Sie sind auf Seite 1von 4

440 Literatur

de faire le même; Nr. 38: In potestate Maumetham Bassa (Mehmet Pasha?);


Nr. 45: Francisca effugit in Nicosia ex manus (aie) turcarum; Nr. 55: In potestate
Basila qui in regno Cipro prefectus (Mustapha Paglia?); Nr. 99: Joannes:
Jean participa ,viriliter' à la défense de Famagouste; Nr. 121: Nicolaus est libre
et doit rembourser la rançon payée par ,quidam civis Marsiliensis' ; Nr. 158:
Joannetus linguam nostram idioma noscit; Nr. 163: Hieronymus Cornelius:
Cornelius est le nom latinisé des Cornato (!) ; Nr. 219 : Florentia est nobilis et linguam
nostram piene noscit; Nr. 265 : In potestate Mustapha Oiasir; Nr. 267 : Ezechiel
per XIX annos in vinevlis triremibus atrociter detinetur; Nr. 290: Maurodus
fut libéré ,ad occasionem triremium turcarum a triremibus neapolitanis captorum\
Es folgen 16 weitere ähnliche Tableaux, deren Darstellung wir hier über-
gehen müssen. Ein alphabetisches Personenregister (Namen von Sklaven u n d
von betroffenen Familien) macht den Schluß. Es ist demographisch wie genea-
logisch in gleicher Weise interessant, gewiß ein Hauptanliegen des Verfassers
von der Sicht seines Faches (S. 469). In seiner Conclusion betont der Verfasser
mit Recht, daß die litterae hortatoriae einseitig die Schicksale der Oberschicht
widerspiegeln — „und die Armen sieht man nicht": le sort des milliers d'autres
captifs, démunis de moyens, de parents et de relations, refusant de s'affranchir en
abandonnant leur foi, dépendant uniquement du bon plaisir de leurs maîtres
(S. 450). — Ein wertvolles Buch, das reiches wissenschaftliches Neuland er-
schließt.

Frankfurt/Main Adalbert Erler

R e g i n a G ö r n e r , Raubritter. Untersuchungen zur Lage des spätmittelalterlichen


Niederadels, besonders im südlichen Westfalen ( = Geschichtliche Arbeiten
zur Westfälischen Landesforschung 18 = Veröffentlichungen der Historischen
Kommission für Westfalen 22). Aschendorff, Münster/Westfalen 1987. IX,
349 S.

Am kürzesten könnte man die Thematik des vorliegenden Buches dadurch


skizzieren, daß man hinter das Wort des Haupttitels ein Fragezeichen setzt.
Denn neben dem historischen Phänomen des Raubritters interessiert sich
die Verfasserin insbesondere für dieses Wort und die mit ihm verbundene histo-
rische Sichtweise. Dies erklärt auch den Aufbau ihres Buches, das sich zunächst
mit dem herrschenden Erklärungsmuster und dann erst mit dem Phänomen
selbst auseinandersetzt. Die zu Anfang getroffene Feststellung, daß der Begriff
des Raubritters als Stichwort in einschlägigen Handwörterbüchern fehlt (S. 1),
ist mittlerweile aufgrund eines entsprechenden Artikels im Handwörterbuch
zur Deutschen Rechtsgeschichte aus der Feder A d a l b e r t E r l e r s überholt.
Keineswegs überholt ist dagegen die Auseinandersetzung mit der von der Ver-
fasserin als Dekadenztheorie bezeichneten Auffassung, die im Raubrittertum
eine Verfallserscheinung des niederen Adels sieht, der, vom modernen Territorial-
staat bedroht, im Militärwesen funktionslos und wirtschaftlich verarmt, sich
seinen Lebensunterhalt durch kriminelle Gewalttaten verdient. Im ersten
Teil der Arbeit wird dieses Erklärungsmuster anhand der wirtschaftlichen
und sozialen Lage des niederen westfälischen Adels im 14. und 15. Jahrhun-
Bereitgestellt von | Universitaetsbibliothek Leipzig
Angemeldet
Heruntergeladen am | 26.09.19 05:54
Literatur 441

dert einer Überprüfung unterzogen. Schon die vielfältigen potentiellen Ein-


nahmequellen aus Grundbesitz, Burglehen, Kirchenpfründen und Erbschaf-
ten (letztere führten aufgrund einer Dezimierung des Adels in dieser Zeit
zu einer relativen Vermehrung) sowie Einkünfte aus Diensten bei Fürsten,
auch militärischen (hier mehr durch einträgliche Lösegelder als durch den meist
unsicheren Sold), aber auch aus Kapitalgeschäften, insbesondere aus Verpfän-
dungen, lassen Zweifel an der Verarmung weiter Teile der Ritterschaft auf-
kommen. Beispielhaft weist die Verfasserin nach, daß die erwähnten Ge-
schäfte gute Verdienstmöglichkeiten boten und daß sie jeweils von einer ganzen
Reihe von westfälischen Adelsfamilien genutzt wurden. Dies wird in einem An-
hang in sieben Tabellen dokumentiert. Neben dem finanziellen Vorteil boten
sich dem niederen Adel auch politische Einflußmöglichkeiten. Insbesondere die
Inpfandnahme von Ämtern barg neben der Aussicht auf einen stattlichen
Profit auch ein politisches Betätigungsfeld. Wie die sehr interessante Aus-
wertung westfälischer Amtsbriefe ergibt, waren die Drosten in ihrer Amts-
verwaltung, die Angelegenheiten der Rechtspflege, der Polizei, des Militärs,
ferner Finanz- und Landfriedenssachen umfaßte, weitgehend unabhängig
von den Territorialherren. Die Geldnot der Fürsten und das Fehlen eines
Verwaltungsapparates ließen die Amtmänner zu einem entscheidenden Pfeiler
des Territorialstaates werden, auch wenn es vielleicht etwas zu weit geht, ein-
seitig die Abhängigkeit der Fürsten von ihnen zu betonen; denn die Verpfän-
dungen konnten zumindest teilweise auch von den Landesherren zu ihrer
Machterweiterung genutzt werden. Die häufige Besetzung der Ämter mit Mit-
gliedern westfälischer Adelsfamilien zu dieser Zeit läßt aber auf jeden Fall
den Schluß zu, daß die These von der politischen Bedeutungslosigkeit der
Ritterschaft für Westfalen jedenfalls nicht zutrifft.

Auch wenn die vorliegende Arbeit wegen der letztlich unmöglichen repräsen-
tativen quantitativen Analyse ein vollständiges Bild nicht zu geben vermag,
hat sie doch so viel Material gründlich verarbeitet, daß die Annahme einer
allgemeinen Krise des niederen Adels im Spätmittelalter zweifelhaft erscheint.
Der zweite Teil der Dissertation G ö r n e r s beschäftigt sich mit den Taten,
die dem Raubrittertum zur Last gelegt wurden. Hier geht es der Verfasserin
vor allem darum, dem Phänomen des Raubritters etwas von seiner verschwomme-
nen Mystifizierung zu nehmen. Sie legt dar, daß die verschiedenen Formen
der unbestreitbaren Gewalttaten zu einem großen Teil nicht von kriminellen
Berufsverbrechern begangen wurden, sondern vielfach von Personen, die ihr
gutes Recht durchzusetzen suchten, nämlich im Rahmen einer privaten Fehde,
oder von Amts wegen, weil sie zu gewaltsamer Vollstreckung berufen waren.
Daß in beiden Fällen die davon betroffenen Zeitgenossen laut protestierten
und die Handlungen als Raub titulierten, ist nur zu verständlich, da die Fehde
schon ihre Anerkennung in den entsprechenden Bevölkerungskreisen ein-
gebüßt hatte und die von den Amtmännern wahrgenommenen Aufgaben im
Rahmen des Territorialstaates sich erst noch legitimieren mußten. Über die
Rechtswidrigkeit der jeweiligen Handlungen können die vielfältigen Klagen
jedenfalls nichts aussagen. Allerdings sind auch vielfache Übergriffe der Drosten
überliefert, die mit einer geregelten Amtsführung nicht in Einklang stehen
und ausschließlich der privaten Bereicherung dienten. Aber dies sind doch
Bereitgestellt von | Universitaetsbibliothek Leipzig
Angemeldet
Heruntergeladen am | 26.09.19 05:54
442 Literatur

Taten einer privilegierten, nicht einer verdrängten Schicht. Das ist auch der
Grund für die recht seltene Ahndung der Taten im Rahmen eines Strafprozesses
mit peinlichen Strafen. Die Drosten waren nur sehr schwer zu belangen, und
bei den Fehdehandlungen war die Grenze zwischen Recht und Unrecht kaum
zu ziehen. Auch die vielen Gewalttaten im Rahmen von Grenzstreitigkeiten
dürften sich wegen ihres politischen Charakters einer strafrechtlichen Sanktion
weitgehend entzogen haben.
Das von der Verfasserin für Westfalen erarbeitete Bild erlaubt die von ihr
vorsichtig gezogene Schlußfolgerung, daß die nicht geringe Zahl an Gewalttaten,
die im 14. und 15. Jh. von westfälischen Rittern begangen wurden, nur zu einem
Teil als Raub strafbar gewesen sein dürften, überwiegend nicht bestraft wurden
und jedenfalls nur zu einem geringen Teil auf das Konto einer verarmten, um
ihre Existenz ringenden Schicht ging. Daß es in Einzelfällen auch den „klassi-
schen Raubritter" gegeben hat, will sie nicht leugnen. Diese Ausgewogenheit
des Urteils macht es leicht, die Arbeit als einen gelungenen Beitrag zu einem
wichtigen Problem des Spätmittelalters zu bezeichnen. Lediglich in der Aus-
einandersetzung mit der älteren Ansicht wählt die Verfasserin einige Formu-
lierungen, die etwas zu weit in die entgegengesetzte Richtung gehen, so wenn
sie — einer modernen Tendenz folgend — den Rechtscharakter der Fehde
überbetont (im Kapitel über „Friede und Fehde") ; nur so kann sie zu der Ansicht
gelangen, vor O t t o B r u n n e r seien ernsthafte Versuche, die Fehde als Rechts-
institut zu verstehen, nicht gemacht worden. Unbestreitbar ist zwar, daß Brunner
die Zugehörigkeit der Fehde zum mittelalterlichen Staatsleben als eines seiner
wesentlichen Elemente herausgearbeitet hat, doch ist ihr Rechtscharakter schon
früher gesehen worden, wenn auch die frühere Deutung als Abspaltung der
Friedlosigkeit heute überholt ist. Ein ähnliches Problem ist es, wenn bei den
die Fehde einschränkenden Landfrieden fast nur deren Einungscharakter
hervorgehoben wird (S. 170); den angeführten Beispielen von Landfrieden
lassen sich andere gegenüberstellen, die sich wie Strafgesetzbücher lesen und
deren Gesetzeswirkung, die auch von der Verfasserin an anderer Stelle erwähnt
wird, unbestreitbar ist. Daß die Strafandrohungen in der Praxis nicht zum
Erfolg führten, wird von der Verfasserin zu recht herausgestellt, doch geht
es vielleicht zu weit, von der Unmöglichkeit eines absoluten Fehdeverbotes
auf die Stabilität der Vorstellungen von der Erlaubtheit der Fehde zu schließen.
Natürlich haben die Klagen der betroffenen Zeitgenossen nur einen begrenzten
Aussagewert im Hinblick auf die Rechtmäßigkeit der Fehdehandlung, aber
das Gleiche gilt auch für die fortdauernde Praxis. Weder läßt sich in dieser
Zeit eine Trennungslinie zwischen rechter und Unrechter Fehde ziehen (so
auch Görner S. 168), noch zwischen Fortdauern eines Rechtsinstituts und
Beginn des Raubrittertums. In Phasen des Übergangs wie der des Spätmittel-
alters zeigt sich die Problematik, moderne juristische Kategorien auf vergangene
Sachverhalte zu übertragen: Sowohl die Bewertung aus heutiger Sicht, wie es
die Literatur des 19. Jhs. vielfach getan hat, als auch die Übertragung einer
Rechtsidee aus früheren Zeiten erscheint methodisch unzureichend. Wahr-
scheinlich muß man das Phänomen in seiner Ambivalenz ohne eine Etikettierung
stehen lassen, was ja letztlich auch die Verfasserin tut.
Zur Stellung der Ritterschaft würde ich mich nicht scheuen, von einem
Bereitgestellt von | Universitaetsbibliothek Leipzig
Angemeldet
Heruntergeladen am | 26.09.19 05:54
Literatur 443

Funktionsverlust zu reden, da diese mit ihren hochmittelalterlichen Aufgaben


insoweit ihre Bedeutung verloren hat. Ein wesentliches Verdienst der vor-
liegenden Arbeit besteht jedoch darin, aufgezeigt zu haben, daß dieser Verlust
in Westfalen — vielleicht nicht in gleicher Weise überall — dadurch kompensiert
werden konnte, daß der niedere Adel neue Aufgaben im sich festigenden Terri-
torialstaat wahrnahm. Deshalb könnte man vielleicht von einem Funktions-
austausch reden.

Münster/Westfalen Andreas Roth

G ü n t e r J e r o u s c h e k , Lebensschutz und Lebensbeginn. Kulturgeschichte


des Abtreibungsverbots ( = Medizin in Recht und Ethik 17). Enke, Stuttgart
1988. 331 S.

Die strafrechtliche Regelung der Abtreibung gehört unter allen kriminal-


politischen Problemen zu denen, die in den letzten Jahrzehnten nicht nur in
Deutschland, sondern international, und nicht nur in der juristischen Fachwelt,
sondern weit darüber hinaus besonders leidenschaftlich und kontrovers disku-
tiert worden sind. Um so erstaunlicher will es scheinen, daß eine umfassende
strafrechtshistorische Darstellung des Themas bisher fehlte. Doch ist diese
Lücke nunmehr durch das hier zu besprechende Buch von G ü n t e r J e r o u s c h e k
auf ausgezeichnete Weise gefüllt worden. Mit Recht trägt sein Buch den
Untertitel „Kulturgeschichte des Abtreibungsverbots", weil es sich hier um
ein Thema handelt, das sich nicht auf die Rechtsgeschichte im engeren Sinne
beschränkt, sondern, wenn irgendwo so hier, die rechtliche Normierung nur
in ihrem theologischen, medizinhistorischen, ethischen und sozialgeschichtlichen
Kontext gesehen werden kann. War dies wohl der Grund, warum sich bisher
niemand an das Thema herangetraut hatte — der Rezensent jedenfalls muß
dies von sich selbst bekennen —, so verdienen der Mut, der Fleiß und die um-
fassenden historischen Kenntnisse, mit denen der junge Verfasser, ein Schüler
K r o e s c h e l l s , seine schwierige und vielseitige Aufgabe so vorzüglich bewältigt
hat, besondere Hervorhebung.
Jerouschek hat das Thema überall auf der Grundlage der primären Quellen be-
arbeitet, obwohl natürlich die Sekundärliteratur, soweit sie etwa für einzelne
historische Perioden vorliegt, benutzt und verarbeitet worden ist. Gelegentlich
hat sein umfassendes rechtshistorisches Wissen den Verfasser dazu verleitet,
zu mehr am Rande liegenden aktuellen strafrechtshistorischen Themen ab-
zuschweifen (ζ. B. Entstehung der Folter und des Inquisitionsprozesses, Hexen-
prozeßproblematik), aber ich kann nicht sagen, daß mich solche Abschweifungen
bei der Lektüre gestört hätten, zumal der Verfasser auch dort seine Kenntnisse
und sein treffendes Urteil in streitigen Fragen beweist.
Bedauerlich ist dagegen, daß dieses Werk, zwar eine Dissertation, aber doch
weit mehr als das, nämlich eine wissenschaftliche Monographie über ein sehr
aktuelles Thema von besonderem Rang, nicht in einem seiner inhaltlichen
Qualität angemessenen Druck erscheinen konnte. Die Schreibmaschinenschrift,
die als Druckvorlage verwendet wurde, macht die Lektüre mühevoll und muß
der Verbreitung, zumal auch im Ausland, nachteilig sein. Hier liegt offenbar
Bereitgestellt von | Universitaetsbibliothek Leipzig
Angemeldet
Heruntergeladen am | 26.09.19 05:54