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Übung: Schreibwerkstatt

09.01.2018
Exzerpt von Rebecca Plietzsch

ELISABETH WEHLING:
Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht
Köln: Halem, 2016

VORWORT UND ANFANGSBETRACHTUNG

Das von Erhard Eppler geschriebene Vorwort stellt die Autorin Elisabeth Wehling und
ihre Thematik vor. Die in Berkeley dozierende Sprachwissenschaftlerin schneidet ein
Thema an, das gerade in unserer politischen Gegenwart den eigenen und auch politisch
öffentlichen Gebrauch von Sprache hinterfragen sollte. Das daraus entstandene Buch ist
eines für die breitere Öffentlichkeit, das mit pädagogisch angenehmen Hilfestellungen
jedem Leser das Analysieren des politischen Sprachgebrauchs erleichtert und den Blick
für öffentlich genutzte Frames schärft.
In ihrer Anfangsbetrachtung räumt Elisabeth Wehling den Mythos des rein rational-
denkenden Menschen beiseite: Wir handeln in politischen Fragen nicht nach Fakten,
sondern nach sogenannten Frames, wie sie in der kognitiven Wissenschaft genannt
werden. Frames sind gedankliche Deutungsrahmen, „die Fakten erst eine Bedeutung
verleihen, und zwar, indem sie Informationen im Verhältnis zu unseren körperlichen
Erfahrungen und unserem abgespeicherten Wissen über die Welt einordnen.“1 Elisabeth
Wehlings Buch ist ein Appell an alle Leser, der Bedeutung von genutzter politischer
Sprache mit mehr Scharfsinn entgegenzutreten und sich bewusst zu werden, dass Sprache
unser Denken und somit auch unser Handeln manipuliert – und das, ohne dass wir es
merken.


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Wehling, Elisabeth: Politisches Framing. Wie sich eine Nation ihr Denken einredet – und
daraus Politik macht. Köln: Harlem, 2016. S.17
1
TEIL EINS
DEMOKRATIE IM GEHIRN: DIE SPRACHLICHEN SOCKEL POLITISCHEN
DENKENS UND HANDELNS

KAPITEL EINS
WIR TUN UNUNTERBROCHEN SO, ALS OB: WIE WIR SPRACHE BEGREIFEN

Die erste Frage, die Elisabeth Wehling beschäftigt, lautet: Was passiert in unseren
Köpfen, wenn wir miteinander reden, etwas hören, etwas lesen? Sie problematisiert das
immense Ausmaß der breiten Wirkung von Sprache, ihren Einfluss auf unsere
Wahrnehmung, auf unser Handeln und somit auch unser soziales Verhalten und geht mit
Beispielen aus der kognitiven Wissenschaft voran, um dem Leser ein erstes Verständnis
für die Verbindung von Sprache und Gehirn zu erleichtern. Sie spricht die sogenannte
kognitive Simulation an, die wichtig für jede Sprachverarbeitung ist. Funktionieren tut
die kognitive Simulation, die zentraler Teil der Embodied Cognition, was
„verkörperlichte Kognition“ heißt, wie folgt: Abhängig davon, was wir lesen oder hören,
werden die entsprechenden Regionen im Gehirn aktiviert, dort wird das Gelesene oder
Gehörte lokalisiert und eine Nachahmung dessen simuliert. Hören wir das Wort „rennen“,
so aktiviert unser Gehirn jenes prämotorische Zentrum, welches für das Planen von
Bewegungen der Füße/Beine zuständig ist. Im Falle von Gehirnschädigungen
(Schlaganfall o.ä.) ist diese kognitive Simulation entsprechend gehemmt, so dass
Sprachverarbeitung zum Problem werden kann. Elisabeth Wehling stellt ein weiteres
kognitives Phänomen vor. Sie erklärt, wie die Simulation uns nützt, um Gehörtes zu
verstehen. Wenn wir Sprache verarbeiten, genauer, wenn wir Sätze hören, die von
bestimmten Orten handeln, verarbeiten wir diese angegebenen Orte durch unsere Blicke,
die das Gehörte versuchen zu lokalisieren. Zur Veranschaulichung: „Gibt man z.B.
Probanden einen Text zu lesen, in dem Szenen beschrieben sind, die an unterschiedlichen
Orten spielen – nämlich weiter oben oder unten in einem Gebäude –, während die
Teilnehmer zugleich auf einen leeren Bildschirm schauen, so wandert ihr Blick beim
Lesen ganz automatisch in die jeweils angegebene Richtung, also nach oben oder unten“2.
Laut Wehling simulieren wir den Inhalt von Sprache, damit wir ihn begreifen können.
Darüber hinaus entscheidet die kognitive Simulation, wie wir die Welt wahrnehmen. Sie


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verweist auf einen kognitiven Mechanismus, der beim Begreifen eines jeden Wortes
abläuft. Dieser Mechanismus, so Elisabeth Wehling, verleiht Worten ihre Bedeutung,
denn wenn ein Wort gehört oder gelesen wird, simuliert das Gehirn nicht nur das soeben
repräsentierte Konzept, sondern zusätzlich eine Reihe anderer Konzepte.
Deutungsrahmen werden aktiviert, um Worte und Ideen zu begreifen, sogenannte
Frames. „Inhalt und Struktur eines Frames, also die jeweilige Frame-Semantik, speisen
sich aus unseren Erfahrungen mit der Welt. Dazu gehört körperliche Erfahrung [...]
ebenso wie etwa die Erfahrung mit Sprache und Kultur.“3 Bedeutung bekommen Worte
durch Frames und das tun sie, indem sie eine Verbindung zu unserer Welterfahrung
aufbauen und die mit einem einzelnen Wort verbundenen Ideen darüber aktivieren.
Frames, also die unwillkürlich sich einstellenden Assoziationen beim Hören oder Lesen
bestimmter Worte, haben enormen Einfluss auf unser Weltbegreifen und auf unser
Handeln.

KAPITEL ZWEI
WIE SPRACHE DIE GESCHICKE UNSERER NATION LENKT:
POLITISCHES FRAMING

Die im ersten Kapitel von Elisabeth Wehling sehr ausführlich erklärte Frame-Funktion
wendet sie im folgenden Kapitel nun auf die politischen Debatten und unser politisches
Handeln und Denken an. Sie spricht die Dringlichkeit an, mit der in politischen und
sozialen Diskursen nur die Frames benutzt werden sollten, „die der eignen Weltsicht
gerecht werden.“4 Für das Überleben der Demokratie wäre ein bewusstes politisches
Framing von hoher Priorität, damit ehrliche und verständliche Diskurse langfristig
bestehen bleiben können. Sie spricht das Beispiel des „Euro-Rettungsschirms“ an: Dass
jeder seine Erfahrungen aus der Alltagswelt mit dem Begriff „Schirm“ aktivieren kann,
bestimmte semantische Merkmale emporkommen und somit den „Euro-Rettungsschirm“
als etwas Schützendes vor äußeren Naturgewalten definiert, stellt in der politischen
Zusammensetzung einen deutlichen Frame her. Dieser bewirkt unterbewusst viel mehr,
als uns beim Lesen/Hören eigentlich bewusst ist. Und diese Tatsache macht die politische
Debatte nicht weniger gefährlich, denn keine Fakten lassen uns vermeintlich objektive
Entscheidungen treffen: Es sind die Frames, die unser Entscheidungsverhalten bedingen.

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Elisabeth Wehling betont mit einigen weiteren Beispielen, wie unser Denken funktioniert
und dass rund nur rund zwei Prozent unseres gesamten Denkens bewusst stattfindet.
Durch Studien mit Probanden beweist sie, wie sich unterschiedliches sprachliches
Framing eines selben politischen Themas auf die Bildung der Meinung der Menschen
auswirken kann. Im darauffolgenden Unterkapitel wird die Verteidigungs-Falle in
politischen Debatten thematisiert. Gehirnstudien beweisen, dass Konzepte, ob sie nun in
negierter Form oder nicht-negierter Form vorkommen, jedes Mal den Frame des nicht-
negierten Konzept aufkommen lassen und ihn somit nicht nur zu aktivieren, sondern auch
neuronal stärken.

KAPITEL DREI
WIE POLITIK GREIFBAR WIRD: KONZEPTUELLE METAPHERN

Das dritte Kapitel beschreibt, mit einem Rückblick aufs vergangene Kapitel, die
Vorgehensweise, wie wir durch sprachliche Metaphern sehr abstrakte politische Themen
physisch nachvollziehbar gestalten. Hier werden die Frames von Steuern als zu tragende
physische Last, Kriminalität als Viruskrankheit und die finanzielle Absicherung von EU-
Länder als Schirm genannt. „Dieses Phänomen heißt in der Kognitionswissenschaft
Metaphoring Mapping, was sich lose als >metaphorische Übertragung< übersetzen lässt.
Abstrakte Ideen werden von uns über Metaphern an körperliche Erfahrungen angebunden
und damit >denkbar< gemacht.“5 Elisabeth Wehling wird nun spezifischer, indem sie weg
von allgemeinen Frames zu der Verwendung von Metaphern übergeht. Sie distanziert
sich vom Metaphernbegriff, der Metaphern als rhetorische Figuren beschreibt, um Dinge
anschaulicher zu gestalten. Der Begriff der konzeptuellen Metapher erklärt sie an der
Theorie von dem Linguisten George Lakoff und dem Philosophen Mark Johnson: Sie
unterteilen eine Metapher in eine Zieldomäne und eine Quelldomäne. Wir benutzen
beispielsweise die Metapher von Mehr ist oben, indem wir von steigenden und fallenden
Preisen sprechen. „[D]ie Domäne der Vertikalität dient als metaphorische Quelldomäne
für die Zieldomäne der Quantität.“6 Sie erklärt, warum Metaphern eine so große Rolle in
der politischen Meinungsbildung spielen. Es scheint hierfür vier Gründe zu geben: Da
politische Ideen immer ein abstraktes Konstrukt sind, müssen Metaphern zum
Verständnis benutzt werden und können so demokratiefördernd sein. Ihr zweiter Punkt


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besagt, dass Metaphern immer ganz bestimmte Aspekte beleuchten und dadurch
automatisch andere Aspekte unter den Tisch fallen lassen. Ein weiterer Punkt ist, dass
Metaphern Ideologien besser greifbar machen – sie „dienen oft als kognitive Säulen
ideologischer Frames.“7 Ihr letzter Punkt definiert die Verarbeitung metaphorischer
Aussagen als einen sehr wichtigen kognitiven Mechanismus, der uns alle abstrakten
Konzepte mit maximaler Bedeutung füllen und an unsere direkten Erfahrungen
anknüpfen lässt. Ebenso wie Frames, so bestimmen auch Metaphern unsere
Wahrnehmung, unser Denken und unser Handeln.

TEIL ZWEI
VON GEJAGTEN BÜRGERN ZU GEFÄLLIGEN WETTERAUSSICHTEN:
AUSGEWÄHLTE FRAMES UNSERER POLITISCHEN DEBATTE

KAPITEL VIER
VON VIEL LEID UND WENIG FREUD: STEUERN

Die Vorstellungen von Steuern als Bedrohung und dem Steuerzahler als physisch
belastete Person werden durch die häufige Verwendung des Begriffes der Steuerlast
gefestigt. Elisabeth Wehling betont, wie wichtig doch die Steuerbeiträge und ihre Zahler
sind, denn die vermeintliche Freiheit, die man ohne die zu zahlende Steuer hätte, verbirgt
sich schlussendlich doch in den finanzierten Möglichkeiten, die durch die Steuern
realisiert werden. Ein weiterer Frame, der des Bürgers als Melkkuh, vermittelt den
Eindruck, Steuern würden allein dem Staat, weniger dem Bürger zu Gute kommen, doch
die Entitäten seien hier schwer trennbar, so Elisabeth Wehling. Dies ist durch diesen
gesetzten Frame allerdings sehr schwer vermittelbar. Die durch die entstandene
Bedrohung durch Steuern gleicht manchem Bürger einer Jagt, die nach Flucht verlangt.
Die Steuerflucht ins Asyl ist somit gleichzusetzen mit der Annahme, dass die Bedrohung
der Steuer einer Bedrohung grundlegender Menschenrechte gleicht. Sie provoziert die
Flucht in Länder, die aus hohem Maß moralisch handeln und die Steuerflüchtigen
aufnehmen, die in ihrem eigenen Land den Staat als Feind empfinden. Daraus resultiert
der allbekannte Begriff der Steueroase, einem Ort, an dem es sich offensichtlich besser
leben lässt, denn Oasen verkörpern einen raren Ort der Lebenserhaltung durch Wasser.
Umgeben ist die Oase von trockener Wüste, in der man nicht lange ohne eine Quelle


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überleben könnte. Der Frame ist eindeutig: Das Vermeiden der Steuer führt zu einem
lebenswerteren Leben, indem man sich als gejagter Steuerflüchtling Asyl in einer
Steueroase gewähren lässt, Denn die Steuer wird eindeutig als Form einer Bestrafung in
unseren Köpfen gefestigt und vernachlässigt enorm die Tatsache, dass durch die sie ein
geschütztes System finanziert wird, das, und das sollte man nicht vergessen, einst
demokratisch bestimmt wurde.

KAPITEL FÜNF
DER GEDANKLICHE ABBAU UNSERES GEMEINSCHAFTSSINNS:
SOZIALSTAAT

Die Idee vom Staat als Dienstleistungsunternehmen und der Bürger als sein Kunde ist
eine weitere verbreitete Idee, auf die Elisabeth Wehling im fünften Kapitel zu sprechen
kommt. Daraus resultiert die Annahme, dass Staat und Bürger getrennte Entitäten seien,
die eine rein geschäftliche Verbindung hätten. „Der Frame vom
Dienstleistungsunternehmen blendet unsere gemeinsame Verantwortung für den Staat
und die Verantwortung des Staates für seine Bürger, die Verpflichtung für Fürsorge,
Schutz und Ermächtigung in einem Gemeinwesen, völlig aus. Dies hat weitreichende
Konsequenzen.“8 Elisabeth Wehling appelliert, den allgegenwärtigen Ausdruck des
„Steuern zahlen“ dem „Steuern beitragen“ gegenüberzustellen. „Wir stehen vor einem
Problem der Hyperkognition: Die Idee, dass Steuern eine soziale >Überzeugungstat<
sind, dass man sie gerne beiträgt und stolz darauf ist, findet sprachlich nicht statt.“9

KAPITEL SECHS
STARK, REICHER, AM BESTEN: GESELLSCHAFT

In diesem Kapitel zeigt Elisabeth Wehling, wie das finanzielle Einkommen den
gesellschaftlichen Status und die damit verbundenen sozialen Fähigkeiten einer
Gemeinschaft gegenüber definiert. Es werden die Bezeichnungen „sozial stark“ und
„sozial schwach“ automatisch mit einem hohen und einem niedrigen Einkommen
assoziiert. Das soziale Miteinander definiert Wehling als Wettlauf, der auf die ersten
Plätze abzielt. Konsequenterweise muss man davon ausgehen, dass es bei diesem


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Wettlauf Gewinner und Verlierer geben wird. „Der Großteil der Läufer verliert“10, so
Wehling. Das vermeintliche Ziel dieses Wettlaufes scheint Bildung, finanzieller
Wohlstand und soziales Ansehen zu sein. Daher kann man demnach gut situierte als
Gewinner, schlechter situierte als Verlierer bezeichnen. Doch nicht bei jedem verkörpern
diese vermeintlich anzustrebenden Ziele auch die eigenen individuellen Wünsche. Stärke,
Disziplin oder zumindest die Disziplin zum Training, das einen stärkt, befähigt zum
schnell Laufen und somit auch zum Gewinnen. Wer diese Stärke und Schnelligkeit nicht
besitzt, liegt weiter hinten. Diese Sicht auf die Dinge suggeriert ganz automatisch die
Tatsache, dass jeder selbst verantwortlich für Erfolg oder Misserfolg ist. Diese Annahme
ist allerdings nicht ganz richtig, denn zu großen Teilen sind sie systemisch bedingt. Hält
man sich das Bild des Wettlaufs vor Augen, so wird auch schnell deutlich, dass, wenn
wir einem Schwächeren weiter hinten helfen, wir unseren eigenen Lauf enorm bremsen
und uns in die vermeintlich falsche Richtung bewegen. Des weiteren bleibt es sportlich,
denn beim Frame des Leistungsträger wird ein Bild eines besonders starken und
ausdauernden Mitgliedes der Gesellschaft geschaffen. Elisabeth Wehling verweist auf die
unsaubere Semantik des Begriffs, da man Leistung nicht tragen, sondern nur erbringen
kann. Physische Stärke wird hier unmittelbar mit moralischer Stärke gleichgesetzt,
Vielverdienende sind automatisch physisch starke und somit als die moralisch Stärkeren
zu identifizieren. Bei dieser Rechnung wird offensichtlich vergessen, dass es genauso gut
Menschen gibt, die überdurchschnittlich viel arbeiten, dennoch weit unter dem
Durchschnitt verdienen. Eine starke Leistung ist hier nun nicht von einem hohen
Einkommen abhängig. Dennoch werden vielarbeitende Geringverdiener oft durch ihre
geringen Beiträge als ein Mitglied der Gesellschaft bezeichnet, das weniger leisten kann.
Die Metapher der körperlichen Schwäche als einen Mangel an Reichtum, wirtschaftlicher
Kontrolle und Disziplin wird gefestigt. Auffällig wird in dieser Debatte um die
Leistungsträger, dass Quantität mit Vertikalität gleichgesetzt wird. „Wir ordnen also
Bürger mit viel Vermögen als oben ein, weil sie mehr besitzen als Bürger mit wenig
Vermögen.“11 Nicht umsonst sprechen wir in unserem täglichen Sprachgebrauch von
Ober- , Mittel- und Unterschicht. Reiche Menschen werden aufgewertet, arme Menschen
werden abgewertet. Die Vertikalitäts-Metapher findet sich in vielen Bereichen:
gestiegene und gefallene Preise, Oberhand und jemandem oder etwas unterlegen sein, auf
Hochtouren sein und einen Gang runterfahren, aufrechte Menschen und niedrige


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Beweggründe, auf Niveaus herablassen und etwas Spitze finden, sowie niedergeschlagen
sein oder Hochzeit feiern und ganz eindeutig sitzt der Teufel unten in der Hölle, während
Gott oben im Himmel vermutet wird.

KAPITEL SIEBEN
VON DEN PRIVILIGIERTEN, DIE KRÄNKELND IN DER FALLE SASSEN:
SOZIALLEISTUNGEN

Das siebte Kapitel widmet sich den häufig benutzten Frames der Sozialleistungen. Eine
als „soziale Hängematte“ bezeichnete Mindestsicherung für Arbeitslose schafft das Bild
eines Faulenzenden, der sich auf Kosten der Arbeitenden ausruht, pausiert, die Seele
baumeln lässt. Elisabeth Wehling macht klar, dass bei diesem Frame eindeutig vergessen
wurde, alle anderen Ausmaße neben denen, der materiellen Sicherung, zu
berücksichtigen. Die Arbeit sieht sie als Ort der sozialen Kontakte, ein Ort, an dem
seelische und körperliche Gesundheit durch eigene Produktivität gefördert wird. „Wer
längere Zeit ohne Arbeit ist, sieht sich oft eines Lebensinhaltes beraubt.“12 Die
Hängematte als soziales Auffangnetz für arbeitslose Mitbürger verleiht eindeutig den
Eindruck einer entspannenden Situation für alle Aufgefangenen, die kritisch hinterfragt
werden sollte. Ein weiterer problematischer Frame ist der „Sozialtropf“. Seine Semantik
impliziert ganz eindeutig, dass die am Tropf Hängenden krank sind. Sie sind auf äußere
Hilfe angewiesen und können am alltäglichen Leben nicht teilnehmen. Elisabeth Wehling
spricht in Bezug auf diesen Frame nun einen weiteren Punkt an, „der Hand in Hand mit
einer unserer zentralsten Metaphern für Moral [geht]“: Moral ist Gesundheit, Unmoral
ist Krankheit. Diese Metapher finden wir in unserer Sprache wieder, wenn wir etwa von
>krankem< Verhalten, >gesunder< Arbeitsauffassung oder >ansteckender< Kriminalität
sprechen.“13 Am Sozialtropf zu hängen bedeutet zudem also, dass man moralische
Schwäche mitbringt. Wer dann also in der „Sozialhilfefalle“ sitzt, der wird durch den
semantisch aufgeladenen Frame als Bösewicht der Gesellschaft gesehen und hat es enorm
schwer, aus der „Falle“ wieder herauszukommen, da er jegliche Bewegungsfreiheiten
verloren hat. Ausblenden tut der Frame, dass Sozialhilfebezieher sich ohne große
Probleme weiterentwickeln können und gerade durch die Hilfe von außen nun mehr
Chancen haben, ihre Ziele zu verfolgen.


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KAPITEL ACHT
GEBEN IST SELIGER DENN NEHMEN: ARBEIT

Häufig verwendete Metaphern im Bereich der Arbeit sind „Arbeitnehmer“ und


„Arbeitgeber“. Diese provozieren eindeutige Frames: Einer ist der Gebende und einer der
Nehmende. Der Nehmende steht, unserem Werteverständnis zufolge, in einer
moralischen Schuld, einer Abhängigkeit zum Gebenden. Vergessen wird hierbei oft die
Tatsache, dass der Arbeitnehmer dem Arbeitgeber letzten Endes ein Ergebnis liefert.
Diese Realität wird mit den alltäglichen Metaphern völlig ausgeblendet. Darüber hinaus
bestätigt die Tatsache, dass es sich um ein sehr komplexes, abstraktes Phänomen handelt,
indem „Arbeit“ in unserem Sprachgebrauch wie ein Objekt behandelt wird. Durch die
Objektivierung können wir als Arbeitnehmer und Arbeitgeber davon sprechen, Arbeit zu
finden oder aber auch welche zu verlieren. Wurde dann Arbeit gefunden, lässt sich nun
etwas verdienen. Der nächste Frame, den Elisabeth Wehling bespricht, ist der des
„Verdienens“. Sie analysiert die verschiedensten Situationen, in denen der Verdienst
nicht nur mit finanziellem Gut gleichgesetzt wird. Man kann beobachten, dass eine stark
moralische Wertung in dem Konzept des Verdienens verankert ist. Dass dennoch
Reichtum und Armut für moralische Werte sprachlich einspringen, zeigt folgendes
Beispiel: „Meine Kinder sind mein ganzer Reichtum. Was für eine armselige
Vorstellung.“14 Weitere Frames wie „Spitzenverdiener“, „Besserverdiener“ oder
„Schlechtverdiener“ kategorisieren die erbrachte Arbeit in eine Bessere, Gute oder
Schlechte - je nachdem, wie viel jeder einzelne am Ende für seine erbrachte Leistung
verdient. Elisabeth Wehling bleibt beim Thema Lohnt und vergleicht die beiden Begriffe
„Lohnuntergrenze“ und „Mindestlohn“ miteinander. Bedeuten sollen sie dasselbe, doch
der auffälligste Gegensatz der Begriffe liegt in ihrem metaphorischen Unterschied ihrer
jeweils räumlichen Positionierung. „In der Kognitionsforschung wird dieses Phänomen
Viewpoint genannt. Viewpoints, also >Blickwinkel<, sind linguistisch verschlüsselte
Positionierungen zu Themen oder Ideen.“15 In diesem Fall liegt die Divergenz beider
Begriffe in ihrem Blickwinkel: Von Lohnuntergrenze spricht also der, der am weitesten
nach unten will, also der Lohnzahlenden. Der andere Blickwinkel ist der des
Lohnbeziehers. Er setzt sich für das Mindeste ein und hofft darüber hinaus auf mehr, da
das Mindeste eigentlich nicht genug ist. Nicht nur die Arbeit als solche wird, wie oben


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schon angesprochen, objektiviert, auch der Mensch als Arbeitender ist ein Objekt im
Geflecht von Angebot und Nachfrage. Der sogenannte „Arbeitsmarkt“ impliziert, dass
Menschen arbeitende Objekte sind, die mittlerweile durch Benennungen wie
„Humanressourcen“ und „Humankapitel“ einer Metaphorisierung unterliegen.

KAPITEL NEUN
ERLAUBT, ABER NICHT VERGÖNNT: ABTREIBUNG

Einem ganz anderen Thema widmet sich Elisabeth Wehling in ihrem neunten Kapitel:
der Schwangerschaft und ihrer Abtreibung. Zuerst versucht sie die Schwangerschaft als
solche zu definieren und bezeichnet eine Schwangere als eine Frau, die ein Kind erwartet.
Schwanger ist man laut Medizin ab dem Zeitpunkt der Konzeption. Das Problem, was
sich hier eröffnet ist, dass man demnach sowohl zur Zeit eines rechtlich-möglichen
Schwangerschaftsabbruches von „schwanger“ redet, wie auch schon längst nach dem
rechtlich-möglichen Zeitpunkt. Egal, wann die Frau also ein Kind abtreibt, hat sie davor
immer auch eins erwartet. Dieser Frame der Schwangerschaft blendet aus, dass es
durchaus unterschiedliche Meinungen dazu gibt, wann genau nach der Konzeption sich
anfängt Leben zu entwickeln, viele orientieren sich an dem 12-Wochen Zeitraum. Nicht
jede Konzeption führt dann zur endgültigen Schwangerschaft. Theoretisch bräuchte man
einen anderen Namen als „Schwangerschaft“ für den Zeitraum vor dem Zeitpunkt, bis zu
dem man sich für oder gegen eine Schwangerschaft entscheidet und dann ein Kind
überhaupt erst erwarten kann. Und so argumentiert Elisabeth Wehling weiter, dass man
demnach folgerichtig auch nicht von einem sogenannten „Schwangerschaftsabbruch“
sprechen könnte, wenn man sich vor dem soeben thematisierten Zeitraum gegen eine
Schwangerschaft entscheidet. „Damit wäre der unsere Debatte dominierende Frame
obsolet, nach dem ein Eingriff innerhalb von 12 Wochen nach Konzeption bedeutet, ein
bereits erwartetes Kind nicht auszutragen. Ein anderer und ebenso legitimer Frame
könnte so aussehen: Ein Nicht-Eingriff in die Zellentwicklung während der ersten 12
Wochen nach Konzeption ist die Entscheidung zu einer Schwangerschaft.“16 Genauer
wird im folgenden Verlauf des Kapitels nun der Frame des „Schwangerschaftsabbruchs“
analysiert. Neben einem generellen Versagen unterstellt der Abbruch im Vergleich zu
einer Beendigung immer auch, dass ein ursprünglich geplantes Ziel nicht erreicht werden
konnte, dass etwas, was eigentlich zu Ende hätte gebracht werden sollen, nicht vollendet


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wurde. Elisabeth Wehlings Meinung nach blendet dieser Frame aus, dass man mit einem
Schwangerschaftsabbruch eben nicht ursprünglich ein Ziel erreichen wollte, sondern von
vornherein eine Schwangerschaft nicht wollte. Des weiteren beschäftigt sie sich mit der
Metapher von der Abtreibung als Tötung oder noch strenger, der als Mord. Dieser Frame
ist unter Widerständlern des Rechts auf körperliche Selbstbestimmung sehr populär, doch
wird im Gesetz eine Abtreibung gerade nicht als Mord definiert. Der gesetzlich
vorgegebene Zeitraum von 12 Wochen ermöglicht es einer Frau auf legalem Wege
abzutreiben.

KAPITEL ZEHN
DIE BERECHTIGTE PANIK VOR DEN NEUEN PROTO-MUSLIMEN: ISLAM UND
TERRORISMUS

Im zehnten Kapitel analysiert Elisabeth Wehling den politisch sehr aktuellen Frame der
„Islamophobie“. Darüber hinaus werden in demselben Sinne auch Adjektive wie
„islamophob/isch“, Verben wie „islamophobisieren“ und Substantive wie „der
Islamophob“ gebildet. Die zunehmende sprachliche Flexibilität ist ein eindeutiges
Zeichen für die zunehmende Verankerung in unseren Gehirnen und somit auch in
unserem Sprachgebrauch ist. Die Phobie an sich ist per se etwas Schlechtes. Jeder weiß,
was eine Phobie ist und ihre Vorstellung „wird weit über ihre klinische Gültigkeit hinaus
genutzt“17, da jeder zweite unter einer Spinnen-, Sozial- oder auch Klaustrophobie zu
leiden scheint. Was macht nun der Frame der „Islamophobie“? Er legitimiert eine gegen
den Islam gerichtete Haltung, da die Natur der Muslime als Angstauslöser geltend
gemacht werden kann und somit eine panische Reaktion der Verängstigten provoziert
wird. Der Grund der Reaktion des Phobikers liegt in der Natur des Auslösers. Ausblenden
tut der Frame eindeutig den Fakt der Herabwürdigung aller Muslime und darüber hinaus,
dass anti-muslimisches Verhalten nicht wie bei einer klinisch diagnostizierten Phobie als
Affekthandlung gerechtfertigt werden kann. Der in deutschen Medien weit verbreitete
Begriff „Islamischer Staat“ wird am häufigsten neben dem Begriff der „Terrormiliz“
genutzt – der Frame setzt sich zusammen aus „islamisch/Islam“ und „Staat/Staatswesen“.
Der Islam im Allgemeinen bezeichnet eine der drei monotheistischen Weltreligionen und
die damit verbundene Kultur, ihre Politik und Historie. Elisabeth Wehling beschreibt das
Konzept des Frames des „Islam“ als ein sogenanntes Contested Concept. „Contested


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Concepts, also >streitbare Ideen<, nennen wir in der Kognitionswissenschaft solche
Begriffe, die semantisch recht lose gefasst sind, die viel Raum für unterschiedliche Inhalte
lassen. [...] Contested Concepts sind Ideen und Begriffe, die in besonderem Maße abstrakt
und nicht körperlich erfahrbar sind und im Vergleich zu anderen Konzepten sehr viel
Raum für ideologisches Framing lassen – wie Demokratie, Kunst oder Freiheit.“18 Die
Terrormiliz möchte ein Islamischer Staat werden und die Medien helfen ihr dabei, indem
sie die Bezeichnung des „Islamischen Staats“ durch und durch verwenden und sie somit
als Staat sprachlich anerkennen. Alle Debatten scheinen durch sprachliche Frames, wenn
auch sicher ungewollt, den radikal-islamischen Terrorismus als Prototyp des Islam in
unseren Köpfen sprachlich zu manifestieren.

KAPITEL ELF
KEIN PLATZ FÜR KRANKE PASSAGIERE: ZUWANDERUNG UND ASYL

Wenn es um die Flüchtlingsdebatte geht, so wird mit Metaphern kaum gespart. Ob


„Flüchtlingswelle“, „Flüchtlingsstrom“ oder „Flüchtlingsflut“, Deutschland scheint ein
Boot auf hoher See zu sein, das sich vor vermeintlichem Hochwasser schützen sollte.
Andererseits ist Deutschland das Boot, was nicht zu voll werden darf, bevor es untergeht.
Das Konzept der Nation als Boot ist eine in der Politik sprachlich weitverbreitete
Metapher. Der Politiker wird zum Steuermann, der das Land mitunter wieder auf den
richtigen Kurs bringen kann und Krisen somit umschifft, bevor das Boot auf den Grund
gesetzt wird. Elisabeth Wehling betont, dass der „metaphorische Frame vom vollen Boot
[...] eine gewisse Dramatik [birgt].“19 Dramatisch wird es, da sich der politische
Sprachgebrauch in dieser Debatte gegen ein Schiff und für ein Boot entschieden hat, das
im Vergleich zum Schiff deutlich weniger Stabilität, Platz und Halt bei Unwetter oder
Überlastung verspricht. Und diese potenzielle Überlastung gilt es zu verhindern, wenn
wir das Boot, in dem wir sitzen und unsere eigene Nation nennen, schützen und vor dem
Versinken bewahren wollen. Angesichts der Tatsache, dass im Mittelmeer de facto zu
volle Schlepper-Boote untergehen und flüchtende Menschen so ihr Leben riskieren oder
sogar verlieren, ist dieser Frame ein deutlich zu zynischer, der strengstens überdacht
werden sollte. Neben der Boot-Metapher wird im alltäglichen Sprachgebrauch die Nation
auch als Gefäß gesehen. „Man ist >in< einem Land geboren und lebt >in< einem Land.


18
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19
Ebd., S. 170
12
Manche wandern >ein<, manche möchten >rein<, es sind >Ausländer<.“ Dass wir
Deutschland somit als abgegrenztes Gebiet betrachten, ist laut Elisabeth Wehling ein
kognitives Phänomen mit dem Namen Image Schematic Cognition. „Image-Schemata
[sind] grundlegende, bildhafte Denkschablonen, die kognitiv fest verankert sind. Sie
haben stark vereinfachte semantische Strukturen, die unter anderem auch Informationen
über bildhafte Grundeigenschaften eines Objektes einbeziehen.“20 Wenn wir Deutschland
nun als abgegrenztes Gebiet begreifen, nutzen wir die Denkschablone des Gefäß-
Schemas. Es definiert die Nation nun als Gefäß, das Platz als scheinbar knappe Ressource
begreift. Ein weiterer verbreiteter Frame ist die Vorstellung von der Nation als Person.
Elisabeth Wehling verdeutlicht mit Beispielen die drei zentralen Zuschreibungen:
„Diplomatische Beziehungen werden als Gespräch zwischen den Nationen begriffen. [...]
Militärische Kapazität begreifen wir als Muskelkraft [...]. Und die Wirtschaftslage eines
Landes wird schließlich als Gesundheit begriffen.21 Verständlich ist somit, dass der
Frame vom Zuwanderer als Parasit, Schmarotzer oder Fremdkörper in unserer Blutbahn
eine große Gefahr für den Organismus der Nation darstellt. Noch schlimmer scheint
neben den knappen Ressourcen und der Gefährdung der Gesundheit die nicht zu
kontrollierende Gewalt der Natur zu sein, die sich metaphorisch im Frame von
Flüchtlingen als Wassermassen verbalisiert. Empathie kann bei diesem Frame nur noch
für die potenziellen Opfer der Wassermassen empfunden werden, da sie als Unschuldige
von meist unerwarteten Naturereignissen überrannt werden und im Falle einer
Katastrophe viel zu verlieren hätten.

KAPITEL ZWÖLF
EIN WENIG WANDEL UND VIELE ABGENUTZTE ENERGIEN: UMWELT

Der Frame des „Klimawandel“ ist auf mehreren Ebenen sehr lückenhaft, wenn man mit
ihm doch eigentlich den sich immer weiter verschlechternden Zustand der Umwelt und
der Natur beschreiben sollte. Hinter „Klima“ als alleinstehender Begriff, steht nach
Elisabeth Wehlings Auffassung ein sehr abstraktes Konzept, denn nicht mehr und nicht
weniger werden individuelle Wetterbedingungen mit diesem Begriff verbunden.
Betrachtet man den „Wandel“, so ist auch dieser ähnlich abstrakt und offen zugleich. Mit
einem Wandel wird immer ein Prozess einer Veränderung ausgedrückt, völlig wertfrei,


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Ebd., S. 172
21
Ebd., S. 178
13
ob diese eine Verbesserung oder Verschlechterung birgt. Auf grammatikalischer Ebene
lässt sich der Frame zudem gut analysieren: Es wandelt sich immer etwas oder jemand,
das Verb ist somit reflexiv „und benennt als einzigen Akteur denjenigen, der sich wandelt.
Eingriffe oder auch nur Anstöße von außen fehlen in diesem Frame.22 Wo es um
Klimawandel geht, geht es oft auch um Klimaschutz. Der Frame vom „Klimaschutz“ ist
hoch vertrackt: Schutz öffnet immer folgende Sparten, die zu besetzen sind. „1. Eine
Gefahr oder Bedrohung, 2. Jemanden, der Schaden nehmen kann, und 3. Jemanden, der
schützend eingreift.“23 Potenziell bedroht scheint hier das Klima zu sein, der Mensch
stellt sich als Helfer und Retter dar, indem er interveniert. Auffällig ist, dass die Rolle der
Bedrohung und Gefahr ist nicht besetzt. Elisabeth Wehling macht darauf aufmerksam,
dass selbst die bereits besetzten Rollen unter einer Fehlbesetzung leiden, da das Klima
weniger das Opfer, als die eigentliche Gefahr in der Geschichte spielt. „Wenn nun das
Klima [...] die Gefahr ist, liegt es auf der Hand, dass es sich diese Rolle mit dem Menschen
teilen muss. In dem Zusammenhang, in dem wir über Klimaschutz sprechen, meinen wir
nämlich immer – um es vorsichtig auszudrücken: zumindest auch – die Veränderung des
Klimas durch die Menschen. Diese Tatsache, diese verschachtelte Doppelbesetzung der
semantischen Rolle >Gefahr<, findet in dem durch die Bezeichnung Klimaschutz
aktivierten Frame nicht statt.“24 Auch die häufige Verwendung des Konzeptes der
„globalen Erderwärmung“ ist ein aus kognitionswissenschaftlicher Sicht schlecht
gewählter Frame. Alles, was wir mit Wärme in Verbindung bringen, hat mit emotionaler
Wärme, Zuneigung, Anerkennung, Zwischenmenschlichkeit zu tun. Statt Erderwärmung
plädiert Elisabeth Wehling für den Begriff der „Erderhitzung“. Um dieser Erderwärmung
oder auch –erhitzung entgegenzuwirken stehen immer mehr Menschen für den Gebrauch
von „Erneuerbaren Energien“ ein. Dieser Frame ist eindeutig problematisch, da es sich
bei den aus Sonne, Wind und Wasser gewonnenen Energien keineswegs um Energien
handelt, die im Nachhinein erneuert werden müssen. Schuld an dieser Annahme hat unter
anderem das Suffix –bar, was eine Handlungsoption impliziert und seine letztendliche
Notwenigkeit kommuniziert. Irgendjemand muss am Ende handeln und erneuern. Diese
Vorstellung ist nicht besonders angenehm und der Gedanke einer vorherigen Abnutzung
der Energiequelle ist nicht auszublenden. Ähnlich problematisch verhält es sich mit dem
Frame der „alternativen Energien“. Wer die Alternative hat, hat auch die Wahl. Diese


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Ebd., S. 182
23
Ebd., S. 183
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Ebd., S. 183 f.
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Auswahl sagt aber lange noch nichts „über die Qualität der unterschiedlichen
Möglichkeiten oder die Konsequenzen [aus], die eintreten, wenn wir uns für die eine oder
andere Möglichkeit entscheiden.“25

SCHLUSSWORT

In ihrem Schlusswort betrachtet Elisabeth Wehling rückblickend ihr Vorhaben, dem


Leser in Teil I die kognitiven Grundlagen von Framing zu erklären. Politisch aktuelle
Debatten dienen in Teil II zur genaueren Analyse einzelner Frames. Sie appelliert, einen
kritischen Blick auf - gerade politische - Sprache zu entwickeln, ob sie rezipiert oder
selbst produziert wird. Mit ihrem Buch über politisches Framing bringt die Linguistin
dem Laien eine Wissenschaft nahe, die durch ihre anwendungsorientierte Art Spaß macht
und das Interesse an einem detaillierteren Blick auf Sprache weckt.


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Ebd., S. 190
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