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Warum sollten sich Akupunkteure mit der Geschichte der Akupunktur befassen?

Von Helmut Magel

Ein Rabbi erzählt seinem Schüler die Legende vom Propheten, dem eine göttliche Erscheinung zuteil wurde. Als
der Schüler den Rabbi fragt: »Ist das wahr? Ist das wirklich geschehen?«, antwortet der Rabbi: »Wahrscheinlich ist
es nicht wirklich geschehen, aber es ist wahr.«

Seit Mitte der 1980er Jahre beschäftige ich mich mit Chinesischer Medizin. Selbst in der anfänglichen
Hyperbegeisterung habe ich mir oft ins Gedächtnis gerufen, was Goethe gegenüber Shakespeare schrieb: „Man
sagt, er habe die Römer vortrefflich dargestellt; ich finde es nicht; es sind lauter eingefleischte Engländer, aber
freilich Menschen sind es, Menschen von Grund aus, und denen passt wohl auch die römische Toga.“ In
unserem Fall wären wir eingefleischte „Westler“ in chinesischer Verkleidung, die das Stück „Über 2000 Jahre
Chinesische Medizin“ aufführen.
Hat man sich „einmal hierauf eingerichtet, so findet man seine Anachronismen höchst lobenswürdig,“ gibt
Goethe weiter zu bedenken, „und gerade dass er gegen das äußere Kostüm verstößt, das ist es, was seine Werke
so lebendig macht“. Goethe rät also nicht ab, sondern ist sich der Spannung bewusst zwischen dem
„Anachronismus“ und der „lebendigen“ Darstellung der Engländer in römischen Kostümen. Anachronistisch
wäre das gläubige Nachbeten angeblich ewiger Wahrheiten, besonders solcher, die aus einem ganz anderen
kulturellen Kontext stammen. Lebendig ist, sich dessen bewusst zu sein und in der Auseinandersetzung mit der
anderen Kultur und deren Geschichte sich selbst auf den Grund zu gehen. So ließe sich das Menschliche
zugleich erschließen und entfalten. Im Entdecken der Geschichte entdecken wir mithin unsere eigene Geschichte,
unsere Sehnsüchte, unsere Bedürfnisse auf dem „Umweg über China“, wie das François Jullien formulierte.

Die Geschichte als mächtige Verbündete

Die Geschichte ist argumentativ eine mächtige Verbündete bei der Begründung einer Heilmethode, die sich
gegen naturwissenschaftliche Medizin und etablierte komplementäre Heilmethoden behaupten muss.

Wenn es eine chinesische Medizin in Theorie und Praxis seit „Jahrtausenden“ gegeben hat, dann ist das bereits
ein starkes Argument für ihre Überlegenheit und Sinnhaftigkeit. Dann darf der einzelne TCM-Praktiker, sobald
er sein endliches Leben in die Mitte dieses Jahrtausende langen Geschichtsstroms hineingestellt denkt, sicher
sein, selbst Teil und Werkzeug dieser historischen Bewegung zu sein. Die offizielle Direktive der chinesischen
Staatsführung, Kulturschaffenden und Behörden die Bezeichnung „fünftausendjährige chinesische Kultur“
vorzuschreiben, kommt dem entgegen (man sollte es nur wissen). Überhaupt China: Etwa 45 % der Geschichte
Chinas seit der ersten Einigung 221 v. Chr. bestand aus konkurrierenden Königreichen, fern einer einheitlichen
Nation, und insgesamt 355 Jahre unterlag es unterschiedlichen Fremdherrschaften während dieser Zeit.

Im Westen bevorzugen wir gerne das Bild eines über 2000 Jahre bestehenden einheitlichen Chinas. Eine seit
über 2000 Jahren – es darf auch immer mal etwas mehr – entwickelte und praktizierte „Chinesische Medizin“
passt da nur zu gut hinein. Den wenigsten ist bewusst, dass wir der „Chinesischen Medizin“ damit ein modernes
europäisches Raster von Fortschritt und Einheit überstülpen, das der Chinesischen Medizin und Kultur bis vor
kurzem fremd war.

Im Rückgriff auf das Frühere die Gegenwart bestimmen

Ein Blick in das Neijing Suwen, besser bekannt unter „Der Gelbe Kaiser“, eines der Grundlagenbücher der
Chinesischen Medizin aus dem 2. Jahrhundert v. Chr., weist auf eine Besonderheit chinesischen Denkens hin.
Auf die Frage des Huangdi, warum die „heutigen“ Menschen nicht mehr als fünfzig Jahre alt würden, lautete die
Antwort: „Von den Menschen im Hohen Altertum / haben diejenigen, die den WEG kannten / ihr Verhalten nach
Yin und Yang gerichtet. (...) / Ihre Lebenszeit überstieg einhundert Jahre, bevor sie verschieden.“. Der Verweis
auf eine frühere, bessere Zeit, in der die Menschen noch wussten, was Gesundheit ist und dem entsprechend

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gesundheitsbewusst lebten, um so mehr als 100 Jahre alt wurden, ist ein feststehender Topos. "Halte fest am
Weg des Altertums, und du lenkst das Sein der Gegenwart!" heißt es bei Laozi.

Insofern waren die (unbekannten) Verfasser des Neijing konsequent, indem sie ihren Text als Gespräch
zwischen einem Leibarzt und Huangdi verfassten, jenem mythischen Urvater der chinesischen Kultur, dessen
Lebenszeit in das 3. Jahrtausend v. Chr. hinein projiziert wurde. Damit hatten die Verfasser ihren Darlegungen –
gegenüber konkurrierenden Konzepten – die Weihen des Ursprungs zu verliehen. Fortan beriefen sich alle
Autoren der Medizin-Tradition programmatisch auf die Uranfänge und entwickelten Neuerungen stets im
Rückgriff auf das Frühere, eine ständige Identifikation von Gegenwart und Zukunft mit der Vergangenheit.

Heute wie damals ist der Hinweis auf das Alter der Heilkunde ein „Verkaufs“-Argument und
Legitimationsfaktor nach außen. Aber das stereotype Beharren auf einer vorgeblich seit über zwei-, drei oder
viertausend Jahren praktizierten Akupunktur und Chinesischen Medizin hat in Zeiten zunehmender
Verunsicherung und düsterer Gefahren planetarischen Ausmaßes eine psychologische Funktion: Das
geschichtliche Alter kann als ein Indiz dafür gesehen werden, der Kontingenz, der prinzipiellen Offenheit
menschlicher Lebenserfahrungen in der modernen Gesellschaft, zu trotzen und gegenläufig mit
Enttäuschungsfestigkeit für Stabilität zu sorgen. Vertreter dieser Haltung stehen in sozialperspektivischer Sicht
für Werte wie Tradition (Respekt, Verpflichtung, Akzeptanz der Sitten und Ideen, die traditionelle Kulturen oder
Religionen bereitstellen), sowie für Konformität und Sicherheit.

Chinesische Medizin als einzig wahre Medizin ohne Beweiskraft

Dazu passt ein tiefes Misstrauen bis hin zur Verteufelung bio- bzw. naturwissenschaftlicher Medizin, die in
TCM-Kreisen als „Schulmedizin“ oder „westliche Medizin“ bezeichnet wird. Das geht so weit, dass die
Chinesische Medizin als das allein rettende Denksystem behauptet wird, das „eine überwältigende Verbesserung
der Gesundheit der Bevölkerung, eine signifikante Reduzierung der Gesundheitskosten sowie sinkende
Krankheitsraten“ verspräche (so die 1. Vorsitzende der AGTCM auf dem Rothenburger Kongress 2015). Solche
Ansichten waren vielleicht in den 70er Jahren im Eifer der Entdeckung der Chinesischen Medizin im Westen
und Begeisterung über sie noch verständlich gewesen. Diese Zeit der Unkenntnis historischer Fakten sollte nun
zu Ende sein. Wir haben inzwischen genügend Einblicke in chinesische Texte und es gibt genügend TCM-
Interessierte, die in China die Realität kennen gelernt haben. Da ist es nun an der Zeit, nüchtern und sachlich die
Vorteile und Stärken beider Traditionen abzuwägen und die Defizite auszugleichen.

Bleiben wir bei der Historie. Manfred Porkert schrieb einmal, dass die Chinesische Medizin nie hat beweisen
müssen, dass sie als alleinige Medizin die Gesundheit der Bevölkerung sicherstellen kann. Und im Westen habe
sie im Ernstfall immer noch die Biomedizin hinter sich. Vergessen wird, dass das, was wir unter „Chinesischer
Medizin“ heute verstehen, zu keiner Zeit etwas anderes war als eine elitäre Gelehrten-Medizin für eine winzige
Oberschicht von rund 1 % der chinesischen Bevölkerung. Das heißt: von „traditioneller“ chinesischer Medizin
sprechen, bedeutet, nur den eher winzigen Teil jener Jahrhunderte lang praktizierten allgemeinen Medizin zu
benennen.

Das Erbe einer Medizin für die Oberschicht

Es gab nie genug klassisch ausgebildete, gelehrte Ärzte (ru yi 儒醫) für die gesamte Bevölkerung. Medizin war
kein Beruf in China, der einen guten Ruf oder hohen Status hatte. Sogar so berühmte Ärzte wie Sun Simiao
wurden wegen ihrer medizinischen Laufbahn verschmäht. Ärzte, unter denen auch solche waren, deren Schriften
in der TCM heute verehrt und als Grundlage für die Praxis anerkannt sind, konnten in der Bevölkerung den
schlechten Ruf der Ärzte nicht verhindern. Daran scheint sich nicht viel geändert zu haben – ganz im Gegenteil.
Heutzutage sind gewalttätige Übergriffe auf das Personal im Gesundheitswesen in China gravierender als
irgendwo sonst.

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Die breite Bevölkerung ließ sich von meist schriftunkundigen Heilern behandeln, zu denen Schellen- oder
Wanderärzte, Marktheiler, Arzneiverkäufer, religiöse Spezialisten daoistischer, muslimischer oder
buddhistischer Provenienz, manuelle Therapeuten, Medien und Schamanen gehörten.

Das Fundament bildete die Heilkunde in den Familien, die Konfuzius als ausreichend für die
Gesundheitsversorgung betrachtete und deshalb einen speziellen Ärzte-Berufsstand ablehnte. In den Familien
haben bis in die heutige Zeit insbesondere die ältesten Söhne die Aufgabe, sich medizinische oder heilkundliche
Kenntnisse anzueignen, um die Eltern im Sinne der „Ergebenheit gegenüber den Eltern“ (Kindesliebe oder
Pietät, xiao 孝) im Alter medizinisch versorgen zu können. Aus dieser Pflicht oder „Tugend“, die im übrigen die
Wurzel der Tugendhaftigkeit und mithin den Ursprung der chinesischen Kultur darstellt (in der westlichen Fünf-
Elemente-Praxis aber gerne „übersehen“ wird), gingen einige berühmte Ärzte hervor. Das Motto hieß: „Der
Sohn kann es sich nicht leisten, nichts von Medizin zu verstehen.“

China ist seit je eine „high-context“-Gesellschaft, und das bedeutet, dass, wenn jemand krank ist, die „ganze
Familie krank“ ist. Die Krankenpflege oblag innerhalb eines Haushaltes den Frauen, von denen nicht wenige ein
beachtliches medizinisches Wissen erwarben und so „im Verborgenen“ (weil gesellschaftlich nicht akzeptiert)
Familienangehörige und Nachbarn behandelten.

Gelehrte Ärzte und Handwerker

Diese drei soziokulturellen Bereiche, die sich untereinander auch beeinflussten, existierten im kaiserlichen China
über 2000 Jahre. Die Gelehrten-Medizin konnte nur von solchen ausgeübt werden, die die langjährige
konfuzianische Beamten-Ausbildung mit dem Erlernen der äußerst komplizierten klassischen Schriftsprache (die
bereits vor der Reichsgründung nicht mehr gesprochen wurde) mit oder ohne bestandener Beamten-Prüfung
absolviert hatten. Was Wunder, dass die so gebildeten Ärzte untereinander in Konkurrenz lagen („Geheim-
Rezepte“ waren ein Ausdruck davon), aber gemeinsam auf die „Heilpraktiker“ im Volk herabschauten. Denen
überließen sie jedoch meist das schnöde Akupunktur-„Handwerk“. Diese Handwerker waren kaum oder gar
nicht des Lesens und Schreibens kundig, was der Grund dafür ist, dass es so gut wie keine schriftlichen
Zeugnisse über deren Erfahrungen gibt.

Der Ausflug in die Historie lohnt sich auch deshalb, weil damit klar wird, dass es in den 2000 Jahren
Chinesischer Medizin während des Kaiserreichs zu keiner Zeit - außer sporadischen Ansätzen - ein öffentliches
Gesundheitssystem gegeben hat. Als aber das Kaiserreich 1911 zusammenbrach, hinterließ es einen
niederschmetternden Gesundheitszustand der Bevölkerung (hohe Kindersterblichkeit, Epidemien, Seuchen). Der
medizinische Gelehrte Xu Yanzuo 徐延柞 äußerte sich gegen Ende der Qing-Dynastie (1644-1911) herablassend
über das Niveau und die Kompetenz der Ärzte: "Selten sterben Menschen an Krankheiten," schrieb er, "sie
sterben meist durch die Medizin." Er machte dafür die ungleiche Behandlung der Patienten durch Ärzte
verantwortlich und bestand darauf, dass der Arzt Reiche und Arme, Adlige und Bürgerliche, nahe und entfernte
Patienten gleich ohne Diskriminierung behandeln sollte. Denn, so Xu´s Einschätzung, die Praxis seiner Zeit sei
dem genau entgegengesetzt. (Berg, S. 79)

Der Weg zum staatlichen Gesundheitswesen nach dem Fall des Kaiserreichs

China war weder technologisch noch kulturell in der Lage, sich gegen die imperialistischen Mächte und
asiatischen Nachbarn zu erwehren. Ein Großteil der Intellektuellen und dann auch die politische Führung
mussten einsehen, dass China nur dann eine Chance hatte, als unabhängiger Staat zu überleben, wenn man sich
die Fähigkeiten der Eindringling aneignete, die deren Übermacht zu Grunde lagen. Für die massenweise
gesundheitliche Versorgung erschien den Reformern die moderne naturwissenschaftlich orientierte Medizin am
besten geeignet. Die Bildung eines republikanischen Nationalstaates 1912 verlangte ein staatlich organisiertes
Gesundheitswesen mit einheitlichen Qualitätsstandards sowohl für die Ausbildung als auch die Praxis des
medizinischen Personals.

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Im kaiserlichen China war die Medizin eine persönliche Angelegenheit zwischen einer kranken Person und
einem Heiler, sei der nun Amateur- oder Berufsheiler, gelehrter Arzt oder Wanderheiler. In den modernen
Industriestaaten, deren medizinische Versorgung und Krankenversicherungssysteme den chinesischen
Reformern als Modell galten, hatte sich das Gesundheitswesen bereits zu einem Dientstleistungskoloss
entwickelt. Der Medizinhistoriker Roy Porter stellte fest, dass der Entdecker der Huntington-Chorea-
Erkrankung, der amerikanische Landarzt Huntington, im 19. Jahrhundert seine Instrumente noch alle in der
Satteltasche verstauen konnte. Aber schon sein Zeitgenosse, der Bakteriologe Koch, ursprünglich auch Landarzt,
gebot am Schluss über mehrere palastähnliche Forschungsinstitute. Ging es der chinesischen Forscherin Tu
Youyou, der Nobelpreisträgerin von 2015 und Professorin für Traditionelle Chinesische Medizin, nicht ähnlich?
Auch sie hatte ein Forschungsinstitut zur Verfügung, in dem sie jahrelang Labor-Untersuchungen durchführte.

Der Nobelpreis an die chinesische Ärztin Tu Youyou 2015 wirft ein Schlaglicht auf den Umbruch, der zur Zeit
stattfindet. Im Prinzip ist die TCM eine 1:1-Medizin: Sie wird - vom Anspruch her - im Rahmen eines
persönlichen Verhältnisses zwischen Behandler und Patient auf der Grundlage einer individuellen Diagnose und
Therapie ausgeübt. Demgegenüber ist Malaria in subtropischen Gegenden der Welt ein Massenphänomen, genau
so wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Infektionserkrankungen und Lungenerkrankungen (COPD) im
Westen.

In Zeiten, in denen jedem Staatsbürger der Republik (im Unterschied zum kaiserlichen China) eine optimale
Gesundheitsversorgung zusteht, lässt sich Malaria nicht mehr mit individuellen Kräutertee-Zubereitungen
bekämpfen, schon gar nicht mit eigens in fundamental andere Kulturen exportierten Kräutern. Insofern ist der
Nobelpreis an Frau Tu Youyou ein Zeichen des Umbruchs der TCM und nicht ein „Triumph“ der traditionellen
chinesischen Kräuterheilkunde.

Niemand käme auf den Gedanken, die Entdeckung der Aspirin-Tablette vor etwa 120 Jahren als Triumph der
traditionellen europäischen Kräuterheilkunde zu feiern, nur weil die Chemiker damals die Weidenrinde wählten,
weil sie wussten, dass diese seit Dioskurides (50 n.Chr.) erfolgreich als Mittel gegen rheumatische Schmerzen
eingesetzt wird. Mit einigem Glück konnten sie den entscheidenden Wirkstoff Acetylsalicylsäure isolieren.
Dasselbe gelang Frau Tu, indem sie sich auf Rezepturen Ge Hongs (280-340 n. Chr.) gegen Malaria stützte und
aus der Hauptpflanze Artemisia mittels kalter Extraktion den entscheidenen Wirkstoff Artemisin extrahierte, der
schließlich erfolgreich für ein Malaria-Medikament eingesetzt werden konnte.

Das war der Schritt über den Rubikon - von der individuellen Medizin zur Massenmedizin. Was wäre die
Alternative gewesen? Eignet sich denn die traditionelle Medizin überhaupt dazu, sogenannte Volkskrankheiten
zu behandeln?

Frühe Schritte zur Versorgung der Massen mit Medizin

Aber die Weichen waren längst früher gestellt worden. Lange vor dem Ende der Kaiserherrschaft hatte sich das
chinesische Apothekerwesen zu einem bedeutenden Industrie- und Handelszweig entwickelt, indem es
„vorgefertigte Arzneimittel“ verkaufte, „die sich, in derselben Weise wie die Fertigarzneien der heutigen
Industrie, gegen bestimmte Krankheiten oder Symptomkomplexe richteten. Solche Fertigpräparate bildeten sich
in chinesischen Apotheken möglicherweise sechs, sieben Jahrhunderte früher als in Europa heraus. Entsprechend
früher setzten auch Verkaufs- und Marketingstrategien ein, die wir in Europa erst aus dem späten 19. und frühen
20. Jahrhundert kennen. Eine Vielzahl von Rezepten hatte ihre Wirkung gegen immer die gleichen Krankheiten
ungeachtet der Konstitution des einzelnen Patienten bewiesen und wurde systematisch mit einem hohen
Aufwand vorgefertigt landesweit vermarktet.“ (Unschuld, Das Heil der Mitte, S. 31). Es gehörte jedoch auch im
17./18. Jahrhundert zur üblichen Praxis, dass Ärzte ihre eigene Apotheke betrieben und sich darüber hinaus im
Handel mit Arzneimitteln engagierten, womit sie einen Teil ihres Einkommens bestritten. (Scheid, S. 67f.)
Aktuell, so stellte Scheid fest, beziehen sich etwa 60% der Verschreibungen von TCM-Behandlern im Westen

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auf ein und dieselbe Rezeptur: Xiao Yao San. – So viel zur individuellen Behandlung in der TCM.

Diese wirtschaftlich und politisch einflussreiche Kräutermedizin stellt zu Beginn der Republik die traditionelle
Medizin dar und erhielt nach heftigen politischen Auseinandersetzungen 1928 ihre komplementäre Rolle im
künftigen Gesundheitssystem. Die in der breiten Bevölkerung und in Familien praktizierte und überlieferte
„Volksheilkunde“, der weitaus größte Bereich heilkundlicher Praxis, wurde in den 20er und 30er Jahren des
vorigen Jahrhunderts abgekoppelt und fiel unter „Exorzismus“. Unter diesem Etikett verstand man die in der
Bevölkerung praktizierten dämonologischen Bann-Techniken und die Beschwörungsheilkunde – bis in die
Ming-Zeit ein offizieller Fachbereich an den kaiserlichen Akademien. (Hsiang-lin Lei 2014)

Die Europäer lernten die Akupunktur erst in ihrem Niedergang kennen

Und die Akupunktur? Ihr letzter Höhepunkt lag weit zurück. Noch 1601 war das Große Handbuch der
Akupunktur und Moxibustion (Zhenjiu Dacheng), eine Art Metastudie, erschienen und versammelte über die
Jahrhunderte erschienene Einzelschriften zur Akupunktur. Angesichts der dort veröffentlichten wenigen
Falldarstellungen stellt sich die Frage, ob Akupunktur jemals als Mono-Therapie angewandt worden war (und
nicht unter Hinzufügung von Kräutern). Insgesamt „findet sich jedoch auch hier keine grundsätzliche Fort- oder
Weiterentwicklung oder ein gedanklicher Impetus, der den ursprünglichen, konzeptionellen Rahmen der
Akupunkturlehre verlässt. Die Ära der Akupunkturklassiker endet mit diesem Werk.“ (Tao, S. 60) So beklagte
Xu Dachun 1704 den Verlust der Tradition in der Akupunktur und Moxibustion. Insbesondere prangert er den
Verlust der traditionellen Nadeltechniken an, beklagt sich über die moderne "Kochbuchakupunktur" und stellt
fest, dass die korrekte Lokalisation sowohl der Leitbahnen als auch der Akupunkturpunkte verloren gegangen
sei. An Dachun´s Klage "wird deutlich., wie sehr das Problem der genauen Lokalisation sich wie ein roter Faden
durch die gesamte Akupunkturgeschichte zieht.“ (Tao, S. 61) Das heißt aber auch, dass die Europäer die
Akupunktur erst in ihrem Niedergang kennengelernt haben.

Schließlich wurde die Akupunktur 1822 sang- und klanglos aus dem Lehrplan der Kaiserlichen Medizin-
Akademien gestrichen. Das spiegelt auch den Trend hin zu milderen und unblutigen Eingriffen in allen
Bereichen des Gesundheitswesens wider, der während der Qing-Zeit aufkam. Tuina und die Hinwendung zu
harmonisierenden Methoden in der Arzneimittel-Therapie scheinen von diesem Trend profitiert zu haben.
Wegen der Schmerzen und Gefahren, die mit der Behandlung durch die damals üblichen dicken Nadeln
verbunden waren, wurden die manuellen Aspekte dieser Therapie mit handwerklicher Arbeit assoziiert und
erschienen den Kreisen der medizinischen Elite ohnehin suspekt. (Scheid, S. 468 Fn.)

Nach heftigen Diskussionen war man 1929 schließlich bereit, Akumoxa (Zhenjiu 針灸) ebenfalls einzubeziehen
in das öffentliche Gesundheitssystem. China hat damit einen Weg gefunden, das Neue mit dem Alten innerhalb
seiner kulturellen Gegebenheiten nutzbringend zu verbinden. Das muss deutlich gesagt werden.

TCM-Anhänger neigen zuweilen dazu, genau diesen Sachverhalt zu ignorieren und haben einzig das Altertum
mit seinen kanonischen Schriften, berühmten Ärzten und Philosophen im romantisierenden Blick. Das damit
verbundene Bild einer „seit Alters her“ allgemein und für alle praktizierten Medizin wird für die vergangene
Wirklichkeit gehalten. Zugleich kritisiert man heftig die Hinwendung Chinas zur Moderne und prangert sie an
als Verrat böser Mächte an der einen alten Wahrheit. Niemand dieser Kritiker würde die eigene persönliche
Teilhabe am öffentlichen Gesundheitssystem des Westens im Falle schwerer Erkrankungen in Frage stellen,
versteht sich.

Die Tücken überlieferter Indikationen und Wirkbeschreibungen

Zu dem romantisierenden Blick gehört das Unwissen darüber, dass erst in der Song-Zeit die Lokalisation und
Bezeichnung der Akupunkturpunkte standardisiert wurden. Kaiser Renzong war es, der 1023 dem Leiter des
medizinischen Dienstes des Palastes, Wang Weiyi (987–1067), befahl, ein Standard-Handbuch zum Auffinden

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von Akupunkturpunkten zusammenstellen. In der Order hieß es: „Die Akupunktur beruhte in der Anwendung
der Nadelstich-Methode auf unterschiedlichen Traditionen und Fähigkeiten. Folglich war die spezifische Lage
der Akupunkturpunkte nicht identisch. Nadelungen [an falsch lokalisierten Akupunkturpunkten] verletzten oft
Menschen.“ Das Projekt dauerte fast vier Jahre und wurde mit der Veröffentlichung des Illustrierten Kanons der
Aku-Moxa-Therapie 1026 abgeschlossen. Neben diesem Buch schuf Wang auch das berühmte menschliche
Modell aus Bronze, um sein Buch zu begleiten und zu ergänzen. Die Hälfte der über 2000-jährigen Geschichte
der Akupunktur bezieht sich demnach auf nicht standardisierte Akupunkturpunkte.

In dem Handbuch Akupunktur von Peter Deadman u.a. heißt es auch: „In der westlichen Akupunktur gab es eine
große Anzahl freier Interpretationen, die häufig auf Annahmen anstatt auf historischer Herkunft oder
vorsichtiger und langer klinischer Beobachtung basierten.“ (Deadman, S. 11) Die Bürgschaft für die überprüfte
Richtigkeit der klassischen Indikationen, die „eine wichtige Aufzeichnung klinischer Beobachtung
repräsentieren“, können die Autoren des Handbuches jedoch auch nicht übernehmen. Denn die überlieferten
Indikationen und Wirkbeschreibungen sind „wenigstens teilweise empirisch und weniger theoretisch.“ (ebd.)
Auch die Theorie hat ihre Tücken, denn „zwischen den unterschiedlichen Theorien finden wir jedoch häufig
größere Widersprüche.“ (ebd.) Warum, ist dann zu fragen, funktioniert Akupunktur trotzdem, wenn es so „viele
unterschiedliche traditionelle Theorien zur Auswahl von Punkten gibt? Die erstaunliche Lösung des Problems:
„Statistisch gesehen könnte es sein, dass es die häufigst praktizierte Methode in der Welt ist, Akupunkturpunkte
zu nadeln, die berührungsempfindlich sind (d.h. ahshi-Punkte)“, heißt es bei Deadman.

Die traditionellen Wirkbeschreibungen der Akupunkturpunkte bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts lauteten
typischerweise so wie im Großen Kompendium von 1601. Um ein beliebiges Beispiel zu nennen (Wilcox 2016),
sei hier die Strophe eines Lehrgedichtes (so wurden die klassischen Texte typischerweise des Auswendiglernens
wegen abgefasst), zur Anschauung gebracht:
審他項強傷寒,溫溜期⾨門⽽而主之。︒

廉泉中沖,⾆舌下腫疼堪取︔;

天府合⾕谷,⿐鼻中衄⾎血宜追。︒

⽿耳⾨門絲⽵竹空,住牙疼於頃刻︔;

頰⾞車地倉穴,正⼜⼝口喎於⽚片時。︒
Die Feststellung, dass der Hals durch Kälteschäden steif ist, erfordert Wēn Liū (Di 7) und Qī Mén (Le 14).
Lián Quán (Ren 23) und Zhōng Chōng (Pe 9) können bei Schwellungen und Schmerzen unter der Zunge
ausgewählt werden.
Tiān Fǔ (Lu 3) und Hé Gǔ (Di 4) sind für die Behandlung von Nasenbluten geeignet.
Ěr Mén (SJ 21) und Sī Zhú Kōng (SJ 23) stoppen Zahnschmerzen sofort.
Jiá Chē (Ma 6) und Dì Cāng (Ma 4) korrigieren die Abweichung des Mundes unmittelbar.

Also: Hier wird keine Kälte-Fülle abgeleitet, keine Qi- und Blutstase gelöst, kein emporschlagendes Leber-Yang
abgesenkt, wie es so oder ähnlich trotz allem dann auch bei Deadman heißen würde. Hier wie in allen anderen
klassischen Oden über die Wirkung von Akupunkturpunkten werden allein Symptome genannt.

Die Verkräuterung der Akupunktur

Solche und ähnliche Beschreibungen werden heute als „Kochbuch-Akupunktur“ bezeichnet, aber über den
Zeitraum von 2000 Jahren hat es gar nichts anderes gegeben als genau solche Wirkbeschreibungen. Der
Abschied von dieser Art der Kochbuch-Akupunktur ist den Bestrebungen zu verdanken, die getrennten
Entwicklungen der Kräutermedizin und der Akupunktur zusammenzubringen. Es hat solche Bemühungen in der
Vergangenheit immer schon mal gegeben, jedoch erfolglos. Erst im 20. Jahrhundert, insbesondere nach der
Gründung der Volksrepublik 1949, wurden die unterschiedlichen Heilmethoden und deren theoretischen
Grundlagen zur „Traditionellen Chinesischen Medizin“ vereinheitlicht. Unter diesem Dach fanden sich auch

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traditionelle volksheilkundliche Methoden wie Guasha wieder.

Die Vereinheitlichung hatte nachhaltige Folgen, denn sie schlug sich bis in die Wirkbeschreibungen der
Akupunkturpunkte nieder. Bob Flaws (Wu 1996) bezeichnete diese Entwicklung in den 90er Jahren als
„Verkräuterung der Akupunktur“ (herbalisation of acupuncture). Moderne Textbücher legen davon beredtes
Zeugnis ab, insbesondere die westlichen Standardwerke von Maciocia, Flaws, Ross und eben auch Deadman u.a.
Darin wird die Beschreibung der Wirkung wie in der Kräuter-Medizin formuliert (Leber-Qi verbreitend und
regulierend) und erst anschließend findet sich eine Liste von Indikationen (epigastrisches Spannungsgefühl und
Schmerzen). Bei Macioca sind dann auch gleich die passenden Kräuter-Rezepturen angegeben. Deadman u.a.
schreiben in ihrem Handbuch: „Im Allgemeinen kann gesagt werden, dass die Zuordnung von Wirkungen zu
Akupunkturpunkten eine moderne (d.h. 20. Jahrhundert) Praxis ist und sich aus der Tradition der chinesischen
Heilpflanzen ableitet.“ (Deadman, S. 10)

Charakterisierte die Chinesische Medizin seit der Song-Zeit eine Pluralität unterschiedlicher Praktiken, so ist seit
den 50er Jahren die Bestrebung zu beobachten, Pluralität einzuebnen und zu lernen, wie – als Basis der
Chinesischen Medizin-Theorie – spezifische Ursachen spezifische Symptome entstehen lassen, die auf
spezifischen Pathomechanismen gründen und daraus passende Therapien abzuleiten sind. Die Syndrom-
Diagnostik ist zwar die verbreitetste, aber nur eine von einigen Dutzend Möglichkeiten der Diagnostik in der
Chinesischen Medizin.

Rückwärts in die Zukunft?

Die weltweit größten Akupunktur-Studien, die deutschen Gerac-Studien, zeigten, „dass die Verum-Akupunktur
immer noch ein wenig überlegen war und sowohl Verum- als auch Placebo-Akupunktur gegenüber den
konventionellen Medikamenten deutlich besser abschnitt. Die Akupunkteure müssen sich aber schon Gedanken
darüber machen, warum eine subtile Punktwahl gegenüber irgendeiner Nadelung kaum Vorteile brachte.
Möglicherweise reicht eine einfache „Kochbuch-Akupunktur“ völlig aus, um Wirkungen zu erzielen.“
(Schmiedel 2015) Schließlich empfahlen auch die klassischen Akupunkturbuch-Autoren – siehe obiges Beispiel
– Punkte-Kombinationen zur Behandlung spezifischer Symptome, ohne jeglichen „ganzheitlichen“
Zusammenhang. Im Großen Kompendium Zhenjiu Dachang von 1601 werden zusätzlich zur Nadelung Gebete
oder Beschwörungsformeln für den Behandler empfohlen.

Ein bekannter Akupunkteur und Ko-Autor eines Lehrbuches, Gabriel Stux, wartet mit „Magie“ auf: „Magische
Punkte haben ganz außergewöhnliche magische Wirkungen“, raunt er tautologisch. Und darüber hinaus:
„Glückspunkte sind besondere Magische Punkte. „Bitte setzen Sie die Glückspunkte!“ sagte Frau M. nach einer
Behandlungspause von zwei Jahren. „Welche Punkte meinen Sie?“ Die Patientin zeigt auf Baihui und sagt, sie
möchte auch die anderen Punkte auf dem Kopf genadelt haben.“ (Stux 2016)

Magie postuliert Hinter- und Nebenwelten, in denen es Kräfte oder Wesen gibt, die der
Durchschnittswahrnehmung entgehen. Diese Wesen und Gewalten müssen sich nicht um immanente
Kausalbewandtnisse kümmern. Das Besondere an der Magie ist, dass sich die Mächte des Jenseits im Diesseits
bezwingen und manipulieren lassen, dass ihre übernatürlichen Fähigkeiten immanent ausgenutzt werden können.

In deren Gefolge, und ganz besonders nach dem spektakulären Bericht über die Akupunktur-Anästhesie des
New-York-Times-Korrespondenten Presten während des Nixon-Besuchs in China 1972, wurde die Akupunktur
im Westen zu einer breit akzeptierten Alternative zur technologisch orientierten Schulmedizin. Zur gleichen Zeit
erläuterte der Ethnologe Hans-Peter Duerr ein "magisches Universum" von Riten, Denktraditionen, Logiken und
Vorstellungen nicht-westlicher Kulturen. 1977 erschien Fritjof Capras Tao der Physik, in dem Gemeinsamkeiten
von „ganzheitlichem Denken“ und der „Logikauffassung“ entwickelt werden, wobei sich Capra bei der Suche
nach der Wahrheit dennoch auf die Physik bezieht. – Das alles gehört zur Geschichte der Akupunktur, deren
erste Pioniere im Westen der 60er/70er Jahre fast ausnahmslos Philologen, Psychologen, Ethnologen waren,

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jedenfalls keine Mediziner, vielmehr Hippies, alle auf der Suche nach ihrem Selbst in Ländern des fernen Ostens
mit Ausnahme der VR China, die damals noch „forbidden area“ war. Sie brachten die Akupunktur in den
Westen.

Fünf mögliche Szenarien für die Zukunft

Liu Tianjun, seinerzeit Direktor des Qigong-Forschungs-Laboratoriums an der Beijing-Universität für


Chinesische Medizin, erzählte folgende Geschichte: „Als Student war ich an meiner Universität an einer
Diskussion über die Beziehung zwischen westlicher und chinesischer Medizin und ihre Zukunft beteiligt. Wir
hatten lange Diskussionen, bei denen wir folgende Szenarien entwickelten:
(1) die westliche Medizin ist so stark, dass die östliche verschwindet;
(2) die östliche Medizin ist so stark, dass die westliche verschwindet;
(3) aus der östlichen und westlichen Medizin wird eine neue Medizin;
(4) östliche und westliche Medizin bleiben auf Dauer getrennt.
Als Studenten dachten wir, der dritte Weg wäre der richtige: Aus westlicher und östlicher Medizin muss eine
neue werden. Aber jetzt, 20 Jahre später, nachdem ich zehn Jahre lang über Qigong geforscht habe, denke ich,
der vierte Weg ist der richtige“ (Simon, S. 217).
Wir werden sehen, denn - so Liu weiter - „jetzt, in der Gegenwart, ist die Kultur Chinas nicht mehr vollkommen
traditionell. Es sind nicht mehr zwei oder drei Glaubenssysteme, sondern fünf, die wirksam sind: Daoismus,
Konfuzianismus, Buddhismus, Kommunismus und Kapitalismus. Am wichtigsten sind meines Erachtens zur
Zeit Kapitalismus und Konfuzianismus.“ (ebd.)

Eine Folge davon ist der Einzug „alternativer“ Medizin (Homöopathie, Chiropraktik, Psychotherapie,
Aromatherapie, Yoga usw.) in die großen chinesischen Städte wie Shanghai. Die medizinisch-heilkundliche
Komplexität hat China erreicht. Es gibt deshalb - das ist meine These - noch ein weiteres mögliches Szenario für
die Zukunft:
(5) Aus der Verbindung der östlichen Medizin mit traditionellen (europäischen) Naturheilverfahren und
„Rändern“ der westlichen Medizin wird eine neue „Integrative“ Medizin.

Charlotte Furth entwarf in ihrer Analyse der Chinesischen Medizin beiderseits des Pazifik, also auf dem
chinesischen und nordamerikanischen Festland, folgende Aussicht: „Heute ist das »Chinesische« der
chinesischen Medizin noch auf beiden Seiten des Pazifiks von Bedeutung. (...) Indem sie ihre Verbindungen zu
einer reichen und doch kulturell eigentümlichen Geschichte aufrecht erhalten, sich zugleich jedoch Neuerungen
erschließen und so aus dieser Geschichte heraus öffnen, arbeiten diese Therapeuten daran, das »Chinesische« in
ihrer Medizin sowohl als eine Quelle der Identität als auch als eine Ressource für die Praxis zu erhalten“ (Furth
2011).

Das „Chinesische“ mag zuweilen aber auch zu einem nach außen vorzeigbaren Etikett geworden sein als
Zeichen der bloß noch ideellen Teilhabe an einem „traditionellen“ System, dessen westliche Adaptationen zu
„hybridisierten Neukonstruktionen" mutiert sind.

Weiter auf dem Pfad der Tradition oder Neuorientierung

Aktuell heißt es seitens der Chinesen programmatisch: „Wir müssen uns an den Weg der Zusammenarbeit und
Innovation halten, um die Ausbildung von modernem chinesischen Medizin-Personal ständig anzuheben,
weiterhin das medizinische und kulturelle Erbe und die Innovation stärken, die Bemühungen um die
internationale Verbreitung der chinesischen Medizin fördern, um ein neues Muster der chinesischen Medizin in
seiner Vielseitigkeit zu schaffen“ (Stellvertretende chinesische Bildungs-Ministerin Lin Huiying, 2017).

Das klingt nicht nach „Weiter auf dem Pfad der Tradition“, sondern nach Neuorientierung, nach Umbruch. Ist
das auch gleich ein Bruch mit der Tradition?

Helmut Magel - Warum sollten sich Akupunkteure mit der Geschichte der Akupunktur befassen? 8
Die Wiedereinbettung der Akupunktur in seinen ursprünglichen Hintergrund kann nicht erwartet werden.
Akupunktur wird ohnehin vom Weltverband der Chinesischen Medizin als Appendix, als Sondergebiet,
betrachtet. In der Darstellung des WFCMS heißt es über Deutschland: „Germany: Acupuncture focused (not
TCM)“.

Zu lernen wäre, nicht von statischen Gegensätzen („Chinesische Medizin“ versus „westliche Bio-Medizin“)
auszugehen, sondern von einem historischen Geflecht von Differenzen auf der Grundlage von Kultur-
Vergleichen (nicht Übernahmen) – die die wechselseitigen Durchdringungen, Hybridisierungen und Identitäten
der Kulturen mitdenken. Für ein solches Projekt bleiben die chinesische als auch die europäische Antike in der
Tat aktuell, wie überhaupt die Chinesische Medizin allein mit der Traditionellen Europäischen Medizin
vergleichbar wäre und beide gemeinsam gegenüber der Biomedizin. Der Verweis auf den Ursprung der
Chinesischen Medizin vor über 2000 Jahren und deren Fortdauer bis heute darf ihre Anhänger nicht von der Last
befreien, die Herkunftskette der eigenen Medizin-Tradition zur tragen oder mindestens zur Kenntnis zu nehmen.

Wie viel chinesische Kultur müssen wir übernehmen, um nutzbringend Akupunktur zu betreiben?

Hybriden kannte man zunächst aus der Pflanzenbiologie, es sind Mischpflanzen, Kreuzungen verschiedener
Sorten. Auch in den Kulturwissenschaften hat sich dieser Begriff etabliert. Dabei geht es allerdings um die
Vermischung von Kulturen. Es mag überraschen, dass an dieser Stelle von „Kultur“ und nicht von Medizin die
Rede ist. Nun, 2010 entschied die UNESCO, die Akupunktur in die Liste des "immateriellen Weltkulturerbes"
aufzunehmen. In China wurde lange erbittert darüber gestritten, ob die Akupunktur primär als Kultur oder
primär als Medizin zu gelten habe. Denn Kultur trage ihren Wert in sich und sei als solche bewahrenswert, so
wurde argumentiert. Medizin hingegen diene einzig dem Wohl des Patienten und müsse, wenn neuere
Erkenntnisse dies verlangen, jederzeit zur Revision aller ihrer Aspekte bereit sein.

Selbst unter denen, die die chinesische Medizin zu unterstützen behaupteten, herrschte ein „ohrenbetäubendes
Schweigen“, wie Mei Zhan (2009) schreibt, über die Frage der "Wissenschaft“. Es ging in der öffentlich
geführten Debatte in China mehr darum, die Chinesische Medizin im Rahmen der Bewahrung des kulturellen
Erbes und des Nationalstolzes international aufzuwerten und den zweideutigen wissenschaftlichen Status der
Chinesische Medizin am besten unberührt zu lassen. „Das heißt, wie groß und welchen Inhalts ist das kulturelle
Gesamtpaket, das wir übernehmen müssen aus China, um die in dieses kulturelle Gesamtpaket eingebettete
Medizin nutzbringend übernehmen zu können?“, fragte Paul U. Unschuld die Teilnehmer des TCM-Kongresses
2015. Das ist die Herausforderung an eine Auseinandersetzung zwischen antikem Erbe einerseits und
unvermeidlicher Anpassung an die Gegenwart andererseits. Wenn wir Kultur definieren als jenes komplexe
Ganze, das Wissen, Glauben, Kunst, Moral, Recht, Brauchtum und alle übrigen Fähigkeiten und Gewohnheiten
umfasst, die der Mensch als Mitglied der Gesellschaft benötigt, lässt sich leicht ersehen, wie schwierig es sein
wird, die Chinesische Medizin als Kulturgut auch nur annähernd zu transferieren. Angesichts dessen wäre es
keine schlechte Lösung, sich einzugestehen, dass es nur Sinn macht, nach verschiedenen Weisen der
Hybridisierung zu suchen und eine „Praxis der Chinesischen Medizin in Europa“ zu definieren.

Quellen und Literatur

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Helmut Magel - Warum sollten sich Akupunkteure mit der Geschichte der Akupunktur befassen? 9
2007 (1996)
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200

Helmut Magel, Jahrgang 1946, Heilpraktiker, Lehre, Grafik-Design- und Lehramts-Studium, Ausbildungen in
TCM, Kalligraphie und Qi Gong in Deutschland. 1990-2017 eigene TCM-Praxis in Wuppertal. 1995 bis 2001
Redakteur der TCM-Beiträge der AGTCM in der “Volksheilkunde”. Fortbildungen in TCM bei B. Kirschbaum,
für westliche Kräuter bei F. Ramakers, J. Ross und E. Mosheim-Heinrich; Dozent seit 1996 (erste Jahre im ABZ
Mitte); 1999-2014 Leitung der August-Brodde-Schule Wuppertal. Autor zahlreicher Fachartikel zur
Chinesischen Medizin, Co-Autor von „180 westliche Kräuter in der Chinesischen Medizin“ (Thieme), Autor des
Diätetik-Teils im „Leitfaden Chinesische Medizin“ (Elsevier).

Helmut Magel
Heilpraktiker und Lebensberater
Dozent für Chinesische Medizin
Autor, freischaffender Philosoph
Tel. (Praxis) 0202 593237
Homepage: www.helmut-magel.de
Mein Blog: www.yang-sheng-philo.com

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