzbehörden durch V-Mann-Meldungen und Abhör-
maßnahmen mitbekommen, dass Werner auf der Suche nach Waffen war – für die
Drillinge, die „weitere Überfälle“ planen würden. Berichtet hat das ein V-Mann
des LfV Brandenburg – der Berliner Carsten Szczepanski alias Piatto. Szczepans-
ki durfte mit einer Sondergenehmigung das Gefängnis verlassen, um direkt in
Chemnitz, nahe an Jan Werner und den anderen Unterstützern des NSU, zu operie-
ren. Piatto konnte so präzise über die damaligen Pläne des Trios berichten – man
brauche Waffen, plane Überfälle. An seinem Fall werden nun abermals die strate-

7 Max Hammer: „The Way Forward“, aus dem Jahr 1997.


244 Dirk Laabs

gischen Interessen des BfV deutlich. Denn beim Bundesamt bekam man mit, dass
das LfV Brandenburg unsauber gearbeitet hatte – Piatto telefonierte mit einem
Handy, das auf das Innenministerium in Potsdam zugelassen war. Mit diesem
Handy geriet er in die Telefonüberwachung des LKA Thüringens, das auf der Su-
che nach den Drillingen war – just zu dem Zeitpunkt, als sich Jan Werner um Waf-
fen für die Drei – offenbar mit der Hilfe von Piatto – bemühte. Das BfV warnte
aber das LfV Brandenburg, dass das Handy von Piatto bald aufÁiegen könnte und
Piatto damit – von der Polizei – enttarnt wäre. Das Handy wurde abgeschaltet, die
Arbeit des LKA Thüringen damit sabotiert. Es war dem BfV also wichtiger, die
Quelle Piatto zu schützen, als zuzulassen, dass die Polizei das Umfeld des Trios
aufklärt und ihm näherkommt. Die Einstellung des BfV gegenüber den Drillingen
war ein dynamischer Prozess – mal nahm man die drei untergetauchten ernster,
mal waren andere Zielobjekte wichtiger. Unumstößlich war in jedem Fall die Re-
gel seitens des BfV, keine wichtige Quelle in der Szene durch eine Operation – und
sei es die Suche nach „Bombenbastlern“ – zu gefährden.
Zudem muss an dieser Stelle betont werden, dass das LKA Thüringen – in die-
sem Fall die zuständigen Zielfahnder – keineswegs heißen Spuren konsequent ge-
folgt wären. Man sei überlastet gewesen, erklärten die Zielfahnder später, habe
deswegen etwa die Telefonüberwachung nicht gründlich genug auswerten können.
Inzwischen lässt sich durch die erhaltenen Protokolle feststellen, dass Werner
einen engen Dialog mit Piatto führte. Im Spätsommer planten die beiden ein Tref-
fen in Brandenburg, nachdem sie sich zuvor über Waffen ausgetauscht hatten. Die
Protokolle, die Werners Telefonüberwachung in den Tagen vor, während und nach
diesem Treffen abbilden, sind jedoch verschwunden.
Piatto ist ein Beispiel dafür, dass V-Männer nicht per se lügen oder als Instru-
ment der Aufklärung nicht funktionieren können. Wegen Informanten wie ihm
wollen Verfassungsschutzbehörden auf das Mittel V-Mann nicht verzichten. Piatto
berichtete – unter großem Risiko – präzise über die Pläne des Trios und seiner
Unterstützer zu der Zeit. Er operierte direkt im Umfeld der wichtigsten Unter-
stützer, durch ihn waren die Verfassungsschutzbehörden so über die Pläne der
Drillinge informiert. Doch die Verfassungsschützer machten nichts aus den Infor-
mationen, reichten sie nicht an die Polizei weiter – darüber hinaus verbrannten sie
Piatto in der entscheidenden Phase. Er verriet den Zeitpunkt einer Lieferung von
Nazirock-CDs an die „Blood and Honour“-Sektion Sachsen. Die Lieferung wurde
von der Polizei gestoppt, die Akteure in Chemnitz und das Umfeld der Drillinge
wussten damit, dass Piatto ein Verräter ist. Er berichtete nie wieder über die drei
Áüchtigen Thüringer.
Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe lebten zweieinhalb Jahre in C hemnitz. In
dieser Zeit berichteten immer wieder V-Leute über sie, ihr Umfeld wurde obser-
Der Verfassungsschutz und der NSU 245

viert, Ermittler und Verfassungsschutzagenten waren ihnen sehr nah. Abermals


hatten die verschiedenen Verfassungsschutzbehörden und die Polizei jedoch kon-
träre Ziele. Innerhalb des Thüringer LKAs zog man nicht an einem Strang, die
Suche nach den Drillingen wurde immer wieder von LKA-Beamten selber sabo-
tiert. Das LfV Sachsen – im Auftrag des BfV – nutzte wiederum eine Operation,
die dafür gedacht war, Böhnhardt und die anderen zu Ànden, lieber dafür, die
C hemnitzer Szene aufzuklären und potenzielle Informanten auszumachen. Um
das eigentliche Ziel – die drei „Bombenbastler aus Jena“ zu Ànden – ging es, wenn
überhaupt, nur noch in zweiter Linie. Im Ergebnis konnten die „Bombenbastler“
im Sommer 2000 aus Chemnitz verschwinden, nachdem abermals das Fernsehen
über sie berichtet hatte, und ihnen der Boden zu heiß geworden schien. Im Jahr
zuvor hatten Böhnhardt und Mundlos bereits ihre erste – scharfe – Bombe in einer
Nürnberger Kneipe abgelegt, die explodierte und einen jungen Türken verletzte.
Während die mutmaßlichen Mitglieder des NSU die Bomben konstruierten, waren
sie unter großem Fahndungsdruck und mussten mehrmals die Wohnung wechseln.
Dass es ihnen trotzdem gelang, eine scharfe Bombe zu bauen, ist ein Indiz dafür,
dass sie Hilfe – sichere Räume, Bombenmaterial – aus ihrem Umfeld bekommen
haben. Doch etwaige Zeugen und potenzielle Mitverschwörer wie Jan Werner und
Thomas Starke schweigen zu diesem Punkt oder können vom zuständigen BKA
nicht überführt werden. Das fällt dem BKA allerdings auch deshalb schwer, weil
die Verfassungsschutzbehörden der Polizei wesentliche Informationen vorenthal-
ten.
Die Drillinge zogen schließlich Mitte 2000 nach Zwickau, ganz in die Nähe
eines anderen BfV-Spitzels: Ralf Marschner alias Primus. Wenig später begann
die Mordserie des NSU, bei der immer eine Ceska mit Schalldämpfer eingesetzt
wurde.

„Vor diesem Hintergrund sehe das BfV in der jüngeren


Entwicklung Ansätze für einen Rechtsterrorismus“

Dem BfV wurde regelmäßig vorgeworfen, dass das Amt rechten Terror auch in
der entscheidenden Phase – als das Morden des NSU begann – nicht für mög-
lich hielt. So wurde wiederholt in den verschiedenen Untersuchungsausschüssen
thematisiert, dass das BfV in seinen Jahresberichten nie die Möglichkeiten von
rechtem Terror betont hat – diese Berichte sollen also als Beleg herhalten, dass das
BfV rechten Terror tatsächlich nicht für möglich hielt. Der Inlandsgeheimdienst
kennt allerdings nicht nur eine Wahrheit – gegenüber der Öffentlichkeit oder dem
Parlament kommuniziert der Dienst selten sein ganzes Wissen oder eine Analyse,
246 Dirk Laabs

die auf alle Quellen zurückgreift. Da die heikelsten Informationen meist von V-
Männern stammen, werden die in den Schlüsselberichten ausgeklammert. Intern
und innerhalb der „Staatsschutzfamilie“ kommuniziert das BfV offener.
So war tatsächlich das BfV im Jahr 2000, tragischerweise nur wenige Tage
nach dem ersten Mord des NSU – der Blumenhändler Enver Simsek war in Nürn-
berg erschossen worden –, analytisch auf einer heißen Spur. Das BfV hatte Terror-
anschläge durch mehrere rechtsextremistische Einzeltäter oder Kleingruppen in
den Jahren zuvor registriert:

• Kay Diesner erschoss 1997 einen Polizisten, verletzte zwei weitere Menschen
schwer. Er bezog sich auf den „Weißen Arischen Widerstand“. In der deutschen
Szene kursierte ein Konzept:

„Wie aus dem in der FASC HISMUS-Schulungsbroschüre angeführten „Mein


Kampf“-Zitat hervorgeht, haben wir alle die PÁicht zum Widerstand – und zwar
zum Widerstand mit a l l e n Waffen! Es laufen Vorbereitungen, dem Staatsterror
gewappnet entgegentreten zu können. Widerstand regt sich, Deutscher Widerstand.
Wir wollen hier keinen neuen Verein gründen (der dann sowieso ganz schnell wieder
verboten würde). Der WEISSE ARISC HE WIDERSTAND DEUTSC HLAND ist
keine Organisation mit Vorsitzendem, Kassierer usw. Man kann ihm nicht „beitre-
ten“, bekommt auch keinen „Mitgliedsausweis“.“

• Der britische Neonazi David Copeland zündete 1999 mehrere Nagelbomben in


London. Er sagte umfassend aus:

„Frage der Polizei: Warum Angriff auf Schwarze und Asiaten?


C opeland: Weil ich sie nicht mag. Ich will, dass sie aus diesem Land verschwin-
den. Ich bin ein nationalsozialistischer Nazi [National Socialist Nazi]. Ich
glaube an die Herrenrasse ... Mein Ziel war politisch, ich wollte einen
Rassenkrieg in diesem Land.
Frage: Also, indem Sie Bomben in Brixton und in der Bricklane legten, hofften Sie
auf ...
Copeland: ... einen Gegenschlag.
Frage: .. von?
Copeland: „... den ethnischen Minderheiten. ... Es wäre nur ein Funken. Dieser Fun-
ken würde das ganze Land in Flammen setzen. Chaos, Zerstörung, Feuer,
das ist okay. Wenn Sie die Turner Diaries gelesen haben, naja, im Jahr
2000 beginnt die Revolution [tatsächlich im Jahr 1991, d.A.], und die Ras-
sengewalt wird die Straßen beherrschen, es gibt einen Rassenkrieg und
die Menschen werden die BNP wählen.“
Der Verfassungsschutz und der NSU 247

Copeland wird schließlich gefragt, was das ultimative Ziel ist: „Ein nationalsozia-
listischer Staat ... für dieses Land, für die ganze Welt. Die Arier würden die Welt
dominieren. Die weiße Rasse ist die Herrenrasse [und] die britischen Menschen
haben ein Recht auf eine ethnische Säuberung.“ Er bezieht sich damit – wie Wies-
ner – eindeutig auf das Konzept des „Weißen Arischen Widerstands“.

• In Schweden raubte eine dreiköpÀge Terrorgruppe, die sich ebenfalls auf den
„Weißen Arischen Widerstand“ berief, eine Bank aus. Einer der Täter erschoss
auf der Flucht zwei Polizisten mit ihren eigenen Waffen und nahm die Pistolen
anschließend mit.
• In Deutschland erschoss der Neonazi Michael Berger, bei dem auch eine psy-
chische Erkrankung festgestellt wurde, im Juni 2000 zwei Polizisten.
• Bei einem Bombenanschlag in Düsseldorf im Juli 2000, der sich unter ande-
rem gegen Auswanderer aus Russland zu richten schien und bei dem mehrere
Menschen schwer verletzt wurden, konnte ein rechter Hintergrund nicht aus-
geschlossen worden.

Das waren nur die spektakulärsten Vorkommnisse, es gab noch diverse andere
Vorfälle mit klarem rechtsterroristischem Bezug. Das BfV zog aus diesen Atten-
taten in Deutschland und Europa die richtigen Schlüsse. Die Analysten des BfV
stellten diese Anschläge bei einem Treffen aller Landeskriminalämter, des BKA
und der Verfassungsschutzbehörden in Eisenach vor. Sie betonten dort: „Den Waf-
fenfunden kommt vor der seit ca. eineinhalb Jahren geführten Gewaltdiskussion
[in der Szene] eine besondere Bedeutung zu. Auch wenn sich viele Rechtsextre-
misten – wenn auch aus taktischen Gründen – von der Anwendung von Gewalt
distanzieren, haben sich die Stimmen gehäuft, die Gewalt als Mittel zur Durch-
setzung politischer Ziele befürworten.“ Dann folgte ein Eigenlob: „Das BfV konn-
te Dank seiner operativen Arbeit – zum Teil in enger Zusammenarbeit mit den
Verfassungsschutzbehörden der Länder und dem MAD – eine ganze Reihe von
Hinweisen auf Waffen- und Sprengstoffbesitz in der rechtsextremistischen Sze-
ne gewinnen und die Strafverfolgungsbehörden informieren. Im Rahmen der sich
anschließenden Strafverfahren werden zumindest drei Gruppierungen in einem
frühen Stadium zerschlagen, noch bevor sie sich zu terroristischen Organisatio-
nen entwickeln oder schwere Gewalttaten verüben konnten.“ Eines der wichtigsten
Instrumente des BfV, um die erwähnten „Gruppierungen“ zu zerschlagen, waren
wiederum Informanten.
Ein Mitarbeiter des BfV bewertete die Entwicklung auf der Sicherheitskonfe-
renz noch vor einem anderen Hintergrund – die Gesetze, die eine terroristische
Vereinigung nach dem Vorbild der RAF deÀnieren, seien zu starr – sein Amt habe
248 Dirk Laabs

schon umgedacht, sagte der Mitarbeiter vom Bundesamt laut Protokoll: „Er ver-
weist darauf, dass die seit Jahren von den Verfassungsschutzbehörden benutzte
DeÀnition des Terrorismus weder eine zielgerichtete Vereinigung von mindestens
drei Personen noch ein Agieren aus dem Untergrund mit entsprechender Logistik
und Unterstützerszene zwingend voraussetze. Vor diesem Hintergrund sehe das
BfV in der jüngeren Entwicklung Ansätze für einen Rechtsterrorismus.“ Die an-
deren Teilnehmer stimmten nicht überein: „Demgegenüber sind die Vertreter der
LKÄ und des GBA gegen eine darin gesehene Ausweitung der bisherigen DeÀni-
tion des Rechtsterrorismus. Diese müsse sich – gerade auch wegen der Wirkung
auf die Öffentlichkeit – am Begriff der terroristischen Vereinigung im Sinne des §
129 a StGB orientieren. Ansonsten werde es zu vermeidbaren und kaum lösbaren
Abgrenzungsproblemen kommen.“
Mit anderen Worten: Die Landeskriminalämter und die Bundesanwaltschaft
hatten Angst vor der schlechten Presse. Rechter Terror sollte tabu bleiben. Der
Chef der Staatsschutzabteilung des BKA hatte zwar dafür Verständnis, „dass die
VS-Behörden bei ihrer Bewertung nicht nur die bisherige Rechtsprechung ..., son-
dern auch eine phänomenologische Sicht unter Einbeziehung der herausragenden
Fälle (terroristischer) Einzeltäter in Österreich (Briefbombenversender Fuchs) und
den USA (UNA-Bomber) einbeziehen.“ Und der Mann vom BKA betont zudem
selber, dass bestimmte „fremdenfeindliche Gewalttaten“ auf „ausländische Mit-
bürger“, „ängstigend“ und „terrorisierend“ wirken. Dennoch: Auch das BKA hielt
es nicht für nötig, die Gesetze und damit die Terrorismus-DeÀnition zu reformie-
ren. Also hieß es im Protokoll: „Ergebnis: Die Vertreter … stellen übereinstim-
mend fest, dass derzeit kein Rechtsterrorismus in Deutschland feststellbar ist.“
Die wichtigsten Akteure des deutschen Sicherheitsapparats standen an diesem
Tag in Eisenach an einem möglichen Wendepunkt – und entschlossen sich den-
noch weiterzumachen wie bisher, obwohl die Hinweise, dass der rechte Terroris-
mus nicht mit der RAF zu vergleichen war, immer offensichtlicher wurden. Die
bekannte Kleingruppe von militanten Neonazis, wie eben die Drillinge aus Jena,
hätte genau in das neu deÀnierte Raster gepasst. Sie hatte sich zwar in den Unter-
grund begeben, lebte illegal in Chemnitz, hatte dabei aber engen Kontakt zu be-
kannten rechten Akteuren und keinen Zugriff auf professionell gefälschte Papiere
wie etwa die RAF. Die Drillinge lebten bei weitem nicht so „tief“ im Untergrund
wie die Terroristen der RAF. Man hätte die Drillinge und ihre Unterstützer mit
noch mehr Argwohn verfolgen können und müssen. Dass man das beim BfV ent-
gegen der Aussage diverser Mitarbeiter des BfV nicht dennoch gemacht hat, ist
allerdings noch nicht abschließend geklärt.
Der Verfassungsschutz und der NSU 249

„DER NSU IST KEINE ABSTRAKTE SACHE“ –


Zahlreiche Hinweise auf den Nationalsozialistischen
Untergrund

Das BfV nahm die untergetauchten Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe als Bedro-
hung lange sehr ernst, zudem hatte man im Jahr 2000 erkannt, dass auch von
Gruppen, die nicht besonders groß und streng organisiert sein müssen, eine aku-
te Terrorgefahr ausgehen kann. Im Jahr 2002 kommt schließlich eine weitere
Schlüsselinformation hinzu: Gut ein Jahr nach der Sicherheitskonferenz bekamen
verschiedenen Verfassungsschutzbehörden mit, dass eine Gruppe namens NSU
existiert. 2002 berichtete ein V-Mann dem LfV Mecklenburg-Vorpommern von
einem Brief, der in der Szene herumgeschickt wurde und dem Bargeld beigelegt
wurde. Eine Gruppe namens „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) hatte
ein Schreiben an mehrere rechte Blätter verschickt, in dem es hieß:

„ENTSC HLOSSENES, BEDINGUNGSLOSES HANDELN SOLL DER GA-


RANT DAFÜR SEIN, DAS DER MORGIGE TAG DEM DEUTSC HEN VOL-
KE GEHÖRT. JEDER KAMERAD IST GEFRAGT! AUC H DU ! ! ! GIB DEIN
BESTES – WORTE SIND GENUG GEWEC HSELT, NUR MIT TATEN KANN
IHNEN NAC HDRUC K VERLIEHEN WERDEN. DER NSU IST KEINE ABS-
TRAKTE SACHE. JEDER KAMERAD GEHÖRT DAZU SOFERN ER DEN
MUT FINDET ZU HANDELN UND SEINEN BEITRAG ZU LEISTEN. WIE
ERFOLGREICH DER NATIONALSOZIALISTISCHE UNTERGRUND IN DER
ZUKUNFT SEIN WIRD (,) HÄNGT AUCH VON DEINEM VERHALTEN AB.“

Wenig später wurde eine Anzeige in dem Skinzine „Der Weiße Wolf“ veröffent-
licht: „Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen ;-) Der Kampf geht wei-
ter…“ Der ehemalige Präsident des BfV Heinz Fromm hat vor dem NSU-Aus-
schuss in Berlin zugegeben, dass man die Anzeige durchaus registriert und einen
Vorgang zu einer Gruppe NSU angelegt hat.
Nur wenige Monate später tauchte der Name „NSU“ in einem anderen Zusam-
menhang erneut auf. Einer der wichtigsten V-Männer des BfV – Thomas Richter
alias Corelli – hatte seinem Kontakt-Agenten eine CD übergeben, auf der Dateien,
Fotos und ein Cover gespeichert waren. Auf dem Cover war eine Pistole zu se-
hen – und der Schriftzug NSU/ NSDAP. Der Begriff wurde bei den Verfassungs-
schutzbehörden abgespeichert. Schon der Vordenker der rechten Szene, Michael
Kühnen hatte gefordert, in „Mitteldeutschland“ einen „NS-Untergrund“ zu grün-
den. Das Konzept ist also den Verfassungsschutzbehörden ebenfalls seit Jahren
bekannt.
250 Dirk Laabs

Mitarbeiter des BfV haben inzwischen versucht, das Auftauchen der C D zu


relativieren – der V-Mann habe ständig Material in großem Umfang abgeliefert,
die NSU/ NSDAP-CD sei nur eine von vielen CDs gewesen. Allerdings gibt das
BfV inzwischen zu, dass das Cover und ein Text über die NSU nicht bereits ausge-
druckt, sondern lediglich als einzelne Dateien auf der CD gespeichert waren – das
bedeutet, die CD wurde vom BfV gründlich untersucht, die entscheidenden Datei-
en auch wahrgenommen. Das BfV gibt inzwischen auch zu, dass man anschlie-
ßend den V-Mann gezielt nach der Gruppe NSU/ NSDAP gefragt habe. Man hat
sich also für die neue Gruppe durchaus interessiert. Angeblich blieb die Befragung
von Corelli jedoch ohne Ergebnisse. Der V-Mann ist inzwischen verstorben – an
einem Zuckerschock in Folge einer nicht erkannten und therapierten Diabetes-
Erkrankung. Er kann also zu der CD und der Gruppe NSU/ NSDAP nicht mehr
befragt werden. Der Innenausschuss des Bundestages hat inzwischen einen Son-
derermittler eingesetzt, um den Fall zu untersuchen.8 Ob man beim BfV die CD
mit dem Brief des NSU in Verbindung gebracht hat, konnte bislang nicht geklärt
werden, würde aber naheliegen.
Der Fall Corelli macht mehrere Punkte klar.

• Das BfV arbeitet Spuren durchaus gründlich und mit logischer Konsequenz
auf. Von Desinteresse oder Schlamperei an dieser Stelle Àndet sich zunächst
keine Spur.
• Das BfV hatte die Existenz von Corelli weder gegenüber dem Bundestags-Aus-
schuss noch gegenüber dem BKA zugegeben. Er wurde durch die Arbeit eben
jenes Ausschusses bekannt. Auch die Existenz der CD im Archiv des BfV – die
zuvor zunächst in der rechten Szene aufgetaucht war – wurde nur bekannt, weil
das BKA gezielt nach diesem Beweismittel gefragt hatte. Das BfV blockiert
mithin die Aufklärung des NSU-Komplexes und gibt immer nur das zu, was so-
wieso bekannt geworden ist. Es ist also zulässig, davon auszugehen, dass aktive
und ehemalige Beamten des BfV auch weiter Wissen zurückhalten.

Als im Jahr 2003 zumindest den Analysten des BfV der NSU ein Begriff war,
spielte der ehemalige BfV-Vizepräsident Klaus-Dieter Fritsche gegenüber dem In-
nenministerium nun die Terrorgefahr von rechts herunter. In einem Schreiben an
den damaligen Innenminister Otto Schily beantwortete Fritsche, ob eine „Braune
Armee Fraktion“ existiere:

8 Zum Zeitpunkt des Redaktionsschluss lag sein Bericht noch nicht vor.
Der Verfassungsschutz und der NSU 251

„Bei einem Vergleich mit der RAF muss zumindest das wesentliche Merkmal dieser
terroristischen Bestrebungen berücksichtigt werden. Die RAF führte ihren bewaff-
neten Kampf aus der Illegalität heraus. Das heißt, die Gruppe lebte unter falscher
Identität, ausgestattet mit falschen Personaldokumenten und Fahrzeugdubletten in
konspirativen Wohnungen. Dies erforderte ein hohes Know-how und ein Sympathi-
santenumfeld, das bereit war, den bewaffneten Kampf aus der Illegalität zu unter-
stützen. Zur Finanzierung dieses Kampfes wurden Raubüberfälle begangen. Absich-
ten, einen Kampf aus der Illegalität heraus mit den damit verbundenen Umständen
zu führen, sind in der rechten Szene nicht erkennbar. Es gibt derzeit auch keine An-
haltspunkte, dass eine solche Gruppe ein Umfeld Ànden würde, das ihr einen solchen
Kampf ermöglicht. Die gewaltbejahenden Äußerungen in der rechten Szene sind in
letzter Zeit seltener geworden.“

Schließlich erwähnte Fritsche sogar die Drillinge:

„In der Presse wird angeführt, dass es im Rechtsextremismus sehr wohl ein poten-
tielles Unterstützerfeld gebe. Hierzu wird auf drei Bombenbauer aus Thüringen ver-
wiesen, die seit mehreren Jahren ‚abgetaucht‘ seien und dabei sicherlich die Unter-
stützung Dritter erhalten hätten. Dem ist entgegenzuhalten, dass diese Personen auf
der Flucht sind und – soweit erkennbar – seither keine Gewalttaten begangen haben.
Deren Unterstützung ist daher nicht zu vergleichen mit der für einen bewaffneten
Kampf aus der Illegalität.“

Abermals behaupten also zentrale Akteure vom BfV an dieser entscheidenden


Stelle, dass man die wesentlichen Informationen – Bestrebungen der rechte Szene,
Anschläge zu begehen, Existenz von Neonazis – wie den Drillingen – im Unter-
grund, die Überfälle begangen haben sollen, Auftauchen der Gruppe NSU, die den
Untergrund im Namen trägt – nicht zu einem Gesamtbild zusammengefügt habe.
Man hätte schlicht das Schicksal der abgetauchten Bombenbastler aus Jena „aus
den Augen“ verloren.
Dass man die Drillinge beim BfV plötzlich uninteressant fand, ist bislang je-
doch nichts weiter als eine Behauptung der durch den Berliner NSU-Ausschuss
befragten Zeitzeugen des BfV. Zumal das BfV 2003 zudem von ausländischen Ge-
heimdiensten gewarnt wurde, dass es eine aktive rechte Terrorgruppe in Deutsch-
land geben könnte.
252 Dirk Laabs

Das BfV und der Anschlag in der Keupstraße

Noch im Jahr 2004 – als die juristischen Anwürfe wegen der Bombenattrappen von
Jena gegen Mundlos und Zschäpe schon verjährt waren – erwähnte man die drei
explizit in einem „BfV-Spezial“-Bericht, in dem die Terrorgefahr von rechts ana-
lysiert wurde und dutzende rechtsextremistische, potenzielle Terroristen porträtiert
wurden. Unter ihnen waren diverse V-Männer, so dass das BfV geglaubt haben mag,
dass man die Szene im Griff hatte. So wurde ein möglicher Anschlag gegen die
Grundsteinlegung des jüdischen Gemeindehauses 2003 durch einen V-Mann ver-
raten, der die Gruppe wesentlich mitgeführt und radikalisiert hatte. Er berichtete je-
doch dem LfV Bayern und nicht dem BfV. Das LfV Bayern ließ das BfV über diese
Operation bis zur Enttarnung der Gruppe im Dunkeln – ein weiterer Beleg dafür,
wie viel Risiko die verschiedenen Verfassungsschutzbehörden bei der Bekämpfung
von rechtsgerichteten Terroristen eingingen und wie wenig man sich abstimmte.
Das „BfV-Spezial“ erschien nur Wochen nach einem Nagelbombenanschlag
in der Kölner Keupstraße im Juni 2004, bei dem Dutzende von Menschen verletzt
wurden und der im Ablauf den Anschlägen von London sehr ähnelte. Die ganze
Widersprüchlichkeit und Problematik der Arbeit des BfV wird auch in diesem
Fall deutlich.

• Stunden nach der Tat, am späten Abend, rief einer der führenden Beamten des
BfV bei der zuständige Leitzentrale an. Er brauche dringend die Nummer des
Mitarbeiters des Verfassungsschutzes in Nordrhein-Westfalen, der für die Füh-
rung der V-Männer in dem Bundesland zuständig war. Der Anrufer kannte den
Mann bereits seit langem, sie hatten die wichtigsten Telefonnummern längst
ausgetauscht. Doch der BfV-Beamte schien den Kontakt so dringend zu brau-
chen, dass er versuchte umgehend eine weitere Nummer ausÀndig zu machen,
um den Mann des LfV NRW schnell erreichen zu können. Was gab es so Drin-
gendes in Sachen V-Männer zu besprechen? Die Teilnehmer des Telefonats sind
erkrankt oder wollen sich nicht erinnern.
• Das BfV hat den Anschlag in der Keupstraße als Fall gründlich bearbeitet,
ungefragt für die Kriminalpolizei eine Analyse geschrieben, darin auf den An-
schlag in London hingewiesen, Unterschiede und Parallelen der Fälle heraus-
gestellt. Zudem verwies das BfV auf einen anderen Anschlag in Köln aus dem
Jahr 2001, den die Polizei schon fast vergessen hatte und der später tatsächlich
dem NSU zugerechnet werden konnte. So weit, so konsequent. Das BfV schloss
nun aus dem Umstand, dass die Nagelbombe sehr fragil und auf einem Fahrrad
befestigt war jedoch, dass die Attentäter aus dem Umland kommen müssten.
Man präsentierte auch Verdächtige aus dem Kölner Großraum.
Der Verfassungsschutz und der NSU 253

Was nicht passierte – jedenfalls wurde dieser Vorgang bislang nicht offen gelegt:
Niemand in der Abteilung Rechtsterrorismus des BfV überprüfte nun systematisch
potenzielle rechtsextremistische Täter aus ganz Deutschland, die für den Anschlag
besonders in Frage kommen würden. Die Drillinge wären – da sie auch in diversen
Polizeidatenbanken als potenzielle Sprengstoffattentäter gespeichert waren – als
mögliche Verdächtige sofort auf dem Radar des BfV erschienen.

• In diesem Zusammenhang ist ebenfalls bemerkenswert, dass das BfV in eine


Falle der Kriminalpolizei tappte. Die überwachte die eigene Homepage, um zu
registrieren, wer besonders oft die Seite besucht, auf der die Videos der mut-
maßlichen Attentäter aus der Keupstraße zu sehen waren. Die Seite wurde so
häuÀg von Computern des BfV angesteuert, dass die Polizei eine Abordnung
dorthin schickte, um nachzufragen, was es mir der Obsession der BfV-Beamten
auf sich hatte.

Fest steht also: Es gab ein großes Interesse zentraler Personen innerhalb des BfV
an dem Anschlag in der Keupstraße, darunter ein Akteur, der vor allem mit der
V-Mann-Führung zu tun hatte. Man analysierte Aufnahmen von den Tätern, sogar
exzessiv. Man zog im BfV die richtigen Schlüsse, verglich das Attentat mit den
rassistischen Anschlägen in London. Aber abermals will man nicht auf Böhnhardt
und Mundlos als mögliche Verdächtige gekommen sein. Man wäre damit wie ein
Schlafwandler den Tätern dicht auf den Fersen gewesen – ohne es jedoch gemerkt
zu haben.
Auch dass auf den Tag genau ein Jahr nach dem Keupstraßenanschlag die Ces-
ka-Mordserie in Nürnberg weiter ging und ein Mann in Nürnberg erschossen wur-
de, will man beim BfV nicht mitbekommen haben. Genauso wenig wie den Fakt,
dass polizeiintern der Anschlag in Köln und die Mordserie aufgrund der Täter-
beschreibung in Verbindung gebracht worden sind – eine spektakuläre Erkenntnis,
denn so hatte man Videoaufnahmen von Verdächtigen, die auch hinter der Ceska-
Serie zu stecken schienen.
254 Dirk Laabs

„Es dürfen keine Staatsgeheimnisse bekannt werden,


die ein Regierungshandeln unterminieren“

Schließlich hatte das BfV auch mit dem letzten Mord der C eska-Serie indirekt
zu tun, bei dem die Verfassungsschutzgemeinde besonders exponiert wurde. Als
neuntes Opfer wurde ein junger Mann in seinem Internetcafé in Kassel im April
2006 erschossen.
Ein Jugendlicher wies die Polizei auf einen „richtigen Deutschen“ hin, der wäh-
rend oder kurz vor der Tat ebenfalls an einem Computer im Café gesessen hatte,
sich bislang aber nicht als Zeuge gemeldet hatte. Die Polizei konnte ihn ausÀndig
machen – es war ein V-Mannführer des LfV Hessens, Andreas Temme. Erst gab
er zu, am Tattag in dem Café gewesen zu sein, dann stritt er es ab. Er traf sich
mehrfach mit dem Präsidenten seines Amtes, dazu heimlich mit seiner C heÀn,
obwohl er schon unter einfachem Mordverdacht stand, man besprach, was zu tun
war. Erst später stellte sich heraus, dass seine Vorgesetzte ihn und seine Kollegen
wenige Wochen vor dem Mord im Internet-Café per E-Mail über die Ceska-Mord-
serie informiert hatte, beigefügt war ein Info-Blatt des BKA. Die CheÀn hatte ihre
Beamten in der Mail aufgefordert, sich unter den V-Leuten umzuhören: „Gibt es
Dinge, die VM [V-Männer] dazu sagen könnten?!“ Temme hat tatsächlich einen
V-Mann in der rechten Szene, der ausgerechnet im Umfeld des Trios eingesetzt ist.
Die Polizei drängte darauf, die V-Männer von Temme zu verhören, fünf Isla-
misten und eben jenen jungen Nazi, mit dem Temme zudem am Tattag ausführlich
telefoniert hat. Doch das LfV Hessen verweigerte der Polizei die Spitzel als Zeu-
gen zu vernehmen, der Geheimschutzbeauftragte des Amtes erklärte, dass „eine
Vernehmung und der damit einhergehende Verlust der Quellen das „größtmög-
liche Unglück für das Landesamt“ darstellen würde:

„…wenn solche Vernehmungen genehmigt würden, wäre es für einen fremden


Dienst ja einfach, den gesamten Verfassungsschutz lahm zu legen. Man müsse nur
eine Leiche in der Nähe eines V-Mannes bzw. eines V-Mann-Führers positionieren.“

Quellenschutz ist also wichtiger als die Aufklärung einer Mordserie, sobald das
„Staatswohl“ gefährdet ist. Andreas Temme und seine Kollegen beim LfV Hessen
wissen eindeutig mehr als sie zugeben, behalten es aber trotzdem für sich, denn
vieles deutet darauf hin, dass Temme dienstlich und nicht zufällig in dem Inter-
net-Café war.
Nach dem Mord von Kassel endete die Ceska-Mordserie – ohne dass sie von
der Polizei aufgeklärt wird. Da die Rolle Temmes früh publik wurde, wurde das
LfV Hessen vehement kritisiert, der Präsident musste gehen. Als Nachfolger kam
Der Verfassungsschutz und der NSU 255

ein Spitzenbeamter des BfV, Alexander Eisvogel, der das kleine, vergleichsweise
unbedeutende LfV Hessen für eine Zeit leitete. Er bedankte sich in einem Schrei-
ben persönlich bei Temme und bezog sich dabei auf ein Vieraugengespräch. Was
genau Eisvogel mit Temme besprach und warum das BfV einen seiner besten Mit-
arbeiter gleichsam zu Aufräumarbeiten nach Hessen schickte, ist bislang nicht be-
kannt. Der Untersuchungsausschuss des Landtages Hessen hat erst im Jahr 2015
seine Beweisaufnahme aufgenommen.
Anschließend – ab dem Jahr 2006 – will das BfV über seine diversen V-Männer
nichts mehr über ein NSU oder die Áüchtigen Drillinge gehört haben.
Der Kreis schließt sich dann erst ab dem 4. November 2011.
Zwei Männer überfallen eine Bank in Eisenach. Sie Áiehen auf Rädern, ver-
laden die Fahrräder in ein Wohnmobil und werden dabei gesehen. Sie verlassen
nicht die Stadt, sondern warten am Stadtrand. Dort werden sie von einer Polizei-
streife entdeckt. Die beiden Polizisten glauben, man habe auf sie geschossen. Kurz
darauf steht der Camper in Flammen. In dem Wrack werden später die Leichen
von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gefunden. Dazu Waffen, Beutegeld von
verschiedenen Überfällen, falsche Pässe, Rucksäcke. Darin wiederum DVDs mit
einem Film darauf, in dem sich der NSU zu zwei Bombenanschlägen und zehn
Morden bekennt. Diese DVDs jedoch werden von der Spurensicherung erst einen
Monat nach dem Brand in den Rucksäcken – in der Asservatenkammer – entdeckt.
Da war der Film schon lange in der Öffentlichkeit. Denn die DVDs wurden auch
an Parteien, Fernsehsender, muslimische Gemeinden geschickt – von mindestens
einem Helfer des NSU, und von, mutmaßlich, Beate Zschäpe, die bis zum Ende im
Untergrund geblieben ist. Sie lebte seit 2008 in der Zwickauer Frühlingsstraße, in
einer Wohnung, die wie ein sicheres Haus eingerichtet war, mit Kameras, Stahl-
türen, falschen Wänden, einem Archiv voller Waffen, Munition und Artikel über
die Ceska-Morde. Kurz nach dem Tod ihrer Freunde soll Zschäpe die Wohnung
in Brand gesteckt haben. Sie irrte anschließend durch Deutschland und stellte sich
dann, vier Tage später, in ihrer Heimatstadt Jena.
Beim Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln wusste man, was das bedeutet.
Die Details des Kampfes gegen die Rechtsextremisten, den man vor allem mit
Spitzeln, also mit der Hilfe von anderen Rechtsextremisten geführt hat, drohten
nun ans Tageslicht zu kommen, viele der noch aktiven Informanten waren in aku-
ter Gefahr, enttarnt zu werden.
So war es konsequenterweise der Experte für Rechtsterrorismus Lothar Lin-
gen, der am 8. November 2011 – vier Tage nach dem Tod von Uwe Böhnhardt
und Uwe Mundlos und nur wenige Stunden nachdem sich Beate Zschäpe in Jena
gestellt hatte – BfV-Akten über rechtsradikale V-Männer heraussuchen ließ, um
sie wenig später – teilweise – vernichten zu lassen. Auch hier ist unklar, welche
256 Dirk Laabs

Akten in welchem Umfang vernichtet worden sind, auch hier hält das Bundesamt
Informationen zurück.
Zudem sollte offenbar verschleiert werden, wie viele Informanten Lingens Ab-
teilung in den 1990er Jahren wirklich geworben hatte, denn es wurden ebenfalls
Akten aus den frühen Jahren der Abteilung geschreddert. So heißt es im Bericht
des NSU-Ausschusses des Bundestages:

„Ab dem 29. Dezember 2011 seien insgesamt 137 Akten aus dem Forschungs- und
Werbungsbereich vernichtet worden: Dabei habe es sich im Einzelnen gehandelt
um… Forschungs- und Werbungs-Vorgänge aus 1993-1994. Diese Forschungs- und
Werbungsvorgänge aus 1993-1994 seien nicht rekonstruierbar.“

Mit der Vernichtung der Akten war nicht ausschließlich Lothar Lingen betraut,
auch andere Akteure des BfV haben das Schreddern der Dokumente zu verant-
worten. Aber es war Lingens Abteilung, die diese Akten in den frühen 1990ern
angelegt hatte, gerade als das BfV sich immer intensiver mit gewaltbereiten Neo-
nazis auseinandersetzte.
Der Umstand, dass Lothar Lingen auch 2011 noch – fast zwanzig Jahre nach-
dem er begann, den Rechtsextremismus zu bekämpfen –, für militante Nazis zu-
ständig war, zeigt, dass es eine große personelle Kontinuität innerhalb des BfV
gibt, die es noch unglaubwürdiger macht, dass die Drillinge aus Jena einfach in
Vergessenheit geraten sein sollen und als Gefahr nicht mehr interessiert haben.
Warum kooperiert das BfV nicht rückhaltlos mit den Aufklärern?
Einer der Hauptverantwortlichen für den Kampf gegen den deutschen Terror,
der Ex-Vizepräsident des BfV, Klaus-Dieter Fritsche, sagte dazu in einer Sitzung
des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses:

„Es dürfen keine Staatsgeheimnisse bekannt werden, die ein Regierungshandeln


unterminieren. Es darf auch nicht so weit kommen, dass jeder Verfassungsfeind und
Straftäter am Ende genau weiß, wie Sicherheitsbehörden operativ arbeiten und wel-
che V-Leute und verdeckten Ermittler im Auftrag des Staates eingesetzt sind.“

Und genau darum scheint es auch im NSU-Komplex an zentralen Stellen gegangen


zu sein: Quellenschutz ging vor Strafverfolgung. Geklärt werden muss noch im-
mer: Hat das BfV das Puzzle – obwohl man dort fast alle zentralen Teile vorliegen
hatte – wirklich nicht zusammengesetzt? Und wenn das so ist – warum nicht?
Hier muss die Analyse ohne vorgefasste Meinung und frei von Klischees – „auf
dem rechten Auge blind“, „rechten Terror nicht für möglich gehalten“ – weiter-
gehen, um den NSU-Komplex komplett aufklären zu können. Vor allem müssen
Der Verfassungsschutz und der NSU 257

auch die Akten des Bundesamtes für Verfassungsschutz den Aufklärern aus den
verschiedenen Untersuchungsausschüssen ohne Restriktionen vorgelegt werden.
Nur danach sieht es nicht aus. Zu Erinnerung: Im Falle des Wissens des BND um
Adolf Eichmann darf der Auslandsgeheimdienst mit Segen der höchsten Gerichte
weiterhin Akten nur geschwärzt vorlegen. Und auch im Fall des Oktoberfestat-
tentats wurde erst fast 25 Jahre nach der Tat von Seiten der Exekutive zugegeben,
dass Ankläger und Nebenkläger bei weitem nicht alle Akten bekommen haben. Es
ist also ein langer Atem gefragt. Auch und gerade bei der Aufklärung des NSU-
Komplexes.
Prozesse und Strukturen
der Verfassungsschutzämter
nach dem NSU1

Thomas Grumke

1 Einleitung

“Too much Civil Service work consists of circulating information that isn’t relevant
about subjects that don’t matter to people who aren’t interested.”
(Satirische BBC Sitcom „Yes, Minister“: PREFACE)

In der C ausa NSU gaben und geben einige Verfassungsschutzämter von außen
betrachtet ein desolates Bild ab. Obwohl in diesem Kontext auch erhebliche Fehl-
leistungen auf Seiten von Polizei, Justiz und nicht zuletzt der politisch Verantwort-
lichen zu beklagen sind, scheint das ohnehin dubiose Image der „Schlapphüte“
in der Öffentlichkeit nahezu irreparabel. Der Fall vom „Frühwarnsystem der De-
mokratie“ zur, wie einige behaupten, Gefahr für die Demokratie ist dramatisch.
Von jeher sitzen die Ämter für Verfassungsschutz jedoch in einer imageschädi-
genden Falle: „Wenn den Diensten Schnitzer unterlaufen, heisst es, sie seien bis
zur Lächerlichkeit ineffektiv. Haben sie Erfolge, heisst es hingegen, sie seien eine
Bedrohung für die Bürgerrechte.“ (Gujer, 2012). „Der Verfassungsschutz“, den es
in Wirklichkeit in dieser Homogenität nicht gibt, ist weiterhin ein Mysterium für
weite Teile der Bevölkerung.
Eine penible Untersuchung von Fehlern und Versäumnissen staatlichen Han-
delns ist dringend geboten und wird durch die Untersuchungsausschüsse im Bund

1 Eine Fassung dieses Textes erscheint in Lange und Lanfer (2015, i.E.).

W. Frindte et al. (Hrsg.), Rechtsextremismus und „Nationalsozialistischer Untergrund“, Edition


Rechtsextremismus, DOI 10.1007/978-3-658-09997-8_9, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
260 Thomas Grumke

und in den Ländern sowie im Zuge des Zschäpe-Prozesses geleistet werden. In


der öffentlichen und politischen Debatte dominieren im Moment Rechtsfragen,
Technikalitäten (z. B. Einsatz von V-Leuten, Verarbeitung von Daten) und Fra-
gen der Neuorganisation und der besseren Zusammenarbeit (z. B. Verhältnis des
Bundesamtes zu den Landesämtern, Austausch von Daten). Nach den Debatten
von 1992 (Pogrome von Rostock-Lichtenhagen) und 2000 („Aufstand der Anstän-
digen“) erscheint die jetzige Diskussion zudem manchmal wie ein Déjà-vu (vgl.
Grumke, 2011).
Es haben sich drei Varianten zur Zukunft des Verfassungsschutzes herausge-
bildet: Reformieren (vgl. Grumke & Pfahl-Traughber, 2010), abschaffen (vgl. Leg-
gewie & Meier, 2012; Wesel, 2012) oder „weiter so“. Immer mitgedacht werden
muss das bisherige und zukünftige Verhältnis zur Polizei, die in den meisten Ver-
fassungsschutzbehörden seit jeher stark personell vertreten ist, z. B. als Führer von
Quellen (V-Leuten) oder Observanten.
Bei einem öffentlichen Fachgespräch der SPD-Bundestagsfraktion am 1.
November 2012 unter dem Titel „Ein Jahr nach Entdeckung des NSU-Terrors“
mahnte der Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses, Sebastian Edathy,
eindringlich die „Grundversprechen“ des demokratischen Rechtsstaats an: Der
Schutz der Unversehrtheit aller hier lebenden Menschen und wenn dies nicht ge-
linge, die staatliche Aufklärung mit aller Kraft. Im Fall des NSU wurden beide
Grundversprechen gebrochen.
Die Kernhypothese dieses Aufsatzes lautet: Das nach wie vor bestehende Ent-
setzen über die neue Qualität der rechtsextremistisch motivierten Mordserie des
sog. „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) hat sich auch mehr als zwei
Jahre nach dessen Entdeckung nicht in eine neue Qualität des nachhaltigen Han-
delns in den Verfassungsschutzbehörden transformiert. Es darf nicht nur um struk-
turelle Fragen gehen, denn die beste Struktur ist nur so gut wie die in ihr han-
delnden Personen. Deshalb werden in diesem Artikel die Organisationsstrukturen
und die Arbeitsweise der Ämter für Verfassungsschutz kurz nachgezeichnet. Die
Kernfrage lautet: Welche Schritte sind notwendig, damit die Verfassungsschutz-
ämter wirklich einmal „Nachrichten-Dienstleister der wehrhaften Demokratie“
(Schreiber, 2010, S. 34) werden?
Wer die Verfassungsschutzbehörden nicht abschaffen will, sondern sogar für
ein zentrales Element der wehrhaften Demokratie hält, der muss diese auch in
einen entsprechenden personellen und materiellen Stand versetzen. Soll Extremis-
mus analysiert und nachhaltig bekämpft, oder weiterhin verwaltet werden?
Prozesse und Strukturen der Verfassungsschutzämter nach dem NSU 261

2 Aufgaben und Struktur

“In government, many people have the power to stop things happening but almost
nobody has the power to make things happen. The system has the engine of a lawn
mower and the brakes of a Rolls Royce.”
(Yes, Minister: A REAL PARTNERSHIP)

I. Was die Aufgaben der Verfassungsschutzämter betrifft, so hat das Bundesverfas-


sungsgericht diese jüngst in seinem Urteil vom 24.04.2013 zur Vorratsdatenspei-
cherung noch einmal genau – vor allem in Abgrenzung zur Polizei – beschrieben:

„Die Rechtsordnung unterscheidet […] zwischen einer grundsätzlich offen arbei-


tenden Polizei, die auf eine operative Aufgabenwahrnehmung hin ausgerichtet und
durch detaillierte Rechtsgrundlagen angeleitet ist, und den grundsätzlich verdeckt
arbeitenden Nachrichtendiensten, die auf die Beobachtung und Aufklärung im Vor-
feld zur politischen Information und Beratung beschränkt sind und sich deswegen
auf weniger ausdifferenzierte Rechtsgrundlagen stützen können. Eine Geheimpoli-
zei ist nicht vorgesehen“ (BVerfGE, 1 BvR 1215/07, Rand-Nr. 122).

Der immer wieder geäußerten Forderung, doch den Verfassungsschutz komplett auf-
zulösen und deren Aufgaben der Polizei zuzuweisen, ist damit eine klare Absage
erteilt. Vielmehr ist es dringend geboten, die Behörden für Verfassungsschutz in den
Stand zu versetzen, die ihr obliegenden Aufgaben – also: die Beobachtung und Auf-
klärung von extremistischen Bestrebungen im Vorfeld zur politischen Information
und Beratung – auch adäquat erfüllen zu können. Doch wie sieht der Ist-Zustand aus?
II. Die Ämter für Verfassungsschutz sind entweder Abteilungen in den Innen-
behörden mit einer Ministerialdirigentin/en an der Spitze (i.d.R. Besoldungsgrup-
pe B7) oder Landesämter, also nachgeordnete Behörden der Innenressorts und
unter deren Fachaufsicht, mit einer/m Präsidentin/en an der Spitze (i.d.R. Besol-
dungsgruppe B4). Mit dem Stand 1. Dezember 2014 waren von den 17 Verfas-
sungsschutzämtern acht eine Abteilung und neun ein Landes- bzw. Bundesamt.
Diese Struktur ist Änderungen unterworfen, wie das Beispiel Berlin zeigt. Hier
wurde das Landesamt für Verfassungsschutz im Jahre 2000 nach einer Reihe von
Fehlleistungen de facto aufgelöst und als Abteilung in die Innenbehörde eingeglie-
dert. Hier oblag es dann ab Anfang 2001 der Abteilungsleiterin Claudia Schmid
das Amt personell und mental aus dem Kalten Krieg hin zu einem modernen Ver-
fassungsschutz zu führen. Aus Thüringen ist zu vernehmen, dass die neue Rot-
Rot-Grüne Landesregierung den Verfassungsschutz dort ebenfalls in das Innen-
ministerium eingliedern will.
262 Thomas Grumke

Der Verfassungsschutz handelt nicht im luftleeren Raum, sondern ist Akteur im


politischen Umfeld. Wie alle anderen Abteilungen der Ministerien bzw. alle nach-
geordneten Behörden, sind alle Verfassungsschützer dem Dienstherrn (hier: den
Innenministern und –senatoren) weisungsgebunden. Zudem sind die Leiter/innen
der Verfassungsschutzbehörden sogenannte „politische Beamte“, werden also di-
rekt von der politischen Leitung eingesetzt (und ggf. auch wieder abberufen). Wie
das im worst case aussehen kann, zeigt der Fall Helmut Roewer, von 1994 bis 2000
Präsident des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz. Durch einen massi-
ven politischen Eingriff wurde damals der amtierende Präsident Harm Winkler
abgesetzt und durch den aus dem Bundesministerium des Innern kommenden Roe-
wer ersetzt. Die Urkundenübergabe fand angeblich in einem Erfurter Wirtshaus
statt. Roewer selbst erinnerte sich an die genauen Umstände bei der Befragung
durch den Thüringer Untersuchungsausschuss nicht mehr, da er bei Übergabe des
„gelben Umschlags“ betrunken gewesen sei. Weder der bei Roewers Ernennung
amtierende Innenminister Schuster noch dessen Nachfolger Dewes konnten bei
ihrer Befragung sagen, wer wann warum Roewer diese hochrangige Stelle als
Leiter des Verfassungsschutzes Thüringen angeboten hatte und wie er ausgewählt
wurde (vgl. Thüringer Landtag, 2013, S. 277ff.). Die Amtsführung Roewers wurde
von einem ehemaligen Mitarbeiter als „selbstherrlich“ und „menschenverachtend“
bezeichnet (Thüringer Landtag, 2013, S. 288). Das ernüchternde Fazit des Zwi-
schenberichts des Untersuchungsausschusses lautet:

„Der Untersuchungsausschuss muss zur Kenntnis nehmen, dass die damalig Ver-
antwortlichen sich jeder Verantwortung für die Ernennung entziehen. Dies mag eine
Ursache darin haben, dass angesichts der bekanntgewordenen Umstände der späte-
ren Tätigkeit und der Amtsführung des Präsidenten und der öffentlich notwendiger-
weise geäußerten Kritik an der Arbeit des TLfV auch im Zusammenhang mit dem
Untersuchungsauftrag jeder eine Verbindung zur eigenen Person, und sei es auch nur
durch die Verantwortung für die Ernennung des in die Kritik geratenen Präsidenten,
vermeiden will“ (Thüringer Landtag, 2013, S. 508).

Die Kritik an mangelhafter Arbeit des Verfassungsschutzes – hier am Beispiel


Thüringen – muss also zwangsläuÀg verbunden werden mit einer ebenso schar-
fen Kritik an den jeweiligen Dienstherren, die die Arbeit ihrer gesamten Ressorts
schlussendlich verantworten. Die Verfassungsschutzbehörden sind insofern weder
dienstrechtlich noch organisatorisch eine Besonderheit gegenüber allen anderen
Abteilungen bzw. nachgeordneten Behörden der Innenressorts.
III. Nach dem Bekanntwerden des NSU im November 2011 ist viel von einer
strukturellen Neuausrichtung oder Neujustierung der Verfassungsschutzbehörden die
Rede. Bislang wurde im Bundesamt die einige Jahre zuvor getätigte Zusammenlegung
Prozesse und Strukturen der Verfassungsschutzämter nach dem NSU 263

der Abteilungen Rechts- und Linksextremismus rückgängig gemacht, so dass der Be-
reich Rechtsextremismus nun wieder einen eigenständigen Bereich bildet. Der Bereich
Linksextremismus bildet jetzt mit dem sog. „Ausländerextremismus“ eine eigene Ab-
teilung, die als eine Art organisatorische Resterampe derjenigen Phänomenbereiche
anmutet, denen gegenwärtig eine niedrige (politische) Bedeutung zugemessen wird.
Eine ähnliche strukturelle Entwicklung hat sich in der Abt. Verfassungsschutz in
NRW vollzogen. Doch wie sieht es darüber hinaus mit einer Reform aus?
Eine Presseinformation des Bundesamtes für Verfassungsschutz vom 22. Februar
2013 zum Projekt „Reform des Verfassungsschutzes“ liest sich in diesem Zusam-
menhang wie ein Dokument der HilÁosigkeit. Circa 15 Monate nach Entdeckung
des NSU wird ein Projekt vorgestellt, „um das BfV für neue Herausforderungen
angemessen aufzustellen“ (Bundesamt für Verfassungsschutz, 2013). Schon der Ver-
lauf der Umsetzung ist als amtstypisch zu bezeichnen: Der Projektstart erfolgte am
3. September 2012 (zehn Monate nach NSU); das Reformkonzept wurde nach weite-
ren fünf Monaten am 1. Februar 2013 vom BMI gebilligt; am 22. Februar 2013 star-
tete die Umsetzungsphase. Kernthema dieser Reform ist denn auch keine personelle
Verstärkung, wie es mit der massenhaften Einstellung von Fachwissenschaftlern und
Fachwissenschaftlerinnen nach dem 11. September 2001 geschehen war, sondern
eine nicht näher bezeichnete „Konzentration auf das Wesentliche“ bzw. eine „Neu-
priorisierung“ mit dem Ziel, sich vor allem um gewaltorientierte Extremisten zu
kümmern. Obwohl sicher gut gemeint, gewährt ein weiterer geplanter Reformschritt
einen tiefen Einblick in das typische Dilemma nahezu aller Verfassungsschutzäm-
ter: „Um eine stärkere Anbindung der Arbeit des BfV an gesellschaftliche Entwick-
lungen zu gewährleisten, soll ein entsprechender Beirat eingerichtet werden.“ (vgl.
Bundesamt für Verfassungsschutz, 2013). Wie die Arbeit bislang losgelöst von ge-
sellschaftlichen Entwicklungen überhaupt stattÀnden konnte, ist erstaunlich, aber
doch systemimmanent. In den 14 „Arbeitspaketen“, die in einer gewaltigen Struktur
mit vier Hierarchiestufen und eigener Geschäftsstelle zu erledigen sind, dreht sich
denn auch lediglich das Paket 8 um wissenschaftliche Expertise (vgl. Abb.1).
In Ministerien Àndet allgemein – wenig überraschend – kein „herrschaftsfreier
Diskurs“ à la Jürgen Habermas statt. „Demgemäss hängt das Schicksal von vor-
geschlagenen Erneuerungen und Veränderungen mehr von der Einsicht der Vor-
gesetzten denn der Qualität der Argumente ab. Dessen eigene Handlungsoptionen
gelten aber in solchen hierarchischen Strukturen selbst als begrenzt, ist er doch –
eine Formulierung des Althistorikers Christian Meier aus einem ganz anderen Zu-
sammenhang nutzend – allenfalls Herr in den Verhältnissen und nicht Herr über
die Verhältnisse“ (Pfahl-Traughber, 2010, S. 27). Doch wer ist denn nun in den
Ämtern für Verfassungsschutz – abgesehen von den schon erwähnten Ministern –
Herr in den Verhältnissen und wer ist Herr über die Verhältnisse?
264 Thomas Grumke

Abbildung 1 Organigramm zur Umsetzung der Reform des BfV (Quelle: Bundesamt für
Verfassungsschutz, 2013).
Prozesse und Strukturen der Verfassungsschutzämter nach dem NSU 265

3 Personal und Führung

“Reorganizing the Civil Service is like drawing a knife through a bowl of marbles.”
(Yes, Minister: THE WHISKEY PRIEST)

I. Zu Recht wird in allen Ämtern zwischen der Führungsebene und der Arbeits-
ebene unterschieden. Das soll auch hier so geschehen. Ein Blick auf die Führungs-
ebene, also den sog. „Höheren Dienst“ (von Amtsleiter/innen über Referatsleiter/
innen bis zu den Referent/innen), zeigt deutlich eine absolute Übermacht von Ju-
risten. Was die Behörden für Verfassungsschutz angeht, so sind diese i.d.R. Teil
der allgemeinen inneren Verwaltung. Beschäftigt sind hier in den Leitungsfunk-
tionen ebenfalls fast ausschließlich Verwaltungsjuristen, die im Zuge der Rota-
tion einige Jahre im Verfassungsschutz arbeiten und dann weiter ziehen. Vertiefte
Fachkenntnisse in den Extremismusbereichen werden nicht erwartet bzw. sollen
ggf. nach Antritt der Stelle erworben werden. Dieser eklatante Mangel an Fach-
verstand wurde im Bereich Islamismus schmerzlich nach dem 11. September 2001
deutlich und durch die Einstellung einer großen Anzahl von Islamwissenschaftler/
innen und Arabist/innen kompensiert. Diese wurden und werden jedoch fast aus-
schließlich im Angestelltenverhältnis auf der Arbeitsebene geführt und sind für
Leitungsaufgaben nicht vorgesehen. Um es noch einmal klar zu sagen: auch im
Jahre 2014 sind die Leitungen der Fachreferate oder -abteilungen „Rechtsextre-
mismus“ oder „Islamismus“ keineswegs Politik- oder Islamwissenschaftler, son-
dern (zumindest in den Ministerien) im Rahmen der üblichen Rotation alle paar
Jahre neue Verwaltungsjuristen, die vorher andere Themenbereiche des Hauses
vertreten haben und auch nach ihrer Zeit beim Verfassungsschutz wieder in einen
anderen Bereich wechseln werden. Wie in allen anderen Berufsgruppen auch sind
hier einige Personen besser motiviert und mit einer besseren Auffassungsgabe aus-
gestattet als andere.
Auch die Leitungen der Behörden für Verfassungsschutz bestehen nach wie
vor, trotz zahlreicher Wechsel im Zusammenhang mit dem NSU-Komplex, über-
wiegend aus Juristinnen und Juristen. Wie Tabelle 1 zeigt, sind dies Stand Ende
2014 elf der 17 Behördenleitungen. Abzüglich der vier Polizisten bleiben lediglich
zwei Behördenleiter mit einer geisteswissenschaftlichen Ausbildung. Eine „Neu-
justierung“ fand auf dieser Ebene nach NSU nicht statt.
266

Tabelle 1 Personelle Stärke und Leitung der Verfassungsschutzämter des Bundes und der Länder (Stand: 1.12.2014, Quelle: eigene
Recherche)
Bundesland Behörde (Personal- Leitung Jurist/in
stärke)
Baden-Württemberg Landesamt (337) Beate Bube (seit 1.2008) ja
Bayern Landesamt (ca. 450) Dr. Burkhard Körner (seit 8.2008) ja
Berlin Abt. (188) Bernd Palenda (seit 11.2012) ja
Brandenburg Abt. (ca. 105) Carlo Weber (seit 6.2013) ja
Bremen Landesamt (ca. 46) Hans-Joachim von Wachter (seit ja
1.2008)
Hamburg Landesamt (154) Torsten Voß (seit 8.2014) nein Polizist
Hessen Landesamt (ca. 200) Roland Desch (seit 6.2010) nein Polizist
Mecklenburg-Vorpom- Abt. (85) Reinhard Müller (seit 4.2009) nein Polizist
mern
Niedersachsen Abt. (ca. 270) Maren Brandenburger (seit 3.2013) nein Politikwissensch.
Nordrhein-Westfalen Abt. (335) Burkhard Freier (seit 7.2012) ja
Rheinland-Pfalz Abt. (165) Hans-Heinrich Preußinger (seit ja
3.2009)
Saarland Landesamt (83) Dr. Helmut Albert (seit 1999) ja
Sachsen Landesamt (182) Gordian Meyer-Plath (seit 8.2012) nein Historiker
Sachsen-Anhalt Abt. (106) Jochen Hollmann (seit 9.2012) nein Polizist
Schleswig-Holstein Abt. (ca.100) Dieter Büddefeld ja
(seit 10.2011)
Thüringen Landesamt (ca. 100) Thomas Sippel (bis 7.2012; seitdem ja
vakant)
Bund Bundesamt (ca. 2700) Dr. Hans-Georg Maaßen (seit 8.2012) ja
Thomas Grumke
Prozesse und Strukturen der Verfassungsschutzämter nach dem NSU 267

Auch in der zweiten und dritten Hierarchiestufe (je nach Größe der Behörde sind
dies Gruppen- und/oder Referatsleitungen) sind weit überwiegend Juristen anzu-
treffen: „…praktisch jeder, der etwas zu sagen hat, ist Jurist.“ (Musharbash, 2013).
Dies ist auch der Einstellungspraxis der Innenbehörden geschuldet, da nach wie
vor grundsätzlich nur Juristen für das Beamtenverhältnis auf Lebenszeit vorgese-
hen sind. Die wenigen Ausnahmen der Beamten ohne juristisches Staatsexamen
werden als „Beamte besonderer Fachrichtung“ geführt, die eben nicht beliebig
im Rahmen der fortwährenden Rotation im gesamten Geschäftsbereich einsetz-
bar sind und daher auch nicht als für Führungspositionen qualiÀziert angesehen
werden. Dass in diesem System einige Innenminister, wie z. B. der Pädagoge Ralf
Jäger in Nordrhein-Westfalen, wohl nicht einmal verbeamtet, geschweige denn Re-
feratsleiter in ihren eigenen Häusern werden würden, ist ein erstaunlicher Fakt.
Wie u. a. Armin Pfahl-Traughber herausgearbeitet hat, kommt Verwaltungsju-
risten, die i.d.R. ihr gesamtes Berufsleben in der öffentlichen Verwaltung – und
hier zumeist in der inneren Verwaltung – verbracht haben, eine „besondere Prä-
gung“ (Pfahl-Traughber, 2010, S. 25) zu. So bemerkte Ralf Dahrendorf bereits in
den 1960er Jahren: „Man wird schwerlich sagen dürfen, dass Offenheit, Flexibili-
tät, Bereitschaft für neue und überraschende Situationen, Toleranz für marktar-
tig sich selbst steuernde Bereiche des sozialen Lebens, Skepsis gegenüber dem
Anspruch des Staates auf die sittliche Idee zum Rüstzeug des deutschen Juristen
gehören“ (zitiert n. Pfahl-Traughber, 2010).
Laut des ehemaligen Leiters der Schule für Verfassungsschutz, Hans-Jürgen
Doll, bedarf es zur Erhöhung der Analysekompetenz einer „Brechung des Juris-
tenmonopols“. Wieder Pfahl-Traughber (2010) folgend, der selbst zehn Jahre beim
Bundesamt für Verfassungsschutz gearbeitet hat, können so erstens „Entwicklun-
gen auf der Basis historischer, kultureller oder politischer Sachkompetenz besser
eingeschätzt werden“. Zweitens „führt eine interdisziplinäre Herangehensweise
bei der Einschätzung des extremistischen Gefahrenpotentials zu neuen Erkennt-
nissen und Perspektiven“. Drittens „können die Verfassungsschutzbehörden da-
durch eher mit dem analytischen Anspruch aus der Wissenschaft mithalten und
ihre Funktion als ‚Frühwarnsystem‘ besser erfüllen“ (S. 26).
Es ist unbestreitbar, dass Behörden im Allgemeinen und Verfassungsschutzbe-
hörden im Besonderen mit einer Vielzahl rechtlicher Fragen konfrontiert sind und
deshalb Juristen benötigen. Daher hat auch schon jedes mittelständische Unter-
nehmen eine Rechtsabteilung. Eine so starke Dominanz, wie sie in fast allen Be-
hörden auszumachen ist, kann aber weder bezogen auf die Analyse- noch auf die
Führungskompetenz als zwingend erforderlich gelten.
II. In den Verfassungsschutzämtern arbeiten nicht hunderte von Extremismus-
expertinnen und Extremismusexperten, die sich diese Aufgabe ausgesucht ha-
268 Thomas Grumke

ben bzw. in langjähriger Fachausbildung darauf vorbereitet wurden. Genau wie


in anderen Behörden arbeitet hier ein Querschnitt des öffentlichen Dienstes. Im
„gehobenen Dienst“, also bei den sog. Sachbearbeitern, sind dies i.d.R. Personen
mit einer Ausbildung an einer der Verwaltungsschulen oder –fachhochschulen der
Länder oder des Bundes. Wie der Name schon sagt, obliegt dieser Dienstgruppe
die Auswertungsarbeit in den Sachgebieten. Hier treffen sich die „offenen“ (Zei-
tung, Internet usw.) Erkenntnisse mit den „eingestuften“ (Quellenberichte, Obser-
vationsberichte, Telefonüberwachungen usw.) und werden systematisch zusam-
mengeführt. Hier wird oftmals entschieden, welche Informationen relevant sind
und welche nicht, was in Berichte einÁießt und was nicht, was die Leitung zu
sehen bekommt und was nicht. Doch auch in dieser Dienstgruppe ist eine große
Spreizung der QualiÀkationen und Motivationen zu verzeichnen.
Das Beispiel Sachsen zeigt, dass in der Vergangenheit in einigen Verfassungs-
schutzämtern zeitweise scheinbar wahllos ohne Berücksichtigung einer relevan-
ten QualiÀkation eingestellt wurde. Im Rahmen der Befragungen im Sächsischen
NSU-Untersuchungsausschuss am 19. April 2013 sagte der ehemalige Referats-
leiter Rechtsextremismus/-terrorismus im Landesamt für Verfassungsschutz aus,
dass bei dessen Neuaufbau auch Personal eingestellt wurde, das mit dem Arbeits-
feld vorher nie inhaltlich zu tun hatte (vgl. Julke, 2013). Es wurde deutlich,

„…dass Tischler, Handwerker, Verkäuferinnen, Leute, die auf Bauernhöfen arbeite-


ten, ‚Leute, die keinerlei Ahnung hatten‘ (so wörtlich), Informatiker und Maurer ein-
gestellt worden sind. Das Amt habe deren Vergangenheit geprüft, der Referatsleiter
eine Stunde mit ihnen geredet. Dann seien sie auf einen sechswöchigen Lehrgang
zum Bundesamt für Verfassungsschutz geschickt worden“ (Julke, 2013).

Vorher hatte sowohl die Parlamentarische Kontrollkommission in ihrem Ab-


schlussbericht als auch die Harms-Kommission (vgl. Harms, Heigl & Rannacher,
2013) die Analysefähigkeit des Sächsischen Landesamtes als mangelhaft bewertet,
ebenso wie die Schäfer-Kommission die des Thüringischen (s.u.). Der Bericht der
Harms-Kommission hat hierzu ein ganzes Kapitel dem Thema „Fortbildung“ ge-
widmet, denn es wird ernüchtert (und ernüchternd) festgestellt: „Angesichts der
Ànanziellen Rahmenbedingungen in Bund und Ländern, die einen eigentlich erfor-
derlichen Zuwachs an qualiÀziertem Personal – auch mit Studienabschluss – nicht
erwarten lassen, kommt der Fortbildung der Mitarbeiter ein ganz besonders hoher
Stellenwert zu“ (Harms et al., 2013, S. 41).
III. In einer Öffentlichen Anhörung des Haupt- und Innenausschusses im Land-
tag Nordrhein-Westfalen am 2. Mai 2013 sah Heinrich Amadeus Wolf, Professor
für Öffentliches Recht an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, den
Prozesse und Strukturen der Verfassungsschutzämter nach dem NSU 269

dringend benötigten „politologischen Sachverstand“ in den Verfassungsschutz-


ämtern „meilenweit entfernt“. In seiner Stellungnahme zur Frage 27 „Inwieweit
sehen Sie die Notwendigkeit, die Aus- und Fortbildung sowie Personalführung
beim Verfassungsschutz – wie bei der Polizei – zu professionalisieren und dies
normativ zu verankern?“ antwortet Wolf: „Der Unterzeichner geht davon aus, dass
die Ausbildung schon gegenwärtig professionalisiert ist, es wäre schlimm, wenn
die Mitarbeiter des Verfassungsschutzes NRW von Amateuren unterrichtet wür-
den.“ (Wolf, 2013, S.15)
Das Thema Fort- und Weiterbildung ist ebenso wie die Analysekompetenz ein
im Verfassungsschutzverbund schon seit langem diskutiertes Thema, das nun of-
fenbar auch die politische Debatte erreicht hat. In Nordrhein-Westfalen wird in
einem Antrag der Fraktion der FDP mit dem Titel „Reform der Ausrichtung des
Verfassungsschutzes NRW und des Verfassungsschutzgesetzes NRW konsequent
umsetzen“ unter dem Punkt „Aus- und Fortbildung sowie Personalführung profes-
sionalisieren“ gefordert:

Bislang bestehen für Mitarbeiter des Verfassungsschutzes keine einheitlichen Per-


sonalauswahl-, Ausbildungs- und Fortbildungsstandards, sondern es wird ein Áexib-
les „Learning by Doing“ praktiziert. Das hohe Niveau der Polizeiausbildung muss
Ansporn sein, auch für alle im Land tätigen Mitarbeiter des Verfassungsschutzes
entsprechende Leitlinien und Qualitätskriterien zu entwickeln. Das Ziel bundeswei-
ter Standards ist zudem eine Aufgabe der Innenministerkonferenz. (Landtag NRW,
2013, S. 4).2

Im Moment obliegt die Aus- und Fortbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
der Verfassungsschutzbehörden der Schule für Verfassungsschutz (SfV) in Heim-
erzheim bei Bonn. In dieser alten BGS-Kaserne, intern auch „Heimlichheim“ ge-
nannt, Ànden neben der Ausbildung des nichttechnischen gehobenen Dienstes des
BfV durch die Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung3 auch die
Fortbildungen aller 17 Verfassungsschutzämter statt. Musharbash (2013) charakte-
risiert die Jugendherbergsatmosphäre in „Heimlichheim“ zutreffend:

2 Es muss erwähnt werden, dass es die FDP war, die zwischen 2005 und 2010 mit Ingo
Wolf den Innenminister stellte und diese richtig beschriebenen Mängel hätte abstellen
können.
3 Vgl. http://www.fhbund.de/nn_14908/DE/01__Studieninteressierte/20__Zentralbe-
reich__Fachbereiche/09__FB__ND/03__BfV/bfv__node.html?__nnn=true.
270 Thomas Grumke

„Der Dienst braucht die besten Experten zu sehr speziÀschen Phänomenen wie tür-
kischen Marxisten oder russischer Wirtschaftsspionage, aber er kann ihnen nur ein
Umfeld bieten, das eher an das Großstadtrevier im Vorabendprogramm erinnert als
an die spannungsgeladene amerikanische CIA-Serie Homeland.“

Trotz erheblicher Anstrengungen in den letzten Jahren, aus der SfV eine hoch-
schulähnliche Institution oder sogar einen Think Tank bzw. eine „Akademie“ zu
machen und trotz personeller Verstärkung ist diese auch in der Selbstdarstellung
eine Erweiterung vor allem des Bundesamtes für Verfassungsschutz, das auf der
spärlichen Webpräsenz noch einmal deutlich auf seine Dienstaufsicht hinweist.4
Noch einmal: eine reguläre Fachausbildung für den gehobenen Dienst hat le-
diglich das BfV. Die Landesämter für Verfassungsschutz entsenden ihre Mitarbei-
terinnen und Mitarbeiter mehr oder weniger konsequent lediglich zu Fortbildun-
gen zu allen Extremismusbereichen. Ansonsten gilt „learning on the job“.
IV. Im Fall Thüringen bezeichnet das sog. Schäfer-Gutachten (Schäfer, Wache
& Meiborg, 2012) die Quellenauswertung und Analyse im Fall NSU als „man-
gelhaft“ (Schäfer et al., 2012, S. 118f.). Die Folgen dieser mangelhaften Auswer-
tung waren gravierend: der Verlauf des Untertauchens des NSU, des anfänglichen
Spendensammelns in der Szene und der späteren Ansage, man brauche nun kein
Geld mehr, wurden nicht adäquat analysiert und eingeordnet (Schäfer et al., 2012,
S. 193ff.). Winfriede Schreiber, die ehemalige Leiterin des Verfassungsschutz
Brandenburg, bewertet dies so: „Wenn Extremisten abtauchen, liegt es eigent-
lich auf der Hand, sich zu fragen, wie sie sich Ànanzieren. Die Schrift war an der
Wand – aber sie ist nicht richtig gelesen worden.“ (zit. n. van der Kraats, 2013).
Gordian Mayer-Plath, langjähriger Mitarbeiter im Brandenburger Verfassungs-
schutz und heute Leiter des Landesamts in Sachsen, schlägt eine konkrete Lösung
für den von Schreiber beklagten analytischen Analphabetismus vor: Man brauche
nicht unbedingt mehr Verfassungsschützer, sondern bessere:

„Wir brauchen ein breiteres Spektrum an Mitarbeitern, vor allem mehr Geistes- und
Sozialwissenschaftler. Denn Extremisten arbeiten mit C hiffren. Die beziehen sich
auf bestimmte Weltanschauungen und Denkrichtungen, die manchmal nur ein Geis-
teswissenschaftler kennen kann. Ich will damit nicht sagen, dass der Verfassungs-
schutz ausschließlich aus Historikern bestehen sollte, plädiere aber für eine gesunde
Mischung. Nur mal angenommen, sie Ànden eine Webseite mit lauter Gedichten von
Ernst Niekisch. Da müssen Sie schon wissen, wer das war. Sonst Ànden Sie die Seite
nicht verdächtig“ (Machowecz, 2012).

4 Vgl. http://www.verfassungsschutz.de/de/das-bfv/akademie-fuer-verfassungsschutz.
Prozesse und Strukturen der Verfassungsschutzämter nach dem NSU 271

Dieser eklatante Mangel an sozialwissenschaftlicher Analysekompetenz in den


Verfassungsschutzämtern wird seit langer Zeit beklagt (vgl. Grumke & Pfahl-
Traughber, 2010) und auch in den Ämtern diskutiert. Rechtsextremismus wird
jedoch, anders als Islamismus, in vielen Behörden nicht als komplexe gesellschaft-
liche Aufgabe verstanden, da hier z. B. keine Fremdsprachenkenntnisse nötig sind.
Wie aber der Fall NSU zeigt, kommt es auf analytische Details an. So kann die
Abwesenheit von Bekennerschreiben nicht verstanden werden, wenn Konzepte des
internationalen Rechtsextremismus wie leaderless resistance (vgl. Grumke, 1999)
unbekannt sind. Die für den Rechtsextremismus im 21. Jahrhundert entscheiden-
den Gebiete der neuen Medien (Internet, soziale Netzwerke etc.) und der Musik
werden zu oft mit Instrumenten und einem Ausbildungsstand des 20. Jahrhunderts
bearbeitet.
Hinzu kommt, dass oftmals die zuständigen Sachbearbeiter nicht dazu aus-
gebildet sind noch dazu im hierarchischen Ablauf dazu angehalten werden, die
richtigen Fragen zu stellen. Komplexe Speicherrichtlinien und zum Teil wenig
nutzerfreundliche Speichersoftware tun ihr Übriges, dass Daten heute ebenso un-
analysiert und unverknüpft verbleiben wie früher in den staubigen Registraturen.
Modernes Wissensmanagement weiß: Speichern ȴ Wissen ȴ Verstehen! Das Spei-
chern von Bedeutung ist eben nicht möglich und so kommt es auf die analytische
Leistung aller Personen an, die in den Verfassungsschutzbehörden mit Auswer-
tung zu tun haben.
Doch auch wenn Erkenntnisse irgendwo in der Behörde vorhanden sind, dann
ist entscheidend wo, wer sie mit einem aktuellen Sachverhalt zusammenführt und
vor allem, ob die Führungsebene und die Arbeitsebene hieran gemeinsam arbei-
ten. Es gilt, den entscheidenden Schritt über die Verwaltung von Informationen hi-
naus zur Analyse von Informationen zu gehen (vgl. Pfahl-Traughber, 2010, S. 25).
Nur so ist zu erklären, dass der Staatssekretär im BMI Klaus-Dieter Fritsche noch
am 11. August 2011 auf die schriftliche Frage der Abgeordneten Jelpke: „Ist die
Bundesregierung nach den Anschlägen in Norwegen bereit, die Ausrichtung der
Arbeit des Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrums (GTAZ) neu zu überden-
ken und die ausschließliche Konzentration auf „islamistischen Terrorismus“ auf-
zugeben folgendes antwortete: „Abgesehen vom islamistischen Terrorismus gibt
es derzeit keine Personen(gruppen), die terroristische Ziele in Deutschland aktiv
vertreten und verfolgen“ (Drs. 17/6812). Fritsche ist seit Januar 2014 Staatssekretär
im Bundeskanzleramt und Beauftragter für die Nachrichtendienste des Bundes. 5

5 Vgl. http://www.bundesregierung.de/
C ontent/DE/Biographien/biographie-klaus-die-
ter-fritsche.html.
272 Thomas Grumke

4 Fazit: Die De-Mystifizierung des Innenmysteriums

“Politician’s logic: We must do something. This is something. Therefore we must


do it.”
(Yes, Minister: PARTY GAME)

I. Der Fall des NSU ist de facto der 11. September des Rechtsextremismus in deut-
schen Ämtern und offenbart ähnliche analytische und fachliche Schwächen in
vielen zuständigen Verwaltungen, ohne dass hier (bisher) eine Verstärkung durch
Fachpersonal überhaupt in Erwägung gezogen wird – geschweige denn für Lei-
tungspositionen. Es besteht also nicht nur ein Informations- und Koordinations-
deÀzit zwischen den Behörden, sondern vor allem ein fachliches und analytisches
DeÀzit innerhalb der für den Rechtsextremismus zuständigen Ämter.
Pauschale Verurteilungen sind an dieser Stelle jedoch vollkommen fehl am
Platze, denn nicht alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aller Verfassungsschutz-
behörden haben gleichermaßen in der Causa NSU versagt. Nicht selten zu hörende
Vorwürfe, „der“ Verfassungsschutz sei auf dem „rechten Auge blind“ und verfüge
über eine eigene, demokratieferne Mentalität, gehen am wahren Problem vorbei.
Es besteht eben keine Verfassungsschutz-Kultur oder –Mentalität und auch eine
Art corporate identity, wie sie die Polizei zweifellos pÁegt, ist hier nicht zu Ànden.
Die Arbeit wird vielmehr, wie gezeigt, politisch gelenkt vom zur Verfügung ste-
henden Personal nach bestem Wissen verrichtet. Zu beklagen ist, dass eben bisher
auf allen Ebenen so wenig Wert auf gesättigtes Fachwissen im Bereich Rechts-
extremismus gelegt wird und dies zur QualiÀkation für Führungspositionen kaum
relevant ist.
Anetta Kahane (2013) beklagt zudem eine „Kultur leidenschaftlicher Gleich-
gültigkeit“ in den Behörden. Und in der Tat mag es manchmal eine Kollision der
Sicherheit der eigenen Karriere mit der Inneren Sicherheit geben. Dies arbeitet
Musharbash (2013) schön in seinem Artikel zur Schule für Verfassungsschutz he-
raus:

„Auf eine sehr spezielle Art ist die Beamtenhaftigkeit eine Versicherung gegen ge-
meinschaftliche Rechtsbeugung. ‚Bevor ein Beamter seinen Pensionsanspruch ge-
fährdet, macht er lieber gar nichts‘, sagt ein Verfassungsschützer. Waterboarding
wäre beim Verfassungsschutz ganz und gar unvorstellbar. Doch das schützt weder
vor individuellen Fehlern noch vor kollektivem Versagen. […] Zwielichtig agiert ha-
ben möglicherweise einzelne Verfassungsschützer – der große Rest aber ist an einer
Aufgabe gescheitert, die er nur zu gerne bewältigt hätte“.
Prozesse und Strukturen der Verfassungsschutzämter nach dem NSU 273

Wie der Harms-Bericht in Sachsen fordert, muss die „IdentiÀkation von DeÀziten
bei Wissen und Befähigung der Mitarbeiter und die Anpassung des Personalkör-
pers an die steigenden Herausforderungen des dienstlichen Alltags […] stärker als
bislang als Führungsaufgabe begriffen und wahrgenommen werden.“ (Harms et
al., 2013, S. 44). Berufsanfänger und Quereinsteiger sind zeitnah und umfassend
zu qualiÀzieren. Es muss der Grundsatz gelten: „Erst ausbilden, dann einsetzen“
(Harms et al., 2013, S. 45). Aber welcher Politiker möchte im Moment mit der
Forderung in Verbindung gebracht werden, den Verfassungsschutz personell und
materiell zu stärken?
II. Informierte, aufgeklärte und demokratische Bürgerinnen und Bürger treten
für die Demokratie und gegen ihre Gegner ein und tragen so dazu bei, unsere De-
mokratie und ihre Grundwerte zu schützen und zu stärken. In diesem Sinne sind
aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger das Fundament einer demokratischen Kultur
und so der beste Verfassungsschutz. Was Verfassungsschutzämter zu diesem Fun-
dament beitragen sollen und können muss politisch entschieden und gesellschaft-
lich akzeptiert werden.
Es bestehen unterschiedliche Handlungslogiken in den für die hier verhandelte
Frage relevanten Bereichen: Politik, Öffentlichkeit, Presse, Verwaltung (hier: Ver-
fassungsschutz). Diese gilt es herauszuarbeiten und in die Debatte einzubeziehen.
Das Phänomen Rechtsextremismus, das ein gesellschaftliches und kein primär
juristisches Problem ist, kann als solches nur gemeinsam nachhaltig bekämpft
werden. Den Verfassungsschutzämtern kann hier eine wichtige Rolle zukommen,
wenn die oben diskutierten Problemlagen offen angegangen und gelöst werden.
Zu denken gibt hier jedoch die Äußerung eines aktiven Verfassungsschutz-Mit-
arbeiters:

„‘Ich bin zum Verfassungsschutz gegangen, weil ich etwas gegen Nazis tun wollte‘,
sagt der Mann, der nur am Telefon sprechen möchte […] Umso überraschender wirkt
seine Resignation: ‚Wenn ich die Jahre in eine NGO gegen Rechts investiert hätte,
hätte ich wohl mehr erreicht‘“ (Musharbash, 2013).

Abschließend bleibt festzuhalten:

1. Die Ämter für Verfassungsschutz stehen nach Bekanntwerden des NSU unter
erheblichem Reformdruck.
2. Bisher ist jedoch keine neue Qualität im professionellen Handeln bzw. der Aus-
wertung des Rechtsextremismus zu erkennen.
3. Zentral ist in diesem Zusammenhang das Personal. Nach wie vor gibt es jedoch
weder auf der Arbeits- geschweige denn auf der Leitungsebene den systema-
274 Thomas Grumke

tischen Erwerb von Fachkompetenz hinsichtlich des Phänomens Rechtsextre-


mismus.
4. Eine Reform der Personalgewinnung oder Personalentwicklung ist, anders als
nach 9/11, nicht in Sicht. Nach wie vor gelten eine juristische Ausbildung und
die fortlaufende Rotation durch viele Stationen der allgemeinen inneren Ver-
waltung als Maßstab für eine gute Führungskraft, auch im Verfassungsschutz.
5. Eine Änderung dieser Praxis wird auch von der politischen Führung nicht ge-
fordert bzw. augenscheinlich für nötig gehalten. So wird auf allen Ebenen das
Phänomen weiter grundsätzlich nicht von Rechtsextremismusexperten, son-
dern von Autodidakten bearbeitet und gesteuert. Eine sehr große Streuung der
Arbeitsqualität ist also nicht überraschend, sondern systemimmanent.
Prozesse und Strukturen der Verfassungsschutzämter nach dem NSU 275

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276 Thomas Grumke

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am 2. Mai 2013“ vom 26.04.2013.
Fallbeispiel Grass Lifter

Künstlerische Interventionen zum NSU im öffentlichen


Raum in Sachsen

Franz Knoppe und Maria Gäde

1 Einführung

Wenn ein kleiner Ort täglich in überregionalen Medien erscheint, ist etwas Be-
sonderes passiert. Wenn an diesem Ort über das Besondere nichts in der Öffent-
lichkeit zu Ànden ist, wird es Zeit für die Kunst. Der Soziologe Niklas Luhmann
wusste über die Kunst zu sagen: „Kunst weist darauf hin, dass der Spielraum des
Möglichen nicht ausgeschöpft ist, und sie erzeugt deshalb eine befreiende Distanz
zur Realität“ (Luhmann, 2006, S. 160).
Der kleine Ort ist in diesem Fall Zwickau, eine Stadt in Westsachsen. Das be-
sondere Ereignis war die Aufdeckung des Nationalsozialistischen Untergrundes
(NSU), dessen drei Kern-Mitglieder Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate
Zschäpe über zehn Jahre in Zwickau gelebt haben. Es stellte sich die Frage, wie die
Zwickauer und auch die sächsische Bevölkerung nach Aufdeckung des NSU damit
umgingen, dass diese Rechtsterroristen jahrelang unter ihnen gelebt haben. Die
Frage, wie das Thema in der Öffentlichkeit behandelt und diskutiert wird, lag da-
mit sofort auf dem Tisch. Wir meinen Verdrängungsmechanismen zu beobachten,
sowohl bei der Bevölkerung, als auch bei Vertretern1 der Politik. Ein sichtbares
Zeichen war der Abriss des Hauses in der Frühlingsstraße 26, wo die Terroristen
bis zuletzt Unterschlupf suchten. Heute Ànden sich dort keine Zeichen mehr. Aus

1 Im Folgenden wird aus Gründen der sprachlichen Vereinfachung nur die männli-
che Form verwendet. Es sind jedoch stets Personen männlichen und weiblichen Ge-
schlechts gleichermaßen gemeint.

W. Frindte et al. (Hrsg.), Rechtsextremismus und „Nationalsozialistischer Untergrund“, Edition


Rechtsextremismus, DOI 10.1007/978-3-658-09997-8_10, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
278 Franz Knoppe und Maria Gäde

diesem Grund wollten und wollen wir, die Grass Lifter, mittels der Kunst das Be-
sondere an diesem Ort zeigen. Die Grass Lifter, das sind junge Erwachsene aus
Zwickau, Plauen, Berlin, der Schweiz und Österreich und wir arbeiten internatio-
nal von Nairobi über Stendal, Berlin bis Chemnitz. Die Künstlergruppe Àndet sich
projektbezogen zusammen, um mit künstlerischen Mitteln das politische Thema
NSU und Rechtsextremismus zu bearbeiten.
Dieser Beitrag entstand im Zusammenhang mit der Teilnahme an der 27. Jah-
restagung des Forums Friedenspsychologie. Wir möchten am Beispiel der Grass
Lifter untersuchen, wie künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum und
bezogen auf politische Prozesse funktionieren können. Wir reÁektieren unsere
eigenen Aktionen und öffnen die „Black Box“ einer Künstlergruppe. Wir beschrei-
ben unseren Ansatz, unsere Taktiken, Prinzipien, Theorien und gruppendynami-
sche Prozesse, um Funktionen offenzulegen, die für uns notwendig erscheinen, um
erfolgreich Aktionen durchzuführen. Mit diesem Beitrag wollen wir zeigen, wie
die noch relativ junge Form des Kunstaktivismus in lokalen und kommunalen Poli-
tikprozessen funktioniert und arbeiten kann. Unsere Herangehensweise ist konst-
ruktivistisch und zum Teil aus einer systemtheoretischen Perspektive geschrieben.
In der Rolle als Aktionskünstler fühlen wir uns der wissenschaftlichen Genauig-
keit verpÁichtet, ohne fachspeziÀsche Ansprüche zu erheben.
Wir wollen im ersten Schritt die Motivation und das von uns wahrgenommene
Problem als Ausgangspunkt für unsere Aktivitäten darlegen. Im zweiten Schritt
werden die Zielgruppe, Taktiken, Prinzipien und Theorien vorgestellt, die für uns
entscheidend bei der Umsetzung der verschiedenen Aktionen waren. Abschlie-
ßend werden wir die Wirkungen unserer künstlerischen Arbeit beschreiben und
die Ergebnisse zur Diskussion stellen.

2 Kunstaktivismus als friedenspsychologischer Beitrag

Wir betrachten psychologische Systeme als von der Gesellschaft externe Systeme,
die also Umwelt der Gesellschaft sind. Gesellschaft besteht aus Kommunikation
(Luhmann, 2006, S. 35). Als Künstlergruppe versuchen wir mit Artefakten (z. B.
MiniÀguren oder Auszeichnungen), Bildern und Storys kommunikative Prozesse
und Irritationen auszulösen, um langfristig psychologische Veränderungen zu er-
reichen. Ziel dieser Prozesse ist es nicht, wie beim Design die Dinge zu verbessern,
oder attraktiver zu machen, sondern das Gegenteil ist der Fall. Kunst ästhetisiert
die Dinge der Gegenwart, um das Dysfunktionale, Absurde, Unnütze an ihnen zu
enthüllen. „Die Gegenwart zu ästhetisieren [mit den Mitteln der Kunst] bedeutet
sie zu toter Vergangenheit zu machen“ (Groys, 2014, S. 90).
Fallbeispiel Grass Lifter 279

Auf der kommunikativen Ebene stellt Kunst damit den Konsens über den Dis-
sens in der Gegenwart her (Luhmann, 2000, S. 92f.). Unsere Kunst greift Erkennt-
nisse aus der Wissenschaft auf und wendet sie mit kreativen Techniken aus der
Aktionspraxis an (z. B. den Erfahrungen des Ansatzes des Globalen Lernens). Die
Plausibilität unserer Aktionen können wir nicht abschließend bewerten. Was wir
beitragen möchten, ist der Blick aus der Praxis zurück in die friedenspsychologi-
sche wissenschaftliche Arbeit.

3 Blinder Fleck unserer Aktionen

Die Taten des NSU zielten gegen Menschen mit Migrationsbiographie. Alle Morde
außer dem ungeklärten Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter waren rassis-
tisch motiviert. Hier sind Menschen betroffen und es werden kulturelle Gruppen
bedroht, die wir in unserer Zusammensetzung als Künstlergruppe nicht widerspie-
geln. Wir sind weder People of Colour noch erleiden wir schwerwiegende Diskri-
minierungserfahrungen in der Gesellschaft. Als Künstler ging es uns daher auch
nie darum, für die Opfer zu sprechen und diese zu vertreten. Unser Fokus besteht
darin, den Teil der Gesellschaft, in der die Täter ihr zu Hause wählten, zur ReÁe-
xion anzuregen und dort Diskurse auszulösen.

4 Motivation – Problembeschreibung

Am ersten Jahrestag der Aufdeckung der Verbrechen des NSU beobachteten wir,
wie ein Kamerawagen der DPA die verlassene grüne Wiese in der Frühlingsstraße
26 in Zwickau Àlmte, den Ort an dem der NSU zuletzt wohnte und seine Verbre-
chen wahrscheinlich plante.
An jenem Abend sendete die Tageschau Stellungnahmen von Politikern, Op-
ferverbänden und anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren. Eine Stellungnahme
aus der Region Zwickau, z. B. von der Oberbürgermeisterin Dr. Pia Findeiß, gab
es nicht. Auch gab es keine öffentliche Veranstaltung in Zwickau, die an dem
symbolischen Datum die Taten in einen Kontext der Aufarbeitung, Aufklärung
oder Erinnerung setzte. Eine Kleinstadt, die monatelang im Fokus der Öffentlich-
keit stand und sich an das Synonym des NSU „Zwickauer Terrorzelle” gewöhnen
musste, fand am Jahrestag der Aufdeckung der Verbrechen keine Worte. Bewusst
oder unbewusst versuchten die politischen und zivilgesellschaftlichen Akteure der
Stadt, diesen aus unserer Sicht notwendigen Diskurs nicht zu benennen. Das war
der Ausgangspunkt, der Auslöser für die Idee, das Gras, das über die Sache wächst,
280 Franz Knoppe und Maria Gäde

auszugraben und den Zustand des Verdeckens symbolisch zur Vergangenheit zu


erklären.
Ähnlich wie in Mügeln (Schellenberg, 2014, S. 85; siehe auch den Beitrag von
Schellenberg in diesem Band) fanden es Politiker in Zwickau schwierig, die Ter-
rorzelle NSU mit ihrem Ort zu verbinden. Während in den Medien noch von der
“Zwickauer Terrorzelle” gesprochen wurde, distanzierten sich Politiker von der
Art der Zuschreibung und verwiesen auf die Herkunft der Täter, die aus Jena ka-
men (Decker, 2013). Das Problem Rechtsradikalismus wurde argumentativ gene-
ralisiert und als allgemeingesellschaftliches und als nicht Zwickau speziÀsches
Problem präsentiert. So wollten die politischen Akteure von Zwickau lokale Auf-
klärungsmöglichkeiten die speziÀsch zum NSU sind, auf eine allgemeingesell-
schaftlichere Ebene heben. Dazu gehörte der Vorschlag, dass ein Dokumentations-
zentrum aller Opfer rechter Gewalt in Zwickau gebaut werden sollte (Lasch, 2013).
Dieses wurde abgelehnt und damit konnten lokalspeziÀsche Problemlösungen, die
von anderen Akteuren vorgeschlagen wurden, mit dem Verweis auf die Ablehnung
des Dokumentationszentrums wegdiskutiert werden.
Dennoch kam es in Zwickau auch zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema
NSU. Kurz nach dem ersten Jahrestag gab es im sozio-kulturellen Zentrum „Gaso-
meter“ eine Podiumsdiskussion zum Thema. Im Jahr 2013 thematisierte der örtli-
che Kunstverein mit einer Ausstellung die „Existenz des NSU“ (Naumann, 2013).
Für uns waren die Reaktionen der Stadtoberen nicht ausreichend. Unsere Annah-
me ist es, dass solch eine Terrorzelle ein Umfeld brauchte, das sie stützte und in dem
sie sich organisieren konnte. Dieses Umfeld wiederum, so nehmen wir an, braucht
ebenfalls ein Umfeld, in dem es mit seiner Haltung nicht auffällt oder wo man lieber
wegschaut und solche Prozesse toleriert. Diesem Umfeld des Umfeldes der „Ter-
rorzelle“ bewusst zu machen, dass solche Taten unter uns nicht mehr möglich sein
dürfen, ist das langfristige Ziel unserer Aktionen. Wir wollen, dass die Bevölkerung
sich mit dem Geschehenen auseinandersetzt und anhaltende Formen der Aufklärung
zulässt. Da dies für zivilgesellschaftliche Initiativen nicht ohne Unterstützung der
lokalen politischen Verantwortlichen zu erreichen ist, leiten wir daraus unsere An-
spruchshaltung an die politischen Akteure in Zwickau, Chemnitz und Sachsen ab.
Diese Ausgangsituation war für uns entscheidend, aktiv zu werden. Nur waren
wir nicht gut genug in der Stadt vernetzt, um politische Entscheidungsträger dazu
zu bringen, etwas zu tun. Auch kam uns die Haltung in der Stadt eher so vor,
als wüsste niemand so genau wie er sich verhalten sollte. Wo waren also die, die
ebenfalls fanden, dass nicht einfach Gras über die Sache wachsen sollte? Für uns
kam also nur in Frage, mit einer symbolischen Aktion das Thema wieder auf die
Agenda zu setzen, denn dafür brauchten wir keine weiteren Unterstützer und große
Organisationsvorleistungen.
Fallbeispiel Grass Lifter 281

5 Der Weg zu den Kunstaktionen

Im Rahmen der Künstlergruppe Grass Lifter wurden bisher vier Aktionen durch-
geführt. Im Folgenden werden die Aktionen vorgestellt.

Tabelle 1 Überblick über die Aktionen

Aktion 06.05.2013 04.11.2013 06.05.2014 04.11.2014


Das Gras, das über War da was? Fragen Áiegen Goldener Hase
die Sache wächst Grass it up!
Anlass NSU Prozess- 2. Jahrestag Auf- 1. Jahrestag des 3. Jahrestag Auf-
beginn deckung NSU NSU-Prozess- deckung NSU
beginns
Maß- Symbolischer Figurenaufstel- Luftballonperfor- Negativ-Preis-
nahmen Spatenstich in die lungen mit utopi- mance mit Fragen übergabe „Gol-
GrasÁäche der schen Themen an zum NSU-Kom- dener Hase“ an
Frühlingsstr. 26, den Orten, wo die plex, die über den Verfassungs-
Zwickau, Über- Täter lebten. Sachsen gestreut schutz Sachsen
gabe des Grases wurden. und Online-Pe-
an die Oberbür- tition
germeisterin von
Zwickau

Wir orientieren uns am Standardwerk des Kunstaktivismus „Beautiful Trouble –


Handbuch für eine unwiderstehliche Revolution” (Boyd & Oswald, 2014)(Boyd
und Mitchell 2014). Darin werden Taktiken, Prinzipien und Theorien beschrieben,
die für erfolgreichen Kunstaktivismus Bedingung sein können. Wir halten uns im
Folgenden an die im Buch verwendete Terminologie.

5.1 Zielgruppe

Aus unserem Ansatz, das Umfeld des Umfeldes der Terrorzelle zur ReÁexion anzuregen,
leitet sich auch unsere Zielgruppe ab. Wir wollen Menschen erreichen, die im Sozial-
raum Zwickau und Chemnitz wohnen. Menschen, die die Welt vor allem über Massen-
medien beobachten und nur bedingt im politischen System mitwirken. Bei diesen Men-
schen wollen wir Diskurse und Diskussionen auslösen, die Teil einer Haltungsänderung
sein könnten. Da das Thema in der Stadt nicht besonders beliebt war und noch immer
nicht ist, wussten wir, dass das, was wir machen nicht so interessant sein würde, dass
diese Menschen zu uns strömen würden. Trotzdem wollten wir genau diese Menschen
erreichen. Erst danach wollten wir die politisch Verantwortlichen ansprechen. Unsere
Zielgruppe umfasste damit bis zu 327.000 Menschen (Landkreis Zwickau, 2015).
282 Franz Knoppe und Maria Gäde

Abbildung 1 Mögliche Antwort auf die Frage: Wie gesellschaftlich reagieren auf die
Terrorzelle NSU in Zwickau? (zweite Aktion: 04.11.2013 – War da was?
Grass it up!)
Fallbeispiel Grass Lifter 283

Abbildung 2 und 3 Prophetische Intervention im öffentlichen Raum (zweite Aktion:


04.11.2014 – War da was? Grass it up?).
284 Franz Knoppe und Maria Gäde

Wie können wir in Zukunft verhindern, dass solche Taten unter uns geplant wer-
den? Wie gehen wir mit dem Geschehen um? Wie muss eine Gesellschaft ausse-
hen, die solche Taten vermeiden kann?
Wir wissen als Künstler: Was die Menschen von der Gesellschaft und ihrer
Welt wissen, ist geprägt von den Massenmedien (Luhmann, 2004). Also mussten
wir unsere Geschichte in die Medien tragen, denn sie sind in der Lage, durch ihre
Annahmen neue Weltkonstruktionen zu ermöglichen und damit eine öffentliche
Meinung als Resultat ihrer eigenen Wirksamkeit zu verändern (Luhmann, 2006,
S. 498). Diese Vorannahmen beeinÁussten die Auswahl unserer Methoden, die wir
zur Umsetzung der Ziele brauchten.

5.2 Taktiken

Den Begriff Taktik kennen wir vor allem aus dem Sport, Spiel oder Militär. Aber
auch der Kunstaktivismus bedient sich verschiedener Taktiken, um zum Ziel zu
gelangen. Taktiken sind bestimmte kreative Formen, die helfen das Ziel zu errei-
chen. Diese Taktiken reichen von Streiks über Besetzungen bis hin zu Flashmobs
oder unsichtbaren Theatern. Einige dieser Taktiken haben sich im Laufe der Jahre
bereits bewährt, andere Formen sind noch weniger bekannt. Nicht selten werden
auch mehrere Taktiken miteinander kombiniert, abgewandelt oder es entstehen gar
neue Formen innerhalb einer Künstlergruppe oder Aktion.
Eine unser Herangehensweisen war die Taktik der prophetischen Intervention
(Boyd, 2014, S. 52). Damit versuchen Kunstaktivisten, eine gegenwärtige politi-
sche Situation in etwas Vergangenes zu transferieren, in dem sie durch eine Vision
oder Utopie etwas Neues entstehen lassen. Durch die gezielte und überspitzte Äs-
thetisierung von gegenwärtigen Prozessen und Systemen werden diese in die Ver-
gangenheit projiziert und ihrer aktuellen Bedeutung beraubt (Groys, 2014). Doch
was kommt dann?
Uns ging es nie darum, Antworten auf gesellschaftliche Prozesse zu geben oder
zu Ànden. Das überlassen wir der Gesellschaft vor Ort. Doch nachdem wir das
Gras ausgegraben haben, trafen wir auf einen starken Widerstand von Seiten der
Entscheidungsträger. Wir fühlten uns wie Nestbeschmutzer. Das wollten wir gar
nicht sein, wir wollten nur Fragen stellen, aber selbst das erschien zu viel. Was also
tun, dachten wir? Wir bastelten MiniÀguren. Bei unserer zweiten Aktion am zwei-
ten Jahrestag (04.11.2013) der Aufdeckung des NSU bauten wir alles so klein, dass,
wenn man es nicht wusste, die Figuren auch nicht aufÀelen. Das Konzept haben
wir uns beim Künstler Slinkachu (2012) abgeschaut. Weniger als Fragen stellen
konnten wir nicht. Diese zu wiederholen, hielten wir auch nicht für zielführend.
Fallbeispiel Grass Lifter 285

Deswegen versuchten wir, mit MiniÀguren Zukunftsszenarien darzustellen. Wir


wollten damit ironisch die AngriffsÁäche wegnehmen und uns als Personen der
Öffentlichkeit entziehen. Inhaltlich ging es darum, die aktuelle Weltsituation aus
der Perspektive der betroffenen Menschen zu betrachten. Das bestehende Problem
wird nicht aus der Vergangenheit, sondern aus der Zukunft abgeleitet. Das Grund-
konzept „von der Zukunft her führen“, das sich aus der „Theorie U“ (Scharmer,
2013) ableitet, Àndet sich im Kunstaktivismus (Boyd, 2014, S. 52) genauso wieder
wie in der Persönlichkeits- und Organisationentwicklung. Nun hatten wir nicht
die Zeit, mit mehr als 300.000 Menschen ReÁexionsprozesse durchzudeklinieren
und haben uns daher entschieden, positive Visionen erlebbar zu beschreiben. Wir
nannten diese Szenarien „realisierte Utopien“ (Grass Lifter, 2013) und beschrieben
mögliche Visionen, die aus diesem Gedankenexperiment entstanden. Diese sollten
so attraktiv und unangreifbar sein, dass sie einfach übernommen werden könnten.
Es ist umstritten, ob in der Frühlingsstr. 26 an die Taten erinnert werden soll.
Zudem wurde von den Stadtoberen die Angst geschürt, es könnte dort ein Wall-
fahrtsort entstehen. Wir entschieden wir uns dort eine Baustelle für einen „Raum
für Dialog“ zu eröffnen (siehe Abbildung 1). In der Polenzstr. 2, wo das Trio
ebenfalls wohnte, ließen wir symbolisch eine Flüchtlingsfamilie einziehen, die
von ihren Mitbewohnern willkommen geheißen wird (siehe Abbildung 2). Damit
spielten wir auf die Tatsache an, dass es in Zwickau über 7.000 leerstehende Woh-
nungen gibt und die Flüchtlinge vor Ort in einem abgewrackten Heim am Rande
der Stadt untergebracht sind. Die in der Utopie vorgeschlagene dezentrale Unter-
bringung sollte Zwickau wiederbeleben, da die Stadt stark von Abwanderung und
Überalterung betroffen ist. Sie soll zu einem lebendigen Ort gemacht werden, wo
wieder Kinder auf der Straße spielen und unterschiedlichste Gerüche das Wohnen
lebenswerter machen.
Taktisch wollten wir damit eine Identitätskorrektur (Bichlbaum, 2014a, S. 39)
erzeugen. Hinter dieser Taktik verbirgt sich die Idee, über das Ansehen einer Ins-
titution in der Öffentlichkeit zu berichten bzw. aus einer neuen Perspektive zu be-
leuchten. Kunstaktivisten erÀnden Botschaften und präsentieren diese der Öffent-
lichkeit. Dies funktioniert negativ wie positiv. So erließen beispielsweise erfundene
Entscheidungsträger nach der Naturkatastrophe in Haiti die Schulden, die dem
Land nach seiner Unabhängigkeit von Frankreich auferlegt wurden, um franzö-
sische Sklavenbesitzer für „ihren verlorenen Besitz“ zu entschädigen (Bichlbaum,
2014a, S. 41). Diese neue Perspektive ist für die jeweilige Institution (hier: Frank-
reich) meist nicht schmeichelhaft, weshalb sie versucht, genau diese Perspektive zu
vermeiden. Mit den MiniÀguren zeigten wir alternative positive Utopien zum ge-
sellschaftlichen Ist-Zustand der Stadt Zwickau und versuchten, die Diskussion von
einer offenen Fragehaltung zu bestimmten Möglichkeiten zu bewegen.
286 Franz Knoppe und Maria Gäde

In unserer vierten Aktion Goldener Hase wählten wir den Verfassungsschutz


(VS) als Aufhänger und konkrete Institution für eine Identitätskorrektur. Gleich-
zeitig kombinierten wir die Aktion mit einer Online-Petition an die Oberbürger-
meisterinnen von Chemnitz und Zwickau, sowie an den Ministerpräsidenten des
Freistaates Sachsen Stanislaw Tillich. Für uns hatte der VS in der Aufklärung der
NSU-Morde versagt. Das Versagen fand sich in diversen Landesämtern und im
Bundesamt wieder und füllt Ordner der Untersuchungsausschüsse. Da wir über
Zwickau hinaus das Thema stärker fokussieren wollten, entschieden für uns das
Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen als ProjektionsÁäche. Wir zeichneten
sie daher stellvertretend für den gesamten Verfassungsschutz mit dem Negativ-
preis „Goldener Hase” aus (siehe Abbildung 4).

Abbildung 4 Preisverleihung „Goldener Hase“ an und vor dem Verfassungsschutz Sach-


sen (vierte Aktion: 04.11.2014 – Goldener Hase).

Der goldene Hase steht dabei symbolisch für den Ausspruch: „Mein Name ist
Hase, ich weiß von nichts” und wurde z. B. für das Schreddern von Akten oder
das plötzliche Auftauchen von Akten symbolisch vergeben (Spiegel Online, 2013).
Am meisten entspricht der Preis jedoch der Grundhaltung und der Aussage des da-
Fallbeispiel Grass Lifter 287

maligen Vizepräsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz Peter Fritsche:


„Es dürfen keine Staatsgeheimnisse bekannt werden, die ein Regierungshandeln
unterminieren“ (Aust & Laabs 2014, S. 805). Fritsche ist mittlerweile Geheim-
dienstkoordinator im Bundeskanzleramt (vgl. Beitrag von Laabs in diesem Band).
Damit kehrten wir die Rolle des Verfassungsschutzes um. War er eben noch der
wissende Geheimdienst, der beobachtet und Informationen sammelt, die er gezielt
mitteilt, um die Verfassung zu schützen, wurde er zum nichtwissenden, schwei-
genden Akteur. Diese Rolle war für uns und viele andere die „gefühlte“ Wahrheit,
die es auszusprechen galt. Nun lobten (ästhetisierten) wir ihn für seine gezielte
Zurückhaltung von Informationen und die anscheinende Ohnmacht bezüglich der
Aufklärungsarbeit und skandalisierten damit den mangelnden Aufklärungswillen.
Eine weitere Funktion erfüllte der Preis als Aufhänger. Zu einer Preisverlei-
hung kann eingeladen werden und kommt man auch gern. Dem MDR reichte al-
lein das Bild vor Ort, inhaltliche Interviews wurden woanders erstellt. Der MDR
Sachsenspiegel berichtete ausführlich, die DPA und viele regionale Medien über-
nahmen die fertige Story. Obwohl der Verfassungsschutz nicht zu der eigentlichen
Preisverleihung erschien, lud er uns daraufhin zu einem Gespräch ein.

5.3 Prinzipien

Während die Taktik das Vorgehen einer Aktion bestimmt, sind es die Prinzipien,
die bestimmte Werte und Regeln beeinÁussen, die für eine erfolgreiche Umset-
zung von Aktionen beitragen. Insbesondere heterogene und dezentrale Gruppen,
wie es die Grass Lifter sind, bedienen sich gemeinsamer Prinzipien, die ein kol-
lektives Handeln überhaupt erst ermöglichen und langfristige Zusammenarbeit
sichern. Transparente Prinzipien ermöglichen es auch Außenstehenden, Aktionen
und deren Hintergründe besser nachvollziehen zu können. Wir schildern in diesem
Abschnitt Prinzipien, die wir für unsere Arbeit wichtig halten.
Das sicherlich relevanteste Prinzip für unseren gruppendynamischen Prozess
war Konsens statt Kompromiss. Als Künstler wollten wir möglichst klar eine
Botschaft senden. Wie auch immer der Empfänger damit umging, die Botschaft
musste klar sein. „Das Gras über der Sache symbolisch auszugraben“ war eine
Redewendung, die jeder sofort begriff. Schwieriger wurde es bei unserer zweiten
Aktion War da was? Grass it up!. Wir stellten an drei Orten utopische Szenarien
mithilfe von MiniÀguren nach. Damit wurden das Gesamtbild und die IdeenÀn-
dung komplexer.
288 Franz Knoppe und Maria Gäde

Abbildung 5 Symbolischer Spatenstich, um das Gras, das in der Frühlingsstraße 26 über


die NSU-Sache wächst, auszugraben (erste Aktion: 06.05.2013 – Das Gras,
das über die Sache wächst).

Jeder in der Gruppe brachte seine eigene Idee und Vorstellung ein. Geübt in ge-
waltfreier Kommunikation (vorausgesetzte gruppendynamische Technik), brauch-
te es neben Moderationsmethoden immer die Einsicht der Gruppe, einen kom-
promisslosen Konsens für eine Idee zu Ànden. Denn nur dann konnten wir „eine”
möglichst unmissverständliche Botschaft senden. Das unterscheidet Kunstaktivis-
mus vom reinen politischen Handeln. Kunstaktivisten suchen die ästhetische Idee,
um politisches Handeln zu irritieren, während das Politische den Kompromiss
zum Machterhalt sucht.
Eine Umsetzungsform als mögliches Design ästhetischer Ideen ist die Mög-
lichkeit, in Geschichten zu denken (Canning & Reinsborough, 2014a). Menschen
lieben und erinnern sich an Geschichten. Sie vermitteln komplexe Sinnzusammen-
hänge schneller als abstrakte Erzählungen.
Unser Name Grass Lifter bedeutet so viel wie die, die das Gras ausgraben. An
der Frühlingstraße wächst im wahrsten Sinne des Wortes eine Graswiese über die
NSU-Sache. So konnten wir mehr Aufklärung fordern, indem wir unseren Spaten
nahmen und das Gras an diesem Ort ausgruben. Diese Metapher war so eindeu-
Fallbeispiel Grass Lifter 289

tig wie klar. Wir versuchten auch in den darauffolgenden Aktionen, dieses Bild
immer wieder zu benutzen und verankerten es in unserem Gruppennamen. Die
zweite Aktion erschuf realisierte Utopien mittels MiniaturÀguren, über die dis-
kutiert werden konnte.

Abbildung 6 Fragen über den NSU-Komplex Áiegen symbolisch vom Zwickauer Haupt-
markt über ganz Sachsen (dritte Aktion: 06.05.2014 – Fragen Áiegen).

Bei der dritten Aktion ließen wir das ausgegrabene Gras und Fragen, die sich bei
der gesellschaftlichen Aufklärung des NSU ergeben, symbolisch an Luftballons
über Sachsen Áiegen. Bei der letzten Aktion, der Übergabe des goldenen Hasen,
dekonstruierten wir die Rolle des Verfassungsschutzes, indem wir ihm eine Meta-
pher zuschrieben und diese mittels einer Preisübergabe unterstützten. Die Funk-
tion solcher Bilder ist es, für Journalisten die Geschichten vorzubereiten und damit
eine Grundintention in die Medienbotschaften zu bauen. Diese können von den
Rezipienten leicht und schnell aufgefasst werden. Jede neue Geschichte erweitert
oder beschreibt die bestehende Geschichte der politisch Handelnden. Es gilt, dem
jeweiligen gültigen Narrativ eine bessere Erzählung gegenüberzustellen. Wir wol-
len mit unseren Geschichten Sinn erschaffen, der emotional verstanden wird.
Um Geschichten zu richtig zu erzählen hilft uns das Prinzip Zeigen ist besser
als erklären (Canning, Reinsborough & Buckland, 2014). Geschichten leben von
Bildern und Metaphern. Bilder sind sprachunabhängig und je nach Kontext und
Hintergrundwissen kann der Betrachter unterschiedliche Bedeutungen aus ein und
demselben Bild erfahren. Unsere Bilder sollten die Botschaft des Gesagten zusätz-
lich vermitteln. Gummistiefel und der Spaten unterstützen die Metapher, das Gras
über der Sache auszugraben. Dem Verfassungsschutz vorzuwerfen, dass er nicht
290 Franz Knoppe und Maria Gäde

genug bei der Aufklärung der NSU-Verbrechen mithilft, zeigte ein goldener Hase
für die Redewendung: „Mein Name ist Hase – Ich weiß von nichts”. So wurde der
jeweiligen Geschichte ein unterstützendes Bild bereitgestellt und eine vertraute
Situation kreiert, die sofort das Ziel einer Aktion erkennen lässt. Ein weiteres Bei-
spiel ist unsere zweite Aktion. Durch die Aufstellung und Ablichtung von unseren
MiniaturÀguren in verschiedenen Schauplätzen, konnten wir Situationen aufzei-
gen und brauchten nur noch wenige Wörter benutzen. Wir ließen Bilder erzählen,
um das Unsichtbare sichtbar zu machen (Bloch, 2014, S. 115ff). Zusätzlich wurden
weitere Informationen zu den Situationen in Form von Reden für Interessierte auf
unserer Homepage zur Verfügung gestellt.
Das Prinzip Mach das Unsichtbare sichtbar will Zusammenhänge sichtbar ma-
chen, die unmittelbar nicht sichtbar sind oder die tatsächlich unsichtbar bleiben
sollen. So ist beispielsweise die Gletscherschmelze auf Grund des Klimawandels
für Stadtbewohner erst einmal nicht sichtbar. Noch schwieriger wird es bei „kom-
munikativen“ Problemen wie Rassismus. Die Verbrechen des NSU sind in Sach-
sen nicht weiter öffentlich sichtbar. Es gibt selten Ausstellungen, geschweige denn
Dauerausstellungen, noch feste Orte der Erinnerung oder Aufarbeitung. Wir ver-
suchen daher, dieses Prinzip so wörtlich wie möglich umzusetzen. Das Gras in der
Frühlingstraße auszugraben und symbolisch ein „Bauloch“ zu hinterlassen oder
Fragen, die im NSU-Komplex entstehen, symbolisch mit Luftballons aufsteigen zu
lassen, sind Versuche das Unsichtbare für die Bevölkerung sichtbarer zu machen.

Abbildung 7 Preis „Goldener Hase“ mit Polizei: Dieses Bild wurde besonders gern von
Medien genutzt (vierte Aktion: 04.11.2014 – Goldener Hase).
Fallbeispiel Grass Lifter 291

Die Prinzipien Zeigen ist besser als erklären und das Unsichtbare sichtbar ma-
chen, werden unterstützt durch ein weiteres Prinzip: Nimm den Medien die Arbeit
ab (Bichlbaum, 2014b, S. 118ff). Viele Medien leiden unter Redakteur-, Zeit- und
Geldmangel. Für zivilgesellschaftliche Akteure kann es daher hilfreich sein, wenn
den Journalisten ein Großteil der Arbeit abgenommen wird. Dazu zählt eine Pres-
semitteilung mit fertigen Zitaten, Bilder der Aktion machen und die Aufbereitung
der Texte auf einer Homepage. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Bilder
und Texte, die Online sofort zur Verfügung standen, auch gerne rezipiert wurden.
Daneben gilt aber auch hier, den Journalisten nicht nur eine Geschichte, Texte und
Bilder zu liefern, sondern vor allem anlassbezogen zu agieren (Æ Agenda Setting,
siehe unten). Bei der zweiten und vierten Aktion wurden wir als Akteur dann be-
reits nachgefragt, ohne selbst einladen zu müssen.

5.4 Theorien

Theorien helfen, die Welt übersichtlicher zu beobachten und ihre Komplexität zu


verringern. Sie sind Grundlage für unser Handeln. Eine der zentralen Theorien ist
das sogenannte Agenda Setting. Dabei wird versucht, ein Thema auf die politische
Tagesordnung (policy-cycle) zu setzen. Das Problem wird benannt, formuliert und
als entscheidungsrelevant markiert. Eine besondere Rolle haben die Medien. Sie
selektieren in der Rolle der „Gate-Keeper“ Informationen und beeinÁussen mit
ihren Botschaften die politischen Akteure und Empfänger in ihrer Meinungsbil-
dung. Will man politische Entscheidungen herbeiführen, ist Agenda Setting, der
erste Schritt im policy-cycle (Bogumil & Jann, 2009, S. 25).
Dabei ist die Wahl des optimalen Zeitpunkts entscheidend. Es stehen folgende
Fragen im Vordergrund: Wann wird die Botschaft am besten gehört? Wann sind
die Medienbeobachter bereit, die Botschaft im Einklang mit ihren Relevanzkrite-
rien weiterzutragen? Dafür eignen sich insbesondere Jahrestage und symbolische
Daten, an denen relevante Ereignisse passiert sind. Das können Todestage, Un-
glücke, Eröffnungen (Fall der Mauer), Unterzeichnungen (Friedensvertrag) oder
Veröffentlichungen von medienrelevanten Büchern und Studien sein.
In unserem Fall haben wir uns den Beginn des NSU-Gerichtsprozesses in
München als symbolisches Datum für unsere erste Aktion ausgesucht. Nach-
dem am ersten Jahrestag der Aufdeckung des NSU in der Frühlingsstraße 26 in
Zwickau, wo die NSU-Terroristen zum Schluss wohnten, ein Kamerawagen einer
Agentur stand und das Gras Àlmte, wussten wir, der letzte Wohnort und damit die
Stadt Zwickau bleiben von überregionaler Bedeutung. So kam es dann auch. Am
06.05.2013, dem Tag des Prozessbeginns in München, informierten wir die Presse,
292 Franz Knoppe und Maria Gäde

dass wir das Gras, das über die NSU-Sache wächst, symbolisch ausgraben werden.
Wir zogen uns Gummistiefel an und gewappnet mit einem Spaten zogen wir zur
Wiese, um Spuren der Aufklärung zu hinterlassen. Der MDR Sachsen richtete
eine Live-Schaltung ein und regionale Pressevertreter waren vor Ort. Auch alle
anderen Aktionen fanden entweder am Jahrestag der Aufdeckung der Terrorzelle
oder am Jahrestag des Prozesses statt. Das Medieninteresse an den Jahrestagen
der Aufdeckung der NSU-Terrorzelle war generell größer, als an den Jahrestagen
des Prozessbeginns. Der richtige Zeitpunkt half uns ungemein, unsere Botschaft
an die Medien zu vermitteln und ihre Relevanz-Hürden für eine Berichterstattung
zu überspringen.
Neben dem richtigen Zeitpunkt stellt sich die Frage nach dem geeigneten Inter-
ventionspunkt (C anning & Reinsborough, 2014b, S. 170ff). Damit sind „neur-
algische Punkte“ gemeint, die ein System irritieren und destabilisieren können.
Für uns stellte sich also die Frage, wo wir den Hebel ansetzen sollten, um eine
möglichst größte Wirkung erzielen zu können. Wir entschieden uns bei den ersten
beiden Aktionen die Orte zu nehmen, an denen die NSU-Terroristen zuletzt wohn-
ten. Für uns symbolisierten sie genau das, was wir kritisierten: die Geschehnisse
wurden in der Frühlingsstraße 26 bewusst unkenntlich gemacht. So rief uns am
06.05.2013, als wir das Gras ausgraben wollten, die von öffentlicher Hand geführ-
te Wohnungsgesellschaft an und fragte was wir dort vorhaben. Als wir es ihnen
erzählten, meinten sie erschüttert, dass sie das Gras doch genau deswegen gesät
haben. Auch beim Verfassungsschutz wussten wir, dass er den Negativpreis nur
ungern öffentlich entgegennehmen würde. Also mussten wir nach Dresden fahren,
um Originalbilder vom Schauplatz (vgl. Abbildung 4) erzeugen zu können. Inter-
ventionspunkte müssen nicht nur Orte sein, es können auch bestimmte Personen,
ideologische Vorstellungen oder Entscheidungspunkte sein (Canning & Reinsbor-
ough, 2014b, S. 170), die den Schwachpunkt eines Systems präsentieren.
Doch selbst wenn Zeit- und Interventionspunkt richtig gesetzt sind, kann es
sein, dass die Botschaft nicht verstanden wird. Nur wenn die Logik der Aktion
(Boyd & Russel 2014, S. 170ff) richtig dargestellt ist, hat sie überhaupt eine Chan-
ce beachtet und wahrgenommen zu werden. Die Logik einer Kunstaktion sollte für
einen Unbeteiligten, z. B. zufällig vorbeilaufenden Passanten, sofort zu erkennen
sein. Das war in unseren Aktionen nicht sofort der Fall, aber auch nicht notwendig,
da wir meist an wenig frequentierten Orten aktiv wurden. Die Logik der Aktion
wurde deswegen für die medialen Beobachter so gebaut, dass diese die Botschaft
schnell kontextualisieren und ihren Beobachtern (Zuschauer, Leser) weitervermit-
teln konnten.
Zum Schluss stellt sich die Frage, welchem ethischen Ansatz folgen wir als
Künstlergruppe? Für die Autoren dieses Artikels steht fest, dass jede Handlung
Fallbeispiel Grass Lifter 293

und Entscheidung dem ethischen Imperativ folgen sollte: „Handle stets so, dass
die Anzahl der Möglichkeiten wächst.“ (Foerster & Pörksen, 2008, S. 36). Denn da
jede Entscheidung ein „Massenmord an Möglichkeiten“ ist (Grebe, 2011), so muss
die getroffene Entscheidung danach mehr Möglichkeiten zulassen als davor. Das
Gras, das über eine Sache gesät wird, folgt dem nicht, es schließt Entscheidungs-
räume. Die Entscheidung, sich aktiv mit dem NSU in Sachsen auseinanderzuset-
zen, folgt dagegen dem ethischen Imperativ.

6 Wirkungen

Unsere Aktionen funktionieren vor allem über die Medien. Das heißt, wir bringen
ein Thema, in unserem Fall die Aufklärung über den NSU in Sachsen, wieder auf
die tagespolitische Agenda. Wenn wir nach den Wirkungen fragen, unterscheiden
wir zwischen unmittelbaren (direkten) und mittelbaren (langfristigen) Wirkungen.
Unmittelbare Wirkungen konnten wir vor allem anhand von Medienartikeln
messen. So erreichten wir mit jeder Aktion durchschnittlich mehrere hundert-
tausend Menschen, allein über die klassischen Medien. Eine besondere Rolle
spielen sogenannte Anzeigenblätter bzw. Wochenblätter. Diese erreichen fast alle
Haushalte in der Zielregion. Unsere Story erschien mit Foto direkt auf der Ti-
telseite der Wochenblätter und landete damit in fast jedem Haushalt der Region
Zwickau. Im Durchschnitt gab es mehr als 9 Medienberichte pro Aktion. Dabei
sind Mehrfacherwähnungen (z. B. im Radio oder der lokalen Printpresse) nicht
berücksichtigt. Soziale Medien spielten lokal eine untergeordnete Rolle, erreich-
ten aber vor allem nationale und internationale Aufmerksamkeit. Weitere direkte
Rückmeldungen sind Leserbriefe, Mails oder Anrufe. Hier gab es eher wenige
Rückmeldungen, meist im einstelligen Bereich pro Aktion. Eher waren dann per-
sönliche Erwähnungen erlebbar, wie z. B. an der Supermarktkasse: „Sie sind doch
der Mann aus dem Fernsehen, na viel Spaß beim Ausgraben.” Direkte politische
Wirkungen haben wir in C hemnitz nach der vierten Aktion erreicht. Dort heißt
es in der Antwortmail der Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) auf unse-
ren „offenen Brief“: „Die von Ihnen angesprochenen Themen werden außerdem
von einer Arbeitsgruppe bearbeitet, die sich in Chemnitz mit Rechtsextremismus
beschäftigt. Für das Jahr 2015 hat sich die Arbeitsgruppe vorgenommen, einen
Vorschlag zu erarbeiten, wie mit der Aufarbeitung der Verbrechen des NSU in
Chemnitz umgegangen werden kann. Im Fokus steht auch, wie ReÁexionsprozesse
gestaltet werden können“ (Ludwig, per E-Mail an Franz Knoppe, 2014). In Zwi-
ckau haben wir eine direkte Wirkung durch die Gründung einer Arbeitsgruppe
erreicht. Die Teilnehmer sind Multiplikatoren aus der Zivilgesellschaft, die sich
294 Franz Knoppe und Maria Gäde

aus dem lokalen Bündnis für Demokratie Zwickau zusammengeschlossen haben,


um die richtige Form der Aufarbeitung für Zwickau zu suchen.
Mittelbare Wirkungen sind schwieriger zu beobachten. Diskussionen, die in
Wohnzimmern ausgelöst wurden, können schwer beobachtet werden, ebenso kön-
nen informelle Gespräche von Entscheidungsträgern nur über Hörensagen erahnt
werden. Sichtbare Zeichen, die wir beobachten konnten, sind eher unbewusste Dis-
kurserscheinungen und Formulierungen, bei denen schwer belegbar ist, dass sie
durch uns entstanden sind. So schreibt z. B. die Freie Presse in einem Artikel:
„Im NSU-Prozess und in Untersuchungsausschüssen wird versucht zu verhindern,
dass über den Fall selbst Gras wächst, ohne dass seine Details ausgeleuchtet sind“
(Eumann, 2014). Oder der ehemalige Landtagsabgeordnete in Sachsen Miro Jen-
nerjahn benutzt im Fall Mügeln für seinen Blogeintrag eine ähnliche Termino-
logie, wie wir ihn für unsere 2. Aktion benutzt haben. Aus „War da was? Grass it
up!“ (Grass Lifter, 2014) wird „Mügeln – war da was?“ (Jennerjahn, 2015). Auch
beobachten wir, dass das Thema in der Stadt offener angesprochen wird. Wurde in
einem früheren informellen Gespräch nach dem ersten Jahrestag (November 2012)
von Seiten des Theaters noch gesagt, dass dieses Thema nicht weiter behandelt
wird, so packt das Theater dieses „Heiße Eisen“ (Kohlschein, 2015) im Jahr 2015
nun an. Weitere mittelbare Wirkungen sind zwei Preise2, die wir für unsere Arbeit
erhielten. Diese sind hilfreich, um Aufmerksamkeit für das Thema zu erzielen und
unsere Botschaft mit verstärkter Reputation mitzuteilen. Abschließend lässt sich
sagen, dass wir mit relativ wenig Aufwand eine relativ hohe Außenwirkung er-
zielen konnten. Als rein ehrenamtliche arbeitende Künstler, die nur geringe Sach-
kosten gefördert bekommen, konnten wir mit unserem Thema eine Stimme bilden,
die Gehör Àndet.

7 Diskussion & Fazit

Aus Perspektive einer Künstlergruppe können wir an Orten, an denen ein Mei-
nungsvakuum besteht, also Akteure vor Ort ein Thema noch nicht oder kaum auf-
gegriffen haben, dieses Vakuum mit künstlerischen Mitteln füllen. Dabei ist der
Zeitpunkt entscheidend und die Frage muss richtig beantwortet werden, wann und
wie die Medien bereit sind, die anderslautende Botschaft zu transportieren. Das
Thema sollte kreativ in einer Geschichte verpackt werden, so dass die Botschaft

2 „Anerkennungspreis Förderpreis sächsischer Demokratiepreis 2013“ und Preisträger


des Wettbewerbes „Aktiv für Demokratie und Toleranz 2014“ der Bundeszentrale für
politische Bildung.
Fallbeispiel Grass Lifter 295

leicht transportiert werden kann und der Empfänger die Neuigkeit zur Situation
versteht und sich eine Meinung bilden kann. Dabei hilft es, wenn bestimmte Rah-
menbedingungen erfüllt werden. Die Geschichten und Bilder der Grass Lifter
konnten Zuschauer und Zuhörer gewinnen und somit eine Veränderung der Situa-
tion herbeiführen. Kunstaktionen in öffentlichen Räumen und Debatten sollen und
können eine neue Form darstellen, um gesellschaftliche Prozesse zu beschleuni-
gen und zum Schwingen zu bringen. Aus unserer Erfahrung werden Kunstaktio-
nen von Medien gern aufgenommen, da sie den Konsens über den Dissens eines
gesellschaftlichen Themas mit Geschichten und Bildern grifÀg transportieren
können. Kunstaktivismus unterscheidet sich damit kreativ von den ritualisierten
Protestformen, wie z. B. Demonstrationen oder Petitionen. Er kann am richtigen
Zeitpunkt, Ort und Entscheidungspunkt mit relativ wenigen Mitteln (Sachmittel,
Personal) durchgeführt werden. Der Protest gegen Rechts wird oft mit Linksext-
remismus gleichgesetzt. Der Kunstaktivismus bietet hier zusätzlich die C hance,
bestehende Links/Rechts Schemen zu durchbrechen und ein Stück der befreienden
Distanz zur unserer sozial konstruierten Realität zu schaffen3.

3 Für die wertvolle Kritik und Korrekturen die dazu beigetragen haben, dass wir diesen
Artikel so fertig stellen konnten, möchten wir Gundula Hoffmann, Nele Marie Wolf-
ram, Claudia Meier und Christian Landrock danken.
296 Franz Knoppe und Maria Gäde

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Fallbeispiel Grass Lifter 297

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Kapitel 4
Gesellschaftliche Reaktionen

„Juden, Roma und Sinti, ausländische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Asyl-


bewerber brauchen nicht nur den Schutz von Polizei und Justiz, sondern die Unter-
stützung aller Menschen, um sich in Deutschland sicher fühlen zu können“
(Ignatz Bubis und Dieter Wunder, Gemeinsamer Aufruf des Zentralrates der
Juden in Deutschland und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft,
Frankfurt am Main, 9. Dezember 1992).
Rechtsextremismus

Herausforderungen für die ganze Gesellschaft

Anetta Kahane

Anlass dieser Zwischenbilanz ist die Enttarnung des NSU, auch wenn wir wissen,
es geht um mehr. Dennoch lässt sich an dem Beispiel NSU gut erklären, wie eine
ganze Gesellschaft versagt hat. Und ich meine die ganze Gesellschaft, Anwesende
ausdrücklich eingeschlossen. Es ist richtig, die Ordnungsbehörden zu kritisieren,
aber auch ein wenig billig, wenn wir es unterlassen, dabei auf uns selbst zu schauen
und auf das, was wir übersehen haben. Denn das ist eine Menge. Wir werden über
beides reden müssen.
Ich nehme an, dass Sie mich als Praktikerin eingeladen haben. Deshalb werde
ich Ihnen auch Praktisches berichten. Es ist nämlich eine Sache, über Rechtsex-
tremismus zu reden, um zu versuchen, ihn zu verstehen – und ich bin wirklich sehr
froh, dass ich Sie an dieser Stelle nicht auffordern muss, Rechtsextremismus als
Gegenstand der Wissenschaft ernst zu nehmen – eine andere Sache ist es jedoch,
praktisch zu handeln. Beide Seiten brauchen einander.
Als sich der Vorhang hob und im November 2011 Stück für Stück klar wurde,
was der NSU ist, welche Verbrechen er begangen hat, war der Schrecken groß.
Zehn Morde, Bombenanschläge, zahlreiche Banküberfälle – das alles war von
den Behörden und der Gesellschaft unentdeckt geblieben. Unentdeckt als Tat von
Nazis. Rechtsterrorismus galt als Horrorfantasie überdrehter Wichtigtuer oder als
ideologische Wahnvorstellung militanter Antifas. Doch dass Polizei und Verfas-
sungsschutz dabei eine derart fatale Rolle gespielt hatten, konnten sich selbst jene
nicht vorstellen, ohne als Verschwörungstheoretiker abgetan zu werden, die nun
endgültig die Realität abgeschüttelt hatten.

W. Frindte et al. (Hrsg.), Rechtsextremismus und „Nationalsozialistischer Untergrund“, Edition


Rechtsextremismus, DOI 10.1007/978-3-658-09997-8_11, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
302 Anetta Kahane

Heute, zweieinhalb Jahre später, nach einer bewegenden Trauerfeier in Anwe-


senheit der Kanzlerin, nach Abschluss der ersten Untersuchungsausschüsse, nach
einem Rock-Fest in Jena, nach Versprechen von Polizei, Justiz und Verfassungs-
schutz, dass jetzt alles überprüft und verbessert würde, treffen wir uns hier um
nachzusehen, ob sich insgesamt in der Gesellschaft etwas verändert hat und ob
geschehen ist, was die Behörden versprochen haben. Zu PÀngsten 2014 fand eine
öffentliche Gedenkveranstaltung statt. Anlass war der 10. Jahrestag des Bomben-
anschlags auf die Kölner Keupstraße. 50.000 Menschen kamen unter dem Motto
Birlikte zusammen. Birlikte bedeutet Zusammenstehen – so wie in Nâz×m Hikmets
Gedicht: frei wie ein Baum und brüderlich wie ein Wald. Gauck hat dort geredet;
Udo Lindenberg, BAP, Clueso – sie alle waren gekommen. Wie ein gutes Jahr zu-
vor in Jena verurteilten die Redner alle Neonazis und besonders den NSU, und wie
dort beschworen sie das Miteinander. Unterschiedlich war nur die Selbstbetrach-
tung der Städte – in Jena ging es vor allem darum, den Ruf der Stadt wiederherzu-
stellen, in Köln spielte dieses Bedürfnis keine Rolle. In Jena wurde das Publikum
in Bussen herangefahren, in Köln kam, wer wollte. Dafür endete die Veranstal-
tung in Köln jäh: der Wetterdienst hatte eine Sturmwarnung herausgegeben und so
musste der Platz geräumt werden. Der Sturm kam übrigens tatsächlich, wir waren
mit unserem Team mittendrin.
Ich will Ihnen einige Szenen schildern, aus dem Westen wie aus dem Osten,
anhand derer ich versuchen will, ein Bild dessen zu zeichnen, was der Rechtsex-
tremismus heute ist und wie er entstand.

Zunächst die Schlaglichter aus dem Westen:

• Die erste Szene zeigt eine weitere Kundgebung für Abdullah Öcalan und
den deutschen Justizminister im Gespräch über den Brandanschlag 1992 auf
ein Wohnhaus in Mölln. Das Opfer wird nach der Tat gefragt. Ein wichtiger
Augenblick für den Minister: Ibrahim Arslan aus Mölln geht ihn auch an. Eine
Entschädigung wie ein Verkehrsopfer? Da ist der Minister beleidigt. Und be-
zeichnet den Ruf aus dem Publikum, der Staat habe den NSU mitÀnanziert, als
„Bullshit“.
• Der Bürgermeister von Köln hingegen sagt, die Opfer dürften auf Entschädi-
gung hoffen. Und begrüßt keinen einzigen der Anwesenden.
• BAP sitzt im Sturm in einer Getränkehandlung von Türken fest, und die einzige
Kommunikation mit den Gastgebern ist ein freundliches Kopfnicken, als diese
ihnen Getränke anbieten.
Rechtsextremismus 303

Zwei Schlussfolgerungen:

1. Dreißig Jahre Einwanderung – und noch immer sind die Einwanderer nicht Teil
der deutschen Gesellschaft. Diese Gesellschaft klebt am alten Konzept und ge-
staltet auch nicht ihre Zukunft. Wer jedoch nicht akzeptiert, dass ethnische und
kulturelle Vielfalt eine Tatsache ist, kann auch nicht über Diskriminierung und
Rassismus reden. Diese Abwehr ist eine Abwehr des Themas insgesamt. Weder
die Behörden noch die Gesellschaft haben sich wirklich auf ein Miteinander in
Vielfalt eingestellt. Der Korpsgeist hat sich nicht verändert, selbst wenn jetzt
einige Einwanderer mitspielen dürfen.
2. Rechtsextremismus ist auch ein Ost-West-Problem. Hier lebt der kalte Krieg
fort. Nach 1945 zeigten die Kommunisten auf den Westen. Zu Recht, gewiss.
Aber sie vergaßen die eigenen Mentalitäten und dass der Nationalsozialismus
nicht per Beschluss verschwindet. Der Westen seinerseits hielt sich in den
90er Jahren für geheilt. Als die Wende kam, war ‚68 durch die Institutionen
marschiert und nahm stirnrunzelnd zur Kenntnis, dass sich die DDR jetzt per
Mauerfall angeschlossen hatte. Die Konservativen sahen große Möglichkeiten,
die 68er lauter Unmöglichkeiten. Beide ignorierten zunächst den Rechtsex-
tremismus und Autoritarismus in der postkommunistischen Gesellschaft Ost-
deutschlands – nur um ihn etwas später von sich wegschauend ausschließlich
im Osten zu sehen. So wie damals die DDR auf den Westen, wies man jetzt mit
dem ZeigeÀnger auf den Osten – ebenfalls ohne zu bemerken, wie der eigene
Rechtsextremismus und Populismus wuchs. Wir sagten damals: „Wer im Osten
den Rechtsextremismus gewähren lässt, versaut auch die Preise im Westen.“

So konnte der NSU vom Osten aus im Westen wüten, denn dort hatte niemand
mit einer strukturierten Form der „Ostfolklore“ gerechnet. Trotz des versuchten
Anschlags in München auf den Synagogenbau durch Herrn Wiese, der ja auch aus
dem Osten kam. Auf der einen Seite die Türken isoliert und noch nicht angenom-
men und auf der anderen ein Rechtsextremismus, der sowohl unterschätzt als auch
allein auf den Osten bezogen wurde – diese Diskrepanz war ein zentrales Element
des Erfolgs des NSU. Beidem, Ost wie West, liegt eine gemeinsame Geschichte
zugrunde, die Schuldabwehr und Schuldumkehr zu einem festen Bestanteil der
Alltagskultur gemacht hat. Der Nationalsozialismus hat bis in die Familien hinein
eine tiefe Spur von Einstellungen und Mustern hinterlassen, die auf unterschied-
liche Weise bis heute fortwirken.
304 Anetta Kahane

Nun die Beispiele aus dem Osten:

• Kinder von Asylbewerbern werden von anderen beschimpft und geschlagen,


irgendwo in einer kleinen Stadt in Mecklenburg-Vorpommern. Die Lehrerin-
nen wehren sich gegen Vorwürfe der Eltern. Es gibt Ärger. Die Lehrer fordern
mehr Stunden, weil sie sonst den Anforderungen nicht gewachsen sind. Oder
die Kinder sollen in eine Sonderschule.
• Ein Dorf in Mecklenburg-Vorpommern ist fast überwiegend von Nazis be-
wohnt, die der Siedlerszene angehören. Ein Ehepaar organisiert ein Rockkon-
zert. Aus dem Erlös wollen sie eine Spende für die Schule im Nachbarort ma-
chen, um den Lehrern eine Fortbildung zu Ànanzieren, denn die meisten Kinder
aus Nazifamilien gehen in diese Schule. Die Schule lehnt die Spende ab: Es
gebe kein Problem mit Rechtsextremismus.
• In Fortbildungen für PÁegekräfte kommt es immer wieder zu Diskussionen.
Viele rechte Frauen drängen in soziale Berufe. Ihr Umgang mit Patienten oder
Kollegen, die nicht-deutscher Herkunft sind, ist oft unerträglich. Dies kommt
auch in den Fortbildungen zur Sprache. Thema sind dann aber „die Ausländer“
und nicht die Berufsethik oder das Problem rechtsextremer Frauen.

Der Rechtsextremismus selbst ist nur eine Seite des Problems, die wohl entschei-
dende aber ist der Umgang mit ihm. Neben den Schwächen von Behörden wie
Polizei, Justiz und Verfassungsschutz ist es vor allem die Reaktion der Gesell-
schaft, die die Bekämpfung des Rechtsextremismus schwer macht. In Ostdeutsch-
land gehört gerade ein Prozent der Wohnbevölkerung einer sichtbaren Minorität
an. Die Norm ist noch stärker als im Westen von völkischen Vorstellungen geprägt.

Schlussfolgerungen:

1. Nach der Einheit wurde es unter Helmut Kohl unterlassen, die „Ausländer“ als
Teil der Gesellschaft zu bezeichnen und zu verlangen, dass sich der Osten dar-
auf einstellt. Im Gegenteil: Anfang der 90er Jahre wurde rechte Gewalt quasi
belohnt, sowohl politisch durch den Asylkompromiss als auch gesellschaftlich,
indem Jugendarbeit mit akzeptierendem Ansatz über Jahre die rechte Szene
geradezu förderte.
2. Eine eigene persönliche Auseinandersetzung mit dem Erbe der DDR in Bezug
auf deren Umgang mit Rassismus und Antisemitismus fand kaum und erst sehr
spät statt. Ebenso wenig gab es eine Auseinandersetzung mit dem National-
sozialismus, der ja auch auf dem Boden Ostdeutschlands stattgefunden hatte.
Historische und politische Bildung einschließlich einer innergenerationellen
Rechtsextremismus 305

Debatte kamen nicht vor. Über die Zeit des Nationalsozialismus wurde einfach
ein Sprung gemacht. Das Erbe des einen wie des anderen blieb weitgehend un-
berührt. Dies ist ein ernstzunehmender Unterschied zum Westen. Stattdessen
hat sich im Osten der Status der ewigen Opfer festgesetzt. Opfer des „Hitlerfa-
schismus“, der Bomben, des Kommunismus, des Westens und der „Ausländer“.
Dieser Opferstatus und der sekundäre Autoritarismus, von dem Brähler und
Decker (Decker, Kiess & Brähler, 2012, 2014) sprechen, sind Seelenverwandte.
3. Der Mangel an Empathie – ja, teilweise ihre komplette Abwesenheit – hat ge-
wiss auch mit dem Mangel an Auseinandersetzung zu tun. KonÁikt- und Orga-
nisationsfähigkeit sind eine wichtige Voraussetzung für praktische Empathie in
Deutschland. Sie bedeuten, für etwas einzustehen und eine Haltung zu zeigen.
Die Bildungseinrichtungen im Osten haben auch den emanzipatorischen An-
satz übersprungen. Wer außerhalb der großen Städte mit nonkonformen oder
stark belasteten Themen wie Rechtsextremismus umgeht, Àndet in der Regel
wenig Unterstützung. Und kann nicht einmal sicher sein, von der Polizei ge-
schützt zu werden, wie der jüngste Fall aus Hoyerswerda zeigt.

Die aufgezählten Beispiele beschäftigen sich vor allem mit der Software, auf der
das Programm Rechtsextremismus läuft. Das Programm selbst wird im Folgenden
sicher noch ausführlich dargestellt werden. Es gibt viele Experten, die das staatli-
che Versagen im Fall NSU genau beschreiben können und jeden Kameradschafts-
führer in Deutschland mit Namen kennen. Darum geht es mir heute nicht. Die
Frage, die uns als Praktiker beschäftigt, ist vielmehr: Was können wir tun?
Eine gesellschaftspolitische Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus
impliziert, über Rassismus zu reden, ihn zu ächten, zu sanktionieren und Opfer zu
schützen. Und das mit allen Mitteln, die einer offenen Gesellschaft zur Verfügung
stehen.

Die Amadeu Antonio Stiftung hat vier Schwerpunkte:

1. Internet und Öffentlichkeitsarbeit


2. Gender und Rechtsextremismus
3. Antisemitismus als Querfronthema
4. Ländlicher Raum versus abgehängte Stadtteile

In diesen Themen spiegelt sich auch die Modernisierung des heutigen Rechtsex-
tremismus wider. Er ist ganzheitlicher, atomisiert seine Elemente und dockt an
bestehende Befunde an, er ist internationaler und auf seine Weise globalisierter
geworden. Er dringt in Bereiche wie grüne Landwirtschaft, sanfter Tourismus
306 Anetta Kahane

u.v.m. ein. Er ist gut organisiert und technisch Àt. Das Internet ist sein Medium.
Er ernährt sich vom Rassismus anderer abwertender Ideologien und bedient Popu-
listen. Er hebt auf neue Themen ab wie Islamismus oder beschwört die jüdische
Weltherrschaft. Er vernetzt sich international und globalisiert seine Begriffswelt.
Er ist querfrontfähig geworden. Er besteht nicht mehr auf geschlossene Weltbilder,
sondern kann sehr gut einzelne Facetten auffangen und nutzen. Er setzt innerhalb
Europas auch auf die traditionelle nationalistisch-antisemitische Karte und proÀ-
tiert dabei von einem Mangel an Aufarbeitung des Holocaust und der Kollabora-
tion in den jeweiligen Ländern, nach dem Motto „Wir hätten gegen die Juden und
ihr System zusammenhalten sollen“. Er ist anti-kapitalistisch.
Der Rechtsextremismus in Deutschland ist zugleich militant und sozialrevolu-
tionär (entsprechend seiner Genese im Osten) und elitär-bürgerlich, vulgärrassis-
tisch oder esoterisch. Beides mischt sich zurzeit, nachdem es zunächst einen Ost-
West-Unterschied gegeben hatte. Kameradschaften nach dem Modell „National
Befreite Zonen“ organisieren sich jetzt auch im Westen, und rechte Siedler mit
Ökohöfen gibt es auch im Osten.
Im europäischen Kontext bildet Deutschland eine Schnittmenge zwischen bei-
dem. Osteuropa ist nationalrevolutionär militant. Westeuropa hat populistische
und rassistische Bewegungen. In Deutschland wird die Synthese probiert.
Das kann sehr gefährlich werden. Deshalb ist die erste Praxis immer die des
Schutzes von Minderheiten. Migranten und Betroffene rechter Gewalt sollten nicht
weiter isoliert bleiben. Der Migrationsbereich, die Integrationsbeauftragten, das
hat der NSU gezeigt, müssen mit denen zusammenarbeiten, die sich mit Rechtsex-
tremismus beschäftigen. Wir müssen zusammen denken und zusammenarbeiten.
Eine ganz neue Praxis muss daraus werden und ein neues Selbstverständnis. Und
natürlich Druck auf die Politik, über deren Rolle an anderer Stelle gesprochen
werden wird.
Anders geht es nicht.
Rechtsextremismus 307

Literatur
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„Lügenpresse“?

„Rechtsextremismus“ und „Rassismus“ in den Medien

Britta Schellenberg

„Lügenpresse“ oder „ein Hort von Neonazis“ – das Spannungsfeld der Zuschrei-
bungen ist breit, wenn es um tatsächlich oder vermeintlich extrem rechte und ras-
sistische Vorfälle geht. Die „Pegida“1-Demonstrationen in Dresden und die Be-
richterstattung hierüber verdeutlichen das im Jahr 2014/15. Hinter ihnen steckt eine
komplexe langjährige Entfremdung von gemeinsamen Normvorstellungen. Ausge-
hend von einem konkreten Fall und der öffentlichen Debatte über ihn werden im
Artikel die mediale Thematisierung von „Rechtsextremismus“ und „Rassismus“
ebenso wie die Debattenbeiträge von Akteuren, die an der Medienberichterstat-
tung Kritik üben, betrachtet und in Beziehung zu ihren Normvorstellungen und
Problemwahrnehmungen untersucht. Zunächst wird die mediale Berichterstattung
über einen rassistischen und extrem rechten Übergriff in der sächsischen Klein-
stadt Mügeln (2007) in ihrem zeitlichen Verlauf nachgezeichnet. Dabei wird aufge-
zeigt, durch welche äußeren Impulse und Stilmittel sie bestimmt ist. Anschließend
werden die Akteure, die Kritik an „den Medien“ üben, in ihrer Positionierung zum
Vorfall und ihren Einschätzungen gegenüber der Medienberichterstattung darge-
stellt. Ziel der empirischen Analyse ist es, problematische Strukturen jenseits des
Neonazismus aufzuzeigen, die jedoch – wie aktuell „Pegida“ zeigt – grundlegende

1 „Pegida“ ist die Abkürzung für „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des
Abendlandes“. Seit Mitte Oktober 2014 demonstrierten sie – in Anlehnung an die bür-
gerbewegten Montagsdemonstrationen in der untergehenden DDR – jeden Montag in
Dresden.

W. Frindte et al. (Hrsg.), Rechtsextremismus und „Nationalsozialistischer Untergrund“, Edition


Rechtsextremismus, DOI 10.1007/978-3-658-09997-8_12, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
310 Britta Schellenberg

Herausforderungen für eine demokratische Auseinandersetzung und die Strategie-


entwicklung im Bereich „Rechtsextremismus“ und „Rassismus“ markieren.

1 Der konkrete Fall2

In der sächsischen Kleinstadt Mügeln gab es im August 2007 pogromähnliche


Ausschreitungen gegen als „fremd“ deÀnierte Menschen indischer Herkunft.
Während des jährlich stattÀndenden Altstadtfestes in der sächsischen Kleinstadt
Mügeln wurde eine Gruppe, zu der sieben indische Migranten und zwei Deutsche
gehörten, physisch attackiert. Ein Großteil konnte sich in eine nahe gelegene Piz-
zeria Áüchten, die dann von etwa 40 bis 50 gewaltbereiten Neonazis angegriffen
wurde. Eine Menge von bis zu 200 Stadtbewohnern sammelte sich schaulustig vor
der Pizzeria. Zwei Polizisten schützten die inzwischen in der Pizzeria verbarri-
kadierten Inder vor der gewaltbereiten Menge bis Unterstützung von der Bereit-
schaftspolizei eintraf. Sie wurde auch angegriffen und konnte erst Stunden später
die öffentliche Ordnung wiederherstellen.
Im Nachgang des Übergriffs entfaltete sich ein öffentlicher KonÁikt über die
Tatmotive ebenso wie über den Verlauf des Geschehens. Der polizeiliche Staats-
schutz und die Staatsanwaltschaft stritten – trotz gegenteiliger Aktenlage3 – einen
„rechtsextremen“ Hintergrund ab und stellten „Fremdenfeindlichkeit“ als Motiv
infrage. Die lokale Politik und zunächst auch die Staatsregierung (C DU) teilten
diese Interpretation. In der Folge wurde der Fall von den staatlich Zuständigen
nicht zielführend bearbeitet, es kam in der polizeilichen Ermittlungsarbeit fast zu
einer Täter-Opfer-Umkehr. Andere Akteure, einige Bürger, zivilgesellschaftliche
Organisationen der Region und viele Medien, aber auch Bundes- und Regional-
politiker, thematisierten hingegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Rechts-
extremismus. So entfaltete sich eine kontroverse öffentliche Debatte über die
Bedeutung des „Rechtsextremismus“ und der „Fremdenfeindlichkeit“4 bzw. des

2 Die folgenden Ausführungen basieren auf den Ergebnissen meiner Dissertation und
der Folgestudie für die Heinrich-Böll Stiftung/Weiterdenken (vgl. Schellenberg,
2014a, 2014b).
3 Das Tatgeschehen nach Aktenlage habe ich übersichtlich in Schellenberg (2014b) re-
konstruiert.
4 Tatsächlich wurde vor allem die Bedeutung des „Rechtsextremismus“ und der „Frem-
denfeindlichkeit“ diskutiert, allerdings wird von zivilgesellschaftlichen Organisatio-
nen und einigen Medien der Begriff „Rassismus“ ebenfalls verwendet. Daher wird im
Folgenden immer wieder der Begriff „Fremdenfeindlichkeit“ benutzt. Heute wird der
passendere Begriff „Rassismus“ deutlich häufiger gebraucht.
„Lügenpresse“? 311

Rassismus. Später sind einschlägige Urteile gefallen, allerdings wurden nur weni-
ge Täter ermittelt, sie kamen weitgehend mit milden Strafen davon. Inzwischen ist
ein „fremdenfeindlicher“ Hintergrund amtlich verzeichnet und die Tatsache, dass
mindestens ein Teil der Täter dem Neonazi-Spektrum zuzuordnen ist, öffentlich
bekannt (vgl. Schellenberg, 2014b).

1.1 Direkt nach dem Vorfall: Die Kategorisierung durch


unterschiedliche Akteure

Der Vorfall wird von zivilgesellschaftlichen Organisationen der Region, den Op-
fern und einigen Bürgern, die den Übergriff beobachtet hatten, sofort als „ras-
sistisch“ bzw. „fremdenfeindlich“ und „rechtsradikal“ motiviert eingeschätzt.
Die Zeugen waren (zunächst) gegenüber Ermittlungsbehörden und auch Journa-
listen auskunftsbereit. Einen „fremdenfeindlichen“ und/oder „rechtsextremen“
Tathintergrund sahen auch fast alle Bundespolitiker, inklusive der Bundesregie-
rung (mindestens CDU5 und SPD), ebenso die sächsischen Parteien Die Grüne/
Bündnis 90, Die Linke und die SPD. Im Kontrast hierzu steht eine Gruppe, die
keinen rechtsextremen und auch weithin keinen fremdenfeindlichen Hintergrund
annahm: sächsische Ermittlungs- und Sicherheitsbehörden, der Bürgermeister und
Stadtrat von Mügeln, Teile der Sächsischen Staatsregierung (C DU), die Tatver-
dächtigen und Bürger aus Mügeln sowie der bundesdeutschen radikalen Rechten,
inklusive der NPD. Sie kritisierten u. a. „die Medien“ für ihre angeblich „hysteri-
sche“ und „vorurteilshafte“ Berichterstattung über den Vorfall.

2 Die mediale Berichterstattung

Bereits die Anzahl der Beiträge in den untersuchten Medien, die den Vorfall the-
matisierten, verrät, dass der Fall die Medien interessiert hat. Die überregionalen
Tageszeitungen6 druckten im Zeitraum vom 20. August 2007, und damit bereits
ab dem ersten Tag nach dem Übergriff bis zum 1. Februar 2008 jeweils über 50

5 Für die CSU vertrat Peter Gauweiler eine dezidiert andere Position: Er beurteilte den
Vorfall als hysterische „Medienstory“ und stritt Rechtsextremismus und Fremden-
feindlichkeit als Tathintergrund ab.
6 Komplett erfasst wurden Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Rundschau,
Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel und die Welt. Weitere berücksichtigte Zeitungen
vgl. Literaturverzeichnis.
312 Britta Schellenberg

Artikel. Die Süddeutsche Zeitung publizierte sogar 94 Artikel in ihrer Print-Aus-


gabe. Hinzu kam eine aktuelle und ausführliche Berichterstattung in den Online-
Diensten. Von einigen Zeitungen wurden spezielle Informationsforen eingerichtet,
inklusive Bildmaterial.7
Die Berichterstattung zum „Fall Mügeln“ war in allen untersuchten Zeitun-
gen intensiv, wobei FAZ, FR und Die Welt nahezu gleich häuÀg berichteten,
während die TAZ eine leicht höhere, die SZ eine erheblich höhere Artikelanzahl
verzeichnete. Auch die überregionalen Wochenzeitungen berichteten. Im Spiegel
und insbesondere in der Zeit wurde der Fall häuÀg als bloße Referenz zum The-
ma „Rechtsextremismus“ oder „rassistische Gewalt“ genutzt – daher die deutlich
höhere Anzahl ihrer Artikel (print) gegenüber dem Focus. In den – tagesaktuel-
len – Online-Diensten wurde ähnlich intensiv wie in den Tageszeitungen (print
und online) berichtet. Die Zeit berichtete hier deutlich weniger. Die Mitteldeutsche
Zeitung ist eine Zeitung mit lediglich regionaler Reichweite, ihr Umfang ist deut-
lich kleiner als der der überregionalen Zeitungen und des Tagesspiegels – was die
geringere Artikel-Anzahl in dieser Zeitung erklären kann. Die Sächsische Zeitung
allerdings, deren Umfang ebenfalls deutlich schmaler ist, berichtete – als Zeitung
der betroffenen Region – am intensivsten.

2.1 Impulse und Problemanalyse im zeitlichen Verlauf

2.1.1 Phase 1: Ausländerhasser und Rechtsextreme

Der Vorfall wird den Medienvertretern durch Bürger, die Zeugen des Vorfalls wa-
ren, Engagierte aus der näheren Umgebung und zivilgesellschaftlichen Organisa-
tionen aus der Region bekannt. Berichtet wird von ausländerfeindlichen, rassisti-
schen und extrem rechten Rufen („Ausländer raus!“, „Hier kommt der nationale
Widerstand“) und dem aggressiven, gewalttätigen Verhalten gegen die als „fremd“
Stigmatisierten und die Polizei. Bereits am Tag nach dem Vorfall treffen die ersten
Journalisten in der Kleinstadt Mügeln ein und fotograÀeren die verletzten und ge-
schockten Gesichter der Opfer. Berichte über den Vorfall erscheinen unter stich-
wortartigen Überschriften wie „Rechtsextremismus“, „Rechtsradikalismus“ oder

7 Die Berliner Zeitung schaltet in Reaktion auf den Fall Mügeln am 21. August ein
Dossier „Rechtsextremismus“: www.berliner-zeitung.de/rechte-gewalt (10.01.2015).
Andere Medienorgane nutzen bereits vorhandene Seiten ihrer Institution, um den Fall
Mügeln ausführlicher zu thematisieren, Stern etwa eine Themenseite zu „Neonazi-
Gewalt“, die sie bereits im Juli 2007 eingerichtet hatte und ihre mut-gegen-rechte-ge-
walt-Seite.
„Lügenpresse“? 313

„Ausländerfeindlichkeit“. In einigen Berichten wird von Neonazis als mutmaß-


liche Täter berichtet (vgl. Schellenberg, 2014a, S. 232ff.).
Die Zeitungen bringen in den folgenden Tagen den Vorfall als „Thema des Ta-
ges“ oder „Brennpunkt“ auf der Titelseite ihrer Printausgaben.8 Neben schlich-
ten Meldungen werden ausführliche Berichte gedruckt. Dabei wird die lebhafte
regionale rechtsextreme Szene beschrieben, ebenso das Ausmaß rechtsextremer
Gewalt in Deutschland. Zudem erscheinen Informationskästen zu Begriffen wie
„No-go-Area“ und Interviews mit Vertreterinnen von Beratungsstellen zu rassis-
tischer Gewalt oder der Jüdischen Gemeinde. Die Einschätzung „rechtsextrem“
wird von den Print-Zeitungen geteilt, unabhängig davon, ob es sich um regionale
oder überregionale Medien handelt, um Publikationen aus den neuen oder alten
Bundesländern und auch weitgehend unabhängig von der politischen Ausrichtung
des Mediums. Allerdings gab es in den ersten Tagen vereinzelt zurückhaltende
Stimmen in der Presse. So betont die Rheinische Post, man solle erst einmal die
Ermittlungen abwarten, bevor man „Neonazi-Überfall“ rufe.9 Auch die konser-
vativen Blätter FAZ und Die Welt drucken anfangs jeweils (nur) einen Artikel, in
dem auch gefragt wird, ob es sich – wie mutmaßlich im „Fall Sebnitz“10 – um eine
falsche Rechtsextremismus-Zuschreibung handeln könnte.11
Dramatisierung, Dämonisierung und Entmenschlichung: Während das Ge-
schehen als „rechtsextrem“ eingeordnet wird, wird die Täter-Gruppe in den Be-
richten häuÀg als „Meute“ oder „Horde“ bezeichnet. Beispiele sind: Ausländer

8 Beispielsweise ist Mügeln das Tagesthema in der Berliner Zeitung vom 21.08.2007, in
der TAZ am 22.08.2007 und in der FR sowohl am 21.08. als auch am 23.08.2007, in
der MZ am 22.08.2007 in der SZ am 23.08.2007; SäZ vom 25./26.08.2007; MZ vom
22.08.2007, S. 4; Die Welt am Sonntag vom 26.08.2007: „Rechte Gewalt in Deutsch-
land.“ Von Freia Peters. Zudem stellt die MZ ein Brennpunkt zu Mügeln ins Netz.
Ebenfalls werden Fernsehbeiträge gesandt, z. B. ein Kontraste-Beitrag, ARD vom
20.09.2007: „Mügeln – eine Stadt wäscht sich rein.“ Von Caroline Walter und Alexan-
der Kobylinski (Zeit: 7:42 min). http://www.rbb-online.de/kontraste/ueber_den_tag_
hinaus/extremisten/muegeln_eine_stadt.html (10.01.2015).
9 Rheinische Post: „Der Mob und das Dorf Mügeln.“ Vom 20.08.2007. Von Reinhold
Michels. http://www.presseportal.de/pm/30621/1035325/rheinische_post (10.01.2015).
10 Der Tod eines Jungen in Sebnitz wurde zunächst als rechtsextrem motiviert eingestuft,
was zu einer großen öffentlichen Debatte führte. Die Gerichte stellten später keinen
rechtsextremen Tathintergrund fest. Seither wird bei entsprechenden Vorfällen im-
mer wieder spekuliert, es gebe falsche oder auch böswillige Rechtsextremismus-Ver-
dachtsfälle.
11 FAZ vom 21.08.2007: „Gruß aus Sebnitz“, S. 10; ähnlich Welt: Die Welt vom
22.08.2007: „Was geschah im sächsischen Mügeln? Voreilige Empörungsgemein-
schaft.“ Von Thomas Schmid.
314 Britta Schellenberg

bzw. Migranten „wurde(n) (...) von einer Meute Neonazis durch Mügeln gejagt und
brutal zusammengeschlagen“, „Mob von Mügeln“, „Horde Neonazis samt Sym-
pathisanten“ und „Mob von 50 deutschen Jungmänner(n)“ oder „rechtsradikale
Prügelhorden in Mügeln“. HäuÀg verwendet wird auch der Begriff „Hetzjagd“.
So heißt es etwa: „Ausländerjagd in Mügeln“, „Hetzjagd auf Ausländer“, „brutale
Treibjagd“, „Menschenjagd von Mügeln“, „Hetzjagd auf Inder in Sachsen“, „Hetz-
jagd auf Ausländer in Sachsen“ oder „brutale Hetzjagd auf indische Besucher im
sächsischen Mügeln“ (vgl. Schellenberg, 2014a, S. 257f.). Sowohl die Begriffe
„Meute“ und „Horde“ als auch „Hetzjagd“ veranschaulichen und dramatisieren
das Tatgeschehen. Mit den Begriffen „Meute“ und „Horde“ werden die Täter ent-
individualisiert und entmenschlicht. Sie werden im Kontrast zu „normalen“ Men-
schen dargestellt und als animalisch, verroht und aus einer niedrigen Bildungs-
und Sozialschicht stammend beschrieben. Mit dem Begriff „Hetzjagd“ wird die
Perspektive auf die Opfer gelenkt. Sie würden behandelt wie Tiere, die verfolgt
werden, weil sie eingefangen und ermordet werden sollten. Manchmal wird betont,
dass die Hetzjagd durch die „gesamte Stadt“ bzw. „die Stadt“ ging – allerdings
lässt der Begriff „Hetzjagd“ – auch ohne konkrete Lokalisierung – durchaus as-
soziieren, dass die Opfer über eine längere Zeit oder Strecke „gejagt“ wurden. Da
dies nicht zutrifft, der Fluchtort war etwa 30 bis 50m vom ersten Ort des Über-
griffes entfernt, greifen die Kritiker „die Medien“ für diese Begriffsverwendung
später an.
In der ersten Phase der Berichterstattung, als von einem Neonazi-Übergriff aus-
gegangen wird, gibt es keine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Tätern, ihren
Beweggründen und Ursachen für ihre Probleme, es werden auch keine Möglich-
keiten diskutiert, wie bei entsprechenden Taten gegengesteuert werden könnte.

2.1.2 Phase 2: Keine Rechtsextremen.


Was steckt hinter der Gewalteskalation?

Bereits am Tag zwei und drei nach dem Übergriff wenden sich Polizei und Staats-
anwaltschaft mit Pressemitteilungen an die Öffentlichkeit: Hierin heißt es, ein
rechtsextremer Hintergrund sei auszuschließen und selbst ein fremdenfeindliches
Motiv müsse nicht vorgelegen haben. Dass dies behauptet wird, obwohl die dienst-
habenden Polizisten noch in der Tatnacht das Delikt der „Volksverhetzung“ auf-
genommen hatten und obwohl die bereits vorliegenden Aussagen von Polizisten,
Zeugen, inklusive Opfern, in den Polizeiakten klar das Gegenteil belegen, bleibt
der Öffentlichkeit unbekannt.
Aufgrund der Fehlinformation durch die Ermittlungsbehörden verändert sich
die Berichterstattung: Gemeldet wird nun, dass die polizeilichen Ermittlungen
„Lügenpresse“? 315

keinen rechtsextremen Hintergrund bestätigt haben. Fest stünde, dass es sich we-
der um einen von Rechtsextremen „geplanten Vorfall“ noch um einen Übergriff,
„an dem organisierte Rechtsextreme beteiligt gewesen seien“ handele.12 Allerdings
bleibt der „Fall Mügeln“, trotz des (angeblichen) Ermittlungsergebnisses, „kein
Rechtsextremismus als Tathintergrund“, Thema der Presse. Es kommt sogar zu
einer zeitlich längeren und nun auch inhaltlich intensiven Auseinandersetzung:
In der Öffentlichkeit wird heftig darüber gestritten, ob es sich um einen fremden-
feindlichen bzw. rassistischen Vorfall handelte oder nicht. Das Thema wird kontro-
vers diskutiert – und hält sich gerade durch den Nachrichtenfaktor „Kontroverse“
in den Medien. Außerdem war zwar die Feststellung „Rechtsextremismus“ eine
vielfach replizierte Nachricht wert, doch hatte der Befund kaum zu einer Ausein-
andersetzung mit Verursachern und Hintergründen der Gewalteskalation geführt.
Jetzt, als geglaubt wird, „Neonazis“ hätten nichts mit der Tat zu tun, gewinnt das
Thema für viele Medienvertreter an Bedeutung. Die Frage, warum sich „normale“,
nicht-rechtsextreme, Bürger in eine fremdenfeindliche/rassistische „Gewaltorgie“
verstiegen, scheint für viele Journalisten und Redaktionen interessanter als die
Frage, was Rechtsextreme bewegt (und warum viele Bürger zuschauen).
Denn: Angesichts der bereits stattgefundenen Interviews mit Zeugen, auch
Opferzeugen, eigner Beobachtungen in der Kleinstadt, aber auch erster patriar-
chalischer Abwehrversuche des Bürgermeisters sind sich die meisten Journalisten
sicher: hier spielt Fremdenfeindlichkeit/Rassismus eine Rolle. So beginnt in den
Medien eine lebhafte Diskussion über (Mit-)Verursacher der Gewalt, die Soziali-
sationshintergründe der scheinbar „normalen“ Beteiligten sowie ihre möglichen
negativen Eigenschaften und Beweggründe.

12 N-tv vom 31. August 2007. Unter n-tv.de: http://www.n-tv.de/846548.html.


(10.01.2015); Die Welt vom 30.08.2007: „Mügeln: Offenbar kein politischer Hinter-
grund.“ Die Welt vom 1.9.2007: „Gewalt gegen Inder in Mügeln war nicht von langer
Hand geplant.“
Tabelle 1 Problemanalyse Journalisten
316

Impuls von außen Deutung: Problem (Mit-) Verursacher Begründung/ Argumentationsmuster


Zeugenberichte, auch Der Fall war „rechts- Rechtsextreme und/oder Neonazis
Opferzeugen, Gesprä- extrem“, „neonazis- (keine weiteren Verantwortlichen ---
che vor Ort tisch“ motiviert. werden festgestellt)
Pressemitteilung der Der Fall war Rassisten/ Frem- in „speziÀschen Zeigt sich häuÀg in
Polizei und Staatsan- „rassistisch“ bzw. denfeinde Regionen“ a) manchen Regionen
waltschaft: „fremden-feindlich“ b) Sachsen
motiviert. c) Ostdeutschland
kein Rechtsextremismus,

vielleicht auch keine


fremdenfeindliche
Motivation, Lokal- und a) ... weil Äußerungen des Mügelner Bürger-
Regionalpolitik meisters Verdrängung der Probleme und/
Hintergründe noch oder eigenen Rassismus zeigen.
unklar b) ... weil Politiker Probleme nicht zugeben
wollen (Abwiegelung).
c) ... weil es viele Probleme in der sächsischen
Politik gibt und diese nicht gelöst werden.
Æ Aber auch: Einordnung der zum Teil
mehrdeutigen Äußerungen der Lokal- und
Regionalpolitik als problemorientierte
Stellungnahme.
Polizei a) ... zeigt sich in Äußerungen zum Vorfall.
b) ... zeigt sich auch in unsensibler und in-
korrekter Behandlung der Opfer.
a Die Tabellen in diesem Artikel stellen überarbeite Versionen aus Schellenberg 2014a dar.
Britta Schellenberg
„Lügenpresse“? 317

Problemanalyse: Ausführlich wird diskutiert – angereichert durch Zitate diverser


Akteursgruppen – warum es in der Kleinstadt zu den fremdenfeindlichen Aus-
schreitungen kommen konnte. Wiederkehrende Muster der Argumentation sind:
Es müsse eine allgemein verbreitete Fremdenfeindlichkeit unter den Mügelner
Altstadtfestbesuchern geben. Und: Diese sei typisch für „speziÀsche Regionen“.
Diese Regionen werden nicht immer verortet, allerdings wird häuÀg speziell auf
das Bundesland Sachsen Bezug genommen oder generell auf Ostdeutschland. Als
Problemverschärfer wird zudem recht häuÀg auf den Mügelner Bürgermeister als
Vertreter der Gemeinde und zum Teil auch auf die Sächsische Staatsregierung ver-
wiesen: ihre Reaktionen werden als Mangel an Aufklärungswillen interpretiert,
zum Teil wird auch Fremdenfeindlichkeit bei den Zuständigen selbst vermutet und
mit Zitaten untermauert (der Bürgermeister hatte der Financial Times gegenüber
geäußert: „Ausländer-raus-Rufe können jedem Mal über die Lippen kommen“).
Einzelne Journalisten glauben darüber hinaus, dass die Polizei eine problemati-
sche Rolle bei der Bearbeitung des Vorfalls spielt, auch weil einige ihrer Ver-
treter gegenüber der Gruppe der Opfer voreingenommen zu sein scheinen (eine
Ermittlerin hatte formuliert: „Die Inder sollten sich jetzt nicht in die Opferrolle
hineinsteigern“).
Normorientierungen: Das Selbstverständnis eines friedliebenden, vielfältigen,
demokratischen Deutschlands sehen die meisten Journalisten durch den Vorfall
und seine Bearbeitung angegriffen. Der Vorfall gewinnt daher für Viele noch
grundlegender an Bedeutung, als zunächst von der Polizei und Staatsanwaltschaft
ausgeschlossen wurde, dass die Verursacher des rassistischen Vorfalls Neonazis
waren. Als besonders bedrohlich wird empfunden, dass sich viele Bürger, die nicht
zur extrem rechten Szene gehören, an den Ausschreitungen beteiligten. Vor dem
Hintergrund der eigenen Normvorstellungen, die sich – ob bewusst oder unbe-
wusst – auf das Grundgesetz und menschenrechtliche Standards beziehen, steht
zum einen der rassistische Gewaltakt an sich in der Kritik, zum anderen aber auch
jene Bürger und Institutionen, die akzeptierten, dass die Grundrechte verletzt wur-
den und jene, welche eine effektive Aufklärung behindern.
Doch obwohl die Berichterstattung nun „Rassismus“, „Fremdenfeindlichkeit“
und „fremdenfeindliche Gewalt“ thematisiert, wird diese neue inhaltliche Einord-
nung in den Überschriften (die übrigens selten von den Autoren selbst stammen)
häuÀg nicht durchgehalten: Es Ànden sich weiterhin „Rechtsextremismus“-Head-
lines. Dies deutet darauf hin, dass die Themen „Rassismus“ und „Fremdenfeind-
lichkeit“ kaum selbstständig, sondern als Teile der Kategorie „Rechtsextremis-
mus“ wahrgenommen werden. Durch die undifferenzierten Überschriften kommt
es aber zu argumentativen Widersprüchen bzw. zu einer mangelnden Stringenz in
der Argumentation. Damit eröffnet sich auch eine AngriffsÁäche für Kritiker, die
318 Britta Schellenberg

„den Medien“ vorwerfen, immer wieder unberechtigt, aber hysterisch, „Rechts-


extremismus“ zu thematisieren – und kann somit zum Beweis für die (angeblich)
mangelnde Glaubwürdigkeit der Medien herangezogen werden.
Das „Ost“-Framing: HäuÀg kommt es (nicht in der Sächsischen Zeitung) zu
einer weiteren nicht unproblematischen Zuschreibung: Breiten Raum nimmt die
Diskussion, (ob und) warum Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus spe-
ziell ostdeutsche Probleme seien, ein. Es werden diverse Ursachen diskutiert und
Erklärungen gefunden. So wird der Vorfall oft recht schlicht und stigmatisierend
als „Problem Ostdeutschland“ eingeordnet und damit scheinbar „erklärt“. Natür-
lich ist es nicht entscheidend, dass sich der Vorfall, der rassistische und rechts-
radikale Übergriff, das Wegschauen, Vertuschen und Verdrehen von Tatsachen in
Mügeln, in Nordsachsen, in Sachsen, in Ostdeutschland ereignet hat. Es scheint
sich eher um eine Abwehrhaltung zu handeln: Pauschale, vorurteilsgeleitete Ein-
ordnungen von Problemen helfen den Urhebern, sich persönlich nicht mit entspre-
chenden Phänomenen tiefer und auch selbstreÁexiv auseinandersetzen zu müssen.
Zwar ist eine örtliche, regionale, kulturell-historische Einordnung des Vorfalls
nicht völlig irrelevant. Aber die Vehemenz und Emotionalität, mit der eine örtlich-
kulturelle Zuordnung die Debatte über den Vorfall prägt, muss verwundern. Sie
zeigt, dass Ost-West-BeÀndlichkeiten die Debatte über „Rechtsextremismus“ in
problematischer Weise überlagern. Die Ost-Fokussierung führt sogar dazu, dass
herangezogene Experten, wie der Wissenschaftler Wilhelm Heitmeyer, entspre-
chend der Kategorisierung „Rechtsextremismus ist ein Problem Ostdeutschlands“
zitiert werden, obwohl deren Forschungen diesem Befund differenziert widerspre-
chen.
Allerdings wird das „Ost“-Framing keineswegs Áächendeckend durch „die
Medien“ betrieben und wird in einigen Berichten deutlich kritisiert. Nachhaltig
thematisiert und diskutiert wird es in der ostdeutschen Sächsischen Zeitung. Eine
starke öffentliche Diskussion um den „Fall Mügeln“ und eine Fokussierung auf
„Ostdeutschland“ wird als einseitig und diskriminierend beklagt. Doch trotz of-
fensichtlich problematischer Muster bei vielen Journalisten, kann keinesfalls von
einer pauschalen Verurteilung durch „die Medien“ gesprochen werden. Allerdings
zeigte die Gesamtanalyse, dass die Ost-West-BeÀndlichkeiten die Debatte über
Rechtsextremismus und Rassismus überlagerten – sie scheinen (das legen die In-
halte der Artikel und Leserbriefe/-kommentare nahe) mit dafür verantwortlich zu
sein, dass sich das Thema relativ lange in den Medien hielt.
Verurteilung einer Stadt? Ein weiterer Vorwurf gegen „die Medien“ ist, dass sie
die Kleinstadt Mügeln pauschal verurteilen würden. Unmittelbar nach dem Über-
griff besuchten Journalisten diverser Medien Mügeln, fotograÀerten und suchten
das Gespräch mit Bürgern, dem Bürgermeister und vor Ort anzutreffenden Opfern.
„Lügenpresse“? 319

Die Journalisten kommen, als die Menschen vor Ort noch keine Antworten auf die
vielen Fragen, die sich nach den Ausschreitungen ergaben, gefunden hatten. Die
Journalisten fragten und waren schnell für Viele unerwünschte Gäste. Die meisten
Kleinstadtbürger fühlten sich überfordert von den Medien-Teams, die in ihre kleine,
ruhige Stadt kamen und eine Vielfalt und Unruhe mitbrachten, die es dort nicht gab.
Nur Einzelne waren den gegenüber Journalisten auskunftsbereit: Einige Bürger, die
zum Teil nicht beim Namen genannt werden wollten, und die Opfer. Bereits einen
Monat nach dem Übergriff wollten auch die Opfer nicht mehr mit der Presse reden,
weil sie den Eindruck hatten, diese verschlimmere bestehende Probleme.
Tatsächlich berichten Journalisten oft kritisch über die Bürger und den Bürger-
meister der Kleinstadt. Die Mügelner werden vielfach als Passive beschrieben; sie
seien oft selbst fremdenfeindlich oder es fehle ihnen an Zivilcourage und einer
eigenen Haltung. So berichtet der Stern beispielsweise, dass viele Bürger dem
Vorfall passiv beiwohnten. Sie würden „Rechtsradikalen“ eine Bühne geben. Hin-
gegen stellt die sächsische Regionalzeitung, Sächsische Zeitung, die sehr breit be-
richtet, die Bürger auch als „ausländerfreundlich“ dar.

2.1.3 Phase 3: (Noch) eine Wende in der Einschätzung


der Tathintergründe?

Eine gute Woche nach der Gewalteskalation beschäftigt eine neue Nachricht die
Medien: Der Focus (print) berichtet, dass die Polizei bestätigt hat, inzwischen gebe
es „Anzeigen von Deutschen gegen Inder“ (die bisher als Opfer bekannt sind). Das
Blatt spottet: „Sachsen. Die üblichen Verdächtigen“ und glaubt, „politisch korrekte
Meinungsmacher“ könnten einen harmlosen Fall zum rechtsextremen oder frem-
denfeindlichen Übergriff stilisieren.13 Ähnlich hatte schon einige Tage zuvor die
Junge Freiheit argumentiert.14 Doch erst mit dem Printartikel im Focus kommt die
Idee, die Opfer könnten auch Täter sein, in der seriösen Presse an. In vielen Me-
dienorganen wird nun verkündet: Es gebe eine Wende in den Ermittlungen, die In-
der seien Täter. Diese Nachricht wird als neu in den Medien repliziert, meist ohne
Einordnung durch die Autoren. Besonders häuÀg heißt es „Inder sind möglicher-
weise auch Täter“, etwas seltener wird die Nachricht als Befund präsentiert „Inder

13 Focus vom 27.08.2007, Nr. 35/2007: „Sachsen. Die üblichen Verdächtigen.“ von Ale-
xander Wendt. Focus-Online interpretiert den Fall komplett konträr. Grund hierfür
könnte neben unterschiedlichen Normvorstellungen der Autoren der Hang zur Kon-
formität bei Online-Medien sein. Sie müssen schneller reagieren, haben weniger Zeit
für eigene Recherche und halten sich daher stark an die Meldungen der Nachrichten-
agenturen.
14 Junge Freiheit vom 24.08.2007.
320 Britta Schellenberg

sind auch Täter“ und nur sehr selten wird zwar die neue Nachricht mitgeteilt, je-
doch ihre Bedeutung kritisch hinterfragt: in diesen wenigen Berichten wird betont,
dass die Migranten mit indischen Wurzeln Opfer rassistischer Gewalt bleiben und
dass einer Anzeige gegen die Opfer allein keinerlei Bedeutung zukommen müsse,
da prinzipiell Jeder gegen Jeden Anzeigen erstatten könne. Beachtlich ist an dieser
Stelle, wie wenige Journalisten die Nachricht kritisch reÁektieren (können?).
Schon einige Tage darauf folgt allerdings der nächste Impuls, durch die Jun-
ge Freiheit. Am 31. August veröffentlicht die Wochenzeitung ein Interview mit
dem Mügelner Bürgermeister, das von der Presse vor allem kritisch aufgenommen
wird. Der Bürgermeister äußert sich hierin abwertend über all jene, die dem Vorfall
eine fremdenfeindliche oder rechtsextreme Bedeutung zusprechen. Er behauptet,
Mügeln werde durch Medien und Politik unzulässig vorverurteilt und sagt auch,
möglicherweise wären „die Inder“ (mit)schuld am Geschehen. Seine Interpretation
des Falls und der Debatte gewinnt einen deutlich rechtsradikalen Drall (vgl. unten
ausführlich). Das Bürgermeister-Interview in der rechtsradikalen Zeitung garan-
tiert weiterhin KonÁikt und Kontroverse und verlängert damit die starke Präsenz
des „Falls Mügeln“ in den Medien. Erst nach einigen Tagen geht die Intensität der
Berichterstattung wieder zurück. Das Interview scheint vielen Journalisten (wie-
der) vor Augen zu führen, dass es sich um einen rassistischen und fremdenfeind-
lichen Übergriff gehandelt haben muss. Als Chronisten geben sie kritische Zitate
aus der gesamten Bundesrepublik, insbesondere von Regional- und Bundespoli-
tikern, wieder. Diskutiert wird, ob nicht der Bürgermeister mit seinen Aussagen
Teil des Problems „Rechtsextremismus“ und „Fremdenfeindlichkeit“ ist, kritisiert
wird auch, dass er sich einer rechtsradikalen Zeitung als Interviewpartner zur Ver-
fügung stellte. Allerdings berichten viele Journalisten nicht alleine durch Zitate,
sondern kommentieren auch kritisch selbst. Sie erinnern beispielsweise an frühere
problematische Aussagen des Bürgermeisters (etwa gegenüber der Financial Times
Deutschland „fremdenfeindliche Parolen können jedem mal über die Lippen kom-
men“) und bemängeln, dass er nicht Probleme in der Kleinstadt thematisiert.
KonÁikt und Kontroverse: Die Nachrichtenfaktoren „KonÁikt“ und „Kontro-
verse“ sind mit ausschlaggebend für die lange Präsenz des Falls in den Medien
(vgl. Tabelle 2). Jedoch fällt auf, dass die mediale Inszenierung der Kontroverse
zum Teil mehr handwerkliche Schablone ist als eine korrekte inhaltliche Ausein-
andersetzung: insbesondere die Positionen der Politik (Bundesparteien) werden
als kontrovers dargestellt, obwohl diese weitgehend identisch in ihren Deutungen
und Normsetzungen (insbesondere Bundespolitiker) sind. Zivilgesellschaftliche
Akteure hingegen werden – ebenso realitätsfern – recht einmütig als Kontrapunkt
zur Politik präsentiert. Überraschend wird übrigens überdurchschnittlich häuÀg
der Zentralrat der Juden befragt.
„Lügenpresse“? 321

Dass es sich tatsächlich um einen KonÁikt über Aufklärungswillen und bun-


desdeutsche Normen handelt, den zwei ideologische Gruppen konÁikthaft aus-
tragen, wird kaum sichtbar.15 Auf der einen Seite die Zeugen, inklusive Opfer, ihre
Unterstützer wie Opferanwälte und zivilgesellschaftliche Organisationen, Bundes-
politiker, viele Regionalpolitiker und die Journalisten selbst, auf der anderen Seite
die Radikale Rechte, die Ermittlungs- und Sicherheitsbehörden, die lokale Politik
und – mit im Verlauf der Debatte zunehmenden Positionierungsschwierigkeiten –
die sächsische Staatsregierung/CDU.

2.1.4 Phase 4: Abklingen und Ende der Berichterstattung

Nach dem Abklingen der Kommentare über das Bürgermeister-Interview sinkt


die Quantität der Berichterstattung rapide. Berichtet wird nur dann wieder, wenn
Urteile in den Gerichtsverfahren gefällt werden. Aufsehen erregt vor allem der
Urteilsspruch vom 4. Dezember 2007 gegen einen (Haupt-)Täter wegen Sachbe-
schädigung und Volksverhetzung. Das Gerichtsurteil (acht Monate Gefängnis)
provoziert wieder ausführlichere Artikel und Hintergrundberichte. Die Presse
druckt die Begründung des von Vielen als hart bewerteten Urteils: Die Tat sei „im
Vorfeld eines Pogroms“16 verübt worden. Die Medien titeln „Es war der Anfang
eines Pogroms“ oder „Knapp am Pogrom vorbei“.17 In den bald erscheinenden Jah-
resrückblicken wird der Vorfall dann noch einmal thematisiert, dabei wird er als
„rassistischer“ bzw. „fremdenfeindlicher“ Übergriff „im Vorfeld eines Pogroms“
erinnert. Von einigen Medien werden zudem die staatlichen Bearbeitungskompe-
tenzen, insbesondere des Bürgermeisters und der Polizei, kritisch erinnert. Der
Focus (print) erzählt eine etwas andere Geschichte, ist damit aber innerhalb der
überregionalen, seriösen Medien alleine:

15 Das liegt sicherlich auch am fehlenden Akten-Wissen der Journalisten.


16 Zitat aus dem Gerichtsurteil vom 4. Dezember, Amtsgericht Oschatz.
17 Vgl. u. a. FR vom 6.12.2007: „Knapp am Pogrom vorbei /Mit der Haftstrafe gegen
einen der Täter von Mügeln statuiert das Gericht ein Exempel.“ Von Bernhard
Honnigfort, S.5.
322 Britta Schellenberg

„Im Juni 2007 endete der Prozess im Fall Ermyas M. mit einem Freispruch. Der
vermeintlich extremistische Überfall war zur Schlägerei unter Betrunkenen ge-
schrumpft. Nichtsdestotrotz wiederholte sich das Szenario der Vorverurteilung
einen Monat später nach einer Schlägerei im sächsischen Mügeln: Obwohl bis heute
nicht geklärt ist, was genau passiert war, sprachen die meisten Medien von einer
‚ausländerfeindlichen Hetzjagd’. Es gab aber nicht nur acht (durch Schläge) verletzte
Inder, sondern auch vier (durch Stiche und Schnitte) verletzte Deutsche, und keiner
weiß, wer angefangen hat. Von den verletzten Deutschen war deshalb sicherheitshal-
ber meist gar nicht erst die Rede. Was hoffentlich kein Trend wird.“18

Dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits ein erstes einschlägiges Urteil
gegen einen (Haupt-)Täter u. a. wegen Volksverhetzung in Tateinheit mit Sachbe-
schädigung vorlag, bleibt unerwähnt.19

18 Focus vom 10.12.2007, Nr. 50/2007: „Jahresrückblick 2007 – Essay: Chinalinksruck?


Weltklimadoping?“ Von Michael Klonovsky. Zu diesem Zeitpunkt war das erste ein-
schlägige Urteil bereits gefällt. Allerdings waren die Anzeigen gegen die Opfer mit
indischem Migrationshintergrund noch nicht fallen gelassen worden.
19 Auch der Verfassungsschutz geht einen überraschenden Weg: In seinem Jahresbericht
erwähnt er den rassistischen und neonazistischen Fall nicht – aber stattdessen erst- und
einmalig indischen Extremismus in Sachsen. Einen entsprechenden Vorwurf hatte die
NPD in der Debatte über den Vorfall in Mügeln den indischen Opfern gemacht. (Vgl.
Schellenberg, 2014b, S. 88-90).
„Lügenpresse“?

Tabelle 2 (Neu-) Interpretation nach Impulsen/„Nachrichten“


Datum Impuls/ Kernaussage (Neue) Interpretation Medien Art der Berichter-
„Nachricht“ (HäuÀgkeit) stattung
21. und Pressemitteilungen Polizei Es gibt keinen rechtsextremen Keine Rechtsextremen. Chronisten & Auf-
22.08.2007 und Staatsanwaltschaft Hintergrund. klärer
Ob Fremdenfeindlichkeit eine Der Vorfall war fremdenfeind-
Rolle spielte, müssen die Ermitt- lich motiviert.
lungen erst noch zeigen.
27.08.2007 Artikel im Focus (Print) Es gibt eine Wende in den Er- Inder sind auch Täter. Vorwiegend als
mittlungen: (++) Chronisten be-
Basiert auf richtet, selten eigene
Artikel der Jungen Freiheit Die Inder sind (auch) Täter. Einordnung der
vom 24.08.2012 Informationen.
Inder sind möglicherweise
auch Täter. (+++)
und

Polizeiaussage: Anzeige
von Deutschen/gegen Inder* Inder sind Opfer – es hat sich
erstattet. nichts verändert. (+)
323
324

Tabelle 2 (Fortsetzung)
Datum Impuls/ Kernaussage (Neue) Interpretation Medien Art der Berichter-
„Nachricht“ (HäuÀgkeit) stattung
31.08.2007 Mügelner Bürgermeister Der Fall war weder fremden- Kritik am Interview mit Kritik wird häuÀg
feindlich noch rechtsextrem. Rechtsradikalen über Zitate geübt,
im Interview mit der Jungen (+++) insb. von Bundes-
Freiheit Die wahren Täter sind Inder, politikern aller
Medien und die Bundespolitik Parteien. Zudem:
(etc.). Bürgermeister hat selbst Prob- Vielfach eigene
lem mit RE u. Ff. (+++) Stellung-nahmen
von Journalisten.
Bürgermeister ist nicht mehr
tragbar (gegen Grundwerte
verstoßen)
(+)
4.12.2007 Urteilsspruch Amtsgericht Es war ein besonders schlim- Es war ff, gewalttätig, Sachliche Berichte
Oschatz mer Fall („Im Vorfeld eines gefährlich über Urteilsspruch.
Pogroms“), (+++) Teilweise auch
u. a. Volksverhetzung Kommentierung.
Kein problematischer Fall, Ignoriert Urteils-
scheinbar nicht fremdenfeind- spruch
lich oder rechtsextrem (nur
Focus Print, 10.12.07)
Britta Schellenberg
„Lügenpresse“? 325

Im Januar 2008 berichten viele Zeitungen, allerdings knapp, wieder über den
„Fall Mügeln“ und zwar, weil Zeuginnen, die einen weiteren Täter belasteten,
erfolglos versuchten, ihre Aussagen wegen Erinnerungslücken zurückzunehmen.
Dass die folgenden Urteile mild ausÀelen oder nach späteren Revisionen zurück-
genommen bzw. abgemildert wurden, dass die Neonazi-Gewalt in Mügeln ex-
plodierte und die NPD in den kommenden Stadtrat einzog, ging im medialen
Alltag unter. Keine Nachricht auch, dass viele, die sich damals in Mügeln gegen
Rassismus und Neonazismus engagierten, inzwischen fortgezogen sind, weil sie
selbst zu Opfern der Neonazis wurden. Nur einzelne investigativ arbeitende Jour-
nalisten besuchten noch einmal ein Jahr nach dem Übergriff das Mügelner Alt-
stadtfest 2008: hier stellten Neonazis ihre Dominanz deutlich zur Schau. Meine
Veröffentlichungen haben allerdings 2014 zum Wiederaufgreifen des Vorfalls in
den Medien geführt.20

3 Medienberichterstattung
(und bundesdeutsche Normen) in der Kritik

Die Thematisierung von Rechtsextremismus und Rassismus/Fremdenfeindlich-


keit durch die Medien hat deutliche Kritik bei denen, die den extrem rechten und
rassistischen Hintergrund nicht akzeptieren wollten, ausgelöst. Sie unterstellen,
dass „die Medien“ hysterisch auf das Thema „Rechtsextremismus“ oder „Frem-
denfeindlichkeit (in Ostdeutschland)“ reagierten und aufgrund eigener Vorurteile
oder aufgrund von Böswilligkeit Fehlinformationen verbreiteten.

3.1 Die Radikale Rechte

Am klarsten richtet sich die Radikale Rechte gegen die Medienberichterstattung:


die extrem rechte NPD meint etwa, „die Medien“ (wie auch die Politik) sei an
verbrecherischen Geschäften beteiligt, deren Ziel es sei, das deutsche Volk zu zer-
stören. Aber auch die populistische, neue Rechte, etwa die Junge Freiheit, glaubt,
in der Medienberichterstattung zeige sich ein zielgerichtetes und planmäßiges
Handeln gegen die Interessen „der Deutschen“. Die Thematisierung von „Rechts-

20 U. a. in Spiegel, FAZ und Tagesspiegel. Vgl. Spiegel, 25/2014 „Rassistische Hegemo-


nie“ von Steffen Winter. FAZ vom 17.06.2014: „Die Idylle sollte keine Kratzer bekom-
men“ von Stefan Locke; Tagesspiegel vom 21.06.2014: „Motiv Rassismus – erkannt
und gleich verdrängt“ von Andrea Dernbach.
326 Britta Schellenberg

extremismus“ und „Fremdenfeindlichkeit“ sei ein politisches Projekt der „Lin-


ken“, der „Deutschfeinde“ und „Ausländerlobby“, um alles „Rechte“ zu diskredi-
tieren. Beide Strömungen der radikalen Rechten glauben, die „etablierten“ Medien
würden von böswilligen Feinden Deutschlands systematisch und totalitär gesteu-
ert. Sie verwenden Begriffe wie „maÀöses Zusammenspiel“, „Machenschaften“,
„MedienmaÀa“. HäuÀg nutzen sie Metaphern aus dem Bereich „Industrie“ und
„System“, „Desinformationsfabrikanten“, „gleichgeschaltete Meinungsindustrie“,
„deutschfeindliche Meinungsindustrie“, „anti-deutsche Meinungsindustrie“. So
wird eine kommerzielle und für die massenhafte Reproduktion planende arbei-
tende Institution assoziiert, die als böse Macht die „Strippen“ zieht, um – und das
ist die Diskussion in diesem speziellen Fall – die Mügelner, die Ostdeutschen und
schließlich das deutsche Volk zu bekämpfen. Die auf die Medien bezogenen Me-
taphern „Lohnschreiber“ und „anti-deutsche Medienschreiber“ lassen Journalis-
ten als Feinde Deutschlands und als seelenlose Rädchen in einem mächtigen und
lukrativen Getriebe erscheinen. Mit den Bildern über „die Medien“ werden auch
antisemitische Verschwörungstheorien aktualisiert.
C harakteristische Zuschreibungen zeigen sich zudem in den Wortbildungen
„Systempresse“ oder „Systempolitiker“. Auch diese pejorativen Bezeichnungen
der parlamentarischen Demokratie (vgl. Müller, Sommer & Thiel, 2010, S. 195)
unterstellen eine planend arbeitende Institution, die im Hintergrund bundesdeut-
sche Medien und Politik lenkt. Auch diese Metaphern transportieren verschwö-
rungstheoretische Annahmen: durch eine „fremdbestimmte“, „anti-deutsche“
Medienberichterstattung und Politik solle eine umfassende Bewusstseins- und Ge-
sellschaftsveränderung in Deutschland erreicht werden. Ziel sei es, das Deutsche
zum Bösen zu stilisieren und zu beschmutzen. Damit ist der Zirkelschluss vollzo-
gen: Die Akteure, die Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit bzw. Rassis-
mus thematisieren, sind anti-deutsche Verschwörer, weil sie den Deutschen Böses
wollen und nicht anerkennen, dass Deutsche – so die Überzeugung der radikalen
Rechten – stets gut und heldenhaft sind und jene, die nach ihrer Einschätzung nicht
völkisch deutsch sind, gefährlich, kriminell, gewalttätig etc. So ist es charakteris-
tisch für die rechtsradikale Argumentation, dass stets Gruppen von „Deutschen“
und „Ausländern“ oder „Ausländer-Lobbyisten“ und „Deutschfeinden“ („Verrä-
ter“) etabliert werden. „Die Deutschen“ müssen von der radikalen Rechten vor den
feindlichen Medien in Schutz genommen werden.
Die radikalen Rechten richten sich prinzipiell gegen die Thematisierung von
„Rechtsextremismus“ und „Fremdenfeindlichkeit“. Die Emotionalität, die sich
gegen Gespräche über Rechtsextremismus, Ausländerfeindlichkeit/Rassismus ent-
faltet und zur Fundamentalkritik gegen die etablierten Medien wird, zeigt sich
u. a. in der Wochenzeitung Junge Freiheit. „Bewußt (sic) fehlinterpretierte Ge-
„Lügenpresse“? 327

walttaten“ wie „Mügeln, Sebnitz und Hohmann“21 würden zum Anlass genom-
men, um den politisch geförderten „Kampf gegen Rechts“ auszudehnen, schreibt
die Wochenzeitung. In der Rubrik „Zitate“ veröffentlicht sie Ausschnitte aus der
Presse (u. a. aus Die Welt und von Spiegel-Online), die beweisen sollen, dass die
Thematisierung „Mügeln(s)“ neue Möglichkeiten gegen „rechtschaffende Rechte“
vorzugehen eröffnen soll (vgl. Schellenberg, 2014, S. 203ff.).
Doch die Radikale Rechte entwirft noch einen Angriffspunkt: Die Medien
würden die Kleinstadt Mügeln mit böswilliger Absicht und gegen die Fakten als
„Hort des Rechtsextremismus“ darstellen, heißt es etwa im Artikel mit der aus-
sagekräftigen Überschrift „Von der Schlägerei im Bierzelt zur ‚Hetzjagd’“.22 Tat-
sächlich kreiert die Radikale Rechte einen Kausalzusammenhang zwischen der
Einschätzung des Vorfalls als „rechtsextrem“ und einer angeblichen Kollektiv-
schuld der Stadt Mügeln und aller ihrer Bürger. So unterliegt ihrer Argumentation
stets die absurde Behauptung, „die Mügelner“ (später auch die Ostdeutschen) seien
legitim als „rechtsextrem“ zu bezeichnen, wenn der Übergriff in Mügeln einen
„rechtsextremen“ oder „fremdenfeindlichen“ Hintergrund hatte. Deswegen gilt
der Umkehrschluss: Weil die Bürger Mügelns „anständig“ sind und nicht „rechts-
extrem“, dürfe man nicht von einem rechtsextremen oder fremdenfeindlichen Tat-
hintergrund sprechen. Gleichzeitig übernehmen die radikalen Rechten lautstark
die Rolle der Beschützer gegenüber den Mügelner Bürgern. Sie sprechen „die
Mügelner“ als Kollektiv an. Das Gleiche gilt für die Ostdeutschen – auf die die
Gruppe der Mügelner ausgedehnt wird und die im Verlauf der Debatte immer stär-
ker als die angeblich Diskriminierten von den Rechtsradikalen angesprochen wer-
den. Und schließlich wird die Brücke zu den „nationalen Deutschen“, den „wah-
ren Deutschen“, den radikalen Rechten selbst, die sich gegen böswillige Mächte,
Ausländer, Politik und Medien (gemeinsam) zur Wehr setzen müssen, geschlagen.
Dieser Dreischritt – „Mügelner“, „Ostdeutsche“, „nationale Deutsche“ – wird in
der Debatte über den „Fall Mügeln“ von den radikalen Rechten vorgegeben – und
von einigen anderen Akteuren zumindest teilweise mitgegangen. Er verspricht in
der konÁikthaften Auseinandersetzung ein (vermeintlich) bequemes „Deutsch-
sein“, das auf ostdeutsche Identitäten zurückgreift und sich kritikfrei jenseits von
bundesrepublikanischen Normvorstellungen positioniert.

21 Weiter werden in den Texten der Bombenanschlag in Düsseldorf und der Fall Ermays
M. genannt. Beim Fall Hohmann handelt es sich nicht um eine „Gewalttat“, sondern
um eine antisemitisch konnotierte Schuld-Debatte.
22 Junge Freiheit, 36/07, vom 31. August 2007: „Von der Schlägerei im Bierzelt zur
‚Hetzjagd’. Medien: Wie die Berichterstattung über den ‚Fall Mügeln’ die politische
Diskussion beeinflusst / ‚Leichtfertige Vorverurteilung’“ von Michael Paulwitz.
328 Britta Schellenberg

3.2 Der Bürgermeister und Stadtrat der Kleinstadt Mügeln

Auch der Bürgermeister (Deuse, FDP) und der Stadtrat Mügelns wollen nicht über
„Rechtsextremismus“ und „Fremdenfeindlichkeit“ reden. Dem Thema „Fremden-
feindlichkeit“ wird ausgewichen, das Thema „Rechtsextremismus“ ablehnend À-
xiert. Die lokale Politik thematisiert zunächst „allgemeine Gewalttätigkeit“ und
beÁügelt später Debatten über die mögliche (Mit)Schuld der Opfer an den Aus-
schreitungen. Erst spät, nach einschlägigen Gerichtsurteilen wird die Einstufung
„fremdenfeindlicher Tathintergrund“ akzeptiert.
Bezüglich des Rechtsextremismus wird juristisch versiert (wenngleich tatsach-
enfern) begründet, warum es sich nicht um „Rechtsextremismus“ handeln soll. Der
Begriff „Fremdenfeindlichkeit“ wird nur aufgegriffen, um jenen, die ihn thema-
tisieren, im Gegenzug vorzuwerfen, sie hegten Vorurteile gegen „die Mügelner“
und „die Ostdeutschen“. Tatsächlich schlage nicht „Ausländern“ Fremdenfeind-
lichkeit entgegen, sondern der (so deÀnierten) Eigengruppe. Der Bürgermeister
glaubt, „die Medien“, aber auch (Bundes-)Politiker, würden Mügeln kollektiv als
fremdenfeindlich und rechtsextrem „vorverurteilen“. Das vielfach gebrauchte
Wort „vorverurteilen“ unterstreicht die Annahme, Mügeln sei dann als Kollektiv
zu verurteilen, wenn es sich um einen fremdenfeindlichen oder rechtsextremen
Vorfall gehandelt habe. Das heißt im Umkehrschluss auch: wenn „die Inder“ den
Streit entfacht hätten, würde Mügeln zu Unrecht als rechtsextremes Städtchen dar-
gestellt. Tatsächlich wirbt der Bürgermeister bald für die Auffassung, „die Inder“
seien mindestens mitschuld an den Ausschreitungen.
Bürgermeister und Stadtrat verfügen über kein demokratisches Reaktionsre-
pertoire – heterogene Stimmen aus der Gemeinde (die es durchaus gab) werden
nicht gesammelt, eine kontroverse Debatte wird nicht zugelassen – stattdessen ver-
sucht der Bürgermeister, alleine die Deutungsmacht über den Vorfall zu erlangen
(kein Rechtsextremismus, keine Fremdenfeindlichkeit). Das gelingt ihm sogar in
seiner Kleinstadt, überzeugt Journalisten, Bundespolitiker und die Fraktionen im
Sächsischen Landtag jenseits der C DU allerdings nicht. Der Bürgermeister be-
klagt zunehmend, die mediale Berichterstattung sei unfair gegen seine Person und
die Stadt Mügeln – obwohl er medial sehr präsent ist. Aber er möchte als alleiniger
Deuter der „Wahrheit“ präsentiert werden und kann Heterogenität und Pluralismus
nicht akzeptieren (vgl. Schellenberg, 2015). Auch die Uneinheitlichkeit und Viel-
falt der Medien unterschätzt er, wenn er beispielsweise in der Presse bekundet,
„Lügenpresse“? 329

dass er die verletzten Inder im Krankenhaus besucht habe – und dabei beklagt,
dass die Medien dies nicht berichten würden.23
Doch er bringt auch Kritik gegen die Berichterstattung in die Debatte ein, die
stichhaltig ist und von verschiedenen Akteursgruppen (der Radikalen Rechten und
vorerst auch der Sächsischen Staatsregierung) aufgegriffen wird. Er unterstreicht
seine inzwischen erlangte Einschätzung, die Berichterstattung sei insgesamt ver-
logen, mit einem Beispiel: es werde von einer „Hetzjagd“ durch die Stadt gespro-
chen, obwohl die Strecke der Verfolgung nur etwa 30-50 Meter betrug. So sagt
er: „Mir schwillt der Kamm, wenn ich lese, die Inder seien durch die ganze Stadt
gehetzt worden. Dabei sind es von dem Festzelt bis zu der Pizzeria nur 30 Meter.“24
Die Teilkritik wird in der Debatte von nun an immer wieder artikuliert und dient
als Beleg für die mangelnde Glaubwürdigkeit der Medien (pars pro toto). Der
Bürgermeister zählt eine Reihe weiterer Gründe für die angebliche Fehldeutung
der Medien auf, u. a. Stursinn und Arroganz der Journalisten. Doch der schwerwie-
gendste Grund ist ein Vorwurf und betrifft die eigenen BeÀndlichkeiten: so wird
behauptet, „die (überregionalen) Medien“ würden Vorurteile gegen den Osten he-
gen und nur daher Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit thematisieren.
Die Position des Bürgermeisters verändert sich im Verlauf der Debatte deutlich:
von einer vornehmlich regressiven, auch hilÁos-autoritären Reaktion („es gibt kei-
ne Rechtsextremisten in Mügeln“, „wir sind anständig“) bewegt er sich hin zu einer
zunehmend rechtsradikalen Argumentation. Dies zeigt sich zum einen in der Aus-
weitung der scheinbaren Opfergruppe: nicht nur „die Mügelner“, sondern schnell
„die Ostdeutschen“ insgesamt und später dann „die (wahren/nationalen) Deut-
schen“ und „Deutschland“, werden zu Opfern der Berichterstattung erklärt. Auch
verschwörungstheoretische Annahmen werden formuliert: so wird unterstellt, „die
Medien“ beteiligten sich an einem verschwörerischen Anti-Rechts-Kampf, der tat-
sächliche Aufklärung verhindere. Besonders weit reichen die Äußerungen des
Bürgermeisters im Gespräch mit der rechtsradikalen Jungen Freiheit: er beklagt
eine „tiefe Kluft zwischen Medien und Volk“ und stimmt zu, dass es einen Mangel
an Meinungsfreiheit in der Bundesrepublik Deutschland gibt.25

23 Er wird mit der entsprechenden Klage u. a. in der Welt vom 23.08.2007 zitiert: „Warum
sich der Bürgermeister in Mügeln nach den Übergriffen auf Ausländer falsch verstan-
den fühlt. Hassbriefe aus aller Welt.“ Von Uta Keseling.
24 Focus-Online vom 22.08.2007: „Bürgermeister: ‚So was machen Mügelner nicht’“.
Von Iris Mayer.
25 Junge Freiheit, 36/07, vom 31. August 2007: „‚Ein neues Sebnitz’. Nach der Gewalt
in Mügeln steht der Ort am Pranger. Bürgermeister Gotthard Deuse kämpft für seine
Stadt.“ Interview mit Mügelns Bürgermeister Deuse von Moritz Schwarz.
330

Tabelle 3 Entwicklung der Problemanalyse der lokalen Politik


Phase 1 Phase 2
Problem Fall und Debatte Verursacher Ursache der Debatte / Argumentationsmuster Verursacher
/ ARGM (ARGM)

1. Falls es ein rechtsextre- 1. Rechts- Der Fall wird als rechtsextrem und/oder fremden- 1. Die Medien
mer Vorfall war, kommt extreme feindlich eingeordnet, ...
der Rechts-extremismus 2. Politiker/Politik, vor
von außerhalb Mügelns. 1. ... wegen Unaufrichtigkeit: Für eine gut verkauf- allem Linke, aber auch
bare Schlagzeile wird eine Stadt „geopfert“. weitgehend die gesamte
2. Bürgermeister und Stadt Bundespolitik (weil sie
Mügeln werden persön- 2. ... weil es Vorurteile gegen Ostdeutsche gibt. unter Druck steht).
lich verletzt, weil der 2. Medien
Vorfall als fremden- 3. ... weil „nationalstolze“ Deutsche weniger Rechte 3. Unbestimmte Kräfte/
feindlich und rechtsext- haben. Verschwörer, welche eine
rem debattiert wird. a) Deutsche Opfer zählen nicht so viel wie ausländi- Anti-Rechtsextremismus-
sche Opfer. Atmosphäre geschaffen
b) Es gibt keine Meinungsfreiheit, sondern Tabus. haben.
U. a. darf nicht über Ursachen rechtsextreme Ge-
walt geredet werden.
c) Es gibt eine Kluft zwischen Medien und deutschem
Volk.
Bedrohung der Stadtge- Bedrohung Bedrohung durch „Kapitalismus“ und „Unvölkische“. Bedrohung durch Personen,
meinde von außen. durch Perso- die nicht zur ethnisch-politi-
nen außerhalb schen Wir-Gruppe gehören
von Mügeln. oder ihre Interessen nicht
vertreten.
Britta Schellenberg
„Lügenpresse“? 331

3.3 Die Sächsische Staatsregierung

Während verschiedene sächsische Parteien die Themen „Rechtsextremismus“,


„Neonazismus“, „Fremdenfeindlichkeit“ und „Rassismus“ nach dem Vorfall in der
Kleinstadt intensiv diskutieren, bezieht die Sächsische Staatsregierung (CDU mit
kleinem SPD-Partner26) keine klare Stellung und vermeidet zunächst entsprechen-
de Diskussionen. Zwar pocht der Innenminister (Buttolo/C DU) auf das staatli-
che Gewaltmonopol und kritisiert, es dürfe nicht hingenommen werden, dass eine
Menge gegenüber einer kleineren Gruppe gewalttätig wird. Doch der Minister-
präsident (Milbradt/CDU), der Innenminister, der Justizminister und mit ihnen die
gesamte sächsische CDU-Fraktion reden im Zusammenhang mit dem Fall weder
von Rechtsextremismus noch von Fremdenfeindlichkeit, geschweige denn Rassis-
mus. Nur SPD-Politiker und die sächsische Ausländerbeauftragte (de Haas/CDU)
thematisieren kritisch, aber wenig hörbar, Fremdenfeindlichkeit.
Stattdessen wird von den einÁussreichen politischen Vertretern schnell jenen,
die Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit thematisieren, vorgeworfen, sie
unterstellten den Ostdeutschen zu Unrecht, sie seien fremdenfeindlich, gewalttätig
und rechtsextrem. Beklagt wird auch, der „Fall Mügeln“ werde durch die über-
regionale Presse (und die Bundespolitik) skandalisiert. Behauptet wird gar, dass
die öffentliche Debatte über den Vorfall für Zulauf bei den Rechtsextremen sorge.
Insbesondere die Medien werden zur Zielscheibe der Angriffe von Vertretern der
Sächsischen Staatsregierung. Die überregionale Presse brauche Skandale; proto-
typisch dafür stehe der „Fall Sebnitz“, der sich als gut verkaufbare Geschichte
erwiesen habe. Der immer wieder artikulierte Vorwurf lautet: die „überregiona-
le Presse“ verbreite die Auffassung eines fremdenfeindlichen Ostens, in dem es
an Zivilcourage mangele. Grund sei, dass die Journalisten ihre journalistische
SorgfaltspÁicht vernachlässigten und ihre Vorurteile bestätigen wollten. Fehlende
Orts- und Situationskenntnisse führten zu Betroffenheitsbekundungen. So würde
von einer „Hetzjagd durch die ganze Stadt“ gesprochen, obwohl es nur um eine
kleine Strecke ginge (vgl. Schellenberg, 2014).
Selbst auf die parlamentarischen Anfragen der NPD, die schnell den Fall für
sich zu nutzen versteht, wird lange nicht kritisch reagiert. Einer großen Anfrage
der extrem rechten Partei wird scheinbar mit möglichst wenig Arbeitsaufwand
geantwortet – die kargen Antworten zeigen auch, dass die Staatsregierung zu die-
sem Zeitpunkt kein Interesse verspürt, Anschuldigungen der rechtsextremen Par-
tei gegen Opfer, gegen Passanten-Zeugen, Politiker und Medien zu entkräften. So

26 Die CDU hatte 55 Sitze im Landtag, die SPD 13 Sitze. Die SPD stellte nur zwei Minis-
terien (Arbeit und Soziales sowie Wissenschaft und Kunst).
332 Britta Schellenberg

lässt sie auch den Vorwurf unwidersprochen, dass „die Medien“ Mügeln als eine
„durchgängig ausländerfeindlich(e)“ Stadt diffamierten. Sie gibt der NPD schein-
bar sogar recht, wenn diese im „Fall Mügeln“ die Diskriminierung von Deutschen
beklagt. Formuliert wird: „Die Sächsische Staatsregierung lehnt jede Vorverurtei-
lung sowohl gegenüber Deutschen als auch gegenüber Ausländern ab“ (Sächsi-
sches Staatministerium des Innern, 2007, Antwort auf Frage 137). Insgesamt prä-
sentiert sich die Staatsregierung immer wieder als Verteidigerin unbescholtener
Bürger gegenüber angeblich vorurteilsbeladenen Angriffen „der Medien“.

Tabelle 4 Problemanalyse der Sächsischen Staatsregierung (Phase 1)

Problem / Argumentationsmuster Verursacher

Es handelte sich um allgemeine Gewalttätigkeit. Unklar.


Sie ist prinzipiell zu verurteilen (normative Aussage).

Die Debatte ist ein Problem. Medien

1. Die Debatte ist hysterisch und falsch, weil Bundespolitiker


a) ein fremdenfeindlicher und rechtsextremer Hintergrund nicht er-
wiesen ist.
b) es tatsächlich eine „Hetzjagd auf Mügeln und die Mügelner“ gibt. Westdeutsche

2. Die Debatte ist vorurteilsbeladen gegen Ostdeutsche, weil


a) Ostdeutschen ohne ausreichende Beweise „Ausländerfeindlichkeit“
und Rechtsextremismus unterstellt wird.
b) Westdeutsche sich fremdenfeindlich gegenüber Ostdeutschen
äußern.

Eine Verschiebung in der Argumentation der Staatsregierung (C DU) Àndet erst


statt, als die öffentliche Debatte anhält, als u. a. auch die indische Botschaft und
die Bundesregierung kritische Nachfragen stellen und die NPD schließlich eine
parlamentarische Auseinandersetzung (Landtagsdebatte) erzwingt. Die C DU/
Staatsregierung redet nun über den Nationalsozialismus, der in der Gegenwart
dazu führe, dass es immer wieder Verdachtsmomente gebe. Die Verantwortung
für die als problematisch wahrgenommene Debatte über den „Fall Mügeln“ wird
der NPD zugeschoben. Fremdenfeindlichkeit wird lediglich von der Ausländer-
beauftragten angesprochen. Die NPD stattdessen wird als Gefahr ausgemacht: sie
wird als Erbin des Nationalsozialismus, prinzipielle Initiatorin von Gewalt und
als verfassungsfeindlich dargestellt. Ansonsten werden weiterhin BeÀndlichkeiten
angesprochen, die sich auf die Debatte über den Vorfall und das Thema „Rechtsex-
„Lügenpresse“? 333

tremismus im Osten“ beziehen. Immer noch wird unterstellt, es würden vor allem
Vorurteile zu einer heftigen Debatte geführt haben, allerdings werden jetzt selbst
diese auch mit der NPD verknüpft: „reÁexhafte Pauschalverdächtigung“ gegen
Deutsche und „unfaire Kampagnen gegen ganze Bundesländer“ existieren, weil
„die Vorbilder der NPD die größten Verbrechen begingen“ (Sächsischer Landtag,
2007, S. 7841).
Die Staatsregierung betreibt vor allem politische Schadensbegrenzung: insge-
samt ist die Positionierung der CDU nun geleitet von einer deutlichen Abgrenzung
gegenüber der NPD, und gleichzeitig gegenüber Linksextremisten, dem Tribut an
die lokale Bevölkerung (durch die Betonung deren Opferwerdens), anhaltender
Medienkritik, wenngleich nun leicht verändert nur noch gegen „Teile der Me-
dien“ – und eines explizites Pochen auf den demokratischen Rechtsstaat (Lynch-
justiz27 werde nicht akzeptiert). Mit dieser Debatte entsteht die merkwürdige Si-
tuation, dass die CDU, statt Rechtsextremismus und Rassismus zu thematisieren,
über Linksextremismus redet, die (bzw. Teile der) Medien kritisiert und die NPD
attackiert.

27 Die Verwendung des Begriffs „Lynchjustiz“ legt ein Fehlverhalten auch der Opfer
nahe.
334 Britta Schellenberg

Tabelle 5 Problemanalyse der Sächsischen Staatsregierung (Phase 2)

Problem / Argumentationsmuster Gefahr „Extremismus“ Verursacher


für die Demokratie / ARGM
Der Fall ist ... weil 1. Die Schlägertrupps der NPD NPD
problematisch die NPD ihn zu verant- sind für Gewaltorgien wie in
worten hat. Mügeln verantwortlich.

(Nur Ausländer- 2. Die NPD ist verfassungs-


beauftragte: feindlich.
... weil in der Bevöl-
kerung Fremdenfeind-
lichkeit u. Mangel
an Zivilcourage
herrscht.)
Die Debatte ... weil die NPD sie 1. Die NPD behauptet, dass
ist problema- nutzt. die Inder, weil sie an dem
tisch Ausgang des Übergriffs
(mit-)schuld waren, gelyncht
werden dürfen.
2. Die NPD argumentiert ver-
fassungsfeindlich.
... weil Linksextremis- 1. Die Linksextremisten Links-
ten die Bevölkerung bekämpfen nicht Rechts- extremisten
verunsichern und extremismus, sondern die
verängstigen. sächsische Bevölkerung.
2. Sie stellen eine Bedrohung
dar, weil sie Eigentum ver-
wüsten.
3. Sie sind verfassungsfeindlich.
... weil sie hysterisch Die Medien führen falsche (Teile der)
und vorurteilsbeladen Debatten, verurteilen pauschal Medien
geführt wird. und gefährden deshalb die
Demokratie.*
* Sind sie also auch „extremistisch“?
„Lügenpresse“? 335

4 Fazit

Problematische Muster der Berichterstattung waren: Pauschalisierende und stark


vereinfachende Titel, Überschriften und Stichworte wie „Rechtsextremismus“ und
„Mügeln“, die den Medien den Vorwurf einbrachten, sie würden unberechtigte
Rechtsextremismus-Debatten führen und eine Stadt kriminalisieren. Tatsächlich
sind die Inhalte der Berichte differenzierter.
Die Ost-West-BeÀndlichkeiten überlagerten die Berichterstattung: Viele Jour-
nalisten verorteten die Probleme vor allem in Ostdeutschland. Dies behinderte
zum einen eine reÁektierte Auseinandersetzung (der westdeutschen und der ost-
deutschen Rezipienten, der Journalisten). Zum anderen konnten die Kritiker der
Medien den Vorwurf, Ostdeutsche würden diskriminiert für die eigene Argumen-
tation und ihre ideologischen Ziele nutzen.
Besonders problematisch ist, dass Nachrichten von Ermittlungsbehörden und
anderen Journalisten häuÀg wiedergeben wurden, ohne dass ihre Richtigkeit oder
Aussagekraft kritisch geprüft, reÁektiert und eingeordnet wurde. Zudem wurde
nicht kontinuierlich und nachhaltig berichtet. Das hatte zur Folge, dass ein feh-
lerhaftes Bild der Entwicklung des Rassismus und Neonazismus entstand. Wenig
hilfreich war zudem, dass zunächst die Täter häuÀg dämonisiert wurden und so-
lange „Neonazis“ als Täter diskutiert wurden, keine inhaltliche Auseinanderset-
zung (Ursachensuche oder Lösungsstrategien) stattfand. Nachdenklich muss auch
stimmen, dass sich das Thema vor allem aufgrund anhaltender (emotionaler) Kon-
Áikthaftigkeit (und der hierüber ausgetragenen Ost-West-BeÀndlichkeiten) – jen-
seits eines sachlichen Aufklärungsziels – in den Medien hielt.
Nichtsdestotrotz muss festgehalten werden, dass die mediale Berichterstattung
durchaus positive Effekte hatte. Ihr kam, weil sie Informationen öffentlich machte,
die sonst nicht bekannt geworden wären, eine herausragende Rolle für die Wahr-
nehmung der Probleme zu. Indem Medien ein Sprachrohr auch der Zeugen waren
und externe Akteure integrierten (u. a. indische Botschaft, Wirtschaftsvertreter),
haben sie den politischen Druck auf die Zuständigen erhöht und jenen, die den Fall
zielführend bearbeiten wollten (etwa Amtsrichter, Opferanwälte, Opferberatung,
Mobile Beratung, auch einzelne Bürger), Rückhalt verschafft. Ohne diese Akteure
wäre der „Fall Mügeln“ vermutlich tatsächlich ein „zweites Sebnitz“ geworden –
d. h., man hätte weder einen extrem rechten noch rassistischen Tathintergrund be-
legen können.
Die Kritiker der medialen Berichterstattung zeichneten sich dadurch aus, dass
sie prinzipiell die Thematisierung von „Rechtsextremismus“ und „fremdenfeind-
licher/ rassistischer Gewalt“ ablehnten. Die radikalen Rechten, aber auch lokale
Politik und m.E. die Sächsische Staatsregierung (C DU) behaupteten, dass sich
336 Britta Schellenberg

die Berichterstattung nicht an „objektiven Gegebenheiten“ orientiere, sondern


„falsch“, „hysterisch“, „vorurteilsgeleitet“ oder gar „böswillig“ sei. Durch den Ver-
weis auf einzelne problematische Muster stellten diese Kritiker die Glaubwürdig-
keit der Medienberichterstattung insgesamt in Frage.
Tatsächlich hat die Kritik an der öffentlichen Debatte über den „Fall Mügeln“
darüber hinaus auch gesellschaftliche Fehlentwicklungen begünstigt: Die Ent-
wicklungen der Debatte (u. a. Veränderung der Position des Bürgermeisters hin
zu radikal rechten Argumentationsmustern) und vor Ort (Explosion der neona-
zistischen Gewalt, Einzug der NPD in den Stadtrat) zeigen, dass die Fehlinfor-
mationen durch staatliche Zuständige sowie die negativen Zuschreibungen gegen
„die Medien“ und die (Bundes-)Politik zu einer schleichenden Entfremdung von
bundesdeutschen Normvorstellungen führten. Die pauschale Medienkritik gepaart
mit Abwehrreaktionen und Zuschreibungen (insbesondere Ost-West-BeÀndlich-
keiten) hat eine Brücke zu rechtsradikalen Verschwörungstheorien und Gedanken-
welten geschlagen. Diese ideologischen Entwicklungen dürfen in ihrer Dynamik
nicht unterschätzt werden – sie haben heute ihren Anteil an den demokratischen
Adaptionsproblemen der Pegida-Anhänger in der sächsischen Großstadt Dresden,
unweit von Mügeln, inklusive ihrer „Lügenpresse“-Rufe.
Wissenschaftler haben sich der Berichterstattung über „Rechtsextremismus“
und „fremdenfeindliche Gewalt“ in der Vergangenheit vor allem kritisch genä-
hert, ohne die Stärken der medialen Berichterstattung herauszuarbeiten. Kritisiert
wurde etwa, dass die Berichterstattung Nachahmungseffekte auslösen würde, dass
sie recht zufällig wäre und realitätsfremd sei – begründet wurde dies mit dem
Verweis auf die amtliche Kriminalstatistik, die unkritisch zur Grundlage einer
wirklichkeitsnahen Einschätzung erklärt wurde (vgl. Brosius & Esser 1995; Esser,
Sche