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Hausmitteilung

25. September 2013 Betr.: Bundestagswahl

S o langweilig das Rennen, so spannend das Finale. Die Wahl zum 18. Deutschen
Bundestag zeichnete sich am Ende durch Überraschungen und Rekorde aus:
Die FDP fiel auf ein historisches Tief – und aus dem Bundestag –, die Union erhielt
so viele Stimmen wie seit 1990 nicht mehr. Die Euro-Gegner von der AfD, erst im
Frühjahr gegründet, beeinflussten den Urnengang stärker als je eine junge Partei
zuvor, und die Piraten erlitten Schiffbruch trotz einer öffentlichen Konjunktur
ihrer Themen. Nie zuvor entfielen zudem so viele Stimmen (15,7 Prozent) auf
Gruppierungen, die den Sprung in den Bundestag schließlich nicht schafften.

F
ür diese Ausgabe des SPIEGEL, die im Zeichen der Bundestagswahl 2013
steht, waren rund 50 SPIEGEL-Journalisten unterwegs, um Sieger und Verlierer
zu treffen und um zu ergründen, wie und von wem die Republik denn nun in
den kommenden vier Jahren regiert werden soll. Richtig glückliche Gesichter
gab es am Sonntagabend vor allem
in der CDU-Zentrale, wo jubelnde Ju-
gendliche in orangefarbenen T-Shirts
„Angie“-Sprechchöre anstimmten und
Deutschlandfähnchen schwenkten, als
die alte und neue Kanzlerin die Bühne
betrat. Im Willy-Brandt-Haus hingegen,
wo die SPIEGEL-Redakteure Horand
Knaup, Barbara Schmid und Gordon
Repinski den Sozialdemokraten beim
Verlieren zuschauten, saß der Frust tief.
STEFFI LOOS

In Peer Steinbrücks Büro sah man


Tränen fließen, und auf den Fluren
Adam, Amann machte unter den Gegnern einer Gro-
ßen Koalition bereits das Wort von der
„Schwarzen Witwe“ Merkel die Runde, die ihre politischen Partner umzubringen
pflege – 2009 die SPD, 2013 die FDP. Melanie Amann wiederum erlebte auf der
Wahlparty der AfD, wie die Stimmung innerhalb einer Stunde von Euphorie zu
bitterer Enttäuschung kippte. Nur 0,3 Prozent trennten die Anti-Euro-Partei vom
Einzug in den Bundestag. „Einen halben Meter vor der Ziellinie zu stürzen“, sagte
Bundesvorstand Konrad Adam zur SPIEGEL-Redakteurin, „das ist viel schmerz-
hafter, als 50 Meter davor zu scheitern“ (Seiten 16, 32).

V ier weitere Jahre Merkelismus also:


Einer, der sich darob überraschen-
NICOLE MASKUS-TRIPPEL / DER SPIEGEL

derweise unglücklich zeigt, ist der kon-


servative Pädagoge Bernhard Bueb,
langjähriger Leiter des Internats Schloss
Salem und gern als „strengster Lehrer
Deutschlands“ bezeichnet. Im Ge-
spräch mit den SPIEGEL-Redakteuren
Katja Thimm und Alfred Weinzierl
spricht Bueb weiten Teilen der Politik Bueb, Thimm, Weinzierl
Merkels jene Tugenden ab, die Thema
seines neuen Buches sind: Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit. Merkel sei eine Meisterin
des Uneindeutigen und des Ungefähren, und auch dies sei eine Form der Lüge.
Thimm fiel beim Gespräch auf, „wie schwer es Bueb fiel, sich von seinem positiven,
alten Merkel-Bild zu verabschieden“ (Seite 52).

Im Internet: www.spiegel.de           2 0 1 3 5
Briefe

setzte sie dadurch in Panik. Die Groß-


wildjagd blieb freilich sein liebstes Metier:
„Ob der SPIEGEL wohl ein Titelbild für Walser zum Beispiel mochte er nicht. Die
„Blechtrommel“ suchte er zu versenken,
den großen Marcel Reich-Ranicki was ihm zum Glück nicht gelang.
G
 K, S (B
Y)
hergeben würde, noch dazu am Wahl-
wochenende? Das fragte ich mich schon Marcel Reich-Ranicki ist tot. Nun gilt auf
der Axolotl Road keine Geschwindig-
bei Loriots Tod. Und siehe da: Ich keitsbegrenzung mehr, und die deutsche
wurde wieder nicht enttäuscht. Danke!“ Literatur darf mit Karacho in die Feucht-
gebiete fahren.
H
 -E  S , H

FX E , R
 (S.-H .)
SPIEGEL-Titel 39/2013 Wie ist Reich-Ranickis Erfolg zu erklären?
Trotz seiner gewaltigen Wissenslücken,
vor allem was die ausländische Literatur
Nr. 39/2013, Marcel Reich-Ranicki – „Ich bin durch die Hölle gegangen, habe betrifft, übernahmen viele Leser sein Ur-
1920 – 2013 aber niemals meinen Himmel verlo- teil. Die Erklärung ist so schlicht wie seine
ren!“ – das hätten Reich-Ranickis letzte Kritiken: Er war der Hohepriester des
Unser zweiter Papst Worte sein können.
D. P
 F, N (B
.-W.)
Mittelmaßes. Was außerhalb des Main-
streams lag, nahm er nicht einmal wahr.
Der Nachruf Volker Hages auf Marcel Schön brav schreiben sollten die Autoren,
Reich-Ranicki gehört zum Anrührends- Als junger Mann war ich begeistert von am besten so wie Dickens, nicht zu kom-
ten, was ich in letzter Zeit gelesen habe. Marcel Reich-Ranicki: Schriftsteller, die pliziert und bloß keine Experimente.
Ob er zu uns gehört? Na klar doch: zur hohe intellektuelle Ansprüche für sich M
 S, S (S.-H .)
humanen Internationale der Künstler. und ihr Werk geltend machten, müssen
D. A TÖ, S
 
 (H ) sich genau an diesen Maßstäben messen Marcel Reich-Ranicki war ein großer
Deutscher. Natürlich ist dies nicht alles,
Wie gern hätte Marcel Reich-Ranicki in was er war, aber es sollte gesagt werden.
die Glaskugel geschaut, um zu sehen, was T
T , B
dieses Blatt, das er wie kein zweites geliebt
hat, zum Anlass seines Todes machen wür-
de. Dieser wundervolle SPIEGEL-Titel Nr. 38/2013, Interne Dokumente belegen
wäre wohl sein stärkstes Erlebnis als Defizite von Bundeswehr-Waffen
Homo legens gewesen. Die größte Tragö-
die beim Heimgang eines Menschen ist ja,
dass er die vielen guten Worte als Einziger
Polit-Krimi erster Güte
OLIVER MARK / AGENTUR FOCUS

leider nicht mehr hören kann. Ich frage mich, wo der Aufschrei bleibt.
E  K, H
 Herr de Maizière redet sich in der Droh-
nenaffäre damit heraus, dass er nicht aus-
Ein wahrhaft sprechendes Titelbild! So reichend informiert worden sei; jetzt will
wie sich Marcel Reich-Ranicki einst in ein, natürlich querulanter, Mitarbeiter ihn
der Literatur verkörperte, wird er in Zu- mit nicht nachlassender Energie darauf
kunft in der Literatur auch weiterleben. Kritiker Reich-Ranicki 2011 hinweisen, dass eine der grundlegendsten
R FÖ , E  (B
Y) Waffen unserer Soldaten eher nach dem
lassen; das führte er mir eindrucksvoll vor Zufallsprinzip funktioniert – und Herr de
Ich trauere um einen Aufrechten und Un- Augen. Später war ich von ihm nur noch Maizière antwortet, er könne sich nicht
beugsamen, einen der Idee und der enttäuscht: Ein Mann, der sich über jeden um jede Waffe kümmern? Dieser Hohn
Wahrheit Verbundenen. Wo gewaltige Autor erhebt, war nicht mehr glaubwür- ist einfach nur abscheulich zu nennen.
Bäume standen, wächst nach ihrem Fal- dig. Noch viel enttäuschter bin ich bis heu- AX
 
T, R 
len so bald nichts Ähnliches nach. Marcel te davon, dass eine ganze Kulturszene und
Reich-Ranicki hinterlässt eine große Lich- die Medienwelt, auch der SPIEGEL, es Die Überschrift des Artikels ist noch
tung im dichten Wald der Literaten. Er kritiklos hingenommen haben, dass hier harmlos. Wenn man aber den gesamten
fehlt Deutschlands kritischen Lesern. Ich ein Mensch wie Gott über jedes Buch Bericht gelesen hat, wird einem bewusst,
danke ihm für sein Lebenswerk. geurteilt hat und links und rechts seiner dass es sich hier um ein riesiges Unding,
R
 G , DÖ (S
 ) Meinung nichts mehr gelten ließ. einen Polit-Krimi erster Güte handelt,
D. M
 S
, B
 wie man ihn sich nicht einmal von einem
Marcel Reich-Ranicki war ein absoluter der korruptesten Dritte-Welt-Staaten vor-
Glücksfall für das intellektuelle Deutsch- Nun haben wir auch unseren zweiten stellen kann. Hier gewinnt man den Ein-
land. Dieser unbestechliche Kritiker mit Papst verloren: Reich-Ranicki. Wer sagt druck, dass unsere führenden Politiker
seiner tiefen Liebe zur deutschen Litera- uns jetzt, was geglückt ist, was ver- und zuständigen Staatsbeamten billigend
tur ist das vollendete Beispiel einer ge- korkst? Weihrauch entquillt allen Gazet- das Ableben unserer Soldaten in Kauf
lungenen Versöhnung. Grausam, was ihm ten und TV-Kanälen. Wer gedenkt da noch nehmen, damit der skrupellose Waffen-
in deutschem Namen angetan wurde – jener talentierten Pflänzchen, die Reich- hersteller nicht seinen Ruf verliert und
unaussprechliches Leid musste er ertra- Ranicki kalt unter die Erde getreten oder weiterhin seine Profite scheffeln kann –
gen. Und doch triumphierte letztlich der denen er durch Lob zur Scheinblüte ver- auf Kosten des Lebens der mit diesen Ge-
Geist, die Liebe zur Literatur eines Goe- holfen hat? Von seinen Favoriten forderte wehrattrappen ausgerüsteten Soldaten!
the, eines Schiller, eines Thomas Mann. und erwartete er Meisterliches – und ver- W I
, I  (H )

10         2 0 1 3
Nr. 38/2013, Der seltsame Diese argumentieren meist: „Das wird Nr. 38/2013, Die Gynäkologin Julia Bartley
Ironie-Wahlkampf des Peer Steinbrück man doch noch sagen dürfen, ohne gleich über die unsinnige Rezeptpflicht für die
als Rassist zu gelten.“ Wenn man sich „Pille danach“
Lieber als Mutti dann als Deutscher in sozialen Netzwer-

Ich bin kein SPD-Anhänger. Aber das


ken gegen die Ausländerfeindlichkeiten
seiner Mitbürger wehrt, wird man oft
Jeder Arzt darf verordnen!
Porträt, das Dirk Kurbjuweit vom Kanz- selbst noch beschimpft. Bevor eine Freigabe der hormonhaltigen
lerkandidaten der SPD zeichnet, hat mich M

O, B
Z   (H ) „Pille danach“ in Deutschland gefordert
doch gewaltig geärgert. Es ist an Ein- wird, sollten die Bedürfnisse der betrof-
seitigkeit, Bosheit und Oberflächlichkeit Ist man denn wirklich bereits rassistisch, fenen Frauen erfasst werden – und nicht
kaum zu überbieten. wenn man einen muslimischen Mitbürger nur die von Interessengruppen.
W R
, M  (B
Y) fragt, ob er Schweinefleisch konsumiert? P. D.  . K
 J. B,
HANNIBAL HANSCHKE / PICTURE ALLIANCE / DPA
Ich, aus Bayern stammend, bekomme im L  H    

Ausland laufend die Frage gestellt, ob wir U   H
-E 
wirklich Lederhosen und Dirndl tragen.
Dadurch fühle ich mich nicht diskrimi- Die Mitglieder des Berufsverbands der
niert. Wenn man keine Fragen dieser Art Frauenärzte haben schwerwiegende
mehr stellen darf, wie soll man in Zukunft Gründe, warum sie die Freigabe dieser
andere Kulturen verstehen lernen? „Pille danach“ mit Levonorgestrel nicht
B
M , R 

Lob an den SPIEGEL, dass diese Ressenti-


ments öffentlich gemacht werden.
Kanzlerkandidat Steinbrück in Hamburg H
 A
, M (B
.-W.)

DJAMILA GROSSMAN / DER SPIEGEL


Kurbjuweit zeigt mit keiner Zeile seines Diskriminierung – offene wie auch ver-
überlangen Artikels, dass Peer Steinbrück deckte – habe ich immer nur als Frau, nie
als Kanzler ungeeignet ist. Er zeigt nur, aber als Deutsche mit sogenanntem Mi-
wie gefährlich es für Politiker ist, einen grationshintergrund erlebt. Das begann in
bekannten Journalisten zu verärgern. der Schule, als mein Mathematiklehrer
M
 K , D   sagte, „Mädchen können halt kein Mathe“,
und ging im Beruf weiter, wo männliche Ärztin Bartley
Ich habe Ihre sachlich-kritische Bericht- Kollegen an mir vorbeibefördert wurden.
erstattung immer zu schätzen gewusst A
C, M befürworten: Das neue europaweit ver-
und tue das auch heute noch. Allerdings schreibungspflichtige Ulipristalacetat mit
kann ich mich nicht des Eindrucks erweh- Ihr Beitrag hätte eine schöne Gelegenheit seiner höheren Sicherheit senkt das ver-
ren, dass auch Ihre Kritik zunehmend auf sein können, sich gegenüber Flüchtlingen, bleibende Schwangerschaftsrisiko auf die
die Persönlichkeiten unserer Politiker und Aussiedlern, Asylanten zu entschuldigen. Hälfte! Die Freigabe von Levonorgestrel
weniger auf die von ihnen vertretenen Schließlich war es der SPIEGEL, der 1991 würde mehr Schwangerschaftsabbrüche
Positionen zielt. Der notwendige Respekt die Ängste vor „den Fremden“ schürte, mit sich bringen. In England und Frank-
gegenüber unseren Volksvertretern bleibt indem er mit einem übervollen Boot in reich ist deren Zahl doppelt so hoch, weil
leider viel zu oft auf der Strecke. die betroffenen Frauen ohne Beratung
T
 H
, G
 (B
Y) gar nicht wissen, ob und wie sie die Pille
einnehmen sollen. In Deutschland sind
Mir ist ein Mann, der Emotionen zeigt, die Abtreibungen bei Minderjährigen da-
lieber als Mutti, die so schön alle einlullt, gegen um 45 Prozent zurückgegangen.
BERNHARD RIEDMANN / DER SPIEGEL

aber noch nicht einmal weiß, dass Renten 13 Prozent der deutschen Mädchen berich-
schon lange besteuert werden. ten von sexuellen Kontakten gegen ihren
K
 G, D   Willen. Auch sie profitieren von der ärzt-
lichen Präsenz rund um die Uhr.
Ich bin seit fast vierzig Jahren SPD-Mit- D.  . C 
 A, M
glied und glaube, dass Ihr Artikel den P . . B 
 . F
 . V.
Kern nicht trifft. Der Mann ist noch
schlimmer. Platte Witze, weit unter Schüler Lewis Otoo Wenn sich durch den Wegfall der Rezept-
Stammtischniveau, und keinerlei Vorstel- pflicht der „Pille danach“ offensichtlich
lung für die Lösung der Probleme. Möge Deutschlandfarben titelte, Deutschland keine Probleme ergeben, sollte die Frei-
uns so ein Kanzler erspart bleiben. scheine wegen des „Ansturms der Ar- gabe erfolgen. Bis es so weit ist, sind die
H
 -H DÖ , R men“ dem Untergang geweiht. Betroffenen aber nicht auf die gynäkolo-
E
 H
, B gischen Praxen oder die Notfallambulan-
zen angewiesen. Jeder Arzt, auch der
Nr. 38/2013, Menschen mit aus- Ich lebe seit über acht Jahren als Auslän- Hausarzt, darf das Präparat verordnen!
ländischen Wurzeln schildern ihren der – Deutscher – in London und bin hier, D.  . M
 W , W  (NRW)
deutschen Alltag wenn überhaupt, nur positiven Vorur-
Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit
teilen begegnet. In Deutschland dagegen Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek-
Mit Lederhosen und Dirndl kann man geboren sein, einen deutschen
Pass haben, doch wenn man nicht aus-
tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:
leserbriefe@spiegel.de
Dass so etwas in der heutigen Zeit noch sieht wie ein Deutscher, wird man nie ein
In einer Teilauflage dieser SPIEGEL-Ausgabe befindet
passiert, ist sehr bedauerlich. Man kann Deutscher sein. sich im Mittelbund ein zwölfseitiger Beihefter der Firma
sich für seine Mitmenschen nur schämen. D
 B
, L  Peek & Cloppenburg (P&C).

        2 0 1 3 11
WA H L E R G E B N I S Direktmandate

Volkes Stimme
von der CDU/CSU erobert
von der CDU/CSU behauptet
von der SPD erobert
von der SPD behauptet
Deutschland hat lange keinen derart
spektakulären Wahlausgang erlebt: Die von der Linken
behauptet
CDU/CSU erhielt Stimmen wie zuletzt
von den Grünen HH
vor 19 Jahren und steht nahe der abso-
behauptet
luten Mehrheit im Parlament, die SPD
dümpelt mit dem zweitschlechtesten
Ergebnis ihrer Nachkriegsgeschichte im
Kümmerlichen, die Grünen sind ent-
zaubert und die Liberalen erstmals B
nicht im Bundestag vertreten – und
beinahe hätte eine Euro-kritische Partei
aus dem Stand den Sprung über die
Fünfprozenthürde geschafft. Fehlt noch
die Linke: Einst aus der SED hervor-
gegangen, stellt sie nunmehr die Rhein-
drittstärkste Kraft im frei gewählten Ruhr-
gesamtdeutschen Parlament – fast Gebiet
zweieinhalb Jahrzehnte nach dem
Mauerfall. Und nun? Jetzt haben Wahl-
forscher und Analysten das Wort und
natürlich jene Parteistrategen, die aus
dem unübersichtlichen Wählerauftrag Der Vergleich mit 2009 basiert
auf Ergebnissen, die nachträglich
eine Koalitionsregierung formen wol- auf die Wahlkreiseinteilung 2013
len. Das war schon mal einfacher. umgerechnet wurden.
Quelle: Bundeswahlleiter/
Statistisches Bundesamt;
vorläuges amtliches
Ergebnis
Rhein- Berlin
Ruhr-
Gebiet

Hamburg München M

Wählerwanderungen in tausend; Saldo der Wählerwanderung zu bzw. von ...


... CDU/CSU ... SPD ... FDP . . . Bündnis 90/Die Grünen . . . Die Linke . . . AfD . . . Nichtwählern Quelle: Infratest dimap für die ARD-Wahlanalyse

Verluste Gewinne Verluste Gewinne Verluste Gewinne Verluste Gewinne Verluste Gewinne

210 – 210 – 420 – 120 – 2110 290

2110 530 –550 – 370 – 530 180

420 550 170 90 – 170 430


Gesamtsaldo: Gesamtsaldo: Gesamtsaldo: Gesamtsaldo: Gesamtsaldo: Gesamtsaldo:
120 370 40 – 40 – 90 90
+ 3490 + 1270 –940 –1410 – 4230 +2060
–290 –180 – 90 – 340 – 430 340

1130 360 – 40 – 320 – 460 210

12           2 0 1 3
Bundestagswahl

,5 Wahlergebnis ABGEORDNETE


Vorläuges amtliches Ergebnis der
davon
CSU
,
Wahl zum 18. Deutschen Bundestag
Angaben in Prozent
630 Sitze
Nach der Wahl werden 28 Abgeordnete mehr ins Parlament ein-
 CDU/CSU ziehen, als das nach altem Wahlrecht der Fall gewesen wäre. Ein
5, Grund: Erstmals gibt es nun Ausgleichssitze für die anderen Par-
 SPD
teien, wenn eine Partei sogenannte Überhangmandate erringt
 Grüne und sie damit mehr Sitze hätte, als ihr nach dem Verhältnis der
 Linke Zweitstimmen zustünden. Danach hätte der Bundestag nun 607
 FDP Sitze gehabt. Weitere 23 Abgeordnete kommen zudem durch ei-
 AfD nen neuen, komplizierten Rechenvorgang hinzu: Jedem Bundes-
land sind – nach Einwohnerzahl – feste Sitzkontingente zugewie-
8, 8, sen. Ist nun – wie geschehen – die Wahlbeteiligung in Bayern
eher niedrig und entfallen dort zudem relativ viele Stimmen auf
5%- die „Sonstigen“, bekäme die CSU im (bundesweiten) Verhältnis
Hürde zu den anderen Parteien zu viele Sitze. Dies wird ebenfalls mit
,8 , Ausgleichsmandaten korrigiert.
Piratenpartei 2,2
NPD 1,3

Gewinne/Verluste Sitzverteilung
gegenüber der Bundestagswahl 2009, im neuen Bundestag
+, in Prozentpunkten
+,
+,   ( + 46 )
( Veränderung
gegenüber 9: +7)
 ( –5)
–, insgesamt
–,
630 Mandate,
davon 4 Überhang- und  ( –)
–, 28 Ausgleichsmandate

KOLUMNE „Der muss auch manches ertragen“, gestand Merkel am


Sonntagabend auf der Bühne des Konrad-Adenauer-Hauses
und blickte dabei zu ihrem im Dunkeln an der Wand leh-
Schwarze Nuss nenden Ehemann. Mit einer schwarz-sauren Koalition wird
Merkel jedoch keine stabile Regierung bilden können.
Niemand möchte jetzt mehr mit Angela Merkel koalieren, „Vielleicht findet sich gar keiner, der mit uns was machen
die SPD nicht, die Grünen nicht, selbst die CSU verlangt möchte“, sagte sie später in der Elefantenrunde. Dort saß
eine Mautgebühr für eine weitere Partnerschaft. Darwinis- sie bereits ziemlich einsam auf ihrer Seite des Studios: Der
tisch betrachtet ist das verständlich. Die Liste von Personen, Tisch der FDP war schon weggeräumt, die letzte Verbliebene
Parteien, Weltanschauungen und Systemblöcken, die im war eine gewisse Gerda Hasselfeldt.
Schatten Angela Merkels vertrocknet sind, wird täglich län- Nun muss man unter verantwortungsbewussten Demo-
ger. Fast allen, die sich in ihre Nähe gewagt haben, ist diese kraten natürlich immer und sowieso …, aber man kann es
Nähe schlecht bekommen. Los ging es mit der Deutschen SPD und Grünen nicht wirklich übelnehmen, wenn sie An-
Demokratischen Republik, es folgten Friedrich Merz und gela Merkels Werben dieser Tage mit gewissen Existenz-
der Männergesangsverein „Andenpakt“, etwas später die ängsten begegnen. Wäre die Bundeskanzlerin als Pflanze
deutsche Sozialdemokratie, die Atomkraftwerke, Norbert zur Welt gekommen, wäre sie wohl eine Schwarznuss ge-
Röttgen, der deutsche Konservatismus, die Jugend Südeu- worden. Dieser Parkbaum verfügt nicht nur über eine mäch-
ropas, zuletzt die FDP. Gerüchten zufolge verzichtet Frau tige runde Krone, die anderen Gewächsen die Sonne nimmt.
Merkel seit Jahren auf Blumen in ihren Balkonkästen, weil Seine Blätter und Wurzeln enthalten zudem einen Stoff, der
diese unverzüglich die Köpfe hängen lassen. Der Gärtner im Boden zu Pflanzengift wird. Mit dieser Allelopathie ge-
im Kanzleramt ist angeblich lange schon auf Plastikblumen nannten Eigenart werden Konkurrenten im Umfeld der
umgestiegen. Schwarznuss ausgeschaltet, ihre Keimlinge sterben ab. Sogar
Von Merkels bisherigen Koalitionspartnern hat sich bis- entfernt verwandte Wesen wie Pilze und Fische können Op-
lang nur Joachim Sauer als einigermaßen standfest erwiesen, fer des Schwarznuss-Giftes werden.
Merkels Ehemann, der als Chemiker jedoch Zugang zu al- Angesichts dieser Analogie ist es schade, dass die popu-
lerhand lebenserhaltenden Substanzen hat, die normalen listische AfD vorerst nicht als Merkel-Opfer zur Verfügung
Menschen oder Rainer Brüderle nicht zur Verfügung stehen. steht. Markus Feldenkirchen

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Bundestagswahl

,5 Wahlergebnis ABGEORDNETE


Vorläuges amtliches Ergebnis der
davon
CSU
,
Wahl zum 18. Deutschen Bundestag
Angaben in Prozent
630 Sitze
Nach der Wahl werden 28 Abgeordnete mehr ins Parlament ein-
 CDU/CSU ziehen, als das nach altem Wahlrecht der Fall gewesen wäre. Ein
5, Grund: Erstmals gibt es nun Ausgleichssitze für die anderen Par-
 SPD
teien, wenn eine Partei sogenannte Überhangmandate erringt
 Grüne und sie damit mehr Sitze hätte, als ihr nach dem Verhältnis der
 Linke Zweitstimmen zustünden. Danach hätte der Bundestag nun 607
 FDP Sitze gehabt. Weitere 23 Abgeordnete kommen zudem durch ei-
 AfD nen neuen, komplizierten Rechenvorgang hinzu: Jedem Bundes-
land sind – nach Einwohnerzahl – feste Sitzkontingente zugewie-
8, 8, sen. Ist nun – wie geschehen – die Wahlbeteiligung in Bayern
eher niedrig und entfallen dort zudem relativ viele Stimmen auf
5%- die „Sonstigen“, bekäme die CSU im (bundesweiten) Verhältnis
Hürde zu den anderen Parteien zu viele Sitze. Dies wird ebenfalls mit
,8 , Ausgleichsmandaten korrigiert.
Piratenpartei 2,2
NPD 1,3

Gewinne/Verluste Sitzverteilung
gegenüber der Bundestagswahl 2009, im neuen Bundestag
+, in Prozentpunkten
+,
+,   ( + 46 )
( Veränderung
gegenüber 9: +7)
 ( –5)
–, insgesamt
–,
630 Mandate,
davon 4 Überhang- und  ( –)
–, 28 Ausgleichsmandate

KOLUMNE „Der muss auch manches ertragen“, gestand Merkel am


Sonntagabend auf der Bühne des Konrad-Adenauer-Hauses
und blickte dabei zu ihrem im Dunkeln an der Wand leh-
Schwarze Nuss nenden Ehemann. Mit einer schwarz-sauren Koalition wird
Merkel jedoch keine stabile Regierung bilden können.
Niemand möchte jetzt mehr mit Angela Merkel koalieren, „Vielleicht findet sich gar keiner, der mit uns was machen
die SPD nicht, die Grünen nicht, selbst die CSU verlangt möchte“, sagte sie später in der Elefantenrunde. Dort saß
eine Mautgebühr für eine weitere Partnerschaft. Darwinis- sie bereits ziemlich einsam auf ihrer Seite des Studios: Der
tisch betrachtet ist das verständlich. Die Liste von Personen, Tisch der FDP war schon weggeräumt, die letzte Verbliebene
Parteien, Weltanschauungen und Systemblöcken, die im war eine gewisse Gerda Hasselfeldt.
Schatten Angela Merkels vertrocknet sind, wird täglich län- Nun muss man unter verantwortungsbewussten Demo-
ger. Fast allen, die sich in ihre Nähe gewagt haben, ist diese kraten natürlich immer und sowieso …, aber man kann es
Nähe schlecht bekommen. Los ging es mit der Deutschen SPD und Grünen nicht wirklich übelnehmen, wenn sie An-
Demokratischen Republik, es folgten Friedrich Merz und gela Merkels Werben dieser Tage mit gewissen Existenz-
der Männergesangsverein „Andenpakt“, etwas später die ängsten begegnen. Wäre die Bundeskanzlerin als Pflanze
deutsche Sozialdemokratie, die Atomkraftwerke, Norbert zur Welt gekommen, wäre sie wohl eine Schwarznuss ge-
Röttgen, der deutsche Konservatismus, die Jugend Südeu- worden. Dieser Parkbaum verfügt nicht nur über eine mäch-
ropas, zuletzt die FDP. Gerüchten zufolge verzichtet Frau tige runde Krone, die anderen Gewächsen die Sonne nimmt.
Merkel seit Jahren auf Blumen in ihren Balkonkästen, weil Seine Blätter und Wurzeln enthalten zudem einen Stoff, der
diese unverzüglich die Köpfe hängen lassen. Der Gärtner im Boden zu Pflanzengift wird. Mit dieser Allelopathie ge-
im Kanzleramt ist angeblich lange schon auf Plastikblumen nannten Eigenart werden Konkurrenten im Umfeld der
umgestiegen. Schwarznuss ausgeschaltet, ihre Keimlinge sterben ab. Sogar
Von Merkels bisherigen Koalitionspartnern hat sich bis- entfernt verwandte Wesen wie Pilze und Fische können Op-
lang nur Joachim Sauer als einigermaßen standfest erwiesen, fer des Schwarznuss-Giftes werden.
Merkels Ehemann, der als Chemiker jedoch Zugang zu al- Angesichts dieser Analogie ist es schade, dass die popu-
lerhand lebenserhaltenden Substanzen hat, die normalen listische AfD vorerst nicht als Merkel-Opfer zur Verfügung
Menschen oder Rainer Brüderle nicht zur Verfügung stehen. steht. Markus Feldenkirchen

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Bundestagswahl

Die große Anführerin


Mit ihrem Wahlsieg hat Angela Merkel ihre schärfsten Kritiker in der Partei wider-
legt. Jetzt muss sie sich entscheiden: für die Große Koalition und damit das
einfachere Bündnis oder für Schwarz-Grün, eine Chance – aber auch ein Abenteuer.

16           2 0 1 3
Wahlsiegerin Merkel
Königin der deutschen Demokratie

Das ist die Frau, die weiterregieren soll,


unaufgeregt, umsichtig, die allgemeine
Ruhe bewahrend. So viel steht fest. Mer-
kel bleibt Kanzlerin. Aber mit wem wird
sie regieren?
Es ist ihr persönlicher Sieg, ihr erster.
Zweimal hat sie für CDU und CSU mick-
rige Ergebnisse von rund 35 Prozent ein-
gefahren. Zwar konnte sie jeweils regieren,
zuerst mit der SPD, dann mit der FDP,
aber die Union blieb hinter ihren Ansprü-
chen zurück. Sie will immer über 40 Pro-
zent kommen, das ist das Maß für ihre
Kandidaten. Außer Edmund Stoiber ha-
ben es alle übertroffen, Konrad Adenauer,
Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger, Rai-
ner Barzel, Franz Josef Strauß und Helmut
Kohl. Nun steht Merkel in dieser Reihe,
nun hat sie die Union wieder zu einer ech-
ten Volkspartei gemacht, zur einzigen in
Deutschland. Kurz durfte sie sogar an der
absoluten Mehrheit schnuppern.
Der Preis ist, dass es die FDP nicht
mehr in den Bundestag schaffte. Das ha-
ben sich die Liberalen vor allem selbst
zuzuschreiben (siehe Seite 34). Aber Mer-
kel wollte diesmal keine einzige Stimme
abgeben. Merkel wollte ihre herausragen-
den Werte bei den Umfragen in harte
Währung ummünzen, in ein gutes Wahl-
ergebnis. Es ging um sie, um den letzten
Erfolg, der ihr noch fehlte, nicht um die
Regierungsbildung. An der FDP hängt ihr
Herz ohnehin nicht, und sie glaubt, dass
sie auch eine Große Koalition führen
kann. Insofern hat sie einen egozentri-
schen Wahlkampf geführt. Nun ist sie
endgültig die Königin der deutschen De-
mokratie.
ALEXANDER HASSENSTEIN / GETTY IMAGES

Peer Steinbrück hatte dem nichts ent-


gegenzusetzen. Zwar steigerte er das Er-
gebnis der SPD ein bisschen, auf 25,7 Pro-
zent, aber das ist immer noch viel zu we-
nig für eine Sozialdemokratie, die Volks-
partei sein will.
Auch die beiden anderen Parteien des
linken Spektrums, Grüne und Linke,
schnitten schlecht ab. Sie verloren Stim-
men und landeten unter neun Prozent.

V
olker Kauder singt, Ursula von der und greift Gröhe in den Arm. Sie nimmt Die Piraten, einst eine mögliche Option
Leyen tanzt, Angela Merkel ihm die Fähnchen ab, tuschelt ein paar für fast ein Drittel der Deutschen, spielen
klatscht. Es läuft „Tage wie diese“ Sätze, schüttelt den Kopf. Dann schreitet keine Rolle mehr (siehe Seite 43).
von den Toten Hosen, Sonntag, kurz die Bundeskanzlerin resolut zum Bühnen- Der Newcomer der Stunde ist die Al-
nach 21 Uhr, Konrad-Adenauer-Haus in rand und reicht das schwarzrotgoldene ternative für Deutschland, die mit ihrem
Berlin, die CDU feiert. Bündel zurück an einen Mitarbeiter. Euro-skeptischen Kurs fast fünf Prozent
Merkels Helfer vom Team Deutschland Auch in der Stunde des Triumphs geholt hat (siehe Seite 32). Hier wäre bei-
tragen T-Shirts mit der Aufschrift „Wir bleibt Merkel sich treu. Niemand soll sich nahe ein Alptraum der Union wahr ge-
bleiben Kanzlerin“ und schwenken kleine an irgendetwas stören können. Selbst worden, eine Partei rechts von ihr im Bun-
Deutschland-Fahnen. Kauder singt: „An schwarzrotgoldene Fähnchen sind ihr ver- destag. Das wäre Merkel angekreidet wor-
Tagen wie diesen wünscht man sich Un- dächtig. Im Ausland könnte jemand auf den. Künftig geht es um die Frage, ob
endlichkeit.“ Einige Fähnchen werden auf die Idee kommen, das für eine nationale sich die AfD auch außerhalb des Parla-
die Bühne gereicht, Hermann Gröhe, Ge- Aufwallung zu halten. Nur nicht auffällig ments etablieren kann oder ein Stroh-
neralsekretär der CDU, nimmt sie entge- werden. feuer bleibt wie die Piraten.
gen, um sie auf der Bühne zu verteilen. Das ist genau die Frau, der 41,5 Prozent Insgesamt zeigt sich in dem Wahlergeb-
Merkel sieht das, stoppt ihr Klatschen der Wähler ihre Stimme gegeben haben. nis ein saturiertes Land. Die SPD wollte
          2 0 1 3 17
Bundestagswahl

sich mit dem Thema soziale Gerechtigkeit genüberliegt. Dort muss Merkel herein- nisse von „40 Prozent plus x“ nicht errei-
durchsetzen, aber nur zwölf Prozent der kommen. chen. Mit jeder Landtagswahl, die für die
Wähler hielten diesen Aspekt für rele- Dann kommt sie, die mächtigste Frau CDU schiefging, wurde die Kritik lauter.
vant. Es gibt keine linke Mehrheit in der der CDU, so mächtig, dass die zweit- Nun hat sie ihre Kritiker widerlegt.
deutschen Bevölkerung. Nur gut 40 Pro- mächtigste Frau der CDU eine Viertel- CDU und CSU haben das Wort „Volks-
zent wählten die Parteien dieses Spek- stunde lang nichts Besseres zu tun hat, partei“ wieder mit Leben gefüllt. Als Par-
trums. als auf die große Anführerin zu warten. teien, deren Programm und Stil kompro-
Den meisten Deutschen geht es gut, sie Dann steht die Bundeskanzlerin auf der misslos auf die Mitte zielen und die sich
sind zufrieden mit ihrer Lage. Sie können Bühne, und von der Leyen hat ihr Ziel schamlos bei der SPD und den Grünen
sich nur bedingt und nicht dauerhaft erreicht: Sie hat den Platz direkt neben bedienen. Das sind Merkels CDU und
darüber aufregen, dass sie von der NSA der Kanzlerin ergattert. Ihr hellblauer Horst Seehofers CSU.
ausspioniert werden und die Regierung Blazer passt zum dunklen Blau von Mer- Besonders bitter für die Kritiker: Mer-
dem nicht entschieden entgegentritt. Sie kels Jacke. Von der Leyen strahlt, auch kel hat das Ergebnis, das die Konservati-
sind ein bisschen in Sorge wegen des Angela Merkel tut so, als wäre sie aus- ven von ihr erwarteten, gebracht, ohne
Euro, aber insgesamt sind sie so unauf- gelassen. „Heute wird gefeiert“, sagt die ein einziges Thema oder eine einzige For-
geregt wie die Kanzlerin, die sie gewählt Kanzlerin, „morgen wieder gearbeitet.“ derung von ihnen aufzugreifen. Selbst die
haben. Mehr als 41 Prozent für die Union, das Verluste der Union in Richtung AfD blie-
Welche Regierung braucht dieses ist für Merkel mehr als eine Zahl. Es ist ben überschaubar. Offenbar hat Merkels
Land? Die Mehrheit der Deutschen die Legitimation, auf die sie lange warten Mitte-Kurs nicht zum Exodus der Partei-
wünscht sich eine Große Koalition. Im musste. Merkel schwebte diesmal in Um- orthodoxen geführt.
Krisenjahr 2008/09 hat sie sich bewährt, fragen nicht losgelöst über ihrer Partei, Damit hat sie nun alle Macht in der
aber davor hat sie ein hässliches Bild der sie zog die Union mit. In einer Partei, in CDU. Aber was wird sie damit anfangen?
Zwietracht abgegeben. Starke Teile der der Erfolge schon immer mehr zählten Welche Kanzlerin bekommen die Deut-
SPD sperren sich gegen dieses Bündnis. als Inhalte, ist dieser Umstand gar nicht schen jetzt? 2005 war Merkel als Refor-
Interessanter wäre Schwarz-Grün. Die- hoch genug zu bewerten. merin angetreten – und hätte die Wahl
se Koalition könnte dem Land neue Der Sieg markiert eine Zäsur für die fast verloren. Das blies ihr den Mut weg.
Impulse geben. Doch erst einmal sind CDU. Er beendet eine Debatte, die Mer- Sie kümmerte sich um die Krise und ver-
die Grünen mit internen Kämpfen be- kel seit über zehn Jahren begleitet. Wie waltete das Land. Größere Reformpro-
schäftigt. Es wird nicht leicht für Merkel, viel Modernisierung verträgt die Partei? jekte verfolgte sie nicht, nicht mit der
einen Partner zu finden. Alle wissen, Und welcher Anteil des Markenkerns der SPD, nicht mit der FDP.
dass man an ihrer Seite nicht gut gedei- Union ist unverzichtbar? Nun hat sie die Wahl zwischen Grünen
hen kann. Schon in den vergangenen Jahren hatte und Sozialdemokraten. Mit den Grünen
Ursula von der Leyen stört das im Mo- Merkel keine gewichtigen Gegner mehr. könnte sie, theoretisch, ein Projekt star-
ment nicht, obwohl das für sie, als eine Die Zeit ist lange vorbei, in der die mäch- ten, ihr erstes, eine bürgerlich-ökologi-
mögliche Nachfolgerin, durchaus ein in- tigen Ministerpräsidenten, Roland Koch, sche Erneuerung des Landes. Mit der SPD
teressanter Aspekt ist. Aber jetzt, am Christian Wulff oder Peter Müller, jede könnte sie eine breite und stabile Mehr-
Wahlabend, hat die Arbeitsministerin nur Präsidiumssitzung zu einem Spießruten- heit versammeln.
ein Ziel: Wenn die Kanzlerin gleich auf lauf für die Vorsitzende machten. Doch Es sieht so aus, als würde sich Merkel
die Bühne kommt, um sich feiern zu las- auch in jüngerer Vergangenheit gab es für die Mehrheit entscheiden. Zu Beginn
sen, will sie neben ihr stehen. Von der manchmal Grummeln bei den Konserva- der Woche machte sie deutlich, dass sie
Leyen wartet auf einem Treppchen, das tiven und im Wirtschaftsflügel. zunächst mit der SPD reden wird. Das
auf die Bühne führt, wie ein Sprinter vor Merkels Kehrtwenden bei Atomkraft, heißt, sie muss noch warten, bis sich die
dem Startschuss. Sie plaudert mit Partei- Wehrpflicht und Homoehe stießen auf viel Sozialdemokraten gesammelt haben, bis
kollegen, ist aber auf der Hut. Ständig Kritik. Sie verrate die Stammwähler, so der sie auf einem Konvent am Freitag über
wandert ihr Blick zu einer Tür, die ge- Vorwurf – und ohne die ließen sich Ergeb- ihre Zukunft beraten haben.

Bundestagswahlergebnisse Regierungen und Kanzler seit 1949*


CDU/
CDU/CSU CSU u.
CDU/CSU und FDP CDU/CSU und FDP SPD SPD und FDP CDU/CSU und FDP
Große
50,2 Koalition
50 % 45,8 48,8
43,8
DER S PI EG EL

CDU/CSU
40 % 38,2
Kanzler
Konrad Adenauer
A P, B P K , R E I S S / D PA

J. H . DA RC H I NG ER

UL LSTE I N- BI L DE RD.

30 % 33,5
SPD
1990:
20 % erste
gesamt-
Ludwig Kurt Georg Willy Helmut Helmut deutsche
Erhard Kiesinger Brandt Schmidt Kohl Wahl
10% FDP
* Nicht berücksichtigt sind die Ergebnisse
kleinerer Parteien, die bis 1961 im Parlament
vertreten waren. Grüne PDS

1949 1953 1957 1961 1965 1969 1972 1976 1980 1983 1987 1990 1994

18           2 0 1 3
Für die SPD ist das Ergebnis ein De-
saster. Durch das Willy-Brandt-Haus ging
ein Stöhnen, als am Sonntag die ersten
Prognosen über die Bildschirme flimmer-
ten. Natürlich bekümmerte die Sozial-
demokraten das eigene Abschneiden, ma-
gere 25,7 Prozent waren es am Ende. Fast
schmerzlicher aber war, dass Merkel mit
41,5 Prozent ein Ergebnis holte, das an
alte westdeutsche Zeiten erinnerte, als
Helmut Kohl in der Blüte seiner Macht
stand. Im Büro des Kanzlerkandidaten
Peer Steinbrück kullerten Tränen.
Was tun? Die SPD ist gespalten. Die
einen wollen sich jetzt nicht lange mit
Fehleranalysen aufhalten, sondern stre-
ben ein Bündnis mit der Union an. SPD-
Chef Sigmar Gabriel gehört zu diesem
Lager, aber auch der Fraktionsvorsitzen-
de Frank-Walter Steinmeier und der Kan-
didat Steinbrück selbst.
Das andere Lager fürchtet nichts mehr
als die Neuauflage einer Großen Koali-
tion. Am Sonntagabend wünschten sich
sogar etliche prominente Sozialdemokra-
ten, Merkel möge eine absolute Mehrheit
holen. Dann hätte die Partei nicht müh-
sam begründen müssen, warum sie kein
Bündnis mit der Union eingehen mag.
Das Lager der Koalitionsverweigerer wird
von Hannelore Kraft angeführt, der ein-
flussreichen Ministerpräsidentin von
Nordrhein-Westfalen. Noch vor den ers-
ten Hochrechnungen stand sie bei Sigmar
Gabriel im Zimmer, um ihm eine klare
MAURICE WEISS / OSTKREUZ / DER SPIEGEL

Botschaft zu vermitteln: Die SPD in NRW


wird sich gegen ein Bündnis mit der Uni-
on stemmen. Es war kein nettes Ge-
spräch, auch die Arbeit des Parteichefs
und des Fraktionsvorsitzenden kamen
zur Sprache.
So wie Kraft denken viele in der SPD.
Sie fragen sich, was die Partei davon hat,
Juniorpartner Merkels zu werden. Ging
die Partei nicht gerupft aus der letzten Wahlverlierer Steinbrück: Im Büro kullerten Tränen

Großen Koalition hervor? War sie danach litischer Führung kann auch gehören, auf
nicht ein Schatten ihrer selbst? Regierungssessel zu verzichten und auf
Dazu kommt, dass viele Sozialdemo- der Oppositionsbank zu bleiben.“
SPD und CDU/CSU CDU/CSU kraten Merkel nicht über den Weg trauen. Krafts Stellvertreter in der Landes-
B’90/Grüne und SPD und FDP
Auf der Wahlparty am Sonntagabend war SPD, Marc Herter, assistierte: „Merkel
Große
Koalition immer wieder das Wort von der Schwar- saugt ihre Koalitionspartner aus. Wir sind
zen Witwe zu hören, wenn das Gespräch nicht angetreten, eine der beiden Regie-
auf die Kanzlerin kam. Das ist jenes rungsparteien im Amt zu halten.“
40,9
38,5 41,5 Spinnenweibchen, das ihren Partner Auch in anderen Landesverbänden gibt
35,1 nach der Paarung schon mal verspeist. es Widerstand. In Baden-Württemberg
38,5 33,8 Kraft sucht die Auseinanderset- oder Rheinland-Pfalz etwa, wo die Ge-
zung, und es klingt fast wie eine Dro- nossen im Falle einer Großen Koalition
BE RL I NP RE SSP H OTO

hung: „Die inhaltliche Hürde liegt um die eigenen Chancen bei den nächs-
23,0 25,7 hoch auf unserer Seite.“ Sie sagt: „Es ten Landtagswahlen bangen. Die Linken
ist für uns keine Schande, in die Op- in der Partei fürchten, dass die Koali-
14,6 position zu gehen.“ tionsverhandlungen zu einem Grab wer-
Gerhard Angela
Schröder Merkel Kraft hatte am Sonntag etliche Ver- den für alle Themen, die ihnen wichtig
8,6 bündete nach Berlin mitgebracht, um sind: Steuererhöhung, Mindestlohn, Miet-
8,4 Stimmung gegen die Große Koalition preisbremse. Schon am Wahlabend steck-
Die Linke zu machen. So reiste Michael Gro- ten prominente Vertreter des Parteiflü-
4,8
schek an, ihr Verkehrsminister. „Die gels die Köpfe zusammen und bastelten
vorl. amtl.
SPD will nicht die Trophäe für Mer- an Planspielen für die Verhinderung einer
1998 2002 2005 2009 Ergebnis 2013 kels Wahlsieg sein“, sagte er. „Zu po- Großen Koalition.
          2 0 1 3 19
PHILIPP GUELLAND / AFP
Spitzenkandidat Trittin: Bei den Grünen stirbt jeder für sich allein

Sie erfanden das Wort „Oppositions- Zum anderen sorgte er dafür, dass die ma findet. Glaubwürdig war das nicht.
auftrag“, den die SPD vom Wähler er- Fraktion zum Machtzentrum der Partei Wahrscheinlich wird Gabriel seinen Feh-
halten habe. „Wir dürfen uns nicht zum aufsteigt. Im Gegensatz zur Parteibasis ler politisch überleben. Für den Kollegen
Steigbügelhalter für eine schlechte Politik werden sich die 192 SPD-Abgeordneten Jürgen Trittin von den Grünen gilt das
machen“, sagte der Berliner Landeschef für eine Große Koalition starkmachen. nicht unbedingt. Deren Niederlage war
Jan Stöß. Und Juso-Chef Sascha Vogt ver- Die Parlamentarier wissen, dass eine Re- so heftig, dass die Führungsleute am Mon-
kehrte das Bonmot des ehemaligen Par- gierungsbeteiligung viele Jobs mit sich tag etwas Druck aus dem Kessel lassen
teichefs Franz Müntefering in sein Ge- bringt. Und sie haben ein hohes Interesse, mussten – aber nur etwas. Die sechs Mit-
genteil. Opposition müsse „kein Mist Neuwahlen zu verhindern, wo sie sich glieder des Bundesvorstands beschlossen,
sein“, stellte er fest. doch gerade mühsam ein Mandat für vier beim nächsten Parteitag im Herbst ihre
Damit der Streit unter Kontrolle bleibt, Jahre erkämpft haben. Ämter zur Verfügung zu stellen; auch der
wollen die Genossen Zeit gewinnen. Für Offen ist allerdings, ob Steinmeier dau- 16-köpfige Parteirat soll dann neu gewählt
Freitag hat SPD-Chef Gabriel zu einem erhaft Fraktionschef bleiben kann. In der werden.
Parteikonvent nach Berlin geladen. Dort Partei wird ernsthaft überlegt, im Falle Parteichef Cem Özdemir kündigte al-
soll entschieden werden, ob es überhaupt einer Großen Koalition Steinmeier ins lerdings sofort an, er werde wieder kan-
Sondierungsgespräche mit der Union ge- Kabinett zu holen, etwa als Finanzminis- didieren. „Alle Mitglieder des Bundes-
ben wird. ter. Steinbrück könnte dann seinen Pos- vorstands und des Parteirats stehen beim
Für Gabriel ist die Lage kompliziert. ten im Parlament übernehmen. Er wäre nächsten Parteitag zur Wahl.“
Einerseits will er nicht als ein Mann da- mit einem Spitzenjob versorgt und könn- Geht alles weiter wie bisher? Auch
stehen, der Merkel allzu willig die Tür te dennoch sein Versprechen halten, nicht Fraktionschef Trittin sah keine Eile, sich
zum Kanzleramt aufschließt. Anderer- unter Merkel zu arbeiten. zu erklären, genauso wenig wie die an-
seits findet er die Aussicht verlockend, Gabriel ist sich bewusst, dass die Partei dere Spitzenkandidatin, Katrin Göring-
als Vizekanzler in ein Kabinett einzuzie- nur dann eine Große Koalition akzep- Eckardt. Zumal die beiden eine neue Auf-
hen. Für Gabriel gibt es aber noch einen tiert, wenn er Ergebnisse vorweisen kann. gabe haben. Der Bundesvorstand hat eine
anderen Grund für die Große Koalition. Dazu gehört die Einführung eines Min- vierköpfige Delegation zusammenge-
Sie böte die historische Chance, dass ein destlohns und die Abschaffung des Be- stellt, falls es Gespräche mit der Union
Sozialdemokrat im kommenden Jahr treuungsgeldes. Akzeptieren Merkel und geben sollte: Sie besteht aus den beiden
zum EU-Kommissionspräsidenten auf- Seehofer das SPD-Paket nicht, würde Spitzenkandidaten und den Parteivorsit-
steigt. Mit einer SPD als Koalitionspart- Gabriel die Schuld für das Scheitern der zenden. Da wäre es natürlich fatal, wenn
ner könnte Merkel im Europäischen Rat Koalitionsverhandlungen der Union zu- man voreilig zurückträte.
einem SPD-Kandidaten Martin Schulz schieben. So sieht es zurzeit aus, als ob nur
kaum widersprechen. Der SPD-Chef weiß, dass auch er per- Parteichefin Claudia Roth aus dem De-
Gabriel hat sich deshalb einen Trick sönlich einen Erfolg bei den Koalitions- bakel Konsequenzen zöge. Sie tritt nicht
einfallen lassen. Er setzt auf die Bundes- verhandlungen braucht. Er hat die ge- wieder an.
tagsfraktion. Angeführt von seinem Ri- scheiterte Kanzlerkandidatur Peer Stein- Trittin hat am Wahlabend ein Wort ent-
valen Frank-Walter Steinmeier. Selbst- brücks zu verantworten. Mit Steinbrück deckt, das man nicht immer mit ihm iden-
verständlich werde er sich für Steinmeier hatte die Partei einen Mann an der Spitze, tifiziert hat: gemeinsam. Man habe ge-
als Fraktionschef einsetzen, sagte er am der früher immer von Wirtschaftsrefor- meinsam verloren, sagt er, man müsse
Montag. Zum einen beendete er damit men geredet hatte und nun den Leuten sich jetzt gemeinsam wieder aufrappeln
vorläufig die Rivalität mit Steinmeier. erklärte, warum er Steuererhöhungen pri- und gemeinsam die Fehler analysieren.
20           2 0 1 3
HENNING SCHACHT / DER SPIEGEL

Parteichefs Roth, Özdemir: Maß und Mitte verloren

Der Mann, der in der Politik meist als unterstützen. Das verlieh ihm staatsmän- teressierte und seine Kollegin Göring-
kühler Einzelgänger auftrat, sucht jetzt nische Gravitas und finanzpolitische Re- Eckardt das Soziale für sich entdeckt hat-
Nähe. Doch er findet nicht viel. putation, doch der Preis war hoch. „Der te, fehlte den Grünen das Gesicht für ihr
Bei anderen Parteien bilden sich ganze Verzicht von Rot wie Grün auf ein ernst- Kernanliegen. „Unsere Kernkompetenz
Trauben hinter den Mikrofonen, doch als haftes Ringen mit Kanzlerin Merkel um für Umwelt und Energie stand nicht im
Trittin in der Berliner Columbiahalle auf- die Deutungshoheit in der Europapolitik Fokus der Kampagne“, klagt Baden-Würt-
tritt, steht nur die Co-Spitzenkandidatin erlaubte ihr eine politische Hegemonie, tembergs Verbraucherminister Alexander
Göring-Eckardt an seiner Seite. Die Par- die später nicht mehr zu erschüttern war“, Bonde. So sei „eine Chance vertan“ wor-
teivorsitzenden Roth und Özdemir ver- klagt Reinhard Bütikofer, der ehemalige den, auch der Wirtschaft ein Angebot zu
folgen die Ansprache in sicherer Distanz Parteichef und heutige Europaabgeord- machen.
vom Balkon aus. nete. „Jürgen Trittin verfügte als Spitzen- Stattdessen fanden sich die Grünen in
Beim Weggehen versucht Trittin zag- kandidat über ein starkes Mandat der gan- aufreibenden und unverständlichen De-
haft, Göring-Eckardts Schulter zu umfas- zen Partei, nicht zuletzt der Realos, und batten über ihre komplizierten Modelle
sen. Die geht steif weiter, Trittin zuckt ein breit getragenes Wahlprogramm. zur Erhöhung von Steuern und Abgaben
zurück. Bei den Grünen stirbt jeder für Aber aufgetreten ist er zumeist, als sprä- wieder. „Wir sind zu einer Excel-Partei
sich allein, politisch natürlich. che er nur für unseren linken Flügel. geworden“, stöhnt der Kieler Umwelt-
Die letzten Wochen haben Trittin mit- Katrin Göring-Eckardt konnte dieses De- minister Robert Habeck (siehe Interview
genommen. Er war als Vizekanzler und fizit nicht ausgleichen.“ Seite 29). Wieder war Trittin die zentrale
Bundesfinanzminister in spe in den Wahl- Auch die Ökologie fiel Trittins Wende Figur, schließlich wollte er ja Finanzmi-
kampf gestartet. Drei Tage vor der Wahl zum Opfer. Weil er sich für Finanzen in- nister werden.
wurde er in Köln als Kinderschänder ver- Dazu kam der Hochmut der Partei. Vor
höhnt. Demonstranten hielten Plakate zwei Jahren stand sie in den Umfragen
hoch, darauf ein Bild von Trittin und der Bündnis-Wünsche bei über 20 Prozent, und manche glaub-
Schriftzug: „Wir lieben doch alle Kinder.“ ten, die SPD überholen zu können. Kanz-
„Welche Koalition wäre gut für das Land?“
Er hatte vor 32 Jahren in Göttingen ein lerträume wurden geträumt, die Grünen
Wahlprogramm verantwortet, das für die wähnten sich in der Mitte der Gesellschaft
Straffreiheit von Sex mit Kindern eintrat. Union/SPD 57 angekommen und zogen daraus wohl den
Das hat den Grünen wahrscheinlich ge- Schluss, sie könnten einen vermessenen
schadet, noch mehr aber, dass sie im SPD/Grüne 43 Wahlkampf führen.
Wahlkampf keine attraktiven Themen zu Sechs Millionen Stimmen wollten die
bieten hatten. Mit Veggie-Day und Steuer- Union/FDP 41 Grünen gewinnen, sagten sie. Am Ende
erhöhungen lockt man keine Wähler an. wurden es 3,7 Millionen. Joschka Fischer
Dass es keine besseren Themen gab, hat Union allein 36 kommentiert das so: „Es scheint fast, als
viel mit Trittin zu tun. ob die derzeitige Führung der Grünen äl-
Der Fraktionschef peilt seit einigen Jah- Union/Grüne 27 ter geworden ist, aber immer noch nicht
ren als nächstes Karriereziel das Bundes- erwachsen. Sie hat eine Strategie verfolgt,
finanzministerium an und nahm dafür sei- SPD/Grüne/ die nicht nur keine neuen Wähler ge-
Linke 24 Wahltagsbefragung
ne Partei in Haftung. Trittin verpflichtete von Infratest dimap wann, sondern viele alte vergraulte. Statt
für die ARD;
die zögernden Grünen darauf, die Euro- SPD/Grüne/
12 rund 105000 Befragte; über Umwelt und Europa, Bildung und
Politik der Kanzlerin im Bundestag zu FDP Angaben in Prozent Familien haben wir nur über Steuern und
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Bundestagswahl

„Europa wartet nicht“


Unionsfraktionschef Volker Kauder, 64, über die Strategie für Koalitionsverhandlungen

SPIEGEL: Herr Kauder, wissen handlungsfähig sein. Wir sind


Sie, von wem folgendes Zitat dabei durchaus zur Rücksicht-
stammt: „Die Sozialdemokra- nahme in den anstehenden
ten sind ganz weit nach links Gesprächen bereit. Ich weiß,
gerückt, Stichwort Steuer- dass es zum Beispiel für die
erhöhungen und Schulden- SPD nicht einfach ist, sollte
union in Europa. Diese SPD die Regierung Entscheidungen
ist nicht regierungsfähig“? treffen müssen, während noch
Kauder: Das stammt von mir. Koalitionsverhandlungen lau-
SPIEGEL: Das war im Wahl- fen. Daher biete ich an, das
kampf. Jetzt wollen Sie doch Procedere zu wiederholen, auf
mit der SPD regieren. Was das wir uns bei den letzten
hat sich geändert? Verhandlungen zur Großen
Kauder: Die Wähler haben Koalition geeinigt hatten: Ent-
Angela Merkel und der Uni- scheidungen, die während der

HERMANN BREDEHORST / POLARIS /STUDIO X


on einen glasklaren Regie- Verhandlungen anstehen, wer-
rungsauftrag gegeben. Wir den mit der Koalitionsarbeits-
sind aber auf einen Partner gruppe abgestimmt.
angewiesen. Das ist auch ein SPIEGEL: Die neue Große Koa-
Resultat dieser Wahl. Des- lition würde unter anderen
halb wollen wir nun zunächst Vorzeichen arbeiten als die
Gespräche mit der SPD von 2005. Damals waren Sie
führen. Aber noch haben und der inzwischen verstorbe-
die Koalitionsverhandlungen ne Peter Struck zwei Garanten
nicht begonnen. Natürlich CDU-Mann Kauder: „Erstes Angebot für die SPD“ für Stabilität. Heute gibt es die
stehen wir vielen Forderun- Alternative von Rot-Rot-Grün.
gen der SPD nach wie vor ablehnend SPIEGEL: Gibt es Anliegen, die Sie mit Kauder: Da sehen Sie mich total ent-
gegenüber. Wie man diese Differenzen der SPD besser umsetzen können als spannt. Die SPD kann eine Koalition
eventuell überbrücken kann, darüber mit den Grünen? mit uns nicht einfach platzen lassen. Rot-
muss man dann sprechen, wenn tatsäch- Kauder: Für mich gibt es einige Punkte, Rot-Grün hat eine Mehrheit von vier
lich Verhandlungen aufgenommen wer- die in Koalitionsverhandlungen, egal mit Stimmen. Das ist keine Alternative. Ich
den. Vielleicht sieht nach der Wahl auch wem, von zentraler Bedeutung sein wer- bin der Meinung: Sollten Union und
die SPD nun einiges anders. den. Das ist vor allem das Thema Ener- SPD am Ende ein gemeinsames Projekt
SPIEGEL: Drückt die Reihenfolge eine Prä- giewende und damit zusammenhängend beschließen, dann müssen wir alles für
ferenz aus? Wollen Sie lieber mit der der Strompreis. In einem härter werden- den gemeinsamen Erfolg tun.
SPD als mit den Grünen koalieren? den Wettbewerb ist der Strompreis ein SPIEGEL: Bei einer Großen Koalition wür-
Kauder: Die SPD ist schlicht die größere hoher Kostenfaktor für unsere Wirt- den der Union trotz ihres überragenden
Fraktion, daher gilt ihr unser erstes schaft, aber auch für die Verbraucher. Wahlergebnisses weniger Minister und
Angebot. Nach den Aussagen im Wahl- Zudem glaube ich, dass wir eine neue Posten zustehen als zuvor. Wie wollen
kampf ist das für mich auch inhaltlich Föderalismuskommission brauchen. Sie das Ihrer Partei vermitteln?
die richtige Präferenz. SPIEGEL: Welche Aufgaben hätte diese Kauder: Eines ist für uns immer klar ge-
SPIEGEL: Auch in der Großen Koalition Kommission? wesen: Zunächst kommen die Menschen
wären Sie vor unliebsamen Kompro- Kauder: Dort müssen wir unter anderem und das Land, dann die Partei – und am
missen nicht sicher. Die SPD will die auch über die Aufhebung des Koopera- Ende erst der Einzelne.
Steuern erhöhen und einen Mindest- tionsverbots bei der Bildung sprechen. SPIEGEL: Bei Schwarz-Grün wären die
lohn einführen, um zwei Beispiele zu Und über die Finanzbeziehungen zwi- Einschnitte womöglich weniger stark.
nennen. schen Bund, Ländern und Kommunen. Was spricht eigentlich gegen dieses
Kauder: Von mir stammt der Satz: Politik SPIEGEL: Die SPD ziert sich ja und will Bündnis?
beginnt mit dem Betrachten der Wirk- nicht so recht in eine Große Koalition. Kauder: Nach allem, was die Grünen in
lichkeit. Die Wähler haben uns vor Jetzt gibt es erst einmal einen Konvent. ihrem Wahlkampf vertreten haben, dürf-
diese neue Wirklichkeit gestellt, und Ist schon klar, wann es zu ersten Son- te das sehr schwierig werden. Stichwort:
wir müssen jetzt für unser Land eine dierungen kommt? massive Steuererhöhungen, Stichwort:
stabile Regierung bilden. Wir werden Kauder: Wir sollten uns für die Verhand- Veggie-Day, Stichwort: Schuldenunion.
über die strittigen Punkte miteinander lungen Zeit nehmen und sie nicht über SPIEGEL: Angela Merkel hat mit ihrem
reden. Davor aber stimmen noch in die- das Knie brechen. Ich sage aber auch: Modernisierungskurs ein Ergebnis ge-
ser Woche CDU und CSU ihre Positio- Europa wartet nicht auf die Regierungs- holt, das die Konservativen immer von
nen ab. bildung in Deutschland. Wir müssen ihr verlangt hatten – 40 Prozent plus x.

22           2 0 1 3
Ist die Debatte zwischen Erneuerern
und Bewahrern jetzt beendet?
Kauder: Eine Volkspartei, die deutlich
über 40 Prozent bei einer Bundestags-
wahl holt, ist breit in der Gesellschaft
verankert. Eine Diskussion über das
Profil der CDU halte ich vor diesem

BERND WEISSBROD / PICTURE ALLIANCE / DPA


Hintergrund für unnötig.
SPIEGEL: Die CSU hat viel zum guten
Gesamtergebnis beigetragen. Fürch-
ten Sie sich schon vor den Bayern?
Kauder: Was heißt hier fürchten? Horst
Seehofer hat großartige Wahlerfolge
eingefahren. Und mir sind selbstbe-
wusste Gesprächspartner lieber als un-
sichere. Ich freue mich auf unsere
Gespräche. Ministerpräsident Kretschmann: „Die Brücken sind eingebrochen“
SPIEGEL: Kommt jetzt die Pkw-Maut
für Ausländer? Abgaben geredet. Es war ein fataler Feh- ginnt er noch am Abend mit der Fehler-
Kauder: Die Frage werden wir in aller ler, die Grünen strategisch auf einen analyse. „Die Brücken, die wir zur Wirt-
Harmonie klären. Sie kennen meine Linkskurs zu verringern. Damit sind wir schaft gebaut hatten, sind eingebrochen“,
Meinung und die der Kanzlerin. Wir in der Konkurrenz zu SPD und Linken platzt es aus ihm heraus, „wir haben die
sind von einer Pkw-Maut wenig über- gnadenlos untergegangen.“ Türen mit einem Knall zugeschlagen.“ In
zeugt, weil wir eben die europarecht- Das kann man nicht alles Trittin anlas- seinem Bundesland habe er das deutlich
lichen Schwierigkeiten sehen. ten, denn die anderen grünen Führungs- zu spüren bekommen. „Die Schotten auf
SPIEGEL: War es ein Fehler, der FDP leute haben alle wesentlichen Beschlüsse der Wirtschaftsseite sind dicht.“ Die grü-
die Leihstimmen zu verweigern? mitgetragen. Nur einer hat ein bisschen ne Politik habe Maß und Mitte verloren.
Kauder: Eine Parteivorsitzende muss rebelliert, war aber zu feige, um es darauf Darin sieht er auch den Grund für die
immer erst für ihre Partei eintreten. ankommen zu lassen: Der baden-würt- Niederlage: „Gegen die Wirtschaft ge-
Niedersachsen hat gezeigt, was pas- tembergische Ministerpräsident Winfried winnt man keine Regierungsmacht.“
siert, wenn wir nicht genug auf uns Kretschmann hat sich im Frühjahr vor Dann schneidet er die beiden Fragen
schauen. Trotzdem: Ich habe mit der dem Parteitag in Berlin gegen das eigene an, die die Grünen jetzt rasch lösen müs-
FDP gern zusammengearbeitet und Programm gestellt. Als ihm kaum einer sen: die Personal- und die Koalitionsfrage.
rate uns dringend ab, die Liberalen folgte, hat er die Segel gestrichen. „Eine Kurskorrektur geht nicht ohne per-
abzuschreiben. Die FDP wird sich er- Jetzt nimmt Kretschmann wieder Fahrt sonelle Konsequenzen. Wir brauchen
holen. auf. In der Landesvertretung Baden-Würt- eine Neuorientierung.“
SPIEGEL: Was hat die FDP falsch ge- tembergs in Berlin trifft er am Sonntag- Gäbe es jetzt schwarz-grüne Sondie-
macht? abend zu später Stunde den Parteichef rungen, müssten die Grünen wohl oder
Kauder: Deutschland braucht eine li- Cem Özdemir. Inmitten des Scheinwer- übel ihr Spitzenpersonal im Amt halten.
berale Partei, aber diese muss dann ferlichts bleiben sie auf dem blauen Tep- Dann würde Trittin mit der Kanzlerin
überzeugend darlegen, wofür sie pich stehen, stecken die Köpfe zusammen über ein Bündnis beraten. Am Ende säße
steht. Sie muss ein Angebot machen, und reden aufeinander ein, als könnte Trittin doch noch im Bundesfinanzminis-
und zwar nicht nur für einzelne Mi- das Thema keine Minute mehr warten. terium, ein lachender Verlierer. Ein Ge-
lieus, sondern für breite Schichten der Özdemir spricht nicht, er zischt. Es geht nerationswechsel sähe anders aus.
Bevölkerung. Und sie muss zeigen, um die Spitzenkandidaten, es fällt auch Gerade vielen jüngeren Grünen ist es
dass sie auch die Sorgen und Nöte der der Begriff „die Fraktionsvorsitzenden“. aber wichtiger, jetzt erst mal personell
normalen Menschen verstanden hat, Keine Frage, hier reden zwei Grüne über Klarheit zu schaffen – und nicht Schwarz-
egal ob es um die Arbeitswelt oder die Konsequenzen, die ihre Partei am bes- Grün übers Knie zu brechen. „Wir müs-
die Alterssicherung geht. ten ziehen sollte. Kretschmann weiß, dass sen uns jetzt so aufstellen, dass wir bei
SPIEGEL: Erwarten Sie ein Wiederauf- jetzt etwas passieren muss. Deshalb be- der nächsten Bundestagswahl 2017 unser
erstehen der AfD bei der Europa-
wahl? Merkel ohne Mehrheit Stimmenverteilung im Bundesrat
Kauder: Wir werden uns die Entwick-
lung genau ansehen. Vor allem, weil SPD/Grüne Große Koalition
es bei der AfD ja nicht nur um Europa Bremen Berlin
ging. Sie hat stark auf populistische Schleswig-Holstein (einschl. SSW) Thüringen
Themen gesetzt, gerade in der Aus- Rheinland-Pfalz Sachsen-Anhalt
länderpolitik. Wir werden um die Baden-Württemberg Mecklenburg-Vorp.
4 3 4
Menschen, die jetzt die AfD gewählt Niedersachsen 4 4 Saarland
haben, weiter werben, ihnen aber 6 4
Nordrhein-Westfalen 3 Hessen Fortsetzung
auch klar sagen, wie wichtig Europa 3
und der Euro für Deutschland sind.
6 der bisherigen CDU/FDP-
5 Koalition unmöglich
Wir werden niemandem nach dem SPD/Linke
Munde reden. 6 CDU/FDP
I
  : Brandenburg 4
M  A , P
 M gesamt Sachsen
4 69 Stimmen,
SPD 6 CSU
Hamburg 3 Mehrheit: 35 Stimmen Bayern
          2 0 1 3 23
Bundestagswahl

„Mit Trittin gibt es keine Gespräche“


Horst Seehofer, 64, CSU, über seine Präferenz für eine Große Koalition und die Trümpfe der Union

SPIEGEL: Herr Seehofer, nach Trotzdem: Von meiner Seite


der Bundestagswahl hat Ihre aus gibt es derzeit keinen
CSU die Wahl zwischen Pest Gesprächsbedarf.
und Cholera: Sie können als SPIEGEL: Was erwarten Sie
kleinster Partner in eine Gro- von einer Großen Koalition?
ße Koalition eintreten oder Seehofer: Das Gleiche wie die
ein Bündnis mit den Bürger- große Mehrheit in unserer
schrecks von den Grünen Bevölkerung – stabile Ver-
schließen. Was ist weniger hältnisse. Die Menschen wol-
schlimm? len, dass wir eine stabile Re-
Seehofer: Wir haben alle gierung bilden und keine Ex-
Trümpfe in der Hand, und perimente wagen. Ich kann
jetzt kommt es darauf an, nur sagen, ein Flirt mit den
dass wir diese Trümpfe auch Grünen, noch dazu in der jet-
richtig einsetzen. Dazu ge- zigen Besetzung, würde so-
hört zunächst, dass CDU und fort den rechten Rand erstar-

JOERG KOCH / DDP IMAGES


CSU gemeinsam vorgehen ken lassen. Wir sollten froh
und sich durch nichts ausein- sein, dass die AfD nicht ins
anderdividieren lassen. Wir Parlament eingezogen ist.
werden jetzt in Ruhe die Ent- Die Themen für Schwarz-
wicklungen bei der SPD und Rot liegen auf der Hand:
den Grünen verfolgen. Aus Ministerpräsident Seehofer: „Höchstmaß an Harmonie“ Vollbeschäftigung, stabile Fi-
meiner Sicht wäre eine Gro- nanzen, stabile Währung,
ße Koalition sicher die beste Option, Seehofer: Dieser ganze Geist der Be- soziale Sicherheit und höchste Bil-
aber ob es dazu kommt, ist offen. vormundung, das passt mit unserer dungsqualität.
SPIEGEL: Sie wollen also Ihre Streit- Idee einer freiheitlichen Gesellschafts- SPIEGEL: Eine Große Koalition hat für
themen mit der Kanzlerin, wie die ordnung in der Tat nicht zusammen. die CSU den Nachteil, dass sie als
Pkw-Maut, schon vor den Gesprächen Dazu kommt die Vergangenheit von kleinste Partei für Mehrheiten gar
mit der SPD abräumen? Jürgen Trittin und Volker Beck. nicht gebraucht wird. Wie werden Sie
Seehofer: Der schönste Satz aus dem SPIEGEL: Sie spielen auf die Vorwürfe damit umgehen?
Wahlkampf stammt von der Kanzle- gegen beide an, sie hätten sich in den Seehofer: Sicher, eine schwarz-rote
rin: Wir haben immer Lösungen ge- grünen Anfangsjahren nicht stark ge- Regierung war nicht unser Wahlziel.
funden. Das gilt auch für die Maut. nug von Bestrebungen abgegrenzt, Aber wenn es der Wähler wünscht,
Der inhaltliche Korridor einer mög- die Sex mit Kindern entkriminalisie- müssen wir uns dem stellen. Ich erin-
lichen Entscheidung wird klar sein, be- ren wollten? nere mich an die Propaganda aus der
vor sich CDU und CSU mit der SPD Seehofer: Das hat mich aufgeregt wie Zeit der deutschen Einheit. Da hieß es
treffen. Sie werden sehen: Angela schon lange nichts mehr. Für mich ist aus Bonn und Berlin immer wieder,
Merkel und ich haben es inzwischen da eine Grenze überschritten. Deutschland wird größer, Bayern
zu einem Höchstmaß an Harmonie ge- SPIEGEL: Verzichtet die Kanzlerin also bleibt gleich, und deshalb verliert Bay-
bracht, was solche Entscheidungen an- besser auf ein konkretes Gesprächs- ern an Bedeutung. Das ist jedenfalls
geht. angebot an die Grünen? das letzte Vierteljahrhundert nicht ein-
SPIEGEL: Warum ziehen Sie die Sozial- Seehofer: Ich werde solche Gespräche getreten. Und hier ist es genauso, die
demokraten den Grünen vor? jedenfalls nicht führen. Damit hat sich Bedeutung eines Koalitionspartners
Seehofer: Im CSU-Vorstand gab es kei- das. ergibt sich nicht allein aus mathema-
ne einzige Stimme, die für Gespräche SPIEGEL: Unabhängig davon, wie man tischen Größenordnungen, sondern
mit den Grünen plädiert hätte. Es gibt zu Volker Beck und Jürgen Trittin auch aus ganz anderen Faktoren, zum
riesige Differenzen, gesellschaftspoli- steht – die Grünen haben ja auch Beispiel dem politischen Gewicht, wel-
tisch, finanzpolitisch, steuerpolitisch starke bürgerliche Kräfte, die für ches Verhandlungsgeschick man ein-
und europapolitisch. Die Grünen sind eine Koalition mit der Union bereit- bringt, wie die Interessen ausbalanciert
gerade dabei, personelle Konsequen- stünden. Warum reden Sie nicht mit werden. Also mir ist da nicht bange.
zen aus ihrer Wahlniederlage zu zie- denen? SPIEGEL: Bleibt es in einer Großen Koa-
hen. Mit den Grünen von heute, mit Seehofer: Natürlich gibt es Grüne, mit lition bei drei Ministerien für die
Jürgen Trittin und Volker Beck, könn- denen man über bürgerliche Politik CSU?
te es sowieso keine Gespräche geben. sprechen kann. Mein Amtskollege Seehofer: Darüber reden wir, wenn es
SPIEGEL: Wird denn ein Veggie-Day Winfried Kretschmann aus Baden- so weit ist. Wahr ist aber auch: Die
schmackhafter, nur weil er von ande- Württemberg ist so ein Mann. Ich ar- CSU ist nicht schwächer geworden.
ren Grünen angeboten wird? beite sehr gut mit ihm zusammen. I
  : P
 M

24           2 0 1 3
Potential ausschöpfen“, sagt Parteirats-
mitglied Annalena Baerbock.
Plötzlich wäre Schwarz-Grün für die
alternde Führungsspitze der rettende
Strohhalm, die Jüngeren dagegen können
mit dem Regieren warten. „Schwarz-
Grün wäre nach diesem Wahlkampf und
unserem Ergebnis nicht stringent“, sagt
Baerbock. Der Finanzpolitiker Gerhard
Schick sagt: „Ich mache doch nicht Wahl-
kampf für den grünen Wandel, um dann
mit der CDU ein Weiter-so zu organi-
sieren.“
Sollte der Generationswechsel den
Vorzug vorm Regieren bekommen,
könnte es tatsächlich neue Gesichter in
der ersten Reihe geben. Der Verkehrs-
JUPP DARCHINGER IM ADSD DER FES

politiker Anton Hofreiter vom linken


Parteiflügel könnte Trittin den Frak-
tionsvorsitz streitig machen. Den Realo-
Platz in der Doppelspitze müsste Renate
Künast vermutlich entweder an Göring-
Eckardt oder an die Wirtschaftsexpertin
Kerstin Andreae abtreten. Auch in der
Parteispitze gäbe es Ersatz für die lang- Große Koalition 1967: Das Prinzip ist der kleinste gemeinsame Nenner
gediente Vorsitzende Roth: die ehema-
lige saarländische Umweltministerin
Simone Peter.
Vergleicht man die drei Parteien, die
für eine neue Regierung in Frage kom-
men, inhaltlich miteinander, ist die Al-
ternative klar: Die Große Koalition wäre
das einfachere Bündnis, seine Basis der
in Deutschland erprobte Konsens zwi-
schen Arbeitgebern und Gewerkschaften,
sein Prinzip der kleinste gemeinsame
Nenner. Mindestlohn, Atomausstieg,
Mindestrente: Wer die Wahlprogramme
von Union und SPD nebeneinanderlegt,
hat keine Mühe, die künftigen Kompro-
misse vorherzusagen. Die Überschrift
über der neuen schwarz-roten Koalition
könnte wahlweise „Weiter so, Deutsch-
land“ oder „Keine Experimente“ heißen,
das vorherrschende Regierungsprinzip
wäre die organisierte Langeweile.
Ein schwarz-grünes Bündnis dagegen
MICHAEL URBAN / DDP IMAGES

wäre ein Abenteuer, ein Risiko für beide


Seiten, aber möglicherweise eine Chance
für das Land. Zwar scheinen die Schnitt-
mengen zwischen Ökologen und Christ-
demokraten auf den ersten Blick kleiner
zu sein als die zwischen Union und SPD,
weil sich die Grünen in den vergangenen Große Koalition 2007: Einerseits zu wacklig und andererseits zu stark
Jahren in vielen politischen Fragen links
von der SPD positioniert haben. Koalition bilden, sie könnte auch das ne setzten im Wahlkampf auf höhere
Dafür aber verbindet die Parteien, dass Land voranbringen. Steuern für Gutverdienende und Vermö-
ihre Wähler häufig in denselben Vorstäd- In der Finanzpolitik etwa stehen sich gende, seit dem vergangenen Sonntag
ten zu Hause sind. Und sie stehen ein- Union und Grüne näher, als es zunächst aber gibt es zwischen den beiden Partei-
ander auch ideologisch nahe. Ein wert- den Anschein hat. Das Bestreben von en einen wichtigen Unterschied: In der
konservativer Christdemokrat kann pro- CDU und CSU, die Neuverschuldung zu Ökopartei ist das Bewusstsein viel weiter
blemlos das Prinzip der Nachhaltigkeit begrenzen, deckt sich mit dem grünen verbreitet als in der SPD, mit dem Ge-
unterschreiben, das zu den Grundüber- Anspruch, die Interessen künftiger Ge- rechtigkeits- und Umverteilungswahl-
zeugungen der Grünen zählt. Respekt vor nerationen zu vertreten. Gesunde Staats- kampf aufs falsche Pferd gesetzt zu
der Schöpfung, Generationengerechtig- finanzen sehen beide als Grundlage für haben.
keit und eine Wirtschaftspolitik, die mehr ein stabiles Staatswesen an. Entsprechend groß ist der Spielraum
dem Mittelstand als der Großindustrie In der Steuerpolitik ist die Union von für Kompromisse. Die Union könnte sich
verpflichtet ist: Diese Mischung könnte beiden möglichen Koalitionspartnern na- mit einem etwas höheren Spitzensteuer-
nicht nur die Basis für eine schwarz-grüne hezu gleich weit entfernt. SPD wie Grü- satz abfinden, wenn die Grünen auf ihre
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Bundestagswahl

Pläne für eine Vermögensabgabe verzich-


ten und sich den Unionskonzepten öffnen
würden, Durchschnitts- und Besserver-
„Uns fehlt die Frische“ diener steuerlich zu entlasten.
Und die Arbeitsmarkt- und Sozial-
politik stellt beim bevorstehenden Koali-
Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, 54, über Wahlkampf- tionspoker kein sonderliches Hindernis
fehler der SPD und eine Zusammenarbeit mit der Linken dar, weder bei Gesprächen über eine Gro-
ße Koalition noch bei Verhandlungen mit
SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, nach den Grünen.
23 Prozent bei der vorigen Bundes- Vielmehr dürften vor allem die So-
tagswahl hat die SPD sich kaum ver- zialdemokraten Schwierigkeiten haben,
bessert. Müssen Sie sich dauerhaft auf auf ihrem ureigensten Politikfeld Kontur
Ergebnisse unter 30 Prozent einstel- zu gewinnen mit einem großen Koali-
len? tionspartner Union, der längst viele ihrer
Weil: Das will ich nicht hoffen. Wir ha- Forderungen übernommen hat. Was
ben in den vergangenen Jahren auf bleibt, ist ein zähes Ringen um Details.
Kommunal- und Landesebene eine Bei der Rente mit 67 sind die Differen-
REINER ZENSEN / IMAGO

Reihe erfreulicher Ergebnisse erzielt. zen zwischen den Parteien gering, und
Aber das Bundesergebnis der SPD bei die Mütterrente der Union hat längst
dieser Wahl ist ohne Frage eine herbe auch ihren Weg in das Programm der
Enttäuschung. SPD gefunden. Auch in der Frage des
SPIEGEL: Was ist falsch gelaufen? Mindestlohns sind keine großen Aus-
Weil: Der Wahlkampf wurde sehr stark Sozialdemokrat Weil einandersetzungen mit einer Kanzlerin
von der Bundeskanzlerin dominiert. „Eine herbe Enttäuschung“ zu erwarten, die mit der FDP mehr bran-
Es ist der SPD nicht gelungen, mit ih- chenspezifische Verdienstgrenzen gesetz-
ren Botschaften durchzudringen. Weil: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt lich festgeschrieben hat als alle sozialde-
SPIEGEL: War Peer Steinbrück der rich- ist die Linke sicherlich im Bund nicht mokratischen Vorgänger zusammen.
tige Kandidat? regierungsfähig. Aber das kann sich Die großen Hürden für eine Koalition
Weil: Peer Steinbrück hat das Ergebnis möglicherweise in Zukunft ändern. mit der Union sind zwischen Rot und
durch einen furiosen Schlussspurt ei- SPIEGEL: Sie sagen also: Schluss mit Grün ebenfalls identisch, zum Beispiel
nigermaßen positiv gestaltet. Zwi- dem Ausgrenzen der Linken? beim Betreuungsgeld. Es geht um mehr
schenzeitlich mussten wir ja noch Weil: Das hängt vor allem an der Par- als die Frage, wie viele Milliarden Euro
Schlimmeres befürchten. An dem Spit- tei Die Linke. Sie präsentiert sich im der Staat in die Familienförderung ste-
zenkandidaten lag es nicht. Westen Deutschlands fundamentalis- cken will. Es geht vor allem um ein Ge-
SPIEGEL: Hätte die SPD harmonischer tisch und kompromissunfähig. Auf so sellschaftsbild und die Frage, welches Fa-
auftreten müssen? einer Grundlage kann man nicht zu- milienideal die Parteien im 21. Jahrhun-
Weil: Das ist ein Punkt, den wir bera- sammen regieren. Ändert sich die Lin- dert verfolgen.
ten müssen. Klar ist: Es gibt Dinge, ke, sind wir offen dafür, neu nachzu- Gegen keine andere sozialpolitische
die beim nächsten Mal besser gemacht denken. Leistung haben SPD und Grüne im Wahl-
werden müssen. Dazu gehört auch, SPIEGEL: Momentan deutet vieles auf kampf mehr polemisiert als gegen die
noch geschlossener aufzutreten. eine Große Koalition hin. Könnten „Herdprämie“, die Mütter zurück in die
SPIEGEL: Warum konnte die SPD mit Sie damit leben? Hausfrauenrolle drängen würde. Aller-
ihren Themen nicht punkten? Weil: Leichten Herzens sicher nicht! dings ist das Gesetz längst verabschiedet,
Weil: Wir haben nicht ausreichend Das ist eine schwierige Diskussion in das Betreuungsgeld wird seit August
deutlich gemacht, dass in Deutschland der SPD. Niemand hat sich eine sol- schon ausgezahlt. SPD oder Grüne müss-
zu wenig in die Zukunft investiert che Konstellation gewünscht. ten nun auf eine Rückabwicklung ver-
wird, also in Bildung und Infrastruk- SPIEGEL: Was wären Ihre Bedingungen zichten.
tur. Wir haben es nicht geschafft, das für eine Große Koalition? Auch die Pkw-Maut will die erstarkte
zum dominanten Thema zu machen. Weil: Es ist zu früh, um Bedingungen CSU nahezu im Alleingang durchsetzen,
Da müssen wir selbstkritisch sein. zu formulieren. Es steht jedoch fest, CDU, SPD und Grüne lehnen das Vorha-
SPIEGEL: Kann es sein, dass die SPD dass unsere zentralen inhaltlichen For- ben ab. Da CSU-Chef Horst Seehofer in
für ein Gros der Bürger einfach nicht derungen aufrechterhalten werden. gewohnt theatralischer Manier sein poli-
mehr interessant ist? Wir brauchen eine echte Reform des tisches Überleben an diese Frage ge-
Weil: Unser Programm ist ganz sicher Arbeitsmarkts, die ein Ende macht knüpft hat, muss ein Kompromiss her.
noch interessant. Die Idee vom vor- mit der Unsicherheit für viele Arbeit- Eine Einigung zeichnet sich bereits ab,
sorgenden Sozialstaat ist hochmodern. nehmer. Zudem muss die Energiewen- denn alle Parteien könnten künftig mehr
Aber uns fehlt die Frische in der Prä- de wesentlich besser gemanagt wer- Geld in Straßen, Brücken und Schienen-
sentation unserer Themen. Da müs- den. Und wir müssen mehr Mittel für wege stecken.
sen wir an uns arbeiten. Bildung mobilisieren. Das sind alles So wird die Verkehrspolitik am Ende
SPIEGEL: Was muss geschehen? Fragen, die im Mittelpunkt des SPD- kein Koalitionshindernis sein, ganz an-
Weil: Wir müssen uns bemühen, jün- Programms stehen. ders als die Energiewende, die größte Re-
gere Menschen in politisch wichtige SPIEGEL: In der letzten Koalition mit formbaustelle, auf der seit Monaten alle
Positionen zu bringen. Nur so kann der Union haben Sie viel durchsetzen Arbeiten ruhen.
die SPD Zukunftsfähigkeit ausstrahlen. können, genutzt hat es der SPD nichts. Die Kanzlerin weiß um die Dringlich-
SPIEGEL: Muss sich die SPD jetzt für Weil: Das stimmt. Das gilt es mitzu- keit des Themas. Schon allein weil die
rot-rot-grüne Bündnisse öffnen? bedenken. I
  : G R  Bürger wegen der steigenden Strompreise
so langsam die Lust am Ausstieg aus der
Atomkraft verlieren. Wieder wäre die
26           2 0 1 3
MS-UNGER.DE

Rivalen Kraft, Gabriel: Trophäe für die Kanzlerin

Große Koalition die einfachere Option: grünes Bündnis. Im Bundesrat hätte diese „Ich werde solche Gespräche jedenfalls
Peter Altmaier könnte Umweltminister Koalition keinen Rückhalt, und Merkel nicht führen“ (siehe Interview Seite 24).
bleiben, beide Volksparteien würden sich ist gewählt, weil die Menschen Stabilität Pragmatischer sieht das Günther Oet-
für fossile Energieträger einsetzen, vom erwarten. Sie will jetzt keinen Bündnis- tinger, CDU-Präsidiumsmitglied und EU-
Bundesrat wäre keine Blockade zu er- partner, der mit sich selbst kämpft. Es ist Kommissar: „Ich unterstütze ernstge-
warten. paradox: Gerade weil die Grünen so meinte Gesprächsangebote an beide Par-
Schwarz-Grün dagegen könnte versu- schwach sind, sind sie als Bündnispartner teien, bei denen Übereinstimmungen und
chen, eine moderne Industriegesellschaft für Merkel wenig attraktiv. Und selbst Gegensätze zu den Programmen der je-
weitgehend auf erneuerbare Energieträ- wenn sich Trittin an der Spitze seiner Par- weiligen Parteien deutlich werden.“ Ein
ger zu gründen, ein zukunftsweisendes tei stabilisieren und Verhandlungen mit Vorteil des Zusammengehens mit den
Stromnetz aus dezentralen Kraftwerken der Union aufnehmen sollte – für viele Grünen könne sein, dass ihnen deutlich
aufzubauen und eine Blaupause zu lie- CDU-Anhänger ist eine Koalition gerade weniger Ministerposten als der SPD an-
fern für die intelligente Verbindung aus mit ihm unvorstellbar. geboten werden müssten.
Ökologie und Ökonomie. Die Basis der Union ist auf ein Bündnis Ob es der SPD wie 2005 gelingt, acht
Zudem stehen sich Grüne und CDU mit der Ökopartei genauso wenig vorbe- Ministerien zu erstreiten – die Union hat-
energiepolitisch näher als Grüne und reitet, wie es die Parteigänger der Grünen te damals sieben und das Kanzleramt –
SPD. Schwarze Landesfürsten wie der sind. Koalitionen wie die in Hamburg ist zwar fraglich. Aber das Verhältnis der
bayerische Ministerpräsident Horst See- haben gezeigt, dass schwarz-grüne Bünd- Koalitionspartner bei der Aufteilung der
hofer propagieren den Ökostrom, weil nisse nur funktionieren, wenn das Füh- Posten dürfte deutlich ausgeglichener sein
die Bauern als Kernwähler davon genau- rungspersonal die eigene Partei dafür be- als im Bündnis mit der FDP.
so profitieren wie gutsituierte Hausbesit- geistern kann. Ole von Beust ist das in Vor allem um das Finanzministerium
zer mit ihren Solaranlagen auf den Dä- Hamburg eine Zeitlang geglückt, doch wird ein zähes Ringen entbrennen. An-
chern. Die Mittelschicht spürt die hohen nach seinem Rückzug war das Bündnis gela Merkel will das Schlüsselressort un-
Strompreise viel weniger schmerzhaft als schnell Geschichte. bedingt behalten. In der Euro-Krise, aber
die Einkommensschwachen – und damit Zudem würde jede Annäherung an die auch für die anstehende Neuordnung der
das Wahlvolk der SPD. Grünen auf den erbitterten Widerstand Finanzbeziehungen zwischen Bund und
Machtpolitisch spricht aus Sicht der der erstarkten CSU stoßen. CSU-Chef Ländern geht nichts ohne den Finanz-
Union dennoch viel gegen ein schwarz- Seehofer warnt schon vor Verhandlungen: minister. Deswegen wird auch die SPD
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darin, dass sie einerseits zu wacklig und
andererseits zu stark ist.
Der kleinere Partner hält sich selbst für
eine Partei, die einen Kanzler stellen
kann, und akzeptiert daher nie ganz die
Autorität des Regierungschefs. Sigmar
Gabriel würde die Zeit sicherlich nutzen,
um sich für die nächste Wahl zu profilie-
ren. Streit ist programmiert.
Schwarz-Rot hätte mehr als drei Viertel
der Stimmen. Die Opposition wäre mick-
rig, Grüne und Linke haben zusammen
nur 17 Prozent der Stimmen geholt. Für
eine Demokratie ist das auf Dauer nicht
bekömmlich, da sie eine starke Macht-
kontrolle braucht.
Aber dieses Argument wird bei den
Verhandlungen voraussichtlich keine Rol-
le spielen. Die Parteien werden wohl den
leichtesten Weg gehen, nicht den span-
nendsten, den mit Aussicht auf eine echte
Erneuerung des Landes.
So bleibt vor allem noch eine Frage.
Wie lange hält Angela Merkel an ihrer
Kanzlerschaft fest, die ganze Legislatur-
periode? Oder gibt sie vorher das Amt

CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL


ab, um einen Nachfolger für die nächste
Wahl aufzubauen? Am Wahlabend hat
sie gesagt, dass sie bis zum Ende bleiben
werde. Aber das ist leicht gesagt. Erst ein-
mal wird sie ihren von den Gegnern ge-
fürchteten Spaß am Regieren haben. Soll-
Ministerin von der Leyen, Chefin Merkel: Eine deutsche Hillary Clinton? te sich das ändern, wird ihr niemand ver-
übeln, wenn sie ihr Wort zurücknähme.
darauf bestehen, das Haus selbst zu be- mit Grünen und Linken eine Regierung Schon gar nicht Ursula von der Leyen,
setzen. Das Finanzministerium ist ein Ne- zu bilden, ist mit dem Wahlergebnis weit- die sich Hoffnungen auf die Nachfolge
benkanzleramt. gehend zerstreut. Vor allem Fraktionschef macht und die am Wahlabend keinen Ein-
Wolfgang Schäuble ist für das Kabinett Volker Kauder hat davor immer wieder satz scheute, um der Kanzlerin ihre Ver-
gesetzt. Sollte der Wunsch der Kanzlerin, gewarnt. Doch jetzt ist die theoretische ehrung zu zeigen.
ihn im Finanzministerium zu lassen, sich Mehrheit von Rot-Rot-Grün so knapp, Sie hat ihre Kinder mit in die Partei-
nicht erfüllen, könnte er Außenminister dass die SPD dieses Risiko kaum einge- zentrale gebracht. Es geht zu wie bei ei-
werden oder vielleicht Bundestagspräsi- hen wird. Theoretisch kann jetzt Merkel nem Schulausflug: Die Kinder sind auf-
dent. Auch Arbeitsministerin Ursula von der SPD drohen: Im Notfall kann sie mit geregt, zappelig, aber wohlerzogen. Ihre
der Leyen bliebe nicht lange heimatlos, den Grünen koalieren. Mutter besorgt Essen vom Buffet, dann
sollten die Sozialdemokraten nach ihrem Große Koalitionen gab es zweimal in kommt Angela Merkel mit ihrem Mann.
Traditionsressort greifen. Die Medizine- Deutschland, von 1966 bis 1969 und von Von der Leyens Kinder umringen sie so-
rin könnte Gesundheitsministerin wer- 2005 bis 2009. Bei der ersten Auflage ge- fort, Merkel ist überrascht. „Ach, ihr seid
den, lieber profilierte sie sich wohl im lang der Regierung eine Finanzreform, das“, sagt sie dann. Eines der Mädchen
Auswärtigen Amt als eine deutsche Hil- zudem wurden die umstrittenen Not- bekommt einen roten Kopf.
lary Clinton. standsgesetze verabschiedet. In jener Zeit Dann stellen sich von der Leyens Kin-
Peter Altmaier bliebe gern Umweltmi- bildete sich die Apo, die Außerparlamen- der zu einem Erinnerungsfoto mit der
nister, würde seiner Kanzlerin aber eben- tarische Opposition von Studenten. Kanzlerin auf. „Lächeln Sie, Frau Mer-
so in jeder anderen Verwendung dienen. Die Große Koalition von 2005 hatte kel“, mahnt ihre Büroleiterin Beate Bau-
Für die CSU blieben die Themen Innen, drei Phasen. Es gab einen kraftvollen mann aus dem Hintergrund. Merkel lä-
Verkehr und Landwirtschaft oder Vertei- Start mit der Rente mit 67. Dann wurde chelt, von der Leyen freut sich. Schöner
digung. gezankt und gezankt. Die ewige Balgerei fände sie wohl nur, wenn ihre Kinder der-
Das ist wenig, aber nicht einmal die gipfelte im Januar 2008 in einem Ausruf einst mit einer anderen Bundeskanzlerin
Knappheit an Posten wird die Große Ko- des Fraktionsvorsitzenden der SPD, Peter posierten: nicht mit Mutti, sondern mit
alition wohl verhindern können. Sie hat Struck: „Die kann mich mal.“ Gemeint Mama. N AÉ, R  B
, S  B,
den Reiz, dass es weniger parteipolitische war die CDU. Als im Sommer darauf die M  D

, H ORAND K NAUP,


D IRK K URBJUWEIT, P ETER M ÜLLER ,
Probleme mit dem Bundesrat gäbe, da Finanzkrise ausbrach, rauften sich die C HRISTOPH PAULY, C HRISTIAN R EIERMANN,
Schwarz und Rot dort gut vertreten sind. Partner zusammen und hielten Deutsch- G ORDON R EPINSKI , M ICHAEL SAUGA ,
Konflikte sind gleichwohl programmiert, land mit Kurzarbeitergeld, Abwrackprä- C ORNELIA S CHMERGAL , BARBARA S CHMID ,
weil sich die Länder unter dem Druck mie und einer Garantie für Spareinlagen G ERALD T RAUFETTER
der Schuldenbremse gegen den Bund so- einigermaßen stabil.
lidarisieren könnten. Der Vorteil einer Großen Koalition ist, Video:
Die alte Sorge der Union, die SPD dass sie kein Problem mit Mehrheiten im Die Folgen der Wahl
könnte eine Große Koalition nach weni- Parlament hat, wenn sich die Regierung spiegel.de/app552013wahlfolgen
gen Jahren platzen lassen, um doch noch auf ein Gesetz einigt. Die Nachteile liegen oder in der App DER SPIEGEL

28           2 0 1 3
Bundestagswahl

frontationskurs richtig war. Wenn der


nicht fortgesetzt werden soll, stellt sich
GRÜNE die Personalfrage. Und wenn wir klug
sind, beantworten wir sie ohne das üb-

„Jeden Zauber eingebüßt“


liche Flügel-Klippklapp.
SPIEGEL: Die Grünen könnten ihre Erneue-
rung damit beginnen, dass sie jetzt mit
der Union koalieren.
Der schleswig-holsteinische Energieminister Robert Habeck, 44, Habeck: Ja, das könnten wir. Ich bin dafür
grundsätzlich auch offen. Aber wir hätten
hält den Wahlkampf seiner Partei für das vor der Wahl sagen müssen. Auf un-
vollkommen missraten und fordert einen personellen Neuanfang. seren Luftballons stand: „CDU – ich platz’
gleich.“ Wir haben zwar nichts formal
ausgeschlossen, uns aber faktisch bei der
SPD eingeschlossen.
SPIEGEL: War das ein Fehler?
Habeck: Der Bundesparteitag zum Wahl-
programm ließ an Klarheit nichts zu wün-
schen übrig. Wir sind weder personell
noch konzeptionell auf Schwarz-Grün
vorbereitet.
SPIEGEL: Ist Rot-Rot-Grün denkbar?
Habeck: Das hat die SPD ausgeschlossen.
SPIEGEL: Vor zwei Jahren lagen die Grü-
nen bei über 20 Prozent. Haben Sie Maß
und Mitte verloren und sich schlichtweg
überhoben?
Habeck: Ganz im Gegenteil. Vor zwei
Jahren war das Momentum da, mehr aus
uns zu machen. Aber wir haben uns da-
gegen entschieden. Wir sagten damals,
wir sind überbewertet. Und jetzt dürfen
wir nicht jammern, dass wir unterbewer-
tet sind.
SPIEGEL: Manche sagen, die Grünen seien
mit ihren detaillierten Steuerplänen zu
JOHANNES ARLT / LAIF

ehrlich gewesen.
Habeck: Wir haben nicht erklärt, was wir
Minister Habeck wollen, sondern nachgerechnet, was wir
beschlossen haben. Wir wollten den
Wahlkampf über Zahlen gewinnen, nicht
SPIEGEL: Herr Habeck, die Grünen woll- Dabei waren wir immer gegen morali- über eine Idee vom Morgen. So sind wir
ten sechs Millionen Wähler gewinnen, sche Normierungen. Wir waren liberal zu einer Excel-Partei geworden, die bes-
Schwarz-Gelb ablösen und mit der SPD im besten Sinne. Wir wollten mehr indi- ser rechnen kann, aber nicht die große
in die Regierung einziehen. Nichts davon viduelle Freiheit. Wir konnten begeistern, Linie zieht. Statt den Sinn der Energie-
hat geklappt. Was ist schiefgelaufen? weil wir unbequem und freiheitsliebend wende zu erläutern, haben wir uns in
Habeck: Fast alles. Das hat eine tiefere waren, mutig, cool und kreativ. So haben
Ursache: Wir haben jeden Zauber einge- wir die Gesellschaft auf unseren Feldern
büßt, der uns einmal attraktiv machte – grüner gemacht. Jetzt müssen wir Grü- „Wir sind zu einer Excel-
das Unangepasste, Emphatische, Empa- nen die Gesellschaft wieder zu uns ein- Partei geworden, die bes-
thische. Wir kommen als Besserwisser laden – als eigenständige, selbstbewusste
rüber und nicht als eine Truppe, die die Partei. ser rechnen kann, aber
Gesellschaft mitnehmen will in eine neue, SPIEGEL: Klingt, als ob die Grünen jetzt
ökologischere Zeit. eine andere Partei werden sollten? nicht die große Linie zieht.“
SPIEGEL: Was haben Sie falsch gemacht? Habeck: Wir tun gut daran, an allem und
Habeck: Wir haben uns darauf beschränkt, jedem zu zweifeln. Wir können nicht ein- den Zahlenfallstricken verheddert, die
recht zu haben, statt Zustimmung zu be- fach zur Tagesordnung übergehen. In die- Merkel ausgelegt hat. Das sag ich auch
kommen. Wir haben uns nicht um Mehr- sem Wahlkampf hätten wir grüne Ge- an meine eigene Adresse als Energie-
heiten bemüht und nicht auf die Befind- schichte schreiben können. Die Bedin- wendeminister.
lichkeiten der Menschen reagiert. Das ist gungen waren ideal: Die SPD-Kampagne SPIEGEL: Noch nie waren die Grünen so-
aber die Bedingung von Erfolg. zündete nicht, die Bundesregierung lie- zialdemokratischer als in diesem Wahl-
SPIEGEL: Stattdessen gab es Essensvor- ferte wirklich schlechte Arbeit ab. Der kampf. Lag es vielleicht daran?
schriften und Steuererhöhungen. Piraten-Hype war abgeklungen und die Habeck: Wir haben uns links neben der
Habeck: Tatsächlich zieht sich die morali- Linke bedeutungslos. Wir haben eine SPD aufgestellt und eine eigene politische
sche Erziehung des Menschengeschlechts Riesenchance verpasst. Wahrnehmbarkeit eingebüßt. Wir haben
wie ein roter Faden durch das Wahlpro- SPIEGEL: Muss Jürgen Trittin als Fraktions- die grüne Eigenständigkeit aufgegeben.
gramm. Wir sind als etatistische Partei chef zurücktreten? Warum sollte man am Ende noch die Grü-
aufgetreten. Da ist eine Gereiztheit auch Habeck: Die neue Bundestagsfraktion nen wählen, wenn klar war, dass es für
bei Menschen zu spüren, die uns mögen. wird sicher überlegen, ob der scharfe Kon- Rot-Grün nicht reicht? Wir haben der
          2 0 1 3 29
SPD das Bett der Großen Koalition be-
reitet.
SPIEGEL: Die Wahlstrategie sah vor, die
Wähler auf der linken Hälfte des poli-
tischen Spektrums zu suchen und we-
niger in der Mitte. Gibt es jetzt einen
kompletten Neuanfang – mit Kurs auf
die Mitte?
Habeck: Einen Kurs auf pragmatische Ra-
dikalität, ja. Die Gesellschaft ist auf die
Grünen zugewachsen. Sie ist reif für neue
Mehrheiten, aber wir rufen sie nicht ab.
Die Wirtschaft denkt häufig schon ökolo-
gisch, aber wir haben die Wirtschaft in
diesem Wahlkampf nicht nur vergessen,
sondern weggeschubst. Wir haben die
Landwirte beleidigt und damit alle alten
Reflexe gegen uns bedient.
SPIEGEL: Verprellte CDU- und FDP-Wäh-
ler scheinen die Grünen tatsächlich nicht
gewonnen zu haben. Woran lag das?
Habeck: Das Steuerkonzept müssen wir
uns alle vorwerfen. Wir haben es gemein-
sam beschlossen, wie auch den Rest des
Wahlprogramms. Auch ich habe auf dem
Parteitag nichts kritisiert, im Gegenteil,
vieles noch nicht mal als problematisch
erkannt. Aber eine Aufarbeitung und ein
Neuanfang müssen Personalfragen ein-
schließen.
SPIEGEL: Katrin Göring-Eckardt hat mit
ihrem Sozialprofil eher linke Wähler an-
gesprochen und nicht, wie erhofft, die
Wertkonservativen.
Habeck: Jedenfalls konnten wir unser
Spektrum nicht nennenswert erweitern.
Es gibt einen tieferen Grund. Wir haben
die Leute nicht abgeholt, sondern belehrt.
Wir haben skeptische Wähler mit unserer
trotzigen Art für blöd erklärt. So kann
man sie nicht gewinnen.
SPIEGEL: Manche Grünen beklagen sich,
dass sie Opfer fieser Wahlkampagnen ge-
worden seien. Sehen Sie das auch so?
Habeck: Wir dürfen uns nicht beklagen,
verunglimpft zu werden, wenn wir ande-
re verunglimpfen. Und wir dürfen uns
nicht darüber ärgern, dass der politische
Gegner unsere Vergangenheit aufspießt.
Schließlich haben wir am lautesten ge-
schrien, weil Schavan in ihrer Doktor-
arbeit falsch zitiert haben soll, jemand
einen zu großen Dienstwagen fährt oder
mit den falschen Freunden feiert. Unser
„Und du?“ wird zum „Du, du, du“ des
erhobenen Zeigefingers.
SPIEGEL: Die Grünen gehen den Bürgern
auf die Nerven?
Habeck: Wir haben uns ein Vorschreiber-
Image erworben, etwas Spießbürger-
liches, das wir nie sein wollten. Wir sind
aber keine besseren Menschen und soll-
ten auch nicht so tun. Ich fahre schneller
als 120, wenn ich so noch meine Kinder
vor dem Zubettgehen sehen kann. Ich
kaufe auch mal im Discounter, wenn er
auf dem Weg liegt. Und das Bier neulich
im Urlaub war ein Dosenbier – und es
war lecker. I
  : R  B


30           2 0 1 3
Bundestagswahl

geißelt er die Fehler der Bundesregierung; Verbindung zu Pädophilen vor rund 30


eine Koalition mit der CDU hält er für Jahren könnten nicht für den Niedergang
König von undenkbar. verantwortlich gewesen sein. Er habe nur
74 Jahre ist er alt, seine Haare sind zwei, drei Mails zu diesem Thema bekom-
schlohweiß. Ströbele hat nie geraucht, er men. „Ein einziges Mal hat mich jemand

Kreuzberg trinkt keinen Alkohol, seine Sucht ist die als ,Kinderficker‘ beschimpft.“
Politik. Noch am Abend vor der Wahl Eigentlich wollte er das Blech mit dem
hatte er in türkischen Lokalen Flyer ver- Pflaumenkuchen, das seine Frau im Be-
Zum vierten Mal holte Hans- teilt, und dabei wurde er immer wieder zirksparlament vorbeigebracht hat, noch
Christian Ströbele in Berlin ein gefragt: „Warum machst du noch Wahl- zur zentralen Wahlparty der Grünen ins
Direktmandat. Der 68er über- kampf? Du wirst sowieso gewählt.“ nur zwei Kilometer entfernte Tempelhof
strahlt seine Partei – weil er stand- Am Sonntagnachmittag buk er erst mal mitnehmen, doch ein Parteifreund rät
einen großen Pflaumenkuchen, seine Spe- ab: „Die Trauerfeier dort ist so gut wie
haft eigene Positionen vertritt. zialität, schon seit er 1978 zu den Grün- vorbei.“
dern der „Tageszeitung“ gehörte. Wenn Also bleibt er an jenem Ort, wo die

A
n Wahlabenden pflegt Hans-Chris- die jungen „taz“-Redakteure sich wieder grüne Welt noch in Ordnung ist, im Rat-
tian Ströbele erst spät in Erschei- furchtbar um die politische Linie des Blat- haus Kreuzberg, und kündigt eine scho-
nung zu treten. Wenn die Nieder- tes gestritten hatten, war er mit einem nungslose Analyse der bundesgrünen
lagen längst schöngeredet oder die Tri- Blech Pflaumenkuchen und seinem ge- Wahlschlappe an: „Waren es die Perso-
umphe gefeiert sind, taucht er bei seinen winnenden, aber auch unnahbaren Lä- nen, waren es die Themen, war es die
Parteifreunden auf. Und dieses Mal ist er cheln vorbeigekommen. mangelhafte und falsche Vermittlung von
noch später dran als üblich. Neun nach Die für die Grünen schockierenden Themen wie Steuererhöhungen?“ Und
neun zeigt die Uhr, als Ströbele im Sit- Prognosen verfolgte Ströbele zu Hause was ist mit der rot-rot-grünen Mehrheit?
zungssaal der Bezirksverord-
netenversammlung in Berlin-
Kreuzberg aufkreuzt.
Er schlendert herein, er hat
ein blau-rot kariertes Hemd an,
darüber einen blauen Pullover
und eine blaue Daunenweste.
In der Hand hält er einen
Jutebeutel. An die hundert
Menschen sind im Plenarsaal
des Bezirksparlaments versam-
melt, überwiegend Grüne. Bei-
fall brandet auf.
Knapp 40 Prozent der Erst-
stimmen hat Ströbele geholt,
die nach ihm zweitbeste Kan-
didatin, eine Deutschtürkin der
SPD, liegt mit ihren 18 Prozent
weit zurück. Der Rechtsanwalt
hat zum vierten Mal das einzi-
ge Direktmandat der Grünen
geholt und in seinem Bezirk na-
hezu doppelt so viele Stimmen
bekommen wie seine Partei.
„König von Kreuzberg“ nen-
nen ihn manche, doch Ströbele
ist alles andere als ein Aristo-
krat. Er ist einer der letzten
68er, die noch in einflussrei-
IMAGO

cher Position in der deutschen


Politik mitmischen. Joschka Wahlgewinner Ströbele: „Ich kann mir keine Koalitionsvereinbarung mit der CDU vorstellen“
Fischer berät auf seine alten
Tage BMW und andere gut zahlende Fir- mit seiner Frau Juliane, einer Lateiname- „Wir sollten auch ernsthaft mit den Lin-
men. Otto Schily, Ströbeles Kollege in den rika-Expertin. Er fing an, den Trend auf ken reden“, fordert Ströbele. So mögen
Prozessen gegen die RAF-Terroristen in seine Erststimmen hochzurechnen und die Kreuzberger Grünen ihren Christian.
den siebziger Jahren, ist nur noch als hatte schon das Ende seiner Parlaments- Sie applaudieren. Und er legt nach: „Ich
Anwalt aktiv. karriere vor Augen. Zu seiner Frau sagte kann mir keine Koalitionsvereinbarung
Zum Elder Statesman, der seinen Grü- er: „Juliane, vielleicht solltest du für uns mit der CDU vorstellen, der ich zustim-
nen nach dem Wahldebakel den Weg in eine Reise in die Karibik buchen.“ men könnte.“
die Zukunft weist, taugt Ströbele den- So schlimm kam es für ihn dann nicht, Es ist Punkt Mitternacht, als der sieg-
noch nicht. Prinzipientreu, manchmal aber das Wahlergebnis seiner Partei reiche Kandidat das Rathaus Kreuzberg
stur vertritt er seine linken Positionen, nennt Ströbele „ein Desaster“. Schließ- verlässt. Ströbele packt den Jutebeutel
auch wenn sie von der Parteilinie abwei- lich habe sie vor dem Wahlkampf noch auf den Gepäckträger seines Fahrrads.
chen; etwa wenn es um die Euro-Rettung stabil bei 15 Prozent gelegen. Dann steigt er auf und fährt langsam auf
oder Auslandseinsätze der Bundeswehr „Wir waren keine gute Opposition“, dem Bürgersteig davon.
geht. Ob NSU oder NSA, mit aller Härte sagt Ströbele. Kritische Medien und die M S 


       2 0 1 3 31
Bundestagswahl

alle darauf warten, einander zu zerflei-


Parteichef Lucke am schen.
Wahlabend in Berlin Der Wahltag war der Stichtag des Burg-
friedens in vielen Landesverbänden. Des-
halb werden die nächsten Monate nicht
nur entscheiden, wie es weiterläuft. Sie
entscheiden, ob es weitergeht. Eigentlich
hatte die AfD ihren Bundesparteitag für
Anfang 2014 angesetzt, jetzt plant man
schon für Dezember.
„Es ist wichtig, dass die Partei nicht zu-
rückfällt, sondern sich sofort der Europa-
wahl annimmt“, sagt etwa Alexander
Gauland, Mitglied im Bundesvorstand.
Nach der Europawahl im Mai 2014 will
die Partei bei den Landtagswahlen in
Sachsen, Thüringen und Brandenburg an-
treten. Hier schaffte die Partei bereits bei
der Bundestagswahl über fünf Prozent.
Aber zu Wahlen gehören Programme,
und auf Landesebene fruchtet eine Anti-
Euro-Politik wenig. Die Partei ist sich we-
der einig über Familienpolitik noch über
die Energiewende, die Außenpolitik oder
Bildungsfragen, von der Steuerpolitik

PHILIPP GUELLAND / AFP


ganz zu schweigen.
Ohnehin muss erst klar sein, ob Lucke
weitermacht. Er ist nicht nur das einzige
Mitglied des Bundesvorstands, das im
Fernsehen wie auf dem Marktplatz eine
passable Figur macht. Er ist auch der Ein-
zige, dessen Wort bis in die hinterste Ecke
AFD jedes Landesverbands gilt.
Es waren Luckes Pendeldiplomatie und

Nach Lucke die Lücke seine E-Mail-Appelle, die er oft um drei


Uhr morgens verschickte, die in Verbänden
wie Hessen, Bayern oder Berlin zu einem
– wenn auch brüchigen – Frieden führten.
Für die Alternative für Deutschland war der Erfolg zum Vor allem der Berliner Verband war
Greifen nahe. Jetzt fürchten die Mitglieder, von Anfang an Schauplatz erbitterter
Grabenkämpfe. Ein frisch gewählter Lan-
dass Parteichef Lucke hinwirft. Denn ohne ihn läuft nichts. desvorstand wurden anonym als schwul
geoutet, ein neu installierter Geschäfts-

I
rgendjemand reicht dem Parteichef das jungenhafte Gesicht eine bittere Gri- führer mit antisemitischen Sprüchen atta-
das Schwert auf die Bühne, und Bernd masse, um die Augen tiefe Falten. ckiert. Vorstände intrigierten gegenein-
Lucke greift sofort zu. Das Spielzeug- Im Hintergrund auf den Leinwänden ander in geheimen Treffen.
schwert leuchtet hellblau, AfD-blau, und kickt schon die Eintracht gegen den VfB, Einen Vorgeschmack, was seinem Ver-
der Bundesvorsitzende der Alternative als Lucke sagt, jetzt müsse er erst einmal band nun blüht, bekam noch am Wahl-
für Deutschland reckt es in die Höhe. nachdenken, wie alles weitergehen solle. abend der Berliner Spitzenkandidat Joa-
Zum letzten Mal ringt er sich ein Lächeln Er spricht nicht aus, wovor seine Leute chim Starbatty. Zu später Stunde nahm
ab, denn unten im Ballsaal des Berliner die größte Angst haben: dass ihr Luke ein weißhaariger Senior den Wirtschafts-
Maritim Hotels feiern ihn seine Anhänger Skywalker abtreten könnte, zurückkeh- professor in Beschlag und tippte ihm ag-
und rufen rhythmisch seinen Namen. ren an die Universität Hamburg, wo er gressiv auf die Brust. „Ich habe Sie mo-
Lucke, unser Luke Skywalker. Lucke, einen Lehrstuhl für Volkswirtschaft hat. natelang unterstützt“, schnarrte der
die Lichtgestalt der Euro-Gegner. Kein Kommentar, sagt Lucke dazu. Er Mann den verwirrten Starbatty an. „Aber
Der Parteichef ist nach einem Talk- muss erst nachdenken. Auf die Dauer ei- wenn Sie weiter mit den Putschisten aus
show- und Interview-Marathon noch mal nen Lehrstuhl und eine 16 000-Mann-Par- der Homo-Darkroom-Szene gemeinsame
zu seinen Anhängern ins Maritim zurück- tei zu führen, das wäre eine erhebliche Sache machen, werden meine Leute und
gekehrt, sie bejubeln ihn. Last, hat er früher schon gesagt. ich Konsequenzen ziehen! Verstanden?“
4,7 Prozent bei der Bundestagswahl, Sollte am Ende des Denkprozesses die Starbatty wich zurück, lächelte verle-
der Erfolg ist erstaunlich für eine sieben Demission stehen, stünde die AfD am gen, versuchte, den Wütenden zu besänf-
Monate junge Partei. Der Erfolg ist auch Abgrund. Die Partei hat keinen personel- tigen. „Danke, dass Sie Ihren Ärger offen
historisch – die Grünen schafften 1980 im len Unterbau, keine belastbare Struktur, aussprechen. Lassen Sie uns bald in Ruhe
ersten Anlauf nur 1,5 Prozent. Aber 4,7 kein detailliertes Programm – und keine reden.“ Grummelnd zog der Mann ab.
Prozent sind eben auch ein Misserfolg, Posten zu vergeben. In Konfliktherden wie Berlin könnte
und so will beim Parteichef keine Sieges- Was die AfD dafür in ihren Reihen es bald nicht mehr reichen, nur zu reden.
stimmung aufkommen. Auf der Bühne im Überfluss hat, sind erbitterte Gegner, Am Wahlabend machte das Wort vom
lächelt Lucke, aber zurück auf dem Bo- rivalisierende Flügel und eine Hun- „Reinigungsprozess“ die Runde. Lucke
den des Saals, ist das Lächeln verkniffen, dertschaft aktiver Rechtspopulisten, die hofft, dass der Erfolg von 4,7 Prozent
32           2 0 1 3
Querulanten den Wind aus den Segeln 48 Stunden kratzte die AfD mehr als eine
nimmt. „Sonst werde ich teilweise ent- halbe Million Euro zusammen, darunter
schiedener eingreifen müssen als bisher.“ wieder viele Klein- und Kleinstbeträge.
Seine Partei hat nur ihn. Hinter Lucke Die Anhängerschaft der Partei ist durch-
klafft eine Lücke. Ohne ihn ist die zweite aus heterogen. Am Wahlabend tummeln
Reihe machtlos, „Dr. Adam, Dr. Gauland, sich im Ballsaal des Maritim keinesfalls
Dr. Petry und Professor Starbatty“, wie nur frustrierte Rentner, es kommen Junge
der Parteichef seine gebildeten Mitstreiter wie Alte, Männer wie Frauen. „Deutsch-
gern aufzählt. Die Partei hatte vor allem land ist mit der AfD blau geworden“, ruft
deshalb Erfolg, weil sie schnell gegründet der Wahlkampfleiter stolz von der Bühne.
und straff von oben geführt wurde. Mit „Die AfD ist aus der politischen Szene
einer mächtigen Spitze, starken Regional- nicht mehr wegzudenken.“
fürsten und einer großen Schar hoch- Was die AfD-Wähler über ihre Partei
motivierter Freiwilliger vermied die AfD denken, das zeigte eine ARD-Umfrage
am Wahlabend: „Die AfD löst
Zweitstimmenergebnis der AfD zwar keine Probleme, nennt die
bei der Bundestagswahl 2013 in Prozent Dinge aber beim Namen.“ Die-
bis 3,5 >3,5 bis 5 >5 bis 6,5 > 6,5 ser Aussage stimmten 83 Pro-
zent aller Wähler der Anti-Euro-
Rhein-Ruhr- Hamburg Berlin Partei zu.
Gebiet AfD-Funktionäre sprachen
die Angst ihrer Anhänger nicht
nur aus, sie schrien sie geradezu
heraus. Die Angst, dass der
Strom zu teuer wird, dass das
Sparbuch nichts mehr wert ist,
dass Ausländer ins Sozialsystem
einwandern und dass die Deut-
HH
schen bis 67 ackern, während
die Griechen auf der faulen
Haut liegen. Ausgerechnet den
promovierten, teils vergeistigten
B
Spitzenleuten der Partei ist es
dabei gelungen, sich selbst als
volksnah zu zeichnen und eta-
blierte Politiker als abgehoben.
Rhein- Wahlkampfveranstaltungen
Ruhr-
Gebiet der AfD waren Gruppenthera-
pie, Angsttherapie, nur dass die
Therapie nicht auf Linderung
oder gar Heilung ausgerichtet
Quelle: Bundeswahlleiter/
war. Lösungen hat die AfD nicht
Statistisches Bundesamt; im Angebot. Sie lebt wie ein
vorläuges amtliches
Ergebnis
politisches Wirtstier davon, die
Lösungen der anderen Parteien
zu zerfleddern.
Die entscheidende Frage wird
sein, ob die AfD die Wähler
auch als außerparlamentarische
Opposition weiter erreichen und
M München
motivieren kann. Der Erfolg
von 4,7 Prozent gab den AfD-
lern in ihren Augen recht, aber
er gab ihnen keine Plattform,
wie das Bundestagsplenum es
ein Chaos wie bei der Piratenpartei. So gewesen wäre. Bundestagsmandate hät-
gelang die Anmeldung zur Wahl in allen ten der Partei Medienauftritte und vielen
Ländern, so gelang auch der Graswurzel- Aktivisten Mitarbeiterstellen beschert.
wahlkampf. Stattdessen wird es nun bei Auftritten in
Welche Breitenwirkung die Minipartei Jugendzentren und Hotelsälen bleiben.
in kurzer Zeit entwickelt hat, verrät auch Und viele AfDler dürften einfach wieder
die Spendensumme, die Schatzmeister in ihren normalen Beruf zurückkehren.
Norbert Stenzel eingesammelt haben will: Trotzdem macht sich Partei-Vizechefin
4,3 Millionen Euro seit der Gründung, Frauke Petry um die Motivation ihrer
darunter zwei Großspenden knapp unter Anhänger keine Sorgen. „Wenn die Euro-
50 000 Euro. Als sich die Wahlkampfkasse Rettung erst wieder losgeht, dann werden
kurz vor der Wahl leerte, schaltete die die Menschen sich der AfD wieder in
AfD im Internet den Spendenaufruf zu Scharen zuwenden“, hofft sie.
einer „Geld-Bombe“. Sie zündete: In nur M
 A

, A

-K 
M 

          2 0 1 3 33
Bundestagswahl

FDP

Der Untergang
Nach der Katastrophe vom Sonntag fehlt es der Partei an allem,
was es zum Überleben braucht. Inhaltlich entleert und
personell ausgedünnt, hat sie jede gesellschaftliche Bedeutung verloren.

P
olitik ist ein existentielles Geschäft, Wahllokale schließen, ist klar, dass die
sie wird bestimmt vom erbarmungs- politischen Karrieren von Rösler und Brü-
losen Gesetz des Werdens und Ver- derle zu Ende sind. Sofort positioniert
gehens. Parteien werden gegründet, sie sich Christian Lindner, stellvertretender
gedeihen und blühen. Sie nähren sich aus Parteichef und nordrhein-westfälischer
der Gesellschaft, verändern und gestalten Landesvorsitzender, für die Nachfolge.
sie, manchmal über Jahrhunderte. Sie Er kündigt an, als Erster vor die Presse
können existentielle Krisen durchstehen zu treten. Im Séparée versteht man das
und sich erneuern. Sie können auch zu- so, wie es gemeint ist: Lindner wird den
grunde gehen. Parteivorsitz übernehmen.
Ist dies das Schicksal der FDP? Diese Als am Sonntagabend die gesamte
Frage steht in den Gesichtern geschrie- FDP-Führungsriege auf einer Bühne
ben, als am Sonntagnachmittag das Aus- steht, während Rösler die Wahlniederlage
maß der Katastrophe klarwird. Die Um- kommentiert, drückt Lindner sich zuerst
frage-Institute haben die Spitzen der Par- hinter einem Pfosten herum. Dann stellt
tei nicht wie sonst üblich schon mittags er sich in die zweite Reihe. Er nimmt hin-
über erste Trends unterrichtet. Sie hielten ter Parteifreunden Deckung, nur mit
ihre Zahlen zurück, weil eine Prognose Mühe können sie ihn in die erste Reihe
zu unsicher schien. Doch dann kam sie ziehen. Der künftige Parteichef will schon
mit umso größerer Härte: Die Liberalen, am Wahlabend so viel Distanz zwischen
so die Ansage, werden dem nächsten sich und die aktuelle Parteispitze bringen
Bundestag nicht mehr angehören. wie möglich.
Der Berliner Wahlabend der Liberalen Es ist ein Prinzip, das seine Karriere
wird zu einer Trauerfreier. Verweinte Au- durchzieht. Guido Westerwelle machte
gen, gedämpftes Gemurmel, schweigende Lindner nach der Bundestagswahl zu sei-
Umarmungen. Allen ist klar, dass dies nem Generalsekretär. Als der FDP-Chef
keine gewöhnliche Wahlniederlage ist. in Schwierigkeiten geriet, ging Lindner
Jetzt geht es ums Überleben. auf Distanz. Er ließ erkennen, dass er sich
In einem Seitenzimmer sitzt das Partei- innerlich von seinem Förderer entfernt
präsidium zusammen. Die Ehefrauen sind hatte. Rösler behielt Lindner als General-
dabei. Einige weinen. Schon bevor die sekretär, aber der erklärte mitten in der

Absturz der Liberalen


FDP-Ergebnis bei Bundestagswahlen, Die FDP in den Bundesländern
Zweitstimmen in Prozent 4,6 Ende
Ende Schleswig- September
FDP in der Regierung Holstein
2009 Mecklenburg-
2013
ab 1966 Hamburg Vorpommern
Große Bremen
Koalition
Niedersachsen
0 Berlin
Sachsen- Brandenburg
Nordrhein- Anhalt
Westfalen
Sachsen Hessen:
Thüringen Koalitions-
Hessen verhandlungen
4,8 stehen noch
5 Rheinland- aus
Pfalz
Saarland
in der
Bayern Regierung
Baden-
Württemberg im Landtag
nicht im
4
53
57

5

72
7
80
83
87
0
4
8
2002
2005



Landtag

34           2 0 1 3
Partei in der außerparlamentarischen
Opposition?
Spät am Sonntagabend stehen einige
Vertreter der Sachsen-FDP bei einem
Glas Wein zusammen und machen sich
Mut. Sie erinnern sich daran, wie die lin-
ke PDS 2002 an der Fünfprozenthürde
scheiterte, bei der darauffolgenden Wahl
jedoch gestärkt zurückkehrte. Auch die
West-Grünen scheiterten 1990 daran,
ohne zu zerbrechen.
Doch es gibt einen wichtigen Unter-
schied: Die PDS war in Ostdeutschland
tief verwurzelt und deswegen nach ihrer
Schlappe 2002 in der Lage, ihre Leute
aufzufangen. Ehemalige Bundestags-
abgeordnete kamen vorübergehend in
der Landespolitik unter. Ihre Mitarbeiter
wurden mit Jobs in der Verwaltung oder
bei Gewerkschaften versorgt.
Bei der FDP ist das anders. Sie verfügt
nicht über ein solches Auffangnetz. Die
93 Abgeordneten und ihre Mitarbeiter, ja
selbst die Minister – für kaum jemanden
wird die Partei Verwendung finden. Die
Liberalen sind ja nur noch in einem
einzigen Land in der Regierung vertre-
ten – in Sachsen. Viele der über 400 FDP-
Bundestagsmitarbeiter werden sich neu
orientieren müssen. Das für Berlin-Mitte
zuständige Jobcenter der Bundesagentur
für Arbeit stellt sich auf einen Ansturm
ein und will in den nächsten Tagen sogar
eine Art Außenstelle im Reichstagsgebäu-
de eröffnen. Die meisten FDP-Mitarbeiter
können sich allerdings bei der aktuell gu-
ten Arbeitsmarktlage einige Hoffnung
machen, eine neue Aufgabe zu finden.
ALEX GRIMM / GETTY IMAGES

Für die Partei ist das nicht so sicher.


Hat sie die Kraft, sich zu erneuern? Der
Trauerfeier am Wahlabend ging ein bei-
spielloser Niedergang voraus. Parteien
Liberaler Lindner sind zum ständigen Wandel gezwungen.
Das müssen gerade die Grünen schmerz-
lich erfahren. Kanzlerin Angela Merkel
bis dahin tiefsten Krise der Partei seinen fachste. Aber reicht das? Parteien sind war auch deshalb erfolgreich, weil sie die-
Rücktritt. lebendige Organismen. Ihr Dasein lebt se Notwendigkeit für die Union erkannte.
Nun soll Lindner, der sich vor allem von ihren Zielen, Programmen und Idea- Die FDP ist gescheitert, weil sie den Wan-
als Krisenvermeider präsentiert hat, die len. Aber sie haben auch eine materielle del nicht vollzog.
FDP vor dem Ende bewahren. In der Ber- Existenz: den Apparat, die Abgeordne- Sie versagte nicht erst als Regierungs-
liner Parteispitze hat er nicht viele Freun- ten, die Funktionsträger und ihre Mit- partei, die entscheidenden Weichen wur-
de, aber es gibt zu Lindner keine Alter- arbeiter. Wird eine Partei abgewählt, ge- den schon in der Opposition falsch gestellt.
native. Nur der schleswig-holsteinische rät die materielle Existenzgrundlage in Unter dem Vorsitz von Guido Westerwel-
Fraktionschef Wolfgang Kubicki ist bun- Gefahr. Es gibt kein Vehikel mehr, um le beharrte sie auf der auf Steuersenkun-
despolitisch ähnlich bekannt, aber er gilt Ideen zu transportieren. gen verengten Programmatik. Die hatte
anders als Lindner als Außenseiter in der Als „Dame ohne Unterleib“ wurde zwar gut zum Gründerzeitboom der New
Partei. Die beiden müssen jetzt die FDP die FDP schon lange verspottet, wegen Economy Ende der neunziger Jahre ge-
gemeinsam retten. ihrer schwachen Parteibasis und des passt, aber nicht in die Zeit der Euro- und
Seine Kandidatur zum Parteivorsitz hat überschaubaren Personalangebots. Es Finanzkrise, in der die Bürger nach einem
Lindner mit Kubicki abgesprochen. gibt keine Milieus, Vereine oder Gesin- starken Staat riefen.
Schon in der Woche vor der Wahl hatte nungsgemeinschaften, aus denen die Auch in Habitus und Erscheinungsbild
er sich darauf vorbereitet, möglicherweise Liberalen schöpfen, von Rotary- und verpassten die Liberalen den Anschluss
den Parteivorsitz zu übernehmen. Da- Lions Clubs mal abgesehen. Mit ihrem an die neue Zeit. Die FDP blieb eine
mals hatte er allerdings noch damit ge- Ausscheiden aus dem Bundestag versinkt Männerpartei, Frauen in Spitzenpositio-
rechnet, dass die FDP in den Bundestag die FDP in der gesellschaftlichen Bedeu- nen waren die Ausnahme. So verfestigte
kommen würde. Nun ist seine Aufgabe tungslosigkeit. Ihr ist das wichtigste sich nach außen das Bild einer Partei der
viel größer, als er gedacht hatte. Forum genommen worden, um sich öf- älteren Herren und jüngeren Schnösel.
Wieder einmal zieht also die Partei per- fentlich bemerkbar zu machen. Wen Nach der Wahl 2009 verhandelte Wes-
sonelle Konsequenzen, das ist das Ein- interessiert schon eine obsolet wirkende terwelle einen Koalitionsvertrag, in dem
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Bundestagswahl
THOMAS TRUTSCHEL / PHOTOTHEK.NET

FDP-Führungsriege am Wahlabend: Die entscheidenden Weichen wurden schon in der Opposition falsch gestellt

sich die Liberalen kaum wiedererkennen der Diskussion um den Schutz der Privat- rigsten Stunde in der Geschichte der Frei-
konnten. Viele Wähler wendeten sich ent- sphäre verpasste die FDP den Anschluss. en Demokratischen Partei“ gesprochen
täuscht ab, die Umfragewerte der FDP Als die Sorge der Bürger vor Überwa- hatte, kündigte an, den Parteivorsitz nie-
purzelten in den Keller. Das Ende kam chung ein großes Wahlkampfthema wur- derzulegen.
für den Parteichef, als die Landtagswah- de, hatte sie keine schlüssigen Konzepte Dann sprach Brüderle. Er habe, sagte
len in Baden-Württemberg und Rhein- zu bieten. er, nicht bei der Beerdigung der Partei
land-Pfalz im März 2011 verlorengingen. Als wirklich existenzgefährdend hat dabei sein wollen. Aber mehr habe er
Wenige Tage später putschten Lindner, sich für die FDP aber die Euro-Rettungs- nicht leisten können. Sein rechtes Auge
Daniel Bahr und Philipp Rösler ihren politik erwiesen. Von Anfang an weckte war wegen einer Entzündung gerötet.
einstigen Förderer von der Macht. sie bei einigen Liberalen alte national- Zum ersten Mal sprach der Spitzenkan-
Doch der Neuanfang misslang. Für die liberale Reflexe. Rösler wirkte gegenüber didat über die Qualen eines Wahlkampfs,
drei Nachwuchspolitiker kam der Wech- den Rettungskritikern lange unentschie- der schon vor seinem Beginn gescheitert
sel zu früh. Für den notwendigen radi- den, sprach selbst von einer „geordneten war: in dem Moment, als eine Journalistin
kalen Schnitt fehlte der Mut. So blieb Insolvenz“ Griechenlands. So brachte die ihm sexistische Äußerungen vorwarf.
Westerwelle Außenminister. Und Rainer Euro-Rettungspolitik die Partei an den Noch bevor der Wahlkampf richtig be-
Brüderle, der Verlierer von Rheinland- Rand der Spaltung. Die Euro-kritischen gann, stürzte Brüderle und brach sich die
Pfalz, erhielt den Fraktionsvorsitz. Kaum Kräfte strengten einen Mitgliederent- Knochen. Beim ersten Fernsehauftritt
war die neue Spitze im Amt, machte sich scheid über den Rettungskurs an. Mit gro- nach den Operationen versagte ihm die
die notorisch zerstrittene Partei an ihre ßer Mühe verhinderte die Parteiführung Stimme. Man sah einen gebrochenen
Demontage. Den „mitfühlenden Libe- ein Votum gegen ihre Politik. Mann.
ralismus“, den die Jungen als Gegen- Das Thema Euro-Rettung schien damit Nach den Sexismus-Vorwürfen und den
programm zur Westerwelle-FDP ausrie- vom Tisch, doch mit der Gründung der Knochenbrüchen sei es, so sagte Brüderle
fen, verspottete Brüderle als Säusel-Libe- Euro-kritischen Alternative für Deutsch- am Montag, sehr schwer gewesen, wieder
ralismus. land hat die FDP den nationalliberalen Tritt zu fassen. Der Wahlkampf habe ihn
Die Umfragewerte blieben schlecht. In- Teil ihrer Wählerschaft verloren – mög- an die Grenze seiner physischen Belas-
haltlich gelang es der bald als „Boy licherweise für immer. In der Sitzung von tungsfähigkeit geführt. Tatsächlich war
Group“ titulierten neuen Führung nicht, Fraktion und Vorstand am vergangenen es noch schlimmer. Zwar stützte ihn die
ein Profil zu entwickeln. Die Älteren zo- Montag warf dann auch der Euro-Kritiker Partei, aber es ist nicht gut, wenn eine
gen über die Jungen her. Den Jungen fehl- Frank Schäffler der Parteiführung vor, Partei ihren Spitzenkandidaten stützen
te das Format. Rösler gelang es nie, die mit ihrer Haltung zum Euro die Sympa- muss. Durch die Sexismus-Debatte war
Autorität eines Vorsitzenden zu erwer- thien der Anhänger verspielt zu haben. er zum Mann von gestern geworden. Sei-
ben. Er blieb sympathisch, aber schwach. Auch Brüderle wies darauf hin, dass keine ne Kampagne entfaltete eine fatale Sym-
Nun entwickelte sich die Fraktion unter Partei so viele Anhänger an die AfD ver- bolik: Ein kranker Kandidat kämpfte für
Brüderle zum Machtzentrum der Partei. lor wie die Liberalen. Zwar wehrte Ge- eine moribunde Partei.
Der erfahrene Brüderle war vordergrün- neralsekretär Patrick Döring die Kritik Brüderle funktionierte fast bis zur letz-
dig loyal zum Vorsitzenden. Doch intern Schäfflers ab. Die Art und Weise, wie ten Minute. Er erlaubte sich nicht das
bemühte er sich kaum, die Verachtung Schäffler die Euro-Debatte in der Partei Selbstmitleid eines Peer Steinbrück. Aber
für die Jungen zu verbergen. „Er ist schon geführt habe, habe zur gegenwärtigen am Ende bettelte er für seine Partei um
volljährig“, sagte er einmal über Rösler. Situation beigetragen, so Döring. Statt Zweitstimmen. Krank an Personal und
Rösler konnte den Bürgern nicht er- Verantwortung zu tragen, habe er die Par- inhaltlich entleert, reduzierte er die FDP
klären, warum die Republik den politi- tei gespalten. zur reinen Funktionspartei. Als sie dann
schen Liberalismus noch braucht. Das Im Präsidium blieb am Montag die ihre Funktion verlor, blieb nichts mehr
Motiv „Wachstum“, das er vorschlug, ganz große Abrechnung aus. Rösler, der übrig. C 
  H  ,
klang veraltet und zündete nicht. Und in am Vorabend von der „bittersten, trau- AX  N  , R  N

36           2 0 1 3
men, aber keinen Solo-Ap-
plaus.
Eifersüchtig sondieren die
Genossen nun, wem das Er-
gebnis innerparteilich nützt.
Bestätigt fühlen darf sich die
Führung um Katja Kipping
und vor allem Fraktionschef
Gregor Gysi. Er ist nach dem
ersten erfolgreichen Wahl-
kampf ohne Lafontaine wie-
der die Nummer eins.
Schon bisher herrschte in
der Fraktion nach Meinung
vieler Linker ein „Gleich-
gewicht des Schreckens“ zwi-
schen Reformern und Funda-
mentalisten. Nach dem Ver-
lust von 12 Mandaten sitzen
nun 32 West- und 32 Ost-
Genossen im Parlament, die
Lagerbildung ist noch offen.
Aber die Realos befürchten
schon: „Es wird nicht leich-
Wahlparty der Linken ter.“ Gysi hat sich dennoch

ARIS
vorgenommen, das rot-rot-
grüne Projekt mittelfristig
teiligten bestätigt. Dass sie im Vergleich von einem Gespenst in eine politische Zu-
LINKE zur Wahl 2009 mehr als drei Prozentpunk- kunftsoption zu verwandeln.
te und rund 1,4 Millionen Zweitstimmen „Wir müssen den nächsten Schritt ge-

Gespielte verloren haben, blenden viele aus.


Im Osten ist und bleibt die Linke Volks-
partei mit 20 Prozent und mehr. Im Wes-
hen“, sagt Gysi. Er will Arbeitsgruppen
vorschlagen, die die Gemeinsamkeiten
mit SPD und Grünen ausloten – auch

Harmonie ten konnte sie den Abwärtstrend durch


den Wiedereinzug in den hessischen
Landtag zumindest stoppen. „Ein guter
wenn er weiß, dass seine zerstrittene Frak-
tion bei der hauchdünnen Mehrheit von
Rot-Rot-Grün für die anderen kein ver-
Gregor Gysi und seine Genossen Tag“, jubelte Parteichefin Katja Kipping lässlicher Partner ist. Der Parteivorstand
werden zur drittstärksten Kraft am Wahlabend und tanzte danach zur beschloss, Grünen und SPD „Gespräche
im Bundestag. Dennoch will Musik von Madonna. für einen Politikwechsel anzubieten“. Das
Nicht alle teilen die Euphorie. Vor- werde die „Diskussionen in der SPD an-
niemand sie als Bündnispartner standsmitglied Halina Wawzyniak aus heizen“, sagt Gysi.
akzeptieren – vorläufig. Berlin analysiert die „erstaunliche Ge- Heiße Diskussionen stehen aber auch
schlossenheit“ der Partei im Wahlkampf der Linken bevor. Wagenknechts Freunde

V
orn auf der Bühne wird er als „Gi- eher als Ausdruck der Sehnsucht „nach aus dem Fundi-Lager wie die West-Ab-
gant“ gefeiert, als derjenige, der einem guten Ergebnis“. 8,6 Prozent seien geordneten Diether Dehm und Andrej
den „Wahlkampf gerockt“ habe „okay“, aber kein Grund, „in Siegestau- Hunko fordern bereits eine Fraktions-
mit einem Pensum von fast 200 Auftritten. mel auszubrechen“. Doppelspitze mit ihr und Gysi – was die-
Der kleine Mann ganz groß. Wie gespielt die Harmonie ist, zeigte ser bisher immer erfolgreich verhindern
Doch Gregor Gysi hört das nicht im sich auf der Wahlparty: Dietmar Bartsch, konnte. Gewählt wird im Oktober.
dunklen Technikraum neben der Bühne. Fraktionsvize und Anführer des Realo- Fürs Erste sind die Linken noch ausrei-
Er ist für seine Verhältnisse ziemlich still Lagers, war gerade dabei, die Bühne zu chend mit sich und den Wahlfolgen be-
und sagt eher wütend: „Noch mal ma- verlassen, da stand ihm plötzlich Sahra schäftigt. Der Verlust von 1,4 Millionen
chen die das nicht mit uns.“ Die – das Wagenknecht im Weg, seine Gegenspie- Zweitstimmen kostet die Partei rund eine
sind SPD und Grüne. Er wirft ihnen vor, lerin im Kampf um den künftigen Kurs. Million Euro aus der staatlichen Finan-
dass sie immer noch glaubten, „uns durch Einander ausweichen konnten sie nicht. zierung. Weitere 100 000 Euro pro Jahr
Ausschließeritis loswerden zu können“. Als Bartsch zu einer flüchtigen Um- werden ausbleiben, weil zwölf Abge-
Vor rund einem Jahr stand die Linke armung ansetzte, verkrampfte Wagen- ordnete weniger einziehen und deren
am Rand der Selbstzerstörung und muss- knecht. Schnell eilten beide in unter- Mandatsträgerabgaben fehlen. Zudem
te vor der Fünfprozenthürde Angst ha- schiedliche Richtungen davon. schrumpfte die Mitgliederzahl zuletzt auf
ben. Nun ist sie immer noch da: Zum drit- Später beschwerte sich Oskar Lafon- weniger als 59 000 Genossen.
ten Mal in Folge seit ihrer Westerweite- taines Lebensgefährtin hinter den Ku- Voller Sorgen blicken die Linken auch
rung gelang ihr mit mehr als acht Prozent lissen. Sie war sauer, dass der Moderator auf den Achtungserfolg der Alternative
der Einzug in den Bundestag. Sogar vor des Abends sie nicht richtig angekündigt für Deutschland: Mit ihr hat ein ernster
den Grünen als drittstärkste Kraft, eta- hatte – und dass sie auf der Bühne nichts Konkurrent um Proteststimmen die poli-
bliert im Parteiensystem – aber immer sagen durfte. Vielleicht hatte sie auch tische Bühne betreten. 340 000 Wähler
noch ohne Machtoption. schlechte Laune, weil sie als erklärtes verloren die Genossen an die Euro-Kriti-
Trotzdem werten die Linken ihr Wahl- Zugpferd im Westen ihr Erstimmen- ker – das ist kein gutes Zeichen für die
ergebnis als Erfolg, sie fühlen sich als Kor- ergebnis sogar verschlechtert hatte. Die Europawahl im kommenden Jahr.
rektiv zur SPD und Stimme der Benach- Anführerin der Fundis erhielt zwar Blu- M DC

38
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Bundestagswahl

nen am Fuße des Wohngebiets mit Hang- Katrin Albsteiger, die der Partei in ver-
CSU lage, leicht erreichbar für das Auto des traulicher Runde frech vorhielt, sie ver-
Postboten, schwer für fußläufige Rentner. schlafe wichtige Themen wie die Prä-

Schwarz, Die Gymnasiastin überzeugte Post und


Gemeinde von einem zweiten Standort
oben zwischen den Häusern.
implantationsdiagnostik, wurde ein Jahr
später JU-Chefin und von Seehofer für
die Bayern-Wahl in Stellung gebracht.

blond, hip Damit war ein Fundament gelegt und


die Erkenntnis gereift: Alles ist möglich.
Albsteiger schloss sich der JU an.
Das Politiktalent sollte die affärenbelas-
tete Justizministerin Beate Merk, 56, vom
Spitzenplatz der schwäbischen Landtags-
Katrin Albsteiger ist ein Dauer- Im Herbst 2010 wurde die sportliche liste vertreiben.
brenner im Netz – und Politikwissenschaftlerin aus Elchingen bei Doch die alten Seilschaften hielten.
Parteichef Horst Seehofer ein Neu-Ulm das erste Mal unbequem für Schwabens CSU ließ die Neue durchfal-
CSU-Chef Horst Seehofer. Sie kündigte len, Seehofer war blamiert, Albsteiger
wenig unheimlich. Jetzt damals an, den Parteitag mit einer Demo ohne Aussicht auf ein Mandat im Parla-
entert die 29-Jährige Berlin. aufzumischen, sollten sich die Delegier- ment des Freistaats. Ein schwerer Schlag
für die JU-Frau, die sich vor

E
ine Frau tippt sich nach allem für Bildungspolitik inter-
oben. Kaum eine Woche essiert – und die ist nun mal
ohne Blogeintrag, jeden Ländersache.
Tag Neues auf Facebook, Der Frust dauerte jedoch
mehrmals täglich eine Twitter- nur wenige Wochen. Dann
Meldung mit Foto. Katrin Alb- handelte der Albsteiger-Fan-
steiger, 29, Vorsitzende der club der CSU, der gut besetzt
Jungen Union (JU) Bayern, ist mit Bundesministern und
präsentierte der Online-Com- Europaabgeordneten. Dessen
munity in diesem Sommer vor kühner Plan: Die 29-Jährige
allem eines: sich selbst. solle sich auf den ersten reinen
Eine blonde Frau mit Garde- CSU-Listenplatz wählen las-
maßen, mal mit karierter Blu- sen. Dorthin hatte es noch
se, mal mit CSU-Shirt und Bay- kein JU-Vertreter geschafft.
ern-Slogan, mal mit biederer Und dorthin wollte unbe-
Flechtfrisur und Dirndl. Mit dingt die Vize-Chefin der Frau-
Trägertop und Wespentaille en-Union Bayern, Barbara
sieht man sie im Facebook- Lanzinger, 58, und seit über
Eintrag ihren royalblauen Mini 30 Jahren im Dienste der Par-
Paceman staubsaugen. Kom- tei. Es wurde ein Kampf Alt
mentar: „Herausgeputzt“ für gegen Jung, FU gegen JU.
den Wahlkampf. Hier eine hippe Diplompolito-
Ihre zahllosen Videobot- login, die quasi in den sozialen
schaften beginnt die Schwäbin Netzwerken lebt, dort eine
stets mit einem fröhlichen biedere Sozialpädagogin, die
„Servus, Bayern!“. Dann redet lieber telefoniert als mailt. Ein
sie über Steuererhöhungen, Kampf der Generationen.
die nicht kommen dürfen, und Albsteiger, die schon mal
über Schuldenabbau, der kom- den Berliner Regierenden Bür-
men muss. Sie könnte auch ei- germeister Klaus Wowereit
HANS-BERNHARD HUBER / LAIF

nen Joghurt bewerben oder ei- mit einem aufblasbaren Schul-


nen neuen Handy-Tarif. Die denberg in Bayern begrüßt
politische Botschaft dieser und 100 Euro Strafe wegen die-
Clips wurzelt nicht besonders ser unangemeldeten Demo ge-
tief, aber die Optik betört. zahlt hatte, siegte knapp. Ihr
Am vorigen Sonntag hat die Slogan: „Klare Kante, Team-
Kombination offenbar gezün- Politikerin Albsteiger: „Klare Kante“ work und eine unüberhörbare
det. Katrin Albsteiger, die ers- JU im Wahlkampf“. Genera-
te Frau an der Spitze der JU in Bayern, ten für eine parteiinterne Frauenquote tionengerechtigkeit nannte sie ihren The-
schaffte es in den Bundestag. Ziemlich aussprechen. Seehofer wollte einen Eklat menschwerpunkt.
klar sogar, mit fast 50 Prozent ihrer Partei vor laufenden Kameras vermeiden und Zuvor hatte sie den Parteivorstand
in Bayern. Der begehrte erste Listenplatz lud Albsteiger nach München ein. Von ei- rasch noch mal brüskiert. Im Streit um
der CSU hinter den Direktkandidaten si- ner Kampagne beim Parteitag ließ sich die Abschaffung der Studiengebühren,
chert ihr nun den Umzug nach Berlin. Ein die JU-Politikerin zwar abbringen, nicht die Seehofer längst beschlossen hatte, rief
Schnellstart in die höchste politische Liga, aber von einer flammenden Rede. Dabei sie zu einem Mitgliederentscheid auf.
wie ihn nicht viele hinlegen. argumentierte sie die gesamte CSU-Pro- Der CSU-Patriarch wurde kurz grantig.
Der Weg dorthin war kurz, aber er sagt minenz in Grund und Boden. „Bitte nicht zu viel Eigenständigkeit“, for-
viel aus über das Innenleben einer Partei, Seehofer war sauer und gleichsam tief derte er von Albsteiger nach ihrem er-
die von grauhaarigen Männern und beeindruckt. Die Frauenquote konnte er folgreichen Duell um Listenplatz eins.
kampfbereiten Mittfünfzigerinnen ge- nur knapp durchbringen. „Sie waren gut“, „Schaun mer mal“, antwortete sie. See-
prägt wird. Katrin Albsteigers politisches presste er widerwillig durch die Lippen. hofer schüttelte den Kopf: „Was ich für
Engagement begann mit einem Postbrief- Danach versuchte er die junge Frau für ein Risiko eingehe mit solchen Leuten.“
kasten. In ihrem Heimatort gab es nur ei- seine Pläne einzusetzen. A K, CY N


       2 0 1 3 39
Bundestagswahl
GEERT VANDEN WIJNGAERT / AP / DPA

Partner Merkel, Hollande

E U R O PA

„Zärtlichere Umgangsformen“
In Europa überwiegt die Erleichterung über den deutschen Wahlausgang. Die Partner sind froh,
dass mit Sozialdemokraten oder Grünen künftig Linke am Berliner
Kabinettstisch sitzen werden. Viele hoffen auf ein Ende der rigiden Sparpolitik Angela Merkels.

E
s ist Sonntagabend, als sich Gün- sition im Bundesrat durchsetzen. Oettin- CDU und CSU zur Zitterpartie an den
ther Oettinger zur CDU-Wahlparty ger will sich das lieber nicht vorstellen. Finanzmärkten geworden.
ins Berliner Konrad-Adenauer- Als wenig später die absolute Mehrheit Mit dem Ende der schwarz-gelben Koa-
Haus chauffieren lässt. Die Zahlen für sei- für die Union in den Hochrechnungen in lition wird von Athen über Paris bis War-
ne Partei sind sensationell, aber dem EU- weite Ferne rückt, entspannt sich Oet- schau die Hoffnung verbunden, dass
Kommissar ist nicht nach Feiern zumute. tinger wieder. Er rechnet fest mit einer Deutschland als wichtigster Bürge der
„Verdammter Mist“, sagt Oettinger, als er Großen Koalition, selbst wenn er ein Euro-Rettung eine weniger rigide Politik
sich auf die Rückbank der schwarzen Li- schwarz-grünes Bündnis reizvoll fände. verfolgen wird. Ein Bündnis Merkels mit
mousine fallen lässt. Die Hochrechnun- „Eine Große Koalition ist gut für Europa“, der SPD oder auch mit den Grünen wird
gen prophezeien der Union eine knappe sagt er. das Verhältnis zu den Nachbarn, vor al-
absolute Mehrheit. So wie der deutsche EU-Kommissar lem im Süden Europas, entspannen.
Er verzieht das Gesicht. Eine eigene reagierten die meisten europäischen Part- Merkel sei sich der Last ihrer Verant-
Mehrheit für die Union – aus Brüsseler ner auf das deutsche Wahlergebnis. Ein wortung bewusst, sagte Luxemburgs Pre-
Sicht wäre das eine Horrorvorstellung. kollektives Aufatmen ging durch den mier Jean-Claude Juncker, nachdem er
Die deutsche Bundeskanzlerin müsste Kontinent. Eine knappe absolute Mehr- der CDU-Chefin am Telefon gratuliert
womöglich mit nur einer Stimme Mehr- heit für die Union hätte die nächsten Etap- hatte. Er erwarte, so Juncker zum SPIE-
heit ihre Europapolitik gegen den Wider- pen der Euro-Rettung schwer belastet. GEL, von der neuen Bundesregierung
stand in den eigenen Reihen und gegen Neue Rettungspakete wären wegen der „zärtlichere Umgangsformen“ gegenüber
eine erdrückende Übermacht der Oppo- vielen Euro-skeptischen Abweichler bei den europäischen Partnern als in der Ver-
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gangenheit. Der Premier lobte zugleich Es ist nicht ohne Ironie, dass die Wahl- die Laufzeit von griechischen Anleihen
die bisherige Europapolitik der SPD für siegerin jetzt wahrscheinlich auf die So- im Wert von rund vier Milliarden Euro
ihre „ausgewogene Balance zwischen So- zialdemokraten angewiesen ist. Die nicht mehr verlängern, anders als Ende
lidarität und Solidität“. CDU-Vorsitzende hatte den Genossen 2012 verabredet. Sie glauben nicht mehr
Brüssel und viele europäische Mit- noch im Wahlkampf vorgeworfen, euro- daran, dass Griechenland bei einer Staats-
gliedsländer hatten Merkels schwarz-gel- papolitisch „total unzuverlässig“ zu sein. verschuldung von 160 Prozent des Brutto-
ber Koalition bislang vor allem eines vor- Dafür wird sie in den Koalitionsverhand- inlandsprodukts ohne Schuldenschnitt
geworfen: Rücksichtslosigkeit. Sie kriti- lungen einen Preis zahlen müssen. auskommt.
sierten das deutsche Spardiktat und war- Einer weitgehenden Haftung durch ge- Gut möglich, dass die Zentralbanken
fen der Kanzlerin mangelndes Gespür für meinsame Schuldanleihen aller Euro- noch einmal zu einer Laufzeitverlänge-
die europäische Geschichte vor. Länder („Euro-Bonds“) wird sie nicht zu- rung ihrer Anleihen gedrängt werden.
„Diese Politik wird Merkel mit der SPD stimmen können, allenfalls einem zeitlich Vielleicht wird auch die neue Bundes-
nicht einfach so weiterführen können“, befristeten Schuldentilgungsfonds, in den regierung mit einer Lockerung der Kon-
sagt Martin Schulz, EU-Parlamentspräsi- lediglich ein Teil der vorhandenen Alt- ditionen versuchen, den Tag der Wahr-
dent. Die sozialen Nöte der Menschen schulden der Euro-Staaten zusammenflie- heit hinauszuzögern. Dass ein wirklicher
müssten endlich ernst genommen werden, ßen soll. Die Idee stammt von den deut- Schuldenschnitt noch in dieser Wahl-
sagt der Sozialdemokrat und nennt als schen Wirtschaftsweisen, die nicht gerade periode kommt, wird allerdings nicht nur
Erstes die hohe Jugendarbeitslosigkeit in als finanzpolitische Hasardeure gelten. in Brüssel, sondern auch vom Internatio-
den Krisenländern. Die Kanzlerin hatte Dass Merkel einen solchen Schuldentil- nalen Währungsfonds erwartet.
das Thema im Juli mit einem öffentlich- gungsfonds noch bei der Abschlusskund- Im Falle einer Großen Koalition würde
keitswirksamen Gipfel in Berlin zu neu- gebung der CDU in Berlin ausschloss, ein Schuldenschnitt wahrscheinlicher.
tralisieren versucht. „Merkel muss den muss nicht viel bedeuten. Es wäre nicht CDU und SPD hätten auf jeden Fall eine
sozialen Worten jetzt endlich Taten fol- ihre erste Kehrtwende. Zudem könnte sie ausreichende Mehrheit, wenn die Abstim-
gen lassen“, fordert Schulz. ihre Zustimmung davon abhängig machen, mung über diese unpopuläre und teure
Sosehr sich die Wahlprogramme der wie stark sich kürzlich eingeführte EU- Unterstützung der Griechen im Bundes-
beiden großen Parteien auch ähneln mö- Regeln zur Kontrolle der nationalen Haus- tag ansteht.
gen, so deutlich sind die Unterschiede in halte in der Praxis erweisen. Auch die anderen Schuldenstaaten at-
der Europapolitik. Es geht um die Frage, Viel Zeit haben die Unterhändler nicht. men auf, weil sie sich von den Sozial-
wie weit die Solidarität unter den EU- In Europa hat sich wegen des deutschen demokraten mehr Verständnis für ihre
Mitgliedsländern gehen soll. Die SPD ist Wahlkampfs ein gewaltiger Entschei- Probleme erhoffen. Denn nicht nur Grie-
dafür, die Schulden der Euro-Länder teil- dungsdruck aufgebaut. Bei vielen EU- chenland braucht frisches Geld. Ende des
weise zu vergemeinschaften, die CDU Programmen stand Berlin in den vergan- Jahres laufen die Hilfsprogramme für Ir-
lehnt das ab. „Das Thema der gemein- genen Monaten auf der Bremse. Und die land und Spanien aus. Schon jetzt steht
samen Haftung darf kein Tabu mehr blei- europäischen Partner hielten sich, so gut fest, dass der europäische Solidarfonds
ben“, fordert die SPD in ihrem Regie- es ging, mit neuen Forderungen zurück. ESM mit Garantien in Milliardenhöhe ein-
rungsprogramm. „Dies wäre der Weg in In Griechenland werden sich die Pro- springen muss.
eine europäische Schuldenunion“, heißt bleme schon in diesem Herbst verschärfen. Der erste Kandidat ist Irland. Obwohl
es im Unionsprogramm. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble Dublin es inzwischen geschafft hat, sich
Diese Kluft muss nun in den Koali- bereitete, mitten im Wahlkampf und an den internationalen Kapitalmärkten
tionsverhandlungen überbrückt werden. scheinbar ungeplant, die Öffentlichkeit be- zu guten Konditionen Geld zu leihen, for-
Mit den Grünen hätte es Merkel nicht reits wohldosiert auf das Unvermeidliche dert der irische Finanzminister vorsorg-
leichter. Auch sie kritisierten im Wahl- vor: „Es wird in Griechenland noch einmal lich eine zusätzliche Kreditlinie von zehn
kampf ihre „einseitige und unsolidarische ein neues Paket geben müssen.“ Milliarden Euro von seinen Partnern.
Kürzungspolitik“ und strebten eine „So- Die Banque de France und einige an- Auch die Spanier benötigen wohl wei-
lidarunion“ an. dere europäische Zentralbanken wollen tere Unterstützung für ihre Banken. Ma-
Bundestagswahl

drid hatte sich dafür 41 Milliarden (Umwelt) und Philipp Rösler (Wirt-
Euro ausgeliehen. Ende des Jahres schaft) gegenseitig blockiert. So sei
läuft das Programm aus. Ob die Re- Deutschland, sagt Oettinger, in den
kapitalisierung ihrer Geldhäuser vergangenen Monaten nicht einmal
schon ausreicht, werden die Stress- in der Lage gewesen, eine Stellung-
tests im Auftrag der Europäischen nahme zu den EU-Klimaschutz-
Zentralbank zeigen. zielen für 2030 abzugeben.
Noch drängender sind die Proble- Die Energiewende ist nicht nur aus
me in Slowenien. Gut möglich, dass Sicht der deutschen Stromverbrau-
die frisch gewählten Bundestags- cher problematisch. „Einige Bestim-
abgeordneten als Erstes über diesen mungen des Erneuerbare-Energien-
neuen Hilfskandidaten abstimmen Gesetzes sind nur schwer mit EU-
müssen. Notenbanker gehen davon Recht vereinbar“, sagt der deutsche
aus, dass Slowenien die Probleme EU-Kommissar. So seien die vielen
seiner Banken nicht mehr länger al- Ausnahmen für große Stromverbrau-
lein lösen kann. cher problematisch. „Da besteht für
Von den Rating-Agenturen wurde eine neue Bundesregierung dringen-
die Bonität des Landes drastisch her- der Handlungsbedarf“, mahnt er.
abgestuft, der Europäische Zentral- Überhaupt dürfte die Entschei-
bankrat und die Finanzminister be- dung der deutschen Wähler die Aus-
schäftigten sich auf ihren September- sichten für eine grundlegende Re-
sitzungen ausführlich mit dem klei- form der EU verbessern. Merkel ist
nen Land. Slowenien hat bereits bislang gegen eine Machtausweitung
zwei kleine Kreditinstitute liquidiert. der EU-Kommission. Ihr schwebt ein
Doch auch die größeren Banken Europa vor, in dem vor allem die Re-

BILDAGENTUR-ONLINE / TIPS-IMAGES
müssten gewaltige Kreditsummen ab- gierungen der Mitgliedsländer das
schreiben. Sagen haben.
Damit in Zukunft die Finanzindu- Die Sozialdemokraten fordern da-
strie nicht mehr ganze Staaten ins gegen eine größere Rolle für die
Unglück stürzen kann, drängt Brüs- Brüsseler Exekutive. Die Kommis-
sel darauf, dass die Bankenunion sion müsse zu einer Regierung
möglichst schnell vollendet wird. Im ausgebaut werden, „die vom Euro-
Herbst nächsten Jahres soll die EZB EU-Parlamentsgebäude in Brüssel: „Verdammter Mist“ paparlament gewählt und kontrol-
die Aufsicht der Banken überneh- liert wird“, heißt es im SPD-Regie-
men. Aber bisher fehlt ein effektives Ab- der womöglich der alte ist, wird dafür rungsprogramm. Ähnlich sehen es die
wicklungsregime, mit dem die Zentral- kämpfen, dass neben den Aktionären Grünen. Die Idee eines öffentlichen Kon-
bank eine marode Bank auch ohne grö- auch die Bankgläubiger bei einer Pleite vents, der eine Änderung der EU-Ver-
ßeren Schaden für die Volkswirtschaften bluten müssen. Zudem will die Kanzlerin träge vorbereitet, gewinnt damit wieder
pleitegehen lassen können. verhindern, dass die EU-Kommission das an Fahrt.
Auch hier sehnten die europäischen letzte Wort bei einer Bankschließung hat. Merkel wird sich ab sofort nicht mehr
Partner die Bundestagswahl herbei. Seit Stattdessen soll eine Agentur die Koordi- hinter dem reinen Krisenmanagement
Monaten werden sie von Finanzminister nation übernehmen. „Die neue Bundes- verstecken können. Die Europawahl im
Schäuble mit fadenscheinigen juristischen regierung muss die Bankenunion voran- Mai kommenden Jahres zwingt die Kanz-
Begründungen hingehalten, weil er vor bringen“, fordert SPD-Mann Schulz. lerin zu weitreichenden europapoliti-
der Wahl keine weiteren Zugeständnisse Die Freude über das deutsche Wahl- schen Bekenntnissen. Dass sie ihren Kurs
machen wollte. Um Banken abwickeln ergebnis ist vielerorts in Europa spürbar. bislang nicht ausreichend erklärt hat,
zu können, benötigt man einen euro- Einerseits sind die Partner erleichtert, zeigt das gute Abschneiden der Euro-
päischen Fonds, der notfalls einspringen dass die Kanzlerin auf eine linke Partei Gegner der Alternative für Deutschland.
kann, wenn bei Aktionären, Bankgläu- angewiesen ist und ihren starren Europa- Auch wenn die AfD den Einzug in den
bigern und Nationalstaaten die Ressour- kurs wahrscheinlich korrigieren muss. An- Bundestag verpasst hat, dürfe man das
cen aufgebraucht sind. „Ohne einen dererseits begrüßen die meisten Staats- Ergebnis nicht kleinreden, warnt Luxem-
glaubwürdigen Finanzierungsmechanis- und Regierungschefs, dass Merkel im burgs Premier Juncker:„Der Erfolg der
mus kann die gemeinsame Bankenauf- Amt bleibt und im wichtigsten EU-Staat AfD heißt, dass wir ein Euro-Erklärungs-
sicht nicht funktionieren“, schreibt bei- für Kontinuität sorgt. problem haben.“
spielsweise die Deutsche Bank. Die neue Koalitionsarithmetik könnte Der Einzug der deutschen Euro-Geg-
„Ich habe nicht mit meinem früheren sich auch auf die Politik jenseits der Euro- ner ins Europaparlament im kommenden
Boss darüber gesprochen“, sagte Jörg As- Rettung auswirken. So lehnte die bishe- Jahr ist sehr wahrscheinlich. EU-Kom-
mussen, der ehemalige Finanzstaatssekre- rige schwarz-gelbe Bundesregierung den missar Oettinger rechnet damit, dass etwa
tär und jetzige EZB-Direktor, vor kurzem Vorstoß von EU-Justizkommissarin Vi- ein Drittel der Sitze an Anti-EU-Populis-
nach einem Treffen der Finanzminister viane Reding für eine Frauenquote in ten geht – so viel wie nie zuvor.
in Vilnius. Aber die Juristen der EZB, der Aufsichtsräten börsennotierter Unter- Die etablierten Parteien müssen dem
EU-Kommission und des EU-Rats seien nehmen ab. Die SPD wird versuchen, eine glaubwürdige Alternative entgegen-
zu dem Ergebnis gekommen, dass ein eu- die Quote in den Koalitionsvertrag zu setzen – auch personell. Für die Sozial-
ropäisches Abwicklungsregime ohne Ver- schreiben. demokraten steht mit Martin Schulz ein
änderung der europäischen Verträge mög- EU-Energiekommissar Oettinger hofft, profilierter Europapolitiker bereit. Mer-
lich sei. dass Deutschland in der Klimapolitik wie- kel ist noch auf der Suche nach einem
Die neue Bundesregierung wird nun der handlungsfähig wird. In der abgewähl- Spitzenkandidaten für die Europäische
einem neuen Abwicklungsfonds zustim- ten Bundesregierung hatten sich die bei- Volkspartei. Viel Zeit bleibt ihr nicht.
men. Der neue deutsche Finanzminister, den zuständigen Minister Peter Altmaier C 
 P Y, C 
 S 

42           2 0 1 3
gefallen. Fasziniert konnte es verfolgen, jetzt, die Grünen kürten ihre Spitzenkan-
P I R AT E N wie die Piraten ihre Fraktionssitzungen didaten per Urwahl.
ins Netz übertrugen, auf Twitter disku- Im Frühjahr 2012 konnte sich laut Um-

Flaute statt tierten und mit ihrer Unwissenheit ko-


kettierten.
Schwarmintelligenz, Transparenz, Par-
fragen fast jeder dritte Deutsche vorstel-
len, die Piraten zu wählen. Doch dann
drehte sich die Stimmung. Die Partei fiel

Shitstorm tizipation: Eine Zeitlang schien es, als


könnten die Piraten mit ihrer „Liquid De-
mocracy“ die Regeln der Politik neu er-
ihrem Populismus zum Opfer. Ihre Abge-
ordneten stellten fest, dass es im Parla-
ment nicht ohne Vertraulichkeit geht. Als
Nie zuvor stieg eine Partei so finden – und jede Menge Spaß dabei ha- die Berliner Piraten im Juni 2012 zu einer
schnell auf – und stürzte ben. So wie drei frisch gewählte Abge- internen Fraktionsklausur fuhren, um Per-
so rasch wieder ab: Ist das ordnete aus Berlin, die gleich nach der sonalfragen zu klären, witterte die Basis
Wahl im Oktober 2011 nach Island flogen. sofort Verrat an den Idealen.
Experiment der „Liquid Schon auf der Anreise deckten sie sich Die Partei trug die Basisdemokratie wie
Democracy“ bereits gescheitert? mit Schnaps und Dosenbier ein. Dann eine Monstranz vor sich her. Der Vorsit-
zende Schlömer durfte keine

A
m Ende half nur noch Vorstöße unternehmen, ohne
Galgenhumor. „Na, bist sich mit der Basis abzustim-
du schon zurückge- men. Die Transparenz im Netz
treten?“, fragte der Berliner erwies sich als Fluch, der Vor-
Piraten-Abgeordnete Martin stand zerfleischte sich vor aller
Delius seinen Parteichef Augen. Besonders der Ge-
Bernd Schlömer. Dann nah- schäftsführer und Sandalenträ-
men sich die beiden in den ger Johannes Ponader polari-
Arm und lachten. sierte die Partei. Spitzenkräfte
Nein, Bernd Schlömer war wie Julia Schramm oder Mat-
noch nicht weg. Aber fast. thias Schrade gaben entnervt
„Ich werde jetzt erst mal in auf. Im Frühjahr 2013 trat auch
den Urlaub fahren und mir Ponader nicht mehr an.
über meine Rolle Gedanken Es folgte ein träger Wahl-
machen“, sagte er auf der kampf mit blassen Spitzenkan-
Wahlparty in Berlin-Fried- didaten. Flaute statt Shitstorm:
richshain. Ein Bekenntnis zur Nicht einmal von der NSA-
Partei klänge anders. Affäre konnte die Bürger-
Die Piraten stehen vor einer rechtspartei profitieren; dabei
ungewissen Zukunft. Nur 2,2 gehört der Datenschutz zu den
Prozent der Wähler gaben ih- Kernthemen der Piraten.
nen am Sonntag ihre Stimme. Und jetzt? Auf der Wahlpar-
Beim Bundesparteitag im ty waren sich viele einig, dass
November geht es jetzt ums das Konzept „Themen statt
ADAM BERRY / GETTY IMAGES

Überleben. Immerhin: Die frü- Köpfe“ gescheitert ist. Promi-


here Geschäftsführerin Marina nente Parteimitglieder sollen
Weisband erwägt ein Come- in Zukunft die Forderungen
back im Vorstand. Und bei etwa nach einem reformierten
den Europawahlen im Mai Wahlabend bei den Piraten Urheberrecht und weniger
hoffen die Piraten auf bessere Überwachung verkörpern.
Chancen – dann müssen sie Als Hoffnungsträgerin bie-
nur eine Dreiprozenthürde Kurzes Hoch Wahlergebnisse der Piraten seit September 2011, in Prozent tet sich bereits Marina Weis-
überspringen. Doch dafür müs- band, 25, an. Sie stand, für vie-
sen sie erst den eigenen Ab- Schleswig- Nordrh.- le überraschend, am Sonntag
Berlin Saarland Holstein Westfalen
sturz verarbeiten. neben Schlömer, als um 18
Keine andere Partei ist so 8,9 Uhr die erste Prognose ver-
8,2 7,8
schnell aufgestiegen und wie- 7,4 kündet wurde. Die frühere
der in der Bedeutungslosig- Nieder- Geschäftsführerin war zeitwei-
keit verschwunden. Mit Instru- sachsen Bayern Hessen Bund se das bekannteste Gesicht der
menten wie Liquid Feedback 2,1 2,0 1,9 2,2 Piraten. Als ihr die Aufmerk-
wollten die Piraten eigentlich samkeit zu viel wurde, zog sie
die Politik beleben. Jetzt ha- 2011 2012 2013 sich zurück und widmete sich
ben sie kaum mehr Stimmen ihrem Studium.
geholt als bei der letzten Bundestagswahl trafen sie mit der Spaßpartei des Bürger- Jetzt hat sie ihre Diplomarbeit fer-
2009. Wie konnte das passieren? meisters von Reykjavík zusammen und tiggestellt – und kann sich vorstellen,
Im September 2011 zogen die Piraten besichtigten heiße Quellen. Lustreise statt für den Parteivorstand zu kandidieren.
mit fast neun Prozent ins Berliner Ab- Landespolitik: In etablierten Parteien hät- „Ich überlege es mir wirklich“, sagte
geordnetenhaus ein. Es waren Nerds, ten Pressesprecher sicherlich dringend da- Weisband am Sonntag. „Ich habe Lust,
die damals die Bühne betraten, Polit- von abgeraten. unsere Konzepte wie das bedingungs-
Anfänger, die sich mit digitalen Plattfor- Die Partei stieß Debatten über das Ur- lose Grundeinkommen auszuarbeiten.“
men auskannten – aber nicht mit den Ri- heberrecht an und trieb die politische Jetzt, meinte Weisband, „haben wir ja
tualen der repräsentativen Demokratie. Konkurrenz vor sich her: Leute wie der eh nichts mehr zu verlieren“.
Gerade das hat dem Publikum zunächst CDU-Mann Peter Altmaier twitterten S 
B 

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Bundestagswahl

sungsgerichts. Und manche Verfassungs-


rechtler bezweifeln schon lange, dass die
V E R FA S S U N G alte Angst eine schwerwiegende Ungleich-
behandlung der Wähler rechtfertige. Der

Demokratischer Flurschaden Ex-Verfassungsrichter und Demokratie-


Forscher Dieter Grimm hält die „Gefahr
für vergleichsweise gering“, die Bundes-
republik habe „jahrzehntelang von großer
6,8 Millionen Wählerstimmen fielen vorigen Sonntag unter den Stabilität profitiert“. Das Aussperren von
Tisch: Staatsrechtler halten die Fünfprozenthürde für zu hoch. lästiger Konkurrenz aus dem Parlament,
so befürchtet der Gelehrte, begünstige an-
dererseits die Bequemlichkeit der Eta-

A
fD-Chef Bernd Lucke ist ein Mann der Sicht mancher Wahlrechtsexperten ist blierten: „Insofern der wichtigste Mobili-
mit Ideen. Mit seinen Vorschlägen die millionenfache Stimmenvernichtung sierungsfaktor für das Parteiensystem die
über Deutschlands Zukunft ohne verfassungswidrig. Das Verhältniswahl- Konkurrenz darstellt, könnte eine Sen-
den Euro hat er seine Splitterpartei bis recht, so hat das Bundesverfassungsge- kung der Sperrklausel unter Umständen
knapp vor die Tore des Bundestags ge- richt schon 1952 entschieden, verlange ei- die vom Grundgesetz geforderte Offen-
bracht. Jetzt hat er wieder etwas. nen strikt „gleichen Erfolgswert“ jeder heit der Parteien fördern.“
Man müsste, so eine neue Idee des Wählerstimme. Wenn da Millionen Kreuz- Die Hürde von fünf Prozent scheint vie-
Start-up-Politikers, das Wahlrecht ändern: chen verschwinden, ohne irgendetwas zu len zu hoch. Der hannoversche Staats-
Parteien wie seiner, die ganz knapp an bewirken außer Frust, ist das eine massive rechtsprofessor Hans-Peter Schneider
der Fünfprozentklausel scheitern, könnte Verletzung des Gleichheitsprinzips. etwa sieht „eine Absenkung der Sperr-
man künftig gleichwohl den Einzug in den Dass die Fünfprozentklausel bislang klausel auf vier Prozent als verfassungs-
Bundestag erlauben – mit stimmrechtslo- gleichwohl den Segen der Karlsruher Ver- rechtlich geboten“ an. Jurist Ströbele will
sen Abgeordneten. Die Kollegen der B- fassungshüter gefunden hat, ist erklärbar härter ran: „Höchstens zwei oder drei Pro-
Kategorie, so Lucke, „sollten allerdings mit der Furcht vor allzu viel Demokratie. zent“ dürfe die Hürde hoch sein.
ein Rede- und Fragerecht im Parlament Diese Sorge speiste sich in der jungen Bun- Eine Analyse der Wahlstimmenergeb-
haben und an der Ausschussarbeit teilneh- desrepublik aus der Weimarer Republik nisse am unteren Ende der Rang-Skala
men dürfen“. und ihrem Ende in der Nazi-Diktatur. zeigt seit Jahrzehnten, dass das Gros der
So ein Vorschlag wäre kaum Splitterparteien ohnehin weit un-
am Bundesverfassungsgericht Zugangskontrolle ter fünf Prozent rangiert. Von den
vorbeizumogeln, das auf der 30 mit Landeslisten am vergange-
strikten Gleichberechtigung aller ohne Sperrklausel nen Sonntag zur Wahl angetrete-
Abgeordneten besteht. Doch 2-Prozent-Hürde nen Parteien landeten 20 deutlich
nicht nur Populisten haben am 3 -Prozent-Hürde Finnland unter einem Prozent Stimmanteil.
Morgen nach dem Wahlabend be- 4 -Prozent-Hürde Norwegen Schweden Neben der AfD und der FDP hät-
gonnen, am deutschen Wahlrecht 5 -Prozent-Hürde Estland ten es bei einer Schwelle von
zu rütteln, weil es Parteien aus Lettland zwei Prozent nur die Piraten ins
dem Parlament aussperrt, die Dänemark Parlament geschafft – eine Gefahr
nicht mindestens fünf Prozent Litauen für die Demokratie?
Nieder-
der Zweitstimmen auf ihre Listen Irland Großbritannien lande Derart harte Sicherheitsvorkeh-
vereinigen können. Immer mehr Deutschland Polen rungen wie im geltenden Recht
Politiker und auch Verfassungs- Belgien
Tschechien
sind nach Ansicht des AfD-Vor-
rechtler zweifeln, ob die uralte Luxemburg
Slowakei manns Lucke „unverhältnismäßi-
Klausel im deutschen Wahlrecht Österreich Ungarn ge Eingriffe in die Rechte der
noch hinnehmbar ist. Frankreich Rumänien Wähler“ und damit verfassungs-
Nie zuvor in der Geschichte Slowenien Kroatien widrig. Da hat er einen Punkt.
deutscher Bundestagswahlen hat Bulgarien Der Speyrer Parteienkritiker und
die Vorschrift – geschaffen, um Staatsrechtler Hans Herbert von
die Funktionsfähigkeit des Parla- Spanien Italien Arnim hält es für geboten, die
ments zu sichern – so großen de- Portugal Ordnung im Parlament mit „mil-
mokratischen Flurschaden ange- deren Mitteln“ zu sichern. Tat-
richtet wie dieses Mal. Weil zwei Griechenland sächlich haben die Karlsruher
Parteien – die FDP und die AfD – Richter wiederholt auf die Pflicht
nur knapp an der Hürde scheiterten, ist Nie wieder, das war der Konsens aller des Wahl-Gesetzgebers hingewiesen, die
die Zahl der erfolglos verpufften Wähler- großen Parteien, sollten Splittergruppen Parteienlandschaft immer neu auf Zerklüf-
stimmen höher denn je. Der Wille von im Parlament die Bildung einer funktions- tungen und Untiefen zu untersuchen und
6 855 044 Bürgern fiel unter den Tisch: Es fähigen Regierung verhindern können. das Recht gegebenenfalls anzupassen.
ist, als hätte ein Bundesland größer als Um der Stabilität der Demokratie willen, Und 2011 hat das Bundesverfassungsge-
Niedersachsen nicht an der Wahl teilge- so entschied das Bundesverfassungsge- richt auf eine Klage Arnims hin die Fünf-
nommen. 15,7 Prozent der Stimmen fin- richt, sei darum ein bisschen Wahlrechts- prozentregelung des deutschen Wahl-
den sich im Bundestag nicht wieder. Das ungleichheit hinzunehmen. Es könne rechts fürs Europaparlament aufgehoben,
wäre eine Fraktion von der Größe der sonst „dahin kommen, dass die gesetzge- weil auf EU-Ebene keine wesentlichen
FDP in ihren besten Zeiten. benden Körperschaften keine großen Par- Gefahren durch Splitterparteien drohen.
„Demokratierechtlich bedenklich“ fin- teien mehr aufweisen, sondern in eine Un- Jedenfalls muss das EU-Parlament nicht
det der Grünen-Abgeordnete Hans-Chris- zahl kleiner Gruppen zerfallen und damit – wie der Bundestag – eine Regierung tra-
tian Ströbele dieses Wahlergebnis. „Schon funktionsunfähig werden“.
immer“, sagt der Rechtsanwalt, sei er ge- „Weitgehend überholt“ sind nach Strö- * Oben: im September 2013; unten: mit Adolf Hitler
gen die Sperrklausel gewesen. Auch aus beles Ansicht die Bedenken des Verfas- (M., 4. v. l.) am 13. Juli 1934.
44           2 0 1 3
gen und mit dauerhafter Mehrheit stüt-
zen. Doch sind die Verhältnisse in Berlin
tatsächlich so viel komplizierter als in
Brüssel? Auch die Bundesregierung kann
ja nicht, wie einst in Weimar, von einem
zerstrittenen Parlament einfach abgesetzt
werden. Der Kanzler ist unabsetzbar, so-
lange sich nicht der Bundestag mit Mehr-
heit auf einen neuen geeinigt hat.
Doch in Berlin ist das Bedürfnis nach
Stabilität und Ruhe im Parlament größer
denn je. Der Heidelberger Politologe und
einflussreiche Wahlexperte Dieter Nohlen
warnt entschieden vor jeder Veränderung
der Sperrklausel, gerade jetzt, „wo es dar-
um geht, Konsenslösungen für drängende
politische Probleme zustande zu bringen,
für die eine Große Koalition im Prinzip
beste Voraussetzungen bietet“.

DARMER / DAVIDS
Tatsächlich ist ein Konsens im Parla-
Bundestagssitzung im Berliner Reichstag* ment schwieriger zu erreichen, je mehr
Parteien darin vertreten sind. Und er wird
noch schwieriger, je kleiner die Parteien
Die Sonstigen 15,7 sind – und je stärker diese auf ihrem oft
Gesamtanteil aller Parteien, die bei der Bundestagswahl die Fünf-Prozent-Hürde FDP einzigen Programmpunkt beharren.
4,8 Dies ist der Preis des Verhältniswahl-
verfehlt haben und nicht in den Bundestag eingezogen sind, in Prozent
systems. Denn dessen Prinzip besteht
8,1* AFD
darin, möglichst alle politischen Strömun-
6,5 7,0 5,7 5,9
7,0 6,0
4,7
gen im Volk proportional im Parlament
5,5
3,6 3,6 3,9 6,2 abzubilden. Dieser Proporz, lupenrein
2,0 1,4 durchgeführt, birgt tatsächlich große Ge-
0,9 0,9 0,5 fahren. Wenn jede Interessengruppe, so
1953 57 61 65 69 72 76 80 83 87 90 94 98 2002 05 09 13 egoistisch und klein sie auch sei, ihre
*Sperrklausel gilt getrennt für West und Ost Vertreter ins Parlament schicken kann,
Zahl der Parteien:
bleibt am Ende keine Kraft mehr, die in
6 8 5 7 8 4 12 8 8 11 18 16 27 19 19 21 25 der Lage wäre, Regierungsverantwortung
und damit Verantwortung fürs Ge-
meinwohl zu übernehmen. Dies wäre je-
denfalls nicht im Sinne des Grundgeset-
zes, das bestimmt: Jeder Abgeordnete ist
„Vertreter des ganzen Volkes“ und nicht
einer Interessenvereinigung oder einer
Partei.
So scheint – will man nicht das ganze
Wahlrechtssystem vom Verhältnisprinzip
aufs Mehrheitsprinzip umstellen (siehe
Seite 46) – eine Sperrklausel mit Augen-
maß tatsächlich das geringere Übel. Al-
lerdings wären Regelungen möglich, die
den Verlust von Wählerstimmen in engen
Grenzen halten.
Der Chemnitzer Politikprofessor Eck-
hard Jesse propagiert seit Jahren schon
die Einführung einer „Nebenstimme“ für
alle Wähler. Die Wähler kleiner Parteien
könnten so bestimmen, wer ihre Stimme
erben soll, wenn die Lieblingspartei den
Einzug ins Parlament nicht schafft.
Durch so eine Eventualstimme wäre
auch ein Effekt beseitigt, der ganz beson-
ders die Wähler extremer Parteien ärgert:
Fällt ihre Partei aus dem Rennen, gehen
die dadurch frei werdenden Parlaments-
SÜDDEUTSCHER VERLAG

sitze proportional an die siegreichen Par-


teien – auch an solche, die der Wähler
verabscheut. Wahlrechtskritiker Arnim:
„Das ist doppelt ungerecht.“
M
 A

,
Reichstagssitzung in der Berliner Kroll-Oper*: Gefährlicher Proporz T  D 
Ä, D  H

          2 0 1 3 45
Bundestagswahl

D E B AT T E

Absolute Mehrheit? Ja bitte!


Plädoyer für ein Nachdenken über das Mehrheitswahlrecht
Von Paul Nolte

D
as Wahlergebnis vom Sonntag war von den Umfragen Rhein-Ruhr- Hamburg
der letzten 14 Tage nicht weit entfernt – merkwürdig, Gebiet
wie kleine Abweichungen und das Eintreten des Wirk-
lichkeitsfalls uns jetzt mit Staunen auf die bunten Säulen- und Berlin
Kuchendiagramme blicken lassen. Die Fünfprozentklausel hat
voll zugeschlagen: Mit dem knappen Scheitern von FDP und
AfD und dem seit langem stetigen Anwachsen der kleineren
und übrigen Parteien finden 15,7 Prozent der Wählerinnen und
Wähler ihre Stimme nicht im Bundestag vertreten. Gleichzeitig
war das Staunen groß, als plötzlich eine absolute Mehrheit der HH

Mandate für die Union möglich war, die am Ende, mit 41,5
Prozent der Stimmen, nur knapp verfehlt wurde. Helmut Kohl
holte 1976 stolze 48,6 Prozent für die Union und erreichte doch
die absolute Mehrheit im Bonner Parlament nicht. B
Was den einen wie die gerade noch abgewendete Horror-
vision vierjähriger Alleinherrschaft der „schwarzen Witwe“ er-
scheint, sieht bei nüchterner Betrachtung gar nicht so unsym-
pathisch aus, selbst wenn man sich nicht unbedingt dem Lager
der Wahlsiegerin zurechnet. Absolute Mehrheit der Sitze, war- Rhein-
Ruhr-
um eigentlich nicht? Der Dynamik dieses Ergebnisses mit der Gebiet
Triumphatorin Merkel und dem auch historisch gesehen unge-
wöhnlichen Stimmenzuwachs würde das durchaus entsprechen.
Dann sollen die doch mal sehen, wie sie allein zurechtkommen
und vier Jahre Politik gestalten! Stattdessen beginnt nun, mit
offenem Ende, das seltsame Ritual des Sich-Zierens-und-dann-
doch, der halbgaren Kompromisse zwischen den schwarz-roten
oder schwarz-grünen Deckeln von Koalitionsverträgen, die
hochtrabende, aber vorhersagbare Titel tragen.
Hätte Deutschland ein reines Mehrheitswahlrecht, in dem
nur der Sieger eines Wahlkreises ins Parlament einzieht, gäbe
es jetzt klare Verhältnisse mit der absoluten Mehrheit der of-
fensichtlichen Wahlsieger. Trauen wir uns noch, über diese
Möglichkeit ernsthaft nachzudenken? In vielen anderen Län-
dern, und nicht unbedingt solchen mit schwacher demokrati-
scher Tradition, gehört das Mehrheitswahlrecht zur demokra-
tischen Selbstverständlichkeit. Die Briten haben im Mai 2011
eine Volksabstimmung abgehalten, in der seine Reform mit
Zweidrittelmehrheit scheiterte. In Deutschland dagegen ist es Nach dem reinen Mehrheitswahlrecht hätte bei der aktuellen
nahezu in Vergessenheit geraten, obwohl es Teil unserer ei- Bundestagswahl die CDU/CSU 236 Parlamentssitze erobert,
genen Geschichte ist. Tatsächlich ist das Verhältniswahlrecht, die SPD 58, die Linke 4 und die Grünen 1.
also unser Wahlrecht der Zweitstimme, eine historisch recht Quelle: Bundeswahlleiter/Statistisches Bundesamt;
junge Erfindung, die erst vor etwa hundert Jahren ihren Sie- vorläuges amtliches Ergebnis
geszug antrat. Seit 1918 galt es in der Weimarer Republik und
führte prompt zu einem stark zersplitterten Parlament, da es Nach 1945 sah man im reinen Verhältniswahlrecht sogar eine
eine Prozent-Sperrklausel damals nicht gab. In der Zeit des wichtige Ursache für das Scheitern der Weimarer Republik.
Kaiserreichs galt dagegen das absolute Mehrheitswahlrecht: Deshalb dachte sich der Gesetzgeber jene Mischform aus, die
In Wahlkreisen wetteiferten die Kandidaten der Parteien ge- bis heute gilt: Erststimme für die Wahlkreiskandidaten, Zweit-
geneinander; gewählt war, wer die absolute Mehrheit bekam. stimme für die Parteiliste. Die Bedeutung verhielt sich aber
Andernfalls kam es zur Stichwahl, so wie es heute auch in von vornherein umgekehrt, denn für die Zusammensetzung
Frankreich ist. Die Parteien, die ohnehin (mit Ausnahme des Bundestags ist die „Nur“-Zweitstimme entscheidend. Und
der SPD) eher lockere Bündnisse waren, konnten ihre Promi- im Laufe der Jahrzehnte hat sich das Gewicht immer mehr in
nenz nicht auf Listenplätzen absichern, sondern sie höchstens diese Richtung verschoben; die Mehrheitskomponente ist in
in einen vielversprechenden, halbwegs sicheren Wahlkreis den Hintergrund getreten. Das zeigte sich in den jüngsten Wahl-
schicken. reformen zu Lasten der Überhangmandate, auch in Entschei-
46           2 0 1 3
dungen des Bundesverfassungsgerichts. Das Karlsruher Gericht Welchen heilsamen Effekt ein Mehrheitswahlrecht auf kon-
ist dem Mehrheitswahlrecht nicht gerade freundlich gesinnt, krete, auf lokale Identifikation von Wählern und Gewählten
aber letztlich spiegelt es damit einen breiten Wandel der de- haben kann, hat im letzten Jahrzehnt niemand eindringlicher
mokratischen Kultur: nämlich die Auffassung, das Mehrheits- vorgeführt als Hans-Christian Ströbele. Erneut hat er seinen
wahlrecht sei eigentlich nicht richtig demokratisch. Gehen in Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg in Berlin gewonnen – ohne
ihm doch Stimmen „verloren“, und weicht die Zusammenset- sicheren Listenplatz. Leider ist so etwas der Ausnahmefall, und
zung des Parlaments von der Verteilung der national aufad- der Wahlkreis von Spitzenpolitikern huscht höchstens für we-
dierten Stimmen teilweise erheblich ab. Merkwürdig: Offenbar nige Tage durch die Medien: Merkel hat ihn gewonnen, Stein-
befinden sich Länder, von denen das postfaschistische Deutsch- brück nicht – Moment, wo bitte war Peer Steinbrücks Wahl-
land die Demokratie einst neu gelernt hat, noch in einem ir- kreis? Demokratie funktioniert nicht mehr so, wie es bei der
gendwie vordemokratischen Zustand. Gründung der Bundesrepublik vorgesehen war. Alle vier Jahre
Die letzte große Debatte über das Wahlrecht liegt bald ein wählen, und dann werden die großen Dinge dort entschieden:
halbes Jahrhundert zurück: Während der ersten Großen Ko- Westintegration! Rentenreform! Neue Ostpolitik! Heute geht
alition seit 1966 schmiedeten Union und SPD Pläne, wie man es wieder viel mehr um die Verhältnisse „vor Ort“, um lokale
die schon damals nicht recht geliebte FDP mit der Einführung Streitthemen der Betroffenheit und der Partizipation an der
eines Mehrheitswahlrechts überflüssig machen und für die Zu- Basis. Solche Politik braucht „local heroes“. Und wir rufen
kunft klare Regierungsverhältnisse sichern könnte. Die SPD nach Transparenz: Wie hat „meine“ Abgeordnete sich eigent-
war nach schwierigen Anfängen auf Augenhöhe mit der lich verhalten, wie hat sie abgestimmt in zentralen Fragen?
CDU/CSU gekommen, dank Willy Brandt und jenem „Genos- Websites wie abgeordnetenwatch.de verleihen diesem Bedürf-
sen Trend“, der heute wieder verzweifelt gesucht wird. Doch nis Ausdruck. In den USA ist es selbstverständlich, sich den
dann schimmerte die Option der sozial-liberalen Koalition „voting record“ des Wahlkreisabgeordneten aufs Genaueste
durch, die am Abend des 28. September 1969 Wirklichkeit wur- vorzuknöpfen. Das Mehrheitswahlrecht stärkt auch die Freiheit
de – übrigens mit einer FDP, die den Einzug ins Parlament mit des Gewissens, die Unabhängigkeit der Parlamentarier gegen
5,8 Prozent nur so eben geschafft hatte. Seit- ein Übermaß von Fraktionsdisziplin. Es
dem ist das Wahlrecht kaum Gegenstand bringt die Rechenschaftspflicht gegenüber
grundsätzlicher Debatten gewesen und das Das Mehrheits- den Wählern auf den Punkt, die sich heute
Mehrheitswahlrecht in Deutschland auf eigen- allzu oft im Niemandsland der Parteiräson
tümliche Weise zur No-Go-Area geworden. wahlrecht verliert.
Dabei könnten wir das Mehrheitswahl- stärkt auch die

G
recht nicht nur gut gebrauchen. Es passt auch ut, da bleiben Fragen und auch Nach-
zu vielen demokratischen Wünschen, zu ei- Freiheit des teile. Deutschland hat seit dem Auf-
nem neuen Bild von Demokratie, das sich in Gewissens, die stieg der Grünen 1980 vorgeführt, wie
letzter Zeit herausgebildet hat. An erster Stel- ein Parteiensystem flexibel und innovativ
le der Vorzüge ist natürlich die klare Mehr- Unabhängigkeit der sein kann, ohne deshalb gleich ganz zu zer-
heitsbildung zu nennen, ohne die lästigen Parlamentarier. fallen wie in Italien oder den Niederlanden.
Koalitionskompromisse. Das mag ja bei den Neue Ideen und Themen müssten dann in-
klassischen „kleinen“ Koalitionen noch an- nerhalb der großen Parteien eine Heimat fin-
gehen. Aber soll eine Große Koalition wirklich zu einer Art den – so wie die Demokratische Partei in den USA bürger-
Regelfall der deutschen Politik werden, die sich etwa jede zwei- rechtlich und ökologisch viel von dem enthält, was bei uns die
te Legislaturperiode einstellt? Da überkommt alle, die in klaren Grünen sind. Aber ein Ende der kleineren Parteien müsste das
Kategorien des Konflikts und der Opposition denken, ein nicht einmal bedeuten. Die Grünen würden sich auf städtische
Schaudern. Ziehen Abgeordnete als Wahlkreissieger ins Parla- Wahlkreise konzentrieren. Folgt man nicht dem britischen
ment ein, verstärkt das die jeweilige Stimmungslage auf höchst „first past the post“ (das heißt, der relativen Mehrheit im ersten
elegante Weise. Wenn 15 Prozent der Wahlberechtigten von Wahlgang), eröffnet die Stichwahl Chancen zu Bündnissen und
einer Volkspartei zur anderen wechseln, stellt sich das ein, was Absprachen: Die SPD unterstützt den grünen Kandidaten in
die Amerikaner einen „landslide“ nennen: der Erdrutschsieg Stuttgart; die Grünen honorieren das mit Unterstützung dort,
der nun präferierten Partei. Angesichts einer nach wie vor gro- wo sie selbst keine Chance haben. Abgeordnete der Linken?
ßen Zahl von Stammwählern, die, komme, was wolle, in ihrer Sowieso kein Problem.
politischen Heimat bleiben, ist das Mehrheitswahlrecht ein Eins jedenfalls ist das Mehrheitswahlrecht nicht: irgendwie
sinnvoller Verstärkereffekt, um einen Umschwung des Zeit- demokratisch defizitär. „One person, one vote“ – das gilt hier
geists in einen Regierungswechsel zu übersetzen. ohne jeden Abstrich. Es bringt eine andere Vorstellung von
Demokratie zum Ausdruck – aber nicht eine, die besser oder

U
nd was könnten wir dann für spannende Kandidaten- schlechter wäre als die der „proportionalen Repräsentation“.
Wahlkämpfe erleben, in der eigenen Stadt, in der eige- Auch an dieser lässt sich nämlich sehr prinzipielle Kritik üben:
nen Region, hautnah! Nicht dass man den Abgeordne- Sie drückt schon arithmetisch die Sehnsucht nach einer frag-
ten und Kandidaten bisher Wahlkreis-Faulheit vorwerfen müss- würdigen Deckungsgleichheit von Wählern und Gewählten
te; in der Regel strampeln sie sich ab und hetzen von der Feu- aus, die alte Sehnsucht Jean-Jacques Rousseaus nach der „iden-
erwehr zum Altenheim und wieder zurück. Aber nehmen die titären“ Demokratie.
Bürgerinnen und Bürger es gebührend zur Kenntnis? Man hat Also träumen wir noch einmal kurz: Angela Merkel ist zur
oft nicht das Gefühl, dass es eigentlich drauf ankommt – wenn absoluten Mehrheit durchmarschiert, aber im Mehrheitswahl-
jemand wirklich wichtig ist, wird die Landesliste schon greifen! recht kann das Pendel dann auch schnell
Das Verhältniswahlrecht hat über das gesamte 20. Jahrhundert wieder anders ausschlagen. 2017 erobert die
der Herrschaft von Parteimaschinen, von Parteibürokratie Vor- SPD mit Hannelore Kraft an der Spitze die
schub geleistet, die Vertretung im Parlament möglichst gene- Mehrheit der Wahlkreise – natürlich mit
ralstabsmäßig organisiert (in Deutschland, zugegeben, abgefe- Ausnahme von Friedrichshain-Kreuzberg.
ANDREAS PEIN / LAIF

dert durch den Föderalismus, weshalb wir ja von Landeslisten


sprechen). Jetzt klagen wir über Parlamentarier, die sich von Nolte, 50, lehrt als Professor für Neuere Ge-
den Bürgern zu weit entfernt haben, über Repräsentation, die schichte und Zeitgeschichte an der Freien
zu anonym geworden ist. Universität Berlin.
          2 0 1 3 47
Bundestagswahl

tionsforscher der Bertelsmann-Stiftung.


„Nun sind die Parteien auch auf Bundes-
MIGRANTEN ebene mutiger und durchlässiger gewor-
den.“ Befürchtungen der konservativen

„Die sieht ja manierlich aus“ Parteien schwänden, mit solchen Kandi-


daten bei den Wählern nicht punkten zu
können.
Manchmal wissen nicht einmal die Par-
Abgeordnete mit ausländischen Vorfahren galten lange als teien, woher die Mütter oder Väter der
Exoten. Nun schafften elf Kandidaten mit Wurzeln in der Türkei Abgeordneten stammen. Die Bundestags-
fraktion der Linken gab etwa in der ver-
den Sprung ins Parlament. Sie werden zu einer neuen Macht. gangenen Woche an, im alten Parlament
hätten fünf ihrer Abgeordneten einen

M
ittwoch vor der Wahl, die Mit- Türkei nun besser vertreten als je zuvor. Migrationshintergrund. Die prominentes-
glieder der Senioren Union Ha- Von 630 Abgeordneten haben 11 ihre te Abgeordnete hatten sie vergessen:
gen erwarten eine anregende Wurzeln in der Türkei, in der letzten Le- Sahra Wagenknecht, deren Vater aus Iran
Nachmittagsunterhaltung. Alle Stühle im gislaturperiode waren es gerade einmal stammt.
Gasthaus Abrahams sind besetzt. Auf 5. Nun kommen 5 allein von der SPD, 3 Mancher Politiker wirbt aktiv mit sei-
den Tischen stehen Biergläser und von den Grünen, 2 von der Partei Die ner Biografie, andere erwähnen das The-
Teetassen. Im südöstlichen Ruhrgebiet Linke sowie Giousouf von der CDU. ma nicht mal auf ihrer eigenen Home-
hat sich hoher Besuch angekündigt, Auch Politikern aus anderen Herkunfts- page. Allenfalls Name oder Hautfarbe
Bundestagspräsident Norbert Lammert ländern gelang der Sprung in den Bun- könnten dann Hinweise geben.
will über die Erfolge Angela Merkels destag. In Halle zog für die SPD Karamba Inzwischen versuchen die Parteien in
sprechen. Diaby ein, der erste gebürtige Afrikaner etlichen Fällen, die Biografie der Kandi-
Neugieriger als auf den Polit-Haudegen im Parlament. Der Doktor der Chemie daten zu nutzen. Der Weg Giousoufs ins
sind manche Rentner allerdings auf die stammt aus dem Senegal. Fast wäre auch Parlament wurde von den Parteioberen
kleine, dunkelhaarige Frau, die Lammert Romeo Franz gewählt worden, er wäre in Nordrhein-Westfalen schon vor drei
zum Tisch am Ende des Raums folgt. Sie der erste Sinto im Parlament gewesen. Jahren geplant. Damals hatte der frühere
trägt einen biederen schwarzen Hosen- Aber seine Grünen schnitten schlechter Integrationsminister und heutige CDU-
anzug, dunklen Rolli und eine große ab als erwartet. Landesvorsitzende Armin Laschet sie als
Handtasche: die Hagener Bundestags- Nach einer Aufstellung des Medien- Referentin in sein Ministerium geholt.
kandidatin der CDU, Cemile Giousouf, dienstes Integration sind zu dieser Wahl Dass sie dann in Hagen gelandet sei, sei
35 Jahre alt, geboren in Leverkusen. Erst insgesamt fast hundert Kandidaten mit „purer Zufall“, sagt sie, aus Sicht der Par-
seit einigen Monaten wohnt sie in Hagen. Migrationshintergrund angetreten, 35 von teispitze habe dort ein geeigneter Kandi-
„Die sieht ja manierlich aus, nur ein wenig ihnen mit Erfolg (siehe Grafik). dat gefehlt.
zwergenhaft“, sagt einer zu seinen Tisch- „Seit längerem schon steigt die Zahl Vor Ort musste sie dann allerdings erst
nachbarn. Es klingt anerkennend. der Mandatsträger mit Migrationshinter- eine Kampfabstimmung gegen einen alt-
Giousouf hat jedenfalls keine Berüh- grund in Landtagen und Kommunalpar- gedienten Parteigänger gewinnen und da-
rungsängste. Sie geht von Tisch zu Tisch, lamenten“, sagt Orkan Kösemen, Migra- nach ihre Position auf der Landesliste ver-
schüttelt Hände, klopft auf Schultern. In
einer kurzen Rede dankt sie Lammert,
dem Ortsvorsitzenden und „überhaupt
allen, die mich unterstützen“. Die brave
Ansprache dauert keine fünf Minuten,
Giousouf sagt nichts Politisches.
Muss sie auch nicht. Ihre pure Anwe-
senheit ist politisches Programm genug.
Sie sieht sich selbst als „strategisches Sig-
nal“ der Union: Die Partei nimmt die
Migranten ernst. Die 35-Jährige war die
erste muslimische Bundestagskandidatin
der CDU mit türkischen Wurzeln. Sie
wurde im Wahlkreis Hagen aufgestellt,
weil dort mehr als ein Drittel der Ein-
wohner selbst einen Migrationshinter-
grund hat. Nun zieht Giousouf in den
Bundestag ein. Zum Gewinn des Wahl-
kreises reichte es zwar nicht ganz, aber
ROLF VENNENBERND / DPA (L.); CARO / IMAGO (M.)

ihr Listenplatz war gut genug für ein Ab-


geordnetenmandat.
Mit der Gastarbeitertochter, deren El-
tern vor mehr als 40 Jahren nach Deutsch-
land kamen, schickt auch die CDU ihre
erste Bundesparlamentarierin mit türki-
scher Einwandererbiografie nach Berlin.
Das hatten alle anderen etablierten Par-
teien früher geschafft. Im neuen Bundes-
tag sind die schätzungsweise 800 000
Wahlberechtigten mit Vorfahren in der Berliner Parlamentsneulinge Giousouf, Kiziltepe, Özoguz: „Auch auf Bundesebene sind die Parteien

48           2 0 1 3
teidigen. Eine andere Kandidatin machte Fremde Wurzeln
Giousouf den Platz streitig, weil sie schon Anteil an den
viel länger in der Partei sei. „Wenn wir Abgeordnete mit Sitzen ihrer Partei
Migranten noch 30 Jahre Plakate kleben Migrationshintergrund im Parlament
müssen, wird es keine Vertreter im Bun-
destag geben“, entgegnete Giousouf –
und setzte sich durch.
12 6,3 %
Seither muss sie sich in Interviews mit
der Frage auseinandersetzen, welche Rol- 9 2,9 %
le sie als Muslimin in einer christlichen
Partei spielt. Sie jedenfalls sehe in ihrer
„religiösen Andersartigkeit“ kein Pro- 7 10,9
10, 9%
blem, sagt sie. Quelle:
Neue Erfahrungen hat freilich auch die Mediendienst
CDU in Hagen gemacht. Giousouf schaff- Integration Politiker Diaby
7 11,1 %

IMAGO
te es, etliche Parteigrößen zu Auftritten
nach Hagen zu holen. Und als sie Flyer
auf dem Marktplatz verteilte, hätten sich Wie selbstverständlich der Aufstieg werke in der türkischen Community,
plötzlich Menschen für die Partei interes- heute funktionieren kann, zeigt das Bei- viele Werbematerialien seien auf Tür-
siert, die er vorher noch nie gesehen habe, spiel von Cansel Kiziltepe, SPD-Direkt- kisch formuliert.
sagt ein CDU-Ortsvorsitzender. kandidatin in Friedrichshain-Kreuzberg – Niemand weiß, ob sich die rund 5,8
Migranten scheinen grundsätzlich leich- und nun wie Giousouf neu im Bundestag. Millionen Wähler mit Migrationshinter-
ter in linken Parteien Karriere zu machen. Ähnlich wie in Hagen ist auch in diesem grund durch Vertreter mit ähnlicher Her-
Doch in den neunziger Jahren sei ein Berliner Wahlkreis der Migrantenanteil kunft gewinnen lassen. Saalfeld geht aber
Migrationshintergrund auch bei den Sozi- hoch, die 37-Jährige wurde dort geboren. davon aus, dass sich die traditionell starke
aldemokraten noch ein echter Nachteil ge- Ihr Vater war als Gastarbeiter Schlosser Hinwendung türkeistämmiger Wähler zur
wesen, urteilt Sebastian Edathy, Sohn ei- bei Mercedes-Benz, ihre Mutter Hausfrau. SPD und der Aussiedler zur CDU inzwi-
nes indischen Vaters und einer deutschen „Ich verkörpere Kreuzberg mit allem, was schen abgeschwächt habe. „Die zweite
Mutter. Der Rechtspolitiker hieß ursprüng- ich bin“, sagt sie. und dritte Generation der Zuwanderer
lich Edathiparambil und ließ seinen Wenn sie, wie kurz vor der Wahl, in verhält sich zunehmend wie die anderen
Namen ändern. Im vergangenen Jahr über- ihrem Kiez unterwegs ist, trägt sie eine Wähler auch“, glaubt der Wissenschaftler.
nahm er den Vorsitz des Untersuchungs- kurze Lederjacke, die Lockenmähne of- „Das ist kein statischer Block mehr.“
ausschusses zur NSU-Affäre. „Als Fach- fen. Für ein SPD-Plakat empfahl ihr je- Deshalb müssten alle Parteien Kandi-
politiker, nicht wegen meiner Herkunft“, mand aus der Partei, die Haare hochzu- daten mit Migrationshintergrund präsen-
wie er betont. Die Hamburgerin Aydan stecken, sonst sehe sie „zu türkisch“ aus. tieren. „Sie brauchen schließlich sichtbare
Özoguz, stellvertretende Vorsitzende der Auf der Hauptstraße hupt Kiziltepe, Vertreter aller Bevölkerungsgruppen“, so
Bundes-SPD, schaffte es in diesem Jahr bleibt stehen und ruft aus dem Auto – sie Saalfeld. Da ist es kein Wunder, dass die-
erstmals, ihren Wahlkreis Wandsbek für hat einen Klassenkameraden erkannt, se Nachwuchspolitiker zu Beginn ihrer
die Sozialdemokraten zu holen. der vor seinem Call-Shop eine Zigarette Karriere unter Verdacht stehen, ein „Quo-
raucht. „Ich rechne mit euch“, sagt sie tenmigrant“ zu sein, wie die Bielefelder
auf Türkisch. Er antwortet: „Klar, wir ge- Soziologin Devrimsel Deniz Nergiz kürz-
hen da sowieso nur für dich hin, wir wa- lich in einer Befragung für ihre Disser-
ren noch nie vorher wählen!“ Eine Kiez- tation herausfand. „Sie stehen unter star-
Friseurin fragt Kiziltepe nach türkischen kem Druck, ihre besondere Fähigkeit und
Flyern. Der Wahlkampf auf Türkisch Eignung unter Beweis zu stellen.“ Ande-
funktioniert, zur Freude der SPD. rerseits werde ihnen innerhalb der Partei
Anders als viele ihrer früheren Klas- und von den Medien gern die Rolle als
senkameraden hat Cansel Kiziltepe Kar- Migrationsexperten zugeschrieben.
riere gemacht: Sie studierte Volkswirt- Doch viele wollten nicht als Integra-
schaft, arbeitete im Bundestag und für tionspolitiker, sondern als Fachpolitiker
den Deutschen Gewerkschaftsbund. Heu- ernst genommen werden, sagt Nergiz.
te ist sie bei Volkswagen in Wolfsburg zu- „Das aber wird auf Dauer nur gelingen,
ständig für die volkswirtschaftlichen Ana- wenn die Zahl der Exoten so steigt, dass
lysen. In ihrem Profil bei Facebook steht: sie keine Minderheit mehr sind.“
„Mutter mit Beruf. Europäerin. Ökono- Die Neu-Hagenerin Cemile Giousouf
min. Mieterin. Arbeitnehmerin. Gewerk- will sich im neuen Bundestag „um Inte-
schaftlerin. Rentenprofi. Kiezkind.“ Viele gration und Bildung kümmern“, sagt sie.
Identitäten, eine Kandidatin. „Dafür stehe ich.“ Cansel Kiziltepe dage-
Die wachsende Zahl von Abgeord- gen träumt davon, einmal Finanzministe-
neten im Bundestag mit Wurzeln in der rin zu werden. Sie sagt, sie brauche zwar
Türkei, zu denen auch Kurden gehören, Geduld und noch etwas Zeit, sei aber auf
kommt für Parteienforscher nicht über- einem guten Weg.
raschend. „Es gibt in dem Bereich eine Sie sitzt in einer Dönerbude in Kreuz-
richtige ethnische Mobilisierung“, hat der berg, rührt in ihrem türkischen Tee und
Bamberger Professor Thomas Saalfeld redet über ihre Zukunft: „Nach Peer bin
HEIKE ROST.COM

beobachtet. Der aus der Türkei stammen- ich doch die einzige Volkswirtin der Par-
den Bevölkerungsgruppe sei eine poli- tei – wer, wenn nicht ich, sollte das besser
tische Vertretung inzwischen wichtig. Die machen können?“
mutiger und durchlässiger geworden“ Kandidaten verfügten über gute Netz- M
 F
 , Ö G

          2 0 1 3 49
Bundestagswahl

Wer siegt, wer fliegt

HERMANN BREDEHORST / POLARIS / STUDIOX

MICHAEL GOTTSCHALK / PHOTOTHEK.NET


MICHAEL KAPPELER / DPA

FRANK LEONHARDT / DPA


DARMER / DAVIDS

Merkel Gröhe Dobrindt Mayer Diaby Oppermann

CDU CSU SPD


GEWINNER GEWINNER GEWINNER

Sechs Jahre noch bis zu Konrad Ade- Wer Horst Seehofer die absolute Mehr- Auf die Hautfarbe kommt es nicht an,
nauer. Acht Jahre bis Helmut Kohl. Klingt heit organisiert, darf mit absoluter natürlich nicht, auf keinen Fall. Merk-
größenwahnsinnig? Auch Angela Merkel Hoffnung dem nächsten Karriereschritt würdig nur, dass erst der 18. Deutsche
braucht ja noch Ziele. Sie ist die Siegerin entgegenblicken: Alexander Dobrindt, Ge- Bundestag auch Abgeordnete haben
der Wahl. Und muss nur noch heraus- neralsekretär der CSU, wird im Bundes- wird, die schwarzer Hautfarbe sind. Ei-
finden, was sie eigentlich gewonnen hat. kabinett erwartet. ner der beiden: Karamba Diaby aus Halle.

Kurz vor der Wahl sagte Hermann Gröhe: Gar nicht so einfach, in Bayern zum Stim- Je länger der Wahlkampf dauerte, desto
„Wir wollen die letzten Stunden nutzen menkönig zu werden. Stephan Mayer hat’s wichtiger wurde Thomas Oppermann. Ers-
und um jede Stimme für die CDU kämp- geschafft. Der 39-Jährige ist Abgeordne- ter Parlamentarischer Geschäftsführer
fen.“ Was ein Generalsekretär eben so ter für Altötting und für die CSU, was der SPD-Fraktion war er bisher. Nun ist
sagt. Künftig könnte er als Minister sa- vermutlich irgendwie dasselbe ist. Mayer er – im Falle einer Großen Koalition –
gen, was man eben als Minister so sagt. holte fast 66 Prozent der Erststimmen. erster Anwärter auf das Innenressort.

VERLIERER VERLIERER VERLIERER

Christean Wagner – Fraktionsvorsitzender Wird Peter Ramsauer ausgebremst? An- Wer nur weit genug zurückfällt, darf sich
in Hessen, bislang jedenfalls – betont oft, geblich herrscht Unzufriedenheit bei der freuen, wenn er ein bisschen aufholt. Es
dass die CDU ihr konservatives Profil CSU und bei Horst Seehofer, was ver- ändert nur nichts daran, dass er ein Ver-
und damit Stammwähler zu verlieren mutlich irgendwie dasselbe ist. So könnte lierer ist: Peer Steinbrück, der gescheiterte
drohe. Das klang gar nicht so abwegig. der Verkehrsminister trotz glänzenden Kanzlerkandidat.
Bis eine Merkel 40 Prozent plus x holte – Wahlergebnisses – knapp hinter dem von
klingt für die Partei noch besser. Altötting – sein Amt verlieren. Ein Wahltag, zwei Niederlagen. Olaf
Scholz erlebte, wie seine SPD die rot-
Norbert Röttgen wurde von der Kanzlerin Wer in der siegestrunkenen CSU nach Ver- grüne Wende in Berlin krachend ver-
kaltgestellt, er verlor sein Ministeramt. lierern sucht, hat es schwer. Der Misser- passte. Und er wurde, nebenbei, von
Nun gewann er seinen Wahlkreis, mit folg ist relativ, auch derjenige des Alexander seinen Bürgern verpflichtet, die Versor-
absoluter Mehrheit und besserem Ergeb- Radwan. Er holte weniger Erststimmen gungsnetze von E.on und Vattenfall zu-
nis als 2009. Karriere wird er – auch das als seine Vorgängerin im Wahlkreis Starn- rückzukaufen: Im Volksentscheid stellten
weiß er selbst am besten – unter dieser berg: minus 675 Stimmen, also 0,2 Prozent. sich die Hamburger gegen ihren Ersten
Kanzlerin trotzdem nicht mehr machen. Gewählt wurde er natürlich trotzdem. Bürgermeister.
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Wagner Röttgen Ramsauer Radwan Steinbrück Scholz

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Kopf hoch oder Kopf runter: eine kleine Auswahl
der größten Gewinner und Verlierer in jenen
Parteien, die bislang im Bundestag vertreten waren

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Lindner Kubicki Gysi Kipping Hofreiter Peter

FDP Linke Grüne


GEWINNER GEWINNER GEWINNER

Er kann über Wasser gehen, die Zukunft Gregor Gysi hat bewiesen, dass er auch Sie könnten die Führung der Bundestags-
vorhersagen, die FDP retten: Wenn Chris- ohne Oskar Lafontaine siegen kann; ohne fraktion übernehmen: Anton Hofreiter aus
tian Lindner doch nur eines davon gelänge. Gysi geht nichts mehr in der Partei. Aber Bayern, Kerstin Andreae aus Baden-Würt-
Fragt sich nur, welche der drei Heraus- was geht für die Partei? Als Fraktionsvor- temberg. Der eine für den linken Flügel,
forderungen die kleinste ist. sitzender wird er für Rot-Rot-Grün trom- die Fundis, die andere für den rechten
meln. Und trommeln. Und trommeln … Flügel, die Realos; alle Quoten erfüllt.
Wolfgang Kubicki hat’s immer schon gesagt:
Die da in Berlin – die können’s nicht. Die streitlustige Linke irgendwie zusam- Simone Peter ist eines von nur zwei Mit-
Und hatte er nicht mal wieder recht? menzuhalten – daran hätten auch ältere, gliedern der Grünen-Fraktion im saarlän-
Recht zu haben allein ist kein Grund zur erfahrenere Parteivorsitzende scheitern dischen Landtag. Künftig könnte sie ei-
Freude, in Kubickis Fall aber vielleicht können. Katja Kipping, 35 Jahre, bestand nem weiteren Frau-Mann-Tandem der
doch. Außerdem dürfte er künftig eine gut ein Jahr nach ihrer Wahl den ersten Grünen angehören: dem an der Partei-
wichtige Rolle in der Partei spielen. bedeutenden Test. spitze, als Nachfolgerin von Claudia Roth.

VERLIERER VERLIERER VERLIERER

Am Montagmittag hat Philipp Rösler sei- Dagmar Enkelmann war als Parlamentari- Jürgen Trittin wirkte nach der Wahl sehr
nen Rücktritt angekündigt. Angesichts sche Geschäftsführerin lange die wichtigs- angespannt. So wirkt er fast immer, aber
der Sinkfluggeschwindigkeit seiner FDP te Organisatorin der Fraktion. Ihr Direkt- diesmal hatte er einen guten Grund: Die
ein weiser Schritt: Sonst wäre die Partei mandat verlor sie an den Kontrahenten Chance auf ein Spitzenamt bietet sich
womöglich noch schneller weggewesen von der CDU, auf der brandenburgischen ihm wohl nur, wenn es eine schwarz-grü-
als ihr Vorsitzender. Landesliste war sie nicht abgesichert – ne Regierungskoalition gibt.
das war’s.
Damit Deutschland stark bleibt: Das war Cem Özdemir wollte das Direktmandat in
der Slogan von Rainer Brüderle, aber ir- Sahra Wagenknecht, der Star, sollte für ein seinem Stuttgarter Wahlkreis holen und
gendwie hat auch den keiner so richtig gutes Ergebnis im Westen sorgen, vor al- damit auch seine Macht in der Partei aus-
wahrgenommen. Eine verkorkste Kam- lem in Niedersachsen und Nordrhein- bauen. Der Plan war gut, Özdemirs Er-
pagne der Partei, ein unglücklicher Unfall Westfalen. Doch der Erfolg blieb aus: Die gebnis nicht: Er bekam lediglich 27,5 Pro-
ihres Spitzenkandidaten, ein vernichten- Linke verlor (auch) in diesen beiden Bun- zent der Stimmen – 14,5 Prozentpunkte
des Ergebnis. Manchmal passt alles zu- desländern. So wird’s erst mal nichts mit weniger als der CDU-Kandidat. Aus der
sammen. der Gysi-Nachfolge. Traum.
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IMAGO

Rösler Brüderle Enkelmann Wagenknecht Trittin Özdemir

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Deutschland

SPI EGEL-GESPRÄCH

„Merkel mogelt sich durch“


Der Pädagoge Bernhard Bueb analysiert die Wahrhaftigkeit deutscher Politiker. Der
Verfechter von Disziplin erklärt den Unterschied zwischen „erlaubten Lügen“
und „falschen Momenten für Ehrlichkeit“ – und warum die Schule zum Betrug erzieht.

Bueb, 74, promovierter Philosoph und hätte werben können. Ich muss eingeste-
Theologe, leitete von 1974 bis 2005 das hen, dass sich Amt und Person in diesem
Schulinternat Schloss Salem. Diese Wo- Fall nicht trennen lassen.
che erscheint sein jüngstes Buch „Die SPIEGEL: Sie ringen ganz offensichtlich um
Macht der Ehrlichen“ (UllsteinVerlag, Ihr Bild von der Bundeskanzlerin. In der
Berlin; 160 Seiten; 18 Euro). Bevölkerung hat sie einen enormen Rück-
halt. Liegt es daran, dass sie die Bürger
SPIEGEL: Herr Bueb, Sie beschreiben in Ih- durch Ungenauigkeiten vor bitteren Wahr-
rem neuen Buch, wie erst Wahrhaftigkeit heiten verschont?
und Ehrlichkeit dem Menschen zu wahrer Bueb: Das glaube ich nicht. Ihr Erfolg speist

NICOLE MASKUS-TRIPPEL / DER SPIEGEL


Macht verhelfen. Nun ist Angela Merkel sich aus dem Image ihrer Authentizität.
nach ihrem dritten Wahlsieg zweifellos Sie erscheint angenehm unzeitgemäß,
mächtig. Aber ist sie auch ein wahrhafti- nicht so eitel, sie ist in ihrem Machtstreben
ger Mensch? nicht plakativ, sie ist eine Hausfrau. Ehr-
Bueb: Ich halte Angela Merkel für eine geizig auftretende Typen wie Peer Stein-
ehrliche Frau, und ich glaube nicht, dass brück oder Gerhard Schröder sind sofort
sie belogen oder betrogen hat und wir verdächtig, weil man ihnen unterstellt, al-
nur noch nichts darüber wissen. Aber als les der Macht unterordnen zu wollen.
eine wahrhaftige Politikerin kann sie Philosoph Bueb SPIEGEL: Tun oder taten sie das nicht?
nicht mehr gelten. „Authentische Leitfiguren fehlen“ Bueb: Schröder hat Wahrhaftigkeit bewie-
SPIEGEL: Warum? sen, als er die Agenda 2010 durchsetzte
Bueb: Sie hat auch in diesem Wahlkampf nicht als bestechlich dastehen. Moralphi- und seine weitere Karriere vom Gelingen
viel zu viele Dinge gesagt und getan, die losophisch betrachtet hat er deshalb eben dieser unbeliebten, aber notwendigen Re-
allein zum Ziel hatten, sich bei den Wäh- doch gelogen. form abhängig gemacht hat. So eine Hal-
lern nicht in die Nesseln zu setzen: ihre SPIEGEL: Angela Merkel beschwor nach tung hatte ich eigentlich von Angela Mer-
Ankündigungen, das Kindergeld zu er- dem Reaktorunglück in Fukushima die kel erwartet, als sie zur Kanzlerin gewählt
höhen, diese ganzen Wahlversprechen in Energiewende, sechs Monate zuvor hatte wurde. Aber sie hat sich nicht in gleicher
Höhe von 30 Milliarden Euro. Das war sie für die Laufzeitverlängerung der deut- Weise wahrhaftig gezeigt.
ein horrender Unsinn, und natürlich weiß schen Atomkraftwerke gesorgt. Wie wür- SPIEGEL: Merkels gescheiterter Gegenspie-
sie das. Sie will an der Macht bleiben, den Sie dieses Verhalten nennen? ler Peer Steinbrück ist zuweilen überehr-
und so hat sie sich auch in der Frage des Bueb: Sie mogelt sich durch. Sie verschlei- lich, zeigt sich offenherzig bis zur An-
Syrien-Konflikts schwammig verhalten ert, sie legt sich nicht fest. Und der Bürger stößigkeit. Dennoch hat er seine Glaub-
und zur NSA-Affäre keine klaren Worte weiß nicht, woran er ist: War die Ener- würdigkeit verspielt …
gefunden. Frau Merkel ist keine Lügne- giewende ein wahltaktisches Manöver, Bueb: … weil er sich verbogen hat. Er
rin, aber eine Meisterin des Ungefähren, um die Grünen zu schwächen? Oder doch stand nicht mehr zu seinen wirklichen
Uneindeutigen. eine Folge persönlicher Erschütterung? Überzeugungen. Er ist an sich ein unter-
SPIEGEL: Ist diese Strategie, sich im Unge- Ich muss, was die Bundeskanzlerin an- nehmerisch denkender Mann und musste
fähren zu bewegen, weniger verwerflich? geht, das zuvor Gesagte leider korrigie- nun Positionen vertreten, die möglichst
Bueb: Nein, sicherlich nicht; auch Unein- ren: Sie mag als Person integer sein. Als viele SPD-Wähler für gut halten. Außer-
deutigkeit kann eine Form der Lüge sein. Politikerin aber nach meinen Maßstäben dem hat er sein Image durch Ungeschick-
Im Fall von Christian Wulff war das so. lügt sie, weil sie ebenso uneindeutig ist lichkeit beschädigt. Wer sagt, dass er Pi-
Als er gefragt wurde, ob er eine Ge- wie Wulff. not Grigio für billige fünf Euro nicht kau-
schäftsbeziehung zu dem Unternehmer SPIEGEL: Lässt sich das denn so trennen: fe, kränkt alle, die sich teuren Wein nicht
Egon Geerkens unterhalten habe, wies hier die Person, da die Politikerin? Der leisten können.
er das im niedersächsischen Parlament Wahlkampf der Christdemokraten hatte SPIEGEL: Es war immerhin eine zutiefst
weit von sich. Dass Geerkens’ Frau ihm doch nur ein Motto: Angela Merkel! ehrliche Bemerkung.
einen hohen Kredit gewährt hatte, ver- Bueb: Ich merke gerade, dass ich mich, Bueb: Aber man soll klug sein, wenn man
schwieg er. Nun ist Verschweigen an sich wenn auch höchst ungern, von meinem die Wahrheit verkündet. Peer Steinbrück
ja noch keine Lüge. Aber Wulff wollte Bild der ehrlichen Frau Merkel verab- wirft mit Wahrheiten wie mit Steinen.
seinen Vorteil wahren, als er nicht die schieden muss. Sie hat ihre Person zum Der Ehrliche muss sich einfühlen können,
vollständige Wahrheit mitteilte; er wollte politischen Programm erklärt und mit ih- um erfolgreich zu sein, und diese Fähig-
rer persönlichen Glaubwürdigkeit für die keit fehlt Steinbrück vollkommen. Er ver-
Das Gespräch führten die Redakteure Katja Thimm und CDU geworben – weil es ja sonst auch steht nicht, dass die Bürger keine Krän-
Alfred Weinzierl. nichts gegeben hätte, mit dem die Partei kungen erwarten. Es spricht für seine
52           2 0 1 3
Wahrhaftigkeit, dass er das Foto seines
Stinkefingers hat drucken lassen, obwohl
sein Berater ihn gewarnt hatte. Aber es
spricht gegen ihn als Politiker. Dasselbe
gilt für die Grünen, wenn sie im Wahl-
kampf eine Steuererhöhung für ihr
Stammpublikum propagieren. Das ist
zwar ehrlich, aber töricht.
SPIEGEL: Wie könnte Wahrhaftigkeit im
politischen Betrieb denn bestenfalls aus-
sehen?
Bueb: Das ist sehr einfach. Wie jedem an-
deren Menschen muss man auch einem Mi-
nisterpräsidenten oder Bundeskanzler glau-
ben können, was er sagt. Und wie jeder
andere Mensch darf auch er in bestimmten
Situationen lügen: immer dann, wenn die
Lüge der Allgemeinheit oder einem an-
deren mehr Nutzen als Schaden bringt.
SPIEGEL: Nennen Sie ein Beispiel für solch
eine erlaubte Lüge.
Bueb: Der gemeinsame Auftritt von An-
gela Merkel und Peer Steinbrück nach
der Pleite der Lehman Brothers war so
eine Sternstunde: Wie sie da gemeinsam
eine Garantie für die deutschen Bank-
einlagen abgegeben haben – obwohl sie
wussten, dass sie weder legitimiert noch

HANS-CHRISTIAN PLAMBECK
mächtig genug sind, um ihr Versprechen
im Zweifelsfall einlösen zu können. Aber
sie haben eine immense Panik und un-
glaubliches Unheil verhindert. Solche Lü-
gen erwarte ich von einem Politiker. Er
muss die Bereitschaft besitzen, sich die
Hände schmutzig zu machen, um einem
höheren Zweck zu dienen. Abraham Lin-
coln, der amerikanische Präsident, hat
das vor 150 Jahren auch getan. Er hat
Kongressabgeordnete bestochen, damit
sie für seine Idee stimmten, die Sklaverei
abzuschaffen. Ein übler, aber großartiger
Trick. Der ungarische Schriftsteller Imre
Kertész hat es einmal auf sehr schöne
Weise gesagt: Ehrliche Menschen sind
auch dann ehrlich, wenn sie lügen.
SPIEGEL: In der letzten Legislaturperiode
sind außer Christian Wulff auch Karl-
Theodor zu Guttenberg und Annette
Schavan als wenig wahrhaftig aufgefallen.
Zwei Minister, die sich gegen den Vor-
wurf wehren, ihre Doktorarbeiten seien
Plagiate und bis heute lediglich Fehler
eingestehen. Wie beurteilen Sie dieses
Verhalten?
Bueb: Guttenberg will ich außen vor las-
sen; ich behaupte, dass seine komplette
Doktorarbeit von jemand anderem ge-
schrieben ist und er selbst über deren In-
halt überrascht war. Das hatte kriminelle
Züge. Wulff und Schavan haben sich un-
moralisch, doch in erster Linie unklug
verhalten. Ihr Hin und Her erinnerte mich
an Bill Clinton nach dessen Affäre mit
Monica Lewinsky. Es wäre in all diesen
Fällen sicherlich schnell wieder Ruhe ein-
GAMMA / LAIF

* Oben: nach seiner Rücktrittserklärung im Verteidi-


gungsministerium am 1. März 2011; unten: mit Monica
Lewinsky bei einer Wahlkampfveranstaltung in Wa-
shington am 23. Oktober 1996. Politiker Guttenberg, Clinton*: Unmoralisch und dumm

          2 0 1 3 53
Deutschland

briel oder Kauder? Das einzige Eckige


bieten vielleicht noch die Grünen. Und
sie scheinen sich wegen ihrer Geschichte
als Protestpartei auch irgendwie ver-
pflichtet zu fühlen, ab und zu mal streit-
bare Ideen zu präsentieren. Aber die an-
deren? Alle austauschbar! Diese Schwä-
che politischer Ideen und die allgegen-
wärtige Lüge durch das Ungefähre wer-
den die Politikverdrossenheit weiter be-
feuern. Darin liegt eine große Gefahr.
SPIEGEL: Von welcher Gefahr sprechen
Sie?
Bueb: Transparenz, Glaubwürdigkeit,
Unbestechlichkeit – diese Grundpfeiler
unserer Demokratie sagen vielen Jugend-
lichen heute nichts mehr. Sicher, es gibt
Protestbewegungen wie Attac oder Stutt-
gart 21. Aber die meisten jungen Men-
schen konzentrieren sich brav auf ihr
Privatleben und brechen mit der Politik.
Ihnen fehlen authentische Leitfiguren,

RAINER JENSEN / AP
übergeordnete Vorbilder, wie es einmal
Che Guevara oder Rudi Dutschke waren.
Stattdessen sehen sie, dass eine Bundes-
kanzlerin mit der Strategie des Durch-
Koalitionäre Merkel, Steinbrück*: „Solche Lügen erwarte ich von einem Politiker“ mogelns Erfolg hat. Frau Merkel hat also
eine richtig gefährliche Seite, denn dieser
gekehrt, wenn die Beschuldigten gesagt sein kann, wenn man ehrlich zu sich schlechte Stil unserer Politiker wirkt an-
hätten: Wer ohne Sünde ist, werfe den selbst ist. Mangelt es Politikern an Selbst- steckend. Auf Dauer wird er unsere de-
ersten Stein. Stattdessen eiern sie herum erkenntnis? mokratischen Grundlagen aushöhlen.
und treiben die Unwahrhaftigkeit auf die Bueb: Uns allen mangelt es daran. Und SPIEGEL: Finanzminister Wolfgang Schäub-
Spitze. wir sind lebenslang verführt, uns zu be- le immerhin ist neulich mit der Wahrheit
SPIEGEL: Woran könnte das liegen? lügen, weil es so praktisch ist. Der Sozio- herausgeplatzt und hat zugegeben, dass
Bueb: Es bedeutet einen enormen An- loge Max Weber beschreibt in seiner be- die EU Griechenland entgegen anders-
sehensverlust, wenn man zugeben muss, rühmten Rede „Politik als Beruf“ einen lautender Beteuerungen weiterhin ali-
sich in grundsätzlichen Wertefragen Mann, der sich von seiner Frau trennt mentieren muss. Hat er der Demokratie
falsch verhalten zu haben. Frau Schavan und sich einredet, sie sei seiner Liebe an diesem Tag einen Dienst erwiesen?
war immerhin Bildungsministerin und nicht wert gewesen. So muss er keine Ver- Bueb: Nein. Und er ist ja am Morgen da-
vorher Geschäftsführerin einer Stiftung antwortung übernehmen. Diesen Mecha- nach auch wieder zurückgerudert. Er
für Hochbegabte. Für so jemanden ist es nismus der Selbstlüge können wir überall konnte nicht dazu stehen, dass ihm die
hart, eine wissenschaftliche Schlamperei beobachten. Deshalb haben Psychothe- Wahrheit einfach so herausgerutscht ist.
einzugestehen. rapeuten so viel zu tun; deren Hauptauf- Es war Wahlkampf, seine ganze Kampa-
SPIEGEL: Sie hat sich, genau wie Wulff und gabe liegt ja darin, Menschen beim Auf- gne stand auf dem Spiel. So paradox es
Guttenberg, hartnäckig an ihren Posten ge- spüren ihrer Selbstlügen zu begleiten. klingen mag: Durch eine plötzliche Kehrt-
klammert. Hätte sie nicht ein Zeichen der SPIEGEL: Braucht ein Politiker, der wahr- wendung zur Ehrlichkeit hätte er vollends
Wahrhaftigkeit setzen können, wenn sie haftig sein will, also einen Psychothera- seine Glaubwürdigkeit verloren. Er hätte
ihren Rücktritt frühzeitig angeboten hätte? peuten? sich als unverantwortlicher Politiker zu
Bueb: Das hätte sie – und wahrscheinlich Bueb: Er sollte sich zumindest einen Hof- erkennen gegeben. Wahlkampf ist wie
hätte Angela Merkel ihn gar nicht ange- narren leisten, der ihm immer die Wahr- ein Manöver bei der Bundeswehr: Ge-
nommen. Die Kanzlerin hätte den Vor- heit sagt. Ich hatte während meiner Zeit steht man unterwegs ein, dass eine Ent-
gang öffentlich als harmlose Verfehlung als Schulleiter in Salem eine Sekretärin, scheidung falsch war, spielen die Soldaten
einstufen können, und Frau Schavan hät- die eine solche Hofnärrin war und jeden verrückt. Es gibt falsche Momente für
te wunderbar dagestanden: reuevoll und meiner Fehler unbarmherzig kommen- Ehrlichkeit, und die muss man kennen.
wahrhaftig. tiert hat. Das hat mich vor sehr viel Un- SPIEGEL: Sie meinen ja ohnehin, dass Ehr-
SPIEGEL: Das klingt, als forderten Sie Po- sinn bewahrt. lichkeit gelernt und geübt werden müsse.
litiker auf, sich aus Imagegründen wahr- SPIEGEL: Viele Politiker beschäftigen im- Wie stellen Sie sich das konkret vor?
haftig zu verhalten. merhin Spin-Doktoren … Bueb: Wir dürfen unseren Kinder nicht
Bueb: Wir dürfen solche Fälle nicht puris- Bueb: … aber die haben eher den kurz- Konflikte ersparen, in denen sie sich für
tisch betrachten und meinen, dass man fristigen Wahlerfolg im Blick. Der lang- oder gegen die Wahrheit entscheiden
Wahrhaftigkeit nur um der Wahrhaftig- fristige Erfolg eines Politikers gründet auf müssen. Und wir müssen ihnen jenen Mut
keit willen üben darf. Der Mensch hat Wahrhaftigkeit, dafür ist Helmut Schmidt abverlangen, den ehrliches Verhalten er-
immer mehrere Beweggründe. Das macht der beste Beweis. Überhaupt war die fordert. Außerdem müssen wir sie anhal-
die Ehrlichkeit aber nicht weniger ehrlich. Glaubwürdigkeit früherer Politikergene- ten, ihre Trägheit zu überwinden: Für die
SPIEGEL: Eine Ihrer Kernthesen lautet, dass rationen größer; Ollenhauer, Brandt, Wahrheit einzutreten, kann ja ziemlich
man anderen nur ehrlich gegenüber Wehner oder Adenauer hielt man doch anstrengend sein. All das lässt sich am
alle für zwar gerissene, aber authentische besten in einer Gemeinschaft verwirkli-
* Bei ihrer Garantieerklärung zu den deutschen Bank- Personen. Und heute? Was sind die Kon- chen, beim gemeinsamen Essen, Thea-
einlagen am 5. Oktober 2008 im Bundeskanzleramt. turen einer Frau Merkel, eines Herrn Ga- terspielen oder Sport. Auch deshalb plä-
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diere ich so vehement für ganztägige, ver-
pflichtende Kindergärten und Ganztags-
schulen. Der reine Unterricht – sechs
Stunden pro Tag und dann ab nach Hau-
se – ist kein Ort des Bewährens. Im Ge-
genteil: Der Unterricht lebt von der Lüge.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Bueb: Wer in der Schule überleben will,
muss betrügen; das habe auch ich als Kind
so gehalten. Solange das Schulsystem dar-
auf baut, dass alle Schüler gleich begabt
und Noten ein objektives Kriterium sind,
werden Lehrer den Kampf gegen Ab-
schreiben und Betrug nicht gewinnen.
Denn die Schüler sagen zu Recht: Ich
werde meine Karriere nicht an den Nagel
hängen, nur um ehrlich zu sein.
SPIEGEL: Als Ideal einer umfassenden
Schulgemeinschaft galten lange Zeit die
Internate. Nach den zahlreichen Fällen
von Missbrauch, vor allem an der Oden-
waldschule, haben sie in hohem Maß an
Glaubwürdigkeit eingebüßt – auch, weil
sich viele Pädagogen nicht wahrhaftig um
Aufklärung bemüht haben. Haben Sie
eine Erklärung für dieses Versäumnis?
Bueb: Ich war selbst zwei Jahre lang Leh-
rer an der Odenwaldschule. Wir haben
damals nicht aufklären können, weil nie-
mand von uns ahnen konnte, dass es die-
se Art von Missbrauch gibt. Die Mehrzahl
der Lehrer dort hätte entsetzt reagiert,
hätten sie nur etwas geahnt. Als 1998 zum
ersten Mal ehemalige Schüler in der
„Frankfurter Rundschau“ über die Taten
des früheren Direktors Gerold Becker be-
richteten, hat der damalige Schulleiter
Wolfgang Harder einen ausführlichen Be-
richt an die Landesregierung geschickt …
SPIEGEL: … und die Angelegenheit damit
für erledigt gehalten.
Bueb: Er hat sich so verhalten wie alle,
wie die Landesregierung, wie Journalis-
ten oder die ganze Zunft der Pädagogen.
Auch ich schließe mich da nicht aus. Wir
konnten das Unerhörte nicht glauben, die
Zeit war nicht reif für diese Wahrheit. Es
kam uns schlicht nicht in den Sinn, das
Undenkbare zu denken. Dass Becker
Täter sein könnte. Er selbst hat ja dazu
geschwiegen.
SPIEGEL: Haben Sie sich damals selbst be-
logen?
Bueb: Vermutlich war das der Fall. Und
ich kann es mir bis heute nicht verzeihen,
dass ich meine Zweifel nicht deutlich und
nachdrücklich vorgetragen habe. Wenn
ich ihn mir nur vorstelle: Diese Körper
gewordene Liebenswürdigkeit und Men-
schenfreundlichkeit. Steht in der Frank-
furter Paulskirche und hält die Laudatio
auf Astrid Lindgren für den Friedenspreis
des Deutschen Buchhandels. Und nachts
vergewaltigt er Kinder. Es war für mich
eine neue Erscheinungsform des Bösen.
Das kann keine Entschuldigung sein, es
ist ein Erklärungsversuch.
SPIEGEL: Herr Bueb, wir danken Ihnen für
dieses Gespräch.
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Landespolitiker Bouffier, Schäfer-Gümbel, Al-Wazir, Wissler

lersympathien, dass es bei den Neuwah-


HESSEN len Anfang 2009 nur noch für magere 23,7
Prozent reichte.

Spiel auf Zeit Aus diesem „Loch“, sagt Schäfer-Güm-


bel selbstbewusst, sei die Landespartei
unter seiner Führung nun wieder heraus-
gekommen. Sieben Prozentpunkte mehr,
Nach der Landtagswahl droht eine Neuauflage der „Hessischen das verführte ihn am Wahlabend zu der
Verhältnisse“ von 2008. SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel Ankündigung, die hessische SPD wolle
nun wieder „gestalten und nicht nur zu-
will vorsichtiger agieren als seine Vorgängerin Andrea Ypsilanti. schauen“. Was das bedeutet, war Mitstrei-
tern wie Nancy Faeser, 43, sofort klar: Es

A
ls die Kameras am Wahlabend Rot-Grün zur Regierungsbildung. Und müsse nicht zwangsläufig auf eine Große
ausgeschaltet waren, machte der wie damals lockt wieder die Partei Die Koalition in Hessen hinauslaufen. Auch
SPD-Landesvorsitzende in kleiner Linke als Mehrheitsbeschafferin. ein neuer Anlauf für ein rot-rot-grünes
Runde ein weitreichendes Versprechen: Schäfer-Gümbel steckt damit zumin- Bündnis sei möglich. Nur eben nicht so
„Wir werden die Fehler von damals nicht dest auf den ersten Blick in der gleichen bald – und vor allem: viel besser vorbe-
wiederholen“, versicherte Thorsten Schä- Ausgangssituation, in der seine Vorgän- reitet als 2008.
fer-Gümbel, 43, einigen seiner Partei- gerin Andrea Ypsilanti vor fast fünfein- Die Juristin Faeser fühlt sich, anders
freunde. halb Jahren in einer fatalen Mischung aus als Schäfer-Gümbel, dem rechten Flügel
Doch die hatten gerade das Gefühl, Selbstüberschätzung und handwerklichen ihrer Partei zugehörig. Aber auch sie gibt
sich selbst in einem alten Film wiederzu- Fehlern die hessische SPD in die größte zu bedenken: „Als Juniorpartner von Vol-
sehen. „Ein Déjà-vu“, stöhnte etwa die Krise ihrer Geschichte führte. Mit ihren ker Bouffier wäre es auch nicht einfach.“
Landtagsabgeordnete Nancy Faeser, die beiden erfolglosen Anläufen zu einem Der seit Mitte 2010 amtierende CDU-
schon 2008 dabei war. Wie damals reicht rot-rot-grünen Bündnis brachte Ypsilanti Ministerpräsident Bouffier hat sich im
es in Hessen auch nach der Landtagswahl ihre Partei an den Rand einer Spaltung Wahlkampf alle Mühe gegeben, weniger
2013 weder für Schwarz-Gelb noch für und verscherzte sich zudem so viele Wäh- konfrontativ aufzutreten als sein Vorgän-
56           2 0 1 3
Deutschland

Leere laufen zu lassen. Die derzeitige Le- Lager, dann müsse das für Schwarz-Rot
gislaturperiode endet erst Mitte Januar, genauso gelten.
so lange könne man in aller Ruhe abwar- Schäfer-Gümbel weiß, dass solche Ge-
ten, meinen führende Genossen. dankenspiele in der Berliner Parteizen-
Aber auch danach könne Bouffier mit trale keine Begeisterungsstürme auslösen.
seiner Regierung noch geschäftsführend Allerdings glaubt er nach seinem Stim-
im Amt bleiben und versuchen, sich für menzuwachs vom Sonntag, der weit über
konkrete Vorhaben jeweils wechselnde dem Ergebnis der SPD im Bund liegt, ent-
Mehrheiten zu suchen. „Die Zeiten, wo scheidend gestärkt in die anstehenden
irgendjemand glaubt, er könne die hessi- Debatten im Willy-Brandt-Haus ziehen
sche SPD unter Druck setzen, sind end- zu können. In der SPD-Hierarchie sieht
gültig vorbei“, sagt Schäfer-Gümbel sich der 43-Jährige schon auf Augenhöhe
markig. Auch intern beschwört er seine mit dem Hamburger Landeschef Olaf
Parteifreunde, Geduld zu zeigen und kei- Scholz, dem ebenfalls Ambitionen auf
nesfalls mit Forderungen nach einer be- mehr Einfluss und höhere Weihen in der
stimmten Koalition in die Öffentlichkeit Bundespartei nachgesagt werden.
zu gehen – zumal die FDP eine Ampel- Bouffier bleibt in der Zwischenzeit
koalition kurz vor der Wahl auf einem nicht viel mehr übrig, als verlockende An-
Parteitag ausgeschlossen hat. gebote an SPD und Grüne zusammen-
SPD und Grüne versprechen sich von zuschnüren. Eine Koalition mit Schäfer-
ihrem Zeitspiel mehrere Vorteile: Zum Gümbel wäre ihm lieber. Denn zumindest
einen dürften mit wachsender Verhand- auf dem Gebiet der Verkehrs- und Wirt-
lungsdauer die Preise steigen, die Bouf- schaftspolitik wären die Genossen deut-
fier für eine Koalition mit SPD oder Grü- lich pflegeleichter als die Grünen. Deren
nen zahlen müsste. Und zum anderen Spitzenkandidat Al-Wazir hatte schon
könnte spätestens nach einigen Monaten während des Wahlkampfs Anspruch auf
mit einer geschäftsführenden CDU/FDP- das entsprechende Ministerium erhoben –
Minderheitsregierung gleichsam schlei- und damit direkten Zugriff auf die wich-
chend die rot-rot-grüne Option doch noch tigsten Infrastrukturentscheidungen des
wirksam werden. Janine Wissler, 32, die Landes, wie etwa die Entwicklung des
Spitzenkandidatin der Linken, hat jeden- Frankfurter Flughafens. Al-Wazir will die
falls schon betont, dass sie sich von einer Anlieger vom Fluglärm entlasten und da-
Tolerierung bis zu einer Koalition so für Beschränkungen des Wachstums in
ziemlich alles an Zusammenarbeit vor- Kauf nehmen.
stellen könne. Allerdings sind sich auch SPD und Grü-
FRANK RUMPENHORST / DPA

Ein solcher Vorstoß werde allerdings ne in landespolitischen Fragen keines-


viel besser vorbereitet sein als damals bei wegs so einig, wie ihr demonstrativer
Ypsilanti, versprechen Schäfer-Gümbels Schulterschluss vom Wahlabend vermu-
Leute. Die damalige SPD-Chefin schei- ten ließe. Vielen aus der Öko-Partei graut
terte, als vier Landtagsabgeordnete über- es beispielsweise vor den sozialdemokra-
raschend erklärten, den Kurs doch nicht tischen Plänen in der Schulpolitik, wie
mittragen zu wollen. Schäfer-Gümbel einer landesweiten Rückkehr zum Abitur
ger Roland Koch. Zum Liebling von SPD werde vorsichtiger sein, erst mit allen aus-
und Grünen avancierte er dennoch nicht. führlich reden und allenfalls dann eine Hessische Verhältnisse
Beinahe 15 Jahre unionsgeführte Regie- rot-rot-grüne Initiative starten, wenn er Vorläuges Landtagswahlergebnis, in Prozent
rung in Hessen seien schließlich mehr als sicher sei, dass keiner ausschere.
genug, klagten mehrere Genossen am Bouffier versucht den eventuell dro- 38,3 37,2 Wahlergebnis 2009
Wahlabend. Sie saßen zu vorgerückter henden Machtverlust zu verhindern, in-
Stunde am Tresen eines Wiesbadener In- dem er Schäfer-Gümbel schon mal den 30,7
nenstadtlokals, das die SPD für ihre Wahl- gleichen Vorwurf macht, den Koch 2008 23,7
party gemietet hatte, und schwankten gegen Ypsilanti erhob: „Wortbruch“. In
zwischen Freude über den Stimmenzu- der Tat war Schäfer-Gümbel im Wahl- 16,2
13,7
wachs und Ärger über die unklaren kampf mehrmals ungeschickt herum-
Machtverhältnisse. geeiert, als er zu möglichen Koalitionen
11,1
Selbst in Nordhessen, wo sich die So- befragt wurde. Anders als Ypsilanti hatte 5,4
zialdemokraten weit weniger links veror- er Rot-Rot-Grün zwar nicht definitiv aus- 5,2 5,0
ten als im Rhein-Main-Gebiet um Frank- geschlossen – nicht „formal“, wie der
CDU SPD B’90/Grüne Die Linke FDP
furt und Wiesbaden, sehen die Genossen SPD-Mann sich ausgedrückt hatte. Aber Sonstige: 9,5
mehr Optionen als nur die einer Großen politisch hatte er die Konstellation für Sitzverteilung im neuen Landtag
Koalition. „Wir haben alle Zeit der Welt“, praktisch unmöglich erklärt, indem er und Veränderung gegenüber 2009
sagt Manfred Schaub, der Vorsitzende den Linken die Koalitionsfähigkeit ab-
des SPD-Bezirks Hessen-Nord. sprach.
Noch am Wahlabend hatte sich Schä- Diese brüchige Dialektik ist nun der SPD
fer-Gümbel mit dem Grünen-Spitzen- Hoffnungsanker mancher hessischer So- CDU 37 (+8)
kandidaten Tarek Al-Wazir, 42, darauf zialdemokraten. Denn auch die Chancen 47 (+1)
verständigt, bereits in dieser Woche eine einer Koalition mit der CDU hatte Schä- Grüne
gemeinsame rot-grüne Strategie auszu- fer-Gümbel mit fast gleichlautender Skep- insgesamt 14 (–3)
loten – und Bouffiers Drängen auf eine sis bedacht. Wenn also Rot-Rot-Grün 110 Mandate Die Linke
baldige Regierungsbildung vorläufig ins ein Wortbruch sei, so die Logik im SPD- FDP 6 (–14) Mehrheit: 56 Mandate 6 (+–0)
          2 0 1 3 57
Deutschland

nach neun Jahren. Die Grünen wollen,


um nicht wieder Unruhe in die Schulland-
schaft zu bringen, den Gymnasien wie
bisher die Wahl lassen, ob sie acht- oder
neunjährige Wege zum Abitur anbieten.
Damit liegen sie auf Bouffiers Linie.
Zudem fragen sich viele Grüne, ob eine
Dreierkonstellation mit den Linken die
vielen schlechten Nachrichten verkraften
könnte, die auf eine künftige Regierung
zukommen. Denn obwohl die Steuerein-
nahmen in Hessen dank der gutverdie-
nenden Banken in der Finanzmetropole
Frankfurt kräftig sprudeln, produziert das
Land seit vielen Jahren enorme Haus-
haltsdefizite. Bouffiers Wohlfühlpolitik
hat hohe Kosten verursacht.
So hat der Christdemokrat trotz sin-
kender Schülerzahlen die Anzahl der
Lehrerstellen stetig erhöht, um die noto-
risch unzufriedenen hessischen Eltern zu
besänftigen. Und um die Nordhessen ru-
higzustellen, die sich im Land traditionell
vernachlässigt fühlen, wurde bei Kassel
für über 270 Millionen Euro ein kleiner
Geschäftsflieger-Flugplatz zu einem char-
terflugtauglichen Provinzflughafen mit
140 Beschäftigten ausgebaut – von dem
aber kaum eine Fluggesellschaft starten
will. Bis zu zehn Millionen Euro pro Jahr
wird der Steuerzahler wohl für den über-
flüssigen Airport zahlen müssen.
Gleichzeitig soll Hessen spätestens
2020 einen ausgeglichenen Haushalt vor-
legen, so bestimmt es die Schuldenbrem-
se im Grundgesetz. Deshalb werde die
Regierung gar nicht umhinkommen, ihre
Ausgaben kräftig zu kürzen – und dar-
über nachzudenken, weniger Polizisten,
Lehrer und Professoren zu beschäftigen,
mahnte der Landesrechnungshof vor we-
nigen Monaten. Die Prüfer bezifferten
das „strukturelle Defizit“ des Landes auf
zwei Milliarden Euro pro Jahr.
Doch gerade bei den Personalausgaben,
die rund 40 Prozent des Landeshaushalts
ausmachen, hat sich Schäfer-Gümbel wäh-
rend des Wahlkampfs in eine teure Falle
manövriert. Großzügig versprach er, die
Arbeitszeit für Beamte in Hessen, die
Schwarz-Gelb auf bis zu 42 Wochenstun-
den verlängert hatte, wieder auf 40 Stun-
den zu senken. Das kostet viel Geld und
zusätzliches Personal.
Kürzen dagegen ist unpopulär, das ler-
nen SPD und Grüne gerade in Baden-
Württemberg und Rheinland-Pfalz, wo
sie gemeinsam regieren. Schon die An-
kündigung, künftig auch mit weniger Leh-
rern auskommen zu können und bei den
Beamtengehältern zu sparen, führt dort
zu Proteststürmen.
Das immerhin wäre ein Grund, Bouffier
noch eine Zeitlang die Regierungsgeschäf-
te führen zu lassen, meinte ein Vertrauter
Schäfer-Gümbels am Wahlabend: „Dann
müsste er die Suppe, die er dem Land ein-
gebrockt hat, wenigstens auch selbst aus-
löffeln.“ M

  B 


58           2 0 1 3
Fraktionschef Al-Wazir* Wahl für politisch ziemlich unmöglich er-
klärte. War das klug?
Al-Wazir: Ich habe mir abgewöhnt, Rat-
schläge an andere Parteien zu geben. Wir
haben bewusst gesagt, der Inhalt ent-
scheidet. Und um zu erfahren, ob die In-
halte zueinanderpassen, muss man mit-
einander reden. Allerdings gibt es auch
bei der Linkspartei Leute, die sagen, wir
wollen auf keinen Fall regieren, unsere
Aufgabe ist die Opposition.
SPIEGEL: Wenn die Grünen in Hessen so
stark wären, wie es in den Umfragen vor
einigen Wochen schien, dann hätten sie
die Probleme nicht. Sind Sie sauer auf
Ihre Parteifreunde aus der Bundespartei?
Al-Wazir: Ohne Zweifel hat einiges, was
aus Berlin kam, dazu beigetragen, dass

ALEX KRAUS / DER SPIEGEL


wir deutlich unter unseren Möglichkeiten
geblieben sind. Bei der Bundestagswahl
haben wir in Hessen 9,9 Prozent bekom-
men, bei der Landtagswahl 11,1. Die Wäh-
ler hatten gleichzeitig beide Stimmzettel
in der Hand und wollten uns offensicht-
lich sagen, dass sie mit dem, was im Bund
passiert, weniger einverstanden sind als

„Es fehlt uns das Gespür“ mit der Grünen-Politik im Land.


SPIEGEL: Was hat mehr Stimmen gekostet?
Die Steuerpläne der Grünen, die Veggie-
Day-Idee oder die Pädophilie-Debatte?
Der hessische Grünen-Landeschef Tarek Al-Wazir, 42, Al-Wazir: Das kam alles zusammen. Das
über die Krankheit der „Ausschließeritis“ Problem ist, dass viele unserer Wahlziele
von den Menschen eher als Bedrohung
und den Konflikt zwischen Realos und Fundis und nicht als Chance wahrgenommen
wurden. Da müssen wir schlicht Vertrau-
SPIEGEL: Warum fällt es den Politikern in zum Beispiel gesagt, wir wollen einen en zurückgewinnen.
Hessen immer wieder so schwer, nach ei- Schulfrieden, bürgernah regieren und SPIEGEL: Bricht nun der alte Konflikt zwi-
ner Wahl eine Regierung zu bilden? endlich auch eine Energiewende in Hes- schen Fundis und Realos wieder auf?
Al-Wazir: Weil in Hessen wieder eine Mehr- sen. Gerade dabei ist die CDU aber Teil Al-Wazir: Das glaube ich nicht. Ich hoffe,
heit herauskam, die zwar einen Regierungs- des Problems, nicht der Lösung. dass es eine ehrliche Aufarbeitung bei
wechsel will, aber gleichzeitig große inhalt- SPIEGEL: Klingt nach hessischer „Aus- der Frage gibt, wie wir die Fehler künftig
liche Unterschiede aufweist, so dass es schließeritis“. vermeiden. Aber dazu gehört auch eine
schwierig wird mit einer Regierungsbildung. Al-Wazir: Nein, gerade wir Grüne haben personelle Neuausrichtung.
SPIEGEL: Wenn die inhaltlichen Unter- immer gesagt, dass wir von der Krank- SPIEGEL: Also wieder mehr Realo-Politik
schiede zwischen SPD, Grünen und Lin- heit der „Ausschließeritis“ geheilt sind. im Bundesvorstand?
ken so groß sind, warum versuchen Sie Deswegen werden wir natürlich auch mit Al-Wazir: Wir müssen als Partei verstehen,
es dann nicht einfach mit einer anderen der CDU über diese Punkte reden. Ich dass die Gesellschaft für Konsumfor-
Koalition? Zum Beispiel mit der CDU? würde auch mit der FDP darüber reden, schung, wenn sie die Befindlichkeit der
Al-Wazir: Offensichtlich finden Journalisten aber das dürfte ein kurzes Gespräch wer- Deutschen testet, dies nicht in Friedrichs-
Schwarz-Grün schick, weil es neu ist. den, zumal die FDP eine Koalition mit hain-Kreuzberg tut, sondern in Haßloch
SPIEGEL: So neu nun auch nicht: In Frank- SPD und Grünen vorab ausgeschlossen in der Pfalz. Das ist kein Plädoyer dafür,
furt am Main koalieren Ihre Parteifreunde hat. sich allein an Haßloch in der Pfalz, der
seit Jahren mit der CDU. SPIEGEL: Das erinnert sehr an die hessi- deutschen Musterstadt der Meinungs-
Al-Wazir: Das stimmt. Aber die Frankfurter schen Verhältnisse von 2008, als am Ende und Geschmacksforscher, zu orientieren.
Union ist eben etwas ganz anderes als nur noch Neuwahlen blieben. Wichtig ist zu verstehen, dass das Land,
die hessische Landes-CDU, die eine be- Al-Wazir: Ich finde es, um es mal milde zu für das man Politik machen möchte, nicht
tont konservative Politik macht. In den sagen, wirklich nicht angemessen, wenn nur aus Menschen besteht, die man täg-
letzten Wochen des Wahlkampfs haben Politiker einfach festlegen: Entweder die lich in seinem eigenen engen Umfeld
uns die Christdemokraten sogar zu ihrem Bürger wählen so, wie wir wollen, oder trifft. Manchen bei uns fehlt das Gespür
Hauptgegner erklärt. Das war alles an- wir machen nicht mehr mit. Das ist kein für die ganze Gesellschaft.
dere als eine Einladung, nur einen Tag verantwortliches Handeln der FDP. SPIEGEL: Wäre ein Posten an der Spitze des
später zu sagen: Wir finden euch toll. SPIEGEL: SPD-Spitzenkandidat Thorsten Bundesvorstands eine Alternative für Sie,
SPIEGEL: Der Wahlkampf ist jetzt vorbei, Schäfer-Gümbel hat sich auch festgelegt, nachdem es nun auch im vierten Anlauf
und immerhin hatte CDU-Landeschef jedenfalls ein bisschen: indem er eine rot- als Spitzenkandidat in Hessen für eine kla-
Volker Bouffier zwischendurch auch mal rot-grüne Zusammenarbeit zwar formal re Regierungsmehrheit nicht gereicht hat?
freundliche Signale in Richtung Grüne nicht ausgeschlossen hat, aber vor der Al-Wazir: Nein. So wie es jetzt aussieht,
geschickt. werde ich in den nächsten Monaten wohl
Al-Wazir: Aber was im Wahlkampf verkün- * Mit seiner Co-Spitzenkandidatin Angela Dorn im Hes- eher in Hessen gebraucht.
det wurde, gilt trotzdem noch. Wir haben sischen Landtag. I: M 
B

 
     2 0 1 3 59
Papst Franziskus auf dem Petersplatz

Während der neue Papst in einem alten


K AT H O L I K E N Fiat zu afrikanischen Bootsflüchtlingen
auf Lampedusa reiste, lässt sich Joachim

„Armut vorleben“ Meisner im 7er-BMW durch sein Kölner


Erzbistum, das weltweit als besonders
wohlhabend gilt, chauffieren. Die meis-
ten deutschen Bischöfe, von München
Papst Franziskus predigt im Vatikan Demut, Bescheidenheit über Würzburg bis Osnabrück, fahren in
und Volksnähe. Viele Bischöfe in Deutschland schwerer Limousine vor, vorzugsweise
von Audi, BMW oder Mercedes.
machen sich die frohe Botschaft nur ungern zu eigen. Die Deutsche Umwelthilfe kritisierte die
hohe Geistlichkeit deshalb wegen „Über-

V
ergangene Woche musste einer der sich gerade zur jährlichen Vollversamm- motorisierung“ und zu hohen Schadstoff-
jungen deutschen Bischöfe, der Re- lung in Fulda. Die Verunsicherung ist so ausstoßes. Selbst das Fachblatt „Auto
gensburger Rudolf Voderholzer, groß wie lange nicht. Bild“ fand, die Bischöfe hülfen so, „Luxus-
54, im Vatikan nachsitzen. Die Lektion Konservative Benedikt-Fans, angeführt autos gesellschaftliche Akzeptanz zu
erteilte sein Papst persönlich. Franziskus vom Kölner Kardinal Joachim Meisner, sichern“.
ermahnte den Deutschen und andere sehen ihren Einfluss schwinden; vieles Und Franziskus belässt es nicht bei der
zum „Seminar für neue Bischöfe“ ange- von dem, was ihnen bislang teuer und Abkehr von Pferdestärken. Dass die Freu-
reiste Würdenträger: „Seid nahe am Volk wichtig war, gilt nun als verpönt. Das de eines Christen nicht vom Besitz des
und lebt, was ihr predigt. Seid immer bei jahrelang geschwächte Reformlager wie- jüngsten Smartphones abhängt, mussten
eurer Herde, verfallt nicht in Karriere- derum muss sich noch sammeln. Konse- die Würdenträger ebenso aus Rom zur
sucht und fragt euch, ob ihr das, was ihr quent hatten Benedikt und dessen Vor- Kenntnis nehmen wie deutliche Hinweise,
predigt, auch lebt.“ gänger Johannes Paul II. dafür gesorgt, was für Gottesdiener eine angemessene
Solche Töne sind neu für deutsche Kir- dass weltoffene Stimmen im deutschen Unterkunft ist: Statt im Apostolischen Pa-
chenfürsten. Viele von ihnen pflegen seit Klerus nicht zu laut wurden. Jetzt trauen last zu residieren, bezog der Papst auf
langem einen an strengen Dogmen, Re- sich die verbliebenen liberalen Hirten erst Dauer ein einfaches Zimmer im römi-
präsentation und innerkirchlicher Karrie- langsam aus der Deckung. schen Gästehaus Santa Marta.
re orientierten Lebensstil – ganz im Sinne Zur Debatte stehen zunächst nicht die In Deutschland dagegen haben sich vie-
des letzten Papstes Benedikt XVI. Jetzt, großen theologischen Fragen. Unter Fran- le Bischöfe offenbar noch nicht mit Fran-
da dessen Nachfolger Franziskus im Alt- ziskus fängt der Wandel im Alltag an. zikus’ Forderung abgefunden, dass sie
wagen bei Terminen vorfährt, hat sich „Ich sage euch ehrlich“, redete er ange- „Armut glaubwürdig vorleben“ sollen.
das Koordinatensystem gründlich ver- henden Priestern ins Gewissen, „es tut Die neue millionenschwere Residenz des
schoben. Papsttreue wird völlig neu defi- mir weh, wenn ich einen Priester oder Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-
niert, nicht nur in Regensburg, wo Voder- eine Ordensfrau im neuesten Automodell van Elst ist nur ein besonders augenfäl-
holzers Vorgänger Gerhard Ludwig Mül- sehe. Das geht so nicht! Ich glaube, dass liges Beispiel für die Prunksucht oder zu-
ler als glühender Benedikt-Adept viele das Auto notwendig ist, wenn man viel mindest den ausgeprägten Repräsenta-
Gläubige gegen sich aufbrachte. arbeitet und von da nach dort kommen tionssinn der einheimischen Hirten.
Was die Wende im Vatikan für muss. Aber nehmt ein bescheideneres, Der Münchner Kardinal Reinhard
Deutschlands Bischöfe bedeutet, können ja? Und wenn euch dieses tolle Modell Marx etwa bewohnt drei Privatgemächer
die Hochwürden diese Woche untereinan- gefällt, denkt an die vielen Kinder, die in der erzbischöflichen Bischofsresidenz
der diskutieren. Turnusgemäß treffen sie an Hunger sterben.“ Palais Holnstein, einem für viele Mil-
60           2 0 1 3
Deutschland

Glaubens“ gefeiert. Kritiker und Refor-


mer hingegen wurden ignoriert, zur Seite
gedrängt oder ausgestoßen.
Enttäuscht von der Amtskirche in
Deutschland setzen viele Laien ihre Hoff-
nungen nun auf den neuen Mann in Rom.
Alois Glück, der Präsident des Zentral-
komitees der deutschen Katholiken,
wünscht sich von Franziskus mehr Ein-

REX FEATURES / AGF / ACTION PRESS (L.); F.A.Z.-FOTO / HENNER ROSENKRANZ (R.)
fluss auf die deutschen Bischöfe. Er ver-
langt mehr Mut und ein Ende der Sprach-
losigkeit, insbesondere „in den Fragen
der Sexualethik“. Die große Mehrheit al-
ler Katholiken wolle dringend notwendi-
ge Veränderungen: „Niemand kann mehr
sagen, die drängenden Themen seien nur
ein Anliegen von Randgruppen. Sie sind
in der Mitte der Kirche angekommen.“
Die Aufbruchstimmung an der Basis
hat sich beinahe mit jeder Geste des neu-
en Papstes verstärkt. Spätestens sein ver-
gangene Woche veröffentlichtes Inter-
view mit einer Jesuiten-Zeitschrift mach-
te klar, dass Franziskus den Diskurs in
Limburger Bischofssitz mit Luxuslimousine der katholischen Kirche grundlegend
verändert. Schwule, Frauen, Zölibat: Dar-
um soll der Streit nicht dauernd gehen.
lionen Euro frisch renovierten Rokoko- ten Ansichten und machtvollem Apparat, „Wir können uns nicht nur mit der Frage
Palast in der Münchner Altstadt. Die als Favorit in der Zollitsch-Nachfolge. um die Abtreibung befassen, mit homo-
Kirche zahlte für den Palast rund 2 Mil- Doch nun empfiehlt sich auch sein Kol- sexuellen Ehen, mit der Verhütung. Das
lionen Euro, der Eigentümer, das Land lege Woelki aus der verarmten Berliner geht nicht“, sagt er. „Die Lehren der Kir-
Bayern, spendierte 6,5 Millionen dazu. Diaspora durch seinen bescheidenen Auf- che – dogmatische wie moralische – sind
Unter den Gemälden in den Räumlich- tritt für das hohe Amt. nicht alle gleichwertig.“ Aufgabe der Seel-
keiten mit erlesenen Fresken und Kron- Franziskus gibt den neuen und alten sorger sei es nicht, den Menschen „ohne
leuchtern ist auch eines, das Marx selbst Bischöfen schon jetzt ununterbrochen Unterscheidung eine Menge von Lehren
darstellt. Und damit nicht genug: Das Ratschläge. „Die erste Reform muss die aufzudrängen“.
Erzbistum gönnte sich in Rom für rund der Einstellung sein.“ Die Bischöfe sollen Für den Jesuitenpater Klaus Mertes,
zehn Millionen Euro noch eine Villa als – so der Wille des Heiligen Vaters – nicht der als Leiter des Berliner Canisius-Kol-
„Gästehaus“. Auch in Regensburg, Bam- länger sich selbst, sondern die Menschen legs den Missbrauchsskandal ins Rollen
berg und Fulda zeugen die bischöflichen in den Mittelpunkt stellen. Sie sollen Re- brachte, ist die Haltung seines zum Pon-
Residenzen bis heute von der historischen gelbrüche riskieren, die „Komfortzonen“ tifex aufgestiegenen Ordensbruders auch
Macht ihrer Herren. verlassen, zu den Menschen hinausgehen, dann revolutionär, wenn noch keiner der
Gegenbeispiele sind rar. Der Berliner ihnen das Herz wärmen, ob in Gemein- strengen Grundsätze aufgegeben wurde:
Kardinal Rainer Maria Woelki trat mit den, Gefängnissen oder Asylbewerber- „Wenn sich die Praxis in der Kirche än-
dem Ruf, ein Erzkonservativer zu sein, heimen – das macht sich schlecht im dert, der Umgang miteinander und mit
sein Amt an, suchte aber dann den Dialog prunkvollen Ornat, im dicken BMW oder den Menschen, dann wird am Ende sich
mit Schwulen und traf Asylanten. Er hinter prunkvollen Fassaden. auch die Theorie ändern, nicht umge-
wohnt in einer Dachgeschosswohnung Papst Franziskus mahnt generell vor kehrt.“ Seine Hoffnung teilen viele.
in Berlins Migrantenstadtteil Wedding. dem Rückzug in den Elfenbeinturm, eine In ihren Predigten haben deutsche
Weihnachten feierte er in der Suppen- Gefahr, die unter Benedikt XVI. real war: Bischöfe immer wieder kritiklose Gefolg-
küche der Franziskaner, seinen Dienst- „Diese Kirche ist das Haus aller – keine schaft von ihren Seelsorgern und von den
BMW lässt er häufiger stehen und nimmt kleine Kapelle, die nur ein Grüppchen Gläubigen eingefordert. „Gehorsam ist
das Rad. Auch sein Freiburger Kollege, ausgewählter Personen aufnehmen kann. Liebe und nicht Zwang“, sagte zum Bei-
Erzbischof Robert Zollitsch, lebt in einem Wir dürfen sie nicht auf ein schützendes spiel der Limburger Bischof Tebartz-van
bescheidenen Reihenhaus. Nest unserer Mittelmäßigkeit reduzieren.“ Elst bei einer Priesterweihe.
Zollitsch, 75, leitet in diesen Tagen in In den vergangenen Jahren war die Ent- Ausgerechnet Franziskus, der als Jesuit
Fulda zum vorletzten Mal als Vorsitzen- wicklung in Deutschland vielerorts eher zum Gehorsam erzogen wurde und als
der der Deutschen Bischofskonferenz die umgekehrt. Joseph Ratzingers Dauer- Papst Gehorsam von jedem Katholiken
Vollversammlung. Bei der nächsten, im alarm vor dem „Relativismus“ der mo- fordern darf, bricht nun mit dieser Dok-
Februar 2014, wird ein neuer Chef ge- dernen Zeit beförderte den Rückzug in trin. Die Menschen seien „des Autorita-
wählt werden. Neue Bischöfe dürfte es die fromme Nische. Klein, fein und rein rismus überdrüssig“, sagte er in seinem
dann auch in Köln, Freiburg, Erfurt oder sollte sie sein, die katholische Kirche, eine historischen Interview vorige Woche. Er
Passau geben. Ein Generationenwechsel Freude für Fundamentalisten. habe eine Zeit der „großen inneren Krise
steht an, doch die Personaldecke ist dünn. Die umstrittenen Piusbrüder sollten durchgemacht“ und dann erkannt: „Mei-
Der Kursschwenk in Rom könnte das wieder aufgenommen werden, lateinische ne autoritäre und schnelle Art, Entschei-
Ranking unter den obersten Katholiken Gottesdienste, vom Priester mit dem Rü- dungen zu treffen, hat mir ernste Pro-
durcheinanderbringen. Bislang galt etwa cken zum Kirchenvolk gemurmelt, wur- bleme und die Beschuldigung eingebracht,
Reinhard Marx, als Erzbischof von Mün- den von erzkonservativen Benedikt-Ver- ultrakonservativ zu sein.“
chen und Freising ein Mann mit gemäßig- ehrern als wohltuender „Skandal des P  W
 

          2 0 1 3 61
Trends Medien

INTERNET
Fast eine Million Apps können im digi-
talen Store von Apple heruntergeladen
werden – da verliert der Nutzer schnell
Tricksereien im App Store den Überblick. Viele orientieren sich
deshalb bei ihrer Kaufentscheidung an
Download-Rankings oder Bewertungen
anderer Konsumenten, doch diese Kri-
terien sind nicht unbedingt so objektiv,
wie sie scheinen. Ähnlich wie Face-
book-Fans und Twitter-Follower lassen
sich Downloads und positive Bewertun-
gen für Apps kaufen. Für andere digi-
tale Verkaufssysteme, etwa den Google
Play Store oder die BlackBerry World,
ist das offenbar genauso: So bietet eine
kanadische Firma fünf (natürlich posi-
tive) Bewertungen kostenloser Apps im
Play Store für neun Dollar an. Unge-
fähr so wie im Buchmarkt wachsen die
Verkaufszahlen schneller, wenn eine
App auf den vorderen Plätzen der
Charts auftaucht. Um etwa unter die
Top Ten im deutschen App Store zu
kommen, sind Insidern zufolge rund
15 000 Downloads nötig. Bei Apple
werden die Rankings alle drei Stunden
PAUL SAKUMA / AP
aktualisiert. Angeblich gibt es Sicher-
heitsmaßnahmen, um Bewertungsfäl-
schungen oder auch gekaufte Down-
loads zu identifizieren. Apple war für
Apple-Chef Tim Cook eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

DEUTSCHE WELLE EHRUNGEN

Zensierter Stinkefinger Ottfried Fischer erhält Fernsehpreis


Hierzulande polarisierte die Geste nur Der Kabarettist und Schauspieler Ott- anstaltung ausrichtet, lobt Fischer als
im Wahlkampf, im Ausland könnte sie fried Fischer wird für sein Lebenswerk „menschlich, sympathisch und authen-
richtig teuer werden: Peer Steinbrücks geehrt. Bei der Verleihung des Deut- tisch“. Die Zuschauer liebten seinen
gereckter Mittelfinger. Zumindest schen Fernsehpreises am 2. Oktober er- bayerischen Charme. Er spreche „seit
dann, wenn ein Medium sie sendet hält der 59-Jährige den Ehrenpreis der fast 30 Jahren einem Millionenpubli-
oder druckt. Deshalb zensierte die Stifter. Vergeben wird die Auszeich- kum aus dem Herzen“. Bei Sat.1 war
Deutsche Welle das abgefilmte Cover nung von ARD, ZDF, RTL und Sat.1. Fischer 14 Jahre lang als „Der Bulle
vorsorglich und pixelte den Finger des Sat.1-Geschäftsführer Nicolas Paalzow, von Tölz“ zu sehen. 2008 machte er
Kanzlerkandidaten. „Vieles, was wir in dessen Sender in diesem Jahr die Ver- seine Parkinson-Erkrankung öffentlich.
Deutschland als normal ansehen, ist
im Rest der Welt nicht normal“, sagt
Christoph Lanz, Multimediadirektor
der Deutschen Welle. Neben den USA
gebe es auch in einigen asiatischen
sowie in arabischen Ländern strenge
Rechtsvorschriften. Der US-Sender
CBS sollte etwa beim „Nipplegate“
von Janet Jackson 2004 während des
Super-Bowl-Finales 550 000 Dollar
Strafe zahlen – der Sender kam nach
jahrelanger Diskussion davon. Bei der
SAT 1 / PICTURE-ALLIANCE / OBS

Deutschen Welle ist die prophylakti-


sche Steinbrück-Zensur kein Einzelfall.
Ähnlich musste der Sender in der Ver-
gangenheit etwa auch bei Aufnahmen
verfahren, die barbusige Badende am Fischer (l.) in „Der Bulle von Tölz“ 1997
Ostseestrand zeigten.
          2 0 1 3 63
SPD-Wahlkampfzentrale
HANNIBAL HANSCHKE / DPA

WA H L B E R I C H T E R S TA T T U N G

Queen of Kotelett
Das Fernsehen war am Wahlabend zwar das bestimmende Medium. Aber es wirkte erstarrt
in seinen Ritualen. Humorvoller ging es in den sozialen Netzwerken zu.

P
eter Altmaier ist verstummt. Der den das Netz ganz allgemein. Gerade bei Mächtigen üben im Fernsehen ihre Flos-
sonst unermüdlich Meldung machen- Twitter, wo das Engagement mancher keln. Das Volk sucht bei Twitter die Pointe.
de Bundesumweltminister schweigt Politiker vor der Wahl bereits an Hyper- Das hat auch sein Gutes. Wenigstens
auf Twitter. Am Tag vor der Wahl hat er aktivität grenzte, wo etwa ein Hubertus für ein paar Stunden erlahmt der PR-Fu-
dort noch verkündet: Heil noch die kleinsten Haltepunkte sei- ror der Politiker. Es ist die Stille nach
ner Wahlkreisreise mitteilen musste: dem Schuss. Und das Land bleibt ver-
Erst 8.10 Uhr und schon schont, etwa von den Tweets eines Peer
viele Menschen erreicht! Nach Info-Ständen Steinbrück:

Und außerdem: in Schwicheldt, Auf dem Weg zur Bühne.


Frühstück an jedem Stederdorf und Peine Riesenstimmung auf
Info-Stand! Ein richtig gleich Gifhorn, dem Römerberg.
guter Tag! später Ilsede, Dungel- Das Fernsehen ist das Leitmedium des
Abends, schon allein, weil ARD und ZDF
Doch am Wahlabend ist Ruhe auf sei- beck, Abbensen. die Hochrechnungen liefern und an ihnen
nem Twitter-Account. Er setzt die 140- Fast scheint es, als igele sich die politi- keiner vorbeikommt, der informiert sein
Zeichen-Direktkommunikation mit dem sche Kaste des Landes, nach Wochen und will. Doch allein mit Jörg Schönenborn,
Volk für ein paar Stunden aus. Dafür Monaten des Anbiederns beim Volk, Bettina Schausten und Co. ist es auch et-
taucht er dann in den „Tagesthemen“ auf, kommunikativ wieder ein. Im Fernsehen was ermüdend, trotz aller Wahldramatik
wo er auch nichts sagt. liefern sich Spitzenpolitiker einen Wett- des Abends. Twitter verschafft wenigs-
Altmaier ist nicht der Einzige, der mit streit im Nichtssagen. Im Netz verweigern tens ein bisschen Unterhaltung, schon
dem Schließen der Wahllokale die Kom- sie das Gespräch so gut wie komplett. deshalb, weil den dort versammelten
munikation einstellt. Die Mächtigen mei- Man geht wieder getrennte Wege: Die Wahlabend-Beobachtern nichts entgeht.
64           2 0 1 3
Medien

Ob es die schwarz-grüne Kette der Kanz- hänger der Union beispielsweise sind relevant war. Niemand spürt das besser
lerin ist. Oder das Statement eines Jung- kaum aufzuspüren, was dazu führt, dass als die Piraten. In einem Blog-Eintrag
liberalen, dessen Pointe er offenbar aus die Kommentare im Web sich ziemlich macht Christopher Lauer, der für die Par-
der ZDF-Satire-Sendung „heute-show“ asymmetrisch zum Wahlergebnis verhal- tei im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt,
zwei Tage zuvor hatte. Oder verbale Aus- ten. Einer fragt mit einem Blick auf die seiner Enttäuschung Luft:
rutscher. Liste der Tweets zur Bundestagswahl ver-
Als Bernd Lucke, Vorstandssprecher wundert: Twitter ist schön, Face-
der Alternative für Deutschland (AfD), book ist schön, aber
live übertragen vom ZDF, von „Entartun- Wenn ich mir meine
gen“ in der politischen Landschaft spricht,
Timeline so anschaue: Wahlen werden auf der
bleibt das nicht unbemerkt:
Wo zum Teufel kommen Straße, in Kaffeeküchen
Wer hatte eigentlich das die Unions-Wähler her? und im Wohnzimmer
Wort schon mal benutzt? Oder geht man damit so gewonnen.
twittert @xxzicke. Auch sein Auftritt bei Vielleicht waren manche Erwartungen
Jauch wird von wütenden Tweets beglei- offen um, wie mit RTL-II- auch bloß überzogen. „Ein Wahlkampf,
tet. @Herzgezwitscher schreibt: Konsum? der offline nicht spannend ist, kann auch
online nicht aufregend sein“, sagt der
Kann jemand dem #Lu- Ein Nutzer namens @dasBananenbrot Werber Frank Stauss, der ein Dutzend
cke mal eine reinhauen kommentiert das Erscheinen der Kanzle- Wahlkämpfe für die SPD gemacht hat
rin im ZDF mit: und auch in den USA bei Clintons Präsi-
bitte, verbal natürlich. dentschaftswahlkampf dabei war. „Was
#jauch #btw13 #politik Macht das weg! in den USA funktioniert, kann man nicht
Und TV-Moderatorin Sarah Kuttner so einfach auf Deutschland übertragen.“
Ansonsten ist die AfD im Netz aller- schreibt: Das Ergebnis der Wahl fasst Blogger Ste-
dings eher auf Siegeszug. Die Facebook- fan Niggemeier in Anspielung auf Stefan
Seite der Partei erlangt eine immer grö- Liebe @ARDde, habt ihr Raabs TV-Duell-Formulierung vom Kanz-
ßere Reichweite. Die Zahl der Fans über- meine Stimme schon in ler als dem „King of Kotelett“ schließlich
schreitet am Wahltag die 80 000er-Marke, auf Twitter in drei Worte:
nur die Piraten haben mehr Anhänger die Hochrechnung
auf Facebook. Die AfD stilisiert Lucke
gezählt? Ich frage unter Queen of Kotelett.
zum Helden, postet auf der Seite Videos Eigentlich ist damit alles gesagt. Das
von seinen Ansprachen. Eine Frau kom- anderem wegen des öffentlich-rechtliche Personal redet je-
mentiert: doch weiter eine Spannung in die Wahl
falschen Ergebnisses. hinein, die gar nicht mehr da ist. „Ta-
Wir sind weiterhin für Was an diesem Abend auch deutlich gesthemen“-Anchor Thomas Roth han-
dich da, danke das du wird, und manchen Internetaktiven fru- tiert dabei mit einem seltsam onkelhaf-
striert, ist die Tatsache, dass das Internet ten Humor, er erklärt den Wahlabend
uns wieder Hoffnung zumindest für diesen Wahlkampf kaum wiederholt zum „Krimi“ und Hochrech-
gegeben hast, egal wie
es ausgeht, für mich ist
die AfD der Sieger !!!!
Es ist eigenartig, wie am Wahlabend
gerade im Netz offenbar wird, dass die
politische Welt in völlig voneinander ge-
löste Lager zerfällt. Da sind die etablier-
ten Parteien, die sich am Wahlabend in
ihre Hinterzimmer-Sphäre zurückziehen
und das Internet Internet sein lassen. Da
rekrutiert ausgerechnet die rückwärts-
gewandte AfD ihre Protestwähler gerade
in den letzten Tagen sehr stark im Netz.
Da sind die Piraten, die sich nicht mal
mehr lustvoll selbst zerfleischen. Und da
ist die sich selbst so titulierende Netzge-
meinde, die mit Schrecken registriert,
CLEMENS BILAN / DDP IMAGES / COMMONLENS

dass die Themen, die sie für existentiell


hält, außerhalb ihrer eigenen Blase of-
fenbar kaum eine Rolle spielen. @Vol-
kerK twittert resigniert:
Die NSA hat jedenfalls ihr
Wunschwahlergebnis.
Es sind die Leerstellen, die am meisten
irritieren an diesem Abend im Netz. An- Twitterer Altmaier: „Frühstück an jedem Info-Stand! Ein richtig guter Tag!“

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Medien

nungserklärer Jörg Schönenborn zu „un- Auf dem zweiten Schirm bekommt vor
serem Chefermittler“. Doch auf Face- allem die Berichterstattung der ARD spit-
book und Twitter wird bereits abgerech- TV vs. Twitter ze Bemerkungen ab:
net. Mit der FDP. Mit der SPD. Mit
Häme und Spott. Durchschnittliche Zuschauerzahl Deppendorf treibt die
Auf Facebook macht am Abend der „Berliner Runde“ auf ARD und ZDF
Methode der Onkel-
8 810 000
wieder mal ein Bild die Runde, das
an die von YouTube bekannte Aus- haftigkeit zu neuen
kunft angelehnt ist, ein bestimmtes
Lied sei nicht verfügbar:
Höchstwerten.
Tweets rund um die Bundestagswahl*
Dabei strengt die ARD sich doch
FDP. Diese Partei ist über so an, jugendlich und crossmedial
in deinem Bundes- 350 000 daherzukommen. Das sieht so aus,
dass Moderatorin Caren Miosga ge-
land nicht verfügbar. gen halb sechs im Ersten ankündigt,
auf Videotext-Tafel 777 würden Twit-
Jemand wünscht sich den Brüderle- Das ist die bisher höchste Anzahl an Tweets ter-Meldungen übertragen. Dann gibt
Satz „Das ist ein bidderer A’hmd für die in Deutschland zu einem Thema sie ab zu ihrem Kollegen Ingo Zampero-
FDP“ als Klingelton. Radiomoderator El- an einem Tag. ni, der für die interaktive Pinnwand von
mar Hörig lästert auf seiner Facebook- * 22. September, 0 bis 24 Uhr
Quellen: GfK, Twitter
tagesschau.de wirbt. ARD Online wie-
Seite: derum schreibt auf Twitter:
Sah ein Knab ein Rösler Immer noch mit Bart am
gehn. Jauch auftritt. Eine Twitter-Nutzerin will Start, der @Ingo_Zampe-
ihn am liebsten „jetzt irgendwie knud-
Es ist auch die Stunde der bemüht-wit- deln“, eine andere ihn „gerne in’ Arm roni
zigen Fake-Accounts. Einer, der sich nehmen“ angesichts des Elends seiner Immerhin: Wer besonders aufmerksam
@GrumpyPeer1 nennt und dessen Profil Partei. Sympathie erntet auf Twitter auch ist, kann im Netz schon deutlich früher er-
ein Steinbrück-Foto ziert, schreibt: Finanzminister Wolfgang Schäuble von fahren, welche Sensation dieser Wahltag
der CDU, der Jauch in dessen Sendung bieten würde. Denn trotz der Androhung
Die Erkenntnis des mehrmals pointensicher auflaufen lässt. des Bundeswahlleiters, jedem eine Geld-
Abends ist klar: Mein Einer schreibt: strafe von bis zu 50 000 Euro zu verpassen,
der vor 18 Uhr die Wahlprognosen der
Marktwert liegt jetzt bei #Schäuble wird mir bei Meinungsforschungsinstitute verbreitet, las-
sen einige Medien die geheimen Informa-
50000 Euro pro Std. Und #Jauch sympathisch? tionen durchsickern. Der „Nordkurier“ aus
ich werde davon Verkehrte Welt. Mecklenburg-Vorpommern tickert schon
Das Fernsehen ist das Maß aller Dinge. um 17.03 Uhr, dass die FDP nach „ersten
Gebrauch machen.“ Das Internet dient längst als Nebenbei- inoffiziellen Prognosen“ aus dem Bundes-
Unter dem Pseudonym @DrHelmut- medium, die Twitter-Timeline als virtu- tag fliege. Später verschwindet der Beitrag
Kohl twittert jemand: elles Wohnzimmer: Man unterhält sich vom Liveticker der „Nordkurier“-Seite.
über das, was man im Fernsehen sieht – Auch die britische „Financial Times“
Meine Angela hat mich ob nun den „Tatort“, die Bayern in der zeigt sich ungeduldig. Gegen kurz nach
und meine Unter- Champions League – oder die „Berliner fünf veröffentlicht sie online einen Arti-
Runde.“ Der Second Screen wird immer kel, in dem sich die Deutschland-Korres-
stützung durch meinen wichtiger. Einer twittert: pondenten der Zeitung auf „unbestätigte
Prognosen vom Nachmittag“ berufen.
Twitter-Account nicht In der Berliner Runde Den Zahlen zufolge kratze Merkel an ei-
erwähnt. Ein Affront! sagen doch eh alle, dass ner absoluten Mehrheit, während die
FDP drohe, an der Fünfprozenthürde zu
Natürlich muss sich auch ein ver- es noch zu früh ist, scheitern. Diese Vorwitzigkeit könnte
meintlicher Helmut Schmidt zu Wort noch teuer werden.
melden:
irgendwas zu sagen. Als Barack Obama die Präsident-
Liebe FDP-Politiker, bitte Total sinnlos. schaftswahl gewann, verkündete er sei-
nen Sieg via Twitter:
nicht mehr anrufen: Bei- sonderen Die Sendung hat dann weder einen be-
Informations- noch Unterhal- Four more years.
de Stellen als Haushalts- tungswert. Was @popkalender zu dem Angela Merkel dagegen tritt auf die
hilfen sind seit 18.15 Uhr Stoßseufzer verleitet: Bühne und lässt sich vor den Fernsehka-
meras der Nation beklatschen. Auf Twit-
schon vergeben! Wann kommt denn end- ter? Fehlanzeige. Immerhin zeigt sich der
lich Gerhard Schröder CDU-Abgeordnete Jens Spahn auf sei-
Kein Wunder, dass der Journalist Nils nem Account humorvoll und verwendet
Jacobsen Twitter nach der Wahl als „ve- reingestürmt und sagt, den Hashtag
ritablen Therapiekanal verkannter Gag-
Schreiber“ titulierte. Überraschende Mil-
dass ohne ihn nicht #muttimachts.
de kommt am Wahlabend auf, als Gerhart regiert werden kann? T 
A
, M
  B
 ,
Baum, Relikt aus den großen Tagen der K
 D
 , AX
 K ,
FDP, als Gast im ARD-Talk von Günther #btw13 #berlinerrunde. M
  U. M, A-K
 N

66           2 0 1 3
Trends

„Stabile Mehrheit“
MARIJN DEKKERS, Vorstandsvorsitzender der Bayer AG

Kanzlerin Merkel hat ein bemerkenswertes


Votum erhalten. Sie wird als klare Wahlsiegerin
nun schnell für eine stabile Mehrheit sorgen.
Die neue Bundesregierung muss aus meiner
Sicht künftig mehr tun, um den Innovations-
und Investitionsstandort Deutschland zu
stärken.

THOMAS KÖHLER / PHOTOTHEK


Wir brauchen mehr Wertschätzung für Innova-
ANDREAS POHLMANN / DER SPIEGEL

tionen auch in der Gesundheits- und Arznei-


mittelforschung. Und wir brauchen eine Ener-
giewende, die nicht auf Kosten der Wettbe-
werbsfähigkeit unserer Industrie geht – und
damit Arbeitsplätze und Wohlstand gefährdet.

„Agenda für Europa“ „Die FDP wird fehlen“


J O E K A E S E R , Vorsitzender des FRIEDRICH JOUSSEN, Vorstandsvorsitzender der TUI AG
Vorstands der Siemens AG
Ein großer Erfolg für Angela Merkel. Klare Analyse, Pragmatismus und Un-
Die Bundeskanzlerin hat einen klaren aufgeregtheit prägen ihren Politikstil. Das kommt an, und damit ist sie authen-
Wahlerfolg errungen. Dazu gratuliere tisch. Das Management der EU-Finanzkrise war eine Mammutaufgabe. In den
ich sehr herzlich. Daran zeigt sich das Details wusste niemand, was richtig oder falsch war. Aber die Menschen haben
hohe Maß an Vertrauen für einen Weg, Angela Merkel vertraut – eine Vertrauensbasis,
der Pragmatismus und Sachverstand die auf andere Politikfelder und weit über das
verbindet. Das Wählervotum ist aber traditionelle CDU-Klientel abstrahlt. Die neue
auch ein spürbarer Vertrauensvorschuss, Koalition muss die Balance zwischen Sozialpolitik
das Land weiterhin auf stabilem Kurs und wettbewerbsorientierter Wirtschaftspolitik
zu halten. garantieren. Ich glaube an die Freiheit und das
Europa, Energie, Infrastruktur und die Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen. Ord-
Sicherung des Wohlstands für unser nungspolitisch wird die FDP deshalb als Korrektiv
WERNER SCHUERING

Land und seine Bürger werden maß- im Parlament fehlen. Wer „Veggie-Days“ fordert,
gebliche Themen sein und bleiben. Eine droht irgendwann mit „Sandalentagen an jedem
auf Nachhaltigkeit ausgerichtete, ökono- zweiten Dienstag ab zwölf Uhr“. Davor sollte
misch darstellbare Energiewende für man Deutschland bewahren.
eine moderne Gesellschaft ist richtig,
aber der Ansatz dazu war falsch;
das muss jetzt grundlegend korrigiert
werden, sonst läuft Deutschland in
ein unverantwortlich hohes Risiko.
Die Sicherung des Wohlstands ist eine
„Einmalige Chance“
herausragende Daueraufgabe. Die Agen- M A R I A - E L I SA B E T H S C H A E F F L E R , Gesellschafterin der Schaeffler Gruppe
da 2010 hat gezeigt, was geht, wenn man
es will. Und vielleicht ist man deshalb Die Wähler haben für einen Wechsel gestimmt. Egal, was der einzelne Wähler
gut beraten, sich für Europa eine ver- im Sinn hatte, eine solide Mehrheit gibt es nur bei einer Großen Koalition. Ich
gleichbare Zukunftsagenda zu geben. hoffe, die neue Regierung nutzt die einmalige Chance, mit einer Mehrheit im
Innovationskraft und eine maßvolle so- Bundestag und Bundesrat die trotz der guten Aus-
ziale Umverteilung werden entschei- gangslage in Deutschland wichtigen Reformen
dend für den Erfolg unseres Landes und durchzuführen. Das heißt: solide Haushalte, keine
Europas sein. Stabile Mehrheiten und Überregulierung, vernünftige Energiepreise, keine
ein konstruktives Miteinander über Steuererhöhungen und eine Bildungspolitik, die
Parteigrenzen hinweg helfen. uns im weltweiten Kampf um die besten Talente
Wie auch immer die neue Bundesregie- einen Spitzenplatz garantiert. Der Motor für ein
rung im Einzelnen aussehen wird, der starkes Deutschland ist unser gesunder Mittel-
HENNING SCHACHT

Bundeskanzlerin wünsche ich weiterhin stand. Ihn gilt es weiter zu stärken. Ich wünsche
Erfolg, Kraft und Fortune zum Wohle den Abgeordneten eine glückliche Hand in ihrer
unseres Landes, für Europa und seine politischen Arbeit. Konzentrieren wir uns auf un-
Bürger. sere Stärken. Neid ist da ein schlechter Ratgeber.

68           2 0 1 3
Wirtschaft

FINANZINVESTOREN

„Deutschland ist ärmer“ „Das freut die Märkte“


E R I C H S I X T, Vorsitzender des Vorstands der Sixt SE
Martin Schulz von der ame-
Ich bekenne mich von jeher zu den Ideen des politischen Liberalismus und rikanischen Hedgefonds-
bedauere deshalb das Ausscheiden der FDP außerordentlich. Deutschland ist Gruppe PNC Capital
ohne eine liberale Kraft ärmer. Die FDP hat versucht, es im Windschatten von Advisors über die Folgen
Frau Merkel irgendwie in den Bundestag zu schaffen, und leider den schweren der Bundestagswahl für
Fehler gemacht, auf ein eigenes Profil zu verzichten. Dabei bieten sich aktuelle internationale Investoren
Themen wie die Datensammlungswut der Geheimdienste, die ausufernde Bü-
rokratie in Staat und Wirtschaft oder die überfällige Vereinfachung des Steuer- SPIEGEL: Was bedeutet der Wahl-
systems geradezu an, um liberales Profil zu zeigen. Auch beim Euro hat die ausgang aus der Perspektive inter-
FDP durchaus eine härtere Position eingenommen als die CDU/CSU, etwa in nationaler Investoren?
der Frage der Schuldenhaftung Deutschlands. Aber aus Furcht vor dem großen Schulz: Das größte Risiko lag aus unse-
rer Sicht darin, dass die Euro-kritische
Alternative für Deutschland in das Par-
lament hätte einziehen können. Diese
Unsicherheit ist nun weg. Mit der FDP
wäre es weitergegangen wie bisher,
aber auch mit einer Koalition aus
CDU/CSU und SPD können wir gut
leben, vielleicht sogar besser.
SPIEGEL: Inwiefern besser?
Schulz: Die SPD dürfte sich stärker als
die FDP für europäische Integration
einsetzen und so nationalistischeren
Tendenzen in der CDU entgegen-
wirken. Das freut die Märkte.
SPIEGEL: In den vergangenen Monaten
haben viele Anleger aus den USA
wieder mehr Geld in der Euro-Zone
investiert. Geht das nun so weiter?
Schulz: Es ist wahrscheinlich, dass der
Trend sich fortsetzt. Merkels Krisen-
management war gut, die Märkte rech-
nen nun mit Kontinuität. Sie werden
allerdings genau darauf achten, dass
alle Euro-Staaten an ihrem Reform-
kurs festhalten.
ANDRE ZELCK

SPIEGEL: Die Wahl ist vorbei, kommt


jetzt ein neuer Schuldenschnitt in
Griechenland?
Koalitionspartner hat sie es nicht gewagt, die eigenen Überzeugungen auch Schulz: Vieles spricht dafür, aber die
selbstbewusst zu kommunizieren. Die große Gefahr ist, dass in der jetzt meisten Schulden liegen bei staatlichen
drohenden Großen Koalition alle liberalen Themen auf der Strecke bleiben Gläubigern, und die Märkte sind
werden. Weniger Staat, mehr Freiheit – davon ist Deutschland nach dieser auf ein solches Ereignis eingestellt. Das
Wahl weiter entfernt denn je. würde kein Erdbeben auslösen.

„Sieg mit Wermutstropfen“


THEODOR WEIMER, Vorstandssprecher der HypoVereinsbank

Ein beeindruckender Wahlsieg der CDU/CSU mit Wermuts-


tropfen: Die Koalitionsverhandlungen und das tägliche Regieren
werden nicht einfach – jeder Partner wird sich vom politischen
Kuchen ein großes Stück abschneiden wollen und aus Selbst-
erhaltungstrieb auch müssen. Bei der nächsten Bundestagswahl
in vier Jahren wird die Luft für CDU/CSU nach oben sehr
REINER ZENSEN

dünn. Dass die AfD nicht ins Parlament gekommen ist, wird in
Europa mit Wohlwollen gesehen. Deutschland bleibt auch
europapolitisch verlässlich.

          2 0 1 3 69
Wirtschaft

LOBBYISMUS

Die Regenmacher
Ein Heer von Interessenvertretern erwartet die Wahlsieger in Berlin. Verbände und
Unternehmen haben sich schnell auf die neuen Verhältnisse eingestellt. Ob
Große Koalition oder Schwarz-Grün: Der Koalitionsvertrag soll ihre Handschrift tragen.

D
ie „Angie, Angie“-Rufe im Kon-
rad-Adenauer-Haus waren kaum
verklungen, da begann für die vie-
len Interessenvertreter unter den Gästen
schon wieder die Alltagsarbeit. Der Ver-
treter der Commerzbank plauderte an-
geregt mit einem Spitzenbeamten des
Finanzministeriums, der Berliner Reprä-
sentant des VW-Konzerns frischte seine
Bekanntschaft mit alten Weggefährten
aus der Ost-CDU auf, und auch ein Ab-
gesandter des Bundesverbandes der Deut-
schen Industrie drängelte sich durch die
Reihen nach vorn, ganz nach dem Motto
des früheren Verbandspräsidenten Hans-
Olaf Henkel: „Ich bin immer da, wo die
Sieger sind.“
Für die professionellen Einflüsterer von
Unternehmen, Verbänden und Gewerk-
schaften gibt es seit Sonntag, 18 Uhr, viel
zu tun. Das Wahlergebnis hat nicht nur
die politische Landschaft der Republik
verändert, sondern auch das Spielfeld der
Lobbyisten. Die guten Beziehungen vie-
ler Interessenvertreter zur FDP sind plötz-
lich nichts mehr wert – ein Schock für
die Einflüsterer aus der Wirtschaft.
Stattdessen kalkulieren sie die Folgen
möglicher Koalitionen. Schwarz-Rot: gut
für die meisten Industriezweige, die Mie-
ter und die Gewerkschaften. Schwarz-
Grün: ein möglicher Vorteil für Solar- und
Windkraftbetreiber, Gebäudesanierungs-
handwerker und Landwirte. Es gilt, der
eigenen Klientel eine gute Ausgangsposi-
tion für das bevorstehende Gefeilsche um
den Koalitionsvertrag zu verschaffen –
und dafür hatten viele Lobbyisten in den
vergangenen Monaten bereits fleißig vor-
gearbeitet.
Die Vorstände von Elektronik- und
Dämmstoffherstellern tingelten vorvergan-
gene Woche durch Berlin; sie wollten aus-
gewählte Politiker schon mal für das The-
ma „energieeffizientes Bauen“ sensibili-
sieren – und nebenbei all jene politischen
Nachwuchskräfte kennenlernen, die nach
JENS SCHICKE

der Wahl wichtig werden könnten.


Die Apothekerlobby ABDA bearbeite-
te die Direktkandidaten aller 299 Wahl-

* Beim Verlassen einer Berliner Apotheke am Morgen


nach der Bundestagswahl.
Gesundheitsminister Bahr*
MAURICE WEISS / OSTKREUZ (L.); IMAGO (R.)
CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL

Seitenwechsler Glos, Pawelski, Klaeden: Politische Landschaftspflege durch die Hintertür

kreise vor Ort durch eigens ernannte Etwa 5000 Interessenvertreter sind im Re- eigene Parlamentariergruppe im Bundes-
„Wahlapotheker“. Die Politiker sollten ei- gierungsviertel tätig, etwa die Hälfte be- tag, darunter der SPD-Politiker Marco
nen Fragenkatalog zur Zukunft der Arz- sitzt den Verbändeausweis des Bundes- Bülow und der grüne Energieexperte Oli-
neimittelversorgung beantworten; die Re- tags, mit dem sie im Parlament jederzeit ver Krischer. Das Gremium hat gute Be-
aktionen stellte die ABDA ins Internet. ein- und ausgehen können. Fast alle Groß- ziehungen zur Industrie, etwa zu Solar-
Die Ärztelobby tat so, als würde dem- konzerne unterhalten inzwischen Reprä- world-Chef Frank Asbeck. Das gemein-
nächst die medizinische Versorgung zu- sentanzen in Berlin, allein die Deutsche same Ziel des Solar-Freundeskreises ist es,
sammenbrechen, und klebte die Parole Bank ist mit einem halben Dutzend Top- den Ausbau der erneuerbaren Energien
„Ich bin Facharzt. Ich bin eine ausster- Leuten vertreten. zu beschleunigen. Und so kommen beim
bende Art“ bundesweit auf Plakatwände. Hinzu kommen Agenturen und frei- „Parlamentarischen Abend“ von Euroso-
„Ich habe noch nie so viele Wahlprüfstei- schaffende Berater, darunter Insider wie lar auch der Bundesverband Erneuerbare
ne von Verbänden erhalten wie in diesem der frühere Bundespräsidentensprecher Energie oder die Geschäftsführung der
Jahr“, bilanziert der CDU-Gesundheits- Martin Kothé oder Ulrich Tilly, Ex-Ab- Stadtwerke Schwäbisch Hall GmbH hinzu.
politiker Jens Spahn. teilungsleiter im Gesundheitsministerium. Das Betriebskapital des Lobbyisten ist
Für die „Regenmacher“ – wie sich die Der Einfluss der Lobbyisten auf die Ge- sein Netzwerk, das im Idealfall die poli-
Lobbyisten mitunter selbst nennen, weil setzgebung sei „beachtlich“ und „in zu- tische Kommandobrücke genauso um-
sie dafür Sorge tragen, dass Staatsgeld für nehmendem Umfang glänzend organi- spannt wie den Maschinenraum des Re-
ihre Klientel gleichsam wie Regen vom siert“, sagt Parlamentspräsident Norbert gierungsbetriebs: die Referenten und
Himmel fällt – kommt es darauf an, dem Lammert. Referatsleiter der Ministerien, die Zuar-
Koalitionsvertrag ihren Stempel aufzudrü- Dazu tragen nicht zuletzt jene Abge- beiter in Fraktions- und Abgeordneten-
cken. Oder wenigstens dafür zu sorgen, ordneten und Regierungsmitglieder bei, büros, die Fachbeamten der Länder, de-
dass die eigene Branche nicht gleich ins die oft im Umfeld einer Wahl die Seiten nen gerade bei Koalitionsverhandlungen
Schussfeld der neuen Regierung gerät. Die wechseln. Der bisherige Staatsminister oft eine Schlüsselrolle zukommt. Konkre-
Post AG will das Quasimonopol im Brief- im Kanzleramt, Eckart von Klaeden, ist te Vorschläge lassen sich auf den unteren
geschäft retten, ganz gleich, wer in Berlin künftig als Cheflobbyist beim Autokon- Hierarchiestufen oft besser und vor allem
regiert. Die Energiewende muss nach der zern Daimler aktiv. Ex-Wirtschaftsminis- unauffälliger einspeisen als über die Chef-
Wahl neu geordnet werden; nun versuchen ter Michael Glos will die Interessen des etagen.
die einzelnen Zweige der Strombranche, fränkischen Baustoffherstellers Knauf ver- Dieses Hintertürprinzip der politischen
die Reform in ihrem Sinne zu beeinflus- treten. Die CDU-Abgeordnete Rita Pa- Landschaftspflege kennen alle Einflüste-
sen. In der Gesundheitswirtschaft sind es welski verdingt sich bei der Berliner Lob- rer, aber besonders erfolgreich praktiziert
vor allem die Vertreter der privaten Kran- byagentur G+ Germany. es die Deutsche Post AG. Kaum ein an-
kenversicherungen, die um den Fortbe- Wer als Politiker in die freie Wirtschaft derer Konzern verfügt über so viele er-
stand ihres Geschäftsmodells fürchten. strebt, hat zumindest in der ersten Le- probte Verbündete in Parteien und Be-
Während die Politiker noch darüber gislaturperiode nach seinem Ausscheiden hörden, kaum ein anderer Konzern kann
nachsinnen, welches Bündnis sie nach der einen hohen Marktwert. Denn er be- zugleich auf gewerkschaftliche Unterstüt-
Wahl eingehen sollen, wissen die Interes- herrscht die Regeln und Routinen des Ber- zung und auf die der traditionell post-
senvertreter schon genau, welche Passage liner Politikbetriebs. Er weiß, wie man freundlichen CSU bauen.
sie auf welchem Wege in den Koalitions- sich Zugang zu einer Expertenanhörung Als langjähriger Staatsbetrieb durfte
vertrag bringen wollen. Sie pflegen die im Tourismus-Ausschuss verschafft, wel- die Post bis vor kurzem zwar keine Par-
politische Landschaft mit einem Netz- che Anwaltskanzleien gerade an den teispenden vergeben, doch der Bonner
werk persönlicher Beziehungen und mit Gesetzentwürfen im Finanzministerium Logistikriese hat andere Wege gefunden,
Gefälligkeiten, machen Stimmung mit mitschreiben und wo an einer unschein- Politiker bei Laune zu halten. Bei Regio-
Studien, Kampagnen und Argumenta- baren Verordnung gearbeitet wird, in der nal-, Landes- und Bundesparteitagen ist
tionspapieren und verstehen sich darauf, sich die Anliegen des neuen Brötchen- der Konzern mit Info-Ständen präsent,
die eigene Position auch mal mit leisen gebers ohne großes Aufsehen unterbrin- für die er den Parteien hohe Standgebüh-
Tönen zu befördern, wenn es darauf an- gen lassen. ren bezahlt. Das Unternehmen stellt Mil-
kommt. Mitunter lässt sich kaum noch sagen, lionenbeträge für eine mögliche neue
Die Lobbyisten haben nicht die Macht wo die Grenze zwischen Volks- und Inter- Konzerthalle in Bonn bereit, und es rich-
im Staat, aber sie treten von Jahr zu Jahr essenvertretern verläuft. Die Lobbyorga- tet einmal im Jahr eine der größten Sau-
professioneller auf, und ihre Zahl wächst. nisation Eurosolar etwa unterstützt eine sen der Hauptstadt aus, das Postfest am
          2 0 1 3 71
Wirtschaft

Berliner Ostbahnhof, bei dem Fahrenschons Strippenzieher


der Konzern über tausend Politi- im Hintergrund ist sein Verbands-
ker, Ministerialbeamte und Par- vize Karl-Peter Schackmann-
teiarbeiter mit Live-Musik und Fallis, der für die SPD einige
Gourmet-Buffets verwöhnt. Jahre als Staatssekretär in den
Als „postindustriellen Kom- Finanzministerien von Sachsen-
plex“ verspotten Kritiker das Anhalt und Brandenburg ge-
System, das von den beiden arbeitet hat. Auf sein Betreiben
Cheflobbyisten des Konzerns di- hin trommelte Finanzminister
rigiert wird: dem CDU-Mann Wolfgang Schäuble die Vertreter
Michael Jansen, der einst das der Bankenverbände zusammen.
Parteibüro von Kanzlerin Angela Schäuble machte sich anschlie-
Merkel leitete, und dem frühe- ßend die Sparkassen-Linie in den
ren SPD-Parlamentarier Rainer Verhandlungen mit der EU weit-
Wend, der zum langjährigen gehend zu eigen. Und dabei dürf-
Fraktionschef Frank-Walter Stein- te es bleiben, ganz gleich, ob
meier genauso direkt durchge- Merkels Vizekanzler ein Grüner
stellt wird wie zum nordrhein- oder ein Roter wird.
westfälischen Wirtschaftsminis- Doch was macht ein Lobbyist,
ter Garrelt Duin. wenn sich die politische Groß-
Ihr Ziel ist es, die Monopolstel- wetterlage gegen ihn gewendet
lung im lukrativen Briefgeschäft hat? Wenn seine besten Kontak-
zu verteidigen. Das Kartellamt, te auf der Arbeitsebene nicht
die Monopolkommission und die mehr viel nutzen, weil die Chef-
Bundesnetzagentur fordern seit etage gegen ihn steht? Die priva-
langem mehr Wettbewerb, damit te Krankenversicherung (PKV)
die Kunden von niedrigeren Por- könnte demnächst in eine solche
topreisen profitieren. Lage geraten. Der Zeitgeist ist
Doch als Noch-Wirtschafts- gegen sie. Ihr Geschäftsmodell
minister Philipp Rösler in der steht zur Disposition.
vergangenen Legislaturperiode Früher war die PKV-Lobby ge-
ein entsprechendes Gesetz auf fürchtet. Sie hatte gute Verbin-
den Weg brachte, bekam er den dungen zu Ministerien, Parteien
langen Arm der Lobby zu spü- und Verbänden und konnte stets
ren: Nicht mal die Vertreter des auf die Fürsprache der Beamten-
THEODOR BARTH / DER SPIEGEL

Wirtschaftsflügels standen auf organisationen bauen, deren Mit-


seiner Seite. glieder sehr oft zu ihren Kunden
So soll es auch in dieser Legis- zählen. Auf die Landesregierun-
laturperiode weitergehen, etwa gen in Nordrhein-Westfalen und
mit Hilfe der SPD. „Die recht- Bayern, wo einige ihrer größten
lichen Rahmenbedingungen für Mitgliedsunternehmen beheima-
die Deutsche Post müssen so ge- Solar-Unternehmer Asbeck: Freundeskreis im Parlament tet waren, konnte sie sich eben-
staltet werden“, heißt es auf Sei- falls verlassen, und auch die Vor-
te 28 des sozialdemokratischen Wahlpro- gedeihliche Zusammenarbeit nach dem stände von Allianz bis Münchener Rück
gramms, dass „der wirtschaftliche Erfolg Wahltag zu bereiten. „Die traten dort ex- machten sich im Zweifel für ihre PKV-
des Unternehmens gesichert“ werde. trem offensiv auf“, berichtete hinterher Tochterfirmen stark.
Es kommt nicht alle Tage vor, dass es der Fraktionsmitarbeiter einer Volkspartei. Kein Wunder, dass die Branche auch
Interessenvertretern gelingt, eine Partei Es geht unter anderem um die Frage, in der Politik einflussreiche Freunde fand,
auf die Gewinnziele des eigenen Unter- inwieweit künftig die Sparkassen und etwa bei CDU und CSU. So nahe standen
nehmens zu verpflichten. Die Post hat Landesbanken in einen gemeinsamen sich Koalitionspolitiker und Verbands-
das geschafft. Ganz gleich, ob die Sozial- Fonds einzahlen müssen, um für Bank- funktionäre, dass eine PKV-Broschüre zu
demokraten nun als Partner in einer Gro- pleiten vorzusorgen und die Konten ihrer den Tücken der Bürgerversicherung in
ßen Koalition oder als Anführer der Op- Kunden zu schützen. Bislang basiert die ganzen Passagen einem Positionspapier
position im Bundesrat mitreden – die Post Einlagensicherung der Sparkassen und glich, das die Unions-Gesundheitsexper-
darf ihre Vormachtstellung im Brief- Landesbanken vorwiegend darauf, dass ten Johannes Singhammer und Jens
geschäft für weitere vier Jahre schon als sie sich ein Versprechen auf gegenseitige Spahn kurz zuvor an ihre Fraktion ver-
halbwegs gesichert betrachten. Hilfe im Krisenfall geben. Ein schönes, schickt hatten.
Ganz so weit wie die Postlobbyisten weil billiges Privileg. Doch die Europäi- Doch seit die Versicherungsunterneh-
sind die Interessenvertreter der deutschen sche Union drängt auf einheitliche Regeln men vor allem mit steigenden Beiträgen,
Sparkassen nicht. Sie sind mit der Politik für alle. bescheidenen Leistungen und üppigen
ebenfalls personell eng verflochten; in ih- Seit Monaten machen die Sparkassen Vertreterprovisionen Schlagzeilen ma-
ren Verwaltungsräten sitzen Bürgermeis- deshalb Stimmung gegen die Pläne. Chef chen, sind auch ihre Lobbyisten in die
ter und Abgeordnete. Die Sparkassen be- ihres Spitzenverbands ist der Polit-Profi Defensive geraten. SPD und Grüne wol-
harren auf ihren Privilegien gegenüber Georg Fahrenschon, einst Finanzminister len ihren Geschäftszweig mit Hilfe der
den Privatbanken. Doch ihr Kampf ist in Bayern, ein CSU-Mann. In seinen Re- Bürgerversicherung mehr oder weniger
noch nicht gewonnen. Und so luden sie den warnt er vor den vermeintlich schäd- abschaffen, die Union plant weitreichen-
vor zwei Wochen noch einmal Referenten lichen Folgen der Bankenunion für de Reformen.
der Bundestagsfraktionen in Berlin zum Deutschlands Kredithäuser und ihre Kun- „Wir müssen den Wettbewerb für die
Mittagessen ein, um den Boden für eine den. Versicherten in der privaten Krankenver-
72           2 0 1 3
Wirtschaft

sicherung verbessern“, sagt CSU-Experte


Singhammer. So sollen langjährige
Kunden bei einem Anbieterwechsel etwa MANAGER
ihre Rückstellungen leichter mitnehmen
dürfen.
Sein CDU-Kollege Spahn plädiert da-
für, „einen gesetzlichen Mindestversiche-
rungsumfang zu definieren“. Nicht ein-
„Manches wirkt sehr banal“
mal auf die Unterstützung des FDP-Ge- Martin Richenhagen fordert, dass sich die deutsche Politik
sundheitsministers Daniel Bahr konnte endlich mit den wichtigen Themen beschäftigt. Der Chef des US-
sich die Versicherungslobby am Ende
noch verlassen. Konzerns AGCO hofft, dass die Kanzlerin nun aktiver wird.
Deshalb herrscht Alarmstimmung in
der Branche. Mit Drohen und Protestie- Richenhagen, 61, ist einer der wenigen als guten, sehr anerkannten Außenminis-
ren ist in Berlin nun nicht mehr viel zu Deutschen, die ein Unternehmen in den ter kennengelernt, dessen Englisch im Üb-
gewinnen, die Unternehmen müssen sich USA leiten. Der gebürtige Kölner und ehe- rigen deutlich besser ist, als das die Presse
kompromisswillig, bescheiden und re- malige Religionslehrer steht seit 2004 an in Deutschland kolportiert. Um den tut
formbereit geben. Als erstes Zeichen er- der Spitze der AGCO Corporation, des es mir ein bisschen leid.
setzten sie ihren bisherigen Verbandsprä- drittgrößten Landmaschinenherstellers SPIEGEL: Viele Wähler sind von der FDP
sidenten, den PKV-Hardliner Reinhold der Welt. zur Union abgewandert. Was hat die Par-
Schulte, durch Debeka-Chef Uwe Laue, tei richtig gemacht, was die FDP falsch
einen zurückhaltenden Manager, der vor SPIEGEL: Herr Richenhagen, in der deut- gemacht hat?
allem durch freundliche Bescheidenheit schen Wirtschaft herrscht quasi Schock- Richenhagen: Kanzlerin Angela Merkel
auffällt. starre angesichts des Wahldesasters der hat ein sehr gutes Gespür für die Stim-
Entsprechend demütig reiste Laue FDP. Bei Ihnen auch? mung im Volk. Man kann das Opportu-
vor der Wahl durch die Lande, um die Richenhagen: Nein, nicht wirklich. Die nismus nennen, man kann es aber auch
Politiker milde zu stimmen. In Berlin saß FDP hat doch zwei Probleme: Im Wahl- positiv sehen: Sie greift die Themen auf,
er auf der schwarzen Ledercouch im kampf wusste keiner, wofür die Partei die die Menschen bewegen, und macht
Büro von Noch-Gesundheitsminister programmatisch stand. Dazu kommt, sie sehr schnell zu ihren eigenen. Sie hat
Bahr, in Stuttgart traf er die grüne Bun- dass sie ihr großes Versprechen von Steu- die Union sehr klar positioniert: gegen
destagsabgeordnete und Gesundheits- ersenkungen vor der letzten Wahl nicht Steuererhöhungen, für den Erhalt der
expertin Biggi Bender. Und auch mit umgesetzt hat. Außerdem war das Perso- Euro-Zone und für die Unterstützung der
CSU-Chef Horst Seehofer hält Laue en- nal schwach. Der zurückgetretene Partei- notleidenden Euro-Länder.
gen Kontakt. chef Philipp Rösler ist ein lieber Mensch, SPIEGEL: Aber dafür stand auch der ehe-
Nur mit der Sozialdemokratie hat es aber ein völlig unfähiger Wirtschaftspoli- malige Finanzminister und Kanzlerkan-
nicht so recht geklappt. Als der PKV-Ver- tiker – weil er kein Fachmann ist. Für didat der SPD, Peer Steinbrück.
band im Wahlkampf um Gesprächster- eine Wirtschaftspartei ist es ein Riesen- Richenhagen: Das stimmt. Aber die Men-
mine bei SPD-Chef Sigmar Gabriel und nachteil, wenn die Fachkompetenz fehlt. schen haben sich für Kontinuität entschie-
dem Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück SPIEGEL: Das klingt so, als ob das Ergebnis den, weil es ihnen eigentlich gutgeht. Das
ersuchte, ließ die Partei wissen, vor der Sie nicht überrascht hätte. gefühlte Wohlergehen der Bürger ist we-
Wahl habe man keine Zeit. Nun müht Richenhagen: Hat es mich auch nicht. Ich sentlich besser als das, was Steinbrück in
sich der Verband, möglichst noch vor Ab- bin mit Guido Westerwelle in New York seiner frechen Art immer behauptet hat.
schluss eines Koalitionsvertrags eigene zum Essen verabredet. Schon als ich die So lange es keine gravierenden Probleme
Reformideen vorzulegen, um die Politi- Einladung angenommen habe, habe ich gibt, ist es doch gut, an einer bewährten
ker milde zu stimmen. Auch das ist ein gewitzelt, dass wir dann ja im Rückblick Kanzlerin festzuhalten. Das gilt übrigens
beliebter Lobby-Trick: Mit dem Verspre- die Wahlniederlage analysieren können. auch für das Verhältnis zwischen Deutsch-
chen, selbst zu handeln, sollen strengere Der Fairness halber muss man aber sa- land und den USA.
Vorgaben des Gesetzgebers vermieden gen, dass es mit ein bisschen Glück zu- SPIEGEL: Für die Regierungsbildung ist die
werden. mindest für den Einzug in den Bundestag Stärke der Union allerdings ein Problem.
Es gehört zum Berufsbild des Lobby- gereicht hätte. Aber es ist Wer sollte sich denn frei-
isten, sich auf eine geänderte Parteien- ein substantieller Verlust, willig zum Handlanger der
landschaft möglichst rasch einzustellen. da gibt es nichts drum her- Partei machen?
Für politische Trauerarbeit wird er nicht um zu reden. Richenhagen: Sich neben An-
bezahlt. SPIEGEL: Glauben Sie, dass gela Merkel zu profilieren
So war es auch am vergangenen sich die FDP ohne Zugehö- ist tatsächlich schwierig,
Sonntag. Als die Wahllokale um 18 Uhr rigkeit zum Bundestag neu und es wäre interessant ge-
schlossen, drängten sich Dutzende Inter- aufstellen kann? Drittgrößter Landmaschinen- wesen zu sehen, was Mer-
essenvertreter auf der Party der Frei- Richenhagen: Sie muss es hersteller der Welt kel allein draufhat. Sie hat
demokraten im Berliner Congress Center. schaffen. Das Problem ist, Hauptsitz: ja ein großes Geschick, den
Doch dann zeigten die Hochrechnungen dass die Partei eine etwas Duluth, Georgia, USA schwarzen Peter ihrem je-
von Minute zu Minute klarer an, dass die knappe Personaldecke hat. wichtigste Marken: weiligen Koalitionspartner
Partei aus dem Bundestag herausfallen Jetzt bringen sich Christian Challenger, Fendt, Valtra, zuzuschieben. Das hat sie
würde. Lindner und Wolfgang Ku- Massey Ferguson in der Großen Koalition
Und so machten sich die Lobbyvertre- bicki als neue Führung in 2012 mit der SPD gemacht und
ter rasch auf den Weg – zu den Haupt- Stellung: ein sehr junger Po- Mitarbeiter 20 320 jetzt mit der FDP. Ich per-
quartieren anderer Parteien, auf der Su- litiker und ein alter Haude-
che nach einflussreichen Gesprächspart- gen – ich habe meine Zwei- Umsatz 10 Mrd. $ sönlich hielte eine Koali-
tion mit der SPD für sinn-
nern. M 
 H, AX  N , fel, ob das die Richtigen Gewinn 516 Mio. $ voll. Dafür müssten sich
M  S  , C  S  sind. Ich habe Westerwelle die Sozialdemokraten aller-
74           2 0 1 3
Wirtschaft

sicherung verbessern“, sagt CSU-Experte


Singhammer. So sollen langjährige
Kunden bei einem Anbieterwechsel etwa MANAGER
ihre Rückstellungen leichter mitnehmen
dürfen.
Sein CDU-Kollege Spahn plädiert da-
für, „einen gesetzlichen Mindestversiche-
rungsumfang zu definieren“. Nicht ein-
„Manches wirkt sehr banal“
mal auf die Unterstützung des FDP-Ge- Martin Richenhagen fordert, dass sich die deutsche Politik
sundheitsministers Daniel Bahr konnte endlich mit den wichtigen Themen beschäftigt. Der Chef des US-
sich die Versicherungslobby am Ende
noch verlassen. Konzerns AGCO hofft, dass die Kanzlerin nun aktiver wird.
Deshalb herrscht Alarmstimmung in
der Branche. Mit Drohen und Protestie- Richenhagen, 61, ist einer der wenigen als guten, sehr anerkannten Außenminis-
ren ist in Berlin nun nicht mehr viel zu Deutschen, die ein Unternehmen in den ter kennengelernt, dessen Englisch im Üb-
gewinnen, die Unternehmen müssen sich USA leiten. Der gebürtige Kölner und ehe- rigen deutlich besser ist, als das die Presse
kompromisswillig, bescheiden und re- malige Religionslehrer steht seit 2004 an in Deutschland kolportiert. Um den tut
formbereit geben. Als erstes Zeichen er- der Spitze der AGCO Corporation, des es mir ein bisschen leid.
setzten sie ihren bisherigen Verbandsprä- drittgrößten Landmaschinenherstellers SPIEGEL: Viele Wähler sind von der FDP
sidenten, den PKV-Hardliner Reinhold der Welt. zur Union abgewandert. Was hat die Par-
Schulte, durch Debeka-Chef Uwe Laue, tei richtig gemacht, was die FDP falsch
einen zurückhaltenden Manager, der vor SPIEGEL: Herr Richenhagen, in der deut- gemacht hat?
allem durch freundliche Bescheidenheit schen Wirtschaft herrscht quasi Schock- Richenhagen: Kanzlerin Angela Merkel
auffällt. starre angesichts des Wahldesasters der hat ein sehr gutes Gespür für die Stim-
Entsprechend demütig reiste Laue FDP. Bei Ihnen auch? mung im Volk. Man kann das Opportu-
vor der Wahl durch die Lande, um die Richenhagen: Nein, nicht wirklich. Die nismus nennen, man kann es aber auch
Politiker milde zu stimmen. In Berlin saß FDP hat doch zwei Probleme: Im Wahl- positiv sehen: Sie greift die Themen auf,
er auf der schwarzen Ledercouch im kampf wusste keiner, wofür die Partei die die Menschen bewegen, und macht
Büro von Noch-Gesundheitsminister programmatisch stand. Dazu kommt, sie sehr schnell zu ihren eigenen. Sie hat
Bahr, in Stuttgart traf er die grüne Bun- dass sie ihr großes Versprechen von Steu- die Union sehr klar positioniert: gegen
destagsabgeordnete und Gesundheits- ersenkungen vor der letzten Wahl nicht Steuererhöhungen, für den Erhalt der
expertin Biggi Bender. Und auch mit umgesetzt hat. Außerdem war das Perso- Euro-Zone und für die Unterstützung der
CSU-Chef Horst Seehofer hält Laue en- nal schwach. Der zurückgetretene Partei- notleidenden Euro-Länder.
gen Kontakt. chef Philipp Rösler ist ein lieber Mensch, SPIEGEL: Aber dafür stand auch der ehe-
Nur mit der Sozialdemokratie hat es aber ein völlig unfähiger Wirtschaftspoli- malige Finanzminister und Kanzlerkan-
nicht so recht geklappt. Als der PKV-Ver- tiker – weil er kein Fachmann ist. Für didat der SPD, Peer Steinbrück.
band im Wahlkampf um Gesprächster- eine Wirtschaftspartei ist es ein Riesen- Richenhagen: Das stimmt. Aber die Men-
mine bei SPD-Chef Sigmar Gabriel und nachteil, wenn die Fachkompetenz fehlt. schen haben sich für Kontinuität entschie-
dem Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück SPIEGEL: Das klingt so, als ob das Ergebnis den, weil es ihnen eigentlich gutgeht. Das
ersuchte, ließ die Partei wissen, vor der Sie nicht überrascht hätte. gefühlte Wohlergehen der Bürger ist we-
Wahl habe man keine Zeit. Nun müht Richenhagen: Hat es mich auch nicht. Ich sentlich besser als das, was Steinbrück in
sich der Verband, möglichst noch vor Ab- bin mit Guido Westerwelle in New York seiner frechen Art immer behauptet hat.
schluss eines Koalitionsvertrags eigene zum Essen verabredet. Schon als ich die So lange es keine gravierenden Probleme
Reformideen vorzulegen, um die Politi- Einladung angenommen habe, habe ich gibt, ist es doch gut, an einer bewährten
ker milde zu stimmen. Auch das ist ein gewitzelt, dass wir dann ja im Rückblick Kanzlerin festzuhalten. Das gilt übrigens
beliebter Lobby-Trick: Mit dem Verspre- die Wahlniederlage analysieren können. auch für das Verhältnis zwischen Deutsch-
chen, selbst zu handeln, sollen strengere Der Fairness halber muss man aber sa- land und den USA.
Vorgaben des Gesetzgebers vermieden gen, dass es mit ein bisschen Glück zu- SPIEGEL: Für die Regierungsbildung ist die
werden. mindest für den Einzug in den Bundestag Stärke der Union allerdings ein Problem.
Es gehört zum Berufsbild des Lobby- gereicht hätte. Aber es ist Wer sollte sich denn frei-
isten, sich auf eine geänderte Parteien- ein substantieller Verlust, willig zum Handlanger der
landschaft möglichst rasch einzustellen. da gibt es nichts drum her- Partei machen?
Für politische Trauerarbeit wird er nicht um zu reden. Richenhagen: Sich neben An-
bezahlt. SPIEGEL: Glauben Sie, dass gela Merkel zu profilieren
So war es auch am vergangenen sich die FDP ohne Zugehö- ist tatsächlich schwierig,
Sonntag. Als die Wahllokale um 18 Uhr rigkeit zum Bundestag neu und es wäre interessant ge-
schlossen, drängten sich Dutzende Inter- aufstellen kann? Drittgrößter Landmaschinen- wesen zu sehen, was Mer-
essenvertreter auf der Party der Frei- Richenhagen: Sie muss es hersteller der Welt kel allein draufhat. Sie hat
demokraten im Berliner Congress Center. schaffen. Das Problem ist, Hauptsitz: ja ein großes Geschick, den
Doch dann zeigten die Hochrechnungen dass die Partei eine etwas Duluth, Georgia, USA schwarzen Peter ihrem je-
von Minute zu Minute klarer an, dass die knappe Personaldecke hat. wichtigste Marken: weiligen Koalitionspartner
Partei aus dem Bundestag herausfallen Jetzt bringen sich Christian Challenger, Fendt, Valtra, zuzuschieben. Das hat sie
würde. Lindner und Wolfgang Ku- Massey Ferguson in der Großen Koalition
Und so machten sich die Lobbyvertre- bicki als neue Führung in 2012 mit der SPD gemacht und
ter rasch auf den Weg – zu den Haupt- Stellung: ein sehr junger Po- Mitarbeiter 20 320 jetzt mit der FDP. Ich per-
quartieren anderer Parteien, auf der Su- litiker und ein alter Haude-
che nach einflussreichen Gesprächspart- gen – ich habe meine Zwei- Umsatz 10 Mrd. $ sönlich hielte eine Koali-
tion mit der SPD für sinn-
nern. M H, AX  N
 , fel, ob das die Richtigen Gewinn 516 Mio. $ voll. Dafür müssten sich
M  S
, C S  sind. Ich habe Westerwelle die Sozialdemokraten aller-
74          2 0 1 3
längst akzeptierte Haltungen sind immer
noch schwer durchsetzbar.
SPIEGEL: In Ihrer Aufzählung fehlt bisher
der Euro und der Umgang mit der Finanz-
krise. Das ist doch das große Thema von
Frau Merkel.
Richenhagen: Das habe ich nicht erwähnt,
weil das Wahlergebnis eindeutig ist: Die
Union ist gewählt worden, weil die Deut-
schen wollen, dass der Euro weiterbe-
stehen bleibt. Und weil sie das Krisen-
management der Kanzlerin so schlecht
nicht fanden. Dass die Alternative für
Deutschland nicht in den Bundestag ein-
gezogen ist, bestätigt das. Eine Abschaf-
fung des Euro wäre für die Wirtschaft
ein Desaster. Das kann nur jemand wol-
len, der nicht weiß, wie es ist, als Unter-
nehmen 16 verschiedene Währungen ab-
sichern zu müssen.
SPIEGEL: Wie bewerten Sie die deutsche
Politik mit dem Abstand, den Sie haben?
Richenhagen: Die Deutschen beschäftigen
sich gern mit Nebenkriegsschauplätzen.
Aus der Ferne wirken manche Themen
und manche Diskussionen sehr banal.
Dazu kommt ein sehr gründlicher Pessi-

HANS-BERNHARD HUBER / LAIF


mismus – der in den USA gern aufs Korn
genommen wird. Hier heißt es immer:
Nachdem die Deutschen gerade ganz
knapp die Vogelgrippe und danach die
Rinderseuche überlebt haben, kommt si-
cher bald die nächste Katastrophe.
AGCO-Vorstandsvorsitzender Richenhagen: „Die Deutschen sind sehr verwöhnt“ SPIEGEL: Welche Themen kommen Ihrer
Wahrnehmung nach dabei zu kurz?
dings vom Thema Steuererhöhungen ver- Richenhagen: Sie muss endlich die Diskus- Richenhagen: Wir reden viel zu wenig über
abschieden. sion um einen Mindestlohn beenden. Ich die Infrastruktur. Das ist ein Problem, das
SPIEGEL: Wäre nicht auch eine Koalition bin ein Gegner von Lohnuntergrenzen viele Industrienationen betrifft, natürlich
mit den Grünen gut für neue Impulse und und halte das ganze Thema für künstlich auch die USA. Wer in Deutschland un-
damit reizvoll? aufgebauscht. Die meisten Unternehmen terwegs ist, stellt fest, dass Straßen, Brü-
Richenhagen: Die Steuereinnahmen sind sind durch Tarifverträge sowieso an feste cken, Eisenbahnen und Flughäfen nicht
höher als je zuvor, und trotzdem wollen Gehälter gebunden. Wenn es den Wäh- auf dem neuesten Stand der Technik sind.
auch die Grünen die Steuern erhöhen. lern aber wichtig ist, dann sollte sich die Und wenn man unter die Erde geht, sich
Deshalb halte ich gerade sie nicht für ko- Union hier kompromissbereit zeigen und etwa Kanalisationen und Ähnliches an-
alitionsfähig. Zumal die Partei ein ganz das Thema damit schnell vom Tisch ho- schaut, wird es nicht anders sein. Hier ist
schlechtes Personal hat. Da sitzen nur len. Denn es gibt wichtigere Baustellen. in den vergangenen Jahren viel zu wenig
Profi-Politiker, die außer einem abgebro- SPIEGEL: Zum Beispiel? investiert worden. Das ist eine Zeitbom-
chenen Studium nicht viel vorzuweisen Richenhagen: Nehmen Sie die Bildungs- be, auf der wir sitzen.
haben. Denen täte es gut, mal wieder zu- politik: Die Deutschen sind sehr ver- SPIEGEL: Könnten deutsche Politiker von
rück in die Arbeitswelt und damit in die wöhnt, sie wollen wenig Steuern zahlen, amerikanischen Kollegen etwas lernen?
Realität zu kommen. aber hohe Sozialleistungen bekommen. Richenhagen: Die amerikanische Politik ist
SPIEGEL: Sie leben im Ausland und blicken In den USA gibt es beispielsweise kaum derzeit ein solches Trauerspiel, da kann
daher mit etwas Abstand auf Deutsch- ein Problem mit Kita- und Kindergarten- man nichts lernen …
land. Was sind aus Ihrer Sicht die drän- plätzen, weil es längst ein Geschäftsmo- SPIEGEL: … noch nicht einmal, wie man
gendsten Probleme, die die nächste Re- dell ist, Kinderbetreuung anzubieten. Das richtig Wahlkampf macht?
gierung anpacken muss? wäre auch für Deutschland gut, wenn sol- Richenhagen: Was die Meinungsvielfalt an-
Richenhagen: Das Wichtige ist, das Wirt- che Dinge privatwirtschaftlich organisiert geht, sind die USA tatsächlich ein anderes
schaftswachstum weiter zu stabilisieren würden und sich damit Angebot und Land. So ein Wahlkampf, wie Frau Mer-
und dafür zu sorgen, dass der Standort Nachfrage endlich annähern würden. kel ihn geführt hat, wäre in Amerika nicht
Deutschland wettbewerbsfähig bleibt. Da- SPIEGEL: Das dürfte für Frau Merkel und denkbar gewesen. Ich hoffe nur, dass Mer-
für ist vor allem die Energiepolitik ent- ihre Partei aber ein ideologisches Pro- kel jetzt aktiver wird und zwei Dinge
scheidend. Es geht nicht nur darum, pri- blem werden. macht: Sie muss klarstellen, wofür die
vate Haushalte und die Industrie sicher Richenhagen: Ja, leider. Die CDU hat sich CDU in den nächsten vier Jahren pro-
mit Strom zu versorgen. Entscheidend ist, unter Merkel zwar inhaltlich deutlich grammatisch steht. Außerdem muss sie
was er kostet. In Deutschland wird Ener- mehr in der Mitte positioniert. Sie hat ihr Nachfolgeproblem lösen. Sie hat in
gie immer teurer, während die Preise in sich glücklicherweise von dem ganzen den vergangenen Jahren ja viele gute
den USA sinken. Das ist für energieinten- Ballast distanziert, der mit der christli- Kandidaten eliminiert. Die Frage ist also:
sive Branchen ein Problem. chen Herkunft der Partei zusammen- Ist da überhaupt einer übrig?
SPIEGEL: Was muss Merkel noch tun? hängt. Aber bestimmte, gesellschaftlich I: S
 A

         2 0 1 3 75
CARSTEN KOALL / DER SPIEGEL
Berliner Kleingärtner Ninnemann

rüssler – jetzt kämpfen sie gegen finanz-


kräftige Investoren.
IMMOBILIEN In Hamburg hat die Initiative „Eden
für jeden“ mehr als 10 000 Unterschriften

Der Feind in meinem Beet dafür gesammelt, dass ihr Privatparadies


im Pergolenviertel nahe der City Nord
erhalten bleibt; dort plant die Stadt ein
neues Viertel mit 1400 Wohnungen. In
Um die Wohnungsnot zu bekämpfen, wollen Politiker Jena ringen die Kleingärtner um den Er-
Schrebergärten planieren und dort Neubauquartiere halt der Anlage „Am Jenzig“ mit 120 Dat-
schen. In Hannover bangen die Pächter
errichten. In den Kolonien organisiert sich der Widerstand. um rund tausend Parzellen. Und in Mag-
deburg haben Bürger vor sechs Wochen

A
nnette Prien wohnt nur 500 Meter mangelt es an bezahlbaren Unterkünf- eigens eine Gartenpartei gegründet. Sie
von ihrem alten Schrebergarten ten, vor allem fehlen Bauplätze für nennen sich „die Dunkelgrünen“.
entfernt. Die Nähe empfand sie Mehrfamilienhäuser in attraktiver Um- Besondere Unruhe herrscht indes in
immer als Geschenk, jetzt bereitet sie ihr gebung. Berlin, dem Herzen der deutschen Klein-
fast körperliches Unbehagen. Sie meidet Bei Stadtplanern reift daher der Ge- gärtnerei. Hier existieren 926 Vereine,
den Ort, den Anblick will sie sich erspa- danke, mit einem Tabu zu brechen: Schre- die Anlagen erstrecken sich auf rund
ren: „Es tut zu weh.“ bergärten sollen Platz machen für Neu- 3000 Hektar, das entspricht 15-mal der
Wo noch im vergangenen Jahr Apfel- bauquartiere; zumindest ein Teil jener Fläche des Tiergartens. Nirgendwo sonst
bäume blühten und Rosenstöcke dufteten, Kolonien, die sich in urbaner Lage befin- in Deutschland gibt es mehr Kleingärt-
drehen sich heute Bagger und Beton- den. So mancher Kleingärtner muss sich ner – und nirgendwo ist der Protest
mischer. Eine Berliner Baugemeinschaft darauf gefasst machen, dass demnächst schärfer.
zieht im Süden des Bezirks Pankow einen Bagger sein Gemüsebeet abräumen und Etwa 400 Bürger drängten sich vor
Neubaukomplex mit 70 Wohnungen dort ganze Siedlungen aus dem frucht- zwei Wochen in die Aula einer Grund-
hoch. Dafür wurden 18 Parzellen der Ko- baren Boden gestampft werden. schule, um der lokalen Polit-Prominenz
lonie „Famos“ planiert, auch die Laube In einigen Orten ist dieser Prozess auf dem Podium die Meinung zu sagen.
der Kleingärtnerin Prien. schon weit gediehen. In Freiburg haben Es ging um das Schicksal der Kolonie
Fast täglich hätten sie und ihre kleine Ende Juli die Erdarbeiten auf einer ehe- „Oeynhausen“, einer der ältesten der
Tochter dort Zeit verbracht, ein grünes maligen Kolonie begonnen; dort sollen Stadt, mitten in Schmargendorf gelegen,
Refugium im Dickicht der Stadt. „Alles in zwei Jahren die ersten von gut 500 im gutbürgerlichen West-Berlin.
weg“, seufzt Prien. Sie fühle sich, als hät- Wohnungen bezugsfertig sein, viele da- Früher gehörte das Gelände der Post,
te sie ein Stück Heimat verloren. von mit Schwarzwaldblick. vor fünf Jahren hat es ein amerikanischer
Ihr Garten fiel der Wohnungsnot zum In anderen Städten mobilisieren die Finanzinvestor gekauft, laut den Klein-
Opfer, die sich in Berlin, aber auch in Kleingärtner alle Kräfte, damit es gar gärtnern zum Quadratmeterpreis von
anderen deutschen Großstädten erheb- nicht erst so weit kommt. Bislang fürch- 6,45 Euro. Ein Projektentwickler plant
lich verschärft hat. In den Metropolen teten sie nur den gefräßigen Dickmaul- dort 700 Wohnungen zu errichten, man-
76           2 0 1 3
Wirtschaft

che sollen mehr als 4000 Euro pro Qua- Der 68-Jährige sitzt vor seiner Laube Bezug zur Natur. „Die können die Kirsche
dratmeter kosten. und blättert in einem alten Fotoalbum. nicht von der Eiche unterscheiden“, wun-
Der Bezirk habe es über Jahre ver- Ein Bild zeigt ihn als fünfjährigen Stepp- dert sich Franke. Auch deshalb müsse die
säumt, das Areal zu sichern, so der zen- ke, wie er mit seinem Bruder in einer Politik die Parzellen vor dem Zugriff der
trale Vorwurf an dem Abend. Und jetzt Sandkiste spielt. „Das muss dahinten ge- Bauwirtschaft schützen.
kusche die Politik sogar noch vor dem wesen sein“, sagt Ninnemann und deutet Fragt sich nur, wo dann die neuen Stadt-
Investor. Die Kritik ließ Baustadtrat Marc in Richtung Tomatenbeet. Der Berliner wohnungen entstehen sollen. Natürlich
Schulte (SPD) nicht auf sich sitzen. Er ste- hat eine besondere Beziehung zu dem hätten Kleingärten eine wichtige Funk-
he auf der Seite der Kleingärtner, ver- Fleckchen Erde. Er betreibt den Kleingar- tion, räumt Axel Gedaschko ein, der Chef
sicherte der Politiker, doch die hätten ten in dritter Generation, sein Großvater des Bundesverbandes deutscher Woh-
leichtfertig einen Kompromiss abgelehnt: hatte 1904 die Kolonie mitbegründet. nungs- und Immobilienunternehmen.
eine Hälfte der Fläche zu bebauen und In jenen Jahren entstanden zahllose Doch häufig lägen sie eben „genau in den
die andere weiter selbst zu nutzen. Nun Schrebergärten in Deutschland, sie dien- Gebieten, in denen nicht mehr ausrei-
seien deren Karten „verdammt schlecht“. ten als Zufluchtsort für die arbeitende chend bezahlbarer Wohnraum vorhanden
Der Verdruss ist groß in „Oeynhausen“ Klasse. Später, in der Kriegs- und Nach- ist“. Deshalb soll die Politik nach seiner
und den anderen Kolonien, die bundes- kriegszeit, gewannen sie sogar über- Ansicht im Wohnungsbau neue Wege ge-
weit zur Disposition stehen. Im Prinzip lebenswichtige Bedeutung. Der Garten hen, und dazu gehöre es, Kleingärten in
unterliegen Schrebergärten dem Schutz versorgte die hungernden Städter mit die Überlegungen miteinzubeziehen: „Sie
des Bundeskleingartengesetzes. Es regelt Steckrüben und Kartoffeln. sind auch eine Art Baulandreserve.“
beispielsweise, dass eine Laube höchstens Heute ist es in erster Linie der Freizeit- Dieses Flächenpotential unangetastet
24 Quadratmeter messen darf, „ein- wert, der die Kleingärtnerei zu einer Mas- zu lassen fällt in Zukunft noch schwerer.
schließlich überdachtem Freisitz“. Oder senbewegung macht. Rund eine Million In Berlin, Hamburg oder Frankfurt am
dass ein Garten nicht größer als 400 Qua- Pächter in Deutschland suchen Entspan- Main könnte die Nachfrage nach Wohn-
dratmeter sein soll. nung zwischen Stangenbohnen und Ei- raum bis 2030, laut einer aktuellen Studie
Und es legt fest, dass Pachtverträge auf benhecken. Sie sind organisiert in fast des Instituts der deutschen Wirtschaft, um
unbestimmte Zeit geschlossen werden, 15 000 Vereinen, die Namen tragen wie ein Viertel wachsen.
normalerweise jedenfalls, denn es gibt „Frohsinn“, „Gemütlichkeit“ oder „Hei- Am Ende steht die Politik vor einer
Ausnahmen: So kann ein Eigentümer den materde“. Dort bekleiden sie vielerlei schwierigen Abwägung, welches Gut sie
Kleingärtnern kündigen, wenn ein rechts- Funktionen, vom Schriftführer bis zum für wichtiger erachtet: den Bestands-
kräftiger Bebauungsplan vorliegt; im Fall Wegewart. Und sie dekorieren ihre Gär- schutz der Kleingärtner oder den Woh-
von „Oeynhausen“ beruft sich der Inves- ten nach eigenem Gusto: mit Fahnenmast, nungswunsch der Großstädter? Hamburg
tor auf einen Nutzungsplan von 1958. Seerosenteich oder Zierrasen, dessen versucht im Pergolenviertel beide Inter-
Immerhin haben viele Kleingärtner, de- Kanten zuweilen aussehen, als wären sie essen in Einklang zu bringen.
nen die Parzelle gekündigt wurde, An- mit der Nagelschere gestutzt. Dort sollen nicht nur 1400 Wohnungen
spruch auf Ausgleichsflächen. Doch das Der Kleingarten gilt eben auch als Aus- gebaut werden, sondern zugleich auch
Gesetz regelt nicht, wo dieses Land be- druck deutscher Spießigkeit. Doch der die Hälfte der Parzellen bestehen bleiben.
reitzustellen ist – was meist bedeutet: Er- Gartenzwerg befindet sich auf dem Rück- Es ist ein Kompromiss, der Pächterin
satz wird am Stadtrand geschaffen. zug, seit in den Vereinen der Generatio- Eva Weißmann bietet er wenig Trost.
Ein solches Angebot würde er dan- nenwechsel eingesetzt hat. Denn selbst wenn sie dort ein Stück Land
kend ablehnen, sagt Detlef Ninnemann, Mittlerweile ist es bei jüngeren Städtern bekäme, sie müsste wieder bei null an-
ein Berliner Patentanwalt mit Kleingar- angesagt, ein eigenes Stück Boden zu be- fangen: Das Pergolenviertel ist Verdachts-
ten in der Kolonie „Oeynhausen“. Seine ackern. Ein Drittel der Bewerber um va- fläche für Blindgänger und wird mit Bau-
Parzelle liegt genau zwischen Kanzlei kante Gärten seien Familien mit Kindern, beginn der Anlage komplett eingeebnet.
und Wohnung. Wenn Ninnemann abends berichtet Norbert Franke, der Präsident Neue Hecken pflanzen, Beete anlegen,
nach Hause radelt, macht er regelmäßig des Bundesverbands Deutscher Garten- eine Laube aufbauen? Kleingärtnerin
Station im Grünen: „Dann geht es mir freunde. Die Kinder profitierten beson- Weißmann ist 75 Jahre alt. Das will sie
richtig gut.“ ders davon, schließlich fehle ihnen oft der sich nicht mehr antun. AX
 J


Gärtner der Großstadt


Kleingärten je 1000 Einwohner, 2013
(Kleingärten insgesamt)
Leipzig 62 (32 000)

Dresden 44 (23 500) Quelle: Bundes-


verband Deutscher
Gartenfreunde e.V.

Hannover 38 (20 000)

Bremen 30 (16 663)

Frankfurt / Main 23 (15870)


CARSTEN KOALL / DER SPIEGEL

Berlin 20 (67961)

Hamburg 20 (35 641)


Kolonie „Oeynhausen“ in Berlin-Schmargendorf

          2 0 1 3 77
Wirtschaft

mäßig Überraschungskartons an die rund Versand, der zum Internetimperium der


KONSUM 5000 Mitglieder seines Weinclubs. Ber- Berliner Samwer-Brüder gehört, erhöhte
telsmann-Patriarch Reinhard Mohn grün- den Preis für seine Box von 10 auf 15

Ein Gefühl von dete seinen Buchclub 1950. Das erste Euro und trat damit eine Wutlawine los.
SPIEGEL-Abo wurde bereits 1948 abge- „Abzocke“, kommentierten entrüstete
schlossen. Kunden bei Facebook, zu viel Geld für

Weihnachten Aus dieser alten Idee haben junge Fir- solchen „Schrott“, im Drogeriemarkt be-
mengründer in Zeiten des Internets neue komme man die gleichen Pröbchen um-
– und höchst unterschiedliche – Geschäfts- sonst.
Aus der alten Abo-Idee haben modelle entwickelt. Manche bedienen „Gerade bei diesen Überraschungs-
junge Gründer neue spezielle Wünsche: Kunden von Mansbox boxen ist es schwierig, die Kunden lang-
Geschäftsmodelle entwickelt. Vor oder Oh!Saft erwarten, zuverlässig mit fristig zu befriedigen“, sagt Lars Hofacker
den gleichen Unterhosen und Saftoran- vom EHI Retail Institute in Köln. Einen
allem Kosmetika und gen beliefert zu werden. Andere setzen Abonnenten regelmäßig mit dem glei-
Lebensmittel werden verschickt. auf den Überraschungseffekt: Start-ups chen Produkt zu versorgen sei einfacher.
wie Glossybox, Loversbox oder Brand- Doch auch bei den zahlreichen An-

A
lle vier Wochen, jeweils am Mo- nooz müssen ihre Abonnenten mit jeder bietern von Socken- und Rasierklingen-
natsende, wartet Anna Cremer Box für neue Kosmetikprodukte, Sex- Abos steigt der Wettbewerbsdruck. Im-
sehnsüchtig auf den Paketboten. spielzeuge oder Lebensmittel begeistern. mer neue Unternehmen drängen in den
Was er ihr bringt, weiß die 28-jährige „Mit so einer Box wollen wir dem Kun- Markt. Inzwischen verschickt auch Ver-
Sauerländerin nie – nur die Verpackung den alle vier Wochen ein Gefühl von sandriese Amazon Pakete im Abo. Mit
ist stets gleich: ein grüner Karton, 13,5 Weihnachten geben“, sagt Fontaniello. einem Rabatt von 5 bis 15 Prozent auf
Zentimeter hoch, 33,5 Zentimeter breit, Mit Werbesprüchen kennt er sich aus. den Normalpreis wirbt der Internethänd-
29,5 Zentimeter tief, zwei bis vier Kilo- Nach dem BWL-Studium arbeitete er bei ler um eine feste Kundenbeziehung. Die
gramm schwer. einer großen Hamburger Werbeagentur. aktuellen Bestseller: Espressokapseln
Mit dem Paket unterm Arm geht und Eiweißpulver zum Muskel-
sie in ihr Zimmer und schaltet die aufbau.
Kamera ein. Sie holt alle Gegen- Marktforscher Hofacker hat
stände einzeln heraus, hält sie vor noch ein weiteres Problem ausge-
die Linse und kommentiert; eine macht: „Keiner weiß, ob die Grün-
Tüte Reis-Cracker: „Zu viele Ka- der mit ihrem Abo-Fieber langfris-
lorien – nicht so mein Fall“, ein tig die breite Masse anstecken kön-
Glas Tomatensauce: „Find ich su- nen.“ Eine Studie seines Instituts
per.“ Anschließend lädt sie das prognostiziert eher das Gegenteil.
Video bei YouTube hoch und Demnach würden nur 19 Prozent
schaut, wie andere die Produkte der befragten Internetkäufer Abo-
kommentieren. Angebote „bestimmt“ oder „wahr-
Für Daniele Fontaniello, 40, ist scheinlich“ nutzen. Wer als Online-
Anna Cremer ein Glücksfall. Immer shop allein mit Abo-Boxen be-
JÖRG MÜLLER / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGEL

wieder sieht er sich die Videos sei- stehen wolle, müsse eine Nische
ner meist weiblichen Abonnenten bedienen, meint Hofacker.
an und überlegt, wie er seine grü- Die sieht er beispielsweise bei
nen Boxen noch bekannter machen frischen Lebensmitteln. Firmen
kann. Der Mitgründer des Hambur- wie HelloFresh, KommtEssen oder
ger Start-ups Brandnooz beliefert Kochhaus liefern einmal die Wo-
seit April 2012 die inzwischen rund che eine Box mit Nudeln, Gemüse
10 000 Abonnenten der Brandnooz- und Fleisch samt passenden Koch-
Box mit neuen Lebensmitteln. rezepten.
Wie Fontaniello versuchen der- Gründer Fontaniello, Nielsen: Nur die Verpackung ist gleich Das Start-up Meine Spielzeug-
zeit Dutzende Jungunternehmer, kiste versucht, neben dem Abo-
den Versandhandel mit kreativen Ge- Dort lernte er auch seinen Geschäftspart- Hype auch den derzeitigen Trend zum
schäftsideen aufzumischen. Und dazu zäh- ner Johannes Nielsen, 48, kennen. 2009 Leihen zu bedienen. Das Unternehmen
len vor allem Abo-Modelle: Ob Socken, gründeten sie ihre eigene Firma. Mit den liefert gegen eine Gebühr Spielzeug an
Klopapier, Tampons, Schuhe, Schokorie- Abo-Boxen wollen sie, übers Internet, im Eltern, die es nach einer gewissen Zeit
gel, Tee oder Gemüse – fast alles, was laufenden Jahr über zwei Millionen Euro wieder zurückschicken und dafür eine
regelmäßig gekauft wird, kann im Abon- Umsatz erzielen, mehr als dreimal so viel neue Box bekommen. Können sich die
nement bezogen werden. wie im vergangenen Jahr. Kinder wider Erwarten auch nach meh-
Von diesem Konzept profitieren Kun- 20 Prozent seiner Kunden gewinnt reren Wochen nicht von den alten Bau-
den und Unternehmen gleichermaßen: Brandnooz über Facebook. Die sogenann- klötzchen oder der Modelleisenbahn tren-
Die einen sparen sich den Gang zum Dro- ten Unboxing-Videos, in denen Kunden nen, bietet Meine Spielzeugkiste sie den
geriemarkt oder Gemüsehändler, die an- mit strahlenden Augen oder auch mal na- hilflosen Eltern vergünstigt zum Kauf an.
deren können dank der Abonnenten ihre serümpfend ihre neuen Boxen auspacken, Anna Cremer, Mutter eines zweijähri-
Umsätze planen und Kosten kalkulieren. machen die Marke über YouTube be- gen Sohnes, hält die Idee für sinnvoll –
Die Grundidee ist nicht neu, Abonne- kannt. Werbung, die das Unternehmen aber nicht für sich selbst. „Ich glaube, da-
ments gibt es schließlich schon lange. Der keinen Cent kostet, die aber auch ins Ne- für bin ich zu unzuverlässig, was Termine
schwäbische Wirt Herbert Seckler, der gative umschlagen kann. und Fristen angeht.“ Und wer könne
mit seiner Sylter „Sansibar“ zum Liebling Wie schnell das geht, musste im ver- schon sicher sagen, ob er alle Spielsachen
der deutschen Nordsee-Schickeria avan- gangenen Jahr das Berliner Start-up Glos- in der Wohnung, im Garten und im Sand-
ciert, verschickt seit sieben Jahren regel- sybox erfahren. Der Kosmetikpröbchen- kasten wiederfindet. K D

78   
   2 0 1 3
Brauseminar-Besucher in Hamburg
Honiggelb und seifig im Abgang

essieren sich wieder mehr für Lebensmit-


tel.“ Noch in den siebziger Jahren verbot
das Biersteuergesetz in Deutschland die
Verbreitung von Brauanleitungen. Inzwi-
schen dürfen Privatleute nach den Zoll-
vorgaben der Europäischen Union 50 000
Liter Bier im Jahr brauen und verkaufen.
Die Herstellung für den Eigenbedarf ist
bis 200 Liter abgabenfrei.
Peter Hahn, Hauptgeschäftsführer des
Deutschen Brauer-Bunds (DBB), mag dar-
in keine Konkurrenz erkennen, vielmehr
eine willkommene Ergänzung. „Es stei-
gert den Wert von Bier als Kulturgut.“

OLAF BALLNUS / DER SPIEGEL


Brauen sei heute so einfach wie nie
zuvor, sagt Hahn. „Die Gerätschaften
sind immer besser geworden.“ Vor etwa
15 Jahren habe der Brauer-Bund in
Kursen noch empfohlen, Waschmaschinen
zu Sudpfannen umzurüsten. Mittlerweile
gibt es Brau-Automaten im Internet
gebaut, um Käse zu züchten. Jetzt will schon für ein paar hundert Euro. Dazu
HOBBYS er sich am Bier versuchen. gusseiserne Malzmühlen, Zapfhähne und
Nicht nur Gasthäuser sind in den ver- Flaschenetiketten zum Selbstbedrucken.

Marke gangenen Jahren ins Braugeschäft ein-


gestiegen, auch manche Privatleute pro-
duzieren so selbstverständlich Weißbier
War Hopfen früher nur in Fünf-Kilo-
gramm-Säcken erhältlich, bieten Portale
wie der Hobbybrauer-Versand „Hopfen

Eigenbrau oder Pils, wie andere Marmelade ein-


kochen. Das Bier Marke Eigenbrau wirkt
wie ein kleiner Aufstand gegen den Mas-
und mehr“ heute auch 100-Gramm-Päck-
chen an. Das reicht für rund 50 Liter Pils.
Auf Seiten wie hobbybrauer.de tau-
Die Lust am Selbermachen hat senbiermarkt, auf dem Großbrauereien schen die Freizeit-Braumeister Rezepte,
auch die Bierliebhaber die kleinen schlucken und Fernsehbiere von A wie Altbayerisches Dunkel bis W
erfasst. In Seminaren und wie Beck’s oder Krombacher regionale wie Wiener Altbier. Ein Hobbybrauer-
Marken verdrängt haben. Wiki sammelt lexikalisches Wissen.
Internetforen lernen sie, Mehr als 500 alkoholische Selbstver- Kursleiter Andreas Heiß gibt seinen
Hopfen und Malz zu kochen. sorger haben sich zur Vereinigung der Teilnehmern zu Beginn immer ein biss-
Haus- und Hobbybrauer in Deutschland chen Malz zu knabbern und lässt sie an

D
ie Witze dürfen gern ein wenig (VHD) zusammengeschlossen. Sie treffen Hopfendolden zupfen und schnuppern.
schal sein, Hauptsache, das Bier sich zu Stammtischen und Verkostungen. Die Männer bittet er, Malz zu mahlen,
ist frisch. „Das Auge trinkt mit“, Am letzten Wochenende im September die Frauen schütten es in einen Topf mit
sagt Andreas Heiß zu Beginn seines Se- kommen sie zur Jahrestagung im schwä- heißem Wasser und rühren, die Männer
minars. Im alten Ägypten sei Bier sogar bischen Blaubeuren zusammen. Höhe- trennen fest von flüssig.
Grabbeigabe gewesen. „Sie erkennen das punkt soll der Brauwettbewerb sein, bei Der im Hamburger Hofbräuhaus pro-
deutlich in den Bieroglyphen.“ dem drei Kategorien prämiert werden: duzierte Biersud muss noch eine Woche
Heiß, 43, ist Ingenieur für Brauwesen Spezial hell, Roggenbier dunkel, Weizen- gären. Deshalb serviert Heiß das Ergebnis
und Getränketechnologie. Dank einer bock dunkel. Die Sieger erhalten einen eines früheren Seminars. Es hat Zimmer-
Fortbildung zum Biersommelier weiß er, Zentner Malz. temperatur, ist honiggelb und seifig im
dass Bockbier gut zu Wild passt, Alt eher Der Berufsschullehrer Markus Metzger, Abgang. Als Kontrast schenkt er weitere
zu Eintopf, und was aus welchem Glas erster Vorsitzender der VHD, war einer Spezialitäten aus: ein Bier mit Schoko-
am besten schmeckt. Seit einigen Jahren der ersten Kleinbrauer in Deutschland. Aroma, einen Doppelbock, ein zwölf-
fährt Heiß durch Deutschland und lehrt Seit 1990 produzieren er und seine Frau prozentiges Trappistenbier, das an Er-
die Kunst des Brauens. Im Hamburger in ihrem Keller in Karlstadt am Main ihr kältungssaft erinnert, ein Rauchbier, das
Hofbräuhaus, das mit Maibaum und Ge- „Karschter“ Helles. Beim Hausbau hatten nach Schinken schmeckt. Der Alkohol-
birgspanorama auf bayerisch getrimmt die Metzgers die Mini-Brauerei seinerzeit pegel steigt. Mit ihm der Geräuschpegel.
ist, wollen an diesem Sommertag 30 Teil- schon eingeplant. Längst haben sie einen Bald kann Heiß sich nur noch Gehör
nehmer lernen, was Hopfen und Malz im festen Kundenstamm. Die Ware fährt verschaffen, indem er durch die Finger
Innersten zusammenhält. Markus Metzger mit dem Rad aus, sofern pfeift. Er hält eine Tafel hoch, auf der steht,
Darunter sind Spaßtrinker wie Tho- er nicht gerade auf irgendeinem Dorffest dass moderater Bierkonsum das Herz-
mas, der „kulinarisch in Richtung Pils oder Markt in historischer Brauertracht infarktrisiko senke. „Mein liebstes Bier ist
und Weizen unterwegs“ ist, oder Kai aus sein Handwerk bewirbt. das Freibier“, ruft Heiß. Aber da hört be-
Köln, der Kölsch ernsthaft für „das beste Sein Verbandsvize Walter Geißler steht reits niemand mehr zu. AX
 KÜ

Bier auf der ganzen Welt“ hält. Einer, im „Guinness-Buch“ als Besitzer der mit
der zu Hause tatsächlich selbst brauen 5500 Exponaten weltgrößten Weizenglas- Video:
möchte, ist Jürgen, von Beruf Verwal- sammlung. „Der Trend zum Selberbrau- So brauen Sie Bier
tungsbeamter. Er hat schon Wein fabri- en ist seit drei, vier Jahren richtig spür- spiegel.de/app552013selbstbrauer
ziert und einen alten Kühlschrank um- bar“, sagt Geißler. „Die Menschen inter- oder in der App DER SPIEGEL

          2 0 1 3 79
Panorama

O S T E U R O PA

Jagd auf die Jäger


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THOBILE MATHONSI / INDEPENDENT NEWSPAPER


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80 d e r s p i e g e l 2 0 1 3
Ausland

NETWORK / REUTERS
Riskanter Schulweg Einige Kilometer außerhalb der seine Kinder auf diesem Weg jeden Morgen zur Schule
Millionenmetropole Chengdu, der Hauptstadt der Provinz bringt. Er wählt für die Passage meist diese Stelle kurz vor
Sichuan, riss im Juni eine Flutwelle die Brücke über den einem meterhohen Wehr. Das Risiko, sagt Zhang, nehme er
Xiaoshi-Fluss weg. Seither hat die Regierung die Brücke nicht lieber in Kauf als den Umweg von 20 Kilometern über die
repariert – die Anwohner überqueren den Fluss nun einfach nächste Brücke. Schnelligkeit ist wichtig im Boomland China,
so. Einer von ihnen ist der Motorradfahrer Zhang Bing, der Sicherheit nicht immer.

KOMMENTAR wo sie schon einmal waren, als Präsident Gamal Abd al-
Nasser sie in den fünfziger Jahren verbieten ließ: vor dem
Gang in den Untergrund. Erheblich radikalisiert hat sich
In den Untergrund die Organisation bereits. Viele ihrer aufgehetzten Anhän-
ger haben in den vergangenen Wochen Polizisten gelyncht
Von Daniel Steinvorth und christliche Kirchen angezündet. Dieser Prozess wird
sich nun beschleunigen – und sowohl die Muslimbrüder in
Ein Gericht in Kairo hat die Muslimbruderschaft, die ältes- ihrem Märtyrerkult wie die Generäle in ihrem Anti-Isla-
te Islamistenorganisation des Nahen Ostens, für illegal er- misten-Feldzug bestätigen. Dabei wäre ein Verbot nicht
klärt. Ein logischer Schritt, nachdem das Militär Präsident nötig gewesen, die Muslimbrüder haben die Sympathien
Mursi gestürzt, Protestlager der Islamisten aufgelöst und der meisten Ägypter ohnehin längst verspielt. Ähnlich er-
deren Führung verhaftet hatte. Die Bruderschaft, argu- geht es der Hamas im Gaza-Streifen und der zunehmend
mentierten die Richter, sei eine Gefahr für die nationale unbeliebten Nahda-Partei in Tunesien. Doch die Generäle
Sicherheit. Eigentümlich, dass den Islamisten nun das wollten auf die Entzauberung nicht setzen, aus verständ-
Leben unter dem abgesetzten Autokraten Husni Mubarak licher Furcht, die Islamisten würden ihre einmal errungene
fast paradiesisch erscheinen muss: Sie wurden zwar ver- Macht nicht mehr abgeben. Mit dem Verbot machen sie
folgt, aber im Alltag weitgehend toleriert, durften Schulen, jedoch die politische Einbindung der Muslimbrüder gänz-
Firmen und Krankenhäuser betreiben und unabhängige lich unmöglich. Dass dagegen in Ägypten heute niemand
Kandidaten bei den Wahlen stellen. Heute, zweieinhalb aufzubegehren wagt, zeigt umso deutlicher, was allen Bür-
Jahre nach der Revolution, stehen die Muslimbrüder dort, gern des Landes droht: eine Wiederkehr des Polizeistaats.

          2 0 1 3 81
Ausland

B U N D E S TA G S WA H L

Die Frau von nebenan


Die Amerikaner erwarten von Angela Merkels dritter Amtszeit mehr Führungsstärke,
die Franzosen offene Diskussionen über den Euro, und ein
Engländer bewundert gar das moderne Deutschland. Reaktionen aus dem Ausland.

„Sie kann sehr hart sein“


M I C H A I L G O R B AT S C H O W ,
82, früherer Staatspräsident
der Sowjetunion und Friedensnobelpreisträger
FRANK ZAURITZ

M
ich hat sehr überrascht, dass die Freien Demokraten ge Partner in der Regierung sind, schlagen zwei Herzen
aus dem Bundestag geflogen sind. Das hat wohl da- in meiner Brust. Einerseits bin ich Sozialdemokrat,
mit zu tun, dass die Partei keine Figuren wie Hans- andererseits habe ich die internationale Umweltschutz-
Dietrich Genscher mehr hat. Das Potential für eine liberale organisation Grünes Kreuz gegründet und bin immer noch
Partei scheint mir in Deutschland immer noch groß zu sein. ihr Präsident. So wie ich die Deutschen kenne, wird es
Angela Merkel kann sehr hart sein, aber sie ist vor allem wohl auf eine Große Koalition hinauslaufen. Ob Schwarz-
eine Politikerin, die zuhören und Kompromisse schmieden Rot oder Schwarz-Grün ist aber für uns nicht entscheidend.
kann. So hat sie es geschafft, die Interessen Deutschlands, Letztlich ruhen die deutsch-russischen Beziehungen jenseits
Europas und der Welt in ihren Entscheidungen auszubalan- der Tagespolitik auf einem über Jahrzehnte gewachsenen
cieren. Bei der Frage, ob die SPD oder die Grünen der richti- soliden Fundament.

82           2 0 1 3
„Deutschland muss führen“
J U L I A N N E S M I T H , 44, bis vor kurzem außenpolitische
Beraterin von US-Vizepräsident Joseph Biden

V
 n Wahnton hoffn t anm, a Dutch-
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Wachtumoamm änzt. Da jtz Wah-
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ATHENS NEWS AGENCY

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„Ein Lehrstück für uns“ Joh Bn  wkch
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PA N T E L I S K A P S I S , 58, stellvertretender wünchn w un, a
Kulturminister in Griechenland Mk ch w tä-
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DAVID LIENEMANN
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Immhn hat  SPD ch fü nn Mahaan zu Hf ntn Go W. Buh
Gchnan auochn, hab wä h R- bm G-8-Gf n H-
unbtun otv fü un. D Buntawah t namm au n Bockahatun nüb Abkom-
auch n Lhtück fü Gchnan. En tak otch mn zum Kmachutz zu ön, n oß Ltun. St-
Mtt wa ja chon Kona Anau Taum, amt  n h t  Kanzn vocht won. Wnn  um
w zu n Domnanz  otchn Extm kom-  Btun an Mtänätzn n Ma, Lbyn o Sy-
mn kann. B un n Gchnan at a  n n, hat Dutchan zutzt mm w vkünt:
nau a Gnt: D chtoutchn un xt- „Lb ohn un.“ W wün un wünchn, a Bn
mn Patn än zunhmn  otch Ana. ma w „Btt mt un“ at.

„Als Frau und Diplomatin habe ich Angela Merkels


Leistungen über die Jahre genau verfolgt. Sie verdient
ihren Erfolg. Deutschland und Europa können sich glücklich
KATHARINA HESSE / DER SPIEGEL

schätzen, sie in dieser Führungsposition zu haben.“


F U Y I N G , 60, Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses
des Volkskongresses in Peking

d e r s p i e g e l 2 0 1 3 83
„Modernes Deutschland“
A L A STA I R CA M P B E L L , 56, Berater
und Regierungssprecher unter Tony Blair

E
in Wahlkampf, wie ihn Angela Merkel geführt hat,
wäre in Großbritannien schwierig durchzuhalten. Sehr
zurückhaltend, ohne visionäre Reden, ohne jemandem
an die Gurgel zu gehen. Ed Miliband, der Labour-Vorsitzen-
de, versucht gerade, ähnlich zu agieren, aber er wird dafür
schwer kritisiert. Natürlich hätte Merkels Wahlkampf, die
Auseinandersetzung zwischen ihr und den politischen Geg-
nern, hitziger sein können. Aber warum hätte sie Risiken ein-
gehen sollen?
Die meisten Menschen denken, dass ein moderner Politiker
immer präsent, die rhetorischen Fähigkeiten Barack Obamas
besitzen, gut aussehen und voller Energie sein muss. Merkel
hat sehr viel Macht, aber sie brüllt das nicht zum Fenster
hinaus. Das macht sie noch stärker. Die Wähler sind nicht
dumm, sie spüren sehr genau, wer authentisch ist. Ich bin ein
großer Fan von Deutschland. Die Art, wie dort Debatten zwi-
schen Politikern und Journalisten geführt werden, ist klüger
und reifer als bei uns.
Wir diskutieren in Großbritannien auf die denkbar lächer-
lichste Weise über Europa, vieles sind Lügen oder Halbwahr-
heiten. Wenn man sich deutsche Zeitungen anschaut, sieht
man Berge von Wörtern. Die Menschen können in aller Brei-
te und Tiefe lesen, was gerade passiert. Ich glaube, dadurch
entstehen gesündere Debatten. Von allen Staatschefs ist für
DAVID LEVENE / PICTURE PRESS

mich Angela Merkel am eindrucksvollsten. Sie verkörpert


etwas vom modernen Deutschland, sie gibt nicht vor, jemand
anders zu sein als sie selbst. Zudem agiert sie in der Schul-
denkrise außerordentlich geschickt, obwohl es brutal sein
muss, halb Europa zu retten und von den ärmeren Ländern
immer als Hexe gebrandmarkt zu werden.

„Viele Bürger verstehen nicht mehr, was Europa will“


BRUNO LE MAIRE, 44, französischer Abgeordneter der konservativen UMP

A
ngela Merkel ist heute die große europäische Figur, Ich finde es bedauerlich, dass selbst führende sozialistische
eine Politikerin von historischer Statur. Sie hat trium- Politiker mit der Angst vor Deutschland spielen. Diese Ger-
phiert, weil sie mit ihrer Politik für den Konsens steht. manophobie zeigt, wie sehr unser Land gerade leidet.
Sie polarisiert nicht, sondern bringt die Bürger zusammen. Angela Merkel hat nun eine historische Wahl zu treffen:
Für mich verkörpert sie das neue Deutschland: ein Land, das Wozu wird sie ihren Sieg nutzen? Allein zum Wohl Deutsch-
Vertrauen in sich selbst hat und ein Bewusstsein dafür, was es lands? Oder dazu, die europäische Einigung voranzubringen?
war und ist. Ein Land, das vor zehn Jahren der kranke Mann Der Erfolg der AfD ist ein Alarmsignal, das wir ernst nehmen
Europas war und das wieder Kraft gefunden hat. Doch nichts müssen. Die heutige Union funktioniert nicht, und deshalb
wäre schlimmer für Europa als ein Deutsch- sind Extremisten und Euroskeptiker auf dem
land, das allein vorgeht. Vormarsch. Viele Bürger verstehen nicht
Die Bundeskanzlerin braucht daher einen mehr, was Europa will und was es ausrichten
glaubwürdigen französischen Partner. Es ist kann. Bei uns fordert der Front national den
nun an Frankreich, seine Kraft wiederzufinden, Austritt aus dem Euro. Wenn wir solche De-
indem es echte Reformen durchführt. Manche batten verhindern wollen, müssen wir die Sor-
in Frankreich haben geglaubt, dass Angela gen der Leute ernst nehmen. Wir müssen dar-
LIONEL BONAVENTURE / AFP

Merkel für ihre Politik keine Mehrheit habe über sprechen, ob der Euro nicht zu hoch be-
und es in Deutschland lauter soziale Probleme wertet ist und ob wir eine andere Geldpolitik
gebe. Die Regierung unter François Hollande der EZB brauchen. Es wäre wichtig, Angela
hat zu lange darauf gesetzt, dass Merkel abge- Merkel würde ihren Partnern zeigen, dass sie
wählt werden könnte. offen für solche Diskussionen ist.

84           2 0 1 3
Ausland

„Ein Sieg der Logik“


g i   i A  o f e r r A r A , 61, Herausgeber der rechts-
konservativen Tageszeitung „Il Foglio“

D
ies ist ein typisch deutscher Wahlsieg, ein Sieg der
Logik. Deutschland hat eine beeindruckend niedrige
Arbeitslosenquote, es hat sich Wohlstand erarbeitet,
und „Mutti di ferro“, die eiserne Mutti, trägt einen erwarte-
ten Sieg nach Hause. Mir gefällt La Merkels Un-Stil. Sie hat
nicht den Swing von Barack Obama, sie tanzt nicht, sie ist
nicht „My Fair Lady“, sondern „Bild“-Zeitung. Ihre Reden
im Bundestag ragen nicht hervor, ihr Berlin hat keinen Bei-
geschmack von Grandeur.
Sie ist der Gegenentwurf zum männlichen Narzissmus, sie
hat, wenn man so will, die Siegessäule im Tiergarten kas-
triert. Reformen und eine besonders phantasievolle Politik

KRZYSZTOF ZUCZKOWSKI / FORUM


wird man von der CDU nicht erwarten können. Merkel ist
wie eine Ingenieurin, sie wird sich weiterhin darum küm-
mern, dass die Brücke hält, über die die schweren Laster
donnern.
Für uns Italiener, die von ihren Politikern große Gesten
gewohnt sind, das Aufgesetzte, die Übertreibung, die plötz-
liche Volte, ist erstaunlich, wie diese Frau das Land des
„Übermenschen“ reprä-
sentiert. La Merkel ist
eine Mischung aus Profes-
sionalität und Frau von
„Ein gutes Szenario“
nebenan. Auf sie ist Ver- A  e kA   e r kwA   i e w  k i , 58, Vorsitzender einer
lass, sie verspricht Kon- proeuropäischen Stiftung und Ex-Präsident Polens
tinuität.

E
Wir Italiener waren nach s ist beachtlich, in Zeiten der Krise und während das
unserer chaotischen Wahl Vertrauen in Politik und Politiker allgemein sinkt, so
im Februar schon darauf ein gutes Ergebnis zu erzielen. Dieser Wahlsieg ist ein
eingestellt, wieder in die persönlicher Erfolg von Angela Merkel – und erst in zweiter
Schuldenfalle zu galop- Linie einer der CDU und CSU. Die Niederlage der Sozialde-
CARLO LANNUTTI / DER SPIEGEL

pieren. Aber das ist nach mokraten dagegen zeigt, dass die europäische Linke Schwie-
dieser Wahl nicht mehr rigkeiten hat, ihre Position in einer globalen Welt zu bestim-
möglich. Wir werden Mer- men. Eine Große Koalition in Berlin ist vielleicht von bei-
kel in den nächsten vier den Partnern nicht unbedingt gewollt, für Europa wäre sie
Jahren noch oft fürchten, aber ein gutes Szenario. Eine starke Regierung in Berlin
hassen und nicht verste- und eine unantastbare Bundeskanzlerin sind nötig, denn die
hen. Was Berlusconi von Europäische Union steht vor großen Herausforderungen.
einer starken Merkel hält, ist schwer zu sagen, wie alles bei Die proeuropäische Haltung aller möglichen Koalitionspar-
Berlusconi im Moment. Was der neue Papst von ihr hält, teien ist ein Garant dafür, dass die Deutschen weiter aktiv
liegt hingegen auf der Hand. Merkel wuchs im Osten auf, die Stärkung der EU betreiben und die Integrationshoffnun-
sie glaubt an Wirtschaft und Wohlstand. Für Franziskus ist gen der osteuropäischen Länder unterstützen werden. Und
Geld der Inbegriff des Teufels, für ihn muss Merkel so etwas was bedeutet die Wahl für Polen? Für uns ändert sich nichts:
wie die Antipäpstin sein. Wir kennen und schätzen Angela Merkel schon lange.

„Wir hoffen, dass das deutsche Engagement weitergeht.


Frau Merkel macht aus unserer Sicht eine erfolgreiche
THOMAS KOEHLER / PHOTOTHEK.NET

Friedenspolitik: die Nicht-Einmischung in Libyen,


die vorsichtige Politik in Syrien, das sehen wir positiv.“
r A  g i  A  fA r  pA  tA , 60, Nationaler Sicherheitsberater
der Islamischen Republik Afghanistan

          2 0 1 3 85
Ausland

kanische Botschaft vor 15 Jahren. Und Von Anfang an operierte al-Schabab,


KENIA noch während das Drama lief, bekannte deren Stärke auf bis zu 5000 Mann ge-
sich die somalische Islamistenorganisa- schätzt wird, auch im Ausland. Im Juli

Bittere Früchte tion al-Schabab zur Tat.


Kenianische Truppen waren 2011 ins
zerrissene Nachbarland einmarschiert,
2010 töteten Selbstmordattentäter in der
ugandischen Hauptstadt Kampala 74 Men-
schen, die sich eine TV-Übertragung des
Der Terroranschlag auf ein um die Islamisten zurückzudrängen – und Endspiels der Fußball-Weltmeisterschaft
Einkaufszentrum in Nairobi zeigt: nun rächten die sich offenbar. Während ansahen. Ein Racheakt gegen die ugandi-
Somalias Islamisten sind sie in Somalia selbst längst nicht mehr so sche Armee, die im Rahmen der afrika-
stark sind wie früher, zeige die Schabab nischen Friedensmission Amisom seit An-
daheim geschwächt – aber im jetzt, so fürchten Terrorexperten, dass fang 2007 in Somalia im Einsatz ist.
Ausland umso gefährlicher. man im Ausland mit ihr rechnen muss. Als dann die Truppen aus Kenia in So-
Al-Schabab bedeutet auf Deutsch „die malia einmarschierten und halfen, die Ex-

D
er niederländische Journalist Ar- Jugend“. Die Terrortruppe wurde 2006 als tremisten vor allem aus Mogadischu und
jen Westra, 43, saß gerade in ei- militanter Flügel der Scharia-Gerichte ge- der Hafenstadt Kismaju zu vertreiben,
nem Café und dachte über seinen gründet, einer radikalislamischen Union, wurde das Nachbarland zum Angriffsziel
nächsten Artikel nach, als die Hölle los- die die Macht im Süden Somalias und in erklärt. Geld genug, auch für größere
brach. Um 11.45 Uhr am vergangenen der Hauptstadt Mogadischu an sich geris- Operationen im Ausland, hat die Schabab
Samstag hörte er plötzlich eine gewaltige sen hatte. Die jungen Milizionäre sahen noch: Exil-Somalier schicken Spenden,
Explosion und das scharfe Rattern von sich als Freiheitskämpfer gegen „auslän- vor allem aber pressen die Islamisten die
Sturmgewehren, ganz nah. Das Café ge- dische Invasoren“ aus Äthiopien, die mit von ihnen kontrollierten Landstriche So-
hört zum Einkaufszentrum Westgate Mall amerikanischer Militärhilfe versuchten, malias gnadenlos aus.
in Nairobi. Die Gäste auf der Terrasse die Fundamentalisten zu verjagen. Al-Schabab sei absolut in der Lage, die
gerieten in Panik und rannten schreiend Somalia hatte nach einem Umsturz Region am Horn von Afrika zu destabi-
in den Innenraum. „Ich kam mir vor wie 1991 aufgehört, als Staat zu existieren. lisieren, warnen Sicherheitsexperten der
in einem Kriegsfilm. Aber ich ahnte Das führungslose, von Clankämpfen zer- Vereinten Nationen. Die Kommando-
gleich: Das ist keine Fiktion, das ist ech- rissene Land entwickelte sich zu einem strukturen seien intakt, die Gruppe lege
ter Horror.“ idealen Rückzugsraum für militante Isla- Waffendepots für die Zeit nach dem Ende
Im Chaos gelang es Westra irgendwie misten aus aller Welt – und al-Schabab der Friedensmission an. Und sie habe in
zu fliehen – während in der Mall das Ster- zum Sammelbecken für die Internationa- den vergangenen Jahren Hunderte Morde
ben begann: Dutzende Menschen wurden le muslimischer Terroristen. und Sprengstoffanschläge organisiert,
von Handgranaten zerfetzt oder erschos- Nach Erkenntnissen der US-Geheim- heißt es in einem Bericht für den Uno-
sen. Und für viele ging die Tragödie Stun- dienste haben sich nach dem Tod von Sicherheitsrat.
de um Stunde weiter; die Angreifer hat- Osama Bin Laden Mudschahidin aus Annette Weber, Afrika-Expertin der
ten Geiseln genommen, die kenianische Afghanistan und Pakistan offenbar der Stiftung Wissenschaft und Politik, be-
Armee rückte vor, es wurde ein blutiges Schabab angeschlossen. Im Februar 2012 zweifelt, dass die jüngste Bluttat von So-
Gefecht zwischen Regalen und Kühl- schwor ihr Führer Ahmed Abdi Godane malia aus gesteuert wurde. „Der interna-
truhen. den Treueeid auf al-Qaida. Inzwischen tionale Flügel der Terrorgruppe ist stär-
Der Überfall auf das Einkaufszentrum sollen auch Exil-Somalier aus den USA ker geworden.“
ist die schlimmste Terrorattacke in Kenia und anderen westlichen Ländern bei der Fest steht, dass die Dschihadisten
seit dem Bombenanschlag auf die ameri- Gruppe sein. immer häufiger ungeschützte Ziele wie
die Westgate Mall ins Visier neh-
men, die sich mit relativ geringem
Risiko angreifen lassen. „Wir wer-
den nicht mit der kenianischen
Regierung verhandeln, solange
ihre Armee in unser Land ein-
dringt“, twitterte ein Vertreter von
al-Schabab, noch während die
Mördertruppe im Einkaufszen-
trum wütete. „Erntet die bitteren
Früchte.“
Das Hauptziel der Islamisten sei,
Ländern wie Kenia und Uganda,
die Somalias Regierung unterstüt-
zen, maximalen Schaden zuzufü-
gen, sagt Daveed Gartenstein-Ross
von der Foundation for Defense of
Democracies in Washington. Das
sei ihnen in Nairobi gelungen: „Mit
nur ein paar Kämpfern haben sie
eine mehrtägige Pattsituation er-
GORAN TOMASEVIC / REUTERS

zeugt und enorme Verwüstungen


hinterlassen.“
Und der Amerikaner warnt: „Es
wird Versuche geben, Angriffe wie
in Nairobi in westlichen Ländern
zu wiederholen.“
Evakuierung in der Westgate Mall: „Das ist echter Horror“ B
G 

86 
   2 0 1 3
Swjazki: Das habe ich immer zusammen
mit den drei Femen-Gründerinnen getan,
in enger Abstimmung. Die kenne ich seit
Jahren aus meiner Heimatstadt Chmel-
nizki. Femen ist ein Gemeinschaftspro-
jekt, ich bin kein Tyrann.
SPIEGEL: Es gibt noch andere Vorwürfe ge-
gen die Gruppe – sie soll mit der ukraini-
schen Regierung kooperiert haben. Der
Chef der Präsidialverwaltung hat in einer
Talkshow anrufen lassen, um Frauen von

ANDRE EICHHOFER / DER SPIEGEL


Femen als Gäste durchzusetzen.
Swjazki: Den Anruf mag es gegeben haben,
und es kann sein, dass unsere Aktionen
dem Administrationschef gefallen. Eine
Abmachung aber gab es nicht. Keiner hat
Organisator Swjazki in Kiew uns je gekauft. Wir nutzen jede Chance,
um in Medien aufzutreten. Wer uns war-
um zu Talkshows einlädt, können wir so
wenig kontrollieren wie das Wetter.
UKRAINE SPIEGEL: Wieso hat sich Femen nie für die
inhaftierte Oppositionsführerin Julija Ti-

„Ich bin kein Tyrann“ moschenko engagiert?


Swjazki: Wieso sollten wir? Nur weil sie
eine Frau ist? Timoschenko war in ihrer
Amtszeit ein Mann, der einen Rock trug.
Der Ukrainer Wiktor Swjazki, 36, soll als Ideologe Die meisten Ukrainer halten sie für ebenso
die Feministinnen der Protestgruppe schlecht wie den jetzigen Präsidenten Ja-
nukowitsch. Als sie an der Macht war, gras-
Femen dominiert haben – nun ist er untergetaucht. sierte die Korruption so wie heute. Im Wes-
ten aber denkt man, dass sie eine Märty-
SPIEGEL: Herr Swjazki, warum sind Sie rerin ist, nur weil sie im Gefängnis sitzt.
Ende vergangener Woche aus der Ukrai- SPIEGEL: Wieso ist Femen in der Ukraine
ne geflohen? weniger beliebt als im Westen?
Swjazki: Ich wurde zweimal von Unbe- Swjazki: Weil den meisten Leuten hier Po-
kannten zusammengeschlagen. Dann hat litik egal ist. Wir haben eine globale Be-
uns die Polizei Ende August auch noch wegung geschaffen, einen neuen Feminis-
Waffen im Femen-Büro in Kiew unter- mus. Es geht um genauso viel wie bei Nel-
PHILIPPE QUAISSE / DER SPIEGEL

geschoben und dazu Flugblätter, die son Mandelas Kampf gegen die Apartheid.
Russlands Präsidenten Wladimir Putin SPIEGEL: Was verstehen Sie unter einem
und Patriarch Kirill, das Oberhaupt der neuen Feminismus?
russisch-orthodoxen Kirche, in einem Swjazki: Der alte Feminismus funktionierte
Fadenkreuz zeigen. Ein Ermittlungs- so, dass Frauen graue Pullis trugen und
verfahren wurde eingeleitet, mein An- sich Haare unter den Achseln wachsen
walt erhält aber keine Akteneinsicht. Ich ließen. Irgendwie wollten sie so sein wie
weiß also nicht, ob ich Zeuge oder Femen-Aktivistinnen in Paris Männer. Der neue Feminismus sagt: Es ist
Beschuldigter bin. Deshalb tauchte ich „Ein kleines Patriarchat abgeschüttelt“ gut, dass Frauen sich von Männern unter-
unter und entschied mich, in einem scheiden. Die Frau ist schön, ihre Brüste
westeuropäischen Land Asyl zu bean- in dem der russische Geheimdienst un- sind ein Symbol der Weiblichkeit. Deshalb
tragen. gehindert operiert. gehen die Frauen von Femen oben ohne
SPIEGEL: Wer steckt hinter den Attacken SPIEGEL: Durch einen Dokumentarfilm auf die Straße. Nur durch Unterscheidung
auf Sie und Femen? über Femen stehen Sie selbst in der erreichen wir wirkliche Gleichheit.
Swjazki: Ich halte das für Racheaktionen Kritik. Im Machostil sollen Sie als Ideo- SPIEGEL: Alle Femen-Gründerinnen sind
des russischen Geheimdienstes. Bei der loge und Manager im Hintergrund die inzwischen aus der Ukraine geflohen –
Hannover Messe im April waren Femen- Feministinnengruppe dominiert haben. wie geht es also weiter?
Aktivistinnen auf Putin zugestürzt, wie Swjazki: Die Regisseurin Kitty Green Swjazki: Das neue Zentrum ist Paris. Von
üblich halbnackt. Er hat zwar danach kam aus Australien. Zusammen über- dort aus wird Femen Mädchen aus aller
erklären lassen, die Aktion habe ihm legten wir, wie wir ihren Film spannend Welt rekrutieren. Femen ist wie die Frem-
gefallen, tatsächlich aber war er wütend machen können. Kitty hat vorgeschla- denlegion, die überall zuschlagen kann.
über die öffentliche Demütigung. gen: Wiktor, du bist in dem Film der In die Ukraine wird Femen ausländische
SPIEGEL: Was hat die Ukraine damit zu Tyrann, und die Mädchen haben Angst Frauen schicken, die wegen ihrer Pässe
tun, sie ist doch ein selbständiger Staat? vor dir. Am Ende würden die Mädchen dort besser geschützt sind.
Swjazki: Sie ist eine Enklave Putins. sich dann von mir befreien. So wurde SPIEGEL: Sind Sie noch bei Femen?
SPIEGEL: Wieso erklärt der ukrainische der Film schließlich auch gedreht. Doch Swjazki: Nein. Ich habe alles getan, was
Präsident Wiktor Janukowitsch dann, er ganz so schlimm wie in diesem Plot bin in meiner Macht stand. Femen hat ein
wolle sein Land näher an Europa rücken, ich nicht. kleines Patriarchat schon abgeschüttelt,
er meint damit weg von Russland. SPIEGEL: Aber Sie sind doch der starke nämlich mich. Jetzt kämpfen die Frauen
Swjazki: Das ist nur Show. Wir sind ein Mann hinter Femen – Sie wählten bislang weiter gegen das große Patriarchat.
vom Kreml kontrollierter Vasallenstaat, die Frauen aus und planten die Auftritte. I: A E

, M 
  S


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ALESSIO ROMENZI / DER SPIEGEL

Syrische Flüchtlinge im Südlibanon: Was ist, wenn sie für immer bleiben, wie die Palästinenser?

LI BANON

Feinde in der Not


Über eine Million Syrer sind bis heute in den Libanon geflüchtet – und geraten
auch dort zwischen die Fronten: Der Krieg in Syrien
spaltet die Libanesen in religiöse Lager, militante Islamisten schüren den Hass.

D
er General hat sie kommen sehen, Behörde, die den fliehenden Massen aus Die Flüchtlingsflut destabilisiert das oh-
die Welle der syrischen Flüchtlin- Syrien helfen soll. „Aber wie soll man in nehin schwache, krisengebeutelte Land,
ge. Er habe seine Regierung ge- einem so kleinen Land so viele Flüchtlin- das im Norden und Osten an Syrien
warnt, sagt er, seit über zwei Jahren, im- ge unterbringen?“, fragt er. „Jeder Vierte grenzt, im Süden an Israel. Die Front zwi-
mer wieder habe er gesagt: Baut Flücht- hier ist inzwischen ein syrischer Flücht- schen Sunniten und Schiiten läuft mitten
lingslager. Baut endlich Flüchtlingslager. ling.“ durch den winzigen Staat, er liegt im
Aber die Regierenden im Libanon, zer- Und jeden Tag melden sich 3000 neue Brennpunkt eines Konflikts, der die gan-
stritten und handlungsunfähig, hätten bei einem der vier Zentren des Flücht- ze Region erfasst. Die Schiiten-Miliz His-
nichts unternommen. Und nun sei es zu lingshilfswerks der Vereinten Nationen. bollah kämpft aus dem Libanon gegen
spät: „Jetzt haben wir all diese Proble- Über 750 000 wurden bislang registriert, den „zionistischen Feind“ – und seit die-
me“, klagt der General, „Kriminelle, Pros- 625 000 davon in diesem Jahr. Dann sind sem Frühling zudem gegen die mehrheit-
tituierte, Bettler, überall, im ganzen da noch all jene, die unbemerkt die Gren- lich sunnitischen Rebellen in Syrien.
Land!“ ze überqueren und abtauchen. Die Helfer So geraten die Flüchtlinge auch hier
General Ibrahim Bachir, 60, leitet die gehen von insgesamt weit über einer Mil- zwischen die Fronten. Die Hilfsorganisa-
„High Relief Commission“, die staatliche lion Flüchtlingen aus, nur im Libanon. tionen sind hoffnungslos überfordert, ih-
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Ausland

nen fehlt das Geld selbst für das Nötigste. en sich nicht mehr ins Land, seit nebenan tet die Bevölkerung in Anhänger und
Umgerechnet rund sechs Milliarden Euro der Bürgerkrieg tobt. Zwischen moder- Gegner der schiitischen Miliz, die auch
werden die Flüchtlinge den Libanon bis nen Protzbauten stehen von Geschossen eine Volkspartei sein will. Bei Terror-
Ende kommenden Jahres kosten – so ein durchlöcherte Ruinen, Mahnmale vergan- anschlägen und Vergeltungsangriffen in
Report, den die Weltbank für die Uno- gener heimischer Kriege. mehreren Städten starben zwischen Juni
Generalversammlung in den letzten Ta- General Bachir, im dunklen Anzug, das und August über hundert Menschen – vor
gen zusammengestellt hat. Die Uno wird Haar straff über die Glatze gekämmt, ist allem Zivilisten.
wohl helfen müssen; nur wie genau, das ein Mann, der Ordnung schätzt; die Pa- „Ihr Europäer wollt uns syrische Chris-
ist noch unklar. piere auf seinem Schreibtisch sind wie ten umbringen!“, ruft ein aufgeregter jun-
Wenn die Zahl der Flüchtlinge auf zwei mit dem Lineal in Stapel und Reihen sor- ger Mann an einer Tankstelle in einem
Millionen anschwelle, prophezeit Bachir tiert. Er will jetzt noch einmal versuchen, christlichen Viertel von Beirut. „Ihr unter-
düster, würden die Libanesen aus dem den Flüchtlingsstrom zu organisieren: in stützt Verbrecher, die unsere Häuser zer-
Libanon fliehen: „Wir sind selbst nur drei sechs großen Lagern. „Menschenwürdig stören. Die Rebellen ermorden Christen,
Millionen, mehr nicht!“ Außerdem lebe und modern“ sollten diese werden, sagt die nicht zum Islam konvertieren wollen,
man seit Jahrzehnten mit Hunderttausen- er, „nicht wie die Palästinenserlager“. sie vergewaltigen unsere Frauen“, sagt der
den Flüchtlingen aus Palästina. Dann könne man den Syrern sagen: „Wer Mann, der sich Sami nennt, er spricht
Oder jedenfalls neben ihnen: Die Pa- hier leben will, kann in ein Lager gehen. schnell und atemlos. Gleichzeitig zieht er
lästinenser, die nach 1948 und 1967 im Li- Und wer das nicht möchte, kann direkt sein Handy aus der Hosentasche und zeigt
banon Unterschlupf suchten, und ihre nach Syrien zurückkehren.“ das Foto eines Schutthaufens. Das sei sein
Nachkommen hausen bis heute zusam- Die Frage ist, wann Bachir seinen Plan Haus in der Nähe von Hama gewesen, sagt
mengepfercht in weitgehend rechtsfreien präsentieren kann – und wem eigentlich? er, Rebellen hätten es zerstört.
Elendsvierteln, den palästinensischen Seit der Premierminister im März zurück- Der Syrer Sami ist seit über einem Jahr
Flüchtlingslagern. Sie können weder in getreten ist, gibt es nur noch eine kom- im Libanon, aber er hat sich nicht bei der
die Palästinensergebiete zurückkehren missarische Regierung. Die sunnitischen Uno-Flüchtlingsorganisation UNHCR re-
noch libanesische Bürger werden. Parteien weigern sich, mit der stärksten gistriert. Er hat Glück gehabt und einen
Auch deshalb scheuen die Politiker da- Kraft im Land, der Hisbollah, zusammen- Job an der Tankstelle gefunden. Der Be-
vor zurück, neue Lager für die Syrer ein- zuarbeiten. Die Schiiten-Miliz, die seit sitzer hat für eine Gruppe syrischer Chris-
zurichten: Was ist, wenn sie dann für im- kurzem auch von der Europäischen Union ten einen Verschlag hinter der Tankstelle
mer bleiben, wie die Palästinenser? als Terrororganisation eingestuft wird, be- hergerichtet, mit drei Etagenbetten, zwei
Im Geschäftsviertel von Beirut, wo der steht jedoch darauf, an der neuen Regie- Matratzen, einem Tisch und einem Ven-
General in seinem riesigen, von Soldaten rung beteiligt zu sein. Und die christlichen tilator gegen die drückende Hitze. Dort
bewachten Büro über einen Ausweg nach- Parteien unterstützen teilweise die His- dürfen die Flüchtlinge schlafen. Dafür wa-
denkt, ist von der Flüchtlingskrise nicht bollah, teilweise das sunnitische Bündnis. schen und reparieren sie Autos, zwölf
viel zu sehen. Bürotürme aus Glas und So gelang es dem designierten Premier- Stunden am Tag. Sie begnügen sich mit
Marmor funkeln im Licht der September- minister Tammam Salam bislang nicht, einem Lohn von rund 400 Dollar im Mo-
sonne. Die exklusivsten Designerlabels ein Kabinett zu bilden. Die Parlaments- nat, etwa halb so viel, wie ein Libanese
finden sich hier: Hermès, Armani, Sonia wahlen, die im Juni hätten stattfinden sol- verdienen würde.
Rykiel – das Krisengebiet ist auch ein len, wurden um fast anderthalb Jahre ver- Wenn das Assad-Regime fiele, fürchtet
Shoppingparadies. schoben. Sami, würden radikale Islamisten aus Sy-
Doch die Straßen und Läden sind leer. Und seit die Hisbollah in Syrien an der rien in den Libanon vordringen und die
Die Touristen aus den Golfstaaten, die Seite des Assad-Regimes kämpft, ist der Hisbollah angreifen. „Dann werden sie
sich normalerweise hier vergnügen, trau- Krieg im Libanon angekommen. Er spal- alle Christen umbringen.“
Ein paar Straßen weiter beginnt Dahija,
das von der Hisbollah kontrollierte Ge-
biet der Stadt. Man muss sich durch end-
lose Staus vor den Checkpoints quälen.
Die Schiiten-Miliz hat die Kontrollposten
nach dem jüngsten Bombenanschlag im
August an allen Zugängen errichtet.
Dort wird man von schwarzuniformier-
ten Jünglingen mit Walkie-Talkies und gel-
ben Bändern an den Armen durchgewinkt.
Ernste Märtyrer blicken in Dahija von Pos-
tern herab, überall prangen die hiesigen
Stars überlebensgroß auf Plakaten: Hassan
Nasrallah, der Hisbollah-Chef, und Ba-
schar al-Assad, der syrische Diktator.
Der Kommandeur einer Hisbollah-Ein-
heit fährt voran, er trägt einen Kampf-
anzug und trotz der Hitze schwere Stiefel.
Es ist ein inoffizielles Treffen in einer
ALESSIO ROMENZI / DER SPIEGEL

spärlich eingerichteten Wohnung über


einem Waffenlager. Der Hisbollah-Kämp-
fer, ein bulliger Mann Mitte vierzig, mit
Bart und rasiertem Schädel, nennt sich
„Abu Dschihad“, „Vater des Heiligen
Krieges“.
Abu Dschihad erzählt von der Schlacht
General Bachir: „Kriminelle, Prostituierte, Bettler, überall, im ganzen Land!“ um Kusair, jene syrische Kleinstadt, die
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Hisbollah-Kämpfer vor kurzem für das
Assad-Regime zurückeroberten. Ihm und
den Kommandeuren der anderen Kämp-
fertrupps, jeweils 30 bis 40 Mann, seien
ein Datum und eine Uhrzeit mitgeteilt
worden, dann seien sie in einer Karawane
von Kleinlastern losgefahren.
Als die Hisbollah-Kämpfer nach etwa
zwei Stunden vor Kusair ankamen, legten
sie ihre Zivilkleidung ab, zogen Tarn-
anzug und schusssichere Weste an und
hängten die Kalaschnikow um. „Ich war

ALESSIO ROMENZI / DER SPIEGEL


glücklich“, sagt Abu Dschihad und lä-
chelt. „Ich war auf dem Weg, ein Mär-
tyrer zu werden im Kampf gegen Krimi-
nelle.“ Während er spricht, spielt er ab-
wechselnd mit seinem Telefon und seiner
Pistole. Ein Sturmgewehr liegt auf dem
Tisch, zwischen Pepsi-Dosen und Schoko-
keksen. Hisbollah-Kämpfer „Abu Dschihad“, Flüchtlinge Misbah und Sajida mit Kindern, Prediger Scheich
Eine Kirche in Kusair sei ihre Komman-
dozentrale geworden, erzählt Abu Dschi- tionskiste neben sich, mit so einer spitzen Und: „Sollen die Palästinenser ihr Land
had, die Christen dort hätten sie freudig Kugel habe er den Rebellen getötet, sagt doch selbst befreien.“
begrüßt. Die Hisbollah respektiere Kir- er stolz. Dabei ist der Kampf gegen den „zio-
chen als Gotteshäuser und würde sie nicht Zweifel? Angst? „Niemals“, sagt Abu nistischen Feind“, die einstige Besatzungs-
einfach so beschlagnahmen. Dschihad und legt die Hand aufs Herz, macht des Südlibanon, der Daseinszweck
Mit leuchtenden Augen beschreibt er, „ich bin ein Mann.“ Wenn er sterbe, sei der Hisbollah. Die „Partei Gottes“ legiti-
wie er einen Rebellen getötet habe. Der das Gottes Wille. miert damit ihren Anspruch, als unabhän-
Feind habe sich hinter einer Mauer ver- Dann sagt der Hisbollah-Mann noch gige militärische Macht im Staat zu ope-
steckt und geschossen, aber er, Abu zwei erstaunliche Sätze: Die Rebellen in rieren. Auf Israel als gemeinsamen Feind
Dschihad, habe ihn durch ein Loch in der Syrien zu bekämpfen sei im Moment so- konnten sich Schiiten und Sunniten im
Mauer erspäht. Er greift in eine Muni- gar wichtiger als der Kampf gegen Israel. Libanon zumindest immer verständigen;
das stärkte die Hisbollah. Dass die Schi-
Syrische Flüchtlinge im Libanon Grenzübergänge iten-Miliz nun in Syrien sunnitische Mus-
TÜRKEI
lime niedermetzelt, schwächt den Rück-
493000 durchlässige
halt der Hisbollah im Libanon.
Ländergrenzen Die Hisbollah kämpft in Syrien auch
um ihr eigenes Überleben: Sie ist darauf
LIBANON angewiesen, die Wege für ihre Waffenlie-
Tripoli
752000 SYRIEN
ferungen aus Iran offenzuhalten. Und am
Ende geht es um die Frage, wer den Na-
hen Osten beherrscht: Auf der einen Seite
stehen Iran und die schiitischen Partner
IRAK in Syrien und im Libanon, auf der ande-
192 000 ren Seite Saudi-Arabien und dessen sun-
nitische Verbündete.
JORDANIEN Die Palästinenser, deren Schicksal bei-
ÄGYPTEN 532000 de Seiten so gern beschwören, spielen
124000 nur noch eine Nebenrolle.
Dabei geraten manche von ihnen auf
Beirut
klägliche Weise zwischen die Fronten,
wie das Ehepaar Misbah, 44, und Sajida,
33. Es floh im vergangenen Jahr aus
Registrierte Flüchtlinge einem syrischen Palästinenserlager bei
bis 1000 Damaskus. Mit den drei Kindern hocken
die beiden nun in einem zwölf Quadrat-
1001 bis 2000 meter großen Wohncontainer am Stadt-
Sidon rand von Sidon, 50 Kilometer südlich von
Flüchtlinge Beirut. Die Luft ist stickig, rundherum
in den Regionen 2001 bis 4000
stehen andere Wohncontainer; ungefähr
200 Flüchtlinge haben in ihnen Unter-
bis 4999 4001 bis 8000 schlupf gefunden.
In Sidon, wo mehrheitlich Sunniten
5000 bis 24 999 8001 bis 12 000 leben, befindet sich bereits das größte
Tyros
Palästinenserlager des Libanon. Über
25 000 bis 49 999 12 001 bis 14 000 100 000 alteingesessene Flüchtlinge woh-
Quelle: UNHCR,
nen dort, für Neuankömmlinge wie Mis-
Stand September 2013 50 000 und mehr 14 001 und mehr bah und Sajida ist in dem Lager kaum
Platz. Wer kann, mietet sich eine Woh-
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Mohammed: Auf Israel als gemeinsamen Feind konnten sich Schiiten und Sunniten im Libanon zumindest immer verständigen

nung in der Stadt – bis die Ersparnisse Helfern erhalten, den Grund hat ihnen al-Assir, predigte noch im Juni reinen
aufgebraucht sind. Die Übrigen verkrie- niemand erklärt. Hass. Er rief zum Aufstand gegen das sy-
chen sich in Zelten, Verschlägen, Roh- „Ich weiß nicht, wie ich ein Baby er- rische Regime und die Hisbollah auf,
bauten. Um zu überleben, sind Flücht- nähren soll“, sagt Sajida und deutet auf scharte militante Sunniten um sich und
linge wie Misbah und Sajida auf Hilfe an- ihren Bauch: „Vielleicht muss ich es los- baute ein Waffenlager auf, angeblich mit
gewiesen. werden.“ finanzieller Hilfe aus Saudi-Arabien und
Ihr neues Zuhause steht auf dem Wenige Kilometer entfernt, in einer is- Katar.
Grundstück eines Gebrauchtwagenhänd- lamischen Privatschule im Zentrum der Mitte Juni begannen Assir und seine
lers, der auch die Wohncontainer gebaut Stadt, hellt sich das Leben von 200 Flücht- Anhänger in Sidon ihren eigenen Krieg.
hat. Verschiedene lokale Hilfsorganisatio- lingskindern gerade kurz auf. Für acht Sie lieferten sich Straßenschlachten mit
nen, darunter der libanesische Zweig der Tage dürfen sie hier zur Schule gehen; der Armee, 17 Soldaten und Dutzende
Muslimbrüder, haben dem Händler die acht Tage, in denen sie so etwas wie Nor- Milizionäre starben. Unter den Toten sol-
Container abgekauft. Im Gegenzug stellt malität erleben sollen. Danach wird die len auch Kämpfer der Hisbollah gewesen
er sein Grundstück zur Verfügung. Schule wieder für die libanesischen Kin- sein, aber die Hisbollah bestreitet, mit-
Ihre Mutter sei 1948 als kleines Mäd- der gebraucht, deren Eltern für den Un- gekämpft zu haben. Der Hassprediger ist
chen aus Palästina nach Syrien geflohen, terricht bezahlen. seither verschollen.
erzählt Sajida, eine zierliche Frau mit Die jüngsten Kinder sind 5 Jahre alt, Scheich Mohammed guckt traurig,
dunklen Augen, sie ist schwanger. „Ich die ältesten 16. Einige haben im Krieg El- wenn man ihn auf seinen alten Studien-
konnte sie nicht überreden, uns zu be- tern oder Geschwister verloren. Manche freund Assir anspricht. „Ich glaube, er
gleiten“, sagt sie traurig. Ihre Mutter wol- mussten stundenlang in zerbombten Häu- hat den Verstand verloren“, sagt er. Auch
le lieber im syrischen Lager sterben, als sern ausharren. Viele erlebten, wie Nach- Assir habe viele Jahre gegen Gewalt ge-
ein zweites Mal zu fliehen. barn von Kugeln getroffen oder hinge- predigt, aber dann, vor etwa zwei Jahren,
Auch Misbah und Sajida sehnen sich richtet wurden. als das große Sterben in Syrien begann,
nach Syrien zurück. „Wir hatten ein gutes Jetzt sitzen sie in mintgrünen Klassen- habe er sich plötzlich um 180 Grad ge-
Leben“, sagt Misbah, „bevor das Lager zimmern, Fußboden und Wände sind mit dreht.
von der Regierung abgeriegelt und bom- bunten Blumen und Schmetterlingen be- Die Mädchengruppe in der Schule
bardiert wurde.“ In Syrien habe er mit malt. Vor einer Gruppe von Mädchen nennt sich „Jasmin aus Damaskus“ – der
Stahl gehandelt; was er hier anfangen soll, steht Scheich Mohammed Abu Zaid, der Jasmin ist weiß, ein Symbol des Friedens.
weiß er nicht: „Ich habe alles verloren, islamische Richter der Stadt. Mit seinem Die Kinder singen ein Lied, die arabische
was ich aufgebaut hatte.“ Bart und dem runden Bauch sieht er Version von „If you’re happy and you
Beide Seiten hätten Syrien zerstört, manchmal aus wie ein orientalischer Ni- know it“. Sie klatschen und stampfen,
sagt Misbah, die Regierung und die Re- kolaus. Normalerweise beschäftigt sich und als der Scheich am Ende applaudiert,
bellen. „Am Anfang haben wir keine der Scheich mit Angelegenheiten, die strahlen sie.
Partei ergriffen, aber jetzt unterstützen nach islamischem Recht geregelt werden, Stolz zeigen sie ihm die Bilder, die sie
wir den Aufstand des Volkes gegen das Hochzeiten und Scheidungen etwa, und in der letzten Stunde gemalt haben. Es
Regime.“ er predigt in einer Moschee. sollte mal nicht um den Krieg gehen. Die
Fliegen schwirren, Schweiß tropft, Mi- An diesem Morgen ist Scheich Moham- zwölfjährige Wafa hat eine Schule ge-
nuten dehnen sich; das Leben als Flücht- med als freiwilliger Helfer in der Al- zeichnet, daneben spielt ein Kind zwi-
ling kann entsetzlich langweilig sein. Die Iman-Schule, er hat den Lehrplan für die schen Bäumen und Blumen. Doch dar-
großen Kinder der beiden, Udai, 12, und Woche entwickelt, gemeinsam mit Mit- über weht die Rebellenfahne der Freien
Ajat, 8, können nicht zur Schule gehen. arbeitern der christlich-muslimischen Stif- Syrischen Armee. „Das ist unsere Unab-
Sie und der kleine Mohammed, 3, leiden tung Adyan, die sich für den interreli- hängigkeitsflagge“, erklärt das Mädchen
unter der Hitze. Aber das ist immer noch giösen Dialog einsetzt. „Wir dürfen nicht und lächelt schüchtern. S
 S Y
besser als die beißende Kälte, die sie im zulassen, dass eine ganze Generation
Winter erwartet. von Kindern zerstört wird“, sagt der Video: Samiha Shafy über das
Seit vier Monaten haben die Flücht- Scheich. Elend der syrischen Flüchtlinge
linge hier kein Geld und keine Lebens- Scheich Mohammeds Vorgänger in der spiegel.de/app392013libanon
mittelgutscheine mehr von den Uno- Moschee, der radikale Geistliche Ahmed oder in der App DER SPIEGEL

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Ausland

SANTA MARIA DE JETIBÁ


Pommern im Urwald
GLOBAL VILLAGE: Wie ein deutscher Dialekt in Brasilien überlebte

A
uf dem Stundenplan der dritten Jahrhundert vor allem aus Ostpommern spart, aber vor Diskriminierung waren
Klasse in der Grundschule „Rio nach Brasilien auswanderten. Der brasi- sie auch dort nicht sicher. Während des
Triunfo“ stehen „die Tierarten“. lianische Kaiser Dom Pedro hatte ihnen Zweiten Weltkriegs wurde ihre Sprache
Die Schule liegt in der brasilianischen fruchtbare Äcker versprochen, die Pom- verboten, sie galt als Idiom der Nazis. Vie-
Stadt Santa Maria de Jetibá, 30 überwie- mern sollten das Hinterland des heutigen le Pomeranos wurden festgenommen.
gend blonde Jungen und Mädchen blät- Bundesstaats Espírito Santo für den Kaf- Längst hat sich das Verhältnis der Bra-
tern eifrig in einer Zettelsammlung mit feeanbau erschließen. silianer zu ihren pommerischen Mitbür-
Tierbildern. Doch der Traum von der schönen neu- gern entspannt: 2009 wurde Pommersch
Lehrerin Sônia Krause hat das Unter- en Welt platzte bei ihrer Ankunft: Auf Platt in Santa Maria de Jetibá neben Por-
richtsmaterial mit Schere und Kleber zu- dem versprochenen Land stand dichter tugiesisch zur zweiten Amtssprache er-
sammengebastelt. „Landwatertijre“ (Am- Urwald, der Boden war karg, und das klärt. „Koomt Gaud An“ steht auf dem
phibien) hat sie über das Foto eines Land wurde den Kolonisten auch nicht Schild am Ortseingang, so heißt „Will-
Frosches geschrieben. „Krupstijre“ (Raub- etwa geschenkt, sie mussten es bei Hofe kommen“ auf Pommerisch.
tiere) prangt in großen Let- Im Stadtbild sind die
tern über dem Bild eines Pommern leicht zu erken-
Jaguars. Die Wörter gehen nen: Die meisten sind
der Lehrerin leichter von blond und hellhäutig.
den Lippen als die Landes- Nicht wenige leiden aller-
sprache Portugiesisch: Krau- dings unter Hautkrebs –
se hat Pommersch Platt, die bei keiner anderen Bevöl-
Sprache ihrer Eltern, von kerungsgruppe Brasiliens
Kind auf gelernt. tritt dieser Krebs so häufig
Jetzt weiß sie endlich auf. Am liebsten bleiben
auch, wie man es korrekt die Pommern unter sich,
schreibt – dank Ismael Ehen mit Nichtpommern
Tressmann, 53. Der brasi- sind selten.
lianische Sprachwissen- Die „Hochtijd“ (Hoch-
JENS GLÜSING / DER SPIEGEL

schaftler hat das weltweit zeit) feiern sie wie ihre Vor-
erste Wörterbuch für Pom- fahren drei Tage lang. Die
mersch Platt herausgege- „Pulterfruug“ (Polterfrau)
ben. 16 000 Wörter und Re- organisiert den Polter-
dewendungen hat er dafür abend. Anschließend geht
zusammengetragen und ins es zum Schwof in die
Portugiesische übersetzt, Sprachforscher Tressmann, Schüler: „Koomt Gaud An“ „Dansstuuw“ (Tanzstube).
von „Fuuterbüüdel“ (Fut- Bis vor kurzem trug die
terbeutel) bis „Wijnachts- Braut noch Schwarz, wie es
man“ (Weihnachtsmann). in Pommern üblich war.
In Europa ist die Sprache der Pommern abbezahlen. „Sie wurden betrogen“, sagt Sprachforscher Tressmann hat auch ein
fast ausgestorben, doch in Brasilien hat Tressmann. Buch über die Bräuche der brasiliani-
sie überlebt. Heute gibt es etwa 300 000 Er ist ein großer hagerer Mann, sein schen Pommern verfasst, und er koordi-
„Pomeranos“ in Brasilien, die meisten sie- Urgroßvater kam aus der Gegend um niert ein Programm zur Verbreitung der
deln in den Bergen um Santa Maria de Stettin. In Rio de Janeiro studierte Tress- pommerischen Kultur: 150 Lehrer hat er
Jetibá. Sie leben von der Landwirtschaft, mann Ethnologie und Linguistik. Zehn bislang in Platt ausgebildet, darunter die
das Städtchen ist ein Zentrum der brasi- Jahre lang erforschte er im Amazonas- Lehrerin Sônia Krause.
lianischen Eierproduktion. gebiet die Sprache der Cinta-Larga-Ur- Eine Neuauflage seines Wörterbuchs
Doch geschrieben wird Pommersch einwohner. Jede Vokabel musste er müh- ist geplant. Aber ihm fehlen Sponsoren.
Platt nur selten, die Grabinschriften auf selig erfragen; die Cinta-Larga kennen Sein erstes Werk wurde aus staatlichen
dem Friedhof sind in Hochdeutsch. Mar- keine Schriftsprache. Diese Erfahrung Mitteln finanziert, doch inzwischen hat
tin Luther ist schuld: Mit der Reformation half ihm beim Erfassen des Pommern-Vo- die Regierung gewechselt. Der neue Bür-
wurde Hochdeutsch in Pommern zur kabulars: „Ich habe dieselben Fragebögen germeister interessiere sich nicht für die
Schriftsprache. Nach dem Zweiten Welt- verwendet wie bei den Indianern.“ Belange der Pommern, klagen viele Alt-
krieg wurden die Pommern aus ihrer Hei- Pommersch Platt ist ein ostniederdeut- eingesessene: Er fördert Schach statt Pom-
mat im heutigen Polen vertrieben, die scher Dialekt. Seine Ursprünge reichen bis mersch Platt. J GÜ
Sprache verlor sich. „Wer echtes Pom- ins 12. Jahrhundert. Die Geschichte des
mersch Platt hören möchte, muss nach „Till Eulenspiegel“ wurzelt in dem Sprach- Video: So leben die
Brasilien kommen“, sagt Tressmann. raum, „Ulespegel“ heißt er eigentlich. „Pomeranos“
Die Pomeranos sind Nachfahren von Das Schicksal der Vertreibung blieb spiegel.de/app392013brasilien
etwa 30 000 Landarbeitern, die im 19. den Pommern in Südamerika zwar er- oder in der App DER SPIEGEL

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Szene

Was war da los,


Herr Garcia?
Christopher Garcia, 18, Trolley-Fahrer aus
Manila, über Schubkraft: „Vor drei Jahren
habe ich die Schule verlassen, um die
Arbeit auf den Gleisen anzunehmen.
Mein Vater wurde krank, und meine Mut-
ter wusste nicht, wie sie uns ernähren
sollte. Ich habe vier kleine Geschwister.
Mit den Fahrten nehme ich am Tag etwa
fünf Euro ein, einen Euro davon zahle
ich an den Besitzer des Wagens. Ich schie-
be die Fahrgäste über die Brücke, die ge-
samte Strecke ist zwei Kilometer lang.
Es ist die alte Quirino-Brücke. Auf der
einen Seite des Flusses liegen Wohnvier-
tel, auf der anderen Schulen und Märkte.
Jeden Tag kommen Frachtkähne, Fähren
und Öltransporte nach Manila. Ich mag
es, über die Brücke zu rasen. Auf meinen
Wagen passen acht Leute. Am liebsten
würde ich eines Tages einen echten Zug
steuern. Aber noch muss ich aufpassen,
FRANCIS R. MALASIG / DPA

dass mir kein Zug entgegenkommt.


Dann bliebe den Fahrgästen und mir
nichts anderes übrig, als in den Fluss zu
springen. Kollegen ist das passiert. Mein
Wagen wäre hin.“ Garcia (r.)

Fliegen die Vögel solo in den Süden, Herr Dörfler?


Der Autor und Naturschützer Ernst bei den allermeisten Vogelarten nicht, Dörfler: Aufwendig. Die Männchen sind
Paul Dörfler, 63, forscht und schreibt wie die genetischen Vaterschaftsanaly- meist eine Woche früher angekommen
seit 30 Jahren zu ornithologischen sen zeigen. Mehr oder weniger suchen und bereiten alles für die Hochzeit vor.
Themen. Sein neuestes Buch heißt die Vögel Abwechslung, oft bei einem Vor allem wird das Revier gesichert.
„Liebeslust und Ehefrust der Vögel“. Nachbarn. Zaunkönige sorgen vor und Wenn die Weibchen eintreffen, be-
bauen gleich mehrere Nester. Die ginnt die Balzvorstellung. Wahlberech-
SPIEGEL: Herr Dörfler, die Zugvogelzeit häufigsten Seitenspringer und Seiten- tigt sind meist die Weibchen, die
hat begonnen. Was heißt das für springerinnen finden sich unter Meisen Männchen nur Bittsteller. Es dauert
Vogelpärchen? und Spatzen. Sowohl Lärm als auch Tage und Wochen, bis die Entschei-
Dörfler: Generell sind die Männchen- Wetterextreme fördern die Untreue. dung fällt. Der Sex dagegen ist kurz.
Weibchen-Beziehungen gelockert, SPIEGEL: Wie verläuft die Partnerwahl? Männchen und Weibchen pressen ihre
meist aufgelöst. Die meisten Singvögel Hinterteile aufeinander und tauschen
fliegen solo in den Süden. Es fliegt Körperflüssigkeiten aus. In ein bis
sich leichter ohne Anhang, zumal zwei Sekunden ist alles vorbei. Dafür
ohnehin sexueller Ruhestand herrscht, ist die Häufigkeit beeindruckend.
der bis zum Frühling anhält. Dann SPIEGEL: Das heißt?
sucht man sich einen neuen Partner. Dörfler: Tauben kopulieren bis zu 7-mal
SPIEGEL: Wer bleibt sich ein Leben lang pro Tag, Spatzen kommen auf zwei-
treu? stellige Zahlen. Greifvögel tun es im
Dörfler: Schwäne, Adler, Rabenvögel, Durchschnitt 5-mal täglich, der
Gänse, also meist größere Vögel mit Schwarzmilan 14-mal. Sobald es mit
langer Lebenserwartung, da lohnt sich dem Brüten losgeht, hat es sich aber
ein Festhalten am bewährten Partner. mit dem Sex erledigt.
SPIEGEL: Lebt der Rest denn zumindest
BLICKWINKEL

während der Saison monogam? Ernst Paul Dörfler: „Liebeslust und Ehefrust der
Dörfler: Nur der Alltag wird gemeinsam Vögel“. Saxophon-Verlag, Dresden; 168 Seiten;
bewältigt. Eine sexuelle Treue gibt es Schwarzmilan, Partnerin 14,90 Euro.

94           2 0 1 3
Gesellschaft

Stimmt was nicht?


EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Warum eine 26-jährige Frau aus Hessen auf das Internet verzichtet

A
lexandra Gille ist erst 26 Jahre alt, ein und schlage nach, was ich am Tag wis- Auftraggeber ist und was man in die Such-
sie ist nicht einsam, nicht kontakt- sen wollte. Volkswagen. Masern.“ maske eingibt.
scheu, und trotzdem tut sie etwas Telefonnummern? „Stehen in Telefon- Gibt man „Internet, Studie, glücklich“
Eigenartiges: Sie geht nicht ins Internet. büchern.“ ein, macht es die Menschen glücklich.
Alexandra Gille wurde von einer Journa- Mails? „Briefe.“ Gibt man „Internet, Studie, unglücklich“
listin entdeckt, so wie man eine Pflanzen- Facebook? „Wozu? Wissen Sie, ich in- ein, macht es sie unglücklich.
art entdeckt, die als ausgestorben gilt, zu- teressiere mich wirklich für die Men- Sicher ist: Das Internet befriedigt
fällig, am Wegesrand. Bei Recherchen für schen.“ Bedürfnisse in Höchstgeschwindigkeit. Es
ein ganz anderes Thema stieß eine Redak- Ein Leben wie ein Ausstellungsstück gibt den Menschen viel, und sie müssen
teurin der „Frankfurter Allgemeinen Sonn- einer untergegangenen Zeit. Ein Ü-90- wenig dafür tun: nur klicken oder liken.
tagszeitung“ („FAS“) auf sie und stell- Das ist einfach, wenn man eine neue
te schließlich diese Frage, die Alexan- Spülmaschine kaufen will. Aber das
dra Gille schon oft gehört hat und sind Fragen, die sich Alexandra Gille
noch oft hören wird: Wie kann man nicht stellt. Sie denkt eher darüber
so leben, ganz ohne Netzanschluss? nach, wie der Mensch glücklich
Macht man sich auf den Weg zu durchs Leben kommt.
ihr, als Internetmensch aus der Stadt, Alexandra Gilles Lokal ist oft gut
mit Büroalltag und 306 Facebook- besucht. Sie muss bleiben, bis der
Freunden, dann erwartet man von Letzte gegangen ist. Sie kann sich
Alexandra Gille komische Sätze, ro- nicht einfach rausklicken aus ihrer
BERT BOSTELMANN / BILDFOLIO / DER SPIEGEL

mantisiert, weit weg vom Leben. Kneipe. Sie steht hinterm Tresen und
Oder eine Asketin, die den Verzicht betreibt ihre eigenen Studien.
als Genuss verkauft. Vielleicht ist sie Sie hört überforderten Ehefrauen
hässlich, denkt man, auf jeden Fall zu; Männern, die, wie unsichtbar, ins
nicht normal. Man redet mit ihr und Lokal kommen und es angeheitert
wartet auf ein verräterisches Zeichen. verlassen, als Helden. Sie hört, wel-
Was stimmt mit ihr nicht? che Wörter die Gäste am häufigsten
Aber sie wirkt zufrieden und ist aussprechen, wenn sie mit dem Kopf
auch noch hübsch. Lange braune auf dem Tresen liegen: wenn, hätte,
Haare, große Augen, offenes Lachen. Gille würde. Das Leben der Unerfüllten
Sie sitzt auf einem Stuhl unter alten ist ein Leben im Konjunktiv, bei ihr
Kastanien vor dem Hotel ihrer Fami- am Tresen wandelt es sich zu richti-
lie, dem Hotel Gille in Breidenbach gem Leben. Sie war eigentlich immer
bei Marburg, es liegt mitten im Wald, sehr zufrieden damit.
es ist wunderbar ruhig hier. Vom Und nun sitzen plötzlich Journa-
Flughafen in Frankfurt am Main aus listen an diesem Tresen und stellen
sind es 91 Minuten, 135 Kilometer, die immer gleiche Frage. Die Jour-
das zeigt der Navigationsdienst auf nalistin der „FAS“ befragte sie, ein
dem Handy an. Reporter vom Saarländischen Rund-
Alexandra Gille versorgt die Tiere, funk fragte und jetzt auch der SPIE-
säubert die Teiche, organisiert das GEL, die Frage lautet: Wie halten
Ponyreiten mit Kindern und serviert Sie das aus, Frau Gille? Sie fühlt sich
im Lokal des Hotels. Sie sagt, sie bedrängt von diesen Fragen, als sei
habe gar keine Zeit, ständig im In- sie eine zweifelhafte Zeugin.
ternet zu surfen. Sie weiß auch nicht, Aus der „FAS“ Hat sie vielleicht einen Weg zum
was sie da soll. Glück gefunden, der so einfach ist,
Wie bucht sie Reisen? „Ich reise so naheliegend, dass man ihn bisher
nicht.“ übersehen hat?
Woher ist ihre Jeans? „Aus einem La- Leben. Aber Alexandra Gille ist sehr le- Vor drei Wochen saß ein junger Mann
den in Breidenbach.“ bendig. bei ihr am Tresen, der wenig sprach. Es
Die Turnschuhe? „Aus dem Baur-Ka- 77 Prozent der Menschen in Deutsch- ging ihm nicht gut, so viel konnte man
talog. Ich lebe nicht hinterm Mond.“ land, die älter sind als 13 Jahre, sind im sehen. Aber er gefiel ihr.
Wie kauft sie Musik? „In einem Plat- Jahr 2013 online, sie verbringen durch- Bevor er ging, nahm sie einen Kugel-
tenladen. Ich rufe an, frage: ‚Habt ihr die schnittlich 169 Minuten am Tag im Inter- schreiber und schrieb einen Satz auf ein
neue CD von Shakira?‘ Und wenn ja, fah- net. Es gibt Studien, die etwas darüber Stück Papier. Sie gab ihm den Zettel, dar-
re ich hin.“ aussagen sollen, ob das Internet die auf stand: „Es ist nie mehr Anfang als
Wikipedia? „Ich bin mit meinem Lexi- Menschen glücklicher oder unglücklicher jetzt.“ Inzwischen sind sie ein Paar.
kon verheiratet. Ich sehe regelmäßig hin- macht, aber das hängt davon ab, wer der B 
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Gesellschaft

MALEREI

Öl für die Welt


Im chinesischen Dafen malen 10 000 Menschen fünf Millionen Bilder im Jahr.
Früher gingen die Werke nach Europa, nun sollen sie
das eigene Land fluten. Entsteht so eine neue Kulturmacht? Von Katrin Kuntz

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S
eit die Chinesen sein Dorf übernom-
men haben, ist Huang Jiang ein
Mann, der nicht mehr schlafen will.
Er besitzt zwei Handys, deren Weckfunk-
tion er aktiviert, bevor er sich am Abend
ins Bett legt. Er läuft nach dem Aufstehen
um fünf Uhr einen Berg hinter seiner
Wohnung hinauf, dann macht er Liege-
stütze und Kniebeugen. Beim Frühstück
nimmt Huang seine Tabletten gegen Blut-
hochdruck ein, er trinkt bis zum Mittag
zwei Liter schwarzen Tees. Seine Augen
hörten während des Tages nicht auf zu
brennen, sagt er.
Huang muss früh aufwachen, es gibt
für ihn viel zu tun. Mit jedem neuen Tag
verändert sich die Welt vor seinem Haus.
Huang ist 67 Jahre alt, vor 24 Jahren
hat er das größte Ölmalerdorf der Welt
gegründet, es liegt im Viertel Dafen am
Rand der Industriestadt Shenzhen im
Süden Chinas. Das Dorf ist vier Quadrat-
kilometer groß, es ist Huangs Imperium.
10 000 Menschen malen dort fünf Mil-
lionen Ölbilder im Jahr. Bis vor kurzem
waren es vor allem Kopien von van
Goghs „Sonnenblumen“, Monets „See-
rosen“, Rembrandts Selbstporträts, Leo-
nardos „Mona Lisa“ und diverse „Still-
leben mit Äpfeln“. Sie hängen in Casinos
in Las Vegas, in Galerien in Baden-Baden,
auf Kreuzfahrtschiffen und über Sofas
von Walmart-Kunden überall auf dem
Globus. Dafen als Weltlieferant gefälsch-
ter alter Meister, das ist Huangs Idee,
Huangs Basis, sein Leben.
China will zu einer Weltmacht der
Kultur aufsteigen, und Männer wie Huang
könnten den Antrieb dazu liefern. Das
Land ist angewiesen auf Dörfer wie Da-
fen, wenn es seine kulturelle Tradition
wiederbeleben will. Wenn das gelingen
soll, müsste Dafen ein Versuchslabor wer-
den, und Huang müsste versuchen, dieses
Labor zu leiten. Er darf nicht müde wer-
den, er muss versuchen, sich an die Spitze
dieser Bewegung zu setzen. Er hat Er-
fahrung im Umgang mit turbulenten
Märkten.
Feng, eine ehemalige Schülerin, ist zu-
rückgekehrt in sein Dorf. Er sieht sie
manchmal über die Straße laufen. Inter-
essant sieht sie aus, eine schöne junge
Frau in einem Glitzershirt. Vielleicht hilft
sie ihm dabei, Dafen zu einem der Pfeiler
einer Weltmacht zu formen. Vielleicht
macht sie es aber auch lieber allein.
Huang, der Dorfchef, macht sich nach
dem Frühstück auf den Weg. Zu seiner
Frau sagt er: „Ruf mich später mal an,
ERIC RECHSTEINER / PANOS / DER SPIEGEL

und frag mich, ob es mir bessergeht.“


Er läuft einen Pfad neben einer
Schnellstraße zu seinem Atelier entlang,
er trägt Laufschuhe, ein Leinenhemd,
über seiner Stirn wippt lichtes Haar. Am
Eingang des Dorfes steht eine überdimen-
sionale Hand, die einen Pinsel zwischen
Verkäufer in einem Bilderladen in Dafen Zeige- und Mittelfinger hält. Hinter ihr
weht der Geruch von Terpentin durch
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Gesellschaft

die Luft, es beginnen die Ateliers und den Westen. Sie begann, darüber nach- republik werden soll. Sie sieht China und
Gassen der Fälscherstadt. zudenken, welchen Wert Kunst für eine die Rolle der Kommunistischen Partei
Huang nimmt neuerdings gern einen Gesellschaft haben könnte. Sie dachte im durch eine globalisierte Kultur gefährdet,
Umweg zu seinem Arbeitsplatz. Er Gegensatz zu Huang Jiang nicht nur an sie wünscht sich eine Rückbesinnung auf
kommt dabei an einem Porträt von sich Dekoration. Sie glaubte, dass Kunst einer die eigene Tradition. Die Kreativoffensive
selbst vorbei, das an einer Mauer neben Gesellschaft helfen könne zu denken. hat jetzt auch Dafen erreicht, und Huang
dem Eingang des Dorfes hängt, gut aus- Für Huang Jiang bedeuteten Bilder vor Jiang sagt: „Ein starkes China macht mir
geleuchtet und hinter Glas. Unter dem allem eines: viel Geld. schlechte Gefühle.“
Foto steht Huangs Lebensgeschichte. Es Die Wege der beiden trennten sich. Sein Land hat ihn traumatisiert. Wäh-
ist eine Geschichte über einen Mann und Vor sechs Jahren gründete Feng eine rend der Kulturrevolution unter Mao ge-
einen Ort, der bekannt wurde als Werk- eigene Firma. Sie hatte keine Lust mehr, hörte Huang den Roten Garden an. Er
bank der Welt. „Eine schöne Geschichte“, mit dem Westen um Preise zu feilschen, hatte den Auftrag, die Kultur der alten
sagt Huang. Das klingt so, als wolle er sie wollte etwas Eigenes erschaffen. Sie Gesellschaft zu vernichten; die Rotgardis-
sichergehen, dass sie noch gilt. Huang wollte kreativ werden. Huang sagte bloß: ten verbrannten Bilder, zerschnitten Sei-
bleibt vor seinem Porträt stehen. Seine „Viel Glück.“ denschals, sie zerschlugen Teehäuser und
Geschichte unter dem Bild ist Buddhas. Man hatte ihnen gesagt,
nicht zu Ende erzählt. Ihr Verlauf dass die alte Kultur wertlos und
ändert sich gerade, weil sich die schuld an Chinas Rückstand sei.
Machtgefüge auf der Welt ver- Huang wurde ein Fremder im
schieben. eigenen Land. Er hatte nie ge-
Huang, so erzählt es die Ge- lernt, auf die Traditionen stolz
schichte unter seinem Porträt, ist zu sein. Sein Land war ihm nie
der König des Bilderimperiums. freundlich erschienen. Er floh
Mehr als die Hälfte aller Ölbil- nach Hongkong, „dort war das
der, die weltweit verkauft wer- Leben freier, ich wollte atmen“,
den, kämen aus dem „Dafen Oil sagt er. Er schwamm eines Nachts
Painting Village“, sagt Huang. durch das Meer hinüber in die
80 Prozent der Ware gingen bis Freiheit und wurde Kopist für
zur Weltfinanzkrise nach Europa Walmart. Fortan liebte er den
und in die USA. Das Dorf machte Westen.
einen Umsatz von 250 Millionen 90 Prozent der Bilder aus Da-
Euro im Jahr. fen werden heute in China ver-
Als Huang Ende der achtziger trieben. Bei Auktionen im Land
Jahre nach Dafen in die Sonder- sind chinesische Kulturgüter wie-
wirtschaftszone kam, hatte er sei- der gefragt. Hunderte Museen er-
nen ersten Auftrag von Walmart öffnen jedes Jahr, der Staat will
dabei: 6000 Kopien, 23 mal 25 die Filmindustrie stärken, Konfu-
Zentimeter, sechs Wochen Zeit. zius-Institute verbreiten Sprache
Er zog mit seinen Arbeitern in und Kultur im Ausland. Das Ei-
eine Fabrikhalle, baute eine Kan- gene soll in die Welt ausstrahlen.
tine, Betten. Die Arbeiter malten Huang Jiangs Problem dabei ist:
ERIC RECHSTEINER / PANOS / DER SPIEGEL

grüne Landschaften mit Bergen Chinas neue Strahlkraft stiehlt


und Flüssen. Nach und nach ihm das Licht.
kamen weitere Aufträge herein: Feng Jianmei, früher seine
10 000, 60 000, 100 000 Bilder in Schülerin, ist 35 Jahre alt, sie
einem Monat. macht den Eindruck, als sei sie
Bald hatte Huang 4000 Maler, auf einem glücklichen Trip. Sie
sie waren Bauernjungen. Sie kommt aus ihrem Büro mit zwei
konnten nicht malen. Huang Smartphones in der Hand, in die
sagt: „Ich half ihnen, eine Tech- sie abwechselnd spricht. Sie sieht
nik zu entwickeln, mit der sie so Dorfgründer Huang, Schülerin: „So tun, als ob“ Huang nicht, der noch immer
tun konnten, als ob.“ Er bildete zwischen den Kunden vor ihrer
sie zu Anstreichern aus, einige malten Er biegt jetzt in die Straße ein, in der Tür steht. Sie muss mit einem Rahmen-
nur Körperteile, andere Äpfel, andere Feng ihr Atelier hat. Paare kommen ihm fabrikanten verhandeln, mit dem Kinder-
Blätter, die an Bäumen hängen. Die entgegen, Geschäftsleute, Familien mit mädchen ihres Sohnes und mit ihrem
schlechten Maler kümmerten sich um Plastiktüten. Es ist Chinas neue Mittel- Mann, sie wollen am Wochenende zusam-
den Hintergrund, die guten malten das schicht, sie transportiert Bilder ab. Die men mit dem Sohn in einen Vergnügungs-
Lächeln der „Mona Lisa“. Kunden erkennen den alten Mann nicht. park. Feng interessiert sich nicht beson-
Er habe für sein Dorf in den vergange- Sie sehen nur ihre Bilder. ders für Huang, ihren ehemaligen Lehrer,
nen 20 Jahren sehr viel gearbeitet, sagt Huang sieht: schwarze Kalligrafie; die und Huang weiß nicht, ob die junge Frau
Huang. Er sei auch nie müde gewesen. chinesische Mauer in Rot; Familienpor- ihn überhaupt noch braucht.
Aber irgendwann schaffte er die Arbeit träts; Teehäuser in Blau-weiß; Mao mit Es ist Mittag, als Feng in einem neuen
nicht mehr, er suchte eine Assistentin, dicken Backen. Hyundai zu ihrem Atelier fährt. Sie lässt
und dann saß er mit Feng Jianmei am Die Bilder in Fengs Straße zeigen: Chi- gerade eine Fabrikhalle umbauen und ist
Tisch, sie war damals Studentin. na sucht jetzt das Eigene, ein neues mit dem Leiter einer Baufirma verabre-
Feng wirkte sympathisch auf ihn. Gesicht. det. „Schlagen Sie ein Loch hier in die
Außerdem sprach sie gut Englisch. Sie Im Fünfjahresplan von 2011 hat Chinas Wand“, sagt sie zu ihm. „Nehmen Sie die
begann, als Übersetzerin für ihn zu Führung festgelegt, dass die Kulturindu- andere Wand gleich mit raus.“ Die Wand
arbeiten, und fuhr auf Kunstmessen in strie zu einer Schlüsselindustrie der Volks- ist 100 Meter lang. Es soll eine offene At-
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mosphäre bei der Arbeit herrschen; Feng und ein solches Hochhaus betritt, gelangt tifikate einer Kunstakademie, Fotos einer
plant ein Kreativquartier. ins Zentrum dieses Zukunftslabors. Hinter Ausstellung. Er will zeigen, dass er Künst-
Sie hat ihr Geschäft nach der Finanz- halboffenen Türen braten Frauen Nudeln, ler ist und kein Kopist.
krise fast komplett auf China umgestellt. auf den Gängen spielen Kinder Ball. Ihre Von der Dachterrasse im 16. Stock aus
Im alten Atelier nebenan stehen eine Ste- Väter stehen auf den Terrassen, in ihren sieht man weit unten das Dorf. Die Re-
reoanlage in der Mitte des Raums, ein Ki- Zimmern, einige haben ein Smartphone gierung hat in Dafen auch ein Museum
cker, an den Rändern abgesessene Sofas. in der Hand, von dem sie abmalen, die aus schwarzem Marmor finanziert, in
Die Malerinnen und Maler, die hier ar- meisten malen ohne Vorlage. dem gerade keine Bilder hängen. Sie hat
beiten, kommen von Kunstakademien im In jedem Stockwerk wohnt jetzt ein in wenigen Kilometern Entfernung ein
ganzen Land. Sie sagen: „Dafen ist ein Maler, der sich die Freiheit nehmen darf Copyright-Büro eingerichtet, in dem Ma-
erster Schritt zur Karriere.“ zu fragen, was sein Land eigentlich ist ler Patente anmelden können. Nach dem
Sie haben gerade einen Auftrag für das und werden soll; was sein Geschmack Vorbild von Dafen wachsen überall im
Luxushotel Sheraton fertiggestellt. Für sein könnte, welche seine Sehnsuchtsorte Land Künstlerdörfer.
das Schneehotel, das Frühlingshotel und sind, seine Idole, seine Wunden, sein Huang Jiang hat seine besten Leute an
das Tropenhotel, die in China eröffnet Stolz. Chinas neue Offensive verloren. In Dafen
haben, haben sie Schnee, Früh- wird diese Offensive von seiner
ling und die Tropen in 2000 Vari- ehemaligen Schülerin geleitet,
anten gemalt. Sie zeichnen Ent- das hat Huang inzwischen begrif-
würfe für Shangri-La, Holiday fen. Sie ist keine Ehemalige mehr,
Inn. Zwischen den Auftragsarbei- sondern eine Zukünftige. Sie ist
ten stehen Maler, die Werke für seine Gegnerin, sie kämpft um
eine Ausstellung entwerfen. die Macht.
Feng sagt: „Stellen Sie sich ein- Aber einige seiner Kunden aus
mal vor: In China leben 1,4 Mil- dem Westen sind noch da, er hat
liarden Leute. Es gibt eine halbe sein Atelier, er will nicht unter-
Milliarde Wohnungen, in denen gehen. Huang hat deshalb eine
dreiköpfige Familien wohnen. In Schule gegründet, in der er nun
jeder Wohnung sollten drei Bil- den Nachwuchs unterrichtet.
der hängen, weil die Menschen Sechs Kinder und Jugendliche
diese Bilder brauchen, um glück- sind an diesem Morgen gekom-
lich zu sein. Verstehen Sie, was men, sie zeichnen Kugeln und
hier los ist?“ Dreiecke. Huang legt seine Hand
Drei Jahrzehnte lang war die auf die Staffelei eines Mädchens.
Exportindustrie der Hauptmotor Er fragt: „Warum ist der Kopf so
für Chinas Wachstum. Jetzt sol- dunkel?“ Die Schülerin hört ihn
len seine Bürger selbst konsumie- nicht, die Musik aus ihrem Kopf-
ren. Die neue Mittelschicht soll hörer ist zu laut. Ihre Eltern zah-
wachsen und künftig Bilder aus len umgerechnet 80 Euro im Mo-
Dafen kaufen, sie soll lernen, auf nat, damit Huang ihr beibringt,
ihr Land, auf das Eigene stolz zu wie man malt. Gerade zeichnet
sein. Die Frage dabei ist: Was pas- sie eine Büste ab, aber sie hat
ERIC RECHSTEINER / PANOS / DER SPIEGEL

siert in einem Land, das, seiner vergessen, das Licht neben dem
Traditionen weitgehend beraubt, Gipskopf anzuknipsen. Neben
sich kulturell neu orientiert? ihr liegt ein Buch mit Motiven,
Feng hat 35 festangestellte Mit- die sie künftig beherrschen soll:
arbeiter und Hunderte freie. Sie Venedig, ein Hummer, der Eiffel-
sagt: „Natürlich habe ich die bes- turm, nackte Putten. Huang
ten Maler im Dorf. Ich behandle knipst das Licht an. Es wirkt wie
sie gut, ich gebe ihnen die Mög- eine Verzweiflungstat.
lichkeit, kreativ zu sein. Wenn sie Huang hätte genug Wissen und
einen Tiefpunkt haben, gebe ich Malergasse in Dafen: „Sie stören meine Sicht“ Geld, um bei Chinas Kulturoffen-
ihnen einen Tag frei. Wenn sie sive vorneweg zu laufen. Aber
dann immer noch nicht kreativ sind, suche Ein Maler im 5. Stockwerk sagt: „Die Huang ist zu alt, um sein Geschäft neu
ich mir neue.“ Es ist ein ziemlich selbstbe- Chinesen lieben den Norden.“ Er lässt auszurichten, und er ist zu störrisch, um
wusster Satz für eine Frau in einem Dorf, ein Porträt eines tibetischen Mädchens Platz zu machen. Er hatte mit Dafen einen
in dem bis vor kurzem noch Bauernjungen im Fensterrahmen trocknen. globalen Lieferdienst geschaffen, dessen
arbeiteten. Ein Maler im 8. Stock sagt: „Die Chi- Modell lange funktionierte. Der Westen
Feng hat auch einige von Huangs Schü- nesen hassen Blau.“ Er klatscht Farbe auf bestellte, China produzierte. Huang ist es
lern abgeworben. die Leinwand, alles außer Blau. nicht gewohnt, dass sein Land Fragen
Sie arbeiten in 16-stöckigen Hochhäusern Ein Maler im 11. Stock sagt: „Die stellt, auf die er Antworten finden muss.
am Dorfrand, in denen der chinesische Chinesen lieben Großformate und sich Feng Jianmei kennt diese Fragen und
Staat die Miete zur Hälfte zahlt. Die Maler selbst.“ Er malt Xi Jinping, den Staats- gibt schnelle Antworten darauf. Sie sitzt
müssen dafür beim Amt Bilder vorlegen, präsidenten, sechs mal zwei Meter, das in einem Konferenzzimmer in einem chi-
die beweisen sollen, dass sie Künstler sind. Bild füllt seine Wohnzimmerwand aus, nesischen Restaurant in der Nähe ihres
Huang hat die Hochhäuser nie betre- er hat die Umrisse mit Bleistift vor- Büros und hat den Tisch schwer beladen
ten. Er kann sie von seinem Büro aus se- gezeichnet. Er darf nicht sagen, wer sein lassen, Morcheln in Sojasauce stehen dar-
hen. Er sagt: „Sie stören meine Sicht.“ Auftraggeber ist. auf, Muscheln mit Knoblauch, Sprossen
Wer zwischen Garküchen mit Schild- Ein Maler im 15. Stock sagt nichts. Er in Essig, eingeweichte Erdnüsse, Hühn-
kröten und Rinderzungen hindurchgeht holt Zeugnisse aus einer Plastiktüte, Zer- chen, Seidentofu, grüne Bohnen, Rinder-
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Gesellschaft

brühe, Fischfrikadellen, Klebreis und bewusstes Land, das die Kulturmodelle Zukunft entwickeln wird. Chen Qiuzhi, so
blanchierter Kohl. Sie hat eine Künstlerin des Westens nicht spiegeln muss.“ sein Name, wohnt neben Huangs Galerie
aus Shanghai eingeladen, die Dafens Huang, ihr Entdecker, sitzt auf einem So- in einem Haus mit wehenden Vorhängen,
Kunst im Ausland bekannt machen soll. fa aus lilafarbenem Plüsch in einem Restau- das aussieht wie eine Luxus-Safarilodge.
Sie soll mit einer Delegation Kunststu- rant mit westlichen Gerichten, in das er gern Der Staat hat den Bau dieses Hauses sub-
denten nach Europa reisen und Bilder zum Mittagessen geht, und sagt: „Dieses ventioniert. Wenn Dafens Kunden sich
ausstellen. Feng sagt: „Wir müssen chine- Land ist zu schnell.“ Er bestellt eine schar- durch seine Gänge bewegen, sieht es aus,
sisch sein, aber nicht zu chinesisch.“ fe Nudelsuppe. Er wiederholt diesen Satz als bewegten sie sich durch eine Kathedra-
Sie muss den Geschmack treffen. Sie sehr oft. Huang würde den Lauf der Welt le. Der Künstler malt Kalligrafien, die chi-
redet mit Architekten und Designern, sie gern anhalten. Er kommt nicht mehr mit. nesische und westliche Elemente vereinen;
besucht Messen und liest Mode-Blogs im Neulich beschloss er, zu Feng zu gehen es sind großformatige Originale. Sie kosten
Netz. Sie hat vier Kriterien entwickelt. und mit ihr darüber zu reden, wie es wei- umgerechnet bis zu 100 000 Euro.
Erstens: Originale statt Kopien. tergehen könne. Es war sein erster Besuch Es gibt Maler im Dorf, die glauben,
Zweitens: Helle Farben, weil es in Chi- bei ihr, er setzte sich auf ein Sofa, trank dass der Safarimann für die chinesische
na jetzt neue Wohnungen gibt. Jasmintee und sagte zu seiner ehemaligen Mafia arbeitet; sie können sich seinen Er-
Drittens: Lieber abstrakte Bilder als ge- Schülerin: „Schön hier.“ Sie sagte: „Ja.“ folg nicht anders erklären. Seine Bilder
genständliche. Er sagte: „Schön.“ Sie fragte: „Brauchst sind keine Gebrauchsware. Es strahle von
Viertens: Die Bilder müssen dem Be- du meine Hilfe?“ Sie schwiegen. Der alte ihnen etwas Höherwertiges aus, sagen
trachter eine Frage stellen. Die Frage lau- Mann wollte nicht zugeben, dass er die Hil- Kunden aus Shanghai, die in der Galerie
tet: Was siehst du in mir und warum? fe der jungen Frau gut gebrauchen könnte. vor einem Paravent stehen und versu-
Feng ist während Chinas großer Öff- Die junge Frau wollte ihn nicht demütigen. chen, den Künstler zu fotografieren.
nung unter Deng Xiaoping aufgewachsen. So saßen sie einander ratlos gegenüber – Der Safarimann liegt hinter dem Para-
Sie sah, wie ihr Vater ein Telefon, einen wie Menschen, die wissen, dass sie sich vent auf einer Bank in seinem Atelier
Fernseher, ein Auto kaufte und das Leben von nun an aus dem Weg gehen müssen. und schläft. Wenn er wach ist, kann er
immer besser wurde. Sie hat nie Repres- Dann sprachen sie, um auf ein harmlo- Geschichten erzählen von Malern aus
sion gespürt, China erschien ihr als Land ses Thema auszuweichen, über die Safari- dem Dorf, die sich in seine Räume schlei-
vieler Möglichkeiten. Sie verliebte sich lodge, die in der Mitte des Dorfes steht, chen und seine Werke abfotografieren.
in das Unfertige. und den Künstler, der darin lebt. Sie ka- Er ruft dann seine Angestellten und
Ihren Mann lernte sie in einem Love- men überein, dass sich die Frage um An- schickt sie hinaus in die Gassen. Sie sollen
chat kennen, er war derjenige, der ihr das erkennung im Dorf künftig nicht mehr ihm die Diebe bringen. Er geht jetzt
schlechteste Gedicht von allen schickte. nur zwischen ihnen entscheiden würde. systematisch gegen Menschen vor, die
Er schrieb: „Ich war ein Bettler auf der Beide wussten, dass die Bilder, die sie versuchen, ihn zu kopieren.
Straße, und als du vorbeigingst, warfst du produzieren, lediglich Dekoration sind,
eine Münze in die Luft, in der sich die ein Produkt, immer noch kaum wertvol- Video:
Sonne spiegelte, und ihre Strahlen fielen ler als Plastikspielzeug. Die neue Mal-Macht
auf mein Gesicht.“ Feng gefiel, dass er et- In der Mitte des Ölmalerdorfs lebt ein spiegel.de/app552013maler
was wagte. Sie sagt: „China ist ein selbst- Chinese, der zeigt, wohin das Dorf sich in oder in der App DER SPIEGEL

ERIC RECHSTEINER / PANOS / DER SPIEGEL

Kunstmanagerin Feng in ihrem Atelier: „Wir müssen chinesisch sein, aber nicht zu chinesisch“

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Szene Sport

Kletterprofi Steck

EXTREMBERGSTEIGEN

Rückkehr an die Annapurna

ROBERT BÖSCH
Wie ein Kletterinsekt hängt der Profibergsteiger Ueli Steck Stein, die zu den anspruchsvollsten Routen im Himalaja
an einem Eisabbruch des Jungfraujochs im Berner Oberland. zählt. Zum Eisklettertraining stieg Steck Anfang September
Der 36-jährige Schweizer hatte im April weltweit für Schlag- in die überhängende Wand am Chielouwenengletscher ein,
zeilen gesorgt, als er beim Aufstieg auf den Mount Everest der an der Nordflanke des Jungfraujochs liegt. Riskant bleibt
von rund hundert Sherpas attackiert wurde. Nach seiner Stecks Annapurna-Expedition trotz bester Vorbereitung.
Rückkehr war Steck monatelang abgetaucht, vorige Woche 2007 war er bereits zu einer Solobesteigung aufgebrochen
zog es ihn erneut nach Nepal. Steck will mit dem kana- (SPIEGEL 23/2007). Auf etwa 6000 Meter Höhe traf ihn ein
dischen Kletterer Don Bowie die Südflanke der 8091 Meter herabfallender Stein am Helm, Steck stürzte mehrere hun-
hohen Annapurna besteigen – eine 2500 Meter hohe und dert Meter in die Tiefe – und verletzte sich wie durch ein
bis knapp unter den Gipfel reichende Steilwand aus Eis und Wunder nur leicht.

Kauerhof: Mir wird zu sehr auf der Ebe- Strafmaß eine Rolle spielen, nicht je-
DOPING
ne von Fairness und Moral argumen- doch bei der Frage, ob jemand über-
tiert, obwohl es letztlich um einen haupt bestraft wird.
„Verlogene Diskussion“ effektiveren Schutz des Wirtschafts-
zweigs Profisport geht. Das lässt sich
SPIEGEL: Innenminister Hans-Peter
Friedrich möchte den Hobbyathleten
Der Leipziger Anwalt und daran erkennen, dass der Freizeitsport nicht kriminalisieren. Ihn vom Profi
Sportrechtler Rico Kauer- strafrechtlich ausgeklammert werden abzugrenzen, sieht er als „zentrales
hof, 40, über die Pläne für soll. Wieso? Wenn der Sport vor Problem“. Hat er recht?
ein deutsches Anti-Doping- Doping besser geschützt werden soll, Kauerhof: So geht es jedenfalls nicht.
Gesetz warum dann nur der Berufssport? Doping verschiebt die Chancen auf
SPIEGEL: Weil es da um viel Geld geht … dem Sportmarkt und stört die Wettbe-
SPIEGEL: Das Bundesinnenministerium Kauerhof: … also um werbsgerechtigkeit. Aus-
will am Donnerstag mit zehn Juristen, Chancengleichheit im schließlich dies wäre ein
BERND SETTNIK / PICTURE ALLIANCE / DPA

darunter Ihnen, darüber diskutieren, kommerziellen Wettbe- akzeptabler Grund für


wie ein deutsches Anti-Doping-Gesetz werb. Außerdem: Ehr- den Staat einzugreifen.
aussehen sollte. Was erwarten Sie von liche Amateure werden Damit wäre der Sport
diesem Expertengespräch? ebenso durch Doping entzaubert, aber es
Kauerhof: Wir werden konkret über geschädigt, auch wenn es wäre ehrlicher. So ist
den Gesetzesantrag des Landes Baden- dabei um weit weniger die Diskussion verlogen.
Württemberg diskutieren. Ich bin oder gar kein Geld geht. Mir wird zu sehr an der
da mit einigem nicht einverstanden! Die Höhe eines Scha- Heroisierung des Sports
SPIEGEL: Womit vor allem? dens kann nur beim Friedrich festgehalten.
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Sport

FUSSBALL

„So einer passt immer“


Robert Lewandowski spielt nur noch unter Protest für Borussia Dortmund,
nachdem der Club seinem vorzeitigen Wechsel zum FC Bayern nicht zustimmte.
Die Fans merken nichts von seinem Ärger, der Stürmer erledigt seinen Job.
MARCUS SIMAITIS

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E
r möchte eigentlich lieber für den er von manchen Medien als Abzocker dar- mentale Stärke des Stürmers, „so einer
FC Bayern München spielen. Ro- gestellt wurde, erzielte Lewandowski in passt immer zu Bayern“.
bert Lewandowski lauert vor dem fast jedem Pflichtspiel ein Tor, ungerührt. Nachdem Nerlinger seinen Job bei den
Strafraum, Signal Iduna Park, das Stadion „Das eine ist das Geschäft, das andere Münchnern verloren hatte, übernahm der
von Borussia Dortmund, der Club spielt ist Fußball. Wenn ich spiele, gebe ich immer neue Sportdirektor Matthias Sammer die
gegen Werder Bremen. Von rechts flankt alles. Dann vergesse ich alle Spekulatio- Gespräche. Im vergangenen Frühjahr ent-
Marco Reus. Lewandowski läuft los. nen oder Sorgen“, sagt Lewandowski. Er wickelten sich die Transferverhandlungen
Sie halten ihn hier in Dortmund gegen schnippt mit Daumen und Mittelfinger sei- zu einem irren Theater, denn es prallten
seinen Willen fest. Monatelang kämpfte ner rechten Hand: „Zack! Ich kann meinen die Interessen der beiden Top-Clubs der
er darum, nach München wechseln zu Kopf immer voll auf Fußball einstellen.“ Bundesliga aufeinander. Die Bayern woll-
dürfen. Einer seiner Berater, Cezary Ku- Lewandowski stammt aus Leszno, ei- ten ihre Rolle als Nummer eins festigen.
charski, schrieb noch vor einigen Wochen ner Kleinstadt in der Nähe von Warschau. Sie hatten schon Mario Götze aus Dort-
in einer E-Mail an die Vereinsführung der Als er 16 Jahre alt war, verlor er seinen mund weggekauft. Nun wollten sie auch
Borussia: „Ich möchte das alle im BVB Vater durch einen Hirnschlag. „Ich war den besten Stürmer der Dortmunder.
wissen, das wir meinen es ist unmensch- früh der einzige Mann zu Hause. Ich „Beide Spieler sind erschwinglich, bei bei-
lich was ihr mit Robert macht. Robert musste für das Geld sorgen.“ Er zog nach den Spielern gibt es sportlich kein Risiko.
sein Herz und sein Denken ist bei einem Warschau, wo seine ältere Schwester Mi- Wir nutzen die offenen Flanken, die Dort-
anderen Verein.“ In einer weiteren Mail lena wohnte, und arbeitete verbissen an mund uns bietet“, so beschreibt ein rang-
hieß es: „Er möchte unbedingt weg von seiner Profikarriere. Er spielte für die hoher Bayern-Funktionär den Kampfauf-
Euch!!!!!!!!!“ Mit neun Ausrufezeichen. zweite Mannschaft von Legia Warschau, trag von damals. Die Borussia wiederum
Mittlerweile ist die Transfer- wollte sich nicht schon wieder
periode abgelaufen. Lewan- abkochen lassen.
dowski wird nicht mehr nach Am 5. März 2013 gab Barthel,
München wechseln, er muss sei- der sich mit den Bayern bereits
nen Vertrag bis Ende dieser Sai- einig geworden war, bei einem
son in Dortmund erfüllen. Gespräch mit Watzke und dem
Kein zweiter Spieler wird Dortmunder Sportdirektor Mi-
nun so scharf beobachtet wie chael Zorc bekannt, sein Klient
der Pole. Er ist sauer, weil er werde über den Sommer 2014
nicht nach München durfte. hinaus nicht mehr beim BVB
Der Stürmer spielt nur unter verlängern. Auch Kucharski
Protest für Dortmund. Die Trai- war bei dem Treffen anwesend.
ner, die Clubführung, die Fans, Der Name FC Bayern fiel bei
die Journalisten: Alle schauen der Unterredung nicht, aber
jetzt bei ihm ganz genau hin. Watzke wusste vom Interesse
Lässt er sich hängen? Kann das der Konkurrenz. Er sagt heute,
mit ihm gutgehen? dass er den Beratern damals in
Lewandowski läuft durch Aussicht stellte, bei einer Ablö-
den Strafraum, er erwischt die sesumme über 25 Millionen
Flanke von Reus, schiebt den Euro könne man über einen
MÜLLERLLER / NORDPHOTO

Ball ins Tor. Siegtreffer gegen Wechsel Lewandowskis reden.


Werder Bremen. Die Fans fei- Zwei Tage später meldete sich
ern, Lewandowski zögert mit Tom Eilers, der Anwalt von Bar-
dem Jubel. Erst als er hört, dass thels Spieleragentur Eurosports-
die Anhänger auf der Südtribü- management, bei Zorc. Im Auf-
ne tatsächlich seinen Namen Profi Lewandowski (r.): „Ein Mann steht zu seinem Wort“ trag von Barthel sollte er das Ge-
rufen, jubelt auch er. spräch zwischen den Beratern
„Robert hat ein großes Plus bei unseren dann beim Drittligisten Znicz Pruszkow. und den BVB-Männern nachträglich zu
Fans: Er hat sie nie angelogen“, sagt Dort- Dort wurde er Rekordtorschütze, stieg Protokoll bringen. Eilers ist auch der An-
munds Clubchef Hans-Joachim Watzke. mit dem Team in die zweite Liga auf. walt von Dortmunds Trainer Jürgen Klopp.
„Echte Liebe“, so lautet der Werbeslogan 2008 wechselte Lewandowski zum polni- Am 7. März schickte der Jurist Lewandow-
des Vereins. Lewandowski hat den Dort- schen Top-Verein Lech Posen, zwei Jahre skis Management eine Mail: „Wie bespro-
mundern nie ewige Treue vorgegaukelt. später unterschrieb er einen Vertrag bei chen habe ich Michael Zorc gebeten, die
Der Nationalspieler aus Polen versteht Borussia Dortmund. zwischen euch am Dienstag besprochene
sich als Dienstleister. Effizient, präzise, Lewandowski hat zwei Berater, den Po- fixe Ablösesumme von 25 Millionen Euro
kalt, für Geld zu haben. Er verschafft den len Cezary Kucharski, einen ehemaligen und die Geltung der Beraterbeteiligung am
Fans Glücksmomente in Form von Toren. Profifußballer, und Maik Barthel, Inhaber Transfererlös wie vereinbart schriftlich zu
Das ist sein Job. Emotionen, Gefühlskino der Agentur Eurosportsmanagement. Als bestätigen. Insoweit hat er mir gegenüber
bekommen sie von ihm nicht. Lewandowski von Posen nach Dortmund klar gestellt und auch bestätigt, dass der
In der vorigen Saison war Lewandowski wechselte, ließen sich die Agenten ver- BVB bereit ist, Robert im Sommer gehen
der zweitbeste Torschütze in der Bundes- traglich das Recht zusichern, dass sie zu zu lassen, wenn bis zum 15. Mai spätestens
liga und der Champions League. In den jedem Zeitpunkt für ihren Klienten mit ein Transfervertrag zustande kommt, der
ersten sechs Spielen dieser Saison hat er anderen Clubs verhandeln dürfen. Dafür dem BVB einen Nettoerlös von den ge-
bereits vier Tore für den Verein erzielt, für verzichteten sie auf ihr Honorar. nannten 25 Millionen Euro garantiert.“
den er eigentlich nicht mehr spielen möch- Anfang 2012 war es so weit. Der dama- Und weiter: „Er hat mir versichert, dass
te. Lewandowski funktioniert, egal was in lige Sportdirektor des FC Bayern, Chris- diese Zusage gilt, aber nicht schriftlich sei-
ihm vorgeht oder was um ihn herum pas- tian Nerlinger, bekam vom Präsidenten tens des BVB bestätigt werden wird.“
siert. Zwischen Februar und Mai, als das Uli Hoeneß den Auftrag, mal bei Lewan- Um die Vorgänge im März wird bis heute
Transfertheater in vollem Gange war, als dowski vorzufühlen. Hoeneß schätzte die gestritten. Lewandowski und seine Berater
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Sport

werteten Eilers’ Notiz als Zusage, dass der Es kursieren so viele Geschichten. Es auch noch an den größten Konkurrenten
Spieler wechseln könne. Lewandowski gab zum Beispiel im Juli ein Treffen zwi- abgeben musst, ist das noch viel schlech-
packte in seiner Wohnung in Lünen-Bram- schen Watzke und Bayern-Vorstandschef ter. Die BVB-Bosse mussten für ihre Ziele
bauer bei Dortmund bereits die Koffer. Karl-Heinz Rummenigge in dessen Ferien- kämpfen, das ist so. Meine Berater und
Watzke sagt, von einer mündlichen Zusage haus auf Sylt. Dort soll es um viel Geld ich mussten das aber auch tun.“
könne keine Rede sein. „Der Anwalt hat gegangen sein, sagt ein Funktionär aus Anfang August offerierte ihm Watzke
Michael Zorc da offensichtlich nicht richtig München. Rummenigge habe demnach eine Gehaltserhöhung: 160 000 Euro brut-
verstanden, er war bei unserem Gespräch der Borussia eine Ablösesumme von to pro Monat, dazu 30 000 Euro pro
mit den Beratern nicht anwesend.“ 85 000 Euro für jeden der 365 verbliebe- Punkt sowie Prämien für Tore und Tor-
Es kam zum offenen Streit. Ein BVB- nen Tage des Lewandowski-Vertrags an- vorlagen. Es war ein stark leistungsbezo-
Funktionär warf Lewandowski und sei- geboten. Damit offerierte der damals genes Angebot, bei dem der Spieler
nem Management per SMS „Arschloch- frischgekürte Champions-League-Sieger knapp über sein bisheriges Gehalt von
verhalten“ vor. Als Zorc Barthel an ei- dem Finalisten aus Dortmund eine Ge- 1,5 Millionen Euro gekommen wäre.
nem Samstag im Juni mitteilte, dass man samtablöse in Höhe von 31 025 000 Euro. Watzke schloss das Angebot, das er per
nun auch offiziell erklären werde, Lewan- „Völliger Blödsinn. Über Zahlen haben Mail an die Berater schickte, mit dem
dowski könne Dortmund nicht verlassen, wir nicht gesprochen, zu Inhalten äußere Zusatz ab: „Die veränderten Konditio-
flippte der Berater aus. Er saß in einem ich mich nicht“, sagt Watzke. Rummenig- nen für Robert und Euch setzen natürlich
Restaurant des Golfclubs Unna-Frönden- ge schweigt zur Personalie Lewandowski. voraus, dass wir uns auf eine gemeinsa-
berg in der Nähe von Dortmund, hatte „Ich werde aus dieser Sache lernen, das me, harmonische Außendarstellung ver-
gerade ein Omelett mit viel Käse serviert wird uns so nicht noch mal passieren. Wir ständigen, bei der wir die Vergangenheit
bekommen, als sich Zorc bei ruhen lassen.“ Bei Lewandow-
ihm meldete. „Ihr seid Lügner. ski kam es so an, dass man
Ganz einfach Lügner. Ihr wer- beim BVB wohl befürchtete, er
det schon sehen, was ihr davon würde sich hängenlassen. Er
habt“, zischte Barthel ins Tele- war gekränkt, in einer SMS an
fon. Dann legte er auf und Watzke nannte er das Angebot
brummte: „Lügencombo“. „skandalös“.
Lügencombo. Der Dortmun- Wieder ließ er Berater Ku-
der Clubchef Watzke sitzt auf charski an den Club schreiben.
der Terrasse seines Lieblings- Respektlos sei die Offerte, der
Italieners, er trägt eine sehr BVB solle nicht davon ausge-
dunkle Sonnenbrille, er ist ganz hen, dass Lewandowski zum
ruhig, er sagt: „Robert Lewan- nächsten Training komme. Der
dowski ist ein feiner Kerl, der Club drohte daraufhin mit ar-
absolut professionell arbeitet.“ beitsrechtlichen Konsequenzen.
Und die Berater? Auf der Terrasse beim Italie-
„Es sind die Berater, die sich ner zündet Watzke seinen drit-
Robert selbst ausgesucht hat, ten Zigarillo an: „Das darf man
GUIDO KIRCHNER / FIRO SPORTPHOTO

und wir akzeptieren das“, sagt nicht dramatisch sehen. Das


Watzke. mussten wir aus arbeitsrecht-
Und das Anwaltschreiben? lichen Gründen präventiv so
Watzke sagt: „Wir sehen ein, schreiben. Ich selbst war aber
dass wir mit einer solchen For- überzeugt davon, dass Robert
mulierung vielleicht Erwartun- pünktlich zum Training da sein
gen geweckt haben. Das wird wird.“
uns in Zukunft nicht mehr pas- Dortmunder Clubchef Watzke: „Harmonische Außendarstellung“ Mitte August bekam Lewan-
sieren.“ dowski ein neues Angebot.
Es ist schwer zu sagen, wer genau in werden uns nun alle weiteren Abspra- Sehr üppig. Er kassiert jetzt über fünf
dem Fall Lewandowski unsauber gear- chen immer schriftlich geben lassen“, sagt Millionen Euro im Jahr, gehört nun zu
beitet hat. Wahrscheinlich alle ein biss- Lewandowski. den Top-Verdienern in der Mannschaft.
chen. Er hat eine neue Wohnung gemietet, Er macht seinen Job, Tore, er ist Profi.
Robert Lewandowski sitzt in einem lebt jetzt mit seiner Frau Anna im Dort- In den vergangenen Wochen war Le-
Restaurant in Dortmund und isst Hühn- munder Süden. Er spielt weiter beim wandowski oft in der Kirche. Er ist gläu-
chenfilet. Es ist trainingsfrei. Irgendwann BVB, er sagt: „Ich mag diese Mannschaft, biger Katholik. In Lünen-Brambauer, sei-
steht sein Mitspieler Marco Reus neben ich mag meine Mitspieler, die Fans sind nem früheren Wohnort, gibt es eine stark
ihm und spricht ihn an: „Reden, reden, einmalig. Ich hatte im vergangenen polnisch geprägte Kirchengemeinde, die
reden: Machste wieder Ärger?“ Herbst einfach das Gefühl, dass ich etwas er gern besucht. „Wenn ich in der Kirche
Lewandowski lacht: „Was los, Reus?“ Neues brauche, dass ich eine Verände- bin, werde ich ruhiger, kann nachdenken,
Sie verabreden sich zu einer Shopping- rung will. Ich will noch etwas anderes se- abschalten.“
tour nach Düsseldorf. hen und von nun an in jedem Jahr die Er habe kein Vertrauen mehr zu den
Lewandowski ist enttäuscht von Watz- Chance haben, die ganz großen Titel zu Bossen in Dortmund. Selbst wenn sein
ke. „Ich hatte ihr Wort, wechseln zu dür- gewinnen. Aber es ist jetzt nicht so, dass Wechsel zu den Bayern zur nächsten Sai-
fen. Das haben sie mir mehrfach gege- ich jeden Tag weine, weil ich hier nicht son noch platzen sollte, würde er das ge-
ben.“ Für ihn sind mündliche Absprachen weggehen durfte.“ lassen hinnehmen. Dann komme eben
genauso bindend wie schriftliche. Für den Ein bisschen könne er die Dortmunder ein anderes Angebot.
Stürmer ist es unwichtig, ob man ihm nun Führung verstehen: „Ich hätte mich viel- Er werde mit seinen Kollegen beim BVB
nachsagt, dass es naiv war, sich an eine leicht auch so verhalten. Wenn du gleich- noch eine erfolgreiche Saison spielen. Da-
lose Zusage zu klammern. „Ein Mann zeitig deinen Zehner und deinen Neuner nach, sagt Lewandowski, „ist aber auf je-
steht zu seinem Wort“, sagt er. verlierst, ist das schlecht. Wenn du beide den Fall hier Schluss“. R
 B   
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Prisma Wissenschaft · Technik

R AU M FA H R T

Fliegende Teppiche
auf dem Mars
So wie Blätter im Herbst gen Boden

MAURICE WEISS / OSTKREUZ


segeln, könnten flache Raumsonden
künftig auf ferne Planeten herabglei-
ten. Diese Landeroboter, komplett mit
Solarzellen und Sensoren, wären bieg-
sam – und noch dazu billig. Das ist zu-
mindest die Vision von Forschern des
Jet Propulsion Laboratory im kalifor-
nischen Pasadena. „Wir könnten 50 GESUNDHEIT
oder 100 dieser Blätter über Planeten
und Asteroiden abwerfen“, sagt Ha-
mid Hemmati, Leiter des Projekts.
„Selbst wenn einige der Miniroboter
das Zielgebiet verfehlten, würden
„Keine Bürgerversicherung“
viele ankommen.“ Denkbar wären Frank Ulrich Montgomery, 61, Präsi- als eigentlicher Gewinn für den Arzt
Missionen zum Jupitermond Europa dent der Bundesärztekammer, über übrig. Es geht uns nicht um Pfründe,
oder zum Mars. Viele Details sind seine Erwartungen an eine neue Bun- sondern um eine vernünftige Kranken-
noch zu klären, etwa die Frage, wel- desregierung versicherung.
che Strahlendosen und Temperaturen SPIEGEL: Welche inhaltlichen Schwer-
die fliegenden Messteppiche überste- SPIEGEL: In einer Großen Koalition so- punkte in der Gesundheitspolitik er-
hen. Hemmati: „Das ist natürlich im wieso, aber auch wenn Schwarz-Grün warten Sie von der zukünftigen Regie-
Moment noch eine futuristische Idee.“ käme: Die Bürgerversicherung bleibt rung?
nach wie vor ein Thema. Wie stehen Montgomery: Wir werden uns mit den
Sie dazu? Herausforderungen einer Gesellschaft
Montgomery: Die Bürgerversicherungs- des langen Lebens auseinandersetzen
ideologie lehnen wir ab. Sie verwech- müssen. Und wir müssen diskutieren,
selt Gleichheit mit Gerechtigkeit. Man wie wir medizinischen Fortschritt in
kann nicht ernsthaft denken: Wenn alle Zukunft in die Krankenversorgung
Menschen gleich schlecht versorgt sind, einbringen können. Der Vorteil ist,
dann wäre das gerecht. Doch mit der dass wir 27 Milliarden Euro Reserve
Union wird es meiner Meinung nach im Kassensystem haben. Da kann
nicht so weit kommen. man ruhiger und sachlicher argumen-
SPIEGEL: Eine Bürgerversicherung wür- tieren, als wenn man Druck im Nacken
de für die Ärzte Verzicht auf höhere spürt.
Honorare durch Privatpatienten be- SPIEGEL: Wer wäre Ihr Wunschkandi-
NASA / JET PROPULSION LABORATORY

deuten. Wahren Sie Ihre Pfründe? dat für das Amt des Gesundheits-
Montgomery: Aus den Honoraren der ministers?
Ärzte wird zum überwiegenden Teil Montgomery: Dazu äußere ich mich
die Versorgung der Patienten im nie- nicht. Es sollte aber jemand sein, der
dergelassenen Bereich bezahlt. Weni- mit Ernsthaftigkeit unser jetziges Sys-
Papierdünne Raumsonden ger als die Hälfte bleibt in der Regel tem fortentwickelt.

TIERE
ling eher beikommt, wenn man ihn mit seinen
natürlichen Feinden bekämpft: den Vögeln. Sie
erwischen den Käfer vor allem dann, wenn er ge-
Vögel retten Kaffee rade dabei ist, in die Frucht einzudringen. So ist
RAY WHITT / NATIONAL GEOGRAPHIC SOCIETY / CORBIS

es Goldwaldsängern gelungen, den Käferbefall


Der größte Feind des Kaffees ist ein kleiner Rüs- auf einer Plantage um die Hälfte zu reduzieren.
selkäfer. Das Weibchen bohrt sich in die Kaffee- Ein mittelgroßer Betrieb kann mit Hilfe der
kirsche und legt im Innern seine Eier ab. Auf die- Vögel nach Schätzungen der Forscher jedes Jahr
se Weise kann das Insekt mehr als drei Viertel zwischen 3500 und 9400 Dollar sparen, was in
einer Ernte vernichten. Den Bauern macht be- etwa dem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen in
sonders zu schaffen, dass Pestizide dem Käfer Costa Rica entspricht. Für den Stanford-Biolo-
kaum etwas anhaben können, da er sein Leben gen Daniel Karp ist klar: Es lohnt sich, in den
größtenteils in der Frucht verbringt. In Costa Schutz der Wälder zu investieren. Denn je mehr
Rica fanden jetzt Forscher der kalifornischen Goldwaldsänger Waldbestand in der Nähe der Plantagen zu fin-
Stanford University heraus, dass man dem Schäd- den war, desto mehr Vögel gingen auf Käferjagd.
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Wissenschaft

SPI EGEL-GESPRÄCH

„Ein furchtbares Leben“


Emotionale Unreife, null Empathie – der Bonner Jugendpsychiater Michael
Winterhoff, 58, diagnostiziert bei den Kindern von heute einen akuten
Seelennotstand. Schuld sind mal wieder die Eltern, aber auch Erzieher und Lehrer.
SPIEGEL: Herr Winterhoff, wenn wir Sie Winterhoff: … aus meiner Praxis, und der
richtig verstehen, ziehen wir eine Gene- Fall ist nur einer von vielen dieser Art.
ration lustorientierter Egoisten und Nar- Der besagte Junge ist 17, freundlich, zu-
zissten heran. Müssen wir uns vor unse- vorkommend, ein Einser-Schüler auf dem
ren eigenen Kindern fürchten? Gymnasium. Wer ihn sieht, kann sich
Winterhoff: Nicht doch. Zum einen behaup- nicht vorstellen, dass er seine Mutter re-
te ich ja nicht, dass generell alle Kinder gelmäßig aufs ordinärste beschimpft – im-
sich zwangsläufig zu Egoisten entwickeln. mer dann, wenn er nicht bekommt, was
Zum anderen sehe ich auch nicht nur Nar- er will. Letztens ist er an einem Sonntag
zissten. Ich stelle vielmehr die Frage, ob in einen Baumarkt eingestiegen. Nimmt
diese Kinder zu lebensfähigen Menschen seinen elfjährigen Bruder mit, pitscht den
werden. Maschendrahtzaun auf und wundert sich,

MATTHIAS JUNG / DER SPIEGEL


SPIEGEL: Und diese Frage verneinen Sie. dass auf einmal die Polizei dasteht.
Was macht Sie so pessimistisch? SPIEGEL: Was wollte er?
Winterhoff: Ich halte oft Vorträge in der Winterhoff: Sein Kart war defekt. Der Mo-
Wirtschaft, vor Berufsverbänden. Die Fir- tor einer Kettensäge eignet sich als Ersatz.
men berichten von massiven Problemen, Also marschiert er los, eine Kettensäge
Auszubildende zu finden. Die jungen klauen. Null Unrechtsbewusstsein. Und
Menschen haben Schwierigkeiten mit Buchautor Winterhoff keine Empathie gegenüber seinem Bru-
ihrer Arbeitshaltung, mit Pünktlichkeit, „Erwachsene im Katastrophenmodus“ der, den er in die Sache reingezogen hat.
dem Erkennen von Strukturen und Ab- Der Junge saß dann hier in der Praxis
läufen. Das ist doch ein riesiger Wider- schon beim Berufseinstieg Schwierigkei- und wusste gar nicht, weshalb! Da stellt
spruch: Wir leben in einer Zeit, in der wir ten hat. Das Problem ist nicht, dass die sich die Frage: Wie kommt der denn
unglaublich viel für unsere Kinder tun, Heranwachsenden grundsätzlich nicht in dazu?
wir haben ein sehr gutes Bildungswesen, der Lage wären, arbeiten zu gehen. Aber SPIEGEL: In Ihrer Praxis sehen Sie tagein,
und trotzdem scheint es nicht zu fruchten. viele sind auf einer frühen emotional- tagaus extreme Fälle – das sind doch Aus-
SPIEGEL: In Ihrem neuen Buch „SOS Kin- sozialen Stufe stehengeblieben, ungefähr nahmen!
derseele“ schreiben Sie, die Gesellschaft auf der eines 10 bis 16 Monate alten Winterhoff: Meinen Sie? Ich bin viel unter-
breche auseinander, wenn ihr der Kitt feh- Kleinkinds. Sie leben rein lustorientiert wegs und treffe auf Fachleute, auf Lehrer,
le: die emotionale und soziale Intelligenz, in den Tag, denken nicht an morgen. Sie Erzieher, die jeden Tag solche Kinder vor
über die unsere Kinder angeblich nicht sind nicht in der Lage, in Konflikten sich haben. Nehmen wir die Grundschule.
mehr verfügen. Das klingt alarmistisch. ihren Eigenanteil zu sehen, aus ihnen Bis etwa Mitte der neunziger Jahre war
Winterhoff: Es geht mir nicht um Alarmis- zu lernen. Obwohl sie gut erzogen sind, es selbstverständlich, dass ein Kind in der
mus. Aber sehen Sie, zu Beginn meiner verfügen sie nicht über ein Unrechts- Lage war, vier Stunden auf dem Stuhl sit-
Laufbahn vor 28 Jahren hatte eine Klasse bewusstsein. zen zu bleiben. Das Kind hat erkannt: Im
im Schnitt zwei auffällige Kinder. Vor drei SPIEGEL: Was Sie beschreiben, hört sich Unterricht sitze ich, in der Pause darf ich
Jahren stand im Bundesbildungsbericht, fast apokalyptisch an: eine Generation rennen. Es war lernwillig, wissbegierig,
dass fast jeder zweite Schulabgänger Jugendlicher, die nichts dabei findet, mit hat seine Lehrerin als solche erkannt.
höflichem Lächeln, aber eiskalter Seele Heute berichten Lehrer, dass ebenjene
Das Gespräch führten die Redakteurinnen Rafaela von Verbrechen zu begehen. Als Beleg dient Kinder zur Ausnahme geworden sind. Sie
Bredow und Kerstin Kullmann. Ihnen ein Kriminalfall … schätzen, dass 50 bis 70 Prozent der Kin-

Reife durch Wahrnehmung Entwicklung der kindlichen Psyche


Geburt Säugling Krabbel- und Laufalter ab 10 bis 16 Monaten* ab 20 Monaten ab 2 Jahren
Außerhalb Unterscheidung Entdeckung des Unterscheidung zwischen Unterscheidung Erste Einschätzung
von mir zwischen ange- Raums, Beginn Mensch und Gegenstand. zwischen be- anderer Menschen:
existiert noch nehm und räumlicher Wahr- Der Mensch lässt sich kannter und Es gibt Menschen,
eine Welt. unangenehm. nehmung. nicht immer steuern, fremder Um- die sind größer und
er steuert mich. gebung. stärker als ich.
Quelle: Michael Winterhoff *Alle Altersangaben dienen
(nach Freud, Erikson, Winnicot, Piaget) der groben Orientierung

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JOKER / SÜDDEUTSCHER VERLAG
Berliner Grundschüler: „Viele sind auf der emotional-sozialen Stufe eines 10 bis 16 Monate alten Kleinkinds stehengeblieben“

der in der Grundschule nicht altersgemäß die Oberschicht dekadent wird. Ich glau- Sie müssen sehen, das wir auf breiter Ebe-
entwickelt sind. be aber, die Entwicklung, die ich bei den ne seit Jahren die Leistungsanforderun-
SPIEGEL: Aber der Weg von einem Kind, Jugendlichen beobachte, ist das eigentlich gen zurückschrauben. In Nordrhein-West-
das nicht stillsitzt, bis zu einem jugend- Erschreckende. Wie schlimm es um sie falen mussten die Kinder früher drei- bis
lichen Einbrecher ist weit. steht, sieht man auch daran, dass die Zahl viertausend Wörter richtig schreiben, seit
Winterhoff: Natürlich, die meisten Kinder der Ergo-, Logo- und sonstigen Therapien vielen Jahren nur noch tausend. Wir
werden sich nicht so entwickeln. Die zunimmt. schaffen den Werkunterricht ab, dem-
größte Gruppe werden Kinder bilden, die SPIEGEL: Moment! Dass wir unsere Kinder nächst vielleicht die Hausaufgaben. Dau-
noch als Erwachsene auf dem Schoß ihrer wahrscheinlich übertherapieren, beweist ernd reduzieren wir das Niveau. Das, was
Eltern sitzen. Für die ist die Welt so lange nicht, dass sie wirklich kränker sind. Kinder heute in einer Grundschule an
in Ordnung, wie sie in der bezahlten Woh- Winterhoff: Ich gebe Ihnen recht. Dieser Leistung erbringen, ist weit entfernt von
nung leben, 24 Stunden Internetanschluss Umkehrschluss ist falsch. Dennoch läuft dem, was vor 10 oder 20 Jahren gefordert
haben, einen vollen Kühlschrank und sau- etwas schief. Wieso fragen mich denn die wurde.
bere Wäsche. Aber sobald man von de- Arbeitgeber, die Ausbilder: Was sollen SPIEGEL: Was, glauben Sie, hat sich seit-
nen etwas einfordert, flippen sie aus. wir mit unserem Nachwuchs machen? dem grundsätzlich verändert?
SPIEGEL: Jede Gesellschaft schimpft über Nachdem die Kinder durch Kita und Winterhoff: Die emotionale und soziale
ihren Nachwuchs. Damals war es die Null- Schule geschleust wurden, kommt ja hier Entwicklung vieler Kinder entspricht
Bock-Generation, heute sind es Slacker, die erste echte Prüfung: der Arbeitsplatz. nicht mehr ihrem Alter. Ein Beispiel: Ich
Rumhänger. Schon in Mesopotamien Die Schulen mögen ihre Ansprüche her- sitze hier vor Ihnen, werde interviewt.
schrieb man vor 4000 Jahren: „Unsere Ju- unterschrauben, aber die Anforderungen Jetzt, in diesem Moment, muss es mir völ-
gend ist heruntergekommen und zuchtlos, der Industrie sind noch die gleichen. lig egal sein, ob ich Hunger habe, müde
die jungen Leute hören nicht auf ihre El- SPIEGEL: Viele kommen schon mit fünf in bin oder aufgeregt – ich muss mich auf
tern, das Ende der Welt ist da.“ die Schule, bangen um den Gymnasial- Sie einstellen können. Dies leistet meine
Winterhoff: Auf die Gefahr hin, dass es übertritt, werden dann durch G8 ge- emotionale und soziale Psyche. Ist sie gut
jetzt doch nach Alarmismus klingt: Wenn schleust. Vielleicht sind die Kinder ein- entwickelt, handelt der Mensch umsichtig,
man die Sache neutral be- fach überanstrengt? vorausdenkend, er kann Prioritäten set-
trachtet, hat sich noch Winterhoff: Ihre Vermutung würde zutref- zen und seine eigenen Bedürfnisse aus-
jede Hochkultur selbst fen, wenn nur Gymnasiasten Probleme blenden. Das hat nichts mit Erziehung zu
zerstört. Man mag anneh- hätten. Dann müsste man Druck rausneh- tun. Das ist eine Entwicklung: Mit drei
men, das läge daran, dass men, vielleicht würde das helfen. Aber Jahren ist man kindergartenreif, mit sechs
F OTO S : BLI C KWI NKE L , OK AP I A , BE RN D L EITN ER , D R EBLOW

ab 2,5 bis 3 Jahren ab 3 Jahren ab 5 Jahren ab 6 Jahren


Die Selbstbildung ist erfolgt. KINDERGARTENREIFE: Erkennen von Strukturen. SCHULREIFE:
(Ich bin ein Mensch, du bist ein Beginnendes Erkennen von Unterscheidung zwischen Anerkennung und
Mensch). Klare Zuordnung der Strukturen und Abläufen. richtig Verinnerlichung von
Bezugspersonen, beginnende Das Kind macht viele Dinge und Regeln, Interesse
Orientierung an deren Reaktionen. für die Bezugspersonen. falsch. an Kulturtechniken.

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Wissenschaft

chen Wiederholungen ablaufen. Deshalb


sind regelhafte Abläufe wichtig. Und,
noch wichtiger: Die Psyche des Kindes
bildet sich an seinem Gegenüber aus.
Wenn die Bezugsperson aber sagt, mach,
was du willst, ich begleite dich nur, ver-
liert das Kind die Orientierung. Je weni-
ger Beziehung vorhanden ist, desto we-
niger bildet sich die emotionale und so-

ERIC TSCHAEN/REA/LAIF
ziale Psyche aus.
SPIEGEL: Was Sie als Orientierung bezeich-
nen, nennen Pädagogen Autorität.

FOTOCREDIT
Winterhoff: Nein, das ist falsch. Ich bin
1955 geboren und noch mit Schlägen,
Auszubildende bei Pfälzer Pumpenhersteller: „Schwierigkeiten schon beim Berufseinstieg“ auch in der Schule, aufgewachsen. Ich
weiß, wovon ich rede. Die große Er-
Jahren schulreif, mit 16 Jahren ausbil- SPIEGEL: Erklären Sie uns das? rungenschaft der letzten Jahrzehnte war
dungsreif. Bei vielen ist das aber leider Winterhoff: Wir haben ein Programm für es, die Kinder zunehmend als Person zu
nicht mehr der Fall. Katastrophen in uns. Bei einem Feuer- sehen. Heute ist es wichtig, dass man sich
SPIEGEL: Wie verläuft diese Entwicklung alarm würden wir jetzt, ohne lange nach- mit Jugendlichen zusammensetzt, ins Ge-
normalerweise? zudenken, rausrennen, uns retten. Wird spräch kommt. Aber eben entsprechend
Winterhoff: Der Säugling kommt auf die die Katastrophe aber zum Dauerzustand, ihrem emotional-sozialen Reifegrad. Je
Welt und schreit, seine Bedürfnisse müs- tritt die Intuition in den Hintergrund. Sie kleiner Kinder sind, desto mehr muss
sen sofort befriedigt werden. Allmählich reagieren stets panisch-kopfgesteuert, es man sie schützen, führen, anleiten.
lernt er zu warten. Zwischen dem 10. und brodelt ständig. SPIEGEL: In Ihrem Buch werfen Sie den
dem 16. Monat erkennt das Kind dann SPIEGEL: Das Kind liegt vor der Super- Bildungsträgern vor, dass sie mit ihren
den Unterschied zwischen einem Men- marktkasse und schreit. Wie reagiert der freien Konzepten vor allem Geld sparen
schen und einem Gegenstand. Zwischen Erwachsene im Katastrophenmodus? wollen.
zwei und drei Jahren kennt es die unter- Winterhoff: Er will das alles ganz schnell Winterhoff: Ist doch klar, wenn Sie zwei
schiedlichen Erziehungspersonen und regeln. Fühlt er sich der Situation nicht hauptamtliche Erzieher haben, die für 25
orientiert sich an den Reaktionen der gewachsen, geht er das Kind vielleicht Kinder zuständig sind, haben Sie einen
Erwachsenen, so dass es mit etwa fünf barsch an, will gleich, dass es gehorcht, anderen Personalschlüssel, als wenn Sie
Jahren weiß: Dies ist richtig, jenes falsch. und dadurch dreht es noch mehr auf. für einen ganzen Kindergarten sagen:
SPIEGEL: Erziehung wird jetzt wichtig? Wenn man unter Strom steht, muss Einer ist zuständig für den Bastelraum,
Winterhoff: Nein, ich bin kein Pädagoge, der Einkauf einfach klappen, da ist das einer fürs Café. Klar kann ich dann mit
ich spreche nicht über Erziehung, sondern Geschrei ein Störfaktor, den es zu behe- weniger Personal arbeiten. Diese Ent-
über die Entwicklung der Psyche. Unter ben gilt. Dann explodiert die Sache. wicklung ist fatal. Wir brauchen viel klei-
Erziehung verstehen wir immer: Die Kin- Wenn man dann aber gelassen bleibt, nere Gruppen und mehr Personal.
der sollen Regeln lernen und sich entspre- kann man sich zum Beispiel dafür SPIEGEL: Verzweifelten Eltern versprechen
chend verhalten. Aber an dem Entwick- entscheiden, das Kind ganz ruhig aus Sie, das Kind könne „nachreifen“. Wie
lungsmodell sieht man, dass es nicht über der Situation herauszunehmen, kurz vor denn?
das bloße Regeln-Lernen funktioniert, son- die Tür zu gehen, es sich beruhigen Winterhoff: Wir reden hier von der emo-
dern über das Erleben. In einem Kinder- lassen. tional-sozialen Psyche, also dem Teil der
garten lernt ein Kind im Beisammensein SPIEGEL: Die unentspannten Eltern sind Psyche, die wir brauchen, um miteinan-
mit der Erzieherin die Regeln und Abläufe mal wieder schuld. Hilft dieser Vorwurf der klarzukommen. Und die kann sich,
des Tages. Zu Hause tut es das Gleiche mit den Kindern? wie gesagt, nur am Menschen, am Gegen-
den Eltern. Auf dieser Stufe der Entwick- Winterhoff: Es ist mir noch nie darum ge- über entwickeln. Was also brauchen diese
lung bildet sich automatisch ein Interesse gangen, Eltern anzuklagen. unreifen Jugendlichen? Das Gleiche, was
an Kulturtechnik. Das Kind will lesen, SPIEGEL: Dann nehmen wir die Eltern ganz kleine Kinder brauchen: eine Um-
schreiben, rechnen lernen. Was es tut – doch mal raus – vielleicht sind die ent- gebung, in der Zeit und Ruhe vorhanden
still sitzen bleiben, Hausaufgaben erledi- spannter, als Sie denken. Gibt sind. Gleiche Abläufe, die Halt
gen –, tut es für den Lehrer, die Eltern. es dann noch ein Problem? und Sicherheit geben. Wie beim
SPIEGEL: Wo genau läuft Ihrer Meinung Winterhoff: Problematisch sind Anziehen: erst das T-Shirt, dann
nach etwas schief? diese vermeintlich neuen Kon- die Socken.
Winterhoff: Die Eltern haben sich verän- zepte, die von sich behaupten, SPIEGEL: Einen 15-Jährigen kann
dert, die Bezugspersonen. Früher war das die Kinder Selbstkompetenz leh- man aber schlecht noch beim
Thema Burnout einigen wenigen Top- ren zu wollen. Freiarbeit, freies Anziehen begleiten.
Managern vorbehalten. Heute sind viele Spiel, im „Kindercafé“ essen, Winterhoff: Stimmt, da sage ich
Menschen davon betroffen. Es fällt ihnen wann und wie viel die Kleinen den Eltern, dass sie beispielswei-
schwer, in sich zu ruhen. Morgens wacht jeweils gerade wollen. se renovieren könnten. Wichtig
man auf, denkt an das, was man machen SPIEGEL: Was ist dagegen einzu- ist, dass der Vater oder die Mut-
muss, ist im Kopf schon wieder weit weg. wenden? Michael ter abends nach der Arbeit noch
Aber eine wichtige Bedingung dafür, dass Winterhoff: Wenn sich kleine Kin- Winterhoff zwei Stunden Zeit hat, in der
sich die Psyche des Kindes gut entwickelt, der schon in der Kita frei aus- „SOS Kinder- mit dem Sohn Wände angemalt
seele“
ist, dass der Erwachsene, an dem es sich suchen sollen, was sie machen, oder Türen lackiert werden.
orientiert, in sich ruht. Diese Ruhe über- ist das eine völlige Reizüberflu- C. Bertelsmann, Hier liegt der Hauptaspekt wie-
München;
trägt sich auf das Kind. Der Dauerzustand tung. Dann nimmt das Gehirn 224 Seiten; der darin, anzuleiten, zu beglei-
der meisten Erwachsenen aber ist heute nichts auf. Nervenzellen werden 17,99 Euro. ten, Reihenfolgen festzulegen.
der Katastrophenmodus. nur gebildet, wenn stets die glei- Da können Sie zugucken, wie
108           2 0 1 3
sich die Psyche nachbildet, das ist phä-
nomenal.
SPIEGEL: Ein weiterer Tipp von Ihnen zur
Zähmung der Ego-Monster klingt reich-
lich lapidar: vier Sekunden warten, bis
man auf das Kind reagiert.
Winterhoff: Das hilft, sage ich Ihnen! Es
hilft, zurückzufinden zu einem intuitiven
Umgang mit seinem Kind. Stellen Sie sich
zum Beispiel vor, wir hätten hier ein
Kleinkind von 10 bis 16 Monaten im
Raum. Es würde ständig versuchen, sein
Weltbild zu bestätigen: Ich kann alle steu-
ern und bestimmen, Menschen, Gegen-
stände, alles gleich. Das Kind unterbricht
also das Gespräch. Früher hätte man es
intuitiv zunächst ignoriert. Man hätte sich
einen Moment weiter unterhalten und
dann gesagt: „Hallo, ist mal gut.“
SPIEGEL: Was genau bewirken nun die vier
Sekunden Verzögerung?
Winterhoff: Ein Kind, ein Jugendlicher, der
mich gar nicht als Mensch erkennt, nimmt
durch eine betonte Verzögerung wahr:
Vorher war Mama ein Gegenstand, den
ich manipulieren konnte, jetzt ist sie ein
Mensch, der reagiert. Das heißt, der Ju-
gendliche begreift es nicht, sondern er
erlebt es. Anhand ihrer natürlichen Re-
aktion. Es hat die Chance, seine Psyche
weiter auszubilden – an einer Bezugs-
person, die mit ruhiger Selbstverständ-
lichkeit auf das Kind reagiert.
SPIEGEL: Was wollen wir eigentlich: die
Kinder zu perfekten Arbeitsbienen trim-
men, wie die Wirtschaft sie fordert – oder
sie erziehen zu autonomen, selbstbewuss-
ten Erwachsenen?
Winterhoff: Zur Autonomie erziehen – das
ist doch ein Irrweg! Autonom ist nur der
Säugling. Der erlebt eine Vollversorgung,
für den haben Sie alles zu machen und
zu tun. Stellen Sie sich doch bitte mal
vor, was aus einer Generation wird, die
kaum Fremdbestimmung kennt! Wie soll
die denn in einem Leben bestehen, das
ihnen ein hohes Maß an Fremdbestim-
mung ganz automatisch abverlangt? Auf-
stehen, auch wenn man noch schlafen
will. Ziele anstreben, für die man Ent-
behrungen in Kauf nehmen muss.
SPIEGEL: Wenn wir es nicht schaffen, dem
Katastrophenmodus zu entkommen –
müssen die Kinder dann nicht Angst vor
uns haben?
Winterhoff: In den Elternhäusern, Kitas und
Schulen darf es jedenfalls so nicht weiter-
gehen. Die Erwachsenen müssen verste-
hen, dass die Kinder nur in der – mitunter
streitbaren – Beziehung zu ihnen reifen.
Sonst werden ihre Kinder später ein furcht-
bares Leben führen müssen. Solange sie
von den Wohlmeinenden versorgt werden,
kommen sie klar. Wenn man sie nicht mehr
versorgt, werden sie sozial verelenden.
SPIEGEL: Jetzt sind Sie aber wirklich noch
mal alarmistisch geworden, Herr Winter-
hoff! Wir danken Ihnen für dieses Ge-
spräch.
          2 0 1 3 109
Großer Tümmler

DELPHINE

Denkste!
Wie intelligent sind die Meeressäuger wirklich?
Forscher streiten, ob Delphine ihre Sonderstellung
als Hochbegabte des Tierreichs verdient haben.

JUNIORS BILDARCHIV / JUNIOR

I
hr Sozialleben ist komplex, und die Delphine wirklich schlau?“ So fragt Justin viele unserer Wünsche und Träume auf
Tiere können sich zu großen Gruppen Gregg, Forscher des US-amerikanischen sie projiziert“, sagt der Neuroethologe
zusammenfinden. Beobachten sie, wie Dolphin Communication Project*. Und Paul Manger von der südafrikanischen
ein Familienmitglied leidet, pocht ihr nicht nur er bekrittelt den Grips von Flip- University of the Witwatersrand. Das be-
Herz schneller. Entdecken sie Nahrung per und Konsorten. sonders komplexe Gehirn, die ausgefeilte
oder droht Gefahr, schlagen sie Alarm. Ein Forscherstreit ist entbrannt. Seit Sprache, das Selbsterkennen, der Werk-
Und in Experimenten ahnten sie sogar über 50 Jahren gilt der Delphin neben zeuggebrauch – alles Tinnef, wütet der
zukünftige Ereignisse voraus. Mensch und Menschenaffe als besonders Professor.
Die Rede ist von Hühnern. intelligente Kreatur. Doch nun könnte der Mitunter, sagt Manger, würden die klei-
Das Federvieh, sagt der Biologe Justin vermeintliche Schlaumeier zum Durch- nen Wale sogar von Goldfischen ausge-
Gregg, sei „gar nicht so beschränkt, wie schnittssäuger verkommen. „Wir haben stochen. Letztere nämlich versuchten im-
die meisten Leute glauben“. Und weiter: die Delphine unbegründet glorifiziert und merhin, sich mit tollkühnem Sprung aus
„Einige dieser Verhaltensweisen sind auch dem Goldfischglas zu retten. Delphinen
bei Delphinen beobachtet worden.“ * Justin Gregg: „Are Dolphins Really Smart? The Mam-
dagegen, beispielsweise von Netzen ein-
Was ist da los? Hühner sind so schlau mal behind the Myth“. Oxford University Press, Oxford; gekesselt, fällt so ein Sprung in die Frei-
wie Delphine? Oder andersherum: „Sind 320 Seiten; 16,99 Pfund. heit gar nicht erst ein. „Die Idee vom
110           2 0 1 3
Wissenschaft

besonders intelligenten Delphin ist ein im kalten Wasser nicht unterkühlt und der Wal- und Delphinschutzorganisation
Mythos“, bilanziert Manger. dadurch unbrauchbar wird. WDC. Manger und Gregg würden einzel-
Vor allem der Mediziner John Lilly war Der Forscher beschrieb eine außerge- ne Fähigkeiten der Meeressäuger mit je-
es, der die Tümmler Ende der fünfziger wöhnlich hohe Dichte sogenannter Glia- nen von Mehlwürmern oder Bienen ver-
Jahre von tumben, fischartigen Schwimm- zellen in der Denkmasse der Tiere. Win- gleichen, dabei jedoch den Blick auf das
künstlern zu den Schlaubergern der Ozea- zigen Öfchen gleich würden diese Zellen „Gesamtpaket“ verlieren: „Mit ähnlichen
ne beförderte. In gruselig anmutenden Ex- das Gehirn mollig warm halten. Ohnehin Argumenten können sie auch beweisen,
perimenten steckte der Arzt Elektroden in hätten Delphine ein recht einfach organi- dass Menschen nicht intelligent sind.“
das Gehirn lebender Tümmler, um die Neu- siertes Gehirn, berichtete Manger weiter: Auch Lori Marino, Neurowissenschaft-
ronen zu stimulieren. Eines Tages hatte er „Die essentiellen Eigenschaften für kom- lerin an der Emory University im US-Bun-
ein Tier in der Zwinge, das – kurz bevor plexe neuronale Informationsverarbei- desstaat Georgia, wettert gegen die Kolle-
es elendig verreckte – ungeheuren Lärm tung sind bei ihnen unterentwickelt.“ gen. „Hier wird jahrzehntelange Forschung
veranstaltete. Lilly spielte die Audioauf- In einer neuen Streitschrift legt der Wis- ignoriert“, sagt sie. Die Indizien für die
nahme verlangsamt ab und kam zu dem senschaftler nun nach. Auch Verhaltens- hohe Intelligenz der Delphine seien über-
Schluss, dass der Delphin versucht hatte, studien mit Delphinen seien mit Mängeln wältigend. So haben Forscher beobachtet,
mit seinen Peinigern zu kommunizieren. behaftet und wenig aussagekräftig, be- wie die Tiere gemeinsam Fischschwärme
Nach weiteren Experimenten war sich hauptet Manger. Beispielsweise hatten einkesseln. Um Beziehungen zu pflegen,
der Mediziner sicher: Im Delphin musste Zoologen beobachtet, dass Delphine die verwöhnen sie sich mit Streicheleinheiten
ein menschenähnliches Sprachvermögen Konzepte „viel“ und „wenig“ unterschei- im Delphinstil, „Petting“ genannt. Im
schlummern. Fortan versuchte er, Kon- den können. Mangers Kommentar: Kampf um die Macht schließen sich die
takt zu den Meeressäugern aufzunehmen. „Dazu sind auch gelbe Mehlwürmer in Männchen zu Seilschaften zusammen.
So dringend war sein Wunsch nach Ver- der Lage.“ Marino glaubt sogar, dass sich Delphine
ständigung, dass er sich und den Delphi- An Australiens Westküste wiederum selbst erkennen können. In einem be-
nen sogar LSD verabreichte, um die Plau- leben Große Tümmler, die es sich zur Ge- rühmten Versuch tupfte sie zusammen
derei anzukurbeln. wohnheit gemacht haben, Schwämme mit mit ihrer US-Kollegin Diana Reiss Mar-
Bald zog er an die US-Westküste, wurde ihren Schnauzen zu schnappen und damit kierungen auf die Körper zweier Delphi-
zu einem der spirituellen Führer der Blu- im Meeresboden zu wühlen. Ist das ein ne. Dann hielten die Forscherinnen den
menkinder und schrieb Bücher, in denen Fall von Werkzeuggebrauch, der eben- Tieren den Spiegel vor. Fasziniert beob-
er New-Age-Ideologie mit halbgarer Del- falls auf hohe Intelligenz hinweisen wür- achteten sie daraufhin, wie sich die Mee-
phinforschung verquirlte. Die Tiere seien de? Manger ist skeptisch. „Was die Del- ressäuger wie Diven vor dem Spiegel
„intelligenter als jeder Mann und jede phine genau mit den Schwämmen ma- drehten, vermutlich um den neuen Kör-
Frau“, fabulierte Lilly. Philosophie, Ethik perschmuck in Augenschein zu nehmen.
und eine „uralte mündliche Überlieferung“ Für Marino ist das der Beweis eines
sprach er ihnen zu. Die Meeressäuger drehten Selbsterkennens, wie es auch bei Men-
Lillys verquastes Erbe prägt bis heute sich wie Diven vor dem schenaffen beobachtet wurde. Zusammen
das Bild vom Delphin. Künstler aquarel- mit Kollegen fordert sie daher sogar, den
lieren die Tiere im Planetenmeer. Als Bot- Spiegel – vermutlich um den Tieren den juristischen Status von Perso-
schafter des Friedens und der bedingungs- nen zu geben und ihnen „einige funda-
losen Liebe müssen sie herhalten. Außer- Körperschmuck zu sehen. mentale Rechte“ wie etwa jenes auf kör-
dem verfügen die Säuger natürlich über perliche Unversehrtheit zu gewähren.
wundersame Heilkräfte und können Welt- chen, ist unbekannt“, sagt er. Die Beweis- Manger kann das alles nicht überzeu-
raumsiedler auf den Mars teleportieren. lage für Werkzeuggebrauch sei „dünn“. gen. Marinos Spiegelexperiment hält er
Das ist alles Blödsinn, darin sind sich die Oder das Sprachtalent der Delphine: für Pfusch. „Die Sehschärfe von Delphi-
Verhaltensforscher immerhin einig. Strit- Im Experiment gelang es, Großen Tümm- nen ist gar nicht gut genug, um solche
tig ist indes, welch Intellekt denn nun lern 40 Symbole einzupauken. Die Tiere Markierungen zu erkennen“, schimpft er
wirklich in den Tümmlerköpfen sitzt. seien sogar fähig, Kombinationen der und beklagt „ernsthafte Mängel“ im Ver-
Forscher ziehen beispielsweise die Ge- Symbole richtig zu deuten, räumt Manger suchsaufbau.
hirnmasse zu Rate, um die Intelligenz ein. Allerdings könnten Graupapageien Der Forscher ist es gewohnt, mit seinen
von Lebewesen abzuschätzen. Die These: und Kalifornische Seelöwen eine solche Thesen auf wenig Gegenliebe zu stoßen.
Je mehr das Denkorgan relativ zum Kör- Symbolsprache auch erlernen. Als er 2006 die Besonderheiten des Wal-
per wiegt, desto schlauer das Tier. Ein Ähnlich fällt das Urteil über das art- hirns anzweifelte, forderten Delphinfans
Menschenhirn bringt es mit rund 1300 eigene „Delphinisch“ (Justin Gregg) der seine Universität auf, ihn zu suspendie-
Gramm Gewicht auf etwa zwei Prozent Meeressäuger aus. Bekannt ist, dass sich ren. Dabei will er im Kern nur verhin-
der Körpermasse. Bei Schimpansen liegt jeder Delphin mit einem „Signaturpfiff“ dern, dass die Meeressäuger vermensch-
der Anteil bei 0,9 Prozent, bei Elefanten individuell ausweisen kann. Zudem be- licht werden. Interpretationen von Ver-
(Hirnmasse mehr als 4,5 Kilogramm) bei nutzen die Meeressäuger eine Vielzahl halten nach „persönlicher Vorliebe“ seien
0,2 Prozent. anderer akustischer Signale. Doch ist das nicht hilfreich, sagt Manger: „Strategien
Delphine schneiden bei dem Vergleich wirklich etwas Besonderes? Der Schwän- zum Schutz der Tiere sollten nicht auf
gut ab. Das Denkorgan des Großen zeltanz der Bienen sei ebenfalls sehr kom- unrealistischen Erwartungen fußen.“
Tümmlers etwa bringt über 1800 Gramm plex, kommentiert Gregg. „Es ist unwahr- Auch Gregg geht es vor allem darum,
auf die Waage – 0,9 Prozent seines durch- scheinlich, dass Delphine eine Sprache den Mythos zu zerstören. „Wir müssen
schnittlichen Körpergewichts. haben, die so komplex ist wie die mensch- aufhören“, sagt er, „Delphine als ‚außer-
Die Aufnahme in den Mensa-Club der liche“, sagt der Experte für Tierkommu- gewöhnlich‘ zu beschreiben.“
Tiere scheint also schlüssig. Aber bedeu- nikation. Immer deutlicher werde, dass die geis-
tet ein großes Gehirn für Meeressäuger Ist der Delphin also eher der Dumm- tigen Fähigkeiten der Meeressäuger im
dasselbe wie für die terrestrische Fauna? batz der Meere? Die meisten Delphinfor- Tierreich keineswegs einzigartig seien.
Paul Manger notierte bereits 2006, dass scher reagieren verschnupft. „Vieles da- Gregg: „Ratten, Ohrwürmer, Haie – sie
Wale nur deshalb ein so großes Gehirn von ist kurz gesagt Bullshit“, kommen- alle führen ebenso wundersame, wertvol-
entwickelt hätten, damit das Denkorgan tiert Karsten Brensing, Meeresbiologe le Leben.“ P  B


          2 0 1 3 111
Wissenschaft

sie aus den umliegenden Wäldern in die Art mputerspiel, bei dem Interes-
Fo  tadt? oder buddeln sie inzwischen ihre sierte dreidimensinale trukturen vn
Wurfkessel gar inmitten der Whngebie- Prteinen gestalten können. 2011 ent-

Prof. Dr. te? Wie unterscheiden sich Ernährung,


Krankheiten und Familienplanung der
tadtschweine vm Leben ihrer Artgens-
schlüsselten Prjektteilnehmer die
truktur eines Prteins, das bei Aids
eine lle spielt.

Jedermann sen in freier atur?


„Wir können nicht jahrelang selbst
durch die tadt laufen und Wildschweine
 Mehr als 200 000 aturfreunde zählen
und bestimmen Vögel, ftgrafieren
ester der studieren Wintervögel an
Möchte jemand terne gucken? zählen“, erklärt Weißhuhn. Deswegen eigens installierten Futterstellen – all
Prteine falten? Frischlinge sllen nun die Berliner ran. Je mehr ich- dies im Dienste des Lab f ornithlgy
zählen? Wissenschaftler bitten tungen die Bürger melden, dest detail- an der rnell niversity. Einer der
lierter können die Frscher sich ein Bild Freizeitfrscher entdeckte dabei eine
interessierte Bürger vn den ewhnheiten der unerwünsch- neue euche, die ffenbar vn utz-
um Mithilfe bei rßprjekten. ten Mitbewhner zusammenpuzzeln. Zu- geflügel auf die Finken in seinem Vr-
sätzlich statten die Bilgen einzelne garten übertragen wrden war.

E
ine Wildschweinfamilie am Bölkau- Tiere mit P-alsbändern aus und fahn- Bei „alaxy Z“ machten am Ende,
er Pfad, ein überfahrener Frischling den im Wildschweinkt nach Krankheits- für die Frscher vllkmmen überra-
auf der onkel-Tm-traße, eine t- erregern und tresshrmnen. Am Ende, schend, mehr als 100 000 Leute mit. l-
te chwarzkittel am Weidenweg – in den s die ffnung, können sie der enats- che Prjekte veränderten die öffentliche
Berliner andbezirken gehören Wild- verwaltung Tipps für ein schlaues Wild- Wahrnehmung vn Wissenschaft, glaubt
schweine zur Alltagsfauna. „ie sind ei- schweinmanagement geben. Astrnm hris Linttt vn der oxfrd
gentlich eher friedlich“, berichtet ein An- Weißhuhns Wildschweinzensus dient niversity: „Wenn die Menschen selbst
whner, nur grunzten sie „etwas bedrh- als Testlauf für weitere Prjekte, die auf etwas beitragen können, findet Frschung
lich, wenn man stehen bleibt und nicht die Mitarbeit vn Laien setzen sllen. für sie nicht mehr nur in abgeschtteten
freiwillig rückwärtsgeht“. Wissenschaftler vm neugegründeten Labren statt, sndern wird Teil des täg-
Am Leibniz-Institut für Z- und Wild- Berlin-Brandenburgischen Institut für lichen Lebens.“
tierfrschung (IZW) im tadtteil Fried- Bidiversitätsfrschung wllen die sge- In den Prjekten der Berliner Wildtier-
richsfelde sitzt Öklgin Karline Weiß- nannte bürgerbeteiligte Frschung in frscher sllen die Bürger nicht nur als
huhn am echner und freut sich über Deutschland etablieren. Messknechte dienen; sie sllen selbst An-
slche apprte. Der Anwhner aus ei- lche „itizen cience“-Prjekte gibt stöße geben dürfen. Es gehe den Wissen-
ligensee hat sgar die P-Krdinaten es bislang vr allem in rßbritannien schaftlern um Fragen, sagt eribert -
seiner frühmrgendlichen Begegnung in und den A. fer, Direktr des IZW, „auf die wir selbst
das online-Frmular eingetragen. Bis auf   rekrutierten vrwiegend britische nicht kmmen würden“. Dch er räumt
zehn Meter kam er an die tte heran. Physiker für das Prjekt „alaxy Z“ ein: „Das ist in der Wildtierfrschung ein-
„In Berlin leben wahrscheinlich Tau- Freiwillige, die am heimischen echner facher als in der Kernphysik.“
sende Wildschweine“, sagt Weißhuhn, Millinen ferner alaxien in die Kate- Eben weil „itizen cience“ sich ge-
„aber es gibt keine wissenschaftlichen Da- grien elliptisch der spiralförmig ein- meinhin an alltäglichen Prblemen rien-
ten über ihre Verbreitung und Lebens- teilten. Ein einzelner Frscher hätte für tiere, glaubt der Bielefelder Wissen-
weise.“ die Auswertung der Daten geschätzte schaftstheretiker Peter Finke, könne die
egelmäßig zerpflügen die Allesfresser 83 Jahre gebraucht. Bürgerbeteiligung die akademische Wis-
prtplätze, Friedhöfe und Vrgärten:  Wissenschaftler vn der niversity f senschaft gleichsam erden.
Aber w whnen sie eigentlich? Pendeln Washingtn ersannen „Fldit“, eine Eine neugegründete Arbeitsgruppe un-
ter Federführung des Bundesministeriums
für Bildung und Frschung erstellt ge-
genwärtig eine Plattfrm, auf der „itizen
cience“-Prjekte gesammelt werden sl-
len. Ein Leitfaden für Wissenschaftler ist
außerdem geplant; er wird rechtliche Fra-
gen klären – etwa wem all die Daten ge-
hören, die vm Vlke ausgehen.
Freizeitfrscher, die auf ihrem pezial-
gebiet s manchem chschulprfessr
gewachsen waren, habe es allerdings
schn immer gegeben, sagt Peter Finke.
eu sei vr allem der chub, den die
Laienwissenschaft durch Internet, mart-
phnes und leistungsstarke mputer
F. MÖLLERS / PICTURE ALLIANCE / ARCO IMAGES

erfahre. bby-ornithlgen können sich


nun Bestimmungs-Apps aufs andy la-
den; Prjekte wie „Fldit“ der „alaxy
Z“ bedürfen einer enrmen echen-
leistung.
Beim Berliner Wildtierprjekt können
auch andyfts eingereicht werden.
Praktisch für die Frscher, denn, s IZW-
hef fer: „Dann können wir gleich se-
hen, b das wirklich ein Wildschwein war
Wildschweine in Berlin: Buddeln sie ihre Wurfkessel inmitten der Wohngebiete? und kein aushund.“ J
K

112         2 0 1 3
Szene Kultur

DESIGN
„Liberace“-Darsteller Douglas und Damon

„Weniger ist mehr“


Peter Wippermann, 64, Professor für
Kommunikationsdesign an der Folk-
wang Universität der Künste in Essen,
über das neue Apple-Betriebssystem

SPIEGEL: Herr Wippermann, Apple hat


ein neues Betriebssystem für iPhone
und iPad auf den Markt gebracht. Was
ist anders bei iOS 7?
Wippermann: Der größte Unterschied
ist, dass die Symbole für die Apps und
Programme ihre Schatten verloren ha-
ben, die scheinbare dritte Dimension.
Dahinter steht ein ästhetisches Pro-
gramm, das sich „Flat Design“ nennt.
Ein Konzept, das sich als Gegenent-
wurf zum sogenannten Skeuomorphis-
mus versteht, also der Bildwelt, die
heute die Computer beherrscht – wo
möglichst viel an die analoge Welt er-
innern soll. Interessanterweise begann
Apple in den Achtzigern genau damit
seinen Siegeszug, als sie den Schreib-
tisch auf den Bildschirm übertrugen
und ein „Papierkorb“ aussah wie ein
Papierkorb.
SPIEGEL: Warum ist „flach“ modern?
Wippermann: Es ist eine Rückkehr zu
Designvorstellungen der Sechziger:
Weniger soll mehr sein. Es geht um
die Schönheit der
Reduktion. Auch
ein altes Prinzip
der Apple-Produk-
te: Form follows
DCM FILMVERLEIH

emotion, die
Apple-Geräte soll-
ten immer einfach
und intuitiv be-

DAVID MAUPILE / LAIF


KINO
nutzbar sein.
SPIEGEL: Viele Be-
nutzer regen sich
Plüsch, Pailletten und Pornos über das neue De-
sign auf, der Kurz- Wippermann
nachrichtendienst
Der Film „Liberace – Zu viel des Gu- Mischung aus Duett und Duell, sie lie- Twitter etwa ist voll mit enttäuschten
ten ist wundervoll“ (Kinostart 3. Okto- ben und schlagen sich durch eine Welt Meldungen. Hat Apple das Gefühl für
ber) zeigt dem Zuschauer schillernde aus Plüsch, Pailletten und Pornos. Die den Zeitgeist verloren?
Szenen einer Schwulen-Ehe aus der beiden ziehen den Zuschauer in ein Wippermann: Nein, das glaube ich nicht.
Zeit, bevor es sie gab. Regisseur Steven Psychodrama hinein, das so amüsant Es ist eine Umstellung. Damit haben
Soderbergh erzählt von dem Liebes- wie berührend ist und körperlich viele Menschen ihre Probleme. Aber
leben des Pianisten Wladzio Valentino schmerzt, wenn Liberace anfängt, das nichts ist so alt wie die Mode von ges-
Liberace, in den Siebzigern einer der Gesicht seines Geliebten nach seinen tern.
bestbezahlten Entertainer der USA. Er Vorstellungen umoperieren zu lassen. SPIEGEL: Gehen die Apple-Designer mit
begann auf dem Höhepunkt seines Douglas gibt als sanfter und herrsch- dieser neuen Oberfläche von einem
Ruhms eine langjährige Beziehung mit süchtiger, flamboyanter und verzweifel- Konsumenten aus, der gelernt hat,
einem 40 Jahre jüngeren Hundetrai- ter Titelheld eine der besten Darstel- sich in digitalen Welten zu bewegen?
ner – unter den Augen einer Öffentlich- lungen seines Lebens. Der Film ist übri- Wippermann: Die Zeit, in der ein Pro-
keit, die hinschaute und doch nicht ver- gens keine Hollywood-Produktion, die gramm den Benutzer an die Hand
stand. Michael Douglas und Matt Da- Studios fanden ihn „zu schwul“. Statt- nehmen musste und ihn mit Symbolen
mon machen daraus einen großartigen dessen holte sich Soderbergh das Geld aus der analogen durch die digitale
schauspielerischen Pas de deux, eine beim Qualitätsfernsehsender HBO. Welt führte, geht ganz sicher zu Ende.
          2 0 1 3 113
Kultur

B U N D E S TA G S WA H L

Wir sind Merkel


Sie will, was wir wollen. Das ist ihre Politik. Sie tut das Mögliche, weil es das
Notwendige ist, und das Notwendige ist das Vernünftige.
Wer hätte je gedacht, dass Hegels Weltgeist in Berlin regiert? Von Georg Diez

A
uf einmal waren sie weg. Sie bo- lastet, dem ganzen Körper Halt zu geben Sie macht nicht Politik. Sie macht er-
gen sich nicht mehr sorgenvoll scheint und dem Volk, das sie gewählt folgreiche Politik. Das ist ein Unterschied.
nach unten. Ein Lächeln hatte sie hat. Eine Geste der Unsicherheit anderer- Erfolg ist ihr wichtiger als Politik.
geschluckt. Merkel karpfte nicht mehr. seits, die als solche nicht mehr erkennbar Erfolg ist Erfolg, das ist ihr Mantra. Er-
Die berühmtesten Mundwinkel der ist, Zweifel, Skepsis, Negativität, die sie, folg ist gut, weil Erfolg erfolgreich ist, das
Republik. Verschwunden. das ist der Trick von Magic Merkel, ver- ist ihr rhetorischer Zirkelschluss. Ich bin
Die Kanzlerin des Möglichen, die Kö- wandelt hat in Stärke, Souveränität, fast gut, weil ich erfolgreich bin, das ist das
nigin der Rechenschieber, die Frau, die hagiografische Schönheit. Argument, das ihre Wähler zur Wahl ge-
nur das sagt, was sie kann, weil sie nichts Ein Papst macht solche Gesten. Der trieben hat.
anderes sagen will: In einem kurzen Au- Dalai Lama macht solche Gesten. Das wollen die Deutschen hören, mür-
genblick, der so etwas wie ein Triumph Eine Kanzlerin macht Politik. Aber be vor Angst davor, dass die Krise, Krise,
war, zeigte sich, dass Blut durch ihre nicht diese Kanzlerin. Krise sie erwischen wird. Alles wird in
Adern fließt. Sie hat Politik vor unseren Augen in einem Verwertungszusammenhang ge-
Es war ein Bild für die Geschichts- etwas anderes verwandelt, so wie sie auch sehen, eine Ökonomisierung der Lebens-
bücher. Und es wird so bald nicht wieder- die CDU verwandelt hat. Noch so ein verhältnisse, die gegeben und notwendig
kommen. Tatsächlich war es schon eine Zaubertrick, an dem die politischen Jour- erscheint: Es geht vor allem darum, wie
Stunde später wieder wie ausgelöscht. nalisten verzweifeln. komme ich durch, wie komme ich voran,
Da saß die größte Kanzlerin, die wir Sie ist und bleibt der Schwarze Schwan wie schaffe ich es, irgendwie.
je hatten, in der „Berliner Runde“ – und der Politik: Eine Metapher aus der Wirt- Also ich, ich, ich, eine Politik der Inter-
fürchtete sich vor der Macht. Jedenfalls schaftsphilosophie, um überraschende essen, der individuellen Vorteile und des
vor der Macht, die sie nicht mag. Der Einkommens, eine Politik der Angst eher
Macht, die Entscheidungen treffen muss, als eine des Selbstbewusstseins – nicht
der Macht, die Angriffsflächen bietet, mehr die „neue Mitte“ ist der Akteur un-
der Macht, die ein Instrument der Poli- Sie ist eine Revolutionärin. serer Zeit, wie Schröder sie sich ausge-
tik ist. Sie macht nicht Politik. Sie dacht hatte, eine starke, selbstbewusste
Aber Politik hat sie ja abgeschafft. neue Mittelschicht also, die reformiert
Argumente hat sie abgeschafft. Das Ge- macht erfolgreiche Politik. und gestaltet, sondern eine „gefährdete“,
spräch über Ideen, Inhalte, Visionen hat eine „vergessene Mitte“, die strampelt
sie abgeschafft. und schaut, dass sie nicht nach unten
Deshalb wurde sie mit dieser gefühlten Börsenentwicklungen zu erklären; sie be- abrutscht.
absoluten Mehrheit gewählt: Merkel ist sagt, dass Dinge möglich sind, die eigent- Es ist etwas passiert in den bislang fünf
Sicherheit, wo es keine gibt. Merkel ist lich unvorstellbar sind – und Angela Mer- Jahren der Krise, fast schon eine kleine
Stabilität, die auch Lähmung sein kann. kel tut sie, sie widerspricht einfach den Epoche, die eine Verschärfung der Ver-
Merkel ist Vertrauen ohne Bedingungen. Gesetzen der politischen Plausibilität. hältnisse bei gleichzeitiger Unschärfe der
Sie ist die reine, die alles verschlingende Sie hat die CDU genommen und ir- Argumente brachte, eine Abwesenheit
Gegenwart. Und die Angst, die Krise, die gendwohin gestellt, in einen Raum, zu des Streits, ein Konsens, der wie Zucker-
Zukunft bleiben vor der Tür. dem nur sie den Schlüssel hat, und so guss über dem Land liegt.
Es gibt kein Gestern und kein Morgen. suchen sie nun und finden sie nicht mehr, Aber die Unsicherheit reicht noch wei-
Dafür Reden über Renten, Betreuungs- ihre Partei. ter zurück, auch die Jahre seit den An-
geld, Gesundheit. Die Leser von „Land- Sie hat die Politik genommen und in schlägen von 2001 waren Jahre der
lust“, hat „Le Monde“ vor der Wahl ge- einen Raum gesperrt, und es war das Ver- Angst – der Optimismus jedenfalls, die
schrieben, wählen Angela Merkel. sagen der Opposition in diesem Wahl- Zukunft gestalten zu können, ist nicht
Sie ist Heimeligkeit ohne Kuscheln. Sie kampf, dass sie es nicht geschafft hat, die- nur Deutschland abhandengekommen, es
will, was wir wollen. Sie tut das Mögliche, sen Raum wieder aufzuschließen und das ist das Phänomen des ökonomisch und
weil es das Notwendige ist, und das Not- Gespräch zu führen über die großen Fra- militärisch so lange dominanten Westens,
wendige ist das Vernünftige. Wer hätte gen unserer Zeit, Migration, Armut, Ein- der sein Terrain sichern muss, Angela
je gedacht, dass Hegels Weltgeist riesen- wanderung, Klimawandel, Big Data. Merkel ist auch hier eher eine Akteurin
groß am Berliner Hauptbahnhof plaka- Sie hat ihr Amt genommen, und es ist des Weltgeistes als Originalgenie.
tiert ist? nicht mehr das gleiche. Sie ist die erste Eine „Darstellerin des Politischen“ hat
Denn es ist schon dieses Poster, es ist präsidiale Kanzlerin, eine gesamtdeut- der Politologe Franz Walter sie genannt:
diese Geste, die Raute, die fast alles er- sche Revolutionärin