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Hans Magnus Enzensberger

Der Untergang der Titanic

Eine Komödie

Suhrkamp Verlag Krankfurt 1978 ISBN 3-518-02762 -X

Gastón gewidmet

ERSTER GESANG

Einer horcht. Er wartet. Er hält den Atem an, ganz in der Nähe, hier. Er sagt: Der da spricht, das bin ich.

Nie wieder, sagt er, wird es so ruhig sein, so trocken und warm wie jetzt.

Er hört sich in seinem rauschenden Kopf. Es ist niemand da außer dem,

der da sagt: Das muß ich sein. Ich warte, halte den Atem an, lausche. Das ferne Geräusch

in den Ohren, diesen Antennen aus weichem Fleisch, bedeutet nichts. Es ist nur das Blut,

das in der Ader schlägt. Ich habe lang gewartet, mit angehaltenem Atem.

Weißes Rauschen im Kopfhörer meiner Zeitmaschine. Stummer kosmischer Lärm.

Kein Klopfzeichen. Kein Hilfeschrei. Funkstille. Entweder ist es aus,

sage ich mir, oder es hat noch nicht angefangen. Jetzt aber! Jetzt:

Ein Knirschen. Ein Scharren. Ein Riß. Das ist es. Ein eisiger Fingernagel, der an der Tür kratzt und stockt.

Etwas reißt. Eine endlose Segeltuchbahn, ein schneeweißer Leinwandstreifen,

der erst langsam, dann rascher und immer rascher und fauchend entzweireißt.

Das ist der Anfang. Hört ihr? Hört ihr es nicht? Haltet euch fest!

Dann wird es wieder still. Nur in der Wand klirrt etwas Dünngeschliffenes nach,

ein kristallenes Zittern, das schwächer wird und vergeht.

Das war es. War es das? Ja, das muß es gewesen sein.

Das war der Anfang. Der Anfang vom Ende ist immer diskret.

Es ist elf Uhr vierzig an Bord. Die stählerne Haut unter der Wasserlinie klafft,

zweihundert Meter lang, aufgeschlitzt von einem unvorstellbaren Messer.

Das Wasser schießt in die Schotten. An dem leuchtenden Rumpf gleitet, dreißig Meter hoch

über dem Meeresspiegel, schwarz und lautlos der Eisberg vorbei und bleibt zurück in der Dunkelheit.

ZWEITER GESANG

Der Aufprall war federleicht. Der erste Funkspruch:

00.15 Uhr. Mayday. An alle. Position 41°46' Nord 50°14' West. Fabelhaft, dieser Marconi! Ein Ticken im Kopf, in der Muschel, drahtlos und fern, so fern - ferner als ein halbes Jahrhundert! Keine Sirenen, keine Alarmglocken, nur ein diskretes Klopfen an der Kabinentür, ein Hüsteln im Rauchsalon. Während unten das Wasser steigt, bindet der Steward einem ächzenden alten Herrn, Werkzeugmaschinen und Metallurgie, auf dem D-Deck die Schnürsenkel zu. Nur Mut! Nur keine Müdigkeit, meine Damen, Galopp! ruft der Gymnastiklehrer, Mr McCawley, tipptopp wie immer in seinem beigen Flanellanzug, durch die getäfelte Turnhalle. Lautlos schaukeln die mechanischen Dromedare auf und ab. Niemand ahnt, daß der Unermüdliche magenkrank ist, daß er nicht schwimmen kann, daß er sich fürchtet. John Jacob Astor hingegen schlitzt mit der Nagelfeile einen Rettungsring auf und zeigt seiner Frau, einer geborenen Connaught, was drin ist (vermutlich Kork), während in den Laderaum vorn armdick das Wasser strömt, eisig unter den Postsäcken gurgelt, in die Kombüsen sickert. Wigl wagl wak, spielt die Band in schneeweißer Uniform, my monkey:

ein Potpourri aus der »Dollarprinzessin«. Auf ins Metropol! Berlin, wie es leibt und lacht!

Nur ganz unten, wo man, wie immer, zuerst kapiert, werden Bündel, Babies, weinrote Inletts hastig zusammengerafft. Das Zwischendeck versteht kein Englisch, kein Deutsch, nur eines braucht ihm kein Mensch zu erklären:

daß die Erste Klasse zuerst drankommt, daß es nie genug Milch und nie genug Schuhe und nie genug Rettungsboote für alle gibt.

Apokalypse. Umbrisch, etwa 1490

Er ist nicht mehr der Jüngste, er seufzt, er holt eine große Leinwand hervor, er grübelt, verhandelt lang und zäh mit dem Besteller, einem geizigen Karmeliter aus den Abruzzen, Prior oder Kapitular. Schon wird es Winter, die Fingergelenke knacken, das Reisig knackt im Kamin. Er seufzt, grundiert, läßt trocknen, grundiert ein andermal, kritzelt, ungeduldig, auf kleine Kartons seine Figuren, schemenhaft, hebt sie mit Deckweiß. Er zaudert, reibt Farben an, vertrödelt mehrere Wochen. Dann, eines Tages, es ist unterdessen Aschermittwoch geworden oder Maria Lichtmeß, taucht er, in aller Frühe, den Pinsel in die gebrannte Umbra und malt:

Das wird ein dunkles Bild. Wie fängt man es an, den Weltuntergang zu malen? Die Feuersbrünste, die entflohenen Inseln, die Blitze, die sonderbar allmählich einstürzenden Mauern, Zinnen und Türme:

technische Fragen, Kompositionsprobleme. Die ganze Welt zu zerstören macht viel Arbeit. Besonders schwer sind die Geräusche zu malen, das Zerreißen des Vorhangs im Tempel, die brüllenden Tiere, der Donner. Alles soll nämlich zerreißen, zerrissen werden, nur nicht die Leinwand. Und der Termin steht fest: Allerspätestens Allerseelen. Bis dahin muß, im Hintergrund, das wütende Meer

lasiert werden, tausendfach, mit grünen, schaumigen Lichtern, durchbohrt von Masten, lotrecht in die Tiefe schießenden Schiffen, Wracks, während draußen, mitten im Juli, kein Hund sich regt auf dem staubigen Platz. Der Maler ist ganz allein in der Stadt geblieben, verlassen von Frauen, Schülern, Gesinde. Müde scheint er, wer hätte das gedacht, sterbensmüde. Alles ist ocker, schattenlos, steht starr da, hält still in einer Art böser Ewigkeit; nur das Bild nicht. Das Bild nimmt zu, verdunkelt sich langsam, füllt sich mit Schatten, stahlblau, erdgrau, trübviolett, caput mortuum; füllt sich mit Teufeln, Reitern, Gemetzeln; bis daß der Weltuntergang glücklich vollendet ist, und der Maler erleichtert, für einen kurzen Augenblick; unsinnig heiter, wie ein Kind, als wär ihm das Leben geschenkt, lädt er, noch für den selben Abend, Frauen, Kinder, Freunde und Feinde zum Wein, zu frischen Trüffeln und Bekassinen, während draußen der erste Herbstregen rauscht.

DRITTER GESANG

Damals in Habana blätterte der Putz ab von den Häusern, am Hafen stand unbeweglich ein fauler Geruch, üppig verblühte das Alte, der Mangel nagte Tag und Nacht sehnsüchtig am Zehnjahresplan, und ich schrieb am Untergang der Titanic. Schuhe gab es nicht und keine Spielsachen und keine Glühbirnen und keine Ruhe, Ruhe schon gar nicht, und die Gerüchte waren wie Mücken. Damals dachten wir alle:

Morgen wird es besser sein, und wenn nicht morgen, dann übermorgen. Naja – vielleicht nicht unbedingt besser, aber doch anders, vollkommen anders, auf jeden Fall. Alles wird anders sein. Ein wunderbares Gefühl. Ich erinnere mich.

Dies schreibe ich in Berlin. Wie Berlin rieche ich nach alten Patronenhülsen, nach Osten, nach Schwefel, nach Desinfektion. Langsam wird es jetzt wieder kälter. Langsam lese ich die Vorschriften durch. Weit entfernt hinter zahlreichen Kinos steht unbemerkt die Mauer, hinter der, weit entfernt voneinander, vereinzelte Kinos stehn. In nagelneuen Schuhen sehe ich Ausländer vereinzelt durch den Schnee desertieren. Ich friere. Ich erinnere mich, kaum

zu glauben, keine zehn Jahre ist das jetzt her, an die sonderbar leichten Tage der Euphorie.

Damals dachte kaum einer an den Untergang, nicht einmal in Berlin, das den seinigen längst hinter sich hatte. Es schwankte die Insel Cuba nicht unter unsern Füßen. Es schien uns, als stünde etwas bevor, etwas von uns zu Erfindendes. Wir wußten nicht, daß das Fest längst zu Ende, und alles Übrige eine Sache war für die Abteilungsleiter der Weltbank und die Genossen von der Staatssicherheit, genau wie bei uns und überall sonst auch.

Wir suchten etwas, hatten etwas verloren auf dieser tropischen Insel. Das Gras wuchs über die abgewrackten Cadillacs. Wo war der Rum, wo waren die Bananen geblieben? Etwas anderes hatten wir dort zu suchen - schwer zu sagen, was es eigentlich war –, doch wir fanden es nicht in jener winzigen Neuen Welt, wo alles vom Zucker sprach, von der Befreiung, von einer Zukunft, reich an Glühbirnen, Milchkühen, nagelneuen Maschinen.

Dort, wo mir die jungen Mulattinnen mit der Maschinenpistole im Arm zulächelten an den Straßenecken, mir oder einem anderen, schrieb ich und schrieb am Untergang der Titanic.

Es war nachts so warm, ich konnte nicht schlafen. Jung war ich nicht, – was heißt jung? Ich wohnte am Meer –, doch beinah zehn Jahre jünger als jetzt, und bleich vor Eifer.

Das muß im Juni gewesen sein, nein, Anfang April, kurz vor Ostern war es, wir gingen die Rampa hinunter, es war ein Uhr vorbei, Maria Alexandrovna sah mich aus zornig funkelnden Augen an, Heberto Padilla rauchte, er saß noch nicht im Gefängnis - aber wer dieser Padilla war, weiß niemand mehr, weil er verloren ist, ein Freund, ein verlorener Mann –, und irgendein deutscher Deserteur lachte unförmig – auch er ist im Gefängnis gelandet, aber erst später, und heute lebt er hier in der Nähe und trinkt und treibt seine staatserhaltenden Forschungen, und es ist komisch, daß ich ihn nicht vergessen habe, nein, vergessen habe ich wenig.

Wir sprachen in einem Kauderwelsch, Spanisch, Russisch und Deutsch, von der fürchterlichen Zuckerernte der Zehn Millionen, heute natürlich spricht kein Mensch mehr davon. Was geht mich der Zucker an, ich bin Tourist! schrie der Deserteur, dann zitierte er Horkheimer, ausgerechnet Horkheimer in Habana! Wir sprachen auch von Stalin und Dante, ich weiß nicht mehr warum, was hatte Dante mit dem Zucker zu tun.

Und ich war zerstreut und blickte hinaus über die Hafenmauer auf die Karibische See, und da sah ich ihn, sehr viel größer und weißer als alles Weiße, weit draußen, ich allein sah ihn und niemand sonst, in der dunklen Bucht, die Nacht war wolkenlos und das Meer schwarz und glatt wie Spiegelglas, da sah ich den Eisberg, unerhört hoch und kalt, wie eine kalte Fata Morgana trieb er langsam, unwiderruflich, weiß, auf mich zu.

Verlustanzeige

Die Haare verlieren, die Nerven, versteht ihr, die kostbare Zeit, auf verlorenem Posten an Höhe verlieren, an Glanz, ich bedaure, macht nichts, nach Punkten, unterbrecht mich nicht, Blut verlieren, Vater und Mutter, das in Heidelberg verlorene Herz, ohne mit der Wimper zu zucken, noch einmal verlieren, den Reiz der Neuheit, Schwamm drüber, die bürgerlichen Ehrenrechte, aha, den Kopf, in Gottesnamen, den Kopf, wenn es unbedingt sein muß, das verlorene Paradies, meinetwegen, den Arbeitsplatz, den Verlorenen Sohn, das Gesicht, auch das noch, einen Backenzahn, zwei Weltkriege, drei Kilo Übergewicht verlieren, verlieren, immer nur verlieren, auch die längst verlorenen Illusionen, na wenn schon, kein Wort über die verlorene Liebesmüh, aber woher denn, das Augenlicht aus den Augen, die Unschuld verlieren, schade, den Hausschlüssel, schade, sich, gedankenverloren, in der Menge verlieren,

unterbrecht mich nicht, den Verstand, den letzten Heller, sei’s drum, gleich bin ich fertig, die Fassung, Hopfen und Malz, alles auf einmal verlieren, wehe, sogar den Faden, den Führerschein, und die Lust.

VIERTER GESANG

Seinerzeit glaubte ich jedes Wort, das ich schrieb, und ich schrieb am Untergang der Titanic. Es war ein gutes Gedicht. Ich erinnere mich genau, wie es anfing, mit einem Geräusch. »Ein Scharren«, schrieb ich, »ein stockendes Scharren.« Nein, das war es nicht. »Ein schwaches Klirren«, »Das Klirren des Tafelsilbers.« Ja, ich glaube, so fing es an, so oder so ähnlich. Ich zitiere aus dem Gedächtnis. Wie es weiterging, weiß ich nicht mehr.

Wie angenehm war es, arglos zu sein! Ich wollte nicht wahrhaben, daß das tropische Fest schon zu Ende war. (Was für ein Fest? Es war nur die Not, du blutiger Laie, und die Notwendigkeit.) Ein paar armselige Jahre später, jetzt, ist alles gelaufen, es wimmelt von Schuhen, Glühbirnen, Arbeitslosen, nagelneuen Vorschriften und Maschinen. Die Kälte in meinen Knochen fühle ich, ein Anachronismus mitten in einem Anachronismus.

Es riecht nach Briketts. Wo Europa am häßlichsten ist, throne ich unter gußeisernen langsam verrottenden Hohenzollern und ZK-Mitgliedern, in der bitteren angstvollen vaterländischen Schäbigkeit und erinnere mich, und erinnere mich an meine Erinnerung. Ja, damals sagte ich mir, es ist nur eine Fata Morgana, in Wirklichkeit, sagte ich mir, schwankt die Insel Cuba nicht unter unsern Füßen.

Damals hatte ich recht. Untergegangen ist damals weiter nichts als mein Gedicht über den Untergang der Titanic. Es war ein Gedicht ohne Durchschlag, in ein schwarzes Wachstuchheft mit Bleistift geschrieben, weil in ganz Cuba damals kein Kohlepapier zu finden war. Gefällt es dir? fragte ich Maria Alexandrovna, und dann packte ich es in ein Kuvert aus braunem Manila. In irgendeinem Postsack, der in Habana verladen wurde und nie in Paris ankam, ist es verschollen.

Wie es weiterging, wissen wir alle. Draußen schneit es. Ich suche den Faden, den ich verloren habe, und manchmal ist mir, zum Beispiel jetzt, als hätte ich ihn gefunden. Dann reiße ich. Der Vorhang reißt fauchend entzwei, es wird hell, ich erkenne sie alle wieder:

die Mulattinnen, den Kapitän mit dem weißen Backenbart, Dante (1265-1321), den Heizer Jerome, Vorname unbekannt (1888?-1912), den alten Maler aus Umbrien mit den befleckten Fingernägeln, geboren dann und dann und dann und wann gestorben,

Maria Alexandrovna (1943-

) –

All diese Ertrunkenen und Erfrorenen,

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waren es, sagen die einen,

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die anderen, streitet euch,

Holzwürmer, streitet euch, Maden! Ich erkenne sie wieder, jeden einzelnen, sogar die Chinesen, die fünf Chinesen, wie Mehlsäcke liegen sie da auf dem Boden des Rettungsbootes. Ich glaube, sie sind es, ich glaube, sie leben, aber ich möchte es nicht beschwören.

Also sitze ich hier, in Decken gehüllt, während es draußen schneit und schneit,

und amüsiere mich mit dem Untergang, mit dem Untergang der Titanic. Ich habe nichts Besseres zu tun. Ich habe Zeit wie ein Gott. Ich versäume nichts. Ich kümmre mich um die Funksprüche, um das Menü, um die Wasserleichen. Ich sammle sie auf, die Wasserleichen, aus der schwarzen, eisigen Flüssigkeit der verflossenen Zeit.

Debris, Trümmer von Sätzen, leere Obstkisten, schwere Manilakuverts, braun, durchnäßt, vom Salz zerfressen, Verse hole ich aus der Flut, aus der dunklen, warmen Flut der Karibischen See, in der die Haie wimmeln, geborstene Verse, Rettungsringe, wirbelnde Souvenirs.

FÜNFTER GESANG

Raubt, was man euch geraubt hat, nehmt endlich, was euch gehört, rief er, frierend, die Jacke war ihm zu klein, sein Haar züngelte unter den Kränen, er rief: Ich bin einer von euch, worauf wartet ihr noch? Jetzt ist es Zeit, reißt die Barrieren ein, schmeißt das Geschmeiß ins Wasser mitsamt seinen Koffern, Hunden, Lakaien, die Frauen auch und sogar die Kinder, mit Gewalt, mit Messern, mit bloßen Händen! Und er zeigte ihnen das Messer, er zeigte ihnen die bloße Hand.

Aber die Leute vom Zwischendeck, Auswanderer waren es, standen da in der Dunkelheit, nahmen ruhig ihre Mützen ab und hörten ihm zu.

Wann wollt ihr endlich Rache nehmen, wenn ihr euch jetzt nicht rührt? Oder könnt ihr kein Blut sehn, außer dem eurer Kinder, und euerm eignen? Und er zerkratzte sich das Gesicht und zerschnitt sich die Hände und zeigte ihnen sein Blut.

Aber die Leute vom Zwischendeck hörten ihm zu und schwiegen. Nicht, weil er kein Litauisch sprach (er sprach kein Litauisch); nicht, weil sie betrunken gewesen wären (ihre altertümlichen Flaschen, eingewickelt in grobe Tücher, waren schon lange leergetrunken); nicht, weil sie Hunger hatten (Hunger hatten sie auch):

Das alles war es nicht. Es war nicht so leicht zu erklären. Sie verstanden wohl, was er sagte, aber sie verstanden ihn nicht. Seine Worte waren nicht ihre Worte. Sie waren von andern Ängsten zerfressen als er, und von andern Hoffnungen. Sie standen geduldig da mit ihren Felleisen, ihren Rosenkränzen, ihren rachitischen Kindern an den Barrieren, sie machten Platz, sie hörten ihm zu, respektvoll, und warteten, bis sie versunken waren.

SECHSTER GESANG

Unbewegt betrachte ich dieses kahle Zimmer in Deutschland, die hohe Decke, die vor ein paar Jahren ganz weiß war, den Ruß, der auf den Tisch niedersinkt in kleinen Flocken, und während sich ringsum die Stadt immer schneller verdunkelt, unterhalte ich mich damit, einen Text wiederherzustellen, den es vielleicht nie gegeben hat. Ich restauriere Bilder, ich fälsche mein eigenes Werk. Und ich frage mich, wie es wohl aussah im Rauchsalon der Titanic, und ob der Spieltisch getäfelt war oder mit grünem Tuch überzogen. Wie war es in Wirklichkeit? Wie war es in meinem Gedicht? War es in meinem Gedicht? Und jener dünne Mensch, unterwegs in Habana, aufgeregt, zerstreut, verwickelt in Streitereien, Metaphern, endlose Liebesgeschichten – war ich das wirklich? Ich könnte es nicht beschwören. Und in zehn Jahren werde ich nicht beschwören können, daß diese Wörter hier meine Wörter sind, niedergeschrieben, wo Europa am dunkelsten ist, in Berlin, vor zehn Jahren, d. h. heute, um mich abzulenken von den Abendnachrichten, den endlos vielen endlosen Minuten, die noch bevorstehen und die sich dehnen, je näher irgendein Ende rückt, um so endloser. Zwei Grad unter Null, vor dem Fenster ist alles schwarz, auch der Schnee. Es überkommt mich, ich weiß nicht warum, eine große Ruhe. Ich schaue hinaus, wie ein Gott. Es ist kein Eisberg in Sicht.

Der Eisberg

Der Eisberg kommt auf uns zu unwiderruflich.

Siehe, er löst sich ab von der Gletscherstirn, von den Gletscherfüßen, Ja, er ist weiß, er bewegt sich, ja, er ist größer als alles, was sich bewegt auf dem Meer, in der Luft oder auf der Erde.

Sterbliche Träume, durch die eine Karawane von Eisbergen zieht:

»Mehr als zweihundertfünfzig Fuß über den Wasserspiegel erhoben, werfen die frischen Brüche derselben Farben zurück, Farben, die wunderbar und ganz durchsichtig sind.« »Man glaubt, das Sonnenfeuer sich in den Fenstern von hundert Palästen spiegeln zu sehen.«

Es ist nicht gut, an das Gewicht des Eisbergs zu denken. Wem er einmal begegnet ist, der wird seinen Anblick schwerlich vergessen, auch wenn er lange lebt.

»Dieses Schauspiel hebt die Einbildungskraft, erfüllt aber auch das Herz mit einem Gefühle unwillkürlichen Schauders.«

Der Eisberg hat keine Zukunft. Er läßt sich treiben. Wir können den Eisberg nicht brauchen. Er ist ohne Zweifel. Er ist nichts wert. Die Gemütlichkeit ist nicht seine starke Seite. Er ist größer als wir. Wir sehen immer nur seine Spitze.

Er ist vergänglich. Er denkt nicht daran. Fortschritte macht er keine, doch »wenn er, gleich einer ungeheuren, weißen,

mit blauen Schattirungen durchäderten Marmortafel, stürzt und kippt, dann erbebt das Meer«.

Er geht uns nichts an, treibt einsilbig weiter, braucht nichts, pflanzt sich nicht fort, schmilzt. Er hinterläßt nichts. Er verschwindet vollkommen. Ja, so muß es heißen:

Vollkommen.

SIEBENTER GESANG

Wir setzen unsere Führung fort und gelangen jetzt in den Palmensaal, der Verwendung findet für kleinere Bälle. Die herrlichen Wandgemälde sind eigens angefertigt für die Titanic von einem bekannten Salonmaler, im orientalischen Stil.

Dinner

First Class

14. April 1912 Caviar Beluga Hors d’œuvres variés Turtle Soup

Die Flügeltüren, die Sie hier sehen, führen zum Türkischen Bad, Vorsicht Stufe, wo Ihnen Heilmassagen und Wasserkuren jederzeit zur Verfugung stehen unter ärztlicher Aufsicht, beachten Sie bitte die Säulen in rotem Carrara-Marmor.

Consomme Tapioca Lobster American Style

Baked Salmon with Horseradish Sauce

Curried Chicken Almond Rice

Tropical Fruit

Die beiden Bronze-Nymphen am Eingang des Großen Foyers sind in klassischer Renaissance-Manier gehalten. Die eine stellt den Frieden, die andre den Fortschritt dar. Wir dürfen nunmehr die Damen und Herren zum Dinner bitten.

Abendmahl. Venezianisch, 16. Jahrhundert

I

Als ich mein Letztes Abendmahl beendet hatte, fünfeinhalb mal knapp dreizehn Meter, eine Heidenarbeit, aber ganz gut bezahlt, kamen die üblichen Fragen. Was haben diese Ausländer zu bedeuten mit ihren Hellebarden? Wie Ketzer sind sie gekleidet, oder wie Deutsche. Finden Sie es wohl schicklich, dem Heiligen Lukas einen Zahnstocher in die Hand zu geben? Wer hat Sie dazu angestiftet, Mohren, Säufer und Clowns an den Tisch Unseres Herrn zu laden? Was soll dieser Zwerg mit dem Papagei, was soll der schnüffelnde Hund, und warum blutet der Mameluck aus der Nase? Meine Herrn, sprach ich, dies alles habe ich frei erfunden zu meinem Vergnügen. Aber die Sieben Richter der Heiligen Inquisition raschelten mit ihren roten Roben und murmelten: Überzeugt uns nicht.

II

Oh, ich habe bessere Bilder gemalt; aber jener Himmel zeigt Farben,

die ihr auf keinem Himmel findet, der nicht von mir gemalt ist;

und es gefallen mir diese Köche mit ihren riesigen Metzgersmessern, diese Leute mit Diademen, mit Reiherbüschen, pelzverbrämten, gezaddelten Hauben und perlenbestickten Turbanen; auch jene Vermummten gehören dazu, die auf die entferntesten Dächer meiner Alabaster-Paläste geklettert sind und sich über die höchsten Brüstungen beugen. Wonach sie Ausschau halten, das weiß ich nicht. Aber weder euch noch den Heiligen schenken sie einen Blick.

III

Wie oft soll ich es euch noch sagen! Es gibt keine Kunst ohne das Vergnügen. Das gilt auch für die endlosen Kreuzigungen, Sintfluten und Bethlehemitischen Kindermorde, die ihr, ich weiß nicht warum, bei mir bestellt. Als die Seufzer der Kritiker, die Spitzfindigkeiten der Inquisitoren und die Schnüffeleien der Schriftgelehrten mir endlich zu dumm wurden, taufte ich das Letzte Abendmahl um und nannte es Ein Diner bei Herrn Levi.

IV

Wir werden ja sehen, wer den längeren Atem hat.

Zum Beispiel meine Heilige Anna selbdritt. Kein sehr amüsantes Sujet. Doch unter den Thron, auf den herrlich gemusterten Marmorboden in Sandrosa, Schwarz und Malachit, malte ich, um das Ganze zu retten, eine Suppenschildkröte mit rollenden Augen, zierlichen Füßen und einem Panzer aus halb durchsichtigem Schildpatt:

eine wunderbare Idee. Wie ein riesiger, kunstvoll gewölbter Kamm, topasfarben, glühte sie in der Sonne.

V

Als ich sie kriechen sah, fielen mir meine Feinde ein. Ich hörte das Gebrabbel der Galeristen, das Zischeln der Zeichenlehrer und das Rülpsen der Besserwisser. Ich nahm meinen Pinsel zur Hand und begrub das Geschöpf, bevor die Schmarotzer anfangen konnten, mir zu erklären, was es bedeute, unter sorgfältig gemalten Fliesen aus schwarzem, grünem und rosa Marmor. Die Heilige Anna ist nicht mein berühmtestes, aber vielleicht mein bestes Bild. Keiner außer mir weiß, warum.

ACHTER GESANG

Salzwasser in der Tennishalle! Ja, das ist ärgerlich, aber nasse Füße sind noch lang nicht das Ende der Welt. Die Leute freuen sich immer zu früh auf den Untergang, wie Selbstmörder, die ein Alibi suchen, und dabei verlieren sie dann die Übersicht und die Nerven. Wer ertrinkt schon gern, noch dazu bei minus zwei Grad? Daß das Urteil der Passagiere im Augenblick der Gefahr nicht so maßvoll ausfällt, wie das wünschenswert wäre, naja! Schließlich sitze ich selber hier, schlotternd, auf diesem gottverdammten Dampfer, wenn auch First Class und bei einem Vintage Port, der allerdings denkwürdig ist.

Aber gesetzt den Fall, die Titanic ginge tatsächlich unter, was ich persönlich für ausgeschlossen halte - ich bin Ingenieur, und meine Phantasie ist nicht allzu reich entwickelt – na und? Was folgt daraus? Rein statistisch gesehen, befinden sich jederzeit ein paar Dutzend Schiffe in Seenot, und kein Hahn kräht danach, weil sie nämlich Rosalinde II oder Schöne Aussicht heißen, und nicht Titanic! Umgekehrt:

Denken Sie mal an die zigtausend Fahrzeuge, unterwegs auf allen Weltmeeren, die ihre Bestimmungshäfen, auch wenn wir ersaufen, erreichen werden, pünktlich und ungerührt.

Im übrigen geht jede Innovation auf eine Katastrophe zurück:

neue Werkzeuge, Theorien und Gefühle - man nennt das Evolution. Deshalb sage ich: Selbst einmal angenommen, spaßeshalber,

sämtliche Schiffe versänken an ein und demselben Tag, so müßten wir uns eben etwas anderes einfallen lassen:

enorme Himmelssegler, dressierte Wale, eiserne Wolken. Oder stationär leben. Die Bäume tun das seit längerer Zeit, offenbar mit Erfolg. Und falls uns nichts einfallen sollte – ganz andere Lebensformen sind schließlich schon ausgestorben, ich möchte sagen, zu unserem Vorteil. Wo wären wir heute, wenn die Flugechsen und die Saurier nicht irgendwann auf gewisse Probleme gestoßen wären, die ihre Gehirne nicht ohne weiteres lösen konnten. Sehen Sie?

Hieraus schließe ich, daß es zwecklos ist, jeden Zwischenfall, der einen zufällig selber betrifft, wie z. B. den eigenen Tod, aus einem allzuengen Gesichtswinkel zu betrachten. Damit sage ich Ihnen, als Portweintrinker und Ingenieur, natürlich nichts Neues, und deshalb gehe ich unter.

NEUNTER GESANG

Diese Ausländer, die sich photographieren ließen auf den Zuckerfeldern von Oriente, das Messer hoch erhoben, die Haare verklebt, das Kattunhemd steif von Sirup und Schweiß: überflüssige Leute! In den Eingeweiden der Hauptstadt rottete nämlich das alte Elend ruhig weiter fort, nach altem Urin und nach alter Knechtschaft roch es, das Wasser im Hahn versiegte schon am frühen Nachmittag, die Gasflamme erlosch auf dem Herd, die Wände krümelten, frische Milch gab es nicht, »das Volk« stand abends geduldig Schlange um eine Pizza, während im Hotel Nacional, Terrasse zum Meer, wo früher die Gangster speisten, die Senatoren, mit blaugefiederten Striptease-Tänzerinnen auf ihren feisten Knien, schacherten um ihr Bakschisch:

da saßen nun ein paar alte Pariser Trotzkisten und warfen um sich mit Brotkugeln, »angenehm subversiv«, und mit Zitaten von Engels und Freud.

Cena

14 de abril 1969

(Año del Guerrillero Heróico) Cóctel de langostinos Consomé Tapioca Lomo a la parrilla Ensalada de berro Helados

Später erschienen, schwarzweiß, auf dem Promenadendeck, ein paar Spieler im Smoking aus dem Salon, die Damen in perlenbesetzten Roben, Neugierige im Bademantel sah man mit Eisbrocken werfen, kurz vor Mitternacht, in einem alten Hollywood-Film. Es war feucht und heiß. Das Vorstadtkino an der Calzada de San Miguel wimmelte von halbnackten Kindern, die kichernd über die schmutzigen Sitze turnten. Das Bild war trüb, verregnet, der Ton verkratzt: eine morsche Kopie. Über das schneeweiße Deck hüpfte Barbara Stanwyck mit Clifton Webb, die Rahmen tanzten, und pünktlich, wie immer, folgte aus der Notwendigkeit das Chaos. Vergiß den Revolver nicht, denk an die Smaragde, die Butterbrote, das Manuskript. Du nimmst die Bibel mit, und du das kleine Schweinchen aus Blech, das Maxixe spielt, wenn du es aufziehst am Schwanz, dein Schweinchen aus buntem Blech, vergiß es nicht.

Delegationen. Mulattinnen. Comandantes. Im Speisesaal noch immer die hungrigen Dichter aus Paraguay, die mit den Trotzkisten hadern im Zigarrenrauch, und auf der Feuertreppe, halblaut Rumbas summend, die jungen Spitzel und die unbestimmbaren Tschechen mit ihren klebrigen Uhren und Tauschgeschäften.

Noch vor dem Schrecken trifft dich der Lärm wie eine Faust. Das überfallene Ohr faßt ihn nicht, mit den Füßen fühlst du: der Rumpf dröhnt, aus den Schornsteinen fährt brüllend der Dampf, die Kessel werden gelöscht. Dann sind die Schotten dicht, alle Maschinen gestoppt. Wie still es jetzt ist, jetzt auf einmal, so still, wie um vier Uhr früh

ein Hotelzimmer, wenn du jäh aus dem Schlaf fährst und horchst. Kein Lebenszeichen. Sogar der Kühlschrank schweigt. Nun wäre dir selbst ein Einbruch willkommen, eine Haussuchung, ein Knacken im Heizungsrohr. Nie wieder wird es so trocken und still sein wie jetzt.

Innere Sicherheit

Ich versuche den Deckel zu heben, logischerweise, den Deckel, der meine Kiste verschließt. Es ist ja kein Sarg, das nicht, es ist nur eine Packung, eine Kabine, mit einem Wort, eine Kiste.

Ihr wißt doch genau, was ich meine, wenn ich Kiste sage, stellt euch nicht dumm, ich meine ja nur eine ganz gewöhnliche Kiste, auch nicht dunkler als eure.

Also ich möchte raus, ich klopfe, ich hämmere gegen den Deckel, ich rufe Mehr Licht, ich ringe nach Atem, logischerweise, ich donnere gegen die Luke. Gut.

Aber sicherheitshalber ist sie zu, meine Kiste, sie geht nicht auf, mein Schuhkarton hat einen Deckel, der Deckel aber ist ziemlich schwer, aus Sicherheitsgründen, denn es handelt sich hier um einen Behälter, um eine Bundeslade, um einen Safe. Ich schaffe es nicht.

Die Befreiung kann, logischerweise, nur mit vereinter Kraft gelingen. Aber sicherheitshalber bin ich in meiner Kiste mit mir allein, in meiner eigenen Kiste.

Jedem das Seine! Um mit vereinter Kraft zu entweichen aus der eigenen Kiste, müßte ich, logischerweise, bereits aus der eigenen Kiste entwichen sein, und das gilt, logischerweise, für alle.

Also stemme ich mich gegen den Deckel mit meinem eignen Genick. Jetzt! Einen Spalt breit! Ah! Draußen, herrlich, die weite Landschaft, bedeckt mit Büchsen, Kanistern, kurzum, mit Kisten, dahinter die eifrig rollenden grünen Fluten, durchpflügt von seetüchtigen Koffern, die unerhört hohen Wolken darüber, und überall, überall Luft!

Laßt mich raus, rufe ich also, erlahmend, wider besseres Wissen, mit belegter Zunge, von Schweiß bedeckt. Ein Kreuz schlagen, kommt nicht in Frage. Winken, geht nicht, keine Hand frei. Die Faust ballen, ausgeschlossen.

Also, Ich drücke, rufe ich, mein Bedauern aus, wehe mir! mein eignes Bedauern, während mit dumpfem Pflupp der Deckel sich wieder, aus Sicherheitsgründen, über mir schließt.

ZEHNTER GESANG

Das also ist der Tisch, an dem sie saßen. Du siehst, von außen, durchs Bullauge, B. im Rauchsalon, einen russischen Emigranten, wie er, gestikulierend, eingehüllt in blaues Gewölk aus guten Zigarren, cubanischen, Marke Partagas, Handarbeit, vollkommen glücklich, selbstvergessen, am grünen Tisch, ganz ohne Rücksicht auf Eisberge Schiffbrüche Sintfluten, einer kleinen Schar von Friseuren, Glücksspielern, Telegraphisten, den Umsturz predigt. Du siehst es, aber du kannst es nicht hören, denn durch das dicke gewölbte Glas, in dem sich Messing spiegelt, dringt kein Laut. Du vernimmst nichts, und doch verstehst du, worauf er hinauswill, und du verstehst, daß er recht hat, auch wenn es vielleicht zu spät ist, um recht zu haben.

Nun aber bemerkst du, am Nebentisch, einen anderen Herrn, der sich voll Zorn erhebt. Ein Textilfabrikant ist es aus Manchester, der sich beherrschen muß, wenn er diesen Unsinn hört. Schneidend erklärt er die Vorzüge strikter Disziplin, die Notwendigkeit der Autorität.

Unbedingt, sagt er, müsse sie sein, mit zitterndem Schnurrbart, und eisern, besonders an Bord eines Schiffes. Du natürlich kannst seinen Gründen nicht folgen, weil du sie nicht hörst. Aber sieh nur, wie sie die Hälse wenden, die Glücksspieler und Telegraphisten, als würde hier Tennis gespielt!

Am liebsten möchten alle gerettet werden, auch du. Aber ist das nicht allzuviel verlangt von einer Idee? Die Partie bleibt unentschieden. Kein Mensch hat die beiden Herren erblickt in einem der Rettungsboote, kein Mensch hat je wieder von ihnen gehört. Nur der Tisch, der leere Tisch treibt immer noch auf dem Atlantik.

Der Aufschub

Bei dem berühmten Ausbruch des Helgafell, eines Vulkans auf der Insel Heimaey, live übertragen von einem Dutzend hustender Fernsehteams, sah ich, unter dem Schwefelregen, einen älteren Mann in Hosenträgern, der, achselzuckend und ohne sich weiter zu kümmern um Sturmwind, Hitze, Kameraleute, Asche, Zuschauer (unter ihnen auch ich vor dem bläulichen Bildschirm auf meinem Teppich), mit einem Gartenschlauch, dünn aber deutlich sichtbar, gegen die Lava vorging, bis endlich Nachbarn, Soldaten, Schulkinder, ja sogar Feuerwehrleute mit Schläuchen, immer mehr Schläuchen, gegen die heiße, unaufhaltsam vorrückende Lava eine Mauer aus naß erstarrter kalter Lava höher und höher türmten, und so, zwar aschgrau und nicht für immer, doch einstweilen, den Untergang des Abendlandes aufschoben, dergestalt, daß, falls sie nicht gestorben sind, auf Heimaey, einer Insel unweit von Island, heute noch diese Leute in ihren kleinen bunten Holzhäusern morgens erwachen und nachmittags, unbeachtet von Kameras, den Salat in ihren Gärten, lavagedüngt und riesenköpfig, sprengen, vorläufig nur, natürlich, doch ohne Panik.

ELFTER GESANG

Laßt uns raus Wir ersticken hier Der Viehwagen schlingert Der Schrank schwankt Der Sarg gurgelt Wir kämpfen auf den Treppen Wir trommeln gegen das Holz Wir drücken die Türen ein Laßt uns raus Wir sind zu viele Wir werden immer mehr je länger wir kämpfen um einen Fußbreit Boden um eine Planke ein Brett Wir sind einander zu nah um einander zu lausen zu stillen zu prügeln Dem Taschendieb sinkt die gequetschte Hand dem Mörder das Messer Wir ersticken einander Die eingezwängte Wut zerfetzt sich die Haut und wird ohnmächtig Entsetzlich viele sind wir auf einmal Wir zertreten die Zertretenen

massenhaft weich Ein panischer Pudding der nach Angst riecht scharf und rattenhaft quellen wir und versinken sackig und sanft

ZWÖLFTER GESANG

Von diesem Augenblick an verläuft alles planmäßig. Der stählerne Rumpf vibriert nicht mehr, still liegen die Maschinen, längst sind die Feuer gelöscht. Was ist los? Warum machen wir keine Fahrt? Man lauscht. Draußen im Korridor werden Rosenkränze gemurmelt. Die See ist glatt, schwarz, glasig. Mondlos die Nacht. Oh, es ist nichts! Es ist nichts zerbrochen an Bord, keine Vase und kein Champagnerglas. Man wartet in kleinen Gruppen, wortlos, geht auf und ab, im Pelz, im Schlafrock, im Overall, man gehorcht. Jetzt werden Taue aufgerollt, Planen fortgezogen von den Booten, Davits ausgeschwenkt. Es ist, als hätten die Passagiere Tabletten geschluckt. Dieser Mann z. B., der sein Cello hinter sich herzieht über das endlose Deck, man hört, wie der Sporn an den Planken kratzt, immerzu kratzt, kratzt, und man fragt sich: Wie ist das nur möglich? – Ah! schau! eine Notrakete! – Aber es ist nur ein schwaches Zischen, schon verpufft am Himmel, im Widerschein die Gesichter bläulich und leer. Still stehen Liftboys, Masseusen und Bäcker Spalier. Auf der California, einem alten Kahn, zwölf Meilen weiter, dreht sich in seinem Bett der Funker um und schläft ein. Achtung Achtung! Frauen und Kinder zuerst! – Wieso eigentlich? Antwort: We are prepared to go down like gentlemen. – Auch gut. – Sechzehnhundert bleiben zurück. Die Ruhe an Bord ist unvorstellbar. – Hier spricht der Kapitän. Es ist genau zwei Uhr, und ich befehle: Rette sich wer kann! – Musik! Zur letzten Nummer erhebt der Kapellmeister seinen Stock.

DREIZEHNTER GESANG

Es weht der Wind mit Stärke zehn, das Schiff schwankt hin und her; Engel, so licht und schön, winken aus seel’gen Höhn:

Am Himmel ist kein Stern zu sehn, es tobt das wilde Meer! In Kummer bin ich tief gesunken, und all mein Stolz verging im Nu Dann denk’ ich immer:

Ach, alles ist aus, ich bin so allein In schwerer Sünden Flut ertrunken, sucht meine matte Seele Ruh.

Ja, aber dann gewöhnt’ ich mich dran, und ich sah es ein:

Drückt mich auch Kummer hier, drohet man mir, soll doch trotz Kreuz und Pein dies meine Losung sein:

Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern, keine Angst, keine Angst, Rosmarie!

Bricht mir wie Jakob dort Nacht auch herein, find’ ich zum Ruheort nur einen Stein:

Davon geht die Welt nicht unter, sieht man sie manchmal auch grau, Ist mir auch ganz verhüllt Dein Weg allhier, einmal wird sie wieder bunter, einmal wird sie wieder himmelblau! wird nur mein Wunsch erfüllt:

Näher zu Dir! Geht’s mal drüber und mal drunter, wenn uns der Schädel auch raucht, und wenn die ganze Erde bebt, und die Welt sich aus den Angeln hebt Ist dann die Nacht vorbei, leuchtet die Sonn’, bau’ ich mein Bethel Dir und jauchz’ mit Freuden hier:

Wir lassen uns das Leben nicht verbittern, keine Angst, keine Angst, Rosmarie! Schließt dann mein Pilgerlauf, schwing’ ich mich freudig auf:

Davon geht die Welt nicht unter, sie wird ja noch gebraucht, sie wird ja, sie wird ja, sie wird ja, sie wird ja, sie wird ja noch gebraucht.

Nearer, my God, to Thee von Sarah Flower Adams (ca. 1840) God of Mercy and Compassion von Edmund Vaughan (ca. 1880) Autumn von H. F. Lyte (ca. 1910) Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern von Bruno Balz (1939) Davon geht die Welt nicht unter von Bruno Balz (1942)

VIERZEHNTER GESANG

Es ist nicht wie ein Gemetzel, wie eine Bombe; es blutet ja niemand, es wird ja niemand zerfleischt; es ist nur so, daß es mehr und mehr wird, daß es überall hin will, daß alles sich wellt; kleine Perlen bilden sich, Rinnsale; es ist so, daß es dir die Schuhsohlen netzt, daß es dir in die Manschetten sickert, daß dir der Kragen klamm wird im Nacken; es leckt an der Brille, in die Safes rieselt es, an den Stuckrosetten bilden sich dumpfe Flecken; es ist nämlich so,

daß alles nach seinem Geruch, der geruchlos ist, riecht; daß es tropft, spritzt, strömt, sprudelt, nicht eins nach dem ändern, sondern blindlings und durcheinander, daß es den Zwieback näßt, den Filzhut, die Unterhosen, daß es schweißig und seicht an die Räder des Rollstuhls rührt, daß es in den Pissoirs steht, brackig, und in den Bratröhren gluckst; dann wieder hegt es nur da, naß, dunkel, ruhig, unbewegt, und steigt einfach, langsam, langsam, hebt kleine Sachen auf, Spielsachen, Wertsachen, mit ekelhaften Flüssigkeiten gefüllte Flaschen, schwemmt sie mit, achtlos, spült sie trudelnd fort, Sachen aus Gummi, tote, zerbrochene Sachen; so lang,

bis du es selber fühlst, in deinem Brustkorb, wie es sich dringend, salzig, geduldig einmischt, wie es, kalt und gewaltlos, erst an die Kniekehlen,

dann an die Hüften rührt, an die Brustwarzen, an die Schlüsselbeine; bis es dir endlich am Hals steht, bis du es trinkst, bis du fühlst, wie es das Innere, wie es die Luftröhre, die Gebärmutter, wie das Wasser durstig den Mund sucht; wie es alles ausfüllen, wie es verschluckt werden, und verschlucken will.

FÜNFZEHNTER GESANG

Beim Nachtisch fragten wir ihn, ob ihn das nicht störe, der tintenschwarze, triefnasse Tiefsinn seiner Metaphern, diese Bewandtnisse und Bedeutungen seien passé, die Mode, sagten wir, sei unerbittlich, auch in der Kunst, zuviel sei zuviel, und im übrigen begriffen wir nicht, was Cuba damit zu schaffen habe, Cuba sei eine idée fixe. Und worauf- wörtlich - willst du hinaus mit deinen Märchen über die Malerei, über Gordon Pym, Bakunin und Dante?

Ihr seid es, schrie er, und warf um sich mit Fleisch und Brot, die jeden Hauch aufgabeln, alles zermanscht ihr und raspelt Bedeutungen mit euern Tranchiermessern runter – ich doch nicht, fuhr er zornig fort, ich verwickle mich, ich stottre, ich radebreche, ich mische, ich kontaminiere, aber ich schwöre euch: Dieses Schiff ist ein Schiff! – jetzt war er außer sich –, und die zerreißende Leinwand – dies sang er beinahe – symbolisiert die zerreißende Leinwand, jawohl! nicht mehr und nicht weniger, und damit ihr’s wißt:

Ich gleiche ihr, ich gleiche diesem bis zum Zerreißen gespannten Stoffetzen da. Und er riß uns das Tuch vom Tisch.

Aber das ist verstiegen, hielten wir ihm entgegen, verstiegen und wirr! Da stand er auf. Ich diskutiere nicht, sagte er leise, ich lehre. Stand auf und schickte sich an zu gehen. Am liebsten hätten wir ihm vor Ärger das Brotmesser in den Rücken gestoßen. Doch er drehte sich unter der Tür um und fing noch einmal an: Ihr vergeßt (in verächtlichem Ton), auch ich habe Menschenfleisch gegessen, genau wie ihr

und wie Gordon Pym! Ich habe den alten Anarchisten röcheln hören, nebenan, auf seinen schmutzigen Kissen, während ich seine Frau umarmte, lächelnd. Ihr könnt mir nichts vormachen! Ihr schon gar nicht. Und außerdem (er ging und ging nicht), was kann ich dafür? Nicht ich habe diese Geschichte erfunden vom Untergehenden Schiff, das ein Schiff und kein Schiff ist; der Irre, der sich für Dante hält, ist Dante selber; ein Passagier, der so heißt, befindet sich immer an Bord; es gibt keine Metaphern. Ihr wißt nicht, wovon ihr redet.

Das ist verworren! schrieen wir (verworren) durcheinander, das ist kein Gedicht! das ist ein Pasticcio! Da ging er endlich, er ging, und wir sahen uns an und sahen unsre Obstmesser an und fragten uns, ob es Metaphern gibt mit so spitzen Klingen. Dann aßen wir weiter an unsern Kaiserbirnen und Aprikosen.

SECHZEHNTER GESANG

Der Untergang der Titanic ist aktenkundig. Er ist etwas für Dichter. Er garantiert eine hohe steuerliche Verlustzuweisung. Er ist ein weiterer Beweis für die Richtigkeit der Thesen Vladimir Ilič Lenins. Er läuft im Fernsehen gleich nach der Sportschau. Er ist unbezahlbar. Er ist unvermeidlich. Er ist besser als gar nichts. Er hat am Montag Ruhetag. Er ist umweltfreundlich. Er eröffnet den Weg in eine bessere Zukunft. Er ist Kunst. Er schafft Arbeitsplätze. Er geht uns allmählich auf die Nerven. Er ist gesetzlich geschützt. Er ist in den Massen verankert. Er kommt wie gerufen. Er klappt. Er ist ein Schauspiel von atemberaubender Schönheit. Er sollte den Verantwortlichen zu denken geben. Er ist auch nicht mehr das, was er einmal war.

SIEBZEHNTER GESANG

Wir sinken lautlos. Still steht, wie in der Badewanne, das Wasser in den strahlend erleuchteten Palmensälen, Tennishallen, Foyers, und spiegelt sich in den Spiegeln. Tintenschwarze Minuten, erstarrt wie in Gelatine. Kein Streit, kein Wortwechsel. Halblaute Dialoge. Bitte nach Ihnen. Grüß die Kinder. Erkälte dich nicht. In den Booten kann man sogar das Knirschen der Taue hören, und phosphoreszierende Tropfen sieht man vom Ruderblatt, das in Zeitlupe aus dem Meer taucht, ins Meer zurückspringen. Erst ganz am Ende - der dunkle Bug hat sich lotrecht empor aus dem Bodenlosen gehoben wie ein absurder Turm, die Lichter im Rumpf sind erloschen, niemand sieht auf die Uhr -zertrümmert ein unerhörtes Geräusch die glasige Ruhe:

»Ein Ächzen war es, nein, ein Rasseln, ein Dröhnen, eine rollende Folge von Schlägen, als würden in einem Gewölbe Gegenstände, tonnenschwer, in die Tiefe geworfen, und diese undenkbar schweren Dinge zerschmetterten fallend alles. Es war ein Geräusch, wie es nie zuvor ein Mensch vernommen hat, und wie es keiner von uns, solange er lebt, je wieder zu hören hofft.« Von diesem Augenblick an war kein Schiff mehr vorhanden. Was dann kam, waren die Schreie.

Schwacher Trost

Der Kampf aller gegen alle soll, wie aus Kreisen verlautet, die dem Innenministerium nahestehn, demnächst verstaatlicht werden, bis auf den letzten Blutfleck. Schöne Grüße von Hobbes.

Bürgerkrieg mit ungleichen Waffen:

was dem einen die Steuererklärung, ist dem ändern die Fahrradkette. Die Giftmischer und die Brandstifter werden eine Gewerkschaft gründen müssen zum Schutz ihrer Arbeitsplätze.

Aufgeschlossen bis dort hinaus geht es im Strafvollzug zu. Abwaschbar, in schwarzes Plastik gebunden, liegt Kropotkin zum Studium aus:

System der gegenseitigen Hilfe in der Natur. Ein schwacher Trost.

Wir haben mit Bedauern vernommen, daß es keine Gerechtigkeit gibt, und mit noch größerem Bedauern, daß es, wie die bewußten Kreise händereibend versichern, auch nichts dergleichen je geben kann, soll und wird.

Strittig ist nach wie vor, wer oder was daran schuld sei. Ist es die Erbsünde oder die Genetik? die Säuglingspflege? der Mangel an Herzensbildung? die falsche Diät? der Gottseibeiuns? die Männerherrschaft? das Kapital?

Daß wir es leider nicht lassen können, einander zu notzüchtigen, an die nächstbeste Kreuzung zu nageln und die Überreste zu essen, schön war es, dafür eine Erklärung zu finden, Balsam für die Vernunft.

Zwar die tägliche Scheußlichkeit stört, doch sie wundert uns wenig. Was aber rätselhaft anmutet, ist die stille Handreichung, die grundlose Gutmütigkeit, sowie die englische Sanftmut.

Also höchste Zeit, mit feuriger Zunge den Kellner zu loben, der stundenlang der Tirade des Impotenten lauscht; den Barmherzigkeit übenden Knäckebrot- Vertreter, der kurz vor dem tödlichen Schlag den Zahlungsbefehl sinken läßt;

wie auch die Betschwester, die, unverhofft, den atemlos an ihre Tür hämmernden Deserteur versteckt; und den Entführer, der sein wirres Werk

mit einem matten, zufriedenen Lächeln unversehens aufgibt, zu Tode erschöpft;

und wir legen die Zeitung weg und freuen uns, achselzuckend, so, wie wenn der Schmachtfetzen glücklich aus ist, wenn es hell wird im Kino, und draußen hat es zu regnen aufgehört, dann blüht uns endlich der erste Zug aus der Zigarette.

ACHTZEHNTER GESANG

Daraufhin ruderten sie, sagte die weiße Stimme, so schnell sie nur rudern konnten, fort von der undurchsichtigen blanken Stelle, an der die Titanic untergetaucht war, doch den Schreien entkamen sie nicht. Es war unter diesen Schreien ein jeder verschieden von jedem andern, der schrille Angstruf vom heiseren Brüllen, deutlich verschieden das gellende Flehen vom erstickten Geheul, und so weiter, fuhr die Stimme gleichmäßig fort, und so fort, und es waren nicht wenige, die da schrien, sondern tausend, bedenkt auch, daß das Meer nicht bewegt war, kein Wind ging, die Stimmen, sagte die Stimme, trugen sehr weit, sie waren sehr deutlich, und also hieß es im Boot, wir müssen umwenden, es ist noch Platz, sagten manche, auf keinen Fall, sie werden sich an jede Planke klammern, das sagten andre, und uns alle schreiend ersäufen, und also wurde weiter gekämpft und gerudert, bis endlich nach einer sehr langen Stunde, sprach tonlos die Stimme, die Stimmen abnahmen, nur vereinzelt, schwach, noch ein Husten hie und da war, ein schwer hörbares tierisches Pfeifen, das ohne weiteres in der Dunkelheit unterging.

Weitere Gründe dafür, daß die Dichter lügen

Weil der Augenblick, in dem das Wort glücklich ausgesprochen wird, niemals der glückliche Augenblick ist. Weil der Verdurstende seinen Durst nicht über die Lippen bringt. Weil im Munde der Arbeiterklasse das Wort Arbeiterklasse nicht vorkommt. Weil, wer verzweifelt, nicht Lust hat, zu sagen:

»Ich bin ein Verzweifelnder.« Weil Orgasmus und Orgasmus nicht miteinander vereinbar sind. Weil der Sterbende, statt zu behaupten:

»Ich sterbe jetzt«, nur ein mattes Geräusch vernehmen läßt, das wir nicht verstehen. Weil es die Lebenden sind, die den Toten in den Ohren liegen mit ihren Schreckensnachrichten. Weil die Wörter zu spät kommen, oder zu früh. Weil es also ein anderer ist, immer ein anderer, der da redet, und weil der, von dem da die Rede ist, schweigt.

NEUNZEHNTER GESANG

Ein Mann lag im Wasser auf einem Brett, auf einer hölzernen Tafel, auf einem Tisch, nein, es war eine Tür, an der er hing, auf und ab schaukelnd, und ab und zu schlug etwas Eisiges über ihm zusammen, doch ohne ihn zu verschlingen. Er sah nichts, niemand sah seine Augen, er lag da, klein, das kleine Gesicht gegen das Brett gepreßt, ausgestreckt, als hätte ihn eine größere Hand an die Tür genagelt. Wahrhaftig, nur Tote sehen so klein aus. Manche riefen ihm etwas zu aus einem Boot, das damals vorbeifuhr, doch er gab keine Antwort. Weil er tot ist, sagten einige, doch waren andere da, die wollten ihm helfen. Es war der alte Streit. An ihm vorüber ruderten sie, stritten, und kehrten um. Sie zogen ihn über Bord und machten die Knoten von Angeln und Klinke los, mit denen er sich selber gekreuzigt hatte. Es ist ein Kind! riefen manche und legten ihn auf den Rücken und rieben ihn an den Händen, aber es war ein Japaner. Er schlug die Augen auf und fing an zu sprechen in seiner Sprache, und nur wenig Minuten waren vergangen, da sprang er auf, streckte die Arme hoch, hüpfte, stampfte, wippte, ergriff die Riemen und ruderte bis zum Morgengrauen, Schlag um Schlag, ohne Unterlaß zwitschernd. Er war weder tot, noch der Messias, und niemand verstand, was er sagte.

Drahtnachrichten vom 15. April 1912

Der Krieg von Tripolis. Die Streitigkeiten in der Sozialdemokratie. VII. Internationaler Tuberkulose-Kongreß. Chinesierung der Tibetaner. Streikvergehen in Dortmund. New York Geld auf 24 Stunden 3 3/8. New York Wechsel auf Berlin Sicht 95 1/8. London Leichtöl prompt 39/3. Paris. Der Freiballon Fantasque wurde nach einer Meldung der Luftschiffer vom Sturme erfaßt und ins Meer getrieben. Berlin. In der Begründung zur Heeresvorlage heißt es, der Übergang vom Friedens- in den Kriegszustand müsse erleichtert werden. In welchem Umfang die Bevölkerung zur Aufbringung der erhöhten Präsenzstärke herangezogen werden soll, darüber werden vergleichende Tabellen beigefugt. Welche strebsame Person will sich ohne Kapital selbständig machen und schnell vorwärts kommen? Kenntnisse nicht erforderlich. Telegraphische Dampfermeldungen. Angekommen Yorck in Neapel, Zielen in Bremerhaven, Königin Luise in Antwerpen, Bülow in Aden, König Albert in Genua, Prinzeß Alice in Colombo, Germanicus in Havana, Prinz Eitel Friedrich in Hamburg. Wir im warmen Bett bleiben unberührt, während draußen die erdgewurzelte Kreatur erbebt, wenn heimtückisch der nächtliche Aprilfrost mit seinen scharfen Mordwaffen die zarten Gewebe zu früh erblühter Knospen tötet. Von Robert Schwerdtfeger (München). Berlin. Gouverneur von Togo wird, wie wir von zuverlässiger kolonialer Seite hören, endgültig Herzog Friedrich von Mecklenburg. Dr. Schnee soll den Freiherrn v. Rechenberg in Deutsch-Ostafrika ersetzen.

Theater. Augsburg (St.) Keusche Susanna. Basel (St.) Stützen der Gesellschaft. Bremen (St.) Walzertraum. Düsseldorf (Sch.) Nora. Frankfurt (O.) Flotte Bursche. Freiburg (St.) Schokolademädchen. Köln (D.) Europa lacht. Berlin. Bei Eröffnung war die Haltung der Börse fest. Beachtet wurden die Nachrichten aus New York und vom oberschlesischen Stab- und Walzeisenmarkt. München. Zwischen Bayern und dem Reiche bestehen zur Zeit korrekte Beziehungen. Paris. Die Vertreter des Sechsmächte-Konsortiums haben die der chinesischen Regierung gewährten monatlichen Vorschüsse eingestellt. Wiesbaden. Der Streik der Spengler und Installateure ist heute nach vierzehntägiger Dauer beendet worden. Den Gehilfen wurde eine Lohnerhöhung von 3 Pfg. pro Stunde zugestanden. Wetterdienst des Physikalischen Vereins Frankfurt a. M. Über Mitteleuropa hat sich ein ausgedehntes Hochdruckgebiet etabliert, so daß auch für morgen ziemlich heitere Witterung und weiter steigende Temperaturen zu erwarten sind. Deutsche Bank 255.50, Daimler Motoren 244.-, Siemens & Halske 241.90, Allg. Elektrizität 262.-, Höchster Farbw. 575.- Frische rote Wangen bekommen Bleichsüchtige, die regelmäßig Patermanns Bade-Würfel benützen. Frankfurt. Der deutsche Handelssachverständige in Kalkutta lenkt die Aufmerksamkeit auf die Absatzmöglichkeiten für Automobile in Britisch-Indien. New York. Heute morgen wird durch eine Reuter-Meldung bestätigt, daß alle Passagiere der Titanic bei ruhiger See die Rettungsboote aufgesucht haben.

ZWANZIGSTER GESANG

Am achten Mai, war das ein Ding, als die Titanic unterging. Es war ein Heizer, der hieß Shine, er heizte den großen Kessel ein. Er aß grad einen Teller Erbsen mit Speck, da schwamm ihm auf einmal der Teller weg. Käpten, sagt er, ich esse Erbsen mit Speck, und auf einmal schwimmt mir der Teller weg. Der Käpten sagte: Du hast wohl Angst? Bedenke, Shine, was du mir verdankst! Shine, du setzt dich auf deinen schwarzen Arsch, und ich setze meine Pumpen in Marsch. Shine geht wieder runter und sieht den Rauch, und das Wasser steigt ihm bis an den Bauch. Käpten, sagt er, ich sehe den Rauch, und das Wasser steigt mir bis an den Bauch. Der Käpten sagte: Du hast wohl Angst? Bedenke, Shine, was du mir verdankst! Shine, du setzt dich auf deinen schwarzen Arsch, und ich setze meine Pumpen in Marsch. Shine geht wieder runter und legt sich hin, doch das Wasser steht ihm schon bis zum Kinn. Käpten, sagt er, ich lege mich hin, doch das Wasser steht mir schon bis zum Kinn. Der Käpten sagte: Du hast wohl Angst? Bedenke, Shine, was du mir verdankst! Shine, du setzt dich auf deinen schwarzen Arsch, und ich setze meine Pumpen in Marsch.

Käpten, sagt Shine, du hast immer recht, aber diesmal wird mit dem Leben geblecht! Shine zieht sein Hemd aus und sagt kein Wort, zieht sein Hemd aus und springt über Bord. Der Käpten ruft: Shine, laß mich nicht im Stich! Hier sind hundertsechzig Dollar für dich. Zieh dein Hemd aus, Käpten, sagte Shine, und springe zu den Haifischen rein! Des Käptens Tochter auf dem Deck wirft ihren Büstenhalter weg. Shine, lieber Shine, ruft sie ebenfalls, Händchen auf der Schrippe, Höschen um den Hals. Shine, lieber Shine, laß mich nicht im Stich! Meine weiße Schrippe, die ist ganz für dich. Shine sagt: Danke bestens, habe keine Zeit, muß leider nach Hause, nach Hause ist es weit. Shine schwimmt weiter, schwimmt wie ein Aal, trifft unterwegs einen riesigen Wal. Der Wal sagt: Shine, du schwimmst ja ganz munter, doch wenn ich dich kriege, schluck ich dich runter. Shine sagt: Meinetwegen, wenn du mich erwischt, und im Handumdrehen war er abgezischt. Es schlug in Washington wie eine Bombe ein, die Titanic soll abgesoffen sein. Shine saß an der Ecke, hörte den Radau, schmiß noch eine Runde, war schon ziemlich blau.

Nach Deep down in the Jungte. Negro Narrative Folklore from the Streets of Philadelphia. Herausgegeben von Roger D. Abrahams. Chicago 1970.

EINUNDZWANZIGSTER GESANG

Hinterher natürlich hatten alle es kommen sehen, nur wir nicht, die Toten. Hinterher wimmelte es von Fingerzeigen, Verfilmungen und Gerüchten. Hunderennen, hieß es, nun auf einmal, wären, gegen jegliche Sitte, veranstaltet worden, auf dem C-Deck; eiserne Hasen, bunt bemalt und durch eine sinnreiche Vorrichtung fortbewegt, hätten dort schwarz-weiß gescheckte Windhunde verbotenerweise auf Trab gebracht; auch hätte mancher minderbemittelte Fahrgast bei diesem öden Sport seine letzten Guineen verspielt; ganz zu schweigen von der geborstenen Schiffsglocke, von dem Bordeaux beim Stapellauf, Château Larose achtundachtzig, er war in der Flasche verfault, von dem rätselhaften Gebaren der Ratten in Queenstown, dem letzten Hafen, und dem vertuschten Amoklauf in der Schiffskapelle. Jeder Zufall ist ominös, jedes Laster ist unaussprechlich. Nur: Was konnten wir dafür? Was wußten wir davon, von den ausgepeitschten Herzoginnen unter dem Kartentisch, von den verdorbenen Schiffsjungen, von den Hilferufen minderjähriger Mädchen aus dem Entlüftungsschacht und von den Hermaphroditen, die im Türkischen Bad ihre Öffnungen zeigten? Ja, jetzt, wo es zu spat ist! Jetzt wollen sie alle die Orgel gehört haben, die, von keiner sterblichen Hand berührt, nächtelang unheilige Gassenhauer spielte, uns allen zur letzten Warnung. Leicht gesagt: Göttliche Nemesis! Die vorletzten Worte eines beleibten Herrn

zum Beispiel, einem beleibten Herrn gegenüber kurz nach dem Auslaufen ahnungslos ausgesprochen:

Nicht einmal Gottvater wäre imstande, diesen Kahn zu versenken - wir haben sie nicht gehört. Wir sind tot. Wir wußten von nichts.

Nur die Ruhe

Zuweilen, wenn auch nicht oft, sieht man im Schnee, bei winterlichen Hasenjagden, oder, kurz vor Ostern, durch das halb geöffnete Schlafwagenfenster, während es hell wird draußen, auf Scheunendächern, Kohlenhalden, Bismarcktürmen im Mischwald, kleine Schwärme von schwarz gekleideten Leuten, angeführt von einem Propheten, die Nickelbrille auf den geblähten Nüstern, unbeweglich verharren in Erwartung des Weltunterganges. Während wir andern, beschäftigt mit unsern wichtigen Kinkerlitzchen, die Sintflut im fernsten Perfekt vermuten, oder wir halten sie gar für eine ehrwürdige Ente, wissen jene, im Hochsitz lauernd, auf die Minute genau, Wann. Rechtzeitig haben sie ihre Fernseher abgemeldet, den Kühlschrank ausgeräumt, damit nichts verdirbt, und ihre Seele gerüstet. Erschütternd dünn wehn uns ihre Stimmchen ins Ohr über die bereinigte Flur, den Ruhrschnellweg, den kühlen, baureifen Wiesengrund:

Näher, mein Gott, zu Dir. Auf die Dauer freilich wird es kaum zu vermeiden sein, daß der eine oder der andere auf die Uhr blickt und stutzt; daß dem Propheten der mahnend erhobene Arm lahmt; und daß, während es aufklart, der D-Zug vorbeirappelt, die Halden schrumpfen, der Schnee schmilzt und die Hasen in die Bratröhre wandern, einer nach dem andern sich, unter dem höhnischen Beifall der Mitwelt, wieder abseilen wird in den niederen Alltag, das Gehaltkonto neu eröffnen, eine Gießkanne kaufen,

sich gefaßt machen auf den unvermeidlichen Urlaub. Angesichts der Allgemeinen Geschäftsbedingungen und der schmutzigen Wäsche muß sogar der Prophet gewisse Zugeständnisse machen, aber hart bleibt er in der Sache. Mit dünner doch fester Stimme sagt er sich:

Das sind alles Äußerlichkeiten. Nur Geduld! Ein paar Wochen oder Jahrhunderte hin oder her, was verschlägt das schon im Vergleich mit der Ewigkeit. Was ihn betrifft, er wird, wenn es einst soweit ist, keineswegs überrascht sein. Von jeher schließlich hat er sich auf den Standpunkt gestellt: So kann es nicht weitergehen! Recht werde uns geschehen! Selber schuld! Hätten wir nur beizeiten auf ihn gehört! Und also fühlt er auf seinem Scheunendach, unverzagt krähend, daß der Weltuntergang immer aufs neue, und wäre er noch so unpünktlich, mundet wie Manna, daß er eine Art von Beruhigung ist, ein süßer Trost bei trüber Aussicht, bei Haarausfall, und bei nassen Füßen.

ZWEIUNDZWANZIGSTER GESANG

Weit draußen im Golf, in der samtigen Dunkelheit, sah ich die Scheinwerfer eines Zerstörers spielen. Es schneite in meinem Kopf. Das alte Habana atmete schwer und ging ohne Scham vor die Hunde. Die Nächte waren sehr weich. Damals lief ich in die Vorstadtkinos, in die Posadas, in die Gangstercafes mit ihren leeren Theken. Hinter der Friedhofsmauer im dürren Gebüsch raschelten Paare. Ein guter Genösse war ich nicht. Statt über den Zucker zu schreiben, über den Sozialismus auf einer Insel, fischte ich tote Überlebende und tote Tote, unparteiisch und ein halbes Jahrhundert zu spät aus dem schwarzen Wasser. Ich sah ihnen in die Augen und erkannte sie alle wieder: Gordon Pym, den wortlosen Heizer Jerome, Miß Taussig, Guggenheim (Kupfer und Zinn), Engels (Textil), Ilmari Alhomaki, Dante – ich fror, ich fürchtete mich, doch ich erkannte sie, an ihren Fingernägeln, ihren Geheimnissen, Hüten, Begierden –, ich unterschied ihre Angstschreie in der tropischen Nacht, ich sah im Mondlicht was sie mit klammer Faust festhielten: Rosen aus Wachspapier, gußeiserne Schlüssel, ein leeres Blatt. Mit dem Rücken zur Zukunft las ich Grundrisse und Statistiken, und überall las ich dasselbe: Wir sitzen alle in einem Boot, doch: Wer arm ist, geht schneller unter.

 

1. Klasse

2. Klasse

Zwischen-

Besatzung

Insgesamt

 

deck

Eingeschifft

325

285

1316

885

2201

Gerettet

203

118

499

212

711

Verloren

122

167

817

673

1490

Das kleine Geräusch, mit dem alles anfing, war nicht schwer zu beschreiben. Doch wie es weiterging, wußte ich nicht. Unmerklich versank Berlin im Schnee, in der Isolation. Sanft lag das Meer vor dem Malecôn da, ölig und nirgends.

Erkenntnistheoretisches Modell

Hier hast du eine große Schachtel mit der Aufschrift Schachtel. Wenn du sie öffnest, findest du darin eine Schachtel mit der Aufschrift Schachtel aus einer Schachtel mit der Aufschrift Schachtel. Wenn du sie öffnest – ich meine jetzt diese Schachtel, nicht jene –, findest du darin eine Schachtel mit der Aufschrift Und so weiter, und wenn du so weiter machst, findest du nach unendlichen Mühen eine unendlich kleine Schachtel mit einer Aufschrift so winzig,

daß sie dir gleichsam vor den Augen verdunstet. Es ist eine Schachtel, die nur in deiner Einbildung existiert. Eine vollkommen leere Schachtel.

DREIUNDZWANZIGSTER GESANG

Widersprüche! schrie er, Versionen! Zweifel! Zum Beispiel die Zahl der Toten: 1635? 1715? 1490? Er hatte sich vorgedrängt, er hatte das Mikrophon an sich gerissen, er hatte gefragt: Woran aber, wertes Publikum, Damen und Herren, woran sollen wir uns halten? Er war ein Dichter, er war muskulös, er stieß die andern beiseite, die ebenfalls Dichter waren, mehr oder weniger, und er rief: O Empirie! Ich werde verrückt! O ewiger Streit der Experten! Wehe den Sachverständigen! Ach! Bibliographen, wie ihr mich jammert! Auch ihr werdet untergehen, doch nie wird einer euch wert halten ernstlicher Nachforschung, so ohne Ruhm versinkt ihr, Amen! – Nichts da! heulte ein anderer aus der Meute. Glaubt mir, schrie er und zupfte dem ersten am Kabel, bis der das Mikrophon fahren ließ, sie alle glaubten nur das, was in der Zeitung stand am anderen Tag, sogar die Zeugen, die Opfer trauten nicht ihren eigenen Sinnen, und auch wir sagen uns: So wie im Kino muß es gewesen sein. Nun besetzten ein paar sehr kräftige Dichter die Bühne im Kollektiv, eingehakt, Arm in Arm, die Ellbogen auswärts gewinkelt, – Willkommen also, Gerüchte, Legenden, Lügen auch! sangen sie im Chor, je wüster je besser, her damit! Ruhe im Saal! Beifall,

gefälligst, für Edward J. Smith, unsern Käpten, weißbärtig, achtunddreißig Jahre im Dienst, wie er, aller drahtlosen Warnungen ungeachtet, volle Fahrt voraus hält, direkt auf den Eisberg zu, bestochen von gierigen Reedern, um in Rekordzeit anzukommen, und jetzt: Be British! brüllt er, bevor er sich den Revolverlauf in den Mund steckt! Bravo! Was ist ein Dichter wert, der nicht schluckt die salzige Brühe, der das Kondenswasser nicht von der eisernen Wand leckt, dem nicht durch Mark und Bein der klamme Schweiß, die nieselnde historische Nässe geht? Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ruhe im Saal! Tusch! Für die Gräfin Rothes im Nachthemd Tusch! Für die Hexe, die Suffragette, die zügellose Tribade, wie sie im Rettungsboot, das sie in ihre Gewalt gebracht hat, Tusch! die Weiberherrschaft verkündet! Tusch für die Offiziere, die, sinnlos betrunken, die Gangway hinuntertorkeln und auf den Mob ihre Pistolen leerfeuern, der aus dem Zwischendeck hochquillt: Ithaker, Juden, Kameltreiber und Polacken! Alles hört auf mein Kommando! Eine Rotte von Heizern, schwarz im Gesicht, wird zurückgetrieben in den Maschinenraum, in dem längst das Wasser tintig schwappt, während, keine vier Meilen entfernt, auf seinem Seelenverkäufer, Captain Lord, bei stillgelegten Maschinen, lässig gelehnt an die Reling, den Funker in die Kajüte schickt, um sich an den Notsignalen zu weiden, ungestört, und an den Todesschreien. Tusch! Meine Lieben,

es gibt immer jemanden, der einfach zusieht, mit dem berühmten Zucken um die Mundwinkel, jemanden, der nicht handelt, der sich sein Teil denkt. Die Dichter tobten, forderten, gaben zu:

eine Horde, die nicht mehr zu halten war. Haltet ihn, riefen sie, haltet den Millionär, der, als Frau verkleidet, auf dem Kopf einen riesigen Turban, verschleiert auf das letzte Rettungsboot schlüpft, bevor das Schiff in tausend Trümmer zerbirst.

Näher, mein Gott, zu wem, spielt die Kapelle,

nein, Ragtime spielt sie, »Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette«, nein,

Herr des Mitleids und der Gnade, nichts

dergleichen spielte sie, es gab keine Band, es war nichts zu hören, es fiel kein Wort, es war niemand da, um auch nur einen Tusch, einen Tusch zu spielen, meine Damen und Herren, für Sie, für die Dichter, für uns.

Erkennungsdienstliche Behandlung

Das ist nicht Dante. Das ist eine Photographie von Dante. Das ist ein Film, in dem ein Schauspieler auftritt, der vorgibt, Dante zu sein. Das ist ein Film, in dem Dante Dante spielt. Das ist ein Mann, der von Dante träumt. Das ist ein Mann, der Dante heißt, aber nicht Dante ist. Das ist ein Mann, der Dante nachäfft. Das ist ein Mann, der sich für Dante ausgibt. Das ist ein Mann, der träumt, er sei Dante. Das ist ein Mann, der Dante zum Verwechseln ähnlich sieht. Das ist eine Wachsfigur von Dante. Das ist ein Wechselbalg, ein Zwilling, ein Doppelgänger. Das ist ein Mann, der sich für Dante hält. Das ist ein Mann, den alle, außer Dante, für Dante halten. Das ist ein Mann, den alle für Dante halten, nur er selber glaubt nicht daran. Das ist ein Mann, den niemand für Dante hält außer Dante. Das ist Dante.

VIERUNDZWANZIGSTER GESANG

Am zweiten Tag der Reise fand die Wache frühmorgens auf dem Promenadendeck Zelte. Was sind das für Zelte? Wer hat sie aufgeschlagen? Wo kommen diese Leute her? Gesichter von hellem Oliv, von dunklem Ocker, manche behaupten sogar, sie waren barbarisch bemalt. Matrosen mit Enterbeilen vertrieben sie eilends, doch über Nacht kamen sie wieder und wurden mehr. Hammelgeruch drang aus den Luken, weißer Qualm zeugte von Holzkohlenfeuern, überall Asche, Weiber mit golden gewendelten Armreifen tauchten auf, in bunten Flicken, mit Spiegelchen auf der Brust, nackte Kinder turnten über Treppengeländer, Brustwehren, Barrieren, Greise in weiten Hosen, mit großen Turbanen angetan, saßen schweigsam um Wasserpfeifen geschart, hinter der Funkstation, Säbel trugen sie, oder vielmehr silberne Dolche und krumme Messer. Auf dem Sonnendeck sah man, zwischen den Booten, verschleierte Damen wandeln, ganz in Weiß, und Herren im Burnus. Auf einmal waren auch Zimbeln zu hören. Was sagen Sie da? Ja, Zimbeln! Mitten auf dem Atlantischen Ozean, unfern der großen Neufundlandbänke schallten die Zimbeln.

Der Zahlmeister hatte für diese Erscheinungen nicht die geringste Erklärung. Ich aber, ich, rief Salomon P., der Salonmaler, ich kenne sie! Ich erkenne sie wieder! Nomaden sind es, sie kommen aus meinem Gemälde im Palmensaal,

die Bilder sind übergelaufen. Ich trinke zuviel, sehen Sie, meine Hand zittert. Doch die Nomaden rufen mir nach: Mein Bild, das bin ich! – Nie wieder werde ich malen. Drehen Sie sich nicht um, meine Damen und Herren. Ich fürchte mich vor ihren Messern. Ja, sagte John Jacob Astor, ich sehe sie auch. Dann schwärmten sie über das ganze Schiff aus. Fackeln entzündeten sie. Man hörte unverständliche Schreie. Sie hatten Kamele dabei, deren schwankende Schatten den Messingglanz der Beschläge verdunkelten. Plötzlich, am Morgen des vierzehnten April, waren sie alle verschwunden. Sie hinterließen nur einen wüstenhaften Geruch und den Mist ihrer Tiere.

Der Raub der Suleika. Niederländisch, Ende 19. Jahrhundert

Klein, grau und krumm steht er, das Glas in der Hand, kurz vor Ostern, ans Eisengeländer gelehnt, mit dem Rücken zur Straße, als wär sie ein Meer, vor seinem Haus in der Prinsengracht – über die Treppe, die klein, grau und krumm ist, weht eine Fahne von altem Genever hin, denn mehr, als seiner Hand guttut, trinkt er –, und trinkend, indem er Witze reißt über das Altern und an ihr vorbeiblickt, erzählt einer blutjungen Muselmanin, deren Augen, halb verschleiert, er braucht, Salomon Pollock von seinem Bild, das er nie, auch betrunken nicht, aus den Augen verliert.

Zur Linken, sagt er, siehst du den Raub der Suleika. Hier, hinter der hohen Mauer, im Garten, unter Mimosenbäumen und Palmen, am Brunnen, wo riesige Lilien – unbegreiflich, wie hoch diese Blumen gewachsen sind! – ihren Duft verströmen, unschuldig, weiß, betäubend, lasziv; hier liegt, meine Schöne, die Tochter des Sultans, geschmückt mit den Attributen der Pracht und der Wollust, Perlen und Datteln. Die dunkle Hand eines Verschnittenen fächelt ihr Luft zu. Bis er endlich aus dem Schatten der Pflanzen tritt, der staubige Lastträger, und sich zu erkennen gibt als Prinz

durch seinen Talisman aus lauchgrünem Jaspis und den gezähmten Falken, der ihn begleitet.

Glaub mir, es gibt keine alten Meister. Ich weiß es. Dreißig Jahre lang war ich einer von denen, die alles können:

halb Alchimist und halb Schreiner, unter den Restauratoren der beste. Säuberlich und penibel hab ich den Leuten, mit Hilfe von Harz, Wachs und Spucke, verlorene Paradiese »geschildert«, Jungfrauen, Schiffbrüche, Jüngste Gerichte, persisch, flämisch und florentinisch wiederhergestellt, was nie existierte, mit Spatel, Lanzette und Schwamm:

ein treuer Fälscher, dessen täglich Brot die Vergangenheit war, eine bessere gibt es nicht. Sie ist mein Werk, mein Augapfel, ausgestellt im Rijksmuseum, ein Schwindel, sublim und rührend, ein Weltwunder, eine heilige Pfuscherei.

Dann, in der Mitte, das Fest bei den Beduinen. Es glitzert von Lanzen und Flinten nachts, in der Wüste, vom grellen Flitter der Tänzerinnen, vom klirrenden Gold ihrer Ohrringe, und von den Zimbeln, den dröhnenden Zimbeln und Trommeln. Der Reiter da auf dem Apfelschimmel, im Fackellicht, das ist des Emirs Sohn. In seinem Arm die Frau, halb verhüllt von Zinkweiß geschummertem Musselin,

das ist die Geraubte. Ihre Zähne, so heißt es, schimmern wie Hagelkörner, wie Karneole sind ihre Lippen, sie duftet nach Narde, nach Ambra, Aloe, Zimt. So heißt es. Die Pferde wiehern. Unter den Schreien der Krieger wird Hochzeit gehalten.

Mit verbundenen Augen konnte ich sehen, am Holz der Rahmen, am Firnis tastend, kratzend an brüchiger Leinwand mit meinen Röntgenfingern: unfehlbar war ich. Wenn man es dir zu guter Letzt zeigt, das Bild, verjüngt und gereinigt, dies glänzende Flickwerk – nach Abrieb, Kittung, Retouche, mein Engel, alles von meiner Hand –, dann findest du in der Ecke, ausgespart, ein kleines Karree, auf dem der Schmutz der Jahrhunderte zu bewundern ist, die Verworrenheit, die Reue der Nachwelt, die unvollkommen ist und keine Erlösung kennt. In dieses dunkle Überbleibsel, das mich und meine Manöver verrät, hab ich mich oft versenkt.

Und schließlich die Rache, rechts. Sieh die langen Schatten der Reiter im Morgenlicht, vor den Zinnen der Stadt, das Gezelt des Großveziers, verziert mit Pailletten, die in der Sonne blinken. Sieh die Geier hoch in der dünnen Luft, im Dickicht die Moschusratten und am Wege, wiederkäuend, die gleichmütigen Kamele.

Sieh im schwarzen Turban den Henker, wie er das Schwert in die Scheide steckt, und auf dem hölzernen Pfahl dort den abgeschlagenen Kopf! Siehst du ihn nicht? Siehst du den Sultan in seiner Sänfte? Siehst du nicht, wie zerstreut er ist, wie er lächelt, wie er es ahnungslos aufschlägt, das vergiftete Buch?

So beschloß ich, anstatt mit verstellter Hand, »selber« zu malen. Weißt du, was das bedeutet? Manchmal weiß ich es »selber« nicht. Das, was ich male, ist schlecht. Meine Hand zittert. Es ist nicht der Branntwein. Es ist nicht der Ruhm. Es ist die Geschichte mit ihren endlosen Finten und Künsten. Ein ewiges Hin und Her:

Sie erfindet mich, ich erfinde sie. Ja, ich, Salomon Pollock, der die Wände ziert mit einem aus der Luft gegriffenen Orient. Ein Salonmaler. Ja, meine Odaliske, du merkst es wohl, wie beredt ich bin mit meinen Lügen. Die Wahrheit, das dunkle Fenster dort in der Ecke, die Wahrheit ist stumm.

FÜNFUNDZWANZIGSTER GESANG

Das letzte Boot, Nummer C, Typ Engelhardt, steuerbords zu Wasser gelassen, genaue Uhrzeit: ein Uhr und siebenundvierzig, sechs Mann Besatzung.

Steuermannsmaat G. T. Rowe führt das Kommando, ferner Pantryman Pearce, Weikman, Friseur, und drei Heizer. Passagiere:

Gordon Pym, von Beruf Gespenst, J. B. Ismay, Esq., K. B. E., F. R. G. S., Reeder des Dampfschiffs Titanic, Präsident der White Star Line of America, Inc., Feigling, Augen wie gläserne Murmeln, Brillantine im Haar. Der Rest Frauen und Kinder. Insassen insgesamt: 35, besondere Vorkommnisse: keine.

Erst, als es heller wurde, als ringsum die Eisberge auftauchten aus der Dämmerung, rosafarben, erst, als man glaubte, im Angesicht der sicheren Rettung, »das Sonnenfeuer sich in den Fenstern von hundert Palästen spiegeln zu sehn«, –

erwachte unter den Füßen der Fünfunddreißig, auf dem feuchten Boden des Bootes, ein Bündel aus schlaffem Zeug, regte sich etwas im schmutzigen Segeltuch, etwas Nasses, Lumpiges, wurde lebendig und sprach. Fünf Chinesen waren es, fünf unbekannte Chinesen.

Und bis heute weiß niemand, wie sie, ohne Namen, ohne Geld, ohne Papiere, ohne ein einziges Wort Englisch zu sprechen, an Bord der Titanic gekommen waren, wann und wie sie das Boot bestiegen hatten, und was aus ihnen geworden ist.

Forschungsgemeinschaft

O Propheten mit dem Rücken zum Meer,

mit dem Rücken zur Gegenwart, o seelenruhig

in

die Zukunft blickende Zauberkünstler,

o

immerfort an die Reling gelehnte Schamanen –

einmal ein Taschenbuch durchgeblättert,

das genügt, um euch zu begreifen!

Aus Knochen lesen, aus Sternen, aus Scherben, zum Wohle der Allgemeinheit, aus Eingeweiden, was gewesen ist und was bevorsteht –

o Wissenschaft! Gebenedeit seist du,

gebenedeit deine kleinen Lichtblicke, halb Bluff halb Statistik: Todesarten, Geldmengenziele, wachsende Entropie

Weiter so! Diese schwefelgelben Erleuchtungen sind besser als nichts, sie unterhalten uns an dunstigen Sommerabenden:

Papierbahnen frisch vom Computer, Stichproben, Ausgrabungen, Tips nach der Delphi-Methode - bravo!

Gebenedeit sei das Vorläufige! Vorläufig ist noch genug frisches Wasser da, vorläufig atmet und lauscht die Haut, deine Haut, meine, – sogar die eure, ihr holzigen Medizinmänner, atmet noch, ungeachtet der Bleibeverhandlungen,

der Fußnoten und des Stellenkegels – vorläufig ist das Ende (»eine unaufhörliche, feinverteilte Naturkatastrophe«) noch nicht endgültig — das ist angenehm!

Also am Wochenende, liebe Mitwisser, – vor Neufundland vereinzelt Eisberge, über Mitteleuropa Sommergewitter, schweflig am dunstigen Horizont – nichts wie raus aus den Instituten! Ein bißchen Leben am Wochenende, was immer das heißen mag, vorläufig natürlich nur, und ohne prognostischen Wert.

O ihr ewig nach Erkenntnissen Dürstenden, ihr dauert mich, wie ihr dann auf der Datscha, im irischen Bauernhaus, auf Korčula, mit dem Rücken zum Meer, seelenruhig euer Gehirn ausklinkt – daß euch allerdings beim Ping-Pong die Fackel nicht ausgehe! Nur so weiter! Ich segne euch.

SECHSUNDZWANZIGSTER GESANG

178. Außen. Offenes Meer.

Szenische Nachbildung des berühmten Gemäldes von Scott, aus der Londoner Akademie (Modell). Weite, blaue Wasserfläche. Super-Totale. Ein Halbkreis von Eisbergen in allen möglichen Farben, dahinter strahlender Sonnenaufgang. Musik. Totale. Das Meer, von einem Eisberg aus. Rückprojektion. In der Entfernung wird eine kleine Flotte von Rettungsbooten sichtbar (Modelle). Langsame Zufahrt. Sprecher (off):

Der fünfzehnte April 1912 war ein herrlicher Frühlingstag. Schnitt. Halbtotale. Ein Rettungsboot. Kamera in Wasserhöhe. Schwenk nach oben. Sprecher (off):

Die ersten Möwen von den Neufundlandbänken! Boten der Rettung, des Lebens! Musik schwillt an (Geigen).

Abblende. Auf der dunkler werdenden Leinwand erscheint das Wort

ENDE

SIEBENUNDZWANZIGSTER GESANG

»In Wirklichkeit ist nichts geschehen.« Der Untergang der Titanic hat nicht stattgefunden:

es war nur ein Film, ein Omen, eine Halluzination. »In Wirklichkeit« wird nach wie vor Whist gespielt, und wenn nicht Whist, dann Backgammon; im Rauchsalon die Zigarrenkisten, Handarbeit, Made in Cuba, sind immer noch überstrahlt von Goldmedaillen; über dem Eingang zum Großen Foyer schweben für und für Frieden und Fortschritt, hartleibig und allegorisch, in Bronze; die Reichen sind Reiche geblieben, und Comandantes die Comandantes; im Türkischen Bad waltet Mrs Maud Slocombe ihres schweren Amtes, die erste Schiffsmasseuse der Welt, nicht totzukriegen; überall Lüster, Palmen, Spiegel und Samtvorhänge, Luih Kängs, Luih Katorß, bis einem schlecht wird. Natürlich das Personal hat heute 13. Monatsgehalt und Farbfernsehn in der Kabine; der Steward ist Türke; die Nurse hat ein Psychologie-Diplom; aber sonst? Die Speisekarten sind immer noch viel zu lang; neu ist höchstens, auf dem F-Deck, die finnische Sauna, wo das ZK schwitzt und Süßstoff statt Zucker nimmt in den Tee. Die Glaziologen haben einen Mikro-Computer mitgebracht, der, unter Plexiglas, während des großen Kolloquiums über Klimaforschung, Eisberg-Simulationen ausdruckt für die nächsten zweihundertfünfzig Jahre. Die Boutiquen machen, wie üblich, ein Bombengeschäft mit Titanic-Aschbechern und Titanic-T-Shirts; im Kino läuft A Night to Remember; das Happy End

ist eine liebe Gewohnheit, wie die Banküberfälle, wie die Podiumsdiskussionen über die Rentenanpassung und über den Sozialismus auf einem Dampfer. Ab und zu gibt es die pünktlich befolgten Punktstreiks; dann lassen die Kellner den Sektkühler sinken, und der Pianist hält inne mitten in der Fantasia c-moll. Dann stutzen auch die Gangster und die Verleger; die Salonmaler ärgern sich; die Militärattaches wollen plötzlich zahlen; alles lacht, alles freut sich. »So«, denkt die kluge Hure, »so wird die Welt untergehn, unter dem Jubel ihrer witzigsten Köpfe, die da meinen, es wäre ein Witz.« – Auch Dichter sind immer noch da! Im Cafe Astor sitzen sie, bei Selbstbedienung, leicht zu erkennen an ihrem seekranken Blick; aus Plastikbechern schlürfen sie ihre Cola mit Schuß und gedenken, wie sich’s gehört, der Gastarbeiter, der Eskimos und der Palästinenser im Zwischendeck. Es nickt der falsche Dichter dem Zwischendichter, der Zwischendichter dem wirklichen Dichter zu. Dann sucht ein jeder seine Kajüte auf, ein jeder setzt sich auf seinen trockenen Stuhl und schreibt, als wäre nichts geschehen, auf das trockene Blatt:

»In Wirklichkeit ist nichts geschehen.«

Fachschaft Philosophie

Daß wir gescheit sind, ist wahr. Aber weit entfernt, die Welt zu verändern, ziehen wir auf dem Podium Kaninchen aus unserm Gehirn, Kaninchen und Tauben, Schwärme von schneeweißen Tauben, die unverwandt auf die Bücher kacken. Daß Vernunft Vernunft ist und nicht Vernunft, um das zu kapieren, braucht man nicht Hegel zu sein, dazu genügt ein Blick in den Taschenspiegel. Er zeigt uns in wallenden blauen Mäntelchen, bestickt mit silbernen Sternen, und auf dem Kopf einen spitzen Hut. Im Keller versammeln wir uns, wo die Karteileichen liegen, zum Hegelkongreß, packen unsre Kristallkugeln und Horoskope aus und machen uns an die Arbeit. Gutachten schwenken wir, Pendel, Forschungsberichte, wir lassen die Tische rücken, wir fragen:

Wie wirklich ist das, was wirklich ist? Schadenfroh lächelt Hegel. Wir malen ihm einen Schnurrbart an. Schon sieht er wie Stalin aus. Der Kongreß tanzt. Weit und breit kein Vulkan. Unauffällig stehen die Posten Posten. In aller Ruhe wirft, Knüppel aus dem Sack, unser psychischer Apparat treffende Sätze aus, und wir sagen uns:

In jedem brutalen Bullen steckt doch ein verständnisvoller Helfer und Freund, in dem ein brutaler Bulle steckt. Simsalabim! Wie ein enormes Taschentuch entfalten wir die Theorie, während vor dem verbunkerten Seminar

bescheiden die Herren im Trenchcoat warten. Sie rauchen, machen kaum Gebrauch von der Dienstwaffe, und bewachen die Planstellen, die Papierblumen und den schneeweiß alles bedeckenden Taubendreck.

ACHTUNDZWANZIGSTER GESANG

Durch das Bullauge sehe ich, wie im sechsten Stock des Hotels, auf dem Kazan-Bahnhof die Asiaten mit ihren schwangeren Frauen, auf dem Bahnhof von Omsk, in Decken gewickelt, auf dem

Haydarpasa-

Bahnhof kampieren, wie der eisige Matsch an die Scheiben schlägt, ich höre die Schiffsglocke läuten, ganz Habana sehe ich funkeln unter mir in der Tropennacht, aus den Aufzügen drängeln Arbeitslose, immer mehr Arbeitslose im bläulichen Notlicht des Korridors, vor meinem tränenden, an das Glas des Spions gepreßten Auge verschwimmt der delirierende Norweger, er hat Schuhkrem gefressen, mit schwarzem Mund kauert er neben der Rudermaschine und lallt, und er löst sich vor meinen entzündeten Augen auf, so wie die Araber, die dort draußen, auf der Suche nach Frauen, unrasiert, ein Biwak aufschlagen und mit alten Zeitungen zündeln, im Qualm zerfließen, am Ende des langen, langen, abgewetzten, schmutzigen Kokosläufers, auf dem, umzingelt von Strichjungen und Hoteldetektiven, die letzten, versprengten Anführer irgendeiner weit entfernten Revolution ihr rohes Eselsfleisch mit bloßen Händen verzehren, ich huste,

der Rauch treibt mir die Tränen in beide Augen, ich schwanke, ich höre in meinem überschwemmten Kopf Musik, Musik, ich höre, wie ein irrer Geiger mit dem Kapitän telefoniert, Land, ruft er, Land in Sicht, das Ende der Welt, Eis in Sicht, Zucker, Schnee, Heroin, und ich, zitternd vor Müdigkeit und vor Nässe, stehe unter der Axt, unter dem Nachtlicht, unter dem Feuerwehrschlauch auf dem Flur des Hotels, sechs Stockwerke hoch über der Karibischen See und möchte wissen, wer diese Herren mit Orden, mit Bärten, mit Spritzen sind, diese Killer, die ihre Hüte durch die Tür auf mein Bett werfen, Einsamkeit, psalmodiere ich, Einsamkeit, Schmutz und Einsamkeit, der Maschinentelegraph klingelt ununterbrochen, ich huste, alle diese Zerfließenden, diese Nomaden, diese Betrunkenen, diese vor mir, mit mir, nach mir Versinkenden telefonieren miteinander in meinem Sechsundvierzigtausend-Bruttoregister-Tonnen-Kopf.

NEUNUNDZWANZIGSTER GESANG

Um aber auf das Ende zurückzukommen:

Damals glaubten wir noch daran (wer: »wir«?) – als gäbe es etwas, das ganz und gar unterginge, spurlos verschwände, schattenlos, abschaffbar wäre ein für allemal, ohne, wie üblich, Reste zu hinterlassen (die sattsam bekannten »Überreste der Vergangenheit«) –

Auch eine Spielart der Zuversicht! Wir glaubten noch an ein Ende, damals (wann: »damals«? 1912? 18? 45? 68?), und das heißt: an einen Anfang. Aber inzwischen wissen wir:

Das Dinner geht weiter.

Roast Turkey, Cranberry Sauce Boiled Rice Prime Roast Beef Baked Potatoes with Cream Watercress Salad

Champagne Jelly

Cocoanut Sandwich

Viennese Ice Cake Assorted Nuts Fresh Fruit Cheese Biscuits Coffee

Also auch die achthundert Kisten geschälter Walnüsse, die fünf Konzertflügel, die dreißig Gebinde Golf- und Tennisschläger für Mr Spaulding, zuletzt gesichtet bei 42 Grad 3 Minuten Nord, 49 Grad 9 Minuten West, sind nicht für alle Zeiten verloren:

Hier, vor unseren Augen, tauchen sie wieder auf (wo: »hier«?), mit 65 Jahren Verspätung –

Flaschenposten und kein Ende des Endes! Herzliche Grüße, hingekritzelt vor dem Ertrinken auf eine Pappschachtel, aus dem Meer gefischte Menüs, Ansichtskarten in verwaschener Tinte, aufgeweicht vom Wein, von den Tränen, vom Ozean, Lebenszeichen, schwer zu entziffern, schwer loszuwerden

Ganz zu schweigen von den Abschlußberichten der zuständigen Kommissionen, von Gutachten Streitschriften Memoiren, und von den Protokollen der Seeamts-Verhandlung, fiinfundzwanzigtausend Seiten, die niemand gelesen hat –

Reliquien, Souvenirs für die Katastrophen-Fans, Futter für Sammler, die auf Auktionen lauern und auf Dachböden schnüffeln. Die Speisekarte von damals erscheint als Faksimile-Druck, jeden Monat neu kommt der Titanic Commutator, das offizielle Mitteilungsblatt der Gesellschaft zur Erforschung des Untergangs –

Pläne zur Hebung des Wracks mit Hilfe von Tauchern, mit Hilfe von Gasballons, mit Hilfe von U-Booten, Original- Titanic-Modellbaukasten, Kunststoff, abwaschbar, ein Meter Länge, Copyright Entex Industries, Inc., $ 29.80 portofrei gegen Vorkasse von Edward Kamuda, 285 Oak Street Indian Orchard, Massachusetts, bei Nichtgefallen Ihr Geld zurück –

Zwar die Abbildung eines Rettungsboots rettet keinen, der Unterschied zwischen einer Schwimmweste und dem Wort Schwimmweste ist wie der Unterschied zwischen Leben und Tod:

Aber das Dinner geht weiter, der Text geht weiter, die Möwen folgen dem Schiff bis zum Ende. Hören wir endlich auf, mit dem Ende zu rechnen! Wer glaubt schon daran, daß er dran glauben muß?

Etwas bleibt immer zurück – Flaschen, Planken, Deckstühle, Krücken, zersplitterte Masten:

Es ist das Treibholz, was da zurückbleibt, ein Strudel von Wörtern. Gesänge, Lügen, Relikte: Bruch ist das, was da tanzt, was da nach uns auf dem Wasser torkelt wie Kork.

Die Ruhe auf der Flucht. Flämisch, 1521

Ich sehe das spielende Kind im Korn, das den Bären nicht sieht. Der Bär umarmt oder schlägt einen Bauern. Den Bauern sieht er, aber er sieht das Messer nicht, das in seinem Rücken steckt; nämlich im Rücken des Bären.

Auf dem Hügel drüben liegen die Überreste eines Geräderten; doch der Spielmann, der vorübergeht, weiß nichts davon. Auch bemerken die beiden Heere, die auf der hell erleuchteten Ebene gegeneinander vorrücken – ihre Lanzen funkeln und blenden mich –, den kreisenden Sperber nicht, der sie ins kalte Auge faßt.

Ich sehe deutlich die Schimmelfäden, die sich durch das Dachgebälk ziehen, im Vordergrund, und weiter hinten den vorbeisprengenden Kurier. Aus einem Hohlweg muß er aufgetaucht sein. Niemals werde ich wissen, wie dieser Hohlweg von innen aussieht; aber ich denke mir, daß er feucht ist, schattig und feucht.

Die Schwäne auf dem Teich in der Mitte des Bildes nehmen keine Notiz von mir. Ich betrachte den Tempel am Abgrund, den schwarzen Elefanten – seltsam, ein schwarzer Elefant auf freiem Feld! — und die Statuen, deren weiße Augen dem Vogelfänger im Wald zusehen, dem Fährmann, der Feuersbrunst. Wie lautlos das alles ist!

Auf sehr entlegenen, sehr hohen Türmen mit fremdartigen Schießscharten seh ich die Eulen zwinkern. Ja, dies alles sehe ich wohl, doch worauf es ankommt, das weiß ich nicht. Wie sollte ich es erraten, da alles das, was ich sehe, so deutlich ist, so notwendig und so undurchdringlich?

Nichts ahnend, in meine Geschäfte versunken wie in die ihrigen jene Stadt, oder wie weit in der Ferne jene noch viel blaueren Städte verschwimmend in andern Erscheinungen, ändern Wolken, Heeren und Ungeheuern, lebe ich weiter. Ich gehe fort. Ich habe dies alles gesehen, nur das Messer, das mir im Rücken steckt, nicht.

DREISSIGSTER GESANG

Wir leben noch, sagte einer von uns, der im Halbdunkel saß:

Wir wissen es besser.

Nach diesen Worten entstand eine lange Pause.

In der hintersten Ecke des Zimmers hustete jemand, es war im Winter, es war in Mitteleuropa, es war einer von jenen Nachmittagen, an denen die Überlebenden vorsichtig, nach und nach, begreifen, daß sie Überlebende sind, an denen sie sich einfinden auf verlassenen Bahnhöfen und in Bunkern, in Laubhütten, und an anderen Orten.

Verschnürte Koffer voll schwerer Andenken wurden geöffnet. Es war Geschirr da aus Blech. Einige Windeln gab es, einige Zündhölzer, Reste von Schiffszwieback, eingeschlagen in Tücher, und Tabakskrümel. Draußen am Himmel war immer noch ein schwaches Leuchten zu sehen.

Sonderbar, wie von allem, was früher war, der größere Teil, ohne eine Lücke zu hinterlassen, wie ein Stein im Wasser verschwunden ist.

Ein feuchter Geruch, als wäre jemand beim Bügeln, verbreitete sich über den ganzen Raum. Es war der blasse Atem des Mädchens, das mit dem Rücken zum Fenster stand. Sie nahm uns das letzte Licht weg.

Jetzt, wo die Hubschrauber fort sind, wo nichts mehr schwelt oder heult, jetzt, wo das Schlimmste vorbei ist, wo wir nichts mehr wissen wollen, kann alles von vorn anfangen.

Beteuerungen in fremden Sprachen, Wirrwarr, Radebrechen, Gesumm.

Erst muß alles desinfiziert sein, geschient, geflickt und begraben. Dann kommt die Rache dran, nach der Rache die Wiederholung.

Der Ofen rauchte. Auf dem großen Tisch in der Mitte des Zimmers lag etwas. War es ein Haufen ineinandergerollter Mäntel, waren es Zeltplanen, Sandsäcke, Ballen von braunem Manilapapier?

Niemand kümmerte sich darum.

Jahrelang haben wir uns gut unterhalten mit den Heimsuchungen, die uns bevorstanden. Restrisiko, hieß es seinerzeit, Leck hieß es, Größter Anzunehmender Unfall. Allerhand, sagten wir. Das waren Zeiten!

Zwei Nähnadeln wurden eingetauscht gegen ein kleines Stück Seife. Eine abgemagerte Katze schnüffelte an dem Mörtel, der aus der Wand rann. Mullbinden wurden gewechselt.

Die Augen des Deserteurs, der an den Drüsen litt, waren hell hinter den dicken Brillengläsern, wie die Augen eines Ertrunkenen.

Alles, was wir taten, war falsch. Und darum war alles falsch, was wir dachten. Ich bin Zeuge! Mich tröstet keiner! Mich nicht! Ich bin dabeigewesen. Hier, diese Narben! Seht, wenn ihr mir nicht glaubt! Diese Narben sind der Beweis! Und er zeigte uns seinen ganz von Bissen zernagten Arm.

Vor der Tür stand jetzt eine breite Lache, und jeder, der eintrat, zog hinter sich eine nasse Spur.

Am Ende hätten wir besser daran getan, uns zu wehren. Wann denn? Wie denn? Leicht gesagt, früher! Früher, das war doch kein Leben. Wir hatten keine Wahl. Jetzt aber herrscht die Armut, und eine Art Ruhe.

Die Niedergeschrieenen sahen einander an. Einer, der einen Turban trug, wandte sich ab, achselzuckend. Der Heizer mit seiner schleppenden Stimme hatte das letzte Wort.

Draußen begann es heftig zu schneien. Das jahrhundertealte Parkett war schon lange geborsten. Um unsere Schuhe herum bildeten sich kleine Pfützen. Ein alter Mann, der einen Zobel trug, begann zärtlich zu beten.

Ein Pfund Perigord-Trüffeln, gewaschen, gebürstet, mit Vorsicht geschält, in messerrückendünne Scheibchen geschnitten, eingerichtet mit klarer Butter, über dem Feuer geschwungen, serviert

mit sautierten Filets von Fasanenbrüsten – die Sauce hab ich vergessen.

Wir winkten ab, ließen ihn reden. Einer rief: Also gut. Fangen wir endlich an.

Niemand rührte sich. Von irgendwoher kam ein Summen, immer feiner, siedender, schriller, vielleicht aus dem Ofen.

EINUNDDREISSIGSTER GESANG

Das Berliner Zimmer füllte sich mit Rauch, mit Geretteten. Atemlos und vermummt hämmerten sie an die Tür oder drückten die Fenster auf, sprangen herein, schüttelten sich den Schnee aus den Haaren und ließen sich nieder rings um den zischenden Ofen.

Der Heizer hielt die Karbidlampe hoch und zeigte uns an der Wand die Marken früherer Überschwemmungen, dunkle Striche, kniehoch, hüfthoch, stirnhoch, im zischenden Licht.

Das Schlimmste liegt hinter uns! Gezeter, Flüstern, Seufzer der Angst und der Freude. Das Schlimmste ist nie vorbei! Vor uns die Sintflut! Haltet euch fest! Ein Singsang war das auf einmal, ein watendes Kommen und Gehen, ein Zungenreden! Das Zimmer schlingerte.

Die Überlebenden wurden nicht müde, vom Überleben zu fabeln, bis sie es müde wurden.

Dann geschah eine Zeitlang nichts. Niemand machte das Licht an, obwohl es sehr dunkel geworden war. Der Schnee vor dem Fenster stieg und stieg. Diese Nacht würde nicht so leicht enden.

Der Rausschmeißer brachte heißen Tee in einem Eimer. Es gab sogar Zucker. Man konnte das Klirren der Löffel hören, so still war es nun in dem verwinkelten Zimmer, das immer rascher zu altern schien.

Manche saßen im Kreis, auf Postsäcken, sagten Sätze her, die sie auswendig wußten, und sprachen von einem Toten.

Gut, daß er tot ist. Jetzt können wir, seine hinterbliebenen Feinde und Freundinnen, aus diesen berühmten Gesängen streichen, was uns nicht paßt.

Wir können radieren. Ohne uns ist er nichts. Wir sind es, die aus seinem Balg reden,

und wir können machen mit ihm, was wir wollen.

Wißt ihr noch, wie er dasaß, nackt, wie er lamentiert, und wie er behauptet hat, mit den Armen rudernd, er habe den Faden verloren? Wozu war sie gut, diese Wasserleiche? Was hatten wir von dem Geplärr, das nicht absterben wollte, obwohl die Badewanne längst übergelaufen war?

Verschwender, Geheimniskrämer, Pedant! Altes Raubtier, abtrünnig, knickrig, kalt. Ja, es ist wahr, wir haben ihn damals gefuttert, gewärmt, diesen mächtigen Scharlatan, und sein Verlangen gestillt – aber sein Saurierherz, seine Gier, seine ledrige Haut, die nach Hefe roch, nach Schlamm, nach Moder -

Undeutlich, in dem weitläufigen, vom Murren der Feindinnen und der Witwen erfüllten Zimmer, lag auf dem Tisch etwas Dunkles da wie ein riesiges Brot.

Dann und wann, wie in einem Wartezimmer, kam oder ging einer, grußlos.

Gestatten Sie, ich zum Beispiel, ich möchte klarstellen, ein für allemal, daß er nie in Habana gewesen ist, dieser Simulant, und außerdem, daß es dort keine Eisberge gibt. Alles aus den Fingern gesogen! Alles geklaut.

Das war einer, den niemand kannte, so ein kleiner Dicker mit Hut. K. hieß er, oder so ähnlich, einst hatte er Biscuits verkauft, ganze Schiffsladungen, Biscuits und Knäckebrot.

Der alte Rausschmeißer schlurfte auf und ab und hörte uns zu. Dann blieb er stehen, steckte die Daumen in seine rote abgewetzte Husarenjacke und verkündete feierlich:

Hundert Jahre Vergebung dem Dieb, der einen Dieb bestiehlt!

Schon gut, schon gut. Manche lachten, obwohl uns nicht zum Lachen zumut war. Vergebung? Niemals! Der Wahre Jacob, scheinheilig, augenrollend, hatte nur auf diesen Moment gewartet. Ich! Ich bin der wirkliche Dichter! (Ausgerechnet er! Dieser Zukurzgekommene.) Ich bin der Wahre Jacob. Ich warne euch!

Er verhaspelte sich vor Neid, Eifersucht, Angst. Seinen perlmuttfarbenen Fixer-Augen sah man es an, daß er nicht alt werden würde. Er verschluckte sich, er blieb stecken, der Heizer haute ihn auf den Rücken.

Eine Frau in altertümlichen Kleidern erschien, dem Namen nach eine Russin. Sie weinte. Einer von uns half ihr einzutreten über die Planke, die vor der Tür lag. Das lehmige Wasser gurgelte unter ihren Schritten. Sie war blutjung, sie war die Klügste unter den Witwen, und ihre Augen glänzten wie nasse Kirschen.

Nein, ich irre mich nicht. Er war ein Fossil, ein schlaffes, klagendes Ungeheuer, jenen Walen ähnlich, die man einst auf den Jahrmärkten zeigte, in Zelten, wo es nach Formalin und nach Fäulnis roch. Ich liebte ihn. Ich habe ihn totgebetet, und dann habe ich ihn totgesagt, und totgeschwiegen.

Was fangen wir nun, da wir sie haben, mit unserer Ruhe an? Ist es nicht schön und angenehm, hier zu sitzen am seichten Wasser? Nein. Sollen wir fortgehen?

Nein. Weitermachen? Nur das nicht.

Der Deserteur, der immer dafür gewesen war, dem Toten den Mund zu stopfen, stöhnte im Schlaf. Freundin und Feindin umschlangen einander, wuschen sich, ruhten aus. Die Katze war immer noch da.

Einige wurden seekrank. Andere liebten sich weinend im Dunkeln. Manchmal aßen wir. Viele erlahmten. Wir hielten uns fest. Freund oder Feind, hier galt es gleichviel. Niemand sah auf die Uhr.

Es war eine schöne Nacht, wie man sie nur in den Tropen erleben kann. Mit geschlossenen Augen lagen wir in unseren Deckstühlen da. Das Wasser an unsern Knöcheln plätscherte leise.

Wir waren übrig, wir atmeten. Ein Zufall, irgendein Zufall hatte uns hierher verschlagen. Wir saßen alle in einem Boot.

ZWEIUNDDREISSIGSTER GESANG

Später, als sich das unabsehbare Zimmer vollkommen verdunkelt hatte, war niemand mehr da, außer dem toten Mann und einer Unbekannten.

Freundin und Feindin waren zusammengeschmolzen zu einer Anderen.

Die Unbekannte vernahm seine ruhigen Atemzüge, beugte sich über ihn in der Dunkelheit, verschloß ihm den Mund, küßte ihn und nahm ihn mit, mit ihrem einzigen Mund.

113

DREIUNDDREISSIGSTER GESANG

Ich mache, bis auf die Haut naß, Personen mit nassen Koffern aus. Auf schiefer Ebene seh ich sie stehen, gegen den Wind gelehnt im schrägen Regen, undeutlich, am Rande des Abgrunds. Nein, es ist nicht das Zweite Gesicht. Das Wetter ist schuld, daß sie so bleich sind. Ich warne sie, ich rufe z. B. Die Bahn ist schief, meine Damen und Herren, Sie stehen am Rande des Abgrunds. Jene freilich lachen nur matt und rufen tapfer zurück: Danke gleichfalls.

Ich frage mich, sind es wirklich nur ein paar Dutzend Personen, oder hanget da drüben das ganze Menschengeschlecht, wie auf einem x-beliebigen Musikdampfer, der schrottreif und nur noch einer Sache geweiht ist, dem Untergange? Ich weiß es nicht. Ich triefe und horche. Schwer zu sagen, wer jene Personen sind, von denen jede sich an einen Koffer klammert, an einen lauchgrünen Talisman, einen Dinosaurier, einen Lorbeerkranz.

Ich höre sie lachen und rufe ihnen unverständliche Worte zu. In dem Unbekannten mit den feuchten Zeitungen über dem Kopf vermute ich K., der Reisender ist in Knäckebrot von Beruf; keine Ahnung, wer der mit dem Bart ist; der Mann mit dem Malstock heißt Salomon P.; die Dame, die niest und niest, muß Marilyn Monroe sein; der Weißgekleidete aber, der mit dem Manuskript, in schwarzes Wachstuch gewickelt, ist sicherlich Dante.

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Diese Personen sind voller Hoffnungen, voll krimineller Energie! Im strömenden Regen führen sie ihre Dinosaurier an der Leine, öffnen auch ihre Koffer und schließen sie wieder, und singen im Chor: »Am 13. Mai ist der Weltuntergang, wir leben nicht mehr lang, wir leben nicht mehr lang.« Schwer zu sagen, wer da lacht, wer mich beachtet, wer nicht, in dieser Waschküche, und wie breit und wie tief der Abgrund ist.

Ich sehe, wie sie langsam versinken, die Personen, und folgende Worte rufe ich ihnen zu: Ich sehe, wie ihr langsam versinkt. Keine Antwort. Auf fernen Musikdampfern, matt und tapfer, spielen Orchester. Ich bedaure das sehr, es ist mir nicht recht, wie sie alle sterben, durchnäßt, in diesem Nieselwetter, schade ist es, ich könnte heulen, ich heule: »Doch keiner weiß«, heule ich, »in welchem Jahr, und das ist, und das ist, wunderbar.«

Aber die Dinosaurier, wo sind sie geblieben? Und woher rühren diese Tausende und Abertausende von klatschnassen Koffern, die da leer und herrenlos auf dem Wasser treiben? Ich schwimme und heule. Alles, heule ich, wie gehabt, alles schlingert, alles unter Kontrolle, alles läuft, die Personen vermutlich ertrunken im schrägen Regen, schade, macht nichts, zum Heulen, auch gut, undeutlich, schwer zu sagen, warum, heule und schwimme ich weiter.

La Habana 1969 — Berlin 1977

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INHALT

Erster Gesang. Einer horcht

Zweiter Gesang. Der Aufprall war federleicht

7

10

Apokalypse. Umbrisch, etwa 1490

12

Dritter Gesang. Damals in Habana

14

Verlustanzeige 18 Vierter Gesang. Seinerzeit glaubte ich jedes Wort

Fünfter Gesang. Raubt, was man euch geraubt hat

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Sechster Gesang. Unbewegt betrachtete ich dieses kahle Zimmer

26

Der Eisberg

27

Siebenter Gesang. Wir setzen unsere Führung fort

30

Abendmahl. Venezianisch, 16. Jahrhundert

31

Achter Gesang. Salzwasser in der Tennishalle 34 Neunter Gesang. Diese Ausländer 36

 

Innere Sicherheit

39

Zehnter Gesang. Das also ist der Tisch

42

Der Aufschub

44

Elfter Gesang. Laßt uns raus

45

Zwölfter Gesang. Von diesem Augenblick an

47

Dreizehnter Gesang. Es weht der Wind mit Stärke zehn

48

Vierzehnter Gesang. Es ist nicht wie ein Gemetzel

51

Fünfzehnter Gesang. Beim Nachtisch fragten wir ihn

53

Sechzehnter Gesang. Der Untergang der Titanic ist aktenkundig

55

Siebzehnter Gesang. Wir sinken lautlos

Schwacher Trost

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56

Achtzehnter Gesang. Daraufhin ruderten sie Weitere Gründe dafür, daß die Dichter lügen

Achtzehnter Gesang. Daraufhin ruderten sie Weitere Gründe dafür, daß die Dichter lügen

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Neunzehnter Gesang. Ein Mann lag im Wasser

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Drahtnachrichten vom 15. April 1912 Zwanzigster Gesang. Am achten Mai

Einundzwanzigster Gesang. Hinterher natürlich

Nur die Ruhe

Zweiundzwanzigster Gesang. Weit draußen im Golf

Erkenntnistheoretisches Modell

Dreiundzwanzigster Gesang. Widersprüche! schrie er

Erkennungsdienstliche Behandlung

Vierundzwanzigster Gesang. Am zweiten Tag der Reise

Der Raub der Suleika. Niederländisch, Ende 19. Jahrhundert

Fünfundzwanzigster Gesang. Das letzte Boot

Forschungsgemeinschaft 87 Sechsundzwanzigster Gesang. 178. Außen. Offenes Meer

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Siebenundzwanzigster Gesang. »In Wirklichkeit ist nichts geschehen.«

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Fachschaft Philosophie

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Achtundzwanzigster Gesang. Durch das Bullauge sehe ich

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Neunundzwanzigster Gesang. Um aber auf das Ende zurückzukommen

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Die Ruhe auf der Flucht. Flämisch, 1521

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Dreißigster Gesang. Wir leben noch, sagte einer von uns

102

Einunddreißigster Gesang. Das Berliner Zimmer füllte sich

107

Zweiunddreißigster Gesang. Später, als sich das unabsehbare Zimmer

113

Dreiunddreißigster Gesang. Ich mache, bis auf die Haut naß

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