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Ingrid Straube

Verordnete
UNMÜNDIGST

ein-FflCH-verlog
Ingrid Straube

Verordnete Unmündigkeit

Essays zur Philosophiekritik


aus feministischer Sicht

ein-FACH-verlag
B ibliografische In fo rm atio n D er D eutschen B ibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
D eutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

© C opyright 2003
by ein-FA CH-verlag, Aachen
Druck und Einband: Inprint
Umschlagentwurf: Ursula I. Meyer
Printed in Germany

ISBN 3-928089-35-8
Es ist nicht die Zeit, die hetzt
Du sagst, Du hast keine Zeit.
Ich verstehe.
Du hast fü r m ich keine Zeit.

„D ie Zeit ist ein wunderlich D ing“ singt die H erzogin in M ozarts


Oper D ie Zauberflöte und drückt ihre Irritation über ein Phäno­
m en aus, über das sich Dichter, Philosophen und N aturw issen­
schaftler lange den K opf zerbrochen haben. F ür den K irchenva­
ter A ugustinus ist die Zeit ein ew iges Rätsel. Nach dem B egriff
„Zeit“ gefragt, antw ortet er: „W enn mich niem and danach fragt,
w eiß ich es, will ich es einem Fragenden erklären, w eiß ich es
nicht.“ Die M ystifikation der Zeit und Zeitlichkeit hatte späte­
stens m it Charlie C haplins Film M oderne Zeiten ein Ende.
Im Industriezeitalter wurde die Zeit zu einem effektiven Instru­
m ent der U nterdrückung und A usbeutung von M ännern und
Frauen. In der N onstopp-G esellschaft des 21. Jahrhunderts ist die
Z eit zu dem exklusiven Gut, zu einer kostbaren, knappen Ware
gew orden, der alle hinterherhetzen. Die Zeit beherrscht jeden all­
täglichen Lebensbereich, niem and kann ihrem D iktat entkom ­
men. Die häufigsten Antworten, die wir hören, wenn es um Zeit
geht, drücken sow ohl das B edauern über das Vergehende aus, als
auch das G etriebensein. „Ich habe keine Zeit / Die Zeit w ar zu
kurz / Wo ist die Z eit geblieben? / Was, schon w ieder ein M onat,
ein Jahr vorbei?“
Von der Z eit gehetzt, jag t der m oderne M ensch nach Zeit. W ir
haben die Vorstellung des gestressten M anagers, des rasenden
Reporters, des Athleten, für den alles von einer 1.OOOstel Sekun­
de abhängt. Frauen w erden in der Ö ffentlichkeit w eniger mit der
Jagd nach Zeit in Verbindung gebracht. Da gibt es die M utter, die
gem ächlich den K inderw agen schiebt, die unausgefüllte Frau, die
sich auf der Beauty-Farm tum m elt, und es gibt die vielen nicht
aussterbenden W itze über die ew ig klatschenden M arktweiber.
Die B ilder täuschen. Die sim ple Frage: „W ie spät ist es?“ kann
eine Frau in P anik versetzen und eine Law ine von Schuldge­
fühlen wachrufen. Die Zeitknappheit, unter der Frauen stehen
und an der sie leiden, w ird nicht w ahrgenom m en, da M änner die
jederzeitige V erfügbarkeit von Frauen als „natürlich“ vorausset­
zen. Es ist also nicht die Zeit, die drängt, hetzt und N ervenzu­
sam m enbrüche verursacht; es sind konkrete Personen, Institutio­
nen, O rganisationen und deren Strukturen sowie hausgem achte
Sachzwänge, die uns unter D ruck setzen. W enn wir an Zeit den­
ken, ist es nützlich zu fragen: „Was passiert?“ In welchem Z u­
sam m enhang steht ein Ereignis m it anderen, w elche Personen
sind an dem G eschehen beteiligt, w elche Beziehungen bestehen
unter ihnen, w elche Abhängigkeiten gibt es, wie verläuft die
Klassen- und G eschlechterhierarchie und w elcher Zw eck wird
verfolgt?

a) Die E ntstehung der Zeit


Die heutige C om puter-G eneration w ird durch Zeit bestim m t und
strukturiert, sie ist die aufdringlichste R ealität des Alltags, mit
der jed e/r leben muss. Die M etaphysiker, die sich um die Zeit in
der W irklichkeit keine G edanken machen, küm m ern sich nur um
den B egriff „Zeit“ als Idee, die sie ergründen wollen. M it ihren
Denkstrukturen, die von der Vorstellung angeborener Ideen ge­
prägt sind, beschreiben sie das W esen der Zeit, das sie zu einem
eigenständigen Etwas erklärten und absolut setzten. Diese A b­
straktion gilt für alle Begriffe, die als ewig, im m erseiend gedacht
werden; dazu gehören G rundsätze, Werte, Prinzipien, die Ver­
nunft, die alle unabhängig von geschichtlichen, politischen, reli­
giösen, sozialen und w irtschaftlichen Entw icklungen behandelt
werden. Einige W issenschaftler glauben sogar, die Z eit könne
zurückgedreht werden. Losgelöst vom Raum kann die Zeit rück­
w ärts laufend gedacht werden, da die Gleichungen der Physik
berechenbar bleiben, wenn man die Z eit m it einem M inuszeichen
versieht.
Für den Philosophen Kant ist die Zeit w eder ein diskursiv zu
bestim m ender B egriff noch ist Zeit etwas aus der Erfahrung G e­
wordenes. In seinem W erk K ritik der reinen Vernunft behauptet
er, Z eit sei gleichzeitig m it der W elt entstanden, daher sei sie rei­
ne A nschauungsform a priori, d.h. ohne sinnliche W ahrnehm ung
könne Z eit angeschaut werden, da sie, wie der Raum, eine gege­
bene G röße unabhängig vom B eobachter ist. Zeit existiert nach
Kant vor jed er Erfahrung und wird durch den inneren Sinn er­
kannt. Diese These ist unhaltbar, denn w ir können Zeit nicht mit
den Sinnen w ahrnehm en. Zeit ist kein Gegenstand, kein Ding,
das w ir sehen, hören, anfassen, fühlen, riechen oder schm ecken
können. Z eit ist auch keine Eigenschaft; sie ist nicht warm, nicht
kalt, nicht schnell, nicht langsam , sie hat keine Farbe, ist weder
rund noch eckig, sie strahlt nicht, sie arbeitet nicht. Der substan­
tivische G ebrauch des B egriffs Zeit in vielen R edew endungen
verleitet zu der Annahme, die Zeit handle selbstständig. Doch
wenn H am let sagt: „Die Zeit ist aus den Fugen“, m eint er nicht
die Zeit, sondern die Tugend, die Tradition und die gesellschaft­
liche Ordnung seien durcheinander geraten. Die Zeit tut nichts,
sie ist eine A bstraktion, m it der die wahren U rheber und U rsa­
chen übergangen werden.
D ennoch steht Z eit m it dem Sehverm ögen in Verbindung, nur
was wir sehen, ist nicht die Zeit. Was mit den Sinnen w ahrge­
nom m en w erden kann, sind Veränderungen in der Natur, wie
Tag, Nacht, Sommer, W inter, Regen, soziale Ereignisse, Geburt,
Tod und G efühle wie Hunger, Kälte, Schm erz etc. Der A hnherr
der Ideenlehre, Platon, erklärt, allen Platonikern und Vertretern
idealistischer Philosophien zur Verwunderung, dass die Zeit
durch Beobachtungen der Planeten entstanden sei: „M einer A n­
sicht nach ist die Sehkraft uns die Ursache des größten Gewinns,
da ja wohl von den jetzt über das W eltganze angestellten B e­
trachtungen keine stattgefunden hätte, wenn wir w eder die Son­
ne, noch den Him m el noch die Sterne erblickten. Nun aber haben
der A nblick von Tag und Nacht, und der der M onate und der Jah­
re K reislauf die Zahl erzeugt und den B eg riff d er Zeit sow ie die
U ntersuchungen über die N atur des Alls uns überm ittelt“ 1.
Die Zeit ist nach Platon eine aus der Em pirie gew onnene E r­
kenntnis. Um schw ung und G leichförm igkeit der G estirne erge­
ben Teile der Zeit und die Zeitabschnitte sind „gew ordene F o r­
men der Z e it'2, woraus der K alender entstand.
„So und deshalb ist nun Tag und N acht entstanden, der U m ­
schwung der einen und besonnensten K reisbahn, der M onat aber,
w enn der seinen K reislauf beschreibende M ond die Sonne w ie­
der einholt, und das Jahr, wenn die Sonne ihren K reislauf vollen­
det“3. Platon spricht von Teilen der Zeit, d.h. sie setzt sich aus
m ehreren K om ponenten zusam m en. Es fängt dam it an, dass wir
etw as sehen. W ir sehen, dass es hell und dunkel wird, dann w ie­
der hell etc. Jedesm al w enn es w ieder hell wird, m arkieren wir
dieses Ereignis. Die M ethode des Zusam m enzählens lässt sich
bis 30 000 Jahre v.u.Z. zurückverfolgen. Das Zählen geschah, in­
dem K erben in einen K nochen geschnitten oder M uscheln in eine
Schale gelegt wurden. Es gibt auch heute noch Leute, die Strich­
listen führen.
Die beiden Teile, der K reislauf und die Zahl, m achen die Zeit
nicht aus. W ir beobachten w eiter und stellen nachts die Verände­
rungen des M ondes fest, alle 28 Nächte ist Vollmond, die Dauer
eines M onats. U nd 12 mal Vollmond ergibt ein Jahr, die Dauer
für den U m lauf der Erde um die Sonne. Die Stunden werden
nach dem Stand der Sonne und der Länge der Schatten, die sich
daraus ergeben, gezählt. Die erste Uhr, die konstruiert wurde,
w ar eine Sonnenuhr. Im Verlauf eines Jahres m erken w ir auch
klim atische Veränderungen in der Natur. Je nach Tem peratur se­
hen wir Bäum e, Pflanzen und Früchte blühen, wachsen und rei­
fen oder B lätter welken. Der U m lauf der Planeten und der K li­
m aw echsel im Frühling, Sommer, H erbst und W inter ergeben
den Kalender. Aus allen Beobachtungen haben wir jedoch nur
festgestellt, was gew esen, d.h. vergangen ist, ob es m orgen w ie­
der hell wird, und ob in einem Jahr der Som m er w ieder kommt,
können w ir nicht wissen. W ir nehm en es aber an! Ohne Gewähr,
aber todsicher glauben wir, dass aufgrund der regelm äßigen W ie­
derholung der N aturereignisse der Turnus der G eschehnisse auch
morgen und überm orgen so sein wird, wie er gestern und vorge­
stern gew esen ist, und dam it haben w ir das, was w ir Zeit nennen.
Um exakt planen zu können, brauchen wir einen Fixpunkt, von
dem w ir zu zählen beginnen. Dazu werden einm alige, sich nicht
wiederholende Ereignisse genom m en, z.B. die Geburt. Unsere
Zeitrechnung beginnt mit der G eburt Christi.
Die K om ponenten, aus der sich die Zeit zusam m en setzt, sind
die W iederholung eines periodisch stattfindenden Ereignisses
(Bew egung, W erden, Prozess) und der Zahl; der Koordinierung
w eiterer Ereignisse, die sich ebenfalls zyklisch w iederholen; aus
einem A nfangsereignis und aus Zuversicht in die Zukunft. Zeit
ist in diesem Sinn ein M essinstrument. Zeit wird gebraucht, um
die D auer von Prozessen in der Vergangenheit zu m essen, und
die Ergebnisse fü r die Zukunft zu nutzen. Jedes Zeitalter, jede
Epoche und jed e K ultur gibt der Z eit die ihr eigene Bedeutung,
d.h. der Stellenw ert und der U m gang mit Zeit ist in jeder G esell­
schaft verschieden. Auch das, was heute unter Z eit verstanden
wird, hat seine Geschichte, wie der Soziologe N orbert Elias
schreibt: „D ie m enschliche Erfahrung dessen, was heute Zeit ge­
nannt wird, h at sich in der Vergangenheit verändert und verän­
dert sich in der G egenw art weiter, und zw ar nicht in einer zufälli­
gen oder historischen W eise, sondern in einer strukturierten und
gerichteten W eise“4.
Zeit, gew onnen aus Erfahrung, B eobachtung und Lernen zur
Regelung von Produktion und Reproduktion, ist nicht nur eine
M essgröße, die die D auer von Ereignissen feststellt, z.B. das
K onzert dauert drei Stunden, bis zum U rlaub sind es noch fünf
W ochen etc. Z eit fungiert auch als ein Ordnungssystem, das eine
R eihenfolge von jetzt, danach oder davor (früher/später, gestern,
heute, morgen, Vergangenheit, G egenw art und Zukunft) angibt.
Festgesetzt w ird der A blauf nach einem fixen Ereignis, z.B. die
Französische Revolution. G eschehnisse haben im m er einen A n­
fang und ein Ende, z.B. in einem M onat beginnt das Film festival,
in zw ei Tagen ist die Reise zu Ende.
Die Ereignisse in der N atur sind zyklisch, die Tätigkeits- und
E rlebniszeit ist fortschreitend, linear und irreversibel. D a wir das
N acheinander von Prozessen, Veränderungen und G eschehen
zählen, kann die Zeit nicht rückw ärtslaufen, denn Tatsachen kön­
nen nicht rückgängig gem acht werden. W er w ünschte sich nicht,
in dem M om ent, da die H austür ins Schloss fällt, und er/sie fest­
stellt, den Schlüssel vergessen zu haben, den B ruchteil der Se­
kunde rückgängig zu m achen; um sonst. Ein Streichholz, das in
zw ei M inuten abgebrannt nur noch A sche ist, kann sich nicht
w ieder in ein Zündholz zurück verwandeln, d.h. das Verbrennen
dieses einen Streichholzes ist einm alig, nicht wiederholbar. Die
zw ei M inuten, die der Vorgang gedauert hat, sind unw iederbring­
lich vorbei. Sollte das W under geschehen, z.B. visuell, wenn wir
einen Film rückw ärts laufen lassen und w ieder an den Anfang
kom m en, so dauert der A blauf des Zurückspulens ebenfalls Zeit.
D er Film lief ca. eine Stunde und 30 M inuten, das Zurückfahren
dauerte ca. 15 M inuten. N icht die Zeit ist zurückgegangen, son­
dern fortgeschritten. Bei dem zw eiten Start des Film s sind eine
Stunde und 45 M inuten vergangen. W enn die A usbreitung des
W eltalls aufhört und schrum pft, wie die Physiker sagen, und sei­
ne R ichtung ändert, dann ändert die Zeit nicht ihre Richtung. W ir
m essen die Dauer der Ausdehnung plus der Dauer des Schrum p­
fungsprozesses.

b) Die N atu r stirbt


D as Problem im Um gang mit der Z eit hängt von dem richtigen
Z eitpunkt ab, dam it unser Vorhaben, z.B. ein G eschäftsterm in,
ein Besuch, der Beginn eines Projekts, eine Konferenz oder ein
R endezvous Erfolg verspricht. Alles und jedes zu jed er Z eit und
an jedem Ort gleichzeitig zu tun oder sein zu wollen, ist nicht
m öglich und kann nicht richtig sein. Termine festlegen heißt,
aufgrund der Jahreszeiten, des W etters und klim atischer B edin­
gungen entfielen. Die von der N atur unabhängige Art zu produ­
zieren erlaubte es, den A rbeitsprozess in viele Teilprozesse auf­
zugliedern und die Zeitintervalle für den einzelnen A rbeitsschritt
beliebig vorzugeben. D er endgültige B ruch mit dem organischen
W eltbild wird m it dem M athem atiker N ew ton vollzogen, der die
Z eit für völlig unabhängig von den Kreisläufen der N atur erklärt.
In seinem W erk Philosophia naturalis principia m athem atica be­
stim m t er die Zeit als m athem atische Zeit, die ohne B eziehung
auf irgendeinen äußeren G egenstand verfließt. Die A bkopplung
des Zeitverständnisses von „äußeren G egenständen“, d.h. von
real existierenden, naturhaften Prozessen, m acht die Verfügung
über die Zeit beliebig. Jeder Bezug zu Veränderungen, G escheh­
nissen und Personen erübrigt sich. Die Zeit ist nicht m ehr A nzei­
ge für w echselhafte Ereignisse und Orientierungshilfe für unser
Handeln, sondern wird zum Druckmittel.
M it der Verdinglichung der N atur und der Zeit als Ware wurde
auch die Frau, die als „naturhaft“ galt, in ihrem Status abgew er­
tet. Der M ann bem ächtigte sich der kapitalistischen, profitablen
Produktion, die Reproduktion, - K inder großziehen und H aus­
halt, notw endige gesellschaftliche Tätigkeiten, die jedoch keinen
direkten Gewinn bringen - , überlässt er der Frau. N ach dem
Sturz der G öttinnen, der Änderung des Erbrechts von der m atri-
archalen zur patriarchalen Linie und der Einführung von Privat­
eigentum , ist der U m denkungsvorgang von der belebten N atur zu
einem unbelebten G egenstand eine weitere D egradierung der
Frau. Ihr gesellschaftlicher W ert versinkt in der B edeutungslosig­
keit und bildet den Vorwand für ihre R echtlosigkeit.

c) Die Z eit im Nacken


Die Z eit wird zum m odernen Instrum ent der Bevorm under. Der
Einsatz von M aschinen erm öglicht es den Fabrikanten, einen A r­
beitsvorgang zu verkürzen und den A rbeitseinsatz zu beschleuni­
gen. In im m er w eniger Zeit kann im m er m ehr geleistet werden.
Die Verkürzung eines A rbeitsschritts führt zu m ehr Leistung und
A nstrengung in der gleichen Zeit und zu einem höheren Produk­
tionsausstoß. Über die gew onnene Zeit können die A rbeiterinnen
nicht als freie Zeit bei gleichem Lohn verfügen, sondern die ge­
sparte Z eit wird für neue A rbeit gebraucht. D auerte es früher z.B.
eine halbe Stunde, einen B rief m it der Hand zu schreiben, kann
er mit der Schreibm aschine in 15 M inuten getippt werden. R esul­
tat: In derselben Zeit können zw ei Briefe geschrieben werden.
F ür den U nternehm er bedeutet es doppelten Gewinn, wenn in ei­
ner Stunde die doppelte A rbeit erledigt wird. D er Zeitgew inn
bringt ihm Geld, da die eingesparte Zeit für neue Leistung, die
neuen G ew inn bringt, eingesetzt wird. Der Lohn der A rbeiterin­
nen verdoppelt sich jedoch nicht. Dieses „W under der Z eitver­
m ehrung“ drückt sich in dem Satz aus: „Zeit ist G eld“ (von B en­
jam in Franklin, am erikanischer Staatsm ann um 1748).
Z eit zu gew innen für m ehr Leistung, die m ehr G ewinn bringt,
w urde die D evise für den „G eist des K apitalism us“ (M ax We­
ber). In erster Linie geht es um die intensive Nutzung der Zeit
anderer, um m ehr G eld zu machen. Die Herstellung von G e­
brauchsgütern richtet sich nicht m ehr nach dem notw endigen B e­
d arf zur Lebenserhaltung, sondern nach der Steigerung des P ro­
fits. Für die A rbeiterinnen bedeutet die im m er intensivere N ut­
zung der Z eit verstärkte A usbeutung ihrer Arbeitskraft. Das Leit­
m otiv des M annes: „Im m er schneller, besser, größer“ , hetzt
M ann und Frau. A kkordarbeit ist eine Folge. Die D oppelbela­
stung der Frau ist eine andere Ausw irkung. Der M ann hat Feier­
abend, w enn sich das Fabriktor oder die B ürotür schließen. Die
Frau jed o ch nicht; sie hetzt in den Superm arkt, von dort nach
Hause, zaubert ein Essen au f den Tisch und den R est ihrer Zeit
beanspruchen die K inder für Hausaufgaben etc. Ist die G ute­
nachtgeschichte vorgelesen, kann die Frau ihre Zeit auch nicht
selbst bestim m en, sie ist für den Ehem ann reserviert, der seine
kleinen und großen Ärgernisse des Tages losw erden will.
Vor der industriellen Produktion bestim m ten N aturprozesse die
Lebensw eise, heute regulieren die M arktgesetze das private,
wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben. W as uns im Alltag
hetzt, ist jedoch nicht die Zeit. Die U rsache für den Zeitstress
liegt in der Strukturierung des A rbeitsprozesses, deutlicher ge­
sagt: „Die Peitsche des U nternehm ers.“ Um unsere Existenz zu
bestreiten, sind w ir gezw ungen, unsere A rbeitskraft dem Zeitdik­
tat zu unterw erfen. D ieser Zw ang gilt in der Fabrik, für H and­
werks- und D ienstleistungsbetriebe sowie für alle Haushalte. Mit
der Erfindung von M aschinen entstand die Zeitspirale der
„schlechten“ Unendlichkeit. W ir arbeiten im m er schneller, dam it
wir m ehr Zeit haben, um eine neue M aschine zu erfinden, mit der
wir noch schneller arbeiten können, dam it wir noch m ehr Zeit
haben für eine noch schnellere M aschine u.s.f. Der Computer,
der heute brandaktuell auf den Ladentisch kom m t, ist m orgen
„out“.
M aschinen brauchen weder Pausen noch Schlaf. Diejenigen,
die daran arbeiten, m üssen ihr Tempo der M aschinerie anpassen.
D er Zeittakt der A utom aten beherrscht den R hythm us des Orga­
nism us. Die Zeitungleichheit von M ensch und A pparatur verur­
sacht G esundheitsschäden und Stress. W ir fühlen uns nicht nur
ständig gehetzt, sondern w ir werden wie ein Tier, das gejagt
wird, von der A ngst um das Leben beherrscht. Die Sorge, die
L eistung nicht zu erbringen, und die latente Drohung, den A r­
beitsplatz zu verlieren, von dem Existenz und Lebensstandard
abhängen, versetzen uns in perm anente Angst. Die A ngst im
Nacken erhöht den Stress. Ständig prüfen wir, wie schnell wir
sind, wie belastbar, wie flexibel, und ob der A rbeitgeber zufrie­
den ist oder beabsichtigt, uns zu kündigen. W ir stehen ständig
unter Strom, und der Zeitdruck w irkt bis in die Erholungsphasen,
da wir nicht auf K nopfdruck abschalten können. In extrem en Fäl­
len verfolgt uns die A ngst bis in den Schlaf, w ir haben A lpträu­
me, leiden an Schlafstörungen, werden hektisch, zerfahren, m a­
chen Fehler, zw eifeln an unseren Fähigkeiten und sind bald ein
einziges Nervenbündel.
Spruch, wir seien zur Freiheit verdam m t, ist angesichts der Ö ko­
nom ie der Zeit eine Farce. Die freie Einteilung der Zeit hängt
eng m it der gesellschaftlichen Position einer Person ab, je niedri­
ger sie ist, um so m ehr w ird ihre Zeit von anderen besetzt. Die
Z eit eines Privilegierten steht höher im Kurs, als die Zeit von w e­
niger Prom inenten. VIPs haben nie Zeit und signalisieren ihren
M itarbeitern, w elche Ehre es für sie bedeutet, einen Termin zu
bekom m en. Z eit zu haben oder keine Zeit zu haben, erw eist sich
als M aßstab für W ichtigkeit. W er keine Zeit hat, ist wichtig, wer
wichtig ist, hat M acht, wer M acht hat, kann über die Zeit anderer
verfügen. Die M ächtigen okkupieren die kostbare Zeit anderer.
Die schikanösen M ethoden sind allen bekannt, unw ichtige Leute
m üssen w arten, ihre Termine werden nicht eingehalten oder ver­
schoben, ein G espräch wird für ein Telefonat m it „w ichtigeren“
Personen unterbrochen etc. D er M ächtige tut dies nicht, weil er
seine Zeitplanung nicht im G riff hat, sondern m eistens aus kei­
nem anderen G rund als dem , seine D om inanz zu dem onstrieren
und dem G egenüber spüren zu lassen, wie unbedeutend er/sie ist.
Z eit dient zur hierarchischen Strukturierung der Gesellschaft,
als Kriterium für soziale B ew ertung und für Sexism us. Von oben
nach unten wird das Einhalten bestim m ter Zeiten im m er enger.
Personen der oberen C hefetagen können ihre A rbeitszeit frei ein­
teilen und gehen und kom m en wie es ihnen passt. Beam te, A nge­
stellte und A rbeiterinnen w erden in ein Z eitkorsett gepresst, dem
sie sich fügen müssen. Zuw iderhandlungen folgen Sanktionen,
z.B. Lohnabzug, Versetzungen in schlechter dotierte A bteilun­
gen, B eförderungsstopp bis hin zur Abm ahnung. Pünktlichkeit
ist eins der hochangesehensten Prädikate in Arbeitszeugnissen.
Pünktlich zu sein, ist keinesw egs nur eine Frage dessen, wie ge­
schickt man verschiedene A ktivitäten koordinieren kann, ein­
schließlich der Faktoren, die von uns unabhängig sind wie Zug­
verspätung, Stau, G latteis etc. Pünktlichkeit w ird als eine C ha­
raktereigenschaft gew ertet. W er pünktlich ist, gilt als zuverlässig,
fleißig, pflichtbew usst, ist der/die treue Untergebene, während
der/die U npünktliche als nachlässig, faul, und aufmüpfig einge­
schätzt wird, gleichgültig wie gut oder schlecht seine/ihre L ei­
stung ist. Um unser Im age als „engagierte/engagierter M itarbei­
terin “ nicht aufs Spiel zu setzen, schreckt uns die m orgendliche
Zeitansage im R adio auf. W ir rennen dem Bus nach, hupen unge­
duldig in der Autoschlange, riskieren Unfälle, nur um keine M i­
nute zu spät zu kom m en. In den m eisten Fällen spielt es kaum
eine Rolle, ob die A rbeit fünf M inuten früher oder später ange­
fangen wird. Für die berufstätige M utter ist der W ettlauf m it der
Z eit die Q uadratur des Kreises. D a sie nicht gleichzeitig ihre
Sprößlinge um acht U hr im Kindergarten abliefern und am A r­
beitsplatz sein kann, steht sie vor einem unlösbaren Problem .
„Ein arm er Hund, w er keine Zeit hat!“ sagt ein Sprichwort.
Doch diese rom antische Vorstellung von einem nicht durch Zeit
determ inierten Leben ist nicht soziale Realität. Im Gegenteil:
arm ist, w er Zeit hat, wer Schlange stehen muss nach Arbeit oder
Nahrung wie M illionen Leute auf der südlichen Erdhalbkugel.
Auch hierzulande ist der/diejenige, der/die arm ist, m achtlos und
gezw ungen, Stunden um Stunden zu warten. W er Zeit in Hülle
und Fülle hat, z.B. Kinder, Kranke, A rbeitslose und Rentner,
steht auf der untersten Stufe der sozialen Leiter. Doch auch ihnen
gehört ihre Zeit nicht. Sie wird von denen besetzt, die keine Zeit
zu verschenken haben. Patienten, die den K rankenschein und da­
m it den Verdienst bringen, wird zugem utet, bis zu zwei Stunden
zu warten, w ährend die B ehandlung knapp acht M inuten dauert.
Ü berschneidung von Terminen ist die häufigste Ursache. M an­
che Ärzte bestellen ihre Patienten alle m orgens um acht Uhr. Hält
jem and den Termin nicht ein, gibt es für den Arzt keinen Ausfall.
Privatpraxen kalkulieren nach betriebsw irtschaftlichen G esichts­
punkten. In den öffentlichen Ä m tern w ird der Zeitm angel durch
finanzielle, personelle und organisatorische Unzulänglichkeiten
künstlich geschaffen, und dient zur Disziplinierung und D em üti­
gung der sozial Schwachen. M anch einer mag seine persönliche
Eitelkeit und Verachtung durch W artenlassen A usdruck verlei­
hen, au f der gesellschaftlichen Ebene dient es als politisches P ro­
gramm . Öffentliche D ienstleistungsbetriebe, Institutionen und
O rganisationen sind „Zeit-A bzugsröhren, sie saugen sie von un­
ten und blasen sie buchstäblich nach oben“7, schreibt die A m eri­
kanerin Nancy Henley.
W artezeit ist unproduktiv und eine Tortur für K örper und Psy­
che. Die W artenden sitzen oft in engen, schlecht gelüfteten W ar­
teräum en auf unbequem en, m eist ungesunden Stühlen tatenlos
herum. D äum chen zu drehen ist keine Erholung, im Gegenteil:
G ähnende Langw eile verursacht Lethargie. Die A tm osphäre ist
gew öhnlich bedrückend, die geduldig Harrenden fühlen sich der
Situation ausgeliefert und schw eben in Ungew issheit. Wann
kom m t endlich der Zug, welche Folgen hat die Verspätung, wie
wird die D iagnose lauten, sind die Papiere in Ordnung, w ird die
A ufenthaltsgenehm igung erteilt etc. Alle diese Überlegungen
m achen die W artenden nervös und ungeduldig. Bei wichtigen
Terminen wie Vorstellungsgespräche, G eschäftsabschlüsse er­
höht sich die psychische B elastung. Die W artezeit verstärkt die
U nsicherheit, die das angestrebte Ziel verpatzen kann. Eine Peri­
ode zu überbrücken, die uns andere zum uten, kostet Nerven und
schw ächt das Selbstwertgefühl. Jem anden w arten zu lassen ist
ein wirksam es M ittel, jem anden herabzusetzen und ihm ohne
W orte zu dem onstrieren, wie unw ichtig er/sie ist.
F ür Frauen ist W arten aufgrund ihrer gesellschaftlichen Rolle
Schicksal. Sie sitzen in überfüllten Notaufnahm en, Arztpraxen,
au f den Fluren von A rbeits- und Sozialäm tern, stehen Schlange
an den Kassen der Billigm ärkte. Oft nehm en sie die Leistungen,
au f die sie warten, nicht für sich in Anspruch, sondern warten als
B egleitperson ihrer kranken K inder oder pflegebedürftiger Ver­
wandte. W ährend sie warten, können sie diese Zeit nicht für ihre
eigenen Ziele und Zw ecke nutzen. Einen G erichtsterm in oder
Z ahnarztbesuch und Gänge auf Ä m ter sind Termine, die nur in
der A rbeitszeit erledigt w erden können. Ist eine Frau erw erbs­
tätig, kann W arten für Frauen gleichzeitig Verdienstausfall be-