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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 6.6.2002 18. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤

Gegen die „Wiederbele-


bung des Antisemitismus in
einem bisher nicht gekannten
Ausmaß“ wenden sich die
Bundessprecher der Vereinigung
der Verfolgten des Naziregimes /
Bund der Antifaschisten Peter Gin-
gold und Dr. Ulrich Schneider, in
einer gemeinsamen Erklärung.
Peter Gingold ist zugleich Mit-
glied des Auschwitz-Komitees in
der Bundesrepublik Deutschland.

www.arbeiterfotografie.com
„Angesichts der politischen Ent-
wicklungen im Nahen Osten erleben
wir eine öffentliche Debatte, die von
neuen Formen des Antisemitismus
geprägt wird. Dabei wird die legiti-

Info:
me und an sich nicht antisemitische
Kritik an der verhängnisvollen Poli-
tik der gegenwärtigen israelischen
Regierung mit einer pauschalen Dif-
famierung des Staates Israel oder Köln: Debakel für Neonazis. Die „Kameradschaft Köln“ und der „Nationale Sturm
Menschen jüdischen Glaubens in un- Köln“ hatten zu einer Demonstration aufgerufen, erschienen waren nur ganze 52
serem Land verbunden.“ „Kameraden“ – unter ihnen 15 Berliner Neonazis. Obwohl erst wenige Stunden vor
Darüber hinaus fänden „historisch dem Nazi-Auflauf bekannt wurde, dass dieser an einem neuen Ort in Köln und zu einer neu-
verzerrte Vergleiche“ mit dem „Ver- en Uhrzeit beginnen sollte, konnte dennoch trotz massiven Polizeiaufgebots dieser empfind-
nichtungskrieg“, eine Identifizierung lich gestört werden. Eine Gruppe von AntifaschistInnen blockierte den Weg. Anderthalb
von Flüchtlingslagern mit KZs und Stunden war Stillstand. Dann mussten die Nazis unter Polizeischutz über einen freigehalte-
Ähnliches nicht nur in der neofa- nen U-Bahn-Zugang den Platz räumen. An der antifaschistischen Demonstration, die vor Be-
schistischen Polemik statt. ginn des Nazi-Auflaufs in dessen unmittelbarer Nähe beendet wurde, hatten zuvor rund 500
„Ein schlimmes Beispiel“ böten Menschen teilgenommen.
die Äußerungen von FDP-Politiker
Möllemann: „Statt eine politische
Lösung der Probleme im Nahen Os-
ten, wie sie von der israelischen und Antifaschisten warnen
palästinensischen Friedensbewegung
gefordert wird, zu unterstützen, betä- vor einem
tigt er sich als ,Tabu-Brecher‘, in-
dem er aus erkennbar wahltaktischen
Gründen nicht nur antisemitische
neuen Antisemitismus
Ressentiments in unserer Gesell- zenden des Zentralrates der Juden, Michel das Verhalten eines Biedermannes, der
schaft bedient, sondern durch seine Friedmann, im Zusammenhang mit dem Benzinkanister ins Haus schleppt und an-
Art der öffentlichen Präsentation sie Fall Karsli, seien „nur die Spitze eines Eis- schließend den Brandstiftern noch die
auch noch forciert“. bergs, der offenkundig gesellschaftliches Streichhölzer aushändigt“.
„Endlich dürfe man sagen, was Bewusstsein widerspiegelt“. Behauptun- „Wir teilen die Sorge des Zentralrats der
man schon immer dachte“, laute eine gen wie jene, die Juden selber seien für die Juden in Deutschland über die Wiederbele-
der Reaktionen auf Möllemanns Vor- Zunahme des Antisemitismus verantwort- bung des Antisemitismus in einem bisher
stoß. Dessen öffentliche Anwürfe lich, lägen auf einer ähnlichen Linie wie nicht gekannten Ausmaß“, heißt es in der
gegen den stellvertretenden Vorsit- Nazi-Parolen von der „zionistischen Welt- Erklärung der beiden Bundessprecher der
verschwörung“. Dabei würden „die Opfer VVN-BdA. „Wir verurteilen das Spekulie-
zu Tätern gemacht und eine nicht greifbare ren auf Wähler aus dem rechten Lager.
Aus dem Inhalt: ,allgegenwärtige Bedrohung‘ herbei phan- Der Judenhass ist in unserem Land nach
FN und MNR vor den tasiert“. wie vor virulent; ihn wieder zu erwecken,
Parlamentswahlen . . . . . . . . . 7 „Im Endeffekt werden damit antisemiti- ist angesichts der deutschen Geschichte
Friedensbewegung ist sche Vorbehalte bedient und unterstützt, ein Verbrechen.“
jung geworden . . . . . . . . . . . 9 die in letzter Konsequenz zu Übergriffen, Bundessprecher der VVN-BdA
Der Stachel im Zentrum. . . . 10 Brandstiftungen und Friedhofschändungen Peter Gingold (Mitglied des Auschwitz-
führen.“ Die Erklärung, das habe man Komitees in der BRD)
„nicht gewollt“, sei „so glaubwürdig wie Dr. Ulrich Schneider (Historiker) ■
: meldungen, aktionen
ländern wegen des Verdachts auf Fort-
führung der verbotenen Neonazi-Organi-
sation „Blood & Honour" durchsucht
„Volksbegehren“ in gen Freiheit“ im vergangenen Jahr wurden, kann selbst die Bundesregie-
Niedersachsen? (41/2001) äußerte Schwenke u.a.: „Heu- rung ihre früheren Erfolgsmeldungen of-
te wittert man überall nationalsozialisti- fenkundig nicht mehr aufrecht erhalten.
Oberhausen. Die neofaschistische Zeit- sche Gefahr, sobald nur das Wörtchen So heißt es nun in der Antwort der
schrift „Unabhängige Nachrichten“ ruft „rechts“ oder „konservativ“ erscheint“. Bundesregierung auf eine Kleine Anfra-
zur Beteiligung an einer Unterschriften- Wenn die PDS an der Berliner Regierung ge der PDS-Abgeordneten Ulla Jelpke:
sammlung zur Genehmigung eines beteiligt werde, wünsche er sich einen Es „wurden Erkenntnisse über ein Zu-
„Volksbegehrens“ in Niedersachsen auf. „Aufstand der Anständigen“, der „richti- sammenwirken von Aktivisten verschie-
Die wahlberechtigten Bürgerinnen und gen Anständigen“, „nicht derart, wie dener früherer ‚Blood & Honour'-Sektio-
Bürger Niedersachsens sollen über fol- vom 9. November 2000, als man alles in nen bekannt. Auf dieser Ebene liegen
gende Frage abstimmen: „Sind Sie mit die Hände des Antifaschismus geraten einzelne Hinweise auf Aktivitäten ehe-
der Ausweitung der derzeit gegebenen ließ“, so Schwenke. Gast der Versamm- maliger ‚Blood & Honour'-Mitglieder
gesetzlichen Erlaubnis des Zuzugs von lung war auch Dr. Annette Kaminsky, bzw. auf Organisationsstrukturen vor, die
Ausländern aus Staaten außerhalb der derzeit kommissarische Geschäftsführe- auf Bemühungen um die Aufrechterhal-
Europäischen Union zur Besetzung hier rin der „Stiftung Aufarbeitung“ . tung oder Wiederherstellung der frühe-
angebotener Arbeitsplätze einverstan- hma ■ ren Handlungsfähigkeit und die öffentli-
den, ja oder nein?“. Die formulierte Fra- che Präsenz von ‚Blood & Honour' hin-
gestellung erfülle zwar „nur im Ansatz EU verweigert Korridor deuten." Darüber hinaus bestünden frü-
die Maßnahmen, die nötig wären, um die here persönliche Verbindungen ehemali-
Massenzuwanderung zu stoppen“, so die Kaliningrad. Mit der bevorstehenden ger „Blood & Honour"-Mitglieder fort.
„Unabhängigen Nachrichten“ (5/02), Erweiterung von EU und NATO um Po- In Einzelfällen würde auch nach dem
„weitergehende Forderungen wären aber len und Litauen droht dem Gebiet um Verbot noch Propagandamaterial von
gar nicht erst genehmigt worden“. Um das russische Kaliningrad die völlige „Blood & Honour" vertrieben, organi-
ein solches „Volksbegehren“ in Nieder- Isolation auf dem Landwege. Grund da- sierten ehemalige B & H-Mitglieder
sachsen zu ermöglichen, müssen bis zum für ist die Entscheidung der EU, die Ein- mehrere Konzerte, seien in Deutschland
1. September 25 000 Unterschriften ge- richtung eines visumfreien Korridors für mehrfach Bands aufgetreten, bei denen
sammelt werden. hma ■ Bürgerinnen und Bürger der Region ein Bezug zu B & H vermutet werden
durch polnisches und litauisches Gebiet kann. Auch seien der Bundesregierung
Anständig rechts abzulehnen. Begründet wird die Ent- einige deutsche Bands und CD-Anbieter
scheidung damit, das mit dem „Schenge- bekannt, die Kontakte zu ausländischen
Berlin. Die „Union der Opferverbände ner Abkommen“ alle Mitgliedsstaaten B & H-Mitgliedern unterhalten oder bei
kommunistischer Gewaltherrschaft“ verpflichtet sind, die Außengrenzen der B & H-Konzerten im Ausland aufträten.
(UOKG) hat auf ihrer letzten Mitglieder- EU besonders scharf zu überwachen. Die Nur wenige Monate nach dem Verbot
versammlung „Prüfsteine“ zur Bundes- EU ist der Auffassung, das eine von Ruß- hatten Landesämter für Verfassungs-
tagswahl aufgestellt. Darin wird neben land erwartete Regelung die EU-Außen- schutz und antifaschistische Initiativen
der „ideellen und materiellen Gleichstel- grenze durchlöchern und womöglich die über ein Fortbestehen von „Blood & Ho-
lung aller Opfer von Diktaturen“ auch Sicherheit der EU-Bürger gefährden nour"-Strukturen berichtet und Zweifel
„keine Partnerschaft demokratischer Par- würde. Der Gouverneur des Kaliningra- an dem Erfolg des Verbotes geäußert.
teien mit der PDS“ gefordert. Künftig der Gebietes, Wladimir Jegorow, be- Nachfragen der PDS bei der Bundesre-
will sich der Dachverband verschiedener zeichnete die EU-Entscheidung als „un- gierung (Bundestagsdrucksache 14/6137
antikommunistischer Gruppierungen den gerechtfertigt hart“ und „diskriminie- und 14/6417) stießen damals jedoch auf
Vereinigungen der früheren DDR-„Bür- rend“. Die EU wolle so „das Recht der Ignoranz und ein stoisches Festhalten an
gerrechtsbewegung“ annähern. Als neu- Kaliningrader, sich frei von der Oblast Erfolgsmeldungen seitens des Innenmi-
es Mitglied der UOKG wurde der Verein Kaliningrad ins übrige Rußland und um- nisteriums.
„Hilferufe von drüben“ aufgenommen. gekehrt zu bewegen“, beschneiden. Die Angesichts der Ermittlungen des Lan-
Der Verein war 1978 in Lippstadt als In- Haltung der EU könne das Kaliningrader deskriminalamtes Sachsen-Anhalt hat
itiative um Gerhard Löwenthal (früher Gebiet in einen wirtschaftlichen Kollaps die Bundesregierung nun offenbar kalte
„ZDF-Magazin“) und Helmut Kamphau- treiben, befürchtet Gouverneur Jegorow. Füße bekommen. Bleibt zu hoffen, dass
sen, beide auch Autoren der „Jungen Ohnehin sei die Wirtschaft des Gebietes Innenminister Schily in Zukunft War-
Freiheit“, gegründet worden. Kamphau- bisher schon zu 50% auf den westlichen nungen und Hinweise der antifaschisti-
sen, einst stellvertretender Vorsitzender Markt ausgerichtet. hma ■ schen Öffentlichkeit über Aktivitäten in
des Vereins, stand 1993 auf der Teil- der Neonazi-Szene nicht mehr aus Inter-
nehmerliste eines Lesertreffens der neo- Bundesregierung revidiert esse an Eigenlob oder aus ideologischen
faschistischen Zeitschrift „Recht und Gründen ignoriert. Ulla Jelpke ■
Wahrheit“ und referierte vor seinem Tod Erfolgsmeldungen zum Ver-
im Jahre 1998 noch bei den sog. „Repu- bot der Neonazi-Organisa- Antirassistisches Festival in
blikanern“ in Berlin. Im Hinblick auf die tion „Blood&Honour"
Öffentlichkeitsarbeit der UOKG wurde Brandenburg
beschlossen, den Kontakt zu Journalisten Berlin. Die Bundesregierung rückt erst- Am 15. Juni 2002 findet in Königswus-
künftig „persönlicher“ zu gestalten und mals von ihrer bisherigen Einschätzung terhausen auf der Festwiese das „Le
zu „intensivieren“. Neben dem neuen ab, dass das Verbot der Neonazi-Organi- monde est à nous – beats against racism“
Vorsitzenden der UOKG, Horst Schüler sation „Blood & Honour" vom Septem- statt. Dieses Festival wird bereits zum
(„Lagergemeinschaft Workuta“), sprach ber 2000 ein voller Erfolg gewesen sei. dritten Mal von einem Bündnis aus Anti-
auf der Versammlung auch Hans Nach der groß angelegten Durchsu- fa-Gruppen, Gewerkschaften und dem
Schwenke (früher „Vereinigte Linke“) chungsaktion des Landeskriminalamtes SPLIRTZ Brandenburg e.V. organisiert,
vom „Bund der Stalinistisch Verfolgten“ Sachsen-Anhalt, bei der am 25. April um die alternative Jugendkultur vor Ort
(BSV). In einem Interview mit der „Jun- 2002 über 40 Objekte in sieben Bundes- zu stärken.

2 : antifaschistische nachrichten 12-2002


Allein in Königswusterhausen und ralinspekteur der Bundeswehr brachte.
Umgebung verübten Nazis innerhalb ei- Nach dem Jagdflieger Werner Mölders
nes Jahres bereits drei Brandanschläge sind noch immer Kasernen benannt. Erst
bei denen nur durch Zufall keine Perso- 1997 kam es bei der offiziellen Gedenk-
nen verletzt wurden. So griffen rechtsex- feier in Guernica zu einem Schuldbe-
treme Jugendliche am Vorabend des letz- kenntnis von offizieller deutscher Seite.
ten Festivals die Bühne mit Molotow- Eine Verurteilung der grundsätzlich völ-
cocktails an. kerrechtswidrigen Intervention Nazi-
Mit erschreckender Regelmäßigkeit Deutschlands im spanischen Bürgerkrieg
werden Menschen am Bahnhof Königs- steht noch ebenso aus wie eine Ehrung
wusterhausen von Nazis bedroht oder derjenigen Menschen, die sich freiwillig
gar angegriffen. Im Rahmen des Festi- an der Verteidigung der rechtmäßigen
vals soll deshalb mit einer Informations- Regierung in Spanien beteiligt haben.“
veranstaltung zum Thema Nationalbe- http://de.indymedia.org ■
freite Zonen auf das Problem aufmerk-
sam gemacht werden. Neue Nazi-Location
Ab 11:30 Uhr gibt es ein Brunchbuffet
und Kabarett, HipHop- und Graffity- „THOR“ in Dresden
Workshops, ein Volleyballturnier, ein Ki- Dresden. Nur Ärger haben sie sich in
ckerturnier und natürlich Konzert mit letzter Zeit eingehandelt, die Dresdner
Die Ruffians, Surfpoeten, Sunday after- Neo-Nazis, wenn sie zu ihren Aktivitäten
noon, Second rate und Gush. schritten. Am 1. Mai wurde der Neo-
Weitere Informationen zum Le monde Nazi-Aufmarsch (knapp 1000 Personen)
est à nous beats against racism sind zu durch massive Gegen-Aktivitäten ge- meintlich einem Mord zum Opfer. Die
erhalten unter http:/le-monde.de.vu oder stoppt und das mit dem sicheren Rück- Schuld werde einem von ihm verrissenen
Antifa TAG, Liebigstr. 34, 10247 Berlin. weg war auch nicht so einfach: 6 Blocka- und gekränkten Schriftsteller zugescho-
■ den hat’s gegeben, eine davon mit meh- ben.
reren hundert Leuten und über eine Stun- Die „FAZ“ lehnte das Angebot Wal-
Protest gegen Burschen- de lang: „no way for neo-nazis“. Am 8. sers, das Buch im Feuilleton des Blattes
Mai, zum nächsten Aufmarsch waren’s vorab zu veröffentlichen, in einem offe-
schafts-Veranstaltung von plötzlich nur noch etwa 30 Neo-Nazis, nen Brief an den Autor ab: Der Roman
No pasaran die sich mobilisieren ließen – sie trafen sei „ein Dokument des Hasses“ und eine
Kiel. Zum 15.5.2002 lud die „Alte Kö- auf 250 Antifas. „Mordphantasie“, die mit dem „Reperto-
nigsberger Burschenschaft Alemannia“ Nun wagen sie sich auf einem anderen ire antisemitischer Klischees“ spiele,
aus Kiel zu einem Vortrag eines Vetera- Wege wieder in die Öffentlichkeit: zwei schreibt Herausgeber Frank Schirrma-
nen der Legion Condor ein. Die Legion bekannte Dresdner Neo-Nazi-Kader cher. Der populäre, wenn auch streitbare
Condor war eine Eliteeinheit der Luft- (Ronny Thomas und Sven Hagendorf) Kritiker Reich-Ranicki überlebte den
waffe des nationalsozialistischen eröffneten am 24. Mai im „Thor“ in Holocaust der Nationalsozialisten im
Deutschlands. Sie unterstützte den Fa- Mickten/Übigau auf der Overbeckstr., Warschauer Ghetto zusammen mit seiner
schisten Franco im spanischen Bürger- Ecke Sternstr. eine location, die offen- Frau Teofila. „Verstehen Sie, dass wir
krieg und zerstörte dabei ganze Städte. sichtlich ein neuer Neo-Nazi-Treffpunkt keinen Roman drucken werden, der da-
Ca. 40 Menschen versammelten sich werden soll. Zur Eröffnungs-Veranstal- mit spielt, dass dieser Mord fiktiv nach-
etwa eine halbe Stunde vor Beginn des tung, die über das gesamte Wochenende geholt wird?“, schreibt Schirrmacher:
Vortrags vor dem Eingang zum Grund- stattfand, waren 250 Neo-Nazis fast aus „Verstehen Sie, dass wir der hier ver-
stück der Burschen, da davon auszuge- dem gesamten Bundesgebiet dabei. brämt wiederkehrenden These, der ewige
hen war, dass die Veranstaltung einer- ART Dresden ■ Jude sei unverletzlich, kein Forum bieten
seits der Relativierung und Heroisierung infos: http://venceremos.antifa.net werden?“
von NS-Verbrechen dienen sollte, ande- Antisemitismus-Vorwürfe gegen Mar-
rerseits die politische Akzeptanz der FAZ lehnt Vorabdruck von tin Walser wurden erstmals 1998 laut:
Burschenschaft und ihrer reaktionären Anlässlich seiner Ehrung mit dem Frie-
Inhalte fördern sollte. Die Protestieren- Walsers Roman ab denspreis des Deutschen Buchhandels
den gaben ihrem Protest mittels Parolen, Frankfurt. Hauptfigur in einem neuen (Laudatio: Frank Schirrmacher) hielt
einem Kundgebungsbeitrag, Pfiffen und Roman von Martin Walser ist ein Litera- Walser in der Frankfurter Paulskirche
Transparenten Ausdruck. Auf einigen turkritiker, offensichtlich Marcel Reich- eine Rede, in der er die „Instrumentali-
Transparenten wurde direkt Bezug auf Ranicki, der scheinbar einem gekränkten sierung von Auschwitz“ kritisierte und
die Veranstaltung der Burschen genom- Autor zum Opfer fällt. Deshalb lehnte die ständige öffentliche Thematisierung
men („Wer NS-Verbrechen huldigt, die „FAZ“ einen Vorabdruck wegen des Holocausts als „Moralkeule“ mo-
macht sich selbst mitschuldig! Burschen- „antisemitischer Klischees“ ab. nierte, die letztlich den gegenteiligen Ef-
schaften anfechten!“ oder „No pasa- Das Buch, bisher unter Verschluss ge- fekt erziele. Die Rede löste heftige Pro-
ran!“), auf anderen wurde grundsätzliche halten, erscheint im Sommer beim teste aus. Der damalige Vorsitzenden des
Kritik gegen Herrschaft und Kapita- Frankfurter Suhrkamp Verlag und soll Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, warf
lismus als Ursachen für reaktionäre Ein- den Titel „Tod eines Kritikers“ tragen. Walser unter anderem „geistige Brand-
stellungen und Krieg thematisiert. Die Wie die „Frankfurter Allgemeine Zei- stiftung“ und „latenten Antisemitismus“
Polizei setzte Pfefferspray und Schlag- tung“ am Mittwoch berichtete, soll es in vor. Nach wochenlangen Debatten in den
stöcke gegen die Protestierenden ein. In dem „Schlüsselroman über den deut- Feuilletons legten die Kontrahenten ih-
ihrem Flugblatt, dass auch als Redebei- schen Literaturbetrieb“ ganz offen um ren Streit jedoch bei. Bubis nahm den
trag verwendet wurde, heißt es: „Führen- eine Abrechnung Martin Walsers mit Vorwurf des „geistigen Brandstifters“
de Angehörige der Legion Condor mach- dem „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ra- zurück, Walser verteidigte allerdings die
ten später Karriere in der Bundeswehr, nicki gehen. Ein jüdischer Starkritiker Unmissverständlichkeit seiner Rede.
so Heinz Trettner, der es gar zum Gene- namens André Ehrl-König falle ver- Quelle: Spiegel Online, FR 31.5. ■

: antifaschistische nachrichten 12-2002 3


NPD-Aufmarsch am 1. Mai schistInnen wollen sehen, ob Einlass fin- U.a. brachte die (nationalistische) „Liga
in Fürth det, wer Einlass begehrt. Treffpunkt: ab der polnischen Familien“ im Sejm, dem
18 Uhr vor dem Steigenberger. Abgeordnetenhaus, einen Resolutions-
Fürth. Neben mehreren anderen Nazi- entwurf ein, in dem es heißt, dass der
aufmärschen (siehe AN 11-2002) melde- Keine Auskünfte zu deut- Sejm seine „volle Solidarität mit der
ten auch in Fürth verschiedene neonazis- Haltung der Regierung der Tschechi-
tische Organisationen und die NPD zum schen Restitutionsklagen, schen Republik“ erklärt. Der Versuch,
1. Mai eine Demonstration an. Die circa aber schroffe Ablehnung die Dekrete als unvereinbar mit dem EU-
400 Nazis wurden mit Sonder-U-Bahnen von Klagen aus Osteuropa Recht zu qualifizieren, öffne „den Weg
von Nürnberg nach Fürth gebracht und zu direkten Eigentumsforderungen sei-
konnten aufgrund einer polizeilichen Si- Berlin. Die Bundesregierung hat keine tens der früheren deutschen Bewohner
cherheitszone (Absperrgitter samt deren Übersicht über Klagen oder andere Tschechiens, der Slowakei, Polens und
Bewachung entlang der gesamten Route) rechtliche Schritte deutscher Privatper- Russlands“. Polen solle deshalb die Sie-
ihren Aufmarsch durchführen. sonen oder Firmen, um die Rückgabe germächte auffordern, die Gültigkeit des
Die Zahl der GegendemonstrantInnen früheren deutschen Eigentums in diesen Potsdamer Protokolls von 1945 und der
belief sich auf circa 3-4000. Nach einer Staaten zu erreichen. Sie hält solche Kla- Nachkriegsordnung in Europa zu bestäti-
Kundgebung des DGB versuchten meist gen aber für zulässig. Nicht zulässig sind gen. Eine entsprechende Regelung müs-
kleine Gruppen immer wieder an die Na- dagegen in ihren Augen heute Klagen se auch in den EU-Beitrittsvertrag einge-
zidemo zu gelangen, um gegen diese tschechischer, polnischer oder anderer hen. Die Behandlung der Resolution
mittels Sprechchören, Obst, etc. zu pro- Opfer der NS-Zeit auf Rückgabe von in wurde zunächst verschoben. scc ■
testieren. dieser Zeit geraubtem oder zerstörten
Ein weiterer Effekt der Polizeitaktik: Vermögen. Rechtsextremistischer
Wegen des gesperrten Straßenzugs war „Ebenso wie ihre Vorgängerregierun-
einer Menge GewerkschafterInnen der gen hat die Bundesregierung nicht auf Übergriff auf das Jugend-
Weg zu der Abschlusskundgebung des individuelle Ansprüche von Deutschen zentrum in Kandel
DGB verwehrt, was diese teils fassungs- verzichtet. Für die Geltendmachung ... Kandel. Am 25.5.02 wurde von der In-
los und erzürnt zur Kenntnis nahmen. stehen den Betroffenen die in den jewei- itiative für ein selbstverwaltetes Jugend-
Bei der Abschlusskundgebung am ligen Ländern oder internationalen Insti- zentrum in Landau ein Konzert im Ju-
Hauptbahnhof wurden die Nazis und die tutionen bestehenden rechtlichen Mög- genzentrum Kandel veranstaltet. Der
GegendemonstrantInnen abermals durch lichkeiten offen“, heißt es in der Antwort Abend verlief friedlich, bis gegen 00:10
Gitter und einige Hundertschaften USK der Bundesregierung auf PDS-Anfragen Uhr 30-40 bewaffnete Neonazis, die sich
in Kampfmontur großflächig getrennt. zu Restitutionsforderungen deutscher auf dem Kandler Maimarkt zusammen-
Begleitet durch Pfiffe konnten so die Privatpersonen und Firmen gegenüber gerottet hatten, die Veranstaltung atta-
Neonazis ihre rassistische und antisemi- der Tschechischen Republik, Polen und ckierten. Mehrere jugendliche Konzert-
tische Propaganda kundtun und wurden anderen Staaten und zu rechtsextremisti- besucher erlitten Verletzungen und Platz-
danach wieder mit der U-Bahn aus Fürth schen Vorbereitungen auf die „Pfingst- wunden durch Schläge, Tritte und Fla-
gefahren. treffen“ der Vertriebenenverbände. schenwürfe.
Viele NazigegnerInnen fuhren danach Diametral entgegen gesetzt ist dage- Da die von den Leitern des Jugendzen-
noch zum Internationalistischen Straßen- gen die Position der Regierung, wenn trums verständigte Polizei viel zu spät
fest nach Gostenhof/Nürnberg. Neben polnische, tschechische oder andere ost- eintraf, war es dem entschlossenem Ent-
Musik, Büchertischen, Essensständen er- europäische Opfer der Nazi-Politik heute gegentreten einiger Konzertbesucher zu
eignete sich am Rande des Straßenfestes ihrerseits auf Entschädigung oder Rück- verdanken, dass Schlimmeres verhindert
ein Übergriff seitens der Polizei. Eine gabe von geraubtem Vermögen klagen. wurde.
Gruppe von ca. fünf Personen, u.a. eine „Kriegsschäden werden nach Völker- In Kandel und Umgebung bilden sich
Frau mit Kleinkind, wurden auf sehr bru- recht grundsätzlich nur durch Repara- immer mehr Gruppierungen militanter
tale Weise verhaftet. Einige Festbesuche- tionsvereinbarung auf staatlicher Ebene Faschisten. Wiederholt kam es zu An-
rInnen versuchten dann die Einsatzwa- geregelt“, heißt es da. Und: „Klagen von griffen auf Ausländer und Jugendliche,
gen am Wegfahren zu hindern, was auf- natürlichen Personen gegen einen Staat die ihre menschenverachtende Meinung
grund der schlagwütigen Polizeikräfte aufgrund von Tatbeständen, die Gegen- nicht teilen. Da Kandel immer mehr zur
nicht gelang. Daraufhin blockierten eini- stand von Reparationsforderungen sein Spielwiese für rechtsextreme Organisa-
ge hundert Leute bis in den späten Nach- könnten, sind unzulässig.“ tionen wie den Kameradschaftsbund
mittag die Straße. Es verwundert nicht, dass diese dop- Karlsruhe, die NPD und den Nationalen
Die Gefangenen wurden am frühen pelte Moral im Umgang mit Folgen des Widerstand Kandel wird und diese sich
Abend dann wieder freigelassen und von Nazi-Deutschland angezettelten immer mehr im Stadtbild etablieren, ist
zum Fest zurückgebracht. inl/ron ■ Weltkriegs auch rechtsextreme Kräfte er- der Punkt gekommen, dem entschieden
muntert. Zum Pfingsttreffen der Ostpreu- entgegenzustellen. Deshalb ist für Sams-
Jörg Haider kommt nach ßischen Landsmannschaft im Juni in tag den 1.6.02 in Kandel eine antifa-
Leipzig, so die Antwort der Regierung schistische Demonstration geplant.
Frankfurt auf eine andere PDS-Anfrage, mobilisie- Antifa-Landau/Pfalz ■
Frankfurt/Main. Der Wirtschaftsclub ren schon jetzt Kreis- und Landesverbän-
Rhein-Main, ein Zusammenschluss von de der NPD sowie die rechtsextreme Grüne stellen Antrag gegen
Unternehmern und anderen netten Zeit- „Junge Landsmannschaft Ostpreußen“.
genossen, hat Jörg Haider zu einem Vor- PM Ulla Jelpke ■ Danubia
trag nach Frankfurt eingeladen. Er soll Dem Rechtsextremismus in München
als Landeshauptmann Kärntens über den Benesch-Dekrete: Auch in die Rückzugsräume nehmen – gibt es
Wirtschaftsstandort Kärnten reden. Die eine Möglichkeit, der Danubia das Haus
Veranstaltung soll am Do., den 6.6., um Polen wächst die Unruhe in der Möhlstraße zu entziehen? Diesen
20 Uhr im Steigenberger Hotel, Frank- Polen. In Polen führen die deutsch-ös- Antrag hat die Fraktion B90/Die Grünen
furter Hof, stattfinden. Einlass wird mit terreichischen Angriffe auf die Nach- in den Stadtrat eingebracht. Wir doku-
Einladung ab 18.30 Uhr sein. Antifa- kriegsordnung zu wachsender Unruhe. mentieren im Wortlaut:
: antifaschistische nachrichten 12-2002
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Der Stadtrat möge beschließen: Der Sohn des Nutznießers der Arisie-
1. Das Stadtarchiv wird gebeten die rung, Ludwig Freiherr von Leonrod, be-
Aus der rechten Ecke
Geschichte des Hauses Möhlstraße 21 so teiligt sich an der Vorbereitung des At- Stuttgart. Die Reps im Gemeinderat
exakt wie möglich darzustellen. Dazu tentats am 20. Juli 1944 auf Hitler. Er sind wieder einmal aktiv geworden,
gehört auch und vor allem die jeweiligen wurde am 20.8.1944 hingerichtet. nachdem sie längere Zeit von den
Besitzverhältnisse zu klären. Es wird Am 11.9.49 wurde die Danubia wieder internen Macht- und Grabenkämpfen
dargestellt, ob sich aus den Unterlagen gegründet. in der Landespartei absorbiert waren
des Stadtarchivs noch potentielle Erben Von Kriegsende 1945 bis Dezember (die Staatsanwaltschaft verfolgt den
der Familie Kaufmann ermitteln lassen. 1955 blieb das Haus in den Händen der ehemaligen stellv. Landesvorsitzenden
2. Die Rechtsabteilung des Kommu- Familie Leonrod. Am 9.12.1955 wurde Ch. Käs wegen seines Finanzgebah-
nalreferates wird gebeten darzustellen, das Haus an das Ehepaar Manz ver- rens). Zwei Themen drücken die Reps,
unter welchen. Umständen die potentiel- macht. Karl von Manz verkaufte das ehe- beide was für Stammtischbrüder: Po-
len Erben der Familie. Kaufmann noch mals „arisierte“ Haus in der Möhlstraße pulismus zum Bieseln auf dem Früh-
Ansprüche auf das ehemals „arisierte“ 21 im Jahr 1957 an seine Burschenschaft lingsfest (Titel des Antrags: „Abzocke
Gebäude erheben könnten. . „Danubia“ e.V. auf dem Wasen – Toilettenbenutzungs-
Begründung Gemäß eines von den Alliierten erlas- entgelte beim Frühlingsfest“) und –
In der Möhlstraße 21 befindet sich das senen Gesetzes, sollte den Juden geraub- irgendwas finden sie dann ja immer
sog. Danubenhaus. Dieses Haus - die tes Eigentum rückerstattet werden. In noch, wo sie ihren dumpfen Hass ge-
ehemalige „Villa Julius Kaufmann“ be- diesem Fall wurden aber keine Rücker- gen Ausländer und Sozialhilfeempfän-
findet sich im Besitz der rechtsextremen stattungs- oder Entschädigungsverfahren ger abdampfen können – ein Antrag
registriert. Bereits im Juli zum Wohneigentum. Wir zitieren wört-
1961 fand im Haus die lich:
Gründung der burschen-
schaftlichen Gemeinschaft Anfrage Stadträtinnen/ Stadträte –
statt und im November Fraktion DIE REPUBLIKANER im
1961 die Gründung des Stuttgarter Gemeinderat, Datum:
Ostdeutschen Kartells 16.05.2002, Betreff: Preiswertes
„ODK“, wegen des „Südti- Wohneigentum
rolkampfes“ bekannt; an Mit diesem Programm sollen vor allem
dem die Danuben sich be- junge Familien in die Lage versetzt
teiligten. 1989 fand dort werden, mit staatlicher Unterstützung
die Gründung des Republi- Grund- und Wohneigentum zu erwer-
kanischen Hochschulver- ben.
bandes statt. Neuestes Beispiel ist das Neubauge-
In dem’ Haus in der biet Im Raiser in Zuffenhausen … Wir
Möhlstraße finden regel- haben den Eindruck gewonnen und
mäßig die „Bogenhausener auch entsprechende Rückmeldungen
Gespräche“ statt. Der NPD aus der Bürgerschaft erhalten, dass die
Funktionär Thorn von Vergabepraxis unbefriedigend ist.
Waldstein referiert im Fe- Dabei werden folgende Punkte
Burschenschaft „Danubia“. Recherchen bruar 1997. Auch Horst Mahler. referier- hauptsächlich thematisiert:
zum Gebäude Möhlstraße 21 lassen fol- te in der Möhlstraße. Im Januar 2000 ge- 1. Bei der Vergabe werden Auslän-
genden geschichtlichen Hintergrund er- schah der Überfall auf den Griechen Ar- der mit einem Anteil von bis zu 40%
kennen: temios – durch Skinheads, die in der begünstigt. Dies wird als unangemes-
Das Haus wurde 1901 von den jüdi- „Burg Trausnitz“ feierten. Der Haupttä- sen und ungerecht empfunden, zumal
schen Eheleuten Julius und Luise Kauf- ter, Christoph Schulte, entkam zunächst, sich die Frage stellt, ob es im Sinne der
mann gebaut. Der. Sohn Bruno, der am da er sich im Danubenhaus in der Möhl- Verfassung ist, dass ausländische Per-
26. April 1884 geboren wurde, heiratete straße 21 verstecken konnte. sonen mit staatlichen Mitteln geförder-
als lutheranischer Christ Gertrud Kauf- Die Möhlstraße 21 ist ein Zentrum der tes Haus- und Grundeigentum erwer-
mann. Sie wohnten in ihrem Haus in der organisierten rechtsextremistischen Stu- ben. Hier wird bereits von „Landnah-
Möhlstraße 21. 1935 traten die „Deut- dentenschaften in München. Der Über- me“ auf Staatskosten gesprochen.
schen Rassengesetze“ in Kraft. Damit fall auf Artemios hat deutlich gemacht, 2. Die Einkommensgrenzen werden
wurden die Kaufmanns als Juden defi- dass es auch Verbindungen zwischen als zu nieder angesehen, was dazu
niert und verfolgt Die „arische“ Gertrud Skinheads, anderen organisierten rechts- führt, dass vor allem sozial Schwache
Kaufmann wurde unter Druck gesetzt, extremen Gruppierungen sowie der Da- zu den Begünstigten gehören. Dies
ihren Ehemann Bruno zu verlassen. nubia. gibt. führt aber eher dazu, dass sich neue so-
Am 1. Februar 1938 fand die „Arisie- Es ist ein Hohn der Geschichte, dass ziale Brennpunkte bilden und dass an-
rung“, d.h. der Raub des Hauses, statt. heute organisierte Rechtsextremisten im statt der gewünschten leistungstragen-
Das Haus wurde durch die Nationalsozi- „arisierten“ Haus in der Möhlstraße 21 den Bevölkerungsschichten eher Leis-
alisten dem „Freiherr v. Leonrod-Famili- residieren und von dort aus antisemiti- tungsempfänger angesiedelt werden.
enfideikomiss“ überschrieben. Das Ehe- sches und rassistisches Gedankengut Wir bitten hier um eine entsprechen-
paar Kaufmann verübte gemeinsam mit verbreiten können. Die Stadt München de Stellungnahme zu den beiden Punk-
ihrem Sohn Bruno am 31. Oktober 1940 muss durch Recherchen die Besitzver- ten und um Auskunft darüber, welche
Selbstmord durch Gasvergiftung. Die hältnisse exakt klären und versuchen, Maßnahmen die Stadt unternimmt, um
Mitglieder der Familie Kaufmann sahen evtl. Erben ausfindig zu machen, die das einer ungünstigen sozialen Entwick-
keinen anderen Ausweg, um der drohen- Haus zurückfordern könnten - das würde lung in diesen Neubaugebieten ent-
den Trennung, den permanenten Demüti- dem Rechtsextremismus in München ei- gegenzuwirken.
gungen und der Deportation zu entgehen. nen ihrer Rückzugsräume nehmen. gez. Dieter Lieberwirth, Sabine John-
Gertrud Kaufmann starb am 11. Februar Fraktion Bündnis 90/Die Grünen - son, Erwin Joos ■
1967. rosa Liste, Initiative: Siegfried Benker ■

: antifaschistische nachrichten 12-2002 5


Gleich dreimal hintereinander
wird Köln innerhalb von circa Heißer Sommer
einem Monat von Neonaziak-
gegen
tivitäten heimgesucht.

Der Aufmarsch der Kölner Kamerad-


Nazis!
schaften am 1. Juni (siehe Titelbild) war schenverachtende Hetze nicht verbreitet Naziprovokation auch am
der eher unbedeutetende Auftakt. Am werden kann!“ heißt es im Aufruf von Christopher-Street-Day (CSD)
29./30. Juni plant der Funktionär der fa- „Köln stellt sich quer“. Mit einer Kundgebung gegen den CSD
schistischen „Bürgerbewegung Pro unter dem haarsträubenden Motto „Wi-
Köln“ und Herausgeber der Zeitschrift Die Stadt Köln hat inzwischen mit der der den Werteverfall“ will ,Pro Köln‘am
„Signal“ (früher Europa Vorn), Manfred Begründung, dass städtische Plätze nur 6. Juli gegen Schwule und Lesben het-
Rouhs, an zwei Tagen hintereinander an Veranstalter vergeben werden, die zen. Damit steht die rechtsextreme Ver-
sein jährliches Pressefest verbunden mit Veranstaltungen in öffentlichem Interes- einigung nicht alleine.
einem Konzert verschiedener Neonazi- se durchführen, Rouhs’ Antrag abge- Konservative Kräfte und Teile der Kir-
Musikgruppen am Kölner Heumarkt lehnt. Der Hotel- und Gaststättenver- chen wettern immer wieder gegen den
durchzuführen. Eine Woche später am 6. band wwurde über das geplante „Presse- CSD. Ihr Weltbild, in dem Heterosexua-
Juni will ebenfalls Pro-Köln eine Kund- fest“ informiert und hat seine Mitglieder lität als „natürliche“ Norm und die bür-
gebung gegen den Christopher Street gewarnt und auf den neofaschistischen gerliche Familie als einzig vorstellbare
Day (CSD) abhalten. Charakter der Veranstaltung hingewie- Lebensform existiert, sehen sie von
Das Bündnis „Köln stellt sich quer” sen. Bleibt zu hoffen, dass es Rouhs sehr selbstbewussten Schwulen und Lesben
hat alle Kölner und Kölnerinnen aufge- schwer wird, passende Räumlichkeiten angegriffen. So ist es nicht nur die Mei-
rufen, dieser Welle neofaschistischer für seine Veranstaltung aufzutreiben. nung einer Minderheit, die die Nazis am
Aktivitäten entschiedenen Widerstand 6. Juli vertreten wollen. Umso wichtiger
entgegenzusetzen, zu zeigen, dass diese ist es, gerade am CSD,
menschenverachtende Hetze hier und schwulen- und lesbenfeind-
anderswo nichts zu suchen hat! licher Hetze keine Plattform
Erstmalig Nazi-Konzert in Köln zu bieten.
geplant
29. Juni:
Eine besondere Provokation stellt das Treffpunkt 12.00 Uhr
geplante Konzert & Pressefest am Heu- Alte Feuerwache,
markt dar. Manfred Rouhs, der die Zeit- Melchiorstraße 3
schrift „Signal“ herausgibt und einen (Nähe Ebertplatz)
gleichnamigen Versandhandel betreibt, 6. Juli:
über den rechtsextreme Musik und Bü- Hetzkundgebung gegen
cher zu beziehen sind, richtet das soge- den CSD stoppen!
nannte „Signal-Pressefest“ einmal im
Jahr aus. Neben diversen rechtsextremen Infos unter
Rednern wie Rouhs selbst, Harald Neu- www.antifa-k.de und
bauer und Alfred Mechtersheimer, die 0221/ 9526359
dort auftreten werden, sind die Skinhe- UnterstützerInnen: Antifa K, Anti-
ad-Bands ,Eskil‘ und ,Nordwind‘, die fa- Referat PH AStA, Antifa- Pro-
französische Naziband ,In Memoriam‘ jekt des AStA der SpoHo, AStA der
FH, AStA der Uni Köln, Junge Lin-
sowie die Gothic/Industrial Band ,Von ke Köln, Juso-AG Köln-Dellbrück,
Thronstahl‘ um Josef Klumb angekün- Juso-Hochschulgruppe Uni Köln,
digt. Zu Rouhs’ Pressefesten kamen in NRW-Landesarbeitsgemeinschaft
den letzten Jahren mehrere hundert Neo- Queer- Schwule und Lesben in der
PDS, PDS Kreisverband Köln,
nazis, darunter etliche militante Nazi- VVN-BdA Köln 14.05.2002
Skinheads.
„Musik stellt ein wichtiges Medium
in der rechten Szene dar. Es hat sich Neues Deutschland beendet Möllemann-Kolumne
auch gezeigt, dass nach solchen Konzer- Seit einigen Monaten befand sich Möllemann in Disput mit Gregor Gysi im „Neuen
ten Neonazis immer wieder, angesta- Deutschland“. In seinem Beitrag für die Ausgabe 27. Mai schreibt Möllemann: „Bei
chelt durch die menschenverachtende uns in Deutschland beschwören SPD und Grüne einen drohenden Rechtsruck in Euro-
Musik durch die Gegend ziehen, um pa. Sind denn alle blind? Was wir überall sehen, ist der Tatsachenbeweis für die The-
Jagd auf MigrantInnen und Andersden- se: Es geht nicht mehr um Rechts oder Links. Es geht nur noch darum, wer die tatsäch-
kende zu machen. Wir werden nicht dul- lichen Probleme der Menschen ohne ideologische Scheuklappen erkennt, in der Spra-
den, dass die Kölner Innenstadt oder ir- che des Volkes nennt und zu ihrer Zufriedenheit löst. ... Der gemeinsame Nenner der
gend ein anderer Ort über ein gesamtes Europa-weiten Wahlergebnisse ist weder ein Rechtstrend noch ein Linkstrend, sondern
Wochenende zur „No-Go-Area“ für all die Emanzipation der Demokraten.“ Noch in der gleichen Ausgabe kontert Gysi, Möl-
diejenigen Menschen wird, die nicht in lemann verkläre die Wahlergebnisse nationalisticher Rechtspopulisten, die rassistische
das Weltbild der Rechten passen. Wir und fremdenfeindliche Strömungen schüren und nutzen, „messianisch zu einer ,Welle
werden nicht zulassen, dass in Köln erst- des erwachenden Selbstbewusstsein‘“, zum Erfolg von Demokraten, gar zur „Zeiten-
malig ein Konzert mit Neonazibands wende am ,Beginn des dritten Jahrtausends‘“ und diene sich hier als Haider Deutsch-
stattfinden soll – denn die Musik der lands an. Die Redaktion erklärt mit diesem Möllemann-Beitrag das „Experiment“ des
rechten Schläger ist nichts anderes als Disputs für beendet: „Jürgen Möllemann hat mit dieser Kolumne seinen Aufnahmean-
Begleitmusik zu Mord und Totschlag. trag in den Club des – fremdenfeindlichen – europäischen Rechtspopulismus formu-
Wir fordern die Verantwortlichen der liert“, dafür will das ND kein Forum sein, so die Redaktion. jöd ■
Stadt auf, alles zu tun, damit diese men-

6 : antifaschistische nachrichten 12-2002


„Der aufhaltsame Aufstieg des
Arturo Le Pen“ (so der Links- Frankreich: FN und MNR
intellektuelle Yann Moulier-Bou-
tang in der Zeitschrift Multitudes) – vor den
wird er auch auf die französischen
Parlamentswahlen einen Schatten
Parlamentswahlen
werfen? sichtsreichen Wahlkreis angemeldet hatte. Normalerweise ist es üblich, dass sich
Im April 2002 verkündete Simonpieri, er kleinere oder mittelgroße politische Kräfte
Die beiden rechtsextremen Parteien – vor habe für das laufende Jahr seinen Mit- auf der Linken bzw. der Rechten in der
allem aber der Front National (FN) – wer- gliedsausweis beim MNR nicht erneuert. Stichwahl zugunsten der jeweils bestpla-
den auch bei der diesjährigen Parlaments- Zugleich versuchte er, in die Rolle eines zierten Kandidatur links oder rechts zu-
wahl alles daran setzen, eine maximale „Einigers“ oder Schlichters zwischen den rückziehen. Seit den frühen Neunziger
Wirkung als Störfaktor zu entfalten, falls beiden rechtsextremen Parteien zu schlüp- Jahren jedoch erhält der FN systematisch
sie nicht richtig „mitspielen“ dürfen. Das fen. Wohl auch um diese mögliche Posi- seine Kandidaturen in der Stichwahl auf-
französische Mehrheitswahlrecht sorgt da- tion für die Zukunft nicht einzubüßen, recht, auch dort, wo sie völlig aussichtslos
für, dass FN und MNR (Mouvement Na- schlug Simonpieri denn auch am Ende das sind und gerade mal mit Mühe und Not
tional Républicain) in der Regel sehr ge- Angebot des FN-Chefs Jean-Marie Le Pen die 12,5 Prozent-Hürde nehmen konnten.
ringe Aussichten haben, einen Wahlkreis aus, der ihm vorschlug, seine Kandidatur Dadurch wird die konservative Rechte zu
für einen ihrer Kandidaten zu „erobern“. im Kreis Vitrolles/ Marignane großzügig den triangulaires (wörtlich: „die dreiecki-
Ausnahmen bestehen allerdings vor allem zu unterstützen. gen“) genannten Konstellationen gezwun-
im Südosten Frankreichs,
wo der FN (oder örtlich
der MNR) sich zu einer
richtiggeheneden rechtsex-
tremen „Volkspartei“ ent-
wickelt hat. Die starke Prä-
senz der 1962 anlässlich
der Entkolonialisierung
ausgesiedelten Algerien-
franzosen - der pieds noirs
- ist einer unter mehreren
Faktoren, die diese über-
durchschnittliche Präsenz
an der Mittelmeerküste
Ein Karikaturist der linken bis grünen-nahen Wochenzeitung ‘Charlie Hebdo’, Luz wendet sich in diesen Zeichnungen (aus priva-
zwischen Montpellier und ter Quelle, die er während einer Anti-FN-Demonstration persönlich verteilt hat) gegen die Ansicht, die kritischen Kräfte müssten ei-
Nizza sowie im Hinter- nen „Burgfrieden“ mit den Etablierten eingehen, um Schutz vor Le Pen zu finden. Auf dem ersten Bild sieht man die etablierten Po-
land, vor allem aber an litiker dabei, einen „illegalen“ Immigranten abschieben zu lassen, während sie durch einen Fingerzeig auf Le Pen die Aufmerk-
der Côte d’Azur, erklären. samkeit des Kritikers ablenken. Dem Faschismus soll so durch jene Ideen entgegen getreten werden, „die zum Faschismus führen“.
Sofern sich die Wahler- Die Konsequenz sieht man im zweiten Bild : Le Pen guckt nach fünf Jahren erneut aus der Urne hervor, mit den Worten „Ich bin
gebnisse von Jean-Marie wieder da“. Auf unsanfte, aber deutliche Art schneidet der Kritiker daher jenen Vertretern der Etablierten das Wort ab, die „den
Le Pen bei der Präsident- Nichtwählern, Protestwählern auf der radikalen Linken und....“ die Schuld zu- und von sich wegschieben wollen.
schaftswahl auf die heran-
nahenden Parlamentswahlen projizieren Ansonsten werden der FN und der gen: Statt wie üblich eine linke und eine
lassen, können der extremen Rechten mo- MNR fast überall gegen- bzw. nebenein- rechte Kandidatur zu konfrontieren, sind
mentan zwischen 3 und 10 Parlamentssit- ander antreten: Bei insgesamt 577 Wahl- die zweiten Wahlgänge so durch eine
ze vorausgesagt werden. kreisen auf dem französischen Territorium Dreierfigur von Linken, Rechten und
Insbesondere im Südosten Frankreichs hat Le Pen 563 Kandidaten präsentiert, Neofaschisten geprägt. Dies behindert na-
könnte eine Handvoll von Abgeordneten Mégret gar 571. Der Gründervater des türlich vor allem die konservative Rechte,
des FN gewählt werden. Seitens des MNR Front National wird dabei, ähnlich wie da die Linksparteien in weit geringerem
hat dessen Gründer und Präsident, Bruno 1997, nicht selbst Kandidat sein: Le Pen Maße eine Wählerschaft mit dem FN oder
Mégret, relativ hohe Chancen, im Wahl- hasst es, sich dem Risiko auszusetzen, MNR teilen.
kreis Vitrolles/ Marigagne einen Parla- nicht das beste Einzelergebnis eines FN- Bei den Parlamentswahlen Ende Mai
mentssitz zu gewinnen: Beide Trabanten- Bewerbers zu erzielen. Er ist jedoch im und Anfang Juni 1997 hatten die Lepenis-
städte von Marseille werden von rechtsex- Wahlkampf „seiner“ Kandidaten und Kan- ten so ihre KandidatInnen in insgesamt
tremen Stadtoberhäuptern regiert, Catheri- didatinnen (ziemlich genau die Hälfte ist 133 von 577 Wahlkreisen aufrecht erhal-
ne Mégret (MNR) und Daniel Simonpieri weiblich) in hohem Maße präsent. ten können. Die Präsenz dieses Störfak-
(bis vor kurzem MNR). Da Simonpieri Das französische Wahlrecht erlaubt es tors hat damals mit zum Wahlsieg der Ko-
sich seit kurzem wieder seiner ehemaligen denjenigen Kandidaten und Kandidatin- alition unter Lionel Jospin beigetragen:
Partei, dem FN, angenähert und an dessen nen, in der Stichwahl präsent zu sein, die Zwischen 30 und 40 bürgerliche Kandida-
1. Mai-Demonstration in Paris teilgenom- im ersten Wahlgang von mindestens 12,5 ten waren an den triangulaires gescheitert.
men hat, hatte Jean-Marie Le Pen in der Prozent der eingeschriebenen Wahlbe- Wäre dem nicht so gewesen, hätte die par-
ersten Maihälfte versucht, ihn zu einer rechtigten (nicht der abgegebenen Stim- lamentarische Mehrheit anders ausfallen
Konkurrenzkandidatur gegen Bruno Mé- men) erhalten haben. Seit den Neunziger können.
gret in diesem Wahlkreis zu bewegen. Jahren hat der FN diese Bestimmung des Soweit die Resultate der diesjährigen
Simonpieri hatte sich unter anderem Wahlgesetzes systematisch zu seinen Präsidentschaftswahl auf die beiden Wahl-
auch deswegen vom MNR entfernt, weil Gunsten genutzt, um im Falle einer Bünd- gänge im Juni übertragbar sind, steht den
Parteichef Mégret nach den Kommunal- nisverweigerung der Konservativen ihnen Rechtsextremen dieses Mal die Möglich-
wahlen im März 2001 – der MNR hatte 65 gegenüber eine „Politik der verbrannten keit offen, ihre Kandidaten in 237 Wahl-
% in Marignane und 45 % in Vitrolles er- Erde“ (Le Figaro im Dezember 1992) zu kreisen zur Stichwahl aufrecht zu erhal-
zielt – eigene Ambitionen auf diesen aus- praktizieren. ten. Das wären rund 80 Prozent mehr

: antifaschistische nachrichten 12-2002 7


Wahlkreise als vor fünf Jahren. Derzeit sa- ten den Weg freimachen. Daher rührt die tischen Faktor am rechten Rand der Kon-
gen die Meinungsumfragen – die Le Pen laut gedachte Überlegung seitens Serge servativen. Millon, Baur und Soisson ha-
aber vor den Präsidentschatswahlen unter- Lepeltiers, „ein paar Abgeordnete“ des ben in den 10 Tagen vor dem zweiten
schätzt hatten – dem FN im landesweiten FN (und/ oder MNR) seien ja kein so Durchgang der Präsidentenwahl zwei Mal
Durchschnitt zwischen 12 und 16 % der schlimmes Risiko. Das könnte die Tür da- in Großveranstaltungen von Jacques Chir-
Stimmen vorher, dem MNR rund 2 %. für öffnen, dass in manchen Wahlkreisen ac in der ersten Reihe gesessen. Man be-
Am 21. Mai hatte der derzeitige Inte- hinter den Kulissen die Verhandlungen nötigt dieses Potenzial anscheinend auf
rimspräsident des neogaullistischen RPR, darüber beginnen, wo – im Gegenzug – dem rechten Rand der Konservativen, in
Serge Lepeltier, eine Debatte um das Ver- der FN oder MNR nicht die Wahl eines deren Reihen einige Protagonisten unge-
halten der Konservativen in den Stichwah- konservativen Kandidaten behindern duldig zu werden beginnen - weil sie
len angestoßen. Lepeltier hat derzeit den wird. nicht regelmäßig durch den Störfaktor auf
Platz der bisherigen RPR-Präsidentin Mi- Was den MNR betrifft, so sei immerhin ihrer Rechten und die triangulaires am
chèle Alliot-Marie eingenommen, da diese daran erinnert, dass die Boulevardzeitung Wahlsieg gehindert werden mögen.
als Verteidigungsministerin in die Regie- ,France Soir‘ am 16. April dieses Jahres Le Pen wiederum legte am 23. Mai ul-
rung aufgerückt ist. Am frühen Dienstag- darüber berichtet hatte, dass dessen Auf- timativ nach und forderte in einem Le
morgen auf dem Fernsehkanal RTL einge- nahme in die künftige konservative Monde-Interview die UMP ultimativ auf,
laden, hatte Lepeltier auf eine Schlussfra- Sammlungspartei im Gespräch sei. Diese Wahlabkommen für die Stichwahl mit
ge des Journalisten – bezüglich des Ver- war damals noch unter dem Namen UEM seiner Partei abzuschließen. Damit aber
haltens der Konservativen in den triangu- (Union en mouvement, Union in Bewe- hat er vielleicht mehr Türen zugeschla-
laires – geantwortet : „Ich wünsche, dass gung) im Gespräch, bevor Jacques Chirac gen, denn geöffnet. Vorerst?
wir unseren Kandidaten aufrecht erhalten, sie nach seinem Wahlsieg unter dem Na- Hinzugefügt sei, dass nach einer Um-
denn wir würden immer noch weniger Ri- men UMP lancierte. ,France Soir‘ zitierte frage durch das SOFRES-Institut vom 23.
siken durch die Wahl von ein paar Abge- fünf Tage vor dem Beginn der Präsident- und 24. Mai dieses Jahres 61 % der be-
ordneten (Anm. B.S.: der extremen Rech- schaftswahl (anonym bleibende) konser- fragten RPR-Sympathisanten die durch
ten) eingehen als die Linke, die (Anm. vative Führungspolitiker, die eine Auf- Lepeltier geäußerte Position teilen. Aller-
B.S.: 1985) das Verhältniswahlrecht einge- nahme der Mégret-Anhänger in eine Ein- dings erklären sich auch insgesamt 46 %
führt hatte, mit dem Ergebnis, dass der FN heitspartei auf der Rechten explizit nicht der Befragten dafür, die bürgerliche
eine Fraktion in der Nationalversammlung ausschließen wollten. Der sofortige Wahl- Rechte solle ihre Kandidaten neben ei-
erlangte.“ Dort war der FN zwischen 1986 aufruf Bruno Mégrets vom Abend des 21. nem FN- und einem sozialdemokrati-
und 1988 mit 35 Abgeordneten präsent. April, für Le Pen zu stimmen, dürfte diese schen Kandidaten aufrecht erhalten. 43 %
Diese Äußerung löste sofort einen Pro- Tür aber wohl definitiv verschlossen ha- äußern die entgegengesetzte Auffassung,
teststurm seitens der Linksparteien aus, ben. Dennoch ist der MNR sicherlich 11 % haben keine Meinung dazu. Je nach
die im zweiten Durchgang der Präsident- bündnispolitisch „weicher“, und Gesprä- parteipolitischer Sympathie der Befragen,
schaftswahl fast einstimmig zur Wahl von chen mit den Konservativen gegenüber kann diese Haltung unterschiedliche
Jacques Chirac aufgerufen hatten, um weit aufgeschlossener, als die Führungs- Gründe haben. Bei manchen der Befrag-
Jean-Marie Le Pen den Weg zu versper- combo rund um Le Pen. ten mag ihr das einfache Motiv zugrunde
ren. Aber auch innerhalb des bürgerlich- Eine deutliche Mehrheit der konserva- liegen, dass es „nicht gut für die Demo-
konservativen Blocks, der in 80 Prozent tiven Entscheidungsträger hat Lepeltier kratie“ sei, wenn Rechte und Linke nicht
der Wahlkreise unter dem einheitlichen jetzt, angesichts der breiten Empörung mehr unterscheidbar seien (...den Grund
Etikett der neuen Sammelpartei UMP und wenige Wochen nach den massiven dafür sollte man allerdings vielleicht eher
(Union pour la majorité présidentielle, Mobilisierungen und Demonstrationen bei ihrer, doch sehr ähnlichen, Wirt-
Union für die Präsideten-Mehrheit) antritt, gegen die extreme Rechte, zurückgepfif- schaftspolitik suchen). Daneben erklären
erfolgten schnell die Distanzierungen. Ex- fen. Es gibt freilich auch Gegenstimmen, sich 22 % der befragten Gesamtwähler-
Premierminister Alain Juppé, der den namentlich die des RPR-Vorsitzenden im schaft damit einverstanden, dass die kon-
Wahlkampf der UMP koordiniert, und an- südostfranzösischen Département Var servative Rechte u.U. Wahlabkommen
dere suchten rasch den politischen Scha- (eine Hochburg des FN), Gilbert Ginesta - mit den Rechtsextremen eingehen solle:
den zu begrenzen. Juppé erklärte, in den dieser Vertreter einer harten Rechten be- 15 % wären dafür, diese Option „je nach
zweiten Wahlgängen solle nach Möglich- kräftigte ausdrücklich die von Lepeltier den Umständen“ zu prüfen, weitere 7 %
keit überall faktisch die gleiche Regel wie vorschnell vorgedachte Orientierung. sind für ein globales Bündnisabkommen
bei der Präsidentschaftswahl praktiziert Die sozialistische Bürgermeisterin von zwischen beiden politischen Lagern. 23
werden: Nur die beiden bestplazierten Lille, Martine Aubry, konnte es sich nicht % jener Befragten, die ihre Nähe zum
Kandidaten aus dem ersten Durchgang verkneifen anzumerken, Lepeltier spreche RPR bekunden, gehören zu jenen, die
sollen in die Stichwahl gehen. Das bedeu- nur „laut aus, was die Rechte leise zu tun eine solche (teilweise oder umfassende)
tet, dass die Konservativen sich zurückzie- gedenkt“. Oder jedenfalls einige auf der wahlpolitische Annäherung begrüßen
hen, wo ein/e Kandidat/in der Linkspar- Rechten. Zur Erinnerung: Im März 1998 würden – aber 89 % der Sympathisanten
teien besser abschneidet und dem Front gingen Konservative in fünf Regionalpar- der extremen Rechten.
National gegenüber steht - und umgekehrt. lamenten Allianzen mit den Rechtsextre- Der neue konservative Premierminister
Im Hintergrund der Überlegung von Le- men ein, um bei der Neuwahl der Regio- Jean-Pierre Raffarin hat unterdessen ver-
peltier steht wohl unausgesprochen die nal-Exekutive die Mehrheit zurückzuer- sprochen, es werde „weder beim ersten
Überlegung, ein solcher Verzicht auf den langen. Gegen den Widerstand der Partei- Wahlgang, noch zwischen den beiden
gegenseitigen Rückzug zugunsten der spitzen, und namentlich Chiracs, aller- Wahlgängen, keinerlei Manöver (der bür-
Linksparteien, im Angesicht einer Präsenz dings. Drei der damals durch ein Rechts- gerlichen Parteien) mit den Kandidaten
des FN oder MNR, könne eventuell von Rechts-Bündnis ins Amt gekommenen des Extremisten geben“. Dies kündigte er
den rechtsextremen Parteien honoriert Regionalpräsidenten sind heute noch im in einem Interview mit dem konservativen
werden. Bleibt ein konservativer Bewer- Amt: Jacques Blanc in Montpellier, Jean- Wochenmagazin „L’Express“ vom 30.
ber - mit schwachem Prozentergebnis - in Pierre Soisson in Dijon und Charles Baur Mai 02 an. Nun, am 17. Juni dieses Jahres
der Gegenwart eines sozialdemokratischen in Amiens. Ein weiterer, Charles Millon – dem Tag nach dem zweiten Durchgang
und eines neofaschistischen Kandidaten in Lyon, der 1999 vom Regionalparla- der Parlamentswahlen – werden wir klarer
im Rennen, dann könnte er die Wahl des ment aus seinem Sitz gestimmt wurde, Bescheid wissen.
Ersteren behindern und dem Letztgenann- bildet nach wie vor einen wichtigen poli- Bernhard Schmid, Paris ■

8 : antifaschistische nachrichten 12-2002


Friedliche Massenproteste an-
lässlich des Bush-Besuchs –
der Bundesausschuss Frie-
Die Friedensbewegung
densratschlag bilanziert die Aktionen
in einer Presseerklärung:
ist erstaunlich
jung geworden
www.arbeiterfotografie.com

Große Zufriedenheit herrscht in den Rei-


hen der Veranstalter der Proteste, die am men friedlich verlaufen würden. Das öf- dürfte auch gelungen sein. Aktionen –
21. Mai (Berlin) und am 22. Mai im fentliche Gerede einiger Politiker im die uns gemeldet wurden – fanden statt
ganzen Bundesgebiet anlässlich des Be- Vorfeld der Demonstrationen war eine in:
Info:

suchs des US-Präsidenten stattgefunden unverantwortliche Stimmungsmache. Aachen, Aschaffenburg, Augsburg,


haben. Die Teilnehmerzahlen bei der Seit über zwanzig Jahren pflegt die Frie- Bad Hersfeld, Belzig, Bergisch-Glad-
bundesweiten Demonstration in Berlin densbewegung in der Bundesrepublik bach, Berlin, Bielefeld, Bochum, Bonn,
eine Demonstrationskultur der Braunschweig, Bremen, Bremerhaven,
Gewaltlosigkeit, an der sich die Cochem, Cottbus, Dortmund, Duisburg,
Politik ruhig auch einmal ein Düsseldorf, Erfurt, Frankfurt a.M., Frei-
Beispiel nehmen sollte.“ berg (Sachsen), Freiburg, Fulda, Göttin-
Die Friedensaktionen zeich- gen, Hagen, Halle (Saale), Hamburg,
neten sich durch die Teilnahme Hannover, Heilbronn, Herne, Karlsruhe,
vieler junger Menschen aus. Kassel, Kastellaun (Hunsrück), Kiel Ko-
Hoffentlich ist damit das gele- blenz, Köln, Leipzig, Lüdenscheid,
gentliche Mediengerede von Mannheim, Marburg, München, Mün-
„Opas Friedensbewegung“ nun ster, Nottuln, Nürnberg, Oldenburg,
verstummt. Die Jugend lässt Potsdam, Rotenburg a.d.Fulda, Siegen,
sich offenbar nicht mehr mit Simmern/Hunsrück, Stuttgart, Stuttgart-
den Kategorien der „Freizeit“- Vaihingen, Trier, Tübingen, Waiblingen,
oder „Spaßgesellschaft“ be- Wiesbaden, Wiesloch, Wolfsburg,
schreiben. Sie ist engagiert und Worms, Wuppertal, Würzburg.
macht sich ihre eigenen Gedan- Die Kritik der Friedensbewegung
ken über die Zukunft unserer richtete sich nicht nur an die Adresse der
Erde. Damit gerät sie unwei- USA, sondern auch an die der Bundesre-
gerlich in Widerspruch mit der gierung. Gefordert wird, dass sie ihre
herrschenden Politik der Füh- verhängnisvolle Politik der „uneinge-
rungsmacht der westlichen schränkten Solidarität“ mit den USA
Welt. aufgibt und sich für eine zivile Politik
Die Friedensbewegung ist der Terror- und Verbrechensbekämpfung
politischer und entschiedener stark macht. Gerade im Wahljahr wer-
geworden als sie es in den 80er den die Ansprüche der Wähler an Rot-
Jahren war. Sie kritisiert nicht Grün, zu ihrer vor vier Jahren verspro-
den US-Präsidenten punktuell chenen „Friedenspolitik“ zurückzukeh-
nur wegen dessen Kriegsvorbe- ren, immer lauter. Strutynski: „Wer auf
reitung gegen den Irak, sondern die Friedensbewegung nicht hört, wird
nimmt die globale Politik der Stimmen verlieren.“
USA und der übrigen G7-Staa- Auf helle Empörung bei den Frie-
ten ins Visier. densdemonstranten ist die Nachricht ge-
Die Redner auf der Kundge- stoßen, dass eine als liberal eingeschätz-
bung in Berlin wie Jean Zieg- te überregionale Tageszeitung es abge-
ler, Rolf Wischnath und Horst lehnt hat, einen Aufruf der Friedensbe-
Schmitthenner haben das ge- wegung („Wir wollen Ihre Kriege nicht,
nauso unterstrichen wie etwa Herr Präsident ... Wir wollen überhaupt
der Sänger Konstantin Wecker keinen Krieg“) als bezahlte Anzeige zu
mit seiner Band. veröffentlichen.
Die Aktionen der Friedens- Beim Bundesausschuss Friedensrat-
bewegung wurden am 22. Mai, schlag, der die Anzeige organisiert hatte,
mit dem „Bush-Trommeln für treffen seit Tagen unaufhörlich Kopien
den Frieden“ im ganzen Land von Protestbriefen gegen den Zeitungs-
fortgesetzt. Aus 60 Orten sind verlag und Abo-Kündigungen ein. Der
uns lokale und regionale Aktio- Sprecher des Friedensratschlags wertete
nen gemeldet worden – erfah- die völlig überraschende Verweigerung
rungsgemäß ist das nur ein der Verleger als einen „Maulkorb“ für
kleiner Teil dessen, was tat- die Friedensbewegung und als einen
sächlich stattfand. Viele Tau- „eklatanten Verstoß gegen die grundge-
send Menschen sind also unter- setzlich garantierte Meinungsfreiheit“.
wegs gewesen, haben Mahnwa- Für den Bundesausschuss Friedens-
chen, Demonstrationen und ratschlag: Dr. Peter Strutynski
haben alle Vorhersagen übertroffen. Pe- Kundgebungen veranstaltet und haben – (Sprecher)
ter Strutynski, einer der Sprecher der zeitgleich im ganzen Land – um 18 Uhr (gleichzeitig einer der Sprecher der
bundesweiten „Achse des Friedens“ sag- mit Trommeln, anderen Instrumenten „Achse des Friedens“, welche die
te: „Eingehalten haben wir unser Ver- und Kochtöpfen Lärm gemacht. Es soll- bundesweite Kundgebung in Berlin
sprechen, dass die Aktionen vollkom- te bis an Bushs Ohren dringen – das organisiert hat) ■

: antifaschistische nachrichten 12-2002 9


Eine große, lebendige, multikul-
turelle Stadt, zuerst deutet nichts
daraufhin, dass hier das passiert
Der Stachel im Zentrum
Ein politischer Reisebericht von einem (Konferenz-)Besuch in New York im April
ist, was die Welt im 21. Jahrhundert an- 2002 von Tobias Pflüger * (gekürzt)
geblich grundlegend verändert hat. Hier
in New York in der ehrwürdigen Cooper United Press International teilnehmen zwar allein nicht ausschlaggebend, aber
Union for the Advancement of Science durfte / sollte. Zentrale Fragen der Dis- in der Kombination aller drei Gründe
and Art, fand vom 12. bis 14. April 2002 kussion waren: Wann beginnt der Krieg müsse eben der Kriegsbeginn dann auf
die Socialist Scholar’s Conference (SSC) gegen den Irak? Mit welchem Vorwand Frühjahr verschoben werden. Die New
statt (www.socialistscholar.org). Die Socia- wird er von der US-Regierung begründet York Times bestätigte dieses Szenario
list Scholar’s Conference gilt als das werden? Welche strategischen Gründe kurz darauf (28.04.)
größte jährliche Treffen der US-Linken. veranlassen die US-Regierung den Irak- Auch in der versammelten US-Linken
Organisator/inn/en der Socialist Scholar’s Krieg zu planen? und Wer wird mit der war klar, wenn jemand den Krieg noch
Conference ist die Partei Democratic So- US-Regierung im Angriffskriegs-“Boot“ stoppen kann, dann eine starke Anti-
cialists der USA, also sein? Und nicht zuletzt: Was kann kriegsbewegung. Immer wieder war in
Sozialdemokrat/inn/en. (Doch in den den Diskussionen von der damals geplan-
USA öffnen Sozialdemokrat/inn/en sich ten US-weiten Großdemonstration gegen
nach links und nicht wie in Deutschland den Krieg am 20. April 2002 in Washing-
fast ausschließlich nach rechts…) Die or- ton die Rede. Es gab nicht nur eine Einla-
ganisatorische Vor- und Hintergrundarbeit dung an diesem wichtigen Ereignis teilzu-
liegt wesentlich in den Händen von Eric nehmen. Die erfolgreiche Demonstration
Canepa vom New Yorker Brecht Forum hatte 100.000 (!) Teilnehmer/innen, aller-
(www.brecht-forum.org). Die Rosa-Lu- dings verschob sich aufgrund der aktuel-
xemburg-Stiftung (RLS) der PDS hat len Ereignisse die politische Stoßrichtung
2002 zur Socialist Scholar’s Conference weg von Bush und Richtung Scharon.
zum zweiten Mal eine Delegation ge- ... Die Friedensbewegung und die Lin-
sandt. Dieser Delegation gehörten Rainer man/frau dagegen tun, dass dieser Krieg ken in den USA haben eine Herkulesauf-
Rilling, Frank Deppe, Michael Chrapa, von den westlichen Regierungen vom gabe, doch nach unserem Besuch bin ich
Sabine Nuss, Mario Candeiras, Andreas Zaun gebrochen wird? In den Analysen etwas zuversichtlicher. Es gibt die US-
Merkens, Claudia Haydt und ich an. waren sich die Podiumsteilnehmer/innen Linke, es gibt die US-Friedensbewegung
Wir waren gespannt, wie hier im Zen- fast einig, ich beschreibe es mit meinen und beide sind stärker und selbstbewuss-
trum, hier in New York, die Folgen des Worten, ähnlich wie ich es in New York ter als in der derzeitigen Situation vermu-
11. September und der Afghanistankrieg referiert hatte: Der Irakkrieg ist fertig ge- tet. In einem Gespräch am Rande der
diskutiert würden. ... In der Great Hall der plant, es gibt nur noch drei ungünstige Konferenz – an einem der unzähligen Bü-
Cooper Union, in dem Saal in dem Abra- Konstellationen für die US-Regierung: chertische – sagte mir ein alter Mann:
ham Lincoln am 27.2.1860 seine soge- ◗ Ariel Scharon hat die Situation in den „George W. Bush hat jetzt überzogen,
nannte Cooper Union Address hielt und besetzten palästinensischen Gebieten so z.B. mit seiner Formulierung der „Achse
damit als Präsidentschaftskandidat der eskaliert, dass ein jetziger Angriff auf den des Bösen“, wir (also die US-Linke und
Republikaner im Spiel war, eröffnete der Irak es den westorientierten Eliten in fast die US-Friedensbewegung, T.P.) bekom-
raubeinige Soziologieprofessor Bogdan allen prowestlichen arabischen Staaten men jetzt immer mehr Zulauf.“
Denitch in einem Saal vor fast 2000 (!) verunmöglicht, einen US-Krieg gegen Wir alle wissen, die politischen Kämp-
Menschen die Socialist Scholar’s Con- den Irak zu unterstützen. fe werden meist in den Zentren entschie-
ference. Am eindrücklichsten war die ◗ Der Afghanistankrieg ist noch nicht den, häufig sind die Opfer der globalen
Rede des britisch-pakistanischen Autors in einer Phase, in der die US-Regierung Kriegspolitik in der Peripherie. Bei der
Tariq Ali, der kurz zuvor ein neues (sehr sagen könnte, sie konzentriert ihr „bestes“ derzeitigen Kriegspolitik ist die USA ent-
gutes!) Buch vorgelegt hatte: „Clash of Militär vollständig auf einen anderen Ort scheidendes Zentrum und in diesem Zen-
Fundamentalisms“, der Zusammenprall des Geschehens. Auch ist derzeit in zen- trum kämpft eine US-Linke und eine US-
der Fundamentalismen (also Plural!). Ge- tralen Bereichen die Munition „ausgegan- Friedensbewegung, der wir nur alles Gute
meint sind damit der islamische Funda- gen“. wünschen können. Sie sind „der Stachel
mentalismus und der (christliche? oder ◗ Wenn der Irakkrieg ein Koalitions- im Zentrum“.
besser christlich begründete) Fundamen- krieg sein soll, also wenn an der Seite der Doch wir selbst leben – nicht nur be-
talismus des US-Präsidenten bzw. der USA Truppen von anderen Staaten kämp- züglich Europa – ebenfalls in einem ent-
US-Gesellschaft. Tariq Ali schaffte es dif- fen sollen, muss eine Kriegskoalition ge- scheidenden Zentrum. Wir müssen hier
ferenziert und zugespitzt die US-Kriegs- schmiedet werden. Bisher hat nur die bri- vor allem gegen die deutsche Kriegspoli-
politik zu kommentieren und zu kritisie- tische Regierung eindeutig und öffentlich tik politisch arbeiten. Offensichtlich ist
ren. Er nannte ein eindrückliches Beispiel Kriegszustimmung signalisiert. der deutsche Kriegs-Debuty – z.B. für ei-
für die innenpolitischen Auswirkungen Das Problem der rot-grünen deutschen nen Angriff auf den Irak – entscheidend.
der Kriegspolitik. Aus Pakistan stammen- Regierung ist einzig und allein, dass der Die Demonstrationen in Berlin und
de Taxifahrer versuchten mit dem Auf- Irakkrieg – für den sie ansonsten klare bundesweit gegen die Kriegspolitik der
hängen von US-Flaggen in ihren Wagen Zustimmung signalisiert haben – und der Regierungen der USA und Deutschlands
ihre Loyalität mit den USA unter Beweis von einer sehr deutlichen Mehrheit der anlässlich des Besuchs von US-Präsident
zu stellen, das half einem Teil wenig, sie bundesdeutschen Bevölkerung abgelehnt George W. Bush sind deshalb – auch als
wurden als Verdächtige abgeschoben. wird, vor der Bundestagwahl beginnen Unterstützung für die US-amerikanische
... Am spannendsten war für mich die könnte. Dann kann rot-grün die Wahlen Friedens- und Antikriegsbewegung – ab-
Diskussion auf dem hervorragend be- nicht mehr gewinnen, Wahlenthaltungen solut notwendig.
suchten Panel „Europe Versus America: und die PDS werden dann deutlich zule- Tobias Pflüger ist Politikwissenschaftler und Vor-
Will Europe Follow the U.S. Into Iraq?“ gen. Die versammelten US-Fachleute wa- standsmitglied der Informationsstelle Militarisie-
an der ich neben Susan Woodward, Tariq ren sich einig, Deutschland müsse auf je- rung (IMI) e.V., Hechingerstrasse 203, 72072 Tü-
bingen, Telefon: 07072-49154, Fax: 07071-49159,
Ali, Gilbert Achcar aus Frankreich, Ge- den Fall neben Großbritannien mit ins e-mail: IMI@imi-online.de Internet:
rald Horne und James B. Chapin von Kriegsboot. Das mit den Wahlen wäre http://www.imi-online.de

10 : antifaschistische nachrichten 12-2002


Gewerkschaftsnähe und Pen) und 13 Prozent in der Umgebung der Schichten die Meinungsbefrager noch stär-
Stimmabgabe für die extre- CGT (darunter 12 % zugunsten von Le ker belügt als in anderen Teilen der Gesell-
me Rechte Pen). schaft. Dieser „Sport“ ist unter den Le
Anscheinend hat die Gewerk- Pen-Wählern ohnehin verbreitet (alle Um-
schafts-Nähe der abhängig Beschäftigten Mittelschichten und Le Pen-Wähler fragewerte für Le Pen werden durch die
keinen definitiv wirksamen Schutzfaktor Den Anteil der Le Pen-Wählerschaft unter Umfrageinstitute um bis zu 200 Prozent
dargestellt. Das Institut CSA und die sozi- den traditionellen Mittelschichten (Klein- nach oben korrigiert), nicht nur aus
alpolitische sowie -rechtliche Zeitschrift und mittelständische Unternehmer, Hand- „Schameffekt“. Sondern auch aus grund-
,Liaison sociales’ hatten am 21. April eine werke, kleine Geschäftsbesitzer) zu be- sätzlichem Misstrauen und weil gerade
repräsentative Auswahl von Wählern nach stimmen, scheint bei der diesjährigen Wahl dieses Publikum davon überzeugt ist, dass
ihrer Gewerkschaftsnähe und ihrem keine leichte Sache darzustellen. In den Journalisten und Politiker genauso wie
Stimmverhalten befragt. Die Ergebnisse, 80er Jahren hatten diese Schichten die mit Meinungsforscher ohnehin „alle lügen“.
die dabei herauskommen, zeichnen ein Abstand größten Bataillone unter den Klar unterdurchschnittlich hingegen
durchaus plausibel erscheinendes Bild, rechtsextremen Wählerschaft gestellt. Die sind die Le Pen-Werte in jedem Fall bei al-
achtet man auf die Gesamtverteilung der Hauptursache dafür war die Krise des kon- len intellektuellen Berufen, unter Studie-
jeweiligen Stimmblöcke über die politi- servativen sozialen Blocks, der in den 70er renden, unter höheren Angestellten und in
sche Landschaft. So favorisieren die Sym- Jahren eingesetzt hatte, weil – im Zuge der vielen sozialen Berufen. Hier liegen die
pathisanten der linksalternativen Basisge- Grenzöffnung innerhalb der EG (späteren Spitzenwerte erkennbar unter 10 Prozent.
werkschaft SUD die trotzkistische radika- EU) und der zunehmenden transnationalen
le Linke. Beim Gewerkschaftsbund CGT
verteilt sich das Stimmenpaket in etwa
gleichmäßig über die radikale Linke, die
KP und die Sozialdemokratie. Hingegen
Wer sind die Le Pen-
verteilen sich die Stimmen der Sympathi-
santen des sozial-liberalen Gewerkschafts-
bunds CFDT zu ungefähr gleichen Teilen
Wähler? / II. Teil (von dreien)
auf die Sozialdemokratie und die liberal-
konservative Rechte. Letztere wird durch Konkurrenz – die in Frankreich noch be- Generationsmäßige Verteilung
über 60 Prozent der Anhänger der CGC sonders stark repräsentierten, klassischen Auch über die generationenmäßige Vertei-
(Gewerkschaft der höheren und leitenden Mittelschichten unter die Räder der ökono- lung herrscht keine völlige Klarheit, da die
Angestellten) gewählt. Uns interessiert in mischen Entwicklung zu geraten began- Zahlen vor allem für die Jungwähler (18
diesem Zusammenhang aber vor allem die nen. Ähnlich galt für die, in Frankreich bis 24 Jahre) von Statistik zu Statistik mit-
Stimmabgabe für Jean-Marie Le Pen und gegenüber der BRD damals noch recht unter deutlich abweichen. Für den ersten
Bruno Mégret. Vorausgeschickt sei dabei, zahlreichen, Landwirte. Diesem traditio- Wahlgang vom 21. April scheinen zwei
dass die Umfragemacher natürlich nicht nellen Mittelstand hatte Le Pen zum größe- Dinge festzustehen : Erstens, die älteren
ihre Gewerkschafts-Mitgliedskarte von ren Teil die erste Serie seiner Wahlerfolge Generationen ab 65 Jahren aufwärts wähl-
den Befragten verlangt haben. Das bedeu- (1984 - 86) zu verdanken. ten in schwächerem Maße Le Pen. Dies
tet, dass ihre „Gewerkschaftsnähe“ auf Das war, bevor Ende der 80er/ Anfang könnte damit zusammenhängen, dass hier
subjektiven Angaben, und mitunter viel- der 90er Jahre ein zweiter Schub zugun- noch ein eigenes Erleben dessen, was
leicht auf recht diffusen Sympathien beru- sten von Le Pen einsetzte, der zu einer Krieg und Faschismus bedeuten, vorhan-
hen kann. Man kann vermuten, dass diese „Proletarisierung“ der rechtsextremen den ist. Am stärksten Le Pen wurde im er-
Angaben in etwa das Wahlverhalten bei Wählerschaft führte. Arbeiter- und arbeits- sten Wahlgang in jenen Generationen ge-
Betriebsrats- oder Arbeitsgerichts-Wahlen lose Wähler, die sich durch die Linkspar- wählt, die in der zweiten Hälfte ihres Ar-
widerspiegeln. teien aufgegeben fühlten, begannen massiv beitslebens stehen, mit einem Schwerpunkt
Das Votum für die beiden rechtsextre- für die extreme Rechte zu stimmen. Die um die 50 Jahre.
men Kandidaten ist demnach bei dem Krise und das Ende des „real existierenden Für die jüngste Generation der Wähle-
(ziemlich weit rechts stehenden), kleinen Sozialismus“, der im französischen KP- rInnen (18 bis 24 Jahre) variieren die An-
katholischen Gewerkschaftsbund CFTC Milieu teilweise immer noch das gesell- gaben von 12 Prozent für Le Pen (Libéra-
am stärksten, mit 24 Prozent (19 % Le schaftliche Leitbild dargestellt hatte, haben tion) bis 22 Prozent für Le Pen/Mégret (La
Pen, 6 % für den stärker um konservative dazu ab Ende der 80er Jahre massiv beige- Tribune), wobei man sich in den meisten
Sympathien buhlenden Mégret). Bei den tragen – aber ebenso die Konvertierung der Artikeln der darauffolgenden Zeit anschei-
Sympathisanten des drittgrößten, refor- Sozialdemokratie zu neoliberalen Dog- nend auf eine mittlere Angabe von 16 Pro-
mistisch-“unpolitischen“, Gewerkschafts- men, die ab 1988 (Wiederbeginn ihrer Re- zent geeinigt hat. Dieser Prozentsatz be-
bunds FO (Force Ouvrière) beträgt die gierungsbeteiligung) offenkundig wurde. zieht sich aber nur auf die Wählenden - 37
Stimmabgabe für die extreme Rechte Der Einbruch der extremen Rechten in die- bis 40 Prozent in dieser Generation haben
demnach 18 Prozent (davon 15 Prozent se Wählerschaft erfolgte vor allem in den im ersten Wahlgang gar nicht gestimmt.
für Le Pen). Bei der Präsidentschaftswahl Jahren 1989 bis 1995. Heute setzt er sich Fest scheint aber zu stehen, dass die
1995 hatten 19 Prozent der FO-Sympathi- zwar fort, doch hat kein neuer qualititativer Gegenkräfte gegen die Neofaschisten und
santen für Le Pen gestimmt. Und bei der Sprung stattgefunden. ihre (nicht nur ihre....) rassistischen Ideen
CGC, dem Dachverband der höheren An- Unterdessen scheint seit 1997 (Scheitern in den jüngsten Generationen besonders
gestellten, stimmen 15 Prozent für die ex- der konservativen Regierung Chirac/ Jup- stark verbreitet sind, wie die täglichen De-
treme Rechte (12 % Le Pen, 3 % Mégret). pé) auch ein Teil der ehemaligen bürger- monstrationen zwischen den beiden Wahl-
Diese Größenordnungen decken sich, in lichen Le Pen-Wählerschaft zur extremen gängen und die Mobilisierungen in Schu-
den drei Fällen, ungefähr mit jenen von Rechten zurückzukehren. Doch richtige len und Universitäten gezeigt haben. Eine
1995.Zugenommen hat hingegen die Klarheit lässt sich über das Ausmaß dieses gewisse Resistenz erklärt sich wohl auch
Stimmabgabe für die Rechtsextremen un- Phänomens bei der Wahl 2002 nicht her- daraus, dass die laizistische französische
ter den Sympathisanten des in etwa stellen. So stimmten der konservativen Ta- Schule (mit eingliedrigem Schulsystem,
(rechts)sozialdemokratischen Gewerk- geszeitung ,Le Figaro’ zufolge 19 % der anders als in der BRD) für sie tatsächlich
schaftsbunds CFDT, und des ehemals KP- Kategorie „Handwerker, Geschäftsleute, eine gewisse melting pot-(Schmelztiegel-
nahen Dachverbands CGT. Im April 1995 Kleinunternehmer“ am 21. April für Le )Rolle gespielt hat. Bernhard Schmid ■
hatten noch 6 Prozent der CFDT- und 7 Pen. Hingegen waren es der linksliberalen Dritter und letzter Teil folgt:Immigranten und
Prozent der CGT-Sympathisanten angege- Tageszeitung ,Libération‘ zufolge nicht Stimmabgabe für die extreme Rechte; ideologi-
ben, für Le Pen zu stimmen. Dieses Mal weniger als 31,9 %. Die Schwierigkeiten sche Faktoren und Themen, die die Wahl von
ist die Zahl gewachsen, auf 12 % unter bei der genaueren Bestimmung dieser Le Pen/Mégret favorisierten; Veränderungen
den CFDT-Anhängern (davon 10 % für Le Wählerschaft können auch darauf zurück- zwischen dem ersten Wahlgang und der Stich-
zuführen sein, dass man in diesen sozialen wahl vom 5. Mai.

: antifaschistische nachrichten 12-2002 11


: ausländer- und asylpolitik
Deutschland Lagerland:
Ausreisezentren verhindern!
– Bleiberecht und Papiere
für alle!
München. Die „Karawane für die Rech-
te der Flüchtlinge und MigrantInnen“,
der „Bayerische Flüchtlingsrat“ und „res
publica“ waren die Hauptorganisatoren
der Kundgebung und Demonstration am
Samstag, den 25. Mai, die von über 40
Organisationen und Persönlichkeiten
unterstützt wurde. Und so waren es gut
www.arbeiterfotografie.com

1000 Menschen, die vom Stachus auf-


brachen, um ihren Protest zum Innenmi-
nisterium zu tragen. Auf der Auftakt-
kundgebung hatte zunächst ein Vertreter
der „Karawane ...“ die geplanten Ver-
Info:

schärfungen der Rechtslage und Praxis


für Asylsuchende im Rahmen des „Zu-
wanderungsgesetzes“ charakterisiert und
angeprangert. Ein Betroffener aus Hal-
berstadt berichtete von den dortigen Er-
Köln. Fast 700 Teilnehmer kamen am markt. Am Nachmittag fand dann noch fahrungen mit dem Widerstand gegen die
Samstag, den 25. Mai auf dem Ebert- ein Solidaritätskonzert am Containerla- sog. „Ausreisezentren“. Eine Vertreterin
platz, um gegen das Ausländer-Zentralre- ger in Kalk statt. jöd ■ der PDS erklärte die Solidarität mit der
gister (AZR) aber auch gegen das Kalker Kundgebung. Vor dem Innenministerium
Containerlager zu protestieren. Bereits Leerstehendes Haus besetzt sprach ein Vertreter des „Bayerischen
am frühen Morgen versammelten sich ei- Flüchtlingsrates“. Dann wurde eine Re-
nige Hundert vor dem AZR und protes- Köln. Aus Protest gegen die menschen- solution gegen die geplanten Maßnah-
tierten gegen dessen Abschiebepolitik. unwürdige Unterbringung der Flüchtlin- men, die sich an das bayer. Innenministe-
Aus ganz NRW waren die Teilnehmer ge im Kalker Containerlager, anderer- rium richtet, von den Versammelten per
angereist, darunter sehr viele junge Men- seits aber jahrelangem Wohnungsleer- Akklamation verabschiedet.
schen. Antirassistische und antifaschisti- stand, besetzte die Initiative „Kein M.B. ■
sche Organisationen hatten zur Demon- Mensch ist illegal“ mit Hilfe zahlreicher
Unterstützer(innen)
am 27. Mai ein Haus
in der Uracher Stra-
ße in Bilderstöck-
chen.
Während dort seit
Jahren ungefähr 100
Wohnungen, die sich
www.arbeiterfotografie.com

meist im Besitz des


Bundesverwaltungs-
amtes befinden,
leerstehen und ver-
rotten, leiden die in Abschreckung bei der Ein-
Info:

den Kalker Contai- bürgerung in Bayern


nern untergebrach-
ten Flüchtlinge unter München. „Die Zahlen machen es deut-
verschiedenen Haut- lich: Bayern unternimmt alles, um das
und Infektions- neue Staatsangehörigkeitsrecht zu unter-
stration aufgerufen, darunter „kein krankheiten. Die Stadt aber möchte Men- laufen. Mit Schikanen versucht man die
mensch ist illegal“ und die AntifaK aus schen, die der Not in ihrer Heimat entflie- Menschen von der Einbürgerung abzu-
Köln, Radikale Linke und die PDS waren hen wollen, abschrecken – sie weigert schrecken, um sie dann als integrations-
auch gekommen. Wegen dem Tod von sich, sie menschenwürdig unterzubrin- unwillig zu diskreditieren“, sagte am 10.
Stefan Neisius, der bei seiner Festnahme gen. In den leeren Wohnungen im Kölner Mai Elisabeth Köhler, migrationspoliti-
so geschlagen wurde, dass er wenige Norden wäre das ohne weiteres möglich. sche Sprecherin der grünen Landtags-
Tage sspäter starb, änderten die Veran- „Kein Mensch ist illegal“ fordert in die- fraktion. Nach einer Statistik der Hum-
stalter kurzfristig das Programm und sem Zusammenhang nicht nur die „sofor- boldt-Universität Berlin habe Bayern im
führten vor der Polizeiwache am Bres- tige Schließung des Containerlagers in Jahr 2000 mit 1,84 % der ausländischen
lauer Platz eine Kundgebung durch. In Köln-Kalk, stattdessen Unterbringung Bevölkerung die niedrigste Einbürge-
eindrucksvollen Worten sprach ein der Flüchtlinge in der Uracher Straße, rungsquote der alten Bundesländer. Die
Freund von Stefan Neisius. Wilfried sondern auch das Recht der Betroffenen Zahlen für das Jahr 2001, die im Sommer
Schmickler schilderte den Tathergang sich selbst zu verpflegen (und die nötigen herausgegeben werden, ließen einen
und Rechtsanwalt Hartmann kritisierte finanziellen Mittel dafür) und eine prinzi- weiteren Rückgang der Einbürgerungen
die Politik von Polizeidirektor Senges- pielle Änderung der auf Abschreckung erkennen. Ein wichtiger Grund liege in
peik, auch „Senge“ genannt. Anschlie- zielenden Kölner Flüchtlingspolitik. den in Bayern sehr restriktiv durchge-
ßend zog die Demonstration zum Alter- tri ■ führten Sprachtests. Die Durchfallquote

12 : antifaschistische nachrichten 12-2002


betrage bayernweit ca. ein Drittel, Ten- strativ unter das Zeichen des
denz steigend. Weiter hätten die Einbür- Rückschritts:
gerungswilligen mit einer ganzen Reihe • Massive Kürzungen im
von Problemen bei den Einbürgerungs- Begegnungsstättenbereich
behörden zu kämpfen, so würden • keine Förderung der Sozi-
Sprachzertifikate, die bei anerkannten alberatung für Migranten
privaten Sprachenschulen abgelegt wer- mehr
den, nicht automatisch anerkannt. • Abschaffung des Amtes
B90/Die Grünen ■ der Ausländerbeauftragten
• Verlagerung der Zustän-
CDU und FDP wollen die digkeit für die Unterbringung
von Flüchtlingen in die Innen-
Aussonderung behörde mit dem Ziel einer
Frankfurt/M.. Die Landesregierung verstärkten Abschiebungs-
Hessen und die sie tragenden Parteien möglichkeit
betreiben eine Politik der gezielten Dis- • ein Integrationskonzept,
kriminierung von Kindern ausländischer das seinen Namen nicht ver-
Herkunft an den Schulen. Was u.a. mit dient
der Abschaffung des muttersprachlichen • Schaffung eines ehren-
Unterrichts begann, setzte sich mit dem amtlichen Integrationsbeirats,
vor einigen Wochen verabschiedeten 2. von dem keiner weiß, was er
Gesetz zur Qualitätssicherung an Hessi- tun soll und welche Rechte er
schen Schulen fort. Nicht nur, dass die hat.
Förderung der „Zweisprachigkeit“ aus Das sind nur einige Bei-
dem Schulgesetz gestrichen wurde. Ab spiele für die neue Migra-
sofort ist es sogar möglich, dass Kinder tionspolitik der „Olympia-
bei Schulbeginn mit der Begründung stadt Hamburg“.
„mangelnder Deutschkenntnisse“ zu- Dagegen wehren wir uns!!!
rückgestellt werden können. Die Kom- Wir rufen auf zu einer ten, ist sachlich falsch. Im Jahr 2001 hat
munale Ausländervertretung hatte gegen Demonstration am 7. Juni das Bundesamt für die Anerkennung aus-
die Novelle protestiert und die Landesre- Treffpunkt ist 15.00 Uhr am Damm- ländischer Flüchtlinge insgesamt 24,4 %
gierung aufgefordert, das Gesetz zurück- tor/ Moorweide. Die Abschlusskund- aller Antragsteller als schutzbedürftig
zunehmen. gebung wird um 18.00 Uhr auf dem eingestuft und ihnen eine Flüchtlingsan-
Auf der Tagesordnung der letzten Rathausplatz stattfinden. erkennung bzw. Abschiebeschutz ge-
Stadtverordnetenversammlung stand ein Partnerschaft für Integration,Deutscher Gewerk- währt. Lässt man all die Fälle unberück-
Antrag der FDP, der den Magistrat auf- schaftsbund, ver.di, Bündnis Türkischer Einwan- sichtigt, in denen es aus formalen Grün-
fordert, sich für die Abschaffung der derer, Verein zur Förderung der Integration, Rat den nicht zu einer Entscheidung kam
der islamischen Gemeinschaften – Schura, Bünd-
Schulbezirksgrenzen für Grundschulen nis islamischer Gemeinden, Rat der Afghanen in (z.B. Weiterwanderung der Flüchtlinge),
einzusetzen. Das Ansinnen, die frühzeiti- Norddeutschland, Afghanische Gemeinschaft, beträgt die Schutzquote des Bundesam-
ge soziale und kulturelle Ausgrenzung Koordinierungsrat des Iranischen Vereins in tes sogar 32 %. Hinzu kommen die Aner-
und Separierung zu forcieren, fand dort Hamburg, Hamayesh, Volkshaus der Türkei e.V kennungen aufgrund der Gerichtsent-
allerdings keine Mehrheit. ola ■ scheidungen, die Beckstein ebenfalls
Pro Asyl warnt: Kein Wahl- nicht berücksichtigt. „Es gibt somit keine
Olympiastadt Hamburg: kampf auf dem Rücken von sachlichen Indizien für die Suggestion,
die Mehrzahl der Flüchtlinge missbrau-
Tolerant, weltoffen und Flüchtlingen! che in Deutschland das Asylrecht“, sagte
migrantenfeindlich? Frankfurt a.M. Die bundesweite Ar- Günter Burkhardt von Pro Asyl.
Hamburg. Der Erste Bürgermeister Ole beitsgemeinschaft für Flüchtlinge warnt Die Forderung Becksteins nach „euro-
von Beust preist Hamburg als weltoffe- den bayerischen Innenminister Beckstein päischen Verteilungsquoten“ betrachtet
ne, liberale Stadt, die sich „aus gutem vor einem Wahlkampf auf dem Rücken Pro Asyl als realitätsfern. Sie zeuge von
Grund eine fremdenfreundliche Stadt von Flüchtlingen. Mit falschen Fakten mangelnder Sachkenntnis. Niemand dis-
nennen“ darf, und wirbt damit für die wie Deutschland sei „wieder Hauptziel- kutiere zur Zeit auf europäischer Ebene
Stadt als Austragungsort für die Olympi- land von Asylbewerbern“ in Europa (9. eine solche Regelung. Anstatt jahrelang
schen Spiele. Mai 2002) versuche der Schatteninnen- gegen die europäische Gesetzgebung zu
Der Zweite Bürgermeister Innensena- minister Beckstein den Einstieg in die opponieren und mit Positionen von vor-
tor Ronals Schill agitiert gleichzeitig auf Neuauflage eines Wahlkampfes auf dem gestern die innenpolitische Debatte auf-
seinem Bundesparteitag in Hamburg in Rücken von Asylsuchenden und Flücht- zuheizen, solle sich Innenminister Beck-
kaum verhüllter Fremdenfeindlichkeit lingen. stein ernsthaft mit den aktuell vorliegen-
damit, dass „eine unkontrollierbare Ein- Pro Asyl hält Fakten dagegen: „Setzt den Richtlinienvorschlägen der EU-
wanderung von Menschen, die nicht in- man die Zahl der Asylsuchenden in Rela- Kommission auseinandersetzen. „Wer
tegrierbar sind“, drohe, und verschärft tion zur Gesamtbevölkerung, dann liegt ein europäisches Asylrecht will, muss die
ein latent vorhandenes fremdenfeindli- die Bundesrepublik Deutschland im Jahr Genfer Flüchtlingskonvention und die
ches Klima in der Hamburger Gesell- 2001 erst auf Platz 9 aller EU-Mitglieds- Europäische Menschenrechtskonvention
schaft. Weder Ole von Beust als Senats- staaten. Wie Beckstein zu seiner steilen uneingeschränkt zur Anwendung bringen
präsident noch der CDU-Landesvorsit- These, Deutschland sei Hauptzielland und im Gegensatz zu Beckstein zum Bei-
zende Dirk Fischer oder die FDP-Spitze von Asylbewerbern, kommt, bleibt sein spiel für die Anerkennung nichtstaat-
im Senat und der Bürgerschaft distanzie- Geheimnis. Auch die Aussage, nur ca. licher Verfolgung als Asylgrund im Sin-
ren sich davon. 15 % der Antragsteller würden als Asyl- ne der Genfer Flüchtlingskonvention
Im Gegenteil, der neue Hamburger Se- berechtigte anerkannt werden oder zu- eintreten.“
nat stellt seine Migrationspolitik demon- mindest vorübergehenden Schutz erhal- www.proasyl.de ■

: antifaschistische nachrichten 12-2002 13


: neuerscheinungen

Autobiogra- Eine große Rolle dürfte aber Kreisvorsitzender in


phie einer auch ein gewisser Geltungs- Wolfsburg fungierte.
Rechtsterroristin: Ein drang gespielt haben. Als Ak- „Mit meiner Freund-
tivistin der NPD-Jugendorga- schaft zu Klaus än-
„weiblicher Robin nisation „Junge Nationalde- derte sich mein Le-
Hood“ sprang ab mokraten“ (JN) betrieb ben dann sehr“, heißt
Unter die Autoren gegangen Christine Hewicker Straßena- es in „Die Aussteige-
ist die frühere Rechtsterroris- gitation in einigen norddeut- rin“. Dieses Leben
tin Christine Hewicker. Sie schen Städten. Meistens war von ständiger
veröffentlichte im Oldenbur- machte sie mit einem „Kame- Geldnot und häufi-
ger Igel-Verlag das Buch raden“ gemeinsame Sache, gen Hausdurchsu-
„Die Aussteigerin“, das den der rhetorisch gut geschult chungen der Polizei
Untertitel „Autobiographie war. „Wie wichtig kam ich gekennzeichnet. Zu-
einer ehemaligen Rechtsex- mir vor“, schreibt Hewicker gleich näherte sich
tremistin“ trägt. Auf 200 Sei- in ihrem Buch, „wenn ich et- Christine Hewicker
ten beschreibt die mittlerwei- was ,Intelligentes‘ mit ein- immer stärker der
le 43-Jährige ihren politi- werfen konnte. Ja, ich war „Aktionsfront Natio-
schen Werdegang. Der führte Wer!“ naler Sozialisten“
sie in die Fänge der rechtsex- Dass sie überhaupt im (ANS) von Kühnen und Kreditinstitut ausgesucht, das
tremistischen NPD, später zu ultrarechten Lager landen Worch an. bereits zuvor ihr Ziel gewe-
gewalttätigen Neonazis und konnte, lastet Christine He- In ihrer ideologischen Ent- sen war, damals erfolgreich.
dann für einige Jahre ins Ge- wicker auch der Schule an. wicklung stark beeinflusst Verwickelt in diesen Bank-
fängnis. Die Schülerin Christine wurde sie von Kurt Wolf- überfall: Christine Hewicker,
Unter rechtsextremisti- interessierte sich nämlich gram. Er hatte, so behauptet die 1983 zu einer sechsjähri-
schen Einfluss geriet Christi- brennend für das Fach Ge- es zumindest die Autorin, „ei- gen Gefängnisstrafe verurteilt
ne Hewicker bereits mit 14 schichte. Doch der Unterricht gentlich ständig Judenwitze wurde. Hinzu kamen noch 17
Jahren. Ein ehemaliger Mit- krankte nach ihrer Erinne- oder antisemitische Sprüche Monate aus anderen Verfah-
schüler ihres ältesten Bruders rung an einer oberflächlichen auf Lager. Wenn man fast ren. Allerdings wurde die
war aus Berlin in das 2.000- Behandlung der nationalsozi- tagtäglich davon hört, wie zweijährige Untersuchungs-
Seelen-Dorf in Niedersach- alistischen Geschichte. Der niederträchtig die geldgieri- haft angerechnet. Bereits im
sen zurück gekehrt, in dem Autobahnbau, der Rückgang gen Juden mit dem deutschen Oktober 1985 wurde Christi-
Christine lebte. Er machte bei den Arbeitslosenzahlen Volk umgehen, glaubt man ne Hewicker wieder aus der
Propaganda für die NPD und und die Konzentrationslager irgendwann auch an die Rich- Haft entlassen.
zog neben vielen Jugend- wurden gestreift – und das tigkeit der Darstellungen.“ Dieser Gang hinter Ge-
lichen ihre Brüder und in de- war es dann auch. Der Vor- Irgendwann wehre man sich fängnismauern war nicht ihr
ren Gefolge den Teenager wurf an die Adresse der Leh- dann nicht mehr gegen den erster Kontakt mit der Justiz.
Christine in seinen Bann. rer und der Lehrbuch-Verant- Rassenhass, so Hewicker. Wegen Sprühaktionen hat-
Dass der NPD-Mann so er- wortlichen: „Jedenfalls wur- Diese Entwicklung führte zu te sie bereits 1979 eine neun-
folgreich sein konnte, hatte de das Thema ,Adolf Hitler‘ Fanatismus pur: „Ich stellte monatige Jugendstrafe be-
angeblich auch mit negativen nicht so intensiv behandelt, fest, dass eigentlich grund- kommen, die zur Bewährung
Erfahrungen zu tun, die die dass man sich eine politische sätzlich alle Menschen – au- ausgesetzt worden war. Kur-
Dorfbewohner mit englischen Meinung hätte bilden kön- ßer denen, die der extremeren ze Zeit später stand sie wegen
Soldaten machen mussten. nen, um die Politik des Drit- rechten Szene angehörten – ganz anderer „Kaliber“ vor
Diese Militärs wurden als ten Reiches bewusst ablehnen sich zum Ziel gemacht hät- Gericht. Gemeinsam mit Paul
Besatzer empfunden, schil- zu können.“ ten, mich fertig zu machen. Otte, Christian Worch, Volker
dert Christine Hewicker. Durch persönliche Kontak- Und genau das wollte ich Heidel und anderen wurde sie
Ihre persönliche Abnei- te aus dem NPD- und JN- nicht zulassen. Also drehte angeklagt. Der Vorwurf laute-
gung gegen die „Besatzer“ Spektrum geriet die junge ich den Spieß um.“ Dabei te auf „Bildung einer terroris-
steigerte sich noch, als ihr Frau immer stärker in ein mi- merkte Christine Hewicker tischen Vereinigung“. Unter
Bruder Uwe, Mitglied der litantes Fahrwasser. Schon nach ihren eigenen Worten anderem soll die so genannte
NPD, bei einem Verkehrsun- bald freundete sie sich mit nicht, „wie weltfremd und Otte-Gruppe versucht haben,
fall ums Leben kam. Ihn hat- den Neonazi-Führern Mi- einsam ich wurde“. Sie habe den damaligen schleswig-
te ein englischer Soldat unter chael Kühnen und Christian ihr Ziel aufgegeben, für mehr holsteinischen Ministerpräsi-
Alkoholeinfluss verursacht. Worch an. Von ihnen zeigte Gerechtigkeit und Mensch- denten Gerhard Stoltenberg
Ihre Aufgeschlossenheit sie schwer beeindruckt. Der lichkeit zu kämpfen und statt- mit einem Sprengkörper zu
für braunes Gedankengut er- Grund: „Sie waren zielstrebig dessen einen persönlichen ermorden. Das Verfahren ge-
klärt sich die Autorin mit ei- und wussten, was sie wollten. Kampf gegen den bundes- gen Christine Hewicker sollte
nem ausgeprägten Gerechtig- Sie waren nicht so spießig deutschen Staat geführt. abgetrennt werden, doch
keitssinn: und ängstlich wie die meisten Kurt Wolfgram war einer durch die Flucht nach Frank-
„Nicht die Vergangenheit, in der NPD, und sie nahmen von zwei Rechtsterroristen, reich im August 1981 kam es
nicht Hitler und seine Ma- mich gerne in die Gruppe die am 20. Oktober 1981 nicht mehr dazu. Lange
chenschaften waren der In- auf, die sie jetzt mit anderen nach einem Schusswechsel konnte sie ihrer Bestrafung
halt meiner politischen Ein- Freunden bildeten.“ mit der Polizei getötet wur- jedoch nicht entgehen. Noch
stellung, sondern vielmehr 1977 lernte Christine He- den. In Begleitung mehrerer im gleichen Jahr wurde
der Wille, die Ungerechtig- wicker ihren späteren Ehe- Gesinnungsgenossen war er Christine Hewicker – damals
keiten, die in der ganzen Welt mann Klaus-Dieter kennen, auf dem Weg zu einem Bank- 23 Jahre alt – von einer Anti-
herrschten, zu beseitigen.“ der damals noch als NPD- überfall. Sie hatten sich ein Terroreinheit in Belgien ver-

14 : antifaschistische nachrichten 12-2002


: ostritt
haftet und nach Deutschland ausgelie- ihre Biografie. Dieser Eindruck wird
fert. Während der mehrjährigen Haft durch ein Übermaß an Selbstbeweihräu-
wurde sie zunächst in ihrem Hass auf cherung verstärkt, feststellbar bei Sätzen
das „System“ bestärkt, schaffte aber wie diesen: „Wenn ich heute meine Ver-
bald darauf die Umkehr – auch aufgrund wandten über meinen Großvater spre- ie Landsmannschaft versucht
ihres wachsenden religiösen Bewusst-
seins.
Dass Christine Hewicker in dem End-
chen höre, denke ich, er war ein großar-
tiger, gutherziger und genau so verrück-
ter Mann, mit großen Plänen für sein
D mit ihrem neuen Outfit des
Deutschen Ostdienstes (DOD)
modern rüberzukommen. Unter der
spurt ihres Buches ein flammendes Plä- Leben und dem ständigen Willen, Gutes Überschrift „Tarzan war ein Donau-
doyer gegen rechtsextremistische Ten- zu tun, was aber auch ihm nicht immer schwabe“ versucht die Redaktion eine
denzen hält und zum gesellschaftlichen gelang. Vieles davon hatte er an mich WM-taugliche Ausgabe zu produzie-
Widerstand gegen diesen Ungeist auf- weiter gegeben.“ Ähnlich suspekt wir- ren. Die Landsmänner und -frauen
ruft, ist begrüßenswert. Denn auch wenn ken Aussagen wie diese: „Irgendwie müssen eben wissen, dass der frühere
ihre ultrarechte Karriere schon viele Jah- habe ich mich auch als weiblichen Ro- Stuttgarter Nationalspieler Hansi Mül-
re zurück liegt, so ist sie dennoch eine bin Hood gesehen, der völlig uneigen- ler eben ein Donauschwabe ist, obwohl
wichtige „Kronzeugin“ für Nazi-Gegner. nützig für die Schwachen eintritt und er in Stuttgart geboren ist!? Aber noch
An dem Buch stören allerdings viele dafür die Reichen und Mächtigen be- nicht genug der Peinlichkeiten aus dem
schwerfällige und langatmige Formulie- kämpft.“ Buch von Helmut Heimann über das
rungen. Der Igel-Verlag hätte gut daran Christine Hewicker hätte der Ausein- „Stelldichein donauschwäbischer Spit-
getan, die 200 Seiten wesentlich kriti- andersetzung mit dem Rechtsextre- zensportler. DOD: „Am meisten ver-
scher zu redigieren und lesbarer zu ge- mismus einen größeren Gefallen erwie- blüfft jedoch, dass auch Ferenc Puskás,
stalten. Auch ein Personen- und Sachre- sen, wenn sie ihre Motive für das rechts- der bis zu seinem 12. Lebensjahr Franz
gister sowie ein kurzer chronologischer extremistische Engagement besser her- Purczeld hieß, einen donauschwäbi-
Abriss fehlen. ausgearbeitet und zusätzliche Internas schen Vater hatte. Der große Fußballer
Ebenfalls ein großes Manko des Bu- über rechtsterroristische Strukturen wei- verleugnete seine Herkunft übrigens
ches: Die Gefängnis-Erlebnisse nehmen ter gegeben hätte. Thomas Klaus ■ nie. Mannschaftskameraden (man höre
einen derartig breiten Raum ein und der Wortschatz) und selbst Gegenspie-
werden dermaßen detailliert geschildert, Das Buch „Die Aussteigerin - Auto- ler hänselten ihn deshalb zu seinen
dass sich dem Leser der Eindruck auf- biographie einer ehemaligen Rechts- Glanzzeiten mit dem Spitznamen
drängen könnte, die Ex-Rechtsextremis- extremistin -“ hat die ISBN-Nummer ,Schwob‘.“
tin sei noch immer ein wenig stolz auf 3-89621-144-7 und kostet 14,90 Euro.
Prof. Blumenwitz, ein alter Kämpe
und ständiger Autor der DOD und sei-
Spendet für die Antifaschistischen nes Zeichens Völkerrechtler, schreibt
in der neuen Ausgabe zur Diskussion
Nachrichten! um die Benes-Dekrete: „Die Tragfä-
Die Spendenkampagne ist angelaufen. Schon etliche higkeit der Europäischen Union als ei-
Leserinnen und Leser haben auf unseren Aufruf ner Gemeinschaft, die sowohl auf die
reagiert. Insgesamt sind bisher Aussöhnung ihrer Völker und Volks-
gruppen als auch auf den Respekt vor
472,- Euro eingetroffen. den Menschenrechten und dem Schutz
von Minderheiten gründet, wäre ge-
Vielen Dank! fährdet, versuchte ein Mitgliedsstaat
die Vertreibung von Menschen aus ih-
rer angestammten Heimat beharrlich
Spendenkonto: GNN-Verlag, Postbank Köln, zu rechtfertigen; Europa liefe Gefahr,
im weltweiten Kampf gegen ethnische
BLZ 370 100 50, Konto 10419507 Säuberungen seine Glaubwürdigkeit zu
verlieren.“
Im DOD sind auch Wahlprüfsteine
an die Partei veröffentlicht. Der BdV
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. stellt Aufnahmebedingungen nicht nur
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de gegen Tschechien sondern auch gegen-
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Postfach 260 226, 50515 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach über Polen und Slowenien. Die Vorsit-
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, zende des BdV Erika Steinbach for-
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, dert in der FAZ-Sonntagsausgabe am
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart,
Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. 2. Juni: „Wenn in Prag keine Einsicht
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. einkehrt und wenn die EU-Kommis-
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Postfach 260 226, 50515 Köln. Sonderbestellungen sind sion über Menschenrechtsdefizite hin-
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. wegsteigt, dann weiß jeder, dass ein
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- Veto gegen den tschechischen EU-Bei-
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung tritt das einzige Mittel ist, das bleibt.
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. Der Bundespräsident hat bei seinem
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie Besuch in Prag am 5. Juni die morali-
Buntenbach (MdB Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsge-
meinschaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (Bund der Antifaschisten, Dachverband); Dr. Christel Hartinger (Frieden-
sche Pflicht, das deutlich zu machen.“
szentrum e.V., Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke, (MdB PDS); Der Bundespräsident sollte solche
Jochen Koeniger (Arbeitsgruppe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen Ansinnen weit von sich weisen!
(Mitglieder des Vorstandes der Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschisti-
sche Nachrichten); Kreisvereinigung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo
DOD Nr. 15/2002; FAZ, vom
Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di Thüringen); Kai Metzner (Info Pool Network); Bernhard Strasdeit (MdB-Büro Winfried 2.6.2002 – jöd ■
Wolf); Volkmar Wölk.

: antifaschistische nachrichten 12-2002 15


: aus der faschistischen presse
spruch aus“, so Bruno Wetzel in Nr. 22
der NaZe. Kritik an Israel werde als
„antisemitische Hetze“ niedergeknüp-
Keine Wende – bürgerliche pelt. Die Frage sei, „ob diese heftigen
Sturmvögel Sicht „alle anderen deutschen Soldaten Reaktionen die Mutmaßungen über ei-
ins Unrecht“, denn was soll der Deser- nen allerorts spürbaren jüdischen Ein-
Junge Freiheit Nr. 22/2002 vom 24. Mai teur getan haben? „Die Verwerflichkeit fluss nicht geradezu unter Beweis stel-
Carl Gustav Ströhm befasst sich mit den liegt dabei weniger in der unmittelbaren len.“ „Wie mächtig sind Juden?“ fragt
letzten Wahlergebnissen in Europa und Gefährdung der eigenen Gruppe oder das Blatt in Nr. 23 und zitiert aus Umfra-
kommt zu dem Schluss: „Was wir jetzt Besatzung ... sondern im Verlassen der gen, aus denen „bekannt“ sei, dass er-
erleben – und was sich bei der Bundes- einem gefährlichen oder niederdrücken- hebliche Prozentsätze den ,jüdischen
tagswahl am 22. September fortsetzen den Schicksal ausgesetzten militärischen Einfluss‘ für ,zu groß‘ halten“. „Mölli
könnte –, ist noch nicht jene ,geistig-mo- Gemeinschaft, dem Verstoß gegen das der Volkstribun“ habe sich „getraut, als
ralische Wende’, auf die seit Helmut militärische Ethos, gerade in Not und Sprachrohr einer Mehrheit aufzutreten,
Kohls Tagen Konservative vergeblich Gefahr zusammenzuhalten und gegen die sich bezeichnenderweise aus Angst
hoffen. Je Pen, Fortuyn, Berlusconi, die Forderung, einer müsse sich auf den zum Schweigen verdammt fühlt (...)
selbst Haider erscheinen eher als Vor-Re- anderen verlassen können. Fahnenflucht, Endlich hat’s mal jemand ausgespro-
formatoren denn als Träger einer bisher das treffendere Wort als Desertion, be- chen!“
ausgebliebenen Wende. Sie mögen aber deutet , diese Grundsätze wegen den er- „Paradox“ – so Wetzel – „wäre es je-
Sturmvögel einer künftigen Entwicklung warteten persönlichen Vorteils aufzuge- denfalls, wenn die FDP am Ende einem
sein, angesichts der unheimlichen Pro- ben.“ Dass das militärische Ethos in der jüdischen Einfluss nachgeben würde,
bleme, die vor den Toren harren (in zehn Wehrmacht, aber auch in anderen Ar- den es nach offizieller Darstellung gar
Jahren werden wir mit der demographi- meen nur mit einem beträchtlichen Auf- nicht gibt!“
schen Katastrophe konfrontiert sein!). wand an Drohung und Gewalt gegenüber
Wenn es für Nationen des Kontinents den Soldaten aufrecht erhalten werden „Republikaner stärken
eine Zukunft geben soll, dann müssen kann, weiß Hammel auch, später weist er
Hedonismus und Spargesellschaft redu- auf das Problem hin, dass auch die Möllemann den Rücken“
ziert, Begriffe wie ,Verantwortung‘ und Bundeswehr noch die Straftatbestände So heißt es in der Pressemitteilung der
,Dienst an der Sache‘ (oder am Land) der Fahnenflucht, des Ungehorsams ge- REPs zum Thema Möllemann. Ähnlich
wieder ernstgenommen werden.“ gen Vorgesetzte und der Bedrohung von wie Möllemann zieht Bundesvorsitzen-
Sterben fürs Vaterland – das war auch Vorgesetzten kennt. Dass die Verachtung der Rolf Schlierer über den stellvertre-
schon mal Dienst am Land. Für Ströhm für die Nazi-Untaten oder auch die Sorge tenden Vorsitzenden des Zentralrats der
ist das Erstarken rechtspopulistischer um die Familie verächtlicher „persön- Juden, Michel Friedman her: „Mit seinen
Kräfte in Westeuropa nur der Anfang ei- licher Vorteil“ ist, kann nur einer meinen, unablässigen Hetzreden trägt er zum
nen rechtsextremen Wende. dem Angriffs- und Eroberungskriege als Aufkommen antisemitischer Tendenzen
legitimes Mittel der Politik erscheinen. bei.“ Dem FDP-Politiker rät er: „Mölle-
Empörung über Rehabilitie- mann, bleibe hart!“. Den Republikanern,
Beifall für Möllemann so Schlierer werde es „dank des Tabu-
rung der Deserteure bruchs von Möllemann“ zukünftig viel
Junge Freiheit Nr. 23/2002 vom 31. Mai Nationalzeitung 22/23-2002 leichter fallen „Mitglieder und Anhänger
Klaus Ulrich Hammel, Oberst im Gene- Auch wenn Möllemann es nicht wahrha- gegen den unberechtigten Extremismus-
ralstab a.D., ist empört und sieht Böses ben will, die Geister, die er rief, bekun- Vorwurf in Schutz zu nehmen“. Mölle-
für die Bundeswehr voraus. Die Verab- den unverhohlene Freude an seinen Äu- mann habe sich „zwar keine Verdienste
schiedung der Änderung des Gesetzes ßerungen: „Die immer wieder vorge- um die FDP, dafür aber um so mehr um
über die Aufhebung nationalsozialisti- brachte Behauptung, es gebe in den USA die Republikaner erworben.“
scher Unrechtsurteile in der Strafrechts- und einer Reihe anderer Staaten einen
pflege am 17. Mai, mit dem endlich die beachtlichen jüdischen Einfluss, löst bei Rouhs will Wahlkampf für
Rehabilitierung der Wehrmachts-Deser- Politikern und Medien insbesondere in
teure möglich ist, setzt aus Hammels der westlichen Welt stets heftigen Wider- FDP machen
Auf der Homepage der „Bürgerbewe-
gung Pro Köln“ um den Herausgeber
der neofaschistischen Zeitschrift „Sig-
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
nal“, Manfred Rouhs, wird mitgeteilt,
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: dass Pro Köln in diesem Jahr im Bundes-
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
14-täglich tagswahlkampf die FDP unterstützen
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
und zur Stimmabgabe für sie aufrufen
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
wird. „Deutlicher als Herr Möllemann“,
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
heißt es, „hätten auch wir unsere Kritik
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 60,- DM). am arroganten Auftreten eines Michel
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten Friedman nicht formulieren können“. So
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) viele Deutsche seien ihm dankbar für
seine Äußerungen. In einem an den
Name: Adresse: Kreisverband Köln der FDP gerichteten
Brief habe man den Freien Demokraten
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts zu einem „Landesvorsitzenden mit so
viel Rückgrat“ gratuliert. Pro Köln bietet
Unterschrift
an, Plakate und Flugblätter der FDP zu
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 - 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
verbreiten. Die „Mitglieder seien „hoch
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507 motiviert“.
uld, u.b. ■

16 : antifaschistische nachrichten 12-2002