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Politische und Pädagogische Anforderungen an die Erziehung

Texte zur Unterrichtsreihe im Pädagogik-Grundkurs des 13. Jahrgang

Politische und Pädagogische Anforderungen an die Erziehung

Text 1:

J. Heydorn: Über den Widerspruch von Bildung und Herrschaft, Frankfurt 1979, S. 9 ff.

Erziehung ist das uralte Geschäft des Menschen, Vorbereitung auf das, was die Gesellschaft für ihn bestimmt hat, fensterloser Gang. … Mit der Erziehung geht der Mensch seinen Gang durch das Zuchthaus der Geschichte. Er kann ihm nicht erlassen werden. Im Begriff der Erziehung ist die Zucht schon enthalten, sind Einfügung, Unterwerfung, Herrschaft des Menschen über den Menschen eingeschlossen, bewußtloses Erleiden. Die Erziehungsgeschichte gewinnt erst dort ihren Inhalt, wo sie sich selber als die Geschichte einer notwendigen Askese faßt, transzendierende Zwecke begreift, für die es notwendig war, daß wir uns gequält haben, Individuum und Geschlecht, um der Härte teilhaftig zu werden, derer es für ihre Durchsetzung bedarf. Mit dem Begriff der Bildung wird die Antithese zum Erziehungsprozeß entworfen; sie bleibt zunächst unvermittelt. Erziehung ist verhängt; der Versuch ihrer anonymen Verhängung weist auf ein entscheidendes Problem der industrie-kapitalistischen Verfassung. Bildung dagegen begreift sich als entbundene Selbsttätigkeit, als schon vollzogene Emanzipation. Mit ihr begreift sich der Mensch als sein eigener Urheber, versteht er, daß ihm die Ketten, die das Fleisch aufschneiden, von Menschen angelegt sind, daß es eine Aussicht gibt, sie zu zerreißen. Bildung ist eine neue, geistige Geburt, kein naturalistischer Akt; mit ihr muß sich der Mensch noch einmal über sein Bewußtsein einholen, sich selbst repetieren. Um sich als unangebrochene Zukunft zu erfahren, muß er durchlaufene Stadien noch einmal durchlaufen. … Die Gesellschaft sucht den Menschen für bestimmte, klar definierbare Zwecke zu begaben, die sich aus ihrem Interesse, einer gegebenen Machtlage, dem Entwicklungsstand ihrer Produktivkräfte ergeben. Sie begabt ihn nicht als Menschen, sondern immer nur partiell, sie bedarf seiner nur als Bruchstück. Der Rest mag im Dunkeln bleiben oder von alten Göttern gefressen werden. … Die Institution, die die Gesellschaft auf ihrem Weg erzeugt, um das notwendige Wissen und seine Vermittlung zu organisieren, gleicht einem halb säkularisiertem Tempel; sie bewahrt dessen Funktion als Instrument der Herrschaft, wird schließlich zum entscheidenden Instrument. … Das Verhältnis der Abhängigkeit jedoch, mit dem Bildung erst möglich wird, der zweckgebundene rationale Verkehr, die neue, notwendig gewordene Form der Dienstleistung, bewirken einen emanzipatorischen Vorgang von folgenreicher Konsequenz. Nur über diese erste Verdingung vermag sich die Bildung zu fassen; sie macht Bildung überhaupt erst möglich. Indem Bildung ihrer selbst habhaft wird, gewinnt sie ihre eigene Qualität, ihre Bestimmung als geschichtliche Kraft eigenen Antriebs; sie kehrt das gesellschaftliche Verhältnis um. Als Instrument gedacht, mittels dessen die Gesellschaft ihren Interessen wirksamer dienen kann, sich zu verewigen glaubt, gewinnt sie über diese ihre Determination ihre Freiheit.

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Text 2:

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Peter Villaume: "Ob und inwiefern bei der Erziehung die Vollkommenheit des einzelnen Menschen seiner Brauchbarkeit aufzuopfern sei?",

1792

Beide, der Mensch und die Gesellschaft, haben ihre Rechte; ersterer auf innere Vortrefflichkeit und Veredlung, diese auf Brauchbarkeit. Da aber diese Recht in Widerspruch gegen einander kommen, so müssen sie beiderseits beschränkt werden. Man muß aber keines ganz aufopfern; es wäre tyrannische Barbarei von Seiten der Gesellschaft, und Undank von Seiten des Einzelnen - ein Undank, der, wenn er allgemein würde, den Umsturz der Gesellschaft, und mithin die Vernichtung jeder ferneren und künftigen Veredlung nach sich zöge. Sieht man bloß auf Brauchbarkeit, so wird man gegen zahlreiche Klassen der Menschen ungerecht. Hat man bloß die Veredlung des Einzelnen vor Augen, so tut man allen den größten Schaden, weil man die Bande der Gesellschaft, durch welche allein der Mensch veredelt werden kann, auflöst. Zum großen Glücke hat uns die Natur einen großen Teil der Verlegenheit erspart, in welche wir geraten würden, wenn alle Menschen vermöge ihrer angeborenen Kräfte, auf höhere Veredlung Anspruch machen könnten. Sie hat wirkliche eine beträchtliche Anzahl derselben auf Mittelmäßigkeit angewiesen und eingeschränkt. Von der anderen Seite erfordert mehrenteils die Brauchbarkeit, in den verschiedenen Verhältnissen, in welche die Menschen verwickelt sind, einen gewissen Grad von Veredlung. Durch diese Betrachtungen kommen Brauchbarkeit und mögliche Veredlung etwas näher zusammen, als sie vorhin zu stehen schienen. Es ist aber ausgemacht, daß jedes Individuum des Menschengeschlechts einer größeren Vollkommenheit fähig ist, als wozu die Mehrsten gelangen. Dies muß man nie aus den Augen lassen. Noch ist es ausgemacht, daß die Brauchbarkeit des Menschen nicht auf einen Punkt eingeschränkt werden muß; wie etwa die des Zugviehs - welches nur auf eine Art dienen kann; nämlich, indem es den Karren zieht. Der Ackermann, der Holzhacker sind nicht bloß Ackermann und Holzhacker; sie sind noch Ehegatten, Väter, Bürger; sie haben Freunde, denen sie in der Not mit Hilfe, und in der Verlegenheit mit Rat beistehen können. Dazu muß man sie bilden; und das pflegt selten zu geschehen. Gemeinlich ist ihre Erziehung nur auf die Staats- und kirchliche Politik eingerichtet. Der Staat sorgt nur dafür, daß sie diese oder jene Arbeit erlernen…

Text 3:

Christian G. Salzmann: "Ameisenbüchlein", 1806

Nach meiner Meinung ist Erziehung: Entwicklung und Übung der jugendlichen Kräfte. Erzieht man das Kind zum Menschen, so werden alle seine Kräfte entwickelt und geübt; erzieht man es aber für ein gewisses Geschäft, so hält man es oft für nötig, daß man nur diejenigen, die zur Verrichtung desselben erforderlich sind, in Tätigkeit setze, und andere, die der Wirksamkeit derselben nachteilig sein können, schlummern lasse oder gar lähme, so wie man den Stier entmannt, der zum Zuge bestimmt ist.

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Text 4:

Friedrich Gabriel Resewitz: "Die Erziehung des Bürgers", 1787

Ich versetze mich oft in die Mitte meines europäischen Vaterlandes … und sehe mit einer Art der Wollust die mannigfaltigen Beschäftigungen aller Stände; wie sie Alle in ihrer großen Verschiedenheit auf das allgemeine Wohl zutreffen, alle dazu beitragen, Vergnügen, Wohlstand und den angenehmen Genuß des Lebens durch alle Glieder zu verbreiten … Zugleich aber kann ich es nicht ohne Erstaunen wahrnehmen, daß man bei aller Aufklärung, die sich jetzt in verschiedenen Graden äußert, und bei allem Bestreben, die Tätigkeit der Menschen für das Nützliche zu vermehren, doch so wenig Aufmerksamkeit darauf richtet, dem Verstande der Menschen für die gemeinnützigsten Geschäfte zu Hilfe zu kommen, und die Jugend im Voraus zu demjenigen zu bilden und zu bereiten, wodurch sie einst, als Bürger, durch ihre Geschäftigkeit sich selbst und dem gemeinen Wesen brauchbar werden soll. Unter so vielen öffentlichen Erziehungsanstalten ist mir keine bekannt, welche die bestimmte Absicht hätte, den Geist der jungen Bürger mit solchen Kenntnissen zu nähren, die auf das künftige bürgerliche Leben Einfluß haben; und ihn mit dem reichen Stoffe der Natur bekannt zu machen, welcher durch mannigfaltige Kunst und durch die Behandlung der menschlichen Geschäftigkeit erst zu der Nutzbarkeit erhoben werden soll, die er in der bürgerlichen Verfassung zum allgemeinen und besonderen Besten haben kann … Für den niederen Stand hat man wohl Schulen, wo ihm die Religion eingebläuet wird und er kümmerlich lesen und schreiben lernet, zu seinem bevorstehenden bürgerlichen Leben aber … bekommt er gar keine Anweisung. Der bessere und gesittete Stand hingegen … muß sich entweder gelehrt erziehen lassen, um einst das mühsam erlernte, weil er es nicht brauchen kann, zu vergessen, oder er muß roh und unbereitet die Geschäfte selbst antreten. … Schulen zur Erziehung des Gelehrten sind genug da; auch Schulen zur Erziehung des Soldaten, aber keine Schulen zur Erziehung des erwerbenden, des durch mannigfaltige Geschäftigkeit den Staat erhaltenden Bürgers. … Der Ackermann, der Landwirt, der Kaufmann, der Handwerker und Künstler, durch deren Kopf und Hände die ganze Gesellschaft erhalten wird, treten in ihr Geschäft ohne Vorbereitung, ohne vorläufige Kenntnis der Hilfsmittel, die zu ihrem Gewerbe vorhanden sind, ohne Kenntnis des mannigfaltigen Stoffes, den sie künftig behandeln sollen … Würden aber die nützlichen Kenntnisse, welche in allen Teilen gelehrter Wissenschaften vorhanden und jetzt nur das Eigentum weniger sind, unter die geschäftigen Stände der Bürger verbreitet, und nach der Verschiedenheit ihrer künftigen Bestimmung, so unter sie verteilt, daß sie die Beschaffenheit, Benutzung und Anwendung dessen zum voraus kennenlernten, was ihren Verstand zur Betreibung ihres besonderen Gewerbes aufklären kann, so würden dadurch alte, schädliche Vorurteile allgemach ausgerottet, der Geist der Nation erwecket und zu nützlichen Unternehmungen und Verbesserungen genährt, den Talenten eine bessere Richtung und Entwicklung mitgeteilt, und jeder geschäftige Bürger zu dem, worauf er sich legen will, tauglicher und geschickter, folglich auch betriebsamer gemacht, als er es ohne diese Hilfe je werden kann. Besteht nun der allgemeine Wohlstand der Nation in der Güte und dem Wohlstande der besondern, vornehmlich der geschäftigen Stände, so müßte auch der Erfolg für das allgemeine Beste groß und wichtig sein, welcher aus einer solchen zweckmäßigen Leitung der Genies und Talente bei einer Nation zu erwarten stünde. Regenten und Fürsten bemerken es nun, … daß die zweckmäßige Erziehung mit der Beförderung des Gewerbes, und diese wieder mit dem

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allgemeinen Besten in einem unauflöslichen Zusammenhange stehe, und eins nur durch das andere bewirkt werden könne. … Es ist auch nicht das Werk eines Kopfes, eines Regenten, oder einer heißen Begeisterung, diese Vollkommenheit zu bewirken. … Es müssen Köpfe da sein, die den Wert der Arbeitsamkeit und zugleich die allgemeine Fassung des menschlichen Verstandes kennen, daß sie zu sagen wissen: Dies und Das ist für den Bürger brauchbar, und so und so muß es ihm beigebracht werden. … Es muß endlich eine gute Polizei dasein, welche die Tüchtigen und Brauchbaren nicht verrosten und verkommen läßt, sondern sie in Tätigkeit zu bringen und für das Ganze nützlich zu machen weiß. Dies ist nicht das Werk eines Tages, einer Verordnung, eines aufs Geradewohl hingeworfenen Instituts: es ist das Werk einer langen, anhaltenden und in alle Teile greifenden Operation; die Maschine ist vielfach zusammengesetzt, alle Räder müssen ihr Spiel haben, und das Triebwerk beständig nachgesehn und nachgeholfen werden, wenn die abgezweckte Wirkung erfolgen, wahrer Gewinn für das Ganze entstehen soll.

Text 5:

Immanuel Kant: "Was ist Aufklärung"

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist dies Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Text 6:

Wörterbuch der Geschichte (dtv): "Aufklärung"

Die Aufklärung ist durch pädagogischen Enthusiasmus ausgezeichnet. Durch Erziehung zu naturgemäßer Lebensweise, durch gesteigerte Geistesbildung soll das sittliche und soziale Wohl sowohl des Einzelnen wie der Gesamtheit gefördert werden und die Glückseligkeit der Menschheit erreicht werden (Wohlfahrtsstaat des Aufgeklärten Absolutismus). In den pädagogischen Bemühungen der Aufklärung (Basedow, Campe, Rousseau, Pestalozzi) verbinden sich Fortschrittsglaube, Vernunftoptimismus, Glaube an die Organisierbarkeit und Planbarkeit gesellschaftlichen Lebens. Daraus folgen die Bemühungen um die Volks- und Realschulen, Industrieschulen, Bildung der Erwachsenen, auch der Frauen.

Text 7:

Immanuel Kant: "Über Pädagogik"

Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht. … Es liegen viele Keime in der Menschheit, und nun ist es unsere Sache, die Naturanlagen proportionierlich zu entwickeln und die Menschheit aus ihren Keimen zu entfalten und zu machen, daß der Mensch seine Bestimmung erreiche. … Soviel aber ist gewiß, daß nicht einzelne Menschen, bei aller Bildung ihrer Zöglinge, es dahin bringen können, daß dieselben ihre Bestimmung erreichen. Nicht einzelne Menschen, sondern die Menschengattung soll dahin gelangen…

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Text 8:

Heinrich Philipp Sextroh: "Über die Bildung der Jugend zur Industrie", 1785

Almosen ohne Arbeit an Dürftige, Bejahrte, Halbkranke, Gebrechliche - die aber noch arbeiten können, es sei wie oder wann - befördern Trägheit. In den Schulen wird Bestimmung zur Arbeit gelehrt, aber wie unvollständig an sich, und wie mangelhaft und unrichtig in der Absicht der Anwendung! Die wahre Bestimmung des Menschen zu ewig steigender Arbeit oder Wirksamkeit … wird gar nicht gelehrt, oder nicht auf eine populäre, gemeinfaßliche, angemessene und lebendige Manier, wie in und aus einem Katechismus der Menschenbestimmung und Industrie für das Volk. … Man lehrt die Kinder die Verpflichtung zur Arbeit, auch die Maximen des Christentums, die zum beständigen Fleiß und zur Arbeitsamkeit erwecken, werden wiederholt und mit Nachdruck eingeschärft: aber an unmittelbare Anführung zu solchem Fleiß oder zu solcher Arbeitsamkeit denkt keiner. … Kein Almosen, keine Unterstützung an den, der auf diese oder jene Art noch im Stande ist, etwas zu arbeiten, ohne hinreichenden Beweis von seiner Arbeit oder Kraftanstrengung. "Wer nicht arbeiten will, soll nicht mitessen!" … Nach diesem Grundsatze dürfte keine Pension ohne Beweis des gemeinnützigen Fleißes nach dem Maß der Kräfte ausgeteilt werden. (Über den Unterschied von Fleiß und Industrie:) So setzt sich der fleißige Weber nach vollbrachtem Pensum des Tages, besonders, wenn er gar noch eine Elle mehr gemacht hat, in seinen Lehnstuhl und - ruhet. Der industrieöse Weber, der auch so viele, und wohl noch 2 Ellen mehr gemacht hat, gehet vom Weberstuhl gleich zu einem häuslichen Geschäfte, oder flicht eine Schnur, bessert oder künstelt an einer Spule, oder unterrichtet und hilft seinen Kindern im Abwickeln und dergleichen. … Der Fleiß tut sein Werk nach der Ordnung in bestimmter Zeit, wie er 's gelernt hat, glaubt auch wohl, dies Zeitmaß sei durchaus notwendig, braucht für seinen Genuß und Schlaf eine gewisse Anzahl Stunden, und hält Anweisungen zur Zeitkürzung und Ersparung in einzelnen Fällen, oder zur Zeitökonomie überhaupt bald für ein der vermeintlichen Güte seines Werks, oder gar der Dauer seiner Existenz nachteiliges Projekt. Die Industrie verrichtet das nämliche Werk von gleicher Güte durch schnellere Kraftanwendung in ungleich kürzerer Zeit, oder wirkt in einer bestimmten Anzahl Tage oder Stunden, wohl noch einmal oder gar 2, 3-mal so viel, als jener, weiß in jedem Fall die Zeit zum Genuß und Schlaf nach den Umständen zu kürzen, zu versetzen usw. und freuet sich jeder Zeitersparnis zum neuen Geschäfte, und bringt in jeder Rücksicht in einem oder mehreren Jahren in der Hauptsache, wie in andern nützlichen Nebengeschäften 10, 20, 30-mal mehr zu Stande als der Fleiß. … Industrie also sucht hervor, breitet aus, bildet, schafft, regelt, veredelt, will immer vorwärts - der schaffenden, bildenden, zerstörenden und wieder bildenden Natur nach. Der Fleiß nutzt nur, was er kann, nach seinem ererbten hölzernen Maßstabe, mit dem ehrlichsten Glauben, daß er nicht mehr könne, und daß kein anderer Maßstab in der Welt sei. … Ein Knabe, ein Mädchen, die erst im 14. Jahre zur Industrie angehalten werden, werden nie halb so viel leisten, als zwei Kinder, die jenen an Fähigkeiten und Körperkräften gleich, aber vom 6. Jahre an schon zur Industrie gebildet worden sind. … Andre bekannte Gründe für die Notwendigkeit einer frühzeitigen Bildung zur Industrie will ich nicht anführen. … (im folgenden plädiert Sextroh dann für die Einrichtung von Arbeitsschulen, in denen der übliche Schulunterricht sich ohne Zeitverlust wechselt mit Arbeitsstunden, in denen die

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Kinder die beruflichen Qualifikationen für leichte Manufaktur und Handwerksarbeiten vermittelt bekommen. Die Schule ist als Ganztagsschule konzipiert, für den Umgang mit den Kindern verlangt Sextroh u.a.:) Genaue Disziplin, möglichste Stille und scharfe Subordination, Reinlichkeit und Accuratesse wird, auch mit Hilfe des Schulmeisters, durch allerlei Mittel der Vorsicht und Klugheit, mit Güte und Strenge, erhalten. Eigentliche Muße oder Plauderei wird keinen Augenblick geduldet.

Text 9:

Trapp: "Von der Notwendigkeit öffentlicher Schulen und von ihrem Verhältnis zu Staat und Kirche", 1792

Bedarf es öffentlicher, d.h. auf Kosten des Staates zu errichtender, unter Aufsicht des Staats stehender Lehranstalten? … Die Gewalthaber sind Menschen: was ist natürlicher, als daß sie, so wie allen menschlichen Schwächen, auch der unterworfen sind, daß sie die öffentliche Macht, die ihnen zu ganz anderen Zwecken verliehen wurden, zu Beförderung ihrer Privatinteressen mißbrauchen, daß sie sich als Herrn des Staats ansehen, dessen machttragende Diener sie sind? Was läßt sich ihrer immer wachsenden, immer weiter greifenden Ehr- und Herrschsucht noch entgegenstellen, wenn sie auch den Schulen vorschreiben dürfen, was und wie diese lehren sollen? Der erste Glaubensartikel, den sie predigen lassen muß der sein: Daß man allen Gewalthabern unbedingten Gehorsam schuldig sei; darnach richtet sich dann alles übrige. So müssen die Schulen, anstatt die Vernunft zu pflegen, sie im Kein ersticken, und jedes neue Menschengeschlecht zu der alten Sklaverei einweihen. Daß dem so sei, lehrt die Geschichte, und -leider! - auch die tägliche Erfahrung. (Ob dabei die Schulen staatlicher oder kirchlicher Kontrolle unterstehen, ist für Trapp einerlei:) Staat und Kirche sind wie Mann und Frau; sie haben ein gemeinschaftliches Interesse, das sie gemeinschaftlich gegen jeden verteidigen, der dem einen oder der anderen zu nahe kommen will. Wenn sie gleich wegen der Oberherrschaft manchmal sich selbst einander in die Haare fliegen: so gewinnt doch ein Dritter, der mit ihm oder ihr Händel anfängt, nichts dabei; denn er will keinem von beiden das einräumen, warum sich beide streiten, den Gebrauch der Macht in Sachen der Vernunft, und darum sind ihm beide feind. … So lange die Vernunft nicht öffentlich zum höchsten Richter und Gesetzgeber in der Theologie wie in der Politik, in der Sittenlehre und im Rechte erklärt wird, behalten Herrschsucht, Raubgier, Unterdrückung, Eingriff in angeborene Menschenrechte freies Spiel, und die schrecklichen Auftritte, wovon die Geschichte voll ist, müssen von Zeit zu Zeit erneuert werden. Wenn einige Schulen anfangen, der Vernunft mehr als gewöhnlich einzuräumen, so haben sie doch keine Befugnis dazu. Es wird ihnen dabei von verständigen Scholarchen durch die Finger gesehen, so lange die herrschende Kirche schläft. Sobald aber diese, ermuntert ihr Recht geltend macht, und die mit ihr im Bunde stehende Staatsmacht auffordert, dem Unfuge zu steuern, so müssen die Schulen gehorchen und allen Verbesserungen der Lehrart, die auf den Grund gehen, d.h. wobei die Vernunft in Freiheit gesetzt und die Entwicklung der jugendlichen Vernunft zum ersten Grundgesetz gemacht wird, entsagen. Sonach können öffentliche Schulen nie großen Einfluß haben auf das Eine, das Not ist, auf die Erhebung der Menschheit von vernunftfähigen zu vernünftig handelnden Geschöpfen, auf das, was dazu unumgänglich erfordert wird, Reinigung der Religion, der Politik, des Rechts und der Sittenlehre von allem, was sie bisher Vernunftwidriges enthalten und lehren. …

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Text 10:

Wilhelm von Humboldt: "Über Goethes Hermann und Dorothea " (1798)

Das Übergewicht der Kultur gibt unserer ganzen Lebensart eine gewissermaßen unnatürliche und künstliche Gestalt und einen ähnlichen Charakter tragen auch die Begebenheiten unserer Zeit an sich. Da sie eine Menge neuer Bedürfnisse weckt und vor allem darauf ausgeht, die möglichst große Zahl der Zwecke mit dem möglichst kleinen Aufwande von Mitteln zu erreichen, so hat sie zwischen die Kraft des Menschen und das Werk, das er dadurch hervorbringt eine Menge von Werkzeugen und Mittelgliedern gesetzt, vermöge derer ein einziger mit geringerer Anstrengung eine große Masse bewegen kann. Der Mensch erscheint also seltener als die einzige Ursache einer Begebenheit und noch seltener als unmittelbare. Er handelt nicht allein oder nicht frei oder wenigstens nicht selbst und geradezu. Das Zusammenwirken der Menschen und Ereignisse ist so vielfach und mächtig geworden, daß wir weit öfter den Zufall - das Zusammentreffen kleiner, für sich nicht bemerkbarer Umstände - als den Entschluß einzelner herrschen sehen; die Ausführung der außerordentlichsten Unternehmungen hängt mehr von der klugen Berechnung der Umstände und einer geschickten Anlegung des Plans als von der Kraft und dem Mut des Charakters ab. Der reine Mensch für sich vermag nur wenig mehr über den Menschen und nichts über den Haufen; er muß immer durch Massen handeln, sich immer in eine Maschine verwandeln … Dadurch ist ein großer Charakter überhaupt oder doch wenigsten die Stimmung seltener geworden, ihn in Andern zu finden oder ihn sich selbst zuzutrauen.

Text 11:

Wilhelm von Humboldt: "Über öffentliche Staatserziehung " (1792)

Gewiß ist es wohltätig, wenn die Verhältnisse des Menschen und des Bürgers soviel als möglich zusammenfallen; es bleibt dies doch nur alsdann, wenn das des Bürgers so wenig eigentümliche Eigenschaften fordert, daß sich die natürliche Gestalt des Menschen, ohne etwas aufzuopfern, erhalten kann - gleichsam als das Ziel, wohin alle Ideen, die ich in dieser Untersuchung zu entwickeln wage, allein hinstreben. Ganz und gar aber hört es auf, heilsam zu sein, wenn der Mensch dem Bürger geopfert wird … Daher müßte, meiner Meinung zufolge, die freieste, so wenig als möglich schon auf die bürgerlichen Verhältnisse gerichtete Bildung des Menschen überall vorangehen. Der so gebildete Mensch müßte dann in den Staat treten, und die Verfassung des Staates sich gleichsam an ihm prüfen. Nur bei einem solchen Kampfe würde ich wahre Verbesserung der Verfassung durch die Nation mit Gewißheit erhoffen … Überhaupt soll die Erziehung nur, ohne Rücksicht auf bestimmte, den Menschen zu erteilende bürgerliche Formen, Menschen bilden; so bedarf es des Staates nicht. Unter freien Menschen gewinnen alle Gewerbe besseren Fortgang; blühen alle Künste schöner auf; erweitern sich alle Wissenschaften. Unter Ihnen sind auch alle Familienbande enger, die Eltern eifriger bestrebt, für ihre Kinder zu sorgen, und bei höherem Wohlstande auch vermögender, ihren Wünschen hierin zu folgen. Bei freien Menschen entsteht Nacheiferung, und es bilden sich bessere Erzieher, wo ihr Schicksal von dem Erfolg ihrer Arbeiten, als wo es von er Beförderung abhängt, die sie vom Staat zu erwarten haben…

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Text 12:

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Wilhelm von Humboldt: "Theorie der Bildung des Menschen" (1793)

Im Mittelpunkt aller besonderen Arten der Tätigkeit nämlich steht der Mensch, der ohne alle auf irgendetwas Einzelnes gerichtete Absicht, nur die Kräfte seiner Natur stärken und erhöhen, seinem Wesen Wert und Dauer verschaffen will. Da jedoch die bloße Kraft einen Gegenstand braucht, an dem sie sich üben, und die bloße Form, der reine Gedanke, einen Stoff, in dem sie, sich darin ausdrückend, fortdauern können, so bedarf auch der Mensch einer Welt außer sich … ohne daß er sich selbst deutlich dessen bewußt ist, liegt es ihm nicht eigentlich an dem, was er von jener erwirbt, oder vermöge dieser außer sich hervorbringt, sondern nur an seiner inneren Verbesserung und Veredlung … Die letzte Aufgabe unseres Daseins: dem Begriff der Menschheit in unsrer Person, sowohl während der Zeit unseres Lebens, als auch noch über dasselbe hinaus, durch die Spuren des lebendige Wirkens, die wir zurücklassen, einen so großen Inhalt als möglich zu verschaffen …

Text 13:

Ernst August Evers: "Über die Schulbildung zur Bestialität" (1807)

Nur Eins tut No t - das ist das Brot Nur Einer hat recht - der Stock , so lang er prügeln kann. Das Ganze, lehrt man, ist die Menschheit, und ihr Ziel Menschlichkeit, Humanität. Wecke in dem einzelnen die schlummernde Menschenkraft, die den Leib erhebt über den Staub, und wieder in den Staub wirft vor dem unendlichen Geist, bilde ihn durch Freiheit zur Freiheit von aller tierischen Beschränkung, daß er sich selbst und sich in anderen liebend fühle, und dies Gefühl in Wort und Tat rein verkündige; bilde zur Harmonie: denn Harmonie ist das Ganze … Ich selbst habe während der kurzen Zeit meines Schulamtes jenem idealischen Traum von Bildung zur Humanität in behaglicher Selbsttäuschung nachgehangen, habe vielleicht manches junge Gemüt durch dergleichen Hirngespinste verwirrt: endlich ist der Nebel verflogen und durch den ersten Flammenblick der Sonne gestärkt wage ich es auszusprechen: Es ist nicht Aufklärung, nicht Vollkommenheit, nicht Sittlichkeit, nicht Humanität, wozu ihr das heranwachsende Menschengeschlecht erziehen müßt, sondern einzig und allein - die Bestialität. … Die Humanität wird empfangen von der Vernunft, geboren von der Würde (dem Gefühl des Vorzugs des Ewiogen vor dem Zeitlichen), erzogen durch Kunst und Wissenschaft für die Zukunft. Die Bestialität wird empfangen von den Sinnen, geboren von dem Verstand, erzogen durch die Bedarfsdressur für die Gegenwart. Der humane Mann gehört der Menschheit an, und sieht in dem Staat nur ein Mittel, sich zur Gattung auszudehnen, eine Vervollkommnungsanstalt; jedes Besondere sucht er zum Allgemeinen zu erheben: denn ihn bewegt nur das Allgemeinste und dessen Verkündigung in Freiheit oder in Wissenschaft, in Kunst oder in Religion. Der Tiermensch gehört seinem Stand an, und der Staat ist ihm nur der Weg zu diesem, einer Rumfordischen Suppenanstalt vergleichbar: er treibt ihn noch enger in sein Individuum ein: dennn alle seine Bestrebungen begrenzen sich nur auf das, was er sein Ich nennt, und weit entfernt, sich von den Schranken seines Amtsgeschäftes durch dessen Behandlungsart zu befreien, ist ihm nur wohl in der Alltäglichkeit: ein Sklave des Augenblicks, sucht er selbst das Ewige diesem dienstbar zu machen. Wenn jener nach Wahrheit und Güte und Schönheit um ihrer selbst willen strebt, wenn ihn seine innere Reizbarkeit für die großen Gegenstände:

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Gott und Welt und Menschheit, auf selbstgewählten Bahnen in die Tiefen der Erkenntnis führt; wenn er ssich über die Wendepunkte aller menschlichen Tätigkeit ein System von deutlichen Begriffen gebildet hat, um Maß und Zusammenhang in sein und andrer Leben zu bringen, und in sich selbst immer unabhängiger zu werden, voll ausdauernden Widerstandes gegen jede äußere Hemmung, mit Selbstverleugnung und aufopfernder Liebe; wenn ihn weniger der Stoff, als die Form desselben rührt, wenn er weniger zu besitzentrachtet, als das zu sein, wozu ihn die Natur mit seiner Gestalt ins Dasein rief; wenn er aus allem, was er sagt und tut, aus dem Ton seiner Stimme, aus Gebärde und Anstand, ja selbst aus dem Leblosen, was ihn umgibt, seinen Sinn für das Bessere und Schöne durchscheinen läßt, wie die himmlische Freudigkeit hervorleuchtet aus dem irdischen Auge, wenn er überall etwas Höheres sucht, als das Leben geben und nehmen kann: so hat der Tiermensch dagegen für das Höchste wie für das Niedrigste nur einen Maßstab: den Ertrag. Der mit alleiniger Sorge gepflegte Trieb zur Selbsterhaltung mit seinem Gefolge, dem Interesse, dem Genuß und der Eitelkeit ist es, der ihn allein zu ermüdender Anstrengung spornt. Um zu leben, vergißt er, wozu er lebt, vergißt, daß der Mensch nicht allein lebt vom Brot; um zu leben, überschüttet er sich mit theoretischem Gedächtniswust, und hält's für Wissenschaft, zu wissen, was andere gewußt haben; um zu leben, beugt er den Geist unter das Joch der Autorität und fährt in demütiger Geistesarmut im Gleise der Gewohnheit hin; zurückbebend vor jeder kühnen Folgerung, vor jeder neuen Entdeckung oder Anwendung einer Entdeckung, die ihn in seinem mechanischen Schneckengange zu stören droht, brandmarkt er jeden Versuch dieser Art mit dem höhnenden Namen der Aufklärung: selbst wenn er (ein seltener Fall!) durch Not getrieben weiter geht und Neues zu entdecken versucht, so ist es ihm nicht um Wahrheit, sondern nur um ein Rezept zum Wohlbefinden zu tun, und die Wissenschaft sinkt ihm herab zum Hausmittel für den Hausbedarf. Auch alle seine moralische Tatkraft hat der Egoismus verschlungen, und er würde diesem Götzen Recht und Treue, Gesetz und Menschenglück, Freiheit und Vaterland opfern, wenn ihn nicht das Bedürfnis fremder Hilfe, die Furcht vor der Staatsgewalt, oder vor einer qualenvollen Ewigkeit zurückhielte; weit entfernt von der edlen Selbstliebe, die sich in andern fühlt und findet, ist er immer nur sein eigner unersättlicher Bettler. Erwarte man doch von ihm nicht Äußerungen des Gefühls für Ehre und Selbständigkeit, kühnen Widerstand gegen das, was ihn zur Entäußerung seiner Menschenwürde nötigt, nicht Beweise uneigennütziger Geselligkeit, nicht tätige, warme Teilnahme am höheren Gemeinwohl; der Gehorsam, der leidende Gehorsam ist seine Tugend, die Gewohnheit Sein Gesetz;sich der Meinung sklavisch unterwerfen, Geld zu schaffen, neue Erwerbsmittel zu erklügeln und sich um die übrige Welt nicht zu bekümmern, das ist seine lustige Lebensweisheit. Nur der Besitz, nicht die Art desselben, nur der Inhalt, nicht die Gestalt kann ihn vergnügen. Statt die Zeugin der freien Gedankenwelt, die Sprache, zur möglichsten Vollkommenheit auszubilden, um durch die klarste und gefälligste Befestigung der fliehenden Gedanken und Empfindungen sein Selbstbewußtsein immer reiner und tiefer zu machen, sieht er in ihr nur ein bequemes Mittel zum nützlichen Verkehr, und kann er sie als solches brauchen, so wähnt er den Gipfel erreicht zu haben, von dem er auf alle jene göttlichen Genies, die in vollendeter Darstellung ihrer Ideen uns den reinsten Spiegel veredelter Menschennatur vorhalten, als auf Phantasien und utopische Grillenfänger selbstgenügsam herabschaut. Ja selbst den Wert der erhabensten Meisterwerke der Kunst berechnet er nach Prozenten, höchstens erpreßt ihm, wie Herrn Campe, das Anschaun der Gruppe des Laokoons seinen tierischen Empfindungsschrei: o weh! Zur selbstsüchtigen Verschmitztheit, zur moralischen Nullität, zur ärgsten Sklaverei, in die ein Mensch geraten kann, zur

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Abhängigkeit von dem Leblosen herabgesunken, schleicht oder taumelt er, je nach seinem Temperament, von Begierde zu Genuß, von Genuß zu Begierde, endlich zur allvereinigenden Ruhe - des Grabes. Und wie? wird man einwerfen, Du wagst diese Knechtschaft jener edlen Freiheit voranzusetzen? Heißt das nicht, den Menschen vom Altar des Ewigen fortreißen und ihn in den Staub werfen, zum Opfer am Tieraltar? ihn vom Gottesdienst zum Götzendienst verleiten? … Man stelle ihn ins Leben hinein, jenen Idealsfreund! und man wird bedauernd sehen, wie der herliche Turm, den er in die Wolken erbaute, krachend zusammenstürzt. Stellt ihn mit seinem reinen Sinn für die einfache Wahrheit der Religion in die wirbelvollen Spitzfindigkeiten der Dogmatik; mit seinem tiefen Rechtsgefühl in die verformelte Jurisprudenz, unter den Wust streitender Gesetze, unter die tötenden Buchstaben der Gerichte; mit seinem begeisterten Schönheitssinn in die verschrobenen Gebräuche des bürgerlichen Lebens; mit seinem lebendigen Freiheitsgefühl und der eignen Willensfestigkeit in die Fesseln der Regierungsformen oder des Kriegsdienstes, der ihn zwingt, nicht der Sache, sondern dem Führer zu folgen; schmiedet die aufringende Tätigkeit in den langsamen Geschäftsgang, drängt das rastlose Streben nach dem Bessern in das einförmige Gewohnheitsgleis, spannt den Schwung der Gefühle an den Brotwagen des Egoismus; laßt in auf dem Boden, wo er säen will, starre Unempfänglichkeit finden; finden, wie die meisten durch den ermattenden Kampf für ihre Existenz, durch die tägliche Bedürfnisvermehrung, durch die maschinenmäßige Künstlichkeit der geselligen Verhältnisse an den Staub gefesselt sich schon überglücklich wähnen, wenn ihnen nur vergönnt ist, die Stimme, die sie doch zuweilen an die Leere ihres Innern mahnt, so schnell als möglich im gemeinen Vergnügungstaumel zu übertäuben. Laßt ihn Kälte finden, wo er Wärme, Höflichkeit, wo er Herzlichkeit, Scheinsucht, wo er Gradsinn, engherzige Selbstigkeit, wo er edle Selbstverleugnung suchte; kurz überall sein idealisches Vorwärtsdringen durch unübersteigliche Mauern der Wirklichkeit eingeschlossen sehen - was kann der Erfolg sein? Entweder er steht in schneidender Eigentümlichkeit über der Masse, die ihn nicht faßt, und statt der ersehnten Ruhe wird ihm die Ehre zu Teil, bei seinem Leben für einen Schwärmer gehalten zu werden, und - wenn's hoch kommt - nach seinem Tode in Adelungs "Geschichte der menschlichen Narrheit" zu prangen. Oder er wird, um den Dämon des Ideals zu bannen, sich in den Strudel des Lebens stürzen, sein Glaube wird ihm zur Torheit werden, es wird ihm Torheit scheinen, die engen Schranken seines Amtes zu erweitern, da ihn demütige Beschränktheit sichrer empfiehlt; durch Taten, durch Wissenschaft, durch Verdienst, durch Liebe und Freundschaft, durch Gradheit, durch edle Dreistigkeit zu erwerben, was ihm durch Worte, durch Auswendiglernen, durch gläubige Folgsamkeit, durch Geld und List und Vettern und Gevattern, durch Schmiegen und durch Biegen weit bequemer zu Gebote steht. … Das sind die schönen Früchte eurer Bildung zur Humanität! … warum dann nicht den nähern Weg zur Ruhe wählen und die einmal aufgekeimte Vernunft, statt sie durch Ausbil- dung zu stärken, durch einseitige Befriedigung des entgegengesetzten Triebes wenigstens unterdrücken, da ihre Erdrückung leider unmöglich ist. Nur dadurch werdet ihr das Leben mit der Schule in Harmonie bringen, und den Zögling zu einem stillen, gehorsamen, gedul- digen Arbeiter machen, der keine Störung erfährt und keine verursacht. Instinktmäßig wird er sich an dem Leitseil des Staates gängeln lassen: denn ihm verdankt er seine Ruhe und, wie er meint, den gedeihlichen Unterschied zwischen Recht und Unrecht. Geduldig wird er, als Gelehrter, sich nicht die sauerste Mühe verdrießen lassen, um recht viel nach- sagen zu können, was andere gesagt haben, und sich an der Hand des Beispiels und der

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Politische und Pädagogische Anforderungen an die Erziehung

Satzung, wenn gleich mit saurem Schweiß, doch angewundert und gelobt, durch die ver- wickeltsten Geschäfte zu finden; geduldig, als Kaufmann, auf Haben und Gewinnen seinen Gesichtskreis beschränkend, die übrigen Dinge gehen lassen wie sie eben gehen; geduldig, als Handwerker, sich bei monotonischer Wiederholung des Brauchs der Vorfahren gemächlich begnügen; geduldig, als Bauer, unter des Joches Last mit seinem Ochsen am Pflug ziehen und sich's nicht einfallen lassen, jemals gegen den Stachel zu löcken. … Er ist glücklich in seiner Beschränktheit, in seiner Entfesselung von allen edlen Bedürfnissen:

denn er strebt nach nichts, was er nicht durch ausharrende Arbeitsamkeit an sich bringen könnte. Die Arbeit würzt ihm das Leben: denn er sieht in ihr das Mittel, seinen Genuß zu erhöhen, und dieser wird nie getrübt durch eitle Wünsche; hat er genug errungen, so genießt er in dem Rückblick auf die überstandene Mühe, oder im Hinblick auf seinen Wohlstand einen Vorgeschmack des Himmels, dessen reizendes Kirchengemälde ihn so oft erbaute. Grausam seid ihr, wenn ihr ihm zeigt, was ihr ihm nicht geben könnt. …

Um in Republiken mit sicherem Erfolg die Jugend zur Bestialität zu führen, darf man, wenn ich mich nicht irre, folgende Hauptgrundsätze nicht aus den Augen verlieren.

I. In den aufwachsenden Staatsbürgern muß zwar nicht in gleichem Grade, doch in allen ohne Ausnahme jene Eigenschaft entwickelt, und jede anderweitige Entwicklung unter den härtesten Strafen verboten werden, damit nicht Dummheit oder eigensin- nige Verkehrtheit der Eltern die wohltätigen Staatszwecke hemme. Denn da nur aus dem Willen der einzelnen der herrschende Gesamtwille geboren wird, so kann auch nur aus der partiellen Bestialität die totale hervorgehen.

II. Durch eine möglichst frühe Hemmung und Irreleitung des natürlichen Ganges der Menschenbildung müssen die Elementarschulen in jedem Kinde die Grundfäden der Bestialität anlegen. Überließe man den Menschen der Natur und seinen natürlichen Erziehern, der Freude und dem Schmerz, so würde die unausrottbare Vernunft, zumal in dem blühenden Menschenalter, die umschließende Hülle mit eigener Kraft mächtig durchbrechen, und das Auge des Menschen auf die Wunder seines Ichs und der Welt richten. Den unverkünstelten Willen redet die Gottheit an in der Natur, und aus ihm heraus antwortet in Gebärde, Ton und Sprache der ahnende Glaube an das Ewige. Daß sich das jugendliche Gemüt nicht einst von selbst dahin erhebe, dafür sorge die erste Geistesnahrung. …

III. Sobald die Elementarbildung die kindliche Seele in ihrer Wurzel gefaßt und verdreht hat, so werde, je nach Verschiedenheit der zufälligen Zwecke eines jeden, sofort durch Industrieschulen für die allgemeine Vorbereitung zu den künftigen Berufsge- schäften gesorgt, damit der jugendliche Verstand, nur auf dieses Ziel gerichtet, nie zu sich selbst komme. Der Grad der Verstandesbildung, d.h. seiner Richtung zum Behuf der künftigen Geschäftsbrauchbarkeit, muß nach dem Verhältnis der einzelnen Berufserfordernisse höher oder niedriger sein, und daher die Bestialität, je nachdem der Beruf größere oder geringere Klugheit erheischt, zwar sich vermindern, niemals aber in Humanität ausarten.

IV. Die Wissenschaften müssen nicht als Nährerinnen und Pflegerinnen unserer Men-

schenwürde den Jüngling treiben, sondern als Lasttiere, mit des Leibes Notdurft und Nahrung reichlich bepackt, von ihm getrieben werden, auf daß ihr Funke nicht etwa zur leuchtenden und wärmenden Flamme angefacht, sondern möglichst bald unter der Asche gemeiner Nützlichkeit erstickt werde. … Aber, um aller Vorteile der Bestialität willen, nur den Jungen nicht in das klassische Alter- tum geführt! Das hieße, das ganze herrliche Gebäude mutwillig wieder einreißen! Denn

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Politische und Pädagogische Anforderungen an die Erziehung

Humanität ist der Geist der Alten. Dieser Geist lebt in der Gesetzgebung wie in den Sit- ten, in den Künsten und Wissenschaften der Griechen. Dieser Geist machte selbst den starren römischen Gladiatorensinn empfänglich für Schönheit und Anmut; dieser Geist störte die Völker aus der Ruhe, welche der Höchste wie der Niedrigste in den Armen der Hierarchie gläubig genoß, und so lange über ihn nicht der Bannfluch ausgesprochen ist, werden sie nimmer wieder zur Ruhe gelangen. Wenn dieser Geist den Jüngling in seiner alten, eigentümlichen Kraft- und Charaktersprache, nicht aus verdolmetschten Nachklän- gen anspricht, dann ist auch seine Ruhe dahin, die Gegenwart befriedigt ihn nicht mehr, auf den Flügeln edler Ruhmbegierde hebt er sich über die Erde. Entrückt aus der beschränkenden Umgebung in die alte biedere Heldenzeit des Homer, auf den Kampfplatz des Leonidas, in das Theater des Sophokles, auf die Rednerbühne des Cicero, in die Aka-

demie des Plato, und nach Olympia zu den Siegern in jeglicher Kunst, fühlt er sich befeuert nach dem Edelsten, Besten, Höchsten in einem bestimmten Kreise zu streben; durchdrun- gen von der Ahndung dessen, was der Mensch sei, was er sein solle, was er wirken könne; begeistert zu echt republikanischen Tugenden, zum Gefühl persönlicher Würde, die nicht als Gnade annehmen will, was sie als Recht fordern kann, zur Klugheit im Rat, Entschlos- senheit in Tat, Edelmut und Todesverachtung. Von den Philosophen lernt er reden, von den Dichtern und Rednern philosophieren. Mit unwiderstehlich magnetischer Kraft dringt die Sprache dieser Männer an sein Gemüt, er wird bewegt, gerührt, erschüttert, gefesselt.

Je weiter er ins Leben kommt, je mehr er sich durch die Alten an tiefgewurzelter Gewandtheit gewachsen fühlt, desto stärker wird seine Unruhe, sein Wunsch, Maß und Umriß und Einklang in seine Gedanken, Empfindungen, Phantasien und Sitten zu bringen, und auch die Masse um sich her zu einem höheren Leben aufzuregen. Aber überall stößt er auf verwirrende Anforderungen des bürgerlichen Lebens; er irrt und sieht überall Irr- tum, da ihm in den Alten die leitende Tramontana aufgegangen ist. Aber macht ihn das glücklich? Was sollen ihm solche aus den Alten eingesogenen Grundsätze: daß die Ehre mehr wert sei als das Leben, daß überall nach dem Nutzen zu fragen sich nicht zieme für liberale Gemüter, daß die Bildung zur Vernünftigkeit jeder Berufsbildung vorangehen müsse, daß Wissenschaft das einzige Gut, Unwissenheit das einzige Übel sei, daß Überre- dung die einzige Bedingung einer wohlbegründeten Herrschaft, und niemand zu Gesetzen zu zwingen sei, von deren Güte man ihn nicht überzeugt habe; was sollen ihm viele andere von der Art?

Text 14:

Gerd Vonderach: "Die neuen Selbständigen" aus:

Mitteilungen aus Arbeitsmarkt und Berufsforschun- gen 1980

Erstes Fallbeispiel: Aus vier Freiwilligen, die ihren Ersatzdienst über die "Aktion Sühnezei- chen" in Frankreich abgeleistet hatten, bildete sich vor fünf Jahren eine Wohngemein- schaft. Es schlossen sich bald Gleichgesonnene an. Zusammen kauften sie ein kleines Bau- erngehöft am Stadtrand und pachteten etwas Gartenland dazu. Es sind zwölf junge Männer und Frauen (inzwischen wurden drei Kinder hinzugeboren). Sie haben studiert oder ihr Studium für den Lehrerberuf abgebrochen zugunsten einer Lehre als Tischler und Töpfer; andere beendeten ihre Ausbildung als Finanzbeamter, Erzieherin, Krankenschwester ohne die Absicht, in diesem Beruf zu bleiben. Die Gruppe renovierte das Haus, entwickelte den biologischen Gemüseanbau, nahm zahlreiche Haustiere auf, arbeitete aktiv in der Bürgeri- nitiative gegen Atomkraftwerke mit. Die Gruppe stabilisierte sich und suchte eine größere

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Politische und Pädagogische Anforderungen an die Erziehung

Basis für eine dauerhafte alternative Produktions- und Lebensform: Vor einem Jahr kaufte sie eine größere Landstelle weiter entfernt von der Stadt, auf der sie versucht, im bewuß- ten Rückzug von der von ihr wahrgenommenen Deformation durch unsere Lebensweise eine begrenzte Autonomie aufzubauen. Die Mitglieder der Gruppe qualifizieren sich hand- werklich, renovierten ihr altes und ihr neues Haus und führten Renovierungsaufträge durch. Sie ernähren sich durch die eigene Landwirtschaft und verkaufen ihre ökologisch unbedenklich erzeugten Produkte. Wirtschaftspolitische Hilfe für "Selbständige" werden wahrgenommen, ebenso Arbeitslosenunterstützung und Ausbildungsförderung, begonne- nes Studium soll abgeschlossen werden. Ziel aber ist, daß keiner mehr "Draußen" arbeiten gehen muß, daß sich die "Alternative" vom Verkauf ihrer Produkte ernähren kann. Der Geldbedarf der Gruppe ist - abgesehen von den ersten Kauf- und Renovierungskrediten - sehr gering; die Arbeitsbelastung ist hoch, doch die Arbeit wird gern getan. Zweites Fallbeispiel: Vor acht Jahren brachen Peter und Petra ihr Lehrerstudium ab; denn ein weiteres Einpauken von Wissen schien ihnen unnütz zu sein. Sie wollten zu zweit leben und selbstbestimmt arbeiten. Mit Spannplatten und Handsäge begannen sie, Regale herzustellen, die sie direkt an Bekannte oder Interessenten verkauften. Eine Krise durch die Konkurrenz eines großen preisgünstigen schwedischen Möbelunternehmens meister- ten sie durch die Umstellung auf Naturholzregale. Geld brauchen sie nur für einen bescheidenen materiellen Bedarf. Beide arbeiten etwa halbtägig in ihrer Werkstatt, Peter jetzt etwas mehr, Petra etwas weniger, seitdem zwei Kinder da sind. Die Kinder sollen sehen, wie ihre Eltern arbeiten. Darüberhinaus sind Peter und Petra künstlerisch, sozial und politisch aktiv. Sie beteiligen sich an der Dokumenta, initiierten und unterstützten verschiedene Selbsthilfegruppen, so einen Kinderladen, ein Vorschulprojekt, eine Teestube für Drogenabhängige, ein Jugendzentrum, schrieben eine Stadtzeitung, sind in der Bürgeri- nitiative für Umweltschutz und bei den "Grünen " aktiv. Später wollen sie in eine größere Kooperative einsteigen. Drittes Fallbeispiel: Walter brach vor mehreren Jahren sein Berliner Philologie-Studium ab und zog in die Provinz. Er eröffnete mit einem Freund eine Kneipe, aus der bald eine unter Jugendlichen bekannte und gut besuchte Diskothek mit einem gewissen "Szene“ - Image wurde. In der Diskothek arbeiten sechs oder sieben junge Leute, teils Berufslose, vorher Arbeitslose, auch Studenten, zuständig für Theke, Küche, Musik. Sie sind unterein- ander bekannt oder befreundet, mehr oder weniger aus dem gleichen "Milieu"; man kann sie z.T. als "halbe Aussteiger" ansehen. Viertes Fallbeispiel: Heidi, verheiratet mit einem Unteroffizier , zwei Kinder, bestand nach längerem Hausfrauendasein vor einigen Jahren die Hochschulzulassungsprüfung und begann ein Lehrerstudium. Vor einem Jahr brach sie ihr Studium ab, um mehr ihre künst- lerischen Neigungen weiter zu verfolgen, als in einen doch nicht geliebten Beruf zu gehen. Und sie errichtete - unterstützt durch ihren Mann - im letzten Jahr einen Laden für Bastel- waren und führt darin auch Keramik- und andere Hobbykurse durch. Sie hat damit das verwirklicht, was sie sich seit langem wünschte.

Text 15:

L. Clausen: "Wer Arbeit kennt und sich nicht drückt, der ist verrückt." aus: Frankfurter Rund- schau 7.7.1980

Man darf behaupten, daß "die Arbeit " in unserer Gesellschaft langsam ihr Ansehen verlo- ren hat. Man muß dem in s Auge sehen. Mit deutlicheren Worten - die Arbeit ist (nicht das erste Mal in der Gesellschaft, aber selten so gründlich) in Mißkredit geraten.…

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Folgen wir den Anzeichen von Mißachtung in die Tiefe. Uns hier mag es als eine abseitige Beobachtung erscheinen, was Besuchern aus fast allen Gesellschaften aller vergangenen Jahrhunderte bei uns sofort auffiele, und womit ich unter die Oberfläche zu kommen hoffe: Das Arbeitslied ist bei uns verstummt. Als der National- ökonom Karl Bücher 1896 seine Schrift "Arbeit und Rhythmus" veröffentlichte - was für eine Welt von taktfesten Gesängen hatte er noch aus dem Arbeitsleben vorzulegen:

Schnitterlieder und Müllerlieder, Spinnlieder und Weblieder, Pflückerlieder und Lastenträ- gerlieder.… Die Selbstrhythmisierung ist die Weise, in der sehr langwierige, schwere, immer wiederkehrende, einförmige Arbeit während ihres Ablaufs ihres eigenen inneren Sinnes vergewissert wird. Dieser Rhythmus, den man sich als Arbeitendem selbst herstellen kann; dieser Takt, den eine Arbeitsgruppe gemeinsam findet; dann dieser Text, der die Facetten der Arbeit alle einbezieht - sie alle vergegenwärtigen mitten unter der Arbeit ihren Sinn. "Sinn" umfaßt ihre Notwendigkeit; ihre Schwere; den Dialog mit Flachshechsel und Spinnrad; die Mühsal: als Spott über Zuschauer, über Aufseher, über einander; ihr inneres Ziel: das Tuch, das man tragen, oder das Brot, das man essen wird. Genauer:

diese Rhythmen bringen die Arbeit auf optimale Distanz. Weder frißt sie einen nun mit Haut und Haar, noch drückt man sie auf feindseligen Abstand - sondern blieb ihr so abge- messen gegenüber, daß man sich in ihrem Spiegel sehen konnte. Man konnte sich dann besser merken, in des Wortes doppelter Bedeutung. Und man wußte, was man beobach- tet hatte, wenn man sang."- de Mast wier so scheep as den Schipper sien Been." Das Verstummen des Arbeitsliedes seither zeigt einen tiefumwühlenden Prozeß in unserer Gesellschaft an.

Text 16:

Georg Picht: "Die deutsche Bildungskatastrophe" aus Informationen zur politischen Bildung Nr. 174

(1978)

Eines der tragenden Fundamente jedes modernen Staates ist sein Bildungswesen. Niemand müßte das besser wissen, als die Deutschen. Der Aufstieg Deutschlands in den Kreis der großen Kulturnationen wurde im neunzehnten Jahrhundert durch den Ausbau der Univer- sitäten und der Schulen begründet. Bis zum ersten Weltkrieg beruhten die politische Stel- lung Deutschlands, seine wirtschaftliche Blüte und die Entfaltung seiner Industrie auf sei- nem damals modernen Schulsystem und auf den Leistungen einer Wissenschaft, die Welt- geltung erlangt hatte. Wir zehren bis heute von diesem Kapital. … In wenigen Jahren wird man, wenn nichts geschieht, die schulpflichtigen Kinder wieder nach Hause schicken müssen, weil es für sie weder Lehrer noch Klassenräume gibt. Es steht uns ein Bildungsnotstand bevor, den sich nur wenige vorstellen können … Der Gesamtbedarf an Abiturienten kann selbst dann nicht gedeckt werden, wenn es gelin- gen sollte, die Zahl der Abiturienten zu verdoppeln. Das ist ein Feststellung von ungeheu- erlicher Tragweite. Sie bedeutet, daß das gesamte System unserer Bildungseinrichtungen aus den Fugen gehen wird. Eine Verdoppelung der Abiturienten erfordert, grob gerechnet, eine Verdoppelung der Zahl der Studienräte und eine entsprechende Expansion der philo- sophischen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultäten unserer Universitäten…

Die Zahl der Abiturienten bezeichnet das geistige Potential eines Volkes, und von dem

geistigen Potential sind in der modernen Welt die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft, die

Höhe des Sozialproduktes und die politische Stellung abhängig…

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Politische und Pädagogische Anforderungen an die Erziehung

Aus den bisher genannten Zahlen ergibt sich, daß das Erziehungs- und Bildungswesen der Bundesrepublik bei weitem nicht mehr in der Lage ist, den Bedarf unserer Gesellschaft an qualifizierten Nachwuchskräften zu decken und den durchschnittlichen Bildungsstand unseres Volkes auf einem Niveau zu halten, das den Standards des zwanzigsten Jahrhun- derts entspricht. Selbst seinen eigenen Lehrernachwuchs kann es nicht liefern.

Text 17:

Ralf Dahrendorf: "Bildung ist Bürgerrecht" aus: Inf. zur pol. Bild. a.a.O.

Rechtliche Chancengleichheit bleibt ja eine Fiktion, wenn Menschen aufgrund ihrer sozia- len Verflechtungen und Verpflichtungen nicht in der Lage sind, von ihren Rechten Gebrauch zu machen … Das Recht aller Bürger auf Bildung nach ihren Fähigkeiten bliebe daher unvollständig ohne das Zerbrechen aller ungefragten Bindungen, also den Schritt in eine moderne Welt aufgeklärter Rationalität. Um dieses Bürgerrecht zu garantieren, reicht auch die beste Verfassung nicht: hier ist vielmehr Politik nötig. Darum begründet das Prinzip des Bürgerrechts auf Bildung eine aktive Bildungspolitik … Bildungspolitik in der Bundesrepublik ist also noch längst nicht ein Mittel, um das Leben der Menschen angenehmer und reicher zu machen, sondern vielfach noch immer ein Instrument, um Menschen die Teilnahme am Leben der Gesellschaft überhaupt erst zu ermöglichen… Um eine freie Gesellschaft zu errichten und zu erhalten, ist es jedenfalls unumgänglich, daß jeder Mensch Bürger sein darf im Sinne der rechtlichen Chancen und Bürger sein darf im Sinne der sozialen Realitäten. Hier hat das Bürgerrecht auf Bildung seinen Sinn für die Ordnung einer Gesellschaft, der das größte Glück der größten Zahl über alles geht … Bürgerrechte sind notwendig gleiche Bürgerrechte. Doch ist das Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik zur Sicherung der Bürgerrechte kein Plädoyer für soziale Gleichheit. Eine freie Gesellschaft ist immer auch ein Gesellschaft, die der Ungleichheit weiten Raum gibt - solange und insoweit diese nicht den notwendigen gemeinsamen Grundstatus aller Bürger verletzt. Wenn eine aktive Bildungspolitik in Deutschland zunächst gewisse Gleichheitsfor- derungen mit sich bringt, dann nur darum, weil dieser gleiche Grundstatus noch nicht hin- länglich gesichert ist.

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