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Birgit Stammberger

Sorgner, S. L. (2016): Transhumanismus – »die gefährlichste Idee der Welt«!?, Christina Schües
Freiburg im Breisgau: Herder.
Wiener, N. (1968): »Der Newtonsche und Bergsonsche Zeitbegriff«, in: ders.:
Kybernetik. Regelung und Nachrichtenübertragung in Lebewesen und Ma- Das »Leben« in biophänomenologischer
schinen. 2. Auflage, Reinbek: Rowohlt, 53–68. Perspektive: ein transhumanes Paradigma

Viele biotechnologische Eingriffe haben Zugriff auf die conditio hu-


mana und unsere mitmenschlichen Beziehungen. Damit verändern
sie auch unsere Erfahrungen. Dieser Beitrag diskutiert Erfahrungen
im Zusammenhang von solchen Biotechnologien, die es erlauben,
menschliches Körpermaterial zu teilen und an andere Menschen wei-
terzugeben. Durch die Weitergabe von Körpermaterial wird auch Le-
ben weitergegeben. Um die virulenten Fragen nach dem Sinn des Le-
bens im Erfahrungskontext des gegebenen Weiterlebens und des
Fremden im Eigenen (und des eigen Gewordenen im Entfremdeten)
im Rahmen eines transhumanen Paradigmas aufzunehmen, bedarf es
einer spezifischen phänomenologischen Methode. Phänomenologie
richtet sich auf die Erscheinung und Konstitution von Sinn in der
Erfahrung. Beruht aber die Erfahrung auf ganz besonderen Fremd-
heitskonstellationen, wie sie im Rahmen transhumaner Technologien
hervorgerufen werden, dann wird ein besonderer Zugang zur Erfah-
rung benötigt. Diese phänomenologische Zugangsweise nenne ich
Biophänomenologie. Der Name Biophänomenologie reflektiert, dass
Biologie, Biotechnologie und Biographie als disziplinäre erfahrungs-
begründende Praktiken in ihrer Verschränkung ineinander spielen
und in dieser Relationalität für die Klärung und Entfaltung der Erfah-
rungen in transhumanen Praktiken sinnstiftend sind.
Biophänomenologie setzt eine Erweiterung und Konkretisierung
der Leibphänomenologie Merleau-Pontys und der generativen Phä-
nomenologie (als eine Weiterentwicklung der husserlschen Transzen-
dentalphänomenologie) voraus. 1 Mit der Anerkennung der Verflech-
tung von biotechnologischen Praktiken und dem gelebten Leben
erfragt Biophänomenologie die Bedeutungen transhumaner Erfah-
rungen. Mit dem Begriff »transhuman« bezeichne ich nicht post-
humane Szenarien der Überschreitung der Gattung »Mensch« oder

1
Zur generativen Phänomenologie siehe Schües (2016).

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Christina Schües Das »Leben« in biophänomenologischer Perspektive

fähigkeitssteigernde Enhancement-Praktiken, sondern die Verpflan- Eingewöhnungsprozess mitgedacht werden. Physiologische, psy-
zung von lebendigem Körpermaterial von einem Menschen in einen chische und soziale Dimensionen von Körper und Selbst sind ver-
anderen. schränkt und führen für die ›transplantierte‹ Person zu einem neuen
Im Folgenden möchte ich zuerst erklären, was mit dem trans- Leben in Fremderfahrung und dem Gefühl einer Identitätsverdoppe-
humanen Paradigma im Zusammenhang von Transplantationen ge- lung, da – wie im Weiteren genauer dargestellt wird – dem Körper
meint ist und inwiefern es die conditio humana und mitmenschliche »Neues« zugefügt wurde, das einerseits den Körper in Aufruhr ver-
Beziehungen berührt. Dann werden die Begriffe und Kontexte des setzen kann, weil plötzlich das Immunsystem streikt, und anderer-
Lebens sowie des Körpers näher erläutert, um schließlich mit Hilfe seits ›neues‹ Leben bzw. das Leben ›neu‹ gibt.
einer Biophänomenologie die unterschiedlichen leiblichen Dimensio- Die biotechnologische Weitergabe des Körpermaterials von
nen und Fremdheitserfahrungen vor und nach einer Herztransplan- einem Menschen zu einem anderen begründet eine transhumane
tation genauer zu erläutern. Praxis, bei der es um den Einbau von lebendigem menschlichem Kör-
permaterial geht, wodurch medizinisch, gesellschaftlich und kulturell
eine Beziehung – ein Verwandtschaftsverhältnis medizinischer Art –
1. Transhumanes Paradigma, conditio humana und zwischen einem Spender und einem Empfänger gebildet wird. Somit
imaginäre Beziehungen unterscheidet sich dieses Paradigma von Implantationen mit Materia-
lien wie etwa Titan, Kohlenstoffen oder biologischem Gewebe von
Die gegenwärtige Biomedizin kann mit dem Ersetzen von Körper- Tieren. 2 Bei beiden Eingriffsformen geht es darum, biologische oder
material heilen. Hierbei gibt es Unterschiede dessen, was implantiert physiologische Funktionen des Körpers wiederherzustellen oder zu
oder transplantiert werden kann. Unter Implantaten versteht man die regulieren. Aber Eingriffe, die unter ein transhumanes Paradigma
Einpflanzung lebloser Materialien, die eine Funktion übernehmen fallen, berühren die Erfahrungen der conditio humana existentiell.
(z. B. das künstliche Hüftgelenk, der Herzschrittmacher, die elektro- Im Falle einer Transplantation ist die Gewebekompatibilität des Spen-
nisch gesteuerte Apparatur, die Schmerzmittel an einer bestimmten ders und Empfängers für ihren Erfolg entscheidend. Imaginäre Be-
Stelle abgibt, das einsetzbare künstliche Herz aus speziellem Mate- ziehungen werden sowohl zwischen Menschen als auch in Bezug auf
rial). Unter Transplantation versteht man hingegen die Verpflanzung das menschliche Material gebildet.
von lebendem Material von einem Menschen in einen anderen Men- Die conditio humana umfasst die im Selbstverständnis ver-
schen. Transplantiert werden auch Zellen (z. B. die Insulin produ- ankerte Bedingtheit und Verfasstheit der Menschen im persönlichen,
zierenden Zellen aus der Bauchspeicheldrüse oder haematogene sozialen und kulturellen Kontext. Mit dem Begriff der conditio hu-
Stammzellen), solide Organe (wie die Niere, Leber, Lunge, Bauch- mana ist nicht einfach die menschliche Natur – z. B. die DNA – ge-
speicheldrüse, das Herz oder Darmabschnitte) oder Gewebe (z. B. die meint. 3 Menschen sind bedingte Wesen und sie schaffen Bedingun-
Augenhornhaut). Als dritte Gruppe ist die Forschung an »tissue and gen, »weil ein jegliches, womit sie in Berührung kommen, sich
organ engineering« zu nennen; sie lässt die Trennung zwischen Im- unmittelbar in eine Bedingung ihrer Existenz verwandelt«. (Arendt
plantation und Transplantation undeutlich werden, da es um lebende 51987, 16) Hannah Arendt unterscheidet hier vorgefundene Bedin-

Zellen geht, die im Labor mit Hilfe genetischer Manipulation weiter- gungen und selbst geschaffene Bedingungen: Die vorgefundenen Be-
gezüchtet werden, um sie dann einzupflanzen. Es ist also lebendiges dingungen sind etwa die strukturellen Momente wie Gebürtlichkeit
Material, das aber nicht direkt von einem Menschen in einen anderen (Natalität) und Mortalität, das Leben, die Erde, die Weltlichkeit und
transplantiert wird. Der medizinische Vorteil von lebendem Bio-
material ist, dass es, im Unterschied zu alloplastischem Material, im 2 Die Unterscheidung Mensch / Tier ist nicht ganz einfach. Bei der Transplantation
Empfängerkörper anwächst und eine wirklich feste Verbindung mit
von Tierorganen würden einige auch von besonderen verwandtschaftlichen Bezie-
ihm eingeht. Aber nicht immer wächst das »neue« Körpermaterial hungen sprechen wollen. (Haraway 1997)
einfach an; auch muss oft ein körperlicher, leiblicher und emotionaler 3
Conditio (lat.): Bedingung, Vertrag.

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Christina Schües Das »Leben« in biophänomenologischer Perspektive

Pluralität zwischen den Menschen; all diese Strukturmomente schei- oft als eine neue Geburt dargestellt, die in ganz besonderer Weise zur
nen den direkten Erfahrungen und Tätigkeiten entzogen, dienen Frage nach dem Sinn des Lebens führt. Befragt wird die Erfahrung
ihnen aber als unausgewiesener Grund. Geschaffene Bedingungen des Lebens aufgrund einer Körpergabe; es geht um die spezifische
sind solche, die das Leben der Menschen beeinflussen, aber von Men- Erfahrung des Fremden im eigenen Körper; es geht um etwas Frem-
schen gemacht sind, wie z. B. die Infrastruktur in der Welt oder re- des, das angeeignet wird und womöglich das Eigene fremd werden
produktionsmedizinische Techniken, die Zeugung und Geburt ge- lässt. Das Eigne scheint fremd, wenn z. B. die Immunabwehr sich ge-
stalten. gen Teile des eigenen Körpers richtet, die aber doch eigentlich zum
Im Zusammenhang des transhumanen Paradigmas ist besonders Körper gehören (sollen). Thema ist somit eine Fremderfahrung, die
der Begriff des Lebens, und wie Leben gelebt und erlebt wird, zentral. das Fremde nicht als Unbewusstes oder als die Andersheit des ande-
Die Art und Weise, wie auf Leben als eine conditio humana geant- ren Menschen auffasst. Vielmehr ist eine Fremderfahrung angespro-
wortet und wie es gestaltet wird, bestimmt, welche Bedingungen die chen, die im Rahmen einer imaginären Beziehung gebildet ist.
Menschen in der Welt für sich und ihr Leben schaffen. Somit ist die Die imaginäre Beziehung zwischen Menschen, und zwischen
menschliche Verfasstheit nicht einfach ein Sachbefund der biologi- einem Menschen und menschlichem Material eines anderen wird
schen Anthropologie. Vielmehr wird sie in der Verschränkung mit leicht übersehen; sie ist aber eng mit dem Sinn des Lebens verknüpft.
sinnkonstituierenden Tätigkeiten, Erfahrungen und sozialen, kultu- Sowohl Jean-Paul Sartre (1994/1986) als auch Cornelius Castoriadis
rellen und technischen Einflüssen sichtbar gemacht und gestaltet. (1984) haben beide das Imaginäre gegen die Annahme verteidigt, es
Auch Arendt betont, dass das Leben ein Aspekt der conditio humana handele sich bei ihm nur um eine Fiktion, die zur Realität addiert
ist. Sie bezieht sich allerdings mit diesem Begriff nur auf den »Kreis- wird, oder womöglich um die Ersetzung der Realität im Sinne einer
lauf des Lebendigen«. (Arendt 51987, 231) Es ist ein Kreislauf, der Halluzination. Sartre folgt der phänomenologischen Tradition in der
sowohl den biologischen Lebensprozess, als auch die Lebensrhyth- Überzeugung, dass jegliches Bewusstsein mit der Möglichkeit zur
men des Täglichen und die Generationenfolge der Menschen kulturell Vorstellungsbildung gegeben ist. Eine Vorstellungsbildung gehört
beschreibt. Wenn wir nach dem Sinn des Lebens fragen, ist uns oft immer zur »inner-weltlichen Existenz« und sie ist so real wie anderes
unklar, ob wir das Leben im Allgemeinen oder das eigene konkrete Existierendes. (Sartre 1994/1986, 283)
Leben meinen. Biotechnologische Interventionen des transhumanen Das Imaginäre, das auf dem »Welthintergrund« als Vorstellung
Paradigmas können durch einen Eingriff in die körperliche Materia- erscheint, ist motiviert durch die Bewusstseinsfähigkeit, den »beson-
lität das Leben umgestalten. Aber was heißt das für die Erfahrungen deren Sinn der Situation zu erfassen«. (Ebd., 295) Der imaginäre Akt,
des gelebten Lebens? Es geht um sehr unterschiedliche Aspekte und den Sartre als Irrealitätsthese und Nichtung versteht, ist grundlegend
Begriffe des Lebens, wobei das eigene gelebte Leben und der Hinweis dafür, dass in einer Situation Reales expliziert werden kann, ohne
auf den »Kreislauf des Lebens« nur eine erste Differenzierung bedeu- selbst dem Irrealen zugehörig zu sein. In anderen Worten, die Rück-
ten. Wenn ein Organ – womöglich das symbolisch am meisten be- seite des Tisches ist in meinem Blickfeld abwesend, dennoch aber in
setzte Organ, nämlich das Herz – in einen anderen Menschen ver- der Wahrnehmungsbedeutung des Tisches präsent. Das Organ
pflanzt wird, dann beruht dieser Eingriff auf der Voraussetzung, »Herz« ist als Material für die Erfahrung nicht zugänglich, dennoch
dass menschliches Körpermaterial weitergegeben werden kann und aber als Imaginiertes in seiner spezifischen Bedeutung, die es noch
damit einem anderen Menschen, dem Empfänger, hilft weiterzu- auszuweisen gilt, in ihr real. Castoriadis hat mit dem Begriff des
leben. 4 Das Weiterleben mit Hilfe der Weitergabe eines Organs wird »Magmen« auf die ontologische, aber nicht notwendig semantisch
ausgewiesene Grundlage verwiesen, von der aus etwas in seinem Sin-
ne verständlich werden kann. Die Tatsache, also das Magma, dass mit
4 In diesem Zusammenhang gehe ich von einer Körperspende post mortem aus. Die
bioethischen Fragen zur Hirntoddebatte oder die prinzipielle Weitergabe von Orga-
nen werde ich hier nicht diskutieren. Bei den Lebendspenden, wie etwa Nieren- oder Spender wie auch Empfänger. Auch die Angehörigen der Spender und Empfänger, in
Gewebespenden, gibt es viele Fragen zum weiteren Leben aus der Sicht der jeweiligen ihren spezifischen Weisen, werden biographisch betroffen sein.

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Christina Schües Das »Leben« in biophänomenologischer Perspektive

den heutigen Biotechnologien menschliche Körper als prinzipiell teil- schwächt werden muss, um die Identität des anderen Herzens zu ak-
bar gedacht werden können, führt zu einer Sinninterpretation und zeptieren.
mitmenschlichen (Weitergabe-)Bedingungen, die vorher nicht so Im Folgenden möchte ich nicht in Zweifel ziehen, ob ein Weiter-
denkbar waren. 5 leben – sei es mit oder ohne medizintechnischer Hilfe – sinnvoll ist
Dass die Frage nach dem Sinn des Lebens auch lächerlich oder oder eben nicht, auch geht es mir nicht um ethische Aspekte. Viel-
absurd sein kann, wurde literarisch von Albert Camus verarbeitet: Er mehr möchte ich den Sinn des Lebens unter der Maßgabe (Bedin-
beschreibt 1942 im Essay Der Mythos des Sisyphos (2008) die gung) des weitergegebenen Lebens – eines Lebens, das der Andere
menschliche Existenz als hoffnungslose Absurdität. Gott sei tot und (der Spender) nicht mehr hat – thematisieren. Der Fokus auf die ver-
das Leben insgesamt sinnlos. Wir würden in einer hoffnungslosen schiedenen Aspekte und Dimensionen des Lebens erfordert eine bio-
Welt leben und dennoch so tun, als hätte alles einen Sinn. Der Aus- phänomenologische Perspektive, die anhand der jeweiligen »Sache
gangsort einer redlichen Philosophie sei die Kombination, dass der selbst« entfaltet wird. 7 Bevor die unterschiedlichen Phasen, was es
sinnsuchende Mensch im sinnleeren Weltall nach dem Sinne des Le- bedeutet, Leben weiterzugeben, geschildert werden, soll zuerst das
bens sucht. Er beginnt seine Schrift mit den Worten: »Es gibt nur ein Leben als gelebtes Leben, dann das Leben in generativer Perspektive
wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich ent- und im Zusammenhang der leiblichen Gespanntheit zwischen Ego,
scheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt Leib und Welt vorgestellt werden. Besonderer Fokus wird gelegt auf
auf die Grundfrage der Philosophie antworten.« (Camus 152013, 15) die unterschiedlichen Weisen der Fremdheitserfahrungen.
Camus fragt nicht nach dem Wert des Lebens, so wie es einige Medi-
zinethiker auf zweifelhafte Art getan haben; seine Frage zielt auf den
Sinn des Lebens, auf den Sinn des gelebten Lebens. Und diese Frage 2. Leben als gelebtes Leben und Leben entzieht sich
zielt letztendlich auch darauf, ob es Sinn hat, sich um das eigene Wei-
terleben zu bemühen. 6 Das große und verzweigte Thema des Lebens liegt zwischen den Dis-
Diese Frage hat Jean-Luc Nancy für sich positiv entschieden. ziplinen und Perspektiven (vgl. Toepfer 2013); deshalb wird es in der
Ihm wurde ein fremdes Herz transplantiert – und anschließend hat Biologie anders bestimmt als in den Literaturwissenschaften oder der
er einen Text über seine Erfahrungen mit der Transplantation ge- Phänomenologie. Aber dieser Beitrag richtet sich nicht auf den Be-
schrieben. Allerdings hat er gar nicht entschieden, also nicht wirklich griff des Lebens im Allgemeinen, sondern auf das »Leben« als geleb-
selber entschieden, wie er schreibt: Er wurde um die Entscheidung tes Leben. Mit der Formulierung des gelebten Lebens wird die Ebene
gebracht und kann das »eigene« Leben, das nun verlängert wurde, weg vom Begrifflichen und hin zur Erfahrungsdimension gewechselt.
nicht wirklich als eigenes empfinden. – Wo findet es sich angesichts Das gelebte Leben befindet sich bereits in einer Spannung zum Leben
dreifacher Fremdbestimmung? (Vgl. Nancy 2000, 29) Es ist eine im Allgemeinen. Es bezeichnet das Leben, von dem tröstend gesagt
Fremdbestimmung durch die Entscheidung von Ärzten (die Leben wird, es gehe weiter, wenn jemand an seiner Trauer aufgrund des Ver-
retten), durch das Organ (das Herz, das für einen schlägt, aber eigent- lustes eines geliebten Menschen zu verzweifeln droht. Allerdings
lich einer ganz anderen Person gehörte) und durch die Folgen der wird das Leben im Allgemeinen immer nur als unbestimmt, als dem
Verpflanzung des Herzens, weil u. a. das eigene Immunsystem ge- Bewusstsein entzogen erfahren. Aber das konkrete Leben scheint sich
von ihm abzuheben, es fließt, gewollt oder nicht, gewissermaßen als
Hintergrund in seiner Prozesshaftigkeit, die mit dem Kalender mess-
5 Castoriadis hat indes nicht über diese Art von medizinischen Praktiken geschrieben, bar wird. Erlebt und erfahren werden kann nur das konkrete persön-
dennoch können einige seiner Überlegungen in diesen Kontext übertragen werden. liche Leben. Die Betonung auf das gelebte Leben legt die Bedeutung
Das allerdings würde eines weiteren Beitrages bedürfen.
6
Jean-Paul Sartre (1994) überantwortete ganz einfach uns die Aufgabe, dem Leben
einen Sinn zu verleihen. Es liegt an den Menschen, ihm Sinn zu geben. Somit kann 7 Ein Merkmal der Phänomenologie, hier der Biophänomenologie, ist ihr Vorgehen
Leben mehr oder weniger Sinn haben. auf der Grundlage einer Verschränkung von Zugangsweise und Sache.

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nicht nur auf die Erfahrung, sondern damit auch auf die Frage, »wie »objektive Tatsache« verstanden werden, wie Worms aus einer Ge-
sinnvoll zu leben ist«. Diese Frage, die bereits in der Antike mit der genposition zur Metaphysik des Lebens und auf der Basis eines kri-
Frage nach dem guten Leben formuliert wurde, setzt voraus, dass tischen Vitalismus (der die Beziehung zwischen Lebewesen betont)
geklärt wird, wie gelebtes Leben, eigenes oder fremdes Leben erfah- argumentiert (Worms 2013, 66). Dieser Aspekt der Position von
ren wird. »Leben erleben« wird nicht als »Ding« oder »objektive Tat- Worms ist an den Ansatz von George Canguilhem angelehnt, der
sache« verstanden, sondern als Sinn, der in jeder Erfahrung gebildet dafür eintrat, dass der »Vitalismus nicht tot« sei, aber Leben, Gesund-
wird, als Geschichte und »Drama« affiziert, provoziert, aufregt, viel- heit und Krankheit nicht einen Wert an sich darstellt und nicht ohne
leicht auch langweilt. (vgl. Worms 2007, 9, 15; 2013, 48) seinen historischen und sozialen Kontext interpretiert und verstan-
Für viele Menschen ist die Frage nach dem Sinn des Lebens eine den werden könne (Canguilhem 2013). In seinem Aufsatz »La vie qui
der philosophischsten Fragen. Tatsächlich ist es eine komplexe und unit et qui sépare?« zeigt Worms (2007; 2013), dass die Dimensionen
schwierige Frage, weil mit ihr weder das Leben im Allgemeinen noch des Lebens verwoben sind: Das Leben im Allgemeinen und das kon-
das persönliche Leben im konkreten Sinn gemeint ist. Niemand kann krete Leben sowie das biologische und biographische Leben. 8 Er deu-
Leben nur im Allgemeinen erfahren. Doch wir glauben, Erfahrungen tet zwar auf die Verbindungszusammenhänge, betont den Sinn in
des eigenen, individuellen, konkreten Lebens zu haben. Diese Erfah- jedem Leben, jeder Geschichte und jedem Drama und bemerkt, dass
rungen haben als Horizont gleichwohl das Leben im Allgemeinen und seine Perspektive mit Ansätzen der phänomenologischen Tradition
finden (meistens) in Beziehungen mit anderen Menschen statt oder (er denkt besonders an Heidegger) verbunden werden könnte. Aber
wenigsten mit Bezug auf sie. Die konkrete Erfahrung des eigenen, er wendet sich nicht der Phänomenologie zu; doch wäre gerade das
persönlichen Lebens entspricht nicht dem Leben im Allgemeinen sinnvoll und wichtig. 9 Denn mit einem phänomenologischen Ansatz
und dieses kann nicht erfahren werden, weil Menschen immer schon kann geklärt werden, wie Leben einerseits gelebt wird, aber sich an-
in ihrem jeweiligen Leib, ihrer jeweiligen Sprache, Kultur und Le- dererseits entzieht und keinen Wert an sich darstellt. Leben wird Sinn
benswelt eingebettet und verleiblicht sind. Deshalb wird »leben« gegeben, indem es gelebt wird. Worms würde so weit gehen, dass der
immer relational erfahren. Frederíc Worms (2007; 2013), der diese Wert des Lebens fragil und prekär ist und deshalb der Selbsterhalt
Einsichten teilt, führt den Gedanken über Erfahrungen weiter: Der »nicht der höchste Wert sein kann« (Worms 2013, 66). So sehr ich
Sinn, der dem Leben gegeben ist, hängt davon ab, wie das eigene Le- Worms zustimme, dass sich deshalb Leben immer wieder »durch in-
ben, das somit nie nur das eigene Leben ist, erfahren wird. Die meis- tensive und relationale Bewährungsproben« erneuern wird (ebd.), so
ten Menschen werden Erfahrungen kennen oder erinnern, die ihrem sehr möchte ich ihm auch entgegenhalten, dass es deshalb auch einen
Leben eine tiefe Bedeutung verliehen haben oder die das Leben bedeu- Wert darstellt, das Leben in Beziehungen zu halten und ihm somit
tungslos haben aussehen lassen. Die Erfahrungen, die uns am meisten Gelegenheit zur Bewährung zu geben. Diese Bemühung kommt einer
angehen, sind diejenigen, die in Beziehungen gemacht wurden; es Selbsterhaltung als Beziehungserhaltung gleich, weshalb auch die
sind die Erfahrungen von Gefühlen, Emotionen oder Ereignissen mit Auseinandersetzung mit dem Imaginären der transhumanen Praxis
anderen, die uns nahe sind oder von denen wir emotional berührt dringlich ist und damit ein Desiderat für zukünftige Diskussionen
wurden. Durchaus bemerkenswert ist es, dass der Sinn des Lebens wäre.
nie gut oder schlecht ist, doch Erfahrungen können gute oder schlech-
te sein. Das Leben mag sinnvoll oder sinnlos sein; Erfahrungen kön-
nen sinnvoll oder sinnlos sein, aber eben auch gut oder schlecht (Wolf
1997). Leben hat somit seinen Sinn entsprechend der Beziehungs- 8 Wohlgemerkt wird nicht gemeint, dass das Leben im Allgemeinen das sei, was mit
erfahrungen, die im Zusammenhang des Verhältnisses mit sich selbst, biologischem Leben gemeint ist. Das biologische Leben kann als großer Kreislauf im
Allgemeinen gesehen werden, aber auch individualisiert, bezogen auf eine Person.
auch mit seinem Körper und mit Anderen gemacht werden. 9
Mit der Bewusstseinsphilosophie eines Husserls könnte allerdings ein Begriff wie
Wenn Erfahrungen das Leben mehr oder weniger sinnvoll das »Leben überhaupt« lediglich als Entzugsphänomen adressiert werden. Der Begriff
machen können, dann kann Leben nicht als »absoluter Wert« oder des élan vital von Bergson ginge wiederum an der Fragestellung vorbei.

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Christina Schües Das »Leben« in biophänomenologischer Perspektive

3. Verdammt zu Sinn und Leben als Entzugsphänomen Versuch einer Selbstauslegung des Lebens, dass diese sich immer
schon aufgrund der Verschränkung eines genitivus subjectivus und
Der Phänomenologe Edmund Husserl interpretiert Menschen als genitivus objectivus als widerständig erweist. Das gelebte Leben kann
sinnkonstituierende Wesen. Menschen sind zu Sinn verdammt, aber erfahren, aber nicht unter einer Was-Frage objektiviert oder sogar
die Klärung, wie Sinn konstituiert und entfaltet wird, das wird zur verdinglicht werden.
Aufgabe der Phänomenologie. Der Grund für das Verdammtsein zu Die lebendige Intentionalität ist ein Vermögen, das zur Konsti-
Sinn liegt in der fungierenden und waltenden Intentionalität der tution von mehr oder weniger sinnvoll zusammenhängenden Sinn-
Menschen, die mit der Geburt die Geborenen in ein gespanntes Ver- gebilden führt, die gemäß entsprechender Auffassungsweise unter-
hältnis in die Welt und zur Welt setzt. Der Grundbefund der konsti- schiedlich erfahren und bewertet werden können. »Wir leben« heißt
tutiv fungierenden oder waltenden Intentionalität heißt nach Hus- somit, wir sind zu ›Sinn‹ verdammt; wir können nicht nicht Sinn
serl: »Ich lebe« bzw. »Wir leben« (Husserl 2002, 335 f. Fn) Dieses erfahren. Das bedeutet allerdings: Das ›Leben‹ selbst entzieht sich.
Verständnis der Intentionalität wird von Husserl ab den 1920ern for- Was in unser Sinn(es)feld rückt, ist ein Sinn; seine jeweilige Bedeu-
muliert. 10 »Wir leben« bezieht sich auf eine »Welt der Menschen« tung für uns, und ob oder wie dieser Sinn als sinnvoll oder eben sinn-
(Husserl 1973, 620), die ihrerseits in einem genetisch-generativen los gewertet wird, das ist eine andere Frage.
Konstitutionszusammenhang mit anderen Lebewesen stehen. Für Für Husserl bedeutet somit Leben Sinnkonstitution; es ist ein
Husserl bezeichnet »wir leben« sowohl einen kulturell-sozialen wie transzendentales Bewusstseinsleben, das als unhintergehbar subjek-
auch einen biologisch-evolutionären Sachverhalt, der sich in einem tiv lebendig und selbst entzogen bleibt. 13 Der Grund für den Entzug
geschichtlichen Zusammenhang – mit Paul Ricœur gesprochen – his- des ›Lebens‹ liegt erstens in seiner immanenten Zeitlichkeit, die in
torisch und narrativ entfaltet. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dimensioniert ist. 14 Damit
»Bewusstseinsleben« oder »ich lebe« bedeutet mehr als das so- ist aber auch ›Leben‹ in Sinnkonstitution nicht einfach bewusstseins-
genannte »Psychische« oder ›etwas‹, das mit der Psychologie be- mäßig, von seinem Bedeutungsgehalt her aufzuweisen. Es besitzt
stimmt werden könnte. Explizit kritisiert Husserl die Gefahr einer eine innere Intentionalitätsstruktur, die somit lebendig, aber auch
Verdinglichung des Bewusstseinslebens und den zu seiner Zeit Mode entzogen ist. Deshalb ist der zweite Grund für den Entzug des Lebens,
gewesenen Psychologismus. 11 Husserl geht es um das konstitutive dass Leben als Sinnkonstitution immer schon mehr ist als ein Ich
»Walten« und um das Lebendige des Aktlebens als eigenwesentlich leisten könnte und umgekehrt gedacht: Die Konstitution einer Sinn-
Psychisches, das sich »mit dem Transzendentalen als konvertibel er- welt deutet auf die konstitutive Erweiterung des Ichs, das in seiner
weist« (Husserl 1954, § 62; Orth 2006, 54). 12 Deshalb bedeutet der Verschränkung mit Welt und Leib nie als alleiniges abgegrenzt fass-
bar ist. 15. Somit bedeutet »Ich lebe« immer, mit anderen in der Welt
10 Siehe dazu auch die sogenannte Krisis-Schrift von Husserl (1954). In früheren zu leben und somit von jemandem in diese Co-Existenz mit anderen
Schriften vertrat Husserl ein Konzept von Bewusstsein, das auf den Aspekt des »Ge-
richtet-sein auf etwas als etwas …« interpretiert wurde. »Leben« hieß für Husserl in Der Begriff des Waltens wird von Husserl im Zusammenhang eines körperlichen oder
dem Zusammenhang der sogenannten »Ideen« auch »Aktleben« bzw. das »Währen ichlichen Waltens im Sinne des Fungierens benutzt. Es geht jeweils auch um eine
und Walten von Akten« (Husserl 1950a); es ist von lebendigen Akten und vom »Le- Ausrichtung auf die Welt.
ben in Akten«, von Seelen bzw. Bewusstseinsleben die Rede. Alle diese Wendungen 13 Dieses Bewusstseinsleben ist teleologisch ausgerichtet. (Husserl 1950a, § 58)

sind von verschiedenen Seiten, besonders auch von der französischen Phänomenolo- 14 Die Zeithorizonte – Retention und Protention – sind Momente der Intentionalität,

gie, etwa Merleau-Ponty, auf den ich gleich eingehen werde), weiterentwickelt und die eine statische Analyse (wie Husserl sie in den sogenannten Ideen (1950a, § 81,
kritisiert worden. § 181) vorgelegt hat) eigentlich unmöglich machen. Die ursprünglich gestaltete Zeit
11 Die Beschreibung des Aktlebens rechnet Husserl der deskriptiven psychologischen ist Leben (Vgl. Husserl 2006).
Phänomenologie zu. (1950a) 15 Die Verschränkung von Leib und Welt und einer lebendigen Intentionalität, die in

12
In früheren Texten (Logische Untersuchungen, Ideen I) bedeutet Leben Intentio- Husserls Texten ein führendes Motiv ist, könnte im Sinne eines passiven Strömens
nalität, was ungünstigerweise eine Lebensrichtung impliziert. Leben bedeutet hier auch mit einem biologischen Lebensbegriff, etwa wie ihn jeweils unterschiedlich
weder organisch-biologische, noch leibkörperliche oder vorbewusste Wirklichkeiten. Humberto Maturana, Helmuth Plessner oder Michel Henry vertreten haben, zusam-

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Christina Schües Das »Leben« in biophänomenologischer Perspektive

geboren worden zu sein. Die conditio humana des Lebens ist nur in die einem bewusstseinsmäßig entzogen, aber apodiktisch aufgrund
Verknüpfung mit den anderen menschlichen Bedingtheiten, wie etwa der Tatsache des »Ich lebe« gewiss sind (Vgl. Schües 2016, Kap. V).
der Gebürtlichkeit und Sterblichkeit, der Leiblichkeit und Verletzlich- Somit versucht sie auch eine Klärung des Bezugs zwischen einem
keit, Beziehungsnotwendigkeit und Welt verständlich. Das bedeutet, Leben, das weitergeht und mir vorausging, und dem konkreten Le-
Geburt und Tod sind mehr als Lebensbegrenzungen; Leiblichkeit und ben, das persönlich als »eigenes« oder auch »fremdes« erfahren wird.
Verletzlichkeit sind mehr als physische Risikodispositionen; Bezie- Auch in diesem Thematisierungskontext bleibt das Leben in der Fo-
hungen und die Welt sind mehr als lästige Abhängigkeit und Umge- kussierung auf Beziehungen und generative Zusammenhänge ent-
bungskontext. 16 Diese und weitere Bedingtheiten der Menschen sind zogen, obgleich das »Ich lebe« in sie hineingestellt ist. Somit wird
als conditio humana sinnstiftend und handlungsbegründend im Le- deutlich, dass Leben mehr ist als ich meinem ›Ich‹ zuschreiben könn-
ben selbst. te; es übersteigt mein Ich und ist immer schon mit dem Leib, der Welt
und Geschichten verschränkt. Leben auf der Welt (und nicht als Em-
bryo im Mutterleib zu leben) bedeutet, geboren worden zu sein und
4. Leben in generativer Perspektive und generative in einem generativen Zusammenhang mit anderen in der Welt und
Phänomenologie zur-Welt zu leben. 17 Gleichwohl entzieht sich das Leben und Sinn
drängt sich auf. Dieser Sinn liegt in der Beziehungserfahrung mit sich
Die Erfahrungen im Allgemeinen und besonders die konkrete Erfah- selbst als leibliches Selbst und mit anderen Menschen und wird dem
rung des Anderen, des Fremden betreffen niemals nur ein Individu- Leben zugeschrieben. 18 Die Überlegungen mit der Perspektive einer
um. Erfahrungen sind immer schon in Beziehungen und Geschichten generativen Phänomenologie auf die Geburt und ihre Beziehungs-
leiblich eingebunden. Deshalb ist eine Sinnkonstitution nur sinnvoll zusammenhänge hilft, diese phänomenologische Methode weiter-
in Bezug auf mitmenschliche Beziehungen und generative Struktu- zuentwickeln, um auch die Erfahrungen im Zusammenhang der
ren. Die generative Struktur umfasst die Generationenabfolge, in die Transplantationspraxis genauer zu verorten und zu entfalten.
Menschen jeweils hineingeboren werden, und bezieht die Tatsache
ein, dass Menschen von anderen Menschen gezeugt und geboren wer-
den. Wir werden also von anderen geboren und in eine Welt hinein- 5. Gespanntheit zwischen Ego, Leib und Welt.
geboren, die bereits von Anderen entdeckt und gestaltet wurde. An Die Fremdheit des eigenen Lebens
diese Beobachtung anknüpfend hat auch Husserl generative Phäno-
mene erwähnt und zur Weiterarbeit empfohlen (vgl. Husserl 1950, In seinem autobiographischen Text Der Eindringling erzählt Jean-Luc
§ 62). Die phänomenologische Entfaltung generativer Phänomene, Nancy (2000) von seinen Erfahrungen mit einem neuen Herzen eines
wie etwa die Geburt, das Geborensein oder die Generationenfolge, Anderen. Er beschreibt das Gefühl, wie das vormals eigene Herz
auch die Verwandtschaft oder der Tod, fordern die Verklammerung durch Gesundheitsprobleme fremd wird, und berichtet über die Herz-
mit einer bestimmten Methode, nämlich mit der generativen Phäno- transplantation und die anschließende Ambiguität und Ambivalenz
menologie. Sie ist ausgerichtet auf generative und intersubjektive Be- des eigenen gleichzeitig fremden Körpers, der sich an sein neues Herz
ziehungen, auf die Anfänglichkeit und Endlichkeit des Lebens, und gewöhnen soll. Nancy ist kein Phänomenologe; seine philosophi-
auf die Tatsache, dass es Phänomene gibt, etwa die eigene Geburt,
17 So ist mein Geborenwerden transformiert in eine »anonyme Natalität« (Merleau-

Ponty 1966, 253), die in ihrer fundamentalen Anonymität meine Leiblichkeit in der
mengebracht werden. Auf einer anderen Ebene formuliert Arendt: »Leben heißt in dramatischen Gespanntheit zwischen Ich-Welt-Andere sinnesgeschichtlich hervor-
einer Welt leben, die schon vor einem da war und nachher da sein wird.« (1989, 30). bringt. Der Begriff der »Natalität« wird bedeutungsgleich mit dem der »Gebürtlich-
16
Die generative Zeiterfahrung deutet auf eine Reibung oder eine Fraktur zwischen keit« verwendet.
der persönlichen und der allgemeinen Zeit sowie zwischen einer linearen und zykli- 18 Die Beziehungserfahrung schließt auch weitere Beziehungen mit ein, etwa mit

schen Zeitstruktur. Tieren, Kunst, der Natur usw.

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Christina Schües Das »Leben« in biophänomenologischer Perspektive

schen Beobachtungen des eigenen Erlebens und der tiefgründigen Phase -1. Vor der Transplantation: Das ist nicht normal: Mein Herz
Fremderfahrung sind eindringlich, doch bleiben sie beschreibend schmerzt und funktioniert nicht mehr.
und erzählend.
Nancy wählt als Eingangszitat für seine Erzählung einen Satz Wenn das Herz schmerzt oder aussetzt, dann bekomme ich Angst.
von Antonin Artaud: Etwas ist falsch, es wird mir fremd, beunruhigt mich, setzt sich ab
»Tatsächlich gibt es nichts, was auf so unerträgliche Art und vom Körper, wird unvertraut und zur Störung. Wenn die »Pumpe«
Weise unbrauchbar und überflüssig wäre wie das Organ, das Herz stockt, dann stocken Lebensfunktionen in mir. Mein Körper ist ge-
genannt wird, dieses schmutzigste aller Mittel, das die Wesen erfin- stört. Ich werde mir fremd. Mein Körper drängt sich mir als nicht
den konnten, um Leben in mich zu pumpen.« (Artaud 2000, 7) In der funktionierend auf und wird mir fremd. Dieses Fremde bewirkt den
Ich-Perspektive beschreibt Nancy die Gefühle, die die meisten Men- Abbruch, mindestens die Einschränkung der äußeren Beziehungen
schen mit dem Herzen verbinden und die jeder aus der Innenperspek- mit anderen Menschen oder der Bewegungsmöglichkeiten in der
tive für sich selbst nachvollziehen kann, die aber auch typisch für Welt.
phänomenologische Beschreibungen sind: Das Herz pumpt Leben in In der Erfahrung wird Sinn konstituiert, der leiblich verankert
mich, denn ohne dieses Leben bin ich nicht mehr, dieses Leben ist zur Welt ausgerichtet ist. Die Leiblichkeit ist prä-personal und ano-
meine Bedingtheit. Biologisch betrachtet pumpt das Herz Blut, aber nym, und deshalb mir, also meinem Bewusstsein, vorgängig. Maurice
wenn es das nicht tut, dann bin ich tot. Also pumpt es wohl doch Merleau-Pontys leibphänomenologischer Ansatz ist eine wichtige
Leben? Das Herz steht auch symbolisch für die Liebe. Etymologisch Ausgangsbasis für die Weiterentwicklung der husserlschen Phäno-
gibt es eine Nähe zwischen Leben und Liebe. Ein jeder kann in sich menologie, die im vorherigen Abschnitt bereits in eine generative
fühlen: Das Herz ist mein Puls, mein Taktgeber des Lebens, es ist mir Phänomenologie erweitert wurde. Diese Weiterentwicklung mündet
näher als meine Niere oder ein Gewebestück. Im Folgenden werden dann in den Abschnitten über die Transplantation (0) und das Leben
Lebensphasen unterschieden. Es gibt diejenigen vor der Transplanta- danach (+1, +2) in eine, wie ich es nenne, Biophänomenologie, die
tion, der Stunde 0, und diejenigen nach ihr. Die vorherigen Phasen, explizit auf das leibliche Erleben des Lebens und auf die Beziehungs-
die ich mit »-2« und »-1« bezeichne, sind die der Normalität und erfahrungen in transhumanen Praktiken ausrichtet ist. Zentrale Be-
schließlich die des Krankwerdens, die zur Transplantation »0« führen. griffe sind die Anonymität der leiblichen Vorgängigkeit und eine
Die Phasen danach werde ich dann mit der Symbolkraft von »+1« und Struktur der Ambiguität, die in den Verhältnissen zwischen Ich und
»+2« benennen. Welt, Leib und Körper, Aktualität und Potentialität ruht. Zuerst wer-
de ich die Aspekte der Ambiguität, dann den Aspekt der Anonymität
in den Vordergrund der Betrachtung rücken.
Phase -2. Normalität: Mein Herz fühle ich oft gar nicht. Aber ich Die leibliche Verankerung des Ichs und seiner Erfahrungen ist
kann meine Hand auf die Brust legen und merken, dass es klopft. die Grundüberzeugung einer Leibphänomenologie. So auch für Mer-
leau-Ponty (1966). Er entfaltet eine Struktur der Gespanntheit zwi-
Mein Herz ist mein, es klopft, wenn ich aufgeregt bin; es stockt, wenn schen Ich, Leib und Welt, die einerseits in enger Kommunikation und
ich mich erschrecke; es schlägt ruhig und gleichmäßig, oft – und dann in nahen wechselseitigen Beziehungen zu einander fungieren, ande-
bemerke ich es nicht einmal; es rast, wenn ich zu lange zu schnell rerseits aber immer in einer Distanz gehalten werden, die notwendig
laufe oder Angst habe. Und für die Beschreibung der Aufruhr der für Erfahrung ist und den Wahrnehmenden von dem Wahrneh-
Liebe hilft bisweilen nur die Metaphorik des Jahrmarktes, um zu be- mungsobjekt unterscheidet. 19 Das In-der-Welt-Sein bedeutet die leib-
schreiben, wie es dem Herzen geht.
19
Denn, wenn diese Distanz nicht vorläge, dann fiele die verleiblichte Intentionalität,
also das Ego und der Leib, mit der Welt zusammen, und Irrtümer oder auch Miss-
verständnisse wären unmöglich gemacht.

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Christina Schües Das »Leben« in biophänomenologischer Perspektive

liche Verankerung und eine Distanz, die im leiblichen Gerichtet-sein- ist das eigene Leben prinzipiell entzogen, im Bereich der Anonymität
zur-Welt gründet, und es bildet eine Struktur der Ambiguität, die die angesiedelt und verschränkt in Ich, Leib und Welt.
Unterscheidung zwischen einem habituellen und aktuellen Leib Nun noch in der Phase vor der Transplantation scheinen die
durchzieht. Der habituelle Körper ist fremd geworden, wenn die Durchdringung von Personalem und Anonymität und die Verschrän-
Weltbeziehungen in ihrer Selbstverständlichkeit gestört werden und kung von Innen und Außen, die in ihrer jeweiligen Differenz Bedin-
nicht mehr zu halten sind; dann drängt sich der Körper dem Selbst als gung für jede Erfahrung sind, durcheinandergeraten. Eigenes und
fremder Körper auf. Der aktuelle Leib kann sich dem habituellen Fremdes treten auf. Aber das Fremde ist nicht einfach anonym. Es ist
überstülpen, was durch die Ambiguität zwischen dem Sein in der aufdringlich und stört. Der habituelle Leib entspricht nicht dem ak-
Welt und dem Sein zur Welt eine stets präsente Möglichkeit ist. Der tuellen. Aber der aktuelle Körper und das neue fremde Gefühl sind
habituelle Leib, der prä-personal und anonym jeder Erfahrung vor- nicht einfach anonym; sie sind aufdringlich und stören. Aber sind sie
gängig ist, ist immer schon in seiner spezifischen Weise in-der-Welt. mehrere? Körper und Gefühle? Nancy beschreibt: »Das Herz wurde
Die im Leib angesiedelte Anonymität begleitet jede Erfahrung, nun zu meinem Fremden. Fremd wurde es gerade deshalb, weil es sich
jede Wahrnehmung und jede Bedeutung. Wesentlich für die Anony- innen befand. Von außen konnte der Fremde nur in dem Maße kom-
mität ist, dass sie nicht einfach eine Begleitung neben oder außerhalb men, in dem er zunächst innen aufgetaucht war.« (Nancy 1999, 15)
der Erfahrung, Wahrnehmung oder Handlung ist, sondern sie glei- Treppensteigen wird zum Problem. Der Körper wird schwer, der
chermaßen durchwebt und ihnen zugrunde liegt, weil z. B. eine Atem flach und das Gefühl, das doch Körpergefühl, aber auch Gefühl
Wahrnehmung oder eine Erinnerung sich mir als anonyme aufdrängt darüber hinaus ist, vereinnahmt meine Beziehung zur Welt. Der
oder in mir wie aus der Dunkelheit des Bewusstseins ›hochsteigt‹. eigentlich ungestörte Aufbau der subjektiven Welt erfährt eine Stö-
Jede Erfahrung der Beziehungen und der Welt findet in einem Milieu rung, und das raffinierte Gleichgewicht im Sinne eines Kohärenz-
der Allgemeinheit statt, das diesseits meiner selbst einem Reich der gefühls zwischen subjektiver Kreativität (zur-Welt-sein) und objekti-
Sensibilität angehört, die ihr vorausgegangen ist und somit anonym vem Umgebungsangebot (in-der-Welt-sein) ist gestört, wenn – wie
bleibt. Jede Empfindung, jede Erfahrung ist teilweise anonym, weil Lennart Levi es formuliert hat – die Umgebung »sich zu dem Lebe-
sie notwendig partiell ist. Nicht ich empfinde, sondern man empfin- wesen verhält wie ein schlecht passender Schuh.« (Zitiert v. von Uex-
det in mir und jenseits des aktuell Erfahrenen gibt es immer noch küll, Wesiack 1998, 78) Der zu enge »Schuh« ist nicht abzustreifen,
mehr von der Welt. Die persönliche Zeit und der persönliche Erfah- denn er ist wie innen eingebaut. Die Luft ist knapp, das Herz rast.
rungsraum sind von einer allgemeinen Zeit und einem allgemeinen »Leben« erscheint außer mir. Es erscheint als außer mir unter beson-
Raum getragen, die ich nicht konstituiert habe, weshalb sich die Ge- deren Umständen, die im anonymen Diesseits ruhen, da die eindring-
genstände unter einem »Schleier der Anonymität« befinden (Mer- liche Störung des Fremden in mir die Differenzen des habituellen und
leau-Ponty 1966, 399). Das gelebte Leben ist von einem allgemeinen aktuellen Leibes sowie des Eigenen und Fremden auseinandertreten
Leben getragen, das ich nicht konstituiert habe und somit ebenfalls lässt. Es ist eine Trennung, die aufklafft, aber unfassbar und stumm
als Anonymität vorauszusetzen ist. 20 Die Welt ist in mir und ich bin bleibt, eine reine noch stumme Erfahrung, ein Erleben, das erst nach-
in der Welt, »mein Innen« ist in gewissem Sinne ›außer mir‹ und was träglich seinen Sinn bekommt. Der Sinn liegt dann nicht im Leben,
außen ist, durchwirkt mein Inneres. Im Bereich der Empfindung sondern in der Sensibilität des Zurückgeworfenwerdens auf den Kör-
selbst »ist« ein blinder Fleck, der nicht zu fassen ist. In diesem Sinne per und ich bin »nicht mehr in mir selber. Ich komme bereits von
außerhalb, von einem anderen Ort, oder ich komme überhaupt
20 Der in diesem Beitrag gewählte phänomenologische Ansatz ist trotz oder mit seiner
nicht.« (Nancy 2000, 17) Aber die Beziehung von mir und der Welt,
Weiterentwicklung für die Problematik von Krankheit und Transplantation letztend- mit mir und den anderen ist verloren. »Mein Herz, nunmehr Ein-
lich der phänomenologischen Bewusstseinsphilosophie verpflichtet. Die Lebensphä-
dringling, muss ausgestoßen werden.« (Nancy 2000, 17)
nomenologie von H. Bergson oder M. Henry hier einzuflechten, wäre spannend, liefe
aber meinem Gedankengang zuwider und in eine ganz andere Richtung, die einem Wenn es so ist, wie Merleau-Ponty nahelegt, dass das Ich immer
Bericht, wie dem von J.-L. Nancy, nicht gerecht werden würde. schon verschränkt ist mit Leib und Welt, dann bedeutet das, dass auch

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Christina Schües Das »Leben« in biophänomenologischer Perspektive

ich mir selbst fremd geworden bin. Ich bin mir nicht nur fremd, weil dest ist der Mensch, der weitergibt, im Sinne der Hirntoddefinition,
das Herz nicht mehr kann, sondern weil dadurch mein bzw. der leib- die mittlerweile in den meisten Ländern Grundlage für Transplanta-
liche Bezug zur Welt ausfällt und damit mir auffällt. Die mich umge- tionen post mortem ist, nicht mehr am Leben. Wenngleich der Spen-
bende anonyme, doch mir zugehörige Umgebung und Tiefe stößt mir der sein Leben nicht weitergegeben hat, so wird doch Leben weiterge-
auf, in tief empfundener Fremdheit. ›Leben‹ ist die »primordiale geben. Das Herz lebt und hat die Aufgabe, Leben in den Körper zu
Seinsart, die alles ›Erleben‹ einer Welt erst möglich macht; dass wir pumpen. Technik verhilft zur Wiederbelebung mit lebendigem Men-
atmen […] müssen, ehe wir in ein beziehungsvolles Leben einzutre- schenmaterial. Das weitergegebene Leben bedeutet für den Trans-
ten vermögen […]« (Merleau-Ponty 1966, 191). Leben ist unmöglich plantierten, sein Leben zu verlängern. Die Transplantation des Her-
geworden – in einem erschöpften Körper. zens gibt neues Leben, das das alte weiterleben lassen soll. Sie ist
Hoffnung für die Zukunft, für eine Zukunft mit einem neuen Her-
zen, das für ein wiedergewonnenes und auch neues Leben steht.
5. »Leben« weitergegeben

Welchen Sinn hat das Leben unter der Maßgabe des verpflanzten Phase +1. Die Herztransplantation hat stattgefunden und das
weitergegebenen Lebens? Auf welchen Sinndimensionen kann »Le- »eigene Leben« wird fortgesetzt. Aber wie?
ben« verstanden werden? Wenn es sich so anfühlt, dass das Leben
durch ein krankes Herz nicht mehr möglich ist und dieses auch noch »Ich habe das Herz eines anderen erhalten« schreibt Nancy und re-
von der Medizin bestätigt wird, dann ist es Zeit, eine Transplantation flektiert die Fremderfahrung im Innersten seines Körpers nach der
zu thematisieren. Es geht um nicht mehr weiterleben können, um das Herztransplantation. Um leben zu können, brauchte es das Herz eines
tägliche Leben und eigene Leben, das nicht mehr weitergeführt wer- anderen (Nancy 2000, 11, Übers. CS). 21 Ich brauchte es gar nicht, aber
den kann, ohne die Unterstützung eines neuen Herzens. Aber dieses ich – um zu leben – brauchte es wohl doch. Es – das Leben, mein
neue Herz steht auch für ein neues Leben und dafür, dass das eigene Leben, braucht das Herz eines Anderen. Das eigene Leben braucht
Leben mit einer Lebensgabe als wieder neu weiterleben kann. das lebende Herz des Anderen. Aber »von Anfang an ist mein Über-
und Weiterleben in einen komplexen, von Fremden und Fremd-
artigem gebildeten Prozess verwickelt.« (Nancy 2000, 21) Auf der
Stunde + - 0. Das alte Herz wird explantiert und entsorgt; ein neues alltäglichen und sozialen Ebene erleben Menschen, die eine Trans-
altes Herz wird eingesetzt. plantation hinter sich gebracht haben, dass sie nun ihr Leben als
»Transplantierte« neu leben. Eigentlich soll das weitergegebene ande-
Eine Transplantation beinhaltet, dass ein Organ oder Gewebe aus re Leben das eigene Leben fortsetzen, aber es ist ein Leben unter
einem Körper herausgenommen wird und in einen anderen hinein »Aufsicht« (Nancy 2000,19); denn immer wieder müssen medizi-
übertragen wird. In diesem Fall wird ein Herz transplantiert; es wird, nische Tests gemacht werden, denn die »lebendigsten und beweg-
biologisch gedacht, »verpflanzt«. Somit steht die Praxis der Trans- lichsten Feinde lauern im Innersten«. (Nancy 2000, 37) Es ist der
plantation auch für die Zerstückelung des menschlichen Körpers und eigene Körper, der meine ›Viren‹ beherbergt, die immer zu mir gehör-
für die Möglichkeit, einzelnen Teilen eine neue Umgebung zu geben. ten und jetzt aufgrund des fremden Eindringlings behandelt werden
Wenn ein Mensch stirbt, dann können Teile seines Körpers in einem müssen und das Selbst, das verleiblichte Selbst – fremdes oder eigenes
neuen Körper mit einem neuen Kontext weiterleben. Das Herz wird Selbst? –, schwächen. Das Immunsystem versucht, das fremde Herz,
weitergegeben, um einem herzkranken Menschen zu helfen. Wahr-
scheinlich ist es jünger als das entsorgte Herz. So wird Leben weiter- 21
In die deutsche Übersetzung ist ein Personalpronomen 1. Person hineingeraten. Sie
gegeben, aber derjenige, der gibt, hat gar kein Leben, ist gar nicht weicht also vom Original ab! »Il fallait donc, pour vivre, recevoir le cœur d’un autre.«
mehr am Leben. Also wird es nicht wirklich weitergegeben. Zumin- (Nancy 2000, 10).

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Christina Schües Das »Leben« in biophänomenologischer Perspektive

das für es nicht neues Leben, sondern ein Eindringling ist, abzuweh- konnte. Die Metapher der »zweiten Geburt« hat Hannah Arendt in
ren. ›Ich‹ werde mir selbst zum Eindringling. Die Immunität des Kör- ihrem Buch Vita Activa (das sie auf Englisch passend unter dem Titel
pers kennt nur das Eigene. Identität steht für Immunität; nach der The Human Condition veröffentlichte) eingeführt. Eine ihrer Grund-
Transplantation ist es so, als habe der »Transplantierte« zwei Identi- thesen ist es, dass die erste Geburt im Handeln und Sprechen, also im
täten. Das eigene Immunsystem muss für das fremde lebenspendende politischen Raum, aktiv neu inszeniert werden kann. Die in der ersten
Herz geschwächt werden, damit es dieses als eigenes akzeptiert. »Die Geburt enthaltenen Aspekte der Anfänglichkeit und der Beziehungen
Schwächung des Immunsystems erweckt zum Leben.« (Nancy 2000, werden in der zweiten Geburt politisch, indem mit anderen Men-
33) Die erfahrenen Begleiterscheinungen sind Übelkeit und Schüttel- schen Beziehungen aufgenommen werden, im gewissen Sinne ›wie-
frost, aber auch eine erhöhte Infektanfälligkeit und ein langfristiges derholt‹. Die strukturellen Ähnlichkeiten liegen in der Bedeutung des
Risiko für Tumore. Neuanfangs und in der Notwendigkeit, dass auch andere an diesem
Das Fremdartige ist der Eindringling, der von außen zu kommen Anfang anknüpfen und ihn weiterführen, um ihn als Anfang zur Er-
scheint wie ein ungebetener Gast und nicht mehr weggeht. Er macht scheinung zu bringen. Die Arendt’sche Metapher der »zweiten Ge-
sich breit und bleibt. Das Fremde geht einher mit einer Fremderfah- burt« und ihr Gebrauch im Zusammenhang von einer Transplanta-
rung, die in diesem Fall sehr besonders ist. Sie ist so besonders, dass tion und dem Eindruck eines Patienten, dem Tod entronnen zu sein,
der Versuch ihrer Klärung die Möglichkeiten der Phänomenologie an sollte nicht überstrapaziert werden. Dennoch gibt es gewisse Ähn-
die Grenzen treibt. Diese Form der Fremderfahrung betrifft nicht das lichkeiten in Bezug auf das Verhältnis zu sich selbst, zum eigenen
Unbewusste als Anonymes, nicht die andere Person in ihrer Anders- Körper und zur Welt. Die zweite Geburt einer Transplantation er-
heit, nicht das Fremde außer mir, das sich mir entzieht und un- öffnet keinen politischen Raum, aber sie verhindert den Tod und ver-
zugänglich bleibt. Dieser Umstand fordert dazu auf, einen neuen er- hilft zum Überleben und Weiterleben in der Welt, mit Anderen und
kenntnistheoretischen Zugang – eine Biophänomenologie – zu unter der notwendigen Aufsicht von Anderen. Stärker aber noch trei-
diesem besonderen Phänomen der Fremderfahrung zu entwickeln. ben die Phantasie und die Imagination ihre Spiele. Welches Leben ist
Leben in seinen verschiedenen Facetten und Dimensionen, die beson- nun meins? Was für ein Leben wurde eingepflanzt. Inwiefern ist die
dere Fremderfahrung des Lebendigen und der spezifische Sinn des Ausrichtung des Lebens ein Weiterleben, aber doch auf den Tod hin?
Weiterlebens mit Hilfe transhumaner Praktiken – all das ist Thema Das neue alte Leben bewirkt Leben. »Das Leben kann nur auf das
einer Biophänomenologie. Wie schon gezeigt wurde, bedarf es einer Leben zutreiben.« (Nancy 2000, 23) Die Fantasie entwickelt Spiel-
besonderen Beschreibung, um die spezifische Weise der Fremderfah- räume; wer sagt denn, dass das neue Herz länger leben könnte? Es
rung adäquat in Worte zu fassen. Es geht um einen spezifischen Sinn gibt diesen Satz, den sogenannte Transplantierte immer wieder hö-
von Weiterleben (a), um Modi der leiblichen Fremderfahrung und der ren: »Denn sonst wärst Du nicht mehr da!« Es ist ein Satz, der im-
Zeit (b) und um ein Weiterleben in neuer »Verwandtschaft« (c). pliziert, dass Tod vom Leben abgetrennt werden kann und dass von
nun an Leben dem Leben (das dem Tode geweiht war) zukommt, das
das fremde lebende Herz (das auch dem Tode geweiht war) zu neuem
(a) Das »Weiterleben«
Leben erweckte. Doch glauben wir Husserl und Merleau-Ponty, dann
Wenn es so ist, wie Max Scheler (1957) vermutet, dass das Leben hieße es, das Leben selbst bleibt entzogen, dennoch kann auf Leben
ähnlich eines Stundenglases abläuft, indem die Vergangenheit immer als vom Tod abgetrennt, als gegeben und empfangbar hingewiesen
größer und die Zukunft immer kleiner wird und damit die Todesrich- werden.
tung klar vorgegeben ist, dann wird nun im Kontext der Transplan-
tation die Ausrichtung fraglich. Mit dem neuen Herzen, das das
(b) Modi der leiblichen Fremderfahrung und der Zeit
Weiterleben ermöglichte und wie ein neues Leben gab, wurde der
Lebensausrichtung auf den Tod hin eine zweite Geburt eingefügt, Nach einer Organtransplantation ist der Körper mit einem fremden
über die – wie für die Geburt üblich – nicht selbst verfügt werden Organ konfrontiert. Aber es ist nicht nur der Körper als physischer

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Christina Schües Das »Leben« in biophänomenologischer Perspektive

Körper, der den eingesetzten Fremdkörper in die Körperphysiologie lichen Eingebundenseins in der Welt fremd wird. Die Fremderfah-
assimilieren muss. Es geht auch um die leibliche Fremderfahrung des rung gleicht einer Entfremdung, etwas wird mir fremd oder ist mir
Selbst und um den aktuellen und habituellen Körper. fremd geworden. Und dann zur ›Stunde 0‹ wurde ein solides Organ
Merleau-Ponty hat in der Phänomenologie der Wahrnehmung transplantiert. 22 In diesem Fall sei mit zu berücksichtigen, dass es sich
(1966) die Probleme beschrieben, die es schwierig, vielleicht sogar nicht um irgendein Organ handelt: Das Herz ist speziell. Es ist emo-
unmöglich machen, den Verlust eines Armes dem habitualisierten tional und kulturell persönlich und symbolisch stärker besetzt als an-
Körperschema einzupassen. »An Stelle des vormals Wahrgenom- dere Organe. Weil das Herz, wie mehr oder weniger jedes andere
menen tritt neues, ja auch neue Gefühle treten an die Stelle der eins- Organ, als körperfremdes von außen in meinen Körper eingepflanzt
tigen, doch diese Erneuerung wandelt nur den Erfahrungsinhalt, wird, gibt es körpereigene Abstoßungsreaktionen, die die ›Phase +1‹
nicht die Erfahrungsstruktur, die unpersönliche Zeit fließt weiter prägen. Das Immunsystem muss als Teil des eigenen Körpers ge-
fort, die persönliche Zeitlichkeit aber stockt.« (Merleau-Ponty 1966, schwächt werden, um das fremde Organ zu akzeptieren und soweit
108) Sie kann sich dem neuen aktuellen Leib noch nicht anpassen. körperlich anzunehmen, dass es ihn stärken kann. Die Erfahrung ist
Hier wird die Erfahrung des Phantomschmerzes nach der Amputati- identitätsverwirrend für die ›transplantierte‹ Person: Das, was gut im
on eines Armes beschrieben. Auch nach einer Transplantation ist das eigenen Identitätskörper funktionierte, das Immunsystem, muss nun
Körperschema gestört. Allerdings ist es – wie bereits beschrieben geschwächt werden.
wurde – in einem sehr widersprüchlichen Sinne gestört, da das Eigene Die Fremderfahrung wird zur normativen Ausrichtung auf die
fremd wird, und das fremde Organ zum eigenen wird, aber nur, wenn Aneignung des Fremden: Ziel ist nicht die Abstoßung des Fremden,
das eigene Immunsystem, also ein wesentlicher Aspekt des eigenen sondern seine Aneignung und Einverleibung im Körper. Nach den
Körpers, geschwächt wird. Das neue Leben ist ein anderes und doch vorausgegangenen Erklärungen wurde deutlich, dass es nicht nur
auch mein Weiterleben. um einen physischen Körper geht, sondern um ein leibliches Ich,
Nach einer Transplantation ist ein fremdes Herz im Inneren des das Erfahrungen hat, die einen bestimmten Sinn haben. Es muss also
Körpers eingepflanzt. Doch ein »Eindringling«, das fremde Herz, ver- um einen Prozess der Aneignung in der leiblichen Sinnerfahrung
drängt den habituellen Leib. Der aktuelle und der habituelle Leib gehen, die selbst in der Zeit, in Geschichten und in der Welt ver-
müssten sich angleichen; es gilt als Herausforderung, die Ambiguität ankert ist. Auch die psychologische Aneignung und Akzeptanz von
der Gespanntheit zwischen Gewohnheit und Wirklichkeit zu norma- lebendigem Material funktioniert nicht immer, wie auch Studien zei-
lisieren, Gegebenheiten anzupassen. Aber ist das möglich? Die Erfah- gen (Sonnenmoser 2011). Der Eindruck, dass jemand sterben musste,
rung, auch die von Nancy, zeigt, dass die persönliche Zeit mit ihrer damit eine andere Person weiterleben kann, bedrückt einige Empfän-
Befindlichkeit in der Gegenwart stockt. Was kann nun über den Ein- ger von Organen. Die Tatsache, dass die Person nicht gestorben ist,
dringling, also über die spezifische Fremderfahrung in Bezug auf ein um zu spenden, hilft der Emotion nicht notwendig weiter. Mögli-
lebendes Herz zum Ausdruck gebracht werden? Das Herz wird als cherweise haben einige Empfänger ein Problem mit der Gabe eines
Herzschlag mehr oder weniger gespürt. Meistens aber ist es einem Organs: Sie haben das Gefühl, sie können nichts zurückgeben und
nicht besonders präsent. Aber die Sachlage des Eigenen und Fremden der Spenderin oder dem Spender noch nicht einmal danken, und
ist doppeldeutig. zwar nicht nur, weil er oder sie bereits verstorben ist, sondern auch
Eine Biophänomenologie hat die Aufgabe, die unterschiedlichen
Modi der Fremderfahrungen zu entfalten, die durch die Einpflanzung
von nicht-körpereigenem Material, aber auch durch die Krankheits- 22 Entsprechend der oben gemachten Unterscheidungen zwischen Implantat und

erfahrungen entstehen. Es geht hierbei um die Fremderfahrung auf Transplantat kann die Ausrichtung einer Biophänomenologie verändert werden.
Dann ist zu unterscheiden: erstens, die Fremderfahrung nach einer Implantation von
der Basis der Differenz des aktuellen und des habituellen Körpers, die
nicht-lebendigem Material; zweitens, die Fremderfahrung nach einer Transplantation
in Phasen erfahren wird. Zuerst gibt es die Fremderfahrung aufgrund eines lebenden Organs; und drittens, die Transplantation von gezüchtetem biologi-
einer Körperstörung, bei der mein Körper mir im Kontext eines leib- schem Gewebe.

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Christina Schües Das »Leben« in biophänomenologischer Perspektive

weil ein Dank für die Gabe des Lebens immer als ungenügend er- konnten (vgl. Garzorz et al. 2016). Sie waren nicht nur nach 20 Jahren
scheinen wird. 23 noch nachweisbar, sie führten auch zu einer biologisch manifestierten
Lebensänderung: nämlich dem Verzicht auf die vorher geliebten Ki-
wifrüchte. Dass die Spenderin die Schwester war, ist für die Übertra-
(c) Weiterleben in neuer »Verwandtschaft«
gung weiterer Merkmale, sei es Allergien, Krankheiten oder andere
Geborensein, im üblichen Sinne, heißt von jemandem geboren wor- Dispositionen, völlig unwesentlich. Eine Transplantation generiert
den zu sein. Es ist eine Geburt, also die ›erste‹ Geburt auf die Welt eine ›Verwandtschaft‹ mit den entsprechenden Merkmalen, die vor-
und in einen generativen Zusammenhang, der aus Verwandtschafts- her so nicht vorhanden waren, und die erst mit der Transplantation,
verhältnissen in einer zeitlichen Genealogie besteht. Eltern und der ›neuen Geburt‹ auftauchen und verdeutlichen, dass das Leben von
Großeltern lebten bereits vor der Geburt, Geschwister sind je nach einem Anderen ›abzustammen‹ scheint. Es ist ein Schein, der sich in
Alter bereits oder werden vielleicht noch geboren; wer adoptiert ist, Form von einer Allergie manifestiert, aber auch Raum bietet für wei-
wird in eine Art soziale Genealogie eingeführt. 24 Wem aber durch tere Imaginationen über die Beziehung zwischen dem Fremden und
eine Transplantation eine ›zweite Geburt‹ ermöglicht wurde, dem dem Eigenen.
wird solch eine genealogische Einordnung nicht gelingen. Diese be-
sondere Blutsverwandtschaft bildet ein Band des Überlebens, das
durch die medizinische Diagnostik entdeckt und biotechnologische Phase +2: Langfristige Perspektive: Das fremde Herz des Anderen
Praxis verwirklicht ist. Der ›verwandte‹ Andere ist ein Anderer im bleibt ›fremd‹
eigenen Körper, von dem man selbst nicht abstammt, sondern der
oder nur dessen Körper in einem einwächst. Doch bisweilen ist die Wie ist es zu verstehen, dass das fremde Herz ›fremd‹ bleibt? Viel-
Sachlage gefühlsmäßig nicht nur physisch, wenngleich die medizi- leicht hilft für die Beantwortung dieser Frage ein erneuter Blick auf
nischen Erklärungen nur darauf hindeuten. Der kürzlich aufgetrete- die Geburt. Geborensein bedeutet, anderen Menschen seine Herkunft
ne Fall eines Mannes, der nach einer Blutstammzelltransplantation zu verdanken; es bedeutet, von jemandem mit jemandem geboren zu
gegen Kiwi allergisch war, zeigt auf eine Ambivalenz. Weil er an Blut- sein. Gar nicht falsch ist die Aussage, dass das fremde Herz in einem
krebs erkrankt war, spendete seine jüngere Schwester ihm Stamm- Anderen gelebt hat. Es war dort Puls- und Taktgeber für eine andere
zellen. Sie war schon immer gegen Kiwis allergisch, er hingegen aß Person. Es ist ein Herz, das ›Leben‹ in eine andere Person pumpte, die
sie ausgesprochen gerne. Doch nach der Transplantation vertrug er sich vermutlich genau dieser Herzleistung nie bewusst wurde. Für sie
sie nicht mehr. Sobald er eine Kiwi aß, bekam er keine Luft mehr, schlug das Herz im täglichen Rhythmus, vielleicht mal heftiger, mal
seine Lippen brannten und der Mund schwoll an. Nun, 20 Jahre nach ruhiger, je nach Anstrengung und Aufregung. Aber insgesamt bleibt
der Transplantation fand die medizinische Forschung den Beweis: Die meistens die Pumpleistung des Herzens der bewussten Erfahrung
mit übertragenen IgE-Antikörper und nun im Test nachweisbaren entzogen. Die Herzleistung fungiert im Bereich ihrer Anonymität.
Zellen waren für die Allergie verantwortlich. Aufgrund des Ge- Das fremde Herz ist ein Herz, das zu einer anderen Lebensgeschichte
schlechtsunterschiedes war der Test eindeutig: Forscher fanden im gehört(e), Teil hatte an ihr, ihr sogar zugrunde lag. Ein lebendes Herz,
Empfänger Zellen mit je zwei X-Chromosomen, aber ohne Y-Chro- dessen Leben stets oder meistens dem Anderen oder der Anderen
mosomen. Also solche Zellen, die nur von der Spenderin stammen entzogen war, wurde weitergegeben. Es war dem Spender oder der
Spenderin – die jetzt tot ist – als Herz der Regung oder Erregtheit,
Anstrengung oder Aufregung in der Erfahrung zugänglich. Damit ist
23 Die Gabeproblematik ist insgesamt komplex, auch im Zusammenhang von Organ-
es – im Unterschied zu anderen Organen – ein Organ, das in einem
transplantation. Siehe dazu Look 2002; Kalizkus 2009.
anderen Leben erfahren wurde. Das vielleicht heftig schlug vor Auf-
24
Einige reproduktionstechnologische Praktiken bringen diese genealogische Reihen-
folge durcheinander, etwa wenn eine Großmutter das Kind ihrer Tochter austrägt. regung, gleichmäßig pochte in Ruhestunden, manchmal das Gefühl
Aber auch diese wären vor der Geburt des Kindes bereits in der Welt. gab auszusetzen – im Schreck oder vor Freude. Aber als Herz, das

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Christina Schües Das »Leben« in biophänomenologischer Perspektive

Leben gibt, bleibt es mindestens im Normalfall anonym. Es ist eine hende Phantasie erregt und emotional schwierig ist, gleichzeitig ist
fremde Anonymität. ihre Fremdheit ganz materiell, denn sie bedeutet, dass der zum Wei-
Diese fremde Anonymität mit ihren Verschränkungen in eine terleben ›reparierte‹ Körper Immunsuppressiva bekommt, die die
fremde Lebensgeschichte ist nun in Nancys sinnkonstitutiven Leib herztransplantierte Person nicht nur schwindelig und übel machen,
eingepflanzt worden und soll sich dort mit seiner leiblichen Anony- sondern auch durch eine erhöhte Anfälligkeit für Krankheiten we-
mität verbinden. Es ist eine Fremdheit, die nicht in der Anonymität sentlich gefährden. Das muss man nicht geringschätzen. Aber letzt-
des Vorgegebenen liegt, sondern in einer vom Anderen herkommen- endlich geht es beim Weiterleben, bei der für viele empfundenen
den Anonymität. Die Unterscheidung der ›fremden‹ und ›eigenen‹ zweiten Geburt darum, neu zur Welt und in die Welt geboren zu
Anonymität ist zugegebenermaßen paradoxal. Sie gründet auf der werden. Die Gebürtlichkeit ist die konstitutive Basis für den Sinn
Unterscheidung zwischen einer Entfremdung von innen heraus und des Lebens, der in der Erfahrung von Beziehungen gefunden werden
dem Fremdsein etwas Äußerlichem in mir. Somit bedeutet die Trans- kann. In der Klärung der Beziehungen mit Anderen aber auch mit
plantation etwas Lebendigem die Einpflanzung einer ›fremden‹ Ano- sich selbst, die unter der Perspektive des gemachten Überlebens er-
nymität, die in einem fremden Leib »waltete« und einem »Ich lebe« fahren werden, können die dargestellten Aspekte der Anonymität
konstitutiv und unausgewiesen zugrunde lag. Und nun wirkt diese und Ambiguität zum Thema der eigenen Identität werden. Wenn-
›fremde‹ Anonymität als Taktgeber im Leben als Transplantiertes gleich transhumane Praktiken ein Weiterleben durch die körperliche
und als weitergegebenes Leben. Gabe einer anderen Person ermöglichen, bleibt doch die erfahrene
Somit basiert die gestaltete Bedingung meiner gelebten Existenz Sinndimension der Fremdheit, die in ihrer Verschränkung von Bio-
auf der Ineinssetzung zweier gelebter Körper. Die erlebte »zweite Ge- graphie und Biomedizin sich aufdrängt und gleichzeitig zu entziehen
burt« besteht darin, dass das fremde Herz im Anderen gelebt hat und scheint, ein neues philosophisches Aufgabenfeld, das ich Biophäno-
nun in meinem Leben weiterleben und mein Weiterleben in der Welt menologie nenne.
bedingen wird. Es bringt mich erneut auf die Welt und ermöglicht
meine intentionale Ausrichtung zur Welt.
Eine Situation, der Menschen sinnkonstitutiv nicht gewachsen Literatur
sind, erzeugt eine unaufhebbare Fremderfahrung. Welchen Sinn hat
das Leben nach einer Transplantation? Mit Husserl wurde bereits Arendt, H. (1987): Vita Activa oder Vom tätigen Leben, München/Zürich: Piper.
deutlich, dass das Leben sich entzieht und als unausgewiesene Emp- – (1989): Vom Leben des Geistes. I. Das Denken, München: Piper.
Camus, A. (15. Aufl. 2013): Der Mythos von Sisyphos, aus d. Französischen v.
findung vorausgesetzt ist. Gleichwohl ist der Mensch verdammt zu
V. von Wroblewsky, Reinbek: Rowohlt.
Sinn. Merleau-Ponty knüpft an diese Gedanken an und entfaltet, dass Canguilhem, G. (2013): Das Normale und das Pathologische, aus dem Französi-
das »personale Leben« von einem anonymen Leben, das mir nicht schen v. M. Noll u. R. Schubert, M. Muhle (Hg.), Köln: August.
zugehörig ist, aber mein faktisches Sein ausmacht, unterlaufen und Castoriadis, C. (1984): Gesellschaft als imaginäre Institution. Entwurf einer po-
ausgehöhlt wird. Das anonyme Leben hat zu tun mit meiner Gebürt- litischen Philosophie, aus dem Französischen v. H. Brühmann, Frankfurt
lichkeit, meinem Geborensein, das einer jeden Person vorgängig ist, a. M.: Suhrkamp.
Garzorz, N., J. Thomas, B. Eberlein, C. Haferlach, J. Ring, T. Biedermann,
mit dem Schleier der Anonymität in mir, mit der lebendigen Inten- C. Schmidt-Weber, K. Eyerich, F. Seifert u. S. Eyerich (2016): »Newly acqui-
tionalität, die ihren blinden Fleck der Konstitution nicht vergegen- red kiwi fruit allergy after bone marrow transplantation from a kiwi-allergic
ständlicht. Das eigene Leben ist nicht zu objektivieren. Aber Leben donor«, in: Journal of the European Academy of Dermantology and Venero-
wurde weitergegeben. Mit einem transplantierten Herzen ist das leib- logy (JEADV): http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jdv.13617/pdf.
körperliche Selbstverständnis paradoxal aufgrund der ›fremden‹ Ano- Haraway, D. (1997): Modest Witnss@Second Millennium FemaleMan_Meets_
OncoMouse: Feminism and Technosciene, New York: Routledge.
nymität in der eigenen Anonymität.
Hogle, L. F. (1996): »Transforming ›Body Parts‹ into Therapeutic Tools: A Report
Es zeigte sich, dass sich eine Dimension des Lebens entzieht und from Germany«, in: Medical Anthropology Quarterly 10/4, 675–682.
selbst in der Transplantation als weitergegebene Anonymität die blü-

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Christina Schües Das »Leben« in biophänomenologischer Perspektive

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