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dem Vorübergehenden.

Dort sind die hellen, heiteren Rainer Maria Rilke


Paläste so vertrauensselig und beredt, und wie schö-
ne Frauen verharren sie immerfort am Spiegel des
Das Florenzer Tagebuch
Kanals und sorgen, ob man ihnen das Altern nicht
anmerkt. Sie sind glücklich in ihrem Glanz und ha-
ben wohl nie andere Wünsche gehabt, als schön zu
sein und alle Vorzüge dieses Besitzes zu zeigen und
zu genießen. Deshalb geht der Flüchtigste be-
schenkt von ihnen, reicher wenigstens um dieses un-
vergleichliche goldene Lächeln der festlichen Fron-
ten, das zu jeder Stunde des Tages in irgendeiner
Nuance wach bleibt und nachts der etwas zu süßen,
hingebenden Melancholie weicht, welche in den ve-
nezianischen Erinnerungen jedes hastigsten Italien-
fahrers Raum gewann. Anders in Florenz: Fast feind-
lich heben die Paläste dem Fremden ihre stummen
Stirnen entgegen, und ein lauschender Trotz bleibt
lange um die dunklen Nischen und Tore, und selbst
die klarste Sonne vermag nicht seine letzten Spuren
zu löschen. – Ganz seltsam wirkt, besonders inmit-
ten des aufrichtigen Lebens der modernen Straßen,
in denen das Volk seine Feste feiert und seine Ge-
schäfte schreit, diese mißtrauische Wehrhaftigkeit
der alten Bürgerpaläste, dieser breiten, riesigen Bür-
gerbogen mit ihrem ewigen Ernst, der versteinert
scheint in den Furchen der mächtigen Quadern.
Wenige und sparsame Fenster mit einem Schmuck,
dessen Glanz höchstens dem Lächeln eines ver-
schüchterten Kindes anähnelt, unterbrechen das
schwere Schweigsamsein und fürchten sich, etwas
von dem Sinn zu verraten, der diese Mauern be-
seelt. In ungeduldiger, steiler Strebekraft aber quel-
len aus den Steinspalten die Fackelhalter und Flag-
genringe hervor; als sei das Ganze innen solchen
Eisens voll, so winden sich diese Gebilde als ein eher-
ner Überfluß warnend und wachend aus dem Rie- Suhrkamp Verlag

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Der Text folgt der Ausgabe: seitwärts blicke, tut sich mir, wo ich es nicht ahnte,
Rainer Maria Rilke, Tagebücher aus der Frühzeit. ein dunkler, leerer Platz auf, ein engerer Markus-
Herausgegeben von Ruth Sieber-Rilke und Carl Sieber.
Insel Verlag 942. S. 5–20 platz ohne die helle Festlichkeit des Domes. Zwei
hohe, stumme Gebäude, von Lauben unter-
höhlt, laufen nebeneinander hin wie in stetem Sich-
umfassen-Wollen, bis am Ende ein ungeduldiger
Bogen von einem zum anderen springt. Über dem
Bogen steht irgendeine weiße Herrschergestalt. Und
wie mein Auge zurück die Lauben entlang streift,
geschieht ein Bewegen; aus dem Dunkel treten lau-
ter lichte Gestalten hervor, als ob sie jemandem ent-
gegen wollten. Ich blicke mich um, aber es ist nie-
mand hinter mir, – kann ihr Begrüßen mir gelten?
Plötzlich empfind ich es deutlich. Und in scheuer
Beschämung eile ich ihnen entgegen, der Kleine,
Namenlose, Unwürdige, und gehe dankbar und
fromm von einem zum anderen, von jedem geseg-
net, jeden erkennend: Andrea Orcagna, als erster,
wie ich ihn gedacht, den Blick überwundenen Sin-
nes voll, hoch emporgehoben und die Stirne so, daß
viel Licht darauf Raum hat. Und Giotto, in Grübeln
versunken, und Michelangelo und Lionardo. Dann
auch die Dichter Boccaccio, Petrarca, mit Begeiste-
rung umkränzt, Dante … So sah ich ihnen allen
ins Gesicht und stärkte mich an ihrer Stille. Dann
trat ich durch den Bogen am Rande des Platzes und
sah die Nacht über dem Arno blühen, und die klei-
nen Häuser und die hohen Paläste schienen mir be-
kannter und verständlicher als vor einer Stunde;
denn ich hatte die Menschen gesehen, die aus den
kleinen Häusern heraus in die hohen Paläste und
Erste Auflage 982
Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung
über diese hinauswuchsen in die eine ewige Heimat
des Insel Verlags Frankfurt am Main aller Hoheit und Herrlichkeit. –
© Insel Verlag 942 Am ersten Abend war ich des Bewußtseins froh, daß
Alle Rechte vorbehalten
Druck: Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden mein Hiersein nach Wochen zählen wird; denn ich
Printed in Germany fühlte: Florenz erschließt sich nicht wie Venedig

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mir eine herrliche weite Halle ihre breiten Bogen Das Florenzer Tagebuch
entgegen: die Loggia dei Lanzi. An zwei Löwen
vorüber trete ich in ihre Dämmerung ein, aus wel-
cher die weißen Marmorbilder mir entgegenkom-
men. Den ›Raub der Sabinerinnen‹ kann ich erken-
nen, und an der Rückwand wächst der Schatten des
erzenen Perseus von Benvenuto Cellini, und ich er-
staune angesichts der Silhouette vor der schönen,
sieghaften Beweglichkeit und dem stolzen Schwung
dieses Bildes, das ich niemals von ferne zu werten
vermocht hatte, und ich werde mit jeder Minute ru-
higer und betrachtender bei diesen hohen, hellen
Bildern, die mir immer bekannter scheinen, über-
hegt von dieser so sicher gespannten ernsten Halle,
welche auf den starken gotischen Säulen mit vol-
lem Vertrauen ruht. Da empfängt eine Gestalt für
mich eine Bestimmung: Andrea Orcagna, der Schöp-
fer dieses Baus, ist mir kein eitler Name mehr; ich
fühle die Klarheit eines Mannes und den tiefen,
treuen Ernst eines Einsamen über mir. Diese Hallen
hat ein Herr des Lebens gewölbt, ein stiller und
festlicher, der Säulen schuf nach seinem Ebenbilde
und das Dach darüber senkte nach dem Muster des
Lebens, dunkel lastend und doch kein Druck für das
bewußte Streben der stämmigen Pfosten. Und der
erste Renaissancemensch weiht mich so ein in das
Geheimnis seiner Zeit. Ich bin mitten hineingera-
ten. Ich empfinde gleichsam den Takt tieferer Atem-
züge, gegen den mein Atemholen ein Kinder-
trippeln ist, und mir wird seltsam frei und bang in
diesem Bau, wie dem Kind, das die Rüstung eines
Ahnen auf den Schultern trägt und dem neben der
Freude an dem Glanz schon die wehe Wucht des
Panzers fühlbar wird, die es aus seinem Kinderstolz
bald in die zitternden Kniee zwingen wird. – Dann,
wie ich an den Rand der Halle nach rechts trete und

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zugehen glaubte in dem großen Wellenschlagen ei-
ner fremden Herrlichkeit. Eben jetzt erst beginne
ich Atem zu holen. Die Erinnerungen werden kla-
rer und isolieren sich voneinander, ich fühle, was
in meinen Netzen blieb, und merke, daß es mehr
ist, als ich erwartet habe. Ich weiß, was mein Besitz
geblieben ist, und Stück um Stück davon will ich
ausbreiten vor Deinem lieben, lichten Auge. In al-
ler Behaglichkeit, ohne Dich von Ort zu Ort zu ja-
gen und ohne gründlich sein zu wollen, zeig ich Dir
das und das, sage Dir, was es mir soll, und lege es
wieder in meinen Vorrat zurück. Ob ich Dir ein Bild
von Florenz damit gebe – weiß ich nicht; denn ich
bringe Dir nur das, was ich mir ganz eigen weiß;
und das gehört ja nun mir zu und nicht mehr der
lichten Lilienstadt; jedenfalls aber hab ich dieses
Stück meiner selbst in Florenz gefunden, und das
kann nicht zufällig sein. Du erwartest ja auch kein
Reisehandbuch von mir, keine vollständige, lücken-
lose und chronologisch geschlichtete Sammlung,
nicht wahr?
Der erste Abend ist mir zunächst in seiner Bedeu-
tung erinnerlich. Trotz der Ermüdung nach der viel-
stündigen Reise, die ich auf Koffern erbärmlich
überdauern mußte, ging ich abends aus meinem
Hotel die Gassen entlang, fand die Piazza Vittorio
Emanuele und trat ganz zufällig auf den Platz der
Signorie. Atembeklemmend in seiner felssteilen,
wehrhaften Wucht steigt vor mir der Signorieenpa-
last auf, und ich glaube, ich spüre seinen grauen,
schweren Schatten über mir. Hoch über die zinnen-
scharfen Schultern des Baus reckt der Wachtturm
seinen sehnigen Hals in die nahende Nacht. Und er
ist so hoch, daß mich der Schwindel packt, wie ich
aufblicke bis zu seinem behelmten Haupt, und wie
ich mich ratlos nach einem Schutz umsehe, breitet

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klingt und sich müht, in dieses enge, arme Wort Alle Menschen lieben den Liebenden.
ihre ganze Zärtlichkeit und ihre Glut und alle Emerson
Schätze ihres tiefen Wesens hineinzudrängen.
Am dekorativsten aber sind die roten Abende. Über Ich bin nur der, der den Zug beginnt.
den Cascinen ist der letzte, löschende Glanz, und
der Ponte vecchio, an dem die alten Häuser nester- ›Alle, die in Schönheit gehn,
ähnlich kleben, flicht sich wie ein schwarzes Band werden in Schönheit auferstehn …‹
durch sonnengelbe Seide. In versöhnten Tönen von
Braun und Grau dehnt sich die Stadt aus, und die Unser Wille ist nur der Wind,
Berge von Fiesole tragen schon die Farben der Nacht. der uns drängt und dreht,
San Miniato al Monte allein hat noch immer Sonne weil wir selber die Sehnsucht sind,
in dem schlichten lieben Gesicht, und ich versäume die in Blüten steht.
nie, mir sein letztes Lächeln zu holen als eine leise,
vollendende Gnade. … da kann ich nichts als leise sein
Vielleicht wirst Du erstaunen, daß mir in Florenz und Atem holen – tief.
noch nichts geworden ist als die paar unbedeuten-
den Gedichte, die diesen Zeilen vorangehen. Das lag Ich stelle einfach Versuche an, ein end-
daran, daß ich zunächst nicht allein blieb. In den los Suchender mit keiner Vergangenheit
ersten beiden Tagen nahm sich meiner Dr. L. der hinter mir.
Pariser Korrespondent, sehr gütig an und half mir Emerson
das und jenes finden, wenn er auch mit seiner Art
jede Stimmung in mir niederdrückte. Dann, sobald ›Etwas Einfaches, Liebes mit blauem
ich in der Pension untergebracht war, erwies sich, weitem Himmel darüber.‹
daß Endells Vetter, Professor B. aus Berlin, mein Lou
Nachbar sei, und diese Überraschung hatte zur Fol-
ge, daß wenigstens die Nachmittage fortab ihm, sei-
ner Frau und mir gemeinsam gehörten. Es waren
gewiß Stunden, die nicht zu den Verlusten zählen,
reich durch die bereite Güte dieser beiden treffli-
chen Menschen, – aber doch ohne den Klang, der
über den Augenblick hinaus nachzittert. Indessen,
nicht nur an den Menschen lag mein Verstummen.
Vielmehr an den Dingen. Trotzdem Florenz vor mir
so weit und willig ausgebreitet liegt (vielleicht ge-
rade deshalb) verwirrte es mich zuerst so, daß ich die
Eindrücke kaum zu sondern vermochte und unter-

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und daß ich ihnen wenigstens in meinen tiefsten
Stunden wie ein lang verwandtes Wesen erscheine,
dessen letzter Glaube ein festlicher und lichter
Frühling ist und weit dahinter eine schwere, schöne
Frucht. – Aber wie weit verblaßt die Pracht dieser
einen Wand vor der hellen Herrlichkeit der drei an-
deren Seiten, vor denen die Landschaft selber hängt.
weit, warm, ein wenig stilisiert durch die Schwache
meines Auges, das nur Farbenakkorde und Sum-
men von Linien zu erkennen vermag. Reich am
Morgen im Glanze von hundert Hoffnungen, fast
flimmernd vor ungeduldiger Erwartung, reich am
Mittag, satt, beschenkt und schwer, und von schlich-
ter Klarheit und heiliger Hoheit im verklingenden
Abend. Dann beginnt die Stunde, da die Luft wird
wie blauer Stahl, und die vielen Dinge schleifen sich
scharf daran. Schlanker scheinen die Türme aus
dem Gewoge der Kuppeln aufzusteigen, und die
Zinnen des Signorieenpalastes sind wie verhärtet in
ihrem alten Trotz. Bis sich die Stille übersternt und
das milde Licht alles wieder besänftigt mit seiner
weichen, zaghaften Zärtlichkeit. Das große Leise-
werden rollt wie ein hoher Strom über Gassen und
Plätze hin, drin alles nach einem kurzen Ringen
untergeht, – und endlich ist nur ein Zwiegespräch
wach, ein Hin und Wider dämmernder Fragen und
dunkler Antworten, ein sich ergänzendes breites
Brausen: der Arno und die Nacht. Am sehnsüchtig-
sten ist es um diese Zeit; und wenn dann tief un-
ten irgendeiner ein wehmütiges Lied zur Mandoline
träumt, so denkt man nicht daran, es einem Men-
schen zuzuschreiben; man fühlt, wie es unvermit-
telt aus dieser weiten Landschaft steigt, die nicht
mehr schweigen kann in ihrem sehnsüchtigen, selt-
samen Glück. Sie singt wie eine einsame Frau, die
in tiefer Nacht den Namen ihres fernen Geliebten

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OB ich schon ruhig und reif genug bin, das Tage- Aus unserm winterlieben Gelände
buch, welches ich Dir heimbringen will, zu begin- bin ich fern in den Frühling verbannt;
nen, – ich weiß es nicht. Aber ich fühle, daß meine wie ich zage an seinem Rand,
Freude fremd und unfestlich bleibt, solange Du legt sich mir leuchtend das neue Land
nicht – wenigstens durch irgendeine innige und auf- in die zweifelnden Hände.
richtige Einzeichnung derselben in ein Buch, das
Dir eignet, zur Vertrauten wirst. So beginne ich Und ich nehme das schöne Geschenk,
denn; und ich nehme es gerne zum Omen an, daß will es still gestalten,
ich diesen Beweis meiner Sehnsucht anfange in die- all seine Farben entfalten
sen Tagen, die um ein ganzes Jahr hinter denen und es – lächelnd und ungelenk –
stehen, da ich ebenso sehnsüchtig einem Unbestimm- DIR entgegenhalten.
ten entgegenging und noch nicht wußte, daß Du
die Erfüllung bist, der ich mich vorbereitete in lau-
schenden Liedern.
Seit vierzehn Tagen wohne ich in Florenz. ICH kann nur schweigen und schauen …
Am Lungarno Serristori, unweit von dem Ponte del- Konnte ich einmal auch tönen?
le Grazie, steht das Haus, dessen flaches Dach in sei- Und die Stunden sind Frauen,
nem überdachten wie in seinem himmelweiten Teil die mich mit lauter blauen,
mir zugehört. Das Zimmer selbst ist eigentlich nur blinkenden Wonnen verwöhnen.
der Vorraum – es faßt auch die vorn dritten Stock
herauf führende Treppe mit ein –, und als das ei- Soll ich die Tage dir schildern
gentliche Wohngemach stellt sich die hohe, weite oder mein Abendgemach?
Steinterasse dar, die nun allerdings so prächtig ist, Meine Wünsche verwildern,
daß ich da gut wohnen und auch wohl einen wer- und aus allen Bildern
ten Gast würdig empfangen könnte. Die Wand gehn mir die Engel nach.
meines Zimmers ist nach außen hin mit gelben, reif
duftenden Rosen und kleinen gelben Blumen über- Florenz, 5. April [898]
blüht, die wilden Heckenröschen nicht unähnlich
sind; sie steigen nur etwas stiller und gehorsamer
die hohen Spaliere hinauf, zwei zu zwei, etwan wie
die Engel des Fra Fiesole zu Lohn und Lobgesang
des Jüngsten Gerichtes. In Steinbecken vor diesen HIER ist des Lebens stille Opferstelle.
Mauern sind viele Stiefmütterchen wach geworden, Hier ist der Tag noch tief. Hier baut die Nacht
die wie warme, wachsame Augen dem Tun und sich um den Traum wie eine Taufkapelle.
Ruhn meiner Tage nachgehen. Ich möchte immer Hier hegte sich das Leben Herz und Helle,
so sein, daß sie nicht erstaunen müssen über mich und hier war Alles Ahnen seiner Macht:

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der Frauen Festlichkeit, der Fürsten Pracht und ich bin leis und langsam müd und male
und die Madonnen, die der Dank erdacht, mir Gott in Gold …
und eines Mönches Zittern in der Zelle …
Florenz, 8. April 898
Florenz, 6. April 898

DAS war ein spätes Sich-Umsonnen


RENAISSANCE I nach einem Tage, bang und bleich;
ich weiß nicht, wo der Glanz begonnen,
SCHWEIGENDER wurde der Dornenumdrohte, doch alles war auf einmal reich, –
immer leiser wurde sein Leid. und war, als lächelten zugleich
Und das Volk ist zur Freude befreit: in allen Kirchen die Madonnen.
Einsame Eiserne hoben die rote
Fahne der Kraft auf die Zinnen der Zeit. Florenz, 8. April 898

Alle wandern in weißem Gewand


tiefer ins Leben und finden das Land,
das ganz von Ahnen durchglüht ist. RENAISSANCE II
Die einzige nur, die schon müd ist,
– die Madonna – rastet am Rand. DA war der Glaube nicht das Traumvertrauen,
das alle feig die Finger falten hieß, –
Florenz, 7. April 898 und war ein Lauschen, und die Liebe ließ
sie Bilder beten und Gebete bauen.

Empfand ein Einsamer: ihm wurde weit, –


UND soll ich sagen, wie mein Tag verrollt? so stieg er nieder in sein stilles Keimen,
Früh zieh ich durch die strahlenden Viale und seine Freude fand den Gott bereit;
zu den Palästen, drin ich wachsend prahle, er holte aus dem Zweifel den Geheimen
und mische mich auf freier Piazzale und hob ihn zitternd in die Herrlichkeit.
ins braune Volk, wo es am tollsten tollt.
San Domenico bei Fiesole, 9. April 898
Nachmittag bete ich im Bildersaale,
und die Madonnen sind so hell und hold.
Und komm ich später aus der Kathedrale,
ist schon der Abend überm Arnotale,

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ihr Mut als ihre Art. Dafür spricht: sie fanden ja senbau. Und hoch über den Rand streckt sich ein
auch nicht zu den Griechen hin, sondern zu sich strenges und schlichtes Kranzgesims forschend vor,
selbst. meistens im Zahnschnitt, wie eine Reihe lauernder
Pfeilschützen, die von ihrer Schau herab den Ein-
Und bei Shakespeare ist das gleiche zu sagen. Wer gang verteidigen. Es sind die Denkmale einer star-
edel und ernst ist, ahmt nicht den kleinen Gesten ken und streitbaren Zeit, die Zeugen jener Werde-
einer Persönlichkeit nach – sondern ihrem breiten tage der Florentiner Würde, in denen aus Trotz und
Stil, der aber ist bei jedem Großen: der einsame Tüchtigkeit sich der Sockel baute für die heitere
Weg zu sich selbst. Kunst seiner hellsten Tage. Und selbst in den Bau-
ten der späteren Vollrenaissance findet diese alte
Fra Bartolome [Bartolommeo] steht mir höher als weise Vorsicht noch Recht und Raum; sie bestimm-
Raffael; denn der junge Raffael hat von seiner Zeit te jene lapidare, gewaltige Schönheit des Florenti-
nicht nur Kultur empfangen, sondern auch Kunst. ner Palastes, als dessen würdige Wohner michel-
Das Verschulden freilich lag an seiner Zeit, die angel[e]ske Gewaltgestalten erscheinen könnten.
viel zu früh die Schranke zwischen beiden im Ge- Hast du aber einmal das Vertrauen dieser Paläste
fühl ihrer Reife vernichtet hatte, so, daß Weg und errungen, so erzählen sie dir gern und gütig die Sa-
Ziel eine Weile dasselbe schien. Die Zeit hatte ge- ge ihres Daseins in der herrlichen, rhythmischen
rade noch Kraft, einen Künstler aus sich zu heben, Sprache ihrer Höfe. Auch da scheint die Architek-
aber sie starb bald in einer Reihe kläglicher Dilet- tur immer bis in die guten Denkmale der Hochre-
tanten ab. naissance hinein ihre ernste Würde bewahrt zu ha-
ben. Aber die abweisende Verschlossenheit ist dem
Künstler wie Raffael sind immer Höhepunkte, da verständigen und bewußten Sich-Anvertrauen treff-
aber der Weg nicht zu Ende ist, muß es immer ein licher Menschen gewichen, welche ohne Pose und
Bergab geben hernach und ein großes Irren und ohne Ängstlichkeit geben, im Gefühl, daß doch nur
eine tiefe Entmutigung. der Beste ihr Bestes empfängt; denn nur ihm kann
es durch das Begreifen zum Besitze werden. An
Die Fürsten und das unterste Volk haben im Grun- Stelle der schweigsamen Quadern sind im ganzen
de das richtigste Gefühl gegen die Kunst: Gleichgül- Untergeschoß breite Arkaden getreten, welche eine
tigkeit. Der reiche halbadlige und bürgerliche Mit- schattige Heimlichkeit behüten und sich oft noch in
telstand simuliert jene gezwungene Teilnahme, die einem Teil des ersten Stockwerks in doppelter Ord-
so viel Lächerlichkeiten mit sich bringt. nung mit Säulen fortsetzen und dann eine Fülle
von Durchblicken bieten, die wie leise und intime
Was der Fürst für die Kunst tut, tut er im Sinne Geständnisse sind und das schöne Verhältnis zu dem
des Staates. Denn diesem ist daran gelegen, die Schauenden noch reizender gestalten. Der Schmuck,
Kunst als etwas von ihm Begünstigtes und gern Ge- der sich an die Säulen anschmiegt, ist in den besten
sehenes erscheinen zu lassen, gleichberechtigt mit Fällen unaufdringlich und selbstverständlich, ein

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schöner Gedanke oder ein liebes Gefühl, bei Gele- Savonarola kommt immer wieder. Seid auf der Hut
genheit der Säule ausgesprochen, – und stimmt vor seiner Wiederkehr. Wenn ihr entbehren wollt,
dann wohl zu der maßvollen Festlichkeit der Kapi- verleugnet ihr euch. Er will euch arm. Der Wille
telle, die, oft antik oder der Antike frei nachgebil- eurer Kunst aber ist: euch heiter, weit und reich zu
det, sich eben nur so weit unter der Last des Archi- machen.
travs entschälen, als natürlich und notwendig ist, die
schlanke Kraft ihres Schaftes durch diesen stum- Und wenn es nur das wäre. Wer den Glauben nicht
men, sieghaften Kampf mit dem Gegendruck zu hat, hat die Kraft nicht. Aber ein Abtrünniger reißt
verwerten. Ihr Sieg wird obendrein noch durch Lü- viele mit, und die vielen sind ein Stück ihrer Zeit.
netten und Rosen gefeiert, welche zwischen den Ar- Und auch die Echten müssen in dieser Zeit leben.
kadenbogen oder an der hinteren Wand der Ge- Und wenn sie nun wieder enger wird und ängstli-
wölbe zwischen den Pfeilern oder den Konsolen, die cher, haben ihre Gesten nicht Raum.
die Decke auffangen, in reicher und unermüdlicher
Abwechslung des Motivs erscheinen, und durch die Künstler sollen einander meiden. Die große Menge
Statuen, die da und dort in den schattigen Nischen rührt nicht mehr an sie, wenn ihnen erst bestimmte
aufleuchten. Manchmal sind in jener Wand, welche Befreiungen gelungen sind. Zwei Einsame aber
ohne Schmuck und Bogen ärmlich scheinen wür- sind eine große Gefahr füreinander.
de, die Wappen der früheren Besitzer, in freien Rei-
hen aufsteigend, an gemauert, und diese Seite wirkt Es soll keiner tasten an des anderen Kunst. Denn
dann wie überwältigend in der schlichten Art ih- nimmt er von einem Größeren, so verliert er sich;
rer Erzählung: wie ein greiser Enkel, der als der und neigt er zu der Art eines Engeren hin, so ent-
Letzte eines Adelsstammes die Taten seiner eiser- weiht er sich und nimmt seinem Gemüt die Keusch-
nen Ahnen im gerechten Gedächtnis versammelt heit; aber von des anderen Kultur darf der Künst-
und von ihrer Hoheit und Herrlichkeit in stolzen ler gerne und dankbar empfangen. So bilde jeder
und unnahbaren Worten leise wie aus eigener Er- den zweiten zu höherer Menschlichkeit und also zu
innerung spricht und sich gar nicht darum küm- reinerer Kunst.
mert, ob ihn irgendwer hört.
Die schönsten dieser Höfe zeigen dem Eintretenden Aber haben nicht viele der Besten sich die Alten zum
auch einen Teil der Treppe, die dann – wie im Pa- Vorbild genommen? Hat nicht der Geist der An-
lazzo del Podesta in Florenz –, an die Wappenwand tike gerade jene mächtige Bewegung geweckt, de-
angeschmiegt, von breiter Brüstung andererseits ren ewige Beweise ich in Florenz liebte und bewun-
begrenzt, unter hohen Torbogen in ritterlichen Stu- derte? Eben weil ihre Kunst so voll war höchster
fen aufwärts führt und in einem der prächtigen und reifster Menschlichkeit, durfte sie mit so tiefem
hellen Säle mündet. Aus dem moosüberwucherten Recht wahrhaft erziehlich wirken und der Kunst ein
Marmorboden des Hofs grenzt der lichte Tag mit neues Geschlecht schenken. Was die Schöpfer des
einem scharfen Strich gegen den steingrauen Schat- Quattrocento von ihnen nachahmten, war mehr

20 33
kungen waren die Funde, welche sie in ihrer eige- ten ab, und die Linie erscheint nur mittinnen durch
nen Tiefe taten. Zitternd hoben sie sie ins Licht. das Brunnenrund gebrochen, das auf einigen Stu-
Und weil das Licht damals des Gottes voll war, so fen, wie ein kleiner Hausaltar das Herz des Hauses:
nahm ER ihre Gaben an. Kühle und Klarheit für die Heimischen und für den
willkommenen Gast – bedeutet.
Vergeßt nicht, daß diese Menschen eben erst began- Solche Brunnensteine sind auch die Mittelpunkte
nen, in sich zu blicken. Da fanden sie Reichtümer jener von kleinen Gärten ausgefüllten Hof räume,
gehäuft. Eine große Seligkeit überkam sie, und wie [sie] zum Beispiel die Certosa des Val d’Ema
Glück macht freigebig. Sie wollten von ihren und andere Klöster besitzen. Über dem Brunnen-
Schätzen schenken, und an Würdige schenken. Und schlund ist dann von Rand zu Rand ein verziertes
da war niemand weithin – denn Gott … Eisen gewölbt, welches die Schnur des Eimers hält,
oder es dient ein Joch, das zwei schlichte Säulen
Die Religion ist die Kunst der Nichtschaffenden. Im über den Brunnen heben, diesem Sinn. In den Klo-
Gebete werden sie produktiv: sie formen ihre Liebe sterhöfen herrscht mehr Schlichtheit und Einför-
und ihren Dank und ihre Sehnsucht und befreien migkeit als bei der Innenarchitektur jener reichen
sich so. Sie erwerben auch eine Art kurzlebiger Kul- Patrizierhäuser. Man sieht ihnen wohl an, daß
tur; denn sie lösen sich von vielen Zielen zu einem nicht der Wille eines einzelnen hier waltet und Fest-
los. Aber dies eine Ziel ist nicht ihr eingeborenes, lichkeit und Freude will, sondern daß viele einander
und es ist allen gemeinsam. Eine gemeinsame Kul- hier erdulden und gewöhnen sollen, Menschen, die
tur gibt es aber nicht. Kultur ist Persönlichkeit; das, vergessen, daß es irgendwo noch Wünsche gibt au-
was man bei einer Menge so nennt, ist gesellschaft- ßer der Einsamkeit und der Stille, welche die Ar-
liches Übereinkommen ohne innere Begründung. kaden ängstlich umranden. Und weil die ganze
Welt in diesem engen Rahmen Raum und Recht
Der Nichtkünstler muß eine Religion – im tiefin- gewinnen will, so sind Gärtchen drin eingebettet,
nern Sinn – besitzen, und sei es auch nur eine, die die viele, viele kleine, weißkiesige Wege haben; zwi-
auf gemeinsamem und historischem Vereinbaren schen Reihen wilder Rosen leiten sie immer wieder
beruht. Atheist sein in seinem Sinne ist Barbar sein. ineinander und enden schließlich an der einen Zy-
presse, die schon hart an der Mauer emporsteigt.
Und mit einem Male erkannte die Kirche, daß sie Die Sehnsucht hat sie so in dieser vielen Verzwei-
nur Vorwand sei, und erhob sich in Zorn und Haß: gung geführt; ein kleines, versöhntes Symbol des
Botticelli und Savonarola. Und doch war es so großen Irrens, eine Erinnerung an das viele, das die
gleichgültig, ob Botticelli die Venus oder die Ma- Gänge nicht mehr umspannen. Und zwischen den
donna malte; es wurde doch immer seine wunde Pfaden geht in fröhlichen Farben die unverbrauch-
und verweinte Sehnsucht. Und woran er zugrunde te Liebe dieser armen Kapuzinerhände auf und
ging, war, daß er ein Ziel suchte außer sich selbst. glüht und blüht in ihrer ganzen seligen Unschuld.
Er verirrte sich in einen einsamen dunklen Tod. Und da will mir die Frührenaissance doppelt lieb-

32 2
lich erscheinen: von einem Frühling umwildert. Siehe: ich habe geglaubt, ich werde eine Offenba-
Und die Meister müssen das wie ich empfunden ha- rung mit heimbringen über Botticelli oder über
ben, als sie ihre milden Madonnen schufen, denen Michelangelo. Und ich bringe nur eine Kunde mit
sie in das Kirchendunkel ein Stück Himmels mitga- – von mir selber, und gute Nachrichten sind es.
ben und deren Engeln sie nur eine Pflicht aufer-
legten: in Schönheit und Geduld den Kranz schwe- Lange hab ich die Kunstwerke besucht in Florenz.
rer Früchte zu tragen, der die einsame Frühlings- Stundenlang hab ich vor irgendeinem Bild geses-
frau wie eine Verheißung umrahmen soll. sen und meine Meinung darüber gefaßt und sie
später durch Burckhardts schönes Urteil gesiebt.
Ich habe jeden Tag den guten Willen gehabt, in Und siehe: meine Meinung war wie viele Meinun-
meinen Aufzeichnungen fortzufahren; aber erst gen. Darauf vergaß ich einmal vor dem ›Magnifi-
heute, am 7. Mai, finde ich mein Buch ernstlich kat‹ des Botticelli mein Urteil und das der anderen
wieder, lese das Vergangene durch und lehne mich auch. Da geschahs. Ich sah in einen Kampf und
zurück und denke so still über das Ligurische Meer empfand einen Sieg. Und meine Freude war wie
hin. Diese ferne Fläche wird nicht mehr so verwir- keine Freude sonst.
rend sein wie jenes Genetze seltsamer Gassen, aus
dem ich endlich wie in jäher Flucht mich losgeris- Da war der Bann gebrochen: es war, als wäre ich
sen habe. Ich konnte dieses Schauen nicht mehr er- eben erst würdig geworden, in einen Kreis von Män-
tragen. Nach aller Kunst wieder einmal Natur. nern einzutreten, von denen ich bislang aus zehn-
Nach dem vielen das eine, nach dem Suchen die- tem Munde hatte erzählen hören. Wie anders sie
sen einen großen und unerschöpflichen Fund, in waren als das Gerücht!
welchem tief innen noch unberührte Künste einer
leisen Erlösung entgegenwarten. Ich kann mir den- Wie sie so ganz dieselben waren wie die Besten von
ken, daß ich Rom länger ertrüge und daß die Kunst uns. Ihre Sehnsüchte dauern in uns fort. Und unse-
einer anderen Zeit es mir gestattet hätte, in allmäh- re Sehnsüchte bleiben, bis wir ermattet sind, in an-
lichen, täglich wachsenden Aufzeichnungen nach deren wach, bis sie sich in irgendwelchen Letzten
und nach ihre Umrisse ungefähr nachzuzeichnen. erfüllen. Diese erst sind dann ein Beginn. Wir sind
Es wäre in diesem Falle ein Bild entstanden, wel- Ahnungen und Träume.
ches den Charakter des ersten Schauens ziemlich
aufrichtig wiedergäbe und also diejenige höchste Und wenn sie zehntausendmal Madonnen machten
und klarste Empfindung meiner Eindrücke, welche und Heilige, und wenn manche von ihnen im
für alle Erinnerung wertvoll ist, aufbewahren könn- Mönchsgewande und auf den Knieen malten, und
te. Aber nur bei der Antike ist dieser erste Eindruck wenn ihre Madonnen Wunder tun bis in diese Ta-
der klarste und bedeutendste und ebenso wieder bei ge herein: sie haben alle doch nur einen Glauben
jenem Gipfel der Renaissance, wie er durch Raf- besessen, und eine Religion hat sie durchglüht: die
fael und einige andere Künstler bezeichnet wird. Sehnsucht nach sich selbst. Ihre höchsten Entzük-

22 3
größter Teil, und seine beste Kraft erschöpft sich Nicht als ob ein längeres Betrachten ihrer Werke
darin. dadurch überflüssig wäre: frommes Vertiefen kann
manche Schönheit inniger und verständlicher ma-
Da man doch nicht aufhört, von dem erziehlichen chen; aber es ragt doch keine Empfindung mehr
Einfluß der Kunst zu reden: gewiß wirkt sie bildend, über die Reife jenes ersten Genusses hinaus, und
doch nur auf den, welcher sie schafft; denn sie stei- das rasche Wort wird das richtigste sein – stets vor-
gert seine Kultur. ausgesetzt, daß es nur eine Freude und kein Urteil
geben und einschließen will. Den Werken der vor-
Jede Kunsttat bedeutet eine Befreiung, und Kultur raffaelischen Zeit gegenüber gibt es kein erstes Wort
besitzen will nichts anderes heißen als befreit sein. – ich glaube, ebenso für den einfachen wie für den
So ist die Kunst der Weg zur Kultur für den Künst- richtenden Schauer –, es gibt da nur ein erstes
ler. Aber nur seine Kunst und einzig für ihn. Schweigen. Deshalb geschieht das Seltsame: das
Verhältnis von Bild und Gast bleibt kein einseitiges,
Alle Werke sind für den Künstler Vergangenhei- wie zum Beispiel bei einer der Madonnen des Ur-
ten, und sie haben nur den Wert lieber Erlebnisse für binaten, die in teilnahmsloser Ruhe die mehr oder
ihn: einen einfachen Erinnerungswert; deshalb ist weniger aufrichtige Bewunderung des Fremden
es auch möglich, daß der Schaffende in einem Wer- hinnimmt; es entsteht im ersten Augenblick ein
ke etwas Überwundenes haßt. Es kann deswegen Verkehr zwischen beiden, stille Zwiegespräche rei-
doch ein aufrichtiges und herzliches Werk gewesen ßen die Brücken zwischen ihnen nieder, und ein
sein, ja es bleibt vielleicht sein – aufrichtigstes. Die- versöhnendes Schweigen richtet sie wieder auf. Ein
ses ist auch nicht das Bedeutende seines Tuns. Der Sich-feindlich-Werden wechselt rasch ab mit dem
Gewinn ist einzig die wachsende Klarheit seines Le- Gefühl freudiger und festlicher Liebe, und den Mi-
bens, welche ich immer nur mit diesem Namen nen- nuten lichten Verstehens folgt ein ängstliches Ent-
nen kann: der Weg zu sich selbst. fremden nach. Wir stehen mit einem Male dem
Menschen gegenüber, der ein Stück seines Glaubens
Weißt Du, in dem Lyrik-Vortrag hab ich so stark und seiner Sehnsucht in dem dauernden Werke mit
betont, wie sehr mir jeder Stoff als Vorwand zu be- hastigen oder mit zärtlich zagenden Händen ge-
stimmten tief intimen Geständnissen erscheinen formt hat. Wir empfinden mit einem Male, daß die-
mag. Ahnungsvoll damals. Jetzt bin ich in allen die- se Madonnen nicht Denkmale einer stillen Dank-
sen Empfindungen bewußter und werde deshalb in barkeit, daß sie nur Marksteine eines ernsten und
meinem Schaffen naiver sein; denn das Bewußtsein dunklen Weges zur Sonne sind, und wir wissen, daß
steigert meine Kultur, und diese ist mir Gewähr, der Grad ihrer Schönheit ungefähr andeuten kann,
daß ich die rechten Schalen wähle, um meine stil- wie nah oder weit sie vom Ziele sind. Denn die
len Befreiungen wie Blüten und Früchte hineinzu- Schönheit ist die unwillkürliche Geste, die einer
legen. Persönlichkeit eignet. Sie wird vollkommener, je
mehr Hast und Angst von ihr abfallen, je sicherer

30 23
der Künstler wird, den Weg zu schreiten, der zu sei- Träumen sehe ich den Tag, da ich mich empfangen
ner heiligsten Erfüllung führt. werde.

7. Mai In diesem lieben Winter sprachen wir einmal da-


Es kann kein Mensch aus sich so viel Schönheit he- von: ob der Schaffende von dem anderen wesentlich
ben, daß sie ihn ganz verdeckt. Seines Wesens ein unterschieden ist. Gedenkst Du’s? Heute erst weiß
Stück sieht immer dahinter hervor. Aber in den ich die Antwort. Der Schaffende ist der weitere
Gipfelzeiten der Kunst haben einzelne neben ihrer Mensch, der, über welchen hinaus die Zukunft liegt.
Schönheit so viel edles Erbtum vor sich aufgebaut, Der Künstler wird nicht in aller Zeit neben dem
daß das Werk nicht mehr nach ihnen verlangt. Neu- Menschen bestehen. Bis der Künstler, der Beweg-
gier und Sitte des Publikums suchen und finden ihre lichere, Tiefere, reif und gattungskräftig wird, bis
Persönlichkeit; aber es ist keine Not dazu. In solchen er lebt, was er jetzt träumt, verarmt der Mensch
Zeiten gibt es eine Kunst, aber keine Künstler. und stirbt nach und nach aus. Der Künstler ist die
Ewigkeit, welche hineinragt in die Tage.
Es wechseln immer wieder drei Generationen. Eine
findet den Gott, die zweite wölbt den engen Tem- Langsam geht die Entwicklung vor. aber der Um-
pel über ihn und fesselt ihn so, und die dritte ver- stand, daß Jahrtausende Künstlertums die höhere
armt und holt Stein um Stein aus dem Gottesbau, Gattung noch nicht abgegrenzt haben, darf nicht
um damit notdürftig kärgliche Hütten zu bauen. entmutigen. Viel edler Irrtum verzögert den Weg.
Und dann kommt eine, die den Gott wieder suchen Und dann ist alle Zeit auch ein lächerlich kleines
muß; und einer solchen haben diese angehört: Maß einem solchen Ziel. Wenn es für den Künst-
Dante und Botticelli und Fra Bartolome [Bartolom- ler eine Verheißung gibt, der er vertrauen kann, ist
meo]. es: der Wille zur Einsamkeit.

Das Versöhnte und Liebliche, welches man an den Ist die langsame Entwicklung so seltsam? Ist es
Werken Raffaels schätzt und bewundert, ist ein sel- nicht, daß einer mit anderen Organen und Sinnen
tener Triumph: es bedeutet eine Höhe der Kunst, mit dieser Welt sich abfinden muß? Und das sind
aber keine Höhe des Künstlers. Konflikte, die noch neben dem tiefen Zwiespalt ste-
hen, der in seiner eigenen inneren Entwicklung und
Präraffaeliten: einfach eine Laune. Der glatten Reife sich begründet.
Schönheit müde, sucht man die mühsame – nicht?
Wie äußerlich das gedacht ist! Der Kunst müde, Jeder schafft die Welt neu mit seiner eigenen Ge-
sucht man den Künstler und will in jedem Werke burt; denn jeder ist die Welt. Aber es gibt außer-
die Tat erkennen, die den Menschen erhob, den Sieg dem eine, nein tausend andere historische Welten,
über etwas in ihm und die Sehnsucht nach sich und über den Vereinbarungen, eine zur gemein-
selbst. schaftlichen für alle zu erheben, verrinnt des Lebens

24 29
Welt, stellt er sie in eure Tage. Sie sind nicht für In täglich wiederholten Notizen angesichts der Bil-
euch. Rühret nicht daran, und habet Ehrfurcht vor der des Quattrocento hätte ich nichts geben kön-
ihnen. nen als die Reisehandbücher auch. Denn das Maß
abstrakter Schönheit, das in den Dingen steckt, ha-
Es liegt eine unsägliche Brutalität in dem augen- ben diese unübertrefflich erkannt und festgestellt.
blicklichen Verhältnis der Menge zum Künstler. So daß man bei flüchtiger Überlegung sich ganz
Seine Geständnisse, die sich hilflos in die Form der unwillkürlich jener infamen halbwissenschaftlichen
anderen Dinge flüchten, gelten den vielen nicht an- Worte bedient, die, einst scharf und passend, durch
ders wie die Dinge auch. Alle haben ihre Hände da- den vielen unwürdigen Gebrauch flach und nichts-
ran; alle dürfen sagen, was ihnen recht ist und was sagend geworden sind.
ihrer Willkür nicht paßt. Alle nehmen das heili- Ein Italien-Handbuch, welches zum Genuß anlei-
ge Gerät in die Hand wie einen Gegenstand des ten wollte, dürfte ein einziges Wort und einen ein-
täglichen Gebrauchs, wie einen Besitz, den sie je- zigen Rat enthalten: Schau! Wer eine bestimmte
den Augenblick zerschellen dürfen ohne Strafe: Kultur in sich hat, muß mit dieser Anleitung aus-
Tempelschänder! kommen. Er wird nicht eine Reihe von Kenntnis-
sen erwerben und kaum erraten, ob dieses Werk aus
Deshalb muß des Künstlers Weg dieser sein: Hin- der Spätzeit eines Künstlers stammt oder ob in je-
dernis um Hindernis überbrücken und Stufe um nem die, ›breite Manier seines Meisters‹ sich gel-
Stufe bauen, bis er endlich hineinblicken kann in tend macht. Aber er wird eine Fülle von Willen und
sich selbst. Nicht angestrengt, gezwungen, auf den Macht erkennen, die aus Sehnsucht und Bangen
Zehen: ruhig und klar wie in eine Landschaft. Nach kam, und wird durch diese Offenbarung besser, grö-
dieser Heimkehr in sich selbst ist eine müßige Freu- ßer und dankbarer werden.
de Tat um Tat; sein Leben ist eine Schöpfung, und
es bedarf der Dinge nicht mehr, die außen sind. Er Das ist das Entsetzliche: in anderen Ländern rei-
ist weit, und aller Reife Raum ist in ihm. sen die meisten Menschen vernünftig. Sie lassen sich
oft vom Zufall leiten, entdecken schöne und über-
Des Künstlers Schaffen ist ein Orden: er stellt aus sich raschende Dinge, und eine Fülle von Freuden fal-
hinaus alle Dinge, die klein und vergänglich sind: len ihnen reich und reif in den Schoß. In Italien lau-
seine einsamen Leiden, seine unbestimmten Wün- fen sie blind an tausend leisen Schönheiten vorbei
sche, seine ängstlichen Träume und jene Freuden, zu jenen offiziellen Sehenswürdigkeiten hin, die
welche welken werden. Dann wird es weit in ihm sie doch meistens nur enttäuschen, weil sie, statt ir-
und festlich, und er schuf das würdige Heim für – gendein Verhältnis zu den Dingen zu gewinnen, nur
sich selbst. den Abstand merken zwischen ihrer verdrießlichen
Hast und dem feierlich-pedantischen Urteil des
Oft hab ich so große Sehnsucht nach mir. Ich weiß, Kunstgeschichtsprofessors, welches der Baedeker ehr-
der Weg ist noch lang; aber in meinen besten furchtsvoll gedruckt verzeichnet.

28 25
Fast würde ich denen den Vorzug geben, welche zufrieden. Es gewinnt so den Anschein, als gäbe es
von Venedig als erste, weit überragende Erinne- wirklich eine Wechselbeziehung zwischen dem
rung mitbringen: das gute Kotelett, welches sie bei Schaffenden und der Menge; und es stehen denn
Grünwald und Bauer gegessen haben; denn sie auch viele nicht an, von einem erziehlichen Einfluß
bringen doch wenigstens eine aufrichtige Freude der Kunst einerseits und andershin von den Anre-
mit, etwas Lebendiges, Eigenes, Intimes. – Und im gungen zu schwärmen, welche der Künstler aus dem
Rahmen ihrer engen Kultur beweisen sie Ge- Volke empfängt.
schmack und Genußfähigkeit.
Ganze Generationen wachsen auf, gedeihen und
Diese falsche Erziehung zur Kunst hat alle Begrif- altern in dieser Kunstmeinung. Bei den meisten von
fe verschoben: der Künstler soll mit einem Male so uns war sie die Atmosphäre unserer Kindheit. Dar-
eine Art Onkel sein, der seinen Neffen und Nichten um haben wir etwas wie eine gehässige Erinnerung
(dem geneigten Publikum) einen Sonntagsspaß in uns, die uns ungerecht macht gegen manchen.
vormachen soll: das ist das Kunstwerk. Er malt ein Aber wir müssen hart sein, um stark zu bleiben.
Bild oder meißelt eine Statue, und der Zweck: mein
Gott: Hinz und Kunz, die ihn gar nichts angehen, Wisset denn, daß die Kunst ist: das Mittel Einzel-
zu erfreuen, durch den guten Gedanken ihre faule ner, Einsamer, sich selbst zu erfüllen. Was Napole-
Verdauung zu fördern und mit dem willigen Werk on nach außen war, das ist jeder Künstler nach in-
ihre Stube zu schmücken … nen. Es geht über Siege wie über Stufen aufwärts.
So möchte das Publikum den Künstler; deshalb die- Aber hat Napoleon jemals dem Publikum zuliebe
se philisterhafte Furcht vor dem Unerfreulichen in gesiegt?
der Kunst, vor dem Traurigen oder Tragischen,
dem Sehnsüchtigen und Grenzenlosen, dem Furcht- Wisset denn, daß die Kunst ist: ein Weg zur Frei-
baren und Drohenden, – dessen man im Leben hin- heit. Wir sind alle in Ketten geboren. Der und je-
reichend hat. Darum die Zuneigung zu dem harm- ner vergißt seine Ketten: er läßt sie versilbern oder
los Heitern, dem Spielerischen, Ungefährlichen, vergolden. Wir aber wollen sie zerreißen. Nicht mit
Nichtssagenden, Pikanten, – zu jener Kunst von häßlicher und wilder Gewalt; herauswachsen wol-
Philistern für Philister, die man genießen kann wie len wir aus ihnen.
einen Nachmittagsschlaf oder wie eine Prise
Schnupftabak. – Wisset denn, daß der Künstler für sich schafft – ein-
zig für sich. Was bei euch Lachen wird oder Wei-
Das gute Publikum selbst aber übt doch gern ein nen, muß er mit ringenden Händen formen und
sachverständiges Richteramt aus, und wenn es den aus sich hinausheben. Er hat im Innern nicht Raum
Künstler nur als eine Art Spaßmacher gelten läßt, für seine Vergangenheit, darum gibt er ihr in Wer-
der für eine erhebende oder lösende Freude zu sor- ken ein losgelöstes, eigenmächtiges Dasein. Aber
gen hat, ist es doch keineswegs mit jeglicher Freude nur weil er keine andere Materie weiß als die eurer

26 27
könnte ich Bücher, von ihm entlehnt, doch unmög- der anerkannten Kirche und anderen die Autorität
lich anders als mit dem Hut in der Hand gebrau- unterstützenden Einrichtungen. Und doch erscheint
chen; kurz, man gewinnt kein Verhältnis zu solchen er mir in seiner Förderung stets wie das republika-
Büchern, man bleibt stets ›per Sie‹ mit ihnen. nische Frankreich, das Napoleons Pläne reifen läßt,
indem er das unterstützt, was über ihn hinaus dau-
Was ist mir dieser ›Lorenzo de Medici‹ lieb gewor- ern wird. Aber so ist es: jeder Staat trägt einen Zu-
den, den ich in Poggio a Cajano, in Florentiner kunftsstaat in sich und muß den Keim oft gegen
Kirchen und am Meer und tief im Abend des Pi- Willen – nähren.
nienwaldes gelesen habe. – Immer irgendwo auf-
geschlagen mit wahllosem Griff. Wie man von den Es sei denn, daß der Fürst selbst Künstler ist, [wie]
Wiesen her irgendwo in den Wald tritt. Er war zum Beispiel Lorenzo de Medici, il Magnifico. Und
überall traut. den hat eigentlich nur sein Künstlertum gefürstet.

So soll man überhaupt Gedichtbücher lesen. Am Folgendes Glaubensbekenntnis spricht er aus: ›Al-
Rande hin, ein Stück waldein und dann wieder in le Menschen werden mit einem ureigenen Durst
die Sommersonne. Dann behält ein jedes seine Be- nach Glückseligkeit geboren, und zu diesem Ende,
deutung: die Kühle, der Duft, der Glanz. als zu dem einzig wahren Ziel, strebt jedes mensch-
liche Tun hin: aber das ist die Schwierigkeit: zu
In Florenz, da es keine Wälder gibt (kaum ein paar erkennen, was Glückseligkeit ist und worin sie be-
stadtarme Bäume irgendwo), sind die Kirchen wie steht; und nicht weniger schwer ist es, das erkann-
Wälder. In Santissima Annunziata zum Beispiel te Ziel zu erreichen; diesem streben nun die Men-
oder in Santo Spirito könnte ich ganz gerne eine schen auch auf sehr verschiedenen Wegen zu. Und
Stunde lang und länger sitzen und lesen. In Santa dann – nachdem die Menschen in ihrer Gemein-
Maria Novella vollends in den alten bequemen samkeit sich dieses Ziel gesetzt haben, beginnen sie,
Chorherrenbänken unter den Ghirlandajos länger jeder in seiner Art, danach zu suchen. Und dadurch,
noch bleiben, ohne zu lesen. Diese Fresken erschie- daß die Allgemeinheit sich diesen Einzelinteressen
nen mir als Ghirlandajos liebenswürdigste Arbeit: zulieb spaltet und jeder einzelne, seiner Anlage und
Novellenbilder im vollsten Sinn. Lapidare Illustra- Art gemäß, sich bemüht: entsteht jene Vielseitig-
tionen der Geschichte der Maria. Rechts unten: das keit menschlichen Tuns und die Schönheit und der
bekannte Fresko, die Geburt der Maria darstel- größere Reichtum des Lebens an begehrten Din-
lend. Die Wehestube einer edlen Florentiner Dame, gen, ähnlich dem Zusammenklang gleichgestimm-
ähnlich wie auf der Darstellung des Andrea del Sar- ter verschiedener Töne zur versöhnten Harmonie.‹
to in der Vorhalle der Santissima Annunziata, breit ›Und vielleicht,‹ fügt der Dichter Lorenzo diesem
und mit Geduld erzählt, so wie alte Leute tun, die menschlichen Fürstenwort an, ›vielleicht hat der,
am liebsten immer wieder von vorn anfangen welcher nicht irren kann, aus diesem Grund (um
möchten. Etwas geschwätzig durch die vielen mü- die Welt schöner und reicher zu machen) bewirkt,

50 35
daß der Weg zur Vollkommenheit schwer und dun- davon steht bei dem einen neben der Erscheinung
kel sei.‹ der betreffenden Persönlichkeit ein Nachtkasten,
dessen Türchen beständig krähend aufging, und ir-
Ich habe fast nur in dem Büchlein der Gedichte Lo- gendein verlaufener Pantoffel unabweisbar in mei-
renzos gelesen; ich habe die Villa Poggio a Cajano nem Sinn, und den anderen kann ich mir nur in
besucht, drin oft jenes platonische Kollegium des Begleitung eines arg verwüsteten Frühstücksta-
Magnifico sich zusammenfand, welchem Marsilio bletts vorstellen, über welches quer ein Hemdkra-
Ficino, Polizzian und Botticelli angehörten. Ich ha- gen wie eine Brücke ausgespannt war.
be – leider umsonst – versucht, auch in die Villa in
Carreggi einzudringen, wo zwei Zeiten einander Bei Büchern ist das ganz ebenso. Ein mir gewohn-
gegenübertraten. Sterbende haben oft Visionen. tes Exemplar erzählt mir seine Sache mit aller Ver-
Das, was sich vorbereitet, ist in einem Augenblick traulichkeit. Je öfter ich es benütze, je näher liegt
vollendet vor ihrem geistigen Schauen. Als Loren- es mir, ihm einmal die Geschichte zu erzählen,
zo den Tod erwartete, war die Zukunft schon er- während es den Zuhörer spielt. Ein befreundetes
füllt; es bedurfte keiner Vision. In der Gestalt Sa- Buch geht gern und willig diesen muntern Wechsel
vonarolas war alle Dunkelheit der beginnenden ein, und es erwachsen gar schone Situationen dar-
Zeit zusammengeballt und aller Haß der kommen- aus. Mit der Zeit steht in dem Buch das Zehnfache
den Tage. Es war ja auch nicht der Glaube an das von dem, was es wirklich gedruckt enthält; ich lese
Licht, der ihn verbrannte. Es war die eifersüchtige meine eigenen Erinnerungen und Gedanken im-
Kirche. Darum breitete sein Geist sich aus über Jahr- mer wieder mit. Es ist nicht mehr in dem Deutsch
hunderte, und der Rauch seines Scheiterhaufens ist von dem und jenem geschrieben, es ist mein urei-
immer noch vor der Sonne, auch in diesen Tagen genstes Idiom. Aber dasselbe Buch in einer anderen
noch! Ausgabe ist wie ein Mensch, der mir irgendwo in
der Fremde begegnet und von dem ich kaum zu sa-
Die, welche die meiste Sehnsucht haben, wissen gen weiß, ob er mir nur vom Vorübergehen oder
nicht zu sagen, wonach. Dann aber kommt der Ver- vom Verkehr bekannt sei.
sucher und sagt: ›Gott ist es und seine Güte, wonach
euch verlangt, verleugnet euch, und ihr werdet ihn Gegen geborgte Bücher behält man stets eine ge-
finden.‹ Da gehn sie hin und verleugnen sich. Und wisse formelle Höflichkeit. Ich würde das Buch, wel-
da haben sie keine Sehnsucht mehr. ches ein Mädchen mir geborgt hat, nie im Bette
oder in Morgenkleidung lesen und ein Werk aus
Das ist endlich aller Historie Wert: zu sehen, daß der großen Bücherei eines Kollegen nicht in meine
niemals die Massen entscheiden. Der Kampf, der enge Büchersammlung stellen, sondern ihm einen
den Sieg in sich hat und die letzte Entscheidung und bevorzugten Platz auf meinem Tisch zuweisen.
die nächste Zukunft, spielt sich immer zwischen Wenn ich vollends einen Vorgesetzten hätte – das
zwei Einsamen ab. Irgendwo bäumt sich plötzlich muß wie eine zu niedrige Zimmerdecke sein –,

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rettos benehmen sich so galeriekeck wie die frech- eine ganze Zeit in einer Gestalt auf gegen eine an-
sten Rubensporträts. dere. Die Träger der fernsten Zukunft aber gehen
leise lächelnd an allen Kämpfen hin, wie Mönche,
Der Weg zu dem wahren Wert aller Werke geht die den Klosterschatz in Sicherheit haben. Sie haben
durch die Einsamkeit. Sich mit einem Buch, mit ei- nur zu behüten.
nem Bild, mit einem Lied einschließen, zwei bis
drei Tage, seine Lebensgewohnheiten kennen ler- Schützet die Kunst, daß sie nicht erfahre von dem
nen und seinen Seltsamkeiten nachgehen, Vertrauen Streit des Tages; denn ihre Heimat ist jenseits aller
zu ihm fassen, seinen Glauben verdienen und ir- Zeit. Ihre Kämpfe sind wie die Stürme, die den Sa-
gendwas mit ihm zusammen erleben: ein Leid, ei- men bringen, und ihre Siege sind dem Frühling ähn-
nen Traum, eine Sehnsucht. lich. Ihre Werke sind: unblutige Opfer eines neuen
So ist mir mein Grasset lieb geworden, der in der Bundes.
Blütenstraße mit Lauscheaugen nach den Fürsten-
häusern sah, so hab ich vor Dir Deine ›Ruth‹ lieben Da muß ich oft an Goethe denken, der die große,
gelernt. heldenhafte Erhebung des deutschen Volks in sei-
ner Kunst durch kein Werk bezeichnete. Wie hätte
Es kann nur ganz wenig solcher Werke geben. Sie etwas, das den Zwist verherrlichte, ein Baustein sei-
sind wie Bilder lieber Menschen, die sich irgendwo nes reichen, reifen und klar gewordenen Wesens
in ganz fernen Ländern dunkel nach etwas sehnen, sein können?
was wir sind. Wir begegnen ihnen nie; es bleibt im-
mer viel wehmütige Sehnsucht über ihnen. Nationale Kunst! Und jede aufrichtige Kunst ist na-
tional. Die Wurzeln ihres Wesens wärmen sich in
Nur der kann wirklich über ein Buch oder ein Bild dem. heimatlichen Grund und empfangen ihren
klar sein, der es besitzt. Gelegentlich gesehene Ga- Mut von ihm. Aber schon der Stamm steigt ein-
leriebilder verwirren. Wir nehmen in den Augen sam auf, und wo die Krone sich entbreitet, da ist nie-
neben ihnen – selbst wenn sie in einem Räume iso- mandes Reich. Und es kann sein, daß die dumpfe
liert hängen – den Eindruck dieses fremden Rau- Wurzel nicht weiß, wann die Zweige in Blüten
mes, irgendeine Geste des Galeriedieners und viel- stehn.
leicht überdies die Erinnerung an einen Geruch mit,
der nun in ungerechter Weise unser Gedenken auf- Es wächst ja jeder von den vielen zu sich. Wenn ei-
dringlich begleitet. Das alles, welches unter be- ner sich einmal gefunden hätte und sich begrüßt
stimmten Umständen als eine Ergänzung der Stim- hätte, könnte er ja vielleicht zu den vielen wieder-
mung wirken könnte, ist in seiner grausamen Stil- kehren und ihr Heiland sein; sie würden ihn kreu-
losigkeit und Zufälligkeit brutal. Es ist wie der Be- zigen oder verbrennen. Und aus dem, was hernach
such bei einem großen und bedeutenden Mann im von ihm bleibt, würden sie sich eine Religion zu-
Hotel. Ich erinnere mich mehrerer solcher Besuche; rechtmachen.

48 37
Ein solcher dürfte aber kein Künstler gewesen sein. Selbst die Nachwelt hätte nicht das Recht, zu rich-
Denn wenn ein Schaffender zu sich fand, bleibt er ten, wenn sie nicht den einen Vorzug hätte: eine
in seiner Einsamkeit; er will in der Heimat sterben. vergangene Zeit ohne Haß und ohne Neid betrach-
ten zu können. Aber auch dieses Urteil ist einseitig
Gäbe es Götter, wir könnten es nie erfahren; denn genug; denn jede Nachwelt ist die Frucht der vor-
daß wir um sie wissen, genügt, sie zu vernichten. hergehenden Perioden und trägt vieles aus ihnen in
sich mit. Sie sollte sich damit begnügen, das, wel-
Daß alle Großen doch nur Parvenüs waren, be- ches von den Vätern her in ihr lebt, zu lieben und
weist, daß sie immer zur Menge zurückkamen. zu hüten; denn auch nur dieses ist wirksam und
Könige von der Pike auf, die ihre anderen Verwand- fruchtbar in ihr.
ten zu Fürsten und Herzogen machen wollen. Gü-
tige, die von ihren prächtigen Gewändern an die Ar- Man ist überhaupt gegen ein Kunstwerk unge-
men schenken und vergessen, daß diese die Riesen- recht, sobald man es mit anderen im Bunde beur-
mäntel zerschneiden müssen, um sie zu gebrauchen. teilen will. Das führt am Ende zu Fragen wie:
Raffael oder Michelangelo, Goethe oder Schiller,
Daß die Kunst in ihren Höhen nicht national sein Sudermann oder –, und die guten Deutschen ha-
kann, macht: jeder Künstler wird eigentlich in der ben stets geschwärmt für solche Gesellschaftsspiele.
Fremde geboren; er hat nirgends eine Heimat au- Vielleicht wird man einmal erkennen, daß solche Fra-
ßer bei sich. Und seine Werke, welche die Sprache gen ein Zeichen großer Unreife sind. Muß denn ge-
dieses Landes verkünden, sind seine eigentlichsten. urteilt sein? Bei einem Musikstück ist es noch am
ehesten möglich, daß einer naiv genießt: die Musik
Ja ich möchte dies sogar für eines der tiefsten Merk- rinnt ihm angenehm durch die Nerven und setzt
male eines Künstlertums halten: der Alltags- seine Fußspitze in Bewegung, und er fühlt sich ganz
mensch geht aus seiner Heimat in die Fremde; er gemein wohl dabei. Vor einem Bild kommt ihm
altert sozusagen ins Ungewisse hinein. Der Künst- schon die Angst: nur schnell, schnell denken und so
ler, der aus dunkler Fremde kommt, von den vie- irgend etwas Technisches von ›breitem Pinsel‹ oder
len Rätseln her, wird immer heller und heiterer und ›fleißiger Arbeit‹ – und die zweite Angst: ob das
sicherer in seinem Gang. Alle Dinge werden ihm Urteil ihn auch nicht irgendwie schädigen wird in
vertrauter, und es gibt für ihn nur noch ein großes den Augen seines Begleiters. An den besterntesten
Wiedersehen, Erkennen und Grüßen. Bildern der Galerie hangen schon förmlich diese
Urteile wie die Silberherzen bei den Gnadenma-
Und wenn nun die beiden sich unterwegs finden – donnen: ›Für wunderbare Heilung aus Urteilsnö-
ist es noch seltsam, daß sie einander nicht verste- ten.‹
hen?
Es ist gewiß: die Bilder selbst nehmen mit der Zeit
Aber es gibt wirklich einen Punkt, da sie aneinan- Unarten an: die vornehmsten Tizians und Tinto-

38 47
Das Publikum im weiteren Sinne würde niemals der vorübergehen; der, welcher in die Fremde geht,
der Gesetzmäßigkeit in irgendwelchen Werken der Philister, bemüht sich dann sehr, mit dem an-
nachspüren, aber die Kritiker betrachten dies als ih- deren Bruderschaft zu schließen und ihn zur Teil-
res Amtes; denn in dieser Art allein können sie bei nahme an seiner Wanderschaft zu bewegen. Er ist
den heterogensten Künstlern gemeinsame Gesichts- immer für Geselligkeit und Eintracht.
punkte finden und so aus vielen Einzelnen Grup-
pen, Schulen und Kreise bilden, welches bequem Wie gesagt, das unterste Volk hat wie in vielem
und ihrem Ordnungssinn wohltuend ist. Sinn auch dem Kunstwerk gegenüber die richtigste
Meinung. Es empfindet in seiner Ruhe dessen
Solange die Kritik nicht Kunst neben den anderen Überflüssigkeit, und in seinem Affekt haßt es jedes
Künsten ist, bleibt sie kleinlich, einseitig, ungerecht Marmorbild und wirft mit Steinen danach; wie
und unwürdig. denn nicht: Kunstwerke sind die Freibriefe der ein-
zigen kronenechten Aristokratie, jener, die ihre Ah-
Wie viel Ungerechtigkeiten hat der Ahn aller nen noch vor sich hat!
Kunstkritik, Vasari, auf dem Gewissen! Und doch,
wie hoch steht er in seiner naiven Anerkennung Wer zuerst nach Italien kommt, der hat, zumal
über dem Gehaben seiner verkrüppelten Nach- wenn er Deutschland kennt, seine Freude an dieser
fahren. vertraulichen Gemeinsamkeit, in welcher die gro-
ßen Kunstwerke und das Volk so miteinander hin-
Die Kritiker sind wie die Einsager in den Schulbän- leben; irgendein armer Teufel schläft hart unter
ken; sie lachen in sich, wenn der Nachbar Publi- Cellinis ›Perseus‹ in der Loggia des Orcagna seinen
kum ihre leichtsinnig falschen Einflüsterungen Hunger aus, und keine Ketten trennen die Brunnen
dummen Vertrauens wiederholt. und Bildsäulen ab, welche die großen Plätze zieren.
Schon ist man bereit, an eine gewisse Sympathie zu
Man denke sich Michelangelo in irgendeiner Zei- glauben, bis man erkennt: das Volk ist nicht anders
tung besprochen, gleichviel, ob gelobt oder getadelt. wie der Mann, der neben Schubert oder Beethoven
Mit jenen im vielen Gebrauch glänzend geworde- gewohnt hat: erst stört ihn die beständige Musik,
nen Phrasen jüdischer Spitzfindigkeit. Ich glaube, dann ärgert sie ihn, und endlich: merkt er sie nicht
der hätte den Kritiker zurechtgehauen wie einen mehr.
vermeißelten Marmorblock.
Als ich den ersten Tag in Florenz war, sagte ich je-
Murat, der ohne Zweifel ein hoher Held war, hat mandem: »Unter diesen Dingen heranzuwachsen,
seinem Richter gegenüber gesagt: »Wer will mich in all dieser Herrlichkeit groß zu werden, das muß
richten? Als Marschall Frankreichs kann ich nur auch im dunkelsten Volk eigentümliche erziehliche
von Marschällen, als König nur von Königen ge- Wirkungen haben. Eine gewisse Schönheit, eine
richtet werden!« gewisse Ahnung von Größe muß doch bis in seine

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Mühe und Ärmlichkeit hinabreichen und mit sei- Füllung eines Raumes wirken kann. Alle Künste
nen anderen Eigenschaften in ihm aufwachsen.« sind dann gleichsam außer Tätigkeit, müßig, lau-
Ich kann mir nun selbst antworten: Das Volk schend und nur mit einem kleinen Teil ihres We-
wächst mittinnen dieser Schönheit auf wie das Kind sens bei der Sache.
des Wärters im Löwenkäfig. Es denkt stets dem
ernsten Tier gegenüber: ›Ich tu dir nichts, solang Die Vereinigung dekorativ verwerteter Künste ge-
du mir nichts tust.‹ Nun tut aber die Kunst dem schieht ja auch nicht unmittelbar, sondern vielmehr
Pöbel manchmal weh … und dann: o, ich bin in in der Empfindung des Genießenden.
den Tagen von Florenz abgereist, als revoltieren-
de Burschen Steine in die Loggia dei Lanzi warfen. Und das Lied? Sollte das nicht als eine volkstüm-
liche Auslegung des Gedichtes genügend gerecht-
Das war immer so. Die Kunst geht von Einsamen zu fertigt sein? Daß es bei uns salonfähig wurde, zeug-
Einsamen in hohem Bogen über das Volk hinweg. te nicht gegen Abstammung und Ursprung. Es hat.
den Weg gemacht wie eben der Tanz auch.
Das wird immer sein. ›Volk‹ ist überhaupt nur eine
Entwicklungsstufe; es ist die Zeit der Unmündig- Lessing (der ebenso weit über seiner Zeit war, als
keit und Angst, da jeder seinen Bruder bittet, bei er von einer lebendig-warmen Kunstmeinung ent-
ihm zu bleiben. fernt blieb) empfand schon wohl die Gefahr, wel-
che in der Vermischung der Künste liegt, und
Wie die Ausdrücke jeder Sprache auf gemeinschaft- sprach in seiner bekannten Schrift manchen guten
licher Vereinbarung beruhen, so bestimmte man Grundsatz aus; zumal der vom ›Transitorischen‹
auch das Wort ›Gott‹. Darin sollte alles sein, was ir- wird seine Bedeutung nie verändern können.
gendwie wirkte, ohne daß man es sonst zu nennen
und zu erkennen vermochte. Deshalb: als der Es ist übrigens eine eigene Sache um die Gesetzge-
Mensch sehr arm war und sehr wenig wußte, war bung – den Künsten gegenüber. Es müssen immer
Gott sehr groß. Mit jeder Erfahrung fiel irgendwas erst große Werke geschehen, aus welchen intellektu-
aus seinem Machtkreis heraus, und als er endlich elle Köpfe dann die Regel ableiten. Die Zeit aber,
fast nichts mehr besaß, da sammelten Kirche und welche klare Kunstregeln besitzt, ist stets schon eine
Staat gemeinnützige Eigenschaften für ihn, an die Verfallsperiode und – was noch ärger scheint – eine
nun keiner rühren darf. Epoche der Nachahmung.

Das ist oft im Wesen unfähiger Menschen, sie wol- Es ist ganz offenbar: im Werke des Genies ist das
len sich, solang es geht, von den Eltern erhalten und Gesetz das notwendige Zufällige. Von dem einen
verantworten lassen. Solange dieser Gott lebt, sind besonderen Erstlingsfall losgelöst, verallgemeinert,
wir alle Kinder und unmündig. Er muß einmal ster- wird es zur Hauptsache und erzieht Formalisten
ben dürfen. Denn wir wollen selbst Väter werden. und ängstliche Pedanten.

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Durchaus dilettantisch aber sind auf jeden Fall die Aber er ist ja tot; die alte Geschichte von Kara Mu-
Versuche, einzelne Künste aufeinander einzustim- stafa. Die Wesire des Reiches müssen von seinem
men und zu einem Ziele zu verbünden. Wenn auch Sterben schweigen, damit die Janitscharen sich
alle Künste das gleiche Ende haben, sie können es nicht empören und weiter kämpfen.
doch nicht gleichzeitig auf einem Wege erreichen.
Sie sind nur angetan, in solcher Verknüpfung eine O wenn doch die Völker in der ersten Angst ihrer
die andere zu engen und zu beeinflussen. Kindheit schöpferisch gewesen wären: dann hätten
sie wirklich einen Gott gemacht!
In jedem Werke einer der Künste müssen alle Wir-
kungen ›der Kunst‹ erfüllt sein. Ein Gemälde darf Gott ist das älteste Kunstwerk. Er ist sehr schlecht
keines Textes, eine Statue keiner Farbe – in male- erhalten, und viele Teile sind später ungefähr er-
rischem Sinn – und ein Gedicht keiner Musik brau- gänzt. Aber es gehört natürlich zur Bildung, über ihn
chen, vielmehr muß in jedem alles enthalten sein. reden zu können und die Reste gesehen zu haben.

Nur ein so willfähriger und grober Rahmen wie die Als alle Völker noch wie ein Mann waren, bildeten
Bühne konnte daher auch eine Vereinigung von sie Gott aus Sehnsucht. Gott wird ein Wunder tun:
Text und Musik befürworten, wie sie in der Oper jeder Mann wird werden wie ein Volk.
und Operette zutage tritt. Daß dabei die Musik als
das naivere Element das sieghafte bleibt, spricht nur Jeder kommt in Trauerkleidern vom Sterbebette
für die Ungerechtigkeit einer derartigen Vermäh- seines Kindheitsgottes; aber bis er zuversichtlich und
lung. festlich geht, geschieht in ihm die Auferstehung
Gottes.
Diese Verknüpfung ist denn auch einem Zugeständ-
nis an das Publikum entsprungen, das sich in sei- Das ›Publikum‹ fühlt sich dem Schaffenden gegen-
ner Trägheit am liebsten eine Kunst von der zwei- über doch endlich nur wie bei einem fremden, exo-
ten kommentieren lassen möchte. Schnellmaler bei tischen Volksstamm: ihre Tänze haben keinen
Musikbegleitung, wie die Tingeltangel sie vorfüh- Takt für sie, und ihr Jubel ist ihnen ebenso wenig
ren, sind ein erfreuliches Gegenstück der Operehe. Musik wie ihre Sehnsucht. Ihre Sprache scheint ih-
nen seltsam und nie vernommen. Auch sieht ihnen
Die Menge wollte am liebsten alle Künste unter- einer wie der andere aus, und sie unterscheiden nur:
einandermischen, bis dabei die Kunst verloren gin- ›Alte‹ und ›Junge‹ und ›Jüngste‹ und ›Schöne‹ und
ge. Gute Musik in einem schönen Raum zu hören, ›Häßliche‹ … Nicht einmal Mann und Weib wis-
ist freilich eine andere Sache; wie es denn eine de- sen sie oft zu erkennen, das macht die Kleidung der
korative Verwendung der Künste gibt, die sich von Barbaren …
einer Vermengung wohl unterscheidet, weil sie in
ihrem Nebeneinander sehr wohl als geschmackvolle Jahrmarktssitten und Jahrmarktskultur haben die

44 4
Leute: Tamtam und roter Fahnenstoff und Bajaz- wenn sie übersetzt sind in eure Umgangssprache,
zo. Und dann sollte einer mit der Marholm ›reisen‹ das heißt, wenn das Buch Buch, das Bild Bild in eu-
und einer mit Strindberg und einer mit Suder- rem Sinne ist. Dann ist keine Brücke mehr von uns
mann und schreien: ›Abnormität!‹ Jahrmarktskul- dazu, dann sind sie hinter uns, und wir können uns
tur das! auf sie stellen.

Jeder Autor, der, vom Applaus gerufen, vor den Den andern: ihr habt die Welt eng gemacht, jahr-
Vorhang tritt, sollte das tun müssen nach seinem hundertelang. Wo wir nun irgendeine Tat hinstel-
Absterben bis zum Jüngsten Tage. Das wäre für len, überall stoßt ihr daran: eure Schuld.
ihn eine fatale Bemühung und für die Leute ein
willkommener Aktschluß. Wer von Kunst spricht, muß notwendig die Kün-
ste meinen; denn sie sind Ausdrucksweisen einer
Aber das gehört nicht herein; denn ›die Schaubüh- Sprache.
ne, als un-moralische Anstalt betrachtet‹, füllte ein
ganzes Buch, – und ich will die Seiten für liebere Nur die Musik kann ich hier nie eingeschlossen den-
und intimere Worte rein erhalten! ken. Ich habe ihr noch nie auf irgendeinem Wege
mich nahen dürfen. Aber ich glaube doch, daß ihre
Darum ist das Drama so unwürdig: weil es das Pu- Stellung eine wesentlich andere ist als die der ande-
blikum braucht. Ich meine, daß auch von da die ren Künste. Der Tondichter muß seine Geständnis-
Rückwirkung geschah auf die anderen Künste, als se nicht so mitten in den Alltag stellen. Er schenkt
ob ein Kunstwerk erst da wäre von dem Augenblick die schlafenden Möglichkeiten in seinen Befreiun-
an, da es die Menge beschaut und bekrittelt. Im gen, und nur wer den Zauberspruch weiß, vermag
Gegenteil, es gibt wenig Kunstwerke, die diese Pro- sie wieder zu wecken zu Freude und Festlichkeit.
be ohne inneren Schaden überstehen.
Doch sind gerade in dieser Kunst noch eine Fülle
Wie protzenhaft sind diese Phrasen! Es stirbt irgend- ergänzender Offenbarungen enthalten. Oft scheint
ein Künstler; mit einem Mal sind seine Werke gei- mir, sie ist in allen anderen Künsten drin und
stiges Eigentum der ganzen gebildeten Welt. Wo- kommt uns leiser aus ihren Werken entgegen. Wirk-
mit hat sie den Besitz erkauft? lich: die Stimmung, die ein Bild oder ein Gedicht
hervorruft, gleicht in so vielem Sinn einem Lied.
Ja, zum Teufel, dann laßt doch eure Bücher nicht
drucken und eure Werke nicht ausstellen, wenn sie Es wird die Zeit kommen, da ich auch von diesem
uns nichts angehn, kann einer belehren. – Wir reden darf. Denn ich werde die Musik suchen. Ich
aber müssen unsere Vergangenheit in Werken aus fühle ja: sich nur werden lassen, nicht drängen und
uns herausstellen, abschließen. Sie sind erst vollen- nicht grübeln. Wie ein Morgen kommt jede Klar-
det, wenn sie nicht mehr Teile sind unser selbst, heit hinter jeder Nacht.

42 43
die Stirne geküßt von einem reichen und heiligen ßigen Frauen, die ziemlich gleichgültig in den
Lebenstrost, dessen Segen ich nie mehr verlieren Raum der Chornische heraussehen und durch die
konnte. Absicht des Malers, möglichst viel Florentiner Schö-
nen durch diese Verewigung zu schmeicheln, be-
Allein, grade weil ich so über dem Fürchten mich dingt. Damals – glaube ich – empfand man schon
fand in diesem Augenblick, begriff ich die Wir- ein bedeutendes Hemmnis in diesem Erzählenmüs-
kung gewisser seltsamer Fügungen. Der Frate, sen lang bekannter alter Geschichten, und man
welcher für seinen demütigen Zweck sammeln ge- mochte auch schon fühlen, wie unmalerisch es doch
kommen war, wurde nicht bemerkt und klirrte mit eigentlich sei, immer wieder Handlung statt Situa-
dem Münzkasten, welches fremd und wie eine Ket- tion, Ereignis statt der Ereignismöglichkeit bieten
te klang. Nach vergeblichem Warten kehrte er um zu sollen. Man suchte sich an den Porträts, welche
und schritt zögernd zum Gartentore hin; da schien man als werte und vornehme Aufgabe erkannt hat-
irgendwer unten aus der Vorhalle zu treten, so daß te, einigermaßen schadlos zu halten und betonte
er sich wieder etwas eiliger zum Hause herwandte. diese neben der Architektur und den jungen Errun-
Er erhielt von einem Knaben eine Spende und ver- genschaften der Linearperspektive weit über den
neigte sich erstaunlich tief vor dem Kinde, welches Vorgang hinaus, wie um bei einer anderen Zeit sich
ihn mit neugierigen Blicken betrachtete. Dann ging zu rechtfertigen. Diese Art hat etwas von dem Mei-
er, immer noch zögernd, und stand mitten in der netwegen-Achselzucken des Untergebenen hinter
Allee still. Mein Bild von früher wurde wieder dem Rücken des Herrn: ›Wenn er es denn schon mal
wach. Ich fühlte unten auf den Treppen ein wei- nicht anders will!‹
ßes junges Mädchen stehen, das vor diesem Som-
merglanz zögerte und nicht Abschied nehmen Mit wie kecker Schalkhaftigkeit und mit freudi-
konnte von der hellen Herrlichkeit. Und endlich gem, selbstbewußtem Trotz hat der unvergleichli-
schickte sie bang dem ernsten, verhüllten Diener, che Benozzo Gozzoli derartige ›Aufgaben‹ sich
den sie selber herbefahl, durch den Knaben ihr klei- selbst interessant und dem echten Kunstgedanken
nes Herz; das soll sagen: ›Ich habe mich geirrt, fruchtbar gemacht. Die Fresken in der Kapelle des
nimm das, und geh voraus. Ich kann noch nicht. Palastes Medici-Ricardi (Ecke der Via (larga) Ca-
Ich bin wirklich müd, wirklich. Lieben kann ich vour), die so leuchtend in Farbe und Auffassung
nicht mehr, nimm es. Aber laß mich noch schauen.‹ sind, erscheinen wahre Hymnen des Lebens. Der
Und ich fühle gleichsam, wie zwei große traurige Zug der Könige aus dem Morgenlande ist zu ei-
Augen Fragen hineinschatten in den lichten Tag: nem Jagdbild des fürstlichen Hofes und seiner Gä-
›Nur noch schauen …‹ Und da geht er, geht un- ste geworden und behielte, auch wenn nicht die
gern und ungläubig. Kommt sie nicht doch? Und Menge feiner Porträtköpfe dem Werke ein eigenes
er steht nochmals am Gitter, wo die frische Platane Gepräge gäbe, davon losgelöst, reinen und reizvol-
glänzt. Das Mädchen aber bleibt unten an eine len Kunstgeschmack. Damals waren gerade orienta-
Säule gelehnt und schaut über den Boten weg auf lische Fürsten mit ihrem Gefolge zu dem ferraresi-

66 5
schen Kirchenkonzil gekommen und hatten es – war einer scheuen und ängstlichen Sonne voll, und
da ernste Arbeit nicht zu Erfolgen wuchs – vorge- darüber hinaus über Düne und Meer waren erwar-
zogen, als Gäste der Medici fröhliche Feste zu fei- tungsvolle Schatten eines breiten Gewölkes. Durch
ern. Wie denn überhaupt das Festliche diesen ein Kiesknirschen aufmerksam geworden, blick ich
Tagen so trefflich gelang. Man sieht es diesen Men- hinab und gewahre in der Mittelallee des Gartens
schen an, wie sie sich inmitten von Prunk und Freu- einen Bruder von der Schwarzen Bruderschaft des
de so recht heimisch fühlen, wie sie Gewand und Letzten Erbarmens in seinem schwarzen, glatten
Geschmeid ohne weichliche Eitelkeit wie etwas Faltenkleid und der schwarzen Gesichtsmaske, wel-
Selbstverständliches tragen, wie ein Symbol jener che nur kleine Augenlöcher gestattet. Wie er so har-
hellen Herrlichkeit, die sie immer mehr und immer rend mitten im Garten stand, in dem hellen roten
mutiger in sich selbst entdeckten. Der alte Cosimo Garten, drin Aurikel und Mohn und kleine rote Ro-
ist ganz patriarchalische Würde und bürgerliche sen in vollem Frühling stehen, war er wie der Schat-
Güte, der rastlose Erwerber, Gründer und Pater ten irgendeines zweiten, der riesig und unsichtbar
patriae in jedem Zug und jeder Falte. Der Mann, sich neben ihm auftürmen mußte. Oder er war wie
der keinen Titel braucht, weil er alle Würden werk- der Tod selbst, aber nicht der, welcher einen Ah-
tätig erfüllt und sich durch eine bestimmte Stel- nungslosen in Lebensmitten erfaßt, wie der frei-
lung nur beengt und beängstet fühlte. Er baut sich willig herbeigerufene, demütige Diener, der, auf
keinen Thron, obwohl er es täglich vermöchte. Er eine bestimmte Stunde bestellt, Wort hält, gelassen
weiß: Throne können stürzen. Aber aus sicheren eintritt und wartet: Sie haben befohlen. Und einen
Stufen türmt er seinen Ruhm und bleibt auf der Augenblick harrte ich, verhehlten Atems, ob nicht
höchsten sitzen; das erfüllt den Zweck: denn auch wirklich irgendwer von der Terrasse treten, irgend-
von da kann er, wie von einem Herzogstuhl, alles ein blondes Mädchen oder ein stiller harter Mann,
übersehen und zu dem Ziele seines Willens und des und tief in Gedanken hinter dem Schwarzen her
allgemeinen Wohles hinleiten. Man sieht diesem aus dem Garten schreiten wird. Einfach aus dem
Manne an, daß er sich ein fürstliches Begräbnis Garten – aus dem Garten …
verbieten und einfach, schlicht und schlecht wie ir- Es war bei alldem keine Angst in mir und keine
gendein Bürger wird schlafen wollen in San Loren- von den Empfindungen, welche in den Tagen alten
zo; denn nur der sich täglich Prunk durch Taten Aberglaubens mich besiegt hätten. Das Leben in
verdient, hat ein Anrecht darauf; der Müßige soll seiner friedlichen Festlichkeit schien mir in dieser
still sein und nichts vom Leben wollen. – Stunde wie ein weiter Rahmen, in welchem alles
Wie anders sieht schon auf diesem Bilde sein En- Raum hat, und das Ende verlor seine Furcht, weil
kel, der junge, kränkliche Lorenzo, aus. Er wird nahe neben ihm der Beginn stand und der Aus-
schon auf den Höhen groß. Die Schönheit ist ihm gleich der beiden wie in leiser und lächelnder Ver-
nichts, das man mühsam verdienen muß; denn abredung und nicht anders wie ein wiegendes Wel-
müßte man also, dürfte man auch nie der Angst lenschlägen geschah. Eine mächtige Versöhnung
vergessen, sie wieder zu verlieren. Und eine Angst empfand ich durch dieses Gefühl, ich war wie auf

52 65
nach schweren Sommertagen. Wie junge Mädchen – welche auch immer – wäre etwas Demütigendes
sind alle Dinge, weiß und leise und von einer lä- für ihn. Schönheit erscheint ihm des Fürsten erster
chelnden Trauer. Bis sie sich plötzlich mit einer frem- Besitz und sein stolzestes Recht. Er trägt sie selbst
den, heftigen Zärtlichkeit an dich schmiegen und nicht im Antlitz; denn er müßte sonst vielleicht um
zittern wie flüchtende Rehe und weinen wie Kin- sie bangen: ein Haß, eine Krankheit, ein Leid hät-
der im Traum: tief und trunken und atemlos. Als te sie zerstören können. Er hat sie tief in sein We-
wollten sie sagen: ›O, wir sind ja nicht so, wie wir sen versenkt von Kindheit auf, und da hat sie mit
sind. Wir haben gelogen. Verzeih.‹ Und da hast du ihren Wurzeln sein Edelstes umflochten, und sie
dann kühle, erbarmende, allwissende Hände und trinkt Kraft daraus und blüht in seinen Gesten und
streichst ihnen sanft über die Stirne damit … Worten und Taten. Will er ihr aber einmal ins An-
gesicht schauen: sie lächelt ihm im eigenen Blut mit
Es sind nur Augenblicke, aber in diesen Augenblik- den Lippen des schönen Giuliano, seines jungen
ken sehe ich tief in die Erde hinein. Und sehe die Bruders, so vertraut und träumerisch entgegen, und
Ursachen aller Dinge wie die Wurzeln breiter, rau- sie segnet ihn oft aus dieser jugendlich reinen Ge-
schender Bäume. Und sehe, wie sie alle aneinander stalt heraus und begleitet ihn so – leider nur eine
greifen und sich halten wie Brüder. Und sie trin- kurze Zeit. In Santa Maria del Fiore trifft der Mör-
ken alle aus einem Quell. derdolch, dem er selbst in Geistesgegenwart ent-
geht, den lichten Giuliano zu Tode. Mitten in sei-
Und es sind nur Augenblicke, aber in diesen Augen- nem Mai, in all seiner kinderreichen, sorgenfrem-
blicken sehe ich hoch in die Himmel hinein. Und se- den Schönheit, jeder Enttäuschung und jedem
he die Sterne wie stille, lächelnde Blüten dieser rau- Schmerz zuvor, findet ihn die feige, feile Waffe des
schenden Bäume. Und sie wiegen sich und winken unverdienten Feindes, und alle ihre blinde Grau-
einander zu und wissen, daß eine Tiefe ihnen Duft samkeit wirkt doch wie eine Güte, wie eine schüt-
und Süße gibt. zende Vorsehung diesem ahnungslosen Jüngling
gegenüber, der tiefer im Leben vielleicht sich und
Und es sind nur Augenblicke, aber in diesen Au- seine Sehnsucht verloren und einmal müde, ohne
genblicken seh ich weit über die Erde hin. Und ich ein Lächeln, hätte sterben müssen. Er will mir als
sehe, daß die Menschen starke und einsame Stäm- die liebste Lebensgestalt dieser lebensglänzenden
me sind, die wie breite Brücken von den Wurzeln Zeit in Erinnerung bleiben; denn er ist die einheit-
zu den Blüten führen und ruhig und heiter die Säf- lichste, feinste, traumhafteste von allen. Kein Schat-
te heben in die Sonne hinein. ten ist über ihm und in ihm. Seine Taten hat keine
Geschichte verzeichnet, und seine Siege haben kei-
Gestern vormittags geschah noch eines, welches zu ne Reiche begründet. Und doch muß jedes Lächeln
verzeichnen mir gut scheint. Ich schrieb, wie ich an von ihm ein goldechtes Fürstengeschenk gewesen
jedem Morgen tue, auf meinem breiten Marmor- sein denen, die es würdig empfingen. Seine ganze
balkon sitzend, in dieses Buch. Der Garten vor mir Kindheit klingt in lauter Festlichkeit; und ein je-

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der Tag muß seinem jungen Mut wie ein neues ich weiß nicht, wohin. Aber so hoch, daß die Tage
Land gewesen sein, daraus ihm alle Freude in hel- waren wie kleine Dörfer mit roten Dächern und
ler Huldigung entgegenkam, und jede Nacht mag winzigen Kirchtürmen und die Erinnerungen wie
wie ein Märchenschloß ihn überwölbt haben mit Menschen, die klein und still in ihren Türen stehen
ihrer weichen, blauseidenen Zärtlichkeit. Und an und auf irgendwas warten … Nachdem ich das
der Grenze seines Mannbarwerdens empfindet er Buch durchgelesen und alle diese Wonnen und Weh-
mit einem Male, wie alles dieses leise, einsame Er- gefühle wie aus einem Quell getrunken hatte, war
leben sich zu regen beginnt in seiner Seele und wie ich dankbarer Weihe voll. Und ich habe gekniet in-
seine Frühlingserfahrung Lied wird in seinem er- mitten des Abendglanzes, der aufging an meinen
wachten Gemüt. Und er trägt – er weiß kein wür- hohen Zimmerwänden wie ein Goldbergwerk. Und
digeres Ziel – diese Lieder, die ihm wie erste mein schauerndes Schweigen war ein tief erzittern-
Erlösungen geschehen, in eine der dunkelsten Gas- des Gebet zu dem heiligen Leben, dem ich so nahe
sen von Florenz zu einem armen, geliebten Mäd- war in den seligen Schaffensstunden. Daß ich wür-
chen hin und stiftet damit eine Kirche in ihrem Her- dig werden möchte, in Treue und Vertrauen in sei-
zen … Und keiner hat je diese Lieder klingen ne Erfüllungen einzugehen, daß meine Freude ein
gehört als seine heimliche Geliebte. Sie sind vergan- Teil werden möchte seiner Herrlichkeit und mein
gen wie er selbst, und der Sohn, den ihm das Mäd- Leid fruchtbar und groß würde wie das selige Weh
chen, Wochen nach seiner Ermordung, einsam ge- seiner Frühlingstage. Und daß die Versöhnung wä-
bar, hat sie nie von dem Munde der Mutter vernom- re über mir, die über allen seinen Werken ist wie
men; denn sie gab ihm ihr eigenes Leben hin. So die ewig gleiche, ewig gebende Sonne, und daß ich
war Giuliano der Frühlingsliebe, der sterben muß- in diesem stillen Licht MIR entgegengehe, ich, der
te, als es Sommer werden wollte. Da war seine son- Pilger, dem Ich, das König ist und ein Rosenreich
nige Sendung erfüllt. hat und eine Sommerkrone mitten im Leben von
Und in der ganzen Frührenaissance ist etwas von Ewigkeit her.
dem Wesen des blonden Jünglings. Eine keusche
Kühle ist in ihren Madonnen und die herbe Kraft Und daß ich stark würde und mächtig über die Ein-
junger Bäume in ihren Heiligen. Die Linien sind tagsängste und über die Qualen aus einer Nacht.
alle wie Ranken, die in feierlicher Schweigsamkeit Und daß ich erfülle, was ich als Sendung fühle.
irgend etwas ganz Heiliges umschließen, und die Und daß ich fühle, wenn ich es erfülle, damit ich
Gesten der Gestalten sind zögernd, lauschend, ei- dadurch reicher und weiter werde und eines hohen,
ner zitternden Erwartung voll. Sie sind alle von der demütigen Stolzes voll.
Sehnsucht geweiht, aber jung in all ihrem Tun, fin-
den sie innerhalb dieser Sehnsucht kleine, leise be- An diesen Schaffenstagen empfind ich es schon, wie
glückende Ziele und rasten bei ihnen wie vor den die Hüllen von den Dingen sinken und wie alles
Symbolen einer anderen tiefen Erfüllung. Sie emp- vertrauensvoll wird und jeder Verstellung vergißt.
finden eine Fülle von Ewigkeiten, und weil sie nir- Schaffensaugenblicke sind wie Dämmerungen

54 63
Das haben die Frühlingskünstler nicht gekonnt. Sie gends bis an die Grenzen gehn, finden sie nirgends
irrten wohl zu sich hin. Aber sie wußten nur ganz Schranken. Sie haben einen stillen und strengen
dunkel, wo sie eigentlich wohnten, und glaubten Willen in sich, aber es ist derselbe Wille, der in den
ihrer Zeit kinderwillig, daß die weißen Marmor- weichen Winden wirkt, und so müssen sie niemals
gräber ihre Heimat seien. Und da eilten sie denn Bewegungen wagen, die heftig und hastig sind. Sie
nicht mehr und drängten nicht und gingen lang- sind so ganz eins mit ihrer Zeit, das macht sie schön.
sam durch lauter Licht zu dem Ort, wo sie sich eine Und sie sind weder hart noch bang; denn weder ha-
Kirche über ihrem stillen Ziel gewölbt hatten. ben sie sich diese Zeit erzwungen, noch sind sie ihre
zufälligen Früchte. In einem steten Verkehr, in
Wir brauchen keine Kirchen zu bauen. Von uns williger Hingabe und liebevollem Erraten haben sie
darf nichts übrig bleiben. Wir trinken uns leer, wir eines im andern sich gebildet und erzogen und ran-
geben uns hin, wir breiten uns aus – bis einmal un- ken eines am andern hinan zu derselben Seligkeit.
sere Gesten in winkenden Wipfeln sind und unser Alle ermattenden und entmutenden Kämpfe nach
Lächeln in den Kindern aufersteht, die darunter innen fehlen, und die Kräfte vereinen sich versöhnt
spielen … in einem einzigen breiten, geduldigen Strebestrom.
Das war der Frühling. Es kam noch kein Sommer
Es war ein seltsamer Sonntag, dieser 22. Mai. Ein seither; und wenn auch alle recht haben, die diese
tiefer Tag. Mir gelang auch, in diesen Blättern zu Renaissance für unwiederbringlich halten, vielleicht
verzeichnen, was ich lang in mir brennen fühlte, darf unsere Zeit den Sommer beginnen, der zu die-
ein Geständnis und eine Klarheit und einen Mut. sem fernen und festlichen Frühling gehört, und
Auf einem weiten Gang in der festlichen Pi- langsam zur Frucht entfalten, was sich damals in
neta geschahen mir die drei Mädchenlieder, die der weißen Blüte schon vollendete.
mich beglücken mit ihrer Innigkeit, und DEINE ho-
he Hymne, die das neue Skizzenbuch beschloß. Es Wir haben seither Jahrhunderte erlebt. Der große
war mir so recht feierlich zumut: ich kann aber kein Frühling verwilderte in ihnen, ohne daß seine letz-
Fest haben ohne DICH. Und so rückte ich meinen te Schönheit Frucht werden konnte. Da wir nun
hohen Armstuhl herbei, träumte DICH darin, setz- wieder diese innerste Schönheit begreifen und er-
te mich gegenüber und las, während draußen im- kennen, kann unsere Liebe sie vielleicht weiter rei-
mer mehr Abend wurde, ein Lied nach dem ande- fen lassen?
ren und sang das eine und weinte das zweite und
war lauter Seligkeit und Weh: Spielzeug in den Wir sind älter geworden, nicht nur um Jahre, auch
Händen dieser zarten blassen Lieder, die mir nun um Ziele. Wir sind bis an die Marken der Zeit ge-
antaten, wie ich ihnen tat. Alle Sehnsucht und Zärt- gangen, und Tausende haben an ihren Schranken
lichkeit, die ich darin verschloß, kam über mich und gerüttelt. Es ist Zeit, daß wir uns bescheiden. Des
umgab mich wie ein wilder Frühling und hob mich Frühlings blasse Endlosigkeit haben wir als Lüge
auf wie mit leisen, weißen, heimlichen Händen – erfunden, und unsere wunden Hände zeugen von

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der Unüberwindbarkeit der letzten Mauern. Aber Seid nur einen Tag unmodern, dann werdet ihr se-
wir dürfen auch nicht über sie hinaus unsere armen hen, wieviel Ewigkeit ihr in euch habt.
Träume senden wie Ölzweigtauben; sie werden
nicht wiederkehren. Wir müssen Männer sein. Wir Die die Ewigkeit fühlen, sind über aller Angst. Sie
brauchen die Ewigkeit, denn nur sie gibt unseren sehen in jeder Nacht die Stelle, wo es Tag werden
Gesten Raum; und doch wissen wir uns in enger wird, und sind getrost.
Endlichkeit. Wir müssen also innerhalb dieser
Schranken eine Unendlichkeit schaffen, da wir an Furchtlosigkeit ist dem Sommer not. Der Frühling
die Grenzenlosigkeit nicht mehr glauben. Wir dür- kann bange sein, seinen Blüten ist die Bangigkeit
fen nicht an das weite, blühende Land denken, son- wie eine Heimat; die Frucht aber braucht schwere
dern müssen des umzirkten Gartens uns erinnern, und ruhige Sonne. Alles muß wie ein Empfang
der auch seine Unendlichkeit hat: den Sommer. sein: breite Tore und sichere, sehnige Brücken.
Helft uns also dazu. Einen Sommer gründen, das
müssen wir. Ein Geschlecht, welches in Angst geboren wird,
kommt in der Fremde zur Welt und findet nie nach
Wir sind nicht mehr fähig einer Blütenkunst. Un- Haus.
sere Kunst muß uns nicht allein schmücken, sondern
auch wärmen; wir sind in dem Alter, da man Ihr dürft nichts Heiligeres haben als das Mütterli-
manchmal fröstelt an frühen Frühlingstagen. che. Jeder Schmerz, welchen ihr einem hoffnungs-
kranken Weibe antut, zittert in zehn Generationen
Wir sind nicht mehr Naive; aber wir müssen uns voraus, und jede Traurigkeit, die ihr in ihrem Au-
befehlen, primitiv zu werden, damit wir bei jenen ge verschuldet, breitet über hundert zagende Zu-
beginnen können, die es von Herzen waren. Wir müs- künfte ihre schrecklichen Schatten.
sen Frühlingsmenschen werden, um in den Sommer
zu finden, dessen hohe Herrlichkeit wir verkünden Wären eure Eltern sommerlicher gewesen, so hättet
sollen. ihr den Frühling besessen ohne Kampf und wäret
nicht matt und bestaubt vom Rückweg aus der
Nicht Zufall und Laune und Mode führt uns zu de- Fülle fremder und feindlicher Gefühle.
nen hinter Raffael. Wir sind die fernen Erben, die be-
rufen wurden um der vielen Vermächtnisse willen. Es wird keiner Frucht finden, der nicht Ehrfurcht
hat. Denn Schamlosigkeit ist wie ein Sturm, der das
Ich möchte immer irgendwem (ich weiß nicht, wem) Unreife von den Zweigen reißt.
sagen: ›Nicht traurig sein.‹ Und es ist mir, als wäre
das ein gar vertrauliches Geständnis, das ich ganz So werdet ihr keine Gegenwart leben, sondern werdet
leise und zärtlich aussprechen müßte und in tiefer euch selber wie Künftige sein. Ihr werdet vor euch
Dämmerung. hergehen, und so könnt ihr des Weges nicht fehlen.

56 6
Nicht kennen dürft ihr sie und einteilen und rich- Wir haben alle etwas wie eine Angst in uns. Wie
ten, wie ihr es gerne wollt. Lieben müßt ihr sie. Mütter werden wir sein. Aber wir sind noch wie
Könnt ihr das noch? Das ist die Prüfung. Mädchen, die heiße Hände haben und wehe Träu-
me; aber ihr müßt es hören: Wie Mütter werden
Was sie schweren Herzens verließen, solltet ihr wir sein!
leichten Mutes vollenden. Ihr seid die Denkmäler
jener, und wenn ihr wollt, werdet ihr euch selber Nach der neuen Angst kommt eine neue Glückse-
Denkmäler werden! ligkeit. Das war immer so.

Und die Müdigkeit müßt ihr vergessen; die habt Nur glauben müßt ihr lernen; ihr müßt fromm
ihr denen nachgeahmt, welche am Rande des Quat- werden in einem neuen Sinn. Eure Sehnsucht müßt
trocento sahen: es will Sommer werden, und wir ihr über euch haben, wo ihr auch seid. Fassen müßt
können nur blühen, – und sie wurden abschieds- ihr sie mit beiden Händen und sie in die Sonne tra-
bang – und denen, welche fühlten: wir dürfen gen, wo sie am seligsten ist; denn eure Sehnsucht
nicht in den Sommer hinein reifen, – und sie wur- muß gesund werden.
den wild und trotzig – und müde dabei. – Ihr aber
habt keinen Grund, müde zu sein, und keine Zeit; Wenn ihr noch ein Zittern in euch habt oder einen
denn bislang habt ihr nur ein Erbteil und keinen Zweifel, werft ihn hinter euch. Und wenn er auch
Erwerb, Träume und keine Tat. aufwächst hinter eurem Weg: Berge stehn dann
vor der Vergangenheit.
Ihr habt aber die Sendung Taten zu tun, wie jenen
Taten geschahn. Jene freuten sich, damit sie leiden Wie hab ich das an Dir bewundert, Liebe: dieses
könnten; ihr littet einer neuen Freude entgegen! sorglose Vertrauen zu allen Dingen, diese furcht-
fremde Güte. Jetzt kommt es auch zu mir, auf an-
Aber würdig müßt ihr sein, rein und priesterlich. derem Weg. Ich bin wie ein Kind, welches am Ab-
Keine Liebschaften dürft ihr haben, sondern eine grund hing. Es ist getrost, wenn die Mutter es in
Liebe. Keine Sehnsüchte, sondern eine Sehnsucht, lieber, leiser Stärke faßt, ist auch Tiefe noch un-
und eure Tage dürfen nicht voll von Sensationen ter ihm und spreizen sich Dornen zwischen seiner
sein und Verwirrungen; es muß eine klare, kristal- Wange und ihrer Brust. Es fühlt sich gehalten, ge-
lene Festlichkeit darüber wachsen, in der euere Ge- hoben – und ist getrost.
stalten sich schön und schlicht bewegen. Aber ihr
könnt alles das haben, wenn euch danach verlangt: Weil ich oben von Giuliano de Medici gesprochen
Liebschaften, Sensationen und Trunkenheit; denn habe: es wird eine Zeit kommen, da keinen das
ihr müßt brauchen, was in euch ist, und wahr sein Schicksal besiegt, ehe er nicht fruchtbar war. Es
ist das einzige Gebot. werden Tage der Ernte kommen. Und jeder wird
die Lieder, die er der Geliebten schenkt, erwachen

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hören im Munde der Mutter, die ihm den Sohn alle Lande gehen und meine Lehre [zu] verbreiten
groß wiegt. Es werden Tage der Ernte kommen. suchen. Ich will es überhaupt nicht zur Lehre er-
starren und versteinern lassen. Ich will es leben.
So rein, wie jede Geliebte war in der Frühlingsre- Und nur in Deine Seele. Liebling, will ich pilgern,
naissance, so heilig wird jede Mutter sein in dem tief, tief hinein, bis hin, wo sie Tempel wird.
Sommer, den wir beginnen. Und dort will ich meine Sehnsucht wie eine Mon-
stranz heben in DEINE Herrlichkeit hinein. Das will
Damals habt ihr die Madonnen als mütterliche ich.
Jungfrauen geschaffen; unsere Geliebten werden
jungfräuliche Mütter sein. Du hast mich leiden gesehen und mich getröstet.
Auf Deinen Trost will ich meine Kirche bauen, in
O wenn ich euch doch allen sagen konnte, was für welcher die Freude helle Altäre hat.
eine Zeit das ist! Es tut mir so weh, daß viele un-
festlich und ohne Hoffnung sind. Ich möchte eine Vielleicht bin ich noch nicht bestimmt, den Som-
Stimme haben wie das Meer und doch ein Berg sein mer zu sehen, von dem ich weiß, daß er kommen
und im Sonnenaufgang stehen: damit ich euch alle wird. Vielleicht hab ich selber nur Frühlingskraft
wachleuchten, überragen und aufrufen könnte. trotz allem und allem. Aber den Mut zum Som-
mer hab ich und den Glauben der Seligkeit.
Heute schreibt mir eine Mutter, die tief in vieler
Bangigkeit war, ehe das Wunder ihr geschah, sie Die in der Renaissance bekamen auch eine wach-
schreibt: ›Jetzt ist der Frühling auch zu uns gekom- sende Kraft, die schon fast Sommer sein wollte: Mi-
men, allerdings ziemlich stürmisch und verweint; chelangelo wuchs, Raffael stand in Blüten. Aber es
aber mir kommt es vor, als ob ich noch nie einen wurde nicht Frucht; es war Juni, heißer, heller Ge-
Frühling gesehen hätte … Heute hab ich den gan- witterjuni.
zen Nachmittag mit dem Rolf im Garten gesessen,
und er ist mir an der Luft aufgeblüht wie eine Ro- Sie waren so kühn geworden nach der ersten Angst
se; er ist viel schöner geworden, seit Sie ihn nicht des Anfangs. Sie hätten bald alles in einem Atem
gesehen, hat mehr Haare bekommen und seine gro- gelebt bis ans Ende. Aber die liebevolle Ordnung
ßen Augen behalten.‹ hemmte ihr Ungestüm. Die Blüten krankten und
starben, die, welche Frucht werden wollten näm-
Ich lese das wie eine Hymne, Lou. Und ich erseh- lich. Die kühlen, köstlichen harrten wie verzaubert
ne den Augenblick, da ich es vor DIR lesen werde; der Erlösung, und warten noch. Damals war Mai,
da wird es Melodie empfangen. und die Welt sollte nicht alles auf einmal haben,
Blütezeit und Ernte – und … jetzt wird Sommer
Nur Kraft brauche ich. Alles andere weiß ich in mir, sein.
um zum Verkünder zu werden. Ich will nicht durch

58 59
Zwiespalts, daß man ihn sogar in der Art, wie sie das grüne, ferne, reglose Meer: ›Nur noch schauen.‹
erzählt, geschmückt und hingeschenkt sind, wieder- Bei ihr hockt der Knabe, welcher das Herz trug,
erkennt: die zitternden Künstlerhände sieht man, und weint …
die ringend sich bemühen, die goldechte Last tief-
ster Erfüllungen ganz aus der Seele zu heben, und Dann verlor ich die Vision; aber ich dachte: er zö-
die doch immer wieder ermatten an der hartnäcki- gerte wirklich so lang. Wenn ich da oben auf mei-
gen Unmöglichkeit und endlich verzweifelt reißen nem weit sichtbaren Balkon, vertieft, irgendeine un-
an dem heimlichen Reichtum. Da krampfen sich die willkürliche Bewegung gemacht hätte, er hatte sie
Hände gewaltsam zusammen und verzerren die Li- gewiß für einen Ruf angesehen und wäre wieder-
nien zur Herbheit, zur Gehässigkeit, zur Häßlich- gekommen; und ich weiß: ich hätte in überrasch-
keit. Und dann löst Savonarola Krampf und Kampf ter Scham nicht verneint und ihm rasch etwas ge-
aus ihnen. Er hebt sie hinaus aus den Tiefen des geben, um ihn los zu werden. Und er hätte dann
Geheimen in das Kirchenzwielicht der Entsagung. nochmals an der Tür gezögert, und (in einem gro-
Und dort tasten sie unsicher und ziellos wie besänf- ßen Haus am Meer tritt jeden Augenblick jemand
tigte Irre am Rande alter Erinnerung hin und bil- ans Fenster) es hätte irgendwo einer eine ähnliche
den tote Sehnsüchte dumpf und demütig nach. Geste getan, und er wäre nun auch zu dem gekom-
Und das ist das Ende. So starb der, welcher die men: wir beide hätten uns gewiß beim nächsten
Sehnsucht hatte zur Frucht, aber dessen Kraft nur Wiedersehen gemieden und nur von ferne angese-
bis an die Marken des Frühlings reichte, bis dort hen. Und wenn wir beide Menschen wären, die vie-
hin, wo er schwer ist vor Süßigkeit, tief vor Reife le Brücken haben zwischen sich, so hatte dieses hart-
und arm in der Ahnung eines, der da kommen näckige Wiederkehren des Schwarzen gewiß auf
wird … uns gelegen wie eine Gefahr und wie eine arge Ah-
nung. Und ich dachte einer Situation, die, durch
Und wenn ich mich nicht täusche, wenn wir (oder solchen Zufall beschwor[en], schwer und einem
die hinter uns) jene sein sollten, welche zur Sehn- Schicksal verwandt werden könnte.
sucht nach dem Sommer die Kraft zum Sommer
haben (oder erringen), dann ist es nicht wunder- Als ich dann nachmittags in den Garten trat, dach-
bar, daß wir ihn nicht nur besser begreifen, ihm te ich dieser Erscheinung nicht mehr. Aber vorn an
Denkmäler errichten und seiner Unsterblichkeit der Halle saß der eine unserer beiden Dachshunde
Kränze winden, sondern ihn auch lieben wie einen und ließ sich durch meine Schmeicheleien gar nicht
teuren Toten, der fiel, weil er so weit vor uns den berühren wie sonst. Er schien in irgendeine tiefe
Sieg erkämpfen wollte, der uns selber noch Traum Betrachtung versunken und sah doch nur in die
ist und Ziel und Sehnsucht in unseren Schöpfer- Wand des Hauses hinein, die glatt und kahl und
tagen. ohne irgendwelchen Halt war. Seine Augen zielten
auch gar nicht dahin, es waren die blinden Blicke
O dieser rührende Schmerz der zu früh Gekomme- eines ernst Sinnenden, und auf dem ganzen Ge-

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sicht des Tieres lag ein so steinerner Ernst, eine fin- Das ist die Bangigkeit seiner Venus, die Furcht sei-
stere Ergebenheit, die sich auch in der ganzen Hal- nes Frühlings, die müde Milde seiner Madonnen.
tung des Leibes seltsam ausprägte. Ich stand still, Wie eine Schuld fühlen alle diese Madonnen ihr Un-
war verwundert und sagte im Weitergehen laut zu verwundetsein. Sie können es nicht vergessen, daß
mir: »Ein Dackel mit der Manier einer Sphinx. sie ohne Leiden geboren haben, wie sie ohne Glut
Tief, rätselhaft, stumm.« Sagte das laut und ver- empfingen. Es ist eine Scham über ihnen, daß auch
gaß es. – Dann gelangen mir meine Lieder, und sie nicht mächtig waren, das lächelnde Heil aus sich
Klanges voll kam ich im ersten Dämmer aus dem selbst zu heben, daß sie Mütter wurden ohne den
Wald. Mir kommt das Stubenmädchen irgendwo Mut der Mutter. Daß die Frucht ihnen so in die Ar-
entgegen und sagt: »O, unser Padrone ist ganz trost- me fiel, in diese sehnsüchtigen Mädchenarme, de-
los; denken Sie, Signorino, der eine männliche nen sie unverdient und schwer wird. Sie tragen end-
Dachshund, den er vierzehn Jahre besaß, Sie erin- lich nur die Last der Ahnung, daß das Kind leiden
nern sich seiner wohl, ist heute – jetzt – von einem wird, weil sie nicht gelitten haben, bluten wird,
Pferd gestoßen worden, taumelte und blieb auf der weil sie nicht geblutet haben, sterben wird, weil
Stelle tot. Poverino.« sie nicht gestorben sind. Dieser Vorwurf überschat-
Und sie grüßte lächelnd und ging mir vorbei. tet alles Licht ihres Himmels, und die Kerzen bren-
nen bang und trübe darin. – Augenblicke gibt es,
Darauf kommt es schließlich an: alles, eines des an- da die Pracht ihrer langen Throntage ein Lächeln
deren wert, im Leben zu sehen; auch das Mysti- um ihre Lippen legt. Dann stimmen die verweinten
sche, auch den Tod. Keines darf über das zweite hin- Augen seltsam dazu. Aber nach kurzem Schmerz-
ausragen, ein jedes das nachbarliche bezähmen. lossein, das ihnen als Glück geschieht, erschrecken
Dann hat jedes seine Bedeutung und, was die sie vor der fremden Reife ihres Frühlings und seh-
Hauptsache ist: ihre Gesamtheit ist ein harmoni- nen sich in aller Hoffnungslosigkeit ihrer Himmel
sches Ganze voll Ruhe und Sicherheit und Gleich- nach einer heißen Sommerfreude voll irdischer In-
gewicht. nigkeit.

Nur dann hat das Mystische sein Recht: wenn man Und so wie die müde Frau das Wunder bereut, um
ihm nicht andere Macht einräumt als den anderen des Wunderbaren willen, das es sie versäumen ließ,
Kräften auch. Aber für die Gerngläubigen wird es und die Ohnmacht umtrauert, den Sommer, dessen
mit einem Male der heimliche Grund alles Gesche- Keime sie im reifen Leibe fühlt, aus sich zu heben,
hens, und die, welche sich darüber hinaus wähnen, so bangt die Venus, daß es ihr nie gelingen wird,
erschüttert es durch das Gewaltsame seiner Erschei- die Schönheit, die sie bringt, zu verschenken unter
nung. die, welche danach dürsten, und so zittert der Früh-
ling, weil er seinen letzten Glanz und seine tiefste
Kunst ist aber auch Gerechtigkeit. Und ihr müßt, Heiligkeit verschweigen muß.
wollt ihr Künstler sein, allen Kräften das Recht las- Und so sehr sind alle diese Werke voll des einen

68 8
beschnittenen Lorbeerbaum ihre innige Freude sen, euch zu heben und hinunterzudrücken, zu fes-
winden. seln und zu befreien. Das ist nur Spiel, fürchtet es
nicht.
Daneben hängt ein Vittore Carpaccio, den man für
ein gutes Bild des Dante G. Rosetti halten möchte, Ihr wißt, daß die Blume sich neigt, wenn der Wind
so märchenhaft und heimlich ist Form und Farbe es will, und ihr müßt werden wie sie: das heißt, voll
darin. eines tiefen Vertrauens.

Aber was ist diese, wenn auch nur dunkel, so doch Nach dem Bettag ein Tag der Buße, so kommt es
immerhin ausgesprochene Märchenhaftigkeit der oft. Deinen Brief finde ich nach Tisch und bin be-
Venezianer im Vergleich zu den verheimlichten My- stürzt und bange gewesen. Jetzt bin ich noch trau-
sterien, die in den Bildern Botticellis die eigentlichen rig. Ich habe dem Sommer mich so entgegen gefreut
Motive darstellen. und ihn wie eine liebe helle Verheißung empfun-
den über allem. Und jetzt kommen Zweifel und
Nicht in tiefem und schwerem Dunkel verbirgt sich Sorgen, und alle Wege verwirren sich … wohin? –
hier das Geheimnisvolle. Hell und herrlich hat es
irgendeinem Wesen sich geoffenbart. Allein das Es ist so dunkel um mich mit einem Male. Ich
Wesen, in welchem das Glück dieser Enthüllung weiß nicht, wo ich bin. Ich fühle nur, daß ich mit-
noch nachzittert, ist viel zu hilflos und primitiv, um ten unter fremden Menschen einen Tag fahren
die Tiefe des Geständnisses irgendwie widerzutö- muß und noch einen und einen dritten, um end-
nen. Es fühlt unermeßlichen Reichtum in sich, al- lich bei Dir zu sein, – um vielleicht: Abschied zu
lein, wenn es davon schenken will, kann es seiner nehmen.
Fülle keine Spur aus seiner Seele lieben. Es bleibt
arm, weil es keinen zum Mitwisser seiner Schätze zu Aber ich fühle doch noch ein anderes in mir: war-
weihen vermag, und einsam, weil ihm nicht gelingt, ten. Es ist so viel Neues gedrängt vor mir, ich kann
eine Brücke aus sich hinaus zu bauen. So gehen es nicht nennen und nicht unterscheiden. Aber hin-
diese Wesen durch die Welt, ohne daran zu rühren, aussehen eine Weile in Wald und Meer, in die gro-
mit den stummen Sternen in sich, von denen sie ße Allgüte dieser Herrlichkeit, und warten: Klar-
keinem erzählen können. Das ist ihre Traurigkeit. heit wird sein.
Und eine Angst haben sie: daß sie selbst diesen
Sternen mißtrauen werden, wenn sie immer so ganz Und Klarheit geschah.
allein an ihren Glanz und ihre Güte werden glau-
ben sollen: Das ist ihre Angst. Dabei sind sie doch Heute ist keine Bangigkeit mehr in mir, sondern
durchstrahlt von ihrem tiefinnersten Besitz dieser die helle Freude: Dich in sechs bis sieben Tagen
einsamen Helligkeit, mit der sie selig sein könnten, wieder zu haben, Liebling. Ich sitze inmitten des
wenn sie mutiger und ohne Mitleid wären. Sommermorgens auf meinem Balkon und weiß

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nur, daß diese innigste aller Erfüllungen, welche Männerporträts abgesehen) dürften kaum sein Be-
mir begegnen kann, mein nächstes Ziel ist. Und al- sitz sein oder aus einer frühen Zeit stammen. Lie-
les in mir zittert ihm entgegen. ber würde ich eine entzückende ›Santa Conversa-
zione‹ (in den Uffizien mit Bellini erklärt) mit
Freude macht schöpferhaft. Wir werden in dem ho- seinem Namen geschmückt wissen. Wem es auch zu-
hen Glück des Wiederbesitzes sicher den besten gehören mag, es ist ein so trefflich geständnishaf-
Weg in diesen Sommer finden, den uns kein Zu- tes Kunstwerk, daß es eine Persönlichkeit in seinem
fall nehmen kann. Mir wenigstens ist er wie ein Raume erfüllt und nicht erst von irgendeiner er-
von hoher Macht zuerkannter Besitz, da er schon gänzt werden will. Hintergrund: bergige Land-
so lange meiner Hoffnung in Tag und Traum herz- schaft (terra ferma), von Einsiedlern friedlich belebt
eigen war. und charakterisiert durch Landbau und Herden-
zucht. Ein Tempelchen seltsam eigenwilliger Art
Ich würde dann ohne große Rast von hier über Bo- schließt den Hintergrund gegen einen dunkelgrü-
logna, Verona, Ala, Innsbruck und München zu un- nen Teich ab, vor welchem sich der Schauplatz des
serem Feste fahren und meine Liebe, reicher um eigentlichen Bildes – eine breite, feierliche Marmor-
die Erinnerungen aus Sehnsucht und Einsamkeit, terrasse – erbreitet. Eine Brüstung schlichter Orna-
vor Dir niederlegen. mente umrandet diese Terrasse gegen den See und
die Seiten hin und steigt links zu einem Throne auf,
Was fürcht ich einen öden Strand im Ostpreußi- auf welchem [die] Madonna, leis, leidend, in
schen! Ich hab zwei Monate lang Schönheit ge- schwarz-weißem Gewand, ihre wehmütige Herr-
schöpft mit seligen Händen; ich habe genug davon, schaft hält. Eine Heilge steht ihr, still und wartend,
Schätze vor mir und Dir aufzutürmen, so, daß wir zu Seiten, und in dieser feinen Gestalt klingt die
den vielen Menschen, die mit sein werden, verlo- Festlichkeit voll an, welche in den anderen variiert
ren gehen. sich erneut und vermannigfacht. Hinter der Brü-
stung, tiefer im Bild, steht der Heilige mit dem
Und nun nütz ich die zwei oder drei Tage, die ich wachsam rastenden Schwert, und Petrus, neben ihm,
noch so Dir entgegenträume, im Duften dieser hat sich, seiner sinnenden Beschaulichkeit gemäß,
blauen Unendlichkeit, um Dir weiter zu erzählen mit beiden Armen an das Steingeländer gelehnt.
von den Herrlichkeiten meiner Fremdlandstage. vor welchem ganz rechts ein Eremit und ein herr-
Und dabei wird es mir immer klarer, daß ich gar lich versöhnter San Sebastian, die Pfeile in den
nicht von den Dingen rede, sondern davon, was ich Wunden ruhen lassend, der einsamen Fürstin zö-
durch sie geworden bin. Und dieses, welches ganz gernd entgegengehen. In diesen beiden Gestalten
unwillkürlich geschieht, macht mich froh und hebt erhebt sich die Ruhe zu einem leisen Rhythmus, um
mich hinauf; denn ich empfinde, daß ich auf dem inmitten des Bildes zu heiterer Bewegung anzu-
Wege bin, ein Vertrauter alles dessen zu werden, wachsen, zum Spiel von ein paar nackten Kindern,
was Schönheit verkündet; daß ich nicht mehr bloß die in reichster Ungezwungenheit um einen rund

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schwersten Aufgaben und hat – nochmals gesagt – ihr Lauschender bin, der ihre Offenbarungen wie
alles in letzter Vollendung erlangt, was, mit Peru- stumme Gnaden empfängt, daß ich den Dingen im-
ginos Sentimentalität und Raffaels Jugend vereint, mer mehr ein Jünger werde, der ihre Antworten
den berühmten Dreiklang ergibt, der in der Sixti- und Geständnisse durch verständige Fragen stei-
nischen Madonna die höchste Reinheit bewahrte. – gert, der ihnen Weisheiten und Winke entlockt und
ihre großmütige Liebe mit der Demut des Schü-
Neben diesen Bildern sind meine mächtigsten und lers leise lohnen lernt.
fruchtbarsten Eindrücke: das ›Konzert des Giorgio-
ne‹, welches jene höchste Verherrlichung eines Und durch diese gehorsame Hingebung geht der
schweigsamen Gespräches dreier Menschen bedeu- Weg zu jener ersehnten Brüderlichkeit und Gleich-
tet, in Motiv und Malart und Stil und Stimmung heit mit den Dingen, welche wie ein gegenseitiges
so vollkommen, daß es wohl nie – und wenn wir Beschirmen ist und vor der die letzte Angst Sage
noch soviel Klarheit über diese heilige Stille errin- wird.
gen sollten – wird übertroffen werden können. Ein
Zustand und doch eine bewegte Handlung (im See- Es ist dann, als wären wir alle der gleichen Wesen-
lensinn), eine Gruppe und doch eine strenge Tren- heit und hielten uns bei den Händen. Und wir lie-
nung dreier Individualitäten, eine Erzählung und ben uns so sehr, weil wir eines das andere gehoben
doch eine malerisch-reine Idee: so ist das ›Konzert‹. und jedes jedem geholfen haben, in das glückliche
Und wie durch die eine Dämmerung ist das Zusam- Gleichgewicht jenes Vertrauens hinein, das uns brü-
mengehören und In-geistigem-Verkehr-Sein der derlich macht.
drei Menschen auf das zarteste dadurch angemerkt,
daß sie alle einem verhallenden Klang nachgehen, Schon jetzt – und ich bin doch erst an der ersten
als drei Einsame, ungleich Reife auf verschiedenen Schwelle alles Verstehens – kommen Abende zu mir
Pfaden. So mühelos der Spieler, daß er, schon am in den Wald, welche den Dingen um mich die Vor-
Ziel, sich nach dem zurückgebliebenen Freunde um- sicht nehmen und die ganze fremde Scham ihrer
sieht, und sinnender Anstrengung voll der dritte. herben Keuschheit. Wie mit leisem Tadel tun sie
Aber man fühlt (und dieses ist die heimlich verhei- das: ›Was verhüllt ihr euch? Seht ihr nicht, daß ein
ßene Steigerung), sie sind ebenbürtig und finden Freund steht mitten unter euch, der seine scheue
alle wieder irgendwo zusammen in einer letzten, Schönheit nicht findet, solange ihr in den Masken
jeden erlösenden Glückseligkeit. des Alltags bleibt!‹ Und da lächeln mich alle die
Dinge an, wie Menschen lächeln, die sich einer gu-
Es müssen sehr oberflächliche Betrachter Lorenzo ten Gemeinsamkeit aus fernen Tagen erinnern.
Lottos Porträtköpfe der Spieler, von einer Zeit be-
zeichnend ›die drei Lebensalter‹ genannt, diesem Seit ich das verstehe: schweigsam sein, ist mir alles
Meisterwerke auch nur anähnelnd empfunden ha- um so vieles näher gekommen. Ich war noch in mei-
ben. Auch Giorgiones andere Werke (von schönen nem letzten Empfinden Kind und Kind in der Dun-

78 7
kelheit meiner Sehnsucht, als ich einen Sommer an thronenden Herrlichkeit immer wieder ausgespro-
der Ostsee war, an den ich nun denke: Wie gesprä- chen wird. Dieser Gott-Vater in seiner großen Geste
chig war ich Meer und Wald gegenüber, wie suchte ist ebenso Geständnis wie die beiden heiligen
ich, einer ungestümen Heftigkeit voll, über alle Frauen, die in zarter Frömmigkeit unter seiner
Schranken hinüberzureichen mit der voreiligen Be- Glorie knieen und mit ihrer horchenden, hingege-
geisterung meiner Worte, und wie empfand ich benen Schönheit ein Stück leichter lionardesker
doch an dem Septembermorgen, da ich vom trüben Landschaft umrahmen: verblauende Berge, zart-
Strande Abschied holte, daß wir uns nie das Letzte stämmige, zitternde Bäume, und schimmernd
und Seligste gegeben hatten und daß alle meine führt ein Fluß an sonnigen Städten vorbei. Engel
Entzückungen Table d’hôte-Gespräche waren, die heben die Betenden sacht empor, Engel, die eben
weder an mein dämmerndes Gefühl noch an des erst aus Wolken zu erstehen beginnen, während
Meeres ewiges Offenbaren rührten. andere reife Engelknaben sich an dem Glanze des
ernsten Vaters wärmen. Die Vornehmheit der Kom-
Aber jetzt: es gibt wohl leise und seltene Gespräche position, das situationhafte Ruhen der Persönlichkei-
noch, die sich zwischen den Dingen und meiner ten und nicht zum wenigsten die Festlichkeit und
Liebe aufbauen; aber wenn sie uns vor die Augen schwere Pracht aller Farben erheben dieses Bild zu
wachsen wollen, dann siegt die Sehnsucht über al- einer den ersten Wunderwerken nicht nachgeben-
les Befangensein. Wir halten uns die Hände hin, den Bedeutung. Nicht in der Gesamtheit wie bei die-
und wenn das dann auch immer Begrüßung und sem, aber in der reizenden, reichen Auffassung ein-
Abschied ist in einem Atemzug, wir fühlen, daß die zelner Gruppen liegt das Sympathische des ande-
Schweigsamkeit zwischen beiden sich ausdehnen ren Bildes (im selben Saale): ›Madonna, für das
wird mit jedem Tage und mit jedem Tun und daß luccesische Volk bittend.‹ Die Bewegung der Ma-
sie die Grenzen, die noch zusammenfallen, ausein- donna ist etwas zu heftig für die müde Frau, die
ander drängen wird, bis es von dem Finden zum sich von der besorgten Erwartung der zahlreichen
Scheiden so weit sein wird wie vom Morgen zum Beter besser durch eine Fürbitte des leisen und tie-
Ave-Maria und daß dazwischen ein ganzer Tag- fen Vertrauens denn durch dieses Beschwören ab-
voll Ewigkeit dauern wird. heben würde. Auch die fledermausflügelartige Dra-
[pierung] ihres dunkelblauen Mantels stört, weil sie
Ich habe gestern am Abend mit meiner Tischnach- eben als Drapierung wirkt, und der Christus, der,
barin, einer jungen russischen Dame, einen weiten waagrecht nach vorn schwebend, ihr Flehen über-
Gang an das Meer gemacht, auf welchem wir über schattet, ist nicht plastisch genug, um die schwie-
die Kunst und das Leben jene schönen Müßigkei- rige Perspektive selbstverständlich zu machen. Das
ten sagten, welche von den Dingen bloß träumen. Bild sieht wie ein Experiment aus, zu welchem ja ein
Aber es fiel auch manches gute Wort. Der Weg führ- solcher König der Technik bei allem Ernst durch sei-
te waldentlang, und aller Rain war der kleinen ne Zeit leicht verleitet werden konnte. Dort, wo er
Glühkäfer voll. (Meine innigen Erinnerungen an sich keine Probleme stellt, löst er unvermerkt die

72 77
welche endlich durch die Stadtmauern von Pietra diese schimmernden Wolfratshausener Nächte
Santa bricht und in dem Hauptplatze dieses Städt- mochten verursacht haben, daß ich, in Dein-Geden-
chens mündet; darauf natürlich ein Denkmal, ein ken vertieft, etwas Inniges über die Natur äußerte.)
Palazzo Publico mit bescheidenen Renaissance-Er- Darauf meine Begleiterin: »Sie sind gewiß immer
innerungen, ein ›Dom‹, den ein heimischer Künst- in so nahem Verhältnis gewesen der Natur gegen-
ler mit verschiedenen Marmorwerken – Chorbrü- über – als Kind schon?« – »Nein,« sagte ich – und
stung hinter dem Hauptaltar in der Art des Rovez- wunderte mich, wie meine Worte zärtlich klan-
zan – ausgeziert hat, und einem Baptisterium, in gen –, »es ist erst ganz kurze Zeit, daß ich so schaue
welchem sich irgendwelche Werke des Donatell be- und genieße. Wir gingen eine ganze Weile lang in
finden sollen. Von da zweigen dann die langen, ein- Verlegenheit nebeneinander her, die Natur und ich.
förmigen Straßen ab, welche den kühlen Schatten Wie neben einem Wesen war ich, das mir teuer ist,
so eifersüchtig festhalten. Sie ruhen sich von ihrem dem ich aber nicht zu sagen wage: ›Ich hab dich
weiten Weg dann und wann in einem kleinen Plätz- lieb.‹ Seither muß ichs einmal gesagt haben, ich
chen (mit unvermeidlichem Denkmal Garibaldis weiß nicht, wann, aber ich fühle, daß wir uns fan-
oder Viktor Emanuels) aus oder scheinen vor einer den.«
der vielen Gedenktafeln oder Eckmadonnen (in der
Art und ohne die Empfindung des Robbia) zögernd Später sagte die junge Dame: »Ich schäme mich, es
zu bleiben. Das ist der Grundcharakler aller dieser zu sagen, aber ich bin wie tot; meine Freude ist so
kleinen Orte von den ärmsten aufwärts bis zu de- matt geworden, und ich will nichts mehr.« Ich tat,
nen, die einmal sogar das Zentrum waren, um wel- als vernähme ich nichts, und zeigte plötzlich in
ches ein Herzogtum kreisen sollte: wie Lucca. Letz- schneller Freudigkeit: »Ein Glühkäferchen, sehen
teres gewinnt eigenartigen Wert durch die Wälle, Sie?« Sie nickte: »Da auch.« – »Und da – und da«,
welche im Zeichen einer friedsamen Zeit Alleen ergänzte ich und riß sie hin damit. »Vier, fünf,
lichter Platanen heben, und durch seine Kirchen, sechs –«, zählte sie weiter, ganz erregt; da lachte
besonders den Dom, der (in der zweiten Kapelle ich: »Sie Undankbare; das ist das Leben: sechs
links vom Chor) das tadellose Meisterwerk des Fra Glühkäfer und immer mehr. Und Sie wollen es ver-
Bartolomc [Bartolommeo], die reinste aller vorraf- leugnen?!«
faelischen Madonnen, in welcher doch schon der be-
ste Raffael gelöst ist, bewahrt. Die beiden großen Wenn ich denke, daß ich selbst einmal von denen
Bilder dieses Meisters (im Palazzo Publico) ergän- war, die das Leben verdächtigten und seiner Macht
zen wundervoll diese kraftvolle Persönlichkeit, wel- mißtrauten. Jetzt würde ich es lieben auf jeden
cher Ruhe und Versöhnung so sehr Wesenseigen- Fall. Ob es nun reich oder arm, weit oder eng mir
schaften waren, daß die Bilder trotz dieser Züge zu eigen wäre. Soviel mir davon gehört, würde ich
individuelle Geständnisse bleiben und eine tiefe, un- zärtlich lieben und alle Möglichkeiten meines Be-
vergeßliche Wirkung üben, durch die Sicherheit, sitzes reifen lassen in meiner Innigkeit.
mit welcher die Weltanschauung der sieghaften,

76 73
Mit Herrn K. der nun hier ist als Begleiter des Pro- ßig in Florenz besteht, und bedauerte, diese Zu-
fessors Brentano, habe ich viel von diesem sonder- sammenstellung modernen Geschmackverfalles be-
baren, vielseitigen Mann, viel von interessanten Er- sucht zu haben. »In dieser echten Ahnung hab ich
eignissen und endlich von Leopardi gesprochen, des- sie vermieden«, erwiderte ich, »und bin dessen froh.
sen Pessimismus uns beiden fatal, unkünstlerisch Mir genügte Dantes Kenotaph in Santa Croce, des-
und roh erschien. Es kam zur Sprache, daß er im- sen Denkmal von Pazzi auf der Piazza davor und
mer krank gewesen sei. »Ja,« sagte ich, »sehen Sie, manches heutige Machwerk sonst (welches heutig
gerade an kranken Menschen werte ich es so tief, bleibt und darum nie ewig wird), um in die-
wenn sie das Leben lieben und von den kleinen, sem Sinn vorsichtig zu sein. Immerhin hätte den
kühlen Blumen am Rand auf die unermeßliche Florentinern mit der Kunst und mit dem Ge-
Pracht seiner großen Gärten schließen. Sie können, schmack zugleich der Marmor ausgehen dürfen.
wenn ihre Seele feine Saiten trägt, viel müheloser Allein die reiche und von Grund gebende Natur ist
zum Ewigkeitsempfinden kommen; denn sie dür- einer so komplizierten Vorsicht fremd, und so ver-
fen alles träumen, was wir tun. Und wo unsere Ta- sündigen sich Stümper an demselben Stoff, den ihre
ten enden, da heben die ihren erst recht an, frucht- Ahnen geadelt haben. Wie das denn immer ge-
bar zu sein.« schieht. In dem vielen Schaffen der Renaissance-
künstler scheint auch die ahnungsvolle Absicht ver-
Es gehört eine große Feinheit der Anlage und Art borgen, den Enkeln die Brüche in den Bergen von
dazu, das Stück Leben, welches die enge Körperlich- Massa und Carrara leer zurückzulassen!«
keit kranken Menschen gewährt, in aller naiven
Froheit des Herzens so zu sehen, als ob es ein Gan- Auf dem Wege nach Pietra Santa gibt es einen blu-
zes wäre. Darin gleichsam alle Werkzeuge zu fin- tenden Berg. Wie ein verstaubtes Pilgerkleid
den, deren es bedarf. Es ist wie ein knapper Reise- schiebt er die Oliven zurück von dem steingrauen
farbenkasten; der geschickte Könner wird nicht Leib und zeigt dem verträumten Tal, das nicht an ihn
verlegen sein, aus den vorhandenen Tuben alle Tö- hat glauben wollen, die Wunde in der Brust: roter
ne, deren er braucht, zusammenzumischen. Und er Marmor, in grauem Körper eingesprengt.
wird nie daran denken, daß es andere Kästen mit
reicherer Auswahl gibt. Die Fahrt nach Pietra Santa, die ich noch in Gesell-
schaft des lieben österreichischen alten Ehepaares
Das ist auch eines von den Grundgesetzen des Le- unternommen habe, bietet überhaupt so manchen
bens: jeden Besitz als Ganzes zu empfinden; dann Blick. Die Landschaft trägt flachen und freund-
erscheint jede Ergänzung ein Überfluß, und des lichen Charakter nur wenige Talstellen erscheinen
Reichtums ist kein Ende. – von den blauen Bergen beengt, welche sich in so
mäßigen, schönen Grenzen vom Himmel unter-
Herr K. erzählte auch von der Ausstellung moderner scheiden. Olivenwälder, darunter Schafe weiden,
Gemälde und Plastiken, welche jetzt saisonmä- sind das ständige Seitenstück der geraden Straße,

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Autorität ist, täglich dekretiert: ›Das Volk will keine nen: wie Kinder sind sie, die in das Christbaum-
Kunst.‹ zimmer finden, ehe die Kerzen brennen und ehe
die Dinge strahlen. Sie möchten zurückfliehen von
Das zu einer Zeit, da wir beginnen, uns der Klarheit der Schwelle und bleiben dennoch stehen in der ent-
zu freuen, daß unsere Kunst nur dem Künstler selbst zauberten Dunkelheit – bis ihre armen Augen sich
Erlösung werden kann und daß nur ganz wenige daran gewöhnen.
Eingeweihte, welche in diese Mysterien sehen, dar-
an mit ihrer Freude teilnehmen können! Fra Angelico ist der schärfste Gegensatz des San-
dro Botticelli. Er ist zaghaft wie der allererste Früh-
Der Künstler kann eigentlich nur durch seine Per- ling und gläubig wie dieser. Mag er Madonnen
sönlichkeit, seine überwundene Kunst, welche ich, malen oder die Legenden irgendwelcher Heiliger
wie schon früher, seine Kultur nennen möchte, auf (Kosmas und Damian, Akademie) zum Vorwurf
weitere Kreise einwirken. Seine Werke sind Erleb- wählen, er spricht in ihnen immer wieder in zittern-
nisse, in Stunden heiliger Dämmerung ein paar den Worten das Bekenntnis seiner eigenen Demut
Tiefvertrauten erzählt. Und wenn sie doch unter den aus. Und doch ist er ein Später mit den Gesten der
vielen stehen, sie werden nicht wirksamer dadurch; Allerfrühsten, mit der Kühle ihres Gefühls und der
denn die, welche die Liebe nicht haben, reichen Grenzenlosigkeit ihrer Hingebung. Nur umgürtet
nicht daran. von San Marcos heimlich hütenden Klostermauern,
Aber unsere Museen sind doch Roheiten. Wie wenn konnte diese Kunst in so vergessener Keuschheit auf-
einer Blätter aus verschiedenen und verschieden- gehen und blühen und welk werden, ohne mehr
sprachigen Büchern blindlings herausreißen und in zurückzulassen als etwan eine Maimorgen-Erinne-
einem Prachtband zusammenzwingen würde, so sind rung in den Herzen einzelner Meister, welche, le-
unsere Museen. bensdurstig, über diese fremde Seligkeit hinaus-
wuchsen. Und es ist seltsam, daß gerade Benozzo
Von dem Platz, mit welchem alle ihre Neigungen Gozzoli der freiste und fröhlichste Verkünder der ir-
und Fähigkeiten sie verknüpfen, losgerissen, sind dischen Freudigkeit werden sollte, der doch mitten
alle diese Kunstwerke heimatlos und stehen wie unter den wunschlosen Heiligen des Giovanni Ange-
Waisenkinder nebeneinander. Und es geht einem lico Jüngling und Jünger war. Auf dem Campo
dann auch wie einer Schar von solchen uniformier- santo von Pisa hat er glänzende Beweise seiner Ge-
ten Kindern gegenüber. Man sieht nicht den Blon- sinnung, seines Könnens und seines inneren Reich-
den, den Traurigen, den Sinnenden und den leise tums hinterlassen; die eine Längswand ist fast ganz
Klugen, man sagt: Zwanzig Waisenknaben. mit seinen Fresken geschmückt, und es ist bewun-
dernswert, wie trefflich er den knappen biblischen
Wenn wenigstens die Werke eines Künstlers in ei- Stoffen Herrlichkeit und Menschlichkeit abgewann
nem Raum sich vertragen müssen; dann entsteht und die Mauern eines Kirchhofs in unbedenklicher
aus ihrem unwillkürlichen Zusammenwirken et- Sorglosigkeit mit lauter Triumphen des Lebens

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überdeckte, als wollte er dem, der hier unbeschränk- Je menschlicher wir werden, desto verschiedener
ter Gebieter ist, die Herrschaft verleiden und lästig werden wir. Es ist, als würden plötzlich die Wesen
machen. Auch der alte Meister vom ›Triumphe des sich vertausendfachen; denn ein Kollektivname,
Todes‹ und vom ›Jüngsten Gericht‹ (der Buffalma- der früher über Tausende reichte, wird bald schon
co des Vasari), den er, als er an die Arbeit ging, für zehn Menschen zu eng, und man wird gezwun-
nachbarlich wie eine stete Mahnung bemerken gen, jeden ganz einzeln zu betrachten. Man denke:
mußte, konnte seine naiven Absichten nicht im ge- Wenn wir statt Völkern, Nationen, Familien und
ringsten stören. Er kam und malte Leben und Lust, Gesellschaften mal Menschen haben werden, wenn
und der Frühling, welchen die hohen gotischen Ar- man selbst drei nicht mehr in einem Namen verei-
kaden umrahmen, baute seine heitern Rosen mitten nen kann! Wird dann die Welt nicht größer wer-
in den Hof des Campo santo als ein Gleichge- den müssen?
sinnter. – Und so scheint hier, dank dieses Bünd-
nisses, auch heute noch das Leben sieghaft zu herr- Das hat freilich gute Wege: vorläufig ist das Be-
schen. Es ist nichts von der düstern Strenge eines dürfnis, sich aneinanderzuschließen, sich gemeinsa-
Klosterhofes, weder in diesen kühn geführten Wöl- me Ziele zu setzen, noch – und vollends in Deutsch-
bungen der Halle noch in der selbstgefälligen Säu- land – sehr groß. Wodurch denn allerdings die Ver-
lenarchitektur der Fenster, die sich gar nicht er- antwortlichkeit des einzelnen bedeutend verringert
schöpfen mögen in überraschenden Durchblicken; und seine Kraft durch das vornehme Gefühl des
und auch das Bild vom Todestriumph scheint nur da- Wettbewerbs künstlich gesteigert wird.
zu da, die Glückseligkeit des tätigen Einsiedlerda-
seins und der versöhnten Harmonie des Paradieses Daß aber gerade in der Kunst das Bilden von ›Ver-
zu betonen. Diese letztere Darstellung, welche wohl einen‹ immer noch in Blüte steht, ist ein Zeichen
dem Orcagna zu danken ist, wirkt wie ein bild- trauriger Unreife. Immer von Zeit zu Zeit tauchen
gewordenes Minnelied inmitten der gräßlichsten wieder diese Prospekte auf, welche sich aus lauter
Szenen, die wie schwere Träume anmuten. – Es ›Wir wollen …‹ geschmackvoll und bescheiden auf-
liegt über allen diesen Gestalten etwas von dieser ta- bauen. Da neulich wieder: ›Deutsche Bühnengesell-
tenlosen, müßigen Festlichkeit, welche wie ein Ra- schaft.‹ Zehn Geheimräte und Offiziere a. D. und
sten ist nach weiten Wegen. Alle sind still und dank- Universitätsprofessoren, die dann und wann die
bar dieser gemeinsamen Einsamkeit und wie einer Verpflichtung spüren, von wegen ihrer sozialen
süßen Mattigkeit schwer, die sich in den vornehmen Stellung, etwas für die arme, bedürftige Kunst,
Falten ihrer lichten Gewänder geheimnisvoll ver- die brav und bescheiden wie ein Lehramtskandi-
rät. Da wird noch nicht, wie bei späteren Darstel- dat ist, zu tun, schließen sich zusammen und spre-
lungen, um jeden Preis gegastet oder getanzt oder chen neben anderem Bedeutenden auch dieses –
erzählt oder gesungen, man feiert eben so hin und ein für allemal – aus: ›Wir wollen eine Kunst für
freut sich des Bewußtseins seiner schlafenden Kraft das ganze Volk.‹ – Was für eine unvorsichtige
oder träumenden Sehnsucht. Und etwas dieses un- Überhebung, da das Volk, das dennoch die größere

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schaffen, wenn sie Mutter wurde. Sie hat ihr Ziel willkürlichen Brauchs ist im Volke wach geblieben,
aus sich hinausgestellt und darf im tiefsten Sinne das habe ich neulich am Sonntag betrachten dürfen.
Kunst leben fortan. Wie die Mütter und Alten und Kinder ihr ganzes
Leben mit allen seinen kleinen Freuden und seinen
Darum ist das Weib um so vieles reicher, weil es die verkümmerten Hoffnungen aus dem Wochendun-
Erfüllung, welcher der Künstler nur zureifen darf, kel heraus in die Sonne stellen – als ob sie es in ei-
wirklich erreicht. Darum kann es dem Schaffenden nen Tempel trügen. Auf Stühlen. Stühlchen und
wie eine Prophetin sein, welche ihm in ihrer Liebe Bänken sitzen sie alle vor den Türen, je nach Alter
von der Herrlichkeit des Zieles erzählt. und Art schweigsam oder geschwätzig, sinnend
oder betrachtend, und decken mit ihrer Heiterkeit
Des Weibes Weg geht immer zum Kinde, vor ih- alle Gassen entlang die nichtssagenden Stirnen ih-
rer Mutterschaft und hernach. So wie sie sich be- rer armen Häuser zu. Da ist es dann gar erfolg-
greift, nimmt sie ihr Ziel aus sich und stellt es mit- reich, in einem Wagen über die dröhnenden Steine
ten ins Leben hinein. Denn ihr Pfad soll in das Le- an ihnen vorbeizufahren; der Kutscher knallt hef-
ben führen. tig mit der Peitsche und setzt seinen Stolz darein,
recht toll vorüberzutraben. Und sie sehen alle auf,
Die Weiber, welche die vielen Kinder gebaren, ge- neugierig und gleichgültig und gestört und grüßend.
hen mit jedem nur an die Schwelle des Lebens; dort Es ist, als wären die Hütten gewendet durch ir-
müssen sie schon umkehren, um einem neuen Kind gendein Zauberwort, und du führest nun hart an
entgegenzukommen. Die Kinder verwaisen dabei, lauter nackten Schicksalen hin, die sich deinem Au-
und die Mutter hastet an den Marken des Lebens ge willig hinhalten. Am späten Nachmittag aber
ungeduldig her und hin ohne Festlichkeit und Freu- kannst du im Walde die dunkeln Mädchen und die
de und wird müde und alt. blonden finden und sehen, wie sie einander umfaßt
halten, und fast ohne alles Gespräch in langen Rei-
Wenn man die Wärme unserer Zeit irgendwie be- hen zögernd durch die steilen Pinienstämme schrei-
weisen wollte, müßte man von der wehen Seligkeit ten; nur dann und wann hebt eine langsam zu sin-
ihrer Künstler sprechen. Und das Buch würde hei- gen an, leis, wie aus einer süßen Erinnerung her-
ßen: ›Das Mütterliche in unserer Kunst‹, aber es aus, und es fallen zwei oder drei Gefährtinnen mit
wäre ein Verrat, dieses Buch. lauteren Stimmen ein – wie zur Bestätigung. Und
nach einigen Schritten geht das Lied wieder in ih-
Wie bezeichnend ist es, daß andere das Menschli- ren Bewegungen unter, aus welchen es sich zu lösen
che das Allgemeine nannten, gleichsam den Ort, wo schien, und sie wandern tiefer in den Wald. Das ist
alle sich finden und erkennen. Man muß einsehen der Sonntag.
lernen, daß es gerade das Menschliche ist, welches Hier trägt auch das Meer bei zu dieser Erziehung
uns einsam macht. zur genügsamen Festlichkeit. Alle diese Menschen.
Männer und Mädchen, wissen gar nicht, wie sehr

96 85
sie seine Schüler und Kinder sind und wie innig sie Es ist doch so: jeder ist tiefinnen wie eine Kirche,
mit seiner Schönheit und mit seinem Zorn und mit und die Wände sind mit festlichen Fresken ge-
seiner Unermeßlichkeit im Gemüte zusammenhän- schmückt. In erster Kindheit, da die Pracht noch
gen. Wenn ein Tag reichen Fischzuges war, wie sie frei liegt, ist es zu dunkel darin, um die Bilder zu
sich da am Abend auf dem Molo, der der Landung sehen, und dann, wenn es lichter und lichter wird
längs des Kanals entgegengeht, versammeln und in der Halle, kommen die Knabentorheiten und die
warten und die Namen der Boote erraten, welche falschen Sehnsüchte und die durstende Scham, und
mit steilem, schmalem Segel wie Zypressen am Ho- diese übertünchen Wand um Wand. Und mancher
rizonte sich erheben und zwei zu zwei größer werden, geht weit ins Leben hinein und hindurch, ohne die
bis sie wie eine Allee sind, die in die Unend- alte Herrlichkeit unter der nüchternen Armut zu
lichkeit hinausleitet. Es ist eine helle Freude auf ih- ahnen. Selig aber, wer sie fühlt, findet und heim-
ren wachsamen Zügen, und die tiefe Sonne zieht lich enthüllt. Er beschenkt sich. Und er wird heim-
die Linie ihres Lächelns fern auf den Häuserfron- kehren in sich selbst.
ten von Viareggio nach, so daß auch diese voll fro-
her Teilnahme scheinen. Am Ende des Molos aber, O, wenn unsre Eltern doch mit uns geboren wür-
wo der Empfang beginnt, da stehen wie in der al- den, wieviel Rückwege und Bitterkeiten blieben uns
ten Operette Damen und Fischermädchen, Solda- erspart. Aber Eltern und Kinder können doch stets
ten und Mönche, Kinder, von Schwarzen Ordens- nur nebeneinander gehn, nie miteinander, ein tie-
schwestern behütet, und von dem vordersten Pfahl fer Graben ist zwischen ihnen, über den sie sich
läßt irgendein brauner Bengel seine sandharten dann und wann eine kleine Liebe reichen können.
Beinchen wimpeln zum Willkommen. Und in laut-
loser Würde lenken die Kähne mit breiten, satten Die Eltern sollten uns nie das Leben lehren wollen;
Abendsegeln in den schwarzwellenden Kanal. Alle denn sie lehren uns ihr Leben.
Mannschaft steht um den Mast. Lachende Knaben,
breite Männer, am Stamm still angelehnt, und Grei- Die Mütter freilich sind wie die Künstler. Des
se mit verrunzelten Zügen kauern in bunten Flik- Künstlers Mühe ist, sich selbst zu finden. Das Weib
ken am Steuer: ihre ganze alte Kraft scheint in der erfüllt sich im Kinde. Und was der Künstler stück-
sehnigen, behaarten Hand versammelt, die die weise sich entringt, das hebt das Weib wie eine Welt,
Steuerstange wie einen Schwertknauf umzwängt. voll von Mächten und Möglichkeiten, aus ihrem
So lenken sie herein, wie nach langer Fahrt, als ob Schoß.
sie da draußen gealtert wären und nun zum ersten
Mal den Strand wieder fänden, den sie jungen Dun- Das Weib ist dann nicht am Ziel und darf nicht
kels voll verlassen haben. Alle haben etwas vom dem Kinde ihr eigenes Leben schenken. Denn dann
Ernst der Ewigkeit, und man sieht ihren Brüsten beginnt ihr Weg zu dem Kinde.
an, daß sie breit wurden in der mutigen Furcht der
Gefahr. Eine Frau, welche Künstlerin ist, muß nicht mehr

86 95
me: »Und Sie halten das nicht für unweiblich?« – Wie im Südtirolischen auch hier: nur die Mütter
»O,« sagte ich, »ein Mann kann reich sein im Be- erscheinen müde und früh alt. Solange sie nur Früh-
sitz, eine Frau vergißt ihren Reichtum, wenn sie ling sind, leise, helle, lächelnde Mädchen, – und
nicht von ihm schenken darf. Sie müssen Raum ha- dann versagt ihre Sommerkraft an den vielen Kin-
ben, irgend etwas aus sich herauszustellen. Irgend- dern und der vielen Arbeit. Sie sind endlich nur
eine Mutterschaft müssen Sie erleben. Ein Tag muß mehr Zähigkeit, mühsamer Widerstand gegen den
kommen, der etwas will von Ihnen, und ein zwei- Tod, der sie ihrem Haus und seiner Dürftigkeit zei-
ter und ein dritter: jeder mit einem anderen Wunsch. tig entreißen will, – nur eine tägliche Auflehnung
Wenn Sie erst sehen, wie Sie alles erfüllen können, gegen die schmeichelnde Mattigkeit, mit welcher er
wird des Zutrauens und der Freude kein Ende sein. sie verlocken will – nichts darüber hinaus. Es liegt
Versuchen Sie’s. Gehn Sie fort und denken Sie nicht über dem Verfall dieses Volkes das, was seine Blü-
an Heimkehr. Gehen Sie, wie man am Meer ge- te begründete: die Sommerunfähigkeit. Sie schuf
hen möchte in der Nacht, immer so weiter hin un- die kühle Schönheit seiner Frühlingskunst und ver-
ter den vielen stillen Sternen. Versuchen Sie’s.« – schuldet nun die verhärmte Herbstlichkeit seines
»Ich will es versuchen.« Und Sie reichte mir die Zu-Ende-Lebens. –
Hand voll von einer schweren Dankbarkeit.
Da, in den kleinen Orten am Arno hin – in Rovez-
Ein guter Abschluß für einen Tag – nicht? Ich blieb zano und Majano, dann an den hellen Rosenhän-
lange bei einer heimlichen Kerze in meinem hohen gen von Fiesole, da kannst du kinderhaften Mäd-
Armstuhl lehnen und dachte: ›Du Herrliche, Du, chen begegnen, die den Madonnen der Frühblüte
wie hast Du mich weit gemacht.‹ Denn wenn die ita- nachgeraten. Sie sind wie späte Patenkinder dieser
lienischen Tage mich mit Schätzen beschenkten, weißen Marmor-Marien der Settignano und Da
Du hast Raum dafür geschaffen in meiner Seele, Majano und Roselino. In diesen Meistern scheint
in welcher die Träume sich drängten und die vie- mir die Frühlingsplastik ihre schönste Erfüllung
len Bangigkeiten. Du hast mich festlich gemacht. gefunden zu haben – neben welcher ich nur noch
der Robbias gedenken mag, die in ihren besten
Daß ich Dir so klar wiederkehre, Liebling, das ist Arbeiten (Tabernakel in S. S. Apostoli) den ganzen
das Beste, was ich Dir bringe. Zauber ihrer Zeit und ihres Vertrauens der Ewig-
keit gerettet haben. Es ist schon ein Reifer- und
Ich weiß es: es wird nicht alles Hymne bleiben in Wärmerwerden in der Buntheit dieser Tonarbei-
mir, wie in diesen Tagen; es werden Dunkelheiten ten, eine leise Vermenschlichung des Wunderbaren,
kommen und Verwirrungen. Aber ich habe tief in welche aus dem glatten, königlichen Marmor in die-
mir einen kleinen Garten, umgrenzt voll Feierlich- sen rauhen Ton herabsteigt, aus dem unnahbaren
keit, bis zu dem wird keine Angst mehr reichen. Palast in die festlich geschmückte Hütte, die mitten
Und wenn Du willst, werden wir mit jedem Jahr im Volke steht.
die Marken dieses Gartens erweitern.

94 87
Und kaum sie diesen Schritt nach vorwärts wagen, mich wie ein Vater fühlte im Beschützenwollen und
schon schlingt sich eine Sommerahnung in bunt- in der Obmacht. Und ich redete weiter; gerade dort,
schweren Fruchtkränzen um sie, randet sie ein und wo ich Herrn K. verlassen hatte, knüpfte ich an.
begrenzt zugleich – seltsames Symbol – ihre heite- Und es war, als übersetzte ich nur das große Tönen
re Herrlichkeit. des einsamen Mondmeeres, das neben uns war, in
Worte, und wir waren beide Lauschende dabei. Ich
Diese Robbias haben durch ein Jahrhundert hin die sagte: »Sie müssen das Vertrauen finden zu allem
ganze Lieblichkeit ihrer Empfindung – unbeküm- und den Ort, wo Raum ist für Ihren Reichtum,
mert um Geschmack und Meinung – festgehalten. Sonst gehen Sie am Leben und an sich vorbei. Das
Sie erkannten den Wert der entdeckten Form und wäre so schade. Es sind goldechte Schätze viel in bei-
fühlten, daß sie nicht darüber hinausgehen dürften, den. Gehen Sie doch fort von der Heimat. Nicht so
ohne zugleich die versöhnte Einheit ihrer Rundre- für sechs bis sieben Wochen. Gehn Sie fort. Es ist
liefs einzubüßen. Sie hatten einen kleinen Stoff- ein großer Unterschied darin. Für eine kurze Reise
kreis, ein schlichtes Material: aber weil sie sich in nehmen Sie doch nur ein weniges mit. Sie wäh-
beide vertieften, so gewannen sie den Gestalten die len das Notwendigste aus, und endlich im fremden
zärtlichste Innigkeit und dem Ton seine feinsten Ort vermissen Sie manches. Nichts Wichtiges, aber
Wirkungen ab. Besonders da, wo, wie bei Andrea, etwas Liebes: ein Bild, ein Buch, eine Erinnerung;
Luca und manchmal bei Giovanni, die Farben noch irgendeine Kleinigkeit vielleicht, welche Sie zu Hau-
eine schlichte Beschränkung zeigen, wo das entzük- se kaum werten. Nun fehlt es Ihnen. So ist es
kendste Blau das blendende Weiß dieser Engels- auch mit dem geistigen Gepäck und dem Vorrat der
köpfe zu verklären scheint und sonst nur am Ran- Seele: Sie nehmen für sechs bis sieben Wochen nur
de, in den Gewinden etwa, eine leichte Belebung wie das Passendste mit. Sie kommen in die Fremde und
eine fromme Hymne aus bunteren Tagen ein- bleiben fremd, denn Sie haben nicht so viel Heimat
stimmt in diese reinste Harmonie, da wird man ei- mit, um sie um sich auszubreiten. Und dann das
nen Zauber empfinden, der alle Zeiten überdauert. Begrenztsein: wenn Ihnen wirklich etwas im fer-
Oder diese Tabernakel mit ihrer sich vertiefenden nen Land entgegenkommt, welches viel, welches
Mittelperspektive, zu welcher alle Gestalten in lei- Sie von Ihnen verlangt, dann haben Sie sich nicht
sester Frömmigkeit hinstreben, und diese naiv-ver- mit und denken auch: ›Wozu, morgen fahr ich doch
traulichen Wickelkinder an der Fronte des Ospe- wieder der Gewohnheit entgegen‹ …« Und so sag-
dale degli innocenti und mehr der reizendsten Of- te ich vieles, dessen ich mich nicht entsinnen kann,
fenbarungen, die in Florenz und seiner Umgebung und dann: »Ich möchte Ihnen irgend etwas zeigen
überreich zu finden sind. Man möchte meinen, die- von da draußen, wie ein Geschenk, das man aus
se della Robbias müßten jeder Florentinerin eine einem märchenhaften Volk mitbringt und dabei vor
Madonna geschaffen haben nach ihrem Ebenbilde. staunendem Schauern sagt: ›Ja, solche Dinge gibt
Und wenn diese Madonnen auch nie große Wun- es dort.‹ So möchte ich Ihnen etwas zeigen.« – Als
der getan haben (wollte man solche, mußte man sich wir um ein halb elf am Tore standen, sagte die Da-

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meiner Michelangelo-Gedanken, suchte mich Herr eben zu den weißen und feierlichen in die Kirchen
K. auf. Ich kam nun auch so schnell von dem, wel- bemühen), sie haben doch den Mädchen auf jedes
ches die Freude und der Fleiß meines Nachmittags Gebet an jedem Morgen geantwortet: ›Lieblich seid
gewesen, nicht los, sprach und sann weiter und kam ihr und licht, und das Leben ist eure Heimat, denn
endlich dazu, ihm in großen Zügen die Ideen jener es ist hell und herrlich wie ihr. Geht hin und freut
Sommerkunst unserer Tage, welche die Erfüllung euch daran.‹ Und sie gingen hin und waren der
des Quattrocento-Frühlings werden soll, zu entbrei- Schönheit und Freude voll. Und das ist doch Wun-
ten. Das erfüllte ihn, den intellektuell Vorsichtigen, ders genug.
sehr, und es bedurfte meiner ganzen Kraft, in mei-
ner Liebe und Innigkeit diesen Erkenntnissen ge- Des Lorenzo il Magnifico Jubelverse aus den ›Can-
genüber mich zu beschränken und nicht ins Uner- ti‹ fallen mir ein, die alles Wirkens und Wesens Kern
messene hin zu predigen. Ich sprach wohl zwei enthielten:
Stunden rastensohne fort und hatte die innige Freu- Quant’ è bella giovinezza,
de, an dem Glanze seiner Augen und an der ver- ehe si fuge tuttavia.
änderten Herzlichkeit seines Wesens den Erfolg zu Chi vaol’ esser lieto, sia
fühlen. Ich wünschte so – rasch, rasch zu Dir zu di doma non c’è certezza.
können, denn ich weiß etwas in mir, was Du noch Aber die letzte Zeit war keine Angst, es war nur
nicht kennst, eine neue große Helligkeit, die mei- der letzte Grund aller schnellen Fröhlichkeit und
ner Sprache Macht und eine Fülle von Bildern gibt. trug keine Sentimentalität in sich.
Ich entdecke mich jetzt manchmal dabei, wie ich
mir selbst lauschend bin und in staunender Ehr- Diese wird überhaupt erst in der Zeit der Ermü-
furcht von meinen eigenen Gesprächen lerne. Es dung erfunden; als man nicht mehr den Mut zum
tönt etwas tief aus mir, welches über diese Seiten, großen Schmerz besaß und das Vertrauen zur Freu-
über meine lieben Lieder und über alle Pläne von de den Menschen entglitten war, da fanden sie zwi-
künftiger Tat hinaus zu den Menschen will. Mir schen beiden die Sentimentalität.
ist, als müßte ich reden, jetzt im Augenblicke der
Kraft und Klarheit, da mehr aus mir spricht denn Bei Botticelli ist keine Spur davon; denn es ist der
ich selbst: meine Seligkeit. Mir ist, als müßte ich tiefste Schmerz, der die immer wieder gewollte Se-
alle Zögernden und Zweifelnden bekehren; denn ligkeit überschattet. Es ist nicht ein Verweilen in
ich habe mehr Macht in mir, als ich in Worten hal- weichen, weichlichen Melodieen, es ist das Abschied-
ten kann, und will sie daran wenden, Menschen zu nehmen einer sterbenden Seligkeit in seinen Bil-
befreien von der fremden Angst, aus der ich kam. dern.
Und man muß mir das ansehen; denn meine rus-
sische Nachbarin gab mir heute, als wir um neun In der Galerie des Fürsten Corsini, wo ein Botti-
Uhr abends zum Meere gingen, ihr Vertrauen in celli (übrigens auch ein schöner Raffaelino da Gar-
lauter schönen Schweigsamkeiten hin, so daß ich bo) neben lauter Spätitalienern hängt, kann man

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sein Leid richtig begreifen lernen. Es ist wie ein Hätte man Michelangelo nur einen Augenblick al-
Martyrtod neben dem ›schönen Sterben‹ eines Ko- lein gelassen, er hätte seinen Meißel an die Welt
mödianten. angesetzt und aus dieser verdrückten Kugel einen
Sklaven gemeißelt. Und der hätte dann sein Grab-
Wo käme auch diesen Primitiven die Sentimentali- mal krönen müssen.
tät her, welche nur dort entsteht, wo kleine, ver-
ängstete Gefühle nicht mehr imstande sind, die Lee- Das war nun einer, der die Kraft hatte zum Som-
re eines Menschen zu füllen; er ergänzt dann seine mer. Aber es war kein Raum da und kein Vorbild,
Innenarchitektur durch Statuen im Schwammstile Wenn er seinem Knaben David Riesenglieder gab,
des Bandinelli. Die füllen aus. so wies er uns nur immer deutlicher auf die unreife
Jugendlichkeit dieser Gestalt hin.
Sentimentalität setzt Schwäche voraus, Liebe zum
Leid. Aber ich glaube, man sieht keinem so wie dem Und wenn die Bäume bis über alle Berge hinaus
Botticelli den Kampf mit dem Schmerze an. Und ihre Blüten hüben, es würde doch immer nur ein
dieser Schmerz ist keine dumpfe, ziellose Traurig- unermeßlicher Frühling sein, der den Sommer
keit (wie ich zu sagen versucht habe), sondern das nicht von der Sonne holen kann.
Gefühl dieses unfruchtbaren Frühlings, der sich in
seinen eigenen Schätzen erschöpft. Seine Madonnen verleugnen ihren Frühling. Auch
sie geben vor, ganz irdisch glücklich zu sein und
Da könnte man Michelangelo eher sentimental nen- voll Erfühlung. Man könnte ihnen sogar glauben,
nen, wenn man bloß von seiner Form reden wollte. daß sie den Erlöser in Weh geboren hätten. Aber
So groß und plastisch-ruhend bei ihm stets der Ge- diese Lüge macht sie hart und unweiblich, und sie
danke ist, so unruhig regsam ist die Linie selbst kommen über die Jungfrauschaft und über die Müt-
seiner ruhigsten Gestalten. Es ist, als ob einer zu Tau- terlichkeit in einer Gewaltsamkeit hinaus zu einer
ben oder Verstockten spräche. Er kann gar nicht ge- Art von trotzigem Heldentum.
nug betonen, und die Sorge, nicht verstanden zu
werden, beeinflußt alle seine Geständnisse. Darum Michelangelo kam überhaupt, weil er zum Som-
sehen endlich selbst seine intimen Offenbarungen mer nicht fand, oft über den Sommer hinaus. Und
wie Manifeste aus, die an den Ecken der Welt, al- seine Mitstreber und Nachahmer bestätigen mit
len sichtbar, aufgestellt zu werden verlangten. aller ihrer Talentlosigkeit den Verfall, den das Ge-
nie in so verzweifelten Schreien verkündete.
Was Botticelli, den Feineren, Lauschenderen, trau-
rig machte, ließ ihn zügellos werden, und wenn San- Der gestrige Abend wuchs noch zu zwei guten Ge-
dros Hände bebten vor Bangen, so hieben seine Fäu- sprächen an, welche in so engem Verhältnis zu mei-
ste ein Abbild seines Zornes in den zitternden ner Stimmung und Gesinnung stehen, daß ich sie
Stein. kurz verzeichnen will. Um ein halb sechs, inmitten

90 9
gleich die Möglichkeit eines neuen Lebens. Wie an- was, was größer, beredter und offenbarender ist als
dere ferne Welten zu Göttern reifen werden – weiß jedes von ihnen. Ich denke an den Donatell-Saal
ich nicht. Aber für uns ist die Kunst der Weg; denn im Bargello.
unter uns sind die Künstler die Durstigen, die alles
in sich trinken, die Unbescheidenen, die nirgends Aber was wären alle diese Statuen ohne die poly-
Hütten baun, und die Ewigen, die über die Dächer chrome Porträtbüste, welche den Niccolò da Uz-
der Jahrhunderte reichen. Sie empfangen Stücke zano darstellt. Das ist eine der seltsamsten Kunst-
des Lebens und geben das Leben. Wenn sie einmal offenbarungen. Der Realist Donatell hat recht naiv
aber das Leben empfangen haben und die Welt in empfunden, daß er nicht imstande ist, die Persön-
sich tragen mit allen Mächten und Möglichkeiten, lichkeit dieses Mannes festzuhalten, ohne ihm zu al-
werden sie etwas geben – darüber hinaus … lem Leben der Linien die Farbe zu geben, die ihn
Ich fühle also: daß wir die Ahnen eines Gottes sind erst vollendet. Und da wurde nun dieses wundersa-
und mit unseren tiefsten Einsamkeiten durch die me Werk. Ein nicht gerade geistreicher Kopf, in
Jahrtausende vorwärtsreichen bis zu seinem Beginn. welchem Energie mit einem gewissen Sich-gehen-
Das fühle ich! Lassen streitet, der sich einem doch in so voller Teil-
nahme entgegenkehrt, daß man meint, schon irgend-
eine Frage überhört zu haben, und beschämt nach
einer raschen Antwort sucht. Man glaubt diesen
Mann schon längst zu kennen und freut sich des
Wiedersehens mit ihm. Und er geht auf diese Freu-
de ein; denn sein freundliches Interesse scheint sie
lebendig zu erwidern.

Polychrome Plastik. Man hat dies in letzterer Zeit


oft mit einem Fragezeichen versehen. Ich bin über-
zeugt, daß die Plastik, um ihre letzten Ziele zu er-
reichen, oft zur Farbe greifen muß, womit ja nicht
gesagt ist, daß sie diese von der Malerei herholen
soll. Wenn es sich um Porträtbüsten handelt, wird
es Sache des Künstlers sein, zu bestimmen, ob eine
Individualität, um sich ganz auszuprägen, der Far-
be bedarf oder nicht, – und wie in allen Kunstdin-
gen wird der einzelne Fall, das betreffende Motiv
und endlich das Material, nicht aber ein allgemein-
gültiges Gesetz, entscheiden helfen. Es wird zum
Beispiel möglich sein, die Blüte eines jungen und

99
blassen Mädchens in leise gelblichem Marmor zu und auf meiner blinden Flucht lief ich immer DIR
wiederholen; da lassen sich, einen tief verständigen entgegen. Und ich will auch nicht sagen: Vertrau!
Künstler vorausgesetzt, dann auch alle grauen Äder- Denn ich weiß, daß dieses die Sprache ist, mit wel-
chen des Materials geistreich verwerten. Vielleicht cher wir uns in diesen neuen, heiligen Morgen er-
wird ein Greis oder ein kränklicher Mensch in wei- kannten und begrüßten nach einem langen Fern-
ßem Marmor mit Bedeutung geschildert werden sein und einem fernen Beisammensein, das unsere
können, und es werden in diesem Fall die leeren letzte Trennung war und meine letzte Gefahr. –
Augen den Eindruck des Über-dem-Leben-Stehens Und nun dieses Buches letzter Wert ist die Erkennt-
ganz trefflich fördern. Ich denke mir zum Beispiel nis eines Künstlertums, das nur ein Weg ist und in
eine Büste Jacobsens aus diesem Stoffe. Bei einer einem reifen Dasein endlich sich erfüllt. Mit je-
schönen und reifen Frau wird ein weißbläulicher dem Werke, welches Du aus Dir hebst, schaffst Du
Marmor von Glanz und weicher Glätte das Ent- Raum für irgendeine Kraft. Und der letzte, welcher
sprechende sein, und seine Absicht wird, durch Kon- nach lange kommt, wird alles in sich tragen, was
traste, zum Beispiel eine leicht golden stilisierte um uns wirksam und wesenhaft ist; denn er wird
Schmuckverwendung oder eine angedeutete Fär- der größte Raum sein, erfüllt mit aller Kraft. Das
bung des Haares, unterstützt, sich klar erfüllen. wird nur einer erreichen; aber alle Schaffenden sind
Wie überhaupt teilweises Anwenden von Farbe ei- die Ahnen dieses Einsamen. Es wird nichts sein au-
nes der vorzüglichsten Mittel zur Charakterisierung ßer ihm; denn Bäume und Berge, Wolken und Wel-
sein dürfte. Verbindung von Erz, Bronze und Me- len sind nur Symbole gewesen jener Wirklichkei-
tall mit Stein an einer Gestalt hingegen wirkt durch- ten, die er in sich findet. Alles ist in ihm zusam-
aus dilettantisch und gesucht. Nur im kleinen und mengeflossen, und alle Mächte, die sonst zerstreut
ganz vornehmen Material sollte es gebraucht wer- einander bekämpften, zittern unter seinem Willen.
den, und man wird gewiß eine köstliche Freude an Sogar der Boden unter seinen Füßen ist zuviel. Wie
einem Kleinod haben, welches Gold und Elfenbein einen Gebetsteppich rollt er ihn zusammen. Er be-
oder Silber und Ebenholz einheitlich für seinen Sinn tet nicht mehr. Er ist. Und wenn er eine Geste tut,
beansprucht. Wie lächerlich aber wirken diese Bron- wird er erschaffen, hineinschleudern in die Unend-
zestühle und Metallkränze aller unserer weißen lichkeit viele Millionen von Welten. Auf denen be-
Denkmale! Das Material, welches zur Farbe gera- ginnt das gleiche Spiel: reifere Wesen werden sich
dezu hindrängt, ist der Ton, und es ist seltsam, daß erst mehren und dann sich vereinsamen und nach
es auf diesem Gebiete unserer Zeit sogar an Versu- langem Kampfe endlich wieder einen erziehen, der
chen fehlt. Obwohl man weiß, daß die Griechen ih- alles in sich hat, einen Schöpfer von dieser Ewig-
re Statuen zu polychromieren pflegten, geht man keitsart, einen ganz Großen im Räume, einen mit
einer solchen Möglichkeit ängstlich aus dem Wege, den plastischen Gesten. So rankt sich jedes Ge-
im Gefühl, daß eine farbige Statue etwas Wachs- schlecht wie eine Kette von Gott zu Gott. Und je-
figurenhaftes hätte. Mit demselben Recht könnte der Gott ist die ganze Vergangenheit einer Welt,
man dem Bilde die Farbe streitig machen, aus ihr letzter Sinn, ihr einheitlicher Ausdruck und zu-

00 3
gebracht habe. Darum müssen junge Männer so Furcht, daß es einem Öldruck leicht anähneln
oft undankbar und unstet erscheinen, gerade die- dürfte.
sen zarten und opferfrohen Wesen gegenüber, wel-
che ihnen alles gegeben haben; diese Mädchen sind Freilich, man wird eben auch hier viel lernen müs-
Violinen mit einem einzigen Lied, und sie wissen sen, und mit der Farbe allein ist es nicht getan; man
nicht, wann es zu Ende war. wird den Eigentümlichkeiten des Materials nachge-
hen und seinen Willen, sogar seine Laune bis zu ei-
Deine Saiten sind reich; und wie weit ich auch ge- nem gewissen Grade erfüllen müssen. Man wird
hen mag – Du bist immer wieder vor mir. Meine wissen, ob beim Porträt Marmor oder Erz oder Ton
Kämpfe sind Dir längst Siege geworden, darum bin geeigneter ist, jemandes Persönlichkeit zu schildern.
ich manchmal so klein vor Dir; aber meine neuen Man wird ferner erwägen, wie nah oder wie fern
Siege gehören Dir mit, und mit ihnen darf ich Dich der Betreffende dem Leben war, und wird einen
beschenken. Ich bin über Italien auf weitem Weg Einsamen anders darstellen als den, der seine schön-
zu dem Gipfel gegangen, den dieses Buch bedeutet. sten Freuden in der Geselligkeit fand. Man wird zu
Du hast ihn [in] raschen Stunden erflogen und stan- überlegen haben, ob es sich um ein Zeugnis der Un-
dest, noch ehe ich ganz oben war, an seiner klar- sterblichkeit oder um ein für die Familie gedachtes
sten Spitze. Ich war hoch, aber noch inmitten von Bildnis handelt, und tausend Dinge mehr. Soll nun
Wolken; Du wartetest über ihnen im ewigen Glanz. vollends ein großes Denkmal errichtet werden, so
Empfange mich, Liebling. kommt in größerem Maße als sonst die dekorative
Aufgabe hinzu. Man wird den Platz als Ganzes –
Sei immer so vor mir, Du Liebe, Einzige, Heilige. das ist nun allerdings bei unseren Plätzen schwer
Laß uns zusammen aufwärts gehen, Du – so wie – auffassen und ihm in dem Denkmal, das man sei-
zum großen Stern hinauf, eines am anderen leh- ner Mitte anvertraut, eine Steigerung geben. Der
nend, eines im anderen ruhend. Und muß ich ir- Fremdling, der die Stadt besucht, soll stets den Ein-
gendwann den Arm von Deinen Schultern fallen druck gewinnen, als wäre der bedeutende Unsterb-
lassen für eine Weile, ich fürchte nichts: auf der liche immer da gewesen und die Häuser hätten sich
nächsten Höhe wirst Du lächelnd den Müden emp- nach und nach in ehrfurchtsvollem Kreise um ihn
fangen. Du bist nicht ein Ziel für mich, Du bist tau- versammelt.
send Ziele. Du bist alles, und ich weiß Dich in al-
lem; und ich bin alles und führe Dir alles zu bei Es ist doch interessant, bei solcher Gelegenheit über
meinem Dir-entgegen-Gehen. das Porträt und seine Stellung innerhalb der Kunst
nachzudenken. Da scheint auf den ersten Blick das
Ich muß nicht sagen: Verzeih! Denn ich bitte Dich subjektiv Geständnishafte, das mir den Rang jedes
in jedem Schweigen darum; ich muß nicht bitten: Werkes bestimmt, vor einer rein stofflich-objekti-
Vergiß! Denn wir wollen uns auch dieser Stunden ven Aufgabe geflohen zu sein. Die Vertiefung in die
erinnern, in denen ich von Dir wollte aus Scham; fremde Individualität scheint hier über dem eige-

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nen Klarwerden zu stehen und somit die ganze An- in seligen Siegen geholt hatte, als Almosen anzuneh-
schauung arg zu gefährden. Dies kommt zunächst men von Deiner unermüdlichen Güte. Ich hatte Dir
daher, daß durch die Eigenschaft des Porträts zum goldene Schalen gebracht, helle Gefäße der Fest-
Mittel des Erwerbes die Gesichtspunkte nach fal- lichkeit, und dann hatte ich Dich mit meiner Not
schen Richtungen hin sich verschoben haben und gezwungen, aus dem Edelgut kleine Münzen für
es schwer hält zu behaupten, daß das Publikum in das Bedürfnis des Alltags zu prägen und mir so das
diesem Sinne überflüssig sei, ebenso wie zu glau- Geschenk langsam zurückzuerstatten. Ich fühlte
ben, daß irgendein aufrichtiger Künstler das drin- mich dabei so erbärmlich und elend werden, daß
gende Bedürfnis hätte, sich einen Kommerzienrat ich den letzten eigenen Reichtum verlor oder fort-
oder einen Erzbischof ›einzugestehen‹. warf und in meiner Verzweiflung nur ungewiß
empfand, ich müsse fort aus dem Umkreis dieser
Faßt man die Sache etwas vorurteilsloser, so ergibt Güte, die mich erniedrigte.
sich, daß ein Kopf ebenso ein Vorwand werden Aber damals, gerade in dieser Erschütterung, wur-
kann zu gewissen letztpersönlichen Geständnissen de ich gewahr, daß, wenn ich überhaupt meine Er-
wie etwan eine Landschaft und daß ein irgendwie starrung abstreifen und in einem Entschluß mich
eigenartiges Gesicht mit seinen Tiefen und Heim- sammeln soll, jede meiner Taten, alle Bewegung in
lichkeiten und dem wechselnden Offenbaren und mir zu Dir hin will; da, als ich zum ersten Mal
Verbergen sicher kein engerer Raum ist als eine Mee- nach dieser stumpfen Trauer wieder an morgen
resstimmung oder ein Waldmotiv. Wer die gefor- denken mußte, als hinter Deiner Gestalt das Schick-
derte Ähnlichkeit als eine herrische Beschränkung sal stand und durch Deine entfremdete Stimme mir
auffaßt, mag immerhin bedenken, daß die Errei- die eherne Frage schickte: ›Was willst du tun?‹, da
chung derselben vom Künstler die Entfaltung einer war alles in mir wie eiserlöst; aus der Scholle sprang
Reihe subjektivster Eigenschaften geradezu ver- die Welle und warf sich mit aller Wucht dem Ufer
langt und daß schon in dem Umstände, nicht die hin – ohne Zögern und ohne Zweifel. Als Du mich
Augenblicksmiene eines Menschen, nicht sein Ge- nach der Zukunft fragtest und ich hilflos lag und
legenheitsgesicht und seiner Alltagsgesten eine, son- eine Nacht überwachte über dieser Bangigkeit, da
dern ein Mittel aus den Phasen seiner Persönlich- wußte ich, als ich Dich am Morgen wiederfand, daß
keit zuständlich zu machen, eine nur auf persön- Du die immer Neue, die immer Junge, das ewige
liche Art lösbare Aufgabe liegt. – Es ist etwas Ziel bist und daß es für mich eine Erfüllung gibt,
Selbstverständliches für den Künstler, allen Spuren welche alle umschließt: DIR entgegengehn.
und Ahnungen in einem Gesichte, das ihm als Mo-
tiv günstig naht, nachzuforschen, sie geduldig zu Wenn meine Geliebte ein armes, kleines Mädchen
untersuchen – oder sie (je nach der Art seines Schaf- wäre, dann hätte ich von ihr Abschied nehmen müs-
fens) mit einem Schlage wie in der Seele eines ein- sen für immer; diese hätte die Vergangenheit ge-
zigen Blitzes zu erkennen und zu besiegen; und liebt und meine jungen Rosen immer mit den ver-
wenn er sie als Grund zu irgendwelchen eigenen Ge- blaßten Bändern gebunden, die ich ihr im Mai einst

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te anzog? Ich fühlte mich immer lächerlicher wer- fühlsäußerungen benutzt, wird er ihre Eigenart
den in meiner Maskerade, und mir erwachte der – nicht nur in keinem Sinne gefährden, sondern so-
dunkle Wunsch, mich in ein tiefes Nirgendwo zu gar sie durchleuchten und erhöhen, gleichsam über
verkriechen. Scham, Scham war alles in mir. Jedes jeden Zweifel hinausheben. Denn es bleibt für das
Wiedersehen beschämte mich ja. Begreifst Du das? subjektive Geständnis nur da Raum, wo der Vor-
Immer sagte ich mir: ›Nichts kann ich Dir geben, wand in seiner ganzen Tiefe erfaßt und in allen sei-
gar nichts; mein Gold wird zu Kohle, wenn ich Dirs nen Hartnäckigkeiten besiegt ist. Und da ist mir,
reiche, und ich verarme dabei.‹ Einmal kam ich ja daß selbst das Meer in seiner Unendlichkeit kein
so arm zu Dir. Fast als Kind kam ich zu der rei- breiterer Rahmen ist für die Fülle des Gestehens
chen Frau. Und Du nahmst meine Seele in Deine als das Angesicht und die Gestalt des Menschen,
Arme und wiegtest sie. Das war gut. Damals küß- schon um der verwandteren und konzentrierteren
test Du mich auf die Stirne und mußtest Dich tief Mittel willen. Und wenn dem echten Künstler das
neigen dazu. Verstehst Du, daß ich an Dir auf- Gesicht allen Möglichkeiten seiner eigenen Empfin-
wuchs bis hin, wo es ein kurzer Weg wird von Dei- dung weit genug erscheint, kann es wohl solche ge-
nen Augen in meine Augen? Daß ich aber endlich, ben, welche das Porträt, als Kunstqualität betrach-
stammstark, mich zu Deinen Lippen neigen wollte, tet, wie ein Gedicht nach gegebenen Endreimen
ähnlich wie Deine Seele einst sich meiner Stirne auffassen und mit mehr oder weniger Technik die-
neigte? Nicht von Dir umschlungen wollte ich sein. se niedliche Spielerei befriedigen. Was dann aller-
Du solltest Dich an mich lehnen können, wenn Du dings gut genug ist, um nach Größe und Buntheit
müde bist. Nicht Deinen Trost wollte ich fühlen, bezahlt zu werden.
sondern die Macht hätte ich in mir wissen mögen,
Dich zu trösten, solltest Du je dessen bedürfen. Das Recht, dann über Ähnlichkeit oder Unähnlich-
Nicht die Erinnerung an die Berliner Wintertage keit zu urteilen, steht eigentlich nur bei der Photo-
wollte ich in Dir finden, Du solltest mehr denn je graphie jemandem zu. Künstlerisch gemeinte Ähn-
meine Zukunft sein, seit ich den Glauben hatte lichkeit verhält sich zur Erscheinung eines Men-
zum Glück und das Vertrauen zur Erfüllung. Und schen, wie sich die Ekstase zur Ermattung verhält.
inzwischen sagte Dir dieses Buch, was mir unten ge-
schah, und Du durchlebtest es wie einen tiefen Ist Botticelli in seinen Porträts etwan ein Demüti-
Traum und wurdest die Zukunft. Aber da glaubte gerer oder auf sich selbst Verzichtender? Der Vor-
ich nicht mehr an sie. Ich war blind und bitter, wurf ist ihm kein anderer wie seine Madonna und
hilflos und häßlicher Gedanken voll und tagaus, seine Venus. Er bewältigt ihn, um darüberhin zu
tagein von der Angst gequält: Du könntest jetzt sich zu kommen.
beginnen, mich mit dem Reichtum, den ich Dir ge-
bracht und den Du so schnell zu Deinem Besitz er- Vielleicht ist das Lenbachs bester Ruhm, daß er al-
hobst, zurückzubeschenken, und ich fühlte in den len seinen Köpfen die Namen nimmt, und lägen
besten Stunden, wie ich schon begann, das, was ich noch so schwere Kronen darauf, – und sie alle ein-

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fach zu Lenbachs macht. Was denn in diesem Fall nur, daß Du geduldig meine zahllosen kleinen Kla-
nicht für alle eine Steigerung bedeuten mag. Aber gen angehört hast, und bemerkte mit einem Mal,
an Tizian denke man oder an Giorgione oder end- daß ich wieder klagte und Du wieder anhörtest, wie
lich an irgendeinen der besten Gegenwärtigen. früher. Das beschämte mich so sehr, daß es mich
fast verbitterte. Es paßte so gut zu den Prager Men-
Daß mancher Künstler das Porträt, abgesehen von schen, welche das ganze Leben lang ihre eigene Ver-
den drangehängten Vorurteilen, als Beschränkung gangenheit leben. Wie Leichen sind sie, welche
empfindet, mag daran liegen, daß seine Zeitgenos- nicht Frieden finden und deshalb in heimlicher
sen ihm enge sind. In allen anderen Motiven emp- Nacht immer wieder ihr Sterben leben und über
findet er die Ewigkeiten. Aus ihren Gesichtern die harten Grüfte hin aneinander vorübergehen. Sie
aber sieht ihn nüchtern das Heute durch ängstliche haben nichts mehr; das Lächeln welkte auf ihren
Grenzen an. So geht es, glaub ich, Böcklin. Lippen, und die Augen trieben mit dem letzten
Weinen wie auf abendlichen Flüssen hin. Aller
Die im Quattrocento hatten diese Befürchtung Fortschritt in ihnen ist nur, daß ihr Sarg zermorscht
nicht haben müssen. Sah ihnen gleichwohl ihre Zeit und ihre Gewänder zerfallen und sie selbst immer
aus allen diesen Zügen entgegen, es war mehr mürber und müder werden und ihre Finger verlie-
Ewigkeit in ihrer Zeit. Man erstaunt förmlich: so ren wie alte Erinnerungen. Und davon erzählen sie
viel Raum für Sonne war auf diesen Stirnen. sich mit den lang verstorbenen Stimmen: so sind die
Menschen in Prag.
Man mochte sich gewiß gerne sehen; aber man zog
es vor, sich malen zu lassen, mit und neben ande- Nun kam ich zu Dir voll Zukunft. Und aus Gewohn-
ren. Die Statue war eine Isolierung. Und im Bilde heit begannen wir unsere Vergangenheit zu leben.
hatte man immer gleich seine ganze Zeit mit, ei- Wie konnte ich merken, daß Du frei und festlich
nen goldenen Hintergrund, der wie ein eigener wurdest bei dem Vertrauen dieses Buches, da ich
Reichtum wirkte. Man liebte diese Zeit und wollte, DICH nicht sah, sondern nur Deine Nachsicht und
jeder soll wissen, daß man ihrer Kräfte Kind war. Milde und das Bestreben, mir Mut und Freudigkeit
zu geben. Mich konnte in diesem Augenblick
Da stellte man irgendeine Architekur hinter sich nichts mehr empören als dies. Ich haßte Dich wie
auf, eine helle Halle, einen stolzen Turm, einen trot- etwas zu Großes. Ich wollte diesmal der Reiche, der
zigen Wall. Man vergaß auch des Gartens nie. Wie Schenkende sein, der Ladende, der Herr, und Du
im Grabe wollte man mit seinen Lieblingsdingen solltest kommen und, von meiner Sorgfalt und Lie-
beisammen sein. be gelenkt, Dich ergehen in meiner Gastlichkeit.
Und nun Dir gegenüber war ich wieder nur der
Und selbst zu einer Zeit, da man von Perspektive kleinste Bettler an der letzten Schwelle Deines We-
schon manches wußte, malte man unbekümmert sens, das auf so breiten und sicheren Säulen ruht.
nebeneinander Menschen und Türme und Häuser Was half es, daß ich meine gewohnten Festtagswor-

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Leid irgendwo in der brennenden Hölle glaubt? in gleicher Höhe. »O,« sagen die guten Leute da-
Glanz und Dunkel, Liebe und Haß, Sehnsucht und vor, »diese kleinen Türme!« Weshalb sie nicht be-
Verzweiflung, Erfüllung und Ewigkeit, Zorn und wundernd: ›O, diese großen Menschen!‹ sagen!
Zagheit – das alles gehört ihr nicht zu. Sie liegt arm
und farblos mittendrin und hat eine einzige Däm- Die Plastik blieb dem Porträt damals ziemlich fern,
merung über Nacht und Tag. zunächst wegen ihrer Bevorzugung des Nackten an
sich, wegen ihrer vorzüglich dekorativen Absicht
Zoppot, am 6. Juli 898 vielleicht. Und dann: inmitten der Zeit und des Le-
Hier am Rande eines kühleren Meeres beende ich bens möchte man so manchen den Nachfahren zei-
dieses Buch, welches ich mehr als dreimal verleug- gen, der in diesem Rahmen edel und würdig war.
net habe; denn viel Angst und Armut liegt zwi- In dem dauerhaften Stein, in dieser weißen, zeit-
schen damals und heute: Tage wie flache Landstra- losen Einsamkeit wollte man nur die Ewigkeitsrei-
ßen, an denen arme, kahle Kastanien stehen, fen darstellen. Und da das Stehen eine Sitte des
Gedanken wie endlose Dörfer an ihnen mit stump- Lebens ist und sich in diesen engen Tagen wohl er-
fen, stillen Stirnen und verregneten Fenstern. Das trägt, für das Grenzenlose aber ganz gewiß eine zu
alles hat noch kommen müssen, und nicht, daß es profane Haltung wäre, wählte man diesen Gestal-
kam, machte mich so, sondern daß es jetzt geschah, ten eine feierliche Ruhe. Das leichte Gelöstsein
im Augenblicke, als ich nichts wünschte, als Dir viel dieser Glieder läßt nur eine Empfindung von friedli-
Festlichkeit unversehrt und heilig zu bringen und chem Rasten und keinen Gedanken an ein Müde-
Dich mit ihr zu umgeben wie mit einer bilderdunk- werden infolge der Stellung im Beschauer aufkom-
len Nische. Aber ich war wie das Kind, das dem men. Aber auch kein ohnmächtiger Verfall betont
todkranken Schwesterchen zuliebe aus dem verlo- irgendwie den körperlichen Tod; es ist eine stillen-
renen Gehöft durch Nacht und Not zur Stadt läuft, de, stehende Kraft in dieser tiefen Reglosigkeit, die
die Arzenei zu holen, und im lichten Morgen, von am besten den Eindruck der Ewigkeit vermittelt.
kindischen Spielen verführt, den eigentlichen Sinn
des Weges vergißt und heiter ohne die ersehnte Hil- Von solchem Sinne sind die herrlichen Renaissance-
fe heimkehrt … Diese Heiterkeit wird ein Weinen denkmäler der Bischöfe und Fürsten und Staats-
werden, und eine Verzweiflung steht hinter ihr: so männer: die von Settignano und Roselino in Santa
geschah mir. Croce und das Hauptwerk des Roselino in San Mi-
Dazu kam: die Umstände, unter denen wir uns zu- niato al Monte, welche für eine weite Reihe italie-
erst wiedersahen, brachten mit sich, daß ich an Dir nischer Grabmäler vorbildlich blieben.
nur das und jenes aus dem Gestern sah; Vergange-
nes, Überwundenes, Enges, was uns gemeinsames Das ist kein Zufall; denn der Ernst und die Weihe,
Leid gewesen, drängte sich früher an mich heran welche durch vornehme Einfachheit von Material,
als die Erinnerung an unser einsames Glück, das Profilierung und Ornament erreicht wurden, sind
zeitlos und an kein Einst gebunden ist. Ich wußte unübertrefflich und mußten so lange dem höchsten

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Bedürfnis entsprechen, als man von einem Grab- chen wollen über dieses versöhnte Ende hinaus.
mal Versöhnung und hoffnungsreiche, hohe Hei- Aber das Verhältnis der Gotik ist auch in der großen
terkeit, nicht Mystik, Sentimentalität und schmerz- Architektur so. Sie ist der Gast, der den Sitten und
hafte Verzerrung wollte. Sagen des sonnigen Landes sich fügen muß, und
wo sie ihr ganzes Wesen rücksichtslos ausstrecken
Unsere Zeit konnte sich nicht ärger ins Gesicht und zeigen will, da entsteht hoch oben in den Ge-
schlagen, als indem sie neben diese Todesstätten, wölben, an den Kapitellen und die Gesimse entlang
welche wie Schlußsteine vornehmer, reifer Lebens- ein wahrer Kampf, in dem die gesunde und stolze
auffassungen sind, ihre marmornen Phrasen setzte Kraft der Renaissancegedanken mühlos lächelnd
und es wagte, Dante mit denselben feiern zu wol- obsiegt.
len!
Ja, es ist ganz drollig, diese vielen gebändigten
Alle Furcht des Todes fällt einem ab diesen Grab- Spitzbogen und die verängstigten Türmchen zu se-
mälern gegenüber. Überhaupt erscheint der Erb- hen, die wie Schauspieler sind, welche inmitten ihrer
feind überwunden, wo ihn das Leben so naiv und Rolle stecken bleiben. Eine große Hilflosigkeit über-
schlicht (…) mit aller seiner Liebe und Lichtheit kam sie. Mit einem Male haben sie keine Beweise
feiern kommt. Er ist wie durch Großmut beschämt mehr für die Himmel, die sie verkünden sollten,
und legt seine harten Hände verzichtend in die sei- und stehen in knabenhafter Verlegenheit vor dem
nes Besiegers. Und sagt: Meine Macht sei fortab reifen, mitleidigen Verzeihen dieser marmorklaren
dein. Es ist die einzige, die du noch nicht besitzest. Erdengedanken.
Übe du auch diese Gewalt; denn da du schaffst und
baust, kannst auch nur du wissen, was müde und Was sollte eine Zeit mit Verheißungen tun, deren
hinfällig ist und des Endes bedarf. alle Wünsche sich täglich erfüllten? Sie hatte die
Himmel aus sich gehoben und getan, daß Sehnsucht
Diese Versöhnung gipfelt in dem ruhigen Rund, und Seligkeit nur wie Dinge waren neben den ande-
welches die schlafende Marmorgestalt schützend ren Dingen, nur wie Farben neben den vielen Far-
und abschließend überwölbt und ihren weißen Frie- ben, nur Klänge, nachbarlich in den Hymnen ih-
den noch feierlicher und einsamer macht. Diese rer Festlichkeit; und indem sie alle Macht bezwang
Menschen wurden nicht vom Tode besiegt, und kei- und keine Freude oder Erfüllung jenseits ihrer ei-
ne Spur von Widerstand, keine Erinnerung an genen Schranken übrig ließ, wurde sie so weit, daß
Kampf macht die Falten ihres Gewandes hart oder sie grenzenlos schien, und die Herrlichkeiten in ihr
verdunkelt ihre Stirnen. wurden tiefer und heiliger dadurch, daß sie sie alle
mit warmer Liebe in den Armen hielt.
Selten treten gotische Elemente bei diesen Gräber-
stätten auf: irgendwelche vorlaute Türmchen oder Was bleibt einer Zeit, welche die reinste Glückse-
phrasenhafte Bogen, welche Versprechungen ma- ligkeit in den zeitlosen Himmeln und das blutigste

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Nachwort

Das Florenzer Tagebuch unterscheidet sich im Stil


beträchtlich von seinen Nachfolgern aus der Früh-
zeit, dem Schmargendorfer und dem Worpsweder
Tagebuch, denn es stellt wesentlich eine Sammlung
von Einzelniederschriften über Florentiner Kunst
und ihre Wirkung auf Rilke dar, während die fol-
genden Tagebücher Erlebnis auf Zeichnungen, Ge-
dichte und Prosawerke in bunter Folge enthalten.
Diese Verschiedenheit ist aber rein äußerlich be-
gründet in der Vielfalt der Eindrücke, die in Flo-
renz und in der Erinnerung daran in Viareggio auf
Rilke so stark wirkten, während er in Worpswede
und Schmargendorf viel mehr unter der Einheit
eines Eindruckes in seinem nacheinander folgenden
Ablauf – dem Eindruck der nordischen Landschaft
und ihrer Künstler – stand. Hinzukommen mag
auch, daß das Florenzer Tagebuch als ein Reisebe-
richt für Lou Andreas-Salome geschrieben wurde,
dagegen die anderen Aufzeichnungen sein persön-
lichstes Eigentum sind. So ist auch hier Entwick-
lung zu sehen, die von außen nach innen verläuft,
vom Aphorismus zur Erlebnisniederschrift.
Die Daten sind nur spärlich gegeben, so daß es nö-
tig ist, die Tagebücher durch eine Zeittafel zu glie-
dern. Das in weißes Kunstleder mit eingeprägten
Florentiner Lilien gebundene Florenzer Tagebuch
beginnt mit dem Gedicht ›Aus unserm winterlieben
Gelände bin ich fern in den Frühling verbannt …‹
vom 5. April 898 in Florenz, ist aber nur zum
geringsten Teil in Florenz niedergeschrieben. Mit
der Eintragung ›Ich habe jeden Tag den guten
Willen gehabt, in meinen Aufzeichnungen fortzu-
fahren …‹ (Seite 28) beginnen die Niederschriften
in Viareggio, wo Rilke zwischen dem 6. und .

5
Mai 898 eintraf, was auch aus dem Text – ›Ich
denke so still über das Ligurische Meer hin‹ – her-
vorgeht. Ende Mai bis Anfang Juni fuhr er über
Prag, Berlin-Wilmersdorf nach Zoppot, wo die Ein-
tragungen am 6. Juli fortgesetzt werden.
Wenn man nun versucht, die Tagebuchaufzeich-
nungen in sein Werk einzuordnen, geht es einem
ähnlich wie mit seinen Briefen. Wie dort vieles Ne-
bensächliche neben zum Werk gereifter Prosa steht,
so findet man in den Tagebüchern Gedichte, man
möchte sagen: von Gelegenheitswert, und Prosa-
stücke wie ›Frau Blahas Magd‹, die uns heute we-
niger wertvoll erscheinen, neben ausgereiften Nie-
derschriften, die nach Form und innerem Wert ohne
weiteres zum Werk zu rechnen sind. Es geht nicht
an, die Tagebücher in Auszügen zu veröffentlichen,
denn das Erlebnis des einen Tages setzt sich fort
im anderen, und so muß auch das minder wichtig
Scheinende seinen Platz behalten, den ihm Rilke
angewiesen hat. In diesem Sinne sind die Tagebuch-
aufzeichnungen wie die Briefe ein Werk neben dem
eigentlichen Werk, und so hat ihre Veröffentlichung
in der vorliegenden Form ihre Berechtigung.
Die Herausgeber