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Bakkalaureatsarbeit

PS Qualitative Systemwissenschaften

Thema:

Selbstorganisation des Lernens

Betreut von: Autor:

Mag. Christian Lapp Christoph Malzer


Gruppe: Freitag Matr#: 0130462
Sommersemester 2005 B 033 619 151
Hilgergasse 1
8010 Graz

Graz, 23.06.2005
Selbstorganisation des Lernens

Inhalt

INHALT ............................................................................................................................1
EINLEITUNG .....................................................................................................................2

1. DIE SIEBEN „URKONZEPTE“ DER SELBSTORGANISATION .........................................2


1.1. DIE THEORIE DER DISSIPATIVEN STRUKTUREN ..........................................................2
1.2. SYNERGETIK ............................................................................................................3
1.3. CHAOSTHEORIE .......................................................................................................4
1.4. DIE THEORIE DER AUTOKALATYTISCHEN HYPERZYKLEN ..........................................5
1.5. DIE THEORIE AUTOPOIETISCHER SYSTEME ................................................................5
1.6. SYSTEMTHEORETISCH-KYBERNETISCHER ANSATZ ....................................................6
1.6.1. TRIVIALE UND NICHT-TRIVIALE MASCHINEN ..........................................................7
1.7. DIE THEORIE „ELASTISCHER“ ÖKOSYSTEME .............................................................8

2. IMPLIKATIONEN DER URKONZEPTE FÜR MENSCHLICHES LERNEN ...........................9


2.1. OFFENHEIT ..............................................................................................................9
2.2. GESCHICHTLICHKEIT ..............................................................................................10
2.3. FREIHEIT ALS WAHL ..............................................................................................10
2.4. INTENTIONALITÄT UND MOTIVATION .....................................................................10

3. DAS MENSCHLICHE GEDÄCHTNIS ...........................................................................11


3.1. DAS „DREISPEICHERMODELL“ DES GEDÄCHTNISSES ...............................................11
3.1.1. DAS SENSORISCHE GEDÄCHTNIS ..........................................................................12
3.1.2. DAS KURZZEITGEDÄCHTNIS .................................................................................12
3.1.3. DAS LANGZEITGEDÄCHTNIS.................................................................................13
3.1.4. DAS INTERNE KONTROLLSYSTEM .........................................................................13
3.2. „DAS GEDÄCHTNIS IM PROSEMINAR“ .....................................................................13
3.3. SEMANTISCHES, PROZEDURALES UND EPISODISCHES GEDÄCHTNIS ..........................14
3.4. IMPLIZITES UND EXPLIZITES GEDÄCHTNIS ...............................................................14
3.5. ANWENDUNGSKONTEXT.........................................................................................15

4. VERSCHIEDENE LERNBEGRIFFE..............................................................................15
4.1. DAS SIGNALLERNEN ..............................................................................................15
4.2. LERNEN DURCH VERSUCH UND IRRTUM ..................................................................16
4.3. LERNEN AM ERFOLG ..............................................................................................16
4.4. LERNEN AM MODELL .............................................................................................17
4.5. LERNEN ALS ADAPTION DURCH ASSIMILATION UND AKKOMMODATION ..................17
4.6. LERNEN IN FREIHEIT ..............................................................................................17

5. AUSWIRKUNGEN DER SELBSTORGANISATION BEIM LERNEN ..................................18

6. NACHWORT .............................................................................................................19

7. LITERATURVERZEICHNIS ........................................................................................20

1
Selbstorganisation des Lernens

Einleitung

Die folgende Bakkalaureatsarbeit, die ich im Rahmen der Lehrveranstaltung “Qualitative


Systemwissenschaften II” bei Mag. Christian Lapp geschrieben habe soll Selbstorganisation
beim Lernen anhand dem Vorgang des Kennenlernens von Personen darstellen und
beschreiben.
Anhand von Beispielen aus dem Proseminar möchte ich einen Praxisbezug herstellen.

Als theoretische Grundlage dienen mir hauptsächlich die Bücher von Klotz, Anette:
Selbstorganisation des Lernens und Drumbl, Peter: Lernen und Organisation, aus denen ich
ausgewählte Kapitel behandle. Siehe:
Literaturverzeichnis, Seite 20.

1. Die sieben „Urkonzepte“ der Selbstorganisation

1.1. Die Theorie der dissipativen Strukturen

Dissipative Strukturen sind Strukturen, die durch permanenten Energieeintrag erhalten


bleiben.
„Dissipativer Strukturen sind dynamische Ordnungszustände, die in Form räumlicher
Muster mit stehenden Wellen verglichen werden können und die zu ihrer Aufrechterhaltung
ständig Energie in Wärme umwandeln (dissipieren = zerstreuen)" 1

Systeme die nur Energie (und keine Materie) mit der Umgebung austauschen werden als
geschlossene Systeme betrachtet. Angenommen ein geschlossenes System befindet sich
auch im Gleichgewicht, wird auch keine Entropie mehr erzeugt.2 Dissipative Strukturen
sind somit geschlossene Systeme, die nur Energie mit ihrer Umgebung austauschen.

1
Keil-Slawik, 1985, 93 in: http://www.hyperkommunikation.ch/lexikon/dissipativ.htm
2
vgl. Klotz, 2003, 53

2
Selbstorganisation des Lernens

Dissipative Strukturen sind sehr empfindlich was ihre globale Umgebung betrifft. Z.B.
Größe des Systems, Temperatur, etc. Die äußeren Bedingungen beeinflussen wesentlich die
Art der dissipativen Struktur. Weiters ist es für das Auftreten einer dissipativen Struktur
erforderlich, dass eine der Umgebungsvariablen einen kritischen Wert übersteigt. Wie dies
bei Eiskristallen oder biologischen Systemen der Fall ist.

„Menschen sind selbst eine weiterentwickelte Form dissipativer Strukturen. Als lebende
Wesen tauschen sie Energie und Materie mit ihrer Umwelt aus, sind also offene Systeme,
die fernab vom Gleichgewicht leben“3

Auf das Kennen lernen von Personen bezogen bedeutet das, dass durch permanenten
überkritischen Energieeintrag eine dissipative Struktur in unserem Gehirn aufgebaut wird.
Meldet sich jemand im Proseminar dauernd zu Wort, stellt dies den überkritischen
Energieeintrag dar und man merkt sich die Person. So wird beispielsweise Klaus bei allen
relativ schnell eine dissipative Struktur aufgebaut haben! Siehe dazu auch Kapitel 3.2 „Das
Gedächtnis im Proseminar“

1.2. Synergetik

Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie „Lehre vom
Zusammenwirken.“4 Gerade die Natur bietet hier eine Vielzahl an Beispielen, wo sowohl
Tiere untereinander als auch Tiere mit Pflanzen Synergien eingehen.

Die Synergetik ist ein Forschungsgebiet, das aber auch über anderen Disziplinen erstreckt
wie etwa Physik, Chemie, Soziologie aber auch Ökonomie. Die Aufgabe der Synergetik ist
es „...die Gesetzmäßigkeiten herauszufinden, die der Selbstorganisation von Systemen in
den verschiedenen Wissenschaftsbereichen zugrunde liegen.“5
Wichtig ist es hier zu erwähnen, dass die Entstehung von Ordnung aus dem Chaos in einem
synergetischen System unabhängig vom materiellen Substrat, also der Umgebung bzw.
deren Umwelt ist, auf dem die Vorgänge stattfinden.6

3
Prigogine, 1992, 221 in Klotz, 2003, 63
4
Haken, 1995, 21 in Klotz, 2003, 64
5
ebd., 26
6
vgl. Klotz, 2003, 65

3
Selbstorganisation des Lernens

Werden in einem synergetischem System Kontrollparameter geändert, so können


Instabilitäten auftreten. Z.B. bei Flüssigkeitsbewegung (Konvektionszellen), wird durch
eine Änderung der Temperatur eine Störung hervorgerufen. Das System verlässt dabei
seinen alten Zustand und strebt einem neuen entgegen, bis sich das System an die neuen
Bedingungen angeglichen hat.

Hier lässt sich sagen, dass aus der Synergie einer Person mit einer bestimmten Umgebung
(oder auch bestimmtes Auftreten, Verhalten,...) es erleichtert, diese wieder zu erkennen. So
fällt es einem oft schwer, jemand bspw. beim Einkaufen zu erkennen, den man sonst immer
nur an der Uni sieht. Siehe dazu auch Kapitel 3.5 Anwendungskontext.

1.3. Chaostheorie

Chaosforschung: „... einerseits aus dem Bemühen entstanden, sehr ungeordnet


erscheinenden Abläufen, Vorgängen oder Strukturen doch eine gewisse Ordnung
nachzuweisen, und andererseits aus der Überraschung, dass bestimmte Abläufe, von denen
man nur wohlgeordnetes Verhalten erwartet hätte, unter bestimmten Voraussetzungen völlig
chaotisch erscheinendes Verhalten zeigen“7

Der Begriff Chaos wird heute vielfach falsch verstanden. Da umgangssprachlich eine
Abwertung damit verbunden ist. Dies kommt beispielsweise im Verkehrschaos oder in der
Unordnung zum Ausdruck.
Im ursprünglichen Sinne stammt das Wort aus dem Griechischen und bedeutet die
klaffende, weit offen stehende Leere des Weltraums.8
In den Naturwissenschaften werden heute damit Erscheinungen in der Natur beschrieben,
die in ständiger Bewegung sind.

Grundlegend verschieden davon ist wiederum das „deterministische Chaos“, sozusagen ein
vorgeschriebenes Chaos. Ein Beispiel dafür ist die Flüssigkeitsbewegung beim Erhitzen.
„Bei der Bewegung von Flüssigkeiten können sich in Abhängigkeit des Erhitzungsgrades
einer horizontalen Flüssigkeitsschicht ganz verschieden Muster ergeben. [...] Diese wirre

7
Binnig, 1992, 171 in: Klotz, 2003, 85
8
vgl. Klotz, 2003, 85

4
Selbstorganisation des Lernens

Bewegung unterliegt, wie wir heute mit Recht annehmen können, den Gesetzen der
chaotischen Bewegungen.“9 In vielen dynamischen Prozessen werden bei
Phasenübergängen chaotische Situationen durchschritten, die sich an den
Bifurkationspunkten zu neuen höheren Ordnungen stabilisieren können. Nicht-lineare
Systeme können über einen oder mehrere Bifurkationspunkte indeterministisch verlaufen
d.h. ein Prognose über deren Ziel bzw. Weg ist nicht oder nur sehr schwer möglich. Bsp.:
Wettervorhersage.10

„Potentiell chaotische Systeme sind immer nicht-lineare, rückgekoppelte Strukturen, die


ganz stark von ihren Anfangsbedingungen abhängen. Die im Verlauf des Prozesses
entstehende Globalstruktur wird durch Details in der Ausgangssituation in nicht
vorhersagbare Weise beeinflusst. [...] Dieses Phänomen wird ‚Prinzip der kleinen Ursachen
mit großer Wirkung’ genannt“11

1.4. Die Theorie der autokalatytischen Hyperzyklen

Hyperzyklus beschreibt nach Duden eine zyklische Verknüpfung sich selbst


12
reproduzierender Einzelzyklen.
Darunter ist die Entstehung und Entwicklung von Leben zu verstehen, unter Einwirkung
umfassender Selbstorganisationsprozesse. Im Verlauf dieser Prozesse hat sich die Ordnung
des Lebendigen allmählich aus einem molekularen Chaos heraus entwickelt.13

1.5. Die Theorie autopoietischer Systeme

Der Begriff autopoietisch stammt aus dem Griechischen: autos = selbst und poiein =
machen. Die Theorie wurde zu Beginn der 1970er Jahre von Humberto R. Maturana und
von Francisco J. Varela begründet.
„Die Theorie der Autopoiese besagt, dass komplexe Systeme sich in ihrer Einheit, ihren
Strukturen und Elementen kontinuierlich und in einem operativ geschlossenen Prozess mit

9
Klotz, 2003, 86
10
vgl. Klotz, 2003, 98
11
Klotz, 2003, 98f
12
Duden Fremdwörterlexikon
13
vlg. Klotz, 2003, 100

5
Selbstorganisation des Lernens

Hilfe der Elemente reproduzieren, aus denen sie bestehen. Dabei reproduzieren sie nicht
nur ihre eigene Autopoiesis, sondern auch ihr Bild von der Systemumwelt.“14

Ein Beispiel für autopoietische Entwicklung eines Systems ist die Entwicklung der Sprache.
Ein Teilbereich des kommunikativen Verhaltens ist die Sprache. Sprache und
Kommunikation sind somit nicht identisch. „Die Schnittstelle von ontogenetischem (= die
Entwicklung des Individuums betreffend; Duden) und kommunikativem Verhalten bildet das
sprachliche Verhalten“15
Sprache ist als Resultat liebevoller Kooperationen entstanden. Nach Maturana und Varela
ist „... die Existenz des Lebendigen sowohl in ontogenetischen als auch im phylogenetischen
(= die Stammesgeschichte betreffend; Duden) natürlichen Driften nicht auf Konkurrenz
angelegt.“16
Die Autopoiesetheorie verbindet die Organisation von Lebewesen mit deren Fähigkeiten.17

1.6. Systemtheoretisch-kybernetischer Ansatz

Der Begriff Kybernetik stammt von dem griechischen Wort kybernetes (Steuermann) ab.
Kybernetik ist die Forschungsrichtung, die sich mit der Untersuchung von
Rückkoppelungseffekten und der Kommunikation innerhalb maschineller und
physiologischen Systemen befasst. Kybernetische Modelle bilden vielfach die Grundlage
der Automation und eines großen Teils der Computertechnologie.18

Die Kybernetik geht über die üblichen Maschinenoperationen mit einem eindeutigen
Ursache-Wirkung-Zusammenhang hinaus. „Sensoren wirken durch (Rück-) Meldungen
über den Zustand der Effektoren (Gerät, mittels dessen in einem Regelkreis der Regler auf
die Regelgröße einwirkt; Duden) des Systems auf die Operationen mit ein. Dieses Schema
[...] zeichnet sich eher durch die Anlehnung an biologische Systeme aus.“19

14
Goorhuis auf: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at:4711/LEHRTEXTE/Goorhuis98a.html von Stangl, W., Linz, 2003
15
Klotz, 2003, 129
16
Maturana/Varela, 1987, 213 in: Klotz, 2003, 130
17
vgl. Klotz, 2003, 131
18
vgl. Klotz, 2003, 134
19
ebd.

6
Selbstorganisation des Lernens

1.6.1. Triviale und nicht-triviale Maschinen

Triviale Maschinen haben einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Eingang und


Ausgang, d.h. einer gewissen Ursache folgt eine eindeutige, unveränderliche Wirkung.
Folgende Abbildung stellt eine triviale Maschine dar.

Abbildung: Triviale Maschine20

Sind die operativen Eigenschaften einer trivialen Maschine nicht bekannt, können sie
analytisch bestimmt werden. Dazu ist es notwendig, für jedes Eingangssignal das
entsprechende Ausgangssignal aufzuzeichnen. Das Ergebnis ist der Unterschied zwischen
diesen beiden und folglich die Definition dieser Funktion.

Bei nicht-trivialen Maschinen hängen die Operationen von den jeweiligen „inneren
Zuständen“ ab. Diese inneren Zustände wiederum hängen von den vorangegangenen
Operationen ab.

Abbildung: Nicht-triviale Maschine21

Hierbei werden zwei Arten von Operationen unterschieden. Die erste wird als
Wirkungsfunktion A bezeichnet, sie stellt die zustandsabhängige Verknüpfung von Eingang

20
nach von Foerster in: http://www.hyperkommunikation.ch/lexikon/triviale_maschine.htm
21
nach: von Foerster in: http://www.hyperkommunikation.ch/lexikon/triviale_maschine.htm

7
Selbstorganisation des Lernens

x und Ausgang y her. Der Zustand der Wirkungsfunktion A wird von der Variablen e
bestimmt. Diese wiederum wird von der (zweiten) Wirkungsfunktion B vorgeschrieben.
Wobei x in beiden Fällen als Eingang der Wirkungsfunktionen dient.22

„Das Verhalten von Menschen ist aber dem von nicht-trivialen Maschinen zu vergleichen.
Wie aber verhält sich ein nicht-trivialer Mensch gegenüber einer nicht-trivialen Welt, die
analytisch unbestimmbar, vergangenheitsabhängig und nicht voraussagbar ist? Er kann die
Frage ignorieren, die Welt trivialisieren oder eine Epistemologie (Erkenntnistheorie) der
Nicht-Trivialität entwickeln.“23

1.7. Die Theorie „elastischer“ Ökosysteme

Der Biologie Ludwig von Bertalanffy prägte den Begriff des „Fließgleichgewichts“, er
schuf dadurch ein neues Verständnis für die Thermodynamik lebender Systeme.
„Der Organismus ist kein geschlossenes System, das stets die identischen Bestandteile
enthält; die elementare Tatsache des Stoffwechsels erweist ihn vielmehr als ein offenes
System, das sich in einem ständigen Austausch von Substanzen erhält.“24

Fließgleichgewichte als solches sind irreversibel, auch einzelne Reaktionen im System


können irreversibel sein. „Damit ein System arbeiten kann, darf es somit nicht im
Gleichgewicht sein, sondern muss auf ein solches hinstreben. [...] Andererseits bedarf der
lebende Organismus zur Aufrechterhaltung seiner Abweichung vom Gleichgewicht ständig
neu zugeführter Energien.“25

Die vier „Gesetze der Ökodynamik“ nach Paslack: „... natürlich Systeme streben (1.) nach
Strukturerhaltung, (2.) nach Stabilität, (3.) versuchen sie, den Vorrang des Ganzen vor den
Teilen zu bewahren und (4.) steuern sich selbst.“26 Ökosysteme sind somit Systeme, die zu
Wachstum, Gestaltung und Komplextitätszunahme befähigt sind. Ökosysteme sind in der

22
vgl. Klotz, 2003, 139
23
Klotz, 2003, 141 nach v. Foerster, 1992, 66
24
Bertalanffy/Beier/Laue. 1977, 1 in: Klotz, 2003, 146
25
Klotz, 2003, 147
26
Paslack, 1991, 166 in: Klotz, 2003, 147

8
Selbstorganisation des Lernens

Lage, ihre Umwelt zu gestalten und dadurch die Bedingungen ihrer Entwicklung in Grenzen
selbst zu bestimmen.27

Bezüglich der Stabilität Ökologischen Systemen führte der Ökologe Holling die
Unterscheidung zwischen den Begriffen Stabilität und Elastizität ein. „Ökosysteme mit
hoher Variabilität und Elastizität weisen nur eine geringe Homogenität auf und können
stark fluktuieren; gerade dadurch sind sie in besonderem Maße überlebens- und
evolutionsfähig“28

2. Implikationen der Urkonzepte für menschliches Lernen

2.1. Offenheit

Offenheit ist eine notwendige Voraussetzung für Selbstorganisation. Nach Prigogine sind
Menschen ähnlich, wie eine weiterentwickelte Form dissipativer Strukturen, mit allen
charakteristischen Eigenschaften.29 „Sie tauschen mit ihrer Umgebung Energie und Materie
aus, sind somit auch offene Systeme, die weitab vom thermodynamischen Gleichgewicht
agieren.“30

Neben dem Austausch von Energie und Materie spielt auch Information eine wichtige
Rolle. Offenheit für Informationen ist für das Lernen essentiell. Menschen als offene
Systeme bieten somit alle Voraussetzungen für die Selbstorganisation und gleichzeitig auch
Lernen im Sinne der Selbstorganisation steuern und gestalten können.31

27
vgl. Klotz, 2003, 148
28
Paslack, 1991, 170 in: Klotz, 2003, 150
29
vgl. Prigogine, 1992, 221 in: Klotz, 2003, 164
30
Klotz, 2003, 164
31
vgl. ebd., 165f

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Selbstorganisation des Lernens

2.2. Geschichtlichkeit

In der klassischen Dynamik wurde Zeit als Bewegung aufgefasst, im zweiten Hauptsatz der
Thermodynamik als Irreversibilität, in der Biologie und der Soziologie als Steigerung der
Komplexität.
Das Zeitverständnis ist ein wichtiger Bestandteil der Selbstorganisation, denn darauf
aufbauend wird die Steigerung der Komplexität begründet. „An Bifurkationspunkten kommt
es zu kritischen Fluktuationen, die zu Instabilitäten führen. In diesem Moment ‚testet’ das
System verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten aus, um sich anschließend für eine zu
entscheiden. Dieser Vorgang ist irreversibel und führt zur Steigerung der Komplexität.“32

2.3. Freiheit als Wahl

Instabilitäten in Selbstorganisierten Systemen können zu neuer Ordnung führen, die das


System selbstorganisiert austestet. „Dies geschieht im Systeminneren ohne erkennbaren
Einfluss von außen.“33 Das System hat die Freiheit, sich für eine Möglichkeit zu
entscheiden.
„Diese Möglichkeiten dienen als Quelle der Kreativität. [...] Kreativem Verhalten scheint
keine Grenzen gesetzt zu sein.“34

2.4. Intentionalität und Motivation

Intentionalität (=Lehre von der Ausrichtung aller psychischen Akte auf ein reales oder
ideales Ziel; Duden). Freiheit als Wahl und Kreativität setzen voraus, dass ein Organismus
neben der Fähigkeit zu handeln auch die Fähigkeit entwickelt hat, diese
Handlungsmöglichkeiten in Anspruch nehmen zu wollen. Intention entsteht dort, wo
Spannung auftritt.35

32
Klotz, 2003, 166f
33
ebd., 168
34
ebd.
35
vgl. ebd., 169

10
Selbstorganisation des Lernens

An Instabilitätspunkten entsteht die Intentionalität eines Systems. „Hier führt die


immanente Eigenschaft des Organismus, selbstorganisiert eine neue Ordnung aufbauen zu
können, die zu höherer Komplexität evolviert, dazu, dass der Organismus eine neue
Ordnung intendiert.“36

3. Das menschliche Gedächtnis

Die Zeit kurz nach der Geburt eines Säuglings ist sehr wichtig für die Ausbildung des
Gehirns. Dies ist die Phase in der sich die neuronalen Verbindungen des Nervensystems und
des Gehirns bilden. Ist diese Phase nach wenigen Lebensjahren abgelaufen, können diese
bestehenden Verbindungen nicht mehr modifiziert werden. Dies ist sinnvoll, da sich
Verarbeitungsprozesse höherer Ordnung organisieren können, wenn die
Systemeigenschaften der Peripherie bereits stabilisiert sind.37

3.1. Das „Dreispeichermodell“


des Gedächtnisses

Wie Inhalte in das Gedächtnis gelangen, wird


beispielsweise durch das „Dreispeichermodell
des Gedächtnisses“ erklärt. In diesem Modell
werden drei Gedächtnissysteme unterschieden,
die integrierend arbeiten: das sensorische
Gedächtnis, das Kurzzeitgedächtnis und das
Langzeitgedächtnis.38

Abbildung: Eigenschaften der versch. Gedächtnisspeicher (Drumbl, 2003, 51)

36
ebd.
37
vgl. Singer, 1989, 58 in: Klotz, 2003, 196f
38
vgl. Klotz, 2003, 197

11
Selbstorganisation des Lernens

3.1.1. Das sensorische Gedächtnis

Im sensorischen Gedächtnis werden flüchtige Impressionen sensorischer Reize jeder Art nur
ein, zwei Sekunden aufbewahrt. Es sind uns auch nicht alle Informationen, die
aufgenommen werden bewusst. Wird dieser Informationen nicht weitere Aufmerksamkeit
geschenkt, gehen sie verloren.39 Ein Beispiel hiefür wäre die Fragestellung: „Wie sah die
Person aus, die mir gerade auf der Straße entgegenkam?“ Hatte die Person nicht
irgendetwas besonders Auffälliges an sich, worüber man nachdenkt, wird man das
Aussehen innerhalb weniger Sekunden vergessen haben.

3.1.2. Das Kurzzeitgedächtnis

Beschäftigt man sich mit den Informationen aus dem sensorischen Gedächtnis, so gehen die
Information über in das Kurzzeitgedächtnis. Die Behaltensdauer beträgt hier etwa 20
Sekunden. Nach dieser Zeit zerfällt die Gedächtnisspur wieder, es sei denn, sie wird durch
Wiederholen oder ähnlichem gefestigt. Würde man im oben genannten Beispielfall mit der
betreffenden Person sprechen, geht das Aussehen in das Kurzzeitgedächtnis über und man
kann sie sich folglich länger merken.

„Das Kurzzeitgedächtnis wird auch als Arbeitsgedächtnis bezeichnet, weil Informationen


dort bearbeitet, selektiert und strukturiert werden. In das Kurzzeitgedächtnis gelangen
Informationen im Rahmen eines Lernprozesses aus dem sensorischen Gedächtnis oder beim
Erinnern aus dem Langzeitgedächtnis.“40
Im Kurzzeitgedächtnis liegen Informationen in Form von elektrischer Energie vor.

39
vgl. ebd.
40
Drumbl, 2003, 52

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Selbstorganisation des Lernens

3.1.3. Das Langzeitgedächtnis

Im Langzeitgedächtnis findet eine Umwandlung der aus dem Kurzzeitgedächtnis


kommenden elektrischen Informationen durch biochemische Prozesse statt, die Synapsen
auf mikrostruktureller Ebene verändern.41

3.1.4. Das interne Kontrollsystem

Weiters verfügt das Gehirn über eine Art internes Kontrollsystem, das sofort darüber
informiert, ob eine gesuchte Information gespeichert ist oder nicht. „Dieses Wissen um
einmal gelernte Informationen ist nicht an den Inhalt der betreffenden Daten gebunden. Es
dient vielmehr dazu, unnötige Suchläufe nach eventuell vorhandenem Wissen zu vermeiden
und den enormen Speicher des Gedächtnisses nur dann zu durchsuchen, wenn Aussicht
besteht, die gewünschten Informationen zu finden.“42

3.2. „Das Gedächtnis im Proseminar“

Bezogen auf das Proseminar und das kennen lernen der Teilnehmer, bedeutet das, dass man
sich Kollegen, die immer wieder auf sich aufmerksam machen, durch Wortmeldungen,
schwätzen, ungewöhnliches Aussehen usw. viel schneller merkt als Andere. So hat man sich
Raphael, Stefan, Klaus und Veronika schnell gemerkt. Allerdings weiß man dann erst das
Aussehen der Personen. Die Zuordnung der Namen stellt abermals eine große
Herausforderung dar.
In der Vorstellungsrunde, in der sich jeder kurz vorgestellt hat, gingen die Namen in das
sensorische Gedächtnis über, hat man versucht, sich den Namen einzuprägen, ging er
zumindest in das Kurzzeitgedächtnis über. Aber spätestesten ein paar Leute später war der
Name wieder weg.

41
vgl. Klotz, 2003, 198
42
Drumbl, 2003, 49

13
Selbstorganisation des Lernens

Durch stetiges Wiederholen der Namen, sei es durch ein Gespräch mit dem Nachbarn, oder
durch Nachfrage, geht der Name gemeinsam mit dem Aussehen in das Langzeitgedächtnis
über.

Etwas einfacher ist es, sich den Proseminarleiter zu merken. Üblicherweise geht man schon
mit dem Namen des Leiters in die Lehrveranstaltung. Ich weiß, „Qualitative
Systemwissenschaften macht Christian Lapp!“ Diesen Namen hatte man schon öfters
verwendet, sei es bei der Anmeldung oder in der Diskussion über das Proseminar, und war
somit bereits im Langzeitgedächtnis. In der Lehrveranstaltung selbst wird dann nur mehr
das fehlende Bild der Person ergänzt.

3.3. Semantisches, prozedurales und episodisches


Gedächtnis

Das Gedächtnis ist nach heutigem Stand der Wissenschaft keine geschlossene Einheit, d.h.
es lassen sich verschiedene Systeme innerhalb des Langzeitgedächtnisses unterscheiden:
- das semantische Gedächtnis beinhaltet ein Netz aus Assoziationen und Konzepten,
die dem allgemeinen Weltwissen zugrunde liegen,
- das prozedurale Gedächtnis hat seine Aufgaben im erlernen von Fähigkeiten, die für
den Alltag erforderlich sind, und
- das episodische Gedächtnis, welches Erinnerungen an Vorfälle der persönlichen
Vergangenheit bewahrt.43

3.4. Implizites und explizites Gedächtnis

Schacter unterschied weiters auch noch zwischen implizitem und explizitem Gedächtnis.
„Das explizite Gedächtnis ermöglicht bewusste Quellenerinnerungen, d.h., man kann sich
daran erinnern, einen bestimmten Inhalt gelernt oder erfahren zu haben. Anders ist es beim
impliziten Gedächtnis. Es bezeichnet den Umstand, dass Menschen von vergangenen
Erlebnissen beeinflusst werden, ohne sich bewusst zu sein, dass sie sich erinnern.“44

43
vgl. Klotz, 2003, 198
44
Klotz, 2003, 199 nach: Schacter, 2001, 264

14
Selbstorganisation des Lernens

3.5. Anwendungskontext

Weiters ist an dieser Stelle noch zu erwähnen, dass der Anwendungskontext eine sehr
wichtige Rolle spielt. Sieht man z.B. eine Person aus der Proseminargruppe, die man noch
nicht sehr gut kennt, beispielsweise in der Stadt beim Einkaufen, so erkennt man diese
vielfach nicht auf Anhieb. Das interne Kontrollsystem unseres Gedächtnisses sagt uns zwar,
„ich kenne diese Person“, aber man weiß nicht woher. Würde man dieselbe Person an der
Uni sehen, würde man sie vielleicht eher erkennen. Dies gilt nicht nur für die äußeren
Umstände sondern auch, wenn man unter Drogeneinfluss erlerntes Wissen wieder abrufen
will. Man erhält bessere Ergebnisse, wenn man bei der Wiedergabe im selben Zustand ist.
Das gilt nicht nur für Drogen, sondern auch für herkömmlich Genuss- und Suchtmittel wie
Nikotin oder Alkohol.45
Lernt man nun beim Ausgehen am Abend unter Alkoholeinfluss jemanden kennen, so ist es
nicht ungewöhnlich, diese Person anderen Tages, nüchtern, nicht sofort wieder zu erkennen!

4. Verschiedene Lernbegriffe

4.1. Das Signallernen

Hierbei werden Reaktionen aufgrund von Reizen ausgelöst. Diese Reaktionen sind
genetisch vorprogrammiert und können nicht erlernt werden. Dazu zählen Reaktionen, wie
jene der Pupille, die sich rasch verengt, sobald es heller wird. Diese Reaktion kann auch
nicht beeinflusst werden.
Es ist allerdings möglich, den, die Reaktion auslösenden Reiz, zu substituieren. So zeigten
Versuche von Pawlow mit Hunden, dass nicht nur das Futter selber zu einer ungelernten
Reaktion der Speichelabsonderung führte, sondern nach einer Weile der Speichelfluss sich
erhöhte, sobald der Hund den Überbringer des Futters erkannte. Dieses Lernen wird als
mechanisches oder Signallernen bezeichnet.46

45
vgl. Drumbl, 2003, 65
46
vgl. Klotz, 2003, 205f

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Selbstorganisation des Lernens

4.2. Lernen durch Versuch und Irrtum

„Die Methode von Versuch und Irrtum findet sich bei allen zum Lernen befähigten Tieren.
Den höchsten Grad der Anwendung findet sie bei den Säugetieren, [...] um Flexibilität und
schnelle Anpassung an Umweltbedingungen zu realisieren.“47
Kennt man nun eine Person nur flüchtig, und ist man sich des Namens nicht mehr sicher, so
wird man den Namen raten. Ist es der Falsche, so wird man nach den Richtigen fragen und
versuchen, ihn sich zu merken. Durch das abermalige Wiederholen besteht die
Wahrscheinlichkeit, dass der Name ins Langzeitgedächtnis kommt und dort behalten bleibt.

4.3. Lernen am Erfolg

Skinner unterscheidet hierbei zwischen positiver und negativer Verstärkung:


- positive Verstärkung bedeutet, dass die Reaktion häufiger auftritt, wenn zusätzlich
zur Reaktion ein (pos.) Reiz dazukommt.
Das würde im Falle des Proseminars bedeuten, dass sich Teilnehmer eher an der
Diskussion beteiligen, wenn ihnen Zustimmung gezeigt wird.
- negative Verstärkung bedeutet, dass die Reaktion häufiger Auftritt, wenn ein
zusätzlicher Reiz ausbleibt.
Würde im Kontext des Proseminars wiederum bedeuten, dass sich mehr Leute an der
Diskussion beteiligen (bzw. sich Kleingruppendiskussionen ergeben), wenn das
allgemeine Aufmerksamkeitsniveau geringer ist, oder bspw. der
Lehrveranstaltungsleiter kurz abwesend ist.
Nicht zu verwechseln ist die negative Verstärkung mit Bestrafung, denn durch Bestrafung
soll die Häufigkeit der Reaktion minimiert werden.
Sagt z.B. im Proseminar jemand etwas, das der Lehrveranstaltungsleiter nicht hören will,
und führt dies zu einer schlechteren Note, würde keiner mehr was sagen.48

47
Drumbl, 2003, 93
48
vgl. Lefrancois, 1986, 35 in: Klotz, 2003, 208

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Selbstorganisation des Lernens

4.4. Lernen am Modell

„Diese soziale Lerntheorie versucht, die kognitive Psychologie mit den Prinzipien der
Verhaltensmodifikation in eine Synthese zu bringen“49
Sie bezeichnet, dass das menschliche Lernen zu einem großen Teil aus dem Beobachten des
Verhaltens anderer Menschen und dem Nachahmen passiert. So kann beispielsweise das
Autofahren durch sprachliche Instruktionen und durch Demonstration am Modell
wirkungsvoll erlernt werden.
Im weiteren Sinne kann man sagen, dass man sich Personen besser merken kann, wenn man
deren Verhalten und Ausdrucksweise kennt, als wenn man sie nur beschrieben bekommt
bzw. ein Foto sieht.

4.5. Lernen als Adaption durch Assimilation und


Akkommodation

Assimilation bedeutet, dass man früher Erlerntes auf die aktuelle Situation anwendet.
Akkommodation hingegen bedeutet, dass eine, bereits in der Vergangenheit erlernte
(assimilierte), Reaktion etwas verändert auf die Situation angewandt wird.
„An jeder Aktivität sind Assimilation und Akkommodation beteiligt, da neue
Verhaltensweisen immer auf alten Strukturen basieren, und da bei jeder Ausführung von
bereits bekannten Aktivitäten irgendeine Strukturveränderung stattfindet.“50

4.6. Lernen in Freiheit

Jeder Mensch besitzt die natürliche Fähigkeit zu lernen. „Die Ambivalenz rührt daher, das
jedes signifikante Lernen Schmerz mit sich bringt, der entweder mit dem Lernprozess selbst
verbunden ist, oder mit der Änderung bzw. Aufgabe früher gelernter Dinge.“51 Kann sich
der Lernende mit dem Lerninhalt identifizieren oder ihn zum eigenen Vorteil nutzen, findet
signifikantes Lernen statt. Ähnlich verhält es sich mit der Lerngeschwindigkeit, erscheint

49
Klotz, 2003, 210 nach: Bower/Holgard, Bd. II, 1984, 283
50
Klotz, 2003, 228 nach: Lefrancois, 1986, 126
51
Klotz, 2003, 242

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Selbstorganisation des Lernens

ihm das Ziel wichtig und die zur Verfügung stehenden Mittel, lernt er mit größter
Geschwindigkeit.52
Weiters gilt auch „Lernen ist dann sehr effektiv, wenn sich der Lernende direkt und
erfahrbar mit praktischen Fragen konfrontiert sieht: signifikantes Lernen durch Tun.“53 Der
Lernprozess wird ebenfalls gefördert durch die Mitbestimmung des Lernenden.
Dies zeigt sich sehr deutlich in Kursen mit geringer Teilnehmerzahl. Hier ist es möglich die
Teilnehmer aktiv in die Präsentation des Stoffes miteinzubeziehen, die Teilnehmer werden
gefordert, lernen bereits aktiv mit und sind nicht so gelangweilt, wie in einen monotonen
Frontalvortrag.

Die dauerhaftesten Ergebnisse erhält man, wenn das Lernen selbst initiiert ist und der
Lernende seine Gefühle und seinen Intellekt mit einbezieht.
Das zeigt sich am Besten, wenn man Dinge lernt, die einem Spaß machen bzw. die man
freiwillig macht. So liest man für sein Hobby schnell mal ein Buch, das im Rahmen der Uni
womöglich eine Qual wäre, wenn man es unfreiwillig lesen müsste!
Ein treffendes Zitat von dem Physiker Fritjoff Capra: „Ein lebendes System ist ein sich
selbst organisierendes System, was bedeutet, dass sein Ordnung in Bezug auf Struktur und
Funktion nicht von der Umwelt aufgezwungen, sondern vom System hergestellt wird.“54

5. Auswirkungen der Selbstorganisation beim Lernen

Grundsätzlich lässt sich bei der Implikation von Selbstorganisation beim Lernen sagen,
dass, je mehr Freiheitsgrade für Selbstorganisation und Lernen bestehen, desto besser wird
Lernen gelingen. Dies widerspricht allerdings grundsätzlich der „Erziehungsbedürftigkeit“
der Menschen, die in den 1960er und 1970er Jahren davon ausging, die menschliche Natur
sei auf Erziehung angelegt.55
„Menschen sind auf Lernen gerichtet und nicht auf Erziehung. Jede erzieherische
Einflussnahme von außen ist vor dem Hintergrund der Fremd- bzw. der Selbstorganisation
auf seine Notwendigkeit hin zu analysieren. Wird diese kritische Auseinandersetzung

52
vgl. ebd.
53
ebd.
54
ebd., 243
55
vgl. Klotz, 2003, 315

18
Selbstorganisation des Lernens

übergangen, läuft Erziehung auf Manipulation hinaus und statt Selbstfindung entsteht
Entfremdung.“56
Diese genaue Hinterfragung führte auch Christian durch, bevor er Einfluss auf eine der
Proseminargruppen nahm. Dennoch war es praktisch nicht vorhersehbar, wie sich die selbst
organisierende Gruppe verhält.

Eine wesentliche Rolle spielt ebenfalls das persönlich Verhältnis zwischen dem Lehrenden
und dem Lernenden. Steht dieses Verhältnis unter Spannung, finden sie keinen Zugang
zueinander. Es besteht keine gegenseitige Offenheit und „...der Lernende wird keine
Erleichterung in seinem sich in Spannung befindenden Organismus erleben.“57

6. Nachwort

Selbstorganisiertes Lernen scheint die Lösung aller Lernprobleme zu sein. Aber leider ist es
sehr schwierig ein solches System in einem eingefahrenen und praktisch fremdorganisierten
System wie der Universität zu implementieren. Vorschläge dafür wurden beim
Forschungskolloquium eingebracht, bspw. dass es möglich wäre, wenn ein Grundwissen
über selbstorganisierte Systeme bei den Studenten vorausgesetzt werden kann. Somit wäre
es möglich Fächer zu lehren, die inhaltlich nichts mit Systemwissenschaften zu tun haben.

56
ebd., 316
57
ebd., 319

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Selbstorganisation des Lernens

7. Literaturverzeichnis

• Bertalanffy von, Ludwig/Beier, Walter/Laue, Reinhard: Biophysik des


Fließgleichgewichts; Vieweg, Braunschweig, 2. Aufl., 1977
• Binnig, Gerd: Aus dem Nichts. Über die Kreativität von Natur und Mensch; Piper,
München, 1992
• Bower, Gordon/Hilgard, Ernest R: Theorien des Lernens. Bd. II, Klett Cotta, 3.
Aufl., 1984
• Drumbl, Peter: Lernen und Organisation; Leykam Buchverlagsgesellschaft,
Graz, 2003
• Foerster von, Heinz: Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke. Frankfurt 1997
• Haken, Hermann: Erfolgsgeheimnisse der Natur. Synergetik: Die Lehre vom
Zusammenwirken; Rowohlr, Reinbeck bei Hamburg, 1995
• Keil-Slawik, R.: KOSMOS. Ein Konstruktionsschema zur Modellierung offener
Systeme als Hilfsmittel für eine ökologisch orientierte Softwaretechnik Papyrus-
Druck GmbH, Technischen Universität Berlin, Dissertation, Berlin 1985
• Klotz, Anette: Selbstorganisation des Lernens. Ein adäquater
anthropologischer Lernbegriff unter dem evolutiven Kontinuum der
Selbstorganisation; Shaker Verlag, Aachen, 2003
• Lefrancoise, Guy R.: Psychologie des Lernens, Springer, Berlin, 1986
• Maturana, Humberto/Varela, Francisco: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen
Wurzeln des menschlichen Erkennens; Goldmann, München, 1987
• Paslack, Rainer: Urgeschichte der Selbstorganisation; Vieweg, Braunschweig, 1991
• Prigogine, Ilya: Vom Sein zum Werden. Zeit und Komplexität in den
Naturwissenschaften, Piper München, 1992
• Schacter, Daniel: Wir sind Erinerung. Gedächtnis und Persönlichkeit; Rowohlt,
Reinbeck bei Hamburg, 2001
• Singer, Wolf: Zur Selbstorganisation kognitiver Strukturen; in Pöppel, Ernst
(Hrsg.): Gehirn und Bewusstsein; VCH, Weinheim, 1989, 45-59

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