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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 13.1.2005 21. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

Schönhuber wird Neue


„Berater“ der NPD Bündnis-
Franz Schönhuber stellt sich der NPD als partner?
„medien- und europapolitischer Bera-
ter“zur Verfügung. Der Mitgründer und
frühere Vorsitzende der „Republikaner“
und der NPD-Chef Udo Voigt vereinbar-
ten bei einem Treffen am 3. Januar 05 im
bayerischen Kreuth die künftige Zu-
sammenarbeit, wie die NPD mitteilte.
An dem Treffen nahmen auch Sascha
Roßmüller vom NPD-Parteivorstand und
das Bundesvorstandsmitglied der „Ge-
sellschaft für freie Publizistik“ (GFP)
Wolf Lehner teil. Schönhuber hatte be-
reits in den letzten Monaten eine kriti-
sche Haltung gegenüber dem Abgren-
zungskurs der Republikaner-Parteifüh-
rung unter Rolf Schlierer erkennen las-
Das Innenleben
sen, mit dem die REP-Spitze jede Zu-
sammenarbeit mit NPD und DVU aus- einer „normalen“
schließen will. Im September 2004 hatte
Schönhuber als Ehrengast an einer Ver-
anstaltung des REP-Bezirksverbandes
Deutschen Partei
Südwürttemberg teilgenommen, mit der Bei der erzreaktionären Deut- des vom 18. September. Dort sprach sich
die regionale REP-Organisation eben- schen Partei hängt der Haus- die amtierende Parteiführung mehrheit-
falls die Nähe zur braunen „Volksfront“ segen schief. Inzwischen ist lich gegen eine eigenständige „national
aus NPD und DVU suchte. der Streit im Bundesvorstand und in konservative“ Profilierung und ein mög-
Schönhuber ließ in Kreuth laut NPD- den Landesverbänden derart eska- liches Zusammengehen von DP, REPs
Mitteilung erkennen, dass er sich der liert, dass ein Auseinanderbrechen und DSU aus und befürwortete demge-
NPD nicht anschließen wolle, sie aber der rechten Kleinstpartei immer genüber eine engere Anlehnung an das
„in medien- und europapolitischen Fra- wahrscheinlicher wird. nationale Sammlungskonzept von
gen“ beraten wolle. Die Partei kündigte NPD/DVU.
weitere Gespräche an, um „parteiunab- Im Saarland, so die beiden Landesvorsit- In die Kolonne der Unterlegenen und
hängige Fachleute aus Deutschland und zenden Dirk Schmidt und Erich Klein in Unzufriedenen gehört übrigens auch der
Europa“ zu gewinnen. einem vom 31. Dezember datierten Bundesvorsitzende der Deutschen Partei
Mit dieser Kooperation kann die NPD Schreiben, war die innerparteiliche selbst. Dr. Heiner Kappel, früherer FDP-
einen weiteren Erfolg im Rahmen ihrer Selbstdemontage bereits erfolgreich: Abgeordneter im hessischen Landtag ist
„Volksfront“-Strategie verbuchen, die „Da alle Mitglieder der DP-Saarland aus zugleich das einzig bekannte „Zug-
deutschnationale und rechtsradikale der DP ausgetreten sind ist auch gleich- pferd“ im Stall der – bis zu seiner Wahl
Strömungen mit militanten Neonazis aus zeitig der DP Landesverband Saarland 2001 als Vorsitzender – vollständig ver-
der Szene der „Kameradschaften“ unter hiermit aufgelöst (Schreibweise im Ori- staubten niedersächsischen Regionalpar-
einen Hut bringen will. Im Dezember ginal).“ Auch im kleinsten Bundesland tei. Zudem steht Kappel eher für eine
hatte die NPD-Führung klargestellt, dass erklärte der Vorsitzende, Reinhold Thiel, strategische, denn eine personifizierte
frühere Unvereinbarkeitsbeschlüsse ge- Ende des vergangenen Jahres seinen Erfolgsbewertung. Auf jeden Fall aber
gen Neonazis wie Christian Worch nicht Bremer Landesverband zur Historie. An- will er mit DVU und NPD zur Zeit
mehr gültig seien. schließend machte sich Thiel mit der nichts zu tun haben: „Wie sollte man
kun - Quelle: www.idgr.de „Deutschen Christlichen Partei“ selbst- auch erwarten können, dass eine NPD
vom 3. Januar 2005 ■ ständig. Der aussichtslosen Neugrün- mit 9,2% in Sachsen sich auf eine DP
dung wollten sich allerdings nur wenige mit 0,1% im Saarland einstellt? Unter
der ehemals rund 100 Bremer Mitglieder diesen Prämissen hätte die Deutsche
Inhalt: anschließen. Manche der Verbliebenen Partei bestenfalls die Möglichkeit, sich
Schöner leben ohne Nazis . . . . . . . . . 6 unterstützen nun den früheren Stellver- in aller Bescheidenheit den erfolgrei-
Des Teufels gefragter treter Claus Cira, der seit dem chen Parteien DVU und NPD anzu-
Generalmajor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 29.12.2004 den Vorsitz für die Deutsche schließen.“ Vor dem Hintergrund des mit
Frankreich:
Antidiskriminierungsgesetz
Partei in der Hansestadt beansprucht. harten Bandagen ausgetragenen, inner-
gegen Homophobie verabschiedet . .11 Allen genannten Regionalfürsten ge- parteilichen Machtkampfes ist das, in
mein ist ihre Empörung über den Rich- verschiedenen Internetforen großspurig
tungsbeschluss des DP-Bundesvorstan- angekündigte „regelrechte Bollwerk
Fortsetzung S. 3
: meldungen, aktionen
an der Ausnutzung von Volk, Land und
Elementen interessiert sind.“ Viel deut-
licher kann man seine politischen Ab-
Onlineshop in Zeitz bei diesen Lücken in der Buchführung sichten nicht ausdrücken, wie der BGD-
Zeitz. „ENOS“ heißt ein neuer rechter wohl nicht so glimpflich davon gekom- Parteichef es hier tut. hma ■
Internet-Shop mit dem Untertitel „Natio- men.
nal - Nordisch - Modern“ und einer Post- Unterdessen baut der VDA seinen Landtag dicht
fachanschrift in Zeitz bei Gera. Neben Schüler- und Jugendaustausch weiter
einschlägigen Büchern, CDs, Videos und aus. So hat der „Weltverband Deutscher Dresden. Im Landtagsgebäude wird es
Textilien wird auch ein Forum und ein Auslandsschulen e.V.“ mit Sitz in Berlin, vorerst keine Veranstaltungen der Frak-
Chat angeboten. Inhaber sind Marco der sich als Vertretung von 117 deut- tionen mehr geben. Das beschloss das
Lahr und Marco Kreischer. Eine Werbe- schen Schulen im Ausland betrachtet, Präsidium des Parlaments am 10.12.04
anzeige des Shops wurde auch in der seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit nach der Plenumsitzung. Hintergrund ist
„Deutschen National-Zeitung“ des mit dem VDA erklärt. hma ■ die Anmeldung eines Treffens der NPD
DVU-Chefs Gerhard Frey geschaltet. Fraktion mit rund 400 Teilnehmern im
hma ■ Neujahrstreffen in München Februar 2005 eine Veranstaltung anläss-
lich des 60. Jahrestages der Zerstörung
VDA entlastet München. An einem nicht näher be- Dresdens im Zweiten Weltkrieg auszu-
zeichneten Ort im Raum München wol- richten. Da der NPD aber kein Recht ver-
St. Augustin. Der unter dem Namen len sich am 23. Januar „nationale Par- weigert werden kann, dass den anderen
„Verein für das Deutschtum im Ausland“ teien und Organisationen“ zu ihrem „7. Fraktionen weiter zusteht, wurde die bis-
bekanntgewordene VDA, der 1881 als politischen Neujahrstreffen“ zusammen- herige Regelung außer Kraft gesetzt.
„Allgemeiner Deutscher Schulverein“ finden. Als Referenten werden u.a. ange- Denn bei einer Ungleichbehandlung
gegründet wurde, zieht eine erfreuliche kündigt: Der NPD-Landtagsabgeordnete rechnet man mit einem juristischen Er-
Bilanz für das Jahr 2004. Nach „jahre- Holger Apfel, Thomas S. Fischer (CSU folg der NPD, wenn diese dagegen vor
langem Bemühen“ sei der Verein von ei- und „Deutschland-Bewegung“), Ewald dem Verfassungsgerichtshof klagen soll-
ner „drückenden Last“ befreit worden, so Ehrl von der „Deutschen Partei“, Johann te. Bis zu einer endgültigen Entschei-
Dr. Ernst Liesner vom VDA-Bundesvor- P. Weinfurtner, Stadtrat der „Republika- dung des Präsidiums bleibt das Parla-
stand. Mit der Unterzeichnung eines „öf- ner“, Heilwig Holland vom „Schutzbund mentsgebäude für Veranstaltungen dem-
fentlich-rechtlichen Vertrages“ zwischen für das Deutsche Volk“ (SDV) und der nach gesperrt. kun ■
dem VDA und dem Bundesinnenminis- Historiker Dr. Walter Post, Interview-
terium sei „eine hohe finanzielle Inan- partner u.a. der „Jungen Freiheit“. Be- Hamburger Landesverband
spruchnahme des VDA“ abgewandt wor- ginn der Veranstaltung ist um 11 Uhr.
den. Die für den VDA „existenzbedro- hma ■ der REP übergelaufen
hende“ finanzielle Forderung des Bundes Hamburg. Es ist ein hilfloses Unterfan-
war entstanden, weil das Bundesinnen- Ein Viertel weniger gen wie die stellvertretende Bundesvor-
ministerium der Auffassung war, dass sitzende der REPs, Uschi Winkelsett,
der VDA über den Verbleib von Geldmit- Düsseldorf. Auch die revanchistische Monat für Monat erklären muss, dass die
teln, die diesem durch Zuwendungsbe- Kleinpartei „Bund für Gesamtdeutsch- Republikaner "auch im Norden" in kei-
scheide Anfang der 90er Jahre gewährt land“ (BGD) will zur Landtagswahl im ner Weise mit der NPD zusammenarbei-
worden waren, teilweise nicht ordnungs- Mai in Nordrhein-Westfalen antreten. In ten werden und "es keinerlei Unterstüt-
gemäß Auskunft geben konnte. Der VDA der neuesten Ausgabe des Parteiorgans zung für die NPD im schleswig-holstei-
hatte damals vom Bund hohe finanzielle „Unsere Deutsche Heimat“ präsentiert nischen Landtagswahlkampf" gebe.
Mittel erhalten, um für „deutsche Min- der 1926 im Rheinland geborene BGD- Zweifel über das jüngste Dementi, das
derheiten“ in den Herkunftsgebieten des Parteichef Horst Zaborowski (Duisburg) Gerüchte über die angebliche Selbstauf-
Ostens, insbesondere in Rußland, Kirgi- eine „Denkschrift“ zur „Gestaltung der lösung des Hamburger Landesverbandes
sien und Kasachstan, „Bleibeanreize“ zu Zukunft Deutschlands“. Dort fordert er durch die stellvertretende Parteivorsit-
schaffen. Angesichts des enormen „Ar- u.a. den Austritt der BRD „aus allen zende als "NPD-typische Falschmel-
beitsaufwandes“ beim VDA „im Hin- internationalen Organisationen ein- dung" zurückweist, sind angebracht. Er-
blick auf die erforderliche rasche Durch- schließlich NATO, UNO und EU“, eine stens ist die Mitteilung weder auf den
führung der Projekte“ habe eine „lücken- „Rückführung aller in der Weimarer Ver- Bundesseiten der Republikaner - keine
lose Buchführung nicht immer sicherge- fassung aufgeführten staatlichen Firmen schlafenden Hunde wecken - noch auf
stellt werden“ können, so Liesner, ehe- in den Staatsbesitz“ der BRD und den den Seiten des Hamburger Landesver-
mals Vizepräsident des Bundesverwal- Bau und die Stationierung „von Satelli- bandes zu finden. Letzterer wurde vom
tungsamtes. „Nach jahrelanger intensiver ten zur wirtschaftlichen Nutzung mit ei- Bundesvorstand vorsorglich schon vor
Arbeit unter Ausschöpfung aller juristi- genen Trägerraketen“. Den meisten Nut- Monaten abgeschaltet. Außerdem gehör-
schen Möglichkeiten“ sei nun „mit Mit- zen scheint der BGD-Chef jedoch in ei- te der Hamburger Landesvorsitzende
teln des Rechts“ der Erlass der Forderun- ner massiven Reduzierung der Bevölke- Thomas Nissen zu den Kritiken der
gen möglich geworden. Die „Erlaßwür- rungszahl in der Bundesrepublik zu se- Bundesführung.
digkeit und die Erlaßbedürftigkeit des hen. Gleich ein ganzes Viertel der derzei- Laut einer Erklärung, die sich "Ham-
VDA wurden anerkannt“. Es scheint, das tigen Bevölkerung dieses Landes soll aus burger Signal" nennt sowie einer Presse-
auch das derzeitige Bundesinnenministe- Zaborowskis „Volksgemeinschaft“ aus- mitteilung vom 8. Januar gibt anderer-
rium die Arbeit des VDA als „handlungs- geschlossen werden. „Warum können seits der Hamburger Landesverband der
fähige Mittlerorganisation“ zu „deut- wir nicht friedlich als ein 60 Millionen Republikaner seine Auflösung bekannt
schen Minderheiten“ in aller Welt als Volk im Herzen Europas leben ?“, fragt und "der gesamte Landesvorstand und
sinnvoll erachtet. der. „Wir können besser und friedvoller die Vielzahl der Mitglieder schließen
Dabei hatte doch schon der Alliierte in dieser Bundesrepublik Deutschland sich der NPD an". Dabei scheint es sich
Kontrollrat den VDA-Vorgänger im Ok- leben, ohne den 20 Millionen, die sich in um einen de facto Austritt eines größeren
tober 1945 als Nazi-Organisation verbo- Deutschland tummeln, die deutsche Teils des bisherigen Landesvorstandes
ten. Ein kleiner Gewerbetreibender wäre Staatsbürgerschaft nicht anstreben, nur zu handeln, ohne dass es zu einer formel-

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hochkarätiger Veranstaltungen“ als wig Holland, Bundesvorsitzende des zusätzliches Gewicht zugunsten der
Kraftakt beider Seiten im Sinne eines „Schutzbundes für das Deutsche Volk“, rechtskonservativen Option in die Waag-
„alles oder nichts“ zu bewerten. Thomas S. Fischer, Historiker (Noch- schale legen. Einen Ausweg für die Ver-
Bereits am kommenden Samstag steht CSU-Mitglied sowie Mitglied der triebenen und Entrechteten des unterle-
Ulrich Petzold, der zweite Bundesvorsit- Deutschlandbewegung), Holger Apfel, genen Teils der Deutschen Partei könnte,
zende und Rivale Kappels, bei der Jah- Nationales Bündnis Dresden und stell- so lautet die Gerüchteküche, in der einer
resauftaktveranstaltung des Nationalen vertretender Bundesvorsitzender der Na- möglichen Westausdehnung der DSU
Bündnis Dresden, in der Elbmetropole tionaldemokraten. liegen. Aber auch in der DSU sind die
zusammen mit den NPD-Vorsitzenden Am 9. Februar kontert der, nach eige- ,beiden‘ strategischen Optionen vorhan-
Holger Apfel, Udo Voigt und dem NPD- ner Aussage sich dem „national konser- den: So geht das bekannte Kräftemessen
Barden Frank Rennicke auf der Bühne. vatien“ Flügel zurechnende Kreisver- im Lager der Reaktion – bekannt aus
Den gleichen Geist atmet die Saalver- band Main-Kinzig-Kreis mit einem „po- den frühen Tagen der NS-Bewegung, der
anstaltung von Deutscher Partei und litischen Aschermittwoch in Birstein“ „Konservative Revolution“ und den Ver-
„Demokratie direkt“ - der Münchner Va- (Hessen). Als Gast soll der CDU-Ab- bänden radikalisierter Kleinbürger – im
riante des Nationalen Bündnis. Am 23. weichler Martin Hohmann sowie „ein Hier und Jetzt voraussichtlich in eine
Januar rückt dort das bayrische Vor- FPÖ-Bundesvorstandsmitglied“ zuge- neue Runde. kun ■
standsmitglied, Ewald Ehrl sowie Wolf- sagt haben. Außerdem will die Ankündi- siehe http://www.patriotisches-
gang Bukow, Kreisrat der DP aus Für- gung „Mitte April“ mit einer weiteren forum.de/board.php?boardid=107&sid=66
stenfeldbruck an. Weitere Gäste: Heil- Veranstaltung und dem Gast Jörg Haider 0a0973f29f49ad244f1ba3cca72297

len Selbstauflösung gekommen ist - hier- ,,Europa-Idee“ der Waffen-SS als mögli- ren Bevollmächtigter Rieger ist - waren
zu wäre ein Parteitag notwendig, der die- che Bündnisgrundlage. In den ausländi- im Juli Mitglieder der Neonaziszene von
sen Punkt zur Tagesordnung hat. schen Formationen der Waffen-SS sam- den "Freien Kameradschaften" bis zur
Der Aufruf ist auf den Internetseiten melte das NS-Regime ,,europäische Frei- "Nationaldemokratischen Partei
der NPD veröffentlicht und namentlich willige“, die unter deutscher Führung Deutschlands" (NPD) eingezogen. Als
unterzeichnet von: Thomas Nissen, (der „geschichtsträchtigen, zentraleuro- dann bekannt wurde, dass Peter Nau-
(Landesvorsitzender), Klaus Riese (stell- päischen Ordnungsmacht“) für einen mann, der 1988 wegen Sprengstoffan-
vertr. Landesvors.), Jan Pigors (stellvertr. Wirtschafts-„Großraum Europa“ kämpf- schlägen zu viereinhalb Jahren verurteilt
Landesvors), Holger Geske (Landesvor- ten. http://www.german-foreign- worden war, am 26. November vor etwa
stand), Dieter Schmutzler (Landes- policy.com/de/news/arti- zwanzig Neonazis zum Thema "Ausge-
schatzmeister), Josef Staller (Landes- cle/1103497200.php ■ ruht den Feind erwarten" und "Überwa-
schriftführer) - allesamt Hamburg. Zu- chen, Beschatten und Abhören - Metho-
dem werden 105 Unterzeichnerinnen Proteste gegen Riegers den der Observation" auftrat, zeigte sich,
und Unterzeichnern erwähnt, darunter dass hier ein neues Schulungs- und Stra-
Funktionsträger aus weiteren Landesver- An- und Unwesen tegiezentrum im Entstehen ist. Im
bänden (Berlin, Sachsen und Würten- Dörverden. Die Proteste gegen das ge- niedersächsischen Hetendorf war eine
berg). Der Aufruf mündet in dem Appell: plante Neonazi-Zentrum auf dem Hei- ähnliche Einrichtung vom Innenministe-
"Wir rufen dazu auf, am 20. Februar die- senhof im südlich von Bremen gelegenen rium geschlossen worden. kun ■
ses Jahres in Schleswig-Holstein die Landkreis Verden, reißen nicht ab. Am
NPD zu wählen und darüber hinaus zu 30. Januar wolle man vor dem Gelände Volksverhetzer auf den
unterstützen. Wir wollen wieder an eine der ehemaligen Bundeswehr-Standort-
bessere Zukunft Deutschlands glauben verwaltung demonstrieren, erklärt das re- Straßen Leverkusens
können. Der Bruderkampf ist einge- gionale Bündnis gegen Rechts. Grund: Das „Leverkusener Aktionsbündnis ge-
stellt." Dies klingt tatsächlich ganz an- Bisher gebe es noch kein Anzeichen für gen den Naziaufmarsch“ berichtet, dass
ders als der Unvereinbarkeitsbeschluss ein Ende der Aktivitäten des Hamburger der Bergheimer Neonazi Axel Reitz für
des REP-Bundesvorstandes gegen die Neonazi-Anwaltes Jürgen Rieger. den 29. Januar erneut eine Demonstra-
konkurrierende NDP, der da lautet: "Kei- Mitte November folgten einem ersten tion in Leverkusen beantragt hat. Die
ne Zusammenarbeit, keine Kontakte. Aufruf zu einem "Sonntags-Spaziergang Nazis wollen durch die Innenstadt. Der
Wer sich nicht daran hält, wird ausge- gegen Rechts" mehr als 1.000 Menschen. Antrag wird zurzeit von der Polizei ge-
schlossen." Das dies ab sofort auch auf Unmittelbar danach untersagte der Land- prüft. Das „Leverkusener Aktionsbünd-
den Hamburger Landesverband zutrifft, kreis Verden Jürgen Rieger die Nutzung nis gegen den Naziaufmarsch“ will
hängt der Bundesvorstand lieber nicht an der Gebäude für Wohnzwecke. Und auch Kundgebungen und Demonstrationen
die große Glocke. kun ■ das Abstellen seines Fuhrparks von Mili- unter dem Motto „Null Toleranz für Na-
tärfahrzeugen widerspreche der "zivilen" zis!“ anmelden. Zur Nazidemo unter
Faschistische Internationale Nutzung des 26 000 Quadratkilometer dem Motto „Protest gegen Intoleranz
großen, parkähnlichen Geländes, das mit und staatliche Repression. Freiheit ist
Berlin/Madrid. NPD hat eine Koope- einem ehemaligen Offizierskasino und immer die Freiheit der Andersdenken-
rationsvereinbarung mit den spanischen Mannschaftsquartieren bis 2003 noch als den!“ rufen das „Aktionsbüro West-
Franco-Nachfolgern abgeschlossen und Offiziersheim und Standortverwaltung deutschland“, insbesondere aber der
verlangt von ,,andere(n) europäischen genutzt wurde. Kampfbund Deutscher Sozialisten (KDS)
Nationalisten“ den Anschluss an die Gegen die baurechtliche Verbotsverfü- auf. Bundesvorsitzender des am 1. Mai
,,Achse Madrid-Berlin“. Unmittelbares gung legte Jürgen Rieger vor dem Ver- 1999 im brandenburgischen Krimnitz ge-
Ziel ist die Gründung einer ,,europäi- waltungsgericht in Stade per Eilantrag gründeten Kampfbundes Deutscher So-
sche(n) Rechtspartei“, deren konkrete Widerspruch ein und verhinderte somit zialisten ist der Berliner Michael Koth.
Zusammensetzung zwischen den europä- eine sofortige Räumung. Das frühere Mitglied der Westberliner
ischen Faschisten noch umstritten ist. Bereits unmittelbar nach dem Kauf SEW, wechselte zur KPD-Ost, wo er
In den Strategieplänen einflussreicher des Hofs durch die "Wilhelm-Tietjen 1997 wegen nationalbolschewistischer
deutscher Rechtsextremisten fungiert die Stiftung für Fertilisation Limited" - de- Aktivitäten ausgeschlossen wurde.

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Während Michael Koth eher auf „Rot- Demonstration am 29. Januar in Gera
Braune Bündnisse“ spekuliert, gefällt
sich Axel Reitz in Aufmachung (langer Der 27-jährige Oleg wurde am 21. Januar 2004 in Gera von vier jungen Nazis er-
Ledermantel) und Rhetorik (Stakkato mordet. Ein Jahr danach hat sich an den katastrophalen Zuständen nichts geändert.
und rollendes rrrrr) mehr in der Rolle ei- Nach wie vor wird die Hegemonie rechter Alltagskultur nicht wahrgenommen, ge-
nes nationalsozialistischen Plagiates. schweige denn als Problem in Frage gestellt. Aktive Kameradschaftsstrukturen,
Erst am 9. November des Vorjahres, dem mehrere rechte Versandhäuser und die Naziläden „Youngland“, „US-goods“ und
66. Jahrestag der Reichspogromnacht, „Fan Sport Shop Winkler“ zeugen davon, dass die Stadt Gera immer noch eine Na-
hatte Reitz eine Neonazidemo in Lever- zihochburg von bundesweiter Bedeutung ist.
kusen organisiert. Die Polizei hatte zu- „Mit einer Veranstaltungsreihe, diversen Aktionen und einer Demonstration am 29.
nächst keine Genehmigung für die De- Januar 2005 möchten wir antifaschistische Politik weiter forcieren und unsere Wut
monstration erteilt. Doch die Veranstalter und Trauer über den Nazimord zum Ausdruck bringen,“ so die Antifaschistische
erwirkten vor dem Kölner Verwaltungs- Aktion Gera..
gericht, dass der Aufmarsch unter Aufla- Antifa Demo, 29. Januar 2005, Gera, 15.00 Uhr, Markt
gen stattfinden konnte. Bei der Demo Antifaschistische Aktion Gera [AAG]
wurden dann Parolen wie „Die schönsten Weitere Informationen im Internet unter www.breakthesilence.de.vu oder
Nächte sind aus Kristall“ gerufen. Die www.stoppnazilaeden.de.vu ■
Staatsanwaltschaft ermittelt dazu wegen
des Verdachts auf Volksverhetzung. Ingo Stawitz, der schon als DVU- um über den Ungeist von NPD, DVU
In der aktuellen Ausgabe des „blick Fraktionsvorsitzender von 1992 bis 1996 und ihrem Anhang aufzuklären und zu
nach rechts“ wird über eine zunehmende dem Kieler Landtag angehörte, ist über- warnen. Es darf Neonazis nicht gelingen,
Vernetzung des KDS mit Neonazis aus zeugt davon, dass seine Partei genügend mit riesigem Propagandaaufwand und
Russland berichtet. Demnach wollen An- Wählerinnen und Wähler auf seine Seite sozialer Demagogie das gesellschaftliche
hänger des KDS im März oder April die- zieht, um Ergebnisse bis zu 10 Prozent Klima zu vergiften
ses Jahres nach Moskau reisen. Ange- zu bekommen. Dem „Hamburger Abend- Keine Nazis in den schleswig-
kündigt wird ein Auftritt beim Parteitag blatt“ nannte der aus Uetersen kommen- holsteinischen Landtag!
der Nationalistisch-Großrussischen Par- de NPD-Sprecher die Zeit wegen der
tei (NDPR) unter Führung von Alexan- „Hartz - IV-Geschichte“ günstig. „Die Lebenslänglich für Neonazi
der Sevastianov, Gespräche mit dem Leute sind so sauer, dass es überflüssig
Russischen Offiziersbund über die Teil- ist, die Asylantenfrage aufzugreifen“, Thomas Adolf
nahme deutscher Kameraden an „Weh- sagte Stawitz. Dass die NPD für Auslän- Köln. Gegen den Neonazi Thomas
rertüchtigungslagern“ in Russland sowie derfeindlichkeit steht, hat sich inzwi- Adolf, der im Oktober 2003 einen An-
Gespräche mit dem Schweizer Holo- schen im Bewusstsein der Bevölkerung walt, dessen Frau und Tochter erschoss,
caust-Leugner und Justizflüchtling Jür- verankert. Jeder kennt ihre Parolen hat das Kölner Landgericht die Höchst-
gen Graf. kun ■ „Deutsche Arbeitsplätze nur für Deut- strafe verhängt: Lebenslänglich mit Si-
(siehe www.bnr.de und hinsichtlich sche“. Und um diese Position zu unter- cherheitsverwahrung. Deutlich benannte
der Gegenaktivitäten zum Naziauf- streichen, hat die NPD die Steilvorlage der vorsitzende Richter im Urteil, dass es
marsch www.antifa-forum.tk) der CDU/CSU aufgenommen und ihrer- ohne Adolfs politische Einstellung nicht
seits eine Unterschriftenaktion gegen zu der Tat gekommen wäre. Seine natio-
Mit braunen Parolen auf den EU-Beitritt der Türkei beschlossen. nalsozialistische Überzeugung habe der
Die Vergiftung des innenpolitischen Kli- Tat den Boden bereitet. Der Angeklagte
Dummenfang mas wird dabei skrupellos in Kauf ge- Thomas Adolf selbst bestand von Beginn
Schleswig-Holstein. Die mit braunen nommen. des Verfahrens an darauf, dass er die Tat
Parolen , mit Ausländerfeindlichkeit und Wer sich mit der Traditionslinie der aus politischen Gründen begangen habe,
sozialer Demagogie in die Landtage von Neonazis befasst, weiß, dass „sozial“ für ein Exempel an dem für ihn als „Staats-
Sachsen und Brandenburg eingezogenen sie nur eine Tarnung für „nationalsozia- feinde“ verhassten Anwälten statuieren
neofaschistischen Parteien NPD und listisch“ ist. Das wird auch in ihrer wollte und „ein Fanal zu einem nationa-
DVU schicken sich an, im Februar kom- Feindschaft zu den Gewerkschaften len Befreiungskampf“ setzen wollte. Wie
menden Jahres auch die 5-Prozent-Hürde deutlich. Ihre geistigen Vorbilder, die in tief er in seine nationalsozialistische Ge-
in Schleswig-Holstein zu überwinden. ihrer Symbolik auftauchen, haben 1933 dankenwelt verstrickt ist, zeigten im Pro-
Vor dem Parteitag der NPD verkündete die Gewerkschaftshäuser gestürmt, die zess nicht nur seine Auslassungen gegen
Udo Voigt, Vorsitzender der NPD auf Gewerkschaften mit der NSDAP gleich Deutschland, das Rechtssystem oder sei-
Bundesebene, die Parole „zuerst die geschaltet und die Betriebsräte zerschla- ne Aussage, er habe sich während der
Straße, dann die Parlamente, dann das gen. Die Arbeiter und Angestellten wur- Morde als „Sturmbannführer“ gefühlt,
Reich.“ Jeder im Lande, der sich nur ei- den zur Gefolgschaft, die Unternehmer sondern auch Details wie seine Ableh-
nigermaßen mit dem Neofaschismus in zu „Betriebsführern“ ernannt. nung einer psychiatrischen Untersu-
Deutschland auskennt, weiß, was ge- Mit sozialer Demagogie können die chung, weil er die Psychiatrie als „jü-
meint ist. Ganz bewusst formulierte Vo- Neonazis nur jene Menschen fangen, die disch geprägte Pseudowissenschaft“ an-
igt so und nicht anders. Seit dem NPD- sich mit der Geschichte nie beschäftigt sieht (später ließ er sich doch untersu-
Parteitag formieren sich die Rechtsextre- haben oder nicht bereit sind, aus der leid- chen. Die Gutachterin erkannte auf „vol-
misten auf breiter Front. „Die Straße“, vollen Vergangenheit Lehren zu ziehen. le Schuldfähigkeit“.) Erst an den letzten
dafür standen die Stiefel-Nazis, die in Deshalb :Keine Unterstützung für die Verhandlungstagen versuchte sein An-
martialischer Aufmachung, „Ruhm und NPD und ihre Ideologie ! walt, den Bargeld-Raub als Haupt-Mord-
Ehre der Waffen-SS“ und „Ausländer Gemeinsam rufen DGB-Ortskartell motiv darzustellen.
raus“- grölend , gegen die Wehrmacht- Wedel, Wedeler Sozialforum, Arbeits- Darauf ließ sich der Richter nicht ein.
sausstellung demonstrierten. Seit dem kreis der Stadt Wedel gegen Rechtsradi- Adolf sei, eben weil er Neonazi ist, von
30. Oktober gehören die Sprecher dieser kalismus und Ausländerfeindlichkeit, Gewalttaten zur Durchsetzung seiner
„freien Nationalisten“, die sich gerne Friedenswerkstatt Wedel, Arbeitslosen- Ziele überzeugt. „Das Radikale“ sei für
Nationalsozialisten nennen, auch dem Selbsthilfe und VVN-Bund der Antifa- Adolf die Maxime seines Lebens und
NPD-Bundesvorstand an. schisten zu einem breiten Konsens auf, Handelns gewesen. Adolf zeigte keine
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Reue. Auf die Frage, ob er eine solche Antisemitische Friedhofsschändung aufgeklärt?
Tat erneut begehen würde, antwortete er
ohne Zögern: „Jederzeit wieder“. Adolf
bekommt die Höchststrafe und wird das
Front National-Mitglied verhaftet
Gefängnis nach Willen des Gerichts sein Steht eine der größten rechtsex- eingeschrieben. Er war am Dienstag an
Leben lang nicht mehr verlassen. tremen Anschlagsserien in Frank- seinem Arbeitsplatz festgenommen und
Quelle: www.mut-gegen-gewalt.de ■ reich kurz vor der Aufklärung? in der Folgezeit einem Schriftgutachten
Am Donnerstag, 16. Dezember sah es so unterzogen worden, das ergab, dass er
Gedenkmarsch zur Erinne- aus. der Urheber eines Teils der Schmiere-
Seit Ende April 2004 begann von Ost- reien auf dem Friedhof sowie neonazisti-
rung an Todesmarsch frankreich her eine neue Welle antisemi- scher Inschriften an einer Autobahnbrü-
Arnstadt. In Vorbereitung des 60. Jah- tisch motivierter Friedhofsschändungen, cke ist; die Staatsanwaltschaft hat jetzt
restages der Befreiung vom Hitlerfa- aber zeitgleich auch von Verwüstungen ein Zweitgutachten zur Überprüfung an-
schismus plant der Stadtvorstand der moslemischer Friedhöfe und von Denk- geordnet. Bei einer Hausdurchsuchung
PDS Arnstadt im April 2005 gemeinsam mälern zur Erinnerung an jüdische oder wurde bei ihm nationalsozialistische Li-
mit anderen AntifaschistInnen einen Ge- moslemische Soldaten beider Weltkrie- teratur gefunden. Am Mittwoch wurde
denkmarsch analog der Strecke des To- ge. Der Schwerpunkt dieser Aktionen lag das Strafverfahren gegen ihn eröffnet.
desmarsches der KZ-Häftlinge aus den im Elsass. Die erste und zugleich spekta- Die Kriminalpolizei fahndet aber noch
Außenlagern des Konzentrationslagers kulärste Schändung war jene des jüdi- nach weiteren Tatbeteiligten, da die
Buchenwald (beginnend in Ohrdruf) auf schen Friedhofs im elsässischen Herrlis- Schmierereien nicht von einer einzigen
den Weimarer Ettersberg zu organisie- heim (in der Nähe von Colmar) vom 30. Handschrift stammten.
ren. Vorstellbar wäre, den Gedenkmarsch April: 127 Gräber wurden verwüstet, Der Generalsekretär der rechtsextre-
2tägig zu organisieren, mit Übernach- zahlreiche Hakenkreuze und SS-Runen men Partei, Carl Lang, sprach von einer
tung und evtl. Abendveranstaltung sorgten für eine eindeutige ideologische „groben Manipulation“ und wollte eine
irgendwo auf halber Strecke (möglich: Handschrift. „von Gegnern des Front National bezahlte
Arnstadt) und Kundgebungen an ver- Im Zusammenhang mit dieser Tat Operation nicht ausgeschlossen“ wissen.
schiedenen Stellen. konnte am 15. Dezember 04 in Colmar Ein anderer Rechtsextremist, der
Wir würden uns freuen, wenn sich erstmals ein Strafverfahren gegen einen 22jährige Neonazi Matthieu Massé, war
möglichst viele Menschen und Gruppen Tatverdächtigen eingeleitet werden. Der bereits im Juli 2004 in Bar-le-Duc fest-
bei der Vorbereitung beteiligen. 24jährige kahlköpfige Waldarbeiter Lio- genommen worden. Er wurde der Schän-
Wer Interesse hat, bei der Vorbereitung nel Lezeau, der zunächst die Tatbeteili- dung einer Gedenkstätte für jüdische
dieses Gedenkmarsches mitzumischen, gung leugnete, bezeichnet sich selbst als Teilnehmer am Ersten Weltkrieg in Ver-
möge sich bitte melden. Kontakt: Parteigänger des Front National und ist dun überführt und später zu einem Jahr
Wahlkreisbüro Sabine Berninger dort (laut Angaben des Untersuchungs- Haft verurteilt.
mail: wkb-berninger@t-online.de oder richters Pierre Wagner) auch als Mitglied BhS, Paris ■
berninger@pds-fraktion-thueringen.de ■
mit denen das Porsche-Werk in Zuffen-
Großes Interesse für Vortrag hausen errichtet werden konnte.
„Insgesamt belief sich der der Porsche
über Porsche im dritten Reich KG erstattete Entwicklungs- und Ver-
Stuttgart. Über 35 Interessierte ka- suchsaufwand einschließlich sonstiger
men am Sonntag, dem 12.12.04 in den Dienstleistungen im Zeitraum 1937 bis
Verein Zukunftswerkstatt e.V. in der zum April 1945 auf 20,6 Millionen
Bönnigheimer Straße zu einem Vortrag Reichsmark.“
über Porsche im Dritten Reich. Die An- „Diese Summe dürfte den Grundstock
wesenden wurden von Vorstandsmitglied für die erfolgreiche Nachkriegsentwick-
Niels Clasen herzlich begrüßt. Im Rah- lung des Hauses Porsche gelegt haben.“
men einer Veranstaltungsreihe im No- (Zitate aus Mommsen, 1996, S. 643)
vember und Dezember habe der Verein Ab 1937 war die „Gesellschaft zur
Zukunftswerkstatt an die Zeit des Natio- Deutschen Automobilausstellung.“ (nach Vorbereitung des deutschen Volkswa-
nalsozialismus, an den mutigen Wider- Mommsen, Das Volkswagenwerk und gens“ bei der Dr.Ing.h.c.F.Porsche KG in
stand in Zuffenhausen aber auch an die seine Arbeiter im dritten Reich, 1996, der Spitalwaldstraße 2 (heutiges Werk 1)
Schattenseiten der NS-Diktatur erinnert. S.78) in Zuffenhausen untergebracht. Das
Anschließend hielt Joseph Michl ein Am 17. Januar 1934 übergab Porsche Volkswagenwerk diente fast ausschließ-
interessantes, mit vielen Dokumenten eine Denkschrift „Exposé, betreffend lich der Rüstungsproduktion. Auch die
belegtes Referat über die leider unrühm- den Bau eines deutschen Volkswagens“ Vernichtungswaffe V1 wurde unter der
liche Rolle von Ferdinand Porsche im an das Reichsverkehrsministerium. Er Führung von Porsche im Volkswagen-
Dritten Reich. So legte er dar, dass sich verweist darin ausdrücklich darauf, dass werk gebaut.
dieser, nachdem Hitler am 11. Februar der von Hitler persönlich protegierte Der bekannte Historiker Hans Momm-
1933 die Eröffnungsrede auf der Interna- Volkswagen „für bestimmte militärische sen kam aufgrund seiner vom Volkswa-
tionalen Automobilausstellung in Berlin Zwecke geeignet sein“ müsse. Er emp- genwerk beauftragten Untersuchungen
gehalten hatte, in einem Glückwunschte- fiehlt eine Version für „3 Mann, 1 Ma- zu folgender Schlussfolgerung (aus
legramm folgendermaßen andiente: schinengewehr und Munition“ (Die Zeit, Wolfsburger Nachrichten, 6.12.97):
„Als Schöpfer vieler namhafter Kon- 27/2003: „Er läuft nicht mehr“) „Allerdings kann keine Rede davon sein,
struktionen auf dem Gebiete des deut- Beim Aufbau des Volkswagenwerkes, dass Porsche als Vorbild dient, zumal sei-
schen und des österreichischen Kraft- in dem auch auf Betreiben F. Porsches ne technischen Leistungen nicht über-
und Luftfahrtwesens und mehr als 30 tausende Zwangsarbeiter unter un- schätzt werden sollten. (…) Porsche ist
Jahre mitkämpfend um den heutigen Er- menschlichen Bedingungen eingesetzt kein Vorbild.“
folg beglückwünsche ich Eure Exzellenz wurden, verdiente er die Millionen RM, PM Zukunftswerkstatt e.V. ■
zur tiefgründigen Eröffnungsrede der

: antifaschistische nachrichten 1-2005 5


Am 15.12.2004 veranstaltete die
PDS Schleswig-Holstein eine
Diskussionsrunde zu der Frage,
Schöner leben ohne Nazis
wie man mit der NPD und ihrer neuen Julia Bonk in Kiel
Strategie der Teilnahme an Landtags- nen Stimmen. Sie sind damit die vierte sich mit den Freien Nationalisten, die be-
wahlen umgehen sollte. Dazu war neben Kraft nach CDU, PDS und SPD, bzw. die reits in Lübeck zur Kommunalwahl ihr
Julia Bonk Alexander Hoffmann eingela- zweitstärkste Oppositionspartei nach der Unwesen trieben. Sie habe dabei Unter-
den, der als Mitarbeiter der antifaschisti- PDS. stützung sowohl der DVU als auch der
schen Zeitschrift „Enough is enough“ ein Deshalb helfe es nicht sie auszugren- Republikaner im Lande, was sich auch
Kenner der Faschoszene in Schleswig- zen, weil sie dadurch ihre Rolle als Mär- auf der Liste zur Landtagswahl zeige.
Holstein ist. tyrer und „Verteidiger der Entrechteten“ Dort finden sich neben einigen bekann-
Julia Bonk ist parteiloses Mitglied des weiter und erfolgreicher spielen könnte. ten Gesichtern der NPD eben gerade
sächsischen Landtages und auf der Liste Mit jedem Recht, das der NPD zustünde, auch die ehemaligen Strippenzieher an-
der PDS gewählt worden. Mit ihren 18 ihr aber verwehrt würde, könnte sie sich derer faschistischer Parteien. Bei der
Jahren ist sie Deutschlands jüngste Ab- als Partei der Unterdrückten aufspielen. Auswahl der Kandidaten wurde wie auch
geordnete und hat sich einen Namen ge- Eine Isolationstaktik, wie man sie ganz in Sachsen sorgfältig darauf geachtet,
macht, weil sie bei der konstituierenden dass diese möglichst wenig An-
Sitzung des sächsischen Landtages, von griffsfläche wegen rechtsextre-
ihrer Fraktion ins Präsidium entsandt, ein mer Verbrechen böten und ein
T-Shirt trug mit der Aufschrift „Schöner biederes Auftreten ermöglichten.
leben ohne Nazis“. Zur Landtagswahl in Schles-
Nach einigen einleitenden Worten von wig-Holstein mobilisiere die
Harald Koch, der als Landesvorsitzender NPD bekanntlich bundesweit und
der PDS SH die anschließende Diskus- will z.B. 25.000 Plakate aufhän-
sion leitete, begann Julia Bonk mit einem gen aber diese auch bewachen
Überblick über die Fraktion der NPD lassen. Außerdem seien zwei
und die Probleme, die beim Umgang mit Postwurfsendungen geplant.
den Faschisten im Landtag entstehen. Beim NPD Wahlkampf nicht zu
Die NPD Fraktion besteht aus elf vergessen sei die geplante De-
Männern und einer Frau, die fast alle aus monstration in Kiel am 29. Janu-
Sachsen stammen und in ihrer jeweiligen ar 2005, für die im Internet unter
Region fest verankert und bekannt sind. dem Motto „Gegen Multikulti
Sie üben alle einen „normalen“ Beruf und Hartz IV“ geworben werde.
aus, wie Arzt oder Lehrer, entstammen Ein Vernetzungstreffen der
also dem ganz normalen sächsischen All- AntiFa im Lande habe bereits
tagsleben. Nur der Fraktionsvorsitzende stattgefunden und werde sich
Holger Apfel kommt nicht aus Sachsen. zwischen den Feiertagen gerade
Schon die Zusammensetzung der Frak- mit diesem Thema gesondert be-
tion zeigt, dass die NPD, anders als die fassen. Die NPD werde also nach
früheren Versuche faschistischer Par- eigener Aussage den Kampf um
teien, einen biederen Eindruck machen selbstverständlich fordern würde, schei- die Straße „auf allen Ebenen und mit al-
will. Auch ihr Auftreten in den Debatten tere aber nicht nur aus diesem Grund, len Mitteln führen“.
des Landtages unterstreicht das. In den sondern auch weil die demokratischen Nach diesem zweiten Referat begann
Redebeiträgen und Anträgen finden sich Kräfte sich nicht einig seien. eine lebhafte Diskussion über den Um-
wenig radikale Äußerungen. Nur wenn Die CDU fährt weiterhin die aus dem gang mit Faschisten. Ohne die einzelnen
die Diskussion in vollem Gange ist, zei- Wahlkampf bereits bekannte Masche des Aussagen vereinfachen zu wollen, kann
gen Entgleisungen der Abgeordneten de- „Rechts- aber auch Linksextremismus“. wohl gesagt werden, dass alle der Mei-
ren wahre Gesinnung. Außerdem arbeitet D.h. in jeder Debatte, die über die NPD nung waren, dass sich eine ernsthafte
die NPD im Landtag mit Hochdruck. Sie geführt wird, heißt es, dass im Lande Diskussion mit Faschisten aus vielen
hat sich innerhalb kürzester Zeit in die gleichermaßen gegen Rechts- (NPD) wie Gründen verbietet, u.a. weil dies immer
Geschäftsordnung eingearbeitet, schreibt auch Linksextremismus (PDS) gekämpft ein Aufeinanderzugehen auf partner-
seitdem laufend eigene Anträge und werden müsse. Auf diese Weise wird von schaftlicher Basis bedeuten würde. Das
nimmt entsprechend nicht passiv son- der immer noch stärksten Fraktion eine Auftreten von Nazis kann nirgends ge-
dern aktiv an der Politik teil. Ein weiterer Zusammenarbeit aller demokratischen duldet werden. Das Problem, das sich in
Aspekt dieser aktiven Arbeit ist ihr Auf- Parteien im Landtag gegen die NPD ver- Sachsen stellt, weil die NPD nun eine de-
treten auf ganz normalen Diskussions- hindert. mokratische Legitimation und entspre-
veranstaltungen und vor allem ihre ver- Nach Julias Ausführungen konnte Ale- chende Stärke hat, wurde akzeptiert,
stärkte Jugendarbeit. Sie versucht bereits xander Hoffmann die Taktik des „Bie- ebenso dass Julia ehrlich zugeben mus-
jetzt in Schulen und Jugendtreffs Kinder dermann Images“ für die NPD in Schles- ste, dass es bisher noch keine Lösung für
und Jugendliche zu erreichen, um diese wig-Holstein nur bestätigen. Er über- den Umgang mit den Faschisten gibt. Für
an sich zu binden. nahm den Part, die Geschichte und Ent- Schleswig-Holstein und andere Regio-
Julia schilderte auch die Probleme, die wicklung der NPD in Schleswig-Hol- nen gelte dieses Problem jedoch nicht
sie persönlich aber auch der Rest ihrer stein darzustellen. Auf diese Weise wur- und daher müsse weiterhin gegen die Na-
Fraktion im Umgang mit der NPD hat. den die Erfahrungen aus Sachsen mit zis angekämpft werden, weil Faschismus
Im außerparlamentarischen Leben habe Schleswig-Holstein und der kommenden eben keine Meinung sondern ein Verbre-
man kein Problem damit, den Faschos Landtagswahl am 20. Februar 2005 ver- chen sei.
aus dem Weg zu gehen und nicht mit ih- bunden. Dass das Problem des Faschismus je-
nen zu reden. Im sächsischen Landtag Laut Alexander Hoffmann hat die doch nicht allein an den Faschisten liegt,
haben sie aber eine demokratische Legi- NPD in Schleswig-Holstein nie eine gro- wurde ebenfalls klar. Nicht sie waren es,
timation durch 9,2 Prozent der abgegebe- ße Rolle gespielt, daher verbünde sie die in den Neunzigern die Asyldebatte

6 : antifaschistische nachrichten 1-2005


Vor einigen Jahren, berichtet der
konservative britische Publizist
John Laughland, schickte die
Kollaborationstraditionen
Londoner Regierung einen Berater nach
Kiev. Seine Aufgabe bestand darin, der in der Ukraine
westukrainischen „Reformbewegung“ Juschtschenko und Timoschenko beim
Polit-Techniken westlicher Demokratien Singen der Nationalhymne
zu vermitteln. Als ihm die „Reformer“
ihr „Wahlprogramm“ vorstellten, ein
fünfzehnseitiges schwülstiges Elaborat,
da empfahl ihnen der Berater, zunächst
einmal den wichtigsten Punkt aus dem
Text herauszuschälen. Nach kurzer Zeit
erhielt er die Antwort: „Alle Juden raus
aus dem Land!“
Wer sich über den neuen ukrainischen
Präsidenten Wiktor Juschtschenko und
sein Wahlbündnis Nascha Ukraina (Un-
sere Ukraine) informieren will, erfährt
aus den deutschen Medien wenig. Presse
und Rundfunk loben den Wunschkandi-
daten der deutschen Wirtschaft und des in Konflikt mit Berlin. Während der fol- rechnet in Lviv, dem Ort des antisemiti-
Auswärtigen Amts in höchsten Tönen. genden Jahre kämpfte sie im Untergrund schen Massenmordes, setzte sich Nascha
Der virulente Antisemitismus, mit dem weiter, prominente Mitglieder gingen Ukraina für eine ehemalige Führungsfi-
Nascha Ukraina immer wieder in Verbin- nach Kriegsende in den Westen ins Exil. gur von UNA-UNSO ein.
dung gebracht wird, ist für die deutschen Nach dem Zusammenbruch der Sow- Juschtschenko persönlich startete vor
Juschtschenko-Fans kein Thema. Er jetunion entstand aus den Exilzusam- rund einem Jahr eine PR-Kampagne für
speist sich jedoch zumindest teilweise menhängen der OUN(B) der „Kongress die einflussreiche Zeitung Silski Visti
aus Traditionen, die auf das kurzzeitige Ukrainischer Nationalisten“ (KUN). Er (Auflage: 500.000), gegen die ein Mit-
deutsch-ukrainische Bündnis im Zweiten ist Teil des Juschtschenko-Wahlbündnis- glied der ukrainischen jüdischen Ge-
Weltkrieg zurückgehen. ses, die alten Kollaborations-Strukturen meinde geklagt hatte. Das Blatt hatte zu-
Damals kollaborierte der so genannte trugen also zum Erfolg des neuen ukrai- vor einen Aufruf über „Juden in der
Bandera-Flügel der Organisation Ukrai- nischen Staatspräsidenten bei. Sie wur- Ukraine“ veröffentlicht. Die Ukraine, er-
nischer Nationalisten, die OUN(B), mit den von Nascha Ukraina zuvor entspre- klärte der Silski Visti-Herausgeber, wer-
Nazideutschland. Die OUN(B) mar- chend gepflegt. de von „einer kleinen Gruppe jüdischer
schierte am 30. Juni 1941 gemeinsam Dies gilt auch für die rechtsextreme Oligarchen (regiert), die die Ukraine
mit der Wehrmacht in Lviv (ehemals Partei UNA-UNSO, in der der Sohn des wirtschaftlich und politisch beherr-
Lemberg) ein und ermordete dort mehre- ukrainischen Kommandeurs, der am 30. schen“. Die Juschtschenko-Kampagne
re tausend Jüdinnen und Juden. Im Juni 1941 gemeinsam mit der Wehr- für die Zeitung richtete sich gegen die
Bündnis mit den Deutschen rief die Mör- macht in Lviv einmarschierte und die Verurteilung des Hetzblattes durch ein
der-Organisation einen eigenständigen mörderischen Pogrome zu verantworten ukrainisches Gericht.
Staat Ukraine aus, geriet allerdings bald hat, eine zentrale Rolle spielt. Ausge- Jörg Kronauer ■

gestartet und der Fremdenfeindlichkeit Auf-


trieb gegeben haben. Auch haben nicht sie Naziaufmarsch in Kiel zum Desaster machen!
den Sozialabbau gestartet und begonnen mit Am 29. Januar 2005, kurz vor dem Jahrestag der Machtübergabe an die
den neuen Regelungen in der Zuwanderung NSDAP, wollen Neonazis aus sogenannten „freien Kameradschaften“ gemein-
eine Differenzierung zwischen Deutschen sam mit der NPD durch Kiel marschieren. Im dumpfesten Rassismus vereint
und Nichtdeutschen festzuschreiben. Die wollen sie gegen „Multikulti und Hartz 4“ protestieren und – ganz nebenbei –
Basis für das Erstarken des Faschismus in Wahlkampf für die NPD betreiben. Diese tritt zur Schleswig-Holstein-Wahl
Deutschland liege eben an der unsozialen Ende Februar an und hat bereits bei ihrem Wahlkampfauftakt am 4.Dezember
Politik der großen etablierten Parteien und gezeigt wie empfindlich sie auf kritische Öffentlichkeit reagiert. An besagtem
der entsolidarisierten Gesellschaft. Durch Tag griff der Saalschutz der NPD protestierende AntifaschistInnen an.
mehr Solidarität und Beteiligung an den po- Wir werden diesen Aufmarsch zum Desaster für die Faschisten machen! Mit
litischen Entscheidungen und vor allem allen nötigen Mitteln und auf allen Ebenen.
durch allgemeines Wahlrecht für alle Men- Kiel war und ist kein gutes Pflaster für Neonazis. Als zwei Beispiele zur
schen unabhängig von der Staatsangehörig- Untermauerung dieser Behauptung seien nur der versuchte Aufmarsch im Janu-
keit könnte man das Problem in den Griff ar 1999, welcher von AntifaschistInnen militant gestoppt wurde, und ein von
bekommen. AntifaschistInnen zerstörter NPD-Infostand in diesem Jahr genannt.
Da sich diese Trendwende in der Politik Auch in Zukunft werden wir dafür sorgen, dass sich Neonazis in Kiel und an-
der etablierten Parteien nicht abzeichne, derswo nicht wohl fühlen. Wir werden an die Erfolge der Vergangenheit an-
müsse der Kampf gegen die Nazis in der knüpfen und den Naziaufmarsch
Gesellschaft geführt werden. Und dieser
Kampf muss erst einmal wieder verstärkt am 29. Januar 2005 gemeinsam stoppen!
werden. Daher der Aufruf an alle Antifa-
schistInnen sich den folgenden Termin frei- Haltet euch auf dem Laufenden!
zuhalten: Demo gegen die Nazidemo am Beteiligt euch an antifaschistischen Aktionen
29. Januar 2005 in Kiel Weitere Infos unter: www.januar-kiel.tk
PDS Schleswig-Holstein (gekürzt) ■

: antifaschistische nachrichten 1-2005 7


SS- und Wehrmachts-Liebhaber
Reinhard Günzel sammelt auf
Vortragsreisen unangenehme Er-
Brigadegeneral in Rück-
fahrungen mit der Antifa in Dresden.
Die Dresdner Burschenschaft Cherus-
zugsgefechte verwickelt
cia hatte sich am 9. Dezember 2004 wie-
der mal einen Referenten geladen, der
aus seinen antisemitischen und extrem
rechten Sichtweisen keinen Hehl macht.
Der Ex-Brigadegeneral des Kommandos
Spezialkräfte (KSK) Reinhard Günzel
hielt im Burschenschaftshaus auf der Ei-
senstuckstraße 50 einen Vortrag mit dem
Titel „Das Ethos des Offizierskorps am
Beispiel der Affäre Hohmann/Günzel“.
Günzel wurde am 4. November 03 ge-
feuert, nachdem er einen Unterstützer-
brief für Martin Hohmanns antisemiti-
sche Reden am 3. Oktober 2003 verfasst
hatte. Bis dahin konnte er in der deut-
Günzel im Oktober 2004
schen Bundeswehr eine hochrangige Po-
bei der Ordensgemeinschaft
sition innehaben, obwohl er schon 1995 der Ritterkreuzträger
auffiel, weil er von seiner „Truppe“ Dis-
ziplin „wie bei der Waffen-SS“ forderte.
Nachdem er seinen Posten eingebüßt hat,
reist Günzel mit einem Vortrag durch die „Dabei wurde General Günzel von ca. Zur Wehrmacht bedauerte Günzel,
Lande, in dem er über den „Ethos des 15 Personen tätlich attackiert und am dass als ihre einzige Heldentat der 20.
Offiziers“ klagt, und dabei vor allem linken Auge verletzt. Seine Brille ging Juli gefeiert werde, aber der Ruhm ihrer
über die seiner Meinung nach mangelnde dabei verloren. Weiters prasselten auf sonstigen Tugenden wie der Mut, die
„kameradschaftliche Sympathie“, die die Gäste von General Günzel Eier nie- Opferbereitschaft und Tapferkeit der
ihm nach Dienstende zuteil wurde. der. Erst durch das beherzte Eingreifen deutschen Soldaten geschmälert wurden.
Wie schon zu seiner Veranstaltung am der Polizei konnten die Störer von wei- Er beanstandete an der heutigen Bundes-
24. November in Göttingen, wo 300 teren Straftaten abgehalten werden.“ wehr und den „Kaderschmieden für den
Antifaschistinnen gegen ihn demon- (Fehler im Original) Führernachwuchs“, dass der „Chorgeist“
strierten war Günzel auch in Dresden Im Anschluss gelang es Günzel noch geringer sei als im Zentralrat der Juden,
nicht davor gefeit. Die „Antifa Hoch- mit geborgter Brille, den Vortrag vor ca. wo Paul Spiegel dem Friedmann sogar
schul-Gruppe“ hatte gegen die Veran- 60 Zuschauenden zu halten. Dort erläu- „richtige Verbrechen“ verziehen habe.
staltung der Cheruscia aufgerufen. terte der die Hohmann/Günzel -Sache Jetzt wo Deutschland einen ständigen
70 Antifaschistinnen hatten sich einge- aus eigener Sicht (ohne Brille): Struck Sitz im Sicherheitsrat wolle, da wäre es
funden und blockierten den Weg zum habe ihn viel zu schnell gefeuert und falsch die Bundeswehr zu verkleinern,
Veranstaltungsort. Günzel versuchte, ge- Hohmann habe im Konjunktiv geredet, da ein Land mit einer kleinen Armee
meinsam mit 5 Burschenschaftlern, sich weder Juden noch Deutsche seien Täter- außenpolitisch an Bedeutung verliere.
an der Blockade vorbei zu schmuggeln. volk, um abschließend mit Selbstmitleid Der Rundumschlag wurde durch einen
Dies gelang ihm und seinen Mitstreitern um sich zu werfen: Keiner seiner Kame- lauten „Siiiiiiiiiiiiillentium“ beendet.
nicht ganz ohne Blessuren. In einer extra raden rede mehr mit ihm und er habe kun (zusammengestellt aus
jammrigen Pressmitteilung schreiben die eben das Pech als einer des Gegneri- verschiedenen Berichten der Antifa
Veranstalter der Cheruscia hinterher: schen Lagers geoutet worden zu sein. Hochschulgruppe Dresden) ■

Des Teufels gefragter Generalmajor


Auch 2005 ist Gerd Schultze-Rhonhof von rechtsaußen umworben
Die Münchener Burschenschaft erschienenen Buch stellt er Nazi- Grunde sind Interpretationen wie diese
Arminia-Rhenania hat General- Deutschland als einen Zufluchtsort (sic!) nicht neu. Sie folgen alten Spuren, die
major a. D. Gerd Schultze-Rhon- für hunderttausende Juden aus Polen weniger im Bereich der Forschung als in
hof zum „Treffpunkt Friedensengel“ ein- dar. Er behauptet: „... daß in den Jahren dem von Ideologie und Propaganda an-
geladen. Er hält dort am 15.02. 2005 ei- von 1933 bis 1938 557.00 Juden ihr pol- gesiedelt sind. Neu ist dagegen, daß sie
nen Vortrag mit dem Titel: „1939 – Der nisches Heimatland verlassen und Zu- von einem ehemals führenden Offizier
Krieg der viele Väter hatte“. Grund ge- flucht im benachbarten Deutschland su- der Bundeswehr öffentlich vertreten
nug, zumal am Jahresanfang, einen klei- chen ...“. werden.“
nen Rückblich auf die Untriebe des Sol- „Im Generalsblick – Abstruses zur Die rechtsextremistische Presse war
daten ohne Uniform zu werfen. Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges“ allerdings voll des Lobes über Schultze-
Generalmajor a.D. Gerd Schultze- heißt es am 26.11.2003 in der FAZ über Rhonhofs Buch. Die NPD-Zeitung
Rhonhof hat im Frühjahr 2003 sein ge- Schultze-Rhonhofs Buch. Die FAZ stellt „Deutsche Stimme“ hatte es im März
schichtsrevisionistisches Buch: „1939 – über das Buch fest: „Schultze-Rhonhofs 2004 bei ihren aktuellen Empfehlungen:
Der Krieg, der viele Väter hatte“ veröf- dürre Bilanz stellt die Ergebnisse der se- „Eine Neudarstellung der Kriegsschuld-
fentlicht. In diesem in zweiter Auflage riösen Forschung auf den Kopf. ...Im frage auf hohem Niveau. Der frühere
weiter Seite 9
8 : antifaschistische nachrichten 1-2005
Generalmajor der Bundeswehr kann auf Rendsburg. Die „Gesellschaft für Wehr- vier Oberste a.D. an den Vorstand und
deutscher Seite keine konkrete Kriegs- und Sicherheitspolitik“ Sektion Rends- den Beirat der Clausewitz-Gesellschaft
planung erkennen, dafür aber langjähri- burg hatte Schultze-Rhonhof zu einem und beklagten sich darüber, dass dem
ge Kriegsziele des Auslands, die 1939 Vortrag eingeladen, musste aber nach Ansinnen der VVN-BdA nachgegeben
die Lage zum Eskalieren brachten. Ein Anweisung des Landesvorsitzenden der und der Vortrag untersagt wurde.
Grundlagenwerk, gut zur Einarbeitung Gesellschaft den Referenten absagen. Verschwörungsphantasien
in die Materie geeignet.“ Der einladende Sektionsleiter ist darauf-
Schultze-Rhonhof war 2004 gefragter hin von seinem Amt zurückgetreten. Am 8. Mai 2004 trafen sich über 200 ge-
Referent bei einer Vielzahl von reaktio- Proteste und kommunalpolitische Dis- ladene Gäste beim Frühjahrssymposium
nären und revanchistischen Veranstaltern kussionen löste der Auftritt des General- der „Stimme der Mehrheit – Arbeitsge-
und gern gesehener Gast bei einschlägi- majors a.D. bei der 46. heimatpoliti- meinschaft Freie Publizisten, Schriftstel-
gen Veranstaltungen. Es regte sich aber schen Arbeitstagung der Kreisgemein- ler und Wissenschaftler“ im Fuldaer Ma-
auch Widerstand gegen seine Auftritte schaft Angerburg am 29.2.2004 in Ro- ritim Hotel. In der nichtöffentlichen Ver-
und er wurde von renommierten, tenburg/Wümme aus. anstaltung referierte ausgewählte Promi-
bundeswehrnahen Veranstaltern ausgela- Eine Lokalzeitung hatte sich im Vor- nenz der deutschen Rechten über: „Mei-
den. feld der Tagung kritisch mit Schultze- nungsfreiheit in Deutschland – Grund-
Im reaktionären Milieu Rhonhofs Aussagen und seinen diversen recht oder Farce?“. Die Presse war aus-
Auftritten bei reaktionären Verbänden drücklich nicht erwünscht, da eine „freie
Schultze-Rhonhof war Referent am 18. beschäftigt. Diskussion“ sonst nicht möglich sei, wie
Januar 2004 beim „Reichsgründungs- Eine Missbilligung des Auftrittes, einer der Veranstalter zur Eröffnung er-
kommers“ der Hamburger Burschen- wie von SPD und Grünen gefordert, klärte.
schaft Germania, die dem rechtsextre- scheiterte im Kreistag von Rotenburg/ Schultze-Rhonhof, er wurde bei
men Flügel der deutschen Burschen- Wümme an der Mehrheit der CDU/ Gründung der „Stimme der Mehrheit“
schaft zuzurechnen ist. FDP-Fraktion. im Jahre 1997 ins Präsidium gewählt,
Nach einem Vortrag beim Convent Eine Ausladung erhielt der General- durfte sich auf der Veranstaltung als Op-
Aachener Burschenschaften am major a.D. im Sommer von der Clause- fer der political correctness darstellen.
23.01.2004 schreibt die Brünner Bur- witz-Gesellschaft. Der Regionalkreis Immer wieder würden Antifas seine Vor-
schenschaft Libertas zu Aachen auf ihrer Südwest hatte ihn am 5.7.2004 zu einem träge stören, und im Internet laufe eine
Internetseite: „Die Frage, die zur Entste- Vortrag in das Hotel und Ratshaus Selig- wahre Verleumdungskampagne gegen
hung des Buches führte, haben sich si- weiler eingeladen. Er sollte dort eine po- ihn. Die dort zusammengestellten Infor-
cher schon viele gestellt. Die Entschei- litische Bewertung zum Ausbruch des mationen könnten nur, so sein Verdacht,
dung, dieser Frage in einem Buch nach- Zweiten Weltkrieges geben. Die VVN- aus abgehörten Telefonaten oder heim-
zugehen, haben nur wenige getroffen BdA protestierte beim Vorstand der lich geöffneten Briefen stammen. In be-
und so faszinierend umgesetzt. ... Wir Clausewitz-Gesellschaft gegen den Auf- ster verschwörungstheoretischer Manier
bedanken uns bei unserem Referenten tritt. Der Vorstand der Gesellschaft setz- bezichtigte er ein nicht näher bezeichne-
für die Ausgestaltung des Abends und te eine Absage des Vortrages durch, was tes „Landesamt“ der deutschen Geheim-
empfehlen dem interessierten Leser sein zum Rücktritt des Regionalkreisleiters dienste der Kooperation mit Antifas.
jüngstes Werk: „Der Krieg, der viele Vä- führte. Der Vortrag wurde dann privat
ter hatte“. von Mitgliedern der Gesellschaft organi- Michael Quelle
Am 18.2.2004 folgte eine Einladung siert. Am 4. August 2004 wandten sich VVN-BdA Stade ■
bei der Preußischen Gesellschaft Berlin-
Brandenburg e.V.
Einen neuen Veranstaltungsort musste
sich jedoch die „Unabhängige Bürgerge-
meinschaft Achim-Verden“ am 18.3.
2004 suchen, damit Schultze-Rhonhof
JLO zu rechts für’s Museum
seine „...zweifelhafte, gefährliche Bot- Lüneburg. Dr. Ronny Kabus, Der 1994 – noch in der Kohl-Ära – zur
schaft ... unters nationalkonservative bis Direktor des Ostpreußischen Bundesstiftung erhobene Verein betreibt
nationalistische Volk“ (Achimer Kreis- Landesmuseums in Lüneburg, das Ostpreußische Landesmuseum, dass
blatt) bringen konnte. Der geplante Ver- wurde, wie erst jetzt bekannt wurde, am vollständig von der öffentlichen Hand fi-
anstaltungraum wurde der „Bürgerge- 29. Dezember nach 14 Jahren im Amt nanziert wird, zu 72 Prozent aus Bundes-
meinschaft“ kurzfristig gekündigt. fristlos entlassen. Dr. Kabus spricht von mitteln und zu 28 Prozent aus Mitteln
„Ich fühle mich als Nachkriegssoldat einem ,,Racheakt“ und kündigte den des Landes Niedersachsen. Träger und
sehr geehrt, daß ich vor den letzten noch Gang vors Arbeitsgericht an. Der Vorsit- Eigentümer des „Ostpreußisches Jagd-
Lebenden einer Elite der Wehrmacht und zende der Landsmannschaft Ostpreußen, und Landesmuseum“ ist die „Ostpreußi-
der Waffen-SS sprechen darf.“ schmei- Wilhelm von Gottberg, bestätigte am sche Kulturstiftung“, die auch das „Haus
chelte Schultze-Rhonhof in seiner Fest- Donnerstag die Entlassung wegen „er- der Heimat“ mit dem Archiv der Lands-
rede am 16. Oktober 2004 in Hameln zur heblicher Loyalitätsprobleme gegenüber mannschaft Ostpreußen in Hamburg so-
50-Jahrfeier der Ordensgemeinschaft der dem Arbeitgeber“. In einer Stellungnah- wie das Kulturzentrum Ostpreußen in El-
Ritterkreuzträger. „Ich verneige mich vor me für die Enquete-Kommission, die lingen (Bayern) lenkt. Die revanchisti-
Ihrer Lebensleistung“ verkündete er pa- zum Kündigungsgrund wurde, klagte sche Landsmannschaft formuliert mit
thetisch am Ende seiner Rede. der entlassene Direktor im September den Aktivitäten ihrer Kultureinrichtun-
Am 9.11.2004 hatte er dann noch Ge- über die rechtslastige Ausrichtung in der gen Ansprüche auf Gebiete der östlichen
legenheit, seine Thesen in Österreich Stiftung. Die Aktivitäten der Lands- Nachbarstaaten, ohne diese mit purem
beim Freiheitlichen Akademikerverband mannschaft im Rahmen der „Preußi- Expansionsdrang begründen zu müssen:
in Salzburg vorzustellen. schen Treuhand“ wirkten sich negativ Man kommt nicht als imperialistischer
Proteste, Ausladungen und Rücktritte auf das Museum aus, zudem habe von Eroberer, sondern als Schaffer und Be-
Gottberg die umstrittenen Äußerungen wahrer der „angestammten östlichen
Einen „Maulkorb für den General“ (Jun- des CDU-Bundestagsabgeordneten Mar- Kultur“, die schließlich „seit Jahrhunder-
ge Freiheit) gab es am 25.2.2004 in tin Hohmann öffentlich verteidigt. ten deutsch“ ist. kun ■

: antifaschistische nachrichten 1-2005 9


Zum Geburtstag gibt’s eine 30 Jahre Freigabe des Schwangerschaftsabbruchs in Frankreich:
Demo: Am kommenden 15. Ja-
nuar werden in Frankreich
zahlreiche Frauen- und Bürgerrechts-
Ein Gesetz, das die extreme
gruppen sowie Linke und Gewerk-
schaften auf die Pariser Straßen ge- Rechte nie verwunden hat
hen. Sie wollen an den dreißigsten
Jahrestag der Verabschiedung der denden Abstimmung wurde die Frak- ist der Begründer der Vereinigung „Lais-
Loi Veil erinnern, die in Frankreich tionsdisziplin aufgehoben, und zahlrei- sez les vivre!“ (Lasst sie leben), in der
erstmals den Schwangerschaftsab- che Abgeordnete der damals regierenden auch Rechtsextreme aktiv sind. Seine
bruch legalisierte, der bis dahin legal liberal-christdemokratischen Rechten Tochter, die durch ihren Mann in den
als Verbrechen eingestuft worden stimmten gegen das Gesetz, das nur Rang einer Staatssekretärin im Wirt-
war. dank der Zustimmung der Linksopposi- schaftsministerium erhoben wurde, ist
tion durchkam. Der Vatikan hatte vorab auch Vorsitzende des Vereins der Freun-
Genau genommen kommt die Geburts- Druck auf alle Abgeordneten ausgeübt de von Professor Lejeune.
tagsdemo ein paar Tage zu spät, denn und „die Christen unter ihnen“ aufgefor- 1996 unterzeichnete Clara Gaymard-
das nach der damaligen liberalen Ge- dert, gegen die Vorlage zu stimmen. Lejeune einen „bevölkerungspoliti-
sundheitsministerin Simone Veil be- Die extreme Rechte, namentlich der schen“ Appell für mehr französische Ge-
nannte Gesetz wurde am 20. Dezember damals noch kleine Front National, be- burten, den die rechtsextrem eingefärbte
1974 im Pariser Parlament verabschie- trieben zur selben Zeit eine aggressive Vereinigung Population et Avenir (Be-
det. Doch es schien geeigneter, im Janu- Hasskampagne. Ihre Wut wurde noch völkerung und Zukunft) lanciert hatte.
ar auf die Straße zu gehen, um mit neu- dadurch gesteigert, dass die Ministerin Mitunterzeichner waren der rechtsnatio-
em Schwung zum Jahresbeginn eine Simone Veil eine jüdische Auschwitz- nale Graf Philippe de Villiers und Pa-
Warnung an die derzeitige konservativ- überlebende war, der von dieser Seite trick Kaltenbach vom Club de l‘Horlo-
reaktionäre Regierung auszusprechen. nunmehr vorgeworfen wurde, „einen ge, einem rechtsextremen Think Tank,
Denn es soll nicht nur vergangener Genozid am französischen Volk“ mittels aber auch der ex-sozialdemokratische
Errungenschaften gedacht, sondern auch Abtreibungen herbeiführen zu wollen. Linksnationalist Jean-Pierre Chevène-
für die Zukunft vorgebaut werden. Die Das Gesetz von 1974 galt zunächst nur ment. In dem Appell wurde etwa gefor-
derzeitige rechte Parlamentsmehrheit für fünf Jahre, wurde jedoch 1979 – er- dert, der Staat solle die Zahl der Ehe-
traut sich zwar mit Sicherheit nicht, das neut gegen einen Teil der regierenden schließungen erhöhen, da Verheiratete
Gesetz zum „freiwilligen Abbruch der Rechten – bestätigt. In jenen Jahren war im statistischen Schnitt deutlich mehr
Schwangerschaft“ (IVG, interruption der Abbruch in den ersten 10 Wochen Kinder bekämen als unverheiratete Paa-
volontaire de grossesse) direkt zu atta- der Schwangerschaft freigegeben. Seit re oder Singles.
ckieren oder abzuschaffen. Aber ein Teil Juli 2001 ist er nunmehr in den ersten 12 Hervé et Clara Gaymard, die sich einst
der Konservativen träumt offen davon, Wochen legal. auf der Elite-Technokratenhochschule
auf juristischen oder administrativen Heute sitzen aber die katholischen Fa- ENA kennen lernten, haben ihrerseits be-
Umwegen das vor 30 Jahren erworbene natiker erneut mitten in der Regierung, reits nicht weniger als acht Kinderchen...
Recht der Frauen einzuschränken oder wenngleich sie sich mit offenen Angrif- um die sich Leute „ihres Standes“, im
in Frage zu stellen. So wird die Kran- fen auf die Rechte der Frauen noch zu- Gegensatz zu anderen, freilich nicht
kenkassenerstattung für den Eingriff oft- rückhalten. Einer ihrer prominentesten selbst zu kümmern brauchen. Aber Ver-
mals verschleppt, und die Abgeordneten Repräsentanten ist der 44jährige Hervé hütungsmittel sind ja bekanntlich eine
führten vor anderthalb Jahren ein neues Gaymard, der Ende November dem in schlimme Sünde.
Delikt namens „unfreiwilliger Abbruch den UMP-Parteivorsitz wechselnden Bernhard Schmid, Paris ■
der Schwangerschaft“ ein. Dabei geht es Wirtschaftsminister Nicolas Sarkozy im
darum, die Verursacher von Unfällen zu Amt nachfolgte. Seit Mitte der neunzi-
bestrafen, durch deren Einwirkung eine ger Jahre ist er als Aktivist der rechtska-
schwangere Frau ihren Fötus verloren tholischen Aktivistengruppierung Opus
hat. Dazu mag es eine Regelungslücke Dei (Werk Gottes) bekannt. Seine Ehe-
gegeben haben, aber bei vielen Abge- frau, Clara Gaymard-Lejeune, ist die
ordneten steht auch der kaum verhüllte Tochter des verstorbenen Professors Jé-
Traum dahinter, nunmehr auf Umwegen rôme Lejeune, der zu den prominentes-
doch noch einen Rechtsstatus des Em- ten Anti- Abtreibungs-Aktivisten in
bryos unabhängig von der Mutter – und Frankreich gehörte. Professor Lejeune
vielleicht in Zukunft auch gegen diese –
in den Köpfen von Juristinnen und Rich-
tern zu verankern.
BNP-Chef Nick Griffin verhaftet
Rechtsextreme und andere
Reaktionen Großbritannien. Der Führer der rechtsextremen British National Party (BNP),
Nick Griffin, ist am 14.12. in seinem Haus in Wales verhaftet und in ein Gefängnis
Die Loi Veil hatte von Anfang an ent- in West-Yorkshire überführt worden.. Ihm wird vorgeworfen, in einer Dokumenta-
schiedene Gegner. Zum Zeitpunkt ihrer tion des BBC Rassenhass gegen Muslime gedchürt zu haben. Bereits unmittelbar
Verabschiedung fanden jährlich 300.000 nach der Ausstrahlung des Dokumentarfilms im Juli 2004 waren mehrere BNP-
illegale Abtreibungen unter oft miesen Funktionäre verhaftet worden.
Bedingungen statt, bei denen jährlich Der 70-jährige Gründer der BNP, John Tyndall wurde ebenfalls kurzzeitig in
mehrere Dutzend Todesfälle zu ver- Haft genommen, gegen Hinterlegung einer Kaution aber am selben Tag noch frei-
zeichnen waren; dagegen wandte sich gelssen. Insgesamt wurden damit seit der BBC-Fernsehdokumentation zwölf Mit-
1971 das berühmt gewordene „Manifest glieder der BNP verhaftet. Neben Aufstachelung zum Rassenhass werden den
der 343 Schlampen“. Doch damals be- BNP-Leuten staatsfeindliche Umtriebe zur Last gelegt sowie Verabredung krimi-
trug der Frauenanteil im französischen neller Handlungen. nach Presseberichten ■
Parlament keine 5 Prozent. Zur entschei-

10 : antifaschistische nachrichten 1-2005


„Schützt mich vor meinen Freun- Frankreich:
den, vor meinen Feinden schüt-
ze ich mich selbst“: Das mag
sich manches Regierungsmitglied wäh-
Anti-Diskriminierungs-Gesetz
rend der jüngsten Debatte in der fran- gegen Homphobie verabschiedet
zösischen Nationalversammlung ge-
dacht haben. zur Hölle gemacht worden, so dass sie in re tiefe homophobe Ressentiments haben.
die Kleinstadt Noeux-les-Mines umzogen. Es ist ihre „Basis“, die manchmal spontan
Dort wurde in der ersten Dezemberwoche Doch auch dort wurden sie angegriffen: Im gewalttätig wird.
ein Gesetz gegen homophobe und sexisti- August 2003 waren Unbekannte in ihr ...und politische Interessen
sche Beleidigungen beschlossen, das ähn- Haus eingedrungen und hatten Sébastien
lich wie die bereits bestehenden Regelun- zu erwürgen versucht. Der versuchte Mord Das zweite Ereignis in diesem Frühjahr
gen zum Schutz vor rassistischen, antise- von Noeux-les-Mines rief in breiten Krei- war der symbolische Eheschluss zwischen
mitischen sowie die Shoah leugnenden sen der Gesellschaft Emotionen hervor. zwei schwulen Männern, am 5. Juni in Bè-
Äußerungen funktioniert. Präsident Jacques Chirac schickte Sébas- gles, einer Trabantenstadt von Bordeaux.
Doch eine Reihe von Abgeordneten der tien Nouchet persönlich einen Brief ins Die Heirat wurde gerichtlich annulliert,
konservativen Parlamentsmehrheit zierten Krankenbett. Und Mitte März fand eine und die Regierung stellte sich auf den
sich, dem Vorhaben zuzustimmen. Der landesweite Demonstration in Paris statt, Standpunkt, es handele sich um einen Ver-
UMP-Parlamentarier von Lille, Christian zu der SOS Homophobie aufgerufen hatte stoß gegen geltendes Recht – obwohl der
Vanneste, sah gar gleich „das Überleben und zu der viele Schwulen- und Lesbenve- seit Napoléon geltende Code Civil, das
der Menschheit in Gefahr“ – weil Schwule reinigungen sowie ein Teil der Linken mo- bürgerliche Gesetzbuch, im Wortlaut nur
und Lesben sich nicht fortpflanzen wür- bilisierten. von „zwei Personen“ als Voraussetzung für
den. Der Fraktionsvorsitzende der Präsi- Die Aggression gegen Sébastien und Pa- eine gültige Ehe spricht.
dentenpartei UMP, Bernard Accoyer, hob trice ist relativ typisch für die aktuelle Aber im Juni war Wahlkampf, kurz vor
schließlich die Fraktionsdisziplin auf und Form homophober Gewalt und Diskrimi- den Europaparlamentswahlen. Die regie-
gab „seinen“ Abgeordneten Stimmfreiheit. nierung. Diese machen sich vor allem in rende Rechte musste auch den Schwulen
Am Ende kam die Gesetzesvorlage aber solchen Gebieten bemerkbar, etwa im Kri- und Lesben etwas bieten. Und so wandte
doch noch durch das Parlament, freilich er- senrevier Nord-Pas de Calais sowie in be- sich Premierminister Jean-Pierre Raffarin
gänzt um einen Zusatz, der gegen den stimmten Zonen Südfrankreichs, wo tradi- noch im Juni 04 an die Schwulen- und Les-
Willen der Regierung in den Text aufge- tionelle geschlossene Arbeitermilieus im benvereinigungen mit dem Angebot, man
nommen wurde: Neben Homosexuellen Implodieren begriffen sind. Dort sind viele werde zwar die Homoehe nicht anerken-
und Frauen als Opfer sexistischer Äuße- Angehörige der sozialen „Unterschichten“, nen, aber ein großes Gesetzeswerk gegen
rungen werden jetzt auch Behinderte durch die bisher über das Arbeitsleben und even- Homophobie auf den Weg bringen. Doch
dasselbe Gesetz extra geschützt. So wollte tuell durch die gewerkschaftliche Aktivität innerhalb der rechten Parlamentsmehrheit
es die ultrakatholische, dem Vatikan nahe sozialisiert waren, aufgrund der massiven gab es auch dann noch deutliche, zumin-
stehende UMP-Abgeordnete Christine Erwerbslosigkeit und – aufgrund ihrer Ar- dest passive Widerstände. Die widerstre-
Boutin, die bei der Vorstellung ihres Ände- mut und geringen Mobilität – häufig sich benden Abgeordneten konnten sich gut
rungsantrags darauf bedacht war, die ver- selbst überlassen und weitgehend isoliert. hinter einem Gutachten der Konsultativ-
schiedenen zu schützenden Gruppen Darauf reagieren viele männliche ehemali- kommission für Menschenrechte,
gegeneinander auszuspielen: „Behinderte ge Industriearbeiter oder Arbeitersöhne, CNCDH, verbergen. Dieses offizielle,
haben natürlich keine Lobby“, rief sie aus. die sich bisher eine Identität über die Er- aber regierungsunabhängige Gremium
Und sie meinte damit offenkundig, dass werbsarbeit konstruiert hatten, durch eine kam im November zu dem Schluss, im
Schwule und Lesben über eine mächtige aggressive Verteidigung ihrer in Frage ge- Namen des republikanischen Universa-
Lobby verfügen. stellten oder zerbrochenen „männlichen lismus sei es nicht gut, neue Spezialvor-
Hintergrund: Homophobe Hassverbre- Rolle“ auf symbolischem Gebiet. schriften gegen Homophobie und Se-
chen (und die extreme Rechte)... Heute geht die Entfesselung solcher, xismus einzuführen: Durch die Vervielfa-
etwa homophoben, Aggressionen mit dem chung von Normen gegen besondere For-
Die Idee einer Ausweitung des Schutzes Anstieg der rechtsextremen Wähleranteile men von Diskriminierung drohe die „Uni-
gegen rassistische und antisemitische in diesen Milieus einher, da die Angebote versalität der Menschenrechte“ aus dem
„Hassdiskurse“ und solcherart motivierte der Linksparteien (etwa „Klassensolida- Blick zu geraten, und es drohe die „Zer-
Taten auch auf homophobe und sexistische rität“) dort oft nicht mehr als reale Alterna- splitterung der Gesellschaft in immer
Diskriminierungen kam im vergangenen tive wahrgenommen werden. Lens liegt im mehr Communities“.
Frühjahr auf. Dazu trugen zwei Ereignisse Wahlkreis der rechtsextremen Kandidatin Eine starke Minderheit unter den rech-
erheblich bei. Das erste war die brutale Ag- Marine Le Pen vom Front National, die ten Abgeordneten fürchtete, ihre eigenen
gression gegen den 35-jährigen Sébastien dort bei der Parlamentswahl 2002 über 32 Ansichten könnten künftig an den Pranger
Nouchet, der am 16. Januar dieses Jahres Prozent der Stimmen holte, und Noeux- geraten, wenn die Homophobie strafbar
in seinem Garten, wo er die Vögel fütterte, les-Mines (gut 12.000 Einwohner) liegt im würde. Ob denn dann künftig auch das öf-
von Unbekannten mit Benzin übergossen Nachbarkreis von Béthune. Die Region fentliche Vertreten der Ansicht, die Ehe sei
und in Brand gesteckt wurde. Dabei erlitt Nord/Pas-de-Calais, der beide Kreise an- der Vereinigung von Mann und Frau vor-
er Verbrennungen dritten Grades, so dass gehören, ist die einzige französische Re- behalten, strafrechtlich verfolgt werden
er wegen unerträglicher Schmerzen wo- gion, wo der Front National bei den Regio- könne, sorgten sich einige. Andere be-
chenlang in ein künstliches Koma versetzt nalparlamentswahlen im März 2004 be- fürchteten, wie der Abgeordnete Jean-
werden musste. deutende neue Stimmenzuwächse erhielt. Marc Nesme, dass nunmehr eine „Gedan-
Sébastien Nouchet und sein Lebensge- Allerdings organisiert die parteiförmige kenpolizei“ eingeführt und letztendlich die
fährte, Patrice Jondreville, waren drei Jahre extreme Rechte als solche keine Schwu- Idee eines Adoptivrechts für homosexuelle
zuvor in das ehemalige Kohlerevier Nord- lenjagd. Zumal sie selbst insofern ein ge- Paare Schritt für Schritt durchgesetzt wer-
Pas de Calais nahe der belgischen Grenze spaltenes Verhältnis zur (männlichen) Ho- den solle – dabei seien „in dieser Gesell-
gekommen, wo Patrice einen neuen Job mosexualität hat, weil ihre Aktivisten zum schaft nicht Homosexuelle, sondern Kin-
antrat. Doch in Lens war dem schwulen Teil eine Faszination für männerbündische der besonders bedroht“.
Paar rasch durch junge Leute das Leben Zusammenschlüsse hegen, während ande- Bernhard Schmid, Paris ■

: antifaschistische nachrichten 1-2005 11


: ausländer- und asylpolitik

Gnadenlose Weihnachtszeit im Landkreis


Celle – Abschiebungsentscheidung zerreißt
kurdische Familie
Celle. Süleyman Bulut nach 12-jähri- agnose nicht auf eine Abschiebung ver-
gem Aufenthalt ohne seine Familie abge- zichtet und stattdessen den Aufenthalt
schoben Celle. Der 20-jährige Süleyman von Süleyman bei seiner Familie weiter-
Bulut, ältester Sohn einer kurdischen Fa- hin geduldet? Die rechtliche Möglichkeit
milie aus Wathlingen, wurde in der dazu bestand, die von Dr. Krüger be-
Nacht von Montag auf Dienstag um ca. 3 scheinigte Suizidalität hätte als Abschie-
Uhr morgens aus dem Bett geholt und bungshindernis gewertet werden können.
ohne seine Eltern und seine sechs War für die Verantwortlichen die
Geschwister in die Türkei abgeschoben. menschliche Härte dieses Falls nicht
Diese rechtlich durchaus nicht zwingen- nachvollziehbar? Wie hartgesotten muss
de Entscheidung der Ausländerbehörde ein Mensch sein, um in dieser Situation
macht aufs Neue deutlich, mit welcher dennoch die Abschiebung einzuleiten
Gnadenlosigkeit und rigiden Härte Le- und und dabei eine Gefährdung des Le-
bensentwürfe von Menschen zerstört und bens von Süleyman Bulut wissentlich in behandelnde Arzt Dr. Krüger haben noch
Familien durch Abschiebungen ausein- Kauf zu nehmen? in der Nacht interveniert und versucht,
andergerissen werden. Die Ausländerbehörde des LK Celle Süleyman zu beruhigen. Der Kurde ließ
Die Familie Bulut kam 1992 nach spielte mit gezinkten Karten. Zwar be- sich schließlich abführen und wurde am
Deutschland und beantragte Asyl. Da- hauptete sie gegenüber der Rechtsanwäl- Morgen in Begleitung eines Arztes nach
mals war Süleyman acht Jahre alt. Er tin Sigrid Töpfer und dem Unterstützer- Istanbul abgeschoben. Dort wurde er
lernte deutsch, besuchte die Schule und kreis, es werde vor einer Abschiebung nach eintägiger Inhaftierung und Befra-
wechselte nach Erreichen des erweiter- noch ein zweites Gutachten zur Reisefä- gung entlassen. In Istanbul kümmert sich
ten Realschulabschlusses auf die Han- higkeit erstellt. Die Abschiebung war je- sein Bruder Mustafa, den die Celler Be-
delsschule. Eine Banklehre wurde ihm in doch längst gebucht, bevor ein solches hörden bereits im Sommer zur „freiwilli-
Aussicht gestellt. Doch die Behörden zweites Gutachten vorlag. Dies lässt den gen Ausreise“ genötigt hatten, um Süley-
verweigerten Süleyman die Genehmi- Verdacht aufkommen, dass es der Aus- man. Darüber hinaus setzt sich ein vom
gung zu dieser Ausbildung unter Hin- länderbehörde gar nicht um eine gewis- Unterstützerkreis engagierter Rechtsan-
weis auf sein fehlendes Aufenthaltsrecht. senhafte Überprüfung ging, sondern nur walt für ihn ein und versucht, die drohen-
Sie zwangen ihn, die Schule abzubre- darum, einen Freifahrtsschein zur Durch- de Einziehung zum Kriegsdienst abzu-
chen, drohten ihm die Abschiebung an führung der Abschiebung zu bekommen. wenden Nach Auffassung von Dr. Krüger
und verpflichteten ihn zu „gemeinnützi- Die Buchung einer Abschiebung im ist das Suizidrisiko in den nächsten 14
ger Tätigkeit“. Sammelcharter über Düsseldorf dauert Tage besonders hoch. Für eine „ambu-
Die Eltern von Süleyman erhielten nach Aussagen des Landeskriminalamtes lante bzw. stationäre Einbindung im
nach einem mehrjährigen Asylverfahren mindestens 2-3 Wochen. Das bestellte Rückführungsland“, die zur Verhin-de-
im Mai 2004 schlussendlich ein Aufent- zweite Gutachten lag jedoch erst am rung eines Selbstmords laut Gutachten
haltsrecht aufgrund exzessiver Gewalter- 17.12. vor – vier Tage vor dem Abschie- von Dr. Kunz erforderlich sei, hat sich
fahrungen und Misshandlungen durch bungstermin. der Landkreis Celle nicht mehr zuständig
die türkischen Verfolgungsbehörden. Der beauftragte Arzt, Dr. Helmut gefühlt.
Nach Auffassung des Verwaltungs er- Kunz vom Allgemeinen Krankenhaus Der Landkreis Celle gehört zu den
ichts Lüneburg ist ihnen eine Rückkehr Celle, brüstete sich bereits am Tag der Ausländerbehörden, die nicht davor zu-
in die Türkei nicht zuzumuten. Auch die Untersuchung gegenüber einer Unter- rückschrecken, Familien durch Abschie-
minderjährigen Kinder sind durch diese stützerin, er habe schon Flugbegleitun- bung auseinanderzureißen. Angesichts
Entscheidung vor einer Abschiebung ge- gen bei Abschiebungen gemacht, so dass des hohen Schutzes, den Ehe und Fami-
schützt, nicht jedoch Süleyman, der zum Zweifel an seiner Unabhängigkeit als lie nach dem Grundgesetz (Art. 6) sowie
Zeitpunkt der gerichtlichen Entschei- Gutachter sich aufdrängen. In seiner gut- nach der Europäischen Menschenrechts-
dung bereits volljährig war. achterlichen Stellungnahme, die auf der konvention (Art. 8) genießen, erscheint
Seit Mai 2003 befand sich Süleyman Grundlage eines 21/2-stündigen Ge- diese Praxis unmoralisch und unverhält-
in regelmäßiger psychotherapeutischer sprächs erstellt wurde, kommt Dr. Kunz nismäßig. Eine ganze Reihe von Auslän-
Behandlung, die durch die Abschiebung zu dem Schluss, es bestehe bei Süleyman derbehörden verzichtet deshalb grund-
gewaltsam unterbrochen wurde. Der be- eine reaktive Depression, Suizidalität sätzlich auf die Abschiebung einzelner
handelnde Facharzt Dr. Krüger diagnos- oder Fremdagressivität in Konfliktsitua- Familienangehörige und sucht nach ge-
tizierte bei ihm eine posttraumatische tionen seien „nicht kalkulierbar“, jedoch meinsamen Lösungen. Kein Zweifel be-
Belastungsstörung und warnte, im Fall sei eine Abschiebung „im Beisein und steht jedoch daran, dass der Schutz der
einer Abschiebung sei Süleyman hoch- Begleitung von einem in der Psychiatrie Familie für hier lebende Flüchtlinge im
gradig gefährdet. Süleyman werde im erfahrenen Arzt sowie mit polizeilicher deutschen Ausländerrecht deutlich zu
Fall einer Abschiebung der Boden unter Begleitperson durchführbar“. schwach ausgestaltet ist. Der Fall der Fa-
den Füßen weggezogen, er verliere seine Tatsächlich hat sich Süleyman in der milie Bulut verdeutlicht noch einmal,
Identität und Aufgabe, in einer solchen Nacht der Festnahme in einem hochgra- dass für den Gesetzgeber dringender
Situation bestände eine akute Selbst- digen Erregungszustand befunden. Nach Handlungsbedarf besteht, um Flücht-
mordgefährdung. Aussagen seiner Familie ist er von Fen- lingsfamilien vor gnadenlosen Auslän-
Warum hat die Ausländerbehörde des ster zu Fenster gesprungen, und nur das derbehörden - z.B. der in Celle - zu
Landkreises Celle angesichts der – nach Einschreiten seiner Familie habe einen schützen.
der Ablehnung des Asylantrags von Dr. Sprung aus dem Fenster verhindert. Der Quelle: Nds. Flüchtlingsrat ■
Krüger erneuerten und bekräftigten - Di- Unterstützerkreis, die Anwältin und der

12 : antifaschistische nachrichten 1-2005


Der bayerische Ministerpräsi- Vollversammlung der Ausländerbeiräte Bayerns
dent Stoiber sagte in seiner Re-
gierungserklärung am 1.12. (AGABY) am 27. und 28. November in Augsburg
2004: „Grundsätzlich soll ein Kind
nur dann eingeschult werden, wenn Ausländerbeiräte fordern
es Deutsch kann. Das müssen wir ein-
fordern aus pädagogischer Verant-
wortung für die Integration ausländi-
eine Bildungsoffensive
scher Kinder, aber auch aus Verant-
wortung für die deutschen Kinder. Ihr
für alle Kinder
Lernfortschritt darf nicht unter den Die aktuellen Bemühungen des Bayeri- intergrund und bikulturellen sowie
Sprachproblemen anderer leiden.“ schen Sozialministeriums, die Kompe- mehrsprachigen Kompetenzen,
Die Ausländerbeiräte sehen das Pro- tenz der Fachkräfte in den Kindertages- • Gleichbehandlung der Religionen in
blem ganz anders und verabschiede- stätten zu verbessern (u. anderem durch der Schule und beim Angebot vom Re-
ten die folgende Resolution.. Veröffentlichung von Handreichungen ligionsunterricht auf der Grundlage der
Ausgangssituation und neue Ansätze in der Erzieherausbil- Menschenrechte und des Grundgeset-
dung), sind Beispiele hierfür. Eine ent- zes.
Trotz der Teilerfolge ist es nicht zuletzt scheidend wichtige Verbesserung des Als ergänzende Maßnahmen fordern wir
seit PISA und Iglo bewiesen: Das deut- Personalschlüssels sowie ein flächende- u.a. interkulturelle Elternbildungspro-
sche Schulsystem vermag Migrantenkin- ckendes Angebot von Maßnahmen, das gramme, wie „Hippy“; zusätzlichen För-
der nicht angemessen zu fördern. Bayern die Erziehungskompetenz der Eltern in derunterricht für Kinder mit Förderbe-
rühmt sich zwar als nationaler Pisa-Sie- den Bereichen frühkindliche Förderung, darf bei Deutsch als Zweitsprache, Qua-
ger, so seien Migrantenkinder in Bayern Sprachförderung, Zweisprachigkeit und li-Trainingsprogramme für benachteilig-
lesekompetenter als in manch anderen deutsches Schulsystem verbessert (z. B. te Jugendliche, Deutschförderangebote
Bundesländern. Dies bedeutet aber für Hippy), müssen noch folgen. im Kindergarten.
diese Kinder keine erfolgreichere Bil- Das Fehlen eines angemessenen Kon- Die Sprachstandprüfungen müssen
dungskarriere. Sie sind in den Haupt- zeptes bedeutet nicht nur für die Migran- strengen Qualitätsprüfungen unterzogen
und Sonderschulen (Förderschulen) tenkinder und -familien weiterhin werden, damit sie den Fachkräften als
überrepräsentiert und in den höheren Bil- schlechte Bildungs- und Zukunftschan- Grundlage für die Planung einer indivi-
dungsstufen unterrepräsentiert. Etwa ein cen. Es bedeutet auch das Vergeuden der duellen Förderung dienen können. Bei
Viertel der ausländischen Kinder in Bay- Fähigkeiten und Potenziale eines erheb- der Umsetzung der besonderen Förde-
ern verlässt die Schule ohne einen Ab- lichen Teils des knappen jungen Bevöl- rangebote muss darauf geachtet werden,
schluss. Nach Pisa ist in keinem anderen kerungsanteils Deutschlands. dass sie nicht zur Segregation der Kinder
europäischen Land der Schulerfolg so Forderungen führen und nicht wie bei der Einführung
sehr von der sozialen Herkunft abhängig der Sprachlernklassen von vielen Kin-
wie in Deutschland. Die Halbtagsschule Die Delegierten der Ausländerbeiräte dern und Eltern als Ausgrenzung emp-
sowie eine frühe und harte Selektion füh- Bayerns fordern eine umfassende Neu- funden werden.
ren dazu, dass Kinder aus sozial- und bil- konzeption des Bildungssystems. Es be- Wir lehnen eine ersatzlose Streichung
dungsschwachen Familien keine Chance darf einer Reform des Schulsystems, die des muttersprachlichen Ergänzungs-
bekommen, ihre Fähigkeiten unabhängig im Sinne „Interkultureller Erziehung“ Unterrichts ab und fordern einen qualita-
von ihrem familiären Hintergrund zu ent- eine angemessene Förderung und Ent- tiv besseren Unterricht, sowie Notenrele-
wickeln. Trotz zahlreicher Erfolge in wicklung von Kindern mit unterschiedli- vanz und Einbindung der Muttersprache
Modellversuchen und trotz des Engage- chem sprachlichen, kulturellen, religiö- in den Vormittagsunterricht. Durch bes-
ments vieler einzelner Pädagogen und sen, sozialen und familiären Hintergrund sere Koordinierung zwischen den Fach-
Eltern fehlt bis heute ein umfassendes ermöglicht. Das „einzelne Kind“ soll im kräften im Deutschunterricht und in den
Bildungs- und Schulkonzept zur Integra- Vordergrund stehen. muttersprachlichen Unterrichtsangebo-
tion der Kinder und Jugendlichen nicht Notwendig sind sowohl strukturelle ten sollen Synergieeffekte im Lernpro-
deutscher Muttersprache. Ein Konzept, Veränderungen, als auch ergänzende zess erreicht werden.
das sowohl den bi-kulturellen und mehr- Maßnahmen. Wir fordern ein ressortübergreifendes
sprachigen Lebenskontext dieser Kinder Aus der Sicht der Ausländerbeiräte Fachgremium auf der Landesebene!
berücksichtigt, als auch ihm pädagogisch sind folgende strukturelle Maßnahmen Es ist Aufgabe des Landes, mit Schaf-
und didaktisch Rechnung trägt. Statt ei- unbedingt erforderlich: fung eines Gremiums unter der Beteili-
ner Öffnung der Schule in Richtung • Neuinvestitionen im Bereich Bildung gung zuständiger Ministerien, wissen-
Interkulturalität und Mehrsprachigkeit • Flächendeckende Einführung von schaftlicher Stellen, der Vertreter der
erleben wir unter dem Motto „Integra- Ganztagsschulen Wohlfahrtsverbände, der Eltern- und
tion“ eine Zementierung des monokultu- • Längere gemeinsame Schulzeit und Lehrerverbände, der Gewerkschaften,
rellen Charakters der Schule: Der durch- durchlässigere Schultypen - keine frü- der AGABY, des Jugendrings eine res-
aus reformbedürftige muttersprachliche he Selektion sortübergreifende Koordinierung der
Ergänzungsunterricht (MEU) wird nicht • Verkleinerung der Klassen und Kita- Überlegungen und Maßnahmen im Be-
konzeptionell verbessert, sondern ein- gruppen für eine integrative Arbeit reich interkultureller Erziehung zu er-
fach gestrichen. Es heißt: „die Kinder • Bessere konzeptionelle Verzahnung möglichen und den Erfahrungsaustausch
sollen Deutsch lernen“. Der von der Wis- der Schule und des Kindergartens, sowie die konzeptionelle Weiterentwick-
senschaft tausendfach bestätigte Zu- • interkulturelle Erziehung, positive Ein- lung in diesem Bereich voranzutreiben.
sammenhang zwischen dem Erst- und stellung und kompetenter Umgang mit Regionale Informations- und Koordinie-
Zweitspracherwerb und dessen Einfluss Mehrsprachigkeit als Kernbestandteil rungsstellen für „interkulturelle Erzie-
auf die allgemeine kognitive Persönlich- des pädagogischen Konzepts und der hung“ sollen die Kommunen beim Erfah-
keitsentwicklung der Kinder wird Erzieher- und Lehrerausbildung rungsaustausch und bei der Umsetzung
schlichtweg ignoriert. • interkulturelle Öffnung der Jugendhilfe, konzeptioneller Vorschläge des Landes
Im Vorschulischen Bereich sind dage- • verstärkte Einstellung von Erzieher/in- unterstützen.
gen erste positive Ansätze zu erkennen. nen und Lehrer/innen mit Migrations- www.agaby.de ■

: antifaschistische nachrichten 1-2005 13


: Neuerscheinungen, ankündigungen

Buch von Hans Jür- zen Ottes in russischer Spra- che, das Produkt seiner Gene- bereits als Kommandant des
gen Otte: Unge- che publiziert. ration und den Denk- und Ver- Führerhauptquartiers und hielt
Unmittelbar nach Ende der haltensmustern der damaligen sich für rund sechs Monate
wöhnliche Erinne- Kriegsgefangenschaft stellte militärischen Führungsschicht täglich in der unmittelbaren
rungen eines Wehr- Hans Jürgen Otte, der es in der verhaftet. Dies bedingte Umgebung des „Führers“ auf.
machts-Offiziers Hitler-Jugend schnell zum Ge- Zwänge, die aus heutiger Im Januar 1941 stieg Rom-
folgschaftsführer gebracht hat- Sicht kaum nachvollziehbar mel zum Generalleutnant auf.
„Die Gefangenschaft te, fest: „Nichts blieb übrig sind (...).“ Zu diesem Zeitpunkt hatte er
hat große Sympathie vom Getöse und den Sirenen- Erwin Rommel kam am 15. längst in Frankreich militäri-
für Russland und sei- klängen des Nationalsozia- November 1891 zur Welt und sche Erfolge gefeiert und mit
ne Menschen in mir lismus. Die Kriegsgefangen- eroberte sich bereits als Offi- der neuen 7. Panzerdivision
erweckt, so widersprüchlich schaft war bei diesem Prozess zier im Ersten Weltkrieg einen die erfolgreichste Einheit des
das zunächst auch klingen eine heilsame Kur. Die Nach- „heldenhaften“ Ruf. Auf eine Kriegsjahres 1940 aufgestellt.
mag. Das ist bis heute, Jahr- richten über die Gräueltaten interessante Parallele weist Später wurde Erwin Rom-
zehnte danach, so geblieben.“ der Nazis taten ihr Übriges.“ Ralf Georg Reuth in seinem mel als bisher jüngster Ange-
Dieses eher ungewöhnliche, Thomas Klaus ■ Buch hin: Sowohl Rommel als höriger der Wehrmacht zum
weil durch und durch versöhn- auch Hitler entgingen wäh- Generalobersten befördert. Im
liche Fazit zieht Hans Jürgen „Bloß nicht den Russen in rend des Weltkrieges nicht nur Februar 1942 war er der erste
Otte in seinem jetzt im Donat- die Hände fallen! Erinnerun- einmal knapp dem Tode und Heeresoffizier und der sechste
Verlag (Bremen) erschienenen gen eines Kampffliegers an wurden mehrmals verwundet. Offizier der Wehrmacht, der
Buch „, Bloß nicht den Russen Krieg und Gefangenschaft Beide leiteten aus diesen Er- von Hitler mit den Schwertern
in die Hände fallen!‘ – Erinne- 1940-1947, 213 Seiten, fahrungen die Annahme ab, zum Eichenlaub des Ritter-
rungen eines Kampffliegers an Donat-Verlag (Bremen), dass der persönliche Wille kreuzes ausgezeichnet wurde.
Krieg und Gefangenschaft ISBN 3-934836-84-4, 14 Euro quasi Berge versetzen könnte Schon wenige Monate später
1940-1947“. – und sie fühlten sich mehr – im Juni – avancierte Rom-
Otte (Jahrgang 1921) hatte Geschicktes Spielen oder weniger stark vom All- mel zum Generalfeldmar-
sich im Oktober 1940 freiwil- mächtigen beschützt. Die Fol- schall. Hitler persönlich hatte
lig und aus Überzeugung zum auf der Klaviatur der ge: „Bei Hitler gründeten hie- dem 50-Jährigen den Mar-
Kriegsdienst bei der Wehr- Propaganda rin die Triebkräfte seines spä- schallstab überreicht; Rommel
macht gemeldet. Er ließ sich Neues Buch über Hitlers teren Sendungsbewusstseins, war der jüngste General der
zum Sturzkampfflieger ausbil- „Lieblings-General“ Erwin bei Rommel eine in Ansätzen Wehrmacht.
den, wurde schließlich im Rommel irrationale Überbewertung Weitere „berufliche Per-
April 1942 dem Sturzkampf- taktischer Möglichkeiten als spektiven“ waren nicht ausge-
geschwader 77 in Südrussland Seine militärische Truppenführer.“ schlossen. So notierte Reichs-
zugeteilt. Im Juni 1943 geriet Laufbahn war ähnlich Kein Mitverschwörer – propagandaminister Joseph
Otte im Range eines Leutnants spektakulär wie sein sondern Intrigenopfer Goebbels am 1. Oktober 1942
in russische Gefangenschaft. tragisches Ende: Es kann nicht in seinem Tagebuch: Rommel
Von seinem Alltag in den La- wirklich überraschen, dass Oft wird Rommel von Histori- „ist weltanschaulich gefestigt,
gern Susdal, Jelabuga, Kasan sich um das Leben und Ster- kern und anderen Experten als steht uns Nationalsozialisten
und Selenodolsk handelt das ben von Generalfeldmarschall „Lieblings-General“ Hitlers nicht nur nah, sondern ist ein
213-seitige Buch des späteren Erwin Rommel Legenden ran- bezeichnet. Und in der Tat: Nationalsozialist, er ist ein
Realschulrektors in Osterholz- ken. In der Regel laufen sie Viele Etappen der Rommel- Truppenführer mit Improvisa-
Scharmbeck bei Bremen und darauf hinaus, den so genann- Karriere lassen auf eine be- tionsgabe, persönlich mutig
SPD-Kommunalpolitikers (un- ten „Wüstenfuchs“ als Vorbild sondere Förderung durch den und außerordentlich erfin-
ter anderem von 1964 bis für die Bundeswehr und die „Führer“ und Reichskanzler dungsreich. Solche Troupiers
1981 als Mitglied in Stadtrat heutige Jugend einzuordnen. schließen. Beim Reichsbau- können wir brauchen. Rom-
und Kreistag). Geprägt war In diesem Sinne sind nach wie erntag 1934 in Goslar hatten mel ist der kommende Ober-
die Gefangenschaft in Russ- vor unter anderem mehrere Rommel und Hitler Seite an befehlshaber des Heeres.“
land von Hunger, Kälte, harter Bundeswehrkasernen nach Seite die Front abgeschritten. Bei Goebbels war Rommel
Arbeit, Arbeitsunfällen und Rommel benannt. Vier Jahre später wurde Erwin wohl gelitten, weil er durch-
Krankheiten. In seinem Buch „Rommel – Rommel zum Kommandeur aus auf der Klaviatur der Pro-
Das Werk besteht im We- Das Ende einer Legende“ be- des Führerbegleitbataillons er- paganda zu spielen verstand.
sentlichen aus Tagebuchauf- müht sich Ralf Georg Reuth nannt. Diese Aufgabe übte er Beispielsweise wurde Rom-
zeichnungen, die Hans Jürgen um ein realistischeres Bild des zur völligen Zufriedenheit mel während eines Abendes-
Otte trotz Verbots während der wohl populärsten Generals des Hitlers aus, so dass bald dar- sens mit Hitler in der Reichs-
bis August 1947 dauernden Zweiten Weltkrieges. Die auf die Ernennung zum Kom- kanzlei am 22. Juni 1942 von
Gefangenschaft anfertigen Kernaussage des Berliner mandeur der Kriegsschule in Goebbels mit Lob überschüt-
konnte. 2001 wurden die von Journalisten und Herausgebers der Wiener Neustadt erfolgte. tet. Kaum ein General sei so
Otte produzierten Lyrik- und der Goebbels-Tagebücher in Diese Schule sollte nach den von der Wichtigkeit des Pro-
Textsammlungen im Rahmen Bezug auf Erwin Rommel: In Vorstellungen Hitlers mit Hil- pagandaeinsatzes durchdrun-
einer Ausstellung unter dem ihm spiegele sich „die deut- fe von Erwin Rommel die gen. Hintergrund: Während
Titel „Kennst Du Jelabuga?“ sche Tragödie jener Zeit: dem modernste Kriegsschule Euro- die meisten hochrangigen Of-
erstmals der Öffentlichkeit zu- Führer in den Untergang ge- pas werden. fiziere eher genervt oder ver-
gänglich gemacht. Zuvor folgt zu sein und dabei ge- Wenige Tage vor dem Be- ächtlich auf die Fotografen-
schon hatte das „Russian Mili- glaubt zu haben, die vaterlän- ginn des Zweiten Weltkrieges und Kamerateams der Propa-
tary History Journal“ in St. dische Pflicht zu erfüllen“. wurde Rommel von Adolf Hit- gandakompanien reagierten,
Petersburg die Tagebuchnoti- Reuth stellt klar: „... Rom- ler zum General gemacht. Zu hofierte Rommel sie. Kein
mel ist ein Kind seiner Epo- dieser Zeit diente der Militär zweiter General der Wehr-

14 : antifaschistische nachrichten 1-2005


: ostritt
macht habe einen solch guten Draht zu verbandes Afrika“ viele Punkte beim
den Propagandaeinheiten gehabt, führt „Führer“ gesammelt und sein „Wüsten-
Reuth in seinem Buch aus. Dieser Draht fuchs“-Image gepflegt. Reuth verdeut-
glühte anscheinend nicht zuletzt wegen
der ausgeprägten Eitelkeit des hohen Mi-
litärs. Reuth schreibt: „Häufig ließ er ...
Szenen noch einmal drehen, weil er
licht: „Der unorthodoxe, moderne Pan-
zergeneral, der sich der statischen Krieg-
führung sowohl der Franzosen als auch
der Briten überlegen zeigte, bescherte
Z wei Wochen lang, so berichtet
der Deutsche Ostdienst zufrie-
den, widmete sich der Deutsch-
landfunk gegen Ende des vergangenen
glaubte, nicht vorteilhaft abgelichtet dem System den neuen Typus des militä- Jahres dem Thema „Flucht und Ver-
worden zu sein. Rommels diesbezügli- rischen Führers. Dieser war im Denken treibung“. „Warum“, so fragt sich das
che Eitelkeit war derart ausgeprägt, dass der Nationalsozialisten Willensmensch Blatt, „werden diese Ereignisse gerade
die Propagandakompanien sogar manch- und weniger kühler Rechner.“ jetzt im Programm aufgegriffen?“ Dr.
mal nur so taten, als filmten sie den Ge- Im Zusammenhang mit dem von den Günter Müchler, Programmdirektor
neral, um ihn bei guter Laune zu halten.“ Nazis erzwungenen Selbstmord Rom- von Deutschlandfunk und Deutsch-
Beste Verbindungen in das Reichspro- mels am 14. Oktober 1944 wird der Ge- landRadio Berlin, gibt der „Vertriebe-
pagandaministerium unterhielt Rommel neralfeldmarschall häufig dem Lager der nen“-Zeitschrift bereitwillig Auskunft.
über den in seinem Stab tätigen Reserve- militärischen Widerständler des 20. Juli „Flucht und Vertreibung“, erklärt
offizier Karl Hanke. Der Staatssekretär zugeschlagen. Doch Ralf Georg Reuth Müchler, „sind Teil unserer kollekti-
im Goebbels-Ministerium wurde danach sieht für diese These keine hinreichenden ven Erinnerung. Wir müssen darüber
Gauleiter in Niederschlesien und von Belege. Unter der Folter hatte der Mit- sprechen“. „Flucht und Vertreibung
Hitler in der Endphase des „Dritten Rei- verschwörer des 20. Juli Caesar von Hof- als Massenschicksal“ – der Deutsch-
ches“ zum Nachfolger des abtrünnigen acker Rommels Stabschef Hans Speidel landfunk-Programmdirektor bedient
Reichsführers-SS Heinrich Himmler be- der Mitwisserschaft am Hitler-Attentat ein weiteres Stereotyp – „war über
stimmt. bezichtigt. Speidel behauptete daraufhin, Jahrzehnte bei uns tabuisiert.“ „Inzwi-
Fotografien von Heerführern und an- er habe zwar von dem geplanten An- schen“, fährt er fort, „ist ein freier
deren Generalen durften nur mit aus- schlag erfahren, aber diese Information Diskurs über diesen Zeitabschnitt
drücklicher Genehmigung von Hitler ab- „pflichtgemäß“ an seinen Vorgesetzten möglich. Ich finde
gedruckt werden. Die einzige regelmäßi- Rommel weiter gegeben. Ein „Ehrenhof das erfreulich.“ Und daher bringt
ge Ausnahme, die der „Führer“ duldete, des Heeres“ sollte über die Glaubwür- der öffentlich-rechtliche Sender paral-
betraf Rommel. Erwin Rommel ließ es digkeit dieser Aussage entscheiden. Weil lel zur Sendereihe eine Doppel-CD
sich auch nicht nehmen, persönlich in in ihm mehrere Neider und Rivalen mit „Zeitzeugenberichten“ heraus, ge-
dem Propagandafilm „Sieg im Westen“ Rommels saßen, war das Schicksal des meinsam mit der Körber-Stiftung
mitzuwirken, den Goebbels nach dem „Wüstenfuchses“ besiegelt. Mit einer plant der Sender eine Buchveröffentli-
Frankreich-Feldzug drehen ließ. Sein „antifaschistischen Gesinnung“ hatte das chung zum Thema.
1937 erschienenes Buch „Infanterie nach der Überzeugung von Reuth nichts Während die
greift an“ wurde in der Nazi-Zeit zu tun. Direkt nach dem Attentat vom 20. Anliegen der
400.000-mal verkauft. „Wie keinen an- Juli hatte Rommel – noch an den Verlet- „Vertriebenen“-
deren General der Wehrmacht hatte ihn zungsfolgen eines Tieffliegerangriffes Verbände im
... die Propaganda des Dritten Reiches leidend – seiner Frau geschrieben: „Zu Landesinnern
hervor gehoben und wohl kalkuliert zu meinem Unfall hat mich das Attentat auf Fortschritte ma-
einem Idol aller Deutschen gemacht.“ den Führer besonders stark erschüttert. chen, beklagt Erika Steinbach im Aus-
Das sei allerdings nur möglich gewesen, Man kann Gott danken, dass es so gut land weiterhin Widerstand. Zwar gebe
weil die Zielsetzungen der Nazi-Propa- abgegangen ist.“ es Unterschiede, vermerkt die BdV-
ganda und Rommels soldatischer Ehr- Thomas Klaus ■ Präsidentin:
geiz so nahtlos ineinander gegriffen hät- „Die Slowakei pflegt seitens der
ten, kommentiert Ralf Georg Reuth. Ralf Georg Reuth, Rommel – Das Ende dortigen Regierung seit vielen Jahren
Laut einer Gallup-Umfrage war Rom- einer Legende – , 19,90 Euro, einen intensiven Kontakt zu den Ver-
mel 1942 neben Hitler der im Ausland Piper-Verlag München, 307 Seiten, triebenen. Es finden ständig Gesprä-
bekannteste Deutsche. Damals hatte er ISBN 3-492-04674-6 che statt.“ In verschiedenen Staaten
bereits in Afrika als Führer des „Sperr- gibt es „lebendige Partnerschaften der
deutschen Heimatkreise zu den jewei-
ligen Stadtregierungen“.
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
Doch Steinbach warnt: „Ganz an-
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. ders in Tschechien. Hier gibt es eine
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de Abschottung zu den Sudetendeutschen
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach mit massiven Aggressionen bis hin zu
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, menschenrechtsfeindlichen Äußerun-
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach,
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart,
gen und Beschlüssen im Parlament.“
Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. Im neuen Europa, da ist sich die BdV-
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. Präsidentin mit dem Deutschlandfunk-
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind Programmdirektor einig, muss man
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. über die „Vertreibung“ und mit den
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- „Vertriebenen“ sprechen. Wer sich –
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung wie die Tschechische Republik – wei-
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. gert, wird schon sehen, was er davon
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie
Buntenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemein-
hat: „Den Schaden davon“, droht
schaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V., Steinbach, „tragen in erster Linie nicht
Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke; Jochen Koeniger (Arbeitsgrup- die Sudetendeutschen, sondern die
pe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes der
Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisvereini- Tschechen.“
gung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di jk (nach DOD 12/2004) ■
Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk.

: antifaschistische nachrichten 1-2005 15


: aus der faschistischen presse
von gestern“, „für Nation und Demokra-
tie“, „für den Rechtsstaat“, „für die freie
Republik“, so Rouhs. Das schreibt der-
selbe, der in „Europa Vorn“, das jetzt
Faschisten stricken an die Parteien eine Unterschriftenaktion „nation24“ heißt, auch schon mal einen
Europäischer Front „Nein zum EU-Beitritt der Türkei durch- David Irving unkommentiert zu Wort
führen“, für Frey gleichzeitig Anlass un- kommen ließ, der damals prophezeite,
Deutsche Stimme, Dezember 2004 ter dem Motto „Das Abendland darf dass man bald wieder Straßen und Plätze
Die Dezember Ausgabe des NPD-Partei- nicht untergehen“ mal wieder massiv für nach Hitler benennen werde.
organs „Deutsche Stimme“ berichtet Spenden zu werben. Da die CDU/CSU
stolz über Versuche, eine „Nationale Eu- „zu ängstlich“ sei, die Aktion in Angriff Bosnische Verhältnisse
ropäische Front“ unter Führung der NPD zu nehmen, übernehme die DVU in Zu- Junge Freiheit 52-53/04 vom
als europäisches Wahlbündnis aufzubau- sammenarbeit mit der NPD diese Aufga- 17./24. Dezember 2004
en. Beim Besuch des Parteichefs Udo be. In dieser „Lebensfrage“ sei man auf Wieder einmal interviewt das Blatt Peter
Voigt in Spanien sei „absoluter Höhe- „größtmögliche“ Spenden angewiesen. Scholl-Latour, diesmal zu den Folgen ei-
punkt“ die Unterzeichnung einer „Ko- nes EU-Beitritts der Türkei. Scholl-La-
operationsvereinbarung“ gewesen, des- „Das Signal von Köln“ tour begründet ausführlich seine Ableh-
sen Ziel die „Gründung einer gemeinsa- nung eines EU-Beitritts: „... die Türkei
men europäischen Wahlplattform für die nation24.de, 4. Quartal 2004 wird bald das mit Abstand bevölkerungs-
Europawahlen“ ist. Die Vereinbarung mit Herausgeber Manfred Rouhs leidet mal reichste Land der EU sein – und dement-
der Falange wurde am „historischen wieder an Selbstüberschätzung. „Das sprechend großen Einfluss im Parlament
Schreibtisch“ ihres Gründers José Anto- Signal von Köln: Jetzt geht’s los!? Über ausüben. Zweitens käme es zu einer
nio Primo de Rivera unterzeichnet. Die die ersten Schritte auf dem langen enormen wirtschaftlichen Belastung für
Falange ist der direkte Nachfolger der fa- Marsch der Deutschen zu sich selbst“ ti- die EU. Drittens würden in Deutschland
schistischen Staatspartei der Franco-Dik- telt er seinen Besinnungsaufsatz über türkische Pareteien entstehen... Schließ-
tatur. Bei den Aktivitäten zum Gedenken den Erfolg seiner „Bürgerbewegung pro lich käme es ... zur millionenfachen Ein-
an Rivera, forderte Voigt auch die Teil- Köln“ bei den Kommunalwahlen. Die wanderung nach Deutschland. An Inte-
nehmer aus Italien, England, Frankreich NPD ziehe „mit einem großen braunen gration ist dann nicht mehr zu denken,
und Rumänien auf, sich am deutschen Sack durch’s Land“ und sobald sie darin dann haben wir hier bosnische Verhält-
Vorbild zu orientieren, am „Zusammen- möglichst weite Teile der rechten Szene nisse! Eine solche Einwanderung zu to-
schluss von NPD, DVU und freien Ka- eingesammelt habe, könne der Bundes- lerieren, wäre eine eklatante Vernachläs-
meradschaften“. Darin käme der NPD minister des Innern den Sack zuschnü- sigung unserer nationalen Interessen...“
eine „historische Vorreiterrolle“ zu, die ren, wann immer er wolle. Sein Ideal: Gefragt, ob er Helmut Schmidts Ein-
Voigt wohl auch für die europäische „ein weltoffener demokratischer Patrio- schätzung teile, dass es falsch gewesen
Front anstrebt. Alle „europäischen Na- tismus, dessen Träger nicht in Nostalgie sei, in den sechziger Jahren „Gastarbei-
tionalisten“ werden aufgefordert, sich schwelgen, sondern konkrete Lösungen ter“ ins Land zu holen, stimmt Scholl-
der „Achse Madrid-Berlin“ anzuschlie- für die Probleme von heute erarbeiten“. Latour zu. Er betrachte die Einwanderer
ßen, damit in baldiger Zukunft eine euro- Er kündigt an, dass in diesem Sinne „von auch als Opfer, die „aus Gewinnsucht
päische Rechtspartei entstehen kann“. Köln aus im neuen Jahr Impulse für die und ohne Rücksicht auf ihre Bedürfnisse
politische Erneuerung unseres Landes“ ins Land geholt wurde(n).“„Auch heute
Deutschland-Pakt ausgehen werden. Gleich daneben plat- steht hinter der EU-Beitritts-Lobby die
ziert ist eine Polemik gegen eine Zu- Raffgier der deutschen Wirtschaft“. „Se-
Nationalzeitung 2/05 vom 7. Januar 2005 sammenarbeit mit Udo Voigt, neben des- hen unsere Politiker denn nicht, daß man
Am Samstag, den 15. Januar wollen der sen Bild Voigts Äußerung steht: „Zwei- eine Zivilisation zugrunde richten kann“,
Bundesvorsitzende der DVU Dr. Frey fellos handelt es sich bei Hitler um einen fragt Scholl-Latour, um theatralisch mit
und Udo Voigt von der NPD den großen Staatsmann“. Voigt sei ein Feind einem Zitat Paul Valerys zu schließen
„Deutschland-Pakt der beiden Parteien des demokratischen Rechtsstaats Bun- „Im Abgrund der Geschichte ist Platz für
zur Rettung unseres deutschen Vaterlan- desrepublik. „Patrioten“ müssten klar alle.“ Wohl wahr. Aber einige wünscht
des“ unterzeichnen. Gemeinsam werden Stellung beziehen gegen die „Diktaturen man sich doch besonders dorthin. u.b. ■

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