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Institut für Physische Geographie und Landschaftsökologie

Leibniz Universität Hannover

Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung in bedeutsamen


Kulturlandschaftsbereichen Nordrhein-Westfalens
- beispielhafte Darstellung der Hellwegbörde -

Im Rahmen der Diplomprüfungsordnung des Studienganges Geographie der


Leibniz Universität Hannover durchgeführte Diplomarbeit zur Erlangung des
Grades eines Diplom-Geographen

vorgelegt von: Bernd Pölling


Matrikelnummer: 2290020
Erstprüfer: Prof. Dr. Gerald Kuhnt
Zweitprüfer: Prof. Dr. Thomas Mosimann

Hannover im April 2009


Vorwort II

Vorwort

Die vorliegende Diplomarbeit „Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung in bedeutsamen


Kulturlandschaftsbereichen Nordrhein-Westfalens. Beispielhafte Darstellung der
Hellwegbörde“ wurde in der Zeit von November 2008 bis April 2009 am Institut für
Physische Geographie und Landschaftsökologie, Naturwissenschaftliche Fakultät der Leibniz
Universität Hannover unter Leitung von Herrn Prof. Dr. Gerald Kuhnt angefertigt. Für die
intensive und zielorientierte Betreuung sowie die Übernahme des Prüfungsvorsitzes bedanke
ich mich sehr herzlich bei Herrn Prof. Dr. Gerald Kuhnt.

Mein besonderer Dank gilt auch Herrn Rolf Born von der nordrhein-westfälischen
Landwirtschaftskammer. Dabei ist neben der Mitgestaltung bei der Themenfindung und der
Auswahl des Beispielraumes im Speziellen die umfangreiche Unterstützung der Diplomarbeit
mit Bereitstellung und Organisation vielfältiger Daten und Literaturen zu nennen.

Des Weiteren möchte ich mich gesondert bei Herrn Dr. Ralf Joest von der
Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz des Kreises Soest sowie Frau Hildegard
Stahn und Herrn Achim Grebe von der Abteilung Natur- und Landschaftsschutz des
Fachbereiches Bau, Kataster und Umwelt im Kreis Soest für die Bereitstellung von Daten und
die persönlichen Gespräche zu den Themenbereichen Agrarpolitik, Naturschutz und
Flächenverbrauch bedanken. Von weiteren Mitarbeitern des Kreises Soest und auch den
Kommunen des Kreises Soest habe ich nähere und weitergehende Informationen und Daten
erhalten. Des Weiteren danke ich Herrn Prof. Dr. Thomas Mosimann für die Übernahme der
Zweitprüfung.
Inhaltsverzeichnis III

Inhaltsverzeichnis

Vorwort……………………………………………………………………….. II
Inhaltsverzeichnis…………………………………………………………….. III
Abbildungsverzeichnis……………………………………………………….. V
Kartenverzeichnis…………………………………………………………….. VII
Tabellenverzeichnis…………………………………………………………... IX
Fotoverzeichnis……………………………………………………………… X
1 Einleitung…………………………………………………………………….. 1
2 Kulturlandschaft……………………………………………………………… 4
2.1 Definition Kulturlandschaft…………………………………………... 4
2.2 Rechtliche Rahmenbedingungen von Kulturlandschaften………......... 10
2.2.1 Nationale Ebene…………………………................................. 10
2.2.2 Internationale Ebene………………………………………….. 14
2.3 Bedeutung und Wert von Kulturlandschaften………………………... 16
2.3.1 Geschichtliche Bedeutung……………………………………. 18
2.3.2 Bedeutung für die Bevölkerung………………………………. 19
2.3.2 Ökologische Bedeutung………………………………………. 22
3 Kulturlandschaften und bedeutende Kulturlandschaftsbereiche in
Nordrhein-Westfalen…………………………………………………………. 25
4 Die Hellwegbörde – ein agrarisch intensiv genutzter Gunstraum im
mittleren Westfalen…………………………………………………………... 31
4.1 Naturräumliche Grundlagen………………………………………….. 31
4.1.1 Lage…………………………………………………………... 31
4.1.2 Geologie und Relief…………………………………………... 32
4.1.2.1 Präglaziale Formung der Westfälischen Bucht……….. 32
4.1.2.2 Glaziale und postglaziale Überformung……………… 35
4.1.3 Boden…………………………………………………………. 38
4.1.4 Klima…………………………………………………………. 41
4.2 Abriss der Landnutzungsgeschichte………………………………….. 44
4.3 Aktuelle Situation der Landwirtschaft………………………………... 48
5 Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung…………………………………... 56
5.1 Einflussfaktoren auf die Landwirtschaft und die Auswirkungen
auf die Hellwegbörde…………………………………………………. 56
5.1.1 Klimawandel………………………………………………….. 57
5.1.1.1 CO2-Düngeeffekt……………………………………... 58
5.1.1.2 Temperatur……………………………………………. 61
5.1.1.3 Niederschlag (Wasserverfügbarkeit)………………….. 67
5.1.1.4 Wetterextreme………………………………………… 69
Inhaltsverzeichnis IV

5.1.1.5 Zusammenfassende Auswirkungen des


Klimawandels………………………………………… 70
5.1.2 Agrarmarkt und Agrarpolitik…………………………………. 73
5.1.2.1 Agrarmarktwirtschaftliche Entwicklungen…………… 73
5.1.2.2 EU-Agrarpolitik………………………………………. 77
5.1.2.3 Auswirkungen der Entwicklungen von Agrarmarkt
und Agrarpolitik auf die Hellwegbörde………………. 87
5.1.3 Erneuerbare Energien……………………………………….... 92
5.1.3.1 Einleitung……………………………………………... 92
5.1.3.2 Gesetze für den Vorrang Erneuerbarer Energien……... 94
5.1.3.3 Windenergie…………………………………………... 98
5.1.3.4 Bioenergie…………………………………………….. 105
5.1.3.4.1 Einleitung…………………………………. 105
5.1.3.4.2 Strom, Wärme und Kraftstoff aus
Bioenergie………………………………… 106
5.1.3.4.3 Energiepflanzen…………………............... 110
5.1.3.4.4 Zukunft der Bioenergie und
Auswirkungen auf die Kulturlandschaft
der Hellwegbörde…………………………. 115
5.1.4 Interessenkonflikte mit anderen Nutzungen………………….. 123
5.1.4.1 Naturschutz…………………………………………… 123
5.1.4.2 Flächenverbrauch……………………………………... 129
5.2 Entwicklungsszenarien der Kulturlandschaft Hellwegbörde…………. 132
5.2.1 Multifunktionale Landwirtschaft……………………………... 134
5.2.2 Marktnahe ökologische Landwirtschaft……………………… 141
5.2.3 Agroindustrielle Landwirtschaft……………………………… 147
6 Managementstrategie…………………………………………………………. 157
7 Fotoserie……………………………………………………………………… 166
8 Zusammenfassung…………………………………………………………… 173
Literaturverzeichnis…………………………………………………………………... 177
Abbildungsverzeichnis V

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Struktureller Aufbau der Arbeit……………………………………… 3


Abb. 2 Landschaften………………………………………………………….. 6
Abb. 3 Wert von Kulturlandschaften…………………………………………. 16
Abb. 4 Bedeutung von Kulturlandschaften – Geschichte, Bevölkerung,
Ökologie –.…………………………………………………………… 24
Abb. 5 Landwirtschaftlich genutzte Fläche im Kreis Soest………………….. 50
Abb. 6 Art der landwirtschaftlichen Flächen für den Kreis Soest im Jahr
2007………………………………………………………………….. 51
Abb. 7 Anbauartenverteilung auf den Ackerflächen des Kreises Soest in
Prozent 2007………………………………………………………….. 52
Abb. 8 Getreideanbauarten im Kreis Soest 2007…………………………….. 53
Abb. 9 Durchschnittliche Größe der landwirtschaftlichen Betriebe in
Hektar 2007………………………………………………………….. 54
Abb. 10 Größenstruktur der landwirtschaftlichen Betriebe im Kreis Soest
2007………………………………………………………………….. 55
Abb. 11 Haupteinflüsse auf die zukünftige Struktur der Landwirtschaft in
der Hellwegbörde…………………………………………………….. 57
Abb. 12 Anthropogen veränderte Konzentration der wichtigsten
Treibhausgase………………………………………………………… 59
Abb. 13 Reaktion der C3-/C4-Pflanzen auf die CO2-Erhöhung……………… 60
Abb. 14 Global prognostizierte Temperaturanstiege nach verschiedenen
Emissionsszenarien…………………………………………………… 62
Abb. 15 Entwicklung der realen internationalen Nahrungsmittelpreise
von 1900 bis 1990……………………………………………………. 73
Abb. 16 Preisentwicklung von 1996 bis 2008 und erwarteter Trend bis 2017.. 74
Abb. 17 Allgemeiner Aufbau der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU
(Zeitraum 2007 - 2013)……………………………………………….. 80
Abb. 18 Umsetzung der 2. Säule der GAP 2007 - 2013……………………… 84
Abb. 19 Entwicklung der GAP-Zahlungen mit wahrscheinlicher
Zukunftstendenz……………………………………………………... 86
Abb. 20 Erneuerbare Energien am Gesamtenergieverbrauch in
Deutschland 2007……………………………………………………. 93
Abb. 21 Vermutlich jährlich installierte Windkraftleistung bis 2030 in
Deutschland in MW…………………………………………………. 100
Abb. 22 Windenergiedichte in Deutschland, NRW und dem Kreis Soest
in WKA/km²………………………………………………………….. 102
Abb. 23 Anbau von Nachwachsenden Rohstoffen in Deutschland…………… 110
Abbildungsverzeichnis VI

Abb. 24 Abhängigkeit der Energieerträge von der angebauten Kulturpflanze.. 112


Abb. 25 Trockenmassepotential bei der Zweikulturnutzung…………………. 114
Abb. 26 Einordnung der drei Szenarien in die Entwicklungsrichtungen der
ökonomischen und ökologischen sowie globalen und regionalen
Orientierung…………………………………………………………... 132
Abb. 27 Querschnitt durch die Hellwegbörde (Multifunktionale
Landwirtschaft)………………………………………………………. 138
Abb. 28 Querschnitt durch die Gemeinden Bad Sassendorf und Möhnesee
(Multifunktionale Landwirtschaft)…………………………………… 140
Abb. 29 Querschnitt durch die Hellwegbörde (Marktnahe ökologische
Landwirtschaft)………………………………………………………. 144
Abb. 30 Querschnitt durch die Gemeinden Bad Sassendorf und Möhnesee
(Marktnahe ökologische Landwirtschaft)……………………………. 146
Abb. 31 Querschnitt durch die Hellwegbörde (Agroindustrielle
Landwirtschaft)…………………………………………………….…. 149
Abb. 32 Querschnitt durch die Gemeinden Bad Sassendorf und Möhnesee
(Agroindustrielle Landwirtschaft)……………………………………. 151
Abb. 33 Querschnitt durch die Hellwegbörde (Extremszenario der
agroindustriellen Landwirtschaft)……… …………….……………… 154
Abb. 34 Querschnitt durch die Gemeinden Bad Sassendorf und Möhnesee
(Extremszenario der agroindustriellen Landwirtschaft)………..……. 156
Abb. 35 Mögliche Triade der finanziellen Unterstützung der Landwirtschaft.. 159
Abb. 36 Allgemeiner Aufbau der Managementstrategie
„Gemeinschaftswohl Kulturlandschaft“ für landwirtschaftlich
geprägte Kulturlandschaften………………………………………… 164
Abb. 37 Managementstrategie „Gemeinschaftswohl Kulturlandschaft“
für die Hellwegbörde…………………………………………………. 165
Kartenverzeichnis VII

Kartenverzeichnis

Karte 1 Die 32 Kulturlandschaften in Nordrhein-Westfalen………………….. 26


Karte 2 Landesbedeutsame und bedeutsame Kulturlandschaftsbereiche
in NRW……………………………………………………………….. 28
Karte 3 Landesbedeutsamer Kulturlandschaftsbereich innerhalb der
Kulturlandschaft Hellwegbörde………………………………………. 31
Karte 4 Oberflächennahe erdgeschichtliche Formation ohne die Quartärzeit… 32
Karte 5 Pleistozäne Ablagerungen und Formungen………………………….. 36
Karte 6 Grobe Klassifizierung der Gesteinsarten in Nordrhein-Westfalen…… 38
Karte 7 Bodentypen im südöstlichen Westfalen……………………………… 41
Karte 8 Lufttemperaturmittel im Zeitraum 1960 bis 1980…………………… 42
Karte 9 Durchschnittliche Jahresniederschlagssumme im Zeitraum von
1951 bis 1980…………………………………………………………. 43
Karte 10 Entwicklung der Kulturlandschaft seit 900 n. Chr..…………………. 47
Karte 11 Kommunen des Kreises Soest mitsamt der Abgrenzung der
Kulturlandschaft Hellwegbörde……………………………………… 48
Karte 12 Prognostizierte Temperaturen für Nordrhein-Westfalen im
Zeitraum 2046 bis 2055……………………………………………… 63
Karte 13 Prognostizierte Änderung der Jahresniederschlagssumme des
Zeitraumes 2046 – 2055 im Vergleich zum Zeitraum 1951 – 2000…. 68
Karte 14 Zukünftige Entwicklung der landwirtschaftlichen
Nutzungsintensität im Kreis Soest nach dem Szenario
„multifunktionale Landwirtschaft“……………….……………......... 91
Karte 15 Aktuelle Verteilung der Standorte von Windkraftanlagen (WKA)
im Kreis Soest……………………………………………………….. 103
Karte 16 Zwei Szenarien der zukünftigen Standortverteilung für
Windkraftanlagen (WKA) im Kreis Soest…………………………… 104
Karte 17 Aktuelle Standorte der Biogasanlagen im Kreis Soest mit
Darstellung der verwendeten Biomasse……………………………… 120
Karte 18 Zwei Szenarien der zukünftigen Verteilung von Biogasanlagen
im Kreis Soest………………………………………………………… 122
Karte 19 Natur- (NSG) und Landschaftsschutzgebiete (LSG) im Kreis Soest… 123
Karte 20 FFH-Gebiete und Vogelschutzgebiet Hellwegbörde im Kreis Soest… 124
Karte 21 Aktuelle Vertragsnaturschutzflächen im Kreis Soest………………… 129
Karte 22 Siedlungsstruktur mitsamt wichtiger Verkehrswege und die
mögliche Siedlungsexpansion im Kreis Soest……………………….. 130
Karte 23 Lage der Beispielgemeinden Bad Sassendorf und Möhnesee im
Kreis Soest……………………………………………………………. 133
Kartenverzeichnis VIII

Karte 24 Entwicklung der Erneuerbaren Energien und der


landwirtschaftlichen Nutzungsintensität nach dem Szenario der
multifunktionalen Landwirtschaft……………………………………. 137
Karte 25 Entwicklung der Erneuerbaren Energien und der
landwirtschaftlichen Nutzungsintensität nach dem Szenario der
multifunktionalen Landwirtschaft für die Gemeinden
Bad Sassendorf und Möhnesee……………………………………….. 139
Karte 26 Entwicklung der Erneuerbaren Energien und der
landwirtschaftlichen Nutzungsintensität nach dem Szenario der
marktnahen ökologischen Landwirtschaft…………………………… 143
Karte 27 Entwicklung der Erneuerbaren Energien und der
landwirtschaftlichen Nutzungsintensität nach dem Szenario der
marktnahen ökologischen Landwirtschaft für die Gemeinden
Bad Sassendorf und Möhnesee……………………………………….. 145
Karte 28 Entwicklung der Erneuerbaren Energien und der
landwirtschaftlichen Nutzungsintensität nach dem Szenario der
agroindustriellen Landwirtschaft……………………………………... 148
Karte 29 Entwicklung der Erneuerbaren Energien und der
landwirtschaftlichen Nutzungsintensität nach dem Szenario der
agroindustriellen Landwirtschaft für die Gemeinden
Bad Sassendorf und Möhnesee………………………………………. 150
Karte 30 Entwicklung der Erneuerbaren Energien und der
landwirtschaftlichen Nutzungsintensität nach dem Extremszenario
der agroindustriellen Landwirtschaft………………………………… 153
Karte 31 Entwicklung der Erneuerbaren Energien und der
landwirtschaftlichen Nutzungsintensität nach dem Extremszenario
der agroindustriellen Landwirtschaft für die Gemeinden
Bad Sassendorf und Möhnesee………………………………………. 155
Karte 32 Standorte der Fotos mitsamt der Blickrichtung……………………… 166
Tabellenverzeichnis IX

Tabellenverzeichnis

Tab. 1 Die 29 landesbedeutsamen Kulturlandschaftsbereiche und deren


besonderen Charakteristika………………………………………….. 30
Tab. 2 Flächennutzungsstatistik von NRW, vom Regierungsbezirk
Arnsberg und vom Kreis Soest in Hektar- und Prozentangaben…….. 49
Tab. 3 Anteil der Landwirtschaftsfläche an der Gesamtfläche im
Kreis Soest……………………………………………………………. 49
Tab. 4 Bedeutung der verschiedenen Anbauarten für den Kreis Soest, den
Regierungsbezirk Arnsberg, Westfalen-Lippe und Nordrhein-
Westfalen 2007 in Prozent……………………………………………. 52
Tab. 5 Auswirkungen des prognostizierten Klimawandels auf die
landwirtschaftlichen Anbaukulturen in der Hellwegbörde………….. 72
Tab. 6 Hauptelemente der Agrarreform von 1992 und der Agenda 2000….. 79
Tab. 7 Drei Szenarien der prognostizierten Entwicklung von Agrarmarkt
und Agrarpolitik mit den Auswirkungen auf die Landwirtschaft in
der Hellwegbörde……………………………………………………. 90
Tab. 8 Mindestvergütung nach den Erneuerbaren-Energien-Gesetzen
2000 und 2004……………………………………………………….. 95
Tab. 9 Mindestvergütung für Bio- und Windenergie seit Januar 2009……... 97
Fotoverzeichnis X

Fotoverzeichnis

Foto 1 Agrarischer Gunstraum zwischen Altengeseke und Klieve im


Nordwesten der Gemeinde Anröchte inmitten der zentralen
Hellwegbörde………………………………………………………… 167
Foto 2 Agrarischer Gunstraum nordwestlich von Körbecke im Nordwesten
der Gemeinde Möhnesee mit Blick auf den Haarstrang…………….. 167
Foto 3 Agrarischer Gunstraum zwischen Lohne und Enkesen im Klei
östlich von Soest in der Gemeinde Bad Sassendorf………………….. 168
Foto 4 Agrarischer Ungunstraum der Ahseniederung bei Ostinghausen im
Norden der Gemeinde Bad Sassendorf………………………………. 168
Foto 5 Agrarischer Ungunstraum der Ahsewiesen westlich von
Oestinghausen (Gemeinde Lippetal) in den Gemeinden Lippetal
und Welver……………………………………………………………. 169
Foto 6 Agrarischer Ungunstraum einer Schledde westlich von
Altenmellrich im Südwesten der Gemeinde Anröchte………………. 169
Foto 7 Traditionelle Bausubstanz aus Kalkstein in Altenmellrich
(Gemeinde Anröchte)………………………………………………… 170
Foto 8 Traditionelle Bausubstanz aus Kalkstein in Hewingsen
(Gemeinde Möhnesee)……………………………………………….. 170
Foto 9 Biogasanlage am Stüttingshof östlich von Bittingen auf der Haar
(Gemeinde Ense)…………………………………………………….. 171
Foto 10 Großer Windpark auf der östlichen Haar zwischen Uelde, Effeln
und Drewer auf dem Gebiet der Gemeinde Anröchte und den
Städten Warstein und Rüthen………………………………………… 171
Foto 11 Größenvergleich von Windrädern mit anderen vertikalen
Strukturen (Gebäude, Bäume und Wegekreuz inmitten der Feldflur
neben der Birke)……………………………………………………… 172
Foto 12 Kleiner Windpark an der Grenze zwischen Bad Sassendorf und
Erwitte……………………………………………………………….. 172
Einleitung 1

1 Einleitung

Als Ausgangspunkt der Diplomarbeit „Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung in


bedeutsamen Kulturlandschaften Nordrhein-Westfalens. Beispielhafte Darstellung der
Hellwegbörde“ fungiert das im Auftrag des Ministeriums für Wirtschaft, Mittelstand und
Energie des Landes Nordrhein-Westfalen im Jahr 2007 von den Landschaftsverbänden
Westfalen-Lippe (LWL) und Rheinland (LVR) verfasste fast 500-seitige Gutachten
„Kulturlandschaftlicher Fachbeitrag zur Landesplanung in Nordrhein-Westfalen“ und die
dazugehörige Kurzfassung „Erhaltende Kulturlandschaftsentwicklung in Nordrhein-
Westfalen. Grundlagen und Empfehlungen für die Landesplanung“ (vgl. LWL u. LVR,
2007a; LWL u. LVR, 2007b). Dabei wurde erstmals eine umfassende, bundeslandweite
Zusammenschau der Kulturlandschaften im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-
Westfalen (NRW) vorgenommen. In den 32 abgegrenzten, flächendeckenden
Kulturlandschaften Nordrhein-Westfalens wurden 29 landesbedeutsame sowie mehr als 100
weitere bedeutsame Kulturlandschaftsbereiche erfasst. Mit dem interdisziplinären Ansatz aus
den Bereichen Naturschutz, (Boden-) Denkmalpflege, Stadt- und Landesplanung,
Landschafts- und Baukultur, Geologie, Archäologie und Geographie wurde erstmalig eine
fächerübergreifende und flächendeckende Betrachtung des Landes vorgenommen. Da zuvor
die Ausrichtung und der Umgang mit Kulturlandschaften sektoral orientiert (Forstwirtschaft,
Wasserwirtschaft, Umweltwissenschaft, Umweltpolitik, etc.) und generell nur auf einzelne
Projekte fokussiert war, fehlte der systematische Integrationsansatz der beteiligten
Institutionen (vgl. FÜRST, D. U. LÖB, S., 2005. S.62).

In den vergangenen Jahren ist die Bedeutung von Kulturlandschaften als öffentliches Gut
zusehends in der Gesellschaft anerkannt worden. Diese zunehmende Sensibilisierung des
Landschaftsschutzes geht einher mit einer verstärkten Vereinheitlichung und Nivellierung der
unterschiedlich ausgeprägten Kulturlandschaften. „Die Kulturlandschaften verändern ihr
Aussehen und ihre ökologische Struktur mit zunehmender Dynamik in Wirtschaft und
Gesellschaft immer schneller“ (JOB, H. U. STIENS, G., 1999. S.I). Das Tempo und die
Intensität der Veränderungen führen zu häufig vollständig verplanten und genutzten
Landschaften, die auch als „funktionale Landschaften“ (LOSCH, S. 1999. S.312) bezeichnet
werden (vgl. DOSCH, F. U. BECKMANN, G., 1999a. S.291 u. LOSCH, S. 1999. S.312).
Monotonie und Nivellierungen gehen unter diesen Bedingungen dabei häufig aus der früheren
Landschaftsvielfalt hervor (vgl. STIENS, G., 1999. S.322). „Eine Konservierung ‚unter der
Käseglocke’ […] aus der Vergangenheit in unsere heutigen Landschaften“ (GUNZELMANN, T.
U. SCHENK, W., 1999. S.347) ist jedoch überkommen, weist für die heutige Zeit nicht mehr
funktionale Elemente und Strukturen auf und ist - wenn überhaupt - nur auf kleinen,
inselartigen Flächen möglich. Daher ist die angepasste Weiterentwicklung der Landschaften
in großem Umfang unumgänglich (vgl. GUNZELMANN, T. U. SCHENK, W., 1999. S.347). Als
Einleitung 2

Gegenbewegung zu den Uniformierungsprozessen in Zeiten der Globalisierung ist verstärkt in


den letzten Jahren eine Trendwende auch in Politik und Gesellschaft hin zur Sicherung der
regionalen Identität der verschiedenen Naturräume und Kulturlandschaften aufgekommen
(vgl. LWL u. LVR, 2007a, S.12). Mit den vermehrt einheitlich ablaufenden, das
Landschaftsbild direkt beeinflussenden Prozessen, wie beispielsweise verstärkte
Industrialisierung und Mechanisierung in der Landwirtschaft mit angepassten Schlaggrößen,
sind prägende Elemente der Kulturlandschaften und folglich auch die regionale Identität und
das Gefühl einer charakteristischen Heimat gefährdet. Es wird befürchtet, dass bei weiter
fortschreitender Vereinheitlichung die Erscheinungsbilder verschiedener Naturräume in
Zukunft weitgehend gegeneinander austauschbar werden könnten, wenn die die Landschaft
prägenden und determinierenden Strukturen und Elemente weiterhin in großem Maße
verschwinden sollten. Dieser vereinheitlichenden Entwicklungstendenz wird seit einigen
Jahren mehr und mehr Rechnung getragen, indem zunehmend Bemühungen unternommen
werden den Wert der einzelnen Kulturlandschaften und der damit verbundenen regionalen
Identität zu erhalten oder wieder herzustellen.

Aufgrund der großen Flächenanteile, die die Landwirtschaft nutzt, haben die Landwirte einen
sehr bedeutsamen Einfluss auf die Entwicklung der Kulturlandschaften. „Von jeher hat in
Deutschland vor allem die Landwirtschaft mit ihren Bewirtschaftungsweisen das Bild der
Kulturlandschaft geprägt“ (LOSCH, S., 1999. S.314). Die Landwirtschaft wird einerseits als
Bedrohung für die gewachsenen Kulturlandschaften und vorhandenen Strukturen und
Elemente, die die Landschaft prägen, angesehen, aber andererseits bieten sich in der
Landbewirtschaftung Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten einer in Gesellschaft und
Politik geforderten erhaltenden Kulturlandschaftsentwicklung. Das derzeit herrschende stark
gestiegene Interesse in der Öffentlichkeit an der zukünftigen Entwicklung und Erhaltung von
Kulturlandschaften ist auch an einer zunehmenden Zahl an Publikationen in diesem
Themenbereich erkennbar (vgl. JOB, H. U. STIENS, G., 1999. S.IIIf.). „Der Fortbestand einer
Agrarstruktur wie bisher ist eher unwahrscheinlich“ (LOSCH, S., 1999. S.315). Somit sind –
ähnlich wie in den vergangenen Jahrzehnten – massive Veränderungen in der Landwirtschaft
zu erwarten. Gerade in den intensiv agrarisch genutzten Gunsträumen hat die Landwirtschaft
maßgeblichen Einfluss auf das Landschaftsbild. Bei der Darstellung dieser Prozesse dient die
agrarisch intensiv bewirtschaftete Hellwegbörde im mittleren Westfalen als Beispielraum.

Der strukturelle Aufbau dieser Arbeit gliedert sich in zwei überblickartige Einführungen in
den thematischen Kontext der Kulturlandschaften sowie die Kulturlandschaft der
Hellwegbörde (s. Abb. 1). Aufbauend auf diesen Grundlagen werden die für die
Landwirtschaft maßgeblichen Einflussfaktoren mitsamt den Auswirkungen auf die
Hellwegbörde vorgestellt. Die separat betrachteten Einflussfaktoren werden anschließend in
den drei Entwicklungsszenarien „multifunktionale Landwirtschaft“, „marktnahe ökologische
Landwirtschaft“ und „agroindustrielle Landwirtschaft“ zusammengefasst, um die
Einleitung 3

ganzheitlichen Auswirkungen der zukünftig möglichen Entwicklungsrichtungen auf die


Kulturlandschaft der Hellwegbörde abzuschätzen. Auf diesen Entwicklungsszenarien
basierend werden erste Überlegungen einer möglichen Managementstrategie zur nachhaltigen
Entwicklung der Kulturlandschaft Hellwegbörde angestellt.

Die wichtigsten Abbildungen und Karten sowie ausgewählte Fotos sind in digitaler Form der
Diplomarbeit in einer CD beigefügt.

Abb. 1: Struktureller Aufbau der Arbeit „Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung in


bedeutsamen Kulturlandschaften Nordrhein-Westfalens. Beispielhafte Darstellung der
Hellwegbörde“
Eigene Abbildung
Kulturlandschaft 4

2 Kulturlandschaft

2.1 Definition Kulturlandschaft

In der wissenschaftlichen Literatur werden die Begriffe Landschaft und Kulturlandschaft in


vielfältiger Weise und teilweise deutlich voneinander abweichend definiert. Der heutige
Begriff „Landschaft“ ist weiterhin stark von der Landschaftsmalerei beeinflusst, die bis ins
16. Jahrhundert zurückreicht (vgl. HABER, W., 1991. S.107 u. BUNDESMINISTERIUM FÜR
VERKEHR, BAU UND STADTENTWICKLUNG [BMVBS] U. BUNDESMINISTERIUM FÜR BAUWESEN
UND RAUMORDNUNG [BBR], 2006. S.4). Alexander von Humboldt überführte diesen in der
Kunst und Malerei geprägten Begriff Mitte des 19. Jahrhunderts in die Wissenschaft.
Allgemein stellt die Landschaft einen nur sehr schwer zu definierenden Begriff in der
Geographie dar, wenngleich die Landschaft das Hauptmerkmal des Wissenschaftsfaches der
Geographie und auch anderer Fachdisziplinen ist. „Generationen von Geographen haben
immer wieder versucht, den Landschaftsbegriff in eine Definition zu fassen. Ohne Erfolg;…“
(WÖBSE, H. H., 1994. S.6). Alexander von Humboldt bezeichnete 1845 die Landschaft als
„Totalität aller Aspekte einer Region“ (VON HUMBOLDT, A., 1845. In: ERMISCHER, G. In:
BAUEROCHSE, A. et al. (Hrsg.), 2007. S.16) bzw. als „Totalcharakter einer Erdgegend“ (VON
HUMBOLDT, A. In: HABER, W., 1991. S.107). Die Landschaft ist nach der Definition des
österreichischen Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landschaft von 2003 „Lebensraum von
Menschen, Tieren und Pflanzen, sie ist Grundlage für wirtschaftliches Handeln und sie ist ein
komplexes kulturelles Produkt“ (BUNDESAMT FÜR UMWELT, WALD UND LANDSCHAFT, 2003.
In: FELBER RUFER, P. et al., 2007. S.200). Außerdem spiegelt die Landschaft die
ökonomischen, sozialen und politischen Machtverhältnisse wider (vgl. MITCHELL, D., 2002 u.
ROSE, G., 1993. In: FELBER RUFER, P. et al., 2007. S.200). Die European Landscape
Convention (ELC), auf die im folgenden Kapitel über die rechtlichen Rahmenbedingungen
noch näher eingegangen wird, definiert Landschaft folgendermaßen: „’Landscape’ means an
area, as perceived by people, whose character is the result of the action and interaction of
natural and/or human factors“ (COUNCIL OF EUROPE (Hrsg.), 2000. In: GAILING, L. et al.,
2008. S.261). Dabei sollte das englische „landscape“ mit dem deutschen Begriff
„Kulturlandschaft“ übersetzt werden.

Die Landschaften werden je nach entsprechender Eingriffsintensität des Menschen


unterschiedlich klassifiziert und benannt (vgl. CULTURE-NATURE, 2006). Dabei erfolgt eine
grundlegende Unterteilung in Ur-, Natur- und Kulturlandschaften (s. Abb. 2). Je nach
Definition werden die städtischen und industriell geprägten Landschaften (Stadtlandschaft,
Industrielandschaft) teilweise zu den Kulturlandschaften hinzugezählt, teilweise aber auch
nicht mit zu dieser Landschaftskategorie gefügt. In dieser Arbeit bezieht sich der Begriff der
Kulturlandschaften auch auf die stark vom Menschen überformten Bereiche der Städte und
Kulturlandschaft 5

Industrie-/Gewerbegebiete (s. Abb. 2). Diese Landschaftsräume werden von einigen Autoren
als Produktions- und Wirtschaftslandschaften bezeichnet und nicht mit zu den
Kulturlandschaften gezählt (vgl. WÖBSE, H. H., 1999. S.271 u. CURDES, G., 1999. S.333). Bei
Wöbse sind Kulturlandschaften nur die „positiv zu bewertende[n] Landschaften“ (WÖBSE, H.
H., 1999. S.271). Diese Sichtweise wird in folgender Definition ersichtlich:
„Kulturlandschaften sind vom Menschen gestaltete Landschaften, deren ökonomische,
ökologische, ästhetische und kulturelle Leistungen und Gegebenheiten in einem
ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen, die eine kontinuierliche Entwicklungsdynamik
gewährleisten und langfristig geeignet sind, Menschen als Heimat zu dienen.“ (WÖBSE, H. H.,
1999. S.269 u. WÖBSE, H. H., 2002. S.184f.). Diese Definition umfasst sowohl die
soziokulturellen, als auch die ökologischen und ökonomischen Aspekte, die in den
Kulturlandschaften interagieren und erst das gegebene Erscheinungsbild der Landschaft
hervorrufen, welches jedoch nur eine Momentaufnahme der aktuellen Bedingungen unter
Berücksichtigung historischer Entwicklungen darstellt. Das Zitat bezieht sich mit dem
Ausdruck „Menschen als Heimat zu dienen“ bereits auf eine wichtige Funktion und
Bedeutung von Kulturlandschaften, welche in Kapitel 2.3 (Bedeutung und Wert von
Kulturlandschaften) näher betrachtet wird.

„Die Vielfalt an beteiligten Disziplinen, aber auch der Kontexte im gesellschaftlichen Diskurs
induzieren dabei auch eine Vielfalt an Begriffsdefinitionen“ (APOLINARSKI, I. et al., 2004. In:
BMVBS U. BBR, 2006. S.2). Dabei ist es sinnvoll auch die stark anthropogen überformten
urbanen und suburbanen Gebiete mit in die Kategorie der Kulturlandschaften hinzuzufügen,
da „Kulturlandschaften […] nicht nur ‚schöne’ Landschaften [sind]“ (JOB, H. U. STIENS, G.,
1999. S.I). Auch urbane Landschaften gelten als Kulturlandschaften, da „es sich hierbei um
eine in spezieller Weise gesellschaftlich in Wert gesetzte Landschaft [handelt], die Ausdruck
urbaner Lebensstile und Handlungsmuster [ist]“ (PRIEBS, A. In: BAUEROCHSE, A. et al.
(Hrsg.), 2007. S.92). Ebenso wird es in dieser Ausarbeitung gehalten, so dass in Mitteleuropa
bis auf sehr wenige und kleinräumige Ausnahmen und folglich auch im Bundesland
Nordrhein-Westfalen alle Landschaften Kulturlandschaften unterschiedlich starker
naturräumlicher und anthropogener Ausprägungen sind. „Der Mensch [ist] immer eine
wichtige, sogar entscheidende Gestaltungskraft für das gewesen, was wir unter dem Begriff
Kulturlandschaft verstehen“ (WÖBSE, H. H., 2002. S.14, vgl. auch FALTER, R. In:
BAYERISCHE AKADEMIE FÜR NATURSCHUTZ UND LANDSCHAFTSPFLEGE [ANL] (Hrsg.), 1995.
S.37). Es gelten unabhängig von qualitativen und normativen Festlegungen alle durch den
menschlichen Einfluss veränderten Landschaften als Kulturlandschaften (vgl. RÖHRING, A.
In: BAUEROCHSE, A. et al. (Hrsg.), 2007. S.197 u. JANSSEN, G. In: MATTHIESEN, U. et al.,
2006. S.21).
Kulturlandschaft 6

Abb. 2: Landschaften
Eigene Abbildung, nach CULTURE-NATURE, 2006 u. VON HAAREN, C., 2004. S.23

Als Urlandschaften werden die nicht mehr existierenden Landschaften vor den verändernden
anthropogenen Überformungen jeglicher Art bezeichnet (s. Abb. 2). Naturlandschaften sind
vom Menschen nicht oder nur gering beeinflusste Gebiete, wohingegen die
Kulturlandschaften je nach Ausprägung mehr oder weniger stark vom Menschen beeinflusst
und überprägt werden (vgl. VON HAAREN, C., 2004. S.23, FESCHE, K., 2006. S.66 u. CULTURE-
NATURE, 2006). Die Kulturlandschaft stellt letztlich einen Raumausschnitt dar, dessen
naturräumlichen Grundlagen durch die menschlichen Einflussnahmen überformt werden.
Dabei gehen die vorhandenen natürlichen Bedingungen eine Symbiose mit menschlichen
Einflüssen und Nutzungen ein (vgl. FESCHE, K., 2006. S.66). Auf dem überwiegenden Teil
der Fläche wird die Kulturlandschaft durch die land- und forstwirtschaftliche Nutzung
geprägt, weshalb diesen Nutzungsformen eine besondere Bedeutung zukommt (vgl. OTT, E.,
1997. S.10). „Allerdings bestimmen in neuerer Zeit die Zunahme großräumiger Siedlungs-,
Verkehrs- und Gewerbeflächen sowie andere Nutzungsweisen verstärkt die Entwicklung von
Landschaften und den Charakter“ (OTT, E., 1997. S.10).

In den Naturlandschaften prägen die natürlichen Faktoren und die natürliche Dynamik die
Landschaft, während der anthropogene Einfluss in diesen Landschaften nicht gegeben ist
bzw. nur marginal ist, wie beispielsweise durch Stoffeinträge über die Atmosphäre (vgl.
CULTURE-NATURE, 2006). Kulturlandschaften unterliegen allgemein einem zeitlich schnelleren
Wandel durch die anthropogenen Anpassungsprozesse als Naturlandschaften, welche in den
meisten Fällen in größeren Zeitspannen ablaufen (Gletscher, Bodenbildung, Reliefgestaltung,
etc.). „[Kulturlandschaften] stehen im Beziehungsgefüge zwischen Mensch, Natur und
Kulturlandschaft 7

Kultur“ (CULTURE-NATURE, 2006). Durch die Einflussmöglichkeiten des Menschen und die
natürlich ablaufenden Prozesse müssen Kulturlandschaften „als weitgehend instabil anerkannt
werden“ (MRASS, W., 1981. S.29). „Das Konstante der Landschaftsentwicklung ist ihr
Wandel“ (DOSCH, F. U. BECKMANN, G., 1999a. S.291), da sich Kulturlandschaften ständig
verändern, so dass Kulturlandschaften „Nutzlandschaften und immer im Wandel begriffen“
(KONOLD, W., 1998. S.279) sind. In diesem Wandel liegt weiterhin die Schwierigkeit „unseres
bildhaft-statischen Umganges vor allem mit der Kulturlandschaft, die wir häufig als ein
feststehendes Bild begreifen, in dem wir möglichst keine Veränderungen mehr zulassen
wollen“ (JESSEL, B. In: ANL (Hrsg.), 1995. S.8).

Bei den Kulturlandschaften können noch – je nach Sicht- und Betrachtungsweise –


differenzierte Unterkategorien vorgenommen werden, um die große Bandbreite verschiedener
Kulturlandschaftsausprägungen anschaulicher zu gestalten. Ein Beispiel ist die Unterteilung
in naturnahe, land- und forstwirtschaftlich geprägte, naturferne sowie städtisch-industriell
geprägte Kulturlandschaften (s. Abb. 2). In den naturnahen Kulturlandschaften ist der
menschliche Einfluss nur gering, jedoch markanter als in Naturlandschaften. Dazu gehören
sehr extensiv oder sporadisch genutzte Landschaftsräume der hohen Breiten oder auch schwer
zugängliche Gebirgslagen. Wird eine Landschaft von den Produktions- und Wohnfunktionen
des primären Wirtschaftssektors dominiert, spricht man von land- und forstwirtschaftlich
geprägten Kulturlandschaften. Wenn die Nutzungsfunktion des Menschen primär die
Landschaft charakterisiert, wird dies als naturferne Kulturlandschaft bezeichnet. Zu dieser
Kategorie gehören ausgeräumte agrarische Nutzlandschaften und großräumige, monotone
Forste. Die städtisch und/oder industriell-gewerblich genutzten Bereiche sind die am stärksten
durch den Menschen veränderten Landschaften. Somit umfasst der Begriff Kulturlandschaft
ein breites Spektrum mit sehr unterschiedlicher Intensität des menschlichen Einflusses, die
von nahezu intakten, extensiv genutzten Landschaften bis hin zu fast gänzlich überbauten
Stadträumen und Industriegebieten reicht.

Aus der ursprünglichen Naturlandschaft, die ebenfalls durch die verschiedenen natürlichen
Prozesse ständigem Wandel und ständiger Dynamik unterworfen war, sind durch menschliche
Gruppen und Gesellschaften infolge von wirtschaftlichen und siedlungsmäßigen
Landschaftsveränderungen – je nach räumlicher und zeitlicher Dimension – charakteristische
Kulturlandschaften entstanden (vgl. LESER, H., 2001. S.424). „Die Naturlandschaften waren
[…] unterschiedlich gestaltet. Danach sind derartige Landschaften im Laufe der Zeit durch die
Aktivitäten des Menschen angepasst und umgestaltet und somit zu Kulturlandschaften
geworden“ (BURGGRAAFF, P. U. KLEEFELD, K.-D., 1998. S.151). Weiterhin ist die Schaffung
von Kulturlandschaft ein Prozess, „der bis an die Gegenwart heranreicht und sich auch in
Zukunft weiterhin vollziehen wird“ (BRINK, A. U. WÖBSE, H. H., 1989. S.3). Zu beachten ist
dabei allerdings, dass die die Landschaft verändernden Eingriffe im Zuge der
Industrialisierung und Globalisierung immer schneller und in größerem Umfang ablaufen und
Kulturlandschaft 8

folglich weiter reichende Auswirkungen auf die Kulturlandschaften haben (vgl. WÖBSE, H.
H., 1994. S.7). „Die Steigerung von Tempo und Intensität der Veränderungen zu häufig
vollständig verplanter und genutzter Landschaft“ (DOSCH, F. U. BECKMANN, G., 1999a. S.291)
ist ein Charakteristikum der letzten Jahrzehnte.

Der Terminus Kulturlandschaft besteht aus vielen Facetten, was an der Vielzahl inhaltlich
unterschiedlicher Definitionen auszumachen ist (vgl. KANGLER, G. U. VICENZOTTI, V. In:
BAUEROCHSE, A. et al. (Hrsg.), 2007. S.279). „Kulturlandschaft entzieht sich einer einzigen,
allgemeingültigen Definition“ (BMVBS U. BBR, 2006. S.4). Die folgende Definition
berücksichtigt sowohl die naturräumlichen Voraussetzungen, als auch die in heutiger Zeit
entscheidenden menschlichen Einflusspunkte, weshalb diese Abgrenzung des komplexen
Terminus Kulturlandschaft als einfach und kurz gehalten, aber dennoch sehr zutreffend zu
bewerten ist.
„Im geographischen Sinne repräsentiert die Kulturlandschaft somit den vom Menschen
entsprechend seinen existenziellen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ästhetischen
Bedürfnissen eingerichteten und angepassten Naturraum, der im Laufe der Zeit mit einer
zunehmenden Dynamik entstanden ist und ständig verändert bzw. umgestaltet wurde und
noch wird“ (BURGGRAAFF, P. U. KLEEFELD, K.-D., 1998. S.169, 295 u. BURGGRAAFF, P., 2000.
S.11). Die Kulturlandschaft ergibt sich somit einfach ausgedrückt aus der Wechselwirkung
von natürlichen und menschlichen Faktoren im Laufe der Geschichte, wobei der
anthropogene Einfluss ständig zugenommen hat (vgl. HÖNES, E.-R. In: BAUEROCHSE, A. et al.
(Hrsg.), 2007. S.65).

In der Öffentlichkeit konzentriert sich der Begriff häufig auf ein ästhetisierendes
Erscheinungsbild einer vorindustriellen, kleinbäuerlichen Landschaft (vgl. GEBHARDT, H. et
al., 2007. S.819). Dieses konservierende Landschaftsbild hat hauptsächlich „den Erhalt der
Relikte aus der Kulturlandschaftsgeschichte zum Ziel“ (KONOLD, W., 1998. S.279) und steht –
sofern keine museale, statische Erhaltung des Menschen vorgenommen wird – dem real-
natürlichen und anthropogen bedingten Wandel entgegen. Mit diesem stetigen Wandel sind
strukturelle Veränderungen der Kulturlandschaft verbunden, wodurch sich auch der
Gesamtcharakter der Landschaft je nach Maßnahme verändert. So ist auch zu berücksichtigen,
dass der überwiegende Anteil der unter Naturschutz stehenden Flächen in Mitteleuropa
Kulturlandschaften sind, die nur mit anthropogenen Eingriffen zu erhalten sind (vgl. KÜSTER,
H., 1995. S.13 u. KÜSTER, H., 2006. S.2). Das, was man mit dem Naturschutz bewahrt und
früher häufig zunächst als Natur gehalten wurde, sind überwiegend vom Menschen gestaltete
Landschaften, also Kulturlandschaften. So ist die struktur- und abwechslungsreiche
Kulturlandschaft der vorindustriellen Zeit in der Öffentlichkeit allgemein positiv besetzt.
Durch die gemächlichen und in kleinen Schritten ablaufenden Veränderungen der damaligen
Zeit, die aus heutiger Sicht als extensive Bewirtschaftungsformen bezeichnet werden können,
ist zu einer ökologischen Bereicherung der Landschaft gekommen, die in Mitteleuropa zu
Kulturlandschaft 9

Beginn der industriellen Revolution in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Maximum
erreichte (vgl. LANGE, E. In: ANL (Hrsg.), 1995. S.111).

Der Kulturlandschaftsbegriff wird teilweise als wertender Begriff für einen idealen
Landschaftszustand verwendet (vgl. VON HAAREN, C., 2004. S.23). Dieses Leitbild ist an
möglichst große Naturnähe geknüpft, besonders an eine kleinbäuerliche, vorindustrielle
Landbewirtschaftung (vgl. WAGNER, J. M., 1999. S.13). Diese wertende Dimension beruht auf
der lange Zeit herrschenden Abhängigkeit der Kulturlandschaft und dessen
Erscheinungsbildes von der Agrargesellschaft (vgl. BMVBS U. BBR, 2006. S.30). Die heute
nur noch in Teilen vorhandene kleinbäuerliche Landnutzung, die (zumeist) eine extensive
Landbewirtschaftung beinhaltet, hat einen reich strukturierten, abwechslungsreichen
Landschaftscharakter (Strukturmosaik) zur Folge. „Als ‚eigentliche’ Kulturlandschaft wird oft
die vorindustrielle Agrarlandschaft gesehen“ (DIX, A., 2000. S.285). Im Zuge der
Modernisierung und Technisierung in der Landwirtschaft wurden diese vielfältigen
Kulturlandschaften häufig schon deutlich verändert. Die Veränderungen in der modernen
Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft führen zu „Verarmungs-, Verfremdungs-,
Normierungs- und Nivellierungseffekte[n]“ (WAGNER, J. M., 1999. S.13) in den
verschiedenen Kulturlandschaften.

Aufgrund dieser raschen Veränderungen wird heute häufig von historischen und gewachsenen
Kulturlandschaften gesprochen. Diese Begriffe finden sich auch in Gesetztexten des Bundes
und der Länder wider (s. Kap. 2.2, Rechtliche Rahmenbedingungen von Kulturlandschaften).
„Historische Kulturlandschaften geben Zeugnis vom Umfang früherer Generationen mit
Natur und Landschaft und vermitteln ein Bild des seinerzeitigen Standes von Wissenschaft
und Technik. Sie lassen Rückschlüsse auf das Mensch-Natur-Verhältnis unserer Vorfahren
zu, geben Ausdruck von ihrem Lebensstil, ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten“ (BRINK, A.
U. WÖBSE, H. H., 1989. S.4 u. WÖBSE, H. H., 1994. S.8). Historische Kulturlandschaften sind
heute Landschaftsausschnitte, welche von menschlichen Aktivitäten der Vergangenheit
geprägt werden (vgl. WÖBSE, H. H., 1994. S.10). „Elemente und Strukturen […] sind dann
historische, wenn sie in der heutigen Zeit aus wirtschaftlichen, sozialen, politischen und
ästhetischen Gründen nicht mehr in der vorgefundenen Weise entstehen, geschaffen würden
oder fortgesetzt werden, sie also aus einer abgeschlossenen Geschichtsepoche stammen“
(HÖNES, E.-R. In: BAUEROCHSE, A. et al. (Hrsg.), 2007. S.65). Diese Landschaften sind heute
nur noch auf wenigen Restflächen, zumeist in peripheren und somit wirtschaftlich
benachteiligten Räumen anzutreffen.

Abschließend bleibt aus dieser kurzen Übersicht der verbreiteten und anerkannten
Begriffserklärungen von Kulturlandschaften festzuhalten, „dass [in Kulturlandschaften]
gesellschaftlich-wirtschaftliche und natürliche Prozesse […] so intensiv verwoben [sind], dass
diese als sozial-ökologische Systeme verstanden werden müssen, die nur in interdisziplinärer,
Kulturlandschaft 10

geistes-, sozial- und naturwissenschaftliche Ansätze verbindender Forschung umfassend


analysiert und verstanden werden können“ (HABERL, H., 2006. S.112).

2.2 Rechtliche Rahmenbedingungen von Kulturlandschaften

2.2.1 Nationale Ebene

Dieses Kapitel über die Rechtlichen Rahmenbedingungen und Gesetzestexte gibt einen
kurzen Überblick der wichtigsten Gesetze und rechtlichen Rahmenpunkte, die sich mit dem
Thema Kulturlandschaft befassen. Trotz der umfassenden Bedeutung gibt es in Deutschland
kein Kulturlandschaftsschutzgesetz, sondern der Schutz der Kulturlandschaften ist in
verschiedenen Gesetzen verankert (vgl. HÖNES, E.-R. In: BAUEROCHSE, A. et al. (Hrsg.),
2007. S.33 u. GRAAFEN, R., 1994. S.459).

Das Gesetz über Naturschutz und Landschaftspflege – verkürzt als Bundesnaturschutzgesetz


(BNatSchG) bezeichnet – wurde 1976 als Reaktion auf die immer raschere und umfassendere
Naturbeherrschung und Ausbeutung verabschiedet. Im Gesetz über Naturschutz und
Landschaftspflege werden erstmals seit 1980 mit dem Gesetz zur Berücksichtigung des
Denkmalschutzes im Bundesrecht Kulturlandschaften vom Gesetzgeber unter Schutz gestellt
(vgl. BNatSchG, 2002, VON HAAREN, C., 2004. S.40, BURGGRAAFF, P. U. KLEEFELD, K.-D.,
1998. S.193, HÖNES, E.-R., 1991a. S.87f. u. BRINK, A. U. WÖBSE, H. H., 1989. S.4). Es ist
dort zu Beginn in inhaltlich umfassendem Rahmen verbindlich niedergeschrieben, dass „die
Vielfalt, Eigenart und Schönheit sowie der Erholungswert von Natur und Landschaft auf
Dauer [zu sichern] sind“ (§ 1 BNatSchG). Der flächendeckende Schutz der Landschaft und
somit Kulturlandschaft im besiedelten wie auch im unbesiedelten Bereich steht folglich
gleichberechtigt neben den anderen Schutzzielen der Leistungs- und Funktionsfähigkeit des
Naturhaushaltes, der Regenerationsfähigkeit und nachhaltigen Nutzungsfähigkeit von
Naturgütern und dem Schutz der Tier- und Pflanzenwelt (vgl. DEMUTH, B., 2000. S.29). „Die
Regelung des § 1 Abs. 1 BNatSchG verdeutlicht die Vielfältigkeit des heutigen
Aufgabenbereiches von Naturschutz und Landschaftspflege. Insgesamt lassen sich fünf
Dimensionen des Aufgabenbereiches differenzieren“ (WAGNER, J. M., 1999. S.22). Dies sind
die Dimensionen zum Schutz der belebten Natur, der unbelebten Natur, des Naturhaushaltes,
der Kulturlandschaft und die Natur- und landschaftsbezogene Erholung (vgl. WAGNER, J. M.,
1999. S.22). Neben einigen indirekten Bezügen zum Erhalt von Kulturlandschaften wird im
Gesetz auch direkter auf den menschlichen Einfluss in der Landschaft und auch explizit auf
Kulturlandschaften Bezug genommen. Diese sind im § 2 „Grundsätze des Naturschutzes und
der Landschaftspflege“ festgeschrieben worden.
Kulturlandschaft 11

a) Paragraph 2 Absatz 1 Nummer 13 (§ 2 [1] 13) BNatSchG:


„Die Landschaft ist in ihrer Vielfalt, Eigenart und Schönheit auch wegen ihrer Bedeutung als
Erlebnis- und Erholungsraum des Menschen zu sichern. Ihre charakteristischen Strukturen
und Elemente sind zu erhalten oder zu entwickeln. Beeinträchtigungen des Erlebnis- und
Erholungswerts der Landschaft sind zu vermeiden.“

b) Paragraph 2 Absatz 1 Nummer 14 (§ 2 [1] 14) BNatSchG:


„Historische Kulturlandschaften und -landschaftsteile von besonderer Eigenart, einschließlich
solcher von besonderer Bedeutung für die Eigenart oder Schönheit geschützter oder
schützenswerter Kultur-, Bau- und Bodendenkmäler, sind zu erhalten.“

In Paragraph 5 Absatz 1 BNatSchG wird weiterhin auf die besondere Bedeutung einer natur-
und landschaftsverträglichen Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft für die Kultur- und
Erholungslandschaft hingewiesen. Alleine aus den großen Flächenanteilen, die der primäre
Sektor einnimmt, wird deren große Bedeutung ersichtlich.

Neben dem Gesetz über Naturschutz und Landschaftspflege werden die Kulturlandschaften
auch im novellierten Raumordnungsgesetz (ROG) von 1998 behandelt (vgl. ROG, 1998). Der
die 15 Grundsätze der Raumordnung regelnde Paragraph 2 nennt unter Absatz 2 Nummer 13:
„Die geschichtlichen und kulturellen Zusammenhänge sowie die regionale
Zusammengehörigkeit sind zu wahren. Die gewachsenen Kulturlandschaften sind in ihren
prägenden Merkmalen sowie mit ihren Kultur- und Naturdenkmälern zu erhalten.“ Dieser
gesetzliche Schutz der Kulturlandschaften ist in Zusammenhang mit § 1 Abs. 2 Nr. 5 ROG zu
sehen, in dem es um eine nachhaltige Raumentwicklung zur Stärkung der prägenden Vielfalt
der Teilräume geht (vgl. JANSSEN, G. In: MATTHIESEN, U. et al. (Hrsg.), 2006. S.23 u. ROG,
1998). Diese Vielfalt der Teilräume und somit Kulturlandschaften ist mit raumordnerischen
Instrumenten derart zu sichern, dass die die einzelnen Teilräume prägenden landschaftlichen –
sowohl natürlich als auch anthropogen hervorgerufenen – Elemente und Strukturen zu
erhalten sind. Hierdurch wirkt das ROG dem Verlust räumlicher Besonderheiten, der
Vereinheitlichung des Erscheinungsbildes und dem Verlust der regionalen Identität
entgegenwirken (vgl. VON DER HEIDE, H.-J., 2002 u. RUNKEL, P., 2002. In: JANSSEN, G. In:
MATTHIESEN, U. et al. (Hrsg.), 2006. S.23).

2006 wurden durch die Ministerkonferenz für Raumordnung (MKRO) die „Leitbilder und
Handlungsstrategien für die Raumentwicklung in Deutschland“ verabschiedet (vgl. GAILING,
L. et al., 2008. S.261). „Der traditionelle, im Raumordnungsgesetz (ROG) normierte Aspekt
des Kulturlandschaftsschutzes wird darin um die Aspekte der Nutzung, der integrierten und
identitätsstiftenden Entwicklung sowie des Managements von Kulturlandschaften ergänzt“
(GAILING, L. et al., 2008. S.261). In dem „Leitbild ‚Ressourcen bewahren, Kulturlandschaften
gestalten’ bildet ‚die Weiterentwicklung vielfältiger Kulturlandschaften’ einen besonderen
Kulturlandschaft 12

Schwerpunkt des strategischen und planerischen Umgangs mit Raumnutzungen“ (LWL U.


LVR, 2007b. S.14).

Abseits der angesprochenen, bundesweit geltenden Gesetze, die teilweise in identischem


Wortlaut in die Landesgesetze übernommen wurden, hat Nordrhein-Westfalen ebenfalls
eigene Gesetzgebungen und Regelungen über Landschaften und somit auch
Kulturlandschaften erarbeitet. Dazu zählen das Gesetz zur Sicherung des Naturhaushaltes und
zur Entwicklung der Landschaft (Landschaftsgesetz Nordrhein-Westfalen, LG NRW),
welches am 05. Juli 2007 in Kraft getreten ist, das Gesetz zur Landesentwicklung
(Landesentwicklungsprogramm, LEPro) und das Landesplanungsgesetz (LPlG) mit dem
Landesentwicklungsplan Nordrhein-Westfalen (LEP NRW) von 1995 inklusive der geplanten
Novellierung zum LEP NRW 2025 sowie weiterhin der Bericht zur Stärkung der
Freiraumplanung in Nordrhein-Westfalen durch das Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand
und Energie von Nordrhein-Westfalen (vgl. LG NRW, 2007, LEPro, 1989, LPlG, 2005,
MINISTERIUM FÜR WIRTSCHAFT, MITTELSTAND UND ENERGIE DES LANDES NORDRHEIN-
WESTFALEN, 1995, MINISTERIUM FÜR WIRTSCHAFT, MITTELSTAND UND ENERGIE DES LANDES
NORDRHEIN-WESTFALEN, 2007 u. MINISTERIUM FÜR WIRTSCHAFT, MITTELSTAND UND
ENERGIE DES LANDES NORDRHEIN-WESTFALEN, o. J.). Diese kurze Auflistung zeigt bereits
deutlich die Vielzahl an Gesetzen und Regelungen, die sich mit der Landschaft
auseinandersetzen, wobei jedoch nur indirekt oder in geringem Umfang die Kulturlandschaft
explizit behandelt wird.

Im Landschaftsgesetz Nordrhein-Westfalen und im Landesentwicklungsprogramm wird der


Begriff Kulturlandschaft direkt erwähnt. Das LG NRW von 2007 beginnt mit Paragraph 1
ebenso wie das BNatSchG:

„Natur und Landschaft sind auf Grund ihres eigenen Wertes und als Lebensgrundlagen des
Menschen auch in Verantwortung für die künftigen Generationen im besiedelten und
unbesiedelten Bereich so zu schützen, zu pflegen, zu entwickeln und, soweit erforderlich,
wiederherzustellen, dass
1. die Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts,
2. die Regenerationsfähigkeit und nachhaltige Nutzungsfähigkeit der Naturgüter,
3. die Tier- und Pflanzenwelt einschließlich ihrer Lebensstätten und Lebensräume sowie
4. die Vielfalt, Eigenart und Schönheit sowie der Erholungswert von Natur und
Landschaft
auf Dauer gesichert sind“ (§ 1 BNatSchG u. § 1 LG NRW).

Ebenso werden die Grundsätze des Naturschutzes und der Landschaftspflege (§ 2 BNatSchG)
auch im Gesetz zur Sicherung des Naturhaushaltes und zur Entwicklung der Landschaft
erneut aufgeführt (§ 2 LG NRW, vgl. LG NRW, 2007). Der § 2c des LG NRW geht neben der
Kulturlandschaft 13

besonderen Bedeutung der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft im ersten Absatz auch direkt
auf die Bedeutung des primären Sektors auf die Kulturlandschaft ein (§ 2c Abs. 3 LG NRW):

„Die Landwirtschaft trägt zur Strukturvielfalt in der landwirtschaftlich genutzten


Kulturlandschaft durch die Erhaltung und Anlage für den Naturhaushalt bedeutsamer linearer
und punktförmiger Landschaftselemente (Saumstrukturen, insbesondere Feldgehölze,
Hecken, Raine und andere Trittsteinbiotope) bei. Eine ausreichende naturraumbezogene
Ausstattung mit solchen Landschaftselementen soll angestrebt werden. Dazu dienen vorrangig
langfristige vertragliche Vereinbarungen und Förderprogramme.“

Das Entwicklungsziel zur „Erhaltung einer mit naturnahen Lebensräumen oder sonstigen
natürlichen Landschaftselementen reich oder vielfältig ausgestatteten Landschaft als
Lebensraum für die landschaftstypischen Tier- und Pflanzenarten oder die Erhaltung einer
gewachsenen Kulturlandschaft mit ihren biologischen und kulturhistorischen Besonderheiten“
(§ 18 Abs. 1 LG NRW) ist neben weiteren Entwicklungszielen in Paragraph 18
niedergeschrieben.

Im Landesentwicklungsprogramm in der Fassung von 1989 mit letztmaliger Änderung im


Mai 2000 wird ebenfalls in den Grundsätzen der Raumordnung und Landesplanung die
Kulturlandschaft einmal direkt benannt (vgl. LEPro, 1989). Dies ist im Paragraphen 17 über
die Landwirtschaft und den Wald der Fall:

„Landwirtschaftliche Flächen und Wald sollen unter Berücksichtigung der Erfordernisse des
Umweltschutzes und der Landschaftspflege, der wirtschaftlichen und siedlungsstrukturellen
Erfordernisse als Freiflächen erhalten bleiben. Ihre Nutzung soll auch dazu beitragen, die
natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen sowie die Kulturlandschaft zu erhalten und zu
gestalten. In waldarmen Gebieten ist eine Erhöhung des Waldanteils anzustreben.“

Dieser Paragraph schützt die land- und forstwirtschaftlichen Flächen als zu erhaltende
Freiflächen, um einer ungeordneten, weite Flächen einnehmenden Suburbanisierung in den
ländlich geprägten Raum hinein entgegenzuwirken. Die nachhaltige Bewirtschaftung der
Acker-, Grünland- und Wald-/Forstflächen soll weiterhin die ökologische Vielfalt durch die
Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen der Flora und Fauna sowie auch die
Kulturlandschaft als umfassendes Schutzelement erhalten.

Das Ziel der Gesetze und Regelungen ist dabei „die räumlich differenzierten
Kulturlandschaften zu erhalten, oder umgekehrt formuliert: der Nivellierung des räumlich
differenzierten Kulturlandschaftsmusters entgegenzuwirken“ (QUASTEN, H. U. WAGNER, J. M.,
1996. S.305). So lässt sich schließlich allgemein festhalten, dass man in den Gesetzen
Kulturlandschaft 14

besonders seit 1990 zwar im Zuge der Novellierungen und erneuerten Fassungen und
Änderungen den Begriff der Kulturlandschaft vermehrt mit aufgenommen hat, dennoch aber
der Terminus in den Gesetzestexten und rechtlichen Rahmenbedingungen bis heute rechtlich
nicht abschließend definiert wurde (vgl. GRAAFEN, R., 1994. S.459).

2.2.2 Internationale Ebene

Der Schutz und die weitere Erhaltung und Entwicklung von Kulturlandschaften ist über die
nationale Ebene hinausgehend auf europäischer und globaler Ebene ebenso ein Thema mit
zunehmender Bedeutung (vgl. SCHENK, W., 2000. S.223).

1995 verfasste der Europarat eine Deklaration zum Kulturlandschaftsschutz, der eine
interdisziplinäre Betrachtungsweise von Kulturlandschaften und die Berücksichtigung ihrer
regionalspezifischen Belange vorsieht (vgl. SCHENK, W., 2000. S.223 u. HÖNES, E.-R. In:
BAUEROCHSE, A. et al. (Hrsg.), 2007. S.42). Weitere wichtige Verordnungen für den Umgang
mit der Landschaft in europäischem Maßstab sind das 1999 in Potsdam beschlossene
Europäische Raumentwicklungskonzept (EUREK) und die Empfehlungen zur Raumordnung
des Ministerrates der Europäischen Union (EU) (vgl. ERMISCHER, G. In: BAUEROCHSE, A. et
al. (Hrsg.), 2007. S.28 u. HÖNES, E.-R. In: BAUEROCHSE, A. et al. (Hrsg.), 2007. S.41). Im
EUREK findet sich die Aufforderung zum kreativen Umgang mit Kulturlandschaften sowie
die konkrete Zielsetzung der Inwertsetzung, Erhaltung und Entwicklung der vielfältig
gestalteten Kulturlandschaften, da die vorhandene Gefahr der weiteren Zerstörung und
Nivellierung auf europäischer Ebene erkannt wurde (vgl. JOB, H. U. STIENS, G., 1999. S.IV,
STIENS, G., 1999. S.327, 329 u. LWL U. LVR, 2007a. S.21).
Am 20. Oktober 2000 wurde vom Europarat die zuvor entwickelte ELC in Florenz
verabschiedet (vgl. BMVBS U. BBR, 2006. S.88). Mit der Ratifizierung des zehnten Staates
trat die Konvention am 01. März 2004 in Kraft. Diese europäische Landschaftskonvention der
47 Mitgliedstaaten des Europarates wurde mittlerweile nach dem Stand vom 27. Oktober
2008 von 35 Staaten unterzeichnet und von 29 Staaten ratifiziert (vgl. COUNCIL OF EUROPE,
2008). Von den EU-Staaten haben bis auf Estland, Österreich und Deutschland alle Mitglieder
die ELC unterzeichnet. „Die Konvention ist eines der ersten internationalen Abkommen, das
ausschließlich den Schutz, die Pflege und die Planung von Landschaft zum Inhalt hat“
(BMVBS U. BBR, 2006. S.88f.). Alle Landschaften von naturnahen bis hin zu städtischen
Agglomerationsräumen werden in dieser Konvention behandelt. Dabei wird die Landschaft
als Schlüsselelement für das Wohl des Individuums und des Kollektivs betrachtet und eine
nachhaltige und bedachte Weiterentwicklung angestrebt. Die Vertragsstaaten verpflichten sich
nach Artikel fünf der ELC zu einer auf Landschaftsschutz, -pflege und -planung
ausgerichteten Politik (vgl. COUNCIL OF EUROPE, 2008). Anders als bei den Weltkultur- und
Weltnaturerbestätten der United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization
Kulturlandschaft 15

(UNESCO) geht es dem Europarat nicht um einen bewahrenden, sondern primär um einen
nachhaltigen und bewussten Umgang mit Landschaft. Das Deutschland die Europäische
Landschaftskonvention (noch) nicht unterschrieben hat, lässt vermuten, dass der
Landschaftsschutz als übergreifende, interdisziplinäre Aufgabe im Bundesumweltministerium
bisher nur eine untergeordnete Stellung einnimmt (vgl. HÖNES, E.-R. In: BAUEROCHSE, A. et
al. (Hrsg.), 2007. S.43ff.). Nach Auffassung des Rates von Sachverständigen für
Umweltfragen entstünde ein schlechter Eindruck, wenn Deutschland, das durch die
Landschaftsplanung bereits viele Inhalte der Konvention abdecke, diese nicht unterzeichne
(vgl. RAT VON SACHVERSTÄNDIGEN FÜR UMWELTFRAGEN (SRU), 2004. S.186). Insbesondere
die Vorreiterwirkung für die osteuropäischen Staaten muss in Betracht gezogen werden.
Schließlich kann „mit geringem Aufwand ein gemeinsames europäisches Vorgehen im
Bereich Landschaftsschutz und Landschaftsplanung unterstützt werden“ (SRU, 2004. S.186).
Der Anspruch der ELC, alle Landschaften zu schützen, spiegelt ein ambitioniertes
völkerrechtliches Übereinkommen wider.

Das 1972 von der UNESCO verabschiedete und 1976 in Kraft getretene “Internationale
Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt”, welches erstmals Kultur
und Natur unmittelbar in Verbindung setzt, haben mehr als 180 Staaten unterzeichnet (vgl.
BMVBS U. BBR, 2006. S.54, HÖNES, E.-R. In: BAUEROCHSE, A. et al. (Hrsg.), 2007. S.35 u.
BURGGRAAFF, P. U. KLEEFELD, K.-D., 1998. S.157). „Es ist das international bedeutendste
Instrument, das jemals von der Völkergemeinschaft zum Schutz ihres kulturellen und
natürlichen Erbes beschlossen wurde“ (BMVBS U. BBR, 2006. S.54). Dabei ist zu
berücksichtigen, dass hierin eher die Benennung einzelner Landschaftsräume vorgenommen
wird, die aufgrund ihrer Einzigartigkeit und herausragenden Bedeutung der Natur- und
Kulturgeschichte in bewahrender bzw. musealer Form erhalten bleiben sollen, es also letztlich
um die Konservierung des historischen Zustandes geht. Zu den Kulturgütern werden seit 1992
auch die aus der Wechselwirkung von Natur und Kultur entstandenen, besonderen
Kulturlandschaften gezählt.

Aufgrund des Reichtums und der Vielfalt der europäischen Kulturlandschaften „ist ihr
tatsächlicher und rechtlicher Schutz eine Gemeinwohlaufgabe von hohem Rang“ (HÖNES, E.-
R. In: BAUEROCHSE, A. et al. (Hrsg.), 2007. S.82). Durch Gesetze, administrative
Maßnahmen, staatliche und kommunale Forderungen sowie die Rechtssprechung wurden die
Aufgaben des Kulturlandschaftsschutzes und der Kulturlandschaftspflege nachhaltig gefördert
(vgl. HÖNES, E.-R. In: BAUEROCHSE, A. et al. (Hrsg.), 2007. S.83). Dennoch ist im Bereich
der Bekanntheit, Akzeptanz und Umsetzung der kulturlandschaftlich relevanten Gesetze noch
ein deutliches Verbesserungspotenzial sowohl auf nationaler als auch auf internationaler
Ebene vorhanden.
Kulturlandschaft 16

2.3 Bedeutung und Wert von Kulturlandschaften

Kulturlandschaften weisen aus verschiedenen Blickwinkeln unterschiedliche Bedeutung auf.


Diese Bedeutung wird häufig auch als Wert der Landschaft bzw. Kulturlandschaft bezeichnet,
wobei die objektive Bewertung ein grundlegendes Problem von Landschaftsuntersuchungen
darstellt, da subjektive Einflüsse maßgeblich sind bzw. seien können. Grundsätzlich ist eine
Differenzierung in materielle und ideelle Werte möglich (s. Abb. 3).

Abb. 3: Wert von Kulturlandschaften


Eigene Abbildung, nach BRINK, A. U. WÖBSE, H. H., 1989. S.3, DUELLI, R. In: TANNER,
K. M. et al., 2006. S.109, OTT, E., 1997. S.11, 22f., WAGNER, J. M., 1999. S.41ff.

Die Bedeutung und somit auch der materielle und ideelle Wert von Kulturlandschaften sind
erst in der letzten Zeit durch den immer größeren Umfang und die größere Geschwindigkeit
des Landschaftswandels in der Öffentlichkeit deutlich geworden (vgl. OTT, E., 1997. S.22 u.
ERMISCHER, G. In: BAUEROCHSE, A. et al. (Hrsg.), 2007. S.15, s. Abb. 3). Mit der
Industrialisierung nahm das Empfinden für den Verlust von Kulturlandschaften zu und das
Bedürfnis nach Erholung als Ausgleich eines zunehmend eintönigen Arbeitsalltages in den
städtisch-industriellen Räumen wurde nachhaltig gestärkt (vgl. DEMUTH, B., 2000. S.5). Eine
wichtige Bedeutung der Landschaft ist die Produktionsfunktion, jedoch geht die Funktion von
Kulturlandschaften „über das Erzeugen von Nahrung und Rohstoffen, also die
Produktionsfunktion hinaus“ (SUCCOW, M., 1995. S.89).

Zur vereinfachten Darstellung der unterschiedlichen Bedeutungen kann man drei


Oberbereiche umgreifen. Dies sind der geschichtliche Wert, der aktuelle Wert für die
Menschen sowie drittens der ökologische Wert von Kulturlandschaften.
Kulturlandschaft 17

In der Landschaftsplanung wird als Grundlage zunächst eine Bewertung der


Kulturlandschaften vorgenommen (vgl. EGLI, H.-R. In: TANNER, K. M. et al., 2006. S.117ff.).
Jedoch sind die Bewertungsverfahren für die Kulturlandschaften in den vergangenen
Jahrzehnten kaum weiterentwickelt worden, während die anderen landschaftsökologischen
Bewertungsmethoden (laufend) Erneuerungen und Anpassungen erfahren. Bei den
Kulturlandschaften „[geht] [es] immer noch vor allem um die Beschreibung, vielfach um eine
Beurteilung als Vergleich eines früheren mit dem aktuellen Zustand, nicht aber um eine
eigentliche Bewertung im Hinblick auf zukünftige Entwicklung“ (EGLI, H.-R. In: TANNER, K.
M. et al., 2006. S.117). Dabei werden Abweichungen vom früheren Zustand zumeist als
negativ bewertet, so dass die Wiederherstellung des früheren Zustandes als Ziel ausgegeben
wird. Dabei stellt sich die Frage, ob die früheren Landschaftsstrukturen als
Referenzlandschaften geeignet sind. Die überwiegend kleinteiligen Landschaftsstrukturen der
vorindustriellen Zeit weisen für die drei Bedeutungsgruppen der Geschichte, für die
Bevölkerung und die Ökologie eine hohe Bedeutung auf, weshalb diesem früheren
Landschaftszustand allgemein eine große Wertigkeit zugemessen wird. Daher erscheint es
sinnvoll, die zukünftige Entwicklung der Landschaft an der ehemaligen Struktur zu
orientieren, ohne jedoch eine museale, bewahrende und somit zu stark statische Beibehaltung
und Erhaltung zu deklarieren. Dies würde dem natürlichen, dynamischen Landschaftswandel
entgegenstehen und folglich die ökonomische Weiterentwicklung hemmen. Eine
Totalkonservierung mit großflächiger Musealisierung ganzer Kulturlandschaften „[würde]
nicht nur über längere Zeit hinweg Stagnation, sondern in letzter Konsequenz auch Verfall
und schließlich Verlust“ (QUASTEN, H. U. WAGNER, J. M., 2000. S.253) bedeuten. Aufgrund
der nur begrenzten und aus mehreren Gründen nicht zu begrüßenden „Konservierung ‚unter
der Käseglocke’“ (GUNZELMANN, T. U. SCHENK, W., 1999. S.347) wird die
Weiterentwicklung ausdrücklich akzeptiert (vgl. GUNZELMANN, T. U. SCHENK, W., 1999.
S.347).

„Kulturlandschaften prägen die regionale Identität und das Image einer Region“ (RÖHRING, A.
In: BAUEROCHSE, A. et al. (Hrsg.), 2007. S.201). Der Wert der Kulturlandschaft ergibt sich
nicht aus einzelnen Elementen, sondern immer aus der gesamten Zusammensetzung des in der
Landschaft Vorhandenen, so dass eine integrale, alle Bereiche umfassende Bewertung und
Beurteilung der Landschaft notwendig ist (vgl. RÖHRING, A. In: BAUEROCHSE, A. et al.
(Hrsg.), 2007. S.198).

Bei der Betrachtung ist weiterhin entscheidend zu bedenken, dass die Kulturlandschaften
durch menschliche Bearbeitung, Nutzung und Bewirtschaftung der Naturlandschaft
entstanden sind und auch nur durch eine entsprechende Weiterführung dieser Bearbeitung,
Nutzung und Bewirtschaftung erhalten werden können (vgl. BRINK, A. U. WÖBSE, H. H.,
1989. S.26). Das Aussehen von etwa 80 % der Landesfläche Deutschlands wird dabei von nur
Kulturlandschaft 18

etwa 5 % der Bevölkerung bestimmt (vgl. HAMPICKE, U. In: ANL (Hrsg.), 1995. S.22). Die
Land- und Forstwirtschaft hat „als größter Flächennutzer […] das Erscheinungsbild, den
Stoffhaushalt und die Lebensraumfunktion unserer Kulturlandschaft seit jeher entscheidend
beeinflusst“ (ROTH, D. et al. In: ANL (Hrsg.), 1995. S.141). Langsame, kontinuierliche
Prozesse werden als deutlich weniger bedrohlich wahrgenommen als seltene Prozesse mit
größerer Einflusswirkung, da die in kleinen Schritten ablaufenden Veränderungen am Rande
des menschlichen Wahrnehmungshorizontes liegen (vgl. BREUSTE, J. In: ANL (Hrsg.), 1995.
S.67 u. CURDES, G., 1999. S.336).

2.3.1 Geschichtliche Bedeutung

Kulturlandschaften können hauptsächlich qualitativ, aber nicht bzw. nur deutlich vereinfacht
quantitativ bewertet werden, um somit schutzwürdige und als wertvoll bezeichnete
Kulturlandschaften zu definieren. Dies sind heutzutage insbesondere Landschaften, die an die
vorindustrielle, reich strukturierte und kleinbäuerliche Bewirtschaftungsweise erinnern. Die
heute noch vorhandenen Elemente und Strukturen der vergangenen Generationen inkl. der
Siedel- und Wirtschaftsformen, insbesondere der Landwirtschaft, weisen eine hohe
geschichtliche Bedeutung auf. Diese werden dann als historisch bezeichnet, wenn sie
heutzutage keinen wirtschaftlichen, sozialen oder politischen Grund der Erhaltung mehr
aufweisen (vgl. HÖNES, E.-R. In: BAUEROCHSE, A. et al. (Hrsg.), 2007. S.65). Sie vermitteln
ein Bild der Wirtschafts- und Lebensweisen, des Mensch-Natur-Verhältnisses und des
Standes von Wissenschaft und Technik früherer Generationen (vgl. DEMUTH, B., 2000. S.60f.,
s. Abb. 4). In Kulturlandschaften sind die verschiedenen historischen Phasen miteinander
vergesellschaftet (vgl. LWL U. LVR, 2007a. S.27f.). Das „Gewachsene“ ist das primär den
Wert bestimmende Merkmal und Kennzeichen der historischen Ebene und somit des
historischen Zeugniswertes. In der damaligen Zeit entstanden je nach Landschaftsraum aus
naturräumlich und siedlungsgeschichtlich differenzierten Nutzungsmöglichkeiten regional
unterschiedliche Kulturlandschaften und charakteristische Erscheinungsbilder. Dieser
historische Wert ist durch die seit einigen Jahrzehnten immer schneller und umfassender
ablaufende Globalisierung und Technisierung gefährdet. Die Landschaft wird bezeichnend die
„Trägerin der Geschichte“ (FELBER RUFER, P. et al., 2007. S.200) genannt. In den
vergangenen Jahrzehnten führten Flurbereinigungsmaßnahmen und die rasche
Modernisierung in der Landwirtschaft bereits in weiten Bereichen zu einem markanten
Landschaftswandel. So dominieren in den agrarisch geprägten Bereichen riesige Felder die
Landschaft, welche arm an vertikalen Strukturen (Bäume, Hecken, Schuppen, etc.) oder
Grünländern sind. Diese ausgeräumten Agrarlandschaften haben den ehemaligen Wert der
Kulturlandschaft zum Großteil schon eingebüßt. Auch die der intensiven Landwirtschaft
gegenläufige Nutzungsaufgabe der nur bedingt oder nicht rentablen Flächen – bisher
insbesondere in den Gebirgslagen der Fall – führt zu deutlichen Veränderungen der
Kulturlandschaft 19

Landschaft. Diese Wiederbewaldung auf den nicht weiter agrarisch genutzten Flächen hat
langfristig ebenfalls einen Wertverlust der Landschaft zur Folge, während in der
Sukzessionsphase durchaus qualitative Wertsteigerungen in den jeweiligen
Kulturlandschaften vorkommen können. Je nach Region ist der eine (Nutzungsintensivierung)
oder andere Trend (Nutzungsaufgabe) des Landschaftswandels dominierend.

Generell halten historische Elemente in der heutigen Landschaft die Geschichte lebendig und
liefern der Bevölkerung ein Bild des damaligen Lebens und Wirtschaftens, wodurch sich die
geschichtlich-kulturelle Bedeutung ergibt (vgl. BRINK, A. U. WÖBSE, H. H., 1989. S.3).

2.3.2 Bedeutung für die Bevölkerung

Die Kulturlandschaften weisen vielfältige Bedeutungen für die in den entsprechenden


Räumen lebenden bzw. zum Zwecke der Erholung und der Freizeit dort verweilenden
Menschen auf. Drei existentielle Werte sind die Lebens- und Wirtschaftsgrundlage (Standort),
die Produktion, z. B. von Lebensmitteln und Energie, sowie die „Ressource Natur“ als
materielle Werte (s. Abb. 3 u. 4). Die Landschaften bieten der Bevölkerung in besonderer
Weise Boden, Wasser und Luft, wobei diese Ressourcen je nach Kulturlandschaft in
unterschiedlicher Quantität und Qualität vorhanden sind.
„Intensiv genutztes Agrarland kann überall auf der Welt gleich aussehen. Und die Wälder, die
sich dort entwickeln, wo die Landwirtschaft aufgegeben wird, gleichen einander ebenfalls
weithin. Der besondere Charakter einer Landschaft wird dagegen oft durch eine Hecke, eine
Baumgruppe, eine Heidefläche, aber auch die Überreste eines Bergwerkes, ein Mühlwehr
oder einen früheren Bahndamm bestimmt“ (KÜSTER, H., 2006. S.13). Dabei ist in der
Öffentlichkeit eine weit verbreitete Meinung, dass nur eine bäuerliche und möglichst
kleinbetriebliche Landwirtschaft die Arten- und Strukturvielfalt sowie den ästhetischen Reiz
der Agrarlandschaft gewährleisten kann (vgl. HAMPICKE, U. In: KONOLD, W. (Hrsg.), 1996.
S.49). „Verkopplung und Flurbereinigung, Kollektivierung und Modernisierung der
Landwirtschaft haben die individuelle Entwicklung und Prägung der Kulturlandschaft
großflächig vereinheitlicht“ (DENECKE, D. In: SCHENK, W. et al. (Hrsg.), 1997. S.45).

Kulturlandschaften sind ein öffentliches Gut an dem jeder partizipieren kann und von dem
niemand ausgeschlossen werden kann (vgl. APOLINARSKI, I. et al. In: MATTHIESEN, U. et al.
(Hrsg.), 2006. S.82ff.). Sie sollten daher als regionales Gemeinschaftsgut der Bevölkerung
angesehen werden.

Die Bedürfnisse nach Orientierung, Information, Schönheit und Heimat stellen die
bedeutendsten Komponenten der Landschaftsbewertung für die Bevölkerung dar (vgl.
WAGNER, J. M., 1999. S.41ff. u. QUASTEN, H. U. WAGNER, J. M., 1996. S.306ff.). „Die
Kulturlandschaft 20

wichtigsten Werte der historischen Kulturlandschaft sind Eigenart und Schönheit“ (WÖBSE,
H. H., 2002. In: DUELLI, R. In: TANNER, K. M. et al., 2006. S.109), woraus sich folglich die
Landschaftsästhetik ableitet (vgl. DUELLI, R. In: TANNER, K. M. et al., 2006. S.103). „Ob wir
[eine Landschaft] als wertvoll erachten, hängt in den meisten Fällen nur indirekt von ihrer
Biodiversität ab“ (DUELLI, R. In: TANNER, K. M. et al., 2006. S.103). Nach Duelli gibt es keine
signifikante Korrelation zwischen dem Artenreichtum einer Landschaft und der
naturräumlichen Ästhetik, wenngleich dies – z.B. bei artenreichen Almwiesen in den Alpen –
durchaus häufig der Fall ist (vgl. DUELLI, R. In: TANNER, K. M. et al., 2006. S.103). Auch
artenarme Landschaften können landschaftliche Ästhetik aufweisen, wie z.B. hochalpine
Gletscherlandschaften, kilometerlange Sandstrände, etc. Somit lässt sich der Wert einer
(Kultur-)Landschaft nicht zwangsläufig direkt mit der Biodiversität in den jeweiligen
Landschaften korrelieren. Bei der Betrachtung der Erlebnisfunktion (Erlebniswert) als eine
wichtige Bedeutung von Kulturlandschaften stehen das Bedürfnis nach Erholung und das
Landschaftserleben im Mittelpunkt (vgl. KANGLER, G. U. VICENZOTTI, V. In: BAUEROCHSE, A.
et al. (Hrsg.), 2007. S.341). Vielfältige, reich strukturierte und somit überwiegend als
ästhetisch zu bezeichnende Landschaften weisen zumeist eine hohe touristische Attraktivität
auf.

Das Bedürfnis nach Orientierung wird maßgeblich durch die Struktur des Raumes
hervorgerufen (vgl. WAGNER, J. M., 1999. S.42). Diese werden durch visuell wahrnehmbare
Ordnungselemente, wie Wege, Grenzlinien, flächenhafte Nutzungseinheiten, Brennpunkte
(Aussichtspunkte, Wegekreuzungen, etc.) und Merkzeichen, die sich durch ihre Einmaligkeit,
Besonderheit, durch Fernwirkung oder durch Kontrastwirkung auszeichnen, hervorgerufen.
„Fehlende oder schlechte Orientierung führt häufig zu Unbehagen, während ein
einprägsames, gut strukturiertes Landschaftsbild dagegen das emotionale Erleben eines
Landschaftsraumes positiv beeinflusst“ (WAGNER, J. M., 1999. S.42).
Das Bedürfnis nach Information (Stimulierung) ist mit dem Erkundungsdrang in Verbindung
zu setzen, welcher durch Neuigkeiten, Überraschungen und Unsicherheiten hervorgerufen
wird (vgl. WAGNER, J. M., 1999. S.43f.). Je mehr Informationen aus einem Raum entnommen
werden können, desto positiver wird sie gemeinhin bewertet. Dies wird durch eine Vielfalt an
Strukturen und Elementen im Raum erreicht, wenngleich ab einer bestimmten Obergrenze ein
Gefühl von Verwirrung und Ablehnung entsteht.
So ist ersichtlich, dass die verschiedenen Kulturlandschaften aufgrund ihrer differenzierten
Merkmale und Ausprägungen zur Herausbildung lokaler und regionaler Kulturen beitragen
und folglich ein entscheidender Baustein für die Schaffung von regionalen Identitäten
(Heimatgefühl) sind (vgl. HÖNES, E.-R. In: BAUEROCHSE, A. et al. (Hrsg.), 2007. S.44ff.). Je
stärker jemand in einer Landschaft zu Hause fühlt, desto positiver wird eine Landschaft als
Identifikationsmerkmal bewertet (vgl. WAGNER, J. M., 1999. S.45f.). Diese heimatlichen
Landschaften liefern das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit. „Die Identifikation […]
mit einem Landschaftsraum […] beruht wesentlich auf der Unterscheidbarkeit der sinnlich
Kulturlandschaft 21

wahrnehmbaren Ausstattung und Beschaffenheit des eigenen Lebensraumes von der


entsprechenden Ausstattung und Beschaffenheit anderer Landschaftsräume“ (WAGNER, J. M.,
1999. S.45).
Das Bedürfnis nach Schönheit steht in direkter Abhängigkeit zu den drei zuvor genannten
Bedürfnissen der Orientierung, Information (Stimulierung) und Identifikation (Heimat) (vgl.
WAGNER, J. M., 1999. S.47). Struktur, Vielfalt, Eigenart, Harmonie und Naturnähe sind dabei
wichtige Funktionen des ästhetischen Wertes der Schönheit. Je nach subjektivem
Kenntnisstand und individuellem Zustand werden unterschiedliche Kulturlandschaften als
„schön“ tituliert.

Ebenso sind „Kulturlandschaften […] in ihrer Sozialfunktion ein wertvolles Allgemeingut für
alle Menschen, für die in städtischen Räumen Lebenden ebenso wie für die Bewohner
ländlicher Gebiete“ (OTT, E., 1997. S.11). Dabei gehen die regionale Identität (Heimatgefühl)
und die Orientierung im Raum heute durch die Suburbanisierungsprozesse, teilweise
Wiederbewaldungen an ertragsschwachen Standorten und die zunehmende agrarische
Vereinheitlichung und Industrialisierung mehr und mehr verloren. Die suburbanen Bereiche
sind ein Raumtyp, welcher häufig weder die Vorteile des ländlichen noch des städtischen
Raumes aufweist, sondern die jeweiligen Nachteile vereinigt (vgl. HÖNES, E.-R. In:
BAUEROCHSE, A. et al. (Hrsg.), 2007. S.95).

„Wir laufen Gefahr den ureigenen Charakter einzelner Landschaften zu verlieren und
bewegen uns auf eine gleichförmige, gleichsam globalisierte Landschaft zu“ (ERMISCHER, G.
In: BAUEROCHSE, A. et al. (Hrsg.), 2007. S.28), in der die Prozesse der „ubiquitären
Verarmung und Homogenisierung“ (BURGGRAAFF, P., 1996. In: WAGNER, J. M., 1999. S.36)
zu beobachten sind. Durch diese Entwicklung entstehen für die Landschaft und deren
Bedeutung negativ zu erachtende Verarmungs-, Verfremdungs-, Normierungs- und
Nivellierungseffekte, die zu „Standardlandschaften“ (SCHENK, W., 2000. S.222) führen (vgl.
WAGNER, J. M., 1999. S.36 u. QUASTEN, H. U. WAGNER, J. M., 1996. S.303).
„Alleinstellungsmerkmale von Kulturlandschaften scheinen zu verschwinden“ (BMVBS U.
BBR, 2006. S.7). Die Nivellierung führt aus soziokultureller Sicht zu einem Verfall und zum
Verlust regionaler Charakterzüge. „Dieser Prozess hat zur Folge, dass das räumlich
differenzierte Muster unterschiedlicher Kulturlandschaften, das sich im Verlauf vieler
Jahrhunderte herausgebildet hat, nunmehr innerhalb einer vergleichsweise kurzen Zeitspanne
zumindest tendenziell wieder aufgelöst wird. Mit wachsender Intensität und Geschwindigkeit
werden sich die verschiedenen Kulturlandschaften immer ähnlicher“ (QUASTEN, H. U.
WAGNER, J. M., 2000. S.253, vgl. auch DOSCH, F. u. BECKMANN, G., 1999a. S.291). Die
genannten Effekte münden durch die ästhetische Wertminderung auch in einer Minderung der
Erlebniswertfunktion, des Heimatgefühls, der geschichtlichen Bezüge und zu einem
Inspirationsverlust. Daraus leitet sich die große Bedeutung ab, die der Erhaltung
Kulturlandschaft 22

unterschiedlich aussehender und genutzter Kulturlandschaften zukommt (vgl. WAGNER, J. M.,


1999. S.37).

2.3.3 Ökologische Bedeutung

Generell lässt sich sagen, dass der Wert der heutigen Kulturlandschaften aus
landschaftsökologischer Sicht sehr unterschiedlich ist. Während städtisch, industriell und
intensiv-agrarisch genutzten Landschaften eine eher geringe ökologische Bedeutung
zugeordnet wird, werden die strukturreichen, kleinbäuerlichen Kulturlandschaften als wertvoll
klassifiziert. In dieser kleinbäuerlichen Landschaft ergeben die vielen unterschiedlichen
Strukturen ein mosaikreiches Landschaftsbild. Viele ökologische Nischen und somit die
Artenvielfalt an Flora und Fauna bleiben häufig nur mit der traditionellen Bewirtschaftung der
Kulturlandschaft erhalten.
Mit dem Naturschutz schützt man in der Großzahl ökologisch wertvolle Kulturlandschaften,
die durch die Tätigkeiten des Menschen erst entstanden sind. Durch die die Landschaft
verändernden Einflüsse des Menschen – im unter natürlichen Bedingungen walddominierten
Mitteleuropa – ist die Anzahl der ökologischen Nischen und Habitate durch die Rodung der
Wälder und die großflächige Offenhaltung vergrößert worden. Daran gekoppelt stieg die
Anzahl der Tier- und Pflanzenarten mit der Entwicklung zunehmend differenzierter
Kulturlandschaften bis zu einem Maximum in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stetig an
(vgl. LANGE, E. In: ANL (Hrsg.), 1995. S.111). „Es war dies die Zeit mit der höchsten
Artenvielfalt in Mitteleuropa. […] Kleinkammerung und Überschaubarkeit kennzeichneten
sie deshalb“ (SCHENK, W., 2000. S.222). Erst durch die weiträumige landwirtschaftliche
Nutzung konnten Arten des Offenlandes in Mitteleuropa heimisch werden bzw. ihre
räumliche Verbreitung ausdehnen. Anschließend gingen mit der immer schnelleren und
zusehends gravierenden Vergrößerung und Vereinheitlichung der Landschaftsstrukturen in
der Land- und Forstwirtschaft sowie auch durch großflächigere und veränderte Bauweisen der
Gebäude und Infrastruktureinrichtungen viele verloren bzw. die Lebensräume wurden
voneinander getrennt, so dass die Anzahl der Arten und auch die Anzahl der Individuen
innerhalb einer Art seitdem allgemein eine abnehmende Tendenz aufweisen. An diesem
Trend ist bis heute trotz vielfältiger Bemühungen keine signifikante Änderung ersichtlich.
„Dieser Verlust an Biodiversität wird von einer gleichzeitigen Reduzierung traditioneller
Kulturlandschaftsstrukturen und deren Elementen begleitet“ (KANGLER, G. U. VICENZOTTI, V.
In: BAUEROCHSE, A. et al. (Hrsg.), 2007. S.342), da eine hohe Biodiversität überwiegend an
extensiv bis höchstens halbintensiv genutzte Kulturlandschaften gebunden ist (vgl.
SCHUMACHER, W. In: OTT, E. (Hrsg.), 1997. S.49).

Neben diesen für die Tier- und Pflanzenwelt wichtigen landschaftsbezogenen Bedeutungen
und Werten ist besonders auch die Regulationsfunktion bei Stoff- und Energiekreisläufen zu
Kulturlandschaft 23

nennen (vgl. Österreichische Raumordnungskonferenz (ÖROK), 2006. S.37, SCHUMACHER,


W. In: OTT, E. (Hrsg.), 1997. S.49 u. HEILAND, S. In: MATTHIESEN, U. et al. (Hrsg.), 2006.
S.52). Freiräume weisen wichtige Bedeutung für den Boden (Erosionsschutz, Filter-,
Transformator- und Pufferfunktion), das Wasser (Grundwasserneubildung, Wasserrückhalt,
Abflussausgleich) und die Luft (Beeinflussung der meteorologischen Größen, wie
Temperatur, Wind, Luftfeuchte) auf.

Die wichtigsten Bedeutungen von Kulturlandschaften sind in Abbildung 4 – nach den drei
Unterkategorien der Geschichte, Bevölkerung und Ökologie gegliedert – zusammenfassend
dargestellt. „Landschaftsbewertung hat jedoch immer zum Ziel, Entscheidungsgrundlage für
die zukünftige Entwicklung zu sein, d.h. dass daraus [Maßnahmen] abgeleitet werden sollen,
um den heutigen Zustand zu erhalten, wenn dieser als gut beurteilt wird, oder diesen zu
verbessern, wenn er als schlecht und verbesserungsfähig beurteilt wird“ (EGLI H.-R. In:
TANNER, K. M. et al., 2006. S.118).

Kulturlandschaften können abschließend als „heterogenes multifunktionales


Gemeinschaftsgut“ (APOLINARSKI, I. et al. In: MATTHIESEN, U. et al. (Hrsg.), 2006. S.82)
bezeichnet werden. Aufgrund der vielfältigen Bedeutungen, die Kulturlandschaften ausüben
können, ist mit der zukünftigen Landschaftsentwicklung eine große Verantwortung
verbunden. Die Grundlage dieser Entwicklung und gegebenenfalls Erhaltung ist an das
Bewusstsein der Bevölkerung gekoppelt (vgl. CURDES, G., 1999. S.334). Die
Kulturlandschaften werden nur dann Bestand haben, wenn auch die kulturelle und
wirtschaftliche Basis Persistenz aufweist (vgl. DOSCH, F. u. BECKMANN, G., 1999a. S.292).
Die intakten Landschaften werden als eine der wichtigsten Ressourcen der Zukunft betrachtet
(vgl. STIENS, G., 1999. S.325).
Kulturlandschaft 24

Abb. 4: Bedeutung von Kulturlandschaften – Geschichte, Bevölkerung, Ökologie –


Eigene Abbildung
Kulturlandschaften in Nordrhein-Westfalen 25

3 Kulturlandschaften und bedeutende Kulturlandschaftsbereiche in


Nordrhein-Westfalen

„Auf der Ebene der Länder sollte ein Inventar der hochwertigen Kulturlandschaften erarbeitet
werden, mit dem zugleich eine Definition ihrer Grenzen und der zu schützenden Elemente
bzw. Ensembles einhergehen könnte“ (CURDES, G., 1999. S.342).

Eine erstmalige konkrete Abgrenzung und Entwicklung von Kriterien für Kulturlandschaften
in Nordrhein-Westfalen wurde 2000 von Burggraaff mit dem Fachgutachten zur
Kulturlandschaftspflege entwickelt (vgl. BURGGRAAFF, P., 2000, BURGGRAAFF, P. In:
SCHENK, W. et al. (Hrsg.), 1997. S.220ff. u. DIX, A., 2000. S.291). Auf Bundesebene leisteten
zwei Jahre zuvor Burggraaff und Kleefeld einen wichtigen Arbeitsschritt zur Abgrenzung
verschiedener Kulturlandschaften für die gesamte Bundesrepublik (vgl. BURGGRAAFF, P. U.
KLEEFELD, K.-D., 1998 u. DIX, A., 2000. S.291f.).

Für die geplante Hinführung zum nordrhein-westfälischen Landesentwicklungsplan 2025


sowie zur Erfüllung der kulturlandschaftlichen Aufgabenstellung des Raumordnungsgesetzes
haben der LWL und LVR unter Zuhilfenahme der Vorleistungen von Burgraaff und Kleefeld
die Landschaften des bevölkerungsreichsten Bundeslandes detailliert und umfassend
untersucht (vgl. LWL U. LVR, 2007a. S.11, s. auch Kap. 2.2, Rechtliche Rahmenbedingungen
von Kulturlandschaften). Die Ergebnisse wurden 2007 als „Kulturlandschaftlicher
Fachbeitrag zur Landesplanung in Nordrhein-Westfalen“ und in der Kurzfassung „Erhaltende
Kulturlandschaftsentwicklung in Nordrhein-Westfalen. Grundlagen und Empfehlungen für
die Landesplanung“ veröffentlicht (vgl. LWL U. LVR, 2007a u. LWL U. LVR, 2007b). Die
hier von den Landschaftsverbänden vorgenommene und im Folgenden kurz vorgestellte
Darstellung der Kulturlandschaften sowie der bedeutsamen und landesbedeutsamen
Kulturlandschaftsbereiche dient in der weiteren Arbeit als Bezugsrahmen zur Abgrenzung der
NRW-Kulturlandschaften. Dabei wurde das gesamte Bundesland in 32 Kulturlandschaften
differenziert, deren prägende Aspekte herausgearbeitet wurden und die sich durch ihre
naturräumlichen Grundlagen, Landnutzungen und Siedlungsformen voneinander abgrenzen
und unterscheiden lassen (s. Karte 1). „Charakterbestimmende Merkmale wie die
naturräumliche Gliederung, das Landschaftsbild, die Siedlungstypen, die regionale Baukultur,
die Landnutzungsstrukturen sowie die historischen territorialen und konfessionellen Grenzen
erlauben es, unterschiedliche Kulturlandschaften zu typisieren und regional abzugrenzen“
(LWL U. LVR, 2007a. S.456).
Kulturlandschaften in Nordrhein-Westfalen 26

Karte 1: Die 32 Kulturlandschaften in Nordrhein-Westfalen


Quelle: LWL U. LVR, 2007b. S.28

Die Abgrenzung weist häufig auch breite Grenzsäume und Übergansbereiche auf, so dass eine
linienscharfe Abgrenzung eigentlich nicht möglich ist. Die naturräumlichen Bedingungen sind
die Voraussetzung für die Etablierung von Gunst- und Ungunsträumen, aber auch für die
Verkehrserschließung und die prägenden Nutzungsarten. Relief, Boden, Wasser, Klima und
Vegetation sind die maßgeblichen naturbedingten Faktoren für die regionalen Ausprägungen
und die Grundlage der Bildung von unterschiedlichen Kulturlandschaften. Nordrhein-
Westfalen zeichnet sich durch eine Vielzahl von Landschaftsbildern aus, die von städtisch-
industriellen Räumen über weitflächige, intensiv genutzte Bördegebiete bis hin zu
kleinräumig gegliederten, eher extensiv genutzten und somit abwechslungs- und
strukturreichen Landschaften reichen. Weiterhin weisen auch die räumlich verschiedenen
Siedlungstypen und regionalen Baukulturen eine große Bedeutung für die Landschaftsstruktur
Kulturlandschaften in Nordrhein-Westfalen 27

auf. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren sowohl die Dorfformen (Einzelhöfe, Weiler,
Angerdörfer, Straßendörfer, Hufendörfer, etc.) als auch die Hausformen inklusive der
Baumaterialen regional verschieden. Diese Mannigfaltigkeit hat sich in den letzten 50 Jahren
deutlich vereinheitlicht und geht mit dem Verlust an regionaler Identität und Eigenart einher.
Dennoch sind einzelne Elemente, wie die Baumaterialen in Zusammenhang mit dem lokal
anstehenden Gestein, bis heute noch zu erkennen. Neben der Analyse war auch die Bewertung
eine entscheidende Aufgabe zur Benennung einzelner Kulturlandschaftsbereiche als
landesbedeutsam bzw. bedeutsam (vgl. LWL U. LVR, 2007a. S.13f.).

Neben den 32 Kulturlandschaften in NRW sind landesbedeutsame und bedeutsame


Kulturlandschaftsbereiche als Teilräume der Kulturlandschaften benannt und abgegrenzt
worden. Insgesamt sind 166 bedeutsame und 29 landesbedeutsame Kulturlandschaftsbereiche
festgelegt worden (s. Karte 2). „Die bedeutsamen Kulturlandschaftsbereiche werden als
raumordnerische Vorbehaltsgebiete vorgeschlagen, die im Zuge der Regionalplanung zu
konkretisieren sind. Die landesbedeutsamen Kulturlandschaftsbereiche werden als
raumordnerische Vorranggebiete vorgeschlagen und sollen als Gebiete zum Schutz der
Kulturlandschaft Eingang in den LEP NRW finden“ (LWL U. LVR, 2007a. S.11f.). Folglich
wird den landesbedeutsamen und bedeutsamen Kulturlandschaftsbereichen für die zukünftige
Landesentwicklung eine bedeutende Erhaltungswürdigkeit zugemessen. „Bedeutsame
Kulturlandschaftsbereiche sind von überregionaler historischer Bedeutung oder repräsentieren
für eine Region typische Entwicklungen“ (LWL U. LVR, 2007a. S.339). Ziele für diese als
bedeutsam deklarierten Kulturlandschaftsbereiche sind die Erhaltung und behutsame
Weiterentwicklung. „Die bedeutsamen Kulturlandschaftsbereiche haben eine herausragende
Stellung innerhalb des gesamten Kulturellen Erbes in Nordrhein-Westfalen z. B. wegen ihres
Erhaltungszustandes, der historischen Dichte oder der räumlichen Persistenz, jedoch nicht
aufgrund einer herausragenden Stellung der Einzelelemente“ (LWL U. LVR, 2007a. S.339).

Die maßgeblichen Kriterien für diese Bereiche sind der historische Wert, der künstlerische
Wert, der Erhaltungswert, der Seltenheitswert, der regionaltypische Wert, der Wert der
räumlichen Zusammenhänge und Beziehungen, der Wert der sensoriellen
Wahrnehmungsebene sowie die Flächen- und Raumrelevanz. Landesbedeutsame
Kulturlandschaftsbereiche sind diejenigen, welche von besonders hoher Bedeutung und
Repräsentanz sind.
Kulturlandschaften in Nordrhein-Westfalen 28

Karte 2: Landesbedeutsame und bedeutsame Kulturlandschaftsbereiche in NRW


Quelle: LWL U. LVR, 2007b. S.69

Die für die weitere Arbeit relevante Kulturlandschaft der Hellwegbörde ist primär eine
agrarisch geprägte Kulturlandschaft, wenngleich besonders entlang des alten Handelswegs
von Unna über Soest nach Salzkotten eine Aneinanderreihung von Klein- und Mittelstädten
zu finden ist. Innerhalb der Kulturlandschaft der Hellwegbörde liegt die großflächig als
landesweit bedeutsamer Kulturlandschaftsbereich klassifizierte Soester Börde mit dem
Hellweg (s. Karten 1, 2 u. Kap. 4, Die Hellwegbörde). Neben den überwiegend
landwirtschaftlich genutzten Landschaftsbereichen, die von den Landschaftsverbänden
Westfalen-Lippe und Rheinland als landesbedeutsam oder bedeutsam eingestuft wurden,
gehören insbesondere historisch bedeutsame Bereiche dazu, wie das für Fundstellen der
gesamten Menschheitsgeschichte bekannte Wesertal zwischen Porta Westfalica und
Schlüsselburg oder die erhaltenen römischen Straßenverläufe am Niederrhein. Die Stadt Köln
Kulturlandschaften in Nordrhein-Westfalen 29

ist ebenso als landesbedeutsam eingestuft worden wie der durch die Montanindustrie geprägte
Zollverein-Nordstern in Essen und Gelsenkirchen inmitten des Ruhrgebietes (s. Tab. 1).
Kulturlandschaften in Nordrhein-Westfalen 30

Nr. Name charakteristische Elemente


1 Wesertal zwischen Porta Westfalica und Schlüsselburg Stromtallandschaft, reiche Fundlandschaft früherer Menschheitsgeschichte
2 Amtsvenn - Ammerter Mark Hochmoor-, Feuchtwiesengebiet, neolithische Siedlungskammer
3 Bischofsstadt Münster mit dem Wigbold Wolbeck mittelalterliches Ensemble (Dom, Kirche, Rathaus)
4 Schloss Nordkirchen und Umgebung Schloss und Park des westfälischen Barock mit Wald-, Park- und Grünring
5 Senne mit angrenzendem Teutoburger Wald Truppenübungsplatz, historische Straßenführungen, archäologische Überreste
6 Lippe - Anreppen - Boker Heide reiche archäologische Fundlandschaft (Römerlager Anreppen, Hünenburg Boke,...)
7 Weser - Höxter - Corvey Benediktinerkonvent Corvey, historische Siedlungsstruktur entlang der Weser
8 Issel - Dingdener Heide ur-, frühgeschichtliche Siedlungsplätze, traditionelle Heidenutzung
9 Xanten römische Stadt mit zahlreichen römischen Elementen (Lager, Wasserleitungen,…)
10 Residenz Kleve - Der Reichswald barocke Residenz mit mittelalterlicher und neuzeitlicher Stadt
11 Mittlere Niers alt-, mittelsteinzeitliche Siedlungs-, Rastplätze, römische Siedlung, Adelssitze
12 Haltern - Lippe - Haard archäologische Fundlandschaft, Haard als großer Waldkomplex
13 Zollverein - Nordstern Montanindustrie mit zahlreichen Bergbauelementen (Zechen, Schächte, Halden,…)
14 Ruhrtal vielfältiges, reich gegliedertes Tal, historische Städte und Dörfer, Wassernutzung
15 Soester Börde - Hellweg gehölzarme Agrarlandschaft mit vielen archäologischen Funden, Trockentäler
16 Römische Limesstraße römische Straßentrasse, römische Besiedlung
17 Köln vorgeschichtliche Siedlungsstätte, fränkische und mittelalterliche Besiedlung, Dom
18 Brühler Schlösser - Vorgebirge römische Siedlungsstätte und Wasserleitung, mittelalterliche Burgen und Dörfer
19 Tal der Wupper fossilführende Kalke (Devon), mittelalterliche und neuzeitliche Siedlungen
20 Briloner Hochfläche intensiv genutzte Agrarlandschaft, römische Funde, Bergbaurelikte
21 Raum Schmallenberg Bodendenkmal Wilzenberg, historischer Stadtkern Schmallenberg
22 Wahner Heide - Siegburg vorgeschichtliche Siedlungsstätte, mittelalterliche Nutzung (Bergbau,…), Biotop
23 Römische Straße Köln - Heerlen römische Straßentrasse mit Besiedlung
24 Erft mit Swist und Rotbach - Euskirchener Börde und Voreifel vorgeschichtliche und römische Siedlungsstätte, Wälder und Agrarlandschaft
25 Aachen fossilführende Kalke (Karbon), römische Thermen, Frühmittelalter: Pfalz und Dom
26 Nordeifel - Römische Straße Köln - Trier fossilführende Kalke (Devon), römische Straßen und Siedlungen, Bergbau
27 Monschauer Land mittelalterliche Burg und Stadt Monschau
28 Siebengebirge vorgeschichtliche Siedlungsplätze, römischer Bergbau
29 Siegen und Umgebung historischer Eisenerz-Abbau, mittelalterliche Burganlagen, Stadt Siegen

Tab. 1: Die 29 landesbedeutsamen Kulturlandschaftsbereiche und deren besonderen Charakteristika


Eigene Tabelle, nach LWL U. LVR, 2007b. S.67-93
Hellwegbörde 31

4 Die Hellwegbörde – ein agrarisch intensiv genutzter Gunstraum im


mittleren Westfalen

4.1 Naturräumliche Grundlagen

4.1.1 Lage

Die Kulturlandschaft der Hellwegbörde reicht am Südabschluss der Westfälischen Bucht von
der Kreisstadt Unna östlich von Dortmund in einem bis zu 30 Kilometer breiten Steifen in
östliche Richtung bis in den Westen des Kreises Paderborn (vgl. LWL U. LVR, 2007b. S.28).
Mit dem Möhne- und Ruhrtal als südliche Grenze der Westfälischen Bucht ragt der
Naturraum an das Südergebirge mit dem Sauerland und Bergischen Land heran. Der östliche
Teil des Kreises Unna, der Süden der kreisfreien Stadt Hamm, weite Bereiche des Kreises
Soest mit Ausnahme der Gebiete nördlich der Lippe (Kernmünsterland) im Norden und den
südlich des Haarstrangs bzw. des Möhne- und Ruhrtals (Sauerland) gelegenen Gebieten,
sowie ein kleines Gebiet im Westen des Kreises Paderborn haben Anteile an der
Hellwegbörde (s. Karte 1). Im Norden grenzt die Hellwegbörde an das Kernmünsterland und
das Paderborner - Delbrücker Land, im Osten an die Paderborner Hochfläche und das mittlere
Diemeltal, im Süden an das Sauerland und im Westen an das Niederbergisch - Märkische
Land und das Ruhrgebiet.

Der als landesbedeutsam deklarierte Kulturlandschaftsbereich innerhalb der Hellwegbörde


reicht von der Stadt Werl im Westen des Soester Kreises in einem wechselnd breiten Streifen
ostwärts entlang der Bundesstraße 1 (B 1) über Soest, Bad Sassendorf, Erwitte und Geseke bis
nach Salzkotten (s. Karte 3).

Karte 3: Landesbedeutsamer Kulturlandschaftsbereich innerhalb der Kulturlandschaft


Hellwegbörde (Nummer 15.01, rot markiert)
Quelle: LWL U. LVR, 2007b. S.69 u. Kartenanhang, verändert
Hellwegbörde 32

4.1.2 Geologie und Relief

Das heutige Erscheinungsbild der Westfälischen Bucht mitsamt der Hellwegbörde als
südlichen Abschluss resultiert einerseits aus der voreiszeitlichen, geomorphologischen
Formung als Schichtstufenland, woraus sich der Muldenbau der Bucht ergibt, und andererseits
aus der eiszeitlichen und nacheiszeitlichen Überformung und Überprägung (vgl. MÜLLER-
WILLE, W., 1966a. S.204). Dabei bilden die voreiszeitlichen Prozesse die Großformen und
wichtigsten Relieftypen der Landschaft heraus, während die glazialen und postglazialen
Prozesse als zweites ordnendes Prinzip bei der Ausgestaltung des Naturraumes der
Westfälischen Bucht und insbesondere auch des Hellweggebietes zu benennen sind. Der
Hellweg wird in die nördliche Nieder- bzw. Unterbörde, die südlich anschließende Oberbörde
(Haarabdachung) und den Höhenzug des Haarstranges als südlichen Abschluss untergliedert.

4.1.2.1 Präglaziale Formung der Westfälischen Bucht

Geologisch betrachtet ist die Westfälische Bucht eine flache Mulde, deren Achse in
Nordwest-Südost-Richtung verläuft (vgl. MÜLLER-WILLE, W., 1966a. S.152). Sie ist
überwiegend mit Ablagerungen der Oberen Kreide (ca. 100 bis 65 Millionen Jahre vor heute)
aus dem späten Mesozoikum (Erdmittelalter) ausgefüllt (s. Karte 4).

Karte 4: Oberflächennahe erdgeschichtliche Formationen ohne die Quartärzeit. Die schwarze


Umrandung markiert die Lage der Hellwegbörde
Quelle: MÜLLER-WILLE, W., 1966b. Abbildung 3, verändert
Hellwegbörde 33

Die Nord- und Ostränder der Westfälischen Bucht wurden während der saxonischen Faltung
(Kreide) aufgebogen und verkippt (Teutoburger Wald, Wiehengebirge), während der
Hellwegbereich erst beim Übergang vom Tertiär (ca. 65 – 2,5 Millionen Jahre vor heute) zum
Quartär (2,5 Millionen Jahre vor heute bis heute) allmählich gehoben wurde. Bei dieser
Hebung des nördlichen Rheinischen Schiefergebirges wurden die Kreideschichten der
südlichen Bucht nicht in dem Maße steil gestellt wie diejenigen Schichten am Teutoburger
Wald und dem Wiehengebirge an der nördlichen und östlichen Buchtgrenze, jedoch hat diese
Hebung direkte Auswirkungen auf das oberflächlich anstehende Festgestein aus der
Oberkreide, welches sich je nach Entstehungszeit und -bedingung in der Zusammensetzung
und Mächtigkeit unterscheidet (s. u.). Aus dieser tertiärzeitlichen Hebung resultiert der
Anstieg des Hellwegraumes von der Lippe im Norden mit einer Höhenlage von nur etwa 70 m
ü NN auf etwa 250 bis knapp 400 m ü NN auf dem Haarkamm im Süden. Dabei steigt der
Haarstrang von West nach Ost an und erreicht in der Spitzen Warte nördlich von Rüthen mit
389 m ü NN den höchsten Punkt (vgl. FEIGE, W. In: MAYR, A. U. TEMLITZ, K. (Hrsg.), 1991.
S.26). Allgemein ist also ein von Nordwest (Hamm/Lippetal) nach Südost (Spitze Warte)
ansteigendes Gelände für den Hellwegraum charakteristisch, in der die Steigung zumeist
gering ist und etwa 1 bis 3° beträgt (vgl. MÜLLER-WILLE, W., 1966a. S.158). Daraus ergibt
sich eine zumeist nur geringe Reliefenergie, wobei die teilweise deutlich eingeschnittenen
Schledden sowie der Südhang des Haarstrangs Ausnahmen bilden (vgl. LWL U.
GEOGRAPHISCHE KOMMISSION FÜR WESTFALEN (Hrsg.), 1985. Themenbereich II
Reliefenergie).

Die Ablagerungen aus dem Paläozoikum (Erdaltertum, ca. 540 bis 250 Millionen Jahre vor
heute), welche südlich der Westfälischen Bucht im Südergebirge oberflächlich anstehen,
wurden in der Westfälischen Bucht durch die Sedimentation im Mesozoikum und
insbesondere während der Oberkreide (Oberkreidemeer) überdeckt (vgl. MÜLLER-WILLE, W.,
1966a. S.156f.). Im Süden der Westfälischen Bucht sind aus dem Erdmittelalter ausnahmslos
kreidezeitliche Ablagerungen bekannt, da zuvor größtenteils Festlandbedingungen
vorherrschten (vgl. GEOLOGISCHES LANDESAMT NORDRHEIN-WESTFALEN (Hrsg.), 1995a.
S.22). Die Unterteilung der Oberkreide, in der die Entwicklung der Westfälischen Bucht als
eigene tektonische Baueinheit begann, erfolgt zeitlich aufeinander folgend in die
Untereinheiten Cenoman, Turon, Emscher und Senon (vgl. TEMLITZ, K. In: HEINEBERG, H.
(Hrsg.), 2007. S.27; s. Karte 4). In der oberflächennahen Anordnung kommt der Muldenbau
deutlich zum Vorschein, wobei besonders in der nördlichen Hälfte der Hellwegbörde die
kreidezeitlichen Sedimente durch die quartären Ablagerungen überdeckt wurden. Am Rand
der Bucht sind die ältesten Sedimente aus dem Cenoman als schmaler Steifen vorherrschend,
während zum Buchtinneren immer jüngere Sedimente vorherrschen, so dass der Kern der
Bucht von den jüngsten Sedimenten des Senon ausgefüllt wird. Die Cenoman-Schichten sind
in der Börde rund um Soest nur auf der Haarhöhe als schmaler Streifen oberflächlich
vorhanden, während sich weiter nordwärts ein mehrere Kilometer breiter Streifen der Turon-
Hellwegbörde 34

Schichten anschließt, dessen Nordgrenze von Werl über Soest, Geseke und Salzkotten nach
Paderborn parallel des Hellweges verläuft. Zu Beginn der Oberkreide (Cenoman) wurden
sowohl sandig-mergelige bis mergelig-kalkige Gesteine (Cenoman-Mergel) als auch
Kalkmergelsteine und Mergelkalksteine (Cenoman-Pläner) gebildet (vgl. GEOLOGISCHES
LANDESAMT NORDRHEIN-WESTFALEN (Hrsg.), 1995a. S.26ff.). In den Turonschichten
herrschen Tonmergel-, Mergelkalk- und Kalkmergelsteine vor. Nördlich des Hellweges,
welcher heute etwa durch die Hauptverkehrsstraße der B 1 eingegrenzt werden kann,
erscheinen die Emscher-Schichten (Coniac) als zu oberst gelegene kreidezeitliche
Ablagerungen, welche von Tonmergeln geprägt werden und allgemein kalkärmer sind als die
darunter liegenden und weiter südlich an die Oberfläche ausstreichenden Cenoman- und
Turonschichten. In etwa ab den Lippeniederungen sind dann die Senon-Schichten
vorherrschend, welche den gesamten zentralen Buchtkörper einnehmen. Folglich dominieren
am Hellweg die Schichten des Turon und Emscher.
Die gesamten Ablagerungen der Oberen Kreide bestehen aus Tonen und Kalken, die einzeln
oder in mächtigen Bänken auftreten, wobei der Kalkgehalt je nach Tiefe, Ausprägung und
Küstenentfernung des Oberkreidemeeres schwankt (vgl. MÜLLER-WILLE, W., 1966a. S.161).
Im Hellweggebiet nimmt der Kalkgehalt gemeinhin nach Westen hin ab, wodurch der stärkere
Abtrag und somit die geringere Höhe des Haarkammes nach Westen hin zu erklären ist (vgl.
MÜLLER-WILLE, W., 1966a. S.166). Einzelne Kalkbänke weisen einen CaCO3-Gehalt von
mehr als 90 % auf (vgl. FEIGE, W. In: MAYR, A. U. TEMLITZ, K. (Hrsg.), 1991. S.26).

Der Charakter der Bucht als Schichtstufenland, wobei die steileren Stufenstirne nach Süden
zum Sauerland und die flacheren Stufenflächen zur Westfälischen Bucht geneigt sind, wird
durch den Muldenbau sowie die Verteilung und Ausbildung der Kreideschichten bestimmt
und entstand mit der Hebung des nördlichen Rheinischen Schiefergebirges beim Übergang
von der Kreide zum Tertiär (vgl. MÜLLER-WILLE, W., 1966a. S.164 u. FEIGE, W. In: MAYR,
A. U. TEMLITZ, K. (Hrsg.), 1991. S.26). Durch diese Heraushebung und leichte Schrägstellung
liegen im Süden auf dem Haarstrang die ältesten Oberkreideschichten (Cenoman), die nach
Norden in immer jüngere Schichten der Oberkreide (Turon, Emscher, Senon) übergehen.
Aufgrund des in Teilen hohen Kalkgehaltes der Gesteine hat sich insbesondere im östlichen
Hellweggebiet und weiter östlich auf der Paderborner Hochfläche aufgrund des noch höheren
Kalkgehaltes in noch deutlicherer Ausprägung ein Halbkarstgebiet entwickelt (vgl. MÜLLER-
WILLE, W., 1966a. S.204). Da in regenreichen Phasen bzw. während der Schneeschmelze ein
beträchtlicher Teil des anfallenden Wassers oberflächlich abfließt, spricht man von einem
Halbkarst. Nur bei vollständig unterirdischer Entwässerung wird vom Vollkarst gesprochen
(vgl. LWL U. GEOGRAPHISCHE KOMMISSION FÜR WESTFALEN (Hrsg.), 1985. Begleittext
Themenbereich II Karst. S.26). Die Karstausprägung wird im Hellweggebiet westwärts immer
schwächer, da sich mit abnehmendem Kalkgehalt kein typisches Karstgebiet herausbilden
konnte. Die Hellwegbörde wird durch die hier als „Schledden“ bezeichneten (Trocken-) Täler
gegliedert, welche dem Relief folgend etwa in Süd-Nord-Richtung verlaufen (s. Foto 6).
Hellwegbörde 35

Diese Schledden führen periodisch oder episodisch oberflächliches Wasser und reagieren sehr
empfindlich auf die Witterung. In das Gelände der Haarabdachung (Oberbörde) haben sich
die Schluchttäler einige Meter in das Gelände eingeschnitten und münden mit Schuttkegeln in
der fast ebenen Niederbörde.

Als abbaufähige Festgesteine sind Karbonatgesteine östlich von Soest in einem von West
nach Ost verlaufenden Streifen zu nennen, die das Gebiet Erwitte, Anröchte und Geseke
umfassen (vgl. LWL U. GEOGRAPHISCHE KOMMISSION FÜR WESTFALEN (Hrsg.), 1985.
Themenbereich II Abbauwürdige Lagerstätten). Diese marinen Ablagerungen sind zumeist als
helle Plänerkalksteine des späten Turon und früheren Emscher ausgebildet und werden für die
Zementindustrie in Erwitte, Geseke und Paderborn gebrochen (vgl. LWL U. GEOGRAPHISCHE
KOMMISSION FÜR WESTFALEN (Hrsg.), 1985. Begleittext Themenbereich II Karst. S.27 u.
GEOLOGISCHES LANDESAMT NORDRHEIN-WESTFALEN (Hrsg.), 1995a. S.100). In den Turon-
Schichten ist insbesondere im Bereich Werl – Soest – Anröchte eine für den Soester Raum
typische grünsandige Ausprägung vorhanden, welche häufig noch bei älteren Gebäuden
(Bauerhäuser, Kirchen) anzutreffen ist und Teile der mittelalterlichen Kreisstadt Soest prägt
(s. Fotos 7 u. 8). Dieses Gestein wird auch als Hellweggrünstein bezeichnet und gelegentlich
je nach örtlicher Ausprägung als Werler, Soester und Anröchter Grünsandstein benannt (vgl.
MAASJOST, L. In: GEOGRAPHISCHE KOMMISSION FÜR WESTFALEN (Hrsg.), 1986. S.379ff.).

4.1.2.2 Glaziale und postglaziale Überformung

Nachdem mit den Ablagerungen der Kreidezeit und im Tertiär mit der Heraushebung der
südlichen Westfälischen Bucht zum leicht nach Süden ansteigenden Haarstrang die
Grundstruktur des heutigen Hellwegraumes geschaffen wurde, folgte im Quartär die
eiszeitliche und auch nacheiszeitliche Überformung im Anschluss an die tertiären
Verwitterungs- und Abtragungsprozesse. Besonders entscheidend für die heutige Form und
die Schaffung der fruchtbaren Hellwegbörde waren die beiden letzten Gletschervorstöße
während des Pleistozäns (Eiszeitalter, ca. 2,5 bis 0,01 Millionen Jahre vor heute). Dies sind
die Saale-Eiszeit etwa 230.000 bis 130.000 Jahre vor heute und das Weichsel-Glazial,
welches vor ca. 115.000 Jahren begann, bis 10.000 Jahre vor heute reichte und in das Holozän
(Nacheiszeit) überging. Die beiden Eiszeiten wurden durch das Eem-Interglazial (Warmzeit)
getrennt. Die vor der Saale-Eiszeit und dem Holstein-Interglazial erfolgte Elster-Eiszeit weist
in weiten Bereichen des mitteleuropäischen Raumes einen ähnlich weit nach Süden
gerichteten Gletschervorstoß wie die Saale-Eiszeit auf. Für den westfälischen Raum gibt es
hierfür keine deutlichen Anzeichen, so dass die Elster-Eiszeit wohl nicht die Westfälische
Bucht erreichte. Dahingegen war die Bucht während des Drenthe-Stadiums in der Saale-
Eiszeit gänzlich mit Eis bedeckt (vgl. MÜLLER-WILLE, W., 1966a. S.181f.). Im Bereich des
Haarstranges reichte der am weitesten nach Süden gerichtete Gletschervorstoß aus
Hellwegbörde 36

nordwestlicher Richtung (Emsland-Gletscher) in etwa bis zum Haarkamm (vgl. SERAPHIM, E.


T. In: GEOGRAPHISCHE KOMMISSION FÜR WESTFALEN (Hrsg.), 1980. S.16f. u. LIEDTKE, H. In:
HEINEBERG, H. (Hrsg.), 2007. S.36; s. Karte 5).

Karte 5: Pleistozäne Ablagerungen und Formungen. Die schwarze Umrandung markiert die
Lage der Hellwegbörde
Quelle: MÜLLER-WILLE, W., 1966b. Abbildung 8, verändert

Maßgeblichen Einfluss auf das heutige Erscheinungsbild des Hellwegraumes hatte die
Weichsel-Eiszeit, wenngleich die Gletscher den westfälischen Raum nicht erreichten, sondern
die südwestlichste Ausdehnung nur etwa bis zur Elbe reichte (vgl. MÜLLER-WILLE, W.,
1966a. S.185). Somit lag der Hellwegraum im Periglazialgebiet. Löss sowie in geringerem
Umfang auch Sandlöss und Flugsand wurden äolisch advehiert und lagerten sich am
Hellwegaufstieg sowie im Lee des Haarstrangs ab, wodurch die Grundvoraussetzung für eine
fruchtbare Bodenentwicklung gegeben war. Heute ist der Löss weitgehend entkalkt und
durchweg als Lösslehm vorhanden. „Der Löss als ‚Geschenk’ kaltzeitlicher Staubstürme kann
in seiner Bedeutung als bodenbildender Faktor nicht hoch genug eingeschätzt werden“
(MERTENS, H. In: MAYR, A. U. TEMLITZ, K. (Hrsg.), 1991. S.44). Mit der Anwehung aus den
weitgehend vegetationslosen bzw. vegetationsarmen nordwestlichen Nachbargebieten
(Münsterland, Niederrhein) wurde der Hellwegraum flächendeckend je nach lokalen
Gegebenheiten in unterschiedlicher Mächtigkeit überzogen, wobei die Hauptsedimentation im
Hellwegbörde 37

Hochglazial vor 30.000 bis 13.000 Jahren stattfand (vgl. MERTENS, H. In: MAYR, A. U.
TEMLITZ, K. (Hrsg.), 1991. S.44f. u. SKUPIN, K. In: MAYR, A. U. TEMLITZ, K. (Hrsg.), 1991.
S.55). Die Flugsandsedimentation reichte bis weit in das Holozän hinein (vgl. GEOLOGISCHES
LANDESAMT NORDRHEIN-WESTFALEN (Hrsg.), 1995a. S.71). Von Süd nach Nord nimmt die
Lössmächtigkeit stetig zu und erreicht punktuell sogar mehr als 20 m in der Unterbörde (vgl.
GEOLOGISCHES LANDESAMT NORDRHEIN-WESTFALEN (Hrsg.), 1995a. S.47).

Mit den Verwitterungs- und Bodenbildungsprozessen ging der Calciumcarbonatgehalt


(CaCO3) zurück und durch die freigesetzten Eisenverbindungen entstand aus der zunächst
gelbgrauen eine eher bräunliche Färbung. Durch Zerfall und Umbildung feinster
Mineralbestandteile stieg der Tongehalt an und der Löss „verlehmte“. Auch wenn man von
Löss spricht, wird damit gemeinhin Lösslehm gemeint, da der Primärlöss mit Kalkgehalten
von acht bis 20 % metertief verwitterte, entkalkte und außerdem nur noch in tiefen
Aufschlüssen nachzuweisen ist (vgl. LIEDTKE, H. U. MARCINEK, J. (Hrsg.), 2002. S.414).
Neben den äußerst fruchtbaren Bodeneigenschaften ist der innere Zusammenhalt durch den
hohen Schluffanteil gering, so dass Erosion schon bei geringen Neigungen wie in der
Hellwegbörde auftritt.

Die Erosionsvorgänge „erreichten gravierende Ausmaße in den mittelalterlichen


Rodungsperioden“ (MERTENS, H. In: MAYR, A. U. TEMLITZ, K. (Hrsg.), 1991. S.45). Dieser
Prozess hat sich bis heute fortgesetzt, so dass der Haarbereich und die südliche Oberbörde
teilweise gänzlich lössfrei sind. Die Lösslehme weisen im Werler und Soester Bereich mit bis
zu 18 km die größte Ausdehnung auf und laufen nach Nordosten über Erwitte und Geseke in
einem schmalen Streifen langsam aus (s. Karte 6). Während in der Niederbörde und im
zentralen Bereich des Hellwegraumes der Löss durchschnittlich ein bis drei Meter mächtig ist,
weisen weiter südöstlich und hangaufwärts befindliche Bereiche nur Mächtigkeiten von
wenigen Dezimetern auf (vgl. MERTENS, H. In: MAYR, A. U. TEMLITZ, K. (Hrsg.), 1991.
S.45ff.). In der Oberbörde sind nur noch die Unterhänge mit einer nach Süden abnehmenden
und auslaufenden Lössmächtigkeit bedeckt. Wie bereits erwähnt und in Karte 6 ersichtlich,
nimmt das Ausmaß der Lössbedeckung nach Osten hin ab, so dass Verwitterungslehme
häufiger werden (vgl. MERTENS, H. In: MAYR, A. U. TEMLITZ, K. (Hrsg.), 1991. S.48ff.). Bei
der chemischen Verwitterung der Carbonatgesteine durch den Einfluss des
kohlensäurehaltigen Niederschlagswassers wird Kalk abgeführt und unlösliche
Residualsubstanzen (Tonerde, Eisenhydroxid und Kieselsäuren) verbleiben zurück (s. auch
Kap. 4.1.3, Boden).

Grundsätzlich stellen sich die drei Haupteinheiten der Hellwegbörde folgendermaßen dar:
Erstens die durch Kalkgestein und Karstformen geprägte Haarhöhe, welche durch die
Abtragungsprozesse mittlerweile lössfrei ist, zweitens die Oberbörde, deren kalkhaltiger
Gesteinsuntergrund zumeist von Lösssedimenten überdeckt ist und die von zahlreichen
Hellwegbörde 38

Schledden durchschnitten wird, und drittens die durch den Löss und leichte Bodenwellen
(Emscherschichten) geprägte Unterbörde.

Karte 6: Grobe Klassifizierung der Gesteinsarten in Nordrhein-Westfalen. Die schwarze


Umrandung markiert die Lage der Hellwegbörde
Quelle: LWL U. GEOGRAPHISCHE KOMMISSION FÜR WESTFALEN (Hrsg.), 1985. Themenbereich
II Gesteinsarten, verändert

4.1.3 Boden

Die zuvor vorgestellten geologischen Bedingungen haben direkte Auswirkungen auf die
Verwitterung und Abtragungsprozesse sowie die Entwicklung der Böden im Hellweggebiet
im Anschluss an die periglaziale Überformung während des Weichsel-Glazials. Weiterhin
haben auch das Klima (s. u.), die Bodenorganismen und der Wasserhaushalt bedeutsamen
Hellwegbörde 39

Einfluss auf die Pedosphäre (vgl. LANDESUMWELTAMT NORDRHEIN-WESTFALEN [LUA NRW]


(Hrsg.), 2000. S.13).
Im Hellweggebiet dominieren aufgrund der flächenhaften Lössbedeckung in dem zentralen
Streifen von Unna und Wickede (Ruhr) im Westen über den Werler, Soester und Erwitter
Raum bis Salzkotten als östliche Begrenzung die Parabraunerden und Pseudogley-
Parabraunerden (vgl. vgl. LWL U. GEOGRAPHISCHE KOMMISSION FÜR WESTFALEN (Hrsg.),
1985. Themenbereich II Bodentypen; s. Karte 7). Ab einer Lössmächtigkeit von etwa 1 m
entwickeln sich Parabraunerden und Pseudogley-Parabraunerden, während bei
geringmächtigeren Lössauflagen häufig Braunerden und Pseudogley-Braunerden (s. u.)
dominieren (vgl. GEOLOGISCHES LANDESAMT NORDRHEIN-WESTFALEN (Hrsg.), 1995a.
S.126). Ebenso wie die Verbreitung der Lössbedeckung laufen auch die darauf entwickelten
(Pseudogley-) Parabraunerden nach Nordosten hin in einem schmalen Streifen aus, so dass die
Nord-Süd-Erstreckung dieser Bodentypen im westlichen Hellwegraum am größten ist. Die
durch Lessivierung (Tonverlagerung) begründeten Bildungsprozesse zu Parabraunerden sind
typisch für Lössregionen der Bördelandschaften (vgl. LWL U. GEOGRAPHISCHE KOMMISSION
FÜR WESTFALEN (Hrsg.), 1985. Begleittext Themenbereich II Böden. S.9ff.). Diese
Tonverlagerung aus dem Oberboden in die unteren Horizonte und Schichten des
Bodenkörpers kann auf ebenen bis nur gering geneigten Flächen wasserstauende Wirkung
hervorrufen, wodurch sich Pseudogley-Parabraunerden entwickeln. In den Lössgebieten der
Hellwegbörde befinden sich „aufgrund des hohen Basengehaltes der carbonathaltigen
[Lösssedimente] und der hohen Wasserspeicherfähigkeit […] [die] fruchtbarsten Böden
Westfalens“ (vgl. LWL U. GEOGRAPHISCHE KOMMISSION FÜR WESTFALEN (Hrsg.), 1985.
Begleittext Themenbereich II Böden. S.11). Die ackerbaulich gut zu bewertenden
Eigenschaften sind leichte Bearbeitbarkeit, eine ausgezeichnete Sorptionsfähigkeit für
Nährstoffe, ein großes Speichervermögen für pflanzenverfügbares Wasser und folglich hohe
Ernteerträge (vgl. MERTENS, H. In: MAYR, A. U. TEMLITZ, K. (Hrsg.), 1991. S.45).
Dementsprechend werden diese schluffigen Lehmböden mit Bodenpunkten von
durchschnittlich 60 bis 85 intensiv ackerbaulich genutzt, wozu besonders der Getreideanbau
beiträgt (vgl. HÖLKER, M., 2008. S.10; s. Fotos 1 - 3). Deutschlandweit beträgt die
durchschnittliche Bodenpunktezahl des 100-skaligen Bewertungsmaßstabes 44 (vgl. LIEDTKE,
H. U. MARCINEK, J. (Hrsg.), 2002. S.276). Nach Norden vermindert sich in der Tendenz die
Bodenfruchtbarkeit, so dass nördlich der B 1 die durchschnittliche Bodenpunktezahl noch
zwischen 50 und 65 liegt, da Grund- und Stauwassereinflüsse näher an die Oberfläche treten
(Pseudogleye und Pseudogley-Parabraunerden). Bei nur geringen Erhöhungen
(Geländerücken) und somit trockeneren Bedingungen innerhalb der Unterbörde erhöht sich
die Bodenpunktezahl wieder auf die Wertezahlen von 70 bis 80. Im Nordwesten des
Hellwegraumes zwischen Unna und Werl im Süden und der Lippeniederung bei Hamm im
Norden dominieren Pseudogleye (vgl. LWL U. GEOGRAPHISCHE KOMMISSION FÜR
WESTFALEN (Hrsg.), 1985. Themenbereich II Bodentypen). Ebenso sind „zeitweise vernässte
Stauwasserböden“ (LWL U. GEOGRAPHISCHE KOMMISSION FÜR WESTFALEN (Hrsg.), 1985.
Hellwegbörde 40

Begleittext Themenbereich II Böden. S.13f.) in kleinräumigem Ausmaß in der südöstlichen


Oberbörde und auf dem östlichen Haarstrang im Bereich Anröchte anzutreffen. Während im
nordwestlichen Gebiet zwischen Werl, Unna und Hamm die grundwassernahen Standorte der
Flüsse Lippe und Ahse sowie die Überlagerung des kreidezeitlichen Verwitterungshorizontes
mit angewehtem bzw. glazial-fluviatil herangeführtem sandigen Bodenmaterial für die
Pseudogleybildung entscheidend sind, hängt die Entwicklung in der südöstlichen Oberbörde
und auf dem östlichen Haarstrang primär mit den tonigen Rückständen der
oberkreidezeitlichen Gesteine zusammen (s. Kap. 4.1.2, Geologie und Relief; s. Foto 5).

Südlich der (Pseudogley-) Parabraunerden schließt sich ein etwa vom südlichen Soester Raum
im Westen nach Osten verbreiterndes Gebiet mit Dominanz von Braunerden und Pseudogley-
Braunerden an (vgl. LWL U. GEOGRAPHISCHE KOMMISSION FÜR WESTFALEN (Hrsg.), 1985.
Themenbereich II Bodentypen). Somit herrscht eine grobe Zweigliederung zwischen den
Hauptbodentypen der Parabraunerden im nordwestlichen und zentralen Hellwegraum im
Bereich mächtiger Lössauflagen und den Braunerden im südöstlichen Gebiet auf einer
geringmächtigen Lössschicht bzw. direkt auf den Oberkreidegesteinen vor. Das Gebiet der
(Pseudogley-) Braunerden wird nur kleinräumig von Pseudogleyen sowie Rendzina- und
Braunerde-Rendzina-Böden (s. u.) untergliedert. Die Braunerden entwickelten sich als
zumeist flachgründiger, basenreicher und lehmiger Bodentyp auf Kalkstein (vgl. LWL U.
GEOGRAPHISCHE KOMMISSION FÜR WESTFALEN (Hrsg.), 1985. Begleittext Themenbereich II
Böden. S.9; s. Kap. 4.1.2, Geologie und Relief). Pseudovergleyung tritt hierbei teilweise in
ebenen Gebieten und besonders bei Muldenlagen auf. Auf diesem Bodentyp dominiert bei
ausreichender Bodenmächtigkeit der Ackerbau, wobei die Bodenpunktezahl geringer ist als
die 60 bis 85 für Parabraunerden auf den Lössstandorten (vgl. HÖLKER, M., 2008. S.11 u. vgl.
MERTENS, H. In: MAYR, A. U. TEMLITZ, K. (Hrsg.), 1991. S.49).

Die (Braunerde-) Rendzinen treten in den von Braunerden dominierten Gebieten besonders
auf erosionsanfälligen, exponierten Geländepunkten (östliche Oberbörde) auf. Die aus den
Verwitterungsprodukten des Kalksteines entwickelten Rendzinen im Raum Anröchte sind
flachgründig mit humusreichem Ah-Horizont (vgl. LWL U. GEOGRAPHISCHE KOMMISSION
FÜR WESTFALEN (Hrsg.), 1985. Begleittext Themenbereich II Böden. S.7 u. LIEDTKE, H. U.
MARCINEK, J. (Hrsg.), 2002. S.261). Auf diesem Boden kann nur wenig Wasser
oberflächennah gehalten werden, so dass der Großteil in den Untergrund abgeführt wird
(Karst).

In den Fluss- und Bachniederungen des Hellwegraumes haben sich mit Pseudogleyen und
Gleyen in räumlich geringem Ausmaß Auenböden entwickelt (vgl. LWL U. GEOGRAPHISCHE
KOMMISSION FÜR WESTFALEN (Hrsg.), 1985. Themenbereich II Bodentypen). In den Gebieten
der Unterbörde mit umgelagertem Löss aus den höher gelegenen Gebieten haben sich
Hellwegbörde 41

ebenfalls Pseudogleye und Gleye entwickeln können. Diese treten besonders in der
nordöstlichen Hellwegbörde zwischen Lippstadt, Erwitte und Geseke auf.

Karte 7: Bodentypen im südöstlichen Westfalen. Die schwarze Umrandung markiert die Lage
der Hellwegbörde
Quelle: LWL U. GEOGRAPHISCHE KOMMISSION FÜR WESTFALEN (Hrsg.), 1985. Themenbereich
II Bodentypen, verändert

4.1.4 Klima

Als Klima wird der charakteristische Durchschnitt der Wetter- und Witterungsbedingungen
verschiedener Parameter (Temperatur, Niederschlag, Wind, etc.) an einem Standort über
einen ausreichend langen Zeitraum bezeichnet.

In der nordwestlichen Hälfte der Hellwegbörde in etwa bis zur Linie Unna – Soest – Geseke
liegt die Jahresdurchschnittstemperatur des 50-jährigen Zeitraumes von 1881-1930 bei über 9
°C (vgl. DEUTSCHER WETTERDIENST (DWD), 1960. S.6-11). Mit zunehmender Höhenlage
sinkt südostwärts die Durchschnittstemperatur auf etwa 8 °C. Diese Angaben sind
Durchschnittswerte über mehrere Jahrzehnte, so dass berücksichtigt werden muss, dass in
Hellwegbörde 42

einzelnen Jahren teilweise deutliche Abweichungen mit negativem oder positivem Vorzeichen
auftreten. Die Zeiträume von 1931 bis 1960 und von 1960 bis 1980 weisen nahezu die
gleichen Durchschnittstemperaturen auf (vgl. LWL U. GEOGRAPHISCHE KOMMISSION FÜR
WESTFALEN (Hrsg.), 1985. Themenbereich II Lufttemperatur u. LUA NRW (Hrsg.), 2000.
S.16f.; s. Karte 8).

Karte 8: Lufttemperaturmittel im Zeitraum 1960 bis 1980. Die schwarze Umrandung markiert
die Lage der Hellwegbörde
Quelle: LWL U. GEOGRAPHISCHE KOMMISSION FÜR WESTFALEN (Hrsg.), 1985. Themenbereich
II Lufttemperatur, verändert

Die Hellwegbörde ist neben der Niederrheinischen Bucht, dem Ruhrgebiet und dem
südwestlichen Münsterland eines der wärmsten Gebiete NRWs. Die Temperaturunterschiede
zwischen den Niederungen nördlich von Werl und Soest und den Höhen des Haarstranges
betragen im Mittel ein bis zwei Kelvin. Die für die Landwirtschaft entscheidende
Vegetationsperiode verkürzt sich folglich mit zunehmender Höhenlage. In einem schmalen
Streifen über Dortmund, Unna, Werl und Soest ostwärts etwa bis Geseke liegen an
durchschnittlich 240 Tagen pro Jahr die Tagesmitteltemperaturen bei mindestens 5 °C.
Nördlich in der Lippeniederung, weiter östlich und mit zunehmender Höhenlage im Süden
vermindert sich die Vegetationsdauer und erreicht auf dem östlichen Haarkamm nur noch 215
Tage (vgl. DWD, 1960. S.24ff. u. BECKS, F., 1983. S.26). Der mittlere Klimaunterschied
Hellwegbörde 43

zwischen der Niederbörde und dem Haarstrang weist eine Zeitdauer von etwa zwei Wochen
auf (vgl. HÖLKER, M., 2008. S.12).

Für den Zeitraum von 1891 bis 1930 liegen die mittleren Jahresniederschlagssummen in der
Niederbörde unter 700 mm (vgl. DWD, 1960. S.38-51 u. MÜLLER-WILLE, W., 1966b. Abb.
10). Somit ist die untere Hellwegbörde neben den Leegebieten der Eifel, des Rothaargebirges
und des Weserberglandes eines der niederschlagsärmsten Gebiete Nordrhein-Westfalens. Für
die Referenzzeiträume von 1931 bis 1960 und 1951 bis 1980 liegen die
Niederschlagssummenwerte allgemein etwas höher und unterschreiten im Mittel nicht mehr
die 700 mm (vgl. LWL U. GEOGRAPHISCHE KOMMISSION FÜR WESTFALEN (Hrsg.), 1985.
Themenbereich II Jahresniederschlag; s. Karte 9).

Karte 9: Durchschnittliche Jahresniederschlagssumme im Zeitraum von 1951 bis 1980. Die


schwarze Umrandung markiert die Lage der Hellwegbörde
Quelle: DWD In: LUA NRW (Hrsg.), 2000. S.116, verändert
Hellwegbörde 44

Nach Süden steigt die mittlere Niederschlagssumme an. Im flacheren westlichen


Haarstrangbereich erreichen die Jahresniederschlagssummen etwa 800 mm und erhöhen sich
ostwärts mit zunehmender Höhenlage auf die genannten etwa 900 mm (vgl. MÜLLER-WILLE,
W., 1966a. S.214). Die Hellwegbörde liegt bei der hier dominierenden Windrichtung aus
West/Südwest im Lee des Bergischen Landes und nördlichen Sauerlandes
(Niederschlagsdefizitgebiet). Der Jahresgang in der Hellwegbörde zeigt ein sommerliches
Niederschlagsmaximum (vgl. DWD, 1960. S.52). Im Herbst und Frühjahr befinden sich zwei
Minima, die von einem sekundären Maximum im Winter (Dezember/Januar) getrennt werden.

Der für klimatologische Folgerungen eigentlich zu kurze und somit (noch) nicht
repräsentative Zeitraum von 1993 bis 2002 weist für den Standort Bad Sassendorf-
Ostinghausen einen deutlichen Sprung nach oben bei der Jahresdurchschnittstemperatur und
auch bei der Jahresniederschlagssumme auf (vgl. HÖLKER, M., 2008. S.12). Die in den letzten
zwei Jahrzehnten rasche und nahezu weltumspannend erfolgte Erwärmung wird als Beginn
einer sich intensivierenden, anthropogen bedingten Klimaänderung mit einem höheren
Temperaturniveau und somit einhergehend extremeren Einzelereignissen gewertet (s. auch
Kap. 5.1, Klimawandel). Die Station Ostinghausen wies im Zeitraum 1951 bis 1980 eine
Durchschnittstemperatur von 9,1 °C auf. Der Zeitraum von 1993 bis 2002 erreichte mit dem
Temperaturmittel von 10,1 °C bereits einen zweistelligen Wert. Weiterhin fielen in diesem
Zeitraum mit durchschnittlich etwa 860 mm mehr als 100 mm mehr Niederschlag als in dem
30-jährigen Zeitraum 1951 bis 1980 mit circa 750 mm.

4.2 Abriss der Landnutzungsgeschichte

Die ersten Funde des Menschen in der Hellwegbörde, die zu den ältesten Siedelplätzen in
Mitteleuropa zählt, sind aus der Altsteinzeit von vor etwa 12.000 Jahren bekannt (vgl.
HÖLKER, M., 2008. S.13ff.). Die Feuerstein- und Hirschhorngeräte wurden in der Unterbörde
gefunden. Die neolithische Revolution (Sesshaftwerden, Domestikation) vollzog sich am
Nordrand des Haarstranges im Vergleich zu weniger begünstigten Räumen frühzeitig etwa
6.000 bis 7.000 Jahren vor heute. „Die ackerbauliche Nutzung ist in einigen Regionen [wie
der Hellwegbörde] ein seit 7.000 Jahren persistentes Strukturkriterium“ (BURGGRAAFF, P. U.
KLEEFELD, K.-D., 1998. S.26). Dabei wird von einer relativ dichten Besiedlung der
Unterbörde und einer weniger ausgeprägten weiter südlich ausgegangen. Seitdem wird das
Gebiet dauerhaft – jedoch mit unterschiedlicher Dichte – bewohnt und beackert. Weizen,
Gerste, Hirse, Erbsen und Linsen wurden auf den Lössböden angebaut. Mit dieser verstärkten
Bodennutzung ging eine durch Waldweide und Schneitelwirtschaft bedingte Öffnung und
Auflichtung der Wälder einher. Um die Zeitenwende traten im Ackerbau Hafer und Roggen
als neue Getreidearten hinzu und die Landbewirtschaftung wird bereits als intensiv eingestuft.
Mit dem römischen Reich wurde Warenhandel betrieben und der Hellweg galt als Region mit
Hellwegbörde 45

„kulturellem Hochstand und großem Reichtum“ (HÖLKER, M., 2008. S.14). Die geplante
Anlage des Hellweges als Verkehrsweg geht auf das Jahr 784 zurück. Im Mittelalter war der
Soester Raum ein verhältnismäßig dicht besiedeltes Gebiet, während andernorts erst die
Rodungsperiode einsetzte.
„So war im 9. Jahrhundert das heutige Landschaftsbild [der Hellwegbörde] der nahezu
waldfreien, weiträumigen Feldlandschaft mit seinem Siedlungsnetz weitgehend vollständig
ausgebildet“ (HÖLKER, M., 2008. S.14; s. Karte 10). Die Bezeichnung der Kornkammer
Westfalens stammt aus dem Hoch- und Spätmittelalter, da Agrarprodukte im Überfluss
produziert werden konnten. Durch diese günstigen Voraussetzungen setzte bereits
überregionaler Handel (Hanse-Bund) ein. Ende des 19. Jahrhunderts begann der
Zuckerrübenanbau und Zuckerfabriken wurden errichtet. Seit dem Mittelalter ist eine
deutliche Steigerung der Erträge zu verzeichnen, die bis in die heutige Zeit anhält. Nur auf
den weniger ertragreichen Standorten, insbesondere in den Schledden, den Niederungen der
westlichen Unterbörde und der östlichen Oberbörde, wurde Grünlandwirtschaft betrieben oder
es entwickelten sich kleinere Waldgebiete (vgl. BURGGRAAFF, P., 2000. S.74). Durch diese
massive Ackerbauwirtschaft war der Anteil der Strukturelemente in der offenen
Feldlandschaft auf ein Minimum reduziert worden. „Vor allem in den agrarischen Gunstlagen
wurden maschinengerechte Landschaften für einen optimalen Maschineneinsatz geschaffen“
(LOSCH, S., 1999. S.311ff.; s. Fotos 1 - 3). Seit den 1960er Jahren wurden Anpflanzungen in
Form von Hecken, Baumreihen und Gebüschen vorgenommen, so dass der Gehölzanteil
mittlerweile bedeutender als zur Mitte des 19. Jahrhunderts ist.

Der Hellwegraum wird traditionell von geschlossenen Dorfstrukturen und weiten, offenen und
intensiv ackerbaulich genutzten Freiräumen geprägt (vgl. LWL U. GEOGRAPHISCHE
KOMMISSION FÜR WESTFALEN (Hrsg.), 1985. Themenbereich IV Siedlungsformen). Aus dem
7. und 8. Jahrhundert stammen die ältesten bekannten Höfe und Ortschaften, wobei die
Siedlungen damals in Form geschlossener Haufendörfer errichtet wurden (vgl. HÖLKER, M.,
2008. S.14). In der westlichen Unterbörde nordwestlich der Linie Unna – Werl – Soest –
Lippstadt überwiegt die Einzelhofbesiedlung, wie sie für das nördlich angrenzende
Münsterland charakteristisch ist (vgl. LWL U. GEOGRAPHISCHE KOMMISSION FÜR WESTFALEN
(Hrsg.), 1985. Themenbereich IV Siedlungsformen). Neben den Einzelhöfen sind auch Weiler
und lockere Haufendörfer charakteristisch für diesen Abschnitt zwischen der Lippe und der
Bundesstraße 1 zwischen Unna und Soest. Diese in der Ebene der westlichen Unterbörde
befindlichen Siedlungen sind zumeist auf leicht erhöhten Standorten, wie den
Flugsanddecken, angelegt worden (vgl. GEOLOGISCHES LANDESAMT NORDRHEIN-WESTFALEN
(Hrsg.), 1995a. S.13). Hingegen dominieren südöstlich der angesprochenen Grenze von Unna
über Soest nach Lippstadt geschlossene Dorfstrukturen aus Haufendörfern, Weilern und
Straßendörfern, wobei das lockere Haufendorf die traditionelle und charakteristische
Siedlungsstruktur des Hellweges widerspiegelt (vgl. LWL U. GEOGRAPHISCHE KOMMISSION
FÜR WESTFALEN (Hrsg.), 1985. Begleittext Themenbereich IV Siedlungsformen. S.5). Diese
Hellwegbörde 46

Siedlungsform wird von Müller-Wille auch als Bördetyp bezeichnet (vgl. HENKEL. G. In:
HEINEBERG, H. (Hrsg.), 2007. S.98f.). In den letzten Jahrzehnten wurde diese zuvor
vorhandene Trennung der geschlossenen Siedlungsformen und den offenen Ackerflächen
durch die Suburbanisierung von Wohnungs- sowie Industrie- und Gewerbeflächen zwischen
Lippe und Haarstrang überprägt (s. Kap. 5.1.4.2, Flächenverbrauch). Daneben führen auch
Aussiedlerhöfe, welche vornehmlich zum Zwecke der Vergrößerung der
Landwirtschaftsbetriebe vorgenommen werden, und sonstige Baumaßnahmen, wie Ställe,
Scheunen, Verkehrswege, Biogasanlagen, Windkraftanlagen, etc., zu einer weiteren
Zersiedelung.

Als ein wichtiger, schon seit langer Zeit relevanter Wirtschaftszweig der Hellwegbörde ist die
Zementindustrie zu nennen. Besonders der Abbau der Gesteine in Steinbrüchen hat für die
Kulturlandschaft und das Landschaftsbild große Bedeutung. Gesteine werden hier bereits seit
langer Zeit – spätestens seit dem Spätmittelalter – abgebaut, wobei der Wert des kalkreichen
Gesteins für die Zementherstellung mit Abstand am größten ist (vgl. GEOLOGISCHES
LANDESAMT NORDRHEIN-WESTFALEN (Hrsg.), 1995a. S.101ff.). Heute bildet das
Zementrevier Erwitte/Anröchte/Geseke im östlichen Hellwegraum eine
landschaftsbedeutsame Abbaustruktur mit zahlreichen Steinbrüchen und Zementwerken.
Hellwegbörde 47

Karte 10: Entwicklung der Kulturlandschaft seit 900 n. Chr. Die schwarze Umrandung
markiert die Lage der Hellwegbörde
Quelle: BURGGRAAFF, P., 2000. S.66, verändert
Hellwegbörde 48

4.3 Aktuelle Situation der Landwirtschaft

Aufgrund der vereinfachten Darstellung und Vergleichbarkeit werden die Daten des Kreises
Soest für den gesamten Hellwegraum als statistisch aussagekräftige Größe verwendet (s.
Karte 11). Der Kreis Soest nimmt die weitaus größten Flächenanteile sowohl der
Kulturlandschaft als auch des landesbedeutsamen Kulturlandschaftsbereiches innerhalb der
Hellwegbörde ein und umfasst den zentralen Untersuchungsraum, so dass die Verwendung
der Verwaltungseinheit des Kreises Soest zur Darstellung der gesamten Hellwegbörde
repräsentativ und aussagekräftig ist.

Karte 11: Kommunen des Kreises Soest mitsamt der Abgrenzung der Kulturlandschaft
Hellwegbörde

Der knapp 1.328 km² große Kreis Soest im nördlichen Regierungsbezirk (RB) Arnsberg wird
intensiv ackerbaulich genutzt und der Anteil der Landwirtschaftsfläche an der Gesamtfläche
übersteigt 62 % (s. Tab. 2 u. 3). Im forstwirtschaftlich geprägten Sauerland südlich von
Möhne und Ruhr, das einen Großteil des RB Arnsberg einnimmt, beträgt der
Landwirtschaftsanteil an der Gesamtfläche Südwestfalens nur 36 % und liegt somit deutlich
unter dem Schnitt des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen mit circa 50 %. Die Bedeutung der
landwirtschaftlichen Produktion im Hellwegraum im Vergleich zum RB Arnsberg wird auch
dadurch deutlich, dass der Kreis Soest zwar nur knapp 17 % der Regierungsbezirkfläche
Hellwegbörde 49

einnimmt, aber über 28 % der landwirtschaftlichen Nutzflächen (LF) des Regierungsbezirkes


Arnsberg im Kreis Soest liegen.

Bodenfläche Gebäude- und Betriebs- Erholungs- Verkehrs- Landwirtschafts- Wald- Wasser- Andere
insgesamt Freifläche fläche fläche fläche fläche fläche fläche Nutzung

Nordrhein-
3.408.650,52 432.576,93 36.973,39 58.362,31 236.227,99 1.690.255,43 864.172,65 65.605,75 24.476,07
Westfalen, ha
Nordrhein-
100 12,69 1,08 1,71 6,93 49,59 25,35 1,92 0,72
Westfalen (%)

Regierungsbezirk
800.282,07 89.903,19 5.525,69 9.304,54 53.703,30 289.867,55 336.506,10 11.014,24 4.457,46
Arnsberg, ha
Regierungsbezirk
100 11,23 0,69 1,16 6,71 36,22 42,05 1,38 0,56
Arnsberg (%)
Anteil an NRW
23,48 20,78 14,95 15,94 22,73 17,15 38,94 16,79 18,21
(%)

Kreis Soest, ha 132.757,15 10.899,12 740,41 1.136,01 7.220,84 83.193,58 26.336,49 2.564,28 666,42

Kreis Soest (%) 100 8,21 0,56 0,86 5,44 62,67 19,84 1,93 0,50
Anteil am RB
16,59 12,12 13,40 12,21 13,45 28,70 7,83 23,28 14,95
Arnsberg (%)
Anteil an NRW
3,89 2,52 2,00 1,95 3,06 4,92 3,05 3,91 2,72
(%)

Tab. 2: Flächennutzungsstatistik von NRW, vom Regierungsbezirk Arnsberg und vom Kreis
Soest in Hektar- und Prozentangaben (Stand: 31. Dezember 2007)
Eigene Tabelle, nach LDS NRW, 2008a

Anteil
Bodenfläche
Landwirtschaftsfläche, ha Landwirtschaftsfläche an
gesamt, ha
Gesamtfläche, %

Kreis Soest, gesamt 132.757,15 83.193,58 62,67


Anröchte 7.378,80 5.555,70 75,29
Bad Sassendorf 6.343,72 5.133,90 80,93
Ense 5.107,49 3.295,77 64,53
Erwitte, Stadt 8.929,31 7.156,70 80,15
Geseke, Stadt 9.743,52 7.184,05 73,73
Lippetal 12.658,02 9.447,01 74,63
Lippstadt, Stadt 11.359,57 7.074,84 62,28
Möhnesee 12.337,94 4.297,52 34,83
Rüthen, Stadt 15.809,12 9.430,56 59,65
Soest, Stadt 8.581,39 5.883,49 68,56
Warstein, Stadt 15.790,68 5.159,48 32,67
Welver 8.559,78 6.753,57 78,90
Werl, Stadt 7.634,76 5.461,44 71,53
Wickede (Ruhr) 2.523,05 1.359,55 53,89
Tab. 3: Anteil der Landwirtschaftsfläche an der Gesamtfläche im Kreis Soest (Stand: 31.
Dezember 2007)
Eigene Tabelle, nach LDS NRW, 2008a
Hellwegbörde 50

Der Waldanteil beträgt im Kreis Soest knapp 20 %. Dieser Wert liegt circa fünf
Prozentpunkte unter dem landesweiten Schnitt von einem Viertel. Die meisten Waldflächen
liegen dabei im Gebiet südlich der Möhne in den Kommunen Warstein, Rüthen und
Möhnesee, während der Wald- und Forstanteil in der zentralen Börde sehr gering ist. Die
Städte Werl, Soest und Erwitte sowie die Gemeinde Bad Sassendorf im zentralen
Hellwegraum weisen Waldanteile von unter vier Prozent auf (vgl. LANDESAMT FÜR
DATENVERARBEITUNG UND STATISTIK NORDRHEIN-WESTFALEN (LDS NRW), 2008a). Nach
den land- und forstwirtschaftlichen Flächen nehmen die Wohn- und Industrieflächen
(Gebäude-, Frei- und Betriebsflächen) sowie die Verkehrswege die dritte und vierte Position
bezüglich der Flächenstatistik im Kreis Soest ein (s. Tab. 2).

Landwirtschaftliche Nutzfläche im Kreis Soest


Insgesamt ist durch den
zunehmenden Bedarf an
90.000
Wohn-, Industrie- und
Landwirtschaftsfläche [ha]

87.000
Gewerbeflächen sowie
84.000 Verkehrswege die vom
81.000
landwirtschaftlichen Sektor
bearbeitete Fläche seit den
78.000
1990er Jahren leicht
75.000
rückläufig. Im Kreis Soest
1993

1994

1995

1996

1997

1998

1999

2000

2001

2002

2003

2004

2005

2006

2007

sank die landwirtschaftlich


Abb. 5: Landwirtschaftlich genutzte Flächen im Kreis Soest genutzte Fläche von 85.347
Eigene Abbildung, nach LDS NRW, 2008a
Hektar (ha) 1993 Jahr für
Jahr geringfügig auf 83.194 ha Ende des Jahres 2007 (vgl. LDS NRW, 2008a; s. Abb. 5).
Einhergehend damit ging für diesen Zeitraum der relative Flächennutzungsanteil der
Landwirtschaft im Kreis Soest von 64,3 % auf 62,7 % zurück.

Entsprechend der agrarischen Eignung differiert das Verhältnis zwischen Acker- und
Grünland. Im Kreis Soest beträgt der Ackerlandanteil 82,4 % (vgl. LDS NRW, 2008g. S.33, s.
Abb. 6). Während im zentralen Bördebereich der Ackerlandanteil an der landwirtschaftlichen
Nutzfläche mit Anteilen von teilweise über 90 % (Werl, Soest, Möhnesee, Anröchte, Bad
Sassendorf) sehr hoch liegt, werden diese hohen Werte in den Randbereichen der
Hellwegbörde aufgrund der für den Ackerbau schlechteren Boden-, Wasser- und
Geländebedingungen nicht erreicht (s. auch Karte 7; s. Fotos 1 - 3). Diese deutliche
Konzentration auf die ackerbauliche Bewirtschaftung im Hellwegraum ist an die sehr gut
bearbeitbaren und ertragreichen Böden südlich der Lippe gebunden. So ist die
Kulturlandschaft der Hellwegbörde durch eine weitgehend offene Feldlandschaft dominiert,
die als prägend und traditionell bezeichnet werden kann und in der sich die
Grünlandwirtschaft auf ertragsschwächere Bereiche, wie den Schledden und den Niederungen
in der nordwestlichen Börde (Ahse, Lippe), konzentriert (s. Fotos 4 - 6). Dieses Verhältnis
Hellwegbörde 51

zwischen Acker- und Grünland, das im Hellwegraum deutlich zugunsten des Ackerlandes
ausgerichtet ist, hat sich nach einer Zeit der Ackerlanderweiterung in der zweiten Hälfte des
20. Jahrhunderts in den letzten Jahren nur noch geringfügig verändert. Der Ackerlandanteil
von 82,4 % für den Kreis Soest markiert einen sehr hohen Wert innerhalb von NRW und den
Höchstwert in der Westfälischen Bucht (vgl. BECKS, F., 1983. S.27).

Art der landwirtschaftlichen Flächen im Kreis Soest 2007


100%

75%

50%

25%

0%
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15

Ackerland Grünland Sonstige Nutzung

Abb. 6: Art der landwirtschaftlichen Flächen für den Kreis Soest im Jahr 2007:
1 Kreis Soest, 2 Anröchte, 3 Bad Sassendorf, 4 Ense, 5 Erwitte, 6 Geseke, 7 Lippetal, 8
Lippstadt, 9 Möhnesee, 10 Rüthen, 11 Soest, 12 Warstein, 13 Welver, 14 Werl, 15 Wickede/Ruhr
Eigene Abbildung, nach LDS NRW, 2008a

Getreide, Hackfrüchte, Futterpflanzen, Hülsenfrüchte und Handelsgewächse sind die


bedeutendsten Anbaugruppen der Hellwegbörde, während Gemüse, Erdbeeren und andere
Gartengewächse sowie die Schwarzbrachen und Stilllegungsflächen hingegen nur geringe
Flächenanteile an der Ackerfläche einnehmen (LDS NRW, 2008c. S.8ff. u. LDS NRW,
2008g. S.6). Mit dem Stand von 2007 wurde auf etwa zwei Dritteln der Ackerfläche des
Kreises Soest Getreide angebaut (s. Abb. 7 u. Tab. 4). Mit deutlichem Abstand und einem
Anteil von circa 15 Prozentpunkten folgen die Handelsgewächse, wobei der Winterraps hier
die deutlich dominierende Anbauart darstellt. Dieser Anteil von 15 % an der gesamten
Ackerfläche liegt deutlich über dem Durchschnitt von Westfalen-Lippe (8,5 %) und
Nordrhein-Westfalen mit 7,3 %. Danach folgen die Futterpflanzen mit 8,3 %, deren Anteil
aufgrund des geringen Viehbestandes in der Hellwegbörde nicht einmal die Hälfte der
relativen Werte von Westfalen-Lippe und NRW mit 17,6 bzw. 17,2 % erreicht. Dieses
Verhältnis der Handelsgewächse und Futterpflanzen an der gesamten Ackerfläche im
Hellwegbörde 52

Vergleich zu den Durchschnittswerten der größeren Raumeinheiten zeigen die Orientierung


des Hellwegraumes auf den Agrarmarkt bei gleichzeitig geringem Viehbestand, was durch die
für den Ackerbau günstigen Standortvoraussetzungen hervorgerufen wird. Als flächenmäßig
viertwichtigste Anbauarten gelten zwischen Lippe und Möhne die Hackfrüchte, die etwa
jeden 20sten Hektar bedecken (5,1 %). Dieser Anteil ist im westfälischen Vergleich (2,6 %)
relativ hoch, aber im Vergleich zum NRW-Durchschnitt mit 9,1 % unterrepräsentiert.
Hackfrüchte, wie die Zuckerrübe oder die Kartoffel, werden besonders auf ertragreichen
Standorten angebaut, weshalb der Anteil am Niederrhein mit den großflächig günstigen
Voraussetzungen höher liegt als in Westfalen, wo wiederum der hohe Wert des Kreises Soest
charakteristisch ist.

Ackerland-Anbauarten 2007 im Kreis Soest in Prozent

4.0
Getreide
8.3
Hülsenfrüchte

Hackfrüchte
15.6

Gemüse, Spargel, Erdbeeren

0.1 Blumen und Zierpflanzen


0.8
65.4
5.1
Handelsgewächse

0.7
Futterpflanzen

Schwarzbrachen,
Stilllegungen

Abb. 7: Anbauartenverteilung auf den Ackerflächen des Kreises Soest in Prozent 2007
Eigene Abbildung, nach LDS NRW, 2008g. S.24-33

Gemüse,
Blumen und Schwarzbrachen,
Getreide Hülsenfrüchte Hackfrüchte Spargel, Handelsgewächse Futterpflanzen
Zierpflanzen Stilllegungen
Erdbeeren

Kreis Soest 65,4 0,7 5,1 0,8 0,1 15,6 8,3 4,0

Regierungsbezirk
64,8 0,8 3,6 0,8 0,1 13,5 11,9 4,5
Arnsberg

Westfalen-Lippe 65,0 0,5 2,6 1,1 0,1 8,5 17,6 4,6

Nordrhein-
59,4 0,6 9,1 2,1 0,3 7,3 17,2 4,1
Westfalen

Tab. 4: Bedeutung der verschiedenen Anbauarten für den Kreis Soest, den Regierungsbezirk
Arnsberg, Westfalen-Lippe und Nordrhein-Westfalen 2007 in Prozent
Eigene Tabelle, nach LDS NRW, 2008g. S.24-33
Hellwegbörde 53

In der Hellwegbörde (Kreis Soest) nahm 2007 der Weizen 52,5 % der Getreideflächen ein und
liegt somit deutlich an der Spitze vor der Gerste mit 32,3 % (vgl. LDS NRW, 2008g. S.24ff.,
s. Abb. 8). Circa fünf Prozent erreichen jeweils Mais (Körnermais und Corn-Cob-Mix) und
Triticale gefolgt von Hafer (3 %) und Roggen (2 %). Die nach dem Getreide zweitwichtigste
Anbaugruppe stellen die Handelsgewächse im Hellwegraum dar (s. Tab. 4). Dabei ist der
Winterraps (95 % der Handelsgewächse) die fast ausschließliche Anbauart, während
Sommerraps sowie Winter- und Sommerrübsen nur sehr vereinzelt angebaut wurden (vgl.
LDS NRW, 2008g. S.31ff.). Etwa 74 % der Futterpflanzen resultieren aus dem
Silomaisanbau. Das restliche Viertel teilen sich der Grasanbau auf Ackerland sowie der
Anbau von Klee, Kleegras und Klee-Luzerne-Mischungen. Die auf fünf Prozent der
Ackerflächen im Kreis Soest angebauten Hackfrüchte, besonders die Zuckerrübe, waren
früher deutlich bedeutender. Im Kreis Soest resultieren die Hackfrüchte aus etwa zwei Drittel
Zuckerrüben und Runkelrüben sowie etwa ein Drittel Kartoffelanbau.
Im Jahr 2007 stellten Weizen, Gerste, Raps, Mais und Zuckerrüben/Runkelrüben in dieser
Reihenfolge die fünf wichtigsten Anbauarten auf den Ackerflächen des Kreises Soest dar und
wurden zusammen auf 83,4 % der gesamten Ackerfläche angebaut (vgl. LDS NRW, 2008g.
S.24ff.).

Anbauarten des Getreides im Kreis Soest 2007


25.000

20.000
Fläche [ha]

15.000

10.000

5.000

0
Roggen
Gerste

Hafer
Mais (ohne

Triticale

Sonstiges
Weizen

Silomais)

Abb. 8: Getreideanbauarten im Kreis Soest 2007


Eigene Abbildung, nach LDS NRW, 2008g. S.24ff.

Für das Jahr 2008 verzeichneten die Anbauprodukte Weizen und Mais in Deutschland neue
Flächenrekorde (vgl. LANDWIRTSCHAFTLICHES WOCHENBLATT, 2008a. S.46 u.
LANDWIRTSCHAFTLICHES WOCHENBLATT, 2008d. S.16). Diese Entwicklung resultierte
maßgeblich aus dem zuvor deutlich gestiegenen Agrarmarktpreis und der Aufhebung der
Stilllegungspflicht. Der Maisanbau wurde in NRW um 12,8 % innerhalb eines Jahres
ausgedehnt. Dabei spielt neben der Preissteigerung für das Futtergetreide besonders auch die
wachsende Nachfrage nach Mais als Substanz in der Biomasseproduktion eine entscheidende
Hellwegbörde 54

Rolle. Bei den Getreidearten konnten bis auf Roggen alle Arten eine Ausdehnung der
Anbauflächen verzeichnen. Hingegen hat der Raps- und Rübsenanbau von 2007 auf 2008 an
Bedeutung verloren (-18 %). Durch die EU-Zuckermarktreform, die eine verträgliche
Reduzierung der Anbauflächen bewirken soll, ist die Zuckerrübenproduktion bereits deutlich
vermindert worden (2008: -14 % zu 2007). Daneben ging auch die Kartoffelproduktion (-6 %)
zurück, so dass für 2008 im Vergleich zu 2007 insgesamt verminderte Anbauflächen für
Hackfrüchte und Hülsenfrüchte, aber positive Entwicklungen für Getreide und Futterpflanzen
zu verzeichnen waren.

Durch verbesserte Anbaumethoden, verstärkten Düngemitteleinsatz und die Züchtung von


ertragreichen Nutzpflanzen konnte der Ernteertrag in den vergangenen Jahrzehnten bis heute
deutlich gesteigert werden. Aufgrund der günstigen Bedingungen in der Hellwegbörde
(Boden, Klima, etc.) liegen die Ertragszahlen der landwirtschaftlichen Kulturen über den
Werten der unmittelbaren Nachbarregionen und auf Augenhöhe mit anderen Gunsträumen,
wie den Börden am Niederrhein.

In der Zeit von 1979 bis 2007 hat sich in NRW die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe
von 107.000 auf noch 47.500 (-56 %) verringert (vgl. LDS NRW, 2008h. S.5, 20ff. u.
LANDWIRTSCHAFTLICHES WOCHENBLATT, 2008c. S.11, 20ff.). Dabei geben NRW-weit
mittlerweile jedes Jahr circa drei von einhundert Höfen die Bewirtschaftung auf, so dass das
Motto „Wachsen oder Weichen“ durchaus angebracht erscheint. Die Flächen der
aufgegebenen Betriebe („Weichen“) werden von anderen Betrieben („Wachsen“)
übernommen. Alleine von 2003 bis 2007 verringerte sich die Betriebszahl in NRW um 12,9
Prozentpunkte. Daraus folgt, dass die verbliebenen Betriebe immer mehr Fläche
bewirtschaften. Seit 1979 hat sich die Durchschnittsgröße der LF der Betriebe um 10,5 ha
vergrößert.

Durchschnittliche Betriebsgrößen 2007


50

40
LF/Betrieb [ha]

30

20

10

0
Kreis Soest Regierungsbezirk Westfalen-Lippe NRW
Arnsberg

Abb. 9: Durchschnittliche Größe der landwirtschaftlichen Betriebe in Hektar 2007


Eigene Abbildung, nach LDS NRW, 2008h. S.20
Hellwegbörde 55

Im Kreis Soest wurden 2007 1.830 Höfe bewirtschaftet, wobei in der Zeit von 1997 bis 2007
die relative Anzahl im Kreis um 24,1 % sank. Dabei wurde im Kreis insgesamt eine Fläche
von 77.199 ha genutzt. Das entspricht einer durchschnittlichen Größe von 42,2 ha/Betrieb.
Diese Größenstruktur ragt deutlich aus dem strukturellen Rahmen von Südwestfalen (RB
Arnsberg), Westfalen-Lippe und NRW heraus (s. Abb. 9).

Die betriebliche Größenstruktur im Kreis Soest zeigt die Ausrichtung der Betriebe mit großen
landwirtschaftlichen Nutzflächen auf den Agrarmarkt (s. Abb. 10). Insbesondere die mittleren
Betriebsgrößen sind im Hellwegraum unterrepräsentiert. Die Betriebe ab 30 Hektar LF (49,6
% aller Betriebe) bearbeiteten 2007 86,7 % der gesamten unter landwirtschaftlicher Nutzung
stehenden Flächen im Kreis Soest. Die Betriebsgrößenstruktur im Hellwegraum, die von recht
wenigen, dann aber zumeist großen Betrieben erreicht wird, ist typisch für die ertragreichen
und intensiv bewirtschafteten Bördegebiete.

Betriebsgrößenverteilung 2007
500

400

300
Anzahl

200

100

0
<2 2-5 5-10 10-15 15-20 20-30 30-50 50-100 > 100

Betriebsgrößen [ha]

Abb. 10: Größenstruktur der landwirtschaftlichen Betriebe im Kreis Soest 2007


Eigene Abbildung, nach LDS NRW, 2008h. S.20
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 56

5 Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung

5.1 Einflussfaktoren auf die Landwirtschaft und die Auswirkungen auf die
Hellwegbörde

„Die Frage, wie unserer Lebensraum im Kleinen wie im [Großen] in Zukunft gestaltet werden
soll, beschäftigt die Öffentlichkeit heute mehr als früher, weil die Eingriffsmöglichkeiten
größer sind, weil die Gefährdung der Umwelt zugenommen hat und weil die Wahrnehmung
der Gefährdung gewachsen ist“ (EGLI, H.-R. In: TANNER, K. M. et al., 2006. S.118f.).

Bei der zukünftigen Entwicklung von Kulturlandschaften spielt die Landwirtschaft eine
entscheidende Rolle, da sie große Flächenanteile einnimmt (vgl. SCHÜTTLER, K. In: OTT, E.,
1997. S.39ff.). In der intensiv agrarisch genutzten Hellwegbörde muss bedacht werden, dass
gerade der flächenhafte Ackerbau mit nur wenigen Strukturelementen für die Region prägend
ist. Daher sollten die Maßnahmen nicht auf eine übermäßige Ansiedlung von
Strukturelementen ausgerichtet sein, sondern angepasste Strategien, die der typischen Struktur
der Kulturlandschaft Rechnung tragen, bevorzugt werden. In der Hellwegbörde sind dies
zuerst die strukturarmen Ackerbereiche, welche von in Nord-Süd-Richtung verlaufenden
Schledden gequert werden. Diese ackerbaulich weniger rentablen Bereiche dienen der
Strukturierung und sind wichtige Elemente des Biotopverbundes zwischen der Münsterländer
Parklandschaft sowie der Lippeniederung im Norden und den Wäldern des nördlichen
Sauerlands südlich des Haarstrangs. Daher konzentrieren sich die ökologisch wertvollen und
strukturreichen Bereiche zumeist auf diese Geländeeinschnitte. Aber auch die offene
Ackerlandschaft stellt bei einigen Offenlandarten und Kulturfolgern einen wichtigen
Lebensraum dar (s. Kap. 5.1.4.1, Interessenkonflikte mit anderen Nutzungen - Naturschutz).

Für die in den kommenden Jahrzehnten betriebene Landwirtschaft sind verschiedene


Einflussgrößen bedeutsam, welche direkte Bezüge zum Aussehen und Charakter der
Kulturlandschaft haben können (s. Abb. 11). „The economic, political and climatic conditions
in which farmers around the world have to make their production and investment decisions
are changing dramatically” (VON WITZKE, H. et al., 2008. S.I). Die wirtschaftlichen,
politischen und klimatischen Bedingungen, welche sich radikal wandeln, spielen bei der
folgenden Betrachtung der landwirtschaftlichen Zukunftsszenarien die entscheidende Rolle.

Der Agrarmarkt und die politischen Eingriffe in den Agrarhandel (Agrarpolitik) sind derart
eng vernetzt, dass für den hier benötigten Überblick nur eine kombinierte Betrachtung
sinnvoll erscheint. Die im Folgenden vorgestellten Einflussfaktoren auf die zukünftige
Landwirtschaft sowie die Auswirkungen auf das Landschaftsbild und die bedeutsame
Kulturlandschaft der Hellwegbörde behandeln die aus heutiger Sicht entscheidenden
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 57

Parameter, wobei beachtet werden muss, dass bei Zukunftsszenarien niemals alle relevanten
Zusammenhänge und Wirkungsgefüge in Gänze erfasst werden (können).

Abb. 11: Haupteinflüsse auf die zukünftige Struktur der Landwirtschaft in der Hellwegbörde
Eigene Abbildung

Abschließend werden für die Hellwegbörde und die Beispielgemeinden Bad Sassendorf und
Möhnesee drei Zukunftsszenarien vorgestellt, um die vorherigen Erläuterungen des
landwirtschaftlichen Strukturwandels konkret zu fassen und sichtbar zu machen (s. Kap. 5.2).

5.1.1 Klimawandel

„Wie die Kulturlandschaft in der weiteren Zukunft aussehen wird, lässt sich aufgrund
unvorhersehbarer Entwicklungen nur schwer prognostizieren. Wenn sich die Theorie der
anthropogenen globalen Klimaerwärmung bestätigt, werden schon allein deren Auswirkungen
auf die Vegetation das Landschaftsbild entscheidend verändern“ (LWL U. LVR, 2007a. S.40).

An dem durch den Menschen verursachten Klimawandel, welcher die natürlichen


Klimaschwankungen überlagert, gibt es in der Wissenschaft keine Zweifel mehr. Das Klima
beeinflusst die Landwirtschaft in direkter Weise, wobei die Klimaelemente Temperatur,
Niederschlag, die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre sowie die Wetterextreme die
größte Bedeutung aufweisen. Die ablaufenden Veränderungen des Klimas werden je nach
Weltregion sehr unterschiedliche Auswirkungen hervorrufen. Während es in vielen bereits
heute agrarisch benachteiligten Gegenden der niederen Breiten zu weiteren Problemen
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 58

kommen wird, sind im europäischen Raum die Auswirkungen auf die landwirtschaftliche
Produktion nicht pauschal als positiv oder negativ zu deklarieren, da eine Fülle von Faktoren
beachtet werden muss. In Südeuropa wird mit sinkenden und in Nordeuropa mit steigenden
landwirtschaftlichen Erträgen gerechnet.

Da die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre, die Temperatur- und


Niederschlagsverhältnisse (Wasserverfügbarkeit) sowie die Wetterextreme die Landwirtschaft
maßgeblich beeinflussen werden, wird sich im Folgenden auf diese vier Punkte konzentriert.

5.1.1.1 C02-Düngeeffekt

Die natürliche Zusammensetzung der erdnahen Atmosphäre (Troposphäre) bewirkt einen


natürlichen Treibhauseffekt, der ein durchschnittliches Temperaturniveau auf der Erde von
circa 14 °C hervorruft und erst das Leben auf der Erde in der jetzigen Form ermöglicht, da
ohne diesen natürlichen Treibhauseffekt die Temperaturen deutlich im negativen Grad-
Celsius-Bereich liegen würden.
Durch die Aktivitäten des Menschen wird direkt in die chemische Zusammensetzung der
Atmosphäre eingegriffen, was eine Veränderung der Strahlungs- und
Absorptionsbedingungen hevorruft, die wiederum in einer Änderung der Temperatur münden.
Mit der Änderung der Temperatur wandelt sich weiterhin das gesamte Klima. Die wichtigsten
Treibhausgase in der Atmosphäre stellen dabei Kohlendioxid (CO2), Distickstoffoxid (N2O),
Methan (CH4) und die Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKWs) dar (vgl. NATIONAL OCEANIC
AND ATMOSPHERIC ADMINISTRATION (NOAA), 2008; s. Abb. 12). Die Anteile von CO2, N2O
und CH4 sind in den vergangenen Jahrzehnten deutlich angestiegen, während die
Konzentration der Fluorchlorkohlenwasserstoffe aufgrund des Nutzungsverbots in weiten
Bereichen nicht mehr ansteigt bzw. wieder sinkt. Die Konzentrationszunahmen von
Kohlendioxid, Distickstoffoxid und Methan führten und führen weiterhin zu einem
zusätzlichen, anthropogen verursachten Treibhauseffekt, welcher eine Erhöhung der
Temperatur zur Folge hat.

Besonders das Kohlendioxid hat einen direkten und somit bedeutsamen Einfluss auf das
Wachstum und die Erträge von Kulturpflanzen (vgl. DIEPENBROCK, W. et al., 2005. S.29).
„Die wichtigste Wechselwirkung zwischen Klima und Vegetation ist [neben dem
Wasserangebot] durch die CO2-Aufnahme der Pflanzen bedingt“ (HAMBURGER
BILDUNGSSERVER, 2007). Durch den zunehmenden Gehalt von CO2 in der bodennahen
Atmosphäre führt dies bei Pflanzen allgemein zu positiven Effekten. Das Pflanzenwachstum
wird gefördert und die Strahlungs- und Wassernutzungseffizienz gesteigert. Der in Abbildung
12 ersichtliche positive Trend der CO2-Konzentration wird durch die menschlichen
Aktivitäten (Verkehr, Industrie, etc.) anhalten, was für das Pflanzenwachstum zunächst nicht
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 59

als negativ zu bewerten ist. Die heutige CO2-Konzentration von circa 385 parts per Million
(ppm, Teile je Million) liegt bereits etwa 100 ppm über den Werten zu Beginn der
Industrialisierung und wird nach Berechnungen des Intergovernmental Panel on Climate
Change (IPCC, Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen) in 50 Jahren bereits
zwischen 450 und 500 ppm liegen und weiter darüber hinaus ansteigen (vgl. SCHALLER, M. U.
WEIGEL, H.-J., 2007. S.11, ISERMEYER, F. (Hrsg.), 2004. S.17 u. CHMIELEWSKI, F.-M., 2008.
S.76). Die durch die weitere Erhöhung der Kohlendioxidkonzentration bedingte
„Stimulierung der pflanzlichen Photosynthese“ (ISERMEYER, F. (Hrsg.), 2004. S.19) wird als
CO2-Düngeeffekt bezeichnet.

Abb. 12: Anthropogen veränderte Konzentration der wichtigsten Treibhausgase:


Carbon Dioxide (Kohlendioxid, CO2), Nitrous Oxide (Distickstoffoxid, N2O), Methane (Methan,
CH4), CFC-12/-11 (Fluorchlorkohlenwasserstoffe FCKW-12/-11)
Quelle: http://www.esrl.noaa.gov/gmd/aggi/aggi_2008.fig2.png. Abruf: 09. Januar 2009

Dieser Effekt soll nach Berechnungen und Modellierungen einzelner Wissenschaftler bereits
fünf bis zehn Prozent des vergangenen Ertragszuwachses bei Kulturpflanzen begründen, was
jedoch nicht als sicher gilt (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.42, 88). Bei der
weiteren Betrachtung des CO2-Düngeeffektes muss zwischen den so genannten C3- und C4-
Pflanzen unterschieden werden. C3-Pflanzen, welche typisch für die mittleren Breiten sind,
umfassen alle Bäume und wichtige Anbaukulturen, wie Getreide, Reis und Kartoffeln (vgl.
HAMBURGER BILDUNGSSERVER, 2007). Die C4-Pflanzen können mithilfe eines
Konzentrations-Mechanismus den CO2-Gehalt in den Blättern um ein Vielfaches der
Umgebungsluft erhöhen. Da folglich auch weniger CO2 aufgenommen werden muss, um
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 60

Photosynthese zu betreiben, sind die Spaltöffnungen (Stomata) kürzere Zeitspannen geöffnet,


womit parallel eine geringere Wasserabgabe über diese Öffnungen einhergeht. Daraus
resultiert letztlich ein verhältnismäßig geringer Wasserverbrauch der C4-Pflanzen, weshalb
sie typische Vertreter der warmen und trockenen Breiten sind. Bedeutende Anbauprodukte,
die den C4-Pflanzen angehören, sind Mais, Hirse und Zuckerrohr. Die Biomasseproduktion
der C4-Pflanzen ist höher als von C3-Pflanzen (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007.
S.89 u. DIEPENBROCK, W. et al., 2005. S.136). Die C3-Pflanzen profitieren in höherem Maße
als die C4-Pflanzen aufgrund höherer Biomassebildung und Erträge von einer weiteren
Zunahme der CO2-Konzentration, da die CO2-Konzentration und somit Aufnahme in die
Pflanze als limitierender Faktor der C3-Pflanzen gilt (vgl. ISERMEYER, F. (Hrsg.), 2004. S.21
u. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.88; s. Abb. 13).

Bei verschiedenen Versuchen wurden Mehrerträge für die wichtigsten Anbaukulturen bei
höheren Kohlendioxid-Konzentrationen der Luft festgestellt (vgl. ISERMEYER, F. (Hrsg.),
2004. S.23ff.). Realistische Versuche mit der FACE-Technik (Free Air Carbondioxide
Enrichment, Freiland-
Kohlendioxid-
Anreicherung) ergaben in
Braunschweig
Ertragszuwächse von acht
bis 16 % bei
Wintergerste, -weizen
und Zuckerrüben. Bei
Kartoffeln wurden in
Versuchen teilweise noch
deutlich höhere
Zuwächse erreicht (vgl.
SCHALLER, M. U.
WEIGEL, H.-J., 2007.
S.97ff.). Während eine
weitere CO2-
Anreicherung in der Luft Abb. 13: Reaktion der C3-/C4-Pflanzen auf die CO2-Erhöhung
kaum noch direkte Quelle: CHMIELEWSKI, F.-M., 2008. S.76
Auswirkungen auf die
Erträge und Biomasseproduktion der C4-Pflanzen hat, sind bei C3-Pflanzen
Kohlendioxidanreicherungen vermutlich bis etwa 800 ppm mit positiven Rückkopplungen
verbunden (vgl. CHMIELEWSKI, F.-M., 2008. S.76; s. Abb. 13). Bei den C4-Pflanzen wirkt
sich ein erhöhtes CO2-Niveau indirekt infolge eines verringerten Wasserbedarfs ebenfalls
positiv aus. Bei den jüngsten Veröffentlichungen des IPCC-Berichtes wird bis 2100 – je nach
Szenario – mit CO2-Konzentrationen von 540 bis 970 ppm gerechnet (vgl. SCHALLER, M. U.
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 61

WEIGEL, H.-J., 2007. S.20, 88). Da bei höheren Kohlendioxidkonzentrationen die Ressourcen
Licht, Wasser und Nährstoffe effizienter von den Pflanzen genutzt werden, wird die
Transpirationsmenge verringert. Dies ist positiv für zukünftig wohl häufiger auftretende
Trockenperioden im Sommerhalbjahr zu bewerten, da die Pflanzen für die gleichen Prozesse
und Ertragsausbeuten bei erhöhter CO2-Konzentration geringere Wassermengen benötigen.
Die negativen Effekte anderer Auswirkungen des Klimawandels (Temperatur, Wassermangel,
Extreme, etc.; s. folgende Kapitel) können durch die erhöhte CO2-Konzentration abgemildert
bzw. sogar umgekehrt werden. Bei günstigen sonstigen Standortbedingungen (Licht-,
Nährstoff-, Wasserversorgung) profitieren die Kulturpflanzen von einer erhöhten CO2-
Konzentration.

5.1.1.2 Temperatur

In direkter Korrelation mit den zunehmenden Treibhausgaskonzentrationen in der


Atmosphäre erwärmt sich die Troposphäre. Bereits das 20. Jahrhundert wies einen positiven
Temperaturtrend von global 0,7 K und für Deutschland von knapp 1 K auf (vgl. SCHALLER,
M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.13 u. MINISTERIUM FÜR UMWELT UND NATURSCHUTZ,
LANDWIRTSCHAFT UND VERBRAUCHERSCHUTZ DES LANDES NORDRHEIN-WESTFALEN
(MUNLV), 2007b. S.3). Für das begonnene 21. Jahrhundert wird mit deutlich höheren
Temperaturabweichungen nach oben gerechnet. Im vierten Bericht zur Abschätzung des
Klimawandels (Fourth Assessment Report), den das IPCC Ende 2007 veröffentlichte, wird je
nach Szenario eine weitere globale Erwärmung von 1,1 bis 6,4 K über das Temperaturniveau
von 1980-1999 prognostiziert (vgl. IPCC, 2007. S.45f.). Die wahrscheinlichste
Temperaturerhöhung liegt zwischen 1,8 und 4 K (s. Abb. 14). Die Szenarien berücksichtigen
dabei unterschiedliche Emissionsentwicklungen für die das Klima am stärksten
beeinflussenden „Klimagase“. Die größten Temperaturzunahmen sind dabei über Land und
dabei wiederum in den hohen Breiten zu erwarten, so dass auch Deutschland in großem Maße
vom Klimawandel betroffen seien wird. Aufgrund der ansteigenden
Durchschnittstemperaturen wird einhergehend damit auch die Häufigkeit von Hitzewellen
zunehmen (s. Kap. 5.1.1.4, Wetterextreme). Weltweit wird bis zu einer Temperaturerhöhung
um 3 K von einer insgesamt höheren Produktivität der globalen Landwirtschaft ausgegangen,
wobei einzelne Regionen deutlich an landwirtschaftlichem Nutzungspotential verlieren und
andere hinzugewinnen werden (vgl. VON WITZKE, H. et al., 2008. S.18). Bei einer
Temperaturerhöhung von mehr als 3 K werden voraussichtlich die negativen Effekte im
weltweiten Maßstab überwiegen. Grob lässt sich dabei für die hohen und teilweise auch
mittleren Breiten ein positiver Trend der landwirtschaftlichen Erträge prophezeien, während
mit abnehmender Breitenkreislage die landwirtschaftlichen Erträge unter den heutigen Werten
verbleiben werden.
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 62

Abb. 14: Global prognostizierte Temperaturanstiege nach verschiedenen Emissionsszenarien


Quelle: IPCC, 2007 In: SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.21, verändert

Bei der Erstellung regionaler Klimaszenarien für das Bundesland Nordrhein-Westfalen wurde
Ende 2004 ausgehend vom Referenzzeitraum 1951 bis 2000 für den Zeitraum bis zur Mitte
des 21. Jahrhunderts (2055) eine Temperaturerhöhung von durchschnittlich 1,5 bis 2 K
simuliert (vgl. GERSTENGARBE, F.-W. et al., 2004. S.19ff.). Die
Jahresdurchschnittstemperatur im Hellwegraum wird zur Mitte des 21. Jahrhunderts demnach
zwischen 11 und 12 °C liegen. Die Höhenlagen auf dem Haarstrang werden ebenfalls knapp
zweistellige Temperaturwerte erreichen (s. Karte 12). Dadurch wird sich in der Hellwegbörde
die Vegetationsperiode um etwa zwei Wochen verlängern. Aufgrund der allgemein höheren
Temperaturen nimmt auch die für einige Kulturpflanzen wichtige Kennziffer der Temperatur-
bzw. Wärmesumme zu.
Darüber hinaus wird auch in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts der Temperaturwert im
Durchschnitt weiter kontinuierlich ansteigen, wenngleich bis dahin eventuell deutliche
Einsparungen der anthropogenen Treibhausgasemissionen erreicht seien sollten (vgl.
UMWELTBUNDESAMT (UBA) U. MAX-PLANCK-INSTITUT FÜR METEOROLOGIE, 2006. S.4). In
etwa 100 Jahren könnte die Temperatur in weiten Teilen NRWs und der Hellwegbörde bis zu
4 K über den heutigen Referenzwerten liegen, wobei circa 3 K als am realistischsten
angesehen werden (vgl. SPEKAT, A. et al., 2007. S.29ff. u. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J.,
2007. S.20, 29).
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 63

Karte 12: Prognostizierte Temperaturen für Nordrhein-Westfalen im Zeitraum 2046 bis 2055.
Die schwarze Umrandung markiert die Lage der Hellwegbörde. Zum Vergleich s. Karte 8
Quelle: GERSTENGARBE, F.-W. et al., 2004. S.47, verändert

Die Landwirtschaft hat sich an diese allmähliche Erwärmung und somit deutlich veränderten
Ausgangsbedingungen – besonders für den Ackerbau – anzupassen. Bereits heute ist eine
Verschiebung der Anbauzonen nach Norden und in die Höhe zu erkennen (vgl. MUNLV,
2007b. S.21f.). Durch das höhere Temperaturniveau wird es zu Flächenausweitungen von
Wärme liebenden Kulturen (Mais, Sonnenblumen) kommen. Dabei ist aber zu
berücksichtigen, dass durch den immer früheren Beginn der Vegetationszeit die Gefahr von
Spätfrösten steigen wird, da es auch in Zeiten des Klimawandels durchaus kalte
Witterungsabschnitte geben wird, obwohl diese immer seltener werden (vgl. SCHALLER, M. U.
WEIGEL, H.-J., 2007. S.86, 195).

„Die Temperatur ist ein fundamentaler Faktor, der alle biologischen und chemischen Prozesse
in Organismen und Ökosystemen beeinflusst“ (WEIGEL, H.-J. In: ISERMEYER, F. (Hrsg.),
2004. S.19). Dabei weist jede Pflanze bezüglich Stoffwechsel und Wachstum eine
Optimaltemperatur bzw. einen optimalen Temperaturbereich auf. Der optimale
Temperaturbereich der meisten Getreidearten liegt zwischen 18 und 25 °C sowie von Mais
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 64

zwischen 25 und 30 °C (vgl. CHMIELEWSKI, F.-M., 2008. S.77, 83, 195). Folglich führt eine
Temperaturerhöhung bei Pflanzen unterhalb des Optimums zu einer Leistungssteigerung und
oberhalb zu einer konträren Wirkung. Besonders C4-Pflanzen, wie Mais, weisen ein hohes
Temperaturoptimum auf, so dass besonders diese Kulturpflanzen von einer weiteren
Temperaturerhöhung profitieren (vgl. WEIGEL, H.-J. In: ISERMEYER, F. (Hrsg.), 2004. S.19ff.,
84 u. DIEPENBROCK, W. et al., 2005. S.143). Pflanzen, wie Zuckerrüben und Grünlandarten,
die auf eine längere Vegetationsperiode und eine erhöhte Durchschnittstemperatur mit
Wachstum reagieren, werden ebenso positiv von einem erhöhten Temperaturniveau
profitieren. Anders sieht dies bei Getreide aus, da es mit festgelegten Reife- und
Entwicklungsstadien an die vorhandenen Temperatur- bzw. Wärmesummen gekoppelt ist. Die
durch die höhere Temperatur bedingte Entwicklungsbeschleunigung der Getreidearten führt
folglich zu einer Verkürzung der für den Ertrag entscheidenden Kornfüllungsphase und somit
zu verminderten Erträgen. Da die Assimilate beispielsweise von Winterweizen bei Werten
unter 20 °C optimal im Korn eingelagert werden, liegt u. A. das Ertragsniveau im Norden
Deutschlands (Schleswig-Holstein) höher als im Rest der Republik (vgl. CHMIELEWSKI, F.-
M., 2008. S.77, SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.143 u. LÜTKE ENTRUP, N. U.
OEHMICHEN, J., 2000. S.263). Bei dem prognostizierten Temperaturanstieg wird der
Getreideertrag besonders von den höheren Atmungsverlusten und der Verkürzung der
Kornbildungsphase limitiert.

Weizen, die wichtigste Anbaukultur der Hellwegbörde, stellt von den Getreidearten die
höchsten Ansprüche an den Standort (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.43f., 84,
195 u. REIDSMA, P., 2007. S.58f.). Wintermilde, sommerwarme und strahlungsintensive
Klimate sind günstige Voraussetzungen. Ein relativ kühles Frühjahr und ein warmer, aber
nicht heißer Frühsommer sind ideal für hohe Weizenerträge, da bereits Werte über 28 °C zu
Hitzestress führen. Weizen gehört – wie oben bereits angesprochen – zu den Kulturarten, die
auf Temperatursummen reagieren. Diese Arten werden als determinierte Anbaukulturen
bezeichnet. Beim Ertrag ist unter den heutigen Klimabedingungen ein Nord-Süd-Gefälle
innerhalb Deutschlands ersichtlich, welches im Zuge des Klimawandels in der Tendenz
erhalten bleiben wird. Die Kornfüllungsphase hängt von der Temperatursumme ab, so dass
hohe Temperatur während dieser Zeit zu einer Verkürzung der Kornfüllungsphase und somit
zu einem verminderten Ertrag führen. Daher werden die Erträge des Weizens im Zuge des
Klimawandels aufgrund der Eigenschaft als determinierte Kulturart und des eintretenden
Hitzestresses ab circa 28 °C eher negativ beeinflusst. Weniger gegen Hitze empfindlich ist die
Gerste, welche nach dem Weizen die zweitwichtigste Getreideart Mitteleuropas ist, und erst
ab circa 35 °C (Sommergerste) mit Notreife reagiert (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J.,
2007. S.48ff., 84f. u. LÜTKE ENTRUP, N. U. OEHMICHEN, J., 2000. S.330, 353). Limitierendes
Anbaumerkmal ist die nur mäßige Frostresistenz, deren Gefährdung mit zunehmender
Erwärmung abnehmen wird, aber nicht ausgeschlossen werden kann. Wie bereits erwähnt und
für die Halmfrüchte typisch, benötigt die Gerste ein feucht-kühles Frühjahr und einen mäßig-
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 65

warmen Frühsommer während der Kornfüllungsphase, um hohe Erträge erzielen zu können.


Hingegen reagiert Roggen sehr empfindlich auf hohe Temperaturen, was die Eignung bei
einer weiteren Temperaturerhöhung in den kommenden Jahrzehnten weiter reduzieren wird.
Roggen spielt in der Hellwegbörde aber bereits heute aufgrund der relativ geringen
Ertragsausbeute eine nur untergeordnete Rolle (s. Abb. 8). Die nach Weizen und Gerste im
Kreis Soest flächenmäßig am dritt häufigsten angebaute Getreideart ist Triticale. Die
Kreuzung aus Weizen und Roggen liegt in den klimatischen Ansprüchen zwischen diesen
beiden Kulturpflanzen. Das niedrigste Temperaturoptimum mit nur 14 – 18 °C weist Hafer
auf, so dass mit der Temperaturerhöhung das Optimum teilweise deutlich überschritten
werden wird. Bereits ab 27 °C sinkt der Ertrag durch verringerte Netto-Assimilation (vgl.
LÜTKE ENTRUP, N. U. OEHMICHEN, J., 2000. S.389).
Mais reagiert empfindlich auf Frost und ist wegen der natürlichen Verbreitungsareale in den
warmen Breiten an hohe Temperaturen angepasst (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007.
S.83, REIDSMA, P., 2007. S.93, 102 u. LÜTKE ENTRUP, N. U. OEHMICHEN, J., 2000. S.404f.).
Diese klimatischen Standorteigenschaften der in der Landwirtschaft vielfältig zu
verwendenden C4-Pflanze (Futter-, Nahrungs- und Energiepflanze) wird den Mais im
mitteleuropäischen Raum weiter steigende Bedeutung zukommen lassen. Eine rasche
Bodenerwärmung im Frühjahr, wie sie unter den zukünftigen Klimabedingungen zu erwarten
seien wird, fördert den zeitigen Aufwuchs. Bei Temperaturen unter sechs und über 30 °C
findet kein Wachstum statt, so dass extreme Sommertemperaturen über einen längeren
Zeitraum nicht förderlich sind.

Da die Blattfrüchte zu den nicht-determinierten Anbaukulturen gehören, werden diese


Kulturen auf eine längere Vegetationsperiode und erhöhte Temperatursummen mit höheren
Erträgen reagieren, sofern die Wasser- und Nährstoffversorgung sichergestellt ist (vgl.
SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.52ff.). Die als „Königin unter den Ackerkulturen“
(SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.53 u. DIEPENBROCK, W. et al., 2005. S.221)
bezeichnete Zuckerrübe stellt hohe Ansprüche an das Klima. Für eine gute Rübenernte
werden deutlich höhere Temperatursummen als beim Mais benötigt (Zuckerrübe: 2.500 –
2.900 °C, Mais: 1.450 – 1.650 °C). Während der Wachstumsperiode sind circa 25 °C,
während der Zuckerbildung hingegen mildere 20 – 23 °C optimal. In den wärmeren Gegenden
Europas, besonders in Frankreich, werden hohe Zuckerrübenerträge erzielt, so dass bei einer
Verschiebung der Klimazonen nach Norden positive Effekte auf die Erträge in Deutschland
und der Hellwegbörde zu erwarten sind. Innerhalb Deutschlands wird heute anders als bei den
Getreidearten mit Zuckerrübe und Kartoffel als nicht-determinierte Kulturpflanzen der
höchste Ertrag in den südlichen Bundesländern erzielt. Folglich wird sich mit dem
Erwärmungstrend das Ertragsmaximum nordwärts verschieben und im Hellwegraum zu
positiven Entwicklungen führen, während bei Getreide die erhöhten Temperaturen eher zu
negativen Ertragseffekten führen werden. Mit einer weiteren Temperaturerhöhung während
der Vegetationszeit werden sich die klimatischen Anbaubedingungen für Raps im
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 66

Hellwegraum verschlechtern, wobei das Handelsgewächs empfindlich gegenüber Spätfrösten


im Frühjahr reagiert (vgl. LÜTKE ENTRUP, N. U. OEHMICHEN, J., 2000. S.524).
Obst-, Wein- und Gemüseanbau gehören zu den Sonderkulturen und haben zumeist hohe
Ansprüche an die klimatischen Voraussetzungen (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007.
S.56f.). Ein ertragreicher Obstanbau ist in Deutschland an thermische Gunsträume gekoppelt.
Warme, nach Süden ausgerichtete Hanglagen mit geringer Spätfrostgefahr sind ideale
Standorte. Da der Hellwegraum nördlich der Haar nach Norden hin abflacht, bietet sich der
Obstbau als Folge der Temperaturerhöhung nur bedingt an. Südlich des Haarstrangs fällt das
Gelände steil zur Möhne und Ruhr hin ab, so dass sich südseitig der Haar Obstanbau
etablieren könnte. Ähnlich sehen die Verhältnisse für einen in Zukunft möglichen Weinanbau
aus (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.57ff.). Die deutschen Weinanbaugebiete
befinden sich am nördlichen Rand des Verbreitungsgebietes und konzentrieren sich auf den
Süden und Südwesten des Landes. Jedoch wird vereinzelt auch weiter nördlich in bisher
unbedeutenden Mengen Wein angebaut. Ebenso wie beim Obstbau wird sich bei einer
weiteren Erwärmung der Wein nicht in größerem Umfang in der leicht nach Norden
exponierten Hellwegbörde etablieren können. Dagegen wird die Südabdachung des
Haarstranges durchaus für Obst- und Weinanbau geeignete Standorte liefern können. Bei der
Freiland-Gemüseproduktion wirken sich höhere Temperaturen im Frühjahr und Frühsommer
positiv, hohe Temperaturen während des Hochsommers hingegen negativ auf Gemüseertrag
und -qualität auf (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.84). Auch die Sonnenblume
stellt als an Wärme angepasste Art im Zuge des Klimawandels eine alternative Anbaukultur
der Zukunft dar (vgl. DIEPENBROCK, W. et al., 2005. S.214).

Ein Beispiel für das in einigen Jahrzehnten wahrscheinliche Klima zeigte der
mitteleuropäische Hitzesommer 2003 (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.7, 46,
59ff., s. auch 5.1.1.2.2, Niederschlag (Wasserverfügbarkeit)). Die landwirtschaftlichen
Erträge lagen 2003 z. T. deutlich unter den Durchschnittserträgen der vergangenen Jahre. Die
Erträge erreichten 2003 66 – 100 % der durchschnittlichen Ertragszahlen, wobei die meisten
Ertragsdefizite bei zehn bis 20 Prozentpunkten lagen. Winterungen (Wintergetreide, Raps)
litten dabei weniger unter der sommerlichen Trockenheit als die Sommerungen, wie z. B.
Mais, da bereits zu Beginn der Hitzewelle das Wachstum der überwinternden Arten nahezu
abgeschlossen war.

C4-Pflanzen reagieren im Gegensatz zu den meisten C3-Pflanzen positiv auf erhöhte


Temperaturen (vgl. DIEPENBROCK, W. et al., 2005. S.144f.). Die nicht-determinierten Arten,
wie Zuckerrübe, Kartoffel und Grünlandarten, profitieren von einem höheren
Temperaturniveau, während bei determinierten Kulturpflanzen (Getreide) „durch das
schnellere Erreichen notwendiger Temperatursummen Entwicklungsprozesse rascher
durchlaufen werden, was sich insbesondere durch die Verkürzung der Kornfüllungsphase
häufig als negativ erweisen dürfte“ (SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.146). „Auch der
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 67

Anbau bisher überwiegend Wärme limitierter landwirtschaftlicher Kulturen, wie z. B.


Sonnenblumen, C4-Gräser (Hirse, Sudangras) oder auch Obstarten (wie u. U. Aprikosen)
könnte erfolgreich werden“ (SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.152).

5.1.1.3 Niederschlag (Wasserverfügbarkeit)

„Die Projektionen für großräumige Temperaturveränderungen [sind] mit relativ hoher


Eintrittswahrscheinlichkeit möglich, wohingegen Niederschlagsprojektionen auf Grund ihres
stärker regional ausgeprägten Charakters noch größeren Unsicherheiten unterliegen“
(SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.9).
Pflanzen und insbesondere Anbaukulturen, die einen möglichst hohen Ertrag hervorbringen
sollen, benötigen während des Wachstums und der Reife zwingend Wasser. Parallel zu den
langsam ansteigenden Temperaturen werden Evaporation und Transpiration ansteigen, so dass
sich der Wasserhaushalt der Pflanzen nicht nur im Zusammenhang mit den verändernden
Niederschlagsverhältnissen, sondern auch im Zusammenhang mit der Evapotranspiration
verändern wird. Bei gleich bleibenden Niederschlagsmengen steht den Pflanzen folglich bei
höheren Temperaturen weniger Wasser zur Verfügung, da durch die mit zunehmenden
Temperaturen verstärkten Verdunstungsprozesse mehr Wasser abgegeben wird. (vgl.
SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.83f.).
Global betrachtet wird für die Zukunft in den höheren Breiten mit erhöhten
Niederschlagsmengen und in den niederen Breiten mit weniger Niederschlag gerechnet (vgl.
IPCC, 2007. S.46). In der Hellwegbörde und auch in weiten Teilen NRWs hat sich in den
vergangenen Jahrzehnten die durchschnittliche Jahresniederschlagssumme etwas erhöht (vgl.
GERSTENGARBE, F.-W. et al., 2004. S.24ff., s. auch Kap. 4.1.4). Dieser Trend wird sich auch
in Zukunft bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts weiter fortsetzen, wenngleich sich dieser Trend
zunehmend abschwächen wird. In circa 50 Jahren wird nach den Modellberechnungen in der
Hellwegbörde mit circa 750 bis 850 mm etwas mehr Niederschlag fallen als im Mittel der
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (s. Karte 13; s. auch Kap. 4.1.4 u. Karte 9). In den
höheren Lagen liegen die Jahresniederschlagssummen darüber und erreichen im Maximum
etwa 1.000 mm auf der östlichen Haar.

Dabei wird – wie auch heute schon – die Niederschlagsvariabilität zwischen den einzelnen
Jahren groß sein, so dass die Jahressummen in der Größenordnung zwischen etwa 600 und
1.300 mm schwanken werden. Daraus resultiert eine große Unsicherheit der
Wasserverfügbarkeit für die Anbaukulturen. Zukünftig wird die Anzahl der Tage mit großen
Niederschlagsmengen zunehmen, da die Luftmassen mit zunehmender Temperatur mehr
Wasserdampf aufnehmen können.
Zwar wird sich die absolute Niederschlagssumme durchschnittlich nur geringfügig verändern,
jedoch wird es im Jahresverlauf recht deutliche Verschiebungen geben (vgl. SPEKAT, A. et al.,
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 68

2006. S.17ff., SPEKAT, A. et al., 2007. S.35ff. u. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007.
S.29f.). Während für das Winterhalbjahr zunehmende Niederschlagsmengen simuliert
werden, werden die Sommermonate in Zukunft immer trockener. Die im Hellwegraum
niederschlagsreichste Jahreszeit (Sommer) wird in Zukunft deutlich trockener werden und die
Niederschlagsmenge bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts um etwa 25 % abnehmen. Dagegen
werden im Herbst, Winter und Frühjahr die Niederschlagsmengen größer. Aufgrund der
Erwärmung wird – trotz der leicht erhöhten Niederschlagssumme – eine Abnahme der
klimatischen Wasserbilanz bis zum Zeitraum 2046 bis 2055 erwartet.

Karte 13: Prognostizierte Änderung der Jahresniederschlagssumme des Zeitraumes 2046 - 2055
im Vergleich zum Zeitraum 1951 - 2000. Die schwarze Umrandung markiert die Lage der
Hellwegbörde
Quelle: GERSTENGARBE, F.-W. et al., 2004. S.73, verändert

Das Verhältnis zwischen Verdunstung und Niederschlag wird sich innerhalb der
Vegetationsperiode weiter zugunsten der Verdunstung verschieben, woraus sich eine
verstärkte negative klimatische Wasserbilanz (Niederschlagsdefizit) ergeben wird (vgl.
SPEKAT, A. et al., 2006. S.54ff.). Im Hellwegraum war die klimatische Wasserbilanz während
der Vegetationsperiode gemittelt für den Zeitraum 1951 bis 2000 mit 30 – 90 mm leicht
negativ und bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts wird sich das Niederschlagsdefizit auf 90 – 150
mm erhöhen. Gerade die prognostizierte sommerliche Niederschlagsreduktion
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 69

(Sommertrockenheit) wird sich direkt auf das pflanzliche Wachstum auswirken. Obgleich die
Häufigkeit von Starkniederschlägen zunehmen wird, ist insgesamt im Hellwegraum eher mit
trockeneren Bedingungen (Wasserknappheit) zu rechnen. Die dominierenden Böden in der
Hellwegbörde weisen die positiv zu beurteilende Eigenschaft und Fähigkeit auf, Wasser über
lange Zeiträume für die Pflanzen verfügbar im Boden zu speichern (s. Kap. 4.1.3). Folglich
können trockene Witterungsabschnitte relativ gut überdauert werden, sofern die
niederschlagsfreie bzw. –arme Periode nicht zu lang wird. Dennoch benötigen die einzelnen
Anbaukulturen unterschiedlich viel Wasser und reagieren demzufolge unterschiedlich auf die
veränderten Niederschlagsbedingungen. „Innerhalb einer relativ weiten Temperaturspanne
bestimmt letztendlich der Niederschlag bzw. der Wasserhaushalt, welche Kultur erfolgreich
angebaut werden kann“ (SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.106). Jede Art benötigt zur
Bildung eines Kilogramms Trockenmasse eine bestimmte Menge an Wasser (vgl.
DIEPENBROCK, W. et al., 2005. S.28). C4-Pflanzen (Hirse, Mais) gebrauchen relativ wenig
Wasser, während die Getreidearten, Raps, Kartoffeln und Sonnenblumen im Vergleich dazu
viel Wasser zum Wachstum gebrauchen.
Überwinternde Arten (Wintergetreide, Raps), die ihre längsten Entwicklungsphasen im
Herbst und Frühjahr durchlaufen, benötigen generell weniger Wasser als die Sommerformen
(Sommergetreide, Mais). Blattfrüchte (Zuckerrüben, Kartoffeln) haben aufgrund ihrer relativ
langen Vegetationszeit einen höheren Wasserbedarf als Getreide. Bei Wassermangel können
deutliche Ertragseinbußen die Folgen sein, wie z. B. im heißen und trockenen Sommer 2003.
Ein häufiger auftretendes Defizit an Wasser würde abseits der kostspieligen Alternative einer
Beregnung die Verlagerung von den Sommerformen zu den überwinternden Kulturen
bedeuten (vgl. CHMIELEWSKI, F.-M., 2008. S. 83). Neben der Trockenheit gefährden aber
auch die zunehmende Gefahr von Starkregenfällen das Wachstum und die Reife der
Anbaukulturen (s. Kap. 5.1.1.4, Wetterextreme).

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass trotz der leicht ansteigenden prognostizierten


Jahresniederschlagssummen die zukünftig häufiger auftretenden Starkniederschläge und die
sommerlichen Trockenperioden die größten Auswirkungen auf den Wasserhaushalt der
Anbaukulturen haben werden. Während Obst, Wein und die C4-Pflanzen (Mais, Hirse) mit
stabilen oder sogar positiven Ertragsentwicklungen auf das sich wandelnde
Niederschlagsregime reagieren, werden Raps, Zuckerrübe, Kartoffel und die heimischen
Getreidearten negativ davon beeinflusst (s. Tab. 5).

5.1.1.4 Wetterextreme

Während sich auf allmähliche Veränderungen, wie einem steigenden CO2-Gehalt in der
Atmosphäre, einer zunehmenden Durchschnittstemperatur sowie einer Konzentration der
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 70

Niederschläge auf das Winterhalbjahr mitsamt vermehrt auftretenden Sommertrockenheiten


und Hitzewellen, in gewisser Weise eingestellt werden kann, sind für die Landwirtschaft
Wetterextreme zeitlich nicht vorhersagbare und nicht oder nur bedingt zu adaptierende
Risiken. Dazu gehören insbesondere Trockenperioden verbunden mit Hitzewellen und
Starkniederschlägen (vgl. IPCC, 2007. S.46). Diese extremen Wetter- und
Witterungsabschnitte werden nach den Klimamodellen auch in der Hellwegbörde häufiger
(vgl. WEIGEL, H.-J. In: ISERMEYER, F. (Hrsg.), 2004. S.17).
In Zukunft ist, wie auch in vielen anderen Regionen Deutschlands, in der Hellwegbörde nach
den Prognosen vermehrt mit Perioden von mehr als 30 oder gar 35 °C zu rechnen (vgl.
SPEKAT, A. et al., 2007. S.56ff.). Die Wahrscheinlichkeit der Wiederholung eines
Hitzesommer wie im Jahr 2003 wird stetig ansteigen (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J.,
2007. S.25). Wie oben bereits dargestellt, reagieren die Kulturpflanzen sehr unterschiedlich
auf hohe Temperaturen (s. Kap. 5.1.1.2.1, Temperatur). Bei Werten, die über dem
Temperaturoptimum liegen, sind deutliche Ertragseinbußen zu erwarten. Je häufiger solche
Extremtemperaturen auftreten, desto größer sind die zu erwartenden Ertragseinbußen und
Schäden (vgl. WEIGEL, H.-J. In: ISERMEYER, F. (Hrsg.), 2004. S.21).
Da bei höheren Temperaturen die Luft mehr Wasserdampf aufnehmen kann, steigt damit
einhergehend die Gefahr von Starkniederschlägen, die infolge von Erosionsschäden,
Überschwemmungen, Verschlämmungen, etc. zu massiven landwirtschaftlichen
Produktionseinbußen führen können (vgl. SPEKAT, A. et al., 2007. S.57f. u. MUNLV, 2007b.
S.11). Massive Schäden für die Anbaukulturen werden durch Hagelschlag hervorgerufen,
wobei in einer wärmeren Atmosphäre die Gefahr auch von Hagelschlag ansteigen wird.
Das größte Problem für die Landwirte stellt dabei die Unvorhersagbarkeit dieser
Witterungsabschnitte (Hitzewellen, Trockenperioden) und Wetterereignisse
(Starkniederschlag, Hagel, Sturm) dar. „Insbesondere die bei stärkeren Klimaänderungen
häufiger auftretende Extremwetter, wie Starkregenereignisse und Dürreperioden, dürften alle
landwirtschaftlichen Produktionszweige in ganz Deutschland in Mitleidenschaft ziehen und
erhebliche Verluste für die Agrarwirtschaft bzw. die gesamte Volkswirtschaft verursachen,
wie das Jahr 2003 gezeigt hat“ (SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.152).

5.1.1.5 Zusammenfassende Auswirkungen des Klimawandels

Zunächst ist festzuhalten, dass eine mehrere Faktoren des Klimawandels umfassende Analyse
der zukünftig zu erwartenden Erträge der landwirtschaftlichen Kulturen mit großen
Unsicherheiten verbunden ist (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.109).
Fasst man die wichtigsten Einflüsse des Klimawandels auf die erwartete landwirtschaftliche
Produktion zusammen, ergeben sich für die verschiedenen Anbaukulturen teilweise recht
deutliche Unterschiede. Die atmosphärischen Veränderungen werden die Landwirte
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 71

deutschlandweit und auch in der Hellwegbörde unmittelbar beeinflussen. Diese


prognostizierten Aspekte sind in der folgenden Tabelle für das Gebiet zwischen Lippe und
Möhne zusammenfassend dargestellt (s. Tab. 5). Dabei werden die Auswirkungen auf die
landwirtschaftlichen Kulturen in fünf Stufen als sehr positiv (++), positiv (+), neutral/stabil
(o), negativ (-) und sehr negativ (--) klassifiziert. Abschließend erfolgt eine
zusammenfassende Bewertung des gesamten Klimawandels auf die Anbaukulturen in der
Hellwegbörde. Für die Gesamtbewertung können nicht die vorherigen vier Bewertungen eins
zu eins übernommen werden, um den Gesamteffekt des Klimawandels feststellen bzw.
errechnen zu können, da die betrachteten Aspekte für die einzelnen Kulturarten
unterschiedliche Bedeutungen aufweisen und entsprechend unterschiedlich gewichtet werden
müssen. Die gewichteten Ergebnisse können besonders bei Obst und Wein nicht direkt in die
Praxis übertragen werden, da sich aufgrund der leicht nach Norden ausgerichteten Abdachung
der Börde die Strahlungsbedingungen verschlechtern, so dass sich der möglicherweise
etablierende Obst- und Weinanbau auf die Südabdachung der Haar fokussieren wird. Folglich
werden auch unter den simulierten Klimabedingungen der kommenden Jahrzehnte der Obst-
und Weinanbau zwischen Lippe und Haarstrang keine flächenmäßig sehr bedeutsamen
Anbaukulturen werden. Dennoch ist der Obstanbau besonders auf Grünlandflächen in
Ortsrandlage oder an den ackerbaulich weniger rentablen Hängen der Schledden in Zukunft
durchaus im verstärkten Maße möglich. Der Südhang des Haarstrangs ist aufgrund der
Exposition hingegen ein für Obst- und Weinanbau begünstigter Raum der kommenden
Jahrzehnte. Des Weiteren sind grundsätzlich die C3- und C4-Pflanzen zu unterscheiden. Die
C4-Pflanzen werden aufgrund ihrer Herkunft aus den warmen Breiten im Laufe des
prognostizierten Klimawandels mit positiven Ertragsentwicklungen reagieren, wenngleich mit
der zunehmenden Häufigkeit von Wetterextremen die jährlichen Ertragsschwankungen nach
heutigen Erkenntnissen zunehmen werden. Dagegen sind die Auswirkungen bei den C3-
Pflanzen eher different. Während die meisten heimischen Getreidearten eher negative
Auswirkungen auf die veränderten Klimabedingungen haben werden, sieht die
Ertragssimulation für die Kartoffel und die meisten Gemüsesorten stabil sowie für
Zuckerrübe, Sonnenblume, Obst und Wein eher positiv aus.

Der CO2-Düngeeffekt vermindert die als negativ eingestuften Auswirkungen bei den
Getreidearten, die von den Klimaelementen Temperatur und Niederschlag sowie von
Wetterextremen hervorgerufen werden (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.110,
145f.). Alleine durch den vom Menschen verursachten Anstieg der CO2-Luftkonzentration
können die mit zunehmender Temperatur negativ eingestuften Ertragsprognosen im Zuge des
Klimawandels deutlich minimiert bzw. bei einigen Kulturen sogar umgekehrt werden.
Dadurch werden die Ertragseinbußen bei den beiden für die Hellwegbörde wichtigsten
Getreidearten Weizen und Gerste voraussichtlich bei nur wenigen Prozentpunkten liegen (vgl.
SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.153ff.). Der Mais wird unter den simulierten
klimatischen Bedingungen im Laufe des 21. Jahrhunderts weiter an Bedeutung gewinnen. Bei
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 72

sich verschlechternden Ertragssicherheiten werden die Erträge von Zuckerrübe und Kartoffel
leicht ansteigen. Ebenso werden auch die meisten Gemüsesorten vom Klimawandel
profitieren.
Da die Ertragssicherheit unter den Auswirkungen des Klimawandels leiden wird und somit
auf den weniger produktiven Standorten häufiger geringere Erträge erzielt werden, wird sich
in Zukunft vermutlich der Ackerbau in den Gunstregionen wie der zentralen Hellwegbörde
weiter intensivieren, während auf weniger günstigen Standorten die Landbewirtschaftung
extensivere Züge annehmen wird (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.158).

Auswirkungen des Klimawandels auf die landwirtschaftlichen Anbaukulturen in der Hellwegbörde

CO2- Temperatur- Wasserangebot Wetter-


Anbaukultur Gesamt
Düngeeffekt erhöhung (Niederschlag) extreme

C3-Pflanzen ++ O - - o
Weizen ++ - - - -
Gerste + - - - -
Triticale + - - - -
Roggen + -- - - --
Hafer + -- - - --
Raps + - - - -
Zuckerrübe ++ + - - +
Kartoffel ++ + -- - o
Gemüse ++ + -- - +
Sonnenblumen + ++ - - +
Obst ++ ++ + - ++
Wein ++ ++ + - ++

C4-Pflanzen + ++ + - ++
Mais + ++ + - ++
Chinaschilf (Miscanthus) + ++ + - ++
Hirse, Sorghum + ++ + - ++

Bewertung: + + (sehr positiv), + (positiv), o (stabil/neutral), - (negativ), - - (sehr negativ)

Tab. 5: Auswirkungen des prognostizierten Klimawandels auf die landwirtschaftlichen


Anbaukulturen in der Hellwegbörde
Eigene Tabelle

Dabei sind die Züchtung anderer Sorten, wie z. B. bei der Zuckerrübe die Innovation
„Winterrübe“ als Antwort auf die immer milderen Winter, die Verwendung von Arten aus
dem Süden (Miscanthus, Sonnenblumen) und die im Zuge der verlängerten
Vegetationsperiode möglichen Zweifrucht-Nutzungssysteme mit zwei Ernten pro Jahr als
Anpassungsmöglichkeiten und -strategien an den Klimawandel zu nennen (vgl. SCHALLER, M.
U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.165 u. MUNLV, 2007b. S.34).
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 73

5.1.2 Agrarmarkt und Agrarpolitik

5.1.2.1 Agrarmarktwirtschaftliche Entwicklungen

Die Preise auf dem Agrarmarkt setzen sich neben der teilweise recht starken
Politikbeeinflussung aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage zusammen. Da im 20.
Jahrhundert das Angebot an landwirtschaftlichen Produkten häufig die Nachfragemenge
überschritten hat, lagen die Preise – mit deutlichen Schwankungen versehen – recht niedrig
(vgl. VON WITZKE, H. et al., 2008. S.I, 5ff., s. Abb. 15).

Abb. 15: Entwicklung der realen internationalen Nahrungsmittelpreise von 1900 - 1990, Mittel
des Zeitraumes 1977 - 1979 = 100
Quelle: TYERS, R. U. ANDERSON, K. 1992. In: VON WITZKE, H. et al., 2008. S.6, verändert

Die Landwirtschaft hat im Zuge des Bevölkerungswachstums immer mehr Nahrungsmittel für
immer mehr Menschen produziert, jedoch stieg durch die Ausdehnung der
landwirtschaftlichen Nutzflächen und die Produktivitätssteigerung das Angebot stärker als die
Nachfrage. Da die Flächen für die landwirtschaftliche Produktion begrenzt sind, resultierte in
den vergangenen Jahrzehnten aus der steigenden Produktivität (Erträge) der größte Einfluss
auf der Angebotsseite. Dieser aufgrund des Angebotüberhangs als Megatrend von sinkenden
Weltmarktpreisen bezeichnete jahrzehntelange Zustand ist seit einigen Jahren beendet,
nachdem in den 1990er Jahren historische Tiefststände für Getreide und Ölsaaten auf den
Weltagrarmärkten erreicht wurden (vgl. MUNLV, 2008a. S.12 u. HEISSENHUBER, A. In:
BUNDESMINISTERIUM FÜR ERNÄHRUNG, LANDWIRTSCHAFT UND VERBRAUCHERSCHUTZ
(BMELV) (Hrsg.), 2008. S.49; s. Abb. 16). Die weltweit steigende Nachfrage und die
witterungsbedingt stark schwankenden Produktionsmengen haben zu einer recht
angespannten Versorgungslage geführt, weil die als Ausgleichspuffer verwendeten
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 74

Lagerbestände deutlich an Volumen und somit Handelssicherheit eingebüßt haben (vgl.


LEHMANN, D. U. VON LEDEBUR, O. In: BUNDESFORSCHUNGSANSTALT FÜR LANDWIRTSCHAFT
(FAL), 2006. S.176). Diese im Vergleich zu den vorherigen Jahrzehnten geringen
Lagerbestände führten ebenfalls zu allgemein ansteigenden Marktpreisen. Weiterhin wird
neben des generellen Trends von weiter steigenden Preisen in der Zukunft auch von
zunehmenden Fluktuationen ausgegangen. Mit diesen größeren Schwankungen werden die
Märkte „immer komplexer und komplizierter“ (GOESSLER, R. In: ZENTRALE MARKT- UND
PREISBERICHTSTELLE FÜR ERZEUGNISSE DER LAND-, FORST- UND ERNÄHRUNGSWISSENSCHAFT
GMBH (ZMP), 2008. Vorwort). Der Grund für diesen Richtungswechsel liegt maßgeblich in
der gestiegenen und weiter steigenden Nachfrage nach Agrarerzeugnissen, die das Angebot
übersteigen (vgl. POSEKANY, C., 2007. S.3). Dies führte und wird auch weiterhin zu einer
relativen Verknappung des Angebots im Vergleich zur Nachfrage führen, weshalb die
Agrarweltmarktpreise seit 2000 einen positiven Trend aufweisen und weiter steigen werden
(vgl. VON WITZKE, H., 2008. S.5; s. Abb. 16).

Abb. 16: Preisentwicklung von 1996 (= 1.0) bis 2008 und erwarteter Trend bis 2017
Quelle: OECD U. FAO, 2008. S.25

Aufgrund des Verhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage ist eine Produktionsausweitung
erforderlich, um die Nachfrage decken zu können. Abseits des Nahrungsmittel- und
Futtermarktes spielt seit einigen Jahren auch der Bioenergiesektor einen an Bedeutung
steigenden Einfluss im Handel mit agrarischen Gütern (vgl. VON WITZKE, H. et al., 2008. S.2,
10ff.). Neben der gestiegenen Nachfrage für die Nutzung agrarischer Erzeugnisse für
Bioenergie sind besonders das Bevölkerungswachstum und steigende Pro-Kopf-Einkommen
in den meisten Entwicklungs- und Schwellenländern die Hauptgründe für die zunehmende
Nachfrage nach agrarischen Erzeugnissen. Diese drei Hauptargumente werden in den
kommenden Jahrzehnten weiter an Bedeutung gewinnen. 2050 werden bereits über neun
Milliarden und zum Ende des 21. Jahrhunderts voraussichtlich etwa zwölf Milliarden
Menschen zu ernähren sein (vgl. BROCKMEIER, M. U. VON LEDEBUR, O. In: ISERMEYER, F.
(Hrsg.), 2004. S.4). Bereits heute steht pro Person durchschnittlich nur noch etwa ein Viertel
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 75

Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche zur Verfügung (vgl. PIMENTEL, D. In: HÄRDTLEIN, M.


et al. (Hrsg.), 2000. S.7). Auch das Pro-Kopf-Einkommen und der Urbanisierungsgrad
werden als Indikatoren für steigenden wirtschaftlichen Wohlstand weltweit zunehmen. Mit
dem Bevölkerungswachstum und dem im Mittel steigenden wirtschaftlichen Wohlstand wird
die Nachfrage nach Agrarerzeugnissen weiter steigen und die Angebotssteigerung übertreffen,
woraus die zu erwartenden höheren Weltmarktpreise zu erklären sind (vgl. VON WITZKE, H. et
al., 2008. S.18ff. u. KNICKEL, K., 2002. S.109). Die Angebotsseite wird in Zukunft besonders
von drei Aspekten beeinflusst und begrenzt werden. Dies sind der Klimawandel (s. Kap.
5.1.1), die Grenzen der natürlichen Ressourcen Land und Wasser sowie die Grenzen des
technischen Fortschritts. Da die für agrarische Zwecke verfügbaren und ertragreichen Flächen
mittlerweile in großem Maße genutzt werden, ist die Steigerung der Produktionsmenge
maßgeblich von einer zunehmenden Produktivität (Intensivierung) auf den vorhandenen
landwirtschaftlichen Nutzflächen abhängig. Diese Intensivierung auf bereits hohem
Produktionsniveau wird jedoch mit nur noch relativ geringen Ertragssteigerungen
einhergehen können und nicht mehr die früheren Zuwächse aus der Zeit der Grünen
Revolution (1960er Jahre) erreichen.

2007/2008 stiegen die Preise auf dem Agrarmarkt für etwa ein Jahr deutlich an (vgl. VON
WITZKE, H. et al., 2008. S.III; s. Abb. 16). „Vorübergehend ist die extreme Preisspitze“
(TANGERMANN, S., 2007. S.26f.) der Jahre 2007 und 2008, die durch Ernteausfälle in
wichtigen Produktionsländern, wie Australien, resultierte. Aufgrund deutlich gestiegener
Angebotsmengen konnte dieses hohe Preisniveau nicht lange auf derartig hohem Level
bestehen und sackte bereits im Herbst 2008 in ein Zweijahrestief ab (vgl. WIEDUWILT, R. U.
SCHRAA, M. In: ZMP, 2008. S.18). So kostete Weizen Ende Oktober 2008 auf dem Weltmarkt
nur noch 50 % des Wertes von Januar 2008. Dies zeigt die möglichen und in der Zukunft zu
erwartenden Schwankungen auf dem Weltagrarmarkt bei einem insgesamt positiven
Preistrend (vgl. ORGANISATION FOR ECONOMIC CO-OPERATION AND DEVELOPMENT (OECD)
U. FOOD AND AGRICULTURE ORGANIZATION OF THE UNITED NATIONS (FAO), 2008. S.11). Die
in Abbildung 16 prognostizierten allmählichen Preissteigerungen bis zur Mitte des nächsten
Jahrzehnts werden aufgrund des Nachfrage-Angebot-Verhältnisses auch in der Folgezeit
Bestand haben, wobei die Schwankungen nach oben und unten zunehmen werden.
Möller hat 2004 die Produktionskosten in der Landwirtschaft zwischen deutschen und
nordamerikanischen Großbetrieben am Beispiel des Weizenanbaus miteinander verglichen,
um die Wettbewerbsfähigkeit auf dem liberalen Weltagrarmarkt aufzuzeigen (vgl. MÖLLER,
C., In: ISERMEYER, F. (Hrsg.), 2004. S.165ff.). Bei Unterlassung von politischen Eingriffen
hängt die Wettbewerbsfähigkeit und somit letztlich die Wirtschaftlichkeit (Rentabilität) der
landwirtschaftlichen Betriebe unmittelbar mit den Produktionskosten zusammen. Zwar ist in
diesem Beispiel für einen Betrieb aus der Magdeburger Börde der Kostenaufwand je
Flächeneinheit dreimal so hoch wie im Vergleichsbetrieb in North Dakota, allerdings sind in
der fruchtbaren und intensiv genutzten Magdeburger Börde parallel dazu die Weizenerträge
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 76

etwa dreimal so hoch wie in North Dakota, so dass sich die Produktionskosten je Tonne
Ertrag ausgleichen. „Es muss allerdings zu denken geben, dass der ausgewählte ostdeutsche
Betrieb trotz günstiger Betriebsstruktur und wesentlich höherer Erträge nicht in der Lage ist,
kostengünstiger zu produzieren als der US-Betrieb“ (ISERMEYER, F. (Hrsg.), 2004. S.167), da
eigentlich die Stückkosten mit zunehmenden Erträgen abnehmen sollten. Daraus lässt sich
schließen, dass die für den Wettbewerb bedeutenden rechtlichen Rahmenbedingungen
mitentscheidend für die internationale Wettbewerbsfähigkeit sind, da die deutschen Landwirte
bisher den Ertragsvorteil nicht in einen Kostenvorteil umwandeln konnten. Neben den
gesetzespolitischen Gründen sind auch die hohen Arbeitserledigungskosten aufgrund der im
weltweiten Maßstab verhältnismäßig kleinen Betriebe und kleinen Ackerflächen in
Deutschland dafür mitverantwortlich. Dieses Beispiel für den Weizenanbau kann nicht auf
andere Anbaukulturen übertragen werden, da gerade im Weizenanbau die Erträge innerhalb
Deutschlands massiv höher liegen als im überkontinentalen Ausland. Bei anderen
Anbaukulturen, wie Mais, Zuckerrübe und Ölsaaten, ist der Ertragsvorteil Deutschlands
teilweise deutlich geringer, woraus sich für die deutschen Betriebe höhere Produktionskosten
und folglich eine geringere Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltagrarmarkt ergeben. Die
hohen Produktionskosten innerhalb Deutschlands machen die für den Ackerbau – besonders
auch in der Hellwegbörde – sehr vorteilhaften naturräumlichen Voraussetzungen, die sich an
den hohen Ertragszahlen ablesen lassen, zunichte. Eigentlich ist die deutsche Landwirtschaft
heute auf dem Weltagrarmarkt nur im Weizenanbau weltweit konkurrenzfähig, sofern
politische Einflussnahmen völlig fehlen. Somit ist unter rein marktwirtschaftlichen
Gesichtspunkten ein rascher Strukturwandel zu erwarten, welcher jedoch bisher in großem
Maße von den agrarpolitischen Maßnahmen eingedämmt wurde. Ohne diese Maßnahmen
würde sich im Zuge des Strukturwandels die Betriebszahl deutlich reduzieren sowie die
aufgegebenen Flächen von leistungsstärkeren Betrieben übernommen werden. Darüber hinaus
würden die weniger rentablen und ertragreichen Standorte aus der Produktion fallen bzw.
teilweise extensiv genutzt werden (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.68). Diese
Entwicklung beträfe in der Hellwegbörde unter rein marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten
die von Nord nach Süd verlaufenden Schledden, Teilbereiche der östlichen Oberbörde sowie
des östlichen Haarstrangs (Rendzina- und Pseudogley-Böden) und die grund- und
stauwasserbeeinflussten Pseudogley-Böden in der westlichen Unterbörde mitsamt der
Lippeniederung (s. auch Kap. 4.1.3 u. Karte 7). Dagegen ist auf den ertragreichen Flächen, die
die zentrale Hellwegbörde prägen, von einer weiterhin intensiven Landbewirtschaftung
auszugehen (s. Kap. 5.1.2.3, Auswirkungen der Entwicklungen von Agrarmarkt und
Agrarpolitik auf die Hellwegbörde).

In Zukunft wird sich durch die im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU und durch
die Marktliberalisierungstendenzen im Zuge der WTO-Verhandlungen (World Trade
Organization, Welthandelsorganisation) die europäische und deutsche Landwirtschaft noch
stärker an die zuvor beschriebenen Entwicklungen auf dem Weltagrarmarkt anpassen müssen,
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 77

wenngleich seit den 1990er Jahren durch die agrarpolitischen Reformen besonders die
Annäherung der europäischen Getreide- und Ölsaatenmärkte an die Weltagrarmärkte schon
weit fortgeschritten ist (vgl. ISERMEYER, H. In: DEUTSCHE LANDWIRTSCHAFTS-GESELLSCHAFT
(DLG), 2004. S.108f. u. POSEKANY, C., 2007. S.3). Für die nächsten Jahrzehnte wird der
europäischen Landwirtschaft nach einem lang andauernden Trend eines schrumpfenden
Wirtschaftsbereiches die Rolle eines prosperierenden Sektors zugetraut (vgl. VON WITZKE, H.,
2008. S.7). Die agrarpolitischen Rahmenbedingungen haben sich und werden sich weiterhin
signifikant ändern (vgl. BROCKMEIER, M. U. VON LEDEBUR, O. In: ISERMEYER, F. (Hrsg.),
2004. S.159ff., NORGALL, T. In: OTT, E. (Hrsg.), 1997. S.85 u. ISERMEYER, H. In: DLG, 2004.
S.109). So wird für alle Anbaukulturen in Deutschland die Wettbewerbsfähigkeit im globalen
Agrarhandel anzustreben sein, die – wie oben dargestellt – bisher nur beim Weizen gegeben
ist. „Landwirtschaft [muss] schon heute oder in naher Zukunft zu Weltmarktpreisen
produzieren“ (NORGALL, T. In: OTT, E. (Hrsg.), 1997. S.85). Die 2008 erfolgte Aufhebung der
Stilllegungsverpflichtung hat die direkten Auswirkungen der auch für die weitere Zukunft
bestehenden Nachfragesteigerung des Agrarmarktes auf die hiesige Landwirtschaft bereits
deutlich gemacht (vgl. HEISSENHUBER, A. In: BMELV (Hrsg.), 2008. S.49).

5.1.2.2 EU-Agrarpolitik

In Europa spielt neben der ökonomischen Wirtschaftlichkeit und somit Wettbewerbsfähigkeit


auf den Weltagrarmärkten auch die soziale und ökologische Komponente eine entscheidende
Rolle, was sich insbesondere in der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU
widerspiegelt (vgl. KUNISCH, M., 2001. S.7f.). Folglich wird seit 1992 von den Landwirten
eine nachhaltige Bewirtschaftungsweise gefordert, die aus ökonomischen Gesichtspunkten
kurzfristig Einkommensnachteile birgt, jedoch auf lange Sicht die sozialen, ökologischen und
im Endeffekt auch die ökonomischen Interessen stärken wird. Die aus diesen Regelungen
resultierenden direkten Mindereinnahmen für die Landwirte werden in verschiedener Weise
von der EU finanziell kompensiert. Im Folgenden werden die Geschichte, die aktuelle
Entwicklung und die prognostizierten Veränderungen der EU-Agrarpolitik in kompakter
Form vorgestellt, um die zu erwartenden Veränderungen für die Landwirtschaft und somit
folglich auch für die Kulturlandschaft der Hellwegbörde abzuleiten. „Das Drehen an [der]
Subventionsschraube in Brüssel kann das Bild der Landschaft nachhaltig verändern“ (OTT, E.
(Hrsg.), 1997. S.41).

„Die Geschichte der Agrarpolitik in der Europäischen Union (EU) ist eine Geschichte
umfangreicher staatlicher Interventionen und ständiger Reformen“ (KIRSCHKE, D. U. WEBER,
G., 2004. S.1). 1957 wurde mit der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft
(EWG) auch die Geschichte der GAP eingeleitet (vgl. EGGERS, J., 2005. S.20). Seit den
1960er Jahren entwickelte sich unter der Zielsetzung der Nahrungsmittelsicherheit besonders
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 78

unter den deutschen und französischen Interessen eine protektionistische Markt- und
Preispolitik heraus (vgl. KIRSCHKE, D. U. WEBER, G., 2004. S.14). Dabei wurden die
Inlandspreise über das Niveau des Weltagrarmarktes gehoben. Dazu wurden Zölle erhoben,
um den europäischen Markt gegen die ausländischen Anbieter abzuschirmen. Innerhalb des
EU-Binnenmarktes verhinderten Interventionsregelungen einen Preisrückgang. Bis zum Ende
der 1960er Jahre war die europäische Agrarpolitik mit der Intensivierung der
landwirtschaftlichen Produktion unter Missachtung umweltrelevanter Aspekte gleichzusetzen,
die seit den 1970er Jahren Aktualität erlangten (vgl. EGGERS, J., 2005. S.21f.). Mit der
steigenden Produktion wurde die EU zu einem Exporteur, so dass der Weltmarktzugang mit
Exportsubventionen erleichtert wurde und die europäischen Produkte somit konkurrenzfähig
angeboten werden konnten (vgl. TANGERMANN, S., 2005. S.2). „Die EU schützte über viele
Jahrzehnte die heimische Agrarproduktion durch hohe Außenzölle und garantierte […]
Produktabnahme zu festgelegten Mindestpreisen“ (MUNLV, 2008a. S.14). Ausgehend von
diesen politischen Rahmenbedingungen konnten als Folgeeffekt die negativen Auswirkungen
der Überproduktion beobachtet werden (vgl. KIRSCHKE, D. U. WEBER, G., 2004. S.19 u.
SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.34). Diese Auswirkungen der Überproduktion
innerhalb Europas können mit den Begriffen der Milchseen und Butterberge umschrieben
werden. Schrittweise wurden in der Folgezeit mit einer restriktiven Preispolitik und Reformen
die negativen Effekte eingedämmt. Dazu sind Mengenquotierungen und zunächst auf
freiwilliger Basis Flächenstilllegungen eingeführt worden.

Die Agrarreform von 1992, die so genannte McSharry-Reform, leitete eine grundlegende
Änderung der europäischen Agrarpolitik unter verstärkter Berücksichtigung ökologischer,
sozial- und strukturpolitischer Gesichtspunkte ein (vgl. KIRSCHKE, D. U. WEBER, G., 2004. S.1
u. EGGERS, J., 2005. S.25, FARWICK, J. U. KRÄMER, J., 2008. S.1 u. KNICKEL, K., 2002. S.132).
Wesentliche Elemente der Reform waren der Abbau der Preisstützung, die Einführung von
Direktzahlungen, die obligatorische Flächenstilllegung sowie die Einführung der Flächen-
und Tierprämie (s. Tab. 6). „Während in der Agrarpolitik der EU bis zur Umsetzung der
GAP-Reform von 1992 vornehmlich markt- und preispolitische Maßnahmen zur Anwendung
kamen, erlangten fortan direkte Transferzahlungen als agrarpolitisches Instrument eine
zentrale Bedeutung“ (FARWICK, J. U. KRÄMER, J., 2008. S.1). Die umfangreichen Zahlungen
nahmen und nehmen weiterhin einen beträchtlichen Anteil des gesamten EU-Haushaltes ein,
wobei der Anteil rückläufig ist. In der aktuellen Förderperiode 2007 bis 2013 entfallen knapp
43 % des EU-Haushaltes auf die Zahlungen im Zusammenhang mit der GAP, wobei zu
bedenken ist, dass davon nur etwa ein Drittel die Ebene der Landwirte erreicht (vgl. VON
RUSCHKOWSKI, E. U. VON HAAREN, C., 2008. S.329 u. WALTER, N. In: DLG, 2004. S.19).
Über 30 % des Einkommens der EU-Landwirte erfolgt aus Subventionszahlungen im
Zusammenhang mit der EU-Agrarpolitik (vgl. TANGERMANN, S., 2007. S.24). Dieser
Subventionsanteil liegt deutlich über den Werten der auf den Weltagrarmarkt orientierten
Nationen, wie Brasilien, Neuseeland, Australien und den USA, aber unter den Werten der
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 79

„Subventionshochburgen“, wie Japan und die Schweiz. Mit der finanziellen Unterstützung
sollen insgesamt die Ernährungssicherheit, das Einkommen der Landwirte sowie der Umwelt-
und Ressourcenschutz mitsamt des Erhaltes der Kulturlandschaft gewährleistet werden (vgl.
KIRSCHKE, D. U. WEBER, G., 2004. S.7 u. MILLER, J., 2007b. S.28). Der Begriff der
Multifunktionalität der Landwirtschaft verkörpert dabei die Kombination sowohl der waren-
als auch der nicht-warenbezogenen Produkte, die von den Landwirten erbracht werden. Es
„entstehen externe Nutzen und Kosten im Agrarbereich, weil gesellschaftliche Ziele verfolgt
werden, die über die klassische Wohlfahrtszielsetzung hinausgehen und die durch
marktwirtschaftliche Lenkungsmechanismen allein nicht erreicht werden können“ (KIRSCHKE,
D. U. WEBER, G., 2004. S.8). Dennoch kann sich die EU eine „Landwirtschaft, die weit über
dem Preisniveau des Weltmarkts liegt, auf Dauer nicht mehr leisten“ (SCHMIDT, G. U. JASPER,
U., 2001. S.58), so dass Reformen nötig wurden und auch weiterhin sind.

Agrarreform von 1992 Agenda 2000

Ackerfrüchte Preisstützung Abbau Weiterer Abbau


Anhebung,
Flächenprämien Produktspezifisch Vereinheitlichung
Rindfleisch Preisstützung Abbau Weiterer Abbau
Tierprämien Einführung Anhebung
Milch Preisstützung Abbau
Milchkuhprämie Einführung
Umweltrelevante Extensivierung, Fortführung, Modulation,
Maßnahmen Aufforstung Cross Compliance
Tab. 6: Hauptelemente der Agrarreform von 1992 und der Agenda 2000
Quelle: KIRSCHKE, D. U. WEBER, G., 2004. S.26, verändert

Die nach dem Agrarkommissar McSharry benannte Reform begründet für die Ackerfrüchte
einen Abbau der Preisstützung mit gleichzeitiger Ersetzung durch produktspezifische
Flächenprämien (vgl. EGGERS, J., 2005. S.25ff.; s. Tab. 6). Flankierend sind ebenfalls
umweltrelevante Maßnahmen, wie Extensivierungen und Aufforstungen, in die McSharry-
Reform eingegangen. Da sich die Erwartungen an die McSharry-Reform nur teilweise erfüllt
haben und sich insbesondere die Umweltbelastungen nicht wie erhofft deutlich verringerten,
wurde ein weiterer Reformschritt unumgänglich. Somit folgte 1999 als Fortsetzung der 1992
begonnenen Entwicklungen die Agenda 2000 (s. Tab. 6).

2003 erfolgte die Halbzeitbewertung der Agenda 2000 mit einigen Neuerungen und
weiterführenden Reformen, die in den Luxemburger Beschlüssen verankert sind. Seit diesen
Reformbeschlüssen und den Haushaltsplanungen im Zusammenhang mit der Förderperiode
2007 bis 2013 ist die GAP in zwei große Säulen zu gliedern. Einerseits die Markt-, Preis- und
Handelspolitik (Preisstützungsmaßnahmen, Interventionseinkäufe, private Lagerbeihilfen,
Exporterstattungen, Direktzahlungen, Zölle, etc.), die als erste Säule der GAP bezeichnet
wird, und andererseits die Politik der zweiten Säule, in die die nachhaltige Entwicklung des
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 80

ländlichen Raumes fällt (vgl. KIRSCHKE, D. U. WEBER, G., 2004. S.18, 26ff. u. EGGERS, J.,
2005. S.27ff. u. MUNLV, 2007a. S.8; s. Abb. 17). Das finanzielle Schwergewicht liegt mit
einem Anteil von aktuell circa 80 % weiterhin deutlich innerhalb der ersten Säule, wenngleich
der finanzielle Rahmen für die zweite Säule seit der Einführung im Jahr 2000 stetig ausgebaut
wurde und weiter ausgebaut wird (vgl. VON RUSCHKOWSKI, E. U. VON HAAREN, C., 2008.
S.330, s. auch Abb. 19).

Abb. 17: Allgemeiner Aufbau der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (Zeitraum 2007 - 2013)
Eigene Abbildung, nach MUNLV, 2007a. S.8

Die GAP ist seit den Luxemburger Beschlüssen auf die Entkopplung der Direktzahlungen von
der Produktion (Betriebsprämien), die Bindung der Direktzahlungen an die Einhaltung von
gewissen Standards (Cross Compliance), die Kürzung der Direktzahlungen (Modulation), die
Maßnahmen zur Förderung des ländlichen Raumes (zweite Säule) und auf den weiteren
Abbau von Markteingriffen (Zollsenkungen, Exporterstattungen, etc.) ausgerichtet (vgl.
KIRSCHKE, D. U. WEBER, G., 2004. S.35ff. u. WALTER, N. In: DLG, 2004. S.17ff.; s. Abb. 17).
Damit wird die Umorientierung der EU-Agrarpolitik von einer protektionistischen
Marktpolitik hin zu einer direkten Unterstützung der Landwirtschaft fortgeführt.
Berechnungen der OECD zufolge werden durch den Agrarprotektionismus die
Nahrungsmittelpreise in der EU heute noch etwa 20 % über den Weltmarktwerten gehandelt.
Dieser Prozentsatz wird in den nächsten Jahren weiterhin deutlich zu senken sein. „Momentan
wird gerade eine Landwirtschaftspolitik, die Massenproduktion belohnt, abgelöst durch eine,
die sich an Fläche orientiert. Sie kann landschaftsästhetische und andere auf
Kulturlandschaften bezogene Ziele mit einbeziehen“ (HAUSER, S. In: BMVBS U. BBR, 2006.
S.11). So hat sich bisher zwar die Struktur der Stützung deutlich verändert und dadurch die
Weltmarktorientierung verstärkt, jedoch blieb das Niveau der Stützung bei diesen
Umwälzungen auf dem hohen Level bestehen (vgl. TANGERMANN, S., 2007. S.24 u. MUNLV,
2008a. S.11, s. auch Abb. 19).
Durch die Entkopplung der Direktzahlungen von der Produktion sind keine speziellen
landwirtschaftlichen Produktionsausrichtungen für die Erhaltung der Direktzahlungen mehr
nötig und somit gänzlich unabhängig von der tatsächlichen landwirtschaftlichen Erzeugung
(vgl. SEIDL, A., 2006. S.312 u. MILLER, J., 2007b. S.29). Diese Entkopplung stellt das
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 81

Kernelement der Luxemburger Beschlüsse dar. Die landwirtschaftlichen


Produktionsausrichtungen sollen so stärker an die Signale des Weltagrarmarktes ausgerichtet
werden und infolgedessen die Wettbewerbsfähigkeit stärken. Konkret waren der Schweine-,
Eier- und Geflügelmarkt seit jeher auf den Weltagrarmarkt ausgerichtet, während sich der
EU-Getreide- und Ölsaatenmarkt seit Anfang der 1990er Jahre zusehends darauf zu bewegt
(vgl. ISERMEYER, H. In: DLG, 2004. S.108f. u. LEIDWEIN, A., 2003e. S.5). Milch, Rindfleisch
und Zucker waren und sind noch immer weitgehend abhängig von der protektionistischen
Preispolitik der EU, wobei aber mittlerweile in allen Bereichen die Subventionszahlungen
heruntergefahren werden und die Weltagrarmarktorientierung zunimmt. Gerade der
Zuckermarkt war früher sehr stark und ist bis heute noch von finanziellen Zahlungen aus dem
EU-Haushalt abhängig, wobei die Mindestpreise mit der Zuckermarktreform stufenweise
heruntergefahren werden. „Durch die Neugestaltung der Zuckermarktordnung wandelte sich
die EU […] vom zweitgrößten Zuckerexporteur zum Netto-Importeur“ (SCHALLER, M. U.
WEIGEL, H.-J., 2007. S.35). Dies hat auch auf die Landwirte in der Hellwegbörde direkten
Einfluss, da „die starke Preissenkung zu hohen Einkommenseinbußen vor allem in Betrieben
mit hohem Zuckerrübenanteil führt“ (FAL, 2006. S.146). Zuckerrüben werden momentan
noch auf circa vier Prozent der Ackerflächen innerhalb der Hellwegbörde angebaut. Dieser
Anteil wird sich als Folge der weiteren Liberalisierung reduzieren, da kaum ein Zuckerrüben-
Landwirt in der Hellwegbörde auf dem freien Markt mit den Zuckerrohrproduzenten in
Südamerika konkurrieren kann (vgl. ISERMEYER, F., 2005. S.8 u. ISERMEYER, F. (Hrsg.), 2004.
S.173f.).
Die entkoppelten Direktzahlungen werden in Deutschland in eine regionale Betriebsprämie
geführt, bei der in einem Bundesland für jeden Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche die
gleichen Zahlungsansprüche gelten werden. Schrittweise werden von 2010 bis 2013 die
aktuell gezahlten Prämien an die regionale Betriebsprämie, der einheitlichen Flächenprämie,
angeglichen. Dieser Wert der regionalen Betriebsprämie wird in Nordrhein-Westfalen auf
circa 360 €/ha im Jahr 2013 hinauslaufen (vgl. BMELV (Hrsg.), 2009 u. MUNLV, 2008a.
S.14). Wenngleich sich die EU-Agrarminister bisher noch nicht völlig darüber einig sind, in
welche Richtung die Agrarpolitik nach 2013 geführt werden soll, wird mit einer Kürzung der
entkoppelten Direktzahlungen einhergehend mit einer erhöhten Modulation und folglich einer
Stärkung der zweiten Säule gerechnet (vgl. LANDWIRTSCHAFTLICHES WOCHENBLATT, 2008l.
S.14 u. ISERMEYER, F. (Hrsg.), 2004. S.161, s. auch Abb. 19).

Um die Direktzahlungen in vollem Umfang zu erhalten, muss die Landbewirtschaftung seit


der EU-Agrarreform von 2003 nach definierten umweltrelevanten Mindeststandards erfolgen
und die Flächen müssen in einem guten landwirtschaftlichen und ökologischen Zustand
erhalten werden (vgl. NIEDERSÄCHSISCHES MINISTERIUM FÜR DEN LÄNDLICHEN RAUM,
ERNÄHRUNG, LANDWIRTSCHAFT UND VERBRAUCHERSCHUTZ, o. J. S.4 u. NITSCH, H. U.
OSTERBURG, B., 2007. S. 1ff.). Dies wird als Cross Compliance bzw. Einhaltung
anderweitiger Verpflichtungen bezeichnet, wobei gemäß Verordnung 1782/2003 insgesamt
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 82

19 konkrete Verordnungen und Richtlinien von den Landbewirtschaftern obligatorisch und


gesamtbetrieblich eingehalten werden müssen. Die Richtlinien „beziehen sich auf den
Umweltschutz, die Gesundheit von Mensch, Tier und Pflanze, die Kennzeichnung und
Registrierung von Tieren, die Meldung von Krankheiten und den Tierschutz“ (KIRSCHKE, D.
U. WEBER, G., 2004. S.38) zur Einhaltung von Umweltmindeststandards in der Landwirtschaft
(vgl. EGGERS, J., 2005. S.1 u. BORCHARDT, K.-D., 2003. S.38). Diese Richtlinien entsprechen
aus ökologischer Sicht nur einem niedrigen Niveau (vgl. NITSCH, H. U. OSTERBURG, B., 2004.
S.171ff.). Folglich sind durch die niedrigen Umweltstandards auch die Umweltwirkungen in
der Landwirtschaft nur gering. Des Weiteren ist eine weitere Reduzierung des
Dauergrünlands ausgehend vom Grünlandflächenanteil des Jahres 2003 von nur maximal fünf
Prozentpunkten ohne Gegenmaßnahmen möglich und die Beseitigung von Terrassen und
Landschaftselementen ab einer bestimmten Größe bzw. Länge ist untersagt (vgl.
NIEDERSÄCHSISCHES MINISTERIUM FÜR DEN LÄNDLICHEN RAUM, ERNÄHRUNG,
LANDWIRTSCHAFT UND VERBRAUCHERSCHUTZ, o. J. S.7). Die 19 Einzelvorschriften wurden
zwischen 2005 und 2007 in drei Schritten eingeführt. Bei Missachtung der Einhaltung
anderweitiger Verpflichtungen werden die Direktzahlungen je nach Schwere des Vergehens
gekürzt (Sanktionen). Unter Einhaltung der Cross Compliance-Anforderungen erhält somit
jeder Landwirt in NRW 2013 für die landwirtschaftliche Nutzfläche circa 360 €/ha
Betriebsprämie.

Daneben spielt seit einigen Jahren die zweite Säule der GAP eine zunehmende Bedeutung
innerhalb der Neuausrichtung der europäischen Agrarpolitik (vgl. KIRSCHKE, D. U. WEBER,
G., 2004. S.39ff. u. EGGERS, J., 2005. S.40ff.). Diese Förderung bezieht sich in besonderem
Maße auf die nicht-marktbezogenen und somit gesellschaftspolitischen Ziele innerhalb des
ländlichen Raumes, wobei der Anteil durch die Kürzungen der Direktzahlungen mitsamt der
Mittelumschichtung von der ersten in die zweite Säule allmählich erhöht wird (Modulation).
Die Modulation beträgt 5 % der Direktzahlungen und wird bis 2012 auf 10 % erhöht, jedoch
erhalten Betriebe mit einem Direktzahlungsumfang von weniger als 5.000 Euro den Wert der
Modulation zurück (vgl. BORCHARDT, K.-D., 2003. S.39 u. EUROPÄISCHE KOMMISSION,
2008b). Die in der zweiten Säule finanzierten Maßnahmen zur Förderung des ländlichen
Raumes sind in den vergangenen Jahren bereits deutlich ausgeweitet worden, so dass der
Finanzrahmen mittlerweile bei circa 20 % des GAP-Finanzbudgets liegt und mithilfe der
Modulation weiter erhöht wird (vgl. VON RUSCHKOWSKI, E. U. VON HAAREN, C., 2008. S.330,
s. auch Abb. 19). Die Schwerpunkte innerhalb der Entwicklung des ländlichen Raumes liegen
in „der Stärkung des Agrar- und Forstsektors, der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der
ländlichen Gebiete und dem Schutz der Umwelt und des ländlichen Raumes“ (EGGERS, J.,
2005. S.29). Hiermit werden die über die eigentliche Produktion von Nahrungs- und
Futtermitteln sowie Rohstoffen hinausgehenden gesellschaftlich erwünschten Ziele verfolgt
(SEIDL, A., 2006. S.313, 325). Diese Ziele werden mit dem Begriff der Multifunktionalität
umfasst, womit die ökologisch, sozioökonomisch und kulturell ausgerichteten externen
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 83

Leistungen der Landwirtschaft honoriert werden (vgl. WÜSTEMANN, H., 2008. S.16f.). Die
Maßnahmen innerhalb der zweiten Säule haben unmittelbar Auswirkungen auf das
Erscheinungsbild der Kulturlandschaften. Die Finanzierung der zweiten Säule der GAP
innerhalb Deutschlands erfolgt durch die EU, die Bundesrepublik, die Länder und teilweise
auch durch private Mittel. Für die aktuelle Förderperiode 2007 bis 2013 wurde 2005 mit der
Verordnung 1698/2005 der „Europäische Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des
ländlichen Raumes“ (ELER) eingerichtet und die zweite Säule somit in einen eigenständigen
Politikbereich erhoben (vgl. TIETZ, A. (Hrsg.), 2007. S.1 u. BMELV, 2006b. S.3).
In Nordrhein-Westfalen setzt im Förderzeitraum 2007 bis 2013 das NRW-Programm
„Ländlicher Raum“ die ELER-Verordnung um und ist für die Umsetzung und den
Finanzrahmen der zweiten Säule der GAP innerhalb NRWs bindend (vgl. MUNLV, 2008b.
S.8ff.). Im NRW-Programm sind drei inhaltliche Schwerpunkte und der methodische
Schwerpunkt LEADER zu differenzieren, wobei jedem Schwerpunkt eine bestimmte
Mindestzuwendung zusteht (vgl. MUNLV, 2008b. S.8ff.; s. Abb. 18). Der zweite
Schwerpunkt zur „Verbesserung der Umwelt und Landschaft“ kann in der Förderperiode
2007 bis 2013 im NRW-Programm „Ländlicher Raum“ über 65 % der Fördermittel verfügen,
der Schwerpunkt I „Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der Land- und Forstwirtschaft“
erhält 20 %, der Schwerpunkt III „Steigerung der Lebensqualität im ländlichen Raum und
Diversifizierung“ den Mindestsatz von zehn Prozentpunkten und auf LEADER entfällt die
festgeschriebene Mindestmenge von fünf Prozent. Nordrhein-Westfalen betont folglich
besonders die Verbesserung der Umwelt und Landschaft. Mit diesen vier Schwerpunkten wird
die Etablierung „einer multifunktionalen Land- und Forstwirtschaft sowie eines vitalen und
attraktiven ländlichen Raumes“ (MUNLV, 2008b. S.12ff.) vorangetrieben.

Der zweite Schwerpunkt, der in NRW aufgrund der finanziellen Fokussierung auf diesen
Bereich am bedeutsamsten ist, umfasst die freiwilligen Leistungen im Rahmen des Natur- und
Umweltschutzes, die über die gesetzlich vorgeschriebenen Mindeststandards (Cross
Compliance) hinausgehen (vgl. MUNLV, 2008b. S.27ff.). Innerhalb der zweiten Säule spielen
die Agrarumweltmaßnahmen mitsamt des Vertragsnaturschutzes die größte Bedeutung für
den Erhalt des ländlichen Raumes und somit der Kulturlandschaft. Alleine die
Agrarumweltmaßnahmen als Einzelmaßnahme innerhalb des zweiten Schwerpunktes
beanspruchen 41 % der gesamten zur Verfügung stehenden Mittel des NRW-Programms
„Ländlicher Raum“, was aber im Gesamtkontext der GAP-Zahlungen aus erster und zweiter
Säule nur wenige Prozentpunkte darstellt. „Agrarumwelt- und Kulturlandschaftszahlungen
stellen […] weder eine Subvention noch einen Transfer an die Landwirtschaft dar, sondern
eine Entlohnung der Landwirte für die Erfüllung einer wichtigen gesellschaftlichen Funktion,
der Bereitstellung von öffentlichen Gütern im ländlichen Raum“ (KNICKEL, K., 2002. S.141).
Da die Maßnahmen im Zusammenhang mit den Agrarumweltmaßnahmen vorrangig dem
Natur- und Landschaftsschutz auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen dienen und nur
nachrangig der landwirtschaftlichen Produktion an sich zuzuordnen sind, werden die für den
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 84

Hellwegraum relevanten und im Rahmen der zweiten Säule angebotenen Maßnahmen des
zweiten Schwerpunktes „Verbesserung der Umwelt und der Landschaft“ im Naturschutz-
Kapitel behandelt (s. Kap. 5.1.4.1).

Abb. 18: Umsetzung der 2. Säule der GAP 2007 - 2013


Eigene Abbildung, nach MUNLV, 2007a. S.9

Ende 2008 verständigten sich die EU-Agrarminister im Rahmen des „Health Check“
(Gesundheitscheck) der Gemeinsamen Agrarpolitik auf einige Neuerungen zur weiteren
Modernisierung und Vereinfachung (vgl. EUROPÄISCHE KOMMISSION, 2008b). Dazu zählen
die bereits seit 2008 geltende Aufhebung der Stilllegungsverpflichtung, das langsame
Anheben der Milchquote bis zum Auslaufen 2015, die Entkopplung der Direktzahlungen von
allen Produkten mit Ausnahme der Mutterkuh-, Schaffleisch- und Ziegenfleischprämie, die
Umwandlung der Marktintervention in ein reines Sicherheitsnetz und die Stärkung der
zweiten Säule durch die Anhebung der Modulation bis 2012 auf zehn Prozent. „Die
internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Landwirtschaft wurde in der
Vergangenheit durch die EU-Agrarpolitik gewährleistet. Dieser agrarpolitische Schutz wird
zurzeit deutlich reduziert“ (ISERMEYER, F. (Hrsg.), 2004. S.175).

„Die Liberalisierung der EU-Agrarmärkte bleibt eine zentrale Aufgabe der EU-Agrarpolitik“
(KIRSCHKE, D. U. WEBER, G., 2004. S.47). Grundlegende Ziele der europäischen Agrarpolitik
sind die Marktorientierung der Landwirtschaftsproduktion, die Einkommenssicherung der
Landwirte und eine auf ökologische Aspekte ausgerichtete nachhaltige Landbewirtschaftung
(vgl. KIRSCHKE, D. U. WEBER, G., 2004. S.55f.). Trotz der bereits erfolgten Umorientierungen
im Rahmen der GAP „ist die EU-Agrarpolitik noch weit von der Vision einer international
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 85

wettbewerbsfähigen und nachhaltigen Landbewirtschaftung entfernt“ (KIRSCHKE, D. U.


WEBER, G., 2004. S.66). Die Landwirte innerhalb der EU werden sich künftig stärker an
Nachfrageentwicklungen auf den internationalen Märkten und weniger an den Subventionen
ausrichten. Dies wird zu einer Beschleunigung des Strukturwandels führen. In Zukunft
werden weitere Maßnahmen zur verbesserten Wettbewerbsfähigkeit der EU-Landwirtschaft
auf dem Weltagrarmarkt und ein weiterer Abbau der noch bestehenden „handelsverzerrenden
Agrarstützung“ (SEIDL, A., 2006. S.313) folgen müssen, um einen weltweit gerechten
Weltagrarhandel voranzutreiben. Dabei sind die internationale Wettbewerbsfähigkeit, ein für
Landwirte lebensfähiges Einkommen und somit ein gewisser Wohlstand sowie für den
ländlichen Raum die Gestaltung von Umwelt- und Qualitätszielen die zu erreichenden Ziele
innerhalb der EU (vgl. KIRSCHKE, D. U. WEBER, G., 2004. S.56).
Zukünftig werden aufgrund der Verhandlungen innerhalb der WTO und aufgrund der
Interessen der Entwicklungs- und Schwellenländer EU-Markteingriffe, wie die bis 2013
auslaufenden Exporterstattungen, nicht mehr aufrecht zu erhalten sein (vgl. FREIHERR V. D.
BUSSCHE, P. In: DLG, 2004. S.30, BROCKMEIER, M. et al. In: FAL, 2007. S.71 u.
TANGERMANN, S., 2007. S.24ff.). „Es wird wohl so kommen, dass über kurz oder lang alle
wesentlichen Agrarprodukte global weitgehend grenzen- und schrankenlos gehandelt werden“
(ISERMEYER, H. In: DLG, 2004. S.108ff.). Auf absehbare Zeit wird nach 2013 in der ersten
Säule der GAP nur die entkoppelte Direktzahlung erhalten bleiben, um die hohen sozialen
und ökologischen Standards innerhalb der EU zu sichern, während die marktpolitischen
Eingriffe (Exportsubventionen, Zölle, Interventionskäufe, etc.) aufgegeben werden (vgl.
LANDWIRTSCHAFTLICHES WOCHENBLATT, 2008l. S.14 u. ISERMEYER, F. (Hrsg.), 2004. S.162,
s. auch Abb. 19). „Marktpolitik ist […] ein Auslaufmodell“ (TANGERMANN, S., 2007. S.26),
jedoch wird die erste Säule auch über 2013 hinaus ihre Bedeutung haben, da „unsere
Landwirtschaft einen Ausgleich für die erhöhten Umwelt- und Sozialstandards in der EU“
(MILLER, J., 2007b. S.31) verdient. Im Bereich der zweiten Säule, die sich der Entwicklung
des ländlichen Raumes annimmt, wird aufgrund der großen gesellschaftlichen Akzeptanz
hingegen eine verhältnismäßig hohe finanzielle Zahlungsbereitschaft erhalten bleiben können
und infolgedessen dieser Bereich weiter an Bedeutung gewinnen (vgl. BMVBS U. BBR, 2006.
S.33, LANDWIRTSCHAFTLICHES WOCHENBLATT, 2008l. S.14, TANGERMANN, S., 2007. S.24ff.
u. MILLER, J., 2007b. S.31). Somit basieren die agrarpolitischen Zahlungen in der Zukunft auf
den zwei Pfeilern der entkoppelten Direktzahlungen und den Zahlungen im Zusammenhang
mit der zweiten Säule, während die marktpolitischen Handelsverzerrungen gänzlich abgebaut
werden (s. Abb. 19). Dabei werden die entkoppelten Direktzahlungen nach 2013
voraussichtlich heruntergefahren und die Zahlungen im Zusammenhang mit der zweiten Säule
der GAP an Umfang und Bedeutung für die Landwirtschaft zunehmen, wobei das
Finanzkontingent insgesamt abgebaut werden wird (vgl. MILLER, J., 2007b. S.28, ISERMEYER,
F., 2005. S.2ff., NITSCH, H. U. OSTERBURG, B., 2007. S.47 u. ISERMEYER, F. (Hrsg.), 2004.
S.160).
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 86

Abb. 19: Entwicklung der GAP-Zahlungen mit wahrscheinlicher Zukunftstendenz


Eigene Abbildung, nach BUNDESMINISTERIUM DER FINANZEN (BMF), 2006, EUROPÄISCHE
KOMMISSION, 2008a, TIETZ, A. (Hrsg.), 2007. S.17, 37 u. VON RUSCHKOWSKI, E. U. VON
HAAREN, C., 2008. S.330ff.

Als Resultat ist festzuhalten, dass sich mittelfristig nur derjenige am Weltagrarmarkt wird
durchsetzen können, der zu den neuen Preisen kostendeckend produzieren kann. Abseits von
Wachstum und Spezialisierung werden sich mit den verschärften Wettbewerbsbedingungen
Landwirte aus der marktorientierten Intensivlandwirtschaft zurückziehen (vgl. PETERSON, V.
In: DLG, 2004. S.126f.). Die Veränderungen (Liberalisierung der Märkte, geringere
Zahlungen) werden eine stärkere Segregation der Landnutzungen im ländlichen Raum mit
zunehmender Rationalisierung begründen. Dabei lassen sich zwei grundsätzliche
Entwicklungstendenzen abzeichnen (vgl. DEMUTH, B., 2000. S.65; s. Tab. 7). In den
Gunstlagen wird sich die landwirtschaftliche Nutzung mit intensiver Bewirtschaftungsform
konzentrieren, während in den Ungunstlagen die landwirtschaftliche Nutzung extensiv
weiterbetrieben oder sogar gänzlich aufgegeben wird (vgl. LEIDWEIN, A., 2003e. S.7ff.).
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 87

5.1.2.3 Auswirkungen der Entwicklungen von Agrarmarkt und Agrarpolitik auf die
Hellwegbörde

Als wahrscheinlichste Entwicklung in der Zukunft ist neben den steigenden Weltmarktpreisen
für Agrarerzeugnisse eine Reduktion der finanziellen Unterstützung aus den Mitteln der GAP
mit Fokussierung der Zahlungen auf die entkoppelten Direktzahlungen aus der ersten Säule
und den freiwilligen Maßnahmen im Zusammenhang mit der zweiten Säule anzusehen, da die
marktpreispolitischen Zahlungen aller Voraussicht nach nicht mehr aufrecht erhalten werden
(s. Abb. 19). Diese Entwicklung von steigenden Weltmarkpreisen einhergehend mit einer
verringerten finanziellen Unterstützung aus den Mitteln der GAP wird eine verstärkte
Weltmarktorientierung der Landwirtschaft hervorrufen. In der nachfolgenden Tabelle ist dies
unter dem Begriff „multifunktionale Landwirtschaft“ als eines von drei Szenarien aufgeführt
(s. Tab. 7). Dabei wird davon ausgegangen, dass nach 2013 die entkoppelten Direktzahlungen
schrittweise heruntergefahren werden, während zeitgleich der finanzielle Umfang in der
zweiten Säule der GAP ansteigen wird (s. Abb. 19). Diese aus heutiger Sicht
wahrscheinlichste Entwicklungsrichtung wird zwei anderen, weniger wahrscheinlichen
Szenarien gegenübergestellt. Einerseits eine mögliche Erhaltung der Zahlungen auf dem
heutigen hohen Niveau („Status quo“) und andererseits die komplette Zurückführung der
finanziellen Unterstützung („freier Markt“). Steigende Weltmarktpreise werden für alle drei
Szenarien angenommen. Bei der folgenden Darstellung der Auswirkungen auf die
Kulturlandschaft der Hellwegbörde wird die Entwicklung nach dem aktuell
wahrscheinlichsten Szenario der multifunktionalen Landwirtschaft verfolgt.

Das Erscheinungsbild der Landschaft wird maßgeblich von der Anzahl der Höfe, der
Hofgröße und auch der Schlaggröße bestimmt. Unter den zu erwartenden Veränderungen auf
dem Agrarmarkt und im Zusammenhang mit der GAP wird sich die Anzahl der
landwirtschaftlichen Betriebe in der Hellwegbörde dezimieren und die frei werdenden
Flächen von den verbliebenen größeren Betrieben übernommen werden. Somit werden vor
allem die kleinen und mittleren Betriebe aus dem Gunstraum der zentralen Hellwegbörde
verschwinden, während in den weniger ertragreichen Randbereichen eine heterogene
Größenstruktur der Landwirtschaftsbetriebe weitgehend erhalten bleiben wird. In der
Hellwegbörde überwiegt die innerdörfliche Lage der landwirtschaftlichen Betriebe, so dass
eine Hoferweiterung mit neuen Betriebsgebäuden bzw. eine gänzlich neue Hofstelle in
Dorfrandlage oder außerhalb in der offenen Feldflur erforderlich ist, um
Betriebsvergrößerungen durchzuführen. Die schleichende, aber fortwährende Bebauung mit
neuen landwirtschaftlichen Gebäuden für die wachsenden Betriebe hat in der Feldflur
deutliche Auswirkungen auf das typische Erscheinungsbild der Hellwegbörde, das traditionell
von weitflächig unbebauten Ackerbaugebieten mit eingelagerten geschlossenen Dorfformen
geprägt wird. Diese Entwicklung wird bei der intensiven Bewirtschaftung auf den
Gunststandorten eine weitere Vergrößerung der Flächen und eine zunehmende
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 88

Vereinheitlichung der Kulturlandschaft zur Folge haben. In der Hellwegbörde wird diese
Entwicklung weite Flächen betreffen, wovon nur die ertragsschwachen Standorte ausgespart
werden. Diese ertragsschwachen Standorte sind die durch die Hellwegbörde in Nord-Süd-
Richtung verlaufenden Schledden, die Rendzina- und Pseudogley-Standorte in der östlichen
Oberbörde und auf dem östlichen Haarstrang sowie die in der westlichen Niederbörde grund-
und stauwasserbeeinflussten Pseudogley-Böden mitsamt der Lippeniederung im
Übergangsbereich zum Kernmünsterland (s. Karte 14). Folglich wird sich für die
Hellwegbörde unter den Weltagrarmarktbedingungen einhergehend mit EU-Zahlungen für die
hohen sozialen und ökologischen Standards der Landwirtschaft (entkoppelte
Direktzahlungen) eine Fokussierung der intensiven Ackerbautätigkeiten auf die zentrale
Hellwegbörde ergeben, während die weniger ertragreichen und somit weniger
wirtschaftlichen Flächen wohl der Intensivbewirtschaftung verloren gehen werden. Auf
diesen Flächen wird im Zuge der finanziellen Unterstützung zur Erhaltung und nachhaltigen
Weiterentwicklung des ländlichen Raumes (zweite Säule der GAP) von den verbliebenen
kleineren und mittleren Betrieben primär eine eher extensive Landbewirtschaftung
durchgeführt werden (Zu- und Nebenerwerbslandwirtschaft). Dort bietet sich neben den
natur- und landschaftsschutzorientierten Zielen weiterhin die Produktion zur
Energieerzeugung an.

Aufgrund der bereits heute in Bereichen bestehenden Marktkonkurrenz wird der


Getreideanbau – dabei besonders der Weizenanbau – auch in Zukunft unter
marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten die bedeutendste Anbaugruppe in der Hellwegbörde
bleiben. Voraussichtlich werden die Flächenanteile des Getreides an der Ackerfläche dabei in
etwa konstant bleiben. Die momentan noch in gewissem Umfang angebaute Zuckerrübe wird
in Zukunft mit zunehmender Liberalisierung keine Agrarmarktfähigkeit mehr erreichen
können. Ähnlich sieht die Entwicklung für die Hülsenfrüchte aus, wohingegen bei Raps und
besonders bei Mais Ausdehnungspotentiale bestehen. Somit wird unter den
Rahmenbedingungen des Weltagrarmarktes in der Hellwegbörde der Anbau von Weizen,
Gerste, Mais und Raps prägend bleiben. Auf den ertragreichen Gunststandorten wird dabei
die aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten effizienteste Kulturpflanzengruppe der
Getreidearten und darunter besonders der Weizen dominieren.

Diese Entwicklungen haben deutliche Auswirkungen auf die Kulturlandschaft, da die zwei
gegenläufigen Trends der Extensivierung in den Randlagen der Börde und andererseits die
intensive Landbewirtschaftung im zentralen Bördebereich zu konträren Entwicklungen führen
werden. Eine völlige Aufgabe der ackerbaulichen Tätigkeit von größeren Flächen wird auch
in den weniger produktiven Bereichen der Hellwegbörde unwahrscheinlich sein, da dort im
Rahmen der an Bedeutung gewinnenden zweiten Säule Zahlungen an die Landwirte eine
extensive Weiternutzung begründen. Die ertragreichen Standorte im zentralen Bereich der
Börde werden sich unter intensiver Landbewirtschaftung an den Weltagrarmarkt anpassen,
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 89

während in den weniger produktiven Randbereichen eine Extensivierung stattfinden wird, die
sich infolge der öffentlichen Zahlungen an gesellschaftlichen Zielen (Erhaltung der
Kulturlandschaft, Ressourcenschutz, etc.) orientieren wird. Die auch in der Zukunft
flächendeckende Landbewirtschaftung – sowohl in intensiver als auch in extensiver Form –
ist „unverzichtbar für die Erhaltung, die Pflege und Entwicklung der Kulturlandschaft“ (OTT,
E. (Hrsg.), 1997. S.24) der Hellwegbörde.
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 90

Auswirkungen der erwarteten Entwicklung von Agrarmarkt und Agrarpolitik auf die Landwirtschaft in der Hellwegbörde

intensive Strukturwandel Strukturwandel


Szenario Agrarmarkt EU-Agrarpolitik extensive Landwirtschaft Nutzungsaufgabe
Landwirtschaft (allgemein) (Betriebe)

Zahlungen aus 1.
nur auf wenigen, kleinen recht viele,
steigende und 2. Säule in fast flächendeckend langsamer
"Status quo" Flächen - unterschiedlich
Marktpreise heutigem in der Hellwegbörde Strukturwandel
(Agrarumweltmaßnahmen) große Betriebe
Finanzrahmen

große
auf weniger ertragreichen Weltmarktbetriebe in
insgesamt primär Standorten (Pseudogley- der zentralen
weniger Gunststandorte und Rendzinaböden: nur marginal auf Hellwegbörde,
"multifunktionale
steigende Zahlungen, (Parabraun- und Schledden, tlw. auch sehr mäßiger kleine und mittlere
Landwirtschaft"
Marktpreise Direktzahlungen Braunerdestandorte westliche Unter- und ertragsschwachen Strukturwandel Betriebe mit
(s. Karte 14)
geringer, 2. Säule in der zentralen östliche Oberbörde, Standorten extensiver
bedeutsamer Hellwegbörde) östlicher Haarstrang, Bewirtschaftung auf
Lippeniederung) ertragsschwächeren
Standorten

nur auf nicht ertragreiche


keine Zahlungen industrielle
steigende Gunststandorten, Standorte schneller
"freier Markt" im Rahmen der - Großbetriebe
Marktpreise "Agrarinseln"/ (Pseudogley- und Strukturwandel
EU-Agrarpolitik (Weltmarktbetriebe)
"Agrarwüsten" Rendzinaböden)

Tab. 7: Drei Szenarien der prognostizierten Entwicklung von Agrarmarkt und Agrarpolitik mit den Auswirkungen auf die Landwirtschaft in der
Hellwegbörde. Die „multifunktionale Landwirtschaft“ stellt das aus heutiger Sicht wahrscheinlichste Szenario dar
Eigene Tabelle
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 91

Karte 14: Zukünftige Entwicklung der landwirtschaftlichen Nutzungsintensität im Kreis Soest nach dem Szenario „multifunktionale Landwirtschaft“
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 92

5.1.3 Erneuerbare Energien

5.1.3.1 Einleitung

„Die Land- und Forstwirtschaft wird in Zukunft eine wesentliche Grundlage der nachhaltigen
Energieversorgung der Gesellschaft darstellen. Sie verwaltet den größten Teil der Fläche und
damit des solaren Einkommens der Gesellschaft. Damit ist die Land- und Forstwirtschaft auch
der Verwalter jener Ressourcen, die fossile Energieträger ablösen werden“ (BIRNSTINGL-
GOTTINGER, B. et al., 2007. S.1).

Das schnelle Wachstum der Weltbevölkerung, die Annäherung der Schwellenländer an den
Standard der Industrienationen und die prognostizierte Verknappung wichtiger Ressourcen
haben in den vergangenen Jahren zu einem beginnenden Umdenken in der Energiewirtschaft
geführt (vgl. RADERMACHER, F. J., 2008. S.4f.). Im Kyoto-Protokoll hat sich Deutschland
neben vielen anderen Industrienationen dazu verpflichtet, den in besonderem Maße
treibhausgaswirksamen Ausstoß von Kohlendioxid deutlich zu verringern. Um dieses mittel-
und langfristig zu realisieren und die Abhängigkeit von den endlichen fossilen Energieträgern
beenden zu können, sind die Substitution durch Erneuerbare Energien (EE, Regenerative
Energien), die Energieeinsparung und die Energieeffizienzsteigerung die drei bedeutendsten
Aufgaben (vgl. STEIN, C., 2006. S.7). Die Ziele der Bundesregierung sind es den Anteil der
Erneuerbaren Energien von 2000 bis 2010 zu verdoppeln sowie bis 2010 mindestens 12,5 %
des Strombedarfs und 4,2 % der bereitgestellten Primärenergie aus Regenerativen Energien zu
gewinnen. Bis 2020 sollen 25 bis 30 % des Stroms aus Erneuerbaren Energien gewonnen
werden (vgl. NIKIONOK-EHRLICH, A. In: NEUE ENERGIE, 2008b. S.16). Um diese Ziele zu
verwirklichen trat 2000 das erste Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Kraft, welches in der
Folgezeit zweimal novelliert wurde (s. Kap. 5.1.3.2, Gesetze für den Vorrang Erneuerbare
Energien). Auf europäischer Ebene wurde Anfang 2007 vom Europäischen Rat eine
Reduktion der CO2-Emissionen von 20 % bis zum Jahr 2020 im Vergleich zum Referenzjahr
1990 als mittelfristiges Ziel ausgegeben, was einer markanten Umstellung der
Energieversorgung auf dem gesamten Kontinent bedarf (vgl. KOPETZ, H., 2007. S.2).
Langfristig soll die Reduktion auf 50 % des 1990-Ausgangsniveaus anwachsen (vgl. PLANK,
J., 2007. S.20). Ebenso ist entschieden worden, dass ebenfalls bis 2020 20 % der
Gesamtenergie aus Erneuerbaren Energien gewonnen werden sollen. Die Erneuerbaren
Energien liefern „die einzigartige Chance zu einer emissionsfreien und klimafreundlichen
Energieversorgung“ (KOPETZ, H., 2003. S.2). Die eingeschlagene Energie- und Umweltpolitik
öffnet den Landwirten neue Optionen der landwirtschaftlichen Produktion.

2005 wurden 4,6 % des Primärenergieverbrauchs in Deutschland aus Erneuerbaren Energien


gewonnen und somit das 2010-Ziel von 4,2 % bereits frühzeitig erreicht (vgl. MUNLV, 2006.
S.112). 2007 konnte der Energieverbrauch Deutschlands zu knapp neun Prozent von Strom,
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 93

Wärme und Kraftstoff aus regenerativen Quellen zur Verfügung gestellt werden (vgl.
NEUMANN, H. In: NEUE ENERGIE SPEZIAL, 2008. S.6f., s. Abb. 20).

Abb. 20: Erneuerbare Energien am Gesamtenergieverbrauch in Deutschland 2007


Eigene Abbildung, nach NEUMANN, H. In: NEUE ENERGIE SPEZIAL, 2008. S.6

Das Ziel bis 2010 den Strombedarf Deutschlands zu 12,5 % aus Regenerativen Energien zu
gewinnen, wurde 2007 mit einem Anteil von 14,2 % am gesamten Strommarkt bereits
überschritten. Bei der Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien spielt die Windenergie mit
45 % vor der Wasserkraft (23 %) und der Bioenergie (22 %) die größte Bedeutung. Die
anderen Erneuerbaren Energien nehmen nur wenige Prozentpunkte auf dem regenerativen
Strommarkt ein. Auf dem Wärmemarkt steigerten sich die Erneuerbaren Energien 2007 im
Vergleich zu 2006 um 0,8 auf 5,8 %, wobei die Bioenergie die überragende Rolle spielt. Circa
8 % des gesamten Kraftstoffverbrauchs stammen aus Nachwachsenden Rohstoffen.

Besonders wichtig für die Kulturlandschaft der Hellwegbörde sind die Wind- und
Biomasseenergie. Einerseits haben die Windkraftanlagen eine weiträumige Wirkung auf das
Erscheinungsbild der Landschaft (s. Kap. 5.1.3.3, Windenergie) und andererseits hängt die
landwirtschaftliche Produktion zunehmend auch von dem Nutzungs- und Ertragspotential der
Kulturpflanzen für den Bioenergiesektor (s. Kap. 5.1.3.4, Bioenergien) ab, so dass der Fokus
in den folgenden Kapiteln auf diese beiden Erneuerbaren Energien gelegt wird. Durch den
Aufstieg in den vergangenen Jahren ist die Biomasse „nach der Windenergie […] damit die
nächste Sparte der erneuerbaren Energien […], die in großem Umfang erschlossen wird“
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 94

(STEIN, C., 2006. S.7) und folglich ein großes Energiepotential bietet (vgl. KOPETZ, H., 2007.
S.3). Die Energieerzeugung benötigt Fläche und teilweise „kann der Flächenbedarf der
Energieinfrastruktur beträchtliche Ausmaße annehmen, mancherorts dominiert sie sogar das
Landschaftsbild“ (HABERL, H., 2006. S.111).

5.1.3.2 Gesetze für den Vorrang Erneuerbarer Energien

Mit dem Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien (Erneuerbare-Energien-Gesetz, EEG)
aus dem Jahr 2000 und der Novellierung 2004 werden die Ziele verfolgt „im Interesse des
Klima-, Natur- und Umweltschutzes eine nachhaltige Entwicklung der Energieversorgung zu
ermöglichen, die volkswirtschaftlichen Kosten der Energieversorgung auch durch die
Einbeziehung langfristiger externer Effekte zu verringern, Natur und Umwelt zu schützen,
einen Beitrag zur Vermeidung von Konflikten um fossile Energieressourcen zu leisten und die
Weiterentwicklung von Technologien zur Erzeugung von Strom aus Erneuerbaren Energien
zu fördern“ (EEG, 2004. § 1 [1]).
In der Novellierung des Gesetzes 2004 wurde festgeschrieben, dass der Anteil der
Erneuerbaren Energien bis 2010 mindestens 12,5 % und bis 2020 mindestens 20 % der
gesamten Stromversorgung innerhalb der Bundesrepublik Deutschland erreichen soll (vgl.
EEG, 2004. § 1 [2]). Um diese Ziele erreichen zu können, wurden die Netzbetreiber
(Energiekonzerne) zum vorrangigen Anschluss, zur vorrangigen Abnahme, Übertragung und
Vergütung des Stroms aus Erneuerbaren Energien rechtlich verpflichtet (vgl. EEG, 2000. §§
2, 3 u. EEG, 2004. §§ 2, 4, 5).
Zu den Erneuerbaren Energien zählen nach § 3 Absatz 1 EEG von 2004 die Wasserkraft
inklusive Wellen-, Gezeiten-, Salzgradienten- und Strömungsenergie, die Windenergie, die
solare Strahlungsenergie, die Geothermie, die Biomasseenergie einschließlich Bio-, Deponie-
und Klärgas sowie außerdem auch die biologisch abbaubaren Abfälle aus Haushalten und
Industrien (vgl. EEG, 2004. § 3 [1]).

Die Vergütung der Stromerzeugung mit Erneuerbaren Energien ist im Gesetz für den Vorrang
der Erneuerbaren Energien aus dem Jahr 2000 festgelegt worden und wurde 2004 mit der
Gesetzesnovellierung an die sich rasch wandelnden Bedingungen angepasst (vgl. EEG, 2000.
§§ 4-8 u. EEG, 2004. §§ 6-11). Damit sind je Kilowattstunde (kWh) von den Netzbetreibern
je nach Art der Erneuerbaren Energie gesetzlich verankerte Mindestvergütungen an die
Energieerzeuger zu zahlen (s. Tab. 8). Die gesetzlich festgelegten Mindestvergütungen sind
mit Ausnahme der Wasserkraft für den Zeitraum von 20 Jahren zu zahlen (vgl. EEG, 2004. §
12). Am 01. August 2004 trat die EEG-Novellierung in Kraft, wovon maßgeblich die
Biomasseproduktion mit verbesserten Vergütungen profitierte (s. Tab. 8). Dabei wurden für
die kleineren Biomasseanlagen durch höhere Mindestvergütungen Anreize geschaffen (vgl.
STEIN, C., 2006. S.8ff.).
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 95

Erneuerbare Energien EEG 2000 EEG 2004


Wasserkraft
Anlagengröße
< 500 kW 7,67 Cent/kWh 9,67 Cent/kWh
500 kW - 5 MW 6,65 Cent/kWh 6,65 Cent/kWh
5 - 150 MW 6,65 Cent/kWh Nur unter bestimmten Voraussetzungen und
dann ab Januar 2005: -1 %/Jahr
Klär-, Gruben-, Deponiegas
Anlagengröße
< 500 kW 7,67 Cent/kWh 7,67 Cent/kWh
500 kW - 5 MW 6,65 Cent/kWh 6,65 Cent/kWh
> 5 MW 6,65 Cent/kWh 6,65 Cent/kWh (nur Grubengas)
weitere 2,0 Cent/kWh unter bestimmten
Allgemein
Voraussetzungen (Erdgasqualität, etc.)
Allgemein ab Januar 2005: -1,5%/Jahr
Biomasse
Anlagengröße
< 150 kW 10,23 Cent/kWh 11,5 Cent/kWh
< 500 kW 10,23 Cent/kWh 9,9 Cent/kWh
500 kW - 5 MW 9,21 Cent/kWh 8,9 Cent/kWh
5 - 20 MW 8,70 Cent/kWh 8,4 Cent/kWh
> 20 MW 8,70 Cent/kWh -

je nach Anlagengröße weitere 2,5 bis 6,0 Cent/kWh,


wenn Strom ausschließlich von Pflanzen aus land-,
Allgemein forstwirtschaftlichen oder gartenbaulichen
Betrieben/Pflegeschnitten oder Gülle gewonnen wird
(Nachwachsende Rohstoffe - Bonus)

Allgemein weitere Zuschläge bei Kraft-Wärme-Kopplung


Allgemein ab Januar 2002: -1 %/Jahr ab Januar 2005: -1,5%/Jahr
Geothermie
Anlagengröße
< 5 MW 8,95 Cent/kWh 15 Cent/kWh
5 - 10 MW 8,95 Cent/kWh 14 Cent/kWh
10 - 20 MW 8,95 Cent/kWh 8,95 Cent/kWh
> 20 MW 7,16 Cent/kWh 7,16 Cent/kWh
Allgemein ab Januar 2010: -1%/Jahr
Windkraft
für 5 Jahre: 9,10 Cent/kWh,
anschließend je nach für 5 Jahre: 8,70 Cent/kWh, anschließend je nach
Windenergieertrag Reduktion der Windenergieertrag Reduktion der Mindestvergütung
Mindestvergütung
bei Repowering Verlängerung der 5-jährigen
Mindestvergütung von 8,70 Cent/kWh
Offshore-Anlagen mit anderen Konditionen
Allgemein ab Januar 2002: -1,5%/Jahr ab Januar 2005 (Offshore: 2008): -2%/Jahr
solare Strahlungsenergie
45,7 Cent/kWh 45,7 Cent/kWh
je nach Anlagengröße und Standort entsprechend Anlagengröße und Standort Zuschläge
weitere Zuschläge ebenso wie beim EEG 2000
Allgemein ab Januar 2005: -5%/Jahr ab Januar 2005: -5%/Jahr, ab Januar ´06: -6,5%/Jahr
Tab. 8: Mindestvergütung nach den Erneuerbaren-Energien-Gesetzen 2000 und 2004
Eigene Tabelle, nach EEG, 2000 u. EEG, 2004
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 96

Im August 2007 konnte sich die Bundesregierung auf ein Energie- und Klimapaket
verständigen, das so genannte Meseberg-Paket (vgl. NIKIONOK-EHRLICH, A. In: NEUE
ENERGIE, 2008b. S.16ff.). Dieses Paket mitsamt seinem 29-Punkte-Programm soll
Deutschland als „Vorreiter in Sachen Klimaschutz“ (NIKIONOK-EHRLICH, A. In: NEUE
ENERGIE, 2008b. S.16) festigen. Das Meseberg-Paket reicht über die Energiewirtschaft hinaus
und betrifft ebenso die Bereiche Gebäude und Verkehr wie den privaten Verbrauch. Als Folge
dieses Paketes wurde die erneute Novellierung des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes
erforderlich, um die selbst auferlegten Ziele erreichen zu können. Zu diesen Zielen zählt auch,
dass der Anteil der Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien bis 2020 auf 25 bis 30 %
ansteigen soll, was somit einige Prozentpunkte über der Zielsetzung der Novellierung von
2004 mit 20 % liegt. Einhergehend mit diesem Ziel sollen weiterhin die CO2-Emissionen
gesenkt werden. Von 1990 bis 2007 konnte der CO2-Ausstoß in Deutschland bereits um 20,1
% gesenkt werden und bis 2020 sollen nach dem Meseberg-Paket weitere 14,2 % folgen. Zur
konkreten Umsetzung wurde 2007/2008 mit der Überarbeitung des Erneuerbaren-Energien-
Gesetzes begonnen, so dass am 06. Juni 2008 vom Deutschen Bundestag eine neuerliche
Novellierung des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes verabschiedet werden konnte, welche mit
Jahresbeginn 2009 in Kraft trat (vgl. LANDWIRTSCHAFTLICHES WOCHENBLATT, 2008j. S.19).
Durch die in nur kurzen Zeitspannen ablaufenden Novellierungen des Gesetzes für den
Vorrang Erneuerbarer Energien wird ersichtlich, dass die laufend hervorgebrachten
technischen Innovationen im jungen Wirtschaftsbereich der Erneuerbaren Energien sowie die
ambitionierten Klimaschutzziele recht kurzfristige Anpassungen benötigen. Neben der
übergreifenden Zielsetzung 25 bis 30 % des Stroms aus Erneuerbaren Energien zu gewinnen,
soll in besonderem Maße die Kraft-Wärme-Kopplung ausgeweitet werden (vgl. NIKIONOK-
EHRLICH, A. In: NEUE ENERGIE, 2008b. S.16, s. Tab. 9).

Die für den Bereich zwischen Lippe und Möhne/Ruhr relevanten Energien aus Wind und
Biomasse profitieren besonders durch die neu geltenden Mindestvergütungen (vgl. BISCHOF,
R. In: BUNDESVERBAND WINDENERGIE e. V., 2008. S.1). Auf dem seit 2002 abflauenden
Wachstumsmarkt Windenergie wird bereits für das Jahr 2009 aufgrund der neu geltenden
Vergütungsvorschriften mit einem Nachfrageplus gerechnet. Da die Einspeisevergütung von
Windstrom in Anbetracht der stark gestiegenen Anlagenkosten in den letzten Jahren zu gering
wurde, liegt die Mindestvergütung seit Januar 2009 mit 9,2 Cent/kWh für Onshore-Anlagen
einen halben Cent höher als zuvor (vgl. NIKIONOK-EHRLICH, A. In: NEUE ENERGIE, 2008b.
S.17 u. BUNDESVERBAND WINDENERGIE e. V., 2008. S.1, s. Tab. 8 u. 9). Das mit großen
Potentialen versehene Repowering, welches nach Einschätzung des Bundesverbandes
WindEnergie e. V. voraussichtlich ab 2010 in größerem Maße einsetzen wird, erhält
finanzielle Unterstützung. Anlagen, welche bei der Neuinstallation die zwei- bis fünffache
Leistung der mehr als zehn Jahre alten Altanlage aufweisen, erhalten den Repowering-Bonus,
dessen Kriterien zur finanziellen Unterstützung mit der zweiten EEG-Novellierung
vereinfacht wurden (vgl. MAY, H. In: NEUE ENERGIE, 2008a. S.17).
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 97

Erneuerbare Energien Grundvergütung Zuschläge


Bonus-Art Cent/kWh
Bioenergie
< 150 kW 11,67 Cent/kWh Biogas 1,0
Nawaro 6,0
Nawaro (Biogas) 7,0
Gülle (Biogas) 4,0
Technologie 2,0

150 - 500 kW 9,18 Cent/kWh Biogas 1,0


Nawaro 6,0
Nawaro (Biogas) 7,0
Gülle (Biogas) 1,0
Technologie 2,0

500 kW - 5 MW 8,25 Cent/kWh Nawaro 4,0


Technologie 2,0

5 – 20 MW 7,79 Cent/kWh

allgemeiner Bonus: Kraft-Wärme-Kopplung + 3,0 Cent/kWh


ab 2010: -1%/Jahr

Windenergie (Onshore)
9,2 Cent/kWh für fünf Jahre, ab 2010 jährliche Degression von
1%/Jahr bis zur Grundvergütung von 5,02 Cent/kWh
Repowering Zuschlag von 0,5 Cent/kWh
Tab. 9: Mindestvergütung für Bio- und Windenergie seit Januar 2009
Eigene Tabelle, nach NIKIONOK-EHRLICH, A. In: NEUE ENERGIE, 2008b. S.19

Die Aufträge für Biogasanlagen sind seit 2007 durch die enorm gestiegenen Rohstoffpreise
deutlich zurückgegangen, so dass ähnlich wie bei der Windenergie auch in der
Biomassebranche höhere Vergütungen zum Erreichen eines wirtschaftlich rentablen Niveaus
nötig wurden (vgl. MAY, H. In: NEUE ENERGIE, 2008a. S.19). Bei der Biomasse liegt die
Grundvergütung seit 2009 nur bei den kleinsten Anlagen unter 150 kW geringfügig höher als
zuvor, wohingegen die größeren Anlagen gleichzeitig eine etwas geringere Grundvergütung
erhalten. Diese Grundvergütung kann mithilfe verschiedener Bonuszahlungen deutlich erhöht
werden, wodurch die Anreize zur Installation von Biomasseanlagen ausgebaut wurden. So
wird ähnlich wie bei der Windenergie davon ausgegangen, dass die Energieerzeugung aus
Biomasse ab 2009 mit den neuen EEG-Tarifen wieder eine positivere Entwicklung aufweisen
wird.
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 98

5.1.3.3 Windenergie

Das Windenergiepotential eines Standortes hängt primär von der durchschnittlichen


Windgeschwindigkeit ab. Die mittlere Windgeschwindigkeit ist neben den großräumigen
Luftdruckkonstellationen maßgeblich von der Höhe und der Entfernung vom Meer abhängig.
Aufgrund von Reibungseinflüssen der Landoberfläche nimmt generell die mittlere
Windgeschwindigkeit mit zunehmender Entfernung vom Meer ab (vgl. WERNER, J. In:
HEINEBERG, H. (Hrsg.), 2007. S.44). Dieser Trend wird von der
Windgeschwindigkeitserhöhung mit steigender Höhenlage überlagert, so dass in der
Hellwegbörde besonders der über die Westfälische Bucht herausragende exponierte
Haarstrang am südlichen Abschluss der Börde prädestiniert für die Windenergienutzung ist.

Seit 1998 sind nach § 35 des Baugesetzbuches Windkraftanlagen rechtlich privilegiert (vgl.
BAUEROCHSE, A. et al. (Hrsg.), 2007. S.108). Danach sind Windräder im Außenbereich –
sofern bestimmte Voraussetzungen eingehalten werden – zu genehmigen. Von 1998 bis 2005
ist die Anzahl der Windkraftanlagen in Deutschland von circa 6.000 auf 17.000 angestiegen,
wobei in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen die meisten
Windkraftanlagen installiert sind (vgl. SCHMITT, M. et al., 2006. S.405). Deutschlandweit
stehen heute knapp 20.000 und in Nordrhein-Westfalen rund 2.500 Windkraftanlagen (vgl.
NEUE ENERGIE SPEZIAL, 2008. S.5, 34f. u. ASBRAND, A. In: LANDWIRTSCHAFTLICHES
WOCHENBLATT, 2008b. S.26f.). Diese etwa 2.500 NRW-Windkraftanlagen weisen eine
Nennleistung von circa 2.400 MW auf. Jedoch sind seit 2005 kaum neue Windkraftanlagen
hinzugekommen, was auf die erhöhten Marktpreise und somit höheren Investitionskosten
zurückzuführen ist. Die Anlagenpreise sind in den vergangenen Jahren um mehr als 10 %
angestiegen, so dass eine Veränderung der EEG-Mindestvergütung für Windstrom nötig
wurde. Aufgrund der seit 2009 geltenden erhöhten EEG-Vergütung für den Windstrom wird
nach den letzten Jahren, die aufgrund der hohen Stahl- und Kupferpreise nur mäßige
Zuwächse verzeichneten, nun wieder mit verstärkten Investitionen im Windenergiesektor
gerechnet (s. Kap. 5.1.3.2, Gesetze für den Vorrang Erneuerbarer Energien u. Tab. 9). Bis
zum Jahr 2020 wird davon ausgegangen, dass in Deutschland an Land 45.000 MW und auf
der See 10.000 MW Windleistung installiert sein werden, was in etwa einer
Leistungsverdopplung entspricht (vgl. BISCHOF, R. In: BUNDESVERBAND WINDENERGIE e. V.,
2008. S.1). Bis dahin werden viele an weniger geeigneten Standorten platzierte
Windkraftanlagen bzw. Windparks abgebaut sein, während an windertragsreichen Standorten
moderne Windparks mit hoher Leistungen große Strommengen produzieren werden (vgl.
DÜRRSCHMIDT, W. In: BMVBS U. BBR, 2006. S.38).

Besonders die finanzielle Unterstützung des Repowerings, welches mit der zweiten EEG-
Novelle deutlich vereinfacht wurde, bietet enorme Leistungssteigerungspotentiale. Ein
Hindernis, das das Repowering begrenzt, ist die in vielen Kommunen festgelegte
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 99

Höhenbegrenzung für Windkraftanlagen. Beim Repowering werden mehrere verhältnismäßig


kleine Anlagen durch wenige, große Anlagen ersetzt, wobei durch die in einzelnen
Kommunen festgelegten Höhenbegrenzungen das technische Steigerungspotential nicht
ausgeschöpft werden kann. Die Gemeinden können unter Abstimmung mit dem Kreis und der
Bezirksregierung Windzonen im Flächennutzungsplan ausweisen und einen Bebauungsplan
(B-Plan) mit oder ohne Höhenbegrenzung festlegen, wovon die Eignung und Potentiale für
die Windenergie maßgeblich abhängen. „Wer im B-Plan eine Höhenbegrenzung von 80 oder
100 m vorschreibt, der will keinen Windstrom“ (BLOME, S. In: ASBRAND, A. In:
LANDWIRTSCHAFTLICHES WOCHENBLATT, 2008b. S.26). Bis Mitte der 1990er Jahre wurden in
NRW viele Anlagen bis 600 kW Leistung errichtet, welche aufgrund von Abnutzungs- und
Verschleißerscheinungen bald ersetzt werden müssen (Repowering). Mit dem Repowering
können weniger Anlagen mit mehreren Megawatt Anlagenleistung deutlich mehr Strom in
das Netz einspeisen. Daher wird aus energetischen Gründen gefordert, dass die Kommunen
die Höhenbegrenzungen überdenken, um eine wirtschaftlich sinnvolle Erneuerung der
Windkraftanlagen zu fördern. Weiterhin wird mit dem Repowering nicht nur die Menge des
Windstroms erhöht, sondern es verschwinden einige ältere Anlagen aus der Landschaft. Es
wird davon ausgegangen, dass 2010 bis 2012 das Repowering in verstärktem Maße einsetzen
wird (vgl. BISCHOF, R. In: BUNDESVERBAND WINDENERGIE e. V., 2008. S.1 u. NEUE ENERGIE,
2008a. S.34f., s. Abb. 21). Ein Windpark aus 30 oder 40 kleineren Altanlagen kann
beispielsweise durch etwa zehn leistungsstarke Neuanlagen ersetzt werden, was direkten
Einfluss auf das Landschaftsbild haben wird. In Abbildung 21 ist die vermutete Entwicklung
der neu installierten Windkraft-Leistung bis 2030 für Deutschland dargestellt. Während bisher
die Onshore-Anlagen den deutschen Windenergiemarkt dominierten, wird sich zukünftig die
Bedeutung der Windkraftanlagen auf See deutlich erhöhen. Nach dem
Neuinstallationsmaximum Anfang des Jahrhunderts (2002) ist die Entwicklung auf dem Land
seitdem rückläufig und wird in den kommenden Jahren zunehmend vom Repowering ersetzt
werden. Die jährlich neu installierte Onshore-Windkraftleistung wird in den nächsten Jahren
in etwa auf dem heutigen Niveau verbleiben. Gleichzeitig wird die zukünftig verstärkte
Anlageninstallation auf See eine insgesamt ansteigende Neuinstallationsleistung bis in das
dritte Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts hervorrufen, welches wahrscheinlich das Maximum von
2002 übersteigen wird. Die Onshore-Anlagen werden etwa ab 2020 wohl nur noch durch
Repowering an Windkraftleistung hinzugewinnen.
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 100

Abb. 21: Vermutlich jährlich installierte Windkraftleistung bis 2030 in Deutschland in MW


Quelle: WIND ENERGY STUDY 2008 In: NEUE ENERGIE, 2008a. S.34

Die Windenergie hat neben der großen Bedeutung der regenerativen Stromerzeugung einen
sehr bedeutenden Einfluss auf das Landschaftsbild und die Kulturlandschaft einer Region,
wobei häufig von einer „Verspargelung“ der Landschaft gesprochen wird (vgl. ASBRAND, A.
In: LANDWIRTSCHAFTLICHES WOCHENBLATT, 2008b. S.26f.; s. Fotos 10 - 12). Zwar ist die
direkte Flächeninanspruchnahme gering, jedoch ist die indirekte, visuelle
Flächeninanspruchnahme umso größer. Die Windkraftanlagen sind meistens sehr weiträumig
sichtbar, stellen die höchsten Infrastruktureinrichtungen einer weiten Umgebung dar und
lassen die Landschaft mitsamt den vertikalen Strukturen (Wälder, Hecken, Häuser, Kirchen)
eher klein erscheinen. Die hohe Vertikalerstreckung der Windräder bildet folglich einen
Blickfang, der von der eigentlichen Landschaft ablenkt und den Verlust des traditionellen
Maßstabes hervorruft. Während Windräder häufig Höhen von 100 m erreichen, ragen Bäume
und die meisten Bauwerke in ländlichen Gegenden nicht über 30 m hinaus (vgl. (NOHL, W.
In: TANNER, K. M. et al. (Hrsg.), 2006. S.223). Neben dem Maßstabsverlust werden folgende
landschaftsästhetische Effekte von Windkraftanlagen als negativ eingestuft: Eigenartverluste,
technische Überfremdung, Strukturbrüche, Belastungen der Weitsicht,
Horizontverschmutzungen, Sichtverriegelungen, Rotorbewegungen, Verlust der Stille und die
Störungen der Nachtlandschaft (vgl. NOHL, W. In: TANNER, K. M. et al. (Hrsg.), 2006.
S.223ff.). „Windkraftanlagen […] haben ästhetisch bereits ganze Landschaftsräume
grundlegend verändert“ (NOHL, W. In: TANNER, K. M. et al. (Hrsg.), 2006. S.215) und „für
viele Bewohner wurde dadurch ihr Bild der eigenen Landschaft zerstört“ (ERMISCHER, G. In:
BAUEROCHSE, A. et al. (Hrsg.), 2007. S.18). Diese Großbauten werden als „nicht
landschaftsgerecht“ (NOHL, W. In: TANNER, K. M. et al. (Hrsg.), 2006. S.221) oder
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 101

„landschaftsfremd“ (NOHL, W. In: TANNER, K. M. et al. (Hrsg.), 2006. S.221) bezeichnet.


Windgeräusche und Schattenwurf sind weitere negative Nebeneffekte der Windenergie, die
die Errichtung von Windkraftanlagen mit ausreichendem Abstand zu Siedlungen und
Gehöften zur weitgehenden Vermeidung von Konflikten mit den Bewohnern nötig machen.
Windkraftanlagen sind in der Bevölkerung aus dem oben angesprochenen Gründen häufig mit
negativen Attributen belegt (vgl. NOHL, W. In: TANNER, K. M. et al. (Hrsg.), 2006. S.216). In
einer Kurzumfrage des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung in den
Planungsregionen haben 92 % der befragten Planungsregionen angegeben, dass es zu
größeren Widerständen aus der Bevölkerung gegen den Bau von Windkraftanlagen
gekommen ist. Dabei wurden Widerstände aufgrund der Landschaftsästhetik und des
Naturschutzes sowie die Lärmemissionen und der Schattenwurf als Hauptgründe aufgeführt
(vgl. SCHMITT, M. et al., 2006. S.411f.).

Trotz dieser negativen Effekte für die Kulturlandschaft und die ortsansässige Bevölkerung
wird wie in Abbildung 21 dargestellt auch zukünftig die Energieerzeugung aus Wind zum
Erreichen des Klimaschutzziels und zum Ziel des weiteren Ausbaus der Erneuerbaren
Energien weiter ausgedehnt werden. Dabei werden in der Landschaft kaum neue Windparks
errichtet werden, sondern es wird das Repowering mit zahlenmäßig deutlich reduzierten, aber
dafür höheren und leistungsstärkeren Anlagen dominieren. Um das technische
Steigerungspotential ausschöpfen zu können, werden die teilweise in den Kommunen
festgelegten Höhenbegrenzungen für Windkraftanlagen zukünftig wohl größtenteils
abgeschafft oder aber die Höhenbegrenzung deutlich in den dreistelligen Meterbereich
angehoben werden. Große Windparks mit mehreren Dutzend Anlagen werden in Zukunft
schrittweise von wenigen Großanlagen ersetzt werden. Diese modernen Windparks werden
sich auf geeigneten Standorten konzentrieren, während die Windräder auf den weniger
geeigneten Standorten verschwinden werden.

In der Hellwegbörde wird die Eignung der Windenergienutzung maßgeblich von der
Höhenlage bestimmt (vgl. WERNER, J. In: HEINEBERG, H. (Hrsg.), 2007. S.44f.). Mit
zunehmender Höhe steigt die durchschnittliche Windgeschwindigkeit an, so dass in der
Hellwegbörde in südliche bis südöstliche Richtung hinauf bis zum Haarkamm die Eignung
stetig zunimmt. Die südliche Hellwegbörde stellt zusammen mit der östlich anschließenden
Paderborner Hochfläche das bedeutendste Windenergiegebiet in Westfalen dar. Der
Haarstrang ragt mit einer Höhendifferenz von circa 200 bis 300 m deutlich über die flache
Westfälische Bucht hinaus. Folglich sind in der Hellwegbörde gerade die Oberbörde und der
Haarstrang die besten Standorte für die Windenergienutzung. Aufgrund der günstigen
Voraussetzungen der Windenergienutzung in den höheren Bereichen der Hellwegbörde ist die
Windenergiedichte in Windkraftanlagen pro Quadratkilometer (WKA/km²) im Kreis Soest
deutlich höher als in NRW und Deutschland (s. Abb. 22). Im Kreis Soest stehen mittlerweile
etwa 270 Windkraftanlagen, wobei sich bis auf wenige Ausnahmen alle Windkraftanlagen des
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 102

Kreises in der
Windenergiedichte in
Kulturlandschaft der
Windkraftanlagen/Quadratkilometer (WKA/km²)
0,3 Hellwegbörde befinden
Windenergiedichte [WKA/km²]

(vgl. HOFFMANN, F., 2008; s.


Karte 15 u. Fotos 10 - 12).
0,2
Zwar macht die Fläche des
Kreises Soest weniger als 4
0,1 % der Landesfläche
Nordrhein-Westfalens aus,
jedoch stehen im Kreis Soest
0,0
10,8 % der NRW-
Deutschland NRW Kreis Soest

Abb. 22: Windenergiedichte in Deutschland, NRW und dem Windkraftanlagen, so dass


Kreis Soest in WKA/km² fast jede neunte
Eigene Abbildung, nach HOFFMANN, F., 2008, NEUE ENERGIE
SPEZIAL, 2008. S.5, 34f. u. ASBRAND, A. In: Windkraftanlage NRWs im
LANDWIRTSCHAFTLICHES WOCHENBLATT, 2008b. S.26f. Kreis Soest steht. Im Zuge
des Repowerings mit
gleichzeitiger An- bzw. Aufhebung der bestehenden kommunalen Höhenbegrenzungen wird
sich in den nächsten Jahrzehnten die Anzahl der Windkraftanlagen im Kreis Soest
voraussichtlich auf die Größenordnung von 100 Windkraftanlagen reduzieren, wobei diese
Großanlagen dann ein Vielfaches des Stromes der bisher installierten Anlagen erzeugen
werden (s. Karte 16). Die heterogene Leistungsstruktur der vorhandenen Windkraftanlagen
wird sich in Richtung leistungsstarker Großanlagen, die sich durch eine große Höhe
auszeichnen, entwickeln. Dabei wird sich die Windkraftnutzung maßgeblich auf den
windexponierten Haarstrang und die Oberbörde konzentrieren sowie des Weiteren der
überwiegende Anteil der Windkraftanlagen außerhalb der Gebietskulisse des europäischen
Vogelschutzgebietes Hellwegbörde liegen. Aufgrund möglicherweise in Zukunft verminderter
EEG-Mindestvergütungen für Windstrom ist bei der Fokussierung auf besonders windstarke
und somit ertragreiche Standorte auch eine komplette Aufgabe der Windkraftnutzung in den
tieferen Lagen der Unterbörde und der nördlichen Oberbörde eine mögliche
Entwicklungsrichtung, da dort die Rentabilität geringer ist als auf dem Haarstrang (s. Karte
16, unten). Auf dem Haarstrang würde sich die Windkraftnutzung in wenigen
Konzentrationsflächen ballen, so dass zwischen den einzelnen Windzonen breite unbebaute
Schneisen verbleiben, die Bedeutung im Rahmen des Naturschutzes aufweisen (s. Kap.
5.1.4.1, Naturschutz). Zu dieser naturschutzfachlichen Bedeutung ist insbesondere der
Vogelschutz zu zählen.
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 103

Karte 15: Aktuelle Verteilung der Standorte von Windkraftanlagen (WKA) im Kreis Soest
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 104

Karte 16: Zwei Szenarien der zukünftigen Standortverteilung für Windkraftanlagen (WKA) im
Kreis Soest. Oben: Reduktion der WKA auf ca. 120 Großanlagen. Unten: Reduktion der WKA
auf ca. 80 Großanlagen mit ausschließlicher Konzentration auf die Höhenlagen der
Hellwegbörde
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 105

5.1.3.4 Bioenergie

5.1.3.4.1 Einleitung

„Biomasse ist das größte erneuerbare Energiepotenzial, das wir in Europa haben“ (KOPETZ,
H., 2007. S.3). Während andere Erneuerbare Energien aus Sonne, Wind und Wasser aufgrund
von jahreszeitlichen oder täglichen Schwankungen nicht ständig verfügbar sind, ist Biomasse
reichlich vorhanden und kann konserviert werden, so dass Biomasse zu jeder benötigten Zeit
verfügbar ist (vgl. GRAß, R. U. SCHEFFER, K., 2005. S.435 u. SCHWARZBÖCK, R., 2005. S.3).
„Die Rolle der Biomasse als Energieträger wird in den kommenden Jahren ständig zunehmen,
sie wird zur wichtigsten erneuerbaren Energiequelle werden“ (KOPETZ, H. 2006. S.8) und die
Wachstumsbranche der kommenden Jahrzehnte darstellen (vgl. KOPETZ, H. 2006. S.12).

Die Landschaft wird nicht wie bei der Windkraftnutzung oder den anderen Erneuerbaren
Energien nur durch die zur Energieerzeugung nötigen Anlagen beeinflusst und technisch
überprägt, sondern in ganz besonderem Maße auch durch die angebauten Kulturpflanzen, die
für die dezentrale Energieerzeugung verwertet und in Strom, Wärme und Treibstoff
umgewandelt werden (vgl. MUNLV, 2008a. S.38 u. SEIDL, A., 2006. S.314). „Die biologische
Abbaubarkeit, der geschlossene CO2-Kreislauf und die kontinuierliche Regenerierbarkeit sind
wichtige Umweltvorteile der nachwachsenden Rohstoffe“ (RATSCHOW, J.-P. In: LÜTKE
ENTRUP, N. U. OEHMICHEN, J., 2000. S.756). Die Nutzung von Bioenergie und die Preise für
landwirtschaftliche Produkte hängen maßgeblich vom Rohölpreis ab (vgl. MÜLLER, A., 2007.
S.7f.). Bis zum Sommer 2008 ist der Preis je Barrel Rohöl von 30 US-Dollar Ende 2000 auf
über 140 US-Dollar angestiegen, um dann bis Anfang 2009 auf circa 40 US-Dollar/Barrel
Rohöl abzustürzen (vgl. TECSON, 2009). Mittel- und langfristig wird jedoch wieder mit
steigenden Rohölpreisen gerechnet, was wiederum direkte Rückkopplungen auf die
landwirtschaftliche Produktion und die Bioenergiebranche haben wird. Diese Prognose der
steigenden Ölpreise und die neuerliche Novellierung des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes
werden zu einer weiteren Expansion des Bioenergiesektors führen (vgl.
LANDWIRTSCHAFTLICHES WOCHENBLATT, 2008f. S.22, s. Kap. 5.1.3.2, Gesetze für den
Vorrang Erneuerbarer Energien u. Tab. 9). Bisher ist der Einsatz von Nachwachsenden
Rohstoffen überwiegend teurer als von fossilen Energieträgern, was sich jedoch mit den
langfristig steigenden Ölpreisen und dem fortschreitenden technischen Fortschritt im
Bioenergiesektor ändern dürfte (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.72ff.).
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 106

5.1.3.4.2 Strom, Wärme und Kraftstoff aus Bioenergie

Grundsätzlich kann Biomasse direkt oder mittels eines eingeschalteten Vergasungsprozesses


zur Wärme- und Stromgewinnung verbrannt werden, andererseits aber auch über
Zwischenschritte in Kraftstoff umgewandelt werden (vgl. EISENBEIß, G. U. WAGNER, G.,
2006. S.3). Für die Umwandlung von Biomasse in Strom, Wärme und Kraftstoff existiert ein
breites Spektrum an Anlagentechniken und -größen (vgl. MUNLV, 2006. S.115f.). Das
Einsparungspotential von Treibhausgasen ist beim Biokraftstoff geringer als bei der
regenerativen Erzeugung von Strom und Wärme (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007.
S.77 u. EISENBEIß, G. U. WAGNER, G., 2006. S.4). Aus den Gesetzen der Thermodynamik
wird deutlich, dass die Umwandlungsverluste von der Primärenergie Biomasse in die
Endenergie (Strom, Wärme, Treibstoff) am geringsten sind, wenn die chemisch gebundene
Biomasseenergie in Wärmeenergie umgewandelt wird (vgl. KOPETZ, H., 2005. S.13).
Weiterhin ist die Wärmebereitstellung die wichtigste Aufgabe bei der Substitution fossiler
Energieträger, da circa 52 % des Endenergieverbrauchs in Deutschland auf die Heiz- und
Prozesswärme entfallen (vgl. EISENBEIß, G. U. WAGNER, G., 2006. S.1). Knapp 29 % des
Endenergieverbrauchs entfallen auf Kraftstoffe und etwa 19 % auf Strom.

Bei der Stromerzeugung reicht die Bandbreite von Biomasseheizkraftwerken mit MW-
Leistungen bis hin zu landwirtschaftlich genutzten Biogasanlagen, die meistens eine Leistung
von 80 bis 500 kW aufweisen. Mit dem EEG werden insbesondere die kleinen Biogasanlagen,
die von den Landwirten betrieben werden, durch hohe Vergütungen gefördert (s. Kap. 5.1.3.2,
Gesetze für den Vorrang Erneuerbarer Energien). Biogasanlagen für die Stromerzeugung
haben in den letzten Jahren aufgrund der rechtlich verankerten, hohen Einspeisevergütungen
aus dem EEG einen deutlichen Aufschwung erlebt, so dass der Energiepflanzenanbau für die
Vergärung in den Biogasanlagen seit Ende der 1990er Jahre deutlich zugenommen hat. Der
Boom in den Jahren 2005 und 2006 wurde maßgeblich durch den 2004 in Kraft getretenen
EEG-Bonus für die Verwertung Nachwachsender Rohstoffe bei gleichzeitig sehr niedrigen
Getreidepreisen ausgelöst (vgl. NEUMANN, H. In: NEUE ENERGIE SPEZIAL, 2008. S.9). In den
letzten Jahren ist jedoch aufgrund der deutlich gestiegenen agrarischen Rohstoffpreise die
Nachfrage nach neuen Anlagen zur Erzeugung von Biostrom rückläufig gewesen. Durch die
hohen Rohstoffpreise wurde der Verkauf zur Nahrungs- und Futtermittelerzeugung rentabler
als die Biomassenutzung, so dass der Biogasboom ab 2007 spürbar nachgelassen hat. Ende
2006 standen deutschlandweit etwa 3.300 und in NRW circa 230 Biogasanlagen mit einem
räumlichen Landesschwerpunkt im viehreichen westlichen Münsterland (vgl. LANDESAMT
FÜR NATUR, UMWELT UND VERBRAUCHERSCHUTZ NORDRHEIN-WESTFALEN (LANUV), 2008.
S.80 u. AMMERMANN, K., 2008. S.108). Die Zahl der Biogasanlagen hat sich zwischen 2000
und 2006 verdreifacht (vgl. BECKMANN, G., 2006. S.31). Mit der erneuten EEG-Novellierung
wird ab 2009 wieder mit der verstärkten Errichtung neuer Biogasanlagen und der
Biomassenutzung für die Energieerzeugung gerechnet (vgl. BROCKMANN-KÖNEMANN, P. In:
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 107

LANDWIRTSCHAFTLICHES WOCHENBLATT, 2008k. S.24 u. NEUMANN, H. In: NEUE ENERGIE


SPEZIAL, 2008. S.14ff.). Seit Inkrafttreten der EEG-Novellierung Anfang 2009 werden für die
Kraft-Wärme-Kopplung sowie die Nutzung von Nachwachsenden Rohstoffen und Gülle hohe
Bonuszahlungen geleistet (s. Tab. 9). Geeignete Gärrohstoffe für die Biogaserzeugung sind
neben verschiedenen Kulturpflanzen auch pflanzliche Abfälle und organischer Dünger (vgl.
SEIDL, A., 2006. S.315 u. SALCHENEGGER, S. U. PÖLZ, W., 2005. S.28ff.). Gülle weist dabei
ein geringeres Biogaspotential als die Maissilage und andere Futterpflanzen (Gras, Roggen)
auf (vgl. HERRMANN, A. U. TAUBE, F., 2006. S.170f.). In den Biogasanlagen (Fermenter) wird
Biomasse durch anaerobe Vergärung mithilfe von Bakterien in ein energetisch verwertbares
Biogas überführt (vgl. BACH, A. U. MARKERT, H. In: OTT, E. (Hrsg.), 1997. S.114 u.
BIRNSTINGL-GOTTINGER, B. et al., 2007. S.68). Neben Methan, welches einen Anteil von
circa 40 bis 75 % des Biogases einnimmt, sind Kohlendioxid (25 – 55 %) und Wasserdampf
(< 10 %) Produkte der Vergärung (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.73). In
geringen Mengen entstehen noch Stickstoff, Sauerstoff, Wasserstoff, Ammoniak und
Schwefelwasserstoff. Das gewonnene Biogas wird entweder als Kraftstoff (Methankraftstoff)
genutzt, nach Aufbereitung auf Erdgasqualität in das Gasnetz eingespeist oder in
Blockheizkraftwerken durch die Biogasverbrennung in Stromenergie umgewandelt, wobei
Wärme als Nebenprodukt entsteht (vgl. LANUV, 2008. S.80, SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J.,
2007. S.73, KOPETZ, H. 2006. S.9 u. BIRNSTINGL-GOTTINGER, B. et al., 2007. S.69). Die
Biogaseinspeisung in das Gasnetz und die Kraftstoffverwendung spielten bisher in
Deutschland nur eine untergeordnete Rolle (vgl. KRAUTKREMER, B. U. HOFFSTEDE, U., 2006.
S.37). Für die Erzeugung von 100 kW elektrischer Leistung in Biogasanlagen sind je nach
verwendeter Biomasse durchschnittlich etwa 35 bis 45 ha landwirtschaftliche Nutzflächen
nötig. Zukünftig wird der Biogaserzeugung das größte Potential im Rahmen der Bioenergie
zugesprochen, besonders dann, wenn die Abwärme genutzt und die Kraft-Wärme-Kopplung
weiter ausgebaut wird (vgl. KRICK, F. In: LANDWIRTSCHAFTLICHES WOCHENBLATT, 2008a.
S.23 u. KOPETZ, H. 2006. S.9). Da je nach Verfahren nur 20 bis 35 % der Primärenergie in
Strom umgewandelt werden können, ist ohne eine Wärmenutzung der Verlust sehr hoch (vgl.
KOPETZ, H., 2005. S.14f. u. KOPETZ, H., 2007. S.5). Bei der Kraft-Wärme-Kopplung erhöht
sich der Wirkungsgrad auf 50 bis 75 % und liegt dann deutlich über den Werten der alleinigen
Stromnutzung.

Die thermische Nutzung (Wärme) von Biomasse als Alternative zu fossilen Brennstoffen
erfolgt über Heizwerke und Heizkraftwerke sowie über die bei der Stromerzeugung aus
Biogas anfallende Abwärme (vgl. MUNLV, 2006. S.116f.). In den Heizkraftwerken können
einerseits Gehölze aus der Forstwirtschaft (Scheitholz, Holzschnitzel, Holzpellets) und
andererseits Ganzpflanzen oder Pflanzenteile, beispielsweise Stroh, der auf
landwirtschaftlichen Nutzflächen angebauten Kulturpflanzen eingesetzt werden (vgl. SEIDL,
A., 2006. S.314). Bei der Wärmeerzeugung in modernen Biomasseverbrennungsanlagen
können etwa 80 bis 90 % der Primärenergie in die Endenergie umgewandelt werden, so dass
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 108

die Verluste mit nur ein bis zwei Zehnteln gering sind (vgl. KOPETZ, H., 2005. S.14 u.
KOPETZ, H., 2007. S.5).

Zu den fossilen Treibstoffen stellen heute die Biokraftstoffe die einzige Alternative dar.
Biodiesel und Bioethanol sind die aktuell bedeutsamsten regenerativen Kraftstoffe (vgl.
MUNLV, 2006. S.117, BIRNSTINGL-GOTTINGER, B. et al., 2007. S.69f. u. BREUER, T. U.
HOLM-MÜLLER, K., 2006. S.55). In der Europäischen Union wird bis 2010 durch die
europäische „Richtlinie zur Förderung der Verwendung von Biokraftstoffen oder anderer
erneuerbarer Kraftstoffe im Verkehrssektor vom Mai 2003“ (RODE, M. U. KANNING, H., 2006.
S.103) ein Biokraftstoffanteil von 5,75 % angestrebt (vgl. SEIDL, A., 2006. S.314,
SALCHENEGGER, S. U. PÖLZ, W., 2005. S.31 u. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.72).
Bis 2020 soll dieser Wert 10 % erreichen (vgl. VON WITZKE, H. et al., 2008. S.15).
Mittlerweile nehmen Biokraftstoffe einen Anteil von knapp acht Prozentpunkten auf dem
deutschen Kraftstoffmarkt ein, wobei Biodiesel den mit Abstand bedeutendsten Biokraftstoff
stellt (vgl. NEUMANN, H. In: NEUE ENERGIE SPEZIAL, 2008. S.6f.). Dieser Anteil wurde mit
einer hohen Besteuerung des fossilen Treibstoffs bei gleichzeitiger Steuerbefreiung für
Biotreibstoffe erzielt (vgl. KOPETZ, H., 2005. S.17 u. ISERMEYER, F. U. ZIMMER, Y., 2006.
S.22ff.). Die Steuerbefreiung für Biodiesel und Pflanzenöl wurde allerdings 2006 aufgrund
der hohen Erdölpreise aufgehoben und der Steuersatz wird bis 2012 schrittweise angehoben,
während zeitgleich andere Biotreibstoffe, wie Bioethanol und synthetische Kraftstoffe, noch
steuerfrei verbleiben (vgl. BACHLER, A., 2008. S.25). In den herkömmlichen Treibstoffen
muss seit 2007 ein mit der Zeit ansteigender Prozentanteil an Biokraftstoffen enthalten sein
(Beimischungsverpflichtung). Zur Herstellung von Biodiesel wird in Deutschland fast immer
Rapsöl verwendet, was in den vergangenen Jahren zu einem ähnlichen Boom wie in der
Biogasbranche führte (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.73, BACHLER, A., 2008.
S.25, SEIDL, A., 2006. S.314 u. RATSCHOW, J.-P. In: LÜTKE ENTRUP, N. U. OEHMICHEN, J.,
2000. S.767). Deutschland ist der weltweit größte Biodieselproduzent. Für die Zukunft wird
Bioethanol und insbesondere den synthetischen Kraftstoffen ein großes Entwicklungspotential
eingeräumt (vgl. MUNLV, 2006. S.117). Aus Nachwachsenden Rohstoffen werden mithilfe
chemischer oder biochemischer Methoden Kraftstoffe erzeugt, wie beispielsweise die BtL-
Kraftstoffe („Biomass to Liquid“). Ethanol wird durch Vergärung aus Zucker und Stärke
(Kohlenhydrate) gewonnen, so dass sich besonders Kulturpflanzen mit hohem Zucker- bzw.
Stärkegehalt, wie Kartoffeln, Zuckerrüben und fast alle Getreidearten, eignen (vgl.
RATSCHOW, J.-P. In: LÜTKE ENTRUP, N. U. OEHMICHEN, J., 2000. S.765). Getreide eignet sich
besonders aufgrund der geringen Kosten bei der Ethanolherstellung (vgl. EISENBEIß, G. U.
WAGNER, G., 2006. S.5). Die Verwendung von Mais zur Ethanolherstellung nimmt bei den
Getreidearten die mit Abstand größte Bedeutung ein (vgl. LANDWIRTSCHAFTLICHES
WOCHENBLATT, 2008d. S.10). Im Gegensatz zum Biodiesel (Dieselmotoren) eignen sich
Bioethanol und die synthetischen Kraftstoffe für Otto-Motoren (vgl. SEIDL, A., 2006. S.314).
Die Biokraftstoffe werden in solche der ersten und zweiten Generation unterschieden (vgl.
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 109

SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.75). Zu der ersten Generation zählen Biodiesel und
Bioethanol, bei denen die Ausbeute aufgrund der ausschließlichen Verwendung der öl- bzw.
stärkehaltigen Pflanzenbestandteile deutlich geringer ist als bei den Biokraftstoffen der
zweiten Generation. Zu der sich noch in der Entwicklung befindlichen zweiten Generation
gehören die BtL-Kraftstoffe, wofür Biomasse mit hohen Trockenmassegehalten vorteilhaft ist
(vgl. WERNER, A. et al., 2005. S.430). Es wird damit gerechnet, dass die Etablierung der
zweiten Generation noch einige Jahre dauern wird und die zweite Generation der
Biokraftstoffe zumindest bis 2020 noch keine bedeutenden Ausmaße erreicht haben wird (vgl.
VON WITZKE, H., 2008. S.17f.). Auch das in Biogasanlagen erzeugte Gas kann nach der
Aufbereitung als Kraftstoff (Methankraftstoff) genutzt werden (vgl. KOPETZ, H., 2007. S.3 u.
PERSSON, M., 2007. S.25f.). Die BtL-Kraftstoffe weisen je Flächeneinheit eine höhere
Produktivität als die Kraftstoffe der ersten Generation auf. Die Erzeugung von Biodiesel
(Rapsmethylester) ist in Europa dominierend und weist mit einem Umwandlungsverhältnis
der Primär- in die Endenergie von 87 % einen deutlich höheren Wirkungsgrad als Ethanol mit
circa 50 % auf (vgl. KOPETZ, H., 2005. S.14f.).
Im Bioethanolsektor sind die USA (Mais) und Brasilien (Zuckerrohr) die größten
Produzenten, während in der EU die Erzeugung von Biodiesel dominiert (vgl. VON WITZKE,
H., 2008. S.15f.). 80 bis 90 % der weltweiten Biodieselproduktion finden in der EU statt. Ab
einem Preis von 30 bis 35 US-Dollar pro Barrel Rohöl ist Ethanol aus brasilianischem
Zuckerrohr auf dem Weltkraftstoffmarkt konkurrenzfähig (vgl. MÜLLER, A., 2007. S.8 u.
ISERMEYER, F. U. ZIMMER, Y., 2006. S.2ff.). Treibstoff aus südostasiatischem Palmöl kann ab
einem Rohölpreis von etwa 40 US-Dollar je Barrel wirtschaftlich rentabel angeboten werden
und ab circa 60 US-Dollar/Barrel Rohöl ist Ethanol aus nordamerikanischem Mais
konkurrenzfähig. Ohne jegliche politische Eingriffe (Schutzzölle, Subventionen) liegt dieser
Wert für die europäischen Biotreibstoffe bei 60 bis 90 US-Dollar je Barrel Rohöl. Folglich ist
die Erzeugung europäischen Biotreibstoffs auf dem liberalen Weltmarkt weniger rentabel als
aus Übersee.

Damit die Bioenergie zukünftig einen beträchtlichen Teil der Energieversorgung mit Strom,
Wärme und Kraftstoff bereitstellen kann, sind auf der technischen Seite besonders die
Umwandlungsverluste von der Primär- zur Endenergie zu minimieren und möglichst niedrige
Produktionskosten je Energieeinheit anzustreben (vgl. KOPETZ, H., 2007. S.3). Die
Umwandlungsverluste zwischen den unterschiedlichen Bioenergien schwanken je nach
Verfahren stark (vgl. KOPETZ, H., 2005. S.14f. u. KOPETZ, H., 2007. S.3ff.). Besonders hohe
Wirkungsgrade weisen die Wärmeerzeugung, die Kraft-Wärme-Kopplung sowie die
Biodieselproduktion aus Rapsöl und die Methankraftstofferzeugung aus Biogas auf. Dagegen
weisen die Stromerzeugung ohne Wärmenutzung und die Ethanolproduktion unter den heute
technischen und marktfähigen Möglichkeiten deutlich geringere Wirkungsgrade auf. Aus
diesen Erkenntnissen heraus sollte der Fokus der Biomassenutzung auf die Wärmenutzung
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 110

aus Biomasse zur Substitution von Elektro-, Kohle- und Ölheizungen, auf die Kraft-Wärme-
Kopplung und die Biokraftstoffproduktion gelegt werden (vgl. KOPETZ, H., 2007. S.5).

5.1.3.4.3 Energiepflanzen

Neben der Bioenergienutzung aus Wäldern und Forsten (Rest- und Altholz) wird Biomasse
von landwirtschaftlichen Flächen maßgeblich aus Getreide- und Ölpflanzen sowie
perennierenden Gräsern, wie Miscanthus (Chinaschilf), und schnell wachsenden Baumarten
(Kurzumtriebsplantagen) geliefert (vgl. DIEPENBROCK, W. et al., 2005. S.248). Durch diesen
neuen Absatzmarkt für Kulturpflanzen sind aus Landwirten nun auch „Energiewirte“
(BMVBS U. BBR, 2006. S.35) geworden. Auf etwa zwei Millionen Hektar bzw. auf circa 12
% der landwirtschaftlichen Nutzfläche werden in Deutschland mittlerweile Pflanzen zur
energetischen Verwertung angebaut (vgl. AMMERMANN, K., 2008. S.108 u. NEUE ENERGIE
SPEZIAL, 2008. S.4; s. Abb. 23).

Abb. 23: Anbau von Nachwachsenden Rohstoffen in Deutschland


Quelle: FNR In: NEUE ENERGIE SPEZIAL, 2008. S.4

Nach einigen Jahren mit deutlicher Flächenexpansion für den Anbau Nachwachsender
Rohstoffe stieg dieser Wert 2008 nicht weiter an und stagnierte bei circa zwei Millionen
Hektar. Gründe sind die massiv angestiegenen Nahrungs-Rohstoffpreise sowie die
Verhandlungen über die Novellierung des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes. In etwa die
Hälfte der Fläche für Nachwachsende Rohstoffe wird vom Rapsanbau für die Biodiesel-
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 111

/Pflanzenölproduktion eingenommen. Circa ein Viertel der Biomasse wird in Biogasanlagen


und ein Achtel für die Bioethanolherstellung benötigt. Ein weiteres Viertel dient nicht der
energetischen, sondern der stofflichen Nutzung. Von der Fachagentur für Nachwachsende
Rohstoffe (FNR) wird in Zukunft mit einer weiteren Ausdehnung gerechnet.

Aufgrund der begrenzten Flächenverfügbarkeit sollten bei der Bioenergieerzeugung in der


Landwirtschaft besonders Pflanzen mit hohen Endenergieerträgen angebaut werden (vgl.
KOPETZ, H., 2005. S.15f. u. KOPETZ, H., 2007. S.3). Der Heizwert von Pflanzen hängt dabei
von der Elementarzusammensetzung ab, wobei der Kohlenstoff die größte Bedeutung hat
(vgl. RATSCHOW, J.-P. In: LÜTKE ENTRUP, N. U. OEHMICHEN, J., 2000. S.756). Da alle
Kulturpflanzen eine vergleichbare Elementarzusammensetzung aufweisen, hängt letztlich der
Energieertrag und somit die Bioenergieeignung in besonderem Maße von der Erntemasse und
der Feuchte ab (s. Abb. 24). Dabei sind gute Ackerbaugebiete aufgrund der hohen
Ertragsmengen folglich auch die effizientesten Lieferanten von Rohstoffen für die
Bioenergieverwertung (vgl. MILLER, J., 2007a. S.14 u. WERNER, A. et al., 2005. S.433).

Nachdem Holz als Energielieferant verbunden mit den sehr niedrigen Ölpreisen (1960-1972)
deutlich an Bedeutung verloren hat, führen nun steigende Energiepreise, zunehmendes
Umweltbewusstsein und die technischen Möglichkeiten der vollautomatischen
Feuerungsanlagen zu einem erstarkenden Interesse an der Energieverwertung des Holzes (vgl.
RATSCHOW, J.-P. In: LÜTKE ENTRUP, N. U. OEHMICHEN, J., 2000. S.757ff., PALLAST, G. et al.,
2006. S.144ff. u. RODE, M., 2005. S.406). Neben der Holznutzung aus Wäldern und Forsten
werden seit einigen Jahren die Marktfähigkeit und das Ertragspotential von
Kurzumtriebsplantagen untersucht. Dazu eignen sich besonders die schnellwüchsigen und
hochproduktiven Laubbäume von Weide, Pappel, Erle und Robinie. Holz gilt als der
problemloseste Energieträger (vgl. BRÜGGEMANN, C. In: NEUE ENERGIE SPEZIAL, 2008. S.30).
Die Rentabilität der Kurzumtriebsplantagen ist auf landwirtschaftlich nutzbaren Flächen
schlechter als bei der Flächenbewirtschaftung mit anderen Kulturpflanzen, wie Getreide, Raps
und Zuckerrübe, so dass die schnellwüchsigen Kurzumtriebsplantagen auf den
landwirtschaftlich genutzten Flächen wohl keine relevante Bedeutung erlangen werden (vgl.
PALLAST, G. et al., 2006. S.156). Auf Grenzertragstandorten liefert hingegen der Anbau
schnell wachsender Gehölze eine Möglichkeit der Flächennutzung.

Raps bildet aufgrund des Biodieselbooms die wichtigste Pflanze zur Erzeugung von
Bioenergie in Deutschland (vgl. BUNDESMINISTERIUM FÜR BILDUNG UND FORSCHUNG
(BMBF), 2008. S.19f., SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.74, AMMERMANN, K., 2008.
S.108 u. NEUE ENERGIE SPEZIAL, 2008. S.4). Circa 70 % vom Winterraps werden zur
Biokraftstoffproduktion verwendet. Rapsstroh ist aufgrund unerwünschter Eigenschaften für
die Strom- und Wärmeerzeugung (Verbrennung) nicht geeignet.
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 112

Abb. 24: Abhängigkeit der Energieerträge von der angebauten Kulturpflanze


Quelle: LÜTKE ENTRUP, N. U. OEHMICHEN, J., 2000. S.757

Getreide kann sowohl für die Strom- und Wärme- als auch für die Kraftstoffherstellung
genutzt werden. Die Verwertung hängt dabei unmittelbar vom Marktpreis ab (vgl.
MÜHLHAUSEN, C. In: NEUE ENERGIE SPEZIAL, 2008. S.29). Liegen die Rohstoffpreise hoch,
wie zum Beispiel 2007/2008, dann ist die Verwertung zur Bioenergieerzeugung weniger
wirtschaftlich als die Nahrungs- und Futtermittelverwendung. Die Ethanolherstellung aus
Getreide erlebt seit einigen Jahren eine deutliche Expansion, wenngleich die Größenordnung
deutlich unter der Biodieselproduktion von Raps liegt. Unter den Getreidearten nimmt Mais
die mit Abstand größte Bedeutung bei der Ethanolherstellung ein (vgl.
LANDWIRTSCHAFTLICHES WOCHENBLATT, 2008d. S.10). In den Biogasanlagen können
unterschiedliche Kulturen als Ganzpflanzen verwendet werden, wofür sich in hiesigen Breiten
besonders Leguminosen, Mais und andere Getreidearten eignen (vgl. WIKLICKY, L., 2007.
S.27). Bei der Biogaserzeugung dominiert die Verwendung von Mais mit deutlichem Abstand
vor der Grassilage (vgl. BECKMANN, G., 2006. S.28 u. WALLA, C. U. SCHNEEBERGER, W.,
2005. S.36). Von 2004 auf 2005 stieg in Deutschland alleine die Anbaufläche für die
Maisverwertung in Biogasanlagen von 10.500 auf 70.000 ha und im Jahr 2006 auf über
160.000 ha (vgl. HERRMANN, A. U. TAUBE, F., 2006. S.165 u. SCHULTZE, C. U. KÖPPEL, J.,
2007. S.270). Mais weist aufgrund der hohen Biomasseproduktion ein höheres Potential auf
als die anderen Getreidearten, Raps und auch als die Kurzumtriebsplantagen, so dass folglich
die Erzeugung von Strom und Wärme aus Mais aus energetischen Gründen zu bevorzugen ist
(vgl. KOPETZ, H., 2005. S.16, GRAß, R. U. SCHEFFER, K., 2005. S.435 u. SCHALLER, M. U.
WEIGEL, H.-J., 2007. S.73). Die optimale Maisverwertung wird mit der Verbrennung von
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 113

trockenem Silomais (Silage) erreicht, aber auch die Nutzung von frischem Silomais zur
Erzeugung Erneuerbarer Energien liefert ebenfalls höhere Energieerträge als die
Energieerzeugung aus Kurzumtrieben (Weiden), Raps und Körnermais. Für feuchte
Biomasse, wie Pflanzensilage und Gülle, ist die Fermentation zur Biogaserzeugung die
effektivste Form der Energieumwandlung (vgl. EISENBEIß, G. U. WAGNER, G., 2006. S.3). Um
höhere Biomasseerträge zu erzielen, wird Mais gezüchtet, welcher „anstatt Kolben
auszubilden die gesamte Assimilate in zusätzliche vegetative Masse (Blätter und Stängel)
investiert“ (SCHITTENHELM, S. et al. In: FAL, 2006. S.34). Der Energiemais liefert
mittlerweile den 1,5-fachen Mengenertrag von Silomais (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J.,
2007. S.74).
Während der Roggenanbau in der Nahrungs- und Futtermittelproduktion auf mittleren und
guten Standorten nicht mit den anderen Getreidearten mithalten kann und folglich nur auf den
ertragsschwachen Standorten angebaut wird, sind die Eigenschaften des Roggens als
Energiepflanze positiv zu bewerten (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.50,
HERRMANN, A. U. TAUBE, F., 2006. S.171ff. u. RODE, M., 2005. S.407f.).

Zuckerrüben weisen ein ähnlich hohes energetisches Leistungspotential wie der Mais auf (vgl.
BRAUN, J. U. LORLEBERG, W. In: LANDWIRTSCHAFTLICHES WOCHENBLATT, 2008m. S.22ff. u.
LANDWIRTSCHAFTLICHES WOCHENBLATT, 2008c. S.28f.). Die Gasausbeute in Biogasanlagen
liegt sogar über den Werten von Silomais, jedoch dämmen die hohen Produktionskosten von
Zuckerrüben die guten Bioenergieerträge ein.

Aufgrund der hohen Trockenmasseerträge ist Miscanthus (Chinaschilf) ein interessanter


Nachwachsender Rohstoff aus Ostasien (vgl. RATSCHOW, J.-P. In: LÜTKE ENTRUP, N. U.
OEHMICHEN, J., 2000. S.764). Der Energiegehalt von Miscanthus liegt deutlich über den
Vergleichswerten von Energieholz, Getreide und Raps (vgl. BIRNSTINGL-GOTTINGER, B. et
al., 2007. S.65f.). Das mehrjährige Chinaschilf erbringt erst nach einer gewissen Vorlaufzeit
von drei bis vier Jahren große Trockenmasseerträge, wobei die Ernte wie bei den
Kurzumtriebsplantagen aufgrund der geringeren Feuchte im Winter erfolgt. Unter der in
heutiger Zeit möglichen Verwertung ist Miscanthus ökonomisch (noch) nicht
konkurrenzfähig, da die Produktionskosten deutlich höher sind als bei anderen nutzbaren
Nachwachsenden Rohstoffen (vgl. RATSCHOW, J.-P. In: LÜTKE ENTRUP, N. U. OEHMICHEN, J.,
2000. S.764). Neben Miscanthus sind auch Sudangras und Rutenhirse zur Energieerzeugung
nutzbar, wobei alle drei Arten in Deutschland bisher nur auf sehr wenigen Flächen angebaut
werden (vgl. RODE, M., 2005. S.407).

Neben des Anbaus von nur einer Anbaukultur auf einem Ackerschlag ist bei der
Biomassenutzung zur Energiegewinnung auch der Mischanbau verschiedener Kulturpflanzen
möglich (vgl. SCHITTENHELM, S. U. NEUMANN, T. In: FAL, 2006. S.35, RODE, M., 2005.
S.408f. u. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.73). Aufgrund der effizienteren Nutzung
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 114

von Licht, Wasser und Nährstoffen ist der Biomasseertrag beim Mischanbau höher. Mögliche
Artenzusammensetzungen sind die Kombination verschiedener Getreidearten, Mais mit
Sonnenblumen, Mais mit Zuckerhirse oder auch Sonnenblumen mit Topinambur. Neben dem
Mischanbau bietet sich auch die Zweikulturnutzung an (vgl. SCHITTENHELM, S. et al. In: FAL,
2006. S.35, PAULSEN, H. M. U. RAHMANN, G. In: ISERMEYER, F. (Hrsg.), 2004. S.62ff. u.
SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.74; s. Abb. 25).

Abb. 25: Trockenmassepotential bei der Zweikulturnutzung


Quelle: GRAß, R. U. SCHEFFER, K., 2005. S.436

Dabei werden innerhalb einer Vegetationsperiode zwei Kulturen geerntet. Die Erstkultur
(Wintergetreide, Raps) wird vor der Vollreife möglichst zum Biomassehöchstertrag
(Milchreife) geerntet und anschließend direkt die zweite Kultur (Mais, Sonnenblume)
ausgesät. Beispiele für Zweikulturnutzungssysteme sind Weizen-Mais, Roggen-
Sonnenblumen, Roggen-Mais und Winterhafer-Sudangras (vgl. GRAß, R. U. SCHEFFER, K.,
2005. S.437). Die Zweikulturnutzungssysteme weisen weiterhin positive ökologische Aspekte
gegenüber den Monokulturen auf (ganzjährige Bodenbedeckung  Erosionsschutz,
Artenreichtum, Humusbildung, etc.). Mit den Zweikulturnutzungssystemen können die
jährlichen Biomasseerträge erhöht werden und liegen über den Erträgen einer Anbaukultur,
wenngleich die Vegetationszeit je Kultur verkürzt ist (vgl. GRAß, R. U. SCHEFFER, K., 2005.
S.436f). Einhergehend mit der sich im Zuge des Klimawandels verlängernden
Vegetationsperiode wird die Zweikulturnutzung an Bedeutung zunehmen.

Abseits der Energiepflanzen erhalten die Landwirte seit 2009 erhöhte Bonuszahlungen für die
Gülleverwertung in Biogasanlagen, sofern der Anteil der Gülle 30 % übersteigt (vgl.
NEUMANN, H. In: NEUE ENERGIE SPEZIAL, 2008. S.8 u. DORNINGER, K., 2005. S.42). Gülle
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 115

fällt als „Abfallprodukt“ (SALCHENEGGER, S. U. PÖLZ, W., 2005. S.29) in der Viehhaltung an,
so dass die Bioenergieverwertung wirtschaftlich sinnvoll ist, wenngleich die Biogasausbeute
nur gering ist und deutlich hinter der Potentialen von Nachwachsenden Rohstoffen, wie
Zuckerrübe, Mais und Roggen, zurückbleiben (vgl. HERRMANN, A. U. TAUBE, F., 2006.
S.171).

5.1.3.4.4 Zukunft der Bioenergie und Auswirkungen auf die Kulturlandschaft der
Hellwegbörde

Unter den politischen Rahmenbedingungen des Meseburg-Paketes wird auch zukünftig ein
weiterer Ausbau der Bioenergie nötig sein, um die auferlegten Ziele zu erreichen, so dass
dadurch die Flächenkonkurrenz zwischen Nahrung-, Futtermittel- und Energieproduktion auf
den Landwirtschaftsflächen weiter zunehmen wird, insbesondere da der Bedarf in allen drei
Bereichen weiter zunehmen wird (vgl. MUNLV, 2008a. S.39).
Die Bioenergie wird die bedeutsamste erneuerbare Energiequelle der Zukunft werden und
große Zuwachsraten erreichen (vgl. KOPETZ, H., 2006. S.8ff.). Wichtige Trends, mit denen die
Biomassebranche kalkulieren muss, sind die in den kommenden Jahren aller Voraussicht nach
wieder steigenden Rohölpreise und auch die allgemein ansteigenden Preise für die
agrarischen Rohstoffe (s. o.). Bei der Produktion von Bioenergie besteht der Vorteil der
stabileren und berechenbareren Preise im Vergleich zu den stark schwankenden Preisen für
die endlichen Energien, wie dies auch in den letzten Jahren deutlich geworden ist (vgl. SEIDL,
A., 2006. S.314f.).
Um die Bedeutung des Bioenergiesektors auszubauen, ist neben der technischen
Weiterentwicklung auch der Wirkungsgrad der verschiedenen Anlagen eine wichtige
Kenngröße (vgl. KOPETZ, H., 2005. S14f. u. KOPETZ, H., 2007. S.3ff.). Die höchsten
Wirkungsgrade werden mit der reinen Wärmeerzeugung, der Kraft-Wärme-Kopplung sowie
der Kraftstofferzeugung (Biodiesel und Methankraftstoff) erzielt. Bei der reinen
Wärmeerzeugung wird zumeist auf Holz in unterschiedlicher Form (Holzscheitel, Holzpellets,
etc.) zurückgegriffen, während die Landwirtschaft im Bereich der Kraft-Wärme-Kopplung
aus Biogas und der Kraftstofferzeugung eine hohe Bedeutung aufweist. Es ist davon
auszugehen, dass die Energiepreise in den nächsten Jahren und Jahrzehnten einen
Aufwärtstrend aufweisen werden, was mit einer „Umwidmung von Agrarflächen zugunsten
der Bioenergie“ (ISERMEYER, F. U. ZIMMER, Y., 2006. S.5) einhergehen wird. Nach
verschiedenen Szenarien wird sich zwischen 2006 und 2020 die Biomassenutzung in
Deutschland um den Faktor 1,6 bis 4,5 erhöhen können (vgl. HABERL, H., 2006. S.120). Ein
anderes Szenario hält gar eine Verachtfachung der Bioenergieerzeugung bis 2020 für
möglich, wofür auch die erneute Novellierung mit Inkrafttreten von Anfang 2009 von
Bedeutung ist (vgl. NEUMANN, H. In: NEUE ENERGIE SPEZIAL, 2008. S.8f.). Nach einem
detaillierten Szenario der Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe (FNR) könnten bis 2030
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 116

bis zu 17 % (aktuell: 6 %) des Gesamtenergieverbrauchs alleine durch die energetische


Biomassenutzung erzielt werden, wofür jedoch unter Berücksichtigung von technischen
Effizienzsteigerungen der Anlagen etwa ein Viertel der Ackerfläche Deutschlands (aktuell
circa ein Achtel) nötig ist (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.75). Die weitere
Entwicklung wird besonders von ökonomischen Einflüssen abhängen. Sowohl der Öl- als
auch der Getreidepreis werden zukünftig aller Voraussicht nach ansteigen. Steigt der Ölpreis
an, so wird die Energieerzeugung aus Nachwachsenden Rohstoffen lukrativ, wohingegen die
gleichzeitige Anhebung der agrarischen Rohstoffpreise (Getreidepreise) die gegenteilige
Entwicklung hervorruft. Trotz der weiteren Ausdehnung der Bioenergienutzung wird die
Nahrungsmittelproduktion „das Hauptstandbein der Landwirtschaft“ (LAMP, H. In: NEUE
ENERGIE SPEZIAL, 2008. S.12) bleiben. Die zukünftig zu erwartenden hohen Getreidepreise
werden folglich dazu führen, dass sich die energetische Verwendung auf Arten wie Raps,
Mais und Sonnenblumen konzentrieren wird.

Innerhalb der energetischen Biomasseverwertung wird der Biogaserzeugung das größte


Potential für die Zukunft zugemessen (vgl. KRICK, F. In: LANDWIRTSCHAFTLICHES
WOCHENBLATT, 2008a. S.23 u. KOPETZ, H., 2006. S.9). Gerade die Biogaserzeugung betrifft
die Landwirtschaft unmittelbar, da die kleinen bis mittelgroßen Anlagen zumeist auf den
landwirtschaftlichen Betrieben installiert sind und von den Landwirten bestückt und betrieben
werden. Auf die Bestückung der Biogasanlagen ausgerichtet erfolgt folglich auch die
Bestellung der landwirtschaftlichen Nutzflächen, wobei Mais die höchste Effizienz aufweist.

Bis 2020 sollen 10 % des Kraftstoffverbrauchs aus Biomasse erzielt werden (vgl. VON
WITZKE, H. et al., 2008. S.15). Momentan dominiert die Verwendung von Biodiesel (Raps),
jedoch wird in Zukunft besonders mit der weiteren Ausdehnung von Bioethanol (Getreide,
Mais, Zuckerrüben, etc.) und weiterhin mit der Marktfähigkeit der synthetischen Kraftstoffe
aus der zweiten Generation (BtL-Kraftstoff) ab circa 2020 gerechnet (vgl. MUNLV, 2006.
S.117 u. VON WITZKE, H., 2008. S.17f.). Somit wird die Abhängigkeit der
Biokraftstofferzeugung vom Raps abnehmen und dafür die Bedeutung von Kulturpflanzen mit
hohem Zucker- bzw. Stärkegehalt (Bioethanol) und mit hohen Trockenmassegehalten
(synthetischer Kraftstoff) für die biogene Kraftstofferzeugung zunehmen. Dennoch spielt
auch zukünftig die Biodieselproduktion aus Rapsöl die größte Rolle und wird auch weiter
ausgebaut werden, wenngleich die Ethanolherstellung markant aufholen wird. Für Bioethanol
wird der Schwerpunkt beim Mais und anderen Getreidearten liegen, wobei auch der
Zuckerrübe und Kartoffel aufgrund des hohen Zucker- bzw. Stärkegehaltes gewisse
Marktanteile zugetraut werden.

Einhergehend mit dem Wachstum der Bioenergiebranche wird zukünftig eine weitere
Ausdehnung der Anbauflächen mit Nachwachsenden Rohstoffen nötig sein. Es wird generell
davon ausgegangen, dass die heute bereits verbreiteten Hauptanbaukulturen auch bei der
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 117

zukünftigen Bioenergienutzung die größte Bedeutung einnehmen werden (vgl. GREEF, J. M. et


al. In: ISERMEYER, F. (Hrsg.), 2004. S.107). Dazu zählen besonders Raps, Mais und in
geringerem Umfang noch andere Getreidesorten als Mais, Zuckerrüben und Kartoffeln,
während Versuchskulturen, wie Miscanthus, Sudangras, Kurzumtriebsplantagen, etc.,
voraussichtlich keine Bedeutung erhalten werden. Entscheidend ist dabei besonders die
Erntemasse und -feuchte, die beim Mais die besten Werte erreicht (s. Abb. 24). Zwar kann der
Anbau von Miscanthus mit den Erträgen von Getreideganzpflanzen und Silomais mithalten,
jedoch ist aufgrund der fehlenden Technik und besonders aufgrund der hohen
Produktionskosten der Anbau von Miscanthus nicht wirtschaftlich. Auch bzgl. der
Kurzumtriebsplantagen auf landwirtschaftlichen Nutzflächen wird keine große Bedeutung für
die Zukunft erwartet (vgl. PALLAST, G. et al., 2006. S.156). Mit den ansteigenden
Temperaturen wird jedoch die Etablierung weiterer C4-Pflanzen, wie Hirse und Sudangras,
für die Energieerzeugung neue Anbaumöglichkeiten liefern, wobei – wie auch beim
Miscanthus – die fehlende Erfahrung und die hohen Kosten für neue Anbaumaschinen, etc.
dieser Entwicklung entgegenwirken (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.167). Nur
mit politischen Förderungen könnte zukünftig die Einführung von Miscanthus, Hirse und
Sudangras erleichtert werden und eine Alternative zur Fokussierung des
Energiepflanzenanbaus auf Mais und Raps darstellen (vgl. BIRNSTINGL-GOTTINGER, B. et al.,
2007. S.14f.). Durch den Misch- und Zwei- bzw. Mehrkulturenanbau wird sich weiterhin
sowohl das Kulturartenspektrum als auch die Fruchtfolge wandeln können. Bei dem in den
nächsten Jahren und Jahrzehnten erwarteten Anstieg der agrarischen Rohstoffpreise und zur
Vermeidung von Konkurrenz mit der Nahrungs- und Futtermittelproduktion bietet sich die
Ausweitung der energetischen Biomasseverwertung entweder durch Zwischen- und
Zweitfrüchte auf den Gunststandorten oder auch durch die Fokussierung des
Energiepflanzenanbaus auf die weniger produktiven und somit weniger marktfähigen
Standorten an (vgl. BROCKMANN-KÖNEMANN, P. In: LANDWIRTSCHAFTLICHES
WOCHENBLATT, 2008k. S.24).

Aufgrund der hohen Wirkungsgrade und dementsprechend Wirtschaftlichkeit wird bei der
Biogaserzeugung zur Kraft-Wärme-Kopplung durch die hohen Biomasseerträge der Fokus
auf Mais liegen. Dabei wird der biomassereiche Energiemais dominieren, wobei der
Mischanbau mit Sonnenblumen und anderen Arten aufgrund der hohen Biomasseerträge
zunehmen wird. Beim Zweikulturnutzungssystem bietet sich die Kombination von
Wintergetreide und Mais an. Die Erträge bei der Zweikulturnutzung sind trotz der kürzeren
Vegetationsphasen je Anbaukultur insgesamt höher als beim Maisanbau in Monokultur (s.
Abb. 25). Die Bedeutung des Zweikulturnutzungssystems wird im Zuge des Klimawandels
verbunden mit verlängerten Vegetationsperioden weiter zunehmen (s. auch Kap. 5.1.1,
Klimawandel).
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 118

Folglich wird im Bereich des Energiepflanzenanbaus in den nächsten Jahren und Jahrzehnten
der Anbau von Raps und Mais weiterhin die größte Bedeutung haben bzw. noch an Dominanz
zunehmen können (vgl. SCHALLER, M. U. WEIGEL, H.-J., 2007. S.76f.). Insbesondere der
Maisanbau wird an Fläche weiter deutlich expandieren. Die Ausdehnung des Maisanbaus
erfolgt besonders zu ungunsten des Getreideanbaus, so dass abseits der Gunsträume teilweise
sogar der Mais den Weizen als Leitart ablösen könnte. „Auf [großen] Flächen prägen
weiträumige […] Mais- und Rapsfelder das Landschaftsbild“ (BMVBS U. BBR, 2006. S.34)
der Zukunft. Dabei bieten der Mischanbau mit Sonnenblumen oder Zuckerhirse und die
Zweikulturnutzung mit Wintergetreide als Erstkultur interessante und ertragreiche
Alternativen im Energiepflanzenanbau, die die zunehmend zu erwartenden Maismonokulturen
auflockern können (vgl. SCHITTENHELM, S. U. NEUMANN, T. In: FAL, 2006. S.34). Durch
diese Anbausystemen sind des Weiteren positive ökologische (geringerer Schädlingsdruck,
Humusbildung, Biodiversität, Bodenbedeckung  Erosionsschutz, etc.) und auch positive
landschaftliche Effekte möglich. Während bei Monokulturen kaum unterschiedliche Farben
und Formen auftreten, sind bei der Zweikulturnutzung und dem Mischanbau die Ackerflächen
abwechslungsreicher.

„Sicher ist, dass ein ernsthafter Ausbau der energetischen Biomassenutzung beträchtliche
Auswirkungen auf Kulturlandschaften haben“ (HABERL, H., 2006. S.122) wird. Gebiete, in
denen der Getreideanbau dominiert, könnten zukünftig in Raps- und besonders in
Maisanbaugebiete zur energetischen Verwertung umgewandelt werden. Während heute
bereits circa ein Achtel der Ackerfläche zur energetischen Verwertung genutzt wird, ist in den
kommenden Jahren und Jahrzehnten mit einer weiteren Zunahme zu rechnen. „Große Flächen
werden […] einseitig genutzt und führen zur Verarmung von Landschaft und Biodiversität“
(BMVBS U. BBR, 2006. S.35). Dies kann regional zu eintönigen, gleichartig gestalteten
Landschaften aus Mais und Raps führen (vgl. SCHULTZE, C. U. KÖPPEL, J., 2007. S.269).
Denkbar sind kleinräumig aber auch hohe Strukturen, wie Kurzumtriebsplantagen,
Miscanthus, Sonnenblumen, etc., sowie der Misch- und Zweikulturenanbau auf den
Ackerflächen, die das Erscheinungsbild der Landschaft differenzieren und
abwechslungsreicher gestalten können. Somit können diese Anbauformen und -arten in
ansonsten intensiven Ackerbaugebieten (Getreideanbau) wie der Hellwegbörde zu
verschiedenen Formen, Farben und Strukturen führen. Der Energiepflanzenanbau bietet
gewisse Potentiale der ökologisch verträglichen Landwirtschaft mit geringen Düngemengen,
artenreichen Fruchtfolgen und ganzjähriger Bodenbedeckung, die die nachhaltige
Bewirtschaftung der Kulturlandschaft ermöglichen, jedoch gilt die Ausdehnung von
Monokulturen bzw. artenarmen Fruchtfolgen „als wirtschaftlich günstigste Lösung“ (RODE,
M. U. KANNING, H., 2006. S.104). An dieser Stelle könnte zukünftig besonders die
Agrarpolitik eine die Umwelt und Landschaft schonende Landbewirtschaftung mit speziellen
Anreizprogrammen fördern.
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 119

Im Kreis Soest befinden sich zurzeit elf Biogasanlagen, wobei davon sieben Anlagen
ausschließlich mit Nachwachsenden Rohstoffen bestückt werden (vgl. KAISER, K., 2008, s.
Karte 17 u. Foto 9). Die zurzeit betriebenen Biogasanlagen benötigen eine landwirtschaftliche
Fläche von circa 2.000 Hektar, was einem Flächenanteil von circa 2,5 % an der gesamten
landwirtschaftlichen Nutzfläche im Kreis Soest entspricht. Des Weiteren sind zwei Anlagen
genehmigt worden und ein weiteres Genehmigungsverfahren wird derzeit durchgeführt. In
Lippetal und Warstein wird außerdem über die Errichtung weiterer Biogasanlagen
nachgedacht. Aus dieser Entwicklung wird deutlich, dass die Tendenz für den Bau neuer
Biogasanlagen in der Hellwegbörde weiterhin positiv ist (vgl. HOFFMANN, F., 2008).

Entsprechend der zukünftigen Förderung der Biomassenutzung zur energetischen Verwertung


und entsprechend den agrarischen Marktpreisen wird sich die Anzahl der Biogasanlagen
inklusive der dafür benötigten landwirtschaftlichen Nutzflächen entwickeln. Unter den
gegenwärtigen Entwicklungstendenzen sieht es nach einer weiteren Expansion der Bioenergie
aus, die sich in der Hellwegbörde auf die eher ertragsschwächeren Standorte konzentrieren
wird (s. Karte 18, oben). Einhergehend mit dieser Entwicklung wird sich hiernach der
Flächenbedarf zur Bestückung der Biogasanlagen deutlich erhöhen und auf über 5 % an der
gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche im Kreis Soest ansteigen. Lokal wird dieser
Prozentsatz deutlich darüber liegen. Unter der Bedingung von langfristig hohen bis sehr
hohen Agrarmarktpreisen, wie sie 2007/2008 auftraten, und gleichzeitig verringerten EEG-
Mindestvergütungen ist auch die Stabilisierung der Biomassenutzung auf aktuellem Niveau
möglich (s. Karte 18, unten). Die Etablierung derart hoher Marktpreise über lange
Zeitspannen ist – ebenso wie die Reduzierung der Mindestvergütung für die energetische
Biomasseproduktion – in absehbarer Zukunft abseits kurzfristiger Schwankungen jedoch
nicht zu erwarten, wenngleich die Preistendenz auf dem Agrarmarkt allgemein positiv ist (s.
auch Abb. 16). Die Biogasanlagen, welche eine effiziente Kraft-Wärme-Kopplung aufweisen,
werden langfristig erhalten bleiben, während Anlagen, die zurzeit eine ungünstige
Wärmenutzung haben, abgebaut werden und dafür an günstigeren Standorten effizientere
Biogasanlagen installiert werden.
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 120

Karte 17: Aktuelle Standorte der Biogasanlagen im Kreis Soest mit Darstellung der verwendeten Biomasse (Nawaro = ausschließliche Verwendung
Nachwachsender Rohstoffe; andere Biomasse = Verwendung verschiedener Substrate)
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 121

Der Energiepflanzenanbau wird sich in der Hellwegbörde parallel zu der Verteilung der
Biogasanlagen besonders auf die Randbereiche und weniger produktiven Standorte
konzentrieren, da in der zentralen Börde auf den ertragreichen Böden die Vermarktung der
Ernteprodukte von Getreide und Raps höhere Einnahmen generiert. Auf den ertragsstarken
Standorten ist tendenziell nur der Zwischen- und Zweitfruchtanbau zur dezentralen
energetischen Verwertung sinnvoll, womit zeitgleich positive Effekte für die
Bodenfruchtbarkeit einhergehen würden. Daneben können die zur Nahrungs- und
Futtermittelproduktion vorgesehenen Kulturpflanzen bei schlechter Qualität ebenfalls als
Energiequelle genutzt werden. Auf den mäßigen bzw. eher schlechten Bodenstandorten wird
zukünftig unter Marktbedingungen der Anbau von Marktfrüchten nicht oder nur bedingt
rentabel sein, so dass dort der Anbau von Energiepflanzen zur Strom-, Wärme- und
Kraftstofferzeugung eine echte Alternative bieten wird (s. auch Kap. 5.1.2, Agrarmarkt und
Agrarpolitik). Mit der energetischen Nutzung können diese Flächen vor einer möglichen
Nutzungsaufgabe bewahrt werden und somit kann das typische Landschaftsbild der agrarisch
geprägten Hellwegbörde erhalten bleiben. Aktuell werden auf circa 15 % der Ackerfläche des
Kreises Soest Raps und auf knapp 10 % der Ackerfläche Mais angebaut (s. Kap. 4.3, Aktuelle
Situation der Landwirtschaft). Der Rapsanteil liegt im Kreis Soest deutlich über den NRW-
Werten. Während ein Großteil des angebauten Rapses in die Biodiesel- und
Pflanzenölerzeugung gelangt, wird Mais zumeist als Viehfutter oder zur lokalen
Bioenergienutzung verwertet. Es ist davon auszugehen, dass die Anteile von Raps und
besonders von Mais an der Ackerfläche in der Hellwegbörde aufgrund des erwarteten
Ausbaus der energetischen Verwertung zunehmen werden, wobei sich diese Ausdehnung auf
die ertragsschwächeren Bereiche konzentrieren wird. Auch die Zuckerrübe, welche aktuell
auf circa 4 % der Ackerfläche im Kreis Soest angebaut wird, könnte aufgrund der Bedeutung
für die Bioethanolherstellung weiter in gewissem Umfang in der Hellwegbörde angebaut
werden (s. Kap. 4.3, Aktuelle Situation der Landwirtschaft). Da die Hellwegbörde relativ
vieharm ist und folglich Getreidestroh nicht in derart großen Mengen wie in viehreichen
Gebieten erforderlich ist, kann der für den Erhalt der Bodenfruchtbarkeit nicht notwendige
Anteil des Strohs in Energie umgewandelt werden (vgl. NEUMANN, H. In: NEUE ENERGIE
SPEZIAL, 2008. S.28f.).
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 122

Karte 18: Zwei Szenarien der zukünftigen Verteilung von Biogasanlagen im Kreis Soest. Oben:
Kontinuierlicher Ausbau der Biogaserzeugung. Unten: dauerhaft hohe agrarische
Rohstoffpreise einhergehend mit verringerten EEG-Mindestvergütungen
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 123

5.1.4 Interessenkonflikte mit anderen Nutzungen

5.1.4.1 Naturschutz

Sowohl die direkt in die Landbewirtschaftung eingreifenden naturschutzrelevanten


Programme, wie die Agrarumweltmaßnahmen inkl. des Vertragsnaturschutzes, als auch die
Ausweisung von Schutzgebieten, die die landwirtschaftliche Nutzung der Flächen ausschließt
oder an gewisse Bedingungen knüpft, verfolgen die Naturschutzinteressen. Die Europäische
Union hat sich mit dem 2001 erklärten Göteborg-Ziel bis 2010 den Verlust an Biodiversität zu
stoppen ein hohes Ziel gesetzt, wenngleich abzusehen ist, dass dieses Ziel kurzfristig nicht
erreichbar sein wird (vgl. AMMERMANN, K., 2008. S.108 u. NATURSCHUTZBUND
DEUTSCHLAND (NABU), 2008). Aufgrund der hohen Flächenanteile der Landwirtschaft an
der Gesamtfläche haben die landwirtschaftlichen Nutzflächen eine große Bedeutung für den
Naturschutz.

Karte 19: Natur- (NSG) und Landschaftsschutzgebiete (LSG) im Kreis Soest

Um die Naturschutzziele zu erreichen, spielen besonders die Natur- und


Landschaftsschutzgebiete sowie die gesetzlich geschützten Biotope ein große Rolle (vgl.
MUNLV, 2006. S.307ff.; s. Karte 19). Naturschutzgebiete (NSG) werden „besonders dort
ausgewiesen, wo dies zur Erhaltung oder Wiederherstellung guter Lebensbedingungen für
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 124

Lebensgemeinschaften wild lebender Tier- und Pflanzenarten erforderlich ist“ (MUNLV,


2006. S.307). Daneben werden NSG auch aus wissenschaftlichen, naturkundlichen oder
erdgeschichtlichen Gründen oder aber auch aus Gründen, wie der Seltenheit, hervorragenden
Schönheit oder besonderen Eigenart, ausgewiesen. Die Ausweisung von Naturschutzgebieten
sichert weiterhin gewachsene, naturnahe Kulturlandschaften. Landschaftsschutzgebiete (LSG)
werden „zur Erhaltung der natürlichen Eigenart und Schönheit der Landschaft sowie zur
Sicherung von Erholungsräumen für den Menschen ausgewiesen“ (MUNLV, 2006. S.310ff.).
Aufgrund dieser Kriterien sind die LSG meist großräumiger als die NSG, so dass in NRW
mehr als 45 % der Landesfläche Landschaftsschutzgebiete darstellen. Die gesetzlich
geschützten Biotope umfassen kleinräumige, aber besonders schutzwürdige Lebensräume
(Quellbereiche, Moore, Schluchtwälder, etc.), die im Paragraphen 62 Landschaftsgesetz
aufgeführt sind (vgl. MUNLV, 2006. S.309).

Karte 20: FFH-Gebiete und Vogelschutzgebiet Hellwegbörde im Kreis Soest

Abseits dieser Schutzkategorien hat sich die EU zur Aufgabe gemacht, ein
zusammenhängendes Schutzgebietsnetz unter der Bezeichnung NATURA 2000 aufzubauen
(vgl. MUNLV, 2006. S.310ff.). Durch das NATURA 2000-Biotopverbundnetz soll mithilfe
eines günstigen Erhaltungszustandes der natürlichen Lebensräume insbesondere der
Artenrückgang gestoppt werden, um die biologische Vielfalt zu sichern bzw. gegebenenfalls
wiederherzustellen. Zu dem Schutzgebietsnetz NATURA 2000 zählen die Vogelschutzgebiete
nach der Vogelschutzrichtlinie von 1979 und die seit 1992 in die FFH-Richtlinie (Flora-
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 125

Fauna-Habitat-Richtlinie) fallenden FFH-Gebiete. „Naturschutz ist mit NATURA 2000 nicht


mehr nur auf wenigen Prozent der Landesfläche in besonderen Schutzgebieten tätig, sondern
auch in erheblichem Umfang in der „Normal“-Landschaft“ (GÜTHLER, W. In: BMELV
(Hrsg.), 2008. S.139). Das Vogelschutzgebiet Hellwegbörde umfasst weite Bereiche der
gleichnamigen Kulturlandschaft, reicht vom Osten des Kreises Unna ostwärts über den Kreis
Soest bis in den Westen des Paderborner Kreises und ist mit einer Größe von etwa 48.000
Hektar das mit Abstand größte Vogelschutzgebiet innerhalb NRWs. Daneben befinden sich in
der Hellwegbörde einige FFH-Gebiete, die insbesondere die Wälder und Fließgewässer
umfassen (s. Karte 20 u. Foto 5). Da die Hellwegbörde für die Wiesenweihe und weitere
Vogelarten eine überregionale Bedeutung aufweist, wurde das Gebiet als Europäisches
Vogelschutzgebiet ausgewiesen (vgl. ARBEITSGEMEINSCHAFT BIOLOGISCHER UMWELTSCHUTZ
IM KREIS SOEST E.V. (ABU) et al., 2008). Die Umsetzung der Schutzverpflichtung des
Vogelschutzgebietes Hellwegbörde erfolgt im Kreis Soest, in dem der mit Abstand größte
Anteil der Schutzgebietsfläche liegt, seit 2003 durch die „Vereinbarung zum Schutz der
Wiesenweihe und anderer Offenlandarten in der Hellwegbörde“ (vgl. JOEST, R., 2008. S.1).
Diese „Vereinbarung Hellwegbörde“ richtet sich aufgrund der europäischen
Vogelschutzrichtlinie abseits des Individuenschutzes besonders auch auf den
Lebensraumschutz (vgl. MUNLV, 2003. S.1). Neben dem Land NRW, dem Kreis Soest und
den Kommunen wird die Vereinbarung auch von regionalen Interessengruppen getragen (vgl.
JOEST, R., 2008. S.1ff.). Dazu zählen der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband, die
ABU und der NABU des Kreises Soest, die Industrie- und Handelskammer sowie die
Unternehmen der in der Hellwegbörde ansässigen Steine- und Erdenindustrie. In dieser
Vereinbarung wurden für das Vogelschutzgebiet der Hellwegbörde, in dem der
flächendeckende Schutz des Freiraumes, der Wiesenweihe und anderer Offenlandarten
Priorität besitzt, spezielle Kernfreiräume abgegrenzt, die „der Erhaltung des
landwirtschaftlich genutzten Freiraumes als Lebensraum der Wiesenweihe und anderer
Feldvögel Vorrang vor anderen Nutzungsformen“ (JOEST, R., 2008. S.1) eingesteht. Neben
diesen Kernfreiräumen sind auch vorrangige Interessengebiete der Siedlungsentwicklung und
Rohstoffgewinnung mitberücksichtigt, wobei der Fokus deutlich auf der Sicherung der
agrarisch geprägten, offenen Feldlandschaft liegt. Die Arten des Offenlandes benötigen große,
unzerschnittene Freiflächen, die insbesondere durch den Flächenverbrauch auch in der
Ackerlandschaft der Hellwegbörde immer kleiner werden (s. Kap. 5.1.4.2, Flächenverbrauch).
Durch die Ausweisung der Freiräume, in denen die landwirtschaftliche Nutzung Vorrang vor
den Interessen der Siedlungs- und Industrieentwicklung sowie der Rohstoffgewinnung hat,
soll unmittelbar das charakteristische Erscheinungsbild der Kulturlandschaft Hellwegbörde
geschützt werden, wenngleich der als Flächenverbrauch bezeichnete Prozess der Ausweitung
von Siedlungen, Verkehrswegen sowie Industrie- und Gewerbegebieten weiter voranschreiten
wird. Die Umsetzungsmaßnahmen der Vereinbarung auf den landwirtschaftlichen
Nutzflächen erfolgen seit 2005 mithilfe freiwilliger Vertragsnaturschutzangebote, um den seit
langer Zeit anhaltenden Bestandsrückgang der Offenlandarten einzudämmen. Dabei sind fünf
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 126

verschiedene Maßnahmentypen für die Landwirte ausgearbeitet worden, wobei alle


Maßnahmen den Verzicht von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln umfassen. Die fünf
Maßnahmentypen sind die Einsaat eines Saatgemenges mit hohem Luzerneanteil, die
Selbstbegrünung der Ackerflächen, die Überwinterung eines Stoppelackers mit
anschließendem Anbau von Sommergetreide in doppeltem Saatreihenabstand, der
Winterweizenanbau in doppeltem Saatreihenabstand mit anschließender Überwinterung des
nicht abgeernteten Bestandes sowie die Einrichtung von so genannten Lerchenfenstern (vgl.
JOEST, R., 2008. S.2f.). Entsprechend der Entwicklungen auf dem Agrarmarkt werden die
Ausgleichsvergütungen der Maßnahmentypen angepasst, um auch bei hohen
Agrarmarktpreisen eine attraktive Alternative für die Landwirte anzubieten. In den letzten
Jahren hat sich dabei der Anteil der teilnehmenden Landwirte und der Fläche kontinuierlich
erhöht. 2007 wurden circa 155 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche im Kreis Soest im Zuge
der „Vereinbarung Hellwegbörde“ mit den obigen Maßnahmen belegt und die Landwirte
dafür entsprechend vergütet. Dieser Flächenwert von 155 Hektar bei einer
landwirtschaftlichen Nutzfläche im Kreis Soest von insgesamt circa 83.000 Hektar kann zwar
punktuell zu verbesserten Lebensbedingungen für verschiedene Offenlandarten beitragen,
jedoch ergibt sich aufgrund des geringen Flächenumfangs im Vergleich zur Gesamtgröße der
Hellwegbörde keine umfassende Wirkung für die Struktur der Agrarlandschaft.

Während sich die obigen Naturschutzmaßnahmen durch die Ausweisung von Schutzgebieten
auf bestimmte Flächen konzentrieren, sind im Rahmen der zweiten Säule der Gemeinsamen
Agrarpolitik auf allen landwirtschaftlich genutzten Flächen naturschutzrelevante Maßnahmen
möglich, die über die Umweltmindeststandards (Cross Compliance) hinausgehen (s. Kap.
5.1.2.2, EU-Agrarpolitik). „Im Mittelpunkt der Kooperation zwischen Landwirtschaft und
Umweltschutz stehen die Agrarumweltmaßnahmen und der Vertragsnaturschutz“ (MUNLV,
2008a. S.25). Diese Maßnahmen leisten einen beträchtlichen Beitrag zum
Kulturlandschaftsschutz bzw. zur nachhaltigen Entwicklung der agrarisch geprägten
Kulturlandschaften im Zuge der sich immer stärker auf den Agrarmarkt ausrichtenden und
somit wandelnden Landwirtschaft. Im Zusammenhang mit der Aufhebung der
Stilllegungsverpflichtung erhöht sich die Bedeutung der Agrarumweltmaßnahmen für den
Natur-, Umwelt- und Kulturlandschaftsschutz nochmals, da die ehemals extensiv genutzten
Stilllegungsflächen weitgehend wieder in die intensive Landbewirtschaftung aufgenommen
wurden.

Seit Mitte der 1980er Jahre wurde eine Vielzahl von Programmen eingeführt, um den
Naturschutzaspekt in der sich intensivierenden und technisierenden Landwirtschaft zu
integrieren (vgl. MUNLV, 2006. S.314). Die Ackerstreifen- und
Feuchtwiesenschutzprogramme bildeten 1985 den Anfang, gefolgt von weiteren Programmen,
wie dem Mittelgebirgsprogramm 1986, dem Streuobstwiesenprogramm 1990 und dem
Kulturlandschaftsprogramm 1993. 2000 wurden alle Einzelprogramme in den
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 127

„Rahmenrichtlinien Vertragsnaturschutz“ zusammengefasst, um den Schutz von Natur,


Umwelt und Kulturlandschaft in den ländlichen Räumen zusammenzufassen, übersichtlicher
sowie transparenter und somit attraktiver zu gestalten. Mit den Agrarumweltmaßnahmen wird
die freiwillige Zusammenarbeit von Landwirtschaft und Naturschutz, die aufgrund der Ziele
des Natur-, Umwelt- und Landschaftsschutzes weiter an Bedeutung zunehmen wird,
gefördert. Das NRW-Programm „Ländlicher Raum“ zielt auf eine „nachhaltige und
umweltgerechte Landwirtschaft, eine artenreiche Kulturlandschaft und die Produktion
gesunder Lebensmittel ab“ (MUNLV, 2006. S.316). In der Periode 2007 bis 2013 entfallen
über 40 % der Fördermittel des NRW-Programms „Ländlicher Raum“ auf die
Agrarumweltmaßnahmen inkl. des Vertragsnaturschutzes (vgl. MUNLV, 2007a. S.15, 30ff.).
Diese Zahlungen können nicht als klassische Subventionen bezeichnet werden, da die
Landwirte durch die erhöhten ökologischen Standards wichtige gesellschaftliche Ziele
umsetzen. Diese Leistungen werden mit Vergütungen honoriert, da „der Vertragsnaturschutz
[…] einen grundlegenden Beitrag zur Erhaltung einer strukturreichen und artenreichen
Kulturlandschaft und damit einer naturraumtypischen biologischen Vielfalt [leistet]“
(MUNLV, 2008b. S.32). Die Akzeptanz der Agrarumweltmaßnahmen ist generell auf den
ertragsschwachen Standorten und bei den kleineren, eher extensiv wirtschaftenden Betrieben
höher als auf den ertragsstarken Standorten und bei den marktorientierten Großbetrieben.
Diese Konzentration ist anhand der Verteilung der Vertragsnaturschutzflächen im Kreis Soest
ebenfalls ersichtlich (s. Karte 21). Die meisten Vertragsnaturschutzmaßnahmen finden in den
Randbereichen der Börde statt. Einerseits in der Lippeniederung am Nordrand der Börde und
andererseits im Südosten im Bereich der östlichen Oberbörde und des östlichen Haarstrangs
auf den weniger ertragreichen Rendzina- und Pseudogleyböden. Aufgrund der hohen
Zahlungsbereitschaft der öffentlichen Hand für die Agrarumweltmaßnahmen wird diesen
Maßnahmen eine hohe Bedeutung und auch Wirksamkeit zugemessen. Zu den für die
Landwirtschaft relevanten Agrarumweltmaßnahmen, die allesamt eine Mindestlaufzeit von
fünf Jahren aufweisen, zählen in NRW neben dem Vertragsnaturschutz auch die
Fördermaßnahmen zur markt- und standortgerechten Landbewirtschaftung, zur Förderung der
Anlage von Uferrandstreifen und zur Förderung der Zucht vom Aussterben bedrohter lokaler
Haustierrassen, wobei der Vertragsnaturschutz die größte Bedeutung aufweist (vgl. MUNLV,
2008b. S.12ff.). Mit der markt- und standortgerechten Landbewirtschaftung werden die
extensive Dauergrünlandnutzung, der ökologische Landbau und der Anbau vielfältiger
Fruchtfolgen gefördert. Der Vertragsnaturschutz im Rahmen des NRW-Programms
„Ländlicher Raum“ gliedert sich in weitere Unterpunkte, wozu die naturschutzgerechte
Bewirtschaftung von Äckern und Ackerstreifen, die Ackerumwandlung in Grünland, die
naturschutzgerechte Bewirtschaftung von Grünland sowie die Bewirtschaftung und Pflege
von Streuobstwiesen (Erhaltungsmaßnahmen), Hecken und sonstigen Biotopen zählen.
Ebenso wie andere NRW-Kreise, die einen bedeutenden landwirtschaftlich genutzten
Flächenanteil aufweisen, ist auch der Kreis Soest mit einem eigenen
Kreiskulturlandschaftsprogramm in die Vertragsnaturschutzförderung eingebunden (vgl.
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 128

MUNLV, 2008b. S.33f.). Neben der „Vereinbarung Hellwegbörde“ stellt das


Kulturlandschaftsprogramm eine weitere Grundlage des Vertragsnaturschutzes im Kreis Soest
dar (vgl. KREIS SOEST, 2007a. S.1ff.). Zwar ist der Vertragsnaturschutz auf Ackerflächen
kreisweit möglich, jedoch liegt der Fokus auf der intensiv genutzten Hellwegbörde. Dagegen
ist die Grünlandförderung an eine Gebietskulisse gebunden, die primär die Schutzgebiete
nach § 62 Landschaftsgesetz, die Naturschutz- und FFH-Gebiete sowie weiterhin die
Schledden umfasst. Folglich konzentriert sich die Förderung entsprechend der
Flächenbedeutsamkeit des Grünlandes besonders auf die Lippeniederung im Norden und die
Grünlandbereiche südlich des Haarstrangs im Tal von Möhne und Ruhr. Innerhalb der
Hellwegbörde wird die Grünlandnutzung in den Schledden finanziell gefördert. Neben dem
Vertragsnaturschutz auf den Ackerflächen sind ebenfalls der Erhalt und die Pflege von
Streuobstwiesen und Hecken im gesamten Kreisgebiet und somit flächendeckend innerhalb
der Hellwegbörde förderfähig. Insgesamt wurde im Kreis Soest im Jahr 2008 auf über 1.000
Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche Vertragsnaturschutz von knapp 200 Landwirten
durchgeführt (vgl. STAHN, H., 2009). Dabei werden im Kreis Soest deutlich mehr Grünland-
als Ackerflächen im Vertragsnaturschutzrahmen bewirtschaftet. Die Grünlandflächen
umfassen alleine fast 800 Hektar. Dazu kommen noch einzelne Obstwiesen und Hecken, die
nur geringe Flächenanteile einnehmen. Die Vertragsnaturschutzfläche entspricht einem
Flächenanteil an der landwirtschaftlich genutzten Fläche des Kreises Soest von etwas über
einem Prozentpunkt, so dass folglich kleinräumig naturschutzrelevante Verbesserungen für
Flora, Fauna und Boden erreicht werden können, jedoch die landschaftsstrukturelle Wirkung
auf die Kulturlandschaft gering ist. Die Maßnahmen zur naturschutzgerechten
Bewirtschaftung von Ackerflächen in der Hellwegbörde sind primär daran angepasst, den
agrarisch geprägten und strukturarmen Lebensraum von Offenlandarten, wie Wachtelkönig
und Wiesenweihe, zu erhalten.

Auch nach Ablauf der aktuellen Förderperiode im Jahr 2013 wird der Vertragsnaturschutz ein
fester Bestandteil an der Schnittstelle zwischen Landwirtschaft und Naturschutz bleiben bzw.
die Bedeutung wird weiter zunehmen, wobei sich die Ackerflächenmaßnahmen in der
Hellwegbörde auch in Zukunft primär auf die weniger produktiven Standorte fokussieren
werden.
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 129

Karte 21: Aktuelle Vertragsnaturschutzflächen im Kreis Soest

5.1.4.2 Flächenverbrauch

Seit vielen Jahrzehnten gehen immer mehr land- und forstwirtschaftlich genutzte Flächen
durch den Bedarf an Wohn-, Gewerbe/Industrie- und Verkehrsflächen verloren, so dass heute
noch etwas mehr als die Hälfte der Fläche Deutschlands und NRWs landwirtschaftlich
genutzt wird (vgl. LANDWIRTSCHAFTLICHES WOCHENBLATT, 2008b. S.10). Aktuell dienen
rund 62 % der Soester Kreisfläche als landwirtschaftliche Nutzfläche, jedoch hat sich dieser
Anteil in den letzten Jahren infolge kontinuierlich ablaufender Ausweitungen der
Versiegelung durch Neubausiedlungen, Straßenneubauten sowie neue Industrie- und
Gewerbegebiete verringert, wobei auch die Landwirtschaft durch Aussiedlungen der
gesamten Hofstelle aus der geschlossenen Ortsbebauung oder durch neue Wirtschaftsgebäude
(Scheunen, Ställe) in die freie Feldflur maßgeblich dazu beiträgt (s. auch Tab. 2 u. Abb. 5).
Für die Zukunft wird in der Hellwegbörde zwar – wie auch in vielen anderen Regionen – mit
einem Bevölkerungsrückgang von einigen Prozentpunkten gerechnet, jedoch wird sich im
Zuge des ansteigenden Flächenbedarfs je Person auch weiterhin die als Flächenverbrauch
bezeichnete Umwidmung der Nutzung von den landwirtschaftlichen Freiflächen hin zu
versiegelten Flächen fortsetzen (vgl. MIELKE, B. U. SCHULZE, K. In: HEINEBERG, H. (Hrsg.),
2007. S.80f. u. BUCHER, H. et al., 2004. S.120ff.; s. Karte 22). Abseits der in der Karte
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 130

dargestellten geschlossenen Bebauung wird die Hellwegbörde zusätzlich durch verstreute


oder in Einzellage befindliche landwirtschaftliche Betriebe und sonstige Gebäude gegliedert.

Karte 22: Siedlungsstruktur mitsamt wichtiger Verkehrswege und die mögliche


Siedlungsexpansion im Kreis Soest

Heute werden täglich etwa 80 bis 100 Hektar Freiflächen in Deutschland für die Ausdehnung
der Wohn-, Arbeits- und Verkehrsinfrastruktur umgewandelt, wobei dieser Flächenbetrag
zwischen 1960 und 1970 noch bei 120 Hektar/Tag lag (vgl. DEMUTH, B., 2000. S.22 u.
DOSCH, F. U. BECKMANN, G., 1999a. S.302f.). Auf Nordrhein-Westfalen entfallen dabei
aktuell etwa 18 Hektar pro Tag (vgl. QUAS, M. In: LANDWIRTSCHAFTLICHES WOCHENBLATT,
2008b. S.20). In nur etwa 50 Jahren hat sich die versiegelte Fläche in Deutschland verdoppelt,
wenngleich der Versiegelungstrend auf weiterhin hohem Niveau leicht negativ ist.
Entscheidende Bedeutung bei dem hohen Flächenverbrauch hat die Suburbanisierung, also
die ausufernde Bebauung mit städtischen Gestaltungs- und Lebensweisen besonders zum
Zweck der Wohnfunktion in die Randbereiche der Städte und Dörfer (vgl. ANL (Hrsg.), 1995.
S.65f.). Von den 1950er bis in die 1980er Jahre konzentrierte sich der
Suburbanisierungsprozess auf die unmittelbar stadtnahen Bereiche, während sich dieser
Prozess seitdem auch auf die ländlichen Räume ausgeweitet hat (vgl. CURDES, G., 1999.
S.335). Die Versiegelung wird maßgeblich durch tagtäglich stattfindende kleine
Baumaßnahmen hervorgerufen, so dass die Ausmaße des Flächenverbrauchs in kleinen
Zeitskalen kaum wahrgenommen werden, da sie sich „am Rande des
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 131

Wahrnehmungshorizontes“ (CURDES, G., 1999. S.336) abspielen. Durch die zunehmende


Bebauung und dementsprechende Vereinheitlichung der verschieden ausgeprägten
Landschaftsräume geht der Wert und somit auch die Bedeutung von Kulturlandschaften
verloren, wobei besonders die Eigenart zu nennen ist (s. Kap. 2.3, Bedeutung und Wert von
Kulturlandschaften). Neben dem direkten Flächenverbrauch ist besonders bei den
Verkehrsinfrastruktureinrichtungen auch die die Landschaft zerschneidende Wirkung zu
beachten.

Weil sich in Zukunft der Flächenverbrauch fortsetzen wird, betrifft dies die Landwirtschaft
unmittelbar. Zur Bereitstellung der Rohstoffe für Nahrungs- und Futtermittel sowie
Erneuerbare Energien werden immer weniger Flächen zur Verfügung stehen. In der Politik ist
erkannt worden, dass „ein weiterer Verlust von Agrarflächen wie bislang […] nicht
hinzunehmen [ist]“ (ASBRAND, A. In: LANDWIRTSCHAFTLICHES WOCHENBLATT, 2008n. S.24).
Daher hat der nordrhein-westfälische Landwirtschaftsminister Eckhard Uhlenberg das als
„Allianz für die Fläche“ bezeichnete Programm ins Leben gerufen, um den Verlust
landwirtschaftlicher Flächen in NRW von aktuell 18 auf fünf Hektar je Tag zu verringern
(vgl. QUAS, M. In: LANDWIRTSCHAFTLICHES WOCHENBLATT, 2008b. S.20 u. MUNLV, 2006.
S.269). Trotz dieses ambitionierten Ziels wird es auch zukünftig weiterhin Tag für Tag einen
Verlust an landwirtschaftlicher Nutzfläche geben. Diese kontinuierliche Umwidmung wird in
der Zukunft die in den vergangenen Jahrzehnten ersichtlichen gravierenden Auswirkungen
auf die Kulturlandschaft fortführen, wenngleich mit der „Allianz für die Fläche“ dieser
Prozess verlangsamt werden könnte. Für die offene Agrarlandschaft der Hellwegbörde hat der
Flächenverbrauch eine große Bedeutung. Das prägende Landschaftsbild offener, unverbauter
Flächen wird – wie auch heute schon – mehr und mehr durch Baumaßnahmen überformt, so
dass die Kulturlandschaft fortlaufend Veränderungen erfährt. Abseits der „Allianz für die
Fläche“ wir das Vogelschutzgebiet Hellwegbörde Auswirkungen auf den Flächenverbrauch in
der Hellwegbörde haben (s. Kap. 5.1.4.1, Naturschutz). So soll sich im Zuge der
„Vereinbarung Hellwegbörde“ der Flächenverbrauch auf die an die bestehenden Ortschaften
angrenzenden Interessengebiete der Siedlungsentwicklung konzentrieren, während die
anderen Gebiete des Vogelschutzgebietes als weitgehend offene Feldlandschaft erhalten
bleiben und somit dort die Bautätigkeiten auf ein absolutes Minimum heruntergefahren
werden sollen.
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 132

5.2 Entwicklungsszenarien der Kulturlandschaft Hellwegbörde

Die folgenden Entwicklungsszenarien der Kulturlandschaft Hellwegbörde fassen die zuvor


behandelten Auswirkungen der Einzelaspekte Klimawandel, Agrarmarkt und -politik,
Erneuerbare Energien, Naturschutz und Flächenverbrauch zusammen, um ein Gesamtbild der
landschaftsstrukturellen Veränderungen zu erlangen. Aufgrund der Entwicklungen auf dem
Agrarmarkt und des Zusammenhangs mit der Agrarpolitik ergeben sich je nach Standort
Differenzierungen in der landwirtschaftlichen Nutzungsintensität. Weiterhin sind die
Nachfrage auf dem Weltagrarmarkt sowie die Wirtschaftlichkeit von großer Bedeutung für
den Anbau der Kulturpflanzen. Auf die Anbaustruktur haben die Veränderungen im
Zusammenhang mit dem Klimawandel und die Erneuerbaren Energien direkten Einfluss.
Abseits dieser Aspekte sind weiterhin noch der Flächenverbrauch sowie die
Naturschutzaspekte zu beachten, wobei insbesondere der Flächenverbrauch markante Effekte
auf das Landschaftsbild hervorruft.

Abb. 26: Einordnung der drei Szenarien in die Entwicklungsrichtungen der ökonomischen und
ökologischen sowie globalen und regionalen Orientierung
Eigene Abbildung
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 133

Im Folgenden werden drei Zukunftsszenarien mit differenzierten Entwicklungsrichtungen für


die Kulturlandschaft der Hellwegbörde anhand des Kreises Soest vorgestellt. Dies sind die
Szenarien „multifunktionale Landwirtschaft“, „marktnahe ökologische Landwirtschaft“ und
„agroindustrielle Landwirtschaft“ (s. Abb. 26). Neben dem regionalen Überblick des Kreises
Soest bilden die Gemeinden Bad Sassendorf und Möhnesee ein differenziertes Beispiel auf
kommunaler Ebene (s. Karte 23). Die Szenarien fokussieren die Landschaftsstruktur auf den
Zeitraum zwischen 2030 und 2040. Die in den entworfenen Karten und Abbildungen
eingezeichneten Grenzen sind nicht als linienscharfe Abgrenzungen zu interpretieren, sondern
sie stellen zumeist räumlich eng begrenzte und fließende Übergangsbereiche dar.

Karte 23: Lage der Beispielgemeinden Bad Sassendorf und Möhnesee im Kreis Soest
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 134

5.2.1 Multifunktionale Landwirtschaft

Im Szenario der multifunktionalen Landwirtschaft werden die aus heutiger Sicht


wahrscheinlichsten Entwicklungen zusammengefasst und die Auswirkungen auf die
Kulturlandschaft dargestellt. Dabei wird die vorgestellte Entwicklungsrichtung der
multifunktionalen Landwirtschaft mit langfristig ansteigenden, aber deutlich schwankenden
Agrarmarktpreisen und verringerten GAP-Zahlungen verfolgt (s. Tab. 7 u. Abb. 19). Die
GAP-Zahlungen werden dabei auf die Direktzahlungen und die Zahlungen aus der zweiten
Säule konzentrieren, wobei die Direktzahlungen gekürzt werden und die Bedeutung der
zweiten Säule kontinuierlich zunehmen wird. Aufgrund dieser Entwicklungen ist davon
auszugehen, dass sich die Intensivbewirtschaftung auf die Gunststandorte in der zentralen
Hellwegbörde fokussieren wird, während die weniger begünstigten Standorte eher eine
Tendenz zur Extensivierung erfahren werden, wenngleich auch in diesem Bereich für den
Agrarmarkt produziert werden wird (s. Karte 24, 25 u. Abb. 27, 28). Auf den Gunststandorten
wird die Landbewirtschaftung bei zunehmender Weltmarktorientierung weiterhin auf die
ertragsstarken Kulturen Getreide und dabei besonders auf Weizen, Gerste und Mais, sowie
Raps ausgerichtet sein und sich der Strukturwandel in mäßigem Tempo fortsetzen. Die
Getreidekulturen Weizen und Gerste werden auf absehbare Zeit die bedeutsamsten
Anbauarten bleiben, wenngleich besonders der Maisanbau weiter an Relevanz zunehmen
wird, da sich speziell im Zuge des Klimawandels positive Entwicklungen für die C4-Pflanze
abzeichnen (s. Tab. 5). Mit der verlängerten Vegetationsperiode wird sich darüber hinaus der
Anbau von Zwischenfrüchten und Zweitfrüchten ausdehnen können. Bei dieser Entwicklung
werden immer weniger Weltmarktbetriebe immer größere Flächen intensiv bewirtschaften.
Die regionale energetische Verwertung spielt auf den Gunststandorten eine nachrangige Rolle
und wird sich besonders auf die weniger wirtschaftlichen Standorte konzentrieren. Dazu
gehören die Pseudogley-Standorte in der westlichen Unterbörde, die Lippeniederung, die
Rendzina- und Pseudogleyböden in der östlichen Oberbörde und teilweise auf dem östlichen
Haarstrang sowie die Schledden, während auf den anderen Standorten mit einer intensiven
Landbewirtschaftung die Weltmarktausrichtung zunimmt. Standorte, die im Zuge der
Weltmarktorientierung aufgrund schlechterer landwirtschaftlicher Voraussetzungen unter
verstärkten wirtschaftlichen Druck geraten, werden eine Landnutzung mit extensiveren Zügen
annehmen, wobei hier die Aspekte der Erneuerbaren Energien sowie des Natur- und
Landschaftsschutzes eine größere Bedeutung erfahren werden. Dennoch werden auch in
diesen Bereichen weiterhin Kulturen für den globalisierten Agrarmarkt angebaut werden,
wozu aufgrund der standörtlichen Voraussetzungen besonders die bereits oben genannten und
auch aktuell wichtigsten Kulturen Weizen, Gerste, Raps und Mais zu zählen sind (s. auch
Kap. 4.3, Aktuelle Situation der Landwirtschaft). Während auf den Gunststandorten die
Landbewirtschaftung auf nur wenige Kulturpflanzen (Getreide inkl. Mais, Raps) ausgerichtet
sein wird, ist unter naturschutzfachlichen, nachhaltigen und energetischen Gesichtspunkten
auf den weniger begünstigten Standorten ein größeres Kulturartenspektrum zu erwarten,
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 135

wobei sich dieses Spektrum an den Klimawandel anpassen wird. Folglich bieten sich dort
neben den Hauptanbaukulturen Weizen, Gerste, Mais und Raps – auch zur Erzeugung von
Strom, Wärme und Kraftstoff – der Anbau von Sonnenblumen, Zuckerrüben, Kartoffeln,
Gemüsekulturen und die Grünlandwirtschaft als Alternativen an. Die Grünlandwirtschaft wird
sich dabei auf die nassen Standorte an den Fließgewässern, in den Niederungen sowie auf die
Ortsrandlagen konzentrieren. Aufgrund der hohen Biomasseproduktion liefern auch der Zwei-
und Mischkulturenanbau attraktive Nutzungsformen der energetischen Verwertung, die
zukünftig an Bedeutung gewinnen werden. Besonders auf den Grünlandstandorten und auf
der Südseite des Haarstrangs ist durch das höhere Temperaturniveau mit einer Ausdehnung
des Obstbaus zu rechnen. Abseits dieser Kulturpflanzen werden Miscanthus, Sudangras, Hirse
und die Kurzumtriebsplantagen mit Ausnahme kleinräumiger Flächen wohl keine Bedeutung
erlangen.
Folglich wird die Landbewirtschaftung in der Hellwegbörde nach dem Szenario der
multifunktionalen Landwirtschaft in Zukunft voraussichtlich flächendeckend weiterbetrieben
werden, wobei eine grobe Zweiteilung in einen intensiv genutzten Zentralbereich der Börde
und eine eher extensivere und differenziertere Landnutzungsform auf den weniger
produktiven Standorten möglich ist. Die Gunststandorte fokussieren sich auf den zunehmend
liberalisierenden Weltagrarmarkt, während auf den anderen Standorten die Bedeutungen des
Natur- und Landschaftsschutzes sowie der dezentralen Energieversorgung eine tragende Rolle
zur Aufrechterhaltung der agrarisch geprägten, offenen Kulturlandschaft spielen werden. Dort
wird sich im Zusammenhang mit der finanziellen Unterstützung besonders aus der zweiten
Säule der Strukturwandel langsamer als in den besonders produktiven Bereichen vollziehen,
so dass viele der heute noch aktiven Klein- und Mittelbetriebe die Bewirtschaftung fortführen
können. Unter diesen Entwicklungstendenzen ist ein bedeutsamer Flächenanteil mit völliger
Nutzungsaufgabe nicht zu erwarten.

Abseits der aus obigen Gründen zunehmenden Anzahl an Biogasanlagen, welche sich auf die
ertragsschwächeren Bereiche und dort an Standorte mit günstigen Voraussetzungen zur Kraft-
Wärme-Kopplung konzentrieren werden, wird sich im Zuge des aufkommenden Repowerings
bis in circa 30 Jahren die Anzahl der Windkraftanlagen deutlich reduziert haben (s. Kap.
5.1.3, Erneuerbare Energien). Diese dann etwa 80 bis 100 Windkraftanlagen auf dem Gebiet
des Kreises Soest werden einhergehend mit einer deutlichen Leistungssteigerung mehr
regenerativen Strom liefern können als die bisherigen etwa 270 Anlagen. Dabei wird sich die
Windkraftnutzung auf den windstarken Bereichen der Haarhöhe abspielen. In einigen
wenigen Konzentrationsflächen werden diese Anlagen stehen, während dazwischen Schneisen
der Biotopvernetzung und im Speziellen dem Vogelschutz dienen. Die als europäisches
Vogelschutzgebiet ausgewiesene Hellwegbörde liefert vielen Offenlandarten Lebensraum,
Brut- und Rastmöglichkeiten, jedoch ist auch die Bedeutung für den Vogelzug zu bedenken,
so dass breite, windkraftlose Schneisen eine ökologische und besonders ornithologische
Bedeutung aufweisen. Die Windräder werden dabei zum allergrößten Anteil außerhalb der
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 136

Gebietskulisse des Vogelschutzgebietes liegen. Weiterhin ist aus Gründen des Naturschutzes
die zu erwartende Tendenz der Extensivierung auf weniger produktiven Standorten zunächst
positiv einzustufen, jedoch sind dafür öffentliche Zahlungen unumgänglich, um ein
Mindestmaß an landwirtschaftlicher Tätigkeit aufrecht zu erhalten (s. Kap. 6,
Managementstrategie).

Abseits dieser Aspekte ist insbesondere der Flächenverbrauch eine in Bezug auf die
Landschaftsstruktur sehr wichtige Komponente (s. Kap. 5.1.4.2, Flächenverbrauch). Der
Flächenverbrauch wird trotz aller Anstrengungen in den nächsten Jahrzehnten kontinuierlich
landwirtschaftlich genutzte Flächen in Anspruch nehmen. Folglich wird sich die von
geschlossener Ortsbebauung mit weiten Ackerflächen geprägte Kulturlandschaft der
Hellwegbörde weiter wandeln. Neben den Interessen der Siedlungs- und Industrieentwicklung
haben in der Hellwegbörde auch die Steine- und Erdenindustrie sowie die Landwirtschaft an
sich eine große Bedeutung im Rahmen des landwirtschaftlichen Flächenverbrauchs. Im
Bereich Erwitte/Anröchte/Geseke im Osten des Kreises Soest befinden sich großräumig
abbaufähige Gesteine zur Zementherstellung. In der Landwirtschaft werden sich besonders
die Betriebe im Gunstraum der zentralen Hellwegbörde auf die zunehmende
Weltmarktorientierung mit Betriebsvergrößerungen einstellen müssen. Dies erfolgt entweder
über die Aussiedlung der gesamten Hofstelle aus der geschlossenen Bebauung oder über die
Errichtung von neuen Wirtschaftsgebäuden im Außenbereich.
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 137

Karte 24: Entwicklung der Erneuerbaren Energien und der landwirtschaftlichen Nutzungsintensität nach dem Szenario der multifunktionalen
Landwirtschaft mit der Lage des Querschnitts in Abbildung 27
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 138

Abb. 27: Querschnitt durch die Hellwegbörde. Querschnittsverlauf siehe Karte 24


Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 139

Karte 25: Entwicklung der Erneuerbaren Energien und der landwirtschaftlichen


Nutzungsintensität nach dem Szenario der multifunktionalen Landwirtschaft für die Gemeinden
Bad Sassendorf und Möhnesee mit der Lage des Querschnitts in Abbildung 28
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 140

Abb. 28: Querschnitt durch die Gemeinden Bad Sassendorf und Möhnesee. Querschnittsverlauf siehe Karte 25
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 141

5.2.2 Marktnahe ökologische Landwirtschaft

Ebenso wie im Szenario der multifunktionalen Landwirtschaft wird sich auch bei der
Ausweitung regionaler Wertschöpfungsketten unter Beachtung ökologischer Aspekte die
Landnutzung in den Gunsträumen der Hellwegbörde zusehends auf den Weltagrarmarkt
ausrichten (s. Karte 26, 27 u. Abb. 29, 30). Weizen, Gerste, Mais und Raps werden dabei die
wichtigsten Anbaukulturen darstellen, wobei im Zuge des mäßigen Strukturwandels die
Betriebszahl absinken und als Folge die durchschnittliche Betriebsgröße parallel dazu
ansteigen wird (s. auch Abb. 9 u. 10). Die Gunststandorte weisen dabei eine
Agrarmarktorientierung auf, bei der die Aspekte des Naturschutzes und der regionalen und
somit dezentralen Energieversorgung eine nur untergeordnete Rolle spielen werden. Nach
diesem Szenario werden sich die Zahlungen der Gemeinsamen Agrarpolitik primär auf die
zweite Säule konzentrieren, während die Direktzahlungen immer weiter heruntergefahren
werden. Abseits der Gunststandorte wird sich der teilweise bereits heute erkennbare Trend
des Ausbaus der marktnah und ökologisch ausgerichteten Landwirtschaft verstärken, wobei
finanzielle Unterstützungen aus öffentlicher Hand, wie die GAP-Zahlungen, erforderlich sind
(s. Kap. 6, Managementstrategie). An Standorten, wo sich die agrarische Wirtschaftlichkeit
im Zusammenhang mit dem sich weiter liberalisierenden Weltmarkt negativ darstellen wird,
werden die Themen der regionalen Wertschöpfungsketten und Vermarktungsstrategien an
Bedeutung gewinnen können, sofern die öffentliche Unterstützung gewährleistet ist. Folglich
wird sich in den weniger produktiven Bereichen der Börde ein vielfältiges Anbaumuster
ergeben, bei dem neben den heutigen Hauptanbaukulturen Getreide inkl. Mais und Raps auch
Sonnenblumen, Kartoffeln, Zuckerrüben, Gemüse, Obst sowie die Vieh- und
Grünlandwirtschaft in bedeutsamem Umfang das Landschaftsbild mitgestalten werden. Dabei
werden sich – auch aufgrund der längeren Vegetationsperiode – der Misch- und
Zweikulturenanbau ausdehnen können. Des Weiteren kann sich auf der sonnenexponierten
Südseite des Haarstrangs im Zuge des Klimawandels neben dem Obstanbau auch der Wein
als eine lukrative Anbaukultur darstellen und zur Diversifizierung der Landwirtschaft
beitragen. In diesen dann nicht primär auf den liberalen Weltmarkt ausgerichteten Bereichen
ist folglich ein abwechslungsreiches Landschaftsbild unterschiedlicher Nutzungsformen
möglich, wobei die dezentrale Energieversorgung mit der Nutzung von Nachwachsenden
Rohstoffen und von Windkraft eine große Rolle spielen wird. Während die Gunststandorte
aufgrund der Weltmarktkonkurrenz in intensiver Form bewirtschaftet werden, ist auf den
anderen Standorten eine eher extensive und Naturschutzaspekte verfolgende
Bewirtschaftungsform wahrscheinlich. In der auf regionaler Vermarktung ausgerichteten
Produktionslandwirtschaft erfolgt die Vermarktung auch direkt auf den Höfen oder in kleinen
Dorfläden, wobei die Themen Bio- und Ökolandbau – als Gegenpol zur global ausgerichteten
Intensivproduktion in den Gunsträumen – zunehmende Bedeutung erlangen werden. Neben
der Produktionslandwirtschaft ist besonders in den ertragsschwächeren Bereichen auch die
Bereitstellung anderer Dienstleistungen, wie Ferien auf dem Bauernhof oder die Errichtung
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 142

von Hofcafés, etc., eine alternative Einnahmequelle des ländlichen Raumes. Wie auch in den
anderen Szenarien stellt der kontinuierliche Flächenverbrauch ein großes Problem der
nachhaltigen Kulturlandschaftserhaltung und -entwicklung dar. Die typische
Kulturlandschaftsstruktur weiter, unverbauter Ackerflächen wird schleichend, aber
kontinuierlich durch ausufernde Neubauten an den Dörfern und Städten sowie durch die
Errichtung von Neubauten in der offenen Feldflur verändert.
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 143

Karte 26: Entwicklung der Erneuerbaren Energien und der landwirtschaftlichen Nutzungsintensität nach dem Szenario der marktnahen ökologischen
Landwirtschaft mit der Lage des Querschnitts in Abbildung 29
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 144

Abb. 29: Querschnitt durch die Hellwegbörde. Querschnittsverlauf siehe Karte 26


Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 145

Karte 27: Entwicklung der Erneuerbaren Energien und der landwirtschaftlichen


Nutzungsintensität nach dem Szenario der marktnahen ökologischen Landwirtschaft für die
Gemeinden Bad Sassendorf und Möhnesee mit der Lage des Querschnitts in Abbildung 30
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 146

Abb. 30: Querschnitt durch die Gemeinden Bad Sassendorf und Möhnesee. Querschnittsverlauf siehe Karte 27
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 147

5.2.3 Agroindustrielle Landwirtschaft

Sollten sich die öffentlichen Zahlungen der Gemeinsamen Agrarpolitik zukünftig deutlich
stärker reduzieren als zurzeit als wahrscheinlich angenommen wird, müsste sich die
Landwirtschaft noch deutlich stärker auf den Weltagrarmarkt mit ansteigenden Marktpreisen
ausrichten als es zurzeit nach dem Szenario der multifunktionalen Landwirtschaft zu erwarten
ist (s. Abb. 19). Bei der agroindustriellen Ausrichtung auf ökonomische und globale
Interessen ist negativ zu beurteilen, dass die hohen Produktionskosten in Deutschland und in
weiten Teilen Europas die Gewinne der im weltweiten Maßstab quantitativ und qualitativ sehr
hohen Ertragszahlen deutlich reduzieren. Die Landwirtschaft hat sich unter diesen
Bedingungen auf ökonomische Rentabilität einzustellen, um weltweite Konkurrenzfähigkeit
zu erlangen. Einhergehend mit der Liberalisierung des Agrarmarktes wird dies in der
Hellwegbörde zu einer Aufteilung in einen intensiv genutzten Gunstraum und einen Bereich
mit Nutzungsaufgabe bzw. unter Verfolgung von Natur- und Landschaftsschutzzielen sowie
zum Zwecke des Energiepflanzenanbaus zu einer extensiven Landnutzungsform führen (s.
Karte 28, 29 u. Abb. 31, 32). Auf den Gunststandorten wird sich die Produktion auf die
ertragsstarken Kulturen konzentrieren. Da heute weitgehend nur die Weizenproduktion in den
Gunsträumen Deutschlands im Vergleich zu den überkontinentalen Konkurrenten auf dem
Weltmarkt rentabel ist, ist auch zukünftig mit einer Fokussierung auf nur wenige Kulturarten
(Weizen, Gerste, Mais und Raps) zu rechnen. Mit den positiven Effekten im Zuge des
Klimawandels wird sich besonders der Maisanbau weiter ausdehnen können, jedoch wird
unter rein marktwirtschaftlichen Interessen die Produktion von Weizen die lukrativste
Einnahmequelle für die Landwirte bleiben. Auf den Gunststandorten wird es infolge der
Weltmarktausrichtung zu einem raschen Strukturwandel kommen, so dass letztlich nur noch
wenige Großbetriebe die größten Flächenanteile bewirtschaften werden. Außerhalb der nach
diesem Szenario intensiv genutzten Gunststandorte sind die weniger produktiven Flächen
nicht rentabel zu bewirtschaften, sofern die öffentlichen Zahlungen – wie nach diesem
Szenario – auf ein Minimum reduziert werden sollten. Als Folge dieser Unwirtschaftlichkeit
ist mit Flächennutzungsaufgaben und -extensivierungen zu rechnen, so dass dort die
Aufrechterhaltung der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung von anderen als den GAP-
Zahlungen aus öffentlicher und privater Hand abhängt (s. Kap. 6, Managementstrategie).
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 148

Karte 28: Entwicklung der Erneuerbaren Energien und der landwirtschaftlichen Nutzungsintensität nach dem Szenario der agroindustriellen
Landwirtschaft mit der Lage des Querschnitts in Abbildung 31
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 149

Abb. 31: Querschnitt durch die Hellwegbörde. Querschnittsverlauf siehe Karte 28


Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 150

Karte 29: Entwicklung der Erneuerbaren Energien und der landwirtschaftlichen


Nutzungsintensität nach dem Szenario der agroindustriellen Landwirtschaft für die Gemeinden
Bad Sassendorf und Möhnesee mit der Lage des Querschnitts in Abbildung 32
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 151

Abb. 32: Querschnitt durch die Gemeinden Bad Sassendorf und Möhnesee. Querschnittsverlauf siehe Karte 29
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 152

Ohne jegliche finanzielle Unterstützung der Landwirte wird sich unter den alleinigen
Wettbewerbsbedingungen des Freihandels das Landschaftsbild der Hellwegbörde extrem
wandeln (s. Tab. 7). Einerseits in einen intensiv genutzten Streifen der zentralen Börde und
andererseits in sich daran anschließende Bereiche inkl. der Schledden mit Nutzungsaufgabe
(s. Karte 30, 31 u. Abb. 33, 34). Auf den weniger produktiven Standorten ist nur marginal mit
einer Aufrechterhaltung der Grünlandwirtschaft zu rechnen. Diese Entwicklung schließt
jegliche öffentliche Zahlungen für die Landwirte aus, wozu auch die Zahlungen für den
Energiepflanzenanbau und für den Naturschutz zählen. Demnach würde es neben der
Möglichkeit der intensiven Weltagrarmarktorientierung für die Landwirtschaft keine
Alternative geben. Die Standorte mit Nutzungsaufgabe werden sich unter diesen Bedingungen
langfristig im Laufe der Sukzession zu Waldgebieten entwickeln.

Um die Hellwegbörde aus kulturlandschaftlichen Gründen weiterhin als offene und agrarisch
geprägte Kulturlandschaft zu erhalten und weiter zu entwickeln, sind finanzielle Maßnahmen
für die weniger begünstigten Standorte unter rein agrarmarktwirtschaftlichen Gesichtspunkten
unumgänglich (s. Kap. 6, Managementstrategie). Die Biomasseproduktion zur dezentralen
Energieversorgung wird eine nur geringe Rolle spielen. Während auf den Gunststandorten die
Weltvermarktung der Hauptanbaukulturen höhere Erträge generieren wird und sich
infolgedessen die energetische Biomassenutzung in Biogasanlagen weitgehend auf den
Zwischen- und Zweitfruchtanbau zu konzentrieren hat, wirken sich auf den weniger
ertragreichen Flächen die hohen Produktionskosten negativ aus. Insgesamt werden daher nur
verhältnismäßig wenige Flächen der Verwertung in Biogasanlagen dienen. Dagegen werden
Raps und Mais besonders für die Biokraftstofferzeugung weiterhin relevante Bedeutung als
Nachwachsende Rohstoffe aufweisen, wobei die energetische Verwertung auf überregionaler
Ebene (Weltagrarmarkt) erfolgt und nicht direkt der dezentralen Energieversorgung zugeführt
wird.

Dieses Szenario macht deutlich, dass auf den weniger produktiven Standorten die agrarische
Weiterbewirtschaftung von öffentlichen Zahlungen abhängt. Abseits der je nach Standort
konträren Entwicklungen wird sich weiterhin der Flächenverbrauch als ein die Landschaft
prägender Prozess fortführen und die landwirtschaftlich genutzte Fläche weiter dezimieren.
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 153

Karte 30: Entwicklung der Erneuerbaren Energien und der landwirtschaftlichen Nutzungsintensität nach dem Extremszenario der agroindustriellen
Landwirtschaft mit der Lage des Querschnitts in Abbildung 33
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 154

Abb. 33: Querschnitt durch die Hellwegbörde. Querschnittsverlauf siehe Karte 30


Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 155

Karte 31: Entwicklung der Erneuerbaren Energien und der landwirtschaftlichen


Nutzungsintensität nach dem Extremszenario der agroindustriellen Landwirtschaft für die
Gemeinden Bad Sassendorf und Möhnesee mit der Lage des Querschnitts in Abbildung 34
Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung 156

Abb. 34: Querschnitt durch die Gemeinden Bad Sassendorf und Möhnesee. Querschnittsverlauf siehe Karte 31
Managementstrategie 157

6 Managementstrategie

Anhand der am Beispiel der Kulturlandschaft der Hellwegbörde vorgestellten


Entwicklungsszenarien ist ersichtlich, dass sich im Zuge der sich in den kommenden Jahren
und Jahrzehnten voraussichtlich deutlich wandelnden Bedingungen für die Landwirtschaft
direkte Veränderungen auf das Kulturlandschaftsbild ergeben. Die „gehölzarme
Agrarlandschaft“ (LWL U. LVR, 2007b. S.81) der Hellwegbörde inklusive des
landesbedeutsamen Kulturlandschaftsbereichs „Soester Börde - Hellweg“ ist aufgrund der
hohen landschaftlichen Bedeutung mit der typischen und prägenden Landschaftsstruktur zu
erhalten. Da sich jedoch – wie in den Szenarien dargestellt – das Landschaftsbild im
Zusammenhang mit Verschiebungen in der Landwirtschaft zukünftig zum Teil deutlich
verändern könnte, sind planerische Strategien erforderlich, um eine nachhaltige und
erhaltende Kulturlandschaftsentwicklung zu etablieren. Nur mit einer auf ökologische, soziale
und ökonomische Nachhaltigkeit ausgerichteten Landschaftsentwicklung kann langfristig das
Erscheinungsbild der Hellwegbörde erhalten bleiben. In der Hellwegbörde weist die
flächendeckende Weiterführung der landwirtschaftlichen Nutzung Priorität auf.

Wenngleich es kein Kulturlandschaftsschutzgesetz in Deutschland und Nordrhein-Westfalen


gibt, werden die Kulturlandschaften auf unterschiedlicher Ebene in verschiedenen
Gesetzestexten, wie dem Bundesnaturschutzgesetz, dem Raumordnungsgesetz sowie dem
Landschaftsgesetz von Nordrhein-Westfalen, und sonstigen Rahmenbedingungen rechtlich
geschützt (s. Kap. 2.2, Rechtliche Rahmenbedingungen von Kulturlandschaften). Mit der
geplanten Berücksichtigung der in dem Fachgutachten „Kulturlandschaftlicher Fachbeitrag
zur Landesplanung in Nordrhein-Westfalen“ von den Landschaftsverbänden abgegrenzten
landesbedeutsamen Kulturlandschaftsbereiche innerhalb Nordrhein-Westfalens in dem neuen
LEP NRW wird die erhaltende Landschaftsentwicklung ein weiteres Standbein erhalten (s.
Kap. 3, Kulturlandschaften und bedeutende Kulturlandschaftsbereiche in Nordrhein-
Westfalen). Mit einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten erhaltenden
Kulturlandschaftsentwicklung können die rechtlichen Aspekte beachtet und gleichzeitig die
aus vielfältiger Sicht große Bedeutung und der Wert der Kulturlandschaft Hellwegbörde
erhalten werden (s. Kap. 2.3, Bedeutung und Wert von Kulturlandschaften). Neben den
differenzierten geschichtlichen und ökologischen Bedeutungen ist die große Bedeutung von
Kulturlandschaften und besonders von als landesbedeutsam deklarierten
Kulturlandschaftsbereichen, wie dem Zentralbereich der Hellwegbörde, für die Menschen zu
nennen (s. Abb. 4). Die langfristige Etablierung intakter Kulturlandschaften bildet eine der
wichtigsten Ressourcen der Zukunft, wobei sie ein „heterogenes multifunktionales
Gemeinschaftsgut“ (APOLINARSKI, I. et al. In: MATTHIESEN, U. et al. (Hrsg.), 2006. S.82)
darstellen (vgl. STIENS, G., 1999. S.325).
Managementstrategie 158

Abseits der rechtlichen Verpflichtungen zur Kulturlandschaftserhaltung ist den geschichtlich


und ökologisch sowie auch den für die Bevölkerung bedeutsamen Komponenten Rechnung zu
tragen, um die regionale Ausprägung der unterschiedlichen Kulturlandschaftstypen langfristig
zu sichern. Die Hellwegbörde grenzt sich als ein intensiv agrarisch genutzter Gunstraum von
den umliegenden Kulturlandschaften ab. Während nördlich der Lippe die strukturreiche
Parklandschaft des Münsterlandes das Landschaftsbild prägt, schließen sich westlich die
urban-industriell geprägten Bereiche des Ruhrgebietes und südlich das waldreiche Sauerland
an.

Um in Zukunft die Kulturlandschaft der Hellwegbörde in heutiger Grundstruktur erhalten zu


können, ist die Landwirtschaft in ausgewogener Form an den globalen und regionalen sowie
ökonomischen und ökologischen Interessen zu orientieren (s. Abb. 26). Dies ist unter
Verfolgung der Multifunktionalität der Landwirtschaft zielorientiert am ehesten realisierbar
(s. Kap. 5.2, Entwicklungsszenarien der Kulturlandschaft Hellwegbörde). Sollten sich die
öffentlichen Zahlungen aus den Mitteln der Gemeinsamen Agrarpolitik an die Landwirte
stärker reduzieren als es zurzeit für die Zukunft angenommen wird oder gar gänzlich gestoppt
werden, würde sich die Landbewirtschaftung aus den weniger produktiven Bereichen gänzlich
zurückziehen und sich als direkte Folge das Landschaftsbild markant wandeln (s. Kap. 5.2.3,
Agroindustrielle Landwirtschaft). Um die Nutzungsaufgabe in den weniger begünstigten
Bereichen der Hellwegbörde zu verhindern, sind Zuzahlungen für die Landbewirtschafter aus
heutiger Sicht unumgänglich. Nach 2013 werden aller Voraussicht nach die Direktzahlungen
an die Landwirte schrittweise abgesenkt werden, wobei der Trend der zunehmenden
Bedeutung der zweiten Säule der GAP anhalten und folglich die zusehends anerkannte
multifunktionale Landwirtschaft an Bedeutung gewinnen wird (s. Kap. 5.1.2, Agrarmarkt und
Agrarpolitik). So haben sich die Landwirte in den Gunsträumen auf den Weltagrarmarkt
auszurichten, während auf den sonstigen Standorten die öffentlichen Mittel aus der zweiten
Säule der GAP und andere finanzielle Unterstützungen einen großen Einfluss auf die
Landbewirtschaftung haben werden. Um eine flächendeckende Landwirtschaft zu erhalten,
sind somit an die regionalen Voraussetzungen gekoppelte Strategien erforderlich. Während in
den Gunsträumen zwischen Lippe und Möhne die Landbewirtschaftung bei der erwarteten
Reduktion der GAP-Zahlungen weiter Bestand haben wird und sich auf den sich
liberalisierenden Markt ausrichten wird, hängt die Nutzungsstruktur in den weniger
produktiven Bereichen explizit von öffentlichen Zielen, Strategien und Finanzierungen ab. Im
Folgenden wird eine mögliche Managementstrategie für die Hellwegbörde vorgestellt, mit der
unter nachhaltigen Kriterien eine erhaltende Kulturlandschaftsentwicklung erreicht und das
öffentliche Gemeinschaftsgut der Kulturlandschaft deutlich aufgewertet werden kann (s. Abb.
35). Diese Managementstrategie orientiert sich an den regionalen Standortvoraussetzungen
der Hellwegbörde.
Managementstrategie 159

Mit den Direktzahlungen werden die hohen sozialen und ökologischen Standards der
europäischen Landwirtschaft finanziell honoriert, um die EU-Landwirte aus ökonomischer
Sicht wettbewerbsfähig aufzustellen. Diese finanzielle Unterstützung wird in Deutschland in
der aktuellen Förderperiode bis 2013 auf einen bundeslandweit einheitlichen Wert
ausgerichtet, der bei der Einhaltung der Cross Compliance-Vereinbarungen ausgezahlt wird.
Ab 2013 werden aller Voraussicht nach diese Direktzahlungen vermindert werden. Die
Zahlungen für die zweite Säule konnten in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut
werden und werden auch in den nächsten Jahren weiter ausgedehnt werden. Die zweite Säule
umfasst die freiwilligen und primär auf ökologische Aspekte ausgerichteten Maßnahmen zur
Entwicklung des ländlichen Raumes, die sich explizit auf die Leistungen abseits der
landwirtschaftlichen Produktion konzentrieren. Mit dem in den vergangenen Jahren
eingeschlagenen Weg der verstärkten Umwidmung der Mittelzuwendungen von der ersten in
die zweite Säule hat die Landwirtschaft als öffentliches Gut und als multifunktional
agierender Wirtschaftszweig an Akzeptanz gewonnen. Zukünftig wird sich der relative Anteil
der zweiten Säule am GAP-Budget weiter erhöhen.

Abb. 35: Mögliche Triade der finanziellen Unterstützung der Landwirtschaft


Eigene Abbildung

Zahlungen für die Landbewirtschafter zur Erfüllung gesellschaftlich erwünschter Ziele, wie
die langfristig erhaltende Kulturlandschaftsentwicklung, werden mit dem sich zunehmend
liberalisierenden Weltagrarmarkt und den verminderten Direktzahlungen zwingend
erforderlich sein. Die Zahlungen werden dabei auf immer mehr Flächen nötig werden, da sich
nur die Landwirte in den Gunsträumen bei verminderten bzw. wegfallenden
Managementstrategie 160

Subventionszahlungen am Agrarmarkt werden durchsetzen können. Im Zuge der verringerten


Zahlungen aus der Gemeinsamen Agrarpolitik sind Umstrukturierungen notwendig, um die
regionalen Ausprägungen und Strukturen der Kulturlandschaften erhalten zu können. Die
Förderung der zweiten Säule konzentriert sich auf einzelne Flächen, die sich an freiwilligen
und ökologisch orientierten Maßnahmen ausrichten. Um die Maßnahmen zukünftig verstärkt
auch auf die Bedeutung und den Wert der verschiedenen Kulturlandschaften akzentuieren zu
können, ist es erforderlich, einen eigenen Förderbereich zu entwickeln, für den hier unter dem
Namen Managementstrategie „Gemeinschaftswohl Kulturlandschaft“ erste Überlegungen
angestellt werden (s. Abb. 36).

Die Einführung und Etablierung einer auf der Erhaltung von Kulturlandschaften
ausgerichteten Managementstrategie berücksichtigt im Speziellen den gesellschaftlichen Wert
und die gesellschaftliche Bedeutung von regional verschieden ausgeprägten
Kulturlandschaften, so dass ein eigenständiger Bereich außerhalb der GAP erforderlich ist,
um der Bedeutung und dem Wert der Kulturlandschaften gerecht zu werden. Die
Managementstrategie „Gemeinschaftswohl Kulturlandschaft“ wird abseits der primär auf
ökologische Aspekte ausgerichteten zweiten Säule der GAP, die weiter an Bedeutung
gewinnen wird, den flächenhaften Schutz der Kulturlandschaften in den Vordergrund stellen.
Mit der Managementstrategie „Gemeinschaftswohl Kulturlandschaft“ können je nach lokalen
Standortvoraussetzungen differenzierte Maßnahmen durchgeführt werden. In der agrarisch
geprägten Kulturlandschaft der Hellwegbörde ist wie bei den zuvor entwickelten Szenarien
die Gliederung in Gunst- und Ungunsträume eine an die agrarischen Standortvoraussetzungen
angepasste Unterteilung (s. Karte 14). Je nach Standortvoraussetzung sind zur erhaltenden
Kulturlandschaftsentwicklung differenzierte Maßnahmen erforderlich. In der Hellwegbörde
liefern die in Karte 14 aufgrund der naturräumlichen Verhältnisse abgegrenzten Gunst- und
Ungunsträume im Kreis Soest zwei zu unterscheidende Maßnahmenräume für die
Managementstrategie „Gemeinschaftswohl Kulturlandschaft“ (s. Abb. 37). In anderen
Kulturlandschaften sind entsprechend den gegebenen Standortvoraussetzungen ebenfalls
landwirtschaftlich privilegierte und benachteiligte Bereiche abzugrenzen. Diese
Managementstrategie berücksichtigt nur die zuvor erarbeiteten Entwicklungsrichtungen der
agrarischen Nutzungsintensität in der Hellwegbörde, wohingegen in anderen
Kulturlandschaften andere Managementstrategien erforderlich seien können. Dies ist
insbesondere in großräumig benachteiligten Gebieten der Fall, wo sich die Landwirtschaft im
Zuge des sich liberalisierenden Agrarmarktes aus rein wirtschaftlichen Gründen zukünftig
weiträumig zurückziehen wird. In den Gunsträumen der Hellwegbörde wird die
landschaftliche Grundstruktur zukünftig mit der Intensivlandwirtschaft erhalten bleiben,
wobei hier ökologische Aspekte – besonders unter Berücksichtigung des europäischen
Vogelschutzgebietes Hellwegbörde – Relevanz aufweisen. Mit der 2008 erfolgten Aufhebung
der Stilllegungsverpflichtung (10 % der LF) fielen die extensiv genutzten und somit
ökologisch wertvollen Flächen als Inseln innerhalb des ansonsten intensiv genutzten
Managementstrategie 161

Gunstraumes weitgehend weg. Folglich ist auch der Individuenschutz innerhalb des
Vogelschutzgebietes Hellwegbörde deutlich erschwert worden, da sich mit der flächenhaften
Intensivnutzung die Lebensbedingungen für die in der Hellwegbörde lebenden
Offenlandarten, wie Wiesenweihe und Wachtelkönig, verschlechtert haben. Im Zuge der
Managementstrategie ist in den Gunsträumen eine Verpflichtung an die Landbewirtschafter
notwendig, die eine ökologische Landnutzung auf einem gewissen Ackerflächenanteil
erforderlich macht. In den Bereichen der Intensivlandwirtschaft innerhalb der Hellwegbörde
ist ein relativer Anteil von fünf bis zehn Prozentpunkten von so genannten „ökologischen
Ausgleichsflächen“ sinnvoll, die jeder Landwirt nach gewissen Kriterien bewirtschaften muss.
Mit einem Flächenanteil von einem Zehntel bis einem Zwanzigstel an der
landwirtschaftlichen Nutzfläche gehen die ökologisch wertvollen Maßnahmen deutlich über
den relativen Anteilen des aktuell betriebenen Vertragsnaturschutzes hinaus (s. Kap. 5.1.4.1,
Naturschutz). Dabei sollte in den variabel zu gestaltenden „ökologischen Ausgleichsflächen“
die ackerbauliche Bewirtschaftung derart erfolgen, dass die Ernteprodukte vermarktet werden
können, aber die Landnutzung sich an extensive Nutzungsstrukturen und ökologischen
Interessen orientiert. Hierzu bieten sich in der Hellwegbörde an die Bedürfnisse des
Vogelschutzes orientierte Maßnahmen an, wozu spezielle Kulturarten, der Verzicht auf die
Bearbeitung in speziellen Zeiträumen, der Verzicht oder die Minimierung des Einsatzes von
Dünge- und Pflanzenschutzmitteln, etc. zählen. Somit können die bereits bestehenden
Maßnahmen im Rahmen der zweiten Säule und der „Vereinbarung Hellwegbörde“ erweitert
werden. Da sich die Managementstrategie „Gemeinschaftswohl Kulturlandschaft“ besonders
auf landschaftsrelevante Aspekte bezieht, ist im Gunstraum der Hellwegbörde die notwendige
Einflussnahme geringer als in den weniger begünstigten Gebieten. Abseits der zweiten Säule
und den Maßnahmen der „Vereinbarung Hellwegbörde“ liefert die Einführung von so
genannten „ökologischen Ausgleichsflächen“ in den intensiv genutzten Bereichen ein
weiteres Standbein der Beachtung ökologischer Aspekte. Das Hauptaugenmerk der
Managementstrategie innerhalb der Hellwegbörde ist jedoch auf die weniger ertragreichen
Standorte in der westlichen Unterbörde, der Lippeniederung, den Schledden, der östlichen
Oberbörde und dem östlichen Haarstrang zu richten. Ohne finanzielle Unterstützungen der
Landbewirtschafter ist die Nutzungsaufgabe eine unter rein liberal-wirtschaftlichen Kriterien
zu erwartende Entwicklungsrichtung (s. Kap. 5.2.3, Agroindustrielle Landwirtschaft).
Folglich würden sich diese ertragsschwächeren Bereiche bei Reduktion bzw. Einstellung der
finanziellen Unterstützung als Folge der Nutzungsaufgabe zu Wäldern entwickeln, so dass
sich das typische Erscheinungsbild der landwirtschaftlich geprägten, offenen Agrarlandschaft
deutlich verändern würde. Aufgrund dieser Entwicklungsmöglichkeit ist die
Aufrechterhaltung der landwirtschaftlichen Flächennutzung von öffentlichen Zuzahlungen an
die Landwirte abhängig. Mithilfe von Maßnahmen in der Managementstrategie
„Gemeinschaftswohl Kulturlandschaft“ kann in den weniger produktiven Bereichen der
Hellwegbörde das Landschaftsbild erhalten werden, wobei nachhaltige Aspekte zu
berücksichtigen sind. Die Landwirte erhalten im Rahmen der Managementstrategie
Managementstrategie 162

Geldmittel für die landwirtschaftliche Weiterbewirtschaftung der Ungunsträume, wobei für


Acker- und Grünlandflächen differenzierte monetäre Staffelungen sinnvoll sind.

In Zukunft wird die Verfolgung gesellschaftlich erwünschter Ziele, wie der erhaltenden und
nachhaltigen Entwicklung und Pflege von Kulturlandschaften, von der Gesellschaft finanziert
werden müssen. Die Kulturlandschaftspflege kann im Zuge der sich weiter technisierenden
Landwirtschaft und des sich zusehends liberalisierenden Agrarmarktes nicht weiter als
kostenlos anfallendes Beiprodukt der agrarischen Tätigkeit angesehen werden. Auf dem freien
Weltagrarmarkt sind nur wenige Gunsträume in Deutschland im globalen Maßstab
konkurrenzfähig, wozu auch die Gunsträume innerhalb der Hellwegbörde zu zählen sind.
Hingegen sind auf vielen heute noch landwirtschaftlich genutzten Flächen die öffentlichen
Zuzahlungen im Rahmen der GAP ein entscheidendes Standbein der andauernden
Landbewirtschaftung. Mit den zukünftig sich verringernden GAP-Zahlungen müssen diese
Mindereinnahmen durch andere Zahlungen kompensiert werden, um die Kulturlandschaften
in den typischen Ausprägungen und Besonderheiten erhalten zu können. Hierzu bietet sich die
Einführung eines gesonderten Managementkonzeptes, dem „Gemeinschaftswohl
Kulturlandschaft“, an. Mit dem Managementkonzept sind je nach Kulturlandschaft
differenzierte Maßnahmenpakete erforderlich, so dass beispielsweise in den Gebirgslagen
andere Aspekte beachtet werden müssen als in der Hellwegbörde. Die in den vergangenen
Jahren zunehmend in der Öffentlichkeit anerkannte Bedeutung von intakten
Kulturlandschaften wird in den kommenden Jahren weiter fortschreiten. Die
Multifunktionalität der Landwirtschaft liefert weit über die eigentliche Bereitstellung von
Nahrungsmitteln, Futtermitteln und Energie (Produktionslandwirtschaft) hinausgehende
Wohlfahrtseffekte. Die für die Umsetzung nötigen Geldmittel für das „Gemeinschaftswohl
Kulturlandschaft“ sind aus verschiedenen Quellen zu generieren und auf regionaler Ebene
entsprechend der Bedürfnisse zu verteilen. Neben europäischen, Bundes- und Landesmitteln
für die Managementstrategie ist auf regionaler Ebene der Fördertopf durch verschiedene
Einnahmequellen zu erhöhen. Dazu bieten sich Zahlungen an, die erforderlich werden, wenn
Freiflächen in andere Nutzungen – Wohnsiedlungen, Verkehrsinfrastruktureinrichtungen,
Industrie- und Gewerbeanlagen sowie Steinbrüche – überführt werden. Die betreffenden
Kommunen müssen bei der Ausweisung und Genehmigung der Flächenumwidmung
zugunsten der obigen Nutzungsansprüche ebenso Zahlungen an das „Gemeinschaftswohl
Kulturlandschaft“ entrichten wie diejenigen, die sich auf diesen Flächen niederlassen
(Privatpersonen, Firmen, etc.). Durch die Etablierung eines solchen Zahlungsapparates kann
das Grundkontingent der Zahlungen von europäischer, bundesdeutscher und bundeslandweiter
Ebene entsprechend erweitert werden. Gleichzeitig würden diese zusätzlich zu erbringenden
Geldmittel den übermäßigen Flächenverbrauch eindämmen können, während andererseits die
Errichtung neuer Wohn- und Industriegebäude innerhalb der geschlossenen Bebauung mit
finanziellen Anreizen gefördert werden sollte. Mit derart ausgerichteten Regelungen würde
der kontinuierliche Flächenverbrauch reduziert werden können. Der Aufbau des Fördertopfes
Managementstrategie 163

„Gemeinschaftswohl Kulturlandschaft“ wird sich mit der Einführung sukzessive vergrößern


müssen, so dass die verminderten Zahlungen aus der GAP im gewissem Umfang kompensiert
werden können. Die unmittelbar landwirtschaftlich orientierten GAP-Zahlungen werden
ersetzt durch an gesellschaftlichen Zielen der Kulturlandschaftserhaltung ausgerichteten und
angepassten Zahlungen. Während das große Finanzbudget für die Landwirtschaft nur in
geringer Weise der Öffentlichkeit verständlich ist, sind der Erhalt, die Pflege und nachhaltige
Weiterentwicklung von Kulturlandschaften in breiten Bevölkerungsschichten weitgehend
akzeptiert und folglich die öffentliche Zahlungsbereitschaft verhältnismäßig hoch. Die
Akzeptanz wird im Zuge des ablaufenden Landschaftswandels und bei anschaulicher
Darstellung der möglichen Entwicklungsrichtungen der Landschaftsstruktur weiter erhöht
werden können. Die Managementstrategie „Gemeinschaftswohl Kulturlandschaft“ liefert erste
Überlegungen der in Zukunft notwendigen finanziellen Bezuschussung der Landwirtschaft für
die Verfolgung des in der Gesellschaft erwünschten Ziels der erhaltenden
Kulturlandschaftsentwicklung.
Managementstrategie 164

Abb. 36: Allgemeiner Aufbau der Managementstrategie „Gemeinschaftswohl Kulturlandschaft“ für landwirtschaftlich geprägte Kulturlandschaften
Eigene Abbildung
Managementstrategie 165

Abb. 37: Managementstrategie „Gemeinschaftswohl Kulturlandschaft“ für die Hellwegbörde


Eigene Abbildung
Fotoserie 166

7 Fotoserie

Karte 32: Standorte der Fotos mitsamt der Blickrichtung


Fotoserie 167

Foto 1: Agrarischer Gunstraum zwischen Altengeseke und Klieve im Nordwesten der Gemeinde
Anröchte inmitten der zentralen Hellwegbörde. Blickrichtung: Nordosten

Foto 2: Agrarischer Gunstraum nordwestlich von Körbecke im Nordwesten der Gemeinde


Möhnesee mit Blick auf den Haarstrang. Blickrichtung: Nordwesten
Fotoserie 168

Foto 3: Agrarischer Gunstraum zwischen Lohne und Enkesen im Klei östlich von Soest in der
Gemeinde Bad Sassendorf. Blickrichtung: Osten

Foto 4: Agrarischer Ungunstraum der Ahseniederung bei Ostinghausen im Norden der


Gemeinde Bad Sassendorf. Blickrichtung: Nordwesten
Fotoserie 169

Foto 5: Agrarischer Ungunstraum der Ahsewiesen westlich von Oestinghausen (Gemeinde


Lippetal) in den Gemeinden Lippetal und Welver. Blickrichtung: Westen

Foto 6: Agrarischer Ungunstraum einer Schledde westlich von Altenmellrich im Südwesten der
Gemeinde Anröchte. Blickrichtung: Norden
Fotoserie 170

Foto 7: Traditionelle Bausubstanz aus Kalkstein in Altenmellrich (Gemeinde Anröchte)

Foto 8: Traditionelle Bausubstanz aus Kalkstein in Hewingsen (Gemeinde Möhnesee)


Fotoserie 171

Foto 9: Biogasanlage am Stüttingshof östlich von Bittingen auf der Haar (Gemeinde Ense).
Blickrichtung: Westen

Foto 10: Großer Windpark auf der östlichen Haar zwischen Uelde, Effeln und Drewer auf dem
Gebiet der Gemeinde Anröchte und den Städten Warstein und Rüthen. Blickrichtung: Westen
Fotoserie 172

Foto 11: Größenvergleich von Windrädern mit anderen vertikalen Strukturen (Gebäude,
Bäume und Wegekreuz inmitten der Feldflur neben der Birke). Blickrichtung: Südosten

Foto 12: Kleiner Windpark an der Grenze zwischen Bad Sassendorf und Erwitte. Blickrichtung:
Südwesten
Zusammenfassung 173

8 Zusammenfassung

Die Diplomarbeit „Szenarien einer zukünftigen Agrarnutzung in bedeutsamen


Kulturlandschaftsbereichen Nordrhein-Westfalens. Beispielhafte Darstellung der
Hellwegbörde“ untersucht anhand der Beispielregion des Hellwegraumes die Auswirkungen
der zukünftigen Veränderungen der Landbewirtschaftung auf die Kulturlandschaft und das
Landschaftsbild.

Die Hellwegbörde ist aufgrund der günstigen standörtlichen Voraussetzungen geprägt von
einer intensiven landwirtschaftlichen Nutzung. Der Kernbereich der Hellwegbörde ist neben
28 anderen Landschaftsräumen in Nordrhein-Westfalen von den Landschaftsverbänden
Westfalen und Rheinland als landesbedeutsam deklariert worden. Mit dieser
bundeslandweiten Untersuchung der Kulturlandschaften wird der Bedeutung und dem Wert
von regional differenzierten Kulturlandschaften in besonderem Maße Rechnung getragen.
Wenngleich die Bedeutung von Kulturlandschaften in der vergangenen Jahren zunehmend in
der Öffentlichkeit an Akzeptanz gewonnen hat, werden Kulturlandschaften in den
Gesetzestexten bisher zumeist nur beiläufig erwähnt. Die Schwierigkeit des Schutzes und
Erhaltes von regional verschieden ausgeprägten Kulturlandschaften liegt dabei in den sich
uniformierenden Entwicklungen, so dass eine an ökologischen, ökonomischen und
soziokulturellen Nachhaltigkeitskriterien orientierte erhaltende Kulturlandschaftsentwicklung
verfolgt werden sollte.

Die Landwirtschaft stellt infolge der großen Flächenanteile für die Kulturlandschaften eine
äußerst bedeutende Komponente dar. Die agrarische Flächennutzung charakterisiert teilweise
ganze Landschaften, wie zum Beispiel die Kulturlandschaft Hellwegbörde. Somit wirken sich
Veränderungen in der Landwirtschaft, welche im Zuge des sich industrialisierenden und
technisierenden Agrarsektors immer größere Ausmaße einnehmen, unmittelbar auf das
Landschaftsbild aus. Besonders die Schlaggrößen, Betriebsgrößen und Anbaukulturen
charakterisieren das Landschaftsbild in agrarisch geprägten Kulturlandschaften. Diese
Komponenten werden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten besonders von den
Faktoren Klimawandel, Agrarmarkt, Agrarpolitik, Erneuerbare Energien, Naturschutz und
Flächenverbrauch beeinflusst.

Mit dem anthropogen verursachten Klimawandel werden die Kulturpflanzen und Nutztiere
besonders von einer veränderten Zusammensetzung der bodennahen Atmosphäre, einer
höheren Durchschnittstemperatur, einem differenzierten Wasserangebot und Wetterextremen
betroffen sein. Je nach Anbaukultur wirken sich die atmosphärischen Veränderungen
unterschiedlich aus. Während die C4-Pflanzen von einer wärmeren Atmosphäre profitieren
werden, sind die Auswirkungen bei den C3-Pflanzen differenzierter zu betrachten. Für die
Zusammenfassung 174

meisten heimischen Getreidearten wird in den kommenden Jahren aufgrund klimatischer


Veränderungen mit Ertragseinbußen zu rechnen sein, wohingegen die Kartoffel und die
meisten Gemüsesorten stabile und Zuckerrübe, Sonnenblume, Obst und Wein positive
Entwicklungstendenzen aufweisen.

Nach dem jahrzehntelangen Trend sinkender Weltagrarmarktpreise ist seit wenigen Jahren ein
Aufwärtstrend erkennbar, welcher aufgrund des sich ändernden Verhältnisses zwischen
Angebot und Nachfrage in der Tendenz erhalten bleiben wird. In diesen langfristigen Trend
steigender Agrarmarktpreise werden kurzfristige Schwankungen nach oben und unten große
Ausmaße einnehmen. Der Agrarmarkt innerhalb der EU wurde in den vergangenen
Jahrzehnten sehr stark durch politische Eingriffe manipuliert. Die weitgehende Abschottung
der europäischen Agrarmarktpreise vom Weltmarkt wird seit einigen Jahren zunehmend
abgebaut und somit die europäische Landwirtschaft an den freien Markt angenähert. Während
die marktpolitischen Stützungen sukzessive abgebaut werden, erhalten die Landwirte für die
hohen sozialen und ökologischen Standards mittlerweile Direktzahlungen sowie für
freiwillige Maßnahmen im Rahmen der ländlichen Entwicklungspolitik (Zweite Säule der
Gemeinsamen Agrarpolitik) Zahlungen. In Zukunft werden die Direktzahlungen und die
Zahlungen im Zusammenhang mit der zweiten Säule die Stützpfeiler der Gemeinsamen
Agrarpolitik bilden, wobei der gesamte Zahlungsumfang reduziert werden wird, die relativen
Anteile der Direktzahlungen ab- und die der zweiten Säule zunehmen werden. Aufgrund
dieser Entwicklungstendenzen auf dem Agrarmarkt und in der Agrarpolitik ist davon
auszugehen, dass sich die Landbewirtschaftung auf den Gunststandorten der Hellwegbörde
unabhängig von den öffentlichen Zahlungen auf den Weltagrarmarkt ausrichten wird.
Hingegen ist auf den weniger produktiven Standorten (Pseudogley-Böden der westlichen
Unterbörde, Lippeniederung, Pseudogley- und Rendzina-Böden der östlichen Oberbörde und
teilweise des Haarstrangs, Schledden) mit einer extensiveren Landnutzung zu rechnen, wobei
die zweite Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik eine wichtige Rolle spielen wird.

Von den Erneuerbaren Energien sind die Wind- und Bioenergiebranche die wichtigsten
Sektoren innerhalb der Hellwegbörde. Die Hellwegbörde stellt zusammen mit der östlich
anschließenden Paderborner Hochfläche das wichtigste Windenergiegebiet Westfalens dar. Im
Kreis Soest befinden sich zurzeit etwa 270 Windkraftanlagen, die in Bezug auf das
Landschaftsbild eine große Bedeutung aufweisen. In den kommenden Jahren wird das
Repowering – also der Austausch alter Anlagen durch leistungsstarke und moderne
Neuanlagen –, was mit dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz finanziell gefördert wird, in
verstärktem Maße einsetzen. Folglich wird sich in den kommenden Jahrzehnten die Anzahl
der Windkraftanlagen in der Hellwegbörde reduzieren und dabei besonders auf die
windstarken Standorte in der Oberbörde und auf dem Haarstrang konzentrieren. Die
Bioenergie hat neben den technischen Anlagen, wie den Biogasanlagen, direkte
Auswirkungen auf die landwirtschaftlichen Anbaukulturen. Raps und Mais stellen die
Zusammenfassung 175

wichtigsten Nachwachsenden Rohstoffe dar. Während Raps besonders zur


Kraftstofferzeugung (Biodiesel) genutzt wird, ist Mais abseits der Kraftstofferzeugung
(Bioethanol) besonders zur dezentralen Energieversorgung in Biogasanlagen geeignet. Mit
der Förderung im Rahmen des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes wird sich zukünftig
besonders der Anbau von Mais weiter ausdehnen.

Neben dem Klimawandel, dem Agrarmarkt und der Agrarpolitik sowie den Erneuerbaren
Energien spielen auch die Naturschutzaspekte und die Flächennutzungsumwidmung eine
große Bedeutung für das Erscheinungsbild landwirtschaftlich geprägter Kulturlandschaften.
Neben den Natur- und Landschaftsschutzgebieten wird mit NATURA 2000 ein europäisches
Schutzgebietsnetz aus FFH- und Vogelschutzgebieten aufgebaut. In der Hellwegbörde
befinden sich einige, zumeist kleinräumige FFH-Gebiete (Fließgewässer, Wälder). Große
Teile der Hellwegbörde wurden als Vogelschutzgebiet anerkannt. Im Vogelschutzgebiet
Hellwegbörde wurde mit der „Vereinbarung Hellwegbörde“ neben dem Individuenschutz
bedeutender Vogelarten auch der Lebensraumschutz als wichtiges Ziel deklariert.
Kleinflächig wird von Landwirten eine an ornithologische Zielsetzungen orientierte
Landbewirtschaftung im Rahmen dieser Vereinbarung durchgeführt. Daneben bieten die in
der zweiten Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik verankerten Agrarumweltmaßnahmen
verschiedene Möglichkeiten der Landnutzung zur Erreichung naturschutzfachlicher Ziele.
Diese Maßnahmen der Landwirte im Rahmen der „Vereinbarung Hellwegbörde“ und der
Agrarumweltmaßnahmen (Vertragsnaturschutz) führen kleinflächig zu verbesserten
Lebensraumbedingungen, jedoch reichen die in der Hellwegbörde abgeschlossenen Verträge
nicht aus, um landschaftsrelevante Bedeutung zu erlangen.
Die durch die agrarische Nutzung geprägte Hellwegbörde verliert kontinuierlich durch
Baumaßnahmen an landwirtschaftlicher Nutzfläche, so dass das charakteristische
Erscheinungsbild der Kulturlandschaft fortwährend verändert wird. Dieses Problem des
schleichenden, aber dauerhaft ablaufenden Flächenverbrauches stellt eine große Bedrohung
für die regional gewachsenen Kulturlandschaften dar.

„Multifunktionale Landwirtschaft“, „agroindustrielle Landwirtschaft“ und „marktnahe


ökologische Landwirtschaft“ stellen drei mögliche und verschieden akzentuierte
Entwicklungsszenarien der Zukunft dar. Die „multifunktionale Landwirtschaft“ stellt die
zwischen regionalen und globalen sowie zwischen ökonomischen und ökologischen
Interessen ausgewogene Entwicklungsrichtung dar. Hiernach wird sich die
Landbewirtschaftung und als Folge dessen auch das Landschaftsbild der Hellwegbörde je
nach standörtlicher Voraussetzung differenziert entwickeln. Die Gunststandorte werden sich
zügig auf den Weltagrarmarkt ausrichten, während auf den Ungunststandorten eher eine auf
Naturschutz und Erneuerbare Energien ausgerichtete extensivere Landnutzungsform
vorherrschen wird. Die Gunststandorte werden von den heute bereits dominierenden
Anbaukulturen (Weizen, Gersten, Mais, Raps) geprägt, während die anderen Standorte ein
Zusammenfassung 176

größeres und differenzierteres Kulturartenspektrum aufweisen werden, wozu neben Getreide


und Raps auch Obst, Gemüse, Sonnenblumen, Hackfrüchte und die Grünlandwirtschaft zu
zählen sind.
Unter stärkerer Verfolgung regionaler und ökologischer Interessen ist eine an Marktnähe und
Ökologie ausgerichtete Landwirtschaft zu erwarten („marktnahe ökologische
Landwirtschaft“). Während die Gunststandorte sich auf den Weltagrarmarkt ausrichten
werden, wird sich in den weniger begünstigten Bereichen eine extensive Landnutzungsformen
verfolgende Landwirtschaft ausdehnen. Ein breites Kulturartenspektrum sowie der Bio- und
Ökolandbau mitsamt regionaler Vermarktung bieten hier Produktionsmöglichkeiten abseits
der global orientierten Landwirtschaft in den Gunsträumen.
Als Gegensatz zur ökologisch und regional ausgerichteten Landwirtschaft wird in der
„agroindustriellen Landwirtschaft“ eine möglichst große Wirtschaftlichkeit angestrebt. Dabei
hat sich die Landwirtschaft auf den Weltagrarmarkt auszurichten, was auf den
Gunststandorten der Hellwegbörde einen raschen Strukturwandel und eine Fokussierung auf
wenige, hochproduktive Anbaukulturen (Weizen, Gerste, Mais, Raps) zur Folge hätte. In den
Ungunsträumen wäre die Landbewirtschaftung hingegen abhängig von öffentlichen
Zahlungen, da die weniger produktiven und somit weniger ertragreichen Standorte auf dem
freien Weltagrarmarkt wirtschaftlich unrentabel sind.

Um die Kulturlandschaft der Hellwegbörde in den kommenden Jahrzehnten in erhaltender


Form weiterentwickeln zu können, ist eine Managementstrategie erforderlich. Die
Managementstrategie „Gemeinschaftswohl Kulturlandschaft“ liefert erste Überlegungen in
diese Richtung. Die in Zukunft verminderten Zahlungen aus den Mitteln der Gemeinsamen
Agrarpolitik könnten durch den gleichzeitigen Aufbau eines Finanzbudgets für die
Managementstrategie „Gemeinschaftswohl Kulturlandschaft“ ersetzt werden, wofür sowohl
öffentliche als auch private Finanzmittel erforderlich sind. Entsprechend den
landwirtschaftlichen Standortvoraussetzungen sind angepasste Maßnahmen zur erhaltenden
Weiterentwicklung der Kulturlandschaft zu entwickeln. In der Hellwegbörde sollten für die
Gunsträume und die Ungunsträume differenzierte Maßnahmen erarbeitet werden, welche
einerseits auf den Ungunststandorten auch im Zusammenhang mit den verminderten
Zahlungen aus der Gemeinsamen Agrarpolitik die großräumige Weiterbewirtschaftung der
Flächen ermöglicht und welche andererseits auf den Gunststandorten ökologische Interessen
mitberücksichtigt.
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Erklärung

Hiermit erkläre ich an Eides statt, dass ich diese Arbeit selbstständig und nur mit den
angegebenen Hilfsmitteln und Hilfeleistungen angefertigt habe. Aus fremden Quellen direkt
oder indirekt übernommene Gedanken sind als solche kenntlich gemacht.

Die Arbeit wurde noch keiner anderen Prüfungsbehörde vorgelegt und noch nicht
veröffentlicht.

Hannover, …………………………. (Datum) ………………………………… (Unterschrift)