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ihn führt. Besonders hervorzuheben ist die intertextuelle Auslegung von der vom Vf. angenommenen Grundschicht in Gen 14; sie überzeugt und zeigt ein gutes Beispiel für die Entstehung eines Textes am Schreibtisch als innerbibli- sche Exegese, wobei Traditionen als Hypothesen jedoch nicht allzu schnell ausgeschlossen werden sollten. Insgesamt stellt die vorliegende Arbeit eine Großhypo- these zu Gen 14 und der innerbiblischen Melchisedek- Tradition dar, die als solche an vielen Stellen angreifbar ist, wie es in dieser Rezension angeklungen und wie es das Schicksal einer jeden Großhypothese ist. Aber darin liegt gleichzeitig der Grund, dass die weitere Forschung diese Arbeit als wertvollen Dialogpartner aufnehmen kann. Sie gibt in sich schlüssig eine Erklärung der schwierig zu deu- tenden Melchisedek-Tradition und legt im Laufe ihrer Darstellung ihre eigenen Vor-Urteile zum Teil selbst- reflektiert offen, verweist durch eine Vielzahl von Fußno- ten zu vorherigen oder folgenden Argumenten in der Ar- beit und gibt somit eine dankenswerte Transparenz der Argumentationslinie. Der Vf. hat somit eine Arbeit vorge- legt, die einen zu beachtenden Ansatzpunkt für die weitere Erforschung der innerbiblischen Melchisedek-Tradition darstellt.

SEMITISTIK

Morgenstern, Matthew: Studies in Jewish Babylonian Aramaic. Based upon Early Eastern Manuscripts. Winona Lake: Eisenbrauns 2011. XX, 287 S. 8° = Harvard Semitic Studies 62. Lw. 44.95 $. ISBN 978-1-57506-938-8. Bespr. von Holger Gzella, Leiden.

Ungeachtet seiner religiösen, kulturgeschichtlichen und sprachwissenschaftlichen Bedeutung spielt das Jüdisch- Babylonische Aramäisch, das Idiom jüdischer Gemein- schaften in Teilen Irans und des Irak zwischen dem dritten und dem elften nachchristlichen Jahrhundert, in der Semi- tistik des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhun- derts außerhalb Israels nur eine untergeordnete Rolle. In den Lehrplänen Theologischer Fakultäten und Orientali- scher Seminare wurde es nach der Aufklärung, zusammen mit dem Studium anderer jüdischer Traditionsliteratur, in wachsendem Maße von der historisch-kritischen Bibelexe- gese, dem Klassisch-Arabischen und dem Syrischen sowie den von großen Ausgrabungskampagnen wieder ans Licht gebrachten Kulturen des Alten Orients überschattet. Nicht- jüdische Semitisten wie Theodor Nöldeke, Carl Brockel- mann oder Hans Bauer waren mithin auf Selbststudium oder Gewährsleute mit einer rabbinischen Ausbildung angewiesen, um wenigstens einzelne Lesefrüchte aus dem umfangreichen und wertvollen Material für ihre eigenen Arbeiten verwenden zu können. Dabei bringen nicht nur die inhaltliche Komplexität und der oft technische Jargon des Babylonischen Talmuds, der wichtigsten Quelle, einen

des Babylonischen Talmuds, der wichtigsten Quelle, einen vor allem an grammatischen Details geschulten Ausleger in

vor allem an grammatischen Details geschulten Ausleger in Verlegenheit, sondern die zahlreichen Fehler und Inkon- sistenzen der gedruckten Ausgaben, auf denen die ge- bräuchlichen Grammatiken und Lehrbücher seit Samuel David Luzzattos Elementi aus dem Jahre 1865 aufruhen, verschleiern die ursprüngliche Gestalt seiner aramäischen Form. So bedurfte eine historisch-linguistisch angemesse- ne Gesamtdarstellung des Babylonisch-Talmudischen Aramäisch, die das bislang vielleicht am besten geeignete Elementarbuch in einer westlichen Sprache (Max Margo- lis, A Manual of the Aramaic Language of the Babylonian Talmud, München 1910) hoffentlich in absehbarer Zeit einmal ablösen wird, noch umfangreicher Vorarbeiten. Genau diesen wichtigen Schritt unternimmt nun Mat- thew Morgenstern mit dem angezeigten, maßgeblichen Werk. Der Vf. hat sich im Laufe der letzten zehn Jahre eingehend und immer quellennah mit dem Babylonisch- Aramäischen der nachtalmudischen, aber auch altes Sprachgut und manch ursprünglich talmudisches Material enthaltenen geonischen Responsen beschäftigt, dem er seine unveröffentlichte Dissertation an der Hebräischen Universität gewidmet hat (eingereicht im Jahre 2002), sodann mit den aramäischen Zauberschalen, die Gegen- stand zahlreicher fundierter Aufsätze sind, deren Inhalt indes hier nicht wiederholt wird; außerdem befasst er sich nun mit dem Klassisch-Mandäischen, das dem Babylo- nisch-Talmudischen ja sprachlich sehr nahesteht. Er ist also für ein solches Vorhaben bestens ausgewiesen. Be- sonders die Veröffentlichung geonischer Texte und früher talmudischer Handschriften aus der Kairoer Genisa sowie das neuerwachte Interesse an den Zauberschalen in der jüngeren Vergangenheit ermöglichen es inzwischen, durch einen Vergleich mit zuverlässigeren Sprachzeugnissen die Qualität einzelner Handschriften zu beurteilen und auf diese Weise ein besseres Bild des Jüdisch-Babylonischen Aramäisch insgesamt zu bekommen. Dass sich mit Hilfe von Inschriften und anderen datier- baren Quellen die Polyphonie von Handschriftentraditio- nen, in der das Echo ganzer Generationen von Schreibern nachklingt, bis zu einem gewissen Grade wieder in einzel- ne Stimmen zerlegen lässt, zeigen Untersuchungen des Biblisch-Hebräischen im Spiegel der Qumrantexte und der Epigraphik genauso wie Studien zur Mischna auf der Grundlage allein der besten Kodizes. Darauf hat vor allem Eduard Yechezkel Kutscher schon vor Jahrzehnten bestän- dig hingewiesen. Ebenso hat die Berücksichtigung aller relevanten Sprachzeugnisse statt der Beschränkung auf eine kanonische Textsammlung Parallelen in moderneren Arbeiten zum Althebräischen, die neben der Hebräischen Bibel auch die alten Inschriften gleichberechtigt mit ein- schließen. Für die Lexikographie des Jüdisch-Babyloni- schen Aramäisch konnte bereits das unentbehrliche Wör- terbuch von Michael Sokoloff, A Dictionary of Jewish Babylonian Aramaic, Ramat-Gan 2002, diesen erheblichen methodologischen Fortschritt einholen, auch wenn es aus Gründen der Vollständigkeit spätere Quellen ebenfalls

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einbeziehen musste; Morgenstern gebührt das Verdienst, nach einzelnen Vorstößen besonders von Epstein jetzt als Erster konsequent und systematisch die Grammatik in eine solche neue Perspektive zu stellen. Die knappe Einleitung (S. 1–6) sowie ein ausführlicher Abriss der Forschungsgeschichte mit eingehender kriti- scher Würdigung älterer Arbeiten auf dem Gebiet der Sprachbeschreibung und Editionstätigkeit seit Luzzatto (S. 7–53) skizzieren das Programm des Vf. Aus einem Vergleich mit anderen frühen Zeugnissen des Jüdisch- Babylonischen Aramäisch ergeben sich verschiedene Merkmale, deren gehäuftes Vorkommen eine Beurteilung der Zuverlässigkeit einzelner Handschriften erlaubt (S. 42–46): Mehr Plene-Schreibungen für /ā/ im Wortinne- ren mit {’} und für den Vokal nach proklitischen Präposi- tionen mit {y}; viel weiter verbreitete phonetische Schrei- bungen von Formen mit geschwundenen Kehllauten (besonders */‘/) oder am Wortende apokopierten Vokalen und Konsonanten (später zu einem gewissen Grade syste- matisch wiederhergestellt); kyd „wie“ und der Verbmodi- fikator q’ tendenziell nicht mit dem folgenden Wort ver- bunden, doch Enklise der Präposition /l-/ mit Suffix; Markierung von /ay/ im Wortinneren mit einfachem (statt, wie später, doppeltem) {y}; Wechsel von auslautendem /āē/ zu /āyē/; Anzeige von Sprossvokalen durch {y}; As- similation von wurzelauslautendem /l/ oder /r/ an das enklitische Pronomen der 1. Sg. im Partizip des Grund- stammes und praktisch durchgehend ’mn’ /’āmannā/ (< */’āmar-nā/) „ich sage“ statt der (wohl sekundären und ihrem Ursprung nach noch nicht hinreichend geklärten) Dialektform ’myn’ /’āmenā/(?) (vgl. S. 156) wie in den Drucken und ganz selten schon in frühen Zeugen (dazu ausführlich S. 117–120; vgl. S. 193); Bewahrung des kur- zen Themavokals in bestimmten suffigierten Verbalfor- men; Gebrauch des Fem.Sg. des Zahlwortes ’rb‘y „vier“ (statt ’rb‘; so auch im Klassisch-Mandäischen); ursprüng- liches {h} (statt {’}) beim Suffix der 3. Fem.Sg.; strengere Genuskongruenz; eigene feminine Form des Partizips beim verbalen Gebrauch mit der 1. Sg. sowie eigene Pronomina des femininen Plurals; Kausativstamm der „hohlen Wur- zeln“ nach dem Muster der Verba Iw/y; Infinitiv des Grund- stammes von Verba IIIī nach dem Muster miqṭā (statt miqṭē; als seltenere Nebenform ebenfalls im Klassisch- Mandäischen); regelmäßige Unterscheidung von {w} und {y} (z.B. ’w „wenn“ statt ’y); zuverlässige Bewahrung sel- tener und fremder Wörter sowie echt babylonischer Formen; einheitlicher Gebrauch der Objektpartikel. Diese Kriterien werden in den folgenden Teilen des Buches eingehend be- gründet, nur eine knappe Bemerkung über „consistent use of verbal tenses“ (S. 44) im echten Jüdisch-Babylonischen Aramäisch kehrt in der Diskussion nicht mehr zurück. Da das Gros der Überlieferung in Nordafrika oder Euro- pa entstand, erhalten nur wenige Handschriften talmudi- scher und geonischer Texte das Idiom des Talmuds in seiner ursprünglichen, noch nicht durch Abschreiber, die kein Aramäisch mehr sprachen, mittels Analogie entstell-

kein Aramäisch mehr sprachen, mittels Analogie entstell- ten oder nachträglich der Norm anderer (meist palästi-

ten oder nachträglich der Norm anderer (meist palästi- nischer) Dialekte angeglichenen Form; es sind dies die „Early Eastern Manuscripts“, bei denen Vf. zwischen ers- ter und zweiter Güte unterscheidet (S. 49–52): zu den besten gehören seiner Meinung nach Halachot Pesuqot Sassoon (wie schon Kutscher erkannt hatte; jetzt zweifels- frei als früher babylonischer Kodex erwiesen), Friedmans Bava Mezia, eine unveröffentlichte Handschrift des Trak- tates Bava Qamma, Ginsbergs Geonica Nr. 38 und Assafs Geonic Responsa from Geniza MSS Nr. 1 (diese jedoch durch den Herausgeber oft nach den Drucken korrigiert!); die nächstbeste Kategorie umfasse Halachot Gedolot Paris 1402 und die vier Handschriften in Harkavys Responsen der Geonim, die zwar im wesentlichen zuverlässig seien, aber auch sekundäre Formen enthielten. Freilich umfassen sie nur einen eher kleinen Teil der talmudischen und nach- talmudischen Literatur; die Identifikation einer Reihe wei- terer echter Talmudhandschriften vergleichbarer Qualität – statt bloß talmudischen Materials in geonischen Texten – wäre ein großer Zugewinn. Im folgenden Kapitel (S. 55–153) widerlegt Vf. aus- führlich die auch außerhalb der Talmudforschung rezi- pierte Hypothese Shelomo Morags, die jemenitische Tradi- tion bewahre in weiten Teilen ursprünglich babylonisches Sprachgut und könne daher als hauptsächliche Quelle für die Rekonstruktion des Babylonisch-Talmudischen Ara- mäisch dienen. Soweit Rez. beurteilen kann, ist dies die erste detaillierte Auseinandersetzung mit Morags Ansich- ten auf der Grundlage konkreter philologischer Details. Aus einem Vergleich zahlreicher Erscheinungen der Laut- und Formenlehre in den „Early Eastern Manuscripts“ und der jemenitischen Überlieferung, besonders der von Morag geschätzten Rezitation, ergeben sich insgesamt etliche signifikante Unterschiede:

– */‘/ (> /Ø/ oder /’/) und *// (wohl erst > /h/ und nur später teils > /Ø/, weil sonst Sprossvokale bei *// in Konsonantenhäufungen wie l’ ty- dyly /lā tedəḥlī/ „fürchte dich nicht“ schwer zu erklären wären) sind in der ursprünglichen jüdisch-babylonischen Aussprache wie im Man- däischen selbst bei historischen Schreibungen schon früh geschwun- den (das ließe sich durch dauerhaften Kontakt mit Sprachen ohne sol- che Laute in Babylonien plausibel erklären), werden aber in der jemenitischen Lesetradition in solchen Fälle normal gesprochen; beim Gt-Stamm der Wurzel ’mr wird selbst das etymologische wurzelan- lautende, doch in Kontaktstellung assimilierte /’/ gegen die Schrei- bung der Drucke (’ytmr „es wurde gesagt“) wiederhergestellt.

– Wie im Mandäischen brechen im Jüdisch-Babylonischen mit {y} geschriebene Sprossvokale häufig Reihen von drei Konsonanten auf, was dagegen in jemenitischen Handschriften seltener vorkommt und in der jemitischen Aussprache wie in den gedruckten Talmud- Ausgaben gänzlich fehlt. Wäre aber so möglicherweise nicht auch das {y} im normalerweise vokallosen „Imperfekt“-Präformativ des D-Stammes (wie ebenfalls im Klassisch-Mandäischen) eleganter zu erklären als, wie Vf. vorschlägt (S. 98–101), mit einem Wechsel von Schwa zum Vollvokal /i/ (in der Lesetradition nur in der dritten Per- son des Maskulinums erhalten), der sich ja sonst nicht als regelmäßi- ger Lautwandel erweisen lässt und daher höchstens als Analogie zu den „Imperfekta“ anderer Stämme gebucht werden kann?

– Prosthetisches /’/ vor /š/ wird jemenitisch als t-Stamm-Präfix reanaly- siert, ist aber ursprünglich eine rein phonetische Variante.

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– Die „Perfekta“ der 1. Sg. und 3. Fem.Sg. mit Afformativen ohne etymologisches auslautendes */-t/, in der 3. Fem.Sg. oft mit */-at/ > /-a/ > [ɔ], sind jüdisch-babylonisch sekundär nach der 3. Mask.Sg. umgebildet (Basis /qal-/, selten auch ohne Auslautvokal und somit identisch mit der 3. Mask.Sg.), in der jemenitischen Lesetradition aber wohl dem Partizip angeglichen (Basis /qāṭl-/).

– Bestimmte suffigierte Formen der jemenitischen Lesetraditionen (1. Sg. /qali-/ statt /qalt-/) begegnen noch nicht in alten Zeugen.

– Jemenitische Handschriften und besonders die jemenitische Lesetradi- tionen ersetzen das im Ostaramäischen offenbar sekundäre Afforma- tiv /-nan/ der 1. Pl. (klassisch-mandäisch geschrieben -nin) durch älte- res /-nā/, teils durch auch /-innan/ (bei suffigierten Formen /-inn-/ statt /-n-/).

– Die jemenitische Lesetradition hat /’a-/ statt /’i-/ als „Imperfekt“- Präformativ der 1. Sg.

– Beim Imperativ Fem.Sg. von Wurzeln mit konsonantischem Auslaut ist auch im Jüdisch-Babylonischen, wie im Klassisch-Mandäischen und im Syrischen, der alte Endvokal */-ī/ regelmäßig geschwunden, entsprechende Formen von Wurzeln IIIī enden jedoch auf /-āy/. Die Endung /-īn/ des (seltenen) Fem.Pl. in den Drucken und der jemeniti- schen Lesetradition findet keinen Anhalt in den Handschriften. Der suffigierte Imperativ des Grundstammes hatte ursprünglich die Basis /qil-/, die aber in der jemenitischen Überlieferung der „Perfekt“- Basis /qal-/ vor Suffixen angeglichen wird.

– Der Funktionsunterschied beim Partizip zwischen status emphaticus (gemein-ostaramäisch /-ē/) und, bei prädikativem Gebrauch, status absolutus (*/-īn/ > /-ī/, so auch oft im Klassisch-Mandäischen) ver- schwindet in der jemenitischen Lesetradition, wo die phonetisch mit {y} geschriebene Endung des status absolutus gleich der des empha- ticus ausgesprochen wird.

– Zudem werden in der jemenitischen Lesetradition defektiv geschrie- bene Formen des Grundstamm-Partizips ohne {’} für den Vokal /ā/ in der ersten Silbe dem „Perfekt“ angeglichen, d. h. ohne Vokal nach dem ersten Radikal.

– Die jemenitische Lesetradition kennt keine eigene feminine Form des Partizips mit enklitischem Pronomen der 1. Sg. mehr.

– Die ursprünglich mit ziemlicher Sicherheit plosive Aussprache des /t/ im enklitischen Suffix der 2. Mask.Pl. wurde in der jemenitischen Le- setradition durch eine frikative ersetzt, laut Vf. als Folge von Analo- gie mit dem entsprechenden „Perfekt“-Afformativ bei Verba IIIī.

– In der jemenitischen Lesetraditionen begegnen zahlreiche sekundäre Formen mit im wirklichen Jüdisch-Babylonischen unbelegten oder wenigstens zweifelhaften Objektsuffixen, so besonders /-hū/ (Mask.) und /-hā/ (Fem.) für die 3. Sg.

Während also die jemenitischen Handschriften noch zu einem relativ späten Zeitpunkt mehr ursprüngliche Merk- male bewahren, die in sephardischen und aschkenasischen Manuskripten bereits verschwunden waren, steht die jeme- nitische Lesetradition unter starkem Einfluss der gedruck- ten Ausgaben, nicht-babylonischer Varietäten des Aramäi- schen (besonders Targum Onqelos, dessen großen Einfluss im allgemeinen jetzt auch Abraham Tal unterstreicht: „The Role of Targum Onqelos in Literary Activity During the Middle Ages“, in: Holger Gzella und Margaretha L. Fol- mer [Hg.], Aramaic in its Historical and Linguistic Setting, Wiesbaden 2008, 159–171) und normalisierender Analo- gie (für die ja reine Gelehrtensprachen sehr anfällig sind). Damit hat sich eine Grundvoraussetzung von Morags ein- schlägigen Arbeiten erledigt. Selbst wenn jedoch ein großer Teil der sprachlichen Va- riation in späteren Handschriften sowie in gedruckten Ausgaben auf Redaktionsprozesse und nicht-muttersprach-

Ausgaben auf Redaktionsprozesse und nicht-muttersprach- liche Kopisten zurückgeht, bleiben indes auch in den bes-

liche Kopisten zurückgeht, bleiben indes auch in den bes- ten Zeugnissen, einschließlich den geonischen Responsen, genug Beispiele für einen offenbar freien Wechsel zwi- schen historischen und phonetischen Schreibungen, teils im selben Manuskript und sogar im selben Satz. Ihnen geht Vf. im anschließenden Kapitel nach (S. 155–222):

schwankender Gebrauch von {’} als Vokalbuchstabe für /ā/ im Wortinneren und, obgleich selten, von {’} sowie {h} für auslautendes /ā/ sowie von {y} für /i/ im Wortinneren; {s} und {š} für etymologisches */ś/ (obwohl längst mit /s/ verschmolzen; die genannten Beispiele betreffen das Zahlwort ‘šry(n) „zwanzig“, dessen konservative Schrei- bung sich dem Hebräischen oder dem Biblisch-Ara- mäischen verdanken könnte); historische Schreibungen für geschwundene oder schwach artikulierte Kehllaute und für in der Aussprache assimilierte oder geschwundene wurzel- auslautende Radikale sowie Auslautkonsonanten (vor allem /-īn/ und /-ī/ des Mask.Pl. im status absolutus); Wechsel von /n/ und /l/ (auch im Präformativ des „Imper- fektums“); unsystematische Schreibung von Sprossvokalen bei Konsonantenhäufungen; Nebeneinander älterer und jüngerer Afformative („Perfekt“ 3. Fem.Sg. /-a/, /-a/ und /-Ø/, doch 1. Sg. nur ganz vereinzelt noch mit /-t/; 3. Mask.Pl. /-ū/, /-Ø/ und mit für das Jüdisch-Babylonische charakteristischem Sprung des Auslautvokals vor den letz- ten Radikal, d. h. /qṭūl/, so auch beim Imperativ Mask.Pl.; „Imperfekt“ 3. Mask.Pl. nur selten mit alter Langform /-ūn/); Partizipia Mask.Pl. von Verba IIIī auf -w neben -y für ursprüngliches */-ay(n)/ (teils > /ā/ vor dem enkliti- schen Suffix der 1. Pl.); die Variation in den Possessiv- und Objektsuffixen könnte mit dem Zusammenbruch des Unterschieds zwischen Formen mit konsonantischer und vokalischer Basis zusammenhängen, ähnlich wie im Klas- sisch-Mandäischen und im Neuostaramäischen. Für die verschiedenen Demonstrativa siehe auch G.-Wilhelm Nebe, „Zu den Bausteinen der deiktischen Pronomina im babylonisch-talmudischen Aramäischen“, in: Ronen Reichman (Hg.), „Der Odem des Menschen ist eine Leuch- te des Herrn.“ Gedenkschrift Aharon Agus, Heidelberg 2006, 251–273. Mit Recht berücksichtigt Vf. ganz unter- schiedliche Gründe für diese Variation in einem über einen langen Zeitraum und innerhalb eines großen Gebietes ge- wachsenem Textcorpus: neben orthographischer Freiheit sowie sprachhistorischen und dialektalen Ursachen wird man im Prinzip auch an stilistische, prosodische und text- geschichtliche denken müssen, wenngleich die jeweiligen Faktoren noch undeutlich bleiben. Weitere Untersuchun- gen dürften hier in Zukunft zu einer größeren Trennschärfe führen. Zum Abschluss ergänzt Vf. mit nuancierten Beobach- tungen zur Objektmarkierung die Diskussion orthographi- scher, phonetischer und morphologischer Kennzeichnen des ursprünglichen Jüdisch-Babylonischen Aramäisch um ein syntaktisches Merkmal (S. 223–266). Hier betritt er echtes Neuland, denn die syntaktischen Verhältnisse wur- den in der Arbeit am Jüdisch-Babylonischen bislang nur

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unzureichend berücksichtigt; eine neue, linguistisch un- termauerte Gesamtdarstellung, die Michel Schlesingers nützliche, aber skizzenhafte und ganz den gedruckten Ausgaben verpflichtete Satzlehre der aramäischen Spra- che des Babylonischen Talmuds, Leipzig 1928, ablöst, ist ohnehin längst überfällig. Die Objektmarkierung eignet sich gut für einen solchen Vorstoß, da rezente Untersu- chungen anderer aramäischer Sprachzweige ihre Wandel- barkeit im Laufe der Zeiten deutlich erwiesen haben (vgl. besonders Margaretha L. Folmer, „The Use and Form of the nota objecti in Jewish Palestinian Aramaic Inscrip- tions“, in: Holger Gzella und dies. [Hg.], Aramaic in its Historical and Linguistic Setting, Wiesbaden 2008, 131– 158, mit weiterer Literatur). Die Analyse einer Fülle von Beispielen für verschiedenste Konstruktionen führt zu dem Schluss, dass in den besten Textzeugen die Objektpartikel l- in einem enger begrenzten Maße gebraucht wird als anderswo, nämlich häufig nach Partizip mit pronominalem Objekt und sonst regelmäßig nur bei nicht-pronominalem, im allgemeinen kontextuell identifizierbaren und daher semantischen definiten Objekt in Zusammenhang mit einem proleptischen Pronomen. Dagegen bucht Vf. meh- rere Fälle von l- ohne proleptisches Pronomen in weniger guten Zeugen als Überlieferungsfehler. Am Ende fasst Morgenstern seine wichtigsten Ergeb- nisse prägnant zusammen (S. 267–270), darauf folgen die Bibliographie und ein Verzeichnis grammatischer Erschei- nungen. Neben einer Erweiterung der noch schmalen Textgrundlage der besten Zeugen vor allem durch die vie- len Genisa-Fragmente jüdisch-babylonischen Schrifttums kann die zukünftige Forschung zudem hier grundgelegte inhaltliche Linien weiter ausziehen: die wesentlich größere Häufigkeit phonetischer Schreibungen im echten Jüdisch- Babylonischen Aramäisch, dessen Orthographie nie stan- dardisiert wurde, und ihr freier Wechsel mit historischen weist nun noch deutlicher auf das Fehlen einer einheitli- chen Literatursprache. Dadurch vergrößert sich unweiger- lich auch der Abstand zum Klassisch-Syrischen, das im Vergleich jetzt noch stärker normiert erscheint. Seine kon- servative Schreibung dürfte indes eine Bandbreite an sprachlicher Variation überlagern, die der des Jüdisch- Babylonischen und des Mandäischen gar nicht so unähn- lich gewesen sein könnte. Eine umfassendere Zusammen- schau dialektaler Vielfalt im Aramäischen Babyloniens und ihrer Parallelen im Neuostaramäischen (vom Vf. nur sporadisch herangezogen, vgl. S. 128) mag manche Ge- meinsamkeiten ans Licht bringen. Diesem Fernziel ist man jetzt wieder ein gutes Stück näher.

Das Manuskript wurde sehr sorgfältig für den Druck vorbereitet; hier einige kleinere Korrekturen, um Missverständnissen vorzubeugen: S. 21, Zl. 5: statt „G participle“ lies „G infinitive“; S. 42, unter 2.12.2.1, Zl. 4, und S. 194, Anm. 95, Zl. 1: statt „3 m.s.“ lies „3 m.pl.“; S. 46–49: die Wortstellung in der Tabelle ist durcheinandergeraten, weil Wörter in Quadratschrift mit Fußnotenzeichen irrtümlich rechtsläufig ausgerichtet sind; S. 107, Zl. 4 v. u.: statt „prwhy“ lies „prwhy“; S. 108, Anfang von Zl. 9: statt „2 f.s.“ lies „3 f.s.“; S. 116: die Zählung der Unterkapitel springt auf einmal von 3.4.5.1 zu 3.4.6.2, was wohl 3.4.5.2 sein sollte,

einmal von 3.4.5.1 zu 3.4.6.2, was wohl 3.4.5.2 sein sollte, und geht so weiter; S. 150

und geht so weiter; S. 150 mit Anm. 320: die Objektsuffixe der 3. Pl. werden erst reichsaramäisch durch die selbständigen Pronomina ersetzt, sind aber altaramäisch noch belegt (vgl. Rez., „The Heritage of Imperial Aramaic in Eastern Aramaic“, Aramaic Studies 6 [2008], 85–109, hier p. 93); S. 160, Anm. 5, Zl. 2: statt „[’:]“ lies „[ɔ:]“; S. 187, Beginn von Zl. 4: statt „sent“ lies „said“; S. 168, Übersetzung von BB 167a, Zl. 1:

nach „should“ ergänze „not“; S. 214, Zl. 15: statt „Urtexten“ lies „Ur- texte“; S. 229: das letzte Beispiel auf der Seite gehört in die Rubrik „Imperfekta“, ebenso S. 234, Zl. 12, zweites Beispiel; S. 231, Zl. 7, viertes Wort von links: statt „‘h“ lies „lh“; S. 280: Morgenstern, „Man- daic“, erschien in Aram 22 (2010), 1–14 (statt Aram 21 [2009], 289–

302).

Morgensterns äußerst gehaltvolles Buch zeichnet sich aus durch eine vorbildliche Beherrschung der Quellen, durch eine stringente Gedankenführung und durch eine klare, angenehm zu lesende Darstellung der immer gut dokumen- tierten Tatsachen. Es bedeutet einen Wendepunkt in der Erforschung des Jüdisch-Babylonischen und erschließt durch seine ausführlichen Belege zudem viel wertvolles Material, das gerade dem Nicht-Spezialisten sonst nur schwer zugänglich wäre. Wie es bei dem gegenwärtigen Kenntnisstand angemessen ist, bewahrt Vf. eine streng empirische Haltung und verzichtet auf weitreichende Spe- kulationen. Das hat heutzutage einen ähnlichen Bekennt- nischarakter wie der leidenschaftliche Ausruf „Ani filo- log!“ des Protagonisten in Joseph Cedars Film „Footnote“ und verleiht dem vorliegenden Opus bleibenden Wert. Wer sich in Zukunft mit der jüdisch-babylonischen Varietät des Aramäischen beschäftigt, um ihre eigentliche Gestalt he- rauszuschälen aus dem Bernstein der Talmudüberliefe- rung, in der sich Älteres und Jüngeres, Ursprüngliches und Sekundäres verbinden, kommt nicht an diesem Werk vor- bei.

Bassiouney, Reem (Hg.): Arabic and the Media. Lin- guistic Analyses and Applications. Leiden, Boston: Brill 2010, VI, 303 S., gr. 8° (= Studies in Semitic Languages and Linguistics, vol. 57), Hardbd., 119,00 €. ISBN 978-

90-04-18258-5.

Bespr. von Dagmar Glaß, Bonn.

Der im Folgenden zu besprechende Sammelband nimmt drei Problemkreise in den Blick, und zwar 1. den Einfluss von modernen Medien(formaten) auf die Verwendung und Entwicklung des Arabischen als Hochsprache (al-fuṣḥā) und Umgangssprache/Dialekt (al-oāmiyya), 2. den Einfluss der Diglossie auf den Sprachgebrauch in den arabischen Medien und 3. die Didaktisierung der arabischen Medien- sprache (Media Arabic) im akademischen Unterricht. Die Verfassergemeinschaft setzt sich interdisziplinär zu- sammen. Zu Wort kommen Spezialisten der Soziolinguis- tik, der Kommunikations- und Medienwissenschaften, der Politikwissenschaft und der Fremdsprachendidaktik, die bis auf zwei Ausnahmen des Arabischen kundig sind. Sie präsentieren Untersuchungsergebnisse aus profunden kor-