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Es gibt für die Göttin der Weisheit, deren Name auf Griechisch Sophia lautet, in fast jeder Gesellschaft

eine Vielzahl unterschiedlicher Erscheinungsformen. So gilt Athene als die griechische Göttin der
Weisheit und des militärischen Sieges, Minerva ist die römische Göttin der Weisheit und des Krieges,
Tara ist die buddhistische Göttin der erleuchteten Weisheit und Inanna war die sumerische Göttin der
Weisheit. Sophia ist mit den verschiedenen Inkarnationen des heiligen weiblichen Wissens und den
oben aufgeführten Göttinnen verbunden.

Im Gnostizismus ist Sophia eine zentrale Figur. Der Gnostizismus betont das individuelle Wissen und die
Weisheit als den Weg zur Erlösung und zur Einheit mit Gott. Ihre Anhänger verehren Sophia als göttliche
Schöpferin und Gegenstück zu Jesus Christus. Nach gnostischen Überzeugungen hatte Christus zwei
Aspekte: eine männliche Hälfte, die als Sohn Gottes identifiziert wurde, und eine weibliche Hälfte, die
Sophia, die als Mutter des Universums verehrt wurde. Nach dem Apokryphon des Johannes, einem
pseudepigraphem Dialogevangelium, verkörperte Sophia die göttliche Weisheit und den weiblichen
Geist. Nach der gnostischen Schöpfungsgeschichte wollte auch Sophia, als sie Gottes Schöpfungen sah,
etwas erschaffen und sie gebar ihren Sohn Jaldabaoth. Dieser besitzt den Körper einer Schlange und das
Gesicht eines Löwen. Durch die Kraft von Sophia erschuf er die Welt und Sophia wird somit als Mutter
des Universums verehrt.

Sophia wird in der Bibel als weibliche Personifikation der Weisheit erwähnt, auch in der Kabbala wird sie
als weiblicher Ausdruck Gottes beschrieben. Im Laufe der Geschichte verehrten viele religiöse
Persönlichkeiten Sophia. Zu ihnen gehörte auch Hildegard von Bingen. Nach dem Aufkommen der
modernen feministischen Bewegung in den 1970er Jahren hat Sophia als Figur der Anbetung einer
Göttin an Popularität gewonnen. So gab es wissenschaftliche Bemühungen, Sophia als Göttin im Kontext
christlicher religiöser Praktiken, Texte und Bilder historisch zu lokalisieren. Eine dieser Theorien bezieht
sich auf Michelangelos Gemälde an der Decke der Sixtinischen Kapelle. Einige Gelehrte und
Kunsthistoriker glauben, dass die weibliche Figur unter Gottes linkem Arm bei der Erschaffung Adams
tatsächlich Sophia ist, die ihre Rolle als weibliches Wesen bei der Erschaffung von Leben und Mann
ausübt.[1]

Auf dem Tisch der Kunstinstallation The Dinner Party ist der Sophia ein Gedeck gewidmet. Der Teller des
Gedeckes ist mit dem Bild einer Blume gestaltet, mit Blütenblättern im äußeren Kreis und einer weißen
Mitte. Diese weiße Fläche steht für die ursprüngliche göttliche Natur der Göttin der Weisheit und ihre
Stärke als Schöpfungskraft im Universum. Die florale Gestaltung findet sich auch im Tischläufer. Für Judy
Chicago steht Sophias Platz am Tisch für den Niedergang weiblicher Macht, insbesondere der religiösen
Macht nach der Entwicklung des Christentums zur neuen Religion. Die Gestaltung des Gedecks soll die
Transformation in der Gesellschaft von Sophia von einer Göttin der Weisheit und der weiblichen Stärke
zu einem rein spirituellen Bild vermitteln, welches für die männlichen Figuren des Christentums nur
noch eine untergeordnete Rolle spielt.