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Das deutsche Nachrichten-Magazin

Hausmitteilung
Betr.: Spionage, China, Hirsebrot

A m 6. Juni 1944 landeten alliierte Truppen in der Normandie – und die deut-
sche Wehrmacht war unvorbereitet. Denn die Heeresführung war getäuscht
worden und erwartete die Invasion eher bei Calais, 250 Kilometer östlich. Ein
deutscher Spion hatte den tatsächlichen Invasionsplan, annähernd korrekt, zwar
verraten – die Information, die womöglich das Ende des Krieges hätte hinaus-
zögern können, wurde jedoch ignoriert. Der Agent trug den Decknamen „Ostro“;
tatsächlich hieß er Paul Fidrmuc, und nach dem Zweiten Weltkrieg sollte er als
Journalist Karriere machen – unter anderem beim SPIEGEL. Redakteur Thomas
Hüetlin und Hauke Janssen, Leiter der Dokumentationsabteilung, fanden heraus,
dass Fidrmuc, der beinahe zehn Jahre als Spanien-Korrespondent für den SPIEGEL
tätig gewesen war, vor allem als Nachrichtenbeschaffer, offenbar gute Kontakte
zu Francos Geheimdienst unterhalten hatte. Die beiden für Fidrmuc zuständigen
Ressortleiter waren ehemalige SS-Offiziere – und so ist dies auch ein Stück
Aufarbeitung der SPIEGEL-Geschichte. Seite 120

E s sind Einladungen, die man nicht


ablehnen kann: Mitte Mai wurde
Peking-Korrespondent Bernhard Zand
per Vorladung in die Zentrale der
Ausländerpolizei gebeten, einen ein-
schüchternden Gebäudekomplex in
der Innenstadt Pekings. Dort belehrte
man ihn über die strengen Bestimmun-
gen, die für ausländische Journalisten Zand, Polizist in Xinjiang
gelten: Zand war zuvor durch den
Westen des Landes gereist, in die Re-
gion Xinjiang, wo die muslimischen Uiguren sich seit Jahren unterdrückt füh-
len – und wo islamistische Attentäter den Staat herausfordern, wie Zand schreibt.
Dies geschieht zu einem Zeitpunkt, an dem die Staatsmacht nervös ist wie seit
Langem nicht mehr: Vor 25 Jahren ließ Peking die Demonstration auf dem Platz
des Himmlischen Friedens niederschlagen. Für den chinesischen Dichter und
Friedenspreisträger Liao Yiwu, den Zand ebenfalls für diese Ausgabe interviewt
hat, wurde der Aufstand zwar niedergeknüppelt, geht aber weiter: „Das heutige
China ist ein Dämon, eine Gefahr für die ganze Welt.“ Seiten 96, 130

A ls SPIEGEL-Redakteur Philip Bethge nach Vadgaon Kashimbe kam, ein


Dorf im Westen Indiens, dreieinhalb Autostunden von Mumbai, erwartete
ihn ein besonderes Erlebnis: Meena, eine junge Bäuerin, backte für den Gast
Bhakri, das traditionelle Fladenbrot aus Hirse. Dieses Brot war auch der Anlass
für Bethges Reise und Recherche – je-
denfalls die Inhaltsstoffe dieser Hirse:
Denn die Neuzüchtung enthält be-
sonders viel Eisen und Zink. Er-
FOTOS: DER SPIEGEL (O.); DILIP KALIYA / DER SPIEGEL (U.)

nährungsexperten hoffen, dass durch


die neuen Getreidesorten die Mangel-
ernährung gelindert werden kann. Von
den Backkünsten Meenas und vom
Geschmack des Hirsebrots war Bethge
Bethge in Indien angetan: „Lecker, auch wegen der
Chiliwürze.“ Seite 102

Die nächste SPIEGEL-Ausgabe wird wegen der Pfingstfeiertage bereits am


Samstag, dem 7. Juni, verkauft und den Abonnenten zugestellt. Die digitale Ausgabe
ist am Samstag ab 8 Uhr verfügbar.

DER SPIEGEL 23 / 2014 3


Das Sofa-Ritual
Titel Einst als Opa-Fernsehen
verschrien, ist der „Tatort“
heute allgegenwärtiger Ge-
sprächsgegenstand in U-Bahn
und Büro. Er wird zum
Open-Air-Event und läuft im
Kino – die Handlung aber
hat wenig mit dem tatsäch-
lichen Leben und der Kriminal-
statistik gemein. Wofür bloß
braucht der Bundesbürger die
Krimireihe? Seite 58

Europäer wählen,
Merkel bestimmt
Europa Nach der Wahl tobt
zwischen EU-Parlament und

FOTOS: STEFFEN JUNGHANS / MDR (O.); OLIVIER HOSLET / DPA (M.L.); GETTY IMAGES (M.R.); MAXIM DONDYUK / DER SPIEGEL (U.L.)
den Regierungschefs ein wohl
beispielloser Machtkampf.
Die Kanzlerin hat eine schnelle
Entscheidung über den nächs-
ten Kommissionschef blockiert,
der Wählerwille ist zweit-
rangig für sie. Auf der Strecke
bleiben könnte der Wahl-
sieger: Merkels Parteifreund
Jean-Claude Juncker. Seite 18

Kaukasische
Söldner
Ukraine Auf die Präsident-
schaftswahl folgen die bisher
schwersten Kämpfe: Kiew ver-
sucht, die abtrünnigen Gebiete
um die Stadt Donezk im Osten
Gärtner des Gedenkens
mit Luftangriffen und Artillerie 11. September Am Ground Zero gibt es nach langem Streit eine
zurückzuerobern. Die prorus- Plaza mit Mahnmal für die Opfer der Attentate von 2001.
sischen Separatisten erhalten Jeder Baum dort erzählt vom schwierigen Umgang der Stadt mit
im Gegenzug Unterstützung dem Gestern. Hinterbliebene protestieren, Architekten kämpfen
von Milizen aus Russland und um ihre Pläne, alles ist mit Symbolik aufgeladen. Aber wie lange
Tschetschenien. Seite 88 kann eine Stadt wie New York trauern? Seite 50

4 Titelbild: Illustration: Jean-Pierre Kunkel für den SPIEGEL


In diesem Heft

Titel 50 11. September Die Bäume 106 Medizin Sollten auch


des Ground Zero erzählen, Gesunde blutfettsenkende
58 Die „Tatort“-Republik
wie schwer sich New York mit Mittel schlucken?
Warum ausgerechnet eine
der Vergangenheit tut 107 Psychologie Forscher ver-
Krimireihe Millionen
Deutsche vor dem Fernseher 55 Ortstermin Eine Stuttgarte- suchen, Filme der Stimmung
vereint rin kämpft vor Gericht darum, der Zuschauer anzupassen
Stadttauben füttern zu dürfen 108 Evolution Leben wie von
Deutschland einem anderen Planeten –
10 Leitartikel Großbritannien
Medien die Enträtselung der zauber-
muss sein Verhältnis zur EU 57 Google will transparent haften Rippenquallen
klären löschen / ProSieben setzt auf
13 Streit mit den USA um
analoge Abenteuer Sport
Putin / Nato verstärkt 110 Polit-Tourismus im WM-
Wirtschaft
Präsenz in Polen / Milliarden- Land Brasilien / Buch Marine Le Pen,
Risiko bei Kauf von 68 Gröhe plant Kranken- über Frauen in der Formel 1
Hubschraubern / Kolumne: haus-Vergleich / Gaskunden 112 Deutsche Mannschaft Wie französische Rechtspopulistin,
Der schwarze Kanal bekommen Rückerstattung / die Spieler auf die Strapazen ist die große Siegerin der
18 Europa Parlament und HRE-Chefin kritisiert die beim Turnier in Brasilien vor- Europawahl. Im SPIEGEL-
Regierungschefs liefern sich Bundesregierung bereitet werden Gespräch warnt sie Angela
eine Machtprobe 70 Automatisierung Roboter 114 Marketing Hauptsponsor Merkel wegen deren Sparpoli-
24 Demokratie Warum die dringen immer weiter in den Mercedes-Benz vereinnahmt tik: „Deutschland wird sich
Europawahl anfechtbar ist Alltag ein – zum Nutzen aller die Nationalmannschaft verhasst machen.“ Seite 82
26 CSU Im SPIEGEL-Gespräch 73 Soziale Gerechtigkeit Der 116 Favoriten SPIEGEL-
rechnet Ex-Parteichef Erwin Wirtschaftsweise Bofinger Gespräch mit Italiens Trainer
Huber mit Horst Seehofer ab wirft Kapitalismuskritiker Cesare Prandelli über
Piketty schwere Fehler vor die Rolle seines Teams als
30 Parteien Konservative in
der CDU fordern eine 74 Geldpolitik Wie die EZB Schrecken der deutschen
Zusammenarbeit mit der AfD gegen die niedrige Inflation Fußballer
und den hohen Euro-Kurs
32 Karrieren Katja Kipping
kämpfen will Kultur
hat sich zur mächtigsten Frau
der Linken hochgearbeitet 76 Umwelt Ökopionier 118 New Yorks Whitney
Schmidt-Bleek zerstört Museum feiert Jeff Koons /
34 NSA Der Generalbundes-
scheinbare Gewissheiten Kanzlerin Merkel und ihr
anwalt will in der Affäre um
Merkels Handy Ermittlungen 77 Fußball Wirtschafts- Vorbild Zarin Katharina II. /
einleiten forscher prognostizieren die Kolumne: Mein Leben
Teilnehmer des WM-Finales – als Frau
38 Integration Demografie-
und Deutschland ist dabei 120 Zeitgeschichte Als Spion
experte Reiner Klingholz
schwärmt von der neuen der Abwehr meldete Cesare Prandelli,
Einwanderer-Generation Ausland Paul Fidrmuc 1944 den Italiens Fußball-National-
39 Ernährung Eine Studie 80 Kalifornien plant wahren Ort der Invasion – coach, ist jetzt der Hoffnungs-
bemängelt die Essensqualität Waffenverbot für psychisch nach dem Krieg landete er
Kranke / Die brutale Ver- beim SPIEGEL träger der Nation. Dabei
in Kitas pflegt er eine ungewöhnliche
gewaltigung und Ermordung 130 Diktaturen Der chine-
40 Korruption Wie ein zweier indischer Mädchen Distanz zu seinem Beruf:
Dresdner Unternehmer sische Dichter Liao Yiwu
„Fußball ist nicht
FOTOS: ERIC GARAULT / PASCOANDCO / DER SPIEGEL (O.); SIMONE DONATI / AGENTUR FOCUS (M.); EVENTPRESS MP (R.)

beim Berliner Großflughafen 82 Frankreich SPIEGEL- über das Erbe des Tiananmen-
Gespräch mit Wahlsiegerin Aufstands mein Leben.“ Seite 116
abkassieren wollte
Marine Le Pen über ihren 132 Theater Die Schau-
42 Kriminalität Mit 1,6 Kilo- Kampf gegen die EU
gramm Kokain erwischt – spielerin Bibiana Beglau
der Fall des Chefs vom Kemp- 86 Essay Assad ist für Syrien glänzt auch in Männerrollen
tener Rauschgiftdezernat nicht das kleinere Übel 134 Europa Nach der Wahl
weitet sich aus 88 Ukraine Die Schlacht um diagnostiziert der
44 Prozesse Der 15-jährige die Stadt Donezk Hamburger Psychoanalytiker
Sohn eines Taiwaners wird 92 Albanien Warum die Tradi- Karl-Josef Pazzini im
Opfer einer Gewaltattacke – tion der Blutrache das Leben SPIEGEL-Gespräch eine
aus rassistischen Motiven? eines 14-Jährigen bedroht kontinentale Depression
46 Verkehr Ist eine niedrigere 96 China Die Terrorgefahr aus 137 Filmkritik Richard
Promillegrenze für Radfahrer dem Westen des Landes Linklaters „Boyhood“,
sinnvoll? 99 Global Village Wegen der
gedreht über zwölf Jahre
47 Bildung In NRW kämpft Fußball-WM verschwinden die hinweg, erzählt das Erwach-
brasilianischen Liebesmotels senwerden eines Jungen
eine Elterninitiative für
den Erhalt der Förderschulen
Wissenschaft 6 Briefe Bibiana Beglau,
Gesellschaft 100 Wolken als Lebensraum / 128 Bestseller Extremschauspielerin des
48 Sechserpack: Berlin bleibt Todesfalle Pellet-Heizung / 138 Impressum, Leserservice
doch Berlin / Wie macht man Langweilige Raumstation deutschen Theaters, gibt
139 Nachrufe
Politik für Tiere? 140 Personalien nun in München den berühm-
102 Landwirtschaft Durch
49 Eine Meldung und ihre Züchtung neuer Pflanzen- 142 Hohlspiegel / Rückspiegel testen Teufel der Dramen-
Geschichte Egal was der Brite sorten wollen Agrar- literatur: Mephisto in Goethes
Matthew Hogg auch isst – forscher die weltweite Wegweiser für Informanten: „Faust“ – für sie ist es
er wird davon betrunken Mangelernährung stoppen www.spiegel.de/briefkasten ein Höllenjob. Seite 132

Farbige Seitenzahlen markieren die Themen von der Titelseite. DER SPIEGEL 23 / 2014 5
Briefe
„Auch für meinen Vater war der D-Day einer der längsten Tage
seines Lebens. Es sind nicht mehr viele, die noch
Zeitzeugen sind. Vielleicht hätten wir ihnen früher zuhören sollen.
Tun wir es jetzt: daheim oder im Heim. Da treffen wir sie.“
Martina Lenzen, München

Tausende junge Leute verheizt wicklung von Nachkriegsdeutschland zu


einer neuen Gesellschaft, die zu Recht nun
Die Energiekonzerne haben aus reinem
Profitinteresse mithilfe naiver Politiker das
Nr. 22/2014 Amerikas letzter Sieg – D-Day – ihren Platz in den Reihen der Demokratien gigantischste Umweltverbrechen aller Zei-
6. Juni 1944, Normandie
einnimmt. ten begangen: die Produktion von Atom-
In Ihrer Darstellung des Luftkriegs ver- Hugo Brainin, Wien müll ohne jegliches Entsorgungskonzept.
misse ich die Stichwörter Guernica, War- Dass die kommenden 8000 Generationen
schau und Rotterdam. Der „Luftkrieg …, In Ihrer Analyse zur Fähigkeit der US-Ar- die Kosten mit den heute vorhandenen
der die Kriegsführung revolutioniert“, be- mee, militärische Siege zu erringen, un- Rückstellungen aufbringen könnten, er-
gann nicht, wie behauptet, erst im Mai terlassen Sie es, einige wesentliche Fakto- scheint absurd. Die günstigste Lösung: Ab
1940 aufseiten der Alliierten. Die zweifel- ren zu nennen. Die erfolgreiche Operation sofort gehen sämtliche Rückstellungen und
hafte Ehre kommt der Luftwaffe zu. „Desert Storm“ wird nicht erwähnt. Ferner Gewinne der Konzerne in eine Stiftung.
Dr. Alfred Troesch, Zollikon (Schweiz) sind die ohne klare Erfolge geführten Kon- Percy MacLean, Berlin
flikte im Irak und in Afghanistan wohl
Gehörte nicht in die Geschichte hinein, auch durch beschränkt fähige Politiker und Jahrelang flossen Finanzhilfen in Milliar-
wie schwer es ist, die Verluste zu ermitteln, Besserwisser zu erklären, die ihre Armee denhöhe für Atomkraftwerke. Für den Ab-
die die Amerikaner bei der Landung am missbraucht haben. riss wurden Rückstellungen der Versorger
Omaha-Beach hatten? Dass dort überwie- Andreas Bartels, München gesetzlich festgelegt, und Kernkraftwerks-
gend unerfahrene Rekruten eingesetzt wa- betreiber scheffelten enorme Gewinne.
ren, dass hier Tausende 19-Jährige verheizt Nicht einmal am D-Day hätten die USA Nun soll der Steuerzahler für das teure
wurden, ihre Unerfahrenheit geradezu gesiegt, wenn nicht zig deutsche Divisio- Ende haften, und Energiekonzerne drohen
schamlos genutzt wurde? nen im erbitterten Kampf mit der Roten mit Pleite. Dreister geht’s nimmer.
Hans Alberts, Bremen Armee an der Ostfront verblutet wären. Karl Weis, Holzgerlingen (Bad.-Württ.)
Eine Landung wäre dann unmöglich ge-
Der Krieg wäre ein Jahr früher zu beenden wesen. Aber selbst die Landung in der Dass der kapitalismuskritische Spruch „Die
gewesen, wenn die gewaltige Luftwaffe Normandie hatte nur eine sekundäre Be- Gewinne werden privatisiert, die Verluste
der Alliierten das deutsche Eisenbahn- deutung für den Kriegsverlauf, denn der aber sozialisiert“ eine derart aberwitzige
transportwesen zerstört hätte, anstatt die Zweite Weltkrieg wurde im Wesentlichen Bestätigung erfahren würde, hätten wohl
Zivilbevölkerung zu töten. Bomber Harris an der Ostfront gewonnen und verloren. selbst die größten Pessimisten nicht er-
hätte kein Denkmal verdient. Karl Romstedt, Blankenfelde-Mahlow (Brandenb.) wartet! Es darf nicht unerwähnt bleiben,
Dr. Hellmuth Hahn, Wedemark (Nieders.) dass neben dem sicherheitstechnischen
Sie hätten noch erwähnen sollen, dass zwei und wirtschaftlichen Offenbarungseid ein
Die „Entsetzen und Ehrfucht“-Leitlinie Jahre vor dem D-Day ein kläglicher Ver- versicherungstechnischer Offenbarungseid
wurde auf die Spitze getrieben, als die such, in Dieppe anzulanden, fürchterlich vorliegt – noch nie konnte weltweit ein
Amerikaner die Kapitulation Japans mit in die Hose ging. Kernkraftwerk versichert werden! Deshalb
zwei Atombomben erreichten, ganz ohne Wilfried Städing, Berlin kann der Vorstoß der drei großen Energie-
Einsatz von Bodentruppen auf dem japa- versorger unmissverständlich als ein un-
nischen Kernland.
Wolfgang Maucksch, Herrieden (Bayern)
Dreister geht’s nimmer moralisches Angebot angesehen werden.
Horst Mahl, Wedel (Schl.-Holst.)
Nr. 20/2014 Energiekonzerne wollen das Kostenrisiko
für den Atomausstieg auf den Staat abwälzen;
Die Nazis prägten nach dem Fall Frank- Der einzige Weg, den Schaden für die
Nr. 21/2014 Die wachsenden Risiken des Atomausstiegs
reichs und den erfolglosen Bemühungen, Steuerzahler zu minimieren, ist die Ent-
den Luftkrieg gegen Großbritannien zu Eine Haftungsentlassung der Verursacher eignung der großen Energiekonzerne.
gewinnen, 1940 den Begriff „Coventrie- wäre ein Skandal. Zum Wesen der freien Dann können die Rückbaukosten von den
ren“. Damit war die in einer einzigen Marktwirtschaft gehört es, neben den Ge- Rückstellungen sowie aus den Gewinnen
Nacht durchgeführte Zerstörung der Stadt winnen auch die Risiken zu tragen. Wer des Stromverkaufs finanziert werden. Und
Coventry mit Bombenangriffen aus der das nicht kann, wird eben insolvent und die Hauptbremser der Energiewende wä-
Luft gemeint. Vorher hatte Nazi-Deutsch- gegebenenfalls übernommen. Wenn dies ren wieder in staatlicher Hand!
land Rotterdam, Warschau und Belgrad der Staat täte, wären wenigstens Verluste Wolfgang Ehle, Kassel
sowie viele andere Städte mit Luftangrif- und Gewinne in einer Hand.
fen zerstört und die vielen Länder erobert. Manfred Karmann, Heusweiler (Saarl.) Bis der Rückbau der AKW richtig Fahrt
Dann jedoch über alliierte Luftbombarde- aufnimmt und dann die vorhandenen Mil-
ments deutscher Städte wehleidig zu jam- Es zieht die Morgendämmerung über un- liarden aus den Rückstellungen aufge-
mern und vom „Terror aus der Luft“ zu endlichen Ewigkeitskosten auf. 20 oder 30 braucht sind, haben wir mindestens das
reden entspricht der Nazi-Ideologie. Auch Milliarden Euro an Rückstellungen für die Jahr 2050. Wer kann denn ernsthaft noch
Werner Kleeman, ein „Jude aus Deutsch- Entsorgung des Atommülls sind ein lächer- daran glauben, dass es dann noch Unter-
land“, kämpfte nicht für die USA gegen licher Betrag. Man muss kein Experte sein, nehmen gibt, die über die zweckgebunde-
„seine Heimat“. Er kämpfte vielmehr, so um zu ahnen, wie viele Billionen es nach nen Rückstellungen hinaus tatsächlich haf-
wie die anderen alliierten Soldaten, für 40 000 Jahren sein werden. Aber dafür hat- ten? Sie bringen es auf den Punkt: Der
die Befreiung Deutschlands von der Nazi- ten wir ja 50 Jahre lang billigen Atomstrom. AKW-Rückbau ist „too big to fail“.
Herrschaft und ermöglichte so die Ent- Günter Braselmann, Ennepetal (NRW) Jens Büscher, Bad Arolsen (Hessen)

6 DER SPIEGEL 23 / 2014


Briefe

MONTAG, 2. 6., 23.00 – 23.30 UHR | SAT.1


SPIEGEL TV REPORTAGE
Cariocas – Überleben in Rio Beschämend! Wie weit darf Verständnis gehen? Von ei-
nem DDR-Bürgerrechtler hätte ich erwar-
Die Einheimischen glauben: Gott Nr. 21/2014 SPIEGEL-Reporter über die große Flucht tet, dass er mit einem Satz Sympathie für
aus Syrien
ist Brasilianer – und wohnt in Rio. die Maidan-Demonstranten zeigt.
Im Jahr 1502 landeten hier die Gut, dass wenigstens der SPIEGEL das wie- Günter K. Schlamp, Potsdam
portugiesischen Eroberer. Die der thematisiert. Wann endlich reagiert die
deutsche Politik angemessen? Wollen wir
weiter Ländern wie Jordanien, dem Liba-
Rote Karte und Platzverweis
non, der Türkei und dem Irak die Versor- Nr. 21/2014 Der frühere Münchner Oberbürgermeister
Christian Ude über seinen Intimfeind Uli Hoeneß
gung von Millionen Flüchtlingen überlas-
sen? Und uns auf die Schulter klopfen an- Diese klaren Aussagen waren längst über-
gesichts unserer Großzügigkeit, 10 000 fällig – mindestens seit dem heulenden
Flüchtlinge aufzunehmen, von denen ge- Hoeneß am Rednerpult. Fehlt nur noch
rade mal die Hälfte einreisen konnte – dank der Querverweis auf die mittelalterlich
deutschtypischer Bürokratie. Beschämend! anmutende Ablasshandel-Mentalität, die
Benedikta Enste, Köln offensichtlich auch im dritten Jahrtausend
spürbar ist: Schlichte Gier verbirgt sich hin-
Die eindrücklichen Reportagen lassen eine ter plakativem Gutmenschentum.
Analyse der Fluchtgründe vermissen. Für Monika Steinmann, Berlin
Sie ist die Ursache klar: „der Krieg des As-
sad-Regimes gegen das eigene Volk“. Aber Udes Antwort auf Ihre letzte Frage ist mir
es gibt wohl sehr verschiedene Gründe. runtergegangen wie allerbestes Olivenöl.
Gerhard Günther, Tübingen Mit einem Satz den hoeneßschen Charak-
ter zu entlarven, das hat was!
Ein großes Lob für diesen Artikel, der allen Peter Wagner, Witten
Tanzende Cariocas Seiten Raum gibt.
Nathalie Repening, Schenefeld (Schl.-Holst.) Ja mei, der Ude! Endlich hat auch er noch
Indianer nannten die erste kleine seinen Senf zu Hoeneß abgegeben. Darauf
Siedlung der Europäer „Carioca“,
das Haus des weißen Mannes.
Name verwechselt hat wirklich ganz München gewartet. Die-
ses Interview zeigt einmal mehr, weshalb
Seither leben die „Cariocas“ in Rio Nr. 21/2014 Leserbrief – Zu Boden geworfen man den Sachverstand so mancher Sym-
de Janeiro, inzwischen sind es mehr In seinem Leserbrief schreibt der Bremer pathisanten eines Münchner Turnvereins
als sechs Millionen. In einer Stadt AfD-Landessprecher Christian Schäfer, ein nicht mehr ernst nehmen kann.
von kaum fassbarer Schönheit und „Herr Baeck“ habe sich auf einer Wahl- Claus Spielmann, Egling a. d. Paar (Bayern)
sozialer Ungerechtigkeit, in der kampfveranstaltung zu Boden geworfen
viele jeden Tag aufs Neue um ihre und laut nach der Polizei gerufen. Dazu Im Fußball gibt es für Nachtreten die Rote
Existenz kämpfen. möchte ich feststellen, dass ich an den Ge- Karte und einen Platzverweis; das sollte
schehnissen nicht beteiligt war. auch ein Ex-OB wissen!
Jean-Philipp Baeck, Redakteur, taz Bremen Michael Rahe, Holzkirchen (Bayern)
SONNTAG, 8. 6., 21.40 – 23.10 UHR | SKY
SPIEGEL TV GESCHICHTE AfD-Sprecher Schäfer bedauert die Na- Wie erfrischend, den noch immer um Hoe-
Der Kennedy-Clan – mensverwechslung. –Red. neß schwebenden Heiligenschein endgültig
Bericht einer Familie ins Reich der Legenden zu verbannen.
Die Kennedys gelten als eine Art
Ersatzkönigsfamilie der USA.
Verständnis erwartet Klemens Ludwig, Tübingen

Doch was macht ihre Faszination Nr. 21/2014 Der Vorsitzende des Deutsch-Russischen Was für ein erbärmlicher Mensch muss
Forums, Matthias Platzeck, bezweifelt
aus? Warum bildete sich ein solcher den Sinn von Sanktionen gegen Russland
Herr Ude sein! Er hätte im Amt die Mög-
Mythos um JFK und seine Familie? lichkeit gehabt, Hoeneß in die Schranken
Jean Kennedy Smith ist die letzte Platzeck bringt die Probleme auf den zu weisen, falls das denn notwendig gewe-
Überlebende von acht Geschwistern. Punkt. Europa ist ohne Russland undenk- sen sein sollte. Aber lieber hat er die Vor-
Im Interview spricht die 86-Jährige bar, auch wenn das amerikanische und pol- teile für „seine“ Stadt mitgenommen. Hoe-
über ihre Kindheit, das Verhältnis nische Regierungen anders sehen. neß hat mit dem Aufbau des FC Bayern
zu ihren Geschwistern, auch über ihren Dr. Klaus Lange, Turnow (Brandenb.) einen nicht bezifferbaren Beitrag für das
Bruder, den einst mächtigsten Mann Image von München geleistet. Es ist doch
der Welt. Außerdem berichten „Gerade wenn es nicht gut läuft, muss man nur die Aufgabe eines OB, die Interessen
Kathleen Kennedy Townsend, Tochter versuchen, miteinander zu reden“, sagt der Stadt und seiner Einwohner zu vertre-
von Bobby Kennedy, sowie ihre Platzeck und hat meine volle Zustimmung. ten, Ude aber stellt eine Selbstverständ-
Brüder Robert F. Kennedy jr. und Max Dr. Wilfried Otterstedt, Bremen lichkeit als herausragende Leistung dar.
Kennedy über das Leben als Spröss- Hubertus Rau, Bad Iburg (Nieders.)
linge des berühmten Clans im Schatten Platzeck ist russophil, nicht jeder Potsda-
der Macht. mer wird ihm darin folgen, aber dagegen Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe ge-
ist nichts einzuwenden. Man darf die Rus- kürzt und auch elektronisch zu veröffentlichen
sen nur nicht mit zu viel Demokratie über- leserbriefe@spiegel.de
SONNTAG, 8. 6. | RTL fordern. Putin hat die Selbstverwaltung in
SPIEGEL TV MAGAZIN der Föderation eingeschränkt und setzt In einer Teilauflage befindet sich in dieser
Die Sendung entfällt aufgrund des Gouverneure lieber selbst ein. Wer die SPIEGEL-Ausgabe ein achtseitiger Beihefter
Pfingst-Sonderprogramms. Klappe zu weit aufreißt, wird eingesperrt. von Mazda Motor Deutschland, Leverkusen.

8 DER SPIEGEL 23 / 2014


Das deutsche Nachrichten-Magazin

Leitartikel

Mitziehen oder ausscheiden


Die Europäische Union sollte sich von Großbritannien nicht länger erpressen lassen.

N
ach der Europawahl steht der Kontinent vor einer istische und nationale Gründe, aber sie reichen zur Erklärung
historischen Zäsur. Es geht um zwei Fragen. Erstens: nicht aus. Das Königreich ist nicht nur geografisch wegen sei-
Wie ernst meint es die Europäische Union mit ihrem ner Insellage ein Sonderfall, es besitzt auch eine andere poli-
Versprechen, demokratischer zu werden? Zweitens: Kann tische Kultur. Das strenge Regelwerk der EU erscheint den
Großbritannien weiterhin Mitglied der EU bleiben? Briten, die nie eine eigene Verfassung aufsetzten und statt-
Wie entscheidend die eine Antwort für die andere ist, dessen mit einer Sammlung diverser Dokumente auskommen,
zeigte sich in der vergangenen Woche, als sich Premier- bis heute wesensfremd. Dazu kommt das Sonderverhältnis,
minister David Cameron im Rat der Staats- und Regierungs- das Großbritannien zu den USA pflegen möchte, eben auch
chefs weigerte, das Ergebnis der Wahl anzuerkennen und als Gegengewicht zur Europäischen Union.
den Sieger Jean-Claude Juncker als Kommissionspräsidenten Europa hat lange genug Rücksicht auf die Besonderheiten
zu nominieren. Die meisten Länder hatten sich im Vorfeld und Befindlichkeiten der Briten genommen. Es ließ sich er-
auf dieses Verfahren verständigt. Es ist das große Versprechen pressen und vorführen. Es war geduldig, dass es schmerzte.
an die Bürger des Kontinents: Sie sollen mehr Einfluss Über Jahrzehnte wurde England jedes Veto verziehen und
bekommen, sie sollen sehen, dass ihre Stimme zählt, jeder Sonderwunsch erfüllt. Als Margaret Thatcher 1984 „Ich
dass sie konkrete Auswirkun- will mein Geld zurück!“ rief,
gen hat. Cameron aber stellt gewährte die EU ihr jenen „Bri-
sich quer. ten-Rabatt“, von dem das Land
Die Krise der europäischen bis heute profitiert. Nichts da-
Demokratie ist auch die Folge von hat die Sicht der Briten zu
einer ungeklärten Beziehung. ändern vermocht. Heute sind
Die EU und Großbritannien sie der EU ferner denn je.
empfinden ihr Verhältnis seit Nun ist es Zeit für eine Klä-
Jahren als Zumutung. In Brüs- rung. Die Europäische Union
sel leiden sie unter London, muss womöglich entscheiden,
das die Einigung Europas stets was ihr wichtiger ist: ein demo-
hintertrieben, das jeden Fort- kratischeres Europa oder der
schritt gebremst und eine Ver- Verbleib Großbritanniens in der
tiefung beharrlich verhindert EU. Diese Klärung muss jetzt
hat. erfolgen, am Beispiel der Beru-
In Großbritannien leiden sie fung des künftigen Kommis-
unter der EU. Es ist ein chroni- sionspräsidenten. Sie duldet kei-
sches Leiden, ohne Aussicht auf nen Aufschub bis zum Jahr 2017,
Linderung. Bei der Europawahl für das David Cameron seinem
wurde die EU-feindliche Ukip Land spätestens ein Referen-
mit 27,5 Prozent zur stärksten dum über die EU-Mitgliedschaft
Kraft. Und das, obwohl auch die in Aussicht stellt.
anderen Parteien Großbritan- Die EU darf sich nicht wei-
niens – mit Ausnahme der Libe- tere drei Jahre von den Briten
raldemokraten – in etwa so EU-freundlich sind wie die erpressen lassen und den Bürgern Europas verwehren, was
deutsche AfD. ihnen vor der Wahl zugesichert wurde: dass sie mit ihrer
Großbritannien und die EU, das ist wie ein Paar, das sich ge- Stimme über den Kommissionspräsidenten entscheiden kön-
genseitig unglücklich macht und doch die Konsequenzen scheut. nen. Würde sie es tun, verlöre sie jede Glaubwürdigkeit und
Ein Ausstieg Großbritanniens wäre tragisch, ein Verlust, Akzeptanz bei den Menschen.
politisch, wirtschaftlich, kulturell. Vieles von dem, was den Diese Entscheidung fällt auf dem nächsten Gipfel Ende
Kontinent heute ausmacht und worauf seine Bürger stolz Juni. Dort müssen die Staats- und Regierungschefs ihr Ver-
sind, ist den Briten zu verdanken. Sie haben die Demokratie sprechen einlösen und Jean-Claude Juncker nominieren –
eingeführt, als in Europa noch Absolutismus herrschte. Sie selbst wenn Cameron das zu Hause in noch größere Schwie-
FOTO: DEAN MOUHTAROPOULOS / GETTY IMAGES

haben uns die Vorzüge eines Wirtschaftsliberalismus vor Au- rigkeiten bringt oder er gar mit dem Rückzug seines Landes
gen geführt, der Europa, trotz all seiner Schwächen, zu einem droht. Die EU sollte umsetzen, wovon eine Mehrheit über-
wohlhabenden Kontinent werden ließ. Und kulturell haben zeugt ist, und nicht, was Einzelnen genehm ist. Großbritan-
uns die Briten zu allen Zeiten bereichert. nien kann dann entscheiden, wie es auf diese neue Lage in
Mit der Integration Europas hat sich Großbritannien indes Europa reagiert: ob es mitziehen oder ausscheiden will.
nie anfreunden können. Die EU soll aus Londoner Sicht eine Die Insel ist wichtig. Aber bei der Frage, was größer und
überverwaltete Freihandelszone sein, bestenfalls ein loser wichtiger ist – eine demokratischere EU oder der Verbleib
Staatenbund, aber bitte keine politische Union. Das hat ego- Großbritanniens –, hat Europa nur eine Wahl: die Demokratie.

10 DER SPIEGEL 23 / 2014


Deutschland
Nato
Mehr Truppen
nach Polen
Die Nato plant als Reaktion
auf die Ukraine-Krise eine
Verstärkung der Präsenz in
Polen. Auf dem Treffen der
Verteidigungsminister diese
Woche in Brüssel sollen die
Minister Überlegungen dis-
kutieren, das Multinationale
Korps Nordost in Stettin tem-
porär aufzustocken. Bislang
sind dort gut 200 Soldaten
vornehmlich aus Deutsch-
land, Polen und Dänemark
stationiert. Mit einer Verstär-
kung soll gegenüber Russ-
land symbolisch Stärke ge-
zeigt werden. Polen hatte
dies gefordert. Zudem wird Russland
überlegt, ob man die Akti-
vierungsfrist für das Kom- Europas weiche Linie
mandozentrum verkürzen
sollte. Bisher gehört das Europäer und Amerikaner streiten über den unterstellt den Europäern eine zu weiche
Korps zu den Befehlsstän- Umgang mit Wladimir Putin. Der russische Linie gegenüber Putin. Ein weiterer Streit-
den, die erst im Verteidi- Präsident soll trotz US-Bedenken an den punkt zwischen Bundesregierung und US-
gungsfall nach Artikel 5 der Feiern zum 70. Jahrestag der Landung der Administration ist das Vorgehen der ukrai-
Nato vollständig aktiviert Alliierten in der Normandie am 6. Juni teil- nischen Regierung gegen die Separatisten
werden und dann Kampfein- nehmen. Darauf hatten Kanzlerin Angela im Osten des Landes. Das Auswärtige Amt
heiten des Bündnisses koor- Merkel und Frankreichs Präsident François wirft den USA vor, Kiew darin zu bestär-
dinieren sollen. Die Bundes- Hollande gedrängt. Merkel sei immer der ken, nicht mit den Aufständischen zu spre-
regierung steht der Idee of- Meinung gewesen, dass bei einer Gedenk- chen. Eine militärische Lösung, wie sie die
fen gegenüber, da es bei dem feier jenes Land eingeladen werden müsse, ukrainische Regierung mit politischer Unter-
Plan nicht um eine dauerhaf- das im Zweiten Weltkrieg die meisten Op- stützung Washingtons anstrebe, werde es
te Verstärkung geht. Im Ver- fer gebracht habe, heißt es im Kanzleramt. aber nicht geben, heißt es in Berlin. „Die
teidigungsministerium stellt In Washington verweist man dagegen auf USA spielen in dieser Frage keine gute Rol-
man sich zudem darauf ein, Moskaus Rolle in der Ukraine-Krise und le“, sagt ein hoher Regierungsbeamter. ran
dass der Rat jetzt erneut
zusätzliche Aufklärungsmög-
lichkeiten und damit die
Anschaffung weiterer Nato- Auf der CD, die offenbar aus „Sperrerklärung“ nach Karls- Debatten zu positionieren“,
Drohnen anmahnt. Berlin dem Jahr 2006 stammt, fin- ruhe. Sie wollen die Identität sagt die Bundestagsabgeord-
will darüber ab Sommer det sich eine der ersten doku- ihres V-Manns nicht auf- nete Ekin Deligöz. Auch der
öffentlich debattieren und mentierten Nennungen einer decken. gud Bayer Dieter Janecek findet
dann entscheiden. gor, mgb Organisation namens Natio- Trittins Verhalten ungünstig.
nalsozialistischer Untergrund „Nach außen muss sichtbar
(NSU). Titel der Scheibe: Grüne sein, wer führt und wer
NSU-Verfahren „NSU/NSDAP“. Die Quelle Angst vor Trittin nicht“, so Janecek. Außer-
Identität gesperrt habe die CD „beim Aufräu- dem positioniere sich Trittin
men auf seinem Dachboden“ Grünen-Politiker des Realo- in wichtigen Fragen etwa
Bei ihren Ermittlungen nach entdeckt, heißt es beim LfV Flügels sind verärgert über zur Rente oder zur Ukraine
FOTOS: ITAR-TASS / IMAGO (O.); HENNING SCHACHT / DER SPIEGEL (U.)

dem plötzlichen Tod des ehe- Hamburg. Der Zeuge – eben- Jürgen Trittin. Angesichts gegen die Linie der Bundes-
maligen V-Manns Thomas R. falls ein V-Mann – habe sie der Diskussion um Führungs- tagsfraktion. red
alias „Corelli“ muss die Bun- schon Jahre vor dem Aufflie- schwäche wird ein Come-
desanwaltschaft auf einen gen des NSU von „Corelli“ back-Versuch des Ex-Frak-
wichtigen Zeugen verzichten. erhalten. Er könnte vielleicht tionsvorsitzenden befürchtet.
Das Hamburger Landesamt die Frage beantworten, ob Er hatte zuletzt durch starke
für Verfassungsschutz (LfV) Thomas R. womöglich einen Präsenz in den Medien auf
weigert sich, die Identität ei- deutlich engeren Bezug zur sich aufmerksam gemacht.
nes Zuträgers preiszugeben, Terrorzelle um Uwe Böhn- „Es wäre von Vorteil, wenn
der der Behörde kurz vor hardt und Uwe Mundlos hat- Jürgen Trittin weniger domi-
dem Tod von R. eine CD mit te als bislang bekannt. Doch nant auftreten und der neu-
rechtsextremistischer Propa- die Hamburger Verfassungs- en Spitze den Raum geben
ganda übergeben haben soll. schützer schickten eine würde, sich in politischen

Ein Impressum mit dem Verzeichnis der Namenskürzel aller Redakteure finden Sie unter www.spiegel.de/kuerzel DER SPIEGEL 23 / 2014 13
Deutschland

Bundesregierung
Freies Parken für
Staatsdiener
Der Bund will auch künftig
Ministeriumsmitarbeitern
kostenlos Parkplätze zur Ver-
fügung stellen und ignoriert
damit einen Parlamentsbe-
schluss. Bereits 2011 hatte
der Haushaltsausschuss des
Bundestags die Regierung
aufgefordert, eine Richtlinie
„zur Parkflächenbewirtschaf-
tung“ vorzulegen, die Nutzer
an den Kosten einheitlich
beteiligt (SPIEGEL 11/2011).
Doch bis heute gilt in allen
Ministerien freies Parken für
die Bediensteten, wie aus ei-
nem Bericht der Bundesregie-
rung an den Haushaltsaus-
schuss hervorgeht. Danach
stehen an den Dienstsitzen
Berlin und Bonn insgesamt
9855 Parkplätze zur Verfü- Hells Angels
gung, davon 8841 für Privat-
wagen. Die Ministerien kos- Verbotene Symbole
tet der Service insgesamt
rund 650 000 Euro – pro Die deutschen Hells Angels müssen bundes- ter“, also Ortsverein, zugeordnet sind.
Monat. Man wolle familien- weit um ihre Rockerkluft fürchten: Nach Die Staatsanwaltschaft Berlin hat sich die-
freundlich sein, so die Be- einem Urteil des Hanseatischen Oberlan- ser Rechtsauffassung bereits angeschlossen.
gründung. Das Auswärtige desgerichts (Az. 1-31/13) vom April sind Das Hamburger Verfahren hatte ein Hells-
Amt sieht den Vorteil für sowohl der stilisierte Totenkopf mit den Angels-Mitglied selbst angestoßen: Ein
Familien darin, dass „die Be- rot-goldenen Engelsflügeln als auch der Rocker des Charters „Harbor City“ ließ
schäftigten die Dienststelle rot-weiße Schriftzug „Hells Angels“ selbst sich mit seiner Kutte vor der berühmtesten

FOTOS: FRANZ-PETER TSCHAUNER / DPA (L.); KERSTIN MÜLLER / IMAGO (M.); ILLUSTRATION: PETRA DUFKOVA / DIE ILLUSTRATOREN / DER SPIEGEL (R.)
ohne zeitaufwendige Park- Kennzeichen eines „verbotenen Vereins“. Hamburger Kirche, dem „Michel“, foto-
platzsuche erreichen kön- Demnach ist deren Verwendung in der grafieren und schickte das Foto der Staats-
nen“. Ähnlich argumentiert Öffentlichkeit oder in Versammlungen anwaltschaft – um grundsätzlich klären zu
das Bundesarbeitsministeri- strafbar. lassen, ob er seine Kutte auch in der Hanse-
um: Die Benutzung eines Pri- Die Richter stützen sich auf das Verbot des stadt tragen darf oder nicht.
vatautos sei in dem „regel- ersten Hells-Angels-Ortsvereins in Ham- Nun muss jede Staatsanwaltschaft eigen-
mäßig straff zu organisieren- burg aus dem Jahr 1983. Den schon von die- ständig prüfen, ob sie sich der Hamburger
den Alltag zwingend“. Die sem Verein verwendeten Kennzeichen haf- Linie anschließt. Uwe Schadt, Hells-Angels-
Vorsitzende des Haushalts- te „der Makel der rechtsfeindlichen Gesin- Anwalt aus Berlin, wies bereits darauf hin,
ausschusses, Gesine Lötzsch nung“ bis heute an, heißt es in den bislang dass es „andere Bundesländer gibt, in de-
(Linke), sieht im Parkplatz- unveröffentlichten Urteilsgründen, „sodass nen man diese Auffassung nicht teilt“. Und
Luxus der Ministerien hin- sie durch keinen Verein im Bundesgebiet André Sommer, Chef des Berliner Hells
gegen eine „Missachtung des verwendet werden dürfen“. Das gilt nach Angels Charters „Nomads“, sagt: „Die ha-
Parlaments“. was Ansicht der Richter ausdrücklich auch dann, ben das schon mal versucht, sie werden
wenn die Symbole einem anderen „Char- auch dieses Mal scheitern.“ hip, hei, srö

SPD
Rote Hosen im
ben für das Fraktionsteam derer Auffassung, man werde Turnierspiele im Schwarz-
Schwarzwald „Rote Hosen“ missbilligte, aber dem Wunsch „Rechnung wald, fast 80 000 Euro aus der
Bundesjustizminister Heiko und hatte Abhilfe ange- tragen“. Weitreichende Kon- Fraktionskasse bezahlt. Die
Maas, langjähriger SPD-Frak- kündigt. Die Behörde hatte sequenzen hatte diese Ein- Staatsanwaltschaft Saarbrü-
tionschef im saarländischen bereits im Jahr 2003 den lassung offenbar jedoch nicht. cken bestätigte, dass auch der
Landtag, gerät wegen der finanziellen Aufwand für die Der Rechnungshof hat in sei- Schriftverkehr aus dem Jahr
Fußballleidenschaft seiner Kickertruppe als „unange- ner jüngsten Prüfmitteilung 2003 nun Bestandteil der ak-
damaligen Fraktion weiter in messen“ reklamiert und Spar- vor wenigen Wochen die Aus- tuellen Untreueermittlungen
Erklärungsnot. Offenbar samkeit angemahnt. Nach In- gaben für die „Roten Hosen“ gegen zwei ehemalige Mitar-
wusste Maas früher als bis- formationen des SPIEGEL teil- in der Legislaturperiode 2004- beiter der Fraktion sei. Maas
lang bekannt, dass der Lan- te Maas den Prüfern damals 2009 gerügt. In dieser Zeit will die Ermittlungen derzeit
desrechnungshof die Ausga- mit, die Fraktion sei zwar an- wurden, unter anderem für nicht kommentieren. one

14 DER SPIEGEL 23 / 2014


Rüstung kosten doppelt so hoch
Jan Fleischhauer Der schwarze Kanal
Rostende ausfallen könnten wie beim
derzeitigen Marine-Hub-
Hubschrauber
Bei einem der größten aktuel-
schrauber „Sea King“. Außer-
dem gibt es beim „NH90“
Bergab
len Rüstungsgeschäfte der ein Rostproblem. In einer
Bundeswehr droht Verteidi- Antwort auf die Anfrage Es gehört zu den Phänomenen deut-
gungsministerin Ursula von des Grünen-Abgeordneten schen Lebens, dass die Zahl der Nazi-
der Leyen, CDU, ein finan- Tobias Lindner räumte das Jäger mit der Entfernung zum „Drit-
zielles Debakel. Ihr Haus Ministerium ein, dass beim ten Reich“ beständig steigt. Genau 70
hatte sich im März 2013 mit Einsatz der Helikopter „in Jahre ist es her, dass die Alliierten in
Hersteller Eurocopter grund- salzhaltigem Umfeld“ Korro- der Normandie landeten, um mit
sätzlich auf die Lieferung sionsschäden auftreten, was dem Hitler-Reich aufzuräumen, aber
von 139 Hubschraubern der insbesondere für die Marine- aufseiten der Antifa ist man so eifrig
Modelle „Tiger“ und „NH90“ Version fatal ist. Für dieses bemüht, dem Bösen die Stirn zu bie-
im Wert von über sieben Problem müsse der Hersteller ten, als wäre die Landung gestern ge-
Milliarden Euro geeinigt. nun erst mal „tragfähige wesen. Schade, dass man in Deutsch-
Doch nun soll diese Vereinba- Lösungen“ präsentieren. Ge- land nicht schon so rührig war, als der „Führer“ noch leb-
rung vorerst nicht umgesetzt prüft werden müssten auch te. Andererseits: Besser zu spät als nie.
werden, weil sie mit großen noch Zulassungsfragen. „Ein Wenn nicht genug Nazis zur Hand sind, gegen die man
Unwägbarkeiten behaftet sei. konkretes Ergebnis“ erwarte aufstehen kann, nimmt man ersatzweise sogenannte
Man wolle eine externe Über- man dazu aber „nicht vor Rechte. Die Rechten der Saison sind die Leute von der
prüfung des sogenannten Me- dem Jahre 2016“, so das Mi- AfD. Wo immer Vertreter dieser Partei auftraten, war
morandum of Understanding nisterium. gt, mgb auch der antifaschistische Widerstand nicht weit, um
abwarten, heißt es aus dem Flagge beziehungsweise Gesicht zu zeigen, wie das in
Ministerium über den Deal, der Szene heißt. Dass nun ausgerechnet die AfD bei der
der auch die Lieferung von Europawahl als Gewinner durchs Ziel ging, ist die Bestä-
18 „NH90“ in einer Marine- tigung, dass der Schoß fruchtbar noch ist, um eine Antifa-
Variante für weitere 915 Mil- Weisheit zu bemühen.
lionen Euro vorsieht. Hin- Was die Nazi-Jägerei angeht, ist die AfD kein einfaches
sichtlich dieser Maschinen Betätigungsfeld. Die meisten ihrer Positionen konnte man
warnt der Bundesrechnungs- so oder so ähnlich in jedem CDU-Ortsverein finden, be-
hof in einem internen Gut- vor Angela Merkel beschloss, dass mit ihr wieder eine
achten, dass die Betriebs- Sozialdemokratin das Land regieren sollte. Auch das
Spitzenpersonal gibt nicht viel her. Alle Versuche, die
dunkle Seite der Partei aufzudecken, haben nicht viel
mehr zutage gefördert als das Bekenntnis von Parteifüh-
Blick auf Deutschland rer Bernd Lucke, die Pullover seines Vaters aufzutragen.
Der amerikanische Politikwissenschaftler Dan Breznitz in einem Die AfD ist nicht gefährlich, sondern humorlos – was aus
Blog auf der Seite des Magazins Harvard Business Review über den meiner Sicht eindeutig das größere Vergehen ist. Wichtiger
weltweiten Wettlauf um technische Neuerungen als jede Ideologie ist bei ihr das Lebensgefühl, das die Mit-
glieder verbindet. Wenn der AfD-Anhänger in die Zukunft
„Wer die Schlagzeilen blickt, erwartet er nichts Gutes. Er ist eher am Ende als am
Anfang seines Berufslebens, verheiratet ohne Aussicht auf
liest, könnte glauben, Scheidung, wohlhabend, aber auch nicht so wohlhabend,
dass die dringlichste dass man aller Sorgen ledig wäre. Von dort, wo er steht,
kann es nur noch bergab gehen. Die AfD ist die parteipoliti-
Frage zum nationalen sche Antwort auf die Rente mit 63. Früher kamen nach dem
Erfolg bei Innovatio- Berufsende noch ein paar Jahre, die man im Kreise seiner
nen und Wachstum ist, Lieben verbrachte, bevor der Deckel zufiel – heute gähnt
ein Loch von 20 Jahren, das irgendwie ausgefüllt werden
ob die USA oder China will. Eine Alternative zur politischen Betätigung wäre eine
die Goldmedaille be- Affäre, um über die Frustration zu Hause hinwegzufinden,
aber dazu reicht entweder das Geld oder der Mut nicht.
kommen sollten. Die Also engagiert man sich gegen den Euro, der das Symbol
Wahrheit ist: Deutsch- für alles ist, was im Leben schiefläuft.
land gewinnt sie mit Sauertöpfigkeit als Programm ist nichts Außergewöhnli-
ches, das verbindet die AfD mit einer Reihe von Parteien.
links. Deutschland leis- Auch Grüne starren in den Abgrund: Ihre Ängste sind ökolo-
tet bessere Arbeit bei gisch, nicht ökonomisch begründet, aber dass es mit der Welt
Innovationen in so unterschiedlichen Gebieten zu Ende geht, ist für sie ebenfalls ein Glaubenssatz. Wenn
man den Erfolg zum Maßstab nimmt, der den Öko-Apokalyp-
wie nachhaltiger Energieversorgung, moleku- tikern beschieden war, steht der AfD ein langes Leben bevor.
larer Biotechnologie, der Lasertechnik und der
Entwicklung experimenteller Software.“ An dieser Stelle schreiben drei Kolumnisten im Wechsel. Nächste Woche ist
Juli Zeh an der Reihe, danach Jakob Augstein.

DER SPIEGEL 23 / 2014 15


Deutschland

Westlotto gewonnen und angekündigt,


Bafin soll prüfen „die EU wie ein kleiner süd-
europäischer Staat melken“
In der Affäre um die syste- zu wollen. „Wir werden die
matische Vermittlung von Zeit vor allem damit ver-
Lottogewinnern zur Privat- bringen, unsere Rücktritte zu
bank Merck Finck & Co. ge- organisieren und uns zu be-
rät auch die staatliche Lotte- reichern.“ In den fünf Jahren
riegesellschaft Westlotto zu- der Legislaturperiode möch-
nehmend unter Druck. Die te Sonneborn 60 Mitglieder
Bochumer Anwaltskanzlei je einen Monat rotieren und
Haas und Partner hat in der Diäten, Bürokosten und am
vergangenen Woche die Bun- besten auch Übergangsgeld
desanstalt für Finanzdienst- kassieren lassen. Per Brief
leistungsaufsicht (Bafin) ein- verlangt Giegold vom obers-
geschaltet. Die Anwälte, die ten Verwaltungsbeamten
in erster Instanz bereits Scha- des Parlaments, Klaus Welle,
densersatzansprüche gegen „diese geplante Verschwen-
die Bank durchgesetzt haben, dung von Steuergeldern mit
wollen die Bafin-Experten allen rechtlichen Mitteln zu
Der Augenzeuge prüfen lassen, ob die „regel- verhindern“. Er liebe „Son-
mäßige Zuführung von Lotto- neborns Witze auf Kosten
„Das ist einfach Willkür“ gewinnern den Tatbestand von uns Politikern“, aber
einer erlaubnispflichtigen An- lasse „keine auf Kosten der
Im Rheinisch-Bergischen Kreis vor den Toren Kölns geht die Ver- lagevermittlung“ begründet. Steuerzahler zu“. gps
waltung besonders rigide gegen Schwarzbauten vor. Häuser, die Sollte die Bafin das feststel-
vor Generationen errichtet wurden, sollen abgerissen werden, weil len, könnte dies für die Ver-
die heutigen Eigentümer keine Baugenehmigung vorweisen können. antwortlichen bei Westlotto Migration
Martin Masurat, 57, Sprecher der Interessensgemeinschaft „Bürger strafrechtliche Konsequenzen Koalitionskrach
gegen Behördenwillkür“, kämpft um das Heim seiner 75-jährigen haben. Nachdem Westlotto
Nachbarin. sich bereits von seinem lang- ums Asylrecht
jährigen Gewinnerberater Gegen die Asylpläne von
Seit ich denken kann, steht das Haus dort oben am Wald- getrennt hatte (SPIEGEL Bundesinnenminister Tho-
rand. Mein Opa Wilhelm und die anderen Männer aus dem 22/2014), meldete das Bank- mas de Maizière formiert
Dorf Breibach haben es vor dem Krieg gebaut. In einer haus in der vergangenen Wo- sich breiter Widerstand in
alten Flurkarte aus dem Jahr 1939 ist es schon eingezeichnet. che, man habe eine interne der SPD. Der Christdemo-
Erbaut wurde es damals für die nichtjüdische Frau eines jü- Untersuchung eingeleitet. Für krat will die Regelungen
dischen Bankiers aus Köln, den die Nazis deportiert hatten. deren Dauer sei der Merck- zum Bleiberecht verschärfen.
Als kleiner Junge haben meine Brüder und ich der Frau Finck-Direktor Heinz-Walter Nachdem schon das Bundes-
Mertins immer Milch und Eier vom Hof meiner Eltern ge- Tebrügge beurlaubt worden. justizministerium von Heiko
bracht. Irgendwann wurde das Haus verkauft. Seit 2005 ge- Das Landgericht Münster Maas (SPD) in einer 60 Sei-
hört es der Familie von Frau Liedtke, sie ist die vierte Besit- hatte ihm bescheinigt, Lotto- ten langen Stellungnahme
zerin. Wenig später fing der Ärger mit dem Bauamt der gewinner weder „anlegerge- den Gesetzentwurf verrissen
Kreisverwaltung an, den hier viele haben. Am schlimmsten recht noch anlagegerecht“ be- hatte, stellt sich auch die
hat es vor anderthalb Jahren einen Nachbarn getroffen, der raten zu haben. gla Migrationsbeauftragte der
sein Haus wegen teilweise fehlender Baugenehmigungen Bundesregierung, Aydan
abreißen musste. Ein Schaden von mehr als 600 000 Euro. Özoguz (SPD), gegen de
Und jetzt ist Frau Liedtke dran. 2011 bekam sie einen Brief, EU-Parlament Maizière. Dessen Konzept
in dem sie aufgefordert wurde, alles abzureißen. Ihr Haus Nicht witzig enthalte viele Aspekte, die
beeinträchtige die „natürliche Eigenart der Landschaft“. So „größtenteils nicht zustim-
ein Unsinn, rechts und links von ihr stehen doch auch Häu- Der grüne Europaabgeord- mungsfähig“ seien. Vor al-
ser. Das ist einfach Willkür. Beamte gegen Bürger. Wir lassen nete Sven Giegold will ver- lem de Maizières Pläne für
uns das nicht mehr bieten. Man kann doch eine 75-jährige hindern, dass der Satiriker schärfere Regeln bei der
Frau nicht einfach aus ihrem Haus jagen und auch noch Martin Sonneborn und seine Abschiebungshaft würden
verlangen, dass sie für den Abriss bezahlt. Sie hat geklagt Spaßpartei Die Partei ins EU- erhebliche verfassungsrecht-
und in erster Instanz verloren, die Berufung läuft. In unserer Parlament einziehen: „Ich liche Bedenken aufwerfen,
Gemeinde soll es bis zu 70 solcher Schwarzbauten geben. fordere, dass die Parlaments- schreibt Özoguz in ihrer
Für alle wird seit Jahrzehnten Grundsteuer bezahlt, Kanal- verwaltung die Rechtmäßig- 36 Seiten langen Bewertung
und andere Gebühren, die die klamme Gemeinde dringend keit seiner Pläne umfassend an das Innenministerium. Im
braucht. Abrissgrundstücke bringen keine Steuern – warum prüft und so sein Erscheinen Koalitionsvertrag habe man
FOTO: DIRK GEBHARDT / DER SPIEGEL

kapieren unsere Politiker das nicht? Ich war eigentlich nie hier möglichst lange hinaus- sich auch darauf geeinigt,
ein besonders politischer Mensch. Aber jetzt bin ich in die zögert.“ Sonneborn, der Opfer von Menschenhandel
FDP eingetreten. Sie will eine neue Bausatzung für das auch eine Satire-Seite bei leichter aufzunehmen. „Dies
Gebiet durchsetzen. Ein guter Vorschlag. Alleine kann man SPIEGEL ONLINE produziert, wird mit dem Gesetzentwurf
sich doch nicht wehren gegen die da oben. hatte bei der Europawahl nicht hinreichend umge-
Aufgezeichnet von Barbara Schmid für Die Partei ein Mandat setzt“, kritisiert Özoguz. ama

16 DER SPIEGEL 23 / 2014


Lupenreine Demokraten
Europa Wer gewinnt, wird Chef der EU-Kommission. So hieß es vor der Wahl, aber
hinterher zögert Angela Merkel und blockiert. Sie fürchtet Machtverlust und
FOTO: LES ÉDITIONS ALBERT RENÉ/GOSCINNY–UDERZO

den Austritt der Briten. Lieber plant sie einen stillen Putsch gegen den Wählerwillen.

A
ngela Merkel hat ihre Rede gerade Gespräche genau in diesem Geist, dass Allein: Wenn sie es wirklich so haben will,
begonnen, noch hat es keinen Jean-Claude Juncker auch Präsident der hätte sie es schon am vergangenen Dienstag
Applaus gegeben, da kommt sie Europäischen Kommission werden sollte“, so haben können. Sie wollte aber nicht. Man
schon zum Punkt. Sie hat beide Hände vor sagt die Kanzlerin. Die Nachrichtenagen- kann also den Katholikentagsworten der
sich auf das Sprechpult im Audimax der tur dpa verbreitet um 14.42 Uhr am ver- Kanzlerin Glauben schenken. Oder man
Regensburger Universität gelegt. Sie muss gangenen Freitag eine Eilmeldung. „Mer- kann sie an ihren Taten messen. Die spre-
etwas loswerden, hochbrisante Politik statt kel: Juncker soll EU-Kommissionspräsi- chen bislang eine andere Sprache, die Spra-
nachdenklicher Worte. „Ich führe jetzt alle dent werden.“ che einer Macht, die auf Wahlen pfeift.
18 DER SPIEGEL 23/ 2014
Deutschland

Der EU-weite Urnengang Ende Mai hat EU-Rechtsvorschriften und Aufseher der Fahrstuhl geht es in den neunten Stock,
in eine wohl beispiellose Machtprobe zwi- „Hüterin der Verträge“? Die Wähler oder wo Schulz’ Präsidentenbüro liegt.
schen dem „EP“, dem Europaparlament, die Regierungen? Der geltende EU-Vertrag Es gibt Sekt für den Sieger. „Ich glaube,
und dem „Rat“ geführt, dem Kreis der sagt: beide, irgendwie. Doch die Tage seit ich habe gewonnen“, sagt Juncker. „Ich
28 Staats- und Regierungschefs. Die Wahl der Wahl haben gezeigt, dass beide Seiten will Kommissionspräsident werden.“ Aber
hat das Zeug, die EU stärker zu verändern das letzte Wort beanspruchen – und eine der Christsoziale aus Luxemburg weiß,
als jede vor ihr. In den nächsten Wochen Person sowieso: Angela Merkel. dass er dazu die Stimmen der Sozialisten
wird sich entscheiden, wie demokratisch Für die Kanzlerin, die gern die Zeit für im Europäischen Parlament und im Rat
die EU sein will; ob die Brüsseler Macht- sich arbeiten lässt, nahm die Sache seit der Staats- und Regierungschefs benötigt.
balance neu justiert wird; ob Angela Mer- dem Wahltag einen überraschend rasanten Deshalb bietet Juncker in dieser Wahl-
kel wirklich die Anführerin Europas ist. Verlauf. Die beiden Spitzenkandidaten nacht dem Sozialdemokraten eine Große
Und ob sie sich gefallen lässt, dass die SPD und das Parlament machten den ersten Koalition an. Er möchte, dass Schulz stell-
unbedingt mitmischen will im Brüsseler Zug. Merkel wurde überrumpelt. vertretender Kommissionspräsident wird.
Poker. Das nämlich könnte der Berliner Gegen Mitternacht am Wahltag ist klar: „Ich will eine Zusammenarbeit auf Au-
Koalition einen ersten handfesten Krach Die Konservativen liegen vorn. „Ein Kopf- genhöhe“, sagt Juncker, „du bist ein echter
bringen, wenn nicht Schlimmeres. an-Kopf-Rennen ist das nicht mehr“, mur- Europäer, ich weiß das zu schätzen.“ Dann
Setzt sich das EP bei der Berufung melt ein Berater von Martin Schulz. Der streckt er Schulz seine Hand entgegen.
des nächsten EU-Kommissionspräsidenten SPD-Spitzenkandidat ist von Berlin nach Der schlägt ein.
durch, nimmt es den Staats- und Regie- Brüssel geflogen, wo es jetzt um alles geht. Es ist ein Pakt auf Kosten einer Dritten,
rungschefs ein großes Stück Macht ab, Er hat in der Nacht noch einen Termin: Angela Merkel. Die beiden wollen nicht
vermutlich für immer. Das würde die EU mit seinem Gegner, der nun sein Verbün- nur versuchen, dem Rat den Kommissions-
demokratischer machen und einem Bun- deter werden soll. chef zu diktieren, sondern auch noch der
desstaat ähnlicher. Genau das jedoch könn- Um 1.15 Uhr am Montagmorgen trifft Bundeskanzlerin die Auswahl des deut-
te die Briten, die das partout nicht wollen, Juncker in einem Tross von Journalisten schen Kommissars. Nach 45 Minuten ver-
endgültig aus der EU treiben. und Kameras im Paul-Henri-Spaak-Gebäu- lässt Juncker das Büro wieder.
Unterliegt das Parlament, sind alle Wäh- de des Europaparlaments ein. Mit dem Der Kampf kann beginnen.
ler betrogen, die geglaubt hatten, dass der Am Dienstagvormittag machen es die
Sieger der Wahl auch Kommissionschef Sozialdemokraten offiziell: Sie unterstüt-
werde. „Helfen Sie mit Ihrer Stimme mit, zen den EVP-Spitzenmann Juncker, damit
dass Jean-Claude Juncker Präsident der hat er die Mehrheit einer Großen Koalition
Europäischen Kommission werden kann“, im Europaparlament hinter sich. Und noch
hatte auch Angela Merkel einen Tag vor etwas, das in den nächsten Wochen zählen
der Wahl bei einer Kundgebung gerufen. wird, erreicht dieser Schachzug: Indem
Wenn so etwas nach der Wahl nicht mehr Schulz das Knie vor dem Konkurrenten
gilt, nimmt die Demokratie Schaden. beugt, verneigt er sich auch vor dem Wäh-
Wer einen Ausweg aus dem Dilemma lerwillen. Von jetzt an sind die im Parla-
sucht, stößt schnell auf große Fragen: Wel- ment die Guten, mindestens in der öffent-
che Legitimation für einen Politiker ist stär- lichen Wahrnehmung.
ker, die einer Europawahl oder die einer Daraus wollen sie Kapital schlagen.
nationalen Wahl? Was zählt mehr, die EP- Aber sie tun es vermutlich zu schnell, zu
Mehrheit hinter Jean-Claude Juncker, der eifrig, wie sich zeigen wird.
Kommissionschef werden will? Die einer Um 11.30 Uhr kommen die Vorsitzenden
Bundestagswahl hinter Angela Merkel, die aller Parlamentsfraktionen zusammen: Bis
zögert? Oder die des britischen Unterhau- zwei Tage zuvor haben sie Wahlkampf ge-
ses hinter David Cameron, der Nein sagt? geneinander geführt, jetzt schließen sie die
Kurz: Was ist der europäische Volkswil- Reihen gegen den Europäischen Rat, jenes
le, und wenn ja, wie viele? Gremium der 28 Staats- und Regierungs-
Von Angela Merkel darf man annehmen, chefs, das in der Eurokrise zum Macht-
dass sie diese Fragen am liebsten gar nicht zentrum Europas geworden ist. Schulz,
beantworten möchte. Entschlossen demo- noch ist er ja Präsident des alten Parla-
kratisches Neuland zu betreten ist nicht ments, leitet die Sitzung. Juncker habe die
ihre Sache. Sie hält die gegenwärtige Wahl gewonnen, sagt er beim Betreten des
Machtbalance in Brüssel und den Zu- Sitzungssaals, „nach den Regeln ist es der
sammenhalt der EU für wichtiger als den Stärkste, der mit den Verhandlungen be-
Ausgang einer Abstimmung, die in vielen ginnt“. Dann schließen sich die Türen.
Mitgliedstaaten weniger eine europäische In der Sitzung legt Schulz den Entwurf
Richtungsentscheidung als eine rein natio- eines Briefs an Ratspräsident Herman Van
nale Denkzettelwahl war. Die Kanzlerin Rompuy vor, den er am Abend zuvor
würde zur Not Juncker opfern, vorausge- zusammen mit dem konservativen und
setzt, sie stünde am Ende nicht als Wahl- dem liberalen Fraktionschef entworfen
betrügerin da. Um Merkel davor zu schüt- hat. Die Fraktionsführer kündigen darin
zen, müsste Juncker selbst zurückziehen. Konsultationen an „mit dem Ziel, den
FOTO: KAY NIETFELD / DPA

Das zu erreichen scheint derzeit so schwer, Kandidaten für das Amt des Kommis-
wie sich einen eckigen Kreis vorzustellen. sionspräsidenten zu bestimmen“. Das
Wer also bestimmt den neuen EU-Kom- Schreiben ist eine Kampfansage an den
missionschef, Herr über 33 000 Mitarbeiter, CDU-Chefin Merkel Rat, eine bewusste Grenzüberschreitung:
Inhaber des Vorschlagsmonopols für alle Der Wähler wählt, die Chefs bestimmen Denn käme es so, würde nicht einer aus
DER SPIEGEL 23/ 2014 19
Deutschland

dem Kreis der Regierungschefs nach Mehr- Doch dann geschieht etwas Unerwarte- gemeinsame Erklärung: 1. Juncker ist un-
heiten und Namen im Rat suchen, sondern tes. Jean-Claude Juncker, der als Spitzen- ser Kandidat. 2. Der Rat nimmt den Brief
einer aus dem Parlament. Das wäre neu. kandidat auch dabei ist, meldet sich zu des Europaparlaments zur Kenntnis.
Die Parlamentarier haben ein Zusatz- Wort und widerspricht: Gemäß dem Lissa- 3. Van Rompuy führt Konsultationen mit
protokoll des Lissabon-Vertrags gefunden, bon-Vertrag gehe es jetzt darum, einen ge- Juncker und dem Europaparlament.
das ihre Position stärkt. Es ist die soge- eigneten Kandidaten zu finden. „Seien wir Doch es ist ein brüchiger Frieden, der
nannte 11. Erklärung. Darin steht, dass doch froh, dass das Europaparlament so schon beim Abendessen zwei Stunden spä-
„Vertreter des Europäischen Parlaments schnell gehandelt hat“, sagt er. Es scheint, ter auseinanderfällt.
und des Europäischen Rates die erforder- als habe er nicht begriffen, dass die Kanz- Um 19 Uhr kommen die Staats- und Re-
lichen Konsultationen“ führen werden. lerin gerade die Fronten verschiebt. gierungschefs im Brüsseler Ratsgebäude
Beide EU-Institutionen sind gleichberech- Es folgt ein Wortwechsel, den in dieser zusammen. Die Sozialdemokraten stellen
tigt, folgern die Parlamentarier daraus. In Schärfe wohl noch kein Mitglied der Eu- zehn Regierungschefs, die Konservativen
dem Brief, den die Fraktionsvorsitzenden ropäischen Volkspartei erlebt hat. Die zwölf, der Rest sind Liberale oder Partei-
von EVP und Sozialisten im Anschluss zu Fraktionen im neuen Europaparlament lose.
Herman Van Rompuy in den Rat bringen, hätten sich doch noch gar nicht gebildet, Es ist Politik paradox: Ein Sozial-
stellt sich das Parlament hinter den Wahl- wettert Merkel, die Mehrheiten seien folg- demokrat nach dem anderen spricht sich
für den Konservativen Juncker aus. „Jun-
Wahlsieger Juncker und SPD-Kandidat Schulz schließen cker ist unser Mann“, sagt Österreichs
Kanzler Faymann. Ähnlich äußern sich
tief in der Nacht einen Pakt. Zulasten von Angela Merkel. Frankreichs Staatspräsident François
Hollande, Italiens Premier Matteo Renzi
gewinner: „Der Kandidat der größten lich noch nicht klar. Der Brief des EP sei und der Belgier Elio Di Rupo. Auch einige
Fraktion, Herr Jean-Claude Juncker, wird zudem von den scheidenden Fraktionsvor- konservative Regierungschefs signalisieren
als Erster versuchen, die notwendige sitzenden überbracht worden. Beistand für den Sieger: der Portugiese
Mehrheit zu organisieren.“ „Es gibt so etwas wie die Kontinuität Pedro Passos Coelho, der Zyprer Nikos
Als Angela Merkel wenig später in Brüs- der Parlamente“, kontert Juncker. Auch Anastasiadis, der Finne Jyrki Katainen,
sel landet und von ihrem Europaberater die designierten neuen Fraktionsvorsitzen- der Pole Donald Tusk.
Nikolaus Meyer-Landrut über das Vorpre- den hätten zugestimmt: für die EVP der Dann sind die Zweifler an der Reihe.
schen des Parlaments informiert wird, fällt CSU-Mann Manfred Weber und als mut- Juncker sei die allerletzte Wahl, sagt der
das Wort „Putsch“, Putsch des Parlaments. maßlicher neuer Fraktionschef der Sozia- niederländische Ministerpräsident Mark
Merkel weiß, dass es mehrere Staats- und listen – Martin Schulz. Doch Merkel legt Rutte. Der Schwede Fredrik Reinfeldt be-
Regierungschefs gibt, die sich vom Europa- nach: Es dürfe nicht nur um die Personen ruft sich auf sein Parlament und sagt, er
parlament nichts aufzwingen lassen wol- gehen, der Rat wolle auch über das Ar- sei nicht befugt, über Namen zu sprechen.
len. Einige, wie der Brite David Cameron beitsprogramm der nächsten Kommission „Dafür ist es zu früh.“ Der Ungar Viktor
oder der Schwede Fredrik Reinfeldt, stem- reden. Es soll dabei um die Wettbewerbs- Orbán sagt, er habe persönlich nichts ge-
men sich nicht nur gegen den wachsenden fähigkeit des Kontinents gehen, um mehr gen Juncker, aber es gelte, einen Automa-
Einfluss des Parlaments. Sie lehnen Jun- Jobs, bessere Regeln für die Finanz- und tismus zwischen der Spitzenkandidatur
cker auch persönlich ab. Er erscheint ihnen Wirtschaftspolitik der EU, mehr Brüsseler und dem Amt des Kommissionspräsiden-
zu föderalistisch, zu verbraucht, zu sehr Zurückhaltung bei kleinteiligen nationalen ten zu vermeiden.
Vertreter des alten Europa. Belangen. Das sind nicht nur für Merkel Schließlich meldet sich David Cameron.
Merkel selber wollte sich möglichst lan- wichtige Fragen, eine Art Regierungspro- Es sei ein Fehler, die Kommission durch
ge bedeckt halten. Jetzt weiß sie: Die Lage gramm nach der Wahl. die Spitzenkandidaten zu politisieren, sagt
wird eskalieren. Aber der Vorschlag riecht auch nach ei- er. „Die Europäische Kommission ist nicht
Am Nachmittag treffen sich die Anfüh- nem Spiel auf Zeit. Juncker wird wütend: wie eine nationale Regierung, sie muss un-
rer der europäischen Sozialdemokraten auf Das Arbeitsprogramm der Kommission sei parteiisch bleiben.“ Es sei nicht das Parla-
dem Kunstberg in der Brüsseler Innenstadt. Sache des nächsten Kommissionschefs. ment, das einen Kandidaten wähle, „und
Geschlossen sprechen sie sich für Juncker „Das geht den Europäischen Rat nichts wir nicken das nachher nur ab. Wir sind
als nächsten Kommissionspräsidenten aus. an“, ruft er, „nur über meine Leiche!“ alle gewählte Regierungschefs, wir sind
„Die anderen haben gewonnen“, sagt der Mühsam verständigen sich die konser- nicht weniger demokratisch legitimiert als
österreichische Bundeskanzler Werner vativen Parteiführer schließlich auf eine das Europaparlament“.
Faymann, „Jean-Claude Juncker hat den
ersten Aufschlag.“ Auch der deutsche Vi-
zekanzler Sigmar Gabriel ist erschienen.
Gewählte Zwietracht Fraktionen und Sitze im Europaparlament
Er mahnt: „Bleibt cool. Angela Merkel Vorläufiger Stand; Quelle: Europäisches Parlament
bleibt auch cool.“ Die Wahl Junckers wer- G/EFA Grüne/Euro- EVP Europäische ALDE Allianz der Liberalen und
de „kein Automatismus sein, das wird nicht päische Freie Allianz Volkspartei Demokraten für Europa
einfach werden“. Wenn die EVP sich nicht
auf Juncker einigen könne, „wäre das kein
S&D Progressive Allianz EKR Europäische Konservative und
gutes Zeichen für die EVP und auch nicht
der Sozialdemokraten 214 Reformisten (Euro- und Europa-
für die Bundeskanzlerin“, so Gabriel. 52
Die wiederum sitzt zur selben Zeit im 64 skeptiker)

Vorabtreffen der konservativen Partei- 46 EFD Europa der Freiheit und der
GUE/NGL
chefs, wenige Hundert Meter entfernt, im Vereinte Euro- 191 38
Demokratie (Rechtspopulisten)
Brüsseler Akademie-Palast. Und sie ist päische Linke/ Sonstige (Rechtspopulisten,
wütend: Es sei eine „Unverschämtheit“, Nordische 60 Rechtsradikale)
Grüne Linke
was das Parlament betreibe, der Brief sei (z.T. Europa-
45 751 41 Fraktionslose (über-
eine „Kriegserklärung“. skeptisch) Sitze wiegend Europaskeptiker)

20 DER SPIEGEL 23/ 2014


Konservative Juncker, Merkel: „Kriegserklärung“

In einer Sitzungspause wird Cameron „Sperrminorität“ sorgen, wie sie sagt. Da- Dennoch sagten 78 Prozent der Deut-
noch deutlicher: „Ein Gesicht der Acht- mit wäre der Vorschlag Juncker vom Tisch schen in einer SPIEGEL-Umfrage vor der
zigerjahre kann nicht die Probleme der gewesen. Die Abstimmung unterbleibt. Wahl, dass der Sieger aus dem Rennen
nächsten fünf Jahre lösen.“ Sollte er in einer „Ein Halbsatz von ihr zugunsten von Schulz–Juncker Kommissionschef werden
Abstimmung unter den Chefs unterliegen Juncker, und die Sache wäre erledigt ge- solle. So sieht es auch Österreichs Kanzler
und Juncker Kommissionschef werden, wesen“, erzählt Frankreichs Staatspräsi- Werner Faymann: „Es ist für die Demokratie
könne er für den Verbleib Großbritanniens dent Hollande hinterher Vertrauten. Aber verheerend, wenn wir vor der Wahl sagen,
in der EU nicht mehr garantieren. Teilneh- Merkel hat sich entschieden, die Drohung der siegreiche Spitzenkandidat soll Kommis-
mer der Runde verstehen ihn so: Eine wei- Camerons hat gewirkt. Dabei ist es die sionspräsident werden, und nach der Wahl
tere Niederlage könnte seine Regierung in Drohung eines Regierungschefs, der sein davon nichts mehr wissen wollen.“ Faymann
London dermaßen destabilisieren, dass ein Land 2017 über einen Austritt aus der EU hat wenig Verständnis für seine deutsche
Austrittsreferendum vorgezogen werden abstimmen lassen will und die Europawahl Amtskollegin: „Damit verspielen wir unsere
müsste und sehr wahrscheinlich mit einem krachend verloren hat. Er hat eine Bun- Glaubwürdigkeit bei den proeuropäischen
Nein der Briten zur EU enden würde. deskanzlerin auf seine Seite gezogen, die Bürgern und stärken die Europafeinde.“
Für den konservativen polnischen Mi- dagegen ein proeuropäisches Votum der Im Rat rätseln nicht wenige: Will die
nisterpräsidenten Tusk ist das Meinungs- großen Mehrheit der Deutschen im Rü- Kanzlerin Zeit gewinnen und die Tür für
bild klar. Er will noch in der Nacht eine cken hat, aber wenig daraus macht. spätere Kompromisse offen halten? Oder
Entscheidung erzwingen. Er schlägt vor, In vielen anderen Ländern dagegen will sie Juncker verhindern und versteckt
FOTO: HENNING SCHACHT / BERLINPRESSPHOTO

Juncker mit den Verhandlungen über die war dieser Urnengang kein Erfolg beim sie sich dazu hinter dem polternden Briten
Bildung der nächsten EU-Kommission zu Wähler. Der Trend stetig schrumpfender – weil auch sie in Wahrheit keinen Kom-
beauftragen. Dann werde sich ja zeigen, Beteiligung ist bei europaweit 43 Prozent missionschef will, der das ganze Europa-
ob es eine ausreichende Mehrheit für Jun- bestenfalls gestoppt, aber fast nirgendwo parlament und eine Wählermehrheit hin-
cker gebe, also eine gegen Cameron, Or- gedreht. Gerade diese Wahlmüdigkeit ter sich hat? Was sie macht, ist aus ihrer
bán und Reinfeldt. Alle blicken nun auf hievte die Ergebnisse vieler antieuropäi- Sicht vielleicht klug. Aus Sicht der deut-
Angela Merkel – die in diesem Moment scher Populistenparteien auf phänomenale schen Wähler und vieler am Tisch der Re-
von ihrem Kandidaten Juncker abrückt. Prozentzahlen. So gesehen ist Europa eher gierungschefs ist es ein Komplott.
Im Falle einer Abstimmung werde sie sich geschwächt, von den Rändern her ange- Ratspräsident Van Rompuy versucht zu
den Gegnern anschließen und so für eine fressen und im Zentrum verunsichert. beruhigen. „Es geht hier nicht nur um den
DER SPIEGEL 23/ 2014 21
„Die ganze Agenda kann von ihm, aber
auch von vielen anderen durchgesetzt wer-
den.“ Diese anderen standen allerdings
nicht zur Wahl.
Ein Mitarbeiter aus Merkels Entourage
bleibt im deutschen Pressesaal des EU-Rats-
gebäudes nach dem Merkel-Auftritt sitzen.
„Haben Sie Junckers Auftritt am Wahlabend
gesehen, wie müde, wie leidenschaftslos er
wirkte?“, fragt er und sagt: „Wenn Leute
jetzt sagen, dass Merkel Juncker gerade be-
erdigt hat, muss man sich doch fragen: Hat
er sich nicht selber beerdigt?“
Merkels Lager behält in den Tagen da-
nach diese Tonlage bei: Juncker habe gar
nicht recht gewollt. Er wirke oft wie ausge-
brannt, er symbolisiere nicht den Aufbruch,
seine Unterstützer würden ihm nicht lange
treu bleiben. Und vor allem: Die Sache mit
den Spitzenkandidaten interessiere in ganz
Juncker-Gegner Orban, Cameron: „Gesicht der Achtzigerjahre“ Europa nur die Deutschen.
Das ist die weiche Variante der Kampa-
gne gegen den Wahlsieger. An der harten
arbeitet bereits die Regierung in London.
„Niemand will wirklich Juncker, und
doch könnte er es nun werden“, sagt eine
Vertraute Camerons. Und dann stünde ein
gespaltenes und krisenbelastetes Europa
mit einem geschwächten Kommissionsprä-
sidenten da. Cameron werde nicht zögern,
Junckers Schwächen im kleinen Kreis der
Mächtigen offen anzusprechen, sagt sie,
„seine Alkoholprobleme, seine Skandale
in Luxemburg“. Ob so ein Mann wohl die
mächtigste Behörde Europas, die EU-Kom-
mission, leiten könne?
So weit will Angela Merkel nicht gehen.
Sie verfolgt eine Doppelstrategie: Die Bri-
ten sollen mit der Drohung in Zaum ge-
halten werden, dass zur Not doch gegen
sie abgestimmt werden könnte. Das gab
es schon einmal, als 2012 fast alle Mitglied-
staaten den europäischen Fiskalpakt zur
Schuldenbegrenzung beschlossen und ei-
Sozialdemokraten Schulz, Gabriel: „Ein dramatischer Wahlbetrug“ nen düpierten Cameron links liegen lie-
ßen. In den nächsten Wochen wird sie
Chef der Kommission.“ Es gehe auch um Der sitzt im Hotel und liest live mit, wie viele Gelegenheiten haben, auf den Briten
die anderen Ämter, den des Hohen Ver- Merkel und Van Rompuy auf Druck von einzuwirken; bei den D-Day-Feiern, ge-
treters und auch um seine Nachfolge. „Und Cameron von ihm abrücken. Mit jeder meinsamen Gesprächen mit dem schwe-
wir müssen über das Programm der nächs- Textnachricht, die er bekommt, wirkt er dischen Premier und beim G-7-Treffen.
ten Kommission diskutieren.“ Merkel entschlossener und legt sich fest: „Jetzt Zugleich will die Bundesregierung alle
schlägt schließlich vor, dass Van Rompuy muss ich es machen.“ Personalentscheidungen hinauszögern.
bis zum nächsten EU-Gipfel Ende Juni mit Als die Staatenlenker kurz vor Mitter- Das soll Juncker und seine Unterstützer
allen 28 Regierungen sprechen soll, um nacht auseinandergehen, beginnt Junckers ermüden, was ihn zum freiwilligen Ver-
FOTOS: AFP (O.); HENNING SCHACHT / BERLINPRESSPHOTO (U.)

eine Lösung auszuloten. Handy zu klingen, und es hört nicht mehr zicht bewegen könnte. Denn klar ist auch
Viele sind nicht einverstanden, aber sie auf. Am Ende haben 22 der 28 Staats- und dem Kanzleramt: Ein Personalpaket muss
widersprechen nicht mehr. Merkels Ein- Regierungschefs angerufen und versichert, wie üblich die Zustimmung des Parlaments
fluss hat gewirkt. Sie ist die Chefin unter sie stünden zu ihm. „Kommissionspräsi- und des Rates finden – aber in diesem Fall
den Chefs. dent oder gar nichts“, sagt Juncker zu ei- auch die des Wahlsiegers Jean-Claude
Doch einer im Kreis hat während der nem von ihnen am Telefon. Er rechnet fest Juncker. „Ohne sein Ja geht es nicht“,
ganzen Sitzung konzentriert auf sein damit, dass Merkel ihm bald die Nachfolge heißt es in Regierungskreisen.
Handy eingetippt. Er gehört zu denen, die Van Rompuys anbietet. Er will ablehnen. Und so lautet die Frage, die über die
es für undemokratisch halten, vor der So unter Druck ist die Kanzlerin in Brüs- künftige Demokratie in Europa entschei-
Wahl einen Spitzenkandidaten auszurufen sel bisher nur selten gekommen. Bei der det: Für wen spielt die Zeit?
und ihn nach der Wahl fallen zu lassen. nächtlichen Pressekonferenz zeigt sie Ner- Weniger für Jean-Claude Juncker, den
Seine SMS gehen an den Luxemburger ven und stellt Juncker bei der Aufzählung 59-jährigen Luxemburger, der in Europa
Jean-Claude Juncker. der Aufgaben für die nächsten Jahre bloß: schon so viel gesehen hat, dass ihn viele
22 DER SPIEGEL 23/ 2014
Deutschland

nicht mehr sehen können. Er ist kein Freund


der Kanzlerin, und zu Anfang wollte er je- EU-Staats- und Regierungschefs
nen Job tatsächlich nicht haben, den er jetzt nach Parteizugehörigkeit Finnland
haben wollen muss, damit die Demokratie konservativ
in der EU erwachsener werden kann. sozialdemokratisch/sozialistisch Schweden Estland
Mit ihm an der Spitze würde die EU- liberal
Lettland
Kommission stärker politisch geführt. Er parteilos
und seine Kommissare könnten der selbst- Dänemark Litauen
bewussten Beamtenelite in Brüssel klarere Groß- Nieder- ?
Vorgaben machen, eben weil sie das Wahl- Irland britannien lande Polen
ergebnis und das Parlament im Rücken ha- Deutschland
Belgien
ben. Und bei der nächsten Wahl würden Tschechien
sich namhafte Politiker bewerben, weil sie Lux. ? ÖsterreichSlowakei
sicher sein dürften, bei einem Wahlsieg Ungarn
glatt ins Amt zu kommen. Länder, die wahrscheinlich Frankreich Slowenien Rumänien
Bis dahin ist es noch weit, aber das Par- hinter Jean-Claude Juncker
lament will kämpfen. Daniel Cohn-Bendit, stehen Kroatien
Bulgarien
scheidender Ur-Grüner im Europaparla- Italien
ment, droht: „Wenn die Staats-und Regie- Spanien ?
rungschefs es darauf ankommen lassen, Portugal
müssen sie fünf Jahre lang nicht in die Griechenland
Nähe des Parlaments kommen: Dann ist
das für sie eine atomar verseuchte Zone.“ Malta
Zypern
Und der FDP-Abgeordnete Alexander
Graf Lambsdorff sagt: „Ja klar, sie werden
versuchen, uns darzustellen als die selbst- Juni-Gipfel in Brüssel. Österreichs Kanzler die Brüsseler Beamtenzentrale versagt, ist
bezogenen Parlamentarier, denen es nur Faymann: „Ich wünsche mir, dass wir beim ihr Fazit. Selbst als Zahlen und Prognosen
um Verfahrensfragen geht. Aber wir sind Europäischen Rat im Juni Juncker vor- produzierende Verwaltungseinheit hätte
gerade alle wiedergewählt worden. Wir schlagen. Wenn die Skeptiker nicht zu Brüssel nicht gut genug funktioniert. Die
haben alle Zeit der Welt.“ überzeugen sind, müssen wir Juncker mit Staats- und Regierungschefs und die Euro-
Vor allem braucht Juncker die anhalten- qualifizierter Mehrheit durchsetzen.“ päische Zentralbank hätten an ihrer Stelle
de Unterstützung von Martin Schulz, der Der Streit um den Chefposten in Europa die Verantwortung übernehmen müssen.
ihm mit seinen Sozialdemokraten die nö- birgt genug Zündstoff, um auch die Große Doch nun wird sie die Geister nicht
tige Mehrheit der Abgeordneten sichern Koalition in Berlin auseinanderzutreiben. mehr los, die Martin Schulz rief, als er sich
soll. Schulz will dafür einen Posten als Aufmerksam haben die Sozialdemokraten vor Monaten zum Spitzenkandidaten der
herausgehobener Kommissar, kein unge- registriert, dass Merkel sich im Rat im Falle Sozialdemokraten Europas aufschwang.
wöhnliches Geschäft in einer Großen Koa- einer Abstimmung hinter Cameron stellen Der Kanzlerin passte das Verfahren von
lition. wollte. Die Regeln der Bundesregierung Anfang an nicht, aber sie spielte mit und
Das kann ihm Juncker allein nicht ga- sehen in solchen Fällen eigentlich eine warb für den Wahlsieg jenes Mannes, der
rantieren. Andere Länder wie Polen for- Enthaltung vor, weil die SPD anderer Mei- nun um seinen Lohn kämpfen muss. Weil
dern ebenfalls einen prominenten Kom- nung war. sie selbst stets betonte, es gebe keinen „Au-
missarsposten und sie haben im Regional- Unmittelbar nach Schließung der Wahl- tomatismus“ zwischen Wahlsieg und Amts-
proporz der EU einiges Gewicht. Vor allem lokale hatte die Kanzlerin noch SPD-Chef vergabe, unterschätzte sie, welche Dyna-
aber erhebt die CDU Anspruch auf den Sigmar Gabriel angerufen und versichert, mik das Kandidatenrennen in Deutschland
deutschen Kommissarstuhl in Brüssel. „Es- dass sie die Große Koalition fortsetzen will, bis zum Wahltag bekommen würde und
den klaren Wunsch in meiner Partei, dass dass man auch in Brüssel gemeinsam eine noch entwickeln wird.
die Union wieder den nächsten deutschen Lösung finden werde. Inzwischen aber Martin Schulz, der unterlegene Kandi-
EU-Kommissar stellt“, sagt der deutsche werden erste Risse sichtbar. Im kleinen dat, gab für die nächsten Tage und Wochen
Spitzenkandidat der CDU für die Europa- Kreis sagte Gabriel in Brüssel: „Es kann ja den Ton vor, der auch Merkel entgegen-
wahl, David McAllister. „Denn CDU und wohl nicht sein, dass der Anti-Europäer schlagen könnte. Als Schulz am Dienstag-
CSU sind bei der Europawahl in Deutsch- Cameron den Europäern vorgibt, wo es abend auf dem Weg ins heimische Würse-
land klar stärkste Kraft geworden mit acht langgehen soll.“ Und ein sozialdemokrati- len ist, erfährt er davon, dass Merkel und
Prozent Vorsprung vor der SPD. Im über- sches Kabinettsmitglied ätzt über Merkel: Cameron seinem neuen Verbündeten Jun-
tragenen Sinn haben wir also den ,Wahl- „Sonst kann sie in Europa alles durchset- cker die Zustimmung vorerst versagt ha-
kreis Deutschland‘ gewonnen.“ Die Kanz- zen, nur jetzt nicht einen Kandidaten, den ben. „Das ist doch ein dramatischer Wahl-
lerin sieht das auch so. sie selbst mit auf den Schild gehoben hat?“ betrug!“ ruft er ins Handy. „Das ist Volks-
Die SPD hält dagegen: In Luxemburg Auch Thomas Oppermann, der Fraktions- verarschung der Extraklasse.“
werde der konservative Spitzenkandidat chef, meldete sich: „Das distanzierte Ver- Nikolaus Blome, Horand Knaup, Paul Middelhoff,
Juncker von den mitregierenden Sozialis- hältnis der Union zu ihrem erfolgreichen Peter Müller, Ralf Neukirch, Christoph Pauly,
ten unterstützt. Dort werde europäisch Spitzenkandidaten ist merkwürdig. Dabei Gregor Peter Schmitz, Christoph Schult
und nicht national gedacht. Wenn für braucht Europa dringend beide: Jean-
Schulz am Ende trotzdem nichts übrig Claude Juncker und Martin Schulz.“ Lesen Sie weiter zum Thema:
bleibt, schmälert das den Rückhalt der So- Die Kanzlerin hat freilich ihren eigenen Seite 82: „Achtung, Frau Merkel“.
zialdemokraten für Juncker. Blick auf die europäischen Belange. In der SPIEGEL-Gespräch mit Front-national-
Sicher kann sich Angela Merkel ihrer Eurokrise seit Frühjahr 2010 hat sie ihr Ver- Chefin Marine Le Pen
Sache nicht sein. Etliche Regierungschefs trauen in die EU-Kommission verloren. Seite 134: Psychoanalytiker Karl-Josef
wollen einen Beschluss spätestens beim Als politischer Taktgeber in der Krise habe Pazzini legt Europa auf die Couch

DER SPIEGEL 23/ 2014 23


Deutschland

Doppelte
Millionen EU-Ausländer als Wähler, in
Frankreich gab es hiervon eine Million
Wahlberechtigte, im verhältnismäßig klei-

Misere
nen Österreich fast 430 000. Deren Namen
abzugleichen ist offenbar zu mühselig. So
gingen beim Bundeswahlleiter beispiels-
weise nur 133 500 Hinweise über Deutsche
ein, die sich in anderen EU-Ländern für
Demokratie Ist die Europawahl die Wahl registriert haben. Obwohl schät-
ungültig? Nicht nur Doppel- zungsweise eine Million Deutsche im EU-
staatler wie der Zeit-Chefredak- Ausland leben.
Prominente Verfassungsrechtler glauben
teur konnten zweimal wählen. deshalb, dass eine Klage gegen die Euro-
pawahl Aussicht auf Erfolg hat. Es sei ele-

W
as gibt es Schöneres für einen mentar für Demokratien, dass jeder Bürger
Chefredakteur, als eine politi- nur eine Stimme habe, sagt Hans-Jürgen
sche Debatte anzustoßen? Rele- Papier, früherer Präsident des Bundesver-
vanz ist der Goldtaler des Medienbetrie- fassungsgerichts. Das gelte natürlich auch
bes, und als Giovanni di Lorenzo vor gut für die Europawahl. „Ein Wahlrecht, das
einer Woche vor einen Millionenpublikum Giovanni di Lorenzo die Einhaltung dieser Prinzipien nur dem
erzählte, er habe bei der Europawahl Zufall oder der Rechtstreue der Bürger
gleich zweimal gewählt, einmal als Deut- überlässt, erscheint mir verfassungswid-
scher und einmal als Italiener, da war die wohnen nicht in ihrem Herkunftsland, son- rig.“ Sollte eine Prüfung des Verfassungs-
Aufregung plötzlich so groß, dass der Aus- dern in einem anderen Mitgliedstaat. Sind gerichts ergeben, dass tatsächlich millio-
gang der Wahl für einen kurzen Moment sie gleichzeitig in zwei EU-Ländern gemel- nenfach doppelt abgestimmt worden sein
unwichtig war. det, bekommen sie ihre Wahlunterlagen könnte, „könnte dies zur Ungültigkeit der
Inzwischen hat der Zeit-Chefredakteur doppelt – es sei denn, die nationalen Be- Wahl führen“. Denn die Sitzverteilung im
seinen Fauxpas bereut. „Ich bin mir sicher, hörden kommunizieren miteinander. Doch EU-Parlament könnte verschoben worden
dass nach meiner Geschichte niemand das kommt nur selten vor. sein. Zwar führe nicht jeder Systemfehler
mehr dem Irrtum aufsitzt, bei der Wahl Beispiel Großbritannien: Das Melde- im Wahlrecht zwangsläufig zu Neuwahlen,
zwei Stimmen abzugeben“, sagt er. Und recht ist liberal, man kann es auch chao- sagt Papier. „Aber zumindest dürfte Karls-
auch die Staatsanwaltschaft, die den Vor- tisch nennen. Es gibt keine Meldepflicht, ruhe den Staat dazu verpflichten, vor der
gang prüft, wird wohl Milde walten lassen: einen Wohnsitz hat man als Einwanderer nächsten Wahl die nötigen Kontroll- und
Denn es steht ja außer Frage, dass nur edle dann, wenn man es schafft, seinen Namen Schutzmechanismen zu schaffen.“
europäische Gesinnung di Lorenzo zwei- irgendwie auf die Wasser-, Gas- oder „Die Legitimität der gesamten Europa-
mal an die Wahlurne geführt hat und nicht Stromrechnung eines Hauses oder Apart- wahl steht infrage“, sagt der Bonner Staats-
etwa Betrugsabsicht. ments zu bringen. rechtler Josef Isensee. Das europäische
Und so wird wohl bleiben, dass di Lo- Die Zulassung zur Wahl funktioniert Wahlrecht sei „nur so hingepfuscht. Das
renzo – wenn auch unfreiwillig – den Blick ähnlich unkompliziert. Weil kein Melde- zeigt, wie wenig die Regierungspolitiker
auf einen gravierenden Mangel bei den register existiert, führt jede Stadt- oder Be- selbst das Europäische Parlament ernst
Europawahlen gelenkt hat. Denn wie er zirksverwaltung ein eigenes Wahlregister. nehmen“.
hatten offenbar Millionen andere EU-Bür- Jeder EU-Bürger kann sich entweder on- Der Vorsitzende des Bundestags-Innen-
ger zumindest die Möglichkeit, zweimal line, per Post oder bei der lokalen Stadt- ausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU),
ihr Kreuz zu machen. Schlupflöcher bietet verwaltung eintragen lassen. Niemand ver- hält die laxen Vorschriften für „rechtlich
das Wahlrecht nicht nur für Doppelpass- langt eine Bestätigung, dass man sich in und politisch untragbar“. Die Bundes-
inhaber wie di Lorenzo, sondern auch für seinem Heimatland abgemeldet hat. regierung „sollte auf eine einheitliche
jene Europäer, die nicht in ihrem Her- EU-Bürger, die im Ausland an Europa- europäische Regelung dringen, die sicher-
kunftsland leben, sondern in einem ande- wahlen teilnehmen wollen, müssen zwar stellt, dass eine doppelte Stimmabgabe
ren EU-Staat – davon gibt es rund 13,6 Mil- ein Formular ausfüllen, in dem sie versi- nicht mehr möglich ist.“
lionen. Juristen wie der ehemalige Verfas- chern, in keinem anderen Land ihre Stimme Der Protest der Bürger hat den Bundes-
sungsgerichtspräsident Hans-Jürgen Papier abzugeben. Doch das ist nur eine Absichts- tag schon erreicht. Bis Ende vergangener
fragen sich, ob die Wahl überhaupt rechts- erklärung. Und weil wegen der fehlenden Woche sind 13 Einsprüche gegen das Er-
staatlichen Grundsätzen entsprach. Kontrollen praktisch nie ein Doppelwähler gebnis der Europawahl eingegangen, da-
Das Kernproblem der Europawahl ist, überführt wird, schreckt auch das Strafrecht, runter auch solche, die sich explizit auf
dass die Behörden der einzelnen EU-Län- das in vielen EU-Ländern Wahlbetrug ahn- die Problematik doppelter Stimmabgaben
der gar nicht wissen, ob ihre Bürger doppelt det, niemanden. beziehen. Sollte der Wahlprüfungsaus-
abstimmen. Sie müssen darauf vertrauen, Wie man Europawahlen korrekt organi- schuss zur Einschätzung gelangen, dass es
dass die Bürger sich rechtstreu verhalten sieren könnte, macht das kleine Litauen grobe Unregelmäßigkeiten bei der Euro-
und nicht im demokratischen Überschwang vor. Dort registrierten sich 644 Deutsche pawahl gab, müsste der Bundestag über
gleich zweimal wählen. „Das ist eine Ge- an unterschiedlichen Orten zur Europa- deren Gültigkeit abstimmen. Aber selbst
setzeslücke“, sagt eine Sprecherin des wahl. Das wurde der litauischen Wahlkom- wenn die Abgeordneten die Wahl für
FOTO: STEFFENS / DDP IMAGES

Europaparlaments. Ähnlich sieht das der mission gemeldet, die wiederum den deut- rechtmäßig erklären, könnten die Be-
deutsche Bundeswahlleiter. schen Bundeswahlleiter informierte. schwerdeführer dagegen klagen. Das letz-
Allein ein Umzug von einem EU-Land Große EU-Länder und solche mit vielen te Wort hätte dann das Bundesverfassungs-
ins andere kann genügen, um eine zusätz- Zuwanderern verzichten auf diese Mühe. gericht. Melanie Amann, Isabell Hülsen,
liche Stimme zu erhalten. Mehr als acht In Großbritannien etwa registrierten sich Ann-Katrin Müller, Sven Röbel,
Millionen EU-Bürger im wahlfähigen Alter nach Angaben der Wahlkommission 1,57 Christoph Scheuermann

24 DER SPIEGEL 23 / 2014


CSU-Politiker Huber

„Die Zeit der einsamen Ansagen ist vorbei“


SPIEGEL-Gespräch Nach dem Debakel bei der Europawahl drängt der frühere CSU-Parteichef
Erwin Huber, 67, auf eine zügige Regelung der Seehofer-Nachfolge und plädiert für eine Doppspitze.

SPIEGEL: Herr Huber, bislang galt das Er- hat diese Übergangsphase zu gestalten, Huber: Dieses Verdienst gebührt Horst See-
gebnis, das Sie bei der Landtagswahl 2008 aber nicht allein nach seiner persönlichen hofer, und niemand wird ihm diesen Erfolg
als Parteichef zu verantworten hatten, als Lebensplanung. Die Zeit der einsamen streitig machen. Ich erlaube mir aber schon
Tiefpunkt in der CSU-Geschichte. Jetzt Ansagen ist vorbei. Die inhaltlichen, struk- die Nachfrage, wie nachhaltig dieser Erfolg
hat Ihr Nachfolger Horst Seehofer Ihr Er- turellen und personellen Entscheidungen eigentlich ist. Wir liegen bei der Europa-
gebnis noch unterboten. Fühlen Sie ein müssen sich innerhalb der nächsten zwei, wahl heute 17 Prozentpunkte hinter dem
bisschen Befriedigung? zweieinhalb Jahre anbahnen. Das ist eine Ergebnis von 2004. Und wir waren bei der
Huber: Nein. Ich leide mit meiner Partei. delikate Aufgabe. Aus der Geschichte Landtagswahl im vergangenen Jahr 13 Pro-
Das Wahlergebnis ist eine Zäsur. Ich be- weiß man, wie blutig Erbfolgekriege sein zentpunkte hinter dem Resultat von 2003.
teilige mich deshalb aktiv an der Bewälti- können. Die Bindungskraft der CSU hat in zehn
gung, die nicht mal eben in einer Klausur- SPIEGEL: Wann sollte der Wechsel eingelei- Jahren dramatisch abgenommen.
tagung zu schaffen ist. tet werden? SPIEGEL: Markus Söder würde Seehofer
SPIEGEL: Seehofer hat die politische Verant- Huber: Horst Seehofer hat selbst erklärt, gern beerben. Doch er hat in seiner Hei-
wortung für das Debakel übernommen. 2018 als Ministerpräsident aufzuhören. Vor- mat Nürnberg bei den Kommunal- und
Genügt das? her, bei der 2017 anstehenden turnusgemä- Europawahlen für die CSU schlechte Er-
Huber: Nein. Die CSU steht vor der größten ßen Wahl des Parteivorsitzes, sollte es be- gebnisse zu verantworten. Kann ausgerech-
Bewährungsprobe ihrer Geschichte. Es reits eine neue Weichenstellung geben. net er die Partei aus der Krise führen?
geht schlicht darum, ob wir auf Dauer zu- Spätestens zur Bundestagswahl 2017 muss Huber: Bei der Frage, wer Seehofer folgt,
kunftsfähig sind. Wir müssen uns auf die die neue Mannschaft stehen. kommt es auf persönliche Glaubwürdig-
Wahlen von 2017 bis 2020 einstellen. Jetzt SPIEGEL: Welche Kandidaten sehen Sie? keit, politische Intelligenz und überzeu-
fallen die Würfel, ob die CSU starke Volks- Huber: Namen sind bekannt. Aber das Per- gende Geradlinigkeit an, dann stimmen
partei bleibt oder absinkt. Ich bin zuver- sonal ist nicht alles. Wir müssen die Partei auch die Wahlergebnisse.
sichtlich, weil wir viele kluge Köpfe, eine inhaltlich weiterentwickeln. Geradlinigkeit SPIEGEL: Und bei diesen Kriterien schneidet
starke Verwurzelung und politischen In- und Verlässlichkeit müssen zurückkehren. Söder besser ab als die CSU in Nürnberg?
FOTO: WOLFGANG MARIA WEBER / DER SPIEGEL

stinkt haben. Wir müssen wieder Teamgeist pflegen, Ent- Huber: Sagen wir mal: Die Bewährungs-
SPIEGEL: Horst Seehofer sagt, er wolle 2015 scheidungen gemeinsam treffen und uns phase ist nicht abgeschlossen.
erneut als Parteichef kandidieren und bis nicht dem Diktat von oben unterwerfen. SPIEGEL: Söders Kontrahentin, die ehema-
2018 im Amt bleiben. Halten Sie das für Und besonders wichtig: Die Umgangsfor- lige Bundesagrarministerin Ilse Aigner, hat
richtig? men müssen sich ändern, ziviler werden. in Bayern bislang nicht Fuß gefasst und
Huber: Die CSU muss die Weichen stellen SPIEGEL: Sie üben heftige Kritik am Partei- wirkt wie eine Befehlsempfängerin See-
für die Zeit nach Seehofer. Der Parteichef chef, dabei war er es doch, der die CSU hofers. Ist sie aus dem Rennen?
nach ihrer Niederlage in Bayern wieder Huber: Ihr Start in Bayern war holprig. Ihre
Das Gespräch führte der Redakteur Peter Müller. zur absoluten Mehrheit geführt hat. Stärke ist aber, dass sie gut mit Menschen
26 DER SPIEGEL 23 / 2014
Deutschland

umgehen und Geschlossenheit herstellen


kann. Und diese Fähigkeit kann die CSU
jetzt besonders gut gebrauchen.
SPIEGEL: Ist es nicht vielmehr so, dass See-
hofer Ilse Aigner schon so oft öffentlich
und in Gremiensitzungen gedeckelt hat,
dass sie als Nachfolgerin demontiert ist?
Huber: Wer Opfer von Rempeleien wird,
muss nicht automatisch Verlierer sein. Heu-
te ist nichts entschieden. Wir dürfen uns
nicht auf die von Seehofer installierten
Kronprinzen beschränken. Die Nachfolge-
frage geht uns alle in der Partei an. Es soll-
ten noch mehr in die Auswahl kommen.
SPIEGEL: Derzeit ist Bundesverkehrsminister
Alexander Dobrindt Seehofers Liebling.
Spielt er bei der Nachfolge eine Rolle?
Huber: Er sagt selbst, er habe sich in Berlin
die Schulterklappen wieder angelegt. Ale-
xander Dobrindt muss jetzt im wichtigen
Ministeramt zeigen, was er kann, zum Bei-
spiel bei der Maut.
SPIEGEL: Bisherige Versuche eines geordne-
ten Übergangs endeten in der CSU zu-
meist im Chaos. Warum soll das dieses
Mal anders sein?
Huber: Die Endzeit von Edmund Stoiber
ab 2005 bleibt ein Trauma für unsere Par-
tei. Wir brauchen einen geordneten Über-
gang und keine Nacht der langen Messer.
Wir brauchen einen anständigen, transpa-
renten, überzeugenden Nachfolgeprozess.
In der Mitmach-Partei sollten wir auch ei-
nen Mitgliederentscheid nicht ausschlie-
ßen, wenn es keine Einigung gibt. Auch
eine Doppelspitze ist ins Auge zu fassen.
SPIEGEL: Auch mit solchen Doppelspitzen
hat die CSU keine gute Erfahrung gemacht.
Bei Günther Beckstein und Ihnen beispiels-
weise ging es gründlich daneben.
Huber: Ich bleibe dabei: Wir haben jetzt
fast sechs Jahre die Macht in einer Hand
konzentriert, da ist überlegenswert, die
Spitzenämter wieder auf zwei Leute zu
verteilen. Das bringt Wettbewerb, setzt
der Macht des Einzelnen Grenzen und
ermöglicht zudem, die große Bandbreite
einer modernen Volkspartei besser abzu-
bilden.
SPIEGEL: Also Aigner als Ministerpräsiden-
tin und Söder als Parteichef?
Huber: Oder umgekehrt. Oder es finden
sich andere Kandidaten. Nahe liegend ist
ein Stufenmodell: Die CSU wählt vor der
nächsten Bundestagswahl ihren neuen Par-
teichef und stellt danach, vor der Land-
tagswahl, einen neuen Kandidaten für das
Amt des Ministerpräsidenten auf.
SPIEGEL: Seehofer schützte bislang der Er-
folg vor solchen Szenarien. Gibt es jetzt
einen Aufstand der Gedemütigten?
Huber: Keinen Aufstand. Wir sind keine
revolutionäre Partei. Aber Seehofer muss
seinen Führungsstil der heutigen Zeit
anpassen. Befehl und Gehorsam war der
Stil des 19. Jahrhunderts. Teilhabe, Mit-
nehmen – das ist heute der Stil einer leben-
DER SPIEGEL 23 / 2014 27
Deutschland

digen Volkspartei. Politiker sollten Vorbil- umarmt und Soldaten der Bundeswehr in
der sein, auch in der Art des Umgangs Geiselhaft beleidigt. Das sind nicht nur
miteinander. Lästereien, die andere herab- Fehler, sondern politische Todsünden, die
setzen, beschädigen alle, auch den Spötter uneinsichtig weiter vertreten werden. Da-
selbst. mit wurde womöglich eine Partei rechts
SPIEGEL: Seehofer hat Söder bei einer Weih- von uns salonfähig gemacht. Protestpartei-
nachtsfeier als gewissenlosen Ehrgeizling en muss man bekämpfen; man darf nie
dargestellt, der auch vor „Schmutzeleien“ ihre Parolen befördern.
nicht zurückschrecke. Söder hat das nicht SPIEGEL: Die CSU hat die Europapolitik der
geschadet. Kanzlerin jahrelang mit roten Linien um-
Huber: Im Gegenteil. Die Sympathien für stellt, dann aber dennoch mitgestimmt.
ihn sind gestiegen, vor allem in der Land- War dieses widersprüchliche Verhalten
tagsfraktion. Die Leute spürten, dass nicht ebenso verwirrend wie der Wahl-
Seehofers Attacken nicht fair waren. Das kampf der vergangenen Wochen?
meine ich mit Stilfragen: Die B-Note, wie Huber: Klar. Das Wahlergebnis spiegelt die
man im Eiskunstlauf sagt, ist wichtiger Irritationen mit der CSU-Europapolitik der
geworden. Auch wenn schwierige Perso- Parteifreunde Söder, Aigner, Seehofer vergangenen Jahre wider. Da war von
nalentscheidungen anstehen – wie beim „Führungsstil des 19. Jahrhunderts“ „Falschmünzern“ die Rede, und für Grie-
Austausch der Bundesminister Peter Rams- chenland sollte „das Seil gekappt“ werden.
auer und Hans-Peter Friedrich –, müssen sen wir unsere Entscheidungen danach aus- Am Ende haben wir im Bundestag Angela
sie mit Anstand und Sensibilität abge- richten, was Bayern im Jahr 2025 braucht, Merkels Kurs bei der Eurorettung mitge-
wickelt werden. und nicht allein danach, was momentan tragen. Das war im Ergebnis richtig, aber
SPIEGEL: Fehlt Seehofer diese Sensibilität nutzt und Beifall bringt. Bei der Energie- die Krawallrhetorik bis vor der Wahl pass-
womöglich deshalb, weil die Partei umge- wende hat Seehofers Kurs die CSU Glaub- te nicht dazu. Prominente Wahlkämpfer
kehrt auch mit ihm nicht immer sanft um- würdigkeit gekostet. In Bayern kommen wie Peter Gauweiler vertraten andere
gesprungen ist? Da wurden beispielsweise noch immer fast 50 Prozent des Stroms Positionen als die Kandidaten, das hat der
Berichte über sein uneheliches Kind ge- aus Kernkraftwerken. Da kann man doch Parteivorsitzende leider nicht geordnet.
streut, um ihn im Rennen um den Partei- nicht den Eindruck erwecken: Wir wollen SPIEGEL: Die CSU lebt auch davon, dass sie
vorsitz zu beschädigen. keine Stromtrassen, keine Windräder, kei- in Berlin als kraftvolle Stimme wahr-
Huber: Im politischen Leben hat er sicher ne Speicherkraftwerke, und die Stromver- genommen wird. Nach der Europawahl
viel Negatives erlebt, aber auch viel Posi- sorgung ist trotzdem sicher. machen sich nun aus Sicht der CSU eher
tives. Ich grüble auch, warum er als aus- SPIEGEL: Woher kommt die Freude Seeho- vernachlässigbare Nordlichter wie NRW-
gewiesener Sozialpolitiker oftmals einen fers, sein Personal zu demütigen? CDU-Chef Armin Laschet über Ihre Partei
verletzenden Umgang mit der Macht prak- Huber: Er war sein Leben lang ein Einzel- lustig. Wie lange lassen sich die Bayern
tiziert. Politik ist kein Schachspiel mit Men- kämpfer und kein Teamspieler. Er unter- diese Demütigung gefallen?
schen. Ich habe zum Beispiel Schwierig- scheidet stark zwischen Freund und Geg- Huber: Zu Seehofers unbestrittenen Fähig-
keiten zu verstehen, warum Seehofer Ilse ner. Allerdings wusste die CSU all dies, als keiten gehört, die CSU in Berlin kraftvoll
Aigner erst als Wahlkampflokomotive für sie Seehofer 2008 zu ihrem Chef machte. zu vertreten, manchmal mächtiger, als sie
die Landtagswahl nach Bayern lockt und SPIEGEL: Aigner, Söder, Ramsauer – das sind wirklich ist. Der Stimmenrückgang bei der
ihr jetzt bei der Energiewende das Leben alles gestandene Leute. Warum leisten sie Europawahl könnte uns nachhaltig scha-
schwer macht. ihrem Chef keinen Widerstand? den. Nicht nur Seehofer hat Autorität ver-
SPIEGEL: Wie würden Sie Seehofers Füh- Huber: Es mag pathetisch klingen, aber sie loren, auch der CSU droht dies. Aber ich
rungsstil beschreiben? stellen den Mannschaftsgeist über den warne die CDU, unsere momentane
Huber: Er verfolgt primär einen populären Streit. Bei den Koalitionsverhandlungen Schwäche auszunutzen, das könnte sich
Ansatz, er will bewundert werden. Er ist in Berlin, so wurde breit berichtet, hat See- rächen. Immerhin ist die CSU immer noch
taktisch sehr versiert und verschleißt sich hofer die CSU-Minister auf offener Bühne stärker als alle CDU-Landesverbände, von
nicht in der Administration. Er nimmt für vorgeführt. Wem hätte es genutzt, wenn denen keiner 40 Prozent erreicht hat.
sich in Anspruch, die beste strategische einer der Betroffenen Krawall gemacht hät- SPIEGEL: Sie raten Seehofer, von der Macht
Übersicht und das beste Bauchgefühl ein- te? Seehofer hat das kühl kalkuliert. zu lassen. Sie selbst machen aber auch im-
setzen zu können. Trotzdem gibt es auch SPIEGEL: Kann man Seehofer mit Widerwor- mer weiter. Warum finden Politiker keinen
neben ihm Leute an der Parteispitze, die ten überhaupt bremsen? Schlusspunkt?
etwas von Politik verstehen. Seehofers Huber: Ja, bei deutlichem Widerspruch hält Huber: Die meisten müssen von unplan-
Führungsstil ist sehr autark, er hat kaum er inne. Das ist der Vorwurf, den wir uns baren Ereignissen aus der Bahn geworfen
Vertraute. Er hat die Hand am Puls der alle in der CSU machen müssen: Der Ein- werden, das stimmt.
Zeit und erliegt nicht selten den Moden zelne ist nur so mächtig, wie andere es zu- SPIEGEL: Als Sie sich für die Landtagswahl
des Zeitgeists. Die CSU aber sehnt sich lassen. Es ist die Feigheit von vielen, die im vergangenen Jahr in Ihrem Stimmkreis
nach Klarheit, Weitsicht und Standfestig- Seehofer so überdominant werden ließ. noch einmal aufstellen ließen, scharrten
keit. Das gilt für die Frage des achtjährigen Übermut ist nur dann möglich, wenn an- die Jungen im Saal schon mit den Füßen.
FOTO: ROLF H. SEYBOLDT / SEYBOLDT4MEDIA

Gymnasiums genauso wie bei der Energie- deren der Mut fehlt. Wann hört der Huber endlich auf?, lautete
wende. SPIEGEL: Jenseits der einsamen Entscheidun- ihre Frage.
SPIEGEL: Ist Seehofers Wendigkeit in Wahr- gen des Vorsitzenden – was ist falsch ge- Huber: Ich bin nicht im Abklingbecken, son-
heit nicht sein Erfolgsrezept? laufen im Europawahlkampf? dern nach wie vor im Maschinenraum,
Huber: Das ist Stärke und Schwäche zu- Huber: Die Leute wussten nicht: Ist die CSU aber ich kann Sie beruhigen, 2018 ist es
gleich. Es ist nicht immer richtig, flexibel für Europa oder dagegen? Der Spagat vorbei. Dann höre ich auf, gemeinsam mit
zu sein. Man muss auch einmal stehen kön- war zu groß. Einige haben das Spiel der Horst Seehofer.
nen. Die Menschen wollen Orientierung, AfD betrieben, die EU und den Euro be- SPIEGEL: Herr Huber, wir danken Ihnen für
suchen einen Leuchtturm. Vor allem müs- kämpft oder herabgesetzt, dazu noch Putin dieses Gespräch.
28 DER SPIEGEL 23 / 2014
Deutschland

Blick nach der zu verweigern, wird es sehr gefährlich


für die Demokratie“, sagt Steinbach.
Genau das Gegenteil legte das CDU-Prä-
CDU GESTERN UND HEUTE
Wie die Partei unter Führung von

rechts
Angela Merkel viele konservative
sidium nach der Europawahl fest. Die Ana-
lysten in der Parteizentrale und der Ade- Positionen aufgab
nauer-Stiftung hatten die Nacht durchge-
Parteien Der Erfolg der AfD hat arbeitet, damit die Chefin rechtzeitig ihre WEHRPFLICHT
Papiere auf dem Tisch hatte. Die Empfeh- BESCHLUSS DES BUNDESPARTEITAGS APRIL 2000:
in der CDU eine Strategiedebatte lung: Man solle bloß nicht im Wettstreit mit „Wir setzen uns für die Erhaltung der allge-
entfacht. Konservative sehen der AfD gegen Europa zu Felde ziehen, wie meinen Wehrpflicht ein.“
in der eurokritischen Partei einen es die CSU erfolglos vorgemacht hatte. Mit
der Strategie sei auch David Cameron in
BESCHLUSS DES BUNDESPARTEITAGS NOV. 2010:
„Wir sehen eine sicherheitspolitische Not-
neuen Bündnispartner. Großbritannien gegen die Populisten der wendigkeit für die allgemeine Wehrpflicht
Ukip auf die Nase gefallen. Der Wähler be- nicht gegeben.“

E
rika Steinbach hat keine Berührungs- vorzugt eben das Original, nicht die Kopie.
ängste mit der AfD. Man könnte sa- Im CDU-Präsidium herrschte denn auch ENERGIE
gen, dass die CDU-Politikerin schon Erleichterung über die sieben Prozent für WAHLPROGRAMM 2002: „Ein Ausstieg aus der
vor Jahrzehnten mit der Spitze der Euro- die Eurogegner. Da hatten einige Schlim- Kernenergie löst nicht die Klimaproblematik,
gegner kooperierte. Im Jahr 1977, Stein- meres erwartet. Generalsekretär Peter sondern verschärft sie und schafft eine
bach war frisch gewählte Stadtverordnete Tauber berichtete von einer Studie der Abhängigkeit Deutschlands vom Ausland.“
in Frankfurt, musste sie als Fraktionsassis- Forschungsgruppe Wahlen, wonach 45 Pro- WAHLPROGRAMM 2013: „Mit einer Versorgung,
tentin Pressemitteilungen mit dem Büro zent der AfD-Wähler ihre Stimmen ande- die auf erneuerbare Energien und einen
des Oberbürgermeisters koordinieren. ren Parteien gegeben hätten – wenn sie die geringeren Energieverbrauch setzt, schützen
Dort saß ein CDU-Mann, der später gar Europawahl „wirklich wichtig“ gefunden wir unsere Umwelt und fördern den Klima-
hessischer Staatskanzleichef werden sollte hätten. Weniger erfreulich für die Runde schutz.“ 2011 hatte die schwarz-gelbe Regie-
und heute im Bundesvorstand der Alter- war der Bericht von Ministerpräsident Vol- rung nach der Fukushima-Katastrophe den
native für Deutschland sitzt: Alexander ker Bouffier, in dessen hessischem Hoch- Atomausstieg bis 2022 beschlossen.
Gauland. „Wir haben uns sehr gut verstan- taunuskreis, eigentlich Hochburg der CDU,
den“, sagt Steinbach. „Ich wüsste nicht, die AfD fast elf Prozent geholt hatte. HOMO-EHE
wieso wir nicht auch heute in einer Koali- Hessen ist das Geburtsland der AfD – ERFURTER CDU-LEITSÄTZE APRIL 1999:
tion gut kooperieren könnten.“ Aber wür- und fast nur Konservative der Hessen- „Wir respektieren den Willen, in Partnerschaf-
de Steinbach sich heute mit Gauland poli- CDU fordern die Öffnung zur AfD. Nach ten ohne die rechtlichen Bindungen einer Ehe
tisch absprechen, würde sie sich gewaltigen der Europawahl wagte sich der Landes- zu leben. Eine rechtliche Gleichstellung sol-
Ärger mit CDU-Chefin Angela Merkel ein- politiker Christean Wagner vor, ebenso cher Lebensformen mit der Ehe würde unse-
handeln. Denn die Parteispitze will die Eu- Klaus-Peter Willsch, Fraktionsrebell im rem Leitbild von Familie widersprechen.“
rogegner totschweigen. Keine Kooperation, Bundestag. Der ist wegen seiner Eurokritik WAHLPROGRAMM 2013: „Die Diskriminierung
schon gar keine Koalition, sogar Talkshows in der Bundestagsfraktion marginalisiert. anderer Formen der Partnerschaft, auch
mit AfD-Funktionären will Unionsfraktions- Aber mit Steinbach spricht sich nun ein gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaf-
chef Volker Kauder boykottieren. Dass Mer- Mitglied des Fraktionsvorstands für eine ten, lehnen wir ab, (weil) auch in solchen
kel die AfD jüngst auf einer Pressekonfe- AfD-Koalition aus. „Ich halte wenig davon, Beziehungen Werte gelebt werden, die grund-
renz erwähnte, war eine Rarität. unsere Partei abzuschotten“, sagt Stein- legend für unsere Gesellschaft sind.“
Vielen Parteifreunden ist es jedoch un- bach. „Wenn die CDU nicht willens oder
heimlich, dass eine Führungsfigur wie Kau- in der Lage ist, die Wähler der AfD inhalt- BILDUNG
der den Disput mit der AfD verweigert. lich zurückzugewinnen, müssen wir we- CDU-BESCHLUSS NOV. 2000: „Die Hauptschule
„Ich persönlich würde mich anders ent- nigstens offen dafür sein, unsere Werte in muss in der gesellschaftlichen Wahrnehmung
scheiden“, so Wolfgang Bosbach, Chef des einer Koalition mit der AfD umzusetzen.“ aufgewertet werden.“
Innenausschusses im Bundestag. Er findet Die Konservative Steinbach sieht in der BESCHLUSS DES BUNDESPARTEITAGS NOV. 2011:
es „nicht so richtig plausibel“, dass Kauder Konkurrenz durch die AfD die Chance, Es gebe „eine schwindende Bereitschaft, Kin-
mit Spitzenkräften der Linken diskutieren ihre Partei wieder ein Stück nach rechts der an der Hauptschule anzumelden“. Die CDU
will, nicht aber mit AfD-Chef Bernd Lucke. zu rücken. Sie beklagt schon lange, dass wirbt für „attraktive Schulformen“, die Haupt-
„Wir sollten den Eindruck vermeiden, als die Merkel-CDU zu sehr dem Zeitgeist fol- und Realschule „unter einem Dach“ bieten.
hätten wir Angst vor einer politisch-inhalt- ge und Positionen wie den Schutz der Fa-
lichen Auseinandersetzung mit der AfD.“ milie zugunsten der Homo-Ehe aufgebe. ARBEIT
So sieht es auch der CDU-Abgeordnete Ob das Schweigekartell der CDU auch KOALITIONSVERTRAG UNION/FDP 2009: „Einen
Jens Spahn: „Die AfD und ihre Parolen in der Landespolitik aufgeht, wird sich im einheitlichen gesetzlichen Mindestlohn
sollten wir stellen, indem wir ihre teils Spätsommer bei den Wahlen in Branden- lehnen wir ab.“
dumpfen Argumente widerlegen.“ burg, Sachsen und Thüringen zeigen. Sach- KOALITIONSVERTRAG UNION/SPD 2013: „Mit einem
Erika Steinbach geht noch weiter. „Die sens Ministerpräsident Stanislaw Tillich will gesetzlichen Mindestlohn ... sorgen wir für
AfD ist nach meinen Beobachtungen eine sich im Wahlkampf nur mit Parteien aus- faire Löhne.“
rechtsstaatliche, demokratische Gruppie- einandersetzen, die schon im Landtag
rung und damit ebenso unser Konkurrent vertreten sind. Aber die AfD erzielte in ZUWANDERUNG
wie unser möglicher Partner“, sagt sie. Ko- Sachsen ihre besten Ergebnisse bei der Bun- WAHLPROGRAMM 2005: „Zuwanderung begren-
alition? Aber ja! „In unserer Demokratie destags- und der Europawahl. Zur Land- zen“: „Es gibt Zuwanderer aus fremden Kultur-
müssen die Parteien dazu bereit sein, mit tagswahl tritt sie mit einem erzkonserva- kreisen mit erheblichen Integrationsdefiziten.“
allen demokratischen Gruppierungen zu ko- tiven Programm an, in dem der Euro nur WAHLPROGRAMM 2013: „Deutschland ist ein er-
alieren, die nicht radikal oder gewaltbereit auf Rang drei rangiert. Auf Platz eins: die folgreiches Integrationsland. Eine Willkommens-
sind. Wenn Parteien anfangen, sich einan- Familienpolitik. Melanie Amann, Philipp Wittrock kultur muss sichtbar und spürbar werden.“

30 DER SPIEGEL 23 / 2014


Katja, die Grobe
Karrieren Katja Kipping hat sich zur mächtigsten Frau in der
Linken hochgearbeitet. Konkurrenten werden dafür gegeneinander
ausgespielt oder abgeräumt – mit zweifelhaften Methoden.

Linken-Vorsitzende Kipping

O
ben auf der Bühne im Berliner Ve- Geschickt spielt sie Konkurrenten gegen- führlich einen Konflikt im Vorstand, der
lodrom singt eine Liedermacherin einander aus, sie beherrscht das Prinzip frühere stellvertretende Vorsitzende Jan
„Imagine“. John Lennons Hymne „Teile und herrsche“ genauso wie die klas- van Aken, wie Nord ein Kipping-Getreuer,
aller Gutmenschen lässt auch die Partei- sische Intrige oder Günstlingswirtschaft: sprach in Bezug auf Sharma sogar von
vorsitzende Katja Kipping in der ersten Katja, die Grobe. „schmutziger Politik“.
Reihe mitwippen. Das Lied ist der Auftakt Auf ihrem Weg nach ganz oben geht Diese Andeutungen reichten aus. Alar-
zum Bundesparteitag der Linken Anfang Kipping ebenso zielstrebig wie skrupellos mierte Delegierte fragten sich: Hatte Shar-
Mai. Kipping singt mit, beseelt und ent- zu Werke. Auf dem Parteitag führte sie ma in die Kasse gegriffen? Das hatte zwar
spannt. einen wohlkalkulierten Schlag gegen den niemand direkt so behauptet, aber in der
Es wird Kippings Parteitag werden. Sie Reformerflügel der Partei, indem sie Politik reicht oft ein Gerücht.
steht vor dem nächsten großen Schritt Schatzmeister Raju Sharma und den Euro- Nach seiner Abwahl warf Sharma Kip-
ihrer Karriere, der Wiederwahl zur Vor- paexperten Dominic Heilig ausbremste – ping tief verletzt „Stil- und Kulturlosigkeit
sitzenden. Sie geht gut vorbereitet in mit zweifelhaften Methoden. politischen Handelns“ vor. „Ist das dein
dieses Treffen. Wie gut, erfahren die Ge- Laut einer internen Vorlage hatte die Verständnis einer solidarischen Debatten-
nossen erst, als alles vorbei ist – und sie Parteiführung schon im Vorfeld ein Sze- kultur?“, fragte er in einem Brief. „Wolltest
entsetzt auf die politischen Leichen nario entwickeln lassen, um die Wieder- du nicht ,fragend voranschreiten‘ und die
blicken, die Kipping zurückgelassen hat. wahl Sharmas zum Schatzmeister „im ,Kunst des Zuhörens‘ praktizieren?“
FOTOS: HENNING SCHACHT / BERLINPRESSPHOTO (L.); SIMONE M. NEUMANN (R.)

Wieder einmal. Falle einer konfliktorischen Auseinander- Das sind die zwei Gesichter der Katja
Die junge Frau aus Sachsen mit den setzung“ zu verhindern. Kipping, die inzwischen viele Genossen
leuchtend roten Haaren hat einen rasanten Das Papier dokumentiert eine Art Fahr- staunen und schaudern lassen: Sie bedient
Aufstieg zur mächtigsten Frau der Linken plan, wie Kippings Wunschkandidat Tho- sich genau jener Methoden, die sie gleich-
hingelegt. Kipping hat dabei ein klares Ziel mas Nord durchgesetzt werden sollte, ob- zeitig im hohen moralischen Ton ver-
vor Augen: Sie will Gregor Gysi, den 66- wohl Sharmas Ruf in der Partei relativ gut urteilt. Genossen werfen Kipping Ver-
jährigen Fraktionsvorsitzenden als einst sei, wie es darin heißt, und Nord eigentlich logenheit vor, beschreiben die Diskrepanz
unumstrittenes Machtzentrum der Partei fachlich gar nicht qualifiziert sei. So sollten zwischen dem selbst formulierten An-
beerben. zum Beispiel „unverdächtige Landes- spruch einer innerparteilichen Kultur
Nach außen ist sie das fröhliche, frische schatzmeister“ dazu gebracht werden, ge- des Miteinanders und der harten Macht-
Gesicht einer Partei, der noch immer das gen Sharmas Kandidatur Widerspruch zu politik.
Image einer Versammlung übellauniger äl- erzeugen. Die Methode, nach der sie vorgeht, hat
terer Herren anhaftet. Intern haben viele Tatsächlich kam es auf dem Parteitag in Kipping 2012 unfreiwillig in einer Podiums-
Genossen schmerzhaft lernen müssen, dass Redebeiträgen zu mehreren rufschädigen- diskussion mit Oskar Lafontaine offen-
die nette Kipping mit allen Wassern der den Andeutungen über Sharma. Nord the- bart. Als junge Mutter lese sie ja jetzt öfter
klassischen Machtpolitik gewaschen ist. matisierte in seiner Vorstellungsrede aus- Märchen vor, sagte sie. Besonders gefalle
32 DER SPIEGEL 23 / 2014
Deutschland

ihr das Märchen vom tapferen Schnei- Tanz. Sozialismus mit menschlichem Ant- als Anhänger von Dietmar Bartsch gegen
derlein. litz. „Prager Frühling“ heißt die Zeit- ihren dritten Weg zu arbeiten. Bartsch und
Als tapferes Schneiderlein kam Kipping schrift, in der sie diese Politik propagiert. Sahra Wagenknecht sind auf Kippings Weg
vor zwei Jahren auf dem Parteitag in Göt- Hinter dem menschlichen Antlitz ver- ihre härtesten Konkurrenten. Vorerst hat
tingen an die Macht. Die beiden Riesen birgt sich auch eine gewiefte Strippenzie- sich Kipping mit Wagenknecht verbündet.
Oskar Lafontaine und Dietmar Bartsch lie- herin. Schon vor der Bundestagswahl wur- Sie benutzt die stellvertretende Fraktions-
ferten sich damals im Vorfeld einen hefti- de in ihrem Vorstandsbüro schriftlich ein vorsitzende, um Schritt für Schritt die
gen Kampf um den Vorsitz. Die Schlacht Konzept entwickelt, mit dem sie ihre Demontage des letzten Alphatiers zu be-
gipfelte in der legendären Rede Gysis über Macht absichern sollte. Unter der Über- treiben: Fraktionschef Gregor Gysi. Vor
den Hass in der Fraktion. Der Partei droh- schrift „Führungspersonal, Prämissen, per- Vertrauten bezeichnet der Kipping als
te die Spaltung und damit ihr Ende. Doch sonelle No-Gos und zu schützende Perso- „eine politische Ich-AG“.
die Krise der Linken war Kippings Chance: nen“ wird detailliert aufgelistet, wo sie Noch braucht Kipping Gysis Popularität
Sie präsentierte sich als „dritten Weg“ im Sympathisanten installieren und wie sie für die Wahlkämpfe, gleichzeitig arbeitet
ewigen Kampf der Fundis und Realos, der Widersacher endgültig entsorgen kann. Im sie schon systematisch gegen ihn. Einen
beiden Riesen: Die zierliche Frau Kipping Zentrum steht der Umbau der Fraktion in ersten Stich versetzte sie ihm im vergan-
als versöhnende, friedliche Alternative. ihrem Sinne. So heißt es unter „personelle genen Jahr vor der Bundestagswahl. Gysi
Sie gewann. No-Gos“: „Die Fraktion darf nicht zur wollte gern alleiniger Spitzenkandidat
Seit diesem kleinen Meisterstück im Ma- Reste-Rampe der Abgewählten oder Raus- werden. Kipping bastelte trotzdem ein so-
chiavellismus vergleichen einige Genossen geschmissenen werden.“ Sollten zum Bei- genanntes achtköpfiges Kompetenzteam,
Kipping mit der Kanzlerin. Die saß auch spiel die beiden Abgeordneten aus dem streng nach Proporz von Ost und West,
jahrelang unscheinbar mit den Mächtigen Realo-Lager Steffen Bockhahn und Halina Mann und Frau und allen wichtigen Strö-
ihrer Partei an einem Tisch und sah zu, Wawzyniak nicht wieder ins Parlament mungen. Das Team wurde innerparteilich
wie die sich gegenseitig bekämpften. In einziehen, so dürften diese „Versorgungs- als „Gysi und die sieben Zwerge“ verspot-
der tiefsten Krise wendete sie deren Me- fälle“ nicht etwa als Fraktionsmitarbeiter tet. Tatsächlich aber machte es Gysi klei-
thoden gegen die Männer – und übernahm wieder irgendwo auftauchen. Auch der ner. Es war ein erstes Zupfen an der Mäh-
den Laden. Die Parteifürsten in der CDU dritte Sprecher der Fraktionspressestelle ne des Leitwolfs.
glaubten, das sei eine Übergangslösung. sei „überflüssig“. Seitdem befindet sich der Oberlinke in
Bei Kipping glaubt das keiner mehr. Emsig Selbiges galt auch für den Mitarbeiter einem permanenten Abwehrkampf gegen
arbeitet sie daran, das Machtzentrum der der Parteizentrale Mark Seibert, der den Ansprüche von Sahra Wagenknecht, die
Linken von der ewig zerstrittenen Fraktion äußerst erfolgreichen Internetwahlkampf dabei auf Kippings Unterstützung setzen
zu sich in die Parteizentrale zu verlagern. der Linken managte, aber nach der Wahl kann. Kaum stand am Wahlabend fest,
Wenn die Fundis Revolution schreien gehen musste. In einem Personalgespräch dass die krisengeschüttelte Linke es mit
und die Realos von Reformpolitik reden, wurde ihm ein Dossier präsentiert, aus einem ordentlichen Ergebnis wieder in den
steht Kipping dazwischen, paktiert mal mit dem er schließen musste, dass er schon Bundestag geschafft hatte, meldeten Wa-
den einen und mal mit den anderen und längere Zeit regelrecht von Kollegen be- genknechts Fans in der Fraktion stellver-
nennt das „Transformation“. Ihr Fernziel obachtet wurde, so wird es im Betriebsrat tretend für sie den Anspruch auf die Frak-
ist eine neue, moderne Linke, sie will ei- des Hauses erzählt. Seibert äußert sich tionsführung an. Nur mit indirekten Rück-
nen „neuen Sound“, weg von der ewigen dazu nicht. Über die Gründe und die Be- trittsdrohungen konnte Gysi ihre Wahl an
Besserwisserei, genährt aus Ostalgie und dingungen des Auflösungsvertrags wurde seine Seite verhindern. Das Thema aber
Hartz-IV-Interessenvertretung. Sie will Stillschweigen vereinbart. Kipping bestrei- wird er nicht mehr los.
eine Wohlfühlpartei. Ihr Lieblingsprojekt tet, dass es in der Parteizentrale Dossiers Den nächsten Stich setzte Kipping auf
ist das „bedingungslose Grundeinkom- über Mitarbeiter gebe. dem Parteitag Anfang Mai. Der forderte
men“, das die Menschen vom Stress befreit Seibert, Wawzyniak, Bockhahn und von der Bundestagsfraktion, bis zum
und Zeit lässt für Lektüre, Rotwein und andere stehen bei Kipping im Verdacht, Jahresende eine Doppelspitze zu instal-
lieren. Der erwünschte Effekt trat sofort
ein: Gysi wird seitdem permanent da-
nach gefragt, wann er denn nun endlich
Wagenknecht an seine Seite aufsteigen
lasse. Oder ganz aufhöre. Die stete For-
derung untergräbt seine Autorität. „Im
Kern“, sagt ein Spitzengenosse, „hat
Kipping Gysi ein Verfallsdatum auf die
Stirn geklebt.“
Die Arbeitsteilung zwischen Kipping
und Wagenknecht funktioniert. Vorläufig.
Kipping übernimmt die Partei, Wagen-
knecht will die Fraktion. Die Taktik dafür
hat Kipping schon vor Jahren in ihrem
Buch „Ausverkauf der Politik“ beschrie-
ben: Frauen sollten sich verbünden „und
ihrerseits untereinander klären, wer um
welchen Posten kämpft“. Da dieses Stre-
ben nach oben „nicht ganz ohne Macht-
kämpfe und Auseinandersetzungen von-
stattengeht“, so schreibt die freundliche
Frau Kipping, „kann etwas Machiavelli für
Kontrahenten Wagenknecht, Gysi: „Eine politische Ich-AG“ Frauen nicht schaden“. Markus Deggerich

DER SPIEGEL 23 / 2014 33


Deutschland

Gekränkte
Souveränität
NSA Entgegen jüngsten Berichten:
Der Generalbundesanwalt
tendiert zu Ermittlungen wegen
der Ausspähung von Angela
Merkels Handy.

D
ie Vorwürfe gegen die ausländi-
schen Agenten wogen schwer, da-
ran ließ der Bundesanwalt keinen
Zweifel. Seite um Seite trug er die Anschul-
digungen vor, um am Ende zusammen-
zufassen: Die „hauptberuflichen Spione“
hätten „enorme finanzielle Mittel“ und
hoch professionelle technische Ausrüstung US-Botschaft in Berlin: „In Amerika so viel Unruhe wie möglich stiften“
benutzt. Es gehe nun darum, „sehr deut-
lich zu machen, dass der deutsche Staat Gründe für eine Meinungsänderung waren siblen Deutschen zwar weiter steigern. Das
eine Souveränitätskränkung solchen Aus- Ende vergangener Woche nicht erkenn- aber hat man im Kanzleramt offenbar
maßes, die mit derartigem operativen und bar –, dürfte diese bereits in Kürze in eine schon seit längerer Zeit einkalkuliert.
technischen Aufwand gegen uns betrieben entsprechende Entscheidung münden. Angela Merkel selbst ist noch immer em-
wird, in hohem Maß missbilligt“. Anders sieht es beim Vorwurf der Mas- pört über die amerikanischen Praktiken,
Das Plädoyer des Bundesanwalts vor senausspähung durch den US-Geheimdienst trotz eines mehrstündigen Gesprächs mit
dem Oberlandesgericht Stuttgart im ver- aus. Zwar nimmt der Generalbundesanwalt dem US-Präsidenten Barack Obama An-
gangenen Sommer endete mit der Forde- auch diesen sehr ernst, doch vorerst scheint fang Mai in Washington. Eine Rückkehr
rung nach siebeneinhalb und viereinhalb den Ermittlern hier ein konkreter Ansatz- zur Tagesordnung könne und werde es
Jahren Haft für das russische Agentenpär- punkt zu fehlen. Range könnte sich aller- nicht geben, sagte sie bei einer gemeinsa-
chen Andreas und Heidrun Anschlag. dings dafür starkmachen, das Thema prin- men Pressekonferenz mit Obama.
Nur Tage danach legten die Leute von zipiell stärker in den Fokus zu nehmen. So scheint die Regierung nicht nur bereit,
Generalbundesanwalt Harald Range einen Offiziell gibt sich die Bundesanwalt- Ärger aus Übersee hinzunehmen – klamm-
Beobachtungsvorgang für einen anderen schaft in beiden Komplexen schmallippig. heimlich stellte sie dafür sogar die Weichen.
Spionagefall an: die Massenüberwachung Vergangene Woche ließen die Ermittler im- In vertraulichen Gesprächen einigten sich
deutscher Bürger durch den US-Militärge- merhin wissen, eine Entscheidung werde die Häuser von Justizminister Heiko Maas,
heimdienst NSA, die die Enthüllungen des „alsbald“ bekannt gegeben. Nach Monaten Außenamtschef Frank-Walter Steinmeier
Ex-Agenten Edward Snowden nahelegen. ohne offizielle Nachrichten und nach Ge- und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel
Später kam ein weiteres Aktenzeichen hin- rüchten aus der Behörde, wonach leitende (alle SPD) mit den Ressorts von Innenmi-
zu – jetzt ging es um das Überwachen des Beamte von Ermittlungen massiv abrieten, nister Thomas de Maizière und Kanzler-
Mobiltelefons von Bundeskanzlerin An- wirkte dies, als habe Range sich entschie- amtschef Peter Altmaier (beide CDU), dass
gela Merkel. den, nichts zu tun. Aus der Opposition, sie Range – sollte er springen wollen – freie
Snowdens Enthüllungen und Merkels aber auch aus den Reihen der Regierungs- Hand lassen würden. Dass der Generalbun-
Handy sind inzwischen Teil eines Geheim- parteien gab es deutliche Kritik. desanwalt ein Verfahren dieser Tragweite
dienstskandals, der nicht nur Deutschland, Sie könnte vorschnell gewesen sein. In ohne Rückendeckung der Politik einleitet,
sondern die Welt beschäftigt. Vieles spricht der US-Regierung würde ein förmliches ist ohnehin kaum vorstellbar. Das Justiz-
dafür, dass Range einen Teil dieser viel gra- Ermittlungsverfahren in Sachen Handy- ministerium ist gegenüber der Karlsruher
vierenderen „Souveränitätskränkung“ der gate die Verwunderung über die datensen- Behörde sogar weisungsbefugt.
FOTOS: HC PLAMBECK / LAIF (O.); ULI DECK / PICTURE ALLIANCE / DPA (U.)

Bundesrepublik nun ähnlich handhaben Im Haus von Minister Maas aber denkt
wird wie die Spionage der beiden Russen. man nicht daran, Range zu bremsen. Im Ge-
Gesprächspartner des Generalbundes- genteil: Auf Fachebene signalisierten Maas’
anwalts gewinnen seit Monaten den Ein- Leute dem Generalbundesanwalt, er solle
druck, dass der 66-Jährige dazu tendiert, sich keine Sorgen um Paragraf 153d der Straf-
wegen der Ausspähung von Merkels prozessordnung machen. Danach kann die
Handy ein Verfahren einzuleiten – wegen Bundesanwaltschaft von Strafverfolgung ab-
des Verdachts geheimdienstlicher Agen- sehen, wenn andernfalls ein „schwerer Nach-
tentätigkeit. Entgegen Berichten von Süd- teil für die Bundesrepublik“ entstünde. Auch
deutscher Zeitung, NDR und WDR aus der fände man es befremdlich, sollten die Bun-
vorigen Woche ist der Vorgang noch offen, desanwälte nicht ermitteln wollen, weil sie
und Range und seine Ermittler wollen sich voreilig keine Aussicht auf Erfolg vermuten,
Anfang dieser Woche noch einmal intensiv so verlautete aus dem Justizministerium.
beraten. Bleibt Deutschlands oberster Generalbundesanwalt Range Bei ihren Prüfungen kamen die Karls-
Strafverfolger bei seiner Haltung – und Freie Hand aus der Hauptstadt ruher Ermittler aber über Monate kaum
34 DER SPIEGEL 23 / 2014
voran. Zwar schrieben sie Briefe und baten
um Informationen, unter anderem an das
Kanzleramt, den Bundesnachrichtendienst,
das Bundesamt für Sicherheit in der Infor-
mationstechnik und das Bundesamt für
Verfassungsschutz. Die Ergebnisse waren
jedoch dürftig. Die Regierungsstellen lie-
ferten nichts, was die Einleitung eines Ver-
fahrens gerechtfertigt hätte.
Im Februar bot dann Edward Snowdens
deutscher Anwalt Wolfgang Kaleck an, sein
Mandant könne an einem Strafverfahren
mitwirken. Karlsruhe antwortete kühl, man
prüfe derzeit ja nur, ob „tatsächliche An-
haltspunkte gebieten“, ein Verfahren ein-
zuleiten. „Für die Durchführung von Er-
mittlungen“, schrieben die Bundesanwälte,
„namentlich die Vernehmung von Zeugen,
ist daher kein Raum.“ Snowden würde „in-
des nicht gehindert, sich direkt oder über
ihre Kanzlei schriftlich zu äußern“.
Das klang so, als wollten die Bundes-
anwälte gar nicht ans Werk gehen. Kaleck
übergab keine Schriftstücke – und Karls-
ruhe traf weiterhin keine Entscheidung.
Ranges Fachleute für Spionage waren
skeptisch, weil sie glaubten, ein Verfahren
wegen der Massenüberwachungspraxis der
NSA hätte sowieso keine Aussicht auf Er-
folg. Ein Rechtshilfeersuchen an die USA,
so argumentierten sie intern, würde ins
Leere laufen. Und gegen wen überhaupt
solle man ermitteln? Obama? Oder
Snowden? Der sagte vergangene Woche
dem Stern, er sei für Kommunikation aus
Deutschland zuständig gewesen.
Der Vorgang um Merkels Mobiltelefon
ist da schon greifbarer. Immerhin gibt es
einen Eintrag in der NSA-Datenbank
Nymrod, der ein Handy der Kanzlerin als
Zielobjekt des US-Geheimdienstes aus-
weist. Eine Abschrift des Eintrags hatte
der SPIEGEL der Bundesregierung im ver-
gangenen Oktober übergeben. Und es gibt
die Aussage des deutschen EU-Parlamen-
tariers Elmar Brok (CDU): Er sei dabei
gewesen, als der ehemalige NSA-Chef
Keith Alexander in Washington einräum-
te, die NSA überwache Merkels Handy
„nicht mehr“.
Sollte Range nun juristische Konsequen-
zen verkünden, dürfte er sich des Beifalls
nicht nur der Opposition sicher sein. „Wir
sollten innenpolitisch in Amerika so viel
Unruhe wie möglich stiften“, sagt etwa der
Unions-Innenpolitiker Armin Schuster.
„Die Wirkung, die der Generalbundesan-
walt mit einem Verfahren entfalten könnte,
wäre ungleich größer als die des Untersu-
chungsausschusses“, so der Christdemo-
krat. Und der SPD-Innenexperte Michael
Hartmann sagt: „Bei allem Respekt vor
dem Generalbundesanwalt: Zumindest ein
Verfahren einzuleiten wäre kein schlechtes
Signal. Auch um zu zeigen, dass Deutsch-
land nicht alles hinnimmt.“
Hubert Gude, Jörg Schindler, Fidelius Schmid

DER SPIEGEL 23 / 2014 35


Deutschland

„Besser als
Einheimische“
Integration Demografieexperte
Reiner Klingholz, 60, schwärmt
von einer neuen Generation
Einwanderer. Ohne sie seien
Firmen nicht überlebensfähig.

SPIEGEL: Herr Klingholz, Sie weisen in Ihrer


Studie „Neue Potenziale“ auf ein Paradox
hin: Deutschland entwickelt sich zum Ein-
wanderungsland*. Gleichzeitig bleiben die
Probleme der Integration ungelöst.
Klingholz: Deutsche Unternehmen ziehen
inzwischen Migranten an, die im Schnitt
besser qualifiziert sind als die einheimische
Bevölkerung. Im Jahr 2010 waren mehr Klingholz: Für den Jubel gibt es unterschied- neren Sicherheit eine große Rolle. Bei der
als ein Drittel der Zuwanderer aus Südeu- liche Gründe. Es haben Türkeistämmige Zuwanderung geht es aber heutzutage vor
ropa Akademiker. Sie tragen erheblich zur aller Schichten gejubelt. Aber wer hierzu- allem darum, wo die Unternehmen ihre
guten Wirtschaftslage bei. Wer in früheren lande geringe Chancen hat und sich nicht Fachkräfte herbekommen. Insofern gehört
Jahrzehnten als Gastarbeiter nach Deutsch- aufgenommen fühlt, sehnt sich gewiss nach dieses Thema eher in das Wirtschafts-
land gekommen ist, war im Allgemeinen Stärke und Heimat. Erdogan steht in den ministerium.
kaum qualifiziert. Das bedeutet für diese Augen dieser Menschen für eine wirt- SPIEGEL: In Deutschland ist die Angst vor
Leute bis heute oftmals schlecht bezahlte schaftlich erfolgreiche und starke Türkei, Armutsmigranten aus Osteuropa groß.
Jobs, gar keine Arbeit und geringe Renten. auch wenn es dort in Wirklichkeit erheb- Klingholz: Dabei kommen aus Osteuropa
Zudem bleiben ihre Nachkommen häufig liche Probleme gibt. überproportional viele Hochqualifizierte,
in der Bildungsferne gefangen. Nur jedes SPIEGEL: Wie kann die Integration gerade etwa Ärzte oder Ingenieure. 2010 zum
vierte Kind türkischer Migranten erreicht von Migranten aus niedrigen sozialen Beispiel waren mehr als 40 Prozent der
die Hochschulreife. Unter den Kindern ein- Schichten besser gelingen? rumänischen und bulgarischen Migranten
heimischer Eltern sind es 43 Prozent. Klingholz: Die Kinder gehören früh in eine zwischen 30 und 64 Jahren Akademiker.
SPIEGEL: Warum tun sich Kinder und Enkel Kita, in der Deutsch gesprochen wird. Unter den gering Qualifizierten aus diesen
türkischer Migranten in der Schule und Alles, was Elternhäuser nicht bieten kön- Ländern sind viele Saisonarbeiter. Beide
am Arbeitsmarkt besonders schwer? nen, muss in der öffentlichen frühkind- Gruppen sind auf dem Arbeitsmarkt
Klingholz: Quer durch die gesamte Bevöl- lichen Bildung nachgeholt werden. Und gefragt. Es gibt daneben natürlich immer
kerung in Deutschland hat der Bildungs- es braucht Vorbilder. Junge Migranten auch eine Zuwanderung in die Sozial-
stand der Eltern einen großen Einfluss müssen sehen, dass es aus ihrer Gruppe systeme. Die Arbeitslosenquote unter Ru-
auf den Schulerfolg der Kinder. Insofern Aufsteiger gibt, dass dafür aber eigenes mänen und Bulgaren lag in der Bundes-
ist es kein Wunder, dass es Jugendliche Engagement nötig ist. Auch so gut wie ein republik 2010 bei zehn Prozent.
aus türkischen Gastarbeiterfamilien mit Mesut Özil wird man nicht ohne Anstren- SPIEGEL: Ihrer Studie zufolge ist Deutsch-
am schwersten haben. Hinzu kommt, dass gungen. land auf Einwanderer angewiesen.
diese Haushalte oft schlechte Erfahrungen SPIEGEL: Die Große Koalition ist mächtig Klingholz: Die Babyboomer, also die ge-
bei der Integration gesammelt haben. Sie stolz auf den neuen Doppelpass. Zu burtenstarken Jahrgänge, stehen vor dem
werden aufgrund ihrer Herkunft bei der Recht? Eintritt ins Rentenalter. Um das Jahr 2030
Jobsuche trotz entsprechender Qualifi- Klingholz: Der Gesetzesentwurf ist sinnvoll, werden jährlich doppelt so viele Menschen
kation benachteiligt. Daraus resultiert weil er in Deutschland geborenen Kindern verrentet, wie Junge ins Erwerbsalter
manchmal die Einstellung: ausländischer Eltern nach hineinwachsen. Weder können die Unter-
Auch mit mehr Bildung wer- ein paar Jahren erlaubt, nehmen ohne Zuwanderer überleben,
den wir den sozialen Aufstieg beide Staatsbürgerschaften noch lassen sich die Sozialsysteme finan-
nicht schaffen. zu tragen. Für Zuwanderer zieren.
SPIEGEL: Gerade erst haben aber ist der Erwerb eines SPIEGEL: Kann Einwanderung den demo-
Tausende Deutschtürken in Doppelpasses nur für be- grafischen Wandel stoppen?
Köln den türkischen Premier stimmte Länder, etwa EU- Klingholz: Nein, aber abfedern. Migranten
Erdogan gefeiert. Ist das ein Staaten, zulässig – das ist kommen zwar meist im Alter zwischen 20
Zeichen für ein anhaltendes nicht nachvollziehbar. und 30 Jahren ins Land, haben im Schnitt
FOTO: SEELIGER / IMAGO (O.)

Fremdeln dieser Menschen SPIEGEL: Ist das Thema Inte- etwas mehr Kinder als die Einheimischen
mit Deutschland? gration im Innenministerium und verjüngen damit die Bevölkerung.
grundsätzlich falsch aufgeho- Aber auch sie werden alt, und nach etwa
* Das Berlin-Institut stellt seine Studie
ben? einer Generation sind die Kinderzahlen
„Zur Lage der Integration in Deutsch- SPIEGEL-Titel 9/2013 Klingholz: Beim Innenminis- auf das hiesige niedrige Niveau abge-
land“ am Dienstag dieser Woche vor. Begehrt am Arbeitsmarkt terium spielen Fragen der in- sunken. Interview: Maximilian Popp

38 DER SPIEGEL 23 / 2014


Rote Wangen
in einem Kindergarten zu Mittag. Und die-
se Zahl dürfte weiter steigen, schließlich
existiert seit vorigem Jahr ein Rechtsan-
spruch auf einen Betreuungsplatz ab dem
Ernährung Viel Fleisch, zu Alter von einem Jahr. Über dem rasanten
Ausbau dürfe nicht die Kita-Qualität ver-
wenig Obst und Gemüse – gessen werden, mahnen seit Längerem
eine neue Studie bemängelt Fachleute wie der Frühpädagoge Wolf-
die Verpflegung in Kitas: gang Tietze.
5000 Fragebögen an Betreuungseinrich-
Die Kinder essen nicht gesund. tungen haben Arens-Azevêdo und ihre
Kolleginnen verschickt, rund 1000 gaben

P
fannkuchen gehen immer, ob süß Auskunft. Ungefähr die Hälfte der Kitas
oder salzig. Auch Spaghetti stehen lässt das Essen warm anliefern, ein Drittel
häufig auf dem Speiseplan, mit Hack- kocht vor Ort. Nur drei Prozent der Ein-
fleischsoße oder vegetarisch. Wenn es richtungen nutzen, was etliche Experten
Fleisch gibt, dann am liebsten Hähnchen preisen: cook and chill – in einer Zentral-
oder Pute, das ist billiger. küche gekochte Speisen werden schnell
Was Kinder in der Kita essen, weiß heruntergekühlt und am Essensort zu Ende
Ulrike Arens-Azevêdo, Professorin an gegart.
der Hochschule für Angewandte Wissen- „Wir brauchten dringend bundesweit
schaften in Hamburg. Gemeinsam mit geltende Qualitätsstandards“, sagt Kathrin
zwei weiteren Autorinnen untersuchte Bock-Famulla, zuständige Projektleiterin
die Ernährungswissenschaftlerin die Kost der Bertelsmann Stiftung.
der Kleinen. Dabei wollte sie nicht In den Bundes- und Landesgesetzen für
herausfinden, wie das Essen schmeckt, Kitas ist vom Essen kaum die Rede, ein
sondern wie gesund es ist. „Is(s)t Kita vom Bundesfamilienministerium ange-
gut?“ heißt die Studie, die jetzt die Ber- kündigtes Kita-Qualitätsgesetz steht aus.
Dabei gibt es anerkannte Leitfäden:
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung,
an deren Handreichung sich auch die
Forschergruppe um Arens-Azevêdo ori-
entierte, fordert „ein tägliches Angebot
an Rohkost, Salat oder gegartem Ge-
müse“, einen Menüzyklus von mindes-
tens vier Wochen und kurze Warmhalte-
zeiten.
Das kostet – wie viel genau, versucht
die Studie zu beziffern, abhängig vom
Alter der Kinder und von der Art der Zu-
bereitung. Unter 4,41 Euro pro Mittagessen
sei bei den Vier- bis Sechsjährigen nichts
zu machen, so lautet die Kalkulation der
Autorinnen, wenn für 25 Kinder auf ein-
mal gekocht werde.
Teurer wird’s natürlich, wenn das Essen
Kita-Kinder am Mittagstisch auch Biozutaten enthalte und im Ein-
1,8 Millionen Mahlzeiten pro Tag zelhandel eingekauft werde. Erheblich
billiger allerdings ist das Essen zu haben,
telsmann Stiftung veröffentlicht. Die wenn es in einer Großküche hergestellt
Antwort der Expertinnen: Nein, sie is(s)t wird. Bei 300 Mittagessen pro Tag sinkt
nicht gut. der Preis für eine Portion auf 2,42
Nur 12 Prozent der Kitas servieren zum Euro.
Mittagessen genügend Obst, nur 19 Pro- Das aber wollten viele Eltern nicht,
zent ausreichend Salat oder Rohkost. Auf sie misstrauen den Essensfabriken. „Die
den Speiseplänen steht zu oft Fleisch und Väter und Mütter träumen von einer
zu selten Fisch. Es bestünden „begründe- rotwangigen Köchin, die vor Ort das Bio-
te Zweifel, dass für alle Kita-Kinder ein gemüse schnippelt und frisch aufkocht“,
gesundheitsförderndes Mittagessen sicher- sagt Volker Peinelt, Professor am Fach-
gestellt wird“. bereich Oecotrophologie der Hochschule
FOTO: GERHARD WESTRICH / LAIF

Für die Tagesstätten gilt offenbar nichts Niederrhein. Gute Gemeinschaftsverpfle-


anderes als für die Kantinen: Alle reden gung habe aber viel mit strikter Hygiene
von gesunder Ernährung – und auf den zu tun, mit gut ausgebildeten Küchen-
Tisch kommen dann Currywurst und kräften, mit hochwertigen Großgeräten
Pommes. und einem straff organisierten Einkauf.
Rund 1,8 Millionen Jungen und Mäd- „Je professioneller, desto besser.“
chen essen jeden Tag in einer Kita oder Jan Friedmann

DER SPIEGEL 23 / 2014 39


Abgeschmiert Alarmiert sind inzwischen auch die
Eigentümer der Flughafengesellschaft, die
Länder Berlin und Brandenburg sowie der
Bund. Bereits am Montag wird sich der
BER Der wegen Korruptionsvorwürfen suspendierte Aufsichtsrat auf einer Sondersitzung mit
Technikchef des Flughafens konnte offenbar der Causa Großmann befassen. Schließlich
war der Berater aus Dresden erst vor we-
nahezu unkontrolliert lukrative Aufträge vergeben. nigen Wochen von Mehdorn zum Technik-
chef berufen worden, der vor allem das
Brandschutzproblem des Pannen-Airports
lösen sollte.
Großmanns Engagement für den BER
begann im Frühsommer 2013 mit einem
kleinen, auf wenige Monate befristeten
Sachverständigenauftrag. Er sollte das
Brandschutzkonzept auf seine Genehmi-
gungsfähigkeit überprüfen, der Job war
mit mehreren zehntausend Euro dotiert.
Das war für Großmann keine bedeutende
Summe – aber sehr wohl ein bedeutender
Schritt, um seine Gicon-Gruppe ins Ge-
schäft beim BER zu bringen.
Der promovierte Maschinenbauinge-
nieur ist einer von jenen in der DDR aus-
gebildeten Wissenschaftlern, die nach dem
Zusammenbruch des Sozialismus schnell
die Vorzüge der Marktwirtschaft für sich
entdeckten. Gleich nach der Einheit grün-
dete er sein erstes Ingenieurbüro in Dres-
den. Inzwischen sind es mehr als ein Dut-
zend Unternehmen im In- und Ausland,
die Großmann gehören oder an denen er
wesentliche Anteile hält.
Die Gicon-Gruppe entwickelt Konzepte
zur Reinigung von Abwässern, plant
Windenergieanlagen und Biogaskraftwer-
ke – allesamt Geschäftsfelder, in denen
staatliche Subventionen fließen. Schon
deshalb legte Großmann stets viel Auf-
merksamkeit auf ein tragfähiges politi-
sches Netzwerk. Der Ingenieur engagierte
sich in der Denkfabrik des Dresdner Minis-
Hauptstadtflughafen BER: Seit vergangenem Jahr weiß Mehdorn von bedenklichen Vergaben terpräsidenten Stanislaw Tillich und der
sächsischen CDU.

F
ür die Ingenieure der Dresdner Gicon Die Korruptionsspezialisten der Staats- Im Herbst vorigen Jahres gelang Groß-
begann der Mai als rechter Wonne- anwaltschaft Neuruppin legen Großmann mann dann sein Meisterstück: Flughafen-
monat. Beim Firmenlauf durch die zur Last, als Berater der Flughafengesell- chef Mehdorn übertrug dem freien Mitar-
Innenstadt der Sachsenmetropole gehörten schaft von einer Planungsfirma eine halbe beiter die Verantwortung für den Umbau
ihre Mitarbeiter zu den schnellsten. Und Million Euro Schmiergeld gefordert zu ha- der zentralen Entrauchungsanlage des Ter-
für den Bau einer schwimmenden Wind- ben. Sollte sich der Verdacht der Ermittler minals. Zwar hatte Großmanns Gicon in
radanlage durfte sich das Management über bestätigen, droht dem Unternehmer eine der Vergangenheit für andere Unterneh-
5,25 Millionen Euro Fördermittel freuen. Geld- oder Freiheitsstrafe. Und BER-Chef men 50 Brandschutzkonzepte erstellt, eine
In der letzten Maiwoche riss die Erfolgs- Hartmut Mehdorn bekäme ein weiteres Anlage in BER-Dimension aber noch nie
serie jedoch jäh ab: Am vergangenen gravierendes Problem in dem vermurksten konzipiert.
Dienstagmorgen rückten Fahnder in der Flughafenneubau. Denn im Zuge der Kor- So schloss die Flughafengesellschaft im
Gicon-Zentrale ein – und schleppten große ruptionsermittlungen gegen Großmann Jahr 2013 insgesamt drei Verträge mit der
Aktenbestände aus der Gründerzeitvilla. kann nun erstmals eine Strafverfolgungs- Gicon. Ende vorigen Jahres waren bis zu
Sie blieben bis in den späten Abend. behörde Licht in die mitunter intranspa- 20 Gicon-Mitarbeiter für den Airport tätig.
Dem Durchsuchungsbeschluss konnten rente Vergabepraxis von Millionenaufträ- Bis April sollen die Kosten für die Dienst-
die Mitarbeiter entnehmen, dass ihr Chef gen beim BER bringen. leistungen der Gicon nahezu eine Million
Jochen Großmann in einen handfesten Dass Flughafenberater Großmann nahe- Euro betragen haben, schätzen Insider. Ein
Korruptionsskandal verwickelt sein soll. zu unkontrolliert lukrative Planungsauf- Sprecher der Flughafengesellschaft lehnt
Und zwar ausgerechnet bei jenem Projekt, träge verteilen konnte, legen interne Do- unter Verweis auf das Betriebsgeheimnis
das dem Unternehmen weiteren Ruhm ver- kumente nahe. Demnach wiesen auch eine Stellungnahme dazu ab.
schaffen sollte: dem Umbau der untaugli- andere Vergaben Ungereimtheiten auf, die Um solche Honorare zu rechtfertigen,
chen Entrauchungsanlage am Hauptstadt- Mehdorn bereits seit Herbst vorigen Jahres konnte die zu bewältigende Aufgabe gar
flughafen BER. bekannt waren. nicht groß genug sein. Und so haben in-
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Deutschland

zwischen auch BER-Mitarbeiter das Ge- Unternehmen gingen, mit denen die Gicon
fühl, dass Großmann das Problem mit der langjährige Geschäftsbeziehungen pflegt.
Entrauchungsanlage, die er ein „Monster“ „Es gilt null Toleranz für Korruption“, kün-
nannte, ein wenig hochfrisiert hat. Im digt Mehdorn an.
Dezember hatte Alfredo Di Mauro, der Eine recht späte Erkenntnis. Denn be-
ursprüngliche Schöpfer der Brandschutz- reits seit vergangenem Jahr bekommt der
technik, Großmann Änderungen vorge- Topmanager hausintern Informationen
schlagen. Die Kosten für die Umplanun- über rechtlich zumindest bedenkliche
gen bezifferte Di Mauro wenig später Praktiken bei der Auftragsvergabe. Sie
auf 200 000 Euro. Großmann lehnte ab, sind zusammengefasst in den Quartalsbe-
womöglich nicht nur aus technischen richten der „Arbeitsgemeinschaft Transpa-
Gründen. renz“, mit der auch die Anti-Korruptions-
Denn bereits Wochen zuvor hatte der Organisation Transparency International
Unternehmer jenen Auftrag eingefädelt, zusammenarbeitet.
der nun die Staatsanwaltschaft beschäftigt. BER-Technikchef Großmann Der vertrauliche Bericht zum vierten
Ende November soll er nach Erkenntnissen Anlage zum Monster hochfrisiert Quartal 2013 etwa listet eine Reihe von
der Ermittler mit einem Berliner Vertreter Verstößen auf. So wurden Aufträge in
des niederländischen Planungs- und Pro- kam der Vertrag wohl merkwürdig vor. An- Höhe von 2,7 Millionen Euro freihändig
jektkonzerns Arcadis über einen Auftrag fang Mai informierte Arcadis die Flugha- vergeben, obwohl sie europaweit hätten
zur Umplanung der Entrauchungsanlage fengesellschaft. ausgeschrieben werden müssen. Mehrere
verhandelt haben. Der Arcadis-Mann Mehdorns Kontrolleure ermittelten da- Vergaben seien unzureichend dokumen-
nannte Kosten in Höhe von 1,4 Millionen raufhin unternehmensintern – und über- tiert, Anschlussaufträge als Nachträge de-
Euro. Großmann soll vorgeschlagen haben, gaben am 21. Mai ihre Erkenntnisse der klariert. Der Arbeitsgemeinschaft hätten
Arcadis möge das Angebot um 500 000 Staatsanwaltschaft Neuruppin. Noch in für die Bewertung „maßgebliche Unter-
Euro erhöhen, dann werde das Unter- derselben Woche leitete die ein Korrupti- lagen nicht vorgelegen“, erklärt dazu ein
nehmen den Zuschlag bekommen. Aller- onsermittlungsverfahren gegen Großmann Flughafensprecher.
FOTOS: PATRICK PLEUL / DPA (L.); PATRICK PLEUL / PICTURE ALLIANCE / DPA (R.)

dings habe, so jedenfalls die bisherigen und den Berliner Arcadis-Mitarbeiter ein. Auch dass ein externer Berater wie
Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft, Groß- Jochen Großmann will sich unter Ver- Großmann über die Auftragsvergaben
mann den Differenzbetrag für sich ge- weis auf die laufenden Ermittlungen nicht der Flughafengesellschaft mitentscheiden
fordert. äußern, seine Firma werde aber „voll- konnte, war im Management umstritten.
Im Februar schließlich hätten sich der umfänglich mit der Staatsanwaltschaft In einem 21-seitigen Brandbrief vom
Arcadis-Mitarbeiter und Großmann darauf zusammenarbeiten, um die Vorwürfe 27. März hatte Harald Siegle, der damalige
verständigt, wie das Kickback funktionie- schnellstmöglich zu entkräften“, sagt ein Immobilienverantwortliche des BER, sei-
ren könnte. Arcadis sollte einen „Dienst- Gicon-Sprecher. Die Amsterdamer Arca- nem Vorgesetzten Mehdorn unter an-
leistungsvertrag“ mit Großmanns Firma dis-Zentrale bestätigt den „Korruptions- derem vorgeworfen, zu sehr auf externe
Gicon Ingenieur Consult über rund 500 000 versuch“, erklärt aber, der Berliner Mit- Berater zu vertrauen und dabei auch auf
Euro abschließen. Kurz darauf erhielt Ar- arbeiter habe davon „umgehend seinen Großmanns „Mehrfachfunktion als Auf-
cadis den Zuschlag für den Auftrag. Vorgesetzten berichtet“. traggeber, Auftragnehmer und Planer“ hin-
Dass das vermeintliche Schmiergeld Die Berliner Flughafengesellschaft will gewiesen.
nicht gezahlt wurde, lag offenbar an der nun alle Auftragsvergaben, an denen Groß- Für den Berater hatte das damals keine
Compliance-Abteilung der Arcadis-Zen- mann beteiligt war, überprüfen. Auffällig Konsequenzen. Für Siegle schon. Er wurde
trale in Amsterdam. Den Sittenwächtern ist aber schon jetzt, dass die Aufträge an fristlos gefeuert. Andreas Wassermann
Rathausplatz in Kempten Drogenfahnder N.

Die Schickeria und der Kommissar


Kriminalität In Kempten wurde der Chef des Rauschgiftdezernats mit 1,6 Kilogramm Kokain
erwischt. Der Fall bringt eine verdächtige Zurückhaltung bei der Drogenbekämpfung ans Licht.

A
uf diesen Wert war der Herr Kom- Die grenznahe Stadt liegt auf der Drogen- ten, unbekannte Gesichter, in Zivil. Und
missar besonders stolz: minus 54 route von den Häfen Hamburg, Rotterdam was sie vor Ort entdeckten, schockierte
Prozent. Von 2006 bis 2012 hatten und Antwerpen Richtung Italien. Clans sie. Man habe eine „offene Drogenszene“
sich die polizeilich registrierten Drogen- der Cosa Nostra und der ’Ndrangheta sind vorgefunden, sagt einer der Ermittler, in
delikte in seinem Beritt um mehr als die im Allgäu seit Jahrzehnten verwurzelt. Im- der „hemmungslos gedealt“ worden sei.
Hälfte reduziert. Armin N., Leiter des mer wieder wurden dort hochrangige Ma- Die Konsumenten seien keine verelende-
Rauschgiftdezernats in Kempten, feierte fiosi verhaftet. Ein Papier des Polizeipräsi- ten Junkies gewesen, sondern eine Schi-
das als persönlichen Erfolg. diums Kempten sieht die Region „als Rück- ckeria, die in den Küchen angesagter Res-
Es war eine unverfrorene Interpretation. zugs- und Investitionsraum für Personen, taurants kokste – und damit quasi unter
Denn Drogenhandel ist ein sogenanntes die der Mafia zugerechnet werden“. den Augen von Armin N.
Kontrolldelikt. Das bedeutet: Straftaten Italienisches Flair ist in Kempten allge- Der Kripokommissar ist ein eindrucks-
werden nur bekannt, wenn die Polizei von genwärtig, seit in den Fünfzigerjahren die voller Mann, groß, kahl rasiert, dandyhaft.
sich aus aktiv wird. Während nach einem Textilmaschinenfabrik Allma Arbeitskräf- Er sei dominant, aber kein Macho, so
Einbruch fast immer Anzeige erstattet te im sizilianischen Adrano suchte. Die beschreiben ihn Bekannte. Für einen
wird, haben weder Dealer noch Konsu- Fabrik stellt heute Hightechmaschinen zur Beamten des gehobenen Dienstes hat er
ment ein Interesse, die Polizei zu rufen. Produktion von Industriefasern her. Die als Erster Kriminalhauptkommissar das
Wie es in Wahrheit um die Drogen- herausgeputzte Innenstadt wird von Piz- Maximum erreicht. Seit 2000 leitete er das
kriminalität im Herzen des Allgäus bestellt zerien und Trattorien dominiert. Auch Rauschgiftdezernat in Kempten.
FOTO: JOSÄ ANTONIO MORENO / AGEFOTOSTOCK / AVENUE IMAGES (L.)

ist, davon bekam die Öffentlichkeit im ver- Kommissare des örtlichen Rauschgift- Während es für ihn beruflich steil nach
gangenen Februar eine Ahnung. Eine Poli- dezernats genossen regelmäßig den Es- oben ging, gab es in seinem Privatleben
zeistreife war des Nachts zu einem Einsatz presso im Caffè Roma. Brüche. Eine Ehe scheiterte, einige Jahre
wegen häuslicher Gewalt geschickt wor- Im Jahr 2009 geriet das Idyll jedoch in wohnte er zusammen mit seiner neuen
den. Die Beamten fanden einen Mann vor, Unruhe. Die Kriminalpolizeiinspektion Frau in einem Einfamilienhaus nahe
der offenbar nach übermäßigem Kokain- mit Zentralaufgaben (KPIZ) nahm den Kempten.
konsum die Selbstkontrolle verloren hatte: Restaurantbesitzer Giuseppe C. ins Visier. 2009 schien die Karriere des Kommis-
Kriminalhauptkommissar Armin N., 52. Die Sondereinheit ist im gesamten Allgäu sars in Gefahr. Armin N. stritt sich mit sei-
Bei der anschließenden Durchsuchung für die Bekämpfung organisierter Krimi- ner Partnerin, er schlug zu, angeblich so
seines Büros fanden die Ermittler rund nalität zuständig. Sie operiert von Neu- hart, dass Schäden blieben. Die Polizei
1,6 Kilogramm Kokain. Ulm aus, und aus 90 Kilometer Distanz ermittelte zwar, einer Anklage entging
Dass es in dem malerischen Voralpenort scheint so manches klarer erkennbar. er aber – angeblich, weil die Frau keine
keine Rauschgiftszene gebe, haben Exper- Die KPIZ schickte in der Causa Giu- Strafanzeige erstattete und die Aussage
ten sowieso nie geglaubt. Im Gegenteil: seppe C. ihre besten Fahnder nach Kemp- verweigerte.
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Deutschland

Karl Heinz Alber, der das Sachgebiet Wohnungen durchsuchen. Der Kemptener kannt gewesen. Er habe öffentlich keinen
Verbrechensbekämpfung im Polizeipräsi- Gastronom Giuseppe C. wurde im Februar Hehl daraus gemacht, so Albanesi, dass
dium Kempten leitet, kennt die Umstände. 2013 wegen Kokainhandels zu viereinhalb ihm mitunter Leute, die er beruflich
Doch ohne eine Anzeige, erklärt er, habe Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. verfolgen müsse, sympathischer seien als
er gegen seinen Kommissar „disziplina- Die Suche nach den Lieferanten des manche Kollegen.
risch nicht vorgehen können“. Kokains erfuhr jedoch im April 2013 einen Wer Armin N. wirklich gewesen ist, das
Bedrohlich wurden für Armin N. offen- empfindlichen Rückschlag. Ein Ermittler versuchen Ermittler des bayerischen Lan-
bar auch die fortwährenden Ermittlungen der KPIZ, der maßgeblich am Erfolg des deskriminalamts seit Wochen herauszu-
der KPIZ in Kempten. Je weiter die Spe- Verfahrens gegen Giuseppe C. beteiligt finden. Dafür, dass der langjährige Chef
zialisten aus Neu-Ulm in die örtliche Dro- war, wurde vom Dienst suspendiert. Er des Rauschgiftdezernats nicht nur selbst
genszene vordrangen, umso mehr geriet hatte mit der Exfreundin des verurteilten kokste, sondern mit Kokain dealte, spre-
der Dezernatschef in Erklärungsnot. So Restaurantbesitzers angebandelt und dies chen die enorme Menge und die Qualität
hatten die KPIZ-Beamten zwei Fälle an seinem Chef gesagt. des Stoffs. Das Rauschgift in seinem Büro
die Kemptener Kollegen abgegeben, von Dass der Vorgesetzte dieses Wissen für habe aus einem Kiloblock mit über 90 Pro-
denen sie sicher waren, dass sie zu einer sich behielt, wurde auch ihm zum Ver- zent Reinheitsgehalt bestanden, so, wie es
Anklage führen müssten. Doch angeblich hängnis. Er wurde seines Postens ent- in Südamerika verschickt wird.
konnten die einheimischen Polizisten hoben und von einem Beamten aus dem Die restlichen 600 Gramm seien bereits
nichts finden. Kemptener Präsidium ersetzt. verschnitten und in kleineren Einheiten

Bei einer Telefonüberwachung tauchten Seit der Festnahme von Armin N. wird verpackt gewesen, heißt es in Polizeikrei-
sogar Hinweise auf, dass Informationen gerätselt, ob die beiden KPIZ-Ermittler in sen – quasi fertig für den Verkauf. Insge-
über die Ermittlungen zu Verdächtigen Wahrheit aus einem anderen Grund gehen samt hat das bei Armin N. sichergestellte
durchgesickert seien. Angeblich hatte ein mussten: weil sie zu viel von der Kempte- Kokain einen Straßenverkaufswert von
Kemptener Drogenfahnder seinem Tennis- ner Drogenszene wussten – und so früher 250 000 Euro.
kumpel davon erzählt, der gut im Italie- oder später Armin N. auf die Schliche ge- Der Kommissar sitzt an einem ge-
nermilieu vernetzt ist. Haupttäter Giu- kommen wären. heimen Ort in Untersuchungshaft. Er
seppe C. habe daraufhin nach der Telefon- Diese These bestreitet das Polizeipräsi- besteht darauf, den Stoff nur für
nummer des Tennisspielers gefragt, um dium Kempten vehement. Es gebe keinen „dienstliche Schulungszwecke“ besessen
sich bei dem Polizisten nach dem Ermitt- inhaltlichen Zusammenhang, heißt es. zu haben. Sein Anwalt Wilhelm Seitz
lungsstand zu erkundigen. Polizeipräsident Hans-Jürgen Memel hat- bestreitet jeglichen Handel und auch
Die Fahnder der KPIZ waren entsetzt. te keine Zeit, um sich gegenüber dem Kontakte seines Mandanten zur Mafia.
Sie schrieben einen Vermerk an das Poli- SPIEGEL zu dem Fall zu äußern. Er wird Der Strafverteidiger ist Experte auf
zeipräsidium Kempten. Doch nichts ge- in zwei Monaten in den Ruhestand ver- dem Gebiet. Er hatte bereits den ver-
schah. Erst jetzt, so heißt es unter Ermitt- abschiedet. urteilten Drogenhändler Giuseppe C. ver-
lern, nach der Festnahme von Armin N., Abwegig erscheint der Gedanke den- treten.
werde den Hinweisen nachgegangen. Kri- noch nicht. „Gerüchte, dass der Chef der Die Statistik, die ihm früher so wichtig
minaldirektor Alber will sich dazu nicht Drogenfahndung selbst Konsument war, war, spricht jedenfalls kaum für Armin N.
äußern: „Es wird noch ermittelt.“ gab es hier schon lange“, sagt der Kemp- Seit er nicht mehr das Drogendezernat
Trotz aller Hemmnisse führten die Neu- tener Linkenpolitiker Stefan Albanesi. Der leitet, sagt Kripochef Alber, werde in
Ulmer Fahnder ihren Fall zu Ende. Im Mai Polizist sei häufig zu Technopartys in die Kempten wieder mehr Rauschgift sicher-
2012 ließen sie 20 Restaurants, Büros und Schweiz gefahren und in der Szene be- gestellt. Conny Neumann, Andreas Ulrich

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Deutschland

Mit einem Schlag Ausländer


Prozesse Auf einer Klassenreise wird der 15-jährige Sohn eines
Taiwaners Opfer einer Gewaltattacke. Die Polizei findet Hinweise
auf rassistische Motive. In der Anklage ist davon keine Rede.

E
ine Woche nach dem Angriff hat sich Floris H. wird nicht im Gerichtssaal sein,
das Hämatom im Gesicht des 15-Jäh- er will den Männern nicht noch einmal be-
rigen gelb verfärbt. Dreimal hatten gegnen, will auch nie wieder nach Sachsen
die Täter zugeschlagen, aufs Kinn, auf die reisen. Die Schläge haben mehr zerstört
Schläfe, aufs linke Auge, die Ärzte diagnos- als bloß einen Gesichtsknochen des Jun-
tizierten einen Splitterbruch des Augen- gen. Sie haben den Schüler herausgerissen
höhlenbodens. Für ein paar Tage bestand aus einer Gewissheit, auf die er bislang
die Gefahr, dass Floris H. erblindet. sein Leben baute: dass man sich nur genug
Zwei Klassenkameradinnen sind zu anstrengen muss, um sicher zu sein. Dass
Besuch gekommen in den Kindertrakt der Erfolg unverwundbar macht.
Hamburger Uni-Klinik. Auf dem Schränk- Migranten, das waren für Floris H. bis
chen neben dem Krankenbett stapeln sich zu jenem 7. September 2013 immer die an-
Bücher und selbst gebastelte Pappfiguren. deren. Kinder, die benachteiligt sind, deren
Auf einer steht: „Du bist nie allein“. Die Eltern kein Deutsch sprechen, ihnen bei
Freundinnen machen sich Vorwürfe, weil den Hausaufgaben nicht helfen können.
sie in der Jugendherberge ihre Zimmertür Auf jeden Fall keine Einser-Schüler wie er
abschlossen, als sie nachts um drei Uhr und seine ältere Schwester, deren Fotos
die fremden Männer auf dem Gang sa- die Website des Hamburger Goethe-Gym-
hen – statt Floris H. zu helfen. „Ihr hättet nasiums schmückten, weil sie im Schul-
nichts machen können“, beruhigt er die orchester die Erste Geige spielten.
Mädchen und erzählt, dass er sich bei ei- Seinen Vater hat Floris H. kaum ken-
ner Kampfsportschule angemeldet habe. nengelernt, seine Mutter, eine Linguistin,
Nächstes Mal wolle er sich wehren kön- hat ihm ein bisschen Chinesisch beige-
nen, sagt er. bracht. Erst das Geschehen in Bad Schan-
Der Gymnasiast hat beschlossen, sich dau hat Floris zum „Asiaten“ gemacht, zu
nicht in seine Rolle als Opfer zu fügen. einem „mit Migrationshintergrund“. Der
Floris’ Vater stammt aus Taiwan, seine Schüler mit Begabtenstipendium spricht
Mutter ist Deutsche. Während einer Klas- jetzt von „wir“ und meint damit zum ers-
senreise ins sächsische Bad Schandau ge- ten Mal all jene in Deutschland, die nicht
riet der Hamburger Schüler vor neun Mo- blond und blauäugig sind.
naten in einen Strudel, der den Jungen in Er sagt: „Ich will, dass bekannt wird,
seinen Grundfesten erschütterte. Zunächst wie die Nazis zuschlagen.“
fand er sich blutend auf den weißen Flie- Drei zehnte Klassen des Goethe-Gym- Schüler Floris H.
sen einer Toilette wieder; danach wurde nasiums, insgesamt 87 Schüler und 6 Leh- „Sie trafen mich nicht zufällig“
er erstmals mit dem Gedanken konfron- rer, waren in der Jugendherberge von Bad
tiert, ein Ausländer im eigenen Land zu Schandau im Ortsteil Ostrau untergekom- dem Ort laut Aussagen der Schüler gerufen
sein; und schließlich sah er sich veranlasst, men. Die gelben Häuser liegen etwas ab- haben. Die Jugendlichen suchen Schutz
die Schule zu wechseln. seits über dem Elbtal, ein Metalltor trennt bei einer Gruppe aus der Parallelklasse,
Floris sagt, er könne erst beginnen, ei- die Unterkunft der Fremden von den Ein- die am Dorfteich Shisha raucht.
nen Schlussstrich unter diese Ereignisse zu heimischen, die am Abend des 6. Septem- Die Männer, die sie anpöbelten, seien
ziehen, wenn seine drei Peiniger für das ber wenige Hundert Meter entfernt ein betrunken und aggressiv gewesen, sagen
verurteilt werden, was sie aus seiner Sicht Dorffest mit Bieranstich feiern. die Schüler später aus. Einer der Ein-
sind: Männer, die aus rassistischen Motiven Aus den Ermittlungsakten der Polizei heimischen soll einen Gymnasiasten ange-
zuschlagen. lässt sich das Geschehen rekonstruieren: rempelt haben, man wisse, wo die Jugend-
In dieser Woche beginnt der Prozess ge- Obwohl die Lehrer es ausdrücklich ver- herberge sei, und könne alles auch „mit
gen die mutmaßlichen Täter David K., 26, boten haben, verlassen einige Schüler das Fäusten und Schlägen“ klären. Es sei auch
Raumausstatter, Felix Kr., 18, Berufsschü- Gelände der Jugendherberge, auch Floris darum gegangen, ob die Hamburger HSV-
ler, und Nico H., 20, Maurer, vor dem H. ist dabei. Da es ihm jedoch schon bald oder St.-Pauli-Fans seien. Einer der Gym-
Amtsgericht Pirna. Das Verfahren wirft zu kalt wird, geht er zurück und legt sich nasiasten macht laut Akte einen Witz über
eine heikle Frage auf: Was gilt in Deutsch- schlafen. Rund zehn seiner Klassenkame- die Zahl 53 auf dem Pulli von Nico H. –
FOTO: DMITRIJ LELTSCHUK / DER SPIEGEL

land als rechtsmotivierte Tat? raden besuchen das Dorffest und treffen 53 steht für das Gründungsjahr von Dyna-
Die drei Beschuldigten haben den Über- dort unter anderem auf David K. und Nico mo Dresden. Die Schüler kehren danach
fall gestanden, sie sind wegen gemein- H. Die Einheimischen machen anzügliche in die nicht einmal 300 Meter entfernte Ju-
schaftlich begangener gefährlicher Körper- Sprüche. Die Hamburger, darunter auch gendherberge zurück; eine halbe Stunde
verletzung angeklagt. Ein politisches Mo- ein schwarzes und zwei muslimische Mäd- später entscheiden sich die Einheimischen
tiv für die Attacke auf den Zehntklässler chen, würden ihr sächsisches Dorf „ver- offenbar, ihnen nachzugehen.
konnte die Staatsanwaltschaft Dresden schmutzen“, sollten sich schnellstmöglich Gegen drei Uhr wacht Floris H. in sei-
nicht erkennen. „verpissen“. Das sollen die Männer aus nem Zimmer auf. Er muss zur Toilette und
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ist noch im Halbschlaf, als ihm drei Män- Überfall sorgt er sich, den Anschluss zu griffe. Bei der Europawahl erzielte die
ner folgen, ihn von hinten angreifen und verlieren, in der Schule, im Tischtennis, NPD dort mit 5,7 Prozent ihr bundesweit
dann brutal zuschlagen. „Jetzt lachst du seiner Leidenschaft, in der er es schon zu bestes Ergebnis.
nicht mehr“, hört Floris, als die Fremden Meisterehren gebracht hat. Fürs Verletzt- Alle drei Angeklagten, die Floris über-
endlich von ihm lassen. Benommen sein hat er eigentlich gar keine Zeit. fielen, sind auf Facebook mit Mario W., ei-
schleppt er sich zurück auf sein Zimmer. Ein paar Wochen später, als er bereits nem ehemaligen Kader der inzwischen ver-
Kurze Zeit später versammeln sich etwa auf eine andere Schule gewechselt ist, botenen „Skinheads Sächsische Schweiz“,
zwölf Personen im Hof der Jugendherber- spielt er beim Weihnachtskonzert des Goe- und mit dem neuen NPD-Gemeinderats-
ge, rütteln an den Türen und grölen. Schü- the-Gymnasiums im Hamburger Michel mitglied Martin Hering aus Gohrisch be-
ler und Lehrer haben sich im Haus ver- mit: Vivaldi, Konzert in a-Moll. Sein Gei- freundet. Laut einer Zeugenaussage aus
barrikadiert, warten auf die Polizei und gensolo hätte so schnell niemand erlernen dem Umfeld von Felix Kr. und David K.
den Notarzt. „NSDAP, wir vergessen nie“, können, er wollte seine Musiklehrerin hören die beiden rechte Musik, Letzterer
wollen die verängstigten Gymnasiasten ge- nicht hängen lassen, sagt er. Als er am letz- habe mal eine Reichskriegsflagge als Tisch-
hört haben, ein Nachbar vernimmt „Heil ten Schultag vor den Ferien seine alte Klas- decke benutzt. Bei den Hausdurchsu-
Hitler“, ein Lehrer hört „Türkenfotze“, se besuchen will, lässt ihn die Klassenleh- chungen wurde jedoch lediglich nach der
und einer Schülerin soll durchs Fenster rerin jedoch nicht in den Unterrichtsraum. Kleidung des Tattags und nach Mobil-
zugerufen worden sein, sie solle Deutsch Weil sie in Bad Schandau aus der Ju- telefonen gefahndet. David K. hat in einer
lernen oder zurückgehen in ihr Land. gendherberge ausgebüxt waren, haben Flo- Vernehmung gesagt, er hege Sympathie
„Es war wie im Krieg“, erinnert sich ris’ alte Klassenkameraden Strafarbeiten für einige rechte Positionen. Von Felix Kr.
Floris. „Wie eine Belagerung. Wir hatten bekommen. „Zusätzliche Reinigungs- und existiert ein Video, darin bespuckt er einen
Todesangst.“ Aufräumarbeiten“, so bestätigt der Schul- Polizisten und deutet eine Onaniergeste
Nach dem Überfall werden im Freistaat leiter. Schließlich hätten seine Schüler an, später zeigt er auch noch den Hitler-
Sachsen altbekannte Reaktionen abge- durch ihr „grob regelwidriges Verhalten“ Gruß.
spult. Bloß nicht die ganze Region in Sip- alle Zehntklässler auf der Klassenreise in In der Anklage wegen Körperverletzung
penhaft nehmen, warnt Klaus Brähmig, Gefahr gebracht. spielt das kaum eine Rolle. Hier wird vor
der Vorsitzende des Tourismusverbands Waren die Gymnasiasten also selber allem benannt, was als Provokation der
Sächsische Schweiz. Innenminister Markus schuld, dass ein paar Einheimische plötz- Hamburger Jugendlichen gewertet werden
Ulbig (CDU) spricht mit Bedauern von lich die Jugendherberge stürmten? Die Er- konnte: Nickeligkeiten, Störungen durch
einem „schrecklichen Einzelfall“. Man mittlungen übernahm das „Operative Ab- Klingelstreiche. Ein mögliches Tatmotiv
versucht, den Imageschaden zu begrenzen.
Neonazis kosten Touristen.
Floris’ Mutter glaubt nicht an einen Ein-
Alle drei Angeklagten sind auf Facebook mit
zelfall. Sie ist eine strenge Frau, die schnell Skinhead- und NPD-Kadern befreundet.
denkt und schnell redet. Sie geht von ei-
nem rechtsradikalen Hintergrund der Tat wehrzentrum“ der Polizei in Leipzig, das sei, dass die Gymnasiasten negativ über
aus, und das schreibt sie dem Goethe-Gym- in Sachsen für Rechtsextremismus zustän- den Pulli mit der 53 von Nico H. gespro-
nasium in einer E-Mail. Sie beklagt sich dig ist. Ein fremdenfeindlicher Hinter- chen hätten.
auch, erst knapp sieben Stunden nach dem grund der Tat wird von den Ermittlern zu- Es wird Aufgabe des Gerichts sein
Überfall informiert worden zu sein. „Floris nächst „eindeutig bejaht“. festzustellen, ob die Schüler die Männer
wurde verboten, mich anzurufen“, sagt sie. In den Polizeiberichten sind die rassisti- womöglich allein dadurch provozierten,
Und als sich ein Lehrer endlich bei ihr mel- schen Ausfälle vom 6./7. September aus- dass man sie in Bad Schandau als Fremde
dete, habe er berichtet, ihr Sohn sei in eine führlich dokumentiert. In der Anklage ge- wahrnahm. Als „Türken“, „Schwarze“,
„kleine Schlägerei“ verwickelt gewesen. gen Floris’ Peiniger, die im Januar erhoben „Chinesen“.
Sich wegzuducken und die Reihen zu wird, ist von rassistischen Sprüchen nicht Im Februar hat Floris einen Brief von
schließen, das sei der Nährboden für das, mehr die Rede. Ein Sprecher der Dresdner David K. erhalten, „Hallo Floris!“, so steht
was Floris passiert sei, glaubt die Mutter. Staatsanwaltschaft teilt mit, dass die Er- es handschriftlich auf Linienpapier aus
Der Schulleiter erklärt zum Vorwurf des mittlungen von Polizei und Staatsanwälten einem College-Block. „Es tut mir von
späten Anrufs, man habe die Mutter nicht diesen „ersten Verdacht“ nicht mit der not- Herzen leid, wie dieser Abend endete.“
in der Nacht wecken und beunruhigen wol- wendigen Sicherheit bestätigen konnten. Er habe wegen des Elbehochwassers vom
len, Floris habe dem zugestimmt. Und in Auch ein Streit über Fußball könne der Juni 2013 vier Monate lang nicht in seiner
einer E-Mail bittet die Klassenlehrerin die Anlass für den Angriff gewesen sein, ein Wohnung übernachten können. Es habe
Mutter um Besonnenheit: Es lägen bisher konkretes Tatmotiv habe nicht festgestellt sich viel Frust aufgebaut. Der Angriff
keine Beweise vor, „die auf rechtsradikales werden können. habe aber „keinen nationalen Hinter-
Gedankengut der Täter hinweisen“. Die Ermittlungen gegen das Dutzend grund“ gehabt. Alle drei Angeklagten be-
Die Mutter ist da längst der Ansicht, die weiterer Personen im Hof der Jugendher- teuern, nicht aus Rassismus zugeschlagen
Schule stehe nicht auf der Seite ihres Soh- berge werden eingestellt. Was sie womög- zu haben.
nes. Sie beschließt, für ihn ein neues Gym- lich gerufen haben, lasse sich nicht mehr Floris H. will die Entschuldigung nicht
nasium zu suchen. Und sie schreibt eine in Erfahrung bringen, heißt es. Außerdem annehmen. „Sie trafen mich nicht zufällig“,
Dienstaufsichtsbeschwerde, die inzwischen habe niemand einen Strafantrag wegen Be- davon ist er überzeugt. Wenige Tage vor
abgewiesen wurde. leidigung gestellt. Einen gemeinsamen Tat- Prozessbeginn sitzt er in seinem Kin-
„Ich hätte es nicht aushalten können, plan der Schläger und der Gruppe im Hof derzimmer unter der Dachschräge. Die
jeden Schultag wieder mit der Nacht von hätten die Ermittlungen nicht ergeben, so Wände hat er orange gestrichen, auf einer
Bad Schandau konfrontiert zu sein“, sagt die Staatsanwaltschaft. kleinen Konsole sind 13 Tischtennispokale
Floris H. Er ist ein bescheidener Jugendli- Im vergangenen Jahr, so hat es ein re- aufgereiht. Er habe sehr gute Noten in
cher, der schon früh seine alleinerziehende gionaler Opferberatungsverein zusammen- der neuen Schule, sagt er, aber die Freunde
Mutter unterstützen und im Haushalt an- gezählt, gab es in der Sächsischen Schweiz vom Goethe-Gymnasium fehlten ihm.
packen musste. In den Tagen nach dem 17 rechtsmotivierte oder rassistische Über- Lena Kampf

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Biergarten in München

„Die Annahme der deutschen Gerichte,


dass ausnahmslos jeder Radfahrer ab 1,6
Promille fahruntüchtig ist, konnten wir
nicht bestätigen“, resümiert UDV-Leiter
Siegfried Brockmann.
Dieser Satz hat es in sich. Denn ein
Radfahrer, der demnächst bei einer Kon-
trolle mit 1,6 Promille auffällt und eine Stra-
fe zahlen soll, könnte auf das Kollektivbe-
säufnis in Neuss hinweisen und auf jene
Probanden, die auch oberhalb von 1,6 Pro-
mille noch gut unterwegs waren. Nach dem
Motto „Im Zweifel für den Angeklagten“
könnte der alkoholisierte Radler dann
Chancen haben, Recht zu bekommen.
Ganz glücklich sind Brockmann, Weiss
und viele andere mit diesem Studienergeb-
nis nicht. Ihnen missfällt der Gedanke,
dass Fahrradfahrer pünktlich zur Grillfest-
und Biergartensaison noch ein bisschen
besoffener sein dürfen, wenn sie auf ihr

Stramm durch lich unter 1,6 Promille ein „Sicherheits-


risiko“ sei. Eine 40-jährige Frau mit einem
Körpergewicht von 60 Kilogramm und ei-
Gefährt steigen. Vielen Verkehrsexperten
wäre es am liebsten, wenn Radler zukünf-
tig nicht nachsichtiger, sondern ähnlich

den Slalom ner Größe von 1,70 Metern müsste zum


Beispiel innerhalb von vier Stunden mehr
als eine Flasche Wein und vier Schnäpse
trinken, um diesen Wert zu erreichen. Die
streng behandelt werden könnten wie Au-
tofahrer. Die gelten laut mehreren Studien
zwar auch erst ab 1,1 Promille als „absolut
fahruntüchtig“, bekommen aber ab 0,5
Verkehr Politik und Polizei for- meisten leiden schon bei etwas mehr als Promille eine Art Warnschuss: Sie kassie-
dern niedrigere Promillegrenzen der halben Menge unter Tunnelblick oder ren dann ein Bußgeld in Höhe von mindes-
anderen Ausfallerscheinungen. tens 500 Euro, zwei Punkte in Flensburg
für Radfahrer. Doch eine Studie Dass von beschwipsten Radfahrern ein und bis zu drei Monate Fahrverbot.
lieferte überraschende Erkennt- erhöhtes Unfallrisiko ausgeht, belegt die Die deutsche Innenministerkonferenz
nisse über deren Fahrvermögen. Statistik. 4,6 Prozent aller Pedaltreter, die (IMK), die sich schon im vergangenen Jahr
an Unfällen mit Verletzten beteiligt waren, mit dem Thema beschäftigte, ist für eine
waren alkoholisiert, aber nur 2,4 Prozent Verschärfung der Regeln für Alkohol am

P
olizeidirektor Udo Weiss und sein aller Auto- und 1,7 Prozent aller Motor- Lenker aufgeschlossen. „Wir sind uns einig,
Team haben viel versucht, um Müns- radfahrer. Weil man nur mit gutem dass sich etwas tun muss“, sagt Nordrhein-
ters Radler zur Vernunft zu bringen. Zureden nicht mehr weiterkomme, fordert Westfalens Innenminister Ralf Jäger, der-
Sie verteilten Flugblätter mit Bildern von Weiss seit Jahren niedrigere Promillegren- zeit IMK-Vorsitzender.
Unfallopfern, zogen durch Schulklassen zen und höhere Strafen für betrunkene „So streng wie für Autofahrer dürften
und lauerten spätabends an Radwegen, um Fahrradfahrer. Doch nun gibt es neue Er- die Regeln für Radler aber nicht werden“,
Alkoholkontrollen durchzuführen. Doch kenntnisse, die sogar die 1,6-Promille- findet Roland Huhn, Rechtsreferent des
geholfen habe es nicht viel, sagt Weiss. Grenze infrage stellen. Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs
„Hier“, sagt er und öffnet einen Papp- Hintergrund ist eine Studie der Unfall- (ADFC). Ein betrunkener Mensch auf ei-
hefter mit Polizeimeldungen vom Wochen- forschung der Versicherer (UDV). Sinn- nem Fahrrad gefährde schließlich in erster
ende, „wieder viele betrunkene Radfahrer gemäß erging dafür folgender Auftrag an Linie sich selbst. Außerdem bewiesen die
dabei.“ Zum Beispiel eine Studentin, die Wissenschaftler der Universität Düsseldorf: Unfallstatistiken, dass man mit 0,5 Promil-
mit einer Blutalkoholkonzentration von Bier, Wein und Schnaps kaufen und etwa le in der Regel noch sicher unterwegs sei.
1,0 Promille in eine Fußgängerin krachte 80 Menschen einladen, die ganz normale Huhn und dem ADFC schwebt vor, Rad-
und diese schwer verletzte. Und ein junger Trinkgewohnheiten haben. Alle Proban- lern ab 1,1 Promille eine Ordnungswidrig-
Mann, der mit 1,34 Promille auf der Auto- den ordentlich abfüllen, sie zwischendurch keit vorzuwerfen. Das würde auch durch
bahn fuhr. aufs Fahrrad setzen und schauen, was die Düsseldorfer Studie gedeckt: Ab die-
Als sich die beiden betrunken auf ihren passiert. sem Wert erreichte nämlich kein einziger
Sattel schwangen, taten sie noch nichts Das Experiment gelang: Es wurde ge- Proband mehr seine Leistungsfähigkeit
Verbotenes. Fahrradfahrer dürfen hierzu- bechert wie am Ballermann, und auch wie am Anfang des Experiments. Münsters
lande mit bis zu 1,6 Promille unterwegs das Radfahren funktionierte ganz gut. Zu Polizeidirektor Weiss favorisiert dagegen
sein; erst darüber gelten sie als „absolut gut, könnte man sagen. Denn einige der einen Wert von „unter 1,0 Promille“. Tat-
fahruntüchtig“ und müssen eine Strafe be- 18 bis 53 Jahre alten Testpersonen konn- sächlich dürften 1,1 Promille dem einen
zahlen, unter Umständen ihren Pkw-Füh- ten den aufgebauten Hindernisparcours oder anderen schon erheblich zusetzen.
rerschein abgeben. Bei niedrigeren Promil- auf einem Gelände in Neuss wider Er- Um diesen Alkoholspiegel zu erreichen,
lewerten drohen ihnen diese Konsequen- warten auch oberhalb von 1,6 Promille müsste ein 40-jähriger Mann mit einem
zen nur, wenn sie einen Unfall bauen – noch sicher absolvieren: Sie bremsten im- Körpergewicht von 80 Kilogramm und ei-
oder eindeutig durch unsichere Fahrweise mer an den richtigen Stellen, fuhren sou- ner Größe von 1,85 Metern zum Beispiel
FOTO: LOOK-FOTO

auffallen. verän durch einen Slalom und bewältigten innerhalb von vier Stunden mindestens
Polizist Weiss findet die gültigen Regeln auch alle anderen Aufgaben, die ihnen zwei Liter Bier trinken. Und fünf Korn
„unzureichend“, weil man schon bei deut- gestellt wurden. dazu. Guido Kleinhubbert

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Deutschland

„Mama, ich
bin dumm“
Bildung Längst nicht alle Eltern
behinderter Kinder sind von
der Idee der Inklusion begeistert:
In NRW kämpft eine Initiative
für den Erhalt der Förderschulen.

V
or einem Jahr beschloss Tina Brune,
dass es so nicht weitergehe. Die Mut-
ter aus Plettenberg in Nordrhein-
Westfalen saß bei der Klassenlehrerin ihres
jüngsten Sohnes, um das Deutschdiktat zu Förderschüler Max in Plettenberg: Stärkung durch ausgebildete Sonderpädagogen
besprechen. „Die kleine Hexe“ sollte die
Überschrift lauten. Max, ein lernbehinder- show von Günther Jauch zu Gast war, flan- schule wechselte, begannen die Probleme:
ter Junge mit Seh- und Hörstörungen, hat- kierten sie dort drei Inklusionsbefürworter Der Schulalltag war ihm zu hektisch, der
te nur drei Buchstaben zu Papier gebracht: und nur ein Skeptiker. Die Redaktion hatte Pausenhof zu laut, die Lehrer zu unge-
K, L, H. auch bei Tina Brune angefragt, dann aber duldig. „Wir sind von der Inklusion ent-
Die Lehrerin erkannte darin Wortfrag- abgesagt. Andere Gäste würden bereits täuscht“, sagt seine Mutter. Seit Januar
mente, die Mutter aber einen Beleg für die die Position abdecken, lautete Brune zu- besuche Christian eine Förderschule; er
hoffnungslose Überforderung ihres Sohnes. folge die Begründung. habe dort nur noch neun Mitschüler.
Sie meldete ihn von der Schule ab. „Aus Vielerorts löst die Inklusion indes Sor- Marianne Schardt, Sprecherin des Ver-
meinem fröhlichen war ein trauriges Kind gen und Spannungen aus. In Nordrhein- bands Sonderpädagogik, fordert die Politik
geworden“, sagt die Krankenschwester. Westfalen etwa tritt zum August ein ver- auf, die Lehrer besser zu schulen – ent-
Max habe häufig geweint, beim Aufstehen, ändertes Schulgesetz in Kraft, das behin- sprechend der Ausbildung der Sonder-
auf dem Weg in die Schule, beim Abholen, derten Kindern einen Rechtsanspruch auf pädagogen. Es gehe eher um die Stärkung
bei den Hausaufgaben. Seine tägliche Kla- einen Platz an einer Regelschule garantiert. des Kindes als nur darum, Wissen zu ver-
ge: „Mama, ich bin dumm.“ Für Lern-Förderschulen wie in Plettenberg mitteln. Doch die Lehrer, die nun mit be-
Seit der achtjährige Max die Vier-Täler- gilt künftig eine Mindestgröße von 144 hinderten Kindern zu tun haben, werden
Schule in Plettenberg besucht, eine Förder- Schülern, derzeit hat die Schule 92. darauf oft nur in Crashkursen vorbereitet.
schule für Lernbehinderte, gehe es ihm Kritiker dieser starren Größenvorgabe Die Inklusion sei die „größte Heraus-
besser, sagt seine Mutter. Diese Erfahrung wie Udo Beckmann, der Vorsitzende des forderung für unsere Schulen“, sagt Meck-
hat sie zu einer Kämpferin gemacht. „Frau Verbands Erziehung und Bildung (VBE), lenburg-Vorpommerns Bildungsminister
Löhrmann, erhalten Sie die Förderschulen sprechen von einer „kalten Schließung“ Mathias Brodkorb (SPD). Seine Kollegin
in NRW“, so lautet ihr Onlineaufruf, den der Förderschulen. „Die Politik kann nicht Löhrmann, derzeit Präsidentin der Kultus-
sie an Nordrhein-Westfalens Schulministe- einerseits den Elternwillen hochhalten und ministerkonferenz, appellierte unlängst an
rin Sylvia Löhrmann (Grüne) richtet. 8000 andererseits den Eltern die Optionen neh- den Bund, „seiner Verantwortung bei der
Unterstützer haben bereits unterschrieben, men“, so Beckmann. Eine VBE-Umfrage Umsetzung der schulischen Inklusion“
im Herbst will Brune die Petition dem wies sinkende Zustimmungsraten zur In- nachzukommen, also mehr Geld zu spen-
Landtag übergeben. Ihre Initi- klusion in Nordrhein-West- dieren.
ative rückt eine Schulform Schüler mit falen aus. Und der Verband „Auch wir haben den Anspruch, unsere
in den Blick, die derzeit ei- sonderpädagogischem Sonderpädagogik berichtet Schüler in die Gesellschaft zu integrieren“,
nen schweren Stand hat. Förderbedarf … von einer wachsenden Zahl sagt Peter-Paul Marienfeld, Leiter der Vier-
Angesagt ist Inklusion: ernüchterter Inklusions-El- Täler-Schule. Marienfeld verweist auf
Behinderte Schüler sollen … an Förderschulen tern, die ihre Kinder von Werkräume und Kurse zur Berufsvorbe-
als Folge einer Uno-Kon- den Regelschulen nehmen. reitung. Er will der Abwicklung seiner
vention vermehrt an Regel-
355 000 „Unser Sohn wurde be- Schule dadurch entgehen, dass sie mit der
schulen unterrichtet werden. handelt wie alle anderen Förderschule im 25 Kilometer entfernten
Förderschulen gelten als Ein- 300000 Kinder“, sagt Sonja Maibach Lüdenscheid fusioniert, als Filiale muss die
richtungen von gestern. Den aus Koblenz, Sozialarbeite- Schule nur 72 Schüler haben. Doch ange-
Ton geben Betroffene wie rin und Mutter des zwölf- sichts des politischen Willens und sinken-
die Mutter des elfjährigen 200000 jährigen Christian. „Aber der Schülerzahlen sei er sich nicht sicher,
Henri aus Baden-Württem- er kann nicht alles leisten, wie lange das Aufschub gewähre, sagt Ma-
FOTO: OLIVER TJADEN / DER SPIEGEL

berg vor, die ihren Sohn aufs 140000 was andere Kinder leisten.“ rienfeld.
Gymnasium schicken will, 100000 Christian hat eine Lernbe- Hoffnung habe er auf lange Sicht. Alle
obwohl der Junge mit Down- hinderung und eine Entwick- Schüler ins Regelschulsystem zu integrie-
syndrom dort dem Unter- … an Regelschulen lungsverzögerung. In der ren sei illusorisch, sagt der Schulleiter. „In
richt nicht folgen könnte. Grundschule hielt er noch ein paar Jahren wird uns die Politik wohl
Quelle: Kultusministerkonferenz
Als Henris Mutter vor mit, doch als er in die Inte- wieder einführen, unter neuem Namen.“
zwei Wochen in der Talk- 2007 2012 grationsklasse einer Real- Jan Friedmann, Lena Greiner

DER SPIEGEL 23 / 2014 47


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Sechserpack „Da wo die Molle zischt, fühlt sich sein Herz erfrischt“, heißt es bierselig über den Hauptstädter im Schlager
„Berlin bleibt doch Berlin“. Nun bleibt – nach einem Volksentscheid – das Tempelhofer Feld das Tempelhofer Feld, das in anderen
Metropolen erstklassiger Baugrund wäre: In Berlin bleibt es eine Spielwiese, vermüllt (1, 6), vergnügt (3, 4, 5), vergangen (2).

Europa Stefan Bernhard Eck, 58, Eck: ben Sie Ihre Kompetenzen in
Wie macht man aus Saarbrücken, zog als einziger SPIEGEL: In einem Ihrer der Verteidigungspolitik?
Abgeordneter der deutschen Wahlwerbespots heißt es: Eck:
Politik für Tiere, Tierschutzpartei ins Europäische „Der Fleischkonsum wird SPIEGEL: Ja.
Herr Eck? Parlament ein. Er bekam bald verboten werden, Eck:
366 303 Stimmen. weil er für den Menschen zu SPIEGEL: Wie viel werden Sie
gefährlich ist.“ Wie meinen als Abgeordneter verdienen?
FOTOS: FLORIAN BÜTTNER / DER SPIEGEL (6, O.)); JOHANNES KRUCK / WAZ FOTOPOOL (U.)
SPIEGEL: Herr Eck, feiern Sie Sie das? Eck:
noch? Eck:
Eck: * SPIEGEL: Wollen Sie Fleisch-
SPIEGEL: Eines Ihrer großen konsum verbieten? * Stefan Bernhard Eck hat am
Wahlkampfthemen war der Eck: Telefon jede dieser Fragen
„Mord an Straßenhunden in Ru- SPIEGEL: Ihre Wahlwerbung beantwortet. Der SPIEGEL gab
mänien“. Wie wollen Sie nun war Satire? ihm die Gelegenheit, das In-
als Abgeordneter Hunde retten? Eck: terview zu autorisieren, wie
Eck: SPIEGEL: In Ihrem Wahlpro- das beim SPIEGEL üblich ist.
SPIEGEL: Auch Frischluft war gramm steht: „Wir setzen uns Eck strich alle Antworten er-
ein wichtiges Wahlkampfthe- für ein komplettes Verbot der satzlos. Die Fragen zu Frisch-
ma für Sie. Jagd ein.“ Wie wollen Sie das luft und seiner Kompetenz
Eck: als Abgeordneter erreichen? in der Verteidigungspolitik
SPIEGEL: Wie wollen Sie diese Eck: wollte er ebenfalls streichen.
Forderung umsetzen? SPIEGEL: In Ihrem Wahlpro- Er wünschte sich außerdem,
Eck: gramm fordern Sie auch eine ein paar Fragen selbst zu
SPIEGEL: In welchen Ausschüs- generelle Abrüstung. Sie sind formulieren. Der SPIEGEL lehn-
sen wollen Sie mitarbeiten? Werbekaufmann, woher ha- te diese Vorschläge ab. twu

48 DER SPIEGEL 23 / 2014


Gesellschaft
zu Hause, bei Freunden, in der Schule mal wieder ausgeras-
tet war.
Mit seiner Mutter suchte er eine Erklärung für dieses Verhal-
Übergärig ten, für seine dauernde Müdigkeit, für die massiven Koliken,
die monströsen Blähungen, die ihn peinigten. Seine Odyssee
Eine Meldung und ihre Geschichte Wie ein Brite führte ihn in Krankenhäuser, Kliniken, zu Psychologen, Psy-
chiatern, zu alternativen Heilern – bis ihm schließlich ein Arzt
damit lebt, ständig betrunken zu sein in London die Diagnose nannte, die allem einen Sinn gab: Er
ist ein Eigenbrauer.
Offenbar war die Immunabwehr seines Körpers geschwächt,

M
atthew Hogg hat darum gebeten, ihn nicht zu früh an- wodurch auch immer, das hatte die Flora seines Darms durch-
zurufen. Nicht am Vormittag, er schlafe meist länger. einandergebracht. Jeder Mensch hat Hefen, also Pilze, in seinem
Der Nachmittag sei gut, der frühe Nachmittag sei in Körper. Bei Menschen wie Hogg vermehren sie sich so stark,
Ordnung. Dann werde er bereit sein. dass sie eine alkoholische Gärung in Gang setzen, die außer
15 Uhr also, an einem normalen Werktag. Matthew Hogg Kontrolle gerät. Sie kann so stark sein, dass der Alkoholspiegel
nimmt den Anruf in seiner Wohnung in Middlesbrough, Groß- im Blut messbare Werte erreicht.
britannien, entgegen, und das Erste, was man hört, ist ein Hoggs erste Reaktion war Erleichterung. Es gab also doch
Seufzen, so als ob sich jemand vom Sofa hochstemme, dann eine Erklärung für all das, was ihm widerfahren war. Seine
ein, zwei Sekunden Stille und schließlich: „Hm?“ zweite Reaktion war Trotz. Er wollte kein Freak sein.
„Mister Hogg?“ Hogg studierte zu dieser Zeit Infor-
Hogg, schläfrig: „Ja?“ matik an der Universität von Sheffield,
„Wie geht es Ihnen?“ und er wollte normal sein, wollte mit
„Ganz okay, danke.“ seinen Freunden ausgehen, abends,
„Sie sind müde, oder?“ am Wochenende mit ihnen im Pub sit-
„Bin ich viel zu oft.“ zen, Fast Food essen und ein paar Bier
Seit drei Jahrzehnten, fast sein gan- trinken. Und das tat er auch.
zes Leben lang, ist Matthew Hogg Aber schon sehr bald wollten viele
müde. Seit drei Jahrzehnten ringt er seiner Freunde das nicht mehr. „Ich
mit einem Gegner, dem er nicht ent- war oft unberechenbar“, sagt Hogg.
kommen kann. Es ist sein Körper, der Auch fiel es ihm schwerer, sich von
sein Leben zu einer grotesken, quä- den nächtlichen Exzessen zu erholen.
lenden Party macht. Hogg kämpft Er schlief immer mehr, immer länger,
gegen seinen Verdauungsapparat, der aber der Schlaf brachte keine Er-
seine Arbeit nicht ordentlich verrich- holung. Hogg brach das Studium
tet. Statt Kohlenhydrate einfach auf- schließlich ab.
zuspalten, verwandelt Hoggs Darm Die folgenden Jahre verbrachte er
sie in Alkohol. damit, auf eigene Faust nach einer
Isst Hogg einen Teller Pasta oder Therapie zu suchen. Es war sein pri-
Brot oder Reis; isst er Cracker, Kar- vater Kreuzzug gegen die Mächte im
toffeln, Fast Food; trinkt er Limonade, eigenen Körper. Er leerte die Spar-
Cola, Fanta – dann ist er hinterher konten der Familie, fuhr zu neuen
betrunken. Jede dieser Mahlzeiten Heilern, zu anderen Akupunkteuren,
garantiert einen Rausch, der mehrere sogar nach Mexiko, wo er sich meh-
Stunden anhält, gefolgt von einem rere Wochen lang in einer Spezial-
Kater. Und selbst wenn er sich von klinik behandeln ließ, ohne Erfolg.
diesen Dingen fernhält, wenn er nur Hogg, Lebensgefährtin Hogg erkundete die Grenzgebiete der
Fleisch, Fisch, Gemüse, Öl und Was- Medizin, diskutierte die Vorzüge der
ser zu sich nimmt, gärt es unkontrol- Eigenurinbehandlung, gab selbst der
liert in seinem Innern. Fäkaltherapie eine Chance, und na-
Die Krankheit, die dies verursacht, türlich las er alle Fachbücher, die auch
nennt sich Eigenbrauer-Syndrom, nur im Entferntesten hätten hilfreich
und Hogg ist einer von wohl nur einer sein können.
Handvoll Kranken weltweit. Er ist Von der Website vice.com Heute ist Hogg ein Experte des
eine medizinische Kuriosität, ein Rät- menschlichen Verdauungssystems, er
sel für fast alle Ärzte. Weil es nur so wenige Erkrankte gibt, ist kennt seine Feinheiten, seine Details, kann lange referieren
er leider uninteressant für die Pharmaindustrie. 34 Jahre alt ist über die Flora des Dünndarms, er unterhält eine Website zum
Hogg mittlerweile, arbeitslos seit Langem, chronisch müde, die Thema, aber trotz seines Expertentums ist er immer noch krank.
Leber geschädigt, das Immunsystem aus der Balance, und an- Hogg hat den Kampf gegen seinen Körper verloren, aber das
gesichts seines Schicksals stellen sich ein paar einfache Fragen: ist nicht der Eindruck, der sich einstellt, wenn man sich mit
Wie lebt man unter diesen Umständen? Und wie gibt man dem ihm austauscht am Telefon, in E-Mails. Dann trifft man einen
FOTO: CATERS / BULLSPRESS

eigenen Leben einen Sinn? Mann, dem es gelungen ist, seine Krankheit zu akzeptieren.
Die ersten 20 Jahre waren für Hogg eine Achterbahnfahrt. Matthew Hogg hilft jetzt vor allem anderen chronisch Kran-
Vor allem seine Jugend wurde bestimmt von Räuschen, ken, gibt ihnen Ernährungstipps, Hinweise zur Lebensführung.
die scheinbar aus dem Nichts kamen, von verkaterten Mor- Die Krankheit, die er hat, ist nach wie vor ein Fluch. Aber es
gen, obwohl er am Abend zuvor keinen Schluck getrunken geht ihm besser, seit er versucht, sie auch als Geschenk zu
hatte, und von gestammelten Entschuldigungen, nachdem er sehen. Uwe Buse

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Einweihungsfeier am Ground Zero im Mai

Das Wissen der Wildbirne


11. September Nach langem Streit ist die Gedenkstätte am Ground Zero eröffnet. Jeder Baum
dort erzählt davon, wie schwer sich New York mit den Anschlägen weiterhin tut. Der
Mann, der die Plaza bepflanzt hat, wünscht sich Manhattan als Wald. Von Alexander Osang
Gesellschaft

A
ls der letzte Baum gepflanzt ist, hörigen. Sie stehen vor dem großen Bronze- Menschen töteten und Chaos brachten,
läuft Tom Cox ins Millennium Ho- relief, das an der Feuerwache der Ladder 10 aber keine Erlösung. Seit 13 Jahren kämp-
tel zurück, das wie ein schwarzer hängt, die direkt am Ground Zero liegt. fen Politiker, Architekten und Immobilien-
Glassarg am Ground Zero steht. Es ist Das Relief zeigt die brennenden Türme, makler darum, das gefräßige, schwarze
sechs Uhr morgens, frühe Touristen und die kämpfenden Feuerwehrleute und wirkt Loch an der Spitze Manhattans zu füllen.
Geschäftsleute streifen durch die Lobby, so aufrichtig und ungelenk, als wäre es Es hat Milliarden Dollar geschluckt und
Cox sieht zwischen den frisch rasierten 200 Jahre alt. Man würde sich nicht wun- viel Zeit.
Männern aus, als hätte er eine komplizier- dern, wenn irgendwo, hinter einem der Der Turm, der aus der Mitte des Platzes
te Geschichte zu erzählen. Er trägt fleckige rauchenden Schuttberge, Lincoln herum- wuchs, sollte einmal Freedom Tower hei-
Jeans, schwere Stiefel und einen grauen stehen würde. Oder Washington. ßen, er sollte die Form der Freiheitsstatue
Bart. Er hat drei Nächte durchgearbeitet, „Unsere Söhne sind amerikanische Hel- spiegeln und sich mit elegantem Schwung
aber er weiß, dass er noch nicht schlafen den“, sagt die Mutter eines Feuerwehrman- symbolische 1776 Fuß hoch in den New
kann. Zu viel Adrenalin. Er fährt mit dem nes. „Die Verantwortlichen schaffen die Yorker Himmel winden. Im Jahr 1776 ist
Aufzug in den 52. Stock des Hotels zu sei- menschlichen Überreste unserer Kinder in die amerikanische Unabhängigkeitserklä-
ner Suite. Er bucht immer das höchste ein Museum, für das man 20 Dollar Eintritt rung unterzeichnet worden, nun sollte der
Zimmer, das er kriegen kann. Er zieht bezahlen muss. Wir wollen, dass die Hel- Turm eine gläserne Spitze tragen und in
die Vorhänge auf. Milchiges Morgenlicht den endlich Ruhe finden.“ den obersten Etagen mit Gartenlandschaf-
füllt den Platz, der höchste Turm Ameri- Die Mütter und Schwestern und Väter ten gefüllt sein, das höchste Gewächshaus
kas, nebenan, ist in weißen Dunst gehüllt. anderer Opfer nicken. Sie protestieren da- der Welt. Die Zeit und die Streitereien ha-
Cox’ Bäume sind von hier oben winzige gegen, dass die unidentifizierten mensch- ben die großen Ideen und Gefühle zerrie-
grüne Punkte. 396 Punkte. Weißeichen. lichen Überreste, die an der Unglücksstelle ben. Das Haus heißt jetzt Tower Number
In ein paar Tagen werden ihre One und sieht aus wie eine glä-
Blätter den Platz grün färben, in serne Wurst.
5 Jahren wird man Ende Mai auf Eine 1776 Fuß hohe gläserne
eine dichte Blätterdecke schauen, Wurst.
in 50 Jahren wird es eher ein Park Fragt man drei verschiedene
als ein Mahnmal sein, glaubt Tom Verantwortliche, wann der Tower
Cox, in 300 Jahren ein Wald. So Number One nun endlich eröff-
denkt er. Die Bäume werden den net, der höchste Turm Amerikas,
Platz erobern, sie werden ihn ei- bekommt man drei verschiedene
nes Tages übernehmen, und sie Antworten.
werden noch da sein, wenn keiner Der Direktor des Hilton Mil-
der Wolkenkratzer mehr steht. lennium sagt: nächstes Jahr im
Am Ende, da ist sich Cox sicher, Sommer.
gewinnt der Baum. Daniel Libeskind, Autor des
Die Amerikanische Weißeiche Masterplans zur Bebauung von
ist besonders frosthart, verträgt Ground Zero, sagt: spätestens im
Salz, ihr Holz wird für Whis- Frühjahr.
keyfässer verwendet. Sie ist der Und Janno Lieber, Chef der
Staatsbaum von Connecticut, Ma- Immobilienfirma, die den Turm
ryland, Illinois und West Virginia. vermietet, sagt: noch Ende dieses
Sie wird 25 bis 30 Meter hoch. Jahres.
Die Indianer nutzen ihre Rinde Man kann die Geschichte von
als Medizin. Der Baum wurde Ground Zero an diesem Haus er-
für seine Aufgabe hier in New zählen, es geht aber auch mit den
York ausgewählt, weil sein ge- Baumexperte Cox: Monster aus Märchenfilmen Amerikanischen Weißeichen. Sie
riffelter Stamm an die Fassade sind so unscheinbar wie der Turm,
des zerstörten World Trade Center er- gefunden wurden, in einem Raum unter aber aufgeladen mit Symbolik, Erwartun-
innert, vor allem aber, weil er an der der Gedenkstätte gelagert werden. Die gen und Angst. Jeder Baum ein 100 000-Dol-
Spitze dieser lauten, lichtlosen Steinstadt DNA-Proben werden dort in Kühlkam- lar-Investment, jahrelang gehegt, aufwen-
die besten Chancen hat, in die Zukunft mern aufbewahrt, um eine zukünftige dig umgepflanzt, in Spezialerde gezogen.
zu reisen. Identifizierung möglich zu machen. Nach zweieinhalb Stunden Schlaf
Cox zieht die Vorhänge zu und schaut „Osama Bin Laden ist mit mehr Würde kommt Tom Cox in den Frühstücksraum
FOTOS: XINHUA / IMAGO (L.); DIRK EUSTERBROCK / DER SPIEGEL (R.)

im öffentlichen Fernsehen eine Dokumen- beerdigt worden als unsere Söhne“, ruft des Hilton Millennium. Er bestellt ein Müs-
tation über Willy Messerschmitt, den deut- die Mutter eines Feuerwehrmanns, der am li mit Früchten wie jeden Morgen. Die Kell-
schen Flugzeugbauer. Er geht schlafen, mit 11. September umkam. Ein Opferanwalt ner kennen ihn. Cox hat ausgerechnet,
vielen Fragen im Kopf. Was bleibt übrig hält eine Petition in Fernsehkameras, die dass er in den vergangenen sieben Jahren
von all der Trauer, der Wut, der Ohnmacht, sie an Präsident Obama gesandt haben. Sei- etwa 500-mal im Millennium übernachtet
wann schließt sich die größte Wunde in ne Hände zittern, er weint. Im Hintergrund hat. Die Nacht kostete durchschnittlich
der amerikanischen Geschichte? Wie lange laufen Touristen mit dicken Einkaufstüten 400 Dollar. Das macht 200 000 Dollar Ho-
kann eine Stadt wie New York weinen? aus dem Warenhaus Century 21 vorbei. telkosten. Nur für ihn.
52 Stockwerke unter Tom Cox’ Bett ha- Sie schauen zerstreut zu den älteren Men- Cox ist der Geschäftsführer von Envi-
ben sich am Vormittag Angehörige von schen vorm Bronzerelief, die in all dem ronmental Design, einer texanischen Firma,
Opfern des 11. September 2001 versam- Trubel unbeweglich und aus der Zeit ge- die in der ganzen Welt Bäume unter extre-
melt. Männer und Frauen mit Gesichtern, fallen wirken. Wie Querulanten. men Bedingungen pflanzt, aufzieht und be-
denen man das jahrelange Trauern ansieht. Der Tag im September vor 13 Jahren wegt. Er hat am 18. Loch des berühmten
Sie tragen Bilder ihrer ermordeten Ange- hat Kriege ausgelöst, die Zehntausende Golfkurses von Pebble Beach eine 200 Jah-

DER SPIEGEL 23 / 2014 51


Gesellschaft

re alte Zypresse versetzt und in Jaffa, Israel, stimmt. Ob World Trade Center zwei je- Von da an ging es mit Libeskind bergab.
einen 1000 Jahre alten Feigenbaum, weil mals gebaut wird, weiß niemand. Er wurde von Politikern zu symbolischen
er einer Autobahn im Weg stand. Er hat Cox’ Augen sind winzig und rot. Zum Grundsteinlegungen und Einweihungsfei-
Bäume in einem tibetischen Kloster in Zeitpunkt der Begegnung sind es noch drei ern geschleift, die verschleiern sollten, dass
4000 Meter Höhe gepflanzt und in der Ein- Tage bis zur Eröffnung der Plaza, der Prä- alles stillstand. Er war der Partyclown von
gangshalle des Apple-Hauptquartiers. Er sident hat sich angekündigt, Obama soll Ground Zero. Libeskind lächelte, während
versetzt für amerikanische Milliardäre fünf- es schön haben. Cox und seine Männer sein Plan zerfiel. Die falschen Grundsteine
zig Meter hohe und Hunderte Jahre alte setzen Bäume die ganze Nacht. Er lächelt wurden im Schutz der Dunkelheit nach
Eichen, eine Dienstleistung für alte, reiche schief. Eigentlich hätte seine Arbeit schon Staten Island geschafft. Es gab neue Archi-
Männer, die das als Gartenarbeit verstehen. vor fünf Jahren erledigt sein sollen. Jetzt tekten, die seinen Masterplan interpretier-
Cox hat Fotos auf seinem Handy, auf denen sind es insgesamt acht geworden, die plötz- ten, vereinfachten, versachlichten.
riesige Bäume durch die Luft schweben wie liche Eile kurz vor der Eröffnung findet er Libeskind blieb immer ein Fremder zwi-
Monster aus Märchenfilmen, zum Vergleich lächerlich. Vor allem, wenn er sie mit der schen den Politikern, Maklern und prag-
steht immer einer seiner Arbeiter neben Mentalität der Bäume vergleicht. „Euro- matischen Architekten. Ein Träumer eher,
dem Stamm, ameisengroß. päer pflanzen einen Baum für ihre Enkel manche sagen auch, ein Propagandist. Er
Aber das dort unten, Ground Zero, ist sein und sehen ihm beim Wachsen zu“, sagt ist kein guter Networker, sagt er. Er habe
Opus magnum, sagt Tom Cox. Das bleibt. Cox. „Amerikaner wollen ihn sofort groß Angst vor Konferenztischen und Leuten
„Es gibt eigentlich keine schlimmeren haben.“ im Anzug. Einmal, als gar nichts mehr übrig
Bedingungen, unter denen ein Baum in Die ersten Bäume tauchten vor zwölf zu bleiben schien von ihm, rief er verzwei-
der Stadt wachsen kann, als in Downtown Jahren auf, in dem Entwurf von Daniel felt: „Ich bin der Architekt des Volkes!“
Libeskind sagt heute, dass der Geist sei-
„Europäer sehen einem Baum beim Wachsen zu“, sagt nes Masterplans überlebt habe. Er ist im-
mer noch enthusiastisch. Er sprudelt. Er
Cox, „Amerikaner wollen ihn sofort groß haben.“ hat immer mehr Worte im Mund, als er
aussprechen kann. Er sagt, die Gegend
Manhattan“, sagt Cox. „Es gibt nur wenig Libeskind, den er der Weltöffentlichkeit habe sich belebt. Downtown war tot, es
Erde, es gibt kaum Licht, es gibt sehr viele gut ein Jahr nach dem Fall der Türme lag im Schatten der Türme, heute ist es
Abgase, es ist heiß und kalt und windig. präsentierte. Libeskind gab den New Yor- eine Wohngegend. Die Zahl der Anwohner
Und unter jedem Baum befinden sich acht, kern die Hoffnung zurück. Ein kleiner habe sich mehr als verdoppelt, er selbst
neun unterirdische Stockwerke.“ Mann, von Kopf bis Fuß in Schwarz ge- wohnt auch hier. Fremde kämen auf der
Vor dem Fenster nieselt Mairegen auf kleidet, der lachte, während er redete. Er Straße auf ihn zu und bedankten sich, sagt
das Gerippe des Bahnterminals, das einst begann seine Rede damit, wie er als Junge er. Er hat seinen Frieden damit gemacht,
direkt unter den Türmen des World Trade nach New York kam und die Freiheits- dass er der Meisterplaner war, der eine
Center lag. Sein Neubau wurde vom spa- statue sah, von da an füllte er den Raum Linie vorgab. Für die anderen. Stolz ist er
nischen Stararchitekten Santiago Calatrava mit seinen Träumen, Wasserfällen, unter- darauf, dass nur die Hälfte der sechseinhalb
entworfen und wird der teuerste U-Bahn- irdischen und überirdischen Gärten, einer Hektar Land für kommerzielle Zwecke ge-
hof in der Geschichte der Menschheit. Er sich aufschwingenden Häusergruppe, die nutzt werden darf. Das war sein Vorschlag.
soll an einen startenden Vogel erinnern, gekrönt wurde vom stolzen, 1776 Fuß „Und natürlich wollte ich Bäume. Viele
sieht aber zurzeit aus wie der Rücken eines hohen Turm. Bäume“, sagt Daniel Libeskind. „Ich woll-
plumpen, pflanzenfressenden Dinosau- New York würde wiederauferstehen, te den Platz in einen Park verwandeln, ihn
riers. Daneben steht der Stumpf von World schöner und größer als je zuvor. Als er das freundlicher, lebenswerter machen für die
Trade Center drei, dessen Bauarbeiten erst letzte Wort gesprochen hatte, war klar, Menschen, die dort leben und arbeiten.“
fortgesetzt werden, wenn die Finanzierung dass sein Entwurf gewinnen würde. Was für Bäume wollte er denn?
„Einfach Bäume“, sagt Daniel Libeskind.
Auf dem Entwurf von Arad gab es ein
paar Bäume, nicht viele. Michael Arad war
ein junger israelischer Architekt, der über-
raschend den Wettbewerb für die Gedenk-
Plaza gewann. Er sollte die drei Hektar
füllen, die nicht für kommerzielle Zwecke
genutzt werden. Arad hatte ein Modell
von zwei großen Wasserbecken gebaut,
die das Verschwinden, die Leere symboli-
sieren sollten. Neben die großen, schwar-
zen Becken hatte er ein paar Bäume ge-
malt, nicht viele. Die Bäume waren ihm
nicht wichtig. Wichtig war das ewige Was-
ser, das in die Tiefe stürzte, endlos.
Die Jury mochte die Pools, deren Ränder
FOTO: DIRK EUSTERBROCK / DER SPIEGEL

sich deckten mit den Grundrissen der einge-


stürzten Türme. Ein Nordpool und ein Süd-
pool. Sie fand es berührend, aber zu dunkel
für einen Platz in der Mitte der Stadt. Des-
wegen teilte sie Arad, der Mitte dreißig war,
den erfahrenen kalifornischen Landschafts-
architekten Peter Walker zu, der schon Mitte
Protestierende Angehörige von Terroropfern am Ground Zero: Eine hohe gläserne Wurst siebzig war. Walker hatte Ende der Fünfzi-
52 DER SPIEGEL 23 / 2014
Downtown Manhattan*: Symbol für das Verschwinden und die Leere

gerjahre den „Alice in Wonderland“-Garten wies ihr einen Platz zu. „Die Symbolik ist gengenommen und in eine Baumschule
im Central Park angelegt. Zehn Jahre bevor natürlich gewaltig. Es ist kein normaler nach New Jersey gebracht, wo sie zusam-
Arad geboren wurde. Er zog durch ameri- Parkjob“, sagt Walker. men mit den 450 Weißeichen auf ihren
kanische Wälder und Universitäten, um den Es gab mit den Weißeichen keine Proble- historischen Einsatz am Ground Zero war-
perfekten Baum zu finden. me, es war die kleine Gruppe Amberbäume, teten. 2010 beschloss man, die Bäume
„Bäume in New York wachsen durch- mit der Walker einen Akzent setzen wollte. weiterzuspenden. Sie schickten sie nach
schnittlich zehn Jahre lang“, sagt Walker. Die Amerikaner nennen den Amberbaum Shanksville, Pennsylvania, wo gerade eine
„Dann stoppen sie, oder sie sterben. Die Sweet Gum Tree, weil sein zäher, süßer Saft Gedenkstätte für die Opfer des Flugs
Umweltbelastung ist riesig, nicht so früher auch als Kaugummi verwendet wur- UA 93 entstand, der dort über Feldern am
schlimm wie in Peking, aber schlimm ge- de, ein Baum des Südens. Michael Arad, 11. September endete.
nug. Sie nehmen die Gifte über Wurzeln, der Architekt, störte sich daran, dass sich Deshalb stehen jetzt 40 Amberbäume
aber auch Blätter auf, deswegen wollte ich seine Blätter im Herbst feuerrot färben. Er auf einem struppigen Stück Grasland in
keine immergrünen Bäume.“ Er zitiert dachte, dass die Bäume, gerade im Septem- Pennsylvania. Sie wurden vom dortigen
eine Studie der Cornell-Universität, die ber, wenn die Zeit der Erinnerung kommt, Landschaftsarchitekten in sein Konzept
die besten Bäume empfiehlt. Roteichen, zu sehr von den Namen der Opfer ablenken eingebaut. 40 Bäume für 40 Opfer. Die
Ahorn, Platanen wären infrage gekommen. könnten, die er in die Umrandung seiner Bäume stehen hinter einer Wand aus wei-
Walker entwickelte ein urbanes Recy- Todespools hatte gravieren lassen. Arad be- ßen Marmorplatten, in die die Namen der
clingsystem für die Bewässerung, wahr- schwerte sich bei Bürgermeister Bloomberg Opfer eingraviert sind, deren Maschine
scheinlich das größte der Welt, und eine über den Amberbaum. vermutlich das Kapitol oder das Weiße
perfekte Erdmischung. Er schuf eine Baum- Unglücklicherweise waren die 50 Am- Haus in Washington treffen sollte, aber
ordnung, in der die Bäume aus bestimmten berbäume aber ein Geschenk des Staates vorher abstürzte.
Perspektiven in einer Art militärischen Maryland an die Gedenkstätte. Sie wurden Alles ist so mit Symbolen aufgeladen,
Ordnung stehen, aus anderen Blickwin- 2008 in einer großen Veranstaltung entge- dass es knistert.
FOTO: NOAA

keln aber im kompletten Durcheinander. „Wissen Sie“, sagt ein Wächter der
Er gab jeder Weißeiche eine Nummer und * Luftaufnahme vom 23. September 2001. Gedenkstätte von Shanksville, „wir und
DER SPIEGEL 23 / 2014 53
plätze, Restauranttische. Die Stadt ist gna-
denlos mit dem Langsamen, dem Faulen.
Auch die Bäume kämpfen um Licht.
Zur Eröffnung der Gedenkstätte durch
den amerikanischen Präsidenten kommen
Daniel Libeskind und Michael Arad. Peter
Walker, der Landschaftsarchitekt, hat ei-
nen Job in Cleveland. Dafür sind Robert
De Niro da und die tapfer lächelnde Jill
Abramson, die gerade von der New York
Times entlassen wurde. Die Bürgermeister
Giuliani, Bloomberg und de Blasio kom-
men, die Gouverneure Pataki, Cuomo und
Christie. Die Clintons sitzen in der ersten
Reihe wie ein Königspaar. Cox ist nicht
da, er ist auf dem Weg nach Bahrain, wo
er einen großen Platz mit 19 indischen
Mandelbäumen bepflanzt.
Kennzeichnung von Weißeichen am Ground Zero: Nach zehn Jahren stoppen oder sterben sie Obama hält eine kurze Rede, in der es
um einen Retter mit einem roten Staub-
die Angehörigen möchten das Wort Opfer Er lebte in einem Wohnwagen auf dem tuch vorm Gesicht geht. Sie ist ergreifend,
im Zusammenhang mit den Toten eigent- Acker. Ab und zu kamen wechselnde Kom- wenn auch bereits etwas märchenhaft. Es
lich nicht benutzen. Es wirkt so passiv, missionen aus der Stadt angereist, begut- wird eine traurige, perfekt durchchoreo-
und die Menschen an Bord haben sich ja achteten die Bäume und empfahlen, hier grafierte Veranstaltung. Der Präsident ver-
gewehrt.“ und da einen Ast abzuschneiden. lässt das Museum nach zehn Minuten wäh-
Die Gedenkstätte von Shanksville ist be- Zwei Tage vor dem Präsidenten sind die rend eines Einspielfilms.
eindruckend, schlicht und gewaltig. Bis Mit- vorläufig letzten Bäume aus New Jersey Obama achtet nicht auf die Bäume, zwi-
te der Neunzigerjahre war hier ein Tage- nach Staten Island gereist, wo sie, auf- schen denen er zu seiner Limousine eilt,
bau, der zugefüllt und mit Wildgras besät grund irgendwelcher Gewerkschaftsrechte, auch nicht auf den einzigen Baum der ur-
wurde. Hier und da standen ein Kran und zwischengelagert werden mussten, um sprünglichen World Trade Center Plaza,
eine Baracke herum. An den Rändern dann von New Yorker Lastwagenfahrern der den Anschlag überlebt hat. Er steht
hatten ein paar Bäume überlebt. Eichen, an den Ground Zero transportiert zu wer- heute in der Mitte des Platzes zwischen
Hickorys, Ahorn. Man fährt kilometerweit den. Sie trafen kurz vor 20 Uhr am West den Weißeichen, krumm und schief, mit
durch diese trostlose Landschaft, man kann Side Highway ein, wo Tom Cox wartete. Bändern gestützt, ein Weiser unter den
sich vorstellen, wie das gekaperte Flug- Um 23 Uhr schwebte der erste Baum durch Jungen, ein Baum, der alles gesehen hat.
zeug über die Hügelketten taumelte. Diese die dunkle, feuchte Luft. Cox winkte ihn Sein lateinischer Name ist Pyrus calleryana,
Landschaft war das, was die Menschen an hinein wie ein Dirigent. benannt nach einem französischen Sino-
Bord als Letztes sahen. Die Maschine Seinen ersten Baum pflanzte er vor drei logen, der ihn aus China nach Europa
schlug im Nirgendwo auf. Alles, was sie Jahren auf die Plaza. Er trägt die Nummer brachte. In Deutschland nennt man ihn
am Boden zerstörte, waren ein paar Bäu- 107. Cox findet ihn im Schlaf. Beim zehn- Chinesische Wildbirne. Es ist ein typischer
me, zumeist Kanadische Hemlocktannen. jährigen Jahrestag des 11. September durf- New Yorker Stadtbaum. Er widersteht
Frost und Abgasen, fällt aber bei Wind
Er steht im Regen, müde, schwermütig, und wird ein wenig schnell um. Er lebt in der Regel 20 Jahre,
dann wird er durch einen neuen Baum er-
philosophisch. Der Baummann sagt: New York ist Kampf. setzt. Nicht dieser Baum. Tom Cox nennt
ihn den umsorgtesten Baum der Welt. Die
Die überschüssigen Amberbäume, zehn te er die Namen der Opfer verlesen, zu- Chinesische Wildbirne hat eine Mission
Stück, die es nicht auf den Ground Zero sammen mit der Tochter eines Toten, Pam zu erfüllen.
und auch nicht nach Shanksville schafften, Tamayo. Bloombergs Büro hatte ihm vor- Sie fanden sie im Geröll auf der Church
wurden verkauft. Ein Hedgefonds-Mana- her eine CD geschickt, auf der er sich an- Street. Eine Frau, die für die Stadt arbei-
ger von der Firma Cantor Fitzgerald, die hören sollte, wie die Namen ausgespro- tete, sah ein grünes Blatt in der Asche. Re-
im Nordturm arbeitete, kaufte sie für sei- chen werden. Einen Moment lang dachte becca Clouth, Becky. Der Baum war kaum
nen Garten. Stückpreis 100 000 Dollar. er, er breche zusammen. Aber das Mäd- noch am Leben, er hatte die meisten seiner
Tom Cox mochte die Amberbäume. Er chen schaffte es ja auch. Äste eingebüßt, eine Hälfte war komplett
hat jeden einzelnen persönlich ausgesucht, Über New York geht ein Gewitter nie- verbrannt. Sie gruben ihn aus und trans-
genau wie alle Weißeichen, die er und seine der, Cox sieht zu den Türmen hinauf, die portierten ihn in der Dunkelheit. Sie schaff-
Leute aus den sieben Bundesstaaten, die wie sanfte Riesen aus der Nacht leuchten. ten die Wildbirne an den äußersten Stadt-
an New York grenzen, zusammentrugen Einige sind bereits eröffnet worden, stehen rand, eine Baumschule in der Bronx, ganz
und auf das Feld einer Baumschule in New aber leer. Sie finden keine Mieter. Cox im Norden. Van Cortland Park. Sie wuss-
FOTO: DIRK EUSTERBROCK / DER SPIEGEL

Jersey brachten, die sie vor acht Jahren an- glaubt nicht, dass diese Bürotürme noch ten damals noch nicht, wie symbolisch der
gemietet hatten. Jeder Baum bekam einen unseren Bedürfnissen entsprechen. räudige Straßenbaum einmal werden könn-
handgezimmerten Kasten, in dem sein Wur- „Das digitale Zeitalter verändert unser te. Bei einem Sturm fiel er um, lehnte tage-
zelsystem überleben konnte, ohne zu groß Konzept vom Zusammenarbeiten“, sagt lang an einem Maschendrahtzaun, Cox er-
zu werden. Die Bäume standen dort wie Cox. Er steht im Regen, müde, schwer- fuhr, dass sein Baum stirbt, er flog nach
ein Garderegiment. Acht Jahre lang. Ein mütig, und wird ein wenig philosophisch. New York und pflegte die Wildbirne ge-
Mitarbeiter von Cox’ Firma betreute sie Der Baummann sagt: New York ist Kampf. sund. Im Frühling ist sie der erste Baum,
rund um die Uhr wie ein Krankenpfleger. Hier muss man um alles kämpfen. Park- der blüht. I

54 DER SPIEGEL 23 / 2014


Gesellschaft

das Fütterungsverbot, kombiniert mit überwachten Brutstätten,


STUTTGART wo man die echten Taubeneier gegen künstliche tauscht.
Der Eieraustausch ist gut, da sind Dr. Roloff und Therese D.
sich einig. In allem anderen nicht.
Dr. Roloff hat Bilder dabei, sie bringt sie nach vorn an den
Richtertisch, Richter, Tierärztin und Anwalt beugen sich darüber.
Zu sehen ist eine Taube, die im Kot zu brüten versucht.
Dr. Roloff spricht von „Biomathematik“, anders als andere
Pappappap Leute argumentiere sie nicht nach dem „Bauchgefühl“, sie
habe Tiermedizin studiert und auch ein paar Semester Biologie.
Ortstermin In Stuttgart verhandelt das Sie rechnet Überlebenszahlen vor. Wenn zu viel Futter da sei,
werde zu viel gebrütet, die Tauben streiten sich und müssen
Verwaltungsgericht darüber, ob an üblen Orten ihre Jungen aufziehen. Therese D. widerspricht.
es ein Bürgerrecht auf Taubenfüttern gibt. Der vorsitzende Richter fragt, ob sie sich verpflichten könne,
künftig nicht mehr zu füttern. Sie sagt Nein. Der Richter, seuf-
zend, verspricht eine Entscheidung für den nächsten Tag.

D
ie Stadt verändert sich, wenn man sie mit den Augen Draußen eilt Dr. Roloff kommentarlos zum Treppenhaus,
von Tauben sieht. Oder mit den Augen von Tauben- aber Mutter und Tochter D. haben noch Zeit. Sie wollen den
verstehern. Bahnhof zeigen und wie es den Tauben dort geht. Zwei dun-
Stuttgart ist eine enge Stadt. Eine Stadt voller Pommes-Reste, kelhaarige Frauen, beide gehbehindert, Gertraude D. erzählt,
die von den Tauben gepickt werden; das bekommt ihnen nicht. dass sie Kriegskind sei und Hunger kenne. Sie erinnere sich
Eine Stadt mit wenigen betreuten Taubenschlägen, 6 sind es noch, wie es ihr schlecht ging, vor ein paar Jahren, und wie sie
zurzeit, die Taubenversteher hätten gern 15 oder 20 oder mehr. hungrige Tauben sah, und sie gab ihnen was, und dann ging es
Therese D., Taubenversteherin, steht mit ihrer
Mutter, ihrem Anwalt und einer Frau vom Tier-
schutzverein, die sich speziell um Tauben küm-
mert, im Flur vor Saal 4 im Stuttgarter Verwal-
tungsgericht und diskutiert sich warm.
Therese D. betrachtet sich als Tierfreundin.
Die Frau im Hosenanzug, die auf einer Bank
sitzt und schmallippig allem zuhört, tut das auch.
Es ist der letzte Dienstag im Mai, die fünf-
köpfige 5. Kammer des Gerichts verhandelt
den Fall der Klägerin Therese D. gegen die Stadt
Stuttgart, „wg. Taubenfütterungsverbot und
Zwangsgeldandrohung“.
Es geht um Columba livia, die Stadt- und
Felsentaube, und um die Frage der Verantwor-
tung, die der Mensch ihr gegenüber trägt.
Der Mensch hat Häuserschluchten gebaut und
Felsentauben zu Haustauben gezähmt, von de-
nen viele wieder verwildert sind; die fühlen sich
in den Häuserschluchten besonders wohl. Erst
waren es wenige. Dann, nach dem Zweiten Welt-
krieg vor allem, waren die Städte Ruinen, per- Therese D., Gertraude D. im Hauptbahnhof: Zwölf Kilo Nasskot
fekt für Columba livia, sie kam, vermehrte sich
und blieb. Und der Mensch, der früher an Schnäbeln, Liebe ihr besser. Sie erzählt, wie sie anfing, verletzte Vögel zu pflegen,
und Frieden dachte, wenn er eine Taube sah, denkt heutzutage: und dabei den Hass von Nachbarn ertrug.
Parasit. Die beiden führen zum Hauptbahnhof, von Tauben umflat-
Schätzungsweise 20 000 bis 30 000 Stadttauben leben in Stutt- tert. Zwei Polizisten schauen hinter ihnen her. Gertraude D.
gart, von denen jede jährlich etwa zwölf Kilogramm Nasskot spricht von Zora, ihrem Liebling, sie wurde 14 Jahre alt. Sie
produziert. Nasskot ist das offizielle Wort. Auch wegen des spricht davon, wie es ist, wenn zehn zufriedene Pfleglinge
Nasskots gibt es eine Polizeiverordnung vom März 1997, die einen zu Hause angurren, sie macht es vor: „Pappappap“.
das Taubenfüttern verbietet und gegen die Therese D. verstieß. Das Bauprojekt Stuttgart 21, das wollen Mutter und Tochter
Die alte Frau und die Tauben, man kennt das, aber Therese klarmachen, ist nicht gut für die Tauben. Sie zeigen, wo bis
D. ist nicht alt. Therese D., 35, Sprachwissenschaftlerin, eloquent, vor Kurzem noch ein Taubenhaus stand, einer der betreuten
findet, dass es eine gute Sache ist, Tauben mit Körnern zu füttern. Schläge, auf einer Mauer bei Gleis 1. Jetzt ist er weg.
Sie wurde beobachtet, wie sie es tat. Sie gibt es zu, sagt aber, Ein paar Tauben sitzen und flattern und picken jetzt auf
sie habe an den Tat-Tagen nur verletzte Tauben einfangen und halb vergammelten Gepäckschließfächern, heimatlos vielleicht.
FOTO: WOLFRAM SCHEIBLE / DER SPIEGEL

ihrer Mutter bringen wollen, damit sie die Tiere pflegt. Therese D. sagt, sie sehe eine große Verantwortung des Men-
Links von Therese D. und ihrem Anwalt sitzt die Frau im schen. Er habe das Leben der Tiere verändert, nun müsse er
Hosenanzug, es ist Dr. Heike Roloff, Amtstierärztin bei der eigentlich alle füttern, mit dem Futter, das ihnen bekommt.
Stadt. Sie findet nicht, dass dieses Füttern eine gute Sache ist. Am nächsten Tag dann die Nachricht: Die Klage ist abge-
Sie verweist auf die Werke des Stadttaubenforschers Daniel wiesen. Gertraude D. sagt am Telefon, sie wollten Hilfe suchen
Haag-Wackernagel und dessen Votum: Vertreiben hilft nicht. bei Tierschützern, man müsse weitermachen, wenn möglich
Töten auch nicht. Auch die Taubenpille nicht. Was hilft, ist in der nächsten Instanz. Barbara Supp

DER SPIEGEL 23 / 2014 55


Medien
Entertainment
Analoges
Abenteuer
Für die Wunschzielgruppe des
Münchner Senders ProSieben ist die
Idee, ohne Smartphone oder Face-
book eine fremde Stadt zu entdecken,
offenbar so anarchisch, dass der
Kanal daraus gleich ein neues Pro-
gramm entwickelt hat. Die Pro-
Sieben-Entertainerin Palina Rojinski
wird ab 17. Juli für jeweils ein Wo-
chenende in eine Großstadt ge-
schickt und muss dort ohne digitale
Hilfe ihres Smartphones oder iPads
und ohne Geld spezielle Aufgaben
bewältigen. Den Anfang macht Tel
Aviv, wo die 29-Jährige ein Street-
Art-Kunstwerk erbauen soll. Ausge-
strahlt wird „Offline – Palina World
Wide Weg“ donnerstagabends nach
der Tanzshow „Got to Dance“ – dort
sitzt Rojinski schon in der Jury.
Gesetzt sind drei Folgen, weitere drei
werden gerade gedreht und sollen
ab Herbst gezeigt werden. Produziert
wurde das Format von der Berliner
Firma Florida TV, die auch schon die
Moderatoren Joko Winterscheidt
und Klaas Heufer-Umlauf im „Duell Rojinski
um die Welt“ schickte. ih

DSL-Ausbau Dobrindt erreichte in den Google träge auf chillingeffects.org,


Schnelleres Internet Verhandlungen auch eine Transparenter einem Projekt mehrerer
Anhebung des Schwellen- US-Universitäten und einer
fürs ganze Land werts für die Förderung: löschen Bürgerrechtsorganisation,
Alexander Dobrindt, Bun- Künftig können Projekte Als Reaktion auf das Urteil einzeln nachvollzogen wer-
desminister für Verkehr und dort bezuschusst werden, wo des Europäischen Gerichts- den. Auch wer eine Lö-
digitale Infrastruktur, treibt die Geschwindigkeit unter hofs (EuGH) zum „Recht auf schung beantragt hat, ist in
den Ausbau des schnellen In- 30 Megabit pro Sekunde Vergessenwerden“ hat der Datenbank der Website
ternets in Deutschland voran. liegt, zuvor galt die Grenze Google vergangene Woche sichtbar. „Das wird bei Such-
Der CSU-Politiker verstän- von 25 Megabit. böl ein Löschformular online ge- treffer-Entfernungen auf
FOTOS: SUPPLIED BY PALINA ROJINSKI/INSTAGRAM.COM/FACE TO FACE (O.); PATRICK LUX / GETTY IMAGES (U.)

digte sich mit der EU-Kom- stellt. Wer Einträge über sich Grundlage des EuGH-Urteils
mission darüber, dass selbst gelöscht haben will, so nicht sein. Wir werden auf
Kommunen künftig wieder kann das dort beantragen. den Schutz der Anonymität
DSL-Projekte mit öffentli- Allerdings will die größte achten“, sagt ein Google-
chen Geldern fördern dürfen. Suchmaschine der Welt Ein- Sprecher. Allein am vergan-
Eine entsprechende finan- träge nicht einfach entfernen. genen Freitag erreichten
zielle Unterstützung war seit „Aus Transparenzgründen Google europaweit bereits
Anfang des Jahres nicht mehr wollen wir neben dem Hin- 12 000 Löschgesuche, heißt es
möglich. Die nun erfolgte weis, dass bei den Suchergeb- im Unternehmen. Anders
Anpassung der „Bundesrah- nissen Treffer nicht ange- als Google möchte Konkur-
menregelung Leerrohre“ zeigt werden, auch Informa- rent Bing vorerst abwarten
hilft vor allem ländlichen Re- tionen über das Ausmaß der und kein Löschformular ein-
gionen. Dort haben noch Löschanfragen insgesamt ge- richten. Derzeit erreichten
immer beträchtliche Teile der ben“, heißt es bei Google. die Suchmaschine nur sehr
Bevölkerung und etliche Das könnte in Zukunft etwa wenige Löschgesuche, so
Firmen keinen Zugang zum im Rahmen des halbjähr- Bing-Betreiber Microsoft.
schnellen Internet, da der lichen Transparenzberichts Dies liegt wohl auch daran,
Netzausbau für die etablier- geschehen, den das Unter- dass Bing in Deutschland
ten Telekommunikations- nehmen seit 2010 erstellt. Bis- nur einen Marktanteil von
konzerne unwirtschaftlich ist. lang können gelöschte Ein- drei Prozent hat. mum

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Wir Couch-Kommissare
TV-Phänomene Lange galt der ARD-Krimi als piefiges Überbleibsel
vergangener Zeiten. Inzwischen versammeln sich sonntags fast zehn Millionen
Zuschauer vor dem Bildschirm. Wie macht die Reihe das?

Komödianten Prahl, Liefers


Titel

W
enn der „Tatort“ auf die Wirk- Es spricht vieles dafür, dass der Sieges-
lichkeit trifft, kann das schon mal zug der Reihe in Münster seinen Anfang
zu Irritationen führen. Wie vor nahm. Mit Hauptkommissar Frank Thiel
ein paar Jahren in einem Berliner Super- und Rechtsmediziner Prof. Dr. Karl-Fried-
markt, als Klaus J. Behrendt am Kühlregal rich Boerne, die jeden Todesfall zur Num-
entlangschlich, um den Standort der Butter mernrevue machen.
zu ermitteln, und dabei mit einer alten Mit Boerne und Thiel begann 2002 für
Dame zusammenstieß. den „Tatort“ eine neue Zeitrechnung. Was
Langsam schaute sie an dem Schauspie- die beiden trieben, war kein Krimi, son-
ler empor. Als ihre Blicke sich trafen, er- dern eine holzschnittartige Variante des
schrak sie, tippte ihn an und zischte ver- verrückten Paars Walter Matthau und Jack
schwörerisch: „Ballack!“ Lemmon. Thiel, der Schluffi, Boerne, der
Zumindest was die Bedeutung ihres Ge- Gockel. Innig verbunden im Dauerclinch.
genübers anging, lag die Frau richtig. Sie „Der Kriminalfall ist bei uns oft nur eine
war mit einer nationalen Ikone kollidiert: in Kauf genommene Nebensache“, sagt
„Tatort“-Kommissar Max Ballauf aus Köln. Axel Prahl, der den Kommissar Thiel
Auch sein Spiel dauert 90 Minuten. Auch spielt. „Wichtiger ist, welche Kabinettstück-
von ihm hängt das Wohlbefinden der Deut- chen die beiden daraus entwickeln.“
schen ab. Dabei war ursprünglich eine andere
Sind Ballauf und Kollegen in Form, er- Konstellation vorgesehen. Ulrich Noethen
geht die Republik sich in wohligem Schau- hätte Prahls Konterpart geben sollen, sagte
er. Dilettieren sie, jault das Land auf. Mal jedoch kurz vor Drehbeginn ab. So kam
für Mal schalten Millionen ein. „Der ,Tat- Jan Josef Liefers zu der Rolle des überkan-
ort‘ funktioniert wie die Bundesliga“, sagt didelten Rechtsmediziners.
Behrendt. „Jedes Team hat seine Fans.“ Prahl sagt, der Erfolg sei ihm von vorn-
Galt der „Tatort“ noch vor einigen Jah- herein unheimlich gewesen. „Unsere erste
ren als Opa-Fernsehen, muss man nun Folge hatte fast neun Millionen Zuschauer,
selbst bei jungen Leuten damit rechnen, schon damals bin ich erschrocken. Als es
dass sie sonntags ab 20.15 Uhr nicht mehr dann mit elf und zwölf Millionen losging,
ans Telefon gehen. Oder höchstens ans wurde es gespenstisch. Ich stelle mir immer
Smartphone, um über den Krimi zu twit- vor, das ist eine Stadt, dreimal so groß wie
tern. Berlin, und alle starren auf den Kasten mit
Wie einst ihre Großeltern laden sie uns beiden drin. Das jagt mir bis heute ei-
Freunde zum Fernsehabend ein, und am nen Schauer über den Rücken.“
Montag ist der „Tatort“ der kleinste ge- Auf die Frage, wie lange er noch er-
meinsame Nenner fürs Bürogespräch. mitteln will, antwortet er stets: „Maximal
Gespanne, die seit mehr als einem Jahr- 25 Jahre.“ Immer wieder gab es Gerüchte,
zehnt ermitteln, stellen gerade ihren per- Prahl und Liefers wollten hinschmeißen.
sönlichen Quotenrekord auf. Manche „Tat- Genährt wurden die auch dadurch, dass
ort“-Chefs der ARD laufen montags schon die beiden vor zwei Jahren beim WDR
mit traurigem Gesicht herum, wenn sie vorstellig geworden waren, um sich über
nicht die Zehn-Millionen-Marke geknackt die Qualität eines Drehbuchs zu beschwe-
haben. ren. Ausgerechnet diese Folge aber er-
Zu den 50 meistgesehenen Sendungen reichte die beste „Tatort“-Einschaltquote
des vergangenen Jahres zählen 23 „Tat- seit 1993.
orte“, ähnlich populär waren nur Fußball- Den nächsten Fall mit den beiden zeigt
übertragungen. das Erste im September, ein weiterer wird
Es ist ein erstaunlicher Erfolg. Warum im Herbst gedreht. Die Verträge der Dar-
setzen sich jeden Sonntag Millionen Bun- steller laufen noch bis Jahresende, gerade
desbürger vor den Fernseher, um sich von verhandelt der WDR mit ihnen über eine
einer vorhersehbaren Handlung unterhal- Verlängerung.
ten zu lassen: ein Mord, Ermittler, Rätsel- Die größte Nummer soll aber noch kom-
raten, ein paar Irrläufer, dann aber garan- men. Der Sender plant einen Kinofilm mit
tiert die Auflösung? Boerne und Thiel. Mehrere Autoren arbei-
Was hat es auf sich mit diesem Sofa- ten bereits an einem Drehbuch, auch wenn
ritual, bei dem so zentrale Begriffe des rechtliche Fragen und die Finanzierung
Zusammenlebens verhandelt werden wie noch geklärt werden müssen. „Tatort“ als
Schuld, Verantwortung und Gerechtigkeit? großes Lichtspiel, das hat es seit Schiman-
Hat der Erfolg damit zu tun, dass der „Tat- skis „Zabou“ von 1987 nicht mehr gegeben.
ort“ in Zeiten von YouTube und Internet- Ob die Zuschauer aber auch für einen
FOTO: MARKUS TEDESKINO / WDR

TV das letzte Fernseherlebnis ist, mit dem Blödelkrimi ins Kino gehen?
gesellschaftlicher Konsens herzustellen ist? In Münster tun sie es bereits. Dort zeigt
der WDR den lokalen „Tatort“ stets ein
Animation: Der „Tatort“ paar Tage vor der TV-Ausstrahlung und
in Zahlen füllt damit mehrere Säle. Die Vorauffüh-
spiegel.de/app232014tatort rung soll ein Dank an die Münsteraner
oder in der App DER SPIEGEL sein. Dabei wird ein großer Teil gar nicht
DER SPIEGEL 23 / 2014 59
Titel

in ihrer Stadt gedreht, sondern in Köln, gen. Statt mit Bällen wurde nun mit Patro- Regie von Dominik Graf entstand „Frau
wo der WDR seinen Sitz hat und für die nen geschossen, anstelle der Nationalhym- Bu lacht“, der vielen bis heute als bester
40-köpfige Filmcrew keine Übernachtungs- ne stimmte die „Tatort“-Melodie auf den Film der Reihe gilt. Seit den Nullerjahren
kosten anfallen. Abend ein. „Plötzlich zeigte sich, wie sehr erfährt man viel über das Privatleben der
Zu den Vorführungen in Anwesenheit eine Krimireihe Gemeinschaft zu stiften Ermittler. Was wenig erbaulich ist, da viele
der Darsteller kommen vor allem Studen- vermag“, so Scherer. verkrachte Existenzen sind.
ten. Besonders hat es ihnen Claus Dieter Zwar waren „Tatort Kiel“ und „Tatort Die überraschendste Erkenntnis war für
Clausnitzer angetan, der Thiels kiffenden, Konstanz“ längst nicht so cool wie „CSI Scherer: „Die Figuren entwickeln sich
Taxi fahrenden „Vadder“ spielt. Wenn sie Miami“ und „CSI Las Vegas“. Schon bald kaum. Die wenigsten Folgen knüpfen an
dem 75-Jährigen im Kino gegenüberste- aber trat eine Reihe abgenutzter Ermittler Vorangegangenes an.“ Das hat auch wirt-
hen, behandeln sie ihn wie ein Denkmal: ihren Ruhestand an, darunter Biedermän- schaftliche Gründe: Episoden, die kein
„Dürfen wir Sie mal anfassen?“ ner wie der schwäbelnde Bienzle. Ihre jün- Wissen voraussetzen, lassen sich problem-
Und ist Not am Mann, sind die Fans geren Nachfolger sind körperlicher. Und los wiederholen. Kommissar Leitmayr aus
selbstverständlich für ihre Helden da: Als vermeiden trotz regionaler Verankerung je- München, dem gerade noch ein Messer im
Til Schweiger voriges Jahr mit 12,74 Mil- den Anschein von Provinzialität. In welcher Rücken steckte, soll in der nächsten Folge
lionen Zuschauern den Bestwert des Stadt ermittelt wird, ist bisweilen nur am wieder durch die Gegend springen, als
Teams Münster übertraf, der bei 12,19 Mil- Dialekt der Sekretärin zu erkennen. Der wäre nichts gewesen.
lionen lag, startete ein junger Münsteraner bundesweiten Akzeptanz mag das dienlich Erst in der jüngsten Zeit hat der WDR
eine Facebook-Aktion. Unter dem Motto sein. Eine vier Jahrzehnte alte Krimireihe versucht, eine Ermittlung doch mal auf
„Rekord-Quote für Münster“ rief er dazu ist so zum Volkssport geworden. mehrere Episoden auszudehnen. In Dort-
auf, den nächsten Fall einzuschalten, in Doch wirklich alt ist beim „Tatort“ nur mund versucht Kommissar Faber seit sei-
der Hoffnung, dass viele der Angespro- der Vorspann. Wie sehr die Nation selbst nem Dienstantritt 2012, den Tod seiner
chenen eine Quoten-Messbox zu Hause daran hängt, zeigte die hitzige Debatte Frau aufzuklären. Scherer führt diese Ent-
hätten. Tatsächlich kam der Fall auf fast über den Vorschlag Til Schweigers, man wicklung auf den Einfluss der amerikani-
13 Millionen Zuschauer. Wie groß der Face- könne das olle Ding doch aufmöbeln. schen Serien zurück, die über eine ganze
book-Beitrag gewesen sein mag, ist un- Ansonsten hat sich der Klassiker ständig Staffel die Spannung halten.
klar – doch Schweiger war besiegt. gehäutet. Wie, das kann „Tatort“-Forscher Die Schauspielerin Maria Furtwängler
Letztlich aber nutzen die Teams einan- Scherer erklären. In den zurückliegenden wiederum ließ sich eine Schwangerschaft
der mehr, als dass sie einander schaden. drei Jahren haben er und seine Kollegen ins Drehbuch schreiben, als Zeichen der
Tatsächlich schwören in der ARD viele, im Rahmen eines Forschungsprojekts Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf.
die starken Münsteraner hätten die ande- 500 von mehr als 900 Folgen gesichtet. Inzwischen zweifelt sie daran, ob das so
ren Teams mit nach oben gezogen. Sogar Die Erkenntnisse wollen sie im Oktober klug war. Denn nicht immer lässt sich der
die kleine Ostschwester „Polizeiruf 110“ in einem umfangreichen wissenschaft- kleine Sohn dramaturgisch sinnvoll einbin-
hat davon profitiert. Erfolg schafft Erfolg. lichen Werk vorlegen. den. „Man kann ja nicht nur zeigen, wie

FOTOS: FRANKUDO.COM (O.); RÖHNERT / ULLSTEIN BILD; KPA / SÜDD. VERLAG; NDR 3
Oder wie es ein ARD-Fernsehfilmchef for- Die Kurzform geht ungefähr so: Anfangs ich ihn zur Kita bringe oder dort abhole.“
muliert, der damit nicht zitiert werden war der „Tatort“ experimentell, ein kriti- Aber jetzt ist er nun mal da. „Ein Lieb-
möchte: „Der Teufel scheißt immer auf sches Fernsehspiel. Wie in der Nouvelle haber kann in der nächsten Folge erschos-
den größten Haufen.“ Vague wurde schon mal die Handkamera sen werden. Ein Kind nicht“, sagt sie.
Um den Höhenflug des „Tatorts“ zu er- eingesetzt. Der erste Fall „Taxi nach Leip- Furtwänglers „Tatorte“ zählen zu den
klären, muss man noch einmal in die Welt zig“ war ein Roadmovie, Kommissar Trim- wenigen, bei denen mehr Frauen als Män-
des Fußballs blicken, auf die WM 2006. mel paffte und trank sich durch den Film, ner einschalten. Grundsätzlich ist die Be-
Die brachte den Deutschen das gemein- ließ sich zur Vernehmung ein Gläschen geisterung für den Sonntagskrimi auf beide
schaftliche Fernsehen bei, auf Marktplät- Cognac eingießen und brachte mit Sätzen Geschlechter gleich verteilt.
zen, in Fußballstadien oder Kneipen. wie „Det lassen wir mal, Junge“ einen An- Kann man diese Liebe der Deutschen zu
„Ohne diese Weltmeisterschaft im eigenen greifer dazu, die Waffe stecken zu lassen. ihrem „Tatort“ als Ausdruck einer Art neu-
Land hätte sich Public Viewing bei uns Mit Hansjörg Felmy als Kommissar Ha- en Patriotismus werten? Weil sie sich darin
wohl nicht so schnell durchgesetzt“, sagt ferkamp wurde die Reihe bürgerlicher. Aus wiedererkennen, ihre Lebenswirklichkeit
der Karlsruher Literaturwissenschaftler den Achtzigerjahren blieb eigentlich nur und Gewohnheiten reflektiert sehen?
und „Tatort“-Forscher Stefan Scherer. Schmuddelkommissar Horst Schimanski Als Spiegel der Gesellschaft taugt die
Wenig später begannen die Gastwirte im Gedächtnis. In den Neunzigern wurden Reihe nur bedingt. „Tatort“-Deutschland
mit sonntäglichen „Tatort“-Übertragun- die Folgen wieder kunstvoller, unter der ist verseucht von Gier und Habsucht, ein

„Tatort“ 1970 „Taxi


nach Leipzig“
1973 „Tote Taube in der Beethovenstraße“
Irritierende Krimi-Montage des US-Regisseurs
1973 „Tote brauchen
keine Wohnung“
1975 „Tod im
U-Bahnschacht“
Krimi-Chronik In der ersten Folge Samuel Fuller. Musik von der Kölner Avant- Landet für 20 Jahre Ein Türke illegal in Deutsch-
ermittelt Kommissar garde-Band Can. Lief in den USA im Kino. im Giftschrank, weil land. Franz Josef Strauß
Paul Trimmel (Walter die Handlung um einen beschwert sich beim
Richter) auf eigene Miethai (Walter Sedl- Sender über die brutale
Faust in der „Ostzone“. mayr) linkslastig geriet. Darstellung eines Mordes.

1970 1975
1971 „Exklusiv!“ 1974 „Nachtfrost“ 1974 „Kneipen-
Bereits 1969 gedreht. Eine Einschaltquote bekanntschaft“
Damals noch nicht für von 76 Prozent Gastauftritt von
den „Tatort“ vorge- für Klaus Schwarz- Udo Lindenberg
sehen. Somit älteste kopf als Kommissar mit seinem
Folge überhaupt. Finke. Panikorchester.
60 DER SPIEGEL 23 / 2014
Richter in „Taxi nach Leipzig“
„Tatort“-Dreharbeiten in Köln: Das Spiel dauert 90 Minuten

Land voller Dramen, Verzweiflung und so- Der Philosoph Wolfram Eilenberger Seit Beginn der Reihe sind die meisten
zialer Ungleichheit. Dort wird geschossen, nennt die sonntägliche Leichenschau ein Fälle der Lebenswelt der Zuschauer ent-
vergewaltigt, vergiftet, erdolcht. Die Bot- „gesellschaftsdeckendes Reinigungs- und nommen. So hat es der „Tatort“-Erfinder
schaft lautet: Trau niemandem, dem netten Reflexionsritual“. Der kollektive Läute- und spätere WDR-Fernsehfilmchef Gun-
Nachbarn so wenig wie deiner Ehefrau. rungsprozess habe sich vom morgend- ther Witte 1970 festgelegt, als Gegenstück
Möchte man in diesem Land leben? lichen Kirchgang auf den Abend ver- zur ZDF-Reihe „Der Kommissar“, die, wie
Nicht um 20.18 Uhr, wenn die Leiche schoben, schreibt er in dem gerade später „Derrick“, bevorzugt in Münchner
ans Ufer geschwemmt wird. Nicht um erschienenen Buch „Der Tatort und die Villenvierteln spielte.
21.23 Uhr, wenn der Kommissar in einen Philosophie“. Häufig diktiert die Wirklichkeit die
Hinterhalt gelockt wird. Umso lieber aber Der „Tatort“ sei „Aufklärung par ex- Inhalte. Der Überfall auf den Geschäfts-
um 21.43 Uhr, da trinken die Ermittler an cellence“, so Eilenberger: Er inszeniere mann Dominik Brunner an einer Münch-
der Würstchenbude mit Domblick ihr den absehbaren Siegeszug einer morali- ner S-Bahn-Haltestelle etwa hat gleich
Kölsch oder feiern auf dem Polizeirevier schen Vernunftordnung gegen die trieb- zwei Drehbuchautoren der Reihe inspi-
den Geburtstag einer Kollegin. haften Kräfte der Unvernunft. Zunächst riert.
Der Bundesbürger kann mit gutem Ge- verborgene Ursachen und Gründe würden Die Grimme-Preisträgerin Dorothee
fühl zu Bett gehen, hat er doch wenigstens ans Licht gebracht, schlüssige Erklärungs- Schön sagt, genau deshalb schreibe sie so
für kurze Zeit Orientierungshilfe bekom- ketten geknüpft, und der gern Drehbücher für den
men. Der Sonntagabend ist zur Verschnauf- Schuldige werde so einer ge- „Tatort“: „Hier kann ich
pause geworden, bevor sich der Wahnsinn rechten Strafe zugeführt, mich mit gesellschaftlich
einer immer komplexeren Welt am Mon- ohne Rücksicht auf seinen relevanten Themen ausei-
tagmorgen von Neuem Bahn bricht. Stand und seine Herkunft. nandersetzen. In Deutsch-

1977 „Reifezeugnis“ 1978 „Rot–rot–tot“ 1978 „Der Mann 1984 „Haie vor Helgoland“
Nacktszenen kurz nach der „Tagesschau“. Curd Jürgens in auf dem Hochsitz“ Debüt von Manfred Krug
Start zweier Weltkarrieren: für Nastassja der Hauptrolle. Erste Ermittlerin: als Kommissar Stoever.
Kinski und den Regisseur Wolfgang Petersen Der „Tatort“ mit den Nicole Heesters Später nutzen echte
(„Das Boot“). meisten Zuschauern: als Kommissarin Krug in Gangster den Krimi als
26,6 Millionen. Buchmüller. „Haie vor Vorlage für ihren Raub auf
Helgoland“
einem Passagierschiff.

1980
Kinski,
Schwarzkopf 1981 „Duisburg – Ruhrort“ 1981 „Grenzgänger“ 1982 „Wat Recht is,
in „Reife- Götz George als Schimanski: Erstes „Tatort“-Drehbuch mutt Recht bliewen“
zeugnis“ ein Kommissar in dreckiger von Felix Huby alias Einmaliges Experiment:
Unterhose entfacht eine Eberhard Hungerbühler. ein plattdeutscher „Tat-
Debatte um das Polizisten- Mit Scripts für 34 Folgen ort“ mit hochdeutschen
bild im Fernsehen. häufigster Autor. Untertiteln.
DER SPIEGEL 23 / 2014 61
Titel

land ist das nirgends so gewünscht wie im erhoben. Die Unterhaltung, so scheint es, kreuz schmücken wollte. Die beiden Pas-
Krimi.“ entfaltet für manche erst dann ihren vollen toren, die zu einem „Tatort-Gottesdienst“
Allerdings unterscheidet sich die Sonn- Genuss, wenn sie den „Tatort“ auf Twitter einladen wollten. Oder Gaststätten, die
tagswirklichkeit vom echten Leben. Ent- mit Spott übergießen können. sich offiziell „Tatort-Kneipe“ nennen woll-
gegen der Kriminalstatistik sind die Täter Dabei geht es entweder ernsthaft zu, ten. Mit Bierdeckeln, Fußabdruck-Aufkle-
im „Tatort“ selten Ausländer oder Migran- wie etwa bei jenen Innen- und Rechtspoli- bern und Flugblättern, die auf die sonn-
ten. Schon allein, um die Reihe nicht dem tikern der Grünen, die als @TatortWatch tägliche Ausstrahlung hinweisen, versorgt
Rassismusverdacht auszusetzen. eine Zeit lang jede Folge darauf abklopf- die ARD sie dagegen gern. Auch eine „Tat-
Eine Ausnahme bildet der Kampf gegen ten, ob die Kommissare mal wieder die ort“-App ist in Planung.
den kurdischen Astan-Clan bei Til Schwei- Bürgerrechte verletzten. Noch lieber als auf Twitter betreibt
ger, der im kommenden Jahr mit einer Oder mit ironisch-bissigem Unterton, Henke seine Zuschauerforschung in der
Doppelfolge sein Ende finden soll. Oder wie beim ersten Einsatz Til Schweigers. U-Bahn. Bevorzugt montagsmorgens, auf
der berühmt gewordene Aleviten-„Tatort“ Hier echauffierte man sich auf Twitter über der Fahrt von seiner Wohnung zum WDR
mit Maria Furtwängler von 2007, der einen den „Nuschel-Til“ und die angeblich man- am Appellhofplatz. Er will wissen, ob die
solchen Massenprotest der Religionsgrup- gelhafte darstellerische Kraft seiner Toch- Leute über den „Tatort“ sprechen. Über
pe nach sich zog, dass der damalige Vize- ter. Die Süddeutsche Zeitung nennt diese ihre fiktiven Mitbürger Ballauf und Schenk
kanzler Frank-Walter Steinmeier vor ei- Zuschauer „Twitter-Spießer“ und ihre hört er die Kölner manchmal reden wie
nem Kulturkampf warnte. Die Folge wird Tweets „ein allsonntägliches Fest der hä- über alte Bekannte.
seither im Giftschrank des NDR verwahrt. misch schlechten Laune“. Am Morgen nach dem jüngsten Fall be-
Die Aufklärungsquote der „Tatorte“ liegt Gebhard Henke hingegen findet für die- lauschte Henke zwei Frauen, beide Mitte
bei nahezu hundert Prozent. Denn Ord- ses Phänomen freundliche Worte. Der vierzig. Der einen dämmerte gerade, dass
nung muss sein in deutschen Wohnzim- Fernsehfilmchef des WDR tummelt sich sie offenbar das Ende verpasst hatte. Sie
mern, sonntags um Viertel vor zehn. Sonst gern in den sozialen Netzwerken. „Auch hatte den Fernseher nach der obligatori-
gehen die Zuschauer auf die Barrikaden. wenn es manchmal wehtut: Viele Kom- schen Szene an der Würstchenbude ausge-
NDR-Fernsehfilmchef Christian Grande- mentare sind brillant.“ Selbst Schimpf und schaltet, die üblicherweise die Folgen ab-
rath hat das 2012 erlebt, als er einen Han- Schande macht er sich zu eigen: „Die Er- bindet. Ihre Begleiterin erklärte sie darauf-
nover-„Tatort“ mit Maria Furtwängler aus- regung über das, was einem nicht gefällt, hin für blöd.
strahlte, der sich über zwei aufeinander- ist Teil der Begeisterung. Twitter ist eine Henke sagt, er unterscheide zwei Arten
folgende Sonntage erstreckte. Es ging um Form der Wertschätzung.“ von Zuschauern: jene, die eine Freund-
Menschenhandel und Zwangsprostitution. Henke ist nicht nur für die Kriminaler schaft mit den Kommissaren eingehen und
„Nach der ersten Folge hatte die in Köln, Münster und Dortmund zuständig. auch deren Privatgeplänkel mögen. Ihm
Kommissarin den falschen Täter gefasst. Er ist auch der „Tatort“-Koordinator der zufolge bilden sie die Mehrheit. „Die an-

FOTOS: KRAUSE-BURBERG / SWR (O.); HARDY SPITZ / MDR; CINETEXT; KPA / SÜDD. VERLAG
Scheinbar hatte das Unrecht gesiegt. Man- ARD. In dieser Funktion hat er „alle Er- dere Gruppe aber artikuliert sich lauter.“
che Zuschauer hatten aber nicht mitbe- mittler gleich lieb“. Die nennt er Puristen. Sie fordern etwa,
kommen, dass es eine Woche später den Viel reinreden kann er ihnen ohnehin dass die Kommissare sich mehr auf ihre
zweiten Teil geben würde, und waren ent- nicht. Jede ARD-Anstalt ist für ihre Krimis Ermittlungen konzentrieren sollen.
setzt“, sagt Granderath. Das NDR-Team selbst verantwortlich. Henke achtet ledig- Der Mannheimer François Werner, 40,
habe Hunderte Beschwerdebriefe und -an- lich darauf, dass Teams nicht zu dicht hin- gehört dann wohl zur zweiten Kategorie.
rufe bekommen. Noch ein Jahr später hät- tereinander zum Einsatz kommen. Und Er betreibt die Seite tatort-fundus.de, auf
ten verstörte Zuschauer ihm den Ausgang dass sich die Themen nicht doppeln. Trotz- der Fans sich über aktuelle Folgen und die
der ersten Folge bei einer Podiumsdiskus- dem kommt es vor, dass innerhalb weniger Historie der Reihe austauschen. Werner
sion vorgeworfen. Monate zwei „Tatorte“ im Zirkus spielen hat ein Buch in Vorbereitung mit 1000 „Tat-
Unmut über den „Tatort“ entsteht nicht und zwei im Gefängnis. Henke sagt, ort“-Fakten und ein Quiz zur Reihe. Bei-
nur in der Altersgruppe, die sonst typisch manchmal lasse sich das nicht vermeiden. des soll im Herbst auf den Markt kommen.
ist für die öffentlich-rechtlichen Sender. Er nennt das „koordinierte Anarchie“. Seinen ersten Fall hat er als Zehnjähri-
Die Diskussionen haben sich längst in die Zu seinen Aufgaben gehört zudem der ger gesehen. „Ich war ein Schlüsselkind
sozialen Netzwerke verlagert, die ureigene Schutz der Marke. Henke bestimmt, wer und habe oft ferngeschaut.“ Fasziniert hat
Domäne jüngerer Fernsehzuschauer. Sie den Namen und das Logo der Reihe be- ihn damals, dass im „Tatort“ so viel mehr
haben die in sparsamen 140 Zeichen poin- nutzen darf. Und das wollen viele. drinsteckte als in den immer gleichen ZDF-
tiert zusammengefasste Kritik am „Tatort“ Absagen bekamen etwa der Privatde- Krimis „Der Alte“ oder „Ein Fall für
zur neuen Stil- und Kommunikationsform tektiv, der seine Website mit dem Faden- Zwei“. Schon als Kind interessierte es ihn,

1985 „Zahn um Zahn“ 1988 1990 „Unter Brüdern“


Erster Kinofilm der „Tatort“-Reihe. „Moltke“ Erste Koproduktion zweier
1987 folgt noch „Zabou“, beide Male Erster Erfolgsserien: Westdeutsche
mit Schimanski. Klaus Lage komponiert Grimme- „Tatort“-Kommissare tun sich
den Ohrwurm „Faust auf Faust“. Preis für mit den ostdeutschen Ermitt-
einen lern vom „Polizeiruf 110“
„Tatort“. zusammen.

1985 1990
1986 „Der Tausch“ George in 1992 „Ein Fall für Ehrlicher“
„Zahn um Zahn“
Dieter Bohlen komponiert Der erste von 45 Fällen, die
einen erfolgreichen Titel- Peter Sodann als sächsischer
song: „Midnight Lady“, Kommissar bis 2007 aufklären
Sodann in
gesungen von Ex-Smokie- seinem letzten Fall muss. Damit ist er einer der
Sänger Chris Norman. „Die Falle“, 2007 fleißigsten Ermittler.
Schauspielerin Folkerts als „Tatort“-Kommissarin Lena Odenthal: Wie viel echtes Leben vertragen die Deutschen am Sonntagabend auf der Couch?

wenn Bild mal wieder gezählt hatte, wie Werner sagt, er wünsche sich mal wieder der Figur sperrte sich ihr Filmgatte Felix
oft Schimanski pro Film „Scheiße“ sagte. einen Kriminalfall, der nur ein Kriminalfall Klare: „Ich hätte da ja mindestens acht Fol-
Werner kann von mehr als drei Jahr- ist. „Früher hat das doch auch funktio- gen lang dran knabbern müssen. Das hätte
zehnten „Tatort“-Liebe schwärmen. Ohne- niert.“ eine Schwere über die ganzen Filme ge-
hin glaubt er, dass der heutige Erfolg im Manchmal allerdings hat die Betroffen- legt.“ Stattdessen trennen die beiden sich
Wesentlichen auf dem beruht, was in den heit der Beamten ganz banale Gründe. So nun, und das über mehrere Folgen hinweg.
frühen Jahren gesät wurde. Gerade aber wie in Stuttgart. Dort hadert Felix Klare Daraus ist so etwas wie das Markenzei-
sorgt er sich ein bisschen um eine Reihe. als Kommissar Sebastian Bootz gerade mit chen des Schauspielers geworden. Leute
Kritisch sieht er vor allem „die Überflu- dem Auseinanderbrechen seiner Familie. sagen auf der Straße: „Sie sind doch der
tung mit Teams“, 22 sind es inzwischen, Schuld daran trägt die Schauspielerin Maja aus Stuttgart, dem die Frau weggelaufen
inklusive Wien und Luzern. Sogar Franken Schöne, die bisher seine Frau spielte. Als ist?“
hat jetzt eigene Ermittler. sie der Redaktion verkündete, keine Lust Der nächste Stuttgarter Fall läuft am
Und er bemängelt, dass die Beamten mehr auf den „Tatort“ zu haben, war die Pfingstmontag. Darin bekommt Bootz per
neuerdings immer persönlich in den Fall Bestürzung groß. Post die Scheidungspapiere, die ihn sicht-
involviert sind. Im jüngsten „Tatort“ mit Was also tun? lich mehr mitnehmen als die neben ihm
Wotan Wilke Möhring etwa war die Tote Sie durch eine andere Darstellerin zu liegende Leiche.
eine Liebschaft des Kommissars. Eine ersetzen erschien albern. Gegen den Tod Es wird die letzte Erstausstrahlung bis
Woche später wiederholte sich das Muster August sein. Denn mit dem „Tatort“ ist es
bei den Münchnern. Am Sonntag darauf wie mit den Schokopralinen von Mon Ché-
wurde dann Max Ballauf vor die Kölner Miroslav Nemec, ri: Im Sommer gibt es keine neuen. Aber
U-Bahn geschubst. Udo Wachtveitl selbst die Wiederholungen werden vermut-
in „Frau Bu lacht“

1992 „Stoevers Fall“ 1994 „… und die 1997 „Tod im All“ Ulrike Folkerts mit
Ein Kommissar Musi spielt dazu“ Gleich drei Gast- Lück und Engelke
Lindemann wird Die 300. „Tatort“-Folge auftritte bei Kom-
vom „Hitparaden“- feiern die Münchner missarin Lena
Moderator Dieter Leitmayr und Batic Odenthal: Anke
Thomas Heck mit einem Gastauftritt Engelke, Ingolf Lück
gespielt. in der„Lindenstraße“. und Nina Hagen.

1995
1995 „Frau Bu lacht“ 1998 „Manila“
Zum 25-jährigen „Tatort“- Kammerspiel um Kindesmissbrauch
Jubiläum inszeniert Dominik und Sextourismus mit offenem Ausgang.
Graf eine Folge, die den Preis Anschließend diskutieren Klaus J.
Heck mit für den besten deutschen Behrendt und Dietmar Bär in einer Talk-
Manfred Krug Film erhält (Hofer Filmtage). sendung mit Sabine Christiansen.
DER SPIEGEL 23 / 2014 63
Titel

„Tatort“-Dienstorte seit Sendebeginn 1970


aktuelle Kiel
lich höhere Quoten erreichen als ehemalige 30 Schön bis heute peinlich sind. Im
viele anderen Filme bei ihrer Abspann tauchte dann der Name
1 Cuxhaven 2 Lübeck
Premiere. Hamburg eines Koautors auf, den es nie ge-
1 Stade 81
Der Erfolg der Reihe, so könnte man geben hat. Es war das Pseudonym
meinen, müsse die Sender durchweg mu- Bremen 32
des Produzenten.
tiger machen. Trotzdem sind viele Fol- Mit den Anstalten müssen Autoren
gen nach Schema F gebaut. Leiche, Berlin und Produzenten nicht nur über die Fra-
75
Kommissar, bei der Ehefrau klin- 27 Hannover ge diskutieren, was der Zuschauer ver-
geln: „Wo waren Sie gestern zwi- Essen trägt. Sondern auch darüber, wie viel
26 Münster
schen zehn und elf?“ Duisburg das Filmteam aushält. Denn die Bud-
Axel Prahl sagt, er würde sich 29 22 4 Dortmund Leipzig Dresden gets der „Tatorte“ sind trotz des wach-
mal einen Fall wünschen, in dem 15 Düsseldorf 41 senden Erfolgs nicht gestiegen, teil-
1 Erfurt 21
kein Mord geschieht, sondern Köln 1 Weimar weise sogar gesunken.
64 2 Bonn
einer verhindert wird. Selbst am Leuchtturm „Tatort“ wird ge-
Auch Ulrike Folkerts hat einen 3 Wiesbaden Frankfurt spart – auch wenn es dem Zuschauer meist
„Tatort“-Traum. Als Lena Oden- 4 Mainz 67 nicht auffällt. Die Teams in Köln oder Müns-
thal ist sie in Ludwigshafen die Ludwigshafen 1 Heppenheim ter etwa teilen sich seit je die Patho-
59 2 Mannheim
dienstälteste Ermittlerin der Rei- Saar- 1 Heidelberg logie, die drei SWR-Ermittler
he. Mit ihrem 60. Fall begeht sie brücken 34 1 Heilbronn sogar ein ganzes Haus am Sen-
im Oktober ihr 25-jähriges Dienst- Stuttgart dersitz Baden-Baden. Im Erd-
3 Karlsruhe 11 49 1 Ulm
jubiläum. Baden-Baden geschoss befindet sich das
Hätte sie alle Freiheiten, eine München Wien Büro von Lena Odenthal, im
93 75
Folge zu gestalten, sähe die so 1 Freiburg ersten Stock sitzt Klara Blum,
aus: „Lena wäre verliebt, am Feiern, Konstanz 26 ÖSTERREICH im zweiten sind die Stuttgarter.
Lachen und in glücklichen Momenten Unter Fans hat das „Tatort“-Haus
6 Luzern 1 Friedrichshafen
zu sehen, sie würde mal zu viel vom Bern 12 deshalb Berühmtheit erlangt.
wahren Leben einatmen, den Fall als SCHWEIZ Manchmal aber leidet die Produk-
Quelle: „Tatort“-Fundus
störend empfinden, weil er ihre Frei- tion darunter, dass nicht ein paar Millionen
heit und Freizeit beschränkt, sie wäre für Euro pro Folge zur Verfügung stehen wie
ihre Kollegen eine Zumutung und perma- 16 „Tatorte“ hat sie bereits verfasst, für für die gepriesenen amerikanischen Serien.
nent hin und her gerissen zwischen Liebe verschiedene Teams. Die nächste Münster- Sondern eben nur die üblichen 1,3 bis
und Tod.“ Folge, in der es um einen Pharmaskandal 1,5 Millionen. Es sei denn, der Haupt-
Doch beides wird vorerst Wunschtraum gehen wird, stammt von ihr. darsteller heißt Til Schweiger.
bleiben. Spricht man mit „Tatort“-Ma- Sie ist überzeugt, dass die übliche Kri- Aus Spargründen werden Drehbuch-
chern, kommt man früher oder später auf midramaturgie, in der nacheinander die autoren schon mal angehalten, eine Sprech-
die Frage: Wie viel kann man den Zu- Verdächtigen abgeklappert werden, inzwi- rolle zum Statisten zu schrumpfen. Denn
schauern eigentlich zumuten? Wie viel schen auch den Zuschauer langweilt. wer nicht redet, erhält nur eine mickrige
echtes Leben vertragen die Deutschen am „Wenn einer finster in die Kamera guckt, Gage. Außendrehs sollen am liebsten in
Sonntagabend auf der Couch? Ziemlich glaubt heute doch niemand mehr, dass das Innenräume verlagert werden, Nachtsze-
viel, gerade beim „Tatort“, glaubt Dreh- der Mörder ist. Je verdächtiger sich einer nen in den Tag. Dreharbeiten mit Kindern
buchautorin Schön. Sie würde gern mal am Anfang verhält, desto schneller weiß oder Tieren: schwierig, da unberechenbar.
einen schwulen Kommissar erfinden. Oder der Zuschauer: Der war es nicht.“ Auch die Anzahl der Drehtage hat bei
ein Team, das aus zwei Frauen besteht. Wer als Autor die bekannten Pfade des vielen Teams abgenommen. Früher waren
Überhaupt würde sie gern mehr Experi- Erzählens verlassen will, muss bei den für einen „Tatort“ schon mal 25 Tage üb-
mente wagen in ihren Drehbüchern. „Der Sendern Überzeugungsarbeit leisten. Meist lich, heute sind es im schlechtesten Fall 21.

FOTOS: HORST OSSINGER; BR


Zuschauer denkt weit weniger schema- gelingt Schön das. Nur einmal hat sie sich Schauspieler wie Klaus J. Behrendt, die
tisch, als mancher Fernsehredakteur mit den „Tatort“-Verantwortlichen eines sich das erlauben können, haben sich eine
glaubt“, sagt Schön. „Gibt es in den ersten Senders verkracht. Weil denen ihr Dreh- Mindestanzahl von 23 Tagen vertraglich
Minuten keine Leiche, kann ein Redak- buch nicht klamaukig genug erschien, zusichern lassen.
teur schon mal nervös werden. Der Zu- schrieben sie noch ein paar groteske Wen- Dabei ist der „Tatort“ inzwischen so
schauer nicht.“ dungen hinein, die stark, dass seine Kraft auf andere aus-

2001 „Bestien“ 2003 „Im Visier“ 2006


Löst heftige Aufregung bei der Münchner „Außer Gefecht“
Diskussionen Polizei: Die Polizeitaktik bei Erste Folge in
um eine Lynchjustiz einer Geiselnahme wird Echtzeit. Die
unter Mithilfe der so detailliert dargestellt, Handlung spielt
Kommissare Ballauf dass ein Maulwurf unter den zwischen 20.15
und Schenk aus. Beamten vermutet wird. und 21.45 Uhr.

2000 2005
2000 „Quartett in Leipzig“ Wachtveitl und Nemec
Je zwei Kommissare in „Außer Gefecht“
aus Köln (WDR)
und Leipzig (MDR) Armin Rohde, Klaus J. Behrendt
ermitteln und Dietmar Bär in „Bestien“
gemeinsam.
Titel

strahlt. Andere Medien leben gut von ihm. Schulter getackert wurden. Gemeinsam
Und er von ihnen. mit „Tatort“-Koordinator Henke hat
Die Süddeutsche Zeitung begleitet jede Brandt für Mitte Juni alle Fernsehfilmchefs
Folge mit einer Vorkritik, SPIEGEL ONLINE zu einer Tagung einberufen – in Begleitung
kommentiert live via Twitter. Bild und neu- der sendereigenen Jugendschützer.
erdings auch faz.net warten nach der Aus- Auch HR-Fernsehfilmchefin Liane Jessen
strahlung mit einem Faktencheck auf, der sorgt sich um die Marke. Sie sagt: „Wir müs-
Krimi und Wirklichkeit abgleicht. Die drit- sen schauen, dass wir das Ding nicht zu
ten ARD-Programme erzielen mit den sehr aufblähen. Sonst fliegt es uns irgend-
Wiederholungen Bestwerte. Und Günther wann um die Ohren wie die Immo-
Jauch profitiert, wenn der vorangehende bilienblase.“ Noch aber pumpt Jessen kräf-
Krimi ihm den roten Teppich auslegt. tig mit. Innerhalb der „Tatort“-Riege ist ihre
Vom letzten Fall aus Köln hatte Jauch Redaktion das Zentrum des produktiven
das Thema Jugendkriminalität übernom- Wahnsinns. Denn sie verantwortet die Fälle
men. Klaus J. Behrendt war zum Talk ein- von Ulrich Tukur alias Kommissar Felix
geladen, ging aber nicht hin, „weil ich zwar Action-Darsteller Schweiger Murot, der gerade von seinem Gehirntumor
meine persönliche Meinung zum Thema „Nuschel-Til“ Lilly befreit wurde, mit dem er sich in den
Jugendgewalt habe, aber denke, dass diese ersten beiden Folgen unterhalten hatte.
in einer Expertenrunde nicht relevant ist“. aufzustellen“. Auch die beiden Darsteller Der nächste Tukur-Fall, der im Oktober
Jauch erreichte mit der Sendung die bis wollen sich zu ihrem Aus nicht äußern. zu sehen ist, wird als Rekord in die „Tat-
dahin beste Quote des Jahres. Im Sender heißt es, die beiden hätten ort“-Geschichte eingehen: Zu verzeichnen
Am Segen des „Tatorts“ möchte auch sich ausgezeichnet verstanden. Doch habe sind 47 Tote. Mehr als doppelt so viele wie
so manche sächsische Stadt teilhaben, de- die Boulevard-Berühmtheit Thomalla stets beim bisherigen Leichenrekord, dem zwei-
ren Oberbürgermeister bereits beim MDR versucht, mit der Schauspielkunst von ten Schweiger-Fall.
vorstellig geworden ist. Der Sender sucht Theaterstar Wuttke mitzuhalten, was ihr Der Film beginnt mit einem Theatermo-
gerade ein neues Team für seinen Sach- sichtlich schwerfiel. nolog im Stile Shakespeares, gleitet über
sen-„Tatort“. Da man sich noch nicht auf Wuttke wiederum, heißt es, habe eigent- in eine Szene auf einem Bahnsteig, die an
einen Ort festgelegt hat, bewerben sich die lich gar nicht so recht Lust aufs Fernsehen. „Spiel mir das Lied vom Tod“ erinnert. Die
Stadtoberen mit einem Elan, als ginge es Warum also zusammenpressen, was nicht Massenschießerei, auf die alles zuläuft, ist
um die Ausrichtung der Olympischen Spie- passt? Eine Marke zu pflegen bedeutet gefilmt im Stil Quentin Tarantinos, Blut
le oder mindestens der Bundesgartenschau. auch, sie von Ballast zu befreien. spritzt, das Bild gefriert. Das Massaker

FOTOS: NIKO SCHMID-BURGK / PHOTOSELECTION; CHRISTINE SCHOEDER /OBS; PICTURE ALLIANCE / DPA
Vermutlich werden sie wenig bewirken Beim „Tatort“ ist das immer ganz gut wird unterlegt mit Verdi-Chören, die Film-
können. Denn es wird weniger auf die An- gelungen. Anders als dem ZDF mit „Wet- musik gestaltet das HR-Sinfonieorchester.
mut einer Stadt ankommen als auf das pas- ten, dass ..?“ ist es dem Ersten geglückt, „Man muss Grenzen austesten, um das
sende Konzept. Auf die Ausschreibung des sein wertvollstes Erbe in Schuss zu halten. Bestehende zu erhalten“, sagt Jessen. „Mit
MDR hin haben 35 Produzenten Vorschläge Doch schon sorgt man sich innerhalb dem ,Tatort‘ ist es wie mit einer guten Ehe.
für das neue Ermittlerteam eingereicht. Im der ARD, wie lange das noch gut gehen Man muss über die Stränge schlagen, da-
Sommer will der Sender darüber entschie- wird. „Auf jedes Hoch kann eine Abwärts- mit man den Alltag behalten darf.“
den haben. Mehr will Fernsehfilmchefin kurve folgen“, warnt Jana Brandt vom Und wer schon diese Tukur-Folge für
Jana Brandt dazu nicht verraten. MDR. „Die Frage ist, wie sehr wir die irre hält, sollte sich die übernächste an-
Fest steht: Simone Thomalla und Martin Grenzen ausdehnen können.“ schauen. Zu Beginn des Films soll der „Tat-
Wuttke, die beiden Ermittler aus Leipzig, Im Moment treibt Brandt vor allem die ort“-Darsteller Ulrich Tukur verhaftet wer-
werden noch zwei Folgen drehen, die im Frage um, wie viel Gewalt der Sonntags- den. Am Ende trifft er auf Kommissar
kommenden Jahr zu sehen sind. Das war’s krimi verträgt. Die hat ihrer Ansicht nach Murot, die von ihm gespielte Figur, und be-
dann. Über die Gründe für die Absetzung zuletzt erheblich zugenommen. Und das ginnt mit ihm einen Dialog. Tukur spricht
schweigt Brandt, sagt nur etwas vom nicht nur in Hamburg, wo Schweiger als mit Tukur. Die Quadratur des „Tatorts“.
„Wunsch, die Krimifamilie des MDR neu Nick Tschiller schon mal Nägel in die In der ARD sind sie sich noch nicht einig,
wie sie die anstehenden Auswüchse des
HR einordnen sollen. Als neue Dimension
im Erzählen von Kriminalgeschichten.
Axel Milberg Oder als Anfang vom Ende.
und Sibel Kekilli Alexander Kühn
in „Borowski
und der 2013 „Willkommen
freie Fall“
in Hamburg“
Erster Einsatz für
Maria Furt- Til Schweiger als
wängler in nuschelnder „Tatort“-
„Wem Ehre
gebührt“ Kommissar Nick
Tschiller.

2010 2014
2007 „Wem Ehre gebührt“ 2012 „Borowski 2013 „Gegen den Kopf“
Inzestfall in einer alevi- und der freie Fall“ Die tödliche Attacke
tischen Familie. Nach der Um einen Mord aufzu- zweier Jugendlicher auf
Sendung kommt es zu klären, muss das Ermittler- einen U-Bahn-Gast ist
Protestaktionen der Duo den Tod Uwe Barschels angelehnt an den Fall
Aleviten in Deutschland. weiter erforschen. des Dominik Brunner.
Energie tet nun auf Rechtsmittel und stimmte „zur Vermeidung lang-
Geld zurück für Gaskunden wieriger Gerichtsverfahren“ einem Vergleich zu. Vergangene
Woche informierte das Unternehmen klagende Kunden in
Verbraucherverbände haben einen weiteren Sieg für Gaskun- Hamburg, die Rückzahlungen in zum Teil vierstelliger Höhe
den erzielt. Viele Bürger erhalten in diesen Tagen Erstattun- bekommen sollen. E.on will jedoch unbedingt vermeiden, dass
gen für zu hohe Abrechnungen. Bundesweit hatten sich Kun- viele Verbraucher davon erfahren. In den Schreiben an die
den gegen die sogenannte Wärmemarktklausel zur Wehr betroffenen Kunden heißt es, dass die Parteien „strengstes Still-
gesetzt. Damit behielten sich Energieversorger wie E.on oder schweigen“ zu bewahren hätten. Denn Sondervertragskunden,
RWE das Recht vor, bei bestimmten Kunden den Gaspreis ein- die sich den Klagen nicht angeschlossen haben, können noch
seitig erhöhen zu können. Verbraucherzentralen und Grund- gegen E.on vorgehen. Die Verjährungsfrist endet drei Jahre
eigentümerverbände stuften diese Klausel als unwirksam ein nach Kenntnis der möglichen Rückforderungsansprüche. Die
und haben im Namen von Verbrauchern Rückforderungs- Chancen auf Erfolg stünden gut, heißt es beim Hamburger
ansprüche gestellt. In zwei Klageverfahren haben Hamburger Grundeigentümerverband. Bereits 2013 hat der Bundesgerichts-
Gerichte rechtskräftig entschieden, dass die von E.on verwen- hof festgestellt, dass in RWE-Sonderverträgen die einfache
dete Preisanpassungsklausel unwirksam und damit sämtliche Bezugnahme auf die Regelung für Tarifkunden nicht genügt
daraus folgenden Preisänderungen ungültig sind. E.on verzich- und daher als Preisänderungsklausel unwirksam sei. red

Autoindustrie wegen dieses Sicherheitsman- tik an der Entscheidung des in den USA und Irland beun-
Noch mehr Unfälle gels ums Leben gekommen Bundes, die HRE-Tochter ruhigt. Auch werde der Ver-
seien. Das Problem war GM Depfa abzuwickeln. Der Len- lust in diesem Jahr höher aus-
mit GM-Modellen seit 2001 bekannt, wurde kungsausschuss des Soffin, in fallen als erwartet. Die Mit-
General Motors (GM) gerät aber nicht behoben, weil es dem unter anderem das Bun- arbeiter empfänden zudem
wegen der Probleme mit zu viel Zeit in Anspruch desfinanzministerium vertre- die Abwicklung als feindliche
Zündschlössern immer stär- genommen und zu viel Geld ten ist, hatte Mitte Mai ent- Übernahme durch die FMSW.
ker unter Druck. Der Auto- gekostet hätte. Insgesamt schieden, den geplanten Ver- Diese müsse nun schnell die
konzern gestand nun ein, musste General Motors in kauf der Depfa abzubrechen Verantwortung bei der Depfa
dass nicht wie bislang be- den vergangenen fünf Mona- und die Bank stattdessen in übernehmen. Weder HRE
FOTOS: ROLAND MAGUNIA / DAPD (L.O.); OLIVER LANG / DAPD (L.U.); RAINER WEISFLOG (R.)
hauptet 32, sondern 47 Unfäl- ten bereits Rückrufaktionen der staatlichen Bad Bank noch FMSW wollten sich zu
le auf die schadhaften Bautei- für über 15 Millionen Fahr- FMS Wertmanage- dem Brief äußern.
le zurückzuführen sind. Die zeuge starten. Das sind mehr ment (FMSW) abzu- Der Verkauf der
mangelhaften Zündschlösser Autos, als der Konzern pro wickeln. Der Bund Depfa galt auch als
konnten dazu führen, dass Jahr produziert. haw geht davon aus, Testlauf für die
der Motor sich bei voller dass so für den Steu- Privatisierung der
Fahrt abschaltet und Airbags erzahler mehr Geld HRE, die der Bund
deaktiviert werden. Nach Hypo Real Estate herauszuholen ist. auf Geheiß der
Konzernangaben soll dies zu Brandbrief an HRE-Chefin Better EU-Kommission
13 Todesfällen geführt haben. bevorzugte den Ver- 2015 loswerden
Die US-Verkehrssicherheits- Bundesregierung kauf an ein Investo- muss. Better warnt
behörde NHTSA dagegen Die Chefin der verstaatlich- renkonsortium und vor Kollateral-
geht davon aus, dass es noch ten Krisenbank Hypo Real warnt nun, die Ent- schäden durch
mehr Todesopfer gibt. Ein Estate (HRE), Manuela Better, scheidung zur Ab- die Absage des
Anwalt in Texas sagt, er allein legt sich mit der Bundesregie- wicklung könne die Depfa-Verkaufs. In
vertrete Familienangehörige rung an. In einem Brandbrief Depfa destabili- Berlin sorgt ihr
von 63 Menschen, die bei an den Bankenrettungsfonds sieren. So seien die Better Brandbrief für Irri-
Unfällen mit GM-Modellen Soffin übt Better massive Kri- Aufsichtsbehörden tationen. böl, mhs

68 DER SPIEGEL 23/ 2014


Wirtschaft
Tierschutz lichen Anfrage der Grünen
Die Verantwortung an die Bundesregierung her-
vor. Und die Summe könnte
der Ärzte noch höher werden: Derzeit
Die deutschen Tierärzte strei- untersuchen die Wettbe-
ten sich über ihre Rolle bei werbshüter das sogenannte
der Massentierhaltung. An- Wurstkartell und prüfen
lass ist ein Artikel im Bran- mögliche Preisabsprachen un-
chenblatt VET Impulse, der ter Herstellern von Fleisch-
sich mit den offenbar tierquä- und Wurstwaren. Die Straf-
lerischen Zuständen im Vion- zahlungen fließen allerdings
Schlachthof in Bad Bramstedt nicht an die Kunden zurück
befasst. Ein Amtsveterinär oder kommen etwa der Ar-
hatte dort über Wochen Ver- beit von Verbraucherschutz-
stöße dokumentiert und ange- zentralen zu, sondern gehen
zeigt, Vion weist die Vorwürfe direkt an die Staatskasse.
zurück. In dem Artikel sugge- „Aktuell zahlen die Verbrau-
riert Thomas Blaha, Spitzen- cher zwar die überhöhten
funktionär des Berufsstandes Preise, über die Bußgelder
und Professor an der Tierärzt- freut sich aber einzig der Fi-
lichen Hochschule Hannover, nanzminister“, kritisiert des-
der Amtsveterinär sei damit halb Grünen-Vizefraktions-
über das Ziel hinausgeschos- chefin Bärbel Höhn. sam
sen. Jetzt wird Blaha gleich in
Dutzenden Leserbriefen von
seinen Berufskollegen hart Internet
angegriffen. Einen Missstand Die Musik spielt
aufzudecken, so der Tenor,
sei immer richtig. Besonders beim Streaming
pikant: Blaha ist Vorsitzender Die Umsätze mit Downloads
der Tierärztlichen Vereini- von Musiktiteln, etwa aus
gung Tierschutz und des Apples iTunes-Store, gehen Krankenhäuser
Ethikausschusses der Bundes- zurück. Dafür steigt die Zahl
tierärztekammer. Dem der Kunden, die ihre Musik Qualitätsvergleich im Netz
SPIEGEL sagte Blaha, eine An- aus Streaming-Diensten wie Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe will mit
zeige sei „immer dann be- Beats oder Spotify beziehen. öffentlichen Klinikvergleichen eine „angemessene Fehler-
rechtigt, wenn es dem Anzei- Dies dürfte auch der Grund kultur“ in deutschen Krankenhäusern durchsetzen. Die
genden um die Sache geht, sein, warum Apple vergange- geplante Reform der gesetzlichen Kassen, über die der
also um echte Verfehlungen“. ne Woche für drei Milliarden Bundestag an diesem Donnerstag entscheidet, sieht für
Der Bad Bramstedter Veteri- Dollar den Streaming-Anbie- 2015 die Einrichtung eines neuen Qualitätsinstituts vor.
när hatte mit der Anzeige ter Beats übernommen hat. gt Es soll unabhängig arbeiten und verlässliche Kriterien für
gezögert, weil vor Jahren auf Klinik-Rankings im Internet entwickeln. „Fehler, noch
demselben Schlachthof eine Umsätze mit digital dazu solche mit schweren Folgen, dürfen nicht unter den
Amtsärztin die bundesweit verbreiteter Musik Teppich gekehrt werden“, sagte Gröhe. Umgekehrt sei
ersten BSE-Fälle öffentlich Veränderung gegenüber 2012 aber auch ein „Generalverdacht“ gegen das Gesundheits-
gemacht hatte. Sie verlor des- wesen „völlig unangemessen“. Die Patienten hätten ein
halb ihren Job. nkl Downloads z.B. iTunes Recht darauf zu erfahren, wo sie gute Qualität bekämen.
2012 Die Folgen des geplanten Gesetzes können für die
4,01 Mrd.$ Krankenhäuser weitreichend sein: So sollen erfolgreiche
Lebensmittel Kliniken künftig besser bezahlt werden als solche
Milliardenstrafe –2,1 % mit schlechterer Qualität. Die Kosten für das neue Insti-
tut schätzt der Gesetzentwurf auf bis zu 14 Millionen
für Hersteller Euro jährlich. cos
Das Bundeskartellamt hat in
den vergangenen zehn Jah- 2013
ren allein durch Verfahren ge- 3,93 Mrd.$
gen Lebensmittelhersteller Fußnote

562 Millionen
Bußgelder in Höhe von rund Streaming z.B. Spotify
einer Milliarde Euro einge- 2013
nommen. In acht Fällen er- 1,1 Mrd.$
mittelte die Behörde wegen
illegaler Preisabsprachen Gramm Cannabis im Gesamtwert von mehr als fünf Mil-
unter anderem gegen Produ-
zenten von Kaffee, Schokola-
+51 % liarden Euro wurden im Jahr 2012 in der Europäischen
Union sichergestellt. Die Europäische Beobachtungsstelle
de, Bier, Zucker und Mehl. 2012 für Drogen und Drogensucht schätzt, dass fast viermal
Das geht aus einer münd- 0,73 Mrd.$ Quelle: IFPI so viel konsumiert wird. gt

DER SPIEGEL 23/ 2014 69


Medizinroboter im OP

Die Menschmaschinen
Automatisierung Sie saugen den Fußboden, mähen den Rasen, melken Kühe, assistieren
im OP: Serviceroboter dringen in das tägliche Leben vor, die intelligenten
Helfer erreichen Marktreife. Etablierte Industrien konkurrieren mit IT-Anbietern.

I
m Souterrain ihres Bielefelder Werks das Möbelstück, bis die Bürsten jeden Win- ren, Saugroboter sind die Renner unter
haben die Ingenieure des Hausgeräte- kel erreicht haben. den Haushaltsgeräten. Viele schätzen
herstellers Miele ein Wohnzimmer ein- Es ist der erste Saugroboter im Sorti- den Komfortgewinn offenbar mehr als
gerichtet, das so behaglich wirkt wie eine ment von Miele, Westeuropas größtem die perfekte Saugleistung. „Das hat
mexikanische Gefängniszelle. Hersteller von Bodenstaubsaugern. Lange uns überrascht“, räumt Kornberger
Auf 20 Quadratmetern verteilen sich hat das Unternehmen mit dem Einstieg ein. Deshalb ist Miele verspätet
ein Sofagestell ohne Polster, ein Lampen- gezögert, weil die Saugkraft solcher eingestiegen in ein Geschäft, dem
fuß ohne Leuchte, ein Kabel ohne Elek- Geräte eher mäßig ist. Doch die Ver- das zentrale Kompendium des
trogerät und ein paar leere Tische. Der braucher scheint dies nicht weiter zu stö- Gewerbes, „World Robotics“,
Raum ist das Versuchslabor für den neuen
Miele-Saugroboter, die Gegenstände ha-
ben nur einen Zweck, sagt Martin Korn-
berger: „Wir wollen ihm das Leben
schwer machen.“
Kornberger ist der Entwicklungschef
hier, ein bedächtiger Mann, der Gästen
nicht gleich auf die Nase bindet, dass er
bei etwa zwei Dutzend Patenten als Erfin-
der genannt wird. Der Ingenieur verfolgt, Drohnen
wie das Gerät, rund und flach wie eine wie dieser Hexacopter
Keksdose, auf dem Holzboden seine Bah- sind in der Luft im Ein-
nen zieht – bis es sich einem Tischbein nä- satz und inspizieren
hert. Es bremst ab, wartet kurz, scheint Windkraftanlagen und
nachzudenken, dann wendet es sich zur Brücken oder vermes-
Seite, fährt vor und zurück und umkreist sen die Umgebung.

70 DER SPIEGEL 23 / 2014


Wirtschaft

24,7
Serviceroboter
„eine große ökonomische Zukunft“ be- Es ist ein uralter Traum, der das Unternehmen nun den
scheinigt. jetzt in Erfüllung zu gehen Markt für Serviceroboter auf-
Fast 1,9 Millionen Saugroboter wurden scheint: Roboter erledigen Tä- rollen. „Schutzzäune sind
2012 weltweit verkauft, zwischen 2013 tigkeiten, mit denen bislang dort unnötig“, sagt Kuka-Vor-
und 2016 sollen laut den Schätzungen gut
13 Millionen dazukommen. Die intelligen-
Menschen beschäftigt sind. Die
Idee des Homunkulus, des
Mrd. Dollar standschef Till Reuter: „Wir
lassen den Roboter aus dem
ten Haushaltshelfer dringen inzwischen an künstlichen Menschen, faszi- wird die Branche laut Käfig.“
vielen Stellen in den Alltag der Bürger vor niert Schriftsteller seit Jahrhun- „World Robotics“-Schät- Reuter sitzt am Tisch des
und stehen ihnen hilfreich zur Seite. derten und Filmemacher seit zung zwischen 2013 und Besprechungszimmers in der
Sie saugen den Boden, mähen den Ra- Generationen. Die Androiden 2016 an Umsatz erzielen, Augsburger Zentrale und
sen, putzen die Fenster, reinigen die Re- hießen Maria („Metropolis“), 7,6 Milliarden im häusli- schwärmt davon, wie Roboter
genrinne oder säubern das Schwimmbad. C-3PO („Star Wars“) oder Son- chen Umfeld, 17,1 Milliar- in Beruf und Alltag zum As-
Manche Anwendung mag noch nicht ganz ny („I, Robot“). Sie konnten den Dollar in professio- sistenten des Menschen wer-
ausgegoren sein, ein rundum sauberes laufen, tragen, sehen, hören – neller Umgebung. den. Er deutet auf die Gläser,
Fenster bleibt wohl bis auf Weiteres das und manchmal sogar fühlen. Tassen und Teller vor sich,
Ergebnis von Handarbeit. Doch vielfach Die Filmemacher haben vorweggenom- das Aufräumen könnte ein Roboter über-
haben die Geräte Marktreife erreicht, oder men, was die Ingenieurskunst heute ent- nehmen, meint der Manager: „Der Iiwa
sie ist nicht mehr fern. wickeln will. Die Fiktion nimmt Gestalt kriegt das hin.“ Noch rechne sich ein
Noch weiter ist die Entwicklung von an, auch wenn sie nicht eben wie ein solcher Einsatz nicht, das werde sich
Servicerobotern, die in professioneller Um- Mensch aussieht. Sondern höchstens wie aber ändern, ist Reuter überzeugt: „Der
gebung im Einsatz sind. Im Krankenhaus eine mächtige Armprothese, so jedenfalls technologische Fortschritt wächst expo-
assistieren sie am OP-Tisch und stechen wirkt der LBR Iiwa, ein neues Leichtbau- nentiell.“
zitterfrei und zielgenau Biopsienadeln ins modell des Roboterherstellers Kuka. Immer billiger und besser werden die
FOTOS: JAVIER LARREA / AGEFOTOSTOCK (L.O.); KIVA SYSTEMS (R.U.)

Gewebe. Im Warenlager bewegen sie Gü- Gut 22 Kilo ist er schwer, gefertigt aus Roboter, die Taktgeber der Entwicklung
ter auf dem schnellsten Weg zur Packsta- Aluminiumguss, zahllose Sensoren ma- sitzen neuerdings in Amerika. Dort ma-
tion. Im Stall melken sie Kühe, auf dem chen ihn so feinfühlig wie einen Masseur. chen IT-Giganten wie Amazon, Apple und
Feld ernten sie Erdbeeren; ob die Früchte Bei der Montage eines Displays ruckelt Google enorme Summen locker, um auf
reif sind, erkennen Sensoren an der Farbe. der Iiwa das Fenster passgenau in den Rah- diesem Feld schnell Kompetenz zu er-
Auch Wartungsaufgaben erledigen heute men. Beim Knochenfräsen im Operations- werben.
Roboter, oft aus der Luft: Drohnen inspi- saal begrenzt er den Arbeitsbereich des Amazon hat für 775 Millionen Dollar
zieren Stromleitungen oder Staumauern. Chirurgen und verhindert so das Abrut- Kiva Systems übernommen, einen Spe-
Und sie dienen militärischen Zwecken, als schen. Und in der Autofertigung rüttelt zialisten für Logistikroboter. Die Idee: In
Minenräumer oder Luftaufklärer. der Iiwa Kupplung und Getriebe gefühlvoll den Verteillagern des Onlinehändlers sol-
„Roboter sind auf dem Vormarsch, in zusammen, er verleiht dem Arbeiter quasi len anstelle von Mitarbeitern autonome
der verarbeitenden Industrie, aber zuneh- eine dritte Hand. Kommt man ihr zu nahe, Schlepper die Ware einsammeln und zur
mend auch im täglichen Leben“, sagt Mar- werden die Gelenke weich und federn Packstation befördern. Apple will mehr
tin Hägele vom Stuttgarter Fraunhofer- zurück. als zehn Milliarden Dollar in neue Tech-
Institut für Produktionstechnik „Soft Robotics“ ist eine neue Erfahrung nologien stecken, vor allem in Roboter.
und Automatisierung und für das Augsburger Unternehmen, das ne- Und Google hat sich innerhalb weniger
Autor von „World Robotics“. ben Fanuc, Yaskawa und ABB weltweit an Monate gleich acht Robotikunternehmen
Die neuesten Entwicklungen der Spitze der Roboterhersteller steht. Bis- einverleibt.
sind von Dienstag dieser Wo- lang war Kuka vor allem bekannt für klas- „Roboter werden in einem guten Sinne
che an auf der Automatica zu sische Industrieroboter, stählerne Ungetü- omnipräsent in unserem Leben“, prognos-
sehen, der weltgrößten Robo- me, die blitzschnell und mit brutaler Prä- tizierte Google-Verwaltungsratschef Eric
termesse in München; in die- zision Werkteile zusammentackern, ihre Schmidt auf einer Konferenz im März. Kurz
sem Jahr liegt der Schwer- Arbeit aber aus Sicherheitsgründen hinter zuvor hatte das Unternehmen Boston Dy-
punkt auf Servicerobotik. Barrieren verrichten. Mit dem Iiwa will namics gekauft, bekannt für Laufroboter

Pflegeroboter Mähroboter Logistikroboter


wie dieser Prototyp bringen schneiden den Rasen und kehren finden selbstständig Waren im Lager
Getränke und spielen Musik. von allein zur Ladestation zurück. und bringen sie zur Packstation.

DER SPIEGEL 23 / 2014 71


Wirtschaft

wie Cheetah, der schneller rennen kann als Solche Roboter, die Transportaufgaben winnt, wer viel in die Forschung inves-
der Sprintstar Usain Bolt. erledigen, sind heute bereits in vielen Un- tiert – oder einen guten Draht zu wissen-
Bislang lebte Boston Dynamics großen- ternehmen anzutreffen. In den Katakom- schaftlichen Instituten hat.
teils von Aufträgen des US-Verteidigungs- ben der Universitätsklinik Köln befördern Kuka hätte wohl kaum einen Leichtbau-
ministeriums, wie manch andere amerika- sie etwa die Schmutzwäsche. In der Phae- roboter wie den Iiwa so schnell auf den
nische Roboterfirma auch. Der Weltmarkt- ton-Produktion von VW in Dresden ver- Markt gebracht, wenn nicht Wissenschaft-
führer bei Saugrobotern, iRobot, hatte sich sorgen sie die Monteure mit Kabelsträngen ler vom Deutschen Zentrum für Luft- und
bereits einen Namen bei der Minensuche oder Schalttafeln. Und in der niederländi- Raumfahrt im 50 Kilometer entfernten
gemacht, bevor das Unternehmen seine schen Molkerei Campina bringen sie die Oberpfaffenhofen Vorarbeit geleistet hät-
Navigationskenntnisse in der zivilen Welt gestapelten Käselaibe gemäß ihrem Reife- ten. Und als vor zwei Wochen auf einer
zum Einsatz brachte. grad vom Lager zur weiteren Bearbeitung. Logistikfachmesse das Dortmunder Fraun-
Dass nun die Internetkonzerne – und Die autonomen Fahrzeuge werden oft hofer-Institut für Materialfluss und Logistik
nicht mehr das Pentagon – die Impulse set- von Unternehmen mit IT-Hintergrund das vielleicht ausgeklügeltste Konzept für
zen, verleiht der gesamten Roboterbran- entwickelt, die sich auf Sensorik und die ein modernes Warenlager präsentierte, pil-
che Rückenwind. Das Volumen an Wag- Verarbeitung von Navigationsdaten verste- gerten scharenweise Logistikunternehmer
niskapital für junge Gründerfirmen hat hen. Mit dieser Kompetenz attackieren sie an den Stand. Sie ließen sich den soge-
sprunghaft zugenommen, nicht nur im etablierte Industriebetriebe, zum Beispiel nannten Rackracer erklären, einen Kletter-
Silicon Valley. In Frankreich hat ein Fonds einen Gabelstaplerhersteller wie Jung- roboter, der teilweise im 3-D-Drucker ge-
namens Robolution 80 Millionen Euro ein- heinrich. fertigt wird.
gesammelt, um das Geld ausschließlich in Das Hamburger Unternehmen hat eini- Der Rackracer, der fahrerlose Stapler
Unternehmen zu investieren, die sich mit ge fahrerlose Stapler im Programm, auf oder der Leichtbauroboter verfolgen letzt-
Servicerobotern beschäftigen. deren Dach sich permanent ein Gerät lich denselben Zweck: Sie automatisieren
Auch die EU ist groß eingestiegen. Sie dreht, das wie ein Espressokocher aussieht. Prozesse. Wegezeiten werden verkürzt,
hat eine Initiative gestartet, um „den in- Per Lasernavigation sucht es die Umge- Mitarbeiter gespart. Erst haben Roboter
dustriellen Vorsprung in der Servicerobo- bung nach Reflektoren ab, die in der Werk- die Produktionshallen fast menschenleer
tik in der Europäischen Union“ auszubau- gemacht, folgen nun also Warenlager und
en, so die Brüsseler Digitalkommissarin Wartungsdienste oder gar Krankenhäuser
Neelie Kroes. Mit mehr als 700 Millionen und Pflegeheime?
Euro fördert die EU-Kommission den Zumindest einfache Tätigkeiten werde
Robotiksektor. Der Ingenieur Andreas der Roboter immer häufiger übernehmen,
Drost staunt über so viel Dynamik: „Es erwartet Kuka-Chef Reuter: „Es ist nicht
ist unglaublich, was da heute an For- die Frage, ob man es machen sollte, son-
schungsgeld hineingesteckt wird.“ dern wer der Erste ist, der es tut.“ Zur Dis-
Drost, 34, ist Geschäftsführer von MT position stehen Tätigkeiten, in denen Ab-
Robot, einem 2008 gegründeten Unterneh- läufe oft wiederholt werden und die weni-
men mit Sitz in Zwingen nahe Basel, das ger Fingerfertigkeit bedürfen. Doch das ist
fahrerlose Transportsysteme (FTS) herstellt. erst der Anfang: Die Roboter wach-
Der gebürtige Lörracher kann sich noch sen mit ihren Aufgaben.
gut daran erinnern, wie schwer es war, Am Ende steht der digitale
Geldgeber in Deutschland zu finden. Bei Alleskönner, die Vision eines
rund dreißig Adressen sei er abgeblitzt, Roboters, der im professionel-
bevor ein Privatmann in der Schweiz, ein len Umfeld nicht mehr nur as-
sogenannter Business Angel, in sein Pro- sistiert, sondern selbst agiert.
jekt investierte, erzählt Drost. Damals Und der zu Hause die Aufgaben
hätten Wagniskapitalgeber alles fi- eines persönlichen Butlers über-
nanziert, was nach grüner Tech- Softroboter nimmt: der Kaffee kocht, die Bet-
wie der LBR Iiwa
nologie aussah – für Roboter ten macht, die Spülmaschine aus-
dienen Indus-
habe sich niemand interessiert. räumt oder den Blutdruck kontrol-
triearbeitern als
Jetzt beschäftigt der Unter- liert – der einen Rundumservice
„dritte Hand“.
nehmer gut ein Dutzend Mit- bietet, wie ihn insbesondere eine
arbeiter, zu seinen Kunden ge- ältere Generation benötigt. Und der
hört eine kleine Basler Klinik, halle befestigt sind, misst perma- möglicherweise auch menschliche Züge
in der seine FTS im Einsatz sind. nent Abstand und Winkel und findet trägt, beinahe schon zu einem sozialen
Sie ähneln Palettentransportern, sich so zurecht. Auf diese Weise be- Wesen wird.
rollen selbstständig durch die wegt das Fahrzeug Paletten auf Derzeit aber ist das Zukunftsmusik.
Gänge des Hospitals und stoppen fünf Millimeter genau. „Das ist noch ein langer Weg“, sagt der
automatisch, wenn ein Hindernis Jungheinrich wird nun von rei- Miele-Entwickler Kronberger. Bislang
auftaucht; nach einer Lernfahrt nen FTS-Anbietern herausgefor- ist es selbst den gescheitesten Köpfen
haben sie sich die Umgebung dert, Miele tritt gegen iRobot an: der Roboterszene nicht gelungen, eine
eingeprägt. Sie erledigen Boten- Die klassische Industrie wettei- menschliche Hand mit all ihren Fähig-
gänge, sie holen Getränkekisten fert mit der modernen IT-Wirt- keiten zu kopieren. Alexander Jung
und Medikamente und bringen schaft darum, wer im Geschäft
sie auf die Station. Dem- mit Servicerobotern die Nase Video: Das können
nächst sollen sie auch die vorn hat. Wie der Wettlauf Serviceroboter
Böden wischen und sogar ausgeht, ist noch nicht abseh- spiegel.de/app232014roboter
Speisen austeilen. bar. Fest steht nur: Es ge- oder in der App DER SPIEGEL

72 DER SPIEGEL 23 / 2014


Wirtschaft

„Ins Knie merhin gelten Sie als der einzige Linke un-
ter den Wirtschaftsweisen.
Bofinger: Hier geht es nicht um Sympathie,

geschossen“ sondern um Glaubwürdigkeit. Ich kann als


Wissenschaftler doch nicht über einen fun-
damentalen Widerspruch hinwegsehen,
nur weil mir die Grundrichtung gefällt.
Soziale Gerechtigkeit Der Wirt- SPIEGEL: Stimmt denn wenigstens Pikettys
schaftsweise Peter Bofinger, 59, Beobachtung, wonach die Reichen zuletzt
immer reicher geworden sind?
wirft Starökonom Thomas Piket- Bofinger: In Deutschland ist die Vermögens-
ty vor, bei seiner Kapitalismus- konzentration sehr hoch; sie ist höher als
Kritik falsche Schlüsse zu ziehen. in allen anderen Ländern des Euroraums.
Aber sie ist seit Jahren konstant. Das
größte Problem ist die wachsende Un-
SPIEGEL: Herr Bofinger, Ihr französischer gleichheit bei der Einkommensverteilung.
Kollege Thomas Piketty hat mit seinem Weltweit bekommen Arbeiter und Ange-
Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ stellte ein immer kleineres Stück vom Ku-
eine Gerechtigkeitsdebatte ausgelöst. Wer- chen. Der Anteil der Arbeitseinkommen
den im Kapitalismus die Reichen immer am Volkseinkommen sinkt seit Jahrzehn-
reicher und die Armen immer ärmer? ten, während der Anteil der Zinseinnah-
Bofinger: Piketty hat insofern recht, als un- men und Kapitalerträge steigt. Deshalb
ser Wohlstand zunehmend ungleich ver- haben wir nicht nur ein Gerechtigkeits-,
teilt wird. Das ist in der Tat ein Problem sondern auch ein riesiges Nachfragepro-
für die Legitimation einer marktwirtschaft- blem.
lichen Ordnung. Leider enthält Pikettys SPIEGEL: Inwiefern?
Buch einen fundamentalen Widerspruch: Bofinger: Arbeitnehmer geben sehr viel
Er stellt eine Theorie auf – widerlegt sie Ökonom Bofinger mehr von ihrem Einkommen aus als Un-
dann aber mit seinen eigenen Zahlen. Da- ternehmer und Vermögensbesitzer. Die
mit hat er sich selbst ins Knie geschossen. Umverteilung zulasten der Arbeitnehmer
SPIEGEL: Laut Piketty ist es eine Gesetzmä- zeit. Die Vermögenden und viele Unter- führt zu riesigen Geldersparnissen der Ver-
ßigkeit im Kapitalismus, dass die Rendite nehmen investieren nicht. Stattdessen sit- mögenden und bremst so das weltweite
aus Vermögen, r, größer ist als das reale zen sie auf ihrem Geld wie Dagobert Duck. Wachstum aus.
Wirtschaftswachstum, g. Seine Formel lau- SPIEGEL: Piketty schlägt eine Vermögensteu- SPIEGEL: Zuletzt haben sich die Gewerk-
tet: „r größer g“. Deshalb gehe die Schere er vor, um das Geld von den Reichen zu schaften mit höheren Lohnforderungen
zwischen Arm und Reich immer weiter den Armen umzuverteilen. Unterstützen aber durchgesetzt.
auseinander. Was stimmt daran nicht? Sie diesen Vorschlag? Bofinger: Zum Glück! Schon Ludwig Erhard
Bofinger: Wer sich die Mühe macht, in Pi- Bofinger: Eine Vermögensteuer muss auch hat sich für eine freizügige Lohnentwick-
kettys Buch nicht nur das Vorwort zu lesen, bezahlt werden, wenn ein Unternehmen lung ausgesprochen. Die Einkommen der
findet auf Seite 356 eine Schautafel. Sie Verluste macht. Das kann dessen Substanz Arbeitnehmer müssen mit dem allgemei-
zeigt, wie sich r und g historisch entwickelt gefährden; deshalb bin ich dagegen. An- nen Wirtschaftswachstum steigen, um
haben. Demnach stimmt Pikettys Theorie ders ist es bei einer Erbschaftsteuer: Diese Wohlstand für alle zu erreichen. Dass es
von Christi Geburt bis zum Jahr 1913: Die ließe sich so ausgestalten, dass auch ein Deutschland derzeit vergleichsweise gut
Rendite des Kapitals lag tatsächlich über Familienunternehmen nicht in die Knie ge- geht, hat auch damit zu tun, dass die Löh-
dem realen Wirtschaftswachstum; r war zwungen wird, und trotzdem mehr Geld ne endlich wieder steigen.
größer als g. Doch seit 1913 ist es genau für den Staat hereinkommt, als es heute SPIEGEL: Sollten wir also lieber Erhard als
andersherum: Die Kapitalrendite liegt der Fall ist. Piketty lesen?
deutlich unter der realen Wachstumsrate, SPIEGEL: Man hätte eigentlich erwartet, Sie Bofinger: Erhard zu lesen ist immer hilfreich.
also: r kleiner als g. würden mit Piketty sympathisieren. Im- Interview: Alexander Neubacher
SPIEGEL: Piketty sagt, dass sich das Verhält-
nis in Zukunft wieder umkehren wird. r größer g?
Bofinger: Das ist seine Prognose. Doch es
Entwicklung von Kapitalrendite und Wirtschaftswachstum nach Thomas Piketty, „Das Kapital im 21. Jahrhundert“
ist merkwürdig, dass seine Zauberformel
ausgerechnet für die am besten dokumen- 6%
tierten hundert Jahre, in denen sich die
Marktwirtschaft erst so richtig entfaltet 5% Kapitalrendite (r)
hat, nicht zutrifft, sondern das Gegenteil.
Würde ich feststellen, dass meine Theorie 4%
und meine Zahlen dermaßen auseinander-
gehen, hätte ich schlaflose Nächte. 3%
SPIEGEL: Die Financial Times wirft Piketty
FOTO: STEFAN BONESS / IPON

Tricksereien vor. 2%
Bofinger: Es handelt sich womöglich eher
um eine Reihe von Fehlschlüssen. Piketty 1%
Reales Wachstum (g) PROGNOSE
setzt zum Beispiel Sparen und Investieren
gleich. Aber man kann auch sparen, indem 0%
man Geld hortet. Genau das geschieht der- 0 – 1000 1000– 1500 1500– 1700 1700– 1820 1820– 1913 1913– 1950 1950– 2012 2012 – 2050 2050– 2100

DER SPIEGEL 23 / 2014 73


Wirtschaft

Dicke Bertha reloaded


Geldpolitik Die Europäische Zentralbank will diese Woche mit einem Maßnahmenpaket südeuro-
päische Unternehmen von ihren Kreditsorgen befreien. Doch es gibt bessere Förderinstrumente.

P
ilar Mejías Leceta, eine vollschlanke Doch die Währungshüter wollen noch
Frau im lila Pullover, strahlt und weiter gehen. Sie arbeiten beispielsweise
steht auf dem blank geputzten Fuß- an einem neuen Kreditprogramm – zu bis-
boden im Verkaufsraum des spanischen her nie dagewesenen Konditionen: Banken
Autohändlers Sealco. „Die Kunden kom- sollen sich Geld für die Dauer von bis zu
men, und die Banken rufen wieder an“, vier Jahren leihen können.
sagt die Direktorin des spanischen Mittel- Die Ausgestaltung ist im Rat freilich um-
ständlers, die einige Autohäuser an den stritten – vor allem die Frage, ob ein va-
Ausfallstraßen Madrids führt. riabler Zins oder ein Festzins verlangt wer-
In den vergangenen fünf Jahren war das den soll. Letzterer könnte womöglich nur
anders. So lange dauerte die Krise in Spa- die Höhe des aktuellen Leitzinses von
nien, so lange ging es auch für Sealco nur dann wohl sensationell niedrigen 0,15 Pro-
ums Überleben. Von heute auf morgen hat- zent haben.
ten viele Banken aufgehört, Finanzmittel Vorbild für den Sonderkredit ist ein drei-
zur Verfügung zu stellen. Notgedrungen jähriges sogenanntes längerfristiges Refi-
entließ man Mitarbeiter, die Verwaltung nanzierungsgeschäft, dem Draghi selbst
wurde zentralisiert. zur besseren Verständlichkeit scherzhaft
Doch seit Anfang des Jahres läuft es wie- den Namen „Dicke Bertha“ verpasst hatte,
der besser. Die Autoverkäufe legten im nach dem Geschütz aus dem Ersten Welt-
zweistelligen Prozentbereich zu, begüns- krieg.
tigt durch ein staatliches Förderprogramm. Weil sich die Bankenbosse vor gut zwei
Leceta hat ein paar zusätzliche Verkäufer EZB-Neubau in Frankfurt am Main Jahren für das billige Geld aber gern mit
eingestellt und will die Lackiererei ausbau- Staatsanleihen ihrer Heimatländer ein-
en. 300 000 Euro bekam ihr Unternehmen deckten, statt neue Kredite zu vergeben,
dafür vor ein paar Tagen von der Groß- Entkoppelt soll dieses Mal Geld nur an solche Institute
bank Santander geliehen, für fünf Jahre Unternehmenskredite und vergeben werden, die es tatsächlich an die
und zu einem Zinssatz von knapp sechs Wirtschaftswachstum Wirtschaft weitergeben. Beispielsweise
Prozent. im Euroraum, könnte jeder Bank nur so viel zur Verfü-
Das ist im Vergleich zu Deutschland viel- gung gestellt werden, wie sie für neue Mit-
Veränderung
leicht nicht besonders günstig. Doch Lece- telstandskredite ausgibt. „Funding for len-
seit 2002
ta will nicht klagen. „Wir haben überlebt“, ding“, lautet das Motto.
sagt die Managerin. Hauptsache, das Geld
in Prozent 60
Die Frage freilich ist, ob eine neue „Di-
fließe wieder. cke Bertha“ überhaupt sinnvoll ist.
Den Optimismus von Leceta teilen der- In Spaniens Hauptstadt Madrid ist von
zeit nicht alle – im Gegenteil. Der Mangel Kreditvolumen einer Kreditklemme dieser Tage nicht viel
an verfügbaren Krediten „hemmt den Auf- der Banken zu sehen. Im Zentrum werben die großen
schwung in belasteten Ländern“, klagte im Euroraum Banken mit Plakaten penetrant um den
Mario Draghi vergangene Woche auf einer gegenüber Mittelstand. „Vorwärts. In dieser Zweig-
Konferenz in Portugal zum wiederholten Unternehmen stelle gibt es eine Finanzierung“, lockt
Mal. Ebendiese vermeintliche Kreditklem- 40 etwa die Großbank BBVA. Der Banco
me hat der Chef der Europäischen Zen- Popular wirbt sogar mit einer „100-Pro-
tralbank (EZB) als einen der Gründe für zent-Finanzierung“ für Investitionen klei-
die niedrigen Inflationsraten in der Euro- ner und mittlerer Unternehmen.
zone ausgemacht, die derzeit bei 0,7 Pro- Selbst internationale Investoren interes-
zent liegen. Obwohl die EZB eigentlich sieren sich seit Neuestem wieder für den
knapp unter zwei Prozent anpeilt. jahrelang am Boden liegenden spanischen
Um die daraus resultierende Deflations- Nominales Immobilienmarkt.
gefahr zu bekämpfen und der Wirtschaft Wirtschafts- Offenbar haben die spanischen Banken,
20 wachstum
in den Krisenländern auf die Beine zu hel- die viele faule Immobilienkredite bei einer
fen, wollen die Frankfurter Zentralbanker der Euroländer halbstaatlichen Bad Bank abladen konnten,
diese Woche aktiv werden – und die Zin- wieder Mut gefasst. Wenn Unternehmen
FOTO: JAN-PETER BOENING / ZENIT / LAIF

sen noch einmal senken. Zudem sollen zö- die lange Wirtschaftskrise überlebt haben,
gerliche Banken, die ihr Geld über Nacht stellen sie wohl kein großes Risiko dar.
bei der Notenbank parken, statt es in Form „Es war nicht wirklich schwierig mit
von Krediten weiterzugeben, demnächst dem Kredit“, berichtet auch Fabián de Tor-
eine Art Strafzins zahlen. Dahinter steckt Quellen: EZB, EU-Kommission
res. Der Besitzer einer Privatschule mitten
die Hoffnung, dass die Banken ihr Geld in Madrid bekam vor Kurzem anstandslos
dann lieber doch verleihen, bevor sie eine rund 2,5 Millionen Euro von einer Bank
2002 04 06 08 10 12 14
Aufbewahrungsgebühr bezahlen müssen. geliehen, die er zur Renovierung seines
74 DER SPIEGEL 23/ 2014
Internats einsetzen will. Den Kredit mit Deshalb soll das Maßnahmenpaket, das Brüsseler Kollegen Daniel Gros hin. Wenn
3,5 Prozent Zinsen und einer Laufzeit von Draghi diese Woche gemeinsam mit den die Bürger etwa ein bestimmtes Spargut-
sieben Jahren hätte er in Deutschland Notenbankchefs der Euroländer schnüren haben fürs Alter anpeilen, müssen sie bei
kaum günstiger haben können. Noch im will, den Kursanstieg bremsen. Investoren sinkenden Zinsen einen größeren Anteil
vergangenen Jahr wäre das deutlich teurer sollen so in alternative Währungen getrie-ihres Einkommens zurücklegen. Dieses
gewesen, sagt Torres. ben und der Kurs des Euro geschwächt Geld steht dann aber nicht mehr für den
Doch wie passt das mit den Zahlen der werden. Konsum zur Verfügung – was die Binnen-
EZB zusammen? Viele der lebensfähigen Ein negativer Einlagenzins etwa half vornachfrage zumindest kurzfristig dämpft.
spanischen Unternehmen hätten demnach wenigen Jahren in Dänemark, den Aufwer- Doch selbst wenn es so weit nicht kom-
Kreditprobleme, monierte Draghi kürzlich. tungsdruck auf die Krone zu verringern. men sollte, durchschlagende Wirkung er-
Auch in Italien ist die Lage EZB-Daten zu- Ob das auch im Euroraum funktioniert, warten sich weder Notenbanker noch Öko-
folge angespannt. bleibt allerdings fraglich. Viele Anleger nomen von den geplanten Maßnahmen.
Carlo Messina mag genau das aber nicht „Es geht eher um die Signalwirkung als
glauben. „Wir würden gern mehr Kredite ANZEIGE um den wirklich großen Effekt“, sagt Mar-
vergeben, aber die Nachfrage ist zu ge- kus Brunnermeier, Notenbankexperte an
ring“, sagt der Vorstandsvorsitzende der der Princeton-Universität.
italienischen Großbank Intesa Sanpaolo. Es ist freilich eine Signalwirkung, für
Er sitzt auf dem Rand einer braunen die die EZB womöglich wieder viel Geld
Sofaecke in einem Golfhotel in Portugal ausgeben wird. „Die Geldpolitik kann das
und berichtet mit lebhaften Gesten von nicht richten“, sagt Brunnermeiers Kollege
seinen Anstrengungen, Kunden zu finden: Gros deshalb zu den Problemen in der
Seine Bank sitze auf rund 60 Milliarden Eurozone. Stattdessen müsse endlich die
Euro, die Messina vor allem in sehr kurz Politik handeln.
laufende Anleihen steckt. „Für mich wäre Dass das geht, zeigt sich gerade in
es besser, diese Mittel zur Kreditvergabe Spanien. Sowohl der Privatschulbesitzer
zu verwenden.“ Doch kleinere und mittle- Torres als auch die Autohändlerin Leceta
re Unternehmen würden in wirtschaftlich profitierten davon, dass die Europäische
schwierigen Zeiten eben wenig investieren. Investitionsbank (EIB) – ein Förderinstitut
Natürlich schauen die Institute nach der der Europäischen Union – spanischen Ban-
Finanzkrise schärfer hin bei Sicherheiten ken zinsgünstige Kredite zur Verfügung
oder neuen Geschäftsideen. Genau das ver- stellt, um gezielt den Mittelstand zu för-
langt die Weltgemeinschaft allerdings auch, dern. Dafür müssen Santander & Co. un-
weil die rasant wachsenden Kreditbücher terschreiben, dass sie bei diesen Kunden
der Häuser schließlich maßgeblich zur Fi- niedrigere Zinsen verlangen und längere
nanzkrise beigetragen haben (siehe Grafik). Laufzeiten als üblich anbieten.
Die EZB selbst unterzieht die Geldhäu- „Über 45 000 spanische Mittelständler
ser deshalb gerade einem beispiellosen profitierten im vergangenen Jahr“, sagt
und monatelangen Stresstest. Klaus Trömel, Kreditchef der Luxem-
Dazu kommt: In Ländern wie Portugal burger Förderbank EIB, die den Mitglied-
oder Griechenland halten sich die Verbrau- staaten der EU gehört. Mit einem Volu-
cher beim Konsum zurück, weil viele Men- men an Neukrediten über zehn Milliarden
schen arbeitslos sind und die Sozialleistun- Euro ist Spanien 2013 der größte Kunde
gen zusammengestrichen wurden. Auch der Förderprogramme gewesen, auch weil
das bereitet den dortigen Unternehmen es neben den privaten Banken staatliche
gewaltige Probleme – und bremst ihre Organisationen gibt, die Kredite durch-
Investitionslust. leiten.
Nur der Export wächst langsam. Portu- In den Krisenländern Griechenland, Por-
gal meldete 2013 den ersten Leistungs- tugal und Zypern aber fehlen solche Part-
bilanzüberschuss seit über dreißig Jahren. ner, dort musste die EIB improvisieren. In
Lauter als vor dem Mangel an Krediten Griechenland, seit April auch in Portugal,
warnen viele Unternehmer deshalb vor übernimmt sie deshalb Handelsfinanzie-
einem ganz anderen Phänomen: dem be- haben die absehbaren Maßnahmen der rungen. Immer wieder war es vorgekom-
ängstigend starken Euro, der ihre Produkte EZB bereits in ihre Entscheidungen ein- men, dass Unternehmen nicht exportieren
verteuert und damit international wenig gepreist und die Wirkung dadurch vorweg- konnten, weil die Handelspartner im Aus-
wettbewerbsfähig macht. „Um die Nach- genommen. Außerdem ist der Euro durch land den lokalen Banken misstrauten.
frage nach Produkten zu befeuern, muss die Ukraine-Krise zur Fluchtwährung Immerhin ist Portugal mithilfe der EIB
man beim Wechselkurs intervenieren“, geworden – das kann auch Draghi kaum und der deutschen KfW dabei, eine natio-
drängt auch Bankchef Messina. ändern. nale Förderbank zu gründen, mit der bei-
Für seinen Landsmann Draghi ist die In Deutschland könnten die geplanten spielsweise der eigene Mittelstand unter-
starke Währung ebenfalls ein echtes Är- Schritte zudem genau das Gegenteil dessen stützt werden kann. In Griechenland schei-
gernis. Der Wechselkurs sei „ein Grund bewirken, was sich die Notenbanker in terte das bisher an der fehlenden Bonität
für ernsthafte Sorgen im EZB-Rat“, erklär- Frankfurt versprechen: Statt den Konsum des Landes, nun soll ein von Deutschland
te er nach der letzten Sitzung des Entschei- anzukurbeln, könnten niedrigere Zinsen unterstützter Förderfonds helfen.
dungsgremiums – weil der Höhenflug der in Deutschland dazu führen, dass die Ver- Manchmal müssen Krisen eben sechs
Währung die Erholung in den Krisenlän- braucher mehr sparen. Auf diese paradoxe Jahre dauern, bis sich Dinge ändern.
dern ausbremst und damit ein wichtiger Wirkung wies kürzlich der Essener Volks- Christoph Pauly, Christian Reiermann,
Grund für die niedrigen Inflationsraten ist. wirt Ansgar Belke zusammen mit seinem Anne Seith

DER SPIEGEL 23/ 2014 75


Wirtschaft

Messbarer Tonne ausgegraben. Und ein Smartphone


besteht aus Bestandteilen, für deren Her-
stellung rund 450-mal so viel Material

Raubbau nötig ist, wie das Gerät selbst wiegt.


So besitzt jeder Gegenstand einen „öko-
logischen Rucksack“, den er unsichtbar
mit sich trägt. Seine Größe drückt aus, wie
Umwelt Ist ein Hybridauto saube- stark die Natur bei seiner Erzeugung in
rer als ein Benziner? Baum- Anspruch genommen wurde. „Die Um-
weltqualität von Produkten“, so Schmidt-
wolle ökologischer als Synthetik? Bleek, „wird völlig neu bewertet.“
Ein neues Buch zertrümmert Gerade grüne Hoffnungstechnologien
scheinbare Gewissheiten. entpuppen sich aus Sicht des Wissenschaft-
lers als ökologisch fragwürdig, weil sie
häufig beträchtliche Mengen an Res-

E
in Auto mit Hybridantrieb fährt mit sourcen verschlingen. Der ökologische
Batterie und mit Verbrennungs- Rucksack eines Hybridautos wiegt durch
motor, so verbraucht es weniger den zusätzlichen Antrieb und den hohen
Benzin und gilt gemeinhin als ökologi- Kupfereinsatz fast doppelt so viel wie
sches Wunderwerk. Nur nicht in den der eines herkömmlichen Fahrzeugs. Es
Augen von Friedrich Schmidt-Bleek. Wer verbrauche zwar etwas weniger Benzin,
etwas für die Umwelt tun wolle, solle doch diesen Vorteil machten die Schäden
seinen alten Käfer weiterfahren, sagt er an der Ökosphäre wieder zunichte, weil
lakonisch. mehr Masse bewegt und Abfall erzeugt
Der Wissenschaftler hat noch mehr sol- wird.
cher Ratschläge auf Lager. Er empfiehlt, Auch die Herstellung scheinbar so öko-
Tüten aus Plastik jenen aus Papier vorzu- logischer Güter wie Baumwolle oder Pa-
ziehen, ein Synthetikhemd zu tragen statt pier schadet demnach der Umwelt, und
eines Modells aus Baumwolle und das zwar mehr als etwa die Produktion von
Butterbrot besser in Plastikfolie einzu- Plastik, weil sie enorme Mengen an Wasser
wickeln als in Aluminium. verschlingt. Selbst Klarsichtfolie ist nach
Der 81-Jährige ist kein ignoranter dieser Logik rund 200-mal ressourcen-
Umweltmuffel, sondern das Gegenteil: sparender als Aluminium.
Schmidt-Bleek, von Haus aus Chemiker, Schmidt-Bleeks Konzept lässt die unter-
gilt als Pionier der Ökobewegung. Er war schiedliche Giftigkeit von Stoffen vollkom-
Vizepräsident des Wuppertal Instituts für men außer Acht – und zwar bewusst: Was
Klima, Umwelt, Energie, bekleidete füh- für den Menschen schädlich sei, bedeute
rende Positionen beim Umweltbundesamt für die Natur noch lange keine Gefahr.
und bei der OECD. Jetzt zieht der „Um- „Sand kann für die Natur giftiger sein als
welt-Papst“ (Frankfurter Rundschau) auf Dioxin“, formuliert der Chemiker zuge-
304 Seiten eine Bilanz, die verblüfft. Vieles spitzt. Wenn der Wind große Mengen Sand
von dem, was die Deutschen stolz als öko- verteile, werde selbst das satteste Grün ir-
logische Errungenschaft feiern, bezeichnet gendwann unfruchtbar.
er als „grüne Lügen“*. Da wundert es wenig, dass Schmidt-
Seit Jahren schon verfolge die Umwelt- Bleek auch die Energiewende für „grüne
politik einen falschen Kurs, lautet seine Augenwischerei“ hält, teuer und fragwür-
Diagnose, sie leide unter „fundamentalen dig. Vonnöten sei vielmehr eine Ressour-
Konstruktionsfehlern“, das Ergebnis sei cenwende.
fatal: Die Umweltpolitik schade der Natur Heute verbrauche jeder Deutsche im
mehr, als ihr zu helfen. Schnitt 70 Tonnen Natur pro Jahr, akzep-
Das Problem: Heute werde Umwelt- tabel seien 6 bis 8 Tonnen, findet der Pro-
schutz hauptsächlich auf ein Ziel reduziert, fessor. Erreichbar sei dieses Ziel mithilfe
die Verringerung von CO -Emissionen, fin- einer Steuerreform, die den Faktor Arbeit
²
det Schmidt-Bleek, und das sei zu kurz Ökopionier Schmidt-Bleek entlastet und dafür den Verbrauch von
gegriffen. Wenn die Politik den Klima- Ressourcen erheblich verteuert. Selbst
wandel stoppen wolle, müsse sie an der Werbung sei zu besteuern, schließlich
Wurzel des Übels ansetzen, am Verbrauch für eine Vielzahl von Stoffen und Pro- fördere sie den Verbrauch wertvoller Res-
natürlicher Ressourcen: von Sand und dukten die Menge an Material, die für sourcen.
Kalk, von Kupfer und Eisen, von Öl und ihre Herstellung innerhalb der Prozess- Schmidt-Bleeks Ansatz ist radikal und
Gas. Von Stoffen also, die nicht beliebig kette bewegt wird, vom Bergwerk bis zum mit den Vorstellungen keiner politischen
FOTO: HC PLAMBECK / DER SPIEGEL

erneuerbar sind. Händler. Partei zu vereinbaren – nicht mal mit de-


Der Wissenschaftler hat ein Verfahren Um zum Beispiel ein Kilogramm Kupfer nen der Grünen. Er habe sich extra durch
entwickelt, das den Raubbau an der zu gewinnen, werden der Natur rund die 327 Seiten ihres Wahlprogramms ge-
Natur messbar macht. Er ermittelte 500 Kilogramm Ressourcen entnommen. kämpft, erzählt der Wissenschaftler. Er-
Für die Produktion von Aluminium wird gebnis: Die Verschwendung von Ressour-
* Friedrich Schmidt-Bleek: „Grüne Lügen“. Ludwig Ver- das 85-Fache des Eigengewichts benötigt, cen spielt darin so gut wie keine Rolle.
lag, München; 304 Seiten; 19,99 Euro. für ein Gramm Gold sogar eine halbe Alexander Jung

76 DER SPIEGEL 23 / 2014


Zahltag im ben. Dahinter steht die Annahme, dass
sich nicht in jedem Spiel, aber in der Regel
im Fußball die Mannschaft mit den teuers-
birgt Vorteile“, sagt der Soziologe Ger-
hards. Im deutschen Kader schlummern
gar stille Bewertungsreserven. Weil Miro-

Maracanã ten Spielern durchsetzt. Und die stellt


dieses Mal mit einem Marktwert des vor-
läufigen Kaders von rund 650 Millionen
Euro Spanien, gefolgt von Deutschland mit
slav Klose mit seinen bald 36 Jahren eher
als Abschreibungsfall zu gelten hat, wird
er konsequent nur mit einer Million Euro
gehandelt – dabei fehlt dem Mittelstürmer
Fußball Ein Berliner Forscherteam 575 Millionen Euro und Brasilien mit nur noch ein Treffer bis zur Spitze der ewi-
hat mit wissenschaftlichen 468 Millionen Euro. gen Rangliste der WM-Torschützen.
Auf die Idee kamen die Forscher bei Hinzu kommt: Die Marktwert-Methode
Methoden die Endspielpaarung einer jener Gelegenheiten, denen die hat sich bislang als ähnlich treffsicher er-
der bevorstehenden WM ermit- Menschheit manchen Geistesblitz zu ver- wiesen wie Mittelstürmer Robert Lewan-
telt: Spanien gegen Deutschland. danken hat – in der dritten Halbzeit beim dowski für Dortmund in der abgelaufenen
Bier. Auf einem Fest vor der WM 2006 de- Bundesligasaison. 2006 hatten die Forscher
battierte das Trio die Erkenntnis, dass Italien als Favoriten auf der Rechnung, und
Nein, dieses Mal kein Schlen- „kein anderer Markt mittlerweile so trans- auch die EM- und WM-Siege Spaniens in
zer mit dem linken Innenrist parent und globalisiert ist wie der interna- den vergangenen Jahren sagten sie jeweils
ins lange Eck wie im Halbfi- tionale Fußball“, sagt Wagner. Spieler sind richtig voraus. In der Qualifikation für
nale der Fußball-WM 2006 ge- eine weltweit weitgehend frei gehandelte die WM 2014 traten 204 Mannschaften in
gen Italien, der den Traum Ware, stets im Blick von Kameras. Ihre 820 Spielen gegeneinander um 31 Start-
vom Gewinn der Weltmeister- Leistungsdaten sind jederzeit abrufbar. plätze in Brasilien an. 30-mal setzten sich
schaft im eigenen Land zer- „Deshalb spiegelt der Marktwert die Leis- in den Gruppen und Play-offs die wert-
störte. Und auch kein wuchti- tungsfähigkeit des einzelnen Spielers eben- vollsten Mannschaften durch.
ger Kopfstoß vom Elfmeterpunkt wie 2010 so wider wie der Preis einer gesamten „Allerdings ist dieses Mal die Prognose
in Südafrika, mit dem die Spanier mitten Mannschaft deren Spielstärke“, sagt der schwieriger als bei allen Turnieren zuvor,
ins deutsche Fußballherz trafen. Wirtschaftsforscher. weil die Marktwerte der Spitzenteams eng
Stattdessen kann am 13. Juli im Stadion Ihre Daten holen die Forscher sich über beieinanderliegen“, sagt Michael Mutz.
Maracanã in Rio de Janeiro alles anders die Internetplattform transfermarkt.de. Sie Also kommt spätestens ab der K.-o.-Runde
werden. Die Chancen stehen nicht verlassen sich auf das, was die Wissen- auch die Tagesform ins Spiel. Deshalb ha-
schlecht, dass Deutschland im Finale um schaft die „Weisheit der vielen“ nennt: Aus ben er und seine Kollegen noch einen Ge-
den WM-Titel gegen Spanien gewinnen vorhandenen Daten und den Einschätzun- heimfavoriten – Belgien. „Das Team wird
könnte – jedenfalls wenn Jürgen Gerhards, gen der Community wird dort der Markt- spielerisch unterschätzt“, sagt der Sport-
Michael Mutz und Gert Wagner recht be- wert von Fußballern taxiert. soziologe: „Der Kader liegt mittlerweile
halten. Die drei sind zwar fußballbegeis- Mit Lionel Messi (120 Millionen Euro) auf Rang sieben der Marktwert-Tabelle.“
tert, aber weder Kartenleger, noch verfü- und Cristiano Ronaldo (100 Millionen Bleibt eine weitere Unwägbarkeit für
gen sie über die seherischen Fähigkeiten Euro) schicken Argentinien und der deut- das deutsche Team: Im Fußball spielt – im
des mittlerweile verblichenen Orakel-Kra- sche Gruppengegner Portugal die teuers- Gegensatz zu vielen anderen Sportarten –
ken Paul, der bei der WM 2010 den Aus- ten Spieler aufs Feld. Doch der vermeint- der Zufall eine zentrale Rolle. Weil pro
gang aller Spiele der deutschen National- liche Vorteil ist zugleich ein Manko. WM-Partie im Schnitt weniger als drei
mannschaft richtig vorhersagte. Zwickt Ronaldo der Muskel, wie es am Tore fallen, kann auch ein Fehlpass, ein
Gerhards, Mutz und Wagner sind Wis- Ende der Saison häufiger der Fall war, oder abgefälschter Schuss oder ein Fehlpfiff des
senschaftler, renommierte Professoren für befällt Messi wie eigentlich immer im Schiedsrichters ein Spiel entscheiden.
Soziologie, für Sportsoziologie und für Em- Nationaldress ein Unbehagen – schon ist Wenn „Geld schießt Tore“ dieses Mal
pirische Wirtschaftsforschung. Seit 2006 sa- der Marktwert der gesamten Mannschaft allein nicht reicht, kehrt in Brasilien
gen die Forscher vor jeder Europa- und perdu. vielleicht ein anderer lang vermisster Fuß-
Weltmeisterschaft den künftigen Sieger Im deutschen Team hingegen ist das ballmythos zur Nationalmannschaft zu-
voraus, und die Prognose wird in diesem Preisgefälle begrenzt. „Diese Homogenität rück – der „Bayern-Dusel“. Markus Dettmer
Jahr als „Wochenbericht“ des Deutschen
Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Geld schießt Tore
veröffentlicht. Brasilien Die DIW-Prognose für Spanien
Diesmal liegen die Favoriten Spanien, die Finalrunde bei der
Deutschland, Brasilien, Argentinien und Fußball-WM 2014
Niederlande Kroatien
Frankreich zwar „ziemlich nah beieinan-
der“, sagt Jürgen Gerhards, Direktor des
Instituts für Soziologie an der FU Berlin. Kolumbien Italien
Doch wenn das Modell der Forscher Kaderwert* in Euro
stimmt, werden im Endspiel Spanien und ca. 575 Mio. ca. 650 Mio.
England Elfenbeinküste
Deutschland aufeinandertreffen. „Zwar
wären die Spanier leichter Favorit, aber
die Chancen der deutschen Nationalmann- Deutschland Argentinien
Deutschland Spanien
schaft waren lange nicht besser als bei *Stichtag 28. Mai
dieser WM“, sagt Ökonom Wagner, Vor- Russland Schweiz
standsmitglied des DIW.
Grundlage der Prognose ist die profane Frankreich Belgien
Fußballweisheit: „Geld schießt Tore“, die
die Wissenschaftler zur sogenannten
Marktwert-Methode weiterentwickelt ha- Bosnien-Herzegowina Portugal

DER SPIEGEL 23 / 2014 77


Flucht über den Zaun
Fast sieben Meter hoch sind die Sperrzäune zwischen Marokko und der spanischen Exklave
Melilla, aber die Flüchtlinge aus Afrika lassen sich nicht aufhalten. Immer wieder riskieren
sie ihr Leben bei dem Versuch, die Grenze zu stürmen, am vorigen Mittwoch waren es über
tausend Menschen gleichzeitig. Gut 400 schafften es – sie hoffen nun auf Asyl in Europa.

Indien kaum geschützt, in den Dör- es oft keine Straßenlaternen, trouillieren keine Polizisten?
„Es ist ihnen fern haben die Häuser meist auch in meinem Viertel nicht. Es ist ihnen einfach egal! Und
keine Toiletten, die Frauen Das ist wie eine Einladung wie sollen wir unseren Politi-
einfach egal“ müssen nachts allein hinaus. zur Vergewaltigung. Warum kern vertrauen, wenn sie die
Usha Vishwakarma, Anführerin So war es wohl bei diesen lässt die Regierung keine La- Opfer verhöhnen? Als neu-
der Mädchengruppe „Rote Briga- beiden Mädchen. Zudem gibt ternen aufstellen? Warum pa- lich drei Männer wegen Ver-
den“, über die Gewalt gegen Frau- gewaltigung in Mumbai verur-
en in ihrem Bundesstaat Uttar teilt wurden, sagte der Chef
Pradesh. Dort wurden vergange- der Samajwadi-Partei: ,Jungs
ne Woche zwei junge Mädchen sind Jungs. Die machen Feh-
von mehreren Männern vergewal- ler.‘ Und ein hochrangiger
tigt, stranguliert und an einem Polizeibeamter hat gerade zu-
Mangobaum aufgehängt. gegeben, dass laut offizieller
Statistik jeden Tag zehn
„Als wir von diesem Fall er- Vergewaltigungen in unserem
fuhren, sind wir auf die Stra- Bundesstaat gemeldet wer-
ße gegangen und haben pro- den. Sie wissen also, wie
testiert, wir waren 60 Leute. schlimm die Lage ist. Aber
Diese Verbrechen würden sie tun nichts. Deshalb müs-
nicht so häufig passieren, sen wir lernen, uns selbst zu
wenn die Polizisten sie wirk- schützen. Wir haben bisher
lich verhindern wollten. Aber 8500 Mädchen in Selbstvertei-
oft kümmern sie sich nicht digung ausgebildet. Leider
um Menschen, die zu niedri- beschuldigt uns die Polizei
geren Kasten gehören, oder nun, Gewalt zu lehren. Aber
sie lassen die Täter laufen. das wird uns nicht von unse-
Außerdem sind die Frauen Erhängtes Mädchen im Dorf Katra rer Mission abhalten.“ sas
80 DER SPIEGEL 23 / 2014
Ausland
Ägypten Wagih: Das Volk ist seit Lan-
„Das war ein gem entmündigt. Jede Ab-
stimmung seit der Revolution
Schauspiel“ von 2011 diente dazu, das alte
Noha Wagih, 27, Demokratie- System zu schützen. Es stimmt
Aktivistin, über den Ausgang der mich traurig, dass viele Ägyp-
Präsidentschaftswahl ter dies nicht begriffen haben.
SPIEGEL: Haben Sie die Hoff-
SPIEGEL: Der frühere Armee- nung auf ein demokratisches
chef Abd al-Fattah al-Sisi ist Ägypten verloren?
Ägyptens neuer Präsident. Wagih: Ich bin oft enttäuscht, Wagih
Haben Sie für ihn gestimmt? aber dann erinnere ich mich
Wagih: Nein, ich habe die daran, dass ich zu einer Gene-
Wahl boykottiert. Ich wollte ration gehöre, die vor drei Wagih: Nein, sie werden weiter
diese Farce nicht mit meiner Jahren einen Volksaufstand an den Rand gedrängt. In ei-
Stimme legitimieren. Das Er- ausgelöst hat. Das gibt mir nem TV-Interview hat Sisi ge-
gebnis war von Anfang an Hoffnung. Wir brauchen mehr sagt, dass Frauen in Führungs-
klar. Deswegen ist Wahl so- Zeit, echte Veränderungen ge- positionen nicht in diese Zeit
wieso das falsche Wort, das schehen nicht über Nacht. passten. Damit hat er sich als
war ein Schauspiel. SPIEGEL: Wird eine säkulare genauso rückschrittlich wie
SPIEGEL: Die Ägypter hatten Regierung wenigstens die die meisten alten Männer in
also gar keine Wahl? Lage der Frauen verbessern? diesem Land geoutet. dst

USA tere Menschen erschossen die epidemische Waffenge-


Waffenverbot für und mehrere verletzt, bevor walt einzudämmen“, argu-
er sich selbst richtete. Rodger mentiert die Vorsitzende der
psychisch Kranke besaß drei auf seinen Namen Amerikanischen Psychiatri-
Nach dem tödlichen Amok- registrierte Handfeuerwaffen, schen Vereinigung Renée Bin-
lauf eines jungen Studenten obwohl er in psychiatrischer der: „Eine solche richterliche
in Santa Barbara erwägt Kali- Behandlung war; seine Eltern Anordnung wäre der nächste
fornien eine Verschärfung des hatten die Polizei sogar vor Schritt.“ Am Tag nach der
Waffenrechts. Damit soll es ihrem Sohn gewarnt. Zur Dis- Bluttat hatte der Vater eines
Menschen mit psychischen kussion steht nun eine Rege- der Opfer in einem bewegen-
Problemen erschwert werden, lung, nach der ein Richter sol- den Appell dazu aufgerufen,
legal Waffen zu erwerben. che Fälle auf Antrag prüfen die Waffengesetze drastisch
Vor gut einer Woche hatte El- können soll. Ähnliche Geset- zu verschärfen. Über den
liot Rodger, 22, erst drei Mit- ze gibt es bereits in mehreren Gesetzentwurf könnte das

40
bewohner im gemeinsamen Bundesstaaten. „Seit 20 Jah- Parlament in Sacramento
Fußnote Apartment erstochen, dann ren übernimmt Kalifornien noch in diesem Sommer ab-
nahe der Universität drei wei- eine führende Rolle dabei, stimmen. hst

Millionen Euro
sind seit Dezember auf FOTOS: SANTI PALACIOS / AP / DPA (L.O.); AP / DPA (L.U.); LUCY NICHOLSON / REUTERS (R.U.)

einem Sonderkonto der


griechischen Regierung
eingegangen. Durch die
freiwillige Rückzahlung
von Schwarzgeld erhof-
fen sich wegen Korrup-
tion oder Steuerhinterzie-
hung Angeklagte ein mil-
deres Urteil. Antonis Kan-
tas, einst hoher Beamter
im Verteidigungsministe-
rium, überwies als einer
der Ersten zehn Millionen
Euro Bestechungsgelder
zurück, die er wegen des
Kaufs deutscher Panzer
erhalten hatte. mer Gedenkstätte für Amokopfer in Santa Barbara

DER SPIEGEL 23 / 2014 81


Ausland

SPIEGEL: Frau Le Pen, Sie sind mit dem ben. Diese vertreten ziemlich gut die Inter- heute bei uns passiert, nimmt vorweg, was
Front national bei der Europawahl die gro- essen Deutschlands, aber ziemlich schlecht sich im Rest Europas in den nächsten Jah-
ße Siegerin: 25 Prozent der Stimmen in die Interessen Frankreichs. ren ereignen wird: die große Rückkehr der
Frankreich. Wie konnte das passieren? SPIEGEL: Deutschland ist schuld an der fran- Nationen, die man auslöschen wollte.
Le Pen: Die Franzosen wollen wieder Herr zösischen Misere? SPIEGEL: Ist Angela Merkel für Sie ein
im eigenen Land werden. Sie wollen über Le Pen: Wann immer ich hier und da deut- Feindbild?
ihre Wirtschaft bestimmen, ihre Einwan- schenfeindliche Aussagen höre, sage ich: Le Pen: Ich habe Respekt für Anführer, die
derungspolitik. Sie wollen, dass ihre Ge- Ihr könnt nicht Deutschland vorwerfen, die Interessen ihrer Länder verteidigen. Ihre
setze über denen der EU stehen. Die Fran- dass es seine Interessen vertritt. Ich kann Politik ist für Deutschland positiv – leider
zosen haben verstanden, dass die EU nicht Frau Merkel nicht vorwerfen, dass sie aber schädlich für alle übrigen Länder. Ich
der Utopie entspricht, die man ihnen ver- einen starken Euro bewahren will. Die warne: Achtung, Frau Merkel. Wenn sie
kauft hat. Sie hat sich weit entfernt von ei- Vorwürfe mache ich unseren eigenen An- die Leiden nicht sieht, denen die übrigen
ner demokratischen Funktionsweise. führern, die unsere Interessen nicht ver- europäischen Völker unterworfen sind,
SPIEGEL: Dabei hieß es doch vor den Wah- treten. Ein starker Euro ruiniert unser wird Deutschland sich verhasst machen.
len immer, dass mit den Spitzenkandida- Land. Sie glaubt, man könne Politik machen ge-
ten Juncker und Schulz die Demokratie in SPIEGEL: Wie kommen Sie denn darauf, gen die Bevölkerungen. Das würde sie in
der EU gestärkt werde. dass der Euro nur Deutschland nützt? Deutschland nicht tun, dort werden Wahl-
Le Pen: Das ist kompletter Unsinn. Alle wuss- Le Pen: Aus einem ganz einfachen Grund: ergebnisse respektiert. Den anderen aber
ten, dass nicht das Parlament über den nächs- Er ist von Deutschland und für Deutsch- will sie etwas aufzwingen. Das wird zur
ten Kommissionspräsidenten entscheidet. land geschaffen worden. Explosion der Europäischen Union führen.
SPIEGEL: Wollen Sie Europa zer- SPIEGEL: Wollen Sie ernsthaft aus
stören? dem Euro austreten?
Le Pen: Ich will die EU zerstören, Le Pen: Das sage ich seit dem Prä-

„Achtung,
nicht Europa! Ich glaube an das sidentschaftswahlkampf, es ist ein
Europa der Nationen. Ich glaube schwieriges Thema, und ich bin
an Airbus und an „Ariane“, an damit volles Risiko eingegangen.
ein Europa der Kooperationen. Ich weiß genau, dass die politische
Aber ich will nicht diese europäi- Klasse dem Volk Angst einjagt:

Frau Merkel“
sche Sowjetunion. Ohne Euro wird die Sonne erlö-
SPIEGEL: Die EU ist ein gewaltiges schen, die Flüsse werden versie-
Friedensprojekt, das dazu geführt gen, wir werden in eine Eiszeit
hat, dass es seit 70 Jahren keinen eintreten …
Krieg mehr gab. SPIEGEL: Ein Ende des Euro würde
Le Pen: Nein. Europa, das ist der doch zu einem ökonomischen De-
Krieg. Der Wirtschaftskrieg. Das SPIEGEL-Gespräch Die französische saster führen.
ist die Zunahme der Feindseligkei- Rechtspopulistin Marine Le Pen über den Le Pen: Das glaube ich überhaupt
ten zwischen den Ländern. Die nicht. Es wäre eine unglaubliche
Deutschen werden als grausam be- Sieg ihres Front national bei der Chance. Wenn wir nicht ausstei-
schimpft, die Griechen als Betrüger, Europawahl, die deutsche Dominanz und gen, explodiert der Euro. Entwe-
die Franzosen als Faulpelze. Frau der gibt es einen Volksaufstand,
Merkel kann in kein europäisches ihre Bewunderung für Wladimir Putin weil die Leute sich nicht mehr
Land reisen ohne Hundertschaften ausbluten lassen. Oder die Deut-
von Polizisten zu ihrem Schutz. schen sagen: Schluss, wir können
Das ist nicht Brüderlichkeit. nicht mehr für die Armen zahlen.
SPIEGEL: Sie wollen nach Brüssel, nur um SPIEGEL: Es war François Mitterrand, der SPIEGEL: Sie ziehen nun mit 24 Abgeord-
das System zu bekämpfen. den Euro wollte, um Deutschland einzu- neten nach Brüssel …
Le Pen: Warum auch nicht? Die EU ist ein binden. Die Deutschen haben sich schwer- Le Pen: … als viertgrößte Abordnung nach
großes Verhängnis, ein antidemokratisches getan, die D-Mark aufzugeben. CDU, italienischem PD und SPD.
Monster. Ich will verhindern, dass es fetter Le Pen: Das ist etwas anderes. Mitterrand SPIEGEL: Für eine Fraktion benötigen Sie
wird, weiter atmet, mit seinen Pfoten alles wollte mit dem Euro die Integration voran- aber Abgeordnete aus sieben Ländern.
anfasst und mit seinen Tentakeln in alle treiben. Aber aus wirtschaftlicher Sicht Zwar haben Sie Abmachungen mit dem
Ecken unserer Gesetzgebung greift. Wir ist der Euro deutsch. Wenn wir zu natio- Niederländer Geert Wilders, mit der öster-
hatten in unserer glorreichen Geschichte nalen Währungen zurückkehrten, würde reichischen FPÖ, der italienischen Lega
Millionen von Toten, um ein freies Land die D-Mark als einzige aufgewertet, das Nord, dem belgischen Vlaams Belang, das
zu bleiben. Heute lassen wir uns das Recht wäre ein Wettbewerbsnachteil für Deutsch- reicht aber nicht.
auf Selbstbestimmung einfach so stehlen. land. Der Franc hingegen würde abgewer- Le Pen: Ich bin optimistisch, dass wir eine
SPIEGEL: Eigentlich haben Sie doch nicht tet, das würde uns Luft verschaffen. Fraktion gründen können. Ich habe bald
wegen der EU gewonnen, sondern weil SPIEGEL: Die Stimmen für die EU-skepti- eine ganze Reihe von Treffen.
die Franzosen wütend sind über die schen Parteien sind also Stimmen gegen SPIEGEL: Die britische Ukip, die gleich viele
schlechte Wirtschaftslage und auf Präsi- Deutschland? Sitze gewonnen hat, will nicht mit Ihnen
dent François Hollande. Haben Sie ihn an- Le Pen: Das Modell, das wir vertreten, ist kooperieren. Ihr Chef Nigel Farage nennt
gerufen, um sich zu bedanken? weniger vorteilhaft für Deutschland als das den Front national antisemitisch.
Le Pen: Nein, dann hätte ich auch Nicolas heutige Modell. Deutschland ist zum wirt- Le Pen: Und David Cameron sagt über die
Sarkozy anrufen müssen. Frankreich be- schaftlichen Herzen der EU geworden, Ukip, sie seien Spinner und Rassisten. Ich
findet sich in dieser Situation, weil sich weil unsere Anführer schwach sind. Aber finde es gut, dass die Ukip so stark ist wie
die konservative UMP und die Sozialisten Deutschland sollte nie vergessen, dass wir. Aber sie haben bereits eine Frak-
europäischen Verträgen unterworfen ha- Frankreich das politische Herz ist. Was tion, nun sehen sie uns als Konkurren-
82 DER SPIEGEL 23 / 2014
ten. Deshalb diese infamen Beschuldi-
gungen.
SPIEGEL: Würden Sie gern mit der Ukip zu-
sammenarbeiten?
Le Pen: Es wäre möglich. Wir haben die
gleiche grundsätzliche Haltung zu Europa.
SPIEGEL: Sie und Ihre möglichen Alliierten
sind zwar alle gegen die EU, aber was ha-
ben Sie darüber hinaus gemeinsam mit je-
mandem wie Geert Wilders?
Le Pen: Das reicht doch!
SPIEGEL: Er ist für die Rechte der Schwulen,
Sie sind gegen die Homo-Ehe.
Le Pen: Warum soll mich das kümmern?
Mir genügt der Kampf für die Souveränität
der Nationen. Jeder soll wählen können,
seinen Werten und seiner Geschichte ge-
mäß, innerhalb einer europäischen Zivili-
sation, der wir alle angehören.
SPIEGEL: Eine Zusammenarbeit mit Extre-
misten wie der griechischen „Goldenen
Morgenröte“ oder der NPD haben Sie aus-
geschlossen. Und mit der AfD?
Le Pen: Sie haben bisher keinen solchen
Wunsch geäußert. Wir teilen mit der AfD
gewisse Einschätzungen, aber sie ist keine
volkstümliche, sondern eine elitäre Partei
mit einer ganz anderen Struktur.
SPIEGEL: Ist Frankreich eigentlich in einem
Zustand der Depression?
Le Pen: Da ist etwas dran. Wir waren eines
der reichsten Länder der Welt, nun befin-
den wir uns auf dem Weg in die Unterent-
wicklung. Diese Austerität, die den Men-
schen auferlegt wird, funktioniert nicht.
Die Leute werden sich nicht erdrosseln las-
sen, ohne aufzubegehren.
SPIEGEL: Aber die französischen Schulden
sind nun einmal gewaltig.
Le Pen: Die französischen Schulden werden
gewaltig bleiben. Denn je mehr Austerität
man verordnet, desto mehr leidet das
Wachstum, desto niedriger sind die Steu-
ereinnahmen, desto mehr steigt das Defi-
zit. Außerdem spart die Regierung bei den
nützlichen Ausgaben statt bei den schäd-
lichen. Sparen muss man bei der Groß-
zügigkeit der Sozialsysteme, die unseren
Bürgern den gleichen Schutz einräumen
wie illegalen Einwanderern. Und beim So-
zialbetrug und bei den Beitragszahlungen
an die EU, die jedes Jahr steigen.
SPIEGEL: Wünscht sich der Front national
das Frankreich der frühen Sechzigerjahre
zurück? Einen protektionistischen Staat,
der die Wirtschaft lenkt, einen autoritären
Staatschef, weniger Einwanderer? „Die EU ist ein antidemokratisches
FOTO: ERIC GARAULT / PASCOANDCO / DER SPIEGEL

Le Pen: Damals waren die Franzosen un-


bestreitbar in einer besseren Lage. Ich Monster. Ich will verhindern, dass es
schaue nicht in den Rückspiegel. Aber wa- fetter wird, dass es weiter atmet
und mit seinen Pfoten alles anfasst.“
rum mussten wir seither ein Ende des so-
zialen Fortschritts erleben? Es ist nicht ver-
nünftig, dass wir innerhalb von 30 Jahren
zehn Millionen Ausländer aufgenommen
haben.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass sich Frankreich
vor der Welt verstecken kann?
Ausland

Ex-Präsident Sarkozy, Ehefrau Carla Bruni: „Als Kandidat für die Präsidentschaftswahl 2017 ist er erledigt“

Le Pen: Ich spreche nicht von Autarkie, ich wir behandelt wie jede andere Partei? SPIEGEL: In Deutschland gibt es heute viel
bin nicht verrückt. Wir brauchen einen in- Nein. Nicht von der Presse und schon gar mehr Einwanderung als in Frankreich und
telligenten Protektionismus. Wir brauchen nicht von der politischen Klasse. dennoch keine Partei wie die Ihre.
Zölle – nicht im Handel mit Ländern, die SPIEGEL: Was ist der wahre Front national? Le Pen: Wir haben Millionen Arbeitslose
das gleiche soziale Niveau haben wie wir. Auf der einen Seite gibt es Ihren jungen und können uns keine Einwanderung mehr
Das ist faire Konkurrenz. Das Problem ist Vize Florian Philippot, der sich als Gaullist leisten. Wo sollen wir diese Leute unter-
die totale Öffnung der Grenzen, das Ge- bezeichnet. Auf der anderen Seite Ihren bringen? Das kann nicht funktionieren.
setz des Dschungels: Je weiter ein Unter- Vater, der neulich sagte, „Monseigneur SPIEGEL: Ist Ihr Erfolg dem Versagen der
nehmen heute geht, um Sklaven zu finden, Ebola“ könnte die globale Bevölkerungs- Eliten geschuldet? Die sozialistische Poli-
die es wie Tiere behandelt, für einen Hun- explosion binnen drei Monaten lösen. tikerin Samia Ghali sagte: Die Franzosen
gerlohn, ohne die Umweltgesetze zu be- Le Pen: Er hat nicht „könnte“ gesagt. Und wollten, dass man mit dem Herzen zu ih-
achten, desto mehr verdient es. das war kein Wunsch von ihm, sondern nen spreche, und leider täten das nur Sie.
SPIEGEL: Ist der Freihandel wirklich nur eine Sorge. Wissen Sie, über den Gaullis- Le Pen: Unsere politische Klasse hat keine
schlimm? mus hieß es einmal, er sei die Metro um Überzeugungen mehr. Man kann nur den
Le Pen: Wir haben immer Handel getrie- sechs Uhr abends. Da sind Jean-Marie Le Glauben verströmen, den man hat. Die
ben. Aber früher haben wir strategische Pen und Florian Philippot, da sind Hand- glauben nicht mehr an Frankreich, die ha-
Interessen verteidigt. Können Sie sich vor- werker, Unternehmenschefs, Beamte. Wir ben eine postnationale Weltsicht. Ich nen-
stellen, dass die USA Alstom erlaubten, wollen das ganze französische Volk reprä- ne sie Frankoskeptiker. Deshalb fällt die
General Electric zu kaufen? Ich denke sentieren, mit Ideen, die weder links noch Demokratie bei uns in sich zusammen.
nicht. Und ich will nicht, dass Siemens Als- rechts sind: Patriotismus, Verteidigung der SPIEGEL: Premier Manuel Valls hat doch auch
tom kauft. Ich will, dass Alstom franzö- Identität und Souveränität des Volkes. Überzeugungen. Nur nicht dieselben wie Sie.
sisch bleibt. Das ist für die Unabhängigkeit Wenn man, wie ich, zugleich als links- Le Pen: Das glaube ich nicht. Er hat keine
meines Landes strategisch wichtig. extrem und als rechtsextrem bezeichnet einzige Überzeugung. Genau wie Nicolas
SPIEGEL: Alstom hat aber große Probleme. wird, liegt man wohl richtig. Sarkozy. Das sind Leute, die Ihnen alles
Le Pen: Man könnte ein Unternehmen ver- SPIEGEL: Der Front national ist eine Anti- erzählen, nur um ihre kleine persönliche
staatlichen, sei es auch nur vorübergehend, Einwanderungs-Partei, laut Umfragen ist Karriere voranzubringen.
um es zu stabilisieren. das die größte Sorge Ihrer Wähler. SPIEGEL: Sagen Sie das nicht, weil Valls als FOTOS: BENOIT TESSIER / REUTERS (O.); ERIC GARAULT / PASCOANDCO / DER SPIEGEL (U.)
SPIEGEL: Hätten Sie gedacht, als Sie den Le Pen: Ja, wir sind für einen Einwande- einziges Mitglied der Regierung sogar bei
Front national 2011 in desolatem Zustand rungsstopp. Ihren Wählern populär ist?
von Ihrem Vater Jean-Marie übernahmen, SPIEGEL: Warum diese Xenophobie? Le Pen: Er ist populär, weil die anderen in
dass er stärkste Partei würde? Le Pen: Xenophobie, das bedeutet Frem- der Regierung unpopulär sind. Innenmi-
Le Pen: Natürlich, sonst würde ich das hier denhass. Ich hasse niemanden. nister sind immer beliebt, weil sie den Leu-
nicht machen. Wenn ich nicht glaubte, dass ten das Gefühl geben, sie kümmerten sich
wir an die Macht kommen können, dann um Sicherheit, auch wenn es Leute mit
würde ich mich um meine drei Kinder harten Worten und weicher Hand sind.
kümmern oder um meinen Garten. SPIEGEL: Sehen Sie sich bei der Präsident-
SPIEGEL: Sie haben, seit Sie die Partei füh- schaftswahl 2017 im zweiten Wahlgang?
ren, daran gearbeitet, den Front national Le Pen: Das ist eine sehr glaubwürdige
zu „entteufeln“ – ist das nach diesem Er- Hypothese, ja. Das geben alle zu. Schauen
gebnis nun endgültig vollbracht? Sie sich die Umfragen an. Wir haben min-
Le Pen: Im Volk bestimmt, die Eliten ver- destens so viel Potenzial bei den Nicht-
teidigen sich natürlich weiterhin. Werden wählern wie bei den Wählern. Ich glaube,
dass wir in den nächsten zehn Jahren an
* Mit Redakteur Mathieu von Rohr in der Parteizentrale Le Pen beim SPIEGEL-Gespräch* die Macht kommen. Vielleicht schneller,
in Nanterre. „99 Prozent der Journalisten sind links“ als sich manch einer vorstellt.
84 DER SPIEGEL 23 / 2014
SPIEGEL: Hollande ist so unbeliebt wie kein
Präsident vor ihm. Sind Sie für den Präsi-
dentschaftswahlkampf schon ganz auf Ni-
colas Sarkozy konzentriert?
Le Pen: Ich feuere nicht auf einen Kranken-
wagen. Sarkozy ist als Kandidat erledigt.
SPIEGEL: Sie meinen wegen seiner Verstri-
ckung in den Finanzierungsskandal seiner
UMP, wegen der schon Parteichef Jean-
François Copé zurücktreten musste?
Le Pen: Ja. Jetzt ist es aus. Er hat betrogen.
Er hat die Gesetze der Republik verletzt
und für seinen Wahlkampf doppelt so viel
ausgegeben wie erlaubt. Damit ist er dis-
qualifiziert. Das bedauere ich übrigens.
Ich hätte ihn gern als Gegner gehabt.
SPIEGEL: Warum?
Le Pen: Weil er er ist.
SPIEGEL: Warum unterstützen Sie eigentlich
in der Ukraine-Krise Putin gegen Europa?
Le Pen: Ich unterstütze nicht Putin gegen
Europa, das ist eine Karikatur. Ich bin für
eine föderalistische Ukraine. Die EU hat
Öl ins Feuer gegossen, als sie einem Land,
das zur Hälfte nach Osten blickt, eine wirt-
schaftliche Partnerschaft angeboten hat.
SPIEGEL: Bewundern Sie Putin?
Le Pen: Ich habe eine gewisse Bewunderung
für Wladimir Putin, denn er lässt sich nicht
von diesem oder jenem Land Entscheidun-
gen aufzwingen. Ich glaube, er denkt zu-
erst an das Interesse Russlands und der
Russen. Insofern habe ich für Putin den
gleichen Respekt wie für Frau Merkel.
SPIEGEL: Putin ist kein Demokrat.
Le Pen: Ach, wirklich? Er ist kein Demo-
krat? In Russland gibt es keine Wahlen?
SPIEGEL: Es gibt zum Beispiel keine Pres-
sefreiheit.
Le Pen: Aber Sie glauben, in Frankreich
gebe es eine echte Pressefreiheit? 99 Pro-
zent der Journalisten sind links!
SPIEGEL: Das behaupten Sie. Aber man
bringt Journalisten nicht um und sperrt sie
nicht ein.
Le Pen: Ehrlich gesagt, es werden viele Dinge
über Russland gesagt, weil es seit Jahren
auf Anordnung der USA verteufelt werden
soll. Es gehört zur Größe eines europäischen
Landes, sich selbst eine Meinung zu bilden
und nicht alles durch die US-Brille zu sehen.
Wir haben Russland keine Lektionen zu er-
teilen, wenn wir Katarern, Saudi-Arabern
und Chinesen den Teppich ausrollen.
SPIEGEL: Sie sind also weniger für Russland
als gegen Amerika?
Le Pen: Die Amerikaner versuchen, ihren
Einfluss in der Welt auszudehnen, vor al-
lem in Europa. Sie verteidigen ihre Inter-
essen, nicht unsere. Ich bin für eine multi-
polare Welt, in der Frankreich erneut an
der Spitze der blockfreien Staaten steht,
nicht mit den USA, nicht mit Russland,
nicht mit Deutschland. Man soll weder
Sklave sein wollen noch Meister.
SPIEGEL: Frau Le Pen, wir danken Ihnen für
dieses Gespräch.
DER SPIEGEL 23 / 2014 85
Ausland

Keine Wahl
Essay Warum Syriens Diktator Baschar al-Assad nicht das kleinere Übel ist
Von Christoph Reuter

R
und 80 000 Syrer drängten sich am vergangenen Mittwoch Was muss man tun, um ungestört möglichst viele Menschen um-
vor der syrischen Botschaft in Beirut. Mehr als einen Kilo- zubringen? Offenbar noch mehr Menschen umbringen.
meter lang war allein die Reihe der geparkten Busse, mit Es müsse eine politische Lösung geben, hieß es stets in Wa-
denen sie aus allen Teilen des Landes gekommen waren; herbei- shington und Berlin, vor allem nach dem Trauma der Kriege im
gekarrt von der schiitischen Hisbollah-Miliz, die an Baschar al- Irak und in Afghanistan. Doch der fundamentale Unterschied
Assads Seite kämpft. Sie alle wollten ihre Stimme abgeben, bei ist: Beide Kriege waren feindliche Invasionen, anders als in Syrien,
dieser Wahl, mit der sich der Herrscher für weitere sieben Jahre wo das Volk sich auflehnte. Es gab nie eine politische Lösung, es
im Amt bestätigen lässt. Im Ausland fand sie bereits einige Tage konnte sie nicht geben, nicht ohne militärischen Druck, nicht
früher statt, an diesem Dienstag wird in Syrien abgestimmt. ohne eine Flugverbotszone oder Waffenhilfe für die Rebellen.
Vor der Botschaft riefen die Regimetreu-
en: „Mit Blut und Seele opfern wir uns für
dich, oh Baschar.“ Manche markierten den
Wahlzettel sogar mit ihrem Blut. Aber wei-
ter hinten in der Schlange sagten auch einige
leise, sie seien hier aus Furcht vor Repres-
salien. Ein Mann schrieb die Namen aller
Familienmitglieder auf die Rückseite, ein
Wahlschein als Versicherungspolice gegen
den Verdacht, man könne gegen Assad sein.
„Mit diesem Andrang hatten wir gar nicht
gerechnet“, verkündete der syrische Bot-
schafter: „Das zeigt das Ende der Verschwö-
rungen!“ Wählen durfte allerdings nur, wer
offiziell in den Libanon eingereist ist, was
nicht einmal auf die Hälfte der vermutlich
zwei Millionen Syrer im Land zutrifft. Und
für alle gab es nur dieses eine Wahllokal.
Wahlen zu inszenieren, während man
Krieg gegen sein Volk führt, während das
halbe Land in Trümmern liegt und neun
Millionen Menschen auf der Flucht sind, das
ist zynisch. Diese Wahlen unter das Motto
„Gemeinsam!“ zu stellen ist nur noch ver-
rückt. Und folgt doch einem präzisen Kalkül.
Denn weltweit hat sich mittlerweile still und
leise die Ansicht durchgesetzt, dass Assad Assad-Plakat in Damaskus: Die demokratische Welt hat kapituliert
inzwischen das kleinere Übel ist, angesichts
der Furcht vor den Islamisten. So hört man es jetzt auch immer Denn es war nie die Logik des syrischen Regimes, sich auf eine
öfter von ratlosen Politikern, etwa dem britischen Expremier Machtteilung einzulassen. Dabei gab es genug Warnungen, aber
Tony Blair. „So widerwärtig es scheint, aber der einzige Ausweg keiner wollte sie hören. Eine politische Lösung – das klang doch
ist eine bestmögliche Einigung, selbst wenn das bedeutet, dass viel vernünftiger und zivilisierter. Das müsste doch, so dachten
Präsident Assad für gewisse Zeit bleibt.“ Da Assad sich leider viele, auch Assad eines Tages begreifen.
durch Drohungen nicht zum Abtreten bewegen ließ, soll er nun

A
eben weiterherrschen. ber warum sollte er? Es gibt in der jüngeren Geschichte
Die demokratische Welt hat kapituliert. Auch dass die US- kein anderes Regime, das sein eigenes Staatsgebiet derart
Regierung die Präsidentschaftswahl als Farce bezeichnet hat und in Schutt und Asche gelegt hat. Und zwar mit Ansage
Präsident Barack Obama in seiner außenpolitischen Grundsatz- und voller Absicht: „Assad für immer, oder wir brennen das
rede vorige Woche mehr Unterstützung für die Rebellen ankün- Land nieder!“, schrieben die Soldaten schon Anfang 2012 in zenti-
digte, verschleiert nur maßvoll, dass man sich in Washington meterbreiten Lettern an die Mauern der von ihnen verwüsteten
längst mit Assad abgefunden hat. Als die Zahl der Toten in Syrien Dörfer und Städte. Diese Zerstörungsbereitschaft ebenso wie die
noch bei einigen Tausend lag, verkündete die damalige Außen- fast schon surreale Dauerpropaganda haben ihre Ursache im
ministerin Hillary Clinton, Assad müsse abtreten. Heute, da über Herrschaftsgefüge des Hauses Assad: Die Familie gehört zur Min-
160 000 Menschen im Bürgerkrieg umgekommen sind, spricht da- derheit der den Schiiten nahestehenden Alawiten, die nur zehn
von niemand mehr. Giftgas gegen die eigene Bevölkerung? Bleibt Prozent der Bevölkerung stellen und vor dem Putsch des Dynas-
folgenlos, solange Assad anschließend seine Chemiewaffen ab- tiegründers Hafis al-Assad nicht zur Elite des Landes zählten.
gibt. Selbst die Uno, im Sicherheitsrat vom Veto Russlands und Seither herrschen die Assads über Syrien, als sei das Land ihr
Chinas blockiert, hat inzwischen das Zählen der Opfer eingestellt. Privatbesitz, und das lässt ihnen nur zwei Optionen: absolute
86 DER SPIEGEL 23 / 2014
Macht oder den Rückfall in die Bedeutungslosigkeit. Jede Kon- meintliche Qaida-Anhänger bereits im Frühjahr 2011 aus den Ge-
zession wäre der Beginn des Untergangs, nur ein Sieg über die fängnissen entließ und ihnen noch die Busfahrkarte nach Hause
Aufständischen kann das Regime retten. Und zwar nicht bloß zahlte, während Armee und Polizei auf unbewaffnete Demons-
ein militärischer Sieg, sondern eine totale Unterwerfung. tranten schossen, bis aus Protesten ein Krieg geworden war. All
Aber wozu braucht das Regime überhaupt Wahlen, wenn doch das ist endlos erscheinende drei Jahre her, in denen die Propa-
ohnehin Millionen Syrer bereits mit den Füßen abgestimmt und ganda auf Hochtouren lief. Eine ganze Stadt eingeäschert? Die
das Land verlassen haben? Es braucht Wahlen eben gerade, um Synagoge in Dschubar zerstört, der Markt in Aleppo, das älteste
seinen Allmachtsanspruch zu zementieren. Und der mit Sicher- Minarett in Daraa? Giftgas auf die Vorstädte von Damaskus? Im-
heit vorherzusagende, überwältigende Wahlsieg Assads gegen mer waren Terroristen schuld. Die Stichhaltigkeit dieser Behaup-
zwei handverlesene Gegenkandidaten bedeutet das Ende aller tungen war bedeutungslos. Es ging nur darum, eine eigene Ver-
Verhandlungen in Genf und anderswo. Dass selbst der hart- sion aufrechtzuerhalten. Denn irgendwann würde das Interesse
gesottene Uno-Sondergesandte Lakhdar Brahimi vor wenigen der Welt nachlassen, würde nur in Erinnerung bleiben, dass es
Wochen aufgab, offenbart das Scheitern aller politischen in diesem Konflikt zwei legitime Versionen gibt.
Bemühungen. Darüber hinaus hat das Regime in Damaskus mit seinen Lügen
die tiefsitzenden Ängste des Westens vor den bärtigen Fanatikern

D
och die Vorstellung, dass Assads Verbleib an der Macht von al-Qaida genährt. Nach und nach wurde der bewaffnete
eine Rückkehr zu jener schläfrigen Diktatur bedeuten Widerstand tatsächlich religiöser und radikaler, kamen Dschi-
würde, die Syrien bis Anfang 2011 war, ist ein mehrfacher hadisten aus Tunesien, Saudi-Arabien und Europa. Die Furcht,
Irrtum. Dieses Land ist verschwunden, abgebrannt, entvölkert. die Unterstützung der gemäßigten Rebellen könnte den Extre-
misten zugutekommen, hat am Ende das
Gegenteil bewirkt: Die Gemäßigten wurden
geschwächt und die Extremisten gestärkt,
denen es an Geld und Waffennachschub nie
mangelte. Die Welt ließ sich von Assad täu-
schen, auch weil das Bild von den bärtigen
Fundamentalisten etwas Entlastendes hatte.
Wenn beide Seiten furchtbar sind, entfällt
der moralische Druck einzugreifen.
Die Aufständischen wollen aber, anders
als viele im Westen glauben, keinen Gottes-
staat. Für dieses Ziel kämpft nur eine
Gruppierung: die Dschihadisten vom „Isla-
mischen Staat im Irak und in Syrien“. Die
allerdings bekriegen, und damit wird die
Angelegenheit richtig kompliziert, nicht das
Regime, sondern ausschließlich andere
Rebellengruppen. Und von Assads Truppen
werden sie in Ruhe gelassen. Denn sie sind
ein viel zu nützlicher Gegner.

W
ährend Assads Propagandaappa-
rat virtuos die Ängste des Westens
bespielt, hat er diesen Krieg zum
exakten Gegenteil dessen gemacht, was er
behauptet: nicht zur tapferen Abwehr von
Zerstörte Stadt Homs: Nicht nur ein Sieg, sondern totale Unterwerfung Glaubensfanatikern durch sein angeblich
säkulares Regime – sondern zum ersten in-
Und wie lange werden Syriens Nachbarn bereit sein, Millionen ternationalen Dschihad der Schiiten. Tausende Fanatiker strömen
verzweifelter und verarmter Flüchtlinge bei sich aufzunehmen? aus dem Libanon, dem Irak, Iran und selbst aus Afghanistan
Selbst nach Homs, der mittlerweile von der Armee kontrollierten, nach Syrien, um dort auf Assads Seite gegen die Sunniten zu
einst drittgrößten Stadt des Landes, sind nur wenige Syrer zu- kämpfen. Offiziell zum Schutz der schiitischen Schreine in Da-
rückgegangen. Zwei Drittel der Flüchtlinge im Ausland fürchten, maskus, de facto im ganzen Land. Weitgehend unverstanden ist
nie wieder heimkehren zu können. Wo sollten sie auch hin? vor allem im Westen, dass dies längst nicht mehr ein Krieg zwi-
Häuser und Fabriken, ganze Städte sind verwüstet. Spricht man schen Regimetreuen und Rebellen ist, sondern zwischen den
mit den Geflohenen im Ausland und mit Gebliebenen in den zwei großen, seit 1400 Jahren verfeindeten Glaubensrichtungen
Vorstädten von Damaskus, so ist die Sehnsucht nach Norma- des Islam.
lität groß. Aber niemand glaubt, dass diese Normalität eines Ganz offen sprach es gerade erst Hossein Hamedani aus, ein
FOTOS: LOUAI BESHARA / AFP (L.); REUTERS (R.)

Tages wieder möglich ist. Denn was, so heißt es oft, werde die General der iranischen Revolutionswächter: „Baschar al-Assad
Rache der Sieger zügeln, deren Blutzoll ebenfalls hoch war? kämpft diesen Krieg als unser Stellvertreter.“ Und sollte er wei-
Wer könne die Milizen stoppen, die den Staat ersetzt haben, tere Hilfe benötigen, „stehen 130 000 trainierte Kämpfer bereit“.
die plündern und morden dürfen, weil sie die Herrschaft Assads Eine Art alawitische Hisbollah soll nach dem Willen der Generäle
sichern? in Teheran die syrischen Sunniten in Schach halten. Ob dies
Deswegen sind diese Wahlen für das Regime so wichtig, als Baschar al-Assad gefällt oder nicht, ist dabei zweitrangig: Er hat
ein weiterer Baustein jener Inszenierung, die seit Beginn des gar keine andere Wahl, will er an der Macht bleiben. Doch auf
Aufstands läuft. Stets war die Rede von einer „ausländischen den Herrscher kommt es womöglich längst nicht mehr an. Wird
Verschwörung“, von „Terroristen“, die Syrien destabilisieren Syrien erst vollständig zum Schauplatz eines Glaubenskriegs,
wollten. Dabei war es das Regime, das Hunderte echte wie ver- wird dieser weiterbrennen, auch ohne Assad. I

DER SPIEGEL 23 / 2014 87


Ausland

Prorussische Separatisten vor der besetzten Gebietsverwaltung in Donezk

Bataillon der Bärtigen


Ukraine Kämpfer aus dem Kaukasus verstärken die Separatisten im Osten, während Kiew Truppen
und die Luftwaffe schickt. Was als Aufstand begann, könnte sich zum Krieg ausweiten.

D
er Mann mit dem schwarzen Voll- Tuch gehüllten Särgen Donezk in Richtung Damit ist aus der im April begonnenen Be-
bart sitzt zufrieden auf einem Holz- Grenze. Zwei Drittel der rund 50 Aufstän- setzung von Gebietsverwaltungen ein
stuhl, er trägt eine schwarze Base- dischen, die bei den schweren Kämpfen ernsthafter territorialer Konflikt geworden.
ballkappe mit weißen Streifen, die Kalasch- am vergangenen Montag starben, waren „Was im Osten vor sich geht, ist eine
nikow hat er neben sich auf den Tisch ge- russische Staatsbürger. Neuauflage der Oktoberrevolution“, sagt
legt. Die Bewaffneten sprechen ihn unter- Manche Kämpfer in Donezk erzählten Jurij Luzenko im 600 Kilometer entfernten
würfig mit „Komandir“ an, mit einer lässi- Journalisten offen, sie seien „im Auftrag Kiew, er ist Berater des neu gewählten Prä-
gen Handbewegung entscheidet er, wer die Kadyrows“ gekommen. Der tschetscheni- sidenten Petro Poroschenko. „Auf den Bar-
Gebietsverwaltung von Donezk betreten sche Präsident Ramsan Kadyrow sagte le- rikaden standen bislang Abenteurer, Kri-
darf und wer nicht. Auf Fragen antwortet diglich: „Wenn jemand in der Konfliktzone minelle und Leute aus dem Lumpenprole-
der Bärtige kurz angebunden auf Russisch, einen Tschetschenen gesehen hat, dann ist tariat, die keine Arbeit mehr hatten. Ganz
mit einem harten kaukasischen Akzent. das seine Sache.“ wie in Petrograd 1917. Und Wiktor Janu-
Ob er hier der Chef sei? „Ja, offenbar.“ Anfang vergangener Woche schien es, kowytsch hat jedem Kämpfer anfangs 400
Aber er sei nicht von hier? „Siehst du als könnten Kiews Truppen nach Wochen Dollar pro Tag gegeben, so wie der deut-
doch.“ Dann klingelt sein Mobiltelefon. des Zögerns die Oberhand gewinnen. Den sche Generalstab einst Geld an Lenins
Der Bärtige redet in einer kaukasischen von Separatisten besetzten Donezker Flug- Männer zahlte. Aber jetzt gibt es dort Söld-
Sprache. Auf Tschetschenisch? „Warum hafen eroberte die Armee schnell zurück. ner und russische Waffen.“
willst du das wissen, mein Lieber?“ Doch die östliche Flanke bleibt offen: Auf Luzenko, 49, war ein Pionier der Orange
Nach Monaten der Verschleierungstak- der Fahrt von der russischen Grenze nach Revolution. Unter Ministerpräsidentin
tik wird nun die direkte Einmischung Donezk ist kein ukrainischer Soldat zu se- Julija Tymoschenko war er zweimal In-
FOTO: MAXIM DONDYUK / DER SPIEGEL

Russlands auch in der Ostukraine sichtbar. hen, am Stadtrand grüßen Kämpfer eines nenminister, bis Janukowytsch die Macht
Spätestens seit voriger Woche ist klar: Rus- Separatisten-Bataillons namens „Wostok“, übernahm. Der ließ ihn 2010 wegen „Amts-
sische und tschetschenische Söldner unter- Osten, die Kalaschnikow im Anschlag. missbrauchs“ einsperren. Auf Druck der
stützen die Separatisten in Donezk; sie Das Bataillon ist jetzt in Donezk die füh- Westeuropäer kam Luzenko im April 2013
kämpfen Seite an Seite mit Ukrainern ge- rende Kraft. Es besteht zwar nur aus eini- wieder frei. Jetzt arbeitet er mit Poroschen-
gen die Truppen Kiews. Erst waren das gen Hundert Kämpfern, die allerdings sind ko zusammen, der Ende dieser Woche sein
nur Gerüchte, doch dann verließ am Don- mit Panzerfäusten, Maschinengewehren Amt antreten wird. Luzenko wird als
nerstag eine Wagenkolonne mit 34 in rotes und Flugabwehrgeschützen bewaffnet. Chef des Nationalen Sicherheitsrats gehan-
88 DER SPIEGEL 23 / 2014
Ausland

tizapparat. Das Gas-Ultimatum der Russen


ist abgelaufen, der Maidan soll geräumt,
das Parlament aufgelöst werden. Mittwoch
will Poroschenko sich in Warschau mit
US-Präsident Obama treffen, Freitag zum
D-Day-Gedenken in die Normandie flie-
gen, Samstag soll die Amtseinführung statt-
finden. Und dann will er nach Donezk
reisen, wo die Militäroperation läuft.
„Poroschenko will sie effektiver führen“,
sagt sein Berater Luzenko, „er will Natio-
nalgarde, Geheimdienst und Armee in ei-
ner Befehlsvertikale zusammenfassen.“
Und von den Amerikanern erhofft sich der
Präsident Waffen, Treibstoff und Lebens-
mittel zu günstigen Preisen. Einen neuen
„Lend-Lease Act“ hat er das genannt, in
Erinnerung an Roosevelts Hilfe für die Ver-
bündeten im Zweiten Weltkrieg.
Bis dahin wird es allerdings dauern, im
Beerdigung eines Milizionärs in Donezk: „Hier findet ein europäischer Krieg statt“ Moment setzt Poroschenko daher auf
Rinat Achmetow, der 300 000 Menschen
delt. Und er soll Poroschenkos bislang be- gen die Zentralregierung, 5000 im Gebiet beschäftigt, die meisten davon in der Ost-
deutungslose „Solidarnost“-Partei zu des- Luhansk. Und diese Männer sind besser ukraine. Der Oligarch hat bereits ange-
sen Machtbasis ausbauen. Bis es soweit ist, organisiert und bewaffnet als Armee, Ge- kündigt, seine Angestellten würden eine
sitzt er in den Räumen des von ihm ge- heimdienst und Polizei. Erst am Don- unbewaffnete Bürgerwehr aufstellen. Aber
gründeten Thinktanks im Stadtviertel Po- nerstag voriger Woche schossen die Auf- noch sitzt Achmetow in Kiew und traut
dil. An der Wand hängt ein Ölgemälde, ständischen wieder einen Transporthub- sich nicht nach Donezk zurück.
„Perschy“ heißt es, der Erste. Es zeigt ei- schrauber der Nationalgarde ab, zwölf Dort liegt die Macht auf der Straße, wie
nen erschöpften Ukrainer, der die Augen Soldaten kamen ums Leben. ein Sprichwort in Russland lautet, und die
geschlossen hält, als sammle er seine letz- Die Armee habe kein Geld und keinen Vertreter der „Donezker Volksrepublik“
ten Kräfte. Für Luzenko ist das Gemälde Treibstoff, sagt Luzenko, sie sei praktisch versuchen jetzt, diese Macht an sich zu
ein Sinnbild für den Maidan. nicht mehr existent. Für den Kampf gegen reißen. Das elfgeschossige Gebäude der
„Sehen Sie genau hin, was jetzt im Osten die Separatisten brauche man Hubschrau- Gebietsverwaltung, in dem sich seit der
passiert“, sagt Luzenko. „Die Separatisten ber, aber die Generäle hätten die meisten Besetzung Kriminelle und Obdachlose nie-
fordern längst nicht mehr eine Föderalisie- nach Afrika verscherbelt. Die wenigen rus- dergelassen hatten, wurde am Donnerstag
rung oder einen besseren Status für die sischen Hubschrauber, die es noch gebe, von den „Wostok“-Milizionären „gerei-
russische Sprache. Sie wollen den Reich- seien schlecht bewaffnet, man könne sie nigt“, so jedenfalls drückte es der selbst-
tum der Oligarchen aufteilen, in diesem wie Luftballons abschießen. „Wir haben ernannte „Premier“ Alexander Borodai
Falle den des Milliardärs Rinat Achmetow.“ nicht mal mehr Blendgranaten, um die aus. Am selben Tag räumten Bulldozer
Er greift zu einem Stück Papier und zeich- Kämpfer in den Städten auszuschalten – die Barrikaden vor dem Gebäude. Die
net die Umrisse Russlands und der Ukrai- wir können in Slowjansk ja nicht mit Pan- Zeit der Revolutionswirren sei vorbei, sag-
ne. „Putin will nicht den Donbass. Er hat zern vorrücken.“ Polen habe jetzt wenigs- te Borodai. „Ab heute ist dies der offiziel-
andere Ziele: Erstens Anarchie in der Re- tens eine Ladung Granaten geliefert. le Regierungssitz der Donezker Volksre-
gion zu säen, weil sie wirtschaftlich für Die Wahl vom 25. Mai hat allerdings et- publik.“
uns extrem wichtig ist und die Ukraine was geändert: Petro Poroschenko wurde Die meisten Geschäfte in der Innenstadt
ohne sie nicht wieder auf die Beine mit überraschenden 54,7 Prozent zum sind seit der Schlacht um den Flughafen
kommt“, sagt Luzenko. „Und zweitens will Staatschef der Ukraine gewählt, er hat nun geschlossen, die Menschen verharren im
er, dass die Separatisten so viel Selbststän- ein starkes Mandat. Selbst seine Rivalin Schockzustand. Mit ihrem Referendum im
digkeit bekommen, dass sie gegen jede Ent- Julija Tymoschenko resignierte. Eigentlich Mai hatten sie eine klare Botschaft gegen
scheidung Kiews ihr Veto einlegen können. wollte sie noch am Wahlabend 50 000 An- die „faschistische Junta in Kiew“ gesendet,
Damit wäre der Staat lahmgelegt und wür- hänger auf die Straße schicken, um das Er- zumindest hatte die russische Propaganda
de de facto von Moskau regiert.“ gebnis anzufechten. Aber bei einem Ab- ihnen das eingeredet. Nun wird in ihrer
Luzenko lehnt sich zurück, atmet durch stand von rund 42 Prozentpunkten zu Po- Stadt Krieg geführt.
und sagt: „Wir haben keine Wahl. Geben roschenko konnte sie schlecht von Wahl- Menschen, die eine Umwandlung ihrer
wir Donezk auf, wird Putin bald auch in fälschung sprechen. Heimat in eine eigenständige „Volksrepu-
Odessa sein. Er ist dabei, einen Cordon sa- Auch Moskaus Behauptung, das Land blik“ ablehnen, reden derzeit aus Sicher-
nitaire um Russland zu legen. Und die sei hoffnungslos gespalten, wurde durch heitsgründen nur heimlich, „so wie zu So-
Ukraine ist jetzt wie Polen einst der Puffer das Wahlergebnis widerlegt. Selbst in Re- wjetzeiten“, sagt Alexander, ein 30-jähri-
FOTO: MAXIM DONDYUK / DER SPIEGEL

zu Europa. Hier findet kein lokaler, son- gionen wie Odessa oder Saporischja, deren ger Elektriker. Er hat vor einigen Tagen
dern ein europäischer Krieg statt.“ Bewohner Russland wohlgesinnt sind, ha- einen Lastwagen mit bewaffneten „bärti-
Allerdings: Militärisch scheint Kiew ben um die 40 Prozent für Poroschenko gen Kaukasiern“ durch seine Heimatstadt
trotz des Einsatzes von Luftangriffen und gestimmt. fahren sehen. „Was will dieses Gesindel
Artillerie nicht in der Lage zu sein, die ab- Doch die Aufgaben, die der neue Präsi- hier?“, fragt er. In der „Donezker Volks-
trünnigen Gebiete zurückzuholen. 12 000 dent zu bewältigen hat, sind riesig: Es gibt republik“, sagt der Vater von zwei Kindern,
prorussische Milizionäre kämpfen laut keine funktionierende Polizei, keine Steu- sehe er für seine Familie keine Perspektive
Luzenko derzeit im Donezker Gebiet ge- erbehörde, keinen Grenzdienst, keinen Jus- mehr. Moritz Gathmann, Christian Neef

90 DER SPIEGEL 23 / 2014


Wir kriegen dich
Albanien Leonard ist 14 Jahre alt, er würde gern Fußballer werden und auf Partys gehen.
Doch weil es in seiner Heimat die Blutrache gibt, muss er sich seit Jahren
verstecken, um nicht getötet zu werden. Von Katrin Kuntz und Maria Feck (Fotos)

N
achts, wenn ein kräftiger Wind die schallgedämpften Pistole zwischen all den mehr spüren, wenn eine Kugel seinen Kopf
Wolken über die Berge jagt und anderen Geräuschen nicht hören. durchbohrte. „Mein Leben“, sagt er, „wäre
durch das Fenster den Geruch von Der kleine Bruder im Zimmer nebenan dann einfach vorbei.“
geschnittenem Gras hereinbläst, kann Leo- könnte ruhig weiterschlafen, seine Mutter Natürlich, sagt er, wäre es am nächsten
nard ein wenig ruhiger schlafen. Die mor- würde nicht aufwachen. Und er selbst, Leo- Morgen nicht schön, wenn die Mutter ihn
sche Haustür klappert dann, die Scharnie- nard Qukaj, 14 Jahre alt, ein schüchterner tot in der Küche entdecken würde, in der
re des Tores quietschen laut, und wenn Junge mit leisem Humor und hellblauen sein Bett direkt neben dem Ofen steht.
der Mörder käme, denkt der Junge, würde Augen, ein Talent im Zeichnen und ein Doch vielleicht wäre sie auch froh, weil es
er dessen Schritte und das Klicken der Fan des FC Bayern, würde es wohl nicht mit seinem Tod neue Hoffnung auf Frieden
92 DER SPIEGEL 23 / 2014
Ausland

Gesuchter Leonard Qukaj im Elternhaus deren um. Auch Leonards Cousine Marija
„Mein Leben wäre dann einfach vorbei“ wurde vor zwei Jahren erschossen.
Leonard setzt sich mit dem Mokka in
Die Familie lebt in einem weiß gekalkten der Hand auf eine Treppenstufe zum Gar-
Haus in Shkoder, einer Stadt mit 96 000 Ein- ten, der von einer hohen Mauer umgeben
wohnern im Nordwesten, nahe den albani- ist, um von ihr zu erzählen. Marijas Ge-
schen Alpen. Vor dem Haus fahren Pferde- schichte ist ein Teil seiner eigenen.
wagen über Schotterwege, auf den Bürger- Er weiß, dass Frauen im Kanun als
steigen liegen Tomaten zum Verkauf, und „Schläuche“ bezeichnet werden, aus denen
in den Parks spielen Männer Domino. Es die Nachkommen entstehen; dass ihr Le-
gibt eine Universität in Shkoder, Restau- ben als wertlos betrachtet wird und sie des-
rants, Bars und Frauen, die auf hohen Ab- halb nicht als Opfer der Blutrache infrage
sätzen über die Pflastersteine stöckeln, zu- kommen. Doch Marija, die 17 war, hatte
gleich ist Shkoder eine Stadt mit Armut in weiten Hosen und Hemd auf dem Feld
und hoher Arbeitslosigkeit, die an den Rän- ihres Großvaters die Erde geharkt. Sie sah
dern nach Abfall und nassen Feldern riecht. aus wie ein Junge. Deswegen starb sie,
Shkoder ist so zerrissen wie ganz Alba- ebenso wie ihr Großvater.
nien, das einerseits ein Land in Aufbruch- Ihr Tod machte Schlagzeilen, Marija
stimmung ist, das dieses Jahr EU-Beitritts- wurde zur Ikone, ihr Sterben zeigte die
kandidat werden will; und ande- ganze Sinnlosigkeit der Blutra-
rerseits ein Land, in dem es noch che, offenbarte die Rückständig-
immer Korruption, Menschen- Shkoder keit des Landes. In der Haupt-
handel und organisiertes Verbre- stadt Tirana gab es Protestmär-
chen gibt. Und wo die Blutrache sche, aber Leonard ging nicht
gilt, wegen der Leonard bald hin. „Denn eigentlich“, sagt er,
sterben könnte. Tirana „war Marijas Tod ein Missver-
„Auf Blut nehmen folgt Blut ständnis.“ Der Schuss habe ihm
geben“, so schreibt es der Kanun gegolten. „Nun möchte auch
vor, das Gewohnheitsrecht der ALBANIEN noch Marijas Vater, dass ich tot
Albaner, das aus dem 15. Jahr- bin.“ Er habe ihm gesagt: „Wir
hundert stammt. Es bringt eine kriegen dich.“
Paralleljustiz mit sich, die um Seither versteckt Leonard sich
Ehre, Schuld und Sühne kreist, nicht nur vor den Prrojs, sondern
und vor allem in den Bergen und auch vor seinen eigenen Ver-
auch hier in Shkoder nach wie vor gilt. Sie wandten. „Meine Eltern lassen mich nicht
bedroht ganze Familien, oft auch Kinder hinaus“, sagt er leise. Nur wenige Tage ist
und Jugendliche, nicht selten beginnt alles er in den letzten Jahren zur Schule gegan-
mit einem harmlosen Streit. gen. „Immer, wenn ich so aggressiv wurde,
Leonard, der Junge der Qukajs, will von dass meine Mutter es nicht mehr aushielt“,
diesem Streit erzählen, der sein Leben ver- sagt er. Leonard könnte die Sache mit
hindert. Er sitzt an einem Morgen im April Marija wiedergutmachen, aber dafür müsste
auf dem zerschlissenen Sofa im Wohnzim- er selbst töten, „einen der Prrojs“. Oder die
mer unter einem Bild der heiligen Maria Prrojs müssten zur Versöhnung bereit sein.
und kocht auf dem Gaskocher süßen Mok- „Beides wird nie passieren“, flüstert er.
ka, zum Empfang in einem Zuhause, das Als die letzten Schüsse fielen, am 8.
sein Gefängnis ist. Sein Gesicht ist blass, April 2014, war Leonard gerade im Garten.
es hat einen trotzigen Ausdruck, der ver- Seine Mutter rief ihn ins Haus und sagte,
schwindet, wenn er lächelt. Er freut sich dass sein Onkel versucht habe, Rache für
geben würde. Weil er den Rächern ihre über Besuch, über Abwechslung in diesen Marija zu nehmen. Aus der Ferne habe er
Ehre zurückgeben würde. Weil sein Tod drei Zimmern, in einem Haus, in dem es 30 Kugeln auf das Familienoberhaupt der
die Möglichkeit zur Versöhnung böte und kein fließendes Wasser gibt. Prrojs gefeuert, mit einer Kalaschnikow.
ein Ende der Blutrache bedeuten könnte, Vor vier Jahren, so beginnt Leonards Der Mann sei getroffen worden, aber er
in die seine Familie wegen eines irrsinni- Geschichte, gab es oben in den Bergen, habe überlebt. „Der Onkel hat seine
gen Streits seit Jahren verstrickt ist. wo die Qukajs früher lebten, einen Streit Pflicht getan“, sagte die Mutter.
Schon oft hat Leonard über diesen Mo- um eine Wassermühle. Es ging um die Fra- Es war eine Nachricht, die Leonard nicht
ment nachgedacht, in den vier Jahren, in ge, ob Leonards Familie kostenlos das Was- überraschte. Er wuchs mit dem Wissen auf,
denen er sich aus Angst vor den Rächern ser nutzen dürfe, das in einem Bach über dass seine Familie zu den rund 3000 Fami-
in seinem Haus versteckt, sein Rücken ist das Grundstück der Nachbarn, der Prrojs, lien gehört, die in Albanien in Blutfehden
krumm geworden vom Sitzen; tagsüber, fließt. Die Prrojs wollten dafür eine Ge- verstrickt sind. Seit dem Ende des Kom-
wenn es nichts zu tun gibt, sieht er sich bühr berechnen und beleidigten die Qu- munismus kamen auf diese Weise 10 000
italienische Serien im Fernsehen an, lieber kajs. Es war eine schwere Verletzung der Menschen ums Leben, so schätzt es das
noch Fußball, oft legt er sich aufs Sofa Ehre. Um sie wiederherzustellen, erschoss Komitee für Nationale Versöhnung. Wäh-
und schaut nur an die Decke. Manchmal Leonards Onkel einen Mann der Nachbars- rend einer Staatskrise 1997 plünderten vie-
sitzt seine Mutter Gjelina daneben oder familie. Zwei Jahre später rächten sich die le Albaner die Armeedepots, von den Waf-
sein zehnjähriger Bruder Florijan oder Prrojs und töteten zwei Mitglieder der Qu- fen wurde nur ein Bruchteil konfisziert.
seine Katze, die so ähnlich heißt wie er, kajs. Abwechselnd brachte jetzt ein Mit- Doch der Staat spielt das Problem seit
Quoki. glied der einen Sippe ein Mitglied der an- Jahren herunter. Die Blutrachefälle seien
DER SPIEGEL 23 / 2014 93
oder dass man sein Ehrenwort halten soll.
Aber er hat auch eine veraltete Vorstellung
von Ehre, bei der ein Mord nur durch
Mord gesühnt werden kann. „Ich kann da-
mit nichts anfangen“, sagt Leonard.
Inzwischen ist es Nachmittag geworden,
sein Bruder Florijan kommt nach Hause,
er darf noch zur Schule gehen, er ist ja erst
zehn Jahre alt. „Zwei Jahre noch“, sagt sei-
ne Mutter. „Wenn er ein Mann wird, wird
auch er sich verstecken müssen. Es wird so
kommen, wir können es nicht ändern.“
Frauen und Kinder sind eigentlich ausge-
nommen vom Kreislauf der Familienrache.
Getöteter Großvater, Enkelin Marija: „Auf Blut nehmen folgt Blut geben“ Aber da niemand sich mehr an die Regeln
hält, kann die Blutrache auch Jungen tref-
fen, die gerade zu Männern werden.
Leonard rennt in ein anderes Zimmer,
als seine Mutter über den Bruder redet,
rennt wieder raus, zündet Streichhölzer im
Garten an, stapelt Holz; er zerknüllt Papier
und faltet es wieder auf, knallt die Türen.
Er will auch Florijans Geschichten über die
Klassenkameraden und die Mädchen nicht
hören. Seine Freunde besuchen ihn schon
lange nicht mehr, viele wissen nicht einmal,
warum er zu Hause bleiben muss. Er will
sich ohnehin nicht zeigen, so schwach und
blass; und obwohl er dieses Jahr 15 wird,
hat er noch nie ein Mädchen geküsst.
„Ein normales Leben“, sagt er, wenn
man ihn nach seinen Wünschen fragt.
Doch um die Fehde zu beenden, muss die
Stadt Shkoder: 208 Blutrachemorde gab es seit 1991, etwa 1500 Jugendliche verstecken sich Familie des Täters der Familie des Opfers
mehrere Tausend Euro zahlen. Eine hohe
dramatisch zurückgegangen, sagt der Poli- Erst am Abend, als der Vater nicht heim- Summe, die Leonards Familie nicht besitzt.
zeichef von Shkoder, seit 1991 habe es nur kam, sondern anrief und sagte, dass er sich In Shkoder arbeiten verschiedene Or-
208 Morde in der Region gegeben. Statt- für ein paar Monate bei Freunden verste- ganisationen daran, die verfeindeten Fami-
dessen hätten allein dieses Jahr bereits tau- cken werde, als die Mutter leise weinte und lien zur Aussöhnung zu bewegen: die
send Albaner Asyl im Ausland gesucht und der kleine Bruder die Spielzeugautos über Organisation Justitia e Pax etwa, die ein
dabei angegeben, dass sie durch eine Feh- den Boden schob und nicht mehr sprechen Fotoprojekt mit eingeschlossenen Jugend-
de bedroht seien. Sie missbrauchten die wollte, kam die Angst in Leonard hoch. lichen gemacht hat. Zwei Nonnen aus der
Tradition, um ein besseres Leben in Und dann die Wut. Und als er nachts im Schweiz, die jeden Dienstag einen Blut-
Europa zu finden, sagt der Polizeichef. Bett lag, presste er die Knöchel seiner Hand rachekreis veranstalten und die Jugend-
Aber die Regierung hat die Strafen trotz- gegen die Wand, bis sie weiß wurden. lichen für zwei Stunden aus ihren Häusern
dem verschärft. Drohten den Tätern bis Kurz nach dem ersten Mord vor vier herausholen. Und dann ist da noch Nikoll
vor Kurzem maximal 25 Jahre Haft, sind Jahren ist Leonards Familie aus dem Dorf Shullani vom Nationalen Versöhnungs-
es jetzt bis zu 40 Jahre. in den Bergen hinunter in die Stadt gezo- komitee, ein herzlicher Mann mit Versöh-
Leonard, seine Cousins und bald auch gen. Das Leben erschien ihnen hier siche- nungszertifikaten unterm Arm.
sein Bruder werden bei dieser Tradition rer. Der Vater suchte trotz der Gefahr, in Shullani kennt viele Geschichten, die
zu Gejagten, sie verstecken sich zu Hau- der auch er sich befand, Arbeit auf dem sich um Schuld und Sühne drehen, um
se, etwa 1500 Jugendlichen im Land geht Bau; die Kinder gingen zur Schule. Sie falsch verstandene Ehre, aber auch um die
es so, schätzen Nichtregierungsorganisa- richteten ein Heim ein, das sie mit einer Hoffnung auf Europa und den Wunsch der
tionen. Oder sie werden, wenn sie erwach- hohen Mauer umgaben. Hinter der Mauer jungen Albaner, der Tradition zu entkom-
sen sind, von Gejagten zu Jägern und rä- flattert auch heute die Wäsche an Leinen, men. Er kennt auch die Geschichten der
chen ihre Familie – durch einen Mord. wachsen Zwiebeln und Salatköpfe in ge- Familien Qukaj und Prroj, und er trifft bei
In dem Moment, in dem er die Nach- harkten Beeten. Würde man von oben beiden auf die gleiche Hilflosigkeit, die
richt von den Schüssen erhielt, abgegeben hinunterblicken, sähe man die Geometrie gleiche Wut. „Man muss viel Raki trinken
von seinem Onkel, habe er nichts gefühlt, eines geordneten Lebens, die Aneinander- bei dieser Arbeit.“
sagt Leonard. „Ich bin ins Haus gegan- reihung von kleinen Träumen. Doch dann Leonards Jäger wollen in der Woche
gen“, sagt er. Obwohl das Grundstück der zogen auch die Prrojs in die Stadt, und nach dem Mordversuch niemanden emp-
Qukajs vor Eindringlingen geschützt ist, fortan lebten die Qukajs in Angst. fangen. Shullani ist bereits dreimal erfolg-
erschien es ihm im Garten plötzlich zu ge- Der Kanun, den die Familien aus den los zwischen den Pfützen hindurch zu ih-
fährlich. Er habe sich aufs Sofa gesetzt, Bergen mitbrachten, entstand in einer Zeit, rem Haus gegangen. Jetzt klopft er noch
die Arme um die angezogenen Beine ge- in der es in Albanien weder Gesetze noch einmal an ihrer Tür.
schlungen und gewartet, ohne zu wissen, Richter gab. Er regelt in 1263 Paragrafen Die Prrojs sitzen im Wohnzimmer, eini-
worauf. auch gute Dinge, Gastfreundschaft etwa ge Nachbarn sind auch um den Tisch ver-
94 DER SPIEGEL 23 / 2014
Ausland

sammelt. Auf einem Computer hat der 28-


jährige Sohn bei Google Maps eine Karte
geöffnet, die die Brücke in den Bergen
zeigt, auf der sein Vater angeschossen wur-
de. Nik Prroj hält sich die Schulter, dann
holt er die durchlöcherte Wolljacke aus
dem Flur; seine Frau bringt selbst gemach-
ten Raki und Zigaretten. Sie reden, aber
sie reden nicht gern und auch nicht über
alles. Sie beantworten keine Fragen zur
Blutrache oder zu Marija. Bis heute hat
sich niemand zu diesem Mord bekannt.
Was ist letzte Woche passiert?
„Zwei Männer haben mir in den Bergen
aufgelauert. Sie wollten mir eine Kugel in
die Stirn jagen“, sagt Nik Prroj. „Aber sie
waren zu weit weg oder zu dumm.“
Was ist Ehre wert? „Sie ist wichtiger als
das Leben.“
Sagt er das auch den Kindern? „Ja.“
Was ist mit Frieden? „Ich habe der Re-
gierung in einem Brief geschrieben, dass
ich Angst vor Rache habe. Sie haben mich
nicht beschützt. Wir müssen das selbst re-
geln.“ Der alte Prroj zeigt den Brief. Er
schenkt sich nach. Dann verstummt er.
„Das mit Marija war ein Versehen“, sagt
schließlich einer aus der Familie. „Wir woll-
ten kein Mädchen erwischen. Und jetzt
geht!“
Heute, sagt Nikoll Shulloni vom Versöh-
nungskomitee, gehe es meist nicht mehr
um die genaue Einhaltung des Kanun. Je-
der mache sich seine eigenen Regeln, nie-
mand respektiere mehr das Alter der Kin-
der; auch die Häuser, die der Kanun ei-
gentlich als Schutzraum vorsieht, seien
nicht mehr sicher. Meistens gehe es nicht
mehr um Ehre, sondern um Frustration.
In Shkoder endet ein weiterer Tag, im
Haus von Leonard Qukaj ist es still, sein
Bruder Florijan ist bei einem Freund, Mut-
ter Gjelina beim Einkaufen, nur die Katze
liegt auf dem Sofa, Leonard hat sie damals
beim Umzug unter sein T-Shirt gesteckt
und in die Stadt mitgenommen. Er erzählt,
dass er am Morgen mit seiner Mutter alle
Teppiche gewaschen hat, sie haben die
Wände frisch gestrichen und den Boden
gefegt. „Wir wissen, dass ich lange hier
bleiben muss“, sagt er.
Leonard hat sich an diesem Tag ein lila-
farbenes Trikot angezogen und sich die
Haare gekämmt, als würde er ausgehen.
Er tritt vom Wohnzimmer in den engen
Hof und schießt seinen Fußball gegen das
eiserne Tor. Er ist jetzt still, er mag nicht
mehr reden, nicht mehr denken. Eine Stun-
de lang konzentriert er sich auf sein Spiel,
so lange, bis der Himmel über den Bergen
sich blauschwarz verfärbt und es Zeit ist,
wieder ins Haus zu gehen.

Video:
Die Gejagten
spiegel.de/app232014albanien
oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 23 / 2014 95


Oasenstadt Hotan

Die Wut im Westen


China Am entlegensten Rand ihres Reiches erwächst Pekings Führern
ein Terrorproblem. Sie haben die Region Xinjiang rücksichtslos erschlossen,
doch nun begehren die muslimischen Uiguren auf. Von Bernhard Zand

U
m zwei Uhr früh beginnt die sich der Khunjerab-Pass, dahinter liegen Nahen Osten kennen. Das moderne China
Schicht für Delmurad und Mullabi- die unregierbaren Täler Pakistans. Hier ist mit politischer Verfolgung vertraut, mit
ka. Es ist stockfinster, ein Schnee- oben, in den Ausläufern des Pamir und Hungersnöten, Erdbeben und Verkehrs-
sturm zieht auf, kaum ein Mensch ist auf des Karakorum, endet China – 3500 Kilo- unglücken. Aber nicht mit Selbstmord-
dem Karakorum-Highway zu sehen, der meter von Peking entfernt, 3000 von der anschlägen auf Zivilisten. Fast alle Polizis-
China mit Pakistan verbindet. Millionenstadt Kunming und 1200 von ten Chinas sind unbewaffnet.
Die beiden jungen Männer, sie nennen Ürümqi, der Hauptstadt der Unruhe-Regi- „Seit dem Anschlag von Kunming bewa-
nur ihre Vornamen, gehören zur Anti-Ter- on Xinjiang. chen wir die Stadt rund um die Uhr“, sagt
ror-Einheit der chinesischen Polizei. An In Peking raste am 28. Oktober 2013 ein Delmurad, einer der beiden Anti-Terror-
ihren Lippen und Fingerkuppen ist die Geländewagen in eine Gruppe von Tou- Polizisten in Tashkurgan. „Wir wissen, wer
Haut von der Kälte aufgesprungen, ihre risten, die vor dem Eingang zur Verbote- die Leute sind, die hier über die Grenzen
Gesichter sind von der Sonne verbrannt. nen Stadt warteten. Fünf Menschen star- gehen.“ Chinas Staatssicherheit hat ein
Jede Nacht patrouillieren sie mit ihrem ben, darunter auch die Attentäter. In Kun- neues Feindbild: uigurische Terroristen aus
schwarzen Van durch das Grenzstädtchen ming drangen am 1. März mit Messern und der muslimischen Region Xinjiang.
Tashkurgan, auf der Suche nach verdäch- Macheten Bewaffnete in den Bahnhof ein Es gibt zwei Versionen dieses Konflikts,
tigen Reisenden, und morgens schauen sie und stachen wahllos Reisende nieder, 29 der über Jahrzehnte entstanden ist und
aus müden Augen. Menschen verbluteten. In Ürümqi pflügten der die aufstrebende Weltmacht nun ein-
Eine halbe Autostunde nördlich von am 22. Mai zwei Geländewagen durch ei- holt: Aus der Sicht von Peking bringen re-
Tashkurgan zweigt eine Passstraße nach nen belebten Markt. Es gab 43 Tote und ligiöse Extremisten, Separatisten und Ter-
Tadschikistan ab, eine halbe Stunde süd- mehr als 90 Verwundete. roristen Unfrieden nach Xinjiang, zum Teil
lich öffnet sich der Wakhan-Korridor nach Das sind Anschläge und Opferzahlen, aus dem Ausland gesteuert. Die etwa zehn
Afghanistan. Noch weiter südlich erhebt wie sie die meisten Chinesen nur aus dem Millionen Uiguren dagegen sehen die Ge-
96 DER SPIEGEL 23 / 2014
Ausland

walt, deren Ursprung in ihrer Region liegt Muslime in die illegalen Koranschulen ra- testen unter den Uiguren zu reden. „Ich
und die nun erstmals den dicht bevölker- dikaler Prediger. „Viele gebildete Uiguren werde auswandern. Es bricht mir das Herz,
ten Osten trifft, als Folge eines ethnischen bestreiten das, doch unsere Gesellschaft hier wegzugehen, aber ich habe Kinder.“
und ökonomischen Konflikts. Sie werfen wird immer konservativer. Was erwartest Um auszureisen, braucht er allerdings ei-
Peking vor, ihre rohstoffreiche Region aus- du, wenn du im Ramadan nicht fasten nen Reisepass. Bislang ist jeder Antrag ab-
zubeuten. Womöglich haben beide Seiten darfst, wenn sie deiner Frau verbieten, das gelehnt worden.
recht. Kopftuch zu tragen? Wenn du dich vier-
Dieser Konflikt, der in den Gebirgen mal um eine Pilgerreise nach Mekka be- Hotan: Mit Mao auf die Dörfer
und Wüsten Zentralasiens entstanden ist, wirbst und noch immer keinen Pass be- An der neuen Autobahn, die von Kashgar
kann Peking sehr gefährlich werden. Im kommst?“ ostwärts führt, steht alle 50 Kilometer eine
Gegensatz etwa zu den Tibetern, die sich Der entscheidende Grund für den Zorn Tankstelle. Doch die Tankstellen sind mit
als äußerstes Mittel des Protests selbst ver- der Uiguren sei aber Pekings Siedlungs- Stacheldraht umzäunt, und die Passagie-
brennen, haben manche Uiguren damit be- politik, die systematische Veränderung der re müssen vor dem Zaun warten, während
gonnen, sich zu bewaffnen. Die Beispiele ethnischen Balance. Als Xinjiang 1949 in getankt wird. „Wegen der Anschlags-
Tschetschenien, Osttimor oder Kurdistan die neu gegründete Volksrepublik einge- gefahr“, sagt der Fahrer. „Erst haben sie
zeigen: China wäre nicht der erste autori- gliedert wurde, stellten die Uiguren rund die Flüssiggas-Tankstellen eingezäunt, jetzt
täre Staat, der sich an einer ethnischen 80 Prozent der Bevölkerung. Im Jahr 2000 rationieren sie Diesel und Benzin.“
oder religiösen Minderheit überhebt. Der war ihr Anteil auf 45 Prozent gesunken – Gut einen halben Tag dauert die Fahrt
offene Ausbruch des Konflikts trifft das selbst nach der offiziellen Statistik, die in die Oasenstadt Hotan am Südwestrand
Land nun aber in einer entscheidenden Abertausende Han-Chinesen, die als Sol- der Taklamakan-Wüste. Alle drei Stunden
Phase seiner Entwicklung. daten oder Wanderarbeiter hier leben, halten die Autos auf dem Highway an, die
Stärker als früher ruht die Herrschaft nicht zählt. Fahrer steigen aus und stapfen, einen klei-
von Chinas Führern heute auf ihrem wirt- „Peking will die Demografie verändern. nen Teppich unterm Arm, ein paar Schritte
schaftlichen Erfolg. Indem die Partei Hun- In uns verursacht das ein Gefühl der Ersti- in die Wüste hinaus. Dort beten sie. „Wir
derte Millionen am neuen Wohlstand be- ckung“, sagt A Fan Ti. „Wer bekommt die richten uns nach der örtlichen Zeit“, sagt
teiligte, hat sie sich Loyalitäten erkauft. gut bezahlten Jobs in den Unternehmen, ein Lkw-Fahrer, „aber die ist nicht offi-
Der Aufschwung ist, wenngleich verspä- die hier Wolkenkratzer bauen und Eisen- ziell.“ Offiziell gilt in Xinjiang wie überall
tet, auch in Xinjiang angekommen, aber bahnen verlegen? Wir nicht.“ in China die Pekinger Uhrzeit. Allerdings
er hat die Uiguren nicht befriedet. Je mehr Er selbst, sagt er und legt zum Beweis liegt Kashgar vier Flugstunden westlich
Geld in ihr Gebiet fließt, je mehr Fabriken seinen Ausweis vor, habe offiziell das der Hauptstadt. Das ist so, als würde San
gebaut und je mehr Ingenieure und Ge- Recht, im ganzen Land zu arbeiten. „Doch Francisco nach der Uhrzeit von Washing-
schäftsleute aus dem Osten kommen, desto es ist völlig undenkbar, dass mich ein Ar- ton D. C. leben.
bitterer wird die Bevölkerung. Denn sie beitgeber in Peking oder Shanghai einstel- Die Regierung hat sich redlich bemüht,
profitiert selbst nicht, sondern vor allem len würde. Ich weiß von keinem Uiguren, Hotan den Charakter einer Karawanserei
Chinesen aus dem Osten. der in meinem Beruf im Osten arbeitet.“ auszutreiben; den Ruf einer Brutstätte des
Zugleich sperre die Regierung jeden islamischen Extremismus hat die Stadt
Boomtown Kashgar: Der Auswanderer weg, der diese Fakten öffentlich zum The- trotzdem. Immer wieder kommt es in und
Vier Stunden landeinwärts von der Grenze ma mache. Im Januar nahm die Polizei um Hotan zu blutigen Gefechten. Im Som-
liegt Kashgar, der chinesische Endpunkt den in Peking lehrenden uigurischen Wirt- mer 2011 stürmte eine Gruppe Bewaffneter
des Karakorum-Highways. Weit vor dem schaftsprofessor Ilham Tohti fest und klag- eine Polizeistation, tötete einen uiguri-
Stadtrand hat die Polizei Checkpoints er- te ihn des Separatismus an. Ihm droht die schen Wachmann, nahm Geiseln, riss die
richtet. Jedes Auto, jeder Traktor, jedes Mo- Todesstrafe. Bis heute ist es Tohtis Anwalt chinesische Fahne vom Dach und hisste
ped wird angehalten. Geschäftsleute und nicht gelungen, Kontakt zu seinem Man- eine Halbmond-Flagge. Als die Polizei das
Feldarbeiter trotten wortlos zu den Ver- danten aufzunehmen. Gebäude stürmte, kamen 14 Angreifer ums
schlägen neben der Straße, zeigen ihre Aus- Es deprimiere ihn, sagt A Fan Ti nach Leben. Vier Uiguren wurden anschließend
weise und schlurfen zurück. Das sind keine dem vierten Glas, dass Teile der Gesell- zum Tode verurteilt.
Stichproben, jeder wird hier kontrolliert. schaft sich radikalisierten, die Regierung Aus den Dörfern um Hotan stammen
Kashgar ist eine boomende Großstadt. sich aber weigere, selbst mit den Modera- angeblich die Attentäter von Ürümqi – so
Die Hochhäuser glimmen nachts rot, grün
und gelb wie die Wolkenkratzer in Shang-
hai. Was die Bulldozer von der histori-
schen Altstadt übrig gelassen haben, liegt
unbewohnt und unsichtbar im Dunkel.
Der uigurische Menschenrechtler A Fan
Ti* hat ein Restaurant in der Neustadt als
Treffpunkt vorgeschlagen. Es ist Mitter-
nacht, er bestellt zwei Karaffen Rotwein
und einen Kübel Eis dazu.
Offener Wein in einer Stadt, welche die
FOTOS: GETTY IMAGES (L.); AP / DPA (R.)

meisten Chinesen als Hort der Islamisten


betrachten? „Der Islam, den wir Uiguren
praktizieren, war immer maßvoller als der
jenseits der Grenze“, sagt A Fan Ti. „Aber
das ändert sich.“ Die jahrzehntelange Dis-
kriminierung treibe die Kinder frommer

* Name von der Redaktion geändert. Panzerwagen in Ürümqi: „Wir bewachen die Stadt rund um die Uhr“

DER SPIEGEL 23 / 2014 97


Ausland

wie Abdurehim Kurban, des- na – der Dschihadismus, der


sen Zelle das Massaker im auch die Staaten des Westens
Bahnhof von Kunming ange- bedrohe.
richtet haben soll. Bestätigen Diese Behauptung gilt unter
lassen sich diese Gerüchte un- China-Experten als plumper
ter dem verschärften Sicher- Versuch, von Pekings Sied-
heitsregime nicht. Ein Offizier lungspolitik und den Über-
der örtlichen Polizei sagt, er griffen seines Sicherheitsappa-
habe den Namen des Mannes rats abzulenken. Und so ist es
nie gehört. Es findet sich nie- auch. Doch so pauschal wie bis-
mand, der bei der Suche nach lang lässt sich die Dschihadis-
Kurbans Herkunft helfen mag. Karakorum-Highway bei Kashgar: Hier wird jeder kontrolliert mus-These inzwischen nicht
Allein dass er mit einem Aus- mehr von der Hand weisen.
länder unterwegs ist, zieht für Ürümqi Die „Islamische Bewegung
den Fahrer eine Reihe unange- Ostturkestans“ (Etim, auch „Is-
Karakorum-Highway 400 km
nehmer Befragungen nach sich. lamische Partei Turkestans“),
Schließlich erklärt sich ein die Peking als Drahtzieher
Kashgar Taklamakan-
junger Uigure bereit zu reden, Wüste vieler Anschläge vermutet, ist
unter der Bedingung, seinen Tashkurgan zwar eine obskure Gruppe, die
wirklichen Namen nicht zu ver- Hotan ihren Einfluss vermutlich über-
wenden. Er ist beteiligt an ei- treibt. Doch die amerikanische
nem ehrgeizigen Versuch des AFGHA- Site Intelligence Group, die mi-
Ausschnitt
Staates, das Misstrauen zu NISTAN Peking litante Gruppen im Internet be-
durchbrechen und die Spirale obachtet, hat seit Oktober 2012
CHINA
der Gewalt zurückzudrehen. 16 Trainings- und Bekenner-
Mei Mei Ti*, 30, erhielt ein Kunming videos der Gruppe registriert
Stipendium und studierte in PAKISTAN INDIEN und übersetzt, darunter eines,
Shanghai. Eines der größten chi- das den Selbstmordanschlag in
nesischen Privatunternehmen Ürümqi pries, der mit dem
stellte ihn ein. Er sagt, er sei seines Wissens Es raucht aus so vielen Schloten, dass der Besuch von Staatschef Xi Jinping zusam-
der einzige Uigure unter den 70 000 Mit- Smog noch dichter ist als in Peking. menfiel.
arbeitern des Konzerns gewesen. In Ürümqi brachen im Sommer 2009 Auch andere unabhängige Organisatio-
Vor einigen Monaten machte ihn die Lo- schwere ethnische Unruhen aus. Rund 200 nen sehen Hinweise darauf, dass der Ein-
kalregierung zum Koordinator einer Kam- Menschen kamen ums Leben, die meisten fluss der Gruppe wächst. Die Nachrichten-
pagne, die Mao Zedong hätte eingefallen von ihnen Han-Chinesen, die Zahl der ge- agentur Reuters sprach in Pakistan mit Ab-
sein können: 200 000 Funktionäre, über- töteten Uiguren ist umstritten. Der Hass dullah Mansour, dem Anführer der Islami-
wiegend Han-Chinesen, werden für jeweils zwischen den beiden Ethnien liegt offen schen Partei Turkestans; er rief Dschiha-
mehrere Monate in den Dörfern Xinjiangs zutage. Er nehme grundsätzlich keine Ui- disten in aller Welt zum Kampf gegen das
mit uigurischen Bauern und Arbeitern zu- guren mit, sagt der Fahrer auf dem Weg Regime der Ungläubigen in Peking auf.
sammenleben. „Wir sollen den Beamten zur Universität. Warum? „Weil sie dreckig „China ist nicht nur unser Feind, es ist der
die uigurische Kultur näherbringen und ih- sind und stinken.“ Feind aller Muslime“, sagte Mansour. Die
nen klarmachen, dass sie nicht einem gan- Im Turm der staatlichen Akademie für britische Zeitschrift Jane’s Intelligence Re-
zen Dorf Wasser und Strom abdrehen dür- Sozialwissenschaften wertet der Terroris- view beschrieb, dass einige der etwa 300
fen, nur weil die Frauen sich verschleiern.“ musforscher Pan Zhiping, 65, die Serie bis 500 Kämpfer der Organisation zum
Das sei bislang gängige Praxis. von Anschlägen aus. „Der Trend“, sagt Dschihad nach Syrien, Libyen und Afgha-
Mei Mei Ti kritisiert den ehemaligen Par- er, „ist völlig eindeutig.“ Die Anschläge nistan aufgebrochen waren. Washington
teichef der Provinz für seine Geringschät- von Kunming und Peking zeigten, dass hatte Etim 2004 auf eine Liste terroristi-
zung alles Uigurischen und lobt den Nach- sich die Gewalt aus dem Westen in den scher Organisationen gesetzt.
folger für den Versuch, auf die Uiguren zu- bevölkerungsreichen Osten Chinas verla- China ist seit 35 Jahren vor allem mit
zugehen. Die jungen Leute in Xinjiang, gere. Die Anschläge würden immer aus- seinem wirtschaftlichen Aufstieg befasst,
sagt er, stünden vor einer falschen Wahl: gefeilter – was beweise, dass die Militan- lange ist es von ethnisch und religiös mo-
Der Staat erwarte, dass sie loyale Chinesen ten in Xinjiang mit Qaida-nahen Gruppen tivierter Gewalt verschont geblieben. Pe-
seien. „Aber die religiösen Videos, die sie in den instabilen Nachbarstaaten Chinas king hat wenig Erfahrung im Umgang mit
sich auf ihre Handys laden, fordern sie auf, kooperieren. Terrorismus, und die Staatsspitze glaubt,
zu saudi-arabischen Wahhabiten zu wer- „Chinas Westgrenze ist lang“, sagt Pan ihn mit Gegengewalt bekämpfen zu kön-
den.“ Es gebe keine uigurische Identität und fährt mit dem Finger Hunderte Kilo- nen. So ist die brutale Rhetorik zu erklä-
mehr, nichts Gemäßigtes dazwischen. meter die Karte hinunter. „Nicht jedes Ge- ren, mit der Xi Jinping Ende April zum
„Wenn unsere Kampagne misslingt, rechne birgstal kann gesichert werden. Hier, am Kampf gegen die Terroristen aufrief. Die
ich damit, dass es mehr Tote gibt.“ Bedel-Pass, sind im Winter elf Terroristen Regierung, sagte er, werde dafür sorgen,
FOTO: BERNHARD ZAND / DER SPIEGEL

aus Kirgisien eingesickert. Das kann sich dass „die Terroristen wie Ratten über die
Ürümqi: Die Logik des Staates wiederholen.“ Straße huschen, und jeder schreit: ,Schlagt
Die Hauptstadt von Xinjiang ist ein Mo- Pan vertritt die Position der chinesischen sie!‘“
nument des chinesischen Staates und ein Regierung, die seine Forschung bezahlt:
Schaustück seiner Wirtschaftskraft. Aus ei- Extremismus, Separatismus und der inter- Video: Bernhard Zand über
ner Steppensiedlung an der nördlichen Sei- nationale Terrorismus seien für die Unruhe den Karakorum-Highway
denstraße haben Chinas Bausoldaten in 30 in Xinjiang verantwortlich: „Ausländische spiegel.de/app232014china
Jahren eine Dreimillionenstadt errichtet. Elemente“ bedrohten die Sicherheit in Chi- oder in der App DER SPIEGEL

98 DER SPIEGEL 23 / 2014


Ausland

RIO DE Inzwischen gibt es Liebesmotels auch in der Innenstadt von


J A N E I RO Rio, die Häuser werben mit exotischen Namen um ihre Kund-
schaft. Sie heißen Oklahoma oder Hawaii, viele sind Schlössern
und Burgen nachempfunden. Samstags wird das National-
gericht Feijoada serviert, außerdem sind im Shalimar mehrere
Suiten mit Holzkohlengrill ausgerüstet.

Fußball gegen Liebe Geschäftsgrundlage der Motels ist Diskretion. Die Kellner
bekommen ihre Gäste nie zu Gesicht, Speisen werden in einem
separaten Zimmer abgestellt. Bezahlt wird meist aus dem
Global Village Warum die Weltmeisterschaft in Autofenster an der Ausfahrt, auf der Kreditkartenabrechnung
erscheint ein unverdächtiges Firmenkürzel.
Brasilien zum Umbau von Stundenhotels führt Trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen kommt es gelegentlich
zu Zwischenfällen. Eine verheiratete Frau, die mit ihrem Lieb-

I
n der Copacabana-Suite des Motels Shalimar sieht es nun haber im Shalimar abgestiegen war und versehentlich mit der
aus wie in einem normalen Hotelzimmer. Die roten Samt- Zweitkarte ihres Mannes bezahlt hatte, bedrängte Angestellte
tapeten und Flokati-Teppiche sind verschwunden, das runde und Kreditkartengesellschaft danach so lange, bis diese die
Bett wurde gegen ein rechteckiges ausgetauscht, der Decken- Abrechnung zur Fehlbuchung erklärte – ihr Mann hatte die
spiegel abmontiert. Sogar einen Kleiderschrank gibt es jetzt. seltsame Abkürzung entschlüsselt.
„Der war bislang überflüssig, unsere
Gäste blieben nur kurz“, sagt Motel-
besitzer Antônio Cerqueira, 68.
Das Shalimar ist ein Stundenhotel
für Paare, ein Motel, wie die Liebes-
häuser hier genannt werden, 182 gibt
es allein im Stadtgebiet von Rio.
Am Wochenende stauen sich die Au-
tos in der Einfahrt zum Shalimar, das
Haus im Nobelviertel Leblon zählt zu
den guten Adressen. Frischverliebte bu-
chen das einfache Zimmer zu 78 Real
für sechs Stunden, reifere Paare die
Mittelalter-Suite mit Ritterthron und
Ketten für 420 Real, umgerechnet 138
Euro. Doch weil in Rio die Hotelbetten
knapp sind, will die Stadtverwaltung
nun Besucher der Weltmeisterschaft in
Liebesmotels unterbringen. Die Betrei-
ber bekommen Steuererlass, wenn sie
ihre Zimmer umrüsten.
Antônio Cerqueira ließ 10 seiner
62 Zimmer umbauen. Nur die Pole-
Dance-Stange und die Pornokanäle Motelbesitzer Cerqueira in einer Suite: Steuererlass für die Umrüstung
gibt es noch in der dreistöckigen Co-
pacabana-Suite, außerdem einen Whirlpool mit Hydromassage Auch eine Silberhochzeit mit 30 Gästen hat Cerqueira schon
und eine Sauna. Auch das „Pferdchen“, eine geschwungene ausgerichtet. Der Ehemann war von der Liebesnacht so be-
Sesselbank, auf der sich Liebespaare ausprobieren können, geistert, dass er die Suite von da an jeden Freitag für sich und
steht noch da. „Unser beliebtestes Möbelstück“, sagt Cerqueira. seine Freunde buchte. „Der Viagra-Boom hat uns sehr gut ge-
Pole-Dance werde ebenfalls oft nachgefragt. „Aber die Porno- tan“, sagt Cerqueira. Die Jüngeren hingegen bleiben immer
kanäle schalten wir ab, wenn eine Familie mit Kindern hier öfter zu Hause, das macht ihm Sorgen: „Die Eltern lassen ihre
absteigt.“ Söhne und Töchter mit Freundin oder Freund jetzt dort über-
Der Portugiese ist Rios Motelkönig, er betreibt zwölf Häuser nachten und servieren ihnen sogar noch das Frühstück.“
im Stadtgebiet, darunter das Shalimar mit Zimmern und Gara- Er setzt darauf, dass künftig mehr Geschäftsreisende die Mo-
gen auf mehreren Stockwerken. Von einem Büro tief im Inne- tels als Alternative zu den teuren Hotels nutzen. „Sie zahlen
ren des Motels lenkt Cerqueira sein Reich, über dem Schreib- nur für die Zeit, die sie im Zimmer verbringen“, verspricht er.
tisch hängen Fotos seiner Kinder und Enkel. Die Nachtruhe werde nicht gestört, alle Zimmer seien sehr gut
Antônio Cerqueira war fünf Jahre alt, als seine Eltern ihr isoliert.
Heimatdorf in Portugal verließen und nach Brasilien auswan- Für die WM sind schon Suiten gebucht. Dennoch könnte
FOTO: VINCENT ROSENBLATT / AGENCIA / DER SPIEGEL

derten. Eigentlich wollte er Elektroingenieur werden, als junger das Fußballfest den Motelbesitzern das Geschäft verderben,
Mann arbeitete er einige Jahre bei Siemens in Rio, später mach- denn das Eröffnungsspiel fällt auf den 12. Juni, an dem in Bra-
te er sich mit einer Autolackiererei selbstständig. 1974 er- silien der Tag der Verliebten gefeiert wird – traditionell
öffnete er das erste Motel im Zentrum, eine Marktlücke: der umsatzstärkste Tag für die Motels. „Wer Fußball guckt,
„Die Leute wollten für einen Seitensprung nicht bis an will keine Liebe machen“, fürchtet Cerqueira.
den Stadtrand fahren.“ Denn früher lagen die meisten Er wirbt deshalb dafür, den Tag der Verliebten in die-
Liebesmotels an großen Ausfallstraßen. „Für einen 18- sem Jahr ausnahmsweise vorzuziehen: „Alle, die am
Jährigen war es das Größte, seine Freundin ins Motel 11. Juni kommen, zahlen elf Prozent weniger.“
auszuführen“, sagt Cerqueira. Jens Glüsing

DER SPIEGEL 23 / 2014 99


Narben des
Krieges
In der Schlacht an der
Somme wurden 1916 inner-
halb von knapp fünf Mona-
ten mehr als eine Million
Soldaten getötet oder ver-
wundet. Immer noch prä-
gen Schützengräben und
Granattrichter von damals
ganze Landschaften in
Frankreich und Belgien –
wie sehr, das zeigen Bilder
des britischen Fotografen
Michael St. Maur Sheil in
einer Ausstellung in Paris.

Heizungen deten Ehepaar helfen wollen, mit dem Luftsauerstoff


Tödlicher deren Heizung zu warten – reagieren und so Kohlen-
und war darum in den im monoxid bilden können. Der
Pellet-Bunker Erdreich vergrabenen Pellet- 43-Jährige sei bereits das 15.
Immer mehr Immobilien- Bunker hinabgestiegen. Als Todesopfer in Zusammen-
besitzer entscheiden sich für die Eigentümerin des Hofes hang mit Pellet-Heizungen,
Pellet-Heizungen, denn diese Stunden später zurückkehrte, berichtet der Kölner Rechts-
FOTOS: WESTERNFRONTPHOTOGRAPHY.COM (L.O.);

modernen Holzöfen gelten war der Mann bereits lei- mediziner Thomas Kamp-
als kostengünstig im Ver- chenstarr. Die Obduktion er- hausen. Die Warnhinweise
HANS-RUDOLF SCHULZ / KEYSTONE (L.U.)

brauch und als ökologisch gab, dass er an einer Kohlen- auf den Pellet-Bunkern, so
unbedenklich. Doch von den monoxid-Vergiftung gestor- Kamphausen, „reichen oft
Anlagen geht ein bislang we- ben war. Pellets bestehen nicht aus“. Die Anlage in
nig bekanntes Risiko aus: aus Sägespänen und anderen Kall sei im Einklang mit den
Ende Januar ist im Ort Kall unter hohem Druck verpress- Empfehlungen des Branchen-
in der Nordeifel ein 43-jähri- ten Holzabfällen. Das Harz verbandes betrieben wor-
ger Mann ums Leben gekom- in ihnen enthält bestimmte Pellet-Herstellung den – und dennoch wurde
men. Er hatte einem befreun- Fett- und Resinosäuren, die sie zur tödlichen Falle. me

100 DER SPIEGEL 23 / 2014


Wissenschaft+Technik
Umwelt Delort: Zum Teil schon. Aber wir damit 25 Milliliter Wol-
„Auch die Wolken wichtiger ist: Weil sie die kenwasser gewinnen, fast
chemische Zusammensetzung zwei Esslöffel.
sind Lebensraum“ der Wolken verändern, be- SPIEGEL: Und darin wimmelt
Die französische einflussen sie damit auch un- es dann?
Mikrobiologin ser Wetter. Manche Keime Delort: Und wie. Das Arten-
Anne-Marie Delort können zudem zur Bildung spektrum ist aber ganz unter-
über das ungeahnt von Eiskristallen beitragen – schiedlich, je nachdem, ob
vielfältige Leben wovon abhängt, ob es schneit sich die Wolke über Wasser,
im Himmel oder regnet. Dieser Zusam- über Agrarland oder über be-
menhang wird von Meteoro- siedeltem Gebiet gebildet
SPIEGEL: Sind Wolken mehr logen bisher ignoriert. hat.
als Luft und Wasser? SPIEGEL: Wie sammeln Sie SPIEGEL: Pflanzen sich die Mi-
Delort: Allerdings. Auch die Ihre Wolkenproben? kroorganismen dort oben
Wolken sind besiedelter Delort: Wir haben eine sehr auch fort?
Lebensraum. Wir haben in spezielle Apparatur gebaut Delort: Dazu haben sie kaum
ihnen alle möglichen Mikro- und diese auf dem zentral- Gelegenheit. Sie brauchten
organismen nachweisen französischen Vulkan Puy de ein bis zwei Tage, um sich zu
können, darunter Bakterien, Dôme in 1476 Meter Höhe in- teilen. Die meisten Wolken
Hefen und andere Pilze. stalliert. Pro Stunde können überdauern nicht so lange. me
SPIEGEL: Und was machen die-
se Organismen im Himmel? Wolken über der Kieler Förde
Delort: Zunächst einmal be-
treiben sie Stoffwechsel wie
alle Lebewesen. Wie wir jetzt
erst wissen, hat dieser Stoff-
wechsel einen beträchtlichen
Einfluss auf die chemischen
Verhältnisse in Wolken. Man-
che dieser Mikroorganismen
können organische Schadstof-
fe wie Formaldehyd abbauen.
SPIEGEL: Also sind die schwe-
benden Mikroben gut für die
Umwelt?

Kommentar

Lieber zum Mars


E ndlich haben wir wieder einen Mann im
All. Seit voriger Woche kreist Alexander
Gerst an Bord der Internationalen Raum-
heitsabenteuer Raumfahrt lässt sich so nicht
wecken. Seit über 15 Jahren fliegt die ISS nun
schon durch den erdnahen Raum. Doch bis
station ISS um die Erde. Leider wird der Geo- heute haben ihre Erbauer keine gute Idee,
physiker aus dem Städtchen Künzelsau wohl was sie mit ihrer Orbitalstation anfangen wol-
nur wenig Zeit finden, die Schönheit unseres len. Von den Hunderten Versuchen auf der
Planeten zu genießen. ISS sorgten lediglich zwei astrophysikalische
Über hundert wissenschaftliche Experimen- Experimente für Aufsehen, die auch von

9
Fußnote
te muss der deutsche Astronaut in den kom- Satelliten aus hätten durchgeführt werden
menden Monaten betreuen. Gerst soll testen, können.
wie sich Emulsionen in der Schwerelosigkeit Ohne neue, spannendere Ziele wird die be-
von 10 verhalten; vielleicht kann ja die kosmetische mannte Raumfahrt keine Zukunft haben.
FOTOS: CARSTEN REHDER / PICTURE ALLIANCE / DPA (R.M.)

Industrie etwas damit anfangen. Gerst soll Schon eine Rückkehr zum Mond böte weit
Wikipedia-Artikel über auch „Diffusionsprozesse in Fluiden“ sowie aufregendere Möglichkeiten, die auch den
Medizin sind fehlerhaft. Zu dreidimensionale Plasmakristalle untersu- wissenschaftlichen Nachwuchs entflammen
diesem Befund kam der chen, was vielleicht die Herstellung reinerer könnten. So wäre die Mondrückseite ein idea-
US-Mediziner Robert Hasty, Mikrochips ermöglicht, vielleicht auch nicht. ler Standort für ein Superteleskop, mit dem
als er überprüfte, wie gut Höhepunkt seiner Mission ist die Inbetrieb- sich eine zweite Erde, die um eine ferne Son-
die beliebte Internetseite nahme eines Schmelzofens („Elektromagneti- ne kreist, direkt beobachten ließe. Das größte
über Krankheiten wie Diabe- scher Levitator“), mit dem neuartige Legie- wissenschaftliche Abenteuer unserer Genera-
tes, Bluthochdruck oder rungen erprobt werden sollen. tion aber wäre ein bemannter Flug zum Mars,
Krebs informiert. Patienten, Langweiliger geht es kaum noch. um dort nach Spuren außerirdischen Lebens
so Hasty, sollten mehr lesen All das mögen ehrenwerte Forschungspro- zu suchen – selbst wenn es sich nur um fossile
als nur Wikipedia-Artikel. jekte sein, aber Begeisterung für das Mensch- Mikroben handeln sollte. Olaf Stampf

DER SPIEGEL 23 / 2014 101


Schulspeisung in Indien

Satter als satt


Landwirtschaft Fast jeder dritte Mensch ist mangelernährt. Doch nun bahnt sich eine
neue Grüne Revolution an: Vielfalt auf dem Acker und Sortenzucht ohne
Gentechnik sollen den Welthunger besiegen. Ein Großprojekt in Indien weist den Weg.

D
ie Hirse heißt „Dhanshakti“, zu Meter lang. In einem Monat wird das Ge- jekts: Bauern wie Mankar und ihre
Deutsch „Reichtum und Stärke“. treide reif sein. Wenn kein Hagelsturm Familien sollen nicht mehr Hunger leiden.
Zumindest den Reichtum wagt kommt – und Ganesha, der Elefantengott, Die Dhanshakti-Hirse ist Teil einer neu-
Devran Mankar nicht mehr zu erwarten möge es verhindern –, werde er dann etwa en Grünen Revolution, mit der Biofor-
in seinem Leben. Ein Segen ist das Getrei- 350 Kilogramm Hirse ernten, sagt der Bau- scher und Ernährungsexperten die Erde
de trotzdem für den Kleinbauern: Es hält er, genug für ein halbes Jahr. von Hunger und Mangelernährung befrei-
seine Familie satt und gesund. Mankar und seine Familie nehmen teil en wollen. Immer noch werden weltweit
„Seit wir diese Hirse essen, sind die Kin- an einem groß angelegten Ernährungs- 870 Millionen Menschen nicht satt. Und
der seltener krank“, schwärmt Mankar, experiment im Westen Indiens. Als einer fast jeder Dritte leidet unter dem soge-
ein schmaler Mann mit grauem Bart, zer- von rund 30 000 Kleinbauern pflanzt der nannten versteckten Hunger, einem Man-
schlissenem Gewand und Goldrandbrille. Inder Dhanshakti-Perlhirse an, ein Ge- gel an Vitaminen und Spurenelementen
Sehr nahrhaft sei das Getreide, berich- treide, das es in sich hat: In den Körnern wie Zink, Eisen oder Jod.
tet der Inder, während Enkelin Kavya auf steckt ungewöhnlich viel Eisen und Zink. Die Folgen sind vor allem für Mütter
seinem Schoß herumturnt. Und lecker sei Indische Forscher haben der Pflanze und Kinder dramatisch: Frauen mit Eisen-
es noch dazu: „Sogar dem Vieh schmeckt diesen hohen Gehalt an Spurenelemen- mangel sterben öfter im Kindbett, haben
die Hirse.“ ten angezüchtet. „Bioverstärkung“ nen- mehr Frühgeburten und Menstruations-
Mankars Feld am Rande des Dorfs Vad- nen sie das. probleme. Mangelernährte Kinder können
gaon Kashimbe im Bundesstaat Maha- Das Ziel des von der Ernährungshilfe- erblinden oder leiden unter Wachstums-
rashtra ist kaum 100 Meter breit und 40 organisation Harvest Plus initiierten Pro- störungen. Sie sind zeitlebens anfälliger
102 DER SPIEGEL 23 / 2014
Wissenschaft

„Wir müssen Landwirtschaft wieder mit Unterernährung


Ernährung verheiraten; beides war viel zu Anteil der Kinder mit Symptomen,
lange getrennt“, so der Forscher. in Prozent*
Swaminathan, 88, gilt als Vater der in-
dischen Grünen Revolution in den Sech-
zigerjahren. Die Wände seines Büros in
der Großstadt Chennai an der Ostküste
des Landes hängen voll mit Ehrungen und
Urkunden. „Indias Greatest Global Living
Legend“ steht auf einer. 1987 erhielt er
den Uno-Welternährungspreis.
Swaminathan schuf damals Reis- und
Weizensorten, die kleiner waren als ge-
wohnt, dadurch jedoch weit ertragreicher; unter 5 5 bis 10 bis 20 und keine
unter 10 unter 20 mehr Daten
zudem arbeitete er mit mischerbigen
*2010 bis 2012 Quellen: IFPRI; i-Bio
Pflanzen, die bis zu doppelt so produktiv
sind wie ihre Elterngeneration.
„Der Erfolg der Grünen Revolution war Eisenmangel-Anämie*
gewaltig“, berichtet Swaminathan. Als Ju- Anteil der Kinder unter sechs Jahren,
gendlicher habe er noch den „Bengali- in Prozent
schen Hunger“ erlebt, der Mitte der Vier-
zigerjahre Millionen Inder dahinraffte.
„Damals wuchs auf einem Hektar Land
weniger als eine Tonne Getreide“, sagt
Swaminathan. Inzwischen habe sich der
Hektarertrag mehr als verdreifacht.
Doch zu welchem Preis? Die neuen
Hochleistungssorten garantierten zwar
hohe Ernteerträge, laugten jedoch auch
die Böden aus und verbrauchten viel zu
viel Wasser. Immer mehr Dünger und Pes- unter 5 5 bis 20 bis 40 und keine
unter 20 unter 40 mehr Daten
tizide waren nötig. Viele Kleinbauern ver-
loren alles, weil sie erst investierten und *Hämoglobin von weniger als 110 mg pro ml Blut; 1993 bis 2005

dann ihre Ernte nicht mit Gewinn verkau-


fen konnten. Den Anbau traditioneller Zinkmangel
Brotgetreide vernachlässigten sie.
für Infektionen und lernen schlecht, weil „Früher ernährten sich die Bauern von Anteil der Kinder unter sechs Jahren mit
sich ihr Gehirn nicht richtig entwickelt. 200 bis 300 Feldfrüchten“, sagt Swami- Symptomen*, in Prozent
„Diese Kinder werden von Geburt an nathan. Heute gebe es nur noch „vier oder
ihrer Zukunft beraubt“, sagt der indische fünf wichtige Sorten“. „Die Grüne Revo-
Agrarwissenschaftler Monkombu Swami- lution“, klagt der Forscher, „hat den Hun-
nathan, der seit mehr als 60 Jahren für ger nicht ausgemerzt.“
das „fundamentale Menschenrecht“ auf In Indien ist das Problem besonders
Sattsein arbeitet. Um das Hungerproblem dringlich. An die 250 Millionen Menschen,
endlich zu lösen, fordert Swaminathan zu- ein Fünftel der Bevölkerung, sind unter-
sammen mit anderen Ernährungsexperten ernährt. 50 bis 70 Prozent der Kinder un-
eine neue Agrarwende. Nicht industrielle ter fünf Jahren und die Hälfte aller Frauen
Hightechlandwirtschaft, sondern natur- leiden an Eisenmangel. Fast die Hälfte al- unter 20 20 bis 40 und keine
naher Landbau, intelligente Pflanzenzucht ler Kinder ist körperlich unterentwickelt unter 40 mehr Daten
und die Rückbesinnung auf alte Sorten oder sogar verkrüppelt, weil sie chronisch *Kleinwüchsigkeit, die Rückschlüsse auf Zinkmangel erlaubt
sollen den Hunger ausrotten. unter- und mangelernährt sind.
Die Welt hat genug zu essen. Nur: Für Vor allem im Bundesstaat Maharashtra Vitamin-A-Mangel*
die Armen, die sich überwiegend von Ge- ist die Lage prekär. Am frühen Morgen
treide ernähren, ist es das falsche Essen. geht es zusammen mit der Wirtschaftswis- Anteil der Kinder unter sechs Jahren,
Mais, Weizen, Reis, die vor allem auf Er- senschaftlerin Bushana Karandikar aus in Prozent
trag und nicht auf Nährstoffgehalt gezüch- der Bhagwhan-Hochburg Pune (ehemals
teten Sorten der industriellen Landwirt- Poona) hinaus aufs Land. Die Inderin
schaft, können die Ärmsten nicht ausrei- treibt das Dhanshakti-Projekt für die Or-
chend versorgen. Denn sich satt zu essen ganisation Harvest Plus voran. „Die Man-
genügt nicht, um gesund zu bleiben. Nähr- gelernährung ist die traurige Seite des
stoffe und Spurenelemente sind mindes- indischen Aufschwungs“, erzählt sie wäh-
tens so wichtig wie Kalorien. rend der Fahrt. „Es ist sehr überraschend,
Ernährungssicherheit entstehe durch aber wir teilen das Problem mit den Län-
FOTO: GETTY IMAGES

Vielfalt, sagt Swaminathan und fordert dern in Schwarzafrika, obwohl deren Pro-
eine nachhaltige „Evergreen“-Revolution. Kopf-Einkommen viel geringer ist.“ 2 bis 10 bis 20 und keine
Neue, nahrhaftere und klimatisch besser Jetzt im Frühjahr ist Maharashtra grün. unter 20 unter 20 mehr Daten
angepasste Getreidesorten müssten her. Mit seinen üppigen Feldern links und *Vitamin A1 von weniger als 0,2 mg pro ml Blut; 1995 bis 2005

DER SPIEGEL 23 / 2014 103


1 Bauer Pingle
Mehr gemacht
aus seinem Land

2 Bürger-
rechtlerin Shiva
„Die Konzerne
haben 25 000
Bauern in
den Selbstmord
getrieben“

3 Landwirt
Mankar, Familie
„Seit wir diese
Hirse essen,
1 sind die Kinder 2
seltener krank“

rechts der Straße und den Obstplantagen durch die Dhanshakti-Hirse ersetzen? Weltweit arbeiten Ernährungsspezialisten
wirkt das Land fruchtbar. Zu besichtigen „Dann bekommen die Leute ihre Minera- an nahrhafteren Getreide- und Gemüse-
ist hier „Indiens Rätsel“, wie Forscher lien aus dem Brot, das sie ohnehin jeden sorten. In Brasilien etwa entwickelt die For-
Swaminathan es nennt: „grüne Berge und Tag essen“, schwärmt Potnis. schungsorganisation Embrapa bioverstärk-
hungrige Millionen“. So wie im nahen Ort Vadgaon Kashimbe te Bohnen und Kürbisse sowie bioverstärk-
Im Ort Ghodegaon wird schnell deut- bei der fünfköpfigen Familie von Ramu Da- ten Maniok. In Uganda und Mosambik
lich, woran es mangelt. An einer unbefes- hine: Schwiegertochter Meena backt heute pflanzen Bauern eine Provitamin-A-reiche
tigten Straße, vor der 15-Betten-Klinik des das Bhakri, das traditionelle Fladenbrot aus Süßkartoffel an. In Ruanda essen mehr als
Ortes, warten Männer, Kinder, vor allem Hirse. Im roten Sari kauert sie auf dem 500 000 Familien mit Eisen angereicherte
aber junge Frauen in bunten Saris. Die Boden vor dem kleinen wellblechgedeck- Bohnen. In Indien soll es neben der Dhan-
Schuhe bleiben vor der Tür, an den Wän- ten Steinhaus. Die Frau nimmt Hirsemehl shakti-Hirse bald Reis und Weizen mit be-
den hängen Götterporträts, umrankt von und Wasser, knetet den Teig, legt den Fla- sonders hohem Zinkgehalt geben.
Blumenketten. den in eine Pfanne und bläst die Glut eines Etwa sieben Millionen Männer, Frauen
Der Arzt Rajneesh Potnis empfängt im Holzfeuerchens mit einem langen Blasrohr und Kinder habe man bereits erreicht, sagt
ersten Stock, reicht würzigen Kaffee und an, bis die Flammen züngeln. Howarth Bouis, Chef des Harvest-Plus-
Süßes. 25 Jahre arbeitet Potnis schon hier.
Die Studienkollegen hielten ihn für ver-
rückt, als er nach Ghodegaon ging. Doch
Gentechnische Trickserei überflüssig: Häufig gibt es natür-
Potnis wollte helfen. Nun berät er stillende liche Sorten, die die erwünschten Nährstoffe enthalten.
Mütter, hilft Kindern auf die Welt, behan-
delt Rachitis, Nachtblindheit und Blut- Zweimal am Tag essen die Dahines das Programms. Bis 2030 sollen eine Milliarde
armut. Brot. Beilagen gibt es kaum. Die Hirse Menschen von bioverstärktem Getreide
„Den Frauen geht es am schlechtesten“, habe der Saatguthändler empfohlen, be- profitieren. Dass der Plan aufgehen könn-
sagt der Arzt, „sie essen das, was übrig richtet der Bauer. Dass das Getreide mehr te, liegt auch daran, dass Bouis schon früh
bleibt, und arbeiten zugleich am härtes- Eisen enthält, weiß er gar nicht. Und doch entschied, die neuen Sorten ausschließlich
ten.“ In der Folge erlitten sie Früh- und ist ihm aufgefallen, dass die Familie ge- konventionell zu züchten. „Wir haben uns
Totgeburten, Infektionen, Schwächeanfäl- sünder durch die letzte Regenzeit kam. gegen Gentechnik entschieden, weil wir
le. Am schlimmsten seien die ethnischen Und die Hirse hat einen weiteren Vor- der Kontroverse aus dem Weg gehen woll-
Minderheiten betroffen, die am Rand der teil: Weil sie keine Hybridsorte ist, kann ten“, sagt er. Zu gut erinnert sich der Har-
Gesellschaft leben. „Sie kommen erst, der Bauer einen Teil der Ernte für die Aus- vest-Plus-Chef an den Streit um den soge-
wenn es gar nicht mehr anders geht.“ saat in der nächsten Saison verwenden. nannten Goldenen Reis.
Potnis verteilt Mineral- und Vitaminpil- „Für die Ärmsten der Armen ist diese Das schon seit 1992 an der Eidgenössi-
len, die der indische Staat subventioniert; Hirse eine große Hoffnung“, sagt Bhusha- schen Technischen Hochschule Zürich ent-
er rät den Familien zu vielseitiger Ernäh- na Karandikar. Zumal das Getreide wirkt: wickelte transgene Gewächs enthält fast
rung. Oft vergebens, erzählt der Arzt. „Es Schweizer Forscher zeigten, dass Dhans- doppelt so viel Betacarotin, die Vorstufe
ist so einfach, den Leuten zu sagen: Esst hakti-Hirse bei Frauen den Eisengehalt von Vitamin A, wie normaler Reis. Trotz-
mehr Hülsenfrüchte, mehr Gemüse und im Blut deutlich erhöhte. Indische For- dem wurde es bis heute nirgendwo auf
Eier – die meisten können sich das alles scher belegten, dass schon täglich 100 der Welt zugelassen. Der öffentliche Wi-
aber gar nicht leisten.“ Gramm der Hirse den Eisenbedarf von derstand gegen die Gentechnik ist zu groß.
Hier kommt die bioverstärkte Hirse ins Kindern komplett abdecken können. Ohnehin ist gentechnische Trickserei in
Spiel: Die Bauern bauen in der Gegend Für die Verfechter der neuen, sanften vielen Fällen überflüssig. Denn häufig gibt
schon immer Hirse an. Warum dann also Grünen Revolution ist das ein weiterer Er- es natürliche Sorten, deren Körner die er-
nicht einfach die traditionelle Hirsesorte folg auf ihrem Feldzug gegen den Hunger. wünschten Vitamine oder Nährstoffe be-
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reits enthalten. Gerade Reis ist dafür ein druckende Erscheinung, gestählt durch den landbau ausgebildet – für Shiva der einzig
gutes Beispiel: Etwa 100 000 Sorten exis- jahrzehntelangen, zähen Kampf mit dem richtige Weg, den Hunger zu besiegen.
tieren auf der Erde. „Da lässt sich fast jede Establishment. Die Bürgerrechtlerin wird Doch kann Ökolandbau tatsächlich die
Eigenschaft finden, die man sich vorstellen nicht müde, die Saatgutkonzerne zu gei- Lösung sein? Harvest-Plus-Direktor Bouis
kann“, sagt Swaminathan. In den Labors ßeln. „Eine global operierende Industrie hält Shivas Ansatz für naiv. „Wir haben
seiner M. S. Swaminathan Research Foun- versucht mit allen Mitteln, die Welt von das fundamentale Problem, dass wir zu
dation (MSSRF) in Chennai tüfteln For- ihren Produkten abhängig zu machen“, wenig fruchtbares Land für eine ständig
scher zum Beispiel an Reis mit hohem Zink- schimpft sie. Bauern, die einmal umgestie- wachsende Bevölkerung haben“, sagt er.
gehalt. Tausende Reislinien haben die Bio- gen seien, würden ihr traditionelles Saatgut 70 Prozent mehr Kalorien als heute
logen dafür analysiert. Schließlich fand sich aufgeben und müssten die kommerziellen, wird die Landwirtschaft 2050 produzieren
ein gutes Dutzend besonders zinkhaltiger oft mit Lizenzgebühren belegten Sorten müssen, um dann 9,6 Milliarden Menschen
Sorten. Diese werden nun mit solchen Sor- fortan immer und immer wieder kaufen. zu ernähren, prophezeit ein Report des
ten gekreuzt, die hohen Ertrag versprechen. „Diese Art von Landwirtschaft hat in Umweltprogramms der Vereinten Natio-
Swaminathan hält allerdings auch den Indien 25 000 Bauern in den Selbstmord nen. Diese „Ernährungslücke“ könne nur
Hightechweg für geeignet, den Hungern- getrieben, weil sie ihre Schulden nicht zu- geschlossen werden, sagt Bouis, „wenn die
den zu helfen. „Ich werde Gentechnik we- rückzahlen konnten“, sagt Shiva. Selbst Landwirtschaft noch produktiver wird“.
der feiern noch rundweg ablehnen“, sagt von den bioverstärkten Sorten hält sie Vor Ort in Maharashtra allerdings wird
er. „Es ist wichtig, alle Werkzeuge zu nut- nichts. „Die Züchter dieser Pflanzen kon- deutlich, dass dafür nicht immer kraftstrot-
zen, traditionelles Wissen und moderne zentrieren sich auf jeweils einen einzigen zendes Supergetreide notwendig ist. Ei-
Wissenschaft.“ Nährstoff“, kritisiert sie, „dabei braucht nem dritten Bauern aus dem Ort Vadgaon
Der Eisengehalt beispielsweise lasse der Körper alle diese Spurenelemente.“ Kashimbe, Santosh Pingle, und seiner Fa-
sich in Reis nur schwer mithilfe konven- Statt solcher „Monokulturen“ fordert milie geht es sichtbar besser als seinen
tioneller Zucht erhöhen. Stattdessen ver- Shiva die Rückkehr zur Vielfalt auf dem Nachbarn. Das Haus ist verputzt. Kühe
suchen es die Forscher in der Petrischale. Acker. „Die meisten unserer traditionellen und Ziegen versorgen die Familie mit
„Wir haben Gene der Mangrove isoliert Sorten sind voll mit Nährstoffen“, sagt sie. Milch. Manchmal gibt es sogar Huhn vom
FOTOS: DILIP KALIYA / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGEL (L. + R.); CESAR RANGEL / AFP (M.)

und in die Reispflanzen eingeschleust“, Warum einen Goldenen Reis mit viel Vita- Markt. Pingles Erfolgsrezept: Der 38-Jäh-
erläutert Ganesan Govindan, einer der min A erschaffen, wenn Möhren und Kür- rige hat mehr gemacht aus seinem Land.
Biotechnologen an MSSRF. Die transge- bis genug davon enthielten? Warum an Auf einem halben Hektar pflanzt der
nen Reiskörner enthalten mehr Eisen. gentechnisch veränderten Bananen mit Bauer die eisenreiche Dhanshakti-Hirse
Gleichzeitig sind die Pflanzen salz- und hohem Eisengehalt arbeiten, wenn Meer- für den Eigenbedarf der fünfköpfigen
trockentoleranter als zuvor. In zwei bis rettich oder Amaranth ohnehin so viel Familie an. Die andere Hälfte seines
drei Jahren soll die Sorte marktreif sein. Eisen enthielten? Ackerlands ist mit Tomaten und besonders
Gerade solche Hightechlösungen sind Shiva empfiehlt Fruchtfolgen auf dem ertragreicher Hybridhirse bestellt. Beides
jedoch umstritten. In Indiens Hauptstadt Acker, Gemüse- und Obstgärten sowie verkaufen die Pingles auf dem Markt.
Neu-Delhi lebt Vandana Shiva, eine pro- kleine Familienfarmen, deren Hauptziel Gleichzeitig gedeihen im Hausgarten ei-
filierte Gegnerin der modernen Agrartech- Ernährung und nicht Gewinnmaximie- weißreiche Bohnen und anderes Gemüse.
nik. Das Büro ihrer Organisation Navda- rung ist. 75 000 Bauern hat ihre Organisa- Zitronen, Kokosnüsse und Mangos erntet
nya liegt in Hauz Khas, einem der wohl- tion seit Ende der Achtzigerjahre im Bio- Ehefrau Jayashree mit ihren Töchtern
habenderen Stadtviertel. Blumen sind auf mehrfach im Jahr.
einem Glastisch hergerichtet. In der Ecke Video: Die Kraft der „Reichtum und Stärke“ – die Pingles
stehen Tonvasen mit Getreidegarben. neuen Hirse sind inzwischen auf einem guten Weg
Shiva, im wallenden Gewand und mit spiegel.de/app232014indien dahin. Und genug zu essen haben sie alle-
großem Bindi auf der Stirn, ist eine beein- oder in der App DER SPIEGEL mal. Philip Bethge

DER SPIEGEL 23 / 2014 105


Gehirn einer Schlaganfallpatientin*
Wer zieht die Nieten aus der Lostrommel?

Häufigkeit der Nebenwirkungen darin


nicht korrekt angegeben war.
Was auch Kritiker wie Abramson nicht
bestreiten: Patienten mit einem sehr hohen
Cholesterinspiegel, der häufig genetisch
bedingt ist, profitieren enorm von einer
Statintherapie; das gilt auch für Menschen,
die schon einmal einen Herzinfarkt oder
Schlaganfall erlitten haben – und zwar völ-
lig unabhängig davon, ob ihr Cholesterin-
spiegel tatsächlich erhöht ist.
„Leider bekommen Patienten vor allem
nach einem Schlaganfall viel zu selten ein
Statin verschrieben“, beklagt der Internist
tinvergabe Leben schützen – oder nützt Peter Sawicki, ehemaliger Leiter des ein-

Schneepflug dies nur der Pharmaindustrie? flussreichen Instituts für Qualität und Wirt-
In den USA sind die Cholesterinleit- schaftlichkeit im Gesundheitswesen in Köln.
linien bereits im vergangenen Herbst ge- Auch bei einer hohen Risikoprognose

ohne Schnee ändert worden. Die Zahl der Menschen, besteht kein Zweifel am Sinn eines Statins.
die Fettsenker einnehmen sollen, hat sich Doch wo genau sollte die Grenze gezogen
dadurch schlagartig schätzungsweise mehr werden? Gesenkt werden kann das
als verdoppelt. Auch in Deutschland Infarktrisiko durch einen Fettsenker so gut
Medizin Ärzte empfehlen auch wächst die Zahl der Internisten, die Statine wie immer. Aber je geringer das individu-
gesunden Menschen, blutfettsen- am liebsten vorbeugend an alle über 55- elle Risiko, desto geringer ist der absolute
Jährigen verabreichen würden. Statine, so Nutzen einer Statintherapie. „Auch ein
kende Mittel zu schlucken. Wür- argumentieren die Befürworter, seien gut Schneepflug bringt am meisten, wenn es
de das helfen, Herzinfarkte und erprobte, vergleichsweise nebenwirkungs- kräftig geschneit hat“, erklärt der Internist
Schlaganfälle zu verhindern? arme Medikamente, die das relative Risiko, und Chefarzt an der Klinik Schwabenland
einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu be- Harry Hahmann.
kommen, deutlich senken könnten. Umgekehrt gilt: Bei einem geringeren

A
uf der Website qrisk.org kann je- Doch das Konzept, schon Patienten mit absoluten Nutzen fallen die Nebenwirkun-
der in seine Zukunft blicken. Ein niedrigem Risiko zu behandeln, hat auch gen der Medikamente stärker ins Gewicht.
55-jähriger etwas übergewichtiger erbitterte Gegner. Lautstark kritisiert Eine der gefährlichsten bei Statinen ist Mus-
ehemaliger Raucher etwa, mit einem etwa der Harvard-Mediziner und Buch- kelzerfall mit Nierenversagen, die Mittel
oberen Blutdruckwert von 130 und einem autor John Abramson die neuen US-Leit- können zudem das Diabetesrisiko erhöhen.
leicht erhöhten Cholesterinspiegel von linien, die „der Pharmaindustrie mehr als „Letztlich bleibt die Untergrenze, ab der
210, erfährt von dem Orakel: Sein Risiko, jedem anderen“ nützten. „Statt Millionen behandelt wird, eine Ermessensfrage“, sagt
in den nächsten zehn Jahren einen Herz- Menschen zu Statinkunden zu machen“, Ulrich Laufs, Mitglied der Arzneimittel-
infarkt oder Schlaganfall zu erleiden, liegt so Abramson in der New York Times, kommission der deutschen Ärzteschaft.
bei 10,2 Prozent. Um die Gefahr zu ban- „sollten wir uns lieber auf die Faktoren Der Internist Sawicki wirbt dafür, dass
nen, so der bisherige Rat, sollte der Mann konzentrieren, die ohne Zweifel das Risi- der aufgeklärte Patient selbst entscheiden
sich gesund ernähren und Sport treiben. ko für Herzkrankheiten senken: eine ge- sollte. Der Arzt erklärt den Nutzen von Sta-
Demnächst dürfte dasselbe Ergebnis sunde Ernährung, Bewegung und Nicht- tinen mit einer Lostrommel. Dem 55-jäh-
in dem in Großbritannien entwickelten rauchen.“ rigen leicht übergewichtigen Exraucher,
Risikokalkulator jedoch auch zu der Im British Medical Journal rechnete dem der Onlinekalkulator ein Herzinfarkt-
Empfehlung führen, vorsorglich Medi- Abramson jetzt vor, wie unverhältnis- und Schlaganfallrisiko von 10,2 Prozent be-
kamente zu schlucken. Denn derzeit wer- mäßig es wäre, weite Teile der Bevöl- scheinigte, würde Sawicki sagen: „Stellen
den die Leitlinien zur Prävention von kerung mit Statinen zu behandeln: Um bei Sie sich vor, in diesem Glas befinden sich
Herz-Kreislauf-Erkrankungen überarbei- relativ Gesunden auch nur einen einzigen 90 weiße und 10 schwarze Lose. Wenn Sie
tet. Wichtigste Neuerung: Der Risiko- Herzinfarkt oder Schlaganfall zu ver- ein schwarzes Los ziehen, bekommen Sie
Grenzwert, ab dem eine Therapie mit hindern, müssten 140 Men- in den nächsten zehn Jah-
einem cholesterinsenkenden Statin emp- schen fünf Jahre lang diese Blutfettsenkende Statine ren einen Herzinfarkt oder
fohlen wird, soll in Großbritannien von Mittel schlucken. Die Flut Verordnete Tagesdosen, 2013 Schlaganfall. Wenn Sie ein
in Milliarden
20 auf 10 Prozent halbiert werden. Quasi kontroverser Reaktionen, 1,6 weißes Los ziehen, nicht.“
über Nacht würde der 55-jährige Ex- die sein Artikel auslöste, Zur Vorbeugung könne
raucher vom Gesunden zum Patienten gipfelte in der Forderung, der Patient von nun an Sta-
werden – und für den Rest seines Lebens das British Medical Jour- tine schlucken und die da-
zum Pillenschlucker. nal solle den Text wie 2003 mit verbundenen Neben-
Ausgaben
Weltweit streiten Herzspezialisten in eine Fälschung behandeln der Kranken- wirkungen in Kauf neh-
Fachmagazinen und auf Kongressen da- und zurückziehen, da die 0,6 kassen* 2012 men. „Aber auch in diesem
FOTO: MICHAEL TIMM

rüber, ob es sinnvoll wäre, die Grenze zwi- Fall“, so Sawicki, „bleiben


* Die dunkelblauen Areale zeigen, 358 Mio. €
schen gesund und krank derart radikal – dass der Blutfluss in Teilen der lin-
immer noch sieben schwar-
oder sogar noch radikaler – zu verschieben: ken Gehirnhälfte vermindert ist – Quelle: Arzneiverordnungs-Report ze Lose in der Trommel.“
* Gesetzliche Krankenversicherung
Würde eine massive Ausweitung der Sta- Hinweis auf einen Schlaganfall. Veronika Hackenbroch

106 DER SPIEGEL 23 / 2014


Wissenschaft

Beglückung Ein Haarreif, der angeblich


Hirnströme misst: Die Öhr-
chen sollen sich aufrichten,

per Kopfhörer wenn der Träger sich konzen-


triert, und erschlaffen,
wenn er entspannt.

Psychologie Forscher versuchen,


Filme und Musikstücke
der Laune des Zuschauers anzu- taten, befestigt an einer Art Haarreif, der
passen. Doch wie lassen angeblich die Hirnströme misst, daran den
sich Stimmungen messen? jeweiligen Gemütszustand erkennt und via
Öhrchen – schlapp oder aufrecht, manch-
mal winkend – ans Gegenüber vermittelt.

M
öglicherweise wäre Kate zusam- All das nur durch „die Inspiration des
men mit Leonardo und der „Tita- Unterbewusstseins“. Andere Hersteller
nic“ versunken. Vom Meer ver- bieten Spiele an, deren Handlung sich mit
schluckt und Schluss. Einfach, weil der Zu- der „Kraft der Gedanken“ entwickle.
schauer nicht genug geschwitzt hat. Tatsächlich testen die Geräte wohl we-
Die Erregbarkeit des Betrachters soll in niger die Hirnströme als den Aberglauben
Zukunft Regie führen, das ist der Plan ei- der Nutzer: Die Öhrchen wackeln, und
niger Firmen. Sie wollen Filme optimieren, weil wir nicht wissen, warum, glauben wir,
indem sie sie dem Konsumenten auf den es sei unser Verdienst.
Leib schreiben. Dazu muss dieser Leib ver- Raúl Rojas, Informatikprofessor an der
messen werden: Schwitzt er? Wie sehr? FU Berlin, hat einen dieser neuartigen
Wie schnell schlägt das Herz, was sagen Hirnstrom-Messapparate ausprobiert. Das
die Hirnströme? Gerät heißt Emotiv und kostet bis zu
Der Körper soll verraten, ob wir dem 540 Euro. Rojas nennt das „schöne Science-
Spannungsbogen noch folgen, uns ausrei- Fiction“. Seriöse EEG-Geräte kosten Tau-
chend gruseln oder entzückt sind. Schon sende Euro; sie sind feinst kalibriert.
lange basteln Wissenschaftler daher an „Mit den kommerziellen Geräten leuch-
Filmen, Spielen und Musik, die sich der tet das Gehirn am Bildschirm wie ein Weih-
Stimmung der Konsumenten anpassen nachtsbaum“, sagt Miranda. Aber nicht,
sollen. weil deren Träger besonders viel dächten,
So haben die Macher des Horrorfilms wahrscheinlicher sei, dass die Apparate
„Unsound“ unterschiedliche Handlungs- Störsignale messen: ein Zucken der Nase,
stränge gedreht. Welcher davon auf der ein Blinzeln der Augen.
Leinwand erscheinen sollte, entschied sich Stefan Kölsch, Professor für Musikpsy-
an den Fingern ausgewählter Zuschauer chologie an der FU Berlin, ist sogar skep-
im Vorführsaal. Waren die Finger noch tisch, ob ein Gefühle-Fühler je existieren
nicht schwitzig, war der Puls nicht hoch wird. Ein Mensch sei nicht einfach glück-
genug, nahm die Geschichte eine spannen- lich oder traurig: „Emotionen existieren
dere Wendung. „Es ist schwierig, Anzeichen verlässlich in verschiedenen Farben. Das macht uns
Der Computerkonzern Apple hat ein zu deuten“, sagt Miranda, der auch Kom- ja gerade als Menschen aus.“ Und wenn
Patent für eine Technik angemeldet, die ponist ist. Sein Team arbeitet an einem wir schon eine Empfindung nicht richtig
Inhalte nicht nur nach Vorlieben, sondern Kopfhörer, der anhand von Hirnströmen messen können, wie dann mehrere zu-
auch nach der Gemütslage vorschlägt. erkennen soll, in welcher Stimmung sich gleich?
Microsofts Sensorsteuerung Kinect soll sein Träger befindet. Ist dieser betrübt, Dennoch findet Kölsch die Vorstellung
Emotionen aus unserem Gesicht heraus- spielt das System helle, fröhliche Musik. aufregend, Musik nach Laune steuern zu
lesen können. Und Chiphersteller Intel hat Ist er ängstlich, drosselt es das Tempo. können, etwa als Therapie für depressive
einen Kopfhörer vorgestellt, der über das Dazu misst ein EEG-Gerät pausenlos Patienten. „Aber wollen sie das Gedudel
Ohr den Herzschlag misst. die elektrischen Potenziale im Gehirn und dann auch hören?“, fragt er. Zwangsbeglü-
Das Ziel: herausfinden, was der Kunde sendet sie an einen Computer. Der, so ckung via Kopfhörer?
will, bevor er es selbst auch nur ahnt. die Idee, wählt dann die passende Musik Und was wäre, wenn sich Musik an
Aber auf dem Weg zum tiefenerforsch- aus – oder noch besser: generiert sie gleich Wünsche anpasste, von denen wir gar
ten Konsumenten gibt es ein Problem: selbst. nicht wissen, dass wir sie hegen? „Wie sol-
„Wir können die Signale des Körpers zwar Derzeit spielen Miranda und seine Kol- len wir unsere Emotionen schützen?“,
aufzeichnen, lesen können wir sie aber legen Testpersonen Töne und Rhythmen fragt Eduardo Miranda. Denn was aufge-
noch nicht besonders gut“, sagt Eduardo vor und beobachten, wie das Hirn darauf nommen und digitalisiert werde, wandere
FOTOS: KIM KYUNG-HOON / REUTERS

Miranda, Computerwissenschaftler an der reagiert. Labors anderswo in der Welt irgendwann auch ins Netz. Die Werbewirt-
englischen Plymouth University. arbeiten an ähnlichen Projekten. schaft würde sich freuen. Schon jetzt
Leuchtet im Hirnscanner die Amygdala, Einen gefühligen Kopfhörer gibt es be- dudelt in Supermärkten stimmige Musik.
wenn der Mensch glücklich ist? Schwitzt reits. Die Firma Neurowear hat ihn ent- Doch werde es „nie die perfekte Lösung
der Zuschauer, weil er nervös ist? Oder wickelt; vermeintlich richtet das Gerät die für alle geben“, sagt Miranda. Dafür seien
nur überrascht? Schlägt das Herz vor Freu- Musik nach der Laune aus. Bekannt wurde die Menschen zu unterschiedlich. Zum
de oder aus Furcht? die japanische Firma mit Katzenohr-Imi- Glück. Laura Höflinger

DER SPIEGEL 23 / 2014 107


Rippenqualle

Aliens der Meere


Evolution Wabern auf fernen Planeten räuberische Glibberwesen? Die Befunde eines
Meeresforschers in Florida lassen sich als Hinweis darauf deuten.

W
er sich für das Aussehen von Ctenophoren, wie die Rippenquallen lutionäre Schicksal zweier Tiergruppen:
Außerirdischen interessiert, der mit ihrem wissenschaftlichen Namen hei- Aus der einen ging die gesamte Vielfalt
sollte Rippenquallen studieren. ßen, sind bunt schillernde Glibbertiere, der heutigen Tierwelt hervor – vom See-
Fremdartigere Kreaturen als diese gibt es von denen viele im Dunkeln magisch stern bis zum Fadenwurm und vom Kohl-
im ganzen Tierreich nicht. Das jedenfalls leuchten („lumineszieren“). Mit klebrigen weißling bis zum Homo sapiens. Die Nach-
sagt Leonid Moroz. Tentakeln machen sie Jagd auf Jungfische fahren der anderen sind die Rippenquallen.
Mit bizarren Geschöpfen kennt sich der und kleine Krebse. Wie an einer Angel las- Mensch und Feuerqualle, so die über-
amerikanische Neurobiologe der Univer- sen sie ihre Beute zappeln, bis sie die Fang- raschende Schlussfolgerung aus dieser Hy-
sity of Florida aus. Rosa gebänderte Mee- leine einholen und die erschöpften Opfer pothese, sind näher miteinander verwandt
resschnecken, eigentümlich geflügelte Mol- in ihr Schlundrohr schlürfen. als Feuer- und Rippenqualle (siehe Stamm-
lusken und Würmer mit rot glühenden All das erscheint exotisch, die wahre baum).
Augen hat er von seinen Tauchgängen in Überraschung aber bescherte Moroz die Sichtbar bereitet es Moroz Vergnügen,
der See vor Fort Lauderdale emporgeholt. Erbgutanalyse: Die Seestachelbeere, eine die Lehrmeinung herauszufordern. „Unse-
Besonders aber faszinieren ihn die geheim- der rund 190 Arten von Rippenquallen, re Befunde werfen über den Haufen, was
nisvoll schimmernden Rippenquallen. verfügt über mehr als 19 500 Gene, kaum wir über die Evolution der frühen Tiere
Zehn Spezies dieser Gallertwesen haben weniger als Ratte oder Mensch, und viele zu wissen glaubten“, sagt er, „und gleich-
Moroz und sein Team eingesammelt und von ihnen sind der Wissenschaft noch völ- zeitig steigern sie die Ehrfurcht vor dem
untersucht, einige davon gleich an Bord lig unbekannt. So fremdartig ist das Ge- Erfindungsreichtum des Lebens.“
einer 43-Meter-Jacht, auf die sie vor der nom dieser Kreaturen, dass Forscher jetzt Bisher galten Schwämme und Platten-
Abfahrt einen Forschungscontainer hieven den Stammbaum des Lebens revidieren tiere als die ursprünglichsten aller Tier-
ließen. Eingerichtet ist dieser wie ein mo- wollen: Den Stamm der Ctenophoren hält stämme. Und in der Tat scheinen diese
dernes Biolabor. Direkt vor Ort können die Moroz für den ältesten aller Tiere. „Rip- viel eher dem Bild primitiver Lebensfor-
Wissenschaftler dort das Erbgut der fragilen penquallen“, konstatiert er, „sind die men zu genügen: Die Plattentiere wabern
Meerestiere auslesen. Ergebnisse haben Aliens der Meere.“ als unscheinbare Minifladen am Meeres-
Moroz und seine Kollegen jetzt in Nature Vor mehr als 600 Millionen Jahren trenn- boden; ihr fast strukturloser Körper be-
publiziert. te sich Moroz’ Hypothese zufolge das evo- steht aus gerade einmal fünf verschiedenen
108 DER SPIEGEL 23 / 2014
Wissenschaft

Zelltypen. Die Schwämme wiederum sind weise um so ihren täglichen Zyklus zu steu- Heißt dies mithin, dass die glibbrig-räu-
mit ihren knorrigen Ästen, unförmigen ern: Nachts jagen sie an der Oberfläche, berische Daseinsform gleichsam ein not-
Wülsten, Beulen oder Furchen kaum als tagsüber sinken sie in die Tiefe. wendiges Durchgangsstadium war auf dem
Tiere zu erkennen. Schon Aristoteles ord- Lichtempfindliche Proteine fand Moroz Weg hin zu komplexeren Tieren? Würde
nete sie als Mischwesen ein – halb Tier, allerdings nicht in der Nähe des Schlunds, das Leben, wenn die evolutionäre Uhr zu-
halb Pflanze. sondern dort, wo die Keimzellen sitzen. rückgedreht und neu gestartet würde, er-
Ganz anders dagegen die Rippenqual- „Die Rippenquallen sehen also nicht mit neut quallenartige Geschöpfe hervorbrin-
len. „Es sind erstaunlich komplexe Tiere“, dem Kopf, sondern mit den Hoden“, kon- gen? Bedeutet dies am Ende gar, dass auch
sagt Moroz. Sie sind Jäger, vermögen sich statiert der Forscher. auf anderen Planeten, falls sie die Entwick-
mittels rhythmischer Schläge unzähliger Daneben dienen die Neuronen, auch lung von Leben erlauben, räuberische Glib-
Wimpernplatten zu bewegen und verfügen dies genau wie bei anderen Tieren, der berwesen ihr Unwesen treiben? Moroz’ Be-
sogar über ein Immunsystem, das Erreger Kontrolle der Muskelzellen: Sie steuern funde jedenfalls lassen sich als Hinweis da-
attackiert und sich später noch an diese die Körperspannung, das Einholen der rauf deuten.
erinnert. Die Zahl verschiedener Zelltypen Fangleinen und bei jenen Ctenophoren, Auf eine weitere Frage allerdings hat
in einem Ctenophoren-Körper schätzt die sich durch Schlängeln fortbewegen, die der Biologe vorerst noch keine Antwort:
Moroz auf „vermutlich über 50“. dazu notwendigen Muskelplatten. Warum blieben die Rippenquallen im Glib-
Faszinierend sind etwa die hoch spezia- Wenn aber die Neuronen der Rippen- berstadium stecken, während der zweite
lisierten Klebzellen, mit denen die Rip- quallen sich tatsächlich unabhängig von Aufbruch ins offene Wasser nicht nur in
penquallen ihre Beute festhalten. Mit denjenigen aller übrigen Tiere entwickelt heutige Quallen, sondern auch in die über-
Klebkörnchen an der Oberfläche, einem haben, wie kann es dann sein, dass sie die- bordende Vielfalt der Fische, Krebse,
stielförmigen Anker und einem langen spi- sen in Gestalt und Funktion so verblüffend Schnecken, Muscheln und Würmer mün-
ralförmigen Faden zählen diese zu den gleichen? dete?
komplexesten Zellen des ganzen Tierreichs. Jene Kreaturen, aus denen alle heutigen Einen Grund, die Ctenophoren gering-
Besonders interessant aber findet Mo- Tiere hervorgegangen sind, siedelten ver- zuschätzen, sieht Moroz darin jedenfalls
roz, dass Ctenophoren über Nerven- und mutlich am Meeresboden. Dort filterten nicht. Schließlich seien sie wahre Überle-
Muskelzellen verfügen. Dies ist gerade des- sie Ozeanwasser, während das offene Meer benskünstler. Mehr als eine halbe Milliarde
halb so erstaunlich, weil solche Zellen zu- den Bakterien und Algen vorbehalten Jahre überdauerten sie, und bis heute ent-
nächst nichts Außergewöhnliches zu sein blieb. Dann aber – ein Wendepunkt in der falten sie dabei eine kaum zu kontrollie-
scheinen. Bei anderen Tieren, gleichgültig Geschichte des Lebens – vollzog sich der rende Vitalität. Im Schwarzen Meer etwa
ob Seeigel, Stichling oder Stachelschwein, Schritt hin zur frei schwimmenden Lebens- führte die massenhafte Vermehrung einer
finden sie sich schließlich auch. weise. Ein unermesslicher neuer Lebens- eingeschleppten Ctenophoren-Art zum
Genau die Ähnlichkeit jedoch, erklärt raum öffnete sich. Zusammenbruch der Sardellenbestände.
Moroz, sei eine Sensation. Denn bei den Zweimal wagten die Tiere diesen Schritt. Der Mensch, meint Moroz, könne von
Schwämmen und Plattentieren fehlen so- Einmal ging am Ende die Qualle daraus diesen außergewöhnlichen Kreaturen man-
wohl Muskelzellen als auch Neuronen. hervor, im anderen Fall die Rippenqualle – ches lernen. Besonders eine ihrer Eigen-
Wenn aber die Vorfahren von Schwamm zwei Wesen von frappierender Ähnlich- schaften will er jetzt genauer studieren:
und Rippenqualle dereinst noch hirn- und keit: Beide sind sie transparente Gallert- ihre Fähigkeit zur Regeneration.
kraftlos vor sich hinvegetierten, dann müs- wesen. Beide machen Jagd mithilfe von Wird ein Teil ihres Körpers abgetrennt,
sen sich Muskel- und Nervenzellen bei den Tentakeln. Und beide haben sie dabei so- können einige Rippenquallen ihn binnen
Rippenquallen unabhängig vom Rest der wohl Muskel- wie Nervenzellen hervorge- Tagen neu bilden – einschließlich aller Ner-
Tierwelt entwickelt haben. Und beide bracht – gerade so, als bedinge sich die venzellen. „Wäre es nicht toll“, fragt Mo-
Male entschied sich die Natur für ein frap- Entwicklung von Körper und Geist, von roz, „wenn wir uns diese Fähigkeit zur Hei-
pierend ähnliches Design. Hard- und Software gegenseitig. lung abgucken könnten?“ Johann Grolle
Auf den ersten Blick unterscheiden sich
die Neuronen der Ctenophoren kaum von
normalen Nervenzellen. Im Biolabor aber, Pioniere von Kraft und Geist Rippenquallen im Stammbaum der Tiere
so Moroz, offenbare sich ihre Eigenheit:
„Sie kommunizieren zwar, genau wie bei
anderen Tieren, durch den Austausch von
chemischen Signalen, doch verwenden sie
dabei ganz andere Botenstoffe.“
Ein erstaunlich fortgeschrittenes Nerven-
system hätten die Rippenquallen auf diese
Weise hervorgebracht, sagt er: Ihr Gallert- Ctenophora Porifera Placozoa Cnidaria Bilateria
körper sei von einem Geflecht aus mehr Rippenquallen Schwämme Plattentiere Nesseltiere alle übrigen Tiere,
als 10 000 Nervenzellen durchzogen. An Mensch
einer Stelle verdichtet sich das Netz elek-
keinee Muskel- und Nervenzellen Muskel- und Nervenzellen entstehen
trischer Erregungsleitungen sogar so stark, unabhängig von den Rippenquallen.
dass Moroz von einer „primitiven Art von
Gehirn“ spricht.
FOTO: PICTURE-ALLIANCE / AP / DPA

Wie bei anderen Tieren helfen die Neu-


ronen, die Umwelt zu erkunden: Eine Art
Schwerkraftdetektor erlaubt es den Rip- Muskel- und
penquallen, im Wasser das Gleichgewicht Nervenzellen
zu halten; mittels chemischer Sensoren am
Mund riechen sie ihre Beutetiere; und auch Vor mehr als 600 Millionen Jahren:
Licht können sie wahrnehmen, möglicher- erste vielzellige Tiere (Metazoa) Quelle: Leonid Moroz et al., „Nature“

DER SPIEGEL 23 / 2014 109


Sport

Formel-1-Hostess 1997 Rennfahrer-Ehefrau Marlene Lauda um 1976

Bücher Kurzporträts und Fotos zeigt, dass es kaum noch


einen Bereich gibt, der Männern vorbehalten ist.
Luder und Leader Es ist auch ein Geschichtsbuch über die Frauen in
der Formel 1; so fuhr bereits 1958 die Italienerin
Lange gab es in der Formel 1 für Frauen einige Maria Teresa de Filippis bei Rennen mit.
wenige klar umrissene Rollen: als bangende Le- Nach ihr schafften das allerdings nur wenige.
bensgefährtin mit Stoppuhr in der Hand, als Die Formel 1 tut sich immer noch schwer, Frauen
Groupie, als Nummerngirl in der Startaufstellung ans Steuer zu lassen. Im Kapitel über die Fahrerin-
oder als Boxenluder. Heute ziehen Mechanikerin- nen beschönigen die Autoren ein bisschen, denn es
Elmar Brümmer, nen Reifen auf, organisieren Pressechefinnen tauchen vor allem Frauen auf, die nie bei einem
Ferdi Kräling die Medienarbeit, stimmen Ingenieurinnen die Grand Prix gestartet sind. Die Rallye-Siegerinnen
Schön. Schnell – Technik ab, kümmern sich Managerinnen um Jutta Kleinschmidt, Isolde Holderied und Michèle
Frauen und die Rennfahrerkarrieren oder führen Rennställe. Es Mouton, die Tourenwagen-Pilotin Ellen Lohr, der
Formel 1 hat sich viel getan in einem Sport, der sich mehr amerikanische IndyCar-Star Danica Patrick – es
Delius Klasing Verlag,
Bielefeld; 160 Seiten;
verändert hat, als das Tussis-und-Kerle-Klischee gibt sie, die auf der Piste erfolgreichen Frauen.
29,90 Euro. vermuten lässt. Genug für ein Buch, das mit vielen Nur nicht in der Formel 1. hac

Fußball mierte sich über Hotel- und nische Sicherheitskräfte sich darf ein Abgeordneter sie be-
Politiker auf Ticketpreise, besichtigte das während der WM von sieben gleiten – als Erster hat sich
Maracanã-Stadion und spa- deutschen Polizisten unter- Dietmar Bartsch von den Lin-
Brasilien-Sause zierte durch den Stadtteil Co- stützen lassen. Das Besuchs- ken angemeldet. Der Bund
Brasilien ist derzeit ein be- pacabana, um mit Inhabern programm sah auch drei der Steuerzahler geht davon
liebtes Reiseziel für Bundes- von Restaurants ins Ge- Stadionbesuche sowie „Stadt- aus, dass eine Flugstunde mit
tagsabgeordnete – neun Poli- spräch zu kommen. Auch rundfahrten unter sicherheits- der Regierungsmaschine
tiker waren bereits dort, min- Jürgen Trittin von den Grü- relevanten Aspekten“ vor. rund 12 000 Euro kostet, hin-
destens sechs planen Trips nen reiste im Mai nach Rio, Innenminister Thomas de zu kommen Gebühren für
zu WM-Spielen. Gründe gibt der Grund: Energiepolitik Maizière möchte zum Achtel- Besatzung, Start und Lan-
es offenbar genug. Zuletzt und Städtebau. Eine sieben- finale reisen, sofern das deut- dung. Mitarbeiter deutscher
flog Ulrich Kelber (SPD) köpfige Delegation des In- sche Team sich qualifiziert. Auslandsvertretungen in Bra-
FOTOS: KRÄLING (2, O.)

nach Rio de Janeiro; der Par- nenausschusses blieb eine Kanzlerin Angela Merkel silien schimpfen bereits über
lamentarische Staatssekretär Woche lang. Die Politiker wird die Partie gegen Portu- den zunehmenden „Polit-
für Verbraucherschutz infor- handelten aus, dass brasilia- gal besuchen. Pro Fraktion Tourismus“. le

110 DER SPIEGEL 23 / 2014


Chips im
Nacken
Deutsche Mannschaft Die Vorbereitung auf ein
WM-Turnier ist zur Wissenschaft geworden.
Ärzte und Trainer beschäftigt in Brasilien vor
allem die Frage: Wie kann der Stresslevel der
Spieler gesenkt werden?

112 DER SPIEGEL 23 / 2014


Sport

Hinter der Tribünenseite dig unter Druck den Ball behaupten muss, Brasilien werde die WM des Willens,
des Fußballplatzes von St. sauber weiterspielen, zurückerobern, im- sagt Löw. Per Mertesacker fand das Trai-
Martin in Passeier, dem mer schneller, ohne verrückt zu werden. ning in Südtirol „nicht hart, aber intensiv“.
Trainingslager der deut- Und jetzt auch noch in Brasilien. Der Abwehrspieler ist es aus England be-
schen Fußballauswahl in Belastungssteuerung nennt sich die neue reits gewohnt, keine langen Läufe mehr
Südtirol, stürzte ein Ge- Forschungsdisziplin rund um den Fußball, bei der Konditionsarbeit zu absolvieren
birgsbach ins Tal. Vis-à-vis es geht um Regeneration und präventives wie früher bei Werder Bremen. Intensive
schäumte die wilde Passer, Training. Wie lange braucht ein Spieler, Intervalle mit kurzen Distanzen, auf dem
der Fluss. Das Dauerrauschen des Wassers bis er nach Spitzenbelastungen wieder loh- Fahrrad oder zu Fuß – das gilt nun als ef-
schluckte morgens jedes andere Geräusch, nenswert trainierbar ist? Löw will auch in fizient. Die Erkenntnis hat sich auch beim
mit zwei Ausnahmen: das Glockengeläut Brasilien noch hohe Trainingsreize setzen, DFB durchgesetzt.
der Bergziegen und das Geklapper der deshalb darf es am deutschen WM-Stand- Der Internist Tim Meyer, 46, arbeitet
deutschen Mannschaftsärzte. Die bereite- ort nicht zu warm sein. Andererseits soll seit 2001 mit der Fußball-Nationalmann-
ten die Übungseinheit der DFB-Auswahl sich das Team an die hohen Temperaturen schaft. In seinem Büro in Saarbrücken
vor wie einen Gottesdienst. an den Spielorten Salvador, Fortaleza und hängt ein Flipchartpapier, auf das der da-
Elektrolytgetränke werden immer abge- Recife anpassen. Die ganze WM ist ein ein- malige Teamchef Rudi Völler seinerzeit
füllt, bevor das deutsche Expeditionskorps ziges Dilemma. vor der Partie gegen Ungarn in Budapest
sich präpariert, ein Tapeziertisch wird sorg- Gleich am ersten Tag der Vorbereitung die Aufstellung geschrieben hat – Meyers
sam gedeckt wie ein Altar. Dort muss Mark baten die DFB-Ärzte zur Blutabnahme, erstes Länderspiel, wie er sagt. Daneben
Verstegen, der amerikanische Fitnesscoach, an der Wand hängt die „Stoffwechselkarte
die Hostien verteilen. Biochemie“. Meyer ist Leiter des Instituts
Es handelt sich dabei nicht um essbare für Sport- und Präventivmedizin an der
Oblaten, sondern um scheibenförmige Sen- Universität des Saarlandes. Er forscht zur
soren. Verstegen steckt sie den Spielern, Messung von Erholtheit im Profifußball
einem nach dem anderen, in den Nacken. und leitet ein Langzeitprojekt von drei
Da hinten haben ihre Funktionsunterhem- Universitäten zum Thema „Regenerations-
den dafür extra ein Täschchen. Deutsch- management“. Auf die Frage, was das für
land hat nicht den Chip im Ball, sondern die Nationalelf bedeutet, sagt er, dass das
den Chip im Hemd. alles nicht so einfach sei.
Mit dessen Hilfe werden während des Da ist etwa der Widerspruch von warm
Trainings relevante Daten – Herzfrequenz, und kalt. Einerseits soll sogenanntes Aus-
Laufleistung, Geschwindigkeit – an ein laufen nach dem Spiel von Vorteil sein, be-
Empfangsgerät am Spielfeldrand gefunkt, anspruchte Muskeln werden noch einmal
einen schwarzen Kasten mit Antenne, der neuronaler Ansteuerung ausgesetzt, wie
aussieht wie eine Mischung aus Gitarren- die Experten sagen – stärker durchblutet,
verstärker und Ü-Wagen. Das interaktive also erwärmt. Andererseits soll doch auch
Trainingssystem zur Leistungsaufzeich- Kälte gut sein. Es gibt Vereine, die für
nung, eine Art modernes Fliewatüüt, ist sechsstellige Beträge ganze Kältekammern
eines von zahlreichen Mitteln zum Zweck: anschaffen. Meyer empfiehlt transportable
Joachim Löws Männer werden für eine Bottiche, in welche Löws Spieler nach Be-
„WM der Strapazen“ gestählt, so nennt der Nationalspieler Marco Reus, Fitnesscoach lastungen steigen – ins Eisbad. „Die Wis-
Bundestrainer das Turnier. Er sprach von Immer schneller, ohne verrückt zu werden senschaft von der Regeneration ist noch
einer „Urkraft“ des Landes Brasilien, als nicht am Ende angekommen“, bekennt
handle es sich um eine Bedrohung. ein Gesundheitscheck. Im Blut stecken die Meyer, etwas ratlos.
Eine vermeintlich infernalische Heraus- Indikatoren für den Erholungsbedarf. Man Früher gab es Infusionen. So gelangten
forderung mit gewaltigen Entfernungen, kann den Harnstoff messen; der Wert Eiweiß aufbauende Substanzen direkt ins
tückischem Klima und nervlichen Belas- steigt, wenn der Körper die eigenen Ei- Blut. Diese Methode verbieten die Doping-
tungen wartet auf die deutsche Reisegrup- weißreserven angreift. Fußballärzte mes- bestimmungen. Heute werden elektroni-
pe; nur wer sich auf die „extremen Bedin- sen häufiger den CK-Wert, das heißt Krea- sche Geräte, die sonst die Muskeln stimu-
gungen“ einstellen könne, sei auf dieser tinkinase. Er liefert Hinweise auf die mus- lieren, zur Regeneration eingesetzt. Au-
Expedition zu gebrauchen, hatte Löw klar- kuläre Beanspruchung. Man könnte auch ßerdem wird auf gesunden Schlaf geachtet.
FOTOS: OTTMAR WINTER (L.); GES-SPORTFOTO / PICTURE ALLIANCE / DPA (R.)

gestellt. Sein Stürmer Miroslav Klose hat die Herzfrequenzvariabilität messen oder Meyer mahnt: Biertrinken vor dem Zubett-
von italienischen Kollegen gehört, die im den Parameter CRP ermitteln, er zeigt ent- gehen sei abträglich, Heißhunger auf
vergangenen Jahr den Confederations Cup zündliche Reaktionen. schnelle Kohlenhydrate zu vermeiden.
in Brasilien spielten und nach 20 Minuten Der Neuling Christoph Kramer wunder- In einem Zeitfenster von zwei bis drei
keine Luft mehr bekamen: „Man spielt te sich über die Größe des Betreuerstabs. Stunden nach Spiel oder Training sollten
dort ein anderes Fußballspiel als das, was In seinem Verein, Borussia Mönchenglad- die Speicher aufgefüllt werden, Kohlenhy-
man kennt“, glaubt er. bach, gebe es rund um den Trainingsplatz drate, Wasser, Proteine. Da man bei einer
Löws Männer müssen getrimmt werden, „5 Leute. Hier sind es 40“. WM nicht mal eben ein Buffet in der Ka-
aber nicht ausgelaugt. Es muss ein System Das Problem ist erkannt. Jérôme Boa- bine aufbauen kann vor dem Weiterflug,
gefunden werden, wie sich die Akteure zwi- teng glaubt, „dass man in Brasilien beson- reicht Professor Meyer Konzentrate – Nah-
schen den Hitzespielen wirksam erholen. ders fit sein muss“. Der Verteidiger saß in rungsergänzungsmittel. Ein Fußballer
Ein ganzer Zweig von Fußballwissenschaft St. Martin auf der Terrasse beim Mann- braucht etwa 3500 Kilokalorien am Tag.
tüftelt seit einiger Zeit an der Frage, wie schaftshotel, entspannt. Er sagte, er sei Radprofis bekommen bis zu 6000.
der Stresslevel wieder gesenkt werden kann zwar „ein Typ, der beißen kann“ und sich Am besten sei es, die Spieler kämen
in Zeiten, in denen Handlungsschnelligkeit anpassen könne. „Aber wenn es nun mal schon topfit ins Trainingslager, sagt Hansi
über Spiele entscheidet, in denen man stän- heiß ist, ist mir auch heiß.“ Flick, Löws Assistent und künftiger DFB-
DER SPIEGEL 23 / 2014 113
Sport

Sportdirektor. „Sie regenerieren dann bes- In seinem Büro trägt er Badelatschen,


ser, sind leistungsfähiger. Dann ist es mög- als wäre er im Trainingslager. An der
lich, sie noch ein bisschen besser zu ma- Wand hängt ein Plakat vom Hockey-Welt-
Rumpeln in
chen.“ pokal, den er zweimal mit Deutschland ge-
Aber viele Spieler kamen diesmal über- wann. Vor acht Jahren war er Jürgen Klins-
lastet an, einige wie Philipp Lahm oder manns Kandidat für den Posten des Sport-
Manuel Neuer verletzt. Eigentlich müsste direktors beim DFB, der Verband lehnte
der Matrixwelt
man die Spieler in die Ferien schicken, nach ab. Peters will im Fußball nicht als Besser- Marketing Mercedes-Benz und
dem Ende einer solchen Saison auf Spit- wisser auftreten. In der wissenschaftlichen der DFB – wie weit darf
zenniveau, meint ein Betreuer. Trainingssteuerung könne generell mehr
Wer im modernen Hochgeschwindig- gemacht werden in deutschen Spielsport- Werbung bei der Fußball-
keitsfußball ständig schnell denken solle, arten, meint er. Hinter der sogenannten Nationalmannschaft gehen?
der müsse erholt sein, klagt Urs Siegen- Leistungsdiagnostik verberge sich viel Mar-
thaler, Löws Chefscout. Das intensive Spiel keting und Pseudowissenschaft. Mercedes-Benz ist der
auf engem Raum, eine Aneinanderreihung Manches wirkt tatsächlich semiprofessio- Hauptsponsor der deut-
von Kampfhandlungen und schnellen Rich- nell. DFB-Arzt Meyer hat eine Fußball-Ver- schen Nationalmannschaft.
tungswechseln, fordert am Saisonende Op- letzungsdatenbank aufbauen lassen. Eine Es könnte aber auch an-
fer: Kniebeschwerden bei Bastian Schwein- studentische Hilfskraft seines Instituts wer- dersherum sein.
steiger, bei Portugals Star Cristiano Ronal- tet dazu die Ausgaben der Fachzeitschrift Vorigen Dienstag fand
do, Uruguays Luis Suárez, Chiles Arturo „Kicker“ der vergangenen sieben Jahre aus. im Trainingslager der deut-
Vidal sind kein Zufall. Ermüdete Spieler „Das Geheimnis im Spitzensport ist im- schen Fußballmannschaft
verletzen sich eher. mer die richtige Balance zwischen Be- und in Südtirol die tägliche Pressekonferenz
Man könnte ein paar Tests machen. Der Entlastung“, sagt Peters, „und was es so statt. Auf der Tribüne saßen jedoch keine
Laktattest erlaubt Rückschlüsse zur Grund- kompliziert macht: Sie ist bei jedem Men- Fußballer, sondern zwei Autorennfahrer
lagenausdauer. Der Shuttle-Run, ein Pen- schen anders.“ Die Frage sei, ob man sich und ein Golfspieler sowie der Teammana-
dellauf, bei dem die Laufgeschwindigkeit im Verlauf eines Turniers noch steigern ger Oliver Bierhoff. Zusammengebracht
durch Signaltöne vorgegeben wird, gibt könne. wurden die vier Männer von der Firma
Hinweise auf die Fähigkeit zur Sauerstoff- Auch das ist eine Frage der Fähigkeit Mercedes-Benz, deren Markenbotschafter
aufnahme. Aber die Tests kosten auch wie- zur Erholung. Gegen zu viel Stress hilft sie sind.
der Energie. Löw hat keine angeordnet. die mentale Regeneration. Dies ist bei der Die Journalisten im Saal waren alle nur
Immerhin gibt es die Daten vom Flie- Nationalelf das Gebiet von Hans-Dieter wegen der deutschen Nationalmannschaft
watüüt. Flick läuft auf dem Platz mit sei- Hermann, dem Teampsychologen. Früher dort. Es ist bald Weltmeisterschaft, die Auf-
nem Tablet durch die Reihen, nach der hat er mit Peters im Hockey zusammenge- regung ist groß. Es passiert noch nichts,
Sprinteinheit erscheinen auf dem Display arbeitet, jetzt also Fußball, die Aufgaben- aber es gibt das Bedürfnis nach viel Vorbe-
die Laufwerte. „Ich hab gar nicht drauf- stellung ist immer dieselbe: dem Spieler richterstattung.
geguckt“, sagt Boateng. Er wisse selbst, zu „helfen, dass er seine Mitte findet“, sagt Das ist die Idee: Mercedes-Benz nutzt
wie schnell er sei. Hermann, 54. die Aufmerksamkeit der traditionellen Me-
Im Erholungs-Belastungs-Test füllen die Der Psychologe muss für Abwechslung dien, um seine Produkte und Visionen an
Nationalspieler Fragebögen aus: Schlafen sorgen. Bei der WM in Südafrika gingen den Mann zu bringen. Es klingt ein biss-
sie gut, sind sie übertrainiert? Die Trainer die Spieler auf Löwen-Safari. Yoga und chen wie die Matrixwelt, wo die Menschen
müssen darauf vertrauen, dass dabei kei- Atemübungen gehören zum Standard-Ent- nur noch als Batterien der Maschinen funk-
ner schummelt, weil er fürchtet, die Wahr- spannungsprogramm. tionieren und keiner mehr genau weiß,
heit könnte seine Aufstellung gefährden. Auch Konzentrationsübungen helfen, was wirklich ist und was falsch.
Ermüdete Spieler sind anfällig für das, um nach dem Spiel wieder runterzukom- In der Marketingwelt nennen sie das die
was die Reporter Konzentrationsfehler men. Die Profis korrigieren dabei ihre Vermittlung von Content.
nennen. Die Koordination im Abspiel Laufwege vor dem geistigen Auge. Boa-
stimmt nicht mehr, die neuronale Muskel- teng lernte, während des Spiels mit sich
ansteuerung für die Bewegung, für den selbst zu kommunizieren, um immer hell-
sauberen Pass kommt zu spät, weil das Ge- wach zu bleiben.
hirn mit den Anforderungen des Spiels Hermann hält nichts davon, über hohe
nicht mehr Schritt hält. Das hat mit den Luftfeuchtigkeit oder Flugverspätungen zu
Stresshormonen zu tun. Soll man auch jammern. „Wenn man dauernd über die
noch die Hormone steuern? Belastungen spricht, hat man immer ein
Bernhard Peters sagt, man solle sie Auswärtsspiel.“ Man müsse das Land an-
wenigstens messen. Peters, 54, ehemals nehmen, „die Strömungen und Schwingun-
Hockey-Bundestrainer, ist Direktor für gen“. In Südafrika erkor die Mannschaft
Sport und Nachwuchsförderung beim Fuß- auf Anweisung der Betreuer das Zulu-Wort
ball-Bundesligisten 1899 Hoffenheim. Dort „Yebo“ zu ihrem internen Motto, es heißt
will er nun Stressprofile der Spieler anle- Ja und bedeutet auch so etwas wie „easy
gen lassen, sie beginnen jetzt bei der U-19- going“.
Jugend. Speicheltests sollen kontinuierlich Jetzt tragen die ersten DFB-Leute zu-
die Werte von Testosteron und Cortisol er- mindest schon brasilianische Glücksarm-
mitteln, den Hormonen mit muskelauf- bändchen, nach dem Brauch der Region
bauender und -abbauender Wirkung. „Der Bahia dreimal geknotet. Für jeden Knoten
psychische Druck, der sich in den Hormo- hat man einen Wunsch frei.
nen zeigt, scheint ein wichtiger Indikator Die Wünsche müssen geheim bleiben. Abtransport eines Unfallopfers in Südtirol
für Überbelastungen zu sein“, sagt Peters. Jörg Kramer Der größte Horror erwächst aus der Idylle

114 DER SPIEGEL 23 / 2014


von Mercedes-Benz. Dazu der DFB-Pres-
sesprecher und Oliver Bierhoff.
Der Pressesprecher sagte: „Es war ein
Unfall. Wir sind nicht mehr Herr des Han-
delns.“ Mit „Wir“ meinte er den DFB und
Mercedes. Die Mercedes-PR-Dame sagte,
dass sie tief betroffen sei. Oliver Bierhoff
sagte, dass er nicht am Unfallort gewesen
sei, sondern bei der Golfaktion mit Martin
Kaymer. Der Polizeikommissar aus Bozen
sagte so gut wie nichts, hatte aber einen
lustigen Kinnbart. Der DFB-Sprecher sag-
te, dies sei eher ein Pressegespräch als eine
Pressekonferenz. Oliver Bierhoff sagte,
Fahrrad fahren sei auch gefährlich.
Langsam schüttelte sich der Content
wieder zurecht. Es hieß, alle Fußballer füh-
ren gern Auto. Es sei kein Rennen gewe-
sen. Die Strecke sei ordnungsgemäß abge-
sperrt gewesen. Die Veranstaltung sei eine
klassische Sportler-Sportler-Begegnung ge-
wesen. Nico Rosberg wollte sein „Sieger-
Gen“ weitergeben. Die Spieler wollten die
Produkte kennenlernen. In Brasilien gibt
es womöglich eine Aktion mit einem Seg-
ler. Aber die Sicherheit stehe im Vorder-
grund. Es hieß, der DFB-Psychologe muss-
te mit den Spielern Draxler und Höwedes
reden, aber auch mit den Autofahrern. Es
gehe ihnen besser. Alle waren geschockt.
Die Gedanken seien bei den Familien der
Teammanager Bierhoff: Sponsor und Mannschaft noch enger zusammengebracht Verletzten. 2010 sei Thomas Müller bei ei-
ner Freizeitveranstaltung vom Fahrrad ge-
Der Golfspieler Martin Kaymer redete ten an und verletzte einen schwer. Ein Ret- fallen. Anschließend wurde er WM-Tor-
ein bisschen über Fußball, der Formel-1- tungshelikopter flog ein, brachte den Mann schützenkönig.
Pilot Nico Rosberg redete über die tollen ins Krankenhaus. Neben der Bühne stand ein Mercedes-
Silberpfeile, die im Moment alles gewin- Es rumpelte in der Matrixwelt. Der Con- Auto, als bewachte es die Veranstaltung.
nen, Oliver Bierhoff redete später über sei- tent geriet für ein paar Stunden komplett Irgendwann sagte die PR-Dame von
nen Ex-Schwager, der auch Rennfahrer durcheinander. Mercedes-Benz: Seien Sie sich sicher, wir
war. Alle hatten einen Stern auf der Brust. In Kommentaren der traditionellen Me- werden niemanden zurücklassen. Es klang
Sie wirkten sehr sympathisch, auch wenn dien wurde der Unfall mit den beiden wie das Versprechen eines amerikanischen
die ganz Situation natürlich unwirklich anderen großen Nachrichten der Woche Soldaten.
war. Ein Zelt in den Bergen Südtirols, drau- verknüpft. Bundestrainer Joachim Löw Je länger die Pressekonferenz dauerte,
ßen rauschte ein Gebirgsbach, auf den Gip- hatte seinen Führerschein abgeben müssen, desto mehr hatte man den Eindruck, der
feln lag Schnee, in zwei Wochen beginnt und der Dortmunder Fußballspieler Kevin Unfall habe Sponsor und Mannschaft noch
die Weltmeisterschaft in Brasilien. Großkreutz hatte im Suff gegen die Säule enger zusammengebracht.
Am Nachmittag fuhren dann ausgewähl- eines Berliner Hotels gepinkelt. Hing das Später erschien Sami Khedira, der gene-
te Fußballer neben den Rennfahrern mit nicht alles miteinander zusammen? Waren sene deutsche Führungsspieler, auf der Büh-
zwei dicken, neuen Mercedes-Autos durch das nicht die Gründe, warum Deutschland ne und fasste alles noch einmal zusammen:
die Bergwelt Südtirols. Sie wurden dabei wieder nicht Weltmeister werden würde? „Die Berge strahlen eine unheimliche Ruhe
von Filmteams begleitet, die für die Firma Wie alt war eigentlich Miroslav Klose? Was aus. Der DFB hat eine Topleistung im Vor-
Mercedes-Benz arbeiten. Die Filme sollten war mit Manuel Neuers Schulter? Wo wa- feld abgerufen, damit wir uns perfekt vor-
irgendwann ins Fernsehen und ins Internet ren die Führungsspieler? Und wieso trai- bereiten können“, sagte Khedira und prüfte
geraten, wo der Unterschied zwischen re- nierten die Engländer mit Mütze, Hand- seine Frisur, die so perfekt saß wie ein
FOTOS: OTTMAR WINTER (L.); INA FASSBENDER / REUTERS (R.)

daktionellem Beitrag und Werbeclip ver- schuhen und langen Unterhosen, um die Helm. Er schien direkt aus dem Poster
schwimmt, wenn es gut läuft. Auf den Bei- brasilianische Hitze zu simulieren, und wir schräg hinter ihm getreten zu sein, auf dem
fahrersitzen hatten die Nationalspieler Ju- nicht? Wieso hielt sich niemand an den verschiedene deutsche Spieler einen Mer-
lian Draxler und Benedikt Höwedes Platz großen Wertekatalog des Teammanagers? cedes der C-Klasse bejubeln wie ein Tor.
genommen, die Landschaft bildete den Es waren die Stunden der Moralisten. Mit In der Ruhe der Berge plätscherte der
Hintergrund. Auch Südtirol ist ja gewisser- den beiden Mercedes schien ein Fußball- Content wie ein klarer Gebirgsbach.
maßen Sponsor der deutschen Mannschaft. volk von der Straße gerutscht zu sein. Am nächsten Morgen, es war Himmel-
Grüne Wiesen, Vogelgezwitscher, gewun- Am folgenden Tag erschienen vier zer- fahrt, stand der Polizeihauptkommissar
dene Straßen, Kuhglocken. Die Motoren knirschte Menschen auf der Bühne des aus Bozen, der die Ermittlungen des Un-
brummten. Der größte Horror erwächst Südtiroler Medienzelts und lieferten neuen falls leitet, auf der Tribüne des Südtiroler
aus der Idylle. Content. Es war wieder kein Fußballspie- Sportplatzes und schaute der deutschen
Ein Mercedes wich dem anderen aus, ler dabei. Dafür ein Polizeihauptkommis- Nationalmannschaft beim Aufwärmen zu.
kam von der Strecke ab, fuhr zwei Passan- sar aus Bozen und die Medienbeauftragte Er sah aus wie ein Fan. Alexander Osang
DER SPIEGEL 23 / 2014 115
„Wir dürfen nie nachlassen“
SPIEGEL-Gespräch Italiens Fußball-Nationaltrainer Cesare Prandelli über seinen Kampf gegen Gewalt
und Rassismus und die Rolle seines Teams als Schrecken der deutschen Mannschaft

Prandelli, 56, ist seit 2010 Nationalcoach Prandelli: Ja. Aber natürlich haben die Spie- Prandelli: Soziale Probleme zu lösen ist eine
und führte Italien bei der Europameister- ler und wir Trainer in Brasilien das gleiche ganz andere, eine sehr ernste Aufgabe – im
schaft 2012 ins Finale. Vorige Woche ver- Ziel, von dem die Leute träumen … Gegensatz zum Fußball, der ein unterhalt-
längerte er seinen Vertrag bis 2016. SPIEGEL: … den Titel … sames Spiel sein sollte. Wir reden über Men-
Prandelli: … denn wenn ich als National- schen, von Arbeitslosen, von denen man-
SPIEGEL: Signor Prandelli, in trainer keine Träume habe, komme ich che nicht wissen, wie sie durch den Monat
Deutschland sehnen sich Mil- auch nicht voran auf meinem Weg. kommen sollen.
lionen Menschen danach, SPIEGEL: Als 1861 der Staat Italien gegrün- SPIEGEL: Wird Fußball zu wichtig genommen?
dass die Nationalmannschaft det wurde, hieß es: Jetzt müssten die Ita- Prandelli: Viel zu sehr. Vor allem in Italien.
endlich wieder Weltmeister liener noch ein vereintes Volk werden. Das SPIEGEL: Wie wichtig ist er Ihnen?
wird. Was erwarten die Ita- hat bis heute nicht recht geklappt. Viele Prandelli: Fußball ist mein Beruf, er gehört
liener von Ihrem Team? glauben, die Squadra Azzurra halte Nor- zu meinem Leben, aber er ist nicht mein
Prandelli: Zunächst geht es uns darum, die den und Süden des Landes zusammen. Leben. Im Fußball kann ein Pfostenschuss
Vorrunde zu überstehen. Prandelli: Das stimmt ja auch. In vielen Din- ins Tor gehen oder daneben. Wir arbeiten
FOTO: MAKI GALIMBERTI / LUZPHOTO / FOTOGLORIA / MONTAGE / ASSIGNMENT FOR GQ ITALIA
SPIEGEL: Das mag für Sie selbst gelten, aber gen sind wir Italiener unterschiedlicher jeden Tag daran, dass möglichst der Innen-
für Ihre Landsleute? Meinung, aber wenn unsere Mannschaft pfosten getroffen wird und der Ball ins Tor
Prandelli: Die wollen natürlich den Titel. spielt, dann ist das ein Augenblick, der alle geht. Aber wenn nicht? Im Fußball hängt
Aber wer ein so gewaltiges Ziel erreichen vereint. Der Fußball vollbringt Wunder. man immer von Unwägbarkeiten ab. Das
will, der muss etappenweise vorgehen. Wie durch einen Zauber kann man 60 Mil- muss man sich vor Augen halten.
SPIEGEL: Warum sind Sie so zurückhaltend? lionen Menschen an einen Tisch bringen. SPIEGEL: Hilft Ihnen diese Distanz, dem
Prandelli: Weil unsere Gruppe mit Uruguay, SPIEGEL: Was bedeutet das für Ihre Arbeit? Druck Ihres Jobs besser standzuhalten?
England und Costa Rica sehr anspruchsvoll Prandelli: Das bedeutet: Wenn ich gewinne, Prandelli: Ja, absolut.
ist. Es ist die einzige Gruppe mit drei ehe- stehe ich nie allein da. Wenn ich verliere, SPIEGEL: Sie positionieren sich in gesell-
maligen Weltmeistern. stehe ich ganz allein auf weiter Flur. Mir schaftlichen Fragen deutlich: gegen die Dis-
SPIEGEL: Bei der Weltmeisterschaft 2010 in werden Tausende Ratschläge unterbreitet, kriminierung von Homosexuellen und Im-
Südafrika flog Italien bereits in der Vor- aber für Entscheidungen und deren Kon- migranten, gegen die Mafia, gegen Ge-
runde raus. Danach übernahmen Sie und sequenzen bin nur ich verantwortlich. schichtsvergessenheit. In Italiens Stadien
führten das Team zum Erfolg zurück. Sind SPIEGEL: Italiens neuer Ministerpräsident allerdings sind Gewalt und Rassismus ver-
die Erwartungen schon wieder übertrie- Matteo Renzi versucht ebenfalls, Wunder breitet, einige Anführer von Ultra-Grup-
ben hoch? zu vollbringen und das Land aus der Wirt- pen stehen dem organisierten Verbrechen
schaftskrise zu führen. Gibt es Parallelen nahe. Im Mai wäre das Pokalfinale fast we-
Das Gespräch führten die Redakteure Detlef Hacke und zu dem, was Sie vor vier Jahren begonnen gen der Gewaltexzesse rund um das Spiel
Walter Mayr in Florenz. haben? geplatzt. Wie schätzen Sie die Lage ein?
116 DER SPIEGEL 23 / 2014
Nationalcoach Prandelli (in einer Fotomontage für GQ Italia) Sport

Prandelli: Sie ist kritisch, so kann es nicht ich meine Mannschaft hauptsächlich auf gen. Weil sich die deutsche Elf trotzdem
weitergehen. Wahr ist, dass wir seit Lan- die Spiele vorbereiten, aber wenn es zu auf Totti konzentrierte, war der Weg durch
gem über die Gewalt im Fußball reden, es Unruhen kommen sollte, werden wir darü- die Mitte für uns frei. So brachte uns Totti
aber nicht schaffen, sie zu besiegen. Es ber sprechen. Das lässt sich gar nicht aus- den Sieg ein. Weil er sich unterordnete.
reicht nicht, bloß zu sagen, es handle sich blenden. SPIEGEL: Den deutschen Nationalspielern
um ein Problem unserer Gesellschaft und SPIEGEL: Italien gilt bei großen Turnieren wird vorgeworfen, sie würden zu oft in
keines des Fußballs allein. als Schrecken der deutschen Mannschaft … Schönheit sterben. Statt entschlossen aufs
SPIEGEL: Kämpfen Sie vergebens? Prandelli: Ich hoffe, das wird so bleiben. Tor zu stürmen, spielten sie am Strafraum
Prandelli: Man kämpft, um seine Ideale zu SPIEGEL: Warum bloß spielt Italien immer lieber noch ein paar Pässe. Dabei geht es
verwirklichen, da gehören Schwierigkei- so kaltblütig, diszipliniert und erfolgsori- um die Grundsatzfrage, wie sehr Schön-
ten dazu. Wir dürfen nie nachlassen, uns entiert? So unitalienisch? Warum klappt heit und Erfolg zusammenpassen. Verfol-
mit diesen Themen auseinanderzusetzen. das immer ausgerechnet im Fußball so gut? gen Sie diese Diskussion?
Ich bin überzeugt: Je mehr Leute den Mut Prandelli: Ich sage ja: Fußball wirkt Wunder. Prandelli: Ein bisschen, aber ich sehe darin
haben, etwas zu unternehmen, desto bes- (lacht) Es scheint, als würden diese Eigen- keinen Gegensatz. Deutschland hat wun-
ser wird die Zukunft aussehen. schaften von Spielergeneration zu Spieler- derschöne Spiele gezeigt und dabei im
SPIEGEL: Erwarten Sie das von Ihren Spie- generation weitervererbt. Sie haben recht, Strafraum pragmatisch gehandelt. Das ist
lern auch? die meisten Italiener besitzen diese Tugen- der einzige Weg zum Erfolg.
Prandelli: Wir wollen einfach, dass die Spie- den nicht, aber wenn eine Mannschaft SPIEGEL: Nie war Fußball schneller, athleti-
ler ein gewisses Verhalten an den Tag le- wirklich zusammengeschweißt ist, dann scher, technisch besser und taktisch raffi-
gen und Position beziehen – zum Beispiel wird sie unbesiegbar. nierter als heute. Sehen wir den schönsten
in Fragen der Gewalt. SPIEGEL: Einer Ihrer wichtigsten Spieler Fußball, den es je gab?
SPIEGEL: Taugen sie als Vorbilder? ordnet sich höchst ungern unter: Stürmer Prandelli: Ich glaube nicht. In den Sieb-
Prandelli: Das sollen sie nicht sein. Es geht Mario Balotelli. Wie wollen Sie ihn bis zigern schwärmte man vom totalen Fuß-
darum, dass jeder auf eine direkte Frage zur WM in den Griff krie- ball der Niederländer, in
eine klare Antwort geben kann. gen? den Achtzigern von Arrigo
SPIEGEL: Einige Spieler der deutschen Prandelli: Er ist vor einem Sacchis Präzisionsspiel beim
Mannschaft besuchten vor der Europameis- Jahr aus England zurückge- AC Mailand, jetzt gilt Pep
terschaft in Polen und der Ukraine das ehe- kommen, zum AC Mailand, Guardiolas Art zu spielen
malige KZ von Auschwitz. Es wurde darü- und hat in den ersten als Nonplusultra. Aber am
ber diskutiert, ob Fußballer an solch einen 13 Spielen 12 Tore geschos- Ende muss das Ergebnis
Ort gehören. Sie waren mit Ihrem Team sen. Alle dachten: Aaah, stimmen, sonst verliebt sich
auch dort. Warum? jetzt haben wir den Retter keiner in irgendeine Art des
Prandelli: Um zu zeigen, dass wir trotz eines der Heimat gefunden. Fußballs.
wichtigen Turniers nicht die Geschichte SPIEGEL: Sein protziger und SPIEGEL: Als Pep Guardiola
vergessen. Um zu begreifen, wie weit der selbstverliebter Lebensstil beim FC Bayern München
menschliche Wahnsinn gehen kann. kommt weniger gut an. anfing, sagte er, er wolle,
SPIEGEL: Sie haben 1985 als Spieler von Ju- Prandelli: Die Leute kritisie- dass seine Mannschaft vor al-
ventus Turin die Tragödie im Brüsseler ren ihn dafür, dass er außer- lem „schönen Fußball“ spie-
Heysel-Stadion miterlebt. Damals lösten halb des Platzes ein Verhal- le. Ohne Schönheit kein Er-
Hooligans beim Europapokalfinale eine ten an den Tag legt, das ih- folg?
Panik aus, bei der 39 Menschen ums Leben nen offenbar nicht gefällt. Es Prandelli: Es gibt ja nicht nur
kamen. Hat Sie dieses Erlebnis geprägt? entspricht ja auch nicht wirk- eine Art, schönen, ansehn-
Prandelli: Ja, auch das meine ich mit lich einem Champion. lichen Fußball zu spielen.
menschlichem Wahnsinn. Kürzlich waren SPIEGEL: Über die deutschen Bayern München spielt an-
von Fans aus Florenz Sprechchöre zu hö- Fußballer wird das Gegenteil ders als Borussia Dortmund,
ren, mit denen die Opfer von damals ver- behauptet: Sie seien zu brav. beides sieht spektakulär aus.
höhnt wurden, 30 Jahre danach. Das ist War es kein Zufall, dass aus- Aber wer spielt schöner?
doch verrückt! Man sieht: Du musst immer gerechnet Balotelli vor zwei Wenn man beiden Teams zu-
wieder darauf hinweisen und darfst nicht Jahren im EM-Halbfinale die Stürmer Balotelli schaut, langweilt man sich
vergessen, was geschehen ist. beiden Treffer gegen die „Aaah, den Retter gefunden“ nie. Das ist der Charme des
SPIEGEL: Viele Brasilianer protestieren ge- deutsche Elf erzielte? Fußballs.
gen die WM, gegen Korruption und Ge- Prandelli: Ich bin keineswegs gegen Spieler, SPIEGEL: Würde die Bundesliga Sie reizen?
walt. Vermutlich wird es auch während die nonkonform sind und Fantasie zeigen. Prandelli: Ich schließe nichts aus, überhaupt
des Turniers zu Unruhen kommen. Ihre Ich versuche nur, manchen beizubringen, nichts. Jedes Mal, wenn ich mit Kollegen
Spieler werden damit konfrontiert sein. dass es hilft, wenn sie sich nicht den ande- spreche, die Erfahrungen im Ausland
Bereiten Sie sie darauf vor? ren gegenüber provozierend verhalten. Ein sammeln, merke ich, dass der Fußball dort
Prandelli: Vor einem Jahr, beim Confed großer Spieler hat es nicht nötig, sich durch anders ist als bei uns. Vor Kurzem habe
Cup in Brasilien, waren in allen Medien Provokation zu stimulieren. ich mich mit Carlo Ancelotti unterhalten.
die Bilder davon zu sehen. 97 Prozent der SPIEGEL: Was ist wichtiger: das Kollektiv Er war schon Trainer in Italien, England,
FOTO: FABRIZIO GIOVANNOZZI / AP / DPA

Journalistenfragen galten den Protesten. oder der Individualist? Frankreich und arbeitet jetzt bei Real
Unsere Routen vom Hotel ins Stadion wur- Prandelli: Es kommt auf die Mischung an. Madrid. Er sagte, er sei in all seinen Jah-
den aus Sicherheitsgründen geändert. Es Manchmal muss man einem einzelnen Spie- ren im Ausland kein einziges Mal von ei-
war nicht zu übersehen, welches Unbeha- ler klarmachen, dass er sich anders verhal- nem Fan angepöbelt worden. So etwas
gen diese Lage in der Mannschaft auslöste. ten muss. Ein Beispiel: 2006 hat mein Vor- kann man sich in Italien gar nicht vor-
SPIEGEL: Was haben Sie daraus gelernt? gänger Marcello Lippi im WM-Halbfinale stellen.
Prandelli: Wir werden nicht so tun, als ob gegen Deutschland Francesco Totti aus dem SPIEGEL: Signor Prandelli, wir danken Ih-
alles in Ordnung wäre. Natürlich werde Zentrum an den Rand des Spielfelds gezo- nen für dieses Gespräch.
DER SPIEGEL 23 / 2014 117
Kultur
Ausstellungen
Späte Ehre
Mitte Mai war es wieder so
weit. Bei Sotheby’s in New
York wurde für sehr viel
Geld eine sehr bunte, sehr
metallische Skulptur von Jeff
Koons versteigert. „Popeye“,
so der Titel des Werks, ging
für 28,2 Millionen Dollar an
einen Kasinobesitzer aus Las
Vegas. Koons’ Kunst ist ein
Spiel mit der Populärkultur
seines Landes. Er arbeitet
daran, als Künstlerpersönlich-
keit ebenso zum Inbegriff
des Amerikanischen zu wer-
den wie der von ihm ver-
ewigte Comic-Held. Doch die
Museen New Yorks ignorier-
ten ihn weitgehend. Dabei
zog er schon 1977 in diese
Stadt und arbeitete jahrelang
in Manhattan als Broker an
der Börse. Später richtete er
in New York ein großes Ate-
lier ein – und wurde zum teu-
ersten lebenden Künstler der
Welt. Nun belohnt ihn das
Whitney Museum ab Ende
Juni mit einer Ausstellung
seiner Gemälde und Skulptu-
ren. Koons, der im nächsten
Jahr 60 Jahre alt wird,
hat sein Ziel erreicht. uk Koons-Werk „Tulips“, 1995 bis 1998

FOTOS: © JEFF KOONS (L.O.); ULLSTEIN BILD (L.U.); P. DUFKOVA / DIE ILLUSTRATOREN / DER SPIEGEL (R.O.); CONCORDE FILMVERLEIH (R.U.)
Zeitgeschichte Rechten zu sehen, dieses alte eignet; das so entstandene süd- bild für sein Treiben aus-
Russische Bollwerk des Westens gegen liche „Neurussland“ besich- gesucht: In seinem Vorzim-
den Osten zu liquidieren tigte sie 1787 demonstrativ auf mer hängt ein imposantes
Gespenster und Polen zu teilen. Das ent- ihrer berühmten Reise auf die Porträt Nikolaus’ I., des „Gen-
Auf dem Schreibtisch von spricht in beunruhigend ge- Krim, wo ihr die „Potem- darmen Europas“ (1796 bis
Angela Merkel steht in einem nauer Analogie den Absichten kinschen Dörfer“ vorgeführt 1855), der in seiner obsessiven
Silberrahmen ein Porträt der Putins in der Ukraine. Auch wurden. Jedenfalls hatte Revolutionsfurcht Aufstände
russischen Zarin Katharina die Halbinsel Krim hatte sich Katharina bis zu ihrem Tod in Warschau 1831 und in
II., die der große französische die Zarin kriegerisch ange- die unter Putin anscheinend Ungarn 1849 niederschlug.
Aufklärer Voltaire bewunder- wiederkehrenden historischen Daheim installierte er ein be-
te und wegen ihrer Tatkraft Ziele Russlands im Westen rüchtigtes Polizei- und Ge-
pries. Die Zarin scheint ein erreicht: Das „russische Land“ heimdienstregime. Sein Impe-
Vorbild Merkels zu sein, aber war im Wesentlichen gesam- rium ruhte auf der unheiligen
vielleicht wäre es mittler- melt. So weit ist Putin noch Dreifaltigkeit von Autokratie,
weile an der Zeit, dass sich nicht. Aber er nutzt wie alle Orthodoxie und Volkstum.
Merkel in ihrem aufgeklärten Zaren zwischen Peter dem Durch das Nikolaus-Porträt
Absolutismus von ihrer Ka- Großen und Katharina der zeigt Putin allen Besuchern,
tharina verabschiedet. Denn Großen die Gelegenheiten welche Rolle er Russland
der Griff in die russische und Möglichkeiten, welche die beimisst: die der reaktionären
Geschichte erweckt Gespens- Geschichte ihm bietet, und Großmacht in Europa. Im
ter der Vergangenheit, die setzt, ideologisch verbrämt, Krim-Krieg, der 1853 begann,
dem europäischen Selbstver- die angeblich historischen Auf- stoppten die Briten und
ständnis der Gegenwart nicht gaben in aggressive Expan- Franzosen Nikolaus. Die
dienlich sind. So hielt sich sionspolitik um. Der Herr im Preußen hielten sich abseits.
Katharina (1729 bis 1796) für Porträt von Katharina II., 1787 Kreml hat sich griffsicher Ein Schelm, der Böses dabei
befugt, in Polen nach dem ebenfalls ein passendes Vor- denkt. lck

118 DER SPIEGEL 23 / 2014


Literatur an diesem hehren Anspruch Claudia Voigt Mein Leben als Frau
Nur das Meer zu zerbrechen droht. Iman
war Zeuge will mehr vom Leben als ein
paar Geldscheine die Woche
Viel zu schön
Sie ertrinken vor unseren Lie- in der Tasche, eine gute Frau,
gestühlen, wenige hundert ein Moped und eine Woh- Ich hatte Geburtstag. Ich bin 48 gewor-
Kilometer von den Bars unse- nung. Er will nach Europa. den. Und obwohl Geburtstage auch eine
rer Mittelmeerstrände ent- Dahin, woher sein Vater kam. unerbittliche Erinnerung daran sind, dass
fernt: unzählige Flüchtlinge, Dahin, woher Anna kam, man älter wird, hatte ich einen schönen
die an Libyens Küste auf ihr das Mädchen, das er vergan- Tag. Es gab ein kleines Fest, es ging mir
Boot warteten oder an den genen Sommer liebte. Nur, gut. Bis ich wenige Tage später den Film
Zäunen der spanischen Ex- was wird dann aus Toumani? „Grace of Monaco“ im Kino sah.
klaven in Marokko rüttelten. Assani-Razaki erzählt Tou- Der Film erzählt von der unglücklichen
Eine Ahnung, was in diesen manis und Imans Geschichte Ehe Grace Kellys mit dem monegassi-
Menschen vorgeht, erlaubt in jedem Kapitel aus einer schen Fürsten Rainier. Bei ihrer Hochzeit war Grace Kel-
„Iman“, das Romandebüt des anderen Perspektive. Entwe- ly 26 Jahre alt. Sie wird in dem Film von Nicole Kidman
32-jährigen, aus Benin stam- der lässt er die beiden selbst gespielt, die diesen Monat ihren 47. Geburtstag feiert.
menden und in Kanada le- zu Wort kommen oder ihre Das Werk erhielt vernichtende Kritiken, aber der große
benden Ryad Assani-Razaki. Familienangehörigen und Altersunterschied zwischen der Hauptdarstellerin und
In seinem schmerzhaften Freunde. So gewinnen die der Hauptfigur schien kaum einen Kritiker so zu verär-
Buch packt der Autor große zwei Helden mehr und mehr gern wie mich. Kidman ist mehrfach in Großaufnahme zu
Themen an, das postkolonia- an Komplexität. Am Ende sehen, ihr Gesicht wirkt wie eine Werbefläche für Botox.
le Afrika und die Würde des schafft es der Autor, die vie- Ist es mittlerweile selbstverständlich geworden, fragte ich
Menschen. Er erzählt von len Stränge zu einem großen mich, dass Frauen, die fast fünfzig sind, für Mitte zwanzig
Toumani, einem Jungen, der Finale zusammenzuknoten. durchgehen? Kidman ist Hollywood-Schauspielerin und
in einem nicht genannten Ob Iman aber die Reise zählt zu einer Spezies, für die eigene Regeln gelten. Aber
Land zur Welt gekommen ist überlebt, das weiß nur das Frauen wie sie prägen Frauenbilder. Die Zahl der Botox-
und im Alter von sechs Jah- Mittelmeer. red Anwendungen in Deutschland ist in den vergangenen
ren für umgerechnet 23 Euro zehn Jahren um 400 Prozent gestiegen.
verkauft wird. Sein Besitzer Ryad Assani- Mitte Mai trat beim britischen Glyndebourne-Festival
schlägt ihn fast tot und wirft Razaki die junge, talentierte Opernsängerin Tara Erraught auf.
ihn in einen Abflussschacht. Iman Daraufhin ereiferte sich die seriöse englische Presse über
Die Ratten nagen ihn an, Aus dem die Statur der Sängerin, sie sei „mollig“ und „unansehn-
doch ein anderer Junge, Iman, Französischen lich“, schrieben die Zeitungen und zeigten Fotos, auf
von Sonja Finck.
rettet ihn. Das Buch be- Verlag Klaus denen eine Frau zu sehen war mit einer Figur, wie unzäh-
schreibt die Freundschaft zwi- Wagenbach, lige Frauen sie haben. Die Popsängerin Adele war schon
schen zwei Jungen, die alle Berlin; 320 Seiten; ein Superstar, als sie von Karl Lagerfeld erfahren musste,
Zeiten überdauern soll und 22,90 Euro. sie sei „etwas zu fett“. Das sind nur einige Beispiele für
eine Botschaft, die zunehmend unverhohlen geäußert
wird: Frauen können nicht jung genug aussehen, und sie
können gar nicht dünn genug sein.
Kino Sisi schwärmt und ihm alles Zwei erfolgreiche Journalistinnen haben in dem ame-
Coming in Männliche fremd ist, wird er rikanischen Magazin The Atlantic unlängst eine Titel-
in seiner Familie behandelt geschichte über fehlendes weibliches Selbstvertrauen ver-
Wenn Mutter das Essen fertig wie ein Mädchen. „Maman und öffentlicht. Sie berichten, dass sie im Laufe ihrer Karriere
hat, ruft sie: „Die Jungs und ich“, der Film des Franzosen viele einflussreiche Frauen interviewt haben. „Wir hoff-
Guillaume, zu Tisch!“ Dabei Guillaume Gallienne, ist eine ten, aufschlussreiche Beispiele für ureigenes, blühendes
ist auch Guillaume ein Junge, Coming-in-Komödie. Der weibliches Selbstvertrauen zu finden, aber je genauer
aber weil er für die Kaiserin Regisseur spielt sich selbst als wir hinschauten, desto deutlicher wurde der Mangel da-
einen jungen Mann, dem alle ran.“ Woran liegt das?, fragen die Reporterinnen.
einreden, dass er schwul sei. Eine ihrer Antworten lautet: Ein braves Mädchen zu
Dann entdeckt er eines Tages sein funktioniert vielleicht in der Schule, aber nicht im
die Frau, das unbekannte Leben. Das Streben nach Lob begleitet viele Frauen viel
Wesen. Gallienne begreift zu lange. Ihr Gefühl, nicht gut genug zu sein, nicht jung
den Schwulenfilm als eigenes genug, nicht schön genug, steht ihrem Erfolg im Wege.
Genre, stellt ihn auf den Denn Erfolg hängt von Kompetenz und Selbstvertrauen
Kopf und sieht vergnügt da- gleichermaßen ab.
bei zu, wie die Klischees Der Perfektionismus, den eine Nicole Kidman verkör-
herauspurzeln. Vom Mobbing pert und der von Künstlerinnen wie Tara Erraught ver-
beim Schulsport bis zu den langt wird, wirkt einschüchternd und macht schlechte
Gesprächen mit der dominan- Laune. Dicksein und sichtbares Altern sind mittlerweile
ten Mutter klappert er die kaum mehr gesellschaftsfähig. Könnte beides bitte drin-
Standardszenen ab, gewinnt gend gerettet werden.
ihnen aber immer wieder
Gallienne in „Maman und ich“ neue Seiten ab. Das ist kurz- An dieser Stelle schreiben drei Kolumnisten im Wechsel. Nächste Woche ist
weilig und erhellend. lob Elke Schmitter an der Reihe, danach Dirk Kurbjuweit.

DER SPIEGEL 23 / 2014 119


Kultur

Unser Mann in Barcelona


Zeitgeschichte Der deutsche Spion Paul Fidrmuc meldete den Nazis den wahren
Ort des D-Day. Nach dem Krieg arbeitete er als SPIEGEL-Korrespondent in
Spanien. Zeit für eine Aufarbeitung. Von Thomas Hüetlin und Hauke Janssen

Abwehragent Fidrmuc
in Portugal während des
Zweiten Weltkriegs

120 DER SPIEGEL 23 / 2014


D
rei Tage vor der Landung der Alli-
ierten in der Normandie ging bei
der Abwehr, der Geheimdienstzen-
trale in Berlin, folgende Nachricht ein:
„Invasion Pläne: Der Plan um La
Manche wird favorisiert. Er beinhaltet eine
Luft- und eine Wasser-Operation gegen
die Kanalinseln, Landungen östlich und
westlich des La Manche Departments
voraussichtlich bei Isigny (11' östlich von
Carentan an der östlichen Seite von Cher-
bourg).“
Und mehr oder weniger war es das, was
im Morgengrauen des 6. Juni 1944 auch ge-
schehen sollte: Auf einer Breite von fast Invasion der Alliierten 1944,
100 Kilometern stürmten 130 000 Soldaten Fidrmuc-Groschenroman von 1950
der Alliierten die Strände der Normandie, „,Ostro‘ traf ins Zielgebiet“
unterstützt von 23 000 Fallschirmjägern
und 6480 Schiffen. In den Befestigungsan- traute zwar Fidrmuc’ Meldung nicht, die
lagen direkt am Strand standen ihnen ge- Truppen blieben auf Calais fixiert, aber
rade einmal 2000 Wehrmachtsoldaten ge- beim Feind erzielte sie ihre Wirkung:
genüber, während die 15. Armee mit ihren „,Ostro‘ hat ins Zielgebiet getroffen“, no-
geschätzt 200 000 Soldaten die Invasion in tierte Guy Liddell am Vorabend der Inva-
dem Küstenabschnitt um Calais erwartete. sion. „,Ostro‘ gab eine korrekte Vorher-
Die Operation „Overlord“ besiegelte die sage über die Invasion“, schrieb Hesketh.
endgültige Niederlage Deutschlands. Fidrmuc bekam die höchste Auszeich-
Die Nachricht hatte ein Agent der Deut- nung, die ein Meisterspion bekommen
schen in Lissabon abgesetzt. Sein Tarn- konnte: Die Briten beschlossen, ihn aus-
name war „Ostro“, sein richtiger: Paul zuschalten.
Fidrmuc (ausgesprochen: Fiedermutz). Er Fidrmuc hat den Krieg überlebt, er starb
war so etwas wie ein Star unter den deut- erst 1958 und machte bis dahin auf zwei-
schen Agenten. Der damalige Abwehrchef fache Weise Karriere: als literarische Figur
Wilhelm Canaris hatte ihm während des in dem Agentenroman „Unser Mann in Dokumente der Reichsschrifttumskammer
Krieges eine juwelenbesetzte Tabakdose Havanna“ des Schriftstellers Graham über seine Parteizugehörigkeit, im SPIE-
aus dem Besitz Napoleons geschenkt. Wal- Greene, der selbst während des Krieges GEL-Archiv über hundert Seiten hand-
ter Schellenberg, Chef der deutschen Ge- für den Geheimdienst tätig war; und er schriftlich verfasste Erinnerungen Fidr-
heimdienste, bezeichnete Fidrmuc nach machte Karriere als Journalist bei einem muc’, die nach Kriegsende in den späten
dem Krieg in einem Verhör der Amerika- deutschen Nachrichten-Magazin. Das SPIE- Vierzigerjahren entstanden sind. Dazu
ner als „besten Agenten für militärische GEL-Impressum weist ihn in den Jahren Korrespondenz mit der Redaktion, per-
Aufklärung in Portugal“. Und Fidrmuc’ 1952 und 1953 als Korrespondenten in sönliche Briefe an SPIEGEL-Herausgeber
Berliner Führungsoffizier Wilhelm von Barcelona aus, und auch in den Jahren da- Rudolf Augstein und Zeugnisse ehemaliger
Carnap hatte so viel Respekt, dass er es nach arbeitete er von Barcelona aus für SPIEGEL-Mitarbeiter, die heute alle außer
FOTOS: NATIONAL ARCHIVE (L.); ROBERT CAPA / INT. CENTER OF PHOTOGRAPHY / MAGNUM PHOTOS / AGENTUR FOCUS (R.O.)

nicht wagte, seinen Mann in Lissabon nach die Redaktion in Hamburg. dem damaligen Redaktionsleiter Hans Det-
seiner Arbeitsweise zu befragen. Unser Mann in Barcelona. Unser Mann, lev Becker verstorben sind.
Die Gegenseite hielt den deutschen ein Meisterspion, ein Agent mit Fantasie. „Onkel Paul war fesch und pfiffig“, sagt
Meisterspion trotz oder vielleicht gerade Unser Mann, der die schönen Frauen liebte Helmut Fidrmuc, 85. Er lebt in Heidelberg,
wegen seiner Begabung, Dinge auch zu und das schöne Leben in Lissabon. Unser vor ihm in seinem Wohnzimmer liegt ein
erfinden, wenn er sie nicht herausfinden Mann, der als junger Bursche deutscher Foto in Schwarz-Weiß aus dem Jahr 1928.
konnte, für „genial“. „Eine Primadonna, Meister im Rudern wurde und später die Eine große Familienfeier, eine Doppel-
die nicht gerügt werden durfte“, schrieb Costa Brava per Boot erkundete. Unser hochzeit, 31 Personen, vorn die Großel-
Guy Liddell, Chef der Spionageabwehr Mann, eine Primadonna. Unser Mann, der tern, die Frauen in eleganten Kleidern, die
des britischen Geheimdienstes MI5 in sein den D-Day verriet. Und unser Mann, ein Männer im Frack. Ganz hinten steht einer,
Tagebuch. Mitglied der NSDAP, der bis zum Ende an der Zylinder trägt und eine weiße Nelke
Und der Brite Roger Hesketh, Mitglied den Sieg des Vaterlandes glaubte. im Knopfloch, sein Blick ein wenig spöt-
einer alliierten Einheit zur Irreführung der Unser Mann ist auch ein unbekannter tisch und leutselig zugleich. Als gehöre er
Deutschen, nannte Fidrmuc „the loose Mann. Keine Biografie wurde je über ihn dazu und dann wieder nicht. Onkel Paul.
horse in the race“, ein unberechenbares geschrieben, kein SPIEGEL-Artikel, kein Helmut Fidrmuc ist, zusammen mit sei-
Pferd, auf das man nicht setzen konnte. Zeitungsartikel, der sein Leben und Wir- nen beiden Schwestern, die heute in den
Denn anders als die anderen gut 120 deut- ken reflektiert hätte. Ein paar Beiträge in USA leben, einer der letzten Nachkom-
schen Agenten, die die Engländer vor der Fachpublikationen, die über das Rätsel men der Familie. Nach dem Krieg habe er
Invasion kontrollierten und dazu benutzt „Ostro“ streiten, ein paar Seiten in einem den Onkel noch einmal Mitte der Fünfzi-
hatten, den Deutschen falsche Informatio- unbeachteten Buch des Journalisten Gün- gerjahre in Heilbronn gesehen. Man habe
nen über Ort und Zeitpunkt der Invasion ter Peis, das vor mehr als 40 Jahren er- damals anerkennend über ihn gesprochen:
zukommen zu lassen, hatte Fidrmuc nie schienen ist. Ansonsten: nichts. Aber in „Der Onkel war beim Canaris.“
die Seiten gewechselt. den British National Archives finden sich Paul Fidrmuc wurde 1898 geboren, als
Die Meldung über die Landung der Al- Akten mit roten Stempeln, „Secret“, „Top Sohn eines Notars wuchs er im Städtchen
liierten war Fidrmuc’ größter Scoop. Berlin Secret“, „Most Secret“, im Bundesarchiv Lundenburg auf, dem heutigen Břeclav, 70
DER SPIEGEL 23 / 2014 121
Kultur

Fidrmuc-Leumundszeugnis der NSDAP Hamburg von 1940, Fidrmuc-Familienfeier in Lundenburg 1928


Die Welt der K.-u.-k.-Monarchie vor ihrem Untergang

Kilometer nördlich von Wien in Südmäh- found in the English Bar“, sollte der briti- schätzen gelernt. Als jemanden, der Leute
ren. Es war die Welt der K.-u.-k.-Monar- sche Geheimdienst später in Lissabon über anwarb und wieder fallen ließ. Als jeman-
chie. Fast alles in diesem 10 000-Seelen-Ort sie notieren. den, der in einem undurchsichtigen Ge-
gehörte dem Fürsten von Liechtenstein: Und ab Mitte der Zwanzigerjahre ver- werbe öfter richtig lag als falsch. Als einen
der Wald, das Sägewerk, die Brauerei. Das suchte sich Fidrmuc als Journalist. Er „fährtensicheren Spürhund“.
Oben und das Unten waren klar geregelt. schrieb für das britische Fachblatt The Iron- Fidrmuc schreibt in seinen Erinnerun-
Die Fidrmuc waren oben. monger und das amerikanische Magazin gen: „Der Nachrichtendienst ist eine Be-
Der Erste Weltkrieg brachte diese Ord- Iron Age. Er war unterwegs in einem schäftigung, die dazu reizt, seine geistigen
nung zum Einsturz. Fidrmuc geriet als Metier, das aufs Engste mit der Rüstungs- Fähigkeiten in einem eleganten, wenn
Reserveoffizier in italienische Kriegsge- industrie verbunden war. auch gefährlichen Spiel einzusetzen. Es
fangenschaft, flüchtete nach wenigen Ta- gibt Unterschiede wie etwa in einem gra-

E
gen in die, wie er in seinen Erinnerungen rste Kontakte zur deutschen Abwehr ziösen Florett-Duell, bei dem man sich vor-
schreibt, „von Zerstücklung und Revo- gab es 1933. Im Jahr 1935 verdäch- her höflich grüßt, und dem Gebrüll beim
lution, Hunger und Niedergeschlagenheit tigte die Gestapo ihn, ein tsche- Aufeinanderschlagen mit dicken Holz-
geschlagene Heimat“. chischer Agent oder gar Doppelagent zu knüppeln. Und man muss im Nachrichten-
Die Heimat Lundenburg gehörte inzwi- sein, er wurde verhaftet und saß einen dienst ‚sine ira et studio‘ (ohne Zorn und
schen zur Tschechoslowakei, auf den Be- Monat lang im Gefängnis Columbia-Haus Eifer) vorgehen. Hass und Abneigung trü-
hörden und in der Schule wurde Tsche- am Tempelhofer Feld in Berlin. Im selben ben den Blick. Nur wer sich in den Feind
chisch gesprochen. Fidrmuc setzte sich, Jahr fiel Fidrmuc auch erstmals dem bri- hineinfühlen kann ‚with malice to none‘,
wie er schreibt, „an das Selbstbestim- tischen Geheimdienst auf, weil er Bücher, wie Abraham Lincoln meinte, kann das
mungsrecht der Völker glaubend gegen die Karten und Dokumente in London ge- Wesentliche von wichtigen Meldungen er-
einsetzenden Drangsalierungen zur Wehr“, ordert hatte. fassen und richtig den Einsatz seiner Ver-
er schloss sich Aufrührern an, wurde bald In seinen Erinnerungen listet er seine bindungen beurteilen.“ Fidrmuc, ein Dan-
gefasst und, wie er stolz bekennt, zu einer Erfolge auf: Vor der Annexion des Sude- dy als Agent, gebildet, geschmeidig, ge-
langjährigen Zuchthausstrafe verurteilt, tenlandes spionierte er die Befestigungs- wissenlos.
aber ihm gelang die Flucht. anlagen in Tschechien aus. Vor dem An- Er hing an seinem seltsamen Beruf, an
In Wien begann er 1920 mit dem Stu- schluss Österreichs tat er sich in Wien um. den Privilegien, dem Thrill, er war der
dium der Philologie, das er aber rasch ab- Vor dem Überfall auf Polen versorgte Überzeugung, Allerwichtigstes für Deutsch-
brach, nachdem die Familie ihr Vermögen Fidrmuc den Abwehrchef Canaris mit den land tun zu können, die Weichen zu stellen
während der Inflation in Österreich ver- Aufmarschplänen des polnischen General- in einem Krieg, von dem er wollte, dass
loren hatte. Ende des Jahres ging er nach stabs. Vor der Besetzung des Balkans er siegreich endete. „Ich habe in diesem
Lübeck, wo er ins Metallexport-Geschäft beschaffte er die Produktionspläne der Krieg niemals eine Uniform getragen, und
einstieg. Ölraffinerien von Ploiesti. Nebenbei will dennoch gab mir die unverbrüchliche Ver-
Fidrmuc war ein großer, athletischer er auch Zugang gehabt haben zu Geheim- bundenheit mit den Kameraden an der
Typ, er hatte Charme, die Frauen mochten akten der französischen und belgischen Front die Stärke auszuhalten“, schreibt
ihn. Der britische Geheimdienst stufte ihn Rüstungsindustrie. Fidrmuc.
später als hochintelligent ein, im Laufe sei- Einige Monate vor der Besetzung Däne- Fidrmuc war auch von Mai 1939 an Mit-
nes Lebens lernte er sechs Sprachen: Eng- marks ließen sich die Fidrmuc in Kopen- glied der NSDAP. Im April 1940 bestätigte
lisch, Portugiesisch, Italienisch, Franzö- hagen nieder. Auch dort war er als Agent die Gauleitung Hamburg, dass über ihn
sisch, Dänisch und Spanisch. Bei den Deut- im Einsatz, zusammen mit seiner Frau wur- „in politischer und charakterlicher Hin-
schen Meisterschaften 1922 in Trier saß er de er im November 1939 verhaftet und ver- sicht“ nichts Nachteiliges bekannt sei. In
im Sieger-Achter des Lübecker Ruder- urteilt, aber die Deutschen tauschten ihn, seinen Erinnerungen spricht sich Fidrmuc
Klubs, ein Jahr später belegte er den drit- so berichtet es Fidrmuc in seinen Erinne- nie grundsätzlich gegen den National-
ten Platz im Vierer ohne. rungen, nicht ohne Stolz, gegen gleich vier sozialismus oder Hitler aus. Die Konzen-
1923 heiratete der Sonnyboy eine Dänin skandinavische Spione aus. trationslager waren für ihn nur eine Art
namens Rigmor, eine Blondine mit Engels- Vier zu eins, das war 1940 der Wechsel- Verfahrensfehler. „Schließlich sind wir ja
gesicht, frech, aufreizend, mit einem Hang kurs für den Agenten Fidrmuc. Die Ab- Deutsche und keine Barbaren“, schreibt
zur Demimonde. „A blonde always to be wehr hatte ihn als kühl agierenden Profi Fidrmuc. „Im Kriege besonders muss der
122 DER SPIEGEL 23 / 2014
Jüdische Emigranten in Lissabon 1941, Fidrmuc’ portugiesische Aufenthaltsgenehmigung von 1945
Eine Stadt der Gestrandeten, Geschäftemacher und Geheimagenten

Staat mit eiserner Strenge gegen seine Deserteure und all jene, die wegwollten Jebsen und Popov gehörten zu dem
Gegner vorgehen. Aber auch nie dabei die von diesem Kontinent und bereit waren, Netz britischer Agenten, die die Deutschen
menschliche Würde vergessen. Und ge- jeden Preis zu bezahlen für einen Platz mit falschen Informationen über die be-
nützt haben die KZs dem Dritten Reiche auf einem Schiff oder in einem Flugzeug vorstehende Invasion versorgten. Sie ver-
nichts. Nur geschadet. Ihre Einrichtung nach Amerika oder wenigstens nach Eng- kehrten in denselben Zirkeln wie Fidrmuc.
und Ausbau war, wie Talleyrand richtig land. Ein Handelsplatz für Nachrichten „Die Abwehr bietet Fidrmuc Deckung“,
bemerkte, mehr als ein Verbrechen, es war und für Deals aller Art. klagte Jebsen. Niemand vor Ort dürfe
eine Dummheit.“ Den Holocaust und die „Das Juwelengeschäft hat seit je seinen Fidrmuc kontrollieren. Die Gewährsleute
Vernichtungslager im Osten erwähnt er Mann ernährt“, schreibt Fidrmuc. „Mit „haben nur Befehl, seine Informationen
nicht. Seine Worte verraten weder Scham den Emigranten wurde auch eine große entgegenzunehmen und durch einen Son-
noch Trauer. Menge Schmuck an Portugals Gestade derkurier nach Berlin befördern zu lassen“.
In Fidrmuc’ Erinnerungen findet sich gespült. Aus Deutschland Broschen, aus Jebsen alias „Artist“, der Reederssohn
kein Verständnis für seine Vorgesetzten Wien alte, schöne Ohrringe und beson- aus Hamburg, wurde am 29. April 1944
bei der Abwehr, für Männer wie Wilhelm ders Golddosen. Aus Holland und Belgien von den Deutschen im Büro der Abwehr
Canaris, die ihren Widerstand gegen Hitler kamen ungefasste Brillanten, aus Frank- in der Rua Buenos Aires zusammenge-
mit dem Leben bezahlten. Canaris, Chef reich Colliers, aus Balkanländern Arm- schlagen, betäubt und in einer Blechkiste
der deutschen Abwehr, war früh an Um- spangen. Schmuck wurde also genug an- im Kofferraum ins französische Biarritz
sturzplänen gegen Hitler beteiligt gewesen. geboten. Warum nicht davon Gebrauch entführt. Dort ging es per Flugzeug weiter
1944 verlor er seinen Posten, nach dem machen?“ ins Gestapo-Hauptquartier in Berlin. Wo-
Fund seines Tagebuchs wurde er verhaftet In diesem Lissabon der Agenten, Ge- chenlang wurde Jebsen gefoltert. Er verriet
und schließlich im April 1945 im Konzen- schäftemacher und Gestrandeten gab es nichts von den fingierten Invasionsplänen
trationslager Flossenbürg gehenkt. Seine zahlreiche deutsche Agenten: darunter der Alliierten. Im September 1944 kam er
letzte Nachricht, geklopft an die Wand Johnny Jebsen, ein wohlhabender Ree- ins KZ Sachsenhausen, wo sich im Februar
eines Zellennachbarn, lautete: „Bei der derssohn aus Hamburg, und Duško Popov, 1945 seine Spur verliert, nachdem ihn die
letzten Vernehmung Nase gebrochen. Mei- ein Serbe. Die beiden glaubten bis zu Gestapo zu einem Verhör abgeholt hatte.
ne Zeit ist um. War kein Landesverräter. Fidrmuc’ Ankunft, eine „Art Monopol“ in 1950 erst erklärte ihn ein Berliner Gericht
Habe als Deutscher meine Pflicht getan. Lissabon zu haben, wie Popov in seinen für tot.
Sollten Sie weiterleben, grüßen Sie meine Memoiren schrieb. Aber Jebsen und Popov Seinen Freund und Agentengefährten
Frau.“ arbeiteten nicht nur für die Abwehr. Ihre Popov hatte Jebsen während des Jura-
Die Rückkehr Deutschlands zur Groß- eigentliche Loyalität gehörte dem MI5. studiums in Freiburg kennengelernt, beide
macht war für Fidrmuc nur in einem Ob- Popov hatte dort den Decknamen „Tri- verabscheuten die Nazis. Popov machte
rigkeitsstaat vorstellbar – wie übrigens cyle“, Jebsen hieß „Artist“. nach dem Krieg Karriere als Geschäfts-
auch für die meisten Offiziere der Abwehr mann und starb im Alter von 69 Jahren in

S
um Canaris, die erst in Opposition zu Hit- ie führten ein wildes Leben in Lissa- Südfrankreich. Für den britischen Schrift-
ler gerieten, als der zum Krieg drängte. bon. Geld, Autos, Frauen, Partys, steller Ian Fleming, der Anfang der Vier-
„Die nationalsozialistische Revolution zahlreiche Besuche im Kasino in Es- zigerjahre für den Geheimdienst in Lissa-
konnte ohne drakonische Mittel besonders toril, vor allem Jebsen war ein stadtbe- bon tätig war und regelmäßig in Estoril
in der ersten Zeit nicht auskommen. Der kannter Playboy, der sich in seinem Rolls- das mondäne Kasino besuchte, war Popov
Konflikt mit Russland stand früher oder Royce von seiner Villa im Seebad Estoril eines der Vorbilder für den Geheimagen-
später bevor“, schreibt Fidrmuc. nachts in die Stadt fahren ließ. In den Bars, ten James Bond.
Ab 1940 sollte sich Fidrmuc um das Aus- so erzählt es Popov, zeigte Jebsen, ganz Popov und Jebsen sind Legenden ge-
spionieren der Westmächte England und der anglophile Hanseat, mit einem Regen- worden, Helden im Kampf gegen die
FOTO: ULLSTEIN BILD (M. R.)

USA kümmern. Er ging mit seiner Ehefrau schirm auf die Mädchen. „Du da, du da, Nazis. Fidrmuc war ihr Counterpart, ein
Rigmor nach Lissabon, um dort ein Agen- du da und du da hinten auch.“ Am nächs- Antiheld.
tennetz aufzubauen – den „Ostro“-Ring. ten Morgen bezahlte er, wenn er knapp In den Monaten vor der Invasion hatte
Das neutrale Lissabon war zu dieser Zeit bei Kasse war, mit Vasen, Tellern, silber- es auch Anwerbungsversuche der Briten
einer der letzten Fluchtpunkte Europas. nen Aschenbechern, was gerade so herum- gegeben, denen Fidrmuc jedoch wider-
Hier fanden sich Waffenhändler, Spione, stand in seinem Haus. stand. Sie versuchten auch, Fallen zu stel-
DER SPIEGEL 23 / 2014 123
Kultur

Doppelagenten Jebsen um 1942, Popov um 1945 mit Ehefrauen: Antifaschistische Playboys

len, indem sie Fidrmuc plump gefälschte solcher Methoden ist selten gerechtfertigt, Tatsächlich lebte Fidrmuc ab Mitte März
Dokumente unterschoben, um ihn bei der aber in diesem Fall, wenn große Teile der 1945 in Spanien, einem Land, in dem der
Abwehr zu diskreditieren. Dann setzte er Truppen gefährdet sind, scheint es klar zu Faschismus den Zweiten Weltkrieg über-
am 1. Juni seine Nachricht über den nahe- sein, dass man diese Methode wenigstens dauert hatte. Seine Wahl war auf Barce-
zu richtigen Ort der Invasion ab. Die des- in Erwägung ziehen sollte. Wenn die Spe- lona und eine Ortschaft namens Tamariu
informierte deutsche Abwehr glaubte ihm zialeinheit S.O.E. diesen Job übernehmen gefallen, der ehemalige deutsche Meister
nicht, Hitler deutete die Invasion in der und davon ausgehen könnte, ihn erfolg- im Rudern liebte es, nachts mit dem Boot
Normandie sogar als Ablenkungsmanöver. reich auszuführen, würde das ohne Zweifel hinaus aufs Meer zu paddeln.
„Unter den vielen Meldungen, die wir er- eine zufriedenstellende Lösung im natio- 1946 allerdings wurde er festgenommen
halten haben, war eine, die Landungsort, nalen Interesse darstellen.“ und abgeschoben, „repatriiert“, wie es da-
Tag und Stunde genau vorhergesagt hat. Doch alle Versuche, ihn zu eliminieren, mals hieß. Monatelang wurde Fidrmuc, zu-
Gerade das bestärkt mich nun in der Mei- misslangen. Stattdessen notierte MI5-Chef letzt in Oberursel, von den Amerikanern
nung, dass es sich nicht um die eigentliche Guy Liddell am 16. April 1945 in seinem verhört, kam aber frei, obwohl der Final-
Invasion handeln kann“, sagte er auf dem Tagebuch, dass es Nachricht gebe, „Ostro“ Interrogation-Report vom 22. Mai 1947 ihn
Obersalzberg am 6. Juni 1944 zu seinem habe die Abwehr gebeten, ihm und seinem als „one of the most successful and poten-
Rüstungsminister Albert Speer. Netzwerk den Lohn „drei Monate im tially dangerous German agents of the
Für die überraschten Briten analysierte Voraus zu bezahlen, um die Organisation war“ auswies – als einen „der erfolgreichs-
Herbert Hart, damals Sektionsleiter beim gegen Rückschläge abzusichern, die aus ten und potenziell gefährlichsten deut-
MI5 und später Juraprofessor in Oxford, der militärischen Situation entstehen könn- schen Agenten während des Krieges“. Die
sechs Tage nach Fidrmuc’ D-Day-Nach- ten“. Eine Organisation, einen Agenten- US-Militärbehörde vermutete, dass er ein
richt, dessen Berichte: „Mit Ausnahme ring, den es nicht gab. Fidrmuc arbeitete Vermögen von drei Millionen Peseten, um-
einer winzigen Prozentzahl sind diese aber meist allein, er hatte jahrelang für eine gerechnet 300 000 Dollar, in Sicherheit
nicht nur falsch, sondern sie sind es auf Vielzahl Mitarbeiter kassiert, die nur auf bringen konnte, zum Teil in Schmuck und
eine fantastische Art.“ Zahlungsbelegen existierten. Briefmarken.
In den Jahren zuvor hatte „Ostro“ von Die Amerikaner hatten nun andere In-

V
Schiffen berichtet, die in Konvois vor der ierzehn Tage später beging Hitler teressen. Der Kalte Krieg begann, und der
britischen Küste fahren sollten, obwohl sie Selbstmord, das Nazi-Regime war Aufstieg der Sowjetunion setzte sich fort.
längst versenkt waren oder in asiatischen am Ende, aber Fidrmuc im fernen Fidrmuc, der vorgab, Verbindungen nach
Gewässern fuhren. Er erfand angeblich Süden wollte im Fall der Niederlage drei Prag, Warschau und Moskau zu haben,
technische Details von Unterseebooten, Monate Lohnfortzahlung. „Ich habe meine war wohl nun auch für die Amerikaner
die es überhaupt nicht gab. Er erfand im Pflicht bis zum letzten Tag erfüllt und mich ein interessanter Mann. Ein Auslieferungs-
April 1942 ein Bankett im Adelphi Hotel für meine Partei stets ohne Rücksicht auf gesuch der Tschechen jedenfalls lehnten
in Liverpool, an dem Königin Mary, der das Risiko eingesetzt. Mein Gewissen ist die Amerikaner ab.
Premierminister und Teile der britischen rein. Ich habe Groß-Deutschland treu ge- Nach Fidrmuc’ Rückkehr wurde er von
Admiralität teilgenommen haben sollten. dient“, heißt es in Fidrmuc’ Erinnerungen. Francos Agenten in Barcelona mit einem
Harts Fazit: Die Berichte „Ostros“ seien Und weiter: „Der deutsche Soldat hat in Festessen im Ritz gefeiert. Als Ehrengast
nicht nur erfunden, sie seien auch von je- diesem Krieg stets Übermenschliches ge- angeblich dabei: Erika Canaris, die Witwe
mandem erfunden worden, der nicht ein- leistet. Keine andere Nation hätte diesen von Wilhelm Canaris, der, als er noch Hit-
mal in England leben würde. Trotzdem be- Krieg so lange durchhalten können. Die ler diente, im Bürgerkrieg die Faschisten
FOTO: REINHARD LESSMANN / DER SPIEGEL (O.L.)

stünde durchaus die Gefahr, dass sie „ge- unzähligen Gräber der Soldaten wachen unterstützt hatte. Fidrmuc arbeitete nun
fährlich“ seien: Denn durch Zufall oder vom fernen Wüstensand bis zum Nordkap für den spanischen Geheimdienst. Neben-
Intuition sei es immer möglich, dass „Ostro“ und vom Kaukasus bis zu den Pyrenäen bei widmete er sich wieder dem Journalis-
einen Treffer lande. Und so war es dann für Deutschlands Blüte. Ich beneide sie. mus, gemäß seiner alten Losung: „Ein
auch mit Fidrmuc’ D-Day-Nachricht. Ich bin froh, dass meine Eltern während Spion sollte in seinem vorgetäuschten Be-
Die Führung des britischen Geheim- des Krieges starben, meine Mutter, die ruf ein Experte sein, damit man ihm seine
dienstes entschied, man sollte „Ostro“ „los- stets Tränen in den Augen bekam, wenn Tarnung glaubt.“
werden, indem man ihn kidnappt oder um- sie uns kleinen Buben Eichendorffs Lied Fidrmuc schrieb für die Rhein-Neckar
bringt“. In einem Sitzungs-Memo aus dem vorsang: ‚Ich grüße Dich Deutschland aus Zeitung, er verfasste Kriminal- und Agen-
Februar 1945 heißt es: „Die Anwendung Herzensgrund‘.“ tenromane für Groschenhefte und auch
124 DER SPIEGEL 23 / 2014
eine Geschichte für die Zeit über das fa-
schistische Spanien, die im Juli 1949 er-
schien. Überschrift: „Ein Polizeistaat ohne
Polizei“.
„Spanien ist eine Diktatur. Es gibt nur
eine Partei, eine Presse, nur den Willen
einer Regierung. Trotzdem ist es das ein-
zige Land Europas mit voller persönlicher
Freiheit“, heißt es in dem Artikel. „Heute
genügt es, Deutscher zu sein, um Vorteile
zu genießen, die keinem anderen Auslän-
der geboten werden.“
Spätestens 1950 nahm Fidrmuc Kontakt
zum SPIEGEL auf. Er schrieb an Werner
Hühne, ehemals Ressortleiter Ausland,
und bot ein Buch über den Nachrichten-
dienst zur Verwertung an. Er schrieb auch,
dass er nach dem Krieg in Untersuchungs-
haft gesessen habe, er verfüge aber über
eine Unbedenklichkeitsbescheinigung des
US-Geheimdienstes.
„Rudolf Augstein hatte ihn uns zugewie-
sen. Fidrmuc habe exklusive Informatio-
nen“, so steht es in den unveröffentlichten
Memoiren von Georg Wolff, der Nachfol-
ger von Hühne als Ressortleiter Ausland
wurde und selbst während des Krieges als
SS-Hauptsturmführer in Norwegen statio-
niert gewesen war. Auch Wolff war an-
getan von diesem ehemaligen Agenten,
einem Mann mit geheimnisvoller Aura
und noch geheimnisvolleren Kontakten,
einem Profi der Nachrichtenbeschaffung.
„Fidrmuc war eine Eindruck machende
Figur, sehr schlank, groß, leicht gebeugte
Haltung, feiner Kopf. Deutlich zu erken-
nen der K.-u.-k.-Charme, dazu ein Hauch
von Maghrebischem. Ein Schlitzohr war
er sicher auch.“
Im Mai 1953 erhielt Fidrmuc einen neuen
Vertrag als Spanienkorrespondent. Monat-
lich bekam er nun 1600 Mark, zu damali-
gen Zeiten ein sehr hohes Gehalt. Nach-
richten aus aller Welt konnte das Nachrich-
ten-Magazin gut gebrauchen. Der jungen
Redaktion, Augstein war Ende 1950 gerade
mal 27 Jahre alt, fehlte es an Geld und an
internationalen Kontakten. Die wenigen
Seiten „Internationales“ wurden häufig aus
dem Archiv geschrieben, das allerdings
reichlich bestückt war, organisiert übrigens
nach den Vorgaben eines ehemaligen Kar-
teiführers des NS-Sicherheitsdienstes.
Bald munkelte man, dass Fidrmuc’ zwar
exklusive, aber nicht immer ganz richtigen
Informationen aus nachrichtendienstlichen
Quellen kämen: vom spanischen Geheim-
dienst, vom CIA oder gar von den Sowjets.
Augstein und sein Redaktionsleiter Hans
Detlev Becker reisten mit dem Auto nach
Spanien, um Fidrmuc zu treffen. Sie nah-
men Horst Mahnke mit, weil er, so Redak-
tionsleiter Becker, eine „infantile Neigung
zu inoffizieller Nachrichtengewinnung“
besaß. Auch Mahnke hatte während des
Zweiten Weltkriegs als SS-Hauptsturmfüh-
rer gedient. Am Ende des Kurzurlaubs an
DER SPIEGEL 23 / 2014 125
Kultur

mationen sammeln, herumhorchen, die


Details mit einem Ton der Wichtigkeit ver-
sehen, den Stoff aufblasen. In den Erinne-
rungen des SPIEGEL-Redakteurs Wolff
heißt es über Fidrmuc: „Intimste Nachrich-
ten über die EVG (Europäische Verteidi-
gungsgemeinschaft), aus der dann doch
nichts wurde. Detailliertes über die sowje-
tische Atomrüstung, Gesprächsprotokolle
nahöstlicher Sultane. Was ein Militär-At-
taché in Moskau aufgeschnappt habe, dass
die Ägypter eine ‚Taschen-Atombombe‘
besäßen oder jedenfalls in Planung hätten,
wie viel Gamaschenknöpfe der britischen
Rheinarmee fehlten.“ Aber selbst Wolff
konnte über Fidrmuc’ Quellen nur speku-
lieren. „Wahrscheinlich waren es Schnipsel
aus der beim spanischen Spionagedienst
eingehenden Post – und zwar jene Schnip-
sel, die in die Wegwerfkiste sollten.“
Unterlegt waren die Manuskripte von
Redaktionsleiter Becker um 1948, Herausgeber Augstein in Madrid 1957: „Unser lieber Herr Fidrmuc“ Fidrmuc öfter mit einem antiamerikani-
schen Ton. Im Grunde verachtete er alle
Bemühungen des Westens. „Das war seine
Rache an den westlichen Siegermächten.
Die Sowjetunion erschien dagegen bei ihm
als unbesiegbare Macht“, schreibt Wolff.
Fidrmuc’ Texte sind heute nicht alle-
samt eindeutig zu identifizieren, weil
SPIEGEL-Artikel damals namentlich nicht
gekennzeichnet waren; Aufzeichnungen
über Autoren gibt es ebenfalls nicht, zu-
mal viele Beiträge Fidrmuc’ eher Meldun-
gen waren als ganze Artikel, darunter
auch eher kryptische Nachrichten über
Fidrmuc-Brief an Augstein 1957: „Das ging dann zu wie bei Christian Dior“ den deutschen Gesandten in Lissabon
(52/1953) oder sowjetische Waffendeals
der Costa Brava verstanden sich Augstein, null der deutschen Presse‘“, sagt Frei, „war mit Ägypten (10/1956). Als Mitautor war
Becker und Fidrmuc prächtig. kaum weniger eine Illusion als die Vorstel- er an der Serie „Die Papiere des Herrn
So etwas gab es auch beim SPIEGEL An- lung von einer ‚Stunde null‘ im Ganzen.“ von Holstein“ beteiligt (36–43/1957), die
fang der Fünfzigerjahre: Ein ehemaliger Der SPIEGEL ist eben auch nur ein Nach- sich über acht Ausgaben der Geschichte
Abwehragent aus Lissabon wurde von richten-Magazin aus Deutschland mit einer des „Bismarck-Reichs“ widmete und für
Hamburg aus geführt von zwei ehemaligen deutschen Vergangenheit, und die Auf- die Augstein 2000 Mark auf Fidrmuc’
SS-Hauptsturmführern, Mahnke und arbeitung seiner Geschichte begann, wie Schweizer Konto überweisen ließ.
Wolff. Eine hässliche Vorstellung heute, bei vielen anderen deutschen Unterneh- Die neuen Freunde in Hamburg nannte
aber der SPIEGEL, so lautete die Argumen- men und Pressehäusern, erst spät – zuletzt er in seinen Briefen „Lieber Don Rodolfo“
tation Augsteins, brauchte Leute, die die anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der und „Lieber Don Detlev“, immer bereit,
Apparate, um die es ging, so gut kannten, SPIEGEL-Affäre vor zwei Jahren. sie mit dem Nötigsten zu versorgen: „Da
dass sie in der Lage waren, darüber zu Die Verantwortlichen im SPIEGEL der die Kehlen schmeisserisch durstig sein dürf-
schreiben. „Natürlich habe Augstein nicht Fünfzigerjahre wussten, dass bei Fidrmuc’ ten, möchte ich zu Weihnachten wieder
bewusst nach SS-Leuten für den SPIEGEL Informationen Vorsicht geboten war. Ein eine Sendung vorweg schicken, wieder mit
gesucht“, schreibt der Medienwissenschaft- Manuskript von Fidrmuc über Waffenge- Soberano oder mit Jerez gemischt? Bitte
ler Lutz Hachmeister, aber „sie brachten schäfte leitete Redaktionsleiter Detlev Nachricht, möglichst bald“, heißt es in
ein Wissen mit, das die jungen SPIEGEL- Becker weiter an Conny Ahlers, den Mili- einem Brief vom Oktober 1955. Don Det-
Redakteure nicht hatten“. tärexperten des Magazins: „Der Verfasser lev verschaffte er sogar Zugang zu einem
Der Historiker Norbert Frei erkennt im der Anlage ist unser lieber Herr Fidrmuc, exklusiven Golfklub in Barcelona. „Unge-
frühen SPIEGEL aber auch eine „irritieren- dessen Informationen manchmal stimmen, wöhnlich schwierig“, konzedierte Becker,
de Gleichzeitigkeit von Apologie und Auf- manchmal nicht stimmen, aber immer in- „auch heute noch, da kommt praktisch
klärung“. Erst Ende der Fünfzigerjahre teressant sind. Wir dürfen seinen Namen keiner rein.“ Allerdings konnte auch
habe man den SPIEGEL immer öfter auf in Bonn unter keinen Umständen preisge- Fidrmuc nicht verhindern, dass ein Kellner
der Seite derer gefunden, „die gegen An- ben. Außerdem empfiehlt es sich, bei Rück- Becker nach dem Spiel von der Terrasse
tisemitismus, Verdrängung und Verleug- fragen im Verteidigungsministerium vor- des Klubs vertreiben wollte: „You are a
nung eintraten“. sichtig vorzugehen, da man sich hin und chauffeur, sit outside.“
So trafen sich im Milieu des erst langsam wieder mit dem Material des Herrn Für Rudolf Augstein organisierte
wieder zu sich selbst findenden Journalis- Fidrmuc blamieren kann.“ Fidrmuc Urlaube. Er schlug vor, dass Aug-
mus in Deutschland Agenten, Nachrichten- Fidrmuc machte beim SPIEGEL das, was stein seinen Fahrer samt Auto aus Ham-
händler und ehemalige Nazis. „Die ‚Stunde er schon als Spion gemacht hatte: Infor- burg nach Madrid vorschicken solle, da es
126 DER SPIEGEL 23 / 2014
Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom Fachmagazin buchreport; nähere mit Leihwagen in der spanischen Haupt-
Informationen und Auswahlkriterien finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller stadt so eine Sache sei, „da man sie an
den Ort, wo man gemietet hat, zurückbrin-
Belletristik Sachbuch gen muss, und ich glaube nicht, dass Sie
einen Straßenkreuzer von gewohnter Güte
1 (1) Jan Weiler 1 (1) Wilhelm Schmid bekommen“.
Das Pubertier Kindler; 12 Euro Gelassenheit – Was wir gewinnen, Nebenbei bot er Immobiliendeals in Spa-
wenn wir älter werden Insel; 8 Euro nien an. Das Land erlebte gerade einen
2 (3) Donna Tartt touristischen Bauboom, „Hotels sprießen
Der Distelfink Goldmann; 24,99 Euro 2 (2) Roger Willemsen
Das Hohe Haus S. Fischer; 19,99 Euro weiter aus der Erde wie Pickel auf der
3 (4) Frank Schätzing 3 (3) Glenn Greenwald Haut eines Jünglings“, schrieb er im Som-
Breaking News Die globale Überwachung mer 1957 an Augstein. Der Verleger John
Kiepenheuer & Witsch; 26,99 Euro
Droemer; 19,99 Euro Jahr, damals mit 50 Prozent SPIEGEL-Teil-
4 (6) Jonas Jonasson 4 (5) Dieter Hildebrandt haber, zeigte Interesse an einer Hotelbe-
Die Analphabetin, die rechnen Letzte Zugabe Blessing; 19,99 Euro teiligung. Allerdings wollte Jahr beim Um-
konnte Carl’s Books; 19,99 Euro tauschkurs von DM in Peseten noch einige
5 (4) Guido Maria Kretschmer
5 (5) Martin Walker Anziehungskraft Edel Books; 17,95 Euro
Vorteile mitnehmen, weshalb er Fidrmuc
Reiner Wein Diogenes; 22,90 Euro bat zu erwägen, den Kauf eines Grund-
6 (–) Susanne Fröhlich / Constanze Kleis stücks über Fidrmuc’ Schweizer Konto ab-
6 (2) C. J. Daugherty Diese schrecklich schönen Jahre
Night School – Um der Hoffnung Gräfe und Unzer; 17,99 Euro zuwickeln. („Können Sie dann, wenn es
willen Oetinger; 18,95 Euro sich um namhafte Beträge handelt, also
7 (6) Volker Weidemann um 50 000, 100 000 oder 200 000 Schweizer
7 (7) IldikÓ von Kürthy Ostende – 1936, Sommer
der Freundschaft Franken, diese Franken zu dem billigen
Sternschanze Wunderlich; 17,95 Euro
Kiepenheuer & Witsch; 17,99 Euro Kurs in Spanien in Peseten umwandeln?
8 (11) Romain Puértolas 8 (–) Michelle Knight mit Michelle Burford Darüber würde ich gern von Ihnen hören.
Die unglaubliche Reise des Die Unzerbrechliche Mit herzlichen Grüßen, gez Jahr“)
Fakirs, der in einem Ikea-Schrank Bastei Lübbe; 19,99 Euro Ob aus den Immobilienplänen etwas
feststeckte S. Fischer; 16,99 Euro
9 (11) Matthias Weik / Marc Friedrich wurde, wissen wir nicht. 1958 erkrankte
9 (8) Veronica Roth Der Crash ist die Lösung Fidrmuc schwer. Im August meldete er sich
Die Bestimmung – Eichborn; 19,99 Euro noch ein letztes Mal bei „Don Rodolfo“.
Letzte Entscheidung cbt; 17,99 Euro
Gut gelaunt und zuversichtlich klingt sein
10 (–) Joachim Fuchsberger
10 (10) Simon Beckett Zielgerade Brief, der typische Fidrmuc im beschwing-
Der Hof Wunderlich; 19,95 Euro Gütersloher Verlagshaus; 19,99 Euro ten Offizierskasino-Ton. Der Brief eines
11 (10) Peter Wensierski Menschen, den nichts umwerfen kann. Tat-
11 (12) John Williams
Stoner dtv; 19,90 Euro Die verbotene Reise DVA; 19,99 Euro sächlich liegt er seit Wochen im Bett.
12 (7) Christopher Clark Seiner Abneigung gegen Ärzte zum
12 (13) Graeme Simsion Die Schlafwandler DVA; 39,99 Euro Trotz, schreibt Fidrmuc, habe er sich nun
Das Rosie-Projekt Fischer Krüger; 18,99 Euro
doch ihnen anvertraut und den Schritt so-
13 (8) Andreas Englisch
13 (–) Marc Elsberg Franziskus – Zeichen der Hoffnung fort wieder bereut. „Das ging dann zu wie
ZERO – Sie wissen, C. Bertelsmann; 19,99 Euro bei Christian Dior. Ich wurde gemessen,
was du tust gewogen, Blut aus Venen und Muskeln
Blanvalet; 19,99 Euro 14 (14) Florian Illies
1913 – Der Sommer des dreifach analysiert. Röntgenaufnahmen
Aktueller Thriller aus der Jahrhunderts S. Fischer; 19,99 Euro rechts und links, morgens und abends. Die
Welt der Online-Aktivisten Diagnose: ‚Entzündung des Knochenbe-
und eines IT-Unternehmens, 15 (9) Jenke von Wilmsdorff
das Daten sammelt und Wer wagt, gewinnt Bastei Lübbe; 14,99 Euro ckens plus unterer Wirbelsäule.‘ Schmerz-
analysiert haft, lang dauernd, ein seltener und des-
16 (12) Monika Gruber halb begeisternder Fall.“
Man muss das Kind im Dorf lassen
14 (14) Horst Evers Piper; 19,99 Euro Unser Mann in Barcelona starb am 20.
Vom Mentalen her quasi Oktober 1958 an Knochenkrebs, er wurde
Weltmeister Rowohlt Berlin; 18,95 Euro 17 (13) Christine Westermann
Da geht noch was 60 Jahre alt. Die Witwe Rigmor blieb zu-
15 (19) Timur Vermes Kiepenheuer & Witsch; 17,99 Euro rück, in vertraut klingenden Briefen klagte
Er ist wieder da Eichborn; 19,33 Euro sie über Mittellosigkeit, der SPIEGEL zahlte
18 (17) Ulrich Herbert
16 (17) John Grisham Geschichte Deutschlands im ihr daraufhin bis zu ihrem Tod 1981 eine
Die Erbin Heyne; 24,99 Euro 20. Jahrhundert C. H. Beck; 39,95 Euro kleine Rente. Der verstorbene Gatte habe
19 (–) Stefan Aust / Dirk Laabs „dem SPIEGEL-Verlag in schwierigen Jahren
17 (15) Suzanne Collins als Mitarbeiter besondere Dienste geleistet,
Die Tribute von Panem – Heimatschutz
Flammender Zorn Oetinger; 18,95 Euro Pantheon; 22,99 Euro die hier nicht zu erörtern sind“.
Das Todesjahr Fidrmuc’ war auch das
18 (16) Haruki Murakami Jahr, in dem der englische Schriftsteller
Die Pilgerjahre des farblosen Umfassender Bericht Graham Greene ihm ein literarisches
Herrn Tazaki DuMont; 22,99 Euro über den Nationalsozialis- Denkmal setzte und den satirischen Agen-
tischen Untergrund,
19 (–) Donna Leon sein Umfeld und die Rolle der tenroman „Unser Mann in Havanna“ ver-
Das goldene Ei Diogenes; 22,90 Euro Sicherheitsbehörden öffentlichte. Greene hatte während des
20 (9) Joachim Meyerhoff Zweiten Weltkriegs für den MI6 gearbeitet;
Wann wird es endlich wieder so, 20 (15) Hamed Abdel-Samad 1943 und 1944 war er dort für Portugal zu-
wie es nie war Der islamische Faschismus ständig gewesen. Greenes Biograf Norman
Kiepenheuer & Witsch; 19,99 Euro Droemer; 18 Euro Sherry schreibt, dass sich der Schriftsteller
128 DER SPIEGEL 23 / 2014
Kultur

ganz besonders von dem deutschen Agen-


ten Paul Fidrmuc alias „Ostro“ habe inspi-
rieren lassen.
Greenes Antiheld in dem Roman heißt
James Wormold und lässt sich von einem
britischen Agentenführer anwerben, weil
seine Tochter Milly sich ein Pferd und die
Mitgliedschaft in einem exklusiven Coun-
try Club wünscht.
Wormold ist ein eher unsportlicher Typ,
bescheiden und kleinbürgerlich im Auftritt,
schüchtern, ungeschickt, angstgesteuert,
der sich davor fürchtet, die Tochter zu ver-
lieren, weil sie das Einzige ist, was ihm
nach der gescheiterten Ehe noch geblieben
ist. Wormold ist eine ganz andere Figur
als Fidrmuc. Aber der Spion Wormold be-
ginnt, wie der echte deutsche Spion, ein
komplettes Agentennetz aufzubauen, er
kassiert Geld und Spesen für Agenten, die
es gar nicht gibt, und schafft es fast bis
zum Ende, sein fiktives Netz vor den zah-
lenden Auftraggebern abzuschirmen. Auch
Wormold nutzt Zeitungen, um daraus ex-
klusiv Meldungen an den Geheimdienst
abzusetzen.
„Das ist doch kein Leben, dieses Spio-
nieren“, sagt Wormolds Sekretärin Bea-
trice in dem Roman.
„Spionieren? Worüber? Geheimagenten
entdecken doch nur, was alle längst schon
wissen“, antwortet Wormold. Beatrice
sagt: „Oder sie lassen sich es eben einfal-
len. Es gibt viele Jobs, die nicht wirklich
echt sind. Seifenboxen entwerfen zum Bei-
spiel, Werbesprüche schreiben, im Parla-
ment sitzen. Aber das Geld, das ist echt.“
Und wie Fidrmuc geriet auch Wormold
am Ende nicht wegen seiner Scharlatanerie
in Lebensgefahr, sondern wegen seiner Zu-
fallserfolge.
Fidrmuc’ Neffe Helmut steht in seiner
Wohnung in Heidelberg. Er ist alt, aber er
klagt nicht über seine Arthritis, nicht über
die Augenoperationen vor ein paar Jahren,
er klagt auch nicht, wie andere Vertrie-
bene, über die verlorene Heimat im ehe-
maligen Sudetenland.
Plötzlich fällt ihm noch etwas ein. „On-
kel Paul hatte, als er uns besuchte in Lun-
denburg, einen Affen dabei. Er führte ihn
an einem Halsband spazieren. Manchmal
saß der Affe auch auf seiner Schulter.“
Weiß er, dass sein Onkel auch in der
Partei war?
Helmut Fidrmuc weiß es nicht. „Kaum“,
sagt er. Aber Onkel Paul habe seine Über-
zeugungen gehabt. Die Amerikaner hätten
ihn bei den Verhören umdrehen wollen,
aber er habe das abgelehnt.
„Onkel Paul“, sagt Helmut Fidrmuc,
„war eben ein aufrechter Deutscher.“

Video:
Dem Agenten auf der Spur
spiegel.de/app232014fidrmuc
oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 23 / 2014 129


Kultur Chinesische Panzer
in Peking 1989

„China ist
ein Dämon“
Diktaturen Der Dichter Liao
Yiwu, 55, über den Tiananmen-
Aufstand vor 25 Jahren

SPIEGEL: Warum ist die Revolution von 1989 Liao: Das ist ein Zeichen von moralischem Liao: China war immer wieder vereint und
in China gescheitert, während sie in Europa Verfall. Helmut Schmidt hat auf dem Tian- dann wieder getrennt. Es waren nicht die
gelang? anmen-Platz niemanden aus seiner Familie Zeiten der Einheit, die als die besten in
Liao: Ich drehe die Frage um. Warum ist verloren. Und man weiß auch, dass er unsere Geschichte eingingen. Ich stelle mir
sie in Europa gelungen, während sie in selbst Deng Xiaoping getroffen hat. So China als eine Art Europäische Union vor:
China scheiterte? Weil in China Blut ver- wird man zum China-Versteher. Meine Heimatstadt Chengdu in Sichuan
gossen worden war. Die Führungen in Ost- SPIEGEL: In Ihrer Rede zur Verleihung des könnte Chinas Straßburg sein, und wenn
europa hatten das gesehen und schreckten Friedenspreises des Deutschen Buchhan- die in Peking unbedingt eine Diktatur ha-
davor zurück, es Peking gleichzutun. Des- dels sagten Sie über das China nach Tian- ben wollen – bitte sehr, wer nicht mitma-
halb schossen sie nicht. Aber dieses Kapitel anmen: „Dieses Imperium muss ausein- chen will, kann nach Sichuan kommen.
ist in China noch nicht abgeschlossen. Was anderbrechen.“ Dieser Satz ist selbst unter SPIEGEL: Und Sie sehen keine sozialen, kei-
wollten die Demonstranten 1989? Trans- Kritikern des Regimes umstritten. ne wirtschaftlichen Risiken einer Spaltung?
parenz. Sie wollten wissen, warum die Liao: Ich habe damit das ganze Volk scho- Liao: Ich sehe eine viel größere Gefahr. Chi-
Ungleichheit so groß ist. Heute ist die Un- ckiert. Doch ich bin stolz auf diesen Satz. nas Umweltzerstörung hat ein Ausmaß an-
gleichheit noch viel größer. Die obersten SPIEGEL: Es ist der Satz eines Anarchisten. genommen, das längst die ganze Welt be-
Kader haben einen absurden Reichtum zu- Liao: Ich habe ihn mir gut überlegt. Er geht droht. Das ist die wirkliche „gelbe Gefahr“.
sammengerafft. Das ist eine Zeitbombe, zurück auf den Philosophen Laozi, der vor Als ich ein Kind war, waren die Flüsse sau-
die detonieren wird. über zwei Jahrtausenden vorschlug, große ber, der Himmel blau, und wir vergötterten
SPIEGEL: Schuldet Europa Chinas Demons- in kleine Einheiten zu zerlegen. Wer das Mao Zedong. Dann kam sein Nachfolger
tranten etwas? heutige China kennt, der weiß, dass dieser Deng Xiaoping an die Macht und sagte:
Liao: Europa hat jedenfalls eine Verpflich- Riesenstaat mit seiner enormen Machtfülle Armut ist kein Sozialismus, lasst uns reich
tung. Wenn außerhalb Chinas an Tianan- und seinem Geld ein Dämon ist, eine gro- werden. Er stellte das Land auf Wirtschaft
men erinnert wird, geht es immer um eini- ße Gefahr für die ganze Welt. um und schaffte die Moral ab.
ge wenige Studenten. In Wahrheit sollte SPIEGEL: Der Zerfall von Staaten kann gro- SPIEGEL: Welche Moral war nach Mao denn
man an die vielen Namenlosen, die Arbei- ßes Unglück auslösen: in Jugoslawien, der noch übrig?
ter und Tagelöhner denken, die ich in mei- Sowjetunion, in der arabischen Welt. Liao: Da haben Sie recht. Unter Mao waren
nen Büchern beschreibe. Sie haben diesen wir alle arm, da mussten sich zehn Men-
Aufstand getragen, nicht die Studenten, schen ein einziges Ei teilen. Seit Deng be-
die im Rampenlicht standen. Die waren kommt jeder von uns zehn Eier, aber die
denen ganz ähnlich, gegen die sie demons- Eier sind giftig. Man kriegt Krebs davon.
trierten – machtversessen und untereinan- SPIEGEL: Sie nennen Deng, der den Tianan-
der autoritätshörig. Sie wollten nicht, dass men-Aufstand niederschlagen ließ, einen
ihre Revolution von den einfachen Leuten Tyrannen. Es scheint, als beurteilten Sie
beschmutzt wird. Doch als der Schießbe- Mao milder.
fehl kam, waren die meisten weg. Die Ar- Liao: Im Gegenteil. Mao Zedong war ein
beiter blieben und verschwanden für Jahre Dämon. Ich kam zu Beginn des „Großen
im Gefängnis. Ihr Leben wurde zerstört. Sprungs nach vorn“ zur Welt, Maos In-
SPIEGEL: „Du wirst in die Literaturgeschich- dustrialisierungskampagne, der Ende der
te des 4. Juni 1989 eingehen“, wirft Ihnen Fünfziger- und Anfang der Sechzigerjahre
FOTOS: JEFF WIDENER / AP (O.); HERMANN BREDEHORST / DER SPIEGEL (U.)

einer der Interviewpartner in Ihrem Tian- Millionen zum Opfer fielen. Auch ich wäre
anmen-Buch „Die Kugel und das Opium“ als Kind beinahe verhungert.
vor, „aber ich, ich habe für nichts und wie- SPIEGEL: In der offiziellen Geschichtsschrei-
der nichts im Knast gesessen.“ bung Chinas gilt es als Maos Verdienst,
Liao: Das ist der Kern dieses Buches und dass er das Land nach Jahrzehnten des
meiner Arbeit über die Bewegung von Tian- Krieges und Bürgerkrieges geeint habe.
anmen. Manche Studenten hatten das Liao: Diese Erzählung, diese Legende lehne
Ziel, dass in den Geschichtsbüchern nur ich ab. Unter Mao standen die Chinesen
ihr eigener Name steht. Und die „Rowdies“ einen Augenblick lang auf – um sich sofort
sind nichts wert? Dieses Bild muss korri- wieder niederknien zu müssen. Moralisch
giert werden. waren alle Diktatoren des modernen Chi-
SPIEGEL: Helmut Schmidt und Henry Kis- na aus demselben Holz: Chiang Kai-shek,
singer haben Verständnis für Deng Xiao- Mao Zedong, Deng Xiaoping – jeder woll-
pings Entscheidung geäußert, den Auf- Friedenspreisträger Liao te sein Reich erweitern.
stand niederzuschlagen. „Dieses Imperium muss auseinanderbrechen“ Interview: Bernhard Zand

130 DER SPIEGEL 23/ 2014


Kultur

Bis die Tachonadel knickt


Theater Bibiana Beglau ist gefeiert und gefürchtet als Extremschauspielerin des deutschen
Theaters. Nun spielt sie in Martin Kušejs Münchner „Faust“ den Mephisto.

D
ie gemeinsten Verrisse habe sie am in diesem Theatermoment völlig bewe- scheuten. Die Künstler, die sie bewundere,
Anfang ihrer Karriere bekommen, gungslos auf ihrem Platz verharrte. „Ich „die verbrennen sich“, sagt sie: Frank Cas-
sagt sie, „in Düsseldorf war es das stehe da nur rum“, sagt die Schauspielerin, torf, Rainer Werner Fassbinder, Christoph
Grauen“. Einmal trat sie dort Mitte der „und die Leute sagen mir hinterher, wie Schlingensief. Immerhin, Castorf lebt noch
Neunzigerjahre als Lulu auf, die Kindfrau, anstrengend das gewesen sein müsse, als von den dreien aus dieser Reihe. „Der ar-
bei deren bloßem Anblick alle Männer den hätte ich sonst was gemacht.“ beitet nur noch“, berichtet Beglau, und sei
Verstand verlieren. Da hieß es, Bibiana Von Donnerstag dieser Woche an soll nach vielen Jahren berühmter ätzender
Beglau spiele diese Lulu in Frank Wede- Bibiana Beglau, die auf der Bühne oft so Wutausbrüche heute „der zärtlichste Mann
kinds Stück zu wenig mädchensüß, zu zap- wirkt, als hätte sie den Teufel im Leib, nun der Welt“, zudem „gerade durch seine
pelig, nicht sexy genug, kurz: Sie sei un- wirklich den Teufel spielen. Sie ist der Me- Klugheit unendlich lustig“.
glaubwürdig als Anlass männlicher Geil- phisto in Martin Kušejs Inszenierung von Klar versteht Beglau auch ihren eigenen
heit. „Ihr Körper ist so muskulös, dass sie Goethes „Faust“. Kušej sagt, für ihn sei Job als Erkundung der Gefahrenzonen, als
sogar nackt nicht nackt aussieht“, schrieb der „Faust“ „das größte Drama deutscher Kampf gegen die Schmerzvermeidung.
eine Kritikerin. Sprache“, so unoriginell sich das anhöre, „Ich will keine Unterhaltung, ich will die
Seither hat die Schauspielerin Bibiana „nicht der erste Teil allein, aber ,Faust I‘ große, schwere Kunst“, sagt sie. „Es ist
Beglau, Jahrgang 1971, in vielen Frauen- und ,Faust II‘ zusammen schon“. Ihn reize nicht zu viel verlangt, sich jedes Mal fun-
und Männerrollen ihre Muskelkraft, ihren vor allem „die absolute Fremdheit der damental einzulassen und sich kopfüber
Eigensinn und ihre Leidenschaft gezeigt, alten Sprache, die darin gesprochen wird, reinzustürzen in ein Stück, statt auf Num-
meistens angezogen und manchmal ent- die schiere Unnahbarkeit des Stücks und mer sicher zu gehen.“ Der todesmutige
blößt. Sie war im Theater als Shakespeares dessen enorme Komplexität“. Höllensturz gehört also notwendig zu
Lady Macbeth und als Fassbinders Petra Den Doktor Heinrich Faust spielt bei einem guten Theaterabend? „Ja. Ich würde
von Kant zu sehen, in Filmen als tapfere Kušej Werner Wölbern, ein leicht gebückt den Menschen gern etwas Tieferes geben
Lehrerin oder als RAF-Terroristin in Volker vorwärtsdrängender Schauspieler; ein klu- als das Normalberuhigte in unserer Zeit.
Schlöndorffs „Die Stille nach dem Schuss“. ger Kopf, der stets unter Volldampf steht. Das hört sich pathetisch an, ich weiß.“
Und sie hat auch ein paar Preise bekom- Man kann sich Bibiana Beglau neben die- Sie sei eine „Intensitätssau“, sagt
men für ihre Arbeit. Trotzdem sagt sie von sem Mann kaum anders denn als emsigen Beglau. Wenn sie sich geniere auf der
sich: „Ich habe mich vorwärtsgerobbt in Spießgesellen und Mitverschwörer vorstel- Bühne – „und ich geniere mich oft“ –,
diesem Job. Andere kriegen das leichter len, als eine Figur, die weniger ihre diabo- dann nur in Momenten der Erlahmung.
und eleganter hin. Ich spüre immer noch lische Überlegenheit zur Schau stellt als „Ich finde, es muss knallen. In so einer se-
Hungerangst. Angst davor, dass mich plötz- ihre Neugier auf das Abenteuer. „Mehr, dierten Gesellschaft wie der unseren ist
lich keiner mehr beschäftigt.“ immer mehr“, heißt es im Ankündigungs- ein Chinaböller auf der Bühne eine prima
In Berlin war Bibiana Beglau gerade erst text des Theaters, „mehr Geld, mehr Sex. Abwechslung.“
die Königin des diesjährigen Theatertref- Mehr Schmerz, mehr Lust, mehr Verges- Als Kind, als sie im Mercedes ihres Va-
fens. Sie hat ihre einzigartige, stets leicht sen. Stillstand ist der Tod.“ ters mitfuhr, habe sie gnadenlos auf immer
heisere Stimme ins Lustig-Schrille kippen Den Stillstand verachtet auch die Schau- noch mehr Tempo gedrängt, „in der gro-
lassen; sie hat das Publikum zu Tränen spielerin Beglau. „Wir leben in einer zwangs- ßen Hoffnung, dass bei 240 die Tachonadel
gerührt, als sie über den Trümmern einer
kaputten Liebschaft verzagte; und sie hat
gezittert, gepoltert und getobt, dass die
„In unserer zwangsberuhigten Gesellschaft ist
Theaterwände wackelten. In zwei Auffüh- ein Chinaböller auf der Bühne eine prima Abwechslung.“
rungen spielte sie Hauptrollen, in Dimiter
Gotscheffs Version von Heiner Müllers beruhigten Gesellschaft“, behauptet sie. knickt. Mit zwölf hatte ich genau diese
„Zement“ und in Frank Castorfs „Reise „Ständig reden alle von Wellness und wol- Vision“. Typisch Punkrockjugend. Bibiana
ans Ende der Nacht“, der Bearbeitung des len an ihren Kräften sparen.“ Fast jeder Beglau ist aufgewachsen in Braunschweig,
Erste-Weltkrieg-Romans von Louis-Ferdi- strebe nach Entspannung. „Wozu denn? in einer Zeit, in der Punkrock in West-
nand Céline. Die Menschen in unserem Land sind so deutschlands Provinz für viele Menschen
Es waren schwere, schroffe Theateraben- schrecklich entspannt, dass sie mit vierzig in ihrem Alter die passabelste Antwort auf
de. Inmitten der viereinhalb Castorf-Stun- ein Burn-out haben! Da frage ich: Was die Langweiligkeit der Erwachsenenwelt
den, in denen – wie bei diesem Regisseur haben die denn eigentlich verbrannt?“ darstellte. Man trug Stiefel, schwarze Klei-
üblich – gelärmt und gelitten wurde, trat Überall werde davon geredet, bloß den der und die Haare kurz. Man redete nicht
FOTO: THOMAS DASHUBER / RESIDENZTHEATER

Beglau in maximaler Seelenruhe an die Ball flach zu halten, sich zu schonen, mal viel, aber laut und verwegen. Man trank
Rampe und belehrte das Publikum. Über lockerzulassen. „Und trotzdem erwischt Bier, tobte vor Konzertbühnen herum und
ein bisschen Verwirrung solle sich niemand uns das Burn-out! Wie wenig haben wir spuckte auf die Hässlichkeit einer zubeto-
wundern, in einem Riesenroman wie dem denn zu verbrennen, wo wir doch die nierten Welt.
von Céline gehe es nun mal wild zu, sagte ganze Zeit an uns gespart haben?“ Beglau, Tochter eines Bundesgrenz-
sie, „es gibt hier Brüche und Sprünge“. Beglau redet sich in Rage, während sie schützers, der an der Grenze zur DDR pa-
Großes Gelächter im Zuschauerraum. darüber spricht, dass auch viele Künstler- trouillierte, und einer Krankenschwester,
Die echte Überraschung der Szene be- menschen heute eine „Einbauküchenmen- beschloss, sich in Braunschweig an der
stand darin, dass Beglau, die Berserkerin, talität“ zur Schau stellten und das Risiko Schauspielschule zu bewerben. Sehr uncool.
132 DER SPIEGEL 23 / 2014
Fürs Rollenstudium schlich sie mit einem
Nachschlüssel ins Braunschweiger Theater.
„Das war eine totale Spacko-Idee damals“,
sagt sie, „keiner durfte es wissen.“
Schon während ihrer Ausbildung in
Hamburg staunten die Mitschüler und Leh-
rer über den Wahnwitz, mit dem sich Be-
glau auf der Bühne vor allem physisch ver-
ausgabte; ähnlich erging es später Kritikern
und Zuschauern, als Beglau bei Falk Rich-
ter und Einar Schleef, bei Christoph Schlin-
gensief und Christoph Marthaler spielte.
„Ich wollte immer wissen, was es mit die-
sem komischen Körper auf sich hat“, sagt
sie. „Ich wollte zu dem Punkt kommen,
an dem ich spüre: Der hält ja gar nicht!“
Bibiana Beglau hat in den vergangenen
Jahren einen Haufen Männerfiguren im
deutschen Theater gespielt. Den blinden
Seher Teiresias, den König Kreon, den Sol-
daten und Armenarzt Bardamu aus dem
Céline-Roman. Und jetzt den Mephisto.
„Die Geschlechtsgläubigkeit ist bei mir nicht
so hoch“, sagt die Schauspielerin. „Ich bin
ein Kind der Neunzigerjahre, in denen sich
in der Sexualität die Geschlechtergrenzen
auflösten. Man war zusammen mit denen,
die man gern hatte.“ Im Übrigen findet Be-
glau: „Es steht doch nirgendwo geschrieben,
dass das Wesen Mephisto ein Mann ist.“
Vom Theaterautor Goethe hält sie nicht
viel. „Ich finde es schrecklich, wie viel
wertvolle Zeit Kinder in der Schule mit ei-
nem Stoff wie dem ,Faust II‘ verschwenden
müssen. In der Schule sollte man echt was
anderes lesen. Am besten Roberto Bolaños
Roman ,2666‘.“
Ihr Lieblingssatz als Mephisto, der bei
ihr ein Teufel ist, „der sich alt und nicht
mehr gebraucht fühlt und einen interes-
santen Spielgefährten sucht“, ist ein Fluch.
Er lässt sich, leicht abgewandelt, als eine
Drohung gegen die Zuschauer formulieren:
Ihr sollt Erquickung euch umsonst erflehn!
Sie wolle „kein Stänkerjochen sein“, sagt
Beglau. „Aber was Kleist gelitten haben
muss neben so einem Großkotz wie Goethe,
der die so viel schlechteren Frauenfiguren
schrieb als er!“ Sie zuckt die Schultern.
„Als Schauspielerin ist man immer nur ein
Farbtupfer im Gemälde eines Regisseurs.
Man muss schauen, dass man das Gelb so
trifft, wie der Regisseur sich das vorstellt.
Vielleicht besteht mein Ehrgeiz darin, so
eine Art von Gelb hinzukriegen, dass der
Regisseur sagt: Für dieses Gelb mache ich
das ganze Gemälde ein bisschen anders.“
Im Münchner Residenztheater ist Bibia-
na Beglau mit diesem Wunsch schon ziem-
lich weit gekommen. Die „Faust“-Ankün-
digung des Hauses verspricht eine Reise
„zu den Endpunkten der Zivilisation, wo
die Luft nach Blut schmeckt und das Auge
friert“. Wolfgang Höbel

Münchner „Faust“-Akteure Beglau, Wölbern


Den Teufel im Leib

DER SPIEGEL 23 / 2014 133


Kultur

„Exquisit depressiv“
SPIEGEL-Gespräch Der Hamburger Psychoanalytiker Karl-Josef Pazzini über den
seelischen Zustand Europas und die Vorteile der Monarchie

Pazzini, 63, betreibt eine psychoanalytische cherheit, jedenfalls gilt das im ganz großen Pazzini: Durch einen Prozess, den wir Analy-
Praxis und ist Professor für Erziehungswissen- Rahmen. Bei den Einzelnen aber steigt tiker Übertragung nennen – ein elementares
schaft an der Hamburger Universität. erst mal die Verunsicherung. Denken menschliches Phänomen. Am besten kann
Sie an die Umbrüche im Osten Deutsch- ich Ihnen das am Beispiel der individuellen
SPIEGEL: Herr Professor, sind Sie zur Europa- lands nach der Wiedervereinigung: Da Entwicklung erklären: Wir alle kommen hilf-
wahl gegangen? mussten ganze Lebensentwürfe verab- los auf die Welt und könnten auf uns allein
Pazzini: Ja. Ich bin ein Pflichtmensch. schiedet werden. Und so etwas schafft gestellt nur ein paar Stunden überleben.
SPIEGEL: Die Pflicht – das klingt trübe. immer Leid. Von Anfang an ist also der Mensch darauf
Warum entsteht aus Jubelbegriffen wie SPIEGEL: Reduzieren wir also unsere An- angewiesen, andere für sich zu interessieren,
Freiheit, Recht, Sicherheit und Unversehrt- sprüche, sprechen wir von Wertschätzung. sie dazu zu bringen, sich um ihn zu küm-
heit, die ja mit Europa verbunden sind, so Die Beteiligung an der Wahl in der vor- mern. Er lernt, die Frage denkend, handelnd,
wenig Begeisterung? vergangenen Woche war europaweit so ge- fühlend zu beantworten: Was will der an-
Pazzini: Für Menschen, die hier seit Jahr- ring wie noch nie, zugleich wurden noch dere, wie soll ich sein? Das alles spielt sich
zehnten leben, ist das alles selbstverständ- nie so viele EU-Gegner ins Europäische nicht kognitiv-bewusst ab, sondern es pas-
lich. Man kann ja nicht unausgesetzt be- Parlament gewählt. Wie kommt es, dass siert. Und in diesen Übertragungsprozessen
geistert sein. etliche Europäer keine positive Bindung zwischen Kind und Eltern, Familie, Schule
SPIEGEL: Für die Bewohner mancher Län- an den Staatenbund haben? und so weiter fließen Energien hin und her,
der, die neu sind in der EU, sind die er- Pazzini: Bei diesen Wahlen haben wir mit beide Seiten bewegen sich unentwegt.
wähnten Werte aber nicht unbedingt ungeheuren Abstraktionen zu tun: Ich ent- SPIEGEL: Wenn solche Prozesse generell Be-
selbstverständlich. Und die sind ebenfalls scheide mich für jemanden, den ich kaum ziehungen bestimmen, dann doch auch die
nicht begeistert. Im Gegenteil. kenne. Die Europapolitiker sind zu weit zwischen Wählern und Kandidaten.  
Pazzini: Juristisch oder politisch gibt es weg, als dass Bindung entstehen könnte. Pazzini: Das könnte im besten Fall so sein.
möglicherweise ein größeres Maß an Si- SPIEGEL: Wie entsteht Bindung? Aber ich fürchte, es funktioniert nur, wenn

Analytiker Pazzini auf einer Couch im Hamburger SPIEGEL-Haus: „Differenzierte soziale Gebilde brauchen flexible Bürger“

134 DER SPIEGEL 23 / 2014


die Wähler tatsächlich Nähe empfinden zu
demjenigen, den sie wählen sollen. Der
Heranwachsende lernt zwar durchaus, die
Übertragung sozusagen auf längere Stre-
cke zu bringen, doch die Distanzen lassen
sich nicht unendlich verlängern.
SPIEGEL: Und wenn wir nicht von Bezie-
hungen zu Politikern sprechen, sondern
von innerer Bindung an einen Kontinent,
an eine historische Konstruktion mit Na-
men Europa?
Pazzini: Auch da haben wir das Problem
der Abstraktion: Europa ist eine politische
Einheit, für die ich keine sinnliche Vorstel-
lung habe. Vor 150 Jahren lag das, worüber
die Menschen entscheiden mussten, meist
in ihrer Nähe. Oder die Kirche, die eben
buchstäblich noch im Dorf war, nahm den
Menschen die Entscheidungen ab. Inzwi-
schen leben wir in ungeheuer komplizierten
Verhältnissen, und dazu braucht es ent-
sprechende Denk- und Wahrnehmungs-
modelle. Die aber haben sich nicht auto-
matisch mitentwickelt.
SPIEGEL: Deshalb entsteht politische Apathie
beziehungsweise Abwehr?
Pazzini: Jedenfalls müssen wir akzeptieren,
dass es offenbar nicht damit getan ist, dass
die Leute eine Stimme haben. Die Verhält-
nisse müssen auch so organisiert sein, dass
es da eine Rückbindung an das gibt, was
für uns sinnlich erfahrbar ist. Schon unsere
Staaten sind ja zum Beispiel kaum mehr
anschaulich begrenzt. Eine Landschaft,
eine Region wird durch einen Fluss geteilt,
ein Wechsel der Landessprache oder des
Dialekts macht mir unmittelbar klar, dass
da etwas anderes beginnt. Auch die Reli-
gionszugehörigkeit ist lange Zeit ein fass- Europäische Populisten im Wahlkampf*
bares Merkmal von Grenze gewesen. Viele „Identifikation ist die intensivste und schnellste Form von Bindung – und die gefährlichste“
unserer nationalstaatlichen Grenzen aber
sind Folgen politischer Fiktionen. SPIEGEL: Für Populisten allerdings konnten Identifikation nach oben, zu einem Führer,
SPIEGEL: Die Vergangenheit Europas ist von sich erstaunlich viele Franzosen, Dänen, brechen oft die horizontalen Identifikatio-
FOTOS: HENNING BODE / DER SPIEGEL (L.); JEFF J MITCHELL / GETTY IMAGES (R.O.); GILLES ROLLE / REA / LAIF (R.U.)

Nationalstaaten und deren historischen Österreicher oder Ungarn begeistern. Be- nen weg, oder sie verlieren an Stärke. Ich
Symbolen geprägt. Alle kennen den Eiffel- geisterung herrscht auch jenseits der Gren- kann die um mich herum dann nur noch
turm, aber der steht eben in Paris, und die zen der EU für einen populistischen Herr- als Gleiche wahrnehmen: als Volksgenos-
kleine Meerjungfrau gehört den Dänen. scher: Die Bewohner der Russischen Föde- sen zum Beispiel, als Arier, als Führertreue.
Wie könnte Europa als Gemeinschaft sinn- ration sind zurzeit ganz hingerissen von Mit all jenen, die anders aussehen, sich an-
lich fassbar werden? Müsste Brüssel den ihrem Präsidenten Wladimir Putin. Wie ders bewegen, eine andere Herkunft haben
Europäern neue Symbole verordnen? kommt das? oder zum Beispiel mit einem gelben Stern
Pazzini: Zunächst müsste es wohl so etwas Pazzini: Die populistische Politik beruht auf als anders gekennzeichnet werden, kann
geben wie eine erfahrbare europäische Identifikation. Das ist eine zugespitzte und ich keine Beziehungen mehr unterhalten.
Regierung. Bislang ist vieles ja schwer eine vertikale Form von Bindung: Dieser Diese Trennungen im Horizontalen sind
durchschaubar. Es gibt eine europäische Mensch tritt mit markanten Eigenschaften politisch gewollt, damit die vertikale Iden-
Außenbeauftragte, aber wenn es ernst auf – Stärke beispielsweise, Durchsetzungs- tifikation aufrechterhalten bleibt. Diese
wird im Konflikt mit der Ukraine, dann kraft, Treue zur Tradition. Er ist so, wie vertikale Identifikation ist natürlich unge-
reisen doch die Außenminister von ich selbst gern wäre, und so ist er auch ei- heuer erleichternd, weil sie mir das Zwei-
Deutschland, von Polen und Frankreich ner, von dem ich mich vertreten lassen feln, das Nachdenken und die Entschei-
an. Das heißt aber, die nationalen Re- kann. Identifikation ist die kürzeste, die dungen abnimmt. Und die Schuld.
gierungen müssten Macht abgeben, es intensivste und die schnellste Form von SPIEGEL: Welche Schuld?
braucht ein europäisches Parlament mit Bindung – und die gefährlichste. Pazzini: Jene Schuld, die immer bei Ent-
starken Befugnissen. Im Moment herr- SPIEGEL: Inwiefern ist sie gefährlich? scheidungen entsteht. Ich kann die Konse-
schen eher Entscheidungslosigkeit oder Pazzini: Nun, diese Erfahrung haben wir in quenzen einer Entscheidung ja niemals
Zögerlichkeit, und das hat psychisch in Deutschland ja zur Gänze gemacht, zwölf
der Regel Depression zur Folge. Die euro- Jahre lang. Die emotionale Intensität der * Oben: Wahlplakat des britischen Politikers Nigel Farage,
Vorsitzender der United Kingdom Independence Party;
päische Atmosphäre würde ich als exquisit Identifikation ist gefährlich, aber auch ihre unten: Auftritt der französischen Politikerin Marine Le
depressiv bezeichnen. vertikale Ausrichtung. Denn zugunsten der Pen, Vorsitzende des rechten Front national.

DER SPIEGEL 23 / 2014 135


SPIEGEL: Wenn die Klientin Europa mit die-
sen Klagen – mich mag keiner, obwohl ich
mir Mühe gebe – auf Ihrer Couch läge, wie
würden Sie mit ihr arbeiten?
Pazzini: Wenn eine Klientin zu mir in die
Analyse kommt und immer wieder be-
richtet, dass sie keiner mag, schließe ich
daraus, dass sie sich davor schützen will,
zu sehr gemocht zu werden.
SPIEGEL: Was ist daran gefährlich?
Pazzini: Wenn man gemocht wird, dann ist
man beeinflussbar, dann lösen sich Gren-
zen auf, und man bemerkt die Abhängig-
keit vom anderen. Die Analysandin hat
aber Gründe, diese Gefühle zu vermeiden,
und diese Gründe gilt es in der Lebens-
geschichte zu ermitteln. Wenn jemand sich
nicht abhängig machen will, kann es daran
Queen Elizabeth bei Ordensverleihung 2012 in London: „Eine Mama, zu der man aufsehen kann“ liegen, dass er sich als Kind von seinen
Eltern ausgebeutet gefühlt hat; manche
voll übersehen, ich bleibe immer etwas Bedürfnisse, horizontale und vertikale Eltern nutzen ihre Kinder ja wie Prothesen
schuldig. Und Schuld macht Angst. Identifikation – und zwar gleichzeitig. Das für ihre Defizite. Aus der Erfahrung, dass
SPIEGEL: Wohin damit also? ist es, woran es Europa fehlt. Bindung schädlich sein kann, entsteht
Pazzini: Früher haben die Religionen es SPIEGEL: Wenn das Leben in einer Demo- Angst vor Bindung. Eine Sehnsucht nach
übernommen, die Gläubigen von ihrer kratie den Menschen abverlangt, ein Leben Bindung bleibt natürlich, aber wenn man
Schuld zu entlasten. Da die Religionen zwischen Ja und Nein, zwischen richtig und in die Nähe dieser Sehnsucht gerät, wenn
heute keine so große Rolle mehr spielen, falsch zu führen: Wie lässt sich das lernen? Nähe also möglich wäre, dann wird auch
die Leute aber natürlich genauso wie frü- Pazzini: Zum Beispiel durch die Wahrneh- die alte Verletzung, die alte Angst wieder
her vor großen Entscheidungen stehen, mung von Kunst. Wenn Sie eine zeitge- virulent. Und so kommt dann tendenziell
denken sie sich Methoden aus, mit denen nössische Ausstellung besuchen, dann ma- jeder lebendige Austausch zum Erliegen.
sie den Entscheidungsspielraum künstlich chen Sie die Erfahrung, dass Sie manches SPIEGEL: Europa aber ist ein verletzter Kon-
kleiner wirken lassen. In Institutionen, in verstehen, vieles nicht. Das eine interes- tinent, Europa war der Schauplatz zweier
Krankenhäusern und Universitäten zum siert Sie, das andere nicht, aber niemand Weltkriege und der Jugoslawien-Kriege.
Beispiel, einigt man sich auf Zahlenspiele, zwingt Sie, sich zu entscheiden. Diese Art Wie kann so etwas überhaupt heilen?
auf Quantifizierungen, auf Leistungskoeffi- von Aufmerksamkeit hilft, Widersprüche Pazzini: Der französische Präsident François
zienten. Da bekommt die Mathematik eine wahrzunehmen, ohne sie tilgen zu müssen. Mitterrand und der deutsche Kanzler Hel-
Funktion, wie sie früher die theologische Sie hilft auch, Spannungen zu bewältigen, mut Kohl standen 1984 Hand in Hand bei
Dogmatik hatte. Und wenn nun ein Popu- die in komplexen Situationen nun einmal Verdun auf einem Soldatenfriedhof. Sie
list oder ein Despot diese Schuldgefühle, entstehen. Und differenzierte soziale Ge- gedachten dort der fürchterlichen Konfron-
die durch Entscheidungen entstehen, auf bilde wie Europa – oder auch die Bundes- tationen zweier Weltkriege. Sie berührten
sich nimmt, wenn er außerdem Unzufrie- republik – brauchen Bürger, die zu dieser eine tiefe Narbe, hörten mit der Vermei-
denheit sammelt und auf andere lenkt, Art von innerer Flexibilität bereit sind. Sie dung auf, und so entstand Bindung.
dann ist das eine enorme Entlastung. brauchen Individuen, die nicht durchgän- SPIEGEL: Vergangenheitsbewältigung hilft?
SPIEGEL: Mit der Demokratie hat die senk- gig auf Ja-Nein-Muster angewiesen sind. Pazzini: Für eine gute psychische Entwick-
rechte Identifikation wenig zu tun? SPIEGEL: Man könnte das Bildung nennen. lung braucht es nicht nur die Vergegen-
Pazzini: Die Demokratie lebt vom diskursi- Pazzini: Ich kenne ja als Erziehungswissen- wärtigung der Vergangenheit, sondern
ven Austausch, vom Streit in der Horizon- schaftler die deutschen Bildungspläne, und auch die Erkenntnis, dass mit jeder Ver-
talen und von den Mittelwerten zwischen die gehen genau in die entgegengesetzte änderung – und Entwicklung bedeutet
Ja und Nein. Da entstehen Spannungen. Richtung. Gespart wird am Musikunter- Veränderung – Trennungen einhergehen. FOTOS: PHOTOSHOT / PICTURE ALLIANCE / DPA (O.); HENNING BODE / DER SPIEGEL (U.)
SPIEGEL: Die Demokratie ist also gefährdet, richt, an der Kunst, dem Theaterspiel. Also Trennung heißt: Gewohntes aufgeben. Die
weil sie den Menschen zu viel abverlangt? überall dort, wo Schüler lernen können, Deutschen haben im Jahr 1999 Bonn als
Pazzini: Es gibt jedenfalls Demokratiefor- ihre Wahrnehmung zu schulen und mit Hauptstadt aufgegeben, nun verlangt man
men, die dem Menschen gemäßer sind als Ambivalenzen umzugehen. von ihnen, dass Berlin Macht an Brüssel
die unsere. Die europäischen Königshäuser abgibt. Das sind enorme Veränderungen,
zum Beispiel schaffen Identifikation, vor enorme Bewegungen in kurzer Zeit.
allem die Engländer sind da zu beneiden: Solche Abschiede, solche Bewegungen
die älteste moderne Demokratie, in der in eine neue Richtung sind mit Trauer
die horizontale Identifikation gepflegt verbunden.
wird, daneben aber das vertikale Modell, SPIEGEL: Also ist das Verharren, die Weige-
Mama und Papa, zu denen man aufsehen rung, sich zu Europa hinzubewegen, auch
kann. Natürlich wird das von den meisten eine Art Trauervermeidung?
mit Ironie betrachtet, aber es stiftet eben Pazzini: Ja. Aber man muss sich klarma-
auch Gemeinsamkeit. Parlament und Kö- chen, dass ein Abschied eben auch Energie
nigshaus bedienen moderne und archa- freisetzt und Platz schafft für etwas Neues.
ische Muster, erwachsene und kindliche Trauer kann lustig machen.
Pazzini, SPIEGEL-Redakteurinnen* SPIEGEL: Herr Professor, wir danken Ihnen
* Elke Schmitter und Susanne Beyer in Hamburg. „Europäer müssen mit Ambivalenzen leben“ für dieses Gespräch.
136 DER SPIEGEL 23 / 2014
Kultur

linale im Februar wurde der Film mit einem Silbernen Bären


ausgezeichnet.
Sechs Jahre alt ist Mason zu Beginn von „Boyhood“, er liegt
auf einer Wiese und beobachtet die Wolken. Möglicherweise
denkt er gerade an seinen Vater, den er kaum kennt. Masons El-
tern sind geschieden, der Vater arbeitet in Alaska; der Junge lebt
Bist du groß geworden! mit seiner Mutter (Patricia Arquette) und seiner älteren Schwester
Samantha (Lorelei Linklater, eine Tochter des Regisseurs) in Texas.
Filmkritik „Boyhood“ ist die faszinierende Das Geld ist knapp, die Mutter will noch einmal neu anfangen
und studieren. Ein Umzug in die Großstadt steht an, nach Houston,
Chronik einer Kindheit. Die die Kinder müssen natürlich mit, ob sie wollen oder nicht.
Dreharbeiten zogen sich über zwölf Jahre hin. Kinder sind konservativ, sie hassen Veränderungen. Eine
neue Stadt, neue Schule, neue Freunde, das ist für viele Kinder
keine Verheißung, sondern zunächst

I
n vielen Wohnungen, in denen eine Horrorvorstellung. Regisseur
Kinder leben, gibt es irgendwo ei- Linklater findet dafür wunderbare
nen Türrahmen, der übersät ist mit Szenen. Im alten Haus werden die
Markierungen, Querstrichen in unre- Spuren der Vergangenheit getilgt,
gelmäßigen Abständen, gezeichnet Mason und seine Schwester helfen
mit Bleistift oder Kuli. In der Regel bei den Malerarbeiten; kurz sieht
steht neben jeder dieser Markierun- man einen mit Markierungen be-
gen ein Datum, als Erinnerung an je- deckten Türrahmen. Einer seiner
nen Moment, in dem das Kind für ein ne