Sie sind auf Seite 1von 714
 

MARX/ENGEL

S

GESAMTAUSGAB

E

GLIEDERU N

G :

ERST E

ABTEILUNG :

SÄMTLICHE WERKE

UN D

SCHRIFTEN

MIT

AUSNAHME

DE S

«KAPITAL»

ZWEIT E ABTEILUNG: DA S «KAPITAL» MI T VORARBEITE N

DRITTE ABTEILUNG:

ABTEILUNG:

BRIEFWECHSE L GENERALREGISTE R

VIERT E

 

MARX/ENGEL

S

GESAMTAUSGAB

E

 

ERST E

ABTEILUN G

 

BAN D

5

MAR X

UN D

ENGELS :

DI E

DEUTSCH E

IDEOLOGI E

1845—184 6

KARL FRIEDRIC H

HISTORISCH-KRITISCH E

MARX ENGEL S

GESAMTAUSGAB E

WERK E

/

SCHRIFTE N

/

BRIEF E

I M

AUFTRAG E

DE S

MARX-ENGELS-LENIN-INSTITUTS

MOSKA U

HERAUSGEGEBE N

V .

V O N

ADORATSKI J

KARL

MARX ENGEL S

FRIEDRIC H

 

D I E

DEUTSCH E

IDEOLOGI E

KRITI K

DE R

NEUESTE N

DEUTSCHE N

PHILOSOPHI E

I N

IHRE N

REPRÄSENTANTEN ,

I N

FEUERBACH , B. BAUE R UN D STIRNER,

UND

DES

DEUTSCHE N

SOZIALISMU S

SEINE N

VERSCHIEDENE N

PROPHETE N

1845-1846

MARX/ENGEL S

GESAMTAUSGAB E

ERST E

ABTEILUN G

BAN D

5

Verla g

Detle v

Glashütte n

Auverman n

i m

Taunu s

197 0

K G

Unveränderter Neudruck der Ausgabe Berlin 1932 Gedruckt bei Walter Engel Frankfurt/Main Printed in Germany

EINLEITUN G

D E R

ZU M

ERSTE N

FÜNFTE N

ABTEILUN G

BAND E

DIE

DEUTSCHE

IDEOLOGIE

KRITI K

DER

NEUESTEN

DEUTSCHEN

PHILOSOPHIE,

IN

IHREN

REPRÄSENTANTEN,

FEUERBACH,

B.

BAUER

UND

STIRNER,

UND DES

DEUTSCHEN

SOZIALISMUS

IN

SEINEN

VERSCHIEDENEN

PROPHETEN

DIE

DEUTSCHE

IDEOLOGIE

Vorred e

Vorred e
 
Vorred e   3
Vorred e   3
Vorred e   3
Vorred e   3
Vorred e   3
Vorred e   3
Vorred e   3
Vorred e   3
Vorred e   3
Vorred e   3
Vorred e   3
Vorred e   3
Vorred e   3
Vorred e   3

3

I .

Feuerbach .

 

Gegensat z

 

vo n

 

materiali

 

-

stische r

un d

 

idealistische r

 

Anschau -

 

ung .

[Einleitung ]

 
ung . [Einleitung ]   7
ung . [Einleitung ]   7
ung . [Einleitung ]   7
ung . [Einleitung ]   7
ung . [Einleitung ]   7
ung . [Einleitung ]   7
ung . [Einleitung ]   7
ung . [Einleitung ]   7
ung . [Einleitung ]   7

7

 

D

a s

Leipzige r

Konzi l

Konzi l
 
  D a s Leipzige r Konzi l   7 1
  D a s Leipzige r Konzi l   7 1
  D a s Leipzige r Konzi l   7 1
  D a s Leipzige r Konzi l   7 1
7 1

7 1

II.

Sank

t

Brun o

Brun o
 
II. Sank t Brun o   7 5
II. Sank t Brun o   7 5
II. Sank t Brun o   7 5
II. Sank t Brun o   7 5
II. Sank t Brun o   7 5
II. Sank t Brun o   7 5
II. Sank t Brun o   7 5

7 5II. Sank t Brun o  

7 5
7 5

III.

Sank

t

Ma x

Ma x
III. Sank t Ma x 9 7
III. Sank t Ma x 9 7
III. Sank t Ma x 9 7
III. Sank t Ma x 9 7
III. Sank t Ma x 9 7
III. Sank t Ma x 9 7
III. Sank t Ma x 9 7
III. Sank t Ma x 9 7

9 7III. Sank t Ma x

9 7
9 7
 

Schlu ß

de s

Leipzige r

 

Konzils .

 

.

.

43 1

D

e r wahr e Sozialismu s

e r wahr e Sozialismu s
 
D e r wahr e Sozialismu s   43 5
D e r wahr e Sozialismu s   43 5
D e r wahr e Sozialismu s   43 5
D e r wahr e Sozialismu s   43 5

43

5

I .

Di e

 

„rheinische n

 

Jahrbücher" ,

 

ode r

di e

 

Philosophi e

 

de s

 

wahre n

 

Sozialismu s

 

.

44 1

IV.

Kar l

 

Grün :

 

„Di e

 

sozial e

 

Bewegun g

 

i n

 

Frankreic h

 

un d

 

Belgien "

 

(Darmstadt ,

1845)

ode r

 

di e

 

Geschichtschreibun g

d e s

wahre n

 

Sozialismu s

Sozialismu s
 
d e s wahre n   Sozialismu s   47 1
d e s wahre n   Sozialismu s   47 1
d e s wahre n   Sozialismu s   47 1
d e s wahre n   Sozialismu s   47 1

47 1

V .

„De r Dr.Geor g Kuhlman n au s Holstein" ,

 
ode r di e lismu s
ode r
di e
lismu s
Prophéti e
Prophéti e
Prophéti e
 

de s

de s
 
wahre n
wahre n
wahre n
 
Sozia -
Sozia -
 

51 9

Die Vorrede wurde Sommer 1846 in Brüssel geschrieben, zwischen Anfang Mai und Mitte August

Vorred e

Die Menschen haben sich bisher stets falsche Vorstellungen über sich selbst gemacht, von dem, was sie sind oder sein sollen. Nach ihren Vorstellungen von Gott, von de m Normalmenschen

s

usw. haben sie ihre Verhältnisse eingerichtet. Die Ausgeburten ihres Kopfes sind ihnen über den Kopf gewachsen. Vor ihren Ge- schöpfen haben sie, die Schöpfer, sich gebeugt. Befreien wir sie von den Hirngespinsten, den Ideen, den Dogmen, den eingebilde- ten Wesen, unter deren Joch sie verkümmern. Rebellieren wir

10

gegen diese Herrschaft der Gedanken. Lehren wir sie, diese Ein-

is

bildungen mit Gedanken vertauschen, die de m Wesen des Men- schen entsprechen, sagt der Eine, sich kritisch zu ihnen verhalten, sagt der Andere, sie sich aus dem Kopf schlagen, sagt der Dritte, und — die bestehende Wirklichkeit wird zusammenbrechen. Diese unschuldigen und kindlichen Phantasien bilden den Kern der neuern junghegelschen Philosophie, die in Deutschland nicht nur von de m Publikum mit Entsetzen und Ehrfurcht empfangen, sondern auch von den philosophische n Heroe n selbst mit dem feierlichen Bewußtsein der weltumstürzenden Gefähr-

20

lichkeit und der verbrecherischen Rücksichtslosigkeit ausgegeben wird. Der erste Band dieser Publikation hat den Zweck, diese Schafe, die sich für Wölfe halten und dafür gehalten werden, zu entlarven, zu zeigen, wie sie die Vorstellungen der deutschen Bür- ger nur philosophisch nachblöken, wie die Prahlereien dieser

25

philosophischen Ausleger nur die Erbärmlichkeit der wirklichen deutschen Zustände widerspiegeln. Sie hat den Zweck, den philo- sophischen Kamp f mit den Schatten der Wirklichkeit, der de m träumerischen und duseligen deutschen Volk zusagt, zu blamieren und um den Kredit zu bringen.

30

Ein wackrer Mann bildete sich einmal ein, die Menschen erträn- ken nu r i m Wasser, weil sie vom Gedanke n de r Schwer e besessen wären. Schlügen sie sich diese Vorstellung aus de m Kopfe, etwa indem sie dieselbe für eine abergläubige, für eine religiöse Vorstellung erklärten, so seien sie über alle Wassers-

33

gefahr erhaben. Sein Leben lang bekämpfte er die Illusion de r Schwere, von deren schädlichen Folgen jede Statistik ihm neue und zahlreiche Beweise lieferte. Der wackre Mann wa r der Typu s der neuen deutschen revolutionären Philosophen.

I

FEUERBAC H

GEGENSATZ

VON

.MATERIALISTISCHER

UND

IDEALISTISCHER

ANSCHAUUNG

[EINLEITUNG]

I .

Feuerbac h

76 7

Geschrieben in Brüssel September 1845 bis Mitte Oktober 1846.

Nicht

beendet.

Wir haben die einzelnen Teile des Manuskripts nach den darin ent- haltenen Notizen von Marx umgestellt. Berücksichtigt wurden die auf es bezüglichen Hinweise im Manuskript „III. Sankt Max" u. a., aus denen

hervorgeht, daß der „I. Feuerbach" die Einleitung zu b e i d e η Teilen der „Deutschen Ideologie" bildet, wie zum „Leipziger Konzil", so auch zum

„Wahren

Sozialismus".

/1/

I

FEUERBACH

Wie deutsche Ideologen melden, hat Deutschland in den letzten i Jahren eine Umwälzung ohne Gleichen durchgemacht. Der Ver- wesungsprozeß des Hegeischen Systems, der mit Strauß begann, hat sich zu einer Weltgärung entwickelt, in welche alle „Mächte der Vergangenheit" hineingerissen sind. In dem allgemeinen Chaos haben sich gewaltige Reiche gebildet, um alsbald wieder unter-

10 zugehen, sind Heroen momentan aufgetaucht, um von kühneren

und mächtigeren Nebenbuhlern wieder in die Finsternis zurück- geschleudert zu werden. Es war eine Revolution, wogegen die französische ein Kinderspiel ist, ein Weltkampf, vor dem die Kämpf e der Diadochen kleinlich erscheinen. Die Prinzipien ver-

n drängten, die Gedankenhelden überstürzten einander mit uner- hörter Hast, und in den drei Jahren 1842—4 5 wurde in Deutsch- land mehr aufgeräumt als sonst in drei Jahrhunderten. Alles dies soll sich im reinen Gedanken zugetragen haben. Es handelt sich allerdings um ein interessantes Ereignis: um

20 den Verfaulungsprozeß des absoluten Geistes. Nach Erlöschen

des letzten Lebensfunkens traten die verschiedenen Bestandteile dieses Caput mortuum in Dekomposition, gingen neue Verbindun- gen ein und bildeten neue Substanzen. Die philosophischen In- dustriellen, die bisher von der Exploitation des absoluten Geistes

25 gelebt hatten, warfen sich jetzt auf die neuen Verbindungen. Jeder betrieb den Verschleiß des ihm zugefallenen /[la] / Anteils mit möglichster Emsigkeit. Es konnte dies nicht abgehen ohne Kon- kurrenz. Sie wurde anfangs ziemlich bürgerlich und solide ge- führt. Später, als der deutsche Markt überführt war und die

3o War e trotz aller Müh e auf dem Weltmarkt keinen Anklang fand, wurde das Geschäft nach gewöhnlicher deutscher Manier ver- dorben durch fabrikmäßige und Scheinproduktion, Verschlech-

8

Deutsche Ideologie.

Einleitung

terung der Qualität, Sophistication des Rohstoffs, Verfälschung der Etiketten, Scheinkäufe, Wechselreiterei und ein aller reellen Grundlage entbehrendes Creditsystem. Die Konkurrenz lief in einen erbitterten Kampf aus, der uns jetzt als welthistorischer Um- schwung, als Erzeuger der gewaltigsten Resultate und Errungen- s Schäften angepriesen und konstruiert wird. Um diese philosophische Marktschreierei, die selbst in der Brust des ehrsamen deutschen Bürgers ein wohltätiges National- gefühl erweckt, richtig zu würdigen, um die Kleinlichkeit, die lokale Borniertheit dieser ganzen junghegelschen Bewegung, um 10 namentlich den tragikomischen Kontrast zwischen den wirklichen Leistungen dieser Helden und den Illusionen über diese Leistun- gen anschaulich zu machen, ist es nötig sich den ganzen Spektakel einmal von einem Standpunkte anzusehen, der außerhalb Deutsch-

is

land liegt.

A.

DIE

IDEOLOGIE

121

ÜBERHAUPT, NAMENTLICH DIE

DEUTSCHE

Die deutsche Kritik hat bis auf ihre neuesten Efforts den Boden

der Philosophie nicht verlassen. Weit davon entfernt, ihre allge- mein-philosophischen Voraussetzungen zu untersuchen, sind ihre 20 sämtlichen Fragen sogar auf dem Boden eines bestimmten philo-

sophischen Systems, des Hegeischen, gewachsen.

Antworten, schon in den Fragen selbst lag eine Mystifikation. Diese Abhängigkeit von Hegel ist der Grund, waru m keiner dieser neueren Kritiker eine umfassende Kritik des Hegelschen Systems 2s auch nu r versuchte, so sehr Jeder von ihnen behauptet über Hegel hinaus zu sein. Ihre Polemik gegen Hegel und gegen einander be- schränkt sich darauf, da ß Jeder eine Seite des Hegelschen Systems herausnimmt und diese sowohl gegen das ganze System, wie gegen die von den Andern herausgenommenen Seiten wendet. Im An- so fange nahm ma n reine, unverfälschte Hegelsche Kategorien her- aus, wie Substanz und Selbstbewußtsein, später profanierte man diese Kategorien durch weltlichere Namen, wie Gattung, der Ein- zige, der Mensch etc. Die gesamte deutsche philosophische Kritik von Strauß bis 35 Stirner beschränkt sich auf Kritik der religiöse n Vorstellun- gen. /[2a]/ Ma n ging aus von der wirklichen Religion und eigent- lichen Theologie. Wa s religiöses Bewußtsein, religiöse Vorstellung

Nicht nu r in ihren

I. Feuerbach

9

sei, wurd e im weiteren Verlauf verschieden bestimmt. De r Fort- schritt bestand darin, die angeblich herrschenden metaphysischen, politischen, rechtlichen, moralischen und andern Vorstellungen auch unter die Sphäre der religiösen oder theologischen Vorstel- lungen zu subsumieren; ebenso das politische, rechtliche, mora- lische Bewußtsein für religiöses oder theologisches Bewußtsein, und den politischen, rechtlichen, moralischen Menschen, in letzter Instanz „d e η Menschen" , für religiös zu erklären. Die Herrschaft d e r Religion wurd e vorausgesetzt. Nach und nach wurd e jedes herrschende Verhältnis für ein Verhältnis de r Religion erklärt u n d in Kultus verwandelt, Kultus des Rechts, Kultus des Staats pp . Überall hatte ma n es nu r mit Dogmen und de m Glauben an Dogmen zu tun. Die Welt wurd e in immer größere r Ausdehnung kanonisiert, bis endlich der ehrwürdige Sankt Ma x sie en bloc heilig sprechen und damit ein für allemal abfertigen konnte. Die Althegelianer hatten Alles begriffen , sobald es auf eine Hegeische logische Kategorie zurückgeführt war. Die Jung- hegelianer kritisierte n Alles, indem sie ihm religiöse Vor- stellungen unterschoben oder es für theologisch erklärten. Die 20 Junghegelianer stimmen mit den Althegelianern überein in de m Glauben an die Herrschaft der Religion, der Begriffe, des Allge- meinen in der bestehenden Welt. Nu r bekämpfen die Einen die Herrschaft als Usurpation, welche die Andern als legitim feiern. /[2b]/ Da bei diesen Junghegelianern die Vorstellungen, Ge- danken, Begriffe, überhaupt die Produkte des von ihnen verselbst- ständigten Bewußtseins für die eigentlichen Fesseln der Menschen gelten, gerade wie sie bei den Althegelianern für die wahren Band e d e r menschlichen Gesellschaft erklärt werden, so versteht es sich, d a ß die Junghegelianer auch nu r gegen diese Illusionen des Be- wußtseins zu kämpfen haben. Da nach ihrer Phantasie die Ver- hältnisse der Menschen, ihr ganzes Tun und Treiben, ihre Fesseln und Schranken Produkte ihres Bewußtseins sind, so stellen di e Junghegelianer konsequenter Weise das moralische Postulat an sie, ihr gegenwärtiges Bewußtsein mit de m menschlichen, kriti- schen oder egoistischen Bewußtsein zu vertauschen und dadurch ihre Schranken zu beseitigen. Diese Forderung, da s Bewußtsein zu verändern, läuft auf die Forderung hinaus, da s Bestehende anders zu interpretieren, d.h . es vermittelst einer andren Inter- pretation anzuerkennen. Die junghegelschen Ideologen sind trotz ihrer angeblich „welterschütternden" Phrasen die größten Kon- servativen. Die jüngsten von ihnen haben den richtigen Ausdruck für ihre Tätigkeit gefunden, wenn sie behaupten, nu r gegen „Phrasen " zu kämpfen. Sie vergessen nur, da ß sie diesen Phrasen selbst nichts als Phrasen entgegensetzen, und da ß sie di e wirkliche bestehende Welt keineswegs bekämpfen, wenn sie nu r

10

Deutsche Ideologie.

Einleitung

die Phrasen dieser Welt bekämpfen. Die einzigen Resultate, wo- zu diese philosophische Kritik es bringen konnte, /[2c]/ waren einige und noch dazu einseitige, religionsgeschichtliche Aufklä- rungen über da s Christentum; ihre sämtlichen sonstigen Behaup- tungen sind nu r weitere Ausschmückungen ihres Anspruchs, mit s diesen unbedeutenden Aufklärungen welthistorische Entdeckungen geliefert zu haben. Keinem von diesen Philosophen ist es eingefallen, nach dem Zusammenhange der deutschen Philosophie mit de r deutschen Wirklichkeit, nach de m Zusammenhange ihrer Kritik mit ihrer 10 eignen materiellen Umgebung zu fragen.

/[l?b] / Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen, sind keine willkürlichen, keine Dogmen, es sind wirkliche Vorausset- zungen, von denen man nu r in der Einbildung abstrahieren kann. Es sind die wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiel- is len Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen wie die durch ihre eigne Aktion erzeugten, Diese Voraussetzungen sind also /[l?c] / auf rein empirischem Wege konstatierbar. Die erste Voraussetzung aller Menschengeschichte ist natürlich die Existenz lebendiger menschlicher Individuen. Der erste zu 20 konstatierende Tatbestand ist also die körperliche Organisation dieser Individuen und ihr dadurch gegebenes Verhältnis zur übri- gen Natur. Wi r können hier natürlich weder auf die physische Be- schaffenheit der Menschen selbst, noch auf die von den Menschen vorgefundenen Naturbedingungen, die geologischen, oro-hydro- 25 graphischen, klimatischen un d andern Verhältnisse eingehen. Alle Geschichtschreibung mu ß von diesen natürlichen Grundlagen und ihrer Modifikation im Lauf der Geschichte durch die Aktion der Menschen ausgehen. Ma n kann die Menschen durch das Bewußtsein, durch die Reli- so gion, durch was ma n sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen ihre Lebensmittel zu produzieren , ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. Indem die Men- schen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr w materielles Leben selbst. Die Weise, in der die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, hängt zunächst von der Beschaffenheit der vorgefundenen und zu reproduzierenden Lebensmittel selbst ab. /[2?]/ Diese Weise der Produktion ist nicht bloß nach der Seite hin zu betrachten, da ß sie 40

I. Feuerbach

11

die Reproduktion de r physischen Existenz der Individuen ist. Sie ist vielmehr schon eine bestimmte Art der Tätigkeit dieser Indivi- duen, eine bestimmte Art, ihr Leben zu äußern , eine bestimmte Lebensweis e derselben. Wie die Individuen ihr Leben äußern , 5 so sind sie. Wa s sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produk- tion, sowohl damit, w a s sie produzieren, als auch damit, w i e sie produzieren. Wa s die Individuen also sind, da s hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion. Diese Produktion tritt erst ein mit de r Vermehrun g de r

10 Βev ölkerung . Sie setzt selbst wieder einen Verkeh r der Individuen untereinander voraus. Die For m dieses Verkehrs ist wieder durch die Produktion bedingt.

/{3}/ Die Beziehungen verschiedener Nationen unter einander hängen davon ab , wie weit jede von ihnen ihre Produktivkräfte,

15 die Teilung der Arbeit, und den innern Verkeh r entwickelt hat.

Dieser Satz ist allgemein anerkannt. Aber nicht nu r die Beziehung

einer Nation zu anderen, sondern auch die ganze innere Gliederung dieser Nation selbst hängt von der Entwicklungsstufe ihrer Pro- duktion und ihres innern und äußer n Verkehrs ab. Wi e weit die

20 Produktionskräfte einer Nation entwickelt sind, zeigt am augen- scheinlichsten der Grad, bis zu dem die Teilung de r Arbeit ent-

wickelt ist. Jed e neue Produktivkraft, sofern sie nicht eine bloß quantitative Ausdehnung de r bisher schon bekannten Produktiv- kräfte ist (z.B . Urbarmachun g von Ländereien) , hat eine neu e

25 Ausbildung de r Teilung der Arbeit zur Folge.

Die Teilung de r Arbeit innerhalb einer Nation führt zunächst die Trennung de r industriellen und kommerziellen von der acker- bauenden Arbeit, und damit die Trennung von Stad t und Lan d und den Gegensatz der Interessen Beider herbei. Ihre weitere Ent- 30 wicklung führt zur Trennung der kommerziellen Arbeit von de r industriellen. Zu gleicher Zeit entwickeln sich durch die Teilung der Arbeit innerhalb dieser verschiednen Branchen wieder ver- schiedene Abteilungen unter den zu bestimmten Arbeiten zu- sammenwirkenden Individuen. Die Stellung dieser einzelnen Ab-

as teilungen gegen einander ist bedingt durch die Betriebsweise de r ackerbauenden, industriellen und kommerziellen Arbeit (Patri- archalismus, Sklaverei, Stände, Klassen) . Dieselben Verhältnisse zeigen sich bei entwickelterem Verkehr in /[3a]/ den Beziehungen verschiedner Nationen zu einander.

Μ Di e verschiedenen Entwicklungsstufen de r Teilun g de r Arbeit

sind eben soviel verschiedene Forme n des Eigentums ; d. h. di e

de r Arbeit bestimmt auch di e Ver­

hältnisse der Individuen zu einander in Beziehung auf da s Ma- terial, Instrument und Produk t de r Arbeit. *; Die erste For m des Eigentums ist das Stammeigentum. Es ent-

jedesmalige Stufe de r Teilun g

12

Deutsche Ideologie. Einleitung

spricht der unentwickelten Stufe der Produktion, auf der ein Volk von Jag d und Fischfang, von Viehzucht oder höchstens vom Acker- b a u sich nährt. Es setzt in diesem letzteren Fall e eine groß e Masse unbebauter Ländereien voraus. Die Teilung de r Arbeit ist auf dieser Stufe noch sehr wenig entwickelt, und beschränkt sich auf s eine weitere Ausdehnung der in der Familie gegebenen naturwüch- sigen Teilung der Arbeit. Die gesellschaftliche Gliederung be- schränkt sich daher auf eine Ausdehnung de r Familie : patriarcha- lische Stammhäupter, unter ihnen die Stammitglieder, endlich Sklaven. Die in der Familie latente Sklaverei entwickelt sich erst 10 allmählich mit der Vermehrung der Bevölkerung un d de r Bedürf- nisse und mit der Ausdehnung des äußer n Verkehrs, sowohl des Kriegs wie des Tauschhandels.

D ie zweite For m ist da s antike Gemeinde- und Staatseigentum, d a s namentlich aus de r Vereinigimg mehrerer Stämm e zu einer is Stad t durch Vertrag oder Eroberung hervorgeht un d bei de m die Sklaverei fortbestehen bleibt. Neben de m Gemeindeeigentum ent- wickelt sich schon da s mobile und später auch da s immobile Privat- eigentum, aber als eine abnorme, de m Gemeindeigentum unter- geordnete Form . Die Staatsbürger besitzen nu r in ihrer Gemein- 20 I [3b] / schaft die Macht über ihre arbeitenden Sklaven un d sind schon deshalb an die For m des Gemeindeeigentums gebunden. Es ist da s gemeinschaftliche Privateigentum der aktiven Staatsbürger, d i e den Sklaven gegenüber gezwungen sind in dieser naturwüchsi- gen Weise der Assoziation zu bleiben. Daher verfällt die ganze hier- 25 auf basierende Gliederung der Gesellschaft und mit ihr di e Macht des Volks in demselben Grade, in dem namentlich das immobile

Privateigentum sich entwickelt. Die Teilung

entwickelter. Wi r finden schon den Gegensatz von Stadt un d Land,

später den Gegensatz zwischen Staaten, die das städtische, und die 30 d a s Land-Interesse repräsentieren, und innerhalb der Städte selbst den Gegensatz zwischen Industrie und Seehandel. Da s Klassenver-

hältnis zwischen

/62/ Dieser ganzen Geschichtsauffassung scheint da s Faktu m d er Eroberun g zu widersprechen. Ma n hat bisher di e Gewalt, den 35 Krieg, Plünderung , Raubmord pp zur treibenden Kraft de r Ge- schichte gemacht. Wi r können uns hier nu r auf die Hauptpunkte beschränken un d nehmen daher nur das frappante Beispiel, die Zerstörung einer alten Zivilisation durch ein barbarisches Volk u n d die sich dara n anknüpfende, von vorn anfangende Bildung ω einer neuen Gliederung de r Gesellschaft. (Ro m un d Barbaren, Feudalität un d Gallien, oströmisches Reich und Türken. ) /63/ Bei de m erobernden Barbarenvolke ist der Krieg selbst noch, wie schon oben angedeutet, eine regelmäßige Verkehrsform, die um so eifriger exploitiert wird, je meh r der Zuwachs der Bevölkerung is

de r Arbeit ist schon

Bürgern und

Sklaven ist vollständig ausgebildet.

I. Feuerbach

13

bei der hergebrachten und für sie einzig möglichen rohen Pro- duktionsweise das Bedürfnis neuer Produktionsmittel schafft. In Italien dagegen war durch die Konzentration des Grundeigen- tums (verursacht auße r durch Aufkauf und Verschuldung auch noch durch Erbschaft, indem bei der großen Liederlichkeit un d den seltnen Heiraten die alten Geschlechter allmählich ausstarben, und ihr Besitz Wenigen zufiel) und Verwandlung desselben in Viehweiden (die außer durch die gewöhnlichen noch heute gülti- gen ökonomischen Ursachen, durch die Einfuhr geraubten und Tributgetreides und den hieraus folgenden Mangel an Konsumen- ten für italisches Korn verursacht wurde) , die freie Bevölke- rung fast verschwunden, die Sklaven selbst starben immer wieder aus und mußten stets durch neue ersetzt werden. Die Sklaverei blieb die Basis der gesamten Produktion. Die Plebejer, zwischen Freien und Sklaven stehend, brachten es nie über ein Lumpenpro- letariat hinaus. Überhaupt ka m Rom nie über die Stadt hinaus und stand mit den Provinzen in einem fast nur politischen Zusam- menhange, der natürlich auch wieder durch politische Ereignisse unterbrochen werden konnte. — /[3b]/ Mit der Entwicklung des Privateigentums treten hier zu- erst dieselben Verhältnisse ein, die wir beim modernen Privat- eigentum, nu r in ausgedehnterem Maßstabe, wiederfinden werden. Einerseits die Konzentration des Privateigentums, die in Ro m sehr früh anfing (Beweis das licinische Ackergesetz), seit den Bürger- kriegen und namentlich unter den Kaisern sehr rasch vor sich ging; andrerseits im Zusammenhange hiermit die Verwandlung der ple- bejischen kleinen Bauern in ein Proletariat, das aber bei seiner halben Stellung zwischen besitzenden Bürgern und Sklaven zu keiner selbstständigen Entwicklung kam. Die dritte Form ist das feudale oder ständische Eigentum. Wen n das Altertum von der Stad t und ihrem kleinen Gebiet ausging, so ging das Mittelalter vom Land e aus. Die vorgefundene dünne, über eine große Bodenfläche zersplitterte Bevölkerung, die durch die Eroberer keinen großen Zuwachs erhielt, bedingte diesen ver- änderten Ausgangspunkt. Im Ge-/[3c]/gensatz zu Griechenland und Ro m beginnt die feudale Entwicklung daher auf einem viel ausgedehnteren, durch die römischen Eroberungen und die an- fangs damit verknüpfte Ausbreitung der Agrikultur vorbereiteten Terrain. Die letzten Jahrhunderte des verfallenden römischen Reichs und die Eroberung durch die Barbaren selbst zerstörten eine Masse von Produktivkräften; der Ackerbau wa r gesunken, die Industrie aus Mangel an Absatz verfallen, der Handel einge- schlafen oder gewaltsam unterbrochen, die ländliche und städ- tische Bevölkerung hatte abgenommen. Diese vorgefundenen Ver- hältnisse und die dadurch bedingte Weise der Organisation der

14

Deutsche Ideologie.

Einleitung

Eroberung entwickelten unter dem Einflüsse der germanischen Heerverfassung da s feudale Eigentum. Es beruht, wie das Stamm- und Gemeinde-Eigentum, wieder auf einem Gemeinwesen, dem aber nicht wie dem antiken, die Sklaven, sondern die leib- eignen kleinen Bauern als unmittelbar produzierende Klasse gegenüberstehen. Zugleich mit der vollständigen Ausbildung des Feudalismus tritt noch der Gegensatz gegen die Städte hinzu. Die hierarchische Gliederung des Grundbesitzes und die damit zusam- menhängenden bewaffneten Gefolgschaften gaben dem Adel die Macht über die Leibeignen. Diese feudale Gliederung wa r eben- sogut wie das antike Gemeindeeigentum eine Assoziation gegen- über der beherrschten produzierenden Klasse; nu r wa r die Form der Assoziation und das Verhältnis zu den unmittelbaren Produ- zenten verschieden, weil verschiedene Produktionsbedingungen vorlagen. Dieser feudalen Gliederung des Grundbesitzes entsprach in den Städte n das korporative Eigentum, die feudale Organisation des Handwerks. Das Eigentum bestand /4/ hier hauptsächlich in der Arbeit jedes Einzelnen. Die Notwendigkeit der Assoziation gegen den assoziierten Raubadel, das Bedürfnis gemeinsamer Markthallen in einer Zeit, wo der Industrielle zugleich Kaufmann war, die wachsende Konkurrenz der den aufblühenden Städten zu- strömenden entlaufnen Leibeignen, die feudale Gliederung des ganzen Landes führten die Zünft e herbei; die allmählich er- sparten kleinen Kapitalien einzelner Handwerker und ihre stabile Zahl bei der wachsenden Bevölkerung entwickelten das Gesellen- und Lehrlingsverhältnis, das in den Städten eine ähnliche Hier- archie zu Stande brachte wie die auf dem Lande. Das Haupteigentum bestand während der Feudalepoche also in Grundeigentum mit daran geketteter Leibeignenarbeit einerseits, und eigner Arbeit mit kleinem, die Arbeit von Gesellen beherr- schendem Kapital andrerseits. Die Gliederung von Beiden war durch die bornierten Produktionsverhältnisse — die geringe und rohe Bodenkultur und die handwerksmäßige Industrie — bedingt. Teilung der Arbeit fand in der Blüte des Feudalismus wenig Statt. Jedes Land hatte den Gegensatz von Stadt und Land in sich; die Ständegliederung war allerdings sehr scharf ausgeprägt, aber auße r der Scheidung von Fürsten, Adel, Geistlichkeit und Bauern auf dem Lande, und Meistern, Gesellen, Lehrlingen, und bald auch Taglöhnerpöbel in den Städten fand keine bedeutende Teilung statt. Im Ackerbau war sie durch die parzellierte Bebauung er- schwert, neben der die Hausindustrie der Bauern selbst aufkam, in der Industrie war die Arbeit in den einzelnen Handwerken selbst gar nicht, unter ihnen sehr wenig geteilt. Die Teilung von Industrie und Handel wurde in älteren Städten vorgefunden, ent-

I. Feuerbach

15

wickelte sich in den neueren erst später, als die Städte unter sich in Beziehung /[4a]/ traten. Die Zusammenfassung größerer Länder zu feudalen König- reichen war für den Grundadel wie für die Städte ein Bedürfnis. « Die Organisation der herrschenden Klasse, des Adels, hatte dahe r überall einen Monarchen an der Spitze. / {5}/ Die Tatsache ist also die : bestimmte Individuen, di e auf bestimmte Weise produktiv tätig sind, gehen diese bestimmten ge- sellschaftlichen un d politischen Verhältnisse ein. Di e empirische ίο Beobachtung mu ß in jedem einzelnen Fall den Zusammenhan g de r gesellschaftlichen un d politischen Gliederung mit der Produktion empirisch und ohne alle Mystifikation und Spekulation aufweisen. Die gesellschaftliche Gliederung und de r Staat gehen beständig au s dem Lebensprozeß bestimmter Individuen hervor ; abe r dieser In-

is dividuen, nicht wie sie in de r eignen oder fremden Vorstellung er- scheinen mögen, sondern wie sie wirklic h sind, d. h. wie sie wirken, materiell produzieren, also wie sie unter bestimmten ma- teriellen und von ihrer Willkü r unabhängigen Schranken, Voraus- setzungen un d Bedingungen tätig sind.

20 /[5a]/ Die Produktion de r Ideen, Vorstellungen, des Bewußt- seins ist zunächst unmittelbar verflochten in die materielle Tätig- keit und den materiellen Verkehr der Menschen, Sprache des wirk- lichen Lebens. Da s Vorstellen, Denken, de r geistige Verkehr de r Menschen erscheinen hier noch als direkter Ausfluß ihres materiel-

2s len Verhaltens. Von der geistigen Produktion, wie sie in derSprach e der Politik, der Gesetze, der Moral, der Religion, Metaphysik usw. eines Volkes sich darstellt, gilt dasselbe. Die Menschen sind die Produzenten ihrer Vorstellungen, Ideen pp , abe r die wirklichen, wirkenden Menschen, wie sie bedingt sind durch eine bestimmte

30 Entwicklung ihrer Produktivkräfte und des denselben entsprechen- den Verkehrs bis zu seinen weitesten Formationen hinauf. Da s Be- wußtsein kann nie etwas Andres sein als das bewußte Sein, un d da s Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozeß. Wen n in de r ganzen Ideologie die Menschen und ihre Verhältnisse, wie in einer 35 Camera obscura, auf den Kopf gestellt erscheinen, so geht dies Phänomen ebensosehr aus ihrem historischen Lebensprozeß her- vor, wie die Umdrehun g der Gegenstände auf de r Netzhaut au s ihrem unmittelbar physischen. /[5b]/ Ganz im Gegensatz zur deutschen Philosophie, welche

M vom Himmel auf die Erd e herabsteigt, wird hie r von de r Erd e zu m Himme l gestiegen. D. h. es wird nicht ausgegangen von dem, was die Menschen sagen, sich einbilden, sich vorstellen, auch nicht von den gesagten, gedachten, eingebildeten, vorgestellten Menschen, um davon aus bei den leibhaftigen Menschen anzukommen; es

45 wird von den wirklich tätigen Menschen ausgegangen und au s

16

Deutsche Ideologie.

Einleitung

ihrem wirklichen Lebensprozeß auch die Entwicklung der ideolo- gischen Reflexe und Echos dieses Lebensprozesses dargestellt. Auch die Nebelbildungen im Gehirn der Menschen sind notwen- dige Sublimate ihres materiellen, empirisch konstatierbaren, un d an materielle Voraussetzungen geknüpften Lebensprozesses. Die s Moral, Religion, Metaphysik und sonstige Ideologie und die ihnen entsprechenden Bewußtseinsformen behalten hiermit nicht länger d e n Schein der Selbstständigkeit. Sie haben keine Geschichte, sie habe n keine Entwicklung, sondern die ihre materielle Produktion u n d ihren materiellen Verkehr entwickelnden Menschen ändern 10 mit dieser ihrer Wirklichkeit auch ihr Denken und die Produkt e ihres Denkens. Nicht da s Bewußtsein bestimmt das Leben, son- dern das Leben bestimmt das Bewußtsein. In de r ersten Betrach- tungsweise geht man von dem Bewußtsein als de m lebendigen In- dividuum aus, in der zweiten, dem wirklichen Leben entsprechen- is den, von den wirklichen lebendigen Individuen selbst und betrach- tet das Bewußtsein nu r als ih r Bewußtsein. Diese Betrachtungsweise ist nicht voraussetzungslos. Sie geht von den wirklichen Voraussetzungen aus, sie verläßt sie keinen Augenblick. Ihre Voraussetzungen sind die Menschen nicht in 20 irgend einer phantastischen Abgeschlossenheit und Fixierung, son- dern in ihrem wirklichen /[5c]/ empirisch anschaulichen Entwick- lungsprozeß unter bestimmten Bedingungen. Sobald dieser tätige Lebensprozeß dargestellt wird, hört die Geschichte auf, eine Sammlun g toter Fakta zu sein, wie bei den selbst noch abstrakten 25 Empirikern, oder eine eingebildete Aktion eingebildeter Subjekte, wie bei den Idealisten. Da, wo die Spekulation aufhört, beim wirklichen Leben, be- ginnt also die wirkliche, positive Wissenschaft, die Darstellung der praktischen Betätigung, des praktischen Entwicklungspro- 30 zesses der Menschen. Die Phrasen vom Bewußtsein hören auf, wirkliches Wissen mu ß an ihre Stelle treten. Die selbstständige Philosophie verliert mit der Darstellung der Wirklichkeit ihr Existenzmedium. An ihre Stelle kann höchstens eine Zusammen- fassung der allgemeinsten Resultate treten, die sich au s der Be- 35 trachtung der historischen Entwicklung der Menschen abstra- hieren lassen. Diese Abstraktionen haben für sich, getrennt von der wirklichen Geschichte, durchaus keinen Wert. Sie können nu r dazu dienen, die Ordnung des geschichtlichen Materials zu erleich- tern, die Reihenfolge seiner einzelnen Schichten anzudeuten. Sie ω geben aber keineswegs, wie die Philosophie, ein Rezept ode r Schema, wonach die geschichtlichen Epochen zurechtgestutzt wer­ d e n können. Die Schwierigkeit beginnt im Gegenteil erst da,-wo m a n sich an die Betrachtung und Ordnung des Materials, sei es einer vergangnen Epoche oder der Gegenwart, an die wirkliehe α

I. Feuerbach

17

Darstellung gibt. Die Beseitigung dieser Schwierigkeiten ist durch Voraussetzungen bedingt, die keineswegs hier gegeben werden können, sondern die erst aus dem Studium des wirklichen Lebens- prozesses und der Aktion der Individuen jeder Epoche sich er- 5 geben. Wi r nehmen hier einige dieser Abstraktionen heraus, die wir gegenüber der Ideologie gebrauchen, und werden sie an histo- rischen Beispielen erläutern.

[1.]

Geschicht e

/11/ Wir müssen bei den voraussetzungslosen Deutschen da- io mit anfangen, da ß wir die erste Voraussetzung aller menschlichen Existenz, also auch aller Geschichte konstatieren, nämlich die Voraussetzung, da ß die Menschen im Stande sein müssen zu leben, um „Geschichte machen" zu können. Zu m Leben aber gehört vor Allem Essen und Trinken, Wohnung, Kleidung und noch einiges is Andere. Die erste geschichtliche Tat ist also die Erzeugung der

Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse, die Produktion des materiellen Lebens selbst, und zwar ist dies eine geschichtliche Tat, eine Grundbedingung aller Geschichte, die noch heute, wie vor Jahrtausenden, täglich und stündlich erfüllt werden muß , um

20 die Menschen nur am Leben zu erhalten. Selbst wenn die Sinnlich- keit, wie beim heiligen Bruno, auf einen Stock, auf das Minimum reduziert ist, setzt sie die Tätigkeit der Produktion dieses Stockes voraus. Das Erste also bei aller geschichtlichen Auffassung ist, da ß man diese Grundtatsache in ihrer ganzen Bedeutung und ihrer

25 ganzen Ausdehnung beobachtet und zu ihrem Rechte kommen läßt.

Dies haben die Deutschen bekanntlich nie getan, daher nie eine irdisch e Basis für die Geschichte und folglich nie einen Histo- riker gehabt. Die Franzosen und Engländer, wenn sie auch den Zusammenhang dieser Tatsache mit der sogenannten Geschichte •io nu r höchst einseiti g auffaßten , namentlic h solang e sie in de r poli- tischen Ideologie befangen waren, so haben sie doch immerhin die ersten Versuche gemacht, der Geschichtschreibung eine materia- listische Basis zu geben, indem sie zuerst Geschichten der bürger-

9 Auf der Höhe des hier beginnenden nicht durchgestrichenen Textes machte

Marx in der rechten Spalte die Angabe:

Geschichte .

13—15 Auf der Höhe dieses Satzes notierte Marx in der rechten Spalte:

Hegel. Geologische, hydrographische etc. Verhältnisse. Die menschlichen Leiber. Bedürfnis, Arbeit. Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 5

2

18

Deutsche Ideologie.

Einleitung

liehen Gesellschaft, des Handels und der Industrie schrieben. — D a s Zweite ist, /12/ da ß das befriedigte erste Bedürfnis selbst, die Aktion der Befriedigung und das schon erworbene Instrument der Befriedigung zu neuen Bedürfnissen führt — und diese Er- zeugung neuer Bedürfnisse ist die erste geschichtliche Tat. Hiera n s zeigt sich sogleich, wes Geistes Kind die groß e historische Weis- heit der Deutschen ist, die da, wo ihnen das positive Material aus- geht, und wo weder theologischer, noch politischer, noch literari- scher Unsinn verhandelt wird, gar keine Geschichte, sondern die „vorgeschichtliche Zeit" sich ereignen lassen, ohne uns indes dar- 10 über aufzuklären, wie ma n aus diesem Unsinn der „Vorge- schichte" in die eigentliche Geschichte komm t — obwohl auf der andern Seite ihre historische Spekulation sich ganz besonders auf diese „Vorgeschichte" wirft, weil sie da sicher zu sein glaubt vor den Eingriffen des „rohen Faktums " und zugleich weil sie hier is ihrem spekulierenden Triebe alle Zügel schießen lassen und Hy- pothesen zu Tausenden erzeugen und umstoßen kann. — Das dritte Verhältnis, was hier gleich von vorn herein in die geschicht- liche Entwicklung eintritt, ist das, da ß die Menschen, die ihr eignes Leben täglich neu machen, anfangen, andr e Menschen zu 20 machen, sich fortzupflanzen — das Verhältnis zwischen Man n un d Weib, Eltern und Kindern, die Familie . Diese Familie, die i m Anfange das einzige soziale Verhältnis ist, wird späterhin, wo die vermehrten Bedürfnisse neue gesellschaftliche Verhältnisse, und die vermehrte Menschenzahl neue Bedürfnisse erzeugen, zu einem 2s untergeordneten (ausgenommen in Deutschland), un d mu ß als- dan n nach den existierenden empirischen Daten, nicht nach de m „Begriff der Familie" , wie man in Deutschland zu tun pflegt, be- handelt und entwickelt werden. P ] Übrigens sind diese drei Seiten

[*)] /53/ Häuserbau. Bei den Wilden versteht es sich von selbst, daß so jede Familie ihre eigne Höhle oder Hütte hat, wie bei den Nomaden das se- parate Zelt jeder Familie. Diese getrennte Hauswirtschaft wird durch die weitere Entwicklung des Privateigentums nur noch nötiger gemacht. Bei den Agrikulturvölkern ist die gemeinsame Hauswirtschaft ebenso unmög- lich wie die gemeinsame Bodenkultur. Ein großer Fortschritt war die Er- 30 bauung von Städten. In allen bisherigen Perioden war indes die Auf- hebung der getrennten Wirtschaft, die von der Aufhebung des Privateigen- tums nicht zu trennen ist, schon deswegen unmöglich, weil die materiellen Bedingungen dazu nicht vorhanden waren. Die Einrichtung einer gemein- samen Hauswirtschaft setzt die Entwicklung der Maschinerie, der Be- io nutzung der Naturkräfte, und vieler andern Produktivkräfte voraus — z.B. der Wasserleitungen, der /54/ Gasbeleuchtung, der Dampfheizung etc., Aufhebung von Stadt und Land. Ohne diese Bedingungen würde die ge- meinsame Wirtschaft nicht selbst wieder eine neue Produktionskraft sein, aller materiellen Basis entbehren, auf einer bloß theoretischen Grundlage α beruhen, d. h. eine bloße Marotte sein und es nur zur Klosterwirtschaft

I. Feuerbach

19

der sozialen Tätigkeit nicht als drei verschiedne Stufen zu fassen, sondern eben nu r als drei Seiten, oder um für die Deutschen klar zu schreiben, drei „Momente", die vom Anbeginn der Geschichte an und seit den ersten Menschen zugleich existiert haben und sich s noch heute in der Geschichte geltend machen. — Die Produktion des Lebens, sowohl des eignen in der Arbeit wie des fremden in der Zeugung, erscheint nun schon sogleich als ein doppeltes /13/ Ver- hältnis — einerseits als natürliches, andrerseits als gesellschaft- liches Verhältnis — gesellschaftlich in dem Sinne, als hierunter

10 das Zusammenwirken mehrerer Individuen, gleichviel unter wel-

chen Bedingungen, auf welche Weise und zu welchem Zweck ver- standen wird. Hieraus geht hervor, da ß eine bestimmte Produk- tionsweise oder industrielle Stufe stets mit einer bestimmten Weise des Zusammenwirkens oder gesellschaftlichen Stufe vereinigt ist, is und diese Weise des Zusammenwirkens ist selbst eine „Produktiv- kraft", da ß die Menge der den Menschen zugänglichen Produktiv- kräfte den gesellschaftlichen Zustand bedingt und also die „Ge- schichte der Menschheit" stets im Zusammenhange mit der Ge- schichte der Industrie und des Austausches studiert und bearbeitet

20 werden muß . Es ist aber auch klar, wie es in Deutschland unmög- lich ist, solche Geschichte zu schreiben, da den Deutschen dazu nicht nur die Auffassungsfähigkeit und das Material, sondern auch die „sinnliche Gewißheit" abgeht, un d man jenseits des Rheins über diese Dinge keine Erfahrungen machen kann, weil

2ä dort keine Geschichte mehr vorgeht. Es zeigt sich also schon von vorn herein ein materialistischer Zusammenhang der Menschen unter einander, der durch die Bedürfnisse und die Weise der Pro- duktion bedingt und so alt ist wie die Menschen selbst — ein Zu- sammenhang, der stets neue Formen annimmt und also eine „Ge-

30 schichte" darbietet, auch ohne da ß irgend ein politischer oder

religiöser Nonsens existiert, der die Menschen noch extra zu- sammenhalte. — Jetzt erst, nachdem wir bereits vier Momente, vier Seiten der ursprünglichen, geschichtlichen Verhältnisse betrachtet haben, finden wir, da ß der Mensch auch „Bewußtsein" hat. Aber

35 auch dies nicht von vornherein, als „reines" Bewußtsein. Der „Geist" hat von vornherein /14/ den Fluch an sich, mit der Materie

bringen. — Was möglich war, zeigt sich in der Zusammenriickung zu Städten und in der Erbauung gemeinsamer Häuser zu einzelnen bestimmten Zwecken (Gefängnisse, Kasernen pp) . Daß die Aufhebung der getrennten *o Wirtschaft von der Aufhebung der Familie nicht zu trennen ist, versteht sich von selbst.

34 Auf dieser Höhe schrieb Marx in die rechte Spalte: Die Menschen haben Ge- schichte, weil sie ihr Leben produziere n müssen, und zwar müssen auf bestimmt e Weise: dies müssen durch ihre physische Organisation ge- geben; ebenso wie ihr Bewußtsein.

2*

20

Deutsche Ideologie.

Einleitung

„behaftet" zu sein, die hier in der Form von bewegten Luftschich- ten, Tönen, kurz der Sprache auftritt. Die Sprache ist so alt wie das Bewußtsein — die Sprache is t das praktische, auch für andre Menschen existierende, also auch für mich selbst erst existierende wirkliche Bewußtsein, und die Sprache entsteht, wie das Bewußt- s sein, erst aus dem Bedürfnis, der Notdurft des Verkehrs mit andern Menschen. Wo ein Verhältnis existiert, da existiert es für mich, das Tier „verhält " sich zu Nichts und überhaupt nicht. Fü r das Tier existiert sein Verhältnis zu andern nicht als Verhältnis. Das Bewußtsein ist also von vorn herein schon ein u gesellschaftliches Produkt, und bleibt es, solange überhaupt Men- schen existieren. Das Bewußtsein ist natürlich zuerst bloß Be- wußtsein über die nächst e sinnliche Umgebung und Bewußt- sein des bornierten Zusammenhanges mit andern Personen und Dingen auße r dem sich bewußt werdenden Individuum; es ist zu 10 gleicher Zeit Bewußtsein der Natur, die den Menschen anfangs als eine durchaus fremde, allmächtige und unangreifbare Macht gegenübertritt, zu der sich die Menschen rein tierisch verhalten, von der sie sich imponieren lassen wie das Vieh; und also ein rein tierisches Bewußtsein der Natur (Naturreligion). — Ma n sieht 2e hier sogleich. Diese Naturreligion oder dies bestimmte Verhalten zur Natur ist bedingt durch die Gesellschaftsform und umge- kehrt. Hier wie überall tritt die Identität von Natur und Mensch auch so hervor, da ß das bornierte Verhalten der Menschen zur Natur ihr borniertes Verhalten zu einander, und ihr borniertes ss Verhalten zu einander ihr borniertes Verhältnis zur Natur be- dingt, eben weil die Natur noch kaum geschichtlich modifiziert ist, und andrerseits Bewußtsein der Notwendigkeit, mit den umgeben- den Individuen in Verbindung zu treten, der Anfang des Bewußt- seins darüber, da ß er überhaupt in einer Gesellschaft lebt. Dieser so Anfang ist so tierisch wie das gesellschaftliche Leben dieser Stufe selbst, er ist bloßes Herdenbewußtsein, und der Mensch unter- scheidet sich hier vom Hammel nur dadurch, da ß sein Bewußtsein ihm die Stelle des Instinkts vertritt, oder da ß sein Instinkt ein be- wußter ist. Dieses Hammel- oder Stammbewußtsein erhält seine 35 weitere Entwicklung und Ausbildung durch die gesteigerte Pro- duktivität, die Vermehrung der Bedürfnisse und die Beiden zum Grunde liegende /15/ Vermehrung der Bevölkerung. Damit ent- wickelt sich die Teilung der Arbeit, die ursprünglich nichts war als die .Teilung der Arbeit im Geschlechtsakt, dann Teilung der 40

39 Auf dieser Höhe notierte Marx in der rechten Spalte, ohne die Notù mit einem Einfügungszeichen zu versehen, weil er alles wieder durchstrich:

Die Menschen entwickeln ihr (solch) Das Bewußtsein (entwickelt) sich innerhalb der wirklichen geschicht- lichen Entwicklung. Durch die Teilung der Arbeit trittt]

TAFEL I:

Aus dem Manuskript

"I.

Feuerbach" ;

s.S. 20—21

I. Feuerbach

21

Arbeit, die sich vermöge der natürlichen Anlage (z . B . Körper- kraft) , Bedürfnisse, Zufälle, etc. etc. von selbst oder „naturwüch- sig " macht. Die Teilung der Arbeit wird erst wirklich Teilung von d e m Augenblicke an, wo eine Teilung der materiellen und geisti- s gen Arbeit eintritt. Von diesem Augenblicke an kan n sich das Bewußtsein wirklich einbilden, etwas Andres als da s Bewußtsein der bestehenden Praxi s zu sein, wirklic h etwas vorzustellen, ohne etwas Wirkliches vorzustellen — von diesem Augenblicke an ist das Bewußtsein im Stande, sich von der Welt zu emanzipieren

10 und zur Bildung der „reinen " Theorie, Theologie, Philosophie, Moral etc. überzugehen. Abe r selbst wenn diese Theorie, Theolo- gie, Philosophie, Mora l etc. in Widerspruch mit den bestehenden Verhältnissen treten, so kann dies nu r dadurc h geschehen, da ß die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse mit der bestehenden

is Produktionskraft in Widerspruch getreten sind — was übrigens in

einem bestimmten nationalen Kreise von Verhältnissen auch da- durch geschehen kann, da ß der Widerspruch nicht in diesem na- tionalen Umkreis, sondern zwischen diesem nationalen Bewußt- sein und der Praxis der anderen Nationen, d. h. zwischen dem na-

20 lionalenun d allgemeinen Bewußtsein einer Nation sich einstellt.— /16/ Übrigens ist es ganz einerlei, was da s Bewußtsein alleene an- fängt, wir erhalten aus diesem ganzen Dreck nu r das eine Resultat, d a ß diese drei Momente, die Produktionskraft, der gesellschaft- liche Zustand, un d das Bewußtsein in Widerspruc h unter einander

2 5 geraten können und müssen,

weil mit de r Teilun g de r Ar -

bei t die Möglichkeit, ja die Wirklichkeit gegeben ist, da ß die

geistige und materielle Tätigkeit — da ß der Genuß und die Ar- beit, Produktion un d Konsumtion, verschiedenen Individuen zu-

fallen, und die Möglichkeit, da ß sie nicht in Widerspruc h geraten,

liegt, da ß die Teilung der Arbeit wieder aufgehoben

30 nu r darin

wird. Es versteht sich übrigens von selbst, da ß die „Gespenster", „Bande" , „höheres Wesen", „Begriff", „Bedenklichkeit" blo ß der idealistische geistliche Ausdruck, die Vorstellung scheinbar des vereinzelten Individuums sind, die Vorstellung von sehr empi- 3s rischen Fesseln un d Schranken, innerhalb deren sich die Produk- tionsweise des Lebens und die damit zusammenhängende Ver- kehrsform bewegt.

5 Auf dieser Höhe schrieb Marx in die rechte Spalte, ohne Einfügungszeichen:

Erste Form

der Ideologen!!,]

PfaffenE, ]

fällt zusammen.

19 Auf der Höhe dieses Satzes schrieb Marx in die rechte Spalte:

Religio n setzte dann hinzu:

mit der Ideologi e als solcher. trennte dann Religion durch Einrahmung von dem Folgenden und fügte ein:

Die Deutschen so daß die Notiz nun lautet:

I R e 1 i g i ο η I Die Deutschen mit der Ideologi e als solcher.

22

Deutsche Ideologie.

Einleitung

Mit der Teilung der Arbeit, in welcher alle diese Widersprüche gegeben sind, und welche ihrerseits wieder auf der naturwüchsigen Teilung der Arbeit in der Familie und der Trennung de r Gesell- schaft in einzelne, einander entgegengesetzte Familien beruht — ist zu gleicher Zeit auch die Verteilung , und zwar die un - s gleich e sowohl quantitative wie qualitative Verteilung der Ar- beit und ihrer Produkte gegeben, also das Eigentum, das in /17/ der Familie, wo die Fra u und die Kinder die Sklaven des Mannes sind, schon seinen Keim, seine erste For m hat. Die freilich noch sehr rohe, latente Sklaverei in der Familie ist das erste Eigentum, 10 das übrigens hier schon vollkommen der Definition der modernen Ökonomen entspricht, nach der es die Verfügung über fremde Ai- beitskraft ist. Übrigens sind Teilung der Arbeit und Privateigen- t u m identische Ausdrücke — in dem Einen wird in Beziehung auf die Tätigkeit dasselbe ausgesagt, was in dem Ander n in Bezug auf κ d a s Produk t de r Tätigkeit ausgesagt wird. — Ferne r ist mit der Teilung de r Arbeit zugleich der Widerspruch zwischen de m Inter- esse des einzelnen Individuums oder der einzelnen Familie und dem gemeinschaftlichen Interesse aller Individuen, die mit einander verkehren, gegeben ; und zwar existiert dies gemeinschaftliche Inter- so esse nicht etwa bloß in der Vorstellung, als „Allgemeines", sondern zuerst in der Wirklichkeit als gegenseitige Abhängigkeit de r Indi- viduen, unter denen die Arbeit geteilt ist. Un d endlich bietet uns die Teilung der Arbeit gleich das erste Beispiel davon dar, da ß solange die Menschen sich in der naturwüchsigen Gesellschaft 25 befinden, solange also die Spaltung zwischen dem besondern und gemeinsamen Interesse existiert, solange die Tätigkeit also nicht freiwillig, sondern naturwüchsig geteilt ist, die eigne Ta t des Men- schen ihm zu einer fremden, gegenüberstehenden Macht wird, die ihn unterjocht, statt da ß er sie beherrscht. Sowie nämlich die Ar- so beit verteilt zu werden anfängt, hat jeder einen bestimmten aus- schließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus d e m er nicht herau s kann ; er ist Jäger, Fischer oder Hir t oder kri- tischer Kritiker, un d mu ß es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will — während in der kommunistischen Gesell- 35 Schaft, wo Jede r nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt un d mi r eben da- durch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach 40 d e m Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe ; ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden. /18/ Dieses Sichfestsetzen d er sozialen Tätigkeit, diese Konsolidation unsres eignen Produkts zu einer sachlichen Gewalt über uns, die unsrer Kontrolle ent- wächst, unsre Erwartungen durchkreuzt, unsre Berechnungen zu ts

TAFEL II :

Aus

dem

Manuskript

„/ . Feuerbach" ;

s.S. 22—25

I. Feuerbach

23

Nichte macht, ist eines der Hauptmomente in der bisherigen ge- schichtlichen Entwicklung, und /17/ eben aus diesem Wider- spruch des besondern und gemeinschaftlichen Interesses nimmt das gemeinschaftliche Interesse als Staa t eine selbstständige 5 Gestaltung, getrennt von den wirklichen Einzel- und Gesamtinter- essen, an, und zugleich als illusorische Gemeinschaftlichkeit, aber stets auf der realen Basis der in jedem Familien- und Stamm-Kon- glomerat vorhandenen Bänder; wie Fleisch und Blut, Sprache, Teilung der Arbeit im größeren Maßstabe und sonstigen Inter- ne essen — und besonders, wie wir später entwickeln werden, der durch die Teilung der Arbeit bereits bedingten Klassen, die in jedem derartigen Menschenhaufen sich absondern und von denen eine alle andern beherrscht. Hieraus folgt, da ß alle Kämpfe in- nerhalb des Staats, der Kampf zwischen Demokratie, Aristokratie is und Monarchie, der Kampf um das Wahlrecht etc. etc., nichts als die illusorischen Formen sind, in denen die wirklichen Kämpfe der verschiednen Klassen unter einander geführt werden, (wovon die deutschen Theoretiker nicht eine Silbe ahnen, trotzdem da ß man ihnen in den deutsch-französischen Jahrbüchern und der

20

heiligen Familie dazu Anleitung genug gegeben hatte) und ferner d a ß jede nach der Herrschaft strebende Klasse, wenn ihre Herr- schaft auch, wie dies beim Proletariat der Fall ist, die Aufhebung der ganzen alten Gesellschaftsform und der Herrschaft überhaupt bedingt, sich zuerst die politische Macht erobern muß , um ihr In-

25

teresse wieder als das Allgemeine, wozu sie im ersten Augenblick gezwungen ist, darzustellen. Eben weil die Individuen nu r ihr besondres — für sie nicht mit ihrem gemeinschaftlichen Interesse zusammenfallendes suchen, überhaupt das Allgemeine illuso- rische For m der Gemeinschaftlichkeit — wird dies als ein ihnen

30

„fremdes" und von ihnen /18/ „unabhängiges", als ein selbst wie- der besonderes und eigentümliches „Allgemein"-Interesse geltend gemacht, oder sie selbst müssen sich in diesem Zwiespalt begeg- nen, wie in der Demokratie. Andrerseits macht denn auch der praktisch e Kamp f dieser, beständig wirklic h den gemein-

35

schaftlichen und illusorischen gemeinschaftlichen Interessen ent- gegentretenden Sonderinteressen, die praktisch e Dazwischen- kunft und Zügelung durch das illusorische „Ailgemein"-Interesse als Staat nötig. Die soziale Macht, d. h. die vervielfachte Produk- tionskraft, die durch das in der Teilung der Arbeit bedingte Zu-

40

sammenwirken der verschiedenen Individuen entsteht, erscheint

diesen Individuen, weil das Zusammenwirken selbst nicht freiwil- lig, sondern naturwüchsig ist, nicht als ihre eigne, vereinte Macht, sondern als eine fremde, auße r ihnen stehende Gewalt, von der sie nicht wissen woher und wohin, die sie also nicht mehr beherrschen « können, die im Gegenteil nun eine eigentümliche, vom Wollen

24

Deutsche Ideologie.

Einleitung

und Laufen der Menschen unabhängige, ja dies Wollen und Lau- fen erst dirigierende Reihenfolge von Phasen und Entwicklungs- stufen durchläuft. Diese „Entfremdung" , um den Philoso- phen verständlich zu bleiben, kann natürlich nur unter zwei praktische n Voraussetzungen aufgehoben werden. Damit sie eine „unerträgliche" Macht werde, d. h. eine Macht, gegen die man revolutioniert, dazu gehört, da ß sie die Masse der Mensch- heit als durchaus „Eigentumslos" erzeugt hat und zugleich im Widerspruch zu einer vorhandnen Welt des Reichtums und der Bildung, was beides eine große Steigerung der Produktivkraft — einen hohen Grad ihrer Entwicklung voraussetzt, — und andrer- seits, ist diese Entwicklung der Produktivkräfte (womit zugleich schon die in weltgeschichtlichem , statt der in lokalem Dasein der Menschen vorhandne empirische Existenz gegeben ist) auch deswegen eine absolut notwendige praktische Voraussetzung, weil ohne sie nur der Mange l verallgemeinert, also mit der Notdurf t auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich herstellen müßte, weil ferner nu r mit dieser universellen Entwicklung der Produktivkräfte ein universelle r Verkehr der Menschen gesetzt ist, daher einer- seits das Phänomen der „Eigentumslosen" Masse in Allen Völ- kern gleichzeitig erzeugt (allgemeine Konkurrenz), jedes dersel- ben von den Umwälzungen der andern abhängig macht, und end- lich weltgeschichtliche , empirisch universelle Individuen an die Stelle der lokalen gesetzt hat. Ohne dies könnte 1) der Kommunismus nur als eine Lokalität existieren, 2) die Mächt e des Verkehrs selbst hätten sich als universelle , dru m uner- trägliche Mächte, nicht entwickeln können, sie wären heimisch- abergläubige „Umstände " geblieben, und 3) würde jede Erwei- terung des Verkehrs den lokalen Kommunismus aufheben. Der Kommunismus ist empirisch nur als die Tat der herrschenden Völ- ker auf „einmal " oder gleichzeitig möglich, was die universelle Entwicklung der Produktivkraft und den mit ihm zusammen- hängenden Weltverkehr voraussetzt. Wi e hätte sonst z. B. das Eigentum überhaupt eine Geschichte haben, verschiedene Gestal- ten annehmen, und etwa das Grundeigentum je nach der verschie- denen vorliegenden Voraussetzung in Frankreich aus der Parzel- lierung zur Zentralisation in wenigen Händen, in England aus der Zentralisation in wenigen Händen zur Parzellierung drängen können, wie dies heute wirklich der Fall ist? Oder wie kommt es, da ß der Handel, der doch weiter nichts ist als der Austausch der Produkte verschiedner Individuen und Länder, durch das Verhältnis von Nachfrage und Zufuhr die ganze Welt beherrscht

3 Original durchlaufen. 16 Über Mange l steht: Notdurft

I. Feuerbach

25

— ein Verhältnis, das, wie ein englischer Ökonom sagt, gleich dem antiken Schicksal über der Erd e schwebt und mit un- sichtbarer Han d Glück und Unglück an die Menschen verteilt, Reiche stiftet /19/ und Reiche zertrümmert, Völker entstehen und s schwinden macht — während mit der Aufhebung der Basis, des

Privateigentums, mit der kommunistischen Regelung der Produk- tion und der darin liegenden Vernichtung der Fremdheit, mit der sich die Menschen zu ihrem eignen Produkt verhalten, die Macht des Verhältnisses von Nachfrage und Zufuhr sich in Nichts auf-

10

löst, und die Menschen den Austausch, die Produktion, di e Weise ihres gegenseitigen Verhaltens wieder in ihre Gewalt bekommen? /18/ Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand , der hergestellt werden soll, ein Ideal , wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wi r nennen Kommunismus die wirk -

15

1 i c h e Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Be-

dingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung. /19/ Übrigens setzt die Masse von bloße n Ar- beitern — massenhaft von Kapital, oder von irgend einer bor- nierten Befriedigung abgeschnittne Arbeiterkraft —, und dar- 2o um auch der nicht mehr temporäre Verlust dieser Arbeit selbst als einer gesicherten Lebensquelle, durch die Konkurrenz den Welt - mark t voraus. Das Proletariat kann also nu r weltgeschicht - lic h existieren, wie der Kommunismus, seine Aktion, nu r als „weltgeschichtliche" Existenz überhaupt vorhanden sein kann.

25 Weltgeschichtliche Existenz der Individuen, d. h. Existenz der In- dividuen, die unmittelbar mit der Weltgeschichte verknüpft ist. /19/ Die durch die auf allen bisherigen geschichtlichen Stufen vorhandenen Produktionskräfte bedingte und sie wiederum be- dingende Verkehrsform ist die bürgerlich e Gesellschaft , 30 die, wie schon aus dem Vorhergehenden hervorgeht, die einfache Familie und die zusammengesetzte Familie, da s sogenannte Stamm- wesen zu ihrer Voraussetzung und Grundlage hat, und deren nähere Bestimmungen im Vorhergehenden enthalten sind. Es zeigt sich schon hier, da ß diese bürgerliche Gesellschaft der wahre Her d un d

35 Schauplatz aller Geschichte ist, und wie widersinnig die bisherige,

die wirklichen Verhältnisse vernachlässigende Geschichtsauffas- sung mit ihrer Beschränkung auf hochtönende Haupt- und Staats- aktionen ist. /68/ Die bürgerlicheGesellschaft umfaß t den gesamten materiellen Verkehr der Individuen innerhalb einer bestimmten 4,0 Entwicklungsstuf e de r Produktivkräfte . Si e umfaß t da s gesamt e

17—26 Den Text von Übrigens setzt bis verknüpft ist. schrieb Marx in die rechte Spalte der Seite 19 und überschrieb ihn:

Kommunismus . 20—21 Über selbst als einer schrieb Marx ohne Einfügungszeichen: d[ie] rein prekäre Lage

26

Deutsche Ideologie.

Einleitung

kommerzielle und industrielleLeben einer Stufe un d geht in so fern über den Staat und die Nation hinaus, obwohl sie andrerseits wie- der nach Auße n hin als Nationalität sich geltend machen, nach Innen als Staat sich gliedern muß . Das Wort bürgerliche Gesell- schaft ka m auf im achtzehnten Jahrhundert, als die Eigentums- verhältnisse bereits aus dem antiken und mittelalterlichen Gemein- wesen sich herausgearbeitet hatten. Die bürgerliche Gesellschaft als solche entwickelt sich erst mit der Bourgeoisie; die unmittelbar a u s der Produktion xuid dem Verkehr sich entwickelnde gesell- schaftliche Organisation, die zu allen Zeiten die Basis des Staats und der sonstigen idealistischen Superstruktur bildet, ist indes fortwährend mit demselben Namen bezeichnet worden.

[2.]

Übe r

di e

Produktio n

de s

Bewußtsein s

/21 / In der bisherigen Geschichte ist es allerdings ebensosehr eine empirische Tatsache, da ß die einzelnen Individuen mit der Ausdehnung der Tätigkeit zur Weltgeschichtlichen immer mehr unter einer ihnen fremden Macht geknechtet worden sind (welchen Druck sie sich denn auch als Schikane des sogenannten Weltgeistes etc. vorstellten), einer Macht, die immer massenhafter geworden ist un d sich in letzter Instanz als Weltmark t ausweist. Aber eben so empirisch begründet ist es, da ß durch den Umsturz des bestehenden gesellschaftlichen Zustandes durch die kommuni- stische Revolution (wovon weiter unten) und die damit identische Aufhebung des Privateigentums, diese den deutschen Theoretikern so mysteriöse Macht aufgelöst wird und alsdann die Befreiung jedes einzelnen Individuums in demselben Maß e durchgesetzt wird, in dem die Geschichte sich vollständig in Weltgeschichte verwandelt. Da ß der wirkliche geistige Reichtum des Individuums

ganz von de m

Reichtum seiner wirklichen Beziehungen abhängt,

ist nach de m obigen klar. Die einzelnen Individuen werden erst hierdurch von den verschiedenen nationalen und lokalen Schran- ken befreit, mit der Produktion (auch mit der geistigen) der gan- zen Welt in praktische Beziehung gesetzt und in den Stand gesetzt sich die Genußfähigkeit für diese allseitige Produktion der gan- zen Erd e (Schöpfungen der Menschen) zu erwerben. Die all - seitig e Abhängigkeit, diese naturwüchsige For m des wel't -

28 Auf dieser Höhe schrieb Marx in die rechte Spalte ohne Einfügungszeichen:

Übe r

die

Produktio n

des

Bewußtseins .

I. Feuerbach

27

geschichtliche n Zusammenwirkens de r Individuen, wird durch /22/ diese kommunistische Revolution verwandelt in die Kontrolle un d bewußte Beherrschung dieser Mächte, die, aus dem Aufeinander-Wirken der Menschen erzeugt, ihnen bisher als s durchaus fremde Mächte imponiert und sie beherrscht haben.

Diese Anschauung kan n nu n wieder spekulativ-idealistisch, d. h. phantastisch als „Selbsterzeugung der Gattung " (die „Gesellschaft als Subjekt") gefaßt und dadurc h die aufeinanderfolgende Reihe von im Zusammenhange stehenden Individuen als ein einziges In-

10 dividuum vorgestellt werden, das das Mysterium vollzieht sich selbst zu erzeugen. Es zeigt sich hier, da ß die Individuen aller- dings einande r machen, physisch und geistig, abe r nicht sich machen, weder im Unsinn des heiligen Bruno, noch im Sinne des „Einzigen", des „gemachten " Mannes.

u

/24/ Diese Geschichtsauffassung beruht also darauf, de n wirk- lichen Produktionsprozeß, und zwar von der materiellen Produk- tion des unmittelbaren Lebens ausgehend, zu entwickeln un d die mit dieser Produktionsweise zusammenhängende und von ihr er- zeugte Verkehrsform, also die bürgerliche Gesellschaft in ihren

20

verschiedenen Stufen als Grundlage der ganzen Geschichte auf- zufassen un d sie sowohl in ihrer Aktion als Staat darzustellen, wie die sämtlichen verschiedenen theoretischen Erzeugnisse und For- men des Bewußtseins, Religion, Philosophie, Mora l etc. etc. au s ihr zu erklären und ihren Entstehungsprozeß aus ihnen zu verfol- gen, wo dan n natürlich auch die Sache in ihrer Totalität (un d dar-

25

um auch die Wechselwirkung dieser verschiednen Seiten auf ein- ander ) dargestellt werden kann. Sie hat in jeder Period e nicht, wie die idealistische Geschichtsanschauung, nach einer Kategorie zu suchen, sondern bleibt fortwährend auf de m wirklichen Ge-

30 schichts b ο d e η stehen, erklärt nicht die Praxi s aus de r Idee , erklärt die Ideenformationen aus der materiellen Praxis, un d

Pro -

dukte des Bewußtseins nicht durch geistige Kritik, durch Auf-

in „Spuk" , „Ge-

35 spenster", „Sparren " etc., sondern nu r durch den praktischen Um- sturz der realen gesellschaftlichen Verhältnisse, aus denen diese idealistischen Flausen hervorgegangen sind, aufgelöst werden können — da ß nicht die Kritik, sondern die Revolution die trei- bende Kraft der Geschichte auch der Religion, Philosophie un d

to sonstigen Theorie ist. Sie zeigt, da ß die Geschichte nicht damit endigt, sich ins „Selbstbewußtsein" als „Geist vom Geist" aufzu- lösen, sondern da ß in ihr auf jeder Stufe ein materielles Resultat, eine Summ e von Produktionskräften, ein historisch geschaffnes Verhältnis zur Natu r un d der Individuen zu einander sich vor-

45 findet, die jeder Generation von ihrer Vorgängerin überliefert

komm t demgemä ß zu de m Resultat, da ß alle Forme n un d

lösung ins „Selbstbewußtsein" oder Verwandlung

28

Deutsche Ideologie.

Einleitung

wird, eine Masse von Produktivkräften, Kapitalien und Umstän- den, die zwar einerseits von der neuen Generation modifiziert wird, ihr aber auch andrerseits ihre eignen Lebensbedingungen vor- schreibt und ihr eine bestimmte Entwicklung, einen speziellen Cha- rakter gibt — da ß also die Umstände ebensosehr /25/ die Men- s sehen, wie die Menschen die Umstände machen. Diese Summe von Produktionskräften, Kapitalien und sozialen Verkehrsformen, die jedes Individuum und jede Generation als etwas Gegebenes vor- findet, ist der reale Grund dessen, was sich die Philosophen als „Substanz" und „Wesen des Menschen" vorgestellt, was sie apo- 10 theosiert und bekämpft haben, ein realer Grund, der dadurch nicht im Mindesten in seinen Wirkungen und Einflüssen auf die Ent- wicklung der Menschen gestört wird, da ß diese Philosophen als „Selbstbewußtsein" und „Einzige" dagegen rebellieren. Diese vorgefundenen Lebensbedingungen der verschiedenen Genera- is tionen entscheiden auch, ob die periodisch in der Geschichte wie- derkehrende revolutionäre Erschütterung stark genug sein wird oder nicht, die Basis alles Bestehenden umzuwerfen, und wenn diese materiellen Elemente einer totalen Umwälzung, nämlich einerseits die vorhandnen Produktivkräfte, andrerseits die Bil- 20 dung einer revolutionären Masse, die nicht nur gegen einzelne Be- dingungen der bisherigen Gesellschaft, sondern gegen die bis- herige „Lebensproduktion" selbst, die „Gesamttätigkeit", worauf sie basierte, revolutioniert — nicht vorhanden sind, so ist es ganz gleichgültig für die praktische Entwicklung, ob die Ide e dieser 2s Umwälzung schon hundertmal ausgesprochen ist — wie die Ge- schichte des Kommunismus dies beweist. Die ganze bisherige Geschichtsauffassung hat diese wirkliche Basis der Geschichte entweder ganz und gar unberücksichtigt ge- lassen, oder sie nur als eine Nebensache betrachtet, die mit dem so geschichtlichen Verlauf außer allem Zusammenhang steht. Die Geschichte mu ß daher immer nach einem auße r ihr liegenden Maßstab geschrieben werden; die wirkliche Lebensproduktion er- scheint als Urgeschichtlich, während das Geschichtliche als das vom gemeinen Leben getrennte, extra-überweltliche erscheint. Das ss Verhältnis der Menschen zur Natur ist hiermit von der Geschichte ausgeschlossen, wodurch der Gegensatz von Natur und Geschichte erzeugt wird. Sie hat daher in der Geschichte nu r politische Haupt- u n d Staatsaktionen und religiöse und überhaupt theoretische Kämpf e sehen können, und speziell bei jeder geschichtlichen to Epoche di e Illusio n diese r Epoch e teile n müssen. z. B. bildet sich eine Epoche ein, durch rein „politische" oder „re- ligiöse" Motive bestimmt zu werden, obgleich „Religion" und „Politik" nu r Formen ihrer wirklichen Motive sind, so akzeptiert ihr Geschichtschreiber diese Meinung. Die „Einbildung", die «

I.

Feuerbach

29

„Vorstellung" dieser bestimmten Menschen über ihre wirkliche Praxis wird in die einzig bestimmende und aktive Macht verwan- delt, welche die Praxis dieser Menschen beherrscht und bestimmt. Wenn die rohe Form, in der die Teilung der Arbeit bei den In- dern und Ägyptern vorkommt, das Kastenwesen bei diesen Völ- kern in ihrem Staat und ihrer Religion hervorruft, so glaubt de r Historiker, das Kastenwesen /26/ sei die Macht, welche diese rohe gesellschaftliche For m erzeugt habe. Währen d die Franzosen und Engländer wenigstens an der politischen Illusion, die der Wirklichkeit noch am nächsten steht, halten, bewegen sich die Deutschen im Gebiete des „reinen Geistes" und machen die reli- giöse Illusion zur treibenden Kraft der Geschichte. Die Hegeische Geschichtsphilosophie ist die letzte, auf ihren „reinstenAusdruck" gebrachte Konsequenz dieser gesamten Deutschen Geschichtschrei- bung, in der es sich nicht um wirkliche, nicht einmal um politische Interessen, sondern um reine Gedanken handelt, die dann auch dem heiligen Bruno als eine Reihe von „Gedanken " erscheinen muß , von denen einer den andren auffrißt und in dem „Selbst- bewußtsein" schließlich untergeht, und noch konsequenter dem heiligen Max Stirner, der von der ganzen wirklichen Geschichte nichts weiß, dieser historische Verlauf als eine bloße „Ritter"-, Räuber- und Gespenstergeschichte erscheinen mußte, vor deren Visionen er sich natürlich nur durch die „Heillosigkeit" zu ret- ten weiß. Diese Auffassung ist wirklich religiös, sie unterstellt den religiösen Menschen als den Urmenschen, von dem alle Ge- schichte ausgeht, und setzt in ihrer Einbildung die religiöse Phan- tasien-Produktion an die Stelle der wirklichen Produktion der Le- bensmittel und des Lebens selbst. Diese ganze Geschichtsauffas- sung samt ihrer Auflösung und den daraus entstehenden Skrupeln und Bedenken ist eine bloß national e Angelegenheit der Deut- schen und hat nur lokale s Interesse für Deutschland, wie zürn Exempel die wichtige, neuerdings mehrfach behandelte Frage :

wie ma n denn eigentlich „aus dem Gottesreich in das Menschen- reich komme" , als ob dieses „Gottesreich" je anderswo existiert habe als in der Einbildung und die gelahrten Herren nicht fort- während, ohne es zu wissen, in dem „Menschenreich" lebten, zu welchem sie jetzt den Weg suchen, — und als ob das wissenschaft- liche Amüsement, denn mehr als das ist es nicht, das Kuriosum dieser theoretischen Wolkenbildung zu erklären, nicht gerade um- gekehrt darin läge, da ß man ihre Entstehung aus den wirklichen irdischen Verhältnissen nachweist. Überhaupt handelt es sich bei

21—22 Auf der Höhe von dieser geschichtliche Verlauf bis mußt e schrieb Marx in die rechte Spalte: Die sogenannt e objektiv e Geschichtschreibun g be - stand eben darin, die geschichtlichen Verhältnisse getrennt von der Tätigkeit aufzufassen. Reaktionärer Charakter.

30

Deutsche Ideologie.

Einleitung

diesen Deutschen stets darum, den vorgefundenen Unsinn in /27/ irgend eine andre Marotte aufzulösen, d. h. vorauszusetzen, da ß dieser ganze Unsinn überhaupt einen aparten Sin n habe, der herauszufinden sei, während es sich nur daru m handelt diese theo- retischen Phrasen aus den bestehenden wirklichen Verhältnissen zu erklären. Die wirkliche, praktische Auflösung dieser Phrasen, die Beseitigung dieser Vorstellungen aus dem Bewußtsein der Men- schen wird, wie schon gesagt, durch veränderte Umstände, nicht durch theoretische Deduktionen bewerkstelligt. Fü r die Masse der Menschen, d. h. das Proletariat, existieren diese theoretischen Vor- stellungen nicht, brauchen also für sie auch nicht aufgelöst zu werden, und wenn diese Masse je einige theoretische Vorstellun- gen, z. B. Religion hatte, so sind diese jetzt schon längst durch die Umstände aufgelöst. — Das rein Nationale dieser Fragen und Lö- sungen zeigt sich auch noch darin, da ß diese Theoretiker alles Ernstes glauben, Hirngespinste, wie „der Gottmensch", „der Mensch" etc. hätten den einzelnen Epochen der Geschichte präsi- diert—de r heilige Bruno geht sogar soweit, zu behaupten, nur „di e Kritik und die Kritiker hätten die Geschichte gemacht" — und, wenn sie sich selbst an geschichtliche Konstruktionen geben, über alles Frühere in der größten Eile hinwegspringen un d vom „Mongolentum" sogleich auf die eigentlich „inhaltsvolle" Ge- schichte, nämlich die Geschichte der hallischen und deutschen Jahrbücher un d der Auflösung der Hegeischen Schule in eine all- gemeine Zänkerei übergehen. Alle andern Nationen, alle wirk- lichen Ereignisse werden vergessen, das Theatrum mundi be- schränkt sich auf die Leipziger Büchermesse, und die gegensei- tigen Streitigkeiten der „Kritik", des „Menschen" und des „Ein- zigen". Wen n sich die Theorie vielleicht einmal dara n gibt, wirk- lich historische Themata zu behandeln, wie z. B. da s achtzehnte Jahrhundert, so geben sie nur die Geschichte der Vorstellungen, losgerissen von den Tatsachen und praktischen Entwicklungen, die ihnen zum Grunde liegen, und auch diese nu r in der Absicht, um diese Zeit als eine unvollkommene Vorstufe, als den noch bor- nierten Vorläufer der wahren geschichtlichen Zeit, d. h. der Zeit des deutschen Philosophenkampfes von 1840/44 darzustellen. Diesem Zwecke, eine frühere Geschichte zu schreiben, um den Ruh m einer ungeschichtlichen Person und ihrer Phantasien desto heller leuchten zu lassen, entspricht es denn, da ß ma n alle wirk- lich historischen Ereignisse, selbst die wirklich historischen Ein- griffe der Politik in die Geschichte, nicht erwähnt und dafür eine nicht auf Studien, sondern Konstruktionen un d literarischen Klatschgeschichten beruhende Erzählung gibt — wie dies vom

21

Im Original hinwegzuspringen

25

Im Original übergeht statt übergehen.

I. Feuerbach

31

heiligen Bruno in seiner nun vergessenen Geschichte des 18ten Jahrhunderts geschehen ist. Diese hochtrabenden und hochfahren- den Gedankenkrämer, die unendlich weit über alle nationalen Vorurteile erhaben zu sein glauben, sind also in der Praxis noch s viel nationaler als die Bierphilister, die von Deutschlands Einheit träumen. Sie erkennen die Taten andrer Völker gar nicht für histo- risch an, sie leben in Deutschland zu Deutschland /28/ und für Deutschland, sie verwandeln das Rheinlied in ein geistliches Lied und erobern Elsaß und Lothringen, indem sie statt des französi-

10 sehen Staats, die französische Philosophie bestehlen, statt franzö- sischer Provinzen, französische Gedanken germanisieren. Her r Venedey ist ein Kosmopolit gegen die Heiligen Bruno un d Max, die in der Weltherrschaft der Theorie die Weltherrschaft Deutsch- lands proklamieren.

15

Es zeigt sich aus diesen Auseinandersetzungen auch, wie- sehr Feuerbach sich täuscht, wenn er (Wigands Vierteljahrs- schrift, 1845 , Bd. 2) sich vermöge der Qualifikation „Gemein- mensch" für einen Kommunisten erklärt, in ein Prädika t „d e s" Menschen verwandelt, also das Wort Kommunist, das in der be-

20

stehenden Welt den Anhänger einer bestimmten revolutionären Partei bezeichnet, wieder in eine bloße Kategorie verwandeln zu können glaubt. Feuerbachs ganze Deduktion in Beziehung auf das Verhältnis der Menschen zu einander geht nur dahin, zu be- weisen, da ß die Menschen einander nötig haben und imme r ge -

25

h a b t haben . Er will das Bewußtsein über diese Tatsache eta- blieren, er will also, wie die übrigen Theoretiker, nu r ein richtiges Bewußtsein über ein bestehende s Faktu m hervorbringen, während es dem wirklichen Kommunisten darauf ankommt, dies Bestehende umzustürzen. Wi r erkennen es übrigens vollständig

30

an, da ß Feuerbach, indem er das Bewußtsein gerade diese r Tat- sache zu erzeugen strebt, so weit geht, wie ein Theoretiker über- haupt gehen kann, ohne aufzuhören, Theoretiker un d Philosoph zu sein. Charakteristisch ist es aber, da ß die Heiligen Bruno un d Max die Vorstellung Feuerbachs vom Kommunisten sogleich an

35 die Stelle des wirklichen Kommunisten setzen, was teilweise schon deswegen geschieht, damit sie auch den Kommunismus als „Geist vom Geist", als philosophische Kategorie, als ebenbürtigen Geg- ner bekämpfen können — und von Seiten des heiligen Bruno auch noch aus pragmatischen Interessen. Als Beispiel von der Aner- be kennung und zugleich Verkennung des Bestehenden, die Feuer- bach noch immer mit unsern Gegnern teilt, erinnern wir an die Stelle der „Philosophie der Zukunft", wo er entwickelt, da ß da s Sciü duc s Dinges oder Menschen zugleich sein Wesen sei, da ß die bestimmten Existenzverhältnisse, Lebensweise un d Tätigkeit eines 45 tierischen oder menschlichen Individuums dasjenige sei, worin

32

Deutsche Ideologie.

Einleitung

sein „Wesen " sich befriedigt fühle. Hier wird ausdrücklich jede Ausnahme als ein unglücklicher Zufall, als eine Abnormität, die nicht zu ändern ist, aufgefaßt. Wenn also Millionen von Proleta-

riern sich in ihren Lebensverhältnissen keineswegs befriedigt füh-

len, wenn ihr „Sein " ihrem

für den praktische n Materialisten, d.h . Kommunisten , daru m handelt, die bestehende Welt zu revolutionieren, die vor- gefundnen Dinge praktisch anzugreifen und zu verändern. Wen n bei Feuerbach sich zuweilen derartige Anschauungen finden, so

gehen sie doch nie über vereinzelte Ahnungen hinau s und haben 10 auf seine allgemeine Anschauungsweise viel zu wenig Einfluß als

d a ß sie hier anders, denn als entwicklungsfähige Keime, in Be-

tracht kommen könnten. Feuerbachs „Auffassung " der sinnlichen Welt beschränkt sich einerseits auf die bloße Anschauung der- selben, und andrerseits auf die bloße Empfindung, e r sagt „ d e n i s Menschen" statt d[ie] „wirklichen historischen Menschen". „D e r Mensch" ist realiter „der Deutsche". Im ersten Falle, in der Α η - schauun g de r sinnlichen Welt, stößt e r notwendig auf Dinge, die seinem Bewußtsein un d seinem Gefühl widersprechen, die die

von ihm vorausgesetzte Harmonie aller Teile der sinnlichen Welt 20 und namentlich des Menschen mit der Natu r stören.'* 3 Um diese zu beseitigen, mu ß er dan n zu einer doppelten Anschauung seine Zu- flucht nehmen, zwischen einer profanen, die nu r da s „au f platter Han d Liegende" und einer höheren, philosophischen, die das „wahr e Wesen " der Dinge erschaut. Er sieht nicht wie die ihn 2s

umgebende sinnliche Welt nicht ein unmittelbar von Ewigkeit her gegebenes, sich stets gleiches Ding ist, sondern da s Produk t der Industrie und des Gesellschaftszustandes, und zwar in de m Sinne,

.] /{6} 8/ sich in Wirklichkeit und Ö

d a ß

keit einer ganzen Reihe von Generationen, deren Jed e auf den 30 Schultern der vorhergehenden stand, ihre Industrie un d ihren Ver- kehr weiter ausbildete, ihre soziale Ordnung nach den veränderten Bedürfnissen modifizierte. Selbst die Gegenstände der einfachsten

sie

ein

geschichtliches

Produk t

ist,

da s Resultat de r Tätig-

[*] Ν. B. Nicht daß Feuerbach das auf platter Hand liegende, den sinnlichen Schei n der durch genauere Untersuchung des sinnlichen 35 Tatbestandes konstatierten sinnlichen Wirklichkeit unterordnet, ist der Fehler, sondern daß er in letzter Instanz nicht mit der Sinnlichkeit fertig werden kann, ohne sie mit den „Augen", d. h. durch die „Brille" des Philosophe n zu betrachten.

5 Der Sinn des hier fehlenden Übergangs war etwa folgender: wen n ih r „Sein " ihre m esen" widerspricht, so ist das allerdings eine Abnormität, aber kein unglücklicher Zufall. Ein historisches Faktum, das auf ganz bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen beruht. Feuerbach begnügt sich, dies Faktum zu konstatieren; er interpretiert nur die bestehende sinnliche Welt, verhält sich zu ihr nur als Theoretiker, während es] sich in Wirklichkei t

I. Feuerbach

33

„sinnlichen Gewißheit" sind ihm nu r durch die gesellschaftliche Entwicklung, die Industrie und den kommerziellen Verkehr ge- geben. Der Kirschbaum ist, wie fast alle Obstbäume, bekanntlich erst vor wenig Jahrhunderten durch den Hande l in unsre Zone 5 verpflanzt worden, und wurde deshalb erst /9/ d urc h diese Aktion einer bestimmten Gesellschaft in einer bestimmten Zeit der „sinn- lichen Gewißheit" Feuerbachs gegeben. Übrigens löst sich in die- ser Auffassung der Dinge, wie sie wirklich sind und geschehen

sind, wie sich weiter unten noch deutlicher zeigen wird, jedes tief- te sinnige philosophische Problem ganz einfach in ein empirisches Faktum auf. z. B. die wichtige Frage über das Verhältnis des Men- schen zur Natur (oder gar, wie Bruno sagt, (p . 110) , die „Gegen- sätze in Natur und Geschichte", als ob da s zwei voneinander ge- trennte „Dinge " seien, der Mensch nicht immer eine geschichtliche

is Natur und eine natürliche Geschichte vor sich habe) , aus der alle die „unergründlich hohen Werke " über „Substanz" und „Selbst- bewußtsein" hervorgegangen sind, zerfällt von selbst in der Ein- sicht, da ß die vielberühmte „Einheit des Menschen mit der Natur " in der Industrie von jeher bestanden und in jeder Epoche je nach

20 der geringeren oder größeren Entwicklung der Industrie anders be- standen hat, ebenso wie der „Kampf " des Menschen mit der Natur, bis zur Entwicklung seiner Produktivkräfte auf einer entsprechen- den Basis. Die Industrie und der Handel, die Produktion und der Austausch der Lebensbedürfnisse bedingen ihrerseits und werden

2s wiederum in der Art ihres Betriebes bedingt durch dieDistribution, dieGliederung der verschiedenen gesellschaftlichen Klassen—un d so kommt es denn, da ß Feuerbach in Manchester z. B. nu r Fabriken und Maschinen sieht, wo vor hundert Jahren nu r Spinnräder und Webstühle zu sehen waren, oder in der Campagna di Rom a nu r

30 Viehweiden und Sümpfe entdeckt, wo er zur Zeit des Augustus

nichts als Weingärten und Villen römischer Kapitalisten gefunden hätte. Feuerbach spricht namentlich von der Anschauung der Naturwissenschaft, er erwähnt Geheimnisse, die nur dem Auge des Physikers und Chemikers offenbar werden; aber wo wäre ohne In-

3s

dustrie und Handel die Naturwissenschaft? Selbst diese „reine " Naturwissenschaft erhält ja ihren Zweck sowohl, wie ihr Material, erst durch Handel und Industrie, durch sinnliche Tätigkeit de r

Menschen. So sehr ist diese Tätigkeit, dieses fortwährende sinn- liche Arbeiten und Schaffen, diese Produktion die Grundlage der

M

ganzen sinnlichen Welt, wie sie jetzt existiert, daß , wenn sie auch nur für ein Jah r unterbrochen würde, Feuerbach eine ungeheure Veränderung nicht nur in der natürlichen Welt vorfinden, sondern auch die ganze Menschenwelt und sein eignes Anschauungsver- mögen, ja seine Eigne Existenz sehr bald vermissen würde. Aller-

es dings bleibt dabei die Priorität der äußeren Natur bestehen, und

Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. S

3

Deutsche

Ideologie.

Einleitung

allerdings bat dies Alles keine /10/ Anwendung auf die ursprüng- lichen, durch generatio aequivoca erzeugten Menschen; aber diese Unterscheidung hat nur in sofern Sinn, als ma n den Menschen als von der Natur unterschieden betrachtet. Übrigens ist diese, der menschlichen Geschichte vorhergehende Natur ja nicht die Natur, s in der Feuerbach lebt, nicht die Natur, die heutzutage, ausgenom- men etwa auf einzelnen australischen Koralleninseln neueren Ur- sprungs, nirgends mehr existiert, also auch für Feuerbach nicht existiert. — /9/ Feuerbach hat /10/ allerdings, den großen Vor- zug vor den „reinen " Materialisten, da ß er einsieht, wie auch der w Mensch „sinnlicher Gegenstand" ist; aber abgesehen davon, da ß er ihn nu r als „sinnlichen Gegenstand", nicht als „sinnliche Tätig- keit" faßt, da er sich auch hierbei in der Theorie hält, die Men- schen nicht in ihrem gegebenen gesellschaftlichen Zusammen- hange, nicht unter ihren vorliegenden Lebensbedingungen, die sie 1 5 zu Dem gemacht haben, was sie sind, auffaßt, so kommt er nie zu den wirklich existierenden, tätigen Menschen, sondern bleibt bei dem Abstraktum „der Mensch" stehen, und bringt es nu r dahin, den „wirklichen, individuellen, leibhaftigen Menschen" in der Empfindung anzuerkennen, d. h. er kennt keine andern „mensch- 20 liehen Verhältnisse" „des Menschen zum Mensehen", als Liebe und Freundschaft, und zwar idealisiert. Gibt keine Kritik der jetzigen Lebensverhältnisse. Er kommt also nie dazu, die sinnliche Welt als die gesamte lebendige sinnliche Tätigkei t der sie aus- machenden Individuen aufzufassen, und ist daher gezwungen, 2s wenn er z. B. statt gesunder Menschen einen Haufen skrofulöser, überarbeiteter und schwindsüchtiger Hungerleider sieht, da zu der „höheren Anschauung" und zur ideellen „Ausgleichung in der Gattung" seine Zuflucht zu nehmen, also gerade da in den Idealis- mus zurückzufallen, wo der kommunistische Materialist die Not- 30 wendigkeit und zugleich die Bedingung einer Umgestaltung so- wohl der Industrie wie der gesellschaftlichen Gliederung sieht. Soweit Feuerbach Materialist ist, kommt die Geschichte bei ihm nicht vor, und soweit er die Geschichte in Betracht zieht, ist er kein Materialist. Bei ihm fallen Materialismus und Geschichte ganz 35 auseinander, was sich übrigens schon aus dem Gesagten erklärt. /20/ Die Geschichte ist nichts als die Aufeinanderfolge der ein- zelnen Generationen, von denen Jede die ihr von allen vorherge- gangenen übermachten Materiale, Kapitalien, Produktionskräfte exploitiert, daher also einerseits unter ganz veränderten, Umstän- *o den die überkommene Tätigkeit fortsetzt und andrerseits mit einer ganz veränderten Tätigkeit die alten Umstände modifiziert, was sich nun spekulativ so verdrehen läßt, da ß die spätere Geschichte zum Zweck der früheren gemacht wird, z. B. da ß der Entdeckung Amerikas der Zweck zu Grunde gelegt wird, der französischen 45

I. Feuerbach

35

Revolution zum Durchbruch zu verhelfen, wodurch dann die Ge- schichte ihre aparten Zwecke erhält und eine „Person neben an- deren Personen" (als da sind: „Selbstbewußtsein, Kritik, Ein- ziger" etc.) wird, während das, was man mit den Worten „Bestim-

ä mung", „Zweck", „Keim" , „Idee " der früheren Geschichte be- zeichnet, Weiter nichts ist als eine Abstraktion von der späteren Geschichte, eine Abstraktion von dem aktiven Einfluß, den die frühere Geschichte auf die spätere ausübt. — Je weiter sich im Laufe dieser Entwicklung nun die einzelnen Kreise, die aufein-

10 ander einwirken, ausdehnen, je mehr die ursprüngliche Abge- schlossenheit der einzelnen Nationalitäten durch die ausgebildete Produktionsweise, Verkehr und dadurch naturwüchsig hervorge- brachte Teilung der Arbeit zwischen verschiednen Nationen ver- nichtet wird, desto mehr wird die Geschichte zur Weltgeschichte,

u sodaß z. B. wenn in England eine Maschine erfunden wird, die in Indien und China zahllose Arbeiter auße r Brot setzt und die ganze Existenzform dieser Reiche umwälzt, diese Erfindung zu einem weltgeschichtlichen Faktum wird; oder da ß der Zucker und Kaffee ihre weltgeschichtliche Bedeutung im neunzehnten Jahr-

20

hundert dadurch bewiesen, da ß der durch das napoleonische Kon- tinentalsystem erzeugte Mangel an diesen Produkten die Deut- schen /21 / zum Aufstande gegen Napoleon brachte und so die reale Basis der glorreichen Befreiungskriege von 181 3 wurde. Hieraus folgt, da ß diese Umwandlung der Geschichte in Welt-

25

geschichte nicht etwa eine bloße abstrakte Tat des „Selbstbewußt- seins", Weltgeistes oder sonst eines metaphysischen Gespenstes ist, sondern eine ganz materielle, empirisch nachweisbare Tat, eine Tat, zu der jedes Individuum, wie es geht und steht, ißt, trinkt und sich kleidet, den Beweis liefert. —

3o /30/ Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder

Epoche die herrschenden Gedanken, d. h. die Klasse, welche die herrschende materiell e Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistig e Macht. Die Klasse, die die Mittel zur materiellen Produktion zu ihrer Verfügung hat, disponiert da-

35 mit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion, sodaß ihr

damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen die Mittel zur geistigen Produktion abgehen, unterworfen sind. Die herrschenden Gedanken sind weiter Nichts als der ideelle Aus- druck der herrschenden materiellen Verhältnisse, die als Gedan- ke ken gefaßten, herrschenden materiellen Verhältnisse; also der Verhältnisse, die eben die eine Klasse zur herrschenden machen, also die Gedanken ihrer Herrschaft. Die Individuen, welche die herrschende Klasse ausmachen, haben unter Anderm auch Be- wußtsein und denken daher ; insofern sie also als Klasse herr-

*5 sehen und den ganzen Umfang einer Geschichtsepoche bestimmen,

36

Deutsche Ideologie.

Einleitung

versteht es sich von selbst, da ß sie dies in ihrer ganzen Ausdehnung tun, also unter Ander n auch als Denkende, als Produzenten von Gedanken herrschen, die Produktion und Distribution der Gedan- ken ihrer Zeit regeln; da ß also ihre Gedanken die herrschenden Gedanken der Epoche sind. Zu einer Zeit z. B. und in einem s Lande, wo königliche Macht, Aristokratie und Bourgeoisie sich um die Herrschaft streiten, wo also die Herrschaft geteilt ist, zeigt sich als herrschender Gedanke die Doktrin von der Teilung der Gewal- ten, die nun als ein „ewiges Gesetz" ausgesprochen wird. — Die

Teilung der Arbeit, die wir schon oben (S . [20 3s—2313 ] ) als eine 10 d er Hauptmächte de r bisherigen Geschichte vorfanden, äußer t sich nun auch in der herrschenden Klasse als Teilung der geistigen und ma-/31/teriellen Arbeit, sodaß innerhalb dieser Klasse der eine Teil als die Denker dieser Klasse auftritt, (die aktiven kon- zeptiven Ideologen derselben, welche die Ausbildung der Illusion is dieser Klasse über sich selbst zu ihrem Hauptnahrungszweige machen ) während die Andern sich zu diesen Gedanken und Illu- sionen meh r passiv und rezeptiv verhalten, weil sie in der Wirk- lichkeit die aktiven Mitglieder dieser Klasse sind un d weniger Zeit dazu haben, sich Illusionen und Gedanken über sich selbst zu 20 machen. Innerhalb dieser Klasse kann diese Spaltung derselben sich sogar zu einer gewissen Entgegensetzung und Feindschaft beider Teile entwickeln, die aber bei jeder praktischen Kollision, wo die Klasse selbst gefährdet ist, von selbst wegfällt, wo denn auch der Schein verschwindet, als wenn die herrschenden Gedanken 25 nicht die Gedanken der herrschenden Klasse wären und eine von

d e r Macht dieser Klasse unterschiedene Macht

revolutionärer Gedanken in einer bestimmten Epoche setzt bereits die Existenz einer revolutionären Klasse voraus, über deren Vor- aussetzungen bereits oben (S . [2313—2 5 26] ) da s Nötige gesagt ist. so

Löst ma n nu n bei der Auffassung des geschichtlichen Verlaufs die Gedanken der herrschenden Klasse von der herrschenden Klasse los, verselhstständigt ma n sie, bleibt dabei stehen, da ß in einer Epoche diese und jene Gedanken geherrscht haben, ohne sich um die Bedingungen der Produktion und um di e Produzen- ss ten dieser Gedanken zu bekümmern, läßt man also die den Ge- danken zu Grunde liegenden Individuen und Weltzustände weg, so kann ma n z. B. sagen, da ß während der Zeit, in der die Aristo- kratie herrschte, die Begriffe Ehre, Treu e etc., während der Herr- schaft der Bourgeoisie die Begriffe Freiheit, Gleichheit etc. *o herrschten. Die herrschendeKlasse selbst bildet sich dies im Durch- schnitt ein. Diese Geschichtsauffassung, die allen Geschicht- schreibern vorzugsweise seit dem achtzehnten Jahrhunder t gemein- sam ist, wird notwendig auf /32/ das Phänome n stoßen, da ß immer abstraktere Gedanken herrschen, d. h. Gedanken, di e imme r meh r «

hätten. Die Existenz

I. Feuerbach

37

die Form der Allgemeinheit annehmen. Jede neue Klasse nämlich, die sich an die Stelle einer vor ihr herrschenden setzt, ist genötigt, schon um ihren Zweck durchzuführen, ihr Interesse als das ge- meinschaftliche Interesse aller Mitglieder der Gesellschaft dar- a zustellen, d. h ideell ausgedrückt: ihren Gedanken die For m der Allgemeinheit zu geben, sie als die einzig vernünftigen, allgemein gültigen darzustellen. Die revolutionierende Klasse tritt von vorn herein, schon weil sie einer Klass e gegenübersteht, nicht als Klasse, sondern als Vertreterin der ganzen Gesellschaft auf, sie

10 erscheint als die ganze Masse der Gesellschaft gegenüber der ein- zigen, herrschenden Klasse. Sie kann dies, weil im Anfange ihr Interesse wirklieh noch mehr mit dem gemeinschaftlichen Inter- esse aller übrigen nichtherrschenden Klassen zusammenhängt, sich unter dem Druck der bisherigen Verhältnisse noch nicht als be-

is sonderes Interesse einer besondern Klasse entwickeln konnte. Ihr Sieg nutzt daher auch vielen Individuen der übrigen, nicht zur Herrschaft kommenden Klassen, aber nu r in so fern, als er diese Individuen jetzt in den Stand setzt, sich in die herrschende Klasse zu erheben. Als die französische Bourgeoisie die Herrschaft der

20 Aristokratie stürzte, machte sie es dadurch vielen Proletariern

möglich, sich über das Proletariat zu erheben, aber nur, insofern sie Bourgeois wurden. Jede neue Klasse bringt daher nu r auf einer breiteren Basis, als die der bisher herrschenden, ihre Herrschaft zu Stande, wogegen sich dann später auch der Gegensatz der nicht- 25 herrschenden gegen die nun herrschende Klasse um so schärfer und tiefer entwickelt. Durch Beides ist bedingt, da ß der gegen diese neue herrsehende Klasse zu führende Kampf wiederum auf eine entschiedenere, radikalere Negation der bisherigen Gesellschafts- zustände hinarbeitet, als alle /33/ bisherigen, die Herrschaft an-

30

strebenden Klassen dies tun konnten. Dieser ganze Schein, als ob die Herrschaft einer bestimmten Klasse nur die Herrschaft gewisser Gedanken sei, hört natürlich von selbst auf, sobald die Herrschaft von Klassen überhaupt auf- hört, die For m der gesellschaftlichen Ordnung zu sein, sobald es

35

also nicht mehr nötig ist, ein besonderes Interesse als allgemeines

oder „das Allgemeine" als herrschend darzustellen. Nachdem einmal die herrschenden Gedanken von den herr- schenden Individuen und vor allem, von den Verhältnissen, die aus einer gegebnen Stufe der Produktionsweise hervorgehn, ge- 40 trennt sind und dadurch das Resultat zu Stande gekommen ist, da ß

Ii Auf dieser Höhe schrieb Marx in die rechte Spalte:

(Die Allgemeinheit entspricht 1) der Klasse contra Stand, 2) der Kon- kurrenz, Weltverkehr, etc., 3) der großen Zahlreichheit der herrschenden Klasse; 4) der Illusion der gemeinschaftliche n Interessen. Im An- fang diese Illusion wahr. 5) Der Täuschung der Ideologen und der Teilung

der

Arbeit.)

38

Deutsche Ideologie.

Einleitung

in der Geschichte stets Gedanken herrschen, ist es sehr leicht aus diesen verschiedenen Gedanken sich „de n Gedanken", die Idee etc. als das in der Geschichte Herrsehende zu abstrahieren und da- mit alle diese einzelnen Gedanken und Begriffe als „Selbstbestim- mungen " de s sieh in der Geschichte entwickelnden Begriffs zu 5 fassen. Es ist dann auch natürlich, da ß alle Verhältnisse der Men- schen aus dem Begriff des Menschen, dem vorgestellten Menschen, dem Wesen des Menschen, de m Menschen abgeleitet werden können. Dies hat die spekulative Philosophie getan. Hegel gesteht selbst am Ende der Geschichtsphilosophie, da ß er „den Fortgang 10 d e s Begriff s allein betrachtet" und i n der Geschichte die „wahrhafte Theodicee " dargestellt habe (p . 446) . Ma n kann nun wieder auf die Produzenten „des Begriffs" zurückgehen, auf die Theoretiker, Ideologen und Philosophen, und kommt dann zu

dem Resultate, da ß die Philosophen, die Denkenden als solche, von u jeher in der Geschichte geherrscht haben — ein Resultat, was, wie wir sehen, auch schon von Hegel ausgesprochen wurde. Das ganze Kunststück also in der Geschichte die Oberherrlichkeit des Geistes (Hierarchie bei Stirner) nachzuweisen, beschränkt sich auf fol-

gende 3 Efforts.

/34/ N° 1. Ma n mu ß die Gedanken der aus empirischen Grün- den, unter empirischen Bedingungen und als materielle Indivi- duen Herrschenden von diesen Herrschenden trennen und somit die Herrschaft von Gedanken oder Illusionen in der Geschichte an- erkennen.

35

N° 2. Man mu ß in diese Gedankenherrschaft eine Ordnung bringen, einen mystischen Zusammenhang unter den aufeinander- folgenden herrschenden Gedanken nachweisen, was dadurch zu Stande gebracht wird, da ß man sie als „Selbstbestimmungen des Begriffs" faßt (dies ist deshalb möglich, weil diese Gedanken ver- so mittelst ihrer empirischen Grundlage wirklich mit einander zu- sammenhängen und weil sie als bloß e Gedanken gefaßt zu Selbstunterscheidungen, vom Denken gemachten Unterschieden, werden) . N° 3. Um das mystische Aussehen dieses „sich selbst bestim- ss menden Begriffs" zu beseitigen, verwandelt ma n ihn in eine Per- son — „das Selbstbewußtsein" — oder um recht materialistisch zu erscheinen, in eine Reihe von Personen, die „den Begriff" in der Geschichte repräsentieren, in „die Denkenden", die „Philo- sophen", die Ideologen, die nun wieder als die Fabrikanten der *u Geschichte, als „der Rat der Wächter", als die Herrschenden ge-

6—8 Diesen Satz schrieb Marx auf der Höhe des vorhergehenden in die rechte Spalte, ohne anzugeben, wohin er einzuschalten sei

40 Im Original di e ma n nu n wieder

41 Auf dieser Höhe schrieb Marx in die rechte Spalte:

D e r

Mensch

=

dem

„denkenden

Menschengeist".

I. Feuerbach

39

faßt werden. Hiermit hat man sämtliche materialistischen Ele- mente aus der Geschichte beseitigt und kann nun seinem spekula- tiven Ro ß ruhig die Zügel schießen lassen. /35/ Während im gewöhnlichen Leben jeder Shopkeeper sehr 5 wohl zwischen De m zu unterscheiden weiß, was Jemand zu sein vorgibt, und dem, was er wirklich ist, so ist unsre Geschichtschrei- bung noch nicht zu dieser trivialen Erkenntnis gekommen. Sie glaubt jeder Epoche aufs Wort, was sie von sich selbst sagt und sich einbildet. ίο /34/ Es mu ß diese Geschichtsmethode, die in Deutschland, un d waru m vorzüglich, herrschte, entwickelt werden aus dem Zusam- menhang mit der Illusion der Ideologen überhaupt, z. B. den Illu- sionen der Juristen, Politiker (auch der praktischen Staatsmänner darunter) , aus den dogmatischen Träumereien und Verdrehungen n dieser Kerls, die sich ganz einfach erklärt aus ihrer praktischen Lebensstellung, ihrem Geschäft und der Teilung der Arbeit.

[B.

DIE WIRKLICHE BASIS

DER

IDEOLOGIE]

[1.]

Verkeh r

un d

Produktivkraf t

/41/ Die größte Teilung der materiellen und geistigen Arbeit 20 ist die Trennung von Stadt und Land. Der Gegensatz zwischen Stadt und Land fängt an mit dem Übergange aus der Barbarei in die Zivilisation, aus dem Stammwesen in den Staat, aus der Loka- lität in die Nation, und zieht sich durch die ganze Geschichte de r Zivilisation bis auf den heutigen Ta g (die Anticornlaw-League) 2s hindurch. — Mit der Stadt ist zugleich die Notwendigkeit der Ad- ministration, der Polizei, der Steuern usw., kurz des Gemeinde- wesens und damit der Politik überhaupt gegeben. Hier zeigte sich zuerst die Teilung der Bevölkerung in zwei große Klassen, die direkt auf der Teilung der Arbeit und den Produktionsinstrumen- te ten beruht. Die Stadt ist bereits die Tatsache der Konzentration der Bevölkerung, der Produktionsinstrumente, des Kapitals, der Ge- nüsse, der Bedürfnisse, während das Land gerade die entgegenge- setzte Tatsache, die Isolierung und Vereinzelung, zur Anschauung bringt. Der Gegensatz zwischen Stadt und Land kann nur innerhalb 35 des Privateigentums existieren. Er ist der krasseste Ausdruck der Subsumtion des Individuums unter die Teilung der Arbeit, unter

40

Deutsche Ideologie.

Einleitung

eine bestimmte, ihm aufgezwungeneTätigkeit,eine Subsumtion, die den Einen zum bornierten Stadttier, den Andern zum bornierten Landtier macht und den Gegensatz der Interessen Beider täglich neu erzeugt. Die Arbeit ist hier wieder die Hauptsache, die Macht übe r den Individuen, und solange diese existiert, solange mu ß s das Privateigentum existieren. Die Aufhebung des Gegensatzes von Stadt und Land ist eine der ersten Be-/42/dingungen der Ge- meinschaft, eine Bedingung, die wieder von einer Masse materiel- ler Voraussetzungen abhängt und die der bloße Wille nicht er- füllen kann, wie Jeder auf den ersten Blick sieht. (Diese Bedin- 10 gungen müssen noch entwickelt werden) . Die Trennung von Stadt und Land kann auch gefaßt werden als die Trennung von Ka- pital und Grundeigentum, als der Anfang einer vom Grundeigen- tum unabhängigen Existenz und Entwicklung des Kapitals, eines Eigentums, das bloß in der Arbeit und im Austausch seine Basis is hat. In den Städten, welche im Mittelalter nicht aus der früheren Geschichte fertig überliefert waren, sondern sich neu aus den frei- gewordnen Leibeignen bildeten, war die besondre Arbeit eines Jeden sein einziges Eigentum außer dem kleinen, fast nu r im nötig- 20 sten Handwerkszeug bestehenden Kapital, das er mitbrachte. Die Konkurrenz der fortwährend in die Stadt kommenden entlaufenen Leibeigenen, der fortwährende Krieg des Landes gegen die Städte und damit die Notwendigkeit einer organisierten städtischen Kriegsmacht, das Band des gemeinsamen Eigentums an einer be- 25 stimmten Arbeit, die Notwendigkeit gemeinsamer Gebäude zum Verkauf ihrer Ware n zu einer Zeit, wo die Handwerker zugleich commerçants und die damit gegebene Ausschließung Unberufener von diesen Gebäuden, der Gegensatz der Interessen der einzelnen Handwerke unter sich, die Notwendigkeit eines Schutzes der mit so Mühe erlernten Arbeit und die feudale Organisation des ganzen Landes waren die Ursachen der Vereinigung der Arbeiter eines jeden Handwerks in Zünften. Wi r haben hier auf die vielfachen Modifikationen des Zunftwesens, die durch spätere historische Ent- wicklungen hereinkommen, nicht weiter einzugehen. Die Flucht ss der Leibeignen in die Städte fand während des ganzen Mittelalters ununterbrochen statt. Diese Leibeignen, auf dem Lande von ihren Herren verfolgt, kamen einzeln in die Städte, wo sie eine organi- sierte Gemeinde vorfanden, gegen die sie machtlos waren, worin sie sich der Stellung unterwerfen mußten, die ihnen das Bedürf- *o nis nach ihrer Arbeit und das Interesse ihrer organisierten städti- schen Konkurrenten anwies. Diese einzeln herein kommenden Ar- beiter konnten es nie zu einer Macht bringen, da, wenn ihre Arbeit eine zunftmäßige war, die erlernt werden mußte, die Zunftmeister sie sich unterwarfen und nach ihrem Interesse organisierten, oder, «

I.

Feaerbaeh

41

wenn ihre Arbeit nicht erlernt werden mußte, daher keine zunft- mäßige, sondern Taglöhnerarbeit war, nie zu einer Organisation kamen, sondern unorganisierter Pöbel blieben. Die Notwendigkeit der Taglöhnerarbeit in den Städten schuf den Pöbel. — Diese s Städte waren wahre „Vereine", hervorgerufen durch das unmittel- bare /43/ Bedürfnis, die Sorge um den Schutz des Eigentums, und, um die Produktionsmittel und Verteidigungsmittel der einzelnen Mitglieder zu multiplizieren. Der Pöbel dieser Städte wa r da- durch, da ß er aus einander fremden, vereinzelt herein gekomme- 10 nen Individuen bestand, die einer organisierten, kriegsmäßig ge- rüsteten, sie eifersüchtig überwachenden Macht unorganisiert gegenüberstanden, aller Macht beraubt. Die Gesellen und Lehr- linge waren in jedem Handwerk so organisiert, wie es dem Inter- esse der Meister am besten entsprach; das patriarchalische Ver- la hältnis, in dem sie zu ihren Meistern standen, gab diesen eine doppelte Macht, einerseits in ihrem direkten Einfluß auf das ganze Leben der Gesellen und dann, weil es für die Gesellen, die bei demselben Meister arbeiteten, ein wirkliches Band war, das sie gegenüber den Gesellen der übrigen Meister zusammenhielt und so sie von diesen trennte; und endlich waren die Gesellen schon durch das Interesse, das sie hatten, selbst Meister zu werden, an die bestehende Ordnung geknüpft. Während daher der Pöbel es wenigstens zu Erneuten gegen die ganze städtische Ordnung brachte, die indes bei seiner Machtlosigkeit ohne alle Wirkung 25 blieben, kamen die Gesellen nur zu kleinen Widersetzlichkeiten innerhalb einzelner Zünfte, wie sie zur Existenz des Zunftwesens selbst gehören. Die großen Aufstände des Mittelalters gingen alle vom Lande aus, blieben aber ebenfalls wegen der Zersplitterung und der daraus folgenden Roheit der Bauern total erfolglos. 3o Die Teilung der Arbeit war in den Städten zwischen den ein- /44/zelnen Zünften noch [ganz naturwüchsig] und in den Zünften selbst zwischen den einzelnen Arbeitern gar nicht durchgeführt. Jeder Arbeiter mußte in einem ganzen Kreise von Arbeiten be- wandert sein, mußte Alles machen können, was mit seinen Werk- 35 zeugen zu machen war ; der beschränkte Verkehr und die geringe Verbindung der einzelnen Städte unter sieh, der Mangel an Bevöl- kerung und die Beschränktheit der Bedürfnisse ließen keine weitere Teilung der Arbeit aufkommen und daher mußte Jeder, der Mei- ster werden wollte, seines ganzen Handwerks mächtig sein. Daher 4o findet sich bei den mittelalterlichen Handwerkern noch ein Inter- esse an ihrer speziellen Arbeit und an der Geschicklichkeit darin, das sich bis zu einem gewissen bornierten Kunstsinn steigern konnte. Daher ging aber auch jeder mittelalterliche Handwerker

31 Der Rand des Papiers ist beschädigt und auf dem Photo durch Vmbiegung verdeckt

42

Deutsche Ideologie.

Einleitung

ganz in seiner Arbeit auf, hatte ein gemütliches Knechtschafts- verhältnis zu ihr und wa r viel mehr als der moderne Arbeiter, dem seine Arbeit gleichgültig ist, unter sie subsumiert. /43/ Das Kapital in diesen Städten wa r ein naturwüchsiges Ka- pital, das in der Wohnung, den Handwerkszeugen un d der natur- wüchsigen, erblichen Kundschaft bestand, und sich wegen des un- entwickelten Verkehrs und der mangelnden Zirkulation als unreali- sierbar vom Vater auf den Sohn forterben mußte. Dies Kapital war nicht, wie das moderne, ein in Geld abzuschätzendes, bei dem es gleichgültig ist, ob es in dieser oder jener Sache steckt, sondern ein unmittelbar mit der bestimmten Arbeit des Besitzers zusam- menhängendes, von ihr gar nicht zu trennendes, und in sofern ständische s Kapital. /44/ Die nächste Ausdehnung der Teilung der Arbeit war die Trennung von Produktion und Verkehr, die Bildung einer beson- dern Klasse von Kauf leuten, eine Trennung, die in den historisch überlieferten Städten (u. A. mit den Juden ) mit überkommen war und in den neugebildeten sehr bald eintrat. Hiermit wa r die Mög- lichkeit einer über den nächsten Umkreis hinausgehenden Handels- verbindung gegeben, eine Möglichkeit, deren Ausführung von den bestehenden Kommunikationsmitteln, dem durch die politischen Verhältnisse bedingten Stande der öffentlichen Sicherheit auf dem Lande (im ganzen Mittelalter zogen bekanntlich die Kaufleute in bewaffneten Karawanen herum ) und von den durch die jedes- malige Kulturstufe bedingten roheren oder entwickelteren Bedürf- nissen des de m Verkehr zugänglichen Gebietes abhing. — Mit dem in einer besonderen Klasse konstituierten Verkehr, mit der Ausdehnung des Handels durch die Kaufleute über die nächste Umgebung der Stadt hinaus, tritt sogleich eine Wechselwirkung zwischen der Produktion und dem Verkehr ein. Die Städte treten m i t einande r i n Verbindung, e s werden neue Werkzeuge aus einer Stadt in die andre gebracht, und die Teilung zwischen Pro- duktion und Verkehr ruft bald eine neue Teilung der Produktion zwischen /45/ den einzelnen Städten hervor, deren Jede bald einen vorherrschenden Industriezweig exploitiert. Die anfängliche Be- schränkung auf die Lokalität fängt an allmählich aufgelöst zu werden. /54/ Die Bürger in jeder Stadt waren im Mittelalter gezwungen, sich gegen den Landadel zu vereinigen, um sich ihrer Haut zu wehren; die Ausdehnung des Handels, die Herstellung der Kom- munikationen führte die einzelnen Städte dazu andere Städte kennen zu lernen, die dieselben Interessen im Kampfe mit dem- selben Gegensatz durchgesetzt hatten. Aus den vielen lokalen Bürgerschaften der einzelnen Städte entstand erst sehr allmählich die Bürger k 1 a s s e. Die Lebensbedingungen der einzelnen Bür-

I.

Feuerbach

43

ger wurden durch den Gegensatz gegen die bestehenden Verhält- nisse und durch die davon bedingte Art der Arbeit zugleich zu Bedingungen, welche ihnen allen gemeinsam und von jedem Ein- zelnen unabhängig waren. Die Bürger hatten diese Bedingungen 5 geschaffen, insofern sie sich von de m feudalen Verbände losge- rissen hatten, und waren von ihnen geschaffen, insofern sie durch ihren Gegensatz gegen die Feudalität, die sie vorfanden, bedingt waren. Mit dem Eintreten der Verbindung zwischen den einzel- nen Städten entwickelten sich diese gemeinsamen Bedingungen 10 zu Klassenbedingungen. Dieselben Bedingungen, derselbe Gegen- satz, dieselben Interessen mußten im Ganzen und Großen auch überall gleiche Sitten hervorrufen. Die Bourgeoisie selbst ent- wickelt sich erst mit ihren Bedingungen allmählich, spaltet sich nach der Teilung der Arbeit wieder in verschiedene Fraktionen is und absorbiert endlich alle vorgefundenen besitzenden Klassen in sich, (während sie die Majorität der vorgefundenen besitzlosen und einen Teil der bisher besitzenden Klasse zu einer neuen Klasse, dem Proletariat, entwickelt), in de m Maße , als alles vorgefundene Eigentum in industrielles oder kommerzielles Ka-

20 pital umgewandelt wird. Die einzelnen Individuen bilden nur in- sofern eine Klasse, als /55/ sie einen gemeinsamen Kampf gegen eine andre Klasse zu führen haben; im übrigen stehen sie einander selbst in der Konkurrenz wieder feindlich gegenüber. Auf der andern Seite verselbstständigt sich die Klasse wieder gegen die ss Individuen, sodaß diese ihre Lebensbedingungen prädestiniert vorfinden, von der Klasse ihre Lebensstellung und damit ihre Persönliche Entwicklung angewiesen bekommen, unter sie subsu- miert werden. Dies ist dieselbe Erscheinung wie die Subsumtion der einzelnen Individuen unter die Teilung der Arbeit, und kann 30 nur durch die Aufhebung des Privateigentums und der Arbeit selbst beseitigt werden. Wie diese Subsumtion der Individuen unter die Klasse sich zugleich zu einer Subsumtion unter allerlei Vorstellungen pp entwickelt, haben wir bereits mehrere Male an- gedeutet. —

/45/ Es hängt lediglich von der Ausdehnung des Verkehrs ab, ob

die in einer Lokalität gewonnenen Produktivkräfte, namentlich Erfindungen, für die spätere Entwicklung verloren gehen oder nicht. Solange noch kein über die unmittelbare Nachbarschaft hinausgehender Verkehr existiert, mu ß jede Erfindung in jeder to Lokalität besonders gemacht werden, und bloße Zufälle, wie Ir- ruptionen barbarischer Völker, selbst gewöhnliche Kriege, reichen

3s

13—16 Auf dieser Höhe strich Marx den Text rechts an und schrieb daneben in die rechte Spalte:

Sie

absorbiert

zunächst

die

dan n

alle +

[ : plus ou moins]

dem

Staat

direkt

angehörigen

ideologischen

Stände .

Arbeitszweige,

44

Deutsche

Ideologie.

Einleitung

hin, ein Land mit entwickelten Produktivkräften und Bedürfnissen dahin zu bringen, da ß es wieder von vorne anfangen muß . In der anfänglichen Geschichte mußte jede Erfindung täglich neu, und in jeder Lokalität unabhängig gemacht werden. Wi e wenig aus- gebildete Produktivkräfte selbst bei einem verhältnismäßig sehr s ausgedehnten Handel vor dem gänzlichen Untergange sicher sind, beweisen die Phönizier, deren Erfindungen zum größten Teil durch die Verdrängung dieser Nation aus de m Handel, die Er- oberimg Alexanders und den daraus folgenden Verfall auf lange Zeit verloren gingen. Ebenso im Mittelalter die Glasmalerei z. B. 10 Erst wenn der Verkehr zum Weltverkehr geworden ist, und die große Industrie zur Basis hat, alle Nationen in den Konkurrenz- kampf hereingezogen sind, ist die Dauer der gewonnenen Produk- tivkräfte gesichert. Die Teilung der Arbeit zwischen den verschiedenen Städten u hatte zur nächsten Folge das Entstehen der Manufakturen, der dem Zunftwesen entwachsenen Produktionszweige. Das erste Aufblühen der Manufakturen — in Italien und später in Flandern — hatte den Verkehr mit auswärtigen Nationen zu seiner historischen Vor- aussetzung. In andern Ländern — England und Frankreich z. B. 20 — beschränkten die Manufakturen sich anfangs auf den inländi- schen Markt. Die Manufakturen haben auße r den angegebenen Voraussetzungen noch eine schon fortgeschrittene Konzentration der Bevölkerung — namentlich auf dem Lande — und des Kapi- tals, da s sich teils in den Zünften trotz der Zunftgesetze, teils bei 25 den Kauf leuten in einzelnen Händen zu sammeln anfing, zur Vor- aussetzung. /46/ Diejenige Arbeit, die von vornherein eine Maschine, wenn auch noch in der rohsten Gestalt, voraussetzte, zeigte sich sehr bald als die entwicklungsfähigste. Die Weberei, bisher auf dem so Lande von den Bauern nebenbei betrieben, um sich ihre nötige Kleidung zu verschaffen, war die erste Arbeit, welche durch die Ausdehnung des Verkehrs einen Anstoß und eine weitere Ausbil- dung erhielt. Die Weberei war die erste und blieb die hauptsäch- lichste Manufaktur. Die mit der steigenden Bevölkerung steigende ss Nachfrage nach Kleidungsstoffen, die beginnende Akkumulation und Mobilisation des naturwüchsigen Kapitals durch die beschleu- nigte Zirkulation, das hierdurch hervorgerufene und durch die allmähliche Ausdehnung des Verkehrs überhaupt begünstigte Luxusbedürfnis gaben der Weberei quantitativ und qualitativ to einen Anstoß, der sie aus der bisherigen Produktionsform heraus

7 Marx schaltete nach Phönizier in der rechten Spalte ein:

und

die

Glasmacherei

im

Mittelalter

10 Diesen Satz schrieb Engels in die rechte Spalte, ohne die fast gleichlautende marxsche Einschaltung derselben Spalte zu tilgen

I. Feuerbach

45

riß . Neben den zum Selbstgebrauch webenden Bauern, die fort- bestehen blieben und noch fortbestehen, ka m eine neue Klasse von Webern in den Städten auf, deren Gewebe für den ganzen heimi- schen Markt und meist auch für auswärtige Märkte bestimmt 5 waren. — Die Weberei, eine in den meisten Fällen wenig Ge- schicklichkeit erfordernde und bald in unendlich viele Zweige zerfallende Arbeit, widerstrebte ihrer ganzen Beschaffenheit nach den Fesseln der Zunft. Die Weberei wurde daher auch meist in Dörfern und Marktflecken ohne zünftige Organisation betrieben, io die allmählich zu Städten, und zwar bald zu den blühendsten Städ- ten jedes Landes wurden. — Mit der zunftfreien Manufaktur ver- änderten sich sogleich auch die Eigentumsverhältnisse. Der erste Fortschritt über das naturwüchsig-ständische Kapital hinaus wa r durch das Aufkommen der Kaufleute gegeben, deren Kapital von is vorn herein mobil, Kapital im modernen Sinne war, soweit davon unter den damaligen Verhältnissen die Rede sein kann. Der zweite Fortschritt ka m mit der Manufaktur, die wieder eine Masse des naturwüchsigen Kapitals mobilisierte und überhaupt die Masse des mobilen Kapitals gegenüber der des naturwüchsigen vermehrte. so — Die Manufaktur wurde zugleich eine Zuflucht der Bauern gegen die sie ausschließenden oder schlecht bezahlenden Zünfte, wie früher die Zunftstädte den Bauern als Zuflucht /47/ gegen [den sie bedrückenden Landadel gedient] hatten. Mit de m Anfange der Manufakturen gleichzeitig war eine Pe- 25 riode des Vagabundentums, veranlaßt durch das Aufhören der feudalen Gefolgschaften, die Entlassung der zusammengelaufe- nen Armeen, die den Königen gegen die Vasallen gedient hatten, durch verbesserten Ackerbau und Verwandlung von großen Strei- fen Ackerlandes in Viehweiden. Schon hieraus geht hervor, wie so dies Vagabundentum genau mit der Auflösung der Feudalität zu- sammenhängt. Schon im dreizehnten Jahrhundert kommen ein- zelne Epochen dieser Art vor, allgemein und dauernd tritt dies Vagabundentum erst mit dem Ende des 15 . und Anfang des 16. Jahrhunderts hervor. Diese Vagabunden, die so zahlreich waren, 35 da ß u. A. Heinrich VIII. von England ihrer 72 00 0 hängen ließ, wurden nur mit den größten Schwierigkeiten und durch die äußerste Not, und erst nach langem Widerstreben dahin gebracht, d a ß sie arbeiteten. Das rasche Aufblühen de r Manufakturen, namentlich in England, absorbierte sie allmählich. — Mit der to Manufaktur traten die verschiedenen Nationen in ein Konkurrenz- verhältnis, in den Handelskampf, der in Kriegen, Schutzzöllen und Prohibitionen durchgekämpft wurde, während früher die Na- tionen, soweit sie in Verbindung waren, einen harmlosen Aus-

22—23 Das Manuskript ist hier beschädigt; auf dem Photo ist der Rand des Papiers umgebogen und der Text verdeckt

46

Deutsche

Ideologie.

Einleitung

tausch mit einander vollführt hatten. Der Handel hat von nun an politische Bedeutung. Mit der Manufaktur war zugleich ein verändertes Verhältnis des Arbeiters zum Arbeitgeber gegeben. In den Zünften existierte das patriarchalische Verhältnis zwischen Gesellen und Meister s fort; in der Manufaktur trat an seine Stelle das Geldverhältnis zwischen Arbeiter und Kapitalist; ein Verhältnis, das auf dem Lande und in kleinen Städten patriarchalisch tingiert blieb, in den größeren, eigentlichen Manufakturstädten jedoch schon früh fast alle patriarchalische Färbung verlor. 10 Die Manufaktur und überhaupt die Bewegung der Produktion erhielt einen enormen Aufschwung durch die Ausdehnung des Verkehrs, welche mit der Entdeckung Amerikas und des Seeweges nach Ostindien eintrat. Die neuen, von dort importierten Pro- dukte, namentlich die Massen von Gold und Silber, die in Zirku- is lation kamen, die Stellung der Klassen gegen einander total ver- änderten und dem feudalen Grundeigentum und den Arbeitern einen harten Stoß gaben, die Abenteurerzüge, Kolonisation, und vor Allem die jetzt möglich gewordene und täglich sich mehr und mehr herstellende Ausdehnung der Märkte zum Weltmarkt, riefen 20 eine neue Phase der geschicht-/48/lichen Entwicklung hervor, auf welche im Allgemeinen hier nicht weiter einzugehen ist. Durch die Kolonisation der neuentdeckten Länder erhielt der Handels- kampf der Nationen gegen einander neue Nahrung und demgemäß größere Ausdehnung und Erbitterung. 25 Die Ausdehnung des Handels und der Manufaktur beschleu- nigten die Akkumulation des mobilen Kapitals, während in den Zünften, die keinen Stimulus zur erweiterten Produktion erfuh- ren, das naturwüchsige Kapital stabil blieb oder gar abnahm. Handel und Manufaktur schufen die große Bourgeoisie, in den so Zünften konzentrierte sich die Kleinbürgerschaft, die nun nicht mehr wie früher, in den Städten herrschte, sondern der Herr- schaft der großen Kaufleute und Manufacturiers sich beugen mußte. Daher der Verfall der Zünfte, sobald sie mit der Manu-

faktur

ss

Das Verhältnis der Nationen unter einander in ihrem Verkehr nahm während der Epoche, von der wir gesprochen haben, zwei verschiedene Gestalten an. Im Anfange bedingte die geringe zirku- lierende Quantität des Goldes und Silbers das Verbot der Aus- fuhr dieser Metalle; und die durch die Notwendigkeit der Be- *o schäftigung für die wachsende städtische Bevölkerung nötig ge-

in

Berührung

ka m

[en].

30—33 Auf der Höhe dieses Satzes schrieb Marx in die rechte Spalte:

Kleinbürger

Mittelstand

Große*Bourgeoisie.

I. Feuerbach

47

wordene, meist vom Auslande importierte, Industrie konnte der Privilegien nicht entbehren, die natürlich nicht nu r gegen inlän- dische, sondern hauptsächlich gegen auswärtige Konkurrenz ge- geben werden könnten. Das lokale Zunftprivilegium wurde in diesen ursprünglichen Prohibitionen auf die ganze Nation erwei- tert. Die Zölle entstanden aus den Abgaben, die die Feudalherren den ihr Gebiet durchziehenden Kaufleuten als Abkauf der Plün- derung auflegten, Abgaben, die später von den Städten ebenfalls auferlegt wurden und die beim Aufkommen der modernen Staaten das zunächstliegende Mittel für den Fiskus waren, um Geld zu bekommen. — Die Erscheinung des amerikanischen Goldes und Silbers auf den europäischen Märkten, die allmähliche Entwick- lung der Industrie, der rasche Aufschwung des Handels und das hierdurch hervorgerufene Aufblühen der nichtzünftigen Bour- geoisie und des Geldes gab diesen Maßregeln eine andre Bedeu- tung. Der Staat, der des Geldes täglich weniger entbehren konnte, behielt nun das Verbot der Gold- und Silberausfuhr aus fiskali- schen Rücksichten bei; die Bourgeois, für die diese neu auf den Markt geschleuderten Geldmassen der Hauptgegenstand des Ac- caparements war, waren damit vollständig zufrieden; die bis- herigen Privilegien wurden eine Einkommenquelle für die Re- gierung und für Geld verkauft; in der Zollgesetzgebung kamen die Ausfuhrzölle auf, die der Industrie nur ein Hindernis in den We g /49/ [legend], einen rein fiskalischen Zweck hatten. — Die zweite Periode trat mit der Mitte des siebzehnten Jahrhun- derts ein, und dauerte fast bis zum End e des achtzehnten. Der Han- del und die Schiffahrt hatten sich rascher ausgedehnt als die Ma- nufaktur, die eine sekundäre Rolle spielte; die Kolonien fingen an, starke Konsumenten zu werden, die einzelnen Nationen teilten sich durch lange Kämpfe in den sich öffnenden Weltmarkt. Diese Periode beginnt mit den Navigationsgesetzen und Kolonialmono- polen. Die Konkurrenz der Nationen unter einander wurde durch Tarife, Prohibitionen, Traktate möglichst ausgeschlossen; und in letzter Instanz wurde der Konkurrenzkampf durch Kriege (beson- ders Seekriege) geführt und entschieden. Die zur See mächtigste Nation, die Engländer, behielten da s Übergewicht im Hande l u n d der Manufaktur. Schon hier die Konzentration auf Ein Land. — Die Manufaktur war fortwährend durch Schutzzölle im heimi- schen Markte, im Kolonialmarkte durch Monopole und im aus- wärtigen möglichst viel durch Differentialzölle geschützt. Die Be- arbeitung des im Lande selbst erzeugten Materials wurde be- günstigt (Wolle un d Leinen in England, Seide in Frankreich) , die Ausfuhr des im Inlande erzeugten Rohmaterials verboten

24 Auf dem Photo der Rand des Papiers umgebogen und der Text dadurch verdeckt

48

Deutsche Ideologie.

Einleitung

(Wolle in England) und die des importierten vernachlässigt oder unterdrückt (Baumwolle in England) . Die im Seehandel und der Kolonialmacht vorherrschende Nation sicherte sich natürlich auch die größte quantitative und qualitative Ausdehnung der Manu- faktur. Die Manufaktur konnte überhaupt des Schutzes nicht ent- behren, da sie durch die geringste Veränderung, die in andern Ländern vorgeht, ihren Markt verlieren und ruiniert werden kann ; sie ist leicht in einem Lande unter einigermaßen günstigen Bedingungen eingeführt und ebendeshalb leicht zerstört. Sie ist zugleich durch die Art, wie sie, namentlich im 18. Jahrhundert auf dem Lande, betrieben wurde, mit den Lebensverhältnissen einer großen Masse von Individuen so verwachsen, da ß kein Land wa- gen darf ihre Existenz durch Zulassung der freien Konkurrenz aufs Spiel zu setzen. Sie hängt daher, insofern sie es bis zum Ex- port bringt, ganz von der Ausdehnung oder Beschränkung des Handels ab und übt eine verhältnis[mäßig] sehr geringe Rück- wirkung [auf ihn] aus. Daher ihre sekundäre [Bedeutung] und daher der Einfluß [der Kauf]leute im achtzehnten Jahrhundert. /50/ Die Kaufleute und besonders die Reeder waren es, die vor allen Andern auf Staatsschutz und Monopolien drangen; die Ma- nufacturiers verlangten und erhielten zwar auch Schutz, standen aber fortwährend hinter den Kaufleuten an politischer Bedeutung zurück. Die Handelsstädte, speziell die Seestädte, wurden einiger- maße n zivilisiert und großbürgerlich, während in den Fabrik- städten die größte Kleinbürgerei bestehen blieb. Vgl. Aikin pp. Das achtzehnte Jahrhundert war das des Handels. Pinto sagt dies ausdrücklich: „L e commerce fait la marotte du siècle"; und :

„depuis quelque temps il n'est plus question que de commerce, de navigation et de marine. " c * ) ] Diese Periode ist auch bezeichnet durch das Aufhören der

Gold- und Silberausfuhrverbote, das

der Banken, der Staatsschulden, des Papiergeldes, der Aktien-

Entstehen des Geldhandels,

C*)3 /50/ Die Bewegung des Kapitals, obwohl bedeutend beschleunigt, blieb doch noch stets verhältnismäßig langsam. Die Zersplitterung des Weltmarktes in einzelne Teile, deren Jeder von einer besondern Nation ausgebeutet wurde, die Ausschließung der Konkurrenz der Nationen unter sich, die Unbehülflichkeit der Produktion selbst und das aus den ersten Stufen sich erst entwickelnde Geldwesen hielten die Zirkulation sehr auf. Die Folge davon war ein krämerhafter, schmutzig-kleinlicher Geist, der allen Kaufleuten und der ganzen Weise des Handelsbetriebs noch an- haftete. Im Vergleich mit den Manufacturiers und vollends den Hand- werkern waren sie allerdings Großbürger, Bourgeois, im Vergleich zu den Kaufleuten und Industriellen der nächsten Periode bleiben sie Klein- bürger. Vgl. A. Smith.

16—18 Lücken im Manuskript

I. Feuerbach

49

und Fondsspekulationen, der Agiotage in allen Artikeln, und der Ausbildung des Geldwesens überhaupt. Da s Kapital verlor wie- der einen großen Teil der ihm noch anklebenden Naturwüchsig- keit.

s Die im siebzehnten Jahrhundert unaufhaltsam sich entwik- kelnde Konzentration des Handels und der Manufaktur auf ein Land, England, schuf für dieses Land allmählich einen relativen Weltmarkt und damit eine Nachfrage für die Manufakturpro- dukte dieses Landes, die durch die bisherigen industriellen Pro- ie duktivkräfte nicht mehr befriedigt werden konnte. Diese den Pro- duktionskräften über den Kopf wachsende Nachfrage wa r die treibende Kraft, welche die dritte /51 / Periode des Privateigen- tums seit dem Mittelalter hervorrief, indem sie die große Indu- strie — die Anwendung von Elementarkräften zu industriellen is Zwecken, die Maschinerie und die ausgedehnteste Teilung der Arbeit — erzeugte. Die übrigen Bedingungen dieser neuen Phase — die Freiheit der Konkurrenz innerhalb der Nation, die Aus- bildung der theoretischen Mechanik (die durch Newton voll- endete Mechanik war überhaupt im 18. Jahrhundert in Frank- 2o reich und England die populärste Wissenschaft) pp existierten in England bereits. (Die freie Konkurrenz in der Nation selbst mußte überall durch eine Revolution erobert werden — 1640 un d 168 8 in England, 178 9 in Frankreich) . Die Konkurrenz zwang bald jedes Land, das seine historische Rolle behalten wollte, seine 25 Manufakturen durch erneuerte Zollmaßregeln zu schützen (die alten Zölle halfen gegen die große Industrie nicht mehr) und bald darauf die große Industrie unter Schutzzöllen einzuführen. Die große Industrie universalisierte trotz dieser Schutzmittel die Konkurrenz (sie ist die praktische Handelsfreiheit, der Schutz- 3o zoll ist in ihr nu r ein Palliativ, eine Gegenwehr i η de r Handels­ freiheit), stellte die Kommunikationsmittel und den modernen Weltmarkt her, unterwarf sich de n Handel , verwandelte alles Kapital in industrielles Kapital un d erzeugte dami t die rasche Zirkulation (die Ausbildung des Geldwesens) und Zentralisation 35 der Kapitalien . Sie zwang durc h die universelle Konkurren z alle Individuen zur äußersten Anspannung ihrer Energie. Sie ver- nichtete möglichst die Ideologie, Religion, Mora l etc. und wo sie dies nicht konnte, machte sie sie zur handgreiflichen Lüge. Sie erzeugte in soweit erst die Weltgeschichte, als sie jede zivilisierte 40 Nation und jedes Individuum darin in der Befriedigung seiner Bedürfnisse von der ganzen Welt abhängig machte, und die bis- herige naturwüchsige Ausschließlichkeit einzelner Nationen ver-

35—38 Diese beiden Sätze sind von Engels auf der Höhe des Schlusses des ihnen vorangehenden Satzes ohne Einfügungszeichen in die rechte Spalte geschrieben worden Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 5

4

50

Deutsche Ideologie.

Einleitung

nichtete. Sie subsumierte die Naturwissenschaft unter das Kapital und nahm der Teilung der Arbeit den letzten Schein der Natur- wüchsigkeit. Sie vernichtete überhaupt die Naturwüchsigkeit, so- weit dies innerhalb der Arbeit möglich ist und löste alle natur- wüchsigen Verhältnisse in Geldverhältnisse auf. Sie schuf an der s Stelle der naturwüchsigen Städte die modernen, großen Industrie- städte, die über Nacht entstanden sind. Sie zerstörte, wo sie durch- drang, das Handwerk und überhaupt alle früheren Stufen der Industrie. Sie vollendete den Sieg [der] Handelsstadt über das Land. [Ihre erste Voraussetzung] ist das automatische System. 10 [Ihre Entwicklung er]zeugte eine Masse von Produktivkräften , für die das Privat [eigentum] eben sosehr eine Fessel /52/ wurde, wie die Zunft für die Manufaktur und der kleine, ländliche Be- trieb für das sich ausbildende Handwerk. Diese Produktivkräfte erhalten unter dem Privateigentum eine nur einseitige Entwick- is lung, werden für die Mehrzahl zu Destruktivkräften und eine Menge solcher Kräfte können im Privateigentum gar nicht zur Anwendung kommen. Sie erzeugte im Allgemeinen überall die- selben Verhältnisse zwischen den Klassen der Gesellschaft, und vernichtete dadurch die Besonderheit der einzelnen Nationalitä- 20 ten. Und endlich, während die Bourgeoisie jeder Nation noch aparte nationale Interessen behält, schuf die große Industrie eine Klasse, die bei allen Nationen dasselbe Interesse hat, und bei der die Nationalität schon vernichtet ist, eine Klasse, die wirklich die ganze alte Welt los ist und zugleich ihr gegenübersteht. Sie macht 25 dem Arbeiter nicht bloß das Verhältnis zum Kapitalisten, sondern die Arbeit selbst unerträglich. Es versteht sich, da ß die große Industrie nicht in jeder Lokali- tät eines Landes zu derselben Höhe der Ausbildung kommt. Dies hält indes die Klassenbewegung des Proletariats nicht auf, da die 30 durch die große Industrie erzeugten Proletarier an die Spitze dieser Bewegung treten und die ganze Masse mit sich fortreißen, und da die von der großen Industrie ausgeschlossenen Arbeiter durch diese große Industrie in eine noch schlechtere Lebenslage versetzt werden als die Arbeiter der großen Industrie selbst; Eben- 35 so wirken die Länder, in denen eine große Industrie entwickelt ist, auf die plus ou moins nichtindustriellen Länder, sofern diese durch den Weltverkehr in den universellen Konkurrenzkampf hereingerissen sind. c * ) ]

[*)] /53/ Die Konkurrenz isoliert die Individuen, nicht nur die Bour- *o geois, sondern noch mehr die Proletarier gegen einander, trotzdem daß sie sie zusammen bringt. Daher dauert es eine lange Zeit bis diese Indi- viduen sich vereinigen können, abgesebn davon, daß zu dieser Vereinigung

ö—12 Das Manuskript ist beschädigt

I. Feuerbach

51

Diese verschiedenen Formen sind ebensoviel Formen der Orga- nisation der Arbeit und damit des Eigentums. In jeder Periode fand eine Vereinigung der existierenden Produktivkräfte statt, soweit sie durch die Bedürfnisse notwendig geworden war.

/68/

[2.]

Verhältni s

vo n

Staa t

z u m

Eigentu m

un d

Rech t

Die erste For m des Eigentums ist sowohl in der antiken Welt wie im Mittelalter das Stammeigentum, bedingt bei den Römern hauptsächlich durch den Krieg, bei den /69/ Germanen durch die

io Viehzucht. Bei den antiken Völkern erscheint, weil in einer Stadt mehrere Stämme zusammenwohnen, das Stammeigentum als Staatseigentum, und da s Recht des Einzelnen dara n als bloße Pos- sessio, die sich indes, wie das Stammeigentum überhaupt, nur auf das Grundeigentum beschränkt. Das eigentliche Privateigentum is fängt bei den Alten, wie bei den modernen Völkern mit dem Mo- biliareigentum an. — (Sklaverei und Gemeinwesen) (dominium ex jure Quiritum) . Bei den aus dem Mittelalter hervorgehenden Völkern entwickelt sich das Stammeigentum so durch verschie- dene Stufen — feudales Grundeigentum, korporatives Mobiliar-

20 eigentum, Manufakturkapital — bis zum modernen, durch die große Industrie und universelle Konkurrenz bedingten Kapital, dem reinen Privateigentum, das allen Schein des Gemeinwesens abgestreift und alle Einwirkung des Staats auf die Entwicklung des Eigentums ausgeschlossen hat. Diesem modernen Privateigen-

25 tum entspricht der moderne Staat, der durch die Steuern allmäh- lich von den Privateigentümern an sich gekauft, durch das Staats- schuldenwesen ihnen vollständig verfallen und dessen Existenz in dem Steigen und Fallen der Staatspapiere auf der Börse gänzlich von dem kommerziellen Kredit abhängig geworden ist, den ihm

3o — wenn sie nicht bloß lokal sein soll — die nötigen Mittel, die großen

Industriestädte und die wohlfeilen und schnellen Kommunikationen durch die große Industrie erst hergestellt sein müssen, und daher ist jede organi- sierte Macht gegenüber diesen isolierten und in Verhältnissen, die die Isolierung täglich reproduzieren, lebenden Individuen erst nach langen

35 Kämpfen zu besiegen. Das Gegenteil verlangen, hieße ebensoviel wie zu verlangen, daß die Konkurrenz in dieser bestimmten Geschichtsepoche nicht existieren soll oder daß die Individuen Verhältnisse, über die sie als Isolierte keine Kontrolle haben, sich aus dem Kopf schlagen sollen.

4*

52

Deutsche Ideologie.

Einleitung

die Privateigentümer, die Bourgeois, geben. Die Bourgeoisie ist

schon, weil

sie eine Klasse , nicht mehr ein Stan d ist, dazu

gezwungen, sich national, nicht mehr lokal zu organisieren, und ihrem Durchschnittsinteresse eine allgemeine For m zu geben. Durch die Emanzipation des Privateigentums vom Gemeinwesen s ist der Staat zu einer besonderen Existenz neben und außer der bürgerlichen Gesellschaft geworden; er ist aber weiter Nichts als die For m der Organisation, welche sich die Bourgeois sowohl nach Außen, als nach innen hin, zur gegenseitigen Garantie ihres Eigen- tums und ihrer Interessen notwendig geben. Die Selbstständigkeit 10 des Staats kommt heutzutage nur noch in solchen Ländern vor, wo die Stände sich nicht vollständig zu Klassen entwickelt haben, wo die in den fortgeschrittneren Ländern beseitigten Stände noch eine Rolle spielen und ein Gemisch existiert, in denen daher kein Teil der Bevölkerung es zur Herrschaft über die übrigen bringen kann, u Dies ist namentlich in Deutschland der Fall. Das vollendetste Bei- spiel des modernen Staats ist Nord-/70/amerika. Die neueren französischen, englischen und amerikanischen Schriftsteller spre- chen sich Alle dahin aus, da ß der Staat nur um des Privateigen- tums willen existiere, sodaß dies auch in das gewöhnliche Be- so wußtsein übergegangen ist. Da der Staat die For m ist, in welcher die Individuen einer herr- schenden Klasse ihre gemeinsamen Interessen geltend machen und die ganze bürgerliche Gesellschaft einer Epoche sich zusammen- faßt, so folgt, da ß alle gemeinsamen Institutionen durch den Staat 20 vermittelt werden, eine politische Form erhalten. Daher die Illu- sion, als ob das Gesetz auf dem Willen und zwar auf dem von sei- ner realen Basis losgerissenen, dem freie n Willen beruhe. Ebenso wird das Recht dann wieder auf das Gesetz reduziert. Das Privatrecht entwickelt sich zu gleicher Zeit mit dem Privat- so eigentum aus der Auflösung des naturwüchsigen Gemeinwesens. Bei den Römern blieb die Entwicklung des Privateigentums und Privatrechts ohne weitere industrielle und kommerzielle Folgen, weil ihre ganze Produktionsweise dieselbe blieb. Bei den moder- nen Völkern, wo das feudale Gemeinwesen durch die Industrie ss und den Handel aufgelöst wurde, begann mit de m Entstehen des Privateigentums und Privatrechts eine neue Phase, die einer weite- ren Entwicklung fähig war. Gleich die erste Stadt, die im Mittelalter einen ausgedehnten Seehandel führte, Amalfi, bildete auch das Seerecht aus. Sobald, zuerst in Italien und später in anderen Län- 40 dem , die Industrie und der Handel das Privateigentum weiter ent- wickelten, wurde gleich das ausgebildete römische Privatrecht wie- der aufgenommen und zur Autorität erhoben. Als später die Bour-

34 Auf dieser Höhe schrieb Engels in die rechte Spalte:

(Wucher!)

I. Feuerbach

53

geoisie so viel Macht erlangt hatte, da ß die Fürsten sich ihrer In- teressen annahmen, um vermittelst der Bourgeoisie den Feudal- adel zu stürzen, begann in allen Ländern — in Frankreich im 16. Jahrhundert — die eigentliche Entwicklung des Rechts, die in s allen /71 / Ländern, ausgenommen England, auf der Basis des römischen Kodex vor sich ging. Auch in England mußten römi- sche Rechtsgrundsätze zur weiteren Ausbildung des Privatrechts (besonders beim Mobiliareigentum) hereingenommen werden. (Nicht zu vergessen, da ß das Recht ebensowenig eine eigene Ge- io schichte hat wie die Religion). Im Privatrecht werden die bestehenden Eigentumsverhältnisse als Resultat des allgemeinen Willens ausgesprochen. Das jus utendi et abutendi selbst spricht einerseits die Tatsache aus, da ß das Privateigentum vom Gemeinwesen durchaus unabhängig ge- 15 worden ist, und andererseits die Illusion, als ob das Privateigen- tum selbst auf dem bloßen Privatwillen, der willkürlichen Dispo- sition über die Sache beruhe. In der Praxis hat das abuti sehr be- stimmte ökonomische Grenzen für den Privateigentümer, wenn er nicht sein Eigentum und damit sein jus abutendi in andre Hände 2o Übergehn sehen will, da überhaupt die Sache, bloß in Beziehung auf seinen Willen betrachtet, gar keine Sache ist, sondern erst im Verkehr, und unabhängig vom Recht zu einer Sache, zu wirk- lichem Eigentum wird (ein Verhältnis , was die Philosophen eine Idee nennen) . — Diese juristische Illusion, die das Recht 25 auf den bloßen Willen reduziert, führt in der weiteren Entwick- lung der Eigentumsverhältnisse notwendig dahin, da ß Jemand einen juristischen Titel auf eine Sache haben kann, ohne die Sache wirklich zu haben. Wird z. B. durch die Konkurrenz die Rente eines Grundstückes beseitigt, so hat der Eigentümer desselben zwar so seinen juristischen Titel daran, samt dem jus utendi et abutendi. Aber er kann nichts damit anfangen, er besitzt nichts als Grund- eigentümer, falls er nicht sonst noch Kapital genug besitzt, um sei- nen Boden zu bebauen. Aus derselben Illusion der Juristen erklärt es sich, da ß es für sie und für jeden Kodex überhaupt zufällig ist, 3s da ß Individuen in Verhältnisse unter einander treten, z. B. Ver- träge, und da ß ihm diese Verhältnisse für solche gelten, die man nach Belieben eingehen oder nicht eingehen /72/ [kann] und deren Inhalt ganz auf der individuellen [Will] kür der Kontrahenten [berluht. — So oft sich durch die Entwicklung] der Industrie und

17—23 Auf dieser Höhe schrieb Marx in die rechte Spalte:

Verhältni s für die Philosophe n = Idee. Sie kennen bloß das Verhältnis „des Menschen" zu sich selbst und darum werden alle wirklichen Verhältnisse ihnen zu Ideen. 24—2S Auf der Höhe dieses Satzes schrieb Marx in die rechte Spalte:

D[ieJ Willen über d[ie] 37—39 Das Papier ist beschädigt

Willen

wirklich e etc.

54

Deutsche

Ideologie.

Einleitung

des Handel s neu e [Ve]rkehrsformen gebildet haben , [ζ.] B. Asse- kuranz-etc. Kompanien , wa r da s Recht jedesmal genötigt, sie unter die Eigentumserwerbsarten aufzunehmen.

*

/63 / Es ist nichts gewöhnlicher als die Vorstellung, in der Ge- schichte sei es bisher nu r auf das Nehme n angekommen. Die s Barbaren nehme n da s römische Reich, und mit der Tatsache die- ses Nehmens erklärt man den Übergang aus der alten Welt in die Feudalität. Bei dem Nehmen durch Barbaren komm t es aber darau f an, ob die Nation, die eingenommen wird, industrielle Produktiv- kräfte entwickelt hat, wie dies bei den modernen Völkern der Fall 10 ist, oder ob ihre Produktivkräfte hauptsächlich bloß auf ihrer Vereinigung und de m Gemeinwesen beruhen. Da s Nehmen ist ferner bedingt durch den Gegenstand, der genommen wird. Das in Papie r bestehende Vermögen eines Bankiers kann ga r nicht ge- nommen werden, ohne da ß der Nehmende sich den Produktions- « und Verkehrsbedingungen des genommenen Landes unterwirft. Ebenso das gesamte industrielle Kapital, eines modernen Industrie- landes. Und endlich hat das Nehmen überall sehr bald ein Ende, und wenn nichts meh r zu nehmen ist, mu ß ma n anfangen zu pro- duzieren. Aus dieser sehr bald eintretenden Notwendigkeit des io Produzierens folgt, /64/ da ß die von den sich niederlassenden Er- oberern angenommene For m des Gemeinwesens der Entwicklungs- stufe der vorgefundnen Produktivkräfte entsprechen, oder wenn dies nicht von vorn herein der Fall ist, sich nach den Produktiv- kräfte n änder n muß . Hierau s erklär t sic h auc h da s Faktum , da s so- m a n in der Zeit nach der Völkerwanderung überall bemerkt haben will, da ß nämlich der Knecht de r Her r war, und die Eroberer von den Eroberten Sprache, Bildung und Sitten sehr bald annahmen. Die Feudalität wurde keineswegs aus Deutschland fertig mitge- bracht, sondern sie hatte ihren Ursprung von Seiten der Eroberer ao in der kriegerischen Organisation des Heerwesens während der Eroberung selbst, und diese entwickelte sich nach derselben durch die Einwirkung der in den eroberten Ländern vorgefundnen Pro- duktivkräfte erst zur eigentlichen Feudalität. Wie sehr diese For m durch die Produktivkräfte bedingt war, zeigen die gescheiterten α Versuche, andr e aus altrömischen Reminiszenzen entspringende Forme n durchzusetzen (Kar l d. Groß e pp) .

1 Das Papier ist beschädigt, daher Lücken im Manuskript

12 Im Original beruht

30—31

Im Original

de r Erobere r

{erst durch )

in die kriegerisch e Organisatio n

I. Feuerbach

55

[3.

Naturwüchsig e

un d

zivilisiert e

Produktions -

instrument e

un d

Eigentumsformen ]

/40/ funden wird. Aus de m ersteren ergibt sich die Vorausset- zung einer ausgebildeten Teilung der Arbeit und eines ausgedehn- 5 ten Handels, aus de m zweiten die Lokalität. Bei de m ersten müs- sen die Individuen zusammengebraeht sein, bei de m zweiten finden sie sich neben de m gegebenen Produktionsinstrument selbst als Produktionsinstrumente vor. Hier tritt also de r Unterschied zwi- schen den naturwüchsigen und den durch die Zivilisation gesehaf- io fenen Produktionsinstrumenlen hervor. Der Acker (das Wasser etc.) kann als naturwüchsiges Produktionsinstrument betrachtet werden. Im ersten Fall, beim naturwüchsigen Produktionsinstru- ment, werden die Individuen unter die Natur subsumiert, im zwei- ten Falle unter ein Produkt der Arbeit. Im ersten Falle erscheint is daher auch das Eigentum (Grundeigentum) als unmittelbare,

naturwüchsige Herrschaft, im zweiten als Herrschaft de r Arbeit, speziell der akkumulierten Arbeit, des Kapitals. Der erste Fall setzt voraus, da ß die Individuen durch irgend ein Band, sei es Familie, Stamm, der Boden selbst pp zusammen gehören, der

20 zweite Fall, da ß sie unabhängig von einander sind und nu r durch den Austausch zusammen gehalten werden. Im ersten Fall ist de r Austausch hauptsächlich ein Austausch zwischen den Menschen und der Natur, ein Austausch, in dem die Arbeit der Einen gegen die Produkte der Andern eingetauscht wird ; im zweiten Falle ist

25 er vorherrschend Austausch der Menschen unter sich. Im ersten Falle reicht der durchschnittliehe Menschenverstand hin, körper- liche und geistige Tätigkeit sind noch gar nicht getrennt ; im zwei- ten Falle mu ß bereits die Teilung zwischen geistiger und körper- licher Arbeit praktisch vollzogen sein. Im ersten Falle kann die

so Herrschaft des Eigentümers über die Nichteigentümer auf persön- lichen Verhältnissen, auf einer Art von Gemeinwesen beruhen, im zweiten Falle mu ß sie in einem Dritten, dem Geld, eine ding- liche Gestalt angenommen haben. Im ersten Falle existiert die kleine Industrie, aber subsumiert unter die Benutzung des natur-

35 wüchsigen Produktionsinstruments, und daher ohne Verteilung der Arbeit an verschiedene Individuen; im zweiten Falle besteht die Industrie nur in und durch die Teilung der Arbeit. /41 / Wi r gingen bisher von den Produktionsinstrumenten aus

3 Der Anfang der hier folgenden Fortsetzung, der sich auf einem von Engels 83 numerierten Bogen, mit den Seitenbezeichnungen 36—39 (inkl.) von Marx, befand, fehlt

24 Im Original werden

56

Deutsche

Ideologie.

Einleitung

und schon hier zeigte sich die Notwendigkeit des Privateigentums für gewisse industrielle Stufen. In der industrie extractive fällt das Privateigentum mit der Arbeit noch ganz zusammen; in der kleinen Industrie und aller bisherigen Agrikultur ist das Eigen- tum notwendige Konsequenz der vorhandenen Produktionsinstru- mente; in der großen Industrie ist der Widerspruch zwischen dem Produktionsinstrument und Privateigentum erst ihr Produkt, zu dessen Erzeugung sie bereits sehr entwickelt sein muß . Mit ihr ist also auch die Aufhebung des Privateigentums erst möglich. /64/ In der großen Industrie und Konkurrenz sind die sämt- lichen Existenzbedingungen, Bedingtheiten, Einseitigkeiten der In- dividuen zusammengeschmolzen in die beiden einfachsten Formen :

Privateigentum und Arbeit. Mit dem Gelde ist jede Verkehrsform und der Verkehr selbst für die Individuen als zufällig gesetzt. Also liegt schon im Gelde, da ß aller bisherige Verkehr nu r Ver- kehr der Individuen unter bestimmten Bedingungen, nicht der In- dividuen als Individuen war. Diese Bedingungen sind auf zwei — akkumulierte Arbeit oder Privateigentum, oder wirkliche Arbeit — reduziert. Hört diese oder eine von ihnen auf, so stockt der Ver- kehr. Die modernen Ökonomen selbst, z. B. Sismondi, Cherbuliez etc., stellen die association des individus der association des capi- taux entgegen. Andererseits sind die Individuen selbst vollständig unter die Teilung der Arbeit subsumiert und dadurch in die voll- ständigste Abhängigkeit von einander gebracht. Das Privateigen- tum, soweit es, innerhalb der Arbeit, der Arbeit gegenübertritt, entwickelt sich aus der Notwendigkeit der Akkumulation, und hat im Anfange imme r noch mehr die Form des Gemeinwesens, nähert sich aber in der weiteren Entwicklung immer mehr der modernen For m des Privateigentums. Durch die Teilung der Arbeit ist schon von vorn herein die Teilung auch der Arbeitsbedingungen , Werkzeuge und Materialien gegeben und damit die Zersplitterung des akkumulierten Kapitals an verschiedne Eigentümer, und damit die Zersplitterung zwischen Kapital und Arbeit, un d die verschie- denen Formen des Eigentums selbst. Jemehr sich die Teilung der Arbeit aus-/65/bildet und jemehr die Akkumulation wächst, desto schärfer bildet sich auch diese Zersplitterung aus. Die Arbeit selbst kann nur bestehen unter der Voraussetzung dieser Zersplit- terung. Es zeigen sich hier also zwei Fakta. Erstens erscheinen die Produktivkräfte als ganz unabhängig und losgerissen von den In- dividuen, als eine eigne Welt neben den Individuen, was darin

Π

Engels

versah

die

Worte

Bedingtheiten,

Einseitigkeiten

mit

keinem

Ein­

fügungszeichen, als er sie in die rechte Spalte schrieb 39 Auf dieser Höhe schrieb Engels in die rechte Spalte:

Sismondi

I. Feuerbach

57

seinen Grund hat, da ß die Individuen, deren Kräfte sie sind, zer- splittert und im Gegensatz gegen einander existieren, während diese Kräfte andererseits nur im Verkehr und Zusammenhang die- ser Individuen wirkliche Kräfte sind. Also auf der einen Seite

s eine Totalität von Produktivkräften, die gleichsam eine sachliche Gestalt angenommen haben und für die Individuen selbst nicht mehr die Kräfte der Individuen, sondern des Privateigentums, und daher der Individuen nur insofern sie Privateigentümer sind. In keiner früheren Periode hatten die Produktivkräfte diese gleich-

10 gültige Gestalt für den Verkehr der Individuen al s Individuen angenommen, weil ihr Verkehr selbst noch ein bornierter war. Auf der andern Seite steht diesen Produktivkräften die Majorität der Individuen gegenüber, von denen diese Kräfte losgerissen sind und die daher alles wirklichen Lebensinhalts beraubt, abstrakte

is Individuen geworden sind, die aber dadurch erst in den Stand ge- setzt werden, al s Individue n mit einander i n Verbindung zu treten. Der einzige Zusammenhang, in dem sie noch mit den Produk- tivkräften und mit ihrer eignen Existenz stehen, die Arbeit, hat bei 2o ihnen allen Schein der Selbstbetätigung verloren und erhält ihr /66/ Leben nur, indem sie es verkümmert. Während in den frühe- ren Perioden Selbstbetätigung und Erzeugung des materiellen Le- bens dadurch getrennt waren, da ß sie an verschiedene Personen fielen und di e Erzeugung des materiellen Lebens wegen der Bor-

25 niertheit der Individuen selbst noch als eine untergeordnete Art der Selbstbetätigung galt, fallen sie jetzt so auseinander, da ß überhaupt das materielle Leben als Zweck, die Erzeugung dieses materiellen Lebens, die Arbeit (welche die jetzt einzig mögliche, aber wie wir sehn, negative For m der Selbstbetätigung ist), als

3o Mittel erscheint.

Es ist also jetzt soweit gekommen, da ß die Individuen sich die vorhandene Totalität von Produktivkräften aneignen müssen, nicht nur um zu ihrer Selbstbetätigung zu kommen, sondern schon über- haupt um ihre Existenz sicher zu stellen. Diese Aneigung ist zuerst

35 bedingt durch den anzueignenden Gegenstand — die zu einer To-

talität entwickelten und nur innerhalb eines universellen Verkehrs existierenden Produktivkräfte. Diese Aneigung mu ß also schon von dieser Seite her einen den Produktivkräften und de m Verkehr entsprechenden universellen Charakter haben. Die Aneigung die- 40 ser Kräfte ist selbst weiter nichts als die Entwicklung der den mate- riellen Produktionsinstrumenten entsprechenden individuellen Fä- higkeiten. Die Aneignung einer Totalität von Produktionsinstru- menten ist schon deshalb die Entwicklung einer Totalität von Fähigkeiten in den Individuen selbst. Diese Aneignung ist ferner

45 bedingt durch die aneignenden Individuen. Nu r die von aller

58

Deutsche Ideologie.

Einleitung

Selbstbetätigung vollständig ausgeschlossenen Proletarier der Ge- genwart sind im Stande, ihre vollständige, nicht mehr bornierte Selbstbetätigung, die in der Aneignung einer Totalität von Pro- duktivkräften und der damit gesetzten Entwicklung einer Totalität von Fähigkeiten besteht, durchzusetzen. Alle früheren revolutio- s nären Aneignungen waren borniert, Individuen, deren Selbstbe- tätigung durch ein beschränktes Produktionsinstrument und einen beschränkten Verkehr borniert war, eigneten sich dies beschränkte Pruduk-tions-/67/instrument an, und brachten es daher nur zu einer neuen Beschränktheit. Ihr Produktionsinstrument wurde ihr 10 Eigentum, aber sie selbst blieben unter die Teilung der Arbeit und unter ihr eignes Produktionsinstrument subsumiert. Bei allen bis- herigen Aneignungen blieb eine Masse von Individuen unter ein einziges Produktionsinstrument subsumiert; bei der Aneignung der Proletarier müssen eine Masse von Produktionsinstrumenten is unter jedes Individuum und das Eigentum unter Alle subsumiert werden. Der moderne universelle Verkehr kann gar nicht anders unter die Individuen subsumiert werden, als dadurch, da ß er unter Alle subsumiert wird. — Die Aneignung ist ferner bedingt durch die Art und Weise, wie sie vollzogen werden muß . Sie kann nur 20 vollzogen werden durch eine Vereinigung, die durch den Charak- ter des Proletariats selbst wieder nu r eine universelle sein kann, und durch eine Revolution, in der einerseits die Macht der bisherigen Produktions- un d Verkehrsweise und gesellschaftlichen Gliede- rung gestürzt wird und andererseits der universelle Charakter und 25 die zur Durchführung der Aneignung nötige Energie des Proleta- riats sich entwickelt, ferner das Proletariat alles abstreift, was ihm noch aus seiner bisherigen Gesellschaftsstellung geblieben ist. Erst auf dieser Stufe fällt die Selbstbetätigung mit dem mate- riellen Leben zusammen, was der Entwicklung der Individuen zu 30 totalen Individuen und der Abstreifung aller Naturwüchsigkeit entspricht; und dann entspricht sich die Verwandlung der Arbeit in Selbstbetätigung und die Verwandlung des bisherigen beding- ten Verkehrs in den Verkehr der Individuen als solcher. Mit der Aneignung der totalen Produktivkräfte durch die vereinigten Indi- 35 viduen hört das Privateigentum auf. Während in der bisherigen Geschichte immer eine besondere Bedingung als zufällig erschien, ist jetzt die Absonderung der Individuen selbst, der besondre Pri- vaterwerb'eines Jeden selbst zufällig geworden. Die Individuen, die nicht mehr /68/ unter die Teilung der Ar- 40 beit subsumiert werden, haben die Philosophen sich als Ideal

unter dem Namen : „de r Mensch"

uns entwickelten Prozeß als den Entwicklungsprozeß „des Men- schen" gefaßt, sodaß den bisherigen Individuen auf jeder ge- schichtlichen Stufe „der Mensch" untergeschoben und als die trei- 4s

vorgestellt, und den ganzen* von

I. Feuerbach

59

bende Kraft der Geschichte dargestellt wurde. Der ganze Prozeß wurde so als Selbstentfremdungsprozeß „des Menschen" gefaßt, und dies kommt wesentlich daher, da ß das Durchschnittsindivi- duum der späteren Stufe immer de r früheren und das spätere Be- Λ wußtsein den früheren Individuen untergeschoben. Durch diese Umkehrung, die von vorn herein von den wirklichen Bedingungen abstrahiert, war es möglich die ganze Geschichte in einen Entwick- lungsprozeß des Bewußtseins zu verwandeln.

*

*

/22/ Schließlich erhalten wir noch folgende Resultate aus de r

10 entwickelten Geschichtsauffassung: 1) In de r EntwidfelttHg

Produktivkräfte tritt eine Stufe ein, auf welcher Produktionskräfte und Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den be- stehenden Verhältnissen nur Unheil anrichten, welche keine Pro- duktionskräfte mehr sind, sondern Destruktionskräfte (Maschi- is nerie und Geld) — und was damit zusammenhängt, da ß eine Klasse hervorgerufen wird, welche alle Lasten der Gesellsehait gu tragen hat, ohne ihre Vorteile zu genießen, welche aus der Gesell- schaft heraus-/23/gedrängt, in den entschiedensten Gegensatz zu allen andern Klassen forciert wird ; eine Klasse, die die Majorität 20 aller Gesellschaftsmitglieder bildet und von der das Bewußtsein über die Notwendigkeit einer gründlichen Revolution, das kom- munistische Bewußtsein, ausgeht, das sich natürlich auch unter den andern Klassen vermöge der Anschauung de r Stellung dieser Klasse bilden kann ; 2) da ß die Bedingungen, innerhalb deren 25 bestimmte Produktionskräfte angewandt werden können, die Be- dingungen der Herrschaft einer bestimmten Klasse der Gesell- schaft sind, deren soziale, aus ihrem Besitz hervorgehende Macht in der jedesmaligen Staatsform ihren praktisc h - idealistischen Ausdruck hat, und deshalb jeder revolutionäre Kampf gegen eine so Klasse, die bisher geherrscht hat, sich richtet; 3) da ß in allen bis- herigen Revolutionen die Art der Tätigkeit stets unangetastet blieb und es sich nur um eine andre Distribution dieser Tätigkeit, um eine neue Verteilung der Arbeit an andre Personen handelte, wäh- rend die kommunistische Revolution sich gegen die bisherige Ar t 35 der Tätigkeit richtet, die Arbei t beseitigt, und die Herrschaft aller Klassen mit den Klassen selbst aufhebt, weil sie durch die Klasse bewirkt wird, die in der Gesellschaft für keine Klasse mehr

de r

1—5 Diesen Satz strich Marx rechts an und vermerkte daneben in der rechten Spalte:

Selbstentfremdung 24—29 Auf der Höhe von 2) beginnend, bis hierher ist der Text von Marx rechts an- gestrichen, und daneben in die rechte Spalte geschrieben: Daß die Leute interessiert sind, den jetzigen Produktionszustand zu erhalten.

60

Deutsche Ideologie.

Einleitung

gilt, nicht als Klasse anerkannt wird, schon der Ausdruck der Auf- lösung aller Klassen, Nationalitäten etc. innerhalb der jetzigen Gesellschaft ist; und 4) da ß sowohl zur massenhaften Erzeugung dieses kommunistischen Bewußtseins, wie zur Durchsetzung der Sache selbst eine massenhafte Veränderung der Menschen nötig 5 ist,die nur in einer praktischen Bewegung, in einer Revolutio n vor sich gehen kann ; da ß also die Revolution nicht nu r nötig ist, weil die herrschend e Klasse auf keine andr e Weise ge- stürzt werden kann, sondern auch, weil die stürzend e Klasse n u r in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten 10 Dreck vom Halse zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden.

[ C ]

KOMMUNISMUS.

PRODUKTION

SELBST

DER VERKEHRSFORM

/59/ Der Kommunismus unterscheidet sich von allen bisherigen 15 Bewegungen dadurch, da ß er die Grundlage aller bisherigen Pro- duktions- und Verkehrsverhältnisse umwälzt, und alle naturwüch- sigen Voraussetzungen zum ersten Ma l mit Bewußtsein als Ge- schöpfe der bisherigen Menschen behandelt, ihrer Naturwüchsig- keit entkleidet und der Macht der vereinigten Individuen unter- 20 wirft. Seine Einrichtung ist daher wesentlich ökonomisch, die materielle Herstellung der Bedingungen dieser Vereinigung; sie macht die vorhandenen Bedingungen zu Bedingungen der Ver- einigung. Das Bestehende, was der Kommunismus schafft, ist eben die wirkliche Basis zur Unmöglichmachung alles von den 25 Individuen unabhängig bestehenden, sofern dies Bestehende den- noch nichts als ein Produkt des bisherigen Verkehrs der Indivi- duen selbst ist. Die Kommunisten behandeln also praktisch die durch die bisherige Produktion und Verkehr erzeugten Bedin- gungen als unorganische, ohne indes sich einzubilden, es sei der 30 Pla n oder die Bestimmung der bisherigen Generationen gewesen, ihnen Material zu liefern, und ohne zu glauben, da ß diese Be- dingungen für die sie schaffenden Individuen unorganisch waren. /60/ Der Unterschied zwischen persönlichem Individuum und zu- fälligem Individuum ist keine Begriffsunterscheidung, sondern 35 ein historisches Faktum. Diese Unterscheidung hat zu verschie- denen Zeiten einen verschiedenen Sinn, z. B. der Stand als etwas dem Individuum Zufälliges im 18. Jahrhundert, plus ou moins

I. Feuerbach

61

auch die Familie. Es ist eine Unterscheidung, die nicht wir für jede Zeit zu machen haben, sondern die jede Zeit unter den ver- schiedenen Elementen, die sie vorfindet, selbst macht, und zwar nicht nach dem Begriff, sondern durch materielle Lebenskollisio- nen gezwungen. Wa s als zufällig der späteren Zeit im Gegensatz zur früheren erscheint, also auch unter den ihr von der früheren überkommenen Elementen, ist eine Verkehrsform, die einer be- stimmten Entwicklung der Produktivkräfte entsprach. Das Ver- hältnis der Produktionskräfte zur Verkehrsform ist das Verhältnis der Verkehrsform zur Tätigkeit oder Betätigung der Individuen. (Di e Grundfor m diese r Betätigun g ist* natürlic h di e materielle , von der alle andre geistige, politische, religiöse etc. abhängt. Die verschiedene Gestaltung des materiellen Lebens ist natürlich jedesmal abhängig von den schon entwickelten Bedürfnissen, un d sowohl die Erzeugung wie die Befriedigung dieser Bedürfnisse ist selbst ein historischer Prozeß, der sich bei keinem Schafe oder Hund e finde t (widerhaariges Hauptargument Stirners a d ver - s u s hominem) , obwohl Schafe und Hund e in ihrer jetztigen Ge- stalt allerdings, aber malgré eux, Produkte eines historischen Pro- zesses sind) . Die Bedingungen, unter denen die Individuen, so- lange der Widerspruch noch nicht eingetreten ist, mit einander verkehren, sind zu ihrer Individualität gehörige Bedingungen, nichts äußerliches für sie, Bedingungen, unter denen diese be- stimmten, unter bestimmten Verhältnissen existierenden Indivi- duen allein ihr materielles Leben und was damit zusammenhängt, produzieren können, sind also die Bedingungen ihrer Selbstbe- tätigung und werden von dieser Selbstbetätigung produziert. Die bestimmte Bedingung unter der sie produzieren, entspricht also, solange /61 / der Widerspruch noch nicht eingetreten ist, ihrer wirklichen Bedingtheit, ihrem einseitigen Dasein, dessen Ein- seitigkeit sich erst durch den Eintritt des Widerspruchs zeigt und also für die Späteren existiert. Dann erscheint diese Bedingung als eine zufällige Fessel, und dann wird das Bewußtsein, da ß sie eine Fessel sei, auch der früheren Zeit untergeschoben. — Diese s verschiedenen Bedingungen, die zuerst als Bedingungen der Selbstbetätigung, später als Fesseln derselben erschienen, bilden in .der ganzen geschichtlichen Entwicklung eine zusammenhän- gende Reihe von Verkehrsformen, deren Zusammenhang darin besteht, da ß an die Stelle der früheren, zur Fessel gewordenen \o Verkehrsform, eine neue, den entwickelteren Produktivkräften und damit der fortgeschrittenen Art der Selbstbetätigung der Indi-

8—10 Diesen Satz strich Marx rechts an und korrigierte Selbstbetätigun g in Tätig-

keit

oder

Betätigung

um

20—27 Gegenüber diesem Satz schrieb Marx in die rechte Spalte:

Produktion

der

Verkehrsform

selbst

62

Deutsche Ideologie.

Einleitung

viduen entsprechende gesetzt wird, die à son tour wieder zur Fessel und dann durch eine andre ersetzt wird. Da diese Bedin- gungen auf jeder Stufe der gleichzeitigen Entwicklung der Pro- duktivkräfte entsprechen, so ist ihre Geschichte zugleich die Ge- schichte der sich entwickelnden und von jeder neuen Generation s übernommenen Produktivkräfte und damit die Geschichte der Ent- wicklung der Kräfte der Individuen selbst. Da diese Entwicklung naturwüchsig vor sich geht, d.h . nicht einem Gesamtplan frei vereinigter Individuen subordiniert ist, so geht sie von verschiedenen Lokalitäten, Stämmen, Nationen, Ar- 10 beitszweigen etc. aus, deren Jede anfangs sich unabhängig von den anderen entwickelt und erst nach und nach mit den andern in Verbindung tritt. Sie geht ferner nur sehr langsam vor sich; die verschiedenen Stufen und Interessen werden nie vollständig über- wunden, sondern nur dem siegenden Interesse untergeordnet und is schleppen sich noch Jahrhunderte lang neben diesem fort. Hier- aus folgt, da ß selbst innerhalb einer Nation die Individuen auch abgesehen von ihren Vermögensverhältnissen ganz verschiedene Entwicklungen haben, und da ß ein früheres Interesse, dessen eigentümliche Verkehrsform schon durch die einem späteren an- 20 gehörige verdrängt ist, noch lange im Besitz einer traditionellen Macht in der den Individuen gegenüber verselbstständigten schein- baren Gemeinschaft (Staat, Recht) bleibt, einer Macht, die in letzter Instanz nu r durch eine Revolution zu brechen ist. Hieraus erklärt sich auch, waru m in Beziehung auf einzelne Punkte, /62/ 2s die eine allgemeinere Zusammenfassung erlauben, das Bewußt- sein zuweilen weiter vorgerückt scheinen kann, als die gleichzeiti- gen empirischen Verhältnisse, sodaß man in den Kämpfen einer späteren Epoche sich auf frühere Theoretiker als auf Autoritäten stützen kann. — Dagegen geht die Entwicklung in Ländern, die, so wie Nordamerika, in einer schon entwickelten Geschichtsepoche von vorn anfangen, sehr rasch vor sich. Solche Länder haben keine andern naturwüchsigen Voraussetzungen auße r den Indivi- duen, die sich dort ansiedeln, und die hierzu durch die ihren Be- dürfnissen nicht entsprechenden Verkehrsformen der alten Län- 35 der veranlaßt wurden. Sie fangen also mit den fortgeschrittensten Individuen der alten Länder und daher mit der diesen Individuen entsprechenden entwickeltsten Verkehrsform an, noch ehe diese Verkehrsform in den alten Ländern sich durchsetzen kann. [ * ) ] Dies

to

t*l

/65/ Persönliche

Energie

der

Individuen

einzelner

Nationen

Deutsche und Amerikaner — Energie schon durch Rassenkreuzung — da-

her

Völker

Boden verpflanzt, in Deutschland sitzen geblieben.

neuen

fremde

die

Deutschen

kretinmäßig —

in

Frankreich,

England

etc.

ganz

auf einen schon entwickelten, in

Amerika auf einen

die naturwüchsige Bevölkerung ruhig

45

I. Feuerbach

63

ist der Fall mit allen Kolonien, sofern sie nicht bloße Militär- oder Handelsstationen sind. Karthago, die griechischen Kolonien und Island im 11 . und 12. Jahrhundert liefern Beispiele dazu. Ein ähnliches Verhältnis findet Statt bei der Eroberung, wenn de m s eroberten Lande die auf einem andern Boden entwickelte Ver- kehrsform fertig herübergebracht wird ; während sie in ihrer Hei- mat noch mit Interessen und Verhältnissen aus früheren Epochen behaftet war, kan n und mu ß sie hier vollständig und ohne Hinder- nis durchgesetzt werden, schon um den Eroberern dauernde Macht

ίο zu sichern. (England und Neapel nach der normannischen Erobe­ rung, wo sie die vollendetste For m de r feudalen Organisation er­ hielten). /52/ Alle Kollisionen de r Geschichte habe n also nac h unsre r Auffassung ihren Ursprun g in de m Widerspruc h zwischen de n Pro- n duktivkräften und der Verkehrs-/53/form. Es ist übrigens nicht nötig, da ß dieser Widerspruch, um zu Kollisionen in einem Lande zu führen, in diesem Lande selbst auf die Spitze getrieben ist. Die durch einen erweiterten internationalen Verkehr hervorge- rufene Konkurrenz mit industriell entwickelteren Länder n ist hin- ge reichend, um auch in den Ländern mit weniger entwickelter In- dustrie einen ähnlichen Widerspruch z u erzeugen (z . B . das la- tente Proletariat in Deutschland durch die Konkurrenz de r eng- lischen Industrie zur Erscheinung gebracht). /52/ Dieser Widerspruch zwischen den Produktivkräften und der

25 Verkehrsform, der, wie wir sahen, schon mehrere Ma l in der bis-

herigen Geschichte vorkam, ohne jedoch die Grundlage dersel- ben zu gefährden, mußte jedesmal in einer Revolution eklatieren, wobei er zugleich verschiedene Nebengestalten annahm, als To- talität von Kollisionen, Kollisionen verschiedener Klassen, als so Widerspruch des Bewußtseins, Gedankenkampf etc., politischer

Kampf etc. Von einem bornierten Gesichtspunkte aus kann man nun eine dieser Nebengestalten herausnehmen und sie als die Basis dieser Revolutionen betrachten, was um so leichter ist, als die Individuen, von denen die Revolutionen ausgingen, sich je

36

nach ihrem Bildungsgrad un d der Stufe der historischen Entwick- lung über ihre eigne Tätigkeit selbst Illusionen machten. /55/ Die Verwandlung der persönlichen Mächte (Verhältnisse) in sachliche durch die Teilung der Arbeit kan n nicht dadurc h wie- der aufgehoben werden, da ß man sich die allgemeine Vorstellung

40

davon aus dem Kopfe schlägt, sondern nur dadurch, da ß die In- dividuen diese sachlichen Mächte wieder unter sich subsumieren und die Teilung der Arbeit aufheben. Dies ist ohne die Gemein-

42 Auf der Höhe dieses Satzes schrieb Engels in die rechte Spalte:

(Feuerbach:

Sein und Wesen)

64

Deutsche Ideologie.

Einleitung

schaft nicht möglich. Erst in der Gemeinschaft [mit Ander n hat jedes] Individuum /56/ die Mittel, seine Anlagen nach allen Seiten hin auszubilden; erst in der Gemeinschaft wird also die persönliche Freiheit möglich. In den bisherigen Surrogaten de r Gemeinschaft, im Staat usw. existierte die persönliche Freiheit s n u r für die in den Verhältnissen de r herrschenden Klasse ent- wickelten Individuen und nu r insofern sie Individuen dieser Klasse waren. Die scheinbare Gemeinschaft, zu der sich bisher die Individuen vereinigten, verselbstständigte sich stets ihnen ge- genüber und wa r zugleich, da sie eine Vereinigung einer Klasse, gegenüber einer andern, war, für die beherrschte Klasse nicht nu r eine ganz illusorische Gemeinschaft, sondern auch eine neue Fes- sel. In de r wirklichen Gemeinschaft erlangen die Individuen in u n d durch ihre Assoziation zugleich ihre Freiheit. — /58/ Es geht aus de r ganzen bisherigen Entwicklung hervor, da ß κ

d a s gemeinschaftliche Verhältnis, in das dielndividue n einer Klasse traten, und da s durch ihre gemeinschaftlichen Interessen gegen-

über einem Dritten bedingt war, stets eine Gemeinschaft war,

diese Individuen nu r als Durchschnittsindividuen angehörten, nu r soweit sie in den Existenzbedingungen ihrer Klasse lebten, ein 20 Verhältnis, an dem sie nicht als Individuen, sondern als Klassen- mitglieder Teil hatten. Bei der Gemeinschaft der revolutionären Proletarier dagegen, die ihre un d aller Gesellschaftsmitglieder Existenz-/59/bedingungen unter ihre Kontrolle nehmen, ist es gerade umgekehrt; an ihr nehmen die Individuen als Individuen ss Anteil. Es ist eben die Vereinigung der Individuen (innerhalb der Voraussetzung der jetzt entwickelten Produktivkräfte natürlich) , die die Bedingungen der freien Entwicklung un d Bewegung der Individuen unter ihre Kontrolle gibt, Bedingungen, die bisher dem Zufall überlassen waren und sich gegen die einzelnen Indi- *> viduen eben durch ihre Trennung als Individuen, durch ihre not- wendige Vereinigung, die mit der Teilung der Arbeit gegeben, und durch ihre Trennung zu einem ihnen fremden Bande geworden war, verselbständigt hatten. Die bisherige Vereinigung wa r nu r eine (keineswegs willkürliche, wie sie z. B. im Contrat social dar- κ gestellt wird, sondern notwendige) Vereinigung (vergleiche z. B. die Bildung des nordamerikanischen Staats un d die südamerika- nischen Republiken) über diese Bedingungen, innerhalb deren dan n die Individuen den Genuß der Zufälligkeit hatten. Dieses Recht, innerhalb gewisser Bedingungen ungestört de r Zufälligkeit 40 sich erfreuen zu dürfen, nannte ma n bisher persönliche Freiheit. — Diese Existenzbedingungen sind natürlich nu r die jedesma- ligen Produktionskräfte und Verkehrsformen. —

1—2 Das Manuskript ist beschädigt; auf der Photographie ist der untere Rand der Seite so umgebogen, daß er die letzten Worte verdeckt

de r

I. Feuerbach

65

/55/ Wen n ma n diese Entwicklung de r Individuen in den ge- meinsamen Existenzbedingungen der geschichtlich aufeinander- folgenden Stände un d Klassen und den ihnen damit aufgedrängten allgemeinen Vorstellungen philosophisc h betrachtet, s o kann 5 ma n sich allerdings leicht einbilden, in diesen Individuen habe sich die Gattung oder der Mensch, oder sie haben den Menschen entwickelt; eine Einbildung, womit der Geschichte einige starke Ohrfeigen gegeben werden. [ ί ) ] Ma n kan n dan n diese verschiedenen Stände und Klassen als Spezifikationen des allgemeinen Aus- lo drucks, als Unterarten der Gattung, als Entwicklungsphasen des Menschen fassen. Diese Subsumtion der Individuen unter bestimmte Klassen kann nicht eher aufgehoben werden, als bis sich eine Klasse ge- bildet hat, die gegen die herrschende Klasse kein besonderes is Klasseninteresse meh r durchzusetzen hat. — /56/ Die Individuen gingen imme r von sich aus, natürlich aber von sich innerhalb ihrer gegebenen historischen Bedingungen und Verhältnisse, nicht vom „reinen " Individuum im Sinne der Ideo- logen. Aber im Lauf der historischen Entwicklung un d gerade 2o durch die innerhalb der Teilung der Arbeit unvermeidliche Ver- selbstständigung der gesellschaftlichen Verhältnisse tritt ein Un- terschied heraus zwischen dem Leben jedes Individuums, soweit es persönlich ist und insofern es unter irgendeinen Zweig der Arbeit und die dazu gehörigen Bedingungen subsumiert ist. (Dies ist 25 nicht so zu verstehen, als ob z. B. der Rentier, der Kapitalist pp aufhörten, Personen zu sein ; sondern ihre Persönlichkeit ist durch ganz bestimmte Klassenverhältnisse bedingt un d bestimmt, und der Unterschied tritt erst im Gegensatz zu einer andern Klasse und für sie selbst erst dan n hervor, wenn sie Bankerott machen) . so Im Stand (mehr noch im Stamm ) ist dies noch verdeckt, z. B. ein Adliger bleibt stets ein Adliger, ein Roturier stets ein Roturier, ab- gesehn von seinen sonstigen Verhältnissen, eine von seiner Indivi- dualität unzertrennliche Qualität. Der Unterschied des persön- lichen Individuums gegen das Klassenindividuum, die Zufällig- 35 keit der Lebensbedingungen für das In[dividuum] tritt erst mit

[*)] /54/ Der I»ei Sankt Max häufig vorkommende Satz, daß Jeder Alles, was er ist, durch den Staat ist, ist im Grunde derselbe wie der, daß der Bourgeois nur ein Exemplar der Bourgeoisgattung sei; ein Satz, der voraussetzt, daß die Klass e der Bourgeois schon vor den sie kon- 4o stituierenden Individuen existiert habe.

20

Im Original unvermeidlichen

35

Infolge einer Falzung des Papiers sind die angegebenen Worte des Textes auf der Photographie verdeckt

36—40 Dieser Satz ist von Marx in eckige Klammem gesetzt, rechts angestrichen und mit der Bemerkung in der rechten Spalte versehen worden:

Präexisten z

der Klasse bei den Philosophen.

Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 5

5

66

Deutsche

Ideologie.

Einleitung

dem Auftreten der Klasse [ein], die selbst ein Produkt der Bour- geoisie ist. Die Konkurrenz und der Kampf [der] Individuen unter einander erz[eugt und entwickelt erst /57/ diese Zufälligkeit als solche. In der Vorstellung sind daher die Individuen unter der Bourgeoisieherrschaft freier als früher, weil ihnen ihre Le- 5 bensbedingungen zufällig sind; in der Wirklichkeit sind sie natür- lich unfreier, weil mehr unter sachliche Gewalt subsumiert. Der Unterschied vom Stand tritt namentlich heraus im Gegensatz der Bourgeoisie gegen das Proletariat. Als der Stand der städtischen Bürger, die Korporationen pp gegenüber dem Landadel auf- 10 kamen, erschien ihre Existenzbedingung, das Mobileigentum und die Handwerksarbeit, die schon vor ihrer Trennung vom Feudal- verbande latent existiert hatten, als etwas Positives, das gegen das feudale Grundeigentum geltend gemacht wurde, und nahm daher auch zunächst wieder die feudale For m in ihrer Weise an. Aller- u dings behandelten die entlaufenden Leibeignen ihre bisherige Leibeigenschaft als etwas ihrer Persönlichkeit Zufälliges. Hierin aber taten sie nu r dasselbe, was jede sich von einer Fessel be- freiende Klasse tut, und dann befreiten sie sich nicht als Klasse, sondern vereinzelt. Sie traten ferner nicht aus de m Bereich des 20 Ständewesens heraus, sondern bildeten nu r einen neuen Stand, und behielten ihre bisherige Arbeitsweise auch in der neuen Stel- lung bei und bildeten sie weiter aus, indem sie sie von ihren bis- herigen, ihrer schon erreichten Entwicklung nicht [mehr] entspre- chenden Fesseln befreiten. c * ) ] — Bei den Proletariern dagegen ist 25 ihre eigne Lebensbedingung, die Arbeit, und damit sämtliche Exi- stenzbedingungen der heutigen Gesellschaft, für sie zu etwas Zu- fälligem geworden, worüber die einzelnen Proletarier keine Kon- trolle haben, und worüber ihnen keine gesellschaftlicheOr - ganisation eine Kontrolle geben kann, und der Widerspruch zwi- so sehen der Persönlichkeit des einzelnen Proletariers und seiner ihm

I*>] /58/ N.B . Nicht zu vergessen, daß schon die Notwendigkeit der Leibeignen, zu existieren, und die Unmöglichkeit der großen Wirtschaft, die die Verteilung der allotments an die Leibeignen mit sich führte, sehr bald die Verpflichtungen der Leibeignen gegen den Feudalherrn auf einen ss Durchschnitt von Naturallieferungen und Fronleistungen reduzierte, der dem Leibeignen die Akkumulation von Mobiliareigentum möglich machte und damit sein Entfliehen von dem Besitztum seines Herrn erleichterte und ihm Aussicht auf sein Fortkommen als Stadtbürger gab, auch Abstufungen unter den Leibeignen erzeugte, sodaß die weglaufenden Leibeignen schon 40 halbe Bürger sind. Wobei es ebenfalls einleuchtet, daß die eines Hand- werks kundigen leibeignen Bauern am meisten Chance hatten, sich Mo- biliareigentum zu erwerben. —

1—24 Infolge einer Falzung des Papiers sind die angegebenen Worte des Textes auf der Photographie verdeckt

20—30

Im

Original

Organisatio n

keine Kontroll e

I. Feuerbach

67

aufgedrängten Lebensbedingung, der Arbeit, tritt für ihn selbst hervor, namentlich da er schon von Jugend auf geopfert wird, und da ihm die Chance fehlt, innerhalb seiner Klasse zu den Bedin- gungen zu kommen, die ihn in die andre stellen. — /58/ Währen d 5 also die entlaufenden Leibeignen nu r ihre bereits vorhandenen Existenzbedingungen frei entwickeln und zur Geltung bringen wollten, und daher in letzter Instanz nu r bis zur freien Arbeit kamen, müssen die Proletarier, um persönlich zur Geltung zu kommen, ihre eigne bisherige Existenzbedingung, die zugleich die io der ganzen bisherigen Gesellschaft ist, die Arbeit, aufheben. Sie befinden sich daher auch im direkten Gegensatz zu der Form, in der die Individuen der Gesellschaft sich bisher einen Gesamtaus- druck gaben, zum Staat, und müssen den Staat stürzen, um ihre Persönlichkeit durchzusetzen.

DAS

LEIPZIGER

KONZIL

D a s

Leipzige r

Konzi l

D a s Leipzige r Konzi l 71—7 2 Geschrieben April/Mai 1846 in Brüssel

71—7 2

Geschrieben April/Mai 1846 in Brüssel

/[1]/

DAS LEIPZIGER KONZIL

Im dritten Bande der Wigandschen Vierteljahrsschrift für 184 5 ereignet sich die von Kaulbach prophetisch gemalte Hunnen- s schlacht wirklich. Die Geister der Erschlagenen, deren Grimm auch im Tode sich nicht beruhigt, erheben ein Getöse und Heulen in der Luft, wie von Kriegen und Kriegsgeschrei, von Schwertern, Schilden und eisernen Wagen. Aber es handelt sich nicht um ir- dische Dinge. Der heilige Krieg wird geführt, nicht um Schütz- 10 zolle, Konstitution, Kartoffelkrankheit, Bankwesen und Eisenbah- nen, sondern um die heiligsten Interessen des Geistes, um die „Substanz", das „Selbstbewußtsein", die „Kritik", den „Einzi- gen " un d den „wahren Menschen". Wi r befinden uns auf einem Konzil von Kirchenvätern. Da sie die letzten Exemplare ihrer Art

is sind und hier hoffentlich zum letzten Mal in Sachen des Allerhöch- sten, alias Absoluten, plädiert wird, so lohnt es sich, über die Ver- handlungen procès-verbal aufzunehmen. D a ist zuerst de r heilig e Bruno , der a n seinem Stoc k leicht zu erkennen ist („werde Sinnlichkeit, werde ein Stock" , 2o Wigand p. 130) . Er trägt um sein Haup t die Glorie der „reinen Kritik" und hüllt sich weltverachtend in sein „Selbstbewußtsein" ein. Er hat „die Religion in ihrer Totalität und den Staat in seinen Erscheinungen gebrochen " (p. 138) , indem er den Begriff der „Substanz" im Namen des allerhöchsten Selbstbewußtseins 25 genotzüchtigt. Die Trümme r der Kirche und die „Bruch"-stücke des Staats liegen zu seinen Füßen, während sein Blick „die Masse " in den Staub „niedermetzelt". Er ist wie Gott, er hat weder Vater noch Mutter, er ist „sein eignes Geschöpf, sein eignes Machwerk" (p. 136) . Mit Einem Wort: er ist der „Napoleon " des Geistes —

30 im Geist „Napoleon". Seine geistlichen Übungen bestehen darin, d a ß er stets „sich vernimmt und in diesem Selbstvernehmen / la / den Antrieb zur Selbstbestimmung findet" (p. 136) ; in Folge wel- ches anstrengenden Selbstprotokollierens er sichtlich abmagert. Außer sich selbst „vernimmt" er, wie wir sehen werden, von Zeit

35 zu Zeit auch das Westfälisch e Dampfboot . Ihm gegenüber steht de r heilig e Max , dessen Verdienste um das Reich Gottes darin bestehen, da ß er seine Identität nun- mehr auf zirka 60 0 Druckseiten konstatiert und bewiesen zu haben behauptet, wie er nicht Dieser und Jener, nicht „Han s oder Kunz",

72 Deutsche

Ideologie.

Das

Leipziger Konzil

sondern eben der beilige Max und kein andrer sei. Von seiner Glorie und seinen sonstigen Abzeichen läßt sich nu r sagen, da ß sie „sein Gegenstand und daru m sein Eigentum", da ß sie „einzig" und „unvergleichlich" sind und da ß „Name n sie nicht nennen" (p. 148) . Er ist zu gleicher Zeit die „Phrase " und der „Phrasen- s eigner", zu gleicher Zeit Sancho Panza und Don Quijote. Seine asketischen Übungen bestehen in sauren Gedanken über die Ge- dankenlosigkeit, in bogenlangen Bedenken über die Unbedenklich- keit, in der Heiligsprechung der Heillosigkeit. Im Übrigen brau- chen wir nicht viel von ihm zu rühmen, da er die Manier hat, von 10 allen ihm zugeschriebenen Eigenschaften, und wären ihrer mehr als der Namen Gottes bei den Muhamedanern, zu sagen: Ick bin das Alles und noch etwas mehr, Ich bin das Alles von diesem Nichts und das Nichts von diesem Allen. Er unterscheidet sich da- durch vorteilhaft von seinem düstern Nebenbuhler, da ß er einen is gewissen feierlichen „Leichtsinn " besitzt, und von Zeit zu Zeit seine ernsten Meditationen durch ein „kritische s Juchhe " unterbricht. Vor diese beiden Großmeister der heiligen Inquisition wird der Häretiker Feuerbach zitiert, um sich wegen einer schweren An- 20 klage des Gnostizismus zu verantworten. Der Ketzer Feuerbach, „donnert" der heilige Bruno, ist im Besitz der /lb / Hyle, der Substanz, und verweigert sie herauszugeben, auf da ß sich mein unendliches Selbstbewußtsein nicht darin spiegle. Das Selbst- bewußtsein mu ß solange wie ein Gespenst umgehen, bis es alle 25 Dinge, die von ihm und zu ihm sind, in sich zurückgenommen hat. N u n hat es bereits die ganze Welt verschluckt, auße r dieser Hyle, der Substanz, die der Gnostiker Feuerbach unter Schloß und Rie- gel hält und nicht herausgeben will. Der heilige Ma x klagt den Gnostiker an, das durch seinen Mund 30 geoffenbarte Dogma zu bezweifeln, da ß „jede Gans, jeder Hund, jedes Pferd " der „vollkommene, ja wenn ma n einen Superlativ gerne hört, der vollkommenste Mensch" sei. (Wigand p. 187 :

„De m pp fehlt auch nicht ein Titelchen von dem, was den Men- schen zum Menschen macht. Freilich ist das auch derselb e 35 Fall mit jeder Gans, jedem Hunde, jedem Pferde") . Auße r der Verhandlung dieser richtigen Anklagen wird noch ein Prozeß der beiden Heiligen gegen Moses He ß und des hei- ligen Bruno gegen die Verfasser der „heiligen Familie " entschie- den. Da diese Inkulpaten sich indes unter den „Dingen dieser 40 Welt " herumtreiben, und deshalb nicht vor der »Santa Casa er- scheinen, werden sie in Kontumaz verurteilt zu ewiger Verbannung aus dem Reiche des Geistes für die Dauer ihres natürlichen Lebens. Schließlich verführen die beiden Großmeister wieder abson- derliche Intrigen unter- und gegeneinander. 45

II

SANKT

BRUNO

Π .

Sank t

Brun o

Π . Sank t Brun o 75—9 4 Geschrieben ca. Dezember 1845 bis Mitte April 1846

75—9 4

Geschrieben

ca. Dezember 1845 bis Mitte April

1846 in Brüssel

1

.

/1/

II

Sankt

Bruno

„Feldzug "

gege n

Feuerbac h

5

Ehe wir der feierlichen Auseinandersetzung des Bauersehen Selbstbewußtseins mit sich selbst und der Welt folgen, müssen wir ein Geheimnis verraten. Der heilige Brun o hat nu r daru m Krieg und Kriegsgeschrei erregt, weil er sich selbst und seine abgestandene, sauer gewordene Kritik vor der undankbaren Ver-

10

geßlichkeit des Publikums „sicher stellen", weil er zeigen mußte,

d a ß auch unter

den veränderten Verhältnissen des Jahres 184 5

die Kritik stets sich selbst gleich und unveränderlich blieb. Er schrieb den zweiten Band der „guten Sache und seiner eignen Sache" ; er behauptet sein eignes Terrain, er kämpft pro aris et

15

focis. Echt theologisch aber verdeckt er diesen Selbstzweck unter dem Schein, als wolle er Feuerbach „charakterisieren". Ma n hatte den guten Mann gänzlich vergessen, wie die Polemik zwischen Feuerbach und Stirner, in der er gar nicht berücksichtigt wurde, am besten bewies. Ebendaru m klammert er sich an diese Polemik

20

an, um sich als Gegensatz der Entgegengesetzten zu ihrer höheren Einheit, zu m heiligen Geist proklamieren zu können. Der heilige Bruno eröffnet seinen „Feldzug " mit einer Kano- nad e gegen Feuerbach, c'est-à-dire mit de m verbesserten un d ver- mehrten Abdruck eines bereits in den „norddeutschen Blättern"

25 figurierenden Aufsatzes. Feuerbach wird zum Ritter der „Sub - stanz " geschlagen, u m dem Bauerschen „Selbstbewußt - sein " größeren Relief zu verleihen. Bei dieser Transsubstantia- tion Feuerbachs, die angeblich durch sämtliche Schriften Feuer- bachs bewiesen wird, hüpft der heilige Man n von Feuerbachs

30 Schriften über Leibniz und Bayle sogleich /[la] / auf das „Wesen

76

Deutsche Ideologie.

Das Leipziger Konzil

des Christentums" und überspringt den Aufsatz gegen die „posi- tiven Philosophen" in den Hallischen Jahrbüchern. Dies „Ver- sehen" ist „an der Stelle". Feuerbach enthüllte hier nämlich den positiven Vertretern der „Substanz" gegenüber die ganze Weis- heit vom „Selbstbewußtsein" zu einer Zeit, wo der heilige Bruno noch über die unbefleckte Empfängnis spekulierte. Es bedarf kau m der Erwähnung, da ß Sankt Bruno sich noch immer auf seinem althegelschen Schlachtroß herumtummelt. Ma n höre gleich den ersten Passus seiner neuesten Offenbarungen aus dem Reiche Gottes:

„Hegel hatte die Substanz Spinozas und das Fichtesche Ich in eins zusammengefaßt; die Einheit von Beiden, die Verknüpfung

dieser entgegengesetzten Sphären pp bilden das eigentümliche In- teresse, aber auch zugleich die Schwäche der Hegelschen Philo-

Hegeische

System hin und her bewegte, mußte gelöst und vernichtet werden.

Er konnte es aber nu r dadurch, da ß die Aufstellung der Frage :

wie verhält sich das Selbstbewußtsei n zum absolute n

Geiste ,

zwei Seiten möglich. Entweder mu ß das Selbstbewußtsein wieder in de r Glut der Substanz verbrennen, d. h. das reine Substantiali- tätsverhältnis feststehen und bestehen, oder es mu ß aufgezeigt werden, da ß die Persönlichkeit der Urheber ihrer Attribute und ihres Wesens ist, da ß es i m Begriff e der Persönlichkeit über - haup t liegt, sich selbst" (den „Begriff" oder die „Persönlich- keit"? ) „beschränkt zu setzen, und diese Beschränkung, die sich durch ihr allgemeine s Wesen , setzt, wieder auf-/[lb]/zu- heben, d a eben dieses Wesen nu r da s Resulta t ihrer — inner n Selbstunterscheidung , ihrer Tätigkeit ist". Wi- gand p . 87 , 88 . Die Hegeische Philosophie war in der „heiligenFamilie " p. 22 0 als Einheit von Spinoza und Fichte dargestellt und zugleich der Widerspruch, der darin liegt, hervorgehoben. De m heiligen Bruno gehört eigentümlich, da ß er nicht, wie die Verfasser der „heiligen Familie " die Frage vom Verhältnis des Selbstbewußt- seins zur Substanz für eine „Streitfrage innerhal b der Hegel- schen Spekulation" hält, sondern für eine welthistorische, ja für eine absolute Frage. Es ist die einzige Form, in welcher er die Kollisionen der Gegenwart aussprechen kann. Er glaubt wirk- lich, da ß der Sieg des Selbstbewußtseins über die Substanz nicht nur vom wesentlichsten Einfluß auf das europäische Gleich- gewicht, sondern auch auf die ganze zukünftige Entwicklung der Oregonfrage sei. Inwiefern dadurch die Abschaffung der Korn- gesetze in England bedingt ist, darüber ist bis jetzt wenig verlautet.

für immer unmöglich gemacht wurde. Es war nach

sophie.

[

]

Dieser

Widerspruch,

in

dem

sich

das

Der abstrakte und verhimmelte Ausdruck, wozu eine wirkliche

s

10

15

20

25

30

35

40

45

II. Sankt Bruno

77

5

10

15

20

25

30

35

40

45

Kollision sich bei Hegel verzerrt, gilt diesem „kritischen" Kopf für die wirkliche Kollision. Er akzeptiert den spekulative n Widerspruch und behauptet den einen Teil desselben dem andern gegenüber. Die philosophische Phras e de r wirklichen Frag e

ist für ihn die wirkliche Frage selbst. Er hat also auf der einen Seite statt der wirklichen Menschen und ihres wirklichen Bewußt- seins von ihren, ihnen scheinbar selbstständig gegenüberstehenden gesellschaftlichen Verhältnissen, die bloße abstrakte Phrase : da s Selbstbewußtsein , wie statt der wirklichen Produktion di e

verselbstständigt e Tätigkei t diese s Selbstbe - wußtseins ; und auf der andern Seite /[lc] / statt de r wirklichen Natur und de r wirklich bestehenden sozialen Verhältnisse die phi- losophische Zusammenfassung aller philosophischen Kategorien oder Namen dieser Verhältnisse in der Phrase : die Substanz ,

da er mit allen Philosophen und Ideologen dieGedanken, Ideen, den verselbstständigten Gedankenausdruck der bestehenden Welt für die Grundlage dieser bestehenden Welt versieht. Da ß er nun mit die- sen beiden sinnlos und inhaltslos gewordenen Abstraktionen aller- lei Kunststücke machen kann, ohne von den wirklichen Menschen

und ihren Verhältnissen etwas zu wissen, liegt auf der Hand . (Siehe übrigens über die Substanz, was bei Feuerbach, bei Sankt Max über den „humanen Liberalismus" und über das „Heilige " gesagt ist). Er verläßt also nicht den spekulativen Boden, um die Widersprüche der Spekulation zu lösen; er manövriert von diesem

Boden aus und steht selbs t so sehr noch auf speziell Hegelscheni Boden, da ß das Verhältnis „des Selbstbewußtseins" zum „absolu- ten Geist" ihm immer noch den Schlaf raubt. Mit einem Wort, wir haben hier die in der „Kritik der Synoptiker" angekündigte, im „Entdeckten Christentum" ausgeführte und leider in der Hegel-

schen Phänomenologie längst antizipierte Philosophi e de s Selbstbewußtseins . Diese neue Bauersche Philosophie hat in der „heiligen Familie " p. 22 0 seqq. und 304— 7 ihre vollstän- dige Erledigung gefunden. Sankt Bruno bringt es indes hier fertig sich selbst noch zu karikieren, indem er die „Persönlichkeit" her-

einschmuggelt, um mit Stir n er den Einzelnen als sein „eignes Machwerk", und u m Stirne r als Bruno s Machwer k dar- stellen zu können. Dieser Fortschritt verdient eine kurze Notiz. Zunächst vergleiche der Leser diese Karikatur mit ihrem Ori- ginal, der Erklärung des Selbstbe-/2/wußtseins im „Entdeckten

Christentum" p. 113 , und diese Erklärung wieder mit ihrem Ur- Original, Hegels Phänomenologie p. 575 , 58 3 und anderwärts. (Beide Stellen sind abgedruckt: „heilige Familie " p. 221 , 223 , 224) . Nun aber die Karikatur! „Persönlichkeit überhaupt" ! „Begriff"! „Allgemeines Wesen"! „Sich selbst beschränkt setzen

und diese Beschränkung wieder aufheben"! „innere Selbstunter-

78 Deutsche Ideologie.

Das Leipziger Konzil

Scheidung"! Welche gewaltigen „Resultate"! „Persönlichkeit überhaupt " ist entweder „überhaupt" Unsinn oder der abstrakte Begriff der Persönlichkeit. Es liegt also „im Begriff" des Begriffs der Persönlichkeit „sich selbst beschränkt zu setzen". Diese Be- schränkung, die im „Begriff" ihres Begriffs liegt, setzt sie gleich s darauf „durch ihr allgemeines Wesen". Und nachdem sie diese Beschränkung wieder aufgehoben hat, zeigt sich, da ß „eben dieses Wesen " erst „das Resulta t ihrer innern Selbstunterscheidung ist". Das ganze großmächtige Resultat dieser verzwickten Tauto- logie läuft also auf das altbekannte Hegeische Kunststück der 10 Selbstunterscheidung des Menschen im Denken heraus, welche uns der unglückliche Bruno beharrlich als die einzige Tätigkeit der „Persönlichkeit überhaupt" predigt. Da ß mit einer „Persönlich- keit", deren Tätigkeit sich auf diese trivial gewordenen logischen Sprünge beschränkt, nichts anzufangen ist, hat ma n dem heiligen is Bruno schon vor längerer Zeit bemerklich gemacht. Zugleich ent- hält dieser Passus das naive Geständnis, da ß das Wesen der Bauer- schen „Persönlichkeit" der Begriff eines Begriffs, die Abstraktion von einer Abstraktion ist. Die Kritik Feuerbachs durch Bruno, soweit sie neu ist, be- 20 schränkt sich darauf, Stirners Vorwürfe gegen Feuerbach un d Baue r heuchlerischer Weise als Bauers Vorwürfe gegen Feuer- bach darzustellen. So z. B. da ß „das Wesen des Menschen Wesen überhaupt und etwas Heiliges" sei, da ß „de r /[2a]/ Mensch der Gott des Menschen" sei, da ß die Menschengattung „da s Absolute" 25 sei, da ß Feuerbach den Menschen „in ein wesentliches und un- wesentliches Ich " spalte (obwohl Bruno stets das Abstrakte für das Wesentliche erklärt und in seinem Gegensatz von Kritik und Massen sich diese Spaltung noch viel ungeheuerlicher vorgestellt als Feuerbach) , da ß der Kampf gegen „die Prädikate Gottes" ge- 30 führt werden müsse etc. Über eigennützige und uneigennützige Liebe schreibt Bruno den Stirner, de m Feuerbach gegenüber, auf drei Seiten (p . 133—135 ) fast wörtlich ab, wie er auch die Phra- sen von Stirner: „jeder Mensch sein eigenes Geschöpf", „Wahr- heit ein Gespenst" usw. sehr ungeschickt kopiert. Bei Bruno ver- 35 wandelt sich das „Geschöpf" noch dazu in ein „Machwerk". Wi r werden zurückkommen auf die Exploitation Stirners durch Sankt Bruno. Das Erste, was wir also bei Sankt Bruno fanden, war seine fort- währende Abhängigkeit von Hegel. Wi r werden auf seine aus *o Hegel kopierten Bemerkungen natürlich nicht weiter eingehen, sondern nur noch einige Sätze zusammenstellen, aus denen hervor- geht, wie felsenfest er an die Macht der Philosophen glaubt und wie er ihre Einbildung teilt, da ß ein verändertes Bewußtsein, eine neue Wendung der Interpretation der existierenden Verhältnisse, «

II. Sankt Bruno

79

die ganze bisherige Welt umstürzen könne. In diesem Glauben läßt sich Sankt Bruno auch durch einen Schüler Heft IV der Wi-

gandschen Quartalschrift pag. 32 7 das Attest ausstellen, da ß seine obigen, in Heft III proklamierten Phrasen übe r Persönlichkeit

s „weltumstürzende

Gedanken"

seien.

/[2bJ/ Sankt Bruno sagt p.9 5 Wigand : „Die Philosophie ist nie etwas Anderes gewesen als die auf ihre allgemeinste For m reduzierte, auf ihren vernünftigsten Ausdruck gebrachte Theolo- gie". Dieser gege n Feuerbach gerichtete Passus ist fast wört- 10 lieh abgeschrieben aus Feuerbachs Philosophie der Zukunft pag. 2: „Die spekulative Philosophie ist die wahre, die konse- quente, die vernünftig e Theologie". Bruno fährt fort: „Die Philosophie hat selbst im Bunde mit der Religion stets auf die ab- solute UnSelbstständigkeit des Individuums hingearbeitet und d i e- 1 5 selb e wirklic h vollbracht , indem si e das Einzelleben in dem allgemeinen Leben, das Akzidens in der Substanz, den Menschen im absoluten Geist aufgehen hieß und ließ" . Als ob „die Philosophie" Brunos „i m Bunde mit der " Hegeischen und sei- nem noch fortdauernden verbotenen Umgang mit der Theologie 20 „den Menschen" nicht in der Vorstellung eines seiner „Akziden- tien", des Selbstbewußtseins, als der „Substanz", „aufgehen hieße", wenn auch nicht „ließe" ! Ma n ersieht übrigens aus dem ganzen Passus, mit welcher Freudigkeit der „kanzelberedsam- keitliche" Kirchenvater noch immer seinen „weltumstürzenden" 25 Glauben an die geheimnisschwangre Macht der heiligen Theologen und Philosophen bekennt. Natürlich im Interesse „der guten Sache der Freiheit und seiner eignen Sache". P. 105 hat der gottesfürchtige Mann die Unverschämtheit, Feuerbach vorzuwerfen : „Feuerbach hat aus dem Individuum, aus so dem entmenschten Menschen des Christentums, nicht den Men- schen, den wahren " ( ! ) „wirklichen" ( ! ! ) „persönlichen" (!!!) „Menschen", /[2c]/ (durch die „heilige Familie " und Stirner ver- anlaßte Prädikate) „sondern den entmannten Menschen, den Skla- ven gemac h t." — und damit u. A. den Unsinn zu behaupten, 35 da ß er, der heilige Bruno, mit dem Kopf e Menschen mache n könne. Ferner heißt es ibid. : „Bei Feuerbach mu ß sich das Individuum der Gattung unterwerfen, ihr dienen. Die Gattung Feuerbachs ist das Absolute Hegels, auch sie existiert nirgends". Hier wie in to allen andern Stellen,, ermangelt Sankt Bruno nicht des Ruhmes, die wirklichen Verhältnisse der Individuen von der philosophi- schen Interpretation derselben abhängig zu machen. Er ahnt nicht in welchem Zusammenhang die Vorstellungen des Hegeischen „ab- soluten Geistes" und der Feuerbachschen „Gattung" zur existie- t5 renden Welt stehen.

80 Deutsche Ideologie. Das Leipziger Konzil

D e r heilige Vater skandaliert sich p. 10 4 erschrecklich über die Ketzerei, womit Feuerbach die göttliche Dreieinigkeit von Ver- nunft, Liebe un d Wille zu etwas macht, das „i η de n Individue n übe r den Individuen ist" ; als ob heutzutage nicht jede Anlage, jeder Trieb, jedes Bedürfnis als eine Macht „in de m Individuum s übe r de m Individuum " sich behauptete, sobald die Umstände deren Befriedigung verhindern. Wen n der heilige Vater Bruno z. B. Hunge r verspürt ohne die Mittel ihn zu befriedigen, so wird sogar sein Magen zu einer Macht „i η ih m übe r ihm" . Feuer- bachs Fehler besteht nicht darin, dies Faktu m ausgesprochen zu 10 haben, sondern darin, da ß er es in idealisierender Weise ver- selbstständigte, statt es als das Produkt einer bestimmten un d über- schreitbaren /3 / historischen Entwicklungsstufe aufzufassen. P. III : „Feuerbach ist ein Knecht, un d seine knechtische Natu r erlaubt ihm nicht das Werk eines Mensche n zu vollbringen, is d a s Wesen der Religion zu erkennen" (schönes „Wer k eines Men-

schen"! )

die Brück e nicht kennt, auf der er zum Quell der Religion kommt. " Sankt Bruno glaubt alles Ernstes noch, da ß die Religion

ein eignes „Wesen " habe. Wa s die

m a n zum „Quel l der Religion" kommt, s o mu ß diese Esels- brücke notwendig ein Aquäduk t sein. Sankt Bruno etabliert sich zugleich als wunderlich modernisierter und durch die Brücke in Ruhestand versetzter Charon, indem er als tollkeeper an der Brücke zum Schattenreich der Religion jedem Passierenden seinen & Halfpenny abverlangt. P. 120 bemerkt der Heilige: „Wi e könnte Feuerbach existie- ren, wenn es keine Wahrhei t gäbe und die Wahrheit nichts als ein Gespenst " (Stirner hilf!) „wäre, vor de m sich de r Mensch bisher fürchtete." Der „Mensch", der sich vor de m „Gespenst" 30 der „Wahrheit " fürchtet, ist Niemand anders als der ehrwürdige Bruno selbst. Bereits zehn Seiten vorher, p. 110, stieß er vor dem „Gespenst" Wahrheit folgenden welterschütternden Angstschrei aus : „Di e Wahrheit, die nirgends für sich als fertiges Objekt zu

20

„e r erkennt da s Wesen der Religion nicht, weil er

„Brücke " betrifft, „au f

der "

finden ist, und nu r in der Entfaltung der Persönlichkeit sic h ent- 35 wickelt und zur Einheit zusammenfaßt". So haben wir hier also nicht nu r die Wahrheit, /[3a]/ dieses Gespenst, in eine Person ver- wandelt, die sich entwickelt und zusammenfaßt, sondern dies Kunststück noch obendrein nach Art der Bandwürme r in einer drit- ten Persönlichkeit auße r ihr vollzogen. Über des heiligen Mannes ω früheres Liebesverhältnis zur Wahrheit, da er noch jung wa r und des Fleisches Lüste stark in ihm siedeten, siehe „heilige Familie "

p.

W i e gereinigt von allen fleischlichen Lüsten und weltlichen Be- gierden der heilige Mann derzeit dasteht, zeigt seine heftige Po- u

11 5

seqq.

II. Sankt Bruno

81

lemik gegen Feuerbachs Sinnlichkeit . Bruno greift keines- wegs die höchst bornierte Weise an, worin Feuerbach die Sinn - lichkei t anerkennt. Der verunglückte Versuch Feuerbachs gilt ihm schon als Versuch, der Ideologie zu entspringen, für — ί Sünde . Natürlich! Sinnlichkeit — Augenlust, Fleischeslust und hoff artiges Wesen, Scheuel und Greuel vor de m Herrn ! Wisset Ihr nicht, da ß fleischlich gesinnet sein ist der Tod, aber geisdich gesinnet sein ist Leben und Friede; denn fleischlich gesinnet sein ist eine Feindschaft wider die Kritik, und alles so da fleischlich ist,

10

das ist von dieser Welt, und wisset Ihr auch was geschrieben steht:

Offenbar sind aber die Werk e des Fleisches, als da sind Ehebruch, Hurerei, Unreinigkeit, Unzucht, Abgötterei, Zauberei, Feind- schaft, Hader, Neid, Zorn, Zank, Zwietracht, Rotten, Haß , Mord, Saufen, Fressen und dergleichen; von welchen ich Euch habe zu-

15

vor gesagt und sage noch zuvor, da ß die solches tun, werden das Reich der Kritik nicht ererben; sondern wehe ihnen, denn sie gehen den We g Kains und fallen in den Irrtum Balaams, um Ge- nusses willen, und kommen um in dem Aufruhr Korah. Diese Un- fläter prassen von Euren Almosen ohne Scheu, weiden sich selbst,

20

sie sind Wolken ohne Wasser, von dem Winde umgetrieben, kahle unfruchtbare /[3b]/ Bäume, zweimal erstorben und ausgewurzelt, wilde Wellen des Meers, die ihre eigne Schande ausschäumen, irrige Sterne, welchen behalten ist das Dunkel der Finsternis in Ewigkeit. Denn wir haben gelesen, da ß in den letzten Tagen wer-

25

den greuliche Zeiten kommen, Menschen, die von sich selbst hal-

ten, Schänder, Unkeusch, die mehr lieben Wollust als die Kritik, die da Rotten machen, kurz, Fleischliche. Diese verabscheut Sankt Bruno, der da geistlich gesinnet ist und hasset den befleckten Rock des Fleisches; und so verdammt er Feuerbach, den er für den Ko- se rah der Rotte hält, drauße n zu bleiben, wo da sind die Hund e und

die Zauberer und die Hurer und die Totschläger. „Sinnlichkeit" — pfui Teufel, das bringt den heiligen Kirchenvater nicht nu r in die ärgsten Krämpfe und Verzückungen, das bringt ihn sogar zum Singen und er singt p. 121 „das Lied vom End e und das Ende vom

35 Liede". Sinnlichkeit, weißt du auch wohl, was Sinnlichkeit ist, Unglückseliger? Sinnlichkeit ist — „ein Stock" p. 130. In seinen Krämpfen ringt der heilige Bruno auch einmal mit Einem seiner Sätze, wie weiland Jakob mit Gott, nur mit de m Unterschiede, da ß Gott dem Jakob die Hüfte verrenkte, während der heilige Epilep-

40 tiker seinem Satze alle Glieder und Bänder verrenkt, und so die Identität von Subjekt und Objekt an meheren schlagenden Exem- peln klar macht:

vernich -

weil e r das Wor t

de n

4 5 Mensch

„Ma g daru m

Feuerbach

immerhin

sprechen

weil

e r

e r

tet " (!) „dennoch de n Mensche n

zur Marx-Engela-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. S

bloßen

Phras e

macht

nich t

6

82 Deutsche Ideologie. Das Leipziger Konzil

Mensche n gan z macht " (!) /[3c]/ „un d schafft " (!) „sonder n die ganze Menschheit zum Absoluten erhebt, weil e r auc h nich t die Menschheit, vielmeh r den Sinn zum Organ des Absoluten, un d als da s Absolute, da s Unhezweifelbäre, da s

unmittelbar Gewisse, da s Objekt des Sinnes, der Anschauung, der s Empfindung — das Sinnliche stempelt." Womit Feuerbach — dies ist die Meinung des heiligen Bruno — „wohl Luftschichten er- schüttern, aber nicht Erscheinunge n de s menschliche n

Wesen s zerschmetter n kann, weil sein innerstes "

(! )

„Wesen und seine belebende Seele [

]

schon den äußern "

(!)

η

„Klangzerstört un d hohl un d schnarrend macht." P . 121 . D e r heilige Bruno gibt uns selbst über die Ursachen seiner Widersinnigkeit zwar geheimnisvolle, aber entscheidende Auf- schlüsse: „Als ob mein Ich nicht auch dieses bestimmte, vo r alle n Ander n einzig e Geschlech t und diese bestimm- « ten einzigen Geschlechtsorgane hätte! " (auße r seinen „einzigen Geschlechtsorganen" hat der Edle noch ein apartes „einziges Geschlecht"!). Dieses einzige Geschlecht wird p. 12 1 dahin erläutert, da ß „di e Sinnlichkeit wie ein Vampy r alles Mar k u n d Blut de m Menschenlebe n aussaugt, die unüberschreit- 2» bar e Schranke ist, an de r sich de r Mensch den Todes-Sto ß geben muß. " Aber auch der Heiligste ist nicht rein! Sie sind allzumal Sün- der und mangeln des Ruhms , den sie vor de m „Selbstbewußt- sein" haben sollen. Der heilige Bruno, de r um Mitternacht sich 25 im einsamen Kämmerlein mit der „Substanz" herumschlägt, wird von den lockeren Schriften des Ketzers Feuerbach auf das Wei b und die weibliche Schönheit aufmerksam /4/ gemacht. Plötz- lich verdunkelt sich sein Blick; das reine Selbstbewußtsein wird befleckt, und die verwerfliche sinnliche Phantasie umgaukelt mit ao lasziven Bildern den geängstigten Kritiker. De r Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Er strauchelt, er fällt, er vergißt,

d a ß er die Macht ist, die „mit ihrer Kraft bindet und löst und die Welt beherrscht", da ß diese Ausgeburten seiner Phantasie „Geist von seinem Geiste" sind, er verliert alles „Selbstbewußtsein" α und stammelt berauscht einen Dithyrambos auf die weibliche Schönheit „i m Zarten, im Weichlichen, im Weiblichen", auf die „schwellenden, abgerundeten Glieder" und den „wogenden, wal- lenden, siedenden, brausenden und zischenden, wellenförmigen

Körperbau " des Weibes. Abe r die Unschuld

verrät sich stets, *o

selbst wo sie sündigt. We r wüßte nicht, da ß ein „wogender , wallender , wellenförmiger Körperbau " ein Ding ist, das kein Auge je gesehen, noch ein Ohr gehöret hat? Daru m stille, liebe Seele, der Geist wird gar bald die Oberhand übe r da s rebellische Fleisch bekommen und den übersiedenden Lüsten eine unüber- <s

II. Sankt Bruno

83

windliche „Schranke " in den Weg setzen, „an der " sie sich bald „den Todesstoß" geben. „Feuerbach " — dahin ist endlich der Heilige mittels eines kri- tischen \ r erständnisses der „heiligen Familie " gekommen — „ist s der mit Humanismus versetzte und zersetzte Materialist, d. h. der Materialist, der es nicht auf der Erde und ihrem Sein auszuhalten vermag " (Sankt Bruno kennt ein von der Erd e unterschiednes Sein der Erde, und weiß, wie man es anfangen muß , um es „a u f d e m Sei n /[4a]/ der Erd e auszuhalten"!) , „sondern sich 10 vergeistigen und in den Himmel einkehren will, und der Huma- nist, der nicht denken und eine geistige Welt aufbauen kann, son- dern der sich mit Materialismus schwängert pp " p. 123 . Wi e hiernach bei Sankt Bruno der Humanismus im „Denken " und „Aufbauen einer geistigen Welt " besteht, so der Materialismus in

is Folgendem : „De r Materialist erkennt nu r das gegenwärtige, wirk- liche Wesen an, die Materie " (als wenn der Mensch mit allen seinen Eigenschaften, auch dem Denken, nicht ein „gegenwär - tiges , wirkliche s Wesen " wäre) , „un d si e als tätig sic h in die Vielheit ausbreitend und verwirklichend, die Natur. " 2o p. 123 . Die Materi e ist zuerst ein gegenwärtiges wirkliches Wesen, aber nu r an sich, verborgen; erst wenn sie „tätig sich in die Vielheit ausbreitet und verwirklicht" (ein „gegenwärtiges wirk - liche s Wesen" „verwirklich t sich"!!) , erst dann wird sie Natur . Zuerst existiert der Begrif f der Materie, das Abstrak- 25 tum, die Vorstellung, und diese verwirklicht sich in der wirk- lichen Natur. Wörtlich die Hegeische Theorie von der Präexistenz der schöpferischen Kategorien. Von diesem Standpunkt aus ver- steht es sich dann auch, da ß Sankt Bruno die philosophischen Phrasen der Materialisten über die Materie für den wirklichen

3oKern und Inhalt

ihrer

2 .

Sank t

Bruno s

zwische n

Weltanschauung versieht.

Betrachtunge n

Feuerbac h

un d

übe r

de n

Stirne r

Kamp f

Nachdem Sankt Bruno Feuerbach also einige gewichtige Worte ans Herz gelegt hat, sieht er sich den Kampf zwischen diesem 3s /[4b]/ und de m Einzigen an. Das Erste, wodurch er sein Inter- esse an diesem Kampf bezeugt, ist ein methodisches, dreimaliges Lächeln.

84 Deutsche Ideologie. Das Leipziger Konzil

„De r Kritiker geht unaufhaltsam, siegsgewiß un d siegreich

seines Weges. Ma n verleumdet ihn: er lächelt . Ma n verketzert ihn : er lächelt . Die alte Welt macht sich auf in einem Kreuz-

zug gegen ihn :

D e r Heilige Bruno, da s ist also konstatiert, geht seiner Wege, s aber er geht sie nicht wie andre Leute, er geht einen kritischen Gang, er vollzieht diese wichtige Handlun g mit Lächel n — „ E r lächelt meh r Linien in sein Gesicht hinein als auf der Welt- karte mit beiden Indien stehen. Das Fräulein wird ihm Ohrfeigen geben, und wenn sie's tut, wird er lächeln und es für eine große 10 Kunst halten", wie Malvoglio bei Shakespeare.

Sankt Bruno selbst rührt keinen Finger, um seine beiden Geg- ner zu widerlegen, er weiß ein besseres Mittel sie loszuwerden, er überläßt sie — divide et impera — ihrem eignen Streit. De m Stirner stellt er den Menschen Feuerbachs, p. 124, und dem is

Feuerbach den Einzigen Stirners p. 12 6 seqq. gegenüber ; er weiß, d a ß sie so erbittert auf einander sind wie die beiden Katzen von Kilkenny in Irland, die einander so vollständig auffraßen, da ß zuletzt nu r die Schwänze übrig blieben. Über diese Schwänze

spricht nun

also auf ewig verdamm t seien. Er wiederholt in seiner Gegenüberstellung von Feuerbach und Stirner dasselbe, was Hegel über Spinoza und Fichte sagte, wo bekanntlich da s punktuelle Ich als die eine, und zwar härteste Seite /[4c]/ der Substanz dargestellt wird. So sehr er früher ge- 20 gen den Egoismus polterte, der sogar als odor specificus der Massen galt, akzeptiert er p. 12 9 von Stirner den Egoismus, nu r soll dieser „nicht der von Max Stirner", sondern natürlich der von Bruno Bauer sein. Den Stirnerschen brandmark t er mit dem moralischen Makel, „da ß sein Ich zur Stützung seines Egoismus 30 der Heuchelei, des Betrugs, der äußeren Gewalt bedarf". Im übrigen glaubt er (siehe p. 124 ) an die kritischen Wundertaten des heiligen Ma x un d sieht in dessen Kampf p. 12 6 „ein wirk- liches Bemühen, die Substanz von Grund aus zu vernichten". Statt auf Stimers Kritik der Bauerschen „reinen Kritik " einzugehen, 3s behauptet er p. 124, Stirners Kritik könne ihm ebensowenig wie jede andre etwas anhaben, „weil erderKritikerselber " sei.

Schließlich widerlegt Sankt Bruno Beide, Sankt Ma x und Feuerbach, inde m er eine Antithese, die Stirner zwischen de m Kritiker Bruno Bauer und dem Dogmatiker zieht, ziemlich wört- to lieh auf Feuerbach und Stirner anwendet. Wigand p . 138 : „Feuerbach stellt sich un d steh t hier -

er

1 ä c h e 11."

Sankt

Bruno

das

Urteil

aus,

da ß

sie

„S u b s t a η ζ" ,

2 o

mit " (!)

munist , dieser ist und soll sein Egoist ; e r der Heilige , dieser der Profane , e r der Gute , dieser der Böse ; e r der u

„de m Einzigen gegenüber. E r ist und will sein Kom -

II.

Sankt Bruno

85

Gott, dieser der Mensch. Beide — Dogmatiker. " Also die Pointe ist, da ß er Beiden Dogmatismus vorwirft. „Der Einzige und sein Eigentum", p. 194 : „Der Kritiker fürchtet /5/ sich dogmatisch zu werden oder Dogmen aufzustel- 5 len. Natürlich, er würde dadurch zum Gegensatz des Kritikers, zum Dogmatiker, er würde, wie er als Kritiker gu t ist, nun böse , oder würde aus einem Uneigennützigen " (Kommunisten) „ein Egois t usw. Nu r kein Dogma — das ist sein Dogma".

3 .

Sank t

Brun o

contr a

di e

Verfasse r

„heilige n

Familie "

de r

Sankt Bruno, der auf die angegebene Weise mit Feuerbach und Stirner fertig geworden ist, der de m „Einzigen jeden Fortschritt abgeschnitten" hat, wendet sich nun gegen die angeblichen Konse- quenzen Feuerbachs, die deutschen Kommunisten und speziell die u Verfasser der „heiligen Familie". Das Wort „realer Humanis- mus" , das er in der Vorrede dieser Streitschrift fand, bildet die Hauptgrundlage seiner Hypothese. Er wird sich einer Bibelstelle erinnern: „Un d ich, lieben Brüder, konnte nicht mit Euch reden als mit Geistlichen, sondern als mit Fleischlichen" (in unsrem so Falle war es gerade umgekehrt) „wie mit jungen Kindern in Christo. Milch habe ich Euch zu trinken gegeben un d nicht Speise, denn Ihr konntet noch nicht." 1. Kor. 3, 1—2. /[5a]/ Der erste Eindruck, den die „heilige Familie " auf den ehrwürdigen Kirchenvater macht, ist der einer tiefen Betrübnis 25 und einer ernsten, biedermännischen Wehmut. Die einzige gute Seite des Buchs — da ß es „zeigte, was Feuerbach werden mußt e und wie sich seine Philosophie stellen kann , wenn sie gegen die Kritik kämpfen will " p. 138, da ß es also auf eine ungezwungene Weise das „Wollen " mit dem „Können " und „Müssen " vereinigte, 3o wiegt dennoch die vielen betrübenden Seiten nicht auf. Die Feuer- bachsche, hier komischer Weise vorausgesetzte Philosophie „dar f und kan n den Kritiker nicht verstehen — sie dar f und kan n die Kritik in ihrer Entwicklung nicht kennen und erkennen — sie dar f und kan n /[5b]/ es nicht wissen, da ß die Kritik 35 aller Transzendenz gegenüber ein immerwährendes Kämpfen und Siegen, ein fortdauerndes Vernichten und Schaffen, das einzig " (!) „Schöpferische und Produzierende ist. Sie dar f und kan n

86 Deutsche Ideologie. Das Leipziger Konzil

nicht wissen, wie der Kritiker gearbeitet hat und noch arbeitet, um die transzendenten Mächte, die bisher die Menschheit niederhiel- ten und nicht zum Atmen und zumLeben komme n ließen, als da s zu setzen und z u de m z u machen " (!) , „wa s sie wirklic h sind ,

als Geist vom Geist, als Inneres aus de m Innern, als Heimatliches" s (!) „au s und in de r Heimat, als Produkte und Geschöpfe des Selbstbewußtseins. Sie dar f und kan n nicht wissen, wie einzig und allein der Kritiker die Religion in ihrer Totalität, den Staat in seinen verschiednen Erscheinungen gebrochen hat pp " p. 138 ,

Ist es nicht auf ein Haa r der alte Jehova, der seinem durch- io

gebrannten Volk, da s an den lustigen Göttern der Heiden mehr Spa ß findet, nachläuft und schreit: „Hör e mich, Israel, und ver- schließe dein Ohr nicht, Juda ! Bin ich nicht de r Her r dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführet hat in das Land da Milch und Honig fleußt, und siehe, ihr habet von Jugend auf getan das mir u übel gefällt und habet mich erzürnet durch meiner Händ e Werk, und habt mir den Rücken und nicht das Angesicht zugekehret, wiewohl ich sie stets lehren ließ ; und haben mi r ihre Greuel in mein Hau s gesetzt, da ß sie es verunreinigten, und haben die Höhen des Baals gebaut im Tal Ben Himmon , davon ich ihnen so nichts befohlen habe , und ist mi r nicht in den /[5c]/ Sinn gekom- men, da ß sie solche Greuel tun sollten ; und hab e zu euch gesandt

meinen Knecht Jeremiam , zu dem mein Wort geschehen ist von d e m dreizehnten Jah r des Königs Josiah, des Sohnes Amon, bis auf diesen Tag , un d derselbe hat euch nun dreiundzwanzig Jah r SO mit Fleiß gepredigt, aber ihr habt nie hören wollen. Daru m spricht der Her r Herr : We r hat je dergleichen gehöret, da ß die Jungfrau Israel so gar greuliches Ding tut? Denn das Regenwas- ser verschießt nicht so bald, als mein Volk meiner vergißt. Ο Land , Land , Land , höre des Herr n Wort! " 30

Sankt Bruno behauptet also in einer langen Red e über Dürfen und Können, da ß seine kommunistischen Gegner ihn mißverstan- den hätten. Die Art und Weise, wie er in dieser Rede die Kritik neuerdings schildert, wie er di e bisherigen Mächte, die das „Leben der Menschheit" niederhielten, in „transzendente", und diese 35 transzendenten Mächte in „Geist vom Geist" verwandelt, wie er „d i e Kritik " für den einzigen Produktionszweig ausgibt, beweist zugleich, da ß das angebliche Mißverständnis nichts ist als ein mißliebiges Verständnis. Wi r bewiesen, da ß die Bauersche Kritik unter aller Kritik ist, wodurch wir notwendig Dogmatiker wer- to den. Ja er wirft uns alles Ernstes den unverschämten Unglauben an seine althergebrachten Phrasen vor. Die ganze Mythologie der selbstständigen Begriffe, mit de m Wolkensammle r Zeus, dem Selbstbewußtsein, an der Spitze, paradiert hier /6/ wieder mit „de m Schellenspiel von Redensarten einer ganzen Janitscharenmusik ts

139 .

II. Sankt Bruno

87

gangbarer Kategorien " (Lit. Ztg., vgl. „heilige Familie " p. 234) . Zuerst natürlich die Mythe von der Weltschöpfung, nämlich von d er sauren „Arbeit" des Kritikers, die da s „einzig Schöpferische und Produzierende, ein immerwährendes Kämpfe n un d Siegen, 5 ein fortdauerndes Vernichten und Schaffen", ein „Arbeiten " un d „Gearbeitet Haben " ist. Ja der ehrwürdige Vater wirft der „hei- ligen Familie " sogar vor, da ß sie „die Kritik " so verstanden hat, wie er selbst sie in der gegenwärtigen Replik versteht. Nachde m er die „Substanz " „in ihr Geburtsland, das Selbstbewußtsein, den ίο kritisierenden und " (seit de r „heiligen Familie " auch) „kritisier­ ten Menschen zurückgenommen un d verworfe n hat " (da s Selbst- bewußtsein scheint hier die Stelle einer ideologischen Rumpel- kamme r einzunehmen), fährt er fort: „Sie " (die angebliche Feuerbachsche Philosophie) „dar f nicht wissen, da ß die Kritik

is u η d die Kritiker, solange sie sind " ( ! ), „di e Geschichte gelenkt

und alle Bewegungen

und Regungen der Gegenwart ihre Geschöpfe sind, da ß sie allein es sind, die die Gewal t i n ihre n Hände n haben, wei l di e

Kraf t i n ihre m Bewußtsein , und weil sie die Macht au s

2 o sic h selber , aus ihren Taten, au s de r Kritik , aus ihren Gegnern, aus ihren Geschöpfen schöpfen; da ß erst mit de m Akte der Kritik der Mensch befreit wird, und damit di e Menschen, der Mensch geschaffen " (!) „wird, un d dami t di e Menschen". Also die Kritik un d die Kritiker /[6a]/ sind zuerst zwei ganz 25 verschiedene, auße r einander stehende und handelnde Subjekte. Der Kritiker ist ein andres Subjekt als die Kritik, und die Kritik ein andres Subjekt als der Kritiker. Diese personifizierte Kritik, die Kritik als Subjekt, ist ja eben die „kritische Kritik", gegen die die „heilige Familie " auftrat. „Die Kritik und die Kritiker haben, so solange sie sind, die Geschichte gelenkt un d gemacht". Da ß sie dies nicht tun konnten, „solange sie " nicht „sind" , ist klar, und

d a ß sie, „solange sie sind", in ihrer Weise „Geschichte gemacht"

haben, ist ebenfalls klar. Sankt Bruno komm t endlich soweit, uns einen der tiefsten Aufschlüsse über die staatsbrecherische Macht 3s der Kritik geben zu „dürfen und können", den Aufschluß näm- lich, da ß „die Kritik und die Kritiker die Gewal t i n ihre n Hände n haben,weil " (schönesWeil!) „di e Kraf t i n ihre m Bewußtsein" , und zweitens, da ß diese großen Geschichtsfabri- kanten „die Gewalt in ihren Händen haben" , weil sie „die Macht

*o aus sich selber und aus der Kritik " (also noch einmal aus sich selber) „schöpfen" — wobei leider noch immer nicht bewiesen,

d a ß da drinnen, in „sich selber", in „de r Kritik", irgend etwas

zu „schöpfen" ist. Wenigstens sollte ma n nach der eignen Aus- sage der Kritik glauben, da ß es schwer sein müßt e dort etwas « andres zu „schöpfen" als die dorthin „verworfene" Kategorie der

u n d gemacht haben , da ß sogar ihre Gegner

88 Deutsche Ideologie.

Das Leipziger Konzil

„Substanz". Schließlich „schöpft" die Kritik noch „die Kraft " zu einem höchst ungeheuerlichen Orakelspruch „aus /[6b]/ der Kritik". Sie enthüllt uns nämlich das Geheimnis, so da verborgen war unsern Vätern und verschlossen unsern Großvätern, daß , „erst mit dem Akte der Kritik der Mensch geschaffen wird, und s damit die Menschen", während man bisher die Kritik für einen Akt der durch ganz andre Akte präexistierenden Menschen ver- sah. Der heilige Bruno selbst scheint hiernach durch „die Kritik", also durch generatio aequivoca „in die Welt, von der Welt und zu der Welt " gekommen zu sein. Vielleicht indes ist dies Alles bloß 10 eine andre Interpretation der Stelle aus der Genesis: Und Ada m erkannte , id est kritisierte, sein Weib Hevam und sie ward schwanger pp. W i r sehen hier also die ganze altbekannte kritische Kritik, die schon in der „heiligen Familie " hinreichend signalisiert, noch- is mais und als ob gar nichts passiert wäre, mit ihren sämtlichen Schwindeleien auftreten. Wundern dürfen wir uns nicht darüber, denn der heilige Mann jammert ja selbst p. 140, da ß die „heilige Familie " „de r Kritik jeden Fortschritt abschneide". Mit der größten Entrüstung wirft Sankt Bruno den Verfassern der „hei- 20 ligen Familie " vor, da ß sie die Bauersche Kritik vermittelst eines chemischen Prozesses aus ihrem „flüssigen " Aggregat- zustande z u einer „kristallinischen " Formation abgedampft habe. Also die „Institutionen des Bettlertums", da s „Tauf zeugnis der 25 Mündigkeit", die „Region /[6c]/ des Pathos und donnerähnlicher Aspekten", die „moslemitische Begriffsaffektion" („Heilige Fa- milie " p. 2, 3, 4 nach der kritischen Lit. Ztg.) sind nu r Unsinn, wenn man sie „kristallinisch" auffaßt; die achtundzwanzig ge- schichtlichen Schnitzer, die ma n der Kritik in ihrem Exkurse über 30 „englische Tagesfragen" nachgewiesen hat, sind, „flüssig" be- trachtet, keine Schnitzer? Die Kritik besteht darauf, da ß sie, flüssig betrachtet, die Nauwercksche Kollision, nachdem sie längst vor ihren Augen passiert, a priori prophezeit, nicht post festum konstruiert habe? sie besteht noch darauf, da ß maréchal, „kristal- 35 linisch" betrachtet, ein Hufschmie d heißen könne, aber „flüs- sig" betrachtet, jedenfalls ein Marschal l sein müsse? daß , wenn auch für die „kristallinische" Auffassung un fait physique „eine physische Tatsache" sein dürfe, die wahre, „flüssige" Ubersetzung davon „eine Tatsache der Physik" laute? da ß la mal- to veillance de nos bourgeois juste-milieux im „flüssigen" Zustande noch immer „die Sorglosigkeit unsrer guten Bürger " bedeute? d a ß „flüssig" betrachtet, „ein Kind, das nicht wieder Vater oder Mutter wird, wesentlic h Tochte r ist"? da ß Jemand die Auf- gabe haben kann, „gleichsam die letzte Wehmutsträne der Ver- a

II. Sankt Bruno

89

gangenheit darzustellen"? Da ß die verschiedenen Portiers, Lions, Grisetten, Marquisen, Spitzbuben und hölzernen Türen von Pari s in ihrer „flüssigen" For m weiter nichts sind als Phasen des Ge- heimnisses, „in dessen Begriff es überhaupt /7/ liegt, sich selbst ί beschränkt zu setzen, un d diese Beschränkung, die es durch sein allgemeines Wesen setzt, wieder aufzuheben, da eben dieses Wesen n u r da s Resultat seiner innern Selbstunterscheidung, seiner Tätig- keit ist"? Da ß die kritische Kritik im „flüssigen" Sinne „unauf- haltsam, siegreich un d siegsgewiß ihres Weges geht", wenn sie

10 bei einer Frag e zuerst behauptet, ihre „wahr e un d allgemeine Be- deutung " enthüllt zu haben, alsdann zugibt, da ß sie „übe r die Kri- tik nicht hinausgehen wollte und durfte", und schließlich bekennt, „da ß sie noch einen Schritt hätte tun müssen, de r aber unmöglich war, weil — er unmöglich war" ? (p . 18 4 der „heiligen Familie" )

betrachtet, „die Zukunft noch imme r da s Werk "

is da ß „flüssig"

der Kritik ist, wenn auch „da s Schicksal entscheide n ma g wie es will" ; da ß flüssig betrachtet, die Kritik nichts Übermensch- liches beging, wenn sie „mit ihren wahre n Elemente n i n einen Widerspruc h trat, der i n jene n Elemente n be -

α ο reit s seine Auflösun g gefunden hatte" ?

Allerdings begingen die Verfasser der „heiligen Familie " die Frivolität, alle diese un d hundert andr e Sätze als Sätze aufzufas- sen, die einen festen, „kristallinischen" Unsin n ausdrücken — aber ma n mu ß die Synoptiker „flüssig", d. h. im Sinne ihrer Ver-

25 fasser, un d bei Leibe nicht „kristallinisch", d. h. nach ihrem

wirklichen Unsinn lesen, um zu de m wahren Glauben zu komme n und die Harmoni e des kritischen Haushalts /[7a]/ zu bewundern. „Engels un d Mar x kennen daher auch nu r die Kritik der Lite- raturzeitung" — eine wissentliche Lüge, die beweist, wie „flüs- 3o sig " der heilige Man n ein Buch gelesen hat, worin seine letzten Arbeiten nu r als die Krone seines ganzen „Gearbeitet Habens " dargestellt werden. Abe r de r Kirchenvater ermangelte der Ruhe, kristallinisch zu lesen, da er in seinen Gegnern Konkurrenten

fürchtet, die ihm die Kanonisation streitig machen, ihn „au s seiner

35 Heiligkeit herausziehen wollen, um

Konstatieren wir noch im Vorbeigehen die eine Tatsache, da ß nach der jetzigen Aussage des heiligen Bruno seine Literatur- zeitung keineswegs die „gesellschaftliche Gesellschaft" zu stiften oder „gleichsam die letzte Wehmutsträne " der deutschen Ideolo- ge gie „darzustellen" bezweckte, noch den Geist in den schärf- sten Gegensatz zur Masse zu stellen und die kritische Kritik in ihrer vollen Reinheit zu entwickeln, sondern — „den Liberalismus und Radikalismus des Jahres 1842 und deren Nachklänge in ihrer Halbheit un d Phrasenhaftigkeit darzulegen", also die „Nach- « klänge " eines bereits Verschollenen zu bekämpfen. Tant de bruit

sic h

heilig zu machen" .

90 Deutsche Ideologie.

Das Leipziger Konzil

pour une omelette! Übrigens zeigt sich gerade hierin wieder die Geschichtsauffassung der deutschen Theorie in ihrem „reinsten" Licht. Das Jah r 1842 gilt für die Glanzperiode des Li-/[7b]/bera- Iismus in Deutschland, weil sich die Philosophie damals an der Politik beteiligte. Der Liberalismus verschwindet für den Kri- s tiker mit dem Aufhören der Deutschen Jahrbücher und der Rhei- nischen Zeitung, den Organen der liberalen und radikalen Theorie. Er läßt nur noch „Nachklänge" zurück, während erst jetzt, wo das deutsche Bürgertum das wirkliche durch ökonomische Ver- hältnisse erzeugte Bedürfnis der politischen Macht empfindet und 10 zu verwirklichen strebt, während erst jetzt der Liberalismus in Deutschland eine praktische Existenz und damit die Chance eines Erfolgs hat. Die tiefe Betrübnis Sankt Brunos über die „heilige Familie " erlaubte ihm nicht diese Schrift „aus sich selbst und durch sich is selbst und mit sich selbst" zu kritisieren. Um seinen Schmerz be- meistern zu können, mußte er sie sich erst in einer „flüssigen" For m verschaffen. Diese flüssige For m fand er in einer konfusen und von Mißverständnissen wimmelnden Rezension im „Westfäli- schen Dampfboot", Maiheft p. 206—214 . Alle seine Zitate sind 20 aus den im „Westfälischen Dampfboot" zitierten Stellen zitiert, und ohne dasselbige ist Nichts zitiert, was zitiert ist. Auch die Sprache des heiligen Kritikers ist durch die Sprache des westfälischen Kritikers bedingt. Zuerst werden sämtliche Sätze, die der Westfale (Dampfboot p. 206 ) aus der Vorred e an- 25 führt, in die Wigandsche Vierteljahrsschrift p. 140, 141 über- tragen. Diese Übertragung bildet den Hauptteil der Bauerschen Kritik, nach dem alten, schon von Hegel empfohlenen Prinzip:

„Sich auf den gesunden Menschenverstand zu verlassen, und /[7c]/ um übrigens auch mit der Zeit und der Philosophie fort- so zuschreiten, Rezensione n von philosophischen Schriften, etwa gar die Vorrede n und ersten Paragraphen derselben zu lesen; denn diese geben die allgemeinen Grundsätze, worauf Al- les ankommt, und jene neben der historischen Notiz noch die Be-

urteilung, die sogar, weil sie Beurteilung ist, über das Beurteilte ss hinaus ist. Dieser gemeine Weg macht sich im Hausrocke; aber im hohenpriesterlichen Gewände schreitet das Hochgefühl des Ewigen, Heiligen, Unendlichen einher, ein Weg" , den Sankt Bruno auch, wie wir sahen, „niedermetzelnd" zu „gehen" weiß.

40

Der westfälisch e Kritiker fährt nach einigen Zitaten aus der Vorrede fort: „So durch die Vorrede selbst auf den Kampf - plat z des Buches geführt" usw. p. 206 . Der heilig e Kritiker, nachdem er diese Zitate in die Wi- gandsche Vierteljahrsschrift übertragen, distinguiert feiner und 45

— Hegel, Phänomenologie p. 54.

II. Sankt Bruno

91

sagt: „Das ist das Terrai n und der Feind , den sich Engels und Mar x zum Kampf e geschaffen haben. " Der westfälisch e Kritiker setzt aus de r Erörterung des

kritischen Satzes: „de r Arbeiter schafft Nichts", nu r den zusam-

5 menfassenden

Schlu ß

hin.

Der heilig e Kritiker glaubt wirklich, dies sei Alles, was

Zitat

ab, und freut sich der Entdeckung, da ß ma n der Kritik nu r „Be- hauptungen " entgegengesetzt habe. io Aus de r Beleuchtung der kritischen Expektorationen übe r die Liebe schreibt sich der westfälisch e Kritiker p.20 9 erst das corpus delicti teilweise, und dann aus der Widerlegung einige Sätze ohne allen /8/ Zusammenhang heraus, die er als Autorität für seine schwammige, liebesselige Sentimentalität hinstellen is möchte.

Der heilig e Kritiker schreibt ihm p . 141 , 142 alles buch- stäblich ab , Satz für Satz in der Ordnung, wie sein Vorgänger zitiert. Der westfälisch e Kritiker ruft über der Leiche des Herr n

über den Satz gesagt worden, schreibt p. 14 1 da s westfälische

20

Julius Faucher aus : „Da s ist da s Los des Schönen auf de r Erde" ! Der heilig e Kritiker darf seine „saure Arbeit " nicht voll- enden, ohne diesen Ausruf p. 142 bei unpassender Gelegenheit sich anzueignen. Der westfälisch e Kritiker gibt p . 21 2 eine angebliche Zu-

25

sammenfassung der in der „heiligen Familie " gegen Sankt Bruno selbst gerichteten Entwicklungen. Der heilig e Kritiker kopiert diese Siebensachen getrost un d wörtlich mit allen westfälischen Exklamationen. Er denkt nicht i m Trau m daran , da ß ihm nirgend s i n der ganzen Streitschrift

3o vorgeworfen wird, er „verwandle die Frage de r politischen Eman- zipation in die der menschlichen", er „wolle die Jude n totschla- gen", er „verwandle die Juden in Theologen", er „verwandle Hegel i n Herrn Hinrichs " pp . Gläubig plapper t de r heilig e Kritiker de m westfälische n die Angabe nach, als erbiete sich 35 M a r χ in de r „heiligen Familie " zur Lieferung eines gewissen scholastischen Traktätleins „als Erwiderung auf die albern e

Selbstapotheos e Bauers". Nu n komm t die vom heiligen Bruno als Ζ i t at angeführte „alberne Selbstapotheose" in de r gan- zen „heiligen Familie " nirgends, wohl aber bei de m Westfali- ca sehen Kritiker vor. Ebensowenig wird das Traktätlein als Erwide- rung auf die „Selbstapologie " /[8a]/ der Kritik, „heilige Fa-

sondern erst im folgenden Ab-

schnitt p. 16 5 bei Gelegenheit der weltgeschichtlichen Frage :

milie " p. 150—163 , angeboten,

„waru m Her r Bauer politisieren mußte? "

« Schließlich läß t Sankt Bruno p . 143 Mar x als „ergötz -

92 Deutsche Ideologie.

Das Leipziger Konzil

liehe n Komödianten " auftretein, nachdem sein westfäli- sches Vorbild bereits „das welthistorische Dram a der kritischen Kritik" sich i n die „ergötzlichst e Komödie " p . 21 3 hat auflösen lassen. Siehe, so „dürfen und können" die Gegner der kritischen Kri- tik e s „wissen, wi e de r Kritike r gearbeite t ha t un d noc h arbeitet" !

4 .

Nachru f

a n

„M .

Heß '

s

„Wa s Engels und Mar x noc h nich t konnten, das vollendet

M.

Großer, göttlicher Übergang, der dem heiligen Mann e durch das relative „Können " und „Nichtkönnen" der Evangelisten so fest in den Fingern sitzen geblieben ist, da ß er in jedem Aufsatze

des Kirchenvaters passend oder unpassend seine Stelle finden muß .

vollendet u

M. Heß" . — Un d was ist das „Was" , das „Engels und Mar x noch

nicht konnten"? Nun, nichts mehr und nichts weniger, als — Stirner kritisieren. Un d waru m „konnten" Engels und Mar x Stir- ner „noc h nicht " kritisieren? Aus dem zureichenden Grunde, weil — Stirners Buch noc h nich t erschiene n war , als 2 0 sie die „heilige Familie " schrieben. Dieser spekulative Kunstgriff, Alles zu konstruieren, un d das Disparateste in einen vorgeblichen Kausalzusammenhang zu brin- gen, ist unsrem Heiligen wirklich aus dem Kopf in die Finger ge-

fahren. Er erreicht bei ihm die /[8b]/ gänzliche Inhaltslosigkeit 25 und sinkt herab zu einer burlesken Manier, Tautologien mit wich- tiger Miene zu sagen. z. B. schon in der Allg. Literat. Ztg. I, 5:

„Der Unterschied zwischen meiner Arbeit und den Blättern, die z. B. ein Philippson vollschreibt" (also den leere n Blättern, auf die „z.B . ein Philippson" schreibt), „mu ß dan n auc h 3 0 s o beschaffe n sein , wi e e r i n de r Ta t beschaffe n

i st"!! ! „ M . Heß" , für dessen Schriften Engels und Mar x durchaus keine Verantwortlichkeit übernehmen, ist dem heiligen Kritiker eine so merkwürdige Erscheinung, da ß er weiter nichts tun kann, 35 als lange Stellen aus den „letzten Philosophen" abschreiben, Und das Urteil fällen, da ß „diese Kritik in einzelnen Punkten den Feuerbach nicht kapiert hat ode r auch " (o, Theologie!) „das

Heß" .

io

„Wa s Engels und Marx noch nicht konnten, das

II. Sankt Bruno

93

Gefäß sich gegen den Töpfer empören will" . Vergl. Römer, 9, 20—21 . Nach einer erneuerten „saure n Arbeit " des Zitierens

kommt unser heiliger Kritiker dan n schließlich zu de m Resultate,

un d „Entwiek-

5 lung " gebraucht, Hege l abschreibt. Sankt Bruno mußt e natür- lich den in de r „heiligen Familie " gelieferten Nachweis seiner totalen Abhängigkeit von Hegel durch einen Umwe g auf Feuer- bach zurückzuwerfen suchen. „Siehe, so mußt e Bauer enden! Er hat gegen alle Hegelschen io Kategorien", mit Ausnahm e des Selbstbewußtseins, „gekämpft, wie un d was er nu r konnte", speziell in de m famosen Literatur- zeitungskampf gegen Herr n Hinrichs. Wi e er sie bekämpft und be- siegt hat, haben wir gesehen. Zu m Überfluß zitieren wir noch Wigan d p . 110 , w o e r behauptet, da ß die „wahre " (1 ) „Auf - lälösung " (2 ) „de r Gegensätze " (3 ) „i n Natu r un d /[8c]/ Geschichte" (4) , „di e wahr e Einheit " (5 ) „de r getrennten Relationen" (6) , „de r wahrhafte " (7 ) „Grund " (8 ) „un d Ab- grund " (9 ) „de r Religion, die wahr e unendliche " (10) , „unwiderstehliche, selbstschöpferische" (11 ) „Persönlichkeit" 20 (12 ) „noch nicht gefunden ist". In drei Zeilen nicht zwei zweifelhafte, wie bei Heß , sondern ein volles Dutzend „wahrer, unendlicher, unwiderstehliche [r] " und durch „di e wahre Einheit der getrennten Relationen" sich als solche beweisende Hegeische Kategorien — „siehe, so mußt e Bauer enden" ! Und wenn de r 25 heilige Man n in He ß einen gläubigen Christen zu entdecken meint, nicht weil He ß „hofft", wie Brun o sagt, sondern weil er η i ch t hofft u n d weil er von „Auferstehen " spricht, so setzt un s de r groß e Kirchenvater in den Stand, ih m aus eben derselben pagina 11 0 da s prononzierteste Judentu m nachzuweisen. E r erklärt dort, „da ß 3 o der wirkliche , lebend e un d leibhaftig e Mensc h noc h nich t gebore n ist"!! ! (neuer Aufschluß über di e Bestimmung des „einzigen Geschlechts") „un d di e erzeugte Zwit- tergestalt" (BrunoBauer?!? ) „noch nicht im Stande ist, aller dogmatische n Formel n Her r z u werden " p p — d.h . da ß 3 5 der Messia s noch nicht geboren ist, da ß de s Mensche n Soh n erst in die Welt kommen soll, un d diese Welt, als Welt des alten Bundes, noch unter de r Zuchtrute des Gesetzes , „de r dogmatischen Formeln" , steht. In derselben Weise, wie Sankt Bruno oben „Engels und Marx " to zu einem Übergange zu He ß benutzte, dient ih m hier He ß dazu, Feuerbach schließlich wieder in ei-/9/nen Kausalnexus mit sei- nen Exkursen über Stirner, die „heilige Familie " und die „letz- ten Philosophen" zu bringen:

„Siehe, so mußt e Feuerbach enden! " „Die Philosophie mußt e «from m enden " pp , Wigand p . 145.

d a ß Heß , weil er die beiden Worte : „Vereinigt"

94 Deutsche Ideologie.

Das Leipziger Konzil

D e r wahre Kausalnexus ist aber der, da ß diese Exklamation eine Nachahmung einer u. A. gegen Bauer gerichteten Stelle aus

Heß ' „letzten Philosophen", Vorrede p.4 , ist:

und nicht

anders mußten die letzten Nachkommen der christlichen Asketen

„So

[

]

[

]

Abschied von der Welt nehmen."

s

Sankt Bruno schließt sein Plaidoyer gegen Feuerbach und an- gebliche Konsorten mit einer Anrede an Feuerbach, worin er ihm vorwirft, er könne nur „ausposaunen", „Posaunenstöße erlas- sen", während Monsieur B. Bauer oder Madam e la critique, „die

erzeugte Zwittergestalt", des unaufhörlichen „Vernichtens" nicht u

m erwähnen, „au f seine m Triumphwage n fähr t un d

neu e Triumph e sammelt " (p . 125) , „vom Throne stößt"

( p . 119) , „niedermetzelt" (p . 111) , „niederdonnert" (p . 115) ,

„ei s für alle Ma l zu Grunde richtet" (p. 120) , „zerschmettert"

erlaubt (p. 120) , „straf- is

fere " ( ! ) „Gefängnisse" baut (p . 104) und endlich mit „nieder- metzelnder" Kanzelberedsamkeit frischfrommfröhlichfrei das „Fixfirmfestbestehende" p. 105 entwickelt, Feuerbach' p. 110 „da s Felsige und den Felsen" an den Kopf wirft, und schließlich mit einer Seitenwendung auch Sankt Ma x überwindet, indem er 20 die „kritische Kritik" die „gesellschaftliche Gesellschaft", „da s Felsige und den Felsen" noch durch „die abstrakteste /[9a]/ Ab- straktheit" und „härteste Härte " p. 124 ergänzt.

( p . 121) , der Natur nur zu „vegetieren"

Alles dies hat Sankt Bruno vollbracht „durch sich selbst und

in sich selbst und mit sich selbst", denn er ist „E r selber", ja er 2«

ist „stets und selbst der Größeste und kann der Größeste sein" (is t es und kan n es sein!) „durch sich selbst und in sich selbst und mit sich selbst" (p. 136) . Sela. Sankt Bruno wäre für das weibliche Geschlecht allerdings ge- fährlich, da er die „unwiderstehliche Persönlichkeit" ist, furch- so tete er nicht „auf der andern Seite ebensosehr" „die Sinnlichkeit als die Schranke, an der sich der Mensch den Todes -Sto ß geben muß" . Er wird daher „durch sich selbst und in sich selbst und mit sich selbst" wohl keine Blumen brechen, sondern sie verwel- ken lassen in unbegrenzter Sehnsucht und schmachtender Hyste- 35 rie nach der „unwiderstehlichen Persönlichkeit", die „dieses ein- zige Geschlecht und diese einzigen, bestimmten Geschlechtsorgane besitzt".

m

SANKT

MAX

III. Sank t

Ma x

III. Sank t Ma x 97-^12 8 Geschrieben ca. September 1845 bis Anfang Mai 1846 in

97-^12 8

Geschrieben ca. September 1845 bis Anfang Mai 1846 in Brüssel

/1/

III

Sankt

Max

„Wa s jenen mi r die jrinen

Beeme an? "

s Der heilige Ma x exploitiert, „verbraucht" oder „benutzt" da s

einen langen apologetischen Kommentar „de s

Buches " z u geben, welches kein anderes Buch ist, als „da s Buch", das Buch als solches, das Buch schlechthin, d. h. da s voll- kommene Buch, das heilige Buch, das Buch als Heiliges, da s Buch

10 als da s Heilige — das Buch im Himmel, nämlich „de r Ein -

zig e un d sei n Eigentum" . „Da s Buch " wa r bekanntlich gegen End e 184 4 aus de m Himme l herabgefalle n un d hatte bei O.Wigan d in Leipzig Knechtsgestalt angenommen. Es hatte sich so den Wechselfällen des irdischen Lebens preisgegeben un d

η wa r von dre i „Einzigen" , nämlich von der geheimnisvollen Per- sönlichkeit Szeliga , von de m Gnostiker Feuerbac h un d von He ß angegriffen worden. S o erhaben der heilige Ma x auch als Schöpfer in jedem Augenblick übe r sich als Geschöpf, wie über seine sonstigen Geschöpfe ist, erbarmte er sich dennoch sei- se nes schwachen Kindleins und stieß zu seiner Wehrung. und Sicher- stellung ein lautes „kritisches Juchhe " aus. — Um sowohl dies „kritische Juchhe" , wie die geheimnisvolle Persönlichkeit Sze - lig a in ihrer ganzen Bedeutung zu ergründen, müssen wir hier einigermaßen auf die Kirchengeschichte eingehen und „da s Buch "

25 näher betrachten. Oder um mit Sankt Ma x zu sprechen: Wi r wol- len „a n dieser Stelle" eine kirchengeschichtliche „Reflexion" über den „Einzigen und sein Eigentum " „episodisch einlegen", „ledig- lich darum" , „weil uns dünkt, sie könne zur Verdeutlichung des Übrigen beitragen".

so „Machet die Tore weit un d die Türen in der Welt hoch, da ß der König de r Ehren einziehe. — We r ist derselbe König der Ehren? Es ist der „Feldherr" , stark und mächtig, „de r Feldherr", mächtig im Streit. Machet die Tore weit un d die Türe n in de r Welt hoch, da ß der König der Ehren einziehe. — We r ist der-

35 selbe König der Ehren ? Es ist der Her r Einzige, Er ist der König der Ehren. "

Konzil dazu,

(Ps.

24 ,

7—10. )

Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. S

7

/[la] /

1. Der Einzige and sein Eigentum

Der Mann, der „sein' Sach' auf Nichts gestellt hat", beginnt als guter Deutscher sein langgezogenes „kritisches Juchhe " sogleich mit einer Jeremiade : „Wa s soll nicht Alles Meine Sache sein? " s (p. 5 des Buchs). Und er jammert herzzerreißend weiter, da ß „Alles seine Sacbe sein 4 soll", da ß man ihm „die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, Freiheit, ferner die Sache Seines Volkes, Seines Fürsten" und tausend andre gute Sachen aufbürdet. Der arme Mann! Der französische und eng- 10 lische Bourgeois klagt über Mangel an Debouches, über Handels- krisen, panische Schrecken an der Börse, augenblickliche poli- tische Konstellationen usw.; der deutsche Kleinbürger, der aktiv nur einen ideellen Anteil an der Bourgeoisbewegung genommen

und im Übrigen nur seine eigne Haut zu Markt getragen hat, stellt 15 sich seine eigne Sache nur als „die gute Sache", die „Sache der Freiheit, Wahrheit, Menschheit" etc. vor. Unser deutscher Schulmeister glaubt ihm tout bonnement diese Einbildung und setzt sich mit allen diesen guten Sachen auf

20

drei Seiten vorläufig auseinander. Er untersucht die „Sache Gottes", die „Sache der Mensch-

heit", p. 6 und 7, und findet, da ß dies „rein egoistische Sachen" sind, da ß sowohl „Gott" wie „die Menschheit" sich nur um das

Ihrig e bekümmern, da ß e s „der Wahrheit, der Freiheit,

Humanität, der Gerechtigkeit" „nur um sich, nicht um Uns, nu r 2 s um Ihr Wohl, nicht um das Unsere zu tun ist" -— woraus er den Schluß zieht, da ß sich alle diese Personen „ausnehmend gut dabei stehen". Er geht so weit, diese idealistischen Phrasen, Gott, Wahr- heit usw. in wohlhabende Bürger zu verwandeln, die „sich aus- nehmend gut stehen" und eines „einträgliche n Egoismus" 30 erfreuen. Das aber wurmt den heiligen Egoisten: Und Ich? ruft er aus. „Ich Meinesteils nehme Mir eine Lehre daran und will, statt jenen großen Egoisten ferner zu dienen, lieber selber der Egoist sein!" (p. 7) . W i r sehen also, welch heilige Motive den heiligen Max bei ai

der

31

Im Original

Egoisten :

„Un d

Ich? "

III. Sankt Max

99

seinem Übertritt zum Egoismus leiten. Nicht die Güter dieser

Welt, nicht die Schätze, so die Motten und der Rost fressen, nicht die Kapitalien seiner Mit-Einzigen, sondern der Schatz im Him-

Freiheit,

5 Menschheit etc. lassen ihn nicht ruhen. — Mutete ma n ihm nicht zu, den vielen guten Sachen zu dienen, er würde nie zu der Ent- deckung gekommen sein, da ß er auch eine „eigne " Sache habe , würde also auch diese seine Sache nicht „auf Nichts " (d. h. „da s Buch" ) „gestellt" haben.

10 Hätte Sankt Ma x sich die verschiedenen „Sachen " und „Eig- ner " dieser Sachen, z. B. Gott, Menschheit, Wahrheit etwas nähe r betrachtet, so wäre er zu de m entgegengesetzten Schluß gekom-