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Ligeti to Ove Nordwall - January 2, 1975

(excerpts)

Einführung zu Ricercata: ich danke dafür Dir ganz herzlichst! Überwiegend ist der Text
ausgezeichnet -- und ich danke Dir besonders, dass Du über meine Musik und die
Bedeutung deren so warm schreibst! Es gibt einige Details, die geändert werden
müssen. Das betrifft die Beschreibung der politischen-künstlerischen Situation in
Ungarn 1948-53. Die Situation -- und darin meine eigene Situation und meine
Ansichten -- waren komplexer. Deshalb bitte ich Dich, für eine Änderung der Zeilen 6--
25 (Seite 1). Nicht dass Deine Schilderung der politischen Lage falsch wäre: die ist
global gesehen richtig. Doch, durch ganz winzige Gewichtesverschiebungen im Text,
könnte der Leser, der die damalige Situation nicht kennt und pauschal beurteilt, eine
nicht ganz reale Auffassung uber meine damaligen politischen Ansichten gewinnen. Es
könnte etwa der Eindruck entstehen, ich wäre zwar ein überzeugter “idealistischer”
Kommunist gewesen, der dann, auf Grund der schlechten Erfahrungen mit dem
kommunistischen Regime, von seiner kommunistischen Überzeugung abgerückt ist.
Dem war es aber nicht so, denn ich habe keinesfalls mit dem Kommunismus
sympathisiert, sondern mit einem idealistischen Sozialismus, und diese Differenz war
aber schon damals, gleich ab 1945 SEHR gewaltig. Als 1948 (im Herbst) die
Kommunisten die Macht im Allgeingang an sich rissen, war ich damit ganz und gar
NICHT einverstanden, sondern entschieden dagegen! Meine Sympathien waren ab
Kriegsende für die linke Parteien allgemein, und da (trotz sowjetischer Besatzung) die
Kommunistische Partei in minderheit war, have ich (Dummkopf) die gefahren einer
kommunistischen Machtübernahme night gesehen. Die Kommunisten waren damals,
zunächst, in Koalition mit den Sozialdemokraten (die Sozialdemokraten waren aber in
Mehrzahl auch Dummköpfe, sie ahnten nicht, was kommen wird.) Ich persönlich hatte
keine “Partei-Überzeugung”, hielt mich auch fern von jeder politischen Partei ---
vielmehr gehörte ich zu der Schicht von “parteilosen” linken Intellektuellen, die die
Möglichkeit eines Sozialismus begrüssten, doch NICHT in Form einer kommunistischen
“Volksdemokratie”!

Meine “linken” Sympathien waren 1945-46 am stärksten -- gerade also in der Zeit, als
ich die besseren Stücke komponierte, z.B. das erste Weöres-Lied! 1947 war ich bereits
etwas skeptischer. 1948, ab Herbsz, war ich eindeutiger Opponent (also ab dem
Augenblich, dass ich einsah, dass die Kommunisten durch Gewalt -- zu Beginn durch
Einsperren der sozialdemokratischen Abgeordneten -- die Diktatur etablieren)! ES GAB
viele Künstler, die einige Zeit lang an den Kommunismus geglaubt haben, und erst
dann oppositionell wurden, einige Jahre später, also etwa um 1950. Ich gehörte aber
nicht zu dieser Gruppe, sondern war mit der kommunistischen Politik von Anbeginn an
zurückhaltend-skeptisch, und ab Herbst 1948 eindeutig dagegen!

Nun ist verwunderlich, dass solche Tiefpunkte, wie die Jugend-Kantate, oder
(musikalische tiefste Punkt) “Petöfi bordala” NACH diesem Datum, also NACH 1948
entstanden sind. Dazu muss man aber die ZEITLICHE VERSCHIEBUNG zwischen
Fakten und Informationen kennen. Man kann sich heute (und hier, im Westen
besonders) keine Vorstellung machen über den Ausmass an Mangel von Nachrichten,
die in den Jahren 48-49-50 in Ungarn herrschte. Als Beispiel die Geschichte der
“Jugendkantate”: bereits 1947 war es zu voraussehen, dass ich im Sommer 1949 meine
Studien beenden werde. Ich sollte als “Prüfungs-Arbeit” ein grösseres Werk vorlegen,
möglichst Chor-Soli-Orchester. Damals war noch Veress mein Lehrer! Und das war
noch VOR der Schdanow-Kurs (ab Frühjahr 1948). Ich war noch so naiv! Als die
Schdanow-Resolution bekannt gegeben wurde, habe ich dagegen öffentlich protestiert
(bei einer Versammlung von Musikern), und im Frühling 1948 hatten die Kommunisten
noch nicht die Allmacht, so wurde ich auch nicht eingesperrt. Dann: ebenfalls im
Frühjahr 1948 kam die Nachricht, dass ein Internationales Jugend-Festival 1949
Sommer in Budapest abgehalten wird. Es war aber so geschickt getarnt diese
Information (in Zeitungen, usw.), dass es zunächst GAR nicht klar war, dass dies ein
KOMMUNISTISCHE Veranstaltung ist! (Heute wissen wir, dass diese “Jugendfeste”
rein Kommunistisch sind -- wir wussten aber 1948 das gar nicht -- die Manipulisrung der
Nachrichten war so geschickt! Und damals war noch nicht verbreitet, dass man
ausländische Radiosender hörte -- das kam erst später, nach der kommunistischen
Machtübernahme!) Im Sommer 1948 wurde ich gefragt, von der Studenten-
Organisation der Musikhochschule (die nicht kommunistisch war, und wo ich einige
Monate lang, BIS zur kommunistischer Machtübernahme Präsident war), die geplante
Kantate für den Jugendfest 1949 zu komponieren, das wäre meine Prüfungsarbeit, und
der Chor und das Orchester der Musikhochschule wird sie aufführen. Natürlich habe
ich zugesagt (der Text des Stückes war damals noch nicht bestimmt). Als dann die
komm. Machtübernahme kam, und ich ziemlich in Gefahr kam, weil ich sofort aus der
Leitung der Studenten-Organisation zurücktritt, hat man mich gewarnt, ich soll vom
Komponieren der Kantate NICHT zurücktreten. Dass das Jugendfestival eine pur
kommunistische ofizielle Veranstaltung war, stellte sich erst nacher, Beginn 1949,
einige Monate vor dem Fest, heraus. Nachträglich gesehen, könnte man so sagen: ich
hätte auch sofort zurücknehmen müssen mein Versprechen, die Kantate zu schreiben
und aufführen lassen. Bestimmt war ich DAMALS nicht genügend konsequent.
Drinnen stehend, in der täglich sich ändernden politischen Situation, war alldas nicht so
durchschaubar, wie hachher. Als das Festival herannahte, im Sommer 1949, habe ich
schon ganz klar gesehen -- doch DAMALS hätte diese Konsequenz auf mich nehmen
sollen, ich habe das damals nicht getan, sondern feige geschwiegen. (Zur Zeit des
Festivals war die Terror-Stimmung im Land schon total, Rajk und andere Kommunisten
wurden exekutiert und täglich verschwanden laute. Ich hatte Angst und wollte nicht
verschwinden.)

Sofort nach der Aufführung der Kantate, wollte mir der Komponisten-Verband (der auch
als “demokratische” Tarnorganisation begann und dann kommunistisch beherrscht
wurde) die Aufgabe geben, eine “kommunistische” Kantate zu komponieren, das habe
ich aber abgelehnt. Zu meinem Glück erhielt ich gerade das Visum nach Rumänien,
und war vom Oktober 1949 bis Juli 1950 in Rumänien, und so konnte ich diese
“beehrende” Aufgabe mit diesem Pretext der Volkslied-Forschung ausweichen. Und
1950 hat mich dann Kodály (und andere wohllollende Leute”) in die Musik-hochschule
gebracht als Lehrer, und da man mich dor gut brauchen konnte (um wöchentlich bis 24
Stunden Unterricht zu geben), hat man mich RELATIV in Ruhe gelassen.
Das alles erklärt aber nicht die STILISTISCHE Verirrung -- siehe den Untergang des
Stils von den Weöres-Liedern, oder den Klavier-Capriccios zu der Jugendkantate und
Petöfi Bordala (oder auch zu den einigen VERÖFFENTLICHEN
Volksliedbearbeitungen!). Dies war nur indirekt von der politischen Situation bedingt.
Es gab ein Art Spaltung in mir: “konsequente” Werke zu komponieren einersits,
andererseits “pädagogische”. Dann waren die “Konsequenten” zum Schubladen-
Dasein verbannt, einiges von den pädagogischen Kompromiss-Stücken konnte
erschienen. Das war der tatsächliche Riss durch meine Seele: ich war so verblendet,
dass ich glaubte, ich KÖNNTE auch die “pädagogische”, also spielbare, leicht
aufführbare, etc. Stücke verantworten. Dieser Riss war nicht nur von der Politik
bestimmt. Bei Bartók findest du den Riss ebenfalls (nur viel ehrlicher war Bartók mit
sich selbst -- aber er war auch ja reifer in Jahren). Ich war jung und Einflüssen offener,
und von überall kam die Ermuntrung: komponiere “einfach”, “gemein-verständlich”,
etcetc. Und ich habe das 1948-49-50 versucht. Was dabei herauskam war ein
Paradoxon: politisch war ich in Opposition gegen den Kommunismus, in meiner Musik
war ich wenoger in Opposition! Dieser gespaltene Zustand dauerte aber kurz, und
gerade “Musica ricercata” bedeutete den Versuch, zurückzufinden zu mich selbst.

Aldas, was ich hier schreibe, kam so heraus aus mir -- das hat nicht direkt zu tun mit
deiner Einführung zu “Ricercata”. Ich bitte dich aber, in Kenntnis dieser Details, einiges
im Text ändern. Hier die Vorschläge:

(Alles betrifft Seite 1). Zeile 8-9 “i kanske särskild grad”. Diesen ganzen Satz bitte
ëndere, denn ich war bereit mich mit allgemeinen sozialistischen Ideen zu identifizieren,
aber nicht mit der “kommunistiska maktövertagandet”. Ausserdem war meine
Sympathie eher 45-47 vorhanden, nicht aber beim “maktöveragandet” 1948!

Was Du über “nagra verk 1946/47” schreibst ist wunderbar, ich danke Dir dafür sehr!
Den Text von Zeile 15 (1949 allt detta .. und nächster Abschnitt) bitte ändere etwas.
Siehe besonders den Ausdruck “partifestivalerna” -- ich wurde einfach reingelegt. Die
Ungdomskantat wurde bestimmt nicht für ein parti-festival geschrieben, wenn es auch
so zu sein scheint. Was Du weiter über “förtvivlan” schreibst, stimmt eher. Bitte ändere
diesen ganzen Absatz, in Kenntnis der oben gegebenen Information. Stilistische
Verirrung auf Grund von vollständiger Isolation!

zeilen 34-35: “M.R., som fick sin slutliga gestalt ungefär samtidigt med den begynnande
liberaliseringen efter Stalins död” stimmt nicht. Erstens: die Liberalisierung begann erst
1954, ca. um einen halben Jahr NACH Stalins tod (das Jahr 1953 war noch eine der
schlimmsten Diktatur, auch NACH Stalins tod. Erst als Abukumow und Berija beseitigt
wurden, begann eine sehr allmäh iche Besserung, also seit Chruschtschow mit
Bulganin an Macht kam, nicht vorher!). Nun aber fällt das Komponieren von “Musica
Ricercata” GERADE in die Zeit der maximalen politischen Terrors, das waren die Jahre
1951-52-53 noch mehr als 49-50! In 1950 kam ich zur vollen Einsicht meiner
stilistischen Verirrung (Petöfi bordala war der Schlusspunkt). Auch war es nicht so,
dass ich etwa 1953 in “sin slutliga gestalt” gebracht hätte die Stücke, sondern ich
schrieb die Stücke 1951 komponiert wurden, die beiden letzten 1953 (das letzte als
Orgelstück zuerst), und die restliche Mittel-Stücke 1952. 1953 folgte dann auch gleich
die Transkription von 6 Stücken daraus für Bläser. Und anschliessend gleich begann
ich das Streichquartett.

In alldiesen Jahren aber wurden publiziert die schlimmen Stücke von vorher -- das war
nicht zu verhindern (nur die Publikation von der Jugendkantate konnte ich verhindern
mit dem Hinweis, dass der erste Satz eine Fuge beinhaltet, und diese steht zu Händel
nahe, und Händel war damals unwillkommen, als “religiöser” Komponist. Die Bach-
Passionen und Kantaten durfte man auch nicht aufführen -- also nicht nur “neue Musik”
war verboten! Erst ab 1954 änderte sich das.)

Also würde ich “Mus. Ricerc.” gar nicht als Zeichen der “Liberalisierung” efter Stalins
död auffassen -- im Gegenteil, es war der Versuch, in der Zeit der schlimmsten Diktatur,
musikalisch eine Klarheit -- für mich selbst -- zu erreichen.

Obwohl ja “Mus. ric.” nicht “moderne” Musik wie etwa Schönberg war! Aber dies war
das musikalische Horizont, das ich damals hatte! Also hauptsächlich doch Bartók.

Und: nachträglich wissen wir, dass Stalin 1953 gestorben ist, und dass unter Chrusch.
es ETWAS besser wurde. Aber in den finsteren Jahren 1951-52-53 konnten wir
DAMALS das nicht ahnen! Die Finsternis schien bis in die Ewigkeit zu dauern. Und als
Stalin starb, kamen monatelang nur die schlimmsten Befürchtungen, dass es unter
Berija etwa noch schlimmer wird!

(continues)