Sie sind auf Seite 1von 180

TATSACHEN ÜBER DEUTSCHLAND

e
li sier t
ua e
Akt usgab

2018
A

Außenpolitik · Gesellschaft · Wissenschaft · Wirtschaft · Kultur


Tatsachen über
Deutschland
2|3 TATSACHEN ÜBER DEUTSCHLAND

INHALT
AUF EINEN BLICK BILDUNG & WISSEN
Föderale Republik  6 Starker Wissensstandort  94
Wappen & Symbole  8 Dynamische Hochschullandschaft  98
Demografie  10 Ambitionierte Spitzenforschung  102
Geografie & Klima  12 Vernetzte Wissenschaft  106
Parlament & Parteien  14 Engagierte Außenwissenschaftspolitik  108
Politisches System 16 Exzellente Forschung  110
Bundesregierung  18 Attraktives Schulsystem 112
Berühmte Deutsche  20
GESELLSCHAFT
STAAT & POLITIK Bereichernde Vielfalt  114
Neue Aufgaben 22 Zuwanderung gestalten  118
Föderaler Staat  26 Plurale Lebensformen  122
Aktive Politik  30 Engagierte Zivilgesellschaft  126
Vielfältige Teilhabe  32 Starker Sozialstaat  128
Das politische Berlin  34 Vielseitige Freizeit  130
Lebendige Erinnerungskultur 36 Freie Religionsausübung 132

AUSSENPOLITIK KULTUR & MEDIEN


Zivile Gestaltungsmacht  38 Lebendige Kulturnation  134
Engagiert für Frieden und Sicherheit  42 Innovative Kreativwirtschaft  138
Anwalt europäischer Integration  46 Kultureller Dialog  140
Schutz von Menschenrechten  50 Weltoffene Positionen  142
Offener Netzwerkpartner  54 Rasanter Medienwandel  146
Nachhaltige Entwicklung 56 Spannende Welterbestätten  150
Attraktive Sprache 152
WIRTSCHAFT & INNOVATION
Starker Standort  58 LEBENSART
Globaler Akteur  62 Land der Vielfalt  154
Leitmärkte und Innovationen  66 Urbane Lebensqualität  158
Nachhaltige Ökonomie  70 Nachhaltiger Tourismus  160
Digitaler Wandel 72 Sportliche Herausforderungen  164
Geschätzter Handelspartner  74 Sehenswertes Berlin  168
Attraktiver Arbeitsmarkt 76 Entspanntes Genießen 170

UMWELT & KLIMA BILDNACHWEISE 172


Vorreiter in der Klimapolitik  78 REGISTER  173
Impulsgeber für Klimakooperationen  82 IMPRESSUM 176
Generationenprojekt Energiewende  84
Zukunftsbranche Greentech  88
Erneuerbare Energien  90
Lebenswichtige Vielfalt 92
VORWORT
Was kennzeichnet Politik, Wirtschaft, Gesell­ schen Veränderung diskutiert werden. Die
schaft, Wissenschaft und Kultur in Deutsch­ 2018 aktualisierte Auflage behandelt vor al­
land? Die „Tatsachen über Deutschland“ laden lem Gegenwartsthemen – geschichtliche und
dazu ein, das moderne und weltoffene Land institutionelle Zusammenhänge sind in den
kennenzulernen. Das Handbuch bietet pro­ Hintergrund verlagert. Um den Texten einen
fundes Basiswissen und Orientierungshilfe – hohen Nutz­wert zu ­geben, sind sie mit aktu­
speziell konzipiert für internationale Leserin­ ellem Datenmaterial angereichert.
nen und Leser.
Zur Printausgabe „Tatsachen über Deutsch­
In neun Kapiteln vermitteln die „Tatsachen“ land“ gehört ein umfangreiches digitales An­
ein Verständnis der deutschen Gesellschaft gebot, das die in der Printausgabe skizzierten
und zeigen, welche Modelle und Lösungen in Themen im Internet vertieft.
einer Zeit der gesellschaftlichen und politi­

Deutschland kennenlernen und erleben – mit den crossmedialen „Tatsachen über Deutschland“
4|5 TATSACHEN ÜBER DEUTSCHLAND

TATSACHEN-FAMILIE
Einblick: Informative Überblickstexte geben
schnelle Orientierung über die aktuellen Ent-
HANDBUCH
wicklungen des Kapitelthemas. Die aktualisierte Ausgabe des Handbuchs
„Tatsachen über Deutschland“ bietet in
38 | 39 AUSSENPOLITIK
VIDEO AR-APP

neun Kapiteln unterschiedliche Zugänge zum


AUSSENPOLITIK Außenpolitik: das Video zum Thema
→ tued.net/de/vid2

Deutschland von heute. Die Kapitel sind so ge-


Zivile Gestaltungsmacht ∙ Engagiert für Frieden und Sicherheit ∙
Anwalt europäischer Integration ∙ Schutz von Menschenrechten ∙
Offener Netzwerkpartner ∙ Nachhaltige Entwicklung

EINBLICK

ZIVILE GESTALTUNGSMACHT

gliedert, dass zunächst ein „Einblick“ mit den


Deutschland ist in der internationalen Politik schaft des transatlantischen Bündnisses mit
intensiv und vielfältig vernetzt. Das Land un­ den USA, das Eintreten für das Existenzrecht
terhält diplomatische Beziehungen zu fast 200 Israels, die aktive und engagierte Mitwirkung
Staaten und ist Mitglied in allen wichtigen mul­ in den Vereinten Nationen (UN) und im Eu­
tilateralen Organisationen und informellen in­ roparat sowie die Stärkung der europäischen
ternationalen Koordinierungsgruppen wie der Sicherheitsarchitektur im Rahmen der OSZE.
„Gruppe der Sieben“ (G7) und der „Gruppe der

wichtigsten Grund­informationen in das The-


Zwanzig“ (G20). Außenminister ist seit 2018 Gemeinsam mit seinen Partnern setzt sich
Heiko Maas (SPD). Im Auswärtigen Dienst, des­ Deutschland weltweit für Frieden, Sicherheit,
sen Zentrale sich in Berlin befindet, arbeiten Demokratie und Menschenrechte ein. Der von
rund 11.652 Beschäftigte. Insgesamt unterhält Deutschland vertretene erweiterte Sicher­
Deutschland 227 Auslandsvertretungen. heitsbegriff umfasst neben Fragen der Krisen­
prävention, Abrüstung und Rüstungskontrolle
Das vorrangige Ziel der deutschen Außenpo­ nachhaltige wirtschaftliche, ökologische und
litik ist der Erhalt von Frieden und Sicherheit soziale Aspekte. Dazu gehören eine Globali­
in der Welt. Zu den Grundkoordinaten gehört sierung mit Chancen für alle, grenz­

ma einführt. Im Anschluss werden die unter-


die umfassende Integration in die Strukturen überschreitender Umwelt­ und Klimaschutz,
der multilateralen Zusammenarbeit. Konkret der Dialog zwischen den Kulturen sowie Offen­
bedeutet dies: eine enge Partnerschaft mit heit gegenüber Gästen und Einwanderern. Seit
Frankreich in der Europäischen Union (EU), dem Ende des Ost­West­Konflikts in den frü­
die feste Verankerung in der Wertegemein­ hen 1990er­Jahren haben sich für die deutsche
Die deutsche Außenpolitik ist fest eingebunden in die multilaterale Zusammenarbeit

schiedlichen Aspekte thematisch ausführlich


vertieft. Jedes Kapitel enthält zudem viele Weg-
Thema: Faktenreiche 148 | 149 K U LT U R & M E D I E N

Anzeigenumsätzen in schwerem Fahrwasser.


Über 100 Zeitungen haben als Antwort auf die
Umsonst-Kultur im Netz inzwischen Bezahl-
GLOBAL

Deutsche Welle Die Deutsche Welle


weiser zu weiter­führenden Informationskanä-
(DW) ist der Auslandsrundfunk

Sachtexte liefern eine


schranken eingeführt. Die Verlagslandschaft ist

len sowie cross-mediale Brückenangebote.


Deutschlands und Mitglied der ARD
in Bewegung – auch weil inzwischen fast (Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-
800.000 täglich verkaufte Zeitungsexemplare rechtlichen Rundfunkanstalten der
Bundesrepublik Deutschland). Die DW
als E-Paper digital vertrieben werden und die
sendet in 30 Sprachen, sie bietet Fern-
Zahlen der Digital-Abos stetig zunehmen.
sehen (DW-TV), Radio, Internet sowie
Medienentwicklung im Rahmen der DW

vertiefte und erweiterte


Die Digitalisierung der Medienwelt, das Inter- Akademie. Kostenfreie Nachrichten in
net, die dynamische Zunahme mobiler End- vier Sprachen bietet der German News
geräte und der Siegeszug der sozialen Medien Service für Interessierte und
Medien.
haben das Mediennutzungsverhalten signi-
→ dw.com
Deutschlands größter Newsroom: die Zentralredaktion der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Berlin fikant verändert. 62,4 Millionen Deutsche über
14 Jahre (89,8 Prozent) sind heute online. Mehr
als 50 Millionen Menschen nutzen das Internet

Einordnung und Rah-


Pro Erscheinungstag werden 16,1 Millionen Online“ und das Boulevardblatt „Bild“ gelten täglich. Durchschnittlich verbrachte jeder Nut-
Tageszeitungen und fünf Millionen Wochen- als die meistzitierten Medien. zer täglich rund 165 Minuten online (gerechnet
und Sonntagszeitungen verkauft (2016). Die auf die Gesamtbevölkerung: 149 Minuten); meinungsbildend am Diskurs teilnehmen kann.
führenden Blätter, die überregionalen Tages- Zugleich befindet sich die Branche in einem mehr als jeder Zweite surft inzwischen mobil. Ob die interaktiven Versammlungsorte im Netz

→ A ngebot in 14 Sprachen
zeitungen „Süddeutsche Zeitung“, „Frankfur- tiefgreifenden Strukturwandel. Die Tageszei- Zudem ist gut die Hälfte aller Internetnutzer zugleich das Fundament für einen zukunfts-
ter Allgemeine Zeitung“, „Die Welt“, „Die Zeit“, tungen büßen seit 15 Jahren regelmäßig durch- Mitglied einer privaten Community. Die digitale fähigen digitalen Journalismus bilden, bleibt

mung zu den wich-


„taz“ und „Handelsblatt“, zeichnen sich durch schnittlich 1,5 bis 2 Prozent ihrer bezahlten Revolution hat einen neuen Begriff von Öffent- abzuwarten. Im Bemühen gegen Fake News und
investigative Recherche, Analyse, Hinter- gedruckten Auflage ein. Sie erreichen immer lichkeit hervorgebracht; die sozialen Medien gezielte Desinformation nehmen Journalisten
grund und umfassende Kommentierung aus. seltener jüngere Leserschichten und befinden und die Bloggosphäre sind der Spiegel einer of- aller Sparten ihre journalistische Verantwor-
Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“/„Spiegel sich bei weiterhin rückläufigen Auflagen und fenen und dialogischen Gesellschaft, in der jeder tung wahr.

DIAGRAMM Rasante Entwicklung: Internetnutzer in Deutschland in Millionen Vielfältiger Zugang: So gehen die Deutschen ins Internet Tägliche Mediennutzung

tigsten Aspekten. → Neun Themenfelder


ARD-ZDF-Onlinestudie 2017/Studienreihe „Medien und ihr Publikum“

Digitaler Alltag 62,4


Die mobile Internetnutzung und
66 38 Fernsehen 174 Min.
die Verwendung mobiler Endgeräte 49 %
Smartphone/
%
Tablet-PC
steigen in Deutschland deutlich an.
Mit der zunehmenden mobilen Da-
38,6 Handy Radio 160 Min.
tennutzung wachsen die technologi-
ARD/ZDF-Onlinestudie 2017

ARD/ZDF-Onlinestudie 2016

schen Anforderungen an die Netzin-


18,3
Internet 149 Min.
frastruktur. Studien zeigen auch: Die
Zahl der Internetnutzer steigt seit
4,1 57 % Zeitung 17 Min.
geraumer Zeit nur noch geringfügig. Laptop 44 %

→ Unterschiedliche Infoebenen
1997 2000 2006 2010 2017 Computer, PC

→ Weiterführende Hinweise
110 | 111 BILDUNG & WISSEN
→ Wichtige Akteure zu jedem Thema
→ Print-to-web-Verknüpfungen mittels
Forschungsschiff Sonne
PANORAMA
Die Sonne ist das jüngste Schiff der deutschen Forschungsflotte

EXZELLENTE FORSCHUNG und seit Ende 2014 vor allem im Pazifik und im Indischen Ozean den
Geheimnissen der Tiefsee auf der Spur. Das Hightech-Schiff gilt
Rosetta-Sonde als eines der modernsten Forschungsschiffe der Welt.
Zehn Jahre war die
Sonde unterwegs,
Kabinendeck
um Philae auf dem
mit 33 Crew-Kabinen
Kometen Tschurju- Arbeitsdeck
Mission Rosetta
mow-Gerassimenko 8 Labors auf 600 m2

Augmented-Reality-Anwendungen
Die Mission der europäischen Weltraumorgani- Gemeinschaftsdeck
abzusetzen.
sation ESA erforschte die Entstehungsgeschichte mit Messe
unseres Sonnensystems. Das DLR hatte großen und Bibliothek Lagerdeck
Anteil beim Bau der Landeeinheit Philae und be- mit 20 Wissen-
treibt das Kontrollzentrum, das die bisher nie schaftler-Kabinen
Philae Lander
gewagte Landung auf einem Kometen betreute.

Philae Lander
Philae setzte als erster
Gewicht: 100 kg 6 Kräne
Apparat weich auf
Dimension: 1 x 1 x 0,8 m 9 Winden Länge: 116 m
einem Kometen auf.
Landung: 12. November 2014 Geschwindigkeit: 12,5 kn
Seezeit (max.): 52 Tage
Personal (max.): 40 Personen
Einsatzgebiete: Indik, Pazifik

Neumayer-Station III
Im ewigen Eis der Antarktis betreibt das Alfred-Wegener-
Institut die Forschungsstation Neumayer III, in der
ganzjährig Wissenschaftler leben und arbeiten. Sie steht
auf Stelzen und wächst mit der Schneedecke mit.

Masse: 2.300 Tonnen


Größe: 68 x 24 m
Nutzfläche: 4.890 m2 über vier Etagen
Labor/Büro: 12 Räume Multicorer Wasserschöpfkranz Unterwasserfahrzeug
Unterkünfte: 15 Räume, 40 Betten Er kann gleichzeitig viele Das Gerät nimmt Was- Es ist ferngesteuert und
kleine Proben vom Meeres- serproben und misst mit Videokamera und
boden ausstechen. Temperatur und Tiefe. Greifarmen ausgerüstet.

399
Hochschulen
und Universitäten
2,8 Mio.
Studierende an
Hochschulen
92,2 Mrd. €
Ausgaben für Forschung
und Entwicklung
586.030
Forscherinnen und
Forscher
81
Max-Planck-
Institute weltweit
72
Fraunhofer-
Institute
93
Forschungseinrichtungen
der Leibniz-Gemeinschaft
18
Forschungszentren der
Helmholtz-Gemeinschaft
MEHR ÜBER DEUTSCHLAND
Wer mehr erfahren möchte über Politik
und Wirtschaft sowie Kultur, Wissenschaft
Panorama: Umfangreiche
und Gesellschaft besucht die Deutschland-
Infografiken ergänzen die
Kapitel und erweitern sie Plattform. Hier gibt es die Geschichten
visuell anschaulich. ­h inter den Geschichten aus den News und
­Zugänge zu Ansprechpartnern, die passende
Informationen zu Themen wie Studium,
tatsachen-ueber-deutschland.de:
Modernes Design trifft auf geballte
Information.

DIGITAL
Das Herzstück des umfangreichen multime-
dialen Digitalangebots ist der Internetauf-
tritt tatsachen-ueber-deutschland.de. Das
responsive Design ermöglicht zudem eine
optimale Ausspielung auf mobilen Endgerä-
ten. Zur „Tatsachen“-Familie gehören auch
E-Paper-Ausgaben und E-Reader-Angebote.
Die Website tatsachen-ueber-deutschland.de VIDEO AR-APP
hat den German Design Award 2018 in Digitales Zusatzmaterial
der Kategorie „Excellent Communications 1. Laden Sie im App Store die kostenlose App
Design – Online Publications“ des German „AR-Kiosk“ auf Ihr Mobilgerät. „AR-Kiosk“ ist
bei iTunes und Google Play erhätllich.
Design Council gewonnen.
2. Starten Sie die App und halten Sie Ihr Smart-
phone oder Tablet über das Bild mit dem Icon
Video & AR App (Seiten 23, 39, 59, 79, 95, 115,
→ A ngebot in 14 Sprachen
135, 155). Hinter diesen Seiten befinden sich
→ Videos und interaktive Grafiken zusätzliche digitale Inhalte.
→ Zusatzkapitel „Deutsche Geschichte“
→ Umfangreiche Hintergrundinfos und 3. Sobald die App das Bild erkannt hat, öffnen
sich die Bonus-Inhalte automatisch.
vertiefende Stichworte zu jedem Kapitel

Arbeit oder Reise bieten. Außerdem wirft deutschland.de


die ­Website einen regionalen Blick auf facebook.com/deutschland.de
Themen und Menschen, die Deutschland twitter.com/de_deutschland
und seine Partner in der Welt verbinden – in instagram.com/deutschland_de
Beiträgen für zehn Welt­regionen. Und
bleiben Sie im Austausch mit Deutschland
auf den Social-Media-Kanälen.
6|7 AUF EINEN BLICK

AUF EINEN BLICK


Föderale Republik ∙ Wappen & Symbole ∙ Demografie ∙
Geografie & Klima ∙ Parlament & Parteien ∙ Politisches System ∙
Bundesregierung ∙ Berühmte Deutsche

FÖDERALE REPUBLIK
Deutschland ist ein föderaler Bundesstaat. mit der Wiedervereinigung wurden 1990 fünf
Sowohl der Bund als auch die 16 Länder ver- neue Länder gegründet: Brandenburg, Meck-
fügen über jeweils eigene Kompetenzen. Die lenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-An-
Zuständigkeit für die Bereiche der Inneren halt und Thüringen. Mit 17,9 Millionen Ein-
Sicherheit, Schule, Hochschule, Kultur sowie wohnern ist Nordrhein-Westfalen das bevöl-
der kommunalen Verwaltung liegt bei den kerungsreichste Land, Bayern mit 70.540 Qua-
Ländern. Gleichzeitig setzen die Verwaltun- dratkilometern das von der Fläche her größte;
gen der Länder nicht nur ihre eigenen Gesetze mit 4.012 Einwohnern je Quadratkilometer
um, sondern auch die des Bundes. Die Regie- hat Berlin, die Hauptstadt, die höchste Bevöl-
rungen der Länder sind über ihre Vertretung kerungsdichte. Eine Besonderheit sind die
im Bundesrat direkt an der Gesetzgebung des drei Stadtstaaten. Ihr Staatsgebiet beschränkt
Bundes beteiligt. sich jeweils auf die Großstädte Berlin, Bremen/
Bremerhaven und Hamburg. Das kleinste Land
Der Föderalismus in Deutschland ist mehr als ist Bremen mit 420 Quadratkilometern und
ein staatliches System, er bildet die dezentrale 679.000 Einwohnern. Baden-Württemberg
kulturelle und wirtschaftliche Struktur des zählt zu den wirtschaftsstärksten Regionen
Landes ab und wurzelt tief in der Tradition. Europas. Das Saarland war nach dem Zweiten
Jenseits ihrer politischen Funktion sind die Weltkrieg ein teilsouveränes Land unter dem
Länder auch Abbild ausgeprägter regionaler Protektorat Frankreichs und wurde erst am
Identitäten. Im Grundgesetz wurde 1949 die 1. Januar 1957 als zehntes Bundesland in das
starke Stellung der Länder festgeschrieben; damalige Bundesgebiet eingegliedert.
Die 16 Länder

Kiel

SCHLESWIG-
HOLSTEIN
MECKLENBURG-
VORPOMMERN
Schwerin
HAMBURG
BREMEN

BRANDENBURG
NIEDERSACHSEN
BERLIN

Hannover Magdeburg Potsdam

SACHSEN-
NORDRHEIN- A N H A LT
WESTFALEN

Düsseldorf Erfurt Dresden

THÜRINGEN SACHSEN
HESSEN

Wiesbaden
RHEINLAND-
PFALZ Mainz

SAARLAND

Saarbrücken
B AY E R N
Stuttgart

BADEN- München
WÜRTTEMBERG

Landeshauptstadt
8|9 AUF EINEN BLICK

Bundesadler Grundgesetz

Das traditionsreichste deutsche Staatssymbol Das 1949 in Bonn verabschiedete Grundgesetz


ist der Bundesadler. Bundespräsident, Bundes- war zunächst als Provisorium gedacht. Nach der
rat, Bundesverfassungsgericht und Bundestag Wiedervereinigung 1990 wurde es als dauerhafte
führen unterschiedlich gestaltete Adler. Auch Verfassung übernommen. Die 146 Artikel des
auf Münzen und Nationaltrikots deutscher Grundgesetzes stehen über allen anderen deut-
Sportverbände sind unterschiedlich gestaltete schen Rechtsnormen und legen die grundlegenden
Adler zu sehen. staatlichen System-­und Wertentscheidungen fest.

Flagge Nationalfeiertag

3
Oktober

Das Grundgesetz legt die Farben Schwarz- Der 3. Oktober wurde als Tag der Deutschen
Rot-Gold für die Bundesflagge fest. Damit Einheit im Einigungsvertrag 1990 zum gesetz­
knüpfte man 1949 an die Fahne der ersten lichen Feiertag in Deutschland bestimmt. Der
deutschen Republik von 1919 an. Die Tag der Deutschen Einheit ist im Übrigen der
Nationalsozialisten hatten sie abgeschafft einzige gesetzliche Feiertag, der durch Bundes-
und durch das Hakenkreuz ersetzt. recht festgelegt ist.

Währung Domain

€ +49
.de
Seit dem 1. Januar 2002 ist der Euro in Deutsch- Die Domain .de ist die am weitesten verbreitete
land das alleinige Zahlungsmittel. Er löste die in Deutschland und die weltweit beliebteste län-
seit 1948 genutzte D-Mark ab. Die Europäische derspezifische Domain. Über die internationale
Zentralbank (EZB) hat ihren Sitz in der deut- Vorwahl +49 sind 99,9 Prozent der Haushalte
schen Finanzmetropole Frankfurt am Main. über Festnetz oder Mobiltelefon erreichbar.
Nationalhymne
Die deutsche Nationalhymne besteht ausschließlich aus der
dritten Strophe des „Deutschlandliedes“ von August Heinrich
Hoffmann von Fallersleben (1841). Die Melodie der Hymne
komponierte Joseph Haydn 1796/97.

Ei – nig – keit und Recht und Frei – heit


Da – nach lasst uns al – le stre – ben

für das deut – sche Va – ter – land!


brü  –   der – lich mit Herz und Hand!

Ei – nig – keit und Recht und Frei – heit

sind des Glü – ckes Un – ter – pfand.

Blüh im Glan – ze die – ses Glü – ckes,

blü – he, deut – sches Va – ter – land!


10 | 11 AUF EINEN BLICK

DEMOGRAFIE LEBENSERWARTUNG

Für die demografische Entwicklung sind


83 Jahre / 78 Jahre
Frauen Männer
drei Trends kennzeichnend: eine niedrige
Geburtenrate, die steigende Lebenserwar-
tung und die Alterung der Gesellschaft. Die
höchste Geburtenrate verzeichnete Deutsch-
land 1964 mit 1,36 Millionen Neugeborenen;
seitdem befindet sich das Land in einem Ge-
EINWANDERER 2016
burtentief. 2016 stieg die Zahl der Neugebore-
nen jedoch das fünfte Jahr in Folge, mit einer 1.865.000
Geburtenziffer von 1,59 Kindern je Frau
rückte Deutschland ins europäische Mittel-
feld auf. Dennoch ist die Kindergeneration
seit 35 Jahren um etwa ein Drittel kleiner als
die Elterngeneration – die Gruppe der 50-Jäh-
rigen ist heute doppelt so groß wie die der
Neugeborenen. Gleichzeitig steigt die Lebens-
erwartung. Sie beträgt bei Männern durch-
schnittlich 78 Jahre, bei Frauen 83 Jahre. AUSWANDERER 2016

Der demografische Wandel mit gravieren-


1.365.000
den Folgen für die wirtschaftliche Entwick-
lung und die Sozialsysteme wird abge-
schwächt durch die Einwanderung. Knapp
über 22 Prozent der in Deutschland lebenden
Menschen (18,6 Millionen) haben einen Mig-
rationshintergrund. Von ihnen haben mehr
als die Hälfte einen deutschen Pass. Die An-
gehörigen von vier nationalen Minderheiten HAUSHALTE
sind als „alteingesessen“ anerkannt und wer-
den besonders geschützt und gefördert: die 40,8 Mio.
dänische Minderheit (50.000) und die friesi-
sche Volksgruppe (60.000) in Norddeutsch-
land, die Lausitzer Sorben (60.000) entlang
der deutsch-polnischen Grenze sowie die
deutschen Sinti und Roma (70.000).
BEVÖLKERUNG GESCHLECHTERVERTEILUNG

82,6 Mio. 40,74 Mio. 41,83 Mio.


Frauen Männer

ALTERSSTRUKTUR
100

95

90

85

80

75

70

65

60

55

50

45

40

35

30

25

20

15
Statistisches Bundesamt

10

0
700 600 500 400 300 200 100 0 0 100 200 300 400 500 600 700
Tsd. Personen Frauen Alter in Jahren Männer Tsd. Personen
12 | 13 AUF EINEN BLICK

GEOGRAFIE & KLIMA LAGE

Mitteleuropa
Deutschland liegt in der Mitte Europas. Es
teilt seine Grenzen mit neun Staaten. Kein
anderes europäisches Land hat mehr Nach-
barn. Im Norden hat Deutschland Zugang
zur Ostsee und zur Nordsee. Im Süden grenzt
es an die Alpen. Die höchste Erhebung bildet
die in Bayern gelegene Zugspitze mit 2.962
Höhenmetern. Der tiefste Punkt an Land
liegt mit 3,54 Metern unter Normalhöhennull
bei dem Ort Neuendorf-Sachsenbande im
Bundesland Schleswig-Holstein. Mit 357.340
Quadratkilometern ist Deutschland nach
FLÄCHE
Frankreich, Spanien und Schweden das viert-
größte Land der Europäischen Union (EU). 357.340 km2
Knapp ein Drittel seiner Gesamtfläche ist mit
Wald bedeckt. Seen, Flüsse und andere Ge-
wässer machen mehr als zwei Prozent seiner
Fläche aus. Der längste Fluss ist der Rhein. Im
Südwesten bildet er die Grenze zwischen
Deutschland und Frankreich, weiter nördlich
liegen Bonn, Köln und Düsseldorf an seinem
Ufer. Die Elbe, der zweitlängste Strom, ver-
bindet Dresden, Magdeburg und Hamburg
und mündet in die Nordsee.

In Deutschland herrscht ein gemäßigtes Kli- HAUPTSTADT


ma. Im Juli liegt das mittlere Temperaturma-
ximum bei 21,8 Grad Celsius, das Minimum Berlin
bei 12,3 Grad. Im Januar liegt das mittlere Ma- 891,70 km2

ximum bei 2,1 Grad, das Minimum bei –2,8


Grad. Die höchste Temperatur seit Beginn der
Wetteraufzeichnung wurde am 5. Juli 2015
mit 40,3 Grad Celsius in Kitzingen am Main
gemessen.
SONNENSTUNDEN REGEN

1.595 850 l/m2

KÜSTE LÄNGSTER FLUSS

2.442 km Rhein
865 km in Deutschland

WALDFLÄCHE HÖCHSTER BERG

114.191 km 2
Zugspitze
2.962 m
14 | 15 AUF EINEN BLICK

Parteien

PARLAMENT & PARTEIEN Christlich-Demokratische Union


Deutschlands (CDU)
Der Deutsche Bundestag wird alle vier Jahre 427.173 Mitglieder
Wahlergebnis 2017: 26,8 Prozent
von den wahlberechtigten Bürgerinnen und
Bürgern ab dem 18. Lebensjahr in freier, gehei-
mer und direkter Wahl gewählt. Der Bundestag
ist das Parlament. Die Hälfte der mindestens
598 Bundestagsmandate wird durch die Wahl Sozialdemokratische Partei
Deutschlands (SPD)
von Landeslisten der Parteien (Zweitstimmen)
463.723 Mitglieder
zugeteilt, die andere durch die Wahl von Perso- Wahlergebnis 2017: 20,5 Prozent
nen in 299 Wahlkreisen (Erststimmen). Das
Wahlsystem macht es für eine einzelne Partei
schwer, allein die Regierung zu bilden – das
Parteienbündnis ist die Regel. Um die Mehr- Alternative für Deutschland (AfD)
29.000 Mitglieder
heitsbilder nicht durch die Präsenz kleiner Par- Wahlergebnis 2017: 12,6 Prozent
teien zu komplizieren, schließt sie eine Sperr-
klausel, die Fünf-Prozent-Hürde, von der Ver-
tretung im Bundestag aus.
Freie Demokratische Partei (FDP)
Im 19. Deutschen Bundestag sind sieben Par- 63.050 Mitglieder
teien mit 709 Abgeordneten vertreten: CDU, Wahlergebnis 2017: 10,7 Prozent

CSU, SPD, AfD, FDP, Die Linke und Bündnis 90/


Die Grünen. Im Bundestag bilden CDU und ih-
re nur in Bayern antretende Schwesterpartei Die Linke
CSU seit der ersten Bundestagswahl 1949 eine 62.182 Mitglieder
Wahlergebnis 2017: 9,2 Prozent
gemeinsame Fraktion. Neu ins Parlament kam
in dieser Legislaturperiode die Alternative für
Deutschland (AfD); die FDP ist nach vier Jahren
Pause wieder im Bundestag vertreten.
Bündnis 90/Die Grünen
65.257 Mitglieder
Die derzeitige Bundesregierung wird getra- Wahlergebnis 2017: 8,9 Prozent
gen von einer Koalition aus CDU/CSU und
SPD, mit Dr. Angela Merkel (CDU) als Bundes­
kanzlerin, Olaf Scholz (SPD) als Vizekanzler
Christlich-Soziale Union (CSU)
und Heiko Maas (SPD) als Bundesaußen­ 141.000 Mitglieder
minister. AfD, FDP, Linke und Grüne bilden Wahlergebnis 2017: 6,2 Prozent
die Opposition im Parlament.
Bundestag
Der Bundestag hat mindestens 598 Mitglieder.
Hinzu kommen in der Regel sogenannte Über-
hang- und Ausgleichsmandate. Der 2017 gewählte
19. Bundestag umfasst 709 Abgeordnete.

Fraktionslos
2 Sitze 709 Sitze
Linke
AfD 69 Sitze
92 Sitze

FDP
80 Sitze SPD
153 Sitze

Grüne
CDU 67 Sitze
200 Sitze CSU
46 Sitze

Bundesrat
Der Bundesrat ist eines von fünf ständigen Verfassungs­
organen. Er ist die Vertretung der Länder. Dem Bundesrat
gehören 69 Vertreter der Landesregierungen an. Jedes
Land hat mindestens drei, die einwohnerstärkeren Länder
bis zu sechs Stimmen.

Baden-Württemberg 6 4 Thüringen
Bayern 6 4 Schleswig-Holstein

Berlin 4 4 Sachsen-Anhalt

Brandenburg 4 4 Sachsen

Bremen 3 3 Saarland

Hamburg 3 4 Rheinland-Pfalz
Hessen 5 6 Nordrhein-Westfalen
3 6
Mecklenburg-Vorpommern Niedersachsen
16 | 17 AUF EINEN BLICK

POLITISCHES SYSTEM
Der Bundespräsident ist der protokollarisch Volk wählt
ranghöchste Repräsentant Deutschlands. Wahlberechtigt sind alle deut-
Protokollarisch an zweiter Stelle steht der schen Staatsbürger ab 18 Jahre.
Sie wählen die Abgeordneten in
Bundestagspräsident. Stellvertreter des Bun-
allgemeiner, unmittelbarer, freier,
despräsidenten ist der Bundesratspräsident – gleicher und geheimer Wahl.
ein Amt, das im jährlichen Turnus ein Minis-
terpräsident innehat. Das Amt mit der größ-
ten politischen Gestaltungsmacht ist das des
Bundeskanzlers. Der Präsident des Bundes- wählt

verfassungsgerichts gehört ebenfalls zu den


hohen Repräsentanten.

Landesparlamente
Die Wahlperiode der Landes­
parlamente beträgt in der Regel
fünf Jahre. Ihre Befugnisse und stellen
Organisation regeln
Dr. Frank-Walter Steinmeier, Dr. Angela Merkel, geb. die Landesverfassungen.
geb. 1956, Bundespräsident 1954, CDU, Bundeskanzle-
seit März 2017 rin seit November 2005

wählen

Landesregierungen
Die Landesregierungen werden
von den jeweiligen Landesparla-
Dr. Wolfgang Schäuble, Dr. Andreas Voßkuhle, geb. menten in geheimer Abstim-
stellen
geb. 1942, CDU, Bundes- 1963, Präsident des Bun- mung gewählt und können von
tagspräsident seit 2017 desverfassungsgerichts diesen auch gestürzt werden.
Bundestag wählt Bundeskanzler schlägt
Bundesregierung
vor
Das Parlament ist auf vier Jahre Der Kanzler wird in geheimer Die Regierung besteht aus
gewählt und hat 598 Abgeord­ Wahl vom Bundestag dem Bundeskanzler und den
nete. Hinzu kommen Überhang- gewählt. Er bestimmt die Bundesministern. Jeder
mandate und Ausgleichsmandate. Richtlinien der Politik und Minister leitet sein Ressort
Dem Bundestag obliegen die steht dem Kabinett vor. eigenverantwortlich.
Gesetzgebung und die
Kontrolle der Regierung.
wählt

stellt

ernennt ernennt

Bundesversammlung Bundespräsident
Die Bundesversammlung tritt Das Staatsoberhaupt hat in
allein zur Wahl des Bundesprä- erster Linie repräsentative Auf­
sidenten zusammen und wählt gaben und vertritt die Bundes­
wählt
diesen in geheimer Wahl für republik Deutschland nach außen.
eine Amtszeit von fünf Jahren. Der Bundespräsident ernennt
den Kanzler und die Bundesminis-
ter und fertigt die Gesetze aus.

wählt

Bundesrat Bundesverfassungsgericht
Die Länderkammer besteht aus Das Gericht besteht aus 16 Richtern.
69 von den Landesregierungen Sie werden je zur Hälfte mit Zwei­
entsandten Mitgliedern. In vielen drittelmehrheit von Bundestag und
wählt
Bereichen bedürfen Gesetze der Bundesrat gewählt.
Zustimmung des Bundesrates.
18 | 19 AUF EINEN BLICK Bundesministerien

Bundesministerium der Finanzen


→ bundesfinanzministerium.de
BUNDESREGIERUNG Bundesministerium des Innern,
für Bau und Heimat
Bundeskanzler und Bundesminister bilden → bmi.bund.de
die Bundesregierung, das Kabinett. Neben der
Auswärtiges Amt
Richtlinienkompetenz des Kanzlers gilt das → www.diplo.de
Ressortprinzip, nach dem die Minister ihren
Bundesministerium für
Bereich im Rahmen der Richtlinien eigen-
Wirtschaft und Energie
ständig leiten, sowie das Kollegialprinzip, → bmwi.de
nach dem die Bundesregierung mit Mehr-
Bundesministerium der Justiz
heitsbeschluss über Streitfragen entscheidet.
und für Verbraucherschutz
Das Bundeskabinett besteht aus 14 Fachmi- → bmjv.de
nistern und dem Chef des Bundeskanzleram-
Bundesministerium für Arbeit und Soziales
tes. Die Bundesministerien sind die höchsten
→ bmas.de
Bundesbehörden in den Ressorts.
Bundesministerium der Verteidigung
→ bmvg.de
Der Bundes­kanzler bestimmt die Richtlinien
der Politik und trägt dafür die Verantwor- Bundesministerium für
tung. Im Kanzleramt und den Bundesminis- Ernährung und Landwirtschaft
→ bmel.de
terien sind rund 18.000 Mitarbeiter beschäf-
tigt. Zu den personalstarken Ministerien ge- Bundesministerium für Familie,
hören das Auswärtige Amt und das Bundes- Senioren, Frauen und Jugend
→ bmfsfj.de
ministerium der Verteidigung. Acht Ministe-
rien haben ihren Hauptsitz in Berlin, sechs Bundesministerium für Gesundheit
→ www.bundesgesundheitsministerium.de
Ministerien in der Bundesstadt Bonn. Alle
Ministerien sind mit Dienststellen in beiden Bundesministerium für Verkehr
Städten vertreten. und digitale Infrastruktur
→ bmvi.de

Bundesministerium für Umwelt,


Naturschutz und nukleare Sicherheit
→ bmu.de

Bundesministerium für Bildung und


Forschung
→ bmbf.de

Bundesministerium für wirtschaftliche


Zusammenarbeit und Entwicklung
→ bmz.de
Bundespräsidenten & Bundeskanzler
Bundespräsidenten 1949 Bundeskanzler
1950

1955

Theodor Heuss (FDP) 1949–1959


1960

Konrad Adenauer (CDU) 1949–1963


1965
Ludwig Erhard (CDU) 1963–1966

Heinrich Lübke (CDU) 1959–1969 Kurt Georg Kiesinger (CDU) 1966–1969


1970

Gustav Heinemann (SPD) 1969–1974 Willy Brandt (SPD) 1969–1974


1975

Walter Scheel (FDP) 1974–1979


1980

Helmut Schmidt (SPD) 1974–1982


Karl Carstens (CDU) 1979–1984
1985

1990

Richard v. Weizsäcker (CDU) 1984–1994


1995

Helmut Kohl (CDU) 1982–1998


Roman Herzog (CDU) 1994–1999
2000

Johannes Rau (SPD) 1999–2004


2005 Gerhard Schröder (SPD) 1998–2005

Horst Köhler (CDU) 2004–2010 2010

Christian Wulff (CDU) 2010–2012

2015

Joachim Gauck (parteilos) 2012–2017


Angela Merkel (CDU) seit 2005
Frank-Walter Steinmeier (SPD)
seit 2017
20 | 21 AUF EINEN BLICK

BERÜHMTE DEUTSCHE
Gefeierte Klassiker, mutige Visionäre, schar-
fe Denker: Die deutsche Geschichte ist reich
an Menschen, die Außergewöhnliches geleis-
tet haben. Viele sind weit über die Landes-
grenzen hinaus berühmt. Das Goethe-Insti-
Johann Wolfgang
tut trägt den Namen eines der bekanntesten von Goethe
Deutschen, Johann Wolfgang von Goethe, Poet, Dramatiker, Gelehrter: Johann
Wolfgang von Goethe (1749–1832) gilt
seit 1951 in die Welt hinaus. Zu den
als der Klassiker der deutschen Literatur.
Bayreuther Festspielen treffen sich alljähr-
lich Wagnerianer aus aller Welt, um dem
„Ring des Nibelungen“ zu huldigen. Namen
wie Humboldt und Einstein, Röntgen und
Planck, Benz und Otto begründeten den Ruf
Deutschlands als Land der Forscher und In-
genieure. Ihnen folgten Chemie-Nobelpreis­
träger Stefan Hell oder Astronaut Alexander
Gerst.

Schwer hatten es Frauen, in früheren Tagen


Friedrich von Schiller
Streiter für die Freiheit: Friedrich von
ähnliche Biografien zu schreiben. Man findet Schiller (1759–1805) gilt als einer der
sie dennoch: Frauen wie Clara Schumann, großen Dramatiker der Weltbühne („Die
Maria Sybilla Merian, Paula Modersohn-­ Räuber“, „Maria Stuart“, „Don Carlos“)
und als bedeutender Essayist.
Becker, Rosa Luxemburg, Anna Seghers,
­Sophie Scholl oder die große Choreografin
Pina Bausch. Heute stehen Literatin Herta
Müller oder Forscherin Christiane Nüsslein-
Volhard für herausragende Leistungen. Sie
alle gelten als Vorbilder für eine moderne
­Gesellschaft, die Männer und Frauen gleicher-
maßen Teilhabe und Chancengleichheit er-
möglicht – wozu fortgesetzte Anstrengungen
notwendig sind. Johann Sebastian Bach
Virtuose barocker Kirchenmusik: Johann
Sebastian Bach (1685–1750) vervoll-
kommnete die strenge „Kunst der Fuge“
und schuf mehr als 200 Kantaten und
Oratorien.
Marlene Dietrich Ludwig van Beethoven
Die Filmdiva: Marlene Dietrich (1901–1992) wurde Wegbereiter der Romantik: Ludwig van Beethoven
als eine von wenigen deutschen Schauspielerinnen zur (1770–1827) brachte bei klarer Konzentration auf die
Ikone („Der blaue Engel“). 1939 nahm die gebürtige Form in völlig neuem Maß individuellen Ausdruck und
Berlinerin die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Empfindung in die Musik („9. Sinfonie“).

Thomas Mann Albrecht Dürer


Meister des Romans und der Novelle: Thomas Mann Künstler der deutschen Renaissance: Albrecht Dürer
(1875–1955) gehört zu den großen Schriftstellern (1471–1528) aus Nürnberg zählt zu den bedeu­
der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts. Für sein tendsten und vielseitigsten Persönlichkeiten der
Familien­epos „Buddenbrooks“ erhielt er 1929 den Kunstgeschichte. Er revolutionierte die Techniken des
Nobelpreis für Literatur. Holzschnittes und des Kupferstiches.

Wilhelm Conrad Röntgen Willy Brandt


Entdecker der X-Strahlen: Wilhelm Conrad Röntgen Politiker und Weltbürger: Willy Brandt (1913–1992)
(1845–1923) entdeckte 1895 die nach ihm leitete als Bundeskanzler (1969–1974) die Entspan-
benannten Röntgenstrahlen. 1901 erhielt er den nungspolitik ein; er verkörperte den gesellschaftlichen
ersten Nobelpreis für Physik. Seitdem sind mehr als Aufbruch jener Jahre wie kein anderer – 1971 erhielt
80 deutsche Spitzenforscher hinzugekommen. er den Friedensnobelpreis.
22 | 23 STAAT & POLITIK

STAAT & POLITIK


Neue Aufgaben ∙ Föderaler Staat ∙ Aktive Politik ∙
Vielfältige Teilhabe ∙ Das politische Berlin ∙ Lebendige Erinnerungskultur

EINBLICK

NEUE AUFGABEN
Deutschland ist ein wertebasierter, demo­ Abgeordneten. Zum ersten Mal im Deutschen
kratischer, wirtschaftlich erfolgreicher und Bundestag vertreten ist die rechtspopulis­
welt­offener Staat. Die politische Landschaft tische Alternative für Deutschland (AfD). Bun­
ist vielfältig. Nach den Wahlen zum 19. Deut­ deskanzlerin Dr. Angela Merkel (CDU) ist als
schen Bundestag (2017) sondierte zunächst Regierungschefin seit 2005 im Amt und führt
die als stärkste Kraft aus den Wahlen hervor­ ihre vierte Amtsperiode als erste Frau in der
gegangene CDU/CSU mit der FDP und Bünd­ Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
nis 90/Die Grünen die Möglichkeit einer in diesem Amt. Vizekanzler Olaf Scholz
Koalitionsregierung. Diese Gespräche schei­ (­
Finanzminister) und Heiko Maas (Außen­
terten. Anschließend schlossen CDU/CSU minister) sind wichtige Vertreter der SPD im
und SPD nach harten Koalitionsgesprächen Kabinett. Das Bundeskabinett besteht aus 14
und einem Mitgliederentscheid der SPD im Fachministerinnen und -ministern sowie dem
März 2018 eine Große Koalition. Ein Bündnis Chef des Bundeskanzleramtes. Als Grundlage
der beiden stärksten Kräfte im deutschen der gemeinsamen Arbeit der Regierungspar­
Parteiensystem hatte es bereits in der voran­ teien gilt der Koalitionsvertrag mit dem Titel
gehenden Legislaturperiode gegeben. Von den „Ein neuer Aufbruch für Europa. Eine neue
709 Abgeordneten nehmen die Koalitionäre Dynamik für Deutschland. Ein neuer Zusam­
399 Sitze ein (CDU/CSU 246, SPD 153). Die menhalt für unser Land“.
Opposition besteht aus AfD (92 Mandate), FDP
(80), Die Linke (69) und Bündnis 90/Die Grü­ Die Wirtschaft in Deutschland geht 2018 in
nen (67 Mandate) sowie zwei fraktionslosen das neunte Wachstumsjahr in Folge, die Be­
VIDEO AR-APP

Staat & Politik: das Video zum Thema


→ tued.net/de/vid1

Das Reichstagsgebäude in Berlin ist seit 1999 Sitz des Deutschen Bundestags. Sir Norman Foster entwarf die Kuppel
24 | 25 STAAT & POLITIK

schäftigung liegt auf einem Rekordniveau, die Themen Zuwanderung und Integration stehen
Einnahmen von Staat und Sozialversicherun­ weit oben auf der Agenda. Das Ergebnis der
gen sind gestiegen. Die Neuverschuldung im Bundestagswahl zeigte die Verunsicherung und
Bund ist auf null reduziert worden. Die Ener­ Unzufriedenheit vieler Menschen, die Bundes­
giewende wurde vorangetrieben – die Erneuer­ regierung will daher, wie es im Koalitionsver­
baren Energien sind auf dem Weg zur bestim­ trag heißt, „sichern, was gut ist, aber gleichzeitig
menden Technologie für die Stromerzeugung. den Mut zur politischen Debatte, zu Erneue­
rung und für Veränderung beweisen“.
Das Zusammenwachsen von Ost und West, ein
zentrales Thema seit der Wiedervereinigung
1990, haben die Menschen in Deutschland ge­
meinsam zu einer Erfolgsgeschichte gemacht. NETZ
Noch bis 2019 gilt der „Solidarpakt II“, für den Deutscher Bundestag
156,5 Milliarden Euro zur Verfügung stehen. Al­ Wahlen, Abgeordnete, Fraktionen
le Steuern zahlenden Bürgerinnen und Bürger → bundestag.de

in Ost und West engagieren sich weiterhin ge­


Bundesrat
meinsam für den „Aufbau Ost“ – mit dem „So­
Zusammensetzung, Aufgaben,
lidaritätszuschlag“, einer Ergänzungsabgabe ­Sitzungen
von heute 5,5 Prozent des Steuerbetrags. → bundesrat.de

Aber auch neue Aufgaben warten. Der demo­ Bundespräsident


Staatsbesuche, Termine, Aufgaben
grafische Wandel gilt – wie in anderen In­
→ bundespraesident.de
dustrieländern – als Herausforderung. Auch die

Jeden Mittwoch um 9.30 Uhr tagt das Bundeskabinett unter Vorsitz von Bundeskanzlerin Merkel im Kanzleramt
KOMPAKT

AKTEURE & INSTRUMENTE


Politische Parteien
Deutschland ist eine Parteiendemokratie. Im
19. Deutschen Bundestag sind sieben Parteien
vertreten – CDU, CSU, SPD, AfD, FDP, Die Linke
und Bündnis 90/Die Grünen. Daneben gibt es
rund 25 Kleinparteien, deren Einfluss auf die
Bundes­politik aufgrund der Fünf-Prozent-Hür-
de beschränkt ist. In verschiedenen Landtagen
sind einige von ihnen allerdings vertreten. Die Soziale Bewegungen
Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) Seit den 1970er-Jahren engagieren sich in
ist die mitgliederstärkste Partei (463.700 Mit- Deutschland viele Menschen aktiv in umwelt-
glieder). Die Christlich Demokratische Union politischen Gruppen, Bürgerbewegungen und
(CDU) hat rund 427.000 Mitglieder; ihre Nichtregierungsorganisationen. Der größte
Schwester­partei CSU in Bayern 141.000 (2017). Umweltverband ist mit mehr als einer halben
→ bundeswahlleiter.de Million Mitgliedern der Bund für Umwelt und
Naturschutz Deutschland (BUND).
Gewerkschaften → bund.net
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB)
umfasst insgesamt acht Einzelgewerkschaften Demoskopie
und 6 Millionen Mitglieder. Die größte Ein­­ Zahlreiche Meinungsforschungsinstitute erfor-
zelgewerkschaft ist mit 2,3 Millionen Mitglie- schen regelmäßig das politische und gesell-
dern die IG Metall; sie vertritt unter anderem schaftliche Klima. Institute wie infratest dimap,
die Arbeitnehmer der Automobilbranche. Allensbach, Forsa, Emnid und die Forschungs-
Die Positionen der Gewerkschaften haben in gruppe Wahlen sind besonders vor den Wahlen
politischen Debatten Gewicht und Einfluss. präsent, aber auch mit aktuellen wöchentlichen
→ dgb.de Stimmungsbarometern.

Industrieverbände DIGITAL PLUS


Der Bundesverband der Deutschen Industrie Mehr Informationen zu allen Themen
(BDI) als Spitzenorganisation der Industrie des Kapitels – kommentierte Linklisten
und Beiträge; dazu weiterführende
vereint 35 Branchenverbände und spricht für
­Informationen zu Begriffen wie
rund 100.000 Unternehmen. ­Bundesrat, Bundesregierung, Bundesstaat, Bundestag,
→ bdi.de Bundesverfassungsgericht, Grundgesetz, Wahlsystem.
→ tued.net/de/dig1
26 | 27 STAAT & POLITIK

THEMA

FÖDERALER STAAT
Deutschland ist eine parlamentarische und Personen die ihnen in Koalitionsverhand­
föderale Demokratie. Das in der öffentlichen lungen zugesprochenen Ressorts besetzen.
Wahrnehmung präsenteste Verfassungsor­ Zerbricht eine Koalition, kann auch der Kanz­
gan, der Deutsche Bundestag, wird von den ler vor Ablauf der vierjährigen Wahlperiode
wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürgern stürzen, denn der Bundestag hat das Recht,
alle vier Jahre direkt gewählt. Die wichtigsten den Regierungschef jederzeit abzuwählen. Al­
Aufgaben des Bundestages sind die Gesetzge­ lerdings muss das Parlament in diesem Fall
bung und die Kontrolle der Regierungsarbeit. gleichzeitig durch ein sogenanntes „kons­
Für die Dauer der Legislaturperiode wählt der truktives Misstrauensvotum“ einen Nachfol­
Bundestag in geheimer Wahl den Bundes­ ger bestimmen. Eine Zeit ohne gewählte Re­
kanzler. Er hat innerhalb der Bundesregie­ gierung im Amt kann es also nicht geben.
rung die Richtlinienkompetenz, das heißt, er
legt verbindlich die Grundzüge der Politik Koalitionsregierungen sind in
fest. Der Bundeskanzler bestimmt die Bun­ Deutschland die Regel
desminister und aus deren Reihe einen Vize­
kanzler. Faktisch entscheiden jedoch die an Entscheidend für den Charakter des Parla­
der Regierung beteiligten Parteien, welche ments ist das System der personalisierten
Verhältniswahl. Auch kleinere Parteien sind
dadurch im Bundestag proportional zu ihren
Wahlergebnissen vertreten. Bis auf eine Aus­
LISTE
nahme wurde die Bundesregierung deshalb
jeweils durch Bündnisse mehrerer bei der
∙ Größtes Land: Nordrhein-Westfalen
(17,9 Mio. Einwohner)
Wahl konkurrierender Parteien gebildet; seit
der ersten Bundestagswahl 1949 gab es 24
∙ Höchster Einzeletat des Bundes: Koalitionsregierungen. Damit eine Zersplit­
Arbeit und Soziales (137,6 Mrd. Euro) terung im Parlament verhindert und eine
Regierungsbildung vereinfacht wird, müssen
∙ Größter Bundestagsausschuss:
Parteien mindestens fünf Prozent der abge­
Wirtschaft und Energie (49 Mitglieder)
gebenen Wählerstimmen (oder drei Direkt­
∙ Höchste Wahlbeteiligung: mandate) auf sich vereinen, um im Bundes­
Bundestagswahl 1972 (91,1 Prozent) tag vertreten zu sein (Fünf-Prozent-Hürde).

∙ Größte Bundestagsfraktion:
Der föderale Charakter Deutschlands zeigt
CDU/CSU (246 Abgeordnete)
sich durch die große Eigenständigkeit der 16
Auf dem Dach des Reichstags in Berlin: Täglich besichtigen rund 8.000 Menschen das Parlamentsgebäude

Länder, insbesondere in Angelegenheiten der Mitgliedern der Landesregierungen zusam­


Polizei, des Katastrophenschutzes, der Justiz, mensetzt, ebenfalls mit Sitz in Berlin. Bevöl­
der Bildung und der Kultur. Die Städte Berlin, kerungsreiche Länder sind im Bundesrat stär­
Hamburg und Bremen sind aus historischen ker repräsentiert als kleinere Länder. Auch
Gründen auch gleichzeitig Bundesländer. Ein­ Parteien, die auf Bundesebene die Opposition
zigartig ist die enge Verzahnung zwischen den stellen oder gar nicht im Bundestag vertreten
Ländern und dem Zentralstaat, woraus sich sind, können über die Beteiligung an Landes­
für die Landesregierungen vielfältige Mög­ regierungen Einfluss auf die Bundespolitik
lichkeiten der bundespolitischen Mitwirkung ausüben, denn zahlreiche Bundesgesetze und
ergeben. Dies geschieht vor allem über den Verordnungen bedürfen der Zustimmung
Bundesrat, der zweiten Kammer, die sich aus durch den Bundesrat. Erstmals stellen seit
28 | 29 STAAT & POLITIK

2011 und 2014 die beiden kleinsten im Bun­ Grünen sowie je eine Koalition aus CDU und
destag vertretenen Parteien, Bündnis  90/ FDP, aus CDU, Grünen und FDP, aus SPD, FDP
Die Grünen und Die Linke, in jeweils einem und Grünen sowie aus SPD, CDU und Grü­
Land (Baden-Württemberg und Thüringen) nen.
den Ministerpräsidenten.
Der Bundespräsident ist
Da es keinen einheitlichen Wahltermin für der erste Bürger im Staat
die Landtage gibt und die Legislaturperioden
variieren, kann es parallel zur Legislatur­ Das protokollarisch höchste Amt bekleidet
periode im Bundestag zu mehrfach wech­ der Bundespräsident. Er wird nicht vom Volk,
selnden Kräfteverhältnissen im Bundesrat sondern von einer eigens dafür einberufenen
kommen. In der derzeitigen Konstellation Bundesversammlung gewählt. Sie besteht zur
der Länderkammer hat die Bundesregierung Hälfte aus den Abgeordneten des Bundes­
keine sichere Mehrheit im Bundesrat. Klar tages, zur anderen Hälfte aus Mitgliedern, die
abgrenzbare Blöcke mit einheitlichem Ab­ von den Landesparlamenten proportional zu
stimmungsverhalten gibt es dort nicht mehr, der dortigen Sitzverteilung gewählt werden.
da in den 16 Ländern eine solche Vielfalt an Der Bundespräsident übt sein Amt über fünf
Koalitionen besteht, wie dies seit Bestehen Jahre aus, eine Wiederwahl ist einmal mög­
der Bundesrepublik nicht der Fall war. Nur in lich. Seit 2017 ist Dr. Frank-Walter Steinmeier
Bayern kann mit der CSU eine Partei ohne Bundespräsident. Er war als SPD-Politiker von
Koalitionspartner regieren. Ansonsten gab es 2005 bis 2009 und von 2013 bis 2017 Bundes­
im Frühjahr 2018 neben vier Landesregie­ außenminister. Steinmeier ist der zwölfte
rungen aus CDU und SPD, zwei Verbindun­ Bundes­präsident seit 1949. Obwohl der Bun­
gen zwischen SPD und Grünen, zwei aus CDU despräsident in erster Linie repräsentative
und Grünen, eine aus SPD und Die Linke, Aufgaben hat, kann er auch seine Unterschrift
zwei Koalitionen aus Die Linke, SPD und unter Gesetze verweigern, wenn er Zweifel an

WEGMARKEN

1949
Am 23. Mai verabschiedet der
1953
Am 17. Juni 1953 protestieren
1961
Die Führung der DDR riegelt
Parlamentarische Rat, den Ver­ rund eine Million Menschen in in Berlin mit Mauer und Stachel-
treter der Länder aus den west­ Ost-Berlin und in der DDR gegen draht die Übergänge von Ost
lichen Besatzungszonen bilden, die politischen und wirtschaft­ nach West ab. Auf Flüchtlinge
in Bonn das Grundgesetz. Am lichen Verhältnisse. Der Aufstand wird geschossen. Die staatliche
14. August wird der erste Bun- wird mit massivem Militäreinsatz Einheit Deutschlands scheint
destag gewählt. niedergeschlagen. auf absehbare Zeit unerreichbar.
­deren Verfassungsmäßigkeit hat. Den größten GLOBAL
Einfluss haben die bisherigen Amtsinhaber
Office for Democratic Institutions and
über öffentliche Reden ausgeübt, denen hohe Human Rights, Elections of the Federal
Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die Bundes­ Parliament Auf Einladung Deutsch­lands
präsidenten halten sich parteipolitisch zu­ hat die Organisation für Sicherheit
rück, greifen dennoch aktuelle Themen auf und Zusammenarbeit in ­Europa (OSZE)
und mahnen zuweilen Regierung, Parlament die Bundestagswahl vom 24. September
2017 beobachtet. Die OSZE-Experten
oder Bevölkerung zum Handeln. Während
attestierten Deutschland in ihrem Be-
der für Deutschland ungewöhnlich langwie­ richt eine sauber durchgeführte Wahl,
rigen Regierungsbildung nach der Bundes­ die nicht durch Manipulationen – etwa
tagswahl 2017 war es Steinmeier wichtig, durch Hacker – beeinflusst
Neuwahlen zu verhindern. Ohne seine Inter­ gewesen sei.
→ osce.org
vention wäre die SPD zu diesem Zeitpunkt
sonst wohl nicht in eine Große Koalition ge­
gangen.

Das Bundesverfassungsgericht in
­K arlsruhe wacht über das Grundgesetz

Über viel Einfluss verfügt das Bundesver­ es über Kompetenzstreitigkeiten zwischen


fassungsgericht in Karlsruhe, das in der Öf­ Verfassungsorganen und kann Gesetze für
fentlichkeit sehr hohes Ansehen genießt. Es unvereinbar mit dem Grundgesetz erklären.
gilt als „Hüterin des Grundgesetzes“ und lie­ Jedem Bundesbürger steht der Weg zum
fert durch seine maßgeblichen Entschei­ Verfassungsgericht offen, wenn er sich
dungen eine verbindliche Auslegung des durch ein Gesetz in seinen Grundrechten
Verfassungstextes. In zwei Senaten richtet verletzt sieht.

1969
Mit Willy Brandt kommt erstmals
1989/90
In der DDR führen friedliche
1999
Bundestag und Bundesregierung
ein Kanzler ins Amt, der nicht ­Proteste zum Sturz des Regimes. ziehen nach Berlin. Die Parla-
der CDU angehört. Die Ostpolitik Am 9. November wird die Grenze mentsgebäude stehen auf beiden
der aus SPD und FDP gebildeten zum Westen geöffnet. Nach den Seiten des ehemaligen Mauer-
Regierung schafft einen Rahmen ersten freien Wahlen am 18. März streifens. Bonn bleibt der Stand-
für die Aussöhnung Deutschlands tritt die DDR am 3. Oktober 1990 ort einiger Ministerien und Bun-
mit seinen östlichen Nachbarn. der Bundesrepublik bei. desbehörden.
30 | 31 STAAT & POLITIK

THEMA

AKTIVE POLITIK
„Ein neuer Aufbruch für Europa. Eine neue will sie erreichen, dass die gute wirtschaftliche
Dynamik für Deutschland. Ein neuer Zu­ Lage allen Menschen zugutekommt. Dies
sammenhalt für unser Land“ hat sich die soll mehr gesellschaftliche Gerechtigkeit
Große Koalition als Titel für ihr Regierungs­ schaffen und das Vertrauen der Menschen
programm bis 2021 gewählt. Sie will sich in die Handlungsfähigkeit der Politik wie­
einsetzen für eine Stärkung der Europä­ der stärken.
ischen Union als Garant für Frieden, Sicher­
heit und Wohlstand. Mit dem Ziel eines aus­ Das Ergebnis der Bundestagswahl 2017 hat­
geglichenen Haushalts, der seit 2014 erreicht te den schon in der vergangenen Legislatur­
wird, sieht sich die Bundesregierung in der periode regierenden Volksparteien starke
Verantwortung für die Währungsstabilität Verluste gebracht. Hohe Stimmenzuwächse
und will Vorbild sein für seine Partner in verzeichnete dagegen die rechtspopulisti­
der Eurozone. Zugleich zeigt sie Bereit­ sche AfD, die erstmals und als größte Opposi­
schaft, höhere Beiträge zum EU-Haushalt zu tionspartei in den Bundestag einzog. Trotz
leisten. Gemeinsam mit Frankreich möchte der anhaltend positiven Konjunktur sehen
die Bundesregierung die Eurozone stärken viele Menschen mit Sorge in die Zukunft.
und reformieren, damit der Euro globalen Nicht zuletzt daraus zog die Bundesre­g ierung
­K risen besser standhält. Für Deutschland den Schluss, dass sie den sozialen Zusam­
menhalt im Land fördern und Spaltungen
überwinden muss. So will sie gezielt Familien
stärken, die Absicherung im Alter und bei
ZAHL Arbeitslosigkeit verbessern, Bildung, Inno­
vationen und Digitalisierung fördern. Ein
0,0 Euro zentraler Punkt ist die gezieltere Steuerung
von Zuwanderung sowie eine bessere In­
betrug das Haushaltsdefizit Deutsch- tegration von Migrantinnen und Migranten.
lands auf Bundesebene im Jahr 2017.
Das Grundgesetz sichert politisch Verfolgten
Ausgaben von 325,4 Milliarden Euro
ein Grundrecht auf Asyl. Deutschland wird
standen Einnahmen von 330,4 Milliarden
Euro gegenüber. Der Bund nahm 2017 weiterhin Menschen in Not helfen, die
das vierte Jahr in Folge keine neuen ein Recht auf Asyl haben. Zugleich verstärkt
Schulden auf. Grund sind vor allem die Bundesregierung ihre Bemühungen,
­höhere Steuereinnahmen dank der ­damit Menschen ohne Bleibeperspektive in
­guten Konjunktur.
Deutschland das Land wieder verlassen. Die
→ bundeshaushalt-info.de
Bundesregierung hofft, noch 2018 die Reform
Der Bundestag in Berlin ist die politische Bühne. Dem 19. Deutschen Bundestag gehören 709 Abgeordnete an

des Gemeinsamen Europäischen Asylsys­ erfolgte 2016. Seit Ende 2017 erfüllen diese
tems abzuschließen. ­Unternehmen die Vorgabe, dass mindestens 30
Prozent der Aufsichtsratssitze weiblich besetzt
An Erfolge anknüpfen werden. Ende 2017 betrug der Anteil von Frau­
en in den Aufsichtsräten der 200 größten Un­
Bereits in der vorangegangenen Legislaturpe­ ternehmen 25 Prozent. Die kontinuierliche
riode beschloss der Bundestag einen erstmals Weiterentwicklung der Energiewende, durch
für alle Branchen gültigen Mindestlohn. Er liegt die Deutschland seinen Anteil an regenerativen
2018 bei 8,84 Euro je Zeitstunde und wird wei­ Energien signifikant gesteigert hat, sowie der
ter regelmäßig überprüft. Die Einführung einer Ausbau der digitalen Infrastruktur werden als
Frauenquote bei großen Aktiengesellschaften Schwerpunkte weiter verfolgt.
32 | 33 STAAT & POLITIK

THEMA

VIELFÄLTIGE TEILHABE
Den politischen Parteien wird eine zentrale tigten entspricht das einem Anteil von 1,7
und privilegierte Stellung im politischen Sys­ Prozent. Auch die Wahlbeteiligung ist ten­
tem der Bundesrepublik Deutschland einge­ denziell rückläufig. Während die Wahlent­
räumt. „Die Parteien wirken bei der politi­ scheidungen der 1970er- und 1980er-Jahre
schen Willensbildung des Volkes mit“, heißt durchgängig hohe und höchste Wahlbeteili­
es in Artikel 21 des Grundgesetzes. Damit ein­ gungen erzielten (91,1 Prozent 1972), erreich­
her geht die Verpflichtung zur innerparteili­ ten die Bundestagswahlen 2013 und 2017 nur
chen Demokratie: Vorsitzende, Gremien und 71,5 beziehungsweise 76,2 Prozent.
Kandidaten werden auf Parteitagen von Dele­
gierten der Parteibasis in geheimer Abstim­ Für junge Menschen besitzen Partizipations­
mung gewählt. Zur Stärkung der innerpartei­ möglichkeiten in zivilgesellschaftlichen In­
lichen Demokratie haben die Parteien in itiativgruppen oder Nichtregierungsorgani­
jüngster Zeit bei relevanten Entscheidungen sationen oft eine höhere Attraktivität. Zu­
ihre Mitglieder direkt befragt. Das Mitglie­ nehmend gewinnen auch die sozialen Medien
dervotum der SPD zum Koalitionsvertrag als Plattformen für politische Artikulations-
2018 war entscheidend zur Bildung einer ge­ und Aktionsformen an Bedeutung. Auch über
meinsamen Bundesregierung mit CDU/CSU. direktdemokratische Verfahren wie Referen­
Die Parteien bleiben im Kern Ausdrucksfor­ den beteiligen sich die Bürger am politischen
men der Gesellschaft, gleichwohl verlieren sie Prozess. In Ländern und Kommunen sind die
an Kohäsionskraft. Hinter CDU/CSU und SPD Möglichkeiten zur direkten Demokratie in
stehen rund eine Millionen Parteimitglieder den vergangenen Jahren vermehrt praktiziert
– bezogen auf die 61,5 Millionen Wahlberech­ und von Bürgern genutzt worden.

DIAGRAMM Tendenziell sinkend: Beteiligung an Bundestagswahlen (in Prozent)

Die Stimme des Volkes 91,1 89,1


In Deutschland wird nach einer leicht
modi­fi­zier­ten personalisierten Verhält-
78,5 77,8 77,7 76,2
niswahl ge­wählt. Jeder Wahlberechtigte
hat zwei Stimmen. Die Erststimme gilt
dem Kandidaten einer Partei im Wahl­
kreis, die Zweitstimme der Landes­liste
Statistisches Bundesamt

einer Partei. Grundlage für die Anzahl


der Bundestagsmandate sind die Zweit­
stimmen. 1949 1972 1983 1990 2005 2017
Direktdemokratische Instrumente wie Bürgerentscheide werden auf kommunaler Ebene häufiger praktiziert

Altersstruktur der Wahlberichtigten Beteiligung an Volksentscheiden

20,7  % 3,6  %
70 und 18–21 Jahre Baden-Württemberg (2011) 48,3 %
Statistisches Bundesamt, Wahlleiter Volksentscheide

mehr Jahre
11,8  %
46,1 %
15,4 % 21–30 Jahre
Berlin (2014)
60–70 Jahre
13,9  % Hamburg (2010) 39,3 %
30–40 Jahre

20  % 14,7  % Bayern (2010) 37,7 %


50–60 Jahre 40–50 Jahre
34 | 35 STAAT & POLITIK

PANORAMA

DAS POLITISCHE BERLIN

1 Schloss Bellevue

Das Schloss, erbaut Ende des


18. Jahrhunderts, ist seit 1994
erster Amtssitz des deutschen
Bundes­präsidenten. Es liegt am
Rande des Tiergartens in Berlin. 2 Das Bundeskanzleramt

Der Neubau des Bundeskanz-


leramts wurde 2001 bezogen.
Das Gebäude im Stil der Post-
moderne hat eine weitgehend
verglaste Außenfläche. Auf
dem Ehrenhof steht die Stahl­
skulptur „Berlin“ des baskischen
Künstlers Eduardo Chillida.

709 31 % 61.500.000 3.000.000


Abgeordnete der Bundestags­ Wahlberechtigte Menschen besuchen
zählt der 19. Deutsche abgeordneten können an Bundestags- jährlich den
Bundestag sind Frauen wahlen teilnehmen Bundestag in Berlin
1 Schloss Bellevue
2 Bundeskanzleramt
7
3 Deutscher Bundestag
2 6
ee 4 Bundesrat
Spr
3
5
5 Jakob-Kaiser-Haus
1
6 Paul-Löbe-Haus
Juni 7 Marie-Elisabeth-Lüders-Haus
Straße des 17.
Tiergarten
Berlin
Mitte
4

3 Deutscher Bundestag

Die gläserne Kuppel auf


dem Reichstagsgebäude
steht für Transparenz.

Das Reichstagsgebäude
In dem modern umgebau-
ten historischen Gebäude
von 1894 hat das deutsche
Parlament seinen Sitz.

14 24 12 8
Fachministerinnen Koalitionsregierungen Bundespräsidenten Bundeskanzler
und -minister gehören gab es seit 1949 gab es seit 1949 gab es seit 1949
dem Kabinett an
36 | 37 STAAT & POLITIK

THEMA

LEBENDIGE ERINNERUNGSKULTUR
Die Auseinandersetzung mit Krieg und Ge­ lin etwa erinnert das Denkmal für die ermor­
waltherrschaft, mit ideologisch motivierten deten Juden Europas an die bis zu sechs Millio­
Verbrechen und politischem Unrecht im nen jüdischen Opfer des Holocausts.
20. Jahrhundert und das Gedenken an die Op­
fer der Verfolgung spielen in der Erinnerungs­ Gedenken an Krieg, Widerstand
kultur der Bundesrepublik Deutschland eine und Diktatur
wichtige Rolle. Der Erhalt der Berichte von
Zeitzeugen gehört dabei zum Kern einer Erin­ Im November 2018 erinnert Deutschland an
nerungskultur, die darauf ausgerichtet ist, die das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren;
Verbrechen des Nationalsozialismus auch im 2019 wird der 100. Jahrestag der ersten konsti­
Bewusstsein kommender Generationen zu tuierenden Sitzung der Nationalversamm­
halten. lung der Weimarer Republik, der ersten deut­
schen Demokratie, gefeiert. Bereits in den gro­
Zu der lebendigen Erinnerungskultur gehö­ ßen Jubiläumsjahren 2014 und 2015, in denen
ren auch die zahlreichen Gedenk- und Erinne­ sich der Beginn des Ersten Weltkriegs zum
rungsstätten für die unterschiedlichen Opfer­ 100. Mal und der Fall der Mauer zum 25. Mal
gruppen in ganz Deutschland. Mitten in Ber­ jährte, war das Gedenken vor allem von Dank­
barkeit geprägt. Sie galt den Alliierten der An­
ti-Hitler-Koalition für die Befreiung 1945,
aber auch der Chance zum Wiederaufbau und
INFO
zur Wiedervereinigung 1990. Die Dankbarkeit
Stolpersteine In vielen deutschen und
galt ebenso jenen, die als überlebende Opfer
anderen europäischen Städten erinnern
in den Boden eingelassene sogenannte
des Holocausts Zeugnis ablegten über die Ver­
Stolpersteine daran, dass an dieser Stel- brechen – und dem demokratischen Deutsch­
le jüdische Bürgerinnen und Bürger ge- land nach dem Zweiten Weltkrieg die Hand
wohnt oder gearbeitet haben, die unter reichten.
den Nationalsozialisten verfolgt, ermor-
det, deportiert oder vertrieben wurden.
Auch soll die Erinnerung an die kommunis­
Die etwa 10 mal 10 Zentimeter großen
würfelförmigen Betonblöcke sind an tische Diktatur während der Sowjetischen
ihrer Oberseite mit Messing beschlagen Besatzungszone (SBZ, 1945–1949) und der
und mit einer Inschrift mit Namen und DDR (1949–1990) für jene Generationen le­
Lebensdaten zum Gedenken an das bendig gehalten werden, die die Teilung
Opfer versehen.
Deutschlands und das DDR-System nicht er­
→ stolpersteine.eu
lebt haben. Wichtig bleibt dafür die Rolle des
KARTE
Gedenk- und Erinnerungsstätten in Deutschland

7 10
9

39
5 4

3 4

Gedenkstätten für die


Opfer des Nationalsozialismus

In ganz Deutschland finden sich viele Erinnerungsstätten für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft

Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Dem Widerstand gegen die Nazidiktatur ge­
Staatssicherheit der DDR, bei dem weiterhin widmet ist die Gedenkstätte Deutscher Wi­
Akten gesichtet, sortiert und Betroffenen derstand im Bendlerblock im Berliner Bezirk
und Wissenschaftlern zugänglich gemacht Mitte. Sie befindet sich am historischen Ort
werden. In einer Dauerausstellung in dem des gescheiterten Umsturzversuches der
Gebäude der ehemaligen Zentrale der Staats­ Gruppe um Graf Stauffenberg vom 20. Juli
sicherheit der DDR (Stasi) in Berlin-Hohen­ 1944. Die Gedenkstätte dokumentiert ein­
schönhausen werden Mittel und Arbeitswei­ drucksvoll, wie sich Einzelne und Gruppen
se der Stasi zur Bespitzelung, Kontrolle und 1933 bis 1945 gegen die nationalsozialistische
Einschüchterung der Bevölkerung anschau­ Diktatur gewehrt und ihre Handlungsspiel­
lich dargestellt. räume genutzt haben.
38 | 39 AUSSENPOLITIK

AUSSENPOLITIK
Zivile Gestaltungsmacht ∙ Engagiert für Frieden und Sicherheit ∙
Anwalt europäischer Integration ∙ Schutz von Menschenrechten ∙
Offener Netzwerkpartner ∙ Nachhaltige Entwicklung

EINBLICK

ZIVILE GESTALTUNGSMACHT
Deutschland ist in der internationalen Politik schaft des transatlantischen Bündnisses mit
intensiv und vielfältig vernetzt. Das Land un­ den USA, das Eintreten für das Existenzrecht
terhält diplomatische Beziehungen zu fast 200 Israels, die aktive und engagierte Mitwirkung
Staaten und ist Mitglied in allen wichtigen mul­ in den Vereinten Nationen (UN) und im Eu­
tilateralen Organisationen und informellen in­ roparat sowie die Stärkung der europäischen
ternationalen Koordinierungsgruppen wie der Sicherheitsarchitektur im Rahmen der OSZE.
„Gruppe der Sieben“ (G7) und der „Gruppe der
Zwanzig“ (G20). Außenminister ist seit 2018 Gemeinsam mit seinen Partnern setzt sich
Heiko Maas (SPD). Im Auswär­tigen Dienst, des­ Deutschland weltweit für Frieden, Sicherheit,
sen Zentrale sich in Berlin b
­ efindet, arbeiten Demokratie und Menschenrechte ein. Der von
rund 11.652 Beschäftigte. Insgesamt unterhält Deutschland vertretene erweiterte Sicher­
Deutschland 227 Auslandsvertretungen. heitsbegriff umfasst neben Fragen der Krisen­
prävention, Abrüstung und Rüstungskontrolle
Das vorrangige Ziel der deutschen Außenpo­ nachhaltige wirtschaftliche, ökologische und
litik ist der Erhalt von Frieden und Sicherheit soziale Aspekte. Dazu gehören eine Globali­
in der Welt. Zu den Grundkoordinaten gehört sierung mit Chancen für alle, grenzüber­
die umfassende Integration in die Strukturen schreitender Umwelt- und Klimaschutz, der
der multilateralen Zusammenarbeit. Konkret Dialog zwischen den Kulturen sowie Offenheit
bedeutet dies: eine enge Partnerschaft mit gegenüber Gästen und Einwanderern. Seit dem
Frankreich in der Europäischen Union (EU), Ende des Ost-West-Konflikts in den frühen
die feste Verankerung in der Wertegemein­ 1990er-Jahren haben sich für die deutsche
VIDEO AR-APP

Außenpolitik: das Video zum Thema


→ tued.net/de/vid2

Die deutsche Außenpolitik ist fest eingebunden in die multilaterale Zusammenarbeit


40 | 41 AUSSENPOLITIK

­Außenpolitik Chancen und Herausforderun­ Im Zeitalter der Globalisierung und der Digi­
gen eröffnet. Multilateral eingebettet, hat talisierung und vor dem Hintergrund einer
Deutschland die gewachsene Verantwortung, sich rasch verändernden Welt stehen neben
die dem Land nach der Wiedervereinigung der klassischen Außenpolitik immer häufiger
1990 zugefallen ist, angenommen. Deutsch­ neue Themenfelder auf der Agenda. Dazu ge­
land trägt durch vielfache Anstrengungen zur hören zum Beispiel „böswillige Cyberoperatio­
politischen Lösung von Konflikten bei, ebenso nen“ oder Versuche, über Propaganda Einfluss
zum Erhalt von friedenssichernden Strukturen auf die öffentliche Meinung zu nehmen.
und zur Krisenprävention innerhalb von UN-
mandatierten Friedensmissionen. Um die UN
bei der Krisenvorsorge weiter zu unterstützen, NETZ
habe Deutschland seinen Beitrag zu diesem Be­ Auswärtiges Amt
reich verdreifacht, wie Außenminister Maas in Termine, Personen, Themen, Kontakte
einer Rede vor den UN im Frühjahr 2018 erklär­ → diplo.de
te. Da Sicherheit mehr erfordert als militärische
Europäische Union
Verteidigung, erhöht Deutschland zudem seine
Portal der Staatenge­meinschaft mit
Anstrengungen bei der Humanitären Hilfe
Informationen in 24 Sprachen
und in der Auswärtigen Kulturpolitik. → europa.eu

Sein Engagement unterstrich Deutschland OSZE


mit seiner erfolgreichen Kandidatur für einen Ständige Vertretung der Bundesrepublik
Deutschland bei der OSZE
nicht-ständigen Sitz im Sicherheitsrat der
→ osze.diplo.de
Vereinten Nationen 2019/2020.

Bundesaußenminister Maas im Gespräch mit der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini


KOMPAKT

AKTEURE & INSTRUMENTE


Diplomatische Vertretungen
Deutschland unterhält diplomatische Beziehun-
gen zu 195 Staaten und ist mit 227 Vertretun-
gen, davon 153 Botschaften, weltweit präsent.
Auch bei zwölf internationalen Organisationen
hat Deutschland Ständige Vertretungen.
→ diplo.de

Multilaterale Organisationen Außenpolitische Thinktanks


Deutschland übernimmt Verantwortung in Bedeutende außen- und sicherheitspolitische
multilateralen Organisationen wie den Verein- Forschungsinstitute sind die Deutsche Gesell-
ten Nationen (UN), der Europäischen Union schaft für Auswärtige Politik (DGAP), das
(EU), dem Nordatlantischen Bündnis (NATO), German Institute of Global and Area Studies
der Organisation für Sicherheit und Zusammen- (GIGA), die Hessische Stiftung Friedens- und
arbeit in Europa (OSZE), dem Europarat, der Konfliktforschung (HSFK), das Institut für
Organisation für wirtschaftliche Zusammenar- Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH)
beit und Entwicklung (OECD), der Welthandels­ und die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).
organisation (WTO) oder dem Internationalen
Währungsfonds (IWF). Politische Stiftungen
Die parteinahen Stiftungen von CDU, CSU,
Bundeswehr SPD, Die Linke, Bündnis 90/Die Grünen und
Die Bundeswehr umfasst nach einer internen FDP sind mit eigenen Büros weltweit präsent.
Reform rund 180.000 aktive Soldaten, 21.000 Die Stiftungen fördern mit Mitteln aus dem
von ihnen sind Frauen. 3.700 Angehörige der Bundeshaushalt die politische Bildung, die wirt-
deutschen Streitkräfte sind 2018 in 14 verschie- schaftliche Entwicklung und den demokrati-
denen Krisenmissionen eingesetzt. schen Dialog in den jeweiligen Partnerländern.
→ bundeswehr.de
DIGITAL PLUS
Experten für Konfliktprävention Mehr Informationen zu allen Themen
Das Zentrum für internationale Friedenseinsät- des Kapitels – kommentierte Linklisten
und Beiträge; dazu weiterführende
ze (ZIF) bildet zivile Fachkräfte für Einsätze in
­Informationen zur Europäischen Union
Krisenregionen aus und vermittelt Experten. sowie Kurzporträts der multi­lateralen Organisationen.
→ zif-berlin.org → tued.net/de/dig2
42 | 43 AUSSENPOLITIK

THEMA

ENGAGIERT FÜR FRIEDEN UND SICHERHEIT


Diplomatie, Krisenprävention und friedliche ropäische Union (EU) oder die Nordatlanti­
Konfliktbeilegung sind die vorrangigen Ins­ sche Allianz (NATO) sein. Der Einsatz der
trumente der deutschen Außenpolitik: Die Bundeswehr im Ausland wird eingebettet in
Entsendung von Beamten, Richtern, Staatsan­ einen breiten politischen Ansatz mit zivilen
wälten, Polizisten, Aufbauhelfern und ande­ Komponenten wie politischen, entwicklungs­
ren zivilen Kräften gehört im Rahmen einer politischen und sozioökonomischen Maß­
umfassenden Sicherheitspolitik ebenso dazu nahmen. Die Bundesregierung hat hierzu
wie die Beteiligung der Bundeswehr an multi­ Leitlinien für ihr internationales Engagement
nationalen Friedensmissionen. Das bestim­ in Krisenkontexten entwickelt. Einsätze be­
mende Merkmal der deutschen Außenpolitik, waffneter Streitkräfte unterliegen der parla­
die enge multilaterale Einbindung, gilt auch mentarischen Mandatierung und Kontrolle.
und besonders für den Einsatz militärischer Sie bedürfen der Zustimmung durch die
Mittel. Krisenmanagementeinsätze der Bun­ Mehrheit der Mitglieder des Deutschen Bun­
deswehr finden immer im Rahmen von Syste­ destages. Die Bundeswehr wird daher auch
men kollektiver Sicherheit oder Verteidigung als Parlamentsarmee bezeichnet.
statt, dies können Internationale Organisatio­
nen wie die Vereinten Nationen (UN), die Eu­ In der NATO ist Deutschland seit der Grün­
dung der Bundeswehr 1955 politisch wie mi­
litärisch integriert. Die feste Verankerung in
das nordatlantische Verteidigungsbündnis
LISTE
gehört zur „DNA“ der deutschen Außenpoli­
tik. Deutschland ist der zweitgrößte Truppen­
∙ Größte deutsche Auslandsvertretung:
Botschaft Moskau, ca. 300 Mitarbeiter
steller in der NATO und beteiligt sich substan­
ziell an NATO-geführten Einsätzen, von Re­
∙ Größte Parlamentariergruppe solute Support Mission (RSM) in Afghanistan
im Deutschen Bundestag: bis KFOR in Kosovo. Seit 1992 wurden rund 40
Parlamentariergruppe USA, Auslandseinsätze abgeschlossen. Im Frühjahr
80 Abgeordnete
2018 beteiligt sich die Bundeswehr mit rund
∙ Größtes EU-Organ in Deutschland: 3.500 Soldaten in 14 Einsätzen. In der Folge der
Europäische Zentralbank (EZB) in Krise in der Ukraine hat sich die NATO wieder
Frankfurt am Main, 3.380 Mitarbeiter stärker der Kernaufgabe Bündnisverteidi­
gung zugewandt und eine Reihe von Anpas­
∙ UN-Einrichtungen in Deutschland:
sungs- und Rückversicherungsmaßnahmen
gesamt 30, davon 19 in Bonn
beschlossen. Deutschland beteiligt sich daran
substanziell: Das Land hat 2015 gemeinsam westlichen I­ ndustrieländern gehört Deutsch­
mit den Niederlanden und Norwegen zum land zu den größten Truppenstellern in UN-­
Aufbau der neuen, besonders schnell verleg­ Friedenseinsätzen. Auch in Deutschland sind
baren NATO-Eingreiftruppe (VJTF) beigetra­ die UN präsent, insbesondere auf dem UN-
gen, die die Reaktionsfähigkeit der Allianz Campus in Bonn, wo 19 von deutschlandweit
verbessert. 2019 übernimmt die Bundeswehr 30 UN-Einrichtungen ihren Sitz haben.
erneut auf Rotationsbasis als Rahmennation
eine führende Rolle in der VJTF. Außerdem Um die internationalen Organisationen bei
trägt Deutschland zum Schutz des Luftraums friedenserhaltenden Missionen noch besser
der baltischen Staaten bei (Air Policing) und zu unterstützen, professionalisiert Deutsch­
fungiert seit 2017 als Rahmennation in Litau­ land die Ausbildung und Entsendung von zi­
en für die verstärkte Vornepräsenz der NATO vilen Krisenhelfern weiter. Das 2002 einge­
in den baltischen Staaten und Polen (enhan­ richtete Zentrum für Internationale Friedens­
ced Forward Presence – eFP). einsätze (ZIF) verfügt über einen Pool von
1.500 abrufbereiten Experten und soll weiter
Verlässliches und geschätztes Mitglied der gestärkt werden. Das ZIF wählt zivile Helfer
Vereinten Nationen aus, bereitet sie in Lehrgängen auf Einsätze
als Beobachter und Schlichter in Krisenge­
Seit ihrer Aufnahme in die UN 1973 ist bieten und Postkonfliktländern vor und wer­
die Bundesrepublik ein engagiertes, verläss­ tet deren Erfahrungen aus. In Zusammenar­
liches und geschätztes Mitglied der Welt­ beit mit dem Auswärtigen Amt hat das ZIF
organisation. 2018 ist Deutschland zum seit Bestehen rund 3.000 ehrenamtliche
sechsten Mal als nicht-ständiges Mitglied in Kurz- und Langzeitwahlbeobachter in Wahl­
den UN-Sicherheitsrat gewählt worden. Zum beobachtungsmissionen entsandt und Pro­
regulären UN-­
Haushalt trägt Deutschland jekte in 65 Ländern umgesetzt.
jährlich rund 161 Millionen US-Dollar, zum
Etat der UN-Friedensmissionen etwa 466 Als weitere zentrale Säule für Frieden und Si­
Millionen US-Dollar bei. Das sind jeweils 6,4 cherheit in Europa unterstützt Deutschland
Prozent des Gesamtbudgets der UN. Damit die Organisation für Sicherheit und Zusam­
war Deutschland 2017/2018 der viertgrößte menarbeit in Europa (OSZE). Die OSZE ist 1995
Beitragszahler. Von 2013 bis 2017 hat aus der Konferenz über Sicherheit und Zu­
Deutschland zudem seinen Beitrag für das sammenarbeit in Europa (KSZE) hervorgegan­
UN-­F lüchtlingskommissariat (UNHCR) ver­ gen. Grundlagendokument der OSZE ist die
dreifacht. Mit 387 Millionen Euro im Jahr ist 1975 unterzeichnete Schlussakte von Helsin­
Deutschland nach den USA zweitgrößter Ge­ ki, in der unter anderem die Unverletzlichkeit
ber. Im Frühjahr 2018 beteiligt sich Deutsch­ der Grenzen und die friedliche Lösung von
land an fünf UN-­
Friedenseinsätzen, unter Streitigkeiten als Prinzipien der europäischen
anderem in Mali und im Libanon. Unter den Sicherheitsordnung vereinbart wurden.
44 | 45 AUSSENPOLITIK

In zahlreichen Missionen, wie etwa bei EUTM (European Training Mission in Mali), ist die Bundeswehr im Auslandseinsatz

Die OSZE als zentrales Forum Konfliktgebiet die Einhaltung der Minsker
für Frieden und Sicherheit in Europa Abkommen überwachen und den Abzug von
Truppen und Waffen verifizieren soll. Unter
Die Organisation umfasst heute 57 Teilneh­ deutschem OSZE-Vorsitz wurden 2016 vor­
merstaaten aus Europa, Nordamerika und handene Verhandlungsformate für weitere
Zentralasien und ist damit die größte regio­ Krisenherde (Transnistrien, Bergkarabach)
nale Organisation für kollektive Sicherheit wieder belebt. Zur Wiederherstellung von
weltweit. Zur Prävention von Konflikten und Vertrauen und zur Stärkung der OSZE als
zur Förderung der Demokratisierung unter­ Plattform des sicherheitspolitischen Dialogs
hält die OSZE in vielen Ländern ständige Mis­ wurde beim OSZE-Ministerrat in Hamburg
sionen und schickt, auch von Deutschland un­ Ende 2016 eine Entscheidung für die Manda­
terstützt, regelmäßig Wahlbeobachter in ihre tierung eines strukturierten Dialogs zu si­
Teilnahmestaaten. In der Folge der Krise in cherheitspolitischen Herausforderungen in
der Ukraine wurde die Bedeutung der OSZE Europa und deren rüstungskontrollpoliti­
als wichtiges Instrument für Krisenmanage­ schen Implikationen („From Lisbon to Ham­
ment und Forum für Dialog und Vertrauens­ burg“) verabschiedet.
bildung erneut deutlich. Die OSZE unterstützt
die Bemühungen um eine Lösung des Kon­ Engagement für Abrüstung und
flikts in der Ostukraine unter anderem durch Rüstungskontrolle
die Moderation politischer Verhandlungen
und mittels einer Sonderbeobachtungsmission, Einen wichtigen Beitrag zur weltweiten Si­
die mit rund 650 zivilen Beobachtern im cherheit leistet Deutschland mit seinem En­
gagement im Bereich der Abrüstung, Rüs­ Munition sowie die sichere Lagerung von ge­
tungskontrolle und der Nichtverbreitung. fährdeten Beständen sind Schwerpunkte der
Deutschland verfolgt das Ziel einer Welt oh­ deutschen Politik.
ne Atomwaffen. Beispielsweise setzt sich
Deutschland für das baldige Inkrafttreten Im OSZE-Raum haben konventionelle Rüs­
des Atomteststopp-Vertrags ein. Gemeinsam tungskontrolle sowie vertrauens- und sicher­
mit den fünf ständigen Mitgliedern des UN- heitsbildende Maßnahmen große Bedeutung.
Sicherheitsrates und der Europäischen Union Deutschland setzt sich für ihre Modernisie­
hat Deutschland aktiv dazu beigetragen, dass rung und Anpassung an aktuelle Herausforde­
im Juli 2015 die Wiener Nuklearvereinba­ rungen ein und initiierte 2016 einen Neustart
rung mit Iran über das iranische Nuklear­ der konventionellen Rüstungskontrolle in Eu­
programm geschlossen werden konnte. ropa. Der auf dem Hamburger OSZE-Minister­
Deutschland setzt sich weiterhin für die Uni­ rat Ende 2016 ins Leben gerufene „Strukturier­
versalität und Durch­setzung relevanter in­ te Dialog“ wurde 2017 unter deutscher Leitung
ternationaler Verträge und Abkommen ein, zu einem bedeutsamen Forum der Sicherheits­
etwa für das Chemiewaffenübereinkommen, architektur im OSZE-Rahmen. Er soll dazu
das die Norm des Nicht-Einsatzes von Che­ beitragen, Bedrohungsperzeptionen zu erör­
miewaffen kodifiziert. tern, die Sicherheitskooperation wiederzube­
leben und die konventionelle Rüstungskon­
Auch bei rüstungskontrollpolitischen The­ trolle zu stärken.
men im Zusammenhang mit neuen Technolo­
gien, wie etwa autonome Waffensysteme, hat
sich Deutschland klar positioniert. Die Bun­ GLOBAL
desregierung lehnt vollautonome Waffen­
Armed Conflict Survey 2017 Die Zahl
systeme, die die Letztentscheidung der der Opfer durch Kriege ging 2016 leicht
menschlichen Kontrolle entziehen, ab und zurück. Das berichtet das Internationale
möchte zu einer weltweiten Ächtung dieser Institut für Strategische Studien (IISS)
Waffen beitragen. Ein Ziel deutscher Außen­ in London. In 36 bewaffneten Konflikten
politik ist auch die weltweite Umsetzung des starben 2016 rund 157.000 Menschen,
etwa 10.000 weniger als 2015. Der Krieg
„Ottawa-Übereinkommens“, des zentralen
in Syrien war der gewalttätigste Konflikt
Vertragswerks zur Ächtung von Antiperso­ weltweit. 90 Prozent der syrischen
nenminen. Flüchtlinge ließen sich in Nachbar­
ländern nieder. Ende
Deutschland zählte 2017 mit rund 75,7 Mil­ 2016 waren insgesamt 65,6
Millionen Menschen auf
lionen Euro für Projekte zur Minenräumung
der Flucht.
und Versorgung von Minenopfern zu den → iiss.org
größten Gebern in diesem Bereich. Auch die
Vernichtung von überschüssigen Waffen und
46 | 47 AUSSENPOLITIK

THEMA

ANWALT EUROPÄISCHER INTEGRATION


Kein Land in Europa hat mehr Nachbarn als sammenwachsen Europas nach dem Ende des
Deutschland. Mit neun Staaten teilt Deutsch­ Ost-­
West-Konflikts aktiv mitgestaltet. Im
land seine Grenze, acht davon gehören zur Eu­ Rahmen der europäischen Integration wurde
ropäischen Union (EU). Die europäische In­ der größte gemeinsame Markt der Welt ge­
tegration, eine der eindrucksvollsten politi­ schaffen, charakterisiert durch die in den Rö­
schen Erfolgsgeschichten, bildet für Deutsch­ mischen Verträgen (1957) formulierten vier
land die Grundlage für Frieden, Sicherheit Grundfreiheiten: den freien Warenverkehr
und Wohlstand. Ihre weitere Entwicklung unter den EU-Staaten, die Freiheit des Perso­
und Stärkung, zumal unter komplexen und nenverkehrs, die Dienstleistungsfreiheit im
vielfach krisenhaften Vorzeichen, bleibt die EU-Gebiet sowie den freien Kapitalverkehr.
zentrale Aufgabe deutscher Außenpolitik. Das
historische Projekt der EU, begonnen in den Die Größe und die Wirtschaftsleistung des
frühen 1950er-Jahren, umfasst heute über ei­ gemeinsamen europäischen Marktes machen
ne halbe Milliarde Unionsbürger in 28 Mit­ die EU zu einem zentralen Akteur der Welt­
gliedsstaaten. Die deutsche Europapolitik hat wirtschaft. Für 2018 erwartet der IWF im
sich in allen Etappen der europäischen Eini­ Euroraum, dem 19 Länder angehören, ein
gung als treibende Kraft etabliert und das Zu­ Wachstum von 2,2 Prozent. Als stärkste Volks­
wirtschaft der EU trägt Deutschland nicht zu­
letzt in Phasen wirtschaftlicher und sozialer
ZAHL Veränderungen besondere Verantwortung.
Dies zeigte sich während der Finanz- und

512 Mio. Schuldenkrise. Die Eurostaaten richteten ei­


nen Rettungsfonds ein, den Europäischen Sta­
Menschen leben in den 28 Mitglieds­ bilisierungsmechanismus (ESM). In enger
ländern der Europäischen Union. Sie hat Partnerschaft mit Frankreich und den ande­
damit die drittgrößte Bevölkerung nach ren Mitgliedsstaaten will die Bundesregierung
China und Indien. Ihre Bürger sprechen die Eurozone weiter stärken und reformieren,
24 Sprachen und leben auf einem Gebiet
sodass der Euro Krisen besser standhält.
von vier Millionen Quadratkilometern.
Das BIP beträgt 15,33 Billionen Euro. Im
weltweiten Handel liegt die EU mit ei- Deutsch-französische Freundschaft als
nem Anteil von 15,6 Prozent der Exporte ­Motor der europäischen Einigung
und 14,8 Prozent der Importe jeweils auf
Platz zwei nach China bzw. den USA.
Parallel zur europäischen Integration bau­
→ europa.eu
ten Frankreich und Deutschland nach dem
KARTE
Die 28 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union auf einen Blick

Finnland

Schweden
Estland
Vereinigtes
Königreich * Lettland
Dänemark
Irland Litauen
Niederlande

Belgien Polen
Deutschland
Tschechische
Luxemburg Republik
Slowakei
Frankreich
Österreich
Ungarn
Slowenien Rumänien
Kroatien
Portugal
Spanien Bulgarien
Italien

Griechenland

Zypern
Malta
* Austritt im März 2019

Der EU ist es seit 1957 in sieben Erweiterungen gelungen, sich von sechs auf 28 Mitglieder zu vergrößern

Zweiten Weltkrieg eine enge Partnerschaft getragen. Beide Länder stimmen sich in eu­
auf, die heute oft als Modell für die Aus­ ropa- und außenpolitischen Fragen eng ab
söhnung zweier Völker betrachtet wird. und tragen durch gemeinsame Initiativen
Beide Länder gehörten 1957 zu den sechs
­ immer wieder zur konstruktiven Weiterent­
Gründungsmitgliedern der Europäischen wicklung der europäischen Politik bei.
Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), dem Kern
der heutigen EU. Die deutsch-französische Ein jüngeres Element des europäischen Eini­
Freundschaft, 1963 begründet mit dem gungsprozesses bildet die deutsch-polnische
Élysée-Vertrag, wird von engen Beziehungen Zusammenarbeit. Die Aussöhnung mit Polen
zwischen den Zivilgesellschaften und von erreichte mit der Ostpolitik von Bundes­
vielen deutsch-französischen Institu­
t ionen kanzler Willy Brandt in den 1970er-Jahren
48 | 49 AUSSENPOLITIK

erste Erfolge. Sie wurde fortgesetzt mit der Aufgaben stützt sie sich auf den Europäischen
Anerkennung der gemeinsamen Grenze Auswärtigen Dienst (EAD). Durch diese insti­
durch den 2+4-Vertrag über die äußeren tutionellen Veränderungen hat die EU ihre
Aspekte der deutschen Einheit 1990 sowie Sichtbarkeit und Effektivität international
dem im gleichen Jahr geschlossenen Grenz­ deutlich gestärkt. Die Gemeinsame Sicher­
vertrag und institutionalisiert in dem heits- und Verteidigungspolitik (GSVP) si­
deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag chert der EU die notwendigen operativen Fä­
von 1991. Zusammengeführt werden die part­ higkeiten zum effektiven Krisenmanagement
nerschaftlichen Beziehungen zu Frankreich zu. Dabei kommen zivile und militärische
und Polen in dem trilateralen Format des Mittel zum Einsatz. Langfristige Perspektive
„Weimarer Dreiecks“. ist die Schaffung einer Europäischen Sicher­
heits- und Verteidigungsunion (ESVU).
Mehr globales Gewicht durch ein
gemeinsames europäisches Handeln Der vor allem 2015 und 2016 erfolgte Zustrom
von Flüchtlingen und Migranten nach Europa
Mit dem Vertrag von Lissabon wurde 2009 ist ein gesamteuropäisches Thema, bei dem
die Gemeinsame Außen- und Sicherheits­ Deutschland mit seinen Partnern nach einer
politik (GASP) stärker institutionalisiert. Die nachhaltigen Antwort sucht. Die „Europäi­
Hohe Vertreterin der Union für Außen- und sche Migrationsagenda“ der EU-Kommission
Sicherheitspolitik, die den Vorsitz im Rat der hat mit Maßnahmen wie der EU-Türkei-Er­
Außenminister führt, ist gleichzeitig Vize­ klärung im März 2016, mit Migrationspart­
präsidentin der Europäischen Kommission. nerschaften mit afrikanischen Herkunfts-
Seit 2014 hat dieses Amt die italienische Poli­ und Transitländern oder dem Kampf gegen
tikerin Federica Mogherini inne. Ihr obliegt Schleuser bereits konkrete Ergebnisse er­
in Fragen der GASP zudem die Vertretung reicht: Die Zahl der irregulären Grenzüber­
der EU nach außen. Bei der Erfüllung ihrer tritte an wichtigen Migrationsrouten ging

WEGMARKEN

1957
Der europäische Einigungspro-
1979
Die Europäer gehen gemeinsam
1993
Europas Einigung wird für die
zess beginnt. Mit den Römischen zur Wahl. Erstmals werden die Bürger erlebbar. Im luxemburgi-
Verträgen gründen Belgien, Abgeordneten des in Straßburg schen Schengen vereinbaren
Deutschland, Frankreich, Italien, und Brüssel tagenden Europa­ Deutschland, Frankreich und die
Luxemburg und die Niederlande parlaments direkt gewählt. Zuvor Benelux-Staaten das Ende der in-
die Europäische Wirtschaftsge- waren sie von den nationalen ternen Grenzkontrollen. Weitere
meinschaft (EWG). Parlamenten entsandt worden. Staaten folgen.
Europäische Partner: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron

2017 um 63 Prozent im Vergleich zu 2016 zu­ formieren das Auswärtige Amt und die Aus­
rück. Die Frage der gerechteren Verteilung landsvertretungen in Krisenregionen über die
von Asylbewerbern in der Europäischen Uni­ Gefahren von Flucht und irregulärer Migration.
on bedarf jedoch nach wie vor einer nachhal­ Sie setzen damit gezielt gestreuten Falsch­
tigen solidarischen Lösung. informationen von kriminellen Schleusern
Fakten entgegen.
Deutschland setzt sich im Rahmen von Kri­
senprävention und Humanitärer Hilfe sehr Im zweiten Halbjahr 2020 hat Deutschland
intensiv dafür ein, die Ursachen zu bekämp­ turnusgemäß die EU-Ratspräsidentschaft in­
fen, die Menschen zur Flucht zwingen. Auch ne und will hier in wichtigen Politikfeldern
Aufklärung spielt eine wichtige Rolle: So in­ Akzente setzen.

2002
Europa gibt sich eine Währung. In
2004
Am 1. Mai treten Estland, Lett-
2009
Die EU tritt in der Welt gemein-
zunächst zwölf Ländern der EU land, Litauen, Polen, Tschechien, sam auf. Mit dem Lissabon-
wird der Euro als Bargeld einge- die Slowakei, Slowenien, Ungarn Vertrag schafft die EU das Amt
führt; als Buchgeld gibt es ihn sowie Malta und Zypern der EU des Hohen Vertreters für Außen-
schon seit 1999. Sitz der neu bei. Drei Jahre später folgen und Sicherheitspolitik. Auch ein
etablierten Europäischen Zentral- Bulgarien und Rumänien, 2013 Europäischer Auswärtiger Dienst
bank (EZB) ist Frankfurt. Kroatien. (EAD) wird eingerichtet.
50 | 51 AUSSENPOLITIK

THEMA

SCHUTZ VON MENSCHENRECHTEN


„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie einten Nationen (UN) setzt sich Deutschland
zu achten und zu schützen ist Verpflichtung al­ weltweit dafür ein, die Menschenrechtsstan­
ler staatlichen Gewalt.“ Dies ist der klare Auftrag dards zu schützen und fortzuentwickeln.
des Artikels 1 des Grundgesetzes, in dem sich
Deutschland zu „unverletzlichen und unveräu­ Engagement in internationalen
ßerlichen Menschenrechten“ als „Grundlage je­ Menschenrechtsinstitutionen
der menschlichen Gemeinschaft, des Friedens
und der Gerechtigkeit in der Welt“ bekennt. Deutschland ist Vertragsstaat der wichtigen
Diese Verpflichtung wird von Deutschland Menschenrechtsabkommen der UN und ihrer
auch in seinen auswärtigen Beziehungen ernst Zusatzprotokolle (Zivilpakt, Sozialpakt, An­
genommen. Schutz und Stärkung von Men­ ti-Rassismus-Konvention, Frauenrechtskon­
schenrechten spielen im außenpolitischen und vention, Anti-Folter-Konvention, Kinder­
internationalen Kontext eine besondere Rolle, rechtskonvention, Behindertenrechtskon­
denn häufig sind systematische Menschen­ vention, Konvention gegen Verschwindenlas­
rechtsverletzungen der erste Schritt in Konflikte sen). Zuletzt wurde von Deutschland das Zu­
und Krisen. Gemeinsam mit den Partnern in satzprotokoll zum Übereinkommen gegen
der EU und in Zusammenarbeit mit den Ver­ Folter sowie die Behindertenrechtskonven­
tion unterzeichnet, beide sind seit 2009 in
Kraft. Deutschland hat als erster europäi­
scher Staat auch das Zusatzprotokoll zur Kin­
INFO
derrechtskonvention, das ein Individualbe­
Zivilgesellschaft Auch viele Nichtregie-
schwerdeverfahren ermöglicht, ratifiziert.
rungsorganisationen setzen sich für die
globale Durchsetzung der Menschen-
rechte, für entwicklungspolitischen Die Bundesregierung unterstützt den Schutz
Fortschritt und Humanitäre Hilfe ein. Sie vor Diskriminierung und Rassismus, engagiert
drängen die politisch Verantwortlichen sich weltweit gegen die Todesstrafe, für poli­
zum Handeln und schärfen das Be­ tische Teilhabe und Rechtsschutz, verteidigt
wusstsein der Bevölkerung. Sie sind aber
die Religions- und Weltanschauungsfreiheit,
auch selbst aktiv, sammeln Spenden
und koordinieren eigene Projekte vor kämpft gegen den Menschenhandel und drängt
Ort. Dem Verband der entwicklungs­ auf die Durchsetzung des Rechts auf Wohnen
politischen und humanitären Nichtre- und des Rechts auf sauberes Trinkwasser und
gierungsorganisationen (VENRO) Sanitärversorgung. 2,1 Milliarden Menschen
ge­hören rund 120 Organisationen an.
weltweit fehlt der Zugang zu sauberem Wasser.
→ venro.org
Mit 400 Millionen Euro jährlich trägt Deutsch­
Der Menschenrechtsrat in Genf ist das wichtigste Menschenrechtsgremium der Vereinten Nationen

land als einer der größten Geber in diesem Be­ in Genf, Schweiz. Wichtigstes Instrument des
reich in vielen Projekten dazu bei, diese Situati­ Menschenrechtsrats ist die „allgemeine regel­
on zu ändern. Der Zugang zu Wasser, eines der mäßige Überprüfung“, bei der jedes UN-Mit­
neueren Menschenrechtsthemen, ist ein wich­ glied über die Umsetzung seiner menschen­
tiger Schwerpunkt deutscher Entwicklungszu­ rechtlichen Verpflichtungen berichtet und sich
sammenarbeit. Allein in Afrika konnte so bis kritischen Fragen stellt. Deutschland durchlief
2017 für 25 Millionen Menschen ein Zugang dieses Verfahren 2018 zum dritten Mal.
zur Wasserversorgung geschaffen werden.
Deutschland ist eines der aktivsten Länder
Deutschland war von 2013 bis 2015 und 2016 im Europarat mit seinen 47 Mitgliedsstaaten,
bis 2018 Mitglied des UN-Menschenrechtsrats der sich für den Schutz und die Förderung
52 | 53 AUSSENPOLITIK

von Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag, Nieder­


und Demokratie in ganz Europa einsetzt. Mit lande, ist zuständig für die völkerstrafrechtli­
wegweisenden Übereinkommen, wie vor al­ che Ahndung schwerer internationaler Ver­
lem der Europäischen Menschenrechtskon­ brechen, wie Kriegsverbrechen, Verbrechen
vention, trägt der Europarat zur Entwicklung gegen die Menschlichkeit oder Völkermord.
eines gemeinsamen europäischen Rechts­ Deutschland spricht sich für eine universelle
raums bei und überwacht die Einhaltung von Anerkennung des IStGH aus.
verbindlichen gemeinsamen Standards und
Werten auf dem europäischen Kontinent. Die Beauftragte der Bundesregierung für
Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe,
Instrumente der internationalen Bärbel Kofler, ist im Auswärtigen Amt angesie­
Menschenrechtspolitik delt. Sie beobachtet internationale Entwick­
lungen, koordiniert die Menschenrechtsaktivi­
Eine zentrale Institution des Europarats zur täten mit anderen staatlichen Stellen und berät
Durchsetzung der Menschenrechte in Europa den Bundesaußenminister. Parlamentarisch
ist der Europäische Gerichtshof für Men­ begleitet und kontrolliert wird die deutsche
schenrechte (EGMR) in Straßburg, Frank­ Menschenrechtspolitik seit 1998 durch den
reich. Jeder Bürger der 47 Mitgliedsstaaten Ausschuss für Menschenrechte und Humani­
des Europarats kann sich unmittelbar mit täre Hilfe des Deutschen Bundestages. Als
Klagen gegen eine Verletzung seiner durch staatlich finanzierte, aber unabhängige Instanz
die Europäische Menschenrechtskonvention wurde 2000 das Deutsche Institut für Men­
geschützten Rechte an den EGMR wenden. schenrechte in Berlin etabliert. Es soll als Na­
Deutschland tritt nachdrücklich dafür ein, tionale Menschenrechtsinstitution im Sinne
dass alle Mitgliedsstaaten des Europarats sie der Pariser Prinzipien der UN zur Förderung
betreffende Entscheidungen des EGMR ak­ und zum Schutz der Menschenrechte durch
zeptieren und umsetzen. Der Internationale Deutschland im In- und Ausland beitragen.

DIAGRAMM Ausgaben für staatliche Entwicklungszusammenarbeit in Mrd. US-$ (2017)

Entwicklung und Zusammenarbeit


Deutschland gehört nicht nur
USA 35,26
zu den wichtigen und großen Geber­
24,68
Vorläufige Werte, Stand April 2018, OECD / DAC

Deutschland
ländern staatlicher Entwicklungs­
zusammenarbeit, sondern ist
auch im Bereich der Humanitären
Großbritannien 17,94
Hilfe wichtiger Geber und aktiver
Mitgestalter. Japan 11,48
Frankreich 11,36
Humanitäre Hilfe für Menschen ber. Die Bundesregierung leistet ihre Humani­
in akuter Not täre Hilfe nicht direkt, sondern fördert geeig­
nete Projekte humanitärer UN-Organisatio­
Die Bundesregierung unterstützt durch ihre nen, der Rotkreuz-/Rothalbmondbewegung
Humanitäre Hilfe weltweit Menschen, die und deutscher Nichtregierungsorganisationen.
durch Naturkatastrophen, kriegerische Aus­ Schwerpunkte der deutschen Hilfe sind vor al­
einandersetzungen oder andere Krisen und lem die ­humanitären Krisen im Nahen Osten
Konflikte in akute Not geraten sind oder bei und in Afrika. Daneben ist Deutschland lang­
denen ein Risiko darauf besteht. Dabei jähriger Unterstützer und zweitgrößter Ein­
kommt es nicht auf die Ursachen der Notlage zahler des UN-Nothilfefonds CERF und der
an. Humanitäre Hilfe ist Ausdruck ethischer humanitären UN-Ländergemeinschaftsfonds.
Verantwortung und der Solidarität mit Men­
schen in Not. Sie orientiert sich am Bedarf der Der Schutz der Menschenrechte ist auch ein
Notleidenden und basiert auf den humanitä­ wichtiges Handlungsfeld der Cyber-Außenpo­
ren Prinzipien der Menschlichkeit, Neutrali­ litik. 2013 und 2014 verabschiedete die UN-
tät, Unparteilichkeit und Unabhängigkeit. Generalversammlung Resolutionen zum
Recht auf Privatheit im digitalen Zeitalter. Sie
Deutschland übernimmt weltweit Verantwor­ gingen auf eine deutsch-brasilianische Initia­
tung für Menschen in Not und setzt sich aktiv tive zurück. Deutschland vertritt die Auffas­
für die Stärkung und Weiterentwicklung des sung, dass Menschenrechte online genauso
internationalen humanitären Systems ein. gelten wie offline. 2018 unterstrich Deutsch­
2017 stellte die Bundesregierung angesichts land sein Engagement für den Schutz der Pri­
kontinuierlich steigender Bedarfe Haushalts­ vatsphäre im digitalen Zeitalter und über­
mittel in Höhe von ca. 1,75 Milliarden Euro für nahm den Vorsitz in der Freedom Online Coa­
die Humanitäre Hilfe zur Verfügung. Sie war lition, die sich für die Förderung von Men­
damit weltweit zweitgrößter humanitärer Ge­ schenrechten im digitalen Zeitalter einsetzt.

Budget für Humanitäre Hilfe weltweit 2016 Spendenzwecke in Deutschland im Jahr 2017

20,3  5,4  %
Mrd. US-$ Tierschutz

3,1  %
Kultur-/Denkmalpflege
77,7  % 2,7 
%
Humanitäre Umwelt-/Naturschutz
6,9  Hilfe
Mrd. US-$ 1,9 %
Humanitäre Humanitäre Sport
Hilfe aus Hilfe von
9,2  %
Statista

privaten Spenden Regierungen


Sonstige/Keine Angaben
54 | 55 AUSSENPOLITIK

PANORAMA

OFFENER NETZWERKPARTNER
Brüssel
• NATO
New York • EU
• Hauptquartier Stockholm
der Vereinten • Ostseerat
­Nationen La Malbaie Luxemburg (CBSS)
• Kanadischer Vorsitz • EU
der G7, 2018 Wien
• Vereinte
Nationen
• OSZE

Straßburg
•E
U
Washington, D.C.
• Internationaler
Währungsfonds
(IWF) Paris Genf
• Weltbank •E
 uropean Space Agency • Vereinte Nationen
(ESA) • Welthandelsorganisation
•O
 rganisation für wirtschaft- (WTO)
liche Zusammenarbeit und
Entwicklung (OECD)

Buenos Aires
• Argentinischer Vorsitz Nairobi
der G20, 2018 • Vereinte Nationen

New York
Hauptquartier der
Vereinten Nationen
Genf
Sitz der
Welthandels­
organisation

IWF NATO EU UN
Seit 1952 gehört Seit 1955 ist Deutschland Deutschland gehört seit Im Jahr 1973 wurde
Deutschland dem Mitglied in der der Gründung 1957 zu Deutschland Mitglied
Internationalen Nordatlantik­vertrags- den Mitgliedern der Vereinten Nationen
Währungsfonds an Organisation der heutigen EU
Die Vereinten Nationen (UN) in Deutschland

Berlin
• Internationale Arbeitsorganisation (ILO) –
Vertretung in Deutschland
Hamburg • Internationale Organisation für Migration (IOM) –
Deutschland
Berlin
• Der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten
Nationen (UNHCR) – Regionalvertretung Deutschland
Dresden
Bonn und Österreich
Frankfurt
• Welternährungsprogramm (WFP) – Verbindungsbüro
Nürnberg
in Deutschland
München •B  üro der Weltbank in Berlin
•U  NICEF Büro Berlin

Bonn UN-Campus
• Sekretariat des Übereinkommens der Vereinten Nationen
zur Bekämpfung der Desertifikation (UNCCD)
• S ekretariat des Rahmenübereinkommens der Vereinten
Nationen über Klimaänderungen (UNFCCC)
•F  reiwilligenprogramm der Vereinten Nationen (UNV)
• Aktionskampagne für die Ziele der Vereinten Nationen
für nachhaltige Entwicklung
• Wissenszentrum für Nachhaltige Entwicklung der Fort-
Hamburg bildungsakademie des Systems der Vereinten Nationen
Internationaler Seegerichtshof • Internationale Strategie zur Katastrophenvorsorge/
Plattform zur Förderung von Frühwarnung (UNISDR)
• Universität der Vereinten Nationen – Vizerektorat in
Europa (UNU-ViE)
• sowie 12 weitere UN-Einrichtungen

Dresden
• Universität der Vereinten Nationen – Institut für
integriertes Materialfluss- und Ressourcen­management
(UNU-FLORES)

Frankfurt am Main
• Internationale Finanzkorporation (IFC) – Weltbankgruppe

Hamburg
• Internationaler Seegerichtshof (ISGH)
Straßburg • UNESCO-Institut für Lebenslanges Lernen (UIL)
Europäisches
München
Parlament
• Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen
(WFP) – Innovation Accelerator
Bonn
Der „Lange Eugen“ Nürnberg
auf dem UN-Campus • UNHCR Zweigstelle Nürnberg

OSZE G7 WTO G20


Deutschland gehört seit Seit der Gründung 1975 Seit 1995 ist Deutschland Deutschland ist seit der
der Gründung 1975 zu gehört Deutschland dem Mitglied der Welthandels­ Gründung 1999 in Berlin
den Mitgliedern der informellen Zusammen- organisation Mitglied der Gruppe
heutigen OSZE schluss an der 20
56 | 57 AUSSENPOLITIK

THEMA

NACHHALTIGE ENTWICKLUNG
Die deutsche Entwicklungspolitik als Baustein Die Agenda 2030 für nachhaltige
einer globalen Struktur- und Friedenspolitik Entwicklung
will dazu beitragen, die Lebensbedingungen in
den Partnerländern zu verbessern. Ziel der Maßgeblich für die globale Entwicklung der
deutschen Entwicklungspolitik ist es, den kommenden Jahre ist die Agenda 2030 für
Hunger und die Armut weltweit zu überwin­ nachhaltige Entwicklung, die 2015 von der
den und Demokratie und Rechts­staatlichkeit Generalversammlung der Vereinten Nationen
zu stärken. Die Leitlinien und Konzepte beschlossen wurde. Kern der Agenda 2030
entwickelt das Bundesministerium für
­ sind 17 ehrgeizige Ziele für nachhaltige
­w irtschaftliche Zusammenarbeit und Ent­ Entwicklung, die sogenannten Sustainable
­
wicklung (BMZ). Im Rahmen der staatlichen Development Goals (SDGs). Mit der globalen
Entwicklungszusammenarbeit kooperiert Umsetzung der Agenda kann die Grundlage
Deutschland mit 85 Partnerländern in ge­ dafür geschaffen werden, weltweiten wirt­
meinsam vereinbarten Länderprogrammen, schaftlichen Fortschritt im Einklang mit so­
die alle Instrumente der staatlichen Entwick­ zialer Gerechtigkeit und im Rahmen der öko­
lungszusammenarbeit umfassen können. Eine logischen Grenzen der Erde zu gestalten. In
Schwerpunkt­region ist Afrika, aber auch mit Verfolgung der von 2000 bis 2015 geltenden
Ländern in Asien, Süd­osteuropa und Latein­ Millenniums-Entwicklungsziele (MDG) der
amerika wird intensiv zusammengearbeitet. UN gelang es bereits, die Armut weltweit zu
halbieren und unter anderem den Zugang zu
2016 erreichte Deutschland erstmals das von Trinkwasser sowie zu Bildung zu verbessern.
den Vereinten Nationen angestrebte Ziel, Von 2012 bis 2016 ging die Zahl der ärmsten
0,7  Prozent des Bruttonationalproduktes in Menschen weltweit von 12,8 Prozent der Welt­
die Entwicklungszusammenarbeit zu inves­ bevölkerung auf 9,6 Prozent zurück und dies
tieren. Im internationalen Maßstab betrach­ trotz Anpassung der Richtgröße, die absolute
tet, ist Deutschland mit jährlich 24,68 Milli­ Armut definiert, von 1,25 auf 1,90 US-Dollar
arden US-Dollar nach den USA der zweit­ am Tag. Das große Ziel der Beseitigung der ex­
größte Geber weltweit für öffentliche Ent­ tremen Armut bis 2030 scheint daher möglich.
wicklungszusammenarbeit. Die Projekte wer­ Doch Probleme wie ein zu hoher Ressourcen­
den von Durchführungsorganisationen, in verbrauch, fortschreitender Klimawandel und
der Regel von der Deutschen Gesellschaft für Umweltzerstörung, hohe Arbeitslosigkeit und
Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und der soziale Ungleichheiten bleiben drängend. Die
KfW Bankengruppe, aber auch anderen, in Agenda 2030 gibt Rückenwind für einen welt­
den Ländern betreut. weiten Wandel zu mehr Nachhaltigkeit – in
Die 2030-Agenda der Vereinten Nationen will in wichtigen Zukunftsfragen nachhaltige Entwicklung voranbringen

der ökonomischen, ökologischen und sozialen sowie effektiver werden, Diskriminierung


Dimension und unter Berücksichtigung be­ ­bekämpft, nicht zuletzt durch Stärkung wirk­
stehender Verknüpfungen. Sie soll ein „Zu­ samer inklusiver und demokratischer Insti­
kunftsvertrag“ für die Welt sein, für alle Staa­ tutionen, verantwortungsvoller Regierungs­
ten gelten und weit über die Entwicklungszu­ führung sowie Rechtsstaatlichkeit. Schließ­
sammenarbeit hinaus ein breites Spektrum an lich benötigt der Zukunftsvertrag zur nach­
Politikbereichen angehen: Neben dem Kampf haltigen Absicherung einen sogenannten
gegen Hunger und Armut soll der Planet als „Multi-Akteurs“-Ansatz: Neben Regierungen
Lebensgrundlage zukünftiger Generationen spielen vor allem gesellschaftliche Gruppen,
geschützt werden; Wirtschaftssysteme und Wirtschaft und Wissenschaft wichtige Rollen
Lebensstile sollen gerechter und nachhaltiger bei der Umsetzung der Agenda 2030.
58 | 59 WIRTSCHAFT & INNOVATION

WIRTSCHAFT &
INNOVATION
Starker Standort ∙ Globaler Akteur ∙ Leitmärkte und Innovationen ∙
Nachhaltige Ökonomie ∙ Digitaler Wandel ∙ Geschätzter Handelspartner ∙
Attraktiver Arbeitsmarkt

EINBLICK

STARKER STANDORT
Deutschland ist die größte Volkswirtschaft der Ländern mit der höchsten Beschäftigungs-
Europäischen Union (EU) und nach den USA, quote in der EU und ist das Land mit der pro-
China und Japan die viertgrößte der Welt. Ihre zentual geringsten Jugendarbeitslosigkeit.
Wettbewerbsfähigkeit und globale Vernetzung Dies untermauert auch den Wert der dualen
verdankt die deutsche Wirtschaft einer starken Berufsausbildung, die sich als Exportgut
Innovationskraft und hoher Exportorientie- etabliert hat und von vielen Ländern adaptiert
rung. In den umsatzstarken Branchen Automo- wird. Faktoren wie Verfügbarkeit von Fach-
bilbau, Maschinen- und Anlagenbau, in der kräften, Infrastruktur und Rechtssicherheit
Chemieindustrie sowie in der Medizintechnik sind weitere Merkmale des Standorts Deutsch-
macht der Export weit über die Hälfte des land, der sich in vielen internationalen Ran-
Umsatzes aus. 2016 führten nur China und die kings auf vorderen Plätzen bewegt. Das Bun-
USA mehr Waren aus. In Forschung und Ent- desministerium für Wirtschaft und Energie
wicklung (FuE) investiert Deutschland jährlich leitet Peter Altmaier (CDU).
92 Milliarden Euro. Viele Unternehmen sind
auf dem Weg zur Industrie 4.0, mit der speziell Seit 1949 bildet das Modell der Sozialen
die Digitalisierung der Fertigungstechnik und Marktwirtschaft die Basis der deutschen
der Logistik vorangetrieben wird. Wirtschaftspolitik. Die Soziale Marktwirt-
schaft garantiert freies unternehmerisches
Die positive wirtschaftliche Dynamik hat zu Handeln und bemüht sich gleichzeitig um so-
einer günstigen Entwicklung des Arbeits- zialen Ausgleich. Dieses in der Nachkriegszeit
marktes geführt. Deutschland gehört zu den vom späteren Bundeskanzler Ludwig Erhard
VIDEO AR-APP

Wirtschaft & Innovation: das Video zum


Thema → tued.net/de/vid3

Industrie 4.0: Die Wirtschaft in Deutschland ist auf dem Weg in eine digitalisierte Zukunft
60 | 61 WIRTSCHAFT & INNOVATION

entwickelte Konzept hat Deutschland auf ei- vorwiegend im deutschen Börsenindex DAX
nen erfolgreichen Entwicklungspfad geführt. an der Frankfurter Börse gelistet sind, dem
Deutschland engagiert sich aktiv in der Ge- wichtigsten Fi­nanz­platz in Kontinentaleuro-
staltung der Globalisierung und setzt sich für pa. In Frankfurt am Main hat auch die Euro-
ein nachhaltiges globales Wirtschaftssystem päische Zentralbank (EZB) ihren Sitz, die als
ein, das faire Chancen für alle bietet. EU-Institution unter anderem über die Preis-
stabilität des Euro wacht.
Deutschland gehört zu den zwölf Ländern,
die 2002 den Euro als Bargeld eingeführt ha-
ben. Die Finanzmarktkrise (2008) sowie die NETZ
nachfolgende Schuldenkrise haben die ge-
Bundesministerium für Wirtschaft
samte Eurozone getroffen – auch Deutsch- und Energie (BMWi)
land. Die Bundesregierung hat daraufhin mit Schwerpunkte und Initiativen
einer Doppelstrategie die Neuverschuldung → bmwi.de
gestoppt und Maßnahmen zur Stärkung der
Arbeitsagentur
Innovationskraft ergriffen. Erstmals seit
Arbeitsmarktdaten und Stellenbörsen
1969 kann seit 2014 ein ausgeglichener Bun-
→ arbeitsagentur.de
deshaushalt präsentiert werden.
Virtuelles Welcome Center
Das strukturelle Rückgrat der Wirtschaft Anlaufstelle für internationale Arbeit­
bildet mit mehr als 99 Prozent aller Firmen suchende mit Infos zu Arbeiten in
Deutschland
der Mittelstand. Die kleinen und mittleren
→ arbeitsagentur.de
Unternehmen ergänzen die Konzerne, die

Finanzplatz mit Tradition: Die bedeutendste deutsche Börse hat ihren Sitz in Frankfurt am Main
KOMPAKT

AKTEURE & INSTRUMENTE


Bundesverband der Deutschen Industrie
Der Bundesverband der Deutschen Industrie
(BDI) vertritt die Interessen von über 100.000
Industrieunternehmen. Er verfügt über ein
weit verzweigtes Netzwerk auf allen wichtigen
Märkten und in internationalen Organisationen.
→ bdi.eu

Deutsche Auslandshandelskammern Germany Trade and Invest


Die Deutschen Auslandshandelskammern Germany Trade and Invest (GTAI) ist die Wirt­
(AHK), Delegationen und Repräsentanten der schaftsförderungsgesellschaft der Bundes­
deutsche Wirtschaft bilden ein Netz mit 130 republik Deutschland. Mit über 50 Standorten
Standorten in 90 Ländern. weltweit unterstützt sie deutsche Unterneh­
→ ahk.de men bei ihrem Weg ins Ausland, wirbt für den
Standort Deutschland und begleitet auslän­
Deutsche Auslandsvertretungen dische Un­ternehmen bei der Ansiedlung in
Die 227 Botschaften und Konsulate bilden Deutschland.
mit den AHK und GTAI die dritte Säule der → gtai.de
deutschen Außenwirtschaftsförderung.
→ auswaertiges-amt.de Rat für nachhaltige Entwicklung
Zu den Aufgaben des von der Bundesregierung
Deutscher Industrie- und Handelskammertag berufenen Rates für Nachhaltige Entwicklung
Der Deutsche Industrie- und Handelskam­ gehört die Entwicklung von Beiträgen zur Um­
mertag (DIHK) ist die Dachorganisation der setzung der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie.
80 deutschen Industrie- und Handelskammern. → nachhaltigkeitsrat.de
­Ihnen gehören 3,6 Millionen gewerbliche Un­
ternehmen an.
→ dihk.de DIGITAL PLUS
Mehr Informationen zu allen Themen
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung des Kapitels – kommentierte Linklisten
und Beiträge; dazu ­weiterführende
Das DIW in Berlin ist das größte der zahlreichen
­Informationen zu Themen wie Soziale
deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute. Marktwirtschaft, duale Berufsausbildung, Wirtschaftspoli­
→ diw.de tik, europäische Wirtschafts- und Finanzkrise.
→ tued.net/de/dig3
62 | 63 WIRTSCHAFT & INNOVATION

THEMA

GLOBALER AKTEUR
Deutschland ist ein exportorientiertes, inter- annähernd jeder vierte Arbeitsplatz hängt
national stark verflochtenes Industrieland vom Export ab, in der Industrie sogar jeder
mit einem ausgeprägten Exportsektor. In den zweite. Über eine Million Unternehmen sind
jährlichen Rankings der Welthandelsorgani- im ­
Außenhandel tätig. 2015 importierten
sation (WTO) gehört Deutschland – nach Chi- 720.000 Unternehmen Waren aus anderen
na und den USA – regelmäßig zu den drei Ländern, während circa 360.000 Unterneh-
größten Exportnationen weltweit. 2017 men Export betrieben. Wesentlichen Anteil
schloss die Außenhandelsbilanz mit einem am deutschen Außenhandel hatten rund
Überschuss von 245 Milliarden Euro. Die Aus- 10.700 Unternehmen mit Sitz im Ausland;
fuhren deutscher Unternehmen (Waren und der Deutsche I­ndustrie- und Handelskam-
Dienstleistungen) lagen bei 1.279 Milliarden mertag (DIHK) schätzt, dass mehr als 7 Mil-
Euro, der Wert der Einfuhren bei 1.034 Milli- lionen Beschäftigte für deutsche Firmen im
arden Euro. Deutschland ist stark in die Welt- Ausland arbeiten.
wirtschaft integriert und profitiert von Frei-
handel und offenen Märkten. Der „Global Auf der Exportseite dominieren Kraftwa-
Competitiveness Index 2017-2018“ des World gen und Kraftwagenteile, Maschinen, che-
Economic Forum führt Deutschland an fünf- mische Erzeugnisse, Datenverarbeitungs­
ter Stelle der wettbewerbsfähigsten Länder. geräte sowie elektronische Erzeugnisse. Auf
137 Volkswirtschaften wurden untersucht. diese vier Produktgruppen entfällt gut die
Hälfte des deutschen Exports. Insgesamt hat
Jeder zweite in Deutschland erwirtschaftete sich die Exportquote seit 1991 von 23,7 Pro-
Euro wird durch Auslandsgeschäfte verdient; zent auf 47,3 Prozent nahezu verdoppelt.

DIAGRAMM Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2016 (in Mrd. US-$)

Wirtschaftsleistung 18.569,1
Deutsche Unternehmen ge­
nießen international einen aus­
gezeichneten Ruf. Sie stehen
für das weltweit als Qualitäts­
11.218,3
siegel geschätzte „Made in
Germany“. Als viertgrößte Wirt­
4.938,6
Statistisches Bundesamt

schaftsmacht der Welt ist


3.466,6 2.629,2
Deutschland besonders export­
Vereinigtes
orientiert. USA China Japan Deutschland Königreich
Der Container als Symbol der Globalisierung: Der Hamburger Hafen gehört zu den großen Umschlagplätzen

Weltgrößte Handelsnationen 2015 Größte deutsche Unternehmen 2017 (Umsatz, in Mio. €)


(Anteil am Weltexport)
13,8  % Volkswagen 240.480
Volksrepublik China
9,1 % Daimler AG 169.630
USA Allianz 118.710
8,1 % BMW Group 104.220
Deutschland
3,8 % Siemens AG 88.490
Japan Deutsche Telekom 80.900
WTO, F.A.Z.

3,4 % Uniper 74.470


Niederlande
64 | 65 WIRTSCHAFT & INNOVATION

Die Außenhandelsquote, die Summe der GLOBAL


Im- und Exporte im Verhältnis zum Brutto-
OECD-Wirtschaftsausblick In ihrem
inlandsprodukt (BIP), lag 2017 bei 86,9 Pro- Wirtschaftsausblick analysiert die Orga­
zent. Deutschland ist damit die „offenste“ nisation für wirtschaftliche Zusammenar­
Volkswirtschaft der G7-Staaten. Zum Ver- beit und Entwicklung (OECD) mit Sitz in
gleich: Die USA kamen 2015 auf eine Außen- Paris zweimal jährlich die wichtigsten
handelsquote von 28 Prozent. wirtschaftlichen Trends und die Aussich­
ten in den 34 OECD- und Schwellenlän­
dern für die kommenden zwei Jahre. Die
Die Partnerländer der Europäischen Union Gesamtbeurteilung geht davon aus, dass
(EU) sind mit einem Anteil von 56 Prozent die Weltwirtschaft 2018 um 3,5 Prozent
der Gesamtexporte der wichtigste Zielmarkt. wächst. Das wäre die höchs­
Traditionell größtes deutsches Exportland ist te seit 2010 verzeichnete Ra­
te. 2019 soll sich das Wachs­
Frankreich, seit 2015 stehen allerdings die
tum wieder abschwächen.
USA auf Platz eins. Die Volksrepublik China, → oecd.org
die Niederlande und das Vereinigte König-
reich folgen auf den nächsten Plätzen. Bei
den Importen zeigt sich hingegen ein umge-
kehrtes Bild: Die meisten Einfuhren kamen
2017 aus China, den Niederlanden, Frank- Als Drehscheibe des Welthandels gilt das
reich, den USA und Italien. Kontinuierlich Messewesen. Der Messeplatz Deutschland ist
nimmt die Bedeutung von Wirtschafts- und weltweit die Nummer eins bei Organisation
Handelsbeziehungen zu den asiatischen und Durchführung internationaler Messen.
Staaten zu – trotz teilweise sich abschwä- Von den global wichtigen Branchenevents
chender Wachstumsraten. Allein in China finden zwei Drittel in Deutschland statt. Zu
sind 5.000 deutsche Unternehmen mit Inves- den rund 150 internationalen Messen und
titionen vertreten. Ausstellungen kommen jedes Jahr 10 Millio-
nen Besucher.
Ausdruck der starken Verflechtung in die
Weltwirtschaft sind weiterhin die deut- Deutschland ist zugleich Umschlagplatz für
schen Direktinvestitionen im Ausland, die europäische und weltweite Güterströme.
sich seit 1990 auf mehr als eine Billion Euro Durch kein anderes Land der EU werden
(2015) verfünffacht haben. Ein Fünftel da- mehr Güter transportiert. Etwa ein Drittel
von war in den Euroraum investiert. Auf der des Umsatzes der zehn wichtigsten Logistik-
anderen Seite beschäftigen etwa 80.000 aus- märkte in der EU wird in Deutschland er-
ländische Unternehmen mehr als 3,7 Millio- bracht. 3 Millionen Menschen sind mit Logis-
nen Mitarbeiter in Deutschland. Der Be- tik befasst. Ein Tor zur Welt ist der Hambur-
stand an ausländischen Direktinvestitionen ger Hafen, in dem pro Jahr rund 9 Millionen
beläuft sich auf 466 Milliarden Euro. Standardcontainer umgeschlagen werden.
Engagement für fairen und der Finanzmärkte, beim Management von
freien Welthandel Geld und Währung engagiert sich Deutsch-
land an der Mitgestaltung der Globalisierung.
Deutschland setzt sich für offene Märkte und Wegen der gescheiterten multilateralen Ver-
einen fairen und freien Handel auf der Grund- handlungen (Doha-Runde) liegt ein Hauptau-
lage klarer und verlässlicher Regeln ein. Diese genmerk auf bilateralen Freihandelsabkom-
Ziele verfolgt Deutschland unter anderem men der Europäischen Union. Das euro­
mit den drei Säulen der Außenwirtschafts­ päisch-kanadische Wirtschafts- und Han-
förderung: den 227 deutschen Auslandsver- delsabkommen Comprehensive Economic
tretungen, den Büros der 130 Auslands­ and Trade Agreement (CETA) ist 2017 in Kraft
handels­kam­mern (AHK), Delegationen und getreten, die Verhandlungen über ein Frei-
Repräsentanzen der deutschen Wirtschaft in handelsabkommen mit Japan sind abge-
90 Ländern sowie der Gesellschaft für schlossen; lediglich über den Investitions-
Außenwirtschaft und Standortmarketing
­ schutz steht eine Einigung noch aus. Bereits
Germany Trade and Invest (GTAI). Sie unter- seit 2011 in Kraft ist das EU-Freihandelsab-
stützen mittelständische Unternehmen ge- kommen mit Südkorea, das erste mit einem
zielt dabei, Auslandsmärkte zu erschließen, asiatischen Land. Seither stiegen die Ausfuh-
und wirken darauf hin, die Rahmenbedin- ren nach Südkorea um jährlich etwa 10 Pro-
gungen zu verbessern. zent. 2015 einigten sich die EU und Vietnam
auf ein Freihandelsabkommen – es ist das ers-
Bei der Ausgestaltung der Regeln für den in- te Abkommen dieser Art zwischen der EU
ternationalen Handel, bei der Regulierung und einem Entwicklungsland.

Drehscheiben des Weltmarkts: Bis zu 10 Millionen Besucher kommen jährlich zu den großen Messen
66 | 67 WIRTSCHAFT & INNOVATION

THEMA

LEITMÄRKTE UND INNOVATIONEN


Die wirtschaftliche Stärke Deutschlands be- Elektrotechnik- und Elektronikindustrie mit
ruht entscheidend auf der Leistungskraft der Siemens als in 190 Ländern aktiver Global
Industrie und ihrer Innovationsfähigkeit. Player, deren Anwendungslösungen – von der
Vor allem die Automobilindustrie mit Mobilität bis zu Erneuerbaren Energien – als
775.000 Beschäftigten gilt als eine Paradedis- hochinnovativ gelten. Die Bedeutung des
ziplin des „Made in Germany“. Mit ihren Weltmarkts für die großen Branchen zeigt die
sechs starken Marken Volkswagen, BMW, Tatsache, dass Exportquoten von 60 Prozent
Daimler, den VW-Marken Audi und Porsche und mehr erzielt werden.
sowie Opel (Groupe PSA) gehört die Auto­
mobilindustrie zu den Zugpferden der globa- Die wichtigsten Wirtschaftszentren in
len Mobilitätsbranche. Deutschland sind die großen Metropolregio-
nen wie das Ruhrgebiet, die Großräume Mün-
Um diese Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, chen und Stuttgart (High­tech, Automobilbau),
investieren die deutschen Unternehmen Mil- Rhein-Neckar (Chemie, IT), Frankfurt am
liardenbeträge in Forschung und Entwick- Main (Finanzen), Nürnberg (Industrie, Dienst-
lung (FuE). Elektro-, digitale Vernetzung, as- leistungen), Köln und Hamburg (Hafen, Flug-
sistiertes und autonomes Fahren heißen die zeugbau, Medien). In den neuen Ländern ha-
Megatrends der automobilen Fortbewegung. ben sich kleine, aber leistungsfähige Hoch­
Global gesehen, produzierten die deutschen technologiezentren gebildet, vor allem die
Automobilkonzerne mit ihren hohen Antei- „Leuchtturm-Regionen“ Dresden, Jena, Leip­
len in den Marktsegmenten der oberen Mittel- zig, Leuna und Berlin-Brandenburg.
klasse und der Oberklasse 2017 rund 16,45
Millionen Pkw; zwei von drei Autos deutscher Hohes Gewicht auf komplexen industriel-
Hersteller wurden im Ausland produziert. len Investitionsgütern

Zu den traditionell starken Branchen der Die Liste der größten deutschen Unterneh-
deutschen Wirtschaft gehören neben der men (nach Umsatz 2016) wird angeführt und
Automobilindustrie der Anlagen- und Ma- dominiert von Automobilkonzernen: Volks-
schinenbau sowie die Chemieindustrie. Die wagen rangiert auf Platz 1, Daimler und
1865 gegründete BASF mit Hauptsitz in Lud- BMW folgen auf Platz 2 und 4. Die Allianz
wigshafen ist mit 115.000 Mitarbeitern an 353 (Versicherung) belegt Platz 3, Siemens (Elek­
Produktionsstandorten in mehr als 80 Län- tro) Platz 5 vor der Deutschen Telekom und
dern der größte Chemiekonzern der Welt. Zu Uniper, einer Abspaltung des Energiekon-
den Schlüsselbranchen zählen außerdem die zerns Eon.
Weltweit erfolgreich: Die deutschen Autobauer gehören zu den großen Akteuren der globalen Mobilitätsbranche

Die Industrie in Deutschland ist spezialisiert Als Triebfeder der wirtschaftlichen Stärke
auf die Entwicklung und Herstellung kom- Deutschlands gilt die Innovationsfähigkeit
plexer Güter, vor allem auf Investitionsgüter der Wirtschaft. Hier zeigt die Intensivierung
und innovative Produktionstechnologien. der FuE-Anstrengungen seit 2007 positive
Innerhalb Deutschlands hat die Industrie im Entwicklungen. Sowohl die Wirtschaft als
Vergleich zu anderen Volkswirtschaften ein auch der öffentliche Sektor trugen dazu bei;
deutlich höheres Gewicht. Insgesamt arbeiten die Hightech-Strategie der Bundesregierung
7,27 Millionen Menschen in der Industrie und setzte hier entscheidende Impulse. Insgesamt
dem verarbeitenden Gewerbe. Nur in Süd­ wurden 2016 in Deutschland 92 Milliarden
korea ist der Anteil des verarbeitenden Ge- Euro für FuE aufgewendet, das entspricht ei-
werbes an der Bruttowertschöpfung höher. nem Anteil von 2,93 Prozent am Bruttoin-
68 | 69 WIRTSCHAFT & INNOVATION

landsprodukt (BIP). Unter vergleichbaren ler Unternehmen sind in diesem Sektor tätig,
OECD-Ländern rangiert Deutschland damit sie realisieren nahezu 70 Prozent des Brutto-
auf der fünften Position – noch vor den USA inlandsprodukts und stellen drei Viertel der
und weit vor Frankreich und Großbritannien. Arbeitsplätze. Von den rund 30 Millionen Be-
Unter den großen Wettbewerberländern wei- schäftigten sind 12 Millionen bei öffentlichen
sen nur Südkorea und Japan eine noch höhere und sonstigen privaten Dienstleistern, knapp
FuE-Intensität auf. Deutschland gilt auch als 10 Millionen in Handel, Gastgewerbe und Ver-
Europameister im Erfinden. 2016 reichten kehr und mehr als 5 Millionen bei Unterneh-
deutsche Unternehmen beim Europäischen mensdienstleistern tätig.
Patentamt in München rund 32.000 Anträge
auf Patentschutz ein. Beim Deutschen Patent- Der Mittelstand ist das Herzstück
und Markenamt (DPMA) wurden in demsel- der Wirtschaft
ben Jahr 67.898 Erfindungen angemeldet – ein
neuer Rekordwert. Am aktivsten waren der Trotz zahlreicher Global Player und großer
Automobilzulieferer Bosch mit 3.693 Anmel- wirtschaftlicher Flaggschiffe sind 3,6 Millio-
dungen und die ebenfalls im Automobilzulie- nen kleine und mittlere Unternehmen sowie
ferbereich tätige Schaeffler-Gruppe (2.316). Selbstständige und Freiberufler charakteris-
Insgesamt waren 2016 exakt 129.511 deutsche tisch für die Struktur der Wirtschaft. 99,6
Patente in Kraft. Einschließlich der vom Euro- Prozent der Unternehmen gehören dem Mit-
päischen Patentamt erteilten Patente waren telstand an. Als mittelständisch gelten Fir-
2016 insgesamt 615.404 Patente in Deutsch- men mit einem Jahresumsatz von unter 50
land gültig. Millionen Euro und mit weniger als 500 Be-
schäftigten. Im Mittelstand sind auch zahl-
Der Industriestandort Deutschland ist ohne reiche gründungsfreudige Zuwanderer mit
die stetig wachsende Dienstleistungswirt- eigenen Unternehmen angekommen. Mehr
schaft kaum noch denkbar. Gut 80 Prozent al- als 700.000 Menschen mit Migrationshinter-

WEGMARKEN

1955
Der einmillionste VW-Käfer
1969
In Toulouse (Frankreich) wird
1989
Mit der Postreform I beginnt
läuft am 5. August in Wolfsburg als deutsch-französisches die Privatisierung der riesigen
vom Band. Das Auto wird zum ­Gemeinschaftsprojekt das Airbus- ­Behörde Deutsche Bundespost.
Sinnbild und zum absoluten Ver­ Konsortium gegründet. Heute Die Privatisierung gilt als eine der
kaufsschlager des sogenannten ist Airbus S.A.S. der zweitgrößte größten Reformen der deutschen
Wirtschaftswunders. Flugzeughersteller der Welt. Wirtschaftsgeschichte.
grund besitzen ein Unternehmen. Migrantin- tembruch. Durch das Internet getrieben,
nen und Migranten in Deutschland bilden wachsen reale und virtuelle Welt zu einem
damit einen wichtigen Wirtschaftsfaktor. „Internet der Dinge“ zusammen. Ziel der Bun-
desregierung ist die Unterstützung von Wirt-
Laut Studien der KfW Bankengruppe ist der schaft und Wissenschaft bei der Entwicklung
Anteil innovativer Unternehmen insgesamt und Umsetzung von Industrie 4.0, um
rückläufig – nur 22 Prozent der kleinen und Deutschland als einen Leitanbieter für diese
mittleren Firmen investieren in innovative Technologien und zukünftigen Produktions-
Produkte und Prozesse. Die Innovationsan- standort zu posi­tionieren.
strengungen leisten vor allem wenige große
Mittelständler. In zahlreichen Nischen-Markt-
segmenten sind deutsche Mittelständler häufig
INFO
„Hidden Champions“, Europa- oder Welt-
Unternehmenssteuer Seit Mitte der
marktführer mit hochinnovativen Produkten.
1990er-Jahre besteht ­international ein
Fest etabliert im Wirtschaftsgefüge hat sich un- Trend zu sinkenden Unternehmens­
terdessen die Kreativwirtschaft. Sie spielt, häu- steuersätzen. Auch Deutschland ist
fig in kleinen, unterkapitalisierten Unterneh- schon lange kein ­Hochsteuerland
men, eine Vorreiterrolle auf dem Weg in eine mehr. Im interna­tionalen Vergleich ist
die Belastung durch ­Steuern und Ab­
digitale und wissensbasierte Ökonomie und gilt
gaben sogar eher unterdurchschnittlich.
als signifikante Quelle für Innova­
tionsideen.
Die durchschnittliche steuerliche
Ein internationaler Hot­spot der „Creative In- Gesamtbe­lastung für Unternehmen be­
dustries“ und Start-ups ist Berlin-Brandenburg trägt weniger als 30 Prozent. In einigen
mit mehr als 30.000 Unternehmen. Regionen Deutschlands liegt sie, be­
dingt durch den lokal ­variablen Gewer­
besteuersatz, unter 23 Prozent.
Die Wirtschaft steht an der Schwelle zur
→ gtai.de
vierten industriellen Revolution, einem Sys-

1990
Die Treuhandanstalt hat die
2002
Von 1948 bis 1998 ist die D-Mark
2018
Im Januar 2018 erreichte der
­Aufgabe, binnen weniger Jahre als Buchgeld, bis 2001 als Bargeld Deutsche Aktienindex DAX sein
die ehemals sozialistische DDR- die offizielle Währung. Am bisheriges Allzeithoch von 13.595
Planwirtschaft mit vielen tausend 1. Januar 2002 wird sie abgelöst. Punkten. Er spiegelt die Entwick­
volkseigenen Betrieben in eine In Deutschland und elf anderen lung der 30 größten und umsatz­
Marktwirtschaft umzuwandeln. EU-Ländern kommt der Euro. stärksten deutschen Unterneh­
men wider.
70 | 71 WIRTSCHAFT & INNOVATION

THEMA

NACHHALTIGE ÖKONOMIE
Deutschland gehört zu den nachhaltigsten sourcen entfernt. Daher hat die Bundesregie-
Industriestaaten der Welt. Dies ist das Ergeb- rung ihre Nachhaltigkeitsstrategie 2017 um­
nis einer internationalen Vergleichsuntersu- fassend weiterentwickelt und an den 17 so­
chung der 34 OECD-Mitgliedsländer. Vor dem genannten Sustainable Development Goals
Hintergrund der 17 Nachhaltigkeitsziele der (SDGs) der Vereinten Nationen ausgerichtet. Die
Vereinten Nationen wurden die Länder erst- neue Strategie sieht drei Ebenen vor: Maßnah-
mals systematisch anhand von 34 Indikato- men mit Wirkung in Deutschland, Maßnah-
ren von Umweltschutz über Wachstum bis men durch Deutschland mit weltweiten Aus-
hin zur Qualität der Sozialsysteme unter- wirkungen und die direkte Unterstützung an-
sucht. Deutschland kommt auf Platz sechs, derer Länder durch bilaterale Zusammenarbeit.
punktet vor allem bei Wachstum, Beschäfti-
gung und sozialer Absicherung. Eine wachsende Zahl von Unternehmen in
Deutschland bekennt sich bereits zu ihrer ge-
Dennoch ist auch Deutschland in einigen Be- sellschaftlichen Verantwortung, als Teil des
reichen noch weit von einem nachhaltigen Le- nachhaltigen Wirtschaftens. „Corporate Social
ben, nachhaltigem Wirtschaften und einem Responsibility“ (CSR) betrifft vor allem das
nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Res- Kerngeschäft der Unternehmen, das durch die
Globalisierung ökonomische, soziale und Um-
weltzustände beeinflusst. Der 1999 gegründe-
ten Global Compact Initiative der Vereinten
LISTE
Nationen sind inzwischen die meisten DAX-
Konzerne beigetreten – zudem kleine und
∙ Größtes Unternehmen
Volkswagen, 642.300 Beschäftigte
mittelständische Unternehmen, Institute und
Nichtregierungsorganisationen. Der Global
∙ Größte Bank Compact der Vereinten Nationen, die
Deutsche Bank, 97.535 Beschäftigte OECD-Leitsätze für multinationale Unterneh-
men und die dreigliedrige Grundsatz­erklärung
∙ Wichtigster Börsenindex
der Internationalen Ar­beits­or­ga­ni­sation (ILO)
Deutscher Aktienindex (DAX)
über multinationale Unternehmen und
∙ Größtes Messegelände Sozialpolitik bilden die Grundsätze für die
­
Hannover ­gesellschaftliche Verantwortungsübernahme
von Unternehmen. Weltweit sind über 9.500
∙ Größter Flugzeugbauer
Firmen aus über 160 Ländern Mitglied des
Airbus-Hamburg
freiwilligen Global Compact.
Würdiges Arbeiten: Immer mehr deutsche Unternehmen legen Wert auf faire Standards in globalen Lieferketten

Dass gesellschaftliche und ökologische Ver- marktes ab; erklärtes Ziel sind 75 Prozent. Seit
antwortung zusammengehören, wird auch im den tödlichen Unfällen in den Textilfabriken
„Bündnis für nachhaltige Textilien“ deutlich, in Bangladesch und Pakistan wurden schon
das in beiderlei Hinsicht Verbesserungen für erhebliche Verbesserungen für alle Beteiligten
die Beschäftigten in der Textil- und Beklei- umgesetzt. Ab 2018 gibt das Bündnis konkrete
dungsindustrie erreichen will. 150 deutsche Vorgaben für alle Mitglieder, die sicherstellen
Textilhersteller haben sich der 2014 gegründe- sollen, dass die ambitionierten Ziele erreicht
ten Initiative des Bundesministeriums für werden. Mit dem Bündnis dokumentiert
wirtschaftliche Entwicklung und Zusammen- Deutschland seine Vorreiterrolle für die inter-
arbeit (BMZ) angeschlossen. Die Mitglieder nationalen Bemühungen auf dem Weg zu fai-
decken rund 50 Prozent des deutschen Textil- ren Standards in den globalen Lieferketten.
72 | 73 WIRTSCHAFT & INNOVATION

THEMA

DIGITALER WANDEL
Die Wirtschaft befindet sich mitten in der samt erwartet die Wirtschaft, dass sich der
vierten industriellen Revolution. Durch das internationale Wettbewerb um die Techno-
Internet getrieben, wachsen in einem digita- logieführerschaft in der Produktion weiter
len Transformationsprozess reale und virtu- verschärft. Die Bundesregierung fördert und
elle Welt zu einem Internet der Dinge zusam- gestaltet den digitalen Wandel aktiv und hat
men. Die Digitalisierung stellt für Industrie im Koalitionsvertrag sieben anspruchsvolle
und Dienstleistungswirtschaft eine histori- Ziele formuliert, allen voran den Aufbau ei-
sche Zäsur dar. Unter dem Oberbegriff In- ner flächendeckenden digitalen Infrastruk-
dustrie 4.0 werden Lösungen, Prozesse und tur von „Weltklasse“.
Technologien zusammengefasst, die einen
hohen Einsatz von IT und einen intensiven Deutschland soll zum Leitanbieter für die
Vernetzungsgrad der Systeme in den Fabri- Industrie 4.0 und zum digitalen Wachs-
ken beschreiben. Viele deutsche Unterneh- tumsland Nummer eins in Europa werden.
men setzen auf Industrie 4.0, mit der speziell Studien schätzen in Positivszenarien ein zu-
die Digitalisierung der Fertigungstechnik sätzliches Wachstumspotenzial durch In-
und der Logistik vorangetrieben wird. Insge- dustrie 4.0 zwischen 200 und 425 Milliarden
Euro bis 2025. Dem Informations- und Te­le­
kom ­mu­n i ­k a­t ions­sek ­tor (IKT) als Quer-
schnittstechnologie kommt dabei eine
ZAHL Schlüsselrolle zu. 2017 stieg die Branche
zum größten industriellen Arbeitgeber auf.

714 Über eine Million Beschäftigte erwirtschaf-


ten einen Umsatz von 160 Milliarden Euro.
Internetdienstanbieter und andere Ein Treiber war die Software-­Branche.
­Organisationen sind am DE-CIX
­angebunden. Der Internet-Knoten in Der Ausbau der digitalen Infrastruktur gilt
Frankfurt am Main ist, gemessen am als eine der wichtigsten Aufgaben bei der
Datendurchsatz, der größte der Welt.
Digitalisierung. Ziel ist ein flächendecken-
2017 erreichte dieser Wert erstmals
die Marke von 6 Terabit pro Sekunde. der Ausbau mit Gigabit-Netzen: Bis zum
DE-CIX unterhält neben dem Standort Jahr 2025 sollen Glasfaseranschlüsse in je-
Frankfurt weitere Internetknoten der Region, in jeder Gemeinde, möglichst
in Europa, dem Nahen Osten, Nord­ direkt bis zum Haus gelegt sein. Dafür ist ei-
amerika und Indien.
ne gemeinsame Kraftanstrengung von Tele-
→ de-cix.net
kommunikationsanbietern und Staat erfor-
Immer online: Der Ausbau der digitalen Infrastruktur gehört zu den wichtigsten Projekten der Bundesregierung

derlich. Die Bundesregierung stellt dafür in geräte und Industriemaschinen. Das stellt
dieser Legislaturperiode bis zu 12 Milliar- hohe Anforderungen vor allem an die mo-
den Euro zur Verfügung. bilen Verbindungen. Die Bundesregierung
will Deutschland zum Leitmarkt für 5G
Eine Schlüsselrolle auf dem Weg zum entwickeln. In fünf Regionen soll die
„­
D igitalland“ fällt der kommenden Mo- Technologie getestet werden, um die Ent-
bilfunkgeneration 5G zu. Bis 2020 werden wicklung zu beschleunigen und eine flächen-
allein in Deutschland rund 770 Millionen deckende, lückenlose Versorgung sicher­
Geräte vernetzt sein – neben Smartphones zustellen. Der kommerzielle Start wird ab
und Tablets auch Fahrzeuge, Haushalts­ 2020 erwartet.
74 | 75 WIRTSCHAFT & INNOVATION

PANORAMA

GESCHÄTZTER HANDELSPARTNER
Die wichtigsten Exportgüter nach Warenguppen (2017)

18,3 % 14,4 % 9,0 % 8,6 % 6,5 %


Kraftwagen & Maschinen Chemische Datenverarbei­ Elektrische
Kraftwagenteile Erzeugnisse tungsgeräte Ausrüstungen

Deutschlands Waren-Exporte Eurozone


nach Regionen (2017) 36,9 %

Die Länder Europas sind Deutschlands


wichtigste Absatzmärkte. 68 Prozent
der deutschen Exporte gehen dorthin.
­Außerhalb Europas sind die USA mit 8,7 EU ohne
Prozent und China mit 6,7 Prozent führend. Eurozone
21,7 %

Restliches
Europa
ohne EU
9,6 %

Australien
Ozeanien Afrika
0,9 % 2,0 %

1.279 Mrd. Euro 1.034 Mrd. Euro 50 % 25 %


Wert der Wert der Exportquote Exportabhängige
exportierten Waren importierten Waren Arbeitsplätze
Die 25 größten Exportmärkte in Prozent (2017)

Vereinigtes Königreich:
6,6 Finnland:
USA: 0,9
8,7 Russische Föderation:
Schweden:
2,1 2,0

Dänemark: Republik Korea:


Polen: 4,7 1,4
Mexiko: 1,5
1,0 Belgien:
3,5 Tschechische Volksrepublik China:
Republik: 3,3 6,7
Niederlande: Slowakei: 1,0
Japan:
6,7 Deutschland 1,5
Ungarn: 2,0 Türkei: 1,7

Rumänien: 1,2 Indien: 0,8


Frankreich:
8,2 Vereinigte Arabische Emirate:
Österreich: 0,9
4,9
Schweiz:
Spanien: 4,2
3,4 Italien:
5,1

Asien
ohne China
USA 9,9 %
8,7 % China
Amerika
6,7 %
ohne USA
3,3 %

5,7 Mio. 10,0 Mio. 150 288


National produzierte Weltweit produzierte Leitmessen in Auslandsmesse­
Pkw deutscher Hersteller Pkw deutscher Hersteller Deutschland beteiligungen
(in Deutschland) (im Ausland)
76 | 77 WIRTSCHAFT & INNOVATION

THEMA

ATTRAKTIVER ARBEITSMARKT
Der deutsche Arbeitsmarkt hat in den ver- tigung und Selbstständigkeit gingen weiter
gangenen Jahren eine günstige Entwick- zurück.
lung genommen. Im Jahresdurchschnitt
waren 2017 in Deutschland 44,3 Millionen Die geringe Jugendarbeitslosigkeit hat in-
Menschen erwerbstätig. Die hohe Beschäf- ternational den Blick auf die erfolgreiche
tigung ist Ausdruck der guten ökono­ duale Berufsausbildung gelenkt, die sich von
mischen Lage. Deutschland gehört zu den der rein schulischen Ausbildung unterschei-
EU-Ländern mit der niedrigsten Arbeits­ det, die in den meisten Ländern den Einstieg
losigkeit. 2017 lag die Arbeitslosenquote im in das Berufsleben darstellt. Etwa die Hälfte
Durchschnitt bei 5,7 Prozent und damit auf der Jugendlichen in Deutschland erlernen
dem tiefsten Wert seit 1990. Die Entwick- nach der Schule einen der 350 staatlich aner-
lung wird getragen von einer breiten Kon- kannten Ausbildungsberufe im dualen Sys-
junktur. Die Nachfrage der Betriebe nach tem. Der praktische Teil wird an drei bis vier
neuen Mitarbeitern steigt weiter. Wie schon Wochentagen im Betrieb gelernt; an ein bis
in den Vorjahren hat 2017 vor allem die so- zwei Tagen erfolgt die fachtheoretische Aus-
zialversicherungspflichtige Beschäftigung bildung in der Berufsschule. Viele Länder
stark zugenommen. Geringfügige Beschäf- adaptieren zurzeit das System der dualen Be-
rufsausbildung.

Zur Schaffung eines modernen, gerechten


INFO
und transparenten Arbeitsmarktes hat die
Make it in Germany –
Bundesregierung zahlreiche arbeitsmarkt-
Das offizielle Onlineportal für
­internationale Fachkräfte begleitet
politische Vorhaben realisiert. Seit Anfang
Zuwanderungsinteressierte 2015 gilt ein gesetzlicher Mindestlohn. Die
von der Einreise bis zur Jobsuche. Frauenquote wiederum soll zu einer glei-
­E xperten beraten auch individuell chen Teilhabe von Männern und Frauen in
über V ­ isa, Berufsanerkennung Führungspositionen führen. Börsennotier-
und das ­L eben in Deutschland – per
te und voll mitbestimmungspflichtige Un-
E-Mail, Hotline oder Chat. Außerdem
­informiert das Portal über die ternehmen müssen seit 2016 für alle Auf-
­Vor­teile einer Ausbildung oder eines sichtsratsposten eine Frauenquote von 30
Studiums in Deutschland auf Prozent einhalten. Das „Tarifeinheitsgesetz“
Deutsch, Englisch, Französisch garantiert hingegen, dass in einem Betrieb
und Spanisch.
für gleiche Tätigkeiten nicht verschiedene
→ make-it-in-germany.com
Tarifverträge gelten. Und: Wer über 45 ver-
Duale Berufsausbildung: Das deutsche Modell, das Theorie und Praxis verbindet, wird in vielen Ländern adaptiert

sicherungspflichtige Beitragsjahre nach- tes ist „Make it in Germany“, ein mehrspra-


weist, kann mit dem vollendeten 63. Le- chiges Internetportal für internationale
bensjahr seit dem 1. Juli 2014 abschlagsfrei Fachkräfte. Es informiert zuwanderungsin-
in Rente gehen. teressierte Fachkräfte über ihre Karriere-
chancen und enthält aktuelle Jobangebote
Die Bundesregierung strebt die Vollbe- in Engpassberufen (Gesundheits- und Inge-
schäftigung an. Angesichts des demografi- nieurberufe, IT-Bereich). Hochschulab­
schen Wandels ist allerdings auch die Siche- solventen und Fachkräfte erhalten mit
rung der Fachkräftebasis eine der vordring- der „Blauen Karte EU“ zudem einen unkom-
lichsten Aufgaben. Ein zentrales Projekt plizierten Zugang zum deutschen Arbeits-
hinsichtlich der Öffnung des Arbeitsmark- markt.
78 | 79 U M W E LT & K L I M A

UMWELT & KLIMA


Vorreiter in der Klimapolitik ∙ Impulsgeber für Klimakooperationen ∙
Generationenprojekt Energiewende ∙ Zukunftsbranche Greentech ∙ Erneuerbare Energien ∙
Lebenswichtige Vielfalt

EINBLICK

VORREITER IN DER KLIMAPOLITIK


Das 21. Jahrhundert gilt als „Jahrhundert der Prozent angestrebt, bis 2050 sollen 80 bis 95
Umwelt“. Das bedeutet: In den nächsten Jahr- Prozent erreicht werden. Im November 2016
zehnten entscheidet sich, wie stark sich die hat die Bundesregierung als einer der ersten
natürlichen Lebensbedingungen künftiger Staaten weltweit im „Klimaschutzplan 2050“
Generationen auf der Erde verändern. Als entsprechende klimapolitische Grundsätze
Hauptgefahr gilt vor allem ein beschleunigter und Ziele festgelegt. Bis 2017 ist eine Minde-
Klimawandel. Umwelt- und Klimaschutz ge- rung um 28 Prozent erreicht worden.
nießen in Deutschland seit Langem einen ho-
hen Stellenwert. Deutschland ist internatio- Auch im globalen Rahmen engagiert sich die
nal ein Vorreiter beim Klimaschutz und Pio- Bundesregierung für Umweltschutz, Zusam-
nier beim Ausbau der Erneuerbaren Energien. menarbeit in Energiefragen und klimafreundli-
che Entwicklung. Deutschland setzt sich gemäß
Mit dem als Energiewende bezeichneten Um- dem Pariser Klimaschutzabkommen von 2015
bau des Energiesektors lässt Deutschland das dafür ein, die Erderwärmung auf deutlich unter
fossil-nukleare Energiezeitalter hinter sich und zwei Grad Celsius und möglichst auf 1,5 Grad
begibt sich auf den Weg in eine nachhaltige Celsius zu begrenzen. Spätestens in der zweiten
Energiezukunft. Dazu gehört der sukzessive Hälfte des Jahrhunderts soll weltweit eine weit-
Ausstieg aus der Atomkraft bis zum Jahr 2022. gehende Treibhausgasneutralität erreicht sein.
Bis 2030 will Deutschland zudem seinen Aus- Dazu ist eine Verringerung des Kohlen-
stoß von Treibhausgasen um 55 Prozent gegen- dioxid-Ausstoßes in den Industrieländern um
über 1990 senken, bis 2040 sind mindestens 70 80 bis 95 Prozent nötig. Die vollständige „Dekar-
VIDEO AR-APP

Umwelt & Klima: das ­Video zum Thema


→ tued.net/de/vid4

Der Weg ins Zeitalter der Erneuerbaren Energien ist unumkehrbar


80 | 81 U M W E LT & K L I M A

bonisierung“ soll im Laufe des Jahrhunderts er- Steigerung der Energie- und Ressourceneffizi-
reicht werden. Das UN-Sekretariat, das die Um- enz sowie die intelligente Nutzung nachwach-
setzung der Klima-Rahmenkonvention über- sender Rohstoffe. Es ist eine Strategie mit dop-
wacht, hat seinen Sitz in der Bundesstadt Bonn. pelter Dividende. Denn einerseits sinkt die
Umwelt- und Klimabelastung, während ande-
Eine intakte Umwelt – reine Luft, saubere Ge- rerseits neue Geschäftsfelder und Arbeitsplät-
wässer, vielfältige Natur – ist Voraussetzung für ze entstehen.
eine hohe Lebensqualität. Der Umweltschutz
ist seit 1994 als Staatsziel im Grundgesetz ver-
ankert. Bei Luft- und Gewässerqualität belegen NETZ
die Indikatoren seit Jahren eine deutliche Ver-
UNFCCC
besserung. Der Ausstoß von Schadstoffen wie UN-Sekretariat des Rahmenüberein­
Schwefeldioxid und Stickoxiden ist stark zu- kommens über Klimaänderungen
rückgegangen – wenn auch noch nicht aus­ → unfccc.int
reichend. Spürbar gesunken ist auch der
­Pro-Kopf-Verbrauch von Trinkwasser – von in BMU
Bundesministerium für Umwelt,
der Spitze über 140 auf rund 120 Liter pro Tag.
­Naturschutz und nukleare Sicherheit
→ bmu.de
Deutschland verfolgt die Strategie, Wirt-
schaftswachstum und Umweltschutz im Sinne BUND
eines nachhaltigen Wirtschaftens zusammen- Bund für Umwelt- und Naturschutz
Deutschland
zuführen. Zentrale Stellhebel dafür sind neben
→ bund.net
dem Ausbau der Erneuerbaren Energien die

Windkraft und Solarstrom sind in Deutschland die wichtigsten und günstigsten Lieferanten von Erneuerbarer Energie
KOMPAKT

AKTEURE & INSTRUMENTE


Umweltbundesamt
Die dem Bundesumweltministerium unter­
stellte Behörde unterstützt die Bundesregie-
rung mit wissenschaftlicher Expertise. Das
Umweltbundesamt ist zuständig für den
Vollzug von Umweltgesetzen, etwa bei der
Zulassung von Chemikalien, Arznei- und Pflan-
zenschutzmitteln, sowie für die Information
der Öffentlichkeit zum Umweltschutz. Deutsche Gesellschaft für Internationale
→ umweltbundesamt.de ­Zusammenarbeit
Die Deutsche Gesellschaft für Internationale
Deutsche Energie-Agentur Zusammenarbeit (GIZ) ist ein weltweit tätiges
Die Deutsche Energie-Agentur (DENA) ist Bundesunternehmen. Sie unterstützt die
ein Kompetenzzentrum für Energieeffizienz, Bundesregierung bei der Verwirklichung ihrer
Erneuerbare Energien und Energiesysteme. Sie entwicklungspolitischen Ziele. Sie berät Ent-
unterstützt die Umsetzung der Energiewende wicklungs- und Schwellenländer in Fragen des
und setzt sich dafür ein, Energie so effizient, Klimaschutzes sowie bei der gerechten und
sicher, preiswert und klimaschonend wie mög- nachhaltigen Nutzung der Ressource Wasser.
lich zu erzeugen und zu nutzen. → giz.de
→ dena.de
Bundesamt für Naturschutz
Agora Energiewende Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) ist
Der Thinktank Agora Energiewende versteht für den nationalen und internationalen Natur-
sich als Forum für den Dialog mit den ener- schutz zuständig. Das BfN bietet auf seiner
giepolitischen Akteuren. Website gute Karten zu Schutzgebieten.
→ agora-energiewende.org → bfn.de

Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung DIGITAL PLUS


Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung Mehr Informationen zu allen Themen
untersucht relevante Fragestellungen in den des Kapitels – kommentierte Linklisten
und Beiträge; dazu weiterführende
Bereichen Globaler Wandel, Klimawirkung und
­Begriffe wie Klima­rahmenkonvention,
nachhaltige Entwicklung. Treibhausgas-Emmission, Erneuerbare-Energien-Gesetz
→ pik-potsdam.de und Klimaschutzziele der EU.
→ tued.net/de/dig4
82 | 83 U M W E LT & K L I M A

THEMA

IMPULSGEBER FÜR KLIMAKOOPERATIONEN


Deutschland hat im internationalen Kontext abkommen. Sie strebt eine Senkung der Emis-
maßgeblichen Anteil daran, dass das Thema sionen um mindestens 40 Prozent bis 2030 an.
Klimaschutz prominent auf der Agenda steht. Zentrales Instrument ist der EU-Emissions-
Die Bundesregierung war bereits Impulsgeber handel, der den Kohlendioxid-Ausstoß von
beim Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro und für rund 11.000 großen Industrie- und Kraft-
das Kyoto-Protokoll 1997. Der große Durch- werksunternehmen regelt. Er wurde 2018 re-
bruch gelang allerdings erst mit dem Pariser formiert, um seine Wirksamkeit zu erhöhen.
Klimaabkommen 2015, 195 Länder einigten
sich erstmals auf ein allgemeines, rechtsver- Deutschland treibt zudem aktiv Klimako-
bindliches weltweites Klimaschutzabkom- operationen mit anderen Ländern voran und
men. Ziel ist es, den weltweiten Anstieg der unterstützt zum Beispiel Partnerländer im
Durchschnittstemperatur zu stoppen und Rahmen der 2016 gegründeten NDC-Partner-
möglichst auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. schaft dabei, ihre nationalen Klimaschutz­
Um dieses Ziel zu erreichen, verpflichten sich ziele (Nationally Determined Contributions,
die Staaten, ihren Treibhausgasausstoß zu ­NDCs) zu erreichen. Diese NDCs bilden das
verringern oder gering zu halten. Dafür set- Herzstück des Pariser Klimaabkommens.
zen sie sich nationale Ziele, die regelmäßig
überprüft werden sollen. Wie das geschehen Deutschlands Vorreiterrolle in der Klimafor-
kann, war Thema der Weltklimakonferenz schung wird von Arbeiten an Universitäten
2017 in Bonn. Die Europäische Union (EU) und Instituten wie dem Potsdam-Institut für
steht an der Spitze der internationalen Be- Klimafolgenforschung und dem Wuppertal
mühungen um ein weltweites Klimaschutz- ­Institut für Klima, Umwelt, Energie gestützt.

WEGMARKEN

1976
Das deutsche Forschungsminis­
1987
Im Kaiser-Wilhelm-Koog an
1991
Das Stromeinspeisungsgesetz
terium beschließt den Bau einer der schleswig-holsteinischen ­regelt die Verpflichtung der
100 Meter hohen Großwindanla- Westküste geht der erste deut- Stromunternehmen, elektrische
ge (Growian) in Norddeutschland. sche Windpark in Betrieb. 32 Energie aus regenerativen Um-
Doch das erste Experiment mit Windkraftanlagen verwandeln wandlungsprozessen abnehmen
der Windenergie scheitert. 1988 fortan Nordseewind in elektri- und zu festgelegten Tarifen ver-
wird Growian abgerissen. schen Strom. güten zu müssen.
Das Klimasekretariat der Vereinten Nationen in Bonn überwacht das Klimarahmenabkommen

2000
Das Erneuerbare-Energien-Gesetz
2011
Nach dem Reaktorunfall von
2017
Die deutsche Automobilindustrie
(EEG) tritt in Kraft. Darin wird, ­Fukushima verabschiedet das investiert verstärkt in Elektromo-
­unter anderem, der Vorrang für ­Kabinett energiepolitische Eck- bilität. Bis 2020 werden 40 Mil­
Strom aus Erneuerbaren Energien punkte, um bis zum Jahre 2022 liarden Euro für Forschung und
bei Einspeisung und Netzan- schrittweise aus der Kernenergie Entwicklung aufgewendet. Die
schluss gesetzlich verankert. Das auszusteigen und eine umwelt- Zahl der Elektromodelle wird sich
EEG wird zum Meilenstein. freundliche Versorgung zu sichern. von 30 auf 100 verdreifachen.
84 | 85 U M W E LT & K L I M A

THEMA

GENERATIONENPROJEKT ENERGIEWENDE
Die Energiewende ist die wichtigste wirt- mit dem ersten Beschluss zum Atomausstieg
schafts- und umweltpolitische Aufgabe in und der Förderung des Erneuerbare-Ener-
Deutschland. Als Energiewende wird der gien-Gesetzes einsetzte. Die Förderung der
Umbau der deutschen Energieversorgung Erneuerbaren Energien begann in Deutsch-
weg von Öl, Kohle, Gas und Atomkraft hin zu land schon in den 1990er-Jahren; im Jahr
Erneuerbaren Energien bezeichnet. Bis spä- 2000 wurde sie dann mit dem Erneuerba-
testens 2050 sollen mindestens 80 Prozent re-Energien-Gesetz (EEG) fest verankert.
der Stromversorgung und 60 Prozent der ge-
samten Energieversorgung in Deutschland Langfristig geplanter Ausstieg
aus Erneuerbaren Energien stammen. Als aus der Atomenergie
nächster Schritt werden bis zum Jahre 2022
sukzessive alle Atomkraftwerke abgeschal- Ebenfalls im Jahr 2000 vereinbarte die da-
tet. Seit 2017 sind nur noch sieben Atom- malige Bundesregierung mit den deutschen
kraftwerke am Netz, die gut 10 Prozent zum Energieunternehmen den Atomausstieg bis
Strommix beitragen. Die Bundesregierung zum Jahr 2022. Die Beschlüsse zur Energie-
setzt damit den nachhaltigen Umbau des wende der Bundesregierung im Jahr 2011
Energiesystems fort, der bereits im Jahr 2000 ­stehen somit in einer Tradition des Umbaus
der Energieversorgung hin zu nachhaltigen
Energiequellen. Den 2011 nach der Atomka-
tastrophe im japanischen Fukushima von
LISTE
den im Deutschen Bundestag vertretenen
Parteien beschlossene und von einer großen
∙ Größter Onshore-Windpark:
Stößen-Teuchern in Sachsen-Anhalt
Bevölkerungsmehrheit nachdrücklich be-
fürwortete beschleunigte Umbau des Ener-
∙ Größter Offshore-Windpark: giesystems sieht sie als „notwendigen
alpha ventus in der Nordsee Schritt auf dem Weg in eine Industriegesell-
schaft, die dem Gedanken der Nachhaltig-
∙ Leistungsstärkster Windgenerator:
keit und der Bewahrung der Schöpfung ver-
SG 8.0-167 DD von Siemens
pflichtet ist“.
∙ Größter Solarpark:
Solarkomplex Senftenberg Jedoch nicht nur Umwelt und Klima sollen
von der Energiewende profitieren, sondern
∙ Größte Strombörse: European Energy
auch die deutsche Volkswirtschaft – vor
Exchange (EEX) in Leipzig
­a llem die Abhängigkeit von den internatio-
Offshore-Windparks in der Nordsee sind tragende Säulen der Energiewende

nalen Erdöl- und Erdgas-Importen soll ver- ­Eine weitere zentrale Aufgabe besteht darin,
ringert werden. Deutschland gibt bislang die „zweite Säule“ der Energiewende zu stär-
jährlich rund 45 Milliarden Euro für die Ein­ ken – die sparsamere, effizientere Nutzung
fuhr von Kohle, Erdöl und Erdgas aus. Diese der Energie. In der Industrie und in großen
Summe soll in den kommenden Jahren durch Gewerbebetrieben sind bereits signifikante
heimische Wertschöpfung im Bereich der Einsparungen erreicht worden, die Stan-
­Erneuerbaren Energien schrittweise ersetzt dards sind hoch. Nachholbedarf gibt es wei-
werden; zudem ergeben sich durch diese terhin bei kleineren Unternehmen und auch
Maßnahmen zusätzliche Exportchancen in öffentlichen Liegenschaften. Vor allem der
und die Aussicht auf mehr Arbeitsplätze. energetischen ­
Sanierung von Altbauten
86 | 87 U M W E LT & K L I M A

kommt bei der Steigerung der Energieeffi­ anlagen mit einer Nennleistung von circa 43
zienz eine besondere Bedeutung zu. Sie wird Gigawatt installiert. Mit dieser installierten
von der Bundesregierung gefördert. Im Ge- Leistung liegt Deutschland auf Platz drei
bäudebereich entstehen rund 40 Prozent des hinter China und Japan.
Kohlendi­
oxid-Ausstoßes. Auch den Strom-
verbrauch gilt es weiterhin zu senken: Bis Das Erneuerbare-Energien-Gesetz
zum ursprünglich im Energiekonzept for- als internationales Vorbild
mulierten Ziel, einer Reduktion um 10 Pro-
zent bis 2020, sind weitere Anstrengungen Das erfolgreiche und in vielen Ländern als
notwendig. Vorbild gesehene Fördergesetz, das Erneuer-
bare-Energien-Gesetz (EEG), wurde 2014 no-
Die Energiewende zielt nicht nur auf Risiko- velliert. Ziel war es dabei, die Bezahlbarkeit
minimierung, sondern auch auf Klima­ und Versorgungssicherheit für die Bürger
verträglichkeit und höhere Versorgungs­ und die Wirtschaft sicherzustellen. Hinter-
sicherheit. Durch den dynamischen Ausbau grund: Die sogenannte EEG-Umlage – sie legt
der Erneuerbaren Energien konnte der Anteil die erhöhten Kosten des Ökostromausbaus
der kohlendioxidfreien Energie im Strommix anteilig auf die Verbraucher um – war durch
deutlich gesteigert werden. Ökostrom hatte den starken Ausbau der Solarstromanlagen
2017 einen Anteil von 33,1 Prozent. Je nach und eine veränderte Berechnungsweise nach
Wetterlage können Solar- und Windkraftan- 2009 deutlich gestiegen. Dies löste eine öf-
lagen in der Spitze bis zu 90 Prozent des fentliche Diskussion über die Kosten des
Strombedarfs in Deutschland decken. Über Ökostroms und der Energiewende aus. 2015
60 Prozent aller neuen Wohngebäude werden sank diese Umlage erstmals wieder. Die Bun-
bereits mit Erneuerbaren Energien beheizt. desregierung arbeitet zudem an einem neuen
Ende 2017 waren 1,6 Millionen Photovoltaik- Strommarktdesign, das die Stabilität der Ver-

DIAGRAMM Bruttostromerzeugung 2017

Stromerzeugung 22,6  % 16,1 % Windkraft


Die Stromerzeugung Braunkohle
aus Erneuerbaren 5,2  %
­Energien ist im Jahr Sonstige
2017 erneut gestiegen
13,1 % 33,1  %
Erneuerbare
und betrug 33,1 Prozent Erdgas Energien 7,9 % Biomasse
der Bruttostromerzeu-
11,6 %
Statistisches Bundesamt

gung in Deutschland.
Kernenergie
6,1 % Photovoltaik
14,4 %
Steinkohle 3,0 % Wasserkraft
sorgung trotz stark steigender Mengen fluk- sen in Betrieb gehen. Darüber hinaus müssen
tuierenden Wind- und Solarstroms sicher- die regionalen Netze weiter ausgebaut wer-
stellt. Hier kommt es unter anderem darauf den, um den dezen­tral eingespeisten Solar-
an, die Verfügbarkeit von flexibel einsetzba- strom aufzunehmen.
ren Gaskraftwerken zu sichern, die deutlich
weniger Kohlendioxid ausstoßen als Kohle-
kraftwerke.

Die Energiewende erfordert nicht nur den


G L O B A L 
Aufbau neuer, „grüner“ Kraftwerke. Für eine
sichere Versorgung müssen sich Stromnetze Klimastudie 800 Wissenschaftler aus
80 Ländern arbeiten für den IPCC
der veränderten Struktur der Stromerzeu-
(Intergovernmental Panel on Climate
gung anpassen. Dafür sind mehrere hundert Change), den Klimarat der Vereinten
Kilometer „Stromautobahnen“ geplant. Nationen. Im Frühjahr 2015 hat die
Strom aus Windkraft, der hauptsächlich in Sachverständigengruppe den Synthese-
Norddeutschland gewonnen wird, kann so bericht des Fünften IPCC-Sachstands-
über größere Strecken ohne große Verluste in berichts herausgegeben. Treibhausgas­
emissionen, heißt es in dem Bericht,
die wirtschaftsstarken Verbrauchs­
zentren
seien die Hauptursache des Klimawan-
im Süden gelangen. Die ursprüngliche Pla- dels. Um die Erderwärmung auf zwei
nung, die Leitungen überirdisch zu bauen, Grad zu begrenzen, seien
wurde auf Grund von Bürgerprotesten ver- drastische Schritte nötig.
worfen. 2015 beschloss die Bundesregierung, → ipcc.ch

die Leitungen unteririsch zu verlegen. Nicht


mehr 2022, wie ursprünglich geplant, son-
dern frühestens 2025 sollen die großen Tras-

Kohlendioxid-Emissionen 2015/Anteile weltweit Anteil des Stroms in Deutschland aus regenerativen


Energiequellen (tw. Prognose)
Deutschland 2,0 %
80 %
Japan 4,0 %
Russische Föderation 5,0 %
Fraunhofer ISE/BDEW, BMWI

Indien 6,0 % 35 %


28 %
Vereinigte Staaten 15,0 % 14 %
China 28,0 % 2007 2014 2020 2050
IEA
88 | 89 U M W E LT & K L I M A

THEMA

ZUKUNFTSBRANCHE GREENTECH
Die führende Rolle Deutschlands bei den Energien. Damit ist Deutschland unter den
Technologien für Umweltschutz, Erneuer­bare sechs führenden Ländern, was die Beschäfti-
Energien und effiziente Ressourcennutzung gungssituation in dieser Branche betrifft. Die
wirkt sich positiv auf die Wirtschaft und den Branche insgesamt ist mittelständisch ge-
Arbeitsmarkt aus. Die Umweltbranche liefert prägt, doch auch Konzerne wie Siemens sind
einen relevanten Beitrag für nachhaltiges wichtige Player. Unter dem Label „Greentech
Wachstum und trägt zur Entwicklung neuer made in Germany“ erzielen die Firmen
Technologien bei – im Energiebereich ebenso beachtliche Exporterfolge; ihr Weltmarkt­
­
wie in den Informations- und Kommunikati- anteil beträgt rund 15 Prozent. Mit einer „Ex-
onstechnologien sowie der Werkstoff- und portinitiative Umwelttechnologie“ möchte
Materialtechnologie. Deutschland seine Stellung weiter verbes-
sern und sich vor allem als integrierter
Knapp 700.000 Menschen sind in der Ener- ­Lösungsanbieter positionieren.
giewirtschaft beschäftigt, fast die Hälfte von
ihnen arbeitet im Bereich der Erneuerbaren Elektromobilität ist ein wichtiges
Zukunftsthema der Umweltbranche

Einen weiteren Schub soll der Umwelt- und


ZAHL
Klimaschutz durch die Elektromobilität be-

1,79 Mio. kommen. Die Elektromobilität der Zukunft


steht auch in China, Japan und Nordameri-
ka auf der Agenda. Die Bundesregierung
Kilometer ist das deutsche Stromnetz
lang. Mit dieser Länge könnte der
und die Auto­
mobilbranche verfolgen das
Äquator 45-mal umrundet werden. Der ambitionierte Ziel, Deutschland zum Leit-
Großteil des Stromnetzes fällt mit markt für Elektromobilität zu entwickeln
einer Länge von 1,44 Millionen Kilo- und an den Potenzialen dieses globalen
metern (80 Prozent) auf die Erdver­ Marktes teilzuhaben. Die steigende Anzahl
kabelung. Rund 350.000 Kilo­meter
von Elektroautos soll zu einer weiteren Sen-
werden durch Freileitungen abgedeckt.
Die überregionalen Höchstspannungs- kung des Kohlendioxid-Ausstoßes beitra-
netze sind 34.810 Kilometer lang. gen, der zu einem Sechstel auf das Konto des
Rund 2.650 Kilometer an neuen Strom- Straßenverkehrs geht. Die deutschen Auto-
trassen sind im Rahmen der Energie- hersteller beschäftigen sich intensiv mit E-
wende in Planung.
Mobility-Konzepten. Bis 2020 investieren
→ bundesnetzagentur.de
sie 40 Milliarden Euro in Forschung und
Elektromobilität gehört zu den großen Zukunftsthemen der deutschen Automobilindustrie

Entwicklung und wollen die Anzahl der rie 2020“ gilt als Vorzeigeprojekt und soll neue
Modelle auf über 100 steigern. und evolutionär weiterentwickelte Materialien
zur Erforschung und Entwicklung der leis-
Mit Kaufprämien, Steuervergünstigungen und tungsfähigsten Batteriesysteme hervorbringen.
umfassenden Zuschüssen zur Verbesserung der
Ladeinfrastruktur unterstützt die Bundesregie- Zwischenzeitlich sind an den deutschen und
rung die Entwicklung, um den Elektroautos europäischen Universitäten und Hochschu-
zum Durchbruch zu verhelfen. Zugleich hat sie len rund 1.000 innovative Studiengänge im
die Ausgaben für die Energieforschung deutlich Bereich Erneuerbare Energien und Energieef-
erhöht, vor allem die Batterieforschung für fizienz entstanden, die vielfach international
Elektroautos steht im Fokus. Das Projekt „Batte- Studierende anziehen.
90 | 91 U M W E LT & K L I M A

PANORAMA

ERNEUERBARE ENERGIEN
Innenansicht eines modernen
6
deutschen Windrades
Typ Enercon E-126 mit
4.200 kW Nennleistung

1 Maschinenträger 4
2 Azimutantrieb 3
3 Ringgenerator
4 Blattadapter
5 1
5 Rotornabe
6 Rotorblatt
2

Windenergieanlage Trafostation Umspannwerk


Der Wind treibt die Der Transformator Das Umspannwerk wan-
­Rotorblätter an. Der Ge- ­übergibt den Strom in delt die Mittelspannung in
nerator wandelt die passender Form an Hochspannung für die
­mechanische Energie in den Netzbetreiber. Übertragung über weite
elektrische Energie um. Strecken um.

110.000 V

10.000 V - 
690 V 30.000 V

15 % 11 % 338.600 10.000


mehr Strom aus weniger Strom aus Kernkraft Beschäftigte im Bereich neue Arbeitsplätze
Erneuerbaren Energien (2016 – 2017) Erneuerbare Energien durch die Energiewende
(2016 – 2017) (bis 2017)
Nutzung der Wind- und Sonnenenergie nach Ländern
in Leistung (MW) Schleswig-­
Sonnenenergie 1.408 Holstein
3.753 Mecklenburg-
Windenergie
Vorpommern
1.099 2.278
Hamburg
35 143 36 56
33,1 % Bremen 2
2017 kamen 33,1 Prozent 69

des verbrauchten Niedersachsen


Sachsen- Berlin
Stroms aus Erneuerbaren 3.258 7.617
Anhalt
Energien. 1.561 Brandenburg
4.102
Nordrhein-­ 2.712 5.099
Westfalen
28.675 3.921 3.430
1.027
1.088 Sachsen
2017 waren in Hessen 1.414 1.059
Deutschland 28.675 1.662
907 Thüringen
Windenergieanlagen 1.696 2.313
­installiert.

Rheinland-­ 1.035
Pfalz 10.437
1,6 Millionen 366
202 571
Ende 2017 waren in Saarland
4.645
Deutschland 1,6 Millionen
Photovoltaikanlagen Bayern
­installiert. Baden-­
Württemberg

Stromnetz Umspannwerk Haushalte


Über das Hochspan- In einem zweiten Eine 5-MW-Windkraftan­
nungsnetz wird der ­Umspannwerk wird die lage kann pro Jahr etwa
Strom in die einzelnen hohe Spannung auf 4.900 Haushalte mit circa
Regionen verteilt. 230 Volt transformiert. 14.600 Personen versorgen.

bis 380.000 V

230 V

10,1 Mrd. Euro 1,5 Mrd. Euro 1,79 1.300


für neue Windenergie­ für neue Solarenergie­ Millionen Kilometer Kilometer
anlagen (2016) anlagen (2016) Stromnetz „Stromautobahnen“
92 | 93 U M W E LT & K L I M A

THEMA

LEBENSWICHTIGE VIELFALT
Deutschland ist ein Land mit großer biologi- Naturschutz zum Ziel haben. Mit der Ratifi-
scher Vielfalt. Rund 48.000 Tierarten und kation der Biodiversitätskonvention der Ver-
24.000 Arten der höheren Pflanzen, Moose, einten Nationen haben sich die Regierungen
Pilze, Flechten und Algen sind hier heimisch. von 196 Ländern verpflichtet, die Verlust­
Der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen raten an biologischer Vielfalt signifikant zu
ist ein offizielles Staatsziel, es wurde 1994 im verringern. Bisher konnte eine Trendwende
Grundgesetz verankert. 16 Nationalparks und beim Arten­sterben jedoch noch nicht erreicht
16 UNESCO-Biosphärenreservate mit ganz werden. 2010 wurde auf der Vertragsstaaten-
unterschiedlichem Charakter sind ausgewie- konferenz der Konvention in Nagoya (Japan)
sen worden, verteilt zwischen Nordsee und ein völkerrechtlicher Rahmen für den Zu-
Alpen, zudem Tausende Naturschutzgebiete. gang zu genetischen Ressourcen und einen
gerechten Vorteilsausgleich verabschiedet.
Deutschland ist Vertragsstaat der wichtigs­ Das Nagoya-Protokoll ist seit 2014 in Kraft.
ten internationalen Abkommen zur Biodi-
versität und an rund 30 zwischenstaatlichen In Deutschland gelten mehr als 40 Prozent
Abkommen und Programmen beteiligt, die der Wirbeltiere und Pflanzenarten als gefähr-
det. Aus diesem Grund sollen die Anstren-
gungen zum Natur- und Artenschutz an
Land, in Gewässern sowie in Nord- und Ost-
INFO
see erhöht werden. Ein vordringliches Ziel ist
Wildtiere In Deutschland werden es, die Zerstörung von Lebensräumen durch
seit einigen Jahren wieder vermehrt
Siedlungs- und Straßenbau und Schadstoff­
Wildtiere heimisch. Wölfe durchstreifen
inzwischen in mehr als 60 Rudeln einträge unter anderem aus der Intensivland-
(mit einem geschätzten Gesamtbestand wirtschaft und Überdüngung zu vermin-
von bis zu 600 Tieren) die östlichen dern. Der Flächenverbrauch für Siedlungsbau
und nördlichen Bundesländer. Auch und neue Verkehrswege soll von 70 auf 30
Wildkatzen und Luchse werden immer
Hektar am Tag sinken. Angestrebt wird zu-
häu­figer gesichtet. Die Zahl der Seeadler-­
dem, auf 2 Prozent des Bundesgebietes „Wild-
Brutpaare hat nie g­ ekannte Höhen
­erreicht; Biber sind fast schon wieder nis“ zuzulassen und 5 Prozent der Wälder der
ein vertrauter Anblick. Vereinzelt wurden Natur zu überlassen. Im Jahr 2015 wurden
sogar Elche und Braunbären gesichtet, zahlreiche frühere Militärgelände mit einer
die aus den östlichen Nachbarländern Gesamtfläche von 31.000 Hektar für den Na-
nach Deutschland kommen.
turschutz umgewidmet, darunter Moore und
→ wwf.de
Heidelandschaften.
KARTE
UNESCO-Biosphärenreservate und Nationalparks in Deutschland

Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer Vorpommersche Boddenlandschaft


Jasmund
Hamburgisches Wattenmeer Südost-Rügen
Niedersächsisches Wattenmeer
Schaalsee
Müritz

Unteres Odertal

Flusslandschaft Elbe Schorfheide-Chorin

Spreewald
Harz
Oberlausitzer Heide-
und Teichlandschaft

Kellerwald-Edersee Hainich
Sächsische Schweiz
Eifel Rhön Vessertal-
Thüringer Wald
Hunsrück-Hochwald

Bliesgau
Pfälzerwald-Nordvogesen Bayerischer Wald

Schwarzwald Schwäbische Alb

Nationalpark Berchtesgadener Land


Berchtesgaden
Biosphärenreservat

Neben Biosphärenreservaten und Nationalparks zählt Deutschland noch 104 Naturparks

Verstärkt in den Blickpunkt der Aufmerksam- Aktionsplan, der die Vermüllung der Meere
keit gerät der Meeresumweltschutz. Meere stoppen soll. Die Bundesregierung will die
sind reich an biologischer Vielfalt, liefern Roh- EU-Präsidentschaft im Jahr 2020 nutzen, um
stoffe, Energie und Nahrungsmittel. Das den europäischen Umweltschutz weiter ambi-
Ökosystem ist durch Ölförderung, Schifffahrt, tioniert auszubauen. Es sollen mehr Mittel für
Überfischung, die Zufuhr schlecht abbaubarer den Naturschutz bereitgestellt und ein eigen-
Substanzen (Plastikmüll) und durch Kohlen- ständiger EU-Naturschutzfonds eingerichtet
dioxid verursachte Versauerung vielfach be- werden. Ein besonderes Augenmerk gilt dem
lastet. Im Rahmen der deutschen G20-Präsi- Insektensterben. Mit einem „Aktionsprogramm
dentschaft einigten sich 2017 Regierungsver- Insektenschutz“ will die Bundesregierung die
treter und Experten auf einen gemeinsamen Lebensbedingungen für Insekten verbessern.
94 | 95 BILDUNG & WISSEN

BILDUNG & WISSEN


Starker Wissensstandort ∙ Dynamische Hochschullandschaft ∙ Ambitionierte
Spitzenforschung ∙ Vernetzte Wissenschaft ∙ Engagierte Außenwissenschaftspolitik ∙
Exzellente Forschung ∙ Attraktives Schulsystem

EINBLICK

STARKER WISSENSSTANDORT
Deutschland gehört weltweit zu den ersten Bruttoinlandsprodukts für Forschung und
Adressen in Forschung und akademischer Entwicklung investieren; bis 2025 sollen diese
Ausbildung. Dafür steht symbolisch mit Ausgaben auf mindestens 3,5 Prozent gestei­
mehr als 80 Auszeichnungen der dritte Rang gert werden.
unter den Nobelpreisträgernationen. In der
globalisierten Welt, in der Wissen als wich­ Mit zahlreichen Maßnahmen und Reformen
tigster „Rohstoff“ gilt, ist das Land mit seiner haben Politik und Hochschulen die Initiative
Tradition in Forschung und Entwicklung im zur Weiterentwicklung und Internationalisie­
internationalen Wettbewerb um die besten rung des Wissensstandorts ergriffen. Dazu
Köpfe gut aufgestellt. Geprägt wird der Wis­ ­gehört die 2008 beschlossene Qualifizierungs­
sensstandort von drei großen Akteuren: dem initiative, die unter dem Motto „Aufstieg durch
dichten Netz von rund 400 Hochschulen, den Bildung“ Förderangebote über den gesamten
vier international renommierten außeruni­ Lebensweg bietet. Weitere erfolgreiche Maß­
ver­sitären For­schungs­einrichtungen und der nahmen sind die Exzellenz­initiative, die eine
starken Industrieforschung. Dass Deutsch­ Vielzahl international orientierter Graduier­
land innerhalb der Europäischen Union (EU) tenschulen und Exzellenzcluster hervorge­
einen Stammplatz in der Gruppe der Innova­ bracht hat und die mit der Exzellenzstrategie
tionsführer sicher weiß, hat seine Gründe in fortgesetzt wird, der Hochschulpakt 2020, die
der starken Forschungsleistung. Deutschland Hightech-Stra­
tegie, der Pakt für Forschung
gehört international in die Spitzengruppe je­ und Innovation oder die Internationalisie­
ner wenigen Länder, die rund 3 Prozent ihres rungs­strategie. Als größte Forschungsnation
VIDEO AR-APP

Bildung & Wissen: das Video zum Thema


→ tued.net/de/vid5

Deutschland gehört international zu den beliebtesten Studienstandorten


96 | 97 BILDUNG & WISSEN

Europas hat Deutschland 2014 als erster EU- tionalen Bildungsmarkt. Grundsätzlich ist
Mitgliedsstaat eine Stra­
tegie zur weiteren das deutsche Bildungssystem im internatio­
Ausgestaltung des Euro­päischen Forschungs­ nalen Vergleich relativ gut an die Bedürfnisse
raums (EFR) vorgelegt. des Arbeitsmarktes angepasst. 87 Prozent der
Erwachsenen in Deutschland haben das Abi­
Auf der internationalen Ausrichtung liegt tur oder eine abgeschlossene Berufsausbil­
ein besonderer Schwerpunkt. Im Zuge des dung. Im OECD-Schnitt sind es 86 Prozent.
Bologna-Prozesses wurden die meisten Stu­
dienangebote auf Bachelor- und Masterab­
schlüsse umgestellt, viele Studiengänge wer­ NETZ
den in ­einer Fremdsprache angeboten. Für
Research Explorer
internationale Studierende zählt Deutsch­
­ Forschungsverzeichnis mit
land weltweit zu den fünf beliebtesten Ziel­ mehr als 25.500 Instituten
ländern. Die Mobilität Studierender aus → research-explorer.de
Deutschland ins Ausland liegt mit rund 35
Research in Germany
Prozent der Studierenden ebenfalls hoch.
Zentrale Informationsplattform
Auch die Zahl internationaler Mitarbeiter an
zum Forschungsstandort Deutschland
den Hochschulen hat sich in den vergangenen → research-in-germany.org
Jahren kontinuierlich gesteigert und liegt bei
über 10 Prozent. Viele deutsche Hochschulen DWIH
engagieren sich mit dem „Export“ von Studi­ Deutsche Wissenschafts- und
Innovationshäuser weltweit
enangeboten und dem Aufbau von Hoch­
→ dwih-netzwerk.de
schulen nach deutschem Modell im interna­

Sprungbrett für eine erfolgreiche Berufskarrriere: ein abgeschlossenes Studium


KOMPAKT

AKTEURE & INSTRUMENTE


Deutsche Forschungsgemeinschaft
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
ist die zentrale Organisation zur Förderung
der Forschung an Hochschulen und öffentlich
finanzierten Forschungsinstituten.
→ dfg.de

Hochschulrektorenkonferenz
Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) ist der Deutscher Akademischer Austauschdienst
Zusammenschluss der staatlichen und staatlich Der DAAD ist die größte Förderorganisation für
anerkannten Hochschulen in Deutschland. Die den Austausch von Studierenden und Wissen-
Datenbank Hochschulkompass informiert über schaftlern. Er unterhält ein weltweites Netzwerk
Studiengänge und internationale Kooperationen. mit 71 Außenstellen und Informationszentren.
→ hrk.de, hochschulkompass.de → daad.de, studieren-in.de

Leopoldina Alumniportal Deutschland


Die älteste Wissenschaftsakademie der Welt Das Alumniportal Deutschland vernetzt
Leopoldina in Halle zählt 1.500 Mitglieder. ­Menschen weltweit, die in Deutschland studiert,
→ leopoldina.org geforscht oder gearbeitet haben.
→ alumniportal-deutschland.org
Außeruniversitäre Forschungsorganisationen
Die Max-Planck-Gesellschaft, die Fraunhofer- Initiative „Schulen: Partner der Zukunft“
Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft und Die PASCH-Initiative des Auswärtigen Amts
die Leibniz-Gemeinschaft sind die von Bund vernetzt weltweit fast 2.000 Schulen,
und Ländern geförderten außeruniversitären an denen Deutsch hohen Stellenwert hat.
Wissenschaftsorganisationen. → pasch-net.de
→ mpg.de, fraunhofer.de, helmholtz.de,
leibniz-gemeinschaft.de DIGITAL PLUS
Mehr Informationen zu allen Themen
Alexander von Humboldt-Stiftung des Kapitels – kommentierte Linklisten
und Beiträge, dazu weiterführende
Die Humboldt-Stiftung fördert Topwissen-
Informationen zu Stichworten wie
schaftler und den Wissenschaftsaustausch. ­Bologna-Prozess, Internationalisierung, Studienabschlüsse,
→ humboldt-foundation.de Zulassungsbeschränkung.
→ tued.net/de/dig5
98 | 99 BILDUNG & WISSEN

THEMA

DYNAMISCHE HOCHSCHULLANDSCHAFT
Die deutsche Hochschullandschaft ist außer­ 2017 konnten Studierende in Deutschland
ordentlich vielfältig: Sie bietet Universitäten nach Angaben der Hochschulrektorenkon­
mit großen Namen in Metropolen wie Berlin ferenz (HRK) zwischen 399 Hochschulen
oder München, aber auch in Aachen, Heidel­ (120 Universitäten, 221 Fachhochschulen,
berg oder Karlsruhe exzellente Hochschulen. 58 Kunst- und Musikhochschulen) wählen.
Forschungsstarke mittelgroße Universitäten Zusammen bieten sie 19.011 Studiengänge
und kleinere Hochschulen mit erstaunlicher an. Im Zuge des 1999 eingeleiteten Bologna-­
Strahlkraft bilden den Kern der akademi­ Prozesses zur Schaffung eines einheitlichen
schen Welt. Im internationalen Shang­ Europäischen Hochschulraumes wurden fast
hai-Ranking, in den QS World University alle Studiengänge auf Bachelor- und Master­
Rankings oder den Times Higher Education abschlüsse umgestellt. 240 Hochschulen
World University Rankings erreichen jeweils werden vom Staat, 39 kirchlich und 120 pri­
zwölf bis 20 deutsche Universitäten Platzie­ vat finanziert.
rungen unter den Top 200. Besonders gut
schneiden die Technische Universität Mün­ Steigende Beliebtheit
chen, die Ludwig-Maximilians-Universität bei internationalen Studierenden
München und die Universität Heidelberg ab.
Die Hochschullandschaft wird nach Aufbau
und Aufgabe grundsätzlich in drei Typen
unterschieden: Universität, Fachhochschule
­
LISTE
sowie Kunst-, Film- und Musikhochschule.
­
Während die klassischen Universitäten ein
∙ Älteste Universität: Ruprecht-Karls-­
Universität Heidelberg (gegr. 1386)
breites Fächerspektrum anbieten, konzentrie­
ren sich die Technischen Universitäten (TU)
∙ Jüngste Universität: Medizinische auf die Grundlagenforschung in den ingeni­
Hochschule Brandenburg (gegr. 2014) eurtechnischen und naturwissenschaftlichen
Disziplinen. Die neun führenden TU haben
∙ Größte Volluniversität: Universität
sich 2006 zur TU9-Initiative zusammenge­
zu Köln (53.176 Studierende)
schlossen. Die Universitäten verstehen sich
∙ Attraktivste Universität für inter­ nicht nur als Lehranstalten, sondern gleicher­
nationale Spitzen- und Nachwuchs- maßen als Orte der Forschung und verkör­
wissenschaftler: Freie Universität pern insofern bis heute das Humboldtsche
­Berlin (Humboldt-Ranking 2017)
Bildungsideal von der Einheit von Forschung
und Lehre. Die Universitäten haben das vor­
2,8 Millionen Studierende sind an den rund 400 Hochschulen in Deutschland eingeschrieben

rangige Ziel, den wissenschaft­


lichen Nach­ Bundesland Hessen hat für viele Diskussionen
wuchs zu fördern, fundierte Fachkenntnisse gesorgt. Zuvor war das Promotionsrecht aus­
zu vermitteln und selbstständig arbeitende schließlich den Universitäten vorbehalten.
und forschende Wissenschaftler auszubilden.
Die 221 Fachhochschulen (FH) mit einer stark Die Akademisierung nimmt insgesamt zu:
praxisorientierten Ausrichtung sind eine Lag die Studienanfängerquote 2005 noch bei 37
deutsche Besonderheit und tragen häufig die Prozent, nimmt nunmehr über die Hälfte der
im angelsächsischen Sprachraum übliche Be­ jungen Menschen in Deutschland ein Studium
zeichnung „University of Applied Sciences“ als auf. Das Bundesausbildungsförderungsgesetz
Beiname. Die erstmalige Einführung des (BAföG) ermöglicht ihnen, unabhängig von der
Promotionsrechts für Fachhochschulen im finanziellen Situation ihrer Familie ein Studium
100 | 101 BILDUNG & WISSEN

KARTE
Internationale Studierende in Deutschland

Seit Langem 10.204


kommt die größte Russland
Gruppe der
internationalen
Studierenden aus
China. 34.276
China

6.577
Ukraine

6.837
Türkei
6.826
6.994
Frankreich
Iran
14.878
7.265 Indien
Kamerun 9.798
7.717
Österreich
Italien

zu absolvieren. Mittlerweile stammt knapp je­ liebtesten Zielländern für internationale Stu­
der zweite Studierende aus einem nicht-akade­ dierende.
mischen Elternhaus. Im Wintersemester
2016/2017 waren 2,8 Millionen Studierende an Gleichzeitig haben die deutschen Hochschu­
den Hochschulen eingeschrieben, unter ihnen len ihr Angebot an fremdsprachigen und in­
265.500 Studierende, die ihre Hochschulreife ternationalen Studiengängen deutlich ausge­
im Ausland erworben haben – das sind 41 Pro­ baut: rund 1.400 Studiengänge bieten Englisch
zent mehr als im Wintersemester 2006/2007. als Unterrichtssprache; in über 730 Studien­
gängen ist ein internationaler Doppelabschluss
Heute besuchen mehr als doppelt so viele möglich. Für internationale Doktoranden ist
Ausländer deutsche Universitäten wie 1996. die Vielzahl strukturierter Promotionsan­
Die meisten internationalen Studierenden gebote besonders attraktiv. Die weitgehende
kommen aus China, Indien und Russland. Freiheit von Studiengebühren ist ein weiterer
Deutschland zählt weltweit zu den fünf be­ Vorteil der deutschen Hochschulen.
Der zunehmenden Akademisierung begeg­ mehr als 33.000 Vereinbarungen deutscher
nen Bund und Länder gemeinsam: Im Rah­ Hochschulen mit Partnereinrichtungen in rund
men des Hochschulpakts 2020 haben sie Ende 150 ausländischen Staaten, darunter vielfach
2014 beschlossen, in den folgenden Jahren bis Programme, die zu Doppelabschlüssen führen.
zu 760.000 zusätzliche Studienmöglichkeiten Viele Hochschulen beteiligen sich an der Ent­
zu finanzieren. Über die Gesamtlaufzeit des wicklung deutscher Studienangebote und der
Hochschulpakts von 2007 bis 2023 wird der Gründung von Hochschulen nach deutschem
Bund 20,2 Milliarden Euro und werden die Modell, die es in Ägypten, China, Jordanien, Ka­
Länder 18,3 Milliarden Euro bereitstellen. sachstan, der Mongolei, Oman, Singapur, Un­
garn, Vietnam und in der Türkei gibt.
Initiativen für mehr Exzellenz
und größere Internationalisierung Die Steigerung der Auslandsmobilität deut­
scher Studierender wird ebenfalls gefördert.
Mit der Exzellenzinitiative förderten Bund Über ein Drittel absolviert bereits einen Aus­
und Länder zwischen 2005 und 2017 beson­ landsaufenthalt. Künftig soll jeder zweite
ders herausragende For­schungsprojekte und Hochschulabsolvent aus Deutschland wäh­
-einrichtungen an den Hochschulen. Allein in rend des Studiums Auslandserfahrung sam­
der zweiten Programmphase (2012–2017) meln. Stipendienangebote wie zum Beispiel
wurden mit einem Fördervolumen von 2,7 das Erasmus+-Programm unterstützen die
Milliarden Euro 45 Graduiertenschulen, 43 wertvollen Studienaufenthalte.
Exzellenzcluster und elf Zukunftskonzepte
unterstützt, die an 39 Universitäten angesie­
delt sind. Die nachfolgende Exzellenzstrategie
INFO
ist zunächst auf unbestimmte Zeit ausgelegt
und ab 2018 mit jährlich insgesamt 533 Millio­ Professorinnenprogramm Frauen
in Deutschland verfassen fast die Hälf-
nen Euro dotiert. Sie soll dazu beitragen, dass
te aller Promotionsarbeiten – aber
deutsche Universitäten im internationalen noch nicht einmal ein Viertel der Profes-
Wettbewerb noch besser werden. Die Förde­ soren sind Frauen. Daher haben Bund
rung von Exzellenzclustern stärkt interna­ und Länder 2008 das Professorinnen-
tional wettbewerbsfähige Forschungsfelder programm gestartet. Das in seiner
dritten Runde von 2018 bis 2022 mit
an Universitäten und Universitätsverbünden
200 Millionen Euro ausgestattete
projektbezogen. Werden mindestens zwei
­Förderprogramm soll die Zahl der Pro-
­Exzellenzcluster an derselben Universität be­ fessorinnen an den Hochschulen
willigt, hat diese die Chance auf dauerhafte ­erhöhen und die Gleichstellungsstruk-
Förderung als Exzellenzuniversität. turen stärken. Im Rahmen des Pro-
gramms wurden bereits über 500 Pro-
fessorinnen berufen.
Ein wichtiges Thema bleibt die Internationali­
→ bmbf.de/de/494.php
sierung. Die Hochschulrektorenkonferenz zählt
102 | 103 BILDUNG & WISSEN

THEMA

AMBITIONIERTE SPITZENFORSCHUNG
Wissenschaft und Forschung genießen in und Großbritannien in der Spitzengruppe
Deutschland hohen Stellenwert. Sowohl die der Innova­
t ionsführer der Europäischen
Wirtschaft als auch die Politik steigerten in Union (EU). Dabei stellt die Studie die hohen
den vergangenen Jahren kontinuierlich die Innovationsausgaben der deutschen Unter­
Budgets für Wissensarbeit. 2016 betrug der nehmen als europaweit vorbildlich heraus.
Anteil der Forschungs­ausgaben am Brutto­ Die Unternehmen steigerten ihre Ausgaben
inlandsprodukt (BIP) 2,93 Prozent. Damit für FuE zwischen 2006 und 2016 um rund
rangiert Deutschland international in der 50 Prozent. Die gemeinsamen FuE-Ausgaben
Spitzengruppe der Länder, die mehr als 2,5 von Staat, Wirtschaft und Hochschulen sind
Prozent ihres BIP für Forschung und Ent­ seit 2005 um 65 Prozent gewachsen. Der
wicklung (FuE) investieren. Insgesamt wur­ ­A nteil der Ausgaben am BIP soll aber noch
den in Deutschland 2016 knapp 92,2 Milliar­ weiter gesteigert werden: schon bis 2025 auf
den Euro für FuE aufgewendet. Dabei schul­ 3,5 Prozent.
tert die Industrie knapp 63 Milliarden Euro
der Forschungs­
ausgaben, die Hochschulen Die Ergebnisse deutscher Wissenschaftler
tragen rund 16,5 Milliarden bei und der Staat lassen sich sehen: Im Ende 2018 veröffent­
rund 12 Milliarden Euro. lichten „Nature Index“, der die Publikations­
leistung von Forschungseinrichtungen und
Die Studie „European Innovation Score­ Hochschulen auswertet, erreicht Deutsch­
board 2017“ der Europäischen Kommission land die beste Wertung in Europa. Im welt­
listet Deutschland ­
zusammen mit Schwe­ weiten Vergleich kommt Deutschland auf
den, Dänemark, Finnland, den Niederlanden Platz drei nach den USA und China.

DIAGRAMM Weltmarktrelevante Patente im EU-Vergleich, pro Mio. Einwohner

Hightech-Standort Deutschland
657.894 Frauen und Männer arbeiten Schweden 435
in Deutschland im Bereich Forschung
und Entwicklung. Allein die Staats-
Finnland 423
ausgaben für Forschung und Entwick-
lung stiegen im Zeitraum von
Deutschland 372
2005 bis 2017 um über 90 Prozent. Dänemark 342
Deutschland zählt weltweit zu
den fünf Ländern, die am meisten
BMBF/BuFI

in diesem Bereich investieren. EU-Durchschnitt 154


Noch nie waren die Investitionen in Forschung und Entwicklung so hoch wie heute

FuE-Personal nach Sektoren Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Mio. €

92.174
15,7 % 79.730
Staat und
private Organi­ 67.078
sationen ohne
Erwerbszweck 62,8 % 55.879
Wirtschaft
Statistisches Bundesamt

21,5  %
Hochschul­e 2005 2009 2013 2016
104 | 105 BILDUNG & WISSEN

Mit der ressortübergreifenden Hightech-­ nen und Habilitationen, 1.000 Bachelor-


Stra­tegie hat Deutschland seit 2006 ein be­ und Masterarbeiten und 40 Unternehmens­
sonderes Innovationsinstrument entwickelt. ausgründungen entstanden. Insgesamt ar­
Aus Forschungsprojekten der Hightech-Stra­ beiten in Deutschland rund 1.000 öffentlich
tegie sind seitdem viele Neuentwicklungen finanzierte Forschungseinrichtungen. Das
entstanden – von energiesparenden LED-­ Rückgrat der Forschungslandschaft bilden
Leuchten bis zur mitwachsenden Herz­ neben den Hochschulen vor allem vier
klappe. Anfangs richtete die High­
tech- ­g roße außer ­u niversitäre Forschungsorgani­
Strategie ihren Blick vorrangig auf das sationen.
Marktpotenzial konkreter Technologiefel­
der, seit 2010 fokussiert sie auf den gesell­ Exzellente außeruniversitäre
schaftlichen Bedarf an zukunftsfähigen Lö­ Forschungsinstitutionen
sungen und deren Realisierung. Als For­
schungs- und Innovationsstrategie konzen­ Die 1948 gegründete Max-Planck-Gesell­
triert sich die Hightech-Strategie auf die gro­ schaft (MPG) ist das wichtigste Zentrum der
ßen Herausforderungen Digitalisierung, Ge­ Grundlagenforschung für Natur-, Bio-, Geis­
sundheit, Klima und Energie, Mobilität, Si­ tes- und Sozialwissenschaften außerhalb der
cherheit, soziale Innovationen sowie Zu­ Universitäten. Über 14.000 Forscher, unter ih­
kunft der Arbeit. nen 47 Prozent internationale Wissenschaft­
ler, arbeiten an den 84 Max-Planck-Instituten
Im Rahmen der High­tech-­Stra­tegie sind in und Forschungseinrichtungen, zu denen auch
drei Wettbewerbsrunden 15 Spitzencluster sechs Standorte in den Niederlanden, Luxem­
ausgewählt worden, die besondere För­ burg, Italien, den USA und Brasilien zählen.
derung erhalten. 2014 ergab eine Evalua­ Seit ihrer Gründung wurden 18 Nobelpreise
tion, dass an den Spitzenclustern 900 an Forscher der Max-Planck-­Gesellschaft ver­
­I nnovationen, 300 Patente, 450 Dissertatio­ geben. Sie hat seit 1970 über 4.000 Erfindun­

WEGMARKEN

1995
Ein Team um den Elektrotechniker
2005
Die Exzellenzinitiative wird unter
2008
Neun Jahre nach der Entdeckung
und Mathematiker Karlheinz den Universitäten ausgelobt. Der des Riesenmagnetowiderstands­
Brandenburg entwickelt am Pakt für Forschung und Innova­ effekts, der den Durchbruch zu
Fraunhofer-Institut in Erlangen tion fördert die außeruniversitären Gigabyte-Festplatten ermöglich-
das MP3-Verfahren zur Audio­ Forschungsorganisationen. 2007 te, erhalten der Deutsche Peter
datenkompression, das heute schließen Bund und Länder zudem Grünberg und der Franzose Al-
weltweit Standard ist. den ersten Hochschulpakt. bert Fert den Physik-Nobelpreis.
gen auf dem Weg in den Markt begleitet; etwa zehn europäischen, je zwei nord- und süd­
75 meldet sie jährlich als Patente an. amerikanischen, sieben asiatischen, zwei
afrikanischen Ländern sowie in Israel ist sie
Die Helmholtz-Gemeinschaft betreibt Spit­ global aktiv.
zenforschung in den sechs Forschungsberei­
chen Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Unter dem Dach der Leibniz-Gemeinschaft
Luftfahrt, Raumfahrt und Verkehr, Schlüs­ versammeln sich 93 selbstständige For­
seltechnologien und Materie. Dabei konzen­ schungseinrichtungen, deren Ausrichtung
trieren sich die Helmholtz-Wissenschaftler von den Natur-, Inge­nieur- und Umweltwis­
auf Systeme von hoher Komplexität. Mit ins­ senschaften über die Wirtschafts-, Raum-
gesamt knapp 40.000 Mitarbeiterinnen und und Sozialwissenschaften bis zu den Geistes­
Mitarbeitern an den 18 unabhängigen Helm­ wissenschaften reicht. Ein übergreifender
holtz-Zentren, darunter das Deutsche Zen­ Schwerpunkt der 9.900 Forscher liegt im Wis­
trum für Luft- und Raumfahrt (DLR) mit al­ sens­transfer in Richtung Politik, Wirtschaft
lein 20 deutschen Standorten, ist sie Deutsch­ und Öffentlichkeit.
lands größte Forschungsorganisation.
Für die Förderung von Wissenschaft und
Die Fraunhofer-Gesellschaft mit ihren 72 Forschung ist die Deutsche Forschungsge­
Instituten und Forschungseinrichtungen an meinschaft (DFG) zuständig, Europas größte
Standorten in ganz Deutschland gilt als die Organisation dieser Art. Die DFG unterhält
größte Einrichtung anwendungsorientierter neben ihrer Zentrale in Bonn Büros in China,
Entwicklung in Europa. Zu ihren zentralen Japan, Indien, Russland, Nord- und Latein­
Forschungsfeldern zählen etwa Gesundheit amerika und fördert die Kooperation von
und Umwelt, Mobilität und Transport sowie Forschern in Deutschland mit Kollegen im
Energie und Rohstoffe. Mit Tochterun­ Ausland – besonders, aber keinesfalls nur im
ternehmen, Büros und Repräsentanten in Europäischen Forschungsraum.

2012
Das Europäische Patentamt
2014
Stefan Hell, Direktor am Max-
2017
Fast alle Studiengänge sind
zeichnet den Heidelberger Physi- Planck-Institut für biophysikali- auf die Abschlüsse Bachelor und
ker Josef F. Bille, Erfinder des sche Chemie, erhält zusammen Master umgestellt. Eine Aus­
­Augenlasers, für sein Lebenswerk mit zwei US-Forschern den Che- nahme bilden die staatlich gere-
aus. Bille hat mit fast 100 Paten- mie-Nobelpreis für die Entwick- gelten Studiengänge Medizin
ten den Weg für die heutigen Au- lung der hochauflösenden Fluo- und Rechtswissenschaften.
gen-Laseroperationen geebnet. reszenz-Mikroskopie.
106 | 107 BILDUNG & WISSEN

THEMA

VERNETZTE WISSENSCHAFT
Die Globalisierung stellt auch die deutsche matländer häufig wichtige Netz­
werkpartner
Wissenschaftslandschaft vor neue Herausfor­ für weitere Kooperationen.
derungen. Die Fähigkeit zur Vernetzung von
Wissen und Wissenschaftlern spielt dabei eine Viele Wissenschaftler aus dem Ausland zieht
zentrale Rolle. Deutschland hat sich in dieser die attraktive Forschungsinfrastruktur nach
Frage gut positioniert. Fast die Hälfte ihrer Deutschland – dazu gehört die Möglichkeit,
wissenschaftlichen Publikationen verfassen an zum Teil weltweit einzigartigen Großfor­
Forscherinnen und Forscher mittlerweile in schungsgeräten zu arbeiten. Allein die Helm­
internationalen Kooperationen. An den 399 holtz-Gemeinschaft betreibt rund 50 Groß­
Hochschulen arbeiten nach Berechnungen geräte für unterschiedlichste Forschungsfelder.
des Berichts „Wissenschaft Welt­offen 2018“ Zahlreiche Topwissenschaftler aus dem Ausland
45.858 wissenschaftliche und künstlerische kommen über die Humboldt-Professur an
Mitarbeiter mit ausländischer Staatsbürger­ deutsche Universitäten, den mit fünf Millionen
schaft, darunter 3.184 Professorinnen und Euro höchstdotierten Forschungspreis Deutsch­
Professoren; das sind knapp zwölf Prozent lands, vergeben von der Humboldt-Stiftung.
­aller Beschäftigten an den Hochschulen. Seit
2010 ist die Zahl der ausländischen Mitar­ Mit Förderung ins Ausland gingen 14.359
beiter um mehr als ein Drittel gestiegen. deutsche Wissenschaftler – wichtige Unter­
Dabei spielen auch die zuletzt geschaffenen stützer sind dabei die Deutsche Forschungs­
vereinfachten Visa­
verfahren für Wissen­ gemeinschaft (DFG), das europäische Marie-­
schaftler aus Nicht-EU-Staaten eine Rolle. Curie-Programm und vor allem der Deutsche
Akademische Austauschdienst (DAAD); von
Unter den für einen Aufenthalt in Deutsch­ der weltweit größten Förderorganisation für
land geförderten ausländischen Forschern sind den Austausch von Studierenden und Wissen­
Asien und Pazifik sowie Westeuropa die wich­ schaftlern erhalten rund drei Viertel der ge­
tigsten Herkunftsregionen: Von dort kommen förderten Wissenschaftler ein Stipendium.
jeweils 18 Prozent der zuletzt 34.869 geförder­
ten internationalen Experten. Vielfach richten Deutschland will die internationale Wissen­
Hochschulen und Forschungs­
einrichtungen schaftskooperation ausbauen und vertiefen
Willkommenszentren ein, um die internatio­ und sie zugleich auf eine andere Qualitäts­ebene
nalen Wissenschaftler bei ihrem Start besser zu heben. Als Grundlage dafür dient unter ande­
unterstützen. Auch der temporäre Aufenthalt rem die 2017 beschlossene neue Strategie der
von Forschern wird als ein Gewinn gesehen, Bundesregierung zur Internationalisierung von
denn sie sind nach ihrer Rückkehr in ihre Hei­ Bildung, Wissenschaft und Forschung.
Forschung in internationalen Teams ist an deutschen Universitäten und wissenschaftlichen Instituten Alltag

Anspruchsvolle Neuausrichtung der weltweite Kooperation in der beruflichen


­Internationalisierungsstrategie ­Bildung, die Partnerschaft mit Entwicklungs-
und Schwellenländern sowie die länder­
Die neue Internationalisierungsstrategie rea­ übergreifenden Anstrengungen bei der Be­
giert auf die zunehmende Globalisierung, die wältigung globaler Herausforderungen wie
Digitalisierung, die Weiterentwicklung des Klimawandel, Gesundheit und Ernährungs­
Europäischen Forschungsraums und die sicherheit. Bei der Stärkung von Deutschlands
­Herausbildung neuer, globaler Innovations­ Position als international attraktiver Studien-
zentren außerhalb der etablierten Wissen­ und Forschungsstandort spielt die Vertiefung
schaftsstandorte. Im Mittelpunkt stehen die des Europäischen Forschungsraums (EFR)
Förderung internationaler Vernetzung, die ­eine besondere Rolle.
108 | 109 BILDUNG & WISSEN

THEMA

ENGAGIERTE AUSSENWISSENSCHAFTSPOLITIK
Der Wissenschafts- und Hochschulaus­ Zudem wurde seit 2009 die Arbeit von vier
tausch ist eine tragende Säule der Auswärti­ neu geschaffenen Exzellenzzentren in Russ­
gen Kultur- und Bildungspolitik (AKBP). land, Thailand, Chile und Kolumbien über
Wichtige Partner des Auswärtigen Amts bei den DAAD gefördert: Die Zentren vernetzen
der Umsetzung sind dabei der Deutsche Aka­ Hunderte internationale Wissenschaftler mit
demische Austauschdienst (DAAD), die Alex­ der deutschen Forschung und bilden akade­
ander von Humboldt-Stiftung, das Deutsche mischen Nachwuchs auf höchstem Niveau
Archäologische Institut (DAI) und die interna­ aus. Auch sind in Subsahara-Afrika seit 2008
tional agierenden Stiftungen der politischen zehn Fachzentren eingerichtet worden, die
Parteien. Die Initiative Außenwissenschafts­ für neue Forschungskapazitäten und eine
politik hat seit 2009 bewährte Instrumente verbesserte Ausbildungsqualität stehen.
ausgebaut und sie um neue Maßnahmen erwei­
tert. So werben weltweit fünf Deutsche Wis­ Akademische Zusammenarbeit mit
senschafts- und Innovationshäuser (DWIH) in Krisen- und Konfliktregionen
Moskau, Neu-Delhi, New York, São Paulo und
Tokio für die Wissenschaftszusammenarbeit Ein zentrales Anliegen der Auswärtigen Kul­
mit Deutschland. Die Häuser sind ein weltweit tur- und Bildungspolitik ist es, in Krisenzei­
einzigartiges Modell und verstehen sich als ten und -regionen sowie in Transformations­
Schaufenster des Forschungs- und Innovations­ ländern den Zugang zu Bildung und For­
standorts Deutschland. schung zu ermöglichen und damit wissen­
schaftliche und akademische Perspektiven
zu schaffen. Mit diesem komplexen Engage­
ment wird die Hoffnung verknüpft, dass die
ZAHL
Zusammenarbeit in Forschung und Hoch­

183,5 Mio. schulbildung den Boden bereiten kann, auf


dem politische Verständigung und damit Kri­
senprävention und Krisenbewältigung häufig
Euro trug das Auswärtige Amt im Jahr
erst möglich werden.
2017 zum Haushalt des Deutschen Aka-
demischen Austauschdienstes (DAAD)
bei. Mit 34,8 Prozent ist dies der größte Stärkung der Wissenschaftsfreiheit
Einzelposten. Umgesetzt werden dafür
die unterschiedlichsten Projekte und Folgen der zahlreichen Krisen und Konflikte
Programme im Rahmen der Auswärti-
der jüngeren Vergangenheit sind, dass jungen
gen Kultur- und Bildungspolitik.
Menschen der Weg zu Bildung verwehrt
Bundesaußenminister Maas (Mitte) mit Alumni des DAAD-Programms „Führungskräfte für Syrien“

bleibt, aber auch dass die Wissenschaftsfrei­ Die deutschen Bildungs- und Wissenschafts­
heit immer stärker unter Druck gerät. Als Re­ einrichtungen schaffen damit Perspektiven
aktion finanziert das Auswärtige Amt die und halten Zugänge dort offen, wo hoch­
Philipp Schwartz-Initiative der Alexander schul- und forschungspolitische Rahmenbe­
von Humboldt-Stiftung, die gefährdeten For­ dingungen schwierig sind. Der DAAD hat au­
schern das Arbeiten in Deutschland ermög­ ßerdem mit dem Bundesministerium für Bil­
licht. Auch hat der DAAD zusammen mit dem dung und Forschung die Programme „Integra
Auswärtigen Amt 2014 das Programm „Füh­ – Integration von Flüchtlingen ins Fachstudi­
rungskräfte für Syrien“ aufgelegt, mit dem um“ und „Welcome – Studierende engagieren
221 syrische Stipendiaten zum Studium nach sich für Flüchtlinge“ aufgelegt.
Deutschland kamen und ihren Abschluss ma­
chen konnten. Das Auswärtige Amt fördert Mit mehreren arabischen Ländern unterhält
darüber hinaus Sur-Place-Stipendienpro­ Deutschland seit 2011 zudem eine Trans­
gramme für Flüchtlinge in Erstaufnahme­ formationspartnerschaft, die Reformbestre­
ländern. Hier ist insbesondere die Deutsche bungen an arabischen Universitäten durch
Akademische Flüchtlingsinitiative Albert Kooperationsprojekte mit deutschen Hoch­
Einstein (DAFI) zu nennen, die das Auswärti­ schulen unterstützt. Ein besonders wichtiges
ge Amt gemeinsam mit dem Flüchtlingshilfs­ Feld sind zudem die zahlreichen Programme
werk der Vereinten Nationen (UNHCR) im Bereich „Good Governance“, die sich an
durchführt. Hinzu kommen weitere Sur- künftige Führungskräfte aus Krisenregionen
Place-Stipendien des DAAD. weltweit wenden.
110 | 111 BILDUNG & WISSEN

PANORAMA

EXZELLENTE FORSCHUNG
Rosetta-Sonde
Zehn Jahre war die
Sonde unterwegs,
um Philae auf dem
Kometen Tschurju-
Mission Rosetta
mow-Gerassimenko
Die Mission der europäischen Weltraumorgani-
abzusetzen.
sation ESA erforschte die Entstehungsgeschichte
unseres Sonnensystems. Das DLR hatte großen
Anteil beim Bau der Landeeinheit Philae und be-
treibt das Kontrollzentrum, das die bisher nie
Philae Lander
­gewagte Landung auf einem Kometen betreute.

Philae Lander
Philae setzte als erster
Gewicht: 100 kg 6 Kräne
Apparat weich auf
Dimension: 1 x 1 x 0,8 m 9 Winden
einem Kometen auf.
Landung: 12. November 2014

Neumayer-Station III
Im ewigen Eis der Antarktis betreibt das Alfred-Wegener-­
Institut die Forschungsstation Neumayer III, in der
ganzjährig Wissenschaftler leben und arbeiten. Sie steht
auf Stelzen und wächst mit der Schneedecke mit.

Masse: 2.300 Tonnen


Größe: 68 x 24 m
Nutzfläche: 4.890 m2 über vier Etagen
Labor/Büro: 12 Räume
Unterkünfte: 15 Räume, 40 Betten

399 2,8 Mio. 92,2 Mrd. € 586.030


Hochschulen Studierende an Ausgaben für Forschung Forscherinnen und
und Universitäten Hochschulen und Entwicklung Forscher
Forschungsschiff Sonne
Die Sonne ist das jüngste Schiff der deutschen Forschungsflotte
und seit Ende 2014 vor allem im Pazifik und im Indischen Ozean den
Geheimnissen der Tiefsee auf der Spur. Das High­tech-Schiff gilt
als eines der modernsten Forschungsschiffe der Welt.

Kabinendeck
mit 33 Crew-Kabinen
Arbeitsdeck
8 Labors auf 600 m2
Gemeinschaftsdeck
mit Messe
und Bibliothek Lagerdeck
mit 20 Wissen­
schaftler-Kabinen

Länge: 116 m
Geschwindigkeit: 12,5 kn
Seezeit (max.): 52 Tage
Personal (max.): 40 Personen
Einsatzgebiete: Indik, Pazifik

Multicorer Wasserschöpfkranz Unterwasserfahrzeug


Er kann gleichzeitig viele Das Gerät nimmt Was- Es ist ferngesteuert und
kleine Proben vom Meeres- serproben und misst mit Videokamera und
boden ausstechen. Temperatur und Tiefe. Greifarmen ausgerüstet.

81 72 93 18
Max-Planck- Fraunhofer- Forschungseinrichtungen Forschungszentren der
Institute weltweit Institute der Leibniz-Gemeinschaft Helmholtz-­Gemeinschaft
112 | 113 BILDUNG & WISSEN

THEMA

ATTRAKTIVES SCHULSYSTEM
In Deutschland liegt die Zuständigkeit für das neunjährige Schulpflicht. Zugleich ist die
Schulwesen vor allem bei den 16 Ländern. Da­ Förderung der frühkindlichen Bildung im
­
her gibt es unterschiedliche Bildungssysteme, Vorschulalter und ihre Verzahnung mit dem
-pläne und Schulformen. Die Ständige Konfe­ Primarschulbereich ein bildungspolitisches
renz der Kultusminister der Länder (KMK) si­ Anliegen mit hoher Priorität. Rund 20.000
chert die Übereinstimmung oder Vergleich­ Ganztagsschulen sind mittlerweile fest in der
barkeit der Bildungsgänge und ihrer Ab­ Bildungslandschaft verankert. Mit dem Unter­
schlüsse. Im Schuljahr 2016/2017 besuchten richt an diesen Schulen verbindet sich die Er­
knapp 11 Millionen Schülerinnen und Schüler wartung auf mehr Chancengleichheit, vor al­
die 42.322 allgemeinbildenden und berufli­ lem für Kinder aus bildungsfernen Schichten.
chen Schulen, an denen 798.180 Lehrkräfte
unterrichten. Darüber hinaus lernen rund Der Besuch öffentlicher Schulen ist kosten­
990.402 Schüler an den 5.836 allgemeinbil­ frei. Das Schulsystem gliedert sich vertikal in
denden und beruflichen Privatschulen. Gene­ drei Stufen: den Primarbereich sowie die Se­
rell gilt für alle Kinder ab sechs Jahren eine kundarstufen I und II. In der Regel besuchen
alle Kinder eine gemeinsame Grundschule,
die von Jahrgangsstufe 1 bis 4 reicht (Berlin
und Brandenburg: 1 bis 6). Danach gibt es
GLOBAL
drei weiterführende Standard-Bildungs­
PISA-Studie Die Anfang 2018 veröffent- gänge: den Hauptschulbildungsgang (Klassen
lichte Sonderauswertung der inter­
5 bis 9 bzw. 10), den Realschulbildungsgang
nationalen Vergleichsstudie Programme
for International Student Assessment (Klassen 5 bis 10, Abschluss Mittlere Reife)
(PISA) der OECD zeigte, dass die und den gymnasialen Bildungsgang (Klassen
­Leistungsunterschiede zwischen sozial 5 bis 12 oder 13, Abschluss: Allgemeine Hoch­
bessergestellten und sozial benachteilig- schulreife/Abitur). Sie werden entweder in ge­
ten Schülerinnen und Schülern in
trennten Schularten angeboten oder in Schu­
Deutschland noch groß sind, ebenso der
len, die zwei oder – wie die Gesamtschulen –
statistische Zusammenhang zwischen
Leistung und sozialer Herkunft. drei der Bildungsgänge vereinen und Wechsel
Der Trend aber ist positiv: zwischen den einzelnen Schularten erleich­
Die Chancengleichheit hat in tern. Die Bezeichnung für die Schularten un­
Deutschland zugenommen. terscheidet sich je nach Land, nur das Gym­
→ oecd.org/pisa
nasium wird einheitlich unter diesem Namen
geführt. 2017 erwarben rund 440.000 Schüler
die Hochschul- oder Fachhochschulreife. Für
Rund 9 Millionen Schülerinnen und Schüler lernen an den allgemeinbildenden Schulen

Kinder mit sonderpädagogischem Förderbe­ Schulen werden meist in pri­va­ter Trä­ger­schaft


darf gibt es entsprechend ihrer Behinderung ge­führt, aber über die Zentralstelle für das
Sonder- oder Förderschulen. Allerdings soll Auslandsschulwesen (ZfA) per­so­nell und fi­
das gemeinsame Lernen von Kindern mit und nan­zi­ell ge­för­dert. Seit 2008 arbeitet die vom
ohne Behinderung entsprechend der Behin­ Auswärtigen Amt koordinierte Initiative
dertenrechtskonvention zur Regel werden. „Schulen: Partner der Zukunft“ (PASCH) zu­
sammen mit der ZfA und dem Goethe-Institut
Die 140 Deutschen Auslandsschulen stehen an einem noch größeren Netzwerk der
in 72 Ländern für eine exzellente Ausbildung. Deutschlerner. Sie verbindet weltweit fast
Rund 22.000 deutsche und 60.000 nichtdeut­ 2.000 Schulen, an denen mehr als 500.000
sche Schüler lernen hier gemeinsam. Die Schülerinnen und Schüler Deutsch lernen.
114 | 115 GESELLSCHAFT

GESELLSCHAFT
Bereichernde Vielfalt ∙ Zuwanderung gestalten ∙ Plurale Lebensformen ∙
Engagierte Zivilgesellschaft ∙ Starker Sozialstaat ∙ Vielseitige Freizeit ∙ Freie Religionsausübung

EINBLICK

BEREICHERNDE VIELFALT
Deutschland ist mit rund 82,6 Millionen Ein­ Brands Index 2017, einer internationalen
wohnern die bevölkerungsreichste Nation Umfrage zum Image von 50 Ländern, belegt
der Europäischen Union. Das moderne, welt­ Deutschland Platz eins – auch wegen seiner
offene Land hat sich zu einem wichtigen Ein­ guten Werte in den Bereichen Lebensqualität
wanderungsland entwickelt. Gut 18,6 Millio­ und soziale Gerechtigkeit. Deutschland ver­
nen Menschen in Deutschland haben einen steht sich als Sozial­staat, der die Absicherung
Migrationshintergrund. Deutschland gehört aller Bürgerinnen und Bürger als vorrangige
mittlerweile zu den Ländern mit den liberals­ Aufgabe begreift.
ten Zuwanderungsregeln. Nach einer Studie
der Organisation für wirtschaftliche Zusam­ Die Gesellschaft ist geprägt durch einen Plu­
menarbeit und Entwicklung (OECD) von 2017 ralismus von Lebensstilen und die Vielfalt
ist es nach den USA das beliebteste Einwande­ ethno-kultureller Prägungen. Neue Lebens­
rungsland. formen und Lebenswirklichkeiten verändern
den gesellschaftlichen Alltag. Zuwanderer
Die meisten Menschen in Deutschland ver­ bereichern das Land durch neue Perspektiven
fügen über einen international betrachtet ho­ und Erfahrungen. Gegenüber alternativen
hen Lebensstandard und über entsprechende Lebensentwürfen und unterschiedlichen se­
Freiräume zur individuellen Lebensgestal­ xuellen Orientierungen herrscht eine gesell­
tung. Der Human Development Index 2016 schaftliche Offenheit und Akzeptanz. Die
der Vereinten Nationen platziert Deutschland Gleichstellung von Frauen und Männern
auf Rang 4 von 188 Ländern. Im Nation schreitet voran, traditionelle Rollenzuwei­
VIDEO AR-APP

Gesellschaft in Deutschland: das Video


zum Thema: → tued.net/de/vid6

Ein hoher Lebensstandard und große individuelle Freiräume prägen die Lebensqualität in Deutschland
116 | 117 GESELLSCHAFT

sungen sind aufgebrochen. Menschen mit wenige Menschen arbeitslos wie zuletzt 1991
­Behinderung ­haben immer stärker teil am – im Durchschnitt 2,5 Millionen: Gleichwohl
gesellschaft­lichen Leben. ist fast jeder Fünfte in Deutschland von Ar­
mut bedroht, speziell junge Menschen und
Kaum eine Entwicklung wird Deutschland Alleinerziehende sind gefährdet. Auch zwi­
in Zukunft so prägen wie der demografische schen Ost und West gibt es weiterhin soziale
Wandel: Die Geburtenrate ist zuletzt leicht Unterschiede.
gestiegen, liegt aber dennoch bei vergleichs­
weise niedrigen 1,5 Kindern pro Frau. Zugleich
steigt die Lebenserwartung. Bis 2060 wird die NETZ
Einwohnerzahl Deutschlands sinken – je
Deutsch plus
nach Stärke der Zuwanderung auf bis zu 67,6 Interdisziplinäres Netzwerk und
Millionen, so das Statistische Bundesamt. Der ­Initiative für eine plurale Republik
wachsende Anteil älterer Menschen stellt zu­ → deutsch-plus.de
gleich die sozialen Sicherungssysteme vor
Make it in Germany
neue Herausforderungen.
Mehrsprachiges Willkommensportal
für internationale Fachkräfte
Der sozioökonomische Wandel der vergan­ → make-it-in-germany.com
genen Jahre hat in Deutschland zum Entste­
hen neuer sozialer Risikolagen und zu einer Human-Development-Berichte
sich abzeichnenden stärkeren Auffächerung Wo steht Deutschland im weltweiten
Vergleich?
der Gesellschaft nach ökonomischen Lebens­
→ hdr.undp.org
verhältnissen geführt. Zwar waren 2017 so

Der demografische Wandel stellt das Land vor große Herausforderungen


KOMPAKT

AKTEURE & INSTRUMENTE


Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
Das Bundesamt bietet alle Informationen über
den Aufenthalt in Deutschland und entscheidet
über Asylanträge.
→ bamf.de

Deutsche Islam Konferenz


Seit 2006 besteht mit der Deutschen Islam
Konferenz (DIK) ein langfristig angelegter kulturellen Bereich oder in Sport, Integration
Dialog zwischen dem deutschen Staat und oder Zivil- und Katastrophenschutz.
den in Deutschland lebenden Muslimen. → bundesfreiwilligendienst.de
→ deutsche-islam-konferenz.de
Bundesagentur für Arbeit
Nationaler Aktionsplan Integration Die nationale Arbeitsagentur ist zuständig für
Deutschland will ein Integrationsland sein, Arbeitsvermittlung und -förderung sowie finan-
daher ist das Thema seit 2005 ein Arbeits- zielle Ersatzleistungen.
schwerpunkt der Bundesregierung. Der → arbeitsagentur.de
Integrationsgipfel findet jährlich statt.
→bundesregierung.de Stiftungen
Deutschland gehört in Europa zu den Ländern
Meinungsforschungsinstitute mit der höchsten Dichte an Stiftungen. Im
Mehrere etablierte Meinungsforschungsinstitu- Bundesdurchschnitt kommen auf 100.000 Ein-
te erfragen regelmäßig die Einstellungen der wohner 26,5 Stiftungen. Die bekannteste ist die
Deutschen und veröffentlichen Hochrechnun- Stiftung Warentest, die im staatlichen Auftrag
gen an Wahltagen. Zu den bekanntesten Produkte vergleicht.
gehören die Forschungsgruppe Wahlen, FORSA, → stiftungen.org
EMNID, Infratest DIMAP und das Institut für
Demoskopie Allensbach. DIGITAL PLUS
Mehr Informationen zu allen Themen
Bundesfreiwilligendienst des Kapitels – kommentierte Linklisten
und Beiträge; dazu weiterführende
Das Angebot richtet sich an Frauen und
­Informationen zu Begriffen wie Demo-
Männer, die sich für das Allgemeinwohl enga- grafischer Wandel, Soziale Sicherung, Generationenvertrag,
gieren wollen – im sozialen, ökologischen, Gleichberechtigung, Lebensstandard.
→ tued.net/de/dig6
118 | 119 GESELLSCHAFT

THEMA

ZUWANDERUNG GESTALTEN
Deutschland ist als Zielland für Zuwanderer staltung und Steuerung von Migrationspro­
in die Weltspitze aufgerückt. Die Organisati­ zessen. Hierzu gehört die Rückkehr von Men­
on für wirtschaftliche Zusammenarbeit und schen ohne Bleibeperspektive in Deutsch­
Entwicklung (OECD) stellte 2017 fest, dass land und die Unterstützung der Reintegrati­
Deutschland nach den USA weiterhin das be­ on in den Herkunftsländern. Insgesamt leb­
liebteste Einwanderungsland weltweit ist. In ten 2016 rund 10 Millionen Menschen mit
keinem der 35 OECD-Länder ist die Zuwan­ ausländischem Pass in Deutschland. 18,6 Mil­
derung in den vergangenen Jahren so stark lionen Personen hatten einen Migrationshin­
gestiegen wie in Deutschland. 2015 war die tergrund. Zu ihnen zählen Zuwanderer, in
Zahl der zugezogenen Ausländer mit zwei Deutschland geborene Ausländer und Perso­
Millionen so hoch wie nie zuvor. Viele der nen mit einem zugewanderten oder ausländi­
Menschen kamen als Schutzsuchende: Vor schen Elternteil. Diese Gruppe entspricht
allem Kriege und Konflikte, zum Beispiel in einem Anteil von über 22 Prozent der Gesamt­
Syrien und in Irak, führten dazu, dass viele bevölkerung. 9,6 Millionen Personen mit Mig­
Menschen ihre Heimat verließen, um an­ rationshintergrund hatten einen deutschen
derswo Schutz zu suchen. 2016 verzeichnete Pass. Von ihnen besaßen 42 Prozent die deut­
Deutschland noch rund 1,7 Millionen Zu­ sche Staatsangehörigkeit seit ihrer Geburt.
wanderer, seitdem sinken die Zahlen wieder. Weitere 33 Prozent sind selbst als (Spät-)Aus­
siedler nach Deutschland zugewandert und
Die Bundesregierung setzt sich ein für die die übrigen 25 Prozent sind eingebürgert.
Reduzierung der Ursachen von Flucht und ir­ Allein 2016 wurden knapp 110.400 Auslände­
regulärer Migration sowie für die aktive Ge­ rinnen und Ausländer eingebürgert.

DIAGRAMM Bevölkerung nach Migrationsstatus 2016

Moderne Einwanderungsgesellschaft
Deutschland ist das zweitbeliebteste Ein-
wanderungsland nach den Vereinigten
Staaten: 2016 hatten rund 18,6 Millionen
10  Mio.
Ausländer
Menschen in Deutschland einen Migrati- 63,8  Mio.
Deutsche
onshintergrund. Etwa vier bis fünf Millio-
nen Muslime leben in Deutschland – rund
9,6  Mio. ohne Migrations­
hintergrund
Statistisches Bundesamt

Personen mit
die Hälfte von ihnen bezeichnet sich selbst Migrationshin-
als religiös, dies entspricht etwa zweiein- tergrund und
halb bis drei Prozent der Bevölkerung. deutschem Pass
In Deutschland haben 18,6 Millionen Menschen einen Zuwanderungshintergrund

Nettozuwanderung Religionszugehörigkeit in Deutschland


nach Herkunftsregion 2015
36,2  %
Asien Ohne Konfession

EU
28,5  %
Römisch-katholische
Afrika Kirche
3,9  %
Andere
Amerika, Australien, Ozeanien
4,9  % 26,5  %
BAMF

0 250.000 500.000 Muslime Evangelische Kirche


120 | 121 GESELLSCHAFT

Migranten leisten einen bedeutenden Bei­ vollem Umfang auszuschöpfen, soll ein ge­
trag zur gesellschaftlichen und wirtschaftli­ plantes Gesetzeswerk die Regelungen zur
chen Entwicklung in Deutschland. Der Einwanderung miteinander verknüpfen.
wachsende Bedarf an Fachkräften führt zu­
nehmend gut qualifizierte Migranten ins Integration als wichtige Aufgabe
Land. Die Bundesregierung möchte weitere der Migrationspolitik
Zuwanderung ermöglichen, auch um dem
Fachkräftemangel entgegenzuwirken, der Die Integrationspolitik ist ein zentrales Poli­
sich aus dem demografischen Wandel ergibt. tikfeld in Deutschland und wird als eine ge­
Ergänzend zur verstärkten Aktivierung des samtgesellschaftliche Aufgabe angesehen.
inländischen Potenzials von Erwerbsperso­ Integration ist ein Angebot, aber auch eine
nen und zur Zuwanderung aus EU-Staaten Verpflichtung zu eigener Anstrengung. Sie
sieht die Bundesregierung auch in der Fach­ kann nur als wechselseitiger Prozess gelin­
kräftezuwanderung aus Drittstaaten einen gen. Nach dem Aufenthaltsgesetz haben die­
Weg, um der demografischen Entwicklung jenigen Ausländer, die rechtmäßig und auf
entgegenzusteuern und einen Beitrag zur Dauer im Bundesgebiet leben, Anspruch auf
Fachkräftesicherung zu leisten. Integrationsleistungen des Bundes. Diese
Leistungen dienen der Sprachvermittlung,
Hochqualifizierte erhalten mit der Blauen der Integration in Ausbildung, Arbeit und
Karte EU vereinfacht Zugang zum deutschen Bildung sowie der gesellschaftlichen Integra­
Arbeitsmarkt. Auch Fachkräfte aus Nicht- tion. Ziel ist, die Menschen in die Gesell­
EU-Staaten mit einer anerkannten Berufs­ schaft einzubeziehen und ihnen Teilhabe zu
ausbildung in bestimmten Engpassberufen, ermöglichen. Als zentrale Maßnahme wird
zum Beispiel den Gesundheits- und Pflegebe­ der Integrationskurs angeboten, der aus ei­
rufen, können zur Beschäftigung nach nem Sprachkurs und einem Orientierungs­
Deutschland kommen. Um das Potenzial in kurs besteht.

WEGMARKEN

1955
Starkes Wirtschaftswachstum
1964
Der millionste Arbeitsmigrant,
1990
Mit dem Fall des Eisernen
führt Mitte der 1950er-Jahre zu „Gastarbeiter“ genannt, wird will- ­Vorhangs sowie den Kriegen in
Arbeitskräftemangel in Deutsch- kommen geheißen. Mit der Ölkrise „Ex-Jugoslawien“ nimmt die
land. Anwerbeverträge mit im Jahr 1973 setzt ein Anwer- ­Zuwanderung 1990 rasant zu.
­Italien, Spanien, Griechenland, bestopp ein. Etwa vier Millionen Zudem ziehen 400.000 Deutsch-
der Türkei, Marokko, Portugal, ausländische Menschen leben stämmige aus Mittel- und Ost­
­Tunesien, Jugoslawien folgen. nun in Deutschland. europa nach Deutschland.
Mehr als 30 Prozent der 20- bis 34-jährigen 223.000 Asylanträge gestellt, von Januar bis
ausländischen Erwachsenen bleiben ohne April 2018 waren es rund 64.000. Deutschland
Berufsabschluss. Ihre Bildungsbeteiligung setzt sich für eine solidarische europäische
zu erhöhen ist ein wichtiges Ziel der Bundes­ Lösung der Flüchtlingsfrage ein. Die Bundes­
regierung. Mit der Reform des Staatsbürger­ regierung engagiert sich zugleich auch für die
schaftsrechts 2014 wurde die doppelte Staats­ Verbesserung des Flüchtlingsschutzes und die
bürgerschaft eingeführt. Für in Deutschland Unterstützung für Flüchtlinge in ihren Auf­
nach 1990 geborene und aufgewachsene Kin­ nahmeländern.
der ausländischer Eltern wurde die „Options­
pflicht“ abgeschafft: Zuvor mussten sie sich
bis zum vollendeten 23. Lebensjahr für eine GLOBAL
Staatsangehörigkeit entscheiden.
OECD-Studie zur Integration von
Einwanderern Deutschland ist es in den
Schutz für Flüchtlinge vergangenen Jahren gelungen, Einwan-
und politisch Verfolgte derer immer besser in den Arbeitsmarkt
zu integrieren. Bei Kindern von im Aus-
Das Grundgesetz sichert politisch Verfolgten land geborenen Eltern bestehen jedoch
weiterhin signifikante Defizite. Das ist
ein Grundrecht auf Asyl. Deutschland bekräf­
das Ergebnis einer internationalen
tigt damit seine historische und humanitäre Vergleichsstudie der Organisation für
Verantwortung. Im Jahr 2015 – im Zuge der so­ wirtschaftliche Zusammenarbeit und
genannten „Flüchtlingskrise“ – kamen 890.000 Entwicklung (OECD) mit
Menschen auf der Suche nach Schutz nach dem Titel „Indikatoren von
Zuwanderung 2015“.
Deutschland, 2016 haben rund 746.000 Perso­
→ oecd.org
nen hier einen Asylantrag gestellt. Inzwischen
ist die Zahl der Schutzsuchenden in Deutsch­
land wieder rückläufig, 2017 wurden rund

1997
Seit Mitte der 1980er-Jahre
2005
Mit dem „Mikrozensus“ besteht
2014
Mehr als 200.000 Menschen
­kommen neben Arbeitsmigranten erstmals die Möglichkeit, den ­beantragen im Jahr 2014 in
zunehmend Asylsuchende nach ­Migrationshintergrund in der Be- Deutschland Asyl. Erstmals zieht
Deutschland. Das Dubliner Über- völkerung differenziert abzubil- fast eine halbe Million Menschen
einkommen regelt von 1997 den. Im Jahr 2015 hat demnach mehr nach Deutschland, als
an die Zuständigkeit der europäi- jeder Fünfte in Deutschland einen im gleichen Zeitraum aus der
schen Staaten bei Asylverfahren. Migrationshintergrund. Bundesrepublik abwandern.
122 | 123 GESELLSCHAFT

THEMA

PLURALE LEBENSFORMEN
Auch in der individualisierten und hoch mo­ mehr als die Hälfte von ihnen beziehen staat­
bilen Welt des 21. Jahrhunderts kommt der Fa­ liche Unterstützungsleistungen.
milie eine zentrale Bedeutung zu. Für fast acht
von zehn Deutschen ist die Familie weiterhin Zu den an Bedeutung gewinnenden Lebens­
die wichtigste soziale Institution und prägen­ formen gehören die gleichgeschlechtlichen
de Bezugsgruppe. Gleichzeitig verändert sich Partnerschaften. 2015 wohnten in Deutsch­
die Vorstellung darüber, wie eine Familie land 94.000 homosexuelle Paare zusammen –
typischerweise aussieht, zunehmend. Nur über die Hälfte mehr als zehn Jahre zuvor.
knapp die Hälfte der Menschen in Deutsch­ Rund 43.000 von ihnen leben in einer einge­
land lebt noch in einer Familie. Trotz der rück­ tragenen Partnerschaft, die seit 2001 gleich­
läufigen Entwicklung traditioneller Familien­ geschlechtlichen Paaren eine rechtliche Absi­
strukturen waren Ehepaare mit minderjähri­ cherung ihrer Beziehung ermöglicht. 2017
gen Kindern 2016 mit knapp 70 Prozent die beschloss der Bundestag die sogenannte „Ehe
häufigste Familienform. Die Zahl der Ehe­ für alle“. Homosexuelle Paare haben jetzt das
schließungen stieg zuletzt wieder leicht, 2016 Recht auf eine vollwertige Eheschließung und
lag sie bei 410.000. Etwas mehr als jede dritte damit beispielsweise auch auf die Adoption
Ehe wird wieder geschieden. Die durch­ von Kindern.
schnittliche Dauer der 2016 geschiedenen
Ehen betrug 15 Jahre. Rund 46.000 Ehen wur­ Während einerseits neue Formen des Zu­
den 2015 zwischen Deutschen und Auslän­ sammenlebens entstehen, wächst die Zahl
dern geschlossen. der Ein-Personen-Haushalte. 41 Prozent aller
Privathaushalte sind Single-Haushalte. Diese
Deutlich steigt die Zahl der Paare mit Kin­ Entwicklung ist einerseits Folge des demo­
dern in nichtehelichen Lebensgemeinschaf­ grafischen Wandels, durch den sich die Zahl
ten. Zwischen 1996 und 2013 verdoppelte sich der alleinlebenden älteren Menschen erhöht,
ihr Anteil an den heute 11,6 Millionen Famili­ andererseits leben auch mehr junge Men­
en; fast jedes zehnte Paar mit Kind ist unver­ schen als Single.
heiratet. Familien mit nur einem Elternteil
sind eine ebenfalls wachsende Familienform. Gezielte Familienförderung
Alleinerziehende bilden inzwischen ein Fünf­ durch Elternzeit und Elterngeld
tel aller Eltern-Kind-Konstellationen: Fast
neun von zehn der 2,7 Millionen Alleinerzie­ In den innerfamiliären Strukturen verän­
henden sind Frauen. Alleinerziehende sind dern sich Koordinaten ebenfalls. Die genera­
häufig erheblichen Armutsrisiken ausgesetzt, tionellen Beziehungen zwischen Eltern und
Familie hat einen hohen Stellenwert – inzwischen nehmen auch viele Väter Elternzeit in Anspruch

Kindern sind oft gut und werden meist nicht 5  Prozent. 2014 lag die Erwerbstätigenquote
durch überkommene oder autoritäre Er­ der Frauen in Deutschland bei 74 Prozent
ziehungsmuster, sondern durch Mitsprache, deutlich über dem EU-Durchschnitt (68,5
Zuwendung, Förderung und Erziehung zur Prozent).
Selbstständigkeit geprägt. Der Anteil der
­berufstätigen Mütter ist auf über 66 Prozent Die 2007 eingeführte Elternzeit macht die
gestiegen (2006: 61 Prozent). Mehr als 70 Pro­ Familiengründung und die berufliche Wei­
zent der erwerbstätigen Frauen mit Kindern ter­entwicklung leichter miteinander verein­
arbeiten indes auf Teilzeitbasis, vor allem bar. Die Elternzeit erlaubt es beiden Partnern,
­jene mit Kindern im Vorschulalter; bei den die Arbeit für bis zu drei Jahre ruhen zu las­
erwerbstätigen Vätern sind dies lediglich sen. Während der Elternzeit erhalten sie bis
124 | 125 GESELLSCHAFT

Neue Formen des Zusammenlebens, etwa in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, sind akzeptiert

zu 14 Monate lang Elterngeld in Höhe von 67 sucht jedes dritte Kind unter drei Jahren –
Prozent des letzten Nettoeinkommens – min­ 2017 waren dies insgesamt 763.000 Kinder –
destens 300, maximal 1.800 Euro – zur Siche­ eine der 55.000 Kindertagesstätten (Kitas)
rung des Lebensunterhaltes. oder wird von einer der 44.000 Tagesmütter
betreut. Seit 2006 hat sich die Zahl der Betreu­
75 Prozent der Deutschen empfinden das ungsplätze für unter Dreijährige mehr als
Elterngeld als eine gute Regelung, fast alle El­ verdoppelt.
tern nutzen das Angebot. Allerdings nehmen
vier von fünf Vätern lediglich den Mindest­ Elternzeit, Elterngeld und verbesserte Rah­
zeitraum von zwei Monaten frei. Weiterhin menbedingungen für die frühkindliche und
sind es vor allem die Mütter, die nach der Ge­ vorschulische Betreuung schaffen weitere
burt des Kindes längere Zeit zu Hause bleiben. Voraussetzungen für die im Grundgesetz
Mit dem 2015 ergänzten Elterngeld Plus lohnt festgeschriebene Gleichberechtigung von
sich der frühe Wiedereinstieg in den Beruf für Frauen. Während junge Frauen im Bildungs­
sie nun mehr. Eltern, die in Teilzeit arbeiten, bereich die jungen Männer nicht nur einge­
bekommen dadurch bis zu 28 Monate lang fi­ holt, sondern zum Teil überholt haben (2017:
nanzielle Unterstützung. 53,1 Prozent Frauen mit Hochschulreife, 2016:
50,5 Prozent Frauen unter den Studienanfän­
Seit dem 1. August 2013 haben Kinder nach gern), bestehen zwischen den Geschlechtern
dem ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch nach wie vor Unterschiede bei Verdienstchan­
auf einen Betreuungsplatz. Mittlerweile be­ cen und Karrierewegen: Vollzeitbeschäftigte
Frauen verdienen durchschnittlich nur etwa Behinderungen unterzeichnet. Ein Nationa­
79 Prozent des Gehalts ihrer männlichen Kol­ ler Aktionsplan regelt die Umsetzung. Er sieht
legen. In Leitungspositionen sind sie weiter­ unter anderem vor, schwerbehinderte Ju­
hin unterrepräsentiert. Heute ist etwa jeder gendliche intensiv auf das Berufsleben vorzu­
siebte Vorstandsposten in DAX-Unterneh­ bereiten. Über den Aktionsplan hinaus ist ein
men von einer Frau besetzt. Bundesteilhabegesetz entstanden und 2017
verabschiedet worden.
Seit 2015 gilt in der Privatwirtschaft und im
öffentlichen Dienst das Gesetz für die gleich­ Eine weitere Gruppe, deren Bedürfnisse und
berechtigte Teilhabe von Frauen und Män­ Potenziale die Bundesregierung besonders im
nern an Führungspositionen. Es legt unter Blick hat, sind die älteren Menschen. Mehr als
anderem fest, dass 30 Prozent der Posten in jeder Fünfte in Deutschland ist 65 Jahre und
Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen älter. Ihr Erfahrungsschatz gilt als ein Gewinn
mit Frauen besetzt sein müssen. Die Bundesre­ für die Gesellschaft. Ihre Lebensformen haben
gierung hat zudem in ihrem Koalitionsvertrag sich ebenfalls diversifiziert und verändert, ins­
2018 das Ziel der gleichberechtigten Teilhabe gesamt sind ältere Menschen heute wesentlich
von Frauen und Männern in Leitungsfunktio­ aktiver als früher. Häufig sind sie auch noch in
nen des öffentlichen Dienstes bis 2025 festge­ den Arbeitsmarkt integriert. Einen intensiven
schrieben. Zuletzt wieder gesunken ist der An­ Dialog zwischen Älteren und Jüngeren fördern
teil der Frauen im Bundestag: Derzeit liegt er die 540 Mehrgenerationenhäuser, die als Orte
bei 30,9 Prozent. Allerdings: Bis 1983 gab es der Begegnung Menschen unterschiedlichen
weniger als 10 Prozent weibliche Abgeordnete. Alters zusammenbringen.

Inklusion als eine wichtige


gesellschaftliche Aufgabe

Chancengleichheit schaffen will die Bundes­ INFO


regierung auch für Menschen mit Behinde­ Shell Jugendstudie Wie „ticken“
rung. Ziel ist eine inklusive Gesellschaft, in Jugendliche in Deutschland? Was ist
der jeder überall dabei sein kann: in der Schu­ ihnen wichtig, wie verbringen sie ihre
Freizeit, wie ist ihr Verhältnis zu Eltern
le, im Beruf, in der Freizeit. Nötig ist dafür ei­
und Freunden? Seit 1953 beauftragt der
ne umfassende Barrierefreiheit – Hindernisse
Mineralölkonzern Shell unabhängige
in Gebäuden, auf Straßen und Wegen sollen Forschungsinstitute regelmäßig damit,
ebenso abgebaut werden wie soziale Hürden, ein Stimmungsbild der ­Jugend zu ent-
beispielsweise beim Zugang zum Arbeits­ werfen. Die 17. Shell Jugendstudie
markt. Deutschland hat 2007 als einer der ers­ ist 2015 erschienen.
→ shell.de/aboutshell/our-­
ten Staaten die Konvention der Vereinten Na­
commitment/shell-youth-study.html
tionen über die Rechte von Menschen mit
126 | 127 GESELLSCHAFT

THEMA

ENGAGIERTE ZIVILGESELLSCHAFT
Rund 31 Millionen Deutsche engagieren sich Die fünf größten privatrechtlichen Stiftungen,
in ihrer Freizeit ehrenamtlich und überneh­ gemessen an ihren Ausgaben, sind die Volks­
men Verantwortung für die Gesellschaft. Die­ wagen-Stiftung, die Robert-Bosch-Stiftung,
ses Engagement ist oft langfristig – ein Drittel die Bertelsmann-Stiftung, die Hans-Böckler-
der Freiwilligen ist seit zehn Jahren aktiv. Fast Stiftung und der WWF Deutschland.
60 Prozent der Befragten des 14. Freiwilli­
gensurveys der Bundesregierung wenden für Stark im Kommen sind Bürgerstiftungen, bei
ihr Ehrenamt wöchentlich bis zu zwei Stun­ denen mehrere Bürger und Unternehmen ge­
den auf. Gemeinsam mit Wohlfahrtsverbän­ meinsam als Stifter auftreten, um lokale oder
den, Kirchen, Genossenschaften, Hilfsorgani­ regionale Vorhaben zu fördern. Erste Stiftun­
sationen, gemeinnützigen Unternehmen und gen dieser Art entstanden 1996. 2016 gab es be­
Privatinitiativen bilden die Mitglieder der reits mehr als 300 vom Bundesverband Deut­
mehr als 600.000 Vereine das Rückgrat des scher Stiftungen anerkannte Bürgerstiftun­
„dritten Sektors“. Zivilgesellschaft kennzeich­ gen. Das bürgerschaftliche Engagement hat in
net jenen Bereich der Gesellschaft, der nicht den vergangenen Jahren leicht zugenommen,
staatlich oder parteipolitisch ist, sondern sich es verlagert sich aber von den größeren Ver­
freiwillig und öffentlich in gesellschaftlichen bänden stärker hin zu kleinen, selbstorgani­
und politischen Fragen engagiert. sierten Gruppen und wechselnden Projekten.
Gegenwärtig engagieren sich viele Menschen
Vor allem Stiftungen haben eine kontinuier­ in Deutschland ehrenamtlich in lokalen Ini­
lich wachsende Bedeutung erlangt. Deutsch­ tiativen zur Unterstützung von Flüchtlingen.
land ist mit mehr als 21.000 rechtsfähigen Stif­
tungen bürgerlichen Rechts, der klassischen Engagement in Parteien, Gewerkschaften
Rechtsform einer Stiftung, eines der stiftungs­ und Nichtregierungsorganisationen
reichsten Länder Europas. Seit der Jahrtausend­
wende wurden rund 13.500 Stiftungen bürger­ Eine eher strategische und politische Mit­
lichen Rechts errichtet, mehr als die Hälfte aller gestaltung erlaubt das gesellschaftspolitische
heute bestehenden Stiftungen dieser Art. Im Engagement in Parteien, Gewerkschaften und
Bundesdurchschnitt kommen auf 100.000 Ein­ Nichtregierungsorganisationen. Auf diesem
wohner 26,5 Stiftungen. Alle Stiftungen ver­ Weg eröffnet das Ehrenamt die Möglichkeit
fügen zusammen über ein Vermögen von etwa zu intensiver demokratischer Partizipation.
68 Milliarden Euro. Sie geben rund 4,3 Milliar­ Für die großen etablierten Organisationen
den für gemeinnützige Zwecke aus, traditionell wird es indes zunehmend schwieriger, Frei­
für Soziales, Bildung, Wissenschaft und Kultur. willige zur Mitarbeit zu gewinnen.
Umweltschutz ist ein Thema, für das sich viele in ihrer Freizeit engagiert einsetzen

Ein besonderes Potenzial für ehrenamtli­ 43.000 Bundesfreiwillige im Dienst. Auch


ches Engagement liegt in der Altersgruppe die freiwillige Arbeit im Ausland ist mög­
der 14- bis 24-Jährigen. Dass junge Erwach­ lich, zum Beispiel über den Internationalen
sene bereit sind, sich gesellschaftlich einzu­ Freiwilligendienst des Bundesministeriums
bringen, zeigt das Interesse an Freiwilligen­ für Familie, Senioren, Frauen und Jugend,
diensten. Seit 2011 gibt es den Bundesfrei­ das Programm „Weltwärts“ des Bundes­
willigendienst. Er ist offen für alle Alters­ ministeriums für wirtschaftliche Zusam­
gruppen und ergänzt das seit mehr als 50 menarbeit und Entwicklung oder den Frei­
Jahren bestehende Modell des Freiwilligen willigendienst „Kulturweit“ der Deutschen
Sozialen Jahrs für Jugendliche und junge UNESCO-Kommission in Zusammenarbeit
Erwachsene. Anfang 2018 waren mehr als mit dem Auswärtigen Amt. 
128 | 129 GESELLSCHAFT

THEMA

STARKER SOZIALSTAAT
Deutschland verfügt über eines der umfas­ ausgebaut wurde, entstand die Basis einer
sendsten Sozialsysteme. Wie auch in anderen ­sozialstaatlichen Orientierung. Im Grundge­
entwickelten Demokratien stellen die Sozial­ setz der Bundesrepublik Deutschland wurde
ausgaben den größten Einzelposten der das Sozialstaatsprinzip in Artikel 20, Absatz 1
Staatsausgaben dar. Rund 918 Milliarden Eu­ und im Artikel 28 verankert. Wie es ausge­
ro wurden 2016 für öffentliche Sozialausga­ staltet wird, müssen Politik und Gesellschaft
ben aufgewendet, was einem Anteil von 29 ­dynamisch jeweils neu verhandeln; vor allem
Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) ent­ der demografische Wandel macht Anpassun­
spricht. Die wohlfahrtsstaatlichen Sozialsys­ gen notwendig.
teme haben eine Tradition, die bis in die Zeit
der Industrialisierung Deutschlands in der Soziales Netz zum Schutz vor
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück­ existenziellen Risiken
reicht und mit dem damaligen Reichskanzler
Otto von Bismarck in Verbindung gebracht Heute schützt ein eng gewebtes Netz aus ge­
wird. Unter Bismarck wurde 1883 zunächst setzlicher Kranken-, Renten-, Unfall-, Pflege-
die verpflichtende Krankenversicherung für und Arbeitslosenversicherung die Bürger vor
Arbeiter eingeführt – mit der Sozialgesetz­ den Folgen existenzieller Risiken und Bedro­
gebung, die in den darauf folgenden Jahren hungen. Daneben umfasst das soziale Netz die
Grundsicherung für Rentner und dauerhaft
Erwerbsunfähige oder steuerliche Leistungen
wie den Familienleistungsausgleich (Kinder­
ZAHL geld, steuerliche Vergünstigungen). Nach ei­
ner weiteren Erhöhung Anfang 2018 erhalten
32,6 Mio. Familien monatlich 194 Euro für das erste und
zweite Kind, 200 Euro für das dritte und 225
sozialversicherungspflichtig Beschäftig- Euro für weitere Kinder. Die im März 2018
te zählte die Bundesagentur für Arbeit ­geschlossene Große Koalition will das Kinder­
im Dezember 2017. Dies entspricht 75
geld 2019 weiter erhöhen, und zwar um 25
bis 80 Prozent aller abhängig Beschäf-
tigten in Deutschland. Nicht mitgezählt ­Euro. Zudem sieht der Koalitionsvertrag vor,
sind nicht sozialversicherungspflichtige Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern.
Beamte, Selbstständige, unbezahlt mit-
helfende Familienangehörige und so Das 2014 in Kraft getretene Rentenpaket ver­
genannte Mini-Jobber.
bessert vor allem die Situation älterer Men­
→ statistik.arbeitsagentur.de
schen. Mit der Reform wurden unter anderem
Mit dem monatlichen Kindergeld fördert der Staat gezielt Familien – das vorschulische Betreuungsangebot wurde ausgebaut

die abschlagsfreie Rente ab 63 Jahren und die 300 Euro mehr Rente. Langjährig Renten­
sogenannte Mütterrente eingeführt. Sie gilt versicherte mit 45 Beitragsjahren wiederum
als eine Anerkennung für die erbrachte Erzie­ ­können seit dem 1. Juli 2014 mit 63 Jahren
hungsleistung. Frauen, die vor 1992 geborene ­ohne Abschläge in Altersrente gehen. Bis Ende
Kinder erzogen haben, hatten nicht die Be­ Februar 2018 gab es rund 982.000 Anträge.
treuungsmöglichkeiten, wie Eltern sie heute
haben, und damit auch weniger Chancen in In Deutschland ist eine Krankenversiche­
der Arbeitswelt. Diese Erziehungsleistung rung gesetzliche Pflicht. Die medizinische
wird mit der Mütterrente gewürdigt. Rund Versorgung wird durch ein breites Angebot
9,5 Millionen Frauen (und wenige Männer) an Krankenhäusern, Praxen und Reha-Ein­
erhalten seit Juli 2014 pro Kind und Jahr über richtungen gewährleistet.
130 | 131 GESELLSCHAFT

PANORAMA

VIELSEITIGE FREIZEIT
Beliebte Freizeitbe­schäftigungen
Diese Aktivitäten üben von je 100 Befragten in Deutsch-
land in ihrer Freizeit mindestens einmal pro Woche aus:

Fernsehen 97
Radio hören Telefonieren
90 von zu Hause

89
Surfen im Internet 73

71 Telefonieren von
68 Ausschlafen
unterwegs
72 Zeit mit 65
Zeitungen/
Gedanken 71 dem Partner
nachgehen verbringen
Zeitschriften lesen

64 CD/MP3
52
Computer 61 54
61 hören

Über wichtige Sich in Ruhe Kaffee trinken/


Dinge reden pflegen Kuchen essen

Wie viel Freizeit Weniger 1 bis 2 2,5 bis 4 4,5 bis 6 Mehr als 6
die Deutschen haben als 1 Stunde Stunden Stunden Stunden Stunden
So viel Zeit bleibt an
einem Werktag, um zu
tun, was gefällt: 3 % 18 % 38 % 17 % 23 %

31 Mio. 43.000 24 Mio. 95 %


In ihrer Freizeit Aktive im Bundes- Mitglieder in einem Private Haushalte, die im
ehrenamtlich Tätige freiwilligendienst Sportverein Besitz von mindestens einem
Mobiltelefon sind
Wie lange ein Urlaub dauert
Durchschnittliche Reisedauer in Tagen:

14,8
13,4 13,0 12,2 12,5 12,3 12,1 13,0

2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2017

Beliebteste Urlaubsländer
Von 100 Reisenden aus Deutschland 3
wählten 2017 als Ziel für ihre Haupturlaubs- +0,6 Skandinavien
reise (im Kreis: Veränderung zu 2014):

13,1
Fernreiseziele
+1,8

+0,3 1,8
Polen
-0,2
2,2 2,8 +0,7
USA/Kanada Benelux-Staaten

-0,1
3,9
Österreich
+0,3
+0,8
3,3
2,9 Kroatien
+0,8
Frankreich

7,7
Italien +0,4
-0,7 -3,1
+0,1 3,1
13,7 2,9 Griechenland 3,6
Spanien Nordafrika Türkei

Stiftung für Zukunftsfragen

258 Euro 58 % 1.193 Euro 34,2 %


Durchschnittliche Haushalts- Deutsche, die im Jahr eine Durchschnittsausgaben für Deutsche, die ihre Haupt-
ausgaben im Monat für Freizeit, Reise von mindestens fünf die Haupt­urlaubsreise urlaubsreise in Deutschland
Kultur und Unterhaltung Tagen unternehmen verbringen
132 | 133 GESELLSCHAFT

THEMA

FREIE RELIGIONSAUSÜBUNG
Wachsende Pluralität und zunehmende Säku­ Bekenntnisses. Mit rund 23 Millionen Mit­
larisierung kennzeichnen die religiöse Land­ gliedern umfassen sie den größten Teil der
schaft in Deutschland. 55 Prozent der deut­ evangelischen Christen. Rund 36 Prozent der
schen Bevölkerung bekennen sich zu einer der Bevölkerung gehören keiner Konfession an.
beiden großen christlichen Konfessionen,
­organisiert in den 27 katholischen Diözesen Infolge der alternden Mitgliedschaft und einer
und der Deutschen Bischofskonferenz sowie hohen Zahl an Kirchenaustritten sinkt die Zahl
den evangelischen Landeskirchen und der der Gläubigen in den christlichen Kirchen. Al­
Evangelischen Kirche in Deutschland als lein 2016 verließen 162.000 Menschen die ka­
Dachverband. Die katholische Kirche mit tholische Kirche. Die evangelische Kirche mel­
rund 24,6 Millionen Mitgliedern in 11.500 dete 190.000 Austritte. Im Osten Deutschlands
­Gemeinden gehört der Weltkirche mit dem ist die Kirchenferne besonders augenfällig.
Papst als Oberhaupt der römisch-katholi­
schen Kirche an. Die Evangelische Kirche in Der Islam gewinnt durch Migration an Be­
Deutschland (EKD) ist die Gemeinschaft der deutung für das religiöse Leben. Die Zahl der
20 selbstständigen evangelischen Landeskir­ aus 50 Nationen stammenden Muslime in
chen lutherischen, reformierten und unierten Deutschland wird mit etwa 4 bis 5 Millionen
beziffert, eine zentrale Ermittlung findet je­
doch nicht statt. In vielen Städten haben sich
größere muslimische Gemeinden gebildet.
LISTE
Mit der Deutschen Islam Konferenz (DIK)
existiert seit 2006 ein offizieller Rahmen für
∙ Mitgliederstärkste katholische
Diözese: Erzbistum Köln mit rund
den Austausch zwischen Staat und Muslimen.
zwei Millionen Katholiken
Das jüdische Leben in Deutschland, das nach
∙ Mitgliederstärkste evangelische dem Holocaust völlig zerstört war, ist nach
Landeskirche: Hannover mit mehr dem Ende des Ost-West-Konflikts durch Zu­
als 2,6 Millionen Protestanten
wanderer aus der früheren UdSSR belebt wor­
∙ Große Moscheen: Yavuz-Sultan-Selim- den. Heute leben in Deutschland wieder rund
Moschee/Mannheim; Şehitlik-Mo- 200.000 Juden. Knapp 100.000 von ihnen sind
schee/Berlin, Fatih-Moschee/Bremen in 105 jüdischen Gemeinden organisiert, die
ein weites religiöses Spektrum aufweisen und
∙ Mitgliederstärkste jüdische Gemeinde:
vom 1950 gegründeten Zentralrat der Juden
Jüdische Gemeinde zu Berlin (10.000)
in Deutschland vertreten werden.
Die Religionsfreiheit garantiert in Deutschland das Grundgesetz, es gibt mehr als 2.000 Moscheen

Deutschland hat keine Staatskirche. Grund­ meinschaften. Die Kirchen erheben eine Kir­
lage des Verhältnisses von Staat und Religion chensteuer, die vom Staat eingezogen wird,
ist die im Grundgesetz garantierte Religions­ um soziale Dienste zu finanzieren. Schulen
freiheit, die Trennung von Staat und Kirche müssen Religion als reguläres Unterrichts­
im Sinne der weltanschaulichen Neutralität fach anbieten (eingeschränkt in Berlin und
des Staates und das Selbstbestimmungsrecht Bremen). Der islamische Religionsunterricht
der religiösen Gemeinschaften. Staat und Re­ wird ausgebaut. Um muslimischen Kindern
ligionsgemeinschaften kooperieren auf part­ und Jugendlichen, die in Deutschland zur
nerschaftlicher Basis. Der Staat beteiligt sich Schule gehen, Religionsunterricht anbieten
an der Finanzierung von Kindergärten und zu können, werden zusätzliche Pädagogen
Schulen in Trägerschaft der Religionsge­ ausgebildet.
134 | 135 K U LT U R & M E D I E N

KULTUR & MEDIEN


Lebendige Kulturnation ∙ Innovative Kreativwirtschaft ∙ Kultureller Dialog ∙
Weltoffene Positionen ∙ Rasanter Medienwandel ∙ Spannende
Welterbestätten ∙ Attraktive Sprache

EINBLICK

LEBENDIGE KULTURNATION
Die eine Kultur Deutschlands gibt es nicht. Es lands sind unter anderem rund 300 Stadt- und
gibt viele, die gleichzeitig und oft erstaunlich Landestheater sowie 130 zum Teil an die
gegensätzlich nebeneinander her existieren, Rundfunkanstalten gekoppelte Berufsorches-
ineinander verwoben, einander abstoßend ter. 540 Kunstmuseen mit international
und anziehend. Von Deutschland als Kultur- ­hochkarätigen Sammlungen bilden zudem ei-
nation sprechen, heißt im 21. Jahrhundert, ne beispiellose Museumslandschaft. Mit die-
von einem gewachsenen, sich immerfort wei- ser Vielfalt an Kultureinrichtungen nimmt
terentwickelnden, lebendigen Organismus zu Deutschland eine Spitzenposition ein. Das
reden, dessen Vielfalt verblüffend, irritierend, überwiegend öffentlich organisierte Theater-,
oft auch anstrengend ist. Dies wurzelt zum ei- Orchester- und Museumssystem findet
nen in der föderalen Tradition des Landes, das grundsätzlich hohe Akzeptanz. Vor dem
erst ab 1871 als Gesamtstaat zu existieren be- ­Hintergrund engerer finanzieller Spielräume
gonnen hat. Die 1949 gegründete Bundesre- der öffentlichen Haushalte sowie den sozio­
publik, aber auch das seit 1990 wiedervereinte demografischen und medialen Veränderungs-
Deutschland haben bewusst an föderale Tra- prozessen wie der Digitalisierung befindet es
ditionen angeknüpft und die Kulturhoheit sich gleichwohl in einer Phase des Umbruchs
den Ländern überlassen. Erst seit 1998 gibt es und der Neuorientierung.
einen Beauftragten für Kultur und Medien im
Bundeskanzleramt. Ergebnis der aus vielen Deutschlands Ruf als bedeutende Kulturna-
ehemaligen Klein- und Mittelstaaten sowie tion gründet auf den großen Namen der Ver-
freien Städten bestehenden Struktur Deutsch- gangenheit wie Bach, Beethoven und Brahms
VIDEO AR-APP

Kultur & Medien: das Video zum Kapitel


→ tued.net/de/vid7

Künftiges Zentrum für den Dialog zwischen den Kulturen der Welt: In Berlin entsteht das Humboldt-Forum
136 | 137 K U LT U R & M E D I E N

in der Musik, Goethe, Schiller und Thomas Deutschlands in konzentrierter Form. Mit
Mann in der Literatur. Auch die künstleri- dem Humboldt-Forum entsteht zudem bis
schen Positionen der Moderne sind in allen 2019 ein kulturelles Leuchtturmprojekt im
Kunstgattungen namhaft besetzt. wieder errichteten Schloss in der Mitte Ber-
lins. Geprägt von Weltoffenheit, soll es einen
Zum anderen hat das Land einen Prozess internationalen Wissensaustausch und den
durchlaufen, der in anderen europäischen Dialog der Kulturen ermöglichen.
Staaten bereits früher einsetzte. Es hat sich,
auf Basis der eigenen Traditionen, von außen
kommenden Einflüssen geöffnet und ein
neues Narrativ entwickelt. Junge Künstler NETZ
mit Migrationshintergrund haben Artikula- Kulturportal Deutschland
tionsformen gefunden, musikalisch, aber Informationen über ausgewählte Events
auch poetisch auf das Aufeinandertreffen und kulturpolitische Themen
und Verschmelzen unterschiedlicher Her- → kulturserver.de

kunftskulturen zu reagieren.
Litrix
Mehrsprachiges Portal zur weltweiten
Die regionalen Kunst- und Kulturzentren Vermittlung deutscher Literatur
haben sich im immer weiter verschwimmen- → litrix.de
den Grenzbereich zwischen Unterhaltung
und Hochkultur zu lebendigen Zentren der Filmportal
Plattform für Infos zum deutschen Film
neuen deutschen Kultur entwickelt. Zusam-
→ filmportal.de
men bilden sie ein Kräftefeld, ein Spiegelbild

Die darstellende Kunst findet in Deutschland viele Aufführungsmöglichkeiten


KOMPAKT

AKTEURE & INSTRUMENTE


Beauftragte der Bundesregierung
für Kultur und Medien
Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur
und Medien (BKM), Monika Grütters, ist als
Staatsministerin direkt der Bundeskanzlerin zu-
geordnet. Sie hat unter anderem die Aufgabe,
Kultureinrichtungen und -projekte von nationa-
ler Bedeutung zu fördern.
→ bundesregierung.de Haus der Kulturen der Welt
Das Haus der Kulturen der Welt in Berlin ist
Goethe-Institut ein Zentrum für den internationalen Kulturaus-
Das Goethe-Institut e. V. ist das weltweit tätige tausch und ein Forum für aktuelle Diskurse.
Kulturinstitut Deutschlands. Es hat die Aufgabe, → hkw.de
die Kenntnis der deutschen Sprache im Ausland
zu fördern, die internationale kulturelle Zusam- Deutscher Kulturrat
menarbeit zu pflegen und ein umfassendes, Der Deutsche Kulturrat e. V. ist der anerkannte
aktuelles Deutschlandbild zu vermitteln. Spitzenverband der Bundeskulturverbände.
→ goethe.de 258 Bundeskulturverbände und Organisationen
sind Mitglied.
Institut für Auslandsbeziehungen → kulturrat.de
Das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa)
engagiert sich weltweit für Kunstaustausch, den Zentralstelle für das Auslandsschulwesen
Dialog der Zivilgesellschaften und die Vermitt- Die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen
lung außenkulturpolitischer Informationen. (ZfA) betreut und fördert circa 1.200 Schulen,
→ ifa.de darunter rund 140 Deutsche Auslandsschulen.
→ auslandsschulwesen.de
Kulturstiftung des Bundes
Die Kulturstiftung des Bundes fördert Kunst DIGITAL PLUS
und Kultur im Rahmen der Zuständigkeit des Mehr Informationen zu allen Themen
Bundes. Ein Schwerpunkt ist die Förderung des Kapitels – kommentierte Linklisten
und Beiträge; dazu weiterführende
innovativer Programme und Projekte im inter-
­Informationen zu Stichworten
nationalen Kontext. wie K­ ulturhoheit der Länder, Kulturstiftung des Bundes,
→ kulturstiftung-des-bundes.de ­Deutscher Filmpreis, documenta.
→ tued.net/de/dig7
138 | 139 K U LT U R & M E D I E N

THEMA

INNOVATIVE KREATIVWIRTSCHAFT
Die Kultur- und Kreativwirtschaft gehört zu Freiberuflern sowie von Klein- und Mikroun-
den innovativsten Wirtschaftszweigen. In ternehmen geprägt. Sie sind überwiegend er-
Deutschland steigt ihr Beitrag zur volkswirt- werbswirtschaftlich orientiert – also nicht
schaftlichen Gesamtleistung (Bruttowert- vorrangig im öffentlichen (Museen, Theater,
schöpfung) stetig und liegt heute auf Augen- Orchester) oder zivilgesellschaftlichen Sektor
höhe mit großen Industriesektoren wie dem (Kunstvereine, Stiftungen) tätig. Durch kon-
Maschinenbau. Der Umsatz der Kreativ­bran­ sequente Förderung von Neugründungen ha-
che, in der rund 253.000 Unternehmen und ben sich in vielen Städten besonders in den
1,6 Millionen Menschen tätig sind, lag 2016 Feldern Design, Software und Games viele
bei rund 154 Milliarden Euro. Die Bundesre- Anbieter etabliert. Speziell die Software-/Ga-
gierung will die Kultur- und Kreativwirt- mes-Industrie zeigt durch die Vernetzung
schaft gezielt stärken und dazu Förderungen verschiedener Sparten wie Film, Video,
und Finanzierungsmöglichkeiten weiterent- Musik, Text und Animation das Potenzial
­
wickeln. der Branche und erzielte 2016 ein Umsatvo­
lumen von 29 Milliarden Euro. An der Spitze
Der verbindende Kern der kultur- und krea- der Entwicklung steht die Region Berlin-­
tivwirtschaftlichen Aktivität ist der schöpfe- Brandenburg mit gut 200 Unternehmen. Kein
rische Akt von künstlerischen, literarischen, anderer Standort hat eine dichtere Games-­
kulturellen, musischen, architektonischen Infrastruktur, einschließlich entsprechender
oder kreativen Inhalten, Werken, Produkten, Hochschulen. Aber auch Frankfurt am Main,
Produktionen oder Dienstleistungen. Struk- Hamburg, Leipzig, Köln und München haben
turell wird die Branche insbesondere von ausgeprägte Kreativcluster.

DIAGRAMM Stetes Wachstum: Unternehmen in der Kultur- und Kreativwirtschaft

Branche mit Potenzial


244.290 253.200
Die Kultur- und Kreativwirtschaft verbindet 219.376 232.770
traditionelle Wirtschaftsbereiche, neue 202.049
Technologien und moderne Informations-
und Kommunikationsformen. In Deutsch-
land umfasst sie zwölf Teilbereiche: Musik-
BMWI/Statistisches Bundesamt

wirtschaft, Buchmarkt, Kunstmarkt, Film-


wirtschaft, Rundfunk, Darstellende Kunst,
Architektur, Design, Pressemarkt, Werbe-
markt, Software/Games, Sonstige.
2004 2006 2008 2011 2018
Berlin gilt, auch für internationale Jungunternehmer, als die Start-up-Metropole

Facettenreicher Buchmarkt: Viele Neuerscheinungen Guter Mittelplatz: die Bruttowertschöpfung im


Branchenvergleich in Mrd. Euro
5,7 %
Reise 31,5  % Chemische Industrie 42,9
Belletristik
10,9 % Energieversorgung 47,2
Börsenverein des Deutschen Buchhandels, 2016

Schule und Lernen


9,8  %
85.486
Kultur- und Kreativwirtschaft 64,0
Sachbuch
Neuerscheinungen Finanzdienstleister 71,0
11,1 %
Wissenschaft 16,5  % Maschinenbau 93,8
BMWI/Destatis

14,5  %
Kinder- und
Jugendbuch Automobilindustrie 129,6
Ratgeber
140 | 141 K U LT U R & M E D I E N

THEMA

KULTURELLER DIALOG
Die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik Deutschland als Land einer erfolgreichen und
(AKBP) ist neben der klassischen Diplomatie vielfältigen Kulturszene bekannt zu machen
und der Außenwirtschaftspolitik die dritte und im Ausland ein zeitgemäßes Deutsch-
Säule der deutschen Außenpolitik. Zu ihren landbild zu vermitteln. Zu den konkreten In-
wichtigsten Zielen gehört, mit dem Aus- itiativen gehören die Förderung verschiede-
tausch und der Zusammenarbeit in Kultur, ner Kulturprogramme wie Ausstellungen,
Bildung und Wissenschaft eine gute Basis für Gastspiele deutscher Theater, Literatur- oder
die Beziehung zu anderen Ländern zu legen Filmförderung, aber auch Projekte im Dialog
und den Dialog zwischen Menschen zu mit der islamischen Welt oder „kulturweit“,
ermöglichen. Die Auswärtige Kulturpolitik ein Angebot, mit dem junge Menschen aus
eröffnet so Wege zu einem gegenseitigen Ver- Deutschland einen Freiwilligendienst im
stehen – eine wichtige Grundlage für eine Po- Ausland absolvieren können.
litik, die sich für den friedlichen Ausgleich
engagiert. Ein umfassender Kulturbegriff ist die Basis
der Programme und Projekte
Weitere Aufgaben der AKBP sind die Förde-
rung der deutschen Sprache in der Welt, Nur zu einem kleineren Teil setzt das Aus-
wärtige Amt seine Kulturpolitik selbst um.
Mit den Aufgaben betraut es vor allem privat­
rechtlich organisierte Mittlerorganisationen
LISTE
mit unterschiedlichen Schwerpunkten wie
das Goethe-Institut, das Institut für Aus-
∙ Größtes Kunstmuseum:
Hamburger Kunsthalle
landsbeziehungen (ifa), den Deutschen Aka-
demischen Austauschdienst (DAAD), die
∙ Größtes Orchester: Deutsche UNESCO-Kommission oder die
Gewandhausorchester Leipzig Alexander von Humboldt-Stiftung (zur Aus-
wärtigen Bildungspolitik siehe Kapitel Bil-
∙ Größtes Kino:
dung & Wissen).
Cinemaxx in Essen

∙ Größte Theaterbühne: Die Arbeit der Kulturmittler wird durch Ziel-


Friedrichstadtpalast (Berlin) vereinbarungen definiert, in der Programm-
und Projektgestaltung sind sie jedoch weitge-
∙ Größtes Festspielhaus:
hend frei. Das Goethe-Institut ist mit 159 Ins-
Baden-Baden
tituten in 98 Ländern präsent. Es fördert die
Alte Handschriften aus der Oasenstadt Timbuktu (Mali) werden mit Mitteln des Auswärtigen Amts konserviert und erforscht

Kenntnis der deutschen Sprache im Ausland Doch es geht nicht nur um deutsche Kultur.
und pflegt die internationale kulturelle Zu- Das Kulturerhalt-Programm unterstützt die
sammenarbeit. Das ifa widmet sich vor allem Bewahrung bedeutender historischer Kultur-
dem Kulturdialog mit Ausstellungen und güter im Ausland. So förderte das Auswärtige
Konferenzen. Trends im Kulturdialog sind di- Amt von 1981 bis 2016 rund 2.800 Projekte in
gitale Kultur- und Vermittlungsangebote und 144 Ländern, darunter den Erhalt der Hand-
die neuen Möglichkeiten interaktiver Partizi- schriften von Timbuktu in Mali oder das Er-
pation. In allen Projekten legt die Auswärtige stellen digitaler Kulturgüterregister für Syrien,
Kulturpolitik seit den 1970er-Jahren Wert auf die Digitalisierung traditioneller Musik in
einen umfassenden, nichtelitären Kulturbe- Kamerun oder die Restaurierung des indo-
griff, der „Kultur“ nicht auf „Kunst“ verengt. nesischen Tempels Borobudur.
142 | 143 K U LT U R & M E D I E N

THEMA

WELTOFFENE POSITIONEN
In der auf Pluralismus basierenden Gesell- spiegelt und in vielen Städten, vor allem aber
schaft Deutschlands kann es den einen alle in Berlin, sichtbar ist. Millionen Deutsche mit
anderen dominierenden kulturellen Trend Migrationshintergrund leben in zweiter, drit-
ebenso wenig geben wie die eine alle übrigen ter Generation im Land, sie erzählen über sich
in den Schatten stellende Metropole. Ver- und das Leben ihrer Eltern und Großeltern
stärkt durch die föderale Struktur gibt es in andere Geschichten als die seit Jahrhunder-
Deutschland eine Gleichzeitigkeit des Un- ten in Deutschland lebenden Bürger. Sie sind,
gleichzeitigen, existieren unterschiedlichste, ob in Deutschland geboren oder nicht, in der
mitunter gegensätzliche und miteinander Regel durch keine konkrete Migrationsge-
konkurrierende Strömungen in Theater, schichte geprägt, aber durch die Erfahrung
Film, Musik, Bildender Kunst und Literatur. kultureller Hybridität. Dieses Leben in unter-
schiedlichen kulturellen Zusammenhängen
Einen deutlichen Trend gibt es im Theater: bringt neue Formen der künstlerischen Aus-
Die Zahl der Uraufführungen zeitgenössi- einandersetzung mit der Gesellschaft hervor
scher Autoren ist steil gestiegen. Sie zeigen und bildet die aktuellen Konfliktlinien, die
die Bandbreite der gegenwärtigen Darstel- Aushandlung von Rechten, von Zugehörig-
lungsformen, in denen sich traditionelles keit, von Teilhabe ab. Es entstehen neue Nar-
Sprechtheater mit Pantomime, Tanz, Video,
Laiendarstellung und Musik häufig zu einem
performanceähnlichen, postdramatischen
INFO
Bühnengeschehen verdichtet. Die Vielfalt,
Deutsche Digitale Bibliothek
wie sie jährlich das im Mai stattfindende Ber-
Die Deutsche Digitale Bibliothek
liner Theatertreffen zeigt, ist vielstimmige (DDB) erschließt, eng vernetzt mit der
Antwort auf die Fragestellungen einer kom- europäischen virtuellen Bibliothek
plexen Wirklichkeit. Euro­peana.eu, das kulturelle Erbe in
Deutschland. Dazu gehören kulturelle
Schätze wie Handschriften, historische
Neben diesem von einer gesellschaftlichen
Filme, Musik und digitalisierte Bücher.
Mitte getragenen kulturellen Mainstream
Schon jetzt umfasst die Bibliothek
entsteht etwas Neues, das zunehmend aus mehr als 18 Millionen Objekte. Lang-
den randständigen Milieus in die freie, aber fristig sollen bis zu 30.000 Kultur- und
auch in die etablierte Theaterkultur vor- Wissenschaftseinrichtungen aller Spar-
dringt und sie befruchtet. „Postmigrantisch“ ten und Disziplinen in der DDB vernetzt
werden.
ist das Schlagwort für dieses Phänomen, das
→ deutsche-digitale-bibliothek.de
Deutschland als Einwanderungsgesellschaft
Ein großer Erfolg war Yael Ronens Inszenierung von „Common Ground“ am Maxim Gorki Theater in Berlin

rative, die ein neues Selbstbild der Gesell- junge Klientel, sie spiegeln einen unüber-
schaft befördern und die kulturelle Wahr- sichtlichen Prozess wider, der sich ständig
nehmung Deutschlands im Ausland prägen. weiter entfaltet und ausdifferenziert. Mit den
Stücken „Common Ground“, das sich mit dem
Als ein Leuchtturm dieser die Transkultura- Balkan-Krieg auseinandersetzt, und „The Si-
lität feiernden Kunstproduktion gilt Shermin tuation“ über den Nahostkonflikt, beide in-
Langhoffs „Postmigrantisches Theater“ im szeniert von der israelischen Regisseurin Yael
Berliner Maxim Gorki Theater. Ihre Inszenie- Ronen, wurde das Gorki Theater 2015 und
rungen erreichen über das traditionelle Thea- 2016 zum Berliner Theatertreffen eingeladen.
terpublikum hinaus eine neue, überwiegend Dabei vollzieht das Theater nach, was in der
144 | 145 K U LT U R & M E D I E N

Pop-Musik und der Literatur schon länger Mit- und Gegeneinanders auf und lässt
eingesetzt hat. Auch hier spiegeln Künstler- Milieus und Klischees aufeinanderprallen.
­
Biografien die gesellschaftliche Vielfalt, zei- Das postmigrantische Deutschland ist nicht
gen spannungsreiche Fusionen unterschied- unbedingt kuschelig, aber spannend und
lichster Stilrichtungen neue Perspektiven. Im ­dynamisch.
Pop werden unterschiedlichste internationa-
le Musikstile (Balkan-Beat, afroamerikani- In der Gegenwartsliteratur spielen postmi­
scher Sound, türkischer Rock, amerikani- g­rantische Themen eine zentrale Rolle
scher Hip Hop) mit Einflüssen oder Elektro-
nik-Phänomenen kombiniert, die als „typisch Seit vielen Jahren zählen zu den erfolgreichs-
deutsch“ gelten. Wie in anderen Ländern ten deutschsprachigen Autoren wie selbst-
übernimmt Rap eine Identifikationsrolle für verständlich auch wichtige Autorinnen und
Jugendliche aus Mi­g rantenfamilien. Autoren mit Mi­
grationshintergrund, unter
ihnen Navid Kermani, der 2015 mit dem Frie-
Als Sohn türkischer Einwanderer ganz nach denspreis des Deutschen Buchhandels einen
oben geschafft hat es Regisseur Fatih Akin. der renommiertesten Kulturpreise Deutsch-
2018 gewann er einen Golden Globe für sein lands erhalten hat, aber auch Katja Petrows-
Filmdrama „Aus dem Nichts“ mit der kaya, Sherko Fatah, Nino Haratischwili, Saša
­deutschen Hollywood-Schauspielerin Diane Stanišić, Feridun Zaimoglu oder Alina
Kruger in der Hauptrolle. Akin greift in sei- Bronsky, um nur einige wenige zu nennen.
nen Filmen auch heikle Themen des sozialen Ihre Bücher, die unter anderem den irani-

Fatih Akins Filmdrama „Aus dem Nichts“ mit Hauptdarstellerin Diane Kruger hat 2018 einen Golden Globe gewonnen
KARTE
Wichtige Kulturpreise in Deutschland

1 Goldener Bär
Die Internationalen Filmfestspiele
Berlin (Berlinale) gelten neben Venedig
und Cannes als maßgebliches Kinofestival.
Verliehen werden ein Goldener Bär und
mehrere Silberne Bären.
1 3
Berlin 2 Preis der Leipziger Buchmesse
Der Preis der Leipziger Buchmesse ehrt
2 deutschsprachige Neuerscheinungen.
Leipzig
3 Deutscher Filmpreis
Frankfurt a. M. Mit fast drei Millionen Euro Preisgeld ist
4 der Deutsche Filmpreis der höchstdotierte
deutsche Kulturpreis.
5
Darmstadt
4 Deutscher Buchpreis
Eine Jury wählt den besten deutschspra-
chigen Roman des Jahres aus.

5 Georg-Büchner-Preis
Der Georg-Büchner-Preis ist der wichtigs­
te Literaturpreis im deutschen Sprachraum.

schen, russischen, türkischen Erfahrungs- dierende als deutsche Studienanfänger für


hintergrund reflektieren, werden von vielen das erste Semester ein. Berlin mit seinen rund
gelesen und ihre Literatur trägt ihre jeweils 500 Galerien und seinen vielen Freiräumen
eigenen Themen und die Migrationserfah- für künstlerische Positionen gilt heute gera-
rung in die Gesellschaft hinein. dezu als Metropole der jungen, zeitgenössi-
schen Kunst und eine der weltweit größten
Weltoffen und international ist auch die Bil- Produktionsstätten von Gegenwartskunst.
dende Kunst in Deutschland. Das zeigt schon Dies offenbart auch jedes zweite Jahr die
die Statistik der Studienanfänger an deut- Biennale in Venedig: Eine Vielzahl der hier
schen Kunsthochschulen: Seit 2013 schreiben ausgestellten internationalen Künstler geben
sich dort jedes Jahr mehr ausländische Stu- Berlin als ihren Wohnort an.
146 | 147 K U LT U R & M E D I E N

THEMA

RASANTER MEDIENWANDEL
Die Presse- und Meinungsfreiheit ist in te Säule der auf dem dualen Prinzip von pri-
Deutschland auf hohem Niveau gewährleistet vat und öffentlich basierenden Medienland-
und ein verfassungsmäßig geschütztes Gut. schaft, die im Kern unverändert seit der
In Artikel 5 des Grundgesetzes heißt es: „Jeder Gründung der Bundesrepublik 1949 besteht.
hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift Der monatliche Rundfunkbeitrag beträgt seit
und Bild zu äußern und zu verbreiten und 2015 17,50 Euro. Daneben ist seit den 1980er-
sich aus allgemein zugänglichen Quellen un- Jahren eine Vielzahl privater Rundfunk- und
gehindert zu unterrichten. (. . .) Eine Zensur Fernsehsender am Markt. Die wichtigsten
findet nicht statt.“ Der „Press Freedom Index“ TV-Nachrichtensendungen sind „Tagesschau“
der Nichtregierungsorganisation „Reporter und „Tagesthemen“ in der ARD, „heute“ und
ohne Grenzen“ platziert Deutschland im Jahr „heute journal“ im ZDF sowie „RTL aktuell“.
2017 auf Rang 16 von 180 Ländern. Die Viel- Allein in Berlin, das zu den zehn Top-Medien-
falt der Meinungen ist gegeben, der Pluralis- städten weltweit gehört, arbeiten 900 akkre-
mus der Information vorhanden. Die Presse ditierte Parlamentskorrespondenten und 440
befindet sich nicht in der Hand von Regierun- Auslandskorrespondenten aus 60 Staaten.
gen oder Parteien, sondern wird von privat-
wirtschaftlich geführten Medienunterneh- Zur vielstimmigen Medienlandschaft zählen
men verantwortet. Der nach britischem Vor- rund 300 in ihrer Mehrzahl regional verbrei-
bild organisierte öffentlich-rechtliche Rund- tete Tageszeitungen, 20 Wochenzeitungen
funk (ARD, ZDF, Deutschlandfunk) als ge- ­sowie 1.600 Publikumszeitschriften. Deutsch-
bührenfinanzierte Körperschaften bzw. An- land ist nach China, Indien, Japan und den
stalten des öffentlichen Rechts, sind die zwei- USA der fünftgrößte Zeitungsmarkt weltweit.

WEGMARKEN

1945
Nach der Nazi-Herrschaft er-
1950
Die sechs westdeutschen Rund-
1984
In Ludwigshafen am Rhein nimmt
scheinen in Deutschland zunächst funkanstalten schließen in Bre- die „Programmgesellschaft für
nur sogenannte Lizenzzeitungen. men eine Vereinbarung über die Kabel- und Satellitenrundfunk“,
In der amerikanischen Besat- „Errichtung einer Arbeitsgemein- abgekürzt PKS, den Sendebetrieb
zungszone wird die erste Lizenz schaft der öffentlich-rechtlichen auf. Es ist die Geburtsstunde des
am 1. August 1945 an die „Frank- Rundfunkanstalten der Bundes- Privatfernsehens in Deutschland.
furter Rundschau“ vergeben. republik Deutschland“.
Die sozialen Medien verändern das Mediensystem, das Kommunikationsverhalten und die Öffentlichkeit fundamental

1995
Als erste deutsche Tageszeitung
1997
Rund 4,1 Millionen Bundesbürger
2018
Wöchentlich nutzen 21 Millionen
geht die linksliberale „taz“ sechs über 14 Jahre nutzen die neuen Menschen in Deutschland Face-
Jahre nach der Geburt des World Online-Zugänge zumindest gele- book, 1,8 Million sind auf Twitter,
Wide Web online. Nach ihrem gentlich. Im Jahr 2014 sind dies 5,6 Millionen auf Instagram aktiv.
„Go-live“ entwickelt sich die rund 55,6 Millionen, das ent- Spitzenreiter bei den sozialen
Community der „digitaz“ sprung- spricht 79,1 Prozent der über Medien ist WhatsApp mit 40 Mil-
haft nach oben. 14-Jährigen in Deutschland. lionen wöchentlichen Nutzern.
148 | 149 K U LT U R & M E D I E N

Deutschlands größter Newsroom: die Zentralredaktion der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Berlin

Pro Erscheinungstag werden 16,1 Millionen Online“ und das Boulevardblatt „Bild“ gelten
Tageszeitungen und fünf Millionen Wochen- als die meistzitierten Medien.
und Sonntagszeitungen verkauft (2016). Die
führenden Blätter, die überregionalen Tages- Zugleich befindet sich die Branche in einem
zeitungen „Süddeutsche Zeitung“, „Frankfur- tiefgreifenden Strukturwandel. Die Tageszei-
ter Allgemeine Zeitung“, „Die Welt“, „Die Zeit“, tungen büßen seit 15 Jahren regelmäßig durch-
„taz“ und „Handelsblatt“, zeichnen sich durch schnittlich 1,5 bis 2 Prozent ihrer bezahlten
investigative Recherche, Analyse, Hinter- ­gedruckten Auflage ein. Sie erreichen immer
grund und umfassende Kommentierung aus. seltener jüngere Leserschichten und befinden
Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“/„Spiegel sich bei weiterhin rückläufigen Auflagen und

DIAGRAMM Rasante Entwicklung: Internetnutzer in Deutschland in Millionen

Digitaler Alltag 62,4


Die mobile Internetnutzung und
die Verwendung mobiler Endgeräte 49
steigen in Deutschland deutlich an.
Mit der zunehmenden mobilen Da-
38,6
tennutzung wachsen die technologi-
ARD/ZDF-Onlinestudie 2017

schen Anforderungen an die Netzin-


frastruktur. Studien zeigen auch: Die
18,3
Zahl der Internetnutzer steigt seit
geraumer Zeit nur noch geringfügig.
4,1
1997 2000 2006 2010 2017
Anzeigenumsätzen in schwerem Fahrwasser. GLOBAL
Über 100 Zeitungen haben als Antwort auf die
Deutsche Welle Die Deutsche Welle
Umsonst-Kultur im Netz inzwischen Bezahl- (DW) ist der Auslandsrundfunk
schranken eingeführt. Die Verlagslandschaft ist Deutschlands und Mitglied der ARD
in Bewegung – auch weil inzwischen fast (Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-­
800.000 täglich verkaufte Zeitungsexemplare rechtlichen Rundfunkanstalten der
Bundesrepublik Deutschland). Die DW
als E-Paper digital vertrieben werden und die
sendet in 30 Sprachen, sie bietet Fern-
Zahlen der Digital-­Abos stetig zunehmen.
sehen (DW-TV), Radio, Internet sowie
Medienentwicklung im Rahmen der DW
Die Digitalisierung der Medienwelt, das Inter- Akademie. Kostenfreie Nachrichten in
net, die dynamische Zunahme mobiler End­ vier Sprachen bietet der German News
geräte und der Siegeszug der sozialen Medien Service für Interessierte und
Medien.
haben das Mediennutzungsverhalten signi­
→ dw.com
fikant verändert. 62,4 Millionen Deutsche über
14 Jahre (89,8 Prozent) sind heute online. Mehr
als 50 Millionen Menschen nutzen das Internet
täglich. Durchschnittlich verbrachte jeder Nut-
zer täglich rund 165 Minuten online (gerechnet
auf die Gesamtbevölkerung: 149 Minuten); meinungsbildend am Diskurs teilnehmen kann.
mehr als jeder Zweite surft inzwischen mobil. Ob die interaktiven Versammlungsorte im Netz
Zudem ist gut die Hälfte aller Internetnutzer zugleich das Fundament für einen zukunfts­
Mitglied einer privaten Community. Die digitale fähigen digitalen Journalismus bilden, bleibt
Revolution hat einen neuen Begriff von Öffent- ­abzuwarten. Im Bemühen gegen Fake News und
lichkeit hervorgebracht; die sozialen Medien gezielte Desinformation nehmen Journalisten
und die Bloggosphäre sind der Spiegel einer of- aller Sparten ihre journalistische Verantwor-
fenen und dialogischen Gesellschaft, in der jeder tung wahr.

Vielfältiger Zugang: So gehen die Deutschen ins Internet Tägliche Mediennutzung


ARD-ZDF-Onlinestudie 2017/Studienreihe „Medien und ihr Publikum“

66 % 38  %
Fernsehen 174 Min.
Smartphone/ Tablet-PC
Handy Radio 160 Min.
ARD/ZDF-Onlinestudie 2016

Internet 149 Min.
57  % Zeitung 17 Min.
Laptop 44 %
Computer, PC
150 | 151 K U LT U R & M E D I E N

PANORAMA

SPANNENDE WELTERBESTÄTTEN

Kölner Dom Wartburg


Das Meisterwerk Reformator Martin
der Gotik schufen Luther übersetzte im
mehrere Genera- Schutz ihrer Mauern
tionen – von 1248 das Neue Testament.
bis 1880.

Zeche Zollverein Bauhaus


Der 1986 stillgelegte Die Bauhausstätten
­Industriekomplex in in Dessau und Weimar
­Essen repräsentiert die stehen für die berühmte
Entwicklung der Schwer­ Designschule des frü-
industrie in Europa. hen 20. Jahrhunderts.

157 m 1 km2 44 km2 2.300.000


Höhe Kölner Dom Fläche Zeche Zollverein Fläche Buchenwälder Museumsinsel-
Besuche
UNESCO-Weltkulturerbestätte
UNESCO-Weltnaturerbestätte

1 Aachener Dom
2 Speyerer Dom
34 3 Würzburger Residenz und Hofgarten
43 Schleswig-­
Holstein 26 4 Wallfahrtskirche „Die Wies“
33 Mecklenburg-
5 Schlösser Augustusburg und Falkenlust
8 in Brühl
26 Vorpommern
6 Dom und Michaeliskirche in Hildesheim
Bremen 33 40 34 7 Römische Baudenkmäler, Dom und
Hamburg Liebfrauenkirche von Trier
28 34 8 Hansestadt Lübeck
Niedersachsen
22 Berlin 9 Schlösser und Parks von Potsdam
Sachsen-
6 Anhalt 9 32 und Berlin
10 Kloster Lorsch
35 23 Brandenburg 11 Bergwerk Rammelsberg, Altstadt
18 19 11 14 von Goslar und Oberharzer
Nordrhein-­ 39
25 Westfalen 19 29 Wasserwirtschaft
34 12 Altstadt von Bamberg
34 38 44 13 Klosteranlage Maulbronn
17 21 18 20 Sachsen
1 14 Stiftskirche, Schloss und
5 Hessen Thüringen Altstadt von Quedlinburg
15 Völklinger Hütte
27 16 Grube Messel
16
Rheinland-­ 12 37 17 Kölner Dom
7 Pfalz 10 3 18 Das Bauhaus und seine Stätten in Weimar
Saarland 30 und Dessau
15 2 Bayern 19 Luthergedenkstätten in Eisleben und
13 31 Wittenberg
41 20 Klassisches Weimar
Baden-­
Württemberg 21 Wartburg
42 22 Museumsinsel Berlin
36 4 23 Gartenreich Dessau-Wörlitz
24 24 Klosterinsel Reichenau
25 Industriekomplex Zeche Zollverein
in Essen
26 Altstädte von Stralsund und Wismar
27 Oberes Mittelrheintal
28 Rathaus und Roland in Bremen
Limes
29 Muskauer Park
Das Kastell Saalburg 30 Grenzen des Römischen Reiches:
des römischen Grenzwalls Obergermanisch-raetischer Limes
31 Altstadt von Regensburg mit Stadtamhof
in Hessen wurde rekons­
32 Siedlungen der Berliner Moderne
truiert. 33 Wattenmeer
34 Alte Buchenwälder Deutschlands
35 Fagus-Werk in Alfeld
36 Prähistorische Pfahlbauten, Alpen
Buchenwälder
37 Markgräfliches Opernhaus Bayreuth
Fünf Buchenwaldge- 38 Bergpark Wilhelmshöhe
biete in Deutschland 39 Karolingisches Westwerk und
Civitas Corvey
zählen zum Welterbe
40 Hamburger Speicherstadt und
der UNESCO. Kontorhausviertel mit Chilehaus
41 Das architektonische Werk von
Le Corbusier (Weissenhofsiedlung
in Stuttgart)
42 Höhlen und Eiszeitkunst der
Schwäbischen Alb
43 Wikingerstätten Haithabu und Danewerk
44 Naumburger Dom

2.000 550 km 10.000 1.073


Fachwerkbauten Länge Limes Tier- und Pflanzenarten Unesco-Welterbestätten
Quedlinburg im Wattenmeer weltweit
152 | 153 K U LT U R & M E D I E N

THEMA

ATTRAKTIVE SPRACHE
Deutsch gehört zu den rund 15 germanischen schen liegt in der starken Ökonomie begrün-
Sprachen, einem Zweig der indogermani- det, die der Sprache eine hohe Attraktivität
schen Sprachfamilie. Knapp 130 Millionen verleiht. Sie bildet die Basis einer aktiven
Menschen in Deutschland, Österreich, der Sprachverbreitungspolitik, die Sprachlehr­
Schweiz, Luxemburg, Belgien, Liechtenstein einrichtungen im In- und Ausland unterstützt,
und Südtirol (Italien) sprechen Deutsch als Stipendien bereitstellt oder Studienangebote
Muttersprache oder als regelmäßig benutzte für international mobil Studierende anbietet.
Zweitsprache. Es ist damit die am häufigsten Dies zeigt das deutlich steigende Interesse an
gesprochene Muttersprache in der Europäi- Deutsch speziell in den neuen Gestaltungs-
schen Union und eine der zehn am meisten mächten China, Indien und Brasilien sowie
gesprochenen Sprachen. Die 2015 veröffent- allgemein die Zuwächse aus dem asiatischen
lichte Studie „Deutsch als Fremdsprache welt­ Raum, in dem sich die Nachfrage seit 2010 teil-
weit“ spricht von 15,4 Millionen Menschen, weise vervierfacht hat.
die aktuell Deutsch als Fremdsprache lernen.
Wie viele Menschen weltweit Deutsch als Wichtige Institutionen des Deutschlernens
Fremdsprache tatsächlich sprechen, kann mit sind die 140 Deutschen Auslandsschulen sowie
etwa 100 Millionen nur grob beziffert werden. die fast 2.000 Schulen mit verstärktem
Deutschunterricht, die in die Partnerschul­
Ein Grund für die gemessen an der Sprecher- initiative des Auswärtigen Amts „Schulen: Part-
zahl überproportionale Bedeutung des Deut- ner der Zukunft“ (PASCH) einbezogen sind. An
den Sprachkursen des Goethe-Instituts, das in
mehr als 90 Ländern Deutsch als Fremdsprache
und Sprachprüfungen anbietet, nahmen im
ZAHL
Jahr 2016 rund 278.000 Menschen teil. Mit kos-

16 tenfreien E-Learning-Angeboten, Videos, Au-


dios und Material zum Ausdrucken bietet die
Deutsche Welle Online-Deutschkurse für An-
größere Dialektverbände gibt es in
fänger und Fortgeschrittene an.
Deutschland, dazu gehören beispiels-
weise Bairisch, Alemannisch, Westfä-
lisch, Brandenburgisch und Nordnieder- Die Relevanz der deutschen Sprache als inter-
deutsch. Die regionalen Unterschiede nationale Wissenschaftssprache lässt hingegen
in der gesprochenen Sprache sind ziem- tendenziell nach. In den Naturwissenschaften
lich groß; allgemein verlieren Dialekte
wird der globale Publikationsanteil von
jedoch an Bedeutung.
Deutsch von bibliografischen Datenbanken mit
Die deutsche Sprache ist die am häufigsten gesprochene Muttersprache in der Europäischen Union

einem Prozent ausgewiesen. Über eine größere wichtige Rolle. Bei den meistgenutzten Spra-
und traditionelle Bedeutung als Wissenschafts- chen im Netz nach Anteil der Websites liegt
sprache verfügt Deutsch in den geistes- und Deutsch mit großem Abstand zu Englisch, aber
sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Nicht- nur knapp hinter Russisch auf Rang drei.
deutschsprachige Wissenschaftler publizieren
allerdings nur noch ausnahmsweise auf Die Globalisierung übt Druck auf alle inter-
Deutsch. Dagegen veröffentlichen deutsch- nationalen Sprachen aus, und Englisch als
sprachige Forscher intensiv auf Englisch, be- Weltsprache wird dadurch deutlich gestärkt.
sonders in den Naturwissenschaften. Im Inter- Dennoch wird Deutsch weiterhin eine wich-
net hingegen spielt die deutsche Sprache eine tige internationale Sprache bleiben.
154 | 155 LEBENSART

LEBENSART
Land der Vielfalt ∙ Urbane Lebensqualität ∙ Nachhaltiger Tourismus ∙
Sportliche Herausforderungen ∙ Sehenswertes Berlin ∙ Entspanntes Genießen

EINBLICK

LAND DER VIELFALT


Naturliebe und Stadtbegeisterung, gesunde Einwohnern ist Deutschland das bevölke­
Ernährung und Gourmetrestaurants, Tra­ rungsreichste Land der EU und eines der am
ditionsbewusstsein und Weltoffenheit – dichtesten besiedelten Länder; rund 77 Pro­
Deutschland ist mit 357.000 Quadratkilome­ zent der Einwohner leben in dicht und mittel­
tern nach Frankreich, Spanien und Schweden stark besiedelten Gebieten. Rund 30 Prozent
das viertgrößte Land der Europäischen Union der Bevölkerung haben ihr Domizil in Groß­
(EU). Von der Nord- und Ostsee bis zu den Al­ städten mit mehr als 100.000 Einwohnern,
pen im Süden gliedert sich Deutschland geo­ von denen es in Deutschland 80 gibt; in Mün­
grafisch abwechslungsreich in das Norddeut­ chen sind 4.713 Menschen auf einem Qua­
sche Tiefland, die Mittelgebirgsschwelle, das dratkilometer zu Hause, in Berlin 4.012. Ex­
Südwestdeutsche Mittelgebirgsstufenland, perten sehen in der Renaissance der Städte
das Süddeutsche Alpenvorland und die Baye­ eine anhaltende Entwicklung für Wachstum
rischen Alpen. Von Norden nach Süden be­ und Innovation und prognostizieren für 2030
trägt die längste Distanz 876 Kilometer, von stark steigende Einwohnerzahlen für Groß­
Ost nach West 640 Kilometer. städte – mit erheblichen Folgen für den Woh­
nungsmarkt, die innerstädtische Mobilität
Deutschland gehört zu den Ländern mit dem und die Infrastruktur. Speziell die Alters­
höchsten Lebensstandard der Welt. Der Hu­ gruppe der 18- bis 24-Jährigen zeigt eine hohe
man Development Index (HDI) 2016 der Ver­ Bereitschaft, in die Städte zu ziehen. Mit der
einten Nationen platziert Deutschland auf Urbanisierung liegt Deutschland im globalen
Platz 4 von 188 Ländern. Mit 82,6 Millionen Trend. Auch für Touristen haben die Städte
VIDEO AR-APP

Lebenswertes Deutschland: das Video


zum Thema → tued.net/de/vid8

Sylt, die viertgrößte deutsche Insel, bietet entlang der Nordseeküste kilometerlange Sandstrände
156 | 157 LEBENSART

große Anziehungskraft – gerade Berlin ent­ tarier bezeichnen; 1,3 Millionen leben nach
wickelt einen speziellen Magnetismus und er­ eigener Aussage vegan. Trotzdem kommt der
zielt immer neue Besucherrekorde. Im euro­ Genuss nicht zu kurz. Dafür stehen die 300
päischen Vergleich liegt die 3,7-Millionen-­ Restaurants in Deutschland, die im Guide
Metropole bei den absoluten Übernachtungs­ Michelin 2018 einen oder mehrere Sterne
zahlen auf Platz drei nach London und Paris. tragen – so viele wie nie zuvor.

Der Sehnsucht nach Stadtleben steht zu­


gleich aber ein Bedürfnis nach Regionalität
gegenüber – vor allem bei der Ernährung. Die
ökologische Lebensmittelwirtschaft hat ei­ NETZ
nen festen Platz in der deutschen Agrarwirt­ Destatis
schaft und setzt mit Bioprodukten jährlich Daten, Fakten und Studien der amt-
rund 10 Milliarden Euro um. 29.174 Biohöfe, lichen Statistik, erstellt vom Statistischen
knapp zehn Prozent der Landwirtschaftsbe­ Bundesamt in Wiesbaden
→ destatis.de
triebe, bewirtschaften 7,1 Prozent der land­
wirtschaftlichen Fläche. Die Bioprodukte
OECD
werden gestützt von Zertifizierungen – rund Vergleich der materiellen Lebensbedin-
75.000 Produkte tragen das deutsche staat­ gungen und der Lebensqualität in 38
liche Biosiegel –, einem starken Verbraucher­ Staaten, auf Basis des Better Life Index
schutz und einer umfassenden Kennzeich­ der Organisation für wirtschaftliche Zu-
sammenarbeit und Entwicklung (OECD)
nungspflicht. 2016 gab es in Deutschland
→ oecdbetterlifeindex.org
­etwa 8 Millionen Personen, die sich als Vege­

Frankfurt am Main, die Stadt der Europäischen Zentralbank (EZB), bietet als einzige deutsche Metropole eine Skyline
KOMPAKT

AKTEURE & INSTRUMENTE


Deutsche Zentrale für Tourismus
Seit über 60 Jahren wirbt die Deutsche Zentrale
für Tourismus (DZT) im Auftrag der Bundesre-
gierung für das Reiseland Deutschland im Aus-
land. 2018 stellt die DZT im Themenjahr „Ku-
linarisches Deutschland“ Gastfreundschaft und
Esskultur in den Mittelpunkt. Das Themenjahr
2019 steht im Zeichen von „100 Jahre Bauhaus“.
→ germany.travel
Deutsches Weininstitut
Deutscher Olympischer Sportbund Das Deutsche Weininstitut (DWI) ist die Kom-
Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) munikations- und Marketingorganisation der
ist die Dachorganisation des deutschen Sports. deutschen Weinwirtschaft. Kernaufgabe des In-
Der DOSB zählt mehr als 27 Millionen Mitglie- stituts ist es, die Qualität und den Absatz des
der in rund 91.000 Sportvereinen. deutschen Weins zu fördern.
→ dosb.de → deutscheweine.de

Deutscher Fußball-Bund Gut leben in Deutschland


Mit über 7 Millionen Mitgliedern ist der Deut- Die Bundesregierung hat 2015 mit den Men-
sche Fußball-Bund (DFB) der größte nationale schen in Deutschland einen Dialog über ihr Ver-
Sport-Fachverband der Welt – und der einzige ständnis von Lebensqualität geführt. Daraus er-
Fußballverband, bei dem sowohl die Frauen als gaben sich 46 Indikatoren für Lebensqualität,
auch die Männer Weltmeister wurden. die fortlaufend aktualisiert werden und „gutes
→ dfb.de Leben“ messbar machen.
→ gut-leben-in-deutschland.de
Internationale Sportförderung
Seit 1961 ist die Internationale Sportförde-
rung des Auswärtigen Amts Teil der Auswär- DIGITAL PLUS
tigen Kultur- und Bildungspolitik. In über Mehr Informationen zu allen Themen
100 Ländern wurden bisher 1.400 Projekte des Kapitels – kommentierte Linklisten
und Beiträge; dazu weiter­f ührende
umgesetzt. Gefördert wird vor allem der
­Informationen zu Begriffen wie
Frauen-, Behinderten- und Jugendsport, um ­D eutsche Küche, Weine aus Deutschland, Bauhaus­
zur Integration beizutragen. architektur, Wellnessurlaub in Deutschland.
→ dosb.de/sportentwicklung/internationales → tued.net/de/dig8
158 | 159 LEBENSART

THEMA

URBANE LEBENSQUALITÄT
Gute Arbeitsplätze, saubere Umwelt, geringe eigentumsquote in Europa an vorletzter Stelle.
Kriminalität, viele Freizeit- und Kulturange­ 45 Prozent der Haushalte wohnen in den eige­
bote, gute Verkehrsverbindungen: diese Eigen­ nen vier Wänden. Die Mehrheit zahlt Miete.
schaften werden deutschen Städten häufig be­ Knapp 14 Prozent der Menschen sehen die
scheinigt. In einer 2018 veröffentlichten Studie Wohnkosten als „starke finanzielle Belastung“.
des amerikanischen Beratungsunternehmens 27 Prozent der Monatseinkünfte entfallen im
Mercer zur Bewertung der Lebensqualität in Durchschnitt auf Ausgaben fürs Wohnen. Die
231 Großstädten sind sieben deutsche Städte in Bundesregierung hat daher eine Mietpreis­
den Top 30. Mit München (Rang 3), Düsseldorf bremse auf den Weg gebracht, die in Gegenden
(6) und Frankfurt a. M. (7) kamen sogar drei mit angespanntem Wohnungsmarkt die sozia­
Städte unter die besten zehn. Berlin (13), Ham­ le Vielfalt bewahren soll. Sie sieht vor, dass die
burg (19), Nürnberg (23) und Stuttgart (28) sind Miete bei einem Mieterwechsel nur noch um
ebenfalls auf Spitzenplätzen. In Deutschland höchstens zehn Prozent teurer ist als eine ver­
gibt es 80 Großstädte (mehr als 100.000 Ein­ gleichbare Wohnung – doch es gibt Ausnah­
wohner) und 614 Mittelstädte zwischen 20.000 men. 2018 hat die Bundesregierung im Rah­
und 99.999 Einwohner; 75,5 Prozent der Men­ men einer „Wohnraumoffensive“ den Bau von
schen leben bereits in Städten. 1,5 Millionen neuen Wohnungen und Eigen­
heimen als Ziel gesetzt und zwei Milliarden
Die Nachfrage nach urbanem Wohnraum hat Euro für sozialen Wohnungsbau bereitgestellt.
zu einem starken Anstieg der Mietpreise bei Außerdem erhalten Familien einen staat­
Neuvermietungen sowie der Immobilienprei­ lichen Zuschuss – sogenanntes Baukinder­
se geführt. Deutschland liegt bei der Wohn­ geld – zum Erwerb von Wohneigentum.

DIAGRAMM Konsumausgaben privater Haushalte in Deutschland

So wohnen die Deutschen


Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutsch-
23 % 35 %
Sonstige Wohnen, Energie,
land wohnt zur Miete, nicht im eigenen Heim. Wohnungs­
66 Prozent aller Wohngebäude sind Einfamili- instandhaltung
enhäuser, nur 6 Prozent sind größere Gebäude 4 %
Bekleidung,
mit sieben und mehr Wohnungen. 35 Prozent
14 %
Statistisches Bundesamt 2017

der Wohnungen und Häuser haben 100 m2 und Schuhe


Verkehr
mehr Fläche, nur 5,5 Prozent der Wohnungen
sind kleiner als 40 m2. 10 % 14 %
Freizeit, Nahrungsmittel,
Unterhaltung, Kultur Getränke, Tabakwaren
Urbane Lebensqualität ist der Wunsch vieler, daher steigen auch die Mieten in den Städten

Anteil der Stadtbevölkerung Wohnungen in Deutschland nach Anzahl der Räume

Deutschland 75,5 %
Weltbank, Statist. Ämter des Bundes und der Länder 2017

25,4  % 40,3  %
USA 81,8 % 4 Räume 5 und mehr
Räume
Kanada 82,0 %
Großbritannien 82,8 % 3,3  %
1 Raum
Australien 89,6 % 21,7  %
9,2  %
3 Räume
2 Räume
160 | 161 LEBENSART

THEMA

NACHHALTIGER TOURISMUS
Die Deutschen verreisen gern. Auch und gnostizieren einen Anstieg auf 121,5 Millio­
­gerade im eigenen Land. Immerhin stehen nen bis 2030. Schon unmittelbar mit der
Alpen, Küste, Seenplatte, Naturparks, Fluss­ deutschen Wiedervereinigung 1990 hat der
täler schon seit Jahren auf Platz eins der positive Trend zum Deutschland-Tourismus
­Reiseziele. Eine Leidenschaft für die Vielfalt eingesetzt und seither zu einem kontinuier­
der Landschaften, für die Sightseeing-, Sport- lichen Anstieg der Übernachtungszahlen
und Erholungsoptionen, die man längst von ausländischen Gästen um rund 88 Pro­
mit einem stetig wachsenden Besucher- zent geführt. Gut 75 Prozent aller ausländi­
und Touristenstrom aus dem Ausland teilt. schen Gäste kommen aus Europa, vor allem
Seit Jahren gewinnt Deutschland als Touris­ aus den Niederlanden, der Schweiz, Groß­
musdestination an Beliebtheit. britannien und Italien. Aus den USA kom­
men 7,5 Prozent.
Die Zahl der Übernachtungen ist im Jahr
2017 auf 459 Millionen gestiegen; 83,9 Mil­ Zugleich wächst die Zahl der Besucher aus
lionen (18,2 Prozent) entfielen auf Über­ Asien und aus Afrika. Ihr Marktanteil
nachtungen von Gästen aus dem Ausland – wuchs von 2015 bis 2016 jeweils um rund
ein Rekordwert. Tourismusexperten pro­ 8  Prozent. In Europa belegt Deutschland
seit 2010 den zweiten Platz unter den be­
liebtesten Reisezielen der Europäer – nach
Spanien und vor Frankreich. Die saisonale
LISTE
­Verteilung zeigt Spitzenwerte von Juni bis
Oktober als Hauptreisezeit, die regionale
∙ Größter Flughafen: Frankfurt a. M.
Verteilung Höchstwerte für Bayern, Berlin
∙ Größter Bahnhof: Leipzig und Baden-Württemberg. Für jüngere
L eute zwischen 15 und 34 Jahren ist
­
∙ Größter Hafen: Hamburg Deutschland als Reiseland attraktiv: Sie
tragen zur positiven Entwicklung des
∙ Größtes Messegelände: Hannover
­Tourismus besonders bei.
∙ Größter Kurort: Wiesbaden
Erfolgreicher Standort für Messen
∙ Größtes Volksfest: Oktoberfest und Kongresse

∙ Größter Freizeitpark:
Im Jahr 2017 konnte Deutschland zum 13.
Europa-Park, Rust
Mal in Folge seine Position als Tagungs- und
Reizvolles Alpenpanorama: Die vielen ausländischen Touristen, die nach Bayern kommen, schätzen die Idylle

Kongressstandort Nummer eins in Europa berg und Stuttgart sind für ausländische Gäs­
behaupten. Im internationalen Ranking der te attraktiv – vor allem Berlin. Über 31 Mil­
Kongressstandorte belegt Deutschland Platz lionen Übernachtungen und 12,7 Millionen
zwei hinter den USA. Zu Messen nach Gäste zählte die Hauptstadt 2016. Bei den
Deutschland, das als wichtigster Messeplatz ­absoluten Übernachtungszahlen liegt Berlin
weltweit gilt, kamen 2016 rund 113.000 in­ in Europa nach London und Paris auf dem
ternationale Aussteller und 3,2 Millionen in­ dritten Platz.
ternationale Gäste zu Messen in Deutschland.
Besonders die „Magic Cities“ Berlin, Dresden, Zu den touristischen Publikumsmagneten
Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg, zählen, laut einer Erhebung der Deutschen
Hannover, Köln, Leipzig, München, Nürn­ Zentrale für Tourismus (DZT) unter interna­
162 | 163 LEBENSART

tionalen Besuchern, Klassiker wie das Schloss rama. Dazu kommen mehr als 200 gut aus­
Neuschwanstein und der Kölner Dom. Be­ gebaute Radfernwege über 70.000 Kilome­
liebt sind auch die zahlreichen UNESCO- ter, wie etwa der Europaradweg Eiserner
Welt­erbestätten, darunter das Schloss Sans­ Vorhang (1.131 Kilometer) oder der 818 Kilo­
souci in Potsdam oder die Klassikerstadt meter lange Deutsche Limes-Radweg. Wer
Weimar. Zudem locken Events wie das preisgünstig übernachten möchte, findet
Münchner Oktoberfest, das größte Volksfest zum Beispiel in einer der 500 Jugendherber­
der Welt mit rund 6,2 Millionen Besuchern. gen, davon 130 Familien-Jugendherbergen,
Auch ein Fußballstadion gehört auf die Liste oder auf einem der 2.919 Campingplätze
der Touristenmagneten: die Allianz Arena, ausreichend Gelegenheiten.
ein Meisterwerk der Schweizer Architekten
Herzog & de Meuron und Spielstätte des FC Wohlfühlurlaub und
Bayern München. umweltfreundliches Reisen

Überhaupt die Bewegung. Wie die Kultur Wellness ist ein großes Thema im Reiseland
trägt auch sie einen großen Teil zur Anzie­ Deutschland. Dazu gehören so ungewöhnli­
hungskraft bei. Allein das rund 200.000 Ki­ che Angebote wie die Flusssauna in der Em­
lometer lange markierte Wanderwegenetz ser Therme, aber auch die zahlreichen Wohl­
bietet extrem gute Bedingungen und herr­ fühllandschaften der Kurorte und Heilbäder
liche Aussichten, etwa bei Touren durch die wie Bad Wörishofen oder Bad Oeynhausen
Nationalparks oder vor dem Alpenpano­ mit seiner Gründerzeitarchitektur. Insge­
samt gibt es in Deutschland über 350 Heil­
bäder und Kur­orte, die ein vom Deutschen
Heil­bäder ­verband anerkanntes Prädikat
INFO
führen. Auch die Qualität der medizinischen
Klima In Deutschland herrscht ein
Behandlung und Rehabilitation führt zahl­
warm-gemäßigtes Regenklima mit
westlichen Winden vor. Große Tempe-
reiche Gäste nach Deutschland.
raturschwankungen sind selten. Nieder-
schläge fallen das ganze Jahr über. Mil- Dabei sorgen die Reisenden immer häufiger
de Winter (­ 2 °C bis –6 °C) und nicht zu nicht nur für das eigene Wohlbefinden, son­
heiße ­Sommer (18 °C bis 20 °C) sind die dern achten auch auf das der Umwelt. In
Regel. Die Jahresmitteltemperatur 2014
Deutschland wächst die Nachfrage nach
erreichte mit 10,3 °C einen Rekordwert
und lag 2,1 Grad über dem vieljährigen Ökotourismus und nachhaltigem Reisen.
Mittelwert von 8,2 °C der internationa- Biohöfe bieten Urlaubszimmer an, es gibt 104
len Referenzperiode 1961 bis 1990. Naturparks und 17 Biosphärenreservate, in
2014 war 0,4 Grad wärmer als die bis- denen nachhaltige Entwicklung und Arten­
lang wärmsten Jahre 2000 und 2007.
vielfalt großgeschrieben werden. Damit jeder
→ dwd.de
sich im Reiseland Deutschland gut bewegen
KARTE
Reisen in Deutschland
Die Top-Reiseziele
Die elf „Magic Cities“ haben einen
Marktanteil von rund 43 Prozent an allen
Übernachtungen von ausländischen Gästen
Hamburg
in Deutschland. Berlin liegt dabei deutlich
Miniaturwunderland vor München, Frankfurt a. M. und Ham-
burg. 56 Prozent der Ausländerübernach-
Berlin tungen finden in Städten mit über 100.000
Hannover
Einwohnern statt.

Leipzig Die wichtigsten Airports


Düsseldorf
Dresden Die drei größten Flughäfen in Deutsch­-
Köln
land sind der Flughafen Frankfurt mit
64,5 Millionen Passagieren, München mit
Frankfurt a. M.
44,6 Millionen und Düsseldorf mit
24,5 Millionen im Jahr 2017.
Nürnberg
Die beliebtesten Sehenswürdigkeiten
Stuttgart
Nach einer Umfrage der Deutschen
Europa-Park München ­Zentrale für Tourismus waren 2017 das
­Miniaturwunderland in Hamburg,
der ­Europa-Park in Rust und Schloss
Schloss Neuschwanstein Neuschwanstein die drei beliebtesten
­Reiseziele ausländischer Touristen.

kann, sorgen viele Initiativen dafür, das Rei­ turstädte wie Dresden oder Weimar und Ost­
sen uneingeschränkt auch für Menschen mit seebäder wie Binz auf Rügen ziehen Touris­
Handicap barrierefrei zu ermöglichen. ten aus Deutschland und dem Ausland an.
Die Zahl der Übernachtungen in den neuen
Attraktive touristische Angebote Ländern hat sich seit 1993 bis heute mehr als
in den neuen Ländern verdoppelt. Bei Urlaubsreisen ab fünf Tagen
lag Mecklenburg-Vorpommern im Nordos­
Die fünf neuen Länder spielen beim Touris­ ten 2017 mit einem Marktanteil von 5,1 Pro­
mus eine starke Rolle. Für viele Regionen im zent knapp vor dem alten Bundesland Bayern
Osten Deutschlands erwies sich nach der im Süden mit 4,9 Prozent. Egal wie viel man
Wiedervereinigung der Tourismus als Chan­ schon gesehen hat – es gibt immer noch mehr
ce, wirtschaftlich Fuß zu fassen. Landschaf­ zu entdecken, zu erleben, zu feiern und zu be­
ten wie der Spreewald, traditionsreiche Kul­ staunen im Reiseland Deutschland.
164 | 165 LEBENSART

THEMA

SPORTLICHE HERAUSFORDERUNGEN
Deutschland ist ein sportbegeistertes Land einem Sportverein sind. Trotzdem ist die
und eine erfolgreiche Sportnation. Im ewigen Gruppe der Menschen mit Migrationshinter­
Medaillenspiegel der Olympischen Spiele grund im organisierten Sport noch zu wenig
liegt Deutschland mit 1.757 Medaillen (Stand vertreten.
2018) auf Platz drei hinter den USA und der
Russischen Föderation. Rund 28 Millionen Das Programm „Integration durch Sport“
Menschen in Deutschland sind Mitglied in ei­ des Deutschen Olympischen Sportbunds
nem der rund 91.000 Sportvereine. Die Ver­ (DOSB) betrachtet Zuwanderung als Berei­
eine übernehmen neben den sportlichen cherung für die deutsche Sportlandschaft.
Aufgaben wichtige gesellschaftliche und par­ Ein Schwerpunkt der Programmarbeit liegt
tizipative Funktionen. Vor allem in der Ju­ auf bislang im Sport unterrepräsentierten
gend­arbeit und der Integration vermitteln sie Gruppen, wie zum Beispiel Mädchen und
Werte wie Fairplay, Teamgeist und Toleranz. Frauen. Gemeinsam mit der Bundesliga-Stif­
Aufgrund der steigenden Internationalisie­ tung und dem Deutschen Fußball-Bund
rung der Bevölkerung gewinnen die Leistun­ (DFB) hat auch die Bundesregierung eine In­
gen der Sportvereine mit Blick auf die In­ tegrationsinitiative gestartet. Unterstützt
tegration von Migrantinnen und Migranten werden Projekte zur Integration von Flücht­
zunehmend an Bedeutung. Rund 60.700 Ver­ lingen im Sport. Das von der deutschen Fuß­
eine haben Mitglieder mit Migrationshinter­ ball-Nationalmannschaft unterstützte Pro­
grund in ihren Teams. Insgesamt ist davon jekt „1:0 für ein Willkommen“ und die Wei­
auszugehen, dass rund 1,7 Millionen Men­ terführung „2:0 für ein Willkommen“ hat
schen mit Migrationshintergrund Mitglied in seit 2015 rund 3.400 Vereine bei ihrer eh­

WEGMARKEN

1954
Deutschland wird in der Schweiz
1972
Die Olympischen Sommerspiele
1988
Steffi Graf erreicht als erste
zum ersten Mal Fußball-Welt- in München werden überschattet ­Tennisspielerin den sogenannten
meister (3:2 im Finale gegen von der Geiselnahme und Golden Slam, den Gewinn aller
­Ungarn). Das „Wunder von Bern“ ­Ermordung israelischer Athleten vier Grand-Slam-Turniere plus
wird für das Nachkriegsdeutsch- durch palästinensische Ter­ der olympischen Goldmedaille
land zum dauerhaften Symbol. roristen. ­innerhalb eines Kalenderjahres.
Bei den Paralympics 2018 in Pyeongchang gewann Monoskifahrerin Anna Schaffelhuber zwei Goldmedaillen

2006
Die FIFA-Fußballweltmeister-
2014
Die deutsche Fußballnational-
2018
Die Eiskunstläufer Aljona
schaft unter dem Motto „Die mannschaft wird nach einem ­Savchenko und Bruno Massot
Welt zu Gast bei Freunden“ wird starken Turnier in Brasilien erneut ­gewinnen für Deutschland
zum unvergesslichen „Sommer­ Weltmeister (1:0 im Finale gegen ­sowohl Olympia-Gold als auch
märchen“, das Deutschland Argentinien). Es ist Deutschlands die Weltmeisterschaft im
­international viele Sympathien vierter WM-Titel seit 1954. Paarlauf – jeweils mit einem
bringt. Weltrekord in der Kür.
166 | 167 LEBENSART

renamtlichen Arbeit mit Flüchtlingen finan­ wachs. Zwischen 2001 und 2015 hat sich die
ziell gefördert. Mitgliederzahl in den Vereinen mehr als ver­
doppelt. 2017 waren knapp 85.000 Männer
Der DOSB ist eine Dachorganisation des und Frauen im Triathlon aktiv.
deutschen Sports und versteht sich als die
größte Bürgerbewegung Deutschlands. Er Die größte Strahlkraft des deutschen Sports
fördert den Spitzen- und den Breitensport. geht von der Bundesliga, der höchsten Spiel­
Mehr als 20.000 der 91.000 Sportvereine, die klasse im deutschen Fußball, aus. Sie gilt in­
er vertritt, wurden seit der Wiedervereini­ ternational als eine der stärksten Ligen. Allein
gung Deutschlands 1990 gegründet. Dem zu den 306 Paarungen der 18 Bundesliga-­
DOSB gehört, als einer von 98 Mitgliedsorga­ Teams kamen in der Saison 2016/2017 rund
nisationen, auch der im Jahr 1900 gegründete 12,7 Millionen Zuschauer in die Stadien, das
Deutsche Fußball-Bund an. Mit sieben Mil­ entspricht einem Schnitt von 41.500 Zuschau­
lionen Mitgliedern in 25.000 Fußballverei­ ern je Spiel. Das Maß aller Dinge im deutschen
nen hat der DFB aktuell den bisherigen Vereinsfußball ist der FC Bayern München. Im
Höchststand in seiner Geschichte erreicht April 2018 feierte der Club den Gewinn der
und ist der größte nationale Sportfachver­ 28.  Deutschen Meisterschaft; außerdem hat
band der Welt. der FC Bayern zum 18. Mal den DFB-Pokal
gewonnen,
­ 2001 und 2013 zudem die
Neben Sportklettern, Modernem Fünf­ UEFA-Champions-League.
­ Mit mehr als
kampf und Boxsport ist Triathlon eine der 290.000 Mitgliedern ist er weltweit der Verein
Sportarten mit dem größten Mitgliederzu­ mit den meisten Mitgliedern.

Mehr als 63.000 Läufer: Die J.P. Morgan Corporate Challenge in Frankfurt ist der weltweit größte Event seiner Art
Die deutsche Fußballnationalmannschaft GLOBAL
der Männer, vierfacher Weltmeister und drei­
Anti-Doping-Initiativen Mit Gründung
facher Europameister, ist das Flaggschiff des der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA)
deutschen Fußballs. Seit dem Gewinn der im Jahr 1999 und dem Bekenntnis
FIFA­-Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasi­ aller Stakeholder zur Null-Toleranz-­
lien steht Deutschland mit an der Spitze der Politik gegenüber Doping entstand das
FIFA-Weltrangliste. Die Mannschaft von Team­ ­Bedürfnis nach einem einheitlichen,
weltweit gültigen Regelwerk. Dies wurde
chef Joachim Löw gilt als taktisch flexibel und
mit dem Welt-Anti-Doping-Code
steht für eine moderne Interpretation des (WADC) 2003 zum ersten Mal umge-
Spiels. Im Kader der Nationalelf sind zahlreiche setzt und 2015 aktualisiert.
Spieler mit Migrationshintergrund wie Jérôme Eine neue Fassung soll
Boateng, Sami Khedira oder Mesut Özil. am 1. Januar 2021 in Kraft
treten.
→ wada-ama.org
Sportliche Anerkennung und Erfolge in
unterschiedlichen Disziplinen

Neben Fußball sind Turnen, Tennis, Sport­


schießen, Leichtathletik, Handball und Rei­ schen Spielen mit mittlerweile 1.871 Medail­
ten Sportarten mit hohem Zuspruch. Aber len (2018) überdurchschnittlich erfolgreich.
auch andere Sportveranstaltungen sind er­
folgreich. So der J. P. Morgan Corporate Chal­ Die Internationale Sportförderung des Aus­
lenge in Frankfurt am Main. Der Firmen- und wärtigen Amts ist fester Bestandteil der Aus­
Benefizlauf gilt mit über 63.000 Teilnehmern wärtigen Kultur- und Bildungspolitik und
aus mehr als 2.419 Unternehmen als welt­ hat bislang schon in über 100 Ländern mehr
größte Veranstaltung dieser Art. als 1.400 Kurz- und Langzeitprojekte in un­
terschiedlichen Sportarten umgesetzt. Nur
Die sportliche Bilanz fällt in vielerlei Hin­ ein Beispiel ist ein Langzeitprojekt zur Förde­
sicht positiv aus. Anerkennung dafür ge­ rung des Frauenfußballs in Uruguay, das
bührt auch der Stiftung Deutsche Sporthilfe. Trainerinnen ausbildet und Mädchen und
Sie unterstützt rund 4.000 Athletinnen und Frauen eine bessere Teilhabe am Sport, ins­
Athleten aus fast allen olympischen Diszipli­ besondere im Fußball, ermöglicht.
nen, traditionsreichen nichtolympischen
Sportarten sowie dem Behinderten- und Ge­ Auf diesem und auf vielen anderen Wegen ist
hörlosensport. Die Förderung von Aktiven der deutsche Sport unterwegs, um auch als
mit Handicap gehört ebenfalls zu den wichti­ Mittel der Krisenprävention und Völkerver­
gen Aufgaben. Und auch hier sind Sportlerin­ ständigung, Botschafter für mehr Fairness,
nen und Sportler aus Deutschland bei inter­ Toleranz, Integration, friedlichen Wettkampf
nationalen Wettbewerben und Paralympi­ und Leistung zu Hochform aufzulaufen.
168 | 169 LEBENSART

PANORAMA

SEHENSWERTES BERLIN

L C
K Mitte
E
A
J
D B
3
G
6 9
F H I 2 4 8
7
5 10
1
Berliner Bezirke Friedrichshain-
A. Mitte Kreuzberg
B. Friedrichshain-Kreuzberg
C. Pankow
D. Charlottenburg-­
Wilmersdorf
1 Gedächtniskirche
E. Spandau
F. Steglitz-Zehlendorf Das Wahrzeichen der City
G. Tempelhof-Schöneberg West nahe dem Kurfürs-
tendamm ist ein Mahnmal
H. Neukölln
gegen den Krieg.
I. Treptow-Köpenick
J. Marzahn-Hellersdorf 2 Siegessäule

K. Lichtenberg Nach 285 Stufen erreicht


L. Reinickendorf man die Aussichtsplatt-
form und hat einen tollen
Blick auf die Stadt.

3 Reichstag

 ier hat der Deutsche Bun-


H
destag seinen Sitz. Die
Glaskuppel ist ein Magnet
für Besucher.

3.712.000 12.970.000 2.300.000 175


Einwohner Touristen Besucher Museumsinsel Museen und Sammlungen
4 Brandenburger Tor

Das Symbol des wieder-


vereinten Deutschlands
kennt jeder Berlin-Tourist.

5 Potsdamer Platz

Hier zeigt sich das


moderne Gesicht
Berlins. Der Platz
entstand nach dem
Mauerfall auf einer
gigantischen Brache.
6 Gendarmenmarkt

Einer der schönsten


Plätze in Europa prunkt
mit gleich drei monu-
mentalen Bauten im
klassizistischen Stil.

7 Checkpoint Charlie

Die Mauer ist weg, aber der


einstige militärische Kon-
trollpunkt erinnert weiter an
den Kalten Krieg.
8 Museumsinsel

Die fünf großen Museen


gehören zu Europas besten
Sammlungen. 10 East Side Gallery

Der kunstvoll bemalte Mauer­


rest ist heute die längste
9 Fernsehturm
Open-Air-Galerie der Welt.
am ­Alexanderplatz
Weithin sichtbar ist
der Berliner Fern-
sehturm am „Alex“,
aus der Turmkugel
überblickt man die
ganze Region.

496.471 4.500.000 4.660 402


Berlinale-Besucher Zoo-Besucher Restaurants Bars und Diskotheken
170 | 171 LEBENSART

THEMA

ENTSPANNTES GENIESSEN
Seit Anfang des Jahrtausends erlebt der deut­ ren Weinanbauländern; 2017 lag die Produk­
sche Wein eine internationale Renaissance, tion bei 8,1 Millionen Hektolitern. Der
die eng mit dem Begriff „Rieslingwunder“ Marktanteil von Biowein liegt zwischen 4 und
verknüpft ist und weitgehend von einer jun­ 5 Prozent. Die deutschen Weinanbaugebiete
gen Winzergeneration verkörpert wird, die gehören zu den nördlichsten der Welt. Außer
vor allem auf hohe Qualität statt große Erträ­ Sachsen und Saale-Unstrut liegen sie vor
ge setzt. Die lange Vegetationszeit und die ­a llem im Südwesten und Süden des Landes.
vergleichsweise geringe Sommerhitze ma­ Die drei größten Anbaugebiete sind Rhein­
chen die Weine aus Deutschland filigran und hessen, Pfalz und Baden. Nahezu 140 Reb­
nicht zu alkoholreich. sorten werden angebaut, größere Marktbe­
deutung haben rund zwei Dutzend, allen
Deutsche Weine wachsen in 13 Anbaugebie­ ­voran die Weißweine Riesling und Müller-­
ten, in denen auf rund 102.000 Hektar eine Thurgau. Deutschland erzeugt zu rund 64
große Vielfalt regionaltypischer Weine ausge­ Prozent Weißwein und zu 36 Prozent Rot­
baut werden. Im internationalen Vergleich wein; Spätburgunder und Dornfelder sind
gehört Deutschland mit seiner Rebfläche und hier die wichtigsten Rebsorten.
rund 80.000 Weingütern eher zu den mittle­
Deutschland ist auch ein Land des Bieres. Da­
bei wird deutsches Bier vor allem für seine
teils jahrhundertealte Brautradition der vie­
ZAHL len kleinen Familien- und Klosterbrauereien
geschätzt. Für alle deutschen Biere gilt ohne

300 Ausnahme das absolute Reinheitsgebot, die


älteste lebensmittelrechtliche Vorschrift der
Restaurants in Deutschland, so viele wie Welt aus dem Jahr 1516. Sie besagt, dass außer
niemals zuvor, hat der Guide Michelin Wasser, Hopfen und Malz keine anderen Zuta­
im Jahr 2018 in Deutschland mit einem, ten verwendet werden dürfen. 5.000 bis 6.000
zwei oder sogar drei Sternen ausge-
Biersorten werden in Deutschland hergestellt,
zeichnet. Elf Restaurants wurden in die
Topklasse der drei Sterne aufgenom- die meisten in der Pilsener Brauart; insgesamt
men. Damit behauptet Deutschland ist der Bierkonsum jedoch rückläufig.
­seinen Platz als europäisches Land mit
den meisten 3-Sterne-Adressen nach Die Ernährungsgewohnheiten in Deutsch­
der Gourmetnation Frankreich.
land sind nicht eindeutig zu interpretieren.
→ bookatable.com/de/guide-michelin
Einerseits entwickeln viele Konsumenten ei­
Großstadtflair: In Berlin, aber auch in den anderen deutschen Städten, gibt es eine lebendige Restaurantszene

ne wachsende Sensibilität für den eigenen besten in Europa. Neben der Top-Gastrono­
Körper und auch ein stärkeres Gesundheits­­ mie, dem Crossover-Stil und einer zuneh­
bewusstsein und setzen daher auf ausgewo­ mend vegetarisch und vegan ausgerichteten
gene Ernährungskonzepte. Megatrends wie Küche erleben alte Gemüsesorten wie Pasti­
die Mobilität oder die Individualisierung der naken, Butterrüben und Topinambur eine
Lebensstile nehmen anderseits einen deutli­ Renaissance. Sie sind Säulen des aktuellen
chen Einfluss auf Ess- und Trinkgewohn­ Booms des Gesunden, Saisonalen, Regionalen
heiten. und des Geschmacks von Heimat. Dabei wer­
den die Klassiker von einer jungen Kochszene
Die deutsche Gastronomie gilt als dyna­ interpretiert und mit globalen Einflüssen auf­
misch und vielseitig – und sie zählt zu den gewertet.
172 | 173 TATSACHEN ÜBER DEUTSCHLAND

BILDNACHWEISE

Titel querbeet/Getty Images; S.  83 Oliver Berg/dpa


Anita Back/laif S. 85 Krisztian Bocsi/Bloomberg via Getty Images
S. 3 drbimages/Getty Images S.  89 Uwe Anspach/dpa
S. 4 Westend61/Getty Images S. 90 – 91 Einhorn Solutions
S. 16 Jesco Denzel/Bundesregierung; Steffen Kugler/ S. 95 Wolfgang Stahr/laif; David Fischer/dpa
Bundesregierung; Jörg Carstensen/dpa; S. 96 Andreas Rentz/Getty Images
Bundesverfassungsgericht S.  99 impress picture/ullsteinbild
S.  18 picture-alliance/Bernd von Jutrczenka S.  103 Thomas Ernsting/laif
S.  19 Bundesregierung (19) S. 107 Thomas Koehler/Photothek via Getty Images
S. 20 DB Stiftung Weimarer Klassik/dpa; picture-alliance/arkivi; S.  109 DAAD/Konstantin Gastmann
http://www.jsbach.net/bass/elements/bach-hausmann.jpg. S. 110 – 111 Einhorn Solutions
Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - S. 113 Thomas Trutschel/Photothek via Getty Images
https://commons.wikimedia.org S. 115 Altrendo Images; Thomas Kierok/laif
S.  21 picture-alliance/akg-images; picture-alliance/akg-images/ S.  116 Gregor Hohenberg/laif
Beethovenhaus Bonn; Buddenbrookhaus Lübeck; S.  117 Andrea Enderlein
picture-alliance/akg-images/Erich Lessing; S. 119 Martin Stoever/Bongarts/Getty Images
picture-alliance/dpa; picture-alliance/Thomas Muncke S. 123 Sean Gallup/Getty Images
S. 23 picture-alliance/Daniel Kalker; ullstein bild - Boness/IPON S.  124 Michael Löwa/dpa
S.  24 Steffen Kugler/Bundesregierung/dpa S.  127 picture-alliance/Andreas Franke
S.  25 Soeren Stache/dpa S. 129 Thomas Lohnes/Getty Images
S.  27 Nikada/Getty Images S. 130 – 131 Einhorn Solutions
S. 31 RONNY HARTMANN/AFP/Getty Images S.  133 Boris Roessler/dpa
S.  33 David Baltzer/Zenit/laif S. 135 HILMER & SATTLER und ALBRECHT – Jan Pautzke;
S. 34 – 35 Einhorn Solutions Janetzko/Berlinale 2013
S. 39 Westend 61; Tim Brakemeier/dpa S.  136 Arno Burgi/dpa
S.  40 picture-alliance/Wiktor Dabkowski S.  137 Rainer Jensen/dpa
S.  41 picture-alliance/Kay Nietfeld S.  139 Marko Priske/laif
S.  44 2013 Bundeswehr/Bier S.  141 picture-alliance/abacapress
S.  49 picture-alliance/Photoshot S.  143 picture-alliance/Eventpress Hoensch
S.  51 EPA/VALENTIN FLAURAUD S.  144 picture-alliance/ZUMA Press
S. 54 – 55 Einhorn Solutions S.  147 Malte Christians/dpa
S.  57 Joerg Boethling S.  148 Tim Brakemeier/dpa
S. 59 Ole Spata/dpa; Franz Bischof/laif S. 150 – 151 Einhorn Solutions
S.  60 Frank Rumpenhorst/dpa S.  153 Goethe-Institut/Anastasia Tsayder/dpa
S.  61 Jan Woitas/dpa S. 155 Sabine Lubenow/Getty Images;
S.  63 Jörg Modrow/laif Dagmar Schwelle/laif
S.  65 picture-alliance/Geisler-Fotopress S.  156 Dagmar Schwelle/laif
S. 67 Alexander Koerner/Getty Images S.  157 Daniel Biskup/laif
S. 71 Thomas Köhler/Photothek via Getty Images S.  159 Thomas Linkel/laif
S.  73 The New York Times/Redux/laif S.  161 Christian Kerber/laif
S. 74 – 75 Einhorn Solutions S.  165 picture-alliance/Alexandra Wey/KEYSTONE
S. 77 Ute Grabowsky/Photothek via Getty Images S.  166 Christoph Schmidt/dpa
S. 79 Frank Krahmer/Photographer‘s Choice; Matthias Balk/dpa S. 168 – 169 Einhorn Solutions
S.  80 picture-alliance/Keystone S.  171 Georg Knoll/laif
S.  81 Angelika Warmuth/dpa
REGISTER

A Bundesamt für Migration Deutsche Wissenschafts- und Inno­


Abgeordnete 14 – 17, 22 – 23 und Flüchtlinge 114 – 115 vationshäuser (DWIH) 108 – 109
Alternative für Deutschland Bundesausbildungsförderungsgesetz Deutsche Zentrale für Tourismus
(AfD) 14 – 15, 22 – 25 (BAföG) 98 – 99 (DZT) 154 – 157
Alleinerziehende 122 – 125 Bundesfreiwilligendienst  Deutscher Akademischer
Arbeitslose 76 – 77 114 – 115, 126 – 127 ­Austauschdienst (DAAD) 
Arbeitsmarkt 58 – 61, 76 – 77 Bundeskanzler 14 – 19, 26 – 27 94 – 97, 98 – 99, 106 – 107,
Atomkraft 78 – 81, 84 – 87 Bundesliga 164 – 167 108 – 109, 140 – 141
Auslandshandelskammer (AHK)  Bundesministerien 18 – 19 Deutscher Buchpreis 142 – 145
58 – 61, 62 – 65 Bundespräsident 16 – 19, 26 – 29 Deutscher Filmpreis 142 – 145
Auslandsschulen 112 – 113, 152 – 153 Bundesrat 14 – 17, 26 – 29 Deutscher Fußball-Bund (DFB) 
Auslandsvertretungen 58 – 61 Bundesregierung 16 – 19, 26 – 29 154 – 157, 164 – 167
Außenhandel 62 – 65 Bundestag 14 – 17, 26 – 29 Deutscher Industrie- und Handels-
Außenpolitik 38 – 57 Bundesverband der Deutschen kammertag (DIHK) 58 – 61
Außenwirtschaftspolitik 62 – 65 Industrie (BDI) 58 – 61 Deutscher Kulturrat 134 – 137
Auswanderer 10 – 11 Bundesverfassungsgericht 26 – 29 Deutscher Olympischer Sportbund
Auswärtige Kultur- und Bundesversammlung 16 – 17 (DOSB) 154 – 157, 164 – 167
Bildungspolitik 108 – 109, 140 – 141 Bundeswehr 38 – 41, 42 – 45 Die Linke 14 – 15, 22 – 25
Auswärtiges Amt 38 – 41 Bündnis 90/Die Grünen 14 – 15, Dienstleistungswirtschaft 66 – 69
Automobilindustrie 66 – 69 22 – 25 Digitale Agenda 72 – 73
Diplomatie 38 – 41
Direktinvestitionen 62 – 65
B C Domain 8 – 9
Bachelor 94 – 97 Chemieindustrie 66 – 69 Dresden 6 – 7
Baden-Württemberg 6 – 7 Christlich Demokratische Union Duale Ausbildung 76 – 77
Bayern 6 – 7 (CDU) 14 – 15, 22 – 25 Düsseldorf 6 – 7
Beauftragte der Bundesregierung Christlich-Soziale Union
für Kultur und Medien 134 – 137 (CSU) 14 – 15, 22 – 25
Berlin 6 – 7, 34 – 35, 168 – 169 Corporate Social Responsibility E
Berlinale 142 – 145 (CSR) 70 – 71 Ehrenamt 126 – 127
Berliner Mauer 36 – 37 Einwanderer 
Berufsausbildung 76 – 77 10 – 11, 30 – 31, 114 – 115, 118 – 121
Beschäftigungsquote 76 – 77 D Einwohner 10 – 11, 114 – 115
Bevölkerung 10 – 11 Demografie 10 – 11 Elektromobilität 88 – 89
Bier 170 – 171 Deutsche Demokratische Republik Elektrotechnik- und
Bildung 94 – 97 (DDR) 36 – 37 Elektronikindustrie 66 – 69
Biodiversität 92 – 93 Deutsche Energie-Agentur 78 – 81 Elterngeld 122 – 125
Biosphärenreservate 92 – 93 Deutsche Forschungsgemeinschaft Elternzeit 122 – 125
Blaue Karte EU 118 – 121 (DFG) 94 – 97, 102 – 105, 106 – 107 Elysée-Vertrag 46 – 49
Bologna-Prozess 94 – 97 Deutsche Gesellschaft für Internatio- Energieeffizienz 84 – 87
Brandenburg 6 – 7 nale Zusammenarbeit (GIZ) 78 – 81 Energiewende 30 – 31, 78 – 81, 84 – 87
Bremen 6 – 7 Deutsche Islam Konferenz  Entwicklungszusammenarbeit 56 – 57
Bruttoinlandsprodukt (BIP) 66 – 69 114 – 115, 132 – 133 Erfurt 6 – 7
Bundesadler 8 – 9 Deutsche Sprache 152 – 153 Erinnerungskultur 36 – 37
Bundesagentur für Arbeit 114 – 115 Deutsche Welle 146 – 149 Ernährung 154 – 157
174 | 175 TATSACHEN ÜBER DEUTSCHLAND

Erneuerbare Energien 84 – 87, 88 – 89 Greentech 88 – 89 K


Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG)  Grundgesetz 6 – 9, 28 – 29 Katholische Kirche 132 – 133
84 – 87 Grundschule 112 – 113 Kiel 6 – 7
Europäische Union (EU)  Grundsicherung 128 – 129 Kinder 122 – 125
46 – 49, 58 – 61, 62 – 65 Gymnasium 112 – 113 Kirchensteuer 132 – 133
Evangelische Kirche 132 – 133 Klima 12 – 13
Export 58 – 61, 62 – 65 Klimaschutz 78 – 81, 82 – 83
Exzellenzinitiative 94 – 97 H Kongresse 160 – 163
Hamburg 6 – 7 Kreativwirtschaft 138 – 139
Hannover 6 – 7 Küche 170 – 171
F Hauptschule 112 – 113 Kultur 134 – 137
Fachhochschulen 98 – 99 Hauptstadt 12 – 13 Kulturerhalt-Programm 140 – 141
Fachkräfte 76 – 77 Helmholtz-Gemeinschaft  Kulturstiftung des Bundes 134 – 137
Familie 122 – 125 94 – 97, 102 – 105, 106 – 107 Kunsthochschulen 98 – 99
Fernsehen 146 – 149 Hessen 6 – 7
Filmhochschulen 98 – 99 Hidden Champions 66 – 69
Fläche 12 – 13 Hightech-Strategie  L
Flagge 8 – 9 94 – 97, 102 – 105 Länder 6 – 7
Föderalismus 6 – 7, 26 – 29 Hochschulen 98 – 99 Lebensart 154 – 157
Forschung 102 – 105 Hochschulrektorenkonferenz (HRK)  Lebenserwartung 10 – 11, 114 – 115
Forschung und Entwicklung (FuE)  94 – 97, 98 – 99 Lebensqualität 158 – 159
58 – 61, 66 – 69, 102 – 105 Humboldt-Stiftung  Lebensstandard 154 – 157
Frauenquote 30 – 31, 76 – 77 94 – 97, 98 – 99, 108 – 109 Leibniz-Gemeinschaft 94 – 97,
Fraunhofer-Gesellschaft  102 – 105
94 – 97, 102 – 105 Leopoldina 94 – 97
Freie Demokratische Partei I Literatur 142 – 145
(FDP) 14 – 15, 22 – 25 Import 62 – 65
Freihandelsabkommen 62 – 65 Industrie 4.0 66 – 69, 72 – 73
Friedensmissionen 42 – 45 Industrieverbände  M
Fußball 164 – 167 22 – 25, 66 – 69 Maas, Heiko 14 – 15, 22 – 23, 38 – 41,
Informations- und Kommuni­ 108 – 109
kationstechnik (IKT) 72 – 73 Magdeburg 6 – 7
G Infrastruktur 58 – 61, 72 – 73 Mainz 6 – 7
Gastronomie 170 – 171 Inklusion 122 – 125 Maschinen- und Anlagenbau 66 – 69
Geburtenrate 114 – 115 Innovation 58 – 61 Master 94 – 97
Geografie 12 – 13 Institut für Auslandsbeziehungen (ifa)  Mauerfall 36 – 37
Georg-Büchner-Preis 142 – 145 134 – 137, 140 – 141 Max-Planck-Gesellschaft (MPG) 
Germany Trade and Invest (GTAI)  Integration 118 – 121 94 – 97, 102 – 105
58 – 61, 62 – 65 Internet 146 – 149 Mecklenburg-Vorpommern 6 – 7
Gesamtschule 112 – 113 Islam 132 – 133 Medien 146 – 149
Gesetzgebung 26 – 29 Menschenrechte 50 – 53
Gewerkschaften 22 – 25 Merkel, Angela 14 – 19, 22 – 23
Global Player 66 – 69 J Messen 62 – 65, 160 – 163
Goethe-Institut (GI)  Judentum 132 – 133 Migration 114 – 115, 118 – 121
134 – 137, 140 – 141 Jugendliche 122 – 125 Mindestlohn 30 – 31, 76 – 77
Mittelstand 58 – 61, 66 – 69 R Umweltschutz 78 – 81
München 6 – 7 Radfernwege 160 – 163 Umwelttechnologien 88 – 89
Musikhochschulen 98 – 99 Realschulen 112 – 113 Universität 98 – 101
Reformen 22 – 25
Religion 132 – 133
N Religionsfreiheit 132 – 133 V
Nachhaltigkeit  Rente 30 – 31 Vereinte Nationen (UN) 42 – 45, 50 – 53
56 – 57, 70 – 71, 78 – 81 Rhein 12 – 13
Nationaler Aktionsplan Integration  Rheinland-Pfalz 6 – 7
114 – 115 Riesling 170 – 171 W
Nationalfeiertag 8 – 9 Rundfunk 146 – 149 Wahlen 16 – 17
Nationalhymne 8 – 9 Wahlsystem 16 – 17
Nationalparks 92 – 93 Währung 8 – 9
Nationalsozialismus 36 – 37 S Wanderwege 160 – 163
Neuverschuldung 30 – 31 Saarbrücken 6 – 7 Wein 170 – 171
Niedersachsen 6 – 7 Saarland 6 – 7 Wellness 160 – 163
Nordatlantikpakt-Organisation Sachsen 6 – 7 Welterbestätten 160 – 163
(Nato) 42 – 45 Sachsen-Anhalt 6 – 7 Wiesbaden 6 – 7
Nordrhein-Westfalen 6 – 7 Schleswig-Holstein 6 – 7 Windkraft 84 – 87
Schulsystem 112 – 113 Wirtschaft 58 – 61
Schwerin 6 – 7 Wissenschaft 94 – 97, 102 – 105
O Solarstrom 84 – 87 Wissenschaft Weltoffen 106 – 107
Öffentlich-rechtliche Sender  Solidarpakt 22 – 25 Wohnen 158 – 159
146 – 149 Sozialdemokratische Partei
Oktoberfest 160 – 163 Deutschlands (SPD) 14 – 15, 22 – 25
Olympische Spiele 164 – 167 Soziale Marktwirtschaft 58 – 61 Z
Organisation für Sicherheit und Sozialstaat 114 – 115, 132 – 133 Zentralstelle für das Auslands­
Zusammenarbeit in Europa Sport 164 – 167 schulwesen 134 – 137
(OSZE) 42 – 45 Sportförderung 164 – 167 Zentrum für Internationale
Staatsbürgerschaftsrecht 118 – 121 Friedenseinsätze (ZIF) 42 – 45
Städte 154 – 157, 158 – 159, 160 – 163 Zivilgesellschaft 126 – 127
P Steinmeier, Frank-Walter 16 – 19, 26 – 29 Zugspitze 12 – 13
Parlament 14 – 17, 26 – 29 Stiftungen 38 – 41, 114 – 115, 126 – 127 Zuwanderung 
Parteien 14 – 15, 22 – 25, 32 – 33 Stuttgart 6 – 7 30 – 31, 114 – 115, 118 – 121
Partnerschaften 
122 – 125 T
PASCH-Initiative  Technische Universität 98 – 99
94 – 97, 152 – 153 Theater 142 – 145
Patente 66 – 69 Thüringen 6 – 7
Pluralismus 114 – 115, 142 – 145 Tourismus 160 – 163
Potsdam 6 – 7
Preis der Leipziger Buchmesse 
142 – 145 U
Presse 146 – 149 Umwelt 78 – 81
Pressefreiheit 146 – 149 Umweltbundesamt 78 – 81
176 TATSACHEN ÜBER DEUTSCHLAND

Tatsachen über
IMPRESSUM Deutschland

Herausgeber © FAZIT Communication GmbH


FAZIT Communication GmbH, Frankfurt am Main, Alle Rechte an Text und Bild vorbehalten.
in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt, Berlin Nachdruck mit Genehmigung und Quellenangabe möglich.

Konzeption und redaktionelle Leitung „Tatsachen über Deutschland“


Peter Hintereder, Janet Schayan erscheint in folgenden Sprachfassungen
Redaktion Arabisch, Chinesisch, Deutsch, Englisch,
Johannes Göbel, Martin Orth, Dr. Helen Sibum Französisch, Indonesisch, Japanisch, Koreanisch,
Autoren Polnisch, Portugiesisch, Russisch, Spanisch,
Matthias Bischoff, Dr. Eric Chauvistré, Türkisch und Ukrainisch
Constanze Kleis, Joachim Wille
Art-Direktion „Tatsachen über Deutschland“ im Internet
Martin Gorka www.tatsachen-ueber-deutschland.de
Info-Grafiken Panorama
Einhorn Solutions Die Herausgeber legen Wert auf eine Sprache, die
Produktion Frauen und Männer gleichermaßen berücksichtigt.
Kerim Demir, André Herzog, Stefan Reichart In dieser Publikation finden sich allerdings nicht
durchgängig geschlechtergerechte Formulierungen,
FAZIT Communication GmbH da die explizite Nennung beider Formen in manchen
Frankenallee 71–81 Texten die Lesbarkeit erschwert.
60327 Frankfurt am Main, Deutschland
Internet: www.fazit-communication.de
E-Mail: tatsachen@fazit-communication.de

Auswärtiges Amt
Abteilung für Kultur und Kommunikation
Werderscher Markt 1
10117 Berlin, Deutschland
Internet: www.auswaertiges-amt.de
E-Mail: 608-R@auswaertiges-amt.de

Druck
Krüger Druck+Verlag GmbH & Co. KG
66763 Dillingen, Deutschland
Printed in Germany 2018

Redaktionsschluss
Juni 2018
ISBN
978-3-96251-031-2
REISEINFORMATIONEN

UNTERWEGS IN DEUTSCHLAND
Vom Visum bis zur Stromspannung: Nützliche Informationen und
wichtige Telefonnummern für Reisende in Deutschland

Ausweise und Visa: Ausländer brau­ Mit dem Bus: Auch mit Fernbussen Unterkunft: Unterkünfte gibt es in
chen bei der Einreise einen gültigen lässt sich Deutschland gut bereisen: jeder Kategorie: vom Privatzimmer
Reisepass oder ein Passersatzpapier. Inzwischen gibt es mehr als 200 über die Ferienwohnung bis hin
Für Angehörige der meisten westeu­ Fernbuslinien. Besonders groß ist das zum Luxushotel. Auch in den unteren
ropäischen Staaten genügt ein gülti­ Angebot zwischen Städten: Jede Preisklassen werden Standards ge­
ger Personalausweis. Kinder brauchen deutsche Metropole wird von Fern­ setzt und kontrolliert. Tourismusver­
in den meisten Fällen ein eigenes bussen angesteuert. Und auch bände und Fremdenverkehrsämter
Reisedokument. Für Staatsangehöri­ in manch einer Stadt mit weniger als bieten spezielle Gastgeberverzeich­
ge bestimmter Länder ist zur Einreise 10.000 Einwohnern gibt es eine nisse an.
ein Visum erforderlich. Für Infor­ ­Haltestelle für Fernbuslinien. Aus­ → germany.travel
mationen sind die deutschen Aus­ künfte über Verbindungen:
landsvertretungen (Botschaften und → busliniensuche.de Jugendherbergen: Mehr als 500
Konsulate) Ansprechpartner. → fernbusse.de ­Jugendherbergen in Deutschland
→ auswaertiges-amt.de nehmen Mitglieder jedes Jugend­
Mit dem Auto: Deutschland hat ein herbergsverbandes auf, der der In­
Mit dem Flugzeug: Deutschland wird hochmodernes Straßennetz. Über 700 ternational Youth Hostel Federation
von mehr als 100 internationalen Raststätten, Tankstellen, Motels und angeschlossen ist. Gegen Gebühr
Luftverkehrsgesellschaften angeflo­ Kioske sind an dem rund 13.000 Kilo­ gibt es auch einen internationalen
gen. Das globale Streckennetz ver­ meter langen Autobahnnetz Tag und Ausweis.
bindet 24 internationale Flughäfen in Nacht geöffnet. Tanken kann man fol­ Deutsches Jugendherbergswerk
Deutschland mit allen Regionen gende bleifreie Benzinsorten: Super Tel.: +49 52 31 74 01-0
der Welt. Die größten Airports sind in (95 Oktan), Super E10 (95 Oktan), Super → djh.de
Frankfurt am Main, München und Plus (98 Oktan), außerdem Diesel.
Düsseldorf. Alle Flughäfen sind gut Auf den Bundesautobahnen gibt es – Geld und Währung: Gesetzliches
an das jeweilige Verkehrsnetz ange­ sofern keine Geschwindigkeitsbe­ Zahlungsmittel ist der Euro (1 Euro =
bunden. grenzungen ausgeschildert sind – kein 100 Cent). Bargeld kann man
→ frankfurt-airport.de Tempolimit, empfohlen ist jedoch eine rund um die Uhr an Geldautomaten
→ munich-airport.de Richtgeschwindigkeit von 130 km/h. mit EC-Karte oder internationalen
→ dus.com In ­geschlossenen Ortschaften gilt ­K reditkarten abheben, alle gängigen
eine Höchstgeschwindigkeit von Kreditkarten werden akzeptiert.
Mit der Bahn: Deutschland hat ein 50 km/h, außerhalb von 100 km/h. ­Preise sind Inklusivpreise.
flächendeckendes Bahnnetz von gut Autobahngebühren werden nicht
38.500 Schienenkilometern. Fern- und ­erhoben. Das Anlegen von Sicherheits­ Notfall-Rufnummern:
Nahverkehr sind aufeinander abge­ gurten ist vorgeschrieben. Kinder Tel.: 110 für Notruf, Polizei
stimmt und bieten gute Anschlüsse. bis zu einer Körpergröße von 150 cm Tel.: 112 für Feuerwehr und Unfall
Von Deutschland aus führen täglich müssen mit Kindersitzen gesichert
mehr als 250 Direktverbindungen in werden. Rettungsdienste oder eine Zeitzone: In Deutschland gilt die
rund 80 europäische Städte. Pannenhilfe können an der Autobahn mitteleuropäische Zeit (MEZ).
Hotline der Deutschen Bahn AG: über Notrufsäulen herbeigerufen ­Zwischen Ende März und Ende
Tel.: +49 18 06 99 66 33 ­werden. Die großen Automobilclubs Oktober werden die Uhren eine
→ bahn.com (ADAC, AvD) halten Informationen Stunde vorgestellt (Sommerzeit).
für Autotouristen bereit.
Pannendienst des ADAC Strom:
Tel.: +49 18 02 22 22 22, → adac.de Die Stromspannung beträgt 230 Volt.
Notruf des AvD
Tel.: +49 80 09 90 99 09, → avd.de
Tatsachen über
Deutschland

Alles, was Sie über das Deutsch-


land von heute wissen wollen,
steht in „Tatsachen über Deutsch-
land“. Wie das politische System
funktioniert. Welche Leitlinien
die Außenpolitik prägen. Was die
Wirtschaft auszeichnet. Welche
Diskurse die Gesellschaft beschäf-
tigen. Was neu ist in Kunst und
Kultur – und viele Themen mehr.

Aktuell, zuverlässig und kompakt


mit vielen Zahlen, Fakten und
Schaubildern bietet das praktische
Handbuch profundes Basiswissen
und Einblick in alle Bereiche des
modernen Lebens in Deutschland.
→ tatsachen-ueber-deutschland.de

9 783962 510312